Here under follows the transcription of the fifth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het vijfde hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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FÜNFTES KAPITEL

DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE

Vergessen wir, woher wir stammen.
Nichts mehr von „deutschen“ Juden,
nichts mehr von „Portugiesen“! Über
den Erdboden zerstreut, bilden wir doch
nur ein einziges Volk!

Rabbiner Salomon Lipmann-Cerfberr

(Eröffnungsrede gehalten am 26. Juli 1806
bei der vorbereitenden Versammlung für
das von Napoleon zusammenberufene
Synedrium des Jahres 1807.
380

(Leere Seite.)

323
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Die Judenfrage

    Hätte ich vor hundert Jahren geschrieben, so würde ich mich kaum veranlasst gefühlt haben, an dieser Stelle dem Eintritt der Juden in die europäische Geschichte ein besonderes Kapitel zu widmen. Allerdings hätte ihre Beteiligung an der Entstehung des Christentums, wegen des von dort aus infiltrierten besonderen und durchaus unarischen Geistes, die volle Aufmerksamkeit verdient, sodann auch ihre wirtschaftliche Rolle in allen christlichen Jahrhunderten; doch hätte eine gelegentliche Erwähnung dieser Dinge genügt, mehr wäre ein Zuviel gewesen. Herder schrieb denn auch damals: „Die jüdische Geschichte nimmt mehr Platz in unserer Historie und Aufmerksamkeit ein, als sie an sich verdienen möchte.“¹) Inzwischen ist jedoch eine grosse Änderung vorgegangen: die Juden spielen in Europa und überall, wo europäische Hände hinreichen, eine andere Rolle heute als vor hundert Jahren; wie Viktor Hehn sich ausdrückt: wir leben heute in einem „jüdischen Zeitalter“;²) mag man über die vergangene Historie der Juden denken wie man will, ihre gegenwärtige nimmt thatsächlich so viel Platz in unserer eigenen Geschichte ein, dass wir ihr unmöglich die Aufmerksamkeit verweigern können. Herder hatte trotz seines ausgesprochenen Humanismus doch gemeint:

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    ¹) Von den deutsch-orientalischen Dichtern, Abschn. 2.
    ²) Gedanken über Goethe, 3. Aufl., S. 40. Ungekürzt lautet die Stelle: „Als Goethe am 22. März 1832 starb, da datierte Börne von diesem Tage die Freiheit Deutschlands. Wirklich war damit eine Epoche geschlossen, und es begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben.“

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


„Das Volk der Juden ist und bleibt auch in Europa ein unserem Weltteil   f r e m d e s ,   a s i a t i s c h e s   V o l k,   an jenes alte, unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebene und nach eigenem Geständnis von ihm unauflösbare   G e s e t z   gebunden.“¹) Ganz richtig. Dieses fremde Volk aber, ewig fremd, weil — wie Herder treffend bemerkt — an ein fremdes, allen anderen Völkern feindliches Gesetz unauflösbar gebunden, dieses fremde Volk ist gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts ein unverhältnismässig wichtiger, auf manchen Gebieten geradezu ausschlaggebender Bestandteil des Lebens geworden. Schon vor hundert Jahren durfte jener selbe Zeuge mit Wehmut gestehen, die „rohe-
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ren Nationen Europas“ seien „freiwillige Sklaven des jüdischen Wuchers“;²) heute könnte er das selbe von dem weitaus grössten Teil der civilisierten Welt überhaupt sagen. Der Geldbesitz an und für sich ist aber das Wenigste; unsere Regierungen, unsere Justizpflege, unsere Wissenschaft, unser Handel, unsere Litteratur, unsere Kunst.... so ziemlich alle Lebenszweige sind mehr oder weniger freiwillige Sklaven der Juden geworden und schleppen die Fronkette, wenn auch noch nicht an beiden Füssen, so doch an einem. Dabei ist jenes von Herder betonte „Fremde“ immer stärker hervorgetreten; vor hundert Jahren hatte man es doch mehr nur geahnt; jetzt hat es sich bethätigt und bewährt, sich dem Unaufmerksamsten aufgedrängt. Von idealen Beweggründen bestimmt, öffnete der Indoeuropäer in Freundschaft die Thore: wie ein Feind stürzte der Jude hinein, stürmte alle Positionen und pflanzte — ich will nicht sagen auf den Trümmern, doch auf den Breschen unserer echten Eigenart die Fahne seines uns ewig fremden Wesens auf.
    Sollen wir die Juden darob schmähen? Das wäre ebenso unedel, wie unwürdig und unvernünftig. Die Juden verdienen Bewunderung, denn sie haben mit absoluter Sicherheit nach der Logik und Wahrheit ihrer Eigenart gehandelt, und nie hat die
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    ¹) Bekehrung der Juden. Abschnitt 7 der Unternehmungen des vergangenen Jahrhunderts zur Beförderung eines geistigen Reiches.
    ²) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Th. III, Buch 12. Abt. 3.

383 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Humanitätsduselei (welche die Juden nur insofern mitmachten, als sie ihnen selber zum Vorteil gereichte) sie auch nur für einen Augenblick die Heiligkeit der physischen Gesetze vergessen lassen. Man sehe doch, mit welcher Meisterschaft sie das   G e s e t z   d e s   B l u t e s   zur Ausbreitung ihrer Herrschaft benutzen: der Hauptstock bleibt fleckenlos, kein Tropfen fremden Blutes dringt hinein; heisst es doch in der Thora: „kein Bastard soll in die Gemeinde Jahve's kommen, auch nicht nach zehn Generationen“ (Deuteronornium XXIII, 2); inzwischen werden aber Tausende von Seitenzweiglein abgeschnitten und zur Infizierung der Indoeuropäer mit jüdischem Blute benutzt. Ginge das ein paar Jahrhunderte so fort, es gäbe dann in Europa nur noch ein einziges rassenreines Volk, das der Juden, alles Übrige wäre eine Herde pseudohebräischer Mestizen, und zwar ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk. Denn selbst der grosse Judenfreund Ernest Renan gesteht: „Je suis le premier à reconnaître que la race sémitique, comparée à la race indo-européenne, représente réellement une combinaison inférieure de la nature humaine.“¹) Und in einer seiner
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besten, doch leider wenig bekannten Schriften, sagt der selbe Gelehrte: „L'épouvantable simplicité de l'esprit sémitique rétrécit le cerveau humain, le ferme à toute idée délicate, à tout sentiment fin, à toute recherche rationelle, pour le mettre en face d'une éternelle tautologie: Dieu est Dieu“²); und er führt aus, für die Kultur gäbe es nur dann eine Zukunft,
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    ¹) Histoire générale et système comparé des langues sémitiques, 5e éd., p. 4: „Ich gestehe aufrichtig, dass die semitische Rasse, verglichen mit der indo-europäischen, wirklich einen minderwertigen Typus der Menschheit darstellt.“ — Dass die Juden keine reinen Semiten, sondern halbe Syrier sind (wie ich das gleich ausführen werde), wird an diesem Urteile wenig ändern.
    ²) De la Part des peuples sémitiques dans l'histoire de la civilisation, p. 39. „Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung, vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen Fragestellung, um es der einen ewigen Tautologie gegenüberzustellen: Gott ist Gott.“

384 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

wenn die christliche Religion sich immer mehr „vom Geiste des Judentums entfernte“ und „das indoeuropäische Genie“ auf allen Gebieten immer mehr zur Geltung käme. Jene Vermischung bedeutet also ganz ohne Zweifel eine Entartung: Entartung des Juden, dessen Charakter ein viel zu fremder, fester, starker ist, als dass er durch germanisches Blut aufgefrischt und veredelt werden könnte, Entartung des Europäers, der durch die Kreuzung mit einem „minderwertigen Typus“ — wofür ich lieber sagen möchte, mit einem so andersgearteten Typus — natürlich nur verlieren kann. Während die Vermischung vorgeht, bleibt aber der grosse Hauptstamm der reinen, unvermischten Juden unangetastet. Als Napoleon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, unzufrieden, dass die Juden, trotz ihrer Emanzipation, in hochmütiger Isolation verharrten, erzürnt, dass sie sein ganzes Elsass, obwohl nunmehr jede Laufbahn ihnen offen stand, mit schändlichstem Wucher aufzufressen fortfuhren, an den Rat ihrer Ältesten ein Ultimatum sandte und die rückhaltlose Verschmelzung der Juden mit der übrigen Nation forderte, nahmen die Delegierten der Juden Frankreichs alle ihnen vorgeschriebenen Artikel bis auf einen an: den, der die unbeschränkte Ehe mit Christen bezweckte. Ihre Töchter, ja, die durften ausserhalb des israelitischen Volkes heiraten, ihre Söhne nicht; der Diktator Europas musste nachgeben.¹) Das ist jenes bewunderungswürdige Gesetz, durch welches das eigentliche Judentum begründet wurde. Zwar gestattet das Gesetz in seiner strengsten Fassung gar keine Ehe
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zwischen Juden und Nichtjuden: im fünften Buche Moses, VII, 3, lesen wir: „Eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen“; doch wird im Allgemeinen nur auf die letzte Forderung Gewicht gelegt: z. B. im zweiten Buche Moses, XXXIV, 16 wird einzig den Söhnen verboten, fremde Töchter zu nehmen, nicht den Töchtern, fremde Söhne, und in Nehemia (XIII) wird, nachdem
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    ¹) Über dieses berühmte Synedrium und sein kasuistisches Unterscheiden zwischen religiösem und civilem Gesetz — eine Unterscheidung, welche weder Thora noch Talmud anerkennen — wäre erst im zweiten Buche Näheres zu berichten.

385 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

das beiderseitige Verbot erfolgt ist, doch nur die Ehe des   S o h n e s   mit einem fremden Weibe als „eine Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Das ist auch eine vollkommen richtige Auffassung. Durch die Ehe der Tochter mit einem Goy wird die Reinheit des jüdischen Stammes in keiner Weise alteriert, während dieser Stamm dadurch Fuss fasst im fremden Lager; wogegen die Ehe des Sohnes mit einer Goya „den heiligen Samen gemein macht“ (wie das Buch Esra IX, 2 sich drastisch ausdrückt).¹) Auch der etwaige Übertritt der betreffenden Goya zum Judentum würde nichts nützen: dem älteren Gesetz war der Begriff eines derartigen Übertritts mit Recht vollkommen fremd — handelt es sich doch um physische Verhältnisse der Abstammung — das neuere Gesetz sagt aber mit beneidenswerter Einsichtskraft: „Proselyten sind für das Judentum so schädlich, wie Geschwüre am gesunden Leibe.“²) So wurde und so wird noch heute die jüdische Rasse rein erhalten: Töchter aus dem Hause Rothschild haben Barone, Grafen, Herzöge, Fürsten geheiratet, sie lassen sich ohne Umstände taufen; kein Sohn hat je eine Europäerin geehelicht; thäte er es, er müsste aus dem Hause seiner Väter und aus der Gemeinschaft seines Volkes ausscheiden.³)
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    ¹) In der neuen wortgetreuen Übersetzung des Professor Louis Segond heisst es:   „d i e   h e i l i g e   R a s s e   durch Vermischung mit fremden Völkern verunreinigt“; in der Übersetzung De Wette's lautet diese Stelle: „sie haben den heiligen Samen vermischt mit den Völkern der Erde.“
    ²) Aus dem Talmud, nach Döllinger: Vorträge, I, 237. An einer anderen Stelle nennt der Talmud die Proselyten eine „Last“ (siehe des Juden Philippson: Israelitische Religionslehre, 1861, II, 189).
    ³) Wie rein die jüdische Rasse noch am heutigen Tage ist, hat Virchow's grosse anthropologische Untersuchung sämtlicher Schulkinder Deutschlands ergeben; hierüber berichtet Ranke, Der Mensch, 2. Aufl., II, 293: „Je reiner die Rasse, desto geringer ist die Zahl der Mischformen. In dieser Hinsicht ist es gewiss eine sehr wichtige Thatsache, dass bei den Juden die geringste Zahl der Mischlinge angetroffen wurde, woraus sich ihre entschiedene   A b s o n d e r u n g   a l s   R a s s e   den Germanen gegenüber, unter denen sie wohnen, auf das deutlichste zu erkennen giebt.“ — Inzwischen haben die

386 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

    Durch diese Ausführungen falle ich gewissermassen mit der Thür ins Haus; eigentlich hätten sie an eine spätere Stelle des
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Buches hingehört; mir lag jedoch daran, sofort und auf dem kürzesten Wege den Einwurf zu entkräften — der leider noch immer von manchen Seiten zu gewärtigen ist — es existiere gar keine „jüdische Frage“, woraus dann weiter zu folgern wäre, der Eintritt der Juden in unsere Geschichte habe nichts zu bedeuten. Andere wiederum reden von   R e l i g i o n:   es handle sich, so sagen sie, lediglich um religiöse Differenzen. Wer das sagt, übersieht, dass es gar keine jüdische Religion gäbe, wenn keine jüdische Nation existierte. Die existiert aber. Die jüdische Nomokratie (d. h. Herrschaft des Gesetzes) vereinigt die Juden, zerstreut wie sie auch sein mögen durch alle Länder der Welt, zu einem festen, einheitlichen, durchaus politischen Gebilde, in welchem die Gemeinsamkeit des Blutes die Gemeinsamkeit der Vergangenheit bezeugt und die Gemeinsamkeit der Zukunft verbürgt. Wenn auch manche Elemente nicht im engeren Sinne des Wortes reinjüdisch sind, so ist doch die Macht dieses Blutes, verbunden mit der unvergleichlichen Macht der jüdischen Idee, so gross, dass diese fremden Bestandteile schon längst assimiliert wurden; sind doch fast zwei Jahrtausende vergangen seit der Zeit, wo die Juden ihre vorübergehende Neigung zur Proselytenmacherei aufgaben. Freilich muss man, wie ich im vorigen Kapitel ausführte, zwischen Juden edler und Juden minder edler Abstammung unterscheiden; was aber die disparaten Teile aneinander kettet, ist (ausser der allmählichen Verschmelzung) die zähe Existenz ihres nationalen Gedankens. Dieser Nationalgedanke gipfelt in der unerschütterlichen Hoffnung auf die von Jahve verheissene Weltherrschaft der Juden. Naive „Christgeborene“ (wie Auerbach sich in seiner Lebensskizze Spinoza's ausdrückt) wähnen, die Juden hätten jene Hoffnung aufgegeben,
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Messungen in Amerika, nach dem American Anthropologist, Ed. IV, zu dem Ergebnis geführt, dass auch dort „sich die jüdische Rasse   v o l l s t ä n d i g   r e i n   erhalten hat“ (citiert nach der Politisch-Anthropologischen Revue, 1904, März, S. 1003).

387 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

doch irren sie gewaltig; denn „die Existenz des Judentums ist
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von der Festhaltung der Messiashoffnung bedingt“, wie einer der sehr mässigen, liberalen unter ihnen unlängst schrieb.¹) Die ganze jüdische Religion ist ja auf diese Hoffnung gegründet. Der jüdische Gottesglaube, das, was man bei diesem Volke „Religion“ nennen kann und auch darf (denn er ist die Quelle einer achtungswerten Moralität geworden) ist ein Teil dieses Nationalgedankens, nicht umgekehrt. Zu behaupten, es gebe eine jüdische Religion, doch keine jüdische Nation, heisst darum einfach Unsinn reden.²)
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    ¹) S k r e i n k a :   Entwickelungsgeschichte der jüdischen Dogmen, S. 75.
    ²) Auf dem jüdischen Kongress, gehalten in Basel im Jahre 1898, erklärte Dr. Mandelstam, Professor an der Universität Kiew, in der Hauptrede der Sitzung vom 29. August, „dass die Juden   d a s   A u f g e h e n   i n   d i e   ü b r i g e n   N a t i o n a l i t ä t e n   m i t   a l l e r   E n e r g i e   z u r ü c k w e i s e n‚   und dass sie ihre historische Hoffnung (d. h. also auf Weltherrschaft) festhalten“ (nach dem Bericht eines Teilnehmers am Kongress in der Pariser Zeitung Le Temps vom 2. September 1898). Die Wiener Zeitungen vom 30. und 31. Juli 1901 berichten über eine Rede, die der Wiener Rabbiner, Herr Dr. Leopold Kahn, in einem Saale der orthodoxen jüdischen Schule in Pressburg über den Zionismus hielt. In dieser Rede machte Dr. Kahn folgendes Geständnis: „Der Jude wird sich nie assimilieren können; er wird niemals die Sitten und Gebräuche anderer Völker annehmen. Der Jude bleibt Jude unter allen Umständen. Jede Assimilation ist nur eine rein äusserliche.“ Beherzigenswerte Worte! In der Festschrift zum 70. Geburtstage A. Berliner's, 1903, veröffentlicht ein Dr. B. Felsenthal eine Reihe Jüdischer Thesen, in denen er mit aller Energie die These verficht, das Judentum sei   e i n   V o l k ,   n i c h t   e i n e   R e l i g i o n.   „Das Judentum ist ein besonderer Stamm, und jeder Jude wird in diesen Stamm hineingeboren.“ Dieser Stamm ist nach ihm „eins der ethnisch reinsten Völker, die es überhaupt giebt.“ Felsenthal berechnet, dass von Theodosius an bis zum Jahre 1800 „vielleicht noch keine 300 Nichtsemiten in das jüdische Volk aufgenommen wurden“, und charakteristisch ist es, dass er den Proselyten das Recht bestreitet, sich als Vollblutjuden zu betrachten. „Das jüdische Volk, der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das notwendige Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kern Anhaftendes, Eigenschaftliches — ein Accidens,

388 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

    Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte bedeutet also ohne Frage den Eintritt eines bestimmten, von allen europäischen Völkern durchaus verschiedenen, ihnen gewissermassen gegensätzlichen Elements, eines Elements, welches, während die Nationen Europas die verschiedensten Phasen durchmachten, sich wesentlich gleichblieb; welches im Verlaufe einer oft harten und grausamen Geschichte niemals die Schwäche hatte, auf Verbrüderungsvorschläge einzugehen, sondern im Besitze seiner nationalen Idee, seiner nationalen Vergangenheit, seiner nationalen Zukunft, die Berührung mit anderen Menschen wie eine Verunreinigung empfand und noch heute empfindet; welches, Dank der Sicherheit des Instinktes, die aus strenger Einheitlichkeit des Nationalempfindens entspringt, es stets vermochte, auf Andere tiefgreifenden Einfluss auszuüben, wogegen die Juden selber von unserer geistigen und kulturellen Entwickelung nur hauttief berührt wurden. Um diese höchst eigentümliche Situation vom Standpunkt des Europäers aus zu kennzeichnen, müssen wir mit Herder wiederholen: das Volk der Juden ist und bleibt ein unserem Weltteil   f r e m d e s   Volk; vom Standpunkt des Juden aus erhält die selbe Erkenntnis eine etwas abweichende Formulierung; wir wissen aus einem früheren Kapitel, wie der grosse freisinnige Philosoph Philo sie fasste: „einzig die Israeliten sind Menschen im wahren Sinne des Wortes.“¹) Was der Jude hier im intoleranten Ton des Rassenhochmuts vorbringt, genau das selbe hat unser grosser Goethe in liebenswürdigerer Weise ausge-
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sprochen, indem er eine Gemeinsamkeit der Abstammung zwischen den Juden und den Indoeuropäern, und legte man sie noch so weit zurück, in Abrede stellt: „Dem auserwählten Volke wollen wir die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andere aber hatten gewiss auch andere Urväter.“²)
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wie es in der philosophischen Schulsprache genannt wird.“ (Ich citiere nach dem Sonderabdruck, Berlin, bei Itzkowski).
    ¹) Siehe S. 223.
    ²) Eckermann's Gespräche, 7. Oktober 1828. Das selbe hatte Giordano Bruno gelehrt, welcher behauptete, einzig die Juden stammten von Adam und Eva ab, die übrigen Menschen von einer weit älteren Rasse (siehe Lo spaccio della bestia trionfante).

389 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Das „fremde Volk“

    Aus diesen Erwägungen ergiebt sich für uns die Berechtigung und die Verpflichtung, den Juden als ein besonderes und zwar als ein fremdes Element in unserer Mitte zu erkennen. Äusserlich erbte er das selbe wie wir; innerlich erbte er einen grundverschiedenen Geist. Ein einziger Zug genügt, um die gähnende Kluft, welche hier Seele von Seele scheidet, in fast erschreckender Weise dem Bewusstsein zu enthüllen: die Erscheinung Christi ist für den Juden ohne Bedeutung! Ich rede hier gar nicht von frommer Rechtgläubigkeit. Man lese aber z. B. bei dem offenkundigen Freidenker Diderot die wundervollen Worte über den Gekreuzigten, man sehe, wie Diderot den Menschen in seinem höchsten Leid sich an den Göttlichen wenden und die christliche Religion als die einzige der Welt empfinden lässt. „Quelle profonde sagesse il y a dans ce que l'aveugle philosophie appelle la folie de la croix! Dans l'état où j'étais, de quoi m'aurait servi l'image d'un législateur heureux et comblé de gloire? Je voyais l'innocent, le flanc percé, le front couronné d'épines, les mains et les pieds percés de clous, et expirant dans les souffrances; et je me disais: Voilà mon Dieu, et j'ose me plaindre!“ Eine förmliche Bibliothek jüdischer Bücher habe ich durchgesucht in der Erwartung, ähnliche Worte zu finden — nicht den Glauben an die Gottheit Christi natürlich, auch nicht den Begriff der Erlösung, sondern das rein menschliche Gefühl für die Bedeutung eines leidenden Heilands, doch vergebens. Ein Jude, der das fühlt, ist eben kein Jude mehr, sondern ein Verneiner des Judentums. Und während wir sogar in Mohammed's Koran mindestens eine Ahnung von der Bedeutung Christi und eine tiefe Ehrfurcht vor seiner Erscheinung finden, nennt ein kultivierter, führender Jude des 19. Jahrhunderts Christus:   „d i e   N e u g e b u r t   m i t   d e r   T o t e n m a s k e“,   die dem jüdischen Volke neue und schmerzliche Wunden geschlagen habe; etwas Anderes vermag er in ihm nicht zu erblicken.¹) Er versichert

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uns beim Anblick des Kreuzes: „Die Juden brauchen gar nicht diese krampfhafte Erschütterung zur inneren Besserung“, und
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    ¹) Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 591.

390 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

lügt hinzu: „namentlich nicht in den mittleren Klassen der Städtebewohner“. Weiter reicht das Verständnis nicht. In einer im Jahre 1880 neu verlegten (!) Schrift eines spanischen Juden (Mose de Leon) wird Jesus Christus ein   „t o t e r   H u n d“   genannt, „der in einem Düngerhaufen begraben“ liege. Ausserdem haben die Juden gerade in den letzten Jahrzehnten des 19. Säculums für mehrere Ausgaben (natürlich in hebräischer Sprache) der sogenannten „Censurstellen“ aus dem Talmud gesorgt, nämlich jener sonst ausgelassenen Stellen, in denen Christus als „Narr“, als „Zauberer“, als „Gottloser“, als „Götzendiener“, als „Hund“, als „Bastard“, als „Kind der Wollust“, als „Hurensohn“ u. s. w. dem Hohn und dem Hass preisgegeben und empfohlen wird; seine erhabene Mutter desgleichen.¹) Wir thun den Juden gewiss kein Unrecht, wenn wir sagen, dass ihnen die Erscheinung Christi einfach ein Unbegreifliches und ein Ärgernis ist. Obwohl sie scheinbar aus ihrer Mitte hervorging, verkörpert sie dennoch die Verleugnung ihres ganzen Wesens — wofür die Juden ein viel feineres Gefühl haben als wir. Diese Veranschaulichung der tiefen Kluft, welche uns Europäer vom Juden scheidet, gebe ich durchaus nicht, um das Schwergewicht auf den gefährlichen Boden religiöser Voreingenommenheit hinüberzuwälzen, sondern weil mich dünkt, dass das Gewahrwerden zweier so grundverschiedener Gemütsanlagen einen wahren Abgrund aufdeckt; es thut gut, einmal in
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    ¹) Siehe Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 2 fg. (Schriften des Institutum Judaicum in Berlin, Nr. 10; im Anhange sind die hebräischen Urtexte mitgeteilt). Dieser durchaus unparteiische, judenfreundliche Gelehrte bezeugt: „Der Hass und Hohn der Juden warf sich zunächst immer auf die Person Jesu selbst“ (S. 25). „Der Jesushass der Juden ist eine feststehende Thatsache, nur wollen sie ihn möglichst wenig zur Schau gestellt wissen“ (S. 3). Den Hass gegen Jesus bezeichnet der selbe Gelehrte als „den nationalsten Zug des Judentums“ (S. 86); er sagt: „bei Annäherung des Christentums erfasste je und je die Juden ein an   W a h n s i n n   s t r e i f e n d e r   Zorn und Hass“ (S. 72). Noch heute darf kein gläubiger Jude den Namen Christi mündlich oder schriftlich aussprechen (S. 3 und 32); die üblichsten Kryptonymen sind   „d e r   Bastard“ oder   „d e r   Hurensohn“ oder   „d e r   Gehenkte“, häufig auch „Bileam“.

391 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

diesen Abgrund hinunterzuschauen, damit man nicht an anderen Orten, wo scheinbare Annäherung stattfindet, das tief Trennende übersehe.
    Aber noch eine weitere Erwägung muss sich uns aus dem Gewahrwerden dieser Trennung ergeben. Der Jude versteht uns
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nicht, das ist sicher; können wir hoffen, ihn zu verstehen, ihm gerecht zu werden? Vielleicht, wenn wir ihm nämlich in der That geistig und moralisch überlegen sind, wie Renan an der vorhin angeführten Stelle behauptete, und wie andere, vielleicht zuverlässigere Gelehrte ebenfalls gemeint haben.¹) Wir müssten ihn aber dann wirklich auch von der Höhe unserer Überlegenheit aus beurteilen, nicht aus den Niederungen des Hasses und des Aberglaubens, noch weniger aus den Sümpfen des Missverständnisses, in denen unsere Religionslehrer seit 2000 Jahren herumwaten. Dem Juden Gedanken zuschreiben, die er niemals gedacht, ihn als den Träger der grossartigsten religiösen Intuitionen verherrlichen, die ihm ferner als vielleicht irgend welchen Menschen auf Erden lagen und im allerbesten Falle nur hier und dort als ein Schrei der Empörung gegen die besondere Gemütshärte dieses Volkes in dem Herzen Vereinzelter sich regten — und ihn dann dafür verdammen, dass er heute so ganz anders ist, als er nach diesen Erdichtungen sein sollte, das ist doch offenbar ungerecht. Es ist nicht allein ungerecht, sondern für das öffentliche Gefühl bedauerlich irreleitend; denn durch das Verhältnis zu unserem religiösen Leben, welches wir dem Juden angedichtet haben, erscheint sein Haupt in einer Art Glorienschein, und wir sind dann höchlich empört, wenn aus dieser auréole postiche kein Heiliger uns entgegentritt. Wir stellen höhere Ansprüche an den Juden als an uns selber, blosse Heidensöhne. Da ist doch das jüdische Zeugnis ganz anders zutreffend; es
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    ¹) Siehe namentlich die berühmte Stelle in Lassen's: Indische Altertumskunde, wo der grosse Orientalist seine Überzeugung, dass die indoeuropäische Rasse „höher und vollständiger begabt“, dass in ihr allein „das harmonische Gleichmass aller Seelenkräfte“ ausgebildet sei, ausführlich begründet (I, 414, Ausgabe des Jahres 1847).

392 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

spannt die Erwartungen so wenig hoch, dass wir über jeden edlen Zug, den wir später entdecken, über jede Erklärung, die wir für jüdische Gebrechen finden, uns aufrichtig freuen. Jahve zum Beispiel wird nicht müde zu erklären: „Ich sehe, dass dies Volk ein halsstarriges Volk ist“,¹) und Jeremia giebt von der moralischen Beschaffenheit der Juden eine Charakterisierung, wie sie Monsieur Edouard Drumont nicht farbenreicher wünschen könnte: „Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres Wort; sie fleissigen sich darauf, wie Einer den Anderen betrüge, und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können“.²) Kein
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Wunder, nach dieser Schilderung, dass Jeremia die Juden „einen frechen Haufen“ nennt und nur eine Sehnsucht kennt: „Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste! so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen!“ Für die unglaubliche Unwissenheit über die Natur des Juden, die unter uns herrscht, sind wir also allein verantwortlich; nie hat ein Volk ein so umfassendes, aufrichtiges Bild seiner Persönlichkeit gegeben wie der Hebräer in seiner Bibel, ein Bild, welches (so weit ich nach Bruchstücken urteilen darf) durch den Talmud, wenn auch in verblasster Manier, noch ergänzt wird. Ohne also in Abrede zu stellen, wie schwer es uns — „von anderen Urvätern Abgestammten“ — fallen muss, das „fremde, asiatische Volk“ richtig zu beurteilen, müssen wir doch einsehen, dass die Juden von jeher alles Mögliche thaten, um dem Unvoreingenommenen Aufschluss über sich zu geben, ein Umstand, welcher wohl zu der Hoffnung berechtigt, grundlegende Einsichten über ihr Wesen gewinnen zu können. — Eigentlich müssten die Vorgänge, die sich unter unseren Augen abspielen, zu besagtem Zwecke genügen. Ist es möglich, täglich Zeitungen zu lesen, ohne jüdische Sinnesart, jüdischen Geschmack, jüdische Moral, jüdische Ziele kennen zu lernen? Ein paar Jahrgänge der Archives israélites belehren ja mehr als eine ganze antisemitische Bibliothek, und zwar durchaus nicht bloss über die minder angenehmen, sondern auch über
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    ¹) 2 Moses XXXII, 9, XXXIV, 9, 5 Moses IX, 13 u. s. w.
    ²) IX, 5.

393 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

die vortrefflichen Charakterzüge der Juden. Doch hier, in diesem Kapitel, will ich die Gegenwart nicht heranziehen. Sollen wir uns ein sachliches, vollgültiges Urteil darüber bilden, was der Jude als Miterbe und als Mitarbeiter im neunzehnten Jahrhundert zu bedeuten hatte, so müssen wir vor allen Dingen uns darüber klar werden, was er   i s t.   Aus dem, was ein Mensch von Natur ist, folgt mit strenger Notwendigkeit, was er unter gegebenen Bedingungen thun wird; der Philosoph sagt: operari sequitur esse; ein altes deutsches Sprichwort drückt das selbe gemütlicher aus: „Nur was ein Mensch ist, kann man aus ihm herauskriegen.“

Historische Vogelschau
    Reine Historie führt nun hier weder schnell noch sicher zum Ziel, ausserdem kann es nicht meine Aufgabe sein, eine Geschichte der Juden zu bieten. Wie in anderen Kapiteln so auch hier perhorresziere ich das Abschreiben. Jedermann weiss ja, wie und wann die Juden in die abendländische Geschichte eintraten: erst durch die Diaspora, dann durch die Zerstreuung. Ihr wechselndes Schicksal in verschiedenen Ländern und Zeiten
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ist ebenfalls bekannt, wenn man auch freilich Manches weiss, was absolut unwahr ist, und Manches nicht weiss, was zu wissen not thäte. Keinem brauche ich aber erst mitzuteilen, dass durch die christlichen Jahrhunderte hindurch die Juden eine, wenn auch manchmal eng beschränkte, so doch wichtige Rolle spielten. Schon in den frühesten westgotischen Zeiten verstanden sie es, als Sklavenhändler und Geldvermittler sich Einfluss und Macht zu verschaffen. Waren sie auch nicht allerorten, wie bei den spanischen Mauren, mächtige Staatsminister, die, dem Beispiel Mardochai's folgend, die einträglichsten Ämter mit „der Menge ihrer Brüder“ füllten, brachten sie es auch nicht überall, wie im katholischen Spanien, zum Bischof und Erzbischof,¹) so war doch ihr Einfluss überall und immer ein grosser. Schon die Baben-
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    ¹) Siehe das Buch des Juden David Mocatta: Die Juden in Spanien und Portugal (deutsch von Kayserling 1878), wo ausführlich erzählt wird, wie in Spanien, „Geschlechter und Geschlechter von   g e h e i m e n   J u d e n   lebten, vermischt mit allen Klassen der Gesellschaft, im Besitze jeder Stellung im Staate   u n d   b e s o n d e r s   i n   d e r   K i r c h e“!

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


berg'schen Fürsten des 13. Jahrhunderts gaben ihren Nachfolgern das Beispiel, die Finanzen des Landes von Juden verwalten zu lassen und diese Verwalter durch Ehrentitel auszuzeichnen;¹) der grosse Papst Innocenz III. vergab wichtige Stellen in seinem Hofstaate an Juden;²) die Ritter Frankreichs mussten Gut und Habe an die Juden verpfänden, um an den Kreuzzügen teilnehmen zu können;³) Rudolph von Habsburg begünstigte die Juden in jeder Weise, er „vindizierte sie als Knechte seiner kaiserlichen Kammer“, und indem er sie der gewöhnlichen Gerichtsbarkeit entzog, machte er es sehr schwer, eine Klage gegen einen Juden überhaupt durchzuführen;4) kurz: das, was ich den Eintritt der Juden in unsere europäische Geschichte nenne, hat nicht aufgehört, zu jeder Zeit und an jedem Orte sich fühlbar zu machen. Wer befähigt wäre, Geschichte mit dem einen Zweck zu studieren, den jüdischen Einfluss genau zu entwirren, würde, glaube ich, unerwartete Ergebnisse zu Tage fördern. Ohne Detailforschung können wir diesen Einfluss nur dort deutlich und unzweifelhaft feststellen, wo die Juden in grösserer Zahl vorhanden waren. Im 2. Jahrhundert z. B. sind die Juden auf der Insel Cypern in der Mehrzahl; sie beschliessen, einen Nationalstaat zu gründen, und befolgen zu diesem Zweck das aus dem Alten Testament bekannte
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Verfahren: sie erschlagen an einem Tage die sämtlichen übrigen Bewohner, 240 000 an der Zahl; und damit dieser Inselstaat nicht ohne einen sichern Rückhalt auf dem Festland bleibe, erschlagen sie zugleich die 220 000 nicht-jüdischen Bewohner der Stadt Cyrene.5) In Spanien verfolgen sie den selben Zweck mit grösserer Vorsicht und erstaunlicher Beharrlichkeit. Gerade unter der Regierung desjenigen Westgotenkönigs, der sie mit Wohlthaten überhäuft hatte, rufen sie die stammverwandten Araber aus Afrika herüber; ohne Hass, nur weil sie dabei zu profitieren hoffen,
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    ¹) Graetz: a. a. O. II, 563.
    ²) Israel Abrahams: Jewish Life in the Middle Ages.
    ³) André Réville: Les Payans au Moyen-Age, 1896, p. 3.
    4) Siehe u. A. Realis: Die Juden und die Judenstadt in Wien, 1846, S. 18 u. s. w.
    5) Mommsen: Römische Geschichte, V, 543.

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verraten sie ihren edlen Beschützer; unter den Kalifen bekommen sie dann nach und nach einen immer grösseren Anteil an der Regierung; „sie konzentrierten“, schreibt der durchaus judenfreundliche Geschichtsschreiber Heman, „sowohl die geistigen als die materiellen Kräfte vollständig in ihrer Hand“; dabei ging allerdings der blühende maurische Staat geistig und materiell zu Grunde, was aber den Juden gleichgültig war, da sie inzwischen im christlichen Staat der Spanier, berufen den maurischen zu ersetzen, eben so festen Fuss gefasst hatten. „Der bewegliche Reichtum des Landes lag hier ganz in ihren Händen; der Grundbesitz kam immer mehr in die selben Hände durch Wucher und Aufkauf der verschuldeten Adelsgüter. Vom Staatssekretär und finanzminister ab waren alle Beamtungen, die mit Steuer und Geldsachen zu thun hatten, in jüdischen Händen. Durch Wucher war ihnen fast ganz Aragonien verpfändet. In den Städten bildeten sie die Majorität der begüterten Bevölkerung.“¹) Ganz schlau waren sie aber, wie immer, auch dort nicht; ihre Macht hatten sie benutzt, um sich allerhand Privilegien zu erwirken, so z. B. genügte der Eid eines einzigen Juden, um Schuldforderungen gegen Christen zu beweisen (wie übrigens im Erzherzogtum Österreich und vielerorten), während das Zeugnis eines Christen vor Gericht gegen einen Juden nichts galt, und anderes dergleichen; diese Privilegien missbrauchten sie in so massloser Weise, dass endlich das Volk sich erhob. Nicht unähnlich wäre es in Deutschland ergangen, hätten nicht die Kirche und einsichtige Staatsmänner bei Zeiten dem Übel gesteuert. Karl der Grosse hatte sich Juden für die Verwaltung seiner Finanzen aus Italien verschrieben; bald sicherten sie sich allerorten als
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Steuerpächter Reichtum und Einfluss und benutzten diese, um für ihre Nation wichtige Vorrechte auszumachen: Handelsprivilegien, geringeres Strafmass bei Verbrechen u. s. w., ja, man zwang die gesamte Bevölkerung, ihre Märkte auf den Sonntag
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    ¹) Heman: Die historische Weltstellung der Juden, 1882, S. 24 fg. — Für eine anders gefärbte Darstellung, die aber im Thatsächlichen vollkommen übereinstimmt, siehe Graetz: Volksth. Gesch. d. Juden II, 344 fg.

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zu verlegen, weil der bisher übliche Samstag den Juden ihres Sabbats wegen unangenehm war; es gehörte damals zum höfischen bon ton, die Synagogen zu besuchen! Doch hier trat die Reaktion ziemlich bald ein und kräftig, und zwar durchaus nicht allein, wie es die Historiker meistens darzustellen belieben, als Folge pfäffischen Aufhetzens — solche Erscheinungen gehören zur Schale, nicht zum Kern der Geschichte — sondern in erster Reihe darum, weil der Germane eben so sehr ein geborener Industrieller und Kaufmann, wie ein geborener Krieger ist, und er daher, sobald mit der Städtebildung diese Instinkte in ihm wach wurden, dem unlauteren Wettbewerber in sein Spiel sah und voll heftiger Empörung seine Entfernung forderte. Und so liesse sich, wenn das der Zweck dieses Kapitels wäre, Flut und Ebbe des jüdischen Einflusses bis heute herab verfolgen, wo alle Kriege des 19. Jahrhunderts in so eigentümlichem Konnex mit jüdischen Finanzoperationen stehen, von Napoleon's russischem Feldzug und Nathan Rothschild's Zuschauerrolle bei der Schlacht von Waterloo an bis zu der Zuziehung der Herren Bleichröder deutscherseits und Alphonse Rothschild französischerseits zu den Friedensverhandlungen des Jahres 1871 und bis zur „Commune“, welche von Anfang an allen Einsichtigen eine jüdisch-napoleonistische Machination dünkte.

Consensus ingeniorum
    Dieser politisch-soziale Einfluss der Juden wurde nun sehr verschieden beurteilt, doch von den grössten Politikern zu allen Zeiten für verderblich gehalten. Cicero z. B. (wenn auch kein grösster Politiker, so doch ein erfahrener Staatsmann) legt eine wahre Furcht vor den Juden an den Tag; wo eine gerichtliche Verhandlung ihre Interessen berührt, redet er so leise, dass die Richter allein ihn hören, denn er weiss, sagt er, wie alle Juden zusammenhalten und wie sie den zu verderben verstehen, der sich ihnen entgegenstellt; sonst, gegen Griechen, gegen Römer, gegen die mächtigsten Männer seiner Zeit donnert er die ärgsten Beschuldigungen, den Juden gegenüber rät er Vorsicht, sie sind ihm eine unheimliche Macht, und mit möglichster Hast gleitet er hinweg über jene Hauptstadt „des Argwohns und der Verleumdung“, Jerusalem: so urteilte ein Cicero unter dem Konsulat eines

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Julius Caesar!¹) Kaiser Tiberius, nach manchen Geschichts-
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schreibern der tüchtigste Herrscher, den das römische Imperium besessen, erkannte in der Immigration der Juden (also ebenfalls schon vor der Zerstörung Jerusalems!) eine   n a t i o n a l e   Gefahr; Friedrich II., der Hohenstaufe, gewiss einer der genialsten Menschen, die je die Krone getragen und das Schwert geführt haben, ein freier denkender Mann als irgend ein Monarch des 19. Jahrhunderts, ein begeisterter Bewunderer des Morgenlandes und generöser Unterstützer hebräischer Gelehrten, hielt es dennoch für angezeigt (entgegen der Sitte seiner Zeitgenossen), die Juden von allen öffentlichen Ämtern auszuschliessen, und wies warnend darauf hin, dass, wo man auch den Juden zur Gewalt zulässt, er sie missbraucht; genau das selbe lehrte der andere grosse Friedrich II., der Hohenzoller, der jede Freiheit gewährte, nur nicht die der Juden; nicht unähnlich hat Fürst Bismarck, als er noch offen reden durfte, sich im Landtag (1847) geäussert, und der grosse Geschichtsforscher Mommsen spricht vom Judentum als von einem „Staat im Staate“. — Was speziell den sozialen Einfluss betrifft, so will ich mich begnügen, zwei weise, gerechte Männer anzuführen, deren Urteil selbst den Juden nicht verdächtig sein kann, Herder und Goethe. Der Erste behauptet: „Ein Ministerium, bei dem der Jude Alles gilt, eine Haushaltung, in der ein Jude die Schlüssel zur Garderobe oder der ganzen Kasse des Hauses führt, ein Departement oder Kommissariat, in welchem die Juden die Hauptgeschäfte treiben — — sind unauszutrocknende pontinische Sümpfe“; und er meint, die Gegenwart einer unbestimmten Menge Juden sei für einen europäischen Staat so verderblich, dass man sich „nicht durch allgemeine menschenfreundliche Grundsätze leiten lassen dürfe“, sondern es handle sich um eine   S t a a t s f r a g e,   und es sei Pflicht eines jeden Staates, festzustellen: „wie viele von diesem fremden Volke dürfen ohne Nachteil der Eingeborenen geduldet werden“.²) Goethe geht noch tiefer: „Wie sollten wir dem Juden den Anteil an der höchsten Kultur
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    ¹) Siehe die Verteidigung des Lucius Flaccus, Abschn. XXVIII.
    ²) Adrastea: Bekehrung der Juden.

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vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?“ Und er gerät in „leidenschaftlichen Zorn“, als das Gesetz des Jahres 1823 die Heirat zwischen Juden und Deutschen gestattet, er prophezeit „die schlimmsten und grellsten Folgen“, namentlich die „Untergrabung aller sittlichen Gefühle“, und vermutet, die Bestechung durch den „allmächtigen Rothschild“ müsse dieser „Albernheit“ zu Grunde liegen.¹) Goethe und Herder urteilen also genau so wie der grosse Hohenstaufe, wie der grosse Hohenzoller, und wie alle grossen Männer vor und nach ihnen: ohne in abergläubischer Weise dem jüdischen Volke seine Eigenart zum Vorwurf zu machen, halten sie es für eine thatsächliche Gefahr für   u n s e r e   Civilisation und für   u n s e r e   Kultur; sie würden
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ihm einen thätigen Anteil daran nicht vergönnen. Über einen derartigen consensus ingeniorum kann man doch nicht so ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Denn allen diesen wohlerwogenen, ernsten, aus der Fülle der Erfahrung und dem Scharfblick der bedeutendsten Geister hervorgegangenen Urteilen hat man weiter nichts entgegenzustellen, als die hohlen Phrasen der droits de l'homme — eines parlamentarischen Wisches.²)
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    ¹) Wilhelm Meister's Wanderjahre, Buch III, Kap. 11 und Gespräch mit von Müller vom 23. 9. 1823.
    ²) Ich habe meine Citate mit Absicht beschränkt. Doch kann ich mich nicht enthalten, mindestens in einer Anmerkung den grossen Voltaire gegen die jetzt so ziemlich allerorten eingebürgerte Fabel in Schutz zu nehmen, als habe er so überaus günstig und „humanitär“ flach, wie unsere Zeit es wünschen möchte, über den Einfluss der Juden auf unsere Kultur geurteilt. Selbst Juden von so umfassender Bildung wie ein James Darmesteter (Peuple Juif, 2. éd. p. 17) drucken den Namen Voltaire in fetten Buchstaben und stellen ihn als einen der geistigen Urheber ihrer Emanzipation dar. Das Gegenteil ist wahr; mehr als einmal rät Voltaire, man solle die Juden nach Palästina zurückschicken. Voltaire gehört zu den Autoren, die ich am besten kenne, weil ich die kurzweiligen Bücher den langweiligen vorziehe, und ich glaube, ich könnte leicht hundert Citate aggressivster Art gegen die Juden zusammenstellen. In dem Aufsatz des Dictionnaire Philosophique (Ende von section I) sagt er: „Vous ne trouverez dans les Juifs qu'un peuple ignorant et barbare, qui joint depuis longtemps la plus sordide avarice à la plus détestable superstition et à la plus invincible haine pour tous les

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Fürsten und Adel

    Andererseits ist es sicher und muss wohl beachtet werden, dass, wenn die Juden die Verantwortung für manche grauenhafte

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peuples qui les tolèrent et qui les enrichissent.“ In Dieu et les hommes (ch. X) nennt er die Juden: „la plus haïssable et la plus honteuse des petites nations“. Mehr kann man wirklich kaum verlangen, um über seine Meinung ins Klare zu kommen! Doch diese Meinung sollte umso mehr Gewicht haben, als gerade Voltaire in vielen und umfangreichen Schriften sich eingehend mit jüdischer Geschichte und mit dem Studium des jüdischen Charakters abgegeben hat (so eingehend, dass der als „oberflächlicher Dilettant“ Verrufene heutzutage gelegentlich von einem Fachgelehrten ersten Ranges wie Wellhausen citiert wird). Und so ist es beachtenswert, wenn er schreibt (Essai sur les Moeurs, ch. XLII): „La nation juive ose étaler une haine irréconciliable contre toutes les nations, elle se révolte contre tous ses maîtres; toujours superstitieuse, toujours avide du bien d'autrui, toujours barbare, — rampante dans le malheur, et insolente dans la prospérité“. Auch über die geistigen Anlagen der Juden urteilt er kurz und apodiktisch; er behauptet: „Les Juifs n'ont jamais rien inventé“ (La défense de mon oncle, ch. VII), und in dem Essai sur les Moeurs führt er in mehreren Kapiteln aus, die Juden hätten stets von anderen Nationen gelernt, niemals aber selber die anderen etwas gelehrt; selbst ihre Musik, sonst allgemein gelobt, kann Voltaire nicht ausstehen: „Retournez en Judée le plus tôt que vous pourrez — — — vous y exécuteriez à plaisir dans votre détestable jargon votre détestable musique“ (6me lettre du Dictionnaire). Diese eigentümliche geistige Sterilität der Juden erklärt er an anderen Orten durch die unmässige Gier nach Gold: „L'argent fut l'objet de leur conduite dans tous les temps“ (Dieu et les hommes, XXIX). An hundert Stellen spottet Voltaire über die Juden, z. B. in Zadig (ch. X), wo der Jude einen feierlichen Dank zu Gott emporsendet für einen gelungenen Betrug; die beissendste Satire auf das Judentum, die es überhaupt giebt, ist ohne Frage die Schrift Un Chrétien contre six Juifs. Und doch haftete allen diesen Äusserungen eine gewisse Reserve an, da sie für die Veröffentlichung bestimmt waren; wogegen Voltaire in einem Brief an den Chevalier de Lisle vom 15. Dezember 1773 (also an seinem Lebensende, nicht in der Hitze der Jugend) seine Meinung ohne Zurückhaltung aussprechen durfte: „Que ces déprépucé d'Israël se disent de la tribu de Nephthali ou d'Issachar, cela est fort peu important; ils n'en sont pas moins les plus grand gueux qui aient jamais souillé la face du globe“. — Man sieht, der feurige Franzose urteilt über die Juden wie nur irgend ein fanatischer Bischof; er unterscheidet sich höchstens durch den Zusatz, den er hin

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historische Entwickelung, für den Verfall mancher heldenmütiger, kraftstrotzender Völker trifft, diese Verantwortung noch schwerer auf den Häuptern jener Europäer lastet, welche die zersetzende Thätigkeit der Juden aus den schnödesten Gründen stets ermutigt, beschützt, gefördert haben, und das sind in erster Reihe die Fürsten und der Adel — und zwar von dem ersten Säculum unserer Zeitrechnung an bis zum heutigen Tage. Man schlage die Geschichte welches europäischen Volkes man will auf, überall wird man, sobald die Juden zahlreich sind und sich „zu fühlen“ beginnen, bittere Klagen aus dem Volk, aus dem Kaufmannsstand, aus den Kreisen der Gelehrten und der dichterischen Seher gegen sie erheben hören, und immer und überall sind es die Fürsten und der Adel, welche sie beschützen: die Fürsten, weil sie Geld zu ihren Kriegen brauchen, der Adel, weil er leichtsinnig lebt. Von Wilhelm dem Eroberer z. B. erzählt Edmund Burke,¹) dass, da die Einkommen aus „talliage“ und aus allerhand anderen drückenden
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Steuern ihm nicht genügten, er von Zeit zu Zeit den Juden ihre Schuldscheine entweder konfiszierte oder für ein Spottgeld abzwang, wodurch dann, da fast der gesamte anglo-normännische Adel des 11. Jahrhunderts in den Händen der jüdischen Wucherer lag, der
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und wieder seinen heftigsten Ausfällen anhängt „Il ne faut pourtant pas les brûler.“ Ein fernerer Unterschied liegt in der Thatsache, dass es ein humaner, toleranter und gelehrter Mann ist, der dieses überaus scharfe Urteil fällt. Doch wie erklärt man das Vorhandensein einer so erbarmungslos einseitigen, jede Hoffnung ausschliessenden Gesinnung bei einem so liberal denkenden Manne, einer Gesinnung, die in ihrer Masslosigkeit unvorteilhaft von den oben angeführten Worten der deutschen Weisen absticht? Hier könnte unsere Zeit viel lernen, wenn sie es wollte! Denn man sieht, dass diesem gallischen Drang nach Gleichheit und Freiheit nicht die Liebe zur Gerechtigkeit, nicht die Achtung vor der Individualität zu Grunde liegt; und man darf weiter folgern: nicht aus Prinzipien ergiebt sich Verständnis, nicht aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit die Möglichkeit, in würdevollem Frieden nebeneinander zu leben, sondern einzig die rücksichtslose Anerkennung des Trennenden der eigenen Art und der eigenen Interessen kann gerecht machen gegen fremde Art und fremde Interessen.
    ¹) An Abridgment of English History, book III., ch. 2.

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König selber der erbarmungslos strenge Gläubiger seiner hervorragendsten Unterthanen wurde. Dabei beschützte er zugleich die Juden und verlieh ihnen Privilegien aller Art. Dieses eine Beispiel stehe für Tausende und Abertausende.¹) Haben also die Juden einen grossen und historisch verderblichen Einfluss ausgeübt, so ist es nicht zum Wenigsten Dank der Komplizität jener beiden Elemente, die in geradezu niederträchtiger Weise die Juden zugleich verfolgten und ausnutzten. Und zwar dauert dies bis hinab ins 19. Jahrhundert: Graf Mirabeau steht schon vor der Revolution mit den Juden in engster Fühlung,²) Fürst Talleyrand verficht in der Constituante ihre unbedingte Emanzipation gegen die Vertreter aus den bürgerlichen Ständen, Napoleon beschirmt sie, als nach so wenigen Jahren schon aus ganz Frankreich klagende Bitten um Schutz gegen sie bei der Regierung eingereicht werden, und zwar thut er es, obwohl er selber im Staatsrate ausgerufen hatte: „Heuschrecken und Raupen sind diese Juden, sie fressen mein Frankreich auf!“ — er brauchte eben ihr Geld; Fürst Dalberg verkauft den Frankfurter Juden, der gesamten Bürgerschaft
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    ¹) Der berühmte Nationalökonom Dr. W. Cunningham vergleicht in seinem Buche The Growth of English industry and commerce during the early and middle ages (3. Aufl., 1896, S. 201) die Wirksamkeit der Juden in England vom 10. Jahrhundert an mit einem   S c h w a m m e,   der alle Wohlhabenbeit des Landes aufsaugt und dadurch jede wirtschaftliche Entfaltung hintanhält. Interessant ist daselbst der Nachweis, dass schon zu jenen frühen Zeiten die Gesetzgebung sich alle Mühe gab, die Juden zu der Annahme anständiger Gewerbe und ehrlicher Arbeit zu veranlassen, und dadurch zugleich zur Amalgamierung mit der übrigen Bevölkerung, doch alles ohne Erfolg.
    ²) Über Mirabeau's Beeinflussung durch „die klugen Weiber aus der Judenschaft“ (wie Gentz sagt) und seine Zugehörigkeit zu wesentlich jüdischen geheimen Verbindungen siehe, ausser Graetz: Volkst. Geschichte der Juden (III, 600, 610 fg.), ganz besonders l'Abbé Lémann: L'entrée des Israélites dans la société française, Buch III, Kap. 7; als konvertierter Jude versteht dieser Autor, was andere nicht verstehen, und zugleich sagt er, was die jüdischen Autoren verschweigen. Vor Allem wichtig dürfte bei Mirabeau die Thatsache sein, dass er von Jugend auf stark verschuldet an die Juden war (Carlyle: Essay on Mirabeau).

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zum Trotz, die vollen Bürgerrechte für eine halbe Million Gulden (1811), die Hardenbergs und die Metternichs lassen sich beim Wiener Kongress vom Bankhaus Rothschild umgarnen, und, entgegen den Stimmen sämtlicher Bundesvertreter, verfechten sie
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den Nachteil der Deutschen und den Vorteil der Juden und setzen schliesslich ihren Willen durch, ja, die beiden durch sie vertretenen konservativsten Staaten sind die ersten, welche diejenigen Mitglieder des „fremden, asiatischen Volkes“, die in den Jahren der allgemeinen Not und des Jammers auf unsauberem Wege zu ungeheueren Reichtümern gelangt waren, in den erblichen Adelstand erheben, was ehrlichen und verdienten Juden nie geschehen war.¹) Waren also die Juden für uns eine verderbliche Nachbarschaft, so fordert doch die Gerechtigkeit das Geständnis, dass sie nach der Natur ihrer Instinkte und ihrer Gaben handelten, wobei sie zugleich ein wahrhaft bewunderungswürdiges Beispiel der Treue gegen sich selbst, gegen die eigene Nation, gegen den Glauben der Väter gaben; die Versucher und die Verräter waren nicht sie, sondern wir. Wir selber waren die verbrecherischen Helfershelfer der Juden, das war so und ist noch heute so; und wir selber übten Verrat an dem, was der erbärmlichste Bewohner des Ghetto heilig hielt, an der Reinheit des ererbten Blutes: auch das war schon früher so, und ist so heute mehr denn je. Einzig die christliche Kirche scheint unter den grossen Mächten im Ganzen gerecht und weise gehandelt zu haben (wobei man natürlich von jenen Bischöfen absehen muss, die eigentlich weltliche Fürsten waren, sowie von einzelnen Päpsten). Die Kirche hat die Juden im Zaum gehalten, sie als fremde Menschen behandelt, zugleich aber sie vor Verfolgung geschützt. Jede anscheinend „kirchliche“ Verfolgung wurzelt in Wahrheit in unerträglich gewordenen ökonomischen Zuständen; nirgends sieht
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    ¹) Übrigens ist dies eine alte Gepflogenheit der Fürsten, die nicht den Juden allein zu Gute kommt; schon Martin Luther muss berichten: „Die Fürsten lassen die Diebe hängen, die einen Gulden oder einen halben gestohlen haben, und handthieren mit denen, die alle Welt berauben und stehlen mehr, denn alle Andern“ (Von Kaufhandlung und Wucher).

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man das deutlicher als in Spanien. Heute, wo die öffentliche Meinung so arg irregeleitet wird, indem die Juden ihre unversöhnliche Feindschaft vor allem gegen jede Erscheinung des christlichen Glaubens bethätigen, mag es gut sein, daran zu erinnern, dass die letzte Handlung der vorbereitenden Versammlung jenes ersten in unseren Zeiten zusammenberufenen Synedriums des Jahres 1807 eine spontane Kundgebung des Dankes an die Geistlichen der verschiedenen christlichen Kirchen war für ihren durch Jahrhunderte gewährten Schutz.¹)

341 Innere Berührung
    Doch genug dieser flüchtigen historischen Fragmente. Sie zeigen, dass „der Eintritt der Juden“ auf den Gang der europäischen Geschichte seit dem 1. Jahrhundert einen nicht geringen und einen nach manchen Richtungen hin gewiss verhängnisvollen Einfluss ausgeübt hat. Damit ist aber über den Juden selber noch wenig ausgesagt; dass der nordamerikanische Indianer an dem Kontakt des Indoeuropäers ausstirbt, beweist noch nicht, dass letzterer ein schlechter, verderbnisvoller Mensch sei: dass der Jude uns schadet oder nützt, ist eine zu vielseitig bedingte Aussage, um ein sicheres Urteil über sein Wesen zu gestatten. Überhaupt steht der Jude seit 19 Jahrhunderten nicht bloss in
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    ¹) Diogène Tama: Collection des actes de l'Assemblée des Israélites de France et du royaume d'ltalie (Paris 1807. p. 327, 328; der Verfasser ist Jude und war Sekretär des Abgesandten der Juden der Bouches-du-Rhône, M. Constantini). Nach einer ausführlichen Begründung schliesst das betr. Dokument: „Les députés israélites arrêtent: Que l'expression de ces sentiments sera consignée dans le procès-verbal de ce jour pour qu'elle demeure à jamais comme un témoignage authentique de la gratitude des Israélites de cette Assemblée pour les bienfaits que les générations qui les ont précédés ont reçus des ecclésiastiques des divers pays d'Europe.“ Eingebracht wurde der Antrag von M. Isaac Samuel Avigdor, Vertreter der Juden in den Alpes-Maritimes. Tama setzt hinzu, die Rede des Avigdor sei mit Beifall aufgenommen und ihre Aufnahme in extenso ins Protokoll beschlossen worden. — Die heutigen jüdischen Historiker melden kein Wort von dieser wichtigen Begebenheit. Nicht allein Graetz übergeht sie mit Stillschweigen, sondern auch Bédarride: Les Juifs en France (1859), trotzdem er sich den Anschein giebt, als berichte er ausführlich protokollarisch.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


ä u s s e r e r   Beziehung mit unserer Kultur als mehr oder weniger willkommener Hospitant, sondern auch in   i n n e r e r   Berührung. Wie Kant mit Recht bemerkt, ist die Erhaltung des Judentums in erster Reihe das Werk des Christentums.¹) Aus seiner Mitte — wenn auch nicht aus seinem Stamm und seinem Geist — ging Jesus Christus, gingen die frühesten Bekenner der christlichen Religion hervor. Jüdische Geschichte, jüdische Vorstellungen jüdisches Denken und Dichten wurden zu wichtigen Bestandteilen unseres seelischen Lebens. Es geht wohl doch nicht an, jene äussere Reibung von dieser inneren Durchdringung ganz zu trennen. Hätten wir den Juden nicht feierlich zu unserem Ohm ernannt, er wäre bei uns ebensowenig heimisch geworden wie der Sarazene, oder wie jene übrigen Wracke halbsemitischer Völkerschaften, welche nur durch bedingungsloses Aufgehen in den Nationen Südeuropas ihr Leben — doch nicht ihre Individualität — retteten. Der Jude dagegen war ein gefeites Wesen; mochte er auch hin und wieder auf den Scheiterhaufen geschleppt werden, die blosse Thatsache, dass er Jesum Christum gekreuzigt hatte, umgab ihn mit einem feierlichen, Furcht erregenden Nimbus. Und während das Volk auf diese Weise fasciniert wurde,
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studierten die Gelehrten und heiligen Männer Tag und Nacht in den Büchern der Hebräer: von den Aussprüchen jüdischer Hirten, wie Amos und Micha, getroffen, fielen die Denkmäler einer Kunst, wie sie die Welt nie wieder erblickt hat; vor dem Hohn jüdischer Priester sank die Wissenschaft verachtet dahin; entvölkert wurden Olymp und Walhall, weil es die Juden so wollten; Jahve, der zu den Israeliten gesprochen hatte: „Ihr seid mein Volk und ich bin euer Gott“, wurde nun der Gott der Indoeuropäer; von den Juden übernahmen wir die verhängnisvolle Lehre von der unbedingten religiösen Intoleranz. Zugleich aber übernahmen wir sehr grosse erhabene Seelenregungen; wir gingen bei Propheten in die Lehre, welche eine so herbe, reine Moral predigten, wie ihresgleichen nur noch auf dem fernen Boden Indiens zu finden gewesen wäre; wir lernten einen so lebendigen, Leben gestalten-
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    ¹) Die Religion, allg. Anm. zum 3. Stück.

405 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

den Glauben an eine höhere göttliche Macht kennen, dass er notwendigerweise unsere Seele umgestalten und ihr eine neue Richtung geben musste. War auch Christus der grosse Baumeister, die Architektur entlehnten wir von den Juden. Jesaia, Jeremia, die Psalmisten wurden und sind noch lebendige Kräfte in unsrem seelischen Leben.

Wer ist der Jude?
    Heute nun, wo diese innere Berührung schwächer zu werden beginnt, während jene früher genannte äussere Reibung täglich zunimmt, heute, wo wir der jüdischen Nähe gar nicht mehr ausweichen können, darf es uns nicht genügen zu wissen, dass fast alle hervorragenden und freien Männer, von Tiberius an bis zu Bismarck, die Gegenwart des Juden in unserer Mitte als eine politisch-soziale Gefahr betrachtet haben, sondern wir müssen im Stande sein, auf Grundlage ausreichender Sachkenntnis selber bestimmte Urteile zu fällen und darnach zu handeln. Man hat „Antisemitenkatechismen“ herausgegeben, in denen Hunderte von Aussagen bekannter Männer gesammelt sind; abgesehen davon aber, dass mancher Spruch, aus dem Zusammenhang gerissen, nicht ganz redlich die Absicht des Verfassers wiedergiebt, und dass aus manchen anderen ignorantes, blindes Vorurteil spricht, ist doch offenbar ein eigenes Urteil mehr wert, als zweihundert nachgeplapperte, und ich wüsste nicht, wie wir zu einem kompetenten Urteil gelangen könnten, wenn wir nicht einen höheren Standpunkt einnehmen lernen als den der bloss politischen Betrachtung, auch wüsste ich nicht, wie dieser Standpunkt gewonnen werden könnte auf einem anderen Boden, als auf dem der Geschichte, nicht aber unserer modernen Geschichte — denn hier Wären wir Richter und Partei zugleich — sondern der Geschichte
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von dem Werden des jüdischen Volkes. Dokumente liegen in Hülle und Fülle vor; gerade im 19. Jahrhundert sind sie durch die hingebende Arbeit gelehrter Männer — zumeist Deutscher, doch auch hervorragender Franzosen, Holländer und Engländer — geprüft, kritisch gesichtet und historisch klassifiziert worden; viel bleibt noch zu thun, doch ist schon genug geschehen, damit wir eines der merkwürdigsten Blätter menschlicher Historie im Grossen und Ganzen deutlich und sicher überblicken können.

406 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Dieser Jude, der so ewig unveränderlich, so beharrlich, wie Goethe sagt, erscheint, er ist doch   g e w o r d e n,   langsam geworden, ja, „künstlich“ geworden. Sicherlich wird er auch, wie alles Gewordene, vergehen. Schon das bringt ihn uns menschlich näher. Was ein „Semit“ ist, das vermag kein Mensch zu sagen. Vor hundert Jahren glaubte es die Wissenschaft zu wissen: Semiten waren die Söhne Sem's; jetzt wird die Antwort immer unbestimmter; man hatte gewähnt, das sprachliche Kriterium sei entscheidend: ein gewaltiger Irrtum! Zwar bleibt der Begriff „Semit“ unentbehrlich, weil durch ihn ein vielseitiger Komplex historischer Erscheinungen in seiner Zusammengehörigkeit bezeichnet wird; es fehlt jedoch jede feste Grenzlinie; an der Peripherie schmilzt diese ethnographische Vorstellung mit anderen zusammen. Schliesslich bleibt der „Semit“ als Begriff einer Urrasse, gleichwie der „Arier“, einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten muss für bare Münze zu halten. Die wirkliche bare Münze sind dagegen jene empirisch gegebenen, historisch gewordenen nationalen Individualitäten, von denen ich im vorigen Kapitel gesprochen habe, solche Individualitäten wie z. B. die Juden. Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von Inzucht; psychisch durch den Einfluss, welchen lang anhaltende, historisch-geographische Bedingungen auf jene besondere, spezifische, physiologische Anlage ausüben.¹) Wollen wir also (und das, meine ich, muss die Hauptaufgabe dieses Kapitels sein) den Juden fragen:   w e r   b i s t   d u ?  so müssen wir zuerst erforschen, ob dieser so scharf ausgeprägten Individualität nicht eine Blutmischung zu Grunde liegt, und sodann — wenn das Resultat ein bejahendes ist — verfolgen, wie die hierdurch entstandene eigenartige Seele sich immer weiter differenzierte. Wie nirgends an-
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derswo kann man gerade beim Juden diesen Vorgang verfolgen; denn die gesamte jüdische Nationalgeschichte gleicht einem fortwährenden Ausscheidungsverfahren; der Charakter des jüdischen
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    ¹) Vergl. S. 288. (Betreffs des Semiten siehe auch S. 349.)

407 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Volkes wird immer individueller, immer ausgesprochener, immer einfacher: zuletzt bleibt gewissermassen vom ganzen Wesen nur das mittlere Knochengerüst übrig: die langsam gereifte Frucht wird ihrer flaumigen, farbigen Hülle, ihres saftigen Fleisches beraubt, denn diese könnten von aussen befleckt und angefressen werden: einzig der steinigte   K e r n   besteht weiter, zwar verschrumpft und dürr, der Zeit aber trotzend. Doch, wie gesagt, das war nicht immer so. Was aus den heiligen Büchern der Hebräer in die christliche Religion übergegangen ist, stammt nicht aus diesem Greisenalter des eigentlichen Judentums, sondern teils aus der Jugend des viel weiteren, phantasievolleren „israelitischen“ Volkes, teils aus dem Mannesalter des kaum erst von Israel getrennten, noch nicht von den übrigen Nationen der Erde hochmütig sich scheidenden Judäers. Der Jude, den wir jetzt kennen und am Werke sehen, ist erst nach und nach Jude geworden; nicht jedoch, wie die historische Lüge noch immer zu behaupten beliebt, im Laufe des christlichen Mittelalters, sondern auf nationalem Boden, im Verlaufe seiner selbständigen Geschichte; sein Schicksal schuf sich der Jude selber; in Jerusalem stand der erste Ghetto, die hohe Mauer, welche den Rechtgläubigen und Rechtgeborenen von den Goyim schied, diesen den Eintritt in die eigentliche Stadt verwehrend. Weder Jakob, noch Salomo, noch Jesaia würden in Rabbi Akiba (dem grossen Schriftgelehrten des Talmud) ihren Enkel erkennen, geschweige ihren Urenkel in Baron Hirsch oder dem Diamanten-Barnato.¹)
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    ¹) Für die messianische Zeit war der Traum der späteren Juden (im Gegensatz zu den freier denkenden Israeliten früherer Jahrhunderte), den Fremden den Eintritt in Jerusalem überhaupt zu verwehren; man schlage nur Joel III, 22 nach; und da dieser sehr späte Prophet -— aus der hellenischen Zeit — zugleich sagt, Gott Werde ewig in Jerusalem und nur in Jerusalem wohnen, so bedeutet jenes Verbot das Ausschliessen aller Völker von Gottes Gegenwart. Das war die Toleranz der Juden! — Dass die meisten Rabbiner alle Nichtjuden vom Anteil an einer zukünftigen Welt ausschlossen, andere sie nur als eine verachtete Menge dort duldeten (siehe Traktat Gittin fol. 57a des Babylonischen Talmud, und Weber, System der altsynagogalen palästinischen Theologie, S. 372, nach Laible), ist

408 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

    Versuchen wir also, uns auf dem kurzen Wege möglichster Vereinfachung die wesentlichen Züge dieser eigenartigen Volks-
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seele, wie sie nach und nach immer schärfere und einseitigere Ausprägung gewannen, deutlich vorzuführen. Der Gelehrsamkeit bedarf es keineswegs; denn auf die Frage: wer bist du? erteilt, wie schon bemerkt, der Jude selber und gleichfalls sein Vorahne, der Israelit, von jeher die klarste Antwort; dazu kommt dann die Summe wissenschaftlicher Arbeit, von Ewald bis Wellhausen und Ramsay, von De Wette und Reuss bis Duhm und Cheyne; wir haben nur das Facit zu ziehen, wie es der praktische Mann braucht, der, inmitten des brausenden Weltgetriebes, sein Urteil auf bestimmte Einsichten will gründen können.
    Nur noch zwei, rein methodische Bemerkungen. Da früher, namentlich in dem Kapitel über die Erscheinung Christi, schon eingehend von den Juden die Rede war und dieses Thema voraussichtlich später wieder auftauchen wird, so durfte sich der Verfasser hier auf die Kernfrage beschränken und im Übrigen für manche Ausführung auf bereits Gesagtes oder später zu Sagendes verweisen. Was andrerseits die benutzten Autoren anbelangt, so war es nicht zu umgehen, dass ausser der Bibel und einigen eingehend studierten neueren jüdischen Schriftstellern auch viele nichtjüdische Gelehrte zu Rate gezogen wurden; für die Kenntnis der Propheten und für die richtige Auffassung geschichtlicher Vorgänge war das unentbehrlich; jedoch sind diese Gelehrten, selbst die freisinnigsten unter ihnen, lauter Männer, welche für das jüdische Volk — mindestens in seiner früheren Gestalt — eine grosse, vielleicht übertriebene Bewunderung an den Tag legen, und welche alle geneigt sind, dieses Volk als ein in irgend einem Sinne religiös „auserwähltes“ zu betrachten. Dagegen blieben ausgesprochene Antisemiten grundsätzlich unberücksichtigt; es geschah im Interesse der Darstellung.
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schliesslich nur logisch; was dagegen komisch wirkt, ist die Behauptung der heutigen Juden, ihre Religion sei „die Religion der Humanität“!

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Gliederung der Untersuchung

    Über einen Gegenstand, der mir ausserordentlich wichtig dünkt, hat die Wissenschaft der letzten Jahre viel Licht verbreitet, nämlich über die   A n t h r o p o g e n i e   der Israeliten, d. h. über die physische Entstehungsgeschichte dieser besonderen nationalen Rasse. Freilich giebt es hier wie überall eine ewig unerforschliche Vergangenheit, und ohne Zweifel wird auch Manches, was kühne Archäologen eigentlich mehr mit den Fühlhörnern ihres wunderbar geübten Instinktes abgetastet und erraten, als mit ihren Augen zur Evidenz erschaut haben, durch neuere Forschungen und Entdeckungen noch weitgehende Korrekturen erfahren. Doch

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das gilt uns hier gleich. Das Wichtige und das, was eine feste Errungenschaft der Geschichte ausmacht, ist: erstens, dass das israelitische Volk das Produkt vielfältiger Mischungen darstellt, und zwar nicht Mischungen zwischen verwandten Typen (wie etwa die alten Griechen oder die heutigen Engländer), sondern zwischen physisch und moralisch durchaus von einander abweichenden Typen; zweitens, dass echt semitisches Blut (wenn dieser Notbegriff überhaupt einen Sinn behalten soll) wohl kaum die Hälfte dieses Gemenges ausmacht. Das sind sichere Ergebnisse der exakten anatomischen Anthropologie und der Geschichtsforschung, zweier Wissenszweige, welche sich hier gegenseitig helfend die Hand reichen. Eine dritte Einsicht ergänzt die genannten; wir verdanken sie den kritischen Bemühungen der biblischen Archäologie, durch welche in die höchst verwickelte Chronologie der aus den verschiedensten Jahrhunderten stammenden und dann ganz willkürlich, doch nicht planlos, zusammengestellten Schriften des Alten Testamentes endlich Licht gebracht worden ist: diese belehren uns, dass der eigentliche   J u d e   nicht mit dem Israeliten im weiteren Sinne des Wortes zu identifizieren ist, dass das Haus Juda schon bei der Ansiedlung in Palästina sich von dem (die übrigen Stämme umfassenden) Hause Joseph durch Blutmischung und Anlage in etlichen Punkten unterschied, und zwar so, dass der Judäer zum Josephiten in einer Art geistiger Abhängigkeit stand, und dass er erst relativ sehr spät, nach der gewaltsamen Absonderung von seinen Brüdern, eigene Wege — die Wege, die zum Judentum führten — zu wandeln begann,

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welche ihn dann bald durch seine zum religiösen Prinzip erhobene Inzucht von der ganzen Welt isolierten. Der Jude kann insofern ein Israelit genannt werden, als er ein Schössling aus jener Familie ist; der Israelit dagegen, auch der aus dem Stamme Juda, war zunächst kein Jude, sondern der Jude begann erst dann zu entstehen, als die kräftigeren Stämme des Nordens durch die Assyrer vernichtet worden waren. Um zu erfahren, wer der Jude ist, haben wir also zunächst festzustellen, wer der Israelit war, und sodann erst nachzufragen, wie der Israelit des Stammes Juda (und Benjamin) zum Juden wurde. Und da ist Vorsicht im Gebrauch der Quellen nötig. Erst   n a c h   der babylonischen Gefangenschaft künstelte man nämlich den spezifisch jüdischen Charakter in die Bibel hinein, indem ganze Bücher erfunden und dem Moses zugeschrieben wurden, und indem häufig Vers für Vers Interpolationen und Korrekturen die freiere Anschauung Altisraels verwischten und durch den engen jerusalemitischen Jahvekultus
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ersetzten, als habe dieser von jeher in Folge göttlicher Satzung bestanden. Dies hat das Verständnis des allmählichen und durchaus menschlich-historischen Werdeganges des jüdischen Nationalcharakters lange verdunkelt. Nun endlich ist es auf diesem Gebiete ebenfalls hell geworden. Und auch hier können wir sagen: wir halten eine dauernde Errungenschaft wissenschaftlicher Forschung in der Hand. Ob spätere Untersuchungen diesen und jenen Satz des Hexateuchs, den man heute der „jahvistischen“ Abfassung zuschreibt, als der „elohistischen“, oder als dem spätesten „Redaktor“ angehörig nachweist, ob ein bestimmter Spruch von dem wirklichen Jesaia oder von dem sogenannten Deuterojesaia herrührt, das hat alles seine Wichtigkeit, wird aber niemals etwas an der Erkenntnis ändern, dass das eigentliche Judentum mit seinem besonderen Jahveglauben und seiner ausschliesslichen Herrschaft des priesterlichen Gesetzes das Ergebnis einer nachweisbaren und höchst eigentümlichen, historischen Verkettung und des Eingreifens einzelner zielbewusster Männer ist.
    Diese drei Thatsachen sind zunächst für jede Erkenntnis jüdischen Wesens grundlegend; sie dürfen nicht der Besitz einer gelehrten Minderheit bleiben, sondern müssen dem Bewusstsein

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aller Gebildeten einverleibt werden. Ich wiederhole sie in präciserer Fassung:
  1. Das israelitische Volk ist aus der Kreuzung durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen;
  2. das semitische Element mag wohl moralisch das kräftigere gewesen sein, physisch jedoch trug es kaum die Hälfte zur Zusammensetzung der neuen ethnologischen Individualität bei; es geht also nicht an, die Israeliten kurzweg „Semiten“ zu nennen, sondern die Beteiligung der verschiedenen Menschentypen an der Bildung der israelitischen Rasse erfordert eine quantitative und qualitative Analyse;
  3. der eigentliche   J u d e   entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche physische Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümmerung anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens, sondern gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine Priesterkaste, welche dem widerstrebenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine priesterliche Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben aufzwang.
    Hierdurch ist die Gliederung für die folgende Darstellung gegeben. Ich werde zunächst die Geschichte und die Anthropologie
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befragen, damit wir erfahren, aus   w e l c h e n   R a s s e n   die neue israelitische Rasse (als Grundlage der jüdischen) hervorging; sodann wird die Beteiligung dieser verschiedenen Menschentypen in ihrer physischen und namentlich in ihrer moralischen Bedeutung analysiert werden müssen, wobei unser Augenmerk sich natürlich ganz besonders auf die Auffassung der   R e l i g i o n   bei ihnen richten wird, da die Grundlage des Judentums der von ihm gelehrte Glaube ist und wir den Juden weder in der Geschichte noch heute in unserer Mitte richtig beurteilen können, wenn wir über seine Religion nicht vollständig im Klaren sind; zuletzt werde ich zu zeigen versuchen, wie unter dem Einfluss merkwürdiger historischer Begebenheiten das spezifische   J u -

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d e n t u m   g e g r ü n d e t   und dauernd in seiner besonderen unvergleichlichen Eigenart befestigt werde. Hiermit dürfte die Aufgabe dieses Kapitels, wie ich sie vorhin präcisierte, erledigt sein; denn die jüdische Rasse — wenn sie auch zu gewissen Zeiten später manches fremde Element aufnahm — blieb im Ganzen so rein wie sonst keine zweite, und die jüdische Nation ist von allem Anfang an eine wesentlich „ideale“ gewesen, d. h. sie bestand in dem Glauben an eine bestimmte Nationalidee, nicht in dem Besitz eines eigenen freien Staates, noch in dem gemeinschaftlichen Zusammenleben und -wirken auf dessen Boden, und diese Idee ist die selbe heute wie vor 2000 Jahren. Rasse und Ideal machen aber zusammen die Persönlichkeit des Menschen aus; sie beantworten die Frage: wer bist du?

Entstehung des Israeliten
    Die Israeliten¹) sind aus der Kreuzung zwischen drei (vielleicht sogar vier) verschiedenen Menschentypen hervorgegangen: dem semitischen Typus, dem syrischen (richtiger gesagt hethitischen) und dem indoeuropäischen (möglicher Weise floss auch turanisches oder, wie man in Deutschland es häufiger nennt, sumero-akkadisches Blut in den Adern ihrer Urväter).
    Damit dem Leser ganz klar werde, wie diese Mischung stattfand, muss ich eine flüchtige historische Skizze vorausschicken; sie soll nur dazu dienen, das Gedächtnis für allbekannte Thatsachen aufzufrischen und das Verständnis der Entstehungsgeschichte der jüdischen Rasse anzubahnen.
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    Ist auch der Begriff „Semit“, insofern man darin eine von Uranfang existierende, reine, autonome Rasse, gleichsam eine besondere Schöpfung Gottes erblicken will, gewiss ein pures Gedankending, so steht es doch um diesen Begriff besser als um den
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    ¹) Und nicht sie allein, sondern ihre Stammesgenossen, die Ammoniter, die Moabiter und die Edomiter, die mit ihnen zusammen die Familie der   H e b r ä e r   ausmachen, ein Name, welcher mit Unrecht den Israeliten allein oder gar den blossen Juden beigelegt zu werden pflegt (siehe Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. S. 7); zu derselben Familie gehören ebenfalls die Midianiter und die Ismaeliter (Maspero: Histoire ancienne, éd. 1895, II. 65).

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


des „Ariers“, denn es lebt noch heute, unter unseren Augen, ein Volk, welches angeblich den reinen, ungetrübten Typus des Ursemiten darstellt: der Wüstenbeduin Arabiens.¹) Lassen wir den luftigen Ursemiten und halten wir uns an den Beduinen in Fleisch und Blut. Man nimmt an, und man hat guten Grund zu dieser Annahme, dass schon etliche Jahrtausende vor Christus Menschen, den heutigen Wüstenbeduinen äusserst ähnlich, in einem fast ununterbrochenen Flusse von Arabien nach Osten und Norden in das Zweistromland auswanderten. Arabien ist gesund, daher vermehrt sich seine Bevölkerung; sein Boden ist äusserst arm, daher muss ein Teil seiner Einwohner an anderem Orte seine Nahrung suchen. Es scheint, als wären diese Exodien bisweilen von grossen bewaffneten Mengen unternommen worden: der angestaute Menschenüberfluss wurde in solchen Fällen mit unüberwindlicher Macht aus der Heimat hinausgeschleudert und fiel erobernd in die benachbarten Länder ein; in anderen Fällen dagegen wanderten einzelne Sippen mit ihren Herden so friedlich wie möglich über die nirgends genau bestimmte Grenze von einem Weideplatz zum andern: bogen sie nicht, wie manche von ihnen thaten, bald nach Westen ab, so konnte es geschehen, dass sie bis an den Euphrat gelangten und, nach und nach, dem Strome folgend, bis hoch in den Norden hinauf. Von der vorerwähnten gewaltsamen Art, sich des Überschusses der Bevölkerung zu entladen, kennen wir denkwürdige Beispiele aus historischen Zeiten
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    ¹) Dies scheint einstimmig von allen Autoren behauptet zu werden, Burkhardt habe ich im weiteren Verlaufe des Kapitels angeführt. Hier will ich mich einzig auf eine neuere und allseitig anerkannte Autorität berufen: William Robertson Smith. In seinem Religion of the Semites (ed. 1894, S. 8) sagt er: „Es kann als sicher angenommen werden, dass die Araber der Wüste seit unvordenklichen Zeiten eine ungemischte Rasse bilden.“ Zugleich macht der selbe Autor darauf aufmerksam, wie unzulässig es sei, die Babylonier, Phönicier u. s. w. kurzweg als „Semiten“ zu bezeichnen, da zunächst lediglich die Verwandtschaft der Sprachen feststehe, alle diese sogenannten „semitischen Nationen“ aber aus einer starken Blutmischung hervorgegangen seien.

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(unter den Römern und nach Mohammed);¹) das Werk einer gleichfalls durch grosse Massen bewirkten, doch friedlicheren Semitisierung erblicken wir in den grossen Kulturstaaten zwischen Tigris und Euphrat. Dort nämlich, wo, wie im Babylonischen Akkadien, die Semiten einer fertigen, starken, wehrhaften Kulturwelt begegneten, überwanden sie sie dadurch, dass sie mit ihr verschmolzen, ein Vorgang, den man jetzt für Babylonien fast Schritt für Schritt verfolgen kann.²) Dagegen wanderten die Beni Israel als einfache Hirten in kleinen Gruppen aus und mussten, um ihren Viehstand zu behaupten, jedem kriegerischen Unternehmen, für das ihre kleine Zahl sie ohnehin untüchtig gemacht hätte, sorglich ausweichen.³) — Natürlich giebt uns der biblische Bericht über die frühesten Wanderungen dieser Beduinenfamilie nur den matten Widerschein uralter mündlicher Traditionen, dazu vielfach gefälscht durch die Missverständnisse, Theorien und Absichten der spätgeborenen Skribenten; doch hat man keinen Grund, die Richtigkeit der allgemeinen Angaben zu bezweifeln, und zwar um so weniger, als sie nichts Unwahrscheinliches enthalten. Freilich ist alles in starker Verkürzung gesehen: ganze
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    ¹) Das letzte Beispiel bot uns das Ende des 19. Jahrhunderts, wo die Araber, die von jeher nicht allein nach Norden und Osten, sondern ebenfalls nach Westen und Süden ausgezogen waren, einen grossen Teil Innerafrikas gänzlich verwüsteten. Immense Reiche, die im Jahre 1880 dicht bevölkert und über und über bebaut waren, sind inzwischen eine Wüstenei geworden. Von einem einzigen Araberhäuptling behauptet Stanley, er habe ein Gebiet von 2000 Quadratmeilen verwüstet! (Siehe die Bücher von Stanley, Wissmann, Hinde u. s. w. und die kurze Zusammenfassung in Ratzel: Völkerkunde, 2. Aufl., II, 430. Vergl. auch oben das Kapitel „Römisches Recht“, S. 140 Anm.).
    ²) Über den verschwundenen Menschentypus der Akkadier oder Sumerier, der Schöpfer der grossartigen Babylonischen Kultur, und über ihre allmähliche Semitisierung siehe Hommel, Sayce, Budge, Maspero.
    ³) Zur Ergänzung und Berichtigung des Folgenden vergl. man das höchst interessante und empfehlenswerte Büchlein von Carl Steuernagel: Die Einwanderung der israelitischen Stämme in Kanaan, Berlin, 1901.

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Familien sind zu einer einzigen Person verschmolzen (ein allgemeiner semitischer Brauch, „desgleichen es nur bei den Semiten giebt“, sagt Wellhausen); andere angebliche Vorahnen sind einfach die Namen der Ortschaften, in deren Nähe sich die Israeliten lange Zeit aufgehalten hatten; Bewegungen, welche das Leben mehrerer Geschlechter in Anspruch nahmen, werden von einem Einzelnen ausgeführt. Dieses Bedürfnis nach Vereinfachung des Vielfältigen, nach Zusammendrängung des Auseinanderliegenden ist dem Volke eben so angeboren wie dem bewusst schaffenden Poeten. So lässt die Bibel z. B. Abraham als schon verheirateten Mann aus der Gegend von Ur, am untersten Laufe des Euphrats, bis in das nördliche Mesopotamien, am Fusse des armenischen Berglandes, auswandern, in jenes Paddan-Aram, von dem das Buch Genesis so häufig redet und das jenseit des Euphrats, zwi-
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schen diesem und dem Seitenfluss Khabur, liegt (in gerader Linie etwa 600 Kilometer, dem Flussthal aber folgend und den Weidenplätzen nachgehend mindestens 1500 Kilometer von Ur entfernt (vergl. die Kartenskizze auf S. 353); damit nicht genug, soll dieser selbe Abraham später von Paddan-Aram nach Südwesten, nach dem Lande Kanaan gezogen sein, von hier weiter nach Ägypten und schliesslich (denn von seinen kleineren Zügen sehe ich ab) von Ägypten wieder nach Kanaan zurück, und das alles von so zahlreichen Viehherden begleitet, dass er, um genug Weideland für sie zu finden, gezwungen war, sich von seinen nächsten Anverwandten zu trennen (Gen. XIII). Trotz dieser Verkürzung birgt die alte hebräische Tradition alles, was zu wissen Not thut, namentlich an solchen Stellen, wo die älteste Tradition fast unverfälscht vorliegt, worüber die Kritik schon eingehende Auskunft giebt.¹) Aus dieser Tradition entnehmen wir nun, dass die betreffende Beduinenfamilie zunächst bis in das Flussgebiet des südIchen Euphrats wanderte und sich längere Zeit in der Umgebung der Stadt Ur aufhielt. Diese Stadt lag südlich von dem grossen Fluss und bildete den äussersten Vorposten Chaldäas. Hier traten die
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    ¹) Vergl. namentlich Gunkel's Handkommentar zur Genesis, 1901. (Inzwischen in 2. verbesserter Auflage erschienen).

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Nomaden zum erstenmal in Berührung mit Civilisation. Zwar konnten die Hirten nicht in deren eigentliches Gebiet eindringen, da prächtige Städte und ein hochentwickelter Bodenbau jeden Zoll Erde besetzt hielten, doch empfingen sie dort unvergängliche Eindrücke und Belehrungen (auf die ich noch zurückkomme); sogar solche Namen wie Abraham und Sarah haben sie dort erst kennen gelernt und erst später durch die von ihnen so beliebten Wortspiele ins Hebräische übertragen (Gen. XVII, 1-6). In der Nähe so hoher Kultur litt es sie jedoch nicht lange, oder vielleicht wurden sie von nachdrängenden Wüstensöhnen weitergeschoben. Und so sehen wir sie immer weiter nach Norden ziehen,¹) bis in
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das damals spärlich bevölkerte Paddan-Aram,²) wo sie lange Zeit, mindestens etliche Jahrhunderte, verweilt haben müssen. Als aber die Weideplätze Mesopotamiens für den an Menschenzahl und Viehstand gewachsenen Familienverband nicht mehr ausreichten, da zog ein Teil aus jener nordöstlichen Ecke Syriens, Paddan-Aram, nach der südwestlichen, Ägypten zunächst gelegenen Ecke, Kanaan, wo er bei einem ansässigen, ackerbauenden Volke gastfreundliche Aufnahme fand und die Erlaubnis erhielt, seine Herden auf den Bergen zu weiden. Doch lebte Mesopotamien (Paddan-Aram) lange Zeit in dem Gedächtnis
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    ¹) Die Richtung war ihnen vorgezeichnet, sie konnten von Ur aus keine andere wählen; denn während mehrerer hundert Kilometer läuft die Wüste parallel mit dem Euphrat, nur ein schmaler Saum bewässerten Bodens trennt sie von ihm; plötzlich aber, genau unter dem 35. Grad, hört die Wüste auf und es öffnet sich nach Westen, Süden und Norden das Land   S y r i e n.   Syrien reicht im Süden bis nach Ägypten, gegen Abend bis zum mittelländischen Meere, gegen Norden bis zum Taurus, im Osten wird es heute vom Euphrat begrenzt, umschloss jedoch nach früheren Verhältnissen und Vorstellungen das jenseit des mittleren Euphrats gelegene Mesopotamien, in welchem die Kinder Abraham's Jahrhunderte lang Aufenthalt nahmen.
    ²) Später war Mesopotamien lange Zeit hindurch eine künstlich bewässerte und in Folge dessen reich kultivierte Gegend; in früheren Zeiten jedoch war es, gleich wie heute, ein armes Land, wo nur nomadische Hirten ihr Auskommen finden konnten (Vgl. Maspero: Histoire ancienne, I, 563).

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der Abrahamiden als ihre echte Heimat fort. Jahve selber nennt Paddan-Aram Abraham's „Vaterland“ (Gen. XII, 1), und der mythische Abraham redet, nachdem er schon lange in Kanaan sich niedergelassen hat, noch immer mit Sehnsucht von seinem

Kartenskizze
Kartenskizze.

fernen „Vaterland“ und entsendet Boten in seine „Heimat“ (Gen. XXIV., 4 und 7), um mit den dort zurückgebliebenen Verwandten wieder anzuknüpfen. Und so bleiben die Abrahamiden, obwohl schon in Kanaan ansässig, während jener langen Zeiten, welche zu den beiden pseudomythischen Namen Isaak und Jakob zusammengezogen worden sind, immerwährend halbe Mesopotamier; es ist ein ewiges Hin und Her; der südliche Zweig fühlt

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sich einem nördlichen Hauptstamm angehörig.¹) Doch es kam der Augenblick, wo sie noch weiter nach Süden ziehen mussten; in dürren Jahren genügte das Weideland Kanaans nicht mehr, vielleicht waren sie auch durch grössere Zahl den Kanaanitern unbequem geworden; und so wanderten sie, unter der ihnen befreundeten Regierung der halbsemitischen Hyksos, nach dem zu Ägypten gehörigen Lande Gosen aus. Erst dieser lange Aufenthalt
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in Ägypten²) unterbrach den Verkehr zwischen den Mitgliedern dieser Familie und ihren Verwandten, den übrigen Hebräern (durch ganz Syrien zerstreut), so dass, als die Israeliten wieder nach Palästina zurückzogen, sie zwar in den Moabitern, Edomitern und anderen Hebräern noch entfernte Blutsangehörige erkannten, doch Hass und Geringschätzung statt der früheren Liebe für sie empfanden, eine Gesinnung, die erfrischend naiven Ausdruck in den Genealogien der Bibel fand, nach welchen einige dieser Geschlechter ihren Ursprung der Blutschande verdanken, andere von Kebsweibern herrühren sollen u. s. w.
    Von   I s r a e l i t e n   im historischen Sinne des Wortes können wir eigentlich erst von diesem Augenblick an reden, wo sie als
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nicht sehr zahlreiches, doch fest gegliedertes Volk, auf der Flucht aus Ägypten erobernd in Kanaan einfallen, um dort einen von wechselnden, meist recht traurigen Schicksalen heimgesuchten Staat zu bilden, der aber, trotzdem er (wie das übrige Syrien) gewissermassen zwischen Hammer und Amboss lag, nämlich
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    ¹) Diese Zeit, während welcher „der Vater Jakob sich