Here
under
follows the transcription of the fifth chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the
„Volksausgabe“,
in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van het vijfde hoofdstuk van Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
379
FÜNFTES KAPITEL
DER
EINTRITT DER
JUDEN
IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE
Vergessen wir, woher wir
stammen.
Nichts mehr von
„deutschen“
Juden,
nichts mehr von
„Portugiesen“!
Über
den Erdboden zerstreut,
bilden wir doch
nur ein einziges Volk!
Rabbiner
Salomon
Lipmann-Cerfberr
(Eröffnungsrede
gehalten
am 26. Juli 1806
bei der
vorbereitenden
Versammlung für
das von Napoleon
zusammenberufene
Synedrium des
Jahres
1807.
380
(Leere Seite.)
323
381
Die
Judenfrage
Hätte ich vor
hundert Jahren geschrieben, so würde ich mich kaum veranlasst
gefühlt
haben, an dieser Stelle dem Eintritt der Juden in die europäische
Geschichte ein besonderes Kapitel zu widmen. Allerdings hätte ihre
Beteiligung an der Entstehung des Christentums, wegen des von dort aus
infiltrierten besonderen und durchaus unarischen Geistes, die volle
Aufmerksamkeit
verdient, sodann auch ihre wirtschaftliche Rolle in allen christlichen
Jahrhunderten; doch hätte eine gelegentliche Erwähnung dieser
Dinge genügt, mehr wäre ein Zuviel gewesen. Herder schrieb
denn
auch damals: „Die jüdische Geschichte nimmt mehr Platz in unserer
Historie und Aufmerksamkeit ein, als sie an sich verdienen
möchte.“¹)
Inzwischen ist jedoch eine grosse Änderung vorgegangen: die Juden
spielen in Europa und überall, wo europäische Hände
hinreichen,
eine andere Rolle heute als vor hundert Jahren; wie Viktor Hehn sich
ausdrückt:
wir leben heute in einem „jüdischen Zeitalter“;²) mag man
über
die vergangene Historie der Juden denken wie man will, ihre
gegenwärtige
nimmt thatsächlich so viel Platz in unserer eigenen Geschichte
ein,
dass wir ihr unmöglich die Aufmerksamkeit verweigern können.
Herder hatte trotz seines ausgesprochenen Humanismus doch gemeint:
—————
¹)
Von
den deutsch-orientalischen Dichtern, Abschn. 2.
²)
Gedanken
über Goethe, 3. Aufl., S. 40. Ungekürzt lautet die
Stelle:
„Als Goethe am 22. März 1832 starb, da datierte Börne von
diesem
Tage die Freiheit Deutschlands. Wirklich war damit eine Epoche
geschlossen,
und es begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben.“
382 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
„Das Volk der Juden ist und bleibt
auch
in Europa ein unserem Weltteil f r e m d e s ,
a s i a t i s c h e s V o l k, an jenes alte,
unter
einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebene und nach eigenem
Geständnis
von ihm unauflösbare G e s e t z
gebunden.“¹)
Ganz richtig. Dieses fremde Volk aber, ewig fremd, weil — wie Herder
treffend
bemerkt — an ein fremdes, allen anderen Völkern feindliches Gesetz
unauflösbar gebunden, dieses fremde Volk ist gerade im Laufe des
19.
Jahrhunderts ein unverhältnismässig wichtiger, auf manchen
Gebieten
geradezu ausschlaggebender Bestandteil des Lebens geworden. Schon vor
hundert
Jahren durfte jener selbe Zeuge mit Wehmut gestehen, die „rohe-
324
ren Nationen Europas“ seien „freiwillige
Sklaven des jüdischen Wuchers“;²) heute könnte er das
selbe
von dem weitaus grössten Teil der civilisierten Welt
überhaupt
sagen. Der Geldbesitz an und für sich ist aber das Wenigste;
unsere
Regierungen, unsere Justizpflege, unsere Wissenschaft, unser Handel,
unsere
Litteratur, unsere Kunst.... so ziemlich alle Lebenszweige sind mehr
oder
weniger freiwillige Sklaven der Juden geworden und schleppen die
Fronkette,
wenn auch noch nicht an beiden Füssen, so doch an einem. Dabei ist
jenes von Herder betonte „Fremde“ immer stärker hervorgetreten;
vor
hundert Jahren hatte man es doch mehr nur geahnt; jetzt hat es sich
bethätigt
und bewährt, sich dem Unaufmerksamsten aufgedrängt. Von
idealen
Beweggründen bestimmt, öffnete der Indoeuropäer in
Freundschaft
die Thore: wie ein Feind stürzte der Jude hinein, stürmte
alle
Positionen und pflanzte — ich will nicht sagen auf den Trümmern,
doch
auf den Breschen unserer echten Eigenart die Fahne seines uns ewig
fremden
Wesens auf.
Sollen wir die Juden
darob schmähen? Das wäre ebenso unedel, wie unwürdig und
unvernünftig. Die Juden verdienen Bewunderung, denn sie haben mit
absoluter Sicherheit nach der Logik und Wahrheit ihrer Eigenart
gehandelt,
und nie hat die
—————
¹)
Bekehrung
der Juden. Abschnitt 7 der Unternehmungen des vergangenen
Jahrhunderts
zur Beförderung eines geistigen Reiches.
²)
Ideen
zur Geschichte der Menschheit, Th. III, Buch 12. Abt. 3.
383 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Humanitätsduselei (welche die
Juden
nur insofern mitmachten, als sie ihnen selber zum Vorteil gereichte)
sie
auch nur für einen Augenblick die Heiligkeit der physischen
Gesetze
vergessen lassen. Man sehe doch, mit welcher Meisterschaft sie
das
G e s e t z d e s B l u t e s zur
Ausbreitung
ihrer Herrschaft benutzen: der Hauptstock bleibt fleckenlos, kein
Tropfen
fremden Blutes dringt hinein; heisst es doch in der Thora: „kein
Bastard
soll in die Gemeinde Jahve's kommen, auch nicht nach zehn Generationen“
(Deuteronornium XXIII, 2); inzwischen werden aber Tausende von
Seitenzweiglein
abgeschnitten und zur Infizierung der Indoeuropäer mit
jüdischem
Blute benutzt. Ginge das ein paar Jahrhunderte so fort, es gäbe
dann
in Europa nur noch ein einziges rassenreines Volk, das der Juden, alles
Übrige wäre eine Herde pseudohebräischer Mestizen, und
zwar
ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes
Volk. Denn
selbst der grosse Judenfreund Ernest Renan gesteht: „Je suis le
premier
à reconnaître que la race sémitique,
comparée
à la race indo-européenne, représente
réellement
une combinaison inférieure de la nature humaine.“¹) Und
in einer seiner
325
besten, doch leider wenig bekannten
Schriften, sagt der selbe Gelehrte: „L'épouvantable
simplicité
de l'esprit sémitique rétrécit le cerveau humain,
le ferme à toute idée délicate, à tout
sentiment
fin, à toute recherche rationelle, pour le mettre en face d'une
éternelle tautologie: Dieu est Dieu“²); und er
führt
aus, für die Kultur gäbe es nur dann eine Zukunft,
—————
¹)
Histoire
générale et système comparé des langues
sémitiques,
5e éd., p. 4: „Ich gestehe aufrichtig, dass die semitische
Rasse,
verglichen mit der indo-europäischen, wirklich einen
minderwertigen
Typus der Menschheit darstellt.“ — Dass die Juden keine reinen Semiten,
sondern halbe Syrier sind (wie ich das gleich ausführen werde),
wird
an diesem Urteile wenig ändern.
²)
De
la Part des peuples sémitiques dans l'histoire de la
civilisation,
p. 39. „Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes
schnürt
das menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren
Gedankenfassung,
vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen Fragestellung, um
es der einen ewigen Tautologie gegenüberzustellen: Gott ist Gott.“
384 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
wenn die christliche Religion sich
immer
mehr „vom Geiste des Judentums entfernte“ und „das indoeuropäische
Genie“ auf allen Gebieten immer mehr zur Geltung käme. Jene
Vermischung
bedeutet also ganz ohne Zweifel eine Entartung: Entartung des Juden,
dessen
Charakter ein viel zu fremder, fester, starker ist, als dass er durch
germanisches
Blut aufgefrischt und veredelt werden könnte, Entartung des
Europäers,
der durch die Kreuzung mit einem „minderwertigen Typus“ — wofür
ich
lieber sagen möchte, mit einem so andersgearteten Typus —
natürlich
nur verlieren kann. Während die Vermischung vorgeht, bleibt aber
der
grosse Hauptstamm der reinen, unvermischten Juden unangetastet. Als
Napoleon,
zu Beginn des 19. Jahrhunderts, unzufrieden, dass die Juden, trotz
ihrer
Emanzipation, in hochmütiger Isolation verharrten, erzürnt,
dass
sie sein ganzes Elsass, obwohl nunmehr jede Laufbahn ihnen offen stand,
mit schändlichstem Wucher aufzufressen fortfuhren, an den Rat
ihrer
Ältesten ein Ultimatum sandte und die rückhaltlose
Verschmelzung
der Juden mit der übrigen Nation forderte, nahmen die Delegierten
der Juden Frankreichs alle ihnen vorgeschriebenen Artikel bis auf einen
an: den, der die unbeschränkte Ehe mit Christen bezweckte. Ihre
Töchter,
ja, die durften ausserhalb des israelitischen Volkes heiraten, ihre
Söhne
nicht; der Diktator Europas musste nachgeben.¹) Das ist jenes
bewunderungswürdige
Gesetz, durch welches das eigentliche Judentum begründet wurde.
Zwar
gestattet das Gesetz in seiner strengsten Fassung gar keine Ehe
326
zwischen Juden und Nichtjuden: im fünften
Buche Moses, VII, 3, lesen wir: „Eure Töchter sollt ihr nicht
geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen
euren
Söhnen“; doch wird im Allgemeinen nur auf die letzte Forderung
Gewicht
gelegt: z. B. im zweiten Buche Moses, XXXIV, 16 wird einzig den
Söhnen verboten, fremde Töchter zu nehmen, nicht den
Töchtern,
fremde Söhne, und in Nehemia (XIII) wird, nachdem
—————
¹)
Über dieses berühmte Synedrium und sein kasuistisches
Unterscheiden
zwischen religiösem und civilem Gesetz — eine Unterscheidung,
welche
weder Thora noch Talmud anerkennen — wäre erst im zweiten Buche
Näheres
zu berichten.
385 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
das beiderseitige Verbot erfolgt
ist,
doch nur die Ehe des S o h n e s mit einem
fremden
Weibe als „eine Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Das ist auch eine
vollkommen
richtige Auffassung. Durch die Ehe der Tochter mit einem Goy wird die
Reinheit
des jüdischen Stammes in keiner Weise alteriert, während
dieser
Stamm dadurch Fuss fasst im fremden Lager; wogegen die Ehe des Sohnes
mit
einer Goya „den heiligen Samen gemein macht“ (wie das Buch Esra IX,
2 sich drastisch ausdrückt).¹) Auch der etwaige
Übertritt
der betreffenden Goya zum Judentum würde nichts nützen: dem
älteren
Gesetz war der Begriff eines derartigen Übertritts mit Recht
vollkommen
fremd — handelt es sich doch um physische Verhältnisse der
Abstammung
— das neuere Gesetz sagt aber mit beneidenswerter Einsichtskraft:
„Proselyten
sind für das Judentum so schädlich, wie Geschwüre am
gesunden
Leibe.“²) So wurde und so wird noch heute die jüdische Rasse
rein erhalten: Töchter aus dem Hause Rothschild haben Barone,
Grafen,
Herzöge, Fürsten geheiratet, sie lassen sich ohne
Umstände
taufen; kein Sohn hat je eine Europäerin geehelicht; thäte er
es, er müsste aus dem Hause seiner Väter und aus der
Gemeinschaft
seines Volkes ausscheiden.³)
—————
¹)
In der neuen wortgetreuen Übersetzung des Professor Louis Segond
heisst
es: „d i e h e i l i g e R a s s
e
durch Vermischung mit fremden Völkern verunreinigt“; in der
Übersetzung
De Wette's lautet diese Stelle: „sie haben den heiligen Samen vermischt
mit den Völkern der Erde.“
²)
Aus dem Talmud, nach Döllinger: Vorträge, I, 237. An
einer
anderen Stelle nennt der Talmud die Proselyten eine „Last“ (siehe des
Juden
Philippson: Israelitische Religionslehre, 1861, II, 189).
³)
Wie rein die jüdische Rasse noch am heutigen Tage ist, hat
Virchow's
grosse anthropologische Untersuchung sämtlicher Schulkinder
Deutschlands
ergeben; hierüber berichtet Ranke, Der Mensch, 2. Aufl.,
II,
293: „Je reiner die Rasse, desto geringer ist die Zahl der Mischformen.
In dieser Hinsicht ist es gewiss eine sehr wichtige Thatsache, dass bei
den Juden die geringste Zahl der Mischlinge angetroffen wurde, woraus
sich
ihre entschiedene A b s o n d e r u n g a l
s
R a s s e den Germanen gegenüber, unter denen sie
wohnen,
auf das deutlichste zu erkennen giebt.“ — Inzwischen haben die
386 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Durch diese
Ausführungen
falle ich gewissermassen mit der Thür ins Haus; eigentlich
hätten
sie an eine spätere Stelle des
327
Buches hingehört; mir lag jedoch
daran, sofort und auf dem kürzesten Wege den Einwurf zu
entkräften
— der leider noch immer von manchen Seiten zu gewärtigen ist — es
existiere gar keine „jüdische Frage“, woraus dann weiter zu
folgern
wäre, der Eintritt der Juden in unsere Geschichte habe nichts zu
bedeuten.
Andere wiederum reden von R e l i g i o n: es
handle
sich, so sagen sie, lediglich um religiöse Differenzen. Wer das
sagt,
übersieht, dass es gar keine jüdische Religion gäbe,
wenn
keine jüdische Nation existierte. Die existiert aber. Die
jüdische
Nomokratie (d. h. Herrschaft des Gesetzes) vereinigt die Juden,
zerstreut
wie sie auch sein mögen durch alle Länder der Welt, zu einem
festen, einheitlichen, durchaus politischen Gebilde, in welchem die
Gemeinsamkeit
des Blutes die Gemeinsamkeit der Vergangenheit bezeugt und die
Gemeinsamkeit
der Zukunft verbürgt. Wenn auch manche Elemente nicht im engeren
Sinne
des Wortes reinjüdisch sind, so ist doch die Macht dieses Blutes,
verbunden mit der unvergleichlichen Macht der jüdischen Idee, so
gross,
dass diese fremden Bestandteile schon längst assimiliert wurden;
sind
doch fast zwei Jahrtausende vergangen seit der Zeit, wo die Juden ihre
vorübergehende Neigung zur Proselytenmacherei aufgaben. Freilich
muss
man, wie ich im vorigen Kapitel ausführte, zwischen Juden edler
und
Juden minder edler Abstammung unterscheiden; was aber die disparaten
Teile
aneinander kettet, ist (ausser der allmählichen Verschmelzung) die
zähe Existenz ihres nationalen Gedankens. Dieser Nationalgedanke
gipfelt
in der unerschütterlichen Hoffnung auf die von Jahve verheissene
Weltherrschaft
der Juden. Naive „Christgeborene“ (wie Auerbach sich in seiner
Lebensskizze
Spinoza's ausdrückt) wähnen, die Juden hätten jene
Hoffnung
aufgegeben,
—————
Messungen in Amerika,
nach dem American Anthropologist, Ed. IV, zu dem Ergebnis
geführt,
dass auch dort „sich die jüdische Rasse v o l l s t
ä
n d i g r e i n erhalten hat“ (citiert nach der
Politisch-Anthropologischen
Revue, 1904, März, S. 1003).
387 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
doch irren sie gewaltig; denn „die
Existenz
des Judentums ist
328
von der Festhaltung der Messiashoffnung
bedingt“, wie einer der sehr mässigen, liberalen unter ihnen
unlängst
schrieb.¹) Die ganze jüdische Religion ist ja auf diese
Hoffnung
gegründet. Der jüdische Gottesglaube, das, was man bei diesem
Volke „Religion“ nennen kann und auch darf (denn er ist die Quelle
einer
achtungswerten Moralität geworden) ist ein Teil dieses
Nationalgedankens,
nicht umgekehrt. Zu behaupten, es gebe eine jüdische Religion,
doch
keine jüdische Nation, heisst darum einfach Unsinn reden.²)
—————
¹)
S k r e i n k a : Entwickelungsgeschichte der
jüdischen
Dogmen, S. 75.
²)
Auf dem jüdischen Kongress, gehalten in Basel im Jahre 1898,
erklärte
Dr. Mandelstam, Professor an der Universität Kiew, in der
Hauptrede
der Sitzung vom 29. August, „dass die Juden d a
s
A u f g e h e n i n d i e ü b
r i g e n N a t i o n a l i t ä t e n m i
t a l l e r E n e r g i e z u r
ü
c k w e i s e n‚ und dass sie ihre historische Hoffnung (d.
h. also auf Weltherrschaft) festhalten“ (nach dem Bericht eines
Teilnehmers
am Kongress in der Pariser Zeitung Le Temps vom 2. September
1898).
Die Wiener Zeitungen vom 30. und 31. Juli 1901 berichten über eine
Rede, die der Wiener Rabbiner, Herr Dr. Leopold Kahn, in einem Saale
der
orthodoxen jüdischen Schule in Pressburg über den Zionismus
hielt.
In dieser Rede machte Dr. Kahn folgendes Geständnis: „Der Jude
wird
sich nie assimilieren können; er wird niemals die Sitten und
Gebräuche
anderer Völker annehmen. Der Jude bleibt Jude unter allen
Umständen.
Jede Assimilation ist nur eine rein äusserliche.“ Beherzigenswerte
Worte! In der Festschrift zum 70. Geburtstage A. Berliner's,
1903,
veröffentlicht ein Dr. B. Felsenthal eine Reihe Jüdischer
Thesen, in denen er mit aller Energie die These verficht, das
Judentum
sei e i n V o l k , n i c h
t
e i n e R e l i g i o n. „Das Judentum ist ein
besonderer Stamm, und jeder Jude wird in diesen Stamm hineingeboren.“
Dieser
Stamm ist nach ihm „eins der ethnisch reinsten Völker, die es
überhaupt
giebt.“ Felsenthal berechnet, dass von Theodosius an bis zum Jahre 1800
„vielleicht noch keine 300 Nichtsemiten in das jüdische Volk
aufgenommen
wurden“, und charakteristisch ist es, dass er den Proselyten das Recht
bestreitet, sich als Vollblutjuden zu betrachten. „Das jüdische
Volk,
der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das notwendige
Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein
diesem
Kern Anhaftendes, Eigenschaftliches — ein Accidens,
388 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Der Eintritt der
Juden in die abendländische Geschichte bedeutet also ohne Frage
den
Eintritt eines bestimmten, von allen europäischen Völkern
durchaus
verschiedenen, ihnen gewissermassen gegensätzlichen Elements,
eines
Elements, welches, während die Nationen Europas die
verschiedensten
Phasen durchmachten, sich wesentlich gleichblieb; welches im Verlaufe
einer
oft harten und grausamen Geschichte niemals die Schwäche hatte,
auf
Verbrüderungsvorschläge einzugehen, sondern im Besitze seiner
nationalen Idee, seiner nationalen Vergangenheit, seiner nationalen
Zukunft,
die Berührung mit anderen Menschen wie eine Verunreinigung empfand
und noch heute empfindet; welches, Dank der Sicherheit des Instinktes,
die aus strenger Einheitlichkeit des Nationalempfindens entspringt, es
stets vermochte, auf Andere tiefgreifenden Einfluss auszuüben,
wogegen
die Juden selber von unserer geistigen und kulturellen Entwickelung nur
hauttief berührt wurden. Um diese höchst eigentümliche
Situation
vom Standpunkt des Europäers aus zu kennzeichnen, müssen wir
mit Herder wiederholen: das Volk der Juden ist und bleibt ein unserem
Weltteil
f r e m d e s Volk; vom Standpunkt des Juden aus
erhält
die selbe Erkenntnis eine etwas abweichende Formulierung; wir wissen
aus
einem früheren Kapitel, wie der grosse freisinnige Philosoph Philo
sie fasste: „einzig die Israeliten sind Menschen im wahren Sinne des
Wortes.“¹)
Was der Jude hier im intoleranten Ton des Rassenhochmuts vorbringt,
genau
das selbe hat unser grosser Goethe in liebenswürdigerer Weise
ausge-
329
sprochen, indem er eine Gemeinsamkeit
der Abstammung zwischen den Juden und den Indoeuropäern, und legte
man sie noch so weit zurück, in Abrede stellt: „Dem
auserwählten
Volke wollen wir die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs
streitig
machen. Wir andere aber hatten gewiss auch andere Urväter.“²)
—————
wie es in der
philosophischen
Schulsprache genannt wird.“ (Ich citiere nach dem Sonderabdruck,
Berlin,
bei Itzkowski).
¹)
Siehe
S. 223.
²)
Eckermann's
Gespräche, 7. Oktober 1828. Das selbe hatte Giordano Bruno
gelehrt,
welcher behauptete, einzig die Juden stammten von Adam und Eva ab, die
übrigen Menschen von einer weit älteren Rasse (siehe
Lo spaccio
della bestia trionfante).
389 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Das
„fremde Volk“
Aus diesen
Erwägungen
ergiebt sich für uns die Berechtigung und die Verpflichtung, den
Juden
als ein besonderes und zwar als ein fremdes Element in unserer Mitte zu
erkennen. Äusserlich erbte er das selbe wie wir; innerlich erbte
er
einen grundverschiedenen Geist. Ein einziger Zug genügt, um die
gähnende
Kluft, welche hier Seele von Seele scheidet, in fast erschreckender
Weise
dem Bewusstsein zu enthüllen: die Erscheinung Christi ist für
den Juden ohne Bedeutung! Ich rede hier gar nicht von frommer
Rechtgläubigkeit.
Man lese aber z. B. bei dem offenkundigen Freidenker Diderot die
wundervollen
Worte über den Gekreuzigten, man sehe, wie Diderot den Menschen in
seinem höchsten Leid sich an den Göttlichen wenden und die
christliche
Religion als die einzige der Welt empfinden lässt. „Quelle
profonde
sagesse il y a dans ce que l'aveugle philosophie appelle la folie de la
croix! Dans l'état où j'étais, de quoi m'aurait
servi
l'image d'un législateur heureux et comblé de gloire? Je
voyais l'innocent, le flanc percé, le front couronné
d'épines,
les mains et les pieds percés de clous, et expirant dans les
souffrances;
et je me disais: Voilà mon Dieu, et j'ose me plaindre!“ Eine
förmliche Bibliothek jüdischer Bücher habe ich
durchgesucht
in der Erwartung, ähnliche Worte zu finden — nicht den Glauben an
die Gottheit Christi natürlich, auch nicht den Begriff der
Erlösung,
sondern das rein menschliche Gefühl für die Bedeutung eines
leidenden
Heilands, doch vergebens. Ein Jude, der das fühlt, ist eben kein
Jude
mehr, sondern ein Verneiner des Judentums. Und während wir sogar
in
Mohammed's Koran mindestens eine Ahnung von der Bedeutung
Christi
und eine tiefe Ehrfurcht vor seiner Erscheinung finden, nennt ein
kultivierter,
führender Jude des 19. Jahrhunderts Christus: „d i
e
N e u g e b u r t m i t d e r T o t
e n m a s k e“, die dem jüdischen Volke neue und
schmerzliche
Wunden geschlagen habe; etwas Anderes vermag er in ihm nicht zu
erblicken.¹)
Er versichert
330
uns beim Anblick des Kreuzes: „Die Juden
brauchen gar nicht diese krampfhafte Erschütterung zur inneren
Besserung“,
und
—————
¹)
Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 591.
390 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
lügt hinzu: „namentlich nicht
in
den mittleren Klassen der Städtebewohner“. Weiter reicht das
Verständnis
nicht. In einer im Jahre 1880 neu verlegten (!) Schrift eines
spanischen
Juden (Mose de Leon) wird Jesus Christus ein „t o t e
r
H u n d“ genannt, „der in einem Düngerhaufen begraben“
liege. Ausserdem haben die Juden gerade in den letzten Jahrzehnten des
19. Säculums für mehrere Ausgaben (natürlich in
hebräischer
Sprache) der sogenannten „Censurstellen“ aus dem Talmud
gesorgt,
nämlich jener sonst ausgelassenen Stellen, in denen Christus als
„Narr“,
als „Zauberer“, als „Gottloser“, als „Götzendiener“, als „Hund“,
als
„Bastard“, als „Kind der Wollust“, als „Hurensohn“ u. s. w. dem Hohn
und
dem Hass preisgegeben und empfohlen wird; seine erhabene Mutter
desgleichen.¹)
Wir thun den Juden gewiss kein Unrecht, wenn wir sagen, dass ihnen die
Erscheinung Christi einfach ein Unbegreifliches und ein Ärgernis
ist.
Obwohl sie scheinbar aus ihrer Mitte hervorging, verkörpert sie
dennoch
die Verleugnung ihres ganzen Wesens — wofür die Juden ein viel
feineres
Gefühl haben als wir. Diese Veranschaulichung der tiefen Kluft,
welche
uns Europäer vom Juden scheidet, gebe ich durchaus nicht, um das
Schwergewicht
auf den gefährlichen Boden religiöser Voreingenommenheit
hinüberzuwälzen,
sondern weil mich dünkt, dass das Gewahrwerden zweier so
grundverschiedener
Gemütsanlagen einen wahren Abgrund aufdeckt; es thut gut, einmal in
—————
¹)
Siehe Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 2 fg. (Schriften des
Institutum Judaicum in Berlin, Nr. 10; im Anhange sind die
hebräischen
Urtexte mitgeteilt). Dieser durchaus unparteiische, judenfreundliche
Gelehrte
bezeugt: „Der Hass und Hohn der Juden warf sich zunächst immer auf
die Person Jesu selbst“ (S. 25). „Der Jesushass der Juden ist eine
feststehende
Thatsache, nur wollen sie ihn möglichst wenig zur Schau gestellt
wissen“
(S. 3). Den Hass gegen Jesus bezeichnet der selbe Gelehrte als „den
nationalsten
Zug des Judentums“ (S. 86); er sagt: „bei Annäherung des
Christentums
erfasste je und je die Juden ein an W a h n s i n
n
s t r e i f e n d e r Zorn und Hass“ (S. 72). Noch heute
darf
kein gläubiger Jude den Namen Christi mündlich oder
schriftlich
aussprechen (S. 3 und 32); die üblichsten Kryptonymen
sind
„d e r Bastard“ oder „d e r
Hurensohn“
oder „d e r Gehenkte“, häufig auch
„Bileam“.
391 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
diesen Abgrund hinunterzuschauen,
damit
man nicht an anderen Orten, wo scheinbare Annäherung stattfindet,
das tief Trennende übersehe.
Aber noch eine
weitere
Erwägung muss sich uns aus dem Gewahrwerden dieser Trennung
ergeben.
Der Jude versteht uns
331
nicht, das ist sicher; können wir
hoffen, ihn zu verstehen, ihm gerecht zu werden? Vielleicht, wenn wir
ihm
nämlich in der That geistig und moralisch überlegen sind, wie
Renan an der vorhin angeführten Stelle
behauptete,
und wie andere, vielleicht zuverlässigere Gelehrte ebenfalls
gemeint
haben.¹) Wir müssten ihn aber dann wirklich auch von der
Höhe
unserer Überlegenheit aus beurteilen, nicht aus den Niederungen
des
Hasses und des Aberglaubens, noch weniger aus den Sümpfen des
Missverständnisses,
in denen unsere Religionslehrer seit 2000 Jahren herumwaten. Dem Juden
Gedanken zuschreiben, die er niemals gedacht, ihn als den Träger
der
grossartigsten religiösen Intuitionen verherrlichen, die ihm
ferner
als vielleicht irgend welchen Menschen auf Erden lagen und im
allerbesten
Falle nur hier und dort als ein Schrei der Empörung gegen die
besondere
Gemütshärte dieses Volkes in dem Herzen Vereinzelter sich
regten
— und ihn dann dafür verdammen, dass er heute so ganz anders ist,
als er nach diesen Erdichtungen sein sollte, das ist doch offenbar
ungerecht.
Es ist nicht allein ungerecht, sondern für das öffentliche
Gefühl
bedauerlich irreleitend; denn durch das Verhältnis zu unserem
religiösen
Leben, welches wir dem Juden angedichtet haben, erscheint sein Haupt in
einer Art Glorienschein, und wir sind dann höchlich empört,
wenn
aus dieser auréole postiche kein Heiliger uns
entgegentritt.
Wir stellen höhere Ansprüche an den Juden als an uns selber,
blosse Heidensöhne. Da ist doch das jüdische Zeugnis ganz
anders
zutreffend; es
—————
¹)
Siehe namentlich die berühmte Stelle in Lassen's: Indische
Altertumskunde,
wo der grosse Orientalist seine Überzeugung, dass die
indoeuropäische
Rasse „höher und vollständiger begabt“, dass in ihr allein
„das
harmonische Gleichmass aller Seelenkräfte“ ausgebildet sei,
ausführlich
begründet (I, 414, Ausgabe des Jahres 1847).
392 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
spannt die Erwartungen so wenig
hoch,
dass wir über jeden edlen Zug, den wir später entdecken,
über
jede Erklärung, die wir für jüdische Gebrechen finden,
uns
aufrichtig freuen. Jahve zum Beispiel wird nicht müde zu
erklären:
„Ich sehe, dass dies Volk ein halsstarriges Volk ist“,¹) und
Jeremia
giebt von der moralischen Beschaffenheit der Juden eine
Charakterisierung,
wie sie Monsieur Edouard Drumont nicht farbenreicher wünschen
könnte:
„Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres Wort; sie
fleissigen
sich darauf, wie Einer den Anderen betrüge, und ist ihnen leid,
dass
sie es nicht ärger machen können“.²) Kein
332
Wunder, nach dieser Schilderung, dass
Jeremia die Juden „einen frechen Haufen“ nennt und nur eine Sehnsucht
kennt:
„Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste! so wollte
ich
mein Volk verlassen und von ihnen ziehen!“ Für die unglaubliche
Unwissenheit
über die Natur des Juden, die unter uns herrscht, sind wir also
allein
verantwortlich; nie hat ein Volk ein so umfassendes, aufrichtiges Bild
seiner Persönlichkeit gegeben wie der Hebräer in seiner
Bibel,
ein Bild, welches (so weit ich nach Bruchstücken urteilen darf)
durch
den Talmud, wenn auch in verblasster Manier, noch ergänzt wird.
Ohne
also in Abrede zu stellen, wie schwer es uns — „von anderen
Urvätern
Abgestammten“ — fallen muss, das „fremde, asiatische Volk“ richtig zu
beurteilen,
müssen wir doch einsehen, dass die Juden von jeher alles
Mögliche
thaten, um dem Unvoreingenommenen Aufschluss über sich zu geben,
ein
Umstand, welcher wohl zu der Hoffnung berechtigt, grundlegende
Einsichten
über ihr Wesen gewinnen zu können. — Eigentlich müssten
die Vorgänge, die sich unter unseren Augen abspielen, zu besagtem
Zwecke genügen. Ist es möglich, täglich Zeitungen zu
lesen,
ohne jüdische Sinnesart, jüdischen Geschmack, jüdische
Moral,
jüdische Ziele kennen zu lernen? Ein paar Jahrgänge der Archives
israélites belehren ja mehr als eine ganze antisemitische
Bibliothek,
und zwar durchaus nicht bloss über die minder angenehmen, sondern
auch über
—————
¹)
2
Moses XXXII, 9, XXXIV, 9, 5 Moses IX, 13 u. s. w.
²)
IX, 5.
393 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
die vortrefflichen
Charakterzüge
der Juden. Doch hier, in diesem Kapitel, will ich die Gegenwart nicht
heranziehen.
Sollen wir uns ein sachliches, vollgültiges Urteil darüber
bilden,
was der Jude als Miterbe und als Mitarbeiter im neunzehnten Jahrhundert
zu bedeuten hatte, so müssen wir vor allen Dingen uns darüber
klar werden, was er i s t. Aus dem, was ein
Mensch
von Natur ist, folgt mit strenger Notwendigkeit, was er unter gegebenen
Bedingungen thun wird; der Philosoph sagt: operari sequitur esse;
ein altes deutsches Sprichwort drückt das selbe gemütlicher
aus:
„Nur was ein Mensch ist, kann man aus ihm herauskriegen.“
Historische
Vogelschau
Reine Historie
führt
nun hier weder schnell noch sicher zum Ziel, ausserdem kann es nicht
meine
Aufgabe sein, eine Geschichte der Juden zu bieten. Wie in anderen
Kapiteln
so auch hier perhorresziere ich das Abschreiben. Jedermann weiss ja,
wie
und wann die Juden in die abendländische Geschichte eintraten:
erst
durch die Diaspora, dann durch die Zerstreuung. Ihr wechselndes
Schicksal
in verschiedenen Ländern und Zeiten
333
ist ebenfalls bekannt, wenn man auch
freilich Manches weiss, was absolut unwahr ist, und Manches nicht
weiss,
was zu wissen not thäte. Keinem brauche ich aber erst mitzuteilen,
dass durch die christlichen Jahrhunderte hindurch die Juden eine, wenn
auch manchmal eng beschränkte, so doch wichtige Rolle spielten.
Schon
in den frühesten westgotischen Zeiten verstanden sie es, als
Sklavenhändler
und Geldvermittler sich Einfluss und Macht zu verschaffen. Waren sie
auch
nicht allerorten, wie bei den spanischen Mauren, mächtige
Staatsminister,
die, dem Beispiel Mardochai's folgend, die einträglichsten
Ämter
mit „der Menge ihrer Brüder“ füllten, brachten sie es auch
nicht
überall, wie im katholischen Spanien, zum Bischof und
Erzbischof,¹)
so war doch ihr Einfluss überall und immer ein grosser. Schon die
Baben-
—————
¹)
Siehe das Buch des Juden David Mocatta: Die Juden in Spanien und
Portugal
(deutsch von Kayserling 1878), wo ausführlich erzählt wird,
wie
in Spanien, „Geschlechter und Geschlechter von g e h e i m
e n J u d e n lebten, vermischt mit allen
Klassen
der Gesellschaft, im Besitze jeder Stellung im Staate u n
d
b e s o n d e r s i n d e r K i r c
h e“!
394 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
berg'schen Fürsten des 13.
Jahrhunderts
gaben ihren Nachfolgern das Beispiel, die Finanzen des Landes von Juden
verwalten zu lassen und diese Verwalter durch Ehrentitel
auszuzeichnen;¹)
der grosse Papst Innocenz III. vergab wichtige Stellen in seinem
Hofstaate
an Juden;²) die Ritter Frankreichs mussten Gut und Habe an die
Juden
verpfänden, um an den Kreuzzügen teilnehmen zu
können;³)
Rudolph von Habsburg begünstigte die Juden in jeder Weise, er
„vindizierte
sie als Knechte seiner kaiserlichen Kammer“, und indem er sie der
gewöhnlichen
Gerichtsbarkeit entzog, machte er es sehr schwer, eine Klage gegen
einen
Juden überhaupt durchzuführen;4)
kurz: das, was ich den Eintritt der Juden in unsere europäische
Geschichte
nenne, hat nicht aufgehört, zu jeder Zeit und an jedem Orte sich
fühlbar
zu machen. Wer befähigt wäre, Geschichte mit dem einen Zweck
zu studieren, den jüdischen Einfluss genau zu entwirren,
würde,
glaube ich, unerwartete Ergebnisse zu Tage fördern. Ohne
Detailforschung
können wir diesen Einfluss nur dort deutlich und unzweifelhaft
feststellen,
wo die Juden in grösserer Zahl vorhanden waren. Im 2. Jahrhundert
z. B. sind die Juden auf der Insel Cypern in der Mehrzahl; sie
beschliessen,
einen Nationalstaat zu gründen, und befolgen zu diesem Zweck das
aus
dem Alten Testament bekannte
334
Verfahren: sie erschlagen an einem Tage
die sämtlichen übrigen Bewohner, 240 000 an der Zahl; und
damit
dieser Inselstaat nicht ohne einen sichern Rückhalt auf dem
Festland
bleibe, erschlagen sie zugleich die 220 000 nicht-jüdischen
Bewohner
der Stadt Cyrene.5) In Spanien
verfolgen
sie den selben Zweck mit grösserer Vorsicht und erstaunlicher
Beharrlichkeit.
Gerade unter der Regierung desjenigen Westgotenkönigs, der sie mit
Wohlthaten überhäuft hatte, rufen sie die stammverwandten
Araber
aus Afrika herüber; ohne Hass, nur weil sie dabei zu profitieren
hoffen,
—————
¹)
Graetz: a. a. O. II, 563.
²)
Israel Abrahams: Jewish Life in the Middle Ages.
³)
André Réville: Les Payans au Moyen-Age, 1896, p.
3.
4)
Siehe u. A. Realis: Die Juden und die Judenstadt in Wien, 1846,
S. 18 u. s. w.
5)
Mommsen: Römische Geschichte, V, 543.
395 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
verraten sie ihren edlen
Beschützer;
unter den Kalifen bekommen sie dann nach und nach einen immer
grösseren
Anteil an der Regierung; „sie konzentrierten“, schreibt der durchaus
judenfreundliche
Geschichtsschreiber Heman, „sowohl die geistigen als die materiellen
Kräfte
vollständig in ihrer Hand“; dabei ging allerdings der
blühende
maurische Staat geistig und materiell zu Grunde, was aber den Juden
gleichgültig
war, da sie inzwischen im christlichen Staat der Spanier, berufen den
maurischen
zu ersetzen, eben so festen Fuss gefasst hatten. „Der bewegliche
Reichtum
des Landes lag hier ganz in ihren Händen; der Grundbesitz kam
immer
mehr in die selben Hände durch Wucher und Aufkauf der
verschuldeten
Adelsgüter. Vom Staatssekretär und finanzminister ab waren
alle
Beamtungen, die mit Steuer und Geldsachen zu thun hatten, in
jüdischen
Händen. Durch Wucher war ihnen fast ganz Aragonien
verpfändet.
In den Städten bildeten sie die Majorität der begüterten
Bevölkerung.“¹) Ganz schlau waren sie aber, wie immer, auch
dort
nicht; ihre Macht hatten sie benutzt, um sich allerhand Privilegien zu
erwirken, so z. B. genügte der Eid eines einzigen Juden, um
Schuldforderungen
gegen Christen zu beweisen (wie übrigens im Erzherzogtum
Österreich
und vielerorten), während das Zeugnis eines Christen vor Gericht
gegen
einen Juden nichts galt, und anderes dergleichen; diese Privilegien
missbrauchten
sie in so massloser Weise, dass endlich das Volk sich erhob. Nicht
unähnlich
wäre es in Deutschland ergangen, hätten nicht die Kirche und
einsichtige Staatsmänner bei Zeiten dem Übel gesteuert. Karl
der Grosse hatte sich Juden für die Verwaltung seiner Finanzen aus
Italien verschrieben; bald sicherten sie sich allerorten als
335
Steuerpächter Reichtum und Einfluss
und benutzten diese, um für ihre Nation wichtige Vorrechte
auszumachen:
Handelsprivilegien, geringeres Strafmass bei Verbrechen u. s. w., ja,
man
zwang die gesamte Bevölkerung, ihre Märkte auf den Sonntag
—————
¹)
Heman: Die historische Weltstellung der Juden, 1882, S. 24 fg.
—
Für eine anders gefärbte Darstellung, die aber im
Thatsächlichen
vollkommen übereinstimmt, siehe Graetz: Volksth. Gesch. d.
Juden
II, 344 fg.
396 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
zu verlegen, weil der bisher
übliche
Samstag den Juden ihres Sabbats wegen unangenehm war; es gehörte
damals
zum höfischen bon ton, die Synagogen zu besuchen! Doch
hier
trat die Reaktion ziemlich bald ein und kräftig, und zwar durchaus
nicht allein, wie es die Historiker meistens darzustellen belieben, als
Folge pfäffischen Aufhetzens — solche Erscheinungen gehören
zur
Schale, nicht zum Kern der Geschichte — sondern in erster Reihe darum,
weil der Germane eben so sehr ein geborener Industrieller und Kaufmann,
wie ein geborener Krieger ist, und er daher, sobald mit der
Städtebildung
diese Instinkte in ihm wach wurden, dem unlauteren Wettbewerber in sein
Spiel sah und voll heftiger Empörung seine Entfernung forderte.
Und
so liesse sich, wenn das der Zweck dieses Kapitels wäre, Flut und
Ebbe des jüdischen Einflusses bis heute herab verfolgen, wo alle
Kriege
des 19. Jahrhunderts in so eigentümlichem Konnex mit
jüdischen
Finanzoperationen stehen, von Napoleon's russischem Feldzug und Nathan
Rothschild's Zuschauerrolle bei der Schlacht von Waterloo an bis zu der
Zuziehung der Herren Bleichröder deutscherseits und Alphonse
Rothschild
französischerseits zu den Friedensverhandlungen des Jahres 1871
und
bis zur „Commune“, welche von Anfang an allen Einsichtigen eine
jüdisch-napoleonistische
Machination dünkte.
Consensus
ingeniorum
Dieser
politisch-soziale
Einfluss der Juden wurde nun sehr verschieden beurteilt, doch von den
grössten
Politikern zu allen Zeiten für verderblich gehalten. Cicero z. B.
(wenn auch kein grösster Politiker, so doch ein erfahrener
Staatsmann)
legt eine wahre Furcht vor den Juden an den Tag; wo eine gerichtliche
Verhandlung
ihre Interessen berührt, redet er so leise, dass die Richter
allein
ihn hören, denn er weiss, sagt er, wie alle Juden zusammenhalten
und
wie sie den zu verderben verstehen, der sich ihnen entgegenstellt;
sonst,
gegen Griechen, gegen Römer, gegen die mächtigsten
Männer
seiner Zeit donnert er die ärgsten Beschuldigungen, den Juden
gegenüber
rät er Vorsicht, sie sind ihm eine unheimliche Macht, und mit
möglichster
Hast gleitet er hinweg über jene Hauptstadt „des Argwohns und der
Verleumdung“, Jerusalem: so urteilte ein Cicero unter dem Konsulat eines
397 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Julius Caesar!¹) Kaiser
Tiberius,
nach manchen Geschichts-
336
schreibern der tüchtigste
Herrscher,
den das römische Imperium besessen, erkannte in der Immigration
der
Juden (also ebenfalls schon vor der Zerstörung Jerusalems!)
eine
n a t i o n a l e Gefahr; Friedrich II., der Hohenstaufe,
gewiss
einer der genialsten Menschen, die je die Krone getragen und das
Schwert
geführt haben, ein freier denkender Mann als irgend ein Monarch
des
19. Jahrhunderts, ein begeisterter Bewunderer des Morgenlandes und
generöser
Unterstützer hebräischer Gelehrten, hielt es dennoch für
angezeigt (entgegen der Sitte seiner Zeitgenossen), die Juden von allen
öffentlichen Ämtern auszuschliessen, und wies warnend darauf
hin, dass, wo man auch den Juden zur Gewalt zulässt, er sie
missbraucht;
genau das selbe lehrte der andere grosse Friedrich II., der
Hohenzoller,
der jede Freiheit gewährte, nur nicht die der Juden; nicht
unähnlich
hat Fürst Bismarck, als er noch offen reden durfte, sich im
Landtag
(1847) geäussert, und der grosse Geschichtsforscher Mommsen
spricht
vom Judentum als von einem „Staat im Staate“. — Was speziell den
sozialen
Einfluss betrifft, so will ich mich begnügen, zwei weise, gerechte
Männer anzuführen, deren Urteil selbst den Juden nicht
verdächtig
sein kann, Herder und Goethe. Der Erste behauptet: „Ein Ministerium,
bei
dem der Jude Alles gilt, eine Haushaltung, in der ein Jude die
Schlüssel
zur Garderobe oder der ganzen Kasse des Hauses führt, ein
Departement
oder Kommissariat, in welchem die Juden die Hauptgeschäfte treiben
— — sind unauszutrocknende pontinische Sümpfe“; und er meint, die
Gegenwart einer unbestimmten Menge Juden sei für einen
europäischen
Staat so verderblich, dass man sich „nicht durch allgemeine
menschenfreundliche
Grundsätze leiten lassen dürfe“, sondern es handle sich um
eine
S t a a t s f r a g e, und es sei Pflicht eines jeden
Staates,
festzustellen: „wie viele von diesem fremden Volke dürfen ohne
Nachteil
der Eingeborenen geduldet werden“.²) Goethe geht noch tiefer: „Wie
sollten wir dem Juden den Anteil an der höchsten Kultur
—————
¹)
Siehe die Verteidigung des Lucius Flaccus, Abschn. XXVIII.
²)
Adrastea:
Bekehrung der Juden.
398 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
vergönnen, deren Ursprung und
Herkommen
er verleugnet?“ Und er gerät in „leidenschaftlichen Zorn“, als das
Gesetz des Jahres 1823 die Heirat zwischen Juden und Deutschen
gestattet,
er prophezeit „die schlimmsten und grellsten Folgen“, namentlich die
„Untergrabung
aller sittlichen Gefühle“, und vermutet, die Bestechung durch den
„allmächtigen Rothschild“ müsse dieser „Albernheit“ zu Grunde
liegen.¹) Goethe und Herder urteilen also genau so wie der grosse
Hohenstaufe, wie der grosse Hohenzoller, und wie alle grossen
Männer
vor und nach ihnen: ohne in abergläubischer Weise dem
jüdischen
Volke seine Eigenart zum Vorwurf zu machen, halten sie es für eine
thatsächliche Gefahr für u n s e r e
Civilisation und für u n s e r e Kultur;
sie
würden
337
ihm einen thätigen Anteil daran
nicht vergönnen. Über einen derartigen consensus
ingeniorum
kann man doch nicht so ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen.
Denn
allen diesen wohlerwogenen, ernsten, aus der Fülle der Erfahrung
und
dem Scharfblick der bedeutendsten Geister hervorgegangenen Urteilen hat
man weiter nichts entgegenzustellen, als die hohlen Phrasen der droits
de l'homme — eines parlamentarischen Wisches.²)
—————
¹)
Wilhelm
Meister's Wanderjahre, Buch III, Kap. 11 und Gespräch mit von
Müller vom 23. 9. 1823.
²)
Ich habe meine Citate mit Absicht beschränkt. Doch kann ich mich
nicht
enthalten, mindestens in einer Anmerkung den grossen Voltaire gegen die
jetzt so ziemlich allerorten eingebürgerte Fabel in Schutz zu
nehmen,
als habe er so überaus günstig und „humanitär“ flach,
wie
unsere Zeit es wünschen möchte, über den Einfluss der
Juden
auf unsere Kultur geurteilt. Selbst Juden von so umfassender Bildung
wie
ein James Darmesteter (Peuple Juif, 2. éd. p. 17) drucken
den Namen Voltaire in fetten Buchstaben und stellen ihn als einen der
geistigen
Urheber ihrer Emanzipation dar. Das Gegenteil ist wahr; mehr als einmal
rät Voltaire, man solle die Juden nach Palästina
zurückschicken.
Voltaire gehört zu den Autoren, die ich am besten kenne, weil ich
die kurzweiligen Bücher den langweiligen vorziehe, und ich glaube,
ich könnte leicht hundert Citate aggressivster Art gegen die Juden
zusammenstellen. In dem Aufsatz des Dictionnaire Philosophique
(Ende
von section I) sagt er: „Vous ne trouverez dans les Juifs
qu'un
peuple ignorant et barbare, qui joint depuis longtemps la plus sordide
avarice à la plus détestable superstition et à la
plus invincible haine pour tous les
338
399
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Fürsten
und Adel
Andererseits ist
es sicher und muss wohl beachtet werden, dass, wenn die Juden die
Verantwortung
für manche grauenhafte
—————
peuples qui les
tolèrent
et qui les enrichissent.“ In Dieu et les hommes (ch. X)
nennt
er die Juden: „la plus haïssable et la plus honteuse des
petites
nations“. Mehr kann man wirklich kaum verlangen, um über seine
Meinung ins Klare zu kommen! Doch diese Meinung sollte umso mehr
Gewicht
haben, als gerade Voltaire in vielen und umfangreichen Schriften sich
eingehend
mit jüdischer Geschichte und mit dem Studium des jüdischen
Charakters
abgegeben hat (so eingehend, dass der als „oberflächlicher
Dilettant“
Verrufene heutzutage gelegentlich von einem Fachgelehrten ersten Ranges
wie Wellhausen citiert wird). Und so ist es beachtenswert, wenn er
schreibt
(Essai sur les Moeurs, ch. XLII): „La nation juive ose
étaler
une haine irréconciliable contre toutes les nations, elle se
révolte
contre tous ses maîtres; toujours superstitieuse, toujours avide
du bien d'autrui, toujours barbare, — rampante dans le malheur, et
insolente
dans la prospérité“. Auch über die geistigen
Anlagen
der Juden urteilt er kurz und apodiktisch; er behauptet: „Les Juifs
n'ont jamais rien inventé“ (La défense de mon
oncle,
ch. VII), und in dem Essai sur les Moeurs führt er in
mehreren
Kapiteln aus, die Juden hätten stets von anderen Nationen gelernt,
niemals aber selber die anderen etwas gelehrt; selbst ihre Musik, sonst
allgemein gelobt, kann Voltaire nicht ausstehen: „Retournez en
Judée
le plus tôt que vous pourrez — — — vous y exécuteriez
à
plaisir dans votre détestable jargon votre détestable
musique“
(6me lettre du Dictionnaire). Diese eigentümliche geistige
Sterilität der Juden erklärt er an anderen Orten durch die
unmässige
Gier nach Gold: „L'argent fut l'objet de leur conduite dans tous
les
temps“ (Dieu et les hommes, XXIX). An hundert Stellen
spottet
Voltaire über die Juden, z. B. in
Zadig (ch. X), wo der Jude
einen feierlichen Dank zu Gott emporsendet für einen gelungenen
Betrug;
die beissendste Satire auf das Judentum, die es überhaupt giebt,
ist
ohne Frage die Schrift Un Chrétien contre six Juifs. Und
doch haftete allen diesen Äusserungen eine gewisse Reserve an, da
sie für die Veröffentlichung bestimmt waren; wogegen Voltaire
in einem Brief an den Chevalier de Lisle vom 15. Dezember 1773 (also an
seinem Lebensende, nicht in der Hitze der Jugend) seine Meinung ohne
Zurückhaltung
aussprechen durfte: „Que ces déprépucé
d'Israël
se disent de la tribu de Nephthali ou d'Issachar, cela est fort peu
important;
ils n'en sont pas moins les plus grand gueux qui aient jamais
souillé
la face du globe“. — Man sieht, der feurige Franzose urteilt
über
die Juden wie nur irgend ein fanatischer Bischof; er unterscheidet sich
höchstens durch den Zusatz, den er hin
400 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
historische Entwickelung, für
den
Verfall mancher heldenmütiger, kraftstrotzender Völker
trifft,
diese Verantwortung noch schwerer auf den Häuptern jener
Europäer
lastet, welche die zersetzende Thätigkeit der Juden aus den
schnödesten
Gründen stets ermutigt, beschützt, gefördert haben, und
das sind in erster Reihe die Fürsten und der Adel — und zwar von
dem
ersten Säculum unserer Zeitrechnung an bis zum heutigen Tage. Man
schlage die Geschichte welches europäischen Volkes man will auf,
überall
wird man, sobald die Juden zahlreich sind und sich „zu fühlen“
beginnen,
bittere Klagen aus dem Volk, aus dem Kaufmannsstand, aus den Kreisen
der
Gelehrten und der dichterischen Seher gegen sie erheben hören, und
immer und überall sind es die Fürsten und der Adel, welche
sie
beschützen: die Fürsten, weil sie Geld zu ihren Kriegen
brauchen,
der Adel, weil er leichtsinnig lebt. Von Wilhelm dem Eroberer z. B.
erzählt
Edmund Burke,¹) dass, da die Einkommen aus „talliage“ und
aus
allerhand anderen drückenden
339
Steuern ihm nicht genügten, er
von Zeit zu Zeit den Juden ihre Schuldscheine entweder konfiszierte
oder
für ein Spottgeld abzwang, wodurch dann, da fast der gesamte
anglo-normännische
Adel des 11. Jahrhunderts in den Händen der jüdischen
Wucherer
lag, der
—————
und wieder seinen
heftigsten
Ausfällen anhängt „Il ne faut pourtant pas les
brûler.“
Ein fernerer Unterschied liegt in der Thatsache, dass es ein humaner,
toleranter
und gelehrter Mann ist, der dieses überaus scharfe Urteil
fällt.
Doch wie erklärt man das Vorhandensein einer so erbarmungslos
einseitigen,
jede Hoffnung ausschliessenden Gesinnung bei einem so liberal denkenden
Manne, einer Gesinnung, die in ihrer Masslosigkeit unvorteilhaft von
den
oben angeführten Worten der deutschen Weisen absticht? Hier
könnte
unsere Zeit viel lernen, wenn sie es wollte! Denn man sieht, dass
diesem
gallischen Drang nach Gleichheit und Freiheit nicht die Liebe zur
Gerechtigkeit,
nicht die Achtung vor der Individualität zu Grunde liegt; und man
darf weiter folgern: nicht aus Prinzipien ergiebt sich
Verständnis,
nicht aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit die Möglichkeit, in
würdevollem
Frieden nebeneinander zu leben, sondern einzig die rücksichtslose
Anerkennung des Trennenden der eigenen Art und der eigenen Interessen
kann
gerecht machen gegen fremde Art und fremde Interessen.
¹)
An
Abridgment of English History, book III., ch. 2.
401 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
König selber der erbarmungslos
strenge Gläubiger seiner hervorragendsten Unterthanen wurde. Dabei
beschützte er zugleich die Juden und verlieh ihnen Privilegien
aller
Art. Dieses eine Beispiel stehe für Tausende und
Abertausende.¹)
Haben also die Juden einen grossen und historisch verderblichen
Einfluss
ausgeübt, so ist es nicht zum Wenigsten Dank der Komplizität
jener beiden Elemente, die in geradezu niederträchtiger Weise die
Juden zugleich verfolgten und ausnutzten. Und zwar dauert dies bis
hinab
ins 19. Jahrhundert: Graf Mirabeau steht schon vor der Revolution mit
den
Juden in engster Fühlung,²) Fürst Talleyrand verficht in
der Constituante ihre unbedingte Emanzipation gegen die Vertreter aus
den
bürgerlichen Ständen, Napoleon beschirmt sie, als nach so
wenigen
Jahren schon aus ganz Frankreich klagende Bitten um Schutz gegen sie
bei
der Regierung eingereicht werden, und zwar thut er es, obwohl er selber
im Staatsrate ausgerufen hatte: „Heuschrecken und Raupen sind diese
Juden,
sie fressen mein Frankreich auf!“ — er brauchte eben ihr Geld;
Fürst
Dalberg verkauft den Frankfurter Juden, der gesamten Bürgerschaft
—————
¹)
Der berühmte Nationalökonom Dr. W. Cunningham vergleicht in
seinem
Buche The
Growth of English industry and commerce during the early
and
middle ages (3. Aufl., 1896, S. 201) die Wirksamkeit der Juden
in
England
vom 10. Jahrhundert an mit einem S c h w a m m
e,
der alle Wohlhabenbeit des Landes aufsaugt und dadurch jede
wirtschaftliche
Entfaltung hintanhält. Interessant ist daselbst der Nachweis, dass
schon zu jenen frühen Zeiten die Gesetzgebung sich alle Mühe
gab, die Juden zu der Annahme anständiger Gewerbe und ehrlicher
Arbeit
zu veranlassen, und dadurch zugleich zur Amalgamierung mit der
übrigen
Bevölkerung, doch alles ohne Erfolg.
²)
Über Mirabeau's Beeinflussung durch „die klugen Weiber aus der
Judenschaft“
(wie Gentz sagt) und seine Zugehörigkeit zu wesentlich
jüdischen
geheimen Verbindungen siehe, ausser Graetz: Volkst. Geschichte der
Juden
(III, 600, 610 fg.), ganz besonders l'Abbé Lémann: L'entrée
des Israélites dans la société française,
Buch III, Kap. 7; als konvertierter Jude versteht dieser Autor, was
andere
nicht verstehen, und zugleich sagt er, was die jüdischen Autoren
verschweigen.
Vor Allem wichtig dürfte bei Mirabeau die Thatsache sein, dass er
von Jugend auf stark verschuldet an die Juden war (Carlyle: Essay
on
Mirabeau).
402 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
zum Trotz, die vollen
Bürgerrechte
für eine halbe Million Gulden (1811), die Hardenbergs und die
Metternichs
lassen sich beim Wiener Kongress vom Bankhaus Rothschild umgarnen, und,
entgegen den Stimmen sämtlicher Bundesvertreter, verfechten sie
340
den Nachteil der Deutschen und den
Vorteil
der Juden und setzen schliesslich ihren Willen durch, ja, die beiden
durch
sie vertretenen konservativsten Staaten sind die ersten, welche
diejenigen
Mitglieder des „fremden, asiatischen Volkes“, die in den Jahren der
allgemeinen
Not und des Jammers auf unsauberem Wege zu ungeheueren Reichtümern
gelangt waren, in den erblichen Adelstand erheben, was ehrlichen und
verdienten
Juden nie geschehen war.¹) Waren also die Juden für uns eine
verderbliche Nachbarschaft, so fordert doch die Gerechtigkeit das
Geständnis,
dass sie nach der Natur ihrer Instinkte und ihrer Gaben handelten,
wobei
sie zugleich ein wahrhaft bewunderungswürdiges Beispiel der Treue
gegen sich selbst, gegen die eigene Nation, gegen den Glauben der
Väter
gaben; die Versucher und die Verräter waren nicht sie, sondern
wir.
Wir selber waren die verbrecherischen Helfershelfer der Juden, das war
so und ist noch heute so; und wir selber übten Verrat an dem, was
der erbärmlichste Bewohner des Ghetto heilig hielt, an der
Reinheit
des ererbten Blutes: auch das war schon früher so, und ist so
heute
mehr denn je. Einzig die christliche Kirche scheint unter den grossen
Mächten
im Ganzen gerecht und weise gehandelt zu haben (wobei man
natürlich
von jenen Bischöfen absehen muss, die eigentlich weltliche
Fürsten
waren, sowie von einzelnen Päpsten). Die Kirche hat die Juden im
Zaum
gehalten, sie als fremde Menschen behandelt, zugleich aber sie vor
Verfolgung
geschützt. Jede anscheinend „kirchliche“ Verfolgung wurzelt in
Wahrheit
in unerträglich gewordenen ökonomischen Zuständen;
nirgends
sieht
—————
¹)
Übrigens ist dies eine alte Gepflogenheit der Fürsten, die
nicht
den Juden allein zu Gute kommt; schon Martin Luther muss berichten:
„Die
Fürsten lassen die Diebe hängen, die einen Gulden oder einen
halben gestohlen haben, und handthieren mit denen, die alle Welt
berauben
und stehlen mehr, denn alle Andern“ (Von Kaufhandlung und Wucher).
403 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
man das deutlicher als in Spanien.
Heute,
wo die öffentliche Meinung so arg irregeleitet wird, indem die
Juden
ihre unversöhnliche Feindschaft vor allem gegen jede Erscheinung
des
christlichen Glaubens bethätigen, mag es gut sein, daran zu
erinnern,
dass die letzte Handlung der vorbereitenden Versammlung jenes ersten in
unseren Zeiten zusammenberufenen Synedriums des Jahres 1807 eine
spontane
Kundgebung des Dankes an die Geistlichen der verschiedenen christlichen
Kirchen war für ihren durch Jahrhunderte gewährten
Schutz.¹)
341
Innere Berührung
Doch genug dieser
flüchtigen historischen Fragmente. Sie zeigen, dass „der Eintritt
der Juden“ auf den Gang der europäischen Geschichte seit dem 1.
Jahrhundert
einen nicht geringen und einen nach manchen Richtungen hin gewiss
verhängnisvollen
Einfluss ausgeübt hat. Damit ist aber über den Juden selber
noch
wenig ausgesagt; dass der nordamerikanische Indianer an dem Kontakt des
Indoeuropäers ausstirbt, beweist noch nicht, dass letzterer ein
schlechter,
verderbnisvoller Mensch sei: dass der Jude uns schadet oder nützt,
ist eine zu vielseitig bedingte Aussage, um ein sicheres Urteil
über
sein Wesen zu gestatten. Überhaupt steht der Jude seit 19
Jahrhunderten
nicht bloss in
—————
¹)
Diogène Tama: Collection des actes de l'Assemblée des
Israélites de France et du royaume d'ltalie (Paris 1807. p.
327, 328; der Verfasser ist Jude und war Sekretär des Abgesandten
der Juden der Bouches-du-Rhône, M. Constantini). Nach einer
ausführlichen
Begründung schliesst das betr. Dokument: „Les
députés
israélites arrêtent: Que l'expression de ces sentiments
sera
consignée dans le procès-verbal de ce jour pour qu'elle
demeure
à jamais comme un témoignage authentique de la gratitude
des Israélites de cette Assemblée pour les bienfaits que
les générations qui les ont précédés
ont reçus des ecclésiastiques des divers pays d'Europe.“
Eingebracht
wurde der Antrag von M. Isaac Samuel Avigdor, Vertreter der Juden in
den
Alpes-Maritimes. Tama setzt hinzu, die Rede des Avigdor sei mit Beifall
aufgenommen und ihre Aufnahme in extenso ins Protokoll
beschlossen
worden. — Die heutigen jüdischen Historiker melden kein Wort von
dieser
wichtigen Begebenheit. Nicht allein Graetz übergeht sie mit
Stillschweigen,
sondern auch Bédarride: Les Juifs en France (1859),
trotzdem
er sich den Anschein giebt, als berichte er ausführlich
protokollarisch.
404 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ä u s s e r e r
Beziehung
mit unserer Kultur als mehr oder weniger willkommener Hospitant,
sondern
auch in i n n e r e r Berührung. Wie Kant
mit Recht bemerkt, ist die Erhaltung des Judentums in erster Reihe das
Werk des Christentums.¹) Aus seiner Mitte — wenn auch nicht aus
seinem
Stamm und seinem Geist — ging Jesus Christus, gingen die frühesten
Bekenner der christlichen Religion hervor. Jüdische Geschichte,
jüdische
Vorstellungen jüdisches Denken und Dichten wurden zu wichtigen
Bestandteilen
unseres seelischen Lebens. Es geht wohl doch nicht an, jene
äussere
Reibung von dieser inneren Durchdringung ganz zu trennen. Hätten
wir
den Juden nicht feierlich zu unserem Ohm ernannt, er wäre bei uns
ebensowenig heimisch geworden wie der Sarazene, oder wie jene
übrigen
Wracke halbsemitischer Völkerschaften, welche nur durch
bedingungsloses
Aufgehen in den Nationen Südeuropas ihr Leben — doch nicht ihre
Individualität
— retteten. Der Jude dagegen war ein gefeites Wesen; mochte er auch hin
und wieder auf den Scheiterhaufen geschleppt werden, die blosse
Thatsache,
dass er Jesum Christum gekreuzigt hatte, umgab ihn mit einem
feierlichen,
Furcht erregenden Nimbus. Und während das Volk auf diese Weise
fasciniert
wurde,
342
studierten die Gelehrten und heiligen
Männer Tag und Nacht in den Büchern der Hebräer: von den
Aussprüchen jüdischer Hirten, wie Amos und Micha, getroffen,
fielen die Denkmäler einer Kunst, wie sie die Welt nie wieder
erblickt
hat; vor dem Hohn jüdischer Priester sank die Wissenschaft
verachtet
dahin; entvölkert wurden Olymp und Walhall, weil es die Juden so
wollten;
Jahve, der zu den Israeliten gesprochen hatte: „Ihr seid mein Volk und
ich bin euer Gott“, wurde nun der Gott der Indoeuropäer; von den
Juden
übernahmen wir die verhängnisvolle Lehre von der unbedingten
religiösen Intoleranz. Zugleich aber übernahmen wir sehr
grosse
erhabene Seelenregungen; wir gingen bei Propheten in die Lehre, welche
eine so herbe, reine Moral predigten, wie ihresgleichen nur noch auf
dem
fernen Boden Indiens zu finden gewesen wäre; wir lernten einen so
lebendigen, Leben gestalten-
—————
¹)
Die
Religion, allg. Anm. zum 3. Stück.
405 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
den Glauben an eine höhere
göttliche
Macht kennen, dass er notwendigerweise unsere Seele umgestalten und ihr
eine neue Richtung geben musste. War auch Christus der grosse
Baumeister,
die Architektur entlehnten wir von den Juden. Jesaia, Jeremia, die
Psalmisten
wurden und sind noch lebendige Kräfte in unsrem seelischen Leben.
Wer
ist der Jude?
Heute nun, wo diese
innere Berührung schwächer zu werden beginnt, während
jene
früher genannte äussere Reibung täglich zunimmt, heute,
wo wir der jüdischen Nähe gar nicht mehr ausweichen
können,
darf es uns nicht genügen zu wissen, dass fast alle hervorragenden
und freien Männer, von Tiberius an bis zu Bismarck, die Gegenwart
des Juden in unserer Mitte als eine politisch-soziale Gefahr betrachtet
haben, sondern wir müssen im Stande sein, auf Grundlage
ausreichender
Sachkenntnis selber bestimmte Urteile zu fällen und darnach zu
handeln.
Man hat „Antisemitenkatechismen“ herausgegeben, in denen Hunderte von
Aussagen
bekannter Männer gesammelt sind; abgesehen davon aber, dass
mancher
Spruch, aus dem Zusammenhang gerissen, nicht ganz redlich die Absicht
des
Verfassers wiedergiebt, und dass aus manchen anderen ignorantes,
blindes
Vorurteil spricht, ist doch offenbar ein eigenes Urteil mehr wert, als
zweihundert nachgeplapperte, und ich wüsste nicht, wie wir zu
einem
kompetenten Urteil gelangen könnten, wenn wir nicht einen
höheren
Standpunkt einnehmen lernen als den der bloss politischen Betrachtung,
auch wüsste ich nicht, wie dieser Standpunkt gewonnen werden
könnte
auf einem anderen Boden, als auf dem der Geschichte, nicht aber unserer
modernen Geschichte — denn hier Wären wir Richter und Partei
zugleich
— sondern der Geschichte
343
von dem Werden des jüdischen
Volkes.
Dokumente liegen in Hülle und Fülle vor; gerade im 19.
Jahrhundert
sind sie durch die hingebende Arbeit gelehrter Männer — zumeist
Deutscher,
doch auch hervorragender Franzosen, Holländer und Engländer —
geprüft, kritisch gesichtet und historisch klassifiziert worden;
viel
bleibt noch zu thun, doch ist schon genug geschehen, damit wir eines
der
merkwürdigsten Blätter menschlicher Historie im Grossen und
Ganzen
deutlich und sicher überblicken können.
406 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Dieser Jude, der so ewig
unveränderlich,
so beharrlich, wie Goethe sagt, erscheint, er ist doch g e
w o r d e n, langsam geworden, ja, „künstlich“
geworden.
Sicherlich wird er auch, wie alles Gewordene, vergehen. Schon das
bringt
ihn uns menschlich näher. Was ein „Semit“ ist, das vermag kein
Mensch
zu sagen. Vor hundert Jahren glaubte es die Wissenschaft zu wissen:
Semiten
waren die Söhne Sem's; jetzt wird die Antwort immer unbestimmter;
man hatte gewähnt, das sprachliche Kriterium sei entscheidend: ein
gewaltiger Irrtum! Zwar bleibt der Begriff „Semit“ unentbehrlich, weil
durch ihn ein vielseitiger Komplex historischer Erscheinungen in seiner
Zusammengehörigkeit bezeichnet wird; es fehlt jedoch jede feste
Grenzlinie;
an der Peripherie schmilzt diese ethnographische Vorstellung mit
anderen
zusammen. Schliesslich bleibt der „Semit“ als Begriff einer Urrasse,
gleichwie
der „Arier“, einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht
verständigen
könnte, die man sich aber wohl hüten muss für bare
Münze
zu halten. Die wirkliche bare Münze sind dagegen jene empirisch
gegebenen,
historisch gewordenen nationalen Individualitäten, von denen ich
im
vorigen Kapitel gesprochen habe, solche Individualitäten wie z. B.
die Juden. Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird
erzeugt:
physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von
Inzucht;
psychisch durch den Einfluss, welchen lang anhaltende,
historisch-geographische
Bedingungen auf jene besondere, spezifische, physiologische Anlage
ausüben.¹)
Wollen wir also (und das, meine ich, muss die Hauptaufgabe dieses
Kapitels
sein) den Juden fragen: w e r b i s
t
d u ? so müssen wir zuerst erforschen, ob dieser so scharf
ausgeprägten
Individualität nicht eine Blutmischung zu Grunde liegt, und sodann
— wenn das Resultat ein bejahendes ist — verfolgen, wie die hierdurch
entstandene
eigenartige Seele sich immer weiter differenzierte. Wie nirgends an-
344
derswo kann man gerade beim Juden diesen
Vorgang verfolgen; denn die gesamte jüdische Nationalgeschichte
gleicht
einem fortwährenden Ausscheidungsverfahren; der Charakter des
jüdischen
—————
¹)
Vergl. S. 288. (Betreffs
des
Semiten siehe auch S. 349.)
407 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Volkes wird immer individueller,
immer
ausgesprochener, immer einfacher: zuletzt bleibt gewissermassen vom
ganzen
Wesen nur das mittlere Knochengerüst übrig: die langsam
gereifte
Frucht wird ihrer flaumigen, farbigen Hülle, ihres saftigen
Fleisches
beraubt, denn diese könnten von aussen befleckt und angefressen
werden:
einzig der steinigte K e r n besteht weiter,
zwar
verschrumpft und dürr, der Zeit aber trotzend. Doch, wie gesagt,
das
war nicht immer so. Was aus den heiligen Büchern der Hebräer
in die christliche Religion übergegangen ist, stammt nicht aus
diesem
Greisenalter des eigentlichen Judentums, sondern teils aus der Jugend
des
viel weiteren, phantasievolleren „israelitischen“ Volkes, teils aus dem
Mannesalter des kaum erst von Israel getrennten, noch nicht von den
übrigen
Nationen der Erde hochmütig sich scheidenden Judäers. Der
Jude,
den wir jetzt kennen und am Werke sehen, ist erst nach und nach Jude
geworden;
nicht jedoch, wie die historische Lüge noch immer zu behaupten
beliebt,
im Laufe des christlichen Mittelalters, sondern auf nationalem Boden,
im
Verlaufe seiner selbständigen Geschichte; sein Schicksal schuf
sich
der Jude selber; in Jerusalem stand der erste Ghetto, die hohe Mauer,
welche
den Rechtgläubigen und Rechtgeborenen von den Goyim schied, diesen
den Eintritt in die eigentliche Stadt verwehrend. Weder Jakob, noch
Salomo,
noch Jesaia würden in Rabbi Akiba (dem grossen Schriftgelehrten
des
Talmud) ihren Enkel erkennen, geschweige ihren Urenkel in Baron Hirsch
oder dem Diamanten-Barnato.¹)
—————
¹)
Für die messianische Zeit war der Traum der späteren Juden
(im
Gegensatz zu den freier denkenden Israeliten früherer
Jahrhunderte),
den Fremden den Eintritt in Jerusalem überhaupt zu verwehren; man
schlage nur Joel III, 22 nach; und da dieser sehr späte
Prophet
-— aus der hellenischen Zeit — zugleich sagt, Gott Werde ewig in
Jerusalem
und nur in Jerusalem wohnen, so bedeutet jenes Verbot das Ausschliessen
aller Völker von Gottes Gegenwart. Das war die Toleranz der Juden!
— Dass die meisten Rabbiner alle Nichtjuden vom Anteil an einer
zukünftigen
Welt ausschlossen, andere sie nur als eine verachtete Menge dort
duldeten
(siehe Traktat Gittin fol. 57a des Babylonischen Talmud, und
Weber,
System
der altsynagogalen palästinischen Theologie, S. 372, nach
Laible),
ist
408 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Versuchen wir
also,
uns auf dem kurzen Wege möglichster Vereinfachung die wesentlichen
Züge dieser eigenartigen Volks-
345
seele, wie sie nach und nach immer
schärfere
und einseitigere Ausprägung gewannen, deutlich vorzuführen.
Der
Gelehrsamkeit bedarf es keineswegs; denn auf die Frage: wer bist du?
erteilt,
wie schon bemerkt, der Jude selber und gleichfalls sein Vorahne, der
Israelit,
von jeher die klarste Antwort; dazu kommt dann die Summe
wissenschaftlicher
Arbeit, von Ewald bis Wellhausen und Ramsay, von De Wette und Reuss bis
Duhm und Cheyne; wir haben nur das Facit zu ziehen, wie es der
praktische
Mann braucht, der, inmitten des brausenden Weltgetriebes, sein Urteil
auf
bestimmte Einsichten will gründen können.
Nur noch zwei, rein
methodische Bemerkungen. Da früher, namentlich in dem Kapitel
über die Erscheinung Christi, schon eingehend von den Juden
die
Rede war und dieses Thema voraussichtlich später wieder auftauchen
wird, so durfte sich der Verfasser hier auf die Kernfrage
beschränken
und im Übrigen für manche Ausführung auf bereits
Gesagtes
oder später zu Sagendes verweisen. Was andrerseits die benutzten
Autoren
anbelangt, so war es nicht zu umgehen, dass ausser der Bibel und
einigen
eingehend studierten neueren jüdischen Schriftstellern auch viele
nichtjüdische Gelehrte zu Rate gezogen wurden; für die
Kenntnis
der Propheten und für die richtige Auffassung geschichtlicher
Vorgänge
war das unentbehrlich; jedoch sind diese Gelehrten, selbst die
freisinnigsten
unter ihnen, lauter Männer, welche für das jüdische Volk
— mindestens in seiner früheren Gestalt — eine grosse, vielleicht
übertriebene Bewunderung an den Tag legen, und welche alle geneigt
sind, dieses Volk als ein in irgend einem Sinne religiös
„auserwähltes“
zu betrachten. Dagegen blieben ausgesprochene Antisemiten
grundsätzlich
unberücksichtigt; es geschah im Interesse der Darstellung.
—————
schliesslich nur
logisch;
was dagegen komisch wirkt, ist die Behauptung der heutigen Juden, ihre
Religion sei „die Religion der Humanität“!
409 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Gliederung
der Untersuchung
Über einen
Gegenstand,
der mir ausserordentlich wichtig dünkt, hat die Wissenschaft der
letzten
Jahre viel Licht verbreitet, nämlich über die A n
t h r o p o g e n i e der Israeliten, d. h. über die
physische
Entstehungsgeschichte dieser besonderen nationalen Rasse. Freilich
giebt
es hier wie überall eine ewig unerforschliche Vergangenheit, und
ohne
Zweifel wird auch Manches, was kühne Archäologen eigentlich
mehr
mit den Fühlhörnern ihres wunderbar geübten Instinktes
abgetastet
und erraten, als mit ihren Augen zur Evidenz erschaut haben, durch
neuere
Forschungen und Entdeckungen noch weitgehende Korrekturen erfahren. Doch
346
das gilt uns hier gleich. Das Wichtige
und das, was eine feste Errungenschaft der Geschichte ausmacht, ist:
erstens,
dass das israelitische Volk das Produkt vielfältiger Mischungen
darstellt,
und zwar nicht Mischungen zwischen verwandten Typen (wie etwa die alten
Griechen oder die heutigen Engländer), sondern zwischen physisch
und
moralisch durchaus von einander abweichenden Typen; zweitens, dass echt
semitisches Blut (wenn dieser Notbegriff überhaupt einen Sinn
behalten
soll) wohl kaum die Hälfte dieses Gemenges ausmacht. Das sind
sichere
Ergebnisse der exakten anatomischen Anthropologie und der
Geschichtsforschung,
zweier Wissenszweige, welche sich hier gegenseitig helfend die Hand
reichen.
Eine dritte Einsicht ergänzt die genannten; wir verdanken sie den
kritischen Bemühungen der biblischen Archäologie, durch
welche
in die höchst verwickelte Chronologie der aus den verschiedensten
Jahrhunderten stammenden und dann ganz willkürlich, doch nicht
planlos,
zusammengestellten Schriften des Alten Testamentes endlich Licht
gebracht
worden ist: diese belehren uns, dass der eigentliche J u d
e nicht mit dem Israeliten im weiteren Sinne des Wortes zu
identifizieren ist, dass das Haus Juda schon bei der Ansiedlung in
Palästina
sich von dem (die übrigen Stämme umfassenden) Hause Joseph
durch
Blutmischung und Anlage in etlichen Punkten unterschied, und zwar so,
dass
der Judäer zum Josephiten in einer Art geistiger Abhängigkeit
stand, und dass er erst relativ sehr spät, nach der gewaltsamen
Absonderung
von seinen Brüdern, eigene Wege — die Wege, die zum Judentum
führten
— zu wandeln begann,
410 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
welche ihn dann bald durch seine zum
religiösen Prinzip erhobene Inzucht von der ganzen Welt
isolierten.
Der Jude kann insofern ein Israelit genannt werden, als er ein
Schössling
aus jener Familie ist; der Israelit dagegen, auch der aus dem Stamme
Juda,
war zunächst kein Jude, sondern der Jude begann erst dann zu
entstehen,
als die kräftigeren Stämme des Nordens durch die Assyrer
vernichtet
worden waren. Um zu erfahren, wer der Jude ist, haben wir also
zunächst
festzustellen, wer der Israelit war, und sodann erst nachzufragen, wie
der Israelit des Stammes Juda (und Benjamin) zum Juden wurde. Und da
ist
Vorsicht im Gebrauch der Quellen nötig. Erst n a c
h
der babylonischen Gefangenschaft künstelte man nämlich den
spezifisch
jüdischen Charakter in die Bibel hinein, indem ganze Bücher
erfunden
und dem Moses zugeschrieben wurden, und indem häufig Vers für
Vers Interpolationen und Korrekturen die freiere Anschauung Altisraels
verwischten und durch den engen jerusalemitischen Jahvekultus
347
ersetzten, als habe dieser von jeher
in Folge göttlicher Satzung bestanden. Dies hat das
Verständnis
des allmählichen und durchaus menschlich-historischen Werdeganges
des jüdischen Nationalcharakters lange verdunkelt. Nun endlich ist
es auf diesem Gebiete ebenfalls hell geworden. Und auch hier
können
wir sagen: wir halten eine dauernde Errungenschaft wissenschaftlicher
Forschung
in der Hand. Ob spätere Untersuchungen diesen und jenen Satz des
Hexateuchs,
den man heute der „jahvistischen“ Abfassung zuschreibt, als der
„elohistischen“,
oder als dem spätesten „Redaktor“ angehörig nachweist, ob ein
bestimmter Spruch von dem wirklichen Jesaia oder von dem sogenannten
Deuterojesaia
herrührt, das hat alles seine Wichtigkeit, wird aber niemals etwas
an der Erkenntnis ändern, dass das eigentliche Judentum mit seinem
besonderen Jahveglauben und seiner ausschliesslichen Herrschaft des
priesterlichen
Gesetzes das Ergebnis einer nachweisbaren und höchst
eigentümlichen,
historischen Verkettung und des Eingreifens einzelner zielbewusster
Männer
ist.
Diese drei Thatsachen
sind zunächst für jede Erkenntnis jüdischen Wesens
grundlegend;
sie dürfen nicht der Besitz einer gelehrten Minderheit bleiben,
sondern
müssen dem Bewusstsein
411 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
aller Gebildeten einverleibt werden.
Ich wiederhole sie in präciserer Fassung:
- Das israelitische Volk ist aus
der
Kreuzung
durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen;
- das semitische Element mag wohl
moralisch
das kräftigere gewesen sein, physisch jedoch trug es kaum die
Hälfte
zur Zusammensetzung der neuen ethnologischen Individualität bei;
es
geht also nicht an, die Israeliten kurzweg „Semiten“ zu nennen, sondern
die Beteiligung der verschiedenen Menschentypen an der Bildung der
israelitischen
Rasse erfordert eine quantitative und qualitative Analyse;
- der eigentliche J u
d
e
entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche
physische
Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch
progressive
Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümmerung
anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens,
sondern
gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine
Priesterkaste,
welche dem widerstrebenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine
priesterliche
Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben aufzwang.
Hierdurch ist die
Gliederung
für die folgende Darstellung gegeben. Ich werde zunächst die
Geschichte und die Anthropologie
348
befragen, damit wir erfahren,
aus
w e l c h e n R a s s e n die neue
israelitische
Rasse (als Grundlage der jüdischen) hervorging; sodann wird die
Beteiligung
dieser verschiedenen Menschentypen in ihrer physischen und namentlich
in
ihrer moralischen Bedeutung analysiert werden müssen, wobei unser
Augenmerk sich natürlich ganz besonders auf die Auffassung
der
R e l i g i o n bei ihnen richten wird, da die Grundlage
des
Judentums der von ihm gelehrte Glaube ist und wir den Juden weder in
der
Geschichte noch heute in unserer Mitte richtig beurteilen können,
wenn wir über seine Religion nicht vollständig im Klaren
sind;
zuletzt werde ich zu zeigen versuchen, wie unter dem Einfluss
merkwürdiger
historischer Begebenheiten das spezifische J u -
412 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
d e n t u m g e g r
ü
n d e t und dauernd in seiner besonderen unvergleichlichen
Eigenart befestigt werde. Hiermit dürfte die Aufgabe dieses
Kapitels,
wie ich sie vorhin präcisierte, erledigt sein; denn die
jüdische
Rasse — wenn sie auch zu gewissen Zeiten später manches fremde
Element
aufnahm — blieb im Ganzen so rein wie sonst keine zweite, und die
jüdische
Nation ist von allem Anfang an eine wesentlich „ideale“ gewesen, d. h.
sie bestand in dem Glauben an eine bestimmte Nationalidee, nicht in dem
Besitz eines eigenen freien Staates, noch in dem gemeinschaftlichen
Zusammenleben
und -wirken auf dessen Boden, und diese Idee ist die selbe heute wie
vor
2000 Jahren. Rasse und Ideal machen aber zusammen die
Persönlichkeit
des Menschen aus; sie beantworten die Frage: wer bist du?
Entstehung
des Israeliten
Die Israeliten¹)
sind aus der Kreuzung zwischen drei (vielleicht sogar vier)
verschiedenen
Menschentypen hervorgegangen: dem semitischen Typus, dem syrischen
(richtiger
gesagt hethitischen) und dem indoeuropäischen (möglicher
Weise
floss auch turanisches oder, wie man in Deutschland es häufiger
nennt,
sumero-akkadisches Blut in den Adern ihrer Urväter).
Damit dem Leser ganz
klar werde, wie diese Mischung stattfand, muss ich eine flüchtige
historische Skizze vorausschicken; sie soll nur dazu dienen, das
Gedächtnis
für allbekannte Thatsachen aufzufrischen und das Verständnis
der Entstehungsgeschichte der jüdischen Rasse anzubahnen.
349
Ist auch der Begriff
„Semit“, insofern man darin eine von Uranfang existierende, reine,
autonome
Rasse, gleichsam eine besondere Schöpfung Gottes erblicken will,
gewiss
ein pures Gedankending, so steht es doch um diesen Begriff besser als
um
den
—————
¹)
Und nicht sie allein, sondern ihre Stammesgenossen, die Ammoniter, die
Moabiter und die Edomiter, die mit ihnen zusammen die Familie
der
H e b r ä e r ausmachen, ein Name, welcher mit Unrecht
den Israeliten allein oder gar den blossen Juden beigelegt zu werden
pflegt
(siehe Wellhausen: Israelitische
und jüdische Geschichte,
3.
Ausg. S. 7); zu derselben Familie gehören ebenfalls die Midianiter
und die Ismaeliter (Maspero: Histoire ancienne, éd.
1895,
II. 65).
413 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
des „Ariers“, denn es lebt noch
heute,
unter unseren Augen, ein Volk, welches angeblich den reinen,
ungetrübten
Typus des Ursemiten darstellt: der Wüstenbeduin Arabiens.¹)
Lassen
wir den luftigen Ursemiten und halten wir uns an den Beduinen in
Fleisch
und Blut. Man nimmt an, und man hat guten Grund zu dieser Annahme, dass
schon etliche Jahrtausende vor Christus Menschen, den heutigen
Wüstenbeduinen
äusserst ähnlich, in einem fast ununterbrochenen Flusse von
Arabien
nach Osten und Norden in das Zweistromland auswanderten. Arabien ist
gesund,
daher vermehrt sich seine Bevölkerung; sein Boden ist
äusserst
arm, daher muss ein Teil seiner Einwohner an anderem Orte seine Nahrung
suchen. Es scheint, als wären diese Exodien bisweilen von grossen
bewaffneten Mengen unternommen worden: der angestaute
Menschenüberfluss
wurde in solchen Fällen mit unüberwindlicher Macht aus der
Heimat
hinausgeschleudert und fiel erobernd in die benachbarten Länder
ein;
in anderen Fällen dagegen wanderten einzelne Sippen mit ihren
Herden
so friedlich wie möglich über die nirgends genau bestimmte
Grenze
von einem Weideplatz zum andern: bogen sie nicht, wie manche von ihnen
thaten, bald nach Westen ab, so konnte es geschehen, dass sie bis an
den
Euphrat gelangten und, nach und nach, dem Strome folgend, bis hoch in
den
Norden hinauf. Von der vorerwähnten gewaltsamen Art, sich des
Überschusses
der Bevölkerung zu entladen, kennen wir denkwürdige Beispiele
aus historischen Zeiten
—————
¹)
Dies scheint einstimmig von allen Autoren behauptet zu werden,
Burkhardt
habe ich im weiteren Verlaufe des Kapitels angeführt. Hier will
ich
mich einzig auf eine neuere und allseitig anerkannte Autorität
berufen:
William Robertson Smith. In seinem Religion of the Semites (ed.
1894, S. 8) sagt er: „Es kann als sicher angenommen werden, dass die
Araber
der Wüste seit unvordenklichen Zeiten eine ungemischte Rasse
bilden.“
Zugleich macht der selbe Autor darauf aufmerksam, wie unzulässig
es
sei, die Babylonier, Phönicier u. s. w. kurzweg als „Semiten“ zu
bezeichnen,
da zunächst lediglich die Verwandtschaft der Sprachen feststehe,
alle
diese sogenannten „semitischen Nationen“ aber aus einer starken
Blutmischung
hervorgegangen seien.
350
414
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
(unter den Römern und nach
Mohammed);¹)
das Werk einer gleichfalls durch grosse Massen bewirkten, doch
friedlicheren
Semitisierung erblicken wir in den grossen Kulturstaaten zwischen
Tigris
und Euphrat. Dort nämlich, wo, wie im Babylonischen Akkadien, die
Semiten einer fertigen, starken, wehrhaften Kulturwelt begegneten,
überwanden
sie sie dadurch, dass sie mit ihr verschmolzen, ein Vorgang, den man
jetzt
für Babylonien fast Schritt für Schritt verfolgen
kann.²)
Dagegen wanderten die Beni Israel als einfache Hirten in kleinen
Gruppen
aus und mussten, um ihren Viehstand zu behaupten, jedem kriegerischen
Unternehmen,
für das ihre kleine Zahl sie ohnehin untüchtig gemacht
hätte,
sorglich ausweichen.³) — Natürlich giebt uns der biblische
Bericht
über die frühesten Wanderungen dieser Beduinenfamilie nur den
matten Widerschein uralter mündlicher Traditionen, dazu vielfach
gefälscht
durch die Missverständnisse, Theorien und Absichten der
spätgeborenen
Skribenten; doch hat man keinen Grund, die Richtigkeit der allgemeinen
Angaben zu bezweifeln, und zwar um so weniger, als sie nichts
Unwahrscheinliches
enthalten. Freilich ist alles in starker Verkürzung gesehen: ganze
—————
¹)
Das letzte Beispiel bot uns das Ende des 19. Jahrhunderts, wo die
Araber,
die von jeher nicht allein nach Norden und Osten, sondern ebenfalls
nach
Westen und Süden ausgezogen waren, einen grossen Teil Innerafrikas
gänzlich verwüsteten. Immense Reiche, die im Jahre 1880 dicht
bevölkert und über und über bebaut waren, sind
inzwischen
eine Wüstenei geworden. Von einem einzigen Araberhäuptling
behauptet
Stanley, er habe ein Gebiet von 2000 Quadratmeilen verwüstet!
(Siehe
die Bücher von Stanley, Wissmann, Hinde u. s. w. und die kurze
Zusammenfassung
in Ratzel: Völkerkunde, 2. Aufl., II, 430. Vergl. auch
oben
das Kapitel „Römisches Recht“, S. 140 Anm.).
²)
Über den verschwundenen Menschentypus der Akkadier oder Sumerier,
der Schöpfer der grossartigen Babylonischen Kultur, und über
ihre allmähliche Semitisierung siehe Hommel, Sayce, Budge, Maspero.
³)
Zur Ergänzung und Berichtigung des Folgenden vergl. man das
höchst
interessante und empfehlenswerte Büchlein von Carl Steuernagel: Die
Einwanderung der israelitischen Stämme in Kanaan, Berlin, 1901.
415 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Familien sind zu einer einzigen
Person
verschmolzen (ein allgemeiner semitischer Brauch, „desgleichen es nur
bei
den Semiten giebt“, sagt Wellhausen); andere angebliche Vorahnen sind
einfach
die Namen der Ortschaften, in deren Nähe sich die Israeliten lange
Zeit aufgehalten hatten; Bewegungen, welche das Leben mehrerer
Geschlechter
in Anspruch nahmen, werden von einem Einzelnen ausgeführt. Dieses
Bedürfnis nach Vereinfachung des Vielfältigen, nach
Zusammendrängung
des Auseinanderliegenden ist dem Volke eben so angeboren wie dem
bewusst
schaffenden Poeten. So lässt die Bibel z. B. Abraham als schon
verheirateten
Mann aus der Gegend von Ur, am untersten Laufe des Euphrats, bis in das
nördliche Mesopotamien, am Fusse des armenischen Berglandes,
auswandern,
in jenes Paddan-Aram, von dem das Buch Genesis so häufig redet und
das jenseit des Euphrats, zwi-
351
schen diesem und dem Seitenfluss Khabur,
liegt (in gerader Linie etwa 600 Kilometer, dem Flussthal aber folgend
und den Weidenplätzen nachgehend mindestens 1500 Kilometer von Ur
entfernt (vergl. die Kartenskizze auf S. 353);
damit nicht genug, soll dieser selbe Abraham später von
Paddan-Aram
nach Südwesten, nach dem Lande Kanaan gezogen sein, von hier
weiter
nach Ägypten und schliesslich (denn von seinen kleineren
Zügen
sehe ich ab) von Ägypten wieder nach Kanaan zurück, und das
alles
von so zahlreichen Viehherden begleitet, dass er, um genug Weideland
für
sie zu finden, gezwungen war, sich von seinen nächsten
Anverwandten
zu trennen (Gen. XIII). Trotz dieser Verkürzung birgt die
alte
hebräische Tradition alles, was zu wissen Not thut, namentlich an
solchen Stellen, wo die älteste Tradition fast unverfälscht
vorliegt,
worüber die Kritik schon eingehende Auskunft giebt.¹) Aus
dieser
Tradition entnehmen wir nun, dass die betreffende Beduinenfamilie
zunächst
bis in das Flussgebiet des südIchen Euphrats wanderte und sich
längere
Zeit in der Umgebung der Stadt Ur aufhielt. Diese Stadt lag
südlich
von dem grossen Fluss und bildete den äussersten Vorposten
Chaldäas.
Hier traten die
—————
¹)
Vergl. namentlich Gunkel's Handkommentar zur Genesis, 1901.
(Inzwischen
in 2. verbesserter Auflage erschienen).
416 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Nomaden zum erstenmal in
Berührung
mit Civilisation. Zwar konnten die Hirten nicht in deren eigentliches
Gebiet
eindringen, da prächtige Städte und ein hochentwickelter
Bodenbau
jeden Zoll Erde besetzt hielten, doch empfingen sie dort
unvergängliche
Eindrücke und Belehrungen (auf die ich noch zurückkomme);
sogar
solche Namen wie Abraham und Sarah haben sie dort erst kennen gelernt
und
erst später durch die von ihnen so beliebten Wortspiele ins
Hebräische
übertragen (Gen. XVII, 1-6). In der Nähe so hoher
Kultur
litt es sie jedoch nicht lange, oder vielleicht wurden sie von
nachdrängenden
Wüstensöhnen weitergeschoben. Und so sehen wir sie immer
weiter
nach Norden ziehen,¹) bis in
352
das damals spärlich bevölkerte
Paddan-Aram,²) wo sie lange Zeit, mindestens etliche Jahrhunderte,
verweilt haben müssen. Als aber die Weideplätze Mesopotamiens
für den an Menschenzahl und Viehstand gewachsenen Familienverband
nicht mehr ausreichten, da zog ein Teil aus jener nordöstlichen
Ecke
Syriens, Paddan-Aram, nach der südwestlichen, Ägypten
zunächst
gelegenen Ecke, Kanaan, wo er bei einem ansässigen, ackerbauenden
Volke gastfreundliche Aufnahme fand und die Erlaubnis erhielt, seine
Herden
auf den Bergen zu weiden. Doch lebte Mesopotamien (Paddan-Aram) lange
Zeit
in dem Gedächtnis
—————
¹)
Die Richtung war ihnen vorgezeichnet, sie konnten von Ur aus keine
andere
wählen; denn während mehrerer hundert Kilometer läuft
die
Wüste parallel mit dem Euphrat, nur ein schmaler Saum
bewässerten
Bodens trennt sie von ihm; plötzlich aber, genau unter dem 35.
Grad,
hört die Wüste auf und es öffnet sich nach Westen,
Süden
und Norden das Land S y r i e n. Syrien reicht
im Süden bis nach Ägypten, gegen Abend bis zum
mittelländischen
Meere, gegen Norden bis zum Taurus, im Osten wird es heute vom Euphrat
begrenzt, umschloss jedoch nach früheren Verhältnissen und
Vorstellungen
das jenseit des mittleren Euphrats gelegene Mesopotamien, in welchem
die
Kinder Abraham's Jahrhunderte lang Aufenthalt nahmen.
²)
Später war Mesopotamien lange Zeit hindurch eine künstlich
bewässerte
und in Folge dessen reich kultivierte Gegend; in früheren Zeiten
jedoch
war es, gleich wie heute, ein armes Land, wo nur nomadische Hirten ihr
Auskommen finden konnten (Vgl. Maspero: Histoire ancienne, I,
563).
417 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
der
Abrahamiden
als ihre echte Heimat fort. Jahve selber nennt Paddan-Aram Abraham's
„Vaterland“
(Gen. XII, 1), und der mythische Abraham redet, nachdem er schon
lange in Kanaan sich niedergelassen hat, noch immer mit Sehnsucht von
seinem

Kartenskizze.
fernen „Vaterland“ und entsendet
Boten
in seine „Heimat“ (Gen. XXIV., 4 und 7), um mit den dort
zurückgebliebenen
Verwandten wieder anzuknüpfen. Und so bleiben die Abrahamiden,
obwohl
schon in Kanaan ansässig, während jener langen Zeiten, welche
zu den beiden pseudomythischen Namen Isaak und Jakob zusammengezogen
worden
sind, immerwährend halbe Mesopotamier; es ist ein ewiges Hin und
Her;
der südliche Zweig fühlt
418 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sich einem nördlichen
Hauptstamm
angehörig.¹) Doch es kam der Augenblick, wo sie noch weiter
nach
Süden ziehen mussten; in dürren Jahren genügte das
Weideland
Kanaans nicht mehr, vielleicht waren sie auch durch grössere Zahl
den Kanaanitern unbequem geworden; und so wanderten sie, unter der
ihnen
befreundeten Regierung der halbsemitischen Hyksos, nach dem zu
Ägypten
gehörigen Lande Gosen aus. Erst dieser lange Aufenthalt
353
in Ägypten²) unterbrach den
Verkehr zwischen den Mitgliedern dieser Familie und ihren Verwandten,
den
übrigen Hebräern (durch ganz Syrien zerstreut), so dass, als
die Israeliten wieder nach Palästina zurückzogen, sie zwar in
den Moabitern, Edomitern und anderen Hebräern noch entfernte
Blutsangehörige
erkannten, doch Hass und Geringschätzung statt der früheren
Liebe
für sie empfanden, eine Gesinnung, die erfrischend naiven Ausdruck
in den Genealogien der Bibel fand, nach welchen einige dieser
Geschlechter
ihren Ursprung der Blutschande verdanken, andere von Kebsweibern
herrühren
sollen u. s. w.
Von I
s r a e l i t e n im historischen Sinne des Wortes
können
wir eigentlich erst von diesem Augenblick an reden, wo sie als
354
nicht sehr zahlreiches, doch fest
gegliedertes
Volk, auf der Flucht aus Ägypten erobernd in Kanaan einfallen, um
dort einen von wechselnden, meist recht traurigen Schicksalen
heimgesuchten
Staat zu bilden, der aber, trotzdem er (wie das übrige Syrien)
gewissermassen
zwischen Hammer und Amboss lag, nämlich
—————
¹)
Diese Zeit, während welcher „der Vater Jakob sich zum Volke Israel
ausbreitete“, bezeichnet Wellhausen als „einen J a h r h u
n d e r t e langen Zwischenraum“ (Israelitische
und
jüdische
Geschichte, S. 11).
²)
Nach Genesis XV vierhundert Jahre, was natürlich nicht
buchstäblich
zu nehmen ist, sondern als der Ausdruck einer fast undenklich langen
Zeit.
Die Zahl 40 war bei den Hebräern der Ausdruck für eine
unbestimmte
grosse Menge, 400 a fortiori. Renan meint, der Aufenthalt der
Israeliten
in Ägypten habe nicht über ein Jahrhundert gedauert, nur die
(mit ihnen vielleicht nicht näher verwandte und stark mit
ägyptischem
Blute versetzte) Familie der Josephiten sei dort sehr lange
ansässig
gewesen (Histoire du peuple d'Israël, 13. éd. I, p.
112, 141, 142).
419 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
mitten zwischen den sich
bekämpfenden
Grossmächten, es dennoch auf einen fast siebenhundertjährigen
Bestand als unabhängiges Reich brachte. Dass diese Israeliten
nicht
sehr zahlreich waren, muss mit Nachdruck betont werden; es ist sowohl
geschichtlich
wie anthropologisch wichtig; denn diesem Umstande hat man es
zuzuschreiben,
dass die frühere und eigentlich a n s ä s s i g
e
Einwohnerschaft Kanaans (ein Gemisch von Hethitern und von
indoeuropäischen
Amoritern) nie vertilgt wurde und stets den Grundstock der
Bevölkerung
bildete, sogar am heutigen Tage noch bildet.¹) Die
Rassenmischungen,
von denen ich sogleich reden werde, und die sofort beim ersten Betreten
syrischen Bodens begonnen hatten, setzten sich in Folge dessen auch im
autonomen Staate Israel, d. h. in Palästina, fort und nahmen erst
nach dem babylonischen Exil, und zwar einzig in Judäa, durch ein
neu
eingeführtes Gesetz ein plötzliches Ende. Denn dass von den
übrigen
Israeliten sich später die Juden als ethnologische Einheit
schieden,
ist lediglich die Folge davon, dass die Einwohner Judäas endlich
dieser
fortwährenden Blutvermengung durch energische Gesetze Einhalt
geboten
(siehe Esra IX und X).
Diese vorausgesandte
flüchtige Skizze mag der unkundige Wissbegierige durch das Studium
von Wellhausen's so knapp gehaltener Israelitische
und
jüdische
Geschichte, von Stade's Geschichte des Volkes Israel,
durch
Renan's ausführliche, leichtfüssig geschriebene Histoire
du
peuple d'Israël, durch Maspero's, einen weiten, umfassenden
Überblick
gewährende Histoire
—————
¹)
Sayce: The
races of the Old Testament, 2d ed., p. 76, 113. „Der
Römer vertrieb den Juden aus dem Lande, das seine Väter
erobert
hatten, dagegen war es den Juden nie gelungen, die echten Besitzer
Kanaans
hinauszutreiben. — — Der Jude hielt Jerusalem und Hebron, sowie die
umliegenden
Städte und Dörfer, sonst bildete er (auch im eigentlichen
Judäa)
ein Bruchteil der Bevölkerung. — — Sobald der Jude sich entfernte,
z. B. beim babylonischen Exil oder nach der Zerstörung Jerusalems
durch die Römer, vermehrte sich die vom Druck befreite
ursprüngliche
Bevölkerung — — — unter welcher die heutigen jüdischen
Kolonien
in Palästina eben solche Ausländer sind, wie etwa die
deutschen
Kolonien daselbst.“
420 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ancienne des peuples de l'Orient
classique ergänzen;¹) inzwi-
355
schen genügt sie, damit die
Anthropogenie
des Israeliten in ihren grossen Linien klar dargelegt und der
anscheinend
verwickelte Sachverhalt in möglichst einfacher Form dem
Gedächtnis
eingeprägt werden könne. Das will ich jetzt versuchen; wir
werden
sehen, wie der ursprüngliche, reinsemitische Auswanderer durch
Blutmischung
zuerst ein Hebräer wurde, sodann ein Israelit.
Der
echte Semit
Die vorstehende
historische
Skizze zeigt uns als Ausgangspunkt eine Beduinenfamilie.²) Stellen
wir zunächst das Eine fest: dieser reine S e m i
t,
der ursprüngliche Auswanderer aus den Wüsten Arabiens, ist
und
bleibt die treibende Kraft, das Lebensprinzip, die Seele der durch
vielfache
Kreuzungen entstehenden neuen ethnischen Einheit der Israeliten.
Mochten
im Verlauf der Zeiten, nicht allein in Folge ihres Schicksals, sondern
vor Allem in Folge der Blutmischung mit durchaus abweichenden
Menschentypen,
seine Nachkommen sich noch so sehr, moralisch und physisch, von ihm,
dem
urväterlichen Beduinen unterscheiden, ihr spiritus rector
blieb
er doch in gar mancher Beziehung, sowohl
—————
¹)
Ich nenne nur die neuesten, bedeutendsten und zuverlässigsten
Bücher,
von wahren Gelehrten geschrieben, doch Ungelehrten zugänglich. Von
den älteren bleibt Duncker's Geschichte des Altertums in
vielen
Beziehungen unerreicht, auch für die Geschichte Israels.
²)
Freilich, nach der jetzt fast überall herrschenden Anschauung soll
der Semit überhaupt, auch jener reinste Beduinentypus, von Hause
aus
der absoluteste Mischling sein, den man sich denken kann, die Frucht
einer
Kreuzung zwischen Neger und Weissen! Gobineau hatte das vor 50 Jahren
gepredigt
und war ausgelacht worden; heute ist seine Meinung die orthodoxe; Ranke
fasst sie in seiner Völkerkunde (II. 399) folgendermassen
zusammen:
„Die Semiten gehören zu den m u l a t t e n h a f t e
n Übergangsgliedern zwischen Weissen und Schwarzen.“
Doch
ich meine, Vorsicht im Urteil ist hier am Platze. Was unter unseren
Augen
vorgeht, lässt kaum glauben, dass aus Mulatten ein fester,
unveränderlicher,
alle Stürme der Zeit überlebender Typus hervorgehen
könne;
der Treibsand ist nicht beweglicher und unbeständiger als gerade
dieser
Bastard; hier müssten wir also, der Erfahrung zum Trotz,
voraussetzen,
das Undenkbare, das nie Beobachtete sei bei den Beduinen geschehen.
(Vergl.
auch August Forel's Ausführungen, 1900.)
421 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
im Guten wie auch im Bösen. Von
den zwei oder drei Seelen, die in der Brust der späteren
Israeliten
wohnten, war diese die aufdringlichste und zäheste. Zu der
Blutmischung
ist dieser Beduinenfamilie aber gewiss nur Glück zu wünschen,
denn die hohen Eigenschaften des unverfälscht reinsemitischen
Nomaden
sollen einer Änderung der Lebensweise nicht stichhalten. Sayce,
einer
der judenfreundlichsten Gelehrten unserer Zeit, schreibt: „Erwählt
der Wüstenbeduin das ansässige Leben, so vereint er in der
Regel
alle Laster des Nomaden und des Bauern.
356
Faul, verräterisch, grausam,
habgierig,
feig, wird er mit Recht von allen Völkern als ein Auswurf der
Menschheit
betrachtet.“¹) Lange ehe sie ansässig wurde, war zum
Glück
diese Beduinenfamilie, die Beni Israel, durch reichliche Kreuzung mit
Nichtsemiten
solch grausamem Schicksal entgangen.
Wir sahen die
ursprüngliche
Beduinenfamilie sich zunächst längere Zeit am südlichen
Euphrat aufhalten in der Nähe der Stadt Ur: hat dort schon
Blutmischung
stattgefunden? Man hat es behauptet. Und da der Grundstock der
Bevölkerung
des babylonischen Reiches damals vermutlich aus ziemlich echten
Sumero-Akkadiern
bestand — denn die Semiten hatten diesen Staat und seine hohe
Civilisation
bloss annektiert, sie leisteten weder die geistige Arbeit noch die
manuelle²)
— so hat man vorausgesetzt, der abrahamidische Stock sei durch
sumero-akkadisches
Blut aufgefrischt worden. Das Vorkommen solcher fremder Namen wie
Abraham
(so hiess der fabelhafte Begründer und erste König Ur's bei
den
Sumeriern) hat in dieser Ansicht bestärkt, ebenso wie die Brocken
halbverstandener turanischer³) Weisheit und Mythologie, aus
welcher
die ersten Kapitel der Genesis zusammengesetzt sind. Doch bleiben
solche
Annahmen hypothetisch
—————
¹)
The
races of the Old Testament, p. 106.
²)
Siehe namentlich Sayce: Assyria, S. 24 fg. und Social Life
among
the Assyrians and Babylonians; auch Winckler: Die Völker
Vorderasiens
(1900), S. 8.
³)
Das Wort „turanisch“ ist meiner Feder entfahren, weil manche Autoren
die
Sumero-Akkadier für Turanier halten (siehe namentlich Hommel: Geschichte
Babyloniens und Assyriens, S. 125, 244 fg.).
422 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
und sind darum vorderhand ernster
Erwägung
kaum wert. In diesem Falle spricht nicht einmal die Wahrscheinlichkeit
dafür. Die armen Hirten hatten kaum den Saum der Civilisation
berührt,
wer wird sich mit ihnen näher eingelassen haben? Und was die
Aneignung
so dürftiger kosmogonischer Vorstellungen, wie wir sie in der
Bibel
vorfinden, anbelangt, so genügte dazu der Verkehr mit anderen
Hebräern;
denn sowohl die Mythologie wie die Wissenschaft und die Kultur der
Sumerier
(an der wir noch heute durch den Gedanken der Schöpfung und des
Sündenfalles,
durch die Einteilung der Woche und des Jahres, durch die Grundlegung
der
Geometrie und die Erfindung der Schrift teilhaben) hatte sich weithin
verbreitet,
Ägypten war ihr Schüler¹) und der Semit, nicht
fähig,
so tief wie der Ägypter zu schauen, hatte längst, ehe die
Beni
Israel ihre Wanderungen begannen, sich soviel davon angeeignet, als ihm
förderlich und praktisch erschien, und hatte
357
als geschäftiger
Zwischenhändler
es nach allen Himmelsrichtungen hinausgetragen. Die Blutmischung mit
Sumero-Akkadiern
ist also ebenso unwahrscheinlich wie unerwiesen.
Sicheren Boden
betreten
wir dagegen, sobald die Auswanderer nach Norden und nach Westen ziehen.
Denn jetzt stehen sie im Herzen Syriens, um es (mit Ausnahme des
vorübergehenden
Aufenthalts im ägyptischen Grenzgebiete) nie wieder zu verlassen.
Hier, in Syrien, hat sich unsere rein semitische Beduinenfamilie durch
Blutmischung verwandelt, hier sind ihre Mitglieder durch Vermengung mit
einem durchaus anderen Menschentypus, dem syrischen, H e b
r ä e r geworden — wie schon so manche frühere
und
manche nachfolgende Beduinenkolonie. Später erfolgte die
notgedrungene
Auswanderung eines Teiles der Sippe aus dem in der nordöstlichen
Ecke
gelegenen Mesopotamien nach der äussersten südwestlichen
Ecke,
nach Kanaan, wo nun ähnliche rassenbildende Einflüsse in noch
bestimmterer Weise und um ganz neue vermehrt sich geltend machten. Hier
erst, in K a n a a n, verwandelten sich die
abrahamidischen
Hebräer
—————
¹)
Siehe Hommel: Der babylonische Ursprung der ägyptischen Kultur
(1892).
423 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nach und nach in echte I
s r a e l i t e n. In dieses selbe Kanaan kehrten nach dem
Aufenthalte in Ägypten die inzwischen an Zahl gewachsenen
Israeliten
erobernd zurück und erhielten jetzt, ausser dem neuen Zufluss
fremden
Blutes, eine fremde Kultur geschenkt, welche sie aus Nomaden zu
ansässigen
Ackerbauern und Städtebewohnern umwandelte.
Wir können also,
ohne fehlzugehen, zwei anthropogenetische Einflussphären
unterscheiden,
die nacheinander wirkten: eine allgemeinere, durch den Eintritt in
Syrien
überhaupt und speziell durch den langen Aufenthalt in Mesopotamien
gegebene, über die wir keine genaueren historischen Daten
besitzen,
sondern auf die wir aus den jetzt bekannten ethnologischen Thatsachen
schliessen
dürfen und müssen; sodann eine speziellere kanaanitische,
für
welche wir uns auf das ausführliche Zeugnis der Bibel berufen
können.
Reden wir zuerst von der allgemeineren Einflussphäre, sodann von
der
spezielleren.
Der Syrier
Schlägt man
irgend ein Lehrbuch der Geographie oder ein Konversationslexikon auf,
so
wird man die Angabe finden, die heutige Bevölkerung Syriens sei
„grösstenteils
semitisch“. Das ist falsch; ebenso falsch wie die Behauptung, welche
man
den selben Quellen entnehmen wird, die Armenier seien „Arier“. Es
findet
hier die so weit verbreitete Verwechselung statt zwischen Sprache und
Rasse;
man müsste logischer Weise dann lehren, die Neger der Vereinigten
Staaten seien Angelsachsen. Die wissenschaftliche Anthropologie der
letzten
Jahre hat auf Grund
358
eingehendster Forschungen an einem
geradezu
enormen Material folgende Thatsache unwiderleglich festgestellt: die
Grundbevölkerung
Syriens wird seit den ältesten Zeiten, bis zu welchen
prähistorische
Funde hinaufreichen, von einem Menschentypus gebildet, welcher physisch
und moralisch von dem semitischen ganz und gar abweicht, ebenso wie von
Allem, was man unter dem Begriff „Arier“ zu subsumieren gewohnt ist.
Und
zwar nicht die Bevölkerung von Syrien allein, sondern auch von
ganz
Kleinasien sensu proprio und von dem weiten Gebiet, das wir
heute
Armenien nennen. Es giebt Rassen, denen das unstäte Herumziehen
angeboren
ist (z. B. die Beduinen, die Lappländer u. s. w.),
424 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
andere, die eine seltene
Expansionskraft
besitzen (z. B. die Germanen); dagegen scheint sich dieser
syrisch-kleinasiatische
Mensch durch zähes Festhalten an dem eigenen Boden und durch die
unüberwindliche
Macht grosser physischer Beharrlichkeit ausgezeichnet zu haben und noch
heute auszuzeichnen. Sein Ursitz ein Tummelplatz der Völker, er
selber
fast immer der Unterlegene, auf dessen Rücken die Grossen dieser
Welt
ihre Kämpfe ausfochten — und dennoch überlebte er sie alle
und
drang so erfolgreich durch mit seinem Blut, dass der syrische Semit
heute
mehr der Sprache als dem Stamme nach Semit zu nennen ist, und der
angeblich
arische Armenier, phrygischen Ursprungs, vielleicht nicht zehn Prozent
indoeuropäischen Blutes in seinen Adern hat. Dagegen sind der
heutige
sogenannte „Syrier“, der Jude und der Armenier kaum von einander zu
unterscheiden,
was leicht zu erklären ist, da die alle drei vereinigende Urrasse
sie täglich mehr identifiziert. Von diesem syrischen
Menschenstamme
gilt im eminentesten Masse das Wort des Chores in Schiller's Braut
von
Messina:
Die
fremden Eroberer kommen und
gehen;
Wir gehorchen, aber wir bleiben
stehen.
Diesem mächtigen ethnischen
Einfluss
blieb nun das Volk, welches als das der Israeliten später in die
Geschichte
tritt, lange Jahrhunderte hindurch, zum Mindesten weit über ein
Jahrtausend,
unterworfen. Das ist, was ich die allgemeine Einflussphäre nannte,
durch welche unsere echt semitische Beduinenfamilie zu einer Gruppe der
sogenannten „Hebräer“ wurde. Hebräer sind eben Bastarde
zwischen
Semiten und Syriern. Diese Mischung hat man sich nicht so vorzustellen,
als hätten sich die Hirtennomaden sofort mit der fremden Rasse
gekreuzt,
sondern vielmehr in folgender Weise: einesteils fanden sie Viertel- und
Halb-
359
Hebräer in ziemlicher Anzahl vor,
durch welche der Übergang vermittelt wurde, andernteils
unterwarfen
sie sich zweifellos die Ureinwohner (wie die Herrschaft der semitischen
Sprachen, des Hebräischen, des Aramäischen u. s. w. beweist)
und zeugten mit ihren syrischen Sklavinnen Söhne und Töchter:
später (in halbhistorischen Zeiten) sehen wir sie mit
unabhängigen
Sippen des
425 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
fremden Volkes freiwillig Ehen
schliessen,
und ohne Zweifel war das inzwischen schon seit Jahrhunderten Sitte
geworden.
Doch, wie man sich auch den Vorgang der Vermischung vorstellen will,
sicher
ist, dass sie stattfand.
Um von jenem anderen,
syrischen Menschentypus sprechen zu können, wäre es bequem,
einen
Namen für ihn zu haben. Hommel, der bekannte Münchener
Gelehrte,
nennt ihn den der A l a r o d i e r;¹) er
glaubt ihm eine weitere Verbreitung, auch über das südliche
Europa,
zuschreiben zu dürfen und will ihn in den Iberiern und in den
heutigen
Basken wiedererkennen. Doch müssen ungelehrte Menschen beim
Gebrauch
derartiger Hypothesen sehr vorsichtig sein; ehe die Drucklegung dieses
Buches vollendet ist, können die Alarodier schon zum alten Eisen
der
Wissenschaft geworfen sein. Nachahmungswürdig erscheint das
Beispiel
des französischen Zoologen und Anthropologen G. de Lapouge, der
den
verschiedenen physischen Typen nach der Linnäischen Methode Namen
giebt, ohne sich weiter um Geschichte und Ursprung zu kümmern: Homo
europaeus, Homo Afer, Homo contractus u. s. w. Dieser
kleinasiatische
Typus würde sich, was die Schädelbildung anbelangt, mit
Lapouge's
Homo
alpinus ziemlich decken;²) doch wollen wir ihn hier, ohne uns
weiter zu exponieren, einfach als den Homo syriacus bezeichnen,
den Ureinwohner Syriens. Und gerade so, wie wir für den
semitischen
Typus im Beduinen einen festen Anhaltspunkt gewannen, finden wir hier
in
dem zwar nicht mehr unter uns als nationale Individualität
lebenden,
doch aus der Geschichte und aus vielfachen Abbildungen täglich
mehr
bekannt werdenden Stamme der H e t h i t e r
einen
besonders charakteristischen Vertreter des syrischen Menschentypus,
noch
dazu gerade denjenigen, mit dem die Israeliten in Palästina enge
Beziehungen
an-
—————
¹)
Er entlehnt den Namen einem von Herodot erwähnten, am Fusse des
Ararat
wohnenden Stamme.
²) Lapouge: La dépopulation de la France, Revue
d'Anthropologie
1888, p. 79. F. von Luschan hat ausdrücklich auf die
Ähnlichkeit
des syrischen Menschen mit dem Savoyarden hingewiesen.
426 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
knüpften.¹) Dieser
syrische
Mensch ist nun durch das Vorwalten eines bestimmten anatomischen
Charakters
ausgezeichnet: er ist
360
ein R u n d k o p
f
oder, wie die Naturforscher sagen, „brachycephal“, d. h. mit kurzem
Schädel,
einem Schädel, dessen Breite seiner Länge nahekommt.²)
Der
Beduin dagegen, und mit ihm jeder Semit, der nicht eine starke
Vermischung
mit fremdem Blut erfahren hat, ist ein ausgesprochener „Dolichocephal“.
„Lange, schmale Köpfe“, schreibt von Luschan, „sind eine
hervorragende
Eigenschaft der heutigen Beduinen, die wir in gleichem Masse
—————
¹)
Eine Zusammenfassung unserer heutigen Kenntnisse über die Hethiter
findet der Leser in Winckler's Die Völker Vorderasiens,
1900,
S. 18 ff. — Für mich bedeutet der Ausdruck „Hethiter“ in diesem
Buche
das selbe wie das x für einen Mathematiker in einer
zweifellos
richtig aufgestellten, jedoch noch nicht zahlenmässig
aufgelösten
Gleichung.
²)
Der ausgesprochene Langschädel beginnt, wenn das Verhältnis
der
Breite zur Länge nicht über 75 zu 100, der ausgesprochene
Kurzschädel,
wenn es 80 oder mehr zu 100 beträgt. Als ich Anthro-

Langschädel
(dolichocephal).
|

Rundschädel
(brachycephal).
|
(Nach de
Mortillet.)
pologie bei Carl Vogt
hörte,
wurden an uns Allen craniometrische Messungen als Übung
vorgenommen;
bei dem einen Hörer wurde der seltene Index von 92 konstatiert, d.
h. sein Kopf war fast kreisrund; es war ein Armenier, ein typischer
Repräsentant
jener syrischen Schädelbildung!
427 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
auch für die ältesten
Araber
in Anspruch nehmen müssten, selbst wenn dies nicht durch
zahlreiche
Abbildungen bestätigt würde, die uns glücklicher Weise
auf
alten ägyptischen Denkmälern erhalten sind“.¹)
Natürlich
bleibt es nicht bei diesem einen anatomischen Merkmal; dem runden Kopf
entspricht eine gedrungene Gestalt; er ist der Ausdruck einer ganzen,
besonderen
physiologischen Anlage. Der Schädel ist aber bei der Beurteilung
längst
vergangener Menschenrassen das bequemste Stück des Knochen-
361
gerüstes zu vergleichenden Studien,
auch das vielsagendste, und bei unendlich reicher Abwechselung des
Individuellen
bewahrt er typische Gestaltungen mit grosser Hartnäckigkeit. Doch
noch ein anderes und viel auffallenderes anatomisches Merkmal
kennzeichnete
den Hethiter, zwar ein äusserst vergängliches, da nicht
Knochen,
sondern Knorpel seine Grundlage bildet, doch auf Bildern prächtig
aufbewahrt und uns

Hethiter.
|

Hethiter.
|
aus lebendiger Anschauung
wohlbekannt:
d i e N a s e. Die sogenannte „Judennase“ ist
ein
hethitisches Erbstück. Der echte Araber, der unverfälschte
Beduin,
hat gewöhnlich „eine kurze, kleine und wenig gebogene Nase“ (ich
berufe
mich auf von Luschan und verweise auf die beigegebenen Typenbilder),
und
auch dort, wo die Nase bei ihm mehr adlerförmig auftritt, besitzt
er niemals ein „Löschhorn“ (wie Philipp von Zesen, der
Sprachverbesserer,
sie nannte) von der spezifischen, unverkennbar jüdischen und
armenischen
Gestalt. Der Israelit hat nun durch die immerwährende Vermengung
mit
dem rundköpfigen Typus des fremden Volkes
—————
¹)
F. von Luschan: Die anthropologische Stellung der Juden (Vortrag,
gehalten in der Allgem. Versammlung der deutschen anthropologischen
Gesellschaft
des Jahres 1892). Aus diesem Vortrag, der ausgedehnte Arbeiten kurz
zusammenfasst,
werde ich auch im Folgenden mehreres anführen; man findet ihn im
Correspondenzblatt
der betreffenden Gesellschaft für 1892, Nr. 9 und 10.
428 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nach und nach seinen schmalen,
langen
Beduinenkopf eingebüsst und als Ersatz die sogenannte Judennase
zum
Geschenk bekommen. Gewiss kam der Langkopf noch vor, namentlich im Adel
wird er sich länger erhalten haben; auch die heutigen Juden weisen
einen geringen Prozentsatz echter Langköpfe auf;

Echter Beduin des
heutigen
Tages.¹)
er verschwand aber immer mehr. Auf
die
Nase allein darf man sich bei der Diagnostik betreffs der
Angehörigkeit
zum jüdischen Stamm durchaus nicht verlassen; man sieht auch
warum:
dieses syrische Erbstück ist allen mit syrischem Blute vermengten
Völkern gemeinsam. Bei diesem anthropologischen Befund handelt es
sich um
362
keine hypothetische Behauptung, wie
solche uns in theologisch-kritischen und historischen Werken so
überreich
umranken, sondern er ist das sichere Ergebnis exakter
wissenschaftlicher
Forschung an einem hinreichend grossen Material,²) einem Material,
welches von sehr alter Zeit bis zur Gegenwart reicht und welches durch
die zahlreichen, in Ägypten und Syrien entdeckten und nach und
nach
genau datierten Abbildungen auf das Schönste unterstützt
wird.
Man kann auf den ägyptischen Denkmälern gewissermassen das
„Judewerden“
der Israeliten verfolgen, wenn sie auch freilich selbst auf den
allerältesten
(die ja nicht sehr weit in die israelitische Geschichte hinaufreichen,
da das Volk erst unter Salomo über seine Grenzen hinaus bekannt
wurde)
wenig vom unverfälschten semitischen Typus mehr zeigen.
—————
¹)
Nach einer Photographie in Ratzel's Völkerkunde. Die
übrigen
Typenbilder sind nach den bekannten Reliefs auf den ägyptischen
Monumenten.
²)
Von Luschan's Mitteilungen des Jahres 1892 stützen sich auf 60 000
Messungen.
429 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Wir sehen hier, als israelitische
Soldaten
abgebildet, echte Hethiter und Halbhethiter; nur die Führer — man
sehe z. B. das angebliche Porträt des Königs Rehabeam
(Salomo's
Sohn) — könnten allenfalls an Beduinenphysiognomien erinnern,
gemahnen
aber bisweilen noch mehr an gute europäische Gesichter.
Mit diesen letzten
Bemerkungen treten wir aus der allgemeinen prähistorischen
Einflusssphäre
in die speziellere, kanaanitische über, die ebenfalls weit
über
ein Jahrtausend wirkte, und wo uns sichere Thatsachen reichlich zur
Verfügung
stehen. Denn

Amoritischer Israelit,
angeblich ein Sohn Salomo's.
ehe den hebräischen Israeliten
die
Ehre der Verewigung durch die Kunst ägyptischer Maler zu Teil
wurde,
waren sie aus Mesopotamien nach Kanaan gezogen. Wir müssen
zwischen
dem ersten kanaanitischen Erscheinen und dem zweiten unterscheiden:
beim
ersten weilten sie dort als nomadisierende Hirten im besten
Einvernehmen
mit den rechtmässigen Einwohnern der Städte und der urbar
gemachten
Strecken, beim zweiten fielen sie als Eroberer ins Land. Das erste Mal
waren sie eben wenig zahlreich, das zweite Mal ein ganzes Volk. Wie
unsicher
und umstritten manche historischen Detailfragen noch sein mögen,
eine
Thatsache steht fest: beim allerersten Betreten des Landes fanden die
Israeliten
die Hethiter dort zu Hause, jene Hethiter, die einen wichtigsten Stamm
des Homo syriacus bildeten. Abraham spricht zu den Einwohnern
Hebrons,
„den Kindern Heth's“, wie er sie ausdrücklich nennt: „Ich bin ein
Fremder, der unter euch wohnt“ (Gen. XXIII, 4), und er bittet,
wie
nur ein geduldeter Gast bitten konnte, um ein Grab für sein
Eheweib
Sarah. Isaak's ältester Sohn, Esau, hat nur Hethiterinnen zu
Frauen
(Gen. XXVI, 34); der jüngere, Jakob, wird in das ferne
Mesopotamien
geschickt, damit er ein hebräisches Weib zur Ehe nehmen
könne,
woraus man schliessen muss, dass es in Palästina gar keines gab,
kein
430 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
hebräisches Mädchen
wenigstens,
welches dem Vermögen nach für ihn gepasst hätte. Isaak
hätte
nicht darauf gedrungen, ihm wäre eine wohlhabende Hethiterin recht
gewesen, doch Rebekka, seine mesopotamische Frau, vertrug sich schlecht
mit ihren hethitischen Schwiegertöchtern, den Frauen Esau's, und
meinte,
sie würde lieber sterben, als mehr solche ins Haus bekommen (Gen.
XXVII, 46). Unter Jakob's Söhnen wiederum wird
363
speziell von J u d
a
berichtet, er habe Hethiterinnen geehelicht (I. Chron. II, 3).
Aus
diesen Volkserzählungen erhalten wir historische Belehrung: wir
sehen,
dass die Israeliten die deutliche Erinnerung besassen, als eine sehr
kleine
Anzahl von Hirten inmitten eines fremden, kultivierten,
städtebewohnenden
und freundlichen Volkes gelebt zu haben; die reichen
Sippenältesten
konnten sich den Luxus gestatten, für ihre Söhne Eheweiber
aus
der früheren Heimat holen zu lassen; doch selbst diese Söhne
folgten lieber der unmittelbaren Neigung, als dem Prinzip der
Exklusivität:
sie heirateten die Mädchen, die sie um sich sahen — es mussten
denn
gerade solche herzlose Geschäftsjobber sein wie Jakob; für
das
ärmere Volk gilt selbstverständlich, dass es Weiber nahm, wo
es sie fand. Dazu kommt noch das Zeugen von Kindern mit Sklavinnen. Von
Jakob's zwölf Söhnen z. B. sind vier von Sklavinnen geboren
und
geniessen die selben Rechte wie die anderen. — Dies Alles bezieht sich
auf das frühere von der Bibel erwähnte Berühren mit den
Hethitern Kanaans. Nun folgte, nach der Sage, der lange Aufenthalt an
der
Grenze Ägyptens, im Lande Gosen. Doch auch hier lebten die
Israeliten
von Hethitern umringt. Die Hethiter reichten nämlich bis an die
Grenzen
Ägyptens, wo gerade damals ihre Stammverwandten, die Hyksos, das
Scepter
führten; die Stadt T a n i s, welche den
Versammlungspunkt
der Israeliten in Gosen bildete, war wesentlich eine hethitische Stadt;
seit jeher stand sie im engsten Verkehr mit Hebron; indem die
Israeliten
mit ihren Herden von Hebron nach der Gegend von Tanis zogen, blieben
sie
also in der selben ethnischen Umgebung.¹) Und als sie später
als Eroberer nach Kanaan zurück-
—————
¹)
Vergl. Renan: Israël I, ch. 10.
431 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
kehrten, unterwarfen sie zwar die
Kanaaniter,
die zum grössten
364
Teil aus Hethitern bestanden, nach und
nach, doch traten sie jetzt erst recht in ein enges Verhältnis zu
ihnen. Denn, wie ich schon früher hervorhob, der Kanaaniter
verschwand
nicht. Man lese nur das erste Kapitel des Buches der Richter.
Wellhausen
bezeugt denn auch: „Die Israeliten unterwarfen die ältere
Bevölkerung
nicht systematisch, sondern schoben sich zwischen sie ein.... Von einer
vollständigen Eroberung des Landes (Palästina) war keine
Rede.“
Und über die Art, wie dieses fremde, nicht-semitische Blut immer
mehr
in das hebräische eindrang, berichtet der selbe Autor: „Der
wichtigste
Vorgang in der Richterperiode ging im Allgemeinen ziemlich
geräuschlos
vor sich, nämlich die Verschmelzung der neuen (israelitischen)
Bevölkerung
des Landes mit der alten. Die Israeliten der Königszeit hatten
eine
s e h r s t a r k e B e i m i s c h u n
g
kanaanitischen Blutes; sie waren keineswegs reine Abkömmlinge
derer,
die einst aus Ägypten gezogen waren.... Hätten die Israeliten
die alteingessenen Landeskinder vertilgt, so würden sie das Land
zur
Wüste gemacht und sich selbst um den Gewinn der Eroberung gebracht
haben. Indem sie sie schonten und s i c h s e l
b e r i h n e n g l e i c h s a m a
u f p r o p f t e n, wuchsen sie zugleich in ihre Kultur
hinein.
In Häuser, die sie nicht gebaut, in Felder und Gärten, die
sie
nicht urbar gemacht und angelegt hatten, nisteten sie sich ein.
Überall
traten sie als glückliche Erben in den Genuss der Arbeit ihrer
Vorgänger.
So vollzog sich bei ihnen eine folgenreiche innere Umwandlung; sie
wurden
rasch ein Kulturvolk.“¹) Schon früher hatten die Israeliten
von
den Hethitern das Schreiben gelernt (sei es in Hebron, sei es in
Tanis;²)
jetzt lernten sie von ihnen den Acker- und den Weinbau, sie lernten
Städte
errichten und verwalten, kurz, sie wurden durch ihre Vermittlung
civilisierte
Menschen. Durch sie auch wurden sie erst ein Staat. Nie hätten
diese
in ewiger Eifersucht, in argwöhnischer
—————
¹)
Israelitische
und jüdische Geschichte (3. Ausg.). S. 37, 46 u. 48.
²)
Renan: Israël I. 136.
432 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Isolierung hausenden verschiedenen
Stämme
ohne das „staatverkittende Element“ der Kanaaniter sich zu einer
Einheit
zu verbinden verstanden. Und damit nicht genug, auch ihre
religiösen
Vorstellungen erhielten von den Kanaanitern die besondere Farbe und die
Organisation: Baal, der Gott des Ackerbaues und der friedlichen Arbeit,
verschmolz mit Jahve, dem Gott der Kriegsheere und der Raubzüge.
Wie
sehr Baal von den Israeliten ver-
365
ehrt wurde, ersehen wir (trotz aller
späteren Korrekturen der Juden) aus solchen Thatsachen, wie dass
der
erste israelitische Held auf palästinischem Boden
Jerub
b a a l heisst¹) und ausserdem eine Hethiterin zur
Frau
nimmt, dass der erste König, Sau!, einen seiner
Söhne
I s b a a l nennt, David einen der seinigen B a
a l iada, Jonathan seinen einzigen Sohn Meri b
a a l, u. s. w. Auch das Prophetenwesen entlehnten die
Israeliten
den Kanaanitern, und von ihnen übernahmen sie den ganzen
äusseren
Kultus, sowie die Tradition der heiligen Orte.²) Ich brauche hier
nicht auszuführen, was Jeder in der Bibel finden wird (allerdings
manchmal unter so vielen fremdklingenden Namen verhüllt, dass man
einen kundigen Führer braucht), nämlich welche grosse Rolle
Hethiter,
sowie ihre Stammesbrüder, die Philister, in der Geschichte Israels
spielen. Bis die Verschmelzung sehr weit vorgedrungen und dadurch die
Unterscheidung
der Namen verschwunden ist, finden wir diese überall wieder,
namentlich
unter den tüchtigsten Soldaten; und wie vieles gerade von diesen
Angaben
wird durch die spätere jüdische Redaktion der Bibel, die
möglichst
das Fremde auszutilgen und die Fiktion einer rein abrahamidischen
Herkunft
einzuführen strebte, verschwunden sein! David's Leibgarde ist,
wenn
nicht ausschliesslich, so doch zum grossen Teil aus Männern
zusammengesetzt,
die nicht zu Israel gehören: Hethiter und Gethiter bekleiden darin
wichtige Offiziersposten;
—————
¹)
Eine Thatsache, welche die spätere Redaktion der Bibel zu
vertuschen
suchte (Richter VI, 32), während die ältere nicht
daran
gedacht hatte (I. Sam. XII, 11).
²)
Vergl. hierzu Wellhausen a. a. O., S. 49 fg., 102 fg.; über die
heiligen
Orte des selben Autors Prolegomena zur Geschichte Israels, 4.
Aufl.,
S. 18 fg.
433 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Krethi und Plethi, Philister und
allerhand
anderes fremdes Volk, teils syrisch, teils fast rein europäisch,
einiges
hellenisch, bilden die Masse.¹) David hat überhaupt den Thron
nur mit Hilfe der Philister — und wahrscheinlich als ihr Vasall²)
— erobert; er hat auch alles gethan, was an ihm lag, um die
Verschmelzung
der Israeliten mit ihren Nachbarn zu fördern und gab selber das
Beispiel
der Ehen mit den Töchtern aus syrischem und indoeuropäischem
Stamme.
366 Der
Amoriter
Doch, da das Wort
„indoeuropäisch“ meiner Feder entfährt, will ich gleich hier
eine Thatsache besprechen, der ich bisher kaum flüchtig
Erwähnung
that. Die Kanaaniter bestanden vorwiegend, doch nicht einzig aus
Hethitern;
mit ihnen eng verbunden, doch häufig in getrennten Gauen
ansässig
und dadurch ihren Stamm relativ rein erhaltend, lebten die
A m o r i t e r. Diese Amoriter waren grosse, blonde,
blauäugige
Menschen von lichter Hautfarbe; sie waren „aus dem Norden“, d. h. aus
Europa,
eingedrungen, die Ägypter nannten sie daher T a m e h
u, „das Volk der Nordländer“, und zwar scheinen sie
(doch
ist dies natürlich problematisch) Palästina nicht sehr lange
vor der Rückkehr der Israeliten aus Ägypten erreicht zu
haben.³)
Im Osten des Jordans hatten sie mächtige Reiche gegründet,
mit
denen die Israeliten später oft Krieg führen mussten; ein
anderer
Teil war in Palästina eingedrungen, wo er in engster Freundschaft
mit den Hethitern lebte;4) wieder
andere
hatten sich zu den Philistern ge-
—————
¹)
Dazu kommen Araber, Hebräer aus nicht israelitischen Stämmen,
Aramäer und allerlei pseudosemitische Fremde. Da es nach der
(allerdings
ungewöhnlich stark erlogenen) Volkszählung unter David 1 300
000 kriegsfähige Männer in Israel und Juda gegeben haben soll
(II. Samuel XXIV), so bekommen wir den Eindruck, dass die
Israeliten
selber wenig kriegerisch gesinnt waren. Siehe namentlich Renan: Israël
II, livre 3, ch. I.
²)
Wellhausen: Israelitische
und jüdische Geschichte (3.
Ausg.),
S. 58.
³)
Dass das Buch Genesis (XIV, 13) schon Abraham in friedlicher
Bundesgenossenschaft
mit drei Amoritern in der Ebene Hebrons leben lässt, hat
natürlich
auf historische Gültigkeit keinen Anspruch.
4)
Siehe namentlich Sayce: Races of the
Old Testament, S. 110 fg.
434 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
schlagen, und zwar in so grosser
Zahl
(vermehrt vielleicht durch direkte Zuzüge aus dem bereits durch
und
durch hellenischen Westen), dass manche Geschichtsforscher die
Philister
der Mehrzahl nach als arisch-europäischen Stammes betrachtet
haben.¹)
Diese unsere eigenen Stammesbrüder sind jene E n a k s
k i n d e r, die „Leute von grosser Länge“, welche den
Israeliten so schreckliche Angst einjagten, als diese sich das erste
Mal
kundschaftend ins südliche Palästina eingeschlichen hattet
(IV
Mose
XIII): zu ihnen gehörte der tapfere Goliath, der die Israeliten zu
einem ritterlichen Zweikampf auffordert, inzwischen aber dem
tückisch
geschleuderten Stein er-
367

Amoriter
liegt;²) zu ihnen auch jene
„Rephaim“,
welche riesige Speere und schwere eherne Rüstung tragen (I Sam.
XVII, 5 ff., II Sam. XXI, 16 ff.). Und weiss die Bibel viel zu
erzählen
von den Heldenthaten der Israeliten gegen diese grossen blonden
Männer,
so konnte sie andrerseits nicht verschweigen, dass gerade aus ihnen
(namentlich
aus dem noch sehr wilden, unver-
—————
¹)
Vergl. Renan: Israël II, livre 3, ch. 3. Über
den
hellenischen Ursprung eines bedeutenden Teils der Philister und die
Einführung
einer Anzahl griechischer Worte durch sie ins Hebräische siehe
auch
Renan: Israël, Band I, S. 157 Anm. und Maspero: II, S.
698.
Übrigens ist die Frage nach dem Ursprung der Philister und der
Amoriter
eine noch viel umstrittene; wir können den Streit getrost den
Historikern
und Theologen überlassen; die anthropologischen Ergebnisse sind
Ergebnisse
einer exakten Wissenschaft, und die Philologie muss sich nach ihnen
richten,
nicht umgekehrt. Dass die Amoriter, sowie mindestens ein Teil der
Philister,
grosse, blonde, blauäugige Dolichocephalen waren, ist sicher:
somit
gehörten sie zum Typus Homo europaeus; uns Ungelehrten
genügt
das.
²)
Die Legende, welche diese feige That dem David zuschreibt, ist eine
späte
Interpolation; der ursprüngliche Bericht steht II. Sam.
XXI,
19 (vergl. Stade: Geschichte des Volkes Israel, I, 225 fg.).
Für
die Beurteilung des Charakters David's ist es wichtig, dies zu wissen
(siehe
unten, S. 369).
435 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
mischt indoeuropäischen Stamm
der
Gethiter) David seine besten, zuverlässigsten Soldaten gewann. Nur
durch die Philister wurden die Philister besiegt, nur durch die
Amoriter
die Amoriter. Die Gethiter z. B. waren nicht von David unterworfen,
sondern
folgten ihm freiwillig (II Sam. XV, 19 fg.), aus Lust am
Kriege;
ihr Führer, Ithai, wurde zum Befehlshaber eines Drittels der
israelitischen
Armee ernannt (II Sam. XVIII, 2). Von diesem „arischen
Truppenteil“,
wie er ihn nennt, sagt Renan: „Er war eben so tapfer wie der Araber und
unterschied sich von diesem durch seine Treue; um etwas Dauerhaftes zu
gründen, musste man sich auf ihn stützen. — — Er war es,
welcher
die verräterischen Anschläge des Absalom, des Sebah, des
Adoniah
vereitelte; er war es, welcher den bedrohten Thron Salomo's rettete — —
— er hat den Kitt des israelitischen Königreiches
abgegeben.“¹)
Jedoch nicht allein tapfere und treue Soldaten waren diese Männer,
sondern auch Städtebauer; ihre Städte waren die am besten
gebauten
und die festesten (Deuter. I, 28)²) und namentlich eine
ihrer
Städte gewann Weltbedeutung: unweit Hebrons, der Hauptstadt ihrer
hethitischen Freunde, gründeten die Amoriter eine neue
Stadt,
J e r u s a l e m. Der König von Jerusalem, der gegen
Josua auszieht, ist ein Amoriter (Jos. X, 5), und wenn es auch
heisst,
er sei von diesem mit allen andern Königen geschlagen und
erschlagen
worden, so wird man das, sowie das ganze Buch Josua, cum grano salis
zu nehmen haben; denn in Wirklichkeit wurde die Eroberung
Palästinas
den Israeliten
368
sehr schwer und ging äusserst
langsam
und nur unter Zuziehung fremder Elemente vor sich; ³) jedenfalls
blieb
die Stadt Jerusalem bis zu David's Zeiten eine amoritische, mit
Beimischung
vieler Hethiter (Jebusiter nennt die Bibel diese gemischte
Bevölkerung),
doch ohne Israeliten; erst im achten Jahre seiner Regierung er-
—————
¹)
Renan: Israël II, 30—32.
²)
Über Flinders Petrie's neuerliche Ausgrabungen amoritischer
Städte
mit Mauern von zweiundeinhalb Meter Dicke berichtet Sayce: Races of
the Old Testament, p. 112.
³)
Siehe namentlich Wellhausen's Prolegomena (an vielen Orten).
436 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
oberte David mit seinen fremden
Söldnertruppen
diese feste Burg und erwählte sie, ihrer starken Lage wegen, zu
seiner
Residenz. Die amoritisch-hethitische Bevölkerung blieb aber auch
fernerhin
durch Zahl und Stellung bedeutend:¹) von einem wohlhabenden
Amoriter
muss David Boden kaufen, um darauf einen Altar zu errichten (II Sam.
XXIV, 18 fg.), und bei einem Gethiter, einem seiner vertrauten
Truppenführer,
stellt er die heilige Bundeslade ein, als er sie nach Jerusalem
übergeführt
hat (II Sam. IV, 10).²) So lässt denn auch der
Prophet
Hesekiel (XVI) Gott der Stadt Jerusalem zurufen: „Von Ursprung und von
Geburt bist du eine Kanaaniterin; dein Vater war ein Amoriter, deine
Mutter
eine Hethiterin!“ Und dann wirft er den israelitischen Bewohnern vor,
dass
sie sich mit diesen fremden Elementen vermengt hätten: „also
triebest
du Hurerei, dass du dich einem Jeglichen, wer vorüber ging,
gemeinsam
machtest und thatest seinen Willen“ — eine Naivetät des frommen
Juden,
da die Grossen des Reiches mit dem Beispiel nicht gekargt hatten und er
selber, als Jerusalemit, das Kind dieser dreifachen Bastardierung war;
Hesekiel, dem eigentlichen Erfinder des spezifischen Judentums,
schwebte
eben schon jene paradoxe Idee eines aus reiner Rasse hervorgegangenen
Juden
vor, was eine contradictio in adjecto ist. Gerade der
Judäer
hat nun unter allen Israeliten am meisten amoritisches Blut in sich
aufgenommen,
und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Amoriter den Süden
Palästinas,
die Gebiete Simeon's, Juda's und Benjamin's, ziemlich dicht bewohnten,
während sie weiter nördlich spärlicher vertreten waren.
Die ägyptischen Denkmäler, auf welchen die verschiedenen
Völker
äusserst charakteristisch abgebildet sind, beweisen
unwiderruflich,
dass zur Zeit Solomo's und seiner Nach-
—————
¹)
Im Buche Josua XV, 63 lesen wir: „Die Jebusiter aber wohnten zu
Jerusalem und die Kinder Juda's k o n n t e n s
i e n i c h t v e r t r e i b e n;
also blieben die Jebusiter mit den Kindern Juda's zu Jerusalem bis auf
diesen Tag.“
²)
Dass Obededom wirklich ein Gethiter war, wie die angeführte Stelle
besagt, und nicht, wie die spätere Version lautet (I. Chron.
XVI, 18), ein Levit, zeigt Wellhausen: Prolegomena, S. 43.
437 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
folger die Einwohner des
südlichen
Israel, besonders die Truppen-
369
anführer, sich durch das Vorwalten
des ausgesprochenen amoritischen (indoeuropäischen) Typus
auszeichneten.¹)
Ja, man hat sich
bisweilen gefragt, ob nicht David selber halb oder dreiviertel Amoriter
sei. Die Bibel legt an verschiedenen Orten besonderen Nachdruck auf
seine
B l o n d h e i t, und, wie Virchow durch unzählige
Statistiken
nachgewiesen hat, ist „die Haut mit ihrem Zubehör noch dauerhafter
als der Schädel“; helle Haut und blondes Haar kam nun bei den
Hebräern
und den Menschen aus der syrischen Gruppe niemals vor, sondern diese
Charakteristika
des Europäers wurden erst durch die Amoriter und Hellenen ins Land
gebracht; darum fiel ja auch David's Blondheit auf.²) Unter diesen
Umständen ist es wohl nicht allzukühn, wenn man vermutet,
dass
ein in Bethlehem (d. h. gerade in der von Amoritern am dichtesten
bevölkerten
Gegend) geborener Hirte eine Amoriterin zur Mutter gehabt haben mag.
Sein
Charakter, sowohl dessen grosse Fehler wie auch dessen herzgewinnende
Eigenschaften,
seine Kühnheit, seine Vorliebe für das Abenteuerliche, seine
Sorglosigkeit, sein schwärmerischer Sinn unterscheiden David, wie
mir scheint, von allen Helden Israels, ebenfalls sein Bestreben, das
Reich
zu organisieren und die verzettelten Stämme zu einer Einheit
zusammenzufassen
(was ihm ja den Hass der Israeliten zuzog). Auch seine ausgesprochene
Vorliebe
für die Philister (siehe z. B. II. Sam. XXI, 3), unter
denen
er gern als Soldat gedient hatte, ist ein auffallender
—————
¹)
Siehe Typenbild auf S. 367.
²)
Luther hatte die bezüglichen Stellen (I Samuel XVI, 12,
XVII,
42) mit „bräunlicht“ übersetzt; Gesenius dagegen verdeutscht
in seinem Wörterbuch das betreffende hebräische Wort mit
„rot“
und räumt ein, dass es gewöhnlich sich auf das Haar beziehe,
nur giebt er sich grosse Mühe nachzuweisen, David müsse
schwarzhaarig
gewesen sein, und das „rot“ beziehe sich also hier auf die
Gesichtsfarbe
(in der Ausg. von 1899 ist dieser apologetische Rettungsversuch
gestrichen);
die besten wissenschaftlichen Übersetzer der Gegenwart fassen aber
die Bezeichnung direkt als blond, d. h. also blondhaarig, auf, und es
scheint
als sicher zu gelten, dass David ausgesprochen blond war.
438 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Zug, ebenso wie die bemerkenswerte
Thatsache,
auf die Renan hinweist (Israël II, 35), dass er die
Philister
im Kriege edel behandelt, die hebräischen Völker dagegen mit
furchtbarer Grausamkeit, als seien sie ihm im Herzen zuwider. Sollte
diese
Vermutung der Wirklichkeit entsprechen, dann wäre allerdings
Salomo
kaum ein Israelit zu nennen; denn es ist höchst unwahrscheinlich,
dass seine Mutter Bathseba, das Eheweib des Hethiters Uria, eine
Israelitin
gewesen sei.¹) So würde sich die eigentümliche
370
Inkompatibilität zwischen Salomo's
Wesen und Streben und dem Charakter Israel's und Juda's erklären.
Renan sagt es rund heraus: „Salomon n'entendait rien à la
vraie
vocation de sa race“;²) er war ein Fremder mit allen seinen
Wünschen
und Zielen inmitten des Volkes, welches er gross zu machen wähnte.
Und so wäre diese kurze Episode der Glanzzeit des israelitischen
Volkes
— David, Salomo — in Wirklichkeit nichts weiter als eben eine
„Episode“,
herbeigeführt durch die übermütige Kraft eines durchaus
verschiedenen Blutes, doch bald erstickt durch den unbezwingbaren
Willen
des Syro-Semiten, der nicht gesinnt war, diese Wege zu wandeln, noch
auch
die Fähigkeit dazu besessen hätte.
Vergleichende
Zahlen
Über das, was
ich oben die spezielle Einflussphäre nannte, besitzen wir, wie man
sieht, hinreichend geschichtliches Material. Wenn unser Zweck nicht ein
beschränkter wäre — nämlich den Ursprung des Juden
darzuthun
— so gäbe es gar vieles hinzuzufügen, z. B. dass die
Josephiten,
die begabtesten und energischesten unter allen Israeliten (ihnen
entstammen
Josua, Samuel, Jerubbaal u. s. w., sowie die grosse Dynastie der
Omriden),
halbe Ägypter waren (was Genesis XLI, 45 in der
verkürzten
Art solcher Volksmärchen erzählt, indem Joseph die Tochter
eines
Priesters aus Heliopolis heiratet, die ihm Ephraim und Manasse
gebiert)....
Doch besitzt diese Thatsache für die Feststellung des
jüdischen
Stammbaumes wenig oder gar
—————
¹)
Renan: Israël II, 97.
²)
idem,
p. 174.
439 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
keine Bedeutung; denn Heiraten
zwischen
den verschiedenen Stämmen Israels waren durch das Gesetz fast
unmöglich
gemacht und bei der stets hervortretenden Antipathie der Josephiten
gegen
die Kinder Judas besonders unwahrscheinlich. Ebensowenig ist es
nötig,
hier von der Berührung mit manchen anderen hebräischen Sippen
zu reden. Auch die viel später erfolgte Aufnahme von Negerblut
seitens
der Juden in der Alexandrinischen Diaspora — wofür mancher heutige
Staatsbürger mosaischer Konfession den lebendigen Beweis liefert —
ist nebensächlich. Das Gesagte ist ausführlich genug, damit
sich
Jeder die Anthropogenie des Juden in ihren grossen Linien klar
vorstelle.
Wir sahen: es kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass der
historische
Israelit, aus welchem sich der eigentliche „Jude“ erst später
absonderte,
das Produkt einer Mischung ist. Er tritt schon in die Geschichte als
Mischung
ein, nämlich als Hebräer; dieser Hebräer geht aber dann
weitere Ehen mit fremden, nicht semitischen Menschen ein: erstens mit
371
den Hethitern, einem besonderen Stamm
des weit verbreiteten, fest charakterisierten Homo syriacus;
zweitens
mit den grossen, blonden, blauäugigen Amoritern aus der
indoeuropäischen
Gruppe. Nun kommt zu dem historischen Zeugnis das unwiderlegliche
Zeugnis
der exakten Wissenschaft hinzu. F. von Luschan fasst es in seinem schon
mehrfach erwähnten Vortrag folgendermassen zusammen: „Die Juden
sind
zusammengesetzt: erstens, aus wirklichen Semiten, zweitens, aus
arischen
Amoritern, drittens und h a u p t s ä c h l i c
h
aus den Nachkommen der alten Hethiter. Neben diesen drei wichtigsten
Elementen
des Judentums kommen andere Beimengungen gar nicht in Betracht.“ Diese
Diagnostik gilt — das merke man wohl — für die Juden zur Zeit, als
sie von Israel losgetrennt wurden, und sie gilt genau ebenso für
heute;
die Messungen haben sich auf altes Material und auf allerneuestes
bezogen,
und zwar mit dem Erfolg, dass die verschiedenen Aufnahmen von Fremden
(Spaniern,
Südfranzosen u. s. w.) in das Judentum, auf welche Feuilletonisten
und salbungsvolle Moralisten vielen Nachdruck zu legen pflegen,
gänzlich
einflusslos geblieben sind: eine so charakteristisch zu-
440 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sammengesetzte und dann streng rein
gezüchtete Rasse saugt dergleichen Wassertropfen sofort auf.
Und so wäre
der Punkt eins erledigt: das israelitische Volk ist aus der
Bastardierung
durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen. Punkt zwei, in
welchem
das V e r h ä l t n i s der verschiedenen
Rassen zu einander besprochen werden sollte, wird, insofern er blosse
Statistik
bringt, einen einzigen Absatz beanspruchen; doch was sollten uns diese
Zahlen, wenn wir nicht bestimmte Vorstellungen mit ihnen
verknüpften?
Es wäre das reine x, y, z der elementaren Algebralehre: die
Rechnung
stimmt, bedeutet aber nichts, da alle drei Grössen unbekannt sind;
die Qualität der verschiedenen Rassen wird uns also länger
als
die Quantität aufhalten.
Was zunächst
die quantitative Zusammensetzung des israelitischen Blutes anbelangt,
so
darf man nicht übersehen, dass selbst 60 000 Messungen wenig sind
im Vergleich zu den Millionen, die seit Jahrtausenden gelebt haben; es
wäre unzulässig, sie auf das einzelne Individuum anzuwenden;
die Massenstatistik vermag es nicht, auch nur den Saum zu lüften
von
dem Schleier, der die Persönlichkeit umgiebt. Jedoch, man bedenke
auch dieses: ausser der Individualität des Einzelnen gieht es die
Individualität der Gesamtheit eines Volkes; auf diese abstraktere
Persönlichkeit lassen sich Zahlen schon bedeutend besser anwenden.
Was ein bestimmter Mann in einem bestimmten Falle
372
thun wird, kann ich aus seiner
Rassenangehörigkeit
nicht schliessen; wie aber z. B. eine zahlreiche Menge Italiener sich
in
diesem bestimmten Falle als Kollektivität benehmen wird, wie
dagegen
eine gleiche Menge Norweger, das vermag ich mit grosser
Wahrscheinlichkeit
vorauszusagen. Für die Erkenntnis eines Volkscharakters
können
uns folglich anthropologische Zahlen von wirklichem Werte sein. Diese
Zahlen
nun besagen für den Juden (von damals und von heute, im Osten und
im Westen von Europa verglichen): 50 Prozent der Juden zeigen den Typus
des Homo syriacus (kurze Köpfe, charakteristische, sog.
„jüdische“
Nase, Neigung zur Fettleibigkeit u. s. w.) in ausgesprochenem Masse;
nur
5 Prozent weisen Züge und anatomische Bildung des
441 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
echten Semiten (Wüstenbeduinen)
auf; bei 10 Prozent trifft man eine Haut- und Haar-, manchmal auch eine
Gesichtsfarbe an, die auf den Amoriter indoeuropäischen Stammes
weist;
35 Prozent stellen undefinierbare Mischformen dar, etwa nach Art von
Lombroso's
„kombinierten Photographien“, durch welche Gesichter zu Stande kommen,
in denen ein Zug dem andern widerspricht: Schädel, die weder lang
wie die der echten Semiten, noch halblang wie die der Amoriter, noch
rund
wie die der Syrier sind, Nasen, die weder hethitisch, noch arisch, noch
semitisch genannt werden können, oder aber die syrische Nase ist
da,
doch ohne den dazu gehörigen Kopf u. s. w. ins Unendliche. — Das
Hauptergebnis
des anatomischen Befundes ist, dass die jüdische Rasse zwar eine
permanente
ist, zugleich aber eine durch und durch bastardierte, welche diesen
Bastardcharakter
bleibend bewahrt. Ich habe im vorigen
Kapitel versucht, den Unterschied zwischen Mischungen und
Bastardierungen
klar zu machen. Alle historisch grossen Rassen und Nationen sind aus
Mischungen
hervorgegangen; wo aber der Unterschied der Typen ein
unüberbrückbar
tiefer ist, da entstehen Bastarde. Das ist hier der Fall. Die Kreuzung
zwischen Beduin und Syrier war — anatomisch betrachtet — wohl noch
ärger
als die zwischen Spanier und südamerikanischem Indianer. Dazu nun,
in später Stunde, das Ferment eines europäisch-arischen
Zusatzes!
Rassenschuldbewusstsein
Es ist durchaus
geboten,
hierauf grossen Nachdruck zu legen; denn ein derartiger Vorgang, so
unbewusst
er auch geschieht, ist ein blutschänderisches Verbrechen gegen die
Natur; auf ihn kann nur ein elendes oder ein tragisches Schicksal
erfolgen.
Die übrigen Hebräer, und mit ihnen die Josephiten, gingen
elend
zu Grunde; wie die Familien der bedeutenderen pseudosemitischen
Mestizen
(die Phönizier, Babylonier u. s. w.) schwanden sie
373
spurlos dahin; der Jude dagegen
erwählte
das tragische Schicksal: das b e w e i s t
seine
Grösse, und das i s t seine Grösse.
Auf
dieses Thema komme ich bald zurück, da dieser Entschluss die
Begründung
des Judentumes bedeutet; nur das Eine will ich gleich hier bemerken,
denn
es gehört hierher und wurde meines Wissens noch niemals gesagt:
jenes
tiefe Bewusstsein der
442 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
S ü n d e, welches
das jüdische Volk (in seinen heroischen Tagen)
bedrückte¹)
und in den Worten seiner auserwählten Männer ergreifenden
Ausdruck
fand, w u r z e l t i n d i e s
e
p h y s i s c h e n V e r h ä l t n i s s e
n.
Natürlich legte es der Verstand und die uns allen angeborene
Eitelkeit
wesentlich anders aus; doch der Instinkt griff tiefer als der Verstand,
und sobald die Vertilgung der Israeliten und die eigene Gefangenschaft
das Gewissen des Juden geweckt hatten, war seine erste That, jener
Blutschande
(wie ich sie oben in wörtlicher Anlehnung an Hesekiel nannte) ein
Ende zu machen durch das strenge Verbot jeder Vermischung, selbst mit
nahverwandten
Stämmen. Man hat einen unerklärlichen Widerspruch darin
gefunden,
dass es die Juden sind, welche in die heitere Welt die ewig drohende
Vorstellung
der Sünde brachten, und dass sie dennoch unter Sünde etwas
ganz
anderes verstehen als wir. Die Sünde ist nämlich für sie
eine Nationalsache, wogegen der Einzelne „gerecht“ ist, wenn er das
„Gesetz“
nicht übertritt;²) „die Erlösung ist nicht die
moralische
Erlösung des Individuums, sondern die Erlösung des
Staates“;³)
das ist für unser Verständnis schon eine Schwierigkeit. Dazu
kommt aber eine andere: die u n b e w ü s s
t
begangene Sünde gilt dem Juden einem bewussten Vergehen ganz
gleich:4)
„der Begriff der Sünde hat für den Juden keine notwendige
Beziehung
zu dem Gewissen des Sünders, er schliesst nicht die Vorstellung
einer
moralischen Schlechtigkeit ein, sondern deutet auf eine gesetzliche
Verantwortlichkeit.“5)
Monte-
—————
¹)
„Seit dem Exil wurde (bei den Juden) das Sündenbewusstsein
gewissermassen
permanent,“ sagt Wellhausen: Prolegomena, 4. Ausg., S. 431.
²)
Siehe Matthäus XIX, 20. Die Äusserung des reichen
Mannes
billigt noch heute der Jude Graetz vollkommen und bezeugt, die
Aufforderung,
„die Sünden zu bereuen“, habe für den Juden „g a
r k e i n e n S i n n“ (Volkstümliche
Geschichte der Juden, I. 577).
³)
W. Robertson Smith: The Prophets of Israel and their place in
history,
Ausg. von 1895, S. 247.
4)
idem,
S. 102; Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, 2d ed., p.
558 (Anhang von Rabbi Schechter).
5)
R. Smith, a. a. O., S. 103. An anderem Orte schreibt er:
374
443
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
fiore erklärt auch
ausdrücklich,
dass nach der Auffassung der postexilischen Gesetzgeber: „Sünde
betrachtet
wurde, nicht als eine Befleckung der individuellen Seele, sondern als
eine
Befleckung der physischen Reinheit, eine Störung jenes
ungetrübt
reinen Zustandes des Landes und seiner Einwohner, welcher die Bedingung
ausmacht, unter der allein Gott fortfahren kann, unter seinem Volke und
in seinem Heiligtum zu wohnen“ (a. a. O. S. 326). Wellhausen urteilt:
„Bei
den Juden.... besteht keine innere Verbindung zwischen dem Guten und
dem
Gute; das Thun der Hände und das Trachten des Herzens fällt
auseinander.“¹)
Ich bin, wie gesagt, überzeugt, der Schlüssel zu dieser
merkwürdigen,
widerspruchsvollen Vorstellung liegt in der physischen
Entstehungsgeschichte
dieser Rasse: ihr Dasein ist Sünde, ihr Dasein ist ein Verbrechen
gegen die heiligen Gesetze des Lebens; so wenigstens wird sie vom Juden
selber in den Augenblicken, wo das Schicksal hart an seine Pforte
klopft,
empfunden. Nicht das Individuum, sondern das ganze Volk müsste
rein
gewaschen werden, doch nicht von einem bewusst, sondern von einem
unbewusst
begangenen Vergehen; und das ist unmöglich, „wenn du dich gleich
mit
Lauge wüschest und nähmest viel Seife dazu“, wie Jeremia
seinem
Volke zuruft (II, 22). Und um das Unwiederbringliche der Vergangenheit
auszulöschen, um es in die Gegenwart zu rücken, wo Einsicht
und
Willenskraft der Sünde eine Grenze stecken, der Reinheit eine
Stätte
schaffen konnten, musste die gesamte jüdische Geschichte von
Anfang
an gefälscht, die Juden als ein von Gott unter allen Völkern
auserwähltes Volk von makellos reiner Rasse dargestellt und von
nun
an drakonische Gesetze gegen jegliche Blutmischung eingeführt
werden.
Wer das vollbracht hat, waren nicht Lügner, wie man wohl gemeint
hat,
sondern Männer, die unter dem Druck jener Not handelten, welche
allein
uns über uns selbst hinaushebt und zu un-
—————
„Sünde ist bei den
Hebräern jede Handlung, durch welche man sich gegen Jemand im
Unrecht
befindet, der die M a c h t b e s i t z
t,
das Vergehen zu bestrafen“! (a. a. O., S. 246).
¹)
Israelit. und jüd. Geschichte, 3. Ausg., S. 380.
444 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
wissenden Werkzeugen mächtiger
Schicksalswendungen schafft.¹) Wenn irgend etwas geeignet ist, uns
aus der Blindheit unserer Zeit, uns von der Phrasenmacherei unserer
Autoritäten²)
zu
375
erretten und unsere Augen dem
Naturgesetz
zu öffnen, dass grosse Völker nur durch Veredelung der Rasse
entstehen, Veredelung der Rasse aber nur unter bestimmten Bedingungen
stattfindet,
deren Nichtbeachtung Verfall und Sterilität nach sich zieht, so
ist
es der Anblick dieses hochgedachten, verzweiflungsvollen Kampfes der
ihrer
Rassensünde bewusst gewordenen Juden.
Homo
syriacus
Kehren wir jetzt
zu den anthropogenetischen Zahlen zurück, so finden wir uns einem
schwierigem Thema gegenüber; Schädel konnten wir messen und
Nasen
zählen, aber wie thun sich diese Ergebnisse im inneren Wesen des
Juden
kund? Den Schädelknochen halten wir in der Hand, er ist, was
Carlyle
„a
hard fact“
—————
¹)
Man hat Jeremia's Worte: „Es ist doch eitel Lügen, was die
Schriftgelehrten
setzen“ (VIII, 8) auf die damals vor Kurzem geschehene Einführung
des Deuteronomiums und die begonnene Um- und Ausarbeitung des
sogenannten
m o s a i s c h e n G e s e t z e s (von dessen
Dasein keiner der Propheten etwas gewusst hatte) gedeutet, und zwar
wahrscheinlich
mit Recht (nach der Behauptung des gläubigen Juden C. G.
Montefiore:
Religion
of the ancient Hebrews, 201, 202).
²) Auch Herr von Luschan erblickt, wie man aus dem Schlusse seiner
in rein statistischer Beziehung so wertvollen Arbeit über die
ethnographische
Stellung der Juden erfährt, das Heil in einem „völligen
Ineinanderaufgehen
und Verschmelzen“ der verschiedenen Menschenrassen. Man traut seinen
Augen
und Ohren nicht, sobald diese Herren aus der Schule Virchow's von
Thatsachen
zu Gedanken übergehen. Die gesamte Geschichte der Menschheit zeigt
uns ihren Fortschritt an progressive Differenzierung und
Individualisierung
gebunden; Leben und Streben finden wir nur dort, wo scharf
charakterisierte
Volkspersönlichkeiten im Kampfe nebeneinanderstehen (wie jetzt in
Europa), die besten Anlagen verkümmern unter dem Einfluss der
Uniformität
der Rasse (wie z. B. in China), die Bastardierung gegensätzlicher
Typen sehen wir auf allen Gebieten des Organischen zu Sterilität
und
Monstrosität führen — — und dennoch soll das
„Ineinanderaufgehen“
unser Ideal sein! Sehen denn die Herren nicht ein, dass Einerlei und
Chaos
synonyme ausdrücke sind?
„Ich liebte mir
dafür
das Ewigleere!“
445 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nennt,
eine harte Thatsache. Freilich,
dieser Schädel symbolisiert eine ganze Welt; wer seine Masse recht
zu erwägen, wer seine Linien in ihrem gegenseitigen
Verhältnis
recht zu deuten verstünde, der könnte über das
Individuum
viel aussagen: Möglichkeiten würde er erblicken, welche der
betreffenden
Rasse selber erst nach Generationen zum Bewusstsein kommen, und
Schranken,
welche von vornherein einen Menschen vom andern trennen. Wer jene zwei
Schädel auf S. 360 betrachtet, den langen und
den runden, glaubt zwei Mikrokosmen zu erblicken. Doch die Macht der
Deutung
ist uns nicht gegeben; wir beurteilen die Menschen nach ihren Thaten,
eigentlich
also auf indirektem Wege und nach einer fragmentarischen Methode, denn
diese Thaten werden nur durch besondere Umstände veranlasst. Alles
bleibt hier Stückwerk. Nun ist aber das Protoplasma einer
einzelligen
Alge ein so enorm kompliziertes Gebilde, dass die Chemiker noch immer
nicht
wissen, wie viele Atome sie sich im Molekül denken, und wie sie
sie
zu einer halbwegs annehmbaren symbolischen Formel vereinigen sollen;
wer
dürfte sich erkühnen, einen Menschen, ein ganzes Volk auf
eine
Formel zurückzu-
376
führen? Folgende Charakteristika
der Hethiter, der Amoriter und der Semiten sollen also nur zur
allgemeinsten
Orientierung dienen.
Die H
e t h i t e r sehen auf den ägyptischen Bildern nichts
weniger als geistreich aus. Die übertrieben „jüdische“ Nase
setzt
sich nach oben in eine zurückweichende Stirn fort, und unten
schliesst
sich ein bisweilen noch ärger zurücktretendes Kinn an.¹)
Vielleicht hat sich wirklich der Homo syriacus im Allgemeinen
nicht
durch den Besitz grosser und feuriger Begabung ausgezeichnet; ich
wüsste
auch nicht, dass er heute, wo er angeblich wieder überhandnimmt,
hiervon
Beweise gegeben habe. Doch besass er ohne Frage tüchtige
Eigenschaften.
Dass seine Rasse in den verschiedenen Mischungen siegreich
durchgedrungen
—————
¹)
Siehe namentlich die Figuren auf einem hethitischen Monument bei Aintab
(Sayce: Hittites, p. 62) und die Typenbilder nach
ägyptischen
Monumenten auf S. 361.
446 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ist und noch durchdringt, beweist
grosse
physische Kraft. Dieser Kraft entsprach Ausdauer und Fleiss. Klug muss
er auch gewesen sein, nach den wenigen Bildern zu urteilen, sogar
ungeheuer
schlau (was ja mit Genialität nichts zu thun hat, im Gegenteil).
Auch
seine Geschichte zeigt ihn klug: er hat verstanden zu herrschen und er
hat verstanden, sich unter möglichst günstigen Bedingungen
der
fremden Gewalt zu unterwerfen. Unwirtliche Gegenden machte er urbar,
und
als ihre Bevölkerung zunahm, baute er Städte und war ein so
tüchtiger
Kaufmann, dass im Alten Testament „Kaufmann“ und „Kanaaniter“ durch ein
und das selbe Wort ausgedrückt werden. Dass er als Krieger tapfer
zu sterben wusste, bezeugt sein langer Kampf gegen Ägypten¹)
und das Vorkommen solcher Charaktere wie Uria.²) Ein Zug von
Güte
ist auf allen jenen sonst recht verschiedenen Porträts zu lesen.
Man
stellt sich lebhaft vor, wie diese Menschen — gleich fern von
symbolischer
Mythologie
377
und von fanatischem Wüstenwahn
— jenen ungekünstelten Kultus einführen konnten, den die
Israeliten
in Palästina vorfanden und sich aneigneten: das Fest der
Herbstlese
(für sie zugleich Neujahr, von den Juden später
Laubhüttenfest
genannt), das Fest des Frühlings (Ostern, von den Juden
später
zum Passah umgedichtet) mit Darbringung der Erstgeburten von Rindern
und
Schafen, das Fest des vollendeten Getreideschnittes (Pfingsten, von den
Juden Wochenfest genannt), lauter fröhliche Feste eines schon seit
—————
¹)
Die Hethiter scheinen lange Zeit hindurch ganz Syrien beherrscht zu
haben
und wahrscheinlich ganz Kleinasien; ihre Macht war eben so gross wie
die
Ägyptens in seiner Glanzzeit (siehe Wright: Empire of the
Hittites,
1886, und Sayce: The Hittites, 1892). Doch ist Vorsicht am
Platze,
denn die hethitische Schrift ist noch nicht entziffert, und wenn auch
hethitische
Physiognomie, Tracht, Kunst und Schreibart bereits einen bestimmten
Begriff
für die Wissenschaft bilden, die Geschichte dieses Volkes, von dem
man vor wenigen Jahren noch nichts wusste, ist bis jetzt sehr dunkel
geblieben.
²)
Man lese (II Sam. XI) wie prächtig und männlich sich
Uria
benimmt; neben dem verbrecherischen Leichtsinn David's sticht diese
strenge,
wortkarge Pflichterfüllung angenehm ab.
447 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
langen Zeiten ansässigen,
Ackerbau
treibenden, nicht die eines nomadischen Volkes, Feste ohne tiefere
Beziehung
auf das Innenleben des Menschen, eine einfache Naturreligion, wie sie
für
schlichte, fleissige, „leidlich redliche“ Menschen gepasst haben mag
und
gewiss heute noch passen würde.¹) Da wir Menschenopfer nur
dort
eingebürgert sehen, wo (wie in Phönizien) das semitische
Element
stark überwog,²) so dürfen wir voraussetzen, dass, wo
der
kanaanitische Baalsdienst derartige Greuel in dem Fest gestattet (wovon
wir nur ausnahmsweise hören und wohl nur, wo fremde
Fürstinnen
durch Ehe ins Land gekommen sind), ein semitischer Brauch, nicht ein
hethitischer,
sich kundgiebt ³)... Im Ganzen machen uns die Hethiter mehr den
Eindruck
einer achtungswerten und hervorragend lebensfähigen
Mittelmässigkeit
als irgend einer Anlage zu ausserordentlichen Leistungen, sie besitzen
mehr Zähigkeit als Kraft. Goethe sagt einmal, ohne
Überschwänglichkeit
gebe es keine Grösse; nach dieser Goetheschen Definition
dürften
die Hethiter schwerlich auf Grösse Anspruch erheben können.
—————
¹)
Vergl. die Ausführungen bei Wellhausen: Israelitische und
jüd.
Gesch., Kap. 6. Trotz der später vorgenommenen vorsichtigen
Expurgierung
sind doch hier und da in der Thora Erwähnungen dieses heiteren
Naturkultus
geblieben, so z. B. des im Gotteshaus zu Sichem gefeierten
Weinlesefestes
(Richter IX, 27). Siehe auch, wie die Bundeslade „mit Freuden
und
Jauchzen“, mit Musik, Gesang und Tanz von David nach Jerusalem
geführt
wird (II. Sam. VI, 12—15).
²)
Von Luschan hat durch zahlreiche Messungen festgestellt, dass der
phönizische
Typus sich „eng an den arabischen anschloss“.
³)
Über den viel komplizierteren Kultus in der früheren
Hauptstadt
des hethitischen Reiches, Carchemisch (Mabog), siehe Sayce: The
Hittites,
ch. 6. Doch dünkt mich Lucian, auf den er sich beruft, ein sehr
später
und wenig zuverlässiger Zeuge. Interessant ist es dagegen zu
sehen,
wie weit die Phantasielosigkeit der Hebräer sich erstreckte.
Selbst
die Anlage des jüdischen Tempels, des äusseren und inneren
Hofes,
des Vorhangs vor dem Allerheiligsten, sowie das Privilegium des
Hohenpriesters,
diesen Raum zu betreten: das alles (angeblich Moses am Sinai von Gott
vorgeschrieben!)
sind genaue Nachahmungen des uralten hethitischen Ritus.
378
448
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Homo
europaeus
Dagegen scheint in
jenen Amoritern, „hoch wie die Cedern und stark wie die Eichen“ (Amos
II, 9), mit ihren kecken Herausforderungen, ihrer unbändigen
Abenteuerlust,
ihrer wahnwitzigen Treue bis in den Tod gegen fremde,
selbstgewählte
Herren, ihren felsendicken Stadtmauern, aus denen sie so gern in die
Berge
hinausschweiften, in jenen Amoritern scheint mir das
Überschwängliche
recht sehr daheim. Ein wildes, grausames Überschwängliche war
es noch, doch zu allem Höchsten fähig. Man glaubt ein anderes
Wesen zu sehen, wenn man auf den ägyptischen Monumenten unter der
Unzahl Physiognomien plötzlich dieses freimütige,
charakterstarke,
Intelligenz atmende Antlitz erblickt. Wie das Auge des Genies inmitten
des gewöhnlichen Menschenhaufens, so muten uns diese Züge an
unter der Menge der schlauen und schlechten und blöden und
bösen
Gesichter, unter diesem ganzen Gesinde! von Babyloniern und
Hebräern
und Hethitern und Nubiern und wie sie alle heissen mögen. O Homo
europaeus! wie konntest du dich in diese Gesellschaft verirren? Ja,
wie ein Auge, geöffnet in ein göttliches Jenseits, mutest du
mich an. Und ich möchte dir zurufen: folge nicht dem Rat der
gelehrten
Anthropologen, geh nicht auf in jenem Haufen, vermenge dich nicht mit
jener
asiatischen Plebs, gehorche dem grossen Dichter deiner Rasse, bleib dir
selber treu... Doch ich komme drei Jahrtausende zu spät. Der
Hethiter
blieb, der Amoriter schwand. Das ist, unter manchen andern, der eine
Unterschied
zwischen Edlem und Unedlem: jenes ist schwerer zu erhalten. Riesen an
Gestalt,
sind diese Menschen nichtsdestoweniger in Bezug auf innere Organisation
sehr zart. Kein Mensch entartet so schnell wie Lapouge's Homo
europaeus;
wie schnell z. B. die Griechen Barbaren wurden, „in Syros, Parthos,
Aegyptios degenerarunt“, bezeugt schon Livius (38,
17, 11). Er verliert seine Eigenheit gänzlich; dasjenige, was
ihm allein zu Teil wurde, scheint er nicht weiter geben zu können,
die Anderen besitzen das Gefäss nicht für diesen Inhalt;
dagegen
besitzt er selber eine verhängnisvolle Assimilationsfähigkeit
für das Fremdartige. Zwar erzählt man uns von den blonden
Syriern
des heutigen Tages, auch hören wir von zehn Prozent blonder Juden;
449 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
doch Virchow belehrte uns, die Haut
und das Haar seien „dauerhafter als der Schädel“, der Schädel
vermutlich also dauerhafter als das Hirn; ich weiss es nicht, aber ich
glaube wirklich, der Europäer liess in Asien, wie anderwärts,
ausser der Erinnerung an seine Thaten, wenig mehr als Haut und Haar
zurück.
Ich habe ihn im Talmud gesucht, jedoch vergeblich.¹)
379
Homo
arabicus
Recht schwer
dünkt
es mich, über den Dritten in diesem Bunde, den echten Semiten,
etwas
auszusagen: denn es bildet geradezu ein Kennzeichen dieses Homo
arabicus,
dass er erst dann mitwirkend in die menschliche Geschichte eintritt,
wenn
er nicht mehr ein echter Semit ist. So lange er in seiner Wüste
bleibt
(und seiner Seelengrösse und -Ruhe wegen sollte er stets da
bleiben),
gehört er eigentlich der Geschichte gar nicht an; es ist auch sehr
schwer, um nicht zu sagen unmöglich, dort Eingehendes über
ihn
zu erfahren; wir hören nur, er sei tapfer, gastfreundlich, fromm,
auch rachsüchtig und grausam — lauter Charaktereigenschaften,
nichts,
was uns über seine intellektuellen Anlagen Aufschluss gäbe.
Burckhardt,
der Jahre lang Arabien bereiste, schildert den Beduinen als geistig,
absolut
müssig, sobald nicht Krieg oder Liebe den schlaffen Bogen — dann
allerdings
sofort auf das Äusserte — spannt.²) Bricht er aber gewaltsam
heraus in die Kulturwelt, so geschieht es, wie unter Abu Bekr und Omar,
oder wie heute in Zentralafrika, um zu morden und zu brennen.³)
Sobald
er weithin alles verwüstet
—————
¹)
Doch kommt ein thatsächlicher „Germane“ dort vor (Traktat
Schabbath,
VI. 8, fol. 23a des Jerusalemischen Talmuds). Er ist der Sklave
eines Juden. Beauftragt, Rabbi Hila, einen Freund seines Herrn, nach
Hause
zu begleiten, rettet er diesen vom Tode, indem er einen tollen Hund,
der
den Rabbi angefallen, auf sich selber reizt und von ihm den
tödlichen
Biss empfängt. Doch entlockt diese Treue dem frommen Juden nicht
ein
Wort der bewundernden Anerkennung, sondern er citiert bloss Jesaia
XLIII, 4: „Weil du so wert bist, Israel, vor meinen Augen geachtet,
musst
du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb, darum gebe ich Menschen
an deine Statt und Völker für deine Seele.“
²)
Beduinen
und Wahaby (Weimar 1831).
³)
Man sehe doch, wie der berühmte maurische Geschichtsschreiber des
14. Jahrhunderts, Mohammed Ibn Khaldun, von Vielen
450 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
hat, verschwindet der echte Semit,
wir
hören nichts mehr von ihm; überall, wo er in der
Kulturgeschichte
wieder auftaucht, hat inzwischen Vermischung stattgefunden — denn kein
Menschentypus scheint sich schneller und erfolgreicher zu vermischen
als
gerade dieser in einer Jahrtausende währenden, gezwungenen Inzucht
Gezeugte. Der edle Maure Spaniens ist nichts weniger als ein reiner
Wüstenaraber,
er ist zur Hälfte ein Berber (aus der arischen Verwandtschaft) und
nimmt so reichlich gotisches Blut in seine Adern auf, dass noch heute
vornehme
Einwohner
380
Maroccos ihre Genealogie bis zu
germanischen
Ahnen zurückverfolgen können; Harun-al-Raschid's Regierung
ist
nur deswegen ein Glanzpunkt inmitten einer so traurigen Geschichte,
weil
die rein persische Familie der Barmekiden (welche der iranischen
Religion
des Zarathustra treu blieb)¹) als civilisierendes und kulturelles
Element dem Kalifen zur Seite steht. Kein einziger der stets
sogenannten
„semitischen Kulturstaaten“ des Altertums ist rein semitisch, kein
einziger:
weder der babylonische, noch der assyrische, noch der phönicische.
Die Geschichte bezeugt es, und die Anthropologie bestätigt es.
Noch
immer hören wir „Wunder und wilde Mär“ über den reichen
Segen, den wir dieser angeblich semitischen Kulturarbeit verdanken
sollen;
doch bei genauerem Zusehen finden wir den echten Semiten immer und
überall
dem wahrhaft schöpferischen Element nur „aufgepfropft“ (wie
Wellhausen
von den Israeliten sagte), und es ist in Folge dessen recht schwer zu
entwirren,
wie viel und was im Besonderen dem Semiten als solchem zuzuschreiben
ist,
was da-
—————
als der Begründer
wissenschaftlicher Geschichte angesehen und selber ein halber Araber,
urteilt:
„Schaut euch um, betrachtet alle Länder, welche seit den
ältesten
Zeiten von den Einwohnern Arabiens besiegt wurden! Die Civilisation und
die Bevölkerung schwanden aus ihnen, ja der Boden selber schien
sich
bei ihrer Berührung zu verwandeln und unfruchtbar zu werden“ (Prolegomena
zur Weltgeschichte, zweiter Teil; ich citiere nach Robert Flint: History
of the philosophy of history, 1893, p. 166).
¹)
Renan: L'islamisme et la science (Discours et Conférences,
3e éd., p. 382).
451 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
gegen seinem Wirt.¹) Heute
weiss
man zum Beispiel, dass die
381
Semiten ebensowenig die
Buchstabenschrift
erfunden haben, wie
—————
¹)
Siehe Jhering's anregende, aber allerdings hochphantastische Vorgeschichte
der Indoeuropäer, wo die gesamte babylonische Kultur, trotzdem
der Verfasser selber zugiebt, die Semiten hätten sie
„überkommen“,
trotzdem er uns die Sumero-Akkadier als lebendige Kraft noch in
späten
Zeiten am Werke zeigt (S. 133, 243 u. s. w.), einfach als „semitische
Kultur“
bezeichnet wird. Ähnlich von Luschan in dem erwähnten
Vortrag,
wo er sich bemüssigt fühlt, am Schlusse in die Posaune zu
stossen
zu Ehren der „Semiten“, in d e m s e l b e
n
V o r t r a g, in welchem er soeben nachgewiesen hat, die
berühmtesten
semitischen Völker enthielten nur wenig semitisches Blut... o
Logik
der Naturforscher! Zum Schluss tischt er noch die alte Redensart von
der
„hohen Blüte der arabischen Wissenschaft in Spanien“ auf, wo wir
alle
in die Schule gegangen seien — — — eine Märe, deren Nichtigkeit
kein
geringerer als Ernest Renan schon vor langen Jahren aufgedeckt hatte.
„Der
semitische Geist“, schreibt dieser, „ist von Hause aus
antiphilosophisch
und antiwissenschaftich.... Man redet viel von einer arabischen
Wissenschaft
und einer arabischen Philosophie, und allerdings, die Araber waren
während
einem oder zwei Jahrhunderten unsere Lehrmeister; doch geschah das nur,
weil die griechischen Originalschriften verschüttet lagen. Diese
ganze
arabische Wissenschaft und Philosophie war weiter nichts, als eine
armselige
Verdolmetschung hellenischen Wissens und Denkens. Sobald das
authentische
Griechenland aus dem Schatten hervortritt, verfallen diese
jämmerlichen
Produkte in Nichts, und nicht ohne Grund unternehmen alle Gelehrten der
Renaissance einen wahren Kreuzzug gegen sie. Übrigens, näher
betrachtet, war selbst diese also beschaffene arabische Wissenschaft in
gar keiner Beziehung arabisch. Nicht allein war ihre Grundlage rein
griechisch,
sondern u n t e r d e n e n , w e l
c h e s i c h d e r E i n b ü
r g e r u n g d e s W i s s e n s w
i d m e t e n, g a b e s n i c h
t
e i n e n e i n z i g e n e c h t e
n
S e m i t e n; Spanier waren es und (in Bagdad) Perser,
welche
sich der herrschenden arabischen Sprache bedienten. Genau ebenso
verhält
es sich mit der philosophischen Rolle, welche man den Juden im
Mittelalter
zuschreibt; sie haben aus fremden Sprachen übersetzt, weiter
nichts.
Die jüdische Philosophie ist die arabische Philosophie;
nicht
e i n neuer Gedanke kommt hinzu. Eine einzige Seite Roger
Bacon's
besitzt mehr wahrhaft wissenschaftlichen Wert als diese gesamte
erborgte
jüdische Weisheit, die zwar Achtung verdient, doch ledig der
Originalität
ist“ (De la part des peuples sémitiques dans l'histoire de la
civilisation, éd. 1875, p. 22 suiv.). Das selbe Thema
behandelt
Renan ausführlicher in seinem Vortrage des
452
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sie die angeblich „arabischen
Ziffern“
erfunden hatten; von den Hethitern stammt die sogenannte
„phönicische“
oder überhaupt „semitische“ Buchstabenschrift¹), und „die
Legende
von der Übermittelung des Alphabetes an die Arier durch die
Phönicier
ist nunmehr endgültig beseitigt“, da viel ältere
Schriftzeichen
als die ältesten pseudosemitischen aufgefunden wurden, Zeichen,
die
das Vorhandensein „einer urarischen-europäischen Schrift beweisen,
die im Osten erst später von den asiatischen Schriften etwas
beeinflusst
wurde.“²) — — — Andererseits sehen wir, dass, wo der semitische
Wille
auf dem lauteren Gebiete der Religion (nicht des Besitzes) siegreich
durchdrang,
er die geistige Sterilität gebot und erzwang: wir sehen es an dem
Juden nach dem babylonischen Gefangenschaft (denn der Sieg der frommen
Partei ist ohne Frage ein Sieg des semitischen Elements), wir sehen es
am Mohammedanismus. „Das jüdische Leben war fortan (nach dem Exil)
bar aller intellektuellen und geistigen Interessen mit einziger
Ausnahme
der religiösen.... Der typische Jude
—————
Jahres 1883: L'islamisme
et la science. „Nicht allein sind diese Denker und Gelehrten nicht
aus arabischem Stamme“, sagt er da, „sondern die Richtung ihres Geistes
ist durchaus nicht arabisch.“
¹)
Renan: Israël I, 134 suiv.
²)
Professor Hueppe: Zur Rassen- und Sozialhygiene der Griechen
(1897),
S. 26. Dass die sogenannten „phönicischen“ Schriftzeichen nicht
eine
Erfindung des semitischen Geistes sind, wird heute von allen Gelehrten
zugegeben; Halévy vermutet einen ägyptischen, Hommel (mit
grösserer
Wahrscheinlichkeit) einen babylonischen d. h. also sumerischen
Ursprung.
Delitzsch glaubt, die syrischen Halbsemiten hätten aus zwei
verschiedenen
Alphabeten, einem ägyptischen und einem babylonischen, das ihre
zusammengeschmolzen;
der letzte Bearbeiter dieses Gegenstandes gelangt dagegen zu dem
Schluss,
das Alphabet sei überhaupt eine Erfindung der Europäer, erst
durch die hellenischen Mykenier nach Asien gebracht (siehe H. Kluge: Die
Schrift der Mykenier, 1897). — Über die inzwischen genau
bekannt
gewordenen mykenischen Schriftzeichen schreibt ein unverdächtiger
Zeuge, Salomon Reinach (L'Anthropologie, 1902, XIII, 34): Une
chose est certaine: c'est que l'écriture linéaire des
tablettes
ne dérive ni de l'Assyrie ni de l'Egypte, qu'elle
présente
un caractère nettement européen, qu'elle offre comme une
image anticipée de l'épigraphie hellénique.
453 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
interessierte sich weder für
Politik,
noch für Litteratur, noch für
382
Philosophie, noch für
Kunst....
Die Bibel bildete eigentlich die gesamte Litteratur der Juden, deren
Studium
ihr einziges geistiges und intellektuelles Interesse“: das sagt ein
unverdächtiger
Zeuge, der jüdische Gelehrte C. G. Montefiore (a. a. O., S. 419 u.
543). Ein ebenso unverdächtiger, Hirsch Graetz, citiert einen
Ausspruch
Rabbi Akiba's: „Wer sich mit dem Lesen exoterischer Schriften (d. h.
mit
irgend einem Studium ausser dem der heiligen jüdischen Thora)
beschäftigt,
hat seinen Anteil an der zukünftigen Welt verwirkt.“¹) Die
Mischna
lehrt: „seinen Sohn in griechischer Wissenschaft unterweisen lassen,
ist
genau ebenso fluchwürdig wie Schweinezucht betreiben.“²) Dass
das Hethitertum, welches die Hälfte des jüdischen Blutes, wie
wir gesehen haben, ausmacht, stets gegen derartige Lehren protestierte
und sich mit Vorliebe allem „Exoterischen“ zuwandte, ist eine Sache
für
sich; ich suche hier einzig den „Semiten“ zu erfassen. Was den
sterilisierenden
Einfluss der echtesten semitischen Religion, der mohammedanischen,
anlangt,
so ist er zu offenbar, als dass ich ihn erst nachzuweisen hätte.
Wir
stehen also hier zunächst vor einer Menge negativer Thatsachen und
sehr wenigen positiven; wer sich nicht mit Phrasen begnügen will,
wird eben finden, dass es schwer ist, sich die Persönlichkeit des
echten Semiten vorzustellen, und doch ist es für unser jetziges
Vorhaben
— für die Beantwortung der frage: Wer ist der Jude? so wichtig,
dass
wir durchaus zur Klarheit der Vorstellung durchdringen müssen.
Rufen
wir die Gelehrten zu Hilfe!
Schlage ich in dem
Werke des bedeutendsten und darum zuverlässigsten aller
Ethnographen
Deutschlands, Oskar Peschel's, nach, so finde ich auf diese Frage gar
keine
Antwort; das war ein vorsichtiger Mann. Ratzel sagt folgendes: der
Semit
hat
—————
¹)
Gnosticismus
und Judentum (Krotoschin 1846, S. 99). Der sonst in diesem
Zusammenhang
nicht recht einleuchtende Sinn des Wortes „exoterisch“ wird durch die
Herbeiziehung
anderer Stellen erläutert, wo z. B. das Lesen griechischer Dichter
eine „exoterische Beschäftigung“ genannt wird (S. 62).
²)
Citiert nach Renan: Origines du Christianisme, I. 35.
454 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
vor dem Hamiten und dem Indogermanen
die grössere Energie, wenn man will, Einseitigkeit des
religiösen
Empfindens voraus; die Gewaltsamkeit und Ausschliesslichkeit, kurz der
Fanatismus zeichnet den Semiten aus; religiöse Ausschweifungen,
bis
zum Menschenopfer, sind nirgends so verbreitet; noch der Feldherr des
Mahdi
(1883) liess Gefangene lebendig in Kesseln braten; der Semit ist
Individualist,
er hängt mehr am Glauben und der Familie als am Staat; da der
Semit
keinen guten Soldaten abgiebt, hatte er mit fremden Söldnern seine
Siege zu erfechten;
383
vielleicht haben die Semiten in den
ältesten Zeiten Grosses für die Wissenschaft geleistet,
möglich
ist es aber, dass diese Leistungen fremden Ursprungs sind, später
jedenfalls treten sie auf diesem Gebiete ganz zurück, ihre
grössten
Leistungen liegen auch hier auf dem religiösen Gebiet.¹) Mir
scheint diese Charakterisierung recht zerfasert, wenig sagend und
nebenbei
oft falsch. Es ist ja ganz schön und gut, seine Feinde in Kesseln
lebendig zu braten — von China bis zu den kunstbeflissenen Niederlanden
des 16. Jahrhunderts, wo träfen wir Grausamkeit nicht an? — darin
aber eine höhere „Energie des religiösen Empfindens“ zu
erblicken,
ist naiv, namentlich wenn man den Semiten in dieser Beziehung über
den so tief religiösen und fabelhaft schöpferischen
Ägypter
stellt und über den Indogermanen, dessen religiöse Litteratur
bei weitem die grösste der Welt ist, und dessen „religiöses
Empfinden“
sich seit undenklichen Zeiten u. A. darin bekundet hat, dass Tausende
und
Millionen menschlicher Existenzen einzig und allein der Religion
gewidmet
und geopfert waren. Wenn der Brahmane in einem der ältesten
Upanishads
(mindestens 800 oder 1000 Jahre vor Christo)²) lehrt: Das Einatmen
und das Ausatmen bei Tage und auch im Schlafe solle der Mensch als
ununterbrochenes
Opfer an die Gottheit betrachten,³) stellt
—————
¹)
Völkerkunde
II, 391; mit Benützung von Ratzel's eigenen Worten zusammengefasst.
²)
Vergl. Leopold von Schröder: Indiens Litteratur und Kultur
(1887), 20. Vorlesung.
³)
Kaushîtaki-Upanishad
II, 5. Deussen, die grösste lebende Autorität, giebt zu
dieser
Stelle folgende Glosse: der Brahmane will
455 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
das nicht die „höchste Energie
des religiösen Empfindens“ dar, von der die Geschichte der
Menschheit
zu erzählen weiss? Und was soll das wieder heissen: der Semit
ist
I n d i v i d u a l i s t? Soweit wir urteilen können,
unterschied sich der Glaube dort, wo die Religion unter semitischen
Einfluss
geriet, dadurch vom indogermanischen (und vom ostasiatischen), dass
er
n a t i o n a l wurde, dass das Individuum, ausser als
Glied
des Gemeinwesens, fast zu einer quantité négligeable
zusammenschrumpfte (vgl. S.
247); und die pseudosemitischen Staaten haben ohne Ausnahme
jegliche
Freiheit des Individuums aufgehoben. Wahrer Individualismus scheint mir
eher unter den Germanen daheim, als unter den semitischen Völkern;
jedenfalls dürfte die Behauptung „der Semit ist Individualist“ nur
mit vielen einschränkenden Vorbehalten ausgesprochen werden. —
Viel
tiefer geht der
384
gründliche Christian Lassen, der
mehr Seelen- als Schädelkenner war. Trotzdem seine Beurteilung des
Semiten aus den vierziger Jahren datiert, wo man die Halbsemiten von
dem
echten Stamm noch nicht deutlich zu unterscheiden gelernt hatte, greift
seine Charakteristik Momente heraus, welche den intellektuellen Kern
der
semitischen Persönlichkeit blosslegen. Er schreibt: „Die
Anschauungsweise
des Semiten ist subjektiv und egoistisch. Seine Poesie ist lyrisch,
daher
subjektiv, es spricht das Gemüt seine Freude und seinen Schmerz,
seine
Liebe und seinen Hass, seine Bewunderung und seine Verachtung aus; — —
— das Epos, bei dem das Ich des Dichters vor dem Gegenstande
zurücktritt,
gelingt ihm nicht, noch weniger das Drama, welches eine noch
vollständigere
Abstreifung der eigenen Persönlichkeit bei dem Dichter
erfordert.¹)
Auch die Philosophie gehört den Semiten
—————
sagen: „nicht im
äusseren
Kultus soll die Religion bestehen, sondern darin, dass man das ganze
Leben
m i t j e d e m A t e m z u g e in
ihren Dienst stellt“ (Sechzig Upanishad's des Veda, S. 31).
¹)
Also doch Individualismus? Gewiss, doch in einem ganz anderen Sinne als
beim Indogermanen. Beim Semiten steht, wie man diesen Ausführungen
Lassens entnimmt, das Individuum sich selbst gewissermassen im Wege,
daher
sind seine wirklichen Leistungen nur kollektive, im Gegensatz zum
Griechen
und zum Germanen, bei
456 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nicht; sie haben sich, und zwar nur
die Araber, bei den Philosophen der Indogermanen eingemietet. Ihre
Anschauungen
und Vorstellungen beherrschen ihren Geist zu sehr, als dass sie sich
zum
Festhalten des reinen Gedankens richtig erheben und das Allgemeinere
und
Notwendige von ihrer eigenen Individualität und deren
Zufälligkeiten
trennen könnten.¹) In seiner Religion ist der Semit
selbstsüchtig
und ausschliessend; Jehova ist nur
385
der Gott der Hebräer, die ihn
allein
erkennen, alle anderen Götter sind absolut falsch und haben nicht
den geringsten Anteil an der Wahrheit; wenn auch Allah nicht allein der
Araber Gott sein will, sondern sich die ganze Welt unterwerfen soll, so
ist sein Wesen ebenso egoistisch; auch er bestreitet jedem anderen Gott
jedes Moment der Wahrheit, und es hilft nichts, dass du den Allah
anerkennst,
du kannst ihm nur wahrhaft dienen in der ausschliesslichen Form, dass
Muhammed
sein Prophet ist. Ihrer Lehre nach m u s s t e
n
die Semiten intolerant und zum Fanatismus, wie zur starren
Anhänglichkeit
an ihr religiöses Gesetz geneigt sein. Die Toleranz tritt am
deutlichsten
bei den indo-
—————
denen jedes Werk den
Stempel
einer bestimmten Persönlichkeit, eines Individuums trägt.
Genau
die selbe Anschauung wie Lassen hegt auch Fr. von Schack: „Die ganze
schaffende
Thätigkeit der Araber trägt einen subjektiven Charakter.
Überall
sprechen sie vorzugsweise i h r Seelenleben
aus,
ziehen die Dinge der Aussenwelt in dasselbe hinein und zeigen wenig
Neigung,
der Wirklichkeit fest ins Auge zu sehen, um die Natur in scharfen und
bestimmten
Umrissen darzustellen, oder sich in die Individualität Anderer zu
vertiefen und Menschen oder Lebensverhältnisse gegenständlich
zu schildern. Hiernach mussten diejenigen Formen der Poesie, welche ein
Heraustreten aus sich selbst und gestaltende Kraft verlangen, ihnen am
fernsten liegen“ (Poesie und Kunst der Araber I, 99).
¹)
Über Wissenschaft speziell schreibt Grau in seinem bekannten
philosemitischen
Werke: Semiten und Indogermanen (2. Aufl., S. 33): „Die
Hebräer,
wie alle Semiten, sind viel zu subjektiv, als dass der reine
Wissenstrieb
eine Macht in ihnen werden konnte. Die Naturwissenschaft in dem
objektiven
Sinne, den sie bei den Indogermanen hat, mit welchem gegeben ist, dass
die Natur nach ihrem eigenen Sinn und Wesen zur Geltung komme, der
Mensch
aber lediglich ihr Dolmetscher sei, kennen die Hebräer nicht.“ S.
50 schreibt Grau: „den Semiten liegt a l l e s
O b j e k t i v e fern.“
457 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
germanischen Völkern hervor;
diese
Toleranz entspringt aus einer grösseren Freiheit des Gedankens,
der
sich nicht an die Form ausschliesslich bindet. — — Die Eigenschaften
des
semitischen Geistes, das leidenschaftliche Gemüt, der
hartnäckige
Wille, der feste Glaube an ausschliessliche Berechtigung, das ganze
egoistische
Wesen musste seine Besitzer für grosse und kühne Thaten im
höchsten
Grade tüchtig machen.“¹) Hier geht dann Lassen zu einer
Betrachtung
der pseudosemitischen Staaten über, von denen er meint, diese
gross
angelegten Gebilde seien alle daran zu Grunde gegangen, dass „auch hier
die unfügsame Willkür des starren selbstsüchtigen
Willens
störend eingriff.“²) — Mit dieser Charakterisierung ist uns
wirklich
etwas gegeben, fast alles sogar, nur muss sie noch geschliffen und
zugespitzt
werden, soll sich unserem Bewusstsein eine deutliche, allseitig
durchsichtige
Vorstellung aufthun. Das will ich versuchen. Lassen zeigt uns
den
W i l l e n als die vorherrschende Macht in der Seele des
Semiten:
das ist der Kern aller seiner Ausführungen. Dieser Wille
fördert,
zugleich aber hemmt er. Er befähigt seinen Besitzer zu grossen und
kühnen Thaten; er steht ihm im Wege überall, wo der Geist zu
höherer Bethätigung sich aufschwingt. Die Folge ist ein
leidenschaftlicher,
zu grossen Unternehmungen geneigter Charakter, gepaart mit einem
Intellekt,
welcher diesem
386
Antrieb keineswegs adäquat ist,
da er vor dem Ungestüm des Willens niemals zur Entfaltung gelangen
kann. In diesem Menschen steht der Wille obenan, dann kommt das
Gemüt,
zuunterst
—————
¹)
Indische
Altertumskunde (ed. 1847), I, 414 — 416.
²)
Interessant und wichtig ist es, festzustellen, wie das Organ des
Menschengeistes,
die Sprache, diesem besonderen semitischen Typus angepasst ist und ihm
als Ausdruck dient. Renan schreibt: „Ein Köcher voll
stählerner
Pfeile, ein fest gewundenes Ankertau, eine eherne Posaune, deren
wenige,
gellende Töne die Luft zerreissen: das ist die hebräische
Sprache.
Diese Sprache ist unfähig, einen philosophischen Gedanken, ein
wissenschaftliches
Ergebnis, einen Zweifel, oder auch die Empfindung des Unendlichen
auszusprechen.
Sie kann nur wenig sagen, doch was sie sagt, ist wie das Schlagen des
Hammers
auf den Amboss“ (Israël I, 102). Ist das nicht die Sprache
des hartnäckigen Willens?
458 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
steht der Verstand. Lassen legt
einen
besonderen Nachdruck auf den Egoismus des Semiten, immer wieder kommt
er
darauf zurück; bei seiner Poesie, seiner Philosophie, seiner
Religion,
seiner Politik, überall erblickt er ein „egoistisches Wesen“ am
Werke.
Das ist eine unausbleibliche Folge jener Hierarchie der Anlagen. Die
Selbstsucht
wurzelt im Willen; was sie vor Excessen bewahren kann, sind einzig die
Gaben des Gemütes und des Verstandes — ein warmes Herz, eine tiefe
Erkenntnis des Weltwesens, künstlerisch-schöpferisches
Gestalten,
der edle Wissensdurst. Doch, wie Lassen es andeutet, sobald der
stürmische
Wille mit seiner Eigensucht überwiegt, bleiben selbst schöne
Anlagen verkümmert: die Religion entartet zum Fanatismus, das
Denken
ist Zauberei oder Willkür, die Kunst spricht nur die Liebe und den
Hass des Augenblickes aus, sie ist Ausdruck, doch nicht Gestaltung, die
Wissenschaft wird Industrie.
Dieser Semit
wäre
hiernach das rechte Gegenstück zum Hethiter: bei dem einen die
schöne
Harmonie eines allseitig massvoll entwickelten Wesens, zähe
Beharrlichkeit
des Willens vereint mit Klugheit und mit freundlicher Lebensauffassung,
bei dem andern die Stimmung auf das Masslose, auf das Gewaltsame, ein
Charakter
mit gestörtem Gleichgewicht, in welchem die notwendigste und
zugleich
die gefährlichste Gabe des Menschen — der Wille — eine Ausbildung
ins Ungeheuerliche erfahren hat. Wer nicht glaubt, dass die sogenannten
„Rassen“ fertig vom Himmel gefallen sind, wer mit mir sich weigert, dem
Wahngebild angeblicher Uranfänge Beachtung zu schenken (da das
Werden
nur eine Erscheinung des Seins ist, nicht umgekehrt), wird vielleicht
vermuten,
diese beispiellose Entwickelung der einen Fähigkeit bei
entsprechender
Verkümmerung der anderen sei das Werk eines
vieltausendjährigen
Lebens in der Wüste, wo der Intellekt ohne jegliche Nahrung blieb,
das Gemüt sich nur auf einen engen Kreis erstrecken konnte, der
Wille
dagegen — der Wille dieses gänzlich auf sich selbst gestellten,
dieses
inmitten des ununterbrochenen Schweigens der Natur dennoch Tag und
Nacht
von Feind und Gefahr umgebenen Individuums — alle Säfte des
459 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Leibes erheischen, alle Kräfte
des Geistes ununterbrochen auf das Äusserste spannen musste. Sei
dem
wie ihm wolle, jedenfalls schliesst ein solcher Charakter die
Möglichkeit
wahrer
387
Grösse ein. Die
Überschwänglichkeit,
die wir bei den Hethitern vermissten, ist hier gegeben. Und zwar sind
wir
jetzt, wo wir die Analyse bis ins Innere fortgesetzt haben, im Stande,
den Finger auf den Punkt zu legen, wo hier einzig Grösse zu
erwarten
ist: offenbar einzig auf dem Gebiete des Willens und bei allen jenen
Leistungen,
die aus einem Vorwalten des Willens über andere Fähigkeiten
erfolgen
können. Jener Ibn Khaldun, welcher behauptet, der Semit „habe
nicht
die geringste Fähigkeit, etwas Dauerhaftes zu gründen“, lobt
als unvergleichlich die Einfachheit seiner Bedürfnisse (Mangel an
Phantasie), den Instinkt, der ihn eng an die Seinen bindet, von Anderen
ihn scheidend (verkümmertes Gemüt), die Leichtigkeit, mit der
er sich von einem Propheten in das Delirium der Begeisterung hinreissen
lässt, in tiefster Demut dem göttlichen Gebote gehorchend
(schlechte
Urteilsfähigkeit infolge der Unentwickeltheit der Vernunft). Ich
habe
in diesem Satze zu jeder Behauptung lbn Khaldun's meinen Kommentar
gemacht,
doch nur um zu zeigen, dass eine jede der genannten Eigenschaften —
Bedürfnislosigkeit,
Familiensinn, Gottesglaube — in diesem Falle ein Triumph des Willens
bedeutet,
nicht etwa, um den Wert der Genügsamkeit, der Treue gegen die
Seinen
und des Gehorsams gegen Gott herabzusetzen. Es kommt aber darauf an
zu
u n t e r s c h e i d e n, — das ist sogar überhaupt
das
wichtigste Geschäft des Denkens — und um recht zu verstehen, was
ein
echter Semit ist, muss man einsehen lernen: dass die
Bedürfnislosigkeit
eines Omar, für den nichts auf der Welt Interesse bietet, nicht
die
selbe ist, wie die eines Immanuel Kant, der nur darum keine
äusserlichen
Gaben begehrt, weil sein allumfassender Geist die ganze Welt besitzt;
dass
die Treue gegen das eigene Blut etwas durchaus anderes ist, als z. B.
die
Treue jener Amoriter gegen den selbstgewählten Herrn — das eine
ist
lediglich eine instinktmässige Erweiterung des egoistischen
Willenskreises,
das andere ist eine freie Selbstbestimmung des Individuums, eine Art
gelebte
Dichtung;
460 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
vor allem muss man, oder vielmehr
müsste
man (denn ich darf nicht hoffen, es zu erleben) zwischen einem rasenden
Gottesglauben und wahrer Religion unterscheiden lernen und auch
Monolatrie
mit Monotheismus nicht verwechseln. Das hindert durchaus nicht, die
spezifisch
semitische Grösse anzuerkennen. Mag der Mohammedanismus auch die
schlechteste
aller Religionen sein, wie Schopenhauer behauptet, wen durchschauerte
es
nicht mit fast unheimlicher Bewunderung, wenn er einen Mohammedaner in
den Tod gehen sieht, so gelassen, als ginge er
388
spazieren? Und diese Macht des
semitischen
Willens ist so gross, dass sie sich, wie im genannten Falle,
Völkern
aufzwingt, die nicht einen Tropfen arabischen Blutes in den Adern
haben.
Durch die Berührung dieses Willens wird der Mensch umgewandelt: es
liegt in ihm eine derartige Suggestionskraft, dass sie uns fasciniert
wie
das Auge der Schlange den Vogel und wir auf ihr Gebot das Singen und
das
Fliegen plötzlich verlernen. Und so wurde denn der Semit eine
Macht
ersten Ranges in der Weltgeschichte. Gleich einer blinden Naturkraft —
denn der Wille ist blind — stürzte er sich auf andere Völker:
er verschwand in ihnen, sie nahmen ihn auf; man sah wohl, was diese
Völker
ihm gegeben hatten, doch nicht was er ihnen; denn was e
r
gegeben, besass keine Physiognomie, keine Gestalt, es war nur Wille:
eine
erhöhte Energie (was oft zu grossen Leistungen anregte), eine
schwer
zu beherrschende Erregbarkeit und einen unstillbaren Durst nach Besitz
(was oft den Untergang herbeiführte), kurz, eine bestimmte
Willensrichtung;
überall, wo er sich niederliess, hatte der Semit zunächst nur
das Vorhandene angenommen und sich assimiliert, d e
n
C h a r a k t e r d e r V ö l k e
r
h a t t e e r a b e r g e ä n
d e r t.
Homo
judaeus
Wie flüchtig
dieser Versuch, einige unterscheidende Merkmale der Hethiter, der
Amoriter
und der Semiten scharf zu beleuchten, auch sein mag, ich glaube doch,
dass
er zu einer vernünftigen, wahrheitsgemässen Erkenntnis des
israelitischen
und jüdischen Charakters beitragen wird. An ein derartiges
Beginnen
darf man überhaupt nur mit Bescheidenheit und voller Entsagung
gehen.
Jedenfalls werden deutliche Bilder von lebendigen Me-
461 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
schen und ihren Thaten uns zu einer
farbenreicheren Vorstellung verhelfen als Zahlen, und Zahlen sind schon
besser als Phrasen. Mit jedem Schritt müssen wir aber behutsamer
werden,
und blicken wir jetzt auf jene Zahlen zurück, so werden wir nicht
geneigt sein, den Israeliten nach Prozentsätzen aus Semiten,
Amoritern
und Hethitern zu „konstruieren“, etwa wie der Koch eine Mehlspeise nach
einem Recept macht, das wäre Kinderei. Dennoch rückt durch
jene
Betrachtung Manches unserem Verstande menschlich näher. Was z. B.
in einem Nationalcharakter unlösbarer Widerspruch ist — und an
solchen
Widersprüchen ist das jüdische Volk reicher als irgend ein
anderes
— wirkt zunächst verwirrend, oft geradezu beunruhigend; doch
verliert
sich dieser Eindruck, wenn wir die organische Ursache des Widerspruchs
kennen. So leuchtet es ohne Weiteres ein, dass aus der Vermengung von
Hebräern
und Hethitern widerspruchs-
389
volle Tendenzen erfolgen mussten: denn,
während die Hebräer sich den Hethitern physisch aufpfropften,
wurde ihnen, den Hebräern, eine Kultur eingeimpft, die ihnen
moralisch
und intellektuell nicht angehörte, die nicht naturgemäss aus
ihrer eigenen Not, aus einer erfinderischen Fülle des eigenen
Geistes
hervorgegangen war; es war Besitzergreifung im Gegensatz zu organischer
Angehörigkeit. Zwar erwarben sich die Hebräer einen
wirklichen
Besitztitel an dieser Kultur, indem sie das Blut des
schöpferischen
Hethitervolkes in das ihre aufnahmen und Israeliten wurden; doch gerade
hierdurch war fortan Gegensatz und innerer Zwist gegeben: die zwei
Typen
waren zu grundverschieden, um ganz ineinander aufgehen zu können,
was sich besonders deutlich in dem bald hervortretenden Gegensatz
zwischen
Juda und Israel kundthat; im Norden nämlich prädominierte der
syrische Mensch und war die Vermischung eine viel gründlichere und
schnellere gewesen,¹) im Süden dagegen wogen die Amoriter vor
und fand eine fast unaufhörliche Einsickerung echten semitischen
Blutes
aus Arabien statt. Was hier zwischen Stamm und Stamm sich
—————
¹)
Die Hethiter waren im Norden zahlreicher, die Amoriter im Süden
(siehe
Sayce: Hittites; pag. 13 und 17).
462 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ereignete, wiederholte sich
innerhalb
des engeren Verbandes: so lange Jerusalem stand, sehen wir
ununterbrochen
die mattgläubigen, weltsüchtigen Elemente ausscheiden, sie
flüchten
förmlich aus der Heimat des strengen Gesetzes und des schmucklosen
Lebens. Das selbe Phänomen währt heute noch, nur nicht so
sichtbar.
Ich glaube nicht, dass es Künstelei ist, wenn wir hierin den
dauernden
Einfluss einerseits des Homo syriacus, andrerseits des Homo
arabicus
erblicken.
Andere Betrachtungen
dieser Art über die Beiträge der verschiedenen Typen zu der
Bildung
dieser besonderen Menschenrasse überlasse ich dem Leser und wende
mich gleich dem wichtigsten Punkt zu — d e m E
i n f l u s s d e s s e m i t i s c h e
n
G e i s t e s a u f d i e R e l i g
i o n. Offenbar ist das die Kernfrage, um die Entstehung
des
Judentums und seinen Charakter zu verstehen; und während die
besondere
Befähigung für Geschäfte vielleicht eher ein
hethitisches
als ein semitisches Erbstück ist, dürfte in religiöser
Hinsicht
das semitische Element
390
stark vorwiegen.¹) Ich behandle
diesen Gegenstand lieber gleich
—————
¹)
Einen Beweis bezüglich des Geschäftlichen liefern uns die
Armenier,
in deren Adern das „alarodische“, d. h. syrische Blut in bedeutend
stärkerem
Prozentsatz fliesst (etwa 80% nach einer brieflichen Mitteilung des
Herrn
Professor Hueppe), sonst aber nur indoeuropäisches, phrygisches,
nicht
semitisches, und die — ausser der charakteristischen „Judennase“, jenes
hethitischen Erbstückes — die selbe Habgier, die selbe
geschäftliche
Schlauheit und die selbe leidenschaftliche Vorliebe für Wucher wie
die Juden, alles aber in noch stärkerem Grade an den Tag legen, so
dass man in der Levante zu sagen pflegt: ein Armenier wiegt drei Juden
auf. Interessante Mitteilungen über den Charakter der Armenier,
namentlich
auch über ihr Genie für das Intriguieren und Aufwiegeln,
findet
man aus neuester Zeit in David Hogarth: A wandering scholar in the
Levant
(1896 p. 147 fg.). Allerdings schildert Burckhardt in seinem
berühmten
Buche Über die Beduinen und Wahaby (Weimar 1831) die
echten
Semiten ebenfalls als arge, überschlaue Geschäftsleute: „In
ihren
Privatkäufen betrügen die Araber einander, so viel es nur
immer
gehen will“, sagt er, „auch Wucher treiben sie, wo es nur immer
Gelegenheit
dazu giebt“ (S. 149, 154). Doch hat Burckhardt, als er noch weitere
Jahre
bei den Beduinen gelebt hatte, sein Urteil dahin präcisiert, dass
zwar die „Gier nach Gewinn“ einen Hauptzug
463 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
hier und von dem allgemeinen
Standpunkte
aus, als später, wo die jüdische Religion als besondere
Erscheinung
uns beschäftigen wird; denn der weitere Horizont wird einen
weiteren
Überblick gestatten, und fragen wir uns, wie wirkt überall
und
notwendigerweise auf das religiöse Empfinden der Völker der
besondere
semitische Geist, dessen Wesen wir nunmehr in der Vorherrschaft des
Willens
erkannt haben, so wird die Antwort uns sowohl über den
vorliegenden
Fall Aufschluss geben, wie auch zugleich unsere weitere Aufgabe im
Verlauf
dieses ganzen Werkes ungemein erleichtern. Denn es handelt sich um eine
noch heute in unserer Mitte wirkende Kraft, die vermutlich noch in
künftigen,
fernen Jahrhunderten ihren Einfluss geltend machen wird, und die wir
durch
die alleinige Betrachtung des beschränkten, spezifischen Judentums
nicht ergründen können.
391
Exkurs über semitische Religion
Ich sagte, der Semit
habe den Charakter der Völker geändert. Die Veränderung
des Charakters zeigt sich am deutlichsten auf dem Gebiete der Religion.
Fällt es uns sonst schwer, die Beteiligung des spezifisch
semitischen
Geistes in den Mischvölkern herauszulösen, so sehen wir ihn
hier
unverkennbar deutlich am Werke; denn hier dehnt sich sein tyrannischer
Wille zu kosmi-
—————
ihres Charakters
ausmache,
doch die Neigung zum Betrug erst durch die Berührung mit den
Städten
und der dort ansässigen Gaunerbevölkerung entstehe (S. 292).
Wer lügt, hat bei ihnen die Ehre verloren (S. 296), und Burckhardt
darf behaupten: „mit allen ihren Fehlern sind die Beduinen eine der
edelsten
Nationen, mit welchen ich je bekannt zu werden Gelegenheit hatte“
(288).
— In Bezug auf diese nicht unwichtige Frage sind die neuesten
Erfahrungen
der Franzosen in Algier von Interesse: die Kabylen kehren gern zur
Civilisation
zurück, wogegen die rein arabischen Stämme für sie wenig
empfänglich sind und von der Welt Freiheit fordern, weiter nichts;
sie erweisen sich als ein durch und durch antikulturelles Element.
Schenken
ist ihnen lieber als Verkaufen, Rauben lieber als Erfeilschen, jedem
Gesetz
ziehen sie die Ungebundenheit vor. In allen diesen Dingen ist der
Kontrast
zu den Hethitern, wie sie in der Geschichte uns entgegentreten, sehr
auffallend.
Der masslose Wille des Semiten, jene Gier nach Gewinn, von welcher
Burckhardt
spricht, wird die syrische Anlage für kaufmännische
Geschäfte
sehr verschärft haben, nichtsdestoweniger scheint diese Anlage
selbst
ein syrisches, nicht ein semitisches Erbstück zu sein.
464 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
schen Dimensionen aus und verwandelt
die ganze Auffassung von „Religion“. Schopenhauer sagt einmal:
„Religion
ist die Metaphysik des Volkes“; nun denke man sich, wie die Religion
von
Menschen aussehen mag, für die der absolute Mangel an jeder
metaphysischen
Regung, an jeder philosophischen Anlage ein grundlegendes Kennzeichen
ist!¹)
Dieser eine Satz enthüllt die tiefe Gegensätzlichkeit
zwischen
Semit und Indoeuropäer. Es wäre unerklärlich, wie man im
Semiten den religiösen Menschen katechochen [κατ΄ έξοχην] erblicken
kann, wenn wir nicht noch heute im dichten Nebel historisch ererbter
Vorurteile und Aberglauben lebten; sicher ist jedenfalls, dass, wo
semitischer
Einfluss hindrang, die Auffassung dessen, was Religion ist, eine tiefe
Umwandlung erlitt. ²) Denn überall sonst auf der ganzen Welt,
selbst bei den wilden Völkern, ist die Religion mit
Geheimnisvollem
durchwebt. Plato meint, die Seele werde im Jenseits „in ein Geheimnis
geweiht,
welches man wohl das allerseligste nennen könne“; ³) Jesus
Christus
sagt von der Lehre, welche seine ganze Religion einbegreift, sie sei
ein
„Geheimnis“.4) Was hier den
höchsten
Ausdruck fand, treffen wir aber auf allen Stufen der menschlichen
Hierarchie
an, mit Ausnahme der semitischen. Schopenhauer nennt das, von seinem
Standpunkt
als Philosoph aus, „Metaphysik“; wir dürfen, glaube ich, einfach
sagen,
dass der Mensch überall auf unlösbare Widersprüche
stösst
(Widersprüche im Gemütsleben ebenso wie im Denken); dadurch
aufmerksam
gemacht, ahnt er, dass sein Verstand nur einem Bruchteil des Seins
adäquat
ist, er ahnt, dass das, was seine fünf Sinne ihm vermitteln und
was
seine kombinierende Logik daraus konstruiert, weder das Wesen der Welt
ausser ihm, noch sein eigenes Wesen erschöpfe; er errät neben
dem wahrnehmbaren Kosmos einen unwahrnehm-
392
baren, neben dem denkbaren einen
undenkbaren,
die einfache
—————
¹)
Renan, Histoire des langues sémitiques, p. 18: „L'abstraction
est inconnue dans les langues sémitiques, la métaphysique
impossible.“
²)
Siehe S. 220 u. fg.
³)
Phaidros
250.
4)
Siehe S. 199.
465 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Welt erweitert sich zum
„Doppelreich“.¹)
Schon der Anblick des Todes weist ihn auf eine unbekannte Welt, und die
Geburt mutet ihn an wie eine Botschaft aus dem selben Reiche. Auf
Schritt
und Tritt begegnen wir nur „Wundern“; das grösste sind wir uns
selber.
Wie naiv der Wilde sich wundert und überall ein Ausserweltliches
vermutet,
ist von vielen Reisenden geschildert worden und daher allbekannt; von
Goethe
andrerseits, vielleicht dem feinst organisierten Gehirn, welches die
Menschheit
bisher hervorbrachte, sagt Carlyle: „Vor seinem Auge liegt die ganze
Welt
ausgebreitet, durchsichtig, als wäre sie zu Glas verschmolzen,
doch
allseitig umgeben vom W u n d e r, alles
Natürliche
in Wahrheit ein Übernatürliches;“²) und Voltaire, der
angebliche
Spötter, beschliesst seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen
mit den Worten: „Pour peu qu'on creuse, on trouve une abîme
infini“.
So reichen sich die Menschen die Hände von der untersten Stufe bis
zur obersten: die lebendige Empfindung eines grossen Weltgeheimnisses,
die Ahnung, dass das Natürliche „übernatürlich“ sei, ist
Allen gemeinsam, sie vereinigt den Australneger mit einem Newton und
einem
Goethe. Einzig der Semit steht abseits. Von dem Wüstenaraber sagt
Renan: „Kein Mensch der Welt ist der Mystik so wenig zugänglich
wie
dieser, kein Mensch so wenig zur Betrachtung und zur Andacht gestimmt.
Gott ist Schöpfer der Welt, er hat sie gemacht, das genügt
ihm
als Erklärung.“³) Es ist dies der pure Materialismus im
Gegensatz
zu dem, was andere Menschen Religion nennen, worunter sie alle ein
Unausdenkbares,
Unaussprechbares verstehen. So rühmt denn auch Montefiore von der
Religion seiner Väter, in welcher semitischer Religionsdrang seine
höchste,
—————
¹)
Faust,
zweiter Teil, I. Akt, Faustens letzte Worte.
²)
In dem Aufsatz Goethe's Works, gegen Schluss.
³)
L'islamisme
et la science, p. 380. Hier liegt offenbar ein geistiges Manco vor,
was auch Renan an anderer Stelle zugiebt, wo er berichtet: „Den
semitischen
Völkern geht die fragende Wissbegierde fast gänzlich
ab;
n i c h t s e r r e g t b e i i h n
e n S t a u n e n“ (Langues
sémitiques,p.
10). Nach Hume ist das Fehlen des Staunens das charakteristische
Merkmal
geringer intellektueller Begabung.
466 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
durchgebildetste Form gefunden hat,
sie enthalte nichts Esoterisches, nicht die geringste innere
Unbegreiflichkeit;
daher komme es, dass diese Religion, die weder Aberglauben noch
Geheimnis
kenne, die Lehrmeisterin der Völker geworden sei.¹) Der selbe
jüdische Autor wird nicht müde, voll Bewunderung hervorzu-
393
heben, die Semiten hätten nie etwas
von Sündenfall, von Rechtfertigung durch den Glauben, von
Erlösung,
von Gnade gewusst;²) womit er jedoch nur zeigt, dass sie das, was
die übrige Welt Religion nennt, kaum ahnen. In Dr. Ludwig
Philippson's
Israelitische
Religionslehre (Leipzig 1861), einer orthodox jüdischen, „der
Zukunft der israelitischen Religion“ gewidmeten Darstellung, wird als
eines
der drei „unterscheidenden Merkmale“ dieser Religion der Satz
hingestellt:
„Die israelitische Religion hat und kennt keine Geheimnisse, keine
Mysterien“
(I, 34). Ebenso gesteht einmal Renan in einer Anwandlung
rücksichtsloser
Aufrichtigkeit: „Der semitische Gottesglaube (Monotheismus) ist in
Wirklichkeit
die Frucht einer Menschenrasse, deren religiöse Bedürfnisse
sehr
gering sind. Er b e d e u t e t e i
n
M i n i m u m a n R e l i g i o
n.“³)
Ein grosses, wahres Wort, welches nur darum seine Wirkung verfehlt hat,
weil Renan nicht zeigte, inwiefern und aus welchem zwingenden Grunde
der
wegen der Glut seines Glaubens berühmte Semit dennoch nur ein
Minimum
an wahrer Religion besitzt. Die Erklärung liegt offen vor uns: wo
Verstand und Phantasie vom blinden Willen unterjocht sind, da kann, da
darf es kein Wunder geben, nichts Unerreichbares, keinen „Weg ins
Unbetretene,
nicht zu Betretende“,4) nichts, was
die
Hand nicht ergreifen und der Augenblick (sei es auch
—————
¹)
Vergl. Religion of the ancient Hebrews, p. 160.
²)
A. a. O., namentlich S. 514, 524 und 544, aber auch an vielen anderen
Orten.
³)
Nouvelles
considérations sur les peuples sémitiques (Journal
Asiatique
1859, p. 253). Auch Robertson Smith: The Prophets of Israel, p.
33, bezeugt, der echte Semit habe „wenig Religion“.
4)
Oder wie die Brihadâranyaka — Upanishad die selbe
Vorstellung
wiedergiebt: „die Wegspur des Weltalls, der man nachzugehen hat,
um
a u s d e m T e i l i n
s
g a n z e W e l t a l l zu gelangen (1, 4, 7).
467 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nur als klar vorstellbare Hoffnung)
nicht besitzen kann. Selbst ein so hoher Geist wie Deuterojesaia
betrachtet
den religiösen Glauben als etwas, was auf empirischer Grundlage
ruhe
und durch ein gewissermassen gerichtliches Verfahren geprüft
werden
könne: „Lasst die Heiden Zeugen stellen und b e w e i
s e n, so wird man es hören und sagen: es ist die
Wahrheit“
(XLIII, 9). Genau das selbe lesen wir in der zweiten Sura des Koran:
„Rufet eure Zeugen, wenn ihr wahr sprechet.“ Der oben angeführte
heutige
jüdische Religionslehrer Philippson setzt ausführlich
auseinander,
der Jude glaube einzig und allein das, w a s e
r m i t A u g e n g e s e h e
n
h a b e, ein „blinder Glaube“ sei ihm unbekannt, und in
einer
langen Anmerkung führt er sämtliche Stellen der Bibel an, in
welchen von „Glauben an Gott“ die Rede
394
ist, und behauptet, dieser Ausdruck
komme ausnahmslos nur dort vor, wo „von voraufgegangenen sichtbaren
Erweisen
gehandelt ist“.¹) Immer also handelt es sich um äussere
Erfahrung,
nicht um innere; immer sind die Vorstellungen durchaus konkrete,
materielle;
wie Montefiore uns versichert, selbst in der ausgebildeten
jüdischen
Religion giebt es nichts, was nicht der dümmste Mensch sofort
verstünde
und bis auf den Boden ausdenken könnte; sobald Einer ein Mysterium
ahnt, sobald er z. B. in der Schöpfungsgeschichte Symbolik
vermutet,
ist er ein Ketzer und verfällt dem Henker;²) selbst die
möglichst
materialisierte Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis
ist
ein so offenbar fremdes, entlehntes Gut, dass sie inmitten der
israelitischen
Tradition vollkommen isoliert und ohne wirkliche Beziehung auf sie
bleibt.³)
Der Wille führt eben den Verstand und die Phantasie an kurzen
Ketten.
Daher schlägt der ungläubig gewordene Semit sofort in den
Atheisten
um; ein Geheimnis, ein Mysterium gab es ja ohnehin nicht: ist nicht
Allah
der Schöpfer, so ist es die Materie; als
—————
¹)
Philippson: Israelitische Religionslehre, I, 35 fg.
²)
Siehe z. B. in Graetz: Gnosticismus und Judentum, den Abschnitt
über Ben Soma.
³)
Ausführlich behandelt von Renan: Langues sémitiques,
p. 482 suiv., siehe auch die Anmerkung auf S. 485, und mein Citat aus
Darmesteter,
S.
399, Anm. 2. Vergl. auch das Vorwort
zur 4. Aufl. dieses Buches.
468 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Welterklärung ist zwischen
beiden
Annahmen kaum der Schatten eines Unterschiedes, denn bei keiner von
beiden
fühlt sich der Semit in Gegenwart eines unlösbaren
Rätsels,
eines übermenschlichen Geheimnisses.
Wollen wir aber den
Einfluss semitischen Wesens auf die Religion überblicken, so
dürfen
wir nicht bloss von Verstehen und Nichtverstehen, von der Empfindung
und
der Nichtempfindung des Geheimnisses reden; es muss ebenfalls des
gestaltenden
Einflusses der Phantasie, jener „allverschwisternden Himmelsgenossin“
(wie
Novalis sie nennt), gedacht werden. Die P h a n t a s i
e
ist die Magd der Religion, sie ist die grosse Vermittlerin; geboren,
wie
Shakespeare sagt, aus der Ehe des Kopfes und des Herzens, bewegt sie
sich
auf der Grenze des Goethe'schen „Doppelreiches“ und setzt somit die
eine
Hälfte mit der andern in Verbindung: ihre Gestalten bedeuten mehr
als das blosse Auge daran erblickt, ihre Worte künden mehr als das
blosse Ohr vernimmt. Sie vermag es nicht, das Unerschlossene zu
erschliessen,
doch stellt sie die Maja vor uns hin und überzeugt unsere Augen,
dass
ihr Schleier nicht gelüftet werden kann. Die Symbolik, als
notwendige
Sprache des unaussprechbaren Weltgeheimnisses,
395
ist ihr Werk; Plato nennt diese Sprache
ein Schwimmbrett, das uns den Lebensstrom hinunterträgt; sie ist
ebenso
allgemein verbreitet wie die Empfindung dieses Geheimnisses, ihr
Vokabularium
so verschieden wie die Kulturstufen und die Himmelsstriche. So z. B.
haben
die Samoaner das unergründliche und doch von ihnen, wie man sieht,
so unmittelbar empfundene Mysterium der Allgegenwart Gottes sich
folgendermassen
versinnbildlicht. Sie stellen sich den Körper ihres Gottes
Saveasiuleo
als aus zwei trennbaren Teilen bestehend vor; der obere, menschlich
gestaltete
Teil (der eigentliche Gott) weilt im „Hause der Geister“, bei den
Verstorbenen,
der untere Teil ist ein ungeheuer langes, seeschlangenartiges Gebilde,
das sich um alle Inseln des grossen Meeres schlingt, aufmerksam auf
das,
was die Menschen thun.¹) Freilich ist es ein weiter Weg von einer
verhältnismässig
—————
¹)
E. B. Tylor: Die Anfänge der Kultur, deutsch von Spengel
und
Poske, 1873, II, 309.
469 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
so rohen Phantasie bis zu der
christlich-theologischen
Vorstellung der Allgegenwart Gottes, und noch weiter liegt sie von dem
transscendentalen Idealismus, der einem Çankara
zur Vorstellung
des selben Geheimnisses dient, doch kann ich einen grundsätzlichen
Unterschied nicht erblicken. Ausserdem sehen wir an anderen Beispielen,
wie diese Bethätigung der Imagination bei religiösen
Vorstellungen
überall nach und nach zu sehr geklärten Ideen führt.
Tylor,
dieser so vorsichtige, zuverlässige Gelehrte, behauptet, dass es
wahrscheinlich
auf dem ganzen afrikanischen Kontinent, von den Hottentotten bis zu den
Berbern, keinen Stamm gebe, der nicht an eine oberste Gottheit glaube,
und er zeigt, wie diese Auffassung sich allmählich aus dem
einfachen
Animismus herausbilde. Doch finden es die meisten, so z. B. die Neger
der
Goldküste, unwürdig, den grossen Weltgeist mit den
geringfügigen
irdischen Angelegenheiten beschäftigt zu denken; nur selten,
meinen
sie, greife er in diese ein. Ein anderer Stamm, der der Yorubas (auf
einer
merklich höheren Kulturstufe stehende Neger von der
Sklavenküste)
lehrt: „Niemand kann sich Gott direkt nähern, sondern der
Allmächtige
selbst hat Fürsprecher und Mittler zwischen ihm und dem
Menschengeschlechte
eingesetzt. Gott bringt man keine Opfer dar, weil er nichts bedarf,
dagegen
die Mittler, die den Menschen sehr ähnlich sind, werden durch
Geschenke
an Schafen, Tauben und anderen Dingen erfreut“.¹) Das dünkt
mich
schon eine recht hochgeartete „Volksmetaphysik“, eine Religion, die
Achtung
verdient. Andrerseits
396
wissen wir, wie die reichste Mythologie
der Welt, die der indischen Arier, schon in den urältesten Hymnen
(vor der Einwanderung nach Indien) lehrte: „Die vielen Götter sind
ein einziges Wesen, das unter verschiedenen Namen verehrt wird“,²)
und wie diese Mythologie später zur erhabensten Vorstellung des
Eingottes
im Brahman führte, überhaupt zu einer wunderbar erhabenen,
wenn
auch einseitigen und darum unterlegenen Religion;
—————
¹)
Tylor: a. a. O., S. 348, 349.
²)
Rigveda,
I, 164, 46 (citiert nach Barth: Religions de l'Inde, p. 23).
470 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ferner wissen wir, wie aus der
gemeinsamen
Wurzel jener ewig blühende Garten des hellenischen Olymps und jene
bewunderungswürdige Sittenlehre des Avesta und des Zoroaster
hervorwuchs;
wir wissen endlich, wie alle diese Dinge, vereint mit den daran
geknüpften
metaphysischen Spekulationen und mit der stets weiter gestaltenden Not
unseres angeborenen schöpferischen Triebes, das Christentum vor
dem
Schicksal retteten, ein blosser Annex des Judentums zu werden, wie sie
ihm mythischen (d. h. unerschöpflichen) Inhalt und Augenzauber
verliehen,
wie sie es mit den tiefsten Symbolen indoeuropäischen Sinnes
verquickten
und zu einem heiligen Gefäss für die Geheimnisse des
Menschenherzens
und des Menschenhirns gestalteten, zu einem „Weg ins Unbetretene, nicht
zu Betretende“, zu einer „Wegspur des Weltalls“.¹) Über die
Bedeutung
der Phantasie für die Religion kann demnach kein Zweifel bestehen.
Sollen wir nun sagen, der Semit besitze gar keine Phantasie? Alle
solche
absolute Behauptungen sind falsch; zwingt auch die notwendige
Kürze
des geschriebenen Gedankens häufig zu dieser Form, so darf wohl
vorausgesetzt
werden, dass der Leser die nötige Korrektur automatisch
ausführt.
Der Semit ist ein Mensch wie andere; es handelt sich lediglich um
Gradunterschiede,
die aber allerdings in diesem Falle, dank dem extremen Charakter dieses
menschlichen Typus, der Grenze des absoluten Ja und Nein, des Sein oder
Nichtsein nahekommen. Alle, die überhaupt das Recht haben,
mitzureden,
bezeugen nämlich einstimmig, dass der Mangel an Phantasie, oder
sagen
wir, die Armut der Phantasie ein Grundzug des Semiten sei. Ich habe
schon
wichtige Belege gebracht, z. B. die Ausführungen Lassen's, und
könnte
noch viele hinzufügen, doch die Frage verdient keine Diskussion
mehr:
der Mohammedanismus und das Judentum sind genügende Beweise; was
man
uns vom Beduinen erzählt,²) zeigt uns nur den Ursprung dieser
Armut. Wie Renan sehr glücklich sagt: „le sémite a
l'imagination
com-
397
primante“, d. h. seine Phantasie
wirkt beengend, einschnürend,
—————
¹)
Über die Mythologie im Christentum, siehe Kap.
7.
²)
Siehe S. 404.
471 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
verschmächtigend; ein grosser
Gedanke,
ein tief symbolisches Bild kommt klein und dünn,
„plattgeschlagen“,
der weithin reichenden Bedeutung beraubt, aus seinem Gehirn wieder
heraus.
„Unter den Händen der Semiten wurden die Mythologien, die sie
fremden
Völkern entlehnten, zu flachen historischen Berichten.“¹)
„Die
Entfärbung der Mythen ist gleichbedeutend mit ihrer
Hebraisierung“,
sagt Wellhausen.²) Und nicht allein besassen die Semiten wenig
schöpferische
Phantasie, sondern sie unterdrückten systematisch jede derartige
Regung.
Ebenso wie der Mensch nicht denken, nicht sich wundern soll, ebenso
soll
er sich auch nichts vorstellen. Jeglicher Versuch, sich
Übermenschliches
vorzusteIlen, ist Götzendienst; der Saveasiuleo der Samoaner ist
ein
Götze, die Sixtinische Madonna Raffael's ein Götze, das
Symbol
des Kreuzes ein Götze.³) Ich werde hier nicht wiederholen,
was
ich in einem früheren Kapitel über diesen besonderen
Gegenstand
vorgebracht habe, ich bitte aber, es nachzulesen (S.
230 fg.). Dort habe ich versucht, klar zu machen, warum der Semit
diese
Auffassung besitzen m u s s t e, wie die Glut
und
die besondere Art seines aus dem Willen entsprungenen Glaubens sie ihm
aufzwang; ich wies auch darauf hin, wie der Semit überall, wo er
diesem
Gesetz seiner Natur trotzte (wie in Phönicien) selber der
gräulichste
Götzenanbeter wurde und vielleicht der einzige echte
Götzenanbeter,
von dem die Menschheit zu erzählen weiss. Denn während der
Inder
die Verneinung des Willens, Christus dessen „Umkehr“ lehrte, ist
für
den Semiten ganz im Gegenteil Religion die Vergötterung seines
Willens,
dessen glühendste, massloseste, rasendste Behauptung. Hätte
er
nicht diesen Glauben, der ihn zum Protagonisten der fanatischen
Intoleranz
und zugleich zum Muster aller Dulder macht, er hätte gar keine
Religion,
fast gar keine; daher die ewig wiederkehrende Mahnung seiner
Gesetzgeber
gegen „gegossene Götter“.
—————
¹)
Renan: Israël I, 49, 77, 78.
²)
Prolegomena,
4. Ausg., S. 321.
³)
Dass das Kreuz den Götzen des Heidentums gleich zu achten sei,
sagt
Prof. Graetz ausdrücklich: Volkstümliche Geschichte der
Juden
II, 218.
472 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Aus diesen
Ausführungen
ergiebt sich zunächst Folgendes: der Semit verbannt aus der
Religion
das gedankenvolle Verwundern, jedes Gefühl eines
übermenschlichen
Geheimnisses, er verbannt ebenfalls die schöpferische Phantasie;
von
beiden duldet
398
er nur das durchaus unentbehrliche
Minimum,
jenes „Minimum an Religion“, von dem Renan sprach. Wo also semitischer
Einfluss sich geltend macht, sei es durch physische Vermengung (wie bei
den Juden), sei es durch die blosse Macht der Idee (wie im
Christentum),
werden wir diesen beiden charakteristischen Bestrebungen begegnen.
Beide
kann man in ein einziges Wort zusammenfassen: M a t e r i a
l i s m u s. Einer der gewaltigsten Denker, die je gelebt,
dessen Denken ausserdem eine symbolische Plastizität besass, die
beispiellos,
selbst von Plato unerreicht dasteht, so dass seine Weltanschauung in
mancher
Beziehung mit Religion verwandt erscheint, Schopenhauer, hat als
Metaphysiker
den Satz aufgestellt: „die Materie ist die blosse Sichtbarkeit des
Willens...
was in der Erscheinung, d. h. für die Vorstellung, Materie ist,
das
ist an sich selbst Wille.“¹) Ich will hier keine Metaphysik
treiben,
auch nicht Schopenhauer's spekulative Symbolik vertreten; auffallend
aber
ist es, wie auf dem Gebiete der rein empirischen Psychologie ein
analoges
Verhältnis sich unentrinnbar behauptet. Wo der Wille den fragenden
Verstand und das phantasiereiche Gemüt geknechtet hat, da kann es
keine andere Lebensanschauung und keine andere Weltanschauung geben,
als
die materialistische. Ich gebrauche das Wort nicht in einem
wegwerfenden
Sinne, ich leugne nicht die Vorteile des Materialismus, ich bestreite
nicht,
dass er mit Moral vereinbar sei: ich konstatiere einfach eine
Thatsache.
Unverfälschter Materialismus ist die religiöse Lehre des
Arabers
Mohammed, eben-
—————
¹)
Die Welt als Wille und Vorstellung, 2. Band, 2. Buch, Kap. 24.
In
gar keinem Zusammenhang hiermit, doch immerhin interessant als eine
Widerspiegelung
der selben Erkenntnis, ist die Lehre der Sâmkhya-Philosophie (des
rationalistischen Systems der brahmanischen Inder), wonach das Wollen
keine
geistige, sondern eine physische Funktion sei. (vergl. Garbe: Die
Sâmkhya-Philosophie,
S. 251).
473 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sowohl die augenblicklichen
Vorgänge
der Offenbarungen Gottes an ihn, wie sein Paradies mit Essen und
Trinken
und schönen Houris; unverfälschter Materialismus ist der
Kontrakt,
welchen Jakob mit Jahve (nach Gen. XXVIII, 20—22) eingeht, in
welchem
er fünf Bedingungen, oder, wie der Jurist sagen würde,
Stipulationen
festsetzt und dann schliesst: so du das thust, sollst du mein Gott
sein.
Die ganze Schöpfungsgeschichte der Genesis — die in
ähnlicher
Fassung alle Hebräer und, wie es scheint, alle syrischen Semiten,
sowie auch die babylonischen besassen —¹) ist reiner
Materialismus;
sie war es ursprünglich nicht, sondern war
399
die mythisch-symbolische Vorstellung
eines mit Phantasie begabten Volkes (vermutlich der Sumero-Akkadier),
doch,
wie Renan uns soeben belehrte, der Mythus wird unter den Händen
der
Semiten zu historischer Chronik.²) Von all den tiefen Ideen,
welche
sinnende und sinnige Gemüter in diese Erzählung
hineingeheimnisst
hatten, merkten die Semiten gar nichts, so rein gar nichts, dass die
Juden
z. B. die Vorstellung eines bösen Geistes, dem guten
entgegengesetzt,
erst während der babylonischen Gefangenschaft durch Zoroaster
kennen
lernten; bis dahin hatten sie
—————
¹)
Vergl. Gunkel: Handkommentar zur Genesis, S. XLI fg.
²) Von der hervorragenden Phantasie der Sumero-Akkadier zeugen
ihre
wissenschaftlichen Leistungen, ausserdem soll aber ihre Sprache auf
eine
ganz besondere Neigung zur Abstraktion schliessen lassen, denn sie ist
reicher an abstrakten Begriffen als an nomina concreta (siehe
Delitzsch:
Die
Entstehung des ältesten Schriftsystems 1898, S. 118). Ein
direkterer
Gegensatz zur semitischen Anlage ist undenkbar; man stellt sich leicht
vor, welche Verballhornung die sumerischen Theorien der Schöpfung
unter israelitischen Händen mögen erlitten haben. — Es wird
aber
immer wahrscheinlicher, dass diese ganze Mythologie von a l
t a r i s c h e n Vorstellungen durchtränkt ist, wozu
z. B. der Weltbaum, die Sintflut, die Gottheit im Wasser (woher die
Taufe),
die Versuchungsgeschichten u. s. w., gehören. Prof. Otto Franke
(Königsberg)
schreibt in der
Deutschen Literaturzeitung, 1901, Nr. 44, Kolumne
2763 ff.: „Überall stehen derartige Stücke in der semitischen
Überlieferung vereinzelt und fremdartig in fremder Umgebung,
bilden
hingegen organische Glieder ganzer Gedankensysteme bei den Ariern; sie
sind oft dürr und schematisch bei den Semiten, während sie
bei
den Ariern als überschäumende Bäche aus lebendig
sprudelnden
Quellen hervorströmen.“
474 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
in der Schlange ihrer Bibel eben
lediglich
eine Schlange erblickt!¹) Was sage ich, sie hätten keine
Vorstellung
eines bösen Prinzips gehabt? Trotz ihres Buches der Genesis,
Kap. 1 und 2, war den Israeliten auch die Idee eines G o t
t e s, Schöpfers des Himmels und der Erde, bis zum
babylonischen
Exil g ä n z l i c h u n b e k a n n
t!
Der Gedanke taucht zum erstenmal im sogenannten Deutero-Jesaia auf.
(Siehe
Kap. XL bis LVI des Buches Jesaia.) Dem wirklichen Jesaia,
sowie
Jeremia, war die Vorstellung noch fremd.²) Die in der Genesis
enthaltenen phantastisch-wissenschaftlichen Ideen über die
Entstehung
der
400
organischen Welt, der tiefsinnige Mythus
des Sündenfalls, die Vermutung über die Entwickelung der
Menschheit
bis zur ersten Organisierung der Gesellschaft.... das war jetzt alles
„Geschichte“,
wodurch es zugleich jede Bedeutung als religiöser Mythus verlor;
denn
der Mythus ist elastisch, unerschöpflich, wogegen hier eine
einfache
C h r o n i k von Thatsachen, eine Aufzählung
geschehener
Begebnisse vorliegt.³) Das ist Ma-
—————
¹) Vergl. Montefiore a. a. O., S. 453. Wie tief im Organismus der
Semiten diese Unfähigkeit begründet liegt, ersehen wir
daraus,
dass ein Mann wie James Darmesteter, einer der am meisten genannten
Orientalisten
des 19. Jahrhunderts, ein Mann von universeller Gelehrsamkeit, im Jahre
des Heils 1882 schreiben konnte: „Die biblische Kosmogonie, aus
fremder
Quelle hastig entlehnt, sowie alle ihre Erzählungen von
Äpfeln
und Schlangen, über welche die Geschlechter der Christen
schlaflose
Nächte verbrachten, haben unseren israelitischen Doktoren niemals
die geringste Qual verursacht, noch ihr Denken beschäftigt.“ Ein
tieferes
Verständnis hat seine Gelehrsamkeit diesem durchaus
freidenkerischen
Juden — „einem ehrlichen Juden“, wie Shakespeare gesagt hätte —
nicht
geben können; und so dürfen wir wohl lächeln, wenn er
uns,
nachdem er die Äpfel abgethan hat, belehrt, das Kreuz sei schon
„verfault“
und das Christentum eine „abortierte“ Religion. Doch die gähnende
Kluft (S. 330) reisst sich tief auf vor unseren
Augen
bei dem Anblick so bodenlosen Unverstandes! (Siehe Coup d'oeil sur
l'histoire
du peuple juif, p. 39 suiv.).
²)
Selbst der jüdische Gelehrte Montefiore giebt das
ausdrücklich
zu: Religion of the ancient Hebrews, p. 269. Für
Näheres
siehe weiter unten, S. 403.
³)
Nähere Ausführungen über die Bibel als geschichtliches
475 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
terialismus. Überall, wo
semitischer
Geist geweht hat, wird man diesem Materialismus begegnen. Sonst ist auf
der ganzen Welt Religion eine idealistische Regung; Schopenhauer nannte
sie „Volksmetaphysik“, ich möchte sie eher Volksidealismus nennen;
auch bei dem Semiten beobachten wir dieses sehnsuchtsvolle Erwachen
einer
Empfindung des Übermenschlichen (man lese nur das Leben
Mohammed's),
doch ergreift sofort der gebieterische Wille jedes Symbol, jede tiefe
Ahnung
des sinnenden Gedankens und wandelt sie zu harten empirischen
Thatsachen
um. Und so kommt es denn, dass bei dieser Auffassung die Religion
nur
p r a k t i s c h e Zwecke verfolgt, durchaus keine ideale:
sie soll für das Wohlergehen auf dieser Welt sorgen und zielt
namentlich
auf Herrschaft und Besitz; ausserdem soll sie das Wohlergehen in der
künftigen
Welt verbürgen (dort wo der Begriff der Unsterblichkeit vorhanden
ist, der in den israelitischen Glauben z. B. erst durch persischen
Einfluss,
in den arabischen durch das Christentum aufgenommen wurde). Nackter
Materialismus!
wie schon der Vergleich mit dem Saveasiuleo der Samoaner und dem
grossen
Weltgeist der Yorubas zeigt.
Das wäre ein
negativer Einfluss des Judentums auf alle Religion: die Infizierung mit
materialistischen Grundanschauungen. Jetzt müssen wir den
positiven
betrachten, der gemeiniglich einzig ins Auge gefasst wird. Nirgends —
das
kann man, glaube ich, ohne jede Einschränkung behaupten — nirgends
auf der ganzen Welt trifft man den G l a u b e
n
ähnlich an wie bei den Semiten, so glühend, so
rückhaltlos,
so unerschütterlich. Vielleicht besässen wir ohne sie den
Begriff
des religiösen Glaubens, der fides gar nicht. Das deutsche
Wort „Glaube“ ist sehr zweideutig; von Hause aus schmeckt es eben so
sehr
nach Zweifeln wie nach Überzeugtsein; die Grundbedeutung ist ja
ein
blosses „Gutheissen“.¹) Wenn wir zum Lateinischen greifen, kommen
wir
—————
Werk und über die
Bedeutung, die ihr als solches für das jüdische Volk zukommt,
enthält das Kapitel über die Erscheinung Christi, S.
233 fg. Siehe auch weiter unten S. 453.
¹)
Kluge: Etymologisches Wörterbuch.
476 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
auch nicht besser weg, denn in
Wahrheit
heisst fides Vertrauen,
401
weiter gar nichts; ¹) die bona
fides der rechtlichen Verträge zeigt das Wort in seiner
ursprünglichen
Bedeutung, die spätere fides salvifica ist ein pis
aller.
Charakteristischer Weise zeichnet sich auch im Sanskrit das Wort çraddhâ,
der Glaube, durch schwankenden, farblosen Begriffskreis aus im
Vergleich
zum semitischen „Glauben“; man erhält den Eindruck, den jeder
forschende
Blick über die Vorgänge der Geschichte bestätigen wird,
dass es sich hier um zwei verschiedene Dinge handelt. ²) Sehr
häufig
kann es ja vorkommen, dass eine Zunahme der Quantität die
Qualität
völlig umwandelt; ³) das scheint auch hier der Fall zu sein.
Der
echt semitische Glaube kann durch nichts zerstört, durch nichts
auch
nur angetastet werden, er widersteht jeder Erfahrung, jeder Evidenz.
Hier
triumphiert der Wille, und zwar — das merke man wohl, denn da liegt der
psychologische Kern der merkwürdigen Erscheinung — triumphiert er
nicht allein wegen seiner ungewöhnlichen Kraft, sondern zugleich
in
Folge der Verkümmerung von Verstand und Phantasie: einem Minimum
von
Religion gegenüber befindet sich ein Maximum von unbedingter,
unerschütterlicher
Glaubensfähigkeit, von einem Glaubensbedürfnis, das wie eine
gierige Hand sich ausstreckt und dem Gläubigen, aber auch ihm
persönlich
und allein, mit Ausschluss jedes Anderen, die ganze Welt zu eigen
schenken
will und muss. Charakteristisch für den Absolutismus dieses
„Glaubenswillens“
(wenn ich das Wort schmieden darf) ist es, dass ursprünglich jeder
Stamm, jedes Stämmchen der Semiten seinen eigenen Gott hat; nie
würde
der Semit mit einem Andern teilen wollen, sein Wille ist unbedingt, er
allein muss alles besitzen; und so unbegrenzt wie sein Wille
—————
¹)
Das griechische πίστις
ebenfalls.
²)
Çraddhâ
bedeutet „Vertrauen, Zuversicht, Glaube, auch Treue, Aufrichtigkeit“,
das
Verbum çrad-dhâ „vertrauen, für wahr halten“.
Doch hat der Begriff etwas Mattes, Farbloses an sich, und vor allem
muss
die Thatsache unsere Aufmerksamkeit erregen, dass das Wort çraddhâ
überhaupt eine recht unbedeutende Rolle in dem Leben dieses so
hervorragend
religiös beanlagten Volkes spielt.
³)
Siehe Seite 61.
477 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ist sein Glaube; diese zwei
Ausdrücke
sind bei ihm fast synonym. Die Religion erscheint gewissermassen nicht
um ihrer selbst willen da, sondern als ein Mittel, als eine Handhabe,
um
das Gebiet durch den Willen zu Erreichenden möglichst erweitern
402
zu können.¹) Die Annahme,
der Semit sei von Hause aus Monoist, eine Annahme, zu der Renan's
berühmte
Phrase: „le désert est monothéiste“²) viel
beigetragen
hatte, ist längst als irrig erwiesen;³) wir sehen jeden
kleinen
Stamm der Hebräer seinen eigenen Gott besitzen, der nur über
diese besondere Familie und innerhalb dieses besonderen Landstriches
Gewalt
übt; verlässt Einer den Familienverband, tritt er in ein
anderes
Gebiet, so gerät er unter die Botmässigkeit eines anderen
Gottes:
das ist doch kein Monotheismus.4) Ich
halte
den Gedanken der göttlichen Einheit
—————
¹)
Dass die echten Wüstenbeduinen noch heute den kosmopolitischen
Gott
des Korans in Wahrheit nicht anerkennen, wird von vielen Autoren
bezeugt.
Robertson Smith: Religion of the Semites, p. 71, deutet an, der
Mohammedismus sei gewissermassen eine s t ä d t i s c
h e Religion im Gegensatz zur Religion der Wüste.
Ähnlich
Burckhardt: Beduinen, S. 156.
²)
Langues
sémitiques, éd. 1878, p. 6 (diese Worte sprach Renan
ursprünglich im Jahre 1855).
³)
Man vergleiche Robertson Smith: Religion of the Semites (ed.
1894,
p. 75 fg.). Welche eifrige Polytheisten viele pseudosemitische Nationen
waren, ist bekannt; allerdings hat man nicht das Recht, ohne weiteres
auf
die reinen Semiten Rückschlüsse zu ziehen. Auf diese fast
niemals
beobachtete Reserve hatte Renan gleich im Vorwort zu der ersten Ausgabe
seiner Langues sémitiques grossen Nachdruck gelegt.
4)
David, von Saul aus Palästina vertrieben, kann nicht anders, als
auf
fremdem Boden „fremden Göttern dienen“ (I. Sam. XXVI, 19);
vergl. hierzu namentlich Robertson Smith: Prophets of Israel
(ed.
1895, p. 44) und die Zusammenstellung der charakteristischen Stellen,
aus
welchen die selbe Vorstellung erhellt, bei Wellhausen: Prolegomena,
4. Ausg., S. 22. Besonders naiv tritt der Polytheismus im Lobgesange
Mosis
auf: „Herr, wer ist dir gleich unter den Göttern?“ (Ex. XV,
11). Im viel späteren Deuteronomium wird zwischen Jahve
und
den „fremden Göttern“ als durchaus gleichnamigen Wesen
unterschieden
(XXXII, 12), und nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten wird jener
angerufen
als „Gott aller Götter“ (X, 17). Noch zur Zeit der Makkabäer
(mehr als ein halbes Jahr-
478 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
für durch und durch
unsemitisch,
für geradezu antisemitisch, schon deswegen, weil er nur
der
S p e k u l a t i o n entspringen kann: in dem
überreichen
Material, das die Phantasie angesammelt hat, schafft der Gedanke
Ordnung
und gelangt so zur Vorstellung der Einheit; hier dagegen ist weder
Phantasie
noch Spekulation, sondern Geschichte und Wille: daraus konnte niemals
der
eine kosmische Weltgeist der Inder, Perser, Hellenen und Christen
entstehen,
noch der „einigeine“ Gott der Ägypter.¹) In das Juden-
403
tum ist nachweislich die Idee des einen
Weltgottes nur in der spätesten, postexilischen Zeit langsam
eingedrungen,
und ohne allen Zweifel unter fremdem, namentlich persischem Einfluss;
wollten
wir ganz wahr sprechen, wir müssten sagen: diese Idee
drang
n i e m a l s ein, denn heute noch, wie vor 3000 Jahren,
ist
Jahve nicht der Gott des kosmischen Weltalls, sondern der Gott der
Juden;
er hat nur die übrigen Götter umgebracht, vertilgt, wie er
auch
die übrigen Völker noch vertilgen wird, mit Ausnahme derer,
die
den Juden als Sklaven dienen sollen.²) Das ist
—————
tausend später)
begegnen
wir diesem selben Ausdruck „Gott aller Götter“ im Buche Daniel
XI, 36 und finden bei Jesus Sirach die Vorstellung von
„Nebengöttern“,
die im Auftrage Jahve's über die verschiedenen Völker
regieren
(Jes. Sir. XVII, 17).
¹)
Über den ägyptischen Monotheismus wurde viel gestritten, doch
mit Unrecht, denn es ist unmöglich, ihn in Zweifel zu ziehen, wenn
man im Totenbuch liest: „Du bist der Eine, der Gott aus den
Uranfängen
der Zeit, der Erbe der Ewigkeit, selbsterzeugt und selbstgeboren; du
schufest
die Erde, du machtest die Menschen.... “ (Einleitende Hymnen an Ra;
siehe
die vollständige Übersetzung des Totenbuches nach der
Thebanischen Rezension von E. A. W. Budge. 1898). Budge macht darauf
aufmerksam
(S. XCVIII), dass die Formel in Deuteronomium IV, 4: „Der Herr,
unser Gott, ist ein einiger Gott“ eine buchstäbliche Nachahmung
des
Ägyptischen ist.
²)
Man sehe z. B. die Apokalypse des Baruch (LXXII), ein
berühmtes
jüdisches Werk aus dem Schluss des 1. Jahrhunderts n a
c h Christo: „Die Männer aller Nationen sollen Israel
unterthan sein, doch diejenigen, die über euch geherrscht haben,
sollen
durch das Schwert vertilgt werden“ (citiert nach Stanton: The
jewish
and the christian Messiah, p. 316). Man sieht, wie engnational
dieser
angebliche Schöpfer des Himmels und der Erde geblieben ist.
479 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
doch kein wirklicher Monotheismus,
sondern,
wie schon früher bemerkt, ungeschminkte Monolatrie!
Dagegen lehrt uns
gerade diese Betrachtung einsehen, welche wichtige und
eigentümliche
Wahrheit unter den nur zu allgemein gehaltenen Worten Renan's steckte;
wie so häufig, hatte er richtig gesehen, aber äusserst
oberflächlich
analysiert. Er hatte geschrieben: „Die Wüste ist monotheistisch;
das
Erhabene ihrer unermesslichen Einförmigkeit offenbarte zum ersten
Male den Menschen die Vorstellung des Unendlichen.“ Wie falsch alles
ist,
was in diesem Satz dem Semikolon folgt, zeigen ja Renan's eigene
Ausführungen
an anderem Orte, wo er darthut, gerade die semitischen Sprachen seien
„unfähig,
die Empfindung des Unendlichen zum Ausdruck zu bringen“ (siehe S. 295).
In den dunklen Ur-
404
wäldern Indiens hat die Empfindung
des Unendlichen eine solche Intensität gewonnen, dass der Mensch
sein
eigenes Ich in das All sich auflösen fühlte, wogegen der
Bewohner
der sonnendurchglühten Wüste, geblendet vom Übermass des
Lichtes, an Augenkraft verlor und nur sich selber erblickte; weit
entfernt,
das Unendliche zu empfinden, das sich uns nur in der Nacht oder durch
die
Millionen Stimmen des wimmelnden Lebens offenbart, fühlte er sich
einsam, einsam und doch gefährdet, einsam und doch kaum im Stande,
sich die nötigen Nahrungsmittel zu verschaffen, und gar nicht mehr
im Stande, es zu thun, sobald eine andere Sippe sich der seinen
hätte
zugesellen wollen. Dieses Leben war in Kampf, ein Kampf, in dem nur der
rücksichtslose Egoismus
—————
Das giebt auch
Montefiore
zu, indem er schreibt: „Jahve war freilich nach und nach zum einen
Weltgott
geworden, doch blieb dieser Gott noch immer Jahve. Trotzdem er nunmehr
der unbeschränkte Beherrscher des Universums geworden, hörte
er nicht auf, der Gott Israels zu sein“ (a. a. O., S. 422). Robertson
Smith,
einer der ersten Autoritäten unserer Zeit in diesen Fragen, deutet
Jesaia
Kap. 2 als eine Prophezeiung, dass Jahve nach und nach durch die
Anerkennung
seiner Herrschertugenden sich zum Gott der ganzen
Menschheit
a u f s c h w i n g e n werde. Also selbst in den
erhabensten
Phasen der semitischen Religionsauffassung, selbst wo von Gott die Rede
ist, das Vorwalten des rein historischen, flagrant anthropomorphischen,
unbedingt materialistischen Standpunktes!
480 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
bestehen konnte. Während der
Inder,
ganz in Denken versunken, die Hand nur nach den Bäumen
auszustrecken
brauchte, wenn ihn hungerte, stand der Beduine Tag und Nacht auf dem Qui-vive
und hatte etwas anderes zu thun, als über das Unendliche
nachzusinnen,
wozu er ausserdem so gänzlich unfähig und unbeanlagt war,
dass
ihm seine Sprache nicht die mindeste Handhabe dazu bot. Dagegen
können
wir uns recht wohl vorstellen, wie die einförmige Armut der
Umgebung
zu der unvergleichlichen Armut mythologischer Vorstellungen führen
konnte: der Mensch ist nämlich durchaus unfähig, seine
Phantasie
aus eigener Kraft zu speisen; sie wird, wie Shakespeare sagt, „im Auge
geboren“; wo dem Auge lediglich Einförmigkeit geboten wird, wird
sie
zur Einförmigkeit verdorren.¹) Und was wir ebenfalls
verstehen
können, ist, wie in einer solchen Umgebung sich jener durchaus
egoistische
Monotheismus entwickeln konnte, wo der eine Gott nicht der grosse
überweltliche
Geist ist, wie für die armen Neger der Sklavenküste, sondern
ein harter, grausamer Herr, der nur für mich, den e i
n e n, da ist, für mich und meine Kinder, der mir,
wenn
ich mich blind ihm unterwerfe, die Länder schenkt, die ich nicht
urbar
gemacht habe, voll Öl und Wein, die Häuser, die ich nicht
gebaut,
die Brunnen, die ich nicht gegraben — alle jene Herrlichkeiten, die ich
nur hin und wieder aus der Ferne erblickt habe, wenn ich, von Hunger
getrieben,
meine Wüste zu Streifzügen verliess; ja, und diese Menschen
alle,
die dort in Arbeit und Reichtum schwelgen und mit freudigem Tanz und
Gesang
und fetten Opfern Götter anbeten, welche ihnen alle diese
Reichtümer
405
schenken, sie will ich meinem
Wüstengotte
hinschlachten, ihre Altäre umwerfen, nur mein Gott soll
hinfürder
Gott sein, nur ich allein auf Erden Herr! Dies ist der Monotheismus der
Wüste; nicht aus der Idee des Unendlichen entspringt er, sondern
aus
der Ideenlosigkeit eines armen, hungrigen, gierigen Menschen, dessen
—————
¹)
Burckhardt, der Jahre lang in Arabien gelebt hat, bezeugt, dass die
Einförmigkeit
des Wüstenlebens und der Mangel an jeglicher Beschäftigung in
ihm auf den Geist unerträglich drückt und ihn zuletzt
völlig
lahmlegt (Beduinen und Wahaby, S. 286).
481 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Gedankenkreis sich kaum über
die
Vorstellung erhebt, dass Besitz und Macht höchste Wonne wäre.
Um die tiefgreifende
Verwandlung der Gesinnung klar zu machen, die durch diese semitische
Auffassung
des Glaubens in dem menschlichen Gemüt bewirkt wird, kann ich
nichts
Besseres thun als Goethe citieren. Überall und immer werden seine
Worte angeführt: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der
Welt-
und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind,
bleibt
der Konflikt des Unglaubens und des Glaubens.“¹) Doch weit
bedeutender
ist folgender Passus im vierten Buch von Wahrheit und Dichtung:
„D i e a l l g e m e i n e , n a t ü r l i
c h e R e l i g i o n b e d a r f e
i g e n t l i c h k e i n e s G l a u b e n
s:
denn die Überzeugung, dass ein grosses, hervorbringendes,
ordnendes
und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich
uns
fasslich zu machen, eine solche Überzeugung drängt sich einem
Jeden auf, ja, wenn er auch den Faden derselben, der ihn durchs Leben
führt,
manchmal fahren liesse, so wird er ihn doch gleich und überall
wieder
aufnehmen können. Ganz anders verhält sich's mit der
besonderen
Religion, die uns verkündigt, dass jenes grosse Wesen sich eines
Einzelnen,
eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und
vorzüglich
annehme. D i e s e R e l i g i o n
i s t a u f d e n G l a u b e
n
g e g r ü n d e t, der unerschütterlich sein
muss,
wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder
Zweifel
gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung
kann
man zurückkehren, aber nicht zum Glauben.“ Diese Betrachtung
führt
uns auf die richtige Spur, sie ermöglicht es uns, mit absoluter
Präcision
festzustellen, was der Semit hier der Welt geschenkt, oder, wenn man
will,
aufgezwungen hat; eine wichtige Untersuchung, denn hier liegt seine
weltgeschichtliche
Bedeutung als Einfluss auf Andere, und hier liegt auch die heutige —
von
Herder und von so vielen grossen Geistern als „fremd“ empfundene —
besondere
Kraft des Judentums. Goethe hat den wesentlichsten Punkt gut erkannt
und
auch angedeutet, doch leider nicht in so
—————
¹)
Noten
zum West-Östlichen Divan (Israel in der Wüste).
482 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ausführlicher Weise, dass jeder
ihn so sieht, wie er: denn er unterscheidet zwischen einer
n a t ü r l i c h e n Religion und einer
406
anderen, also n i c h
t
n a t ü r l i c h e n; nun ist aber nach Goethe's
Denkweise
der Gegensatz zum Natürlichen das Willkürliche, dasjenige, wo
der Wille „kürt“, dasjenige, heisst das, wo der Wille, nicht die
reine
Erkenntnis, auch nicht der ungetrübt-natürliche Instinkt den
Ausschlag giebt. Und somit weist er uns nicht allein darauf hin, dass
es
zwischen Religion und Religion wesentliche Unterschiede giebt, so
wesentliche,
dass das selbe Wort zwei verschiedene Dinge bezeichnen kann, sondern er
sagt damit zugleich, worin dieser Unterschied seinen letzten Grund
findet:
jene Religion, welche er der natürlichen entgegenstellt, ist eben
die R e l i g i o n d e s W i l l e
n s. Hingegen ist der Gebrauch des Wortes „Glaube“ bei ihm
unklar und irreführend; er hat zu sehr vereinfachen wollen. Goethe
sagt: „die natürliche Religion bedarf e i g e n t l i
c h keines Glaubens“; doch wird in Wahrheit in den
nicht-semitischen
Religionen mehr geglaubt als in den semitischen; der Glaubensstoff,
heisst
das, ist reicher; auch wird „Glaube“ ausdrücklich von ihnen
gefordert.
Wie verhält es sich nun hiermit? Die N a t u
r
des Glaubens ist eben hier und dort genau so verschieden, wie die der
Religion;
dem Wort „Religion“ giebt Goethe in der angeführten Stelle zwei
Bedeutungen,
dem Wort „Glauben“ nur eine, daher das Missverständnis. In
Wahrheit
finden wir nirgends Religion ohne Glauben; ohne Glauben im
spezifisch-semitischen
Sinne allerdings, doch nicht ohne Glauben überhaupt. Der Glaube
ist
überall die unsichtbare Seele, die Religion der sichtbare Leib.
Wir
müssen also weiter vordringen, wollen wir Goethe's Satz bis zur
vollen
Anschaulichkeit entwickeln. Ich greife wieder zur Illustration.
Soweit mir bekannt,
ist der Dogmatismus und der Begriff der Offenbarung nirgends so
ausgebildet,
wie bei den arischen Brahmanen; dennoch ist der Erfolg ein ganz
anderer,
als bei den Semiten. Die heiligen Veden der Inder galten als
göttliche
Offenbarung; jedes ihrer Worte war für alle Glaubenssachen
autoritativ
und unbestreitbar — und trotzdem entblühten diesem einen Boden
eines
allseits als „unfehlbar“ anerkannten Schriftenkom-
483 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
plexes sechs durchaus verschiedene
Weltanschauungen,¹)
Systeme, in welchen (wie das dem Indischen Geist eigen ist) Philosophie
und Religion untrennbar verschlungen aufwachsen, so dass die Auffassung
von der Natur der Gottheit, von dem Verhältnis des Individuums zu
ihr, von der Bedeutung der Erlösung u. s. w. in
407
den einzelnen Systemen sehr verschieden
ist, wodurch also nicht allein die Philosophie, sondern vor Allem die
Religion
des Bekenners berührt wird: und alle diese Lehren, die sich in
wesentlichen
Punkten häufig direkt widersprechen, galten nichtsdestoweniger als
orthodoxe, die eine ebenso wie die andere. Sie alle fussten ja auf den
selben Schriften, gingen, mit anderen Worten, von den gleichen
mythologischen
Grundbildern der Hymnen aus und bekundeten die selbe Verehrung für
die tiefen Spekulationen der Kultusvorschriften und der Upanishad's:
das
genügte. Geschichtliche Daten, eine Chronik der Weltschöpfung
und der Geschlechter, an die man blind glauben musste, gab es nicht;
denn
was es derartiges gab, war von vornherein lediglich als Bild, als
Symbol
gegeben. So sagt z. B. der streng orthodoxe Kommentator der heiligen
Schriften,
Çankara,
über verschiedene auf die Weltschöpfung
angewandte
Bilder und Spekulationen: „Die Schrift hat gar nicht die Absicht,
über
die mit der Schöpfung beginnende Weltausbreitung eine Belehrung zu
erteilen, weil weder ersichtlich ist, noch auch irgendwo gesagt wird
oder
auch denkbar ist, dass irgend etwas, worauf es für den Menschen
ankommt,
hievon abhängig sei.“²) In derselben Weise war ein Jeder
frei,
über das Verhältnis zwischen Geist und Stoff zu denken, was
er
wollte. Der Monist war eben so orthodox wie der Dualist, der Idealist
wie
der Materialist. Man begreift, wie bei einer derartigen Auffassung der
Religion und des Glaubens „in
—————
¹)
Es gab noch mehr, doch lassen sich die anderen unter die sechs grossen
Rubriken subsumieren.
²)
Die
Sûtra's des Vedânta (von Paul Deussen übersetzt,
Brockhaus
1887 I, 4‚ 14). Wer denkt da nicht an das grosse Wort Goethe's:
„Lebhafte
Frage nach der Ursache ist von grosser Schädlichkeit!“ (siehe
S.
234 und S. 270).
Schön
sagt Carlyle in seinem Aufsatz über Diderot: „jeder religiöse
Glaube, der auf Ursprünge zurückgeht, ist unfruchtbar,
unwirksam,
unmöglich“.
484 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Indien zu allen Zeiten
die
a b s o l u t e s t e G e d a n k e n f r e i h e i
t
geherrscht hat“,¹) ich meine, wie es möglich war,
Rechtgläubigkeit
und ungehinderte metaphysische Spekulation nebeneinander bestehen zu
lassen.
Doch nein! uns, die wir heute unter dem Einfluss der semitischen
Glaubensauffassung
leben, fällt es sehr schwer, diese Vorstellungen zusammenzureimen:
die anerkannte Infallibilität heiliger Religionsbücher, und
zugleich
absoluteste Gedankenfreiheit! Nun merke man aber noch Folgendes wohl,
denn
erst hierdurch wird diese Illustration für die Frage über die
Natur des Glaubens lehrreich: das Leben war in Indien weit
religiöser
als es bei uns jemals, selbst im kirchlichen Zeitalter, gewesen ist,
und
die indische Religion, als solche, hat Früchte ganz anderer Art
getragen
als z. B. das Juden-
408
tum, wo die Religion (wie ein
jüdischer
Autor uns vorhin mitteilte) Wissenschaft, Kunst, Litteratur, alles
(ausser
Glauben und Gehorsam) aus dem Leben verbannte.²) Denn die enorme
geistige
Thätigkeit des indischen Volkes, dessen poetische Litteratur
allein
an Umfang „die ganze klassische Litteratur von Griechenland und Italien
zusammengenommen übertrifft“,³) wurzelt in seinem Glauben;
seine
bedeutendsten Thaten, auch auf fernab liegenden Gebieten, strahlen von
seiner tiefen Religiosität aus. Ein Beispiel. Pânini's Grammatik
der Sanskritsprache, vor 2500 Jahren geschrieben und zwar als
Kulminationspunkt
einer langen, Jahrhunderte zurückreichenden wissenschaftlichen
Entwickelung
ist anerkanntermassen die grösste philologische Leistung der
Menschheit;
Benfey schreibt darüber: „eine so vollständige Grammatik hat
keine Sprache der Welt aufzuweisen, selbst trotz der staunenswerten
Grimm'schen
Arbeiten unsere deutsche Mutter-
—————
¹)
Richard Garbe: Die Sâmkhya-Philosophie, S. 121.
²)
Siehe S. 381. Auch Spinoza, der in jedem seiner
Gedanken
so durch und durch Jude und Antiarier ist, schreibt: „Fidei scopus
nihil
est praeter obedientiam et pietatem“ (Tract. theol.-pol. c. 14);
dass Religion ein schöpferisches Lebenselement sein könne,
ist
eine Vorstellung, die diesem Gehirne völlig unzugänglich
blieb.
³)
Max Müller: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung
(1884), S. 68.
485 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sprache nicht“; Georg von der
Gabelentz
sagt (Die Sprachwissenschaft, 2. Aufl. 1901, S. 22):
„Pânini's
Wunderwerk ist die einzige wahrhaft vollständige Grammatik, die
eine
Sprache aufzuweisen hat“: Pânini bildet noch heute den Eckstein
dieser
Wissenschaft: nun, was hatte die indischen Denker zu so hohen
wissenschaftlichen
Thaten angeeifert? Die Sehnsucht, die heiligen Lieder des Rigveda, die
im Laufe der Jahrhunderte schwer verständlich geworden waren, zu
neuem
Leben zu erwecken. Nicht eine ziellose Begeisterung für reine
„Wissenschaft“,
sondern religiöse Begeisterung hatte — Benfey bezeugt es — sie „zu
dieser Kraft erstarkt“.¹) Auch ihre so eminenten Leistungen auf
dem
Gebiete der Mathematik — man weiss, dass die indischen Arier die
Erfinder
der sogenannten „arabischen Ziffern“ sind — nehmen ihren Ausgang von
der
Religion: die Lösung des bekannten geometrischen Problems, die bei
uns als Ruhmestitel dem Pythagoras zugeschrieben wird, hatten die Inder
vor undenklichen Zeiten gefunden, gewissermassen ohne es zu ahnen, als
eine notwendige Folge der zu Opferzwecken vorgeschriebenen Messungen;
hier,
in diesen religiösen Berechnungen, war die Brutstätte, aus
welcher
die klare Erkenntnis der irrationalen Zahlen und später die
höhere
Algebra, die Zahlentheorie u. s. w. hervorgingen.²) In welchem
Sinne
kann Goethe nun von einer der-
409
artigen Religion, von einer Religion,
welche das ganze öffentliche Leben gestaltete und zugleich so
mächtig
eindringend auf Geist und Phantasie wirkte, sagen, sie
bedürfe
e i g e n t l i c h keines Glaubens? Habe ich nicht Recht,
wenn ich behaupte, in jener Goethe'schen Stelle beziehe sich das eine
Wort
„Glaube“ auf zwei verschiedene Dinge? Gewiss; so verschieden wie die
Menschen,
deren Seelen sie widerspiegeln. Goethe geht eben von der semitischen
Auffassung
aus, und nach dieser Auffassung richtet sich (im Gegensatz zur
indischen)
der religiöse Glaube lediglich auf g e s c h i c h t l
i c h e Daten und auf m a t e r i e l l e
—————
¹)
Geschichte
der Sprachwissenschaft (1869), S. 77 und 55.
²)
Vergl. Schroeder: Pythagoras und die Inder, Kap. 3.
486 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Thatsachen: Gott ist hier durch
geschichtlich
bezeugte Theophanien (Erscheinungen) bekannt, nicht aus innerer
Erfahrung
postuliert, nicht aus Betrachtung der Natur erraten, nicht durch Kraft
der Phantasie ahnend gestaltet; hier ist alles noch einfacher als Ernst
Haeckel's Schöpfungsgeschichte. Das Einzige, was Not thut, ist
blinder
Glaube, und auf diesen Glauben konzentriert sich denn auch die ganze
Kraft
der grossen leitenden Geister und der verantwortlichen Hüter des
Volkes:
Strafen auf der einen Seite, Versprechungen auf der anderen, dazu
historische
Beweise und naturwidrige Wunder. — Man betrachte doch als Kontrast zu
jedem
unverfälscht semitischen Credo das sogenannte apostolische
Glaubensbekenntnis
der christlichen Kirche! Die Hälfte der Sätze besagt
unvorstellbare
Mysterien, von denen die Theologen selber zugeben: „der Laie kann sie
nicht
verstehen“; in Wahrheit ist aber von einem „Verstehen“ in der
logischen,
sinnfällig fasslichen Bedeutung des Wortes überhaupt so wenig
die Rede, dass man diesem einen kurzen Credo die verschiedensten
einander
widersprechenden Lehren entnommen hat.¹) Und nun nehme man gar das
Athanasische Symbolum! Hier besteht der Stoff des religiösen
Glaubens
ausschliesslich aus den abstraktesten Spekulationen des Menschenhirns.
Wie sollte der Glaube, im semitischen Sinn, Begriffe auffassen
können,
mit denen nicht ein Mensch in einer Million auch nur die blasseste
Vorstellung
zu verbinden vermag? Schon Jesus Christus selber, obwohl er sagt:
„derer,
welche wie diese Kinder sind, ist das Himmelreich“, sprach dennoch an
dem
selben Orte: „Das Wort fasset nicht Jedermann, sondern denen es gegeben
ist. Wer es fassen mag, der fasse es!“ (Matth., XIX., 11,
12). ²)
410
Ganz anders der Semit, und darum auch
ganz anders seine Glaubenskraft. Selbst der einfache Satz: Ich glaube
an
Gott,
—————
¹)
Vergl. z. B. Harnack: Dogmengeschichte (Grundriss, 2. Aufl.),
S.
63 fg.
²)
In der syrischen Übersetzung des ältesten Textes steht:
„Jeder,
der die Kraft besitzt...“, so dass die Deutung nicht zweifelhaft ist
(siehe
die Übersetzung der Palimpsesthandschrift von Adalbert Merx, 1897).
487 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Schöpfer Himmels und der Erden,
bildet keinen Teil seines Credos; dieses Umstandes wird im Koran nur
beiläufig
und in den gesamten heiligen Schriften der Juden kaum dreimal
Erwähnung
gethan. Dagegen lautet gleich das erste Gebot Mosis: Ich bin der
Herr,
d e r i c h d i c h a u
s
Ä g y p t e n l a n d g e f ü h r t h
a b e! Der Glaube knüpft, wie man sieht, sofort an
geschichtliche
Thatsachen an, die das Volk für sicher bezeugt hält, und
niemals
erhebt er sich über das Niveau des gewöhnlichen Auges. Wie
Montefiore
uns vorhin belehrte: Die jüdische Religion kennt kein Geheimnis
(siehe
S. 392 fg.). Wenn man also von der unvergleichlichen Kraft des
semitischen
Glaubens spricht, so darf man nicht übersehen, dass dieser Glaube
sich auf einen äusserst dürftigen, beschränkten Stoff
richtet,
dass er das grosse Weltwunder grundsätzlich ausser Acht
lässt,
und dass er durch die Auferlegung eines „Gesetzes“ (im juristischen
Sinn
des Wortes) ebenfalls das innere Herzensleben auf ein Minimum
reduziert,
— wer dem Gesetz gehorcht, ist ohne Sünde, weiter braucht er sich
den Kopf nicht zu zerbrechen: Wiedergeburt, Gnade, Erlösung, das
existiert
alles nicht. Wir lernen also einsehen: dieser starke Glaube setzt als
Gegenbedingung
ein Minimum an Glaubensstoff, ein Minimum an Religion voraus. Moses
Mendelssohn
hat es einsichtsvoll und ehrlich ausgesprochen: „Das Judentum ist nicht
geoffenbarte Religion, sondern geoffenbarte Gesetzgebung.“ ¹)
„Der Semit hat
eigentlich
wenig Religion“, seufzt der genaueste Kenner semitischer
Religionsgeschichte,
Robertson Smith; „ja, aber viel Glauben“, ruft Goethe zurück; und
Renan liefert den Kommentar: „der Geist des Semiten vermag nur
äusserst
wenig zu umfassen, doch dieses Wenige umfasst er mit grosser
Kraft“. ²)
Ich glaube aber, wir fangen jetzt schon an, uns in der Konfusion
zwischen
Glauben und Glauben, Religion und Religion, besser als Smith, Goethe
und
Renan zurecht zu finden; bald werden wir bis auf den Boden sehen. Zur
vollkom-
—————
¹)
Rettung
der Juden, 1872. (Ich citiere nach Graetz: Volkst. Gesch.
III,
578).
²)
Renan: Langues sémitiques, p. 11.
488 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
menen Aufklärung muss ich hier
noch ein letztes Mal dem Semiten den Inder entgegenstellen.
Der arische Inder
kann als Beispiel des extremen Gegenteils des Semiten gelten, eines
Gegenteils
aber, das bei allen semitenfreien Völkern, selbst bei den
australischen
Negern, deutlich her-
411
vortritt und in unser aller Herzen
schlummert.
Des inders Geist umfasst enorm viel, zu viel für sein irdisches
Glück;
sein Gemüt ist innig und mitleidsvoll, sein Sinn fromm, sein
Denken
das metaphysisch tiefste der Welt, seine Phantasie ebenso üppig
wie
seine Urwälder, so kühn wie jenes höchste Gebirge der
Erde,
das sein Auge stets nach oben zieht. Zwei Dinge fehlen ihm indes fast
ganz:
er hat gar keinen geschichtlichen Sinn, alles hat dieses Volk
hervorgebracht,
nur keine Geschichte seines eigenen Lebenslaufes, nicht die Spur einer
Chronik; das wäre das erste, das zweite, was ihm mangelt, ist die
Fähigkeit, seine Phantasie zu zügeln, wodurch er, als
Hyperidealist,
den rechten Massstab für die Dinge dieser Welt und — trotzdem kein
todesmutigerer Mensch auf Erden lebt — leider auch seine Stellung als
energischer
Gestalter der Weltgeschichte verliert. Er war nicht Materialist genug.
Weit entfernt, sich mit semitischem Hochmut für „den einzigen
Menschen
im wahren Sinne“, zu halten, schätzte er die Menschheit
überhaupt
als eine Erscheinung des Lebens den anderen Erscheinungen gleichartig
und
lehrte als Grundlage aller Weisheit und Religion das tat tvam asi:
das bist auch du, d. h. der Mensch solle in allem Lebendigen sich
selber
wiedererkennen. Da sind wir allerdings weit von dem auserwählten
Völkchen,
zu dessen Gunsten die Schöpfung des Kosmos unternommen wurde, zu
dessen
Vorteil allein die gesamte übrige Menschheit lebt und leidet, und
es ist ohne Weiteres klar, dass die Gottheit, resp. Gottheiten, dieser
Inder nicht solche sein werden, die man in einer Bundeslade
herumträgt
oder in einem Stein sich gegenwärtig denkt. Schon das eine tat
tvam asi deutet auf eine kosmische Religion, und eine kosmische
Religion
wiederum impliziert — im Gegensatz zu einem Nationalglauben — ein
unmittelbares
Verhältnis zwischen dem Individuum und dem göttlich
Übermenschlichen.
Welch einen anderen Sinn als für den Se-
489 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
miten musste für diesen
arischen
Inder Religion und Glauben haben. „Eigentlich keinen Glauben“, sagte
der
deutsche Weise, und der Franzose echot mit parodistischer
Oberflächlichkeit:
„die Indoeuropäischen Völker haben ihren Glauben nie für
die absolute Wahrheit gehalten.“¹) Ach nein! das ist doch nicht
möglich,
und es wird durch das Leben der Brahmanen in glänzendster Weise
widerlegt.
Denn auch die Indoarier „stellen ihre Zeugen“, wenngleich nicht ganz in
dem selben Sinne wie Deuterojesaia und Mohammed es gemeint hatten. Wenn
der Arier von Weib, Kindern
412
und Kindeskindern Abschied nimmt, um
nunmehr von aller Habe entblösst, von Wurzeln sich nährend,
nackt,
in der Einsamkeit der Wälder seine letzten Jahre der frommen
Betrachtung
und der Erlösung seiner Seele zu widmen; wenn er sein Grab mit
eigenen
Händen gräbt und beim Herannahen des Todes sich hineinlegt,
um
mit gefalteten Händen, ergeben und beglückt, zu
sterben:²)
kann man da sagen, er „habe eigentlich keinen Glauben?“ er „halte
seinen
Glauben nicht für die W a h r h e i t?“
Nun,
über Worte will ich nicht rechten, dieser Mann hat aber
jedenfalls
R e l i g i o n, und zwar, wie mich dünkt,
ein
M a x i m u m an Religion. In seiner Jugend hatte er die
üppigste
Mythologie kennen gelernt, die ganze Natur war für sein kindliches
Auge belebt, beseelt, und zwar von grossen, freundlichen Gestalten
belebt,³)
an denen seine Phantasie sich unaufhörlich übte
—————
¹)
Renan: Langues sémitiques, p. 7.
²)
Noch heute begegnet man frischen Gräbern dieser Art in den
Waldestiefen.
Ohne Krampf noch Kampf gehen diese heiligen Männer aus der Zeit in
die Ewigkeit ein, so dass man beim Anblick ihrer Leichen glauben
würde,
es hätte die Hand der Liebe ihnen die Glieder zurecht gelegt und
die
Augen geschlossen. (Nach mündlichen Mitteilungen und Zeichnungen
nach
der Natur.) Wie lebendig und unverändert, einem ewig sich
gleichbleibenden
inneren Nährboden entspriessend, altarische Religion noch heute
blüht,
kann man aus Max Müller's zu Weihnachten 1898 erschienenem
Lebensbericht
über einen erst 1886 gestorbenen heiligen Mann aus brahmanischer
Familie
ersehen: Râmakrishna, his life and sayings.
³)
Oldenberg: Religion des Veda bezeugt, dass die Götter der
arischen
Inder, im Gegensatz zu anderen, lichte, wahre, wohlwollende
490 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
und durch die neuen Lieder, die er
nach
und nach zu hören bekam, immer neu angeregt wurde, sich zu
üben.
Wie Carlyle von Goethe rühmte, so sah sich dieser indische
Jüngling
„vom Wunder umgeben, alles Natürliche in Wahrheit ein
Übernatürliches“.
Das ernste Mannesalter brachte Neues; jetzt wurde die
Denkfähigkeit
an den schwierigsten Problemen geübt und gestärkt, zugleich
eine
allumfassende Symbolik durch die an die Opferzeremonien geknüpften
Betrachtungen gelehrt, die unser heutiges Vorstellungsvermögen
fast
übersteigt,¹) deren Hauptergebnis wir aber aus dem Erfolg
deutlich
entnehmen. Mehr und mehr begriff der reifende Mann, nicht allein, dass
jene mythologischen Gestalten nur in seinem Hirn Dasein besässen,
nur für seinen besonderen, beschränkten Menschengeist
überhaupt
Sinn hätten, mit anderen Worten S y m b o l
e
eines der Vernunft Un-
413
erreichbaren seien, sondern dass auch
das ganze Leben, die Welt, die ihm als Schauplatz dient, die
Handelnden,
die sich auf dieser Bühne bewegen, die Gedanken, die wir denken,
die
Liebe, die uns trunken macht, die Pflichten, die wir erfüllen —
lediglich
als S y m b o l aufzufassen seien; er leugnete
nicht die Wirklichkeit dieser Dinge, bestritt aber, dass ihre Bedeutung
durch das empirisch Wahrnehmbare erschöpft werde: „Auf dem
Standpunkt
der höchsten Realität existiert das ganze empirische Treiben
nicht,“ lehren die heiligen Schriften der Inder,²) eine Erkenntnis
die durch Goethe dauernden Ausdruck gefunden hat:
Alles
V e r g ä n
g l i
c h e
Ist nur ein G l e i c
h n i
s.
Und je tiefer diese Überzeugung
sich
in sein Bewusstsein ein-
—————
Gestalten sind, ohne
Tücke,
Grausamkeit und Wortbruch (S. 30, 92, 302 etc.).
¹)
Oldenberg, Religion des Veda: „die Inder sprachen die
Verhältnisse
des Opfers an als analoge, durch ein mystisches Band mit ihnen geeinte
Verhältnisse des Universums repräsentierend.“ Belege
hierfür
findet man auf jeder Seite des Satapatha-Brâhmana, jenes
merkwürdigen
Kodex für Opferzeremonien.
²)
Çankara:
Vedântasûtra's II, 1, 14, (auch
für
das folgende Citat).
491 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
senkte, um so höher stieg die
Vorstellung
von der Tragweite seines individuellen Lebens; dieses Leben gewann
jetzt
kosmische Bedeutung. Hatte doch die Schrift ihn gelehrt: „nur die
Einheit
allein ist im höchsten Sinne real, die Vielheit klafft nur aus
einer
falschen Erkenntnis heraus.“ Die guten Werke, die ihm früher als
Teil
des göttlichen Gebotes erschienen waren, galten jetzt nichts mehr:
jetzt galt nur noch die innerste A b s i c h t,
d. h. also das innerste Leben, jede Regung des Gedankens, jede Zuckung
des Herzens. Schaute das semitische Gesetz lediglich auf den Erfolg,
gar
nicht auf die Absicht, so war hier das andere Extrem erreicht: jeder
Erfolg
war ausgeschlossen und ohnehin gleichgültig. Es galt jetzt, den
höchsten
schöpferischen Akt zu vollbringen, das eigene Wesen umzugestalten,
jede leiseste Regung der bethörten individuellen Selbstsucht —
nicht
zu kasteien, das ist ein Geringes, sondern — umzuwandeln, bis der Eine
in dem All aufging. Das war „Erlösung“. Doch glaube man nicht,
hierin
einen rein philosophischen Vorgang erblicken zu dürfen, es war ein
tief religiöser; denn eigene Kraft reichte nicht aus: das
Sanskrit-Wort
für die höchste, alleinige Gottheit ist Brahman, d. h. das
„Gebet“;
nur durch G n a d e konnte der Mensch der
Erlösung
teilhaftig werden, und ehe man eine solche Gnade durch
inbrünstiges
Gebet erstreben durfte, musste man durch ein frommes Leben sich dessen
würdig gezeigt haben. War aber dieser Punkt erreicht, dann glaubte
der Einzelne nicht mehr für sich allein, sondern für die
ganze
Welt zu leben und zu sterben: daher
414
das Gefühl der allumfassenden
Verantwortlichkeit.
Der Eine stand für Alle; sein Thun, welches der frühere Wahn
der fast gleichgültigen Entscheidung seiner Willkür
anheimzustellen
schien, war jetzt von unvergänglicher Bedeutung; denn so wie das
Natürliche
in Wahrheit ein Übernatürliches ist, ebenso schliesst der
Augenblick
die Ewigkeit ein und ist nur deren Symbol. — Das galt bei den arischen
Indern als Religion, das verstanden sie unter Glauben.
Durch diesen Kontrast
hoffe ich die ganz besondere und unterscheidende Art der semitischen
Auffassung
von Religion und Glauben deutlich gemacht zu haben; ich glaube, gezeigt
zu haben,
492 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
worin ihre grosse -— zu mancher
kühnen
That und manchem aufopferungsvollen Gedanken befähigende — Kraft
lag,
worin auch ihre Beschränkung; mehr ist hier nicht nötig;
welche
geschichtliche Bedeutung diese Kraft und diese Beschränkung
erreichten,
ist bekannt. Man wäre fast geneigt, das Paradoxon zu wagen:
Religion
und Glaube schliessen sich gegenseitig aus, oder wenigstens zu sagen,
wenn
eins von beiden zunimmt, nimmt das andere ab. Doch wäre das ein
Spiel
mit Worten, da offenbar Religion und Glaube für den Semiten einen
ganz anderen Sinn besitzen, als für andere Menschen. Die Sache
wird
erst dort verwickelt, wo wir nicht mehr dem reinen Semiten oder, wie
bei
den Juden, dem einseitig starken Vorwalten des semitischen Geistes
begegnen,
sondern bloss einer Infiltration des semitischen Geistes, wie in
unserer
eigenen europäischen Geschichte seit dem Beginn der christlichen
Zeitrechnung.
Dadurch entsteht eine fast unentwirrbare Konfusion der Begriffe, und
darum
habe ich mit einer gewissen Ausführlichkeit dieses Thema
erörtern
müssen; denn am folgenreichsten ward der „Eintritt der Juden in
die
abendländische Geschichte“ durch die Begründung der
christlichen
Kirche auf einer semitischen Grundlage und durch die Einführung
der
Begriffe „Glaube“ und „Religion“ im semitischen Sinne des Wortes in
eine
Religion, welche, im Grunde genommen und schon durch das Leben Christi,
die direkte, unbedingte Leugnung der semitischen Auffassung war, und
welche
ausserdem, durch ihren weiteren mythologischen und philosophischen
Ausbau,
zu einem durchaus indoeuropäischen, unsemitischen Gebilde wurde.
Es
ist unmöglich, den Einfluss des Judentums auf unsere ganze
Geschichte
vom Anfang an bis zum heutigen Tage klar herauszusondern, wenn man
nicht
über diese fundamentalen Begriffe „Religion“ und „Glaube“ bis zur
vollen anschaulichen Deutlichkeit durchgedrungen ist. Ich gestehe, noch
nie ein Werk gesehen zu haben, von welcher Art es auch immer sei, dem
das
415
nur annähernd gelungen wäre;
meistens wird das Problem als solches gar nicht empfunden. Eine
abstrakte
Definition von Religion nützt uns wenig, sie klärt das Urteil
gar nicht auf; auch die gelehrten und hochinteressanten Untersuchungen
über den
493 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Ursprung der Religion und ihre
Evolution
haben für unseren jetzigen Zweck keinen Wert. Vielmehr kommt es
darauf
an, mit Augen zu sehen, was semitische (und speziell jüdische)
Religion
ist, welche Merkmale sie unterscheiden; nachher werden wir uns dann
klar
darüber werden, wie viel Semitisches in unser eigenes Denken
übergegangen
ist. Denn aus dem Charakter dieser Religion ergiebt sich notwendiger
Weise
die Art ihres Einflusses; und da andrerseits die Heftigkeit des Willens
ein besonderes Kennzeichen des Semiten ist, so dürfen wir
erwarten,
dass dieser Einfluss ein grosser sein werde. Der Materialismus der
Anschauungen,
die Hervorhebung des geschichtlichen Momentes dem idealen
gegenüber,
die starke Betonung der „Gerechtigkeit“ im weltlichen Sinne des Wortes,
d. h. also des gesetzmässigen und moralischen Handelns und der
Werkheiligkeit
(im Gegensatz zu jedem Versuch innerer Umwandlung und zur Erlösung
durch metaphysische Einsicht oder durch göttliche Gnade),¹)
die
Einschränkung der Phantasie, das Verbot der Gedankenfreiheit, die
prinzipielle Intoleranz gegen andere Religionen, der glühende
Fanatismus:
das sind Erscheinungen, die wir überall in grösserem oder
geringerem
Grade anzutreffen erwarten müssen, wo semitisches Blut oder
semitische
Ideen eingedrungen sind. Wir werden ihnen noch häufig im Verlaufe
dieses Buches begegnen, sogar in den allermodernsten „freiesten“
Anschauungen
des 19. Jahrhunderts, z. B. im doktrinären Sozialismus. Was
speziell
die Intoleranz anbetrifft, diese so gänzlich neue Erscheinung im
Leben
der indoeuropäischen Völker, so behalte ich mir das, was in
dieser
Beziehung über den „Eintritt der Juden“ zu sagen ist, für das
zweitnächste
Kapitel vor, wo wir sehen werden, dass die ältesten Christen
in
beredten Worten die unbedingte religiöse Freiheit forderten, die
späteren
dagegen aus dem Alten Testament das göttliche Gebot der Intoleranz
entnahmen.
—————
¹)
Der indoeuropäischen Auffassung im Gegensatz zur semitischen
verleiht
an einer Stelle Zoroaster kräftigen Ausdruck: „Weltliche
Gerechtigkeit,
du Geizhals! du bildest die ganze Religion der bösen Geister und
bist
die Vernichtung der Religion Gottes! (Dinkard VII, 4, 14).
494 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Israel
und Juda
Und so nehme ich
den Faden dort wieder auf, wo wir die Betrachtung über das
Verhältnis
der verschiedenen Typen im Blute der Israeliten und über den
möglichen
Einfluss dieser
416
Mischungen auf ihren Charakter (bis
auf die inzwischen erörterte religiöse Frage) beendet hatten.
Dass in Bezug auf Religion innerhalb Israels das semitische Element mit
der Zeit das hethitische besiegen musste, ist nach allem Gesagten klar;
doch ward dieser Sieg schwer und langsam errungen, und zwar nur im
Süden,
d. h. in Judäa (Juda und Benjamin), wo ein häufiger Zufluss
von
frischem arabischen (also fast rein-semitischen) Blut das Seinige dazu
beigetragen haben mag. ¹) In Israel (d. h. also im Norden des
Landes)
blieb der alte syrische Kultus bis zuletzt in Ehren: die Feste auf den
Höhen, die Pilgerfahrten an heilige Orte, die Baalsbilder u. s.
w.;
selbst ein gegen „fremde Götter“ so gestrenger Prophet wie Elias
hatte
gegen die Verehrung der goldenen Stiere nicht das Geringste
einzuwenden, ²)
er verteidigte nur den „Gott in Israel“ gegen die durch
phönizische
Königstöchter importierten fremden Götter. Aus dem
eigentlichen
Israel wäre nie ein „Judentum“ entstanden. Umso dringender ist es
nötig, dass wir jetzt die j ü d i s c h
e
I d e e kennen lernen, die spezifisch j ü
d i s c h e im Gegensatz zu der des Volkes Israel. Und so
gehe
ich jetzt zu unserem dritten Punkt über, welcher besagte: der
eigentliche
Jude entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche
physische
Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch
progressive
Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümmerung
anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens,
sondern
gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine
Priesterkaste,
welche dem widersprechenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine
priesterliche
Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben als von Gott gegeben
aufzwang
(S.
347).
—————
¹)
Robertson Smith: The Prophets of Israel legt grossen Nachdruck
hierauf
(p. 28); siehe auch Wellhausen: Prolegomena.
²)
Ausführlicheres bei Wellhausen und Robertson Smith (z. B. Prophets
of Israel, p. 63, 96).
495 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Wie flüchtig
meine Schilderung auch war, und trotzdem ich manche Thatsache, der
Vereinfachung
wegen, unerwähnt liess, glaube ich doch, dass der Leser eine
ziemlich
lebhafte und in ihren Grundzügen durchaus zutreffende Vorstellung
von dem mixtum compositum erhalten hat, aus welchem das
israelitische
Volk hervorging; er hat auch bemerkt, dass die Zusammensetzung des
Blutes
im Süden des Landes, wo Juda und Benjamin lagen, ¹)
417
schon von dem Augenblick der Ankunft
in Palästina an, zum Teil anderen modifizierenden Einflüssen
unterlag als weiter nördlich, und zwar nach der Richtung hin, dass
das semitische Element im Süden fortwährend Zuwachs erfuhr.
Wahrscheinlich
reichte dieser Unterschied noch weiter zurück. Von Anfang an sehen
wir die grossen, starken Stämme der Josephiten, Ephraim und
Manasse,
um die sich die meisten übrigen Stämme wie eine Familie
gruppierten,
mit einer gewissen Geringschätzung oder vielleicht mit Misstrauen
auf Juda blicken. ²) Der Auszug aus Ägypten und die Eroberung
Palästinas geschieht unter der Führung der Josephiten; Moses
gehört zu ihnen, nicht zu Juda (wenn er nicht überhaupt ein
gänzlich
unsemitischer Ägypter war); ³)
—————
¹)
Die Grenzen Judas und Judäas (wozu seit David auch Benjamin
gehörte)
haben im Laufe der Zeiten sehr gewechselt: der ganze südliche Teil
wurde nach dem Exil zu Idumäa geschlagen, dagegen dehnte sich das
Gebiet durch die Annexionen des Judas Makkabäus später ein
wenig
nach Norden aus, in das frühere Ephraimitische.
²)
Schon im Alten Testament wird in späterer Zeit
zwischen
J u d a und I s r a e l scharf
unterschieden:
„Und ich zerbrach meinen Stab genannt ‚Einigkeit', dass ich
aufhöbe
die Brüderschaft zwischen Juda und Israel“ (Zacharia XI,
14,
siehe auch I. Sam. XVIII, 16); nicht selten wird auch Israel (d. h. die
zehn Stämme ausser Juda und Benjamin) einfach als „das Haus
Joseph's“
bezeichnet, im Gegensatz zum „Haus Juda's“ (so z. B. Zacharia
X,
6).
³)
Renan meint: „il faut considérer Moïse presque comme un
Égyptien“ (Israël I, 220); sein Name soll
ägyptischen,
nicht hebräischen Ursprungs sein (idem p. 160). Ähnlich
Kuenen:
National
Religions and Universal Religions, 1882, p. 315. Nach der
ägyptischen
Tradition ist er ein entlaufener Priester aus Heliopolis, Namens
Osarsyph
(siehe Maspero: Histoire ancienne II, 449). Heute, als Reaktion
gegen frühere Übertreibungen, ist es Mode, jeden Ein-
496 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Josua gehört zu ihnen,
Jerubbaal
ebenfalls, überhaupt alle Männer von Bedeutung bis
einschliesslich
Samuel; Juda spielt in früheren Zeiten eine so unscheinbare Rolle,
dass z. B. dieser Stamm in dem Triumphlied der Deborah gar nicht
genannt
wird: wie Simeon und Levi, war auch Juda beim Betreten Palästinas
fast vernichtet worden, so dass er „kaum mitgerechnet“ wurde; von den
drei
Zweigen, aus denen er bestand, war ein einziger übrig geblieben,
und
erst durch die Amalgamierung mit den angesessenen Hethitern und
Amoritern
erstarkte Juda nach und nach zu neuem Leben.¹) Mit David tritt er
auch nur vorübergehend in den Vor-
418
dergrund, und zwar nachdem der
Benjaminit
Saul, aus der nächsten ephraimitischen Verwandtschaft, den
Schwerpunkt
ein wenig nach Süden verlegt hatte. Gleich nach Salomo's Tod
gerieten
die Könige Judas in eine Art Vasallenverhältnis zu denen
Israels,
zum mindesten waren sie deren gezwungene und untergeordnete
Bundesgenossen.
Doch handelt es sich hier nicht bloss um politische Eifersüchtelei
— diese würde unsere Aufmerksamkeit nicht verdienen — sondern um
einen
tiefgehenden Unterschied in der Begabung und in der moralischen
Veranlagung,
um einen Unterschied, der in allen Geschichtswerken hervorgehoben wird,
und der eine wichtigste Grundlage zu der späteren so
eigentümlichen
und durchaus antiisraelitischen Entwickelung des Judentums abgiebt.
Später
wurde ja Juda materiell von Israel durch die Gefangennahme und
entführung
dieses letzteren isoliert und auf ewig geschieden (sieben Jahrhunderte
vor Christo); Juda behielt aber von seinem Bruder ein geistiges Erbe:
die
Geschichte des Volkes, die Grundlagen seiner politischen Organisation,
seiner
—————
fluss Ägyptens auf
den israelitischen Kultus zu leugnen; diese Frage können nur
Fachgelehrte
entscheiden, namentlich insofern sie Zeremoniell, priesterliche
Kleidung
u. s. w. betrifft; doch muss uns Ungelehrten das eine auffallen, dass
die
Kardinaltugenden der Ägypter — Keuschheit, Barmherzigkeit,
Gerechtigkeit,
Demut (siehe Chantepie de la Saussaye: Religionsgeschichte I,
305),
— welche zu denen der Kanaaniter wenig stimmen, gerade diejenigen sind,
welche das mosaische Gesetz ebenfalls am höchsten stellt.
¹)
Wellhausen: Die Komposition des Hexateuchs, 2. Ausg, S. 320,
355.
497 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Religion, seines Kultus, seines
Gesetzes,
seiner Poesie. Alles dies, d. h. also alles Schöpferische, ist in
den wesentlichsten Stücken i s r a e l i t i s c h e
s
W e r k , n i c h t d a s W e r
k
J u d a 's. Nun aber blieb Juda allein zurück und
bearbeitete
dieses Material seinem besonderen Geiste gemäss; daraus — aus
dieser
Thätigkeit der bisher unmündigen, nunmehr plötzlich sich
selbst überlassenen Söhne Juda's — wurde das Judentum; und
(wie
aus der Henne das Ei und aus dem Ei die Henne) aus dem Judentum
entsprang
der Jude.
In dem Betonen der
geistigen Überlegenheit des Hauses Joseph sind alle Autoren einig;
einen einzigen will ich als Beleg anführen. Robertson Smith
schreibt:
„Das nördliche Reich war es, welches die Fahne Israels hochhielt:
seine ganze Geschichte ist interessanter und reicher an heroischen
Elementen;
seine Kämpfe, seine Niederlagen und seine Ruhmesthaten, alles ist
gewaltiger — — — Das Leben im Norden war ruheloser, es war aber auch
geistig
regsamer und intensiver. Ephraim war der Führer nicht allein in
Politik,
auch in Litteratur und Religion. In Ephraim, viel mehr als in Juda,
wurden
die Überlieferungen der Vergangenheit heilig gehalten, zugleich
aber
fand gerade dort jene Entwickelung der Religion statt, welche zu neuen
Problemen und somit zum Auftreten der Propheten führte. So lange
das
nördliche Reich stand, war Juda sein Schüler, der beides,
Gutes
und Übles, von ihm annahm. Es wäre leicht nachzuweisen, dass
419
jede bedeutende Regung des Lebens und
Denkens in Ephraim im südlichen Reiche ein abgeschwächtes
Echo
hervorrief“.¹) Alles Geschichtliche, was das Alte Testament aus
vorexilischer
Zeit enthält, bis zu David, sowie auch manches spätere,
stammt
aus Israel, nicht aus Juda. Um das nachzuweisen, müsste ich die
Resultate
der biblischen Kritik mit einiger Ausführlichkeit analysieren, was
zu weit führen würde; die klarste und kürzeste
Zusammenfassung
findet der Laie in Renan's Israël, Buch IV, Kap. 2 und 3;
ungleich
mehr Belehrung (wenn er die Mühe daran wenden
—————
¹)
The
Prophets of Israel, p. 192. Hier ist in anschaulicher Weise kurz
zusammengefasst,
was der selbe Gelehrte und andere an vielen Orten ausführlich
begründet
haben.
498 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
will) und daher auch tiefere
Einsicht
gewähren die kritischen Werke Dillmann's, Wellhausen's u. s. w.
Das
in IV Mose XXI, 14 genannte „Buch der Kriege Jahve's“ und
andere
verschwundene Quellen, aus denen nicht allein die geschichtlichen Teile
des Hexateuch, sondern auch die Bücher Samuelis, der Könige
u.
s. w. später redigiert wurden, sind im Hause Joseph, dessen Ruhm
sie
singen, entstanden. Wo der Stamm Juda überhaupt genannt wird,
geschieht
es in der offenbaren Absicht, ihn herabzusetzen, z. B. Gen.
XXXVII,
wo Juda allein auf den niederträchtigen Einfall gerät, Joseph
für Geld zu verkaufen, und noch mehr im folgenden Kapitel, wo
dieser
Stamm von Beginn an als ein sittenloser und aus Blutschande
hervorgegangener
dargestellt wird, worauf als Kontrast sofort die Geschichte des
keuschen
Joseph folgt. Dies lediglich als Beispiel. Auch das religiöse
Gesetz
stammt in seinen grossen grundlegenden Zügen aus Israel, nicht aus
Juda. Über die zehn Gebote ist viel hin- und hergestritten worden,
namentlich seit Goethe's Entdeckung — von Wellhausen der Vergessenheit
entrissen und wissenschaftlich ausgeführt — dass die
ursprünglichen
zehn Gebote (Exodus XXXIV) durchaus anders lauteten, als die
später
interpolierten, und sich lediglich auf Angelegenheiten des Kultus
bezogen.¹)
Uns kann es genügen, dass auch der spätere Dekalog aus Exodus
XX, der im christlichen Katechismus einen Platz gefunden hat, nach der
Meinung eines so gelehrten und gläubigen Rabbiners wie Salomon
Schechter
das Werk eines Priesters aus dem nördlichen Reiche, nicht aus
Judäa
ist, eines Mannes, der etwa im 9. Jahrhundert gelebt haben dürfte,
also mindestens 100 bis 150 Jahre
420
n a c h Salomo, zur Zeit
der grossen Dynastie der Omriden.²) Diese Feststellung ist nicht
allein
interessant, sondern geradezu „pikant“; denn die späteren
reinjüdischen
Redakteure der heiligen Bücher haben sich alle erdenkliche
Mühe
gegeben, das israelitische
—————
¹)
Goethe: Zwo wichtige, bisher unerörterte biblische Fragen, zum
ersten Mal gründlich beantwortet. Erste F r a g
e:
Was stund auf den Tafeln des Bundes?
²)
Siehe Schechter's Nachtrag zu Montefiore: Religion of the ancient
Hebrews,
p. 557.
499 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Reich als ein abtrünniges,
heidnisches
hinzustellen, und nun kommt es heraus, dass die Grundlagen des
religiösen
Gesetzes gerade aus diesem verpönten Reich, nicht aus dem frommen
Juda stammen. Für die genaue Umschreibung des spezifisch
Jüdischen
ist es wichtig, dies zu wissen: durch Schöpferkraft, selbst auf
dem
beschränkten, religiös gesetzgeberischen Gebiet hat sich der
Jude nie ausgezeichnet; selbst sein Eigenstes ist entlehnt. Denn auch
die
grosse prophetische Bewegung, welche, wohl beachtet, die einzige
Erscheinung
des hebräischen Geistes ist, die dauernden inneren Wert besitzt,
entstand
im Norden. Elias, in mancher Beziehung die merkwürdigste, am
meisten
phantastische Erscheinung der gesamten israelitischen Geschichte, wirkt
nur dort. Die Berichte über Elias sind so karg, dass Manche ihn
überhaupt
für eine erdichtete Persönlichkeit halten;¹) doch meine
ich mit Wellhausen, dass dies historisch unmöglich sei, denn Elias
ist der Mann, der den Stein ins Rollen bringt, der Erfinder
gewissermassen
der wahren Jahvereligion, der grosse Geist, der den monotheistischen
Kern,
wenn er ihn auch noch nicht deutlich sieht, doch ahnt. Hier wirkt eine
grosse Persönlichkeit, und um zu wirken, muss sie gelebt haben.
Von
besonderem Interesse ist die einzige genauere Nachricht, die wir
über
ihn besitzen: darnach wäre er nämlich kein Israelit, sondern
ein „halbberechtigter Einsasse“ von jenseit des Jordans, von der
äussersten
Grenze des Landes, ein Mann also, in dessen Adern aller
Wahrscheinlichkeit
nach ziemlich reines arabisches Blut floss.²) Das ist interessant,
denn es zeigt das echt semitische Element am Werk, um sein
Religionsideal
zu retten, welches im Süden durch den Eklekticismus solcher halber
Amoriter wie David und amoritischer Hethiter wie Salomo, im Norden
durch
die weltlich gesinnte Toleranz der vorwiegend kanaanitischen
Bevölkerung
arg bedroht war. Im Norden allein, der durch die Lage begünstigt
war
und dessen Bewohner sich wahrscheinlich auch durch grösseren
Fleiss
und Handelssinn auszeichneten, war nämlich schon Wohlstand
—————
¹)
Siehe namentlich Renan: Israël, II, 282 suiv.
²)
Siehe vor Allem Graetz: Geschichte der Juden I, 113; auch
Maspero:
Histoire
ancienne II, 784.
421
500
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
und mit ihm Luxus und Kunstsinn
heimisch
geworden; eine der Sünden, die Amos den Israeliten vorwirft, ist,
dass sie „Lieder machen wie David“. Da empörte sich der
anticivilisatorische
Instinkt des echteren Semiten; der edel Gesinnte empfand instinktiv und
gewaltig die Inkompatibilität zwischen der fremden Kultur und den
geistigen Anlagen seines Volkes; er sah vor seinen Füssen die
Grube
sich öffnen, in die in der That alle bastardierten semitischen
Reiche
schnell und spurlos versunken sind, und, furchtlos wie der Beduin,
erhob
er sich zum Kampf. Sofort, von Elias an, gleicht diese
Prophetenbewegung
einem gesunden, trockenen Wüstenwinde, der, von fernher
heranstürmend,
die Blüten der Fäulnis — doch zugleich auch die Knospen der
Schönheit
und der Kultur — versengt. Auch Elisa, der Nachfolger des Elias, hat
seinen
Wohnort in Ephraim. Nun tritt aber der erste grosse Prophet auf, dessen
Worte wir noch besitzen. Ich sage „gross“, wenn er auch wegen des
geringen
Umfanges seiner Schriften zu den sogenannten „kleinen Propheten“
gerechnet
wird; denn Amos ist, was Tiefe des religiösen Gedankens, sowie
Schärfe
des politischen Blickes anbelangt, den grössten ebenbürtig.
Dieser
Prophet soll zwar aus Judäa stammen, doch wird dies von Vielen (z.
B. von Graetz) bezweifelt;¹) jedenfalls kennt er das josephitische
Reich, als wäre es seine Heimat, und seine Ermahnungen gelten
lediglich
diesem Reiche. Der nächste grosse „kleine Prophet“, Hosea, eine
ebenso
einzige Erscheinung wie Amos, ist Ephraimiter; auch er geht auf in den
Schicksalen des einen Hauses Joseph; mit ganzem Herzen hängt er an
seinem geliebten Volk, und, wie das einmal Prophetenart ist,
verkündigt
er viele Dinge voraus, die nicht geschahen: die Errettung Israels durch
den mitleidigen Jahve und die ewige Herrschaft dieses Volkes. Hiermit
schliesst
die Reihe, hiermit endet der Einfluss Israels auf Juda; denn vermutlich
noch zu Lebzeiten Hosea's, jedenfalls bald nach seinem Tode, wird das
ganze
nördliche Volk
—————
¹)
Auch von Neueren (z. B. Cheyne), seitdem nachgewiesen ist, dass die
berühmte
Stelle: „Der Herr wird aus Zion brüllen“ (Amos I, 2) eine
späte
jüdische Interpolation ist.
501 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
von den Assyrern in die
Gefangenschaft
weggeschleppt und kehrt nie wieder.
Das
Werden des Juden
Erst von diesem
Augenblick,
d. h. vom Jahre 721 vor Christus an, konnte der eigentliche
J u d e zu entstehen beginnen; bis dahin, wie wir soeben
gesehen,
hatte Juda politisch, sozial und religiös im Schlepptau des
offenbar
viel begabteren Israel schwimmen müssen; jetzt stand dieser Stamm
allein, auf eigenen Füssen. Die Lage war eine furchtbare. Mit
Zittern
und Entsetzen hatten die
422
Juden dem tragischen Schicksal ihrer
Brüder zugesehen, welches sie selber ihres einzigen Schutzes
beraubte;
nunmehr schloss sich der Kreis der Feinde eng um das kleine Land; wie
sollte
es gegen Weltreiche bestehen? Zunächst fristete es sein Leben als
des Assyrers freiwilliger Vasall und genoss dessen Schutz gegen seine
nächsten
Bedränger, die Damascener; dann benutzte es den Todeskampf des
mächtigen
Beschützers, um sich von ihm freizumachen, es intriguierte mit
Ägypten,
söhnte sich wieder durch Bezahlung schwerer Sühne und
Abtretung
gewisser Länderstriche mit den neuen Herren Kleinasiens, den
Chaldäern,
aus — — — kurz, das Königreich zog sein ziemlich kümmerliches
Dasein noch etwa 120 Jahre hin, bis endlich, bei Gelegenheit eines
neuerlichen
Abfalles, Nebuchadrezzor die Geduld riss, und er den König samt
zehntausend
der angesehensten Leute nach Babylon in die Gefangenschaft führen
liess; elf Jahre später, als die Intriguen noch immer nicht
aufhören
wollten, zerstörte er Jerusalem und den Tempel und liess die
übrigen
freien Männer Judäas mit ihren Familien ebenfalls nach
Babylonien
schleppen; einige (unter ihnen Jeremia) flohen nach Ägypten und
gründeten
die dortige Diaspora. Nach weiteren sechzig Jahren kehrte zwar ein Teil
der Exulanten zurück, doch nur ein Teil: die Mehrzahl der
Wohlhabenderen
hatte es vorgezogen, in Babylon zurückzubleiben; über ein
Jahrhundert
dauerte es, bis die kleine heimgekehrte Kolonie, die eine
unverhältnismässig
grosse Anzahl Priester und Leviten enthielt, sich in Jerusalem und dem
angrenzenden, sehr zusammengeschrumpften judäischen Gebiet
organisiert,
sowie einen Tempel und die Mauern der Stadt wieder aufgerichtet hatte;
ohne den gnädigen Schutz der persischen Monarchen und ohne die
502 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Gaben der im Ausland schnell reich
gewordenen
Brüder wäre es ihnen überhaupt nie gelungen. Ein
Judäa
und ein Jerusalem gab es also wieder, doch hat es von der Zeit an nie
mehr
einen unabhängigen judäischen Staat gegeben. ¹)
Die Entwickelung
aus dem Judäer zum eigentlichen Juden geschah also unter der
Mitwirkung
bestimmter historischer Bedingungen. Man pflegt zu sagen, die
Geschichte
wiederhole sich; sie wiederholt sich im Gegenteil nie; ²) der Jude
ist eine ganz
423
einzige Erscheinung, zu der keine
Parallele
aufgewiesen werden kann; ohne die bestimmten historischen Bedingungen
aber
wäre er das nicht geworden, was er wurde; die besondere
ethnologische
Mischung, aus der er hervorgegangen, und seine weitere Geschichte bis
zu
seiner Isolierung von Israel hätten nicht das anormale
Phänomen
des Judentums hervorgebracht, wenn nicht eine Reihe merkwürdiger
Umstände
diese besondere Entwickelung begünstigt hätte. Diese
Umstände
sind leicht aufzuzählen; es sind ihrer fünf, die wie die
Räder
eines geschickt gebauten Uhrwerkes ineinandergreifen: die
plötzliche
Isolierung, die hundertjährige Frist zur Ausbildung der Eigenart,
der Abbruch aller geschichtlichen Lokaltraditionen durch das Exil, die
Wiederanknüpfung unter einer neuen, in der Fremde geborenen
Generation,
der Zustand politischer Abhängigkeit, in dem die Judäer sich
fortan befanden. Eine kurze Betrachtung dieser historisch nacheinander
zur Geltung gekommenen Momente wird uns das Werden des Judentums
vollendet
klar veranschaulichen.
1. Die Männer
Judas waren gewohnt gewesen (sozusagen als Minderjährige) Anregung
von dem älteren, stärkeren und begabteren Bruder zu erhalten:
jetzt standen sie auf einmal allein, im Besitz einer wahrscheinlich nur
fragmentarischen Tradition und genötigt, die weitere geistige
Entwickelung
selber zu leiten.
—————
¹)
Nur mit Hilfe der Syrier gelangten die Makkabäer zur Herrschaft,
und
auch die ihnen entsprungenen Fürsten des Hasmonäischen Hauses
haben nur hin und wieder einen Schein von Unabhängigkeit inmitten
der Wirren, die der römischen Herrschaft vorangingen, errungen.
²)
Vergl. S. 164
Anmerkung
2.
503 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Es war wie ein plötzlicher,
gewaltsamer
Ruck, auf welchen keine andere Reaktion erfolgen konnte als eine
gewaltsame,
wenig harmonische.
2. Wären die
Assyrer sofort in Juda eingefallen und hätten die Einwohner
zerstreut,
so wären diese ohne Frage eben so spurlos wie die Israeliten
verschwunden.
Nun blieben die Judäer aber über ein Jahrhundert verschont
und
zwar in einer Lage, welche sie geradezu z w a n
g,
die letzte Anregung, die sie von Israel erhalten, bis auf ihre
äusserste,
übertriebenste Konsequenz auszunutzen, und das war die von den
Propheten
Amos und Hosea ausgegangene: moralische Umkehr, Demütigung vor
Gott,
Vertrauen auf seine Allmacht. Das war auch wirklich der letzte
Hoffnungsanker;
an Sieg durch Menschenkraft gegen die heranrückende Weltmacht war
nicht zu denken. Doch fassten die Judäer die hohe Lehre des Amos
rein
materialistisch auf. In ihrer Not verstiegen sie sich bis zu dem
wahnsinnigen
Gedanken, J e r u s a l e m s e i u
n e i n n e h m b a r, als Jahve's Wohnort.¹) Die
vernünftigen
Leute schüttelten freilich skeptisch den Kopf, doch
424
als Sennacherib's Heer, nachdem es das
umliegende Land verwüstet und die Belagerung Jerusalem's begonnen
hatte, plötzlich abrücken musste, da behielten die Propheten
Recht; eine Pest war im Lager ausgebrochen, sagen die Einen, innere
Wirren,
sagen die Anderen, verursachten diesen Rückzug;²) gleichviel:
an jenem Morgen des Jahres 701 vor Christus, an dem die Bewohner
Jerusalem's
die Armee Sennacherib's nicht mehr unter ihren Mauern erblickten, ward
der Jude geboren und mit ihm jener Jahve, den wir aus der Bibel
kennen.
D i e s e r T a g i s t d e
r
A n g e l p u n k t i n d e r G e s
c h i c h t e J u d a 's. Selbst die fremden
Völker
erblickten in der Errettung Jerusalem's ein göttliches Wunder. Mit
einem Schlag waren die bisher ver-
—————
¹)
Siehe Jesaia, Kap. 37, namentlich die Verse 33—37.
²)
Vergl. über diese Frage Cheyne: Introduction to the Book of
Isaiah,
p. 231 fg. Interessant ist es, aus den assyrischen Berichten zu
erfahren,
dass Jerusalem durch ein arabisches Söldnerheer verteidigt war;
durch
den Mangel an militärischer Befähigung hat sich Juda von
jeher
ausgezeichnet.
504 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
höhnten und verfolgten
Propheten
— Jesaia und Micha — die Helden des Tages; der König musste zu
ihrer
Partei übertreten und die Reinigung des Landes von fremden
Göttern
beginnen. Der Glaube an die Vorsehung Jahve's, die Meinung, dass alles
Wohlergehen von dem passiven Gehorsam gegen seine Gebote abhänge,
dass jedes nationale Unglück als Prüfung oder Strafe
eintrete,
die unerschütterliche Überzeugung, dass Juda das
auserwählte
Volk Gottes sei, wogegen die anderen Völker tief unter ihm
stünden,
kurz, der ganze Komplex von Vorstellungen, der die Seele des Judentums
ausmachen sollte, entstand jetzt, entwickelte sich ziemlich rasch aus
Keimen,
die unter normalen Verhältnissen niemals solche Blüten
hervorgebracht
hätten, schenkte grosse Widerstandskraft, erstickte dafür
viel
Vernünftiges, Gesundes, Natürliches, wurde zu einer idea
fixa.
Jetzt erst wurden jene folgenschweren Worte geschrieben: „Zu deinen
Vätern
a l l e i n hat Gott Lust gehabt, dass er sie liebte, und
nach
ihnen ist es ihr Same, den er a l l e i n unter
allen Völkern auserwählt hat“ (Deut. X, 15). Vom Jahre
701 bis zum Jahre 586, wo Jerusalem zerstört wurde, hatten die
Juden
über ein Jahrhundert Zeit zur Ausbildung dieser Idee. Die
Propheten
und Priester, die jetzt das Heft in der Hand hielten, benützten
die
Frist gut. Trotz der liberalen Reaktion Manasse's haben sie es fertig
gebracht,
erst die anderen Götter zu vertreiben und sodann den genialen
Wahngedanken
einzuführen, man könne Gott einzig und allein in Jerusalem
verehren,
weswegen König Josia die „heiligen Höhen“ und alle anderen
heiligsten
Altäre des Volkes zerstörte, die meisten
425
Leviten dieser angeblich von den
Patriarchen
gegründeten, durch Theophanien geweihten Heiligtümer
umbrachte,
die übrigen zu untergeordneten Dienern des jerusalemitischen
Gotteshauses
machte; jetzt gab es nur noch einen Gott, einen Altar, einen
Hohenpriester;
die Welt war um den Begriff (wenn auch noch nicht um das
Wort)
K i r c h e reicher, die Grundlage zur heutigen
römischen,
mit ihrem unfehlbaren Oberhaupt, war gelegt. Um das zu vollbringen,
hatte
man allerdings zu einer geschickten Fälschung greifen müssen,
dem Muster vieler späteren. Im Jahre 622 wurde bei einer
Ausbesserung
des Tempelgebäudes ein „Gesetzbuch“
505 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
angeblich „gefunden“;¹) dass es
erst damals geschrieben worden war, unterliegt heute nicht dem
mindesten
Zweifel. Das Deuteronomium oder fünfte Buch Mose („eine ganz
überflüssigste
Ausbreitung der zehn Gebote“, urteilt Luther) gilt der Einführung
eines Priesterregimentes, wie es in Israel und Juda zu keiner Zeit
bestanden
hatte, und ausserdem der gesetzlichen (zugleich, wie immer bei den
Hebräern,
historischen) Begründung der einzigen Berechtigung Jerusalems —
ein
Gedanke, der, so lange das nördliche Reich, Israel, bestand,
niemals
hätte gefasst werden können, und der selbst dem so fanatisch
patriotischen und jerusalemitisch gesinnten Jesaia noch gänzlich
fremd
gewesen war.²) Dies Alles nicht etwa aus schlechter,
betrügerischer
Absicht, sondern um den Kultus des rettenden Gottes Jahve fortan
reinzuhalten,
und zugleich als Beginn einer moralischen Regeneration. Hier taucht z.
B. zum ersten Mal, schüchtern und verklauselt, das Gebot auf, man
solle Gott den Herrn l i e b e n; zugleich
brachte
dieses Buch die fanatisch-dogmatische Versicherung, dass die Juden
allein
Gottes Volk seien, und damit in Verbindung tritt das Verbot von
Mischehen
zum ersten Mal auf, sowie auch das Gebot, alle „Heiden“ dort, wo Juden
wohnen, „auszurotten“, und jeden Juden, Mann oder Weib, der nicht
rechtgläubig
sei, zu steinigen (XVII, 5); zwei Zeugen sollten genügen, um das
Todesurteil
zu sprechen: die Welt war um den Begriff der r e l i g i
ö
s e n I n t o l e r a n z reicher. Wie neu
dieser
Gedankengang dem Volke war, und unter welchen besonderen Um-
426
ständen allein er Fuss fassen
konnte
— nämlich inmitten stündlicher Gefahr und nach der
wunderbaren
Errettung Jerusalems aus Sennacherib's Händen — zeigt die stets
wiederkehrende
—————
¹)
II Könige XXII.
²)
R. Smith: Prophets of Israel p. 438. Im Deuteronomium wird der
Grundstein
zum eigentlichen Judentum gelegt. Es bildet den Mittelpunkt des Alten
Testamentes
in seiner jetzigen Gestalt: „von welchem aus vor- und
rückwärts,
mit einiger Aussicht auf richtiges Verständnis des übrigen,
geforscht
werden kann und muss“, sagte schon vor vielen Jahren Reuss in seiner
grundlegenden
Geschichte des Alten Testaments, § 286.
506 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Formel: „der Herr hat geboten, dass
wir ihn fürchten, auf dass es uns wohl gehe alle unsere Lebtage,
wie
es gehet heutigen Tages“. Furchtbare Strafen auf der einen, masslose
Verheissungen
auf der anderen Seite, dazu die ewig wiederkehrende Aufzählung der
Wunder, die Jahve zu Gunsten Israel's gethan hat: das sind die
Überzeugungsmittel
des Buches Deuteronomium, der ersten selbständigen That der
Judäer
auf religiösem Gebiete.¹) Sehr erhaben ist dieses
religiöse
Motiv nicht, das muss ich allen jüdischen und christlichen
Kommentatoren
zum Trotz behaupten; jedoch, von einem fanatischen Glauben erfasst, ist
es ein unvergleichlich kräftiges. Der Erstarkung dieses Glaubens
gelten
fortan alle Bemühungen, wiederum von den Umständen
merkwürdig
begünstigt.
3. Man möchte
meinen, die Zerstörung Jerusalems und das Exil müssten das
Vertrauen
auf Jahve erschüttert haben; doch der Vernichtungsschlag kam nicht
auf einmal, und die hinreissende Glaubenskraft eines Jeremia hatte
hinreichend
Zeit, sich auf neue Verhältnisse zu stimmen. Schnell war
inzwischen
bei den Grossen des Reiches die moralische Regeneration in ihr
Gegenteil
umgeschlagen; ohne Furcht thaten sie Übles. Doch Jeremia sah die
Zukunft
anders: in dem Babylonier erblickte dieser Prophet die Geissel Gottes,
gesandt, Juda für seine Sünden zu strafen; wie die Errettung
aus der Liebe Jahve's zu seinem auserwählten Volk hervorgegangen
sei,
ebenso sei jetzt die Züchtigung Liebe; und so weissagte Jeremia im
Gegensatz zu Jesaia die Zerstörung Jerusalems und wurde dafür
als Verräter, als ein Söldling der Babylonier verfolgt.
Wiederum
behielt aber der Prophet Recht, die klugen Weltmenschen Unrecht; denn
diese
Letzteren verliessen sich diesmal auf Jahve; hatte man sie denn nicht
seit
—————
¹)
Das Kapitel XXVIII (allerdings postexilisch) enthält die
Segnungen:
„so du nicht weichst von irgend einem Wort, das ich euch heute
gebiete“,
und darauf die Flüche, über hundert an der Zahl, alles
Entsetzlichste
enthaltend, was eine krankhafte Phantasie sich ausdenken kann, „denn
Gott
wird sich freuen, dass er euch umbringe“.
507 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
einem Jahrhundert gelehrt, Jerusalem
sei uneinnehmbar? Und als die Zerstörung nun kam, sagte man: seht
der Prophet hat wahrgesprochen, das ist die Hand Jahve's. Die hohe
Bedeutung
des Exils für die Weiterentwickelung und Befestigung dieser
Wahnvorstellung
ist leicht einzusehen. Ohne die Verbannung
427
wäre das echte, so erstaunlich
künstliche Judentum nie lebensfähig geworden. Die Könige
Hiskia, Josia und Zedekia hatten die Altäre umwerfen und die
heiligen
Bäume abhauen können doch das Volk liess sich seine
Heiligtümer
nicht rauben; jetzt aber war es mit einem Mal aus aller Tradition
losgerissen;
der sechzigjährige Aufenthalt im babylonischen Reiche schnitt
sozusagen
den Faden der Geschichte entzwei; Keiner, der als urteilsfähiger
Mann
das Land seiner Väter verlassen hatte, kehrte wieder zurück.
Wenn ein einzelner Mann sein Vaterland auf fünfzig Jahre
verlässt,
ja, nur auf zwanzig, kehrt er heim zu Verwandten und Freunden, ein
Fremder
unter Fremden; er vermag es nicht, sich in das spezielle organische
Gesetz
des individuellen Wachstums dieses besonderen Volkes wieder
hineinzuleben,
namentlich nicht, wenn er in früher Jugend das Heimatland
verlassen
hat. Hier verliess eine ganze Nation die historische Heimat; die
später
Zurückkehrenden waren fast ausnahmslos in der Fremde geboren und
gross
geworden, vielleicht lebte nicht Einer, der mit Bewusstsein sich
Judäas
entsann. Und inzwischen, in Babylon, während die segensreiche
Verbindung
mit der Vergangenheit (das Verhältnis des Kindes zur Mutter)
abgebrochen
war, brüteten die verbitterten Zeloten unter den Verbannten
über
ihr Schicksal und fassten Gedanken, die sie daheim nicht hätten
denken
können. ¹) im E x i l wurde das
spezifische
Judentum gegründet, und zwar in Hesekiel, einem Priester aus der
hohenpriesterlichen
Familie; den Stempel des Exils hat das Judentum daher von Anfang an
—————
¹)
Über den unermesslich grossen Einfluss Babylon's auf alles
jüdische
Denken seit jeher unterrichtet man sich am ausführlichsten in
Eberhard
Schrader's Die Keilinschriften und das Alte Testament, 3.
Aufl.,
neu bearbeitet von Zimmern und Winckler, 1903; eine kurze
Zusammenfassung
findet man in Winckler's Die politische Entwickelung Babyloniens
und
Assyriens, S. 17 fg.
508 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
getragen; sein Glaube ist nicht der
Glaube eines gesunden, freien, um seine Existenz im ehrlichen
Wettbewerb
kämpfenden Volkes, sondern er atmet Ohnmacht und Rachedurst und
sucht
über das Elend des Augenblickes durch Vorspiegelung einer
unmöglichen
Zukunft hinwegzutäuschen. Hesekiel's Buch ist das furchtbarste der
Bibel; durch Anwendung der äussersten Mittel — der entsetzlichsten
Drohungen und der frevelhaftesten Verheissungen — wollte dieser
gedankenarme,
abstrakt formalistische, doch edle, patriotische Geist¹) den stark
erschütterten Glauben seiner Brüder und mit ihm die Nation
retten.
Bis zu seiner Zeit war in Israel
428
die Religion, gleichwie in Rom, in
Griechenland,
in Ägypten, eine Erscheinung unter anderen des nationalen Lebens
gewesen
und das Priestertum ein Glied in der staatlichen Organisation; Hesekiel
lehrte: nein, Israel ist nicht auf der Welt, um wie andere Völker
zu schaffen und zu kriegen, zu arbeiten und zu ersinnen, sondern um
Jahve's
H e i l i g t u m zu sein; beobachtet es Jahve's Gesetz, so
wird ihm Alles geschenkt werden; an Stelle des Staates sollte nunmehr
die
Herrschaft des religiösen Gesetzes treten, die sogenannte
Nomokratie.
Selbst das Deuteronomium hatte noch zugegeben, dass andere Völker
andere Götter hätten; Amos, als vereinzelter grosser Geist,
hatte
einen kosmischen Gott geahnt, der etwas mehr sei als der blosse
politische
deus
ex machina eines besonderen Völkchens: Hesekiel verband nun
die
beiden Vorstellungen und schmiedete daraus den Jahve des Judentums, den
Monotheismus in grässlich verzerrter Gestalt. Gewiss, Jahve ist
jetzt
der alleinige und allmächtige Gott, doch lebt er einzig seinem
eigenen
Ruhme; mitleidig gnädig gegen die Juden (denn durch sie will er
seinen
Ruhm verkünden und seine
—————
¹)
Vortrefflich charakterisiert im zwölften Kapitel von Duhm's: Theologie
der Propheten. Eduard Meyer: Die Entstehung des Judentums,
S.
219, sagt: „Hesekiel war offenbar eine ganz ehrliche Natur, aber ein
bornierter,
überdies in den engen Standesanschauungen des Priesters
aufgewachsener
Mensch, nicht in einem Atem zu nennen neben den gewaltigen Gestalten,
denen
er sich durch Umhängung eines sehr fadenscheinigen
Prophetenmantels
an die Seite zu stellen unterfing.“
509 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Macht zeigen unter der einen
Bedingung,
dass sie sich einzig und allein seinem Dienste widmen), doch allen
anderen
Völkern der Erde ein grausamer Gott, der sie „mit Pestilenz und
Blut“
heimsuchen will, „damit er herrlich, heilig und bekannt werde“! Alle
diese
anderen Völker sollen vernichtet werden, und Jahve befiehlt seinem
Propheten, die Vögel und die Tiere der Welt zusammenzurufen, „auf
dass sie das Fleisch der Starken fressen und das Blut der Fürsten
saufen sollen“. Nebenbei enthält das Buch den Entwurf zu der
Organisation
einer Hierokratie und zu einer neuen Kultuszwangsjacke: lauter Dinge,
über
die ein im Exil lebender Priester sich der ungezügelten Phantasie
hingeben konnte, was unmöglich gewesen wäre, hätte er
mitten
in einem nationalen Leben gestanden, wo jede neue Verordnung gegen
Sitte
und Herkommen anzukämpfen gehabt hätte. Doch nicht lange nach
Hesekiel's Tod eroberte der edle Perserkönig Cyrus die
babylonischen
Gebiete; mit der Naivetät des wenig gewitzigten Indoeuropäers
gestattete er die Rückkehr der Juden und gewährte ihnen
Unterstützung
für den Wiederaufbau des Tempels; unter dem Schutz arischer
Toleranz
wurde der Herd aufgerichtet, aus dem semitische Intoleranz
jahrtausendelang,
allem Edelsten zum Fluche, dem Christentum zu ewiger Schmach, sich wie
ein Gift über die Erde ergiessen sollte. Wer auf die Frage: wer
ist
der Jude? eine klare Antwort geben will, vergesse das Eine nie: dass
der
Jude, dank dem Hesekiel, der Lehrmeister aller Intoleranz, alles
Glaubensfanatismus,
alles Mordens um der Religion willen
429
ist, dass er an die Duldsamkeit immer
nur dann appellierte, wenn er sich bedrückt fühlte, dass er
sie
selber jedoch niemals übte noch üben durfte, denn sein Gesetz
verbot es ihm und verbietet es ihm auch heute — und morgen.
4. Hesekiel hatte
geträumt, doch durch die Rückkehr wurde sein Traum zur
Wirklichkeit;
s e i n Buch — nicht die Geschichte Israels, nicht die
Stimmen
der grossen Propheten — war fortan das Ideal, nach welchem das Judentum
organisiert wurde. Und dies wiederum konnte nur dank dem Umstande
geschehen,
dass der geschichtliche Prozess bei einer neuen Generation
anknüpfte,
bei einer Generation, in welcher selbst die S p r a c h
e
der Väter
510 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
vergessen war und nur die Priester
sie
noch verstanden.¹) Einzig dank dem Zusammentreffen so
ungewöhnlicher
Umstände ward jetzt etwas möglich, wovon die Weltgeschichte
kein
zweites Beispiel aufweist: dass von einzelnen zielbewussten
Männern
einem ganzen Volke eine durchaus erfundene, kunstgemäss erdachte,
ungemein komplizierte Religions- und Kulturgeschichte als altgeheiligte
Tradition aufgezwungen werden konnte. Der Vorgang ist ein ganz anderer
als bei den christlichen Konzilien, wo beschlossen wurde, das und jenes
müsse der Mensch glauben, denn es sei die ewige Wahrheit; dem
Juden
ist das Dogma in unserem Sinne fremd; für die materialistische
Auffassung,
die überall vorwaltet, wo der semitische Geist, sei es auch nur,
wie
hier, als spiritus rector, herrscht, muss jede Überzeugung
auf geschichtlicher Grundlage ruhen. Und so wurden denn der neue
exklusive
Jahve-Glaube, die neuen Verordnungen für den Tempelkultus, die
vielen
neuen Religionsgesetze²) als historische, in alten Zeiten von Gott
befohlene, seitdem stets (ausser von abtrünnigen Sündern)
beobachtete
Dinge eingeführt. Der Anfang
430
war ja schon vor dem Exil mit dem Deuteronomium
gemacht worden; doch war das nur ein schüchterner Versuch gewesen,
und zwar dem damals noch lebendigen Volksbewusstsein gegenüber
kein
sehr erfolgreicher. Jetzt war die Lage eine ganz andere. Erstens hatte
das Exil, wie ich schon sagte, den historischen
—————
¹)
Bald darauf, mehr als 400 Jahre vor Christus, erlosch die
hebräische
Sprache überhaupt (Peschel: Völkerkunde, 2. Aufl., S.
532); ihre Wiederaufnahme viele Jahrhunderte später geschah
künstlich
und einzig, um die Juden von ihren Gastgebern in europäischen
Ländern
zu scheiden, woraus dann solche Eigentümlichkeiten sich ergaben,
wie
dass heutzutage die französischen Bürger „israelitischer
Konfession“
in Algerien ihre Wahlzettel nur hebräisch schreiben können,
während
Judas Makkabäus das nicht vermocht hätte! Das verwahrloste
Sprachgefühl
unserer heutigen Juden kommt daher, dass sie seit Jahrhunderten
in
g a r k e i n e r Sprache heimisch sind — denn
eine tote Sprache kann nicht auf Befehl wieder lebendig werden — und
das
hebräische Idiom wird von ihnen ebenso gemisshandelt wie jedes
andere.
²)
Gesetz und Religion, man vergesse das nie, ist bei den Juden synonym
(siehe
Moses Mendelssohn).
511 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Faden durchschnitten, sodann
bestanden
die heimgekehrten Exulanten der überwiegenden Mehrzahl nach aus
zwei
Menschenklassen: einerseits aus den ärmsten, unwissendsten,
abhängigsten
des Volkes, andrerseits aus Priestern und Leviten.¹) Die
reicheren,
weltlich gesinnten Juden hatten es vorgezogen, in der Fremde zu
bleiben;
sie fühlten sich dort wohler als im eigenen Gemeinwesen, doch
blieben
sie (wenigstens zum grossen Teil) Juden, teils ohne Zweifel, weil
dieser
Glaube ihnen entsprach, teils wohl auch wegen der Privilegien, die sie
sich überall zu sichern wussten, zu denen in erster Reihe die
Befreiung
vom Militärdienst gehörte.²) Man begreift, wie die
Priesterschaft
—————
¹)
Vergl. Wellhausen: Israelitische
und jüdische Geschichte, S. 159.
Der selbe Autor schreibt in seinen Prolegomena, S. 28: „Aus dem
Exil kehrte nicht die Nation zurück, sondern eine religiöse
Sekte.“
²)
Geschichtsphilosophisch würde man wohl diese eigentümliche
Vorliebe
der Juden für den abhängigen, gewissermassen parasitären
Zustand aus dem lang andauernden Abhängigkeitsverhältnis zu
Israel
erklären. Es ist übrigens höchst bemerkenswert, dass die
Judäer nicht erst auf das Exil (noch weniger auf die sog.
Zerstreuung)
warteten, um ihre Vorliebe für dieses Leben zu bethätigen.
Man
hat in einer Reihe von Städten an den Ufern des Tigris und des
Euphrats
israelitische Siegel aus älteren Epochen gefunden, und schon zur
Zeit
Sennacherib's, also hundert Jahre vor der ersten Zerstörung
Jerusalems,
war das grösste Bankhaus Babylons ein judäisches; diese Firma
„Egibi Brüder“ soll eine ähnliche Stellung im Orient
eingenommen
haben wie heute in Europa das Haus Rothschild. (Vergl. Sayce: Assyria,
its princes, priests and people, p. 138). — Man lasse uns doch
endlich
einmal in Ruhe mit dem Ammenmärchen, die Juden seien „von Natur“
Ackerbauer
und nur im Laufe des Mittelalters, weil jede andere Beschäftigung
ihnen abgeschnitten war, à leur coeur défendant
Geldverleiher
geworden; man lese lieber etwas fleissiger die Propheten, die immer
über
den Geldwucher klagen, der den Reichen als Mittel diene, die Bauern zu
Grunde zu richten; man rufe sich die berühmte Talmudstelle ins
Gedächtnis:
„Wer hundert Gulden im Handel hat, kann alle Tage Fleisch essen und
Wein
trinken; wer hundert Gulden im Ackerwerk liegen hat, muss Kraut und
Kohl
essen, muss dazu graben, viel wachen und sich dazu Feinde machen. — — —
Wir aber sind erschaffen, dass wir Gott dienen sollen; ist es nun nicht
billig, dass wir uns o h n e S c h m e r -
431
512
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
nunmehr diese beiden Elemente
vollkommen
in der Hand hatte; das unwissende, durch keine Tradition gebundene
Kolonistenvolk
und die zwar gebildeten, doch vom einzigen Kultuszentrum entfernten
Mitglieder
der Diaspora. Und so errichtete sie denn das künstliche
Gebäude:
das Deuteronomium wurde ergänzt (namentlich durch die elf ersten,
so wirkungsvollen historischen Kapitel), sodann entstand der sogen.
„Priesterkodex“
(das ganze Buch Leviticus, drei Viertel von Numeri, die
Hälfte
des Exodus und etwa elf Kapitel der Genesis
umfassend);¹)
ausserdem wurden jetzt die geschichtlichen Bücher des Alten
Testamentes
in der Gestalt, in welcher sie auf uns gekommen sind, aus verschieden
Quellen
zusammengetragen und aufgesetzt, natürlich erst, nachdem jene
Quellen
revidiert, expungiert, interpoliert worden waren, um der neuen
Hierokratie
und dem neuen Jahveglauben, sowie dem neuen „Gesetz“, unter dem die
armen
Juden fortan seufzen sollten, Vorschub zu leisten — eine Arbeit jedoch,
welche die
—————
z e n n
ä
h r e n ?“ (Herder, dem ich das Citat entnehme, fügt
hinzu:
„Immerhin ohne Schmerzen! nur nicht durch Betrug und Überlistung.“
Adrastea
V, 7.) Man lese auch Nehemia, Kap. 5‚ und sehe, wie, als die
Juden
alles vernachlässigten, um den zerstörten Tempel wieder
aufzubauen,
die Ratsherren und die Priester den feierlich-ernsten Augenblick
benutzten,
um Wucher zu treiben und sich „die Äcker, Weinberge,
Ölgärten
und Häuser“ ihrer ärmeren Volksgenossen einzuschachern.
Nichts
fällt den Juden bei den arischen Medern so sehr auf, wie dass sie
„nicht nach Silber suchen noch nach Gold geizen“ (Jesaia XIII,
17);
und unter den schrecklichsten Flüchen, mit denen Jahve seinem
Volke
im Falle des Ungehorsams droht (Deut. XXVIII, 44), lautet der
eine:
„dass der Jude dem Fremdling nicht mehr Geld leihen werde!“ Man
erinnere
sich auch, wie im Buche Tobias (etwa 100 Jahre vor Christo
geschrieben)
ein Engel vom Himmel geschickt wird, um die Eintreibung von Geld,
welches
auf Zinseszins im Ausland angelegt ist, zu bewirken (Kap. V und IX). In
diesem Zusammenhang verdient es auch Erwähnung, dass bereits zur
Zeit
Salomo's die Juden die Rosstäuscher für ganz Syrien waren
(Sayce:
Hittites,
p. 13).
¹)
Vergl. Montefiore; Ancient Hebrews, p. 315, und für die
ausführliche
analytische Aufzählung Driver; Introd. to the Literature of
the
Old Testament (1892), p. 150 (abgedruckt in Montefiore S. 354).
513 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Kraft des damaligen Bildungsgrades
überstieg,
so dass die Widersprüche an allen Ecken und Enden hervorplatzen
und
wir durch die Risse hindurch die fromme Willkür am Werke
erblicken. ¹)
432
Ergänzt wurde dann diese Thora
(d. h. „Gesetz“) nach und nach durch Auswahlen aus der zum Teil sehr
alten
Spruchlitteratur und durch ebenfalls stark bearbeitete Sammlungen der
prophetischen
Bücher, bereichert um möglichst viele vaticinia ex
eventibus,
doch so verständnislos redigiert, dass es heute nur mit
unsäglicher
Mühe gelingt, die Absicht der Propheten herauszuschälen; noch
später kamen etliche freierfundene Lehrgedichte hinzu, wie Esther,
Hiob, Daniel, auch die Psalmen u. s. w. Noch lange Zeit nach Esra
wirkte
(nach jüdischer Tradition) ein Kollegium von 120 Schriftgelehrten,
die „grosse Synagoge“, an der Vervollständigung und Redaktion des
Kanons; die beiden Bücher der Chronica z. B. sind erst
zwei
Jahrhunderte später entstanden, „nach dem Untergange des
persischen
Reiches, schon mitten aus dem Judaismus heraus“. ²) Auf diese
Religion
Hesekiel's
—————
¹)
Die alten Christen wussten sehr gut, dass das Alte Testament ein
spätes
und bearbeitetes Produkt sei. So beruft sich z. B. Abälard in
seiner
Beantwortung der einundvierzigsten Frage Heloisens auf den
Kirchenhistoriker
Beda, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts schrieb und der gesagt haben
soll:
„Ipse
Esdras, qui non solum legem, sed etiam, ut communis majorum fama est,
omnem
sacrae Scripturae seriem, prout sibi videbatur legentibus sufficere,
rescripsit....“
Was also die neueste, sowohl von den protestantischen wie von den
katholischen
Orthodoxen so sehr angefeindete „höhere Bibelkritik“ zu Tage
gefördert
hat, ist nur die genaue wissenschaftliche Bestätigung einer
Thatsache,
die vor 1000 Jahren Besitz der communis fama war und an der die
frömmste Seele keinen Anstoss nahm.
²)
Wellhausen: Prolegomena, S. 170. Eine gemeinverständliche
Darstellung
der Entstehungsgeschichte des Alten Testaments, etwa nach Art von
Wellhausen's
Israelitische
und jüdische Geschichte, ist mir nicht bekannt. Das
grundlegende
Werk von Eduard Reuss: Gesch. der hl. Schriften alten Testaments
ist für Gelehrte gedacht und geschrieben, und Zittel:
Die Entstehung
der Bibel in Reclam's Universal-Bibliothek entspricht dem Titel
keineswegs
und kann darum auch bescheidenen Ansprüchen nicht genügen, so
viel des Interessanten das Büchlein sonst auch enthält.
514 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
werde ich gleich zurückkommen
müssen;
doch will ich vorher noch den fünften und letzten historischen
Umstand
besprechen, ohne welchen sie trotz alles Vorhergegangenen nie dauernd
hätte
Fuss fassen können.
5. Nach dem
babylonischen
Exil bildeten die Juden nie mehr eine unabhängige Nation. Welchen
tiefeingreifenden Einfluss diese Thatsache auf den Charakter des Volkes
ausüben musste, hat Herder mit Recht hervorgehoben: „Das
jüdische
Volk verdarb in der Erziehung, weil es nie zur Reife einer politischen
Kultur auf eigenem Boden, mithin auch nicht zum wahren Gefühl der
Ehre und Freiheit gelangte.“¹) Man darf nicht behaupten, den Juden
hätte von Hause aus, gewissermassen als eine organische
Lücke,
das Gefühl für Ehre und Freiheit gefehlt; auch ihr Schicksal
hätte vielleicht nicht genügt, eine so weitgehende Atrophie
dieser
kostbarsten Güter herbeizuführen, wenn nicht jetzt jener
Glaube
hinzugekommen wäre, der dem Individuum jegliche Freiheit nahm und
auch das „w a h r e Gefühl der Ehre“
dadurch
ausrottete, dass er anderen, höheren Völkern die Ehre
absprach.
Doch gerade diesen Glauben hätte sich das Volk aus dem Stamme Juda
niemals aufzwingen lassen, wenn nicht die politische Ohnmacht es als
kleinen,
geduldeten Vasallenstaat an Händen und
433
Füssen gebunden seinen
Religionslehrern
ausgeliefert hätte. Solche kurze Episoden halber
Selbständigkeit
wie unter Simon Makkabäus genügen nur, um zu zeigen, dass
beim
Eintritt in das praktische, lebendige Leben dieser Glaube, als echter
Volksglaube,
sich tiefgehende Modifikationen hätte gefallen lassen müssen;
kamen doch die Makkabäer ursprünglich dadurch auf, dass sie
(die
Kinder aus dem fernen Modin, im früher ephraimitischen Gebirge)
eines
der strengsten Gesetze, das des Sabbats, verletzten.²) Wie
unmöglich
es gewesen wäre, diesen Priesterg1auben, diesen Priesterkultus,
dieses
Priestergesetz einem unabhängigen Volke aufzuzwingen, ersehen wir
schon daraus, dass es selbst unter
—————
¹)
Ideen
zur Geschichte der Menschheit, T. III, Buch 12, Abschn. 3.
²)
Makkabäer
II, 41.
515 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
den gegebenen Bedingungen schwer
genug
fiel und ohne die thatkräftige Unterstützung der Könige
von Babylon nicht gelungen wäre. Denn waren auch die Juden aus
allen
Traditionen entwurzelt worden, so hatte dieses Schicksal doch nicht
ihre
Nachbarn getroffen und ebenso wenig jene echtkanaanitische
Stammbevölkerung,
die in ziemlicher Anzahl in Judäa zurückgelassen worden war.
Und so knüpften sich in der ersten Zeit nach der Rückkehr von
allen Seiten wieder Beziehungen an. Die hethitisch-amoritischen Bauern
wollten als Jahveanbeter wie früher am Opfer teilnehmen; sie
ahnten
nicht und wollten auch nicht zugeben, dass Jahve, ihr eigener
Landesgott,
fortan das Monopol der Juden sein sollte; andrerseits gingen die
begüterten
unter den zurückgekehrten Israeliten wie früher Ehen mit den
Nachbarvölkern ein, unbekümmert darum, ob diese Milkom, oder
Moloch, oder Baal, oder irgend einen anderen Landesgott verehrten; wir
erfahren, dass, gerade so wie bei uns der Adel, und sei er noch so
antisemitisch,
mit Vorliebe reiche Jüdinnen heiratet, ebenso die Mitglieder der
hohenpriesterlichen
Kaste die Ehe mit einer Ammoniterin oder Edomiterin für
„standesgemäss“
hielten, wenn nur das Mädchen genug Barschaft besass. Wie
hätte
unter solchen Bedingungen der Glaube, wie ihn Hesekiel lehrte,
eingeimpft
und das neue Gesetz mit seinen unzähligen Vorschriften
eingeübt
werden sollen? Nicht eine einzige Generation hätte es
gewährt,
bis die widernatürliche Geburt der überhitzten
Priesterphantasie
ad
patres gelegt worden wäre. Die Juden bildeten aber keinen
unabhängigen
Staat. Nach Jerusalem waren sie unter Führung eines halbpersischen
Landpflegers zurückgekehrt, der ohne Zweifel genaue Instruktionen
hatte, den Pfaffen Vorschub zu leisten, dagegen jede Regung politischen
Ehrgeizes zu
434
unterdrücken. Als nun die fromme
Partei das kaum begonnene Werk dennoch durch die soeben erwähnten
Vorgänge gefährdet sah, sandte sie nach Babylon um Hilfe.
Zunächst
schickte man ihr eine Verstärkung an Priestern und Schriftkundigen
und zwar gerade diejenigen, welche, mit Esra — „dem geschickten
Schriftgelehrten“
— an der Spitze, die Thora aufsetzen sollten, zu-
516 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
gleich königliche Edikte und
Geld.¹)
Doch auch das genügte nicht; man brauchte einen Mann der That, und
so wurde der Mundschenk des Königs Artaxerxes, Nehemia, mit
diktatorischer
Vollmacht ausgerüstet, nach Jerusalem entsandt. Jetzt ging es
energisch
zu. „Mit Abscheu“ wurden diejenigen Jahveanbeter, die nicht offiziell
zum
jüdischen Volk gehörten, zurückgewiesen; nicht Glaube,
sondern
Genealogie sollte fortan den Ausschlag geben; alle Juden, die
Nichtjüdinnen
geheiratet hatten, mussten sich scheiden lassen oder auswandern; in den
Leviticus schrieb man das Gesetz ein: „Ich habe euch a b g
e s o n d e r t von den Völkern, dass ihr mein
wäret“
(XX, 26); fortan sollte nie mehr ein Jude ausserhalb seines Volkes
heiraten,
bei Todesstrafe; namentlich beging jeder M a n
n,
der ein ausländisches Weib ehelichte, „eine Sünde gegen
Gott“.²)
Hohe Mauern baute auch Nehemia um Jerusalem und versah die
Eingänge
mit festen Thoren; dann verwies er den Fremden den Eintritt
überhaupt,
auf dass das Volk „gereinigt sei von allem Ausländischen“. „Esra
und
Nehemia“, sagt Wellhausen mit Recht, „sind, durch die Gnade des
Königs
Artaxerxes, die definitiven Konstitutoren des Judentums
geworden.³)
Was Hesekiel begründet, haben sie vollendet; sie haben den Juden
das
Judentum a u f g e z w u n g e n.
Das also wären
die fünf historischen Momente, durch welche die Entstehung des
Judentums
ermöglicht und gefördert wurde.
—————
¹)
An Geld allein brachte Esra ein Geschenk des Königs von mehr als
fünf
Millionen Mark! Die Echtheit (oder zum mindesten wesentliche Echtheit)
der von Esra angeführten persischen Dokumente ist, entgegen der
Ansicht
von Wellhausen u. a., durch Eduard Meyer endgültig festgestellt
worden:
Die
Entstehung des Judentums (1896), S. 1—71. Hiermit ist eine der
wichtigsten
Fragen der Geschichte entschieden. Wer das kleine, aber
ungewöhnlich
gehaltreiche Buch Meyer's gelesen hat, wird seine Schlussworte
begreifen:
„Das Judentum ist im Namen des Perserkönigs und kraft der
Autorität
seines Reiches geschaffen worden, und so reichen die Wirkungen des
Achämenidenreiches
gewaltig, wie wenig Anderes, noch unmittelbar in unsere Gegenwart
hinein“
(S. 243).
²)
Nehemia
XIII, 27. Vergl. das am Anfang dieses Kapitels Gesagte.
S.
326.
³)
Israelitische
und jüdische Geschichte, 3. Ausg., S. 173.
517 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Noch einmal fasse ich sie kurz
zusammen,
damit sie fest im Gedächtnis haften: die unerwartete,
plötzliche
Lostrennung von
435
dem überlegenen Israel; der
hundertjährige
Fortbestand des von allen Seiten bedrohten winzigen Staates, der einzig
von einer übermenschlichen Macht Hilfe erhoffen konnte; das
Durchreissen
des geschichtlichen Fadens sowie aller örtlichen Traditionen durch
die Fortführung des gesamten Volkes aus der Heimat in die Fremde;
die Wiederanknüpfung unter einer im Ausland geborenen, selbst die
Sprache der Väter kaum verstehenden Generation; der fortan
dauernde
Zustand politischer Abhängigkeit, aus welcher die
Priesterherrschaft
ihre dominierende Kraft sog.
Der
neue
Bund
Als Esra zum ersten
Mal dem versammelten Volke aus dem neuen Gesetz vorlas, welches das
„Gesetz
Mose“ sein sollte, „da weinete alles Volk, da sie die Worte des
Gesetzes
höreten“; so berichtet Nehemia und wir glauben's ihm. Doch es half
ihnen nichts, denn der grosse Jahve, „mächtig und schrecklich“,
hatte
es befohlen;¹) und nun wurde der angebliche „alte Bund“ erneuert,
aber diesmal schriftlich, wie ein notarieller Kontrakt. Jeder Priester,
Levit und Grosse des Landes setzte sein Siegel darunter, auch jeder
Schriftkundige;
sie und alle anderen Männer „samt ihren Weibern, Söhnen und
Töchtern“
mussten sich „eidlich verpflichten zu wandeln im Gesetz Gottes, das
durch
Mose, den Knecht Gottes, gegeben ist“.²) Das war jetzt der „neue
Bund“.
Es ist wohl das erste und einzige Mal in der Weltgeschichte, dass eine
Religion auf diese Weise entstand! Zum Glück lebte noch
religiöser
Instinkt in dem Volke, aus dessen Mitte vor kurzem ein Jeremia und ein
Deuterojesaia hervorgegangen waren; die menschliche Natur lässt
sich
nicht bis auf die letzte Spur ausstampfen und zerkneten; hier war
jedoch
das Mögliche nach dieser Richtung geschehen; und wenn die Juden
—————
¹)
Nach dem Talmud beschäftigt sich Jahve am Sabbat selber mit Lesen
in der Thora! (Wellhausen, Isr. Gesch., S. 297; Montefiore p.
461).
²)
Siehe Nehemia, Kap. 8—10.
518 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
in der Folge allen Völkern der
Erde verhasst wurden, überall fremd, allen zuwider, so ist die
Ursache
davon einzig in diesem künstlich zugerichteten und mechanisch
aufgezwungenen
Glauben zu suchen, der sich nach und nach zu einer unausrottbaren
nationalen
Idee gestaltete und in ihren Herzen das uns allen gemeinsame
reinmenschliche
Erbe erstickte. In dem kanaanitisch-israelitischen Naturkultus,
verquickt
mit semitischem Ernst und amoritischem Idealismus, muss es manche Keime
zu schönsten Blüten gegeben haben; wie sollten wir sonst eine
derartige Ent-
436
wickelung verfolgen können wie
die, welche von dem orgiastischen Tanz um das Stierbild (im ganz Israel
und Juda noch kurz vor dem Exil üblich) bis zum Gott des Amos
führt,
„der die Feiertage verachtet“ und „keinen Gefallen am Brandopfer hat“
(V,
21, 22), und bis zu Deuterojesaia, der jeden Tempelbau für Gottes
unwürdig hält, dem Opfer und Weihrauch „Greuel“ sind, und der
die fast indischen Worte schreibt: „Wer einen Ochsen schlachtet, ist
eben
als der einen Mann erschlüge“ (Jesaia LXVI, 1—3). Fortan
war
jedoch alle Entwickelung abgebrochen. Und was ich tausend Mal
wiederholen
muss, denn Niemand sagt es und es ist doch das Einzige, was not thut zu
sagen, das Einzige, was auch die Stellung der Juden unter uns Kindern
des
neunzehnten Jahrhunderts begreiflich macht: diese sogenannte „Reform“
Esra's,
welche in Wahrheit die Begründung des Judentums bedeutet, diese
Reform,
welche aus dem Zusammentreffen der fünf von mir aufgezählten
historischen Umstände die Möglichkeit ihres Daseins
schöpfte,
bedeutet n i c h t eine Stufe in der
religiösen
Entwickelung, sondern ist eine heftige Reaktion g e g e
n
jegliche Entwickelung; sie lässt den Baum aufrecht, schneidet aber
unterirdisch alle Wurzeln ab; nun mag er stehen und verdorren, ringsum
von den sauber zugehauenen 13 600 Pfählen des Gesetzes
unterstützt,
auf dass er nicht umfalle. Wenn also selbst ein so bedeutender
Gelehrter
wie Delitzsch schreibt: „Die Thora spiegelt einen jahrtausendlangen
Prozess
der Fortbewegung des mosaischen Gesetzes in Bewusstsein und Praxis
Israel's“,
so müssen wir dagegen einwenden, dass die Thora im Gegenteil alles
thut, was sie nur irgend kann, um den Entwickelungsprozess,
519 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
der bis zu ihr stattgefunden hatte,
zu maskieren; dass sie vor keiner Unwahrheit zurückscheut, um das
Gesetz als ein absolut Unbewegliches, von jeher Dagewesenes
hinzustellen,
nicht einmal vor solchen handgreiflichen Absurditäten wie die
Märe
von der Stiftshütte und ihrer Einrichtung; und wir müssen
behaupten,
dass die Thora nicht allein gegen den angeblichen „Götzendienst“
(aus
dem der ganze israelitische Kultus hervorgegangen war) gerichtet ist,
sondern
eben so sehr gegen den freien Geist echter Religion, der sich in den
Propheten
zu regen begonnen hatte. Kein einziger jener grossen Männer, weder
Elias noch Amos, noch Hosea, noch Micha, noch Jesaia, noch Jeremia,
noch
Deuterojesaia, hätte sein Siegel unter jenes Dokument des neuen
Bundes
gesetzt — er hätte ja erst seine eigenen Worte verleugnen
müssen.
437
Die
Propheten
Einen Augenblick
muss ich mich bei den soeben genannten Propheten aufhalten. Denn gerade
aus dem Kontrast zwischen dem, was sie erstrebten und lehrten, und den
Lehren der jerusalemitischen Hierokraten wird ersichtlich, wie sehr der
Jude zum „Juden“ erst g e m a c h t wurde,
künstlich
gemacht (sozusagen), und zwar durch die bewusste, wohlberechnete
religiöse
Politik einzelner Männer und einzelner Kreise und im Gegensatz zu
jeder organischen Entwickelung. Für eine gerechte Beurteilung des
israelitischen Charakters, der im Judentum gewissermassen strandete,
ist
es nötig, dies zu betonen. In dem neuen Bunde stehen die
Kultusobservanzen
im Mittelpunkt; das Wort „Heiligkeit“, welches so oft vorkommt,
bedeutet
in erster Reihe durchaus nichts anderes als die strikte Befolgung aller
Verordnungen,¹) an eine Reinheit des Herzens wird dabei kaum
gedacht,²)
die „Reinheit der Haut und des Geschirrs ist wichtiger“ (wie Reuss mit
einiger Übertreibung sagt);³) und in der Mitte dieser
Observanzen
steht als Heiligstes ein ungemein kompliziertes Opferrituell.4)
Eine flagrantere Abweichung von der prophetischen Lehre
—————
¹)
Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 236.
²)
Robertson Smith: Prophets of Israel, p. 424.
³)
Geschichte
der heiligen Schriften Alten Testaments, § 379.
4)
Wer sich hiervon eine Vorstellung machen will, lese ausser
520 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
ist kaum denkbar. Man höre nur!
Hosea hatte Gott sagen lassen: „Ich habe Lust an der Frömmigkeit
und
n i c h t am Opfer, und an der Erkenntnis
Gottes,
n i c h t am Brandopfer“ (VI, 6). Amos habe ich schon
citiert
(S.
436). Micha schreibt: „Womit soll ich den Herrn versöhnen? Mit
Bücken vor dem hohen Gott? Soll ich mit Brandopfern und
jährlichen
Kälbern ihn versöhnen? (VI, 6.) Es ist dir gesagt, Mensch,
was
gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gerechtigkeit
üben,
barmherzig sein und vor deinem Gott demütig“ (VI, 8). Jesaia
äussert
sich genau ebenso, nur viel ausführlicher und wie durch ein Wunder
ist ein Spruch von ihm geblieben, in welchem er erklärt, „Gott
möge
den Sabbat nicht“ und „hasse in der Seele die Neumonde und
festgesetzten
Feiertage!“ — dagegen solle das Volk sich lieber mit anderen Dingen
abgeben,
„lernen Gutes thun, nach Recht trachten, dem Unterdrückten helfen,
den Waisen
438
Recht schaffen, der Witwe helfen“ (I,
13—17). Jeremia geht in der ihm eigenen heftigen Weise noch weiter; er
stellt sich in dem Thorwege des Tempels zu Jerusalem auf und ruft den
Eintretenden
zu: „Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen ‚Hier ist
des
Herrn Tempel! hier ist des Herrn Tempel!' sondern bessert euer Leben
und
Wesen, dass ihr Recht thut, Einer gegen den Andern, und den
Fremdlingen,
Waisen und Witwen keine Gewalt thut, und nicht unschuldig Blut
vergiesst
(d. h. nicht opfert) an diesem Ort“ (VII, 4—6); selbst von der
altgeheiligten
Bundeslade will Jeremia nichts wissen, man wird ihrer „nicht mehr
gedenken,
noch davon predigen, noch sie besuchen, noch daselbst mehr opfern“
(III,
16). Auch in den Psalmen lesen wir: „Du
—————
den Büchern Leviticus,
Numeri u. s. w. die elf Traktate der Opferangelegenheiten
(Kodaschim)
im babylonischen Talmud (deren haggadische Bestandteile den
vierten
Band von Wünsche's einzig massgebender Übersetzung bilden).
Man
kann auch nicht behaupten, dass die Juden seit der Zerstörung
Jerusalems
dieses Rituell losgeworden wären, denn sie studieren es nach wie
vor,
und gewisse Dinge, z. B. das Schächten, gehören dazu,
weswegen
das von einen Nichtjuden geschlachtete Vieh den Juden als „Aas“ gilt
(siehe
Traktat
Chullin f. 13 b).
521 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
hast nicht Lust zum Opfer, und
Brandopfer
gefallen dir nicht. Das Opfer, das Gott gefällt, das ist ein
zerschlagener
Geist! O Gott! du verachtest ein zerschlagenes, betrübtes Herz
nicht!“
(LI, 18—19).¹) Dass auf alle diese Äusserungen
fanatisch-nationale
folgen, wie: Jerusalem sei Gottes Thron, alle anderen Götter seien
Götzen, u. s. w., zeigt eine den Zeiten gemässe
Beschränkung,²)
hebt aber doch unmöglich die Thatsache auf, dass alle diese
Männer
eine progressive V e r e i n f a c h u n g des
Kultus erstrebt und ebenso wie die Yoruba-Neger an der
Sklavenküste
(siehe
S. 395) die Speiseopfer für unsinnig erklärt, ja
womöglich
die Abschaffung jeglichen Tempeldienstes gefordert hatten, wie jener
grosse
Ungenannte,³) der Gott sprechen lässt: „Der Himmel ist mein
Stuhl
und die Erde meine Fussbank; was ist es denn für ein Haus, das ihr
mir bauen wollt? Oder welches ist die Stätte, da ich ruhen
soll?....
Meine Augen richte ich auf andere Dinge: auf den Elenden und der
zerbrochenen
Geistes ist und auf den, der mein Wort fürchtet“ (LXVI, 1, 2).
Schärfer
könnte der Kontrast zu den bald darauf eingeführten Geboten
der
Thora nicht sein. Namentlich auch weil die ganze Tendenz der
439
Propheten, wie man sieht, darauf
hinausläuft,
die Frömmigkeit ins H e r z zu legen:
nicht
wer opfert, sondern wer Gutes thut, nicht wer Sabbate hält,
sondern
wer den Bedrückten beschützt, ist nach ihrer Auffassung
fromm.
Auch muss bemerkt werden,
—————
¹)
Siehe auch XL, 7 und L, 13.
²)
Nachgewiesenermassen sind ausserdem fast alle derartige Stellen
Interpolationen
aus sehr später Zeit.
³)
Über den meist als Jesaia II oder Deuterojesaia bezeichneten
Verfasser
der Kapitel XL bis LV des Buches Jesaia (der Einzige, der hin und
wieder
an Christus gemahnt, und dessen Namen die Juden charakteristischer
Weise,
gleich nachdem er gelebt hatte, nicht mehr wussten, während sie
sonst
die Genealogien ins hundertste Glied verfolgen) siehe namentlich
Cheyne:
Introduction
to the Book of Isaiah (1895) und Duhm: Jesaia (1892). Deuterojesaia
schrieb in der zweiten Hälfte des Exils, also anderthalb
Jahrhunderte
später als der historische Jesaia.
Nach Cheyne sind die Kapitel
LVI
bis LXVI, die meistens dem Deuterojesaia zugeschrieben werden, wiederum
von einem anderen, noch späteren Autor.
522 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
dass der Nationalismus bei den
Propheten
in keinem einzigen Falle (abgesehen von den nachträglichen
Interpolationen)
den dogmatischen und unmenschlichen Charakter des späteren
offiziellen
Glaubens zeigt. Amos, ein herrlicher Mann, dessen Buch die grosse
Synagoge
arg zugerichtet hat, macht die einzige humoristische Bemerkung, welche
vielleicht die gesamte biblische Litteratur aufweisen kann: „Seid ihr
Kinder
Israels mir nicht gleich wie die Mohren, spricht der Herr?“ (IX, 7).
Und
er meint des Weiteren, ebenso wie Gott die Israeliten aus Ägypten,
desgleichen habe er auch die Philister aus Caphthor und die Syrier aus
Kir geführt. Ähnlich tolerant schreibt Micha: „Ein jegliches
Volk wird wandeln im Namen seines Gottes, aber wir werden wandeln im
Namen
unseres Gottes“ (IV, 5). Deuterojesaia, der einzige wirkliche und
bewusste
Monotheist, sagt einfach: „Gott der ganzen Welt wird er geheissen“
(LIV,
5). Auch hier ist also eine Richtung deutlich vorgezeichnet, die
später
gewaltsam abgeschnitten wurde. Damit zugleich war jene vielverheissende
Neigung, waren jene tastenden Versuche nach einer minder historischen,
echteren Religion, nach einer Religion der individuellen Seele im
Gegensatz
zum Glauben an Volksschicksale im Keime erstickt; natürlich lebte
sie in vielen einzelnen Herzen immer von Neuem auf, doch konnte sie dem
durch den Priesterkodex erstarrten Organismus kein Leben mehr
einflössen,
denn für Entwickelung war kein Raum mehr. Und doch hatte Jeremia
bedeutende
Ansätze in diesem Sinne gemacht; er (oder irgend ein Anderer in
seinem
Namen) hatte Gott sagen lassen: „Ich kann das Herz ergründen und
die
Nieren prüfen und geben einem Jeglichen nach seinem Thun“ (XVII,
10).
Ja, man glaubt, in absolutem Widerspruch zur Werkheiligkeit des
Judentums
(von dem sie der Katholizismus übernommen hat) die Vorstellung
der
G n a d e durchschimmern zu sehen, wenn Jeremia
inbrünstig
ausruft: „Heile d u mich, Herr, so werde ich
heil!
Hilf d u mir, so ist mir geholfen!“ (XVII, 14). Und
mit
Deuterojesaia's schönem Vers, in welchem Gott redet: „Meine
Gedanken
sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege,“ stehen
wir an der Schwelle jener Ahnung eines transscendenten G e
h e i m -
523 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
n i s s e s, wo für
die Inder und für Jesus Christus wahre Religion beginnt. Wie Recht
hat der Theologe Duhm, wenn er
440
schreibt, die Deuteronomiker und
Hesekiel
und mit ihnen das Judentum bis zum heutigen Tage stünden „in
religiöser
und sittlicher Beziehung t i e f u n t e
r
J e r e m i a !“ ¹)
Ob aber bei den
allgemeinen
semitischen Anlagen, die sich auch in diesen Edelsten zeigen, sehr viel
Religion in unserem Sinne des Wortes herausgekommen wäre,
dünkt
mich mehr als zweifelhaft; denn wie diese Citate (mit Ausnahme der zwei
allerletzten) beweisen, ist es immer M o r a l,
was die Propheten dem Kultus entgegenstellen, nicht ein neues oder
reformiertes
Religionsideal.²) Die israelitischen Propheten (zu denen man
einige
Psalmisten rechnen muss) sind gross durch ihre moralische Grösse,
nicht durch schöpferische Kraft; darin zeigen sie sich als
wesentlich
Semiten — bei denen der Wille stets den Mittelpunkt bildet — und ihr
Wirken
auf rein religiösem Gebiet ist
—————
¹)
Duhm: Die Theologie der Propheten, S. 251. Jeremia's Ahnung der
„Gnade“ verschwand sofort, um nie wiederzukehren; selbst die edelsten,
begabtesten Juden, wie Jesus Sirach, lehren: „wer das
Gesetz
k e n n t, ist tugendhaft“; Gott hat den Menschen
erschaffen
und ihn dann „seinem eigenen Rate überlassen“; darauf folgt
logischerweise
die Lehre der absoluten Willensfreiheit, losgelöst von jedem
göttlichen
Beistand: „vor dem Menschen stehen Leben und Tod, was er w
i l l, erwählt er — — — wenn du w i l l s
t, so kannst du das Gesetz halten“ (siehe z. B. Ecclesiasticus
XV, 1, 12—15). Einzig die Essäer bilden eine Ausnahme, denn nach
Josephus
lehrten sie die Prädestination (Jüd. Altertümer,520);
diese Sekte wurde aber auch nie anerkannt, sondern verfolgt, und
zählte
vermutlich wenige echte Juden; sie bildet eine vorübergehende,
einflusslose
Erscheinung.
²)
Noch mehr gilt das von solchen späteren Erscheinungen wie Jesus
Sirach,
die sich im Grunde genommen damit begnügen, sehr weise, edle
Lebensregeln
zu geben: man solle nicht nach Reichtum streben, sondern nach
Mildtätigkeit,
nicht nach Gelehrsamkeit, sondern nach Weisheit u. s. w. (XXIX, XXXI u.
s. w.). Der einzige (unter griechischem Einfluss unternommene) Versuch
des jüdischen Religionsgeistes, ins Metaphysische
hinüberzugelangen,
endete gar kläglich: der sog. „Prediger Salomo“ weiss nichts
Besseres
zu empfehlen, als dass man für das Heute sorgen und sich seiner
Werke
freuen solle — „es ist alles ganz eitel!“
524 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
zum grossen Teil lediglich eine
Reaktion
gegen den kanaanitischen (dem Mose zugeschriebenen) Kultus, ohne dass
sie
etwas anderes brächten, was an dessen Stelle zu setzen wäre.
Zu glauben aber, man könne dem Volk den einen Kultus nehmen, ohne
ihm dafür einen anderen zu geben, zeugt nicht von besonderer
Einsicht
in den menschlichen Charakter; ebensowenig wie es von religiösem
Verständnis
zeugt, wenn die Propheten wähnten, der Glaube an einen nie
vorgestellten,
nie dargestellten, eigentlich lediglich in den politischen Ereignissen
sich offenbarenden Gott, dem man allein mit Rechtthun und Demut diene,
könne selbst den allerbescheidensten Bedürfnissen der
Phantasie
ge-
441
nügen. Gerade durch die Erhabenheit
prophetischer Gesinnung, durch die Glut prophetischer Worte ward zum
ersten
Mal einem jener materialistischen, an religiösen Vorstellungen
sehr
armen syrosemitischen Völker die Kluft zwischen Gott und Mensch
aufgedeckt,
und nun gähnte sie drohend, ohne dass der geringste Versuch zu
ihrer
Überbrückung unternommen worden wäre. Und doch, was
anders
macht das Wesen der Religion aus, wenn nicht gerade diese
Überbrückung?
Das Übrige ist Philosophie oder Moral. Daher sind wir berechtigt,
die Mythologie Griechenlands eine Religion zu nennen, denn sie
vermittelt
Vorstellungen und die Nähe des Göttlichen.¹) Nicht der
Gedanke
an einen Gott, der Himmel und Erde ausgebreitet hat, sondern der
Paraklet,
der zwischen ihm und mir hin und her schwebt, bildet den wesentlichsten
Inhalt aller Religion; Mohammed ist kaum geringer als Allah, und
Christus
ist Gott selber, zur Erde herabgestiegen. Und da müssen wir
gestehen:
Jesaia, der seine Prophezeiungen an den Strassenecken plakardiert,
Jeremia,
der scharfsichtigste Politiker seiner Zeit, Deuterojesaia, die hehre,
liebreiche
Gestalt
—————
¹)
Nicht unwichtig ist es, hier zu bemerken, wie viel mehr Einsicht in das
Wesen des religiösen Bedürfnisses ein Sokrates zeigt, welcher
ebenfalls lehrte, nicht das Opfer selbst, nicht seine Kostbarkeit
errege
das Wohlgefallen der Götter, sondern die innerste Herzensgesinnung
des Opfernden, aber nichtsdestoweniger die Darbringung der
üblichen
Opfer für eine Pflicht hielt (Xenophon: Memorabilia I, 3).
Ähnlich Jesus Christus.
525 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
aus dem babylonischen Exil, dazu
Amos,
der Gutsbesitzer, der in der Korruption der leitenden Stände eine
nationale Gefahr erblickt, Hosea, der die Priester für noch
gefährlicher
hält, Micha, der sozialdemokratische Bauer, der alle Städte
(samt
Jerusalem) von der Erdfläche vertilgen will — — das sind
prächtige
Männer, in denen wir mit Entzücken gewahren, wie
glaubensstark
und zugleich wie freimütig, wie edel, wie lebensvoll der
israelitische
Geist sich bewegte ehe ihm Handschellen und Maulknebel angelegt worden
waren, doch r e l i g i ö s e Genies sind
sie durchaus nicht. Hätten sie jene Kraft besessen, die sie nicht
besassen, so wäre ihrem Volk sein herbes Schicksal erspart
geblieben;
es hätte nicht weinen müssen, „als es die Worte des Gesetzes
vernahm“.
Die
Rabbiner
Was die Propheten
nicht vermocht hatten, das vollbrachten die Priester und
Schriftgelehrten.
Die Beziehung zwischen Gott und Mensch stellten sie durch Fixierung
einer
fingierten, doch genauen historischen Tradition, durch Beibehaltung und
weitere Ausbildung des Opferdienstes und vor Allem durch das sogenannte
442
„Gesetz” her, d. h. durch Hunderte von
Vorschriften, welche jeden Schritt des Menschen den ganzen Tag
über
umzäunten und ihn durch alle Jahreszeiten — auf dem Felde, daheim,
im Schlafen und im Wachen, beim Essen und Trinken — unausgesetzt
begleiteten.
Nach der talmudischen Tradition sind in den Tagen der Trauer um Moses'
Tod 3000 solcher Vorschriften in Vergessenheit geraten;¹) das
kennzeichnet
die Richtung. Offenbarer Zweck war, den Gedanken an Gott in den Leuten
ununterbrochen wachzuhalten, damit zugleich den Gedanken an ihre eigene
Auserwähltheit und an ihre Zukunft. Unedel war der Zweck nicht,
das
kann kein unparteiisch Urteilender behaupten, auch mag es wohl sein,
dass
dieses drakonische Regiment ein gesitteteres Leben zur Folge hatte, und
dass Tausende von guten Seelen in der Erfüllung des Gesetzes
zufrieden
und beglückt lebten; und doch: was hier geschah, war ein
Gewaltstreich
gegen die Natur. Naturwidrig ist es, jeden Schritt des Menschen zu
hemmen,
natur-
—————
¹)
Traktat
Themura fol. 16 a (Wünsche).
526 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
widrig, ein ganzes Volk mit
priesterlichen
Tüfteleien zu quälen¹) und ihm jede gesunde, freie,
geistige
Nahrung zu verbieten, naturwidrig, Hochmut und Hass und
Abgeschiedenheit
als die Grundlage sittlicher Verhältnisse zu den Mitmenschen zu
lehren,
naturwidrig, das ganze Trachten aus der Gegenwart in die Zukunft zu
verlegen.
Um das Judentum zu begründen, wurde eine Religion getötet und
dann mumifiziert.
Ambrosius lobt an
der Religionslehre der Juden ganz besonders „die Unterwerfung des
Gefühles
unter die Vernunft“.²) Das Wort Vernunft ist vielleicht nicht
besonders
glücklich gewählt, unter den „Willen“ würde wohl eher
das
Richtige getroffen haben; doch mit der Unterwerfung des Gefühles
hat
er vollkommen Recht, und er sagt damit in einfacher Form etwas von so
grosser
Tragweite, dass seine Worte mir weitläufige Erörterungen
sparen.
Wer aber wissen will, wohin diese Unterwerfung des Gefühles in
einer
Religion führt, der lasse sich über die Geschichte des
Rabbinertums
belehren und versuche, sich durch einige Bruchstücke des Talmud
hindurchzulesen.
Edle Rabbiner wird
443
er antreffen und im Talmud mehr
lobenswerte
Regeln für Handel und Wandel (namentlich im Traktat Pirke
Aboth,
d. h. Sprüche der Väter) als er vielleicht vermutet, doch
weist
die gesamte Weltlitteratur nichts so trostlos ödes, so kindisch
langweiliges,
so gründlich von dem Wüstenstaub absolutester Sterilität
Zugeschüttetes auf, wie diese Sammlung der weisesten Diskussionen,
die Jahrhunderte hindurch über die Thora unter Juden gepflegt
444
wurden.³) Und dieses geistlose
Produkt galt den späteren Juden
—————
¹)
Nach dem Zeugnis eines zeitgenössischen Juden, Rubens: Der
alte
und der neue Glaube (Zürich 1878, S. 79) braucht der Jude, der
streng nach den Vorschriften lebt, „fast den halben Tag für die
Religion
allein“. Gott wollte, sagt Rabbi Chanania ben Akasiah, Israel
Gelegenheit
geben, sich Verdienst zu erwerben, deshalb überhäufte er es
mit
Satzungen und Observanzen.
²)
In seiner Schrift Von den Pflichten der Kirchendiener I, 119.
³)
Beispiele lehren mehr als Meinungsäusserungen. Zum Glauben an
Gottes
Allmacht: „Rabbi Janai fürchtete sich so vor Ungeziefer, dass er
vier
Gefässe mit Wasser unter die Füsse seines Bettes stellte.
Einmal
streckte er seine Hand aus und fand Un-
527 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
als heiliger denn die Bibel (Traktat
Pea II, 5)! Ja, sie erdreisten sich zu der Äusserung: „Die
Worte
der Ältesten sind wichtiger
—————
geziefer im Bett; da
sprach
er mit Hinweis auf Psalm CXVI, 6: „Hebt das Bett von den Gefässen
auf, ich verlasse mich auf die göttliche Obhut“ (Traktat
Terumoth
VIII, 3, 30a). Zur biblischen Exegese: „Rabbi Ismael hat gelehrt — es
heisst
Leviticus XIV, 9: ,Am siebenten Tage schere er all sein Haar, sein
Haupt
und seinen Bart, seine Augenbrauen und all sein Haar soll er scheren';
all sein Haar, das ist g e n e r e l l; sein
Haupt,
sein Bart, seine Augenbrauen, das ist s p e z i e l
l,
und sein Haar, das ist wieder g e n e r e l l,
Bei Generellem, Speziellem und Generellem lautet die Norm, dass du
bloss
das erweisen kannst, was dem Speziellen ähnlich ist, d. h. sowie
das
Spezielle ein Ort ist, welcher eine Sammlung Haare in sich begreift, so
muss auch das Generelle ein Ort sein, welcher eine solche Sammlung von
Haaren in sich begreift“ (Tr. Kidduschin, I, 2, 9a). Zum Gesetz:
„Rabbi Pinchas kam an einen Ort, wo die Leute vor ihm klagten, dass die
Mäuse ihr Getreide frässen. Er gewöhnte die Mäuse,
auf seinen Ruf zu hören; sie versammelten sich vor ihm und fingen
an zu wispern. Versteht ihr, sprach der Rabbi zu den Leuten, was sie
sprechen?
Nein! war ihre Antwort. Sie sagen nämlich, dass ihr euer Getreide
nicht verzehntet. Darauf sprachen die Leute, wir sind dir verpflichtet,
dass du uns auf bessere Wege gebracht hast. Seitdem richteten die
Mäuse
keinen Schaden mehr an“ (Tr. Demai, I, 3‚ 3b). Zur Erkenntnis
der
Natur: „Nach Rabbi Juda beträgt die Dicke des Himmels einen Weg
von
50 Jahren, und da ein Mensch von mittleren Kräften in einem Tage
40
Mil und, bis die Sonne durch den Himmel bricht, 4 Mil weit gehen kann,
so folgt daraus, dass die Zeit des Durchbruches durch den Himmel den
zehnten
Teil von einem Tage beträgt. Wie dick aber der Himmel ist, so dick
ist auch die Erde und der Abgrund. Der Beweis (!) wird aus Jesaia XL,
22,
Hi. XXII, 14 und Prov. VIII, 27 genommen“ (Tr. Berachoth I, 1,
4b).
Zum täglichen Leben: „Rabbi bar Huna frühstückte nicht,
ehe er sein Kind in das Schulhaus geführt hatte“ (Tr.
Kidduschin,
Abschn. I). — Dass man inmitten des talmudischen Wustes manche
schöne
Sprüche findet, muss andrerseits hervorgehoben werden, aber mit
dem
Zusatz, dass diese Sprüche einzig auf Moral sich beziehen;
schöne
G e d a n k e n enthalten diese Sammlungen nicht,
überhaupt
fast nichts, was mit einem Gedanken auch nur Familienähnlichkeit
hätte.
Und auch die schönen moralischen Sprüche gleichen gar zu oft
den Gedichten Heine's: das Ende verdirbt den Anfang. Ein Beispiel: „Ein
Mensch vermehre den Frieden mit seinen Brüdern und Verwandten und
mit jedem Menschen, selbst mit einem Fremdling auf der Strasse“ —
528 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
als die Worte der Propheten“ (Traktat
Berachoth I, 4)! So sicher hatte sie der neue Bund den Weg des
religiösen
Verfalles
—————
bis hierher kann kein
Pfarrer auf der Kanzel bessere Ratschläge geben; aber nun das
Warum,
da pflegt es bei den Juden zu hapern (siehe S. 426):
„damit er beliebt sei oben und angenehm unten“ (Traktat Berachoth,
fol. 17a). Oder wiederum lesen wir mit Freuden: „Nehme ein Mensch
Bedacht
auf die Ehre seines Weibes, denn der Segen wird in dem Hause eines
Menschen
nur wegen seines Weibes gefunden“ — zwar nicht ganz wahr, doch zeugen
diese
Worte von einer Gesinnung, die man gern vernimmt; aber jetzt wiederum
der
Schluss: „Ehret eure Weiber, damit ihr reich werdet!“ (Traktat Baba
Mezia f. 59a). — Doch auch das darf nicht verschwiegen werden, dass
es neben den schönen moralischen Sprüchen gar hässliche,
verabscheuungswürdige giebt; so z. B., dass ein Jude mit einer
Nichtjüdin
das sechste Gebot nicht übertreten kann: „denn ein Eheweib giebt
es
für die Heiden nicht, sie sind nicht wirklich ihre Weiber“ (Traktat
Sanhedrin, f. 52b und 82a). Ich gebe absichtlich nur ein einziges
Beispiel,
damit der Leser den Ton sehe, das genügt: ab uno disce omnes.
Zwar giebt es Rabbiner, die diese empörende Lehre bestreiten
(daselbst);
doch wo die Rabbiner sich widersprechen, darf der Jude frei
wählen,
und keine Kasuistik kann die Thatsache aus der Welt schaffen, dass die
grundsätzliche Verachtung der Nichtjuden zu den Grundlagen des
jüdischen
Glaubens gehört; sie folgt logisch aus der wahnsinnigen
Überschätzung
des eigenen Selbst; „ihr seid Götter!“ lassen sich ja die Juden
von
Jahve zurufen (Psalmen LXXXII, 6). Auch andere Deutungen der
zehn
Gebote zeigen, wie der Begriff von Sittlichkeit nur hauttief in diese
semitischen
Hethiter eingedrungen war; so lehren die Rabbiner (Sanhedrin, f.
86a) : „die Worte des achten Gebotes, ,du sollst nicht stehlen',
beziehen
sich nach der Schrift nur auf Menschendiebstahl“! — und da eine andere
von moralischer empfindenden Schriftgelehrten ins Feld geführte
Belegstelle,
„du sollst nicht stehlen', aus Leviticus XIX, 11, sich
ausdrücklich
auf die lsraeiliten „Einer mit dem Andern“ bezieht, so löst sich
hier
wieder das einfache sittliche Gebot in einen Ocean der Kasuistik auf;
zwar
lehrt der Talmud nicht (so viel ich aus den mir zugänglichen
Fragmenten
entdecken konnte): du d a r f s t den
Nichtjuden
bestehlen, er lehrt aber nirgends das Gegenteil. — Entsetzlich sind
auch
im Talmud die vielen Vorschriften über Verfolgung und Ausrottung
der
unorthodoxen Juden: wie die Einzelnen gesteinigt und die Menge mit dem
Schwerte hingerichtet werden sollen, und noch entsetzlicher die
Beschreibungen
der Folterungen und Hinrichtungen, über welche sich dieses ebenso
grauenhafte wie geistlose Werk mit Wohlgefallen
445
529
Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
geführt. In dem „Meer ohne
Ende“,
wie sie selber den babyloni-
—————
auslässt; auch hier
nur ein einziges Beispiel: „Man steckt den Verbrecher in Mist bis an
seine
Kniee; dann legt man ein hartes Tuch in ein weiches und wickelt es ihm
um den Hals; der eine Zeuge zieht das eine Ende an sich und der andere
zieht das andere Ende an sich, bis der Verbrecher seinen Mund aufthut.
Indessen macht man das Blei heiss und schüttet es ihm in den Mund,
so dass es in seine Eingeweide hinuntergeht und dieselben verbrennt“ (Sanhedrin,
f. 52a). Über solche Dinge werden dann im Talmud gelehrte
Diskussionen
geführt, so meint z. B. der besonders fromme Rabbi Jehuda, es
wäre
zu empfehlen, dem armen Manne den Mund mit einer Zange zu öffnen,
und das Blei schnell hinunterzugiessen, sonst könne es vorkommen,
dass er an der Strangulation schon sterbe, und in diesem Falle
wäre
seine Seele nicht mitverbrannt.
Dahin
kommt man mit der „Unterwerfung des Gefühles unter die Vernunft“!
Eine
vollständige Übersetzung des Talmud giebt es immer noch
nicht.
Manche haben daraus den Schluss gezogen, er müsse schreckliche,
für
die Goyim gefährliche Dinge enthalten; man behauptet, es seien die
Juden, welche jeden Versuch einer lückenlosen Übertragung
bisher
hintertrieben, ein Verdacht, durch den die Betreffenden sich sehr
geschmeichelt
fühlen. Der Historiker Graetz ereifert sich denn auch richtig
gegen
diejenigen seiner Landsleute, welche „die Blössen des Judentums
vor
den Augen christlicher Leser aufdecken“, und er munkelt Schreckliches
über
gewisse Schriften spanischer Juden, in denen „die Blössen der
christlichen
Glaubensartikel und Sakramente so offen dargestellt werden, dass man
da,
wo das Christentum herrschende Religion ist, n i c h
t
w a g e n d a r f d e n I n h a l
t
a u s e i n a n d e r z u s e t z e n“ (III, 8). Nun, wir
sind
nicht so keusch und so zartbesaitet, derlei „Entblössungen“
genieren
uns nicht im mindesten; halten die Juden mit ihren litterarischen
Produkten
hinter dem Berge, so ist das ihre Sache; tragischer Argwohn ist jedoch
nicht am Platze, sondern es handelt sich um ein begreifliches
Schamgefühl.
(Alle oben citierten Stellen sind den einzig massgebenden, von zwei
Rabbinern
revidierten Übersetzungen von Dr. Aug. Wünsche entnommen: Der
jerusalemische Talmud, Zürich 1880, Der babylonische
Talmud,
Leipzig 1886—1889; einzig das Citat über Rabbi bar Huna ist nach
der
von Seligmann Grünwald herausgegebenen Sammlung talmudischer
Aussprüche
in der jüdischen Universal-Bibliothek. Man vergl. übrigens
Strack:
Einleitung
in den Talmud, Nr. 2 der Schriften des Institutum Judaicum in
Berlin,
wo man unter Anderem eine lückenlose Aufzählung aller
übersetzten
Fragmente findet, S. 106 fg. Viel klarer,
530 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
schen Talmud nennen, waren ihre
edleren
religiösen Regungen auf ewig ertrunken.¹)
Der
Messianismus
Das Alles stellte
aber nur den gewissermassen negativen Bestandteil dieser
Begründung
des Judentums dar: aus dem schönen Erbe der Väter — naive
lebensfrische
Erinnerungen und Volksmären der Hebräer, eindrucksvolle
Kultusverrichtungen
der Kanaaniter, sowie viele Sitten, die auf sumero-akkadischem Einfluss
beruhten und allen Westasiaten gemeinsam waren, wie der Sabbat — aus
diesem
Erbe hatten die Priester ein starres Gesetz
446
gemacht, sie hatten durch
Zauberkunst²)
das warme Blut in kaltes Metall verwandelt und daraus für die
Seele
einen Schraubstock geschmiedet, eine Art eiserne Jungfrau wie die zu
Nürnberg,
sie hatten die Lebensader der unwillkürlichen Empfindung oder, wie
Ambrosius sagt, „des Gefühles“ unterbunden, die Lebensader der
instinktiven
schöpferischen Thätigkeit eines Volkes, durch welche sein
Glaube,
seine Sitten, seine Gedanken sich den wechselnden Zeiten anpassen und
durch
neue Gestaltungen das ewig Wahre des Alten zu neugegebenem Leben
erwecken;
ihr Werk wäre jedoch ohne Bestand gewesen, wenn sie auf halbem
Wege
Halt gemacht und sich mit diesem Negativen begnügt hätten.
Schneidet
man bei physiologischen Experimenten die Verbindung zwischen Herz und
Hirn
ab, so muss man für künstliche Atmung sorgen, sonst
hören
die Lebensfunktionen auf; das thaten die
—————
bei minder gelehrtem
Apparat,
ist der Anhang über den Talmud in dem vortrefflichen Werkchen von
William Rubens: Der alte und der neue Glaube im Judentum, 1878).
¹)
Noch heute, am Ende des 19. Jahrhunderts, betrachtet jeder
gläubige
Jude die rabbinischen Anordnungen als g ö t t l i c h
e und hält an dem talmudischen Satze fest: „Wenn die
Rabbiner
rechts links und links rechts nennen, musst du es glauben“ (siehe das
Buch
des antirabbinischen Juden Dr. William Rubens: a. a. O., S. 79). Die
nahe
Verwandtschaft mit dem Jesuitismus (worüber Näheres im folgenden
Kapitel) tritt hierin, wie in so manchen anderen Dingen, klar zu
Tage.
²)
Man weiss, dass die Kabbalistik ein jüdisches Wort und ein
jüdisches
Ding ist. Die allen Menschen gemeinsame Regung, die bei uns zur Mystik
führt, führt beim Semiten zur Zauberei. Immer und
überall
die Vorherrschaft des blinden Willens!
531 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
priesterlichen Religionsgründer
durch die Einführung des M e s s i a n i s c h e
n
Z u k u n f t s r e i c h e s.
Ich habe schon
mehrmals
ausgeführt¹) und will nicht wieder darauf zurückkommen,
dass eine materialistische Weltanschauung eine g e s c h i
c h t l i c h e Auffassung bedingt, und ausserdem, dass
Geschichte,
wo sie als Grundlage einer Religion dient, notwendigerweise ausser
Vergangenheit
und Gegenwart auch die Z u k u n f t umfassen
muss.
Ohne Zweifel waren also Zukunftsgedanken ein uralter Bestandteil des
hebräischen
Erbes. Doch wie bescheiden, wie natürlich, wie ganz innerhalb der
Grenzen des Möglichen und Thatsächlichen! Nur Kanaan schenkte
Jahve den Israeliten, war er doch selber nur von Kanaan der Gott;
abgesehen
von vielen unvermeidlichen Fehden lebte der Stamm Juda, genau so wie
die
andern Stämme, bis zum Exil im besten Einvernehmen mit seinen
Nachbarn;
man wandert ein und aus (siehe das Buch Ruth), man nimmt als
etwas
Selbstverständliches den Gott des Landes an, in dem man sich
niederlässt
(Ruth I, 15, 16); der nationale Hochmut ist kaum grösser
als
der deutsche oder französische heutzutage. Freilich hatte bei den
Propheten, im Einklang mit ihren übrigen Ideen, namentlich auch
mit
Rücksicht auf die äusserst gefährliche politische Lage
(denn
Propheten standen nur bei Gelegenheit politischer Krisen auf, niemals
in
Friedenszeiten)²) die Zukunft mehr Farbe erhalten; als Folie zu
den
sittlichen Ermahnungen und angedrohten Strafen,
447
die fast den gesamten Inhalt ihrer
Kundgebungen
bilden, brauchten sie ein glänzendes Bild der Segnungen, die einem
frommen, gottesfürchtigen Volk zu Teil werden würden, doch
ist
von Universalherrschaft und dergleichen in den e c h t e
n
Schriften der vorexilischen Propheten niemals die Rede. Selbst Jesaia
versteigt
sich nicht weiter als bis zu dem Gedanken, dass Jerusalem uneinnehmbar
sei und dass Strafe seine Feinde treffen werde; dann, in der „sicheren
Wohnung“ wird „Heil, Weisheit, Klugheit, Furcht des Herrn der Einwohner
Schatz sein“, und als ein be-
—————
¹)
Siehe S. 234 fg., 246
Anm., 397, 400 fg., 415
u. s. w.
²)
Wellhausen (nach Montefiore p. 154).
532 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
sonderer Segen schwebt dem grossen
Mann
noch vor, dass man zu jener Zeit „keine Schriftgelehrten sehen
wird“!¹)
Ich kann mich auf die grösste lebende Autorität berufen, um
apodiktisch
zu behaupten, die Vorstellung einer besonderen H e i l i g
k e i t des jüdischen Volkes — diejenige Vorstellung,
welche der Religion des Judentums zu Grunde liegt — sei dem Jesaia
gänzlich
unbekannt.²) Alle jene Stellen, wie z. B. Kap. IV, 3: „wer wird
übrig
sein zu Sion, der wird heilig heissen“, Kap. LXII, 12: „man wird sie
nennen
das heilige Volk“, u. s. w. sind nachgewiesenermassen spätere
Interpolationen,
d. h. das Werk der vorhin genannten grossen Synagoge; die Sprache eines
viel späteren; das Hebräische nicht mehr frei beherrschenden
Jahrhunderts hat die frommen Fälscher verraten. Ebenso
gefälscht
sind auch fast alle jene „trostreichen Anhänge“, die man nach den
meisten Drohungen bei Amos, Hosea, Micha, Jesaia, u. s. w.
findet;³)
und ganz und gar gefälscht, vom ersten bis zum letzten Wort, sind
solche Kapitel, wie Jesaia LX, jene berühmte messianische
Prophezeiung,
nach welcher alle Könige der Welt vor den Juden im Staube liegen
und
die Thore Jerusalems Tag und Nacht offen bleiben werden, damit die
Schätze4)
aller Völker hineingetragen werden. Der echte Jesaia hatte seinem
Volke als Lohn „Weisheit und Klugheit“ versprochen, der noch
grössere
Deuterojesaia (derjenige, der weder Opfer noch Tempel wollte) hatte
sich
als Herrlichstes gedacht, dass Juda „der Knecht Gottes“ werden solle,
berufen,
allüberall den Müden, den Blinden, den Armen, den
Schwerbedrückten
Trost zu bringen; doch das war jetzt anders geworden: der Fluch Gottes
soll fortan denjenigen treffen, welcher behauptet, „das Haus Juda ist
ein
Volk wie alle anderen
448
Völker“ (Hesekiel XXV, 8),
denn es soll „ein Königreich von Priestern sein“ (Exodus
XIX,
6).5) Den Juden wurde nunmehr
—————
¹)
Siehe z. B. das Kap. XXXIII.
²)
Cheyne: Introduction to Isaiah (ed. 1895) p. 27 und 53.
³)
Cheyne in seiner Einleitung zu Robertson Smith: Prophets of Israel,
p. XV fg.
4)
Luther hat irrtümlicher Weise „Macht“.
5)
Dass die Stelle XIX, 3—9 ein freier Zusatz aus post-deute-
533 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
die Weltherrschaft und der Besitz
aller
Schätze der Welt versprochen, namentlich alles Goldes und alles
Silbers.¹)
„Dein Volk wird das Erdreich ewiglich besitzen“ (Jesaia LX, 21):
das ist nunmehr die Zukunft, welche dem Juden vorgespiegelt wird. In
Demut
soll er sich vor Gott beugen, nicht aber in jener inneren Demut, von
der
Christus spricht, sondern er beugt das Haupt vor Jahve, weil ihm
verheissen
wird, durch die Erfüllung dieser Bedingung werde er allen
Völkern
der Welt den Fuss auf den Nacken setzen, Herr und Besitzer der ganzen
Erde
werden.²) Diese eine Grundlage jüdischer Religion schliesst
also
ein direktes verbrecherisches Attentat auf alle Völker der Erde
ein,
und zwar kann das Verbrechen nicht darum in Abrede gestellt werden,
weil
die Macht zur Ausführung bisher fehlte; denn die Hoffnung selbst
ist
es, die verbrecherisch ist und die das Herz des Juden vergiftet.³)
— Zu dem Missverständnis und der absichtlichen Fälschung der
Pro-
—————
ronomischer Zeit ist,
zeigt Wellhausen: Composition des Hexateuchs, S. 93, und vergl.
S. 97.
¹)
Jesaia:
das ganze sechzigste Kapitel. Siehe auch den nachexilischen Propheten
Haggai,
der den Juden „aller Heiden Schätze“ verheisst: „denn mein ist
beides,
Silber und Gold, spricht der Herr Zebaoth“ (II, 8, 9).
²)
Die Absurdität des Gedankens, d i e s e
Religion
sei der Stamm des Christentums, das Christentum dessen Blüte, muss
doch dem befangenste Menschen in die Augen springen.
³)
Die jüdischen Apologeten werfen ein, sie gehorchen dem Gesetz,
nicht
„weil“ sie dadurch zur Herrschaft gelangen sollen, sondern weil Jahve
es
befiehlt; dass Jahve den Juden als dem heiligen Volk die Welt schenke,
geschehe zu seinem eigenen, nicht zu ihrem Ruhm. Doch dünkt mich
das
pure Kasuistik, die eine Erwiderung nicht verdient. Ein
unverdächtiger
Autor, Montefiore, sagt buchstäblich: „Ohne Frage bildet das
Argument
— ‚Gehorche dem Gesetz, denn es wird sich auszahlen' — das zu Grunde
liegende
Hauptmotiv im Deuteronomium“ (a. a. O., p. 531). Dass
unzählige
Juden fromme Menschen sind, die das Gesetz erfüllen und ein reines
edles Leben führen, ohne an Lohn zu denken, beweist nur, dass hier
wie anderwärts Moral und Religion nicht zusammengehören, und
dass es auf der ganzen Welt Menschen giebt, die unendlich viel besser
als
ihr Glaube sind. Noch heute aber schreiben selbst ziemlich freisinnige
Juden: „Die Existenz des Judentums ist von der Festhaltung der
Messiashoffnung
bedingt“ — die bestimmte
534 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
pheten kamen noch andere
Zukunftsträume,
um die es aber nicht besser bestellt war. Von den Persern haften die
Juden
während ihrer Gefangenschaft zum ersten Mal über die
Unsterblichkeit
und
449
über ein künftiges Leben
dunkle
Kunde vernommen, auch über Engel und Teufel, über Himmel und
Hölle.¹) Auf dieser Grundlage entstand nun eine unermessliche
apokalyptische Litteratur (von der das Buch Daniel eine
allzugünstige
Vorstellung geben würde, trotz seiner sinnlosen Geheimthuerei),
welche
sich mit dem Ende der Welt, der Auferstehung der Gerechten u. s. w.
beschäftigte,
ohne dass aber dadurch die messianischen Hoffnungen irgendwie
wesentlich
idealisiert worden wären; im besten Fall handelt es sich um eine
Wiederauferstehung
des Leibes, welche der schwankenden Zuversicht aufhelfen soll: „heute
musst
du das Gesetz üben, später wirst du den Lohn erhalten“ (Talmud,
Trakt. Erubin, Abschn. 2), und dieses jüdische „Reich Gottes“
wird,
wie einer der bedeutendsten israelitischen Denker, Saadia, (10.
Jahrhundert)
versichert, „auf Erden vor sich gehen.“ Das Citat aus der Apok.
Baruch's
auf S. 403 zeigt, wie die Juden sich dies
zukünftige
Welt dachten; sie unterschied sich von der jetzigen fast lediglich
durch
die weltbeherrschende Stellung der jüdischen Nation. Von dieser
Auffassung
hat sich sogar eine interessante Spur in das Neue Testament
hineinverirrt.
Laut Matthäus werden die zwölf Apostel, auf zwölf
Thronen
sitzend, die zwölf Stämme Israels richten, was ohne Frage die
Vorstellung einschliesst, dass keine andern Menschen als Juden in den
Himmel
aufgenommen werden.²)
—————
Erwartung der
Weltherrschaft
bildet also noch immer die Seele des Judentums (vergl. oben S.
328).
¹)
Über die unmittelbare Entlehnung zoroastrischer (halbverstandener)
Vorstellungen durch die Begründer des Judentums, siehe Montefiore:
Religion
of the ancient Hebrews, p. 373, 429, 453 u. s. w.
²)
Matthäus
XIX, 28, Lukas XXII, 30. Dieser Christo in den Mund gelegten
Behauptung
widerspricht schnurstracks das Matthäus XX, 23 Gesagte.
Auch
das Festhalten an den zwölf Stämmen, trotzdem es seit mehr
als
einem halben Jahrtausend nur noch zwei gab, ist echt rabbinisch. Von
den
Rabbinern wird auch ausdrücklich gelehrt: „die Nichtjuden sind als
solche vom Anteil an der zukünftigen
535 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
So wird die
erdichtete,
durch und durch verfälschte Vergangenheit durch eine eben so
erdichtete,
utopische Zukunft ergänzt, und so schwebt der Jude, trotz des
Materialismus
seiner Religion, zwischen Träumen und Trugbildern. Die fata
morgana
der urväterlichen Wüste zaubert diesem Halbsemiten
süssen
Trost für die Tragik seines Schicksals vor, einen luftigen,
gehaltlosen,
betrügerischen Trost, doch durch die Gewalt des Willens — genannt
Glauben — eine genügende, für Andere oft gar gefährliche
Lebenskraft. Hier triumphiert die Macht der Idee in
450
einer erschreckenden Weise: in einem
gut beanlagten, doch weder physisch noch geistig ungewöhnlich
hervorragenden
Volke erzeugt sie den Wahn einer besonderen Auserwähltheit, einer
besonderen Gottgefälligkeit, einer unvergleichlichen Zukunft, sie
schliesst es in tollem Hochmut von sämtlichen Nationen der Erde
ab,
zwingt ihm ein geistloses, unvernünftiges, in der Praxis gar nicht
durchzuführendes Gesetz als ein gottgegebenes auf, nährt es
mit
erlogenen Erinnerungen und wiegt es in verbrecherischen Hoffnungen —
und,
während sie dieses Volk derart in seiner eigenen Einbildung zu
babylonisch
schwindligen Höhen emporhebt, druckt sie es in Wirklichkeit
seelisch
so tief herab, lastet so schwer auf seinen besten Anlagen, sondert es
so
gänzlich aus der leidenden, strebenden, schaffenden Menschheit,
erstarrt
es so hoffnungslos in den unseligsten fixen Ideen, macht es so
unabwendbar
in allen seinen Gestaltungen (von der äussersten
Rechtgläubigkeit
bis zum ausgesprochenen Freisinn) zu einem offenen oder versteckten
Feind
jedes anderen Menschen, zu einer Gefahr für jede Kultur, dass es
zu
allen Zeiten und an allen Orten den hochbegabten das tiefste Misstrauen
einflösste und dem sicheren Instinkt des Volkes Abscheu. Ich sagte
soeben, Rechtgläubigkeit und Freisinn könnten uns hier gleich
gelten, und in der That, es kommt weniger darauf an, was ein Jude heute
glaubt, als (wenn man mir die paradoxe Gegenüberstellung erlaubt)
darauf, was
—————
Welt ausgeschlossen“
(vergl.
Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 53). — Über die
messianischen
Erwartungen siehe auch die Ausführungen im dritten Kapitel, S.
238, Anm.
536 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
er glauben k a n
n,
was er zu glauben v e r m a g. Die
intellektuelle
Begabung und die Moralität sind individuelle Anlagen; der Jude
ist,
wie andere Menschen, klug oder dumm, gut oder schlecht; wer das leugnet
ist nicht wert, dass man mit ihm rede; was dagegen nicht individuell
ist,
das sind les plis de la
pensée,
wie der Franzose sagt, die angeborenen Richtungen des Denkens und des
Thuns,
die bestimmten Falten, in die der Geist durch die Gewohnheiten von
Generationen
gelegt wird.¹) Und so sehen wir denn heute jüdische Atheisten
allermodernster Richtung, die durch ihre Neigung, unsinnige Hypothesen
oder blosse Notvorstellungen der Wissenschaft für materielle, bare
Thatsachen zu halten, durch ihre totale Unfähigkeit, sich
über
den borniertesten historischen Standpunkt zu erheben, durch ihr Talent,
unmögliche sozialistische und ökonomische Messiasreiche zu
planen,
unbe-
451
kümmert, ob sie dabei unsere ganze,
mühsam erworbene Civilisation und Kultur zu Grunde richten, durch
ihren kindlichen Glauben, man könne mit Dekreten und Gesetzen die
Seelen der Völker von heute auf morgen umwandeln, durch ihre
weitreichende
Verständnislosigkeit für alles wahrhaft Grosse ausserhalb der
engen Grenzpfähle ihres eigenen Gedankenzirkus und durch ihre
lächerliche
Überschätzung jeder liliputanischen Geistesthat, wenn sie nur
einen Juden zum Urheber hat — man sieht, sage ich, solche angebliche
Freigeister,
die sich viel gründlicher und auffallender als echte Produkte
jener
jüdischen Thora- und Talmudreligion erweisen als mancher fromme
Rabbiner,
der die hohen Tugenden der Demut und der Gesetzestreue, verbunden mit
Liebe
zum Nächsten, Aufopferung für die Armen, Toleranz gegen
Nichtjuden,
übt und so lebt, dass er jedem Volk zur Ehre und jeder Religion
zum
Preise gereichen würde.
—————
¹)
Die Generation mit 24 Jahren berechnet, was bei der Frühreife der
Juden nicht übertrieben ist, steht der heutige Jude
durchschnittlich
in der hundertsten Generation seit der Rückkehr aus Babylon und
der
Begründung des Judentums. Das gilt natürlich nur für die
männliche Folge; eine ununterbrochene weibliche Folge stünde
jetzt etwa in der hundertundfünfzigsten Generation.
537 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Das
Gesetz
Was nun trotz alledem
der spezifisch jüdischen Auffassung des Lebens Grösse giebt,
das habe ich in einem früheren Teil dieses Kapitels bereits
angedeutet
(siehe S. 373 fg.). Wenn auch, wie Robertson Smith versichert, bei der
folgenschweren Bestimmung der Zentralisierung des Kultes in dem einen
einzigen
Jerusalem die rein pekuniären Interessen der priesterlichen
Adelskaste
und ihr politischer Ehrgeiz von Einfluss gewesen sein
mögen,¹)
so bin ich doch überzeugt, dass unproduktive, kritische Geister
derartigen
Erwägungen stets viel zu viel Gewicht beilegen. Durch rein
egoistische
Interessenberechnung gründet man nicht eine Nation, welche die
Zerstreuung
überlebt; es ist ein Urteilsfehler, das zu glauben.²) Wir
sehen
auch nicht, dass Hesekiel, Esra und Nehemia, welche die Last und die
Gefahr
getragen, persönlich irgend einen Vorteil dabei gehabt
hätten.
Es gehörte überhaupt Idealismus dazu, um Jerusalem gegen
Babylon
einzutauschen; die bequemeren Weltlichgesinnten blieben in der
Metropolis
am Euphrat zurück. Auch in der Folge war der Jude überall
besser
daran als daheim, und der Rabbiner, der sich durch Schustern und
Schneidern
seinen kümmerlichen Lebensunterhalt verdiente, um dann alle
Mussestunden
der Erforschung der Schrift, der Belehrung und der Diskussion zu
widmen,
war alles, was man will, nur nicht ein Mensch, der seinen
pekuniären
Inter-
452
essen nachläuft. Ein Egoist, ja
freilich, ein rasender Egoist, nur aber für seine ganze Nation,
nicht
für sich persönlich. Hier also, wie überall, ist die
ideale
Gesinnung die einzige, welche Macht hat zu schaffen und zu erhalten,
und
selbst die Religion des Materialismus ruht auf ihr. Gefälscht
haben
diese Männer, das steht ausser Frage, und Geschichte fälschen
ist in einem gewissen Sinne noch schlimmer als Wechsel fälschen,
es
kann von unermesslicher Tragweite sein; die vielen Millionen, die durch
oder
—————
¹)
Prophets
of Israel p. 365.
²)
Ein wahrhaft klassisches Beispiel dieser angeblich kritischen, in
Wahrheit
ebenso kritiklosen wie verständnislosen Richtung bietet Prof.
Hermann
Oldenberg's: Religion des Veda, wo die Symbolik und die Mystik
der
Inder durchweg als p r i e s t e r l i c h e r
S c h w i n d e l dargestellt werden!
538 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
für das Christentum
hingeschlachtet
wurden,¹) sowie die vielen für ihren Glauben gestorbenen
Juden
sind alle Opfer der Fälschungen des Esra und der grossen Synagoge;
doch dürfen wir die Motive dieser Männer nicht
verdächtigen.
Sie handelten in der höchsten Verzweiflung; sie wollten das
Unmögliche
vollbringen: ihre Nation vor dem Untergang retten. Gewiss ein edles
Ziel!
Siegen konnten sie nur durch die sofortige Anwendung der
äussersten
Mittel. Es war ein Wahngedanke, doch kein unedler, denn vor allem
wollten
sie ihrem Gott dienen. „An ihnen will ich erzeigen, d a s
s
i c h h e i l i g b i n“ (Hesekiel
XXVIII, 25); „dies Volk habe ich mir zugerichtet, es soll m
e i n e n R u h m erzählen“ (Jesaia
XLIII,
21, nachexilische Einschaltung). Verschwand das jüdische Volk, so
blieb Jahve ohne Ehre zurück. Dass die Begründer des
Judentums
so rein und selbstlos dachten, dass sie die Augen zu einem Gott
emporhoben,
das war die Quelle ihrer Kraft. Der Gedanke, die Nation durch das
strenge
Verbot der Mischehen zu isolieren und aus dem hoffnungslos
bastardierten
Israeliten eine Edelrasse zu züchten, ist geradezu genial; ebenso
der Einfall, die Reinheit der Rasse als ein historisches Erbe, als das
besondere, charakteristische Merkmal des Juden hinzustellen. Das
gesamte
Gesetz gehört ebenfalls hierher; denn durch dieses Gesetz erst
gelang
es, jeden anderen Gedanken als den an Jahve zu verbannen, das Volk also
wirklich zu einem „heiligen“ (nach semitischen Begriffen) zu machen.
Ein
jüdischer Autor teilt uns mit: „für den Sabbat allein giebt
es
39 Kapitel verbotener Beschäftigungen, jedes Kapitel wieder mit
Unterabteilungen
ad
infinitum.“²) 365 Verbote und 248 Gebote sollen dem Moses auf
dem Sinai gelehrt worden sein,³) und das giebt
453
erst das vorläufige Gerüst
ab für das ausführliche „Gesetz“.
—————
¹) Voltaire giebt in seiner Schrift Dieu et les hommes
eine
ausführliche Berechnung, wonach zehn Millionen Menschen als Opfer
der christlichen Kirchenlehre gefallen wären, doch hat er
überall
die Zahlen sehr reduziert, bisweilen auf die Hälfte, um nur ja
nicht
der Übertreibung beschuldigt zu werden.
²)
Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 504.
³)
Talmud: Traktat Makkoth, Abschn. 3 (nach Grünwald).
539 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Montefiore behauptet auch, die
Befolgung
des Gesetzes sei bald so sehr der vorherrschende Gedanke des Juden
geworden,
dass sie für ihn das summum bonum, die beste, edelste und
süsseste
Beschäftigung der Welt ausmachte.¹) Während
Gedächtnis
und Geschmack auf diese Art mit Beschlag belegt wurden, erging es dem
Urteilsvermögen
nicht besser, es wurde vom Gesetz einfach geknickt: eine arme Frau, die
am Sabbat trockenes Holz für ihre Feuerung auflas, beging durch
diese
Übertretung des Gesetzes ein genau ebenso grosses Verbrechen als
hätte
sie die Ehe gebrochen.²) — — — Ich sage also, die Männer, die
das Judentum gründeten, wurden nicht von bösen,
eigensüchtigen
Absichten geleitet, sondern von einer dämonischen Kraft, wie sie
nur
ehrlichen Fanatikern eigen sein kann; denn das furchtbare Werk, welches
sie vollbrachten, ist in jedem Punkte vollkommen.
Die
Thora
Das ewige Denkmal
dieser Vollkommenheit ist ihre Thora, die Bücher des Alten
Testamentes.
Hier gestaltet Geschichte wiederum Geschichte! Welches
wissenschaftliche
Werk könnte jemals hoffen, eine ähnliche Wirkung auf das
Leben
der Menschheit auszuüben? Man hat vielfach behauptet, den Juden
fehle
es an Gestaltungskraft; die Betrachtung dieses merkwürdigen Buches
muss uns eines Besseren belehren; mindestens wurde ihnen in der
höchsten
Not diese Kraft zu Teil und schufen sie ein wahres Kunstwerk,
namentlich
darin ein Werk der Kunst, dass
—————
¹)
Montefiore: a. a. O., S. 530. „Die ungeheure Anzahl zeremonieller
Vorschriften
ist das hohe Vorrecht Israels“, sagt der Talmud (Montefiore S. 535),
und
in den Klageliedern (fälschlich Jeremia zugeschrieben)
lesen
wir: „Es ist ein köstliches Ding einem Manne, dass er
das
J o c h in seiner Jugend trage — — — dass er seinen Mund in
den Staub stecke und der Hoffnung erwarte“ (III, 27, 29). Um die
entgegengesetzte
Auffassung kennen zu lernen, lese man die schönen Bemerkungen in
Immanuel
Kant's Anthropologie § 10a über religiöse
Verpflichtungen,
worin der grosse Denker die Meinung ausspricht, nichts sei für
einen
vernünftigen Menschen schwerer, „als Gebote einer
geschäftigen
Nichtsthuerei, dergleichen die waren, welche das Judentum
begründete“.
²)
Nach dem Gesetz (siehe Num. XV, 32—36) muss sie mit dem Tode
bestraft
werden!
540 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
in dieser Weltgeschichte, welche mit
der Erschaffung des Himmels und der Erde beginnt, um mit dem
zukünftigen
Reich Gottes auf Erden zu enden, alle perspektivischen
Verhältnisse
die unvergleichliche Hervorhebung des einen einzigen Mittelpunktes —
des
jüdischen Volkes — bewirken. Und worin ruht die Kraft dieses
Volkes,
eine Lebenskraft, die jedem Schicksal bisher siegreich getrotzt hat,
worin
wenn nicht in diesem Buche? Wir haben
454
erfahren, dass die Israeliten sich in
früheren Zeiten in nichts von den zahlreichen anderen
hebräischen
Nachbarstämmen unterschieden, wir gewahrten in den syrischen
Hethitern
eine zwar ausserordentlich zähe, doch auffallend „anonyme“,
physiognomielose
Menschengattung, an der die Nase mehr auffiel als irgend etwas Anderes.
Und die Judäer? Sie waren so wenig kriegerisch, so
unzuverlässige
Soldaten, dass ihr König fremden Söldnertruppen den Schutz
des
Landes und seiner Person anvertrauen musste, so wenig
unternehmungslustig,
dass der blosse Anblick des Meeres, auf welchem ihre Stammesvettern,
die
Phönizier, zu so glänzenden Geschicken aufblühten, sie
erschreckte,
so wenig Industriell, dass man zu jedem Unternehmen die Künstler,
die Werkführer und für alle feineren Arbeiten auch die
Handwerker
aus den benachbarten Ländern verschreiben musste, so wenig zum
Ackerbau
befähigt, dass (wie aus vielen Stellen der Bibel und des Talmuds
hervorgeht)
die Kanaaniter hierin nicht allein ihre Lehrmeister waren, sondern bis
zuletzt die arbeitende Kraft des Landes blieben;¹) ja, sogar in
rein
politischer Beziehung waren sie solche Gegner aller stabilen,
geordneten
Zustände, dass keine vernünftige Regierungsform bei ihnen
Bestand
hatte und sie von früh an stets unter dem Druck fremder Herrschaft
sich am wohlsten fühlten, was sie jedoch nicht verhinderte, auch
—————
¹)
Darum bildet es eine der schlimmsten Drohungen gegen die Juden, falls
sie
Jahve's Gebote nicht hielten, würden sie „ihre Arbeiten selbst
verrichten
müssen, anstatt sie durch Andere verrichten zu lassen“ (Talmud, Traktat
Berachoth, Kap. VI, nach Seligmann Grünwald). Die Vorstellung,
dass „Ausländer die Ackerleute und Weingärtner seien“, findet
man ebenfalls (als Prophezeiung) in Jesaia LXI, 5.
541 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
diese zu unterwühlen..... Ein
solches
Volk scheint zum schnellen Verschwinden aus der Weltgeschichte wie
prädestiniert,
und in der That, von den übrigen, viel tüchtigeren
halbsemitischen
Stämmen jener Zeit sind nur noch die Namen bekannt. Was
schützte
das kleine Volk der Juden vor dem selben Schicksal? Was hielt es noch
fest
zusammen, als es über die Erde zerstreut war? Was machte es
möglich,
dass aus seiner Mitte heraus das neue Weltprinzip des Christentums
hervorging?
Einzig dieses Buch. Es würde zu weit führen, wollte man die
Eigenschaften
dieses für die Weltgeschichte so wichtigen Werkes analysieren.
Goethe
schreibt einmal: „Diese Schriften stehen so glücklich beisammen,
dass
aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganzes entgegentritt.
Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch
genug,
um anzureizen, hinlänglich barbarisch, um aufzufordern,
hinlänglich
zart, um zu be-
455
sänftigen.“ Herder erklärt
die weite Wirkung des Alten Testamentes vornehmlich daraus, dass es
„der
menschlichen Wissbegierde angenehm war, über das Alter und die
Schöpfung
der Welt, über den Ursprung des Bösen u. s. f. aus diesen
Büchern
so populäre Antworten zu erhalten, die Jeder versteht und fassen
konnte.“
So sehen wir dieses Buch den Anforderungen des geläuterten Geistes
und des gemeinen Volkes genügen — dem Einen, weil er in dem
„täuschenden
Ganzen“ die kühne Willkür bewundert, dem Andern, weil das
Mysterium
des Daseins den Augen, wie Jahve hinter den Tempelvorhang,
entrückt
wird, und er auf alle Fragen „populäre Antworten“ erhält.
Dieses
Buch bedeutet den Triumph der materialistischen Weltanschauung.
Wahrlich
nichts Geringes! Es bedeutet den Sieg des Willens über den
Verstand
und über jede fernere Regung der schöpferischen Phantasie.
Ein
solches Werk konnte nur aus frommer Gesinnung und dämonischer
Kraft
hervorgehen.
Man kann das Judentum
und seine Macht, sowie seine unausrottbare Lebenszähigkeit nicht
verstehen,
man kann den Juden unter uns, seinen Charakter, seine Denkart nicht
gerecht
und treffend beurteilen, solange man dieses Dämonisch-geniale in
seinem
Ursprung nicht erkannt hat. Es handelt sich hier wirklich
542
Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
um den Kampf Eines gegen Alle;
dieser
Eine hat jedes Opfer, jede Schmach auf sich genommen, um nur einmal,
gleichviel
wann, das messianische Weltreich der Alleinherrschaft, Jahve zu ewigem
Ruhme, anzutreten. Der Talmud sagt es: „Wie aus der Übertretung
des
Gesetzes deine Zertretung erfolgt, so wird Gehorsam gegen das Verbot
dadurch
belohnt, dass du selber gebieten wirst“ (Aboth IV, 5; nach
Montefiore).
Das
Judentum
Zum Schluss noch
Eines. Auf die Frage: wer ist der Jude? antwortete ich zunächst,
indem
ich seine Herkunft, das p h y s i s c h e S u b
s t r a t u m zeigte, sodann, indem ich die leitende Idee
des
Judentums in ihrem Entstehen und ihrem Wesen hinzustellen suchte. Mehr
kann ich nicht thun, denn die Persönlichkeit gehört dem
einzelnen
Individuum an, und nichts ist falscher als das verbreitete Verfahren,
ein
Volk nach Einzelnen zu beurteilen. Ich habe weder den „guten“ Juden
noch
den „schlechten“ Juden herangezogen: „Niemand ist gut,“ sagte Jesus
Christus,
und wo ist ein Mensch so tief erbärmlich, dass wir ihn unbedingt
schlecht
schelten möchten? Vor mir liegen mehrere Gerichtsstatistiken: die
einen wollen beweisen, die Juden seien die lammfrommsten
456
Bürger Europas, die andern
erhärten
das Gegenteil; wie sich Beides aus den selben Zahlen herausklügeln
lässt, wundert mich, aber noch viel mehr wundert es mich, dass man
auf diese Weise Völkerpsychologie zu treiben wähnt. Kein
Mensch
stiehlt zum Vergnügen, er sei denn ein Kleptoman. Ist wirklich der
Mann, der durch Not oder in Folge üblen Beispiels ein Dieb wird,
schlechterdings
ein böser Mann und derjenige, der nicht die mindeste Veranlassung
dazu hat, ein guter? Luther sagt: „Wer dem Bäcker Brot vom Laden
nimmt
ohne Hungersnot, ist ein Dieb; thut er's in Hungersnot, so thut er
recht,
denn man ist's schuldig, ihm zu geben.“ Man gebe mir eine Statistik,
welche
mir zeigt, wie viele Menschen, die in äusserster Not,
Bedrängnis
und Verlassenheit leben, n i c h t Verbrecher
werden:
hieraus könnte eventuell etwas geschlossen werden; und doch, nur
wenig,
sehr wenig. Waren nicht die Vorfahren unseres Feudaladels
543
Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Strassenräuber, und sind ihre
Nachkommen
nicht stolz darauf? Liessen die Päpste nicht Könige durch
gedungene
Mörder erschlagen? Gehört nicht in unserer heutigen
gesitteten
Gesellschaft Lügen und Irreführen einzig noch in der hohen
Diplomatie
zum guten Ton? Lassen wir also die Moralität bei Seite, ebenso wie
die fast gleich schlüpfrige Frage nach der Begabung; dass es mehr
jüdische als europäische Rechtsanwälte in einem Lande
giebt,
beweist doch zunächst nichts weiter, als dass es dort ein gutes
Geschäft
ist, Rechtsanwalt zu sein, eine besondere Begabung gehört nicht
dazu
— — —. Bei allen diesen Dingen, namentlich sobald sie statistisch
gebracht
werden, kann man überhaupt beweisen, was man will. Dagegen sind
jene
beiden Thatsachen: Rasse und Ideal durchaus grundlegend. Gute und
schlechte
Menschen giebt es nicht, für uns wenigstens nicht, nur vor Gott,
denn
das Wort „gut“ bezieht sich hier auf eine moralische
Wertschätzung,
und diese wiederum hängt von einer Kenntnis der Motivation ab, die
nie erschlossen werden kann; „wer kann das Herz ergründen?“ rief
schon
Jeremia (XVII, 9);¹) dagegen giebt es recht wohl gute und
schlechte
Rassen, denn hier handelt es sich um physische Verhältnisse, um
allgemeine
Gesetze, der organischen Natur, die experimental untersucht worden
sind,
um Verhältnisse, wo — im Gegensatz zu den oben genannten — Zahlen
unwiderlegliche Beweise erbringen, um Verhältnisse, über die
uns die Geschichte der Menschheit reiche Belehrung bietet.
457
Und kaum minder fassbar sind die
leitenden
Ideen. In Bezug auf die Rasse sind diese ohne Frage zunächst als
eine
F o l g e zu betrachten; doch man unterschätze diese
unsichtbare
innere Anatomie, die rein geistige Dolichocephalie und Brachycephalie
nicht,
sie wirkt im weitesten Umfange auch als U r s a c h
e.
Daher hat jede kräftige Nation eine so grosse Assimilationskraft.
Der Eintritt in den neuen Verband ändert zunächst kein
Fäserchen
an der physischen Struktur, und nur sehr langsam, im Laufe der
—————
¹)
Wie Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft sagt
(Erläut.
der kosmol. Idee der Freiheit) „Die eigentliche Moralität der
Handlungen
(Verdienst und Schuld) bleibt uns, selbst die unseres eigenen
Verhaltens,
gänzlich verborgen.“
544 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
Generationen, das Blut; doch viel
schneller
wirken die Ideen, indem sie fast sofort die ganze Persönlichkeit
in
andere Bahnen lenken. Und die jüdische Nationalidee scheint eine
ganz
besonders mächtige Wirkung auszuüben, vielleicht gerade
darum,
weil in diesem Falle die Nation l e d i g l i c
h
a l s I d e e e x i s t i e r t und
vom Anbeginn des Judentums an niemals eine normale „Nation“ war,
sondern
vor allem ein Gedanke, eine Hoffnung. Darum ist es auch verkehrt,
gerade
bei Juden ein besonderes Gewicht auf die Aufnahme fremden Blutes, die
von
Zeit zu Zeit stattfand, zu legen, wie das z. B. von Renan mit grossem
Nachdruck
in seinen letzten Jahren geschah. Besser als jeder Andere wusste Renan,
dass der Übertritt von Griechen und Römern zum Judentume eine
durchaus belanglose Erscheinung war. Was waren diese „Hellenen“ aus
Antiochien,
von denen er uns in seinem Vortrag „Judaïsme race ou religion?“
erzählt, und die angeblich haufenweise zum Judentum
übertraten?
(für die Thatsache besitzen wir nur das Zeugnis eines sehr
unzuverlässigen
Juden, des Josephus). Hebräisch-syrische Bastarde, weiter nichts,
in deren Adern wahrscheinlich nicht ein Tropfen griechischen Blutes
floss.
Und diese „Römer“, für die sich Renan auf Juvenal (Sat.
XVI, 95 fg.) beruft? Die Hefe des aus entfesselten asiatischen und
afrikanischen
Sklaven zusammengesetzten Volkes. Er nenne uns den bedeutenden
Römer,
der Jude geworden wäre! Solche Behauptungen bedeuten eine
absichtliche
Irreführung des ungelehrten Publikums. Doch, wenn sie auch auf
Wahrheit
statt auf tendenziöser Fälschung beruhten, was würde
daraus
folgen? Sollte die jüdische Nationalidee nicht die Kraft besitzen,
die anderen Nationalideen eignet? Im Gegenteil, sie ist, wie ich
gezeigt
habe, machtvoll wie keine zweite und schafft die Menschen um zu ihrem
Ebenbilde.
Man braucht nicht die authentische Hethiternase zu besitzen, um Jude zu
sein, vielmehr bezeichnet dieses Wort vor Allem eine besondere Art zu
fühlen
und zu denken; ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein,
Jude
werden; Mancher braucht nur fleissig bei Juden zu verkehren,
jüdische
Zeitungen zu lesen und sich an jüdische Lebens-
458
auffassung, Litteratur und Kunst zu
gewöhnen. Andrerseits ist
545 Die
Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.
es sinnlos, einen Israeliten
echtester
Abstammung, dem es gelungen ist, die Fesseln Esra's und Nehemia's
abzuwerfen,
in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herzen die Verachtung
Andrer
keine Stätte mehr findet, einen „Juden“ zu nennen. „Welche
Aussicht
wäre es“, ruft Herder aus, „die Juden in ihrer Denkart
reinhumanisiert
zu sehen!“¹) Ein r e i n h u m a n i s i e
r t e r J u d e ist aber kein Jude mehr, weil
er,
indem er der Idee des Judentums entsagt, aus dieser Nationalität,
deren Zusammenhang durch einen Komplex von Vorstellungen, durch einen
„Glauben“
bewirkt wird, ipso facto ausgetreten ist. Mit dem Apostel
Paulus
müssen wir einsehen lernen: „Denn das ist nicht ein Jude, der
auswendig
ein Jude ist, sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist.“
Derartige nationale
oder religiöse Ideale können nun in zwiefacher Weise ihren
umwandelnden
Einfluss zur Geltung bringen, positiv und negativ. Wir sahen, wie bei
den
Juden ein paar Männer einem Volk, welches durchaus nicht willig
darauf
einging, eine bestimmte nationale Idee aufzwangen und ihm den Stempel
dieser
Idee so tief eingruben, dass es den Anschein hat, als werde dieses Volk
ihn nie mehr ausmerzen können; dazu gehörte aber
Konsanguinität
und Kongenialität: hier wirkte also die Idee positiv
schöpferisch.
Ein ebenso merkwürdiges Beispiel ist die plötzliche
Umwandlung
der blutgierigen, wilden Mongolen zu milden, frommen Menschen, von
denen
ein Drittel im Mönchsstande lebt, durch die Annahme des
buddhistischen
Glaubens.²) Eine Idee kann aber auch rein negativ wirken, sie kann
den Menschen aus seiner eigenen Bahn lenken, ohne ihm dafür eine
andere
seiner Rasse angemessene zu öffnen. Ein allbekanntes Beispiel ist
die Wirkung des Mohammedanismus auf die Turkomannen: durch die Annahme
der fatalistischen Weltanschauung versank das wild-energische Volk nach
und nach in volle Passivität. Wenn der jüdische Einfluss auf
geistigem und kulturellem Gebiete in Europa die Oberhand gewänne,
so wären wir um ein weiteres Beispiel negativer, zerstörender
Wirkung reicher.
—————