HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

Kapitel 5, Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte, Seite 379—546

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The Foundations of the Nineteenth Century
La Genèse du Dixneuvième Siècle
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005


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FÜNFTES KAPITEL

DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE

Vergessen wir, woher wir stammen.
Nichts mehr von „deutschen“ Juden,
nichts mehr von „Portugiesen“! Über
den Erdboden zerstreut, bilden wir doch
nur ein einziges Volk!

Rabbiner Salomon Lipmann-Cerfberr

(Eröffnungsrede gehalten am 26. Juli 1806
bei der vorbereitenden Versammlung für
das von Napoleon zusammenberufene
Synedrium des Jahres 1807.
380

(Leere Seite.)

323
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Die Judenfrage

    Hätte ich vor hundert Jahren geschrieben, so würde ich mich kaum veranlasst gefühlt haben, an dieser Stelle dem Eintritt der Juden in die europäische Geschichte ein besonderes Kapitel zu widmen. Allerdings hätte ihre Beteiligung an der Entstehung des Christentums, wegen des von dort aus infiltrierten besonderen und durchaus unarischen Geistes, die volle Aufmerksamkeit verdient, sodann auch ihre wirtschaftliche Rolle in allen christlichen Jahrhunderten; doch hätte eine gelegentliche Erwähnung dieser Dinge genügt, mehr wäre ein Zuviel gewesen. Herder schrieb denn auch damals: „Die jüdische Geschichte nimmt mehr Platz in unserer Historie und Aufmerksamkeit ein, als sie an sich verdienen möchte.“¹) Inzwischen ist jedoch eine grosse Änderung vorgegangen: die Juden spielen in Europa und überall, wo europäische Hände hinreichen, eine andere Rolle heute als vor hundert Jahren; wie Viktor Hehn sich ausdrückt: wir leben heute in einem „jüdischen Zeitalter“;²) mag man über die vergangene Historie der Juden denken wie man will, ihre gegenwärtige nimmt thatsächlich so viel Platz in unserer eigenen Geschichte ein, dass wir ihr unmöglich die Aufmerksamkeit verweigern können. Herder hatte trotz seines ausgesprochenen Humanismus doch gemeint:

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    ¹) Von den deutsch-orientalischen Dichtern, Abschn. 2.
    ²) Gedanken über Goethe, 3. Aufl., S. 40. Ungekürzt lautet die Stelle: „Als Goethe am 22. März 1832 starb, da datierte Börne von diesem Tage die Freiheit Deutschlands. Wirklich war damit eine Epoche geschlossen, und es begann das jüdische Zeitalter, in dem wir jetzt leben.“

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


„Das Volk der Juden ist und bleibt auch in Europa ein unserem Weltteil   f r e m d e s ,   a s i a t i s c h e s   V o l k,   an jenes alte, unter einem entfernten Himmelsstrich ihm gegebene und nach eigenem Geständnis von ihm unauflösbare   G e s e t z   gebunden.“¹) Ganz richtig. Dieses fremde Volk aber, ewig fremd, weil — wie Herder treffend bemerkt — an ein fremdes, allen anderen Völkern feindliches Gesetz unauflösbar gebunden, dieses fremde Volk ist gerade im Laufe des 19. Jahrhunderts ein unverhältnismässig wichtiger, auf manchen Gebieten geradezu ausschlaggebender Bestandteil des Lebens geworden. Schon vor hundert Jahren durfte jener selbe Zeuge mit Wehmut gestehen, die „rohe-
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ren Nationen Europas“ seien „freiwillige Sklaven des jüdischen Wuchers“;²) heute könnte er das selbe von dem weitaus grössten Teil der civilisierten Welt überhaupt sagen. Der Geldbesitz an und für sich ist aber das Wenigste; unsere Regierungen, unsere Justizpflege, unsere Wissenschaft, unser Handel, unsere Litteratur, unsere Kunst.... so ziemlich alle Lebenszweige sind mehr oder weniger freiwillige Sklaven der Juden geworden und schleppen die Fronkette, wenn auch noch nicht an beiden Füssen, so doch an einem. Dabei ist jenes von Herder betonte „Fremde“ immer stärker hervorgetreten; vor hundert Jahren hatte man es doch mehr nur geahnt; jetzt hat es sich bethätigt und bewährt, sich dem Unaufmerksamsten aufgedrängt. Von idealen Beweggründen bestimmt, öffnete der Indoeuropäer in Freundschaft die Thore: wie ein Feind stürzte der Jude hinein, stürmte alle Positionen und pflanzte — ich will nicht sagen auf den Trümmern, doch auf den Breschen unserer echten Eigenart die Fahne seines uns ewig fremden Wesens auf.
    Sollen wir die Juden darob schmähen? Das wäre ebenso unedel, wie unwürdig und unvernünftig. Die Juden verdienen Bewunderung, denn sie haben mit absoluter Sicherheit nach der Logik und Wahrheit ihrer Eigenart gehandelt, und nie hat die
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    ¹) Bekehrung der Juden. Abschnitt 7 der Unternehmungen des vergangenen Jahrhunderts zur Beförderung eines geistigen Reiches.
    ²) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Th. III, Buch 12. Abt. 3.

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Humanitätsduselei (welche die Juden nur insofern mitmachten, als sie ihnen selber zum Vorteil gereichte) sie auch nur für einen Augenblick die Heiligkeit der physischen Gesetze vergessen lassen. Man sehe doch, mit welcher Meisterschaft sie das   G e s e t z   d e s   B l u t e s   zur Ausbreitung ihrer Herrschaft benutzen: der Hauptstock bleibt fleckenlos, kein Tropfen fremden Blutes dringt hinein; heisst es doch in der Thora: „kein Bastard soll in die Gemeinde Jahve's kommen, auch nicht nach zehn Generationen“ (Deuteronornium XXIII, 2); inzwischen werden aber Tausende von Seitenzweiglein abgeschnitten und zur Infizierung der Indoeuropäer mit jüdischem Blute benutzt. Ginge das ein paar Jahrhunderte so fort, es gäbe dann in Europa nur noch ein einziges rassenreines Volk, das der Juden, alles Übrige wäre eine Herde pseudohebräischer Mestizen, und zwar ein unzweifelhaft physisch, geistig und moralisch degeneriertes Volk. Denn selbst der grosse Judenfreund Ernest Renan gesteht: „Je suis le premier à reconnaître que la race sémitique, comparée à la race indo-européenne, représente réellement une combinaison inférieure de la nature humaine.“¹) Und in einer seiner
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besten, doch leider wenig bekannten Schriften, sagt der selbe Gelehrte: „L'épouvantable simplicité de l'esprit sémitique rétrécit le cerveau humain, le ferme à toute idée délicate, à tout sentiment fin, à toute recherche rationelle, pour le mettre en face d'une éternelle tautologie: Dieu est Dieu“²); und er führt aus, für die Kultur gäbe es nur dann eine Zukunft,
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    ¹) Histoire générale et système comparé des langues sémitiques, 5e éd., p. 4: „Ich gestehe aufrichtig, dass die semitische Rasse, verglichen mit der indo-europäischen, wirklich einen minderwertigen Typus der Menschheit darstellt.“ — Dass die Juden keine reinen Semiten, sondern halbe Syrier sind (wie ich das gleich ausführen werde), wird an diesem Urteile wenig ändern.
    ²) De la Part des peuples sémitiques dans l'histoire de la civilisation, p. 39. „Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung, vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen Fragestellung, um es der einen ewigen Tautologie gegenüberzustellen: Gott ist Gott.“

384 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

wenn die christliche Religion sich immer mehr „vom Geiste des Judentums entfernte“ und „das indoeuropäische Genie“ auf allen Gebieten immer mehr zur Geltung käme. Jene Vermischung bedeutet also ganz ohne Zweifel eine Entartung: Entartung des Juden, dessen Charakter ein viel zu fremder, fester, starker ist, als dass er durch germanisches Blut aufgefrischt und veredelt werden könnte, Entartung des Europäers, der durch die Kreuzung mit einem „minderwertigen Typus“ — wofür ich lieber sagen möchte, mit einem so andersgearteten Typus — natürlich nur verlieren kann. Während die Vermischung vorgeht, bleibt aber der grosse Hauptstamm der reinen, unvermischten Juden unangetastet. Als Napoleon, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, unzufrieden, dass die Juden, trotz ihrer Emanzipation, in hochmütiger Isolation verharrten, erzürnt, dass sie sein ganzes Elsass, obwohl nunmehr jede Laufbahn ihnen offen stand, mit schändlichstem Wucher aufzufressen fortfuhren, an den Rat ihrer Ältesten ein Ultimatum sandte und die rückhaltlose Verschmelzung der Juden mit der übrigen Nation forderte, nahmen die Delegierten der Juden Frankreichs alle ihnen vorgeschriebenen Artikel bis auf einen an: den, der die unbeschränkte Ehe mit Christen bezweckte. Ihre Töchter, ja, die durften ausserhalb des israelitischen Volkes heiraten, ihre Söhne nicht; der Diktator Europas musste nachgeben.¹) Das ist jenes bewunderungswürdige Gesetz, durch welches das eigentliche Judentum begründet wurde. Zwar gestattet das Gesetz in seiner strengsten Fassung gar keine Ehe
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zwischen Juden und Nichtjuden: im fünften Buche Moses, VII, 3, lesen wir: „Eure Töchter sollt ihr nicht geben ihren Söhnen und ihre Töchter sollt ihr nicht nehmen euren Söhnen“; doch wird im Allgemeinen nur auf die letzte Forderung Gewicht gelegt: z. B. im zweiten Buche Moses, XXXIV, 16 wird einzig den Söhnen verboten, fremde Töchter zu nehmen, nicht den Töchtern, fremde Söhne, und in Nehemia (XIII) wird, nachdem
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    ¹) Über dieses berühmte Synedrium und sein kasuistisches Unterscheiden zwischen religiösem und civilem Gesetz — eine Unterscheidung, welche weder Thora noch Talmud anerkennen — wäre erst im zweiten Buche Näheres zu berichten.

385 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

das beiderseitige Verbot erfolgt ist, doch nur die Ehe des   S o h n e s   mit einem fremden Weibe als „eine Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Das ist auch eine vollkommen richtige Auffassung. Durch die Ehe der Tochter mit einem Goy wird die Reinheit des jüdischen Stammes in keiner Weise alteriert, während dieser Stamm dadurch Fuss fasst im fremden Lager; wogegen die Ehe des Sohnes mit einer Goya „den heiligen Samen gemein macht“ (wie das Buch Esra IX, 2 sich drastisch ausdrückt).¹) Auch der etwaige Übertritt der betreffenden Goya zum Judentum würde nichts nützen: dem älteren Gesetz war der Begriff eines derartigen Übertritts mit Recht vollkommen fremd — handelt es sich doch um physische Verhältnisse der Abstammung — das neuere Gesetz sagt aber mit beneidenswerter Einsichtskraft: „Proselyten sind für das Judentum so schädlich, wie Geschwüre am gesunden Leibe.“²) So wurde und so wird noch heute die jüdische Rasse rein erhalten: Töchter aus dem Hause Rothschild haben Barone, Grafen, Herzöge, Fürsten geheiratet, sie lassen sich ohne Umstände taufen; kein Sohn hat je eine Europäerin geehelicht; thäte er es, er müsste aus dem Hause seiner Väter und aus der Gemeinschaft seines Volkes ausscheiden.³)
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    ¹) In der neuen wortgetreuen Übersetzung des Professor Louis Segond heisst es:   „d i e   h e i l i g e   R a s s e   durch Vermischung mit fremden Völkern verunreinigt“; in der Übersetzung De Wette's lautet diese Stelle: „sie haben den heiligen Samen vermischt mit den Völkern der Erde.“
    ²) Aus dem Talmud, nach Döllinger: Vorträge, I, 237. An einer anderen Stelle nennt der Talmud die Proselyten eine „Last“ (siehe des Juden Philippson: Israelitische Religionslehre, 1861, II, 189).
    ³) Wie rein die jüdische Rasse noch am heutigen Tage ist, hat Virchow's grosse anthropologische Untersuchung sämtlicher Schulkinder Deutschlands ergeben; hierüber berichtet Ranke, Der Mensch, 2. Aufl., II, 293: „Je reiner die Rasse, desto geringer ist die Zahl der Mischformen. In dieser Hinsicht ist es gewiss eine sehr wichtige Thatsache, dass bei den Juden die geringste Zahl der Mischlinge angetroffen wurde, woraus sich ihre entschiedene   A b s o n d e r u n g   a l s   R a s s e   den Germanen gegenüber, unter denen sie wohnen, auf das deutlichste zu erkennen giebt.“ — Inzwischen haben die

386 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

    Durch diese Ausführungen falle ich gewissermassen mit der Thür ins Haus; eigentlich hätten sie an eine spätere Stelle des
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Buches hingehört; mir lag jedoch daran, sofort und auf dem kürzesten Wege den Einwurf zu entkräften — der leider noch immer von manchen Seiten zu gewärtigen ist — es existiere gar keine „jüdische Frage“, woraus dann weiter zu folgern wäre, der Eintritt der Juden in unsere Geschichte habe nichts zu bedeuten. Andere wiederum reden von   R e l i g i o n:   es handle sich, so sagen sie, lediglich um religiöse Differenzen. Wer das sagt, übersieht, dass es gar keine jüdische Religion gäbe, wenn keine jüdische Nation existierte. Die existiert aber. Die jüdische Nomokratie (d. h. Herrschaft des Gesetzes) vereinigt die Juden, zerstreut wie sie auch sein mögen durch alle Länder der Welt, zu einem festen, einheitlichen, durchaus politischen Gebilde, in welchem die Gemeinsamkeit des Blutes die Gemeinsamkeit der Vergangenheit bezeugt und die Gemeinsamkeit der Zukunft verbürgt. Wenn auch manche Elemente nicht im engeren Sinne des Wortes reinjüdisch sind, so ist doch die Macht dieses Blutes, verbunden mit der unvergleichlichen Macht der jüdischen Idee, so gross, dass diese fremden Bestandteile schon längst assimiliert wurden; sind doch fast zwei Jahrtausende vergangen seit der Zeit, wo die Juden ihre vorübergehende Neigung zur Proselytenmacherei aufgaben. Freilich muss man, wie ich im vorigen Kapitel ausführte, zwischen Juden edler und Juden minder edler Abstammung unterscheiden; was aber die disparaten Teile aneinander kettet, ist (ausser der allmählichen Verschmelzung) die zähe Existenz ihres nationalen Gedankens. Dieser Nationalgedanke gipfelt in der unerschütterlichen Hoffnung auf die von Jahve verheissene Weltherrschaft der Juden. Naive „Christgeborene“ (wie Auerbach sich in seiner Lebensskizze Spinoza's ausdrückt) wähnen, die Juden hätten jene Hoffnung aufgegeben,
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Messungen in Amerika, nach dem American Anthropologist, Ed. IV, zu dem Ergebnis geführt, dass auch dort „sich die jüdische Rasse   v o l l s t ä n d i g   r e i n   erhalten hat“ (citiert nach der Politisch-Anthropologischen Revue, 1904, März, S. 1003).

387 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

doch irren sie gewaltig; denn „die Existenz des Judentums ist
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von der Festhaltung der Messiashoffnung bedingt“, wie einer der sehr mässigen, liberalen unter ihnen unlängst schrieb.¹) Die ganze jüdische Religion ist ja auf diese Hoffnung gegründet. Der jüdische Gottesglaube, das, was man bei diesem Volke „Religion“ nennen kann und auch darf (denn er ist die Quelle einer achtungswerten Moralität geworden) ist ein Teil dieses Nationalgedankens, nicht umgekehrt. Zu behaupten, es gebe eine jüdische Religion, doch keine jüdische Nation, heisst darum einfach Unsinn reden.²)
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    ¹) S k r e i n k a :   Entwickelungsgeschichte der jüdischen Dogmen, S. 75.
    ²) Auf dem jüdischen Kongress, gehalten in Basel im Jahre 1898, erklärte Dr. Mandelstam, Professor an der Universität Kiew, in der Hauptrede der Sitzung vom 29. August, „dass die Juden   d a s   A u f g e h e n   i n   d i e   ü b r i g e n   N a t i o n a l i t ä t e n   m i t   a l l e r   E n e r g i e   z u r ü c k w e i s e n‚   und dass sie ihre historische Hoffnung (d. h. also auf Weltherrschaft) festhalten“ (nach dem Bericht eines Teilnehmers am Kongress in der Pariser Zeitung Le Temps vom 2. September 1898). Die Wiener Zeitungen vom 30. und 31. Juli 1901 berichten über eine Rede, die der Wiener Rabbiner, Herr Dr. Leopold Kahn, in einem Saale der orthodoxen jüdischen Schule in Pressburg über den Zionismus hielt. In dieser Rede machte Dr. Kahn folgendes Geständnis: „Der Jude wird sich nie assimilieren können; er wird niemals die Sitten und Gebräuche anderer Völker annehmen. Der Jude bleibt Jude unter allen Umständen. Jede Assimilation ist nur eine rein äusserliche.“ Beherzigenswerte Worte! In der Festschrift zum 70. Geburtstage A. Berliner's, 1903, veröffentlicht ein Dr. B. Felsenthal eine Reihe Jüdischer Thesen, in denen er mit aller Energie die These verficht, das Judentum sei   e i n   V o l k ,   n i c h t   e i n e   R e l i g i o n.   „Das Judentum ist ein besonderer Stamm, und jeder Jude wird in diesen Stamm hineingeboren.“ Dieser Stamm ist nach ihm „eins der ethnisch reinsten Völker, die es überhaupt giebt.“ Felsenthal berechnet, dass von Theodosius an bis zum Jahre 1800 „vielleicht noch keine 300 Nichtsemiten in das jüdische Volk aufgenommen wurden“, und charakteristisch ist es, dass er den Proselyten das Recht bestreitet, sich als Vollblutjuden zu betrachten. „Das jüdische Volk, der jüdische Stamm ist das Gegebene, das Bleibende, das notwendige Substrat, der substanzielle Kern. Die jüdische Religion ist ein diesem Kern Anhaftendes, Eigenschaftliches — ein Accidens,

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    Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte bedeutet also ohne Frage den Eintritt eines bestimmten, von allen europäischen Völkern durchaus verschiedenen, ihnen gewissermassen gegensätzlichen Elements, eines Elements, welches, während die Nationen Europas die verschiedensten Phasen durchmachten, sich wesentlich gleichblieb; welches im Verlaufe einer oft harten und grausamen Geschichte niemals die Schwäche hatte, auf Verbrüderungsvorschläge einzugehen, sondern im Besitze seiner nationalen Idee, seiner nationalen Vergangenheit, seiner nationalen Zukunft, die Berührung mit anderen Menschen wie eine Verunreinigung empfand und noch heute empfindet; welches, Dank der Sicherheit des Instinktes, die aus strenger Einheitlichkeit des Nationalempfindens entspringt, es stets vermochte, auf Andere tiefgreifenden Einfluss auszuüben, wogegen die Juden selber von unserer geistigen und kulturellen Entwickelung nur hauttief berührt wurden. Um diese höchst eigentümliche Situation vom Standpunkt des Europäers aus zu kennzeichnen, müssen wir mit Herder wiederholen: das Volk der Juden ist und bleibt ein unserem Weltteil   f r e m d e s   Volk; vom Standpunkt des Juden aus erhält die selbe Erkenntnis eine etwas abweichende Formulierung; wir wissen aus einem früheren Kapitel, wie der grosse freisinnige Philosoph Philo sie fasste: „einzig die Israeliten sind Menschen im wahren Sinne des Wortes.“¹) Was der Jude hier im intoleranten Ton des Rassenhochmuts vorbringt, genau das selbe hat unser grosser Goethe in liebenswürdigerer Weise ausge-
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sprochen, indem er eine Gemeinsamkeit der Abstammung zwischen den Juden und den Indoeuropäern, und legte man sie noch so weit zurück, in Abrede stellt: „Dem auserwählten Volke wollen wir die Ehre seiner Abstammung von Adam keineswegs streitig machen. Wir andere aber hatten gewiss auch andere Urväter.“²)
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wie es in der philosophischen Schulsprache genannt wird.“ (Ich citiere nach dem Sonderabdruck, Berlin, bei Itzkowski).
    ¹) Siehe S. 223.
    ²) Eckermann's Gespräche, 7. Oktober 1828. Das selbe hatte Giordano Bruno gelehrt, welcher behauptete, einzig die Juden stammten von Adam und Eva ab, die übrigen Menschen von einer weit älteren Rasse (siehe Lo spaccio della bestia trionfante).

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Das „fremde Volk“

    Aus diesen Erwägungen ergiebt sich für uns die Berechtigung und die Verpflichtung, den Juden als ein besonderes und zwar als ein fremdes Element in unserer Mitte zu erkennen. Äusserlich erbte er das selbe wie wir; innerlich erbte er einen grundverschiedenen Geist. Ein einziger Zug genügt, um die gähnende Kluft, welche hier Seele von Seele scheidet, in fast erschreckender Weise dem Bewusstsein zu enthüllen: die Erscheinung Christi ist für den Juden ohne Bedeutung! Ich rede hier gar nicht von frommer Rechtgläubigkeit. Man lese aber z. B. bei dem offenkundigen Freidenker Diderot die wundervollen Worte über den Gekreuzigten, man sehe, wie Diderot den Menschen in seinem höchsten Leid sich an den Göttlichen wenden und die christliche Religion als die einzige der Welt empfinden lässt. „Quelle profonde sagesse il y a dans ce que l'aveugle philosophie appelle la folie de la croix! Dans l'état où j'étais, de quoi m'aurait servi l'image d'un législateur heureux et comblé de gloire? Je voyais l'innocent, le flanc percé, le front couronné d'épines, les mains et les pieds percés de clous, et expirant dans les souffrances; et je me disais: Voilà mon Dieu, et j'ose me plaindre!“ Eine förmliche Bibliothek jüdischer Bücher habe ich durchgesucht in der Erwartung, ähnliche Worte zu finden — nicht den Glauben an die Gottheit Christi natürlich, auch nicht den Begriff der Erlösung, sondern das rein menschliche Gefühl für die Bedeutung eines leidenden Heilands, doch vergebens. Ein Jude, der das fühlt, ist eben kein Jude mehr, sondern ein Verneiner des Judentums. Und während wir sogar in Mohammed's Koran mindestens eine Ahnung von der Bedeutung Christi und eine tiefe Ehrfurcht vor seiner Erscheinung finden, nennt ein kultivierter, führender Jude des 19. Jahrhunderts Christus:   „d i e   N e u g e b u r t   m i t   d e r   T o t e n m a s k e“,   die dem jüdischen Volke neue und schmerzliche Wunden geschlagen habe; etwas Anderes vermag er in ihm nicht zu erblicken.¹) Er versichert

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uns beim Anblick des Kreuzes: „Die Juden brauchen gar nicht diese krampfhafte Erschütterung zur inneren Besserung“, und
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    ¹) Graetz: Volkstümliche Geschichte der Juden, I, 591.

390 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

lügt hinzu: „namentlich nicht in den mittleren Klassen der Städtebewohner“. Weiter reicht das Verständnis nicht. In einer im Jahre 1880 neu verlegten (!) Schrift eines spanischen Juden (Mose de Leon) wird Jesus Christus ein   „t o t e r   H u n d“   genannt, „der in einem Düngerhaufen begraben“ liege. Ausserdem haben die Juden gerade in den letzten Jahrzehnten des 19. Säculums für mehrere Ausgaben (natürlich in hebräischer Sprache) der sogenannten „Censurstellen“ aus dem Talmud gesorgt, nämlich jener sonst ausgelassenen Stellen, in denen Christus als „Narr“, als „Zauberer“, als „Gottloser“, als „Götzendiener“, als „Hund“, als „Bastard“, als „Kind der Wollust“, als „Hurensohn“ u. s. w. dem Hohn und dem Hass preisgegeben und empfohlen wird; seine erhabene Mutter desgleichen.¹) Wir thun den Juden gewiss kein Unrecht, wenn wir sagen, dass ihnen die Erscheinung Christi einfach ein Unbegreifliches und ein Ärgernis ist. Obwohl sie scheinbar aus ihrer Mitte hervorging, verkörpert sie dennoch die Verleugnung ihres ganzen Wesens — wofür die Juden ein viel feineres Gefühl haben als wir. Diese Veranschaulichung der tiefen Kluft, welche uns Europäer vom Juden scheidet, gebe ich durchaus nicht, um das Schwergewicht auf den gefährlichen Boden religiöser Voreingenommenheit hinüberzuwälzen, sondern weil mich dünkt, dass das Gewahrwerden zweier so grundverschiedener Gemütsanlagen einen wahren Abgrund aufdeckt; es thut gut, einmal in
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    ¹) Siehe Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 2 fg. (Schriften des Institutum Judaicum in Berlin, Nr. 10; im Anhange sind die hebräischen Urtexte mitgeteilt). Dieser durchaus unparteiische, judenfreundliche Gelehrte bezeugt: „Der Hass und Hohn der Juden warf sich zunächst immer auf die Person Jesu selbst“ (S. 25). „Der Jesushass der Juden ist eine feststehende Thatsache, nur wollen sie ihn möglichst wenig zur Schau gestellt wissen“ (S. 3). Den Hass gegen Jesus bezeichnet der selbe Gelehrte als „den nationalsten Zug des Judentums“ (S. 86); er sagt: „bei Annäherung des Christentums erfasste je und je die Juden ein an   W a h n s i n n   s t r e i f e n d e r   Zorn und Hass“ (S. 72). Noch heute darf kein gläubiger Jude den Namen Christi mündlich oder schriftlich aussprechen (S. 3 und 32); die üblichsten Kryptonymen sind   „d e r   Bastard“ oder   „d e r   Hurensohn“ oder   „d e r   Gehenkte“, häufig auch „Bileam“.

391 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

diesen Abgrund hinunterzuschauen, damit man nicht an anderen Orten, wo scheinbare Annäherung stattfindet, das tief Trennende übersehe.
    Aber noch eine weitere Erwägung muss sich uns aus dem Gewahrwerden dieser Trennung ergeben. Der Jude versteht uns
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nicht, das ist sicher; können wir hoffen, ihn zu verstehen, ihm gerecht zu werden? Vielleicht, wenn wir ihm nämlich in der That geistig und moralisch überlegen sind, wie Renan an der vorhin angeführten Stelle behauptete, und wie andere, vielleicht zuverlässigere Gelehrte ebenfalls gemeint haben.¹) Wir müssten ihn aber dann wirklich auch von der Höhe unserer Überlegenheit aus beurteilen, nicht aus den Niederungen des Hasses und des Aberglaubens, noch weniger aus den Sümpfen des Missverständnisses, in denen unsere Religionslehrer seit 2000 Jahren herumwaten. Dem Juden Gedanken zuschreiben, die er niemals gedacht, ihn als den Träger der grossartigsten religiösen Intuitionen verherrlichen, die ihm ferner als vielleicht irgend welchen Menschen auf Erden lagen und im allerbesten Falle nur hier und dort als ein Schrei der Empörung gegen die besondere Gemütshärte dieses Volkes in dem Herzen Vereinzelter sich regten — und ihn dann dafür verdammen, dass er heute so ganz anders ist, als er nach diesen Erdichtungen sein sollte, das ist doch offenbar ungerecht. Es ist nicht allein ungerecht, sondern für das öffentliche Gefühl bedauerlich irreleitend; denn durch das Verhältnis zu unserem religiösen Leben, welches wir dem Juden angedichtet haben, erscheint sein Haupt in einer Art Glorienschein, und wir sind dann höchlich empört, wenn aus dieser auréole postiche kein Heiliger uns entgegentritt. Wir stellen höhere Ansprüche an den Juden als an uns selber, blosse Heidensöhne. Da ist doch das jüdische Zeugnis ganz anders zutreffend; es
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    ¹) Siehe namentlich die berühmte Stelle in Lassen's: Indische Altertumskunde, wo der grosse Orientalist seine Überzeugung, dass die indoeuropäische Rasse „höher und vollständiger begabt“, dass in ihr allein „das harmonische Gleichmass aller Seelenkräfte“ ausgebildet sei, ausführlich begründet (I, 414, Ausgabe des Jahres 1847).

392 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

spannt die Erwartungen so wenig hoch, dass wir über jeden edlen Zug, den wir später entdecken, über jede Erklärung, die wir für jüdische Gebrechen finden, uns aufrichtig freuen. Jahve zum Beispiel wird nicht müde zu erklären: „Ich sehe, dass dies Volk ein halsstarriges Volk ist“,¹) und Jeremia giebt von der moralischen Beschaffenheit der Juden eine Charakterisierung, wie sie Monsieur Edouard Drumont nicht farbenreicher wünschen könnte: „Ein Freund täuscht den andern und redet kein wahres Wort; sie fleissigen sich darauf, wie Einer den Anderen betrüge, und ist ihnen leid, dass sie es nicht ärger machen können“.²) Kein
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Wunder, nach dieser Schilderung, dass Jeremia die Juden „einen frechen Haufen“ nennt und nur eine Sehnsucht kennt: „Ach, dass ich eine Herberge hätte in der Wüste! so wollte ich mein Volk verlassen und von ihnen ziehen!“ Für die unglaubliche Unwissenheit über die Natur des Juden, die unter uns herrscht, sind wir also allein verantwortlich; nie hat ein Volk ein so umfassendes, aufrichtiges Bild seiner Persönlichkeit gegeben wie der Hebräer in seiner Bibel, ein Bild, welches (so weit ich nach Bruchstücken urteilen darf) durch den Talmud, wenn auch in verblasster Manier, noch ergänzt wird. Ohne also in Abrede zu stellen, wie schwer es uns — „von anderen Urvätern Abgestammten“ — fallen muss, das „fremde, asiatische Volk“ richtig zu beurteilen, müssen wir doch einsehen, dass die Juden von jeher alles Mögliche thaten, um dem Unvoreingenommenen Aufschluss über sich zu geben, ein Umstand, welcher wohl zu der Hoffnung berechtigt, grundlegende Einsichten über ihr Wesen gewinnen zu können. — Eigentlich müssten die Vorgänge, die sich unter unseren Augen abspielen, zu besagtem Zwecke genügen. Ist es möglich, täglich Zeitungen zu lesen, ohne jüdische Sinnesart, jüdischen Geschmack, jüdische Moral, jüdische Ziele kennen zu lernen? Ein paar Jahrgänge der Archives israélites belehren ja mehr als eine ganze antisemitische Bibliothek, und zwar durchaus nicht bloss über die minder angenehmen, sondern auch über
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    ¹) 2 Moses XXXII, 9, XXXIV, 9, 5 Moses IX, 13 u. s. w.
    ²) IX, 5.

393 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

die vortrefflichen Charakterzüge der Juden. Doch hier, in diesem Kapitel, will ich die Gegenwart nicht heranziehen. Sollen wir uns ein sachliches, vollgültiges Urteil darüber bilden, was der Jude als Miterbe und als Mitarbeiter im neunzehnten Jahrhundert zu bedeuten hatte, so müssen wir vor allen Dingen uns darüber klar werden, was er   i s t.   Aus dem, was ein Mensch von Natur ist, folgt mit strenger Notwendigkeit, was er unter gegebenen Bedingungen thun wird; der Philosoph sagt: operari sequitur esse; ein altes deutsches Sprichwort drückt das selbe gemütlicher aus: „Nur was ein Mensch ist, kann man aus ihm herauskriegen.“

Historische Vogelschau
    Reine Historie führt nun hier weder schnell noch sicher zum Ziel, ausserdem kann es nicht meine Aufgabe sein, eine Geschichte der Juden zu bieten. Wie in anderen Kapiteln so auch hier perhorresziere ich das Abschreiben. Jedermann weiss ja, wie und wann die Juden in die abendländische Geschichte eintraten: erst durch die Diaspora, dann durch die Zerstreuung. Ihr wechselndes Schicksal in verschiedenen Ländern und Zeiten
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ist ebenfalls bekannt, wenn man auch freilich Manches weiss, was absolut unwahr ist, und Manches nicht weiss, was zu wissen not thäte. Keinem brauche ich aber erst mitzuteilen, dass durch die christlichen Jahrhunderte hindurch die Juden eine, wenn auch manchmal eng beschränkte, so doch wichtige Rolle spielten. Schon in den frühesten westgotischen Zeiten verstanden sie es, als Sklavenhändler und Geldvermittler sich Einfluss und Macht zu verschaffen. Waren sie auch nicht allerorten, wie bei den spanischen Mauren, mächtige Staatsminister, die, dem Beispiel Mardochai's folgend, die einträglichsten Ämter mit „der Menge ihrer Brüder“ füllten, brachten sie es auch nicht überall, wie im katholischen Spanien, zum Bischof und Erzbischof,¹) so war doch ihr Einfluss überall und immer ein grosser. Schon die Baben-
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    ¹) Siehe das Buch des Juden David Mocatta: Die Juden in Spanien und Portugal (deutsch von Kayserling 1878), wo ausführlich erzählt wird, wie in Spanien, „Geschlechter und Geschlechter von   g e h e i m e n   J u d e n   lebten, vermischt mit allen Klassen der Gesellschaft, im Besitze jeder Stellung im Staate   u n d   b e s o n d e r s   i n   d e r   K i r c h e“!

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


berg'schen Fürsten des 13. Jahrhunderts gaben ihren Nachfolgern das Beispiel, die Finanzen des Landes von Juden verwalten zu lassen und diese Verwalter durch Ehrentitel auszuzeichnen;¹) der grosse Papst Innocenz III. vergab wichtige Stellen in seinem Hofstaate an Juden;²) die Ritter Frankreichs mussten Gut und Habe an die Juden verpfänden, um an den Kreuzzügen teilnehmen zu können;³) Rudolph von Habsburg begünstigte die Juden in jeder Weise, er „vindizierte sie als Knechte seiner kaiserlichen Kammer“, und indem er sie der gewöhnlichen Gerichtsbarkeit entzog, machte er es sehr schwer, eine Klage gegen einen Juden überhaupt durchzuführen;4) kurz: das, was ich den Eintritt der Juden in unsere europäische Geschichte nenne, hat nicht aufgehört, zu jeder Zeit und an jedem Orte sich fühlbar zu machen. Wer befähigt wäre, Geschichte mit dem einen Zweck zu studieren, den jüdischen Einfluss genau zu entwirren, würde, glaube ich, unerwartete Ergebnisse zu Tage fördern. Ohne Detailforschung können wir diesen Einfluss nur dort deutlich und unzweifelhaft feststellen, wo die Juden in grösserer Zahl vorhanden waren. Im 2. Jahrhundert z. B. sind die Juden auf der Insel Cypern in der Mehrzahl; sie beschliessen, einen Nationalstaat zu gründen, und befolgen zu diesem Zweck das aus dem Alten Testament bekannte
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Verfahren: sie erschlagen an einem Tage die sämtlichen übrigen Bewohner, 240 000 an der Zahl; und damit dieser Inselstaat nicht ohne einen sichern Rückhalt auf dem Festland bleibe, erschlagen sie zugleich die 220 000 nicht-jüdischen Bewohner der Stadt Cyrene.5) In Spanien verfolgen sie den selben Zweck mit grösserer Vorsicht und erstaunlicher Beharrlichkeit. Gerade unter der Regierung desjenigen Westgotenkönigs, der sie mit Wohlthaten überhäuft hatte, rufen sie die stammverwandten Araber aus Afrika herüber; ohne Hass, nur weil sie dabei zu profitieren hoffen,
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    ¹) Graetz: a. a. O. II, 563.
    ²) Israel Abrahams: Jewish Life in the Middle Ages.
    ³) André Réville: Les Payans au Moyen-Age, 1896, p. 3.
    4) Siehe u. A. Realis: Die Juden und die Judenstadt in Wien, 1846, S. 18 u. s. w.
    5) Mommsen: Römische Geschichte, V, 543.

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verraten sie ihren edlen Beschützer; unter den Kalifen bekommen sie dann nach und nach einen immer grösseren Anteil an der Regierung; „sie konzentrierten“, schreibt der durchaus judenfreundliche Geschichtsschreiber Heman, „sowohl die geistigen als die materiellen Kräfte vollständig in ihrer Hand“; dabei ging allerdings der blühende maurische Staat geistig und materiell zu Grunde, was aber den Juden gleichgültig war, da sie inzwischen im christlichen Staat der Spanier, berufen den maurischen zu ersetzen, eben so festen Fuss gefasst hatten. „Der bewegliche Reichtum des Landes lag hier ganz in ihren Händen; der Grundbesitz kam immer mehr in die selben Hände durch Wucher und Aufkauf der verschuldeten Adelsgüter. Vom Staatssekretär und finanzminister ab waren alle Beamtungen, die mit Steuer und Geldsachen zu thun hatten, in jüdischen Händen. Durch Wucher war ihnen fast ganz Aragonien verpfändet. In den Städten bildeten sie die Majorität der begüterten Bevölkerung.“¹) Ganz schlau waren sie aber, wie immer, auch dort nicht; ihre Macht hatten sie benutzt, um sich allerhand Privilegien zu erwirken, so z. B. genügte der Eid eines einzigen Juden, um Schuldforderungen gegen Christen zu beweisen (wie übrigens im Erzherzogtum Österreich und vielerorten), während das Zeugnis eines Christen vor Gericht gegen einen Juden nichts galt, und anderes dergleichen; diese Privilegien missbrauchten sie in so massloser Weise, dass endlich das Volk sich erhob. Nicht unähnlich wäre es in Deutschland ergangen, hätten nicht die Kirche und einsichtige Staatsmänner bei Zeiten dem Übel gesteuert. Karl der Grosse hatte sich Juden für die Verwaltung seiner Finanzen aus Italien verschrieben; bald sicherten sie sich allerorten als
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Steuerpächter Reichtum und Einfluss und benutzten diese, um für ihre Nation wichtige Vorrechte auszumachen: Handelsprivilegien, geringeres Strafmass bei Verbrechen u. s. w., ja, man zwang die gesamte Bevölkerung, ihre Märkte auf den Sonntag
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    ¹) Heman: Die historische Weltstellung der Juden, 1882, S. 24 fg. — Für eine anders gefärbte Darstellung, die aber im Thatsächlichen vollkommen übereinstimmt, siehe Graetz: Volksth. Gesch. d. Juden II, 344 fg.

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zu verlegen, weil der bisher übliche Samstag den Juden ihres Sabbats wegen unangenehm war; es gehörte damals zum höfischen bon ton, die Synagogen zu besuchen! Doch hier trat die Reaktion ziemlich bald ein und kräftig, und zwar durchaus nicht allein, wie es die Historiker meistens darzustellen belieben, als Folge pfäffischen Aufhetzens — solche Erscheinungen gehören zur Schale, nicht zum Kern der Geschichte — sondern in erster Reihe darum, weil der Germane eben so sehr ein geborener Industrieller und Kaufmann, wie ein geborener Krieger ist, und er daher, sobald mit der Städtebildung diese Instinkte in ihm wach wurden, dem unlauteren Wettbewerber in sein Spiel sah und voll heftiger Empörung seine Entfernung forderte. Und so liesse sich, wenn das der Zweck dieses Kapitels wäre, Flut und Ebbe des jüdischen Einflusses bis heute herab verfolgen, wo alle Kriege des 19. Jahrhunderts in so eigentümlichem Konnex mit jüdischen Finanzoperationen stehen, von Napoleon's russischem Feldzug und Nathan Rothschild's Zuschauerrolle bei der Schlacht von Waterloo an bis zu der Zuziehung der Herren Bleichröder deutscherseits und Alphonse Rothschild französischerseits zu den Friedensverhandlungen des Jahres 1871 und bis zur „Commune“, welche von Anfang an allen Einsichtigen eine jüdisch-napoleonistische Machination dünkte.

Consensus ingeniorum
    Dieser politisch-soziale Einfluss der Juden wurde nun sehr verschieden beurteilt, doch von den grössten Politikern zu allen Zeiten für verderblich gehalten. Cicero z. B. (wenn auch kein grösster Politiker, so doch ein erfahrener Staatsmann) legt eine wahre Furcht vor den Juden an den Tag; wo eine gerichtliche Verhandlung ihre Interessen berührt, redet er so leise, dass die Richter allein ihn hören, denn er weiss, sagt er, wie alle Juden zusammenhalten und wie sie den zu verderben verstehen, der sich ihnen entgegenstellt; sonst, gegen Griechen, gegen Römer, gegen die mächtigsten Männer seiner Zeit donnert er die ärgsten Beschuldigungen, den Juden gegenüber rät er Vorsicht, sie sind ihm eine unheimliche Macht, und mit möglichster Hast gleitet er hinweg über jene Hauptstadt „des Argwohns und der Verleumdung“, Jerusalem: so urteilte ein Cicero unter dem Konsulat eines

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Julius Caesar!¹) Kaiser Tiberius, nach manchen Geschichts-
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schreibern der tüchtigste Herrscher, den das römische Imperium besessen, erkannte in der Immigration der Juden (also ebenfalls schon vor der Zerstörung Jerusalems!) eine   n a t i o n a l e   Gefahr; Friedrich II., der Hohenstaufe, gewiss einer der genialsten Menschen, die je die Krone getragen und das Schwert geführt haben, ein freier denkender Mann als irgend ein Monarch des 19. Jahrhunderts, ein begeisterter Bewunderer des Morgenlandes und generöser Unterstützer hebräischer Gelehrten, hielt es dennoch für angezeigt (entgegen der Sitte seiner Zeitgenossen), die Juden von allen öffentlichen Ämtern auszuschliessen, und wies warnend darauf hin, dass, wo man auch den Juden zur Gewalt zulässt, er sie missbraucht; genau das selbe lehrte der andere grosse Friedrich II., der Hohenzoller, der jede Freiheit gewährte, nur nicht die der Juden; nicht unähnlich hat Fürst Bismarck, als er noch offen reden durfte, sich im Landtag (1847) geäussert, und der grosse Geschichtsforscher Mommsen spricht vom Judentum als von einem „Staat im Staate“. — Was speziell den sozialen Einfluss betrifft, so will ich mich begnügen, zwei weise, gerechte Männer anzuführen, deren Urteil selbst den Juden nicht verdächtig sein kann, Herder und Goethe. Der Erste behauptet: „Ein Ministerium, bei dem der Jude Alles gilt, eine Haushaltung, in der ein Jude die Schlüssel zur Garderobe oder der ganzen Kasse des Hauses führt, ein Departement oder Kommissariat, in welchem die Juden die Hauptgeschäfte treiben — — sind unauszutrocknende pontinische Sümpfe“; und er meint, die Gegenwart einer unbestimmten Menge Juden sei für einen europäischen Staat so verderblich, dass man sich „nicht durch allgemeine menschenfreundliche Grundsätze leiten lassen dürfe“, sondern es handle sich um eine   S t a a t s f r a g e,   und es sei Pflicht eines jeden Staates, festzustellen: „wie viele von diesem fremden Volke dürfen ohne Nachteil der Eingeborenen geduldet werden“.²) Goethe geht noch tiefer: „Wie sollten wir dem Juden den Anteil an der höchsten Kultur
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    ¹) Siehe die Verteidigung des Lucius Flaccus, Abschn. XXVIII.
    ²) Adrastea: Bekehrung der Juden.

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vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?“ Und er gerät in „leidenschaftlichen Zorn“, als das Gesetz des Jahres 1823 die Heirat zwischen Juden und Deutschen gestattet, er prophezeit „die schlimmsten und grellsten Folgen“, namentlich die „Untergrabung aller sittlichen Gefühle“, und vermutet, die Bestechung durch den „allmächtigen Rothschild“ müsse dieser „Albernheit“ zu Grunde liegen.¹) Goethe und Herder urteilen also genau so wie der grosse Hohenstaufe, wie der grosse Hohenzoller, und wie alle grossen Männer vor und nach ihnen: ohne in abergläubischer Weise dem jüdischen Volke seine Eigenart zum Vorwurf zu machen, halten sie es für eine thatsächliche Gefahr für   u n s e r e   Civilisation und für   u n s e r e   Kultur; sie würden
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ihm einen thätigen Anteil daran nicht vergönnen. Über einen derartigen consensus ingeniorum kann man doch nicht so ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen. Denn allen diesen wohlerwogenen, ernsten, aus der Fülle der Erfahrung und dem Scharfblick der bedeutendsten Geister hervorgegangenen Urteilen hat man weiter nichts entgegenzustellen, als die hohlen Phrasen der droits de l'homme — eines parlamentarischen Wisches.²)
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    ¹) Wilhelm Meister's Wanderjahre, Buch III, Kap. 11 und Gespräch mit von Müller vom 23. 9. 1823.
    ²) Ich habe meine Citate mit Absicht beschränkt. Doch kann ich mich nicht enthalten, mindestens in einer Anmerkung den grossen Voltaire gegen die jetzt so ziemlich allerorten eingebürgerte Fabel in Schutz zu nehmen, als habe er so überaus günstig und „humanitär“ flach, wie unsere Zeit es wünschen möchte, über den Einfluss der Juden auf unsere Kultur geurteilt. Selbst Juden von so umfassender Bildung wie ein James Darmesteter (Peuple Juif, 2. éd. p. 17) drucken den Namen Voltaire in fetten Buchstaben und stellen ihn als einen der geistigen Urheber ihrer Emanzipation dar. Das Gegenteil ist wahr; mehr als einmal rät Voltaire, man solle die Juden nach Palästina zurückschicken. Voltaire gehört zu den Autoren, die ich am besten kenne, weil ich die kurzweiligen Bücher den langweiligen vorziehe, und ich glaube, ich könnte leicht hundert Citate aggressivster Art gegen die Juden zusammenstellen. In dem Aufsatz des Dictionnaire Philosophique (Ende von section I) sagt er: „Vous ne trouverez dans les Juifs qu'un peuple ignorant et barbare, qui joint depuis longtemps la plus sordide avarice à la plus détestable superstition et à la plus invincible haine pour tous les

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Fürsten und Adel

    Andererseits ist es sicher und muss wohl beachtet werden, dass, wenn die Juden die Verantwortung für manche grauenhafte

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peuples qui les tolèrent et qui les enrichissent.“ In Dieu et les hommes (ch. X) nennt er die Juden: „la plus haïssable et la plus honteuse des petites nations“. Mehr kann man wirklich kaum verlangen, um über seine Meinung ins Klare zu kommen! Doch diese Meinung sollte umso mehr Gewicht haben, als gerade Voltaire in vielen und umfangreichen Schriften sich eingehend mit jüdischer Geschichte und mit dem Studium des jüdischen Charakters abgegeben hat (so eingehend, dass der als „oberflächlicher Dilettant“ Verrufene heutzutage gelegentlich von einem Fachgelehrten ersten Ranges wie Wellhausen citiert wird). Und so ist es beachtenswert, wenn er schreibt (Essai sur les Moeurs, ch. XLII): „La nation juive ose étaler une haine irréconciliable contre toutes les nations, elle se révolte contre tous ses maîtres; toujours superstitieuse, toujours avide du bien d'autrui, toujours barbare, — rampante dans le malheur, et insolente dans la prospérité“. Auch über die geistigen Anlagen der Juden urteilt er kurz und apodiktisch; er behauptet: „Les Juifs n'ont jamais rien inventé“ (La défense de mon oncle, ch. VII), und in dem Essai sur les Moeurs führt er in mehreren Kapiteln aus, die Juden hätten stets von anderen Nationen gelernt, niemals aber selber die anderen etwas gelehrt; selbst ihre Musik, sonst allgemein gelobt, kann Voltaire nicht ausstehen: „Retournez en Judée le plus tôt que vous pourrez — — — vous y exécuteriez à plaisir dans votre détestable jargon votre détestable musique“ (6me lettre du Dictionnaire). Diese eigentümliche geistige Sterilität der Juden erklärt er an anderen Orten durch die unmässige Gier nach Gold: „L'argent fut l'objet de leur conduite dans tous les temps“ (Dieu et les hommes, XXIX). An hundert Stellen spottet Voltaire über die Juden, z. B. in Zadig (ch. X), wo der Jude einen feierlichen Dank zu Gott emporsendet für einen gelungenen Betrug; die beissendste Satire auf das Judentum, die es überhaupt giebt, ist ohne Frage die Schrift Un Chrétien contre six Juifs. Und doch haftete allen diesen Äusserungen eine gewisse Reserve an, da sie für die Veröffentlichung bestimmt waren; wogegen Voltaire in einem Brief an den Chevalier de Lisle vom 15. Dezember 1773 (also an seinem Lebensende, nicht in der Hitze der Jugend) seine Meinung ohne Zurückhaltung aussprechen durfte: „Que ces déprépucé d'Israël se disent de la tribu de Nephthali ou d'Issachar, cela est fort peu important; ils n'en sont pas moins les plus grand gueux qui aient jamais souillé la face du globe“. — Man sieht, der feurige Franzose urteilt über die Juden wie nur irgend ein fanatischer Bischof; er unterscheidet sich höchstens durch den Zusatz, den er hin

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historische Entwickelung, für den Verfall mancher heldenmütiger, kraftstrotzender Völker trifft, diese Verantwortung noch schwerer auf den Häuptern jener Europäer lastet, welche die zersetzende Thätigkeit der Juden aus den schnödesten Gründen stets ermutigt, beschützt, gefördert haben, und das sind in erster Reihe die Fürsten und der Adel — und zwar von dem ersten Säculum unserer Zeitrechnung an bis zum heutigen Tage. Man schlage die Geschichte welches europäischen Volkes man will auf, überall wird man, sobald die Juden zahlreich sind und sich „zu fühlen“ beginnen, bittere Klagen aus dem Volk, aus dem Kaufmannsstand, aus den Kreisen der Gelehrten und der dichterischen Seher gegen sie erheben hören, und immer und überall sind es die Fürsten und der Adel, welche sie beschützen: die Fürsten, weil sie Geld zu ihren Kriegen brauchen, der Adel, weil er leichtsinnig lebt. Von Wilhelm dem Eroberer z. B. erzählt Edmund Burke,¹) dass, da die Einkommen aus „talliage“ und aus allerhand anderen drückenden
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Steuern ihm nicht genügten, er von Zeit zu Zeit den Juden ihre Schuldscheine entweder konfiszierte oder für ein Spottgeld abzwang, wodurch dann, da fast der gesamte anglo-normännische Adel des 11. Jahrhunderts in den Händen der jüdischen Wucherer lag, der
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und wieder seinen heftigsten Ausfällen anhängt „Il ne faut pourtant pas les brûler.“ Ein fernerer Unterschied liegt in der Thatsache, dass es ein humaner, toleranter und gelehrter Mann ist, der dieses überaus scharfe Urteil fällt. Doch wie erklärt man das Vorhandensein einer so erbarmungslos einseitigen, jede Hoffnung ausschliessenden Gesinnung bei einem so liberal denkenden Manne, einer Gesinnung, die in ihrer Masslosigkeit unvorteilhaft von den oben angeführten Worten der deutschen Weisen absticht? Hier könnte unsere Zeit viel lernen, wenn sie es wollte! Denn man sieht, dass diesem gallischen Drang nach Gleichheit und Freiheit nicht die Liebe zur Gerechtigkeit, nicht die Achtung vor der Individualität zu Grunde liegt; und man darf weiter folgern: nicht aus Prinzipien ergiebt sich Verständnis, nicht aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit die Möglichkeit, in würdevollem Frieden nebeneinander zu leben, sondern einzig die rücksichtslose Anerkennung des Trennenden der eigenen Art und der eigenen Interessen kann gerecht machen gegen fremde Art und fremde Interessen.
    ¹) An Abridgment of English History, book III., ch. 2.

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König selber der erbarmungslos strenge Gläubiger seiner hervorragendsten Unterthanen wurde. Dabei beschützte er zugleich die Juden und verlieh ihnen Privilegien aller Art. Dieses eine Beispiel stehe für Tausende und Abertausende.¹) Haben also die Juden einen grossen und historisch verderblichen Einfluss ausgeübt, so ist es nicht zum Wenigsten Dank der Komplizität jener beiden Elemente, die in geradezu niederträchtiger Weise die Juden zugleich verfolgten und ausnutzten. Und zwar dauert dies bis hinab ins 19. Jahrhundert: Graf Mirabeau steht schon vor der Revolution mit den Juden in engster Fühlung,²) Fürst Talleyrand verficht in der Constituante ihre unbedingte Emanzipation gegen die Vertreter aus den bürgerlichen Ständen, Napoleon beschirmt sie, als nach so wenigen Jahren schon aus ganz Frankreich klagende Bitten um Schutz gegen sie bei der Regierung eingereicht werden, und zwar thut er es, obwohl er selber im Staatsrate ausgerufen hatte: „Heuschrecken und Raupen sind diese Juden, sie fressen mein Frankreich auf!“ — er brauchte eben ihr Geld; Fürst Dalberg verkauft den Frankfurter Juden, der gesamten Bürgerschaft
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    ¹) Der berühmte Nationalökonom Dr. W. Cunningham vergleicht in seinem Buche The Growth of English industry and commerce during the early and middle ages (3. Aufl., 1896, S. 201) die Wirksamkeit der Juden in England vom 10. Jahrhundert an mit einem   S c h w a m m e,   der alle Wohlhabenbeit des Landes aufsaugt und dadurch jede wirtschaftliche Entfaltung hintanhält. Interessant ist daselbst der Nachweis, dass schon zu jenen frühen Zeiten die Gesetzgebung sich alle Mühe gab, die Juden zu der Annahme anständiger Gewerbe und ehrlicher Arbeit zu veranlassen, und dadurch zugleich zur Amalgamierung mit der übrigen Bevölkerung, doch alles ohne Erfolg.
    ²) Über Mirabeau's Beeinflussung durch „die klugen Weiber aus der Judenschaft“ (wie Gentz sagt) und seine Zugehörigkeit zu wesentlich jüdischen geheimen Verbindungen siehe, ausser Graetz: Volkst. Geschichte der Juden (III, 600, 610 fg.), ganz besonders l'Abbé Lémann: L'entrée des Israélites dans la société française, Buch III, Kap. 7; als konvertierter Jude versteht dieser Autor, was andere nicht verstehen, und zugleich sagt er, was die jüdischen Autoren verschweigen. Vor Allem wichtig dürfte bei Mirabeau die Thatsache sein, dass er von Jugend auf stark verschuldet an die Juden war (Carlyle: Essay on Mirabeau).

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zum Trotz, die vollen Bürgerrechte für eine halbe Million Gulden (1811), die Hardenbergs und die Metternichs lassen sich beim Wiener Kongress vom Bankhaus Rothschild umgarnen, und, entgegen den Stimmen sämtlicher Bundesvertreter, verfechten sie
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den Nachteil der Deutschen und den Vorteil der Juden und setzen schliesslich ihren Willen durch, ja, die beiden durch sie vertretenen konservativsten Staaten sind die ersten, welche diejenigen Mitglieder des „fremden, asiatischen Volkes“, die in den Jahren der allgemeinen Not und des Jammers auf unsauberem Wege zu ungeheueren Reichtümern gelangt waren, in den erblichen Adelstand erheben, was ehrlichen und verdienten Juden nie geschehen war.¹) Waren also die Juden für uns eine verderbliche Nachbarschaft, so fordert doch die Gerechtigkeit das Geständnis, dass sie nach der Natur ihrer Instinkte und ihrer Gaben handelten, wobei sie zugleich ein wahrhaft bewunderungswürdiges Beispiel der Treue gegen sich selbst, gegen die eigene Nation, gegen den Glauben der Väter gaben; die Versucher und die Verräter waren nicht sie, sondern wir. Wir selber waren die verbrecherischen Helfershelfer der Juden, das war so und ist noch heute so; und wir selber übten Verrat an dem, was der erbärmlichste Bewohner des Ghetto heilig hielt, an der Reinheit des ererbten Blutes: auch das war schon früher so, und ist so heute mehr denn je. Einzig die christliche Kirche scheint unter den grossen Mächten im Ganzen gerecht und weise gehandelt zu haben (wobei man natürlich von jenen Bischöfen absehen muss, die eigentlich weltliche Fürsten waren, sowie von einzelnen Päpsten). Die Kirche hat die Juden im Zaum gehalten, sie als fremde Menschen behandelt, zugleich aber sie vor Verfolgung geschützt. Jede anscheinend „kirchliche“ Verfolgung wurzelt in Wahrheit in unerträglich gewordenen ökonomischen Zuständen; nirgends sieht
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    ¹) Übrigens ist dies eine alte Gepflogenheit der Fürsten, die nicht den Juden allein zu Gute kommt; schon Martin Luther muss berichten: „Die Fürsten lassen die Diebe hängen, die einen Gulden oder einen halben gestohlen haben, und handthieren mit denen, die alle Welt berauben und stehlen mehr, denn alle Andern“ (Von Kaufhandlung und Wucher).

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man das deutlicher als in Spanien. Heute, wo die öffentliche Meinung so arg irregeleitet wird, indem die Juden ihre unversöhnliche Feindschaft vor allem gegen jede Erscheinung des christlichen Glaubens bethätigen, mag es gut sein, daran zu erinnern, dass die letzte Handlung der vorbereitenden Versammlung jenes ersten in unseren Zeiten zusammenberufenen Synedriums des Jahres 1807 eine spontane Kundgebung des Dankes an die Geistlichen der verschiedenen christlichen Kirchen war für ihren durch Jahrhunderte gewährten Schutz.¹)

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    Doch genug dieser flüchtigen historischen Fragmente. Sie zeigen, dass „der Eintritt der Juden“ auf den Gang der europäischen Geschichte seit dem 1. Jahrhundert einen nicht geringen und einen nach manchen Richtungen hin gewiss verhängnisvollen Einfluss ausgeübt hat. Damit ist aber über den Juden selber noch wenig ausgesagt; dass der nordamerikanische Indianer an dem Kontakt des Indoeuropäers ausstirbt, beweist noch nicht, dass letzterer ein schlechter, verderbnisvoller Mensch sei: dass der Jude uns schadet oder nützt, ist eine zu vielseitig bedingte Aussage, um ein sicheres Urteil über sein Wesen zu gestatten. Überhaupt steht der Jude seit 19 Jahrhunderten nicht bloss in
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    ¹) Diogène Tama: Collection des actes de l'Assemblée des Israélites de France et du royaume d'ltalie (Paris 1807. p. 327, 328; der Verfasser ist Jude und war Sekretär des Abgesandten der Juden der Bouches-du-Rhône, M. Constantini). Nach einer ausführlichen Begründung schliesst das betr. Dokument: „Les députés israélites arrêtent: Que l'expression de ces sentiments sera consignée dans le procès-verbal de ce jour pour qu'elle demeure à jamais comme un témoignage authentique de la gratitude des Israélites de cette Assemblée pour les bienfaits que les générations qui les ont précédés ont reçus des ecclésiastiques des divers pays d'Europe.“ Eingebracht wurde der Antrag von M. Isaac Samuel Avigdor, Vertreter der Juden in den Alpes-Maritimes. Tama setzt hinzu, die Rede des Avigdor sei mit Beifall aufgenommen und ihre Aufnahme in extenso ins Protokoll beschlossen worden. — Die heutigen jüdischen Historiker melden kein Wort von dieser wichtigen Begebenheit. Nicht allein Graetz übergeht sie mit Stillschweigen, sondern auch Bédarride: Les Juifs en France (1859), trotzdem er sich den Anschein giebt, als berichte er ausführlich protokollarisch.

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ä u s s e r e r   Beziehung mit unserer Kultur als mehr oder weniger willkommener Hospitant, sondern auch in   i n n e r e r   Berührung. Wie Kant mit Recht bemerkt, ist die Erhaltung des Judentums in erster Reihe das Werk des Christentums.¹) Aus seiner Mitte — wenn auch nicht aus seinem Stamm und seinem Geist — ging Jesus Christus, gingen die frühesten Bekenner der christlichen Religion hervor. Jüdische Geschichte, jüdische Vorstellungen jüdisches Denken und Dichten wurden zu wichtigen Bestandteilen unseres seelischen Lebens. Es geht wohl doch nicht an, jene äussere Reibung von dieser inneren Durchdringung ganz zu trennen. Hätten wir den Juden nicht feierlich zu unserem Ohm ernannt, er wäre bei uns ebensowenig heimisch geworden wie der Sarazene, oder wie jene übrigen Wracke halbsemitischer Völkerschaften, welche nur durch bedingungsloses Aufgehen in den Nationen Südeuropas ihr Leben — doch nicht ihre Individualität — retteten. Der Jude dagegen war ein gefeites Wesen; mochte er auch hin und wieder auf den Scheiterhaufen geschleppt werden, die blosse Thatsache, dass er Jesum Christum gekreuzigt hatte, umgab ihn mit einem feierlichen, Furcht erregenden Nimbus. Und während das Volk auf diese Weise fasciniert wurde,
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studierten die Gelehrten und heiligen Männer Tag und Nacht in den Büchern der Hebräer: von den Aussprüchen jüdischer Hirten, wie Amos und Micha, getroffen, fielen die Denkmäler einer Kunst, wie sie die Welt nie wieder erblickt hat; vor dem Hohn jüdischer Priester sank die Wissenschaft verachtet dahin; entvölkert wurden Olymp und Walhall, weil es die Juden so wollten; Jahve, der zu den Israeliten gesprochen hatte: „Ihr seid mein Volk und ich bin euer Gott“, wurde nun der Gott der Indoeuropäer; von den Juden übernahmen wir die verhängnisvolle Lehre von der unbedingten religiösen Intoleranz. Zugleich aber übernahmen wir sehr grosse erhabene Seelenregungen; wir gingen bei Propheten in die Lehre, welche eine so herbe, reine Moral predigten, wie ihresgleichen nur noch auf dem fernen Boden Indiens zu finden gewesen wäre; wir lernten einen so lebendigen, Leben gestalten-
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    ¹) Die Religion, allg. Anm. zum 3. Stück.

405 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

den Glauben an eine höhere göttliche Macht kennen, dass er notwendigerweise unsere Seele umgestalten und ihr eine neue Richtung geben musste. War auch Christus der grosse Baumeister, die Architektur entlehnten wir von den Juden. Jesaia, Jeremia, die Psalmisten wurden und sind noch lebendige Kräfte in unsrem seelischen Leben.

Wer ist der Jude?
    Heute nun, wo diese innere Berührung schwächer zu werden beginnt, während jene früher genannte äussere Reibung täglich zunimmt, heute, wo wir der jüdischen Nähe gar nicht mehr ausweichen können, darf es uns nicht genügen zu wissen, dass fast alle hervorragenden und freien Männer, von Tiberius an bis zu Bismarck, die Gegenwart des Juden in unserer Mitte als eine politisch-soziale Gefahr betrachtet haben, sondern wir müssen im Stande sein, auf Grundlage ausreichender Sachkenntnis selber bestimmte Urteile zu fällen und darnach zu handeln. Man hat „Antisemitenkatechismen“ herausgegeben, in denen Hunderte von Aussagen bekannter Männer gesammelt sind; abgesehen davon aber, dass mancher Spruch, aus dem Zusammenhang gerissen, nicht ganz redlich die Absicht des Verfassers wiedergiebt, und dass aus manchen anderen ignorantes, blindes Vorurteil spricht, ist doch offenbar ein eigenes Urteil mehr wert, als zweihundert nachgeplapperte, und ich wüsste nicht, wie wir zu einem kompetenten Urteil gelangen könnten, wenn wir nicht einen höheren Standpunkt einnehmen lernen als den der bloss politischen Betrachtung, auch wüsste ich nicht, wie dieser Standpunkt gewonnen werden könnte auf einem anderen Boden, als auf dem der Geschichte, nicht aber unserer modernen Geschichte — denn hier Wären wir Richter und Partei zugleich — sondern der Geschichte
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von dem Werden des jüdischen Volkes. Dokumente liegen in Hülle und Fülle vor; gerade im 19. Jahrhundert sind sie durch die hingebende Arbeit gelehrter Männer — zumeist Deutscher, doch auch hervorragender Franzosen, Holländer und Engländer — geprüft, kritisch gesichtet und historisch klassifiziert worden; viel bleibt noch zu thun, doch ist schon genug geschehen, damit wir eines der merkwürdigsten Blätter menschlicher Historie im Grossen und Ganzen deutlich und sicher überblicken können.

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Dieser Jude, der so ewig unveränderlich, so beharrlich, wie Goethe sagt, erscheint, er ist doch   g e w o r d e n,   langsam geworden, ja, „künstlich“ geworden. Sicherlich wird er auch, wie alles Gewordene, vergehen. Schon das bringt ihn uns menschlich näher. Was ein „Semit“ ist, das vermag kein Mensch zu sagen. Vor hundert Jahren glaubte es die Wissenschaft zu wissen: Semiten waren die Söhne Sem's; jetzt wird die Antwort immer unbestimmter; man hatte gewähnt, das sprachliche Kriterium sei entscheidend: ein gewaltiger Irrtum! Zwar bleibt der Begriff „Semit“ unentbehrlich, weil durch ihn ein vielseitiger Komplex historischer Erscheinungen in seiner Zusammengehörigkeit bezeichnet wird; es fehlt jedoch jede feste Grenzlinie; an der Peripherie schmilzt diese ethnographische Vorstellung mit anderen zusammen. Schliesslich bleibt der „Semit“ als Begriff einer Urrasse, gleichwie der „Arier“, einer jener Rechenpfennige, ohne die man sich nicht verständigen könnte, die man sich aber wohl hüten muss für bare Münze zu halten. Die wirkliche bare Münze sind dagegen jene empirisch gegebenen, historisch gewordenen nationalen Individualitäten, von denen ich im vorigen Kapitel gesprochen habe, solche Individualitäten wie z. B. die Juden. Rasse ist nicht ein Urphänomen, sondern sie wird erzeugt: physiologisch durch charakteristische Blutmischung, gefolgt von Inzucht; psychisch durch den Einfluss, welchen lang anhaltende, historisch-geographische Bedingungen auf jene besondere, spezifische, physiologische Anlage ausüben.¹) Wollen wir also (und das, meine ich, muss die Hauptaufgabe dieses Kapitels sein) den Juden fragen:   w e r   b i s t   d u ?  so müssen wir zuerst erforschen, ob dieser so scharf ausgeprägten Individualität nicht eine Blutmischung zu Grunde liegt, und sodann — wenn das Resultat ein bejahendes ist — verfolgen, wie die hierdurch entstandene eigenartige Seele sich immer weiter differenzierte. Wie nirgends an-
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derswo kann man gerade beim Juden diesen Vorgang verfolgen; denn die gesamte jüdische Nationalgeschichte gleicht einem fortwährenden Ausscheidungsverfahren; der Charakter des jüdischen
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    ¹) Vergl. S. 288. (Betreffs des Semiten siehe auch S. 349.)

407 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Volkes wird immer individueller, immer ausgesprochener, immer einfacher: zuletzt bleibt gewissermassen vom ganzen Wesen nur das mittlere Knochengerüst übrig: die langsam gereifte Frucht wird ihrer flaumigen, farbigen Hülle, ihres saftigen Fleisches beraubt, denn diese könnten von aussen befleckt und angefressen werden: einzig der steinigte   K e r n   besteht weiter, zwar verschrumpft und dürr, der Zeit aber trotzend. Doch, wie gesagt, das war nicht immer so. Was aus den heiligen Büchern der Hebräer in die christliche Religion übergegangen ist, stammt nicht aus diesem Greisenalter des eigentlichen Judentums, sondern teils aus der Jugend des viel weiteren, phantasievolleren „israelitischen“ Volkes, teils aus dem Mannesalter des kaum erst von Israel getrennten, noch nicht von den übrigen Nationen der Erde hochmütig sich scheidenden Judäers. Der Jude, den wir jetzt kennen und am Werke sehen, ist erst nach und nach Jude geworden; nicht jedoch, wie die historische Lüge noch immer zu behaupten beliebt, im Laufe des christlichen Mittelalters, sondern auf nationalem Boden, im Verlaufe seiner selbständigen Geschichte; sein Schicksal schuf sich der Jude selber; in Jerusalem stand der erste Ghetto, die hohe Mauer, welche den Rechtgläubigen und Rechtgeborenen von den Goyim schied, diesen den Eintritt in die eigentliche Stadt verwehrend. Weder Jakob, noch Salomo, noch Jesaia würden in Rabbi Akiba (dem grossen Schriftgelehrten des Talmud) ihren Enkel erkennen, geschweige ihren Urenkel in Baron Hirsch oder dem Diamanten-Barnato.¹)
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    ¹) Für die messianische Zeit war der Traum der späteren Juden (im Gegensatz zu den freier denkenden Israeliten früherer Jahrhunderte), den Fremden den Eintritt in Jerusalem überhaupt zu verwehren; man schlage nur Joel III, 22 nach; und da dieser sehr späte Prophet -— aus der hellenischen Zeit — zugleich sagt, Gott Werde ewig in Jerusalem und nur in Jerusalem wohnen, so bedeutet jenes Verbot das Ausschliessen aller Völker von Gottes Gegenwart. Das war die Toleranz der Juden! — Dass die meisten Rabbiner alle Nichtjuden vom Anteil an einer zukünftigen Welt ausschlossen, andere sie nur als eine verachtete Menge dort duldeten (siehe Traktat Gittin fol. 57a des Babylonischen Talmud, und Weber, System der altsynagogalen palästinischen Theologie, S. 372, nach Laible), ist

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    Versuchen wir also, uns auf dem kurzen Wege möglichster Vereinfachung die wesentlichen Züge dieser eigenartigen Volks-
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seele, wie sie nach und nach immer schärfere und einseitigere Ausprägung gewannen, deutlich vorzuführen. Der Gelehrsamkeit bedarf es keineswegs; denn auf die Frage: wer bist du? erteilt, wie schon bemerkt, der Jude selber und gleichfalls sein Vorahne, der Israelit, von jeher die klarste Antwort; dazu kommt dann die Summe wissenschaftlicher Arbeit, von Ewald bis Wellhausen und Ramsay, von De Wette und Reuss bis Duhm und Cheyne; wir haben nur das Facit zu ziehen, wie es der praktische Mann braucht, der, inmitten des brausenden Weltgetriebes, sein Urteil auf bestimmte Einsichten will gründen können.
    Nur noch zwei, rein methodische Bemerkungen. Da früher, namentlich in dem Kapitel über die Erscheinung Christi, schon eingehend von den Juden die Rede war und dieses Thema voraussichtlich später wieder auftauchen wird, so durfte sich der Verfasser hier auf die Kernfrage beschränken und im Übrigen für manche Ausführung auf bereits Gesagtes oder später zu Sagendes verweisen. Was andrerseits die benutzten Autoren anbelangt, so war es nicht zu umgehen, dass ausser der Bibel und einigen eingehend studierten neueren jüdischen Schriftstellern auch viele nichtjüdische Gelehrte zu Rate gezogen wurden; für die Kenntnis der Propheten und für die richtige Auffassung geschichtlicher Vorgänge war das unentbehrlich; jedoch sind diese Gelehrten, selbst die freisinnigsten unter ihnen, lauter Männer, welche für das jüdische Volk — mindestens in seiner früheren Gestalt — eine grosse, vielleicht übertriebene Bewunderung an den Tag legen, und welche alle geneigt sind, dieses Volk als ein in irgend einem Sinne religiös „auserwähltes“ zu betrachten. Dagegen blieben ausgesprochene Antisemiten grundsätzlich unberücksichtigt; es geschah im Interesse der Darstellung.
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schliesslich nur logisch; was dagegen komisch wirkt, ist die Behauptung der heutigen Juden, ihre Religion sei „die Religion der Humanität“!

409 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Gliederung der Untersuchung

    Über einen Gegenstand, der mir ausserordentlich wichtig dünkt, hat die Wissenschaft der letzten Jahre viel Licht verbreitet, nämlich über die   A n t h r o p o g e n i e   der Israeliten, d. h. über die physische Entstehungsgeschichte dieser besonderen nationalen Rasse. Freilich giebt es hier wie überall eine ewig unerforschliche Vergangenheit, und ohne Zweifel wird auch Manches, was kühne Archäologen eigentlich mehr mit den Fühlhörnern ihres wunderbar geübten Instinktes abgetastet und erraten, als mit ihren Augen zur Evidenz erschaut haben, durch neuere Forschungen und Entdeckungen noch weitgehende Korrekturen erfahren. Doch

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das gilt uns hier gleich. Das Wichtige und das, was eine feste Errungenschaft der Geschichte ausmacht, ist: erstens, dass das israelitische Volk das Produkt vielfältiger Mischungen darstellt, und zwar nicht Mischungen zwischen verwandten Typen (wie etwa die alten Griechen oder die heutigen Engländer), sondern zwischen physisch und moralisch durchaus von einander abweichenden Typen; zweitens, dass echt semitisches Blut (wenn dieser Notbegriff überhaupt einen Sinn behalten soll) wohl kaum die Hälfte dieses Gemenges ausmacht. Das sind sichere Ergebnisse der exakten anatomischen Anthropologie und der Geschichtsforschung, zweier Wissenszweige, welche sich hier gegenseitig helfend die Hand reichen. Eine dritte Einsicht ergänzt die genannten; wir verdanken sie den kritischen Bemühungen der biblischen Archäologie, durch welche in die höchst verwickelte Chronologie der aus den verschiedensten Jahrhunderten stammenden und dann ganz willkürlich, doch nicht planlos, zusammengestellten Schriften des Alten Testamentes endlich Licht gebracht worden ist: diese belehren uns, dass der eigentliche   J u d e   nicht mit dem Israeliten im weiteren Sinne des Wortes zu identifizieren ist, dass das Haus Juda schon bei der Ansiedlung in Palästina sich von dem (die übrigen Stämme umfassenden) Hause Joseph durch Blutmischung und Anlage in etlichen Punkten unterschied, und zwar so, dass der Judäer zum Josephiten in einer Art geistiger Abhängigkeit stand, und dass er erst relativ sehr spät, nach der gewaltsamen Absonderung von seinen Brüdern, eigene Wege — die Wege, die zum Judentum führten — zu wandeln begann,

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welche ihn dann bald durch seine zum religiösen Prinzip erhobene Inzucht von der ganzen Welt isolierten. Der Jude kann insofern ein Israelit genannt werden, als er ein Schössling aus jener Familie ist; der Israelit dagegen, auch der aus dem Stamme Juda, war zunächst kein Jude, sondern der Jude begann erst dann zu entstehen, als die kräftigeren Stämme des Nordens durch die Assyrer vernichtet worden waren. Um zu erfahren, wer der Jude ist, haben wir also zunächst festzustellen, wer der Israelit war, und sodann erst nachzufragen, wie der Israelit des Stammes Juda (und Benjamin) zum Juden wurde. Und da ist Vorsicht im Gebrauch der Quellen nötig. Erst   n a c h   der babylonischen Gefangenschaft künstelte man nämlich den spezifisch jüdischen Charakter in die Bibel hinein, indem ganze Bücher erfunden und dem Moses zugeschrieben wurden, und indem häufig Vers für Vers Interpolationen und Korrekturen die freiere Anschauung Altisraels verwischten und durch den engen jerusalemitischen Jahvekultus
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ersetzten, als habe dieser von jeher in Folge göttlicher Satzung bestanden. Dies hat das Verständnis des allmählichen und durchaus menschlich-historischen Werdeganges des jüdischen Nationalcharakters lange verdunkelt. Nun endlich ist es auf diesem Gebiete ebenfalls hell geworden. Und auch hier können wir sagen: wir halten eine dauernde Errungenschaft wissenschaftlicher Forschung in der Hand. Ob spätere Untersuchungen diesen und jenen Satz des Hexateuchs, den man heute der „jahvistischen“ Abfassung zuschreibt, als der „elohistischen“, oder als dem spätesten „Redaktor“ angehörig nachweist, ob ein bestimmter Spruch von dem wirklichen Jesaia oder von dem sogenannten Deuterojesaia herrührt, das hat alles seine Wichtigkeit, wird aber niemals etwas an der Erkenntnis ändern, dass das eigentliche Judentum mit seinem besonderen Jahveglauben und seiner ausschliesslichen Herrschaft des priesterlichen Gesetzes das Ergebnis einer nachweisbaren und höchst eigentümlichen, historischen Verkettung und des Eingreifens einzelner zielbewusster Männer ist.
    Diese drei Thatsachen sind zunächst für jede Erkenntnis jüdischen Wesens grundlegend; sie dürfen nicht der Besitz einer gelehrten Minderheit bleiben, sondern müssen dem Bewusstsein

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aller Gebildeten einverleibt werden. Ich wiederhole sie in präciserer Fassung:
  1. Das israelitische Volk ist aus der Kreuzung durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen;
  2. das semitische Element mag wohl moralisch das kräftigere gewesen sein, physisch jedoch trug es kaum die Hälfte zur Zusammensetzung der neuen ethnologischen Individualität bei; es geht also nicht an, die Israeliten kurzweg „Semiten“ zu nennen, sondern die Beteiligung der verschiedenen Menschentypen an der Bildung der israelitischen Rasse erfordert eine quantitative und qualitative Analyse;
  3. der eigentliche   J u d e   entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche physische Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümmerung anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens, sondern gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine Priesterkaste, welche dem widerstrebenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine priesterliche Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben aufzwang.
    Hierdurch ist die Gliederung für die folgende Darstellung gegeben. Ich werde zunächst die Geschichte und die Anthropologie
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befragen, damit wir erfahren, aus   w e l c h e n   R a s s e n   die neue israelitische Rasse (als Grundlage der jüdischen) hervorging; sodann wird die Beteiligung dieser verschiedenen Menschentypen in ihrer physischen und namentlich in ihrer moralischen Bedeutung analysiert werden müssen, wobei unser Augenmerk sich natürlich ganz besonders auf die Auffassung der   R e l i g i o n   bei ihnen richten wird, da die Grundlage des Judentums der von ihm gelehrte Glaube ist und wir den Juden weder in der Geschichte noch heute in unserer Mitte richtig beurteilen können, wenn wir über seine Religion nicht vollständig im Klaren sind; zuletzt werde ich zu zeigen versuchen, wie unter dem Einfluss merkwürdiger historischer Begebenheiten das spezifische   J u -

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d e n t u m   g e g r ü n d e t   und dauernd in seiner besonderen unvergleichlichen Eigenart befestigt werde. Hiermit dürfte die Aufgabe dieses Kapitels, wie ich sie vorhin präcisierte, erledigt sein; denn die jüdische Rasse — wenn sie auch zu gewissen Zeiten später manches fremde Element aufnahm — blieb im Ganzen so rein wie sonst keine zweite, und die jüdische Nation ist von allem Anfang an eine wesentlich „ideale“ gewesen, d. h. sie bestand in dem Glauben an eine bestimmte Nationalidee, nicht in dem Besitz eines eigenen freien Staates, noch in dem gemeinschaftlichen Zusammenleben und -wirken auf dessen Boden, und diese Idee ist die selbe heute wie vor 2000 Jahren. Rasse und Ideal machen aber zusammen die Persönlichkeit des Menschen aus; sie beantworten die Frage: wer bist du?

Entstehung des Israeliten
    Die Israeliten¹) sind aus der Kreuzung zwischen drei (vielleicht sogar vier) verschiedenen Menschentypen hervorgegangen: dem semitischen Typus, dem syrischen (richtiger gesagt hethitischen) und dem indoeuropäischen (möglicher Weise floss auch turanisches oder, wie man in Deutschland es häufiger nennt, sumero-akkadisches Blut in den Adern ihrer Urväter).
    Damit dem Leser ganz klar werde, wie diese Mischung stattfand, muss ich eine flüchtige historische Skizze vorausschicken; sie soll nur dazu dienen, das Gedächtnis für allbekannte Thatsachen aufzufrischen und das Verständnis der Entstehungsgeschichte der jüdischen Rasse anzubahnen.
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    Ist auch der Begriff „Semit“, insofern man darin eine von Uranfang existierende, reine, autonome Rasse, gleichsam eine besondere Schöpfung Gottes erblicken will, gewiss ein pures Gedankending, so steht es doch um diesen Begriff besser als um den
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    ¹) Und nicht sie allein, sondern ihre Stammesgenossen, die Ammoniter, die Moabiter und die Edomiter, die mit ihnen zusammen die Familie der   H e b r ä e r   ausmachen, ein Name, welcher mit Unrecht den Israeliten allein oder gar den blossen Juden beigelegt zu werden pflegt (siehe Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg. S. 7); zu derselben Familie gehören ebenfalls die Midianiter und die Ismaeliter (Maspero: Histoire ancienne, éd. 1895, II. 65).

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


des „Ariers“, denn es lebt noch heute, unter unseren Augen, ein Volk, welches angeblich den reinen, ungetrübten Typus des Ursemiten darstellt: der Wüstenbeduin Arabiens.¹) Lassen wir den luftigen Ursemiten und halten wir uns an den Beduinen in Fleisch und Blut. Man nimmt an, und man hat guten Grund zu dieser Annahme, dass schon etliche Jahrtausende vor Christus Menschen, den heutigen Wüstenbeduinen äusserst ähnlich, in einem fast ununterbrochenen Flusse von Arabien nach Osten und Norden in das Zweistromland auswanderten. Arabien ist gesund, daher vermehrt sich seine Bevölkerung; sein Boden ist äusserst arm, daher muss ein Teil seiner Einwohner an anderem Orte seine Nahrung suchen. Es scheint, als wären diese Exodien bisweilen von grossen bewaffneten Mengen unternommen worden: der angestaute Menschenüberfluss wurde in solchen Fällen mit unüberwindlicher Macht aus der Heimat hinausgeschleudert und fiel erobernd in die benachbarten Länder ein; in anderen Fällen dagegen wanderten einzelne Sippen mit ihren Herden so friedlich wie möglich über die nirgends genau bestimmte Grenze von einem Weideplatz zum andern: bogen sie nicht, wie manche von ihnen thaten, bald nach Westen ab, so konnte es geschehen, dass sie bis an den Euphrat gelangten und, nach und nach, dem Strome folgend, bis hoch in den Norden hinauf. Von der vorerwähnten gewaltsamen Art, sich des Überschusses der Bevölkerung zu entladen, kennen wir denkwürdige Beispiele aus historischen Zeiten
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    ¹) Dies scheint einstimmig von allen Autoren behauptet zu werden, Burkhardt habe ich im weiteren Verlaufe des Kapitels angeführt. Hier will ich mich einzig auf eine neuere und allseitig anerkannte Autorität berufen: William Robertson Smith. In seinem Religion of the Semites (ed. 1894, S. 8) sagt er: „Es kann als sicher angenommen werden, dass die Araber der Wüste seit unvordenklichen Zeiten eine ungemischte Rasse bilden.“ Zugleich macht der selbe Autor darauf aufmerksam, wie unzulässig es sei, die Babylonier, Phönicier u. s. w. kurzweg als „Semiten“ zu bezeichnen, da zunächst lediglich die Verwandtschaft der Sprachen feststehe, alle diese sogenannten „semitischen Nationen“ aber aus einer starken Blutmischung hervorgegangen seien.

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(unter den Römern und nach Mohammed);¹) das Werk einer gleichfalls durch grosse Massen bewirkten, doch friedlicheren Semitisierung erblicken wir in den grossen Kulturstaaten zwischen Tigris und Euphrat. Dort nämlich, wo, wie im Babylonischen Akkadien, die Semiten einer fertigen, starken, wehrhaften Kulturwelt begegneten, überwanden sie sie dadurch, dass sie mit ihr verschmolzen, ein Vorgang, den man jetzt für Babylonien fast Schritt für Schritt verfolgen kann.²) Dagegen wanderten die Beni Israel als einfache Hirten in kleinen Gruppen aus und mussten, um ihren Viehstand zu behaupten, jedem kriegerischen Unternehmen, für das ihre kleine Zahl sie ohnehin untüchtig gemacht hätte, sorglich ausweichen.³) — Natürlich giebt uns der biblische Bericht über die frühesten Wanderungen dieser Beduinenfamilie nur den matten Widerschein uralter mündlicher Traditionen, dazu vielfach gefälscht durch die Missverständnisse, Theorien und Absichten der spätgeborenen Skribenten; doch hat man keinen Grund, die Richtigkeit der allgemeinen Angaben zu bezweifeln, und zwar um so weniger, als sie nichts Unwahrscheinliches enthalten. Freilich ist alles in starker Verkürzung gesehen: ganze
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    ¹) Das letzte Beispiel bot uns das Ende des 19. Jahrhunderts, wo die Araber, die von jeher nicht allein nach Norden und Osten, sondern ebenfalls nach Westen und Süden ausgezogen waren, einen grossen Teil Innerafrikas gänzlich verwüsteten. Immense Reiche, die im Jahre 1880 dicht bevölkert und über und über bebaut waren, sind inzwischen eine Wüstenei geworden. Von einem einzigen Araberhäuptling behauptet Stanley, er habe ein Gebiet von 2000 Quadratmeilen verwüstet! (Siehe die Bücher von Stanley, Wissmann, Hinde u. s. w. und die kurze Zusammenfassung in Ratzel: Völkerkunde, 2. Aufl., II, 430. Vergl. auch oben das Kapitel „Römisches Recht“, S. 140 Anm.).
    ²) Über den verschwundenen Menschentypus der Akkadier oder Sumerier, der Schöpfer der grossartigen Babylonischen Kultur, und über ihre allmähliche Semitisierung siehe Hommel, Sayce, Budge, Maspero.
    ³) Zur Ergänzung und Berichtigung des Folgenden vergl. man das höchst interessante und empfehlenswerte Büchlein von Carl Steuernagel: Die Einwanderung der israelitischen Stämme in Kanaan, Berlin, 1901.

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Familien sind zu einer einzigen Person verschmolzen (ein allgemeiner semitischer Brauch, „desgleichen es nur bei den Semiten giebt“, sagt Wellhausen); andere angebliche Vorahnen sind einfach die Namen der Ortschaften, in deren Nähe sich die Israeliten lange Zeit aufgehalten hatten; Bewegungen, welche das Leben mehrerer Geschlechter in Anspruch nahmen, werden von einem Einzelnen ausgeführt. Dieses Bedürfnis nach Vereinfachung des Vielfältigen, nach Zusammendrängung des Auseinanderliegenden ist dem Volke eben so angeboren wie dem bewusst schaffenden Poeten. So lässt die Bibel z. B. Abraham als schon verheirateten Mann aus der Gegend von Ur, am untersten Laufe des Euphrats, bis in das nördliche Mesopotamien, am Fusse des armenischen Berglandes, auswandern, in jenes Paddan-Aram, von dem das Buch Genesis so häufig redet und das jenseit des Euphrats, zwi-
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schen diesem und dem Seitenfluss Khabur, liegt (in gerader Linie etwa 600 Kilometer, dem Flussthal aber folgend und den Weidenplätzen nachgehend mindestens 1500 Kilometer von Ur entfernt (vergl. die Kartenskizze auf S. 353); damit nicht genug, soll dieser selbe Abraham später von Paddan-Aram nach Südwesten, nach dem Lande Kanaan gezogen sein, von hier weiter nach Ägypten und schliesslich (denn von seinen kleineren Zügen sehe ich ab) von Ägypten wieder nach Kanaan zurück, und das alles von so zahlreichen Viehherden begleitet, dass er, um genug Weideland für sie zu finden, gezwungen war, sich von seinen nächsten Anverwandten zu trennen (Gen. XIII). Trotz dieser Verkürzung birgt die alte hebräische Tradition alles, was zu wissen Not thut, namentlich an solchen Stellen, wo die älteste Tradition fast unverfälscht vorliegt, worüber die Kritik schon eingehende Auskunft giebt.¹) Aus dieser Tradition entnehmen wir nun, dass die betreffende Beduinenfamilie zunächst bis in das Flussgebiet des südIchen Euphrats wanderte und sich längere Zeit in der Umgebung der Stadt Ur aufhielt. Diese Stadt lag südlich von dem grossen Fluss und bildete den äussersten Vorposten Chaldäas. Hier traten die
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    ¹) Vergl. namentlich Gunkel's Handkommentar zur Genesis, 1901. (Inzwischen in 2. verbesserter Auflage erschienen).

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Nomaden zum erstenmal in Berührung mit Civilisation. Zwar konnten die Hirten nicht in deren eigentliches Gebiet eindringen, da prächtige Städte und ein hochentwickelter Bodenbau jeden Zoll Erde besetzt hielten, doch empfingen sie dort unvergängliche Eindrücke und Belehrungen (auf die ich noch zurückkomme); sogar solche Namen wie Abraham und Sarah haben sie dort erst kennen gelernt und erst später durch die von ihnen so beliebten Wortspiele ins Hebräische übertragen (Gen. XVII, 1-6). In der Nähe so hoher Kultur litt es sie jedoch nicht lange, oder vielleicht wurden sie von nachdrängenden Wüstensöhnen weitergeschoben. Und so sehen wir sie immer weiter nach Norden ziehen,¹) bis in
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das damals spärlich bevölkerte Paddan-Aram,²) wo sie lange Zeit, mindestens etliche Jahrhunderte, verweilt haben müssen. Als aber die Weideplätze Mesopotamiens für den an Menschenzahl und Viehstand gewachsenen Familienverband nicht mehr ausreichten, da zog ein Teil aus jener nordöstlichen Ecke Syriens, Paddan-Aram, nach der südwestlichen, Ägypten zunächst gelegenen Ecke, Kanaan, wo er bei einem ansässigen, ackerbauenden Volke gastfreundliche Aufnahme fand und die Erlaubnis erhielt, seine Herden auf den Bergen zu weiden. Doch lebte Mesopotamien (Paddan-Aram) lange Zeit in dem Gedächtnis
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    ¹) Die Richtung war ihnen vorgezeichnet, sie konnten von Ur aus keine andere wählen; denn während mehrerer hundert Kilometer läuft die Wüste parallel mit dem Euphrat, nur ein schmaler Saum bewässerten Bodens trennt sie von ihm; plötzlich aber, genau unter dem 35. Grad, hört die Wüste auf und es öffnet sich nach Westen, Süden und Norden das Land   S y r i e n.   Syrien reicht im Süden bis nach Ägypten, gegen Abend bis zum mittelländischen Meere, gegen Norden bis zum Taurus, im Osten wird es heute vom Euphrat begrenzt, umschloss jedoch nach früheren Verhältnissen und Vorstellungen das jenseit des mittleren Euphrats gelegene Mesopotamien, in welchem die Kinder Abraham's Jahrhunderte lang Aufenthalt nahmen.
    ²) Später war Mesopotamien lange Zeit hindurch eine künstlich bewässerte und in Folge dessen reich kultivierte Gegend; in früheren Zeiten jedoch war es, gleich wie heute, ein armes Land, wo nur nomadische Hirten ihr Auskommen finden konnten (Vgl. Maspero: Histoire ancienne, I, 563).

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der Abrahamiden als ihre echte Heimat fort. Jahve selber nennt Paddan-Aram Abraham's „Vaterland“ (Gen. XII, 1), und der mythische Abraham redet, nachdem er schon lange in Kanaan sich niedergelassen hat, noch immer mit Sehnsucht von seinem

Kartenskizze
Kartenskizze.

fernen „Vaterland“ und entsendet Boten in seine „Heimat“ (Gen. XXIV., 4 und 7), um mit den dort zurückgebliebenen Verwandten wieder anzuknüpfen. Und so bleiben die Abrahamiden, obwohl schon in Kanaan ansässig, während jener langen Zeiten, welche zu den beiden pseudomythischen Namen Isaak und Jakob zusammengezogen worden sind, immerwährend halbe Mesopotamier; es ist ein ewiges Hin und Her; der südliche Zweig fühlt

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sich einem nördlichen Hauptstamm angehörig.¹) Doch es kam der Augenblick, wo sie noch weiter nach Süden ziehen mussten; in dürren Jahren genügte das Weideland Kanaans nicht mehr, vielleicht waren sie auch durch grössere Zahl den Kanaanitern unbequem geworden; und so wanderten sie, unter der ihnen befreundeten Regierung der halbsemitischen Hyksos, nach dem zu Ägypten gehörigen Lande Gosen aus. Erst dieser lange Aufenthalt
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in Ägypten²) unterbrach den Verkehr zwischen den Mitgliedern dieser Familie und ihren Verwandten, den übrigen Hebräern (durch ganz Syrien zerstreut), so dass, als die Israeliten wieder nach Palästina zurückzogen, sie zwar in den Moabitern, Edomitern und anderen Hebräern noch entfernte Blutsangehörige erkannten, doch Hass und Geringschätzung statt der früheren Liebe für sie empfanden, eine Gesinnung, die erfrischend naiven Ausdruck in den Genealogien der Bibel fand, nach welchen einige dieser Geschlechter ihren Ursprung der Blutschande verdanken, andere von Kebsweibern herrühren sollen u. s. w.
    Von   I s r a e l i t e n   im historischen Sinne des Wortes können wir eigentlich erst von diesem Augenblick an reden, wo sie als
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nicht sehr zahlreiches, doch fest gegliedertes Volk, auf der Flucht aus Ägypten erobernd in Kanaan einfallen, um dort einen von wechselnden, meist recht traurigen Schicksalen heimgesuchten Staat zu bilden, der aber, trotzdem er (wie das übrige Syrien) gewissermassen zwischen Hammer und Amboss lag, nämlich
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    ¹) Diese Zeit, während welcher „der Vater Jakob sich zum Volke Israel ausbreitete“, bezeichnet Wellhausen als „einen   J a h r h u n d e r t e   langen Zwischenraum“ (Israelitische und jüdische Geschichte, S. 11).
    ²) Nach Genesis XV vierhundert Jahre, was natürlich nicht buchstäblich zu nehmen ist, sondern als der Ausdruck einer fast undenklich langen Zeit. Die Zahl 40 war bei den Hebräern der Ausdruck für eine unbestimmte grosse Menge, 400 a fortiori. Renan meint, der Aufenthalt der Israeliten in Ägypten habe nicht über ein Jahrhundert gedauert, nur die (mit ihnen vielleicht nicht näher verwandte und stark mit ägyptischem Blute versetzte) Familie der Josephiten sei dort sehr lange ansässig gewesen (Histoire du peuple d'Israël, 13. éd. I, p. 112, 141, 142).

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mitten zwischen den sich bekämpfenden Grossmächten, es dennoch auf einen fast siebenhundertjährigen Bestand als unabhängiges Reich brachte. Dass diese Israeliten nicht sehr zahlreich waren, muss mit Nachdruck betont werden; es ist sowohl geschichtlich wie anthropologisch wichtig; denn diesem Umstande hat man es zuzuschreiben, dass die frühere und eigentlich   a n s ä s s i g e   Einwohnerschaft Kanaans (ein Gemisch von Hethitern und von indoeuropäischen Amoritern) nie vertilgt wurde und stets den Grundstock der Bevölkerung bildete, sogar am heutigen Tage noch bildet.¹) Die Rassenmischungen, von denen ich sogleich reden werde, und die sofort beim ersten Betreten syrischen Bodens begonnen hatten, setzten sich in Folge dessen auch im autonomen Staate Israel, d. h. in Palästina, fort und nahmen erst nach dem babylonischen Exil, und zwar einzig in Judäa, durch ein neu eingeführtes Gesetz ein plötzliches Ende. Denn dass von den übrigen Israeliten sich später die Juden als ethnologische Einheit schieden, ist lediglich die Folge davon, dass die Einwohner Judäas endlich dieser fortwährenden Blutvermengung durch energische Gesetze Einhalt geboten (siehe Esra IX und X).
    Diese vorausgesandte flüchtige Skizze mag der unkundige Wissbegierige durch das Studium von Wellhausen's so knapp gehaltener Israelitische und jüdische Geschichte, von Stade's Geschichte des Volkes Israel, durch Renan's ausführliche, leichtfüssig geschriebene Histoire du peuple d'Israël, durch Maspero's, einen weiten, umfassenden Überblick gewährende Histoire
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    ¹) Sayce: The races of the Old Testament, 2d ed., p. 76, 113. „Der Römer vertrieb den Juden aus dem Lande, das seine Väter erobert hatten, dagegen war es den Juden nie gelungen, die echten Besitzer Kanaans hinauszutreiben. — — Der Jude hielt Jerusalem und Hebron, sowie die umliegenden Städte und Dörfer, sonst bildete er (auch im eigentlichen Judäa) ein Bruchteil der Bevölkerung. — — Sobald der Jude sich entfernte, z. B. beim babylonischen Exil oder nach der Zerstörung Jerusalems durch die Römer, vermehrte sich die vom Druck befreite ursprüngliche Bevölkerung — — — unter welcher die heutigen jüdischen Kolonien in Palästina eben solche Ausländer sind, wie etwa die deutschen Kolonien daselbst.“

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ancienne des peuples de l'Orient classique ergänzen;¹) inzwi-
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schen genügt sie, damit die Anthropogenie des Israeliten in ihren grossen Linien klar dargelegt und der anscheinend verwickelte Sachverhalt in möglichst einfacher Form dem Gedächtnis eingeprägt werden könne. Das will ich jetzt versuchen; wir werden sehen, wie der ursprüngliche, reinsemitische Auswanderer durch Blutmischung zuerst ein Hebräer wurde, sodann ein Israelit.

Der echte Semit
    Die vorstehende historische Skizze zeigt uns als Ausgangspunkt eine Beduinenfamilie.²) Stellen wir zunächst das Eine fest: dieser reine   S e m i t,   der ursprüngliche Auswanderer aus den Wüsten Arabiens, ist und bleibt die treibende Kraft, das Lebensprinzip, die Seele der durch vielfache Kreuzungen entstehenden neuen ethnischen Einheit der Israeliten. Mochten im Verlauf der Zeiten, nicht allein in Folge ihres Schicksals, sondern vor Allem in Folge der Blutmischung mit durchaus abweichenden Menschentypen, seine Nachkommen sich noch so sehr, moralisch und physisch, von ihm, dem urväterlichen Beduinen unterscheiden, ihr spiritus rector blieb er doch in gar mancher Beziehung, sowohl
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    ¹) Ich nenne nur die neuesten, bedeutendsten und zuverlässigsten Bücher, von wahren Gelehrten geschrieben, doch Ungelehrten zugänglich. Von den älteren bleibt Duncker's Geschichte des Altertums in vielen Beziehungen unerreicht, auch für die Geschichte Israels.
    ²) Freilich, nach der jetzt fast überall herrschenden Anschauung soll der Semit überhaupt, auch jener reinste Beduinentypus, von Hause aus der absoluteste Mischling sein, den man sich denken kann, die Frucht einer Kreuzung zwischen Neger und Weissen! Gobineau hatte das vor 50 Jahren gepredigt und war ausgelacht worden; heute ist seine Meinung die orthodoxe; Ranke fasst sie in seiner Völkerkunde (II. 399) folgendermassen zusammen: „Die Semiten gehören zu den   m u l a t t e n h a f t e n   Übergangsgliedern zwischen Weissen und Schwarzen.“ Doch ich meine, Vorsicht im Urteil ist hier am Platze. Was unter unseren Augen vorgeht, lässt kaum glauben, dass aus Mulatten ein fester, unveränderlicher, alle Stürme der Zeit überlebender Typus hervorgehen könne; der Treibsand ist nicht beweglicher und unbeständiger als gerade dieser Bastard; hier müssten wir also, der Erfahrung zum Trotz, voraussetzen, das Undenkbare, das nie Beobachtete sei bei den Beduinen geschehen. (Vergl. auch August Forel's Ausführungen, 1900.)

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im Guten wie auch im Bösen. Von den zwei oder drei Seelen, die in der Brust der späteren Israeliten wohnten, war diese die aufdringlichste und zäheste. Zu der Blutmischung ist dieser Beduinenfamilie aber gewiss nur Glück zu wünschen, denn die hohen Eigenschaften des unverfälscht reinsemitischen Nomaden sollen einer Änderung der Lebensweise nicht stichhalten. Sayce, einer der judenfreundlichsten Gelehrten unserer Zeit, schreibt: „Erwählt der Wüstenbeduin das ansässige Leben, so vereint er in der Regel alle Laster des Nomaden und des Bauern.
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Faul, verräterisch, grausam, habgierig, feig, wird er mit Recht von allen Völkern als ein Auswurf der Menschheit betrachtet.“¹) Lange ehe sie ansässig wurde, war zum Glück diese Beduinenfamilie, die Beni Israel, durch reichliche Kreuzung mit Nichtsemiten solch grausamem Schicksal entgangen.
    Wir sahen die ursprüngliche Beduinenfamilie sich zunächst längere Zeit am südlichen Euphrat aufhalten in der Nähe der Stadt Ur: hat dort schon Blutmischung stattgefunden? Man hat es behauptet. Und da der Grundstock der Bevölkerung des babylonischen Reiches damals vermutlich aus ziemlich echten Sumero-Akkadiern bestand — denn die Semiten hatten diesen Staat und seine hohe Civilisation bloss annektiert, sie leisteten weder die geistige Arbeit noch die manuelle²) — so hat man vorausgesetzt, der abrahamidische Stock sei durch sumero-akkadisches Blut aufgefrischt worden. Das Vorkommen solcher fremder Namen wie Abraham (so hiess der fabelhafte Begründer und erste König Ur's bei den Sumeriern) hat in dieser Ansicht bestärkt, ebenso wie die Brocken halbverstandener turanischer³) Weisheit und Mythologie, aus welcher die ersten Kapitel der Genesis zusammengesetzt sind. Doch bleiben solche Annahmen hypothetisch
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    ¹) The races of the Old Testament, p. 106.
    ²) Siehe namentlich Sayce: Assyria, S. 24 fg. und Social Life among the Assyrians and Babylonians; auch Winckler: Die Völker Vorderasiens (1900), S. 8.
    ³) Das Wort „turanisch“ ist meiner Feder entfahren, weil manche Autoren die Sumero-Akkadier für Turanier halten (siehe namentlich Hommel: Geschichte Babyloniens und Assyriens, S. 125,  244 fg.).

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und sind darum vorderhand ernster Erwägung kaum wert. In diesem Falle spricht nicht einmal die Wahrscheinlichkeit dafür. Die armen Hirten hatten kaum den Saum der Civilisation berührt, wer wird sich mit ihnen näher eingelassen haben? Und was die Aneignung so dürftiger kosmogonischer Vorstellungen, wie wir sie in der Bibel vorfinden, anbelangt, so genügte dazu der Verkehr mit anderen Hebräern; denn sowohl die Mythologie wie die Wissenschaft und die Kultur der Sumerier (an der wir noch heute durch den Gedanken der Schöpfung und des Sündenfalles, durch die Einteilung der Woche und des Jahres, durch die Grundlegung der Geometrie und die Erfindung der Schrift teilhaben) hatte sich weithin verbreitet, Ägypten war ihr Schüler¹) und der Semit, nicht fähig, so tief wie der Ägypter zu schauen, hatte längst, ehe die Beni Israel ihre Wanderungen begannen, sich soviel davon angeeignet, als ihm förderlich und praktisch erschien, und hatte
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als geschäftiger Zwischenhändler es nach allen Himmelsrichtungen hinausgetragen. Die Blutmischung mit Sumero-Akkadiern ist also ebenso unwahrscheinlich wie unerwiesen.
    Sicheren Boden betreten wir dagegen, sobald die Auswanderer nach Norden und nach Westen ziehen. Denn jetzt stehen sie im Herzen Syriens, um es (mit Ausnahme des vorübergehenden Aufenthalts im ägyptischen Grenzgebiete) nie wieder zu verlassen. Hier, in Syrien, hat sich unsere rein semitische Beduinenfamilie durch Blutmischung verwandelt, hier sind ihre Mitglieder durch Vermengung mit einem durchaus anderen Menschentypus, dem syrischen,   H e b r ä e r   geworden — wie schon so manche frühere und manche nachfolgende Beduinenkolonie. Später erfolgte die notgedrungene Auswanderung eines Teiles der Sippe aus dem in der nordöstlichen Ecke gelegenen Mesopotamien nach der äussersten südwestlichen Ecke, nach Kanaan, wo nun ähnliche rassenbildende Einflüsse in noch bestimmterer Weise und um ganz neue vermehrt sich geltend machten. Hier erst, in   K a n a a n,   verwandelten sich die abrahamidischen Hebräer
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    ¹) Siehe Hommel: Der babylonische Ursprung der ägyptischen Kultur (1892).

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nach und nach in echte   I s r a e l i t e n.   In dieses selbe Kanaan kehrten nach dem Aufenthalte in Ägypten die inzwischen an Zahl gewachsenen Israeliten erobernd zurück und erhielten jetzt, ausser dem neuen Zufluss fremden Blutes, eine fremde Kultur geschenkt, welche sie aus Nomaden zu ansässigen Ackerbauern und Städtebewohnern umwandelte.
    Wir können also, ohne fehlzugehen, zwei anthropogenetische Einflussphären unterscheiden, die nacheinander wirkten: eine allgemeinere, durch den Eintritt in Syrien überhaupt und speziell durch den langen Aufenthalt in Mesopotamien gegebene, über die wir keine genaueren historischen Daten besitzen, sondern auf die wir aus den jetzt bekannten ethnologischen Thatsachen schliessen dürfen und müssen; sodann eine speziellere kanaanitische, für welche wir uns auf das ausführliche Zeugnis der Bibel berufen können. Reden wir zuerst von der allgemeineren Einflussphäre, sodann von der spezielleren.

Der Syrier
    Schlägt man irgend ein Lehrbuch der Geographie oder ein Konversationslexikon auf, so wird man die Angabe finden, die heutige Bevölkerung Syriens sei „grösstenteils semitisch“. Das ist falsch; ebenso falsch wie die Behauptung, welche man den selben Quellen entnehmen wird, die Armenier seien „Arier“. Es findet hier die so weit verbreitete Verwechselung statt zwischen Sprache und Rasse; man müsste logischer Weise dann lehren, die Neger der Vereinigten Staaten seien Angelsachsen. Die wissenschaftliche Anthropologie der letzten Jahre hat auf Grund
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eingehendster Forschungen an einem geradezu enormen Material folgende Thatsache unwiderleglich festgestellt: die Grundbevölkerung Syriens wird seit den ältesten Zeiten, bis zu welchen prähistorische Funde hinaufreichen, von einem Menschentypus gebildet, welcher physisch und moralisch von dem semitischen ganz und gar abweicht, ebenso wie von Allem, was man unter dem Begriff „Arier“ zu subsumieren gewohnt ist. Und zwar nicht die Bevölkerung von Syrien allein, sondern auch von ganz Kleinasien sensu proprio und von dem weiten Gebiet, das wir heute Armenien nennen. Es giebt Rassen, denen das unstäte Herumziehen angeboren ist (z. B. die Beduinen, die Lappländer u. s. w.),

424 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

andere, die eine seltene Expansionskraft besitzen (z. B. die Germanen); dagegen scheint sich dieser syrisch-kleinasiatische Mensch durch zähes Festhalten an dem eigenen Boden und durch die unüberwindliche Macht grosser physischer Beharrlichkeit ausgezeichnet zu haben und noch heute auszuzeichnen. Sein Ursitz ein Tummelplatz der Völker, er selber fast immer der Unterlegene, auf dessen Rücken die Grossen dieser Welt ihre Kämpfe ausfochten — und dennoch überlebte er sie alle und drang so erfolgreich durch mit seinem Blut, dass der syrische Semit heute mehr der Sprache als dem Stamme nach Semit zu nennen ist, und der angeblich arische Armenier, phrygischen Ursprungs, vielleicht nicht zehn Prozent indoeuropäischen Blutes in seinen Adern hat. Dagegen sind der heutige sogenannte „Syrier“, der Jude und der Armenier kaum von einander zu unterscheiden, was leicht zu erklären ist, da die alle drei vereinigende Urrasse sie täglich mehr identifiziert. Von diesem syrischen Menschenstamme gilt im eminentesten Masse das Wort des Chores in Schiller's Braut von Messina:

Die fremden Eroberer kommen und gehen;
Wir gehorchen, aber wir bleiben stehen.

Diesem mächtigen ethnischen Einfluss blieb nun das Volk, welches als das der Israeliten später in die Geschichte tritt, lange Jahrhunderte hindurch, zum Mindesten weit über ein Jahrtausend, unterworfen. Das ist, was ich die allgemeine Einflussphäre nannte, durch welche unsere echt semitische Beduinenfamilie zu einer Gruppe der sogenannten „Hebräer“ wurde. Hebräer sind eben Bastarde zwischen Semiten und Syriern. Diese Mischung hat man sich nicht so vorzustellen, als hätten sich die Hirtennomaden sofort mit der fremden Rasse gekreuzt, sondern vielmehr in folgender Weise: einesteils fanden sie Viertel- und Halb-

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Hebräer in ziemlicher Anzahl vor, durch welche der Übergang vermittelt wurde, andernteils unterwarfen sie sich zweifellos die Ureinwohner (wie die Herrschaft der semitischen Sprachen, des Hebräischen, des Aramäischen u. s. w. beweist) und zeugten mit ihren syrischen Sklavinnen Söhne und Töchter: später (in halbhistorischen Zeiten) sehen wir sie mit unabhängigen Sippen des

425 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

fremden Volkes freiwillig Ehen schliessen, und ohne Zweifel war das inzwischen schon seit Jahrhunderten Sitte geworden. Doch, wie man sich auch den Vorgang der Vermischung vorstellen will, sicher ist, dass sie stattfand.
    Um von jenem anderen, syrischen Menschentypus sprechen zu können, wäre es bequem, einen Namen für ihn zu haben. Hommel, der bekannte Münchener Gelehrte, nennt ihn den der   A l a r o d i e r;¹)   er glaubt ihm eine weitere Verbreitung, auch über das südliche Europa, zuschreiben zu dürfen und will ihn in den Iberiern und in den heutigen Basken wiedererkennen. Doch müssen ungelehrte Menschen beim Gebrauch derartiger Hypothesen sehr vorsichtig sein; ehe die Drucklegung dieses Buches vollendet ist, können die Alarodier schon zum alten Eisen der Wissenschaft geworfen sein. Nachahmungswürdig erscheint das Beispiel des französischen Zoologen und Anthropologen G. de Lapouge, der den verschiedenen physischen Typen nach der Linnäischen Methode Namen giebt, ohne sich weiter um Geschichte und Ursprung zu kümmern: Homo europaeus, Homo Afer, Homo contractus u. s. w. Dieser kleinasiatische Typus würde sich, was die Schädelbildung anbelangt, mit Lapouge's Homo alpinus ziemlich decken;²) doch wollen wir ihn hier, ohne uns weiter zu exponieren, einfach als den Homo syriacus bezeichnen, den Ureinwohner Syriens. Und gerade so, wie wir für den semitischen Typus im Beduinen einen festen Anhaltspunkt gewannen, finden wir hier in dem zwar nicht mehr unter uns als nationale Individualität lebenden, doch aus der Geschichte und aus vielfachen Abbildungen täglich mehr bekannt werdenden Stamme der   H e t h i t e r   einen besonders charakteristischen Vertreter des syrischen Menschentypus, noch dazu gerade denjenigen, mit dem die Israeliten in Palästina enge Beziehungen an-
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    ¹) Er entlehnt den Namen einem von Herodot erwähnten, am Fusse des Ararat wohnenden Stamme.
    ²) Lapouge: La dépopulation de la France, Revue d'Anthropologie 1888, p. 79. F. von Luschan hat ausdrücklich auf die Ähnlichkeit des syrischen Menschen mit dem Savoyarden hingewiesen.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


knüpften.¹) Dieser syrische Mensch ist nun durch das Vorwalten eines bestimmten anatomischen Charakters ausgezeichnet: er ist
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ein   R u n d k o p f   oder, wie die Naturforscher sagen, „brachycephal“, d. h. mit kurzem Schädel, einem Schädel, dessen Breite seiner Länge nahekommt.²) Der Beduin dagegen, und mit ihm jeder Semit, der nicht eine starke Vermischung mit fremdem Blut erfahren hat, ist ein ausgesprochener „Dolichocephal“. „Lange, schmale Köpfe“, schreibt von Luschan, „sind eine hervorragende Eigenschaft der heutigen Beduinen, die wir in gleichem Masse
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    ¹) Eine Zusammenfassung unserer heutigen Kenntnisse über die Hethiter findet der Leser in Winckler's Die Völker Vorderasiens, 1900, S. 18 ff. — Für mich bedeutet der Ausdruck „Hethiter“ in diesem Buche das selbe wie das x für einen Mathematiker in einer zweifellos richtig aufgestellten, jedoch noch nicht zahlenmässig aufgelösten Gleichung.
    ²) Der ausgesprochene Langschädel beginnt, wenn das Verhältnis der Breite zur Länge nicht über 75 zu 100, der ausgesprochene Kurzschädel, wenn es 80 oder mehr zu 100 beträgt. Als ich Anthro-
 
dolichocephal
Langschädel (dolichocephal).
brachycephal
Rundschädel (brachycephal).
(Nach de Mortillet.)

pologie bei Carl Vogt hörte, wurden an uns Allen craniometrische Messungen als Übung vorgenommen; bei dem einen Hörer wurde der seltene Index von 92 konstatiert, d. h. sein Kopf war fast kreisrund; es war ein Armenier, ein typischer Repräsentant jener syrischen Schädelbildung!


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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


auch für die ältesten Araber in Anspruch nehmen müssten, selbst wenn dies nicht durch zahlreiche Abbildungen bestätigt würde, die uns glücklicher Weise auf alten ägyptischen Denkmälern erhalten sind“.¹) Natürlich bleibt es nicht bei diesem einen anatomischen Merkmal; dem runden Kopf entspricht eine gedrungene Gestalt; er ist der Ausdruck einer ganzen, besonderen physiologischen Anlage. Der Schädel ist aber bei der Beurteilung längst vergangener Menschenrassen das bequemste Stück des Knochen-
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gerüstes zu vergleichenden Studien, auch das vielsagendste, und bei unendlich reicher Abwechselung des Individuellen bewahrt er typische Gestaltungen mit grosser Hartnäckigkeit. Doch noch ein anderes und viel auffallenderes anatomisches Merkmal kennzeichnete den Hethiter, zwar ein äusserst vergängliches, da nicht Knochen, sondern Knorpel seine Grundlage bildet, doch auf Bildern prächtig aufbewahrt und uns
 
Hethiter. Typenbilder nach ägyptischen Monumenten.
Hethiter.
Hethiter. Typenbilder nach ägyptischen Monumenten.
Hethiter.

aus lebendiger Anschauung wohlbekannt:   d i e   N a s e.   Die sogenannte „Judennase“ ist ein hethitisches Erbstück. Der echte Araber, der unverfälschte Beduin, hat gewöhnlich „eine kurze, kleine und wenig gebogene Nase“ (ich berufe mich auf von Luschan und verweise auf die beigegebenen Typenbilder), und auch dort, wo die Nase bei ihm mehr adlerförmig auftritt, besitzt er niemals ein „Löschhorn“ (wie Philipp von Zesen, der Sprachverbesserer, sie nannte) von der spezifischen, unverkennbar jüdischen und armenischen Gestalt. Der Israelit hat nun durch die immerwährende Vermengung mit dem rundköpfigen Typus des fremden Volkes

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    ¹) F. von Luschan: Die anthropologische Stellung der Juden (Vortrag, gehalten in der Allgem. Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft des Jahres 1892). Aus diesem Vortrag, der ausgedehnte Arbeiten kurz zusammenfasst, werde ich auch im Folgenden mehreres anführen; man findet ihn im Correspondenzblatt der betreffenden Gesellschaft für 1892, Nr. 9 und 10.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


nach und nach seinen schmalen, langen Beduinenkopf eingebüsst und als Ersatz die sogenannte Judennase zum Geschenk bekommen. Gewiss kam der Langkopf noch vor, namentlich im Adel wird er sich länger erhalten haben; auch die heutigen Juden weisen einen geringen Prozentsatz echter Langköpfe auf;

Beduin
Echter Beduin des heutigen Tages.¹)

er verschwand aber immer mehr. Auf die Nase allein darf man sich bei der Diagnostik betreffs der Angehörigkeit zum jüdischen Stamm durchaus nicht verlassen; man sieht auch warum: dieses syrische Erbstück ist allen mit syrischem Blute vermengten Völkern gemeinsam. Bei diesem anthropologischen Befund handelt es sich um
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keine hypothetische Behauptung, wie solche uns in theologisch-kritischen und historischen Werken so überreich umranken, sondern er ist das sichere Ergebnis exakter wissenschaftlicher Forschung an einem hinreichend grossen Material,²) einem Material, welches von sehr alter Zeit bis zur Gegenwart reicht und welches durch die zahlreichen, in Ägypten und Syrien entdeckten und nach und nach genau datierten Abbildungen auf das Schönste unterstützt wird. Man kann auf den ägyptischen Denkmälern gewissermassen das „Judewerden“ der Israeliten verfolgen, wenn sie auch freilich selbst auf den allerältesten (die ja nicht sehr weit in die israelitische Geschichte hinaufreichen, da das Volk erst unter Salomo über seine Grenzen hinaus bekannt wurde) wenig vom unverfälschten semitischen Typus mehr zeigen.
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    ¹) Nach einer Photographie in Ratzel's Völkerkunde. Die übrigen Typenbilder sind nach den bekannten Reliefs auf den ägyptischen Monumenten.
    ²) Von Luschan's Mitteilungen des Jahres 1892 stützen sich auf 60 000 Messungen.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


Wir sehen hier, als israelitische Soldaten abgebildet, echte Hethiter und Halbhethiter; nur die Führer — man sehe z. B. das angebliche Porträt des Königs Rehabeam (Salomo's Sohn) — könnten allenfalls an Beduinenphysiognomien erinnern, gemahnen aber bisweilen noch mehr an gute europäische Gesichter.
    Mit diesen letzten Bemerkungen treten wir aus der allgemeinen prähistorischen Einflusssphäre in die speziellere, kanaanitische über, die ebenfalls weit über ein Jahrtausend wirkte, und wo uns sichere Thatsachen reichlich zur Verfügung stehen. Denn

Amoritischer Israelit
Amoritischer Israelit, angeblich ein Sohn Salomo's.

ehe den hebräischen Israeliten die Ehre der Verewigung durch die Kunst ägyptischer Maler zu Teil wurde, waren sie aus Mesopotamien nach Kanaan gezogen. Wir müssen zwischen dem ersten kanaanitischen Erscheinen und dem zweiten unterscheiden: beim ersten weilten sie dort als nomadisierende Hirten im besten Einvernehmen mit den rechtmässigen Einwohnern der Städte und der urbar gemachten Strecken, beim zweiten fielen sie als Eroberer ins Land. Das erste Mal waren sie eben wenig zahlreich, das zweite Mal ein ganzes Volk. Wie unsicher und umstritten manche historischen Detailfragen noch sein mögen, eine Thatsache steht fest: beim allerersten Betreten des Landes fanden die Israeliten die Hethiter dort zu Hause, jene Hethiter, die einen wichtigsten Stamm des Homo syriacus bildeten. Abraham spricht zu den Einwohnern Hebrons, „den Kindern Heth's“, wie er sie ausdrücklich nennt: „Ich bin ein Fremder, der unter euch wohnt“ (Gen. XXIII, 4), und er bittet, wie nur ein geduldeter Gast bitten konnte, um ein Grab für sein Eheweib Sarah. Isaak's ältester Sohn, Esau, hat nur Hethiterinnen zu Frauen (Gen. XXVI, 34); der jüngere, Jakob, wird in das ferne Mesopotamien geschickt, damit er ein hebräisches Weib zur Ehe nehmen könne, woraus man schliessen muss, dass es in Palästina gar keines gab, kein

430 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

hebräisches Mädchen wenigstens, welches dem Vermögen nach für ihn gepasst hätte. Isaak hätte nicht darauf gedrungen, ihm wäre eine wohlhabende Hethiterin recht gewesen, doch Rebekka, seine mesopotamische Frau, vertrug sich schlecht mit ihren hethitischen Schwiegertöchtern, den Frauen Esau's, und meinte, sie würde lieber sterben, als mehr solche ins Haus bekommen (Gen. XXVII, 46). Unter Jakob's Söhnen wiederum wird
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speziell von   J u d a   berichtet, er habe Hethiterinnen geehelicht (I. Chron. II, 3). Aus diesen Volkserzählungen erhalten wir historische Belehrung: wir sehen, dass die Israeliten die deutliche Erinnerung besassen, als eine sehr kleine Anzahl von Hirten inmitten eines fremden, kultivierten, städtebewohnenden und freundlichen Volkes gelebt zu haben; die reichen Sippenältesten konnten sich den Luxus gestatten, für ihre Söhne Eheweiber aus der früheren Heimat holen zu lassen; doch selbst diese Söhne folgten lieber der unmittelbaren Neigung, als dem Prinzip der Exklusivität: sie heirateten die Mädchen, die sie um sich sahen — es mussten denn gerade solche herzlose Geschäftsjobber sein wie Jakob; für das ärmere Volk gilt selbstverständlich, dass es Weiber nahm, wo es sie fand. Dazu kommt noch das Zeugen von Kindern mit Sklavinnen. Von Jakob's zwölf Söhnen z. B. sind vier von Sklavinnen geboren und geniessen die selben Rechte wie die anderen. — Dies Alles bezieht sich auf das frühere von der Bibel erwähnte Berühren mit den Hethitern Kanaans. Nun folgte, nach der Sage, der lange Aufenthalt an der Grenze Ägyptens, im Lande Gosen. Doch auch hier lebten die Israeliten von Hethitern umringt. Die Hethiter reichten nämlich bis an die Grenzen Ägyptens, wo gerade damals ihre Stammverwandten, die Hyksos, das Scepter führten; die Stadt   T a n i s,   welche den Versammlungspunkt der Israeliten in Gosen bildete, war wesentlich eine hethitische Stadt; seit jeher stand sie im engsten Verkehr mit Hebron; indem die Israeliten mit ihren Herden von Hebron nach der Gegend von Tanis zogen, blieben sie also in der selben ethnischen Umgebung.¹) Und als sie später als Eroberer nach Kanaan zurück-
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    ¹) Vergl. Renan: Israël I, ch. 10.

431 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

kehrten, unterwarfen sie zwar die Kanaaniter, die zum grössten
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Teil aus Hethitern bestanden, nach und nach, doch traten sie jetzt erst recht in ein enges Verhältnis zu ihnen. Denn, wie ich schon früher hervorhob, der Kanaaniter verschwand nicht. Man lese nur das erste Kapitel des Buches der Richter. Wellhausen bezeugt denn auch: „Die Israeliten unterwarfen die ältere Bevölkerung nicht systematisch, sondern schoben sich zwischen sie ein.... Von einer vollständigen Eroberung des Landes (Palästina) war keine Rede.“ Und über die Art, wie dieses fremde, nicht-semitische Blut immer mehr in das hebräische eindrang, berichtet der selbe Autor: „Der wichtigste Vorgang in der Richterperiode ging im Allgemeinen ziemlich geräuschlos vor sich, nämlich die Verschmelzung der neuen (israelitischen) Bevölkerung des Landes mit der alten. Die Israeliten der Königszeit hatten eine   s e h r   s t a r k e   B e i m i s c h u n g   kanaanitischen Blutes; sie waren keineswegs reine Abkömmlinge derer, die einst aus Ägypten gezogen waren.... Hätten die Israeliten die alteingessenen Landeskinder vertilgt, so würden sie das Land zur Wüste gemacht und sich selbst um den Gewinn der Eroberung gebracht haben. Indem sie sie schonten und   s i c h   s e l b e r   i h n e n   g l e i c h s a m   a u f p r o p f t e n,   wuchsen sie zugleich in ihre Kultur hinein. In Häuser, die sie nicht gebaut, in Felder und Gärten, die sie nicht urbar gemacht und angelegt hatten, nisteten sie sich ein. Überall traten sie als glückliche Erben in den Genuss der Arbeit ihrer Vorgänger. So vollzog sich bei ihnen eine folgenreiche innere Umwandlung; sie wurden rasch ein Kulturvolk.“¹) Schon früher hatten die Israeliten von den Hethitern das Schreiben gelernt (sei es in Hebron, sei es in Tanis;²) jetzt lernten sie von ihnen den Acker- und den Weinbau, sie lernten Städte errichten und verwalten, kurz, sie wurden durch ihre Vermittlung civilisierte Menschen. Durch sie auch wurden sie erst ein Staat. Nie hätten diese in ewiger Eifersucht, in argwöhnischer
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    ¹) Israelitische und jüdische Geschichte (3. Ausg.). S. 37, 46 u. 48.
    ²) Renan: Israël I. 136.

432 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Isolierung hausenden verschiedenen Stämme ohne das „staatverkittende Element“ der Kanaaniter sich zu einer Einheit zu verbinden verstanden. Und damit nicht genug, auch ihre religiösen Vorstellungen erhielten von den Kanaanitern die besondere Farbe und die Organisation: Baal, der Gott des Ackerbaues und der friedlichen Arbeit, verschmolz mit Jahve, dem Gott der Kriegsheere und der Raubzüge. Wie sehr Baal von den Israeliten ver-
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ehrt wurde, ersehen wir (trotz aller späteren Korrekturen der Juden) aus solchen Thatsachen, wie dass der erste israelitische Held auf palästinischem Boden   Jerub b a a l   heisst¹) und ausserdem eine Hethiterin zur Frau nimmt, dass der erste König, Sau!, einen seiner Söhne   I s b a a l   nennt, David einen der seinigen   B a a l iada,   Jonathan seinen einzigen Sohn   Meri b a a l,   u. s. w. Auch das Prophetenwesen entlehnten die Israeliten den Kanaanitern, und von ihnen übernahmen sie den ganzen äusseren Kultus, sowie die Tradition der heiligen Orte.²) Ich brauche hier nicht auszuführen, was Jeder in der Bibel finden wird (allerdings manchmal unter so vielen fremdklingenden Namen verhüllt, dass man einen kundigen Führer braucht), nämlich welche grosse Rolle Hethiter, sowie ihre Stammesbrüder, die Philister, in der Geschichte Israels spielen. Bis die Verschmelzung sehr weit vorgedrungen und dadurch die Unterscheidung der Namen verschwunden ist, finden wir diese überall wieder, namentlich unter den tüchtigsten Soldaten; und wie vieles gerade von diesen Angaben wird durch die spätere jüdische Redaktion der Bibel, die möglichst das Fremde auszutilgen und die Fiktion einer rein abrahamidischen Herkunft einzuführen strebte, verschwunden sein! David's Leibgarde ist, wenn nicht ausschliesslich, so doch zum grossen Teil aus Männern zusammengesetzt, die nicht zu Israel gehören: Hethiter und Gethiter bekleiden darin wichtige Offiziersposten;
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    ¹) Eine Thatsache, welche die spätere Redaktion der Bibel zu vertuschen suchte (Richter VI, 32), während die ältere nicht daran gedacht hatte (I. Sam. XII, 11).
    ²) Vergl. hierzu Wellhausen a. a. O., S. 49 fg., 102 fg.; über die heiligen Orte des selben Autors Prolegomena zur Geschichte Israels, 4. Aufl., S. 18 fg.

433 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Krethi und Plethi, Philister und allerhand anderes fremdes Volk, teils syrisch, teils fast rein europäisch, einiges hellenisch, bilden die Masse.¹) David hat überhaupt den Thron nur mit Hilfe der Philister — und wahrscheinlich als ihr Vasall²) — erobert; er hat auch alles gethan, was an ihm lag, um die Verschmelzung der Israeliten mit ihren Nachbarn zu fördern und gab selber das Beispiel der Ehen mit den Töchtern aus syrischem und indoeuropäischem Stamme.

366 Der Amoriter
    Doch, da das Wort „indoeuropäisch“ meiner Feder entfährt, will ich gleich hier eine Thatsache besprechen, der ich bisher kaum flüchtig Erwähnung that. Die Kanaaniter bestanden vorwiegend, doch nicht einzig aus Hethitern; mit ihnen eng verbunden, doch häufig in getrennten Gauen ansässig und dadurch ihren Stamm relativ rein erhaltend, lebten die   A m o r i t e r.   Diese Amoriter waren grosse, blonde, blauäugige Menschen von lichter Hautfarbe; sie waren „aus dem Norden“, d. h. aus Europa, eingedrungen, die Ägypter nannten sie daher   T a m e h u,   „das Volk der Nordländer“, und zwar scheinen sie (doch ist dies natürlich problematisch) Palästina nicht sehr lange vor der Rückkehr der Israeliten aus Ägypten erreicht zu haben.³) Im Osten des Jordans hatten sie mächtige Reiche gegründet, mit denen die Israeliten später oft Krieg führen mussten; ein anderer Teil war in Palästina eingedrungen, wo er in engster Freundschaft mit den Hethitern lebte;4) wieder andere hatten sich zu den Philistern ge-
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    ¹) Dazu kommen Araber, Hebräer aus nicht israelitischen Stämmen, Aramäer und allerlei pseudosemitische Fremde. Da es nach der (allerdings ungewöhnlich stark erlogenen) Volkszählung unter David 1 300 000 kriegsfähige Männer in Israel und Juda gegeben haben soll (II. Samuel XXIV), so bekommen wir den Eindruck, dass die Israeliten selber wenig kriegerisch gesinnt waren. Siehe namentlich Renan: Israël II, livre 3, ch. I.
    ²) Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte (3. Ausg.), S. 58.
    ³) Dass das Buch Genesis (XIV, 13) schon Abraham in friedlicher Bundesgenossenschaft mit drei Amoritern in der Ebene Hebrons leben lässt, hat natürlich auf historische Gültigkeit keinen Anspruch.
    4) Siehe namentlich Sayce: Races of the Old Testament, S. 110 fg.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


schlagen, und zwar in so grosser Zahl (vermehrt vielleicht durch direkte Zuzüge aus dem bereits durch und durch hellenischen Westen), dass manche Geschichtsforscher die Philister der Mehrzahl nach als arisch-europäischen Stammes betrachtet haben.¹) Diese unsere eigenen Stammesbrüder sind jene   E n a k s k i n d e r,   die „Leute von grosser Länge“, welche den Israeliten so schreckliche Angst einjagten, als diese sich das erste Mal kundschaftend ins südliche Palästina eingeschlichen hattet (IV Mose XIII): zu ihnen gehörte der tapfere Goliath, der die Israeliten zu einem ritterlichen Zweikampf auffordert, inzwischen aber dem tückisch geschleuderten Stein er-
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Amoriter
Amoriter

liegt;²) zu ihnen auch jene „Rephaim“, welche riesige Speere und schwere eherne Rüstung tragen (I Sam. XVII, 5 ff., II Sam. XXI, 16 ff.). Und weiss die Bibel viel zu erzählen von den Heldenthaten der Israeliten gegen diese grossen blonden Männer, so konnte sie andrerseits nicht verschweigen, dass gerade aus ihnen (namentlich aus dem noch sehr wilden, unver-
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    ¹) Vergl. Renan: Israël II, livre 3, ch. 3. Über den hellenischen Ursprung eines bedeutenden Teils der Philister und die Einführung einer Anzahl griechischer Worte durch sie ins Hebräische siehe auch Renan: Israël, Band I, S. 157 Anm. und Maspero: II, S. 698. Übrigens ist die Frage nach dem Ursprung der Philister und der Amoriter eine noch viel umstrittene; wir können den Streit getrost den Historikern und Theologen überlassen; die anthropologischen Ergebnisse sind Ergebnisse einer exakten Wissenschaft, und die Philologie muss sich nach ihnen richten, nicht umgekehrt. Dass die Amoriter, sowie mindestens ein Teil der Philister, grosse, blonde, blauäugige Dolichocephalen waren, ist sicher: somit gehörten sie zum Typus Homo europaeus; uns Ungelehrten genügt das.
    ²) Die Legende, welche diese feige That dem David zuschreibt, ist eine späte Interpolation; der ursprüngliche Bericht steht II. Sam. XXI, 19 (vergl. Stade: Geschichte des Volkes Israel, I, 225 fg.). Für die Beurteilung des Charakters David's ist es wichtig, dies zu wissen (siehe unten, S. 369).

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mischt indoeuropäischen Stamm der Gethiter) David seine besten, zuverlässigsten Soldaten gewann. Nur durch die Philister wurden die Philister besiegt, nur durch die Amoriter die Amoriter. Die Gethiter z. B. waren nicht von David unterworfen, sondern folgten ihm freiwillig (II Sam. XV, 19 fg.), aus Lust am Kriege; ihr Führer, Ithai, wurde zum Befehlshaber eines Drittels der israelitischen Armee ernannt (II Sam. XVIII, 2). Von diesem „arischen Truppenteil“, wie er ihn nennt, sagt Renan: „Er war eben so tapfer wie der Araber und unterschied sich von diesem durch seine Treue; um etwas Dauerhaftes zu gründen, musste man sich auf ihn stützen. — — Er war es, welcher die verräterischen Anschläge des Absalom, des Sebah, des Adoniah vereitelte; er war es, welcher den bedrohten Thron Salomo's rettete — — — er hat den Kitt des israelitischen Königreiches abgegeben.“¹) Jedoch nicht allein tapfere und treue Soldaten waren diese Männer, sondern auch Städtebauer; ihre Städte waren die am besten gebauten und die festesten (Deuter. I, 28)²) und namentlich eine ihrer Städte gewann Weltbedeutung: unweit Hebrons, der Hauptstadt ihrer hethitischen Freunde, gründeten die Amoriter eine neue Stadt,   J e r u s a l e m.   Der König von Jerusalem, der gegen Josua auszieht, ist ein Amoriter (Jos. X, 5), und wenn es auch heisst, er sei von diesem mit allen andern Königen geschlagen und erschlagen worden, so wird man das, sowie das ganze Buch Josua, cum grano salis zu nehmen haben; denn in Wirklichkeit wurde die Eroberung Palästinas den Israeliten
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sehr schwer und ging äusserst langsam und nur unter Zuziehung fremder Elemente vor sich; ³) jedenfalls blieb die Stadt Jerusalem bis zu David's Zeiten eine amoritische, mit Beimischung vieler Hethiter (Jebusiter nennt die Bibel diese gemischte Bevölkerung), doch ohne Israeliten; erst im achten Jahre seiner Regierung er-
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    ¹) Renan: Israël II, 30—32.
    ²) Über Flinders Petrie's neuerliche Ausgrabungen amoritischer Städte mit Mauern von zweiundeinhalb Meter Dicke berichtet Sayce: Races of the Old Testament, p. 112.
    ³) Siehe namentlich Wellhausen's Prolegomena (an vielen Orten).

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oberte David mit seinen fremden Söldnertruppen diese feste Burg und erwählte sie, ihrer starken Lage wegen, zu seiner Residenz. Die amoritisch-hethitische Bevölkerung blieb aber auch fernerhin durch Zahl und Stellung bedeutend:¹) von einem wohlhabenden Amoriter muss David Boden kaufen, um darauf einen Altar zu errichten (II Sam. XXIV, 18 fg.), und bei einem Gethiter, einem seiner vertrauten Truppenführer, stellt er die heilige Bundeslade ein, als er sie nach Jerusalem übergeführt hat (II Sam. IV, 10).²) So lässt denn auch der Prophet Hesekiel (XVI) Gott der Stadt Jerusalem zurufen: „Von Ursprung und von Geburt bist du eine Kanaaniterin; dein Vater war ein Amoriter, deine Mutter eine Hethiterin!“ Und dann wirft er den israelitischen Bewohnern vor, dass sie sich mit diesen fremden Elementen vermengt hätten: „also triebest du Hurerei, dass du dich einem Jeglichen, wer vorüber ging, gemeinsam machtest und thatest seinen Willen“ — eine Naivetät des frommen Juden, da die Grossen des Reiches mit dem Beispiel nicht gekargt hatten und er selber, als Jerusalemit, das Kind dieser dreifachen Bastardierung war; Hesekiel, dem eigentlichen Erfinder des spezifischen Judentums, schwebte eben schon jene paradoxe Idee eines aus reiner Rasse hervorgegangenen Juden vor, was eine contradictio in adjecto ist. Gerade der Judäer hat nun unter allen Israeliten am meisten amoritisches Blut in sich aufgenommen, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Amoriter den Süden Palästinas, die Gebiete Simeon's, Juda's und Benjamin's, ziemlich dicht bewohnten, während sie weiter nördlich spärlicher vertreten waren. Die ägyptischen Denkmäler, auf welchen die verschiedenen Völker äusserst charakteristisch abgebildet sind, beweisen unwiderruflich, dass zur Zeit Solomo's und seiner Nach-
—————
    ¹) Im Buche Josua XV, 63 lesen wir: „Die Jebusiter aber wohnten zu Jerusalem und die Kinder Juda's   k o n n t e n   s i e   n i c h t   v e r t r e i b e n;   also blieben die Jebusiter mit den Kindern Juda's zu Jerusalem bis auf diesen Tag.“
    ²) Dass Obededom wirklich ein Gethiter war, wie die angeführte Stelle besagt, und nicht, wie die spätere Version lautet (I. Chron. XVI, 18), ein Levit, zeigt Wellhausen: Prolegomena, S. 43.

437 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

folger die Einwohner des südlichen Israel, besonders die Truppen-
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anführer, sich durch das Vorwalten des ausgesprochenen amoritischen (indoeuropäischen) Typus auszeichneten.¹)
    Ja, man hat sich bisweilen gefragt, ob nicht David selber halb oder dreiviertel Amoriter sei. Die Bibel legt an verschiedenen Orten besonderen Nachdruck auf seine   B l o n d h e i t,   und, wie Virchow durch unzählige Statistiken nachgewiesen hat, ist „die Haut mit ihrem Zubehör noch dauerhafter als der Schädel“; helle Haut und blondes Haar kam nun bei den Hebräern und den Menschen aus der syrischen Gruppe niemals vor, sondern diese Charakteristika des Europäers wurden erst durch die Amoriter und Hellenen ins Land gebracht; darum fiel ja auch David's Blondheit auf.²) Unter diesen Umständen ist es wohl nicht allzukühn, wenn man vermutet, dass ein in Bethlehem (d. h. gerade in der von Amoritern am dichtesten bevölkerten Gegend) geborener Hirte eine Amoriterin zur Mutter gehabt haben mag. Sein Charakter, sowohl dessen grosse Fehler wie auch dessen herzgewinnende Eigenschaften, seine Kühnheit, seine Vorliebe für das Abenteuerliche, seine Sorglosigkeit, sein schwärmerischer Sinn unterscheiden David, wie mir scheint, von allen Helden Israels, ebenfalls sein Bestreben, das Reich zu organisieren und die verzettelten Stämme zu einer Einheit zusammenzufassen (was ihm ja den Hass der Israeliten zuzog). Auch seine ausgesprochene Vorliebe für die Philister (siehe z. B. II. Sam. XXI, 3), unter denen er gern als Soldat gedient hatte, ist ein auffallender
—————
    ¹) Siehe Typenbild auf S. 367.
    ²) Luther hatte die bezüglichen Stellen (I Samuel XVI, 12, XVII, 42) mit „bräunlicht“ übersetzt; Gesenius dagegen verdeutscht in seinem Wörterbuch das betreffende hebräische Wort mit „rot“ und räumt ein, dass es gewöhnlich sich auf das Haar beziehe, nur giebt er sich grosse Mühe nachzuweisen, David müsse schwarzhaarig gewesen sein, und das „rot“ beziehe sich also hier auf die Gesichtsfarbe (in der Ausg. von 1899 ist dieser apologetische Rettungsversuch gestrichen); die besten wissenschaftlichen Übersetzer der Gegenwart fassen aber die Bezeichnung direkt als blond, d. h. also blondhaarig, auf, und es scheint als sicher zu gelten, dass David ausgesprochen blond war.

438 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Zug, ebenso wie die bemerkenswerte Thatsache, auf die Renan hinweist (Israël II, 35), dass er die Philister im Kriege edel behandelt, die hebräischen Völker dagegen mit furchtbarer Grausamkeit, als seien sie ihm im Herzen zuwider. Sollte diese Vermutung der Wirklichkeit entsprechen, dann wäre allerdings Salomo kaum ein Israelit zu nennen; denn es ist höchst unwahrscheinlich, dass seine Mutter Bathseba, das Eheweib des Hethiters Uria, eine Israelitin gewesen sei.¹) So würde sich die eigentümliche
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Inkompatibilität zwischen Salomo's Wesen und Streben und dem Charakter Israel's und Juda's erklären. Renan sagt es rund heraus: „Salomon n'entendait rien à la vraie vocation de sa race“;²) er war ein Fremder mit allen seinen Wünschen und Zielen inmitten des Volkes, welches er gross zu machen wähnte. Und so wäre diese kurze Episode der Glanzzeit des israelitischen Volkes — David, Salomo — in Wirklichkeit nichts weiter als eben eine „Episode“, herbeigeführt durch die übermütige Kraft eines durchaus verschiedenen Blutes, doch bald erstickt durch den unbezwingbaren Willen des Syro-Semiten, der nicht gesinnt war, diese Wege zu wandeln, noch auch die Fähigkeit dazu besessen hätte.

Vergleichende Zahlen
    Über das, was ich oben die spezielle Einflussphäre nannte, besitzen wir, wie man sieht, hinreichend geschichtliches Material. Wenn unser Zweck nicht ein beschränkter wäre — nämlich den Ursprung des Juden darzuthun — so gäbe es gar vieles hinzuzufügen, z. B. dass die Josephiten, die begabtesten und energischesten unter allen Israeliten (ihnen entstammen Josua, Samuel, Jerubbaal u. s. w., sowie die grosse Dynastie der Omriden), halbe Ägypter waren (was Genesis XLI, 45 in der verkürzten Art solcher Volksmärchen erzählt, indem Joseph die Tochter eines Priesters aus Heliopolis heiratet, die ihm Ephraim und Manasse gebiert).... Doch besitzt diese Thatsache für die Feststellung des jüdischen Stammbaumes wenig oder gar
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    ¹) Renan: Israël II, 97.
    ²) idem, p. 174.

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keine Bedeutung; denn Heiraten zwischen den verschiedenen Stämmen Israels waren durch das Gesetz fast unmöglich gemacht und bei der stets hervortretenden Antipathie der Josephiten gegen die Kinder Judas besonders unwahrscheinlich. Ebensowenig ist es nötig, hier von der Berührung mit manchen anderen hebräischen Sippen zu reden. Auch die viel später erfolgte Aufnahme von Negerblut seitens der Juden in der Alexandrinischen Diaspora — wofür mancher heutige Staatsbürger mosaischer Konfession den lebendigen Beweis liefert — ist nebensächlich. Das Gesagte ist ausführlich genug, damit sich Jeder die Anthropogenie des Juden in ihren grossen Linien klar vorstelle. Wir sahen: es kann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, dass der historische Israelit, aus welchem sich der eigentliche „Jude“ erst später absonderte, das Produkt einer Mischung ist. Er tritt schon in die Geschichte als Mischung ein, nämlich als Hebräer; dieser Hebräer geht aber dann weitere Ehen mit fremden, nicht semitischen Menschen ein: erstens mit
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den Hethitern, einem besonderen Stamm des weit verbreiteten, fest charakterisierten Homo syriacus; zweitens mit den grossen, blonden, blauäugigen Amoritern aus der indoeuropäischen Gruppe. Nun kommt zu dem historischen Zeugnis das unwiderlegliche Zeugnis der exakten Wissenschaft hinzu. F. von Luschan fasst es in seinem schon mehrfach erwähnten Vortrag folgendermassen zusammen: „Die Juden sind zusammengesetzt: erstens, aus wirklichen Semiten, zweitens, aus arischen Amoritern, drittens und   h a u p t s ä c h l i c h   aus den Nachkommen der alten Hethiter. Neben diesen drei wichtigsten Elementen des Judentums kommen andere Beimengungen gar nicht in Betracht.“ Diese Diagnostik gilt — das merke man wohl — für die Juden zur Zeit, als sie von Israel losgetrennt wurden, und sie gilt genau ebenso für heute; die Messungen haben sich auf altes Material und auf allerneuestes bezogen, und zwar mit dem Erfolg, dass die verschiedenen Aufnahmen von Fremden (Spaniern, Südfranzosen u. s. w.) in das Judentum, auf welche Feuilletonisten und salbungsvolle Moralisten vielen Nachdruck zu legen pflegen, gänzlich einflusslos geblieben sind: eine so charakteristisch zu-

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sammengesetzte und dann streng rein gezüchtete Rasse saugt dergleichen Wassertropfen sofort auf.
    Und so wäre der Punkt eins erledigt: das israelitische Volk ist aus der Bastardierung durchaus verschiedener Menschentypen hervorgegangen. Punkt zwei, in welchem das   V e r h ä l t n i s   der verschiedenen Rassen zu einander besprochen werden sollte, wird, insofern er blosse Statistik bringt, einen einzigen Absatz beanspruchen; doch was sollten uns diese Zahlen, wenn wir nicht bestimmte Vorstellungen mit ihnen verknüpften? Es wäre das reine x, y, z der elementaren Algebralehre: die Rechnung stimmt, bedeutet aber nichts, da alle drei Grössen unbekannt sind; die Qualität der verschiedenen Rassen wird uns also länger als die Quantität aufhalten.
    Was zunächst die quantitative Zusammensetzung des israelitischen Blutes anbelangt, so darf man nicht übersehen, dass selbst 60 000 Messungen wenig sind im Vergleich zu den Millionen, die seit Jahrtausenden gelebt haben; es wäre unzulässig, sie auf das einzelne Individuum anzuwenden; die Massenstatistik vermag es nicht, auch nur den Saum zu lüften von dem Schleier, der die Persönlichkeit umgiebt. Jedoch, man bedenke auch dieses: ausser der Individualität des Einzelnen gieht es die Individualität der Gesamtheit eines Volkes; auf diese abstraktere Persönlichkeit lassen sich Zahlen schon bedeutend besser anwenden. Was ein bestimmter Mann in einem bestimmten Falle
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thun wird, kann ich aus seiner Rassenangehörigkeit nicht schliessen; wie aber z. B. eine zahlreiche Menge Italiener sich in diesem bestimmten Falle als Kollektivität benehmen wird, wie dagegen eine gleiche Menge Norweger, das vermag ich mit grosser Wahrscheinlichkeit vorauszusagen. Für die Erkenntnis eines Volkscharakters können uns folglich anthropologische Zahlen von wirklichem Werte sein. Diese Zahlen nun besagen für den Juden (von damals und von heute, im Osten und im Westen von Europa verglichen): 50 Prozent der Juden zeigen den Typus des Homo syriacus (kurze Köpfe, charakteristische, sog. „jüdische“ Nase, Neigung zur Fettleibigkeit u. s. w.) in ausgesprochenem Masse; nur 5 Prozent weisen Züge und anatomische Bildung des

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echten Semiten (Wüstenbeduinen) auf; bei 10 Prozent trifft man eine Haut- und Haar-, manchmal auch eine Gesichtsfarbe an, die auf den Amoriter indoeuropäischen Stammes weist; 35 Prozent stellen undefinierbare Mischformen dar, etwa nach Art von Lombroso's „kombinierten Photographien“, durch welche Gesichter zu Stande kommen, in denen ein Zug dem andern widerspricht: Schädel, die weder lang wie die der echten Semiten, noch halblang wie die der Amoriter, noch rund wie die der Syrier sind, Nasen, die weder hethitisch, noch arisch, noch semitisch genannt werden können, oder aber die syrische Nase ist da, doch ohne den dazu gehörigen Kopf u. s. w. ins Unendliche. — Das Hauptergebnis des anatomischen Befundes ist, dass die jüdische Rasse zwar eine permanente ist, zugleich aber eine durch und durch bastardierte, welche diesen Bastardcharakter bleibend bewahrt. Ich habe im vorigen Kapitel versucht, den Unterschied zwischen Mischungen und Bastardierungen klar zu machen. Alle historisch grossen Rassen und Nationen sind aus Mischungen hervorgegangen; wo aber der Unterschied der Typen ein unüberbrückbar tiefer ist, da entstehen Bastarde. Das ist hier der Fall. Die Kreuzung zwischen Beduin und Syrier war — anatomisch betrachtet — wohl noch ärger als die zwischen Spanier und südamerikanischem Indianer. Dazu nun, in später Stunde, das Ferment eines europäisch-arischen Zusatzes!

Rassenschuldbewusstsein
    Es ist durchaus geboten, hierauf grossen Nachdruck zu legen; denn ein derartiger Vorgang, so unbewusst er auch geschieht, ist ein blutschänderisches Verbrechen gegen die Natur; auf ihn kann nur ein elendes oder ein tragisches Schicksal erfolgen. Die übrigen Hebräer, und mit ihnen die Josephiten, gingen elend zu Grunde; wie die Familien der bedeutenderen pseudosemitischen Mestizen (die Phönizier, Babylonier u. s. w.) schwanden sie
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spurlos dahin; der Jude dagegen erwählte das tragische Schicksal: das   b e w e i s t   seine Grösse, und das   i s t   seine Grösse. Auf dieses Thema komme ich bald zurück, da dieser Entschluss die Begründung des Judentumes bedeutet; nur das Eine will ich gleich hier bemerken, denn es gehört hierher und wurde meines Wissens noch niemals gesagt: jenes tiefe Bewusstsein der

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


S ü n d e,   welches das jüdische Volk (in seinen heroischen Tagen) bedrückte¹) und in den Worten seiner auserwählten Männer ergreifenden Ausdruck fand,   w u r z e l t   i n   d i e s e   p h y s i s c h e n   V e r h ä l t n i s s e n.   Natürlich legte es der Verstand und die uns allen angeborene Eitelkeit wesentlich anders aus; doch der Instinkt griff tiefer als der Verstand, und sobald die Vertilgung der Israeliten und die eigene Gefangenschaft das Gewissen des Juden geweckt hatten, war seine erste That, jener Blutschande (wie ich sie oben in wörtlicher Anlehnung an Hesekiel nannte) ein Ende zu machen durch das strenge Verbot jeder Vermischung, selbst mit nahverwandten Stämmen. Man hat einen unerklärlichen Widerspruch darin gefunden, dass es die Juden sind, welche in die heitere Welt die ewig drohende Vorstellung der Sünde brachten, und dass sie dennoch unter Sünde etwas ganz anderes verstehen als wir. Die Sünde ist nämlich für sie eine Nationalsache, wogegen der Einzelne „gerecht“ ist, wenn er das „Gesetz“ nicht übertritt;²) „die Erlösung ist nicht die moralische Erlösung des Individuums, sondern die Erlösung des Staates“;³) das ist für unser Verständnis schon eine Schwierigkeit. Dazu kommt aber eine andere: die   u n b e w ü s s t   begangene Sünde gilt dem Juden einem bewussten Vergehen ganz gleich:4) „der Begriff der Sünde hat für den Juden keine notwendige Beziehung zu dem Gewissen des Sünders, er schliesst nicht die Vorstellung einer moralischen Schlechtigkeit ein, sondern deutet auf eine gesetzliche Verantwortlichkeit.“5) Monte-
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    ¹) „Seit dem Exil wurde (bei den Juden) das Sündenbewusstsein gewissermassen permanent,“ sagt Wellhausen: Prolegomena, 4. Ausg., S. 431.
    ²) Siehe Matthäus XIX, 20. Die Äusserung des reichen Mannes billigt noch heute der Jude Graetz vollkommen und bezeugt, die Aufforderung, „die Sünden zu bereuen“, habe für den Juden   „g a r   k e i n e n   S i n n“   (Volkstümliche Geschichte der Juden, I. 577).
    ³) W. Robertson Smith: The Prophets of Israel and their place in history, Ausg. von 1895, S. 247.
    4) idem, S. 102; Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, 2d ed., p. 558 (Anhang von Rabbi Schechter).
    5) R. Smith, a. a. O., S. 103. An anderem Orte schreibt er:

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fiore erklärt auch ausdrücklich, dass nach der Auffassung der postexilischen Gesetzgeber: „Sünde betrachtet wurde, nicht als eine Befleckung der individuellen Seele, sondern als eine Befleckung der physischen Reinheit, eine Störung jenes ungetrübt reinen Zustandes des Landes und seiner Einwohner, welcher die Bedingung ausmacht, unter der allein Gott fortfahren kann, unter seinem Volke und in seinem Heiligtum zu wohnen“ (a. a. O. S. 326). Wellhausen urteilt: „Bei den Juden.... besteht keine innere Verbindung zwischen dem Guten und dem Gute; das Thun der Hände und das Trachten des Herzens fällt auseinander.“¹) Ich bin, wie gesagt, überzeugt, der Schlüssel zu dieser merkwürdigen, widerspruchsvollen Vorstellung liegt in der physischen Entstehungsgeschichte dieser Rasse: ihr Dasein ist Sünde, ihr Dasein ist ein Verbrechen gegen die heiligen Gesetze des Lebens; so wenigstens wird sie vom Juden selber in den Augenblicken, wo das Schicksal hart an seine Pforte klopft, empfunden. Nicht das Individuum, sondern das ganze Volk müsste rein gewaschen werden, doch nicht von einem bewusst, sondern von einem unbewusst begangenen Vergehen; und das ist unmöglich, „wenn du dich gleich mit Lauge wüschest und nähmest viel Seife dazu“, wie Jeremia seinem Volke zuruft (II, 22). Und um das Unwiederbringliche der Vergangenheit auszulöschen, um es in die Gegenwart zu rücken, wo Einsicht und Willenskraft der Sünde eine Grenze stecken, der Reinheit eine Stätte schaffen konnten, musste die gesamte jüdische Geschichte von Anfang an gefälscht, die Juden als ein von Gott unter allen Völkern auserwähltes Volk von makellos reiner Rasse dargestellt und von nun an drakonische Gesetze gegen jegliche Blutmischung eingeführt werden. Wer das vollbracht hat, waren nicht Lügner, wie man wohl gemeint hat, sondern Männer, die unter dem Druck jener Not handelten, welche allein uns über uns selbst hinaushebt und zu un-
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„Sünde ist bei den Hebräern jede Handlung, durch welche man sich gegen Jemand im Unrecht befindet, der die   M a c h t   b e s i t z t,   das Vergehen zu bestrafen“! (a. a. O., S. 246).
    ¹) Israelit. und jüd. Geschichte, 3. Ausg., S. 380.

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wissenden Werkzeugen mächtiger Schicksalswendungen schafft.¹) Wenn irgend etwas geeignet ist, uns aus der Blindheit unserer Zeit, uns von der Phrasenmacherei unserer Autoritäten²) zu
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erretten und unsere Augen dem Naturgesetz zu öffnen, dass grosse Völker nur durch Veredelung der Rasse entstehen, Veredelung der Rasse aber nur unter bestimmten Bedingungen stattfindet, deren Nichtbeachtung Verfall und Sterilität nach sich zieht, so ist es der Anblick dieses hochgedachten, verzweiflungsvollen Kampfes der ihrer Rassensünde bewusst gewordenen Juden.

Homo syriacus
    Kehren wir jetzt zu den anthropogenetischen Zahlen zurück, so finden wir uns einem schwierigem Thema gegenüber; Schädel konnten wir messen und Nasen zählen, aber wie thun sich diese Ergebnisse im inneren Wesen des Juden kund? Den Schädelknochen halten wir in der Hand, er ist, was Carlyle „a hard fact“
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    ¹) Man hat Jeremia's Worte: „Es ist doch eitel Lügen, was die Schriftgelehrten setzen“ (VIII, 8) auf die damals vor Kurzem geschehene Einführung des Deuteronomiums und die begonnene Um- und Ausarbeitung des sogenannten   m o s a i s c h e n   G e s e t z e s   (von dessen Dasein keiner der Propheten etwas gewusst hatte) gedeutet, und zwar wahrscheinlich mit Recht (nach der Behauptung des gläubigen Juden C. G. Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, 201, 202).
    ²) Auch Herr von Luschan erblickt, wie man aus dem Schlusse seiner in rein statistischer Beziehung so wertvollen Arbeit über die ethnographische Stellung der Juden erfährt, das Heil in einem „völligen Ineinanderaufgehen und Verschmelzen“ der verschiedenen Menschenrassen. Man traut seinen Augen und Ohren nicht, sobald diese Herren aus der Schule Virchow's von Thatsachen zu Gedanken übergehen. Die gesamte Geschichte der Menschheit zeigt uns ihren Fortschritt an progressive Differenzierung und Individualisierung gebunden; Leben und Streben finden wir nur dort, wo scharf charakterisierte Volkspersönlichkeiten im Kampfe nebeneinanderstehen (wie jetzt in Europa), die besten Anlagen verkümmern unter dem Einfluss der Uniformität der Rasse (wie z. B. in China), die Bastardierung gegensätzlicher Typen sehen wir auf allen Gebieten des Organischen zu Sterilität und Monstrosität führen — — und dennoch soll das „Ineinanderaufgehen“ unser Ideal sein! Sehen denn die Herren nicht ein, dass Einerlei und Chaos synonyme ausdrücke sind?

„Ich liebte mir dafür das Ewigleere!“

445 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

nennt, eine harte Thatsache. Freilich, dieser Schädel symbolisiert eine ganze Welt; wer seine Masse recht zu erwägen, wer seine Linien in ihrem gegenseitigen Verhältnis recht zu deuten verstünde, der könnte über das Individuum viel aussagen: Möglichkeiten würde er erblicken, welche der betreffenden Rasse selber erst nach Generationen zum Bewusstsein kommen, und Schranken, welche von vornherein einen Menschen vom andern trennen. Wer jene zwei Schädel auf S. 360 betrachtet, den langen und den runden, glaubt zwei Mikrokosmen zu erblicken. Doch die Macht der Deutung ist uns nicht gegeben; wir beurteilen die Menschen nach ihren Thaten, eigentlich also auf indirektem Wege und nach einer fragmentarischen Methode, denn diese Thaten werden nur durch besondere Umstände veranlasst. Alles bleibt hier Stückwerk. Nun ist aber das Protoplasma einer einzelligen Alge ein so enorm kompliziertes Gebilde, dass die Chemiker noch immer nicht wissen, wie viele Atome sie sich im Molekül denken, und wie sie sie zu einer halbwegs annehmbaren symbolischen Formel vereinigen sollen; wer dürfte sich erkühnen, einen Menschen, ein ganzes Volk auf eine Formel zurückzu-
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führen? Folgende Charakteristika der Hethiter, der Amoriter und der Semiten sollen also nur zur allgemeinsten Orientierung dienen.
    Die   H e t h i t e r   sehen auf den ägyptischen Bildern nichts weniger als geistreich aus. Die übertrieben „jüdische“ Nase setzt sich nach oben in eine zurückweichende Stirn fort, und unten schliesst sich ein bisweilen noch ärger zurücktretendes Kinn an.¹) Vielleicht hat sich wirklich der Homo syriacus im Allgemeinen nicht durch den Besitz grosser und feuriger Begabung ausgezeichnet; ich wüsste auch nicht, dass er heute, wo er angeblich wieder überhandnimmt, hiervon Beweise gegeben habe. Doch besass er ohne Frage tüchtige Eigenschaften. Dass seine Rasse in den verschiedenen Mischungen siegreich durchgedrungen
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    ¹) Siehe namentlich die Figuren auf einem hethitischen Monument bei Aintab (Sayce: Hittites, p. 62) und die Typenbilder nach ägyptischen Monumenten auf S. 361.

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ist und noch durchdringt, beweist grosse physische Kraft. Dieser Kraft entsprach Ausdauer und Fleiss. Klug muss er auch gewesen sein, nach den wenigen Bildern zu urteilen, sogar ungeheuer schlau (was ja mit Genialität nichts zu thun hat, im Gegenteil). Auch seine Geschichte zeigt ihn klug: er hat verstanden zu herrschen und er hat verstanden, sich unter möglichst günstigen Bedingungen der fremden Gewalt zu unterwerfen. Unwirtliche Gegenden machte er urbar, und als ihre Bevölkerung zunahm, baute er Städte und war ein so tüchtiger Kaufmann, dass im Alten Testament „Kaufmann“ und „Kanaaniter“ durch ein und das selbe Wort ausgedrückt werden. Dass er als Krieger tapfer zu sterben wusste, bezeugt sein langer Kampf gegen Ägypten¹) und das Vorkommen solcher Charaktere wie Uria.²) Ein Zug von Güte ist auf allen jenen sonst recht verschiedenen Porträts zu lesen. Man stellt sich lebhaft vor, wie diese Menschen — gleich fern von symbolischer Mythologie
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und von fanatischem Wüstenwahn — jenen ungekünstelten Kultus einführen konnten, den die Israeliten in Palästina vorfanden und sich aneigneten: das Fest der Herbstlese (für sie zugleich Neujahr, von den Juden später Laubhüttenfest genannt), das Fest des Frühlings (Ostern, von den Juden später zum Passah umgedichtet) mit Darbringung der Erstgeburten von Rindern und Schafen, das Fest des vollendeten Getreideschnittes (Pfingsten, von den Juden Wochenfest genannt), lauter fröhliche Feste eines schon seit
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    ¹) Die Hethiter scheinen lange Zeit hindurch ganz Syrien beherrscht zu haben und wahrscheinlich ganz Kleinasien; ihre Macht war eben so gross wie die Ägyptens in seiner Glanzzeit (siehe Wright: Empire of the Hittites, 1886, und Sayce: The Hittites, 1892). Doch ist Vorsicht am Platze, denn die hethitische Schrift ist noch nicht entziffert, und wenn auch hethitische Physiognomie, Tracht, Kunst und Schreibart bereits einen bestimmten Begriff für die Wissenschaft bilden, die Geschichte dieses Volkes, von dem man vor wenigen Jahren noch nichts wusste, ist bis jetzt sehr dunkel geblieben.
    ²) Man lese (II Sam. XI) wie prächtig und männlich sich Uria benimmt; neben dem verbrecherischen Leichtsinn David's sticht diese strenge, wortkarge Pflichterfüllung angenehm ab.

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langen Zeiten ansässigen, Ackerbau treibenden, nicht die eines nomadischen Volkes, Feste ohne tiefere Beziehung auf das Innenleben des Menschen, eine einfache Naturreligion, wie sie für schlichte, fleissige, „leidlich redliche“ Menschen gepasst haben mag und gewiss heute noch passen würde.¹) Da wir Menschenopfer nur dort eingebürgert sehen, wo (wie in Phönizien) das semitische Element stark überwog,²) so dürfen wir voraussetzen, dass, wo der kanaanitische Baalsdienst derartige Greuel in dem Fest gestattet (wovon wir nur ausnahmsweise hören und wohl nur, wo fremde Fürstinnen durch Ehe ins Land gekommen sind), ein semitischer Brauch, nicht ein hethitischer, sich kundgiebt ³)... Im Ganzen machen uns die Hethiter mehr den Eindruck einer achtungswerten und hervorragend lebensfähigen Mittelmässigkeit als irgend einer Anlage zu ausserordentlichen Leistungen, sie besitzen mehr Zähigkeit als Kraft. Goethe sagt einmal, ohne Überschwänglichkeit gebe es keine Grösse; nach dieser Goetheschen Definition dürften die Hethiter schwerlich auf Grösse Anspruch erheben können.
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    ¹) Vergl. die Ausführungen bei Wellhausen: Israelitische und jüd. Gesch., Kap. 6. Trotz der später vorgenommenen vorsichtigen Expurgierung sind doch hier und da in der Thora Erwähnungen dieses heiteren Naturkultus geblieben, so z. B. des im Gotteshaus zu Sichem gefeierten Weinlesefestes (Richter IX, 27). Siehe auch, wie die Bundeslade „mit Freuden und Jauchzen“, mit Musik, Gesang und Tanz von David nach Jerusalem geführt wird (II. Sam. VI, 12—15).
    ²) Von Luschan hat durch zahlreiche Messungen festgestellt, dass der phönizische Typus sich „eng an den arabischen anschloss“.
    ³) Über den viel komplizierteren Kultus in der früheren Hauptstadt des hethitischen Reiches, Carchemisch (Mabog), siehe Sayce: The Hittites, ch. 6. Doch dünkt mich Lucian, auf den er sich beruft, ein sehr später und wenig zuverlässiger Zeuge. Interessant ist es dagegen zu sehen, wie weit die Phantasielosigkeit der Hebräer sich erstreckte. Selbst die Anlage des jüdischen Tempels, des äusseren und inneren Hofes, des Vorhangs vor dem Allerheiligsten, sowie das Privilegium des Hohenpriesters, diesen Raum zu betreten: das alles (angeblich Moses am Sinai von Gott vorgeschrieben!) sind genaue Nachahmungen des uralten hethitischen Ritus.

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Homo europaeus

    Dagegen scheint in jenen Amoritern, „hoch wie die Cedern und stark wie die Eichen“ (Amos II, 9), mit ihren kecken Herausforderungen, ihrer unbändigen Abenteuerlust, ihrer wahnwitzigen Treue bis in den Tod gegen fremde, selbstgewählte Herren, ihren felsendicken Stadtmauern, aus denen sie so gern in die Berge hinausschweiften, in jenen Amoritern scheint mir das Überschwängliche recht sehr daheim. Ein wildes, grausames Überschwängliche war es noch, doch zu allem Höchsten fähig. Man glaubt ein anderes Wesen zu sehen, wenn man auf den ägyptischen Monumenten unter der Unzahl Physiognomien plötzlich dieses freimütige, charakterstarke, Intelligenz atmende Antlitz erblickt. Wie das Auge des Genies inmitten des gewöhnlichen Menschenhaufens, so muten uns diese Züge an unter der Menge der schlauen und schlechten und blöden und bösen Gesichter, unter diesem ganzen Gesinde! von Babyloniern und Hebräern und Hethitern und Nubiern und wie sie alle heissen mögen. O Homo europaeus! wie konntest du dich in diese Gesellschaft verirren? Ja, wie ein Auge, geöffnet in ein göttliches Jenseits, mutest du mich an. Und ich möchte dir zurufen: folge nicht dem Rat der gelehrten Anthropologen, geh nicht auf in jenem Haufen, vermenge dich nicht mit jener asiatischen Plebs, gehorche dem grossen Dichter deiner Rasse, bleib dir selber treu... Doch ich komme drei Jahrtausende zu spät. Der Hethiter blieb, der Amoriter schwand. Das ist, unter manchen andern, der eine Unterschied zwischen Edlem und Unedlem: jenes ist schwerer zu erhalten. Riesen an Gestalt, sind diese Menschen nichtsdestoweniger in Bezug auf innere Organisation sehr zart. Kein Mensch entartet so schnell wie Lapouge's Homo europaeus; wie schnell z. B. die Griechen Barbaren wurden, „in Syros, Parthos, Aegyptios degenerarunt“, bezeugt schon Livius (38, 17, 11). Er verliert seine Eigenheit gänzlich; dasjenige, was ihm allein zu Teil wurde, scheint er nicht weiter geben zu können, die Anderen besitzen das Gefäss nicht für diesen Inhalt; dagegen besitzt er selber eine verhängnisvolle Assimilationsfähigkeit für das Fremdartige. Zwar erzählt man uns von den blonden Syriern des heutigen Tages, auch hören wir von zehn Prozent blonder Juden;


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doch Virchow belehrte uns, die Haut und das Haar seien „dauerhafter als der Schädel“, der Schädel vermutlich also dauerhafter als das Hirn; ich weiss es nicht, aber ich glaube wirklich, der Europäer liess in Asien, wie anderwärts, ausser der Erinnerung an seine Thaten, wenig mehr als Haut und Haar zurück. Ich habe ihn im Talmud gesucht, jedoch vergeblich.¹)

379 Homo arabicus
    Recht schwer dünkt es mich, über den Dritten in diesem Bunde, den echten Semiten, etwas auszusagen: denn es bildet geradezu ein Kennzeichen dieses Homo arabicus, dass er erst dann mitwirkend in die menschliche Geschichte eintritt, wenn er nicht mehr ein echter Semit ist. So lange er in seiner Wüste bleibt (und seiner Seelengrösse und -Ruhe wegen sollte er stets da bleiben), gehört er eigentlich der Geschichte gar nicht an; es ist auch sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich, dort Eingehendes über ihn zu erfahren; wir hören nur, er sei tapfer, gastfreundlich, fromm, auch rachsüchtig und grausam — lauter Charaktereigenschaften, nichts, was uns über seine intellektuellen Anlagen Aufschluss gäbe. Burckhardt, der Jahre lang Arabien bereiste, schildert den Beduinen als geistig, absolut müssig, sobald nicht Krieg oder Liebe den schlaffen Bogen — dann allerdings sofort auf das Äusserte — spannt.²) Bricht er aber gewaltsam heraus in die Kulturwelt, so geschieht es, wie unter Abu Bekr und Omar, oder wie heute in Zentralafrika, um zu morden und zu brennen.³) Sobald er weithin alles verwüstet
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    ¹) Doch kommt ein thatsächlicher „Germane“ dort vor (Traktat Schabbath, VI. 8, fol. 23a des Jerusalemischen Talmuds). Er ist der Sklave eines Juden. Beauftragt, Rabbi Hila, einen Freund seines Herrn, nach Hause zu begleiten, rettet er diesen vom Tode, indem er einen tollen Hund, der den Rabbi angefallen, auf sich selber reizt und von ihm den tödlichen Biss empfängt. Doch entlockt diese Treue dem frommen Juden nicht ein Wort der bewundernden Anerkennung, sondern er citiert bloss Jesaia XLIII, 4: „Weil du so wert bist, Israel, vor meinen Augen geachtet, musst du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb, darum gebe ich Menschen an deine Statt und Völker für deine Seele.“
    ²) Beduinen und Wahaby (Weimar 1831).
    ³) Man sehe doch, wie der berühmte maurische Geschichtsschreiber des 14. Jahrhunderts, Mohammed Ibn Khaldun, von Vielen

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hat, verschwindet der echte Semit, wir hören nichts mehr von ihm; überall, wo er in der Kulturgeschichte wieder auftaucht, hat inzwischen Vermischung stattgefunden — denn kein Menschentypus scheint sich schneller und erfolgreicher zu vermischen als gerade dieser in einer Jahrtausende währenden, gezwungenen Inzucht Gezeugte. Der edle Maure Spaniens ist nichts weniger als ein reiner Wüstenaraber, er ist zur Hälfte ein Berber (aus der arischen Verwandtschaft) und nimmt so reichlich gotisches Blut in seine Adern auf, dass noch heute vornehme Einwohner
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Maroccos ihre Genealogie bis zu germanischen Ahnen zurückverfolgen können; Harun-al-Raschid's Regierung ist nur deswegen ein Glanzpunkt inmitten einer so traurigen Geschichte, weil die rein persische Familie der Barmekiden (welche der iranischen Religion des Zarathustra treu blieb)¹) als civilisierendes und kulturelles Element dem Kalifen zur Seite steht. Kein einziger der stets sogenannten „semitischen Kulturstaaten“ des Altertums ist rein semitisch, kein einziger: weder der babylonische, noch der assyrische, noch der phönicische. Die Geschichte bezeugt es, und die Anthropologie bestätigt es. Noch immer hören wir „Wunder und wilde Mär“ über den reichen Segen, den wir dieser angeblich semitischen Kulturarbeit verdanken sollen; doch bei genauerem Zusehen finden wir den echten Semiten immer und überall dem wahrhaft schöpferischen Element nur „aufgepfropft“ (wie Wellhausen von den Israeliten sagte), und es ist in Folge dessen recht schwer zu entwirren, wie viel und was im Besonderen dem Semiten als solchem zuzuschreiben ist, was da-
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als der Begründer wissenschaftlicher Geschichte angesehen und selber ein halber Araber, urteilt: „Schaut euch um, betrachtet alle Länder, welche seit den ältesten Zeiten von den Einwohnern Arabiens besiegt wurden! Die Civilisation und die Bevölkerung schwanden aus ihnen, ja der Boden selber schien sich bei ihrer Berührung zu verwandeln und unfruchtbar zu werden“ (Prolegomena zur Weltgeschichte, zweiter Teil; ich citiere nach Robert Flint: History of the philosophy of history, 1893, p. 166).
    ¹) Renan: L'islamisme et la science (Discours et Conférences, 3e éd., p. 382).

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gegen seinem Wirt.¹) Heute weiss man zum Beispiel, dass die
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Semiten ebensowenig die Buchstabenschrift erfunden haben, wie
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    ¹) Siehe Jhering's anregende, aber allerdings hochphantastische Vorgeschichte der Indoeuropäer, wo die gesamte babylonische Kultur, trotzdem der Verfasser selber zugiebt, die Semiten hätten sie „überkommen“, trotzdem er uns die Sumero-Akkadier als lebendige Kraft noch in späten Zeiten am Werke zeigt (S. 133, 243 u. s. w.), einfach als „semitische Kultur“ bezeichnet wird. Ähnlich von Luschan in dem erwähnten Vortrag, wo er sich bemüssigt fühlt, am Schlusse in die Posaune zu stossen zu Ehren der „Semiten“, in   d e m   s e l b e n   V o r t r a g,   in welchem er soeben nachgewiesen hat, die berühmtesten semitischen Völker enthielten nur wenig semitisches Blut... o Logik der Naturforscher! Zum Schluss tischt er noch die alte Redensart von der „hohen Blüte der arabischen Wissenschaft in Spanien“ auf, wo wir alle in die Schule gegangen seien — — — eine Märe, deren Nichtigkeit kein geringerer als Ernest Renan schon vor langen Jahren aufgedeckt hatte. „Der semitische Geist“, schreibt dieser, „ist von Hause aus antiphilosophisch und antiwissenschaftich.... Man redet viel von einer arabischen Wissenschaft und einer arabischen Philosophie, und allerdings, die Araber waren während einem oder zwei Jahrhunderten unsere Lehrmeister; doch geschah das nur, weil die griechischen Originalschriften verschüttet lagen. Diese ganze arabische Wissenschaft und Philosophie war weiter nichts, als eine armselige Verdolmetschung hellenischen Wissens und Denkens. Sobald das authentische Griechenland aus dem Schatten hervortritt, verfallen diese jämmerlichen Produkte in Nichts, und nicht ohne Grund unternehmen alle Gelehrten der Renaissance einen wahren Kreuzzug gegen sie. Übrigens, näher betrachtet, war selbst diese also beschaffene arabische Wissenschaft in gar keiner Beziehung arabisch. Nicht allein war ihre Grundlage rein griechisch, sondern   u n t e r   d e n e n ,   w e l c h e   s i c h   d e r   E i n b ü r g e r u n g   d e s   W i s s e n s   w i d m e t e n,   g a b   e s   n i c h t   e i n e n   e i n z i g e n   e c h t e n   S e m i t e n;   Spanier waren es und (in Bagdad) Perser, welche sich der herrschenden arabischen Sprache bedienten. Genau ebenso verhält es sich mit der philosophischen Rolle, welche man den Juden im Mittelalter zuschreibt; sie haben aus fremden Sprachen übersetzt, weiter nichts. Die jüdische Philosophie ist die arabische Philosophie; nicht   e i n   neuer Gedanke kommt hinzu. Eine einzige Seite Roger Bacon's besitzt mehr wahrhaft wissenschaftlichen Wert als diese gesamte erborgte jüdische Weisheit, die zwar Achtung verdient, doch ledig der Originalität ist“ (De la part des peuples sémitiques dans l'histoire de la civilisation, éd. 1875, p. 22 suiv.). Das selbe Thema behandelt Renan ausführlicher in seinem Vortrage des

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sie die angeblich „arabischen Ziffern“ erfunden hatten; von den Hethitern stammt die sogenannte „phönicische“ oder überhaupt „semitische“ Buchstabenschrift¹), und „die Legende von der Übermittelung des Alphabetes an die Arier durch die Phönicier ist nunmehr endgültig beseitigt“, da viel ältere Schriftzeichen als die ältesten pseudosemitischen aufgefunden wurden, Zeichen, die das Vorhandensein „einer urarischen-europäischen Schrift beweisen, die im Osten erst später von den asiatischen Schriften etwas beeinflusst wurde.“²) — — — Andererseits sehen wir, dass, wo der semitische Wille auf dem lauteren Gebiete der Religion (nicht des Besitzes) siegreich durchdrang, er die geistige Sterilität gebot und erzwang: wir sehen es an dem Juden nach dem babylonischen Gefangenschaft (denn der Sieg der frommen Partei ist ohne Frage ein Sieg des semitischen Elements), wir sehen es am Mohammedanismus. „Das jüdische Leben war fortan (nach dem Exil) bar aller intellektuellen und geistigen Interessen mit einziger Ausnahme der religiösen.... Der typische Jude
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Jahres 1883: L'islamisme et la science. „Nicht allein sind diese Denker und Gelehrten nicht aus arabischem Stamme“, sagt er da, „sondern die Richtung ihres Geistes ist durchaus nicht arabisch.“
    ¹) Renan: Israël I, 134 suiv.
    ²) Professor Hueppe: Zur Rassen- und Sozialhygiene der Griechen (1897), S. 26. Dass die sogenannten „phönicischen“ Schriftzeichen nicht eine Erfindung des semitischen Geistes sind, wird heute von allen Gelehrten zugegeben; Halévy vermutet einen ägyptischen, Hommel (mit grösserer Wahrscheinlichkeit) einen babylonischen d. h. also sumerischen Ursprung. Delitzsch glaubt, die syrischen Halbsemiten hätten aus zwei verschiedenen Alphabeten, einem ägyptischen und einem babylonischen, das ihre zusammengeschmolzen; der letzte Bearbeiter dieses Gegenstandes gelangt dagegen zu dem Schluss, das Alphabet sei überhaupt eine Erfindung der Europäer, erst durch die hellenischen Mykenier nach Asien gebracht (siehe H. Kluge: Die Schrift der Mykenier, 1897). — Über die inzwischen genau bekannt gewordenen mykenischen Schriftzeichen schreibt ein unverdächtiger Zeuge, Salomon Reinach (L'Anthropologie, 1902, XIII, 34): Une chose est certaine: c'est que l'écriture linéaire des tablettes ne dérive ni de l'Assyrie ni de l'Egypte, qu'elle présente un caractère nettement européen, qu'elle offre comme une image anticipée de l'épigraphie hellénique.

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interessierte sich weder für Politik, noch für Litteratur, noch für
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Philosophie, noch für Kunst....  Die Bibel bildete eigentlich die gesamte Litteratur der Juden, deren Studium ihr einziges geistiges und intellektuelles Interesse“: das sagt ein unverdächtiger Zeuge, der jüdische Gelehrte C. G. Montefiore (a. a. O., S. 419 u. 543). Ein ebenso unverdächtiger, Hirsch Graetz, citiert einen Ausspruch Rabbi Akiba's: „Wer sich mit dem Lesen exoterischer Schriften (d. h. mit irgend einem Studium ausser dem der heiligen jüdischen Thora) beschäftigt, hat seinen Anteil an der zukünftigen Welt verwirkt.“¹) Die Mischna lehrt: „seinen Sohn in griechischer Wissenschaft unterweisen lassen, ist genau ebenso fluchwürdig wie Schweinezucht betreiben.“²) Dass das Hethitertum, welches die Hälfte des jüdischen Blutes, wie wir gesehen haben, ausmacht, stets gegen derartige Lehren protestierte und sich mit Vorliebe allem „Exoterischen“ zuwandte, ist eine Sache für sich; ich suche hier einzig den „Semiten“ zu erfassen. Was den sterilisierenden Einfluss der echtesten semitischen Religion, der mohammedanischen, anlangt, so ist er zu offenbar, als dass ich ihn erst nachzuweisen hätte. Wir stehen also hier zunächst vor einer Menge negativer Thatsachen und sehr wenigen positiven; wer sich nicht mit Phrasen begnügen will, wird eben finden, dass es schwer ist, sich die Persönlichkeit des echten Semiten vorzustellen, und doch ist es für unser jetziges Vorhaben — für die Beantwortung der frage: Wer ist der Jude? so wichtig, dass wir durchaus zur Klarheit der Vorstellung durchdringen müssen. Rufen wir die Gelehrten zu Hilfe!
    Schlage ich in dem Werke des bedeutendsten und darum zuverlässigsten aller Ethnographen Deutschlands, Oskar Peschel's, nach, so finde ich auf diese Frage gar keine Antwort; das war ein vorsichtiger Mann. Ratzel sagt folgendes: der Semit hat
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    ¹) Gnosticismus und Judentum (Krotoschin 1846, S. 99). Der sonst in diesem Zusammenhang nicht recht einleuchtende Sinn des Wortes „exoterisch“ wird durch die Herbeiziehung anderer Stellen erläutert, wo z. B. das Lesen griechischer Dichter eine „exoterische Beschäftigung“ genannt wird (S. 62).
    ²) Citiert nach Renan: Origines du Christianisme, I. 35.

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vor dem Hamiten und dem Indogermanen die grössere Energie, wenn man will, Einseitigkeit des religiösen Empfindens voraus; die Gewaltsamkeit und Ausschliesslichkeit, kurz der Fanatismus zeichnet den Semiten aus; religiöse Ausschweifungen, bis zum Menschenopfer, sind nirgends so verbreitet; noch der Feldherr des Mahdi (1883) liess Gefangene lebendig in Kesseln braten; der Semit ist Individualist, er hängt mehr am Glauben und der Familie als am Staat; da der Semit keinen guten Soldaten abgiebt, hatte er mit fremden Söldnern seine Siege zu erfechten;
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vielleicht haben die Semiten in den ältesten Zeiten Grosses für die Wissenschaft geleistet, möglich ist es aber, dass diese Leistungen fremden Ursprungs sind, später jedenfalls treten sie auf diesem Gebiete ganz zurück, ihre grössten Leistungen liegen auch hier auf dem religiösen Gebiet.¹) Mir scheint diese Charakterisierung recht zerfasert, wenig sagend und nebenbei oft falsch. Es ist ja ganz schön und gut, seine Feinde in Kesseln lebendig zu braten — von China bis zu den kunstbeflissenen Niederlanden des 16. Jahrhunderts, wo träfen wir Grausamkeit nicht an? — darin aber eine höhere „Energie des religiösen Empfindens“ zu erblicken, ist naiv, namentlich wenn man den Semiten in dieser Beziehung über den so tief religiösen und fabelhaft schöpferischen Ägypter stellt und über den Indogermanen, dessen religiöse Litteratur bei weitem die grösste der Welt ist, und dessen „religiöses Empfinden“ sich seit undenklichen Zeiten u. A. darin bekundet hat, dass Tausende und Millionen menschlicher Existenzen einzig und allein der Religion gewidmet und geopfert waren. Wenn der Brahmane in einem der ältesten Upanishads (mindestens 800 oder 1000 Jahre vor Christo)²) lehrt: Das Einatmen und das Ausatmen bei Tage und auch im Schlafe solle der Mensch als ununterbrochenes Opfer an die Gottheit betrachten,³) stellt
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    ¹) Völkerkunde II, 391; mit Benützung von Ratzel's eigenen Worten zusammengefasst.
    ²) Vergl. Leopold von Schröder: Indiens Litteratur und Kultur (1887), 20. Vorlesung.
    ³) Kaushîtaki-Upanishad II, 5. Deussen, die grösste lebende Autorität, giebt zu dieser Stelle folgende Glosse: der Brahmane will

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das nicht die „höchste Energie des religiösen Empfindens“ dar, von der die Geschichte der Menschheit zu erzählen weiss? Und was soll das wieder heissen: der Semit ist   I n d i v i d u a l i s t?   Soweit wir urteilen können, unterschied sich der Glaube dort, wo die Religion unter semitischen Einfluss geriet, dadurch vom indogermanischen (und vom ostasiatischen), dass er   n a t i o n a l   wurde, dass das Individuum, ausser als Glied des Gemeinwesens, fast zu einer quantité négligeable zusammenschrumpfte (vgl. S. 247); und die pseudosemitischen Staaten haben ohne Ausnahme jegliche Freiheit des Individuums aufgehoben. Wahrer Individualismus scheint mir eher unter den Germanen daheim, als unter den semitischen Völkern; jedenfalls dürfte die Behauptung „der Semit ist Individualist“ nur mit vielen einschränkenden Vorbehalten ausgesprochen werden. — Viel tiefer geht der
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gründliche Christian Lassen, der mehr Seelen- als Schädelkenner war. Trotzdem seine Beurteilung des Semiten aus den vierziger Jahren datiert, wo man die Halbsemiten von dem echten Stamm noch nicht deutlich zu unterscheiden gelernt hatte, greift seine Charakteristik Momente heraus, welche den intellektuellen Kern der semitischen Persönlichkeit blosslegen. Er schreibt: „Die Anschauungsweise des Semiten ist subjektiv und egoistisch. Seine Poesie ist lyrisch, daher subjektiv, es spricht das Gemüt seine Freude und seinen Schmerz, seine Liebe und seinen Hass, seine Bewunderung und seine Verachtung aus; — — — das Epos, bei dem das Ich des Dichters vor dem Gegenstande zurücktritt, gelingt ihm nicht, noch weniger das Drama, welches eine noch vollständigere Abstreifung der eigenen Persönlichkeit bei dem Dichter erfordert.¹) Auch die Philosophie gehört den Semiten
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sagen: „nicht im äusseren Kultus soll die Religion bestehen, sondern darin, dass man das ganze Leben   m i t   j e d e m   A t e m z u g e   in ihren Dienst stellt“ (Sechzig Upanishad's des Veda, S. 31).
    ¹) Also doch Individualismus? Gewiss, doch in einem ganz anderen Sinne als beim Indogermanen. Beim Semiten steht, wie man diesen Ausführungen Lassens entnimmt, das Individuum sich selbst gewissermassen im Wege, daher sind seine wirklichen Leistungen nur kollektive, im Gegensatz zum Griechen und zum Germanen, bei

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nicht; sie haben sich, und zwar nur die Araber, bei den Philosophen der Indogermanen eingemietet. Ihre Anschauungen und Vorstellungen beherrschen ihren Geist zu sehr, als dass sie sich zum Festhalten des reinen Gedankens richtig erheben und das Allgemeinere und Notwendige von ihrer eigenen Individualität und deren Zufälligkeiten trennen könnten.¹) In seiner Religion ist der Semit selbstsüchtig und ausschliessend; Jehova ist nur
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der Gott der Hebräer, die ihn allein erkennen, alle anderen Götter sind absolut falsch und haben nicht den geringsten Anteil an der Wahrheit; wenn auch Allah nicht allein der Araber Gott sein will, sondern sich die ganze Welt unterwerfen soll, so ist sein Wesen ebenso egoistisch; auch er bestreitet jedem anderen Gott jedes Moment der Wahrheit, und es hilft nichts, dass du den Allah anerkennst, du kannst ihm nur wahrhaft dienen in der ausschliesslichen Form, dass Muhammed sein Prophet ist. Ihrer Lehre nach   m u s s t e n   die Semiten intolerant und zum Fanatismus, wie zur starren Anhänglichkeit an ihr religiöses Gesetz geneigt sein. Die Toleranz tritt am deutlichsten bei den indo-
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denen jedes Werk den Stempel einer bestimmten Persönlichkeit, eines Individuums trägt. Genau die selbe Anschauung wie Lassen hegt auch Fr. von Schack: „Die ganze schaffende Thätigkeit der Araber trägt einen subjektiven Charakter. Überall sprechen sie vorzugsweise   i h r   Seelenleben aus, ziehen die Dinge der Aussenwelt in dasselbe hinein und zeigen wenig Neigung, der Wirklichkeit fest ins Auge zu sehen, um die Natur in scharfen und bestimmten Umrissen darzustellen, oder sich in die Individualität Anderer zu vertiefen und Menschen oder Lebensverhältnisse gegenständlich zu schildern. Hiernach mussten diejenigen Formen der Poesie, welche ein Heraustreten aus sich selbst und gestaltende Kraft verlangen, ihnen am fernsten liegen“ (Poesie und Kunst der Araber I, 99).
    ¹) Über Wissenschaft speziell schreibt Grau in seinem bekannten philosemitischen Werke: Semiten und Indogermanen (2. Aufl., S. 33): „Die Hebräer, wie alle Semiten, sind viel zu subjektiv, als dass der reine Wissenstrieb eine Macht in ihnen werden konnte. Die Naturwissenschaft in dem objektiven Sinne, den sie bei den Indogermanen hat, mit welchem gegeben ist, dass die Natur nach ihrem eigenen Sinn und Wesen zur Geltung komme, der Mensch aber lediglich ihr Dolmetscher sei, kennen die Hebräer nicht.“ S. 50 schreibt Grau: „den Semiten liegt   a l l e s   O b j e k t i v e   fern.“

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germanischen Völkern hervor; diese Toleranz entspringt aus einer grösseren Freiheit des Gedankens, der sich nicht an die Form ausschliesslich bindet. — — Die Eigenschaften des semitischen Geistes, das leidenschaftliche Gemüt, der hartnäckige Wille, der feste Glaube an ausschliessliche Berechtigung, das ganze egoistische Wesen musste seine Besitzer für grosse und kühne Thaten im höchsten Grade tüchtig machen.“¹) Hier geht dann Lassen zu einer Betrachtung der pseudosemitischen Staaten über, von denen er meint, diese gross angelegten Gebilde seien alle daran zu Grunde gegangen, dass „auch hier die unfügsame Willkür des starren selbstsüchtigen Willens störend eingriff.“²) — Mit dieser Charakterisierung ist uns wirklich etwas gegeben, fast alles sogar, nur muss sie noch geschliffen und zugespitzt werden, soll sich unserem Bewusstsein eine deutliche, allseitig durchsichtige Vorstellung aufthun. Das will ich versuchen. Lassen zeigt uns den   W i l l e n   als die vorherrschende Macht in der Seele des Semiten: das ist der Kern aller seiner Ausführungen. Dieser Wille fördert, zugleich aber hemmt er. Er befähigt seinen Besitzer zu grossen und kühnen Thaten; er steht ihm im Wege überall, wo der Geist zu höherer Bethätigung sich aufschwingt. Die Folge ist ein leidenschaftlicher, zu grossen Unternehmungen geneigter Charakter, gepaart mit einem Intellekt, welcher diesem
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Antrieb keineswegs adäquat ist, da er vor dem Ungestüm des Willens niemals zur Entfaltung gelangen kann. In diesem Menschen steht der Wille obenan, dann kommt das Gemüt, zuunterst
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    ¹) Indische Altertumskunde (ed. 1847), I, 414 — 416.
    ²) Interessant und wichtig ist es, festzustellen, wie das Organ des Menschengeistes, die Sprache, diesem besonderen semitischen Typus angepasst ist und ihm als Ausdruck dient. Renan schreibt: „Ein Köcher voll stählerner Pfeile, ein fest gewundenes Ankertau, eine eherne Posaune, deren wenige, gellende Töne die Luft zerreissen: das ist die hebräische Sprache. Diese Sprache ist unfähig, einen philosophischen Gedanken, ein wissenschaftliches Ergebnis, einen Zweifel, oder auch die Empfindung des Unendlichen auszusprechen. Sie kann nur wenig sagen, doch was sie sagt, ist wie das Schlagen des Hammers auf den Amboss“ (Israël I, 102). Ist das nicht die Sprache des hartnäckigen Willens?

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steht der Verstand. Lassen legt einen besonderen Nachdruck auf den Egoismus des Semiten, immer wieder kommt er darauf zurück; bei seiner Poesie, seiner Philosophie, seiner Religion, seiner Politik, überall erblickt er ein „egoistisches Wesen“ am Werke. Das ist eine unausbleibliche Folge jener Hierarchie der Anlagen. Die Selbstsucht wurzelt im Willen; was sie vor Excessen bewahren kann, sind einzig die Gaben des Gemütes und des Verstandes — ein warmes Herz, eine tiefe Erkenntnis des Weltwesens, künstlerisch-schöpferisches Gestalten, der edle Wissensdurst. Doch, wie Lassen es andeutet, sobald der stürmische Wille mit seiner Eigensucht überwiegt, bleiben selbst schöne Anlagen verkümmert: die Religion entartet zum Fanatismus, das Denken ist Zauberei oder Willkür, die Kunst spricht nur die Liebe und den Hass des Augenblickes aus, sie ist Ausdruck, doch nicht Gestaltung, die Wissenschaft wird Industrie.
    Dieser Semit wäre hiernach das rechte Gegenstück zum Hethiter: bei dem einen die schöne Harmonie eines allseitig massvoll entwickelten Wesens, zähe Beharrlichkeit des Willens vereint mit Klugheit und mit freundlicher Lebensauffassung, bei dem andern die Stimmung auf das Masslose, auf das Gewaltsame, ein Charakter mit gestörtem Gleichgewicht, in welchem die notwendigste und zugleich die gefährlichste Gabe des Menschen — der Wille — eine Ausbildung ins Ungeheuerliche erfahren hat. Wer nicht glaubt, dass die sogenannten „Rassen“ fertig vom Himmel gefallen sind, wer mit mir sich weigert, dem Wahngebild angeblicher Uranfänge Beachtung zu schenken (da das Werden nur eine Erscheinung des Seins ist, nicht umgekehrt), wird vielleicht vermuten, diese beispiellose Entwickelung der einen Fähigkeit bei entsprechender Verkümmerung der anderen sei das Werk eines vieltausendjährigen Lebens in der Wüste, wo der Intellekt ohne jegliche Nahrung blieb, das Gemüt sich nur auf einen engen Kreis erstrecken konnte, der Wille dagegen — der Wille dieses gänzlich auf sich selbst gestellten, dieses inmitten des ununterbrochenen Schweigens der Natur dennoch Tag und Nacht von Feind und Gefahr umgebenen Individuums — alle Säfte des

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Leibes erheischen, alle Kräfte des Geistes ununterbrochen auf das Äusserste spannen musste. Sei dem wie ihm wolle, jedenfalls schliesst ein solcher Charakter die Möglichkeit wahrer
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Grösse ein. Die Überschwänglichkeit, die wir bei den Hethitern vermissten, ist hier gegeben. Und zwar sind wir jetzt, wo wir die Analyse bis ins Innere fortgesetzt haben, im Stande, den Finger auf den Punkt zu legen, wo hier einzig Grösse zu erwarten ist: offenbar einzig auf dem Gebiete des Willens und bei allen jenen Leistungen, die aus einem Vorwalten des Willens über andere Fähigkeiten erfolgen können. Jener Ibn Khaldun, welcher behauptet, der Semit „habe nicht die geringste Fähigkeit, etwas Dauerhaftes zu gründen“, lobt als unvergleichlich die Einfachheit seiner Bedürfnisse (Mangel an Phantasie), den Instinkt, der ihn eng an die Seinen bindet, von Anderen ihn scheidend (verkümmertes Gemüt), die Leichtigkeit, mit der er sich von einem Propheten in das Delirium der Begeisterung hinreissen lässt, in tiefster Demut dem göttlichen Gebote gehorchend (schlechte Urteilsfähigkeit infolge der Unentwickeltheit der Vernunft). Ich habe in diesem Satze zu jeder Behauptung lbn Khaldun's meinen Kommentar gemacht, doch nur um zu zeigen, dass eine jede der genannten Eigenschaften — Bedürfnislosigkeit, Familiensinn, Gottesglaube — in diesem Falle ein Triumph des Willens bedeutet, nicht etwa, um den Wert der Genügsamkeit, der Treue gegen die Seinen und des Gehorsams gegen Gott herabzusetzen. Es kommt aber darauf an zu   u n t e r s c h e i d e n,   — das ist sogar überhaupt das wichtigste Geschäft des Denkens — und um recht zu verstehen, was ein echter Semit ist, muss man einsehen lernen: dass die Bedürfnislosigkeit eines Omar, für den nichts auf der Welt Interesse bietet, nicht die selbe ist, wie die eines Immanuel Kant, der nur darum keine äusserlichen Gaben begehrt, weil sein allumfassender Geist die ganze Welt besitzt; dass die Treue gegen das eigene Blut etwas durchaus anderes ist, als z. B. die Treue jener Amoriter gegen den selbstgewählten Herrn — das eine ist lediglich eine instinktmässige Erweiterung des egoistischen Willenskreises, das andere ist eine freie Selbstbestimmung des Individuums, eine Art gelebte Dichtung;

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vor allem muss man, oder vielmehr müsste man (denn ich darf nicht hoffen, es zu erleben) zwischen einem rasenden Gottesglauben und wahrer Religion unterscheiden lernen und auch Monolatrie mit Monotheismus nicht verwechseln. Das hindert durchaus nicht, die spezifisch semitische Grösse anzuerkennen. Mag der Mohammedanismus auch die schlechteste aller Religionen sein, wie Schopenhauer behauptet, wen durchschauerte es nicht mit fast unheimlicher Bewunderung, wenn er einen Mohammedaner in den Tod gehen sieht, so gelassen, als ginge er
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spazieren? Und diese Macht des semitischen Willens ist so gross, dass sie sich, wie im genannten Falle, Völkern aufzwingt, die nicht einen Tropfen arabischen Blutes in den Adern haben. Durch die Berührung dieses Willens wird der Mensch umgewandelt: es liegt in ihm eine derartige Suggestionskraft, dass sie uns fasciniert wie das Auge der Schlange den Vogel und wir auf ihr Gebot das Singen und das Fliegen plötzlich verlernen. Und so wurde denn der Semit eine Macht ersten Ranges in der Weltgeschichte. Gleich einer blinden Naturkraft — denn der Wille ist blind — stürzte er sich auf andere Völker: er verschwand in ihnen, sie nahmen ihn auf; man sah wohl, was diese Völker ihm gegeben hatten, doch nicht was er ihnen; denn was   e r   gegeben, besass keine Physiognomie, keine Gestalt, es war nur Wille: eine erhöhte Energie (was oft zu grossen Leistungen anregte), eine schwer zu beherrschende Erregbarkeit und einen unstillbaren Durst nach Besitz (was oft den Untergang herbeiführte), kurz, eine bestimmte Willensrichtung; überall, wo er sich niederliess, hatte der Semit zunächst nur das Vorhandene angenommen und sich assimiliert,   d e n   C h a r a k t e r   d e r   V ö l k e r   h a t t e   e r   a b e r   g e ä n d e r t.

Homo judaeus
    Wie flüchtig dieser Versuch, einige unterscheidende Merkmale der Hethiter, der Amoriter und der Semiten scharf zu beleuchten, auch sein mag, ich glaube doch, dass er zu einer vernünftigen, wahrheitsgemässen Erkenntnis des israelitischen und jüdischen Charakters beitragen wird. An ein derartiges Beginnen darf man überhaupt nur mit Bescheidenheit und voller Entsagung gehen. Jedenfalls werden deutliche Bilder von lebendigen Me-

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schen und ihren Thaten uns zu einer farbenreicheren Vorstellung verhelfen als Zahlen, und Zahlen sind schon besser als Phrasen. Mit jedem Schritt müssen wir aber behutsamer werden, und blicken wir jetzt auf jene Zahlen zurück, so werden wir nicht geneigt sein, den Israeliten nach Prozentsätzen aus Semiten, Amoritern und Hethitern zu „konstruieren“, etwa wie der Koch eine Mehlspeise nach einem Recept macht, das wäre Kinderei. Dennoch rückt durch jene Betrachtung Manches unserem Verstande menschlich näher. Was z. B. in einem Nationalcharakter unlösbarer Widerspruch ist — und an solchen Widersprüchen ist das jüdische Volk reicher als irgend ein anderes — wirkt zunächst verwirrend, oft geradezu beunruhigend; doch verliert sich dieser Eindruck, wenn wir die organische Ursache des Widerspruchs kennen. So leuchtet es ohne Weiteres ein, dass aus der Vermengung von Hebräern und Hethitern widerspruchs-
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volle Tendenzen erfolgen mussten: denn, während die Hebräer sich den Hethitern physisch aufpfropften, wurde ihnen, den Hebräern, eine Kultur eingeimpft, die ihnen moralisch und intellektuell nicht angehörte, die nicht naturgemäss aus ihrer eigenen Not, aus einer erfinderischen Fülle des eigenen Geistes hervorgegangen war; es war Besitzergreifung im Gegensatz zu organischer Angehörigkeit. Zwar erwarben sich die Hebräer einen wirklichen Besitztitel an dieser Kultur, indem sie das Blut des schöpferischen Hethitervolkes in das ihre aufnahmen und Israeliten wurden; doch gerade hierdurch war fortan Gegensatz und innerer Zwist gegeben: die zwei Typen waren zu grundverschieden, um ganz ineinander aufgehen zu können, was sich besonders deutlich in dem bald hervortretenden Gegensatz zwischen Juda und Israel kundthat; im Norden nämlich prädominierte der syrische Mensch und war die Vermischung eine viel gründlichere und schnellere gewesen,¹) im Süden dagegen wogen die Amoriter vor und fand eine fast unaufhörliche Einsickerung echten semitischen Blutes aus Arabien statt. Was hier zwischen Stamm und Stamm sich
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    ¹) Die Hethiter waren im Norden zahlreicher, die Amoriter im Süden (siehe Sayce: Hittites; pag. 13 und 17).

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ereignete, wiederholte sich innerhalb des engeren Verbandes: so lange Jerusalem stand, sehen wir ununterbrochen die mattgläubigen, weltsüchtigen Elemente ausscheiden, sie flüchten förmlich aus der Heimat des strengen Gesetzes und des schmucklosen Lebens. Das selbe Phänomen währt heute noch, nur nicht so sichtbar. Ich glaube nicht, dass es Künstelei ist, wenn wir hierin den dauernden Einfluss einerseits des Homo syriacus, andrerseits des Homo arabicus erblicken.
    Andere Betrachtungen dieser Art über die Beiträge der verschiedenen Typen zu der Bildung dieser besonderen Menschenrasse überlasse ich dem Leser und wende mich gleich dem wichtigsten Punkt zu —   d e m   E i n f l u s s   d e s   s e m i t i s c h e n   G e i s t e s   a u f   d i e   R e l i g i o n.   Offenbar ist das die Kernfrage, um die Entstehung des Judentums und seinen Charakter zu verstehen; und während die besondere Befähigung für Geschäfte vielleicht eher ein hethitisches als ein semitisches Erbstück ist, dürfte in religiöser Hinsicht das semitische Element
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stark vorwiegen.¹) Ich behandle diesen Gegenstand lieber gleich
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    ¹) Einen Beweis bezüglich des Geschäftlichen liefern uns die Armenier, in deren Adern das „alarodische“, d. h. syrische Blut in bedeutend stärkerem Prozentsatz fliesst (etwa 80% nach einer brieflichen Mitteilung des Herrn Professor Hueppe), sonst aber nur indoeuropäisches, phrygisches, nicht semitisches, und die — ausser der charakteristischen „Judennase“, jenes hethitischen Erbstückes — die selbe Habgier, die selbe geschäftliche Schlauheit und die selbe leidenschaftliche Vorliebe für Wucher wie die Juden, alles aber in noch stärkerem Grade an den Tag legen, so dass man in der Levante zu sagen pflegt: ein Armenier wiegt drei Juden auf. Interessante Mitteilungen über den Charakter der Armenier, namentlich auch über ihr Genie für das Intriguieren und Aufwiegeln, findet man aus neuester Zeit in David Hogarth: A wandering scholar in the Levant (1896 p. 147 fg.). Allerdings schildert Burckhardt in seinem berühmten Buche Über die Beduinen und Wahaby (Weimar 1831) die echten Semiten ebenfalls als arge, überschlaue Geschäftsleute: „In ihren Privatkäufen betrügen die Araber einander, so viel es nur immer gehen will“, sagt er, „auch Wucher treiben sie, wo es nur immer Gelegenheit dazu giebt“ (S. 149, 154). Doch hat Burckhardt, als er noch weitere Jahre bei den Beduinen gelebt hatte, sein Urteil dahin präcisiert, dass zwar die „Gier nach Gewinn“ einen Hauptzug

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hier und von dem allgemeinen Standpunkte aus, als später, wo die jüdische Religion als besondere Erscheinung uns beschäftigen wird; denn der weitere Horizont wird einen weiteren Überblick gestatten, und fragen wir uns, wie wirkt überall und notwendigerweise auf das religiöse Empfinden der Völker der besondere semitische Geist, dessen Wesen wir nunmehr in der Vorherrschaft des Willens erkannt haben, so wird die Antwort uns sowohl über den vorliegenden Fall Aufschluss geben, wie auch zugleich unsere weitere Aufgabe im Verlauf dieses ganzen Werkes ungemein erleichtern. Denn es handelt sich um eine noch heute in unserer Mitte wirkende Kraft, die vermutlich noch in künftigen, fernen Jahrhunderten ihren Einfluss geltend machen wird, und die wir durch die alleinige Betrachtung des beschränkten, spezifischen Judentums nicht ergründen können.

391 Exkurs über semitische Religion
    Ich sagte, der Semit habe den Charakter der Völker geändert. Die Veränderung des Charakters zeigt sich am deutlichsten auf dem Gebiete der Religion. Fällt es uns sonst schwer, die Beteiligung des spezifisch semitischen Geistes in den Mischvölkern herauszulösen, so sehen wir ihn hier unverkennbar deutlich am Werke; denn hier dehnt sich sein tyrannischer Wille zu kosmi-
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ihres Charakters ausmache, doch die Neigung zum Betrug erst durch die Berührung mit den Städten und der dort ansässigen Gaunerbevölkerung entstehe (S. 292). Wer lügt, hat bei ihnen die Ehre verloren (S. 296), und Burckhardt darf behaupten: „mit allen ihren Fehlern sind die Beduinen eine der edelsten Nationen, mit welchen ich je bekannt zu werden Gelegenheit hatte“ (288). — In Bezug auf diese nicht unwichtige Frage sind die neuesten Erfahrungen der Franzosen in Algier von Interesse: die Kabylen kehren gern zur Civilisation zurück, wogegen die rein arabischen Stämme für sie wenig empfänglich sind und von der Welt Freiheit fordern, weiter nichts; sie erweisen sich als ein durch und durch antikulturelles Element. Schenken ist ihnen lieber als Verkaufen, Rauben lieber als Erfeilschen, jedem Gesetz ziehen sie die Ungebundenheit vor. In allen diesen Dingen ist der Kontrast zu den Hethitern, wie sie in der Geschichte uns entgegentreten, sehr auffallend. Der masslose Wille des Semiten, jene Gier nach Gewinn, von welcher Burckhardt spricht, wird die syrische Anlage für kaufmännische Geschäfte sehr verschärft haben, nichtsdestoweniger scheint diese Anlage selbst ein syrisches, nicht ein semitisches Erbstück zu sein.

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schen Dimensionen aus und verwandelt die ganze Auffassung von „Religion“. Schopenhauer sagt einmal: „Religion ist die Metaphysik des Volkes“; nun denke man sich, wie die Religion von Menschen aussehen mag, für die der absolute Mangel an jeder metaphysischen Regung, an jeder philosophischen Anlage ein grundlegendes Kennzeichen ist!¹) Dieser eine Satz enthüllt die tiefe Gegensätzlichkeit zwischen Semit und Indoeuropäer. Es wäre unerklärlich, wie man im Semiten den religiösen Menschen katechochen [κατ΄ έξοχην] erblicken kann, wenn wir nicht noch heute im dichten Nebel historisch ererbter Vorurteile und Aberglauben lebten; sicher ist jedenfalls, dass, wo semitischer Einfluss hindrang, die Auffassung dessen, was Religion ist, eine tiefe Umwandlung erlitt. ²) Denn überall sonst auf der ganzen Welt, selbst bei den wilden Völkern, ist die Religion mit Geheimnisvollem durchwebt. Plato meint, die Seele werde im Jenseits „in ein Geheimnis geweiht, welches man wohl das allerseligste nennen könne“; ³) Jesus Christus sagt von der Lehre, welche seine ganze Religion einbegreift, sie sei ein „Geheimnis“.4) Was hier den höchsten Ausdruck fand, treffen wir aber auf allen Stufen der menschlichen Hierarchie an, mit Ausnahme der semitischen. Schopenhauer nennt das, von seinem Standpunkt als Philosoph aus, „Metaphysik“; wir dürfen, glaube ich, einfach sagen, dass der Mensch überall auf unlösbare Widersprüche stösst (Widersprüche im Gemütsleben ebenso wie im Denken); dadurch aufmerksam gemacht, ahnt er, dass sein Verstand nur einem Bruchteil des Seins adäquat ist, er ahnt, dass das, was seine fünf Sinne ihm vermitteln und was seine kombinierende Logik daraus konstruiert, weder das Wesen der Welt ausser ihm, noch sein eigenes Wesen erschöpfe; er errät neben dem wahrnehmbaren Kosmos einen unwahrnehm-
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baren, neben dem denkbaren einen undenkbaren, die einfache
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    ¹) Renan, Histoire des langues sémitiques, p. 18: „L'abstraction est inconnue dans les langues sémitiques, la métaphysique impossible.“
    ²) Siehe S. 220 u. fg.
    ³) Phaidros 250.
    4) Siehe S. 199.

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Welt erweitert sich zum „Doppelreich“.¹) Schon der Anblick des Todes weist ihn auf eine unbekannte Welt, und die Geburt mutet ihn an wie eine Botschaft aus dem selben Reiche. Auf Schritt und Tritt begegnen wir nur „Wundern“; das grösste sind wir uns selber. Wie naiv der Wilde sich wundert und überall ein Ausserweltliches vermutet, ist von vielen Reisenden geschildert worden und daher allbekannt; von Goethe andrerseits, vielleicht dem feinst organisierten Gehirn, welches die Menschheit bisher hervorbrachte, sagt Carlyle: „Vor seinem Auge liegt die ganze Welt ausgebreitet, durchsichtig, als wäre sie zu Glas verschmolzen, doch allseitig umgeben vom   W u n d e r,   alles Natürliche in Wahrheit ein Übernatürliches;“²) und Voltaire, der angebliche Spötter, beschliesst seine naturwissenschaftlichen Untersuchungen mit den Worten: „Pour peu qu'on creuse, on trouve une abîme infini“. So reichen sich die Menschen die Hände von der untersten Stufe bis zur obersten: die lebendige Empfindung eines grossen Weltgeheimnisses, die Ahnung, dass das Natürliche „übernatürlich“ sei, ist Allen gemeinsam, sie vereinigt den Australneger mit einem Newton und einem Goethe. Einzig der Semit steht abseits. Von dem Wüstenaraber sagt Renan: „Kein Mensch der Welt ist der Mystik so wenig zugänglich wie dieser, kein Mensch so wenig zur Betrachtung und zur Andacht gestimmt. Gott ist Schöpfer der Welt, er hat sie gemacht, das genügt ihm als Erklärung.“³) Es ist dies der pure Materialismus im Gegensatz zu dem, was andere Menschen Religion nennen, worunter sie alle ein Unausdenkbares, Unaussprechbares verstehen. So rühmt denn auch Montefiore von der Religion seiner Väter, in welcher semitischer Religionsdrang seine höchste,
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    ¹) Faust, zweiter Teil, I. Akt, Faustens letzte Worte.
    ²) In dem Aufsatz Goethe's Works, gegen Schluss.
    ³) L'islamisme et la science, p. 380. Hier liegt offenbar ein geistiges Manco vor, was auch Renan an anderer Stelle zugiebt, wo er berichtet: „Den semitischen Völkern geht die fragende Wissbegierde fast gänzlich ab;   n i c h t s   e r r e g t   b e i   i h n e n   S t a u n e n“   (Langues sémitiques,p. 10). Nach Hume ist das Fehlen des Staunens das charakteristische Merkmal geringer intellektueller Begabung.

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durchgebildetste Form gefunden hat, sie enthalte nichts Esoterisches, nicht die geringste innere Unbegreiflichkeit; daher komme es, dass diese Religion, die weder Aberglauben noch Geheimnis kenne, die Lehrmeisterin der Völker geworden sei.¹) Der selbe jüdische Autor wird nicht müde, voll Bewunderung hervorzu-
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heben, die Semiten hätten nie etwas von Sündenfall, von Rechtfertigung durch den Glauben, von Erlösung, von Gnade gewusst;²) womit er jedoch nur zeigt, dass sie das, was die übrige Welt Religion nennt, kaum ahnen. In Dr. Ludwig Philippson's Israelitische Religionslehre (Leipzig 1861), einer orthodox jüdischen, „der Zukunft der israelitischen Religion“ gewidmeten Darstellung, wird als eines der drei „unterscheidenden Merkmale“ dieser Religion der Satz hingestellt: „Die israelitische Religion hat und kennt keine Geheimnisse, keine Mysterien“ (I, 34). Ebenso gesteht einmal Renan in einer Anwandlung rücksichtsloser Aufrichtigkeit: „Der semitische Gottesglaube (Monotheismus) ist in Wirklichkeit die Frucht einer Menschenrasse, deren religiöse Bedürfnisse sehr gering sind. Er   b e d e u t e t   e i n   M i n i m u m   a n   R e l i g i o n.“³)   Ein grosses, wahres Wort, welches nur darum seine Wirkung verfehlt hat, weil Renan nicht zeigte, inwiefern und aus welchem zwingenden Grunde der wegen der Glut seines Glaubens berühmte Semit dennoch nur ein Minimum an wahrer Religion besitzt. Die Erklärung liegt offen vor uns: wo Verstand und Phantasie vom blinden Willen unterjocht sind, da kann, da darf es kein Wunder geben, nichts Unerreichbares, keinen „Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende“,4) nichts, was die Hand nicht ergreifen und der Augenblick (sei es auch
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    ¹) Vergl. Religion of the ancient Hebrews, p. 160.
    ²) A. a. O., namentlich S. 514, 524 und 544, aber auch an vielen anderen Orten.
    ³) Nouvelles considérations sur les peuples sémitiques (Journal Asiatique 1859, p. 253). Auch Robertson Smith: The Prophets of Israel, p. 33, bezeugt, der echte Semit habe „wenig Religion“.
    4) Oder wie die Brihadâranyaka — Upanishad die selbe Vorstellung wiedergiebt: „die Wegspur des Weltalls, der man nachzugehen hat, um   a u s   d e m   T e i l   i n s   g a n z e   W e l t a l l   zu gelangen (1, 4, 7).

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nur als klar vorstellbare Hoffnung) nicht besitzen kann. Selbst ein so hoher Geist wie Deuterojesaia betrachtet den religiösen Glauben als etwas, was auf empirischer Grundlage ruhe und durch ein gewissermassen gerichtliches Verfahren geprüft werden könne: „Lasst die Heiden Zeugen stellen und   b e w e i s e n,   so wird man es hören und sagen: es ist die Wahrheit“ (XLIII, 9). Genau das selbe lesen wir in der zweiten Sura des Koran: „Rufet eure Zeugen, wenn ihr wahr sprechet.“ Der oben angeführte heutige jüdische Religionslehrer Philippson setzt ausführlich auseinander, der Jude glaube einzig und allein das,   w a s   e r   m i t   A u g e n   g e s e h e n   h a b e,   ein „blinder Glaube“ sei ihm unbekannt, und in einer langen Anmerkung führt er sämtliche Stellen der Bibel an, in welchen von „Glauben an Gott“ die Rede
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ist, und behauptet, dieser Ausdruck komme ausnahmslos nur dort vor, wo „von voraufgegangenen sichtbaren Erweisen gehandelt ist“.¹) Immer also handelt es sich um äussere Erfahrung, nicht um innere; immer sind die Vorstellungen durchaus konkrete, materielle; wie Montefiore uns versichert, selbst in der ausgebildeten jüdischen Religion giebt es nichts, was nicht der dümmste Mensch sofort verstünde und bis auf den Boden ausdenken könnte; sobald Einer ein Mysterium ahnt, sobald er z. B. in der Schöpfungsgeschichte Symbolik vermutet, ist er ein Ketzer und verfällt dem Henker;²) selbst die möglichst materialisierte Schöpfungsgeschichte des Buches Genesis ist ein so offenbar fremdes, entlehntes Gut, dass sie inmitten der israelitischen Tradition vollkommen isoliert und ohne wirkliche Beziehung auf sie bleibt.³) Der Wille führt eben den Verstand und die Phantasie an kurzen Ketten. Daher schlägt der ungläubig gewordene Semit sofort in den Atheisten um; ein Geheimnis, ein Mysterium gab es ja ohnehin nicht: ist nicht Allah der Schöpfer, so ist es die Materie; als
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    ¹) Philippson: Israelitische Religionslehre, I, 35 fg.
    ²) Siehe z. B. in Graetz: Gnosticismus und Judentum, den Abschnitt über Ben Soma.
    ³) Ausführlich behandelt von Renan: Langues sémitiques, p. 482 suiv., siehe auch die Anmerkung auf S. 485, und mein Citat aus Darmesteter, S. 399, Anm. 2. Vergl. auch das Vorwort zur 4. Aufl. dieses Buches.

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Welterklärung ist zwischen beiden Annahmen kaum der Schatten eines Unterschiedes, denn bei keiner von beiden fühlt sich der Semit in Gegenwart eines unlösbaren Rätsels, eines übermenschlichen Geheimnisses.
    Wollen wir aber den Einfluss semitischen Wesens auf die Religion überblicken, so dürfen wir nicht bloss von Verstehen und Nichtverstehen, von der Empfindung und der Nichtempfindung des Geheimnisses reden; es muss ebenfalls des gestaltenden Einflusses der Phantasie, jener „allverschwisternden Himmelsgenossin“ (wie Novalis sie nennt), gedacht werden. Die   P h a n t a s i e   ist die Magd der Religion, sie ist die grosse Vermittlerin; geboren, wie Shakespeare sagt, aus der Ehe des Kopfes und des Herzens, bewegt sie sich auf der Grenze des Goethe'schen „Doppelreiches“ und setzt somit die eine Hälfte mit der andern in Verbindung: ihre Gestalten bedeuten mehr als das blosse Auge daran erblickt, ihre Worte künden mehr als das blosse Ohr vernimmt. Sie vermag es nicht, das Unerschlossene zu erschliessen, doch stellt sie die Maja vor uns hin und überzeugt unsere Augen, dass ihr Schleier nicht gelüftet werden kann. Die Symbolik, als notwendige Sprache des unaussprechbaren Weltgeheimnisses,
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ist ihr Werk; Plato nennt diese Sprache ein Schwimmbrett, das uns den Lebensstrom hinunterträgt; sie ist ebenso allgemein verbreitet wie die Empfindung dieses Geheimnisses, ihr Vokabularium so verschieden wie die Kulturstufen und die Himmelsstriche. So z. B. haben die Samoaner das unergründliche und doch von ihnen, wie man sieht, so unmittelbar empfundene Mysterium der Allgegenwart Gottes sich folgendermassen versinnbildlicht. Sie stellen sich den Körper ihres Gottes Saveasiuleo als aus zwei trennbaren Teilen bestehend vor; der obere, menschlich gestaltete Teil (der eigentliche Gott) weilt im „Hause der Geister“, bei den Verstorbenen, der untere Teil ist ein ungeheuer langes, seeschlangenartiges Gebilde, das sich um alle Inseln des grossen Meeres schlingt, aufmerksam auf das, was die Menschen thun.¹) Freilich ist es ein weiter Weg von einer verhältnismässig
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    ¹) E. B. Tylor: Die Anfänge der Kultur, deutsch von Spengel und Poske, 1873, II, 309.

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so rohen Phantasie bis zu der christlich-theologischen Vorstellung der Allgegenwart Gottes, und noch weiter liegt sie von dem transscendentalen Idealismus, der einem Çankara zur Vorstellung des selben Geheimnisses dient, doch kann ich einen grundsätzlichen Unterschied nicht erblicken. Ausserdem sehen wir an anderen Beispielen, wie diese Bethätigung der Imagination bei religiösen Vorstellungen überall nach und nach zu sehr geklärten Ideen führt. Tylor, dieser so vorsichtige, zuverlässige Gelehrte, behauptet, dass es wahrscheinlich auf dem ganzen afrikanischen Kontinent, von den Hottentotten bis zu den Berbern, keinen Stamm gebe, der nicht an eine oberste Gottheit glaube, und er zeigt, wie diese Auffassung sich allmählich aus dem einfachen Animismus herausbilde. Doch finden es die meisten, so z. B. die Neger der Goldküste, unwürdig, den grossen Weltgeist mit den geringfügigen irdischen Angelegenheiten beschäftigt zu denken; nur selten, meinen sie, greife er in diese ein. Ein anderer Stamm, der der Yorubas (auf einer merklich höheren Kulturstufe stehende Neger von der Sklavenküste) lehrt: „Niemand kann sich Gott direkt nähern, sondern der Allmächtige selbst hat Fürsprecher und Mittler zwischen ihm und dem Menschengeschlechte eingesetzt. Gott bringt man keine Opfer dar, weil er nichts bedarf, dagegen die Mittler, die den Menschen sehr ähnlich sind, werden durch Geschenke an Schafen, Tauben und anderen Dingen erfreut“.¹) Das dünkt mich schon eine recht hochgeartete „Volksmetaphysik“, eine Religion, die Achtung verdient. Andrerseits
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wissen wir, wie die reichste Mythologie der Welt, die der indischen Arier, schon in den urältesten Hymnen (vor der Einwanderung nach Indien) lehrte: „Die vielen Götter sind ein einziges Wesen, das unter verschiedenen Namen verehrt wird“,²) und wie diese Mythologie später zur erhabensten Vorstellung des Eingottes im Brahman führte, überhaupt zu einer wunderbar erhabenen, wenn auch einseitigen und darum unterlegenen Religion;
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    ¹) Tylor: a. a. O., S. 348, 349.
    ²) Rigveda, I, 164, 46 (citiert nach Barth: Religions de l'Inde, p. 23).

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ferner wissen wir, wie aus der gemeinsamen Wurzel jener ewig blühende Garten des hellenischen Olymps und jene bewunderungswürdige Sittenlehre des Avesta und des Zoroaster hervorwuchs; wir wissen endlich, wie alle diese Dinge, vereint mit den daran geknüpften metaphysischen Spekulationen und mit der stets weiter gestaltenden Not unseres angeborenen schöpferischen Triebes, das Christentum vor dem Schicksal retteten, ein blosser Annex des Judentums zu werden, wie sie ihm mythischen (d. h. unerschöpflichen) Inhalt und Augenzauber verliehen, wie sie es mit den tiefsten Symbolen indoeuropäischen Sinnes verquickten und zu einem heiligen Gefäss für die Geheimnisse des Menschenherzens und des Menschenhirns gestalteten, zu einem „Weg ins Unbetretene, nicht zu Betretende“, zu einer „Wegspur des Weltalls“.¹) Über die Bedeutung der Phantasie für die Religion kann demnach kein Zweifel bestehen. Sollen wir nun sagen, der Semit besitze gar keine Phantasie? Alle solche absolute Behauptungen sind falsch; zwingt auch die notwendige Kürze des geschriebenen Gedankens häufig zu dieser Form, so darf wohl vorausgesetzt werden, dass der Leser die nötige Korrektur automatisch ausführt. Der Semit ist ein Mensch wie andere; es handelt sich lediglich um Gradunterschiede, die aber allerdings in diesem Falle, dank dem extremen Charakter dieses menschlichen Typus, der Grenze des absoluten Ja und Nein, des Sein oder Nichtsein nahekommen. Alle, die überhaupt das Recht haben, mitzureden, bezeugen nämlich einstimmig, dass der Mangel an Phantasie, oder sagen wir, die Armut der Phantasie ein Grundzug des Semiten sei. Ich habe schon wichtige Belege gebracht, z. B. die Ausführungen Lassen's, und könnte noch viele hinzufügen, doch die Frage verdient keine Diskussion mehr: der Mohammedanismus und das Judentum sind genügende Beweise; was man uns vom Beduinen erzählt,²) zeigt uns nur den Ursprung dieser Armut. Wie Renan sehr glücklich sagt: „le sémite a l'imagination com-
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primante“, d. h. seine Phantasie wirkt beengend, einschnürend,
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    ¹) Über die Mythologie im Christentum, siehe Kap. 7.
    ²) Siehe S. 404.

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verschmächtigend; ein grosser Gedanke, ein tief symbolisches Bild kommt klein und dünn, „plattgeschlagen“, der weithin reichenden Bedeutung beraubt, aus seinem Gehirn wieder heraus. „Unter den Händen der Semiten wurden die Mythologien, die sie fremden Völkern entlehnten, zu flachen historischen Berichten.“¹) „Die Entfärbung der Mythen ist gleichbedeutend mit ihrer Hebraisierung“, sagt Wellhausen.²) Und nicht allein besassen die Semiten wenig schöpferische Phantasie, sondern sie unterdrückten systematisch jede derartige Regung. Ebenso wie der Mensch nicht denken, nicht sich wundern soll, ebenso soll er sich auch nichts vorstellen. Jeglicher Versuch, sich Übermenschliches vorzusteIlen, ist Götzendienst; der Saveasiuleo der Samoaner ist ein Götze, die Sixtinische Madonna Raffael's ein Götze, das Symbol des Kreuzes ein Götze.³) Ich werde hier nicht wiederholen, was ich in einem früheren Kapitel über diesen besonderen Gegenstand vorgebracht habe, ich bitte aber, es nachzulesen (S. 230 fg.). Dort habe ich versucht, klar zu machen, warum der Semit diese Auffassung besitzen   m u s s t e,   wie die Glut und die besondere Art seines aus dem Willen entsprungenen Glaubens sie ihm aufzwang; ich wies auch darauf hin, wie der Semit überall, wo er diesem Gesetz seiner Natur trotzte (wie in Phönicien) selber der gräulichste Götzenanbeter wurde und vielleicht der einzige echte Götzenanbeter, von dem die Menschheit zu erzählen weiss. Denn während der Inder die Verneinung des Willens, Christus dessen „Umkehr“ lehrte, ist für den Semiten ganz im Gegenteil Religion die Vergötterung seines Willens, dessen glühendste, massloseste, rasendste Behauptung. Hätte er nicht diesen Glauben, der ihn zum Protagonisten der fanatischen Intoleranz und zugleich zum Muster aller Dulder macht, er hätte gar keine Religion, fast gar keine; daher die ewig wiederkehrende Mahnung seiner Gesetzgeber gegen „gegossene Götter“.
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    ¹) Renan: Israël I, 49, 77, 78.
    ²) Prolegomena, 4. Ausg., S. 321.
    ³) Dass das Kreuz den Götzen des Heidentums gleich zu achten sei, sagt Prof. Graetz ausdrücklich: Volkstümliche Geschichte der Juden II, 218.

472 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

    Aus diesen Ausführungen ergiebt sich zunächst Folgendes: der Semit verbannt aus der Religion das gedankenvolle Verwundern, jedes Gefühl eines übermenschlichen Geheimnisses, er verbannt ebenfalls die schöpferische Phantasie; von beiden duldet
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er nur das durchaus unentbehrliche Minimum, jenes „Minimum an Religion“, von dem Renan sprach. Wo also semitischer Einfluss sich geltend macht, sei es durch physische Vermengung (wie bei den Juden), sei es durch die blosse Macht der Idee (wie im Christentum), werden wir diesen beiden charakteristischen Bestrebungen begegnen. Beide kann man in ein einziges Wort zusammenfassen:   M a t e r i a l i s m u s.   Einer der gewaltigsten Denker, die je gelebt, dessen Denken ausserdem eine symbolische Plastizität besass, die beispiellos, selbst von Plato unerreicht dasteht, so dass seine Weltanschauung in mancher Beziehung mit Religion verwandt erscheint, Schopenhauer, hat als Metaphysiker den Satz aufgestellt: „die Materie ist die blosse Sichtbarkeit des Willens... was in der Erscheinung, d. h. für die Vorstellung, Materie ist, das ist an sich selbst Wille.“¹) Ich will hier keine Metaphysik treiben, auch nicht Schopenhauer's spekulative Symbolik vertreten; auffallend aber ist es, wie auf dem Gebiete der rein empirischen Psychologie ein analoges Verhältnis sich unentrinnbar behauptet. Wo der Wille den fragenden Verstand und das phantasiereiche Gemüt geknechtet hat, da kann es keine andere Lebensanschauung und keine andere Weltanschauung geben, als die materialistische. Ich gebrauche das Wort nicht in einem wegwerfenden Sinne, ich leugne nicht die Vorteile des Materialismus, ich bestreite nicht, dass er mit Moral vereinbar sei: ich konstatiere einfach eine Thatsache. Unverfälschter Materialismus ist die religiöse Lehre des Arabers Mohammed, eben-
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    ¹) Die Welt als Wille und Vorstellung, 2. Band, 2. Buch, Kap. 24. In gar keinem Zusammenhang hiermit, doch immerhin interessant als eine Widerspiegelung der selben Erkenntnis, ist die Lehre der Sâmkhya-Philosophie (des rationalistischen Systems der brahmanischen Inder), wonach das Wollen keine geistige, sondern eine physische Funktion sei. (vergl. Garbe: Die Sâmkhya-Philosophie, S. 251).

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sowohl die augenblicklichen Vorgänge der Offenbarungen Gottes an ihn, wie sein Paradies mit Essen und Trinken und schönen Houris; unverfälschter Materialismus ist der Kontrakt, welchen Jakob mit Jahve (nach Gen. XXVIII, 20—22) eingeht, in welchem er fünf Bedingungen, oder, wie der Jurist sagen würde, Stipulationen festsetzt und dann schliesst: so du das thust, sollst du mein Gott sein. Die ganze Schöpfungsgeschichte der Genesis — die in ähnlicher Fassung alle Hebräer und, wie es scheint, alle syrischen Semiten, sowie auch die babylonischen besassen —¹) ist reiner Materialismus; sie war es ursprünglich nicht, sondern war
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die mythisch-symbolische Vorstellung eines mit Phantasie begabten Volkes (vermutlich der Sumero-Akkadier), doch, wie Renan uns soeben belehrte, der Mythus wird unter den Händen der Semiten zu historischer Chronik.²) Von all den tiefen Ideen, welche sinnende und sinnige Gemüter in diese Erzählung hineingeheimnisst hatten, merkten die Semiten gar nichts, so rein gar nichts, dass die Juden z. B. die Vorstellung eines bösen Geistes, dem guten entgegengesetzt, erst während der babylonischen Gefangenschaft durch Zoroaster kennen lernten; bis dahin hatten sie
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    ¹) Vergl. Gunkel: Handkommentar zur Genesis, S. XLI fg.
    ²) Von der hervorragenden Phantasie der Sumero-Akkadier zeugen ihre wissenschaftlichen Leistungen, ausserdem soll aber ihre Sprache auf eine ganz besondere Neigung zur Abstraktion schliessen lassen, denn sie ist reicher an abstrakten Begriffen als an nomina concreta (siehe Delitzsch: Die Entstehung des ältesten Schriftsystems 1898, S. 118). Ein direkterer Gegensatz zur semitischen Anlage ist undenkbar; man stellt sich leicht vor, welche Verballhornung die sumerischen Theorien der Schöpfung unter israelitischen Händen mögen erlitten haben. — Es wird aber immer wahrscheinlicher, dass diese ganze Mythologie von   a l t a r i s c h e n   Vorstellungen durchtränkt ist, wozu z. B. der Weltbaum, die Sintflut, die Gottheit im Wasser (woher die Taufe), die Versuchungsgeschichten u. s. w., gehören. Prof. Otto Franke (Königsberg) schreibt in der Deutschen Literaturzeitung, 1901, Nr. 44, Kolumne 2763 ff.: „Überall stehen derartige Stücke in der semitischen Überlieferung vereinzelt und fremdartig in fremder Umgebung, bilden hingegen organische Glieder ganzer Gedankensysteme bei den Ariern; sie sind oft dürr und schematisch bei den Semiten, während sie bei den Ariern als überschäumende Bäche aus lebendig sprudelnden Quellen hervorströmen.“

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in der Schlange ihrer Bibel eben lediglich eine Schlange erblickt!¹) Was sage ich, sie hätten keine Vorstellung eines bösen Prinzips gehabt? Trotz ihres Buches der Genesis, Kap. 1 und 2, war den Israeliten auch die Idee eines   G o t t e s,   Schöpfers des Himmels und der Erde, bis zum babylonischen Exil   g ä n z l i c h   u n b e k a n n t!   Der Gedanke taucht zum erstenmal im sogenannten Deutero-Jesaia auf. (Siehe Kap. XL bis LVI des Buches Jesaia.) Dem wirklichen Jesaia, sowie Jeremia, war die Vorstellung noch fremd.²) Die in der Genesis enthaltenen phantastisch-wissenschaftlichen Ideen über die Entstehung der
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organischen Welt, der tiefsinnige Mythus des Sündenfalls, die Vermutung über die Entwickelung der Menschheit bis zur ersten Organisierung der Gesellschaft.... das war jetzt alles „Geschichte“, wodurch es zugleich jede Bedeutung als religiöser Mythus verlor; denn der Mythus ist elastisch, unerschöpflich, wogegen hier eine einfache   C h r o n i k   von Thatsachen, eine Aufzählung geschehener Begebnisse vorliegt.³) Das ist Ma-
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    ¹) Vergl. Montefiore a. a. O., S. 453. Wie tief im Organismus der Semiten diese Unfähigkeit begründet liegt, ersehen wir daraus, dass ein Mann wie James Darmesteter, einer der am meisten genannten Orientalisten des 19. Jahrhunderts, ein Mann von universeller Gelehrsamkeit, im Jahre des Heils 1882 schreiben konnte:  „Die biblische Kosmogonie, aus fremder Quelle hastig entlehnt, sowie alle ihre Erzählungen von Äpfeln und Schlangen, über welche die Geschlechter der Christen schlaflose Nächte verbrachten, haben unseren israelitischen Doktoren niemals die geringste Qual verursacht, noch ihr Denken beschäftigt.“ Ein tieferes Verständnis hat seine Gelehrsamkeit diesem durchaus freidenkerischen Juden — „einem ehrlichen Juden“, wie Shakespeare gesagt hätte — nicht geben können; und so dürfen wir wohl lächeln, wenn er uns, nachdem er die Äpfel abgethan hat, belehrt, das Kreuz sei schon „verfault“ und das Christentum eine „abortierte“ Religion. Doch die gähnende Kluft (S. 330) reisst sich tief auf vor unseren Augen bei dem Anblick so bodenlosen Unverstandes! (Siehe Coup d'oeil sur l'histoire du peuple juif, p. 39 suiv.).
    ²) Selbst der jüdische Gelehrte Montefiore giebt das ausdrücklich zu: Religion of the ancient Hebrews, p. 269. Für Näheres siehe weiter unten, S. 403.
    ³) Nähere Ausführungen über die Bibel als geschichtliches

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terialismus. Überall, wo semitischer Geist geweht hat, wird man diesem Materialismus begegnen. Sonst ist auf der ganzen Welt Religion eine idealistische Regung; Schopenhauer nannte sie „Volksmetaphysik“, ich möchte sie eher Volksidealismus nennen; auch bei dem Semiten beobachten wir dieses sehnsuchtsvolle Erwachen einer Empfindung des Übermenschlichen (man lese nur das Leben Mohammed's), doch ergreift sofort der gebieterische Wille jedes Symbol, jede tiefe Ahnung des sinnenden Gedankens und wandelt sie zu harten empirischen Thatsachen um. Und so kommt es denn, dass bei dieser Auffassung die Religion nur   p r a k t i s c h e   Zwecke verfolgt, durchaus keine ideale: sie soll für das Wohlergehen auf dieser Welt sorgen und zielt namentlich auf Herrschaft und Besitz; ausserdem soll sie das Wohlergehen in der künftigen Welt verbürgen (dort wo der Begriff der Unsterblichkeit vorhanden ist, der in den israelitischen Glauben z. B. erst durch persischen Einfluss, in den arabischen durch das Christentum aufgenommen wurde). Nackter Materialismus! wie schon der Vergleich mit dem Saveasiuleo der Samoaner und dem grossen Weltgeist der Yorubas zeigt.
    Das wäre ein negativer Einfluss des Judentums auf alle Religion: die Infizierung mit materialistischen Grundanschauungen. Jetzt müssen wir den positiven betrachten, der gemeiniglich einzig ins Auge gefasst wird. Nirgends — das kann man, glaube ich, ohne jede Einschränkung behaupten — nirgends auf der ganzen Welt trifft man den   G l a u b e n   ähnlich an wie bei den Semiten, so glühend, so rückhaltlos, so unerschütterlich. Vielleicht besässen wir ohne sie den Begriff des religiösen Glaubens, der fides gar nicht. Das deutsche Wort „Glaube“ ist sehr zweideutig; von Hause aus schmeckt es eben so sehr nach Zweifeln wie nach Überzeugtsein; die Grundbedeutung ist ja ein blosses „Gutheissen“.¹) Wenn wir zum Lateinischen greifen, kommen wir
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Werk und über die Bedeutung, die ihr als solches für das jüdische Volk zukommt, enthält das Kapitel über die Erscheinung Christi, S. 233 fg. Siehe auch weiter unten S. 453.
    ¹) Kluge: Etymologisches Wörterbuch.

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auch nicht besser weg, denn in Wahrheit heisst fides Vertrauen,
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weiter gar nichts; ¹) die bona fides der rechtlichen Verträge zeigt das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung, die spätere fides salvifica ist ein pis aller. Charakteristischer Weise zeichnet sich auch im Sanskrit das Wort çraddhâ, der Glaube, durch schwankenden, farblosen Begriffskreis aus im Vergleich zum semitischen „Glauben“; man erhält den Eindruck, den jeder forschende Blick über die Vorgänge der Geschichte bestätigen wird, dass es sich hier um zwei verschiedene Dinge handelt. ²) Sehr häufig kann es ja vorkommen, dass eine Zunahme der Quantität die Qualität völlig umwandelt; ³) das scheint auch hier der Fall zu sein. Der echt semitische Glaube kann durch nichts zerstört, durch nichts auch nur angetastet werden, er widersteht jeder Erfahrung, jeder Evidenz. Hier triumphiert der Wille, und zwar — das merke man wohl, denn da liegt der psychologische Kern der merkwürdigen Erscheinung — triumphiert er nicht allein wegen seiner ungewöhnlichen Kraft, sondern zugleich in Folge der Verkümmerung von Verstand und Phantasie: einem Minimum von Religion gegenüber befindet sich ein Maximum von unbedingter, unerschütterlicher Glaubensfähigkeit, von einem Glaubensbedürfnis, das wie eine gierige Hand sich ausstreckt und dem Gläubigen, aber auch ihm persönlich und allein, mit Ausschluss jedes Anderen, die ganze Welt zu eigen schenken will und muss. Charakteristisch für den Absolutismus dieses „Glaubenswillens“ (wenn ich das Wort schmieden darf) ist es, dass ursprünglich jeder Stamm, jedes Stämmchen der Semiten seinen eigenen Gott hat; nie würde der Semit mit einem Andern teilen wollen, sein Wille ist unbedingt, er allein muss alles besitzen; und so unbegrenzt wie sein Wille
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    ¹) Das griechische πίστις ebenfalls.
    ²) Çraddhâ bedeutet „Vertrauen, Zuversicht, Glaube, auch Treue, Aufrichtigkeit“, das Verbum çrad-dhâ „vertrauen, für wahr halten“. Doch hat der Begriff etwas Mattes, Farbloses an sich, und vor allem muss die Thatsache unsere Aufmerksamkeit erregen, dass das Wort çraddhâ überhaupt eine recht unbedeutende Rolle in dem Leben dieses so hervorragend religiös beanlagten Volkes spielt.
    ³) Siehe Seite 61.

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ist sein Glaube; diese zwei Ausdrücke sind bei ihm fast synonym. Die Religion erscheint gewissermassen nicht um ihrer selbst willen da, sondern als ein Mittel, als eine Handhabe, um das Gebiet durch den Willen zu Erreichenden möglichst erweitern
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zu können.¹) Die Annahme, der Semit sei von Hause aus Monoist, eine Annahme, zu der Renan's berühmte Phrase: „le désert est monothéiste“²) viel beigetragen hatte, ist längst als irrig erwiesen;³) wir sehen jeden kleinen Stamm der Hebräer seinen eigenen Gott besitzen, der nur über diese besondere Familie und innerhalb dieses besonderen Landstriches Gewalt übt; verlässt Einer den Familienverband, tritt er in ein anderes Gebiet, so gerät er unter die Botmässigkeit eines anderen Gottes: das ist doch kein Monotheismus.4) Ich halte den Gedanken der göttlichen Einheit
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    ¹) Dass die echten Wüstenbeduinen noch heute den kosmopolitischen Gott des Korans in Wahrheit nicht anerkennen, wird von vielen Autoren bezeugt. Robertson Smith: Religion of the Semites, p. 71, deutet an, der Mohammedismus sei gewissermassen eine   s t ä d t i s c h e   Religion im Gegensatz zur Religion der Wüste. Ähnlich Burckhardt: Beduinen, S. 156.
    ²) Langues sémitiques, éd. 1878, p. 6 (diese Worte sprach Renan ursprünglich im Jahre 1855).
    ³) Man vergleiche Robertson Smith: Religion of the Semites (ed. 1894, p. 75 fg.). Welche eifrige Polytheisten viele pseudosemitische Nationen waren, ist bekannt; allerdings hat man nicht das Recht, ohne weiteres auf die reinen Semiten Rückschlüsse zu ziehen. Auf diese fast niemals beobachtete Reserve hatte Renan gleich im Vorwort zu der ersten Ausgabe seiner Langues sémitiques grossen Nachdruck gelegt.
    4) David, von Saul aus Palästina vertrieben, kann nicht anders, als auf fremdem Boden „fremden Göttern dienen“ (I. Sam. XXVI, 19); vergl. hierzu namentlich Robertson Smith: Prophets of Israel (ed. 1895, p. 44) und die Zusammenstellung der charakteristischen Stellen, aus welchen die selbe Vorstellung erhellt, bei Wellhausen: Prolegomena, 4. Ausg., S. 22. Besonders naiv tritt der Polytheismus im Lobgesange Mosis auf: „Herr, wer ist dir gleich unter den Göttern?“ (Ex. XV, 11). Im viel späteren Deuteronomium wird zwischen Jahve und den „fremden Göttern“ als durchaus gleichnamigen Wesen unterschieden (XXXII, 12), und nur bei sehr feierlichen Gelegenheiten wird jener angerufen als „Gott aller Götter“ (X, 17). Noch zur Zeit der Makkabäer (mehr als ein halbes Jahr-

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für durch und durch unsemitisch, für geradezu antisemitisch, schon deswegen, weil er nur der   S p e k u l a t i o n   entspringen kann: in dem überreichen Material, das die Phantasie angesammelt hat, schafft der Gedanke Ordnung und gelangt so zur Vorstellung der Einheit; hier dagegen ist weder Phantasie noch Spekulation, sondern Geschichte und Wille: daraus konnte niemals der eine kosmische Weltgeist der Inder, Perser, Hellenen und Christen entstehen, noch der „einigeine“ Gott der Ägypter.¹) In das Juden-
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tum ist nachweislich die Idee des einen Weltgottes nur in der spätesten, postexilischen Zeit langsam eingedrungen, und ohne allen Zweifel unter fremdem, namentlich persischem Einfluss; wollten wir ganz wahr sprechen, wir müssten sagen: diese Idee drang   n i e m a l s   ein, denn heute noch, wie vor 3000 Jahren, ist Jahve nicht der Gott des kosmischen Weltalls, sondern der Gott der Juden; er hat nur die übrigen Götter umgebracht, vertilgt, wie er auch die übrigen Völker noch vertilgen wird, mit Ausnahme derer, die den Juden als Sklaven dienen sollen.²) Das ist
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tausend später) begegnen wir diesem selben Ausdruck „Gott aller Götter“ im Buche Daniel XI, 36 und finden bei Jesus Sirach die Vorstellung von „Nebengöttern“, die im Auftrage Jahve's über die verschiedenen Völker regieren (Jes. Sir. XVII, 17).
    ¹) Über den ägyptischen Monotheismus wurde viel gestritten, doch mit Unrecht, denn es ist unmöglich, ihn in Zweifel zu ziehen, wenn man im Totenbuch liest: „Du bist der Eine, der Gott aus den Uranfängen der Zeit, der Erbe der Ewigkeit, selbsterzeugt und selbstgeboren; du schufest die Erde, du machtest die Menschen.... “ (Einleitende Hymnen an Ra; siehe die vollständige Übersetzung des Totenbuches nach der Thebanischen Rezension von E. A. W. Budge. 1898). Budge macht darauf aufmerksam (S. XCVIII), dass die Formel in Deuteronomium IV, 4: „Der Herr, unser Gott, ist ein einiger Gott“ eine buchstäbliche Nachahmung des Ägyptischen ist.
    ²) Man sehe z. B. die Apokalypse des Baruch (LXXII), ein berühmtes jüdisches Werk aus dem Schluss des 1. Jahrhunderts   n a c h   Christo: „Die Männer aller Nationen sollen Israel unterthan sein, doch diejenigen, die über euch geherrscht haben, sollen durch das Schwert vertilgt werden“ (citiert nach Stanton: The jewish and the christian Messiah, p. 316). Man sieht, wie engnational dieser angebliche Schöpfer des Himmels und der Erde geblieben ist.

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doch kein wirklicher Monotheismus, sondern, wie schon früher bemerkt, ungeschminkte Monolatrie!
    Dagegen lehrt uns gerade diese Betrachtung einsehen, welche wichtige und eigentümliche Wahrheit unter den nur zu allgemein gehaltenen Worten Renan's steckte; wie so häufig, hatte er richtig gesehen, aber äusserst oberflächlich analysiert. Er hatte geschrieben: „Die Wüste ist monotheistisch; das Erhabene ihrer unermesslichen Einförmigkeit offenbarte zum ersten Male den Menschen die Vorstellung des Unendlichen.“ Wie falsch alles ist, was in diesem Satz dem Semikolon folgt, zeigen ja Renan's eigene Ausführungen an anderem Orte, wo er darthut, gerade die semitischen Sprachen seien „unfähig, die Empfindung des Unendlichen zum Ausdruck zu bringen“ (siehe S. 295). In den dunklen Ur-
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wäldern Indiens hat die Empfindung des Unendlichen eine solche Intensität gewonnen, dass der Mensch sein eigenes Ich in das All sich auflösen fühlte, wogegen der Bewohner der sonnendurchglühten Wüste, geblendet vom Übermass des Lichtes, an Augenkraft verlor und nur sich selber erblickte; weit entfernt, das Unendliche zu empfinden, das sich uns nur in der Nacht oder durch die Millionen Stimmen des wimmelnden Lebens offenbart, fühlte er sich einsam, einsam und doch gefährdet, einsam und doch kaum im Stande, sich die nötigen Nahrungsmittel zu verschaffen, und gar nicht mehr im Stande, es zu thun, sobald eine andere Sippe sich der seinen hätte zugesellen wollen. Dieses Leben war in Kampf, ein Kampf, in dem nur der rücksichtslose Egoismus
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Das giebt auch Montefiore zu, indem er schreibt: „Jahve war freilich nach und nach zum einen Weltgott geworden, doch blieb dieser Gott noch immer Jahve. Trotzdem er nunmehr der unbeschränkte Beherrscher des Universums geworden, hörte er nicht auf, der Gott Israels zu sein“ (a. a. O., S. 422). Robertson Smith, einer der ersten Autoritäten unserer Zeit in diesen Fragen, deutet Jesaia Kap. 2 als eine Prophezeiung, dass Jahve nach und nach durch die Anerkennung seiner Herrschertugenden sich zum Gott der ganzen Menschheit   a u f s c h w i n g e n   werde. Also selbst in den erhabensten Phasen der semitischen Religionsauffassung, selbst wo von Gott die Rede ist, das Vorwalten des rein historischen, flagrant anthropomorphischen, unbedingt materialistischen Standpunktes!

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bestehen konnte. Während der Inder, ganz in Denken versunken, die Hand nur nach den Bäumen auszustrecken brauchte, wenn ihn hungerte, stand der Beduine Tag und Nacht auf dem Qui-vive und hatte etwas anderes zu thun, als über das Unendliche nachzusinnen, wozu er ausserdem so gänzlich unfähig und unbeanlagt war, dass ihm seine Sprache nicht die mindeste Handhabe dazu bot. Dagegen können wir uns recht wohl vorstellen, wie die einförmige Armut der Umgebung zu der unvergleichlichen Armut mythologischer Vorstellungen führen konnte: der Mensch ist nämlich durchaus unfähig, seine Phantasie aus eigener Kraft zu speisen; sie wird, wie Shakespeare sagt, „im Auge geboren“; wo dem Auge lediglich Einförmigkeit geboten wird, wird sie zur Einförmigkeit verdorren.¹) Und was wir ebenfalls verstehen können, ist, wie in einer solchen Umgebung sich jener durchaus egoistische Monotheismus entwickeln konnte, wo der eine Gott nicht der grosse überweltliche Geist ist, wie für die armen Neger der Sklavenküste, sondern ein harter, grausamer Herr, der nur für mich, den   e i n e n,   da ist, für mich und meine Kinder, der mir, wenn ich mich blind ihm unterwerfe, die Länder schenkt, die ich nicht urbar gemacht habe, voll Öl und Wein, die Häuser, die ich nicht gebaut, die Brunnen, die ich nicht gegraben — alle jene Herrlichkeiten, die ich nur hin und wieder aus der Ferne erblickt habe, wenn ich, von Hunger getrieben, meine Wüste zu Streifzügen verliess; ja, und diese Menschen alle, die dort in Arbeit und Reichtum schwelgen und mit freudigem Tanz und Gesang und fetten Opfern Götter anbeten, welche ihnen alle diese Reichtümer
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schenken, sie will ich meinem Wüstengotte hinschlachten, ihre Altäre umwerfen, nur mein Gott soll hinfürder Gott sein, nur ich allein auf Erden Herr! Dies ist der Monotheismus der Wüste; nicht aus der Idee des Unendlichen entspringt er, sondern aus der Ideenlosigkeit eines armen, hungrigen, gierigen Menschen, dessen
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    ¹) Burckhardt, der Jahre lang in Arabien gelebt hat, bezeugt, dass die Einförmigkeit des Wüstenlebens und der Mangel an jeglicher Beschäftigung in ihm auf den Geist unerträglich drückt und ihn zuletzt völlig lahmlegt (Beduinen und Wahaby, S. 286).

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Gedankenkreis sich kaum über die Vorstellung erhebt, dass Besitz und Macht höchste Wonne wäre.
    Um die tiefgreifende Verwandlung der Gesinnung klar zu machen, die durch diese semitische Auffassung des Glaubens in dem menschlichen Gemüt bewirkt wird, kann ich nichts Besseres thun als Goethe citieren. Überall und immer werden seine Worte angeführt: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Konflikt des Unglaubens und des Glaubens.“¹) Doch weit bedeutender ist folgender Passus im vierten Buch von Wahrheit und Dichtung:   „D i e   a l l g e m e i n e ,   n a t ü r l i c h e   R e l i g i o n   b e d a r f   e i g e n t l i c h   k e i n e s   G l a u b e n s:   denn die Überzeugung, dass ein grosses, hervorbringendes, ordnendes und leitendes Wesen sich gleichsam hinter der Natur verberge, um sich uns fasslich zu machen, eine solche Überzeugung drängt sich einem Jeden auf, ja, wenn er auch den Faden derselben, der ihn durchs Leben führt, manchmal fahren liesse, so wird er ihn doch gleich und überall wieder aufnehmen können. Ganz anders verhält sich's mit der besonderen Religion, die uns verkündigt, dass jenes grosse Wesen sich eines Einzelnen, eines Stammes, eines Volkes, einer Landschaft entschieden und vorzüglich annehme.   D i e s e   R e l i g i o n   i s t   a u f   d e n   G l a u b e n   g e g r ü n d e t,   der unerschütterlich sein muss, wenn er nicht sogleich von Grund aus zerstört werden soll. Jeder Zweifel gegen eine solche Religion ist ihr tödlich. Zur Überzeugung kann man zurückkehren, aber nicht zum Glauben.“ Diese Betrachtung führt uns auf die richtige Spur, sie ermöglicht es uns, mit absoluter Präcision festzustellen, was der Semit hier der Welt geschenkt, oder, wenn man will, aufgezwungen hat; eine wichtige Untersuchung, denn hier liegt seine weltgeschichtliche Bedeutung als Einfluss auf Andere, und hier liegt auch die heutige — von Herder und von so vielen grossen Geistern als „fremd“ empfundene — besondere Kraft des Judentums. Goethe hat den wesentlichsten Punkt gut erkannt und auch angedeutet, doch leider nicht in so
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    ¹) Noten zum West-Östlichen Divan (Israel in der Wüste).

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ausführlicher Weise, dass jeder ihn so sieht, wie er: denn er unterscheidet zwischen einer   n a t ü r l i c h e n   Religion und einer
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anderen, also   n i c h t   n a t ü r l i c h e n;   nun ist aber nach Goethe's Denkweise der Gegensatz zum Natürlichen das Willkürliche, dasjenige, wo der Wille „kürt“, dasjenige, heisst das, wo der Wille, nicht die reine Erkenntnis, auch nicht der ungetrübt-natürliche Instinkt den Ausschlag giebt. Und somit weist er uns nicht allein darauf hin, dass es zwischen Religion und Religion wesentliche Unterschiede giebt, so wesentliche, dass das selbe Wort zwei verschiedene Dinge bezeichnen kann, sondern er sagt damit zugleich, worin dieser Unterschied seinen letzten Grund findet: jene Religion, welche er der natürlichen entgegenstellt, ist eben die   R e l i g i o n   d e s   W i l l e n s.   Hingegen ist der Gebrauch des Wortes „Glaube“ bei ihm unklar und irreführend; er hat zu sehr vereinfachen wollen. Goethe sagt: „die natürliche Religion bedarf   e i g e n t l i c h   keines Glaubens“; doch wird in Wahrheit in den nicht-semitischen Religionen mehr geglaubt als in den semitischen; der Glaubensstoff, heisst das, ist reicher; auch wird „Glaube“ ausdrücklich von ihnen gefordert. Wie verhält es sich nun hiermit? Die   N a t u r   des Glaubens ist eben hier und dort genau so verschieden, wie die der Religion; dem Wort „Religion“ giebt Goethe in der angeführten Stelle zwei Bedeutungen, dem Wort „Glauben“ nur eine, daher das Missverständnis. In Wahrheit finden wir nirgends Religion ohne Glauben; ohne Glauben im spezifisch-semitischen Sinne allerdings, doch nicht ohne Glauben überhaupt. Der Glaube ist überall die unsichtbare Seele, die Religion der sichtbare Leib. Wir müssen also weiter vordringen, wollen wir Goethe's Satz bis zur vollen Anschaulichkeit entwickeln. Ich greife wieder zur Illustration.
    Soweit mir bekannt, ist der Dogmatismus und der Begriff der Offenbarung nirgends so ausgebildet, wie bei den arischen Brahmanen; dennoch ist der Erfolg ein ganz anderer, als bei den Semiten. Die heiligen Veden der Inder galten als göttliche Offenbarung; jedes ihrer Worte war für alle Glaubenssachen autoritativ und unbestreitbar — und trotzdem entblühten diesem einen Boden eines allseits als „unfehlbar“ anerkannten Schriftenkom-

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plexes sechs durchaus verschiedene Weltanschauungen,¹) Systeme, in welchen (wie das dem Indischen Geist eigen ist) Philosophie und Religion untrennbar verschlungen aufwachsen, so dass die Auffassung von der Natur der Gottheit, von dem Verhältnis des Individuums zu ihr, von der Bedeutung der Erlösung u. s. w. in
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den einzelnen Systemen sehr verschieden ist, wodurch also nicht allein die Philosophie, sondern vor Allem die Religion des Bekenners berührt wird: und alle diese Lehren, die sich in wesentlichen Punkten häufig direkt widersprechen, galten nichtsdestoweniger als orthodoxe, die eine ebenso wie die andere. Sie alle fussten ja auf den selben Schriften, gingen, mit anderen Worten, von den gleichen mythologischen Grundbildern der Hymnen aus und bekundeten die selbe Verehrung für die tiefen Spekulationen der Kultusvorschriften und der Upanishad's: das genügte. Geschichtliche Daten, eine Chronik der Weltschöpfung und der Geschlechter, an die man blind glauben musste, gab es nicht; denn was es derartiges gab, war von vornherein lediglich als Bild, als Symbol gegeben. So sagt z. B. der streng orthodoxe Kommentator der heiligen Schriften, Çankara, über verschiedene auf die Weltschöpfung angewandte Bilder und Spekulationen: „Die Schrift hat gar nicht die Absicht, über die mit der Schöpfung beginnende Weltausbreitung eine Belehrung zu erteilen, weil weder ersichtlich ist, noch auch irgendwo gesagt wird oder auch denkbar ist, dass irgend etwas, worauf es für den Menschen ankommt, hievon abhängig sei.“²) In derselben Weise war ein Jeder frei, über das Verhältnis zwischen Geist und Stoff zu denken, was er wollte. Der Monist war eben so orthodox wie der Dualist, der Idealist wie der Materialist. Man begreift, wie bei einer derartigen Auffassung der Religion und des Glaubens „in
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    ¹) Es gab noch mehr, doch lassen sich die anderen unter die sechs grossen Rubriken subsumieren.
    ²) Die Sûtra's des Vedânta (von Paul Deussen übersetzt, Brockhaus 1887 I, 4‚ 14). Wer denkt da nicht an das grosse Wort Goethe's: „Lebhafte Frage nach der Ursache ist von grosser Schädlichkeit!“ (siehe S. 234 und S. 270). Schön sagt Carlyle in seinem Aufsatz über Diderot: „jeder religiöse Glaube, der auf Ursprünge zurückgeht, ist unfruchtbar, unwirksam, unmöglich“.

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Indien zu allen Zeiten die   a b s o l u t e s t e   G e d a n k e n f r e i h e i t   geherrscht hat“,¹) ich meine, wie es möglich war, Rechtgläubigkeit und ungehinderte metaphysische Spekulation nebeneinander bestehen zu lassen. Doch nein! uns, die wir heute unter dem Einfluss der semitischen Glaubensauffassung leben, fällt es sehr schwer, diese Vorstellungen zusammenzureimen: die anerkannte Infallibilität heiliger Religionsbücher, und zugleich absoluteste Gedankenfreiheit! Nun merke man aber noch Folgendes wohl, denn erst hierdurch wird diese Illustration für die Frage über die Natur des Glaubens lehrreich: das Leben war in Indien weit religiöser als es bei uns jemals, selbst im kirchlichen Zeitalter, gewesen ist, und die indische Religion, als solche, hat Früchte ganz anderer Art getragen als z. B. das Juden-
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tum, wo die Religion (wie ein jüdischer Autor uns vorhin mitteilte) Wissenschaft, Kunst, Litteratur, alles (ausser Glauben und Gehorsam) aus dem Leben verbannte.²) Denn die enorme geistige Thätigkeit des indischen Volkes, dessen poetische Litteratur allein an Umfang „die ganze klassische Litteratur von Griechenland und Italien zusammengenommen übertrifft“,³) wurzelt in seinem Glauben; seine bedeutendsten Thaten, auch auf fernab liegenden Gebieten, strahlen von seiner tiefen Religiosität aus. Ein Beispiel. Pânini's Grammatik der Sanskritsprache, vor 2500 Jahren geschrieben und zwar als Kulminationspunkt einer langen, Jahrhunderte zurückreichenden wissenschaftlichen Entwickelung ist anerkanntermassen die grösste philologische Leistung der Menschheit; Benfey schreibt darüber: „eine so vollständige Grammatik hat keine Sprache der Welt aufzuweisen, selbst trotz der staunenswerten Grimm'schen Arbeiten unsere deutsche Mutter-
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    ¹) Richard Garbe: Die Sâmkhya-Philosophie, S. 121.
    ²) Siehe S. 381. Auch Spinoza, der in jedem seiner Gedanken so durch und durch Jude und Antiarier ist, schreibt: „Fidei scopus nihil est praeter obedientiam et pietatem“ (Tract. theol.-pol. c. 14); dass Religion ein schöpferisches Lebenselement sein könne, ist eine Vorstellung, die diesem Gehirne völlig unzugänglich blieb.
    ³) Max Müller: Indien in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung (1884), S. 68.

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sprache nicht“; Georg von der Gabelentz sagt (Die Sprachwissenschaft, 2. Aufl. 1901, S. 22): „Pânini's Wunderwerk ist die einzige wahrhaft vollständige Grammatik, die eine Sprache aufzuweisen hat“: Pânini bildet noch heute den Eckstein dieser Wissenschaft: nun, was hatte die indischen Denker zu so hohen wissenschaftlichen Thaten angeeifert? Die Sehnsucht, die heiligen Lieder des Rigveda, die im Laufe der Jahrhunderte schwer verständlich geworden waren, zu neuem Leben zu erwecken. Nicht eine ziellose Begeisterung für reine „Wissenschaft“, sondern religiöse Begeisterung hatte — Benfey bezeugt es — sie „zu dieser Kraft erstarkt“.¹) Auch ihre so eminenten Leistungen auf dem Gebiete der Mathematik — man weiss, dass die indischen Arier die Erfinder der sogenannten „arabischen Ziffern“ sind — nehmen ihren Ausgang von der Religion: die Lösung des bekannten geometrischen Problems, die bei uns als Ruhmestitel dem Pythagoras zugeschrieben wird, hatten die Inder vor undenklichen Zeiten gefunden, gewissermassen ohne es zu ahnen, als eine notwendige Folge der zu Opferzwecken vorgeschriebenen Messungen; hier, in diesen religiösen Berechnungen, war die Brutstätte, aus welcher die klare Erkenntnis der irrationalen Zahlen und später die höhere Algebra, die Zahlentheorie u. s. w. hervorgingen.²) In welchem Sinne kann Goethe nun von einer der-
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artigen Religion, von einer Religion, welche das ganze öffentliche Leben gestaltete und zugleich so mächtig eindringend auf Geist und Phantasie wirkte, sagen, sie bedürfe   e i g e n t l i c h   keines Glaubens? Habe ich nicht Recht, wenn ich behaupte, in jener Goethe'schen Stelle beziehe sich das eine Wort „Glaube“ auf zwei verschiedene Dinge? Gewiss; so verschieden wie die Menschen, deren Seelen sie widerspiegeln. Goethe geht eben von der semitischen Auffassung aus, und nach dieser Auffassung richtet sich (im Gegensatz zur indischen) der religiöse Glaube lediglich auf   g e s c h i c h t l i c h e   Daten und auf   m a t e r i e l l e
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    ¹) Geschichte der Sprachwissenschaft (1869), S. 77 und 55.
    ²) Vergl. Schroeder: Pythagoras und die Inder, Kap. 3.

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Thatsachen: Gott ist hier durch geschichtlich bezeugte Theophanien (Erscheinungen) bekannt, nicht aus innerer Erfahrung postuliert, nicht aus Betrachtung der Natur erraten, nicht durch Kraft der Phantasie ahnend gestaltet; hier ist alles noch einfacher als Ernst Haeckel's Schöpfungsgeschichte. Das Einzige, was Not thut, ist blinder Glaube, und auf diesen Glauben konzentriert sich denn auch die ganze Kraft der grossen leitenden Geister und der verantwortlichen Hüter des Volkes: Strafen auf der einen Seite, Versprechungen auf der anderen, dazu historische Beweise und naturwidrige Wunder. — Man betrachte doch als Kontrast zu jedem unverfälscht semitischen Credo das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis der christlichen Kirche! Die Hälfte der Sätze besagt unvorstellbare Mysterien, von denen die Theologen selber zugeben: „der Laie kann sie nicht verstehen“; in Wahrheit ist aber von einem „Verstehen“ in der logischen, sinnfällig fasslichen Bedeutung des Wortes überhaupt so wenig die Rede, dass man diesem einen kurzen Credo die verschiedensten einander widersprechenden Lehren entnommen hat.¹) Und nun nehme man gar das Athanasische Symbolum! Hier besteht der Stoff des religiösen Glaubens ausschliesslich aus den abstraktesten Spekulationen des Menschenhirns. Wie sollte der Glaube, im semitischen Sinn, Begriffe auffassen können, mit denen nicht ein Mensch in einer Million auch nur die blasseste Vorstellung zu verbinden vermag? Schon Jesus Christus selber, obwohl er sagt: „derer, welche wie diese Kinder sind, ist das Himmelreich“, sprach dennoch an dem selben Orte: „Das Wort fasset nicht Jedermann, sondern denen es gegeben ist. Wer es fassen mag, der fasse es!“ (Matth., XIX., 11, 12). ²)
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Ganz anders der Semit, und darum auch ganz anders seine Glaubenskraft. Selbst der einfache Satz: Ich glaube an Gott,
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    ¹) Vergl. z. B. Harnack: Dogmengeschichte (Grundriss, 2. Aufl.), S. 63 fg.
    ²) In der syrischen Übersetzung des ältesten Textes steht: „Jeder, der die Kraft besitzt...“, so dass die Deutung nicht zweifelhaft ist (siehe die Übersetzung der Palimpsesthandschrift von Adalbert Merx, 1897).

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Schöpfer Himmels und der Erden, bildet keinen Teil seines Credos; dieses Umstandes wird im Koran nur beiläufig und in den gesamten heiligen Schriften der Juden kaum dreimal Erwähnung gethan. Dagegen lautet gleich das erste Gebot Mosis: Ich bin der Herr,   d e r   i c h   d i c h   a u s   Ä g y p t e n l a n d   g e f ü h r t   h a b e!   Der Glaube knüpft, wie man sieht, sofort an geschichtliche Thatsachen an, die das Volk für sicher bezeugt hält, und niemals erhebt er sich über das Niveau des gewöhnlichen Auges. Wie Montefiore uns vorhin belehrte: Die jüdische Religion kennt kein Geheimnis (siehe S. 392 fg.). Wenn man also von der unvergleichlichen Kraft des semitischen Glaubens spricht, so darf man nicht übersehen, dass dieser Glaube sich auf einen äusserst dürftigen, beschränkten Stoff richtet, dass er das grosse Weltwunder grundsätzlich ausser Acht lässt, und dass er durch die Auferlegung eines „Gesetzes“ (im juristischen Sinn des Wortes) ebenfalls das innere Herzensleben auf ein Minimum reduziert, — wer dem Gesetz gehorcht, ist ohne Sünde, weiter braucht er sich den Kopf nicht zu zerbrechen: Wiedergeburt, Gnade, Erlösung, das existiert alles nicht. Wir lernen also einsehen: dieser starke Glaube setzt als Gegenbedingung ein Minimum an Glaubensstoff, ein Minimum an Religion voraus. Moses Mendelssohn hat es einsichtsvoll und ehrlich ausgesprochen: „Das Judentum ist nicht geoffenbarte Religion, sondern geoffenbarte Gesetzgebung.“ ¹)
    „Der Semit hat eigentlich wenig Religion“, seufzt der genaueste Kenner semitischer Religionsgeschichte, Robertson Smith; „ja, aber viel Glauben“, ruft Goethe zurück; und Renan liefert den Kommentar: „der Geist des Semiten vermag nur äusserst wenig zu umfassen, doch dieses Wenige umfasst er mit grosser Kraft“. ²) Ich glaube aber, wir fangen jetzt schon an, uns in der Konfusion zwischen Glauben und Glauben, Religion und Religion, besser als Smith, Goethe und Renan zurecht zu finden; bald werden wir bis auf den Boden sehen. Zur vollkom-
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    ¹) Rettung der Juden, 1872. (Ich citiere nach Graetz: Volkst. Gesch. III, 578).
    ²) Renan: Langues sémitiques, p. 11.

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menen Aufklärung muss ich hier noch ein letztes Mal dem Semiten den Inder entgegenstellen.
    Der arische Inder kann als Beispiel des extremen Gegenteils des Semiten gelten, eines Gegenteils aber, das bei allen semitenfreien Völkern, selbst bei den australischen Negern, deutlich her-
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vortritt und in unser aller Herzen schlummert. Des inders Geist umfasst enorm viel, zu viel für sein irdisches Glück; sein Gemüt ist innig und mitleidsvoll, sein Sinn fromm, sein Denken das metaphysisch tiefste der Welt, seine Phantasie ebenso üppig wie seine Urwälder, so kühn wie jenes höchste Gebirge der Erde, das sein Auge stets nach oben zieht. Zwei Dinge fehlen ihm indes fast ganz: er hat gar keinen geschichtlichen Sinn, alles hat dieses Volk hervorgebracht, nur keine Geschichte seines eigenen Lebenslaufes, nicht die Spur einer Chronik; das wäre das erste, das zweite, was ihm mangelt, ist die Fähigkeit, seine Phantasie zu zügeln, wodurch er, als Hyperidealist, den rechten Massstab für die Dinge dieser Welt und — trotzdem kein todesmutigerer Mensch auf Erden lebt — leider auch seine Stellung als energischer Gestalter der Weltgeschichte verliert. Er war nicht Materialist genug. Weit entfernt, sich mit semitischem Hochmut für „den einzigen Menschen im wahren Sinne“, zu halten, schätzte er die Menschheit überhaupt als eine Erscheinung des Lebens den anderen Erscheinungen gleichartig und lehrte als Grundlage aller Weisheit und Religion das tat tvam asi: das bist auch du, d. h. der Mensch solle in allem Lebendigen sich selber wiedererkennen. Da sind wir allerdings weit von dem auserwählten Völkchen, zu dessen Gunsten die Schöpfung des Kosmos unternommen wurde, zu dessen Vorteil allein die gesamte übrige Menschheit lebt und leidet, und es ist ohne Weiteres klar, dass die Gottheit, resp. Gottheiten, dieser Inder nicht solche sein werden, die man in einer Bundeslade herumträgt oder in einem Stein sich gegenwärtig denkt. Schon das eine tat tvam asi deutet auf eine kosmische Religion, und eine kosmische Religion wiederum impliziert — im Gegensatz zu einem Nationalglauben — ein unmittelbares Verhältnis zwischen dem Individuum und dem göttlich Übermenschlichen. Welch einen anderen Sinn als für den Se-

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miten musste für diesen arischen Inder Religion und Glauben haben. „Eigentlich keinen Glauben“, sagte der deutsche Weise, und der Franzose echot mit parodistischer Oberflächlichkeit: „die Indoeuropäischen Völker haben ihren Glauben nie für die absolute Wahrheit gehalten.“¹) Ach nein! das ist doch nicht möglich, und es wird durch das Leben der Brahmanen in glänzendster Weise widerlegt. Denn auch die Indoarier „stellen ihre Zeugen“, wenngleich nicht ganz in dem selben Sinne wie Deuterojesaia und Mohammed es gemeint hatten. Wenn der Arier von Weib, Kindern
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und Kindeskindern Abschied nimmt, um nunmehr von aller Habe entblösst, von Wurzeln sich nährend, nackt, in der Einsamkeit der Wälder seine letzten Jahre der frommen Betrachtung und der Erlösung seiner Seele zu widmen; wenn er sein Grab mit eigenen Händen gräbt und beim Herannahen des Todes sich hineinlegt, um mit gefalteten Händen, ergeben und beglückt, zu sterben:²) kann man da sagen, er „habe eigentlich keinen Glauben?“ er „halte seinen Glauben nicht für die   W a h r h e i t?“   Nun, über Worte will ich nicht rechten, dieser Mann hat aber jedenfalls   R e l i g i o n,   und zwar, wie mich dünkt, ein   M a x i m u m   an Religion. In seiner Jugend hatte er die üppigste Mythologie kennen gelernt, die ganze Natur war für sein kindliches Auge belebt, beseelt, und zwar von grossen, freundlichen Gestalten belebt,³) an denen seine Phantasie sich unaufhörlich übte
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    ¹) Renan: Langues sémitiques, p. 7.
    ²) Noch heute begegnet man frischen Gräbern dieser Art in den Waldestiefen. Ohne Krampf noch Kampf gehen diese heiligen Männer aus der Zeit in die Ewigkeit ein, so dass man beim Anblick ihrer Leichen glauben würde, es hätte die Hand der Liebe ihnen die Glieder zurecht gelegt und die Augen geschlossen. (Nach mündlichen Mitteilungen und Zeichnungen nach der Natur.) Wie lebendig und unverändert, einem ewig sich gleichbleibenden inneren Nährboden entspriessend, altarische Religion noch heute blüht, kann man aus Max Müller's zu Weihnachten 1898 erschienenem Lebensbericht über einen erst 1886 gestorbenen heiligen Mann aus brahmanischer Familie ersehen: Râmakrishna, his life and sayings.
    ³) Oldenberg: Religion des Veda bezeugt, dass die Götter der arischen Inder, im Gegensatz zu anderen, lichte, wahre, wohlwollende

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und durch die neuen Lieder, die er nach und nach zu hören bekam, immer neu angeregt wurde, sich zu üben. Wie Carlyle von Goethe rühmte, so sah sich dieser indische Jüngling „vom Wunder umgeben, alles Natürliche in Wahrheit ein Übernatürliches“. Das ernste Mannesalter brachte Neues; jetzt wurde die Denkfähigkeit an den schwierigsten Problemen geübt und gestärkt, zugleich eine allumfassende Symbolik durch die an die Opferzeremonien geknüpften Betrachtungen gelehrt, die unser heutiges Vorstellungsvermögen fast übersteigt,¹) deren Hauptergebnis wir aber aus dem Erfolg deutlich entnehmen. Mehr und mehr begriff der reifende Mann, nicht allein, dass jene mythologischen Gestalten nur in seinem Hirn Dasein besässen, nur für seinen besonderen, beschränkten Menschengeist überhaupt Sinn hätten, mit anderen Worten   S y m b o l e   eines der Vernunft Un-
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erreichbaren seien, sondern dass auch das ganze Leben, die Welt, die ihm als Schauplatz dient, die Handelnden, die sich auf dieser Bühne bewegen, die Gedanken, die wir denken, die Liebe, die uns trunken macht, die Pflichten, die wir erfüllen — lediglich als   S y m b o l   aufzufassen seien; er leugnete nicht die Wirklichkeit dieser Dinge, bestritt aber, dass ihre Bedeutung durch das empirisch Wahrnehmbare erschöpft werde: „Auf dem Standpunkt der höchsten Realität existiert das ganze empirische Treiben nicht,“ lehren die heiligen Schriften der Inder,²) eine Erkenntnis die durch Goethe dauernden Ausdruck gefunden hat:

Alles   V e r g ä n g l i c h e
Ist nur ein   G l e i c h n i s.

Und je tiefer diese Überzeugung sich in sein Bewusstsein ein-

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Gestalten sind, ohne Tücke, Grausamkeit und Wortbruch (S. 30, 92, 302 etc.).
    ¹) Oldenberg, Religion des Veda: „die Inder sprachen die Verhältnisse des Opfers an als analoge, durch ein mystisches Band mit ihnen geeinte Verhältnisse des Universums repräsentierend.“ Belege hierfür findet man auf jeder Seite des Satapatha-Brâhmana, jenes merkwürdigen Kodex für Opferzeremonien.
    ²) Çankara: Vedântasûtra's II, 1, 14, (auch für das folgende Citat).

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senkte, um so höher stieg die Vorstellung von der Tragweite seines individuellen Lebens; dieses Leben gewann jetzt kosmische Bedeutung. Hatte doch die Schrift ihn gelehrt: „nur die Einheit allein ist im höchsten Sinne real, die Vielheit klafft nur aus einer falschen Erkenntnis heraus.“ Die guten Werke, die ihm früher als Teil des göttlichen Gebotes erschienen waren, galten jetzt nichts mehr: jetzt galt nur noch die innerste   A b s i c h t,   d. h. also das innerste Leben, jede Regung des Gedankens, jede Zuckung des Herzens. Schaute das semitische Gesetz lediglich auf den Erfolg, gar nicht auf die Absicht, so war hier das andere Extrem erreicht: jeder Erfolg war ausgeschlossen und ohnehin gleichgültig. Es galt jetzt, den höchsten schöpferischen Akt zu vollbringen, das eigene Wesen umzugestalten, jede leiseste Regung der bethörten individuellen Selbstsucht — nicht zu kasteien, das ist ein Geringes, sondern — umzuwandeln, bis der Eine in dem All aufging. Das war „Erlösung“. Doch glaube man nicht, hierin einen rein philosophischen Vorgang erblicken zu dürfen, es war ein tief religiöser; denn eigene Kraft reichte nicht aus: das Sanskrit-Wort für die höchste, alleinige Gottheit ist Brahman, d. h. das „Gebet“; nur durch   G n a d e   konnte der Mensch der Erlösung teilhaftig werden, und ehe man eine solche Gnade durch inbrünstiges Gebet erstreben durfte, musste man durch ein frommes Leben sich dessen würdig gezeigt haben. War aber dieser Punkt erreicht, dann glaubte der Einzelne nicht mehr für sich allein, sondern für die ganze Welt zu leben und zu sterben: daher
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das Gefühl der allumfassenden Verantwortlichkeit. Der Eine stand für Alle; sein Thun, welches der frühere Wahn der fast gleichgültigen Entscheidung seiner Willkür anheimzustellen schien, war jetzt von unvergänglicher Bedeutung; denn so wie das Natürliche in Wahrheit ein Übernatürliches ist, ebenso schliesst der Augenblick die Ewigkeit ein und ist nur deren Symbol. — Das galt bei den arischen Indern als Religion, das verstanden sie unter Glauben.
    Durch diesen Kontrast hoffe ich die ganz besondere und unterscheidende Art der semitischen Auffassung von Religion und Glauben deutlich gemacht zu haben; ich glaube, gezeigt zu haben,

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worin ihre grosse -— zu mancher kühnen That und manchem aufopferungsvollen Gedanken befähigende — Kraft lag, worin auch ihre Beschränkung; mehr ist hier nicht nötig; welche geschichtliche Bedeutung diese Kraft und diese Beschränkung erreichten, ist bekannt. Man wäre fast geneigt, das Paradoxon zu wagen: Religion und Glaube schliessen sich gegenseitig aus, oder wenigstens zu sagen, wenn eins von beiden zunimmt, nimmt das andere ab. Doch wäre das ein Spiel mit Worten, da offenbar Religion und Glaube für den Semiten einen ganz anderen Sinn besitzen, als für andere Menschen. Die Sache wird erst dort verwickelt, wo wir nicht mehr dem reinen Semiten oder, wie bei den Juden, dem einseitig starken Vorwalten des semitischen Geistes begegnen, sondern bloss einer Infiltration des semitischen Geistes, wie in unserer eigenen europäischen Geschichte seit dem Beginn der christlichen Zeitrechnung. Dadurch entsteht eine fast unentwirrbare Konfusion der Begriffe, und darum habe ich mit einer gewissen Ausführlichkeit dieses Thema erörtern müssen; denn am folgenreichsten ward der „Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte“ durch die Begründung der christlichen Kirche auf einer semitischen Grundlage und durch die Einführung der Begriffe „Glaube“ und „Religion“ im semitischen Sinne des Wortes in eine Religion, welche, im Grunde genommen und schon durch das Leben Christi, die direkte, unbedingte Leugnung der semitischen Auffassung war, und welche ausserdem, durch ihren weiteren mythologischen und philosophischen Ausbau, zu einem durchaus indoeuropäischen, unsemitischen Gebilde wurde. Es ist unmöglich, den Einfluss des Judentums auf unsere ganze Geschichte vom Anfang an bis zum heutigen Tage klar herauszusondern, wenn man nicht über diese fundamentalen Begriffe „Religion“ und „Glaube“ bis zur vollen anschaulichen Deutlichkeit durchgedrungen ist. Ich gestehe, noch nie ein Werk gesehen zu haben, von welcher Art es auch immer sei, dem das
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nur annähernd gelungen wäre; meistens wird das Problem als solches gar nicht empfunden. Eine abstrakte Definition von Religion nützt uns wenig, sie klärt das Urteil gar nicht auf; auch die gelehrten und hochinteressanten Untersuchungen über den

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Ursprung der Religion und ihre Evolution haben für unseren jetzigen Zweck keinen Wert. Vielmehr kommt es darauf an, mit Augen zu sehen, was semitische (und speziell jüdische) Religion ist, welche Merkmale sie unterscheiden; nachher werden wir uns dann klar darüber werden, wie viel Semitisches in unser eigenes Denken übergegangen ist. Denn aus dem Charakter dieser Religion ergiebt sich notwendiger Weise die Art ihres Einflusses; und da andrerseits die Heftigkeit des Willens ein besonderes Kennzeichen des Semiten ist, so dürfen wir erwarten, dass dieser Einfluss ein grosser sein werde. Der Materialismus der Anschauungen, die Hervorhebung des geschichtlichen Momentes dem idealen gegenüber, die starke Betonung der „Gerechtigkeit“ im weltlichen Sinne des Wortes, d. h. also des gesetzmässigen und moralischen Handelns und der Werkheiligkeit (im Gegensatz zu jedem Versuch innerer Umwandlung und zur Erlösung durch metaphysische Einsicht oder durch göttliche Gnade),¹) die Einschränkung der Phantasie, das Verbot der Gedankenfreiheit, die prinzipielle Intoleranz gegen andere Religionen, der glühende Fanatismus: das sind Erscheinungen, die wir überall in grösserem oder geringerem Grade anzutreffen erwarten müssen, wo semitisches Blut oder semitische Ideen eingedrungen sind. Wir werden ihnen noch häufig im Verlaufe dieses Buches begegnen, sogar in den allermodernsten „freiesten“ Anschauungen des 19. Jahrhunderts, z. B. im doktrinären Sozialismus. Was speziell die Intoleranz anbetrifft, diese so gänzlich neue Erscheinung im Leben der indoeuropäischen Völker, so behalte ich mir das, was in dieser Beziehung über den „Eintritt der Juden“ zu sagen ist, für das zweitnächste Kapitel vor, wo wir sehen werden, dass die ältesten Christen in beredten Worten die unbedingte religiöse Freiheit forderten, die späteren dagegen aus dem Alten Testament das göttliche Gebot der Intoleranz entnahmen.
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    ¹) Der indoeuropäischen Auffassung im Gegensatz zur semitischen verleiht an einer Stelle Zoroaster kräftigen Ausdruck: „Weltliche Gerechtigkeit, du Geizhals! du bildest die ganze Religion der bösen Geister und bist die Vernichtung der Religion Gottes! (Dinkard VII, 4, 14).

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Israel und Juda

    Und so nehme ich den Faden dort wieder auf, wo wir die Betrachtung über das Verhältnis der verschiedenen Typen im Blute der Israeliten und über den möglichen Einfluss dieser

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Mischungen auf ihren Charakter (bis auf die inzwischen erörterte religiöse Frage) beendet hatten. Dass in Bezug auf Religion innerhalb Israels das semitische Element mit der Zeit das hethitische besiegen musste, ist nach allem Gesagten klar; doch ward dieser Sieg schwer und langsam errungen, und zwar nur im Süden, d. h. in Judäa (Juda und Benjamin), wo ein häufiger Zufluss von frischem arabischen (also fast rein-semitischen) Blut das Seinige dazu beigetragen haben mag. ¹) In Israel (d. h. also im Norden des Landes) blieb der alte syrische Kultus bis zuletzt in Ehren: die Feste auf den Höhen, die Pilgerfahrten an heilige Orte, die Baalsbilder u. s. w.; selbst ein gegen „fremde Götter“ so gestrenger Prophet wie Elias hatte gegen die Verehrung der goldenen Stiere nicht das Geringste einzuwenden, ²) er verteidigte nur den „Gott in Israel“ gegen die durch phönizische Königstöchter importierten fremden Götter. Aus dem eigentlichen Israel wäre nie ein „Judentum“ entstanden. Umso dringender ist es nötig, dass wir jetzt die   j ü d i s c h e   I d e e   kennen lernen, die spezifisch   j ü d i s c h e   im Gegensatz zu der des Volkes Israel. Und so gehe ich jetzt zu unserem dritten Punkt über, welcher besagte: der eigentliche Jude entstand erst im Laufe der Jahrhunderte durch allmähliche physische Ausscheidung aus der übrigen israelitischen Familie, sowie durch progressive Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematische Verkümmerung anderer; er ist nicht das Ergebnis eines normalen nationalen Lebens, sondern gewissermassen ein künstliches Produkt, erzeugt durch eine Priesterkaste, welche dem widersprechenden Volke mit Hilfe fremder Herrscher eine priesterliche Gesetzgebung und einen priesterlichen Glauben als von Gott gegeben aufzwang (S. 347).
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    ¹) Robertson Smith: The Prophets of Israel legt grossen Nachdruck hierauf (p. 28); siehe auch Wellhausen: Prolegomena.
    ²) Ausführlicheres bei Wellhausen und Robertson Smith (z. B. Prophets of Israel, p. 63, 96).

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    Wie flüchtig meine Schilderung auch war, und trotzdem ich manche Thatsache, der Vereinfachung wegen, unerwähnt liess, glaube ich doch, dass der Leser eine ziemlich lebhafte und in ihren Grundzügen durchaus zutreffende Vorstellung von dem mixtum compositum erhalten hat, aus welchem das israelitische Volk hervorging; er hat auch bemerkt, dass die Zusammensetzung des Blutes im Süden des Landes, wo Juda und Benjamin lagen, ¹)
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schon von dem Augenblick der Ankunft in Palästina an, zum Teil anderen modifizierenden Einflüssen unterlag als weiter nördlich, und zwar nach der Richtung hin, dass das semitische Element im Süden fortwährend Zuwachs erfuhr. Wahrscheinlich reichte dieser Unterschied noch weiter zurück. Von Anfang an sehen wir die grossen, starken Stämme der Josephiten, Ephraim und Manasse, um die sich die meisten übrigen Stämme wie eine Familie gruppierten, mit einer gewissen Geringschätzung oder vielleicht mit Misstrauen auf Juda blicken. ²) Der Auszug aus Ägypten und die Eroberung Palästinas geschieht unter der Führung der Josephiten; Moses gehört zu ihnen, nicht zu Juda (wenn er nicht überhaupt ein gänzlich unsemitischer Ägypter war); ³)
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    ¹) Die Grenzen Judas und Judäas (wozu seit David auch Benjamin gehörte) haben im Laufe der Zeiten sehr gewechselt: der ganze südliche Teil wurde nach dem Exil zu Idumäa geschlagen, dagegen dehnte sich das Gebiet durch die Annexionen des Judas Makkabäus später ein wenig nach Norden aus, in das frühere Ephraimitische.
    ²) Schon im Alten Testament wird in späterer Zeit zwischen   J u d a   und   I s r a e l   scharf unterschieden: „Und ich zerbrach meinen Stab genannt ‚Einigkeit', dass ich aufhöbe die Brüderschaft zwischen Juda und Israel“ (Zacharia XI, 14, siehe auch I. Sam. XVIII, 16); nicht selten wird auch Israel (d. h. die zehn Stämme ausser Juda und Benjamin) einfach als „das Haus Joseph's“ bezeichnet, im Gegensatz zum „Haus Juda's“ (so z. B. Zacharia X, 6).
    ³) Renan meint: „il faut considérer Moïse presque comme un Égyptien“ (Israël I, 220); sein Name soll ägyptischen, nicht hebräischen Ursprungs sein (idem p. 160). Ähnlich Kuenen: National Religions and Universal Religions, 1882, p. 315. Nach der ägyptischen Tradition ist er ein entlaufener Priester aus Heliopolis, Namens Osarsyph (siehe Maspero: Histoire ancienne II, 449). Heute, als Reaktion gegen frühere Übertreibungen, ist es Mode, jeden Ein-

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Josua gehört zu ihnen, Jerubbaal ebenfalls, überhaupt alle Männer von Bedeutung bis einschliesslich Samuel; Juda spielt in früheren Zeiten eine so unscheinbare Rolle, dass z. B. dieser Stamm in dem Triumphlied der Deborah gar nicht genannt wird: wie Simeon und Levi, war auch Juda beim Betreten Palästinas fast vernichtet worden, so dass er „kaum mitgerechnet“ wurde; von den drei Zweigen, aus denen er bestand, war ein einziger übrig geblieben, und erst durch die Amalgamierung mit den angesessenen Hethitern und Amoritern erstarkte Juda nach und nach zu neuem Leben.¹) Mit David tritt er auch nur vorübergehend in den Vor-
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dergrund, und zwar nachdem der Benjaminit Saul, aus der nächsten ephraimitischen Verwandtschaft, den Schwerpunkt ein wenig nach Süden verlegt hatte. Gleich nach Salomo's Tod gerieten die Könige Judas in eine Art Vasallenverhältnis zu denen Israels, zum mindesten waren sie deren gezwungene und untergeordnete Bundesgenossen. Doch handelt es sich hier nicht bloss um politische Eifersüchtelei — diese würde unsere Aufmerksamkeit nicht verdienen — sondern um einen tiefgehenden Unterschied in der Begabung und in der moralischen Veranlagung, um einen Unterschied, der in allen Geschichtswerken hervorgehoben wird, und der eine wichtigste Grundlage zu der späteren so eigentümlichen und durchaus antiisraelitischen Entwickelung des Judentums abgiebt. Später wurde ja Juda materiell von Israel durch die Gefangennahme und entführung dieses letzteren isoliert und auf ewig geschieden (sieben Jahrhunderte vor Christo); Juda behielt aber von seinem Bruder ein geistiges Erbe: die Geschichte des Volkes, die Grundlagen seiner politischen Organisation, seiner
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fluss Ägyptens auf den israelitischen Kultus zu leugnen; diese Frage können nur Fachgelehrte entscheiden, namentlich insofern sie Zeremoniell, priesterliche Kleidung u. s. w. betrifft; doch muss uns Ungelehrten das eine auffallen, dass die Kardinaltugenden der Ägypter — Keuschheit, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit, Demut (siehe Chantepie de la Saussaye: Religionsgeschichte I, 305), — welche zu denen der Kanaaniter wenig stimmen, gerade diejenigen sind, welche das mosaische Gesetz ebenfalls am höchsten stellt.
    ¹) Wellhausen: Die Komposition des Hexateuchs, 2. Ausg, S. 320, 355.

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Religion, seines Kultus, seines Gesetzes, seiner Poesie. Alles dies, d. h. also alles Schöpferische, ist in den wesentlichsten Stücken   i s r a e l i t i s c h e s   W e r k ,   n i c h t   d a s   W e r k   J u d a 's.   Nun aber blieb Juda allein zurück und bearbeitete dieses Material seinem besonderen Geiste gemäss; daraus — aus dieser Thätigkeit der bisher unmündigen, nunmehr plötzlich sich selbst überlassenen Söhne Juda's — wurde das Judentum; und (wie aus der Henne das Ei und aus dem Ei die Henne) aus dem Judentum entsprang der Jude.
    In dem Betonen der geistigen Überlegenheit des Hauses Joseph sind alle Autoren einig; einen einzigen will ich als Beleg anführen. Robertson Smith schreibt: „Das nördliche Reich war es, welches die Fahne Israels hochhielt: seine ganze Geschichte ist interessanter und reicher an heroischen Elementen; seine Kämpfe, seine Niederlagen und seine Ruhmesthaten, alles ist gewaltiger — — — Das Leben im Norden war ruheloser, es war aber auch geistig regsamer und intensiver. Ephraim war der Führer nicht allein in Politik, auch in Litteratur und Religion. In Ephraim, viel mehr als in Juda, wurden die Überlieferungen der Vergangenheit heilig gehalten, zugleich aber fand gerade dort jene Entwickelung der Religion statt, welche zu neuen Problemen und somit zum Auftreten der Propheten führte. So lange das nördliche Reich stand, war Juda sein Schüler, der beides, Gutes und Übles, von ihm annahm. Es wäre leicht nachzuweisen, dass
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jede bedeutende Regung des Lebens und Denkens in Ephraim im südlichen Reiche ein abgeschwächtes Echo hervorrief“.¹) Alles Geschichtliche, was das Alte Testament aus vorexilischer Zeit enthält, bis zu David, sowie auch manches spätere, stammt aus Israel, nicht aus Juda. Um das nachzuweisen, müsste ich die Resultate der biblischen Kritik mit einiger Ausführlichkeit analysieren, was zu weit führen würde; die klarste und kürzeste Zusammenfassung findet der Laie in Renan's Israël, Buch IV, Kap. 2 und 3; ungleich mehr Belehrung (wenn er die Mühe daran wenden
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    ¹) The Prophets of Israel, p. 192. Hier ist in anschaulicher Weise kurz zusammengefasst, was der selbe Gelehrte und andere an vielen Orten ausführlich begründet haben.

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will) und daher auch tiefere Einsicht gewähren die kritischen Werke Dillmann's, Wellhausen's u. s. w. Das in IV Mose XXI, 14 genannte „Buch der Kriege Jahve's“ und andere verschwundene Quellen, aus denen nicht allein die geschichtlichen Teile des Hexateuch, sondern auch die Bücher Samuelis, der Könige u. s. w. später redigiert wurden, sind im Hause Joseph, dessen Ruhm sie singen, entstanden. Wo der Stamm Juda überhaupt genannt wird, geschieht es in der offenbaren Absicht, ihn herabzusetzen, z. B. Gen. XXXVII, wo Juda allein auf den niederträchtigen Einfall gerät, Joseph für Geld zu verkaufen, und noch mehr im folgenden Kapitel, wo dieser Stamm von Beginn an als ein sittenloser und aus Blutschande hervorgegangener dargestellt wird, worauf als Kontrast sofort die Geschichte des keuschen Joseph folgt. Dies lediglich als Beispiel. Auch das religiöse Gesetz stammt in seinen grossen grundlegenden Zügen aus Israel, nicht aus Juda. Über die zehn Gebote ist viel hin- und hergestritten worden, namentlich seit Goethe's Entdeckung — von Wellhausen der Vergessenheit entrissen und wissenschaftlich ausgeführt — dass die ursprünglichen zehn Gebote (Exodus XXXIV) durchaus anders lauteten, als die später interpolierten, und sich lediglich auf Angelegenheiten des Kultus bezogen.¹) Uns kann es genügen, dass auch der spätere Dekalog aus Exodus XX, der im christlichen Katechismus einen Platz gefunden hat, nach der Meinung eines so gelehrten und gläubigen Rabbiners wie Salomon Schechter das Werk eines Priesters aus dem nördlichen Reiche, nicht aus Judäa ist, eines Mannes, der etwa im 9. Jahrhundert gelebt haben dürfte, also mindestens 100 bis 150 Jahre
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n a c h   Salomo, zur Zeit der grossen Dynastie der Omriden.²) Diese Feststellung ist nicht allein interessant, sondern geradezu „pikant“; denn die späteren reinjüdischen Redakteure der heiligen Bücher haben sich alle erdenkliche Mühe gegeben, das israelitische
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    ¹) Goethe: Zwo wichtige, bisher unerörterte biblische Fragen, zum ersten Mal gründlich beantwortet. Erste   F r a g e:   Was stund auf den Tafeln des Bundes?
    ²) Siehe Schechter's Nachtrag zu Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 557.

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Reich als ein abtrünniges, heidnisches hinzustellen, und nun kommt es heraus, dass die Grundlagen des religiösen Gesetzes gerade aus diesem verpönten Reich, nicht aus dem frommen Juda stammen. Für die genaue Umschreibung des spezifisch Jüdischen ist es wichtig, dies zu wissen: durch Schöpferkraft, selbst auf dem beschränkten, religiös gesetzgeberischen Gebiet hat sich der Jude nie ausgezeichnet; selbst sein Eigenstes ist entlehnt. Denn auch die grosse prophetische Bewegung, welche, wohl beachtet, die einzige Erscheinung des hebräischen Geistes ist, die dauernden inneren Wert besitzt, entstand im Norden. Elias, in mancher Beziehung die merkwürdigste, am meisten phantastische Erscheinung der gesamten israelitischen Geschichte, wirkt nur dort. Die Berichte über Elias sind so karg, dass Manche ihn überhaupt für eine erdichtete Persönlichkeit halten;¹) doch meine ich mit Wellhausen, dass dies historisch unmöglich sei, denn Elias ist der Mann, der den Stein ins Rollen bringt, der Erfinder gewissermassen der wahren Jahvereligion, der grosse Geist, der den monotheistischen Kern, wenn er ihn auch noch nicht deutlich sieht, doch ahnt. Hier wirkt eine grosse Persönlichkeit, und um zu wirken, muss sie gelebt haben. Von besonderem Interesse ist die einzige genauere Nachricht, die wir über ihn besitzen: darnach wäre er nämlich kein Israelit, sondern ein „halbberechtigter Einsasse“ von jenseit des Jordans, von der äussersten Grenze des Landes, ein Mann also, in dessen Adern aller Wahrscheinlichkeit nach ziemlich reines arabisches Blut floss.²) Das ist interessant, denn es zeigt das echt semitische Element am Werk, um sein Religionsideal zu retten, welches im Süden durch den Eklekticismus solcher halber Amoriter wie David und amoritischer Hethiter wie Salomo, im Norden durch die weltlich gesinnte Toleranz der vorwiegend kanaanitischen Bevölkerung arg bedroht war. Im Norden allein, der durch die Lage begünstigt war und dessen Bewohner sich wahrscheinlich auch durch grösseren Fleiss und Handelssinn auszeichneten, war nämlich schon Wohlstand
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    ¹) Siehe namentlich Renan: Israël, II, 282 suiv.
    ²) Siehe vor Allem Graetz: Geschichte der Juden I, 113; auch Maspero: Histoire ancienne II, 784.

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und mit ihm Luxus und Kunstsinn heimisch geworden; eine der Sünden, die Amos den Israeliten vorwirft, ist, dass sie „Lieder machen wie David“. Da empörte sich der anticivilisatorische Instinkt des echteren Semiten; der edel Gesinnte empfand instinktiv und gewaltig die Inkompatibilität zwischen der fremden Kultur und den geistigen Anlagen seines Volkes; er sah vor seinen Füssen die Grube sich öffnen, in die in der That alle bastardierten semitischen Reiche schnell und spurlos versunken sind, und, furchtlos wie der Beduin, erhob er sich zum Kampf. Sofort, von Elias an, gleicht diese Prophetenbewegung einem gesunden, trockenen Wüstenwinde, der, von fernher heranstürmend, die Blüten der Fäulnis — doch zugleich auch die Knospen der Schönheit und der Kultur — versengt. Auch Elisa, der Nachfolger des Elias, hat seinen Wohnort in Ephraim. Nun tritt aber der erste grosse Prophet auf, dessen Worte wir noch besitzen. Ich sage „gross“, wenn er auch wegen des geringen Umfanges seiner Schriften zu den sogenannten „kleinen Propheten“ gerechnet wird; denn Amos ist, was Tiefe des religiösen Gedankens, sowie Schärfe des politischen Blickes anbelangt, den grössten ebenbürtig. Dieser Prophet soll zwar aus Judäa stammen, doch wird dies von Vielen (z. B. von Graetz) bezweifelt;¹) jedenfalls kennt er das josephitische Reich, als wäre es seine Heimat, und seine Ermahnungen gelten lediglich diesem Reiche. Der nächste grosse „kleine Prophet“, Hosea, eine ebenso einzige Erscheinung wie Amos, ist Ephraimiter; auch er geht auf in den Schicksalen des einen Hauses Joseph; mit ganzem Herzen hängt er an seinem geliebten Volk, und, wie das einmal Prophetenart ist, verkündigt er viele Dinge voraus, die nicht geschahen: die Errettung Israels durch den mitleidigen Jahve und die ewige Herrschaft dieses Volkes. Hiermit schliesst die Reihe, hiermit endet der Einfluss Israels auf Juda; denn vermutlich noch zu Lebzeiten Hosea's, jedenfalls bald nach seinem Tode, wird das ganze nördliche Volk
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    ¹) Auch von Neueren (z. B. Cheyne), seitdem nachgewiesen ist, dass die berühmte Stelle: „Der Herr wird aus Zion brüllen“ (Amos I, 2) eine späte jüdische Interpolation ist.

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von den Assyrern in die Gefangenschaft weggeschleppt und kehrt nie wieder.

Das Werden des Juden
    Erst von diesem Augenblick, d. h. vom Jahre 721 vor Christus an, konnte der eigentliche   J u d e   zu entstehen beginnen; bis dahin, wie wir soeben gesehen, hatte Juda politisch, sozial und religiös im Schlepptau des offenbar viel begabteren Israel schwimmen müssen; jetzt stand dieser Stamm allein, auf eigenen Füssen. Die Lage war eine furchtbare. Mit Zittern und Entsetzen hatten die
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Juden dem tragischen Schicksal ihrer Brüder zugesehen, welches sie selber ihres einzigen Schutzes beraubte; nunmehr schloss sich der Kreis der Feinde eng um das kleine Land; wie sollte es gegen Weltreiche bestehen? Zunächst fristete es sein Leben als des Assyrers freiwilliger Vasall und genoss dessen Schutz gegen seine nächsten Bedränger, die Damascener; dann benutzte es den Todeskampf des mächtigen Beschützers, um sich von ihm freizumachen, es intriguierte mit Ägypten, söhnte sich wieder durch Bezahlung schwerer Sühne und Abtretung gewisser Länderstriche mit den neuen Herren Kleinasiens, den Chaldäern, aus — — — kurz, das Königreich zog sein ziemlich kümmerliches Dasein noch etwa 120 Jahre hin, bis endlich, bei Gelegenheit eines neuerlichen Abfalles, Nebuchadrezzor die Geduld riss, und er den König samt zehntausend der angesehensten Leute nach Babylon in die Gefangenschaft führen liess; elf Jahre später, als die Intriguen noch immer nicht aufhören wollten, zerstörte er Jerusalem und den Tempel und liess die übrigen freien Männer Judäas mit ihren Familien ebenfalls nach Babylonien schleppen; einige (unter ihnen Jeremia) flohen nach Ägypten und gründeten die dortige Diaspora. Nach weiteren sechzig Jahren kehrte zwar ein Teil der Exulanten zurück, doch nur ein Teil: die Mehrzahl der Wohlhabenderen hatte es vorgezogen, in Babylon zurückzubleiben; über ein Jahrhundert dauerte es, bis die kleine heimgekehrte Kolonie, die eine unverhältnismässig grosse Anzahl Priester und Leviten enthielt, sich in Jerusalem und dem angrenzenden, sehr zusammengeschrumpften judäischen Gebiet organisiert, sowie einen Tempel und die Mauern der Stadt wieder aufgerichtet hatte; ohne den gnädigen Schutz der persischen Monarchen und ohne die

502 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Gaben der im Ausland schnell reich gewordenen Brüder wäre es ihnen überhaupt nie gelungen. Ein Judäa und ein Jerusalem gab es also wieder, doch hat es von der Zeit an nie mehr einen unabhängigen judäischen Staat gegeben. ¹)
    Die Entwickelung aus dem Judäer zum eigentlichen Juden geschah also unter der Mitwirkung bestimmter historischer Bedingungen. Man pflegt zu sagen, die Geschichte wiederhole sich; sie wiederholt sich im Gegenteil nie; ²) der Jude ist eine ganz
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einzige Erscheinung, zu der keine Parallele aufgewiesen werden kann; ohne die bestimmten historischen Bedingungen aber wäre er das nicht geworden, was er wurde; die besondere ethnologische Mischung, aus der er hervorgegangen, und seine weitere Geschichte bis zu seiner Isolierung von Israel hätten nicht das anormale Phänomen des Judentums hervorgebracht, wenn nicht eine Reihe merkwürdiger Umstände diese besondere Entwickelung begünstigt hätte. Diese Umstände sind leicht aufzuzählen; es sind ihrer fünf, die wie die Räder eines geschickt gebauten Uhrwerkes ineinandergreifen: die plötzliche Isolierung, die hundertjährige Frist zur Ausbildung der Eigenart, der Abbruch aller geschichtlichen Lokaltraditionen durch das Exil, die Wiederanknüpfung unter einer neuen, in der Fremde geborenen Generation, der Zustand politischer Abhängigkeit, in dem die Judäer sich fortan befanden. Eine kurze Betrachtung dieser historisch nacheinander zur Geltung gekommenen Momente wird uns das Werden des Judentums vollendet klar veranschaulichen.
    1. Die Männer Judas waren gewohnt gewesen (sozusagen als Minderjährige) Anregung von dem älteren, stärkeren und begabteren Bruder zu erhalten: jetzt standen sie auf einmal allein, im Besitz einer wahrscheinlich nur fragmentarischen Tradition und genötigt, die weitere geistige Entwickelung selber zu leiten.
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    ¹) Nur mit Hilfe der Syrier gelangten die Makkabäer zur Herrschaft, und auch die ihnen entsprungenen Fürsten des Hasmonäischen Hauses haben nur hin und wieder einen Schein von Unabhängigkeit inmitten der Wirren, die der römischen Herrschaft vorangingen, errungen.
    ²) Vergl. S. 164 Anmerkung 2.

503 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

Es war wie ein plötzlicher, gewaltsamer Ruck, auf welchen keine andere Reaktion erfolgen konnte als eine gewaltsame, wenig harmonische.
    2. Wären die Assyrer sofort in Juda eingefallen und hätten die Einwohner zerstreut, so wären diese ohne Frage eben so spurlos wie die Israeliten verschwunden. Nun blieben die Judäer aber über ein Jahrhundert verschont und zwar in einer Lage, welche sie geradezu   z w a n g,   die letzte Anregung, die sie von Israel erhalten, bis auf ihre äusserste, übertriebenste Konsequenz auszunutzen, und das war die von den Propheten Amos und Hosea ausgegangene: moralische Umkehr, Demütigung vor Gott, Vertrauen auf seine Allmacht. Das war auch wirklich der letzte Hoffnungsanker; an Sieg durch Menschenkraft gegen die heranrückende Weltmacht war nicht zu denken. Doch fassten die Judäer die hohe Lehre des Amos rein materialistisch auf. In ihrer Not verstiegen sie sich bis zu dem wahnsinnigen Gedanken,   J e r u s a l e m   s e i   u n e i n n e h m b a r,   als Jahve's Wohnort.¹) Die vernünftigen Leute schüttelten freilich skeptisch den Kopf, doch
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als Sennacherib's Heer, nachdem es das umliegende Land verwüstet und die Belagerung Jerusalem's begonnen hatte, plötzlich abrücken musste, da behielten die Propheten Recht; eine Pest war im Lager ausgebrochen, sagen die Einen, innere Wirren, sagen die Anderen, verursachten diesen Rückzug;²) gleichviel: an jenem Morgen des Jahres 701 vor Christus, an dem die Bewohner Jerusalem's die Armee Sennacherib's nicht mehr unter ihren Mauern erblickten, ward der Jude geboren und mit ihm jener Jahve, den wir aus der Bibel kennen.   D i e s e r   T a g   i s t   d e r   A n g e l p u n k t   i n   d e r   G e s c h i c h t e   J u d a 's.   Selbst die fremden Völker erblickten in der Errettung Jerusalem's ein göttliches Wunder. Mit einem Schlag waren die bisher ver-
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    ¹) Siehe Jesaia, Kap. 37, namentlich die Verse 33—37.
    ²) Vergl. über diese Frage Cheyne: Introduction to the Book of Isaiah, p. 231 fg. Interessant ist es, aus den assyrischen Berichten zu erfahren, dass Jerusalem durch ein arabisches Söldnerheer verteidigt war; durch den Mangel an militärischer Befähigung hat sich Juda von jeher ausgezeichnet.

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höhnten und verfolgten Propheten — Jesaia und Micha — die Helden des Tages; der König musste zu ihrer Partei übertreten und die Reinigung des Landes von fremden Göttern beginnen. Der Glaube an die Vorsehung Jahve's, die Meinung, dass alles Wohlergehen von dem passiven Gehorsam gegen seine Gebote abhänge, dass jedes nationale Unglück als Prüfung oder Strafe eintrete, die unerschütterliche Überzeugung, dass Juda das auserwählte Volk Gottes sei, wogegen die anderen Völker tief unter ihm stünden, kurz, der ganze Komplex von Vorstellungen, der die Seele des Judentums ausmachen sollte, entstand jetzt, entwickelte sich ziemlich rasch aus Keimen, die unter normalen Verhältnissen niemals solche Blüten hervorgebracht hätten, schenkte grosse Widerstandskraft, erstickte dafür viel Vernünftiges, Gesundes, Natürliches, wurde zu einer idea fixa. Jetzt erst wurden jene folgenschweren Worte geschrieben: „Zu deinen Vätern   a l l e i n   hat Gott Lust gehabt, dass er sie liebte, und nach ihnen ist es ihr Same, den er   a l l e i n   unter allen Völkern auserwählt hat“ (Deut. X, 15). Vom Jahre 701 bis zum Jahre 586, wo Jerusalem zerstört wurde, hatten die Juden über ein Jahrhundert Zeit zur Ausbildung dieser Idee. Die Propheten und Priester, die jetzt das Heft in der Hand hielten, benützten die Frist gut. Trotz der liberalen Reaktion Manasse's haben sie es fertig gebracht, erst die anderen Götter zu vertreiben und sodann den genialen Wahngedanken einzuführen, man könne Gott einzig und allein in Jerusalem verehren, weswegen König Josia die „heiligen Höhen“ und alle anderen heiligsten Altäre des Volkes zerstörte, die meisten
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Leviten dieser angeblich von den Patriarchen gegründeten, durch Theophanien geweihten Heiligtümer umbrachte, die übrigen zu untergeordneten Dienern des jerusalemitischen Gotteshauses machte; jetzt gab es nur noch einen Gott, einen Altar, einen Hohenpriester; die Welt war um den Begriff (wenn auch noch nicht um das Wort)   K i r c h e   reicher, die Grundlage zur heutigen römischen, mit ihrem unfehlbaren Oberhaupt, war gelegt. Um das zu vollbringen, hatte man allerdings zu einer geschickten Fälschung greifen müssen, dem Muster vieler späteren. Im Jahre 622 wurde bei einer Ausbesserung des Tempelgebäudes ein „Gesetzbuch“

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angeblich „gefunden“;¹) dass es erst damals geschrieben worden war, unterliegt heute nicht dem mindesten Zweifel. Das Deuteronomium oder fünfte Buch Mose („eine ganz überflüssigste Ausbreitung der zehn Gebote“, urteilt Luther) gilt der Einführung eines Priesterregimentes, wie es in Israel und Juda zu keiner Zeit bestanden hatte, und ausserdem der gesetzlichen (zugleich, wie immer bei den Hebräern, historischen) Begründung der einzigen Berechtigung Jerusalems — ein Gedanke, der, so lange das nördliche Reich, Israel, bestand, niemals hätte gefasst werden können, und der selbst dem so fanatisch patriotischen und jerusalemitisch gesinnten Jesaia noch gänzlich fremd gewesen war.²) Dies Alles nicht etwa aus schlechter, betrügerischer Absicht, sondern um den Kultus des rettenden Gottes Jahve fortan reinzuhalten, und zugleich als Beginn einer moralischen Regeneration. Hier taucht z. B. zum ersten Mal, schüchtern und verklauselt, das Gebot auf, man solle Gott den Herrn   l i e b e n;   zugleich brachte dieses Buch die fanatisch-dogmatische Versicherung, dass die Juden allein Gottes Volk seien, und damit in Verbindung tritt das Verbot von Mischehen zum ersten Mal auf, sowie auch das Gebot, alle „Heiden“ dort, wo Juden wohnen, „auszurotten“, und jeden Juden, Mann oder Weib, der nicht rechtgläubig sei, zu steinigen (XVII, 5); zwei Zeugen sollten genügen, um das Todesurteil zu sprechen: die Welt war um den Begriff der   r e l i g i ö s e n   I n t o l e r a n z   reicher. Wie neu dieser Gedankengang dem Volke war, und unter welchen besonderen Um-
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ständen allein er Fuss fassen konnte — nämlich inmitten stündlicher Gefahr und nach der wunderbaren Errettung Jerusalems aus Sennacherib's Händen — zeigt die stets wiederkehrende
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    ¹) II Könige XXII.
    ²) R. Smith: Prophets of Israel p. 438. Im Deuteronomium wird der Grundstein zum eigentlichen Judentum gelegt. Es bildet den Mittelpunkt des Alten Testamentes in seiner jetzigen Gestalt: „von welchem aus vor- und rückwärts, mit einiger Aussicht auf richtiges Verständnis des übrigen, geforscht werden kann und muss“, sagte schon vor vielen Jahren Reuss in seiner grundlegenden Geschichte des Alten Testaments, § 286.

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Formel: „der Herr hat geboten, dass wir ihn fürchten, auf dass es uns wohl gehe alle unsere Lebtage, wie es gehet heutigen Tages“. Furchtbare Strafen auf der einen, masslose Verheissungen auf der anderen Seite, dazu die ewig wiederkehrende Aufzählung der Wunder, die Jahve zu Gunsten Israel's gethan hat: das sind die Überzeugungsmittel des Buches Deuteronomium, der ersten selbständigen That der Judäer auf religiösem Gebiete.¹) Sehr erhaben ist dieses religiöse Motiv nicht, das muss ich allen jüdischen und christlichen Kommentatoren zum Trotz behaupten; jedoch, von einem fanatischen Glauben erfasst, ist es ein unvergleichlich kräftiges. Der Erstarkung dieses Glaubens gelten fortan alle Bemühungen, wiederum von den Umständen merkwürdig begünstigt.
    3. Man möchte meinen, die Zerstörung Jerusalems und das Exil müssten das Vertrauen auf Jahve erschüttert haben; doch der Vernichtungsschlag kam nicht auf einmal, und die hinreissende Glaubenskraft eines Jeremia hatte hinreichend Zeit, sich auf neue Verhältnisse zu stimmen. Schnell war inzwischen bei den Grossen des Reiches die moralische Regeneration in ihr Gegenteil umgeschlagen; ohne Furcht thaten sie Übles. Doch Jeremia sah die Zukunft anders: in dem Babylonier erblickte dieser Prophet die Geissel Gottes, gesandt, Juda für seine Sünden zu strafen; wie die Errettung aus der Liebe Jahve's zu seinem auserwählten Volk hervorgegangen sei, ebenso sei jetzt die Züchtigung Liebe; und so weissagte Jeremia im Gegensatz zu Jesaia die Zerstörung Jerusalems und wurde dafür als Verräter, als ein Söldling der Babylonier verfolgt. Wiederum behielt aber der Prophet Recht, die klugen Weltmenschen Unrecht; denn diese Letzteren verliessen sich diesmal auf Jahve; hatte man sie denn nicht seit
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    ¹) Das Kapitel XXVIII (allerdings postexilisch) enthält die Segnungen: „so du nicht weichst von irgend einem Wort, das ich euch heute gebiete“, und darauf die Flüche, über hundert an der Zahl, alles Entsetzlichste enthaltend, was eine krankhafte Phantasie sich ausdenken kann, „denn Gott wird sich freuen, dass er euch umbringe“.

507 Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.

einem Jahrhundert gelehrt, Jerusalem sei uneinnehmbar? Und als die Zerstörung nun kam, sagte man: seht der Prophet hat wahrgesprochen, das ist die Hand Jahve's. Die hohe Bedeutung des Exils für die Weiterentwickelung und Befestigung dieser Wahnvorstellung ist leicht einzusehen. Ohne die Verbannung
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wäre das echte, so erstaunlich künstliche Judentum nie lebensfähig geworden. Die Könige Hiskia, Josia und Zedekia hatten die Altäre umwerfen und die heiligen Bäume abhauen können doch das Volk liess sich seine Heiligtümer nicht rauben; jetzt aber war es mit einem Mal aus aller Tradition losgerissen; der sechzigjährige Aufenthalt im babylonischen Reiche schnitt sozusagen den Faden der Geschichte entzwei; Keiner, der als urteilsfähiger Mann das Land seiner Väter verlassen hatte, kehrte wieder zurück. Wenn ein einzelner Mann sein Vaterland auf fünfzig Jahre verlässt, ja, nur auf zwanzig, kehrt er heim zu Verwandten und Freunden, ein Fremder unter Fremden; er vermag es nicht, sich in das spezielle organische Gesetz des individuellen Wachstums dieses besonderen Volkes wieder hineinzuleben, namentlich nicht, wenn er in früher Jugend das Heimatland verlassen hat. Hier verliess eine ganze Nation die historische Heimat; die später Zurückkehrenden waren fast ausnahmslos in der Fremde geboren und gross geworden, vielleicht lebte nicht Einer, der mit Bewusstsein sich Judäas entsann. Und inzwischen, in Babylon, während die segensreiche Verbindung mit der Vergangenheit (das Verhältnis des Kindes zur Mutter) abgebrochen war, brüteten die verbitterten Zeloten unter den Verbannten über ihr Schicksal und fassten Gedanken, die sie daheim nicht hätten denken können. ¹) im   E x i l   wurde das spezifische Judentum gegründet, und zwar in Hesekiel, einem Priester aus der hohenpriesterlichen Familie; den Stempel des Exils hat das Judentum daher von Anfang an
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    ¹) Über den unermesslich grossen Einfluss Babylon's auf alles jüdische Denken seit jeher unterrichtet man sich am ausführlichsten in Eberhard Schrader's Die Keilinschriften und das Alte Testament, 3. Aufl., neu bearbeitet von Zimmern und Winckler, 1903; eine kurze Zusammenfassung findet man in Winckler's Die politische Entwickelung Babyloniens und Assyriens, S. 17 fg.

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getragen; sein Glaube ist nicht der Glaube eines gesunden, freien, um seine Existenz im ehrlichen Wettbewerb kämpfenden Volkes, sondern er atmet Ohnmacht und Rachedurst und sucht über das Elend des Augenblickes durch Vorspiegelung einer unmöglichen Zukunft hinwegzutäuschen. Hesekiel's Buch ist das furchtbarste der Bibel; durch Anwendung der äussersten Mittel — der entsetzlichsten Drohungen und der frevelhaftesten Verheissungen  — wollte dieser gedankenarme, abstrakt formalistische, doch edle, patriotische Geist¹) den stark erschütterten Glauben seiner Brüder und mit ihm die Nation retten. Bis zu seiner Zeit war in Israel
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die Religion, gleichwie in Rom, in Griechenland, in Ägypten, eine Erscheinung unter anderen des nationalen Lebens gewesen und das Priestertum ein Glied in der staatlichen Organisation; Hesekiel lehrte: nein, Israel ist nicht auf der Welt, um wie andere Völker zu schaffen und zu kriegen, zu arbeiten und zu ersinnen, sondern um Jahve's   H e i l i g t u m   zu sein; beobachtet es Jahve's Gesetz, so wird ihm Alles geschenkt werden; an Stelle des Staates sollte nunmehr die Herrschaft des religiösen Gesetzes treten, die sogenannte Nomokratie. Selbst das Deuteronomium hatte noch zugegeben, dass andere Völker andere Götter hätten; Amos, als vereinzelter grosser Geist, hatte einen kosmischen Gott geahnt, der etwas mehr sei als der blosse politische deus ex machina eines besonderen Völkchens: Hesekiel verband nun die beiden Vorstellungen und schmiedete daraus den Jahve des Judentums, den Monotheismus in grässlich verzerrter Gestalt. Gewiss, Jahve ist jetzt der alleinige und allmächtige Gott, doch lebt er einzig seinem eigenen Ruhme; mitleidig gnädig gegen die Juden (denn durch sie will er seinen Ruhm verkünden und seine
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    ¹) Vortrefflich charakterisiert im zwölften Kapitel von Duhm's: Theologie der Propheten. Eduard Meyer: Die Entstehung des Judentums, S. 219, sagt: „Hesekiel war offenbar eine ganz ehrliche Natur, aber ein bornierter, überdies in den engen Standesanschauungen des Priesters aufgewachsener Mensch, nicht in einem Atem zu nennen neben den gewaltigen Gestalten, denen er sich durch Umhängung eines sehr fadenscheinigen Prophetenmantels an die Seite zu stellen unterfing.“

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Macht zeigen unter der einen Bedingung, dass sie sich einzig und allein seinem Dienste widmen), doch allen anderen Völkern der Erde ein grausamer Gott, der sie „mit Pestilenz und Blut“ heimsuchen will, „damit er herrlich, heilig und bekannt werde“! Alle diese anderen Völker sollen vernichtet werden, und Jahve befiehlt seinem Propheten, die Vögel und die Tiere der Welt zusammenzurufen, „auf dass sie das Fleisch der Starken fressen und das Blut der Fürsten saufen sollen“. Nebenbei enthält das Buch den Entwurf zu der Organisation einer Hierokratie und zu einer neuen Kultuszwangsjacke: lauter Dinge, über die ein im Exil lebender Priester sich der ungezügelten Phantasie hingeben konnte, was unmöglich gewesen wäre, hätte er mitten in einem nationalen Leben gestanden, wo jede neue Verordnung gegen Sitte und Herkommen anzukämpfen gehabt hätte. Doch nicht lange nach Hesekiel's Tod eroberte der edle Perserkönig Cyrus die babylonischen Gebiete; mit der Naivetät des wenig gewitzigten Indoeuropäers gestattete er die Rückkehr der Juden und gewährte ihnen Unterstützung für den Wiederaufbau des Tempels; unter dem Schutz arischer Toleranz wurde der Herd aufgerichtet, aus dem semitische Intoleranz jahrtausendelang, allem Edelsten zum Fluche, dem Christentum zu ewiger Schmach, sich wie ein Gift über die Erde ergiessen sollte. Wer auf die Frage: wer ist der Jude? eine klare Antwort geben will, vergesse das Eine nie: dass der Jude, dank dem Hesekiel, der Lehrmeister aller Intoleranz, alles Glaubensfanatismus, alles Mordens um der Religion willen
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ist, dass er an die Duldsamkeit immer nur dann appellierte, wenn er sich bedrückt fühlte, dass er sie selber jedoch niemals übte noch üben durfte, denn sein Gesetz verbot es ihm und verbietet es ihm auch heute — und morgen.
    4. Hesekiel hatte geträumt, doch durch die Rückkehr wurde sein Traum zur Wirklichkeit;   s e i n   Buch — nicht die Geschichte Israels, nicht die Stimmen der grossen Propheten — war fortan das Ideal, nach welchem das Judentum organisiert wurde. Und dies wiederum konnte nur dank dem Umstande geschehen, dass der geschichtliche Prozess bei einer neuen Generation anknüpfte, bei einer Generation, in welcher selbst die   S p r a c h e   der Väter

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vergessen war und nur die Priester sie noch verstanden.¹) Einzig dank dem Zusammentreffen so ungewöhnlicher Umstände ward jetzt etwas möglich, wovon die Weltgeschichte kein zweites Beispiel aufweist: dass von einzelnen zielbewussten Männern einem ganzen Volke eine durchaus erfundene, kunstgemäss erdachte, ungemein komplizierte Religions- und Kulturgeschichte als altgeheiligte Tradition aufgezwungen werden konnte. Der Vorgang ist ein ganz anderer als bei den christlichen Konzilien, wo beschlossen wurde, das und jenes müsse der Mensch glauben, denn es sei die ewige Wahrheit; dem Juden ist das Dogma in unserem Sinne fremd; für die materialistische Auffassung, die überall vorwaltet, wo der semitische Geist, sei es auch nur, wie hier, als spiritus rector, herrscht, muss jede Überzeugung auf geschichtlicher Grundlage ruhen. Und so wurden denn der neue exklusive Jahve-Glaube, die neuen Verordnungen für den Tempelkultus, die vielen neuen Religionsgesetze²) als historische, in alten Zeiten von Gott befohlene, seitdem stets (ausser von abtrünnigen Sündern) beobachtete Dinge eingeführt. Der Anfang
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war ja schon vor dem Exil mit dem Deuteronomium gemacht worden; doch war das nur ein schüchterner Versuch gewesen, und zwar dem damals noch lebendigen Volksbewusstsein gegenüber kein sehr erfolgreicher. Jetzt war die Lage eine ganz andere. Erstens hatte das Exil, wie ich schon sagte, den historischen
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    ¹) Bald darauf, mehr als 400 Jahre vor Christus, erlosch die hebräische Sprache überhaupt (Peschel: Völkerkunde, 2. Aufl., S. 532); ihre Wiederaufnahme viele Jahrhunderte später geschah künstlich und einzig, um die Juden von ihren Gastgebern in europäischen Ländern zu scheiden, woraus dann solche Eigentümlichkeiten sich ergaben, wie dass heutzutage die französischen Bürger „israelitischer Konfession“ in Algerien ihre Wahlzettel nur hebräisch schreiben können, während Judas Makkabäus das nicht vermocht hätte! Das verwahrloste Sprachgefühl unserer heutigen Juden kommt daher, dass sie seit Jahrhunderten in   g a r   k e i n e r   Sprache heimisch sind — denn eine tote Sprache kann nicht auf Befehl wieder lebendig werden — und das hebräische Idiom wird von ihnen ebenso gemisshandelt wie jedes andere.
    ²) Gesetz und Religion, man vergesse das nie, ist bei den Juden synonym (siehe Moses Mendelssohn).

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Faden durchschnitten, sodann bestanden die heimgekehrten Exulanten der überwiegenden Mehrzahl nach aus zwei Menschenklassen: einerseits aus den ärmsten, unwissendsten, abhängigsten des Volkes, andrerseits aus Priestern und Leviten.¹) Die reicheren, weltlich gesinnten Juden hatten es vorgezogen, in der Fremde zu bleiben; sie fühlten sich dort wohler als im eigenen Gemeinwesen, doch blieben sie (wenigstens zum grossen Teil) Juden, teils ohne Zweifel, weil dieser Glaube ihnen entsprach, teils wohl auch wegen der Privilegien, die sie sich überall zu sichern wussten, zu denen in erster Reihe die Befreiung vom Militärdienst gehörte.²) Man begreift, wie die Priesterschaft
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    ¹) Vergl. Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, S. 159. Der selbe Autor schreibt in seinen Prolegomena, S. 28: „Aus dem Exil kehrte nicht die Nation zurück, sondern eine religiöse Sekte.“
    ²) Geschichtsphilosophisch würde man wohl diese eigentümliche Vorliebe der Juden für den abhängigen, gewissermassen parasitären Zustand aus dem lang andauernden Abhängigkeitsverhältnis zu Israel erklären. Es ist übrigens höchst bemerkenswert, dass die Judäer nicht erst auf das Exil (noch weniger auf die sog. Zerstreuung) warteten, um ihre Vorliebe für dieses Leben zu bethätigen. Man hat in einer Reihe von Städten an den Ufern des Tigris und des Euphrats israelitische Siegel aus älteren Epochen gefunden, und schon zur Zeit Sennacherib's, also hundert Jahre vor der ersten Zerstörung Jerusalems, war das grösste Bankhaus Babylons ein judäisches; diese Firma „Egibi Brüder“ soll eine ähnliche Stellung im Orient eingenommen haben wie heute in Europa das Haus Rothschild. (Vergl. Sayce:  Assyria, its princes, priests and people, p. 138). — Man lasse uns doch endlich einmal in Ruhe mit dem Ammenmärchen, die Juden seien „von Natur“ Ackerbauer und nur im Laufe des Mittelalters, weil jede andere Beschäftigung ihnen abgeschnitten war, à leur coeur défendant Geldverleiher geworden; man lese lieber etwas fleissiger die Propheten, die immer über den Geldwucher klagen, der den Reichen als Mittel diene, die Bauern zu Grunde zu richten; man rufe sich die berühmte Talmudstelle ins Gedächtnis: „Wer hundert Gulden im Handel hat, kann alle Tage Fleisch essen und Wein trinken; wer hundert Gulden im Ackerwerk liegen hat, muss Kraut und Kohl essen, muss dazu graben, viel wachen und sich dazu Feinde machen. — — — Wir aber sind erschaffen, dass wir Gott dienen sollen; ist es nun nicht billig, dass wir uns   o h n e   S c h m e r -

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nunmehr diese beiden Elemente vollkommen in der Hand hatte; das unwissende, durch keine Tradition gebundene Kolonistenvolk und die zwar gebildeten, doch vom einzigen Kultuszentrum entfernten Mitglieder der Diaspora. Und so errichtete sie denn das künstliche Gebäude: das Deuteronomium wurde ergänzt (namentlich durch die elf ersten, so wirkungsvollen historischen Kapitel), sodann entstand der sogen. „Priesterkodex“ (das ganze Buch Leviticus, drei Viertel von Numeri, die Hälfte des Exodus und etwa elf Kapitel der Genesis umfassend);¹) ausserdem wurden jetzt die geschichtlichen Bücher des Alten Testamentes in der Gestalt, in welcher sie auf uns gekommen sind, aus verschieden Quellen zusammengetragen und aufgesetzt, natürlich erst, nachdem jene Quellen revidiert, expungiert, interpoliert worden waren, um der neuen Hierokratie und dem neuen Jahveglauben, sowie dem neuen „Gesetz“, unter dem die armen Juden fortan seufzen sollten, Vorschub zu leisten — eine Arbeit jedoch, welche die
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z e n   n ä h r e n ?“   (Herder, dem ich das Citat entnehme, fügt hinzu: „Immerhin ohne Schmerzen! nur nicht durch Betrug und Überlistung.“ Adrastea V, 7.) Man lese auch Nehemia, Kap. 5‚ und sehe, wie, als die Juden alles vernachlässigten, um den zerstörten Tempel wieder aufzubauen, die Ratsherren und die Priester den feierlich-ernsten Augenblick benutzten, um Wucher zu treiben und sich „die Äcker, Weinberge, Ölgärten und Häuser“ ihrer ärmeren Volksgenossen einzuschachern. Nichts fällt den Juden bei den arischen Medern so sehr auf, wie dass sie „nicht nach Silber suchen noch nach Gold geizen“ (Jesaia XIII, 17); und unter den schrecklichsten Flüchen, mit denen Jahve seinem Volke im Falle des Ungehorsams droht (Deut. XXVIII, 44), lautet der eine: „dass der Jude dem Fremdling nicht mehr Geld leihen werde!“ Man erinnere sich auch, wie im Buche Tobias (etwa 100 Jahre vor Christo geschrieben) ein Engel vom Himmel geschickt wird, um die Eintreibung von Geld, welches auf Zinseszins im Ausland angelegt ist, zu bewirken (Kap. V und IX). In diesem Zusammenhang verdient es auch Erwähnung, dass bereits zur Zeit Salomo's die Juden die Rosstäuscher für ganz Syrien waren (Sayce: Hittites, p. 13).
    ¹) Vergl. Montefiore; Ancient Hebrews, p. 315, und für die ausführliche analytische Aufzählung Driver; Introd. to the Literature of the Old Testament (1892), p. 150 (abgedruckt in Montefiore S. 354).

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Kraft des damaligen Bildungsgrades überstieg, so dass die Widersprüche an allen Ecken und Enden hervorplatzen und wir durch die Risse hindurch die fromme Willkür am Werke erblicken. ¹)
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Ergänzt wurde dann diese Thora (d. h. „Gesetz“) nach und nach durch Auswahlen aus der zum Teil sehr alten Spruchlitteratur und durch ebenfalls stark bearbeitete Sammlungen der prophetischen Bücher, bereichert um möglichst viele vaticinia ex eventibus, doch so verständnislos redigiert, dass es heute nur mit unsäglicher Mühe gelingt, die Absicht der Propheten herauszuschälen; noch später kamen etliche freierfundene Lehrgedichte hinzu, wie Esther, Hiob, Daniel, auch die Psalmen u. s. w. Noch lange Zeit nach Esra wirkte (nach jüdischer Tradition) ein Kollegium von 120 Schriftgelehrten, die „grosse Synagoge“, an der Vervollständigung und Redaktion des Kanons; die beiden Bücher der Chronica z. B. sind erst zwei Jahrhunderte später entstanden, „nach dem Untergange des persischen Reiches, schon mitten aus dem Judaismus heraus“. ²) Auf diese Religion Hesekiel's
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    ¹) Die alten Christen wussten sehr gut, dass das Alte Testament ein spätes und bearbeitetes Produkt sei. So beruft sich z. B. Abälard in seiner Beantwortung der einundvierzigsten Frage Heloisens auf den Kirchenhistoriker Beda, der zu Beginn des 8. Jahrhunderts schrieb und der gesagt haben soll: „Ipse Esdras, qui non solum legem, sed etiam, ut communis majorum fama est, omnem sacrae Scripturae seriem, prout sibi videbatur legentibus sufficere, rescripsit....“ Was also die neueste, sowohl von den protestantischen wie von den katholischen Orthodoxen so sehr angefeindete „höhere Bibelkritik“ zu Tage gefördert hat, ist nur die genaue wissenschaftliche Bestätigung einer Thatsache, die vor 1000 Jahren Besitz der communis fama war und an der die frömmste Seele keinen Anstoss nahm.
    ²) Wellhausen: Prolegomena, S. 170. Eine gemeinverständliche Darstellung der Entstehungsgeschichte des Alten Testaments, etwa nach Art von Wellhausen's Israelitische und jüdische Geschichte, ist mir nicht bekannt. Das grundlegende Werk von Eduard Reuss: Gesch. der hl. Schriften alten Testaments ist für Gelehrte gedacht und geschrieben, und Zittel: Die Entstehung der Bibel in Reclam's Universal-Bibliothek entspricht dem Titel keineswegs und kann darum auch bescheidenen Ansprüchen nicht genügen, so viel des Interessanten das Büchlein sonst auch enthält.

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werde ich gleich zurückkommen müssen; doch will ich vorher noch den fünften und letzten historischen Umstand besprechen, ohne welchen sie trotz alles Vorhergegangenen nie dauernd hätte Fuss fassen können.
    5. Nach dem babylonischen Exil bildeten die Juden nie mehr eine unabhängige Nation. Welchen tiefeingreifenden Einfluss diese Thatsache auf den Charakter des Volkes ausüben musste, hat Herder mit Recht hervorgehoben: „Das jüdische Volk verdarb in der Erziehung, weil es nie zur Reife einer politischen Kultur auf eigenem Boden, mithin auch nicht zum wahren Gefühl der Ehre und Freiheit gelangte.“¹) Man darf nicht behaupten, den Juden hätte von Hause aus, gewissermassen als eine organische Lücke, das Gefühl für Ehre und Freiheit gefehlt; auch ihr Schicksal hätte vielleicht nicht genügt, eine so weitgehende Atrophie dieser kostbarsten Güter herbeizuführen, wenn nicht jetzt jener Glaube hinzugekommen wäre, der dem Individuum jegliche Freiheit nahm und auch das   „w a h r e   Gefühl der Ehre“ dadurch ausrottete, dass er anderen, höheren Völkern die Ehre absprach. Doch gerade diesen Glauben hätte sich das Volk aus dem Stamme Juda niemals aufzwingen lassen, wenn nicht die politische Ohnmacht es als kleinen, geduldeten Vasallenstaat an Händen und
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Füssen gebunden seinen Religionslehrern ausgeliefert hätte. Solche kurze Episoden halber Selbständigkeit wie unter Simon Makkabäus genügen nur, um zu zeigen, dass beim Eintritt in das praktische, lebendige Leben dieser Glaube, als echter Volksglaube, sich tiefgehende Modifikationen hätte gefallen lassen müssen; kamen doch die Makkabäer ursprünglich dadurch auf, dass sie (die Kinder aus dem fernen Modin, im früher ephraimitischen Gebirge) eines der strengsten Gesetze, das des Sabbats, verletzten.²) Wie unmöglich es gewesen wäre, diesen Priesterg1auben, diesen Priesterkultus, dieses Priestergesetz einem unabhängigen Volke aufzuzwingen, ersehen wir schon daraus, dass es selbst unter
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    ¹) Ideen zur Geschichte der Menschheit, T. III, Buch 12, Abschn. 3.
    ²) Makkabäer II, 41.

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den gegebenen Bedingungen schwer genug fiel und ohne die thatkräftige Unterstützung der Könige von Babylon nicht gelungen wäre. Denn waren auch die Juden aus allen Traditionen entwurzelt worden, so hatte dieses Schicksal doch nicht ihre Nachbarn getroffen und ebenso wenig jene echtkanaanitische Stammbevölkerung, die in ziemlicher Anzahl in Judäa zurückgelassen worden war. Und so knüpften sich in der ersten Zeit nach der Rückkehr von allen Seiten wieder Beziehungen an. Die hethitisch-amoritischen Bauern wollten als Jahveanbeter wie früher am Opfer teilnehmen; sie ahnten nicht und wollten auch nicht zugeben, dass Jahve, ihr eigener Landesgott, fortan das Monopol der Juden sein sollte; andrerseits gingen die begüterten unter den zurückgekehrten Israeliten wie früher Ehen mit den Nachbarvölkern ein, unbekümmert darum, ob diese Milkom, oder Moloch, oder Baal, oder irgend einen anderen Landesgott verehrten; wir erfahren, dass, gerade so wie bei uns der Adel, und sei er noch so antisemitisch, mit Vorliebe reiche Jüdinnen heiratet, ebenso die Mitglieder der hohenpriesterlichen Kaste die Ehe mit einer Ammoniterin oder Edomiterin für „standesgemäss“ hielten, wenn nur das Mädchen genug Barschaft besass. Wie hätte unter solchen Bedingungen der Glaube, wie ihn Hesekiel lehrte, eingeimpft und das neue Gesetz mit seinen unzähligen Vorschriften eingeübt werden sollen? Nicht eine einzige Generation hätte es gewährt, bis die widernatürliche Geburt der überhitzten Priesterphantasie ad patres gelegt worden wäre. Die Juden bildeten aber keinen unabhängigen Staat. Nach Jerusalem waren sie unter Führung eines halbpersischen Landpflegers zurückgekehrt, der ohne Zweifel genaue Instruktionen hatte, den Pfaffen Vorschub zu leisten, dagegen jede Regung politischen Ehrgeizes zu
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unterdrücken. Als nun die fromme Partei das kaum begonnene Werk dennoch durch die soeben erwähnten Vorgänge gefährdet sah, sandte sie nach Babylon um Hilfe. Zunächst schickte man ihr eine Verstärkung an Priestern und Schriftkundigen und zwar gerade diejenigen, welche, mit Esra — „dem geschickten Schriftgelehrten“ — an der Spitze, die Thora aufsetzen sollten, zu-

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gleich königliche Edikte und Geld.¹) Doch auch das genügte nicht; man brauchte einen Mann der That, und so wurde der Mundschenk des Königs Artaxerxes, Nehemia, mit diktatorischer Vollmacht ausgerüstet, nach Jerusalem entsandt. Jetzt ging es energisch zu. „Mit Abscheu“ wurden diejenigen Jahveanbeter, die nicht offiziell zum jüdischen Volk gehörten, zurückgewiesen; nicht Glaube, sondern Genealogie sollte fortan den Ausschlag geben; alle Juden, die Nichtjüdinnen geheiratet hatten, mussten sich scheiden lassen oder auswandern; in den Leviticus schrieb man das Gesetz ein: „Ich habe euch   a b g e s o n d e r t   von den Völkern, dass ihr mein wäret“ (XX, 26); fortan sollte nie mehr ein Jude ausserhalb seines Volkes heiraten, bei Todesstrafe; namentlich beging jeder   M a n n,   der ein ausländisches Weib ehelichte, „eine Sünde gegen Gott“.²) Hohe Mauern baute auch Nehemia um Jerusalem und versah die Eingänge mit festen Thoren; dann verwies er den Fremden den Eintritt überhaupt, auf dass das Volk „gereinigt sei von allem Ausländischen“. „Esra und Nehemia“, sagt Wellhausen mit Recht, „sind, durch die Gnade des Königs Artaxerxes, die definitiven Konstitutoren des Judentums geworden.³) Was Hesekiel begründet, haben sie vollendet; sie haben den Juden das Judentum   a u f g e z w u n g e n.
    Das also wären die fünf historischen Momente, durch welche die Entstehung des Judentums ermöglicht und gefördert wurde.
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    ¹) An Geld allein brachte Esra ein Geschenk des Königs von mehr als fünf Millionen Mark! Die Echtheit (oder zum mindesten wesentliche Echtheit) der von Esra angeführten persischen Dokumente ist, entgegen der Ansicht von Wellhausen u. a., durch Eduard Meyer endgültig festgestellt worden: Die Entstehung des Judentums (1896), S. 1—71. Hiermit ist eine der wichtigsten Fragen der Geschichte entschieden. Wer das kleine, aber ungewöhnlich gehaltreiche Buch Meyer's gelesen hat, wird seine Schlussworte begreifen: „Das Judentum ist im Namen des Perserkönigs und kraft der Autorität seines Reiches geschaffen worden, und so reichen die Wirkungen des Achämenidenreiches gewaltig, wie wenig Anderes, noch unmittelbar in unsere Gegenwart hinein“ (S. 243).
    ²) Nehemia XIII, 27. Vergl. das am Anfang dieses Kapitels Gesagte. S. 326.
    ³) Israelitische und jüdische Geschichte, 3. Ausg., S. 173.

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Noch einmal fasse ich sie kurz zusammen, damit sie fest im Gedächtnis haften: die unerwartete, plötzliche Lostrennung von
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dem überlegenen Israel; der hundertjährige Fortbestand des von allen Seiten bedrohten winzigen Staates, der einzig von einer übermenschlichen Macht Hilfe erhoffen konnte; das Durchreissen des geschichtlichen Fadens sowie aller örtlichen Traditionen durch die Fortführung des gesamten Volkes aus der Heimat in die Fremde; die Wiederanknüpfung unter einer im Ausland geborenen, selbst die Sprache der Väter kaum verstehenden Generation; der fortan dauernde Zustand politischer Abhängigkeit, aus welcher die Priesterherrschaft ihre dominierende Kraft sog.

Der neue Bund
    Als Esra zum ersten Mal dem versammelten Volke aus dem neuen Gesetz vorlas, welches das „Gesetz Mose“ sein sollte, „da  weinete alles Volk, da sie die Worte des Gesetzes höreten“; so berichtet Nehemia und wir glauben's ihm. Doch es half ihnen nichts, denn der grosse Jahve, „mächtig und schrecklich“, hatte es befohlen;¹) und nun wurde der angebliche „alte Bund“ erneuert, aber diesmal schriftlich, wie ein notarieller Kontrakt. Jeder Priester, Levit und Grosse des Landes setzte sein Siegel darunter, auch jeder Schriftkundige; sie und alle anderen Männer „samt ihren Weibern, Söhnen und Töchtern“ mussten sich „eidlich verpflichten zu wandeln im Gesetz Gottes, das durch Mose, den Knecht Gottes, gegeben ist“.²) Das war jetzt der „neue Bund“. Es ist wohl das erste und einzige Mal in der Weltgeschichte, dass eine Religion auf diese Weise entstand! Zum Glück lebte noch religiöser Instinkt in dem Volke, aus dessen Mitte vor kurzem ein Jeremia und ein Deuterojesaia hervorgegangen waren; die menschliche Natur lässt sich nicht bis auf die letzte Spur ausstampfen und zerkneten; hier war jedoch das Mögliche nach dieser Richtung geschehen; und wenn die Juden
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    ¹) Nach dem Talmud beschäftigt sich Jahve am Sabbat selber mit Lesen in der Thora! (Wellhausen, Isr. Gesch., S. 297; Montefiore p. 461).
    ²) Siehe Nehemia, Kap. 8—10.

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in der Folge allen Völkern der Erde verhasst wurden, überall fremd, allen zuwider, so ist die Ursache davon einzig in diesem künstlich zugerichteten und mechanisch aufgezwungenen Glauben zu suchen, der sich nach und nach zu einer unausrottbaren nationalen Idee gestaltete und in ihren Herzen das uns allen gemeinsame reinmenschliche Erbe erstickte. In dem kanaanitisch-israelitischen Naturkultus, verquickt mit semitischem Ernst und amoritischem Idealismus, muss es manche Keime zu schönsten Blüten gegeben haben; wie sollten wir sonst eine derartige Ent-
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wickelung verfolgen können wie die, welche von dem orgiastischen Tanz um das Stierbild (im ganz Israel und Juda noch kurz vor dem Exil üblich) bis zum Gott des Amos führt, „der die Feiertage verachtet“ und „keinen Gefallen am Brandopfer hat“ (V, 21, 22), und bis zu Deuterojesaia, der jeden Tempelbau für Gottes unwürdig hält, dem Opfer und Weihrauch „Greuel“ sind, und der die fast indischen Worte schreibt: „Wer einen Ochsen schlachtet, ist eben als der einen Mann erschlüge“ (Jesaia LXVI, 1—3). Fortan war jedoch alle Entwickelung abgebrochen. Und was ich tausend Mal wiederholen muss, denn Niemand sagt es und es ist doch das Einzige, was not thut zu sagen, das Einzige, was auch die Stellung der Juden unter uns Kindern des neunzehnten Jahrhunderts begreiflich macht: diese sogenannte „Reform“ Esra's, welche in Wahrheit die Begründung des Judentums bedeutet, diese Reform, welche aus dem Zusammentreffen der fünf von mir aufgezählten historischen Umstände die Möglichkeit ihres Daseins schöpfte, bedeutet   n i c h t   eine Stufe in der religiösen Entwickelung, sondern ist eine heftige Reaktion   g e g e n   jegliche Entwickelung; sie lässt den Baum aufrecht, schneidet aber unterirdisch alle Wurzeln ab; nun mag er stehen und verdorren, ringsum von den sauber zugehauenen 13 600 Pfählen des Gesetzes unterstützt, auf dass er nicht umfalle. Wenn also selbst ein so bedeutender Gelehrter wie Delitzsch schreibt: „Die Thora spiegelt einen jahrtausendlangen Prozess der Fortbewegung des mosaischen Gesetzes in Bewusstsein und Praxis Israel's“, so müssen wir dagegen einwenden, dass die Thora im Gegenteil alles thut, was sie nur irgend kann, um den Entwickelungsprozess,

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der bis zu ihr stattgefunden hatte, zu maskieren; dass sie vor keiner Unwahrheit zurückscheut, um das Gesetz als ein absolut Unbewegliches, von jeher Dagewesenes hinzustellen, nicht einmal vor solchen handgreiflichen Absurditäten wie die Märe von der Stiftshütte und ihrer Einrichtung; und wir müssen behaupten, dass die Thora nicht allein gegen den angeblichen „Götzendienst“ (aus dem der ganze israelitische Kultus hervorgegangen war) gerichtet ist, sondern eben so sehr gegen den freien Geist echter Religion, der sich in den Propheten zu regen begonnen hatte. Kein einziger jener grossen Männer, weder Elias noch Amos, noch Hosea, noch Micha, noch Jesaia, noch Jeremia, noch Deuterojesaia, hätte sein Siegel unter jenes Dokument des neuen Bundes gesetzt — er hätte ja erst seine eigenen Worte verleugnen müssen.

437 Die Propheten
    Einen Augenblick muss ich mich bei den soeben genannten Propheten aufhalten. Denn gerade aus dem Kontrast zwischen dem, was sie erstrebten und lehrten, und den Lehren der jerusalemitischen Hierokraten wird ersichtlich, wie sehr der Jude zum „Juden“ erst   g e m a c h t   wurde, künstlich gemacht (sozusagen), und zwar durch die bewusste, wohlberechnete religiöse Politik einzelner Männer und einzelner Kreise und im Gegensatz zu jeder organischen Entwickelung. Für eine gerechte Beurteilung des israelitischen Charakters, der im Judentum gewissermassen strandete, ist es nötig, dies zu betonen. In dem neuen Bunde stehen die Kultusobservanzen im Mittelpunkt; das Wort „Heiligkeit“, welches so oft vorkommt, bedeutet in erster Reihe durchaus nichts anderes als die strikte Befolgung aller Verordnungen,¹) an eine Reinheit des Herzens wird dabei kaum gedacht,²) die „Reinheit der Haut und des Geschirrs ist wichtiger“ (wie Reuss mit einiger Übertreibung sagt);³) und in der Mitte dieser Observanzen steht als Heiligstes ein ungemein kompliziertes Opferrituell.4) Eine flagrantere Abweichung von der prophetischen Lehre
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    ¹) Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 236.
    ²) Robertson Smith: Prophets of Israel, p. 424.
    ³) Geschichte der heiligen Schriften Alten Testaments, § 379.
    4) Wer sich hiervon eine Vorstellung machen will, lese ausser

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ist kaum denkbar. Man höre nur! Hosea hatte Gott sagen lassen: „Ich habe Lust an der Frömmigkeit und   n i c h t   am Opfer, und an der Erkenntnis Gottes,   n i c h t   am Brandopfer“ (VI, 6). Amos habe ich schon citiert (S. 436). Micha schreibt: „Womit soll ich den Herrn versöhnen? Mit Bücken vor dem hohen Gott? Soll ich mit Brandopfern und jährlichen Kälbern ihn versöhnen? (VI, 6.) Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gerechtigkeit üben, barmherzig sein und vor deinem Gott demütig“ (VI, 8). Jesaia äussert sich genau ebenso, nur viel ausführlicher und wie durch ein Wunder ist ein Spruch von ihm geblieben, in welchem er erklärt, „Gott möge den Sabbat nicht“ und „hasse in der Seele die Neumonde und festgesetzten Feiertage!“ — dagegen solle das Volk sich lieber mit anderen Dingen abgeben, „lernen Gutes thun, nach Recht trachten, dem Unterdrückten helfen, den Waisen
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Recht schaffen, der Witwe helfen“ (I, 13—17). Jeremia geht in der ihm eigenen heftigen Weise noch weiter; er stellt sich in dem Thorwege des Tempels zu Jerusalem auf und ruft den Eintretenden zu: „Verlasst euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen ‚Hier ist des Herrn Tempel! hier ist des Herrn Tempel!' sondern bessert euer Leben und Wesen, dass ihr Recht thut, Einer gegen den Andern, und den Fremdlingen, Waisen und Witwen keine Gewalt thut, und nicht unschuldig Blut vergiesst (d. h. nicht opfert) an diesem Ort“ (VII, 4—6); selbst von der altgeheiligten Bundeslade will Jeremia nichts wissen, man wird ihrer „nicht mehr gedenken, noch davon predigen, noch sie besuchen, noch daselbst mehr opfern“ (III, 16). Auch in den Psalmen lesen wir: „Du
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den Büchern Leviticus, Numeri u. s. w. die elf Traktate der Opferangelegenheiten (Kodaschim) im babylonischen Talmud (deren haggadische Bestandteile den vierten Band von Wünsche's einzig massgebender Übersetzung bilden). Man kann auch nicht behaupten, dass die Juden seit der Zerstörung Jerusalems dieses Rituell losgeworden wären, denn sie studieren es nach wie vor, und gewisse Dinge, z. B. das Schächten, gehören dazu, weswegen das von einen Nichtjuden geschlachtete Vieh den Juden als „Aas“ gilt (siehe Traktat Chullin f. 13 b).

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hast nicht Lust zum Opfer, und Brandopfer gefallen dir nicht. Das Opfer, das Gott gefällt, das ist ein zerschlagener Geist! O Gott! du verachtest ein zerschlagenes, betrübtes Herz nicht!“ (LI, 18—19).¹) Dass auf alle diese Äusserungen fanatisch-nationale folgen, wie: Jerusalem sei Gottes Thron, alle anderen Götter seien Götzen, u. s. w., zeigt eine den Zeiten gemässe Beschränkung,²) hebt aber doch unmöglich die Thatsache auf, dass alle diese Männer eine progressive   V e r e i n f a c h u n g   des Kultus erstrebt und ebenso wie die Yoruba-Neger an der Sklavenküste (siehe S. 395) die Speiseopfer für unsinnig erklärt, ja womöglich die Abschaffung jeglichen Tempeldienstes gefordert hatten, wie jener grosse Ungenannte,³) der Gott sprechen lässt: „Der Himmel ist mein Stuhl und die Erde meine Fussbank; was ist es denn für ein Haus, das ihr mir bauen wollt? Oder welches ist die Stätte, da ich ruhen soll?.... Meine Augen richte ich auf andere Dinge: auf den Elenden und der zerbrochenen Geistes ist und auf den, der mein Wort fürchtet“ (LXVI, 1, 2). Schärfer könnte der Kontrast zu den bald darauf eingeführten Geboten der Thora nicht sein. Namentlich auch weil die ganze Tendenz der
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Propheten, wie man sieht, darauf hinausläuft, die Frömmigkeit ins   H e r z   zu legen: nicht wer opfert, sondern wer Gutes thut, nicht wer Sabbate hält, sondern wer den Bedrückten beschützt, ist nach ihrer Auffassung fromm. Auch muss bemerkt werden,
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    ¹) Siehe auch XL, 7 und L, 13.
    ²) Nachgewiesenermassen sind ausserdem fast alle derartige Stellen Interpolationen aus sehr später Zeit.
    ³) Über den meist als Jesaia II oder Deuterojesaia bezeichneten Verfasser der Kapitel XL bis LV des Buches Jesaia (der Einzige, der hin und wieder an Christus gemahnt, und dessen Namen die Juden charakteristischer Weise, gleich nachdem er gelebt hatte, nicht mehr wussten, während sie sonst die Genealogien ins hundertste Glied verfolgen) siehe namentlich Cheyne: Introduction to the Book of Isaiah (1895) und Duhm: Jesaia (1892). Deuterojesaia schrieb in der zweiten Hälfte des Exils, also anderthalb Jahrhunderte später als der historische Jesaia. Nach Cheyne sind die Kapitel LVI bis LXVI, die meistens dem Deuterojesaia zugeschrieben werden, wiederum von einem anderen, noch späteren Autor.

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dass der Nationalismus bei den Propheten in keinem einzigen Falle (abgesehen von den nachträglichen Interpolationen) den dogmatischen und unmenschlichen Charakter des späteren offiziellen Glaubens zeigt. Amos, ein herrlicher Mann, dessen Buch die grosse Synagoge arg zugerichtet hat, macht die einzige humoristische Bemerkung, welche vielleicht die gesamte biblische Litteratur aufweisen kann: „Seid ihr Kinder Israels mir nicht gleich wie die Mohren, spricht der Herr?“ (IX, 7). Und er meint des Weiteren, ebenso wie Gott die Israeliten aus Ägypten, desgleichen habe er auch die Philister aus Caphthor und die Syrier aus Kir geführt. Ähnlich tolerant schreibt Micha: „Ein jegliches Volk wird wandeln im Namen seines Gottes, aber wir werden wandeln im Namen unseres Gottes“ (IV, 5). Deuterojesaia, der einzige wirkliche und bewusste Monotheist, sagt einfach: „Gott der ganzen Welt wird er geheissen“ (LIV, 5). Auch hier ist also eine Richtung deutlich vorgezeichnet, die später gewaltsam abgeschnitten wurde. Damit zugleich war jene vielverheissende Neigung, waren jene tastenden Versuche nach einer minder historischen, echteren Religion, nach einer Religion der individuellen Seele im Gegensatz zum Glauben an Volksschicksale im Keime erstickt; natürlich lebte sie in vielen einzelnen Herzen immer von Neuem auf, doch konnte sie dem durch den Priesterkodex erstarrten Organismus kein Leben mehr einflössen, denn für Entwickelung war kein Raum mehr. Und doch hatte Jeremia bedeutende Ansätze in diesem Sinne gemacht; er (oder irgend ein Anderer in seinem Namen) hatte Gott sagen lassen: „Ich kann das Herz ergründen und die Nieren prüfen und geben einem Jeglichen nach seinem Thun“ (XVII, 10). Ja, man glaubt, in absolutem Widerspruch zur Werkheiligkeit des Judentums (von dem sie der Katholizismus übernommen hat) die Vorstellung der   G n a d e   durchschimmern zu sehen, wenn Jeremia inbrünstig ausruft: „Heile   d u   mich, Herr, so werde ich heil! Hilf   d u  mir, so ist mir geholfen!“ (XVII, 14). Und mit Deuterojesaia's schönem Vers, in welchem Gott redet: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege,“ stehen wir an der Schwelle jener Ahnung eines transscendenten   G e h e i m -

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n i s s e s,   wo für die Inder und für Jesus Christus wahre Religion beginnt. Wie Recht hat der Theologe Duhm, wenn er
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schreibt, die Deuteronomiker und Hesekiel und mit ihnen das Judentum bis zum heutigen Tage stünden „in religiöser und sittlicher Beziehung   t i e f   u n t e r   J e r e m i a !“ ¹)
    Ob aber bei den allgemeinen semitischen Anlagen, die sich auch in diesen Edelsten zeigen, sehr viel Religion in unserem Sinne des Wortes herausgekommen wäre, dünkt mich mehr als zweifelhaft; denn wie diese Citate (mit Ausnahme der zwei allerletzten) beweisen, ist es immer   M o r a l,   was die Propheten dem Kultus entgegenstellen, nicht ein neues oder reformiertes Religionsideal.²) Die israelitischen Propheten (zu denen man einige Psalmisten rechnen muss) sind gross durch ihre moralische Grösse, nicht durch schöpferische Kraft; darin zeigen sie sich als wesentlich Semiten — bei denen der Wille stets den Mittelpunkt bildet — und ihr Wirken auf rein religiösem Gebiet ist
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    ¹) Duhm: Die Theologie der Propheten, S. 251. Jeremia's Ahnung der „Gnade“ verschwand sofort, um nie wiederzukehren; selbst die edelsten, begabtesten Juden, wie Jesus Sirach, lehren: „wer das Gesetz   k e n n t,   ist tugendhaft“; Gott hat den Menschen erschaffen und ihn dann „seinem eigenen Rate überlassen“; darauf folgt logischerweise die Lehre der absoluten Willensfreiheit, losgelöst von jedem göttlichen Beistand: „vor dem Menschen stehen Leben und Tod, was er   w i l l,   erwählt er — — — wenn du   w i l l s t,   so kannst du das Gesetz halten“ (siehe z. B. Ecclesiasticus XV, 1, 12—15). Einzig die Essäer bilden eine Ausnahme, denn nach Josephus lehrten sie die Prädestination (Jüd. Altertümer,520); diese Sekte wurde aber auch nie anerkannt, sondern verfolgt, und zählte vermutlich wenige echte Juden; sie bildet eine vorübergehende, einflusslose Erscheinung.
    ²) Noch mehr gilt das von solchen späteren Erscheinungen wie Jesus Sirach, die sich im Grunde genommen damit begnügen, sehr weise, edle Lebensregeln zu geben: man solle nicht nach Reichtum streben, sondern nach Mildtätigkeit, nicht nach Gelehrsamkeit, sondern nach Weisheit u. s. w. (XXIX, XXXI u. s. w.). Der einzige (unter griechischem Einfluss unternommene) Versuch des jüdischen Religionsgeistes, ins Metaphysische hinüberzugelangen, endete gar kläglich: der sog. „Prediger Salomo“ weiss nichts Besseres zu empfehlen, als dass man für das Heute sorgen und sich seiner Werke freuen solle — „es ist alles ganz eitel!“

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zum grossen Teil lediglich eine Reaktion gegen den kanaanitischen (dem Mose zugeschriebenen) Kultus, ohne dass sie etwas anderes brächten, was an dessen Stelle zu setzen wäre. Zu glauben aber, man könne dem Volk den einen Kultus nehmen, ohne ihm dafür einen anderen zu geben, zeugt nicht von besonderer Einsicht in den menschlichen Charakter; ebensowenig wie es von religiösem Verständnis zeugt, wenn die Propheten wähnten, der Glaube an einen nie vorgestellten, nie dargestellten, eigentlich lediglich in den politischen Ereignissen sich offenbarenden Gott, dem man allein mit Rechtthun und Demut diene, könne selbst den allerbescheidensten Bedürfnissen der Phantasie ge-
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nügen. Gerade durch die Erhabenheit prophetischer Gesinnung, durch die Glut prophetischer Worte ward zum ersten Mal einem jener materialistischen, an religiösen Vorstellungen sehr armen syrosemitischen Völker die Kluft zwischen Gott und Mensch aufgedeckt, und nun gähnte sie drohend, ohne dass der geringste Versuch zu ihrer Überbrückung unternommen worden wäre. Und doch, was anders macht das Wesen der Religion aus, wenn nicht gerade diese Überbrückung? Das Übrige ist Philosophie oder Moral. Daher sind wir berechtigt, die Mythologie Griechenlands eine Religion zu nennen, denn sie vermittelt Vorstellungen und die Nähe des Göttlichen.¹) Nicht der Gedanke an einen Gott, der Himmel und Erde ausgebreitet hat, sondern der Paraklet, der zwischen ihm und mir hin und her schwebt, bildet den wesentlichsten Inhalt aller Religion; Mohammed ist kaum geringer als Allah, und Christus ist Gott selber, zur Erde herabgestiegen. Und da müssen wir gestehen: Jesaia, der seine Prophezeiungen an den Strassenecken plakardiert, Jeremia, der scharfsichtigste Politiker seiner Zeit, Deuterojesaia, die hehre, liebreiche Gestalt
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    ¹) Nicht unwichtig ist es, hier zu bemerken, wie viel mehr Einsicht in das Wesen des religiösen Bedürfnisses ein Sokrates zeigt, welcher ebenfalls lehrte, nicht das Opfer selbst, nicht seine Kostbarkeit errege das Wohlgefallen der Götter, sondern die innerste Herzensgesinnung des Opfernden, aber nichtsdestoweniger die Darbringung der üblichen Opfer für eine Pflicht hielt (Xenophon: Memorabilia I, 3). Ähnlich Jesus Christus.

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aus dem babylonischen Exil, dazu Amos, der Gutsbesitzer, der in der Korruption der leitenden Stände eine nationale Gefahr erblickt, Hosea, der die Priester für noch gefährlicher hält, Micha, der sozialdemokratische Bauer, der alle Städte (samt Jerusalem) von der Erdfläche vertilgen will — — das sind prächtige Männer, in denen wir mit Entzücken gewahren, wie glaubensstark und zugleich wie freimütig, wie edel, wie lebensvoll der israelitische Geist sich bewegte ehe ihm Handschellen und Maulknebel angelegt worden waren, doch   r e l i g i ö s e   Genies sind sie durchaus nicht. Hätten sie jene Kraft besessen, die sie nicht besassen, so wäre ihrem Volk sein herbes Schicksal erspart geblieben; es hätte nicht weinen müssen, „als es die Worte des Gesetzes vernahm“.

Die Rabbiner
    Was die Propheten nicht vermocht hatten, das vollbrachten die Priester und Schriftgelehrten. Die Beziehung zwischen Gott und Mensch stellten sie durch Fixierung einer fingierten, doch genauen historischen Tradition, durch Beibehaltung und weitere Ausbildung des Opferdienstes und vor Allem durch das sogenannte
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„Gesetz” her, d. h. durch Hunderte von Vorschriften, welche jeden Schritt des Menschen den ganzen Tag über umzäunten und ihn durch alle Jahreszeiten — auf dem Felde, daheim, im Schlafen und im Wachen, beim Essen und Trinken — unausgesetzt begleiteten. Nach der talmudischen Tradition sind in den Tagen der Trauer um Moses' Tod 3000 solcher Vorschriften in Vergessenheit geraten;¹) das kennzeichnet die Richtung. Offenbarer Zweck war, den Gedanken an Gott in den Leuten ununterbrochen wachzuhalten, damit zugleich den Gedanken an ihre eigene Auserwähltheit und an ihre Zukunft. Unedel war der Zweck nicht, das kann kein unparteiisch Urteilender behaupten, auch mag es wohl sein, dass dieses drakonische Regiment ein gesitteteres Leben zur Folge hatte, und dass Tausende von guten Seelen in der Erfüllung des Gesetzes zufrieden und beglückt lebten; und doch: was hier geschah, war ein Gewaltstreich gegen die Natur. Naturwidrig ist es, jeden Schritt des Menschen zu hemmen, natur-
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    ¹) Traktat Themura fol. 16 a (Wünsche).

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widrig, ein ganzes Volk mit priesterlichen Tüfteleien zu quälen¹) und ihm jede gesunde, freie, geistige Nahrung zu verbieten, naturwidrig, Hochmut und Hass und Abgeschiedenheit als die Grundlage sittlicher Verhältnisse zu den Mitmenschen zu lehren, naturwidrig, das ganze Trachten aus der Gegenwart in die Zukunft zu verlegen. Um das Judentum zu begründen, wurde eine Religion getötet und dann mumifiziert.
    Ambrosius lobt an der Religionslehre der Juden ganz besonders „die Unterwerfung des Gefühles unter die Vernunft“.²) Das Wort Vernunft ist vielleicht nicht besonders glücklich gewählt, unter den „Willen“ würde wohl eher das Richtige getroffen haben; doch mit der Unterwerfung des Gefühles hat er vollkommen Recht, und er sagt damit in einfacher Form etwas von so grosser Tragweite, dass seine Worte mir weitläufige Erörterungen sparen. Wer aber wissen will, wohin diese Unterwerfung des Gefühles in einer Religion führt, der lasse sich über die Geschichte des Rabbinertums belehren und versuche, sich durch einige Bruchstücke des Talmud hindurchzulesen. Edle Rabbiner wird
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er antreffen und im Talmud mehr lobenswerte Regeln für Handel und Wandel (namentlich im Traktat Pirke Aboth, d. h. Sprüche der Väter) als er vielleicht vermutet, doch weist die gesamte Weltlitteratur nichts so trostlos ödes, so kindisch langweiliges, so gründlich von dem Wüstenstaub absolutester Sterilität Zugeschüttetes auf, wie diese Sammlung der weisesten Diskussionen, die Jahrhunderte hindurch über die Thora unter Juden gepflegt
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wurden.³) Und dieses geistlose Produkt galt den späteren Juden
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    ¹) Nach dem Zeugnis eines zeitgenössischen Juden, Rubens: Der alte und der neue Glaube (Zürich 1878, S. 79) braucht der Jude, der streng nach den Vorschriften lebt, „fast den halben Tag für die Religion allein“. Gott wollte, sagt Rabbi Chanania ben Akasiah, Israel Gelegenheit geben, sich Verdienst zu erwerben, deshalb überhäufte er es mit Satzungen und Observanzen.
    ²) In seiner Schrift Von den Pflichten der Kirchendiener I, 119.
    ³) Beispiele lehren mehr als Meinungsäusserungen. Zum Glauben an Gottes Allmacht: „Rabbi Janai fürchtete sich so vor Ungeziefer, dass er vier Gefässe mit Wasser unter die Füsse seines Bettes stellte. Einmal streckte er seine Hand aus und fand Un-

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als heiliger denn die Bibel (Traktat Pea II, 5)! Ja, sie erdreisten sich zu der Äusserung: „Die Worte der Ältesten sind wichtiger
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geziefer im Bett; da sprach er mit Hinweis auf Psalm CXVI, 6: „Hebt das Bett von den Gefässen auf, ich verlasse mich auf die göttliche Obhut“ (Traktat Terumoth VIII, 3, 30a). Zur biblischen Exegese: „Rabbi Ismael hat gelehrt — es heisst Leviticus XIV, 9: ,Am siebenten Tage schere er all sein Haar, sein Haupt und seinen Bart, seine Augenbrauen und all sein Haar soll er scheren'; all sein Haar, das ist   g e n e r e l l;   sein Haupt, sein Bart, seine Augenbrauen, das ist   s p e z i e l l,   und sein Haar, das ist wieder   g e n e r e l l,   Bei Generellem, Speziellem und Generellem lautet die Norm, dass du bloss das erweisen kannst, was dem Speziellen ähnlich ist, d. h. sowie das Spezielle ein Ort ist, welcher eine Sammlung Haare in sich begreift, so muss auch das Generelle ein Ort sein, welcher eine solche Sammlung von Haaren in sich begreift“ (Tr. Kidduschin, I, 2, 9a). Zum Gesetz: „Rabbi Pinchas kam an einen Ort, wo die Leute vor ihm klagten, dass die Mäuse ihr Getreide frässen. Er gewöhnte die Mäuse, auf seinen Ruf zu hören; sie versammelten sich vor ihm und fingen an zu wispern. Versteht ihr, sprach der Rabbi zu den Leuten, was sie sprechen? Nein! war ihre Antwort. Sie sagen nämlich, dass ihr euer Getreide nicht verzehntet. Darauf sprachen die Leute, wir sind dir verpflichtet, dass du uns auf bessere Wege gebracht hast. Seitdem richteten die Mäuse keinen Schaden mehr an“ (Tr. Demai, I, 3‚ 3b). Zur Erkenntnis der Natur: „Nach Rabbi Juda beträgt die Dicke des Himmels einen Weg von 50 Jahren, und da ein Mensch von mittleren Kräften in einem Tage 40 Mil und, bis die Sonne durch den Himmel bricht, 4 Mil weit gehen kann, so folgt daraus, dass die Zeit des Durchbruches durch den Himmel den zehnten Teil von einem Tage beträgt. Wie dick aber der Himmel ist, so dick ist auch die Erde und der Abgrund. Der Beweis (!) wird aus Jesaia XL, 22, Hi. XXII, 14 und Prov. VIII, 27 genommen“ (Tr. Berachoth I, 1, 4b). Zum täglichen Leben: „Rabbi bar Huna frühstückte nicht, ehe er sein Kind in das Schulhaus geführt hatte“ (Tr. Kidduschin, Abschn. I). — Dass man inmitten des talmudischen Wustes manche schöne Sprüche findet, muss andrerseits hervorgehoben werden, aber mit dem Zusatz, dass diese Sprüche einzig auf Moral sich beziehen; schöne   G e d a n k e n   enthalten diese Sammlungen nicht, überhaupt fast nichts, was mit einem Gedanken auch nur Familienähnlichkeit hätte. Und auch die schönen moralischen Sprüche gleichen gar zu oft den Gedichten Heine's: das Ende verdirbt den Anfang. Ein Beispiel: „Ein Mensch vermehre den Frieden mit seinen Brüdern und Verwandten und mit jedem Menschen, selbst mit einem Fremdling auf der Strasse“ —

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als die Worte der Propheten“ (Traktat Berachoth I, 4)! So sicher hatte sie der neue Bund den Weg des religiösen Verfalles
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bis hierher kann kein Pfarrer auf der Kanzel bessere Ratschläge geben; aber nun das Warum, da pflegt es bei den Juden zu hapern (siehe S. 426): „damit er beliebt sei oben und angenehm unten“ (Traktat Berachoth, fol. 17a). Oder wiederum lesen wir mit Freuden: „Nehme ein Mensch Bedacht auf die Ehre seines Weibes, denn der Segen wird in dem Hause eines Menschen nur wegen seines Weibes gefunden“ — zwar nicht ganz wahr, doch zeugen diese Worte von einer Gesinnung, die man gern vernimmt; aber jetzt wiederum der Schluss: „Ehret eure Weiber, damit ihr reich werdet!“ (Traktat Baba Mezia f. 59a). — Doch auch das darf nicht verschwiegen werden, dass es neben den schönen moralischen Sprüchen gar hässliche, verabscheuungswürdige giebt; so z. B., dass ein Jude mit einer Nichtjüdin das sechste Gebot nicht übertreten kann: „denn ein Eheweib giebt es für die Heiden nicht, sie sind nicht wirklich ihre Weiber“ (Traktat Sanhedrin, f. 52b und 82a). Ich gebe absichtlich nur ein einziges Beispiel, damit der Leser den Ton sehe, das genügt: ab uno disce omnes. Zwar giebt es Rabbiner, die diese empörende Lehre bestreiten (daselbst); doch wo die Rabbiner sich widersprechen, darf der Jude frei wählen, und keine Kasuistik kann die Thatsache aus der Welt schaffen, dass die grundsätzliche Verachtung der Nichtjuden zu den Grundlagen des jüdischen Glaubens gehört; sie folgt logisch aus der wahnsinnigen Überschätzung des eigenen Selbst; „ihr seid Götter!“ lassen sich ja die Juden von Jahve zurufen (Psalmen LXXXII, 6). Auch andere Deutungen der zehn Gebote zeigen, wie der Begriff von Sittlichkeit nur hauttief in diese semitischen Hethiter eingedrungen war; so lehren die Rabbiner (Sanhedrin, f. 86a) : „die Worte des achten Gebotes, ,du sollst nicht stehlen', beziehen sich nach der Schrift nur auf Menschendiebstahl“! — und da eine andere von moralischer empfindenden Schriftgelehrten ins Feld geführte Belegstelle, „du sollst nicht stehlen', aus Leviticus XIX, 11, sich ausdrücklich auf die lsraeiliten „Einer mit dem Andern“ bezieht, so löst sich hier wieder das einfache sittliche Gebot in einen Ocean der Kasuistik auf; zwar lehrt der Talmud nicht (so viel ich aus den mir zugänglichen Fragmenten entdecken konnte): du   d a r f s t   den Nichtjuden bestehlen, er lehrt aber nirgends das Gegenteil. — Entsetzlich sind auch im Talmud die vielen Vorschriften über Verfolgung und Ausrottung der unorthodoxen Juden: wie die Einzelnen gesteinigt und die Menge mit dem Schwerte hingerichtet werden sollen, und noch entsetzlicher die Beschreibungen der Folterungen und Hinrichtungen, über welche sich dieses ebenso grauenhafte wie geistlose Werk mit Wohlgefallen

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geführt. In dem „Meer ohne Ende“, wie sie selber den babyloni-
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auslässt; auch hier nur ein einziges Beispiel: „Man steckt den Verbrecher in Mist bis an seine Kniee; dann legt man ein hartes Tuch in ein weiches und wickelt es ihm um den Hals; der eine Zeuge zieht das eine Ende an sich und der andere zieht das andere Ende an sich, bis der Verbrecher seinen Mund aufthut. Indessen macht man das Blei heiss und schüttet es ihm in den Mund, so dass es in seine Eingeweide hinuntergeht und dieselben verbrennt“ (Sanhedrin, f. 52a). Über solche Dinge werden dann im Talmud gelehrte Diskussionen geführt, so meint z. B. der besonders fromme Rabbi Jehuda, es wäre zu empfehlen, dem armen Manne den Mund mit einer Zange zu öffnen, und das Blei schnell hinunterzugiessen, sonst könne es vorkommen, dass er an der Strangulation schon sterbe, und in diesem Falle wäre seine Seele nicht mitverbrannt.
    Dahin kommt man mit der „Unterwerfung des Gefühles unter die Vernunft“!
    Eine vollständige Übersetzung des Talmud giebt es immer noch nicht. Manche haben daraus den Schluss gezogen, er müsse schreckliche, für die Goyim gefährliche Dinge enthalten; man behauptet, es seien die Juden, welche jeden Versuch einer lückenlosen Übertragung bisher hintertrieben, ein Verdacht, durch den die Betreffenden sich sehr geschmeichelt fühlen. Der Historiker Graetz ereifert sich denn auch richtig gegen diejenigen seiner Landsleute, welche „die Blössen des Judentums vor den Augen christlicher Leser aufdecken“, und er munkelt Schreckliches über gewisse Schriften spanischer Juden, in denen „die Blössen der christlichen Glaubensartikel und Sakramente so offen dargestellt werden, dass man da, wo das Christentum herrschende Religion ist,   n i c h t   w a g e n   d a r f   d e n   I n h a l t   a u s e i n a n d e r z u s e t z e n“   (III, 8). Nun, wir sind nicht so keusch und so zartbesaitet, derlei „Entblössungen“ genieren uns nicht im mindesten; halten die Juden mit ihren litterarischen Produkten hinter dem Berge, so ist das ihre Sache; tragischer Argwohn ist jedoch nicht am Platze, sondern es handelt sich um ein begreifliches Schamgefühl. (Alle oben citierten Stellen sind den einzig massgebenden, von zwei Rabbinern revidierten Übersetzungen von Dr. Aug. Wünsche entnommen: Der jerusalemische Talmud, Zürich 1880, Der babylonische Talmud, Leipzig 1886—1889; einzig das Citat über Rabbi bar Huna ist nach der von Seligmann Grünwald herausgegebenen Sammlung talmudischer Aussprüche in der jüdischen Universal-Bibliothek. Man vergl. übrigens Strack: Einleitung in den Talmud, Nr. 2 der Schriften des Institutum Judaicum in Berlin, wo man unter Anderem eine lückenlose Aufzählung aller übersetzten Fragmente findet, S. 106 fg. Viel klarer,

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schen Talmud nennen, waren ihre edleren religiösen Regungen auf ewig ertrunken.¹)

Der Messianismus
    Das Alles stellte aber nur den gewissermassen negativen Bestandteil dieser Begründung des Judentums dar: aus dem schönen Erbe der Väter — naive lebensfrische Erinnerungen und Volksmären der Hebräer, eindrucksvolle Kultusverrichtungen der Kanaaniter, sowie viele Sitten, die auf sumero-akkadischem Einfluss beruhten und allen Westasiaten gemeinsam waren, wie der Sabbat — aus diesem Erbe hatten die Priester ein starres Gesetz
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gemacht, sie hatten durch Zauberkunst²) das warme Blut in kaltes Metall verwandelt und daraus für die Seele einen Schraubstock geschmiedet, eine Art eiserne Jungfrau wie die zu Nürnberg, sie hatten die Lebensader der unwillkürlichen Empfindung oder, wie Ambrosius sagt, „des Gefühles“ unterbunden, die Lebensader der instinktiven schöpferischen Thätigkeit eines Volkes, durch welche sein Glaube, seine Sitten, seine Gedanken sich den wechselnden Zeiten anpassen und durch neue Gestaltungen das ewig Wahre des Alten zu neugegebenem Leben erwecken; ihr Werk wäre jedoch ohne Bestand gewesen, wenn sie auf halbem Wege Halt gemacht und sich mit diesem Negativen begnügt hätten. Schneidet man bei physiologischen Experimenten die Verbindung zwischen Herz und Hirn ab, so muss man für künstliche Atmung sorgen, sonst hören die Lebensfunktionen auf; das thaten die
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bei minder gelehrtem Apparat, ist der Anhang über den Talmud in dem vortrefflichen Werkchen von William Rubens: Der alte und der neue Glaube im Judentum, 1878).
    ¹) Noch heute, am Ende des 19. Jahrhunderts, betrachtet jeder gläubige Jude die rabbinischen Anordnungen als   g ö t t l i c h e   und hält an dem talmudischen Satze fest: „Wenn die Rabbiner rechts links und links rechts nennen, musst du es glauben“ (siehe das Buch des antirabbinischen Juden Dr. William Rubens: a. a. O., S. 79). Die nahe Verwandtschaft mit dem Jesuitismus (worüber Näheres im folgenden Kapitel) tritt hierin, wie in so manchen anderen Dingen, klar zu Tage.
    ²) Man weiss, dass die Kabbalistik ein jüdisches Wort und ein jüdisches Ding ist. Die allen Menschen gemeinsame Regung, die bei uns zur Mystik führt, führt beim Semiten zur Zauberei. Immer und überall die Vorherrschaft des blinden Willens!

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priesterlichen Religionsgründer durch die Einführung des   M e s s i a n i s c h e n   Z u k u n f t s r e i c h e s.
    Ich habe schon mehrmals ausgeführt¹) und will nicht wieder darauf zurückkommen, dass eine materialistische Weltanschauung eine   g e s c h i c h t l i c h e   Auffassung bedingt, und ausserdem, dass Geschichte, wo sie als Grundlage einer Religion dient, notwendigerweise ausser Vergangenheit und Gegenwart auch die   Z u k u n f t   umfassen muss. Ohne Zweifel waren also Zukunftsgedanken ein uralter Bestandteil des hebräischen Erbes. Doch wie bescheiden, wie natürlich, wie ganz innerhalb der Grenzen des Möglichen und Thatsächlichen! Nur Kanaan schenkte Jahve den Israeliten, war er doch selber nur von Kanaan der Gott; abgesehen von vielen unvermeidlichen Fehden lebte der Stamm Juda, genau so wie die andern Stämme, bis zum Exil im besten Einvernehmen mit seinen Nachbarn; man wandert ein und aus (siehe das Buch Ruth), man nimmt als etwas Selbstverständliches den Gott des Landes an, in dem man sich niederlässt (Ruth I, 15, 16); der nationale Hochmut ist kaum grösser als der deutsche oder französische heutzutage. Freilich hatte bei den Propheten, im Einklang mit ihren übrigen Ideen, namentlich auch mit Rücksicht auf die äusserst gefährliche politische Lage (denn Propheten standen nur bei Gelegenheit politischer Krisen auf, niemals in Friedenszeiten)²) die Zukunft mehr Farbe erhalten; als Folie zu den sittlichen Ermahnungen und angedrohten Strafen,
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die fast den gesamten Inhalt ihrer Kundgebungen bilden, brauchten sie ein glänzendes Bild der Segnungen, die einem frommen, gottesfürchtigen Volk zu Teil werden würden, doch ist von Universalherrschaft und dergleichen in den   e c h t e n   Schriften der vorexilischen Propheten niemals die Rede. Selbst Jesaia versteigt sich nicht weiter als bis zu dem Gedanken, dass Jerusalem uneinnehmbar sei und dass Strafe seine Feinde treffen werde; dann, in der „sicheren Wohnung“ wird „Heil, Weisheit, Klugheit, Furcht des Herrn der Einwohner Schatz sein“, und als ein be-
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    ¹) Siehe S. 234 fg., 246 Anm., 397, 400 fg., 415 u. s. w.
    ²) Wellhausen (nach Montefiore p. 154).

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sonderer Segen schwebt dem grossen Mann noch vor, dass man zu jener Zeit „keine Schriftgelehrten sehen wird“!¹) Ich kann mich auf die grösste lebende Autorität berufen, um apodiktisch zu behaupten, die Vorstellung einer besonderen   H e i l i g k e i t   des jüdischen Volkes — diejenige Vorstellung, welche der Religion des Judentums zu Grunde liegt — sei dem Jesaia gänzlich unbekannt.²) Alle jene Stellen, wie z. B. Kap. IV, 3: „wer wird übrig sein zu Sion, der wird heilig heissen“, Kap. LXII, 12: „man wird sie nennen das heilige Volk“, u. s. w. sind nachgewiesenermassen spätere Interpolationen, d. h. das Werk der vorhin genannten grossen Synagoge; die Sprache eines viel späteren; das Hebräische nicht mehr frei beherrschenden Jahrhunderts hat die frommen Fälscher verraten. Ebenso gefälscht sind auch fast alle jene „trostreichen Anhänge“, die man nach den meisten Drohungen bei Amos, Hosea, Micha, Jesaia, u. s. w. findet;³) und ganz und gar gefälscht, vom ersten bis zum letzten Wort, sind solche Kapitel, wie Jesaia LX, jene berühmte messianische Prophezeiung, nach welcher alle Könige der Welt vor den Juden im Staube liegen und die Thore Jerusalems Tag und Nacht offen bleiben werden, damit die Schätze4) aller Völker hineingetragen werden. Der echte Jesaia hatte seinem Volke als Lohn „Weisheit und Klugheit“ versprochen, der noch grössere Deuterojesaia (derjenige, der weder Opfer noch Tempel wollte) hatte sich als Herrlichstes gedacht, dass Juda „der Knecht Gottes“ werden solle, berufen, allüberall den Müden, den Blinden, den Armen, den Schwerbedrückten Trost zu bringen; doch das war jetzt anders geworden: der Fluch Gottes soll fortan denjenigen treffen, welcher behauptet, „das Haus Juda ist ein Volk wie alle anderen
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Völker“ (Hesekiel XXV, 8), denn es soll „ein Königreich von Priestern sein“ (Exodus XIX, 6).5) Den Juden wurde nunmehr
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    ¹) Siehe z. B. das Kap. XXXIII.
    ²) Cheyne: Introduction to Isaiah (ed. 1895) p. 27 und 53.
    ³) Cheyne in seiner Einleitung zu Robertson Smith: Prophets of Israel, p. XV fg.
    4) Luther hat irrtümlicher Weise „Macht“.
    5) Dass die Stelle XIX, 3—9 ein freier Zusatz aus post-deute-

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die Weltherrschaft und der Besitz aller Schätze der Welt versprochen, namentlich alles Goldes und alles Silbers.¹) „Dein Volk wird das Erdreich ewiglich besitzen“ (Jesaia LX, 21): das ist nunmehr die Zukunft, welche dem Juden vorgespiegelt wird. In Demut soll er sich vor Gott beugen, nicht aber in jener inneren Demut, von der Christus spricht, sondern er beugt das Haupt vor Jahve, weil ihm verheissen wird, durch die Erfüllung dieser Bedingung werde er allen Völkern der Welt den Fuss auf den Nacken setzen, Herr und Besitzer der ganzen Erde werden.²) Diese eine Grundlage jüdischer Religion schliesst also ein direktes verbrecherisches Attentat auf alle Völker der Erde ein, und zwar kann das Verbrechen nicht darum in Abrede gestellt werden, weil die Macht zur Ausführung bisher fehlte; denn die Hoffnung selbst ist es, die verbrecherisch ist und die das Herz des Juden vergiftet.³) — Zu dem Missverständnis und der absichtlichen Fälschung der Pro-
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ronomischer Zeit ist, zeigt Wellhausen: Composition des Hexateuchs, S. 93, und vergl. S. 97.
    ¹) Jesaia: das ganze sechzigste Kapitel. Siehe auch den nachexilischen Propheten Haggai, der den Juden „aller Heiden Schätze“ verheisst: „denn mein ist beides, Silber und Gold, spricht der Herr Zebaoth“ (II, 8, 9).
    ²) Die Absurdität des Gedankens,   d i e s e   Religion sei der Stamm des Christentums, das Christentum dessen Blüte, muss doch dem befangenste Menschen in die Augen springen.
    ³) Die jüdischen Apologeten werfen ein, sie gehorchen dem Gesetz, nicht „weil“ sie dadurch zur Herrschaft gelangen sollen, sondern weil Jahve es befiehlt; dass Jahve den Juden als dem heiligen Volk die Welt schenke, geschehe zu seinem eigenen, nicht zu ihrem Ruhm. Doch dünkt mich das pure Kasuistik, die eine Erwiderung nicht verdient. Ein unverdächtiger Autor, Montefiore, sagt buchstäblich: „Ohne Frage bildet das Argument — ‚Gehorche dem Gesetz, denn es wird sich auszahlen' — das zu Grunde liegende Hauptmotiv im Deuteronomium“ (a. a. O., p. 531). Dass unzählige Juden fromme Menschen sind, die das Gesetz erfüllen und ein reines edles Leben führen, ohne an Lohn zu denken, beweist nur, dass hier wie anderwärts Moral und Religion nicht zusammengehören, und dass es auf der ganzen Welt Menschen giebt, die unendlich viel besser als ihr Glaube sind. Noch heute aber schreiben selbst ziemlich freisinnige Juden: „Die Existenz des Judentums ist von der Festhaltung der Messiashoffnung bedingt“ — die bestimmte

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pheten kamen noch andere Zukunftsträume, um die es aber nicht besser bestellt war. Von den Persern haften die Juden während ihrer Gefangenschaft zum ersten Mal über die Unsterblichkeit und
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über ein künftiges Leben dunkle Kunde vernommen, auch über Engel und Teufel, über Himmel und Hölle.¹) Auf dieser Grundlage entstand nun eine unermessliche apokalyptische Litteratur (von der das Buch Daniel eine allzugünstige Vorstellung geben würde, trotz seiner sinnlosen Geheimthuerei), welche sich mit dem Ende der Welt, der Auferstehung der Gerechten u. s. w. beschäftigte, ohne dass aber dadurch die messianischen Hoffnungen irgendwie wesentlich idealisiert worden wären; im besten Fall handelt es sich um eine Wiederauferstehung des Leibes, welche der schwankenden Zuversicht aufhelfen soll: „heute musst du das Gesetz üben, später wirst du den Lohn erhalten“ (Talmud, Trakt. Erubin, Abschn. 2), und dieses jüdische „Reich Gottes“ wird, wie einer der bedeutendsten israelitischen Denker, Saadia, (10. Jahrhundert) versichert, „auf Erden vor sich gehen.“ Das Citat aus der Apok. Baruch's auf S. 403 zeigt, wie die Juden sich dies zukünftige Welt dachten; sie unterschied sich von der jetzigen fast lediglich durch die weltbeherrschende Stellung der jüdischen Nation. Von dieser Auffassung hat sich sogar eine interessante Spur in das Neue Testament hineinverirrt. Laut Matthäus werden die zwölf Apostel, auf zwölf Thronen sitzend, die zwölf Stämme Israels richten, was ohne Frage die Vorstellung einschliesst, dass keine andern Menschen als Juden in den Himmel aufgenommen werden.²)
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Erwartung der Weltherrschaft bildet also noch immer die Seele des Judentums (vergl. oben S. 328).
    ¹) Über die unmittelbare Entlehnung zoroastrischer (halbverstandener) Vorstellungen durch die Begründer des Judentums, siehe Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 373, 429, 453 u. s. w.
    ²) Matthäus XIX, 28, Lukas XXII, 30. Dieser Christo in den Mund gelegten Behauptung widerspricht schnurstracks das Matthäus XX, 23 Gesagte. Auch das Festhalten an den zwölf Stämmen, trotzdem es seit mehr als einem halben Jahrtausend nur noch zwei gab, ist echt rabbinisch. Von den Rabbinern wird auch ausdrücklich gelehrt: „die Nichtjuden sind als solche vom Anteil an der zukünftigen

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    So wird die erdichtete, durch und durch verfälschte Vergangenheit durch eine eben so erdichtete, utopische Zukunft ergänzt, und so schwebt der Jude, trotz des Materialismus seiner Religion, zwischen Träumen und Trugbildern. Die fata morgana der urväterlichen Wüste zaubert diesem Halbsemiten süssen Trost für die Tragik seines Schicksals vor, einen luftigen, gehaltlosen, betrügerischen Trost, doch durch die Gewalt des Willens — genannt Glauben — eine genügende, für Andere oft gar gefährliche Lebenskraft. Hier triumphiert die Macht der Idee in
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einer erschreckenden Weise: in einem gut beanlagten, doch weder physisch noch geistig ungewöhnlich hervorragenden Volke erzeugt sie den Wahn einer besonderen Auserwähltheit, einer besonderen Gottgefälligkeit, einer unvergleichlichen Zukunft, sie schliesst es in tollem Hochmut von sämtlichen Nationen der Erde ab, zwingt ihm ein geistloses, unvernünftiges, in der Praxis gar nicht durchzuführendes Gesetz als ein gottgegebenes auf, nährt es mit erlogenen Erinnerungen und wiegt es in verbrecherischen Hoffnungen — und, während sie dieses Volk derart in seiner eigenen Einbildung zu babylonisch schwindligen Höhen emporhebt, druckt sie es in Wirklichkeit seelisch so tief herab, lastet so schwer auf seinen besten Anlagen, sondert es so gänzlich aus der leidenden, strebenden, schaffenden Menschheit, erstarrt es so hoffnungslos in den unseligsten fixen Ideen, macht es so unabwendbar in allen seinen Gestaltungen (von der äussersten Rechtgläubigkeit bis zum ausgesprochenen Freisinn) zu einem offenen oder versteckten Feind jedes anderen Menschen, zu einer Gefahr für jede Kultur, dass es zu allen Zeiten und an allen Orten den hochbegabten das tiefste Misstrauen einflösste und dem sicheren Instinkt des Volkes Abscheu. Ich sagte soeben, Rechtgläubigkeit und Freisinn könnten uns hier gleich gelten, und in der That, es kommt weniger darauf an, was ein Jude heute glaubt, als (wenn man mir die paradoxe Gegenüberstellung erlaubt) darauf, was
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Welt ausgeschlossen“ (vergl. Laible: Jesus Christus im Talmud, S. 53). — Über die messianischen Erwartungen siehe auch die Ausführungen im dritten Kapitel, S. 238, Anm.

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er glauben   k a n n,   was er zu glauben   v e r m a g.   Die intellektuelle Begabung und die Moralität sind individuelle Anlagen; der Jude ist, wie andere Menschen, klug oder dumm, gut oder schlecht; wer das leugnet ist nicht wert, dass man mit ihm rede; was dagegen nicht individuell ist, das sind les plis de la pensée, wie der Franzose sagt, die angeborenen Richtungen des Denkens und des Thuns, die bestimmten Falten, in die der Geist durch die Gewohnheiten von Generationen gelegt wird.¹) Und so sehen wir denn heute jüdische Atheisten allermodernster Richtung, die durch ihre Neigung, unsinnige Hypothesen oder blosse Notvorstellungen der Wissenschaft für materielle, bare Thatsachen zu halten, durch ihre totale Unfähigkeit, sich über den borniertesten historischen Standpunkt zu erheben, durch ihr Talent, unmögliche sozialistische und ökonomische Messiasreiche zu planen, unbe-
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kümmert, ob sie dabei unsere ganze, mühsam erworbene Civilisation und Kultur zu Grunde richten, durch ihren kindlichen Glauben, man könne mit Dekreten und Gesetzen die Seelen der Völker von heute auf morgen umwandeln, durch ihre weitreichende Verständnislosigkeit für alles wahrhaft Grosse ausserhalb der engen Grenzpfähle ihres eigenen Gedankenzirkus und durch ihre lächerliche Überschätzung jeder liliputanischen Geistesthat, wenn sie nur einen Juden zum Urheber hat — man sieht, sage ich, solche angebliche Freigeister, die sich viel gründlicher und auffallender als echte Produkte jener jüdischen Thora- und Talmudreligion erweisen als mancher fromme Rabbiner, der die hohen Tugenden der Demut und der Gesetzestreue, verbunden mit Liebe zum Nächsten, Aufopferung für die Armen, Toleranz gegen Nichtjuden, übt und so lebt, dass er jedem Volk zur Ehre und jeder Religion zum Preise gereichen würde.
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    ¹) Die Generation mit 24 Jahren berechnet, was bei der Frühreife der Juden nicht übertrieben ist, steht der heutige Jude durchschnittlich in der hundertsten Generation seit der Rückkehr aus Babylon und der Begründung des Judentums. Das gilt natürlich nur für die männliche Folge; eine ununterbrochene weibliche Folge stünde jetzt etwa in der hundertundfünfzigsten Generation.

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Das Gesetz

    Was nun trotz alledem der spezifisch jüdischen Auffassung des Lebens Grösse giebt, das habe ich in einem früheren Teil dieses Kapitels bereits angedeutet (siehe S. 373 fg.). Wenn auch, wie Robertson Smith versichert, bei der folgenschweren Bestimmung der Zentralisierung des Kultes in dem einen einzigen Jerusalem die rein pekuniären Interessen der priesterlichen Adelskaste und ihr politischer Ehrgeiz von Einfluss gewesen sein mögen,¹) so bin ich doch überzeugt, dass unproduktive, kritische Geister derartigen Erwägungen stets viel zu viel Gewicht beilegen. Durch rein egoistische Interessenberechnung gründet man nicht eine Nation, welche die Zerstreuung überlebt; es ist ein Urteilsfehler, das zu glauben.²) Wir sehen auch nicht, dass Hesekiel, Esra und Nehemia, welche die Last und die Gefahr getragen, persönlich irgend einen Vorteil dabei gehabt hätten. Es gehörte überhaupt Idealismus dazu, um Jerusalem gegen Babylon einzutauschen; die bequemeren Weltlichgesinnten blieben in der Metropolis am Euphrat zurück. Auch in der Folge war der Jude überall besser daran als daheim, und der Rabbiner, der sich durch Schustern und Schneidern seinen kümmerlichen Lebensunterhalt verdiente, um dann alle Mussestunden der Erforschung der Schrift, der Belehrung und der Diskussion zu widmen, war alles, was man will, nur nicht ein Mensch, der seinen pekuniären Inter-
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essen nachläuft. Ein Egoist, ja freilich, ein rasender Egoist, nur aber für seine ganze Nation, nicht für sich persönlich. Hier also, wie überall, ist die ideale Gesinnung die einzige, welche Macht hat zu schaffen und zu erhalten, und selbst die Religion des Materialismus ruht auf ihr. Gefälscht haben diese Männer, das steht ausser Frage, und Geschichte fälschen ist in einem gewissen Sinne noch schlimmer als Wechsel fälschen, es kann von unermesslicher Tragweite sein; die vielen Millionen, die durch oder
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    ¹) Prophets of Israel p. 365.
    ²) Ein wahrhaft klassisches Beispiel dieser angeblich kritischen, in Wahrheit ebenso kritiklosen wie verständnislosen Richtung bietet Prof. Hermann Oldenberg's: Religion des Veda, wo die Symbolik und die Mystik der Inder durchweg als   p r i e s t e r l i c h e r   S c h w i n d e l   dargestellt werden!

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


für das Christentum hingeschlachtet wurden,¹) sowie die vielen für ihren Glauben gestorbenen Juden sind alle Opfer der Fälschungen des Esra und der grossen Synagoge; doch dürfen wir die Motive dieser Männer nicht verdächtigen. Sie handelten in der höchsten Verzweiflung; sie wollten das Unmögliche vollbringen: ihre Nation vor dem Untergang retten. Gewiss ein edles Ziel! Siegen konnten sie nur durch die sofortige Anwendung der äussersten Mittel. Es war ein Wahngedanke, doch kein unedler, denn vor allem wollten sie ihrem Gott dienen. „An ihnen will ich erzeigen,   d a s s   i c h   h e i l i g   b i n“   (Hesekiel XXVIII, 25); „dies Volk habe ich mir zugerichtet, es soll   m e i n e n   R u h m  erzählen“ (Jesaia XLIII, 21, nachexilische Einschaltung). Verschwand das jüdische Volk, so blieb Jahve ohne Ehre zurück. Dass die Begründer des Judentums so rein und selbstlos dachten, dass sie die Augen zu einem Gott emporhoben, das war die Quelle ihrer Kraft. Der Gedanke, die Nation durch das strenge Verbot der Mischehen zu isolieren und aus dem hoffnungslos bastardierten Israeliten eine Edelrasse zu züchten, ist geradezu genial; ebenso der Einfall, die Reinheit der Rasse als ein historisches Erbe, als das besondere, charakteristische Merkmal des Juden hinzustellen. Das gesamte Gesetz gehört ebenfalls hierher; denn durch dieses Gesetz erst gelang es, jeden anderen Gedanken als den an Jahve zu verbannen, das Volk also wirklich zu einem „heiligen“ (nach semitischen Begriffen) zu machen. Ein jüdischer Autor teilt uns mit: „für den Sabbat allein giebt es 39 Kapitel verbotener Beschäftigungen, jedes Kapitel wieder mit Unterabteilungen ad infinitum.“²) 365 Verbote und 248 Gebote sollen dem Moses auf dem Sinai gelehrt worden sein,³) und das giebt
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erst das vorläufige Gerüst ab für das ausführliche „Gesetz“.
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    ¹) Voltaire giebt in seiner Schrift Dieu et les hommes eine ausführliche Berechnung, wonach zehn Millionen Menschen als Opfer der christlichen Kirchenlehre gefallen wären, doch hat er überall die Zahlen sehr reduziert, bisweilen auf die Hälfte, um nur ja nicht der Übertreibung beschuldigt zu werden.
    ²) Montefiore: Religion of the ancient Hebrews, p. 504.
    ³) Talmud: Traktat Makkoth, Abschn. 3 (nach Grünwald).

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


Montefiore behauptet auch, die Befolgung des Gesetzes sei bald so sehr der vorherrschende Gedanke des Juden geworden, dass sie für ihn das summum bonum, die beste, edelste und süsseste Beschäftigung der Welt ausmachte.¹) Während Gedächtnis und Geschmack auf diese Art mit Beschlag belegt wurden, erging es dem Urteilsvermögen nicht besser, es wurde vom Gesetz einfach geknickt: eine arme Frau, die am Sabbat trockenes Holz für ihre Feuerung auflas, beging durch diese Übertretung des Gesetzes ein genau ebenso grosses Verbrechen als hätte sie die Ehe gebrochen.²) — — — Ich sage also, die Männer, die das Judentum gründeten, wurden nicht von bösen, eigensüchtigen Absichten geleitet, sondern von einer dämonischen Kraft, wie sie nur ehrlichen Fanatikern eigen sein kann; denn das furchtbare Werk, welches sie vollbrachten, ist in jedem Punkte vollkommen.

Die Thora
    Das ewige Denkmal dieser Vollkommenheit ist ihre Thora, die Bücher des Alten Testamentes. Hier gestaltet Geschichte wiederum Geschichte! Welches wissenschaftliche Werk könnte jemals hoffen, eine ähnliche Wirkung auf das Leben der Menschheit auszuüben? Man hat vielfach behauptet, den Juden fehle es an Gestaltungskraft; die Betrachtung dieses merkwürdigen Buches muss uns eines Besseren belehren; mindestens wurde ihnen in der höchsten Not diese Kraft zu Teil und schufen sie ein wahres Kunstwerk, namentlich darin ein Werk der Kunst, dass
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    ¹) Montefiore: a. a. O., S. 530. „Die ungeheure Anzahl zeremonieller Vorschriften ist das hohe Vorrecht Israels“, sagt der Talmud (Montefiore S. 535), und in den Klageliedern (fälschlich Jeremia zugeschrieben) lesen wir: „Es ist ein köstliches Ding einem Manne, dass er das   J o c h   in seiner Jugend trage — — — dass er seinen Mund in den Staub stecke und der Hoffnung erwarte“ (III, 27, 29). Um die entgegengesetzte Auffassung kennen zu lernen, lese man die schönen Bemerkungen in Immanuel Kant's Anthropologie § 10a über religiöse Verpflichtungen, worin der grosse Denker die Meinung ausspricht, nichts sei für einen vernünftigen Menschen schwerer, „als Gebote einer geschäftigen Nichtsthuerei, dergleichen die waren, welche das Judentum begründete“.
    ²) Nach dem Gesetz (siehe Num. XV, 32—36) muss sie mit dem Tode bestraft werden!

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in dieser Weltgeschichte, welche mit der Erschaffung des Himmels und der Erde beginnt, um mit dem zukünftigen Reich Gottes auf Erden zu enden, alle perspektivischen Verhältnisse die unvergleichliche Hervorhebung des einen einzigen Mittelpunktes — des jüdischen Volkes — bewirken. Und worin ruht die Kraft dieses Volkes, eine Lebenskraft, die jedem Schicksal bisher siegreich getrotzt hat, worin wenn nicht in diesem Buche? Wir haben
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erfahren, dass die Israeliten sich in früheren Zeiten in nichts von den zahlreichen anderen hebräischen Nachbarstämmen unterschieden, wir gewahrten in den syrischen Hethitern eine zwar ausserordentlich zähe, doch auffallend „anonyme“, physiognomielose Menschengattung, an der die Nase mehr auffiel als irgend etwas Anderes. Und die Judäer? Sie waren so wenig kriegerisch, so unzuverlässige Soldaten, dass ihr König fremden Söldnertruppen den Schutz des Landes und seiner Person anvertrauen musste, so wenig unternehmungslustig, dass der blosse Anblick des Meeres, auf welchem ihre Stammesvettern, die Phönizier, zu so glänzenden Geschicken aufblühten, sie erschreckte, so wenig Industriell, dass man zu jedem Unternehmen die Künstler, die Werkführer und für alle feineren Arbeiten auch die Handwerker aus den benachbarten Ländern verschreiben musste, so wenig zum Ackerbau befähigt, dass (wie aus vielen Stellen der Bibel und des Talmuds hervorgeht) die Kanaaniter hierin nicht allein ihre Lehrmeister waren, sondern bis zuletzt die arbeitende Kraft des Landes blieben;¹) ja, sogar in rein politischer Beziehung waren sie solche Gegner aller stabilen, geordneten Zustände, dass keine vernünftige Regierungsform bei ihnen Bestand hatte und sie von früh an stets unter dem Druck fremder Herrschaft sich am wohlsten fühlten, was sie jedoch nicht verhinderte, auch
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    ¹) Darum bildet es eine der schlimmsten Drohungen gegen die Juden, falls sie Jahve's Gebote nicht hielten, würden sie „ihre Arbeiten selbst verrichten müssen, anstatt sie durch Andere verrichten zu lassen“ (Talmud, Traktat Berachoth, Kap. VI, nach Seligmann Grünwald). Die Vorstellung, dass „Ausländer die Ackerleute und Weingärtner seien“, findet man ebenfalls (als Prophezeiung) in Jesaia LXI, 5.

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Die Erben. Der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte.


diese zu unterwühlen..... Ein solches Volk scheint zum schnellen Verschwinden aus der Weltgeschichte wie prädestiniert, und in der That, von den übrigen, viel tüchtigeren halbsemitischen Stämmen jener Zeit sind nur noch die Namen bekannt. Was schützte das kleine Volk der Juden vor dem selben Schicksal? Was hielt es noch fest zusammen, als es über die Erde zerstreut war? Was machte es möglich, dass aus seiner Mitte heraus das neue Weltprinzip des Christentums hervorging? Einzig dieses Buch. Es würde zu weit führen, wollte man die Eigenschaften dieses für die Weltgeschichte so wichtigen Werkes analysieren. Goethe schreibt einmal: „Diese Schriften stehen so glücklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganzes entgegentritt. Sie sind vollständig genug, um zu befriedigen, fragmentarisch genug, um anzureizen, hinlänglich barbarisch, um aufzufordern, hinlänglich zart, um zu be-
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sänftigen.“ Herder erklärt die weite Wirkung des Alten Testamentes vornehmlich daraus, dass es „der menschlichen Wissbegierde angenehm war, über das Alter und die Schöpfung der Welt, über den Ursprung des Bösen u. s. f. aus diesen Büchern so populäre Antworten zu erhalten, die Jeder versteht und fassen konnte.“ So sehen wir dieses Buch den Anforderungen des geläuterten Geistes und des gemeinen Volkes genügen — dem Einen, weil er in dem „täuschenden Ganzen“ die kühne Willkür bewundert, dem Andern, weil das Mysterium des Daseins den Augen, wie Jahve hinter den Tempelvorhang, entrückt wird, und er auf alle Fragen „populäre Antworten“ erhält. Dieses Buch bedeutet den Triumph der materialistischen Weltanschauung. Wahrlich nichts Geringes! Es bedeutet den Sieg des Willens über den Verstand und über jede fernere Regung der schöpferischen Phantasie. Ein solches Werk konnte nur aus frommer Gesinnung und dämonischer Kraft hervorgehen.
    Man kann das Judentum und seine Macht, sowie seine unausrottbare Lebenszähigkeit nicht verstehen, man kann den Juden unter uns, seinen Charakter, seine Denkart nicht gerecht und treffend beurteilen, solange man dieses Dämonisch-geniale in seinem Ursprung nicht erkannt hat. Es handelt sich hier wirklich

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um den Kampf Eines gegen Alle; dieser Eine hat jedes Opfer, jede Schmach auf sich genommen, um nur einmal, gleichviel wann, das messianische Weltreich der Alleinherrschaft, Jahve zu ewigem Ruhme, anzutreten. Der Talmud sagt es: „Wie aus der Übertretung des Gesetzes deine Zertretung erfolgt, so wird Gehorsam gegen das Verbot dadurch belohnt, dass du selber gebieten wirst“ (Aboth IV, 5; nach Montefiore).

Das Judentum
    Zum Schluss noch Eines. Auf die Frage: wer ist der Jude? antwortete ich zunächst, indem ich seine Herkunft, das   p h y s i s c h e   S u b s t r a t u m   zeigte, sodann, indem ich die leitende Idee des Judentums in ihrem Entstehen und ihrem Wesen hinzustellen suchte. Mehr kann ich nicht thun, denn die Persönlichkeit gehört dem einzelnen Individuum an, und nichts ist falscher als das verbreitete Verfahren, ein Volk nach Einzelnen zu beurteilen. Ich habe weder den „guten“ Juden noch den „schlechten“ Juden herangezogen: „Niemand ist gut,“ sagte Jesus Christus, und wo ist ein Mensch so tief erbärmlich, dass wir ihn unbedingt schlecht schelten möchten? Vor mir liegen mehrere Gerichtsstatistiken: die einen wollen beweisen, die Juden seien die lammfrommsten
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Bürger Europas, die andern erhärten das Gegenteil; wie sich Beides aus den selben Zahlen herausklügeln lässt, wundert mich, aber noch viel mehr wundert es mich, dass man auf diese Weise Völkerpsychologie zu treiben wähnt. Kein Mensch stiehlt zum Vergnügen, er sei denn ein Kleptoman. Ist wirklich der Mann, der durch Not oder in Folge üblen Beispiels ein Dieb wird, schlechterdings ein böser Mann und derjenige, der nicht die mindeste Veranlassung dazu hat, ein guter? Luther sagt: „Wer dem Bäcker Brot vom Laden nimmt ohne Hungersnot, ist ein Dieb; thut er's in Hungersnot, so thut er recht, denn man ist's schuldig, ihm zu geben.“ Man gebe mir eine Statistik, welche mir zeigt, wie viele Menschen, die in äusserster Not, Bedrängnis und Verlassenheit leben,   n i c h t   Verbrecher werden: hieraus könnte eventuell etwas geschlossen werden; und doch, nur wenig, sehr wenig. Waren nicht die Vorfahren unseres Feudaladels

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Strassenräuber, und sind ihre Nachkommen nicht stolz darauf? Liessen die Päpste nicht Könige durch gedungene Mörder erschlagen? Gehört nicht in unserer heutigen gesitteten Gesellschaft Lügen und Irreführen einzig noch in der hohen Diplomatie zum guten Ton? Lassen wir also die Moralität bei Seite, ebenso wie die fast gleich schlüpfrige Frage nach der Begabung; dass es mehr jüdische als europäische Rechtsanwälte in einem Lande giebt, beweist doch zunächst nichts weiter, als dass es dort ein gutes Geschäft ist, Rechtsanwalt zu sein, eine besondere Begabung gehört nicht dazu — — —. Bei allen diesen Dingen, namentlich sobald sie statistisch gebracht werden, kann man überhaupt beweisen, was man will. Dagegen sind jene beiden Thatsachen: Rasse und Ideal durchaus grundlegend. Gute und schlechte Menschen giebt es nicht, für uns wenigstens nicht, nur vor Gott, denn das Wort „gut“ bezieht sich hier auf eine moralische Wertschätzung, und diese wiederum hängt von einer Kenntnis der Motivation ab, die nie erschlossen werden kann; „wer kann das Herz ergründen?“ rief schon Jeremia (XVII, 9);¹) dagegen giebt es recht wohl gute und schlechte Rassen, denn hier handelt es sich um physische Verhältnisse, um allgemeine Gesetze, der organischen Natur, die experimental untersucht worden sind, um Verhältnisse, wo — im Gegensatz zu den oben genannten — Zahlen unwiderlegliche Beweise erbringen, um Verhältnisse, über die uns die Geschichte der Menschheit reiche Belehrung bietet.
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Und kaum minder fassbar sind die leitenden Ideen. In Bezug auf die Rasse sind diese ohne Frage zunächst als eine   F o l g e   zu betrachten; doch man unterschätze diese unsichtbare innere Anatomie, die rein geistige Dolichocephalie und Brachycephalie nicht, sie wirkt im weitesten Umfange auch als   U r s a c h e.   Daher hat jede kräftige Nation eine so grosse Assimilationskraft. Der Eintritt in den neuen Verband ändert zunächst kein Fäserchen an der physischen Struktur, und nur sehr langsam, im Laufe der
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    ¹) Wie Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft sagt (Erläut. der kosmol. Idee der Freiheit) „Die eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) bleibt uns, selbst die unseres eigenen Verhaltens, gänzlich verborgen.“

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Generationen, das Blut; doch viel schneller wirken die Ideen, indem sie fast sofort die ganze Persönlichkeit in andere Bahnen lenken. Und die jüdische Nationalidee scheint eine ganz besonders mächtige Wirkung auszuüben, vielleicht gerade darum, weil in diesem Falle die Nation   l e d i g l i c h   a l s   I d e e   e x i s t i e r t   und vom Anbeginn des Judentums an niemals eine normale „Nation“ war, sondern vor allem ein Gedanke, eine Hoffnung. Darum ist es auch verkehrt, gerade bei Juden ein besonderes Gewicht auf die Aufnahme fremden Blutes, die von Zeit zu Zeit stattfand, zu legen, wie das z. B. von Renan mit grossem Nachdruck in seinen letzten Jahren geschah. Besser als jeder Andere wusste Renan, dass der Übertritt von Griechen und Römern zum Judentume eine durchaus belanglose Erscheinung war. Was waren diese „Hellenen“ aus Antiochien, von denen er uns in seinem Vortrag „Judaïsme race ou religion?“ erzählt, und die angeblich haufenweise zum Judentum übertraten? (für die Thatsache besitzen wir nur das Zeugnis eines sehr unzuverlässigen Juden, des Josephus). Hebräisch-syrische Bastarde, weiter nichts, in deren Adern wahrscheinlich nicht ein Tropfen griechischen Blutes floss. Und diese „Römer“, für die sich Renan auf Juvenal (Sat. XVI, 95 fg.) beruft? Die Hefe des aus entfesselten asiatischen und afrikanischen Sklaven zusammengesetzten Volkes. Er nenne uns den bedeutenden Römer, der Jude geworden wäre! Solche Behauptungen bedeuten eine absichtliche Irreführung des ungelehrten Publikums. Doch, wenn sie auch auf Wahrheit statt auf tendenziöser Fälschung beruhten, was würde daraus folgen? Sollte die jüdische Nationalidee nicht die Kraft besitzen, die anderen Nationalideen eignet? Im Gegenteil, sie ist, wie ich gezeigt habe, machtvoll wie keine zweite und schafft die Menschen um zu ihrem Ebenbilde. Man braucht nicht die authentische Hethiternase zu besitzen, um Jude zu sein, vielmehr bezeichnet dieses Wort vor Allem eine besondere Art zu fühlen und zu denken; ein Mensch kann sehr schnell, ohne Israelit zu sein, Jude werden; Mancher braucht nur fleissig bei Juden zu verkehren, jüdische Zeitungen zu lesen und sich an jüdische Lebens-
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auffassung, Litteratur und Kunst zu gewöhnen. Andrerseits ist

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es sinnlos, einen Israeliten echtester Abstammung, dem es gelungen ist, die Fesseln Esra's und Nehemia's abzuwerfen, in dessen Kopf das Gesetz Mose und in dessen Herzen die Verachtung Andrer keine Stätte mehr findet, einen „Juden“ zu nennen. „Welche Aussicht wäre es“, ruft Herder aus, „die Juden in ihrer Denkart reinhumanisiert zu sehen!“¹) Ein   r e i n   h u m a n i s i e r t e r   J u d e   ist aber kein Jude mehr, weil er, indem er der Idee des Judentums entsagt, aus dieser Nationalität, deren Zusammenhang durch einen Komplex von Vorstellungen, durch einen „Glauben“ bewirkt wird, ipso facto ausgetreten ist. Mit dem Apostel Paulus müssen wir einsehen lernen: „Denn das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist.“
    Derartige nationale oder religiöse Ideale können nun in zwiefacher Weise ihren umwandelnden Einfluss zur Geltung bringen, positiv und negativ. Wir sahen, wie bei den Juden ein paar Männer einem Volk, welches durchaus nicht willig darauf einging, eine bestimmte nationale Idee aufzwangen und ihm den Stempel dieser Idee so tief eingruben, dass es den Anschein hat, als werde dieses Volk ihn nie mehr ausmerzen können; dazu gehörte aber Konsanguinität und Kongenialität: hier wirkte also die Idee positiv schöpferisch. Ein ebenso merkwürdiges Beispiel ist die plötzliche Umwandlung der blutgierigen, wilden Mongolen zu milden, frommen Menschen, von denen ein Drittel im Mönchsstande lebt, durch die Annahme des buddhistischen Glaubens.²) Eine Idee kann aber auch rein negativ wirken, sie kann den Menschen aus seiner eigenen Bahn lenken, ohne ihm dafür eine andere seiner Rasse angemessene zu öffnen. Ein allbekanntes Beispiel ist die Wirkung des Mohammedanismus auf die Turkomannen: durch die Annahme der fatalistischen Weltanschauung versank das wild-energische Volk nach und nach in volle Passivität. Wenn der jüdische Einfluss auf geistigem und kulturellem Gebiete in Europa die Oberhand gewänne, so wären wir um ein weiteres Beispiel negativer, zerstörender Wirkung reicher.
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    ¹) Adrastea, 7. Stück, V, Abschnitt „Fortsetzung“.
    ²) Vergl. hierüber Döllinger: Akademische Vorträge, I, 8.

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    Ich habe soeben die von mir befolgte Methode, sowie ihre Hauptergebnisse angedeutet; eine andere Zusammenfassung dieses Kapitels mag ich nicht geben. Organischen Erscheinungen gegenüber sind Formeln stets Phrasen. Man kennt die Anekdote des
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Le voilà, le chameau! Selbst dem Kamel gegenüber ist eine derartige Prätention lächerlich, und nie könnte es mir einfallen, diese Skizze mit formelhaften Verallgemeinerungen zu schliessen, als wollte ich sagen: Le voilà, le juif! Ist doch das Thema unerschöpflich und unergründlich, habe ich doch von meinen Aufzeichnungen und Notizen kaum den zwanzigsten Teil verwendet! Was ich dagegen bestimmt erwarte, ist, dass, wer dieses Kapitel 5 liest, sich befähigt fühlen wird, ein schärferes, klareres Urteil als vorher über das Judentum und sein Erzeugnis, den Juden, zu fällen. Aus diesem Urteil wird sich das Weitere über die Bedeutung des Eintritts der Juden in die abendländische Geschichte von selbst ergeben. Diesen Einfluss durch die Jahrhunderte zu verfolgen, ist nicht meine Aufgabe. Da aber der indirekte Einfluss des Judentums auf das Christentum ein grosser war und noch ist, und da ausserdem der direkte Einfluss des Judentums gerade im 19. Jahrhundert (und erst im 19. Jahrhundert) sich wie ein neues Element in der Kulturgeschichte fühlbar gemacht hat, so dass die „jüdische Frage“ zu den brennenden unserer Zeit gehört, war ich verpflichtet, hier die Grundlage zu einem Urteil zu legen. Weder die leidenschaftlichen Behauptungen der Antisemiten, noch die dogmatischen Plattheiten der Menschheitsrechtler, selbst nicht die vielen gelehrten Bücher, aus denen ich in diesem Kapitel so reichlich geschöpft habe (die aber doch alle nur irgend eine besondere, meist die rein theologische oder die rein archäologische Seite beleuchten) können uns zum Ziel verhelfen. Dass ich diese Grundlegung unternahm war tollkühn, ich weiss es, und ich gestehe es; doch gehorchte ich dem Gebote der Not, und ich hoffe, nach klaren, richtigen Vorstellungen nicht umsonst gerungen zu haben; denn jene Not ist eine allgemeine. Bei dieser Frage handelt es sich nicht allein um unsere Gegenwart, sondern auch um unsere Zukunft.



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