Here under follows the transcription of the sixth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het zesde hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT
VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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SECHSTES KAPITEL

DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE


Mon devoir est mon Dieu suprême.
Friedrich der Grosse
(Brief an Voltaire vom 12. Juni 1740).

 
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(Leere Seite)

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Der Begriff „Germane“
    Der Eintritt des Juden in die europäische Geschichte hatte (wie Herder sagte) den Eintritt eines fremden Elementes bedeutet — fremd gegen das, was Europa damals bereits geleistet hatte, fremd gegen das, was es noch zu leisten berufen war; umgekehrt verhält es sich mit dem Germanen. Dieser Barbar, der am liebsten nackend in die Schlacht zieht, dieser Wilde, der plötzlich aus Wäldern und Sümpfen auftaucht, um über eine civilisierte und kultivierte Welt die Schrecken einer gewaltsamen, mit der blossen Faust erfochtenen Eroberung zu giessen, ist nichtsdestoweniger der rechtmässige Erbe des Hellenen und des Römers, Blut von ihrem Blut, und Geist von ihrem Geist. Sein Eigenes ist es, was er, unwissend, aus fremder Hand entreisst. Ohne ihn ging der Tag des Indoeuropäers zu Ende. Meuchelmörderisch hatte sich der asiatische und afrikanische Knecht bis zum Thron des römischen Imperiums hinaufgeschlichen, inzwischen der syrische Bastard sich des Gesetzeswerkes bemächtigte, der Jude die Bibliothek zu Alexandria benutzte, um hellenische Philosophie dem mosaischen Gesetze anzupassen, der Ägypter, um die lebensvoll aufkeimende Naturkunde in den prunkvollen Pyramiden wissenschaftlicher Systematik auf unabsehbare Zeiten einbalsamiert zu begraben; bald sollte auch der Mongole die hehren Blüten des urarischen Lebens — indisches Denken, indisches Dichten — unter seinem rohen, bluttriefenden Fusse zertreten und der vom Wüstenwahnsinn bethörte Beduin jenen Edensgarten, in welchem Jahrtausende hindurch alle Symbolik der Welt gewachsen war, Eranien, zu ewiger Öde einäschern; Kunst gab es schon lange nicht mehr, sondern für die Reichen Schablonen und für das Volk

550 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Zirkusreiten: somit, nach dem Worte Schiller‘s, das ich zu Beginn des ersten Kapitels anführte, eigentlich keine Menschen mehr, sondern nur Geschöpfe. Es war hohe Zeit, dass der Retter erschien. Zwar trat er nicht so in die Weltgeschichte ein, wie sich die kombinierende, konstruierende Vernunft, um ihren Rat befragt, einen rettenden Engel, den Spender eines neuen Menschheitsmorgens gedacht hätte; doch können wir heute, wo uns der Rückblick auf Jahrhunderte die Weisheit leicht erwirbt, nur das Eine bedauern, dass der Germane überall, wohin sein siegen-
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der Arm drang, nicht gründlicher vertilgte, und dass in Folge dessen die sogenannte „Latinisierung“, d. h. die Vermählung mit dem Völkerchaos, weite Gebiete dem einzig erquickenden Einfluss reinen Blutes und ungebrochener Jugendkraft, dazu der Herrschaft höchster Begabung, nach und nach wieder raubte. Jedenfalls vermag nur schändliche Denkfaulheit oder schamlose Geschichtslüge in dem Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte etwas anderes zu erblicken als die Errettung der agonisierenden Menschheit aus den Krallen des Ewig-Bestialischen.
    Gebrauche ich hier das Wort „Germane“, so geschieht es, wie ich bereits in den einleitenden Zeilen zu diesem Abschnitt über die Erben bemerkte, der Vereinfachung wegen, einer Vereinfachung allerdings, durch welche die Wahrheit, die sonst verschleiert bleibt, zum Ausdruck kommt. Einigermassen elastisch aber, und insofern vielleicht unzulässig, erscheint zunächst dieser Begriff, gleichviel ob man ihn weit oder eng fasst, und zwar namentlich, weil das Bewusstsein eines spezifisch „Germanischen“ eine späte Errungenschaft ist, eine späte wenigstens bei uns Germanen. Nie hat es ein Volk gegeben, welches sich als „germanisch“ bezeichnet hätte, und niemals — von ihrem ersten Auftreten auf der weltgeschichtlichen Bühne bis zum heutigen Tage — haben sich sämtliche Germanen gemeinsam und vereint den Nichtgermanen entgegengestellt; im Gegenteil, von Anfang an liegen sie in Fehde mit einander, gegen keinen Menschen so ereifert wie gegen das eigene Blut. Zu Lebzeiten Christi verrät Inguiomer seinen nächsten Anverwandten, den grossen Hermann, an die Markomannen und verhindert dadurch das einheitliche

551 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Vorgehen der nördlichen Stämme und die gänzliche Vernichtung des Römers; schon Tiberius durfte als sicherste Politik den Germanen gegenüber empfehlen: „Überlasst sie ihren eigenen inneren Zerwürfnissen;“ alle grosse Kriege der Folgezeit waren, mit Ausnahme der Kreuzzüge, Kriege zwischen Germanen, zum mindesten zwischen germanischen Fürsten; das 19. Jahrhundert zeigte in der Hauptsache das selbe Schauspiel. Der Fremde jedoch hatte sofort die Einheitlichkeit dieses starken Stammes erkannt und für dessen üppiges Geäst — an Stelle des unübersehbaren Namenbabels von Chatten, Chauken, Cheruskern, Gambriviern, Sueven, Vandalen, von Goten, Markomannen, Lugiern, Langobarden, Sachsen, Friesen, Hermunduren, u. s. w. — den umfassenden, einheitlichen Begriff der   G e r m a n e n   geschaffen, und zwar, weil sein Auge die Zusammengehörigkeit auf den ersten Blick erschaut hatte. Tacitus meint, nachdem er müde geworden ist, Namen aufzu-
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zählen: „die Leibesbildung ist bei allen diesen Menschen die selbe“; das war die richtige empirische Grundlage für die weitere intuitiv richtige Einsicht: „Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Stämme Germaniens, unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern, seit jeher ein besonderes, unvermischtes Volk bilden, welches nur sich selber gleicht“ (Germania, 4). So viel deutlicher als der zunächst Beteiligte erkennt manchmal der Fernstehende, dessen Auge nicht durch Einzelheiten beeinflusst und befangen wird, den grossen Zusammenhang der Erscheinungen!
    Heute jedoch ist es nicht allein Befangenheit, was uns hindert, das Wort „Germanen“ räumlich und phylogenetisch so einfach wie Tacitus anzuwenden: jene „verschiedenen Germanenstämme“, die er als unvermischtes, verhältnismässig einförmiges Volk erblickte, sind seitdem, wie früher die Hellenen, die mannigfachsten Vermischungen unter einander eingegangen, und ausserdem blieb nur ein Bruchteil „unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern“; wozu dann, in Folge der grossen Wanderungen, die besonderen kulturellen Einflüsse kamen, die aus geographischer Lage, klimatischen Verhältnissen, Bildungsgrad der nächsten Nachbarn u. s. w. sich ergaben. Das allein hätte schon genügt, um die Einheit in eine Vielheit zu spalten. Doch noch weit ver-

552 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

wickelter erscheint die Sachlage, wenn wir das, was die politische Geschichte lehrt, durch nähere vergleichende Untersuchungen auf den Gebieten der Volksseelenkunde, der Philosophie und der Kunstgeschichte, sowie auch andrerseits durch die Ergebnisse der prähistorischen und anthropologischen Forschungen der letzten fünfzig Jahre ergänzen. Denn dann gewinnen wir die Überzeugung, dass wir den Begriff der „Germanen“   b e d e u t e n d   w e i t e r   fassen dürfen und müssen als Tacitus, zugleich aber erblicken wir notwendige   B e s c h r ä n k u n g e n,   an die das unvollkommenere Wissen seiner Zeit nicht denken konnte. Um unsere Geschichte und unsere Gegenwart zu verstehen, müssen wir uns an Tacitus ein Beispiel nehmen und, wie er, zusammenfassen und ausscheiden, doch auf der breiteren Grundlage unseres heutigen Wissens. Nur durch die genaue Feststellung eines neuen Begriffes des „Germanischen“ gewinnt die Betrachtung des Eintrittes der Germanen in die Weltgeschichte praktischen Wert. Zweck dieses Kapitels ist, eine solche beschreibende Definition in aller Kürze zu geben. Bis wohin reicht das Stammverwandte? Wo treffen wir „Arya“ (d. h. die zu den Freunden Gehörigen) an? Wo beginnt das Fremde, welches wir nach Goethe‘s Wort „nicht leiden dürfen“?

466 Erweiterung des Begriffes
    Ich sagte, der Begriff „Germane“ sei weiter und dennoch zugleich enger zu fassen, als es Tacitus that. Die Erweiterung ergiebt sich sowohl aus historischen, wie auch aus anthropologischen Erwägungen, die Verengerung ebenfalls.
    Erweitert wird der Begriff durch die Einsicht, dass der „Germane“ des Tacitus sich physisch und geistig weder von seinem Vorläufer in der Weltgeschichte, dem „Kelten“, noch von seinem Nachfolger, den wir mit noch verwegenerer Kühnheit zu dem Begriff „Slave“ zusammenzufassen gewohnt sind, scharf scheiden lässt. Kein Naturforscher würde zögern, diese drei Rassen nach den physischen Merkmalen als Spielarten eines gemeinsamen Stockes zu betrachten. Die Gallier, die im Jahre 389 vor Chr.

553 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Rom eroberten, entsprechen nach den Beschreibungen genau der Schilderung, die Tacitus von den Germanen giebt: „strahlende blaue Augen, rötliches Haar, hohe Gestalt“; und andrerseits haben die Schädelbefunde aus den Grabstätten der ältesten heroischen Slavenzeiten zum Erstaunen der gesamten gelehrten Welt gezeigt, dass die Slaven aus der Völkerwanderung ebenso ausgesprochene Dolichocephalen (d. h. Langköpfe) und ebenso hochgewachsene Männer waren wie die alten Germanen und wie die Germanen echteren Stammes noch am heutigen Tage.¹) Ausserdem haben Virchow‘s umfassende Untersuchungen über die Farbe des Haares und der Augen zu dem Ergebnis geführt, dass die Slaven von Haus aus ebenso blond waren (resp. in gewissen Gegenden noch sind) wie die Germanen. Ganz abgesehen also von der nur theoretisch und hypothetisch gewonnenen allgemeinen Vorstellung eines indoeuropäischen Menschen, scheint es, dass wir allen Grund haben, den Begriff des Germanen, wie wir ihn von Tacitus überkommen haben und den wir seither, in Folge rein sprachlicher Erwägungen, immer enger gezogen haben, eher im Gegenteil bedeutend weiter zu ziehen. ²)
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    ¹) Vergl. als Zusammenfassung Ranke: Der Mensch, 2. Ausgabe II, 297. Dass es sich etwa bei diesen Gräberfunden lediglich um normännische Waräger handle, ist ausgeschlossen, da die Untersuchungen Material aus den verschiedensten Fundorten umfassen, nicht allein auf russischem, sondern auch auf deutschem Boden.
    ²) Daher stellen unsere Anthropologen den Begriff des Homo europaeus (siehe S. 359), in einem viel genaueren Sinne als Linnaeus das Wort gebraucht hatte, auf; doch ist eine derartige Nomenklatur viel zu abstrakt für den Historiker, der darum auch bisher keine Notiz davon genommen hat. Um in weiten Kreisen Verständnis zu wecken, muss man die vorhandene, allbekannte Terminologie benutzen und sie neuen Bedürfnissen anpassen. Dies geschieht hier durch die Erweiterung der Vorstellung „Germane“, welche sich im ganzen ferneren Verlauf des Werkes Schritt für Schritt bewähren wird; erst hierdurch wird die Geschichte der letzten zwei Jahrtausende, sowie namentlich des 19. Jahrhunderts klar. Dass Kelten, Slaven und Germanen von einer einzigen reingezüchteten Menschenart abstammen, darf heute als völlig gesichertes Ergebnis der Anthropologie und Prähistorie betrachtet werden. (vergl. als letzte Zusammenfassung Dr. G. Beck: Der Urmensch, Basel 1899, S. 46 fg.).

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Der Keltogermane
    Sprechen wir zunächst vom Kelten.
    Durch vorwiegend philologische Erwägungen dazu verleitet, da die keltischen Sprachen angeblich mit den italischen und griechischen näher als mit den germanischen verwandt sein sollen, sind wir daran gewöhnt worden, das so entscheidende physische Moment und das noch entscheidendere moralische hier zu übersehen.¹) Wir schlagen den Kelten zu den Gräcoitalern, während er doch offenbar mit ihnen nur entfernt, mit den Germanen dagegen innig nahe verwandt ist. Mag der gänzlich romanisierte Gallier sich tief von seinem Überwinder, dem Burgunder oder Franken, unterschieden haben, jener ursprüngliche Eroberer Roms, ja, auch der spätere, seit Jahrhunderten schon in Norditalien ansässige Gallier, den Florus noch immer als einen „Übermenschen“ schildert (corpora plus quam humana erant, II, 4) gleicht offenbar physisch dem Germanen; doch nicht allein physisch, denn auch seine Wanderlust, seine Freude am Krieg, die ihn (wie später die Goten) bis nach Asien in den Dienst jedes Herrn führt, der Ihm die Gelegenheit giebt, sich zu schlagen, seine Vorliebe für Gesang..... das Alles sind wesentliche Züge dieser selben Verwandtschaft, während man verlegen wäre, die italo-griechischen Berührungspunkte nachzuweisen. Mit Kelten vermengt, von Kelten geführt, treten die Germanen im engeren, taciteischen Sinne des Wortes zum ersten Mal in die Weltgeschichte ein; ²)
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Dazu kommt noch die historisch bezeugte gegenseitige Durchdringung dieser verschiedenen Stämme. So gelangt z. B. H. d‘Arbois de Jubainville, Professor am Collège de France, in seinem Buche Les Celtes, 1904, zu dem Ergebnis: Il y a probablement en Allemagne plus de sang Gaulois qu‘en France.
    ¹) Schleicher z. B. vereint in seinem berühmten, überall nachgedruckten Stammbaum der indogermanischen Sprachen (vergl. Die deutsche Sprache, 1861, S. 82) die „italo-keltischen Sprachen“ zu einer Gruppe, die sich schon in unvordenklichen Zeiten von der „nordeuropäischen Grundsprache“ getrennt hätte; auch solche abweichende Auffassungen wie die bekannte „Wellentheorie“ Johannes Schmidt‘s fahren fort, den Kelten so darzustellen, als stünde er von allen Indoeuropäern dem Germanen am fernsten.
    ²) Bei dem Zug der Kimbern und Teutonen, 114 Jahre vor Christus.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


das Wort „Germane“ ist ein keltisches. Begegnen wir nicht heute noch jenen hohen Gestalten mit blauen Augen und rötlichem Haar in Nordwestschottland, in Wales u. s. w., und sind sie nicht einem Teutonen ähnlicher als einem Südeuropäer? Sehen wir
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nicht heute noch die Bretonen als tollkühne Seefahrer den alten Normannen es gleichthun? Wie aber dieses wilde kelto-germanische Gemüt vielerorten nach und nach durch die Berührung mit römischer Civilisation verweiblicht (effeminatum) wurde, hat kein Geringerer als Julius Caesar im ersten Absatz des ersten Buches seines Gallischen Krieges gemeldet. ¹)
    Noch auffallender und für meine These noch entscheidender ist die Verwandtschaft der tieferen geistigen Anlagen zwischen Kelten und Germanen, welche uns aus der Geschichte entgegenleuchtet, die Verwandtschaft jener feinen Züge, welche Individualität ausmachen. Glaubt man denn — um gleich sehr tief zu greifen — es sei Zufall, dass Paulus seine Epistel von der Erlösung durch den   G l a u b e n,   von dem Evangelium der   F r e i h e i t   (im Gegensatz zum „knechtischen Joch“ des kirchlichen Gesetzes), von der Bedeutung der Religion als nicht in Werken liegend, sondern in der   W i e d e r g e b u r t   „zu einer neuen Kreatur“, glaubt man, es sei Zufall, dass gerade diese Schrift an die Galater, an jene fast rein keltisch gebliebenen „gallischen Griechen“ Kleinasiens, gerichtet ist, diese Schrift, in welcher man einen Martin Luther zu leicht zu bethörenden, doch für das Verständnis tiefster Mysterien unvergleichlich begabten Deutschen reden zu hören meint?²) Ich für mein Teil glaube nicht, dass bei
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    ¹) Über die physische Identität zwischen Kelten und Germanen hat vor kurzem Professor Gabriel de Mortillet so umfassendes Material zusammengetragen, und zwar sowohl anthropologisches als auch die Zeugnisse der altrömischen Schriftsteller, dass ich mich begnügen kann, auf seine Formation de la nation française, 1897 (S. 114 fg.) zu verweisen. Sein Schlusswort lautet: „La caractéristique des deux groupes est donc exactement la même et s‘applique aussi bien au groupe qui a reçu le nom de Gaulois (mit Kelten synonym, siehe S. 92) qu‘au groupe qui depuis les invasions des Cimbres a pris le nom de Germains“.
    ²) Dass Galatien „eine keltische Insel inmitten der Fluten der

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


derlei Dingen für Zufall Raum sei; ich glaube es hier um so weniger, weil ich sehe, welch‘ andere Sprache der selbe Mann führt, welch‘ endlose Umwege er wandelt, sobald er die gleichen Wahrheiten einer Gemeinde von Juden und von Kindern des Völkerchaos nahelegen will, wie in der Epistel an die Römer. Doch ruht unser Urteil nicht allein auf so hypothetischer Grundlage, auch nicht allein auf der Verwandtschaft zwischen altkeltischer und altgermanischer mythischer Religion, sondern auf der Beobachtung der Verwandtschaft zwischen den geistigen Anlagen überhaupt, für welche die gesamte Kulturgeschichte
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Europas bis zum heutigen Tag den Beweis liefert — überall dort liefert, wo der Kelte noch reines keltisches Blut bewahrt. So sehen wir z. B. aus den unverfälscht keltischen Teilen Irlands in früher Zeit (während des halben Jahrtausends, das von dem Kelten Scotus Erigena bis zu dem Kelten Duns Scotus führt) philosophisch hochbeanlagte Theologen hervorgehen, deren unabhängige Geistesrichtung und kühner Forschungsdrang ihnen Verfolgung seitens der römischen Kirche zuzieht; Im Herzen der Bretagne wird jener bahnbrechende Geist Petrus Abaielardus geboren, und — das merke man wohl — was ihn gleichwie jene auszeichnet, ist durchaus nicht allein das selbständige, nach Freiheit dürstende Denken, sondern vor allem der heilige Ernst seines Lebens, eine durchaus „germanische“ Eigenschaft. Diese kraftstrotzenden keltischen Geister aus früheren Jahrhunderten sind nicht bloss frei, auch nicht bloss fromm, ebensowenig wie der heutige bretonische Seefahrer, sondern sie sind zugleich fromm   u n d   frei, und gerade hierdurch wird das spezifisch „Germanische“ ausgesprochen, wie wir es von Karl dem Grossen und König Alfred bis zu Cromwell und Königin Luise, von den kühnen antirömischen Troubadours und den politisch so unabhängigen Minnesängern bis zu Schiller und Richard Wagner beobachten. Und sehen wir z. B. den soeben genannten Abälard aus tiefer
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OstvöIker“ war, in welcher sogar die keltische Sprache sich jahrhundertelang als Umgangssprache behauptete, bezeugt Mommsen: Römische Geschichte, 3. Auflage, V, 311 fg.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


religiöser Überzeugung gegen den Sündenablass um Geld ankämpfen (Theologia christiana), zu gleicher Zeit die Hellenen in jeder Beziehung weit über die Juden stellen, die Moral ihrer Philosophen als der jüdischen Gesetzesheiligkeit überlegen, Plato‘s Weltanschauung für erhabener als die des Moses erklären, ja, sehen wir ihn sogar (Dialogus inter philosophum, Judaeum et Christianum) die Anerkennung der transscendentalen Idealität der räumlichen Vorstellung dem religiösen Denken zu Grunde legen, so dass nicht durch den Eintritt in einen empirischen Himmel, sondern einzig durch eine innere Umkehr des Gemütes der Mensch unmittelbar vor Gottes Angesicht stehe: müssen wir da nicht erkennen, diese Intelligenz sei nicht allein eine charakteristisch indoeuropäische im Gegensatz zu einer semitischen und zu einer spätrömischen, sondern hier bekunde sich eine Individualität, die in jedem einzelnen jener plis de la pensée (von denen ich im vorigen Kapitel sprach) die spezifisch   g e r m a n i s c h e   Eigenart verrät? Ich sage nicht „deutsche“ Eigenart, sondern germanische, ich rede auch nicht von heute, wo die Differentiation zu der Ausbildung äusserlich sehr scharf unterschiedener nationaler Charaktere geführt hat, sondern von
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einem Manne, der vor bald tausend Jahren lebte; und ich behaupte, dieser Bretone hätte recht gut, was die gesamte Richtung seines Denkens und Fühlens anbetrifft, im Herzen Germaniens geboren sein können. Ein typischer Kelte in der düsteren Leidenschaftlichkeit seines Wesens, ein neuer Tristan in seinem Liebesleben, ist er doch Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem teutonischen Blut; er ist ein Germane. Ebenso Germane wie jene sogenannt „kerndeutsche“ Bevölkerung Schwabens und des Schwarzwaldes, der Heimat Schiller‘s, Mozart‘s und vieler anderer grössten „Deutschen“, welche ihren besonderen Charakter und ihre ungewöhnliche poetische Veranlagung ohne Zweifel der starken Beimischung keltischen Blutes verdankt.¹) Diesen selben Geist Abälard‘s erkennen wir überall am Werke, wo Kelten nach-
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    ¹) Wilhelm Henke: Der Typus des germanischen Menschen (Tübingen, 1895). Ähnlich Treitschke: Politik, I, 279.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


weisbar in grossen Zahlen vorhanden waren, wie in der Heimat der unglücklichen Albigenser im Süden Frankreichs, oder es noch sind, wie in dem Geburtsland der Methodisten, Wales. Ja, wir erkennen ihn auch in der angeblich stockkatholischen Bretagne, denn Katholizismus und Protestantismus sind zunächst blosse Worte; die Religiosität der Bretonen ist echt, in Wahrheit aber ihrer Farbe nach eher „heidnisch“ als christlich; hier lebt uralte Volksreligion unter katholischer Maske fort; ausserdem, wer erblickte nicht in der unentwurzelbaren Königstreue dieses Volkes einen ebenso gemeingermanischen Zug wie in der Kriegslust und Fahnentreue der Iren, die politisch gegen England schüren, zugleich aber drei Viertel der englischen Armee freiwillig stellen und für den fremden König, den sie zu Hause bekämpfen, in fernen Ländern sterben? — Am auffallendsten tritt jedoch ohne Frage die Zusammengehörigkeit zwischen Kelten und Germanen (im engeren Sinne des Wortes) in ihrer   D i c h t u n g   zu Tage. Von Beginn an sind fränkische, deutsche und englische Dichtung mit echt keltischer innig verwoben, nicht etwa, als besässen jene nicht ebenfalls eigene Motive, sie nehmen aber die keltischen als urverwandte auf, denen ein gewisser Anstrich des Fremden, des nicht völlig Verstandenen, weil halb Vergessenen, eher erhöhten Reiz und kostbare Würze verleiht. Die keltische Poesie ist eine unvergleichlich tiefsinnige, an symbolischer Bedeutung unerschöpflich reiche, sie war offenbar an ihrem fernsten Ursprung mit der Seele unserer germanischen Dichtung, der Musik, innig verwoben. Wenn wir unter den Schöpfungen Musterung
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halten, welche bei dem Wiedererwachen des poetischen Triebes, an der Wende des 12. und 13. Jahrhunderts, in allen germanischen Ländern, vor allem aber im Frankenland ins Leben traten, wenn wir auf der einen Seite die Geste de Charlemagne, das Rolandslied, die Berte aus grans piès, Ogier le Danois u. s. w. betrachten, alles selbständige Versuche fränkischer Schaffenskraft, und auf der anderen Seite keltische Poesie wiederaufleben sehen in den Sagen von der Queste du Graal, von Artus‘ Tafelrunde, von Tristan und Isolde, von Parzival u. s. w., so können wir keinen Augenblick in Zweifel sein, wo die tiefere, reichere, echtere,

559 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

poetisch unerschöpfliche Gestaltungs- und Bedeutungsfülle zu finden ist. Und dabei war diese keltische Poesie des 13. Jahrhunderts im Nachteil, da sie nicht in ihrer eigenen Gestalt auftrat, sondern der Flügel des Gesanges beraubt, zum Roman breitgetreten, mit ritterlichen, römischen und christlichen Anschauungen verquickt, ihr echter, dichterischer Kern fast ebenso durch fremdes Beiwerk zugeschüttet wie die nordischen Mythen im deutschen Nibelungenliede. Je weiter wir zurückgreifen können, um so deutlicher erkennen wir — bei allem individuell Trennenden — die innige Verwandtschaft zwischen urkeltischer und urgermanischer dichterischer Anlage; von Stufe zu Stufe geht nach abwärts zu etwas verloren, so dass z. B., trotzdem Gottfried von Strassburg‘s Tristan als vollendetes Dichterwerk die französischen Bearbeitungen des selben Stoffes unfraglich übertrifft, doch mehrere der tiefsten und feinsten Züge, welche dieser unvergleichlichen, poetisch-mythisch-symbolischen Sage zu Grunde liegen, bei ihm fehlen, während der altfranzösische Roman sie besitzt und Chrestien de Troyes sie mindestens noch angedeutet hatte; das Gleiche gilt für Wolfram‘s Parzival¹) Am überzeugendsten und ergreifendsten offenbart sich uns jedoch diese Verwandtschaft, wenn wir gewahr werden, dass in Wahrheit einzig deutsche Musik im Stande war, sowohl die urkeltische wie die urgermanische Poesie in ihrer ursprünglichen Absicht und Bedeutung zu neuem Leben zu erwecken; das lehrten uns die künstlerischen Grossthaten des 19. Jahrhunderts und deckten damit zugleich die innige Zusammengehörigkeit jener beiden Bronnen auf.

472 Der Slavogermane
    Über den echten Slaven lässt sich weniger berichten, da wir verlegen sind, wo wir ihn suchen sollen, und zunächst nur das Eine sicher wissen, dass hier eine Verschiebung des Begriffes stattgefunden hat, in Folge deren das, was man heute für besonders charakteristisch „slavisch“ hält — wie z. B. gedrungene Gestalt, runde Köpfe, hohe Backenknochen, dunkles Haar — ge-
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    ¹) An diesem Orte habe ich mir gestattet, das Ergebnis eigener Studien zu verwerten (vergl. Notes sur Parsifal und Notes sur Tristan in der Revue Wagnérienne, Jahrgang 1886 und 1887).

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


wiss nicht Merkmale des Slaven waren, als dieser in die europäische Geschichte eintrat. Noch heute übrigens ist der blonde Typus im Norden und Osten des europäischen Russland vorherrschend, und auch der Pole unterscheidet sich von den südlichen Slaven durch die Hautfarbe (Virchow). In Bosnien fällt die ungewöhnliche Grösse der Männer, sowie die Häufigkeit des blonden Haares auf; den sogenannten slavischen, ins Mongolische hinüberspielenden Typus habe ich bei einer mehrmonatlichen Reise quer durch dieses Land nicht ein einziges Mal angetroffen, ebensowenig das charakteristische „Kartoffelgesicht“ des tschechischen Bauern; dasselbe gilt von dem herrlichen Stamm der Montenegriner.¹) Trotz des allgemein verbreiteten Vorurteils giebt es also, wie man sieht, noch jetzt physische Anzeichen genug, dass der Germane, als er in die Weltgeschichte eintrat, ausser seinem älteren Bruder im Westen, einen jüngeren, ihm gar nicht so unähnlichen, im Osten besass. Sehr verwickelt und schwierig wird jedoch die Entwirrung des ursprünglich Slavischen durch die offenbare Thatsache, dass dieser Zweig der germanischen Familie sehr früh von anderen Menschenstämmen fast ganz verzehrt wurde, viel früher und gründlicher und auch rätselhafter als die Kelten; doch sollte uns das nicht abhalten, die verwandtschaftlichen Züge zu erkennen und anzuerkennen, sowie auch den Versuch zu unternehmen, sie aus jener fremden Masse auszuscheiden.
    Dazu verhilft hier wiederum vor allem ein Eingreifen in die Tiefen der Seele. Wenn ich nach der einzigen slavischen Sprache,
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    ¹) Dagegen hat die Gestalt des Schädels eine progressive Veränderung erfahren: bei den heutigen Einwohnern Bosniens findet man nicht ganz 1½ Prozent Langköpfe, dagegen 84 Prozent ausgesprochene Rundköpfe, während die ältesten Gräber 29 Prozent Langköpfe und nur 34 Prozent Rundköpfe zeigen, und Gräber aus dem Mittelalter noch 21 Prozent Langköpfe aufweisen (siehe Weisbach: Altbosnische Schädel, in den Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien, 1897). Interessant ist die Bemerkung, dass die Gesichtsbildung, trotz dieser Schädeländerung, doch „leptoprosop“, d. h. länglich geblieben ist.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


von welcher ich eine geringe Kenntnis besitze, der serbischen, urteilen darf, so möchte ich glauben, dass auch hier eine tiefgewurzelte Familienähnlichkeit mit den Kelten und Germanen in der poetischen Anlage nachgewiesen werden könnte. Der Helden-
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cyklus, der jetzt an die grosse Schlacht auf dem Kossovopolje (1383) anschliesst, doch zweifelsohne in seinen poetischen Motiven viel weiter zurückreicht, erinnert durch die bekundete   G e s i n n u n g   — die Treue bis in den Tod, den Heldenmut, die Heldenweiber, sowie die hohe Achtung, welche diese geniessen, die Geringschätzung aller Güter im Vergleich zur persönlichen Ehre — an keltische und an germanische lyrische und epische Poesie. Ich lese in Litteraturgeschichten, derlei Poesien und solche Heldengestalten wie Marco Kraljevich seien aller Volksdichtung gemeinsam: das ist aber nicht wahr und kann nur einem durch Überfülle der Gelehrsamkeit für die Feinheiten der Individualität Blindgewordenen so erscheinen. Rama ist ein wesentlich anders gearteter Held als Achilles und dieser wiederum anders als Siegfried, während dagegen der keltische Tristan in vielen Zügen die unmittelbare Verwandtschaft mit dem deutschen Siegfried verrät, und zwar nicht allein in den Äusserlichkeiten des Ritterromanes (Drachenkampf u. s. w.), die teilweise spätere Zuthat sein mögen, sondern vielmehr in jenen ältesten, volkstümlichsten Gestaltungen, wo Tristan noch ein Hirt ist und Siegfried noch nicht ein Held am burgundischen Hofe: hier gerade sehen wir klar, dass ausser der ungeheuren Kraft, ausser dem Zauber der Unüberwindlichkeit und mehr dergleichen allgemeinsamen Heldenattributen   b e s t i m m t e   I d e a 1 e   der Dichtung zu Grunde liegen; und in diesen, nicht in jenen, spiegelt sich die Eigenart einer Volksseele ab. So hier z. B. bei Tristan und bei Siegfried: die Treue als Grundlage des Ehrbegriffes, die Bedeutung der Jungfräulichkeit, der Sieg im Untergang (mit anderen Worten, die Verlegung des eigentlichen Heldentumes in den inneren Vorgang, nicht in den äusseren Erfolg). Derlei Züge unterscheiden einen Siegfried, einen Tristan, einen Parzival nicht allein von einem semitischen Simson, dessen Heldenkraft in den Haaren liegt, sondern ebenfalls von dem stammverwandten Achilles: den Grie-

562 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

chen ist die Reinheit fremd, die Treue kein Prinzip der Ehre, sondern nur der Liebe (Patroklos), der Held trotzt dem Tode, er überwindet ihn nicht, wie wir das von jenen sagen können. Gerade solche Züge echter Verwandtschaft finde ich in der serbischen Poesie, trotz aller Abweichungen der Form. Schon dass ihr Heldencyklus sich um eine grosse Niederlage, nämlich um die für sie vernichtende Schlacht bei Kossovo, nicht um einen Sieg bildet, ist von grosser Bedeutung; denn die Serben haben Siege genug errungen und waren unter Stephan Duschan ein mächtiger Staat gewesen; hier liegt also ohne Frage eine
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besondere Anlage vor, und wir dürfen mit Sicherheit schliessen, dass die reiche Fülle poetischer Motive, welche alle auf Untergang, auf Tod, auf ewige Trennung der Liebenden gehen, nicht erst nach jener unglückseligen Schlacht, nicht erst unter dem verdummenden Regiment des Mohammedanismus entstand, sondern ein uraltes Erbstück ist, genau so wie der Nibelungen   N o t,  „aller Leid Ende“, und nicht der Nibelungen Glück das deutsche Erbe war, und genau so wie keltische und fränkische Dichter hundert berühmte Sieger bei Seite liessen, um sich des obskuren   b e s i e g t e n   Roland zu bemächtigen und an ihm uralte poetische Momente in halbhistorischer Verjüngung wieder aufleben zu lassen. Solche Dinge sind entscheidend. Und ebenso entscheidend ist die besondere Art, wie das Weib bei den Serben geschildert wird, so zart, mutig und keusch, auch die hervorragend grosse Rolle, welche die Dichtungen ihr zuweisen. Hingegen kann nur ein Fachgelehrter entscheiden, ob die beiden Raben, die am Ende der Schlacht bei Kossovo auffliegen, um dem serbischen Volke seinen Untergang zu künden, mit Wodan‘s Raben verwandt sind, oder ob hier ein allgemeines indo-germanisches Motiv vorliegt, ein Überbleibsel der Naturmythen, eine Entlehnung, ein Zufall. Und so in Bezug auf tausend Einzelheiten. Zum Glück liegt aber hier wie überall das wirklich Entscheidende jedem unbefangenen Auge offen. — In der russischen Poesie findet man, wie es scheint, wenig mehr aus alter Zeit, ausser Sagen, Märchen und Liedern; doch auch hier zeigt die Melancholie einerseits und andrerseits das innige Verhältnis zur Natur,

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namentlich zur Tierwelt (Bodenstedt: Poetische Ukraine) Züge, die unverkennbare germanische Eigenart bekunden.
    Es ist nicht meine Absicht, diese Untersuchung noch weiter auszudehnen, der Raum, sowie mein Zweck verbieten es; die Kritik möge die Wahrheit dessen nachweisen, was untrügliches Gefühl jedem poetisch Empfindenden offenbaren wird, das ist ihr Amt. Dagegen muss ich jener zweiten Kundgebung innersten Seelenwesens noch erwähnen, durch welche das germanische Element im Slaven deutlich hervortritt: ich meine die   R e l i g i o n.
    Wohin wir blicken, sehen wir Ernst und Unabhängigkeit in religiösen Dingen die Slaven auszeichnen, namentlich in alter Zeit. Ein hervorstechender Zug dieser Religiosität ist ihr Durchdrungensein von vaterländischen Gefühlen. Schon im 9. Jahrhundert, noch ehe das Schisma zwischen Ost und West unwiderruflich geworden war, sehen wir die Bulgaren behufs dogmatischer Fragen mit Rom und mit Konstantinopel gleich freundlich ver
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kehren; was sie fordern, ist einzig die Anerkennung ihrer kirchlichen Unabhängigkeit: Rom verweigert dies, Byzanz giebt es zu; und so entsteht in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts die   e r s t e   ihrer Verfassung nach unabhängige christliche Kirche.¹) Die ungeheure Wichtigkeit eines derartigen Vorganges dürfte Jedem sofort ersichtlich sein. Michael von Bulgarien war es durchaus nicht um Glaubensdifferenzen zu thun; er war Christ und bereit, Alles zu glauben, was die Priester als christliche Wahrheit verkündeten; für ihn handelte es sich lediglich um eine Verfassungsfrage: seine bulgarische Kirche wollte er von einem eigenen bulgarischen Patriarchen in vollkommener Unabhängigkeit verwaltet wissen, kein Kirchenoberhaupt in Rom oder Byzanz sollte sich darein mischen. Was Manchem eine bloss administrative Frage dünken möchte, ist in Wahrheit die Erhebung des germanischen Geistes der freien Individualität gegen die letzte Verkörperung des aus dem Völkerchaos geborenen und die politischen Interessen des antinationalen, antiindividuellen, nivellierenden Prinzips vertretenden Imperiums. Dies ist nicht der Augen-
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    ¹) Vergl. Hergenröther: Photius II, 614.

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blick, um näher auf diesen Gegenstand einzugehen, das kann erst in den zwei folgenden Kapiteln geschehen; doch wenn man dem selben Vorgang aller Orten unter den Slaven begegnet, so wird man seine symptomatische Bedeutung für die Beurteilung ihres ursprünglichen Charakters nicht leugnen können. Kaum waren z. B. die Serben zu einem Reich konstituiert, so schufen sie sich eine autonome Kirche, und der grosse Zar Stephan Duschan verteidigte seinen Patriarchen gegen die oberherrlichen Prätentionen der byzantinischen Kirche und erzwang seine rechtliche Anerkennung. Auch hier keine Glaubenssache; denn damals (Mitte des 14. Jahrhunderts) war das Schisma zwischen Rom und Konstantinopel eine längst vollendete Thatsache, und die Serben waren schon, wie noch heute, fanatische Griechisch-Orthodoxe; doch wie die Bulgaren die Einmengung Roms, so wiesen die Serben die Einmengung Konstantinopels zurück. Das Prinzip ist das selbe: die Wahrung der Nationalität. Die russische Kirche hat sich allerdings viel langsamer, sogar erst lange nach der Zerstörung des byzantinischen Reiches freigemacht; doch kann gerade Russland nur in einem sehr bedingten, ungermanischen Sinne ein slavisches Land geheissen werden, und heute besitzt es ja doch, neben England, allein von alten grösseren Nationen Europas eine durchaus nationale, autokephale Kirche. Besonders
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auffallend ist ferner in dieser Beziehung die Thatsache, dass unter allen Christen einzig die Slaven (mit Ausnahme der dem deutschen Einfluss unterlegenen Tschechen) niemals den Gottesdienst in einer anderen als Ihrer heimatlichen Sprache geduldet haben! Schon die grossen „Slavenapostel“ Cyrillus und Methodius hatten ihre Not hiermit; von den deutschen Prälaten, die an den „drei heiligen Sprachen“ (griechisch, lateinisch, hebräisch) festhielten, verfolgt, dem römischen Papste als Ketzer denunziert, wussten sie dennoch diesen Punkt als ein besonderes Recht durchzusetzen: auch die streng römisch-katholischen Slaven hatten alle ihre slavische Messe, und noch in den letzten Jahrzehnten des 19. Säculums gelang es Rom nicht, den Dalmatinern dieses Vorrecht zu entreissen. — Das Alles bildet jedoch nur die eine Seite slavischer Religiosität, die äussere (wenn auch

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nicht äusserliche); die andere ist noch auffallender. Auch in Russland, dort, wo die Bevölkerung den grössten echtslavischen Prozentsatz aufweist (in Kleinrussland nämlich, in der vorhin genannten Heimat der schönsten Dichtungen), bekundet sich noch heute durch die unaufhörliche Sektenbildung ein ähnliches intensives, inneres Religionsleben wie in Württemberg und in Skandinavien. Die Verwandtschaft ist auffallend. Dagegen existiert in den sog. „lateinischen“ Ländern auch nicht eine Spur davon. In solchen Dingen spiegelt sich die innerste Seelenbeschaffenheit. Und auch hier handelt es sich um eine dauernde Eigenschaft, welche trotz aller Blutmischungen in allen Jahrhunderten sich kundthat. Schon die ungeheure Mühe, die es kostete, die Slaven zum Christentum zu bekehren, bezeugt ihre tiefe Religiosität: Italer und Gallier hat man am leichtesten, Sachsen schon nur mit dem Schwert, die Slaven erst im Laufe langer Zeiten und durch furchtbare Grausamkeiten von dem Glauben ihrer Väter abgebracht.¹) Die berüchtigten Heidenhetzen dauerten ja bis an das Jahrhundert von Gutenberg. Besonders bezeichnend ist hier wieder das Verhalten jener sehr echten, physisch noch heute wenig verfälschten Slaven in Bosnien und der Herzegowina. Früh schon nahm der führende Teil der Nation die Lehren Bogumil‘s an (denen der Katharer oder Patarener verwandt), d. h. sie verwarfen alles Jüdische im Christentum und behielten neben dem Neuen Testament einzig die Propheten und die Psalmen, sie erkannten auch keine Sakramente und vor Allem keinerlei
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Priesterherrschaft an. Zu gleicher Zeit von zwei Seiten unaufhörlich bekämpft und bedrückt und zertreten — von den orthodoxen Serben und von den stets jedem Wink des römischen Papstes gehorsamen Ungarn — die blutigen Opfer also eines ununterbrochenen zwiefachen Kreuzzuges, hielt dieses kleine Volk an seinem Glauben durch Jahrhunderte fest; die Gräber seiner
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    ¹) Wie schwer es wurde, die Wenden und die Polen zum Christentum zu bekehren, kann man im ersten Abschnitt des sechsten Bandes von Neander‘s Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche lesen.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


bogumilischen Helden zieren noch heute die Bergesspitzen, wohin die Leichen, der zu befürchtenden Schändung wegen, hinaufgetragen wurden. Erst der Mohammedaner hat durch erzwungene Bekehrungen mit dieser Sekte aufgeräumt. Der selbe Geist, der hier auf einem abgelegenen Fleck Erde ein mutiges, doch unwissendes Volk belebte, trug an anderen Orten reichere Früchte, wobei der slavische Zweig sich ebenso hervorthat wie die anderen aus der germanischen Verwandtschaft.

Die Reformation
    Das wichtigste geschichtliche Ereignis unserer neunzehn Jahrhunderte ist ohne Frage die sogenannte „Reformation“; ihr liegt ein doppeltes Prinzip zu Grunde, ein nationales und ein religiöses: beiden gemeinsam ist die Lossagung vom fremden Joch, das Abschütteln jener „toten Hand“ des längst gestorbenen römischen Imperiums, welches nicht allein über Güter und Gelder, sondern über Denken und Fühlen und Glauben und Hoffen der Menschen sich ausbreitete. Nirgends bewährt sich die organische Einheit des Slavokeltogermanentums überzeugender als in dieser instinktiven Auflehnung gegen Rom. Um diese Bewegung vom Standpunkt der Völkerpsychologie aus zu begreifen, darf man zunächst keinerlei dogmatischen Glaubensstreitigkeiten Aufmerksamkeit schenken; nicht was man über die Natur des Abendmahls für wahr hält, ist entscheidend, sondern es stehen sich hier lediglich zwei sich direkt widersprechende Prinzipien gegenüber:   F r e i h e i t   und   U n f r e i h e i t.   Der grösste Reformator fährt, nachdem er ausgeführt hat, es handle sich für ihn nicht um politische Rechte, fort: „aber im Geist und Gewissen sind wir die Allerfreiesten von aller Knechtschaft: da glauben wir Niemand, da vertrauen wir Niemand, da fürchten wir Niemand, ohne allein Christum.“ Das bedeutet aber eine Lossagung zugleich des Individuums und der Nation. Und wenn wir so gelernt haben, die „Reformation“ nicht als eine rein kirchliche Angelegenheit, sondern als eine Empörung des ganzen Wesens gegen Fremdherrschaft, als eine Empörung der germanischen Seele gegen ungermanische Seelentyrannei zu erkennen, so werden wir zugeben müssen, dass die „Reform“ begann, sobald Germanen durch Bildung und Musse zum Bewusstsein erwacht waren, und dass

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sie noch heute fortfährt.¹) Scotus Erigena (im 9. Jahrhundert) ist ein Reformator, da er sich weigert, sich den Befehlen Roms zu fügen, und lieber durch den Dolch der Mörder stirbt, als dass er ein Jota seiner „Geistes- und Gewissensfreiheit“ aufgäbe; Abälard ist im 11. Jahrhundert ein Reformator, da er bei aller Rechtgläubigkeit sich die Freiheit seiner religiösen Vorstellungen nicht rauben lässt und ausserdem die Verwaltung der römischen Kirche, den Sündenablass u. s. w. angreift; ebenso sind aber solche Leuchten der katholischen Kirche wie Döllinger und Reusch im 19. Jahrhundert Reformatoren; keine einzige dogmatische Frage schied sie von Rom, ausser der einen: Freiheit. In dieser folgenschweren Bewegung thaten sich nun, neben den Germanen im engeren Sinne des Wortes, nicht allein die Kelten hervor, sondern ebenfalls die Slaven. Was ich im letzten Absatz meldete: wie sie die fremde Einmengung in ihre Kirchenverwaltung abwiesen, und wie sie ihre Muttersprache als ihr heiligstes Erbgut hochhielten, gehört ja schon hierher, beides ist die Verleugnung der notwendigen Prinzipien Roms. Doch diese Bestrebungen hatten tiefere Wurzeln; im innersten Herzen handelte es sich um Religion, nicht lediglich um Nation. Und sobald die Reformation festen Fuss gefasst hatte — was zuerst im fernen England geschah — da strömten die slavischen Katholiken nach Oxford hin, angezogen durch eine offenbare Blutsverwandtschaft der heiligsten Gefühle. Ganz gewiss wäre die Reformation ohne den einen einzigen Martin Luther nicht das geworden, was sie geworden ist — unsere modernsten Historiker mögen sagen, was sie wollen, die Natur kennt keine grössere Kraft als die eines gewaltig grossen Mannes — doch der Boden, auf dem dieser deutsche Mann zu voller Kraft aufwachsen konnte, die Umgebung, in der er die belebende Luft zu seinem Kampfe fand, sie waren in allererster Reihe das Werk Böhmens und Englands.²) Schon hundert
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    ¹) Der Anthropolog Lapouge sagt in seiner rein naturwissenschaftlichen Definition, des Homo europaeus: „en religion il est protestant.“ Siehe Dépopulation de la France, p. 79.
    ²) Luther schreibt denn auch an Spalatin (Februar 1520):

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Jahre vor Luthers Geburt war In England jeder dritte Mann ein Antipapist¹) und war Wyclif's Übersetzung der Bibel im ganzen Lande verbreitet. Böhmen blieb nicht zurück; bereits im 13. Jahrhundert wurde das Neue Testament in tschechischer Sprache gelesen, und zu Beginn des 15. Jahrhunderts revidierte Hus die
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vollständige Bibel in der Volkssprache. Doch die lebendigste Anregung war von Wyclif ausgegangen; er erst öffnete den Slaven die Augen für die evangelische Wahrheit, so dass Hieronymus von Prag von ihm sagen durfte: „Bisher hat man die Schale gehabt, erst Wyclif hat den Kern aufgedeckt.“²) Man macht sich ein durchaus falsches Bild von der slavischen Reformationsbewegung, wenn man sein Augenmerk vornehmlich auf Hus und die hussitischen Kriege wirft; das Vorwalten der politischen Kombinationen, sowie des Hasses zwischen Tschechen und Deutschen, verwirrte von da an die Gemüter und verdunkelte das reine Streben welches vorerst so hell geglänzt hatte. Schon hundert Jahre vor Hus lebte jener Milič, der, selber ein rechtgläubiger Katholik und allen Grübeleien über Dogmatik in Folge seines auf praktische Seelsorge gerichteten Sinnes überhaupt abhold, den Ausdruck   A n t i c h r i s t   für die römische Kirche erfand; im Kerker zu Rom schrieb er seinen Traktat De Antichristo, worin er ausführt, der Antichrist werde nicht erst in Zukunft kommen, er sei schon da, er häufe „geistliche“ Reichtümer, er kaufe Präbenden, er verkaufe Sakramente. Von Mathias von Janow wird dieser Gedanke dann weiter ausgeführt und die eigentliche theologische Reformation angebahnt; freilich eifert er für die eine heilige Kirche, diese müsse aber von Grund aus gereinigt und neu aufgerichtet werden: „Es bleibt uns nun allein noch übrig, die   R e f o r m a t i o n   durch die Zerstörung des Antichrist selbst zu wünschen; erheben wir unsere Häupter, denn
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„Vide monstra, quaeso, in quae venimus sine duce et doctore Bohemico.“
    ¹) Fremantle: John Wyclif in dem Band Prophets of the Christian Faith, p. 106.
    ²) Neander: IX, 314.

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schon ist die Erlösung nahe!“ (1389.) Auf ihn folgen Stanislaus von Znaim, welcher die 45 Sätze Wyclif‘s vor der Universität Prags verteidigt, Hus, der das „Apostolische“ vom „Päpstlichen“ scharf scheidet und erklärt, dem ersteren werde er gehorchen, dem Päpstlichen jedoch nur, insofern es mit dem Apostolischen übereinstimme, Nikolaus von Welenowič, der die Stellung der Priester als privilegierter Heilsvermittler leugnet, Hieronymus, jener herrliche Ritter und Märtyrer, der selbst einem Gleichgültigen, dem mehr um hellenische Litteratur als um Christentum besorgten, hauptsächlich als Sammler und Herausgeber obscöner Anekdoten berühmten Poggio, päpstlichem Sekretär, die Worte entriss: „O welcher Mann, der ewiges Andenken verdient!“ Und viele Andere. Man sieht, hier liegt nicht die That eines einzelnen, vielleicht erratischen Geistes vor; es spricht im Gegenteil eine Volksseele, Alles wenigstens, was in dieser Volksseele
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echt und edel war. Wie es diesem edlen Teil erging, wie er von der Erdoberfläche vertilgt wurde, ist bekannt. Der Papst und die römischen Bischöfe hatten das internationale Söldnerheer bezahlt, von dem er den Todesstoss am Weissen Berge empfing.¹) Es handelt sich auch nicht etwa um eine tschechische Idiosynkrasie; die anderen katholischen Slaven verhielten sich genau ebenso. So z. B. wurden auf der ersten polnischen Druckpresse die Kirchenlieder Wyclif‘s gedruckt; auf das Tridentiner Konzil entsandte Polen so ausgesprochen protestantisch gesinnte Bischöfe, dass der Papst sie beim König als unbedingte Häretiker verklagte. Doch der polnische Reichstag liess sich auch hierdurch nicht einschüchtern: er forderte vom König eine vollkommene Reorganisation der polnischen Kirche unter   e i n z i g e r   Z u g r u n d e l e g u n g   d e r   h e i l i g e n   S c h r i f t e n.   Zugleich forderte er — mirabile dictu! — die „Gleichberechtigung aller Sekten“. Der Adel Polens und die gesamte geistige Aristokratie waren Protestanten. Doch die bald eingetretenen politischen Wirrnisse benutzten die Jesuiten, von Österreich und Frankreich unterstützt, um festen Fuss im Lande zu fassen; „blutig und schnell“, wie
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    ¹) Döllinger: Das Haus Wittelsbach. Akad. Vorträge I, 38.

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Canisius es verlangt hatte, ging es freilich nicht, doch immer härter wurden die Protestanten verfolgt, zuletzt verbannt; mit der Religion sank auch die polnische Nation dahin. ¹)
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    Da diese Dinge nicht einem Jeden gegenwärtig sind, habe ich mit einiger Ausführlichkeit darauf Nachdruck legen müssen, genügend, hoffe ich, um der Überzeugung von einer ursprünglichen, innigen Verwandtschaft zwischen dem echten Germanen, dem echten Kelten und dem echten Slaven Bahn zu brechen. Hier
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    ¹) Man lese das höchst interessante Werk des Grafen Valerian Krasinski: Geschichte des Ursprungs, Fortschritts und Verfalls der Reformation in Polen, Leipzig, 1841. Nirgends vielleicht findet man ein so vollständiges, reiches, überzeugendes, abgerundetes Material wie in Polen, um zu sehen, wie religiöse Unduldsamkeit und namentlich der Einfluss der Jesuiten ein blühendes Land, auf jedem geistigen und industriellen Gebiet einer glänzenden Zukunft entgegenreifend, vollständig zu Grunde richtet. Wie die Polen schon lange vor Luther zu Rom standen, geht am besten aus der Rede hervor, die Johann Ostrorog in der Ständeversammlung des Jahres 1459 hielt, in welcher er u. a. ausführte: „Es ist nichts dagegen einzuwenden, dieses Königreich dem Papste als ein katholisches Land zu empfehlen, es ziemt sich aber nicht, ihm einen unbeschränkten Gehorsam zu verheissen. Der König von Polen ist niemand unterworfen, und nur Gott steht über ihm; er ist nicht Roms Unterthan — — u. s w.“; dann geisselt der Redner die schamlose Simonie des päpstlichen Stuhles, den Ablasskram, die Geldgier der Priester und Mönche (a. a. O., S. 36 fg.). Diese ganze polnische Bewegung ist, wie die böhmische, durch einen frischen Zug des unabhängigen Nationalitätenbewusstseins, bei gleichzeitiger Geringschätzung dogmatischer Fragen (die Polen waren nicht einmal Utraquisten), ausgezeichnet; und (ebenfalls wie in Böhmen) geborene   D e u t s c h e   sind es, die   f ü r   Rom und gegen religiöse und politische Freiheit streiten und den Sieg erringen. Hosen (Kardinal Hosius) — der Mann, der dem Kardinal de Guise ein Glückwunschschreiben zur Ermordung des Admirals Coligny sendet und der „dem Allmächtigen für das grosse Geschenk, das Frankreich durch die Bartholomäusnacht erhalten hat, dankt und betet, dass Gott auch Polen mit gleicher Barmherzigkeit ansehen möge“ — dieser selbe Hosen steht an der Spitze der antinationalen Reaktion, er führt die Jesuiten ins Land ein, er verbietet das Lesen der heiligen Schrift, er lehrt, der Unterthan habe dem Fürsten gegenüber gar keine Rechte u. s. w. Wenn ein solcher ein   G e r m a n e   ist, jene Vorkämpfer für Freiheit nicht, dann ist dieser Name lediglich eine schimpfliche Bezeichnung.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


giebt es, im Augenblick wo diese Völker in die Geschichte eintreten, nicht   d r e i   ethnische Seelen nebeneinander, sondern nur eine einzig; einheitliche. Mögen die Kelten sich an vielen Orten (doch, wie wir sahen, nicht überall) durch die Aufnahme von Virchow‘s hypothetischen „Präkelten“ und von Elementen aus dem lateinischen Völkerchaos physisch so verändert haben, dass man heute allgemein unter „keltisch“ den Gegenpart des ursprünglichen keltischen Typus versteht; mag ein ähnliches Schicksal die grossen blonden normannenähnlichen Slaven in vielleicht noch bedauerlicherem Masse ereilt haben: wir sahen doch durch die Jahrhunderte hindurch jenen unterschiedlichen, durchaus individuellen Geist am Werke, den ich ohne Zaudern den   g e r m a n i s c h e n   nenne, weil der echte Germane (im gewöhnlichen, beschränkteren Sinne des Wortes) trotz aller Bastardierungen, die ein grosser Teil seiner Söhne einging, ihn doch bei weitem am reinsten und daher am mächtigsten bewahrte. Es handelt sich hier nicht um müssige Wortklauberei, sondern um historische Einsicht im weitesten Sinne; es fällt mir auch nicht ein, dem eigentlichen Germanen, oder gar dem Deutschen, Thaten zu vindizieren, die er nicht vollbrachte, oder Ruhm zu schenken, der Anderen zukommt. Im Gegenteil, ich möchte das lebendige Gefühl der grossen nordischen Brüderschaft wachrufen, und zwar ohne mich irgend welchen anthropogenetischen oder prähistorischen Hypothesen zu verdingen, sondern indem ich mich auf das stütze, was allen Augen offen liegt. Ja, nicht einmal die Blutsverwandtschaft postuliere ich; zwar glaube ich an sie, doch bin ich mir der ungeheuren Verwickeltheit dieses Problemes zu wohl
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bewusst, ich sehe zu deutlich ein, dass der wahre Fortschritt der Wissenschaft hier vornehmlich in der Aufdeckung unserer unbeschränkten Ignoranz und der Unzulänglichkeit aller bisherigen Hypothesen bestanden hat, als dass ich die geringste Lust verspürte, jetzt, wo jeder echte Gelehrte zu schweigen beginnt, nun meinerseits mit dem Aufbauen neuer Luftschlösser fortzufahren. „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist“, wie Goethe sagt. Inzwischen trafen wir verwandten Geist, verwandte Gesinnung, verwandte Körperbil-

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dung an: das darf uns genügen. Wir halten ein bestimmtes Etwas in der Hand, und da dieses Etwas nicht eine Definition ist, sondern aus lebendigen Menschen besteht, so weise ich auf diese Menschen hin, auf die echten Kelten, Germanen und Slaven, damit man erfahre, was das Germanische sei.

Beschränkung des Begriffes
    Hiermit hätte ich nun gezeigt, was unter der notwendigen Erweiterung des Begriffes „Germane“ zu verstehen ist; worin besteht aber die ebenfalls als notwendig von mir bezeichnete   B e s c h r ä n k u n g ?   Auch hier wird die Antwort eine zwiefache sein, auf physische Eigenschaften einerseits und auf geistige andrerseits sich beziehend; im Grunde genommen sind dies aber lediglich verschiedene Erscheinungen des selben Dinges.
    Das physische Moment darf nicht unterschätzt werden; es wäre vielleicht schwer, so weit zu gehen, dass man es überschätzte. Warum, das habe ich in der Abhandlung über die Rassenfrage im vorletzten Kapitel darzuthun versucht; ausserdem gehört diese Erkenntnis zu jenen, welche schon der blosse Instinkt, der dünnste Seidenfaden des Zusammenhanges mit dem Gewebe der Natur unmittelbar empfinden lässt, auch ohne gelehrte Beweise. Denn wie die Ungleichheit der menschlichen Individuen auf ihren Physiognomien, so ist die Ungleichheit der menschlichen Rassen in ihrem Knochenbau, in ihrer Hautfarbe, in ihrer Muskulatur, in den Verhältnissen ihres Schädels zu lesen; vielleicht giebt es keine einzige anatomische Thatsache des Körpers, auf welche die Rasse nicht ihren besonderen, unterscheidenden Stempel gedrückt hätte. Man weiss es ja, selbst die Nase, dieses bei uns Menschen zu so frostiger Unbeweglichkeit erstarrte Organ, welches, nach gewissen Schülern Darwin‘s, einer noch weiter reichenden Monumentalisierung durch gänzliche Verknöcherung entgegengeht, selbst die Nase, in dem Städteleben unserer Zeit eher eine Vermittlerin von Qualen als von Freuden, eine bloss lästige Zugabe, steht von der Wiege bis zum Grabe im Mittelpunkte unseres Antlitzes als Zeugin unserer
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Rasse! Wir müssen also zunächst mit allem Nachdruck betonen, dass diese Nordeuropäer¹) — die Kelten, Germanen und Slaven
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    ¹) In neuester Zeit befestigt sich immer mehr bei den Ge-

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— als physisch unter den Indoeuropäern unterschiedene, in ihrem Körperbau von den Südeuropäern abweichende, „nur sich selbst gleichende“ Menschen auftraten, woraus sich aber eine erste Beschränkung ohne weiteres ergiebt: dass nämlich, wer diese physischen Merkmale nicht besitzt, und sei er noch so sehr im Herzen Germaniens geboren und rede von Kindheit auf eine germanische Sprache, doch nicht als ein Germane zu betrachten ist. Die Bedeutung dieses physischen Momentes lässt sich leichter an grossen Volkserscheinungen als am Individuum nachweisen, denn es kann vorkommen, dass ein ungewöhnlich begabter Einzelner sich eine fremde Kultur aneignet und dann, gerade in Folge seiner innerlich abweichenden Eigenart, Neues und Erspriessliches zu Stande bringt; dagegen wird der besondere Wert der Rasse klar, sobald es sich um Gesamtleistungen handelt, was ich dem deutschen Leser gleich zu Herzen führe, wenn ich ihm in den Worten eines anerkannten Fachmannes mitteile, dass „die bevorzugten grossen Staatsmänner und Heerführer der Gründungszeit des neuen Reiches meist   v o n   d e r   r e i n s t e n   g e r m a n i s c h e n   A b s t a m m u n g   s i n d,“   genau ebenso wie „die wetterfesten Seefahrer der Nordseeküste und die kühnen Gemsenjäger der Alpen“.¹) Das sind Thatsachen, über die man viel und lange nachdenken sollte. In ihrer Gegenwart schrumpfen die bekannten Phrasen der Herren Naturforscher, Parlamentsredner u. s. w. über die Gleichheit der Menschenrassen²) zu einem so unsinnigen Gewäsch zusammen, dass man sich fast schämt, je auch nur mit einem einzigen Ohre auf sie hingehört zu haben. Sie lehren auch einsehen, in welchem genau bedingten Sinne das bekannte Wort jenes echt germanischen Mannes, Paul de Lagarde, Geltung beanspruchen darf: „Das Deutschtum liegt nicht
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lehrten die Überzeugung, dass die Germanen nicht aus Asien eingewandert sind, sondern seit undenklichen Zeiten in Europa daheim waren. (Siehe u. A. Wilser: Stammbaum der arischen Völker, 1889 (Naturw. Wochensch.), Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte, 2. Auflage, 1890, Taylor: The Origin of the Aryans, 1890, Beck: Der Urmensch, 1899, u. s w.).
    ¹) Henke: Der Typus des germanischen Menschen, S. 33.
    ²) Siehe S. 264 fg., 374 Anm. 2, 493.

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im Geblüte, sondern im Gemüte.“ Beim Einzelnen, ja, da mag das Gemüt das Geblüt beherrschen, hier siegt die Idee, doch bei einer grossen Menge nicht. Und um die Bedeutung des Physischen, sowie die Beschränkung, die es mit sich führt, zu er-
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messen, bedenke man ferner, dass das, was man „die germanische Idee“ nennen kann, ein unendlich zartgebauter, reichgegliederter Organismus ist. Man braucht ja nur zum Vergleich auf die jüdische hinzusehen, diese enfance de l‘art, deren ganze Kunst darin besteht, die menschliche Seele so zusammenzuschnüren, wie die chinesischen Damen ihre Füsse, nur dass diese Damen sich dann nicht mehr rühren können, wogegen eine halberdrosselte Seele sich leichter trägt und dem geschäftigen Körper weniger Umstände verursacht als eine vollentwickelte, traumbeladene. In Folge dessen ist es verhältnismässig leicht, „Jude zu werden“, dagegen fast bis zur Unmöglichkeit schwer, „Germane zu werden“. Gewiss liegt das Germanentum im Gemüte; wer sich als Germane bewährt, ist, stamme er, woher er wolle, Germane; hier wie überall thront die Macht der Idee; doch man hüte sich, einem wahren Prinzip zu Liebe, den Zusammenhang der Naturerscheinungen zu übersehen. Je reicher das Gemüt, um so vielseitiger und fester hängt es mit dem Unterbau eines bestimmt gearteten Geblüts zusammen. Es ist evident und braucht nicht erst erwiesen zu werden, dass bei der Entfaltung menschlicher Anlagen, je weiter, je eigenartiger diese Entwickelung gediehen ist, um so höher die Differenzierung im physischen Substratum unseres geistigen Lebens fortgeschritten sein muss, wobei das Gewebe zugleich um so zarter wird. So sahen wir denn auch im vorigen Kapitel, wie der edle Amoriter aus der Welt verschwand: in Folge von Vermischung mit unverwandten Rassen wurde seine Physiognomie wie weggewischt, seine gigantische Gestalt schrumpfte zusammen, sein Geist entflog; wogegen der simple Homo syriacus heute der selbe ist wie vor Jahrtausenden und der bastardierte Semit sich aus der Mischung zu seiner dauernden Zufriedenheit als „Jude“ herauskrystallisiert hat. Ähnlich ging‘s allerorten. Welch‘ ein herrliches Volk war nicht das spanische! Den Westgoten war während Jahrhunderte die

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Ehe mit „Römern“ (wie man die übrigen Bewohner nannte) unbedingt verboten, woraus ein Gefühl von Rassenadel sich entwickelte, welches auch später, als von oben her die Verschmelzung der Völker mit Gewalt betrieben wurde, diese Verschmelzung lange hintanhielt; doch nach und nach wurden immer tiefere Breschen in den Damm gebrochen, und bei der dann erfolgten Vermischung mit Iberern, mit den zahlreichen Überresten des römischen Völkerchaos, mit Afrikanern verschiedenster Provenienz, mit Arabern und Juden, verlor sich das, was die Germanen gebracht hatten: die Kriegstüchtigkeit, die bedingungslose Treue
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(siehe Calderon!), das hohe religiöse Ideal, die organisatorische Befähigung, die reiche schöpferische Künstlerkraft; was dann übrig blieb, als das germanische „Geblüt“, als das physische Substratum vertilgt war, sehen wir heute.¹) Seien wir darum nicht zu schnell bei der Hand mit der Behauptung, das Germanentum liege nicht im Geblüte; es liegt doch darin; nicht in dem Sinne, dass dieses Geblüt germanische Gesinnung und Befähigung verbürge, doch aber, dass es sie ermögliche.
    Diese Beschränkung ist also zunächst eine sehr klare: Germane ist der Regel nach nur, wer von Germanen abstammt.
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    ¹) Vergl. Savigny‘s Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Bd. I, Kap. 3 und 5. Diese Reinhaltung der germanischen Rasse durch Jahrhunderte hindurch, mitten unter einer minderwertigen Bevölkerung, fand nicht allein in Spanien statt, auch in Oberitalien lebten Germanen nach getrenntem Recht bis ins 14. Jahrhundert, worüber Näheres weiter unten und im 9. Kapitel. Bei Gelegenheit einer Kritik dieser Grundlagen schreibt Prof. Dr. Paul Barth in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Jahrgang 1901, S. 75: „Noch mehr als er es thut, hätte Chamberlain auf die Wirkung des semitischen Blutes, die sich bei den Spaniern offenbart, hinweisen können. Durch den semitischen Zusatz sind die Spanier fanatisch geworden, haben sie jeden Begriff ins äusserste Extrem ausgebildet, so dass er seinen vernünftigen Sinn verliert: die religiöse Hingebung bis zum „Kadavergehorsam“ gegen die Befehle des Oberen, die Höflichkeit bis zur peinlichen, ceremoniellen Etiquette, die Ehre zur wahnwitzigsten Empfindlichkeit, den Stolz zu lächerlicher Grandezza, so dass   s p a n i s c h   bei uns im Volksgebrauch fast gleichbedeutend mit   u n v e r n ü n f t i g   geworden ist.“

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    Doch muss ich gleich darauf aufmerksam machen, wie notwendig die vorangehende Erweiterung des Begriffes war, damit diese Beschränkung mit Verstand zur Anwendung komme. Sonst stellen sich solche lustige Folgerungen ein, denen selbst Henke in der oben angeführten Broschüre nicht ausweichen kann, wie dass Luther kein echter germanischer Mann war, und dass die Schwaben, die mit Recht in der ganzen Welt als hervorragende Vertreter des unverfälschten Germanentums gelten, ebenfalls nicht echte Germanen sind! Ein Mann, dessen Abstammung und dessen Gesichtsbildung ihn als das Ergebnis einer Mischung zwischen echtdeutschem und echtslavischem Blut bezeugen, wie dies Henke von Luther nachweist, ist ein echter germanischer Mann, aus glücklichster Mischung hervorgegangen, und ein Gleiches gilt von dem Volk der Schwaben, bei denen, wie ebenfalls Henke darthut, eine innige Vermengung von Kelten und Deutschen stattgefunden, welche zu reicher poetischer Begabung und ausnehmender Charakterfestigkeit führte. Über die hohen Vorteile der Kreuzungen zwischen nahe verwandten Völkern berichtete ich im vierten Kapitel (S. 279—283); bei den germanischen Völkern bewährte sich dieses Gesetz überall: bei den Franzosen, wo die mannigfachsten Kreuzungen germanischer Typen zu einer Überfülle reicher Talente führte, und wo noch heute, in Folge des Vorhandenseins vieler Centren verschiedenartigster Rassenreinkulturen, reiches Leben sich kundthut, bei den Engländern, den Sachsen, den Preussen u. s. w.   Treitschke macht darauf aufmerksam, dass die „staatsbildende Kraft Deutschlands“   n i e   in
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den ungemischt deutschen Stämmen gelegen habe. „Die eigentlichen Kulturträger und Bahnbrecher in Deutschland waren im Mittelalter das süddeutsche Volk, das keltisch gemischt ist; in der neueren Geschichte die slavisch gemischten Norddeutschen.“¹) Diese Ergebnisse sind zugleich ein Beweis für die enge verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit der Nordeuropäer, jenes Menschentypus, den man mit Lapouge-Linnaeus den Homo europaeus nennen kann, noch besser und einfacher aber den   G e r m a n e n.
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    ¹) Politik, I, 279.

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Jetzt, und jetzt erst, lernen wir in Bezug auf uns selber zwischen Kreuzung und Kreuzung unterscheiden. Durch Kreuzungen untereinander erleiden Germanen an ihrem Wesen keinen Eintrag, im Gegenteil, dagegen richten sie es durch Kreuzungen mit anderen nach und nach zu Grunde.

Das blonde Haar
    Leider ist diese Beschränkung aber, so klar in der allgemeinen Definition, doch sehr schwer im Einzelnen durchzuführen. Denn man wird fragen: an welchen physischen Merkmalen erkennt man den Germanen? Ist z. B. wirklich die Blondheit ein charakteristisches Merkmal aller Germanen? Es scheint dies ein Grunddogma zu bilden, nicht allein für die alten Historiker, sondern auch für die neuesten Anthropologen, und doch sind mir Thatsachen aufgefallen, die es mich stark bezweifeln lassen. Zunächst eine Thatsache, über die man natürlich bei Virchow und seinen Kollegen nicht die geringste Auskunft findet, da das politische Vorurteil ihnen den Blick trübt; ich meine die Häufigkeit der dunklen Farbe bei den Mitgliedern des echtesten altgermanischen   A d e l s.   Sie ist namentlich in England auffallend. Hochgewachsene schlanke Körper, lange Schädel, lange Gesichter, der bekannte Moltketypus mit der grossen Nase und dem scharfgeschnittenen Profil (den auch Henke als den charakteristisch „rein germanischen“ betrachtet), Stammbäume, die bis in die Normannenzeit zurückreichen, kurz, unzweifelhaft echte, physisch und historisch bezeugte Germanen — aber schwarzes Haar. Bei Wellington fallen Eckermann die braunen Augen auf.¹) In Deutschland habe ich das selbe in verschiedenen Familien altadeliger Herkunft bemerkt. Es ist mir ausserdem aufgefallen, dass Dichter aus dem äussersten Norden Deutschlands das dunkle Haar nicht allein beim Adel, sondern auch als für das Volk bezeichnend ziemlich oft anführen; so haben z. B. in Theodor Storm‘s Erzählung Hans und Heinz Kirch jene echten, trotzigen germanischen Seefahrer, Hans und Heinz, beide „schwarzbraune Locken“, und auch von
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einer anderen kecken Gestalt, dem Hasselfritz, heisst es, er habe braune Augen und braunes Haar; diese echtesten Germanen
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    ¹) Gespräche mit Goethe, 16. 2. 1826.

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gleichen also dem Achilles mit seinem „bräunlichen Haupthaar“. Wie oft kommen auch in den Volksliedern „schwarzbraune Augelein“ vor! Auch Burns, der schottische Bauerndichter, schwärmt für die „nut-brown maidens“ seiner Heimat.¹) Als ich nun einmal bei einer Reise in Norwegen nördlich vom 70. Grad zufällig nach einer Inselgruppe verschlagen wurde, wohin sonst kaum je ein Fremder kommt, fand ich zu meinem Erstaunen unter der sonst blonden Fischerbevölkerung einzelne jenem Typus genau entsprechende Gestalten: ausnehmend schön gewachsene Männer mit edlen, imponierenden Vikinger-Physiognomien, dazu fast rabenschwarze Haare. Später begegnete ich diesem Typus im Südosten von Europa, in den deutschen Kolonieen Slavoniens, die, seit Jahrhunderten dort ansässig, ihr Deutschtum inmitten der Slaven makellos rein erhalten haben: die Gestalt, der Moltketypus (oder, wie der Engländer sagt, das Wellingtongesicht) und das schwarze Haar zeichnen diese Leute vor ihrer meist blonden und physiognomisch durchaus unbedeutenden Umgebung aus. Übrigens brauchen wir nicht so weit zu gehen: wir finden diesen Typus als den fast vorherrschenden im deutschen Tirol, von dem Henke sagt, seine Bewohner „stellen den wahren Typus der jetzt lebenden Urgermanen dar“. Dass auch sie meist dunkles, oft schwarzes Haar haben, erklärt allerdings der genannte Gelehrte dadurch, dass „die Sonne sie dunkel gebrannt hat“, und meint dazu, die Farbe sei „die Eigenschaft, die sich am leichtesten mit der Zeit verändert“. Virchow‘s Untersuchungen hatten aber schon längst das Gegenteil erwiesen (siehe S. 369), und wir könnten auf diese Behauptung mit der Frage antworten: warum war David blond? Warum behielten die Juden von den Amoritern eine gewisse Neigung zu rotblondem Haar, weiter nichts? Welche Sonne hat dem englischen Adel und gar erst dem Norweger im fernsten Norden, wo die Sonne monatelang gar nicht gesehen wird, die Haare dunkel gebrannt? Nein, hier liegen gewiss andere Verhältnisse vor, die erst physiologisch werden
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    ¹) Auch Goethe fordert vom Helden „schwarzes Haar“ und „schwarze Augen“.

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aufgeklärt werden müssen, was bisher meines Wissens nicht geschah.¹) Ebenso wie gewisse rote Blumen an bestimmten Standorten, oder auch unter dem Einfluss von Bedingungen, die sich
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der menschlichen Beobachtung entziehen, blau auftreten (bisweilen rot und blau auf demselben Stamme), und ebenfalls schwarze Tiergattungen bekannt sind, die weisse Abarten erzeugen, ebenso ist es durchaus nicht undenkbar, dass das Haarpigment innerhalb eines bestimmten Menschentypus zwar der Regel nach hellgefärbt sein, doch unter Umständen auch dem entgegengesetzten Ende der Farbenskala sich zuneigen kann. Denn das Entscheidende ist hier, dass wir dieses dunkle Haar gerade bei Menschen finden, deren unverfälschtes Germanentum nicht allein in meinem weiteren, sondern in dem engeren taciteischen Sinne des Wortes verbürgt ist und deren ganzes äusseres und inneres Wesen es ausserdem erweist. Doch, sobald man sich weiter umschaut, wird man genau diesen selben Menschentypus — hochgewachsen, schlank, dolichocephal, Moltkephysiognomie, dazu ein „germanisches Innere“ — an den Südabhängen der Seealpen z. B. antreffen; man braucht nur von dem vom Völkerchaos besetzten Cannes und Nizza sich zwei Stunden nördlich in abgelegenere Teile des Gebirges zu begeben; auch hier die schwarzen Haare. Sind es Kelten? sind es Goten? sind es Langobarden? Ich weiss es nicht; es sind jedenfalls die Brüder der eben Genannten. Auch in den Gebirgen des nördlichen Italien findet man sie, abwechselnd mit dem kleinen, rundköpfigen, unarischen Homo alpinus. Von den Kelten hat Virchow schon gesagt, er sei „nicht abgeneigt, anzunehmen, dass die ursprüngliche keltische Bevölkerung nicht blond-arisch, sondern brünettarisch gewesen sei“; und gewappnet mit dieser kühnen „nicht abgeneigten Annahme“ erklärt er dann alle dunklen Haare als keltische Beimischung. Doch werden uns von den Alten gerade die ursprünglichen Kelten als auffallend blond und „rothaarig“ be-
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    ¹) Wenigstens konnte ich weder in physiologischen Lehrbüchern, noch in solchen Specialschriften wie die Waldeyer‘s etwas hierauf Bezügliches finden.

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schrieben und wir können sie mit eigenen Augen noch heute so sehen, in Schottland und Wales; diese Hypothese steht also nur auf dem einen Beine, dass die Kelten, ausser blond, auch brünett — oder vielmehr, was nicht ganz das selbe ist, dunkelhaarig — sein können, wofür wir an Ort und Stelle, unter den unvermischten Kelten, Belege genug finden. Es liegt hier folglich der selbe Fall vor wie bei den Germanen. Von den Slaven kann ich nur das Eine berichten, dass selbst Virchow erklärt, sie seien „ursprünglich blond gewesen“. Sie waren es auch nicht bloss, sondern sind es noch heute; man braucht nur ein bosnisches Regiment vorbeidefilieren zu sehen, um sich davon zu überzeugen. Die Karte nach Virchow‘s Untersuchungen an Schulkindern zeigt, dass das ganze Posen, sowie Schlesien östlich der Elbe den selben
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geringen Prozentsatz dunkler Menschen aufweist (10—15 Prozent) wie die westlich gelegenen Länder; der grösste Prozentsatz von Brünetten findet sich in Gegenden, wohin nie ein Slave kam, nämlich in der Schweiz, im Elsass, im urdeutschen Salzkammergut. Ob es echte Slaven giebt, bei denen Melanismus des Haares vorkommt, wie bei den Germanen und Kelten, ist mir unbekannt.
    Aus diesen Thatsachen geht unwiderlegbar hervor, dass dem Germanen nicht, wie es gewöhnlich geschieht, blondes Haar apodiktisch zugesprochen werden kann; auch schwarzes Haar kann den echtesten Sprossen dieser Rasse eigen sein. Zwar wird das Vorhandensein blonden Haares immer auf Germanentum (in meinem weiten Sinne des Wortes) raten lassen, und sei es auch nur als ferne Beimengung, doch die Abwesenheit der hellen Färbung gestattet nicht den umgekehrten Schluss. Bei der Anwendung dieser Beschränkung muss man also vorsichtig sein; das Haar allein genügt als Kriterium nicht, sondern es müssen die übrigen physischen Charaktere mit in Betracht gezogen werden.

Die Gestalt des Schädels
    Somit gelangen wir zu der weiteren und wahrlich nicht minder schwierigen Frage: zu der nach der Schädelform. Hier scheint es, als müsse und könne eine Grenze gezogen werden. Denn, wie verwickelt die Verhältnisse auch heute liegen, sie lagen in alten Zeiten sehr einfach: die alten Germanen des Tacitus, sowie

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die alten Slaven waren beide der Mehrzahl nach ausgesprochene Langköpfe; der lange Schädel und darunter das lange Gesicht sind so sichere Merkmale der Rasse, dass man sich wohl fragen darf, ob, wer sie nicht besitzt, zu ihr gezählt werden dürfe. In den germanischen Gräbern der Völkerwanderungszeit findet man fast die Hälfte der Schädel dolichocephal, d. h. mit einer Breite, welche sich zur Länge wie 75 (oder noch weniger) zu 100 verhält, und mit wenigen Ausnahmen nähern sich auch die übrigen Schädel dieser künstlich gewählten Verhältnisgrenze; wirkliche Rundköpfe (siehe S. 360) kommen fast gar nicht vor. In den altslavischen Gräbern ist das Verhältnis noch mehr zu Gunsten der extremen Langköpfe. In Bezug auf die alten Kelten besitzt man wenige Angaben; doch lässt die Neigung zur Dolichocephalie bei den Gälen Nordschottlands und den Kymren in Wales das selbe voraussetzen. ¹) Seitdem hat sich das sehr geändert, wenigstens in vielen Ländern. Zwar nicht hoch oben im Norden, in Skandinavien, im nördlichsten Deutschland (mit Ausschluss der
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Städte) und in England; im Gegenteil, die Dolichocephalie scheint z. B. in Dänemark noch ausgesprochener als bei den Germanen der Völkerwanderungszeit: sechzig vom hundert zählen dort die echten Langköpfe und nur sechs vom hundert die Kurzköpfe. Doch die Slaven Russlands sollen heute (nach Kollmann) kaum noch drei Langköpfe auf hundert aufweisen, dagegen 72 ausgesprochene Kurzköpfe, der Rest Mittelformen, die zur Brachycephalie neigen. Und gar erst die Altbayern! Johannes Ranke hat hier 1000 Schädel Lebender gemessen, mit dem Ergebnis, dass nur   e i n e r   von hundert den altgermanischen Schädel besitzt, dagegen 95 echte Kurzköpfe sind! Auch vergleichende Messungen der hellenischen Schädel aus der klassischen Zeit und derjenigen heutiger Griechen haben zu ähnlichen Resultaten geführt; denn wog auch bei jenen die mittlere Kopfform vor, so besassen sie doch ein Drittel echter Langköpfe, und in ihren Gräbern findet man noch weniger eigentliche Kurzköpfe als in den germanischen, während heute mehr als die Hälfte Kurzköpfe
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    ¹) Vergl. Ranke: Der Mensch, II, 298.

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sind. Dass in diesen Erscheinungen die Infiltration einer ungermanischen Rasse vorliegt, einer Rasse, welche überhaupt nicht zum indoeuropäischen Verwandtschaftskreise gehört, sowie ausserdem der chaotischen Rassenlosigkeit, kann wohl nicht bezweifelt werden. Zwar giebt man sich alle Mühe, dieser Folgerung möglichst auszuweichen. So hat z. B. namentlich Kollmann (Professor in Basel) das Hauptgewicht vom Schädel weg auf das Gesicht zu legen gesucht, auf die Unterscheidung zwischen Langgesichtern und Breitgesichtern,¹) und Johannes Ranke griff das auf und konstruierte als spezifisch germanischen Typus ein langes Gesicht unter einem kurzen Schädel; Henke wiederum möchte glauben, dass hier eine allmähliche Entwickelung stattgefunden hat, durch welche die Länge des Vorderkopfes eher zu- als abgenommen hätte, dagegen der Hinterkopf immer kürzer geworden wäre; die Dolichocephalie sei also gewissermassen auch jetzt noch bei den kurzköpfigen Germanen vorhanden, nur versteckt u. s. w.  Doch, wie beachtenswert alle diese Betrachtungen auch sein mögen, keine schafft die Thatsache aus der Welt, dass die Germanen dort, wo sie noch wenige oder gar keine Vermischungen eingegangen sind, im Norden nämlich, dolichocephal und blond (resp. schwarz) sind, während dieser Charakter verschwindet: erstens, je näher man den Alpen kommt, zweitens, dort, wo historisch nachweisbar viel Kreuzung mit Völkern aus dem Süden oder mit bereits entarteten Keltogermanen oder Slavogermanen stattfand.
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    Natürlich wirkten die historischen Kreuzungen am schnellsten (Italien, Spanien, Südfrankreich u. s. w. sind allbekannte Beispiele); doch neben diesen Vermengungen — und an solchen Orten, wo sie gar nicht stattfanden, ganz allein — wirkte eine andere Ursache, so glaubt man heute, nämlich das Vorhandensein einer oder vielleicht auch mehrerer prähistorischer Rassen, die niemals (oder doch nur dunkel) als solche in der Geschichte auftraten, und die, auf einer tieferen Kulturstufe stehend, frühzeitig
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    ¹) Correspondenzblatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft, 1883, Nr. II.

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von den verschiedenen Zweigen der Indogermanen unterjocht und assimiliert wurden. Diese Ursache trägt wahrscheinlich noch heute nachhaltig zur Entgermanisierung bei. Bezüglich der Iberer z. B. hat schon Wilhelm von Humboldt die Vermutung aufgestellt, sie seien früher durch Europa weit verbreitet gewesen, und diese Annahme ist neuerdings von Hommel und Anderen vertreten worden. Rettete sich auch ein kleiner Teil in den fernsten Westen, dorthin, wo wir heute noch die Basken finden, starb auch vielleicht die Mehrzahl der Männer unter dem Feindesschwert, gänzliche Vernichtung des ganz Armen und Machtlosen kommt erfahrungsgemäss nie vor, man behält ihn als Sklaven, und man behält die Weiber. In den Alpen hat nun die selbe oder vielleicht eine andere, aber ebenfalls ungermanische, nicht indoeuropäische Rasse gehaust, oder sich wenigstens dorthin als auf die letzte Zufluchtsstätte gerettet; man wird zu dieser Annahme durch die Beobachtung gedrängt, dass gerade die Alpen heute den Hauptausstralungspunkt des ungermanischen, kurzköpfigen, brünetten Typus abgeben, sowohl nach Norden wie nach Süden; die jetzt noch anthropologisch unterschiedene Rasse der Rhätier ist vielleicht ein ziemlich echtes Überbleibsel dieser einstigen Pfahlbauer und mit Virchow‘s Präkelten vermutlich identisch. In den weiten Gebieten des östlichen Europa muss dann noch eine besondere, wahrscheinlich mongoloide Rasse vorausgesetzt werden, um die ganz spezifische Deformation zu erklären, welche so schnell aus den meisten Slavogermanen minderwertige „Slaven“ machte. Wie kämen wir nun dazu, diejenigen Europäer, welche von dieser durchaus ungermanischen Menschenart abstammen, bloss weil sie eine indoeuropäische Sprache sprechen und in indoeuropäische Kultur sich hineingelebt haben, als „Germanen“ zu betrachten? Ich halte es im Gegenteil für eine wichtigste Pflicht, will man vergangene und gegenwärtige Geschichte verstehen, hier recht klar zu scheiden. Indem wir die Menschen scheiden, lernen wir auch die Ideen in ihrer Besonderheit erkennen. Das ist umso nötiger, als wir unter uns Halbgermanen, Viertelgermanen, Sechzehntelgermanen u. s. w. zählen,
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und in Folge dessen auch eine Menge Ideen, eine Menge Arten

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zu denken und zu handeln, die halb-, viertel-, sechzehntel-germanisch oder auch direkt antigermanisch sind. Einzig die Übung in der Unterscheidung des Reingermanischen und des absolut Ungermanischen kann lehren, sich in diesem angehenden Chaos zurecht zu finden. Überall ist das Chaos der gefährlichste Feind. Ihm gegenüber muss der Gedanke zu einer That werden: hierzu ist die Klarheit der Vorstellungen der erste unerlässliche Schritt; und auf dem Gebiet, welches wir augenblicklich durchwandern, besteht die Klarheit zunächst in der Erkenntnis, dass unser Germanentum heute eine grosse Menge ungermanischer Elemente enthält, und in dem Versuch, das Reine von dem mit fremden (in keinem Sinne germanischen) Bestandteilen Gemischten zu scheiden.
    Doch, wie sehr zu diesem Behufe die Betonung des Anatomischen auch berechtigt sein mag, ich fürchte, allein wird dieses Anatomische nicht ausreichen; im Gegenteil, gerade hier wird augenblicklich die Wissenschaft auf einem Meer von Konfusionen und Irrtümern hin- und hergeworfen; wer sich von ihren Wahngebilden ergreifen lässt,   m u s s   sich dann zuletzt hineinstürzen. Denn das, was ich eben dargelegt habe von den verschiedenen Rassen, die aus vorarischen Zeiten in Europa übrig blieben, den Iberern, Rhätiern u. s. w., wenn auch entschieden richtig in den wesentlichsten Zügen, stellt nur die denkbar schlichteste Vereinfachung der Hypothesen dar, welche heute hundertfältig durch die Luft schwirren, und täglich wird die Sache noch komplizierter. So haben — um dem Laien nur ein einziges Beispiel zu geben — lange, sorgfältige Untersuchungen zu der Annahme geführt, dass es in Schottland in der ältesten Steinzeit eine langköpfige Menschenrasse gab, dass aber später, in der jüngeren Steinzeit, eine andere, ausserordentlich breitköpfige auftrat, welche dann, vermengt mit jener ersten und mit Mischformen, für die Bronzezeit bezeichnend wird; das alles spielte sich in unvordenklichen Zeiten ab, lange vor der Ankunft der Kelten; nun trafen die Kelten, als Vorhut der Germanen, ein, und es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass sie durch den Kontakt mit dieser früher ansässigen Rasse Abänderungen erlitten, da noch heute, nachdem

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so viele und so starke Menschenwellen über jenes Land hinweggeflutet sind, man in vielen Individuen Merkmale findet, die (so sagt ein Fachgelehrter) unmittelbar und unzweifelhaft auf jene schon aus der Vermengung von Lang- und Kurzköpfen hervorgegangene prähistorische Rasse aus der Bronzezeit zurück-
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weisen!¹) Wie soll man nun den kraniologischen Einfluss solcher altansässiger Stämme auf die Germanen anatomisch entwirren, wenn sie selber bereits Langköpfe und Kurzköpfe und Mittelköpfe besassen? Und warum macht sich diese Wirkung heute nur nach der Kurzköpfigkeit zu geltend? Da kommen aber wieder andere Gelehrte und singen ein ganz anderes Lied: wir hätten keinen zwingenden Grund, an eine   E i n w a n d e r u n g   des Indoeuropäers zu glauben, er sei schon zur Steinzeit dagewesen, habe sich schon damals durch seinen Langkopf von einer anderen kurzköpfigen Rasse unterschieden und mit ihr um die Vorherrschaft gekämpft; jener Langkopf aus der älteren Steinzeit sei eben Niemand anders als der Germane! Virchow meint, auf anatomisches Material sich stützend, schon die ältesten Troglodyten Europas könnten von arischem Stamme gewesen sein, mindestens könne Niemand das Gegenteil beweisen.²) Vor der jüngeren Schule finden aber wiederum derlei vorsichtig abwartende Urteile keine Gnade; unter dem Vorwand streng wissenschaftlicher Vereinfachung schwenkt sie hoch die Fahne des Chaos und straft die gesamte Geschichte der Menschheit Lügen. Den klarsten Ausdruck haben diese neuesten Lehren durch Professor Kollmann gefunden. Er reduziert alle in Europa lebende Menschen auf vier Typen: lange Schädel mit langen, lange Schädel mit kurzen Gesichtern, kurze Schädel mit kurzen, kurze mit langen Gesichtern; diese vier Rassen hätten seit Jahrhunderten neben- und miteinander gelebt, und das sei noch heute der Fall. Und nun kommt der Pferdehuf: Alles, was uns die Geschichte lehrt von Völkerwanderungen, von Nationalitäten, von Verschieden-
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    ¹) Sir William Turner: Early Man in Scotland, Rede, gehalten in der Royal Institution in London am 13. Januar 1898.
    ²) Ranke: Der Mensch, II, 578.

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heiten der Anlagen, von grossen schöpferischen Kulturwerken, die nur von einzelnen Volksindividualitäten ausgeführt, von anderen im besten Falle lediglich übernommen wurden, von dem noch unter uns sichtbaren Kampfe zwischen kulturförderlichen und kulturfeindlichen Elementen — — — das Alles wird als Plunder bei Seite geschoben und unser Glaube für folgendes Dogma gefordert: „Die Entwickelung der Kultur ist offenbar die gemeinsame That aller dieser Typen. Alle europäischen Rassen sind also, so weit wir bisher in das Geheimnis der Rassennatur eingedrungen sind,   g l e i c h b e g a b t   f ü r   j e d e   A u f g a b e   d e r  K u l t u r.“¹)   Gleichbegabt? Man traut seinen Augen nicht! Für
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„jede“ Aufgabe „gleichbegabt“! Hierauf werde ich bald zurückkommen müssen; doch wollte ich dieses Gebiet der Kraniometrie nicht verlassen, ohne darauf hingewiesen zu haben: erstens, wie schwer es auch hier ist, durch blosse Formeln, durch Zirkel und Metermass das Germanische vom Ungermanischen zu scheiden; zweitens, welche gefährlichen Wege jene gelehrten Herren uns führen, die plötzlich ihre Erörterungen über „chamäprosope, platyrrhine, mesokonche, prognathe, proophryocephale, ooide, brachyklitometope, hypsistegobregmatische Dolichocephale“ unterbrechen, um allgemeine Betrachtungen daran anzuknüpfen über Geschichte und Kultur. Der Laie versteht ja von dem Übrigen wenig oder nichts; hoffnungslos watet er in jenem barbarischen Jargon neoscholastischer Naturwissenschaft herum; nur das Eine wandert dann durch alle Zeitungen als das sichtbare Ergebnis eines solchen Kongresses: die gelehrtesten Herren von Europa haben feierlich zu Protokoll gegeben, alle Rassen seien an der Entwickelung der Kultur gleichbeteiligt, alle seien zu jeder Aufgabe der Kultur gleichbegabt: Griechen hat es nie gegeben, Römer hat es nie gegeben, Germanen hat es nie gegeben, Juden hat es nie gegeben, sondern seit jeher leben brüderlich nebeneinander, respektiv fressen sich gegenseitig auf, leptoprosope Dolichocephalen, chamäprosope
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    ¹) Allgemeine Versammlung der deutschen anthropolog. Gesellschaft, 1892.

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Dolichocephalen, leptroprosope Brachycephalen, und chamäprosope Brachycephalen, „alle miteinander an der Kultur arbeitend“ (sic!). Man lächelt wohl? Doch sind Vergehen gegen die Geschichte eigentlich zu ernste Frevel, als dass sie mit blossem Lachen bestraft werden dürften; hier muss der gesunde Menschenverstand aller einsichtsvollen Männer mit kräftiger Hand bei Zeiten den Riegel vorschieben und jenen Herren zurufen: Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten! ¹)
    Wie krass unwissenschaftlich ein solches Beginnen wie das jenige Kollmann‘s ist, liegt ausserdem auf der Hand. Weitgehende Vereinfachung ist ein Gesetz des künstlerischen Schaffens, nicht aber ein Gesetz der Natur; im Gegenteil, hier ist endlose Mannigfaltigkeit das Bezeichnende. Was würde man zu einem Botaniker sagen, der die Pflanzen nach der Länge und Breite ihrer Blätter in Familien einteilen wollte, oder auch nach irgend einem anderen   e i n z i g e n   Charakter? Das Verfahren Kollmann's bildet einen Rückschritt dem alten Theophrast gegenüber. So lange man künstliche Klassifikationen versuchte, rückte die systematische Kenntnis der Pflanzenwelt nicht um einen
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Schritt weiter; dann kamen aber geniale Männer von dem Schlage eines Ray, eines Jussieu, eines De Candolle, welche durch Beobachtung, gepaart mit schöpferischer Intuition, die Hauptfamilien der Pflanzen feststellten und   d a n n   erst die Charaktere entdeckten —. meistens sehr verborgene — die es gestatten, die Verwandtschaft auch anatomisch darzuthun. Ähnlich bei der Tierwelt. Jedes andere Verfahren ist durchaus künstlich und folglich blosse Spielerei. Darum dürfen wir auch beim Menschen nicht, wie Kollmann es thut, nach anatomischem Gutdünken ein System aufbauen, in welches sich die Thatsachen dann zu fügen haben, so gut oder schlecht es geht, sondern wir müssen zuerst feststellen, welche Gruppen als individualisierte, moralisch
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    ¹) Man vergl. die vortreffliche Satire M. Buchner‘s auf die moderne Craniometrie in der Beilage zur Münchener Allg. Ztg., 1899, Nr. 282—284. — Inzwischen hat J. Deniker eine neue Einteilung aller europäischen Menschen in sechs Haupt- und vier Nebenrassen vorgeschlagen. So wechselt das Bild von Jahr zu Jahr!

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und intellektuell gekennzeichnete Rassen thatsächlich existieren, und sodann nachsehen, ob es anatomische Charaktere giebt, die zur Klassifikation verwertbar sind.

Rationelle Anthropologie
    Ein solcher Exkurs in das Gebiet der anatomischen Wissenschaft hat nun zunächst das eine Gute, dass wir einsehen lernen,  wie wenig sichere Hilfe, wie wenig nützliche, für das praktische Leben verwertbare Belehrung wir von dorther zu erhoffen haben. Entweder wandeln wir auf sandigem, schwebendem Boden, oder auf morastigem, wo wir gleich bei den ersten Schritten einsinken und festkleben, oder aber wir müssen auf den nadelscharfen Spitzen der Dogmatik von einem Gipfel zum anderen springen und fallen heute oder morgen in den Abgrund hinunter. Dieser Exkurs hat aber doch auch andere, positivere Vorteile: er bereichert unser Wissensmaterial und lehrt uns schärfer sehen. Dass die Rassen ebenso wenig wie die Individuen gleich begabt sind, das bezeugen Geschichte und tägliche Erfahrung; die Anthropologie lehrt uns nun ausserdem (und trotz Professor Kollmann), dass bei Rassen, welche bestimmte Thaten vollbrachten, eine bestimmte physische Gestaltung die vorherrschende war. Der Fehler ist der, dass man mit zufälligen Zahlen der Vergleichsobjekte operiert und nach willkürlich gewählten Verhältnissen misst. So wird z. B. festgesetzt, sobald die Breite eines Schädels zur Länge 75 (oder weniger) zu 100 betrage, sei dieser Schädel „dolichocephal“, mit 76 oder schon mit 75¼ ist er „mesocephal“ und von 80 ab „brachycephal“. Wer sagt das denn? Warum soll gerade in der Zahl 75 eine besondere Magie liegen? Eine andere Magie als die meiner Faulheit und Bequemlichkeit? Dass wir ohne termini technici und ohne Grenzen in der täglichen Praxis nicht auskommen können, begreife ich recht wohl, was ich aber nicht begreife, ist, dass ich sie für etwas anderes als
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willkürliche Grenzen und willkürliche Worte halten soll. ¹) Das
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    ¹) Höchst bemerkenswert sind in dieser Beziehung die von Dr. G. Walcher vor kurzem begonnenen Untersuchungen, aus welchen hervorgeht, dass die   L a g e r u n g   d e s   K o p f e s   d e s   n e u g e b o r e n e n   K i n d e s   einen bestimmenden Einfluss auf die Bildung des Schädels ausübt. Bei „eineiigen“ Zwillingen gelang es auf

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selbe gilt natürlich, wie für die langen und die breiten Schädel, auch für die hohen und die niedrigen Gesichter; überall handelt es sich um Verhältnisse, die gradweise ineinander übergehen. Nun ist es aber das Wesen des Lebens, plastisch beweglich zu sein; das lebendige Gestaltungsprinzip unterscheidet sich von Grund aus von dem krystallinischen dadurch, dass es nicht nach unabänderlichen Zahlenverhältnissen formt, sondern dass es, unter Beobachtung des Gleichgewichts der Teile und Festhalten desjenigen Grundschemas, welches durch das Wesen selbst gegeben ist, gewissermassen frei gestaltet. Nicht zwei Individuen sind einander gleich. Um die physische Struktur einer Rasse in irgend einem gegebenen Momente zu überblicken, müsste ich folglich die gesamten Vertreter dieser Rasse vor Augen haben und nun in diesem Komplex die einheitliche und vereinigende   I d e e,   die vorwaltende spezifische   T e n d e n z   der physischen Gestaltung, welche dieser Rasse als Rasse eigen ist, heraussuchen; ich würde sie ja mit Augen erschauen. Hätte ich nun, sagen wir zur Zeit des Tacitus, sämtliche Germanen vor Augen gehabt: die noch unvermischten Kelten, die Teutonen und die Germanoslaven, so hätte ich gewiss ein harmonisches Ganzes erblickt, in welchem ein bestimmtes Bildungsgesetz vorwaltete, um das sich die mannigfachsten, abweichendsten Gestaltungen herumgruppierten. Vermutlich hätte sich kein einziges Individuum gefunden, welches alle spezifischen Charaktere dieses plastischen Rassengedankens (denn so wäre es meinem sinnenden Hirn erschienen) in höchster Potenz, in vollendetem Gleichgewicht in sich vereinigt hätte: die grossen strahlenden Himmelsaugen, das goldene Haar, die Riesengestalt, das Ebenmass der Muskulatur, den länglichen Schädel (den ein ewig schlagendes, von Sehnsucht gequältes Gehirn aus der Kreislinie des tierischen Wohlbehagens nach vorn hinaushämmert), das hohe Antlitz (von einem gesteigerten Seelenleben zum Sitze seines Ausdrucks gefordert) —
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diese Weise, den einen zu einem ausgesprochenen Dolichocephalen, den anderen zu einem ausgesprochenen Brachycephalen zu entwickeln! (Siehe Zentralblatt für Gynäkologie, 1905, Nr. 7.)

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gewiss, kein Einzelner hätte das alles vereint besessen. War der eine Zug vollendet, so war der andere nur angedeutet. Hier und da hatte auch die ewig versuchende, nie sich wiederholende Natur das Gleichgewichtsgesetz durchrissen: ein übermässiger Riese schwang seine Keule über blöden Augen, unter einem allzulang gezogenen Schädel sass ein unverhältnismässig kurzes Gesicht, herrliche Augen strahlten unter einer hohen Stirn hervor, doch getragen von einem auffallend kleinen Körper u. s. w. ad infinitum. In anderen Gruppen wiederum werden geheime Gesetze der Wachstumskorrelation zur Erscheinung gekommen
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sein: z. B. hier Familien mit schwarzem Haar, zugleich mit besonders grossen kühnen Adlernasen und schlankerem Körperbau, dort rotes Haar mit auffallend weisser, fleckiger Haut und etwas breiterem Gesicht im Oberteil — — — denn jede geringste Änderung in der Gestaltung zieht andere nach sich. Noch viel zahlreicher werden freilich jene Gestaltungen gewesen sein, denen in ihrer durchschnittlichen Unauffälligkeit gar kein spezifisches Bildungsgesetz hätte entnommen werden können, wären sie nicht als Bestandteile eines grossen Ganzen aufgetreten, in welchem ihr Platz bestimmt bezeichnet war, so dass wir aus ihrer genauen Einfügung ersehen hätten, dass sie doch organisch dazu gehörten. Gerade Darwin, der sein Leben lang mit Zirkel, Zollmass und Gewichtswage gearbeitet hat, macht immer wieder bei seinen Studien über künstliche Züchtungen darauf aufmerksam, dass der   B l i c k   des geborenen und geübten Züchters Dinge entdeckt, für welche die Ziffern nicht den geringsten Beleg liefern und welche der Züchter selber meistens nicht in Worte fassen kann; dieser merkt, dass dies und jenes den einen Organismus vom anderen unterscheidet, und richtet sich bei seinen Züchtungen darnach; es ist dies eine Intuition, geboren aus vielem, unablässigem   S c h a u e n.   Ein derartiges Schauen müssten wir uns nun anüben; dazu hätte jener Gesamtüberblick über alle Germanen zu Zeiten des Tacitus gedient. Gewiss hätten wir nicht gefunden, dass bei allen diesen Menschen sich die Breite des Kopfes zur Länge wie 75 zu 100 verhielte; die Natur kennt derartige Begrenzungen nicht; in der unbeschränkten Mannigfaltigkeit aller

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denkbaren Zwischenformen, sowie auch von Formen weiterer Entwickelung nach diesem und jenem Extrem hin, wären wir höchst wahrscheinlich hier und da auf ausgesprochene Brachycephalen gestossen, die Gräberfunde lassen es vermuten, und warum sollte die Plastizität der gestaltenden Kräfte es nicht bewirkt haben? Wir hätten auch nicht lauter Riesen gesehen und erklären können: wer nicht 1,97½ m erreicht, ist kein Germane. Dagegen hätten wir uns ganz gut die paradox klingende Behauptung gestatten dürfen: die kleinen Männer dieser Gruppe sind gross, denn sie gehören einer hochgewachsenen Rasse an, und aus dem selben Grunde sind jene Brachycephalen Langschädel; bei näherem Zusehen werdet ihr in ihrem Äussern und Innern die spezifischen Charaktere des Germanen schon entdecken. Die Hieroglyphen der Natursprache sind eben nicht so logisch mathematisch, so mechanisch deutbar wie mancher Forscher zu wähnen beliebt. Es gehört Leben dazu, um Leben zu verstehen. Dabei fällt mir eine Thatsache ein, die mir von verschiedenen Seiten gemeldet wird, dass nämlich ganz kleine Kinder, besonders Mädchen, häufig einen ausgeprägten Instinkt für Rasse besitzen.
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Es kommt nicht selten vor, dass Kinder, die noch keine Ahnung haben, was ein „Jude“ ist, noch dass es überhaupt so etwas giebt, zu heulen anheben, sobald ein echter Rassenjude oder eine Jüdin in ihre Nähe tritt! Der Gelehrte weiss häufig nicht einen Juden von einem Nichtjuden zu unterscheiden; das Kind, das kaum erst sprechen kann, weiss es. Ist das nicht eine trostreiche Erfahrung? Mich dünkt, sie wiegt einen ganzen anthropologischen Kongress, oder zum mindesten einen ganzen Vortrag des Herrn Professor Kollmann auf. Es giebt doch noch etwas auf der Welt ausser Zirkel und Metermass. Wo der Gelehrte mit seinen künstlichen Konstruktionen versagt, kann ein einziger unbefangener Blick die Wahrheit wie ein Sonnenstrahl aufhellen.
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.
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    Den Anthropologen wollen wir ihre chamäprosopen Kreise nicht länger als nötig stören, doch das durch ihren Fleiss zu

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Tage geförderte Material wollen wir ebensowenig geringschätzen, sondern es als wertvolle Bereicherung unserer Kenntnis des Germanen und als ernste Mahnung in Bezug auf das Vordringen des Nichtgermanen unter uns wohl zu benützen wissen.
    Die so notwendige Beschränkung des Namens „Germane“ auf diejenigen, welche wirklich Germanen oder zum Mindesten stark mit germanischem Blute durchsetzt sind, wird also niemals rein mathematisch durchzuführen sein, sondern immer jenen Blick des Züchters und jenen Instinkt des Kindes erfordern. Viel wissen sollte freilich hierzu nur von Nutzen sein, doch viel sehen und viel fühlen ist noch unentbehrlicher. Und somit tritt unsere Untersuchung der notwendigen Beschränkungen des Begriffes Germane auf das geistige Gebiet über, wo die Geschichte uns auf jeder Seite lehrt, das Germanische vom Ungermanischen zu scheiden, zugleich auch das Physische daran zu erkennen und hochzuhalten.

Physiognomik
    Zugleich Geist und Körper, Seelenspiegel und anatomisches Faktum, fordert zunächst die   P h y s i o g n o m i k   unsere Aufmerksamkeit. Man betrachte z. B. das Antlitz Dante Alighieri‘s; man wird daraus eben soviel lernen wie aus seinen Dichtungen. ¹)
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    ¹) Dass Dante ein Germane, nicht ein Kind des Völkerchaos ist, folgt nach meiner Überzeugung so evident aus seinem Wesen und Werke, dass ein Nachweis hierüber durchaus entbehrlich dünken muss. Doch ist es immerhin interessant zu wissen, dass der Name Alighieri ein gotischer ist, aus   A l d i g e r   korrumpiert; er gehört zu jenen deutschen Personennamen, denen wie Gerhard, Gertrud u. s. w. die Vorstellung gér = Speer zu Grunde liegt (eine Thatsache, welche mit Hinblick auf Shake-spear den Phantasten viel hätte zu denken geben sollen!). Dieser Name kam der Familie durch Dante‘s väterliche Grossmutter, eine Gotin aus Ferrara zu, die Aldigiero hiess. Über die Abstammung des väterlichen Grossvaters sowie der Mutter weiss man heute nur das Eine, dass die versuchte Anknüpfung an römische Geschlechter eine pure Erfindung jener italienischen Biographen ist, die es ruhmvoller fanden, Rom anzugehören als Germanien; da aber der Grossvater ein Krieger war, von Kaiser Konrad zum Ritter geschlagen, und Dante selbst angiebt, er gehöre zum kleinen Adel, so ist die Abstammung aus rein germanischem Stamme so gut als erwiesen. (Vergl. Frans Xaver

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Das ist ein charakteristisch   g e r m a n i s c h e s   Gesicht! Kein Zug daran gemahnt an irgend einen bekannten hellenischen oder römischen Typus, geschweige an irgend eine der asiatischen und afrikanischen Physiognomien, welche die Pyramiden uns treu aufbewahrt haben. Ein neuer Mensch ist in die Weltgeschichte eingetreten! Die Natur hat in der Fülle ihrer Kraft eine neue

Dante Alighieri

Seele erzeugt: schaut hin, dort spiegelt sie sich in einem noch nie erblickten Menschenantlitz wieder! „Über dem inneren Orkan, der im Antlitz Ausdruck fand, erhob sich kühn die fried-
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Kraus: Dante, Berlin 1897, S. 21—25.) Noch bis an die Grenze des 15. Jahrhunderts werden in den Urkunden viele Italiener als Alemannen, Langobarden u. s. w. bezeichnet, ex alamanorum genere, legibus vivens Langobardorum etc. (und zwar trotzdem die meisten schon längst zum römischen Recht übergetreten waren, womit sonst die dokumentarische Sichtbarkeit ihrer Abstammung verschwand); so durch und durch war jenes Volk, in welchem die angebliche „römische Kultur“ heute ihren Herd erblicken will, mit rein germanischem Blut, und zwar als dem einzig schöpferischen Element, durchsetzt (siehe Savigny: Geschichte des römischen Rechts im Mittelalter, I, Kap. 3).

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


liche Stirn und wölbte sich zur Marmorkuppel.“ ¹) Ja, ja, Balzac hat Recht: Orkan und Marmorkuppel! Hätte er bloss gemeldet, Dante sei ein leptoprosoper Dolichocephal, es wäre damit nicht viel gesagt gewesen. Einen zweiten Dante wird man allerdings nicht finden, doch ein Gang durch die Büstensammlung des Berliner Museums wird überzeugen, wie sehr gerade dieser

Martin Luther

Typus sich in dem durch und durch von Goten, Langobarden
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und Franken germanisierten Norditalien festgesetzt hatte; die nächste unzweifelhafte physiognomische Verwandtschaft finden wir noch heute in jenen vorhin genannten deutschen Tirolern, sowie in Norwegen, und einzelne verwandte Züge überall, wo es echte Germanen giebt. Jedoch, betrachten wir die grössten germanischen Männer, so werden wir nicht eine, sondern zahlreiche physiognomische Gestaltungen finden; zwar wiegt die kühne, mächtig geschwungene Nase vor, doch finden wir fast alle denkbaren Kombinationen bis zu jenem gewaltigen Kopfe, der in jedem Zug das Gegenstück zu dem Dante‘s abgiebt, gerade
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    ¹) Balzac: Les Proscrits.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


in diesem Gegensatz die innige Verwandtschaft verratend: bis zu dem Kopf Martin Luther‘s. Hier umweht jener Orkan, von dem Balzac sprach, Stirn und Augen und Nase, keine Marmorkuppel wölbt sich darüber; es ruht aber dieser flammenspeiende Vulkan von Energie und Gedankenfülle auf Mund und Kinn wie auf einem granitnen Felsen. Jeder kleinste Zug des gewaltigen Antlitzes zeugt von Thatendurst und Thatkraft; bei diesem Anblick steigen Einem die Worte Dante‘s ins Gedächtnis:
Colà dove si puote
Ciò che si vuole!
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Dieser Mann kann, was er will, und sein ganzes Wollen strebt hinaus zu grossen Thaten: in diesem Kopf wird nicht studiert, um gelehrt zu sein, sondern um Wahrheit zu erforschen, Wahrheit fürs Leben; er singt nicht um des Ohrenschmauses willen, sondern weil Gesang das Herz erhebt und kräftigt; er hätte es nicht wie Dante vermocht, stolz und verkannt abseits zu leben, seinen Ruhm künftigen Geschlechtern anvertrauend, — was gilt diesem Antlitz Ruhm? „Die   L i e b e   ist der Pulsschlag unseres Lebens,“ sagte er. Und wo kräftige Liebe, da ist auch kräftiger Hass. Von einem derartigen Antlitz zu sagen, wie Henke, es repräsentiere den norddeutsch-slavischen Typus, ist durchaus irrig.¹) Eine so gewaltige Erscheinung ragt über derartige Spezifikationen weit hinaus; sie zeigt uns die äussere Einkleidung einer der erstaunlich reichen Entwickelungsmöglichkeiten des germanischen Geistes in ihrer höchsten Fülle. Wie Dante‘s, so gehört auch Luther‘s Antlitz dem gesamten Germanentum an. Man findet diesen Typus In England, wohin nie ein Slave drang, man begegnet ihm unter den thatkräftigsten Politikern Frankreichs. Lebhaft stellt man sich diesen Mann 1500 Jahre früher vor, hoch zu Ross, die Streitaxt schwingend zum Schutze seiner
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    ¹) A. a. O., S. 20. — Das hier über Luther Ausgeführte ist inzwischen von Dr. Ludwig Woltmann durch die streng anthropologische Untersuchung bestätigt worden; siehe Politisch-Anthropologische Revue, 1905, S. 683 ff.

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geliebten nordischen Heimat, und dann wieder am trauten Herde inmitten der Kinder Schar, oder an der Männertafel, das Methorn bis auf den letzten Tropfen leerend und Heldenlieder den Ahnen zum Ruhme singend. — Zwischen Dante und Luther bewegt sich die reiche physiognomische Skala grosser Germanen. Wie Tacitus sagte: sie gleichen nur sich. Jeder Versuch aber einer Lokalisierung der Typen, etwa nach Nord und Süd oder nach keltischem Westen und slavischem Osten, ist offenbar verfehlt, verfehlt wenigstens, sobald man die bedeutenderen und darum charakteristischeren Männer ins Auge fasst und von den Zufälligkeiten der Tracht, namentlich der Barttracht, absieht. Goethe z. B. könnte der Gesichtsbildung nach jedem germanischen Stamme entsprossen sein, Johann Sebastian Bach auch, Immanuel Kant ebenfalls.

Freiheit und Treue
    Und nun wollen wir versuchen, einen Blick in die Tiefen der Seele zu werfen. Welches sind die spezifischen geistigen und moralischen Kennzeichen dieser germanischen Rasse? Gewisse Anthropologen hatten uns belehren wollen, alle Menschenrassen seien gleichbegabt; wir wiesen auf das Buch der Geschichte hin und antworteten: das lügt ihr! Die Rassen der Menschheit sind
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in der Art ihrer Befähigung, sowie in dem Masse ihrer Befähigung sehr ungleich begabt, und die Germanen gehören zu jener Gruppe der Zuhöchstbegabten, die man als Arier zu bezeichnen pflegt. Ist diese Menschenfamilie eine durch Blutbande geeinigte, einheitliche? Entwachsen diese Stämme wirklich alle der selben Wurzel? Ich weiss es nicht, es gilt mir auch gleich; keine Verwandtschaft kettet inniger aneinander als Wahlverwandtschaft, und in diesem Sinne bilden ohne Frage die indoeuropäischen Arier eine Familie. In seiner Politik schreibt Aristoteles (I, 5): „Wenn es Menschen gäbe, die an Körpergrösse allein soweit hervorragten, wie die Bilder der Götter, so würde Jedermann gestehen, dass die übrigen von   R e c h t s w e g e n   sich diesen unterwerfen müssen. Ist aber dies in Beziehung auf den Körper wahr, so kann mit noch grösserem Rechte diese selbe Unterscheidung zwischen hervorragenden Seelen und gewöhnlichen gemacht werden.“ Körperlich und seelisch ragen die Arier unter

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allen Menschen empor; darum sind sie von Rechtswegen (wie der Stagirit sich ausdrückt) die Herren der Welt. Aristoteles fasst übrigens seinen Gedanken noch knapper zusammen und sagt: „Einige Menschen sind von Natur frei, andere Sklaven;“ damit trifft er den moralischen Kernpunkt. Denn die Freiheit ist durchaus nicht ein abstraktes Ding, auf welches jeder Mensch von Hause aus ein Anrecht hätte, sondern ein Recht auf Freiheit kann offenbar einzig aus der Befähigung zu ihr hervorgehen, und diese wiederum setzt physische Kraft und geistige Kraft voraus. Man darf die Behauptung aufstellen, dass selbst die blosse Vorstellung der Freiheit den meisten Menschen gänzlich unbekannt ist. Sehen wir nicht den Homo syriacus sich genau eben so gut und glücklich entwickeln als Knecht wie als Herr? Bieten uns nicht die Chinesen ein grossartiges Beispiel der selben Gesinnung? Erzählen uns nicht alle Historiker, dass die Semiten und Halbsemiten trotz ihrer grossen Intelligenz niemals einen dauernden Staat zu bilden vermochten, und zwar weil stets Jeder die ganze Macht an sich zu reissen bestrebt war, somit zeigend, dass sie nur für Despotie und Anarchie, die beiden Gegensätze der Freiheit, Befähigung besassen?¹) Und da sehen wir gleich, welche grosse Gaben Einer besitzen muss, damit von ihm gesagt werden könne, er sei „von Natur frei“, denn die erste Bedingung hierzu ist die Kraft der Gestaltung. Nur eine staatenbildende Rasse kann eine freie sein; die Begabung, welche den Einzelnen zum Künstler und Philosophen macht, ist wesentlich die selbe, welche,
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durch die ganze Masse als Instinkt verbreitet, Staaten bildet und dem Einzelnen das schenkt, was der gesamten Natur bisher unbekannt geblieben war: die Idee der Freiheit. Sobald wir das einsehen, fällt die nahe Verwandtschaft der Germanen mit den Hellenen und Römern auf, zugleich erkennen wir das sie Unterscheidende. Bei den Griechen überwiegt das individualistisch Schöpferische sogar bis in die Staatenbildung; bei den Römern ist die kommunistische Kraft der die Freiheit verleihenden Gesetzgebung, der die Freiheit verteidigenden Kriegsgewalt das Vor-
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    ¹) Vergl. S. 385.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


herrschende; den Germanen dagegen ist vielleicht eine geringere Gestaltungskraft zu eigen, sowohl dem Einzelnen wie dem Gesamtkörper, doch besitzen sie eine Harmonie der Beanlagung, ein Gleichgewicht zwischen dem Freiheitsdrang des Einzelnen, der in der freischöpferischen Kunst seinen höchsten Ausdruck findet,¹) und dem Freiheitsdrang der Gesamtheit, der den Staat schafft, durch welche sie sich den grössten Vorgängern ebenbürtig erweisen. Nie hat eine Kunst Gewaltigeres (wenn auch Formvollendeteres) geschaffen als die, welche zwischen der beschwingten Feder Shakespeare‘s und dem Ätzgriffel Albrecht Dürer‘s alles Menschliche einschliesst, und welche in ihrer ureigensten Sprache, der Musik, tiefer ins innerste Herz hineingreift als jeder vorangegangene Versuch, aus Sterblichem Unsterbliches zu schaffen, Stoff zu Geist umzuwandeln. Und inzwischen bewährten sich die von Germanen gegründeten Staaten Europas trotz ihres gewissermassen improvisierten, ewig provisorischen, wechselreichen Charakters — eher, sollte ich wohl sagen, dank diesem Charakter — als die dauerhaftesten der Welt, auch als die machtvollsten. Trotz aller Kriegesstürme, trotz der Bethörungen jenes Erbfeindes, des Völkerchaos, der das Gift bis in das Herz unserer Nationen hineintrug, blieben Freiheit und ihr Korrelat, der Staat, wenn auch manchmal das Gleichgewicht zwischen beiden arg gestört schien, doch durch alle Zeiten hindurch das gestaltende und erhaltende Ideal: deutlicher als je erkennen wir das heute.
    Damit das stattfinden konnte, musste sich jener zu Grunde liegenden gemeinsamen „arischen“ Anlage zu freier Schöpfungskraft ein weiterer Zug beigesellen: die unvergleichliche und durchaus eigenartige   g e r m a n i s c h e   T r e u e.   War jene geistige und körperliche Entwickelung, die bis zur Idee der Freiheit führt und auf der einen Seite Kunst, Philosophie und Wissenschaft, auf der anderen Staaten (sowie Alles, was an Kulturerscheinungen unter
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diesem Begriff sich subsumieren lässt) erzeugt, den Germanen mit den Hellenen und Römern gemeinsam, so ist dagegen die
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    ¹) Siehe S. 53, 62, 69 u. s. w.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


überschwängliche Auffassung der Treue ein spezifischer Charakterzug der Germanen. Wie der alte Johann Fischart singt:
Standhaft und treu, und treu und standhaft,
Die machen ein recht   t e u t s c h   Verwandtschaft!
Julius Caesar hatte neben der kriegerischen Tüchtigkeit auch die beispiellose Treue der Germanen sofort erkannt und bei ihnen so viele Reiter gedungen, wie er nur bekommen konnte. In der für die Weltgeschichte so entscheidenden Schlacht bei Pharsalus schlugen sie sich für ihn; die romanisierten Gallier hatten den Imperator in der Stunde der Not verlassen, die Germanen dagegen bewährten sich als eben so treu wie tüchtig. Diese Treue gegen den aus freier Entschliessung, eigenmächtig erwählten Herrn ist der bedeutendste Zug im Charakter der Germanen; an ihm können wir sehen, ob reines germanisches Blut in den Adern fliesst oder nicht. Man hat viel gespottet über die deutschen Söldnerheere, doch gerade an ihnen zeigt sich das echte, kostbare Metall dieser Rasse. Gleich der erste römische Alleinherrscher, Augustus, bildete seine persönliche Leibgarde aus Germanen; wo hätte er sonst auf unbedingte Treue rechnen dürfen? Während der ganzen Dauer des römischen West- und Ostreiches wird dieser selbe Ehrenposten mit den selben Leuten besetzt, nur schickt man immer weiter nach Norden, da mit der sogenannten „lateinischen Kultur“ die Pest der Treulosigkeit immer weiter in die Länder gedrungen war; zuletzt, ein Jahrtausend nach Augustus, sind es Angelsachsen und Normannen, die um den Thron von Byzanz Wache stehen. Der arme germanische Leibgardist! Von den politischen Prinzipien, welche die chaotische Welt zu einer scheinbaren Ordnung mit Gewalt zusammenschmiedeten, verstand er dazumal eben so wenig, wie von den Streitigkeiten über die Natur der Dreifaltigkeit, die ihm manchen Tropfen Blut kosteten: doch Eines verstand er: die Treue zu wahren dem selbsterwählten Herrn. Als unter Nero die friesischen Gesandten die hinteren Plätze, die man ihnen im Zirkus angewiesen hatte, verliessen und sich stolz auf die vordersten Bänke der Senatoren unter die reichgeschmückten Vertreter fremder Völker setzten, was gab den Besitzlosen,

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die nach Rom gekommen waren, um sich Land zum Ackerbau zu erbitten, ein so kühnes Selbstbewusstsein? Wessen durften sie
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einzig sich rühmen? „Kein Mensch der Welt übertreffe die Germanen an   T r e u e!“ ¹)   Über diesen grossen grundlegenden Charakterzug der Treue in seiner geschichtlichen Bedeutung hat Karl Lamprecht so schöne Worte geschrieben, dass ich mir einen Vorwurf daraus machen müsste, wollte ich sie hier nicht abdrucken. Er hat soeben von dem „Gefolge“ gesprochen, welches in dem altdeutschen Staate seinem Häuptling Treue bis in den Tod schuldete und bewährte, und fährt dann fort: „Es ist einer der grossartigsten Züge   s p e z i f i s c h   g e r m a n i s c h e r   L e b e n s a u f f a s s u n g,   welcher in der Bildung dieser Gefolge mitspricht, der Zug der Treue. Unverstanden dem Römer, unerlässlich dem Germanen, bestand es schon damals, jenes ewig wiederkehrende deutsche Bedürfnis engster persönlicher Aneinanderkettung, vollen Aufgehens ineinander, gänzlichen Austausches aller Strebungen und Schicksale: das Bedürfnis der Treue. Die Treue war unseren Altvordern nie eine besondere Tugend, sie war der Lebensodem alles Guten und Grossen; auf ihr beruhte der Lehensstaat des früheren, auf ihr das Genossenschaftswesen des späteren Mittelalters, und wer wollte sich die militärische Monarchie der Gegenwart denken ohne Treue?.....  Man sang nicht bloss von der Treue, man lebte in ihr. Das Gefolge der Frankenkönige, die Hofgesellschaft der grossen Karlinge, die staatsmännische und kriegerische Umgebung unserer mittelalterlichen Kaiser, das Personal der Zentralverwaltungen unserer Fürsten seit dem 14. und 15. Jahrhundert sind nichts als Umformungen des alten germanischen Gedankens. Denn darin beruhte die wundersame Lebenskraft der Einrichtung, dass sie nicht in wandelbare politische oder auch moralische Grundlagen ihre Wurzel senkte, sondern in dem Urgrund wurzelte germanischen Wesens selbst, in dem Bedürfnis der Treue.“ ²)
    Lamprecht hat, glaube ich, an dieser Stelle, so wahr und
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    ¹) Tacitus: Annalen, XIII, 54.
    ²) Deutsche Geschichte, 2. Auflage, I, 136.

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schön auch Alles ist, was er sagt, den „Urgrund“ doch nicht vollkommen aufgedeckt. Die Treue, wenngleich sie einen unterscheidenden Zug den Mestizenvölkern gegenüber bildet, ist nicht ohne weiteres ein spezifisch germanischer Zug. Treue findet man bei fast allen reingezüchteten Rassen, nirgends mehr z. B. als bei Negern, und — ich frage es — welcher Mensch vermöchte in der Bewährung der Treue Höheres zu leisten als der edle Hund? Nein, um jenen „Urgrund germanischen Wesens“ aufzudecken,
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muss man zeigen,   w e l c h e r   A r t   diese germanische Treue ist, was aber nur gelingen kann, wenn man vorher die Freiheit als den intellektuellen Untergrund des gesamten Wesens erfasst hat. Denn das Kennzeichen dieser Treue ist ihre freie Selbstbestimmung; das ist es, was sie unterscheidet. Der menschliche Charakter gleicht dem Wesen Gottes wie die Theologen es darstellen: mannigfaltig und doch ununterscheidbar, untrennbar einheitlich. Diese Treue und jene Freiheit wachsen nicht eine aus der anderen, sondern sind zwei Erscheinungsformen des selben Charakters, welcher sich uns einmal mehr von der intellektuellen, das andere Mal mehr von der moralischen Seite zeigt. Der Neger und der Hund dienen ihrem Herrn, wer er auch sei: das ist die Moral des Schwachen, oder, wie Aristoteles sagt, des von Natur zum Sklaven Geborenen; der Germane   w ä h l t   sich seinen Herrn, und seine Treue ist daher Treue gegen sich selbst: das ist die Moral des Freigeborenen. Doch hatte sie die Welt noch niemals in der Art erblickt wie beim Germanen. Die Untreue des übermässig begabten Verkünders der poetischen und politischen Freiheit, nämlich des Hellenen, war von jeher sprichwörtlich; der Römer war nur treu in der Verteidigung des Seinen, deutsche Treue blieb ihm, wie Lamprecht sagt, „unverstanden“; näher scheint hier (wie überhaupt auf moralischem Gebiete) die Verwandtschaft mit den Indoeraniern, doch fehlte diesen so auffällig der künstlerische Zug ins Abenteuerliche, das Leben Freigestaltende, dass auch ihre Treue jene schöpferische, weltgeschichtliche Bedeutung nicht erlangte, welche germanische Sinnesart ihr verlieh. Hier wieder, wie vorhin bei der Betrachtung des Freiheitsgefühles, finden wir bei dem Germanen eine höhere Harmonie des Charakters; daher

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dürfen wir sagen, dass auf dem Erdenrund kein Mensch, auch die grössten nicht, ihn übertroffen hat. Eines ist sicher: will man die geschichtliche Grösse des Germanen erklären, indem man sie in ein einziges Wort zusammenfasst — immer ein bedenkliches Unternehmen, da alles Lebendige proteusartig ist — so muss man seine   T r e u e   nennen. Das ist der Mittelpunkt, von wo aus der gesamte Charakter, oder besser, die gesamte Persönlichkeit sich überblicken lässt. Nur muss man wohl verstehen, dass diese Treue nicht der Urgrund ist, wie Lamprecht meint, nicht die Wurzel, sondern die Blüte, die Frucht, an welcher wir den Baum erkennen. Daher ist gerade diese Treue der feinste Prüfstein, um echtes germanisches Wesen von unechtem zu scheiden; denn nicht an den Wurzeln, sondern an den Früchten erkennt man die
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Arten; doch bedenke man, dass bei schlechter Witterung mancher Baum keine Blüten oder nur verkümmerte treibt, was bei den hartbedrängten Germanen sich auch manchmal traf. Die Wurzel des besonderen Charakters ist ohne allen Zweifel jene allen Ariern gemeinsame und ihnen allein eigentümliche, bei den Griechen am üppigsten in die Erscheinung tretende freischöpferische Anlage, über die ich mich in dem Anfang des Kapitels über Hellenische Kunst und Philosophie ausgelassen habe (siehe Seite 53 fg.); alles leitet sich daher: Kunst, Philosophie, Politik, Wissenschaft; auch die Blüte der Treue finden wir durch diesen besonderen Saft gefärbt. Den Stamm bildet dann die positive Kraft, die physische und die intellektuelle (die von einander gar nicht zu scheiden sind); bei den Römern, denen wir die festen Grundlagen von Familie und Staat verdanken, war gerade dieser Stamm mächtig entwickelt. Doch die wahren Blüten eines derartigen Baumes sind die, welche Gemüt und Gesinnung zeitigen. Freiheit ist eine Expansivkraft, welche die Menschen auseinander sprengt, germanische Treue ist das Band, welches freie Menschen durch ihre innere Gewalt fester aneinander anschliesst als das Schwert des Tyrannen; Freiheit bedeutet Durst nach unmittelbarer, selbstentdeckter Wahrheit, Treue die Ehrfurcht vor dem, was den Ahnen wahr dünkte; Freiheit schafft sich ihre eigene Bestimmung, Treue hält unerschütterlich an dieser Bestimmung fest. Treue

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gegen die Geliebte, Treue gegen Freund und Eltern und Vaterland finden wir vielerorten; doch hier, beim Germanen, ist etwas hinzugekommen, wodurch der grosse Instinkt zu einer unendlich tiefen Seelenkraft, zu einem Lebensprinzip wird. Shakespeare lässt den Vater seinem Sohne als höchsten Ratschlag für seinen Lebensweg, als diejenige Mahnung, welche alle anderen in sich beschliesst, die Worte mitgeben:
Dies Eine über Alles — sei dir selber treu!
Das Prinzip der germanischen Treue ist, wie man sieht, nicht das Bedürfnis der Aneinanderkettung, wie Lamprecht meint, sondern im Gegenteil das Bedürfnis der Beharrlichkeit innerhalb des eigenen, autonomen Kreises; sie bezeugt die Selbstbestimmung; in ihr bewährt sich die Freiheit; durch sie behauptet der Lehensmann, der Innungsgenosse, der Beamte, der Offizier seine persönliche Unabhängigkeit. Für den freien Mann heisst Dienen sich selber befehlen. „Erst die Germanen brachten der Welt die Idee der persönlichen Freiheit,“ bezeugt Goethe. Was bei den Indern Metaphysik war und insofern notwendiger Weise verneinend,
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weltabgewandt, ist hier als ein Ideal des Gemütes ins Leben übertragen, es ist der „Lebensodem alles Guten und Grossen“, in der Nacht ein Stern, dem Ermatteten ein Sporn, dem vom Sturm Gejagten ein Rettungsanker.¹) Bei der Charakteranlage des Germanen ist Treue die notwendige Vollendung der Persönlichkeit, ohne welche sie auseinanderfällt. Immanuel Kant hat eine kühne, echt germanische Definition der Persönlichkeit gegeben: sie ist, sagt er, „die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur“; und was sie leistet, hat er folgendermassen geschildert: „Was den Menschen über sich selbst (als einen Teil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann und die zugleich die ganze Sinnenwelt unter sich hat, ist die Persönlichkeit.“ Ohne die Treue wäre diese Erhebung aber eine todbringende;
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    ¹) Der indischen Empfindung jedoch durchaus analog, insofern auch hier das regulative Prinzip ins innerste Herz verlegt wird.

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


dank ihr allein kann der Freiheitsdrang sich entwickeln und Segen bringen statt Fluch. Treue in diesem germanischen Sinne kann ohne Freiheit nicht   e n t stehen, doch ist nicht abzusehen, wie ein unbegrenzter, schöpferischer Drang nach Freiheit ohne Treue   b e stehen könnte. Sie bezeugt die kindliche Angehörigkeit zur Natur und gestattet gerade dadurch dem Menschen, sich über die Natur zu erheben, ohne dass er, wie der hellenische Phaeton, zerschmettert zur Erde falle. Darum schreibt Goethe: „Treue wahrt uns die Person!“ Die germanische Treue ist der Gürtel, welcher dem vergänglichen Einzelnen unvergängliche Schönheit verleiht, sie ist die Sonne, ohne welche kein Wissen zur Weisheit reifen kann, der Zauber, durch den allein das leidenschaftliche Thun des Freien zur bleibenden That gesegnet.

Ideal und Praxis
    Mit diesem Wenigen, höchst Vereinfachten halten wir, glaube ich, schon das wesentlich Unterscheidende an der geistigen und moralischen Veranlagung der Germanen. Die weitere Ausführung würde leicht ein ganzes Buch füllen, doch wäre es nur eine Ausführung. Will man den Germanen von seinen nächsten Anverwandten klar unterscheiden, so greife man in das tiefste Wesen hinein und stelle z. B. einen Kant als Morallehrer einem Aristoteles gegenüber. Für Kant ist „die Autonomie des Willens das oberste Prinzip der Sittlichkeit“; eine „moralische Persönlichkeit“ besteht für ihn erst von dem Augenblick an, wo „eine Person keinen anderen Gesetzen als die sie sich selbst giebt, unterworfen ist“.
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Und nach welchen Prinzipien soll diese autonome Persönlichkeit sich selbst Gesetze geben? Nach der Annahme eines unbeweisbaren „Reiches der Zwecke: freilich nur ein Ideal!“ Ein Ideal also soll das Leben bestimmen! Und in einer Anmerkung zu dieser selben Schrift (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten) stellt Kant in wenigen Worten diese neue, spezifisch germanische Weltauffassung der hellenischen entgegen: „Dort ist das Reich der Zwecke eine theoretische Idee, zur Erklärung dessen, was da ist; hier (bei uns Germanen) ist es eine praktische Idee, um das, was nicht da ist, aber durch unser Thun und Lassen   w i r k l i c h   w e r d e n   k a n n,   zu Stande zu bringen.“ Welche Kühnheit, ein moralisches Reich, welches nicht da ist, durch unseren

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Willen erschaffen, „wirklich“ werden lassen! Eine wie gefährliche Kühnheit, wäre nicht jenes Prinzip der Treue am Werk, das für Kant‘s eigene geistige Physiognomie so überaus charakteristisch ist! Und man merke wohl diese Gegenüberstellung: hier (beim Germanen) Ideal und zugleich Praxis, dort (beim Hellenen) das nüchtern Reale und als Geselle die Theorie. Der grosse Kapitän der Mächte des Chaos spottete über die deutschen „Ideologen“, wie er sie nannte: ein Beweis von Unverständnis, denn es waren praktischere Menschen als er selber. Nicht das Ideal sitzt in den Wolken, sondern die Theorie. Das Ideal ist, wie Kant es hier zu verstehen giebt, eine praktische Idee zum Unterschied von einer theoretischen Idee. Und was wir hier, auf den Höhen der Metaphysik, in scharfen Umrissen erblicken, wir finden es überall wieder: der Germane ist der idealste, doch zugleich der praktischste Mensch der Welt, und zwar, weil hier nicht Gegensätze vorliegen, sondern im Gegenteil Identität. Dieser Mensch schreibt die Kritik der reinen Vernunft, erfindet aber im selben Augenblick die Eisenbahn; das Jahrhundert Bessemer‘s und Edison‘s ist zugleich das Jahrhundert Beethoven‘s und Richard Wagner‘s. Wer hier die Einheit des Impulses nicht empfindet, wem es rätselhaft dünkt, dass der Astronom Newton seine mathematischen Forschungen unterbrechen konnte, um einen Kommentar zur Offenbarung Johannis zu schreiben, dass Crompton seine Spinnmaschine lediglich deswegen erfand, um mehr Musse für die ihm einzig teure Musik zu gewinnen, und dass Bismarck, der Staatsmann von Blut und Eisen, sich in den entscheidenden Augenblicken seines Lebens Beethoven‘s Sonaten vorspielen lassen musste, der versteht noch gar nichts vom Wesen des Germanen und kann auch folglich dessen Rolle in Vergangenheit und Gegenwart der Weltgeschichte nicht richtig beurteilen.

511 Germane und Antigermane
    Darauf kommt es nun hier an. Wir haben gesehen, wer der Germane ist:¹) sehen wir jetzt, wie sein Eintritt in die Geschichte sich gestaltete.
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    ¹) Das ganze neunte Kapitel, indem es die germanische Civilisation und Kultur in ihren Hauptlinien zu schildern unternimmt,

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Ich bin nicht befähigt und auch nicht gewillt, in diesem Buche eine Geschichte der Germanen zu geben; doch können wir das 19. Jahrhundert weder insofern es ein Ergebnis der vorangegangenen ist, noch in seiner eigenen riesigen Expansivkraft begreifen und schätzen, wenn wir nicht klare Vorstellungen besitzen, nicht allein über das Wesen des Germanen, sondern auch über den Konflikt, der seit anderthalb Jahrtausenden zwischen ihm und dem Nicht-Germanen herrscht. Das Heute ist das Kind des Gestern; was wir   h a b e n,   ist zum Teil das Erbe des vorgermanischen Altertums, was wir   s i n d,   ist ganz das Werk jener Urgermanen, die man uns als „Barbaren“ hinzustellen beliebt, als wäre die Barbarei eine Frage der relativen Civilisation und als bezeichne sie nicht einzig eine Verwilderung des Gemütes. Treffend leuchtete Montesquieu schon vor 150 Jahren in diese Begriffsverwirrung hinein. Nachdem er ausgeführt hat, wie alle Staaten, die das heutige Europa ausmachen (Amerika, Afrika, Australien kamen damals noch nicht in Betracht), das Werk der plötzlich aus unbekannten Wildnissen aufgetauchten germanischen Barbaren seien, fährt er fort: „Doch eigentlich waren diese Völker keine Barbaren, da sie frei waren; Barbaren sind sie erst später geworden, als sie, der absoluten Macht unterworfen, der Freiheit verlustig gingen.“¹) In diesen Worten ist sowohl der Charakter der Germanen ausgesprochen, wie auch das Schicksal, gegen welches sie unablässig anzukämpfen bestimmt waren. Denn es ist nicht abzusehen, welche einheitliche, in sich abgeschlossene Kultur auf einem reingermanischen Boden hätte entstehen können; statt dessen trat aber der Germane in eine schon fertig gestaltete Weltgeschichte ein, in eine Weltgeschichte, mit der er bisher in keine Berührung gekommen war. Sobald der nackte Kampf ums Dasein ihm Musse dazu liess, erfasste er mit Leidenschaft die beiden konstruktiven Gedanken, welche die in völliger Auflösung begriffene „alte Welt“ noch in ihren Todeskämpfen
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bildet eine Ergänzung zu dem hier mit möglichst wenig Strichen Skizzierten.
    ¹) Lettres persanes, CXXXVI.

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auszubilden bestrebt war: das Kaisertum und das Christentum.
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War das ein Glück? Wer dürfte die Frage bejahen? Keinen grossen Gedanken des Altertums überkam er in reiner Gestalt, sondern alle übermittelt durch die sterilen, schalen, lichtscheuen, freiheitsfeindlichen Geister des Völkerchaos. Doch dem Germanen blieb keine Wahl. Um zu leben, musste er die fremden Sitten, die fremden Gedanken sich zunächst so aneignen, wie sie ihm dargeboten wurden; er musste in die Lehre gehen bei einer Civilisation, die in Wahrheit nicht mehr wert war, ihm die Schuhriemen aufzulösen; gerade das, was ihm am nächsten verwandt gewesen wäre, hellenischer Schaffensdrang, römische Volksgesetzgebung, die erhaben einfache Lehre Christi, wurde seinem Auge gänzlich entzogen, um erst nach vielen Jahrhunderten durch seinen eigenen Fleiss ausgegraben zu werden. Seine bedenkliche Assimilationsfähigkeit kam ihm bei der Aneignung des Fremden sehr zu statten, auch jene „Blödigkeit“, die Luther lobt als „ein sicher Zeichen eines frommen, gottesfürchtigen Herzens“, die aber in ihrer übertriebenen Schätzung fremden Verdienstes zu mancher Bethörung führt. Deswegen bedarf es aber auch eines scharfen, kritischen Auges, um in Motiven und Gedanken jener alten Heldengeschlechter das echt Germanische von dem aus seinem natürlichen Stromwege Abgeleiteten, bisweilen auf ewig Abgeleiteten, zu scheiden. So ist z. B. die absolute religiöse Toleranz der Goten, als sie Herren jenes römischen Reiches geworden waren, wo lange schon das Prinzip der Intoleranz herrschte, eben so charakteristisch für germanische Gesinnung wie der Schutz, den sie den Denkmälern der Kunst gewährten.¹) Wir sehen hier gleich jene beiden Züge: Freiheit und Treue. Charakteristisch ist auch die Beharrlichkeit, mit welcher die Goten den Arianismus festhielten. Gewiss hat Dahn Recht,
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    ¹) Siehe oben S. 315 und vergl. Gibbon: Roman Empire, chapter XXXIX, und Clarac: Manuel de l‘histoire de l‘art chez les Anciens jusqu‘à la fin du 6me siècle de notre ère, II, 857 suiv. Die Mestizenvölker zerstörten die Denkmäler, teils aus religiösem Fanatismus, teils weil die Statuen den besten Baukalk abgaben und die Tempel vortreffliche Quadern. Wo sind die wahren Barbaren?

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wenn er sagt, es sei Zufall, dass die Goten der Sekte der Arianer, nicht der der Athanasier zugeführt wurden; doch der Zufall hört dort auf, wo die Treue anfängt. Dank dem grossen Wulfila besassen die Goten die ganze Bibel in ihrer heimatlichen Sprache, und Dahn‘s Spott über die geringe Beanlagung dieser rauhen Männer für theologische Dispute ist wenig am Platze der Thatsache gegenüber, dass die Quelle ihres religiösen Glaubens ihnen
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aus diesem lebendigen Buche floss, was nicht jeder Christ des 19. Jahrhunderts von sich behaupten könnte.¹) Und nun kommt das wirklich Entscheidende — nicht der öde Streit über Homousie und Homöusie, den schon Kaiser Konstantin für „müssig“ erklärt hatte — sondern das treue Festhalten an dem einmal Erwählten und die Betonung der germanischen Eigenart und des Rechtes der Selbstbestimmung dem Fremden gegenüber. Wenn die Germanen wirklich so willenlose Barbaren gewesen wären, wie Dahn sie darstellt, eben so bereit, den Osiriskult anzunehmen wie irgend einen anderen Glauben, wie kommt es, dass sie im 4. Jahrhundert alle (Langobarden, Goten, Vandalen, Burgunder u. s. w.) den Arianismus annahmen und, während er anderswo kaum fünfzig Jahre sich behauptete, ihm, allein unter allen Menschen, Jahrhunderte lang treu blieben? Theologisches erblicke ich gar nicht darin, auch lege ich nicht den geringsten Wert auf jene Spitzfindigkeiten, die man aus Allem und Jedem herausklügeln kann, um eine vorgefasste These durchzuführen, sondern ich richte mein Augenmerk einzig auf die ganz grossen Charakterthatsachen, und ich sehe hier wiederum Treue und Unabhängigkeit. Ich sehe hier die Germanen die Lossagung von Rom tausend Jahre vor Wyclif instinktiv durchführen, zu einer Zeit, wo Rom als Kirche sich vom Kaiseramte noch gar nicht klar geschieden hatte,
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    ¹) Wie charakteristisch gerade das Bibelstudium für die Goten war, kann man bei Neander: Kirchengeschichte, 4. Auflage, III, 199 lesen. Neander citiert u. a. einen Brief, in welchem Hieronymus sein Erstaunen darüber ausspricht, wie „die barbarische Zunge der Goten nach dem reinen Sinne der hebräischen Urschrift forsche“, während man im Süden „sich gar nicht darum kümmere“. Das war schon im Jahre 403!

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und vermag in einer solchen Erscheinung weder einen Zufall, noch eine „Nebensache“¹) zu erblicken. Wie wenig nebensächlich diese religiöse Erscheinung ist, geht aus Karl Müller‘s Darstellung hervor (Kirchengeschichte, 1892, I. 263), wo wir in Bezug auf die arianischen Germanen lesen: „Jedes Reich hat seine eigene Kirche. Kirchliche Verbände im Stil der katholischen Kirche giebt es nicht....   Die neuen Priester... sind Bestandteile der Stammes- und Volksorganisation gewesen. Der Bildungsgrad des Klerus ist natürlich ein ganz anderer, als der des katholischen: rein national germanisch, ohne Berührung mit der kirchlichen und profanen Kultur der alten Welt. Dagegen steht nach allen christlichen Zeugnissen Sitte und Sittlichkeit der ariani-
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schen Germanen unermesslich höher als die der katholischen Romanen. Es ist die sittliche Reinheit eines noch unverdorbenen Volkes gegenüber einer durch und durch faulen Kultur.“ Duldsam, evangelisch, sittlich rein: so waren die Germanen, ehe sie dem Einfluss Roms unterlagen.
    Eigentümlich ist es nun, wie später gerade Germanen sich umgarnen und zu Rittern der antigermanischen Mächte machen liessen; ich fürchte, es ist dies ebenfalls ein echt germanischer Zug, denn alles Lebende trägt in sich den Keim zu seinem eigenen Verderben und Tod. Zwar dachte Karl der Grosse nicht im Traume daran, dem römischen Bischof zu dienen, im Gegenteil, auch dessen Gewalt wollte er der seinen dienstbar machen; er behandelt den Papst wie ein Herr seinen Unterthanen,²) er wird von seinen Zeitgenossen ein „Reformator“ der Kirche genannt und setzt sogar in dogmatischen Dingen, wie in der Verehrung der Bilder, die er als echter Germane unbedingt verwarf, seinen Willen gegen den Roms durch. Doch verhindert das Alles nicht, dass gerade er das Papsttum aufrichtete, indem er ihm Macht und Ansehen verlieh und indem er jener Verquickung von deut-
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    ¹) Dahn, 2. Auflage von Wietersheim‘s Völkerwanderung, II. 60.
    ²) Dass der Papst auch thatsächlich der   U n t e r t h a n   des Kaisers war, steht juristisch und staatsrechtlich fest, so dass die leidenschaftlichen Dissertationen für und wider zwecklos sind. (Siehe Savigny: Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, I, Kap. 5.)

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schem Königtum mit römischem Christentum Vorschub leistete, von der bisher keine Rede gewesen war und die von nun an wie ein Alp auf Deutschland lastete. Man denke sich doch die Entwickelung der Dinge, wenn auch die Franken Arianer geworden wären, oder wenn sie als Katholiken sich früh, etwa unter Karl dem Grossen, von Rom losgesagt und national organisierte Kirchen gegründet hätten wie die meisten Slaven! Als die Päpste sich an Karl‘s Vorgänger, Karl Martell und Pipin flehentlich um Hilfe wandten, war die Stellung Roms als Weltmacht verloren; die entschiedene Zurückweisung seiner Prätentionen hätte sie für alle Zeiten vernichtet. Ja, wenn nur Karl‘s Versuche geglückt wären, sich die Kaiserkrone nicht von den Römern, sondern von Byzanz aus verleihen zu lassen, so wäre die kirchliche Unabhängigkeit der Germanen nie ernstlich gefährdet worden. Karl‘s gesamte Lebensthätigkeit bezeugt eine so eminent deutsch-nationale Gesinnung in allen ihren Bestrebungen, dass man, allem Schein und auch manchen entgegengesetzten Folgen zum Trotz, die Germanisierung als sein Ziel anerkennen muss, und nicht allein als sein Ziel, sondern auch als sein Werk; denn er ist der Gründer Deutsch-
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lands, derjenige, welcher, wie schon der alte Widukind sagt, zuerst aus den Deutschen quasi una gens gemacht hat, und insofern ist er der wahre Urheber des heutigen nicht mehr „heiligen römischen“, sondern „heiligen deutschen“ Reiches. Die römische Kirche dagegen war von Hause aus und notwendiger Weise die Schild- und Waffenträgerin aller antigermanischen Bestrebungen; sie war es von Anfang an, musste es aber täglich mehr und offener werden, und war es daher nie deutlicher als am heutigen Tage. Und dennoch verdankt sie ihre Existenz den Germanen! Ich rede hier gar nicht von Glaubensdingen, sondern von dem Papsttum als idealer Weltmacht; gläubige Katholiken, die ich im Herzen verehre, haben das selbe eingesehen und ausgesprochen. Um nur ein einziges Beispiel zu geben, welches sich ausserdem an vor Kurzem Gesagtes anschliesst: wir sahen, dass die religiöse Duldsamkeit dem Germanen, als einem freiheitlich gesinnten Manne und als einem Manne, dem die Religion ein inneres Erlebnis bedeutet, von Hause aus natürlich ist; vor der Besitz-

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ergreifung des römischen Reiches durch die Goten war die Verfolgung an der Tagesordnung gewesen, dann aber unterblieb sie lange Zeit, denn die Germanen machten ihr ein Ende. Erst als die Lehren und die Leidenschaften des Völkerchaos den Germanen seinem eigenen Selbst entfremdet hatten, begann der Franke den Sachsen das Christentum mit dem Schwerte zu predigen. Aus dem De civitate Dei entnahm Karl seine Pflicht zur gewaltsamen Bekehrung,¹) wozu er von dem Papst, der ihm den Titel Christianissimus Rex verlieh, unaufhörlich angetrieben wurde; und so wütete jener erste Dreissigjährige Krieg unter germanischen Brüdern, verheerend, zerstörend, unauslöschbaren Hass säend, nicht aus eigenem Antrieb, sondern dank dem Einfluss Roms, genau ebenso, wie neunhundert Jahre später der zweite Dreissigjährige Krieg, den in manchen Teilen Deutschlands nur ein Fünfzigstel der Einwohner überlebte — jedenfalls eine praktische Art, die Germanen los zu werden, sie unter einander sich vertilgen zu lassen! Und inzwischen war die Lehre des Augustinus, des afrikanischen Mestizen, das Dogma der grundsätzlichen Unduldsamkeit und der Bestrafung des Irrglaubens mit dem Tode in die Kirche eingedrungen und wurde, sobald das germanische Element genügend geschwächt, das antigermanische Element genügend gestärkt war, feierlich zum Gesetz erklärt und
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während eines halben Jahrtausends, inmitten einer sonst auf allen Gebieten fortschreitenden Kultur, der Menschheit zur ewigen Schmach, ins Werk gesetzt. Wie urteilt nun einer der hervorragendsten Katholiken des 19. Jahrhunderts über diesen merkwürdigen Vorgang, über diese Verwilderung von Menschen, die sich früher, als angebliche Barbaren, so human gezeigt hatten? „Es war“, sagt er, „ein Sieg, welchen das altrömische Kaiserrecht   ü b e r   d e n   g e r m a n i s c h e n   G e i s t   errang.“ ²)
    Wollen wir nun die notwendige Beschränkung des Begriffes „Germane“ durchführen, d. h. das Germanische von dem Unger-
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    ¹) Hodgkin: Charles the Great, 1897, p. 107, 248.
    ²) Döllinger: Die Geschichte der religiösen Freiheit (in seinen akademischen Vorträgen, III, 278).

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manischen scheiden, so müssen wir erst, wie ich es im Anfang dieses Kapitels versuchte, klare Vorstellungen über die zu Grunde liegenden Charakter- und Geisteseigenschaften des Germanen zu gewinnen suchen und sodann, wie jetzt eben an einem Beispiel angedeutet ward, dem Gange der Geschichte mit kritischem Blicke folgen. Derlei „Siege über den germanischen Geist“ wurden nämlich viele gewonnen, manche nur mit vorübergehendem Erfolg, manche so gründlich, dass edle Völker auf ewig aus dem germanischen Verbande schwanden und einem progressiven Verfall anheimfielen. Denn dieser unter so verwickelten, widerspruchsvollen, durch und durch verrotteten Verhältnissen in die Weltgeschichte eingetretene Germane ist sich selber entfremdet worden. Alles wurde ja in Bewegung gesetzt, um ihn zu bethören: nicht allein die Leidenschaften, die Habgier, die Herrschsucht, alle die schlimmen Untugenden, die ihm mit Anderen gemeinsam sind, nein, auch sein besseres Teil wurde zu diesem Zweck geschickt bearbeitet: seine mystischen Regungen, sein Wissensdurst, seine Glaubenskraft, sein Schaffensdrang, seine hohen organisatorischen und gestaltenden Eigenschaften, sein edler Ehrgeiz, sein Bedürfnis nach Idealen — — — Alles wurde gegen ihn selber ausgebeutet. Zwar nicht als ein Barbar, wohl aber als ein Kind war der Germane in die Weltgeschichte eingetreten, als ein Kind, das alten erfahrenen Wüstlingen in die Hände fällt. Daher kommt es, dass wir das Ungermanische in dem Herzen der besten Germanen eingenistet finden, wo es, dank germanischem Ernst und germanischer Treue, oft festere Wurzel fasste, als an irgend einem andern Ort; daher aber auch die grosse Schwierigkeit, unsere Geschichte zu enträtseln. Montesquieu sagte uns vorhin, der Germane sei durch den Verlust seiner Freiheit später Barbar geworden: doch wer raubte sie ihm? Das
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Völkerchaos im Bunde mit ihm selber. Dietrich von Bern hatte den Titel und die Krone des Imperators von sich gewiesen; er war zu stolz, um mehr sein zu wollen als König der Ostgoten; späteren Germanen dagegen schillerte der kaiserliche Purpur vor den Augen wie ein zaubergewaltiger Talisman, so ganz waren sie von ungermanischen Vorstellungen geblendet. Denn

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Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


inzwischen waren die Jurisconsulti des poströmischen Afterrechtes gekommen und hatten den germanischen Fürsten Wunderdinge über königliche Gerechtsame ins Ohr geflüstert; und die römische Kirche, welche die mächtigste Verbreiterin des justinianischen Rechtes war,¹) lehrte, dieses Recht sei ein heiliges, gottgegebenes;²) nun trat der Papst hinzu und erklärte sich für den einzigen Herrn aller Kronen; er allein, als Vertreter Christi auf Erden, könne sie verleihen und abnehmen,³) und dem servus servorum sei der Kaiser als blosser rex regum untergeordnet. Wenn aber der Papst die Kronen schenkte oder bestätigte, so war jeder König fortan König von Gottes Gnaden, und wenn der Rechtsgelehrte darthat, dem Träger der Krone sei von Rechtswegen das ganze Land zu eigen, sowie unbeschränkte Allmacht über seine Unterthanen, so war die Verwandlung fertig, und an der Stelle eines Volkes von freien Männern stand nun ein Volk von Knechten. Das nennt Montesquieu, und nicht mit Unrecht, Barbarei. Die germanischen Fürsten, die nicht allein aus Herrsch- und Habsucht, sondern auch in Folge der Verwirrung aller Begriffe auf diesen Pakt eingegangen waren, hatten sich unbewusst den feindlichen Mächten verdungen; nunmehr waren sie Stützen der antigermanischen Bestrebungen. Wieder war   e i n   S i e g   ü b e r   d e n   g e r m a n i s c h e n   G e i s t   errungen!
    Weitere Beispiele davon, wie der Germane sich selber nach und nach entfremdet wurde, überlasse ich dem Sinnen des Lesers. Hatte er erst die Freiheit zu handeln und die Freiheit zu glauben verloren, so war die Grundlage seines besonderen, unvergleichlichen Wesens in einer Weise untergraben, dass nur die heftigste Empörung ihn vor gänzlichem Untergang retten konnte. Wie frei und kühn war nicht das religiöse Denken der ersten nordischen Scholastiker gewesen, voll Persönlichkeit und Leben; wie ge-
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    ¹) Savigny: Geschichte des römischen Rechts, I, Kap. 3.
    ²) „Das Mittelalter stellte das römische Recht als   g e o f f e n b a r t e   V e r n u n f t   in Dingen des Rechts (ratio scripta) dem Christentum als   g e o f f e n b a r t e   R e l i g i o n   zur Seite“ (Jhering: Vorgeschichte der Indoeuropäer, S. 302).
    ³) Phillips: Lehrbuch des Kirchenrechtes, 1881 (!), § 102 u. s. w.

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knechtet und geknebelt erscheint es nach Thomas von Aquin,
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der bis auf den heutigen Tag allen katholischen Schulen als Gesetz gilt!¹) Wie rührend ist es, die rauhen Goten im Besitze ihrer gotischen Bibel zu wissen, den Worten Christi mit staunendem Halbverständnis lauschend, als erklängen sie aus irgend einem uralten, fast vergessenen Märchen, oder als dränge eine noch ferne Stimme an ihr Ohr, sie zu einer schönen, unvorstellbaren Zukunft heranrufend, dann im einfach gezimmerten Gotteshause oder im Kirchenzelt²) auf die Kniee sinkend und wie die Kinder um das Allernächstliegende betend! Doch jetzt war das alles entschwunden: die Bibel sollte einzig und allein in der lateinischen Vulgata — also nur von Gelehrten — gelesen werden und war selbst Priestern und Mönchen bald so wenig bekannt, dass schon Karl der Grosse die Bischöfe ermahnen musste, sich ernstlicher mit der Erforschung der heiligen Schrift abzugeben;³) der heilige Gottesdienst durfte fortan nur in einer Sprache gehalten werden, die kein Laie verstand.4) Wie leuchtend klar tritt schon
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    ¹) Dass Thomas von Aquin durch seine Mutter vom staufischen Hause abstammte und frühzeitig deutsches Wissen und Denken auf sich einwirken liess (Albertus Magnus), darf freilich auch nicht vergessen werden. Wo hätte das Chaos etwas Grosses ausgerichtet — und Aquin‘s geistige Leistung ist eine bewundernswert grosse, starke — ohne die Hilfe von Germanen?
    ²) Siehe Hieronymus: Epistola ad Laetam.
    ³) Döllinger: Das Kaisertum Karl‘s des Grossen, in Akad. Vortr., III, 102.
    4) Interessant ist es, in dieser Verbindung darauf aufmerksam zu machen, dass Papst Leo XIII. durch die Konstitution Officiorum numerum vom 25. Januar 1897 die Bestimmungen des Index verbotener Bücher „nicht unerheblich verschärft hat“ (so sagt der orthodox-römische Kommentator Professor Hollweck: Das kirchliche Bücherverbot, 2. Auflage, 1897, S. 15). Der alte freiheitliche germanische Geist hatte sich nämlich auch unter den gläubigen Katholiken in Frankreich und Deutschland im 19. Jahrhundert zu regen begonnen; kirchliche Lehrer behaupteten, der Index gelte für diese Länder nicht, Bischöfe verlangten weitgehende Änderungen in freiheitlichem Sinne, Laien (Koblenz 1869) vereinigten sich zu Adressen, in denen sie die völlige Abschaffung des Index forderten (siehe a. a. O., S. 13, 14); da antwortete Rom mit einer Verschär-

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zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Idee reiner Wissenschaft durch Roger Bacon zu Tage — Naturbeobachtung, wissenschaftlich zu
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fung des Bücherverbotes, über welche jeder Laie sich in der genannten bischöflich approbierten Schrift unterrichten kann. Nach diesem Gesetze ist dem gläubigen römischen Katholiken so ziemlich die gesamte Weltlitteratur verboten, und selbst solche Autoren wie Dante dürfte er nur in stark expurgierten, „bischöflich approbierten“ Ausgaben lesen. Interessant in Bezug auf die Verschärfung, welche die neue Indexkonstitution eingeführt hat, ist die Thatsache, dass hinfürder nicht bloss Bücher, welche theologische Fragen berühren, bischöflich approbiert sein müssen, sondern nach § 42 und 43 auch solche, welche von Naturwissenschaft und Kunst handeln, von keinem gläubigen Katholiken absque praevia Ordinariorum venia veröffentlicht werden dürfen. Besonders bemerkenswert ist aber, dass das Lesen der Bibel in der Volkssprache nach einer getreuen, vollständigen Ausgabe,   a u c h   w e n n   d i e s e  v o n   K a t h o l i k e n   b e s o r g t   w i r d,   „bei schwerer Sünde“ verboten ist! Nur die besonders redigierten und mit Anmerkungen versehenen, vom heiligen Stuhl „approbierten“ Ausgaben dürfen gelesen werden (a. a. O., S. 29). Übrigens kann diese Sorge nur für schon wankende Gemüter gelten, denn es wird im Religionsunterricht u. s. w. so eindringlich vor der Lektüre der heiligen Schrift gewarnt, dass ich 20 Jahre in katholischen Ländern gelebt habe, ohne einen einzigen katholischen Laien anzutreffen, der jemals die vollständige Bibel auch nur in der Hand gehalten hätte; sonst findet der Index librorum prohibitorum wenig oder keine Geltung im praktischen Leben; als wirklich gefährliches Buch für Rom wird eben mit unfehlbarem Blick einzig jenes eine Buch betrachtet, aus welchem die schlichte Gestalt Christi uns entgegentritt. Vor dem tridentinischen Konzil, d. h. also zu der Zeit, wo sich der spätere „Protestant“ noch nicht sichtbar vom späteren „Katholiken“ losgetrennt hatte, stand es freilich in Deutschland anders; durch jene Vorläuferin der Reformation, die „deutsche Kunst“ der Buchdruckerei, war in kurzer Zeit (und trotz des damals schon bestehenden ausdrücklichen kirchlichen Verbots) „die Bibel nach recht gemeinem Deutsch“ das verbreitetste Buch im ganzen Land geworden (Janssen: Geschichte des deutschen Volkes, I, 20). Diesem Zustande machte aber das Tridentiner Konzil durch das Decretum de editione et usu sacrorum librorum ein für allemal ein Ende. Immanuel Kant bewunderte übrigens die eiserne Konsequenz der römischen Kirche und betrachtete das Verbot des Bibellesens als „den Schlusstein der römischen Kirche“ (Hasse: Letzte Ausserungen Kant‘s, 1804, S. 29). Zugleich pflegte

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betreibende Philologie, Mathematik! Doch seine Werke werden von Rom verdammt und zerstört, er selber im besten Mannesalter in ein Kloster interniert, jede ernste Erforschung der Natur jahrhundertelang hintangehalten und dann Schritt für Schritt bekämpft. Dass solche Leuchten der Wissenschaft wie Kopernikus und Galilei gute Katholiken waren, solche Vorboten neuer kosmologisch-philosophischer Vorstellungen wie Krebs (Nicolaus von Cusa), Bruno, Campanella und Gassendi gar Kardinäle, Mönche und Priester, beweist nur, dass es sich bei allen diesen Erscheinungen nicht um religiöse Glaubensdifferenzen handelt, sondern um den Kampf zwischen zwei Weltanschauungen, oder noch besser, zwischen zwei menschlichen Naturen, der germanischen und der antigermanischen, was auch seinen deutlichen Ausdruck darin fand, dass die meisten dieser Männer verfolgt oder zum mindesten ihre Schriften verboten wurden.¹) Kardinal Nicolaus Cusanus, der Vertraute der Päpste, der das Glück hatte,   v o r   der durch das tridentinische Konzil eingeleiteten retrograden Bewegung zu leben, bewährte sein echt germanisches Wesen dadurch, dass er als erster die Fälschung der Isidor‘schen Dekretalien, der angeblichen Konstantin‘schen Schenkung u. s. w. nachwies, und dass er als thätiger Reformator der Kirche zwar erfolglos, doch unermüdet das erstrebte, was später auf anderem Wege
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erzwungen werden musste. Der Mann, welcher Fälschungen aufdeckt, kann unmöglich mit denen, welche die Fälschungen begehen, moralisch Identisch sein. Und so dürfen wir denn ebensowenig nach Konfessionen wie nach Nationen trennen, um
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er sich über die Protestanten lustig zu machen, „welche sagen: forschet in der Schrift selbst, aber ihr müsst nichts anderes darin finden, als was wir darin finden“ (Reicke: Lose Blätter aus Kant‘s Nachlass II, 34).
    ¹) Höchst bemerkenswert ist es, dass solche bahnbrechende, freisinnige Philosophen wie Bruno und Campanella aus dem äussersten Süden Italiens stammen, wo selbst noch heute, nach den anthropologischen Feststellungen, der indogermanische, ausgesprochene Dolichocephal-Typus auf der Halbinsel verhältnismässig am stärksten vertreten ist (siehe Ranke: Der Mensch, II, 299).

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das echt Germanische vom Antigermanischen zu scheiden. Nicht allein, dass vor dem Tridentiner Konzil zwischen römischen Christen und anderen nicht unterschieden werden kann, da ja manche grosse Kirchenlehrer, wie Origenes, und viele „katholische“ Doktoren in Anschauungen und Lehren, die von da an als häretisch galten, bedeutend weiter gegangen waren als ein Luther oder gar ein Hus; sondern auch später, und bis auf den heutigen Tag, sehen wir hervorragend germanische Geister aus tiefer Überzeugung, aus treuer Anhänglichkeit an die gewaltige Idee einer universellen Kirche im Gehorsam gegen Rom verbleiben und dennoch sich als echteste Germanen bewähren; während andrerseits jener Mann, in welchem die Empörung gegen die antigermanischen Mächte ihren gewaltigsten Ausdruck fand, Martin Luther, sich auf Augustinus beruft um die Fürsten zur Unduldsamkeit anzuhalten, und Calvin den grossen Arzt Michel Servet wegen seiner dogmatischen Ansichten verbrennt und dafür die Billigung selbst des humanen Melanchthon erhält. Wir dürfen also nicht einmal einzelne Menschen ohne weiteres als Muster des Germanen hinstellen; sondern sobald sie dem nichtgermanischen Einfluss in Erziehung, Umgebung u. s. w. unterworfen gewesen sind — und wer war das nicht während mindestens eines Jahrtausends? — müssen wir sorgfältig unterscheiden lernen zwischen dem, was aus der echten, reinen, eigenen Natur, sei es im Guten oder im Bösen, als lebendiger Bestandteil der Persönlichkeit hervorwächst und dem, was dieser Persönlichkeit gewaltsam aufgepfropft oder gewaltsam unterbunden wurde.
    In einem gewissen Sinne kann man, wie man sieht, die geistige und moralische Geschichte Europas von dem Augenblick des Eintrittes der Germanen an bis auf den heutigen Tag, als einen Kampf zwischen Germanen und Nicht-Germanen, zwischen germanischer Gesinnung und antigermanischer Sinnesart betrachten, als einen Kampf, der teils äusserlich, Weltanschauung gegen Weltanschauung, teils innerlich, im Busen des Germanen selbst, ausgefochten wird. Doch hiermit deute ich bereits auf den folgenden Abschnitt hin. Das in diesem Gesagte will ich zum Schluss zusammenfassen, indem ich auf den vollendetsten Typus

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des Antigermanen hinweise; es ist dies, glaube ich, die wertvollste Ergänzung zum positiven Bilde.

521 Ignatius von Loyola
    Der Kampf gegen das Germanische hat sich in einem der ausserordentlichsten Männer der Geschichte gewissermassen verkörpert; hier wie anderwärts hat eine einzige grosse Persönlichkeit durch ihr Beispiel und durch die Summe von Lebenskraft, die sie in die Welt setzte, mehr vermocht als alle vielköpfigen Konzilien und alle feierlichen Beschlüsse grosser Körperschaften. Und es ist gut seinen Feind vor sich in einer Gestalt zu sehen, welche Achtung verdient, sonst kann Hass oder Geringschätzung das Urteil leicht trüben. Ich wüsste nicht, wer berechtigt wäre, Ignatius von Loyola aufrichtige Anerkennung zu versagen. Er erträgt physische Schmerzen wie ein Held, ¹) ist moralisch ebenso furchtlos, sein Wille ist eisern, sein Thun zielbewusst, sein Denken durch keine Gelehrsamkeit und Künstelei verdorben; er ist ein scharfsinniger, praktischer Mann, der nie über Kleinigkeiten stolpert und dennoch seiner Wirksamkeit gerade dadurch eine ferne Zukunft sichert, dass er stets die Bedürfnisse des Augenblicks als Grundlage seines Wirkens ergreift und ausnutzt; dazu selbstlos, ein Feind aller Phrasen, nicht eine Spur Komödiant; ein Soldat und ein Edelmann, der das Priestertum eher zu seinen Zwecken gebraucht, als ihm seinem Wesen nach jemals angehört. Dieser Mann nun war ein Baske; nicht allein war er in dem rein baskischen Teile Spaniens geboren, sondern seine Biographen versichern, er sei aus echtem, unvermischtem baskischen Stamme, d. h. also, er gehörte einer Menschenrasse an, die nicht allein ungermanisch ist, sondern in keinerlei Verwandtschaft zu der gesamten indoeuropäischen Gruppe steht. ²) In Spanien bildeten seit der keltischen Einwanderung die gemischten Keltiberer einen Grundteil der Bevölkerung, doch in gewissen nördlichen Teilen
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    ¹) Sein in einer Schlacht zerschmettertes Bein liess er zweimal nach vollendeter Heilung wieder gewaltsam brechen, weil es kürzer als das andere geworden war und ihn somit zum Kriegsdienst untauglich machte.
    ²) Siehe Bastian: Das Beständige in den Menschenrassen, S. 110; Peschel: Völkerkunde, 7. Aufl., S. 539.

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blieben bis auf den heutigen Tag die iberischen Basken unvermischt, und ein solches „echtes Kind des rätselhaften, verschlossenen, thatkräftigen und phantastischen Baskenstammes“ soll Ignatius, eigentlich lñigo, sein.¹) Es ist, nebenbei gesagt (als Illustration für die unvergleichliche Bedeutung von Rasse), höchst bemerkenswert, dass der Mann, dem die Erhaltung des spezifisch-römischen, antigermanischen Einflusses auf Jahrhun-
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derte hinaus zum grössten Teil zugeschrieben werden muss, nicht selber ein Kind des Chaos war, sondern ein Mann von echtem, reinem Stamm. Daher die Einfachheit und Kraft, die uns so wunderbar anmuten, wenn wir inmitten des römischen Babel des 16 Jahrhunderts, wo beim Erlebnis der Wiedergeburt germanischen Selbstbewusstseins (die wahre Renaissance!) alle Stimmen erschrocken und ratlos durcheinander kreischen, diesen einen Mann erblicken, der abseits, geräuschlos, völlig unbekümmert um das, was Andere beschliessen und erstreben (ausser insofern es seine Pläne berührt), seinen eigenen Weg geht und ohne Hast, mit voller Beherrschung seiner angeborenen Leidenschaftlichkeit, den Kriegsplan entwirft, die Taktik festsetzt, die Truppen eindrillt zu dem durchdachtesten und daher gefährlichsten Ansturm, der je auf germanisches Wesen — oder vielmehr auf arisches Wesen überhaupt — unternommen wurde. Wer es für einen Zufall hält, dass diese Persönlichkeit ein Baske war, wer es für einen Zufall hält, dass dieser Baske, obwohl er bald fähige und ihm ganz ergebene Mitarbeiter von verschiedenen Nationalitäten gefunden hatte, auf der Höhe seines Wirkens nur mit einem einzigen Manne intim, fast unzertrennlich lebte, mit ihm allein beratschlagte, durch ihn allein seinen Willen kundgab, und dass dieser Eine ein rassenechter, erst spät zum Christentum übergetretener Jude war (Polanco) — wer, sage ich, an derlei Erscheinungen achtlos vorübergeht, hat kein Gefühl für die Majestät der Thatsachen.²) Gewinnt man zu dem innersten Geistes-
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    ¹) Gothein: Ignatius von Loyola und die Gegenreformation, 1895, S. 209.
    ²) Es verdient noch bemerkt zu werden, dass die zwei ersten

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leben dieses merkwürdigen Mannes Zutritt, was durch seine Exercitia spiritualia (ein Grundlehrbuch der Jesuiten noch heute) leicht gelingt, so hat man den Eindruck, als träte man in eine vollkommen fremde Welt ein. Zuerst fühlte ich mich in einer christlich ausstaffierten mohammedanischen Atmosphäre:¹) der krasse Materialismus aller Vorstellungen — dass man z. B. den Gestank der Hölle riechen, ihre Flammenglut fühlen solle, der Gedanke, dass Sünden Vergehen gegen ein „paragraphoses“ Gesetz sind, so dass man darüber Buch führen kann und soll nach einem be-
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stimmt angegebenen Schema, und anderes dergleichen — gemahnen an semitische Religionen; doch thäte man letzteren sehr Unrecht, wollte man sie mit dem kaum übertünchten Fetischismus des Loyola identifizieren. Das Grundprinzip der Religion des Ignatius ist die Bekämpfung jeglicher Symbolik. Man hat ihn einen Mystiker genannt und mystische Einflüsse auf sein Denken nachzuweisen gesucht, doch ist dieser Kopf gänzlich unfähig, den Begriff der Mystik im indoeuropäischen Sinne auch nur zu fassen; denn alle Mystik, von Yâjñavalkya bis Jakob Böhme, bedeutet den Versuch, die Schlacken der Empirie abzuwerfen, um unmittelbar in einer transscendenten, empirisch unvorstellbaren Urwahrheit aufzugehen,²) während Loyola‘s ganzes Bestreben im genauen Gegensatz zum Mysticismus darauf hinausgeht, alle Mysterien der Religion als konkrete, sinnfällige Thatsachen hinzustellen: wir sollen sie sehen, hören, schmecken, riechen, betasten! Seine Exercitia bedeuten nicht eine Anleitung zu mystischer Betrachtung, sondern vielmehr die systematische
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Männer, welche sich dem Ignatius anschlossen und somit seinen Orden mitbegründeten, ebenfalls nicht Indoeuropäer waren: Franz Xavier war, wie Ignatius, ein echter Baske, Faber ein echter, krass abergläubischer Savoyard (siehe S. 359. Anm. 2).
    ¹) Seitdem Obiges geschrieben wurde, ist ein Buch erschienen von Hermann Müller: Les origines de la compagnie de Jésus, in welchem nachgewiesen wird, Ignatius habe die Organisation der mohammedanischen Geheimbünde sehr genau studiert und folge auch in seinen Exercitien vielfach mohammedanischen Auffassungen. Wahrlich, dieser Mann ist der personifizierte Antigermane!
    ²) Siehe Kap. 9, Abschnitt „Weltanschauung“.

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Ausbildung der in uns allen vorhandenen hysterischen Anlagen. Das rein sinnliche Element der Phantasie wird auf Kosten der Vernunft, auf Kosten der Urteilskraft grossgezogen und bis zur äussersten Leistungsfähigkeit getrieben; auf diese Weise siegt die animalische Natur über die intellektuelle, und nunmehr ist der Wille — nicht gebrochen, wie man allgemein behauptet, wohl aber in Ketten geschlagen. Im normalen Menschen bildet die Erkenntnis das Gegengewicht zum Willen; Loyola‘s Begriff richtet sich darum zunächst auf die Erkenntnis, als auf die Quelle der Freiheit und des Schaffensdranges; in einer seiner letzten Kundgebungen spricht er es knapp aus: er bezeichnet „den Verzicht auf den eigenen Willen und die Verleugnung des eigenen Urteils“ als „die Quelle der Tugenden“.¹) Auch in den Exercitien heisst die erste Regel der Orthodoxie:   „d i e   V e r n i c h t u n g   j e d e s   e i g e n e n   U r t e i l s“   (siehe die Regulae ad sentiendum vere cum ecclesia, reg. I).²) Hierdurch wird nun der Wille nicht ge-
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    ¹) Siehe das letzte Schreiben an die Portugiesen, analysiert und citiert bei Gothein: a. a. O., S. 450.
    ²) Der Jesuitenpater Bernhard Duhr hat in der 4. Aufl. seines bekannten Buches Jesuiten-Fabeln meinen Grundlagen einen Abschnitt gewidmet. Da die Darstellung einer abweichenden Auffassung immer anregend und aufklärend wirkt, würde ich gern diese Entgegnung allen meinen Lesern ebenso warm empfehlen wie ich jede Gelegenheit wahrgenommen habe, auf die Broschüre des katholischen Theologen Prof. Dr. Albert Ehrhard gegen diese Grundlagen hinzuweisen (Heft 14 der Vorträge der Leogesellschaft). Doch muss ich leider feststellen, dass mein jesuitischer Gegner vor Unwahrhaftigkeit nicht zurückscheut, wodurch er sich die Aufgabe zwar erleichtert, doch an Wirkungsfähigkeit bei vernünftigen, unabhängig denkenden Lesern einbüsst. Da eine Widerlegung Punkt für Punkt zu weit führen würde, wähle ich zwei Beispiele; sie werden genügen. — S. 936 sagt Duhr (unter Hinweis auf das von mir S. 523 Behauptete):   „N i r g e n d s   in den Exercitien wird darauf hingearbeitet, das eigene Urteil zu   v e r n i c h t e n‚   im Gegenteil, eine Reihe von Anleitungen gegeben, unsere Kenntnis zu erweitern und darauf hin unser Urteil richtig zu bilden. Auch in der von Chamberlain angeführten Regel heisst es nur:   „Mit   B e i s e i t e s t e l l u n g   unseres eigenen Urteils sollen wir uns bereit halten, in allem der wahren Braut Christi, der Kirche, zu gehorchen.“ Nun handelt

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brochen, im Gegenteil, nur von dem Gehorsam gegen seinen natürlichen Herrn, das Individuum, losgebunden; was ihn aber jetzt meistert, ist die Zuchtrute der Exercitia. Durch diese wird, genau so wie bei den Fakiren, nur in weit überlegterer und darum erfolgreicherer Weise, ein pathologischer Zustand der gesamten Individualität erzeugt (und durch jährliche und bei widerstands-
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fähigen Personen noch häufigere Wiederholungen wird er immer von Neuem gestärkt), der genau so wirkt wie jede andere Hysterie. Die neuere Medizin fasst diese psycho-pathologischen
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es sich schon nach dieser Deutung um einen frivolen Sophismus; denn wenn ich mein Urteil „beiseitestelle“, um „in allem“ das Urteil der Kirche als massgebend anzuerkennen, so habe ich kein eigenes Urteil mehr. In der von den Jesuiten selber herausgegebenen wörtlichen Übersetzung des spanischen Originals, versio literalis ex autographo hispanico, lesen wir aber: Primo, deposito omni judicio proprio, debemus tenere animum paratum et promptum ad obediendum in omnibus verae sponsae Christi Domini nostri, quae est nostra sancta mater ecclesia hierarchica, quae romana est. Und in der anderen von mir an besagtem Orte angerufenen Stelle, in Loyola‘s Brief an die Portugiesen, heisst es (§ 21): [vos ego per Christum Dominum nostrum obtestor ut....] voluntatem dico atque judicium expugnare et subjicere studeatis. Sind diese Worte nicht deutlich genug? Heisst deponere, heissen expugnare und subjicere wirklich „beiseitestellen“? — Der zweite Fall ist noch krasser. S. 665 habe ich einen Satz des Jesuiten Jouvancy über und gegen die Beschäftigung mit der Muttersprache angeführt; Duhr erwidert kecklich: „Eine so thörichte Behauptung hat Jouvancy nirgends aufgestellt.“ Dem gegenüber bitte ich folgendes Werk zur Hand zu nehmen: Bibliothek der katholischen Pädagogik, begründet unter Mitwirkung von G. R. Dr. L. Kellner, Weihbischof Dr. Knecht, Geistl. Rat Dr. Hermann Rolfus und herausgeg. von F. X. Kunz, Band X, Der Jesuiten Sacchini, Juvencius und Kropf Erläuterungsschriften zur Studienordnung der Gesellschaft Jesu, übersetzt von J. Stier, R. Schwickerath, F. Zorell, Mitgliedern derselben Gesellschaft, Freiburg i. B., bei Herder, 1898. Die Seiten 209 bis 322 enthalten die Übersetzung ins Deutsche von Jouvancy‘s Lern- und Lehrmethode. Und hier lesen wir, S. 229: „Bei dieser Gelegenheit müssen wir auf eine Klippe aufmerksam machen, die besonders jüngeren Lehrern gefährlich ist, nämlich das zu viele Lesen in Werken der Muttersprache, vorzüglich in poetischen. Dabei wird nicht nur viel Zeit verloren, sondern man leidet auch leicht Schiffbruch an der Seele.“

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Zustände unter der Bezeichnung „Zwangsneurose“ zusammen und weiss recht wohl, dass der Erkrankte nicht seinen Willen, wohl aber (innerhalb des Kreises der Zwangsvorstellungen) die   f r e i e   V e r f ü g u n g   über seinen Willen gänzlich verliert! Natürlich kann ich hier nicht näher auf diesen höchst verwickelten Gegenstand eingehen, der gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Experimente Charcot‘s und Anderer, sowie durch die wissenschaftliche Psychologie teilweise aufgehellt wurde, so weit wenigstens aufgehellt, dass man das Problem jetzt klar erfasst und die entsetzliche Macht der Physis über die Psyche deutlich erkennt;¹) es genügt, wenn ich die   V e r n i c h t u n g   d e r   p h y s i s c h e n   G r u n d l a g e   d e r   F r e i h e i t   als Loyola‘s erstes Ziel nachgewiesen habe. Dieser direkte Angriff auf den Leib des Menschen, nicht etwa, um den Leib dem Geist zu unterwerfen, sondern im Gegenteil, um durch Vermittlung des Leibes den Geist zu ergreifen und zu bemeistern, zeigt eine Gesinnung, die Allem, was wir Indoeuropäer jemals Religion genannt haben, widerspricht. Denn mit Askese hat Loyola‘s System nichts gemein; im Gegenteil, er perhorresciert die Askese und verbietet sie, und zwar von seinem Standpunkte aus mit Recht: denn die Askese steigert die intellektuellen Fähigkeiten und gipfelt, wenn mit eiserner Konsequenz durchgeführt, in der vollen Bewältigung der Sinne; diese mögen dann immerhin weiter, gleichsam als Material für die Phantasie, der mystischen Andacht einer heiligen Theresa oder der mystischen Metaphysik des Verfassers eines Chândogya dienen, fortan sind es dem Willen dienstbar gemachte, durch die Gewalt des Gemütes gehobene und geläuterte Sinne, was der indische Religionslehrer auszudrücken
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    ¹) Zu den interessantesten Zusammenfassungen aus letzter Zeit gehören die Aufsätze des Dr. Siegmund Freud: Über die Ätiologie der Hysterie und Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen, in den Jahrgängen 1896 und 1898 der Wiener klinischen Rundschau. Nach meiner Überzeugung bedeutet jeder starke Anreiz der äusseren Sinnenthätigkeit aus rein innerer Erregung, auch wo er nicht in sexueller Gestalt auftritt, eine Exacerbation des Sinnenlebens, dessen Sitz im Gehirn ist, und bedingt eine entsprechende Lähmung.

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sucht, indem er schreibt; „der Wissende ist schon bei Lebzeiten körperlos“.¹) Wogegen, wie gesagt, Loyola‘s Methode geradezu eine Gymnastik der Sinnlichkeit vorschreibt, durch welche, wie er es selber als Ziel bezeichnet, der Wille und das Urteil ge-
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knechtet werden. Während wahre Askese nur wenigen Auserwählten möglich ist, da hier der moralische Entschluss offenbar zu Grunde liegen und fortwährend die Zügel führen muss, wird für diese sogenannten „geistlichen Übungen“ Loyola‘s, die nie mehr als vier Wochen dauern dürfen (ausserdem aber nach der Anlage eines jeden Einzelnen vom Lehrer gekürzt und eingerichtet werden sollen) fast jeder Mensch, namentlich in jüngeren Jahren, ein eindrucksfähiges Subjekt abgeben. Die Suggestionskraft einer solchen krass mechanischen, mit unendlicher Kunst auf das Aufwühlen des ganzen Menschen angelegten Methode ist so gross, dass Niemand sich ihr ganz zu entziehen vermag. Auch ich fühle meine Sinne erzittern, wenn ich in diese Exercitien mich versenke; doch ist es nicht das anatomisch herausgeschnittene Herz Jesu, das ich erblicke (als ob der „Herz“ genannte Muskelapparat mit göttlicher Liebe etwas gemeinsam hätte!), sondern ich sehe den Ursus spelaeus beutegierig lauern; und wenn Loyola von der Furcht vor Gott spricht und lehrt, nicht die „kindliche Furcht“ dürfe uns genügen, sondern wir müssten erzittern „in jener anderen Furcht, genannt timor servilis“, d. h. in der schlotternden Angst hilfloser Sklaven, da höre ich auch jenen gewaltigen Höhlenbären brüllen und fühle es nach, wie die armen, nackten, wehrlosen Menschen der Diluvialzeit, Tag und Nacht von Gefahr umgeben, bei dieser Stimme erzitterten.²) Die gesamte geistige Ver-
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    ¹) Çankara: Die Sûtra‘s des Vedânta, I, 1, 4.
    ²) Regulae ad sentiendum cum ecclesia, Nr. 18. Höchst bemerkenswert in Bezug auf diese Grundlehre des Ignatius (und alles Jesuitismus) ist die Thatsache, dass der Kirchenvater Augustinus gerade die timor servilis für einen Beweis dafür hält, dass ein Mensch Gott   n i c h t   k e n n e!   Von solchen Leuten sagt er: „sie fürchten Gott mit jener knechtischen Furcht, welche die Abwesenheit von Liebe beweist, denn vollkommene Liebe kennt keine Furcht“, quoniam timent quidem Deum, sed illo timore servili, qui non est in charitate, quia perfecta charitas foras mittit timorem (De civi-

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fassung dieses Basken deutet auf ferne Jahrtausende zurück; von der geistigen Kulturarbeit der Menschheit hat er sich einiges Äusserliche als Material angeeignet, doch das innere Wachsen und Erstarken, jene grosse Emanzipation des Menschen von der Furcht, jenes allmähliche Abstreifen der Sinnestyrannei (die früher eine Existenzbedingung war und jede andere Anlage in ihrer Entwickelung hintanhielt), jener „Eintritt des Menschen in das Tageslicht des Lebens“ mit dem Erwachen seiner freischöpferischen Kraft, jene Richtung auf Ideale, die man nicht erst riecht und
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schmeckt, um an sie zu glauben, sondern die man „wirklich werden lässt“, weil der Mensch, zum moralischen Wesen ausgewachsen, es so will, jene göttliche Lehre, dass das Himmelreich nicht mit äusserlichen Geberden kommt, sondern Inwendig in uns liegt wie ein verborgener Schatz¹) — — — alles das ist an diesem Manne spurlos vorübergegangen; abseits von jenen rastlos eilenden Gewässern, die zu dem grossen Strom des Ariertums zusammenfliessen, haben seine Vorfahren seit undenklichen Zeiten gelebt, stolz auf ihre Eigenart, organisch unfähig, von jener anderen Art innerlich irgend etwas zu erfahren. Und man glaube nicht, dass Ignatius in dieser Beziehung eine vereinzelte Erscheinung sei! Europa zählt Hunderttausende von Menschen, die unsere indoeuropäischen Sprachen reden, unsere Kleider tragen, an unserem Leben sich beteiligen, sehr tüchtige Leute sind, doch von uns Germanen ebenso geschieden, als bewohnten sie ein anderes Gestirn; hier handelt es sich nicht um eine Kluft, wie die, welche uns in so vielen Beziehungen vom Juden scheidet, über welche aber mancher Steg hinüber und herüber führt, sondern um eine Mauer, die, unübersteigbar, ein Land vom andern trennt. Die ausnehmende Wichtigkeit Loyola‘s liegt in seiner hervor-
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tate Dei XXI, 24). Was jedem Germanen in dieser Beziehung heiliges Gesetz sein sollte, hat Goethe in den Wanderjahren (Buch II, Kap. 1) klar ausgesprochen: „Keine Religion, die sich auf Furcht gründet, wird unter uns geachtet.“ — Sehr fein bemerkt Diderot: Il y a des gens dont il ne faut pas dire qu‘ils craignent Dieu, mais bien qu‘ils en ont peur (Pensées philosophiques, VIII).
    ¹) Siehe S. 199, 200.

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ragenden Charaktergrösse; in einem solchen Manne erblicken wir darum das Ungermanische und das notwendiger Weise Antigermanische klar und gross, d. h. in bedeutender Gestalt, während es sonst, sei es durch scheinbare Geringfügigkeit, sei es durch die Unbestimmtheit eines Mestizenwesens leicht übersehen oder, wenn das nicht, doch schwer analysiert wird. Ich sagte „Charaktergrösse“, denn, in der That, andere Grösse ist hier ausgeschlossen: wir bemerken bei Loyola weder philosophische noch künstlerische Gedanken und ebensowenig eigentliche Erfindungskraft; selbst seine Exercitia sind in ihrer Anlage früheren Klosterübungen entlehnt¹) und von ihm lediglich „materialisiert“ worden, und sein grosses Grundprinzip des widerspruchslosen Gehorsams ist die von einem alten Soldaten durchgeführte, gedankenlos rohe Übertragung einer militärischen Nottugend auf geistiges Gebiet. Aus seiner organisatorischen und agitatorischen Thätigkeit spricht feinste Schlauheit und genaue Kenntnis mittlerer Menschencharaktere (sehr bedeutende oder originelle Leute schloss er prinzipiell aus dem Orden aus), doch nirgends Tiefe. Um Missverständnisse und Missdeutungen abzuwenden, muss ich hinzufügen, dass ich nicht daran denke, ihm als   A b s i c h t   zu-
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zuschreiben, was als Erfolg seines Thuns sich ergeben hat. Loyola hat nicht einmal seinen Orden mit dem Zweck, die Reformation zu bekämpfen, ins Leben gerufen — so versichern wenigstens die Jesuiten — viel weniger wird er irgend eine bestimmte Vorstellung mit dem Worte Germanen verknüpft und den Krieg gegen diese als Lebensziel aufgefasst haben. Man könnte fast ebenso gut behaupten, jene von den vordringenden Indoeuropäern immer weiter verjagte, vertriebene, verfolgte fremde Rasse der Basken habe sich durch ihn an dem Sieger rächen wollen. Doch gerade in diesem Buche, wo uns nicht Chronik, sondern die Auffindung grundlegender Geschichtsthatsachen beschäftigt, wäre zu betonen, wie viel Wahrheit sich hinter solchen chronistisch unhaltbaren Aussagen birgt. Denn nicht in dem, was er hat thun
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    ¹) Siehe auch das oben Nachgetragene über den mohammedanischen Einfluss auf die Abfassung der Exercitia.

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w o l l e n,   sondern in dem, was er hat thun   m ü s s e n,   liegt die Grösse jedes ausserordentlichen Mannes. Pater Bernhard Duhr mag uns in erregtestem Tone versichern, ¹) die Begründung des Jesuitenordens habe mit der Bekämpfung des Protestantismus nichts zu thun; seine Thätigkeit gipfelte nichtsdestoweniger von Anfang an so sichtbar und so erfolgreich in der Verfolgung dieses einen Zieles, dass schon die frühesten Biographen Loyola‘s ihm den Ehrentitel „Antiluther“ verliehen. Und wer Antiluther sagt, sagt Antigermane — gleichviel ob er sich dessen bewusst ist oder nicht. Was aber die Rassenrache anbelangt, so beschäftigt die Thatsache des Wiederauflebens und der Vermehrung jener fast, doch niemals ganz ausgerotteten, in die Berge zurückgedrängten, physisch kräftigen, doch geistig untergeordneten, ungermanischen Rassen immer mehr die Aufmerksamkeit, nicht der Schwärmer, sondern der ernstesten Naturforscher. ²)
    Mit Ignatius von Loyola stelle ich also den Typus des Antigermanen vor den Lesern hin und glaube damit der Definition des Germanen hinsichtlich jener notwendigen Beschränkung des im Anfang des Kapitels möglichst weit gefassten Begriffes gedient zu haben. Denn ich kann mir eine derartige Definition durchaus nicht als eine in Paragraphen vorgetragene denken — wir sahen ja, dass das nicht einmal beim physischen Menschen gelingt — sondern vielmehr als eine lebhaft vorgestellte, zu selbständigem Urteil befähigende. Hier noch mehr als anderwärts müssen wir
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    ¹) Siehe Jesuitenfabeln, 2. Auflage, S. 1 bis 11.
    ²) Vielleicht hätte ich hier mit grösserem Nachdruck darauf hinweisen sollen, dass von Beginn an die Wirksamkeit der Jesuiten sich hauptsächlich als eine antireformatorische bethätigt hat. So wussten z. B. zwei der unmittelbaren Schüler und Genossen des Ignatius, Salmeron und Lainez, auf dem Konzil von Trient die ausschlaggebenden Stellen zu erobern, der eine als Eröffner jeder Debatte, der andere als der das Schlusswort sprechende Redner. Kein Wunder, dass „die Freiheit eines Christenmenschen“, über die Luther so herrliche Worte geschrieben hatte, auf diesem Konzil ein für alle Mal geknebelt wurde! Die grosse katholische Kirche betrat schon die Bahn, die sie nach und nach zu einer jesuitischen Sekte herabwürdigen sollte.

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uns hüten, den Begriff im Worte erstarren zu lassen.¹) Und derlei
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lebendige Begriffsbestimmungen sind nicht wie die mathematischen: es genügt nicht, zu sagen, das und jenes ist so und so, sondern erst durch die negative Ergänzung: nicht so und nicht so gewinnt die positive Schilderung Relief und wird der Begriff aus dem Worte erlöst.

Rückblick
    Wir fanden in der Freiheit und der Treue die zwei Wurzeln des germanischen Wesens oder, wenn man will, die beiden Flügel, die es himmelwärts tragen. Nicht leere Worte waren das, sondern ein jedes umschloss einen weiten Komplex lebendiger Vorstellungen und Erfahrungen und geschichtlicher Thatsachen. Eine derartige Vereinfachung war äusserlich nur dadurch gerechtfertigt, dass wir reiche Gaben als die unumgängliche Grundlage dieser Eigenschaften nachwiesen: körperliche Gesundheit und Kraft, grosse Intelligenz, blühende Phantasie, unermüdlichen Schaffensdrang. Auch flossen Freiheit und Treue ineinander über wie alle wahren Naturkräfte: die spezifisch germanische Treue war eine Erscheinung der geläutertsten Freiheit, die Bewährung der Freiheit Treue gegen das eigene Wesen. Hier erhellt ebenfalls die spezifisch germanische Bedeutung des Begriffes   P f l i c h t.   Goethe sagt einmal — er redet von Kunstgeschmack, es gilt aber auf allen Gebieten: „Uns auf der Höhe unserer barbarischen Vorteile mit Mut zu erhalten, ist unsere Pflicht.“²) Das ist Shakespeare‘s: sei dir selber treu! Das ist Nelson‘s Signal am Morgen der Schlacht bei Trafalgar: „Das Vaterland erwartet, dass Jedermann seine Pflicht thue!“ Seine Pflicht? Die Treue gegen sich selbst, die Bewahrung seiner barbarischen Vorteile, d. h. (wie Montesquieu uns belehrte) der ihm angeborenen Freiheit. Im Gegensatz hierzu erblickten wir dann einen Mann, der die Vernichtung der Freiheit — Freiheit des Willens, Freiheit des Erkennens, Freiheit des Schaffens — als oberstes Gesetz verkündet, und der die Treue (welche ohne Freiheit bedeutungslos wäre) durch den Gehorsam ersetzt. Der Mensch soll werden
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    ¹) Vergl. Goethe: Geschichte der Farbenlehre, unter Scaliger.
    ²) Anmerkungen zu Rameau‘s Neffe.

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— so sagt Loyola buchstäblich in den Konstitutionen für seinen Orden — „als ob er ein   L e i c h n a m   wäre, der sich auf jede Seite wenden und auf jede Weise mit sich verfahren lässt, oder wie der Stab eines Greises, der dem, welcher ihn in der Hand hält, überall und immer dient, wie und wo er ihn gebrauchen will.“¹) Es wäre wohl unmöglich, den Gegensatz zu allem arischen
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Denken und Fühlen bestimmter auszusprechen als es in diesen Worten geschieht: dort sonnige, übermütige, tollkühne Schaffenslust, Menschen, welche unerschrocken die rechte Hand des Gottes, zu dem sie beten, ergreifen (S. 245), hier ein Leichnam, dem „die Vernichtung jedes eigenen Urteils“ als erste Lebensregel beigebracht worden und für den „die schlotternde, knechtische Furcht“ die Grundlage aller Religion ist.

Ausblick
    Manchmal empfinde ich es schmerzlich, dass der gute Geschmack das Moralisieren in einem Buch wie das vorliegende verbietet. Denn sieht man jene prächtigen „Barbaren“ jugendfrisch, frei, zu allem Höchsten befähigt in die Weltgeschichte eintreten, gewahrt man sodann, wie sie, die Sieger, die echten Freigeborenen des Aristoteles, ihr reines Blut mit dem unreinen der Knechtgeborenen vermengen, wie sie bei den unwürdigen Epigonen grosser Geschlechter in die Lehre gehen müssen und sich nur unter unsäglichen Mühsalen aus der Nacht dieses Chaos zu einem neuen Tage hindurchringen, muss man des Weiteren erkennen, dass zu den alten Feinden und Gefahren alle Tage neue hinzutreten, dass diese wie die früheren von den Germanen mit offenen Armen aufgenommen, die warnenden Stimmen mit leichtem Sinn belächelt werden, dass während jeder Feind unserer Rasse mit vollem Bewusstsein und vollendeter List seine Absichten verfolgt, wir — noch immer grosse, harmlose Barbaren,
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    ¹)„perinde ac si cadaver essent, quod quoquoversus ferri, et quacumque ratione tractare se sinit: vel similiter atque senis baculus, qui obicumque et quacumque in re velit eo uti, qui cum manu tenet, ei inservit.“

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das ganze Sinnen auf irdische und himmlische Ideale gerichtet, auf Besitz, auf Entdeckungen, auf Erfindungen, auf Bierbrauen, auf Kunst und Metaphysik, auf Liebe, und was weiss ich alles, doch jedes immer mit einem Stich ins Unmögliche, ins nie zu Vollendende, ins Jenseitige, denn sonst blieben wir lieber auf unseren Bärenhäuten liegen — wer es beobachtet, sage ich, wie wir ohne Waffe, ohne Abwehr, ohne Bewusstsein irgend einer Gefahr unseren Weg gehen, immer von Neuem bethört, immer bereit, das Fremde hochzuschätzen und das Eigene gering zu achten, die gelehrtesten aller Menschen und doch so wenig wissend über die uns zunächst umgebende Welt wie sonst keiner, die grössten Entdecker und doch mit chronischer Blindheit geschlagen: wer möchte da nicht moralisieren und etwa mit Ulrich von Hutten ausrufen: „O, freiwillig unglückliches Deutschland, der du mit sehenden Augen nicht siehst, und mit offenem Verstande nicht verstehst!“ Doch ich werde es nicht thun; ich fühle, dass dieses Amt mir nicht zukommt, und ich muss es gestehen,
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diese hochmütige Nichtbeachtung ist ein zu charakteristischer Zug, als dass ich ihn entbehren möchte. Der Germane ist nicht Pessimist wie der Inder, er ist auch kein guter Kritiker; eigentlich denkt er, im Vergleich mit anderen Ariern, überhaupt wenig; seine Gaben treiben ihn zum Handeln und zum Empfinden. Die Deutschen gar ein „Volk von Denkern“ zu nennen, ist bitterer Spott; ein Volk von Soldaten und von Kaufleuten wäre jedenfalls richtiger, auch von Gelehrten und von Künstlern — aber von Denkern? nein, diese sind spärlich gesäet. ¹) Darum konnte Luther die Deutschen geradezu „blinde Leute“ nennen; die übrigen Germanen sind es kaum weniger; denn zum Sehen gehört analytisches Denken, und dazu wiederum gehört Anlage, Zeit, Übung. Der Germane ist mit anderen Dingen beschäftigt; er hat seinen „Eintritt in die Weltgeschichte“ noch lange nicht beendet; er muss erst von der ganzen Erde Besitz ergriffen, die Natur nach allen Seiten erforscht, sich ihre Kräfte dienstbar ge-
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    ¹) Herder sagt (Journal, 1769, gegen Schluss): „die Deutschen denken viel und nichts.“

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macht, er muss erst die Ausdrucksmittel der Kunst auf einen nie geahnten Grad der allseitigen Vollkommenheit gebracht und ungeheures, historisches Wissen als Material zusammengetragen haben — dann vielleicht wird er Zeit finden, sich zu fragen, was unmittelbar um ihn herum vorgeht. Bis dahin wird er fortfahren, am Rande des Abgrundes mit der selben Gemütsruhe fortzuschreiten wie auf blumiger Wiese. Daran lässt sich nichts ändern, denn diese Sorglosigkeit gehört, wie gesagt, zum Charakter des Germanen. Griechen und Römer waren nicht unähnlich: die Einen dichteten und dachten, die Anderen eroberten emsig weiter, ohne dass sie (wie die Juden) über sich selber zur Besinnung gekommen wären, ohne dass sie auch nur bemerkt hätten, wie der Gang der Ereignisse sie von der Erdoberfläche austilgte; nicht wie andere Völker fielen sie tot hin, sondern langsam stiegen sie in den Hades hinab, bis zuletzt lebendig, bis zuletzt voll Kraft, siegesbewusst und stolz. ¹)
    Und so muss es mir bescheidenen Historiker — der ich auf den Gang der Ereignisse nicht einzuwirken vermag, noch die Gabe besitze, die Zukunft hell zu erschauen — genügen, dem Zwecke dieses Buches gedient zu haben, indem ich das Germanische vom Ungermanischen schied. Dass der Germane eine der grössten Mächte, vielleicht die allergrösste, in der Geschichte
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der Menschheit war und ist, wird Keiner leugnen wollen; es war aber für die Beurteilung der Gegenwart nötig, genau festzustellen, wer als Germane betrachtet werden darf, wer nicht. Auch im 19. Jahrhundert, nur natürlich in sehr verschiedener Gruppierung und mit stets wechselnder Verteilung der relativen Kräfte, standen, wie in allen früheren Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, jene drei Erben in Europa neben einander: das Chaos der Mestizen aus dem früheren römischen Reich (dessen Germanisierung rückschreitet), die Juden und die Germanen (deren
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    ¹) Man denkt hierbei an das, was Goethe: „ein für allemal das grossartigste Symbol“ nannte: eine untergehende Sonne über einem Meere, mit der Legende ‚Auch im Untergehen bleibt sie die selbe‘. (Unterhaltungen mit dem Kanzler von Müller, 24. März 1824).

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Bastardierung mit jenen Mestizen und mit den Resten unarischer Rassen fortschreitet). Kein humanitäres Gerede kann die Thatsache beseitigen, dass dies einen Kampf bedeutet. Wo der Kampf nicht mit Kanonenkugeln geführt wird, findet er geräuschlos im Herzen der Gesellschaft statt, durch Ehen, durch die Verringerung der Entfernungen, welche Vermischungen fördert, durch die verschiedene Resistenzkraft und Beharrlichkeit der verschiedenen Menschentypen, durch die Verschiebung der Vermögensverhältnisse, durch das Auftauchen neuer Einflüsse und das Verschwinden alter, u. s. w., u. s. w.  Mehr als andere ist gerade dieser stumme Kampf ein Kampf auf Leben und Tod.



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