Here under follows the transcription of the sixth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het zesde hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
Zurück zur Hauptseite / Back to main page
The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
DOWNLOAD Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts

INHALTSÜBERSICHT
VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

547


SECHSTES KAPITEL

DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE


Mon devoir est mon Dieu suprême.
Friedrich der Grosse
(Brief an Voltaire vom 12. Juni 1740).

 
548

(Leere Seite)

463 549

Der Begriff „Germane“
    Der Eintritt des Juden in die europäische Geschichte hatte (wie Herder sagte) den Eintritt eines fremden Elementes bedeutet — fremd gegen das, was Europa damals bereits geleistet hatte, fremd gegen das, was es noch zu leisten berufen war; umgekehrt verhält es sich mit dem Germanen. Dieser Barbar, der am liebsten nackend in die Schlacht zieht, dieser Wilde, der plötzlich aus Wäldern und Sümpfen auftaucht, um über eine civilisierte und kultivierte Welt die Schrecken einer gewaltsamen, mit der blossen Faust erfochtenen Eroberung zu giessen, ist nichtsdestoweniger der rechtmässige Erbe des Hellenen und des Römers, Blut von ihrem Blut, und Geist von ihrem Geist. Sein Eigenes ist es, was er, unwissend, aus fremder Hand entreisst. Ohne ihn ging der Tag des Indoeuropäers zu Ende. Meuchelmörderisch hatte sich der asiatische und afrikanische Knecht bis zum Thron des römischen Imperiums hinaufgeschlichen, inzwischen der syrische Bastard sich des Gesetzeswerkes bemächtigte, der Jude die Bibliothek zu Alexandria benutzte, um hellenische Philosophie dem mosaischen Gesetze anzupassen, der Ägypter, um die lebensvoll aufkeimende Naturkunde in den prunkvollen Pyramiden wissenschaftlicher Systematik auf unabsehbare Zeiten einbalsamiert zu begraben; bald sollte auch der Mongole die hehren Blüten des urarischen Lebens — indisches Denken, indisches Dichten — unter seinem rohen, bluttriefenden Fusse zertreten und der vom Wüstenwahnsinn bethörte Beduin jenen Edensgarten, in welchem Jahrtausende hindurch alle Symbolik der Welt gewachsen war, Eranien, zu ewiger Öde einäschern; Kunst gab es schon lange nicht mehr, sondern für die Reichen Schablonen und für das Volk

550 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Zirkusreiten: somit, nach dem Worte Schiller‘s, das ich zu Beginn des ersten Kapitels anführte, eigentlich keine Menschen mehr, sondern nur Geschöpfe. Es war hohe Zeit, dass der Retter erschien. Zwar trat er nicht so in die Weltgeschichte ein, wie sich die kombinierende, konstruierende Vernunft, um ihren Rat befragt, einen rettenden Engel, den Spender eines neuen Menschheitsmorgens gedacht hätte; doch können wir heute, wo uns der Rückblick auf Jahrhunderte die Weisheit leicht erwirbt, nur das Eine bedauern, dass der Germane überall, wohin sein siegen-
464
der Arm drang, nicht gründlicher vertilgte, und dass in Folge dessen die sogenannte „Latinisierung“, d. h. die Vermählung mit dem Völkerchaos, weite Gebiete dem einzig erquickenden Einfluss reinen Blutes und ungebrochener Jugendkraft, dazu der Herrschaft höchster Begabung, nach und nach wieder raubte. Jedenfalls vermag nur schändliche Denkfaulheit oder schamlose Geschichtslüge in dem Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte etwas anderes zu erblicken als die Errettung der agonisierenden Menschheit aus den Krallen des Ewig-Bestialischen.
    Gebrauche ich hier das Wort „Germane“, so geschieht es, wie ich bereits in den einleitenden Zeilen zu diesem Abschnitt über die Erben bemerkte, der Vereinfachung wegen, einer Vereinfachung allerdings, durch welche die Wahrheit, die sonst verschleiert bleibt, zum Ausdruck kommt. Einigermassen elastisch aber, und insofern vielleicht unzulässig, erscheint zunächst dieser Begriff, gleichviel ob man ihn weit oder eng fasst, und zwar namentlich, weil das Bewusstsein eines spezifisch „Germanischen“ eine späte Errungenschaft ist, eine späte wenigstens bei uns Germanen. Nie hat es ein Volk gegeben, welches sich als „germanisch“ bezeichnet hätte, und niemals — von ihrem ersten Auftreten auf der weltgeschichtlichen Bühne bis zum heutigen Tage — haben sich sämtliche Germanen gemeinsam und vereint den Nichtgermanen entgegengestellt; im Gegenteil, von Anfang an liegen sie in Fehde mit einander, gegen keinen Menschen so ereifert wie gegen das eigene Blut. Zu Lebzeiten Christi verrät Inguiomer seinen nächsten Anverwandten, den grossen Hermann, an die Markomannen und verhindert dadurch das einheitliche

551 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Vorgehen der nördlichen Stämme und die gänzliche Vernichtung des Römers; schon Tiberius durfte als sicherste Politik den Germanen gegenüber empfehlen: „Überlasst sie ihren eigenen inneren Zerwürfnissen;“ alle grosse Kriege der Folgezeit waren, mit Ausnahme der Kreuzzüge, Kriege zwischen Germanen, zum mindesten zwischen germanischen Fürsten; das 19. Jahrhundert zeigte in der Hauptsache das selbe Schauspiel. Der Fremde jedoch hatte sofort die Einheitlichkeit dieses starken Stammes erkannt und für dessen üppiges Geäst — an Stelle des unübersehbaren Namenbabels von Chatten, Chauken, Cheruskern, Gambriviern, Sueven, Vandalen, von Goten, Markomannen, Lugiern, Langobarden, Sachsen, Friesen, Hermunduren, u. s. w. — den umfassenden, einheitlichen Begriff der   G e r m a n e n   geschaffen, und zwar, weil sein Auge die Zusammengehörigkeit auf den ersten Blick erschaut hatte. Tacitus meint, nachdem er müde geworden ist, Namen aufzu-
465
zählen: „die Leibesbildung ist bei allen diesen Menschen die selbe“; das war die richtige empirische Grundlage für die weitere intuitiv richtige Einsicht: „Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Stämme Germaniens, unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern, seit jeher ein besonderes, unvermischtes Volk bilden, welches nur sich selber gleicht“ (Germania, 4). So viel deutlicher als der zunächst Beteiligte erkennt manchmal der Fernstehende, dessen Auge nicht durch Einzelheiten beeinflusst und befangen wird, den grossen Zusammenhang der Erscheinungen!
    Heute jedoch ist es nicht allein Befangenheit, was uns hindert, das Wort „Germanen“ räumlich und phylogenetisch so einfach wie Tacitus anzuwenden: jene „verschiedenen Germanenstämme“, die er als unvermischtes, verhältnismässig einförmiges Volk erblickte, sind seitdem, wie früher die Hellenen, die mannigfachsten Vermischungen unter einander eingegangen, und ausserdem blieb nur ein Bruchteil „unbefleckt durch Ehen mit fremden Völkern“; wozu dann, in Folge der grossen Wanderungen, die besonderen kulturellen Einflüsse kamen, die aus geographischer Lage, klimatischen Verhältnissen, Bildungsgrad der nächsten Nachbarn u. s. w. sich ergaben. Das allein hätte schon genügt, um die Einheit in eine Vielheit zu spalten. Doch noch weit ver-

552 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

wickelter erscheint die Sachlage, wenn wir das, was die politische Geschichte lehrt, durch nähere vergleichende Untersuchungen auf den Gebieten der Volksseelenkunde, der Philosophie und der Kunstgeschichte, sowie auch andrerseits durch die Ergebnisse der prähistorischen und anthropologischen Forschungen der letzten fünfzig Jahre ergänzen. Denn dann gewinnen wir die Überzeugung, dass wir den Begriff der „Germanen“   b e d e u t e n d   w e i t e r   fassen dürfen und müssen als Tacitus, zugleich aber erblicken wir notwendige   B e s c h r ä n k u n g e n,   an die das unvollkommenere Wissen seiner Zeit nicht denken konnte. Um unsere Geschichte und unsere Gegenwart zu verstehen, müssen wir uns an Tacitus ein Beispiel nehmen und, wie er, zusammenfassen und ausscheiden, doch auf der breiteren Grundlage unseres heutigen Wissens. Nur durch die genaue Feststellung eines neuen Begriffes des „Germanischen“ gewinnt die Betrachtung des Eintrittes der Germanen in die Weltgeschichte praktischen Wert. Zweck dieses Kapitels ist, eine solche beschreibende Definition in aller Kürze zu geben. Bis wohin reicht das Stammverwandte? Wo treffen wir „Arya“ (d. h. die zu den Freunden Gehörigen) an? Wo beginnt das Fremde, welches wir nach Goethe‘s Wort „nicht leiden dürfen“?

466 Erweiterung des Begriffes
    Ich sagte, der Begriff „Germane“ sei weiter und dennoch zugleich enger zu fassen, als es Tacitus that. Die Erweiterung ergiebt sich sowohl aus historischen, wie auch aus anthropologischen Erwägungen, die Verengerung ebenfalls.
    Erweitert wird der Begriff durch die Einsicht, dass der „Germane“ des Tacitus sich physisch und geistig weder von seinem Vorläufer in der Weltgeschichte, dem „Kelten“, noch von seinem Nachfolger, den wir mit noch verwegenerer Kühnheit zu dem Begriff „Slave“ zusammenzufassen gewohnt sind, scharf scheiden lässt. Kein Naturforscher würde zögern, diese drei Rassen nach den physischen Merkmalen als Spielarten eines gemeinsamen Stockes zu betrachten. Die Gallier, die im Jahre 389 vor Chr.

553 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Rom eroberten, entsprechen nach den Beschreibungen genau der Schilderung, die Tacitus von den Germanen giebt: „strahlende blaue Augen, rötliches Haar, hohe Gestalt“; und andrerseits haben die Schädelbefunde aus den Grabstätten der ältesten heroischen Slavenzeiten zum Erstaunen der gesamten gelehrten Welt gezeigt, dass die Slaven aus der Völkerwanderung ebenso ausgesprochene Dolichocephalen (d. h. Langköpfe) und ebenso hochgewachsene Männer waren wie die alten Germanen und wie die Germanen echteren Stammes noch am heutigen Tage.¹) Ausserdem haben Virchow‘s umfassende Untersuchungen über die Farbe des Haares und der Augen zu dem Ergebnis geführt, dass die Slaven von Haus aus ebenso blond waren (resp. in gewissen Gegenden noch sind) wie die Germanen. Ganz abgesehen also von der nur theoretisch und hypothetisch gewonnenen allgemeinen Vorstellung eines indoeuropäischen Menschen, scheint es, dass wir allen Grund haben, den Begriff des Germanen, wie wir ihn von Tacitus überkommen haben und den wir seither, in Folge rein sprachlicher Erwägungen, immer enger gezogen haben, eher im Gegenteil bedeutend weiter zu ziehen. ²)
—————
    ¹) Vergl. als Zusammenfassung Ranke: Der Mensch, 2. Ausgabe II, 297. Dass es sich etwa bei diesen Gräberfunden lediglich um normännische Waräger handle, ist ausgeschlossen, da die Untersuchungen Material aus den verschiedensten Fundorten umfassen, nicht allein auf russischem, sondern auch auf deutschem Boden.
    ²) Daher stellen unsere Anthropologen den Begriff des Homo europaeus (siehe S. 359), in einem viel genaueren Sinne als Linnaeus das Wort gebraucht hatte, auf; doch ist eine derartige Nomenklatur viel zu abstrakt für den Historiker, der darum auch bisher keine Notiz davon genommen hat. Um in weiten Kreisen Verständnis zu wecken, muss man die vorhandene, allbekannte Terminologie benutzen und sie neuen Bedürfnissen anpassen. Dies geschieht hier durch die Erweiterung der Vorstellung „Germane“, welche sich im ganzen ferneren Verlauf des Werkes Schritt für Schritt bewähren wird; erst hierdurch wird die Geschichte der letzten zwei Jahrtausende, sowie namentlich des 19. Jahrhunderts klar. Dass Kelten, Slaven und Germanen von einer einzigen reingezüchteten Menschenart abstammen, darf heute als völlig gesichertes Ergebnis der Anthropologie und Prähistorie betrachtet werden. (vergl. als letzte Zusammenfassung Dr. G. Beck: Der Urmensch, Basel 1899, S. 46 fg.).

467
554
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Der Keltogermane
    Sprechen wir zunächst vom Kelten.
    Durch vorwiegend philologische Erwägungen dazu verleitet, da die keltischen Sprachen angeblich mit den italischen und griechischen näher als mit den germanischen verwandt sein sollen, sind wir daran gewöhnt worden, das so entscheidende physische Moment und das noch entscheidendere moralische hier zu übersehen.¹) Wir schlagen den Kelten zu den Gräcoitalern, während er doch offenbar mit ihnen nur entfernt, mit den Germanen dagegen innig nahe verwandt ist. Mag der gänzlich romanisierte Gallier sich tief von seinem Überwinder, dem Burgunder oder Franken, unterschieden haben, jener ursprüngliche Eroberer Roms, ja, auch der spätere, seit Jahrhunderten schon in Norditalien ansässige Gallier, den Florus noch immer als einen „Übermenschen“ schildert (corpora plus quam humana erant, II, 4) gleicht offenbar physisch dem Germanen; doch nicht allein physisch, denn auch seine Wanderlust, seine Freude am Krieg, die ihn (wie später die Goten) bis nach Asien in den Dienst jedes Herrn führt, der Ihm die Gelegenheit giebt, sich zu schlagen, seine Vorliebe für Gesang..... das Alles sind wesentliche Züge dieser selben Verwandtschaft, während man verlegen wäre, die italo-griechischen Berührungspunkte nachzuweisen. Mit Kelten vermengt, von Kelten geführt, treten die Germanen im engeren, taciteischen Sinne des Wortes zum ersten Mal in die Weltgeschichte ein; ²)
—————
Dazu kommt noch die historisch bezeugte gegenseitige Durchdringung dieser verschiedenen Stämme. So gelangt z. B. H. d‘Arbois de Jubainville, Professor am Collège de France, in seinem Buche Les Celtes, 1904, zu dem Ergebnis: Il y a probablement en Allemagne plus de sang Gaulois qu‘en France.
    ¹) Schleicher z. B. vereint in seinem berühmten, überall nachgedruckten Stammbaum der indogermanischen Sprachen (vergl. Die deutsche Sprache, 1861, S. 82) die „italo-keltischen Sprachen“ zu einer Gruppe, die sich schon in unvordenklichen Zeiten von der „nordeuropäischen Grundsprache“ getrennt hätte; auch solche abweichende Auffassungen wie die bekannte „Wellentheorie“ Johannes Schmidt‘s fahren fort, den Kelten so darzustellen, als stünde er von allen Indoeuropäern dem Germanen am fernsten.
    ²) Bei dem Zug der Kimbern und Teutonen, 114 Jahre vor Christus.

555
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


das Wort „Germane“ ist ein keltisches. Begegnen wir nicht heute noch jenen hohen Gestalten mit blauen Augen und rötlichem Haar in Nordwestschottland, in Wales u. s. w., und sind sie nicht einem Teutonen ähnlicher als einem Südeuropäer? Sehen wir
468
nicht heute noch die Bretonen als tollkühne Seefahrer den alten Normannen es gleichthun? Wie aber dieses wilde kelto-germanische Gemüt vielerorten nach und nach durch die Berührung mit römischer Civilisation verweiblicht (effeminatum) wurde, hat kein Geringerer als Julius Caesar im ersten Absatz des ersten Buches seines Gallischen Krieges gemeldet. ¹)
    Noch auffallender und für meine These noch entscheidender ist die Verwandtschaft der tieferen geistigen Anlagen zwischen Kelten und Germanen, welche uns aus der Geschichte entgegenleuchtet, die Verwandtschaft jener feinen Züge, welche Individualität ausmachen. Glaubt man denn — um gleich sehr tief zu greifen — es sei Zufall, dass Paulus seine Epistel von der Erlösung durch den   G l a u b e n,   von dem Evangelium der   F r e i h e i t   (im Gegensatz zum „knechtischen Joch“ des kirchlichen Gesetzes), von der Bedeutung der Religion als nicht in Werken liegend, sondern in der   W i e d e r g e b u r t   „zu einer neuen Kreatur“, glaubt man, es sei Zufall, dass gerade diese Schrift an die Galater, an jene fast rein keltisch gebliebenen „gallischen Griechen“ Kleinasiens, gerichtet ist, diese Schrift, in welcher man einen Martin Luther zu leicht zu bethörenden, doch für das Verständnis tiefster Mysterien unvergleichlich begabten Deutschen reden zu hören meint?²) Ich für mein Teil glaube nicht, dass bei
—————
    ¹) Über die physische Identität zwischen Kelten und Germanen hat vor kurzem Professor Gabriel de Mortillet so umfassendes Material zusammengetragen, und zwar sowohl anthropologisches als auch die Zeugnisse der altrömischen Schriftsteller, dass ich mich begnügen kann, auf seine Formation de la nation française, 1897 (S. 114 fg.) zu verweisen. Sein Schlusswort lautet: „La caractéristique des deux groupes est donc exactement la même et s‘applique aussi bien au groupe qui a reçu le nom de Gaulois (mit Kelten synonym, siehe S. 92) qu‘au groupe qui depuis les invasions des Cimbres a pris le nom de Germains“.
    ²) Dass Galatien „eine keltische Insel inmitten der Fluten der

556
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


derlei Dingen für Zufall Raum sei; ich glaube es hier um so weniger, weil ich sehe, welch‘ andere Sprache der selbe Mann führt, welch‘ endlose Umwege er wandelt, sobald er die gleichen Wahrheiten einer Gemeinde von Juden und von Kindern des Völkerchaos nahelegen will, wie in der Epistel an die Römer. Doch ruht unser Urteil nicht allein auf so hypothetischer Grundlage, auch nicht allein auf der Verwandtschaft zwischen altkeltischer und altgermanischer mythischer Religion, sondern auf der Beobachtung der Verwandtschaft zwischen den geistigen Anlagen überhaupt, für welche die gesamte Kulturgeschichte
469
Europas bis zum heutigen Tag den Beweis liefert — überall dort liefert, wo der Kelte noch reines keltisches Blut bewahrt. So sehen wir z. B. aus den unverfälscht keltischen Teilen Irlands in früher Zeit (während des halben Jahrtausends, das von dem Kelten Scotus Erigena bis zu dem Kelten Duns Scotus führt) philosophisch hochbeanlagte Theologen hervorgehen, deren unabhängige Geistesrichtung und kühner Forschungsdrang ihnen Verfolgung seitens der römischen Kirche zuzieht; Im Herzen der Bretagne wird jener bahnbrechende Geist Petrus Abaielardus geboren, und — das merke man wohl — was ihn gleichwie jene auszeichnet, ist durchaus nicht allein das selbständige, nach Freiheit dürstende Denken, sondern vor allem der heilige Ernst seines Lebens, eine durchaus „germanische“ Eigenschaft. Diese kraftstrotzenden keltischen Geister aus früheren Jahrhunderten sind nicht bloss frei, auch nicht bloss fromm, ebensowenig wie der heutige bretonische Seefahrer, sondern sie sind zugleich fromm   u n d   frei, und gerade hierdurch wird das spezifisch „Germanische“ ausgesprochen, wie wir es von Karl dem Grossen und König Alfred bis zu Cromwell und Königin Luise, von den kühnen antirömischen Troubadours und den politisch so unabhängigen Minnesängern bis zu Schiller und Richard Wagner beobachten. Und sehen wir z. B. den soeben genannten Abälard aus tiefer
—————
OstvöIker“ war, in welcher sogar die keltische Sprache sich jahrhundertelang als Umgangssprache behauptete, bezeugt Mommsen: Römische Geschichte, 3. Auflage, V, 311 fg.

557
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


religiöser Überzeugung gegen den Sündenablass um Geld ankämpfen (Theologia christiana), zu gleicher Zeit die Hellenen in jeder Beziehung weit über die Juden stellen, die Moral ihrer Philosophen als der jüdischen Gesetzesheiligkeit überlegen, Plato‘s Weltanschauung für erhabener als die des Moses erklären, ja, sehen wir ihn sogar (Dialogus inter philosophum, Judaeum et Christianum) die Anerkennung der transscendentalen Idealität der räumlichen Vorstellung dem religiösen Denken zu Grunde legen, so dass nicht durch den Eintritt in einen empirischen Himmel, sondern einzig durch eine innere Umkehr des Gemütes der Mensch unmittelbar vor Gottes Angesicht stehe: müssen wir da nicht erkennen, diese Intelligenz sei nicht allein eine charakteristisch indoeuropäische im Gegensatz zu einer semitischen und zu einer spätrömischen, sondern hier bekunde sich eine Individualität, die in jedem einzelnen jener plis de la pensée (von denen ich im vorigen Kapitel sprach) die spezifisch   g e r m a n i s c h e   Eigenart verrät? Ich sage nicht „deutsche“ Eigenart, sondern germanische, ich rede auch nicht von heute, wo die Differentiation zu der Ausbildung äusserlich sehr scharf unterschiedener nationaler Charaktere geführt hat, sondern von
470
einem Manne, der vor bald tausend Jahren lebte; und ich behaupte, dieser Bretone hätte recht gut, was die gesamte Richtung seines Denkens und Fühlens anbetrifft, im Herzen Germaniens geboren sein können. Ein typischer Kelte in der düsteren Leidenschaftlichkeit seines Wesens, ein neuer Tristan in seinem Liebesleben, ist er doch Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem teutonischen Blut; er ist ein Germane. Ebenso Germane wie jene sogenannt „kerndeutsche“ Bevölkerung Schwabens und des Schwarzwaldes, der Heimat Schiller‘s, Mozart‘s und vieler anderer grössten „Deutschen“, welche ihren besonderen Charakter und ihre ungewöhnliche poetische Veranlagung ohne Zweifel der starken Beimischung keltischen Blutes verdankt.¹) Diesen selben Geist Abälard‘s erkennen wir überall am Werke, wo Kelten nach-
—————
    ¹) Wilhelm Henke: Der Typus des germanischen Menschen (Tübingen, 1895). Ähnlich Treitschke: Politik, I, 279.

558
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


weisbar in grossen Zahlen vorhanden waren, wie in der Heimat der unglücklichen Albigenser im Süden Frankreichs, oder es noch sind, wie in dem Geburtsland der Methodisten, Wales. Ja, wir erkennen ihn auch in der angeblich stockkatholischen Bretagne, denn Katholizismus und Protestantismus sind zunächst blosse Worte; die Religiosität der Bretonen ist echt, in Wahrheit aber ihrer Farbe nach eher „heidnisch“ als christlich; hier lebt uralte Volksreligion unter katholischer Maske fort; ausserdem, wer erblickte nicht in der unentwurzelbaren Königstreue dieses Volkes einen ebenso gemeingermanischen Zug wie in der Kriegslust und Fahnentreue der Iren, die politisch gegen England schüren, zugleich aber drei Viertel der englischen Armee freiwillig stellen und für den fremden König, den sie zu Hause bekämpfen, in fernen Ländern sterben? — Am auffallendsten tritt jedoch ohne Frage die Zusammengehörigkeit zwischen Kelten und Germanen (im engeren Sinne des Wortes) in ihrer   D i c h t u n g   zu Tage. Von Beginn an sind fränkische, deutsche und englische Dichtung mit echt keltischer innig verwoben, nicht etwa, als besässen jene nicht ebenfalls eigene Motive, sie nehmen aber die keltischen als urverwandte auf, denen ein gewisser Anstrich des Fremden, des nicht völlig Verstandenen, weil halb Vergessenen, eher erhöhten Reiz und kostbare Würze verleiht. Die keltische Poesie ist eine unvergleichlich tiefsinnige, an symbolischer Bedeutung unerschöpflich reiche, sie war offenbar an ihrem fernsten Ursprung mit der Seele unserer germanischen Dichtung, der Musik, innig verwoben. Wenn wir unter den Schöpfungen Musterung
471
halten, welche bei dem Wiedererwachen des poetischen Triebes, an der Wende des 12. und 13. Jahrhunderts, in allen germanischen Ländern, vor allem aber im Frankenland ins Leben traten, wenn wir auf der einen Seite die Geste de Charlemagne, das Rolandslied, die Berte aus grans piès, Ogier le Danois u. s. w. betrachten, alles selbständige Versuche fränkischer Schaffenskraft, und auf der anderen Seite keltische Poesie wiederaufleben sehen in den Sagen von der Queste du Graal, von Artus‘ Tafelrunde, von Tristan und Isolde, von Parzival u. s. w., so können wir keinen Augenblick in Zweifel sein, wo die tiefere, reichere, echtere,

559 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

poetisch unerschöpfliche Gestaltungs- und Bedeutungsfülle zu finden ist. Und dabei war diese keltische Poesie des 13. Jahrhunderts im Nachteil, da sie nicht in ihrer eigenen Gestalt auftrat, sondern der Flügel des Gesanges beraubt, zum Roman breitgetreten, mit ritterlichen, römischen und christlichen Anschauungen verquickt, ihr echter, dichterischer Kern fast ebenso durch fremdes Beiwerk zugeschüttet wie die nordischen Mythen im deutschen Nibelungenliede. Je weiter wir zurückgreifen können, um so deutlicher erkennen wir — bei allem individuell Trennenden — die innige Verwandtschaft zwischen urkeltischer und urgermanischer dichterischer Anlage; von Stufe zu Stufe geht nach abwärts zu etwas verloren, so dass z. B., trotzdem Gottfried von Strassburg‘s Tristan als vollendetes Dichterwerk die französischen Bearbeitungen des selben Stoffes unfraglich übertrifft, doch mehrere der tiefsten und feinsten Züge, welche dieser unvergleichlichen, poetisch-mythisch-symbolischen Sage zu Grunde liegen, bei ihm fehlen, während der altfranzösische Roman sie besitzt und Chrestien de Troyes sie mindestens noch angedeutet hatte; das Gleiche gilt für Wolfram‘s Parzival¹) Am überzeugendsten und ergreifendsten offenbart sich uns jedoch diese Verwandtschaft, wenn wir gewahr werden, dass in Wahrheit einzig deutsche Musik im Stande war, sowohl die urkeltische wie die urgermanische Poesie in ihrer ursprünglichen Absicht und Bedeutung zu neuem Leben zu erwecken; das lehrten uns die künstlerischen Grossthaten des 19. Jahrhunderts und deckten damit zugleich die innige Zusammengehörigkeit jener beiden Bronnen auf.

472 Der Slavogermane
    Über den echten Slaven lässt sich weniger berichten, da wir verlegen sind, wo wir ihn suchen sollen, und zunächst nur das Eine sicher wissen, dass hier eine Verschiebung des Begriffes stattgefunden hat, in Folge deren das, was man heute für besonders charakteristisch „slavisch“ hält — wie z. B. gedrungene Gestalt, runde Köpfe, hohe Backenknochen, dunkles Haar — ge-
—————
    ¹) An diesem Orte habe ich mir gestattet, das Ergebnis eigener Studien zu verwerten (vergl. Notes sur Parsifal und Notes sur Tristan in der Revue Wagnérienne, Jahrgang 1886 und 1887).

560
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


wiss nicht Merkmale des Slaven waren, als dieser in die europäische Geschichte eintrat. Noch heute übrigens ist der blonde Typus im Norden und Osten des europäischen Russland vorherrschend, und auch der Pole unterscheidet sich von den südlichen Slaven durch die Hautfarbe (Virchow). In Bosnien fällt die ungewöhnliche Grösse der Männer, sowie die Häufigkeit des blonden Haares auf; den sogenannten slavischen, ins Mongolische hinüberspielenden Typus habe ich bei einer mehrmonatlichen Reise quer durch dieses Land nicht ein einziges Mal angetroffen, ebensowenig das charakteristische „Kartoffelgesicht“ des tschechischen Bauern; dasselbe gilt von dem herrlichen Stamm der Montenegriner.¹) Trotz des allgemein verbreiteten Vorurteils giebt es also, wie man sieht, noch jetzt physische Anzeichen genug, dass der Germane, als er in die Weltgeschichte eintrat, ausser seinem älteren Bruder im Westen, einen jüngeren, ihm gar nicht so unähnlichen, im Osten besass. Sehr verwickelt und schwierig wird jedoch die Entwirrung des ursprünglich Slavischen durch die offenbare Thatsache, dass dieser Zweig der germanischen Familie sehr früh von anderen Menschenstämmen fast ganz verzehrt wurde, viel früher und gründlicher und auch rätselhafter als die Kelten; doch sollte uns das nicht abhalten, die verwandtschaftlichen Züge zu erkennen und anzuerkennen, sowie auch den Versuch zu unternehmen, sie aus jener fremden Masse auszuscheiden.
    Dazu verhilft hier wiederum vor allem ein Eingreifen in die Tiefen der Seele. Wenn ich nach der einzigen slavischen Sprache,
—————
    ¹) Dagegen hat die Gestalt des Schädels eine progressive Veränderung erfahren: bei den heutigen Einwohnern Bosniens findet man nicht ganz 1½ Prozent Langköpfe, dagegen 84 Prozent ausgesprochene Rundköpfe, während die ältesten Gräber 29 Prozent Langköpfe und nur 34 Prozent Rundköpfe zeigen, und Gräber aus dem Mittelalter noch 21 Prozent Langköpfe aufweisen (siehe Weisbach: Altbosnische Schädel, in den Mitteilungen der anthropologischen Gesellschaft in Wien, 1897). Interessant ist die Bemerkung, dass die Gesichtsbildung, trotz dieser Schädeländerung, doch „leptoprosop“, d. h. länglich geblieben ist.

561
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


von welcher ich eine geringe Kenntnis besitze, der serbischen, urteilen darf, so möchte ich glauben, dass auch hier eine tiefgewurzelte Familienähnlichkeit mit den Kelten und Germanen in der poetischen Anlage nachgewiesen werden könnte. Der Helden-
473
cyklus, der jetzt an die grosse Schlacht auf dem Kossovopolje (1383) anschliesst, doch zweifelsohne in seinen poetischen Motiven viel weiter zurückreicht, erinnert durch die bekundete   G e s i n n u n g   — die Treue bis in den Tod, den Heldenmut, die Heldenweiber, sowie die hohe Achtung, welche diese geniessen, die Geringschätzung aller Güter im Vergleich zur persönlichen Ehre — an keltische und an germanische lyrische und epische Poesie. Ich lese in Litteraturgeschichten, derlei Poesien und solche Heldengestalten wie Marco Kraljevich seien aller Volksdichtung gemeinsam: das ist aber nicht wahr und kann nur einem durch Überfülle der Gelehrsamkeit für die Feinheiten der Individualität Blindgewordenen so erscheinen. Rama ist ein wesentlich anders gearteter Held als Achilles und dieser wiederum anders als Siegfried, während dagegen der keltische Tristan in vielen Zügen die unmittelbare Verwandtschaft mit dem deutschen Siegfried verrät, und zwar nicht allein in den Äusserlichkeiten des Ritterromanes (Drachenkampf u. s. w.), die teilweise spätere Zuthat sein mögen, sondern vielmehr in jenen ältesten, volkstümlichsten Gestaltungen, wo Tristan noch ein Hirt ist und Siegfried noch nicht ein Held am burgundischen Hofe: hier gerade sehen wir klar, dass ausser der ungeheuren Kraft, ausser dem Zauber der Unüberwindlichkeit und mehr dergleichen allgemeinsamen Heldenattributen   b e s t i m m t e   I d e a 1 e   der Dichtung zu Grunde liegen; und in diesen, nicht in jenen, spiegelt sich die Eigenart einer Volksseele ab. So hier z. B. bei Tristan und bei Siegfried: die Treue als Grundlage des Ehrbegriffes, die Bedeutung der Jungfräulichkeit, der Sieg im Untergang (mit anderen Worten, die Verlegung des eigentlichen Heldentumes in den inneren Vorgang, nicht in den äusseren Erfolg). Derlei Züge unterscheiden einen Siegfried, einen Tristan, einen Parzival nicht allein von einem semitischen Simson, dessen Heldenkraft in den Haaren liegt, sondern ebenfalls von dem stammverwandten Achilles: den Grie-

562 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

chen ist die Reinheit fremd, die Treue kein Prinzip der Ehre, sondern nur der Liebe (Patroklos), der Held trotzt dem Tode, er überwindet ihn nicht, wie wir das von jenen sagen können. Gerade solche Züge echter Verwandtschaft finde ich in der serbischen Poesie, trotz aller Abweichungen der Form. Schon dass ihr Heldencyklus sich um eine grosse Niederlage, nämlich um die für sie vernichtende Schlacht bei Kossovo, nicht um einen Sieg bildet, ist von grosser Bedeutung; denn die Serben haben Siege genug errungen und waren unter Stephan Duschan ein mächtiger Staat gewesen; hier liegt also ohne Frage eine
474
besondere Anlage vor, und wir dürfen mit Sicherheit schliessen, dass die reiche Fülle poetischer Motive, welche alle auf Untergang, auf Tod, auf ewige Trennung der Liebenden gehen, nicht erst nach jener unglückseligen Schlacht, nicht erst unter dem verdummenden Regiment des Mohammedanismus entstand, sondern ein uraltes Erbstück ist, genau so wie der Nibelungen   N o t,  „aller Leid Ende“, und nicht der Nibelungen Glück das deutsche Erbe war, und genau so wie keltische und fränkische Dichter hundert berühmte Sieger bei Seite liessen, um sich des obskuren   b e s i e g t e n   Roland zu bemächtigen und an ihm uralte poetische Momente in halbhistorischer Verjüngung wieder aufleben zu lassen. Solche Dinge sind entscheidend. Und ebenso entscheidend ist die besondere Art, wie das Weib bei den Serben geschildert wird, so zart, mutig und keusch, auch die hervorragend grosse Rolle, welche die Dichtungen ihr zuweisen. Hingegen kann nur ein Fachgelehrter entscheiden, ob die beiden Raben, die am Ende der Schlacht bei Kossovo auffliegen, um dem serbischen Volke seinen Untergang zu künden, mit Wodan‘s Raben verwandt sind, oder ob hier ein allgemeines indo-germanisches Motiv vorliegt, ein Überbleibsel der Naturmythen, eine Entlehnung, ein Zufall. Und so in Bezug auf tausend Einzelheiten. Zum Glück liegt aber hier wie überall das wirklich Entscheidende jedem unbefangenen Auge offen. — In der russischen Poesie findet man, wie es scheint, wenig mehr aus alter Zeit, ausser Sagen, Märchen und Liedern; doch auch hier zeigt die Melancholie einerseits und andrerseits das innige Verhältnis zur Natur,

563 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

namentlich zur Tierwelt (Bodenstedt: Poetische Ukraine) Züge, die unverkennbare germanische Eigenart bekunden.
    Es ist nicht meine Absicht, diese Untersuchung noch weiter auszudehnen, der Raum, sowie mein Zweck verbieten es; die Kritik möge die Wahrheit dessen nachweisen, was untrügliches Gefühl jedem poetisch Empfindenden offenbaren wird, das ist ihr Amt. Dagegen muss ich jener zweiten Kundgebung innersten Seelenwesens noch erwähnen, durch welche das germanische Element im Slaven deutlich hervortritt: ich meine die   R e l i g i o n.
    Wohin wir blicken, sehen wir Ernst und Unabhängigkeit in religiösen Dingen die Slaven auszeichnen, namentlich in alter Zeit. Ein hervorstechender Zug dieser Religiosität ist ihr Durchdrungensein von vaterländischen Gefühlen. Schon im 9. Jahrhundert, noch ehe das Schisma zwischen Ost und West unwiderruflich geworden war, sehen wir die Bulgaren behufs dogmatischer Fragen mit Rom und mit Konstantinopel gleich freundlich ver
475
kehren; was sie fordern, ist einzig die Anerkennung ihrer kirchlichen Unabhängigkeit: Rom verweigert dies, Byzanz giebt es zu; und so entsteht in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts die   e r s t e   ihrer Verfassung nach unabhängige christliche Kirche.¹) Die ungeheure Wichtigkeit eines derartigen Vorganges dürfte Jedem sofort ersichtlich sein. Michael von Bulgarien war es durchaus nicht um Glaubensdifferenzen zu thun; er war Christ und bereit, Alles zu glauben, was die Priester als christliche Wahrheit verkündeten; für ihn handelte es sich lediglich um eine Verfassungsfrage: seine bulgarische Kirche wollte er von einem eigenen bulgarischen Patriarchen in vollkommener Unabhängigkeit verwaltet wissen, kein Kirchenoberhaupt in Rom oder Byzanz sollte sich darein mischen. Was Manchem eine bloss administrative Frage dünken möchte, ist in Wahrheit die Erhebung des germanischen Geistes der freien Individualität gegen die letzte Verkörperung des aus dem Völkerchaos geborenen und die politischen Interessen des antinationalen, antiindividuellen, nivellierenden Prinzips vertretenden Imperiums. Dies ist nicht der Augen-
—————
    ¹) Vergl. Hergenröther: Photius II, 614.

564
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


blick, um näher auf diesen Gegenstand einzugehen, das kann erst in den zwei folgenden Kapiteln geschehen; doch wenn man dem selben Vorgang aller Orten unter den Slaven begegnet, so wird man seine symptomatische Bedeutung für die Beurteilung ihres ursprünglichen Charakters nicht leugnen können. Kaum waren z. B. die Serben zu einem Reich konstituiert, so schufen sie sich eine autonome Kirche, und der grosse Zar Stephan Duschan verteidigte seinen Patriarchen gegen die oberherrlichen Prätentionen der byzantinischen Kirche und erzwang seine rechtliche Anerkennung. Auch hier keine Glaubenssache; denn damals (Mitte des 14. Jahrhunderts) war das Schisma zwischen Rom und Konstantinopel eine längst vollendete Thatsache, und die Serben waren schon, wie noch heute, fanatische Griechisch-Orthodoxe; doch wie die Bulgaren die Einmengung Roms, so wiesen die Serben die Einmengung Konstantinopels zurück. Das Prinzip ist das selbe: die Wahrung der Nationalität. Die russische Kirche hat sich allerdings viel langsamer, sogar erst lange nach der Zerstörung des byzantinischen Reiches freigemacht; doch kann gerade Russland nur in einem sehr bedingten, ungermanischen Sinne ein slavisches Land geheissen werden, und heute besitzt es ja doch, neben England, allein von alten grösseren Nationen Europas eine durchaus nationale, autokephale Kirche. Besonders
476
auffallend ist ferner in dieser Beziehung die Thatsache, dass unter allen Christen einzig die Slaven (mit Ausnahme der dem deutschen Einfluss unterlegenen Tschechen) niemals den Gottesdienst in einer anderen als Ihrer heimatlichen Sprache geduldet haben! Schon die grossen „Slavenapostel“ Cyrillus und Methodius hatten ihre Not hiermit; von den deutschen Prälaten, die an den „drei heiligen Sprachen“ (griechisch, lateinisch, hebräisch) festhielten, verfolgt, dem römischen Papste als Ketzer denunziert, wussten sie dennoch diesen Punkt als ein besonderes Recht durchzusetzen: auch die streng römisch-katholischen Slaven hatten alle ihre slavische Messe, und noch in den letzten Jahrzehnten des 19. Säculums gelang es Rom nicht, den Dalmatinern dieses Vorrecht zu entreissen. — Das Alles bildet jedoch nur die eine Seite slavischer Religiosität, die äussere (wenn auch

565 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

nicht äusserliche); die andere ist noch auffallender. Auch in Russland, dort, wo die Bevölkerung den grössten echtslavischen Prozentsatz aufweist (in Kleinrussland nämlich, in der vorhin genannten Heimat der schönsten Dichtungen), bekundet sich noch heute durch die unaufhörliche Sektenbildung ein ähnliches intensives, inneres Religionsleben wie in Württemberg und in Skandinavien. Die Verwandtschaft ist auffallend. Dagegen existiert in den sog. „lateinischen“ Ländern auch nicht eine Spur davon. In solchen Dingen spiegelt sich die innerste Seelenbeschaffenheit. Und auch hier handelt es sich um eine dauernde Eigenschaft, welche trotz aller Blutmischungen in allen Jahrhunderten sich kundthat. Schon die ungeheure Mühe, die es kostete, die Slaven zum Christentum zu bekehren, bezeugt ihre tiefe Religiosität: Italer und Gallier hat man am leichtesten, Sachsen schon nur mit dem Schwert, die Slaven erst im Laufe langer Zeiten und durch furchtbare Grausamkeiten von dem Glauben ihrer Väter abgebracht.¹) Die berüchtigten Heidenhetzen dauerten ja bis an das Jahrhundert von Gutenberg. Besonders bezeichnend ist hier wieder das Verhalten jener sehr echten, physisch noch heute wenig verfälschten Slaven in Bosnien und der Herzegowina. Früh schon nahm der führende Teil der Nation die Lehren Bogumil‘s an (denen der Katharer oder Patarener verwandt), d. h. sie verwarfen alles Jüdische im Christentum und behielten neben dem Neuen Testament einzig die Propheten und die Psalmen, sie erkannten auch keine Sakramente und vor Allem keinerlei
477
Priesterherrschaft an. Zu gleicher Zeit von zwei Seiten unaufhörlich bekämpft und bedrückt und zertreten — von den orthodoxen Serben und von den stets jedem Wink des römischen Papstes gehorsamen Ungarn — die blutigen Opfer also eines ununterbrochenen zwiefachen Kreuzzuges, hielt dieses kleine Volk an seinem Glauben durch Jahrhunderte fest; die Gräber seiner
—————
    ¹) Wie schwer es wurde, die Wenden und die Polen zum Christentum zu bekehren, kann man im ersten Abschnitt des sechsten Bandes von Neander‘s Allgemeine Geschichte der christlichen Religion und Kirche lesen.

566
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


bogumilischen Helden zieren noch heute die Bergesspitzen, wohin die Leichen, der zu befürchtenden Schändung wegen, hinaufgetragen wurden. Erst der Mohammedaner hat durch erzwungene Bekehrungen mit dieser Sekte aufgeräumt. Der selbe Geist, der hier auf einem abgelegenen Fleck Erde ein mutiges, doch unwissendes Volk belebte, trug an anderen Orten reichere Früchte, wobei der slavische Zweig sich ebenso hervorthat wie die anderen aus der germanischen Verwandtschaft.

Die Reformation
    Das wichtigste geschichtliche Ereignis unserer neunzehn Jahrhunderte ist ohne Frage die sogenannte „Reformation“; ihr liegt ein doppeltes Prinzip zu Grunde, ein nationales und ein religiöses: beiden gemeinsam ist die Lossagung vom fremden Joch, das Abschütteln jener „toten Hand“ des längst gestorbenen römischen Imperiums, welches nicht allein über Güter und Gelder, sondern über Denken und Fühlen und Glauben und Hoffen der Menschen sich ausbreitete. Nirgends bewährt sich die organische Einheit des Slavokeltogermanentums überzeugender als in dieser instinktiven Auflehnung gegen Rom. Um diese Bewegung vom Standpunkt der Völkerpsychologie aus zu begreifen, darf man zunächst keinerlei dogmatischen Glaubensstreitigkeiten Aufmerksamkeit schenken; nicht was man über die Natur des Abendmahls für wahr hält, ist entscheidend, sondern es stehen sich hier lediglich zwei sich direkt widersprechende Prinzipien gegenüber:   F r e i h e i t   und   U n f r e i h e i t.   Der grösste Reformator fährt, nachdem er ausgeführt hat, es handle sich für ihn nicht um politische Rechte, fort: „aber im Geist und Gewissen sind wir die Allerfreiesten von aller Knechtschaft: da glauben wir Niemand, da vertrauen wir Niemand, da fürchten wir Niemand, ohne allein Christum.“ Das bedeutet aber eine Lossagung zugleich des Individuums und der Nation. Und wenn wir so gelernt haben, die „Reformation“ nicht als eine rein kirchliche Angelegenheit, sondern als eine Empörung des ganzen Wesens gegen Fremdherrschaft, als eine Empörung der germanischen Seele gegen ungermanische Seelentyrannei zu erkennen, so werden wir zugeben müssen, dass die „Reform“ begann, sobald Germanen durch Bildung und Musse zum Bewusstsein erwacht waren, und dass

478
567
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

sie noch heute fortfährt.¹) Scotus Erigena (im 9. Jahrhundert) ist ein Reformator, da er sich weigert, sich den Befehlen Roms zu fügen, und lieber durch den Dolch der Mörder stirbt, als dass er ein Jota seiner „Geistes- und Gewissensfreiheit“ aufgäbe; Abälard ist im 11. Jahrhundert ein Reformator, da er bei aller Rechtgläubigkeit sich die Freiheit seiner religiösen Vorstellungen nicht rauben lässt und ausserdem die Verwaltung der römischen Kirche, den Sündenablass u. s. w. angreift; ebenso sind aber solche Leuchten der katholischen Kirche wie Döllinger und Reusch im 19. Jahrhundert Reformatoren; keine einzige dogmatische Frage schied sie von Rom, ausser der einen: Freiheit. In dieser folgenschweren Bewegung thaten sich nun, neben den Germanen im engeren Sinne des Wortes, nicht allein die Kelten hervor, sondern ebenfalls die Slaven. Was ich im letzten Absatz meldete: wie sie die fremde Einmengung in ihre Kirchenverwaltung abwiesen, und wie sie ihre Muttersprache als ihr heiligstes Erbgut hochhielten, gehört ja schon hierher, beides ist die Verleugnung der notwendigen Prinzipien Roms. Doch diese Bestrebungen hatten tiefere Wurzeln; im innersten Herzen handelte es sich um Religion, nicht lediglich um Nation. Und sobald die Reformation festen Fuss gefasst hatte — was zuerst im fernen England geschah — da strömten die slavischen Katholiken nach Oxford hin, angezogen durch eine offenbare Blutsverwandtschaft der heiligsten Gefühle. Ganz gewiss wäre die Reformation ohne den einen einzigen Martin Luther nicht das geworden, was sie geworden ist — unsere modernsten Historiker mögen sagen, was sie wollen, die Natur kennt keine grössere Kraft als die eines gewaltig grossen Mannes — doch der Boden, auf dem dieser deutsche Mann zu voller Kraft aufwachsen konnte, die Umgebung, in der er die belebende Luft zu seinem Kampfe fand, sie waren in allererster Reihe das Werk Böhmens und Englands.²) Schon hundert
—————
    ¹) Der Anthropolog Lapouge sagt in seiner rein naturwissenschaftlichen Definition, des Homo europaeus: „en religion il est protestant.“ Siehe Dépopulation de la France, p. 79.
    ²) Luther schreibt denn auch an Spalatin (Februar 1520):

568
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Jahre vor Luthers Geburt war In England jeder dritte Mann ein Antipapist¹) und war Wyclif's Übersetzung der Bibel im ganzen Lande verbreitet. Böhmen blieb nicht zurück; bereits im 13. Jahrhundert wurde das Neue Testament in tschechischer Sprache gelesen, und zu Beginn des 15. Jahrhunderts revidierte Hus die
479
vollständige Bibel in der Volkssprache. Doch die lebendigste Anregung war von Wyclif ausgegangen; er erst öffnete den Slaven die Augen für die evangelische Wahrheit, so dass Hieronymus von Prag von ihm sagen durfte: „Bisher hat man die Schale gehabt, erst Wyclif hat den Kern aufgedeckt.“²) Man macht sich ein durchaus falsches Bild von der slavischen Reformationsbewegung, wenn man sein Augenmerk vornehmlich auf Hus und die hussitischen Kriege wirft; das Vorwalten der politischen Kombinationen, sowie des Hasses zwischen Tschechen und Deutschen, verwirrte von da an die Gemüter und verdunkelte das reine Streben welches vorerst so hell geglänzt hatte. Schon hundert Jahre vor Hus lebte jener Milič, der, selber ein rechtgläubiger Katholik und allen Grübeleien über Dogmatik in Folge seines auf praktische Seelsorge gerichteten Sinnes überhaupt abhold, den Ausdruck   A n t i c h r i s t   für die römische Kirche erfand; im Kerker zu Rom schrieb er seinen Traktat De Antichristo, worin er ausführt, der Antichrist werde nicht erst in Zukunft kommen, er sei schon da, er häufe „geistliche“ Reichtümer, er kaufe Präbenden, er verkaufe Sakramente. Von Mathias von Janow wird dieser Gedanke dann weiter ausgeführt und die eigentliche theologische Reformation angebahnt; freilich eifert er für die eine heilige Kirche, diese müsse aber von Grund aus gereinigt und neu aufgerichtet werden: „Es bleibt uns nun allein noch übrig, die   R e f o r m a t i o n   durch die Zerstörung des Antichrist selbst zu wünschen; erheben wir unsere Häupter, denn
—————
„Vide monstra, quaeso, in quae venimus sine duce et doctore Bohemico.“
    ¹) Fremantle: John Wyclif in dem Band Prophets of the Christian Faith, p. 106.
    ²) Neander: IX, 314.

569
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


schon ist die Erlösung nahe!“ (1389.) Auf ihn folgen Stanislaus von Znaim, welcher die 45 Sätze Wyclif‘s vor der Universität Prags verteidigt, Hus, der das „Apostolische“ vom „Päpstlichen“ scharf scheidet und erklärt, dem ersteren werde er gehorchen, dem Päpstlichen jedoch nur, insofern es mit dem Apostolischen übereinstimme, Nikolaus von Welenowič, der die Stellung der Priester als privilegierter Heilsvermittler leugnet, Hieronymus, jener herrliche Ritter und Märtyrer, der selbst einem Gleichgültigen, dem mehr um hellenische Litteratur als um Christentum besorgten, hauptsächlich als Sammler und Herausgeber obscöner Anekdoten berühmten Poggio, päpstlichem Sekretär, die Worte entriss: „O welcher Mann, der ewiges Andenken verdient!“ Und viele Andere. Man sieht, hier liegt nicht die That eines einzelnen, vielleicht erratischen Geistes vor; es spricht im Gegenteil eine Volksseele, Alles wenigstens, was in dieser Volksseele
480
echt und edel war. Wie es diesem edlen Teil erging, wie er von der Erdoberfläche vertilgt wurde, ist bekannt. Der Papst und die römischen Bischöfe hatten das internationale Söldnerheer bezahlt, von dem er den Todesstoss am Weissen Berge empfing.¹) Es handelt sich auch nicht etwa um eine tschechische Idiosynkrasie; die anderen katholischen Slaven verhielten sich genau ebenso. So z. B. wurden auf der ersten polnischen Druckpresse die Kirchenlieder Wyclif‘s gedruckt; auf das Tridentiner Konzil entsandte Polen so ausgesprochen protestantisch gesinnte Bischöfe, dass der Papst sie beim König als unbedingte Häretiker verklagte. Doch der polnische Reichstag liess sich auch hierdurch nicht einschüchtern: er forderte vom König eine vollkommene Reorganisation der polnischen Kirche unter   e i n z i g e r   Z u g r u n d e l e g u n g   d e r   h e i l i g e n   S c h r i f t e n.   Zugleich forderte er — mirabile dictu! — die „Gleichberechtigung aller Sekten“. Der Adel Polens und die gesamte geistige Aristokratie waren Protestanten. Doch die bald eingetretenen politischen Wirrnisse benutzten die Jesuiten, von Österreich und Frankreich unterstützt, um festen Fuss im Lande zu fassen; „blutig und schnell“, wie
—————
    ¹) Döllinger: Das Haus Wittelsbach. Akad. Vorträge I, 38.

570
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Canisius es verlangt hatte, ging es freilich nicht, doch immer härter wurden die Protestanten verfolgt, zuletzt verbannt; mit der Religion sank auch die polnische Nation dahin. ¹)
481
    Da diese Dinge nicht einem Jeden gegenwärtig sind, habe ich mit einiger Ausführlichkeit darauf Nachdruck legen müssen, genügend, hoffe ich, um der Überzeugung von einer ursprünglichen, innigen Verwandtschaft zwischen dem echten Germanen, dem echten Kelten und dem echten Slaven Bahn zu brechen. Hier
—————
    ¹) Man lese das höchst interessante Werk des Grafen Valerian Krasinski: Geschichte des Ursprungs, Fortschritts und Verfalls der Reformation in Polen, Leipzig, 1841. Nirgends vielleicht findet man ein so vollständiges, reiches, überzeugendes, abgerundetes Material wie in Polen, um zu sehen, wie religiöse Unduldsamkeit und namentlich der Einfluss der Jesuiten ein blühendes Land, auf jedem geistigen und industriellen Gebiet einer glänzenden Zukunft entgegenreifend, vollständig zu Grunde richtet. Wie die Polen schon lange vor Luther zu Rom standen, geht am besten aus der Rede hervor, die Johann Ostrorog in der Ständeversammlung des Jahres 1459 hielt, in welcher er u. a. ausführte: „Es ist nichts dagegen einzuwenden, dieses Königreich dem Papste als ein katholisches Land zu empfehlen, es ziemt sich aber nicht, ihm einen unbeschränkten Gehorsam zu verheissen. Der König von Polen ist niemand unterworfen, und nur Gott steht über ihm; er ist nicht Roms Unterthan — — u. s w.“; dann geisselt der Redner die schamlose Simonie des päpstlichen Stuhles, den Ablasskram, die Geldgier der Priester und Mönche (a. a. O., S. 36 fg.). Diese ganze polnische Bewegung ist, wie die böhmische, durch einen frischen Zug des unabhängigen Nationalitätenbewusstseins, bei gleichzeitiger Geringschätzung dogmatischer Fragen (die Polen waren nicht einmal Utraquisten), ausgezeichnet; und (ebenfalls wie in Böhmen) geborene   D e u t s c h e   sind es, die   f ü r   Rom und gegen religiöse und politische Freiheit streiten und den Sieg erringen. Hosen (Kardinal Hosius) — der Mann, der dem Kardinal de Guise ein Glückwunschschreiben zur Ermordung des Admirals Coligny sendet und der „dem Allmächtigen für das grosse Geschenk, das Frankreich durch die Bartholomäusnacht erhalten hat, dankt und betet, dass Gott auch Polen mit gleicher Barmherzigkeit ansehen möge“ — dieser selbe Hosen steht an der Spitze der antinationalen Reaktion, er führt die Jesuiten ins Land ein, er verbietet das Lesen der heiligen Schrift, er lehrt, der Unterthan habe dem Fürsten gegenüber gar keine Rechte u. s. w. Wenn ein solcher ein   G e r m a n e   ist, jene Vorkämpfer für Freiheit nicht, dann ist dieser Name lediglich eine schimpfliche Bezeichnung.

571
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


giebt es, im Augenblick wo diese Völker in die Geschichte eintreten, nicht   d r e i   ethnische Seelen nebeneinander, sondern nur eine einzig; einheitliche. Mögen die Kelten sich an vielen Orten (doch, wie wir sahen, nicht überall) durch die Aufnahme von Virchow‘s hypothetischen „Präkelten“ und von Elementen aus dem lateinischen Völkerchaos physisch so verändert haben, dass man heute allgemein unter „keltisch“ den Gegenpart des ursprünglichen keltischen Typus versteht; mag ein ähnliches Schicksal die grossen blonden normannenähnlichen Slaven in vielleicht noch bedauerlicherem Masse ereilt haben: wir sahen doch durch die Jahrhunderte hindurch jenen unterschiedlichen, durchaus individuellen Geist am Werke, den ich ohne Zaudern den   g e r m a n i s c h e n   nenne, weil der echte Germane (im gewöhnlichen, beschränkteren Sinne des Wortes) trotz aller Bastardierungen, die ein grosser Teil seiner Söhne einging, ihn doch bei weitem am reinsten und daher am mächtigsten bewahrte. Es handelt sich hier nicht um müssige Wortklauberei, sondern um historische Einsicht im weitesten Sinne; es fällt mir auch nicht ein, dem eigentlichen Germanen, oder gar dem Deutschen, Thaten zu vindizieren, die er nicht vollbrachte, oder Ruhm zu schenken, der Anderen zukommt. Im Gegenteil, ich möchte das lebendige Gefühl der grossen nordischen Brüderschaft wachrufen, und zwar ohne mich irgend welchen anthropogenetischen oder prähistorischen Hypothesen zu verdingen, sondern indem ich mich auf das stütze, was allen Augen offen liegt. Ja, nicht einmal die Blutsverwandtschaft postuliere ich; zwar glaube ich an sie, doch bin ich mir der ungeheuren Verwickeltheit dieses Problemes zu wohl
482
bewusst, ich sehe zu deutlich ein, dass der wahre Fortschritt der Wissenschaft hier vornehmlich in der Aufdeckung unserer unbeschränkten Ignoranz und der Unzulänglichkeit aller bisherigen Hypothesen bestanden hat, als dass ich die geringste Lust verspürte, jetzt, wo jeder echte Gelehrte zu schweigen beginnt, nun meinerseits mit dem Aufbauen neuer Luftschlösser fortzufahren. „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist“, wie Goethe sagt. Inzwischen trafen wir verwandten Geist, verwandte Gesinnung, verwandte Körperbil-

572 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

dung an: das darf uns genügen. Wir halten ein bestimmtes Etwas in der Hand, und da dieses Etwas nicht eine Definition ist, sondern aus lebendigen Menschen besteht, so weise ich auf diese Menschen hin, auf die echten Kelten, Germanen und Slaven, damit man erfahre, was das Germanische sei.

Beschränkung des Begriffes
    Hiermit hätte ich nun gezeigt, was unter der notwendigen Erweiterung des Begriffes „Germane“ zu verstehen ist; worin besteht aber die ebenfalls als notwendig von mir bezeichnete   B e s c h r ä n k u n g ?   Auch hier wird die Antwort eine zwiefache sein, auf physische Eigenschaften einerseits und auf geistige andrerseits sich beziehend; im Grunde genommen sind dies aber lediglich verschiedene Erscheinungen des selben Dinges.
    Das physische Moment darf nicht unterschätzt werden; es wäre vielleicht schwer, so weit zu gehen, dass man es überschätzte. Warum, das habe ich in der Abhandlung über die Rassenfrage im vorletzten Kapitel darzuthun versucht; ausserdem gehört diese Erkenntnis zu jenen, welche schon der blosse Instinkt, der dünnste Seidenfaden des Zusammenhanges mit dem Gewebe der Natur unmittelbar empfinden lässt, auch ohne gelehrte Beweise. Denn wie die Ungleichheit der menschlichen Individuen auf ihren Physiognomien, so ist die Ungleichheit der menschlichen Rassen in ihrem Knochenbau, in ihrer Hautfarbe, in ihrer Muskulatur, in den Verhältnissen ihres Schädels zu lesen; vielleicht giebt es keine einzige anatomische Thatsache des Körpers, auf welche die Rasse nicht ihren besonderen, unterscheidenden Stempel gedrückt hätte. Man weiss es ja, selbst die Nase, dieses bei uns Menschen zu so frostiger Unbeweglichkeit erstarrte Organ, welches, nach gewissen Schülern Darwin‘s, einer noch weiter reichenden Monumentalisierung durch gänzliche Verknöcherung entgegengeht, selbst die Nase, in dem Städteleben unserer Zeit eher eine Vermittlerin von Qualen als von Freuden, eine bloss lästige Zugabe, steht von der Wiege bis zum Grabe im Mittelpunkte unseres Antlitzes als Zeugin unserer
483
Rasse! Wir müssen also zunächst mit allem Nachdruck betonen, dass diese Nordeuropäer¹) — die Kelten, Germanen und Slaven
—————
    ¹) In neuester Zeit befestigt sich immer mehr bei den Ge-

573
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


— als physisch unter den Indoeuropäern unterschiedene, in ihrem Körperbau von den Südeuropäern abweichende, „nur sich selbst gleichende“ Menschen auftraten, woraus sich aber eine erste Beschränkung ohne weiteres ergiebt: dass nämlich, wer diese physischen Merkmale nicht besitzt, und sei er noch so sehr im Herzen Germaniens geboren und rede von Kindheit auf eine germanische Sprache, doch nicht als ein Germane zu betrachten ist. Die Bedeutung dieses physischen Momentes lässt sich leichter an grossen Volkserscheinungen als am Individuum nachweisen, denn es kann vorkommen, dass ein ungewöhnlich begabter Einzelner sich eine fremde Kultur aneignet und dann, gerade in Folge seiner innerlich abweichenden Eigenart, Neues und Erspriessliches zu Stande bringt; dagegen wird der besondere Wert der Rasse klar, sobald es sich um Gesamtleistungen handelt, was ich dem deutschen Leser gleich zu Herzen führe, wenn ich ihm in den Worten eines anerkannten Fachmannes mitteile, dass „die bevorzugten grossen Staatsmänner und Heerführer der Gründungszeit des neuen Reiches meist   v o n   d e r   r e i n s t e n   g e r m a n i s c h e n   A b s t a m m u n g   s i n d,“   genau ebenso wie „die wetterfesten Seefahrer der Nordseeküste und die kühnen Gemsenjäger der Alpen“.¹) Das sind Thatsachen, über die man viel und lange nachdenken sollte. In ihrer Gegenwart schrumpfen die bekannten Phrasen der Herren Naturforscher, Parlamentsredner u. s. w. über die Gleichheit der Menschenrassen²) zu einem so unsinnigen Gewäsch zusammen, dass man sich fast schämt, je auch nur mit einem einzigen Ohre auf sie hingehört zu haben. Sie lehren auch einsehen, in welchem genau bedingten Sinne das bekannte Wort jenes echt germanischen Mannes, Paul de Lagarde, Geltung beanspruchen darf: „Das Deutschtum liegt nicht
—————
lehrten die Überzeugung, dass die Germanen nicht aus Asien eingewandert sind, sondern seit undenklichen Zeiten in Europa daheim waren. (Siehe u. A. Wilser: Stammbaum der arischen Völker, 1889 (Naturw. Wochensch.), Schrader: Sprachvergleichung und Urgeschichte, 2. Auflage, 1890, Taylor: The Origin of the Aryans, 1890, Beck: Der Urmensch, 1899, u. s w.).
    ¹) Henke: Der Typus des germanischen Menschen, S. 33.
    ²) Siehe S. 264 fg., 374 Anm. 2, 493.

574
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


im Geblüte, sondern im Gemüte.“ Beim Einzelnen, ja, da mag das Gemüt das Geblüt beherrschen, hier siegt die Idee, doch bei einer grossen Menge nicht. Und um die Bedeutung des Physischen, sowie die Beschränkung, die es mit sich führt, zu er-
484
messen, bedenke man ferner, dass das, was man „die germanische Idee“ nennen kann, ein unendlich zartgebauter, reichgegliederter Organismus ist. Man braucht ja nur zum Vergleich auf die jüdische hinzusehen, diese enfance de l‘art, deren ganze Kunst darin besteht, die menschliche Seele so zusammenzuschnüren, wie die chinesischen Damen ihre Füsse, nur dass diese Damen sich dann nicht mehr rühren können, wogegen eine halberdrosselte Seele sich leichter trägt und dem geschäftigen Körper weniger Umstände verursacht als eine vollentwickelte, traumbeladene. In Folge dessen ist es verhältnismässig leicht, „Jude zu werden“, dagegen fast bis zur Unmöglichkeit schwer, „Germane zu werden“. Gewiss liegt das Germanentum im Gemüte; wer sich als Germane bewährt, ist, stamme er, woher er wolle, Germane; hier wie überall thront die Macht der Idee; doch man hüte sich, einem wahren Prinzip zu Liebe, den Zusammenhang der Naturerscheinungen zu übersehen. Je reicher das Gemüt, um so vielseitiger und fester hängt es mit dem Unterbau eines bestimmt gearteten Geblüts zusammen. Es ist evident und braucht nicht erst erwiesen zu werden, dass bei der Entfaltung menschlicher Anlagen, je weiter, je eigenartiger diese Entwickelung gediehen ist, um so höher die Differenzierung im physischen Substratum unseres geistigen Lebens fortgeschritten sein muss, wobei das Gewebe zugleich um so zarter wird. So sahen wir denn auch im vorigen Kapitel, wie der edle Amoriter aus der Welt verschwand: in Folge von Vermischung mit unverwandten Rassen wurde seine Physiognomie wie weggewischt, seine gigantische Gestalt schrumpfte zusammen, sein Geist entflog; wogegen der simple Homo syriacus heute der selbe ist wie vor Jahrtausenden und der bastardierte Semit sich aus der Mischung zu seiner dauernden Zufriedenheit als „Jude“ herauskrystallisiert hat. Ähnlich ging‘s allerorten. Welch‘ ein herrliches Volk war nicht das spanische! Den Westgoten war während Jahrhunderte die

575 Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.

Ehe mit „Römern“ (wie man die übrigen Bewohner nannte) unbedingt verboten, woraus ein Gefühl von Rassenadel sich entwickelte, welches auch später, als von oben her die Verschmelzung der Völker mit Gewalt betrieben wurde, diese Verschmelzung lange hintanhielt; doch nach und nach wurden immer tiefere Breschen in den Damm gebrochen, und bei der dann erfolgten Vermischung mit Iberern, mit den zahlreichen Überresten des römischen Völkerchaos, mit Afrikanern verschiedenster Provenienz, mit Arabern und Juden, verlor sich das, was die Germanen gebracht hatten: die Kriegstüchtigkeit, die bedingungslose Treue
485
(siehe Calderon!), das hohe religiöse Ideal, die organisatorische Befähigung, die reiche schöpferische Künstlerkraft; was dann übrig blieb, als das germanische „Geblüt“, als das physische Substratum vertilgt war, sehen wir heute.¹) Seien wir darum nicht zu schnell bei der Hand mit der Behauptung, das Germanentum liege nicht im Geblüte; es liegt doch darin; nicht in dem Sinne, dass dieses Geblüt germanische Gesinnung und Befähigung verbürge, doch aber, dass es sie ermögliche.
    Diese Beschränkung ist also zunächst eine sehr klare: Germane ist der Regel nach nur, wer von Germanen abstammt.
—————
    ¹) Vergl. Savigny‘s Geschichte des römischen Rechtes im Mittelalter, Bd. I, Kap. 3 und 5. Diese Reinhaltung der germanischen Rasse durch Jahrhunderte hindurch, mitten unter einer minderwertigen Bevölkerung, fand nicht allein in Spanien statt, auch in Oberitalien lebten Germanen nach getrenntem Recht bis ins 14. Jahrhundert, worüber Näheres weiter unten und im 9. Kapitel. Bei Gelegenheit einer Kritik dieser Grundlagen schreibt Prof. Dr. Paul Barth in der Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie, Jahrgang 1901, S. 75: „Noch mehr als er es thut, hätte Chamberlain auf die Wirkung des semitischen Blutes, die sich bei den Spaniern offenbart, hinweisen können. Durch den semitischen Zusatz sind die Spanier fanatisch geworden, haben sie jeden Begriff ins äusserste Extrem ausgebildet, so dass er seinen vernünftigen Sinn verliert: die religiöse Hingebung bis zum „Kadavergehorsam“ gegen die Befehle des Oberen, die Höflichkeit bis zur peinlichen, ceremoniellen Etiquette, die Ehre zur wahnwitzigsten Empfindlichkeit, den Stolz zu lächerlicher Grandezza, so dass   s p a n i s c h   bei uns im Volksgebrauch fast gleichbedeutend mit   u n v e r n ü n f t i g   geworden ist.“

576
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


    Doch muss ich gleich darauf aufmerksam machen, wie notwendig die vorangehende Erweiterung des Begriffes war, damit diese Beschränkung mit Verstand zur Anwendung komme. Sonst stellen sich solche lustige Folgerungen ein, denen selbst Henke in der oben angeführten Broschüre nicht ausweichen kann, wie dass Luther kein echter germanischer Mann war, und dass die Schwaben, die mit Recht in der ganzen Welt als hervorragende Vertreter des unverfälschten Germanentums gelten, ebenfalls nicht echte Germanen sind! Ein Mann, dessen Abstammung und dessen Gesichtsbildung ihn als das Ergebnis einer Mischung zwischen echtdeutschem und echtslavischem Blut bezeugen, wie dies Henke von Luther nachweist, ist ein echter germanischer Mann, aus glücklichster Mischung hervorgegangen, und ein Gleiches gilt von dem Volk der Schwaben, bei denen, wie ebenfalls Henke darthut, eine innige Vermengung von Kelten und Deutschen stattgefunden, welche zu reicher poetischer Begabung und ausnehmender Charakterfestigkeit führte. Über die hohen Vorteile der Kreuzungen zwischen nahe verwandten Völkern berichtete ich im vierten Kapitel (S. 279—283); bei den germanischen Völkern bewährte sich dieses Gesetz überall: bei den Franzosen, wo die mannigfachsten Kreuzungen germanischer Typen zu einer Überfülle reicher Talente führte, und wo noch heute, in Folge des Vorhandenseins vieler Centren verschiedenartigster Rassenreinkulturen, reiches Leben sich kundthut, bei den Engländern, den Sachsen, den Preussen u. s. w.   Treitschke macht darauf aufmerksam, dass die „staatsbildende Kraft Deutschlands“   n i e   in
486
den ungemischt deutschen Stämmen gelegen habe. „Die eigentlichen Kulturträger und Bahnbrecher in Deutschland waren im Mittelalter das süddeutsche Volk, das keltisch gemischt ist; in der neueren Geschichte die slavisch gemischten Norddeutschen.“¹) Diese Ergebnisse sind zugleich ein Beweis für die enge verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit der Nordeuropäer, jenes Menschentypus, den man mit Lapouge-Linnaeus den Homo europaeus nennen kann, noch besser und einfacher aber den   G e r m a n e n.
—————
    ¹) Politik, I, 279.

577
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Jetzt, und jetzt erst, lernen wir in Bezug auf uns selber zwischen Kreuzung und Kreuzung unterscheiden. Durch Kreuzungen untereinander erleiden Germanen an ihrem Wesen keinen Eintrag, im Gegenteil, dagegen richten sie es durch Kreuzungen mit anderen nach und nach zu Grunde.

Das blonde Haar
    Leider ist diese Beschränkung aber, so klar in der allgemeinen Definition, doch sehr schwer im Einzelnen durchzuführen. Denn man wird fragen: an welchen physischen Merkmalen erkennt man den Germanen? Ist z. B. wirklich die Blondheit ein charakteristisches Merkmal aller Germanen? Es scheint dies ein Grunddogma zu bilden, nicht allein für die alten Historiker, sondern auch für die neuesten Anthropologen, und doch sind mir Thatsachen aufgefallen, die es mich stark bezweifeln lassen. Zunächst eine Thatsache, über die man natürlich bei Virchow und seinen Kollegen nicht die geringste Auskunft findet, da das politische Vorurteil ihnen den Blick trübt; ich meine die Häufigkeit der dunklen Farbe bei den Mitgliedern des echtesten altgermanischen   A d e l s.   Sie ist namentlich in England auffallend. Hochgewachsene schlanke Körper, lange Schädel, lange Gesichter, der bekannte Moltketypus mit der grossen Nase und dem scharfgeschnittenen Profil (den auch Henke als den charakteristisch „rein germanischen“ betrachtet), Stammbäume, die bis in die Normannenzeit zurückreichen, kurz, unzweifelhaft echte, physisch und historisch bezeugte Germanen — aber schwarzes Haar. Bei Wellington fallen Eckermann die braunen Augen auf.¹) In Deutschland habe ich das selbe in verschiedenen Familien altadeliger Herkunft bemerkt. Es ist mir ausserdem aufgefallen, dass Dichter aus dem äussersten Norden Deutschlands das dunkle Haar nicht allein beim Adel, sondern auch als für das Volk bezeichnend ziemlich oft anführen; so haben z. B. in Theodor Storm‘s Erzählung Hans und Heinz Kirch jene echten, trotzigen germanischen Seefahrer, Hans und Heinz, beide „schwarzbraune Locken“, und auch von
487
einer anderen kecken Gestalt, dem Hasselfritz, heisst es, er habe braune Augen und braunes Haar; diese echtesten Germanen
—————
    ¹) Gespräche mit Goethe, 16. 2. 1826.

578
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


gleichen also dem Achilles mit seinem „bräunlichen Haupthaar“. Wie oft kommen auch in den Volksliedern „schwarzbraune Augelein“ vor! Auch Burns, der schottische Bauerndichter, schwärmt für die „nut-brown maidens“ seiner Heimat.¹) Als ich nun einmal bei einer Reise in Norwegen nördlich vom 70. Grad zufällig nach einer Inselgruppe verschlagen wurde, wohin sonst kaum je ein Fremder kommt, fand ich zu meinem Erstaunen unter der sonst blonden Fischerbevölkerung einzelne jenem Typus genau entsprechende Gestalten: ausnehmend schön gewachsene Männer mit edlen, imponierenden Vikinger-Physiognomien, dazu fast rabenschwarze Haare. Später begegnete ich diesem Typus im Südosten von Europa, in den deutschen Kolonieen Slavoniens, die, seit Jahrhunderten dort ansässig, ihr Deutschtum inmitten der Slaven makellos rein erhalten haben: die Gestalt, der Moltketypus (oder, wie der Engländer sagt, das Wellingtongesicht) und das schwarze Haar zeichnen diese Leute vor ihrer meist blonden und physiognomisch durchaus unbedeutenden Umgebung aus. Übrigens brauchen wir nicht so weit zu gehen: wir finden diesen Typus als den fast vorherrschenden im deutschen Tirol, von dem Henke sagt, seine Bewohner „stellen den wahren Typus der jetzt lebenden Urgermanen dar“. Dass auch sie meist dunkles, oft schwarzes Haar haben, erklärt allerdings der genannte Gelehrte dadurch, dass „die Sonne sie dunkel gebrannt hat“, und meint dazu, die Farbe sei „die Eigenschaft, die sich am leichtesten mit der Zeit verändert“. Virchow‘s Untersuchungen hatten aber schon längst das Gegenteil erwiesen (siehe S. 369), und wir könnten auf diese Behauptung mit der Frage antworten: warum war David blond? Warum behielten die Juden von den Amoritern eine gewisse Neigung zu rotblondem Haar, weiter nichts? Welche Sonne hat dem englischen Adel und gar erst dem Norweger im fernsten Norden, wo die Sonne monatelang gar nicht gesehen wird, die Haare dunkel gebrannt? Nein, hier liegen gewiss andere Verhältnisse vor, die erst physiologisch werden
—————
    ¹) Auch Goethe fordert vom Helden „schwarzes Haar“ und „schwarze Augen“.

579
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


aufgeklärt werden müssen, was bisher meines Wissens nicht geschah.¹) Ebenso wie gewisse rote Blumen an bestimmten Standorten, oder auch unter dem Einfluss von Bedingungen, die sich
488
der menschlichen Beobachtung entziehen, blau auftreten (bisweilen rot und blau auf demselben Stamme), und ebenfalls schwarze Tiergattungen bekannt sind, die weisse Abarten erzeugen, ebenso ist es durchaus nicht undenkbar, dass das Haarpigment innerhalb eines bestimmten Menschentypus zwar der Regel nach hellgefärbt sein, doch unter Umständen auch dem entgegengesetzten Ende der Farbenskala sich zuneigen kann. Denn das Entscheidende ist hier, dass wir dieses dunkle Haar gerade bei Menschen finden, deren unverfälschtes Germanentum nicht allein in meinem weiteren, sondern in dem engeren taciteischen Sinne des Wortes verbürgt ist und deren ganzes äusseres und inneres Wesen es ausserdem erweist. Doch, sobald man sich weiter umschaut, wird man genau diesen selben Menschentypus — hochgewachsen, schlank, dolichocephal, Moltkephysiognomie, dazu ein „germanisches Innere“ — an den Südabhängen der Seealpen z. B. antreffen; man braucht nur von dem vom Völkerchaos besetzten Cannes und Nizza sich zwei Stunden nördlich in abgelegenere Teile des Gebirges zu begeben; auch hier die schwarzen Haare. Sind es Kelten? sind es Goten? sind es Langobarden? Ich weiss es nicht; es sind jedenfalls die Brüder der eben Genannten. Auch in den Gebirgen des nördlichen Italien findet man sie, abwechselnd mit dem kleinen, rundköpfigen, unarischen Homo alpinus. Von den Kelten hat Virchow schon gesagt, er sei „nicht abgeneigt, anzunehmen, dass die ursprüngliche keltische Bevölkerung nicht blond-arisch, sondern brünettarisch gewesen sei“; und gewappnet mit dieser kühnen „nicht abgeneigten Annahme“ erklärt er dann alle dunklen Haare als keltische Beimischung. Doch werden uns von den Alten gerade die ursprünglichen Kelten als auffallend blond und „rothaarig“ be-
—————
    ¹) Wenigstens konnte ich weder in physiologischen Lehrbüchern, noch in solchen Specialschriften wie die Waldeyer‘s etwas hierauf Bezügliches finden.

580
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


schrieben und wir können sie mit eigenen Augen noch heute so sehen, in Schottland und Wales; diese Hypothese steht also nur auf dem einen Beine, dass die Kelten, ausser blond, auch brünett — oder vielmehr, was nicht ganz das selbe ist, dunkelhaarig — sein können, wofür wir an Ort und Stelle, unter den unvermischten Kelten, Belege genug finden. Es liegt hier folglich der selbe Fall vor wie bei den Germanen. Von den Slaven kann ich nur das Eine berichten, dass selbst Virchow erklärt, sie seien „ursprünglich blond gewesen“. Sie waren es auch nicht bloss, sondern sind es noch heute; man braucht nur ein bosnisches Regiment vorbeidefilieren zu sehen, um sich davon zu überzeugen. Die Karte nach Virchow‘s Untersuchungen an Schulkindern zeigt, dass das ganze Posen, sowie Schlesien östlich der Elbe den selben
489
geringen Prozentsatz dunkler Menschen aufweist (10—15 Prozent) wie die westlich gelegenen Länder; der grösste Prozentsatz von Brünetten findet sich in Gegenden, wohin nie ein Slave kam, nämlich in der Schweiz, im Elsass, im urdeutschen Salzkammergut. Ob es echte Slaven giebt, bei denen Melanismus des Haares vorkommt, wie bei den Germanen und Kelten, ist mir unbekannt.
    Aus diesen Thatsachen geht unwiderlegbar hervor, dass dem Germanen nicht, wie es gewöhnlich geschieht, blondes Haar apodiktisch zugesprochen werden kann; auch schwarzes Haar kann den echtesten Sprossen dieser Rasse eigen sein. Zwar wird das Vorhandensein blonden Haares immer auf Germanentum (in meinem weiten Sinne des Wortes) raten lassen, und sei es auch nur als ferne Beimengung, doch die Abwesenheit der hellen Färbung gestattet nicht den umgekehrten Schluss. Bei der Anwendung dieser Beschränkung muss man also vorsichtig sein; das Haar allein genügt als Kriterium nicht, sondern es müssen die übrigen physischen Charaktere mit in Betracht gezogen werden.

Die Gestalt des Schädels
    Somit gelangen wir zu der weiteren und wahrlich nicht minder schwierigen Frage: zu der nach der Schädelform. Hier scheint es, als müsse und könne eine Grenze gezogen werden. Denn, wie verwickelt die Verhältnisse auch heute liegen, sie lagen in alten Zeiten sehr einfach: die alten Germanen des Tacitus, sowie

581
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


die alten Slaven waren beide der Mehrzahl nach ausgesprochene Langköpfe; der lange Schädel und darunter das lange Gesicht sind so sichere Merkmale der Rasse, dass man sich wohl fragen darf, ob, wer sie nicht besitzt, zu ihr gezählt werden dürfe. In den germanischen Gräbern der Völkerwanderungszeit findet man fast die Hälfte der Schädel dolichocephal, d. h. mit einer Breite, welche sich zur Länge wie 75 (oder noch weniger) zu 100 verhält, und mit wenigen Ausnahmen nähern sich auch die übrigen Schädel dieser künstlich gewählten Verhältnisgrenze; wirkliche Rundköpfe (siehe S. 360) kommen fast gar nicht vor. In den altslavischen Gräbern ist das Verhältnis noch mehr zu Gunsten der extremen Langköpfe. In Bezug auf die alten Kelten besitzt man wenige Angaben; doch lässt die Neigung zur Dolichocephalie bei den Gälen Nordschottlands und den Kymren in Wales das selbe voraussetzen. ¹) Seitdem hat sich das sehr geändert, wenigstens in vielen Ländern. Zwar nicht hoch oben im Norden, in Skandinavien, im nördlichsten Deutschland (mit Ausschluss der
490
Städte) und in England; im Gegenteil, die Dolichocephalie scheint z. B. in Dänemark noch ausgesprochener als bei den Germanen der Völkerwanderungszeit: sechzig vom hundert zählen dort die echten Langköpfe und nur sechs vom hundert die Kurzköpfe. Doch die Slaven Russlands sollen heute (nach Kollmann) kaum noch drei Langköpfe auf hundert aufweisen, dagegen 72 ausgesprochene Kurzköpfe, der Rest Mittelformen, die zur Brachycephalie neigen. Und gar erst die Altbayern! Johannes Ranke hat hier 1000 Schädel Lebender gemessen, mit dem Ergebnis, dass nur   e i n e r   von hundert den altgermanischen Schädel besitzt, dagegen 95 echte Kurzköpfe sind! Auch vergleichende Messungen der hellenischen Schädel aus der klassischen Zeit und derjenigen heutiger Griechen haben zu ähnlichen Resultaten geführt; denn wog auch bei jenen die mittlere Kopfform vor, so besassen sie doch ein Drittel echter Langköpfe, und in ihren Gräbern findet man noch weniger eigentliche Kurzköpfe als in den germanischen, während heute mehr als die Hälfte Kurzköpfe
—————
    ¹) Vergl. Ranke: Der Mensch, II, 298.

582
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


sind. Dass in diesen Erscheinungen die Infiltration einer ungermanischen Rasse vorliegt, einer Rasse, welche überhaupt nicht zum indoeuropäischen Verwandtschaftskreise gehört, sowie ausserdem der chaotischen Rassenlosigkeit, kann wohl nicht bezweifelt werden. Zwar giebt man sich alle Mühe, dieser Folgerung möglichst auszuweichen. So hat z. B. namentlich Kollmann (Professor in Basel) das Hauptgewicht vom Schädel weg auf das Gesicht zu legen gesucht, auf die Unterscheidung zwischen Langgesichtern und Breitgesichtern,¹) und Johannes Ranke griff das auf und konstruierte als spezifisch germanischen Typus ein langes Gesicht unter einem kurzen Schädel; Henke wiederum möchte glauben, dass hier eine allmähliche Entwickelung stattgefunden hat, durch welche die Länge des Vorderkopfes eher zu- als abgenommen hätte, dagegen der Hinterkopf immer kürzer geworden wäre; die Dolichocephalie sei also gewissermassen auch jetzt noch bei den kurzköpfigen Germanen vorhanden, nur versteckt u. s. w.  Doch, wie beachtenswert alle diese Betrachtungen auch sein mögen, keine schafft die Thatsache aus der Welt, dass die Germanen dort, wo sie noch wenige oder gar keine Vermischungen eingegangen sind, im Norden nämlich, dolichocephal und blond (resp. schwarz) sind, während dieser Charakter verschwindet: erstens, je näher man den Alpen kommt, zweitens, dort, wo historisch nachweisbar viel Kreuzung mit Völkern aus dem Süden oder mit bereits entarteten Keltogermanen oder Slavogermanen stattfand.
491
    Natürlich wirkten die historischen Kreuzungen am schnellsten (Italien, Spanien, Südfrankreich u. s. w. sind allbekannte Beispiele); doch neben diesen Vermengungen — und an solchen Orten, wo sie gar nicht stattfanden, ganz allein — wirkte eine andere Ursache, so glaubt man heute, nämlich das Vorhandensein einer oder vielleicht auch mehrerer prähistorischer Rassen, die niemals (oder doch nur dunkel) als solche in der Geschichte auftraten, und die, auf einer tieferen Kulturstufe stehend, frühzeitig
—————
    ¹) Correspondenzblatt der deutschen anthropologischen Gesellschaft, 1883, Nr. II.

583
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


von den verschiedenen Zweigen der Indogermanen unterjocht und assimiliert wurden. Diese Ursache trägt wahrscheinlich noch heute nachhaltig zur Entgermanisierung bei. Bezüglich der Iberer z. B. hat schon Wilhelm von Humboldt die Vermutung aufgestellt, sie seien früher durch Europa weit verbreitet gewesen, und diese Annahme ist neuerdings von Hommel und Anderen vertreten worden. Rettete sich auch ein kleiner Teil in den fernsten Westen, dorthin, wo wir heute noch die Basken finden, starb auch vielleicht die Mehrzahl der Männer unter dem Feindesschwert, gänzliche Vernichtung des ganz Armen und Machtlosen kommt erfahrungsgemäss nie vor, man behält ihn als Sklaven, und man behält die Weiber. In den Alpen hat nun die selbe oder vielleicht eine andere, aber ebenfalls ungermanische, nicht indoeuropäische Rasse gehaust, oder sich wenigstens dorthin als auf die letzte Zufluchtsstätte gerettet; man wird zu dieser Annahme durch die Beobachtung gedrängt, dass gerade die Alpen heute den Hauptausstralungspunkt des ungermanischen, kurzköpfigen, brünetten Typus abgeben, sowohl nach Norden wie nach Süden; die jetzt noch anthropologisch unterschiedene Rasse der Rhätier ist vielleicht ein ziemlich echtes Überbleibsel dieser einstigen Pfahlbauer und mit Virchow‘s Präkelten vermutlich identisch. In den weiten Gebieten des östlichen Europa muss dann noch eine besondere, wahrscheinlich mongoloide Rasse vorausgesetzt werden, um die ganz spezifische Deformation zu erklären, welche so schnell aus den meisten Slavogermanen minderwertige „Slaven“ machte. Wie kämen wir nun dazu, diejenigen Europäer, welche von dieser durchaus ungermanischen Menschenart abstammen, bloss weil sie eine indoeuropäische Sprache sprechen und in indoeuropäische Kultur sich hineingelebt haben, als „Germanen“ zu betrachten? Ich halte es im Gegenteil für eine wichtigste Pflicht, will man vergangene und gegenwärtige Geschichte verstehen, hier recht klar zu scheiden. Indem wir die Menschen scheiden, lernen wir auch die Ideen in ihrer Besonderheit erkennen. Das ist umso nötiger, als wir unter uns Halbgermanen, Viertelgermanen, Sechzehntelgermanen u. s. w. zählen,
492
und in Folge dessen auch eine Menge Ideen, eine Menge Arten

584
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


zu denken und zu handeln, die halb-, viertel-, sechzehntel-germanisch oder auch direkt antigermanisch sind. Einzig die Übung in der Unterscheidung des Reingermanischen und des absolut Ungermanischen kann lehren, sich in diesem angehenden Chaos zurecht zu finden. Überall ist das Chaos der gefährlichste Feind. Ihm gegenüber muss der Gedanke zu einer That werden: hierzu ist die Klarheit der Vorstellungen der erste unerlässliche Schritt; und auf dem Gebiet, welches wir augenblicklich durchwandern, besteht die Klarheit zunächst in der Erkenntnis, dass unser Germanentum heute eine grosse Menge ungermanischer Elemente enthält, und in dem Versuch, das Reine von dem mit fremden (in keinem Sinne germanischen) Bestandteilen Gemischten zu scheiden.
    Doch, wie sehr zu diesem Behufe die Betonung des Anatomischen auch berechtigt sein mag, ich fürchte, allein wird dieses Anatomische nicht ausreichen; im Gegenteil, gerade hier wird augenblicklich die Wissenschaft auf einem Meer von Konfusionen und Irrtümern hin- und hergeworfen; wer sich von ihren Wahngebilden ergreifen lässt,   m u s s   sich dann zuletzt hineinstürzen. Denn das, was ich eben dargelegt habe von den verschiedenen Rassen, die aus vorarischen Zeiten in Europa übrig blieben, den Iberern, Rhätiern u. s. w., wenn auch entschieden richtig in den wesentlichsten Zügen, stellt nur die denkbar schlichteste Vereinfachung der Hypothesen dar, welche heute hundertfältig durch die Luft schwirren, und täglich wird die Sache noch komplizierter. So haben — um dem Laien nur ein einziges Beispiel zu geben — lange, sorgfältige Untersuchungen zu der Annahme geführt, dass es in Schottland in der ältesten Steinzeit eine langköpfige Menschenrasse gab, dass aber später, in der jüngeren Steinzeit, eine andere, ausserordentlich breitköpfige auftrat, welche dann, vermengt mit jener ersten und mit Mischformen, für die Bronzezeit bezeichnend wird; das alles spielte sich in unvordenklichen Zeiten ab, lange vor der Ankunft der Kelten; nun trafen die Kelten, als Vorhut der Germanen, ein, und es ist wohl kaum zu bezweifeln, dass sie durch den Kontakt mit dieser früher ansässigen Rasse Abänderungen erlitten, da noch heute, nachdem

585
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


so viele und so starke Menschenwellen über jenes Land hinweggeflutet sind, man in vielen Individuen Merkmale findet, die (so sagt ein Fachgelehrter) unmittelbar und unzweifelhaft auf jene schon aus der Vermengung von Lang- und Kurzköpfen hervorgegangene prähistorische Rasse aus der Bronzezeit zurück-
493
weisen!¹) Wie soll man nun den kraniologischen Einfluss solcher altansässiger Stämme auf die Germanen anatomisch entwirren, wenn sie selber bereits Langköpfe und Kurzköpfe und Mittelköpfe besassen? Und warum macht sich diese Wirkung heute nur nach der Kurzköpfigkeit zu geltend? Da kommen aber wieder andere Gelehrte und singen ein ganz anderes Lied: wir hätten keinen zwingenden Grund, an eine   E i n w a n d e r u n g   des Indoeuropäers zu glauben, er sei schon zur Steinzeit dagewesen, habe sich schon damals durch seinen Langkopf von einer anderen kurzköpfigen Rasse unterschieden und mit ihr um die Vorherrschaft gekämpft; jener Langkopf aus der älteren Steinzeit sei eben Niemand anders als der Germane! Virchow meint, auf anatomisches Material sich stützend, schon die ältesten Troglodyten Europas könnten von arischem Stamme gewesen sein, mindestens könne Niemand das Gegenteil beweisen.²) Vor der jüngeren Schule finden aber wiederum derlei vorsichtig abwartende Urteile keine Gnade; unter dem Vorwand streng wissenschaftlicher Vereinfachung schwenkt sie hoch die Fahne des Chaos und straft die gesamte Geschichte der Menschheit Lügen. Den klarsten Ausdruck haben diese neuesten Lehren durch Professor Kollmann gefunden. Er reduziert alle in Europa lebende Menschen auf vier Typen: lange Schädel mit langen, lange Schädel mit kurzen Gesichtern, kurze Schädel mit kurzen, kurze mit langen Gesichtern; diese vier Rassen hätten seit Jahrhunderten neben- und miteinander gelebt, und das sei noch heute der Fall. Und nun kommt der Pferdehuf: Alles, was uns die Geschichte lehrt von Völkerwanderungen, von Nationalitäten, von Verschieden-
—————
    ¹) Sir William Turner: Early Man in Scotland, Rede, gehalten in der Royal Institution in London am 13. Januar 1898.
    ²) Ranke: Der Mensch, II, 578.

586
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


heiten der Anlagen, von grossen schöpferischen Kulturwerken, die nur von einzelnen Volksindividualitäten ausgeführt, von anderen im besten Falle lediglich übernommen wurden, von dem noch unter uns sichtbaren Kampfe zwischen kulturförderlichen und kulturfeindlichen Elementen — — — das Alles wird als Plunder bei Seite geschoben und unser Glaube für folgendes Dogma gefordert: „Die Entwickelung der Kultur ist offenbar die gemeinsame That aller dieser Typen. Alle europäischen Rassen sind also, so weit wir bisher in das Geheimnis der Rassennatur eingedrungen sind,   g l e i c h b e g a b t   f ü r   j e d e   A u f g a b e   d e r  K u l t u r.“¹)   Gleichbegabt? Man traut seinen Augen nicht! Für
494
„jede“ Aufgabe „gleichbegabt“! Hierauf werde ich bald zurückkommen müssen; doch wollte ich dieses Gebiet der Kraniometrie nicht verlassen, ohne darauf hingewiesen zu haben: erstens, wie schwer es auch hier ist, durch blosse Formeln, durch Zirkel und Metermass das Germanische vom Ungermanischen zu scheiden; zweitens, welche gefährlichen Wege jene gelehrten Herren uns führen, die plötzlich ihre Erörterungen über „chamäprosope, platyrrhine, mesokonche, prognathe, proophryocephale, ooide, brachyklitometope, hypsistegobregmatische Dolichocephale“ unterbrechen, um allgemeine Betrachtungen daran anzuknüpfen über Geschichte und Kultur. Der Laie versteht ja von dem Übrigen wenig oder nichts; hoffnungslos watet er in jenem barbarischen Jargon neoscholastischer Naturwissenschaft herum; nur das Eine wandert dann durch alle Zeitungen als das sichtbare Ergebnis eines solchen Kongresses: die gelehrtesten Herren von Europa haben feierlich zu Protokoll gegeben, alle Rassen seien an der Entwickelung der Kultur gleichbeteiligt, alle seien zu jeder Aufgabe der Kultur gleichbegabt: Griechen hat es nie gegeben, Römer hat es nie gegeben, Germanen hat es nie gegeben, Juden hat es nie gegeben, sondern seit jeher leben brüderlich nebeneinander, respektiv fressen sich gegenseitig auf, leptoprosope Dolichocephalen, chamäprosope
—————
    ¹) Allgemeine Versammlung der deutschen anthropolog. Gesellschaft, 1892.

587
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


Dolichocephalen, leptroprosope Brachycephalen, und chamäprosope Brachycephalen, „alle miteinander an der Kultur arbeitend“ (sic!). Man lächelt wohl? Doch sind Vergehen gegen die Geschichte eigentlich zu ernste Frevel, als dass sie mit blossem Lachen bestraft werden dürften; hier muss der gesunde Menschenverstand aller einsichtsvollen Männer mit kräftiger Hand bei Zeiten den Riegel vorschieben und jenen Herren zurufen: Schuster, bleib‘ bei deinem Leisten! ¹)
    Wie krass unwissenschaftlich ein solches Beginnen wie das jenige Kollmann‘s ist, liegt ausserdem auf der Hand. Weitgehende Vereinfachung ist ein Gesetz des künstlerischen Schaffens, nicht aber ein Gesetz der Natur; im Gegenteil, hier ist endlose Mannigfaltigkeit das Bezeichnende. Was würde man zu einem Botaniker sagen, der die Pflanzen nach der Länge und Breite ihrer Blätter in Familien einteilen wollte, oder auch nach irgend einem anderen   e i n z i g e n   Charakter? Das Verfahren Kollmann's bildet einen Rückschritt dem alten Theophrast gegenüber. So lange man künstliche Klassifikationen versuchte, rückte die systematische Kenntnis der Pflanzenwelt nicht um einen
495
Schritt weiter; dann kamen aber geniale Männer von dem Schlage eines Ray, eines Jussieu, eines De Candolle, welche durch Beobachtung, gepaart mit schöpferischer Intuition, die Hauptfamilien der Pflanzen feststellten und   d a n n   erst die Charaktere entdeckten —. meistens sehr verborgene — die es gestatten, die Verwandtschaft auch anatomisch darzuthun. Ähnlich bei der Tierwelt. Jedes andere Verfahren ist durchaus künstlich und folglich blosse Spielerei. Darum dürfen wir auch beim Menschen nicht, wie Kollmann es thut, nach anatomischem Gutdünken ein System aufbauen, in welches sich die Thatsachen dann zu fügen haben, so gut oder schlecht es geht, sondern wir müssen zuerst feststellen, welche Gruppen als individualisierte, moralisch
—————
    ¹) Man vergl. die vortreffliche Satire M. Buchner‘s auf die moderne Craniometrie in der Beilage zur Münchener Allg. Ztg., 1899, Nr. 282—284. — Inzwischen hat J. Deniker eine neue Einteilung aller europäischen Menschen in sechs Haupt- und vier Nebenrassen vorgeschlagen. So wechselt das Bild von Jahr zu Jahr!

588
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


und intellektuell gekennzeichnete Rassen thatsächlich existieren, und sodann nachsehen, ob es anatomische Charaktere giebt, die zur Klassifikation verwertbar sind.

Rationelle Anthropologie
    Ein solcher Exkurs in das Gebiet der anatomischen Wissenschaft hat nun zunächst das eine Gute, dass wir einsehen lernen,  wie wenig sichere Hilfe, wie wenig nützliche, für das praktische Leben verwertbare Belehrung wir von dorther zu erhoffen haben. Entweder wandeln wir auf sandigem, schwebendem Boden, oder auf morastigem, wo wir gleich bei den ersten Schritten einsinken und festkleben, oder aber wir müssen auf den nadelscharfen Spitzen der Dogmatik von einem Gipfel zum anderen springen und fallen heute oder morgen in den Abgrund hinunter. Dieser Exkurs hat aber doch auch andere, positivere Vorteile: er bereichert unser Wissensmaterial und lehrt uns schärfer sehen. Dass die Rassen ebenso wenig wie die Individuen gleich begabt sind, das bezeugen Geschichte und tägliche Erfahrung; die Anthropologie lehrt uns nun ausserdem (und trotz Professor Kollmann), dass bei Rassen, welche bestimmte Thaten vollbrachten, eine bestimmte physische Gestaltung die vorherrschende war. Der Fehler ist der, dass man mit zufälligen Zahlen der Vergleichsobjekte operiert und nach willkürlich gewählten Verhältnissen misst. So wird z. B. festgesetzt, sobald die Breite eines Schädels zur Länge 75 (oder weniger) zu 100 betrage, sei dieser Schädel „dolichocephal“, mit 76 oder schon mit 75¼ ist er „mesocephal“ und von 80 ab „brachycephal“. Wer sagt das denn? Warum soll gerade in der Zahl 75 eine besondere Magie liegen? Eine andere Magie als die meiner Faulheit und Bequemlichkeit? Dass wir ohne termini technici und ohne Grenzen in der täglichen Praxis nicht auskommen können, begreife ich recht wohl, was ich aber nicht begreife, ist, dass ich sie für etwas anderes als
496
willkürliche Grenzen und willkürliche Worte halten soll. ¹) Das
—————
    ¹) Höchst bemerkenswert sind in dieser Beziehung die von Dr. G. Walcher vor kurzem begonnenen Untersuchungen, aus welchen hervorgeht, dass die   L a g e r u n g   d e s   K o p f e s   d e s   n e u g e b o r e n e n   K i n d e s   einen bestimmenden Einfluss auf die Bildung des Schädels ausübt. Bei „eineiigen“ Zwillingen gelang es auf

589
Die Erben. Der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte.


selbe gilt nat