Hereunder
follows the transcription of the seventh chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published
by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with
the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover
edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van het zevende hoofdstuk van Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
645
SIEBENTES KAPITEL
RELIGION
Begreifet
wohl das Vorwärtsdrängen
der Religion, thut was
an euch liegt, um
es zu fördern und
suchet hierin eure
Pflicht zu erfüllen.
Zoroaster.
646
(Leere Seite)
545
647
Christus
und Christentum
Schon bei einer
früheren
Gelegenheit (siehe S. 250)
habe ich meine persönliche Überzeugung ausgesprochen, dass
das
Erdenleben Jesu Christi Ursprung und Quelle, Kraft und — im tiefsten
Grund
— auch Inhalt alles dessen ausmache, was jemals sich christliche
Religion
genannt hat. Das Gesagte will ich nicht wiederholen, sondern verweise
ein
für alle Mal auf das Kapitel
über
die Erscheinung Jesu Christi. Habe ich nun dort diese Erscheinung
gänzlich
aus allem historisch gewordenen Christentum herausgelöst, so
beabsichtige
ich, hier das ergänzende Verfahren anzuwenden, indem ich von der
Entstehung
und dem Werden der christlichen Religion spreche und einige leitende
Grundideen
möglichst klar heraus- und hervorzuheben versuche, ohne die
unantastbare
Gestalt des Gekreuzigten auch nur zu berühren. Diese Scheidung ist
nicht nur möglich, sondern notwendig; denn es wäre
blasphematorische
Kritiklosigkeit, die wunderlichen Strukturen, welche menschlicher
Tiefsinn,
Scharfsinn, Kurzsinn, Wirrsinn, Stumpfsinn, welche Tradition und
Frömmigkeit,
Aberglaube, Bosheit, Dummheit, Herkommen, philosophische Spekulation,
mystische
Versenkung — unter nie endendem Zungengezänk und Schwertergeklirr
und Feuergeprassel — auf dem einen Felsen errichtet haben, mit dem
Felsen
selbst identifizieren zu wollen. Der gesamte Oberbau der bisherigen
christlichen
Kirchen steht ausserhalb der Persönlichkeit Jesu Christi.
Jüdischer
Wille, gepaart mit arischem mythischen Denken, hat den Hauptstock
geliefert;
dazu kam noch Manches aus Syrien, Ägypten u. s. w.; die
Erscheinung
Christi auf Erden war zunächst nur die Ver-
648
Der
Kampf. Religion.
anlassung zu dieser
Religionsbildung,
das treibende Moment — etwa wie wenn der Blitz durch die Wolken
fährt
und nun der Regen zur Erde herabfliesst, oder wie wenn auf gewisse
Stoffe,
die sonst keine Verbindung mit einander eingehen, plötzlich
Sonnenstrahlen
fallen und jene nunmehr, vom Lichte innerlich umgewandelt, unter
zerstörendem
Sprengen ihrer bisherigen Raumgrenzen zu einer neuen Substanz
verschmelzen.
Gewiss wäre es
546
wenig einsichtsvoll, wollte man den
Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen Wirkungen messen
und
erkennen. Alle, die auf Christus bauten, wollen wir dafür, dass
sie
es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick noch Urteil
trüben
lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und Gegenwart, es
giebt
auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere volle Freiheit
bewahren. Ich zweifle, ob man die Vergangenheit in ihrem
Verhältnis
zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen vermag, wenn nicht
eine
lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft den Geist
emporträgt.
Auf dem Boden der Gegenwart allein streift der Blick zu sehr à
fleur de terre, um die Zusammenhänge übersehen zu
können.
Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der römischen Kirche
sympathisch
gegenüberstand, der am Morgen dieses Jahrhunderts sprach: „Das
Neue
Testament ist uns noch ein Buch mit sieben Siegeln. Am Christentum hat
man Ewigkeiten zu studieren. In den Evangelien liegen die
Grundzüge
künftiger Evangelien.“ ¹) Wer die Geschichte des Christentums
aufmerksam betrachtet, sieht es überall und immer im Flusse,
überall
und immer in einem inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen in dem Wahne
lebt,
das Christentum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen
Gestalten
angenommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche,
welche
für besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen
hervorgebracht
hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu Grabe
getragen
wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest gegründete
Kirche
noch im 19. Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe und Schismen erlebt hat
wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt: da
—————
¹)
Novalis: Fragmente.
649 Der
Kampf. Religion.
der Entwickelungsprozess zu Ende
sei,
so halte er jetzt das Facit des Christentums in Händen, und aus
dieser
ungeheuerlichen Annahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht
allein
Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel
ungeheuerlicher
ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine ausgelebte,
abgethane
Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz der Trägheit auf
absehbare
Zeiten weiterbewege; und doch schrieb mehr als ein „Ethiker“ in den
letzten
Jahren den Nekrolog des Christentums, redete von ihm wie von einem
nunmehr
abgeschlossenen geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte
und
Ende analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen
beiden
entgegengesetzten An-
547
sichten zu Grunde liegt, ist, wie man
sieht, ungefähr der gleiche, er führt auch zu gleich falschen
Schlüssen. Vermieden wird er, wenn man den ewig sprudelnden, ewig
sich gleichbleibenden Quell erhabenster Religiosität, die
Erscheinung
Christi, von den Notbauten unterscheidet, welche die wechselnden
religiösen
Bedürfnisse, die wechselnden geistigen Ansprüche der Menschen
und — was noch weit entscheidender ist — die grundverschiedenen
Gemütsanlagen
ungleicher Menschenrassen als Gesetz und Tempel für ihre Andacht
errichteten.
Das
religiöse Delirium
Die christliche
Religion
nahm ihren Ursprung in einer sehr eigentümlichen Zeit, unter
Bedingungen
so ungünstig wie nur denkbar für die Errichtung eines
einheitlichen,
würdigen, festen Baues. Gerade in jenen Gegenden, wo ihre Wiege
stand,
nämlich im westlichsten Asien, nördlichsten Afrika und
östlichsten
Europa, hatte eine eigentümliche Durchdringung der
verschiedenartigsten
Superstitionen, Mythen, Mysterien und Philosopheme stattgefunden, wobei
alle an Eigenart und Wert — wie nicht anders möglich —
eingebüsst
hatten. Man vergegenwärtige sich zunächst den damaligen
politisch-sozialen
Zustand jener Länder. Was Alexander begonnen, hatte Rom in
gründlicherer
Weise vollendet: es herrschte in jenen Gegenden ein Internationalismus,
von dem wir uns heute schwer einen Begriff machen können. Die
Bevölkerungen
der massgebenden Städte am Mittelländischen Meere und in
Kleinasien
entbehrten jeglicher Rasseneinheit: in Gruppen
650 Der
Kampf. Religion.
lebten Hellenen, Syrier, Juden,
Semiten,
Armenier, Ägypter, Perser, römische Soldatenkolonien, Gallier
u. s. w. u. s. w. durcheinander, von zahllosen halbschlächtigen
Menschen
umgeben, in deren Adern alle individuellen Charaktere sich zur
vollkommenen
Charakterlosigkeit gemischt hatten. Das Vaterlandsgefühl war
gänzlich
geschwunden, weil jeder Bedeutung bar; gab es doch weder Nation noch
Rasse;
Rom war für diese Menschen etwa, was für unsern Pöbel
die
Polizei ist. Diesen Zustand habe ich durch die Bezeichnung
V ö l k e r c h a o s zu charakterisieren und in dem vierten
Kapitel dieses Werkes anschaulich zu machen versucht. Durch dieses
Chaos wurde nun ein zügelloser Austausch der Ideen und
Gebräuche
vermittelt; eigene Sitte, eigene Art war hin, fieberhaft suchte der
Mensch
in einem willkürlichen Durcheinander fremder Sitten und fremder
Lebensauffassungen
Ersatz. Wirklichen Glauben gab es fast gar nicht mehr. Selbst bei den
Juden
— sonst inmitten dieses Hexensabbats eine so rühmliche Ausnahme —
schwankte er nicht unbedenklich in weitauseinandergehenden Sekten. Und
doch, noch niemals erlebte
548
die Welt einen derartigen
religiösen
Taumel, wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom
fortpflanzte.
Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach
Kleinasien
eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastrischer
Ormuzddienst
und die Feueranbetung der Magier, ägyptische Askese und
Unsterblichkeitslehre,
syrisch-phönizischer Orgiasmus und Sakramentswahngedanke,
samothrakische,
eleusinische und allerhand andere hellenische Mysterien, wunderlich
verlarvte
Auswüchse pythagoreischer, empedokleischer und platonischer
Metaphysik,
mosaische Propaganda, stoische Sittenlehre — — — das alles kreiste und
schwirrte durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht
mehr,
versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein
getrieben,
dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig ist, wie
der
Erde die Sonne. ¹) In diese Welt fiel das Wort Christi;
—————
¹)
Von dem Menschen dieser Zeit und Welt sagt Herder: „er hatte zu nichts
anderm mehr Kraft, als zu g l a u b e n. Um sein
651 Der
Kampf. Religion.
von diesen fieberkranken Menschen
wurde
das sichtbare Gebäude der christlichen Religion zunächst
aufgeführt;
die Spuren des Deliriums vermochte noch keiner ihm ganz abzustreifen.
Die
zwei Grundpfeiler
Die Geschichte der
Entstehung der christlichen Theologie ist denn auch eine der
verwickeltsten
und schwierigsten, die es überhaupt giebt. Wer mit Ernst und
Freimut
daran geht, wird heute viele und tief-anregende Belehrung empfangen,
zugleich
aber einsehen müssen, dass gar Vieles noch recht dunkel und
unsicher
ist, sobald nicht theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer
Idee
historisch nachgewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte,
nicht
der Entwickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern
der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen
Glaubenssätze,
Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und dort
heimisch
wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch ist schon genug
geschehen,
dass ein Jeder sicher erkennen kann, dass hier ein Legieren (wie der
Chemiker
sagt) der verschiedensten Metalle stattgefunden hat. Der Zweck dieses
Werkes
gestattet mir nicht, diesen komplizierten Gegenstand einer genauen
Analyse
zu unterziehen, auch besässe ich dazu nicht die geringste
Kompetenz; ¹)
zunächst wird
—————
elendes Leben
besorgt,
zitternd vor der Zukunft und vor unsichtbaren Mächten, den Gang
der
Natur zu erforschen scheu und ohnmächtig, liess er sich
erzählen,
weissagen, inspirieren, einweihen, schmeicheln, betrügen“ (Sämtl.
Werke, Ausg. von Suphan, XIX, 290.).
¹)
Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die
Litteratur
ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine
grosse;
die Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung
schöpfe
und sich nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind
z.
B. die kurzen Lehrbücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc,
in dem Grundriss der theologischen Wissenschaften (Freiburg bei
Mohr) unschätzbar, ich habe sie fleissig benützt; doch wird
gerade
der Laie viel mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander's Kirchengeschichte,
aus Renan's Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch
lehrreicher,
weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der
Specialisten, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire
before
A. D. 170 (1895, auch in deutscher Übersetzung), Hatch: The
influence of Greek ideas and usages upon the Christian Church (ed.
1897), Hergenröther's grosses Werk: Photius. sein Leben, seine
549
652
Der Kampf. Religion.
es genügen, wenn wir die zwei
Hauptstämme
— das Judentum und das Indoeuropäertum — betrachten, aus denen
fast
der gesamte Bau aufgezimmert worden ist, und die das Zwitterwesen der
christlichen
Religion von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich
wurde
später manches Jüdische und Indoeuropäische durch den
Einfluss
des Völkerchaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur
Unkenntlichkeit
gefälscht, so z. B. durch die Einführung des Isiskultus
(Mutter
Gottes) und der magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die
Kenntnis
des Grundgebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im
Verhältnis
nebensächlich; so — um nur ein Beispiel zu nennen — die offizielle
Einführung der stoischen Lehren über Tugend und
Glückseligkeit
ins praktische Christentum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De
officiis ministrorum einen Abklatsch von Cicero's De officiis
gab, welch Letzterer wiederum vom Griechen Panaetius abgeschrieben
hatte. ¹)
Ohne Bedeutung ist so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem
Vortrag
„über griechische und christliche Ethik“, dass die Moral, die
heute
in unserem praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr
stoische
als christliche Elemente umfasst. ²) Doch haben wir schon
früher
gesehen, dass
—————
Schriften und das
griechische
Schisma, welches mit der Gründung Constantinopel's beginnt und
somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller
Ausführlichkeit
darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad inf.
Unsereiner
kann natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur
ausführlich
Kenntnis nehmen; doch, ich wiederhole es, nur aus Detailschilderungen,
nicht aus zusammenfassendes Überblicken vermag man lebendige
Ansicht
und Einsicht zu schöpfen. (Eine wichtige Neuerscheinung ist Adolf
Harnack's Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten
drei
Jahrhunderten, 1902; 2. Aufl. 1906).
¹)
Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I, 24. Manches ist ja
eine
fast wörtliche Wiederholung. Wie viel bedeutender sind aber auch
seine
selbständigen Sachen, wie die Rede auf den Tod des Kaiser
Theodosius
mit dem schönen, immer wiederkehrenden Refrain: „Dilexi!
ich
habe ihn geliebt!“
²)
The
influence of Greek ideas etc., p. 139—170. In diesem Vortrag kommt
Hatch auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie
sei durch und durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der
Ausführung
der Details stoisch. Zwar
653 Der
Kampf. Religion.
Religion und Moral ziemlich
unabhängig
von einander bleiben (siehe S.
222 u. 456),
überall
dort wenigstens, wo jene von
550
Christus gelehrte „Umkehr“ nicht
stattgefunden
hat; und ist es auch unterhaltend, einen Kirchenvater den Priestern
seiner
Diöcese die praktisch weltbürgerliche (um nicht zu sagen
rechtsanwältliche)
Moral eines Cicero als Muster vorhalten zu sehen, so greift doch
derartiges
nicht bis auf den Grund des religiösen Gebäudes.
Ähnliches
liesse sich über manche andere Zuthat ausführen und wird uns
später noch beschäftigen.
Jene beiden
Hauptpfeiler
nun, auf denen die christlichen Theologen der ersten Jahrhunderte die
neue
Religion errichteten, sind jüdischer historisch-chronistischer
Glaube
und indoeuropäische symbolische und metaphysische Mythologie. Wie
ich schon früher ausführlich dargethan habe, handelt es sich
hier um zwei grundverschiedene Weltanschauungen. ¹) Jetzt wurden
diese
beiden Anschauungen mit einander amalgamiert. Indoeuropäer —
Männer
in hellenischer Poesie und Philosophie grossgezogen — gestalteten
jüdische
Geschichtsreligion so um, wie es ihrem phantasiereichen, nach Ideen
dürstenden
Geist zusagte; Juden andrerseits bemächtigten sich (schon vor der
Entstehung des Christentums) der Mythologie und Metaphysik der
Griechen,
durchtränkten sie mit dem historischen Aberglauben ihres Volkes
und
spannen aus dem Ganzen ein abstraktes dogmatisches Gewebe, ebenso
unfassbar
wie die erhabensten Spekulationen eines Plato und doch zugleich alles
Transscendent-Allegorische
zu empirischen Gestalten materialisierend; auf beiden Seiten also das
Walten
eines unheilbaren Missverständnisses und Unverständnisses,
wie
es die gewaltsame Ablenkung aus der eigenen Bahn bedingt. Im
Christentum
diese fremden Elemente zusammenzuschweissen, war das Werk der ersten
Jahrhunderte,
ein Werk, das natürlich nur unter unaufhörlichem Kampfe
gelingen
—————
werde überall das
Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die
Grundbegriffe
der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien
ungeschminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen
Zeit.
¹)
Siehe namentlich S. 220 fg.
und S.
391 fg.
654 Der
Kampf. Religion.
konnte. Auf seinen einfachsten
Ausdruck
zurückgeführt, ist dieser Kampf ein Wettstreit zwischen
indoeuropäischen
und jüdischen religiösen Instinkten um die Vorherrschaft. Er
bricht sofort nach dem Tode Christi aus zwischen den Judenchristen und
den Heidenchristen, wütet Jahrhunderte lang auf das Heftigste
zwischen
Gnose und Antignose, zwischen Arianern und Athanasiern, wacht in der
Reformation
wieder auf und wird heute zwar nicht mehr in den Wolken oder auf
Schlachtfeldern,
jedoch unterirdisch auf das Lebhafteste weitergeführt. Diesen
Vorgang
kann man sich durch ein Gleichnis deutlich machen. Es ist als
nähme
man zwei Bäume verschiedener Gattung, köpfte sie und
böge
sie — ohne
551
sie zu entwurzeln — gegeneinander und
verbände sie dann derartig, dass ein jeder das Pfropfreis des
anderen
würde. Für beide wäre fortan ein Wachstum in die
Höhe
ausgeschlossen; eine Veredelung träte auch nicht ein, sondern eine
Verkümmerung, denn eine organische Verschmelzung ist, wie jeder
Botaniker
weiss, in einem solchen Falle ausgeschlossen, und jeder der beiden
Bäume
(falls die Operation nicht den Tod herbeigeführt hätte)
würde
fortfahren, seine eigenen Blätter und Blüten zu tragen, und
im
Gewirr des Laubes stiesse überall Fremdes unmittelbar auf
Fremdes. ¹)
Genau also ist es dem christlichen Religionsgebäude ergangen.
Unvermittelt
stehen jüdische Religionschronik und jüdischer Messiasglaube
neben der mystischen Mythologie der hellenischen Décadence.
Nicht allein verschmelzen sie nicht, sondern in den wesentlichsten
Punkten
widersprechen sie sich. So z. B. die Vorstellung der Gottheit: hier
Jahve,
dort die altarische Dreieinigkeit. So die Vorstellung des Messias: hier
die Erwartung eines Helden aus dem Stamme David's, der den Juden die
Weltherrschaft
erobern wird, dort der Fleisch gewordene Logos, anknüpfend an
metaphysische
Spekulationen, welche die griechischen
—————
¹)
Hamann deutet, wie ich nachträglich sehe, diesen Vergleich an:
„Gehen
Sie in welche Gemeinde der Christen Sie wollen, die Sprache auf der
heiligen
Stätte und ihr Vaterland und ihre Genealogie verraten, dass sie
heidnische
Zweige sind, g e g e n d i e N a t u
r
auf einen jüdischen Stamm gepfropft.“ (Vergl. Römer
XI,
24.)
655 Der
Kampf. Religion.
Philosophen seit 500 Jahren vor
Christi
Geburt beschäftigt. ¹) Christus, die unleugbar historische
Persönlichkeit,
wird in beide Systeme hineingezwängt; für den jüdischen
historischen Mythus muss er den Messias abgeben, wenngleich sich Keiner
weniger dazu eignete; in dem neoplatonischen Mythus bedeutet er die
flüchtige,
unbegreifliche Sichtbarwerdung eines abstrakten Gedankenschemas — er,
das
moralische Genie in seiner höchsten Potenz, die gewaltigste
religiöse
Individualität, die jemals auf Erden gelebt!
Jedoch, wie sehr
auch das notwendig Schwankende, Unzulängliche eines solchen
Zwitterwesens
einleuchten muss, man kann sich kaum vorstellen, wie in jenem
Völkerchaos
eine Weltreligion ohne das Zusammenwirken dieser beiden Elemente
hätte
entstehen können. Freilich, hätte Christus zu Indern oder
Germanen
gepredigt, so hätten wir seinem Worte eine andere Wirkung zu
danken
gehabt. Nie hat es eine weniger christliche Zeit gegeben — wenn mir das
Paradoxon erlaubt ist — als diejenigen
552
Jahrhunderte, in denen die christliche
Kirche entstand. An ein wirkliches Verständnis der Worte Christi
war
damals nicht zu denken. Doch als nun von ihm in jene chaotische,
verratene
Menschheit die Anregung zu religiöser Erhebung hineingetragen
worden
war, wie hätte man für diese armseligen Menschen einen Tempel
bauen können, ohne Zugrundelegung der jüdischen Chronik und
der
jüdischen Anlage, alles konkret-geschichtlich aufzufassen? Diesen
Sklavenseelen, die keinen Halt in sich selbst und in dem sie umgebenden
Leben einer echten Nation fanden, war einzig mit etwas durchaus
Greifbarem,
Materiellem, dogmatisch Sicherem gedient; sie brauchten ein
religiöses
G e s e t z an Stelle philosophischer Betrachtungen
über
Pflicht und Tugend; daher waren ja schon viele zum Judentum
übergetreten.
Allein das Judentum — als Willensmacht unschätzbar — besitzt nur
eine
sehr geringe, beschränkt-semitische Gestaltungsfähigkeit; der
Baumeister musste also von anderwärts geholt werden. Ohne
—————
¹)
Ich sage 500 Jahre, denn über die Identität des Logos und des
Nus siehe Harnack: Dogmengeschichte § 22
656 Der
Kampf. Religion.
die Formfülle und
Gestaltungskraft
des hellenischen Geistes — sagen wir einfach, ohne Homer, Plato und
Aristoteles,
und im weiteren Hintergrunde ohne Persien und Indien — hätte das
äussere
kosmogonisch-mythologische Gebäude der christlichen Kirche niemals
der Tempel eines weltumspannenden Bekenntnisses werden können. Die
frühen Kirchenlehrer knüpfen sämtlich bei Plato an, die
späteren ausserdem bei Aristoteles. Über die umfassende
litterarische,
poetische und philosophische Bildung der ältesten Väter,
nämlich
der griechischen, kann man sich in Kirchengeschichten unterrichten, und
man wird dadurch den Wert dieses Bildungseinflusses für die
grundlegenden
Dogmen des Christentums hochschätzen lernen. Farbe und Leben
konnte
freilich die indoeuropäische Mythologie unter so fremden Auspicien
nicht erhalten, erst viel später half hier, soweit es ging, die
christliche
Kunst nach; jedoch, dank dem Einflusse des hellenischen Auges erhielt
diese
Mythologie wenigstens eine geometrische und insofern sichtbare
Gestaltung:
die uralte arische Vorstellung von der Dreieinigkeit gab den kunstvoll
aufgeführten kosmischen Tempel ab, in welchem der durchaus neuen
Religion
Altäre errichtet wurden.
Über die Natur
dieser beiden wichtigsten konstruktiven Elemente der christlichen
Religion
müssen wir nun durchaus Klarheit besitzen, sonst giebt es kein
Verständnis
des unendlich verwickelten Kampfes, der vom ersten Jahrhundert unserer
Ära an bis zum heutigen Tage — namentlich aber während der
ersten
Säcula — über die Glaubenssätze dieser Religion tobte.
Von
den verschiedenen führenden Geistern werden die widersprechendsten
553
Auffassungen und Lehren und Instinkte
des jüdischen und des indoeuropäischen Elementes in den
verschiedensten
Verhältnissen miteinander gemischt. Betrachten wir also zuerst den
mythologisch gestaltenden Einfluss der indoeuropäischen
Weltauffassung
auf die werdende christliche Religion, sodann den mächtigen
Impuls,
den sie aus dem positiven, materialistischen Geist des Judentums
empfing.
Arische
Mythologie
Eine ausführlich
begründete Unterscheidung zwischen historischer Religion und
mythischer
Religion habe ich im fünften
657 Der
Kampf. Religion.
Kapitel gegeben; ¹) ich setze
sie
hier als bekannt voraus. Die Mythologie ist eine metaphysische
Weltanschauung
sub
specie oculorum. Ihre Besonderheit, ihr Charakter — auch ihre
Beschränkung
— besteht darin, dass Ungesehenes durch sie auf ein Geschautes
zurückgeführt
wird. Der Mythus erklärt nichts, giebt von nichts den Grund an, er
bedeutet nicht ein Suchen nach dem Woher und Wohin; ebensowenig ist er
eine Morallehre; am allerwenigsten ist er Geschichte. Schon aus dieser
einen Überlegung erhellt, dass die Mythologie der christlichen
Kirche
zunächst gar nichts mit alttestamentlicher Chronologie und mit der
historischen Erscheinung Christi zu thun hat; sie ist ein umgestaltetes
und von fremder Hand vielfach verunstaltetes, neuen Bedürfnissen
schlecht
und recht angepasstes altarisches Erbstück. ²) Um klare
Vorstellungen
über die mythologischen Bestandteile des Christentums zu gewinnen,
werden wir gut daran thun, zwischen äusserer und innerer
Mythologie
zu unterscheiden, d. h. zwischen der mythologischen Gestaltung
äusserer
und der mythologischen Gestaltung innerer Erfahrung. Dass Phöbus
seinen
Wagen durch den Himmel fährt, ist der bildliche Ausdruck für
ein äusseres Phänomen; dass die Erinnyen den Verbrecher
verfolgen,
versinnbildlicht eine Thatsache des menschlichen Innern. Auf beiden
Gebieten
hat die christliche, mythologische Symbolik sehr tief gegriffen, und
„die
Symbolik ist nicht bloss Spiegel, sie ist auch Q u e l l
e
d e s D o g m a s“, wie der dem Katholicismus
nahestehende
Wolfgang Menzel sagt. ³) Symbolik als Q u e l l
e
des Dogmas ist offenbar mit Mythologie identisch.
554
Äussere Mythologie
Als ein
vortreffliches
Beispiel der nach äusserer Erfahrung gestaltenden Mythologie
möchte
ich vor allem die Vorstellung der Dreieinigkeit nennen. Dank dem
Einfluss
hellenischer Denkart
—————
¹)
Siehe S.
391 bis 415.
²)
Man versteht, wie der fromme Tertullian, im Heidentum aufgewachsen, von
den Vorstellungen der hellenischen Poeten und Philosophen sagen konnte,
sie seien den christlichen tam consimilia! (Apol. XLVII).
³)
Christliche
Symbolik (1854), I, S. VIII.
658 Der
Kampf. Religion.
ist die Dogmenbildung der
christlichen
Kirche an jener gefährlichsten Klippe, dem semitischen
Monotheismus,
(trotz der heftigen Gegenwehr der Judenchristen) glücklich
vorbeigesteuert
und hat in ihren sonst bedenklich „verjudeten“ Gottesbegriff die
heilige
Dreizahl der Arier hinübergerettet. ¹) Dass die Drei bei den
Indoeuropäern
überall wiederkehrt, ist allbekannt; sie ist, wie Goethe sagt,
- die ewig unveraltete,
- Dreinamig-Dreigestaltete.
Wir finden sie in den drei Gruppen der
indischen
Götter, später dann (mehrere Jahrhunderte vor Christo) zu der
ausführlichen und ausdrücklichen Dreieinigkeitslehre, der
Trimûrti,
ausgebildet: „Er, welcher Vishnu ist, ist auch Çiva, und er,
welcher
Çiva ist, ist auch Brahma: ein Wesen, aber drei Götter.“
Und
von dem fernen Osten aus lässt sich die Vorstellung bis an die
Küsten
des Atlantischen Ozeans verfolgen, wo Patricius das Kleeblatt bei den
Druiden
als Symbol der Dreieinigkeit vorfand. Bei poetisch-metaphysisch
beanlagten
Stämmen m u s s t e sich diese Dreizahl
schon
früh aufdrängen, denn gerade sie, und sie allein, ist weder
ein
Zufall (wie die von den Fingern entnommene Fünf- resp. Zehnzahl),
noch eine rabulistisch herausgerechnete Zahl (wie z. B. die von den
vermeintlichen
sieben Wandelsternen entnommene Sieben), sondern sie drückt ein
Grundphänomen
aus, so zwar, dass die Vorstellung einer Dreieinigkeit fast eher eine
Erfahrung
als ein Symbol genannt werden könnte. Dass alle menschliche
Erkenntnis
auf drei Grundformen beruhe — Zeit, Raum, Ursächlichkeit — hatten
schon die Verfasser der Upanishaden er-
—————
¹)
Dass die Indoeuropäer ebenfalls im tiefsten Grunde Monotheisten
sind,
habe ich schon früher, dem weitverbreiteten populären Irrtum
entgegen, hervorgehoben (siehe S.
224 und 402), man
vergleiche
auch Jak. Grimm in der Vorrede zu seiner Deutschen Mythologie
(S.
XLIV—XLV) und Max Müller in seinen Vorlesungen über die
Sprachwissenschaft
(II, 385). Die Art dieses Monotheismus bedingt jedoch eine
grundsätzliche
Unterscheidung von der semitischen Auffassung.
659 Der
Kampf. Religion.
kannt, zugleich, dass daraus nicht
eine
Dreiheit, sondern (um mit Kant zu sprechen) eine „Einheit der
Apperception“
erfolge; der Raum sowie die Zeit sind unteilbare Einheiten, besitzen
jedoch
drei Dimensionen. Kurz, die Dreifaltigkeit als Einheit umringt uns auf
allen Seiten als ein Urphänomen der Erfahrung und spiegelt sich
bis
ins Einzelne wieder. So hat z. B. die neueste Wissenschaft bewiesen,
dass
ausnahmslos jedes Element drei
555
— aber auch nur drei — Gestalten
annehmen
kann: die feste, die flüssige, die luftartige; womit nur weiter
ausgeführt
wird, was das Volk längst wusste, dass unser Planet aus Erde,
Wasser
und Luft besteht. Wie Homer sich ausdrückt:
- Dreifach teilte sich Alles.
Geht man derartigen Vorstellungen mit
Absichtlichkeit
nach, so artet dies bald (wie bei Hegel) in willkürliche Spielerei
aus; ¹) durchaus keine Spielerei ist dagegen die
unwillkürliche,
intuitive Ausgestaltung einer allgemeinen, doch nicht analytisch
zergliederten
(zugleich physischen und metaphysischen) kosmischen Erfahrung zu einem
Mythus. Und aus diesem Beispiel ergiebt sich die tröstliche
Gewissheit,
dass auch im christlichen Dogma der indoeuropäische Geist seinem
eigenen
Wesen nicht ganz untreu geworden ist, sondern dass seine
Mythen-schaffende
Religion noch immer N a t u r s y m b o l i k
blieb,
wie das bei den Indoeraniern und bei den Slavokeltogermanen von jeher
der
Fall gewesen war. Nur ist freilich hier die Symbolik eine äusserst
subtile, weil eben in den ersten christlichen Jahrhunderten die
philosophische
Abstraktion blühte, hingegen die künstlerische
Schöpfungskraft
darniederlag. ²) Auch das muss betont werden, dass der Mythus von
der
grossen Masse der Christen nicht als Symbol empfunden wurde; doch das
galt
bei den Indern und Germanen mit ihren Licht-, Luft- und
Wassergöttern
ebenfalls; er i s t auch nicht bloss Symbol,
sondern
die gesamte Natur verbürgt uns die innere,
—————
¹)
So z. B. die angeblich notwendige Progression der These, Antithese und
Synthese, oder wiederum das Ansichsein des Absoluten als Vater, das
Anderssein
als Sohn, die Rückkehr zu sich als Geist.
²)
Siehe den ganzen Schluss des ersten
Kapitels.
660 Der
Kampf. Religion.
transscendente Wahrheit eines
derartigen
Dogmas und seine Fähigkeit zu lebensvoller
Weiterentwickelung. ¹)
Solcher äusseren
oder, wenn man will, kosmischen Mythologie enthält nun das
christliche
Dogmengebäude eine grosse Menge.
Zunächst so
ziemlich Alles, was als Gotteslehre die Vorstellung der Dreieinigkeit
ergänzt:
das Fleischwerden des Logos,
556
der Paraklet u. s. w. Namentlich
ist der Mythus von der Menschwerdung Gottes altindisches Stammgut. Er
liegt
in dem Einheitsgedanken des allerersten Buches des Rigveda
eingeschlossen,
tritt uns philosophisch umgestaltet in der Lehre von der Identität
des Atman mit dem Brahman entgegen und wurde vollendet anschaulich in
der
Gestalt des Gottmenschen Krishna, zu deren Erklärung der Dichter
des
Bhagavadgîtâ Gott sprechen lässt: „Immer wieder und
immer
wieder, wenn Erschlaffung der Tugend eintritt und das Unrecht
emporkommt,
dann erzeuge ich mich selbst (in Menschengestalt). Zum Schutze der
Guten,
den Bösen zum Verderben, um Tugend zu festigen werde ich auf Erden
geboren.“ ²) Die dogmatische Auffassung des Wesens Buddha's ist
nur
eine Modifikation dieses Mythus. Auch die Vorstellung, dass der
menschgewordene
Gott nur aus dem Leibe einer Jungfrau geboren werden konnte, ist ein
alter
mythischer Zug und gehört entschieden zu der Klasse der
Natursymbole.
Jene vielverspotteten Scholastiker, welche nicht allein Himmel und
Hölle,
sondern auch die Dreieinigkeit, die Menschwerdung, die Parthenogenese
u.
s. w. im Homer angedeutet und bei Aristo-
—————
¹)
Den ägyptischen T r i a d e n hat man wohl
früher einen grösseren Einfluss auf die christliche
Dogmenbildung
zugesprochen, als ihnen wirklich zukommt. Zwar scheint die Vorstellung
des Gott-Sohnes in seinem Verhältnis zum Gott-Vater (der Sohn
„nicht
gemacht, nicht erschaffen, sondern erzeugt“, buchstäblich wie im
Athanasischen
Glaubensbekenntnis) spezifisch ägyptisch: wir finden sie in allen
verschiedenen Göttersystemen der Ägypter wieder; doch ist die
dritte Person die Göttin. (Man vergl. Maspero: Histoire
ancienne
des peuples de l'Orient classique, 1895, I, 151 und Budge: The
Book
of the Dead, p. XCVI).
²)
Bhagavadgîtâ,
Buch IV, § 7 und 8.
661 Der
Kampf. Religion.
teles ausgesprochen finden wollten,
hatten gar nicht Unrecht. Der Altar und die Auffassung des heiligen
Mahles
bei den frühesten Christen weisen ebenfalls eher auf die
gemeinsamen
arischen Vorstellungen eines symbolischen Naturkultes als auf das
jüdische
Sühnopfer für den erzürnten Gott (worüber
Näheres
gegen Schluss des Kapitels). Kurz, kein einziger Zug der christlichen
Mythologie
kann auf Originalität Anspruch erheben. Freilich erhielten alle
diese
Vorstellungen im christlichen Lehrgebäude eine weit abweichende
Bedeutung
— nicht aber, weil der mythische Hintergrund ein wesentlich
verschiedener
gewesen wäre, sondern erstens, weil nunmehr im Vordergrund die
historische
Persönlichkeit Jesu Christi stand, zweitens, weil Metaphysik und
Mythus
der Indoeuropäer, von den Menschen aus dem Völkerchaos
bearbeitet,
meistens bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden. Man hat im 19.
Jahrhundert
die Erscheinung Christi als Mythus wegerklären wollen; ¹) die
Wahrheit liegt im genauen Gegenteil; Christus ist das einzige nicht
Mythische
im Christentum; durch Jesus Christus, durch die kosmische Grösse
dieser
Erscheinung (wozu der historisch-materialisierende Einfluss des
jüdischen
Denkens kam) ist Mythus gleichsam Geschichte geworden.
Entstellung
der Mythen
Ehe ich nun zur
„inneren“
Mythenbildung übergehe, muss ich kurz jener fremden,
umgestaltenden
Einflüsse auf das sichtbare Religionsgebäude gedenken, durch
welche die uns eigenen, an-
557
geerbten mythischen Vorstellungen
geradezu
gefälscht wurden.
Dass z. B. der
menschgewordene
Gott aus dem Leibe einer Jungfrau geboren werde, war, wie gesagt, eine
alte Vorstellung, doch ist der Kultus einer „Mutter Gottes“ dem
Christentum
durch Ägypten vermittelt worden, wo seit etwa drei Jahrhunderten
vor
Christus das reiche, plastisch-bewegliche, für alles Fremde sehr
empfängliche
Pantheon sich dieses Gedankens mit besonderem Eifer angenommen hatte,
ihn
natürlich, wie alles Ägyptische, zu einem rein empirischen
Materialismus
umgestaltend. Erst spät aber gelang es dem Isiskultus, sich den
Eintritt
in die christliche Religion zu erzwingen. Im Jahre 430 wird die
Benennung
„Mutter
—————
¹)
Siehe S. 194.
662 Der
Kampf. Religion.
Gottes“ von Nestorius als eine
gotteslästerliche
N e u e r u n g erwähnt; sie war soeben erst in die
Kirche
eingedrungen! In der mythologischen Dogmengeschichte ist nun nichts so
klar nachweisbar wie der unmittelbare, genetische Zusammenhang zwischen
der christlichen Anbetung der „Mutter Gottes“ und der Anbetung der
Isis.
In den spätesten Zeiten hatte sich nämlich die Religion des
in
Ägypten hausenden Völkerchaos immer mehr auf die Anbetung des
„Gottessohnes“ Horus und seiner Mutter Isis beschränkt.
Hierüber
schreibt der berühmte Ägyptolog Flinders Petrie: „Dieser
religiöse
Brauch übte auf das werdende Christentum einen mächtigen
Einfluss
aus. Die Behauptung ist nicht zu gewagt, dass wir ohne die Ägypter
in unserer Religion keine Madonna gekannt hätten. Der Kultus der
Isis
hatte nämlich schon unter den ersten Kaisern eine weite
Verbreitung
gefunden und war im ganzen römischen Reich so zu sagen Mode
geworden;
als er dann mit jener anderen grossen religiösen Bewegung
verschmolz,
so dass hinfürder Mode und tiefe Überzeugung Hand in Hand
gehen
konnten, war ihm der Sieg gesichert, und seitdem blieb bis auf den
heutigen
Tag die Göttin Mutter die herrschende Gestalt in der Religion
Italiens.“ ¹)
Der selbe Verfasser zeigt dann auch, wie die Verehrung des Horus als
eines
göttlichen K i n d e s
558
auf die Vorstellungen der römischen
Kirche überging, so dass aus dem gedankenschweren, männlich
reifen
Heilsverkünder frühester Darstellungen zuletzt der
übermütige
bambino
italienischer Bilder
—————
¹)
Religion
and conscience in ancient Egypt, ed. 1898, p. 46. Alljährlich
entdeckt man in den verschiedensten Teilen von Europa neue Beweise von
der allgemeinen Verbreitung des Isiskultes an allen Orten, bis wohin
der
Einfluss des römischen Völkerchaos gedrungen war. Der Glaube
an die Auferstehung des Leibes und die Mitteilung des unsterblich
machenden
Stoffes in einem Sakrament waren schon lange vor Christi Geburt
Bestandteile
dieser Mysterien. Die zahlreichsten Belege findet man im Musée
Guimet
vereint, da Gallien (nebst Italien) der Hauptsitz des Isiskults war. —
(Inzwischen hat Flinders Petrie weitere Entdeckungen gemacht,
namentlich
in Ehnasya, aus welchen sich Schritt für Schritt verfolgen
lässt,
wie der Isis- und Horuskult zu dem angeblich „christlichen“
Madonnenkult
umgewandelt wurde. Man vergl. die Mitteilungen des Gelehrten vor der British
Association, 1904).
663 Der
Kampf. Religion.
wurde. ¹) — Man sieht, hier
arbeitet
neben Indoeuropäertum und Judentum auch das Völkerchaos
thätig
mit an dem Ausbau des christlichen Kirchengebäudes. Ähnliches
finden wir bei den Vorstellungen des Himmels und der Hölle, der
Auferstehung,
der Engel und Dämonen u. s. w., und zugleich finden wir, dass der
mythologische Wert immer mehr abnimmt, bis zuletzt fast blosser
Sklavenaberglaube
übrig bleibt, der vor den angeblichen Nägeln eines Heiligen
fetischartigen
Götzendienst verrichtet. Den Unterschied zwischen Aberglauben und
Religion habe ich in der zweiten Hälfte des ersten Kapitels zu
bestimmen
versucht; zugleich zeigte ich, wie die Wahnvorstellungen des rohen
Volkes
im Bunde mit der raffiniertesten Philosophie gegen echte Religion
erfolgreich
anzustürmen begannen, sobald hellenische poetische Kraft zur Neige
ging; das dort Gesagte ist hier anwendbar und braucht nicht wiederholt
zu werden (siehe S. 99 bis 106).
Schon seit Jahrhunderten vor Christus waren in Griechenland die
sogenannten
M y s t e r i e n eingeführt, in die man durch
Reinigung
(Taufe) eingeweiht wurde, um sodann durch den gemeinsamen Genuss des
göttlichen
Fleisches und Blutes (auf griechisch „mysterion“, auf lateinisch
„sacramentum“)
Teilhaber des göttlichen Wesens und der Unsterblichkeit zu werden;
doch fanden diese Wahnlehren dort ausschliesslich bei den an Zahl stets
zunehmenden „Ausländern und Sklaven“ Aufnahme und erregten bei
allen
echten Hellenen Abscheu und Verachtung. ²) Je tiefer nun das
religiös-
—————
¹) Interessant ist in dieser Beziehung der von dem selben
Verfasser
geführte Nachweis, dass das bekannte, auf alten Monumenten
häufige,
doch auch heute noch gebräuchliche christliche Monogramm
(angeblich
khi-rho
aus dem griechischen Alphabet) nichts mehr und nichts weniger ist als
das
in Ägypten übliche Symbol des Gottes Horus!
²)
Siehe namentlich die berühmte Rede des Demosthenes De corona
und für eine Zusammenfassung der hierher gehörigen Thatsachen
Jevons: Introduction to the history of religion, 1896, Kap. 23.
Über die Zurückverfolgung des Abendmahls bis zu Altbabylonien
vergl. Otto Pfleiderer's Christusbild, S. 84 und über das
Verhältnis
zu anderen alten Mysterien des selben Verfassers Entstehung des
Christentums,
1905, S. 154. Grundlegend ist namentlich Albrecht Dieterich's Eine
Mithrasliturgie,
1903.
664 Der
Kampf. Religion.
schöpferische Bewusstsein sank,
um so kecker erhob dieses Völkerchaos das Haupt. Durch das
römische
Reich vermittelt, fand eine Verschmelzung der verschiedensten
Superstitionen
statt, und als nun Constantius II. am Ende des 4. Jahrhunderts die
christliche
Religion zur Staatskirche proklamiert und somit die ganze Schar der
innerlich
Nicht-Christen in die Gemeinde der Christen hineingezwungen hatte, da
stürzten
auch die chaotischen
559
Vorstellungen des tief entarteten
„Heidentums“
mit hinein und bildeten fortan — wenigstens für die grosse
Mehrzahl
— einen wesentlichen Bestandteil des Dogmas.
D i e s e
r
A u g e n b l i c k b e d e u t e t d e
n
W e n d e p u n k t f ü r d i
e
A u s b i l d u n g d e r c h r i s t l i c h e
n R e l i g i o n.
Verzweifelt
kämpften
edle Christen, namentlich die griechischen Väter, gegen die
Verunstaltung
ihres reinen, einfachen Glaubens, ein Kampf, der nicht seinen
wichtigsten,
doch seinen heftigsten und bekanntesten Ausdruck in dem langen Streit
um
die Bilderverehrung fand. Schon hier ergriff Rom, durch Rasse, Bildung
und Tradition dazu veranlasst, die Partei des Völkerchaos. Am Ende
des 4. Jahrhunderts erhebt der grosse Vigilantius, ein Gote, seine
Stimme
gegen das pseudo-mythologische Pantheon der Schutzengel und
Märtyrer,
gegen den Reliquienunfug, gegen das aus dem ägyptischen
Serapiskult
in das Christentum importierte Mönchswesen; ¹) doch der in
Rom
gebildete Hieronymus kämpft ihn nieder und bereichert die Welt und
den Kalender durch neue Heilige aus seiner eigenen Phantasie. Die
„fromme
Lüge“ war schon am Werke. ²)
Innere
Mythologie
Soviel nur zur
Veranschaulichung
der Entstellungen, welche die äussere Mythengestaltung aus
indoeuropäischem
Erbe sich
—————
¹)
Pachomius, der Begründer des eigentlichen Mönchtums, war wie
sein Vorgänger, der Einsiedler Antonius, Ägypter, und zwar
Oberägypter,
und als „nationalägyptischer Serapisdiener“ hat er die Praktiken
gelernt,
die er später fast unverändert ins Christentum übertrug
(vergl. Zöckler: Askese und Mönchtum, 2. Aufl., S.
193
fg.).
²)
Vergl. S. 308. Über
die
„Rezeption des Heidentums“ siehe auch Müller, a. a. O., S. 204 fg.
665 Der
Kampf. Religion.
hat vom Völkerchaos gefallen
lassen
müssen. Wenden wir jetzt das Auge auf jene mehr innerliche
Mythenbildung,
so werden wir hier das indoeuropäische Stammgut in reinerer
Gestalt
antreffen.
Den Kern der
christlichen
Religion, den Brennpunkt, auf den alle Strahlen hinstreben, bildet der
Gedanke an eine E r l ö s u n g des
Menschen;
dieser Gedanke ist den Juden von jeher und bis auf den heutigen Tag
vollkommen
fremd; ihrer gesamten Religionsauffassung gegenüber ist er einfach
widersinnig; ¹) denn es handelt sich nicht um eine sichtbare,
historische
Thatsache, sondern um ein unaussprechliches, inneres Erlebnis. Dagegen
bildet dieser Gedanke den Mittelpunkt aller indoeranischen
Religionsanschauungen;
sie alle drehen sich um die Sehnsucht nach Er-
560
lösung, um die Hoffnung auf
Erlösung;
auch
bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien,
ebenso
auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr deutlich
(z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch, aus
dem
im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der Blütezeit
die
innere, moralische und, wie wir heute sagen würden, pessimistische
Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwerpunkt lag für
sie an anderem Orte:
- Nichts sind gegen das
L e b
e n die Schätze mir — — —
Und doch zugleich mit dieser
Hochschätzung
des Lebens als des herrlichsten aller Güter das Preislied auf den
jung Hinsterbenden:
- Schön ist alles im Tode noch,
was auch
erscheinet. ²)
Doch wer den tragischen Untergrund der
vielgenannten
„griechischen Heiterkeit“ erblickt, wird geneigt sein, diese
„Erlösung
in der schönen Erscheinung“ als engverwandt mit jenen anderen
Vorstellungen
der Erlösung zu erkennen; es ist das selbe Thema in einer anderen
Tonart, dur statt moll.
Der Begriff der
Erlösung
— oder sagen wir lieber die mythische Vorstellung ³) der
Erlösung
— umschliesst zwei andere: die
—————
¹)
Vergl. S. 393 und auch die
auf S. 330 citierte Stelle
von Prof. Graetz.
²)
Ilias
IX, 401 u. XXII, 73.
³)
Dass bei Homer das Wort „Mythos“ dem späteren „Logos“
666 Der
Kampf. Religion.
jenige einer gegenwärtigen
Unvollkommenheit
und diejenige einer möglichen Vervollkommnung durch irgend einen
nicht-empirischen,
d. h. also in einem gewissen Sinne übernatürlichen,
nämlich
transscendenten Vorgang: die erste wird durch den Mythus
der
E n t a r t u n g, die zweite durch den Mythus der von
einem
höheren Wesen gewährten G n a d e n h i l f
e
versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungsmythus dort,
wo er als Sündenfall dargestellt wird; darum ist dies das
schönste,
unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wogegen die
ergänzende
Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische hinübergreift, dass sie
anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden kann. Die Erzählung
vom
Sündenfall ist eine Fabel, durch welche die Aufmerksamkeit auf
eine
grosse Grundthatsache des zum Bewusstsein erwachten Menschenlebens
gelenkt
wird; sie w e c k t Erkenntnis; wogegen die
Gnade
eine Vorstellung ist, die erst auf eine Erkenntnis folgt und nicht
anders
als durch eigene E r f a h -
561
r u n g erworben werden
kann. ¹) Daher ein grosser und interessanter Unterschied im Ausbau
aller echten (d. h. aller nicht-semitischen) Religionen je nach der
vorwiegenden
Begabung der Völker. Dort, wo das Bildende und Bildliche vorwiegt
(bei den Eraniern und Europäern, in hohem Masse auch, wie es
scheint,
bei den Sumero-Akkadiern), tritt die Entartung als „Sündenfall“
ungemein
plastisch hervor und wird somit zum Mittelpunkt jenes Komplexes innerer
Mythenbildung, der sich um die Vorstellung der Erlösung
gruppiert; ²)
wogegen man dort, wo dies nicht der Fall ist (wie z. B. bei den
metaphysisch
so hoch beanlagten, als Bildner jedoch mehr phantasiereichen als
formgewaltigen
arischen
—————
entspricht, also
gewissermassen
jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar ist),
gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten
Aufschlüsse
über unsere eigene Geistesorganisation giebt.
¹)
Zur Etymologie und somit Erläuterung des Wortes G n a
d e: Grundbedeutung „neigen, sich neigen“, gotisch
„unterstützen“,
altsächsisch „Huld, Hilfe“, alt-hochdeutsch „Mitleid,
Barmherzigkeit,
Herablassung“, mittelhochdeutsch „Glückseligkeit,
Unterstützung,
Huld“ (nach Kluge: Etymologisches Wörterbuch).
²)
Der Mythus der Entartung bildet bekanntlich einen Grund-
667 Der
Kampf. Religion.
Indern), nirgends den Mythus der
Entartung
bis zur anschaulichen Deutlichkeit ausgeführt, sondern nur
allerhand
widersprechende Vorstellungen findet. Andrerseits aber ist die Gnade —
bei uns der schwache Punkt des religiösen Lebens, für die
allermeisten
Christen ein blosses, konfuses Wort — die strahlende Sonne indischen
Glaubens;
sie bildet dort nicht etwa die Hoffnung, sondern das siegreiche
Erlebnis
der Frommen und steht dadurch so sehr im Vordergrund alles
religiösen
Denkens und Fühlens, dass die Erörterungen der indischen
Weisen
über die Gnade (namentlich auch in ihrem Verhältnis zu den
guten
Werken) die heftigsten Diskussionen, welche die christliche Kirche vom
Beginn an bis zum heutigen Tage entzweit haben, im Vergleich fast
kindisch
und zuallermeist gänzlich verständnislos erscheinen lassen,
wenn
man einige wenige Männer — einen Apostel Paulus, einen Martin
Luther
— ausnimmt. Wer etwa bezweifeln wollte, dass es sich hier um die
mythische
Gestaltung unaussprechlicher,
562
innerer Erfahrungen handle, den
würde
ich, bezüglich der Gnade, auf das Gespräch Christi mit
Nikodemus
verweisen, in welchem das Wort „Wiedergeburt“ ebenso sinnlos wäre,
wie in der Genesis die Erzählung von der Entartung der ersten
Menschen
durch den Genuss eines Apfels, handelte es sich nicht dort wie hier
lediglich
um die Sichtbarmachung eines zwar durchaus wirklichen,
gegenwärtigen,
doch unsichtbaren und darum dem Verstande zunächst unfassbaren
Vorganges.
Und bezüglich des Sündenfalles verweise ich ihn auf Luther,
welcher
schreibt: „Die Erbsünde ist der Fall der ganzen Natur“; und an
anderer
Stelle: „Es ist ja die
—————
bestandteil des
Vorstellungskreises
der uns bis zum Überdruss als „heiter“ gepriesenen Griechen.
- Wäre ich
früher
gestorben, wo nicht, dann später geboren!
- Denn jetzt lebt
ein eisern
Geschlecht: und sie werden bei Tage
- Nimmer des Elends
frei noch
des Jammers, aber bei Nacht auch
- Leiden sie Qual:
und der Sorgen
Last ist die Gabe der Götter!
So ruft der „heitere“
Hesiod
aus (Werke und Tage, Vers 175 fg.). Und er malt uns ein
vergangenes
„golden Geschlecht“, dem wir das Wenige verdanken sollen, was unter uns
Entarteten noch gut ist, denn als Geister wandeln diese grossen
Männer
der Vergangenheit noch in unserer Mitte; vergl. S.
113.
668 Der
Kampf. Religion.
Erde unschuldig und trüge viel
lieber das Beste; sie wird aber verhindert durch den Fluch, so
über
den Menschen um der Sünde willen gegangen ist.“ Hier wird ja, wie
man sieht, Wesensverwandtschaft zwischen dem Menschen in seinem
innersten
Thun und der ganzen umgebenden Natur postuliert: das ist
indoeuropäische
mythische Religion in ihrer vollen Entfaltung (siehe S.
221 u. 392), welche —
nebenbei
gesagt — sobald sie in der Vorstellungsweise der Vernunft sich kundthut
(wie z. B. bei Schopenhauer), indoeuropäische metaphysische
Erkenntnis
bildet. ¹)
Durch diese
Überlegung
gewinnt man die tiefe und sehr wichtige Einsicht, dass unsere
indoeuropäische
Auffassung von „Sünde“ überhaupt mythisch ist, d. h. in ein
Jenseits
übergreift. Wie ganz und gar die jüdische Auffassung
abweicht,
so dass das selbe Wort bei ihnen einen durchaus anderen Begriff
bezeichnet,
habe ich schon früher hervorgehoben (siehe S.
373); ich habe auch verschiedene moderne jüdische
Religionslehren
durchgenommen, ohne an irgend einer Stelle eine Erörterung des
Begriffes
„Sünde“ zu finden: wer das „Gesetz“ nicht verletzt, ist gerecht;
dagegen
wird von den jüdischen Theologen das aus dem Alten Testament von
den
Christen entnommene Dogma von der E r b s ü n d
e
ausdrücklich und zwar mit äusserster Energie
zurückgewiesen. ²)
Sinnen wir nun über diese durch ihre Geschichte und Religion
durchaus
gerechtfertigte Position der Juden nach, so werden wir bald zu der
Überzeugung
kommen, dass auf unserem abweichenden Standpunkt Sünde und
Erbsünde
synonyme Ausdrücke sind. Es handelt sich um einen unentrinnbaren
Zustand
alles Lebens. Unsere Vorstellung der Sündhaftigkeit ist der erste
Schritt auf dem Wege zu der Erkenntnis eines transscendenten Zusammen-
563
hanges der Dinge; sie bezeugt die
beginnende
unmittelbare E r f a h r u n g dieses
Zusammenhanges,
die in den Worten Christi
—————
¹)
Luther's Gedanken findet man in ziemlich undeutlicher Vorahnung im 5.
Kapitel
der Epistel an die Römer, ganz ausführlich dagegen in
den Schriften des von ihm so besonders verehrten Scotus Erigena (siehe
De
divisione naturae, Buch 5, Kap. 36).
²)
Man schlage als Beispiel Philippson's Israelitische Religionslehre
auf II, 89.
669 Der
Kampf. Religion.
„das Himmelreich ist inwendig in
euch“
(siehe S. 199) ihre
Vollendung
erfuhr. Definiert Augustinus: „Peccatum est dictum, factum vel
concupitum
contra legem aeternam“, ¹) so ist das nur eine
oberflächliche
Erweiterung jüdischer Vorstellungen, wogegen Paulus der Sache auf
den Grund ging, indem er die Sünde selbst ein „Gesetz“ nannte, ein
Gesetz des Fleisches, oder, wie wir heute sagen würden, ein
empirisches
Naturgesetz, und indem er in einer berühmten, für dunkel
gehaltenen
und vielfach kommentierten, doch in Wirklichkeit durchaus klaren Stelle
(Römer VIII ) darthut, das kirchliche Gesetz, jene
angebliche
lex
aeterna des Augustinus, habe über die Sünde, die eine
Thatsache
der Natur sei, nicht die geringste Macht, vielmehr könne hier
einzig
Gnade helfen. ²) Die genaue Wiedergabe des altindischen Gedankens!
Schon der Vedische Sänger „forscht begierig nach seiner
Sünde“
und findet sie nicht in seinem Willen, sondern in seinem Zustande, der
ihm sogar im Traume Unrechtes vorspiegelt, und zuletzt wendet er sich
an
den Gott, der die Einfältigen erleuchtet, „den Gott der
Gnade“. ³)
Und in gleicher Weise wie später Origenes, Erigena und Luther
fasst
die Çârîraka-Mîmânsâ alle lebenden
Wesen als „der Erlösung bedürftig, doch einzig die Menschen
ihrer
fähig“ auf. 4) Erst aus dieser
Auffassung
der Sünde als eines Z u s t a n d e s,
nicht
als der Übertretung eines Gesetzes, ergiebt sich die Vorstellung
der
Erlösungsbedürftigkeit, sowie diejenige der Gnade. Es handelt
sich hier um die inner-
—————
¹)
Sünde ist eine Verletzung des ewigen Gesetzes durch Wort, That
oder
Begierde.
²)
Man vergl. namentlich Pfleiderer: Der Paulinismus, II. Aufl.,
S.
50 fg. Diese rein wissenschaftlich-theologische Darstellung weicht von
der meinigen natürlich ab, bestätigt sie aber dennoch,
namentlich
durch den Nachweis (S. 59), dass Paulus das Vorhandensein eines
Sündentriebes
v o r dem Falle annahm, was offenbar nichts anderes
bedeuten
kann, als ein Hinausrücken des Mythus über willkürliche
historische Grenzen; dann auch durch die klare Beweisführung, dass
Paulus — entgegen der augustinischen Dogmatik — die gemeinsame und
immer
gleiche Quelle alles sündigen Wesens im Fleisch erkannte (S. 60).
³)
Rigveda
VII, 86.
4)
Çankara:
Die Sûtra's des Vedânta, I, 3, 25.
670 Der
Kampf. Religion.
lichsten Erfahrungen der
individuellen
Seele, welche, so weit es geht, durch mythische Bilder sichtbar und
mitteilbar
gestaltet werden.
Der
Kampf um die Mythologie
Wie unvermeidlich
der Kampf auf diesem ganzen Gebiete der Mythenbildung war, erhellt aus
der einfachen Überlegung, dass derartige Vorstellungen der
jüdischen
Auffassung von Religion
564
direkt widersprechen. Wo findet man
in den heiligen Büchern der Hebräer eine noch so leise
Andeutung
der Vorstellung eines dreieinigen Gottes? Nirgends. Man beachte auch,
mit
welchem genialen Instinkte die ersten Träger des christlichen
Gedankens
dafür sorgen, dass der „Erlöser“ in keinerlei Weise dem
jüdischen
Volke einverleibt werden könne: dem Hause David's war von den
Priestern
ewige Dauer verheissen worden (II Samuel XXII, 5), daher die
Erwartung
eines Königs aus diesem Stamme; Christus aber stammt nicht aus dem
Hause David; ¹) er ist auch nicht ein Sohn Jahve's, des Gottes der
Juden, sondern er ist der Sohn des k o s m i s c h e
n
G o t t e s, jenes allen Ariern unter verschiedenen Namen
geläufigen
„heiligen Geistes“ — des „Odems Odem“, wie ihn die Brihadâranyaka
benennt, oder, um mit den griechischen Vätern der christlichen
Kirche
zu reden, des poietes und plaster der Welt, des
„Urhebers
des erhabenen K u n s t w e r k s der
Schöpfung“. ²)
Der Gedanke an eine Erlösung des Menschen ist ebenfalls den Juden
von jeher und bis auf den heutigen Tag vollkommen fremd und mit ihm
zugleich
(notwendigerweise) die Vorstellungen der Entartung und der Gnade. Den
treffendsten
Beleg liefert die Thatsache, dass, obwohl die Juden den Mythus des
Sündenfalls
am Anfang ihrer heiligen Bücher selber erzählen, sie niemals
von Erbsünde etwas gewusst haben! Ich habe schon früher
Gelegenheit
gehabt, hierauf hinzuweisen, und wir wissen ja, dass Alles, was die
Bibel
an Mythen enthält, ohne Ausnahme Lehngut ist, von den Verfassern
des
Alten Testamentes aus mythologischer Vieldeutigkeit zu der engen
Bedeutung
einer
—————
¹)
Man sehe die erdichteten Genealogien in Matthäus I und Lucas II,
welche
beide auf Joseph — nicht etwa auf Maria — führen.
²)
Siehe Hergenröther: Photius III, 428.
671 Der
Kampf. Religion.
historischen Chronik
zusammengepresst. ¹)
Darum entwickelte sich aber auch um diesen Mythenkreis der
Erlösung
ein Streit innerhalb der christlichen Kirche, der in den ersten
Jahrhunderten
wild tobte und einen Kampf auf Leben und Tod der Religion bedeutete,
der
aber noch heute nicht geschlichtet ist und nie geschlichtet werden kann
— nie, so lange zwei sich widersprechende Weltanschauungen durch
hartnäckiges
Unverständnis gezwungen werden, nebeneinander als eine und die
selbe
Religion zu bestehen. Der Jude, wie Professor Darmesteter uns
versicherte
(S. 399),
„hat
sich niemals über die Geschichte von dem Apfel und der
565
Schlange den Kopf zerbrochen“; für
sein phantasieloses Hirn hatte sie keinen Sinn; ²) dem Griechen
dagegen,
und später dem Germanen, war sie sofort als Ausgangspunkt der
ganzen
im Buche Genesis niedergelegten moralischen Mythologie des
Menschenwesens
aufgegangen. Darum konnten diese nicht umhin, „sich den Kopf
darüber
zu zerbrechen“. Verwarfen sie gleich den Juden den Sündenfall ganz
und gar, so zerstörten sie zugleich den Glauben an die
göttliche
Gnade, und damit schwand die Vorstellung der Erlösung, kurz,
Religion
in unserem indoeuropäischen Sinne war vernichtet, und es blieb
lediglich
jüdischer Rationalismus übrig — ohne die Kraft und das ideale
Element jüdischer Nationaltradition und Blutsgemeinschaft. Das ist
es, was Augustinus deutlich erkannte. Andrerseits aber: fasste man
diese
uralte sumero-akkadische Fabel, welche, wie ich vorhin sagte,
Erkenntnis
w e c k e n sollte, als die Erkenntnis selber auf, glaubte
man sie in jener jüdischen Weise deuten zu müssen, welche
alles
Mythische als historische, materiell richtige Chronik auffasst, so
folgte
daraus eine ungeheuerliche und empörende Lehre, oder, wie der
Bischof
Julianus von Eclanum (Anfang des 5. Jahrhunderts) sich ausdrückt:
„ein dummes und gottloses Dogma“. Diese Einsicht war es, welche den
frommen
Britten P e l a g i u s — und vor ihm, wie es
scheint,
fast das gesamte
—————
¹)
Siehe S. 235 u. 397
und 410.
²)
Prof. Graetz a. a. O. I, 650 hält die Lehre von der Erbsünde
für eine „neue Lehre“, von Paulus erfunden!!
672 Der
Kampf. Religion.
hellenische Christentum — bestimmte.
Ich habe verschiedene Dogmen- und Kirchengeschichten studiert, ohne die
von mir hier dargelegte so einfache Ursache des unvermeidlichen
pelagianischen
Streites irgendwo auch nur angedeutet zu sehen. Von Augustin's Gnaden-
und Sündenlehre meint z. B. Harnack in seiner Dogmengeschichte:
„Als
Ausdruck psychologisch-religiöser Erfahrung ist sie wahr; aber
projiziert
in die Geschichte ist sie falsch“, und etwas weiter: „der
Bibelbuchstabe
wirkte trübend ein“; hier streift er zweimal die Erklärung,
doch
ohne sie zu erblicken, und so bleibt denn auch die ganze weitere
Darlegung
eine abstrakt-theologische, aus welcher sich keine klare Vorstellung
ergiebt.
Denn, wie man sieht, es handelt sich hier (wenn ich mich einer
populären
Redensart bedienen darf) um eine Zwickmühle. Indem Pelagius die
grob-materialistische,
konkret-historische Auffassung von Adam's Fall mit Empörung
verwirft,
beweist er sein tief religiöses Empfinden und bewährt es in
glücklicher
Erhebung gegen platten Semitismus, zugleich — indem er z. B. den Tod
als
ein allgemeines, notwendiges Naturphänomen
566
nachweist, welches mit Sünde nichts
zu schaffen habe — ficht er für Wahrheit gegen Aberglauben,
für
Wissenschaft gegen Obskurantismus. Andrerseits aber ist ihm (und seinen
Gesinnungsgenossen) durch Aristotelismus und Hebraismus so sehr der
Sinn
für Poesie und Mythus abhanden gekommen, dass er selber (wie so
mancher
Antisemit des heutigen Tages) ein halber Jude geworden ist und das Kind
mit dem Bade ausschüttet: er will von Sündenfall
überhaupt
nichts wissen; das alte, heilige, den Weg zur tiefsten Erkenntnis des
menschlichen
Wesens weisende Bild verwirft er ganz und gar; dadurch schrumpft aber
auch
die Gnade zu einem nichtssagenden Wort zusammen, und die Erlösung
bleibt als ein so schattenhaftes Gedankending zurück, dass ein
Anhänger
des Pelagius von einer „Emanzipation des Menschen von Gott durch den
freien
Willen“ reden durfte. Auf diesem Wege wäre man gleich wieder bei
platt
rationalistischer Philosophie und beim Stoicismus angelangt, mit der
nie
fehlenden Ergänzung krass-sinnlichen Mysteriendienstes und
Aberglaubens,
eine Bewegung, die wir in den ethischen und theosophischen Ge-
673
Der
Kampf. Religion.
sellschaften des 19. Jahrhunderts
beobachten
können. Kein Zweifel also, dass Augustinus in jenem berühmten
Kampf, in dem er anfangs den grössten und begabtesten Teil des
Episkopats,
mehr als einmal auch den Papst, gegen sich hatte, die Religion als
solche
rettete; denn er verteidigte den Mythus. Doch wie allein ward ihm das
möglich?
Nur dadurch, dass er das enge Nessusgewand angelernter jüdischer
Beschränktheit
über die herrlichen Schöpfungen ahnungsvoller, intuitiver,
himmelwärts
strebender Weisheit warf und sumero-akkadische Gleichnisse zu
christlichen
Dogmen umgestaltete, an deren historische Wahrheit fortan Jeder bei
Todesstrafe
glauben musste. ¹)
Ich schreibe keine
Geschichte der Theologie und kann diese Streitfrage nicht näher
untersuchen
und weiter verfolgen, doch hoffe ich, durch diese fragmentarischen
Andeutungen
den unausbleiblichen Kampf über den Sündenfall
veranschaulicht
und in seinem Wesen charakterisiert zu haben. Jeder Gebildete weiss,
dass
der pelagianische Streit noch heute fortdauert. Indem die katholische
Kirche
die Bedeutung der Werke, dem Glauben gegenüber, betonte, konnte
sie
nicht umhin, die Bedeutung der Gnade ein wenig herabzusetzen; keine
Sophistereien
vermögen es, diese
567
Thatsache zu beseitigen, welche dann,
weitergespiegelt, auf Handeln und Denken von Millionen von Einfluss
gewesen
ist. Sündenfall und Gnade sind aber so eng zusammengehörige
Teile
eines einzigen Organismus, dass die leiseste Berührung des einen
auf
den anderen wirkt, und so wurde denn auch nach und nach die wahre
Bedeutung
des Mythus vom Sündenfall derartig abgeschwächt, dass man
heute
allgemein die Jesuiten als S e m i p e l a g i a n e
r
bezeichnet, und dass sogar sie selber ihre Lehre eine scientia media
nennen. ²) Sobald der Mythus angetastet wird, gerät man ins
Judentum.
—————
¹)
Schwer genug mag dies Augustinus gefallen sein, der doch selber
früher
im 27. Kap. des fünfzehnten Buches seines De civitate Dei
sich
dagegen erhoben hatte, dass man das Buch der Genesis „als eine
geschichtliche
Wahrheit ohne alle Allegorie zu deuten versuche“.
²)
Nur einen einzigen, mässig und sicher urteilenden Zeugen will ich
anrufen, Sainte-Beuve. Er schreibt (Port Royal, Buch 4,
674 Der
Kampf. Religion.
Dass von Anfang
an
der Kampf noch heftiger um die Vorstellung der Gnade entbrennen musste,
ist klar; denn der Sündenfall fand sich wenigstens, wenn auch nur
als unverstandener Mythus, in den heiligen Büchern der Israeliten
vor, wogegen die Gnade nirgends darin zu finden ist und für ihre
Religionsauffassung
gänzlich sinnlos ist und bleibt. Gleich unter den Aposteln loderte
der Streit auf, und auch er ist noch heute nicht geschlichtet. Gesetz
oder
Gnade: beides zugleich konnte ebensowenig bestehen, wie der Mensch zur
selben Zeit Gott und dem Mammon dienen kann. „Ich werfe nicht weg die
Gnade
Gottes; denn so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, s
o i s t C h r i s t u s v e r g e b
l i c h g e s t o r b e n“ (Paulus an die
Galater
II, 21). Eine einzige solche Stelle entscheidet; das Ausspielen andere
angeblich „kanonischer“ Aussprüche gegen sie (z. B. der Epistel
Jacobi II, 14, 24) ist kindisch; handelt es sich doch nicht um
theologische
Wortklauberei, sondern um eine der grossen Erfahrungsthatsachen des
inneren
Lebens bei uns Indoeuropäern. „Nur wen die Erlösung
wählt,
nur von dem wird sie empfangen“, heisst es in der
Kâtha-Upanishad.
Und welche Gabe ist es, die uns dieser metaphysische Mythus durch Gnade
empfangen lässt? Nach den Indoeraniern die Erkenntnis, nach den
europäischen
Christen der Glaube: beides eine Wiedergeburt verbürgend, d. h.
den
Menschen zu dem Bewusstsein eines andersgearteten Zusammenhanges der
Dinge
erweckend. ¹) Ich führe wieder jene Worte Christi an, denn es
kann nie zu häufig geschehen: „Das Himmelreich ist i n
w e n d i g in euch.“ Dies ist eine Erkenntnis oder ein
Glaube,
gewonnen durch göttliche Gnade. Erlösung
568
durch Erkenntnis, Erlösung durch
Glauben: zwei Auffassungen, die nicht so weit voneinander abweichen,
wie
man wohl gemeint hat; der Inder (sogar auch Buddha) legte den Nachdruck
auf den Intellekt, der Graecogermane, belehrt durch Jesus Christus,
—————
Kap. I): „Les
Jésuites
n'attestent pas moins par leur méthode d'éducation qu'ils
sont sémi-pélagiens tendant au Pélagianisme pur,
que
par leur doctrine directe.“
¹)
Vergl. S. 204 und 413
und den Abschnitt „Weltanschauung“
im neunten Kapitel.
675 Der
Kampf. Religion.
auf den Willen: zwei Deutungen des
selben
inneren Erlebnisses. Doch ist die zweite insofern von grösserer
Tragweite,
als die Erlösung durch Erkenntnis, wie Indien zeigt, im letzten
Grunde
eine Verneinung pure et simple bedeutet, somit kein positives,
schaffendes
Prinzip mehr abgiebt, indes die Erlösung durch den Glauben das
menschliche
Wesen in seinen dunkelsten Wurzeln erfasst und ihm eine bestimmte
Richtung,
eine kräftige Bejahung abtrotzt:
- Ein' feste Burg ist unser Gott!
Der jüdischen Religion sind beide
Auffassungen
gleich fremd.
Jüdische
Weltchronik
Soviel zur
Orientierung
und Verständigung über jene mythologischen Bestandteile der
christlichen
Religion, welche sicherlich nicht vom Judentum entlehnt waren. Wie man
sieht, ist der Bau ein wesentlich indoeuropäischer, kein bloss der
jüdischen Religion zu Ehren erbauter Tempel. Dieser Bau ruht auf
Pfeilern
und diese Pfeiler wieder auf Fundamenten, die alle nicht jüdisch
sind.
Jetzt aber erübrigt es, die Bedeutung des vom Judentum empfangenen
Impulses zu würdigen, wodurch zugleich die Natur des Kampfes
innerhalb
der christlichen Religion immer deutlicher hervortreten wird.
Nichts wäre
falscher, als wenn man die jüdische Mitwirkung bei der Erschaffung
des christlichen Religionsgebäudes lediglich als eine negative,
zerstörende,
verderbende betrachten wollte. Es genügt, sich auf den semitischen
Standpunkt zu stellen (mit Zuhilfenahme jeder beliebigen jüdischen
Religionslehre vermag man das leicht), um die Sache genau umgekehrt zu
erblicken: das helleno-arische Element als das auflösende,
vernichtende,
religionsfeindliche, wie wir das schon vorhin bei Pelagius
beobachteten.
Aber auch ohne die uns natürliche Auffassung zu verlassen,
genügt
ein vorurteilsfreier Blick, um den jüdischen Beitrag als sehr
bedeutend
und zum grossen Teil als unentbehrlich zu erkennen. Denn in dieser Ehe
war der jüdische Geist das männliche Prinzip, das Zeugende,
der
Wille. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass aus hellenischer
Spekulation,
aus ägyptischer Askese und aus internationaler Mystik ohne die
Glut
jüdischen Glaubenswillens der Welt ein neues Religionsideal und
damit
zugleich neue
676 Der
Kampf. Religion.
Lebenskraft geschenkt worden
wäre.
Nicht die römischen Stoiker mit ihrer edlen, aber kalten,
impotenten
Morallehre, nicht die ziel-
569
lose, mystische Selbstvernichtung der
aus Indien nach Kleinasien eingeführten Theologie, auch nicht die
umgekehrte Lösung der Aufgabe, wie wir sie bei dem jüdischen
Neoplatoniker Philo finden, wo der israelitische Glaube
mystisch-symbolisch
aufgefasst wird und das hellenische Denken, greisenhaft verunstaltet,
diese
sonderbar aufgeputzte jüngste Tochter Israels umarmen muss (etwa
wie
David die Abisag).... dies Alles hätte nicht zum Ziele
geführt,
das liegt ja deutlich vor Augen. Wie könnte man es sonst
erklären,
dass gerade um die Zeit, als Christus geboren wurde, das Judentum
selber,
so abschliessend seinem Wesen nach, so abstossend gegen alles Fremde,
so
streng und freudelos und schönheitsbar, einen wahren Triumphzug
der
Propaganda begonnen hatte? Die jüdische Religion ist aller
Bekehrung
abhold, doch die Anderen, von Sehnsucht nach Glauben getrieben, traten
in Scharen zu ihr über. Und zwar trotzdem der Jude verhasst war.
Man
redet vom heutigen Antisemitismus; Renan versichert uns, diese Bewegung
des Abscheues gegen jüdisches Wesen habe in dem Jahrhundert vor
Christi
Geburt viel heftiger gewütet. ¹) Was bildet denn die geheime
Anziehungskraft
des Judentums? Sein Wille. Der Wille, der, im religiösen Gebiete
schaltend,
unbedingten, blinden Glauben erzeugt. Dichtkunst, Philosophie,
Wissenschaft,
Mystik, Mythologie.... sie alle schweifen weit ab und legen insofern
den
Willen lahm; sie zeugen von einer weltentrückten, spekulativen,
idealen
Gesinnung, die bei allen Edleren jene stolze Geringschätzung des
Lebens
hervorruft, welche dem indischen Weisen ermöglicht, sich lebend in
sein eigenes Grab zu legen, welche die unnachahmliche Grösse von
Homer's
Achilleus ausmacht, welche den deutschen Siegfried zu einem Typus der
Furchtlosigkeit
stempelt, und welche im 19. Jahrhundert sich monumentalen Ausdruck
schuf
in Schopenhauer's Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben. Der
Wille
ist hier gewissermassen nach innen gerichtet. Ganz anders beim
—————
¹)
Histoire
du peuple d'IsraëI V, 227.
677 Der
Kampf. Religion.
Juden. Sein Wille streckte sich zu
allen
Zeiten nach aussen; es war der unbedingte Wille zum Leben. Dieser Wille
zum Leben war das erste, was das Judentum dem Christentum schenkte:
daher
jener Widerspruch, der noch heute so Manchem als unlösbares
Rätsel
auffällt, zwischen einer Lehre der inneren Umkehr, der Duldung und
der Barmherzigkeit und einer Religion ausschliesslicher
Selbstbehauptung
und fanatischer Unduldsamkeit.
570
Zunächst dieser
allgemeinen Willensrichtung — und mit ihr untrennbar vereint — ist dann
die jüdische rein historische Auffassung des Glaubens zu nennen.
Über
das Verhältnis zwischen dem jüdischen Willensglauben und der
Lehre Christi habe ich ausführlich im dritten
Kapitel gesprochen, über sein Verhältnis zur Religion
überhaupt
im fünften; beide Stellen
setze
ich als bekannt voraus. ¹) Hier möchte ich nur darauf
aufmerksam
machen, welchen ausschlaggebenden Einfluss jüdischer Glaube als
materielle,
unerschütterliche Überzeugung bestimmter historischer
Begebnisse
gerade in jenem Augenblick der Geschichte, da das Christentum entstand,
ausüben musste. Hatch schreibt hierüber: „Den jungen
christlichen
Gemeinden kam vor allem die Reaktion gegen reine philosophische
Spekulation
zu Gute, die S e h n s u c h t n a c
h
G e w i s s h e i t. Die grosse Mehrzahl der Menschen war
der
Theorien überdrüssig; sie forderten Gewissheit; diese
versprach
ihnen die Lehre der christlichen Sendboten. Diese Lehre berief sich auf
bestimmte historische Ereignisse und auf deren Augenzeugen. Die
einfache
Überlieferung von Christi Leben, Tod und Auferstehung befriedigte
das Bedürfnis der damaligen Menschheit.“ ²) Das war ein
Anfang.
Zunächst richtete sich das Augenmerk einzig und allein auf Jesus
Christus;
die heiligen Schriften der Juden galten als sehr verdächtige
Dokumente;
Luther berichtet empört über das geringe Ansehen, dessen das
Alte Testament bei Männern wie Origenes und selbst noch (so
versichert
er) bei Hieronymus genossen habe; die meisten Gnostiker
—————
¹)
Siehe S. 241 fg. und 394
fg.
²)
Influence
of Greek ideas and usages upon the Christian Church, 6. Ausg., S.
312.
678 Der
Kampf. Religion.
verwarfen es ganz und gar, Marcion
betrachtete
es geradezu als ein Werk des Teufels. Doch sobald eine schmale Schneide
jüdischer historischer Religion Eingang in die Vorstellungen
gefunden
hatte, konnte es nicht fehlen, dass der ganze Keil nach und nach
eingetrieben
wurde. Man meint, die sogenannten Judenchristen hätten eine
Niederlage
erlitten, mit Paulus hätten die Heidenchristen den Sieg
davongetragen?
Das ist nur sehr bedingt und fragmentarisch wahr. Äusserlich, ja,
ging das jüdische Gesetz mit seinem „Bundeszeichen“ völlig in
die Brüche, äusserlich drang zugleich der Indoeuropäer
mit
seiner Trinität und sonstigen Mythologie und Metaphysik durch,
doch
innerlich bildete sich im Laufe der ersten Jahrhunderte immer mehr zum
eigentlichen Rückgrat der christlichen Religion die jüdische
Geschichte aus — jene von fanatischen Priestern nach gewissen
hieratischen
Theo-
571
rien und Plänen umgearbeitete,
genial, doch willkürlich ergänzte und konstruierte,
historisch
durch und durch unwahre Geschichte. ¹) Die Erscheinung Jesu
Christi,
über welche sie wahrhaftige Zeugnisse vernommen hatten, war jenen
armen Menschen aus dem Völkerchaos wie eine Leuchte in dunkler
Nacht
aufgegangen; sie war eine geschichtliche Erscheinung. Zwar stellten
erhabene
Geister diese historische Persönlichkeit in einem symbolischen
Tempel
auf; doch was sollte das Volk mit Logos und Demiurgos und Emanationen
des
göttlichen Prinzips u. s. w.? Sein gesunder Instinkt trieb
es,
dort anzuknüpfen, wo es einen festen Halt fand, und das war in der
jüdischen Geschichte. Der Messiasgedanke — trotzdem er im Judentum
lange nicht die Rolle spielte, die wir Christen uns einbilden ²) —
lieferte das verbindende Glied in der Kette, und nunmehr besass die
Menschheit
nicht allein den Lehrer erhabenster Religion, nicht allein das
göttliche
Bild des Gekreuzigten, sondern den gesamten Weltenplan des
Schöpfers
von dem Augenblick an, wo er Himmel und Erde schuf, bis zu dem
Augenblick,
wo er Gericht halten wird, „was in der Kürze geschehen soll“. Die
Sehnsucht nach materieller Gewissheit,
—————
¹)
Siehe S. 425 und 431.
²)
Siehe S. 238, Anm.
679 Der
Kampf. Religion.
welche uns als das Charakteristikum
jener Epoche geschildert wird, hatte, wie man sieht, nicht eher geruht,
als bis jede Spur von Ungewissheit vertilgt worden war. Das bedeutet
einen
Triumph jüdischer, und im letzten Grunde überhaupt
semitischer
Weltanschauung und Religion.
Hiermit hängt
nun die Einführung der religiösen Unduldsamkeit zusammen. Dem
Semiten ist die Intoleranz natürlich, in ihr drückt sich ein
wesentlicher Zug seines Charakters aus. Dem Juden insbesondere war der
unwankende Glaube an die Geschichte und an die Bestimmung seines Volkes
eine Lebensfrage: dieser Glaube war seine einzige Waffe in dem Kampf um
das Leben seiner Nation, in ihm hatte seine besondere Begabung
bleibenden
Ausdruck gefunden, kurz, bei ihm handelte es sich um ein von innen
heraus
Gewachsenes, um ein durch Geschichte und Charakter des Volkes
Gegebenes.
Selbst die stark hervortretenden negativen Eigenschaften der Juden, z.
B. die bei ihnen seit den ältesten Zeiten bis zum heutigen Tage
weitverbreitete
Indifferenz und Ungläubigkeit, hatten zur Verschärfung des
Glaubenszwanges
das ihrige beigetragen. Nun trat aber dieser mächtige Anstoss in
eine
gänzlich andere Welt. Hier gab es kein Volk, keine
572
Nation, keine Tradition; es fehlte ganz
und gar jenes moralische Moment einer furchtbaren nationalen
Prüfung,
welches dem harten, beschränkten jüdischen Gesetz die Weihe
verleiht.
Die Einführung des Glaubenszwanges in das Völkerchaos (und
sodann
unter die Germanen) bedeutete also gewissermassen eine Wirkung ohne
Ursache,
mit anderen Worten die Herrschaft der Willkür. Was dort, bei den
Juden,
ein objektives Ergebnis gewesen war, wurde hier ein subjektiver Befehl.
Was dort sich nur auf einem sehr beschränkten Gebiet bewegt hatte,
auf dem Gebiete nationaler Tradition und national-religiösen
Gesetzes,
schaltete hier völlig schrankenlos. Der arische Drang, Dogmen
aufzustellen
(siehe S. 406), ging eine
verhängnisvolle
Ehe ein mit der historischen Beschränktheit und der prinzipiellen
Unduldsamkeit des Juden. Daher der wildbrausende Kampf um den Besitz
der
Macht, Dogmen zu verkünden, der die ersten Jahrhunderte unserer
Zeitrechnung
ausfüllte. Milde Männer wie
680 Der
Kampf. Religion.
Irenäus blieben fast
einflusslos;
je intoleranter, desto gewaltiger war der christliche Bischof. Diese
christliche
Unduldsamkeit unterscheidet sich aber ebenso von jüdischer
Unduldsamkeit
wie das christliche Dogma vom jüdischen Dogma: denn diese waren
auf
allen Seiten eingeschränkt, ihnen waren bestimmte, enge Wege
gewiesen,
wogegen der christlichen Unduldsamkeit und dem christlichen Dogma das
ganze
Gebiet des Menschengeistes offen stand; ausserdem hat der jüdische
Glaube und die jüdische Unduldsamkeit nie weithinreichende Macht
besessen,
während die Christen bald mit Rom die Welt beherrschten. Und so
erleben
wir denn derartige Ungereimtheiten, wie dass ein heidnischer Kaiser
(Aurelianus
im Jahre 272) dem Christentum das Primat des römischen Bischofs
aufzwingt,
und dass ein christlicher Kaiser, Theodosius, als rein politische
Massregel,
den Glauben an die christliche Religion bei Todesstrafe anordnet. Jener
anderen Ungereimtheiten ganz zu geschweigen, wie dass die Natur Gottes,
das Verhältnis des Vaters zum Sohn, die Ewigkeit der
Höllenstrafen
u. s. w. ad inf. durch Majoritätsbeschlüsse (von
Bischöfen,
die häufig nicht lesen noch schreiben konnten) bestimmt und
für
alle Menschen von einem bestimmten Tage an bindend werden, etwa wie
unsere
Parlamente uns Steuern durch Stimmenmehrheit auferlegen. — Doch, wie
schwer
es uns auch werden mag, anders als kopfschüttelnd dieser
monströsen
Entwickelung eines jüdischen Gedankens auf fremdem Boden
zuzusehen,
man wir doch wohl zugeben müssen, dass es nie zur vollen
Ausbildung
einer christlichen Kirche ohne Dogma und ohne Unduldsamkeit gekommen
wäre.
Auch hier sind wir also dem Judentum für ein Element von Kraft und
Ausdauer verpflichtet.
573
Doch nicht das
Rückgrat
allein wurde von der werdenden christlichen Kirche dem Judentum
entlehnt,
sondern vielmehr das ganze innere Knochengerüst. Da wäre in
allererster
Reihe auf die Begründung des Glaubens und der Tugend hinzuweisen:
sie ist im kirchlichen Christentum durch und durch jüdisch, denn
sie
beruht auf Furcht und Hoffnung: hie ewiger Lohn, dort ewige Strafe.
Auch
über diesen Gegenstand kann ich mich auf frühere
Ausführungen
berufen, in denen ich den grundsätzlichen Unter-
681 Der
Kampf. Religion.
schied hervorhob zwischen einer
Religion,
welche sich an die rein eigensüchtigen Regungen des Herzens
wendet,
an Furcht und Begehr, und einer Religion, welche, wie die Brahmanische,
„die Verzichtleistung auf einen Genuss des Lohnes hier und im Jenseits“
als die erste Stufe zur Einweihung in wahre Frömmigkeit
betrachtet. ¹)
Ich will mich nicht wiederholen; doch sind wir jetzt in der Lage, jene
Einsicht bedeutend zu vertiefen, und dadurch wird man erst klar
erkennen,
welch unausbleiblicher und nie beizulegender Konflikt sich auch hier
aus
dem gewaltsamen Zusammenschweissen entgegengesetzter Weltanschauungen
ergeben
musste. Denn die geringste Überlegung wird uns davon
überzeugen,
dass die Vorstellung der Erlösung und der Willensumkehr, wie sie
den
Indoeuropäern schon vielfach vorgeschwebt hatte und wie sie durch
den Mund des Heilandes ewigen Ausdruck fand, von allen jenen
gänzlich
abweicht, welche das irdische Thun durch posthume Bestrafung und
Belohnung
vergelten lassen. ²)
—————
¹)
Siehe den Exkurs
über semitische Religion im fünften Kapitel und vergl.
namentlich
S.
413 mit S. 426. Vergl.
auch die Ausführungen über germanische Weltanschauung im
betreffenden
Abschnitt des neunten Kapitels (z. B. S.
886).
²)
Am durchgebildetsten findet sich dieses System bei den
Altägyptern,
nach deren Vorstellungen das Herz des Gestorbenen auf eine Wage gelegt
und gegen das Ideal des Rechtes und der Wahrhaftigkeit abgewogen wird;
die Idee einer durch göttliche Gnade bewirkten Umwandlung des
inneren
Menschen war ihnen vollkommen fremd. Die Juden haben sich nie zu der
Höhe
der ägyptischen Vorstellung hinaufgeschwungen, der Lohn war
für
sie früher einfach sehr langes Leben des Individuums und
künftige
Weltherrschaft der Nation, die Strafe Tod und für die kommenden
Geschlechter
Elend. In späteren Zeiten nahmen sie jedoch allerhand
Superstitionen
auf, aus denen sich ein durchaus weltlich gedachtes Gottesreich ergab
(siehe
S.
449) und als Gegenstück eine recht weltliche Hölle. Aus
diesen
und anderen, aus den tiefsten Niederungen menschlichen Wahnwitzes und
Aberglaubens
emporsprossenden Vorstellungen wurde dann die christliche Hölle
(von
der noch Origenes nichts wusste, ausser in der Form von
Gewissensqualen!)
gezimmert, während der Neoplatonismus, griechische Dichtung und
ägyptische
Vorstellungen der „Gefilde der Seligen“ (siehe die Abbildungen in
Budge:
The
book of the dead) den christlichen Himmel lieferten — doch ohne
dass
dieser jemals die Deutlichkeit der Hölle erreicht hätte.
574 682
Der Kampf. Religion.
Hier findet nicht
allein eine Abweichung statt, sondern es stehen zwei fremde Gebilde
nebeneinander,
fremd von der Wurzel bis zur Blüte. Mögen auch die Bäume
fest aufeinander gepfropft worden sein, ineinander verschmelzen
können
sie nie und nimmer. Und doch war gerade diese Verschmelzung das, was
das
frühere Christentum erstrebte und was noch heute für
gläubige
Seelen den Stein des Sisyphus bildet. Freilich im Uranfang, d. h. bevor
im 4. Jahrhundert das gesamte Völkerchaos gewaltsam ins
Christentum
hineingezwängt worden war und mit ihm zugleich seine
religiösen
Vorstellungen, war das noch nicht der Fall. In den allerältesten
Schriften
findet man die Androhung von Strafen fast gar nicht, und auch der
Himmel
ist nur das Vertrauen auf ein unaussprechliches Glück, ¹)
durch
Christi Tod erworben. Wo jüdischer Einfluss vorherrscht, finden
wir
dann noch in jenen frühesten christlichen Zeiten den sogenannten
Chiliasmus,
d. h. den Glauben an ein bald einzutretendes tausendjähriges Reich
Gottes auf Erden (lediglich eine der vielen Gestaltungen des von den
Juden
erträumten theokratischen Weltreiches); wo dagegen philosophische
Denkart vorübergehend die Oberhand behält, so z. B. bei
Origenes,
treten Anschauungen zu Tage, welche von der Seelenwanderung der Inder
und
Plato's ²) kaum zu unterscheiden sind: die Menschengeister werden
als
von Ewigkeit geschaffen gedacht, je nach ihrem Thun steigen sie hinauf
und hinab, zuletzt werden ausnahmslos alle verklärt werden, sogar
auch die Dämonen. ³) In einem solchen System besitzt, wie man
sieht, weder das individuelle Leben selbst, noch die Verheissung von
Lohn
und die Androhung von Strafe einen Sinn, der mit der Auffassung der
judaeo-christlichen
Religion irgendwie sich decken könnte. 4)
Doch bald siegte auch hier der jüdische Geist, und
—————
¹)
Meist unter missverständnisvoller Anlehnung an Jesaia LXIV, 4.
²)
Über das Verhältnis zwischen diesen beiden vergl. S.
80 u. 111.
³)
Ich verweise namentlich auf Kap. 29 der Schrift Über das Gebet
von Origenes; in der Form eines Kommentars zu den Worten „Führe
uns
nicht in Versuchung“ entwickelt der grosse Mann eine rein indische
Anschauung
über die Bedeutung der Sünde als Heilsmittels.
4)
Übrigens hat Origenes das mythische Element im Christ-
683 Der
Kampf. Religion.
zwar indem er, genau so wie beim
Dogma
und bei der Unduldsamkeit, eine früher auf dem beschränkten
Boden
Judäa's ungeahnte Entwickelung nahm. Höllenstrafen und
Himmelsseligkeit,
die Furcht vor den einen, die Hoffnung auf die andere, sind fortan
575
für die gesamte Christenheit die
einzigen wirksamen Triebfedern; was Erlösung ist, weiss bald kaum
einer mehr, da die Prediger selber unter „Erlösung“ sich meist
Erlösung
von Höllenstrafen dachten und noch heute denken. ¹) Die
Menschen
des Völkerchaos verstanden eben keine anderen Argumente; schon ein
Zeitgenosse des Origenes, der Afrikaner Tertullian, erklärt
freimütig,
nur Eines könne die Menschen bessern: „die Furcht vor ewiger
Strafe
und die Hoffnung auf ewigen Lohn“ (Apol. 49). Natürlich
lehnten
sich einzelne auserlesene Geister stets gegen diese Materialisierung
und
Judaisierung der Religion auf; so könnte z. B. die Bedeutung der
christlichen
Mystik vielleicht in das eine Wort zusammengefasst werden, dass sie
dies
alles bei Seite schob und einzig die Umwandlung des inneren Menschen —
d. h. die Erlösung — erstrebte; doch zusammenreimen liessen sich
die
zwei Anschauungen nie und nimmer, und gerade dieses Unmögliche
wurde
vom gläubigen Christen gefordert. Entweder soll der Glaube die
Menschen
„bessern“, wie Tertullian behauptet, oder er soll sie durch eine
Umkehrung
des gesamten Seelenlebens völlig umwandeln, wie das Evangelium es
gelehrt hatte; entweder ist diese Welt eine Strafanstalt, welche wir
hassen
sollen, was schon Clemens von Rom im 2. Jahrhundert ausspricht ²)
(und
nach ihm die ganze offizielle Kirche), oder aber es ist diese Welt der
gesegnete Acker, in welchem das Himmelreich gleich einem verborgenen
Schatz
liegt, wie Christus gelehrt hatte. Die eine Behauptung widerspricht der
anderen.
—————
tum ausdrücklich
anerkannt. Nur meinte er, das Christentum sei „die einzige Religion,
die
auch in mythischer Form Wahrheit ist“ (vergl. Harnack: Dogmengeschichte,
Abriss, 2. Aufl. S. 113).
¹)
Man nehme z. B. das Handbuch für katholischen
Religionsunterricht
vom Domkapitular Arthur König zur Hand und lese das Kapitel
über
die Erlösung. Nikodemus hätte nicht die geringste
Schwierigkeit
empfunden, diese Lehre zu verstehen.
²)
Siehe dessen zweiten Brief § 6.
684 Der
Kampf. Religion.
Der
unlösbare Zwist
Auf diese
Gegensätze
komme ich noch im weiteren Verlauf des Kapitels zurück; ich musste
aber gleich hier empfinden lassen, wie sehr es sich um wirkliche
Gegensätze
handelt, und zugleich, in welchem Masse das Judentum siegreich und als
eminent positiv wirkende Macht durchdrang. Mit dem stolzen
Selbstbewusstsein
des echten indoeuropäischen Aristokraten hatte Origenes gemeint:
„nur
für den gemeinen Mann möge es genügen zu wissen, dass
der
Sünder bestraft wird“; nun waren aber a l l
e
diese Männer aus dem Völkerchaos „gemeine Männer“;
Sicherheit,
Furchtlosigkeit, Bestimmtheit verleihen nur Rasse und Nation;
Menschenadel
ist ein Kollektivbegriff; ¹) der edelste Vereinzelte — z. B. ein
Augustinus
— bleibt in den Vorstellungen und Ge-
576
sinnungen der Gemeinen kleben und vermag
es nie, sich bis zur Freiheit durchzuringen. Diese „gemeinen“ Menschen
brauchten einen Herrn, der zu ihnen wie zu Knechten redete, nach dem
Muster
des jüdischen Jahve: ein Amt, welches die mit römischer
Imperialvollmacht
ausgestattete Kirche übernahm. Kunst, Mythologie und Metaphysik
waren
in ihrer schöpferischen Bedeutung für die damaligen Menschen
völlig unbegreiflich geworden; das Wesen der Religion musste in
Folge
dessen auf das Niveau heruntergeschraubt werden, auf dem es sich in
Judäa
befunden hatte. Diese Menschen brauchten eine rein geschichtliche,
beweisbare
Religion, welche weder in Vergangenheit noch Zukunft, am allerwenigsten
in der Gegenwart für Zweifel und Unerforschliches Raum liess: das
leistete einzig die Judenbibel. Die Antriebe mussten der Sinnenwelt
entnommen
sein: körperliche Schmerzen allein konnten diese Menschen von
Frevelthaten
abhalten, Verheissungen eines sorglosen Wohlergehens allein sie zu
guten
Werken antreiben. Das war ja das religiöse System der
jüdischen
Hierokratie (vergl. S. 426).
Fortan entschied das vom Judentum übernommene und weiter
ausgebildete
System der kirchlichen Befehle autoritativ über alle Dinge,
gleichviel
ob unbegreifliche Mysterien oder handgreifliche Geschichtsthatsachen
(resp.
Geschichtslügen). Die im Judentum vorgebildete, doch
—————
¹)
Vergl. S. 312.
685 Der
Kampf. Religion.
nie zur erträumten vollen
Machtentfaltung
gelangte Unduldsamkeit ¹) ward das Grundprinzip des christlichen
Verhaltens,
und zwar als eine logisch unabweisbare Folgerung aus den soeben
genannten
Voraussetzungen: ist die Religion eine Weltchronik, ist ihr
Moralprinzip
ein gerichtlich-historisches, giebt es eine geschichtlich
begründete
Instanz zur Entscheidung jedes Zweifels, jeder Frage, so ist jegliche
Abweichung
von der Lehre ein Vergehen gegen die Wahrhaftigkeit und gefährdet
das rein materiell gedachte Heil der Menschen; und so greift denn die
kirchliche
Justiz ein und vertilgt den Ungläubigen oder Irrgläubigen,
genau
so wie die Juden jeden nicht streng Orthodoxen gesteinigt hatten.
Ich hoffe, diese
Andeutungen werden genügen, um die lebhafte Vorstellung und
zugleich
die Überzeugung wachzurufen, dass thatsächlich das
Christentum
als religiöses Gebäude auf zwei grundverschiedenen, meistens
direkt feindlichen Weltanschauungen ruht: auf jüdischem
historisch-chronistischem
Glauben und auf indoeuropäischer symbolischer und metaphysischer
Mythologie
577
(wie ich das auf S.
550 behauptet hatte). Mehr als Andeutungen kann ich ja nicht geben,
auch jetzt nicht, wenn ich mich anschicke, einen Blick auf den Kampf zu
werfen, der sich aus einer so naturwidrigen Verbindung unausbleiblich
ergeben
musste. Eigentliche Geschichte gewinnt nur dadurch Wahrheit, dass sie
möglichst
im Einzelnen, möglichst ausführlich zur Kenntnis genommen
wird;
wo das nicht möglich ist, kann der Überblick gar nicht zu
allgemein
gehalten werden; denn nur hierdurch gelingt es, eine Wahrheit
höherer
Ordnung, etwas Lebendiges und Unverstümmeltes wirklich ganz zu
erfassen;
die schlimmsten Feinde geschichtlicher Einsicht sind die Kompendien. In
diesem besonderen Falle wird freilich die Erkenntnis des Zusammenhanges
der Erscheinungen dadurch erleichtert, dass es sich um Dinge handelt,
die
noch heute in unserem eigenen Herzen leben. Den in diesem Kapitel
angedeuteten
Zwist beherbergt nämlich, wenn auch meistens unbewusst, das Herz
eines
Jeden Christen.
—————
¹)
Dieser Traum hat seinen vollkommensten Ausdruck in dem Roman Esther
gefunden.
686 Der
Kampf. Religion.
Tobte der Kampf in den ersten
christlichen
Jahrhunderten äusserlich heftiger als heute, so gab es doch
niemals
einen völligen Waffenstillstand; gerade in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts wurden die hier berührten Fragen immer
kritischer
zugespitzt, hauptsächlich durch die Thätigkeit der ewig
geschäftigen,
im Kampfe nie ermüdenden römischen Kirche; es ist auch gar
nicht
denkbar, dass unsere werdende Kultur jemals eine wahre Reife erlangen
kann,
wenn nicht die ungetrübte Sonne einer reinen, einheitlichen
Religion
sie erhellt; dadurch erst würde sie aus dem „Mittelalter“
heraustreten.
Leuchtet es nun ohne Weiteres ein, dass eine lebendige Kenntnis jener
frühen
Zeit des offenen, rücksichtslosen Kampfes von grossem Nutzen sein
muss, damit wir unsere eigene Zeit verstehen, so hilft uns wiederum
ohne
Frage der Geist unserer Gegenwart gerade jene allererste Epoche des
werdenden,
ehrlich und frei suchenden Christentums begreifen. Ich sage
ausdrücklich,
nur die allererste Epoche lehren uns die Erfahrungen des eigenen
Herzens
verstehen; denn später wurde der Kampf immer weniger wahrhaft
religiös,
immer mehr rein kirchlich-politisch. Als das Papsttum den
Höhepunkt
seiner Macht erklommen hatte (im 12. Jahrhundert unter Innocenz III.),
hörte der eigentliche religiöse Impuls (der noch kurz vorher,
in Gregor VII., so kräftig gewirkt hatte) auf, die Kirche war
fortan
gewissermassen säkularisiert; ebensowenig darf die Reformation
jemals
auch nur einen Augenblick als rein religiöse Bewegung betrachtet
und
beurteilt werden, ist sie doch offenbar mindestens zur Hälfte eine
politische; und unter solchen Bedingungen giebt
578
es bald kein Verständnis ausser
einem pragmatischen, während das rein menschliche auf ein
Mindestmass
hinabsinkt. Dagegen hat im 19. Jahrhundert in Folge der fast
gänzlichen
Trennung von Staat und Religion in den meisten Ländern (was durch
die Beibehaltung einer oder mehrerer Staatskirchen in keiner Weise
berührt
wird) und in Folge der veränderten, nunmehr rein moralischen
Stellung
des äusserlich machtlos gewordenen Papsttums eine merkliche
Belebung
des religiösen Interesses und aller Formen sowohl echter wie
abergläubischer
Religiosität stattgefunden. Ein Symptom dieser Gährung ist
die
reiche Sektenbildung unter
687 Der
Kampf. Religion.
uns. In England z. B. besitzen weit
über hundert verschieden benamste christliche Verbände
behördlich
protokollierte Kirchen, resp. versammlungslokale für den
gemeinsamen
Gottesdienst. Auffallend ist hierbei, dass auch die Katholiken in
England
fünf verschiedene Kirchen bilden, von denen nur eine streng
orthodox
römisch ist. Auch unter den Juden ist das religiöse Leben
sehr
rege geworden; drei verschiedene Sekten haben in London Bethäuser,
und ausserdem giebt es daselbst zwei verschiedene Gruppen von
Judenchristen.
Das erinnert an die Jahrhunderte vor der religiösen Entartung: am
Ende des zweiten Säculums z. B. berichtet Irenäus über
32
Sekten, Epiphanius, zwei Jahrhunderte später, über 80. Darum
ist die Hoffnung nicht unberechtigt, dass wir den Seelenkampf echter
Christen
um so besser verstehen werden, je weiter wir zurückgreifen.
Paulus
und Augustinus
Die lebhafteste
Vorstellung
des dem Christentum von Beginn an eigenen Zwitterwesens erlangen wir
zunächst,
wenn wir es in einzelnen ausserordentlichen Männern, z. B. in
Paulus
und Augustinus, am Werke sehen. Bei Paulus alles viel grösser und
klarer und heldenhafter, weil spontan und frei; Augustinus aber dennoch
allen Geschlechtern sympathisch, verehrungswürdig, zugleich
Mitleid
weckend und Bewunderung gebietend. Wollte man Augustinus einzig mit dem
siegreichen Apostel — vielleicht dem grössten Manne des
Christentums
— in Parallele stellen, er könnte keinen Augenblick bestehen; doch
mit seiner eigenen Umgebung verglichen, tritt seine Bedeutung leuchtend
hervor. Augustinus ist das rechte Gegenstück zu jenem anderen
Kinde
des Chaos, Lucian, den ich im vierten
Kapitel als Beispiel heranzog: dort die Frivolität einer dem
Verfall
entgegeneilenden Civilisation, hier der Schmerzensblick, der mitten aus
den Trümmern zu Gott hinaufschaut; dort Geld und Ruhm das
Lebensziel,
Spott und Kurzweil die Mittel, hier Weisheit und Tugend, Askese und
feierlich
ernstes Arbeiten; dort Herunterreissen glorreicher Ruinen,
579
hier das mühsame Aufzimmern eines
festen Glaubensgebäudes, selbst auf Kosten der eigenen
Überzeugungen,
selbst wenn die Architektur im Vergleich zu den Ahnungen des tiefen
Gemütes
recht rauh ausfällt, gleichviel, wenn nur die arme chaotische
688 Der
Kampf. Religion.
Menschheit einen sicheren,
wankellosen
Halt, die verirrten Schafe eine Hürde bekommen.
In zwei so
verschiedenen
Persönlichkeiten wie Paulus und Augustinus tritt natürlich
das
Zwitterwesen des Christentums sehr verschieden zu Tage. Bei Paulus ist
alles positiv, alles bejahend; er hat keine unwandelbare theoretische
„Theologie“, ¹)
sondern — ein Zeitgenosse Jesu Christi — wird er von dessen
göttlicher
Gegenwart mit Flammen des Lebens verzehrt. Solange er gegen Christus
war,
kannte er keine Ruhe, bis er den letzen seiner Anhänger vertilgt
haben
würde; sobald er Christum als den Erlöser erkannt hatte, galt
sein Leben einzig der Verbreitung der „guten Kunde“ über die ganze
ihm erreichbare Welt; eine Zeit des Herumtappens, des Erforschens, der
Unschlüssigkeit gab es in seinem Leben nicht. Muss er disputieren,
so malt er einige Thesen an den Himmel hin, von weitem sichtbar; muss
er
widersprechen, so geschieht es durch ein paar Keulenschläge,
gleich
lodert aber die Liebe wieder auf, und er ist, wie sein eigener
Sinnspruch
es besagt, „Jedermann allerlei“, unbekümmert ob er zum Juden so,
zum
Griechen anders, zum Kelten wieder anders reden muss, wenn er nur
„Etliche
gewinnt“. ²) Wie tief auch,
—————
¹)
Diese Behauptung wird vielfachem Widerspruch begegnen; ich will damit
aber
nur sagen, dass Paulus seine systematischen Ideen eher als dialektische
Waffen zur Überzeugung seiner Hörer gebraucht, als dass er
bestrebt
zu sein schiene, ein zusammenhängendes, allein gültiges und
neues
theologisches Gebäude zu errichten. Selbst Edouard Reuss, welcher
in seinem unvergänglichen Werke: Histoire de la
Théologie
Chrétienne au siècle apostolique (3e éd.) dem
Apostel ein durchaus bestimmtes, einheitliches System vindiziert, giebt
doch zum Schlusse zu (II, 580), dass die eigentliche Theologie gerade
bei
Paulus (und f ü r Paulus) ein
untergeordnetes
Element bildete, und S. 73 führt er aus, die Absicht des Paulus
gehe
so ganz auf das populäre und praktische Wirken, dass er
überall,
wo Fragen theoretisch-theologisch zu werden beginnen, das metaphysische
Gebiet verlasse, um auf das ethische überzugehen.
²)
Man muss die ganze Stelle lesen I. Cor. IX, 19 fg., will man
einsehen,
wie genau der Apostel die spätere Formel extra ecclesiam nulla
salus im Voraus Lügen straft. Vergleiche auch den Brief an
die Philipper I, 18: „Dass nur Christus verkündiget
werde
a l l e r l e i
689 Der
Kampf. Religion.
bis in die dunkelsten Regionen des
Menschenherzens,
die Worte gerade dieses einen Apostels leuchten, es ist nie eine Spur
von
mühsamem Konstruieren, von Spintisieren darin, sondern das, was
580
er sagt, ist erlebt und sprudelt frei
aus dem Herzen hervor; man sieht förmlich, wie ihm die Feder nicht
rasch genug eilen kann, um dem Gedanken nachzukommen; „nicht, dass ich
es schon ergriffen habe, ich jage ihm aber nach — — ich vergesse, was
dahinten
ist, und strecke mich zu dem, was da vorne ist“ (Phil. III, 13).
Hier wird sich Widerspruch unverhüllt neben Widerspruch
hinstellen;
was verfängt's? wenn nur Viele an Christus den Erlöser
glauben.
Ganz anders Augustinus. Keine feste Nationalreligion umfriedet seine
Jugend
wie die des Paulus; er ist ein Atom unter Atomen im uferlosen Meer des
sich immer weiter auflösenden Völkerchaos. Wo er auch den
Fuss
hinsetzt, überall trifft er auf Sand oder Morast; keine
Heldengestalt
taucht — wie für Paulus — an seinem Horizonte als eine blendende
Sonne
auf, sondern aus einer langweiligen Schrift des Rechtsanwalts Cicero
muss
der Arme die Anregung zu seiner moralischen Erweckung schöpfen,
aus
Predigten des würdigen Ambrosius die Erkenntnis der Bedeutung des
Christentums. Sein ganzes Leben ist ein mühsamer Kampf: erst gegen
sich und mit sich, bis er die verschiedenen Phasen des Unglaubens
überwunden
und nach Erprobung etlicher Lehrmeinungen diejenige des Ambrosius
angenommen
hat, sodann gegen das, was er selber früher geglaubt, und gegen
die
vielen Christen, die anders dachten als er. Denn färbte zu
Lebzeiten
des Apostels Paulus die lebendige Erinnerung an die Persönlichkeit
Christi alle Religion, so that dies jetzt die Superstition des Dogmas.
Paulus hatte von sich rühmen dürfen, er kämpfe nicht wie
Diejenigen, die mit den Armen in der Luft herumfechten; mit solchem
Fechten
brachte Augustinus ein gut Teil seines Lebens zu. Hier greift darum der
Widerspruch, der stets bestrebt ist, sich dem eigenen Auge und dem Auge
Anderer zu verbergen, viel tiefer; er zerreisst das innere
—————
W e i s e;
es geschehe zufallens oder rechter Weise; so freue ich mich doch
darinnen,
und will mich auch freuen“.
690 Der
Kampf. Religion.
Wesen, schüttet immer wieder
Spreu
unter das Korn und führt (in der Absicht, eine feste Orthodoxie zu
gründen) ein so inkonsequentes, lockeres, abergläubisches, in
manchen Punkten geradezu barbarisches Gebäude auf, dass wir wohl
Augustinus
mehr als einem andern werden Dank wissen müssen, wenn eines Tages
das ganze Christentum des Chaos zusammenstürzt.
Diese beiden
Männer
wollen wir uns nun etwas genauer anschauen. Und zwar wollen wir
zunächst
versuchen, über Paulus einige Grundideen zu gewinnen, denn hier
dürfen
wir hoffen, den Keimpunkt der folgenden Entwickelung blosszulegen.
Paulus
Ob Paulus ein
rassenreiner
Jude war, bleibt, trotz aller Beteuerungen, sehr zweifelhaft; ich meine
doch, das Zwitterwesen
581
dieses merkwürdigen Mannes
dürfte
zum Teil in seinem Blute begründet liegen. Beweise liegen nicht
vor.
Wir wissen nur das Eine, dass er nicht in Judäa oder
Phönizien,
sondern ausserhalb des semitischen Umkreises, in Cilicien, geboren
ward,
und zwar in der von einer dorischen Kolonie gegründeten, durchaus
hellenischen Stadt Tarsus. Wenn wir nun einerseits bedenken, wie lax
die
Juden jener Zeit (ausserhalb Judäa's) über die Mischehen
dachten, ¹)
andrerseits, dass die Diaspora, in der Paulus geboren wurde, eifrig
Propaganda
trieb und namentlich viele Weiber für den jüdischen Glauben
gewann, ²)
so erscheint die Vermutung durchaus nicht unzulässig, dass Paulus
zwar einen Juden aus dem Stamme Benjamin zum Vater (wie er es
behauptet,
Römer
XI, 1; Philipper III, 5), dagegen aber eine hellenische, zum
Judentum
übergetretene Mutter gehabt hat. Wenn historische Nachweise
fehlen,
hat wohl die wissenschaftliche Psychologie das Recht, ein Wort
mitzureden;
obige Hypothese würde nun das sonst unbegreifliche Phänomen
erklären,
dass ein durchaus jüdischer Charakter (Zähigkeit,
Schmiegsamkeit,
Fanatismus, Selbstvertrauen) und eine talmudische Erziehung dennoch
einen
a b s o l u t u n j ü d i s c h e n I n t
e l l e k t begleiten. ³) Wie dem auch sein
—————
¹)
Siehe z. B. Apostelgeschichte XVI, 1.
²)
Vergl. S. 143, Anmerkung.
³)
Was man von den Gesetzen der Vererbung weiss, würde sehr für
die Annahme des jüdischen Vaters und der hellenischen Mutter
691 Der
Kampf. Religion.
mag, Paulus wuchs nicht wie die
übrigen
Apostel in einem jüdischen Lande auf, sondern in einem regen
Mittelpunkt
griechischer Wissenschaft, sowie philosophischer und oratorischer
Schulen.
Von Jugend auf sprach und schrieb Paulus griechisch; seine Kenntnis des
Hebräischen soll sogar recht mangelhaft gewesen
582
sein. ¹) Mag er also fromm
jüdisch
erzogen worden sein, die Atmosphäre, die den werdenden Mann umgab,
war trotzdem nicht die unverfälscht jüdische, sondern die
anregende,
reichhaltige, freigeistige hellenische: ein um so
beachtenswürdigerer
Umstand, als empfangene Eindrücke desto tiefer wirken, je genialer
der Mensch ist. Und so sehen wir denn Paulus im weiteren Verlaufe
seines
Lebens, nach der kurzen Epoche leidenschaftlich verfolgter
pharisäischer
Irrwege, die Gesellschaft der echten Hebräer möglichst
vermeiden.
Die Thatsache, dass er vierzehn Jahre lang nach seiner Bekehrung die
Stadt
Jerusalem mied, obwohl er dort die persönlichen Jünger
Christi
angetroffen hätte, dass er sich auch dann nur notgedrungen und
kurz
dort aufhielt, dabei seinen Verkehr möglichst einschränkend,
hat eine Bibliothek von Erläuterungen und Diskussionen veranlasst;
das ganze Leben des
—————
sprechen. Zwar hat die
früher beliebte Gleichung: ein Mann erbt den Charakter von seinem
Vater, den Intellekt von seiner Mutter, sich als viel zu dogmatisch
erwiesen;
wenn zusammengewachsene Zwillinge mit einem einzigen Paar Beine
durchaus
verschiedenen Charakters sein können (vergl. Höffding: Psychologie,
2. Ausg., S. 480), so sieht man, wie vorsichtig man mit solchen
Verallgemeinerungen
sein muss. Dennoch giebt es so viele eklatante Fälle gerade bei
den
bedeutendsten Männern (ich will nur an Goethe und Schopenhauer
erinnern),
dass wir bei Paulus, wo eine auffallende Inkongruenz wie ein
unlösbares
Problem vor uns steht, berechtigt sind, diese geschichtlich durchaus
wahrscheinliche
Hypothese aufzustellen. (Durch Harnack's Mission etc., S. 40,
erfahre
ich, dass schon in ältester Zeit die Vermutung ausgesprochen
wurde,
Paulus stamme von hellenischen Eltern).
¹)
Graetz behauptet (Volkstümliche Geschichte der Juden I,
646):
„Paulus hatte nur geringe Kenntnis vom jüdischen Schrifttum
und
k a n n t e d i e h e i l i g e S c
h r i f t n u r a u s d e
r
g r i e c h i s c h e n Ü b e r s e t z u n
g.“
Dagegen beweisen seine Citate aus Epimenides, Euripides und Aratus
seine
Vertrautheit mit hellenischer Litteratur.
692 Der
Kampf. Religion.
Paulus zeigt jedoch, dass Jerusalem
und seine Einwohner und deren Denkweise ihm einfach unerträglich
zuwider
waren. Seine erste That als Apostel ist die Abschaffung des heiligen
„Bundeszeichens“
aller Hebräer. Von Anfang an befindet er sich mit den
Judenchristen
im Kampfe. Wo er apostolische Sendungen an ihrer Seite unternehmen
soll,
entzweit er sich mit ihnen. ¹) Keiner seiner wenigen
persönlichen
Freunde ist ein unverfälschter palästinischer Jude: Barnabas
z. B. ist, wie er selber, aus der Diaspora und so antijüdisch
gesinnt,
dass er (als Vorläufer des Marcion) den alten Bund, d. h. also die
privilegierte Stellung des israelitischen Volkes, leugnet; Lukas, den
Paulus
„den geliebten“ nennt, ist nicht Jude (Col. IV, 11—14); Titus,
der
einzige Busenfreund des Paulus, „sein Geselle und Gehilfe“ (II. Cor.
VIII, 23), ist ein echt hellenischer Grieche. Auch in seiner
Missionsthätigkeit
zieht es Paulus einzig zu den „Heiden“ und zwar namentlich überall
dorthin, wo hellenische Bildung blüht. In dieser Beziehung hat die
allerneueste Forschung wertvolle Aufklärung gebracht. Bis vor
Kurzem
war die Kenntnis Kleinasiens im ersten christlichen Jahrhundert in
geographischer
und wirtschaftlicher Beziehung eine sehr mangelhafte; man meinte,
Paulus
habe (namentlich auf seiner ersten Reise) die uncivilisiertesten
Gegenden
aufgesucht, die grossen Städte ängstlich vermieden; jetzt ist
diese Ansicht als irrig nach-
583
gewiesen worden: ²) Paulus hat
vielmehr
fast lediglich in den grossen Centren der helleno-römischen
Civilisation
gepredigt und zwar mit Vorliebe dort, wo die Judengemeinden nicht gross
waren. Städte wie Lystra und Derbe, die man in theologischen
Kommentaren
bisher für unbedeutende, kaum civilisierte Ortschaften
erklärte,
waren im Gegenteil Mittelpunkte hellenischer Bildung und römischen
Lebens. Damit hängt denn auch eine zweite sehr wichtige Entdeckung
zusammen: das Christentum hat sich nicht
—————
¹)
Siehe z. B. die beiden Episoden mit Johannes Marcus (Apostelgeschichte,
XIII, 13 und XV, 38—39).
²)
Namentlich durch die Werke von W. M. Ramsay: Historical Geography
of
Asia Minor, The Church in the Roman Empire before A. D. 170, St. Paul
the
Traveller and the Roman Citizen (alle auch in deutscher
Übersetzung).
693 Der
Kampf. Religion.
zuerst unter den Armen und
Ungebildeten
verbreitet, wie man bislang annahm, sondern im Gegenteil unter den
Gebildeten
und Bestgestellten. „Wo römische Organisation und griechisches
Denken
sich Bahn gebrochen hatten, dorthin wandte sich Paulus“, berichtet
Ramsay, ¹)
und Karl Müller bezeugt: ²) „Die Kreise, die Paulus gewonnen,
waren der Hauptsache nach n i e j ü d i s
c h g e w e s e n.“ — Und dennoch, dieser
Mann
i s t ein .Jude; er ist stolz auf seine Abstammung, ³)
er ist von jüdischen Vorstellungen wie durchtränkt, er ist
ein
Meister rabbinischer Dialektik, und er ist es, mehr als irgend ein
anderer,
der die historische Denkweise und die Traditionen des Alten Testamentes
zu einem wesentlichen, bleibenden Bestandteil des Christentums stempelt. 4)
Obwohl mein Thema
die Religion ist, habe ich bei Paulus auf diese mehr äusserlichen
Momente mit Absicht Nachdruck gelegt, weil mir als einem Laien bei
Betreten
des theologischen Religionsgebietes die grösste Vorsicht und
Zurückhaltung
zur Pflicht wird. Gern möchte ich Satz für Satz darlegen, was
über Paulus nach meiner Überzeugung zu sagen wäre, doch
wie oft dreht sich da alles um den Sinn eines einzigen (womöglich
zweifelhaften) Wortes; unsereiner kann nur dann sicher gehen, wenn er
tiefer
greift, bis dorthin, woher die Worte entfliessen. Dorther ruft uns
Paulus
beherzt zu: „Ich von Gottes Gnade, die mir gegeben ist, habe den Grund
gelegt als ein weiser Baumeister; ein Jeglicher sehe zu, wie er darauf
baue!“ (I. Cor. III, 10). Und sehen wir nun zu — folgen wir der
Mahnung des Paulus, diese Sorge nicht Andern zu überlassen — so
entdecken
wir, auch ohne das Gebiet der gelehrten Diskussionen zu betreten, dass
die von Paulus gelegte Grundlage der christlichen Religion aus
disparaten
Elementen besteht. In seinem tiefsten inneren Wesen, in seiner
584
Auffassung von der Bedeutung
der
R e l i g i o n im Menschen-
—————
¹)
The
Church etc. 4th ed., p. 57.
²)
Kirchengeschichte
(1892) I, 26.
³)
Siehe namentlich Gal. II, 15: „Wiewohl wir von Natur Juden, und
nicht Sünder aus den Heiden sind“, und manche andere Stelle.
4)
Harnack: a. a. O., S. 15.
694 Der
Kampf. Religion.
leben ist Paulus so unjüdisch,
dass er das Epitheton antijüdisch verdient; das Jüdische an
ihm
ist zum grössten Teile bloss Schale, es treten darin lediglich die
unausrottbaren Angewohnheiten des intellektuellen Mechanismus zu Tage.
Im Herzen ist Paulus nicht Rationalist, sondern Mystiker. Mystik ist
Mythologie,
zurückgedeutet aus den symbolischen Bildern in die innere
Erfahrung
des Unaussprechbaren, eine Erfahrung, die inzwischen an Intensität
zugenommen und über ihre eigene Innerlichkeit sich klarer geworden
ist. Die wahre Religion des Paulus ist nicht das Fürwahrhalten
einer
angeblichen Chronik der Weltgeschichte, sondern sie ist
mythisch-metaphysische
Erkenntnis. Solche Dinge wie die Unterscheidung zwischen einem
äusseren
und einem inneren Menschen, zwischen Fleisch und Geist: „ich elender
Mensch,
wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“, die vielen
Aussprüche
wie folgender: „Wir sind alle Ein Leib in Christo“ u. s. w., alles das
deutet auf eine transscendente Anschauung. Noch deutlicher jedoch tritt
die indoeuropäische Geistesrichtung zu Tage, wenn man die grossen
zu Grunde liegenden Überzeugungen überblickt. Da finden wir
als
Kern (siehe S. 559) die Vorstellung
der
E r 1 ö s u n g; das Bedürfnis nach ihr wird
durch
die angeborene, unbeschränkt allgemeine S ü n d h
a f t i g k e i t (nicht durch Gesetzesübertretungen
mit
daraus folgendem Schuldgefühl) hervorgerufen; bewirkt wird die
Erlösung
durch die den Glauben schenkende göttliche G n a d
e
(nicht durch Werke und heiliges Leben). Und was ist diese
Erlösung?
Sie ist „Wiedergeburt“, oder, wie Christus sich aus-
585
drückt, „Umkehr“. ¹) Es
wäre
unmöglich, eine religiöse Anschauung zu hegen, die einen
schärferen
Gegensatz zu aller semitischen
—————
¹)
Als Anmerkung einige Belegstellen für den in der Schrift wenig
Belesenen.
Die Erlösung bildet den Gegenstand aller paulinischen Epistel. Die
Allgemeinheit der Sünde wird durch die Herbeiziehung des Mythus
vom
Sündenfall und durch seine (unjüdische) Deutung implicite
zugegeben,
ausserdem finden wir aber solche Stellen wie Römer XI, 32:
„Gott hat alle Menschen unter den Ungehorsam beschlossen“ und noch
charakteristischer
Epheser
II, 3: „Wir alle sind von Natur Kinder des Zornes.“ Über die Gnade
ist vielleicht die entscheidendste Stelle folgende: „Denn Gott ist es,
der in euch
695 Der
Kampf. Religion.
und speziell jüdischen Religion
darstellte. Das ist so wahr, dass Paulus nicht allein zu seinen
Lebzeiten
von den Judenchristen angefeindet wurde, sondern dass gerade dieser
Kern
seiner Religion anderthalb Jahrtausende innerhalb des Christentums
unter
dem überwuchernden Gestrüpp des jüdischen Rationalismus
und der heidnischen Superstitionen verborgen blieb — anathematisiert,
wenn
er in Männern wie Origenes wieder aufzutauchen versuchte, bis zur
Unkenntlichkeit zugeschüttet von dem tief religiösen, im
Herzen
echt paulinischen, doch von dem entgegengesetzten Strom
hinweggerissenen
Augustinus. Hier mussten Germanen eingreifen; noch heute giebt es
ausser
ihnen keine echten Jünger des Paulus: ein Umstand, dessen volle
Bedeutung
Jedem einleuchten wird, wenn er erfährt, dass vor zwei
Jahrhunderten
die Jesuiten berieten, wie man die Briefe des Paulus aus der heiligen
Schrift
entfernen oder sie korrigieren könne. ¹) —
—————
wirket beides, das
Wollen
und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen“ (Philipper II,
13).
Über die Bedeutung des Glaubens im Gegensatze zum Verdienst der
guten
Werke findet man zahlreiche Stellen, denn dies ist der Grundpfeiler der
Religion des Paulus, hier — und hier vielleicht allein — ist kein
Schatten
eines Widerspruches; der Apostel lehrt die reine indische Lehre. Man
sehe
namentlich Römer III, 27—28, V, 1, die ganzen Kapitel IX
und
X, ebenfalls den ganzen Brief an die Galater u. s. w. Als
Beispiele: „So halten wir es nun, dass der Mensch gerecht wird ohne des
Gesetzes Werke, a l l e i n d u r c
h
d e n G l a u b e n“ (Röm. III,
28).
„Wir wissen, dass der Mensch durch des Gesetzes Werke nicht gerecht
wird,
sondern durch den Glauben an Jesum Christum“ (Gal. II, 16).
Gnade
aber und Glauben sind nur zwei Phasen, zwei Modi — der göttliche
und
der menschliche — des selben Vorganges; darum ist in folgender
Hauptstelle
der Glaube als in der Gnade einbegriffen zu denken: „Ist es aber aus
Gnaden,
so ist es nicht aus Verdienst der Werke; sonst würde Gnade nicht
Gnade
sein. Ist es aber aus Verdienst der Werke, so ist die Gnade nichts;
sonst
wäre Verdienst nicht Verdienst“ (Röm. XI, 6). — Die
Wiedergeburt
wird in dem Brief an Titus (III, 5) in einer der
indoplatonischen
Auffassung verwandten Weise als „Palingenesia“ erwähnt.
¹)
Pierre Bayle: Dictionnaire; siehe die letzte Anmerkung zu der
Notiz
über den Jesuiten Jean Adam, der im Jahre 1650 viel Ärgernis
durch seine öffentlichen Kanzelreden gegen Augustinus gab. Dieser
Nachricht darf man unbedingtes Vertrauen schenken, da
696 Der
Kampf. Religion.
Doch Paulus selber hatte das Werk
des
Antipaulinismus begonnen, indem er um diesen so offenbar aus einer
indoeuropäischen
Seele hervorgegangenen Kern herum ein durchaus jüdisches
Gebäude
errichtete, eine Art Gitterwerk, durch welches zwar ein kongeniales
Auge
überall hindurchzublicken vermag, welches aber für das
inmitten
des unseligen Chaos werdende Christentum so ganz zur Hauptsache ward,
dass
der Kern von den Meisten so gut wie unbeachtet blieb. Dieses Aussenwerk
konnte aber natürlich nicht die lückenlose Konsequenz eines
reinen
Systems wie das jüdische oder indische besitzen. An und für
sich
ein Wider-
586
spruch zu dem inneren
schöpferischen
religiösen Gedanken, verwickelte sich dieses pseudojüdische
theologische
Gewebe in einen Widerspruch nach dem anderen in dem Bestreben, logisch
überzeugend und einheitlich zu sein. Wir haben schon gesehen, dass
gerade Paulus es war, der in hervorragender Weise das Alte Testament zu
der neuen Heilslehre in organische Beziehung zu setzen bestrebt war.
Namentlich
geschieht dies in dem am meisten jüdischen seiner Briefe, dem an
die
Römer. Im Gegensatz zu anderen Stellen wird hier (V. 12) der
Sündenfall
als ein rein historisches Ereignis eingeführt, das dann das zweite
historische Ereignis, die Geburt des zweiten Adam „aus David's Samen“
(I,
3), logisch bedingt. Die ganze Weltgeschichte verläuft darnach in
Gemässheit eines sehr übersichtlichen, menschlich
begreiflichen,
sozusagen „empirischen“ göttlichen P l a n e
s.
An Stelle der engen jüdischen Auffassung tritt hier allerdings ein
universeller Heilsplan, doch das Prinzip ist das selbe. Es ist der
nämliche,
durchaus menschlich gedachte Jahve, der da schafft, gebietet,
verbietet,
zürnt, straft, belohnt; Israel ist auch das auserwählte Volk,
der „gute Ölbaum“, in den einzelne Zweige des wilden Baumes des
Heidentums
nunmehr eingepfropft
—————
Bayle den Jesuiten
durchaus
sympathisch gegenüberstand und bis zu seinem Tode in
persönlichem
freundschaftlichen Verkehr mit ihnen blieb. Auch der berühmte
Père
de La Chaise erklärt, „Augustinus dürfe nur mit Vorsicht
gelesen
werden“, was sich natürlich auf die Paulinischen Bestandteile
seiner
Religion bezieht (vergl. Sainte-Beuve: Port-Royal, 4. éd., II.
134
und IV, 436).
697 Der
Kampf. Religion.
werden (Röm. XI, 17
fg.);
und auch diese Erweiterung des Judentums bewirkt Paulus lediglich durch
eine Umdeutung der Messiaslehre, „wie sie in der damaligen
jüdischen
Apokalyptik ausgebildet worden war“. ¹) Nunmehr ist alles
hübsch
logisch und rationalistisch beisammen: die Schöpfung, der
zufällige
Sündenfall, die Strafe, die Erwählung eines besonderen
Priestervolkes,
aus dessen Mitte der Messias hervorgehen soll, der Tod des Messias als
Sühnopfer (genau im altjüdischen Sinne), das letzte Gericht,
welches Buch führt über die Werke der Menschen und darnach
Lohn
und Strafe austeilt. Jüdischer kann man unmöglich sein: ein
willkürliches
G e s e t z bestimmt, was Heiligkeit und was Sünde
sei,
die Übertretung des Gesetzes wird b e s t r a f
t,
die Strafe kann aber durch die Darbringung eines entsprechenden
Opfers
g e s ü h n t werden. Hier ist von einem aller Kreatur
angeborenen Erlösungsbedürfnis im indischen Sinne keine Rede,
für die Wiedergeburt, wie sie Christus seinen Jüngern so
eindringlich
lehrte, ist kein Platz, der Begriff der Gnade besitzt in einem solchen
System gar keinen Sinn, ebensowenig der Glaube (in der paulinischen
Auffassung). ²)
—————
¹)
Pfleiderer: a. a. O., S. 113.
²)
Mir sind hier so enge Grenzen gesteckt, dass ich nicht umhin kann, den
Leser zu bitten, er möge sich eingehende Belehrung über
diesen
so wichtigen Gegenstand bei den Fachleuten holen. Am deutlichsten tritt
der doppelte Gedankengang mit seiner unlösbaren Antinomie hervor,
wenn man den Endpunkt, das Gericht, scharf ins Auge fasst, und dazu
leistet
die vorzüglichsten Dienste eine kleine Spezialschrift (wo man auch
alle wünschenswerten Litteraturnachweise finden wird) von Ernst
Teichmann:
Die
paulinischen Vorstellungen von Auferstehung und Gericht und ihre
Beziehungen
zur jüdischen Apokalyptik (1896). Ausgerüstet mit einer
genauen
Kenntnis der damaligen jüdischen Litteratur zeigt Teichmann, Satz
für Satz, wie buchstäblich alle die neutestamentlichen und
speziell
die paulinischen Vorstellungen vom letzten Gericht den
spätgeborenen
apokalyptischen Lehren des Judentums entnommen sind. Dass diese
wiederum
durchaus nicht hebräischen Ursprungs sind, sondern Lehngut aus
Ägypten
und Asien, durchsetzt mit hellenischen Gedanken (siehe a. a. O., S. 2
fg.,
32 u. s. w.), zeigt nur, aus welchem Hexenkessel der Apostel
schöpfte,
und thut wenig zur Sache, da der kräftige Nationalgeist der Juden
alles, was er erfasste, „jüdisch“ umgestaltete.
587
698
Der Kampf. Religion.
Zwischen den
beiden
Religionsauffassungen des Paulus besteht kein bloss organischer
Gegensatz,
wie alles Leben ihn bietet, sondern ein logischer, d. h. ein
mathematischer,
mechanischer,
588
unauflösbarer Widerspruch. Ein
solcher Widerspruch führt notwendig zum Kampfe. Nicht
notwendigerweise
im Herzen des
—————
Entscheidend ist dagegen
der eingehende Nachweis, dass Paulus an anderen Orten (dort
nämlich,
wo seine wirkliche Religion sich Bahn bricht) die Vorstellung des
Gerichtes
ausdrücklich aufhebt und vertilgt. Man sehe namentlich den
Abschnitt
„Die Aufhebung der Gerichtsvorstellung“, S. 100 fg. Teichmann schreibt
hier: „Die Rechtfertigung durch den Glauben war eben eine Erkenntnis,
die
allen früheren Anschauungen d i a m e t r a
l
e n t g e g e n s t a n d. Juden und Heiden wussten es
nicht
anders, als dass die Thaten, die Werke des Menschen für sein Los
nach
dem Tode ausschlaggebend seien. H i e r a b e
r
t r i t t a n d i e S t e l l
e
d e s e t h i s c h e n d a s r e l
i g i ö s e V e r h a l t e n.“ Und S. 118
fasst der Autor seine Ausführungen folgendermassen zusammen:
„Dagegen
ist der Apostel völlig selbständig, wo er durch die
konsequente
Ausbildung seiner Pneumalehre die Vorstellung von dem Gericht
überhaupt
beseitigt. Auf Grund des Glaubens, gnadenweiser Empfang des πνεύμα
(Luther übersetzt Geist, es heisst aber bei Paulus himmlischer,
wiedergeborener,
göttlicher Geist, so z. B. II. Cor. III, 17 ο κύριος το πνευμά εστιν,
Gott der Herr ist das Pneuma); durch das πνεύμα,
mystische Vereinigung mit Christus; in ihr, Anteilnahme an dem Tode des
Christus und infolgedessen an seiner δικαιοσυνη
(Gerechtigkeit) und seiner Auferstehung, damit aber Erlangung der υιοθεσία
(Kindesannahme, Adoption); das sind die Etappen dieses
Ideenfortschrittes.
In der so ausgestalteten Lehre vom πνεύμα
haben wir die e i g e n t l i c h e c h r i s t
l i c h e S c h ö p f u n g d e
s
A p o s t e l s.“ — Teichmann scheint, wie die meisten
christlichen
Theologen, gar nichts davon zu wissen, dass die Lehre vom Pneuma so alt
ist wie indoarisches Denken und dass sie als Prâna schon
lange
vor der Geburt des Paulus alle denkbaren Formen durchlaufen hatte, vom
reinsten Geist bis zum feinsten Ätherstoff (vergl. a. a. O., S. 42
fg. die verschiedenen Ansichten über das Pneuma des Paulus); er
weiss
auch nichts davon, dass die Auffassung der Religion als Erkenntnis
(Glaube)
und Wiedergeburt, im Gegensatz zum ethischen Materialismus, altes
indoeuropäisches
Erbgut, organische Geistesanlage ist; doch um so wertvoller ist sein
Zeugnis,
aus welchem hervorgeht, dass die peinlichste Detailforschung von dem
streng
beschränkten Standpunkt wissenschaftlicher christlicher Theologie
aus zu genau dem selben Ergebnis führt, wie die kühnste
Verallgemeinerung.
699 Der
Kampf. Religion.
einen Urhebers, denn unser
Menschengeist
ist reich an automatisch wirkenden Anpassungseinrichtungen; genau so
wie
die Augenlinse auf verschiedene Entfernungen sich anpasst, wobei das,
was
das eine Mal scharf erblickt wurde, das andere Mal fast bis zur
Unkenntlichkeit
verwischt erscheint, genau so wechselt das innere Bild mit dem
Augenpunkt,
und es kann vorkommen, dass auf den verschiedenen Ebenen unserer
Weltanschauung
Dinge stehen, die miteinander keineswegs harmonieren, ohne dass wir
selber
jemals dessen gewahr würden; denn betrachten wir das Eine, so
verschwinden
die Umrisse des Anderen, und umgekehrt. Wir müssen also
unterscheiden
zwischen denjenigen logischen Widersprüchen, die vom gemarterten
Geist
mit vollem Bewusstsein notgedrungen aufgestellt werden, wie z. B. von
Augustinus,
der immerwährend zwischen seiner Überzeugung und seiner
angelernten
Rechtgläubigkeit, zwischen seiner Intuition und seinem Wunsche,
praktischen
Kirchenbedürfnissen zu dienen, hin- und herschwankt, und den
unbewussten
Widersprüchen eines offenherzigen, völlig naiven Geistes wie
Paulus. Doch diese Unterscheidung dient nur zur Erkenntnis der
besonderen
Persönlichkeit; der Widerspruch als solcher bleibt bestehen. Zwar
gesteht Paulus selber, dass er „Jedermann allerlei“ wird, und das
erklärt
wohl einige Abweichungen; die Wurzel geht aber tiefer. In dieser Brust
wohnen zwei Seelen: eine jüdische und eine unjüdische, oder
vielmehr:
eine unjüdische beflügelte Seele angekettet an eine
jüdische
Denkmaschine. Solange die grosse Persönlichkeit lebte, wirkte sie
als Einheit durch die Einheitlichkeit ihres Thuns, durch die
Modulationsfähigkeit
ihres Wortes. Nach ihrem Tode aber blieb der Buchstabe zurück, der
Buchstabe, dessen verhängnisvolle Eigenschaft es ist, alles auf
eine
und die selbe Ebene zu bringen; der Buchstabe, der alle Plastik der
Perspektive
vernichtet und nur eine einzige Fläche kennt — die
Oberfläche!
Hier stand nun Widerspruch neben Widerspruch, nicht wie die Farben des
Regenbogens, die ineinander übergehen, sondern wie Licht und
Finsternis,
die einander ausschliessen. Der Kampf war unvermeidlich.
Äusserlich
fand er von Anfang an in Dogmen- und Sektenbildung statt; nirgends
gewann
er gewaltigeren Aus-
700 Der
Kampf. Religion.
druck, als in der grossen und
durchaus
von Paulus inspiriert Reformation, die im 13. Jahrhundert anhob und zu
ihrem Wahlspruch die Worte hätte wählen können: „So
bestehet
nun in der Freiheit und lasst euch nicht wiederum in das knechtische
Joch
589
fangen“ (Gal. V, 1); auch heute
dauert der Kampf zwischen der jüdischen und unjüdischen
Religion
des Paulus fort. Fast noch verhängnisvoller war und ist der
innerliche
Kampf im Busen des einzelnen Christen, von Origenes bis zu Luther, und
von diesem bis zu jedem kirchlich-christlich gesinnten Manne unseres
heutigen
Tages. Paulus selber war noch durch keinerlei Dogmen im Geringsten
beschränkt
gewesen. Von Christi Leben hat er nachweislich sehr wenig
gewusst; ¹)
dass er bei keinem Menschen, nicht einmal bei den Jüngern des
Heilands,
selbst nicht bei denen, „die für Säulen angesehen werden“,
Rat
und Belehrung geholt habe, dessen rühmt er sich ausdrücklich
(Gal. I und II); weder weiss er irgend etwas von der kosmischen
Mythologie der Dreieinigkeit, noch lässt er sich auf die
metaphysische
Hypostase des Logos ein, ²) noch ist er in der peinlichen Lage,
sich
mit den Aussprüchen anderer Christen in Einklang setzen zu
müssen.
An manchem zu seiner Zeit durch die ganze Welt verbreiteten
Aberglauben,
welcher später zu einem christlichen Dogma umgestaltet ward, geht
er lächelnd vorüber, wie er z. B. von den Engeln meint, man
habe
„nie keins gesehen“ (Col. II, 18) und solle sich nicht durch
solche
Vorstellungen „das Ziel verrücken lassen“; er gesteht auch
freimütig:
„unser Wissen ist Stückwerk; wir sehen jetzt wie in einem
Spiegelbild
nur Rätselhaftes“ (1. Cor. XIII, 9, 12), und darum kann es
ihm auch gar nicht einfallen, seinen lebendigen Glauben in dogmatisches
Stückwerk einzuschrauben: kurz, Paulus war noch ein freier Mann
gewesen.
Nach ihm war es keiner mehr. Denn durch sein eigenes Anknüpfen an
das Alte Testament war jetzt ein Neues Testament entstanden: das alte
war
offenbarte Wahrheit, das neue folglich ebenfalls; das alte
—————
¹)
Siehe namentlich Pfleiderer: a. a. O., S. III fg.
²)
Eingehend und ungemein präcis bei Reuss a. a. O., Buch V, Kap. 8.
701 Der
Kampf. Religion.
war wohlbezeugte geschichtliche
Chronik,
das neue konnte nicht weniger sein. Während das alte aber in
später
Zeit zielbewusst zusammengestellt und redigiert worden war, war das
beim
neuen nicht der Fall; hier stand der eine Mann unvermittelt neben dem
anderen.
Lehrt z. B. Paulus überall in zähem Festhalten an dem einen
grossen
Grundprinzip aller idealen Religion: nicht die Werke, sondern der
Glaube
ist das Erlösende, so spricht der unverfälschte Jude Jakobus
gleich darauf das Grunddogma aller materialistischen Religion aus:
nicht
der Glaube, sondern die Werke machen selig. Beides steht im Neuen
Testament,
beides ist folglich offenbarte Wahrheit. Dazu nun jener klaffende
Widerspruch
bei Paulus selber! Mögen die Schriftgelehrten sagen, was sie
wollen
—
590
und zu ihnen müssen wir in diesem
falle selbst einen Martin Luther rechnen — die gordischen Knoten, die
hier
vorliegen (und es sind ihrer mehrere), lassen sich nicht lösen,
sondern
nur zerhauen: entweder man ist für Paulus oder man ist gegen ihn,
und entweder man ist für die dogmatisch-chronistische
pharisäische
Theologie des einen Paulus, oder man glaubt mit jenem anderen Paulus an
eine transscendente Wahrheit hinter dem „rätselhaften
Spiegelbilde“
des empirischen Scheines. Und nur in diesem letzteren Falle versteht
man
ihn, wenn er (wie Christus) von dem „Geheimnis“ redet, — nicht von
einer
Rechtfertigung (wie die Juden), sondern von dem Geheimnis der
„Verwandlung“
(I. Cor. XV, 51). Man begreift auch diese Verwandlung als etwas
nicht Künftiges, sondern Zeitloses, d. h. Gegenwärtiges:
„ihr
s e i d selig geworden; er h a t
uns
in das himmlische Wesen versetzt — — —“ (Eph. II, 5, 6). Und
„müssen
wir menschlich davon reden, um der Schwachheit willen unseres
Fleisches“
(Röm. VI, 19), müssen wir mit Worten von jenem
Geheimnis
reden, das kein Wort erreicht, das wir wohl in Jesus Christus
erblicken,
doch nicht denken und darum nicht aussprechen können — nun, so
reden
wir von Erbsünde, von Gnade, von Erlösung durch Wiedergeburt,
und das alles fassen wir mit Paulus als Glauben zusammen. Lassen wir
also
selbst die abweichenden Lehren anderer Apostel bei Seite, sehen wir ab
von dem späteren Zuwachs zur kirchlichen Lehre aus Mythologie,
Metaphysik
und
702 Der
Kampf. Religion.
Superstition, und halten wir uns an
Paulus allein, so zünden wir einen unausgleichbaren Kampf im
eigenen
Herzen an, sobald wir uns dazu zwingen wollen, die beiden
Religionslehren
des Apostels für gleichberechtigt zu erachten.
Dies ist der Kampf,
in welchem sich das Christentum vom ersten Tage an befand, dies ist die
Tragödie des Christentums, gegen welche die göttliche und
lebendige
Erscheinung Jesu Christi, der einzige Quell, aus dem Alles strömt,
was jemals im Christentum Religion genannt zu werden verdiente, bald in
den Hintergrund trat. Nannte ich Paulus speziell, so hat man doch aus
mancher
eingestreuten Bemerkung ersehen, dass ich weit entfernt bin, ihn als
die
einzige Quelle aller christlichen Theologie zu betrachten; gar manches
in ihr ist spätere Zuthat, und grosse weltbewegende
Religionskämpfe,
wie z. B. der zwischen Arianern und Athanasiern, spielen sich fast ganz
ausserhalb der paulinischen Vorstellungen ab. ¹) In einem Buche
wie
das vorliegende
591
bin ich eben zu einer weitgehenden
Vereinfachung
gezwungen, sonst kämen vor lauter Material nur Schattenbilder zu
Stande.
Paulus ist ohne alle Frage der mächtigste „Baumeister“ des
Christentums
(wie er sich selber nennt), und mir lag daran zu zeigen: erstens, dass
er durch Einführung des jüdischen chronistischen und
materiellen
Standpunktes auch das unduldsam Dogmatische mit begründet und
dadurch
namenloses späteres Unheil veranlasst hat, und zweitens, dass,
selbst
wenn wir auf den reinen, unverfälschten Paulinismus
zurückgehen,
wir auf unlösbare, feindliche Widersprüche stossen —
Widersprüche,
die in der Seele dieses einen bestimmten Mannes historisch leicht zu
erklären
sind, die aber, zu dauernden Glaubenssätzen für alle Menschen
gestempelt, notwendiger Weise Zwist zwischen ihnen säen und den
Kampf
bis in das Herz des Einzelnen fortpflanzen mussten. Dieses unselige
Zwitterhafte
ist denn auch von Beginn an ein Merkmal des Christentums. Alles
Widerspruchsvolle,
Unbegreif-
—————
¹)
Wobei ich nicht übersehe, dass die Arianer sich auf die ziemlich
dunkle
Stelle in dem Brief an die Philipper (dessen Authenticität
allerdings
stark bezweifelt wird) Kap. II, Vers 6, berufen.
703 Der
Kampf. Religion.
liche in den nie endenden
Streitigkeiten
der ersten christlichen Jahrhunderte, während welcher das neue
Religionsgebäude
so schwer und schwerfällig und inkonsequent und mühevoll und
(wenn man von einzelnen grossen Geistern absieht) im Ganzen so
würdelos
Stein für Stein errichtet wurde, — die späteren Verirrungen
des
menschlichen Geistes in der Scholastik, die blutigen Kriege der
Konfessionen,
die heillose Verwirrung der heutigen Zeit mit ihrem Babel von
Bekenntnissen,
die nur durch das weltliche Schwert vom offenen Kriege gegeneinander
zurückgehalten
werden, das Ganze übertönt von der schrillen Stimme der
Blasphemie,
während viele der edelsten Menschen sich beide Ohren zuhalten, da
sie lieber gar keine Heilsbotschaft vernehmen, als eine derartig
kakophonische.....
das alles hat seine letzte Ursache in dem zu Grunde liegenden
Zwitterhaften
des Christentums. Von dem Tage an, wo (etwa 18 Jahre nach dem Tode
Christi)
der Streit ausbrach zwischen den Gemeinden von Antiochien und
Jerusalem,
ob die Bekenner Jesu sich müssten beschneiden lassen oder nicht,
bis
heute, wo Petrus und Paulus sich viel schärfer
gegenüberstehen
als damals (siehe Galater II, 14), hat das Christentum hieran
gekrankt.
Und zwar um so mehr, als von Paulus bis Pionono Niemand sich dieses
einfache,
auf der Hand liegende Verhältnis vergegenwärtigt zu haben
scheint:
ich meine den Rassenantagonismus, sowie die Thatsache, dass hier ewig
unvereinbare,
sich gegenseitig ausschliessende Religionsideale nebeneinander liegen.
Und so kam es denn, dass die erste göttliche Offenbarung einer
Religion
der Liebe zu einer Religion des Hasses führte, wie sie die Welt
noch
niemals erlebt
592
hatte. Die Nachfolger des Mannes, der
sich ohne Wehr gefangen gab und ans Kreuz schlagen liess, ermordeten
kaltblütig,
als „frommes Werk“, binnen weniger Jahrhunderte mehr Millionen
Menschen,
als in allen Kriegen des gesamten Altertums gefallen waren; ¹) die
geweihten Priester dieser Religion wurden berufsmässige Henker;
wer
irgend einem leeren, von keinem Menschen begriffenen, zum Dogma
gestempelten
Begriffe, irgend einem
—————
¹)
Siehe S. 452, Anmerkung.
704 Der
Kampf. Religion.
Echo aus einer Mussestunde des
Geistesakrobaten
Aristoteles oder des Gedankenkünstlers Plotin nicht eidlich
beizutreten
bereit war — das heisst also der begabtere, der ernstere, der edlere,
der
freie Mann — musste den qualvollsten Tod sterben; an Stelle der Lehre,
dass n u r i m G e i s t
e,
nicht im Worte die Wahrheit der Religion liege, trat das W
o r t zum ersten Mal in der Weltgeschichte jene
entsetzliche
Herrschaft an, die wie ein schwerer Alp noch heute auf unserem armen
aufstrebenden
„Mittelalter“ lastet. — Doch genug, ein Jeder versteht mich, ein Jeder
kennt die blutige Geschichte des Christentums, die Geschichte des
religiösen
Wahnsinns. Und was liegt dieser Geschichte zu Grunde? Etwa die Gestalt
Jesu Christi? Wahrlich nein! Die Paarung des arischen Geistes mit dem
jüdischen
und beider mit Tollheiten des nations- und glaubenslosen
Völkerchaos.
Der jüdische Geist, wäre er in seiner Reinheit
übernommen
worden, hätte lange nicht so viel Unheil angerichtet; denn die
dogmatische
Einheitlichkeit hätte dann auf der Grundlage eines durchaus
Begreiflichen
geruht, und gerade die Kirche wäre die Feindin des Aberglaubens
geworden;
so aber fand ein Erguss des jüdischen Geistes in die hehre Welt
indoeuropäischer
Symbolik und freischöpferischer, wechselvoller
Gestaltungskraft ¹)
statt; wie das Pfeilgift der Südamerikaner drang dieser Geist
erstarrend
in einen Organismus ein, der einzig in wandelnder Neugestaltung Leben
und
Schönheit besitzt. Das Dogmatische, ²) der Buchstabenglaube,
die
entsetzliche Beschränktheit der religiösen Vorstellungen, die
Unduldsamkeit, der Fanatismus, die masslose
Selbstüberhebung.....
das Alles ist eine Folge der historischen Auffassung, der
Anknüpfung
an das Alte Testament; es ist dies jener „Wille“, von dem ich vorhin
sprach,
den das Judentum dem werdenden Christentum schenkte; ein blinder,
flammender,
harter, grausamer Wille, jener Wille, welcher früher befohlen
hatte,
bei der Einnahme fremder Städte die Köpfe der Säuglinge
—————
¹)
Siehe S. 222.
²)
Welche andere Bedeutung dem Dogma bei den Juden zukommt, habe ich S.
405 fg. ausführlich auseinandergesetzt.
593
705
Der Kampf. Religion.
an den Steinen zu zerschmettern.
Zugleich
bannte dieser dogmatische Geist den dümmsten und
widerwärtigsten
Aberglauben armseliger Sklavenseelen zu ewigen Bestandteilen der
Religion;
was früher für den „gemeinen Mann“ (wie Origenes meinte) oder
für die Sklaven (wie Demosthenes spottet) gut gewesen war, daran
mussten
nunmehr die Geistesfürsten um ihrer Seele Heil glauben. Ich habe
schon
in einem früheren Kapitel (siehe S.
306) auf die kindischen Superstitionen eines Augustinus aufmerksam
gemacht; Paulus hätte keinen Augenblick geglaubt, dass ein Mensch
in einen Esel verwandelt werden kann (wir sehen ja, wie er von den
Engeln
spricht), Augustinus dagegen findet es recht plausibel. Während
also
die höchsten religiösen Intuitionen heruntergezogen und bis
zur
völligen Entartung verzerrt wurden, erhielten zugleich längst
abgethane Wahnvorstellungen primitiver Menschen — Zauberei, Hexenwesen
u. s. w. — ein offiziell gesichertes Heimatsrecht in praecinctu
ecclesiae.
Augustinus
Kein Mensch bietet
uns ein so edles, doch zugleich so trauriges Beispiel der
Zerrissenheit,
welche das also organisierte Christentum in den Herzen verursachte, wie
Augustinus. Man kann keine Schrift von ihm aufschlagen, ohne von der
Glut
der Empfindung gerührt und von dem heiligen Ernst des Gedankens
gefesselt
zu werden; man kann nicht lange darin lesen, ohne es im Herzen beklagen
zu müssen, dass ein solcher Geist, auserwählt, um ein
Jünger
des lebendigen Christus zu sein, geschaffen wie nur Wenige, das Werk
des
Paulus fortzusetzen und der wahren Religion des Apostels im
entscheidenden
Augenblick zum Siege zu verhelfen, dennoch gegen die Mächte des
Völkerchaos,
dem er selbst — vaterlandslos, rassenlos, religionslos — entstiegen
war,
nicht aufzukommen vermag, so dass er zuletzt in einer Art wahnsinniger
Verzweiflung das eine einzige Ideal erfasst: die römische Kirche
als
rettende, ordnende, einigende, weltbeherrschende Macht — koste es, was
es wolle, koste es auch das bessere Teil seiner eigenen Religion —
organisieren
zu helfen. Bedenkt man aber, wie Europa zu Beginn des 5. Jahrhunderts
aussah
(Augustinus starb 430), hat man sich durch die Bekenntnisse
dieses
Kirchenvaters über den gesellschaftlichen und sitt-
706 Der
Kampf. Religion.
lichen Zustand der sogenannten
civilisierten
Menschen jener grauenhaften Zeit belehren lassen, vergegenwärtigt
man sich, dass dieser „Professor der Rhetorik“ — erzogen von seinen
Eltern
In der „spes litterarum“ (Confessiones II, 3),
wohlbewandert
im glatten Cicero und den Subtilitäten des Neoplatonismus — es
594
erleben musste, wie die rauhen Goten,
truculentissimae
et saevissimae mentes (De civ. I, 7), Rom einnahmen, und wie
die wilden Vandalen seine afrikanische Geburtsstätte
verwüsteten,
bedenkt man, sage ich, welche schreckenerregende Umgebung auf diesen
hohen
Geist von allen Seiten eindrang, so wird man sich nicht darüber
verwundern,
dass ein Mann, der in jeder anderen Zeit für Freiheit und Wahrheit
gegen Gewissenstyrannei und Korruption aufgetreten wäre, hier das
Gewicht seiner Persönlichkeit in die Wagschale der Autorität
und der unbedingten hierokratischen Gewaltherrschaft warf. Ähnlich
wie bei Paulus fällt es keinem Wissenden schwer, zwischen der
wahren
inneren Religion des Augustinus und der ihm aufgezwungenen zu
unterscheiden;
hier ist aber, durch die Fortentwickelung des Christentums, die Sache
viel
tragischer geworden, denn die Unbefangenheit und damit auch die wahre
Grösse
des Menschen ist verloren. Nicht frank und frei und sorglos
widerspricht
sich dieser Mann, sondern er ist bereits geknechtet, der Widerspruch
wird
ihm von fremder Hand aufgenötigt. Es handelt sich hier nicht
lediglich
wie bei Paulus um zwei nebeneinander laufende Weltanschauungen; auch
nicht
bloss darum, dass ein Drittes inzwischen hinzugekommen ist: die
Mysterien,
Sakramente und Ceremonien aus dem Völkerchaos; sondern
Augustinus
m u s s heute das Gegenteil von dem behaupten, was er
gestern
sagte: er muss es, um auf Menschen, die ihn sonst nicht verstehen
würden,
wirken zu können; er muss es, weil er sein selbständiges
Urteil
auf der Schwelle der römischen Kirche ihr zum Opfer gebracht hat;
er muss es, um sich nicht irgend eine spitzfindige dialektische
Sophisterei
im Dispute mit angeblichen Sektierern entgehen zu lassen. Es ist ein
tragischer
Anblick. Niemand hatte z. B. klarer als Augustinus eingesehen, welche
verhängnisvollen
Folgen der gezwungene Übertritt zum Christentum für das
707 Der
Kampf. Religion.
Christentum selber mit sich
führe;
schon zu seiner Zeit überwogen in der Kirche (namentlich in
Italien)
diejenigen Menschen, die in gar keiner innerlichen Beziehung zur
christlichen
Religion standen und die den neuen Mysterienkult an Stelle des alten
nur
annahmen, weil der Staat es forderte. Der Eine, berichtet Augustinus,
wird
Christ, weil sein Dienstgeber es befiehlt, der Andere, weil er durch
die
Verwendung des Bischofs einen Prozess zu gewinnen hofft, ¹) der
Dritte
wünscht eine Anstellung, ein Vierter erhält dadurch eine
reiche
Frau. Schmerzerfüllt schaut Augustinus diesem Vorgang zu, der auch
thatsächlich das knochen-
595
fressende Gift des Christentums wurde,
und er warnt eindrücklich (wie Chrysostomus es schon früher
gethan
hatte) vor der üblichen „Massenbekehrung“: und dennoch ist es
dieser
selbe Augustinus, der die Lehre des compelle intrare in ecclesiam
aufstellt, der das so folgenschwere Prinzip sophistisch zu
begründen
sucht, durch „die Geissel zeitlicher Leiden“ müsse man streben,
„schlechte
Knechte“ zu retten, der die Todesstrafe für Unglauben und die
Anwendung
staatlicher Gewalt gegen Häresie fordert! Der Mann, der von der
Religion
die schönen Worte gesprochen hatte: „durch Liebe geht man ihr
entgegen,
durch Liebe sucht man sie, die Liebe ist es, die anklopft, die Liebe,
welche
Beharren im Offenbarten schenkt“ ²) — dieser Mann wird der
moralische
Urheber der Inquisitionsgerichte! Zwar hat nicht er Verfolgung und
Religionsmord
erfunden, denn diese waren dem Christentum von dem Augenblick an eigen
gewesen, wo es römische Staatsreligion geworden war, doch hat er
sie
durch die Macht seiner Autorität bestätigt und geheiligt;
erst
durch ihn wurde die Unduldsamkeit nicht mehr eine bloss politische,
sondern
eine religiöse Pflicht. Höchst charakteristisch für den
wahren, freien Augustinus ist wiederum z. B. die Art, wie er die
Behauptung,
Christus habe Petrus im Sinne gehabt, als er sprach: „auf diesen Felsen
will ich meine Kirche bauen,“ energisch zurückweist, ja, als etwas
Unsinniges, Blasphematorisches hinstellt,
——————
¹)
Über die Bischöfe als Richter in Civilprozessen siehe weiter
unten.
²)
De
moribus eccl. I. § 31.
708 Der
Kampf. Religion.
da doch Christus offenbar gemeint
habe:
auf den Felsen dieses „Glaubens“, nicht dieses Mannes; weswegen
Augustinus
auch scharf zwischen der sichtbaren Kirche, die zum Teil auf Sand
stehe,
und der wirklichen Kirche unterscheidet: ¹) und doch ist es
wiederum
er, mehr als irgend ein Anderer, der die Macht dieser sichtbaren,
römischen,
auf Petrus sich berufenden Kirche begründen hilft, der sie als
eine
unmittelbar von Gott eingesetzte Institution preist, „ab apostolica
sede per successiones episcoporum“, ²) und der diesen rein
religiösen
Anspruch auf Herrschaft durch den viel entscheidenderen der politischen
Kontinuität — die römische Kirche die legitime Fortsetzung
des
römischen
596
Reiches — ergänzt. Seine
Hauptschrift
De
civitate Dei ist ebenso sehr vom römischen Imperiumsgedanken
wie
von der Apokalypse Johannis eingegeben.
Noch viel grausamer
und verhängnisvoller erscheint dieses Leben im Widerspruch, dieses
Aufbauen aus den Trümmern des eigenen Herzens, sobald wir das
innere
Leben und die innere Religion des Augustinus betrachten. Augustinus ist
von Natur ein Mystiker. Wer kennt nicht seine Confessiones? Wer
hätte nicht jene herrliche Stelle, das zehnte Kapitel des
siebenten
Buches, oft und oft wiedergelesen, wo er beschreibt, wie er Gott erst
dann
gefunden habe, als er ihn im eigenen Herzen suchte? ³)
——————
¹)
Den Bischof von Rom redet Augustinus in seinen Schreiben einfach als
„Mitbruder“
an. Allerdings gebraucht er auch den Ausdruck „deine Heiligkeit“, nicht
aber gegen den Bischof von Rom allein, sondern jedem Priester
gegenüber,
selbst wenn er kein Bischof ist; jeder Christ gehörte ja nach
damaligem
Sprachgebrauch zur „Gemeinschaft der Heiligen“.
²)
Ep. 93 ad Vincent (nach Neander).
³)
„Zurück (von den Büchern) wandte ich mich zu meinem eigenen
Innern;
von dir geführt, betrat ich die tiefsten Tiefen meines Herzens, du
halfst mir, dass ich es vermochte. Ich trat ein. So schwach mein Auge
auch
war, erblickte ich doch deutlich — weit erhaben über dieses mein
Seelenauge,
erhaben über meine Vernunft — das unwandelbare Licht. Es war nicht
jenes gewöhnliche, den Sinnen vertraute Licht, noch unterschied es
sich etwa von diesem durch blosse stärkere Leuchtkraft, wie wenn
das
Tageslicht immer heller und heller geworden wäre, bis es allen
Raum
erfüllt hätte. Nein,
709 Der
Kampf. Religion.
Wem sollte nicht das Gespräch
mit
seiner sterbenden Mutter Monika gegenwärtig sein, jene wunderbare
Blüte der Mystik, die im Brihadâranyaka-Upanishad
gepflückt
sein könnte: „Schwiege der Sinne Toben, schwiegen jene
Schattengestalten
der Erde, des Wassers und der Luft, schwiege das Gewölbe des
Himmels,
und bliebe auch die Seele schweigsam in sich gekehrt, so dass sie,
selbstvergessen,
über sich selbst hinausschwebte, schwiegen auch die Träume
und
die erträumten Offenbarungen, schwiege jede Zunge und jeder Name,
schwiege alles was sterbend dahingeht, schwiege das All.... und Er
allein
redete, nicht aber durch die Geschöpfe, sondern Er selber, und wir
hörten seine Worte, nicht als spräche einer mit
Menschenzunge,
noch durch Engelstimmen, noch im Donner, noch durch das Rätsel der
Allegorien..... und dieser Alleinige ergriffe den Schauenden und
verzehrte
ihn ganz und tauchte ihn in mystische Seligkeit (interiora gaudia):
sollte nicht das ewige Leben dieser Vorstellung gleichen, wie sie uns
ein
mit Seufzern herbeigerufener kurzer Augenblick eingab?“ (IX, 10). Doch
ist Augustinus nicht etwa bloss ein Mystiker des
597
Gemütes (wie das Christentum viele
gekannt hat), sondern er ist ein religiöses Genie, das nach der
von
Christus gelehrten, inneren „Umkehr“ strebt und durch die Episteln des
Paulus dieser Wiedergeburt teilhaftig wurde; er erzählt uns, wie
gerade
durch Paulus allein in seine von Leidenschaft zerrissene, durch
jahrelange
innere Kämpfe und fruchtlose Studien der völligen
Verzweiflung
verfallene Seele plötzlich Licht, Frieden, Seligkeit eindrang (Conf.
VIII, 12). Mit vollster Überzeugung, mit tiefem Verständnis
erfasst
er die grundlegende Lehre von der G n a d e,
der
gratia
indeclinabilis, wie er sie nennt; sie ist ihm so sehr die Grundlage
seiner Religion, dass er die Benennung als „Lehre“
——————
das war es nicht,
sondern
ein anderes, ein ganz anderes. Auch schwebte es nicht erhaben über
meiner Vernunft, wie etwa Öl über Wasser schwebt oder der
Himmel
über der Erde, sondern erhaben über mich war es, weil es mich
selbst geschaffen hatte, und gering war ich als sein Geschöpf. Wer
die Wahrheit kennt, kennt jenes Licht, und wer jenes Licht kennt, kennt
die Ewigkeit. Die Liebe kennt es. O ewige Wahrheit und wahre Liebe und
geliebte Ewigkeit! du bist mein Gott! Tag und Nacht seufze ich nach
dir!“
710 Der
Kampf. Religion.
für sie abweist (De gratia
Christi,
§ 14); und als echter Jünger des Apostels zeigt er, dass das
Verdienst der Werke durch die Vorstellung der Gnade ausgeschlossen sei.
Schwankender und mit den indischen Religionslehrern nicht zu
vergleichen
ist seine Auffassung von der Bedeutung der Erlösung sowie auch der
Erbsünde; denn hier trübt die jüdische Chronik sein
Urteilsvermögen,
doch ist das fast nebensächlich, da er andrerseits den Begriff der
Wiedergeburt als den unverrückbaren Mittelpunkt des Christentums
festhält. ¹)
Und nun kommt dieser selbe Augustinus und verleugnet fast alle seine
innersten
Überzeugungen! Er, der uns gesagt hat, wie er Gott in seiner
eigenen
innersten Seele entdeckt und wie Paulus ihn zur Religion geführt
habe,
schreibt nunmehr (in der Hitze des Gefechtes gegen die Manichäer):
„Ich würde das Evangelium nicht glauben, wenn nicht die
Autorität
der katholischen Kirche mich nötigte, es zu thun.“ ²) Hier
steht
also für Augustinus die Kirche — von der er selber bezeugte, sie
enthalte
wenige wahre Christen — höher als das Evangelium; mit anderen
Worten,
die Kirche ist Religion. Im Gegensatz zu Paulus, der ausgerufen hatte:
ein Jeder sehe zu, wie er auf der Grundlage Christi baue, erklärt
Augustinus: nicht die Seele, sondern der Bischof habe den Glauben zu
bestimmen;
er weigert
598
den ernstesten Christen etwas, was fast
jeder Papst auch später gewährte, nämlich die blosse
Untersuchung
abweichender Lehren: „sobald die Bischöfe gesprochen,“ schreibt
er,
„giebt es nichts mehr zu untersuchen, sondern m i
t
G e w a l t soll die Obrigkeit
——————
¹)
Namentlich in De peccato originali. Über die Gnade spricht
sich Augustinus besonders deutlich in seinem Brief an Paulinus,
Abschnitt
6, aus, wo er gegen Pelagius polemisiert: „Die Gnade ist nicht eine
Frucht
der Werke; wäre sie es, so wäre sie keine Gnade mehr. Denn
für
Werke wird gegeben, was sie wert sind; die Gnade aber wird ohne
Verdienst
gegeben.“ In Ambrosius hatte er in dieser Beziehung einen guten Lehrer
gehabt, denn dieser hatte gelehrt: „nicht aus den Werken, sondern aus
dem
Glauben ist der Mensch gerechtfertigt.“ (Siehe die schöne Rede
auf den Tod des Kaisers Theodosius § 9; als Beispiel ist hier
Abraham herangezogen).
²)
Contra
epistolam Manichaei § 6 (nach Neander).
711 Der
Kampf. Religion.
den Irrglauben
unterdrücken.“ ¹)
Wie die reine Lehre von der Gnade bei ihm nach und nach in die
Brüche
geht, muss man in ausführlichen Dogmengeschichten verfolgen; ganz
aufgeben konnte Augustinus sie nie, doch betonte er die Werke so
vielfältig,
dass, wenn sie auch (nach Augustinus' Auffassung) als „Geschenk Gottes“
Bestandteile der Gnade, sichtbare Erfolge derselben blieben, doch
gerade
dieses Verhältnis für das gewöhnliche Auge verloren
ging.
Dem stets lauernden Materialismus war hiermit Thür und Thor
geöffnet.
Sobald Augustinus den Nachdruck darauf legte, dass ohne das Verdienst
der
Werke keine Erlösung statthabe, wurde der Vordersatz, dass die
Fähigkeit
zu diesen Werken ein Geschenk der Gnade, diese also Blüten an dem
Baume des Glaubens seien, bald vergessen. Augustinus kommt selber so
weit,
dass er von dem relativen Wert verschiedener Werke spricht und auch den
Tod Christi von diesem Standpunkte eines zu berechnenden Wertes aus
betrachtet! ²)
Das ist Judentum an Stelle von Christentum. Und natürlich
veranlasste
dieses Wanken und Schwanken der zu Grunde liegenden Anschauungen ein
ebensolches
in Bezug auf alle Nebenfragen. Auf die Abendmahlsfrage, die gerade
jetzt
aufzutauchen begann, komme ich noch zurück;
——————
¹)
Eine Lehre, auf welche sich die Kirche später beruft (so z. B. die
römische Synode vom Jahre 680), um von der Civilgewalt zu fordern,
sie solle die Orthodoxie „allherrschend machen und dafür sorgen,
dass
das Unkraut ausgerissen werde“ (Hefele: a. a. O., III, 258).
²)
Alles Nähere über die Gnadenlehre des Augustinus in Harnack's
grosser Dogmengeschichte; der Abriss ist für diese unendlich
komplizierte
Frage zu kurz. Doch darf der Laie niemals übersehen, dass, wie
verwickelt
die Schattierungen auch sein mögen, die Grundfrage eine ureinfache
ist und bleibt. Jene Verwickeltheit ist einzig eine Folge des
spitzfindigen
Disputierens, und ihre Mannigfaltigkeit ist bedingt durch die
mögliche
Mannigfaltigkeit logischer Kombinationen; man gerät hier auf das
Gebiet
der Geistesmechanik. Dagegen verhält sich die Religion der Gnade
zu
der Religion des Gesetzes und des Verdienstes einfach wie + zu -; nicht
Jeder ist im Stande, sich bei allen Subtilitäten der Mathematiker
und noch weniger bei denen der Theologen etwas zu denken, doch zwischen
Plus und Minus sollte Jeder unterscheiden können.
712 Der
Kampf. Religion.
meine kurzen Andeutungen will ich
mit
einer letzten beschliessen, einem blossen Beispiel, damit man sehe, wie
weitreichende Folgen aus den inneren Widersprüchen jener werdenden
Kirche im Laufe der Jahrhunderte sich ergeben sollten. An verschiedenen
Orten
599
entwickelt Augustinus mit scharfsinniger
Dialektik den Begriff der Transscendentalität der Zeitvorstellung
(wie wir heute sagen würden); ein Wort für seinen Begriff
findet
er nicht, so dass er z. B. bei einer langen Diskussion dieses
Gegenstandes
im XI. Buch der Confessiones zuletzt gesteht: „Was ist also die
Zeit? Solang mich keiner darnach fragt, weiss ich es recht gut, doch
sobald
ich es einem Fragenden erklären will, weiss ich es nicht mehr“
(Kap.
14). Wir aber verstehen ihn ganz gut. Er will zeigen, dass es für
Gott, d. h. also für eine nicht mehr empirisch beschränkte
Anschauung,
keine Zeit nach unserem Begriffe gebe, und somit darthun, wie
gegenstandslos
die vielen Diskussionen über vorangegangene und zukünftige
Ewigkeit
seien. Man sieht, er hat den Kern echter Religion erfasst; denn seine
Beweisführung
drängt unabwendbar zu der Einsicht, dass aller Chronik der
Vergangenheit
und Prophezeiung der Zukunft lediglich bildliche Bedeutung zukomme,
wodurch
aber auch Lohn und Strafe hinfällig werden. Und das ist der selbe
Mann, der sich später nicht genug hat thun können, um die
unbedingte,
buchstäbliche Ewigkeit der H ö l l e n s t r a f
e n als eine nicht zu bezweifelnde, grundlegende, konkrete
Wahrheit nachzuweisen und tief ins Gemüt einzugraben! Ist man also
vollkommen berechtigt, in Augustinus einen Vorläufer Martin
Luther's
zu erblicken, so wurde er doch zugleich ein thatsächlicher,
mächtiger
Bahnbrecher für jene antipaulinische Richtung, die später in
Ignatius und seinem Orden und in ihrer Religion der Hölle
unverhüllten
Ausdruck fand. ¹)
——————
¹)
Siehe S. 525. Auch der
mehrere
Jahrhunderte später erst entstandene Ablassunfug konnte sich
insofern
auf Augustinus berufen, als gerade aus jener oben erwähnten
relativen
Wertschätzung der Werke und namentlich des Todes Christi sich der
Begriff der opera supererogationis (Werke über das
notwendige
Mass hinaus) ergab, aus welchem überschüssigen Fonds dann
durch
Vermittlung der Kirche Verdienste vergeben werden. — Unsere ganze
Vorstellung
der
713 Der
Kampf. Religion.
Harnack fasst
seine
Kapitel Augustinus betreffend folgendermassen zusammen: „Durch
Augustinus
wurde die Kirchenlehre nach Umfang und Bedeutung u n s i c
h e r e r.... Um das alte Dogma, welches sich in erstarrender
Gültigkeit
behauptete, bildete sich ein grosser unsicherer Kreis von Lehren, in
dem
die wichtigsten Glaubensgedanken lebten, und der doch von Niemandem
überschaut
und festgefügt werden konnte.“ Obwohl gerade er so unermüdet
für die Einheit der Kirche gewirkt hatte, hinterliess er, wie man
sieht, noch mehr Stoff zu Kampf und Entzweiung, als er vorgefunden
hatte.
Der stürmische Kampf im eigenen Herzen
600
hatte eben auch nach seinem Eintritt
in die Kirche, ihm selber vielleicht vielfach unbewusst, bis an sein
Lebensende
fortgedauert: nicht mehr in der Gestalt eines Ringens zwischen
Sinnengenuss
und Sehnsucht nach edler Reinheit, sondern als Kampf zwischen einem
krass
materialistischen, abergläubischen Kirchenglauben und dem
kühnsten
Idealismus echter Religion.
Die
drei Hauptrichtungen
Ebensowenig wie ich
im zweiten Kapitel eine Rechtsgeschichte zu schreiben unternahm,
ebensowenig
werde ich mich jetzt erkühnen, eine Religionsgeschichte zu
skizzieren.
Gelingt es mir, eine lebhafte und zugleich innerlich richtige
Vorstellung
von dem Wesen des auf uns herabgeerbten Kampfes wachzurufen — des
Kampfes
verschiedener religiöser Ideale um die Vorherrschaft — so ist mein
Zweck erreicht. Das wirklich Wesentliche ist die
——————
Hölle und der
Höllenqualen
ist, wie man jetzt weiss, aus der altägyptischen Religion
übernommen.
Dante's Inferno ist auf uralten ägyptischen
Denkmälern
genau abgebildet. Interessanter noch ist die Thatsache, dass auch die
Vorstellung
der opera supererogationis, des Gnadenschatzes, durch welchen
Seelen
aus dem Fegefeuer (auch ein ägyptisches Erbe!) erlöst werden
können, ebenfalls uraltes ägyptisches Gut ist. Die
Totenmessen
und die Gebete für Verstorbene, die heute eine so grosse Rolle in
der römischen Kirche spielen, bestanden in buchstäblich der
selben
Form etliche Jahrtausende vor Christus. Auch auf den Grabsteinen las
man
wie heute: „O ihr Lebenden auf Erden, wenn ihr an diesem Grabe
vorbeigeht,
sprecht ein andächtiges Gebet für die Seele des Verstorbenen
N. N.“ (Vergl. Prof. Leo Reinisch: Ursprung und Entwickelung des
Ägyptischen
Priestertums).
714 Der
Kampf. Religion.
Einsicht, dass das historische
Christentum
— ein Zwitterwesen von allem Anfang an — den Kampf in den Busen des
Einzelnen
pflanzte. Mit den beiden grossen Gestalten des Paulus und des
Augustinus
versuchte ich das bei aller gedrängten Kürze deutlich zu
machen.
Damit sind aber die Hauptelemente des äusseren Kampfes,
nämlich
des Kampfes in der Kirche, gegeben. „Der rechte G r u n
d
ist des Menschen Herz“, sagt Luther. Darum eile ich jetzt dem Ende zu,
indem ich aus der schier unermesslichen Menge der zum „Kampf in der
Religion“
gehörigen Thatsachen einige wenige herausgreife, die besonders
geeignet
sind, aufklärend zu wirken. Ich beschränke mich auf die
allernotwendigste
Ergänzung des bereits genügend Angedeuteten. Auf diese Weise
werden wir, hoffe ich, einen Überblick gewinnen, der uns bis an
die
Schwelle des 13. Jahrhunderts führt, wo zwar der äussere
Kampf
erst recht beginnt, der innere aber ziemlich ausgetobt hat: fortan
stehen
sich dann getrennte Anschauungen, Prinzipien, Mächte — vor allem
getrennte
Rassen gegenüber, die aber mit sich selber
verhältnismässig
einig sind und wissen, was sie wollen.
In seinen
allerallgemeinsten
Umrissen betrachtet, besteht der Kampf in der Kirche während des
ersten
Jahrtausends zuerst aus einem Kampf zwischen Osten und Westen,
später
aus einem solchen zwischen Süden und Norden. Freilich darf man
diese
Begriffsbestimmung nicht rein geographisch verstehen: der „Osten“ war
ein
letztes Aufflackern hellenischen Geistes und hellenischer Bildung, der
„Norden“ war das beginnende Erwachen der germanischen Seele; einen
bestimmten
O r t, einen bestimmten Mittelpunkt gab es für diese
beiden
Kräfte nicht: der Germane
601
konnte ein italienischer Mönch
sein, der Grieche ein afrikanischer Presbyter. Beiden stand Rom
gegenüber.
Dessen Arme reichten bis in den fernsten Osten und bis in den
entlegensten
Norden; insofern ist auch dieser Begriff „Rom“ nicht bloss örtlich
zu fassen; doch hier bestand ein unverrückbares Centrum, die
altgeheiligte
Stadt Rom. Eine spezifisch römische Bildung, der hellenischen
entgegenzustellen,
gab es nicht, alle Bildung war in Rom von jeher hellenisch gewesen und
geblieben; von einer
715 Der
Kampf. Religion.
irgendwie ausgesprochen
individuellen
römischen Seele, der germanischen vergleichbar, konnte noch
weniger
die Rede sein, da das altrömische Volk von der Erdoberfläche
entschwunden und Rom lediglich der administrative Mittelpunkt eines
nationalitätlosen
Gemenges war; wer von „Rom“ spricht, redet vom Völkerchaos.
Trotzdem
erwies sich Rom nicht als der schwächere unter den
Kämpfenden,
sondern als der stärkere. Vollkommen siegte es allerdings weder im
Osten, noch im Norden; sichtbarer als vor tausend Jahren stehen sich
noch
heute jene drei grossen „Richtungen“ gegenüber; doch ist die
griechische
Kirche des Schismas in Bezug auf ihr religiöses Ideal wesentlich
eine
römisch-katholische, weder eine Tochter des grossen Origenes noch
der Gnostiker, und die Reformation des Nordens warf ebenfalls das
spezifisch
Römische nur teilweise ab und gebar ausserdem erst so spät
ihren
Martin Luther, dass bedeutende Teile von Europa, die einige
Jahrhunderte
früher ihr gehört hätten, da jener „Norden“ bis in das
Herz
von Spanien, bis an die Thore Rom's sich erstreckte, ihr nunmehr —
rettungslos
romanisiert — verloren gingen.
Ein Blick auf diese
drei Hauptrichtungen, in denen ein Ausbau des Christentums versucht
wurde,
wird genügen, um die Natur des Kampfes, der sich auf uns
herabgeerbt
hat, anschaulich zu machen.
Der „Osten“
Die bezaubernde
Frühblüte
des Christentums war eine hellenische. Stephan, der erste
Märtyrer,
ist ein Grieche, Paulus — der so energisch auffordert, man solle sich
„der
jüdischen Fabeln und Altweibermärchen entschlagen“ ¹) —
ist
ein von griechischem Denken durchtränkter Geist, der offenbar auch
nur dann ganz er selbst sich fühlt, sobald er zu hellenisch
Gebildeten
redet. Doch gesellte sich bald zu dem sokratischen Ernst und der
platonischen
Tiefe der Anschauungen ein andrer echt griechischer Zug, der zur
Abstraktion.
Diese hellenische Geistesrichtung hat die Grundlage der christlichen
Dogmatik
geschaffen, und nicht
——————
¹)
I Tim. IV, 7 und Tit. I, 14. (Nachtrag 4. Aufl.: diese
Briefe
sollen nicht von Paulus sein.)
716 Der
Kampf. Religion.
die Grundlage allein, sondern in
allen
jenen Dingen, welche ich oben die äussere Mythologie genannt habe
— wie die Lehre von
602
der Dreieinigkeit, von dem
Verhältnis
des Sohnes zum Vater, des Logos zur Menschwerdung u. s. w. — auch das
ganze
Dogma. Der Neoplatonismus und das, was man berechtigt wäre, den
Neoaristotelismus
zu nennen, standen damals in hoher Blüte; alle hellenisch
Gebildeten,
gleichviel welcher Nationalität angehörig, befassten sich mit
pseudometaphysischen Spekulationen. Paulus zwar ist sehr vorsichtig in
der Anwendung philosophischer Argumente; nur als eine Waffe, zur
Überzeugung,
zur Widerlegung gebraucht er sie; dagegen fügt der Verfasser des
Evangeliums
Johannis ohne Weiteres das Leben Jesu Christi und die mythische
Metaphysik
des späten Hellenentums ineinander. Von diesem Beginn an ist
während
zwei Jahrhunderte die Geschichte christlichen Denkens und christlicher
Glaubensgestaltung eine ausschliesslich griechische; dann dauerte es
noch
ungefähr zweihundert Jahre, bis mit der nachträglichen
Anathematisierung
des grössten hellenischen Christen, Origenes, auf der
Konstantinopolitanischen
Synode des Jahres 543, die hellenische Theologie endgültig zum
Schweigen
gebracht wurde. Judaisierenden Sekten aus jener Zeit, wie den
Nazarenern,
Ebionitern u. s. w. kommt keine bleibende Bedeutung zu. Rom, als
Mittelpunkt
des Reiches und alles Verkehrs, gab natürlich und notwendig sofort
den organisatorischen Mittelpunkt, wie für alles Übrige im
römischen
Reiche, so auch für die Sekte der Christen ab; theologische
Gedanken
sind aber charakteristischer Weise keine daher gekommen; als endlich,
zu
Beginn des 3. Jahrhunderts, eine „lateinische Theologie“ entstand, so
geschah
das nicht in Italien, sondern in Afrika, und eine recht
störrische,
für Rom unbequeme Kirche und Theologie war das, bis die Vandalen
und
später die Araber sie vernichtet hatten. Die Afrikaner wirkten
aber
im letzten Ende doch für Rom, ebenso wie auch alle diejenigen
Griechen,
welche — wie Irenäus — in den Bannkreis dieser
übermächtigen
Gewalt hineingerieten. Nicht allein betrachteten sie den Vorrang Rom's
als etwas Selbstverständliches, sondern sie bekämpften alle
jene
hellenischen Vorstellungen, welche das lediglich auf Politik und
717 Der
Kampf. Religion.
Verwaltung ausgehende Rom für
schädlich
halten musste, vor allem also den hellenischen Geist überhaupt in
seinem ganzen Eigenwesen, welches jedem Krystallisationsprozess abhold
war und in Forschung, Spekulation und Neugestaltung stets ins
Unbeschränkte
strebte.
Im Grunde genommen
handelt es sich hier um einen Kampf zwischen dem gänzlich
entseelten,
doch in administrativer Hinsicht bis zur höchsten Virtuosität
ausgebildeten kaiserlichen Rom und dem zum letzten Mal aufflackernden
alten
Geist des
603
schöpferischen Hellenentums — einem
Geist, der freilich vielfach bis zur Unkenntlichkeit von anderen
Elementen
durchsetzt und getrübt war und von seiner früheren Kraft und
Schönheit viel eingebüsst hatte. Dieser Kampf wurde
hartnäckig
und schonungslos, nicht mit Argumenten allein, sondern mit allen
Mitteln
der List, der Vergewaltigung, der Bestechung, der Ignoranz, sowie
namentlich
mit kluger Benützung aller politischen Konjunkturen geführt.
Dass in einem solchen Kampf Rom siegen musste, ist klar; namentlich da
in jenen frühen Zeiten (bis zum Tode des Theodosius) der Kaiser
das
thatsächliche Oberhaupt der Kirche auch in dogmatischen Dingen
war,
und die Kaiser — trotz des Einflusses, den grosse und heilige
Metropolitane
in Byzanz vorübergehend auf sie ausübten — stets mit dem
unfehlbaren
Urteil erfahrener Politiker empfanden, einzig Rom sei fähig,
Einheit,
Organisation, Disziplin durchzuführen. Wie hätte
metaphysisches
Grübeln und mystische Versenkung gegen praktisch-systematische
Politik
siegen sollen? So war es z. B. Konstantin I. — der noch nicht getaufte
Gattin- und Kindermörder, der selbe Mann, der durch besondere
Erlasse
die Stellung der heidnischen Auguren im Reiche befestigte — Konstantin
war es, der die erste ökumenische Synode zusammenberief (325 in
Nicäa),
und der gegen die erdrückende Mehrheit der Bischöfe seinen
Willen,
d. h. die Lehren seines ägyptischen Schützlings Athanasius
durchsetzte. ¹)
——————
¹)
Wie ausschliesslich von politischen, gar nicht von religiösen
Rücksichten
Konstantin sich hierbei leiten liess, indem er nämlich, durch
seine
Umgebung für Arius eingenommen, dennoch die Gegenpartei ergriff,
sobald
er merkte, dass diese stärkere Bürgschaften
718 Der
Kampf. Religion.
So entstand das
sogenannte
n i c ä n i s c h e G l a u b e n s b e k e n n t n i
s: auf der einen Seite die kluge Berechnung eines
zielbewussten,
gewissenlosen, gänzlich unchristlichen Politikers, der sich nur
die
eine Frage vorlegte: wie knechte ich meine Unterthanen am
vollkommensten;
auf der anderen die feige Unaufrichtigkeit eingeschüchterter
Prälaten,
die ihre Unterschrift unter etwas, was sie für falsch hielten,
setzten,
und, sobald sie in ihre Diözese zurückgekehrt waren, dagegen
zu agitieren begannen. Bei weitem das Interessanteste in Bezug auf
dieses
erste und grundlegende Kirchenkonzil ist für uns Laien die
Thatsache,
dass die Mehrzahl der Bischöfe, als echte Schüler des
Origenes,
überhaupt gegen alle Einsperrung des Gewissens in derartige
geistige
Zwangsjacken waren und eine Glaubensformel verlangt hatten, weit genug,
um in den Dingen, die den menschlichen Verstand übersteigen,
freien
Spielraum zu lassen und
604
somit wissenschaftlicher Theologie und
Kosmologie das Existenzrecht zu sichern. ¹) Was diese hellenischen
Christen also erstrebten, war ein Zustand von Freiheit innerhalb der
Orthodoxie,
demjenigen vergleichbar, der in Indien geherrscht hat. ²) Gerade
das
aber war es, was Rom und der Kaiser verhüten wollten: es sollte
nichts
mehr schwankend, nichts mehr unsicher bleiben, sondern wie auf jedem
andern
Gebiete, so sollte auch auf dem der Religion fortan absolute
Einförmigkeit
im ganzen römischen Reiche Gesetz sein. Wie unerträglich dem
hochgebildeten hellenischen Geist das beschränkte und
„beschränkende“
Dogmatisieren war, erhellt zur Genüge aus der einen Thatsache,
dass
Gregor von Nazianz, ein Mann, den die römische Kirche seiner
Rechtgläubigkeit
wegen zu ihren Heiligen zählt, noch im Jahre 380 (also lange nach
dem nicänischen Konzil) schreiben konnte: „Einige unserer
Theologen
halten den heiligen Geist für eine gewisse Wirkungsweise Gottes,
Andere
für ein Geschöpf Gottes, Andere für Gott selbst; Andere
sagen, sie wüssten selbst nicht,
——————
kräftiger
Organisation,
kurz mehr Hoffnung auf politischen Bestand bot, kann man in Bernouilli:
Das
Konzil von Nicäa lesen.
¹)
Karl Müller: Kirchengeschichte I, 181.
²)
Vergl. S. 406 fg.
719 Der
Kampf. Religion.
welches sie annehmen sollten, aus
Ehrfurcht
vor der heiligen Schrift, die sich nicht deutlich darüber
erkläre.“ ¹)
Doch das kaiserlich-römische Prinzip konnte nicht vor der heiligen
Schrift abdanken; ein Tüttelchen Gedankenfreiheit, und ihre
unbeschränkte
Autorität wäre gefährdet gewesen. Darum wurde auf der
zweiten
allgemeinen Synode zu Constantinopel (im Jahre 381) das
Glaubensbekenntnis
noch ergänzt, in der Absicht, die letzten Luken zu verstopfen, und
auf der dritten allgemeinen Synode, gehalten zu Ephesus im Jahre 431,
wurde
ausdrücklich bestimmt, „es dürfe diesem Bekenntnis bei Strafe
der Exkommunikation nichts hinzugefügt und nichts von ihm
weggenommen
werden.“ ²) So wurde die geistige Bewegung des sterbenden
Hellenentums,
die über drei Jahrhunderte gedauert hatte, endgültig zum
Stillstand
gebracht. Wie das im Einzelnen geschehen war, mag man in
Geschichtswerken
nachlesen; doch sind die Werke der Theologen (aller Kirchen) mit
grosser
Vorsicht zu gebrauchen, denn ein sehr natürliches Schamgefühl
lässt sie über die begleitenden Umstände der einzelnen
Konzilien,
in denen der dogmatische Glaube des Christentums angeblich „für
ewige
Zeiten“ festgestellt
605
wurde, schnell hinweggleiten. ³)
Das eine Concilium verlief allerdings derartig, dass es selbst in
römisch-katholischen
Werken als die „Räubersynode“ bezeichnet wird; doch fiele es einem
Unparteiischen schwer, zu entscheiden, welche Synode diesen Ehrentitel
am meisten verdient hat. Nirgends ging es würdeloser zu als gerade
auf dem berühmten dritten ökumenischen Konzil zu Ephesus, wo
die Partei der sogenannten Orthodoxie, d. h. diejenige, welche alles
weitere
Denken knebeln wollte, eine ganze Armee von bewaffneten Bauern, Sklaven
und Mönchen in die
——————
¹)
Nach Neander: Kirchengeschichte IV, 109. Nach Hefele: Konziliengeschichte,
II, 8 hat es auch den Anschein, als ob Gregor von Nazianz das
erweiterte
Symbolum von Constantinopel (im Jahre 381) nicht mitberaten und nicht
mitunterschrieben
hätte.
²)
Hefele: Konziliengeschichte II, 11 fg., 372.
³)
Trotz aller neuen Werke möchte ich dem Ungelehrten noch immer
Kapitel
47 aus Gibbon's Roman Empire mindestens für eine
vorläufige
Übersicht als unerreicht empfehlen.
720 Der
Kampf. Religion.
Stadt brachte, um die gegnerischen
Bischöfe
einzuschüchtern, niederzuschreien und im Notfalle totzuschlagen.
Das
war freilich eine andere Art, Theologie und Kosmologie zu betreiben,
als
die hellenische! Vielleicht war es die richtige für diese
jämmerliche
Zeit und für diese jämmerlichen Menschen. Wozu noch eine
wichtige
Erwägung kommt: ich wenigstens für meine Person glaube, trotz
meiner Abneigung gegen jenes in Rom verkörperte Völkerchaos,
dass Rom durch die Betonung des Konkreten dem Abstrakten gegenüber
der Religion einen Dienst geleistet und sie vor der Gefahr
gänzlicher
Verflüchtigung und Zersplitterung gerettet hat. Dennoch wäre
es lächerlich, eine besondere Bewunderung für so bornierte
und
gemeine Charaktere wie Cyrillus, den Mörder der edlen Hypatia, und
eine besondere Ehrfurcht vor Konzilien wie das von ihm präsidierte
zu Ephesus zu empfinden, welches der Kaiser selbst (Theodosius der
Jüngere)
als eine „schmähliche und unheilvolle Versammlung“ bezeichnete,
und
welches er eigenmächtig auflösen musste, um den gegenseitigen
Injurien und den rohen Gewaltthätigkeiten der heiligen Hirten ein
Ende zu machen.
Schon auf diesem
ökumenischen Konzil zu Ephesus stand das eigentliche hellenische
Thema,
die mythologische Mystik, nicht mehr im Vordergrund; denn nun hatte die
specifisch römische Dogmenbildung begonnen und zwar mit der
Einführung
des Marienkultus und des Kultus des Christkindes. Dass dies ein im
ganzen
Bereich des römischen Imperiums, namentlich aber in Italien schon
längst eingebürgerter ägyptischer Import war, habe ich
schon
oben erwähnt. ¹) Gegen die erst zu Beginn des 5. Jahrhunderts
innerhalb des Christentums in Gebrauch gekommene Benennung „Mutter
Gottes“
(statt Mutter Christi) war der
606
edle und fast fanatisch
rechtgläubige
Nestorius aufgetreten; er erblickte darin — und nicht mit Unrecht — die
Wiedergeburt des Heidentums. Sehr konsequenter Weise waren es gerade
der
Bischof von Ägypten und die ägyptischen Mönche, also die
unmittelbaren Erben des Isis- und Horuskult, welche mit Leiden-
——————
¹)
Siehe S. 557.
721 Der
Kampf. Religion.
schalt und Wut, unterstützt vom
Pöbel und von den Weibern, für diese uralten Gebräuche
eintraten.
Rom schloss sich der ägyptischen Partei an: der Kaiser, der
Nestorius
liebte, wurde nach und nach gegen ihn aufgewiegelt. Hier steht aber,
wie
man sieht, nicht die eigentliche hellenische Sache, sondern vielmehr
der
Beginn einer neuen Periode in Frage: diejenige der Einführung
heidnischer
Mysterien in die christliche Kirche. Sie zu bekämpfen, war Sache
des
Nordens; denn jetzt handelte es sich weniger um Metaphysik als um
Gewissen
und Sittlichkeit; somit erscheint auch die mehrfache Behauptung,
Nestorius
(aus der römischen Soldatenkolonie Germanicopolis gebürtig)
sei
von Geblüt ein Germane gewesen, recht glaubwürdig; jedenfalls
war er ein Protestant.
Ein Wort aber noch
über den Osten, ehe wir zum Norden übergehen.
Zu ihrer
Blütezeit
hatte, wie schon hervorgehoben, die hellenische Theologie sich der
Hauptsache
nach um jene Fragen gedreht, welche auf der Grenze zwischen Mythik,
Metaphysik
und Mystik schweben. Darum ist es auch beinahe unmöglich, in einem
populären Werke näher darauf einzugehen. Schon am Schlusse
des
ersten Kapitels habe ich, bei Besprechung unseres hellenischen Erbes,
darauf
hingewiesen, wie viel abstrakte Spekulation griechischen Ursprunges —
doch
meist stark verunstaltet — in unser religiöses Denken
übergegangen
ist. ¹) Solange ein derartiges Denken im Flusse blieb, wie das im
vorchristlichen
Griechenland der Fall war, wo der Wissbegierige von einer
„Häresie“,
d. h. von einer „Schule“ zur anderen über die Strasse hinüber
wandeln konnte, da bildeten diese Abstraktionen eine Ergänzung des
intellektuellen Lebens, die vielleicht um so willkommener war, als das
griechische Leben sonst so ganz im künstlerischen Schauen und in
der
wissenschaftlichen Beschäftigung mit der empirischen Welt aufging.
Die metaphysische Anlage des Menschen rächte sich durch bodenlos
kühne
Phantasien. Betrachtet man jedoch das Leben und die Worte Jesu Christi,
——————
¹)
Siehe S. 98 fg.
722 Der
Kampf. Religion.
so kann man nicht anders als
empfinden,
dass vor ihnen diese
607
stolzen Spekulationen keinen Bestand
haben, sondern vielmehr in ein Nichts sich auflösen. Die
Metaphysik
ist eben doch noch eine Physik; Christus dagegen ist Religion. Ihn
Logos,
Nus, Demiurgos nennen, mit Sabellius lehren, der Gekreuzigte sei nur
„eine
vorübergehende Hypostasierung des Wortes“, oder dagegen mit Paul
von
Samosata, er sei „nach und nach Gott geworden“, das alles heisst eine
lebendige
Persönlichkeit in eine Allegorie verwandeln, und zwar in eine
Allegorie
der schlimmsten Art, nämlich in eine abstrakte. ¹) Und wird
nun
gar diese abstrakte Allegorie in eine jüdische Wüstenchronik
hineingezwängt, mit krassmaterialistischen Mysterien verschmolzen,
zu einem allein seligmachenden Dogma festgebannt, dann mag man wohl
froh
sein, wenn praktische Menschen nach drei Jahrhunderten sagten: jetzt
ist's
aber genug! nunmehr darf nichts mehr hinzugefügt werden! Man
begreift
recht gut, wie Ignatius von Antiochien, über die
Authenticität
dieses und jenes Schriftwortes befragt, erwidern konnte, ihm
gölten
als die unverfälschten Urkunden Jesu Christi dessen Leben und
Tod. ²)
Wir müssen gestehen, dass die hellenische Theologie, sehr
weitherzig
und geistvoll in ihrer Deutung des Schriftwortes, weit entfernt von der
knechtischen Gesinnung westlicher Theologen, dennoch geneigt war, diese
——————
¹)
Wenn selbst ein so scharfer, intuitionskräftiger Denker wie
Schopenhauer
behauptet: „Das Christentum ist eine Allegorie, die einen wahren
Gedanken
abbildet“, so kann man nicht energisch genug einen so offenbaren Irrtum
zurückweisen. Man könnte alles Allegorische der christlichen
Kirche über Bord werfen, und es bliebe die christliche Religion
bestehen.
Denn sowohl das Leben Christi wie auch die von ihm gelehrte Umkehr des
Willens sind Wirklichkeit, nicht Bild. Dass weder die Vernunft das, was
hier vorliegt, ausdenken, noch der schauende Verstand es deuten kann,
macht
es nicht weniger wirklich. Vernunft und Verstand werden sich freilich
in
letzter Instanz immer gezwungen finden, allegorisch zu Werke zu gehen,
doch Religion ist nichts, wenn nicht ein unmittelbares Erlebnis.
²)
Brief
an die Philadelphier, § 8. Freilich hatte Ignatius zu den
Füssen
des Apostels Johannes gesessen, ja, nach einer Tradition als Kind den
Heiland
selbst gesehen.
723 Der
Kampf. Religion.
„unverfälschten Urkunden“,
nämlich
die thatsächliche Erscheinung Jesu Christi, aus den Augen zu
verlieren.
Doch neben der Kritik
ist für Bewunderung Platz, zugleich auch für ein tiefes
Bedauern,
wenn wir gewahren, wie gerade alles Grösste und Wahrste, was hier
blühte, von Rom verworfen wurde. Ich will mich nicht ins
Theologische
hineinstürzen und die Geduld des Lesers auf die Probe stellen;
vielmehr
will ich mich mit einem einzigen Satz des Origenes bescheiden; er wird
608
ahnen lassen, was die christliche
Religion
durch diesen Sieg des Westens über den Osten verlor. ¹)
Im 29. Kapitel seines
schönen Buches Vom Gebete spricht Origenes von dem Mythus
des
Sündenfalles und bemerkt dazu: „Wir können nicht anders als
einsehen,
dass die Leichtgläubigkeit und Unbeständigkeit der Eva nicht
erst in dem Augenblicke anhob, als sie Gottes Wort missachtete und auf
die Schlange hörte, sondern o f f e n b a
r
s c h o n f r ü h e r v o r h a n d e
n
w a r, da die Schlange doch deswegen an sie sich wendete,
weil
sie in ihrer Schlauheit die S c h w ä c h
e
E v a 's s c h o n b e m e r k t h
a t t e.“ Mit diesem einen Satz ist der — von den Juden,
wie
Renan so richtig bemerkte (siehe S.
397), zu einem dürren, historischen Faktum komprimierte —
Mythus
zu vollem Leben neu erweckt. Zugleich mit dem Mythus tritt auch die
Natur
in ihre Rechte. Das, was man, sobald man nach einem Höheren
strebt,
Sünde nennen darf, gehört uns, wie schon Paulus gesagt hatte,
„von Natur“; mit den Fesseln der Chronik werfen wir die Fesseln der
gläubigen
Superstition ab; wir stehen nicht mehr der gesamten Natur wie ein
Fremdes,
höher Geborenes und tiefer Gefallenes gegenüber, vielmehr
gehören
wir ihr an, und das Gnadenlicht, das in unser Menschenherz fiel, werfen
wir auf sie zurück. Indem Origenes hier den Paulinischen Gedanken
weiter
——————
¹)
Für Näheres verweise ich den Leser vor Allem auf das kleine,
schon citierte Werk von Hatch: The influence of Greek ideas and
usages
upon the christian church (deutsch von Preuschen und Harnack 1892);
dieses Buch ist ein Unikum, grundgelehrt, so dass es unter Fachleuten
Autorität
besitzt, und nichtsdestoweniger für jeden gebildeten Denker, auch
ohne theologische Schulung, lesbar.
724 Der
Kampf. Religion.
dachte, hatte er zu gleicher Zeit
die
Wissenschaft befreit und den Riegel zurückgeschoben, der das Herz
gegen wahre, unmittelbare Religion verschloss.
Das war diejenige
hellenische Theologie, die im Kampfe erlag. ¹)
Der
„Norden“
Betrachten wir nun
die zweite antirömische Strömung, diejenige, die ich vorhin
unter
dem Ausdruck „Norden“ zusammenfasste, so werden wir sofort gewahr, dass
sie einer durchaus anderen Geistesverfassung entstammt und unter
gänzlich
geänderten Zeitumständen sich Geltung zu verschaffen hatte.
Im
Hellenentum hatte Rom eine höhere und ältere Kultur als die
seinige
bekämpft; dagegen handelte es sich bei diesem Norden
609
zunächst und zuvörderst nicht
um spekulative Lehren, sondern um eine Gesinnung, und die Vertreter
dieser
Gesinnung standen zumeist auf einer bedeutend tieferen Kulturstufe als
die Vertreter des römischen Gedankens; ²) erst nach
Jahrhunderten
glich sich dieser Unterschied aus. Dazu kam noch ein weiterer Umstand.
Hatte in dem früheren Kampfe die noch embryonische römische
Kirche
die Autorität des Kaisers für ihre Sache zu gewinnen suchen
müssen,
so stand sie jetzt als fertig organisierte, mächtige Hierarchie
da,
deren unbedingte Autorität Keiner ohne Lebensgefahr anzweifeln
konnte.
Kurz, der Kampf ist ein anderer, und er wird unter anderen Bedingungen
ausgefochten. Ich sage „ist“ und „wird“, denn in der That: der Kampf
zwischen
Ost und West wurde bereits vor tausend Jahren beendet, Mohammed
erdrückte
ihn; das Schisma blieb als Cenotaph, doch nicht als lebendige
——————
¹)
Dass im 9. Jahrhundert diese Theologie in der Person des grossen Scotus
Erigena, des wirklichen Vorläufers einer echt christlichen
Religion,
wieder auflebte, ist schon oben kurz angedeutet worden und kommt weiter
unten, sowie im neunten Kapitel noch zur Sprache.
²)
Der Einzelne aus dem barbarischen Norden konnte natürlich weit
hervorragen,
und der Bewohner des Imperiums war gewiss meist ein recht roher Mensch;
doch bezeichnet „Kultur“ einen Kollektivbegriff — wir sahen das
namentlich
bei Griechenland (S. 70) —
und
da kann man ohne Frage behaupten, dass in germanischen Ländern
eine
wirkliche Kultur kaum vor dem 13. Jahrhundert zu entstehen begann.
725 Der
Kampf. Religion.
Weiterentwickelung, hingegen dauert
der Kampf zwischen Nord und Süd noch unter uns fort und wirft
bedrohliche
Schatten auf unsere nächste Zukunft.
Worin diese
Empörung
des Nordens bestand, habe ich schon am Schluss des vierten Kapitels und
zu Beginn und Ende des sechsten Kapitels wenigstens in einigen
Hauptzügen
zu erwähnen Gelegenheit gehabt. ¹) Hier bedarf es also nur
einer
kurzen Ergänzung.
Zunächst die
Bemerkung, dass ich den Ausdruck „Norden“ gebraucht habe, weil das Wort
„Germanentum“ den Erscheinungen nicht entsprechen würde oder
besten
Falles einer tollkühnen Hypothese gleichkäme. Gegner des
staatlichen
und kirchlichen Ideals, welches in Rom seine Verkörperung fand,
treffen
wir überall und zu allen Zeiten; tritt die Bewegung erst, als sie
von Norden herankommt, mächtig auf, so ist das, weil hier, im
Slavokeltogermanentum,
ganze Nationen einheitlich dachten und fühlten, während es
unten
im Chaos ein Zufall der Geburt war, wenn ein Einzelner Freiheit liebend
und innerlich religiös zur Welt kam. Doch das, was man
„protestantische“
Gesinnung nennen könnte, findet sich seit den frühesten
Zeiten:
ist dies nicht die Atmosphäre, welche die evangelischen Berichte
in
jeder Zeile atmen? Stellt man sich den Freiheitsapostel des Briefes an
die Galater vor, das Haupt gebeugt, weil ein pontifex maximus
auf
kurulischem
610
Stuhle irgend eine dogmatische
Entscheidung
verlautbart hätte? Lesen wir nicht in jenem mit Recht
berühmten
Briefe des Anonymen an Diognet, aus den urältesten christlichen
Zeiten:
„U n s i c h t b a r i s t d i e R
e l i g i o n d e r C h r i s t e n?“
²)
Renan sagt: „Les chrétiens primitifs sont les moins
superstitieux
des hommes .... chez eux, pas d'amulettes, pas d'images saintes, pas
d'objet
de culte.“ ³) Hand in Hand hiermit geht eine grosse
religiöse
Freiheit. Im 2. Jahrhundert bezeugt Celsus, die Christen wichen weit
von
einander ab in ihren Deu-
——————
¹)
Siehe S. 317, 477
fg., 513 fg.
²)
§ 6.
³)
Origines
du Christianisme, 7 éd., VII, 629.
726 Der
Kampf. Religion.
tungen und Theorien, alle nur durch
das eine Bekenntnis geeinigt: „durch Jesus Christus ist mir die Welt
gekreuziget
und ich der Welt!“ ¹) Grösstmögliche Innerlichkeit der
Religion,
weitestgehende Vereinfachung ihrer äusseren Kundgebung, Freiheit
des
individuellen Glaubens: das ist der Charakter des frühen
Christentums
überhaupt, das ist keine spätere, von Germanen erfundene
Verklärung.
Diese Freiheit war so gross, dass selbst im Abendlande, wo doch Rom von
Beginn an vorherrschte, Jahrhunderte hindurch jedes Land, ja oft jede
Stadt
mit ihrem Sprengel ein eigenes Glaubensbekenntnis besass. ²) Wir
nordischen
Männer waren viel zu praktisch-weltlich angelegt, zu viel mit
staatlichen
Organisationen und Handelsinteressen und Wissenschaften
beschäftigt,
um jemals auf diesen echtesten Protestantismus aus der
vorrömischen
Zeit zurückzugreifen. Ausserdem hatten diese frühen Christen
es auch besser gehabt als wir: der Schatten des theokratisch
umgestalteten
römischen Imperialgedankens war noch gar nicht über sie
gefallen.
Dagegen war es ein verhängnisvoller Charakterzug gerade der
nordischen
Bewegung, dass sie zunächst immer als Reaktion auftreten, dass sie
immer niederreissen musste, ehe sie ans Aufbauen denken konnte. Gerade
dieser negative Charakter gestattet jedoch eine schier
unübersehbare
Menge sehr verschiedenartiger historischer Thatsachen unter den einen
Begriff
zu vereinigen: E m p ö r u n g g e g e
n
R o m. Von dem Auftreten des Vigilantius an, im 4.
Jahrhundert
(gegen den die Wohlfahrt der Völker bedrohenden Unfug des
Mönchtums),
bis zu Bismarck's Kampf gegen die Jesuiten — ein Zug der Verwandtschaft
verbindet alle diese Bewegungen; denn, wie ver-
611
schieden auch der Impuls sein mag, der
zur Empörung treibt, Rom selber stellt eine einheitliche, so
eisern
logische, so massiv festgestaltete Idee dar, dass alle Gegnerschaft
gegen
sie eine besondere, einigermassen gleichartige Färbung erhält.
——————
¹)
Vergl. Origenes: Gegen Celsus V, 64.
²)
Vergl. Harnack: Das apostolische Glaubensbekenntnis, 27. Aufl.
S.
9. Die Abweichungen sind nicht unbedeutend. Das jetzige sogenannte
„apostolische
Symbolum“ kam erst im 9. Jahrhundert in Gebrauch.
727 Der
Kampf. Religion.
Halten wir also
im
Interesse einer klaren Zusammenfassung diesen Begriff der
„Empörung
gegen Rom“ fest. Doch muss innerhalb seiner ein wichtiger Unterschied
beachtet
werden. Unter dem einheitlichen Äusseren beherbergt nämlich
der
Begriff „Rom“ zwei grundverschiedene Tendenzen: die eine fliesst aus
einem
christlichen Quell, die andere aus einem heidnischen; die eine strebt
einem
kirchlichen, die andere einem politischen Ideal zu. Rom ist, wie Byron
sagt, „an hermaphrodite of empire“. ¹) Auch hier wieder
das
unselige Zwitterhafte, das uns im Christentum auf Schritt und Tritt
begegnet!
Und zwar stehen nicht allein zwei Ideale — ein politisches und ein
kirchliches
— neben einander, sondern das politische Ideal Rom's,
jüdisch-heidnisch
in Fundamenten und Aufbau, birgt einen so grossartigen socialen Traum,
dass es zu allen Zeiten selbst mächtige Geister berückt hat,
während das eigentliche religiöse Ideal, durchdrungen wie es
auch sein mag von der Gegenwart Christi (so dass manche hohe Seele in
dieser
Kirche nur Christum erblickt), direkt antichristliche Vorstellungen und
Lehren ins Christentum eingeführt und nach und nach gross gezogen
hat. Manchen Mann von gutem Urteil bedünkte darum das politische
Ideal
Rom's religiöser als sein kirchliches. Erhielt nun die Auflehnung
gegen Rom eine gewisse Einheitlichkeit durch den Umstand, dass das
Grundprinzip
Rom's auf beiden Gebieten (dem politischen und dem religiösen) die
absolute Despotie ist, somit jeglicher Widerspruch Aufruhr bedeutet, so
begreift man dennoch leicht, dass in Wirklichkeit die Gründe zur
Empörung
für verschiedene Menschen sehr verschiedene waren. So nahmen z. B.
die germanischen Fürsten der früheren Zeit die religiöse
Lehre meistens ohne weiteres an, wie Rom sie predigte,
unbekümmert,
ob sie christlich oder unchristlich war, verfochten aber zugleich ihre
eigenen politischen Rechte gegen das aller römischen Religion zu
Grunde
liegende politische Ideal, mit seinem grossartigen Traum der
„Gottesstadt“
auf Erden, und gaben nur in äusserster Not einiges Wenige von
ihren
nationalen Ansprüchen preis; wogegen der
——————
¹)
The
Deformed transformed, I, 2.
728 Der
Kampf. Religion.
byzantinische Kaiser Leo in keinem
politischen
Rechte bedroht war und aus rein christlich-religiöser
Überzeugung,
um nämlich dem hereinbrechenden heidnischen Aberglauben Einhalt zu
thun,
612
gegen den Bilderdienst und damit
zugleich
gegen Rom den Kampf aufnahm. ¹) Wie kompliziert sind aber schon
diese
beiden Bei-
——————
¹)
Man lese in Bischof Hefele's Konziliengeschichte, Bd. III, die
ausführliche
und aggressiv parteiische Darstellung des Bilderstreites; man wird
sehen,
dass Leo der Isaurier und seine Ratgeber einzig und allein dem rapiden
Niedergang des religiösen Bewusstseins durch die Einführung
abergläubischer,
unchristlicher Gewohnheiten zu steuern versucht haben. Ein dogmatischer
Streit liegt nicht vor, ebensowenig ein politisches Interesse; im
Gegenteil,
durch sein mutiges Handeln reizt der Kaiser sein ganzes Volk,
geführt
von dem unabsehbaren Heer der ignoranten Mönche, gegen sich auf,
und
Hefele's psychologische Erklärung, es habe dem Kaiser an
ästhetischem
Gefühl gefehlt, ist wirklich zu kindisch naiv, um eine Widerlegung
zu verdienen. Dagegen sieht man täglich mehr ein, wie Recht Leo
mit
seiner Behauptung hatte, die Bilderverehrung bedeute einen
Rückfall
ins Heidentum. In Kleinasien verfolgt die Archäologie heute von
Ort
zu Ort die Umwandlung der früheren Götter in Mitglieder des
christlichen
Pantheons, die nach wie vor Lokalgötter blieben, zu denen man nach
wie vor hinpilgerte und noch heute pilgert. So z. B. wurde aus der
Riesen
tötenden Athene von Seleucia eine „heilige Thekla von Seleucia“;
die
Altäre der Jungfrau Artemis wurden nur umgetauft zu Altären
der
„Jungfrau Mutter Gottes“; der Gott von Colossus galt fortan als
Erzengel
Michael — — — Für die Bevölkerungen war der Unterschied kaum
bemerkbar (siehe Ramsay: The church in the Roman Empire, S. 466
fg.). Mit diesen uralten volksmässigen, durchaus unchristlichen
und
antichristlichen Superstitionen hing nun der ganze Bilderkult zusammen;
die Kirche konnte so viele „distinguo“ einführen wie sie
wollte,
das Bild blieb doch, wie der Stein zu Mekka, ein mit magischen
Kräften
begabter Gegenstand. Solchen Thatsachen gegenüber, die nicht nur
in
Kleinasien, sondern in ganz Europa die Fortdauer des Glaubens an lokale
wunderwirkende Gottheiten bis auf den heutigen Tag (so weit Rom's
Einfluss
reicht) bewirkten (man vergl. Renan: Marc-Aurèle, ch.
34)‚
nehmen sich die „B e w e i s e“, die Gregor
II. in seinen Briefen an Leo für die Bilderverehrung vorbringt,
sehr
drollig aus. Zwei sind es namentlich, welche schlagend wirken sollen.
Die
von Christus (Matth. IX, 20) geheilte Frau habe an jenem Orte,
wo
sie geheilt wurde, ein Standbild Christi errichtet, und Gott, weit
entfernt
zu zürnen, habe am Fusse der Bildsäule ein bisher unbekanntes
Heilkraut hervor-
729 Der
Kampf. Religion.
spiele, wenn man sie aufmerksam
betrachtet!
Denn jene germanischen Fürsten bestritten zwar die weltlichen
Ansprüche
des Papstes und die kirchliche Vorstellung der civitas Dei,
benützten
aber die päpstliche Autorität, sobald ihnen Vorteil daraus
erwuchs;
und andrerseits verfielen solche Menschen, die wie Vigilantius und Leo
der Isaurier aus rein religiösem Interesse gegen Dinge loszogen,
die
sie für unchristlichen Unfug hielten, ebenfalls in eine grosse
Inkonsequenz,
da sie die Autorität Rom's im Prinzip nicht bestritten, sich ihr
somit
logischer Weise hätten unterwerfen sollen. Die hier nur leise
angedeutete
Konfusion wird immer grösser, je genauer man die Sache untersucht.
Wer über weitausgedehntes Wissen verfügte und sich der
Darstellung
dieses einen Gegenstandes, der Empörung gegen Rom, widmete (etwa
vom
9. bis zum 19. Jahrhundert), würde das merkwürdige
613
Ergebnis zu Tage fördern, dass
Rom die ganze Welt gegen sich
——————
wachsen lassen! Das ist
der erste Beweis, der zweite ist noch schöner. Abgar, Fürst
von
Edessa, ein Zeitgenosse des Heilands, habe einen Brief an Christus
gerichtet,
und dieser ihm zum Dank sein Porträt gesandt!! (Hefele: a. a. O.,
S. 383 und 395). — Sehr merkwürdig und für die Beurteilung
des
römischen Standpunktes höchst lehrreich ist die Thatsache,
dass
der Papst dem Kaiser vorwirft (siehe a. a. O., S. 400), er habe den
Menschen
die Bilder geraubt und ihnen dafür „thörichte Reden und
musikalische
Possen“ gegeben. Das heisst also, Leo hat, genau so, wie wenige Jahre
später
Karl der Grosse es that, die P r e d i g t
wieder
in die Kirche eingeführt und für Erhebung des
Gemütes
d u r c h M u s i k gesorgt. Dies Beides
dünkte
dem römischen Mönch ebenso überflüssig wie der
Bilderdienst
ihm unerlässlich schien. Bedenkt man nun, dass Germanicia, die
Heimat
Leo's, an den Grenzen Isaurien's, eine jener erst spät von den
Kaisern
gegründeten Veteranenkolonien war (Mommsen: Römische
Geschichte,
3. Aufl., V, 310), bedenkt man, dass zahlreiche Germanen im Heere
dienten,
bedenkt man ferner, dass Leo der Isaurier ein Mann aus dem Volke war,
der
also nicht vermöge seiner Bildung, sondern vermöge seines
Charakters
sich hat von den echten Kleinasiaten so weit unterscheiden können,
um das gerade zu hassen, was diese liebten, so dürfte die Frage
wohl
in uns aufkeimen, ob dieser Ansturm auf römisch-heidnischen
Materialismus,
wenngleich im Süden zur Welt gekommen, nicht doch aus nordischer
Seele
geboren war? Manche Hypothese ruht auf schwächeren Füssen.
730 Der
Kampf. Religion.
gehabt hat und seine
unvergleichliche
Macht lediglich der zwingenden Gewalt einer unerbittlich logischen Idee
verdankt. Niemand verfuhr jemals logisch gegen Rom; Rom war stets
rücksichtslos
logisch für sich. Dadurch besiegte es ebensowohl den offenen
Widerstand
wie auch die zahlreichen inneren Versuche, ihm eine andere Richtung
aufzuzwingen.
Nicht Leo der Isaurier allein, der von aussen angriff, scheiterte, es
scheiterte
eben so sehr der heilige Franziskus von Assisi in seinem Bestreben, die
ecclesia
carnalis, wie er sie nannte, von innen zu reformieren; ¹) es
scheiterte
der apostolische Feuergeist, Arnold von Brescia, in seinem Wahne, die
Kirche
ihren weltlichen Zielen zu entrücken; es scheiterten die
Römer
in ihren wiederholten, verzweifelten Empörungen gegen die Tyrannei
der Päpste; es scheiterte Abälard — ein Fanatiker für
das
römische Religionsideal — in seinem Versuch, rationelleres,
höheres
Denken mit ihm zu verbinden; es scheiterte Abälard's Gegner,
Bernhard,
der Reformator des Mönchtums, der gern dem Papste und der ganzen
614
Kirche seine mystische
Religionsauffassung
aufgezwungen und „den unvergleichlichen Doktoren der Vernunft“ (wie er
sie spottend nennt) mit Gewalt den Mund geschlossen hätte; es
scheiterte
der fromme Abt Joachim in seinem Kampf gegen „die Vergötterung der
römischen Kirche“ und gegen die „fleischlichen Vorstellungen“ der
Sakramente; es scheiterte Spanien, das trotz seiner Katholizität
die
Beschlüsse des Tridentiner Konzils anzunehmen sich geweigert
hatte;
es scheiterte das devote österreichische Haus, sowie das
bayerische,
welche als Belohnung für ihre gesinnungslose Unterwürfigkeit
noch bis ins 17. Jahrhundert um die Beibehaltung des Laienkelches und
der
Priesterehe in ihren Staaten kämpften; ²) es scheiterte Polen
in seinen kühnen Reformations-
——————
¹)
Dass die geistige Entwickelung dieses bewundernswerten Mannes
höchst
wahrscheinlich unter dem direkten Einfluss der Waldenser stand, ist in
neuerer Zeit gezeigt worden und verdient die grösste Beachtung
(vergl.
Thode: Franz von Assisi, 1885, S. 31 fg.).
²)
Für diese Behauptung und die vorangehende vergl. des Stiftsherrn
Smets
bischöflich approbierte Ausgabe der Concilii Tridentini
canones
et decreta mit geschichtlicher Einleitung, 1854, S. XXIII.
731 Der
Kampf. Religion.
versuchen; ¹) es scheiterte
Frankreich,
trotz aller Zähigkeit, in seinem Versuch, sich den Schatten einer
halb unabhängigen gallikanischen Kirche zu bewahren — — — vor
allem
aber scheiterten, von Augustinus bis Jansenius, stets alle diejenigen,
welche die apostolische Lehre vom Glauben und von der Gnade in ihrer
reinen
Unverfälschtheit in das römische System einzuführen
suchten,
sowie, von Dante bis Lamennais und Döllinger, alle diejenigen,
welche
die Trennung von Kirche und Staat und die Religionsfreiheit des
Individuums
forderten. Alle diese Männer und Bewegungen — und ihre Zahl ist in
allen Jahrhunderten Legion — verfuhren, ich wiederhole es, unlogisch
und
inkonsequent; denn entweder wollten sie die zu Grunde liegende
römische
Idee reformieren, oder sie wollten sich innerhalb dieser Idee ein
gewisses
Mass von persönlicher, resp. nationaler Freiheit ausbedingen:
beides
eine offenbare Ungereimtheit. Denn das Grundprinzip Rom's ist (nicht
bloss
seit 1870, sondern seit jeher) seine göttliche Einsetzung und
daraus
folgende Unfehlbarkeit; ihm gegenüber kann Freiheit der Meinung
nur
frevelhafte Willkür sein; und was eine Reform anbelangt, so ist
darauf
hinzuweisen, dass die römische Idee, so verwickelt sie sich bei
näherer
Betrachtung uns auch erweist, doch ein organisches Produkt ist, ruhend
auf den festen Grundlagen mehrtausendjähriger Geschichte und
weiter
aufgebaut unter genauer Berücksichtigung des Charakters und der
Religionsbedürfnisse
aller jener Menschen, welche in irgend einer Beziehung dem
Völkerchaos
angehören — und wie weit dessen Bereich sich erstreckt, wissen wir
ja. ²) Wie konnte ein Mann
615
von Dante's Geistesschärfe sich
als orthodoxer römischer Katholik betrachten und dennoch die
Scheidung
der weltlichen und der geistlichen Gewalt, sowie die Unterordnung
dieser
unter jene verlangen? Rom i s t ja gerade der
Erbe
der höchsten weltlichen Gewalt; nur als seine mandatarii
führen
die Fürsten das Schwert, und Bonifaz VIII. erstaunte die Welt nur
durch seine Unumwundenheit, nicht durch die Neuheit seines
Standpunktes,
als er ausrief:
——————
¹)
Siehe S. 480.
²)
Vergl. S. 297 u. 319.
732 Der
Kampf. Religion.
ego sum Caesar! ego sum Imperator!
Sobald Rom diesen Anspruch aufgäbe (und sei er den
thatsächlichen
Verhältnissen gegenüber noch so theoretisch), so hätte
es
sich den Todesstoss versetzt. Man vergesse nie, dass die Kirche ihre
ganze
Autorität aus der Annahme schöpft, sie sei die Vertreterin
Gottes;
wie Antonio Perez mit echt spanischem Humor sagt: „El Dios del
cielo
es delicado mucho en suffrir compañero in niguna cosa,“ der
Gott des Himmels ist viel zu eifersüchtig, als dass er in irgend
einem
Dinge einen Nebenbuhler dulden würde. ¹) Und in diesem
Zusammenhange
übersehe man auch nicht, dass alle Ansprüche Rom's
historische
sind, die religiösen sowohl wie die politischen; auch sein
apostolisches
Primat leitet sich von einer historischen Einsetzung — nicht von irgend
einer geistigen Überlegenheit — ab. ²) Sobald Rom an irgend
einem
Punkte die lückenlose, historische Kontinuität
preisgäbe,
könnte es nicht ausbleiben, dass das ganze Gebäude bald
einstürzte;
und zwar wäre der gefährlichste Punkt gerade die
Anknüpfung
an die Suprematie des römischen weltlichen Imperiums, nunmehr zu
einem
göttlichen Imperium erweitert; denn die rein religiöse
Einsetzung
ist so sehr bei den Haaren herbeigezogen, dass noch Augustinus sie
bestritt, ³)
wogegen das thatsächliche Imperium eine der massivsten
grundlegenden
Thatsachen der Geschichte ist, und auch seine Auf-
616
fassung als „göttlichen Ursprungs“
(und darum unumschränkt) weiter zurückreicht und fester
wurzelt
als irgend eine evangelische
——————
¹)
Von Humboldt in einem Brief an Varnhagen von Ense vom 26. September
1845
citiert.
²)
Gerade gegen Petrus hat Christus Worte gerichtet, wie sonst gegen
keinen
Apostel: „Hebe dich, Satan, von mir, du bist mir ärgerlich, denn
du
meinest nicht was göttlich, sondern was menschlich ist“ (Matth.
XVI, 23). Und nicht allein das dreimalige Verleugnen Christi, sondern
auch
das von Paulus als „Heuchelei“ gegeisselte Benehmen in Antiochien (Gal.
II, 13) lassen uns in Petrus einen zwar heftigen, doch schwachen
Charakter
erkennen. Nimmt man also an, er habe wirklich das Primat erhalten, so
geschah
es jedenfalls nicht seines Verdienstes wegen, auch nicht um das
natürliche
Übergewicht seiner hervorragenden Grösse sicher zu stellen,
sondern
in Folge einer von Gott beliebten, historisch vollzogenen Einsetzung.
³)
Siehe oben S. 595.
733 Der
Kampf. Religion.
Tradition oder Lehre. Keiner nun von
jenen obengenannten wirklichen P r o t e s t a n t e n
—
denn sie, und nicht die aus der römischen Kirche Ausgetretenen
verdienen
diese negative Bezeichnung — keiner übte irgend einen dauernden
Einfluss
aus; innerhalb dieses festgefügten Rahmens war es ein Ding der
Unmöglichkeit.
Nimmt man ausführlichere Kirchengeschichten zur Hand, so ist man
erstaunt
über die grosse Anzahl hervorragender katholischer Männer,
welche
ihr ganzes Leben der Verinnerlichung der Religion, dem Kampf gegen
materialistische
Auffassungen, der Verbreitung augustinischer Lehren, der Abschaffung
priesterlichen
Unfugs u. s. w. widmeten; doch ihr Wirken blieb spurlos verloren. Um
innerhalb
dieser Kirche Dauerndes zu leisten, mussten bedeutende
Persönlichkeiten
entweder, wie Augustinus, sich selber widersprechen, oder, wie Thomas
von
Aquin, den spezifisch römischen Gedanken bei der Wurzel erfassen
und
die eigene Individualität resolut von Jugend auf darnach umbilden.
Sonst blieb nur ein einziger Ausweg: die völlige Emanzipation. Wer
mit Martin Luther ausrief: „Es ist aus mit dem römischen Stuhl!“)
— der gab den hoffnungslosen, widerspruchsvollen Kampf auf, in welchem
zuerst der hellenische Osten, nachher der ganze Norden, soweit er in
ihm
verharrte, besiegt zu Grunde ging: zugleich ermöglichte er, und er
allein, nationale Wiedergeburt, da, wer von Rom sich lossagt, zugleich
den Imperiumsgedanken abschüttelt.
So weit kam es in
der Zeit, die uns hier beschäftigt — mit alleiniger Ausnahme der
beginnenden
Waldenserbewegung — nicht. Der Kampf zwischen Nord und Süd war und
blieb ein ungleicher, innerhalb einer für autoritativ gehaltenen
Kirche
ausgefochtener. Sekten gab es unzählige, doch zumeist rein
theologische;
allenfalls hätte das Arianertum ein spezifisch germanisches
Christentum
abgeben können, doch fehlten seinen Bekennern die kulturellen
Voraussetzungen,
um propagandistisch wirken und ihren Standpunkt vertreten zu
können;
dagegen haben sich die armen Waldenser, trotzdem Rom sie zu wiederholten
——————
¹)
Sendschreiben des Jahres 1520 an Papst Leo X.
734 Der
Kampf. Religion.
Malen (zuletzt im Jahre 1685) alle —
soweit man ihrer habhaft werden konnte — hinschlachten liess, bis zum
heutigen
Tage erhalten und besitzen nunmehr in Rom selbst eine eigene Kirche:
ein
Beweis, dass, wer eben so konsequent ist wie Rom, Bestand hat, und sei
er noch so schwach.
Bisher war ich
gezwungen,
diesen Kampf gewissermassen à rebours zu zeichnen, eben
wegen
der Zersplitterung und In-
617
konsequenz der nordischen Männer
ihrem einheitlichen Gegner gegenüber. Ausserdem waren es wiederum
natürlich nur Andeutungen; Thatsachen sind wie die Mücken:
sobald
ein Licht angezündet ist, fliegen sie von selbst zu Tausenden zu
den
Fenstern herein. Darum will ich auch hier, zur Ergänzung des schon
Angedeuteten über den Kampf zwischen Nord und Süd, nur zwei
Männer
als Beispiele herausgreifen: einen Realpolitiker und einen
Idealpolitiker,
beide eifrige Theologen in ihren Mussestunden und begeisterte Kinder
der
römischen Kirche allezeit; ich meine Karl den Grossen und
Dante. ¹)
Karl
der Grosse
Wenn ein Mann sich
ein Recht erworben hatte, auf Rom Einfluss zu nehmen, so war es Karl;
er
hätte das Papsttum vernichten können, er hat es gerettet und
auf tausend Jahre inthronisiert; er — wie Niemand vor ihm oder nach ihm
— hätte die Macht besessen, wenigstens die Deutschen definitiv von
Rom zu scheiden; er that im Gegenteil das, was das Imperium in seinem
höchsten
Glanze nicht vermocht hatte, und verleibte sie samt und sonders einem
„heiligen“
und „römischen“ Reiche ein. Dieser
——————
¹)
Dante wurde im Jahre 1265 geboren, also innerhalb des grossen
Grenzjahrhunderts;
ausser dieser formellen Berechtigung, ihn hier zu nennen, ergiebt sich
eine weitere aus dem Umstand, dass das Auge dieses grossen Poeten nicht
allein voraus-, sondern auch zurückschaute. Dante ist mindestens
eben
so sehr ein Ende wie ein Anfang. Hebt eine neue Zeit von ihm an, so
liegt
das nicht zum wenigsten darin, dass er eine alte zum Abschluss gebracht
hat; namentlich in Bezug auf seine Anschauungen über das
Verhältnis
zwischen Staat und Kirche ist er ganz und gar in karlinisch-ottonischen
Anschauungen und Träumereien befangen und bleibt eigentümlich
blind für die grosse politische Umwälzung Europa's, die um
ihn
herum so stürmisch sich ankündet.
735 Der
Kampf. Religion.
so verhängnisvoll eifrige
Römling
war aber dennoch ein guter deutscher Mann, und nichts lag ihm mehr am
Herzen,
als diese Kirche, die er als Ideal so leidenschaftlich hoch
schätzte,
von oben bis unten zu r e f o r m i e r e n und
aus den Klauen des Heidentums loszureissen. An den Papst richtet er
ziemlich
grobe Briefe, in denen er über alles Mögliche polemisiert und
kirchlich anerkannte Konzilien ineptissimae synodi nennt; und
von
dem apostolischen Stuhle aus erstreckt sich seine Sorgfalt bis zu der
Untersuchung,
wie viele Konkubinen sich die Landpfarrer halten! Namentlich sorgt er
mit
Eifer dafür, dass die heilige Schrift, welche unter dem Einfluss
Rom's
fast ganz in Vergessenheit geraten war, den Priestern oder zumindest
den
Bischöfen von
618
Neuem bekannt werde; er wacht streng
darüber, dass die Predigt wieder eingeführt werde und zwar
so,
„dass sie das Volk verstehen kann“; er verbietet den Priestern, das
geweihte
SaIböl als Zaubermittel zu verkaufen; er verordnet, dass in seinem
Reiche keine neuen Heiligen angerufen werden dürfen, u. s.
w.
Kurz, Karl bewährt sich In zweifacher Beziehung als germanischer
Fürst:
erstens, er und nicht der Bischof, auch nicht der Bischof von Rom, ist
der Herr in seiner Kirche, zweitens, er erstrebt jene Verinnerlichung
der
Religion, welche dem Indoeuropäer eigen Ist. Am deutlichsten tritt
das beim Bilderstreit hervor. In den berühmten, an den Papst
gerichteten
libri
Carolini verurteilt Karl zwar den Ikonoklasmus, ebensosehr aber die
Ikonodulie. Bilder zum Schmuck und zur Erinnerung zu haben, sei
statthaft
und gut, meint er, doch sei es v o l l k o m m e
n
g l e i c h g ü l t i g, ob man sie habe oder nicht,
und
keinesfalls dürfe einem Bilde auch nur Verehrung, geschweige
Anbetung
gezollt werden. Hiermit stellte sich Karl in Widerspruch zur Lehre und
Praxis der römischen Kirche, und zwar mit vollem Bewusstsein und
indem
er ausdrücklich die Beschlüsse der Synoden und die
Autorität
der Kirchenväter verwarf. Man hat versucht und versucht noch in
den
modernsten Kirchengeschichten die Sache als ein Missverständnis
darzustellen;
das griechische Wort proskynesis sei fälschlich durch adoratio
übersetzt, dadurch Karl irregeführt worden u. s. w.
Doch
liegt der Schwerpunkt gar nicht in
736 Der
Kampf. Religion.
der kasuistischen Unterscheidung
zwischen
adorare,
venerari, colere, u. s. w., welche noch heute eine so grosse Rolle
in der Theorie und eine so kleine in der Praxis spielt; sondern es
stehen
zwei Anschauungen einander gegenüber: der Papst Gregor II. hatte
gelehrt:
gewisse Bilder sind wunderwirkend; ¹) Karl dagegen behauptet: alle
Bilder besitzen nur Kunstwert, an und für sich sind sie
gleichgültig,
die gegenteilige Annahme ist blasphematorischer Götzendienst. Die
siebente allgemeine Synode zu Nicäa hatte im Jahre 787 in ihrer
siebenten
Sitzung bestimmt, „den Bildern und anderen heiligen Geräten seien
Weihrauch und Lichter zu ihrer Verehrung darzubringen;“ Karl erwidert
darauf
wörtlich: „Es ist thöricht, vor den Bildern Lichter und
Weihrauch
anzuzünden.“ ²) Und so liegt die Sache ja noch heute. Gregor
I.
619
hatte (um das Jahr 600) den
Missionären
ausdrücklich befohlen, sie sollten die heidnischen
Lokalgötter,
sowie die zauberkräftigen Wasserquellen und dergleichen
unangetastet
lassen und sich damit begnügen, sie christlich umzutaufen; ³)
noch am Ausgang des 19. Jahrhunderts wird sein Rat befolgt;
verzweifelt,
doch ohne irgend einen dauernden Erfolg, kämpfen noch heute edle
katholische
Prälaten gegen das von Rom prinzipiell grossgezogene Heidentum. 4)
In jeder römischen Wallfahrtskirche befinden sich bestimmte
Bilder,
bestimmte Statuen, kurz Artefakten, denen eine meist ganz bestimmte,
beschränkte
Wirkung zugesprochen wird; oder es ist ein Brunnen, der an einer Stelle
hervorquoll, wo die Mutter Gottes erschienen war u. s. w.: dies ist
——————
¹)
Vergl. S. 613 Anm.
²)
Siehe die aktenmässige Darstellung in Hefele: Konziliengeschichte
III, 472 und 708. Es gehört wirklich Keckheit dazu, uns Laien
einreden
zu wollen, hier liege einfach ein unschuldiges Missverständnis
vor;
hier stehen im Gegenteil zwei getrennte Weltanschauungen, zwei Rassen
einander
gegenüber.
³)
Greg.
papae Epist. XI, 71 (nach Renan).
4)
Aus der Fülle der Belege einen einzigen: im Jahre 1825 bezeugt der
Erzbischof von Köln, Graf Spiegel zum Desenberg, in seinem
Erzbistum
sei „die wirkliche Jesus-Religion in krassen Bilderdienst
übergegangen“
(Briefe an Bunsen, 1897, S. 76). Was würde der hochwürdige
Herr
erst heute sagen!
737 Der
Kampf. Religion.
uralter Fetischismus, der im Volke
nie
ausstarb, von den kultivierten Europäern aber schon zu Zeiten
Homer's
vollständig überwunden gewesen war. Diesen Fetischismus hat
Rom
neu gestärkt und grossgezogen — vielleicht mit Recht, vielleicht
von
dem Instinkt geleitet, dass hier ein wahres und idealisierbares Moment
vorlag, etwas, was diejenigen Menschen, welche noch nicht „ins
Tageslicht
des Lebens eingetreten sind“, nicht entbehren können — und gegen
ihn
erhob sich Karl. Der Widerspruch ist offenbar.
Was hat nun Karl
in seinem Kampfe gegen Rom ausgerichtet? Im Augenblick Manches, auf die
Dauer gar nichts. Rom gehorchte, wo es musste, widerstand, wo es
konnte,
und ging seinen Weg ruhig weiter, sobald die machtvolle Stimme für
ewig verstummt war. ¹)
Dante
Noch weniger wenn
möglich als gar nichts richtete Dante aus, dessen Reformideen
weitgreifender
waren und von dem sein neuester und verdienter
römisch-katholischer
Biograph rühmt: „Dante hat nicht nach Art der Häresie eine
Reform
g e g e n die
620
Kirche, sondern d u r c
h die Kirche ins Auge gefasst und erhofft, er ist
katholischer,
nicht häretischer oder schismatischer Reformator.“ ²) Gerade
darum
hat er aber auch auf die Kirche — trotz seines gewaltigen Genies —
nicht
den geringsten Einfluss ausgeübt, weder im Leben noch im Tode.
„Katholischer
Reformator“ ist eine contradictio in adjecto, denn die Bewegung
der römischen Kirche kann nur darin bestehen, worin sie auch
thatsächlich
bestanden hat, dass ihre Grundsätze immer klarer, immer logi-
——————
¹)
Tausend Jahre nach Karl dem Grossen wird der Verkauf des „heiligen
Öls“
als häusliches Zaubermittel mit Schwung betrieben; so zeigt z. B.
eine in München bei Abt erscheinende Zeitung: Der Armen-Seelen
Freund, Monatsschrift zum Troste der leidenden Seelen im Fegfeuer,
im 4. Heft des Jahrganges 1898, „heiliges Öl aus der Lampe des
Herrn
Dupont in Tours“ à 30 Pfennig die Flasche an! Dieses Öl
wird
als besonders wirksam gegen Entzündungen gepriesen! (Der
Herausgeber
dieser Zeitschrift ist ein katholischer Stadtpfarrer; die Zeitschrift
steht
unter bischöflicher Censur. Der Hochadel soll Herrn Dupont's beste
Kundschaft sein.)
²)
Kraus: Dante (1897), S. 736.
738 Der
Kampf. Religion.
scher, immer unnachgiebiger
entwickelt
und ausgeübt werden. Ich möchte wissen, welcher Bannfluch
heute
den Mann treffen würde, der als Katholik es wagte, den Vertreter
Christi
auf Erden anzuherrschen:
- E che altro è da voi
all' idolatre,
- Se non ch'egli uno, e voi
n'orate cento? ¹)
und der, nachdem er die römische
Priesterschaft
als ein unchristliches, „unevangelisches Gezücht“ gebrandmarkt und
verhöhnt hätte, fortführe:
- Di questo ingrassa il porco,
sant' Antonio,
- Ed altri assai, che son peggio
che porci,
- Pagando di moneta senza
conio. ²)
Wie gänzlich alle diejenigen
nordischen
Männer, ³) welche von einer Reform „nicht gegen die Kirche,
sondern
durch die Kirche“ geträumt hatten, unterlegen sind, ersehen wir
gerade
daraus, dass heute keiner es wagen würde, diese Sprache zu
führen. 4)
Auch Dante's Betonung des Glaubens den Werken gegenüber:
- La fé, senza la qual ben
far non
basta
(siehe z. B. Purgatorio
XXII etc.) würde heute kaum geduldet werden. Doch das, worauf ich
hier die Aufmerksamkeit be-
621
sonders hinlenken möchte, ist,
dass Dante's Ansichten über das
——————
¹)
Inferno,
Canto XIX. „Was unterscheidet Euch denn von einem Götzendiener,
wenn
nicht, dass er einen einzigen und ihr hundert Götzen anbetet?“
²)
Paradiso,
Can. XXIX. „Aus dem Ertrag (der geschilderten Irreführung des
„dummen
Volkes“) mästet der heilige Antonius sein Schwein, und das selbe
thun
viele Andere, die schlimmer als die Schweine sind und mit
ungestempelter
Münze (d. h. mit Ablässen) bezahlen.“ Die Italiener scheinen
zu keiner Zeit eine besondere Bewunderung für ihre römischen
Priester gefühlt zu haben, auch Boccaccio nennt sie „Schweine, die
sich dahin flüchten, wo sie ohne Arbeit zu essen bekommen“ (Decamerone,
III, 3).
³)
Siehe S. 499 Anm.
4)
Dante würde es ergehen wie jenen „Kirchenvätern und
Heiligen“,
von denen Balzac in Louis Lambert schreibt: „heute würde
sie
die Kirche als Häretiker und Atheisten brandmarken.“
739 Der
Kampf. Religion.
rein geistige, der weltlichen Macht
untergeordnete Amt der Kirche durch die Absätze 75 und 76 des
Syllabus
vom Jahre 1864 einem zweifachen Anathema verfallen sind. Und zwar ist
dies
durchaus logisch, da, wie ich oben gezeigt habe, die Kraft Rom's in
seiner
Folgerichtigkeit und besonders darin liegt, dass es unter keiner
Bedingung
seine zeitlichen Ansprüche aufgiebt. Wahrlich, es ist eine
lendenlahme,
einsichtslose Orthodoxie, welche Dante heute weisszuwaschen sucht,
anstatt
offen zuzugeben, dass er zu der gefährlichsten Klasse der echten
Protestler
gehörte. Denn Dante ging weiter als Karl der Grosse. Diesem hatte
eine Art Cäsaropapismus vorgeschwebt, in welchem er, der Kaiser,
wie
Konstantin und Theodosius, die doppelte Gewalt besitzen sollte, im
Gegensatz
zur Papocäsarie, die der römische pontifex rnaximus
erstrebte;
er blieb also wenigstens innerhalb des echten römischen
Weltherrschaftsgedankens.
Dante dagegen forderte die gänzliche Trennung von Kirche und
Staat:
das aber wäre der Ruin Rom's, was die Päpste besser
verstanden
haben, als Dante und sein neuester Biograph. Dante schilt Konstantin
die
Ursache alles Übels, weil er den Kirchenstaat gegründet habe:
- Ahi, Costantin! di quanto mal
fu matre,
- Non la tua conversion, ma
quella dote
- Che da te prese il primo ricco
patre! ¹)
Und zwar verdient nach ihm Konstantin
doppelten
Tadel, einmal weil er die Kirche auf Irrwege geleitet, sodann weil er
sein
eigenes Reich geschwächt habe. Im 55. Vers des 20. Gesanges des Paradiso
sagt er, Konstantin habe, indem er der Kirche Macht verlieh, „die Welt
vernichtet“. Und verfolgt man diese Idee nun in Dante's Schrift De
Monarchia,
so stellt es sich heraus, dass hier eine durchaus heidnisch-historische
Lehre vorliegt: die Vorstellung, dass die Weltherrschaft das
rechtmässige
Erbe des römischen Reiches sei! ²) Wie ist es möglich,
so
nahe an der Grundidee von
——————
¹)
Inferno,
XIX. „O Constantin! wie vielen Übels ist Ursache nicht zwar deine
Bekehrung, das Geschenk aber, welches der erste reiche Vater (=Papst)
von
dir empfing.“
²) De
Monarchia, das ganze zweite Buch. Siehe aber nament-
740 Der
Kampf. Religion.
Rom's Kirchenmacht vorbeizustreifen
und sie doch nicht zu fassen? Denn gerade die Kirche ist ja die Erbin
jener
Welt-
622
macht. Durch ihre Besitzergreifung
entstand
erst die civitas Dei. Schon längst hatte Augustinus mit
einer
Gewalt der Logik, die man Dante und seinen Apologeten wünschen
möchte,
dargethan, die Macht des Staates beruhe auf der Macht der Sünde;
nunmehr,
da durch Christi Tod die Macht der Sünde gebrochen sei, habe der
Staat
sich der Kirche zu unterwerfen, mit anderen Worten, die Kirche stehe
fortan
an der Spitze des staatlichen Regimentes. Der Papst ist nach der
orthodoxen
Lehre der Vertreter Gottes, vicarius Dei in terris; ¹)
wäre
er bloss der „Vertreter Christi“ oder der „Nachfolger Petri“, so liesse
sich allenfalls das Amt als ein ausschliesslich seelsorgerisches
auffassen,
denn Christus sprach: Mein Reich ist n i c h t
von dieser Welt; doch wer sollte sich über den Vertreter der
allmächtigen
Gottheit auf Erden irgend eine Autorität anmassen? Wer dürfte
leugnen, dass das Zeitliche Gott ebenso untersteht, wie das Ewige? Wer
es wagen, ihm in irgend einer Beziehung die Suprematie zu verweigern?
Mag
also immerhin Dante in theologischen Glaubensdingen ein streng
orthodoxer
Katholik gewesen sein, der „an dem untrüglichen Lehramt der
Kirche“
nicht zweifelte ²) — auf solches
——————
lich Kap. 3‚ in welchem
die „göttliche Vorherbestimmung“ des römischen Volkes zur
Weltregierung
nicht etwa aus Deutungen alttestamentlicher Propheten oder gar aus der
Einsetzung Petri hergeleitet, sondern aus dem Stammbaum des Äneas
und der Kreusa nachgewiesen wird! Rasse, nicht Religion entscheidet bei
Dante!
¹)
Concilium
Tridentinum, decretum de reformatione, c. I.
²) Kraus a. a. O., S. 703 fg., scheint seine These siegreich zu
verfechten,
doch nicht zu ahnen, wie wenig solche formale Rechtgläubigkeit
bedeutet,
und wie gefährlich sein eigener Standpunkt für die
römische
Kirche ist. Ich kann mich ausserdem nicht enthalten, die Aufmerksamkeit
darauf zu lenken, dass Dante's berühmtes Glaubensbekenntnis am
Schlusse
des XXIV. Gesanges des Paradiso geradezu betrübend
abstrakt
ist. Kraus betrachtet als den endgültigen Beweis von Dantes
Orthodoxie
ein Credo, welches den Namen Jesu Christi gar nicht ausspricht! Mir
fällt
im Gegenteil auf, dass Dante sich lediglich an das allgemeine
Mythologische
hält. Und lasse ich nun eine Reihe anderer Aussprüche im
Gedächtnis
vorbeiziehen, so
623
741
Der Kampf. Religion.
dogmatische Fürwahrhalten kommt
wenig an, sondern es kommt darauf an zu wissen, was ein Mensch von
Hause
aus, durch die ganze Anlage seiner Persönlichkeit i s
t und sein m u s s, was ein
Mensch
w i l l und wollen m u s s, und
Dante
trieb es dazu, nicht bloss in heftigen Worten über die
unantastbare
Person des pontifex maximus herzufallen und alle Diener der
Kirche
fast unausgesetzt zu geisseln, sondern die Grundvesten der
römischen
Religion zu untergraben.
Auch dieser Angriff
prallte spurlos von den mächtigen Mauern Rom's ab.
Mit Absicht habe
ich den Kampf zwischen Nord und Süd nur in seiner
Erscheinung
i n n e r h a l b der römischen Kirche betont, und
zwar
nicht allein, weil ich von anderen Erscheinungen schon zu sprechen
Gelegenheit
hatte oder weil sie zeitlich und historisch erst in die nächste
Kulturepoche
gehören, sondern weil mich dünkt, dass gerade diese Seite der
Betrachtung meist ausser Acht gelassen wird und dass gerade sie
für
das Verständnis unserer Gegenwart von grosser Bedeutung ist. Durch
die Reformation erstarkte später die katholische Kirche; denn durch
——————
erhalte ich den
Eindruck,
dass Dante überhaupt (wie manche andere Männer seiner Zeit)
kaum
ein Christ zu nennen ist. Der grosse kosmische Gott im Himmel und die
römische
Kirche auf Erden: alles intellektuell und politisch, oder sittlich und
abstrakt. Man fühlt eine unendliche Sehnsucht nach Religion, doch
die Religion selbst, jener Himmel, der n i c h
t
mit äusserlichen Gebärden kommt, war dem edlen Geiste in der
Wiege gestohlen worden. Dante's poetische Grösse liegt nicht zum
wenigsten
in dieser furchtbaren Tragik des 13. Jahrhunderts, des Jahrhunderts
Innocenz'
III. und des Thomas von Aquin! Seine Hoffnung bescheidet sich mit der luce
intellettual (Par. XXX), und sein wahrer Führer ist
weder
Beatrice noch der heilige Bernhard, sondern der Verfasser der Summa
theologiae, der das fast gänzlich entchristlichte Christentum
und die Nacht einer — jedem Wissen und jeder Schönheit feindlichen
— Zeit durch das reine Licht der Vernunft zu beleuchten und zu
idealisieren
suchte. Thomas von Aquin bedeutet die rationalistische Ergänzung
einer
materialistischen Religion; ihm warf sich Dante in die Arme. (Siehe das
interessante, freilich eine ganz andere These verfechtende Buch eines
englischen
Katholiken, E. G. Gardner, Dante's Ten Heavens, 1898.)
742 Der
Kampf. Religion.
sie schieden unassimilierbare
Elemente
aus ihrer Mitte aus, die ihr in der Gestalt unterwürfiger und
dennoch
aufrührerischer Söhne — nach Art Karl's des Grossen und
Dante's
— weit mehr Gefahr brachten, als wären sie Feinde gewesen,
Elemente,
welche innerlich die logische Entwickelung des römischen Ideals
hemmten
und äusserlich sie wenig oder gar nicht fördern konnten. Ein
Karl der Grosse mit einem Dante als Reichskanzler hätte die
römische
Kirche in den Grund gebohrt; ein Luther dagegen klärt sie
dermassen
über sich selbst auf, dass das Konzil von Trient den Morgen eines
neuen Tages für sie bedeutet hat.
Religiöse
Rasseninstinkte
Auf die schon
früher
berührten Rassenunterschiede will ich hier nicht
zurückkommen,
wenngleich sie dem Kampf zwischen Nord und Süd zu Grunde liegen;
Evidentes
braucht ja nicht erst erwiesen zu werden. Doch will ich diese kurze
Betrachtung
über die nordische Kraft im christlichen Religionskampf nicht
abbrechen
und zu „Rom“ übergehen, ohne den Leser gebeten zu haben, irgend
ein
gutes Geschichtswerk zur Hand zu nehmen, z. B. den ersten Band von
Lamprecht's
Deutscher
Geschichte; ein aufmerksames Studium wird ihn überzeugen, wie
tief eingewurzelt im germanischen Volkscharakter gewisse
Grundüberzeugungen
sind; zugleich wird er einsehen lernen, dass, wenn auch Jakob Grimm mit
seiner Behauptung, „germanische Kraft
624
habe den Sieg des Christentums
entschieden“, ¹)
Recht haben mag, dieses Christentum sich von dem des Völkerchaos
von
Hause aus wesentlich unterscheidet. Es handelt sich gleichsam um Falten
des Gehirns: ²) was auch hineingelegt wird, es muss sich nach
ihnen
biegen und schmiegen. Gleichwie ein Boot, dem scheinbar
einförmigen
Elemente des Ozeans anvertraut, weit abweichende Wege wandern wird, je
nachdem der eine Strom oder der andere es ergreift, ebenso legen die
selben
Ideen in verschiedenen Köpfen verschiedene Bahnen zurück und
geraten unter Himmelsstriche, die wenig Gemeinsames miteinander haben.
Wie unendlich bedeutungsvoll ist z. B. bei den alten Germanen
——————
¹)
Geschichte
der deutschen Sprache, 2. Aufl., S. IV und 550.
²)
Vergl. S. 450.
743 Der
Kampf. Religion.
der Glaube an ein „allgemeines,
unabänderliches,
vorausbestimmtes und vorausbestimmendes Schicksal“! ¹) Schon in
dieser
einen, allen Indoeuropäern gemeinsamen „Hirnfalte“ liegt —
vielleicht
neben manchem Aberglauben — die Gewähr einer reichen geistigen
Entwickelung
nach den verschiedensten Richtungen und auf genau bestimmten Wegen. In
der Richtung des Idealismus wird der Glaube an ein Schicksal mit
Naturnotwendigkeit
zu einer Religion der Gnade führen, in der Richtung der Empirie zu
streng induktiver Wissenschaft. Denn streng empirische Wissenschaft ist
nicht, wie häufig behauptet wird, eine geborene Feindin aller
Religion,
noch weniger der Lehre Christi; sie hätte sich, wie wir sahen, mit
Origenes vortrefflich vertragen, und im neunten Kapitel werde ich
zeigen,
dass Mechanismus und Idealismus Geschwister sind; Wissenschaft kann
aber
ohne den Begriff der lückenlosen Notwendigkeit nicht bestehen, und
darum ist, wie selbst ein Renan zugeben muss, „jeder semitische
Monotheismus
von Hause aus ein Gegner aller physischen Wissenschaft“. ²) Wie
das
Judentum, so postuliert das unter römischem Einfluss entwickelte
Christentum
als Grunddogma die unbeschränkte schöpferische Willkür;
daher der Antagonismus und der nie endende Kampf zwischen Kirche und
Wissenschaft;
bei den Indern bestand er nicht; den Germanen ist er nur künstlich
aufgenötigt worden. ³) Ebenso bedeutend ist die Thatsache,
dass
für die alten Germanen — genau so wie bei den Indern und Griechen
— die sittliche Be-
625
trachtung sich nicht in die Frage nach
Gut und Böse zuspitzte. 4)
Hieraus
musste sich mit der selben Notwendigkeit die Religion des Glaubens im
Gegensatz
zur Religion der Werke entwickeln, d. h. Idealismus im Gegensatz zu
Materialismus,
Innerliche, sittliche
——————
¹)
A. a. O., 2. Auflage I, 191. Wozu man meine Ausführungen Kap.
3, S. 242 vergleichen möge.
²)
Origines
du Christianisme, VII, 638.
³)
Siehe S. 407.
4)
Lamprecht, a. a. O., S. 193. Lamprecht selber hat, wie die meisten
unserer
Zeitgenossen, keine Ahnung von dem Sinn dieser Erscheinung (die ich im
neunten Kapitel ausführlich erörtere). Er meint: „der
sittliche
Individualismus schlummerte noch“!
744 Der
Kampf. Religion.
Umkehr im Gegensatz zu semitischer
Gesetzesheiligkeit
und römischem Ablasskram. Hier halten wir übrigens ein
vorzügliches
Beispiel von der Bedeutung der blossen R i c h t u n
g,
d. h. also der blossen Orientierung im geistigen Raume. Denn nie hat
irgend
ein Mensch gelehrt, ein Leben könne gut sein ohne gute
Werke, ¹)
und umgekehrt ist es die stillschweigende Voraussetzung des Judentums
und
ein Religionssatz der Römlinge, dass gute Werke ohne Glauben
unnütz
sind; an und für sich ist also jede der beiden Auffassungen gleich
edel und moralisch; je nachdem aber das Eine oder das Andere betont
wird,
gelangt man dazu, das Wesen der Religion in die innerliche Umwandlung
des
Menschen, in seine Gesinnung, in seine ganze Art zu denken und zu
fühlen
zu legen, oder aber es treten äussere Observanzen, äusserlich
bewirkte Erlösung, Buchführung über gute und böse
Thaten
und die Berechnung der Sittlichkeit nach Art eines Gut-
626
habens ein. ²) Kaum minder
bemerkenswert
sind solche Dinge
——————
¹)
Unglaublich ist es, dass noch heutigen Tages selbst in
wissenschaftlichen
römischen Werken gelehrt wird (siehe z. B. Brück: Lehrbuch
der Kirchengeschichte, 6. Auflage, S. 586), Luther habe gepredigt,
wer glaube, möge nur lustig darauf lossündigen. Auf diese
lasterhafte
Dummheit genüge folgendes Citat als Erwiderung: „Wie nun die
Bäume
müssen eher sein denn die Früchte, und die Früchte nicht
die Bäume weder gut noch böse machen, sondern die Bäume
machen die Früchte, also muss der Mensch in der Person zuvor fromm
oder böse sein, e h e e r g u
t e o d e r b ö s e W e r k
e
t h u t. Und seine Werke machen ihn nicht gut oder
böse,
sondern er macht gute oder böse Werke. Desgleichen sehen wir in
allen
Handwerken: ein gutes oder böses Haus macht keinen guten oder
bösen
Zimmermann, sondern ein guter oder böser Zimmermann macht ein
böses
oder gutes Haus; kein Werk macht einen Meister, danach das Werk ist,
sondern
wie der Meister ist, danach ist sein Werk auch“ (Von der Freiheit
eines
Christenmenschen).
²)
Schon in alten Zeiten war bei den Israeliten „die ganze Idee von Gut
und
Böse auf einen Geldtarif zurückgeführt“ (R. Smith: Prophets
of Israel, p. 105), so dass Hosea klagen musste: „Die Priester
fressen
die Sündopfer meines Volkes, und sind b e g i e r i
g
nach ihren Sünden“ (IV, 8). Ich erinnere mich, in Italien einem
wortbrüchigen
Mann mit seinen eigenen Gewissensbissen gedroht zu haben. „Ach was!
bester
Herr“, erwiderte er, „das war ja nur eine kleinere Lüge; sieben
Jahre
Fegfeuer, zehn Soldi wird mich das
745 Der
Kampf. Religion.
wie die Unmöglichkeit, den
alten
Germanen den Begriff „Teufel“ beizubringen; Mammon übersetzte
Wulfila
mit „Viehgedräng“, doch Beelzebub und Satan musste er
unübersetzt
lassen. ¹) Die glücklichen Menschen! Und wie viel giebt das
zu
denken, wenn man sich an die jüdische Religion der Furcht und an
des
Basken Loyola stete Betonung von Teufel und Hölle erinnert!
²)
Andere Dinge wieder sind von rein historischem Interesse, wie z. B. die
Thatsache, dass die Germanen kein berufsmässiges Priestertum
besassen,
jegliche Theokratie ihnen folglich fremd war, was übrigens, wie
Wietersheim
zeigt, das Eindringen des römischen Christentums sehr erleichtert
hat. ³) Doch will ich diese Nachforschungen über angeborene
Religionsrichtungen
dem Leser überlassen, damit mir der nötige Raum
——————
kosten!“ Ich dachte, er
habe mich zum Besten, und als die beiden Franziskaner das nächste
Mal an meine Thüre klopften, fragte ich die ehrwürdigen
Herren,
wie der Himmel eine „kleinere“ Lüge bestrafe. „Sieben Jahre
Fegfeuer!“
war die sofortige einstimmige Antwort, „doch Ihr seid ein
Wohlthäter
von Assisi, es wird Euch vieles erlassen werden.“ — Interessant ist es
zu sehen, wie die Westgoten bereits im 6. Jahrhundert gegen „die
Unordnung
im Busswesen, dass man nach Belieben sündigt und immer wieder vom
Priester die Rekonciliation verlangt“, ankämpfen (Hefele: a. a.
O.,
III, 51): immer wieder Symptome des Kampfes der Germanen gegen eine
innerlich
fremde Religion. Einzelheiten über den Tarif des Ablasses für
Geld oder Geisselhiebe kurz vor dem ersten Kreuzzug findet man in
Gibbon's
Roman
Empire, Kap. LVIII.
¹)
Lamprecht: a. a. O., S. 359.
²)
Siehe S. 228 und 525. Dieser timor servilis blieb auch
fernerhin
die Grundveste aller Religion in Loyola's Orden. Sehr unterhaltend ist
in dieser Beziehung ein von Parkman: Die Jesuiten in Nord-Amerika,
S. 148, mitgeteilter Brief eines kanadensischen Jesuiten, der für
seine junge Gemeinde Bilder bestellt: 1 Christus, 1 âme
bienheureuse,
mehrere heilige Jungfrauen, eine ganze Auswahl verdammter Seelen! Man
wird
hierbei an die von Tylor (Anfänge der Kultur, II, 337)
erzählte
Anekdote erinnert. Ein Missionär disputierte mit einem
Indianerhäuptling
und sagte ihm: „Mein Gott ist gut, aber er bestraft die Gottlosen“;
worauf
der Indianer entgegnete: „Mein Gott ist auch gut, aber er bestraft
Niemanden,
zufrieden damit, Allen Gutes zu thun.“
³)
Völkerwanderung,
2. Ausgabe, II, 55.
746 Der
Kampf. Religion.
bleibt, um über die dritte
grosse
Macht im Kampfe noch einiges vorbringen zu können in
Ergänzung
dessen, was schon bei Besprechung von Ost und Nord angedeutet werden
musste.
Rom
Die Kraft Rom's lag
vor Allem in der Fortdauer des Imperiumgedankens, ja, ursprünglich
in der thatsächlichen Fortdauer der kaiserlichen Gewalt. Ein
heidnischer
Kaiser war es, wie wir gesehen haben (S. 572), der
zuerst einen Streit zwischen Christen
627
dadurch schlichtete, dass er die Stimme
des römischen Bischofs als ausschlaggebend bezeichnete, und der
wahre
Begründer des römischen Christentums als Weltmacht ist nicht
irgend ein Papst oder Kirchenvater oder ein Concilium, sondern Kaiser
Theodosius.
Theodosius war es, der aus eigener Machtvollkommenheit durch sein Edikt
vom 10. Januar 381 verordnete, alle Sekten ausser der von ihm zur
Staatsreligion
erhobenen seien untersagt, und der sämtliche Kirchen zu Gunsten
Roms
konfiszierte; er war es, der das Amt eines „Reichsinquisitors“
gründete
und jede Abweichung von der von ihm anbefohlenen Orthodoxie mit dem
Tode
bestrafte. Wie sehr aber die ganze Auffassung des Theodosius eine
„imperiale“,
nicht eine religiöse oder gar apostolische war, geht zur
Genüge
aus der einen Thatsache hervor, dass Irrglaube und Heidentum juristisch
als M a j e s t ä t s v e r b r e c h e n
bezeichnet wurden. ¹) Die volle Bedeutung dieses Sachverhalts
versteht
man erst, wenn man zurückblickt und gewahrt, dass zwei
Jahrhunderte
früher selbst ein so feuriger Geist wie Tertullian allgemeine
Duldsamkeit
gefordert hatte, indem er meinte, ein Jeder solle Gott seiner eigenen
Überzeugung
gemäss verehren. eine Religion könne der andern nichts
schaden,
und wenn man ferner sieht, dass hundertundfünfzig Jahre vor
Theodosius
Clemens von Alexandrien das griechische „hairesis“ noch im alten Sinne
gebraucht, nämlich zur Bezeichnung einer besonderen Schule im
Gegensatz
zu anderen Schulen, ohne dass diesem Begriff ein
——————
¹)
Ich nenne Theodosius, weil er neben dem Willen die Macht besass; doch
sein
Vorgänger Gratian war es, der den Begriff der „Orthodoxie“ zuerst
aufgestellt hatte und zwar ebenfalls als rein staatliche Angelegenheit;
wer nicht rechtgläubig war, verlor sein Staatsbürgerrecht.
747 Der
Kampf. Religion.
Tadel innegewohnt hätte.
¹)
Die Häresie als Verbrechen ist, wie man sieht, ein Erbstück
des
römischen Imperialsystems; der Gedanke kam erst auf, als die
Kaiser
Christen geworden waren, und er beruht, ich wiederhole es, nicht auf
religiösen
Voraussetzungen, sondern auf der Vorstellung, es sei
Majestätsbeleidigung,
anders zu glauben als der Kaiser glaubt. Dieses kaiserliche Ansehen
erbte
später der pontifex maximus.
Sowohl über
die Gewalt des echten römischen Staatsgedankens, wie ihn die
Geschichte
des nur zu früh entschwundenen unvergleichlichen Volkes klar
hinstellt,
wie auch über die tief eingreifenden Modifikationen, welche diese
Idee gewissermassen in ihr Gegenteil verkehrten, sobald ihr
Schöpfer,
das Volk der
628
Römer, verschwunden war, habe ich
ausführlich im zweiten Kapitel gesprochen und verweise hier
darauf. ²)
Die Welt war gewohnt, von Rom Gesetze zu erhalten, und zwar nur von
Rom;
sie war es so gewohnt, dass selbst das getrennte byzantinische Reich
sich
noch „römisch“ nannte. Rom und Regieren waren synonyme
Ausdrücke
geworden. Für die Menschen des Völkerchaos — das vergesse man
nicht — war Rom das Einzige, was sie zusammenhielt, die einzige
organisatorische
Idee, der einzige Talisman gegen die hereinbrechenden Barbaren. Die
Welt
wird eben nicht allein von Interessen regiert (wie mancher neueste
Geschichtsschreiber
lehrt), sondern vor Allem von Ideen, selbst dann noch, wenn diese Ideen
sich zu Worten verflüchtigt haben; und so sehen wir denn das
verwaiste,
kaiserlose Rom doch noch ein Prestige behalten, wie keine zweite Stadt
Europa's. Seit jeher hatte Rom für die Römer „die heilige
Stadt“
geheissen; dass wir sie noch heute so nennen, ist keine christliche
Gewohnheit,
sondern ein heidnisches Erbe; den alten Römern war eben, wie schon
an früherer Stelle (S.
136)
hervorgehoben, das Vaterland und die Familie das Heilige im Leben
gewesen.
Nunmehr freilich gab es keine Römer mehr; dennoch blieb Rom die
heilige
——————
¹)
Tertullian: Ad. Scap. 2; Clemens Stromata 7, 15 (beides
nach
Hatch: a. a. O., S. 329).
²)
Siehe namentlich S. 145 fg.
748 Der
Kampf. Religion.
Stadt. Bald gab es auch keinen
römischen
Kaiser mehr (ausser dem Namen nach), doch ein Bruchstück der
kaiserlichen
Gewalt war zurückgeblieben: der Pontifex maximus. Auch
hier
war etwas vorgegangen, was mit der christlichen Religion
ursprünglich
in keinerlei Zusammenhang stand. Früher, in vorchristlichen
Zeiten,
war die vollständige Unterordnung des Priestertums unter die
weltliche
Macht ein Grundprinzip des römischen Staates gewesen, man hatte
die
Priester geehrt, ihnen aber keinen Einfluss auf das öffentliche
Leben
gestattet; einzig in Gewissenssachen hatten sie Jurisdiktion besessen,
d. h. dass sie einem Selbstankläger (Beichte!) eine Strafe zur
Sühne
seiner Schuld (Busse!) auferlegen, oder eventuell ihn von dem
öffentlichen
Kult ausschliessen, ja, sogar mit dem göttlichen Bannfluch belegen
konnten (Exkommunikation). Doch als der Kaiser alle Ämter der
Republik
in seinen Händen vereinigt hatte, wurde es mehr und mehr Sitte,
das
Pontifikat als seine höchste Würde zu betrachten, wodurch
nach
und nach der Begriff des Pontifex eine Bedeutung erhielt, die
er
früher nie besessen hatte. Caesar war ja kein Titel, sondern nur
ein
Eponym; pontifex maximus bezeichnete dagegen fortan das
höchste
(und seit jeher das einzige lebenslängliche) Amt; als pontifex
war jetzt der Kaiser eine „geheiligte Maje-
629
stät“, und vor diesem „Vertreter
des Göttlichen auf Erden“ ¹) musste sich Jeder anbetend
verneigen
— ein Verhältnis, an welchem durch den Übertritt der Kaiser
zum
Christentum zunächst nichts geändert wurde. Doch hierzu kommt
noch ein Anderes. An diesem heidnischen pontifex maximus hing
eine
weitere wichtige Vorstellung und zwar ebenfalls schon seit den
ältesten
Zeiten: nicht sehr einflussreich nach aussen, war er innerhalb der
Geistlichkeit
das unbeschränkte Oberhaupt; die Priester waren es, die ihn
wählten,
sie erwählten aber in ihm ihren lebenslänglichen Diktator; er
allein ernannte die pontifices (die Bischöfe, wie wir
heute
sagen würden), er allein besass in allen Fragen die
——————
¹)
Dass diese aus uralter heidnischer Zeit datierende römische Formel
später vom Concilium Tridentinum für den christlichen
Papst aufgenommen wurde, haben wir oben gesehen.
749 Der
Kampf. Religion.
Religion betreffend das
endgültige
Entscheidungsrecht. ¹) Hatte nun der Kaiser sich das Amt des pontifex
maximus angemasst, so durfte später der pontifex maximus
des Christentums mit noch grösserem Recht sich seinerseits als Caesar
et Imperator betrachten (siehe S. 615), da er
inzwischen
thatsächlich das alles vereinigende Oberhaupt Europa's geworden
war.
Das ist der „Stuhl“
(die seit den Tagen Numa's berühmte sella), den der
christliche
Bischof im kaiserleeren Rom überkam, das ist die reiche Erbschaft
an Ansehen, Einfluss, Vorrechten, tausendjährig festgemauert, die
er antrat. Der arme Apostel Petrus hat wenig Verdienst daran. ²)
Rom besass also,
wenn nicht Bildung und Nationalcharakter, so doch die unermesslichen
Vorzüge
fester Organisation und altgeheiligter Tradition. Es dürfte
unmöglich
sein, den Einfluss der F o r m in menschlichen
Dingen zu überschätzen. Eine solche scheinbare Nebensache z.
B. wie die Auflegung der Hände zur Wahrung der materiellen,
sichtbaren,
historischen Kontinuität ist etwas von so unmittelbarer Wirkung
auf
die Phantasie, dass sie bei den Massen mehr wiegt, als die tiefsten
Spekulationen
und die heiligsten Lebensbeispiele. Und das alles ist altrömische
Schule, altrömische Erbschaft aus der vorchristlichen Zeit. Die
alten
Römer — sonst erfindungsarm — waren Meister in der dramatischen
Gestaltung
wichtiger symbolischer Handlungen ge-
——————
¹)
Diese Ausführungen nach Mommsen: Römisches Staatsrecht
und mit Benützung von Esmarch: Römische Rechtsgeschichte.
Wie gross übrigens die Autorität des pontifex maximus
im alten Rom war, geht zur Genüge aus einer Stelle bei Cicero
hervor
(De nat. Deorum, lib. III, c. 2), wo er sagt, in allen die
Religion
betreffenden Dingen befrage er einzig den pontifex maximus und
richte
sich nach dessen Aussage.
²)
Dass die Päpste thatsächlich den römischen Kaiserstuhl
bestiegen
und ihm ihre Machtansprüche verdanken, bezeugt neuerdings ein
römisch-katholischer
Kirchenhistoriker. Professor Franz Xaver Kraus schreibt in der Wissenschaftlichen
Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung vom 1. Februar 1900,
Nr. 26, S. 5: „Bald nachdem die Cäsaren aus den Palästen des
Palatin gewichen, setzten sich die Päpste in demselben fest, um so
in den Augen des Volkes u n b e m e r k t a
n
d i e S t e l l e d e r I m p e r a
t o r e n z u r ü c k e n.“
750 Der
Kampf. Religion.
wesen; ¹) die Neurömer
bewahrten
diese Tradition. Und so fand denn hier, und hier allein, das junge
Christentum
eine schon
630
bestehende Form, eine schon bestehende
Tradition, eine schon geübte staatsmännische Erfahrung, an
die
es sich anlehnen, in denen es zu fester, dauernder Gestalt sich
herauskrystallisieren
konnte. Es fand nicht allein die staatsmännische Idee, sondern
ebenfalls
die geübten Staatsmänner. Tertullian z. B., der den ersten
tödlichen
Schlag gegen das frei-spekulative hellenische Christentum that, indem
er
die lateinische Sprache an Stelle der griechischen in die Kirche
einführte
— eine Sprache, in der jede Metaphysik und Mystik unmöglich ist
und
in der die paulinischen Briefe ihrer tiefen Bedeutung entkleidet werden
— Tertullian war ein Rechtsanwalt und begründete „die Richtung der
abendländischen Dogmatik auf das Juristische“, einmal durch die
Betonung
des materiell gerichtlichen Moments in den religiösen
Vorstellungen,
sodann, indem er juristisch gefärbte, der lateinischen praktischen
Welt angepasste Begriffe in die Vorstellungen von Gott, von den „zwei
Substanzen“
Christi, von der Freiheit des (als juristisch verklagt gedachten)
Menschen
u. s. w. einführte. ²) Neben dieser theoretischen
Bethätigung
praktischer Männer gab es ihre organisatorische. Ambrosius z. B.,
die rechte Hand des Theodosius, war ein Civilbeamter und wurde zum
Bischof
gemacht, ehe er noch getauft worden war! Er selber erzählt
freimütig,
wie er „vom Tribunal fortgeholt wurde“, weil der Kaiser ihn an anderer
Stelle, nämlich in der Kirche, zu dem grossen Werk der
Organisation
verwenden wollte, und wie er dadurch in die peinliche Lage geriet,
Andere
über das Christentum belehren zu müssen, ehe er selber
darüber
Bescheid wusste. ³) Von solchen Männern sind die Grundlagen
der
römischen Kirche gelegt worden, nicht von den Nachfolgern Petri in
Rom, deren
——————
¹)
Siehe S. 166.
²)
Vergl. Harnack: a. a. O., S. 103. Über die unausbleiblich hemmende
Wirkung der lateinischen Sprache auf alle Spekulation und Wissenschaft
siehe Goethe's Bemerkungen in seiner Geschichte der Farbenlehre.
³)
Vergl. den Anfang von De officiis ministrorum.
751 Der
Kampf. Religion.
Namen in den ersten Jahrhunderten
kaum
bekannt sind. Von unberechenbarem Wert für die Einflussnahme der
Bischöfe
war z. B. die Verfügung Konstantin's, wonach in der
altrömischen
Rechtseinrichtung des receptum arbitrii (Schiedsgericht)
bestimmt
wurde, sobald der Bischof Schiedsrichter sei, bleibe sein Urteil
rechtskräftig
und ohne höhere Instanz; für die Christen war es in vielen
Fällen
religiöse Pflicht, sich an den Bischof zu wenden; nunmehr war
dieser
auch civilrechtlich ihr oberster
631
Richter. ¹) Aus diesem selben, rein
staatlichen, durchaus nicht religiösen Ursprung stammt auch die
imponierende
Idee strengster Einheitlichkeit in Glauben und Kultus. Ein Staat muss
offenbar
eine einzige, überall gültige, logisch ausgearbeitete
Verfassung
besitzen; die Individuen im Staate können nicht nach Belieben
Recht
sprechen, sondern müssen, ob sie wollen oder nicht, dem Gesetz
unterthan
sein; das alles verstanden diese rechtsanwältlichen
Kirchendoktoren
und rechtskundigen Bischöfe sehr gut, und das galt ihnen auch auf
religiösem Gebiete als Norm. Dieser enge Zusammenhang der
römischen
Kirche mit dem römischen Recht fand darin sichtbaren Ausdruck,
dass
die Kirche Jahrhunderte lang unter der Jurisdiktion dieses Rechtes
stand
und alle Priester in allen Ländern eo ipso als
R ö m e r betrachtet wurden und die vielen Privilegien
genossen, die an dieses rechtliche Verhältnis geknüpft
waren. ²)
Die Bekehrung der europäischen Welt aber zu diesem politischen und
juristischen Christentum geschah nicht, wie so häufig behauptet
wird,
durch ein göttliches Wunder, sondern auf dem nüchternen Wege
des Zwanges. Schon der fromme Eusebius (der lange vor Theodosius lebte)
klagt über „die unaussprechliche Heuchelei und Verstellung der
angeblichen
Christen“; sobald das Christentum die offizielle Religion des Reiches
geworden
war, brauchte man nicht einmal mehr zu heucheln;
——————
¹)
Auch dies war keine neue, christliche Erfindung; schon von Alters her
hatte
es in Rom im Gegensatz zum jus civile ein jus pontificium
gegeben; nur hatte der gesunde Sinn des freien römischen Volkes
diesem
nie gestattet, praktischen Einfluss zu gewinnen. (Siehe Mommsen: a. a.
O., S. 95.)
²)
Savigny: Römisches Recht im Mittelalter, Band I, Kap. 3.
752 Der
Kampf. Religion.
man ward Christ, wie man seine
Steuern
zahlt, und „römischer Christ“, weil man dem Kaiser geben muss, was
des Kaisers ist; jetzt war ja die Religion ebenso wie der Erdboden des
Kaisers Eigentum geworden.
Das Christentum als
obligatorische Weltreligion ist also nachweisbar ein römischer
Imperialgedanke,
nicht eine religiöse Idee. Als nun das weltliche Imperium
verblasste
und hinschwand, blieb dieser Gedanke zurück; die von den Kaisern
dekretierte
Religion sollte den Kitt abgeben für die aus den Fugen geratene
Welt;
allen Menschen geschah dadurch eine Wohlthat, und darum gravitierten
die
Vernünftigeren immer wieder nach Rom zu, denn dort allein fand man
nicht blossen religiösen Enthusiasmus, sondern eine schon
bestehende
praktische Organisation, die sich auch nach allen Seiten unermüdet
bethätigte, jede Gegenbewegung mit allen Mitteln niederzuschlagen
bestrebt war, Menschenkenntnis, diplomatische Gewandtheit und vor Allem
eine mittlere unverrückbare Achse besass — Bewegung nicht
ausschliessend,
doch Bestand verbürgend — nämlich das unbedingte Primat Rom's,
632
d. h. des pontifex maximus.
Hierin
lag zunächst und zuvörderst die Kraft des römischen
Christentums,
sowohl gegen Osten, wie gegen Norden. Dazu kam noch als Weiteres die
Thatsache,
dass Rom, im geographischen Mittelpunkt des Völkerchaos gelegen
und
zudem fast ausschliesslich weltlich und staatsmännisch beanlagt,
den
Charakter und die Bedürfnisse der Mestizenbevölkerung genau
kannte
und durch keine tiefeingewurzelten nationalen Anlagen und nationalen
Gewissenspostulate
(wenn ich mich so ausdrücken darf) daran verhindert war, nach
allen
Seiten Entgegenkommen zu zeigen: unter dem einen Vorbehalt, dass sein
Oberherrnrecht
unbedingt anerkannt und gewahrt blieb. Rom war also nicht allein die
einzige
festgefügte kirchliche Macht des ersten Jahrtausends, sondern auch
die am meisten elastische. Nichts ist halsstarriger als ein
religiöser
Fanatiker; selbst der edelste Religionsenthusiasmus wird sich nicht
leicht
an eine abweichende Auffassung anpassen. Rom dagegen war streng und,
wenn
es sein musste, grausam, doch niemals wirklich fanatisch, wenigstens
nicht
in religiösen Dingen und in früheren Zeiten. Die
753 Der
Kampf. Religion.
Päpste waren so tolerant, so
sehr
bestrebt, Alles auszugleichen und die Kirche allen Schattierungen
annehmbar
zu machen, dass später einige von ihnen, die schon lange das
Zeitliche
gesegnet hatten, im Grabe exkommuniziert werden mussten, der
Einheitlichkeit
der Doktrin zuliebe! ¹) Augustinus z. B. hatte seine Not mit Papst
Zosimus, der das Dogma des Peccatum originale nicht für
wichtig
genug hielt, um dessentwegen den gefährlichen Kampf mit den
Pelagianern
heraufzubeschwören, zumal diese gar nicht antirömisch gesinnt
waren, sondern im Gegenteil dem Papst mehr Rechte zugestanden als ihre
Gegner. ²) Und wer von hier an die Kirchengeschichte verfolgt bis
zu
dem grossen Streit über die Gnade zwischen den Jesuiten und den
Dominikanern
im 17. Jahrhundert (im Grunde genommen die selbe Sache wie dort, nur am
anderen Ende angefasst und ohne einen Augustinus, um dem Materialismus
den Riegel vorzuschieben) und sieht, wie der Papst den Streit dadurch
beizulegen
suchte, „dass er beide Systeme tolerierte (!) und den Anhängern
derselben
verbot, sich gegenseitig zu verketzern“, ³) wer, sage ich, mit
prüfendem
Auge
633
diese Geschichte verfolgt, wird finden,
dass Rom von seinen Machtansprüchen nie ein Jota preisgab, sonst
aber
so duldsam war, wie keine andere Kirchenorganisation. Erst die
religiösen
Heisssporne in seiner Mitte, namentlich die vielen inneren
Protestanten,
sowie die heftige Opposition von aussen zwangen nach und nach dem
päpstlichen
Stuhle eine immer bestimmtere, immer einseitiger werdende dogmatische
Richtung
auf, bis zuletzt ein unüberlegter pontifex maximus des 19.
Jahrhunderts der gesamten europäischen Kultur in seinem Syllabus
den Krieg erklärte. 4) Das
Papsttum
war früher weiser; der grosse Gregor
——————
¹)
Von mindestens einem Papste, Honorius, ist das nunmehr endgültig
erwiesen
(siehe Hefele, Döllinger u. s. w.).
²)
Siehe Hefele: Konziliengeschichte, 2. Aufl. II, 114 ff. und 120
fg.
³)
Brück: Lehrbuch der Kirchengeschichte, 6. Aufl., S. 744
(orthodox
römisch-katholisch).
4)
Da die Behauptung, der Papst habe „in seinem Syllabus der gesamten
europäischen
Kultur den Krieg erklärt“ auf Widerspruch gestossen ist, erinnere
ich an den Wortlaut des § 80 des genannten
754 Der
Kampf. Religion.
beklagt sich bitter über die
Theologen,
die mit der Natur der Gottheit und anderen „unbegreiflichen Dingen“
sich
und Andere quälen, anstatt sich praktischen und wohlthätigen
Aufgaben zu widmen. Rom wäre froh gewesen, wenn es gar keine
Theologen
gegeben hätte. Wie Herder richtig bemerkt: „Ein Kreuz, ein
Marienbild
mit dem Kinde, eine Messe, ein Rosenkranz thaten zu seinem Zwecke mehr,
als viel feine Spekulationen würden gethan haben.“ ¹)
Dass diese Laxheit
mit ausgesprochener Weltlichkeit Hand in Hand ging, ist
selbstverständlich.
Und auch das war ein Element der Kraft. Der Grieche grübelte und
„sublimierte“
zu viel, der religiöse Germane meinte es zu ernst; Rom dagegen
wich
niemals vom goldenen Mittelweg ab, auf welchem die ungeheuere Mehrzahl
der Menschen am liebsten wandelt. Man braucht nur die Werke des
Origenes
zu lesen (als ein Muster dessen, was der Osten erstrebte) und dann etwa
im scharfen Gegensatz hierzu Luther's Von der Freiheit eines
Christenmenschen
(als Zusammenfassung dessen, was der Norden sich unter Religion
dachte),
um sofort zu begreifen, wie wenig das eine und das andere für die
Menschen des Völkerchaos passen konnte — und nicht für sie
allein,
sondern für Alle, die irgendwie von dem Gifte der promiscua
connubia
angesteckt waren. Ein Luther setzt Menschen voraus, die in sich selbst
einen starken Halt finden, Menschen, fähig, innerlich so zu
kämpfen,
wie er gekämpft hat; ein Origenes bewegt sich auf Höhen der
Erkenntnis,
wo die Inder heimisch waren, doch wahrlich nicht die Einwohner des
römischen
Reiches, nicht einmal ein Mann wie Augustinus. ²) Rom
——————
Dokumentes: Si quis
dixit: Romanus Pontifex potest ac debet cum progressu, cum liberalismo
et cum recenti civilitate sese reconciliare et componere; anathema sit.
¹)
Ideen
zur Geschichte der Menschheit XIX. 1, 1.
²)
Dass Augustinus das hellenische Denken nicht begriff, wurde ihm schon
von
Hieronymus vorgeworfen. Wie sehr das von der ganzen römischen
Kirche
galt, kann Jeder leicht einsehen lernen, der sich die Mühe nimmt,
in Hefele: Konziliengeschichte, Bd. II, S. 255 fg. das Edikt
des
Kaisers Justinian gegen Origenes und die fünfzehn
634
755
Der Kampf. Religion.
dagegen verstand auf das Genaueste,
wie ich soeben bemerkte, den Charakter und die Bedürfnisse jener
buntgemischten
Bevölkerung, welche Jahrhunderte hindurch Träger und
Vermittler
der Civilisation und der Kultur sein sollte. Rom forderte weder
Charaktergrösse
noch selbständiges Denken von seinen Anhängern, das nahm
ihnen
die Kirche selber ab; für jede Begabung, für jede
Schwärmerei
hatte es zwar Platz — unter der einen Bedingung des Gehorsams — doch
bildeten
solche begabte und schwärmerische Menschen nur Hilfstruppen; denn
das Augenmerk blieb unverrückt der grossen Menge zugewandt, und
für
sie wurde nun die Religion so vollständig aus Herz und Kopf in die
sichtbare Kirche verlegt, dass sie Jedem zugänglich, Jedem
verständlich,
Jedem zum Greifen deutlich gemacht war. ¹) Niemals
——————
Anathematismen der
constantinopolitanischen
Synode des Jahres 543 über ihn zu lesen. Was diese Leute
übersahen,
ist für die Beurteilung ihrer Geistesanlagen ebenso lehrreich wie
das, was sie des Anathemas würdig fanden. Dass z. B. Origenes das
peccatum
originale als schon v o r dem sogenannten
Sündenfalle
bestehend annimmt, haben die Eiferer gar nicht bemerkt, und doch ist
das,
wie ich oben zeigte, der Mittelpunkt seiner durch und durch
antirömischen
Religion. Dagegen war es ihnen ein höchster Greuel, dass dieser
klare
hellenische Geist die Mehrheit bewohnter Welten als ein
Selbstverständliches
voraussetzte und dass er lehrte, die Erde müsse nach und nach im
Laufe
eines Entwickelungsprozesses geworden sein. Am entsetzlichsten fanden
sie
aber, dass er die Vernichtung des Körpers im Tode als eine
Befreiung
pries (wogegen diese von Rom geleiteten Menschen des Völkerchaos
sich
die Unsterblichkeit nicht anders denn als das ewige Leben ihres elenden
Leibes denken konnten). U. s. w., u. s. w. Manche Päpste, z. B.
Cölestin,
der Zermalmer des Nestorius, verstanden kein Wort Griechisch und
verfügten
überhaupt nur über eine geringe Bildung, was Niemand wundern
wird, der durch Hefele's Konziliengeschichte belehrt worden
ist,
dass gar mancher jener Bischöfe, die durch ihre
Majoritätsbeschlüsse
das christliche Dogma begründeten, weder lesen noch schreiben,
nicht
einmal den eigenen Namen unterschreiben konnte.
¹)
Die temperamentvolle afrikanische Kirche war hier, wie in so manchen
Dingen,
der römischen mit gutem Beispiel vorangegangen und hatte in ihr
Glaubensbekenntnis
die Worte aufgenommen: „Ich glaube Sündenvergebung,
Fleischesauferstehung
und ewiges Leben d u r c h d i e h
e i l i g e K i r c h e (siehe Harnack: Das
apostolische Glaubensbekenntnis, 27. A., S. 9).
756 Der
Kampf. Religion.
hat eine Institution eine so
bewundernswerte,
zielbewusste Kenntnis des mittleren Menschenwesens gezeigt wie jene
Kirche,
welche sich schon sehr zeitig um den römischen pontifex maximus
als Mittelpunkt zu organisieren begann. Von den Juden nahm sie die
Hierokratie‚
die Unduldsamkeit, den geschichtlichen Materialismus — hütete sich
jedoch sorgsam vor den unerbittlich strengen, sittlichen Geboten und
der
erhabenen Einfachheit des
635
allem Aberglauben feindlichen Judentums
(denn hiermit hätte sie sich das Volk, welches immer mehr
abergläubisch
als religiös ist, verscheucht); der germanische Ernst war ihr
willkommen,
sowie die mystische Entzückung — doch wachte sie darüber,
dass
strenge Innerlichkeit den Weg des Heils nicht zu dornenvoll für
schwache
Seelen gestaltete, und dass mystischer Hochflug nicht von dem Kultus
der
Kirche emanzipierte; die mythischen Spekulationen der Hellenen wies sie
nicht gerade zurück — sie begriff ihren Wert für die
menschliche
Phantasie — doch entkleidete sie den Mythus seiner plastischen, nie
auszudenkenden,
entwickelungsfähigen und darum ewig revolutionären Bedeutung
und bannte ihn zu bleibender Regungslosigkeit gleich einem anzubetenden
Idol. Dagegen nahm sie in weitherzigster Weise die Ceremonien und
namentlich
die Sakramente des prachtliebenden, in Zauberei seine Religion
suchenden
Völkerchaos in sich auf. Dies ist ja ihr eigentliches Element, das
Einzige, was das Imperium, das heisst also Rom, selbständig zum
Bau
des Christentums beitrug; und dadurch wurde bewirkt, dass —
während
heilige Männer nicht müde wurden, im Christentum den
Gegensatz
zum Heidentum aufzuzeigen — die grosse Masse, ohne einen sonderlichen
Unterschied
zu merken, aus dem einen ins andere übertrat: sie fanden ja die
prächtig
gekleidete Klerisei wieder, die Umzüge, die Bilder, die
wunderwirkenden
Lokalheiligtümer, die mystische Verwandlung des Opfers, die
stoffliche
Mitteilung des ewigen Lebens, die Beichte, die Sündenvergebung,
den
Ablass — alles Dinge, deren sie längst gewohnt waren.
Der
Sieg des Völkerchaos
Über diesen
unverhohlenen, feierlichen Eintritt des Geistes des Völkerchaos in
das Christentum muss ich zum Schluss einige
757 Der
Kampf. Religion.
Worte der Erläuterung sagen; er
verlieh dem Christentum eine besondere Färbung, die bis zum
heutigen
Tage in allen Konfessionen (auch in den von Rom losgetrennten) mehr
oder
weniger vorherrscht, und er erhielt seinen formellen Abschluss am Ende
der Periode, die uns hier beschäftigt. Die Verkündigung des
Dogmas
der Transsubstantiation, im Jahre 1215, bedeutet die Vollendung einer
tausendjährigen
Entwickelung nach dieser Richtung hin. ¹)
Die Anknüpfung
an die äussere Religion des Paulus (im Gegensatz zu seiner
inneren)
bedingte ja auf alle Fälle eine der
636
jüdischen analoge Auffassung des
Sühnopfers; doch verdient gerade der Jude für nichts
aufrichtigere
Bewunderung, als für seinen unablässigen Kampf gegen
Aberglauben
und Zauberwesen; seine Religion war Materialismus, doch, wie ich in
einem
früheren Kapitel ausführte, a b s t r a k t e
r
Materialismus, nicht konkreter. ²) Dagegen hatte sich bis gegen
Ende
des 2. Jahrhunderts unserer Ära ein durchaus konkreter, wenn auch
mystisch gefärbter Materialismus wie eine Pest durch das ganze
römische
Reich verbreitet. Dass dieses plötzliche Aufflammen alter
Superstitionen
von Semiten ausging, von denjenigen Semiten nämlich, die nicht
unter
dem wohlthätigen Gesetze Jahve's standen, ist erwiesen; ³)
hatten
doch die jüdischen Propheten selber Mühe genug gehabt, den
immer
von Neuem auftauchenden Glauben an die magische Wirkung genossenen
Opferfleisches
zu unterdrücken; 4) und gerade
dieser
unter den geborenen Materialisten weitverbreitete Glaube war es, der
jetzt
wie ein Lauffeuer durch alle Länder des stark
——————
¹)
Die endgültige formelle Vollendung erfolgte einige Jahre
später,
erstens durch die Einführung der obligatorischen Adoration der
Hostie
im Jahre 1264, zweitens durch die allgemeine Einführung des
Fronleichnamsfestes
im Jahre 1311, zur Feier der wunderbaren Verwandlung der Hostie in den
Leib Gottes.
²)
Siehe S. 230 fg.
³)
Siehe namentlich Robertson Smith: Religion of the Semites
(1894)
p. 358. Für diese ganze Frage lese man die Vorträge 8, 9, 10
und 11.
4)
Siehe Smith a. a. O. und zur Ergänzung Cheyne: Isaiah, p.
368.
758 Der
Kampf. Religion.
semitisierten Völkerchaos flog.
Ewiges Leben verlangten diese elenden Menschen, die wohl empfinden
mochten,
wie wenig Ewigkeit ihr eigenes Dasein umfasste. Ewiges Leben
versprachen
Ihnen die Priester der neu umgestalteten Mysterien durch die
Vermittlung
von „Agapen“, gemeinsamen, feierlichen Mahlen, in denen Fleisch und
Blut,
magisch umgewandelt zu göttlicher Substanz, genossen, und durch
die
unmittelbare Mitteilung dieses die Unsterblichkeit
verleihenden
E w i g k e i t s s t o f f e s der Leib des Menschen
ebenfalls
umgewandelt wurde, um nach dem Tode zu ewigem Leben wieder
aufzuerstehen. ¹)
So schreibt z. B. Apulejus über seine Einweihung in die
Isismysterien,
er dürfe das Verborgene nicht verraten, nur so viel könne er
sagen: er sei bis an die Grenzen des Todesreiches gelangt, habe die
Schwelle
der Proserpina betreten, und sei von dort „in allen Elementen
neugeboren“
zurückgekehrt. ²) Auch die Mysten des Mithraskultus hiessen in
aeternam renati, auf ewig Wiedergeborene. ³)
Dass wir hierin eine
Neubelebung der urältesten, allgemeinsten, totemistischen
Wahnvorstellungen
erblicken müssen, Vorstellungen, gegen welche die Edelsten aller
Länder
seit langem und
637
mit Erfolg angekämpft hatten,
unterliegt
heute keinem Zweifel. 4) Ob die
Vorstellung
in dieser besonderen semitischen Form der ägyp-
——————
¹)
Rohde: Psyche, I. Aufl., S. 687.
²)
Der
goldene Esel, Buch XI.
³)
Rohde: a. a. O. und Dieterich's Eine Mithrasliturgie.
4)
Der Gebrauch des Wortes Totemismus an dieser Stelle hat zu
Missverständnissen
Anlass gegeben und schliesst in der That eine fast allzukühne
Gedankenellipse
ein. Totemismus bedeutet „Tierverehrung“, einen in der ganzen Welt
verbreiteten
Gebrauch; das betreffende Tier ist heilig und unverletzlich (die Kuh in
Indien, der Affe in Südindien, das Krokodil bei gewissen
afrikanischen
Stämmen u. s. w.). Verfolgt man aber die fernere Entwickelung
dieses
Gebrauchs, so entdeckt man, dass der heilige Totem doch manchmal
geopfert
wurde — so z. B. in Mexiko der als Gott verehrte Jüngling, und die
Vorstellung ist hier, dass man durch den Genuss des göttlichen
Fleisches
und Blutes selber der Göttlichkeit teilhaftig werde. Dieses
Zusammenhangs
wegen bezeichnete ich diese Vorstellungen als „totemistisch“.
759 Der
Kampf. Religion.
torömischen Mysterien je bei
den
Indoeuropäern bestanden hat, erscheint mir allerdings sehr
zweifelhaft;
doch hatten gerade die Indoeuropäer inzwischen eine andere Idee
bis
zu lichtvoller Klarheit ausgebildet, diejenige nämlich
der
S t e l l v e r t r e t u n g bei Opfern: in sacris
simulata
pro veris accipi. ¹) So sehen wir z. B. schon die alten Inder
gebackene
Kuchen in Scheibenform (Hostien) als symbolische Vertreter der zu
schlachtenden
Tiere verwenden. In dem römischen Chaos nun, wo alle Gedanken
unorganisch
untereinander gemischt sich herumtrieben, fand eine Verschmelzung jener
semitischen Vorstellung des im Menschen magisch bewirkten Stoffwechsels
mit dieser arischen symbolischen Vorstellung der simulata pro veris
statt, welche in Wahrheit nichts weiter bezweckt hatte, als die
Verlegung
des früher buchstäblich aufgefassten Dankopfers in das Herz
des
Opfernden. ²) So genoss man denn in den Opfermahlen der
vorchristlichen
römischen Mysterienkulte nicht mehr Fleisch und Blut, sondern Brot
und Wein — magisch umgewandelt. Eine wie grosse Rolle diese Mysterien
spielten,
ist bekannt: ein Jeder wird sich zum wenigsten erinnern, bei Cicero De
legibus II, 14 gelesen zu haben, erst diese Mysterien (schon damals
aus einer „Taufe“ und einem „Liebesmahl“ bestehend) hätten den
Menschen
„im Leben Verstand und im Tode Hoffnung geschenkt.“ Niemandem wird es
aber
entgehen, dass wir hier, in diesen renati, eine Auffassung der
Wiedergeburt
vor uns haben, der von Christus gelehrten und gelebten direkt
entgegengesetzt.
Christ und Antichrist stehen sich gegenüber. Dem absoluten
Idealismus,
der eine völlige Umwandlung des inneren Menschen, seiner Motive
und
seiner Ziele erstrebt, stellt sich hier ein bis zum Wahnsinn
gesteigerter
Materialismus entgegen, der durch den Genuss einer geheimnisvollen
Speise
eine magische Umwandlung des vergänglichen Leibes in einen
unsterblichen
erhofft. Es bedeutet diese
——————
¹)
Siehe Leist: Gräco-italische Rechtsgeschichte S. 267 fg.,
Jhering:
Vorgeschichte
der Indoeuropäer, S. 313; u. s. w.
²)
So fasst es in seinen guten Stunden auch Augustinus auf: „nos ipsi
in
cordibus nostris invisibile sacrificium esse debemus“ (De civ.
Dei,
X, 19).
760 Der
Kampf. Religion.
Vorstellung einen moralischen
Atavismus,
wie ihn einzig eine Zeit des absoluten Verfalles hervorbringen konnte.
Wie auf Anderes,
so auch auf diese Mysterien wirkte das frühe, echte Christentum
idealisierend
und benutzte die Formen seiner Zeit, um sie mit einem neuen Inhalt zu
füllen.
In der
638
ältesten nachevangelischen Schrift,
der im Jahre 1883 aufgefundenen Lehre der zwölf Apostel
aus
dem ersten christlichen Jahrhundert, ist das mystische Mahl lediglich
ein
Dankopfer (Eucharistie). Beim Kelch spricht die Gemeinde: „Wir danken
dir,
unser Vater, für den heiligen Weinstock deines Dieners David, den
du uns kund gethan hast durch deinen Diener Jesus; dir sei Ehre in
Ewigkeit.“
Beim Brot spricht sie: „Wir danken dir, Vater, für das Leben und
die
Erkenntnis, die du uns kund gethan hast durch deinen Diener Jesus; dir
sei Ehre in Ewigkeit.“ ¹) — In den etwas spätem sogenannten Apostolischen
Konstitutionen werden das Brot und der Wein als „Gaben zu Ehren
Christi“
bezeichnet. ²) Von einer Verwandlung der Elemente in Leib und Blut
Christi weiss damals kein Mensch etwas. Es ist geradezu
charakteristisch
für die frühesten Christen, dass sie das zu ihren Zeiten so
gebräuchliche
Wort „Mysterion“ (welches lateinisch durch sacramentum
wiedergegeben
wurde) vermeiden. Erst im 4. Jahrhundert (d. h. also erst, als das
Christentum
die offizielle, obligatorische Religion des durch und durch
unchristlichen
Kaiserreichs geworden war) tritt das Wort auf, zugleich als
zweifelloses
Symptom eines neuen Begriffes. ³) Doch kämpften die besten
Geister
unaufhörlich gegen diese allmähliche Einführung des
Materialismus
und der Zauberei in die Religion. Origenes z. B. meint, nicht allein
sei
es lediglich „bildlich“ zu verstehen, wenn man vom Leibe Christi bei
der
Eucharistie spreche, sondern dieses Bild passe „nur für die
Einfältigen“;
in Wahrheit finde eine „geistige Mitteilung“ statt. Darum ist es nach
Origenes
auch
——————
¹)
Nach der Ausgabe des römisch-katholischen Professors Narcissus
Liebert.
²)
Buch VIII, Kap. 12.
³)
Hatch: a. a. O., S. 302. Vergl. auch das oben S. 558
Gesagte.
761 Der
Kampf. Religion.
gleichgültig, wer an dem
Abendmahle
teilnimmt, sein Genuss nütze nichts und schade nichts an und
für
sich, sondern es komme einzig auf die Gesinnung an. ¹) —
Augustinus
hat bereits einen viel schwereren Stand, denn er lebt inmitten einer so
roh versinnlichten Welt, dass er in der Kirche die Vorstellung
verbreitet
findet, der blosse Genuss des Brotes und des Weines mache zum Mitglied
der Kirche und sichere die Unsterblichkeit, gleichviel ob Einer im
Verbrechen
lebe oder nicht, — eine Vorstellung, gegen die er häufig und
heftig
ankämpft. ²) Auch angesehene Kirchenlehrer, z. B.
Chrysostomos,
hatten damals schon die Behauptung aufgestellt, durch die geweihte
Speise
werde der
639
Leib des Geniessenden seinem Wesen nach
verändert. Trotzdem hält Augustinus den Standpunkt fest, alle
Sakramente seien stets nur Symbole. Sacrificia visibilia sunt signa
invisibilium, sicut verba sonantia signa rerum. ³) Die Hostie
verhält
sich also, nach Augustinus, zum Leibe Christi wie das Wort zum Ding.
Wenn
er nichtsdestoweniger beim Abendmahl eine thatsächliche Mitteilung
des Göttlichen lehrt, so handelt es sich folglich um eine
Mitteilung
an das Gemüt und durch das Gemüt. Eine so klare Aussage
lässt
zu gar keinen Deutungen Platz und schliesst die spätere
römische
Lehre des Messopfers aus. 4) Schon
diese
äusserst flüchtigen Bemerkungen werden genügen, damit
selbst
ein gänzlich Uneingeweihter einsehen lerne, dass für die
Auffassung
der Eucharistie zwei Wege offen standen: der eine war durch die
idealeren,
auf das Geistige gerichteten Mysterien der reineren Hellenen gewiesen
(nunmehr
durch das Leben Christi mit einem konkreten Inhalt als
„Erinnerungsfeste“
——————
¹)
Nach Neander: Kirchengeschichte, 4. Aufl., II, 405.
²)
Vergl. z. B. Buch XXI, Kap. 25 des De civitate Dei.
³)
De
civitate Dei, Buch X, Kap. 29. Diese Lehre wurde später von
Wyclif
— dem eigentlichen Brunnquell der Reformation — fast wörtlich
aufgenommen;
denn er schreibt von der Hostie: „non est corpus dominicum, sed
efficax
ejus signum“.
4)
Erst Gregor der Grosse (um das Jahr 600) lehrte, die Messe bedeute eine
thatsächliche Wiederholung des Opfers Christi am Kreuz, wodurch
das
Abendmahl ausser der sakramentalen (heidnischen) Bedeutung noch eine
sakrifizielle
(jüdische) erhielt.
762 Der
Kampf. Religion.
erfüllt), der andere schloss
sich
den semitischen und ägyptischen Zauberlehren an, wollte in dem
Brot
und dem Wein den thatsächlichen Leib Christi erblicken und durch
seinen
Genuss eine magische Umwandlung bewirken lassen.
Diese zwei
Richtungen ¹)
gingen nun Jahrhunderte lang nebeneinander her, ohne dass es jemals zu
einem entscheidenden dogmatischen Kampfe gekommen wäre. Das
Gefühl
einer unheimlichen Gefahr mag wohl zur Vermeidung eines solchen
beigetragen
640
haben; ausserdem wusste Rom, welches
schon längst stillschweigend den zweiten Weg gewählt, dass es
die bedeutendsten Kirchenväter gegen sich hatte, sowie die
älteste
Tradition. Wiederum war es der allzu gewissenhafte Norden, der die
Brandfackel
in diese idyllische Ruhe warf, wo unter der Stola einer einzigen
universellen
und unfehlbaren Kirche die Menschen zwei verschiedenen Religionen
lebten.
Im 9. Jahrhundert lehrte zum ersten Male als unumstössliches Dogma
der Abt Radbert in seinem Buche Liber de corpore et sanguine Domini
die magische Verwandlung des Brotes in den objektiv vorhandenen Leib
Christi,
der auf Alle, welche ihn genössen — auch auf Unwissende und
Ungläubige
— eine magische, Unsterblichkeit verleihende Wirkung ausübe. Und
wer
nahm den Handschuh auf? Nicht in der rapidesten Übersicht darf
eine
derartige Thatsache übergangen
——————
¹)
In Wirklichkeit giebt es nur zwei. Wer den geringsten Einblick in den
Hexenkessel
theologischer Sophistik gethan hat, wird mir Dank wissen, dass ich
durch
die äusserste Vereinfachung nicht allein Klarheit, sondern auch
Wahrhaftigkeit
in diesen verworrenen Gegenstand hineinzubringen suche, der teils in
Folge
der klügsten Berechnung habgieriger Pfaffen, teils durch den
religiösen
Wahn aufrichtiger, doch schlecht equilibrierter Geister der eigentliche
Fechtboden geworden ist für alle spitzfindigen Narrheiten und
tiefsinnigen
Undenkbarkeiten. Hier namentlich liegt die Erbsünde aller
protestantischen
Kirchen; denn sie empörten sich gegen die römische Lehre vom
Messopfer und von der Transsubstantiation und hatten dennoch nie den
Mut,
mit den völkerchaotischen Superstitionen aufzuräumen, sondern
nahmen ihre Zuflucht zu elenden Sophistereien und schwankten bis zum
heutigen
Tage in charakterloser Unentschiedenheit hin und her auf dialektischen
Nadelspitzen, ohne je festen Boden zu betreten.
763 Der
Kampf. Religion.
werden: es war der König der
Franken,
später unterstützt vom König von England! Wie immer, war
der erste Instinkt der richtige; die germanischen Fürsten ahnten
sofort,
es gehe an ihre nationale Unabhängigkeit. ¹) Im Auftrage
Karl's
des Kahlen widerlegte zuerst Ratramnus, später der grosse Scotus
Erigena
diese Lehre Radbert's. Dass es sich hier nicht um eine beliebige
theologische
Disputiererei handelte, ersehen wir daraus, dass jener selbe Scotus
Erigena
ein ganzes origenistisch angehauchtes System, eine Idealreligion,
vorträgt,
in welcher die heilige Schrift samt ihren Lehren als „Symbolik des
Unaussprechlichen“
(res ineffabilis, incomprehensibilis) aufgefasst, der
Unterschied
zwischen Gut und Böse als metaphysisch unhaltbar nachgewiesen wird
u. s. w., und dass genau in dem selben Augenblick der bewundernswerte
Graf
Gottschalk, im Anschluss an Augustinus, die Lehre von der
göttlichen
Gnade und von der Prädestination entwickelt. Jetzt liess sich der
Streit nicht mehr diplomatisch beilegen. Der germanische Geist begann
zu
erwachen; Rom durfte ihn nicht gewähren lassen, sonst war seine
Macht
bald dahin. Gottschalk wurde von den kirchlichen Machthabern
öffentlich
fast zu Tode gegeisselt und sodann lebenslänglichen Kerkerqualen
übergeben;
Scotus, der rechtzeitig in seine englische Heimat geflüchtet war,
wurde im Auftrag Rom's von Mönchen meuchlerisch ermordet. Auf
diese
Weise ward nun während Jahrhunderte über die Natur des
Abendmahles
verhandelt. Die Päpste verhielten sich persönlich allerdings
noch immer sehr reserviert, fast zweideutig; ihnen lag mehr am
Zusammenhalten
641
aller Christen unter ihrem
oberhirtlichen
Stabe, als an Diskussionen, welche die Kirche in ihren Grundfesten
erschüttern
konnten. Doch als im 11. Jahrhundert der Feuergeist B e r e
n g a r v o n T o u r s wiederum
die
Religion des Idealismus durchs ganze Frankenreich zu tragen begonnen
hatte,
konnte die Entscheidung nicht länger
——————
¹)
Höchst bemerkenswert ist es, dass bei den alten Mysterien die
Teilnahme
daran die Angehörigkeit zur angestammten Nation ausdrücklich
aufhob. Die Eingeweihten bildeten eine internationale, extranationale
Familie.
764 Der
Kampf. Religion.
ausbleiben. Jetzt sass auf dem
päpstlichen
Stuhle ein Gregor VII., der Verfasser des Dictatus papae,
¹)
in welchem zum ersten Mal unumwunden erklärt worden war, Kaiser
und
Fürsten seien dem Papst unbedingt unterthan; er war derjenige pontifex
maximus, der zuerst sämtlichen Bischöfen der Kirche den
Vasalleneid
widerspruchsloser Treue gegen Rom auferlegt hatte, ein Mann, dessen
reine
Gesinnung seine ohnehin grosse Kraft verzehnfachte; jetzt fühlte
sich
Rom auch stark genug, seine Anschauung in Bezug auf das Abendmahl
durchzusetzen.
Von einem Gefängnis ins andere, von einem Konzil zum andern
geschleppt,
musste Berengar zuletzt, um sein Leben zu retten, im Jahre 1059 in Rom
vor einer Versammlung von 113 Bischöfen ²) seine Lehre
widerrufen
und
——————
¹)
In neuerer Zeit wird die Autorschaft des Papstes in Frage gestellt,
doch
geben die wissenschaftlich ernst zu nehmenden römischen Katholiken
zu, dass diese Darlegung der vermeintlichen „Rechte“ Rom's, wenn nicht
von dem Papste selbst, so doch aus dem Kreise seiner intimsten Verehrer
stamme und somit wenigstens in der Hauptsache die Meinungen Gregor's
richtig
wiedergebe, was ja ohnehin durch seine Handlungen und Briefe
bestätigt
wird (siehe z. B. Hefele: a. a. O., 2. Ausg., V, 75). Höchst
komisch
nimmt sich dagegen das sich Hin- und Herwinden der unter jesuitischem
Einfluss
Geschichte schreibenden Gelehrten aus; von dem grossen Gregor haben sie
manches entnommen, nicht aber seine Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe,
und so verballhornen sie die Thaten und Worte gerade desjenigen
Papstes,
unter welchem die römische Staatsidee ihre edelste, reinste,
uneigennützigste
Form und darum auch ihren grössten moralischen Einfluss erreichte.
Man sehe z. B., welche Mühe der Seminarprofessor Brück (a. a.
O., § 114) sich giebt, um darzuthun, Gregor habe „keine
Universalmonarchie
gewollt“, er habe die Fürsten „nicht als seine Vasallen
betrachtet“
u. s. w., wobei Brück aber doch nicht ganz verschweigen kann, dass
Gregor von einem imperium Christi geredet und alle Fürsten
und Völker ermahnt hat, in der Kirche ihre „Vorgesetzte und Herrin
anzuerkennen“. Derartige Spiegelfechterei den grossen Grundthatsachen
der
Geschichte gegenüber ist ebenso unwürdig wie unfruchtbar; die
römische hierokratische Weltstaatsidee ist grossartig genug, dass
man sich ihrer nicht zu schämen braucht.
²)
„Wilde Tiere“ nennt er sie in einem Brief an den Papst, die zu
brüllen
anhüben bei dem blossen Wort „geistige Gemeinschaft mit Christus“
(siehe Neander: a. a. O., VI, 317). Später nannte Berengar den
päpstlichen
Stuhl sedem non apostolicam, sed sedem satanae.
765 Der
Kampf. Religion.
sich zu dem Glauben bekennen, „das
Brot
sei nicht bloss ein Sakrament, sondern der wahre Leib Christi, der von
den Zähnen zer-
642
kaut werde.“ — Dennoch dauerte der Kampf
noch immer fort, ja, jetzt erst wurde er allgemein. In der zweiten
Hälfte
des 13. Jahrhunderts fand ein Erwachen des religiösen Bewusstseins
in allen Ländern statt, wohin germanisches Blut gedrungen war, von
Spanien bis nach Polen, von Italien bis England, ¹) wie man ein
solches
seither vielleicht nicht wieder gesehen hat; es bedeutete das erste
Dämmern
eines neuen Tages und trat zunächst als eine Reaktion gegen die
aufgezwungene,
unassimilierbare Religion des Völkerchaos auf. Überall
entstanden
Bibelgesellschaften und andere fromme Vereine, und überall, wo die
Kenntnis der heiligen Schrift sich im Volke verbreitet hatte, erfolgte,
wie mit mathematischer Notwendigkeit, die Verwerfung der weltlichen und
geistlichen Ansprüche Roms und vor Allem die Verwerfung der
Brotverwandlung,
sowie überhaupt der römischen Lehre des Messopfers. Die Lage
wurde täglich kritischer. Wäre die politische Situation eine
günstigere gewesen, anstatt der trostlosesten, die Europa je
gekannt
hat, so hätte eine energische und endgültige Losreissung von
Rom damals bis südlich der Alpen und der Pyrenäen
stattgefunden.
Reformatoren gab es genug; es bedurfte ihrer gewissermassen gar nicht.
Das Wort Antichrist als Bezeichnung für den römischen Stuhl
war
in Aller Mund. Dass viele Ceremonien und Lehren der Kirche unmittelbar
dem Heidentum entlehnt waren, wussten selbst die Bauern, es war ja
damals
noch unvergessen. Und so fand eine weitverbreitete innere Empörung
statt gegen die Veräusserlichung der Religion, gegen die
Werkheiligkeit
und ganz besonders gegen den Ablass. Doch Rom stand in jenem Augenblick
auf dem Zenith seiner politischen Macht, es verschenkte Kronen, und es
entthronte
——————
¹)
Um das Jahr 1200 gab es waldensische Gemeinden „in Frankreich,
Aragonien,
Catalonien, Spanien, England, den Niederlanden, Deutschland,
Böhmen,
Polen, Lithauen, Österreich, Ungarn, Kroatien, Dalmatien, Italien,
Sizilien u. s. w.“ (Siehe die treffliche Schrift von Ludwig Keller: Die
Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen, 1897.)
766 Der
Kampf. Religion.
Könige, die Fäden aller
diplomatischen
Intriguen liefen durch seine Hände. Damals bestieg gerade jener
Papst
den kurulischen Stuhl, der die denkwürdigen Worte gesprochen hat:
ego
sum Caesar! ego sum imperator! Anders als er zu glauben, wurde
wieder,
wie zu Zeiten des Theodosius, Majestätsbeleidigung.
Hingeschlachtet
wurden die Wehrlosen; eingekerkert, eingeschüchtert, demoralisiert
Diejenigen, gegen welche Rücksichten geboten erschienen; gekauft,
wer zu kaufen war. Es begann das Regiment des römischen
Absolutismus,
auch auf dem Gebiet, wo bisher verhältnismässige Toleranz
geherrscht
hatte, auf dem Ge-
643
biet der allerinnersten
Religionsüberzeugung.
Und zwar wurde es eingeleitet durch zwei Massnahmen, deren
Zusammengehörigkeit
im ersten Augenblick nicht einleuchtet, jedoch aus obiger Darstellung
klar
erhellt: Das Ü b e r s e t z e n d e
r
B i b e l in die Volkssprachen ward verboten (auch das
Lesen
in der lateinischen Vulgata seitens gebildeter Laien); das Dogma
der
T r a n s s u b s t a n t i a t i o n wurde erlassen.
¹)
——————
¹)
Innocenz verbot schon im Jahre 1198 das Lesen der Bibel; die Synode von
Toulouse im Jahre 1229 und andere Konzilien schärften das Verbot
immer
von Neuem ein. Die Synode von Toulouse verbot auf das Strengste, dass
Laien
auch nur i r g e n d e i n B r u c
h s t ü c k des Alten oder des Neuen Testaments
läsen,
mit alleiniger Ausnahme der Psalmen (c. XIV.). Wenn also kurz vor
Luther's
Zeiten die Bibel in Deutschland sehr verbreitet war, so heisst es doch
Sand in die Augen streuen, wenn man, wie Janssen und andere katholische
Schriftsteller, diese Thatsache als einen Beweis des freiheitlichen
Sinnes
des römischen Stuhles hinstellt. Die Erfindung des Druckes hatte
eben
schneller gewirkt, als die immer langsame Kurie gegenwirken konnte,
ausserdem
zog es den Deutschen allezeit instinktiv zum Evangelium, und wenn ihm
etwas
sehr am Herzen lag, pflegte er Verbote nicht mehr als nötig zu
achten.
Übrigens brachte das Tridentiner Konzil bald Ordnung in diese
Angelegenheit,
und im Jahre 1622 verbot der Papst überhaupt und ohne Ausnahme
alles
Lesen in der Bibel ausser in der lateinischen Vulgata. Erst in der
zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden päpstlich approbierte,
vorsichtig
redigierte Übersetzungen, und zwar nur insofern sie mit ebenfalls
approbierten Anmerkungen versehen sind, gestattet, — eine
Zwangsmassregel
gegen die Verbreitung der heiligen Schrift in den wortgetreuen Ausgaben
der Bibelgesell-
767 Der
Kampf. Religion.
Hiermit war das
Gebäude
vollendet, und zwar durchaus logisch. Freilich hatten die Apostolischen
Konstitutionen gerade dem Laien eingeschärft, „wenn er zu
Hause
sitze, solle er fleissig das Evangelium durchforschen“, ¹) und in
der
Eucharistie solle er eine „Darbringung von Gaben zu Ehren Christi“
erblicken;
644
doch wer wusste damals noch etwas vom
frühen, unverfälschten Christentum! Ausserdem steht Rom von
Anfang
an, wie ich zu zeigen versucht habe, nicht auf einem spezifisch
religiösen
oder gar spezifisch evangelischen Standpunkt; darum haben auch
Diejenigen
Unrecht, die ihm seit Jahrhunderten den Mangel an evangelischem Geist
zum
Vorwurf machen. Indem Rom das Evangelium aus dem Hause und Herzen des
Christen
verbannte, und indem es im selben Augenblick den magischen
Materialismus,
an welchem das hinsterbende Völkerchaos sich aufgerichtet hatte,
sowie
die jüdische Opfertheorie, durch welche der Priester ein
unentbehrlicher
Vermittler wird, offiziell zur Grundlage der Religion machte, hat es
einfach
Farbe bekannt. Auf der selben vierten Lateransynode, welche im Jahre
1215
das Dogma von der magischen Verwandlung verkündete, wurde das
Inquisitionsgericht
als bleibende Einrichtung organisiert. Nicht die Lehre allein, auch das
System war also fortan ein aufrichtiges. Die Synode von
——————
schaften. — Wie es
dagegen
im 13. Jahrhundert mit den Bibelstudien des römischen Klerus
aussah,
findet eine humorvolle Illustration in der Thatsache, dass auf der
Synode
zu Nympha, im Jahre 1234, bei welcher römische und griechische
Katholiken
behufs Anbahnung einer Wiedervereinigung zusammentrafen, weder bei den
einen, noch bei den anderen, noch in den Kirchen und Klöstern der
Stadt und Umgebung ein Exemplar der Bibel aufzutreiben war, so dass die
Nachfolger der Apostel über den Wortlaut eines fraglichen Citats
zur
Tagesordnung übergehen und sich wieder einmal, statt auf die
heilige
Schrift, auf Kirchenväter und Konzilien stützen mussten
(siehe
Hefele: a. a. O., V, 1048). Genau in dem selben Augenblick berichtet
der
zur Verfolgung der Waldenser entsandte Dominikaner Rainer, alle diese
Häretiker
seien in der heiligen Schrift vortrefflich bewandert, und er habe
ungebildete
Bauern gesehen, welche das ganze Neue Testament auswendig hersagen
konnten
(citiert bei Neander: a. a. O., VIII, 414).
¹)
Erstes Buch Von den Laien, Abschnitt 5.
768 Der
Kampf. Religion.
Narbonne stellte im Jahre 1227 das
Prinzip
auf: „Personen und Güter der Häretiker werden Jedem
überlassen,
der sich ihrer bemächtigt“; ¹) haeretici possunt non
solum
excommunicari, sed et juste occidi, lehrte kurz darauf der erste
wirklich
ganz römische unter den Kirchendoktoren, Thomas von Aquin. Diese
Prinzipien
und Lehren sind nicht etwa inzwischen abgeschafft worden; sie sind eine
logische, unabweisbare Konsequenz der römischen Voraussetzungen
und
bestehen noch heute zu Recht; in den letzten Jahren des 19.
Jahrhunderts
hat ein hervorragender römischer Prälat, Hergenröther,
dies
bestätigt und hinzugefügt: „N u r w e
n n m a n n i c h t a n d e r
s
k a n n, g i e b t m a n n a c h.“
²)
Heutige
Lage
Zu Beginn des 13.
Jahrhunderts hatte also der fast tausendjährige Kampf mit dem
scheinbar
unbedingten Siege Rom's und mit der vollkommenen Niederlage des
germanischen
Nordens geendet. Jenes vorhin genannte Erwachen des germanischen
Geistes
auf religiösem Gebiete war aber nur das Symptom eines allgemeinen
Sichfühlens und -fassens gewesen; bald drang es in das
bürgerliche
und politische und intellektuelle Leben hinein; nun handelte es sich
nicht
mehr allein und vorzüglich um Religion, sondern es entstand eine
alles
Menschliche umfassende Empörung gegen die Prinzipien und Methoden
Rom's überhaupt. Der Kampf entbrannte von Neuem, doch mit anderen
Ergebnissen. Dürfte die römische Kirche duldsam sein, so
könnte
er heute als beendet gelten; sie darf es aber nicht, das wäre
Selbstmord;
und
645
so wird denn unablässig der von
uns Nordländern mühsam genug und unvollkommen genug erkriegte
geistige und materielle Besitzstand untergraben und angeätzt.
Ausserdem
besitzt Rom, ohne dass es sie zu suchen und sich ihnen zu verdingen
brauchte,
in allen Feinden des Germanentums geborene Verbündete. Findet
nicht
bald unter uns eine mächtige, gestaltungskräftige
Wiedergeburt
idealer Gesinnung statt, und zwar eine spezifisch religiöse
Wiedergeburt,
gelingt es uns nicht bald, die fremden Fetzen, die noch an unserem
Christentum
wie Paniere obligatorischer Heuchelei
——————
¹)
Hefele: a. a. O., V, 944.
²)
Vergl. Döllinger: Das Papsttum (1892), S. 527.
769 Der
Kampf. Religion.
und Unwahrhaftigkeit hängen,
herunterzureissen,
besitzen wir nicht mehr die schöpferische Kraft, um aus den Worten
und dem Anblick des gekreuzigten Menschensohnes eine vollkommene,
vollkommen
lebendige, der Wahrheit unseres Wesens und unserer Anlagen, dem
gegenwärtigen
Zustand unserer Kultur entsprechende Religion zu schaffen, eine
Religion,
so unmittelbar überzeugend, so hinreissend schön, so
gegenwärtig,
so plastisch beweglich, so ewig wahr und doch so neu, dass wir uns ihr
hingeben müssen, wie das Weib ihrem Geliebten, fraglos, sicher,
begeistert,
eine Religion, so genau unserem besonderen germanischen Wesen angepasst
— diesem hochbeanlagten, doch besonders zarten und leicht verfallenden
Wesen — dass sie die Fähigkeit besitzt, uns im Innersten zu
erfassen
und zu veredeln und zu kräftigen: gelingt das nicht, so wird aus
den
Schatten der Zukunft ein zweiter Innocenz III. hervortreten und eine
erneute
vierte Lateransynode, und noch einmal werden die Flammen des
Inquisitionsgerichtes
prasselnd gen Himmel züngeln. Denn die Welt — und auch der Germane
— wird sich noch immer lieber syro-ägyptischen Mysterien in die
Arme
werfen, als sich an den faden Salbadereien ethischer Gesellschaften und
was es dergleichen mehr giebt erbauen. Und die Welt wird Recht daran
thun.
Andrerseits ist ein abstrakter, kasuistisch-dogmatischer, mit
römischem
Aberglauben infizierter Protestantismus, wie ihn uns die Reformation in
verschiedenen Abarten übermacht hat, keine lebendige Kraft. Er
birgt
eine Kraft, gewiss, eine grosse: die germanische Seele; doch bedeutet
dieses
Kaleidoskop vielfältiger und innerlich inkonsequenter
Unduldsamkeiten
ein Hemmnis für diese Seele, nicht eine Förderung; daher die
tiefe Gleichgültigkeit der Mehrheit seiner Bekenner und ein
bejammernswertes
Brachliegen der grössten Herzensgewalt: der religiösen. Rom
mag
dagegen als dogmatische Religion schwach sein, seine Dogmatik ist
wenigstens
konsequent; ausserdem ist gerade diese Kirche — sobald ihr nur gewisse
Zugeständnisse gemacht werden — eigentümlich tolerant und
weitherzig,
sie ist allumfassend wie sonst einzig der
646
Buddhismus und versteht es, allen
Charakteren,
allen Geistes- und Herzensanlagen eine Heimat, eine civitas Dei
zu bereiten, in
770 Der
Kampf. Religion.
welcher der Skeptiker, der (gleich
manchem
Papste) kaum Christ zu nennen ist, ¹) Hand in Hand geht mit dem in
heidnischen Superstitionen befangenen Durchschnittsgeist und mit dem
innigsten
Schwärmer, z. B. einem Bernard von Clairvaux, „dessen Seele sich
berauscht
in der Fülle des Hauses Gottes und neuen Wein mit Christo im
Reiche
seines Vaters trinkt“. ²) Wozu dann noch der verführerisch
hinreissende
Welt- und Staatsgedanke kommt, der schwer in die Wagschale fällt;
denn als organisatorisches System, als Macht der Überlieferung,
als
Kenner des Menschenherzens ist Rom gross und bewundernswert, mehr fast
als man in Worten sagen kann. Selbst ein Luther soll erklärt haben
(Tischreden): „Was das äusserliche Regiment anbelangt, ist
des Papstes Reich am besten für die Welt.“ Ein einzelner David —
stark
in der unschuldig-reinen Empörung eines echten Indoeuropäers
gegen die unserem Menschenstamme angethane Schmach — könnte
vielleicht
solchen Goliath zu Boden strecken, doch nicht ein ganzes Heer von
philosophierenden
Liliputanern. Auch wäre sein Tod auf keinen Fall zu wünschen;
denn unser germanisches Christentum wird und kann nicht die Religion
des
Völkerchaos sein; der Wahngedanke einer Weltreligion ist schon an
und für sich chronistischer und sakramentaler Materialismus; er
haftet
der protestantischen Kirche aus ihrer römischen Ver-
——————
¹)
In dem posthumen Prozess gegen Bonifaz VIII. wurde von vielen
kirchlichen
Würdenträgern eidlich erhärtet, dieser mächtigste
aller
Päpste habe über die Vorstellung von Himmel und Hölle
gelacht
und von Jesus Christus gesagt, er sei ein sehr kluger Mensch gewesen,
weiter
nichts. Hefele ist geneigt, gerade diese Beschuldigungen für nicht
unbegründet zu halten (siehe a. a. O., VI, 462 und die
vorangehende
Darstellung). Und dennoch — oder vielmehr deswegen — hat gerade Bonifaz
VIII. so klar wie fast keiner vor oder nach ihm den Kern des
römischen
Gedankens erfasst und in seiner berühmten Bulle Unam sanctam,
auf welcher der heutige Katholizismus wie auf einem Grundstein ruht,
zum
Ausdruck gebracht. (Über diese Bulle Näheres im folgenden
Kapitel.) Übrigens weist Sainte-Beuve in seinem Port-Royal
(livre III, ch. 3) überzeugend nach, man könne „ein sehr
guter
Katholik und zugleich kaum ein Christ sein“.
²)
Helfferich: Christliche Mystik, 1842, II, 231.
771 Der
Kampf. Religion.
gangenheit wie ein Siechtum an; nur
in der Beschränkung können wir zum Vollbesitz unserer
idealisierenden
Kraft erwachsen.
Ein klares
Verständnis
der folgenschweren Kämpfe auf dem Gebiete der Religion im 19.
Jahrhundert
und in der heraneilenden Zukunft ist unmöglich, wenn der
Vorstellung
nicht ein in
647
seinen Hauptzügen richtiges und
lebhaft gefärbtes Bild des Kampfes im frühen Christentum, bis
zum Jahre 1215, vorschwebt. Was später kam — die Reformation und
Gegenreformation
— ist viel weniger wichtig in rein religiöser Beziehung, viel mehr
mit Politik durchsetzt und von Politik beherrscht, ausserdem bleibt es
rätselhaft, wenn die Kenntnis des Vorangegangenen fehlt. Diesem
Bedürfnis
habe ich in dem vorliegenden Kapitel zu entsprechen versucht. ¹)
Oratio
pro domo
Sollte man der obigen
Darstellung Parteilichkeit vorwerfen, so würde ich erwidern, dass
mir die wünschenswerte Gabe der Lüge nicht zuteil
wurde.
Was hat die Welt von „objektiven“ Phrasen? Auch der Gegner weiss
aufrichtige
Offenheit zu preisen. Gilt es die höchsten Güter des Herzens,
so ziehe ich lieber, wie die alten Germanen, nackend in die Schlacht,
mit
der Gesinnung, die Gott mir gegeben hat, als angethan mit der
kunstvollen
Rüstung einer Wissenschaft, die gerade hier nichts beweist, oder
gar
in die Toga einer leeren, alles ausgleichenden Rhetorik gehüllt.
——————
¹)
Wer den Versuch einer grundsätzlichen Widerlegung meiner in diesem
Kapitel und an anderen Orten des Buches geäusserten Ansichten
über
Wesen und Geschichte der römischen Kirche kennen lernen will, dem
empfehle ich Professor Dr. Albert Ehrhard's „Kritische Würdigung“
dieser Grundlagen, ursprünglich in der Zeitschrift Kultur
erschienen, und jetzt als Heft 14 der von der Leo-Gesellschaft
herausgegebenen
Vorträge
und Abhandlungen (1901, bei Mayer & Co., Wien) im Buchhandel zu
haben.
772 Der
Kampf. Religion.
Nichts liegt mir
ferner, als die Einzelnen mit ihren Kirchen zu identifizieren. Unsere
heutigen
Kirchen einen und trennen nach wesentlich äusserlichen Merkmalen.
Lese ich die Memorials des Kardinals Manning und sehe ihn den
Jesuitenorden
den Krebsschaden des Katholizismus nennen, höre ich ihn die gerade
in unseren Tagen so eifrig betriebene Ausbildung des Sakramentes zu
einem
förmlichen Götzendienste heftig beklagen, die Kirche deswegen
eine „Krämerbude“ und einen „Wechslermarkt“ schelten, sehe ich ihn
eifrig für die Verbreitung der Bibel wirken und
öffentlich
g e g e n die römische Tendenz, sie zu
unterdrücken
(die er als vorherrschend zugiebt) ankämpfen, oder nehme ich
wieder
solche vortreffliche, echt germanische Schriften zur Hand wie Prof.
Schell's
Der
Katholizismus als Prinzip des Fortschrittes, so empfinde ich
lebhaft,
dass ein einziger göttlicher Sturmwind genügen würde, um
das verhängnisvolle Gaukelspiel angeerbter Wahnvorstellungen aus
der
Steinzeit hinwegzufegen, die Verblendungen des verfallenen
Mestizenimperiums
wie Nebelhüllen zu zerstreuen und uns Germanen alle — gerade in
der
Religion und durch die Religion — in Blutbrüderschaft zu einen.
Ausserdem blieb ja
in meiner Schilderung eingestandenermassen der Mittelpunkt alles
Christentums
— die Gestalt des Gekreuzigten — unberührt. Und gerade sie ist das
Einigende,
648
das, was uns alle aneinander bindet,
wie tief auch Denkweise und Rassenanlage uns voneinander scheiden
mögen.
Ich habe, zu meinem Glück, mehrere gute und treue Freunde unter
der
katholischen Geistlichkeit gezählt und bis zum heutigen Tage
keinen
verloren. Und ich erinnere mich, wie ein sehr begabter Dominikaner, der
gerne mit mir diskutierte und dem ich manche Belehrung über
theologische
Dinge verdanke, einmal voller Verzweiflung ausrief: „Aber Sie sind ja
ein
schrecklicher Mensch! nicht einmal der heilige Thomas von Aquin
könnte
mit Ihnen fertig werden!“ Und dennoch entzog mir der hochwürdige
Herr
sein Wohlwollen nicht, ebenso wenig wie ich ihm meine Verehrung. Was
uns
einte, war eben doch grösser und mächtiger als das Viele, was
uns trennte; es war die Gestalt Jesu Christi. Mochte ein Jeder von uns
den Anderen dermassen im verderb-
773 Der
Kampf. Religion.
lichen Irrtum befangen glauben, dass
er, in die Arena der Welt versetzt, keinen Augenblick gezögert
hätte,
ihn rücksichtslos anzugreifen, in der Stille des Klosters, wo ich
den Pater zu besuchen pflegte, fühlten wir uns immer wieder zu
jenem
Zustande hingezogen, den Augustinus (siehe S. 596)
so herrlich schildert, wo Alles — selbst die Stimme der Engel —
schweigt
und nur der Eine redet; da wussten wir uns vereint und mit gleicher
Überzeugung
bekannten wir Beide: „Himmel und Erde werden vergehen, doch Seine Worte
werden nicht vergehen.“
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