Hereunder
follows the transcription of the seventh chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published
by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with
the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover
edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van het zevende hoofdstuk van Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
645
SIEBENTES KAPITEL
RELIGION
Begreifet
wohl das Vorwärtsdrängen
der Religion, thut was
an euch liegt, um
es zu fördern und
suchet hierin eure
Pflicht zu erfüllen.
Zoroaster.
646
(Leere Seite)
545
647
Christus
und Christentum
Schon bei einer
früheren
Gelegenheit (siehe S. 250)
habe ich meine persönliche Überzeugung ausgesprochen, dass
das
Erdenleben Jesu Christi Ursprung und Quelle, Kraft und — im tiefsten
Grund
— auch Inhalt alles dessen ausmache, was jemals sich christliche
Religion
genannt hat. Das Gesagte will ich nicht wiederholen, sondern verweise
ein
für alle Mal auf das Kapitel
über
die Erscheinung Jesu Christi. Habe ich nun dort diese Erscheinung
gänzlich
aus allem historisch gewordenen Christentum herausgelöst, so
beabsichtige
ich, hier das ergänzende Verfahren anzuwenden, indem ich von der
Entstehung
und dem Werden der christlichen Religion spreche und einige leitende
Grundideen
möglichst klar heraus- und hervorzuheben versuche, ohne die
unantastbare
Gestalt des Gekreuzigten auch nur zu berühren. Diese Scheidung ist
nicht nur möglich, sondern notwendig; denn es wäre
blasphematorische
Kritiklosigkeit, die wunderlichen Strukturen, welche menschlicher
Tiefsinn,
Scharfsinn, Kurzsinn, Wirrsinn, Stumpfsinn, welche Tradition und
Frömmigkeit,
Aberglaube, Bosheit, Dummheit, Herkommen, philosophische Spekulation,
mystische
Versenkung — unter nie endendem Zungengezänk und Schwertergeklirr
und Feuergeprassel — auf dem einen Felsen errichtet haben, mit dem
Felsen
selbst identifizieren zu wollen. Der gesamte Oberbau der bisherigen
christlichen
Kirchen steht ausserhalb der Persönlichkeit Jesu Christi.
Jüdischer
Wille, gepaart mit arischem mythischen Denken, hat den Hauptstock
geliefert;
dazu kam noch Manches aus Syrien, Ägypten u. s. w.; die
Erscheinung
Christi auf Erden war zunächst nur die Ver-
648
Der
Kampf. Religion.
anlassung zu dieser
Religionsbildung,
das treibende Moment — etwa wie wenn der Blitz durch die Wolken
fährt
und nun der Regen zur Erde herabfliesst, oder wie wenn auf gewisse
Stoffe,
die sonst keine Verbindung mit einander eingehen, plötzlich
Sonnenstrahlen
fallen und jene nunmehr, vom Lichte innerlich umgewandelt, unter
zerstörendem
Sprengen ihrer bisherigen Raumgrenzen zu einer neuen Substanz
verschmelzen.
Gewiss wäre es
546
wenig einsichtsvoll, wollte man den
Blitz, wollte man den Sonnenstrahl an diesen seinen Wirkungen messen
und
erkennen. Alle, die auf Christus bauten, wollen wir dafür, dass
sie
es thaten, verehren, im Übrigen aber uns weder Blick noch Urteil
trüben
lassen. Es giebt nicht allein eine Vergangenheit und Gegenwart, es
giebt
auch eine Zukunft; für diese müssen wir unsere volle Freiheit
bewahren. Ich zweifle, ob man die Vergangenheit in ihrem
Verhältnis
zur Gegenwart überhaupt richtig zu beurteilen vermag, wenn nicht
eine
lebendige Ahnung der Bedürfnisse der Zukunft den Geist
emporträgt.
Auf dem Boden der Gegenwart allein streift der Blick zu sehr à
fleur de terre, um die Zusammenhänge übersehen zu
können.
Ein Christ war es, und zwar einer, welcher der römischen Kirche
sympathisch
gegenüberstand, der am Morgen dieses Jahrhunderts sprach: „Das
Neue
Testament ist uns noch ein Buch mit sieben Siegeln. Am Christentum hat
man Ewigkeiten zu studieren. In den Evangelien liegen die
Grundzüge
künftiger Evangelien.“ ¹) Wer die Geschichte des Christentums
aufmerksam betrachtet, sieht es überall und immer im Flusse,
überall
und immer in einem inneren Kampfe begriffen. Wer dagegen in dem Wahne
lebt,
das Christentum habe nunmehr seine verschiedenen endgültigen
Gestalten
angenommen, übersieht, dass selbst die römische Kirche,
welche
für besonders konservativ gilt, in jedem Jahrhundert neue Dogmen
hervorgebracht
hat, während alte (allerdings minder geräuschvoll) zu Grabe
getragen
wurden; er übersieht, dass gerade diese so fest gegründete
Kirche
noch im 19. Jahrhundert Bewegungen, Kämpfe und Schismen erlebt hat
wie kaum eine zweite. Ein Solcher wähnt: da
—————
¹)
Novalis: Fragmente.
649 Der
Kampf. Religion.
der Entwickelungsprozess zu Ende
sei,
so halte er jetzt das Facit des Christentums in Händen, und aus
dieser
ungeheuerlichen Annahme konstruiert er in seinem frommen Herzen nicht
allein
Gegenwart und Zukunft, sondern auch die Vergangenheit. Noch viel
ungeheuerlicher
ist freilich die Annahme, das Christentum sei eine ausgelebte,
abgethane
Erscheinung, die sich nur noch nach dem Gesetz der Trägheit auf
absehbare
Zeiten weiterbewege; und doch schrieb mehr als ein „Ethiker“ in den
letzten
Jahren den Nekrolog des Christentums, redete von ihm wie von einem
nunmehr
abgeschlossenen geschichtlichen Experiment, an dem sich Anfang, Mitte
und
Ende analytisch vordemonstrieren lasse. Der Urteilsfehler, der diesen
beiden
entgegengesetzten An-
547
sichten zu Grunde liegt, ist, wie man
sieht, ungefähr der gleiche, er führt auch zu gleich falschen
Schlüssen. Vermieden wird er, wenn man den ewig sprudelnden, ewig
sich gleichbleibenden Quell erhabenster Religiosität, die
Erscheinung
Christi, von den Notbauten unterscheidet, welche die wechselnden
religiösen
Bedürfnisse, die wechselnden geistigen Ansprüche der Menschen
und — was noch weit entscheidender ist — die grundverschiedenen
Gemütsanlagen
ungleicher Menschenrassen als Gesetz und Tempel für ihre Andacht
errichteten.
Das
religiöse Delirium
Die christliche
Religion
nahm ihren Ursprung in einer sehr eigentümlichen Zeit, unter
Bedingungen
so ungünstig wie nur denkbar für die Errichtung eines
einheitlichen,
würdigen, festen Baues. Gerade in jenen Gegenden, wo ihre Wiege
stand,
nämlich im westlichsten Asien, nördlichsten Afrika und
östlichsten
Europa, hatte eine eigentümliche Durchdringung der
verschiedenartigsten
Superstitionen, Mythen, Mysterien und Philosopheme stattgefunden, wobei
alle an Eigenart und Wert — wie nicht anders möglich —
eingebüsst
hatten. Man vergegenwärtige sich zunächst den damaligen
politisch-sozialen
Zustand jener Länder. Was Alexander begonnen, hatte Rom in
gründlicherer
Weise vollendet: es herrschte in jenen Gegenden ein Internationalismus,
von dem wir uns heute schwer einen Begriff machen können. Die
Bevölkerungen
der massgebenden Städte am Mittelländischen Meere und in
Kleinasien
entbehrten jeglicher Rasseneinheit: in Gruppen
650 Der
Kampf. Religion.
lebten Hellenen, Syrier, Juden,
Semiten,
Armenier, Ägypter, Perser, römische Soldatenkolonien, Gallier
u. s. w. u. s. w. durcheinander, von zahllosen halbschlächtigen
Menschen
umgeben, in deren Adern alle individuellen Charaktere sich zur
vollkommenen
Charakterlosigkeit gemischt hatten. Das Vaterlandsgefühl war
gänzlich
geschwunden, weil jeder Bedeutung bar; gab es doch weder Nation noch
Rasse;
Rom war für diese Menschen etwa, was für unsern Pöbel
die
Polizei ist. Diesen Zustand habe ich durch die Bezeichnung
V ö l k e r c h a o s zu charakterisieren und in dem vierten
Kapitel dieses Werkes anschaulich zu machen versucht. Durch dieses
Chaos wurde nun ein zügelloser Austausch der Ideen und
Gebräuche
vermittelt; eigene Sitte, eigene Art war hin, fieberhaft suchte der
Mensch
in einem willkürlichen Durcheinander fremder Sitten und fremder
Lebensauffassungen
Ersatz. Wirklichen Glauben gab es fast gar nicht mehr. Selbst bei den
Juden
— sonst inmitten dieses Hexensabbats eine so rühmliche Ausnahme —
schwankte er nicht unbedenklich in weitauseinandergehenden Sekten. Und
doch, noch niemals erlebte
548
die Welt einen derartigen
religiösen
Taumel, wie er sich dazumal von den Ufern des Euphrats bis nach Rom
fortpflanzte.
Indischer Mysticismus, der unter allerhand Entstellungen bis nach
Kleinasien
eingedrungen war, chaldäische Sternenverehrung, zoroastrischer
Ormuzddienst
und die Feueranbetung der Magier, ägyptische Askese und
Unsterblichkeitslehre,
syrisch-phönizischer Orgiasmus und Sakramentswahngedanke,
samothrakische,
eleusinische und allerhand andere hellenische Mysterien, wunderlich
verlarvte
Auswüchse pythagoreischer, empedokleischer und platonischer
Metaphysik,
mosaische Propaganda, stoische Sittenlehre — — — das alles kreiste und
schwirrte durcheinander. Was Religion ist, wussten die Menschen nicht
mehr,
versuchten es aber mit allem, von dem einen unklaren Bewusstsein
getrieben,
dass ihnen etwas geraubt war, was dem Menschen so nötig ist, wie
der
Erde die Sonne. ¹) In diese Welt fiel das Wort Christi;
—————
¹)
Von dem Menschen dieser Zeit und Welt sagt Herder: „er hatte zu nichts
anderm mehr Kraft, als zu g l a u b e n. Um sein
651 Der
Kampf. Religion.
von diesen fieberkranken Menschen
wurde
das sichtbare Gebäude der christlichen Religion zunächst
aufgeführt;
die Spuren des Deliriums vermochte noch keiner ihm ganz abzustreifen.
Die
zwei Grundpfeiler
Die Geschichte der
Entstehung der christlichen Theologie ist denn auch eine der
verwickeltsten
und schwierigsten, die es überhaupt giebt. Wer mit Ernst und
Freimut
daran geht, wird heute viele und tief-anregende Belehrung empfangen,
zugleich
aber einsehen müssen, dass gar Vieles noch recht dunkel und
unsicher
ist, sobald nicht theoretisiert, sondern der wirkliche Ursprung einer
Idee
historisch nachgewiesen werden soll. Eine endgültige Geschichte,
nicht
der Entwickelung der Lehrmeinungen innerhalb des Christentums, sondern
der Art und Weise, wie aus den verschiedensten Ideenkreisen
Glaubenssätze,
Vorstellungen, Lebensregeln in das Christentum eindrangen und dort
heimisch
wurden, kann noch nicht geschrieben werden; doch ist schon genug
geschehen,
dass ein Jeder sicher erkennen kann, dass hier ein Legieren (wie der
Chemiker
sagt) der verschiedensten Metalle stattgefunden hat. Der Zweck dieses
Werkes
gestattet mir nicht, diesen komplizierten Gegenstand einer genauen
Analyse
zu unterziehen, auch besässe ich dazu nicht die geringste
Kompetenz; ¹)
zunächst wird
—————
elendes Leben
besorgt,
zitternd vor der Zukunft und vor unsichtbaren Mächten, den Gang
der
Natur zu erforschen scheu und ohnmächtig, liess er sich
erzählen,
weissagen, inspirieren, einweihen, schmeicheln, betrügen“ (Sämtl.
Werke, Ausg. von Suphan, XIX, 290.).
¹)
Besondere Werke namhaft zu machen, kommt mir wohl kaum zu; die
Litteratur
ist selbst in ihrem für uns Laien zugänglichen Teile eine
grosse;
die Hauptsache ist, dass man aus verschiedenen Quellen Belehrung
schöpfe
und sich nicht bei der Kenntnis der Allgemeinheiten beruhige. So sind
z.
B. die kurzen Lehrbücher von Harnack, Müller, Holtzmann etc,
in dem Grundriss der theologischen Wissenschaften (Freiburg bei
Mohr) unschätzbar, ich habe sie fleissig benützt; doch wird
gerade
der Laie viel mehr aus grösseren Werken, wie z. B. aus Neander‘s Kirchengeschichte,
aus Renan‘s Origines du Christianisme u. s. w. lernen. Noch
lehrreicher,
weil eine grössere Anschaulichkeit vermittelnd, sind die Werke der
Specialisten, so z. B. Ramsay: The Church in the Roman empire
before
A. D. 170 (1895, auch in deutscher Übersetzung), Hatch: The
influence of Greek ideas and usages upon the Christian Church (ed.
1897), Hergenröther‘s grosses Werk: Photius. sein Leben, seine
549
652
Der Kampf. Religion.
es genügen, wenn wir die zwei
Hauptstämme
— das Judentum und das Indoeuropäertum — betrachten, aus denen
fast
der gesamte Bau aufgezimmert worden ist, und die das Zwitterwesen der
christlichen
Religion von Anfang an bis auf den heutigen Tag bedingen. Freilich
wurde
später manches Jüdische und Indoeuropäische durch den
Einfluss
des Völkerchaos, und zwar namentlich Ägyptens, bis zur
Unkenntlichkeit
gefälscht, so z. B. durch die Einführung des Isiskultus
(Mutter
Gottes) und der magischen Stoffverwandlung, doch ist auch hier die
Kenntnis
des Grundgebäudes unentbehrlich. Alles Übrige ist im
Verhältnis
nebensächlich; so — um nur ein Beispiel zu nennen — die offizielle
Einführung der stoischen Lehren über Tugend und
Glückseligkeit
ins praktische Christentum durch Ambrosius, der, in seiner Schrift De
officiis ministrorum einen Abklatsch von Cicero‘s De officiis
gab, welch Letzterer wiederum vom Griechen Panaetius abgeschrieben
hatte. ¹)
Ohne Bedeutung ist so etwas gewiss nicht; Hatch zeigt z. B. in seinem
Vortrag
„über griechische und christliche Ethik“, dass die Moral, die
heute
in unserem praktischen Leben Gültigkeit besitzt, viel mehr
stoische
als christliche Elemente umfasst. ²) Doch haben wir schon
früher
gesehen, dass
—————
Schriften und das
griechische
Schisma, welches mit der Gründung Constantinopel‘s beginnt und
somit das Werden der griechischen Kirche von Anfang an mit voller
Ausführlichkeit
darlegt, Hefele: Konziliengeschichte u. s. w. ad inf.
Unsereiner
kann natürlich nur von einem kleinen Bruchteil dieser Litteratur
ausführlich
Kenntnis nehmen; doch, ich wiederhole es, nur aus Detailschilderungen,
nicht aus zusammenfassendes Überblicken vermag man lebendige
Ansicht
und Einsicht zu schöpfen. (Eine wichtige Neuerscheinung ist Adolf
Harnack‘s Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten
drei
Jahrhunderten, 1902; 2. Aufl. 1906).
¹)
Ambrosius giebt dies auch implicite zu, siehe I, 24. Manches ist ja
eine
fast wörtliche Wiederholung. Wie viel bedeutender sind aber auch
seine
selbständigen Sachen, wie die Rede auf den Tod des Kaiser
Theodosius
mit dem schönen, immer wiederkehrenden Refrain: „Dilexi!
ich
habe ihn geliebt!“
²)
The
influence of Greek ideas etc., p. 139—170. In diesem Vortrag kommt
Hatch auf die genannte Schrift des Ambrosius zu sprechen und meint, sie
sei durch und durch, nicht allein in der Anlage, sondern auch in der
Ausführung
der Details stoisch. Zwar
653 Der
Kampf. Religion.
Religion und Moral ziemlich
unabhängig
von einander bleiben (siehe S.
222 u. 456),
überall
dort wenigstens, wo jene von
550
Christus gelehrte „Umkehr“ nicht
stattgefunden
hat; und ist es auch unterhaltend, einen Kirchenvater den Priestern
seiner
Diöcese die praktisch weltbürgerliche (um nicht zu sagen
rechtsanwältliche)
Moral eines Cicero als Muster vorhalten zu sehen, so greift doch
derartiges
nicht bis auf den Grund des religiösen Gebäudes.
Ähnliches
liesse sich über manche andere Zuthat ausführen und wird uns
später noch beschäftigen.
Jene beiden
Hauptpfeiler
nun, auf denen die christlichen Theologen der ersten Jahrhunderte die
neue
Religion errichteten, sind jüdischer historisch-chronistischer
Glaube
und indoeuropäische symbolische und metaphysische Mythologie. Wie
ich schon früher ausführlich dargethan habe, handelt es sich
hier um zwei grundverschiedene Weltanschauungen. ¹) Jetzt wurden
diese
beiden Anschauungen mit einander amalgamiert. Indoeuropäer —
Männer
in hellenischer Poesie und Philosophie grossgezogen — gestalteten
jüdische
Geschichtsreligion so um, wie es ihrem phantasiereichen, nach Ideen
dürstenden
Geist zusagte; Juden andrerseits bemächtigten sich (schon vor der
Entstehung des Christentums) der Mythologie und Metaphysik der
Griechen,
durchtränkten sie mit dem historischen Aberglauben ihres Volkes
und
spannen aus dem Ganzen ein abstraktes dogmatisches Gewebe, ebenso
unfassbar
wie die erhabensten Spekulationen eines Plato und doch zugleich alles
Transscendent-Allegorische
zu empirischen Gestalten materialisierend; auf beiden Seiten also das
Walten
eines unheilbaren Missverständnisses und Unverständnisses,
wie
es die gewaltsame Ablenkung aus der eigenen Bahn bedingt. Im
Christentum
diese fremden Elemente zusammenzuschweissen, war das Werk der ersten
Jahrhunderte,
ein Werk, das natürlich nur unter unaufhörlichem Kampfe
gelingen
—————
werde überall das
Christliche hinzugefügt, doch lediglich als Zusatz; die
Grundbegriffe
der Weisheit, der Tugend, der Gerechtigkeit, der Mässigkeit seien
ungeschminkte griechisch-römische Lehren aus der vorchristlichen
Zeit.
¹)
Siehe namentlich S. 220 fg.
und S.
391 fg.
654 Der
Kampf. Religion.
konnte. Auf seinen einfachsten
Ausdruck
zurückgeführt, ist dieser Kampf ein Wettstreit zwischen
indoeuropäischen
und jüdischen religiösen Instinkten um die Vorherrschaft. Er
bricht sofort nach dem Tode Christi aus zwischen den Judenchristen und
den Heidenchristen, wütet Jahrhunderte lang auf das Heftigste
zwischen
Gnose und Antignose, zwischen Arianern und Athanasiern, wacht in der
Reformation
wieder auf und wird heute zwar nicht mehr in den Wolken oder auf
Schlachtfeldern,
jedoch unterirdisch auf das Lebhafteste weitergeführt. Diesen
Vorgang
kann man sich durch ein Gleichnis deutlich machen. Es ist als
nähme
man zwei Bäume verschiedener Gattung, köpfte sie und
böge
sie — ohne
551
sie zu entwurzeln — gegeneinander und
verbände sie dann derartig, dass ein jeder das Pfropfreis des
anderen
würde. Für beide wäre fortan ein Wachstum in die
Höhe
ausgeschlossen; eine Veredelung träte auch nicht ein, sondern eine
Verkümmerung, denn eine organische Verschmelzung ist, wie jeder
Botaniker
weiss, in einem solchen Falle ausgeschlossen, und jeder der beiden
Bäume
(falls die Operation nicht den Tod herbeigeführt hätte)
würde
fortfahren, seine eigenen Blätter und Blüten zu tragen, und
im
Gewirr des Laubes stiesse überall Fremdes unmittelbar auf
Fremdes. ¹)
Genau also ist es dem christlichen Religionsgebäude ergangen.
Unvermittelt
stehen jüdische Religionschronik und jüdischer Messiasglaube
neben der mystischen Mythologie der hellenischen Décadence.
Nicht allein verschmelzen sie nicht, sondern in den wesentlichsten
Punkten
widersprechen sie sich. So z. B. die Vorstellung der Gottheit: hier
Jahve,
dort die altarische Dreieinigkeit. So die Vorstellung des Messias: hier
die Erwartung eines Helden aus dem Stamme David‘s, der den Juden die
Weltherrschaft
erobern wird, dort der Fleisch gewordene Logos, anknüpfend an
metaphysische
Spekulationen, welche die griechischen
—————
¹)
Hamann deutet, wie ich nachträglich sehe, diesen Vergleich an:
„Gehen
Sie in welche Gemeinde der Christen Sie wollen, die Sprache auf der
heiligen
Stätte und ihr Vaterland und ihre Genealogie verraten, dass sie
heidnische
Zweige sind, g e g e n d i e N a t u
r
auf einen jüdischen Stamm gepfropft.“ (Vergl. Römer
XI,
24.)
655 Der
Kampf. Religion.
Philosophen seit 500 Jahren vor
Christi
Geburt beschäftigt. ¹) Christus, die unleugbar historische
Persönlichkeit,
wird in beide Systeme hineingezwängt; für den jüdischen
historischen Mythus muss er den Messias abgeben, wenngleich sich Keiner
weniger dazu eignete; in dem neoplatonischen Mythus bedeutet er die
flüchtige,
unbegreifliche Sichtbarwerdung eines abstrakten Gedankenschemas — er,
das
moralische Genie in seiner höchsten Potenz, die gewaltigste
religiöse
Individualität, die jemals auf Erden gelebt!
Jedoch, wie sehr
auch das notwendig Schwankende, Unzulängliche eines solchen
Zwitterwesens
einleuchten muss, man kann sich kaum vorstellen, wie in jenem
Völkerchaos
eine Weltreligion ohne das Zusammenwirken dieser beiden Elemente
hätte
entstehen können. Freilich, hätte Christus zu Indern oder
Germanen
gepredigt, so hätten wir seinem Worte eine andere Wirkung zu
danken
gehabt. Nie hat es eine weniger christliche Zeit gegeben — wenn mir das
Paradoxon erlaubt ist — als diejenigen
552
Jahrhunderte, in denen die christliche
Kirche entstand. An ein wirkliches Verständnis der Worte Christi
war
damals nicht zu denken. Doch als nun von ihm in jene chaotische,
verratene
Menschheit die Anregung zu religiöser Erhebung hineingetragen
worden
war, wie hätte man für diese armseligen Menschen einen Tempel
bauen können, ohne Zugrundelegung der jüdischen Chronik und
der
jüdischen Anlage, alles konkret-geschichtlich aufzufassen? Diesen
Sklavenseelen, die keinen Halt in sich selbst und in dem sie umgebenden
Leben einer echten Nation fanden, war einzig mit etwas durchaus
Greifbarem,
Materiellem, dogmatisch Sicherem gedient; sie brauchten ein
religiöses
G e s e t z an Stelle philosophischer Betrachtungen
über
Pflicht und Tugend; daher waren ja schon viele zum Judentum
übergetreten.
Allein das Judentum — als Willensmacht unschätzbar — besitzt nur
eine
sehr geringe, beschränkt-semitische Gestaltungsfähigkeit; der
Baumeister musste also von anderwärts geholt werden. Ohne
—————
¹)
Ich sage 500 Jahre, denn über die Identität des Logos und des
Nus siehe Harnack: Dogmengeschichte § 22
656 Der
Kampf. Religion.
die Formfülle und
Gestaltungskraft
des hellenischen Geistes — sagen wir einfach, ohne Homer, Plato und
Aristoteles,
und im weiteren Hintergrunde ohne Persien und Indien — hätte das
äussere
kosmogonisch-mythologische Gebäude der christlichen Kirche niemals
der Tempel eines weltumspannenden Bekenntnisses werden können. Die
frühen Kirchenlehrer knüpfen sämtlich bei Plato an, die
späteren ausserdem bei Aristoteles. Über die umfassende
litterarische,
poetische und philosophische Bildung der ältesten Väter,
nämlich
der griechischen, kann man sich in Kirchengeschichten unterrichten, und
man wird dadurch den Wert dieses Bildungseinflusses für die
grundlegenden
Dogmen des Christentums hochschätzen lernen. Farbe und Leben
konnte
freilich die indoeuropäische Mythologie unter so fremden Auspicien
nicht erhalten, erst viel später half hier, soweit es ging, die
christliche
Kunst nach; jedoch, dank dem Einflusse des hellenischen Auges erhielt
diese
Mythologie wenigstens eine geometrische und insofern sichtbare
Gestaltung:
die uralte arische Vorstellung von der Dreieinigkeit gab den kunstvoll
aufgeführten kosmischen Tempel ab, in welchem der durchaus neuen
Religion
Altäre errichtet wurden.
Über die Natur
dieser beiden wichtigsten konstruktiven Elemente der christlichen
Religion
müssen wir nun durchaus Klarheit besitzen, sonst giebt es kein
Verständnis
des unendlich verwickelten Kampfes, der vom ersten Jahrhundert unserer
Ära an bis zum heutigen Tage — namentlich aber während der
ersten
Säcula — über die Glaubenssätze dieser Religion tobte.
Von
den verschiedenen führenden Geistern werden die widersprechendsten
553
Auffassungen und Lehren und Instinkte
des jüdischen und des indoeuropäischen Elementes in den
verschiedensten
Verhältnissen miteinander gemischt. Betrachten wir also zuerst den
mythologisch gestaltenden Einfluss der indoeuropäischen
Weltauffassung
auf die werdende christliche Religion, sodann den mächtigen
Impuls,
den sie aus dem positiven, materialistischen Geist des Judentums
empfing.
Arische
Mythologie
Eine ausführlich
begründete Unterscheidung zwischen historischer Religion und
mythischer
Religion habe ich im fünften
657 Der
Kampf. Religion.
Kapitel gegeben; ¹) ich setze
sie
hier als bekannt voraus. Die Mythologie ist eine metaphysische
Weltanschauung
sub
specie oculorum. Ihre Besonderheit, ihr Charakter — auch ihre
Beschränkung
— besteht darin, dass Ungesehenes durch sie auf ein Geschautes
zurückgeführt
wird. Der Mythus erklärt nichts, giebt von nichts den Grund an, er
bedeutet nicht ein Suchen nach dem Woher und Wohin; ebensowenig ist er
eine Morallehre; am allerwenigsten ist er Geschichte. Schon aus dieser
einen Überlegung erhellt, dass die Mythologie der christlichen
Kirche
zunächst gar nichts mit alttestamentlicher Chronologie und mit der
historischen Erscheinung Christi zu thun hat; sie ist ein umgestaltetes
und von fremder Hand vielfach verunstaltetes, neuen Bedürfnissen
schlecht
und recht angepasstes altarisches Erbstück. ²) Um klare
Vorstellungen
über die mythologischen Bestandteile des Christentums zu gewinnen,
werden wir gut daran thun, zwischen äusserer und innerer
Mythologie
zu unterscheiden, d. h. zwischen der mythologischen Gestaltung
äusserer
und der mythologischen Gestaltung innerer Erfahrung. Dass Phöbus
seinen
Wagen durch den Himmel fährt, ist der bildliche Ausdruck für
ein äusseres Phänomen; dass die Erinnyen den Verbrecher
verfolgen,
versinnbildlicht eine Thatsache des menschlichen Innern. Auf beiden
Gebieten
hat die christliche, mythologische Symbolik sehr tief gegriffen, und
„die
Symbolik ist nicht bloss Spiegel, sie ist auch Q u e l l
e
d e s D o g m a s“, wie der dem Katholicismus
nahestehende
Wolfgang Menzel sagt. ³) Symbolik als Q u e l l
e
des Dogmas ist offenbar mit Mythologie identisch.
554
Äussere Mythologie
Als ein
vortreffliches
Beispiel der nach äusserer Erfahrung gestaltenden Mythologie
möchte
ich vor allem die Vorstellung der Dreieinigkeit nennen. Dank dem
Einfluss
hellenischer Denkart
—————
¹)
Siehe S.
391 bis 415.
²)
Man versteht, wie der fromme Tertullian, im Heidentum aufgewachsen, von
den Vorstellungen der hellenischen Poeten und Philosophen sagen konnte,
sie seien den christlichen tam consimilia! (Apol. XLVII).
³)
Christliche
Symbolik (1854), I, S. VIII.
658 Der
Kampf. Religion.
ist die Dogmenbildung der
christlichen
Kirche an jener gefährlichsten Klippe, dem semitischen
Monotheismus,
(trotz der heftigen Gegenwehr der Judenchristen) glücklich
vorbeigesteuert
und hat in ihren sonst bedenklich „verjudeten“ Gottesbegriff die
heilige
Dreizahl der Arier hinübergerettet. ¹) Dass die Drei bei den
Indoeuropäern
überall wiederkehrt, ist allbekannt; sie ist, wie Goethe sagt,
- die ewig unveraltete,
- Dreinamig-Dreigestaltete.
Wir finden sie in den drei Gruppen der
indischen
Götter, später dann (mehrere Jahrhunderte vor Christo) zu der
ausführlichen und ausdrücklichen Dreieinigkeitslehre, der
Trimûrti,
ausgebildet: „Er, welcher Vishnu ist, ist auch Çiva, und er,
welcher
Çiva ist, ist auch Brahma: ein Wesen, aber drei Götter.“
Und
von dem fernen Osten aus lässt sich die Vorstellung bis an die
Küsten
des Atlantischen Ozeans verfolgen, wo Patricius das Kleeblatt bei den
Druiden
als Symbol der Dreieinigkeit vorfand. Bei poetisch-metaphysisch
beanlagten
Stämmen m u s s t e sich diese Dreizahl
schon
früh aufdrängen, denn gerade sie, und sie allein, ist weder
ein
Zufall (wie die von den Fingern entnommene Fünf- resp. Zehnzahl),
noch eine rabulistisch herausgerechnete Zahl (wie z. B. die von den
vermeintlichen
sieben Wandelsternen entnommene Sieben), sondern sie drückt ein
Grundphänomen
aus, so zwar, dass die Vorstellung einer Dreieinigkeit fast eher eine
Erfahrung
als ein Symbol genannt werden könnte. Dass alle menschliche
Erkenntnis
auf drei Grundformen beruhe — Zeit, Raum, Ursächlichkeit — hatten
schon die Verfasser der Upanishaden er-
—————
¹)
Dass die Indoeuropäer ebenfalls im tiefsten Grunde Monotheisten
sind,
habe ich schon früher, dem weitverbreiteten populären Irrtum
entgegen, hervorgehoben (siehe S.
224 und 402), man
vergleiche
auch Jak. Grimm in der Vorrede zu seiner Deutschen Mythologie
(S.
XLIV—XLV) und Max Müller in seinen Vorlesungen über die
Sprachwissenschaft
(II, 385). Die Art dieses Monotheismus bedingt jedoch eine
grundsätzliche
Unterscheidung von der semitischen Auffassung.
659 Der
Kampf. Religion.
kannt, zugleich, dass daraus nicht
eine
Dreiheit, sondern (um mit Kant zu sprechen) eine „Einheit der
Apperception“
erfolge; der Raum sowie die Zeit sind unteilbare Einheiten, besitzen
jedoch
drei Dimensionen. Kurz, die Dreifaltigkeit als Einheit umringt uns auf
allen Seiten als ein Urphänomen der Erfahrung und spiegelt sich
bis
ins Einzelne wieder. So hat z. B. die neueste Wissenschaft bewiesen,
dass
ausnahmslos jedes Element drei
555
— aber auch nur drei — Gestalten
annehmen
kann: die feste, die flüssige, die luftartige; womit nur weiter
ausgeführt
wird, was das Volk längst wusste, dass unser Planet aus Erde,
Wasser
und Luft besteht. Wie Homer sich ausdrückt:
- Dreifach teilte sich Alles.
Geht man derartigen Vorstellungen mit
Absichtlichkeit
nach, so artet dies bald (wie bei Hegel) in willkürliche Spielerei
aus; ¹) durchaus keine Spielerei ist dagegen die
unwillkürliche,
intuitive Ausgestaltung einer allgemeinen, doch nicht analytisch
zergliederten
(zugleich physischen und metaphysischen) kosmischen Erfahrung zu einem
Mythus. Und aus diesem Beispiel ergiebt sich die tröstliche
Gewissheit,
dass auch im christlichen Dogma der indoeuropäische Geist seinem
eigenen
Wesen nicht ganz untreu geworden ist, sondern dass seine
Mythen-schaffende
Religion noch immer N a t u r s y m b o l i k
blieb,
wie das bei den Indoeraniern und bei den Slavokeltogermanen von jeher
der
Fall gewesen war. Nur ist freilich hier die Symbolik eine äusserst
subtile, weil eben in den ersten christlichen Jahrhunderten die
philosophische
Abstraktion blühte, hingegen die künstlerische
Schöpfungskraft
darniederlag. ²) Auch das muss betont werden, dass der Mythus von
der
grossen Masse der Christen nicht als Symbol empfunden wurde; doch das
galt
bei den Indern und Germanen mit ihren Licht-, Luft- und
Wassergöttern
ebenfalls; er i s t auch nicht bloss Symbol,
sondern
die gesamte Natur verbürgt uns die innere,
—————
¹)
So z. B. die angeblich notwendige Progression der These, Antithese und
Synthese, oder wiederum das Ansichsein des Absoluten als Vater, das
Anderssein
als Sohn, die Rückkehr zu sich als Geist.
²)
Siehe den ganzen Schluss des ersten
Kapitels.
660 Der
Kampf. Religion.
transscendente Wahrheit eines
derartigen
Dogmas und seine Fähigkeit zu lebensvoller
Weiterentwickelung. ¹)
Solcher äusseren
oder, wenn man will, kosmischen Mythologie enthält nun das
christliche
Dogmengebäude eine grosse Menge.
Zunächst so
ziemlich Alles, was als Gotteslehre die Vorstellung der Dreieinigkeit
ergänzt:
das Fleischwerden des Logos,
556
der Paraklet u. s. w. Namentlich
ist der Mythus von der Menschwerdung Gottes altindisches Stammgut. Er
liegt
in dem Einheitsgedanken des allerersten Buches des Rigveda
eingeschlossen,
tritt uns philosophisch umgestaltet in der Lehre von der Identität
des Atman mit dem Brahman entgegen und wurde vollendet anschaulich in
der
Gestalt des Gottmenschen Krishna, zu deren Erklärung der Dichter
des
Bhagavadgîtâ Gott sprechen lässt: „Immer wieder und
immer
wieder, wenn Erschlaffung der Tugend eintritt und das Unrecht
emporkommt,
dann erzeuge ich mich selbst (in Menschengestalt). Zum Schutze der
Guten,
den Bösen zum Verderben, um Tugend zu festigen werde ich auf Erden
geboren.“ ²) Die dogmatische Auffassung des Wesens Buddha‘s ist
nur
eine Modifikation dieses Mythus. Auch die Vorstellung, dass der
menschgewordene
Gott nur aus dem Leibe einer Jungfrau geboren werden konnte, ist ein
alter
mythischer Zug und gehört entschieden zu der Klasse der
Natursymbole.
Jene vielverspotteten Scholastiker, welche nicht allein Himmel und
Hölle,
sondern auch die Dreieinigkeit, die Menschwerdung, die Parthenogenese
u.
s. w. im Homer angedeutet und bei Aristo-
—————
¹)
Den ägyptischen T r i a d e n hat man wohl
früher einen grösseren Einfluss auf die christliche
Dogmenbildung
zugesprochen, als ihnen wirklich zukommt. Zwar scheint die Vorstellung
des Gott-Sohnes in seinem Verhältnis zum Gott-Vater (der Sohn
„nicht
gemacht, nicht erschaffen, sondern erzeugt“, buchstäblich wie im
Athanasischen
Glaubensbekenntnis) spezifisch ägyptisch: wir finden sie in allen
verschiedenen Göttersystemen der Ägypter wieder; doch ist die
dritte Person die Göttin. (Man vergl. Maspero: Histoire
ancienne
des peuples de l‘Orient classique, 1895, I, 151 und Budge: The
Book
of the Dead, p. XCVI).
²)
Bhagavadgîtâ,
Buch IV, § 7 und 8.
661 Der
Kampf. Religion.
teles ausgesprochen finden wollten,
hatten gar nicht Unrecht. Der Altar und die Auffassung des heiligen
Mahles
bei den frühesten Christen weisen ebenfalls eher auf die
gemeinsamen
arischen Vorstellungen eines symbolischen Naturkultes als auf das
jüdische
Sühnopfer für den erzürnten Gott (worüber
Näheres
gegen Schluss des Kapitels). Kurz, kein einziger Zug der christlichen
Mythologie
kann auf Originalität Anspruch erheben. Freilich erhielten alle
diese
Vorstellungen im christlichen Lehrgebäude eine weit abweichende
Bedeutung
— nicht aber, weil der mythische Hintergrund ein wesentlich
verschiedener
gewesen wäre, sondern erstens, weil nunmehr im Vordergrund die
historische
Persönlichkeit Jesu Christi stand, zweitens, weil Metaphysik und
Mythus
der Indoeuropäer, von den Menschen aus dem Völkerchaos
bearbeitet,
meistens bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurden. Man hat im 19.
Jahrhundert
die Erscheinung Christi als Mythus wegerklären wollen; ¹) die
Wahrheit liegt im genauen Gegenteil; Christus ist das einzige nicht
Mythische
im Christentum; durch Jesus Christus, durch die kosmische Grösse
dieser
Erscheinung (wozu der historisch-materialisierende Einfluss des
jüdischen
Denkens kam) ist Mythus gleichsam Geschichte geworden.
Entstellung
der Mythen
Ehe ich nun zur
„inneren“
Mythenbildung übergehe, muss ich kurz jener fremden,
umgestaltenden
Einflüsse auf das sichtbare Religionsgebäude gedenken, durch
welche die uns eigenen, an-
557
geerbten mythischen Vorstellungen
geradezu
gefälscht wurden.
Dass z. B. der
menschgewordene
Gott aus dem Leibe einer Jungfrau geboren werde, war, wie gesagt, eine
alte Vorstellung, doch ist der Kultus einer „Mutter Gottes“ dem
Christentum
durch Ägypten vermittelt worden, wo seit etwa drei Jahrhunderten
vor
Christus das reiche, plastisch-bewegliche, für alles Fremde sehr
empfängliche
Pantheon sich dieses Gedankens mit besonderem Eifer angenommen hatte,
ihn
natürlich, wie alles Ägyptische, zu einem rein empirischen
Materialismus
umgestaltend. Erst spät aber gelang es dem Isiskultus, sich den
Eintritt
in die christliche Religion zu erzwingen. Im Jahre 430 wird die
Benennung
„Mutter
—————
¹)
Siehe S. 194.
662 Der
Kampf. Religion.
Gottes“ von Nestorius als eine
gotteslästerliche
N e u e r u n g erwähnt; sie war soeben erst in die
Kirche
eingedrungen! In der mythologischen Dogmengeschichte ist nun nichts so
klar nachweisbar wie der unmittelbare, genetische Zusammenhang zwischen
der christlichen Anbetung der „Mutter Gottes“ und der Anbetung der
Isis.
In den spätesten Zeiten hatte sich nämlich die Religion des
in
Ägypten hausenden Völkerchaos immer mehr auf die Anbetung des
„Gottessohnes“ Horus und seiner Mutter Isis beschränkt.
Hierüber
schreibt der berühmte Ägyptolog Flinders Petrie: „Dieser
religiöse
Brauch übte auf das werdende Christentum einen mächtigen
Einfluss
aus. Die Behauptung ist nicht zu gewagt, dass wir ohne die Ägypter
in unserer Religion keine Madonna gekannt hätten. Der Kultus der
Isis
hatte nämlich schon unter den ersten Kaisern eine weite
Verbreitung
gefunden und war im ganzen römischen Reich so zu sagen Mode
geworden;
als er dann mit jener anderen grossen religiösen Bewegung
verschmolz,
so dass hinfürder Mode und tiefe Überzeugung Hand in Hand
gehen
konnten, war ihm der Sieg gesichert, und seitdem blieb bis auf den
heutigen
Tag die Göttin Mutter die herrschende Gestalt in der Religion
Italiens.“ ¹)
Der selbe Verfasser zeigt dann auch, wie die Verehrung des Horus als
eines
göttlichen K i n d e s
558
auf die Vorstellungen der römischen
Kirche überging, so dass aus dem gedankenschweren, männlich
reifen
Heilsverkünder frühester Darstellungen zuletzt der
übermütige
bambino
italienischer Bilder
—————
¹)
Religion
and conscience in ancient Egypt, ed. 1898, p. 46. Alljährlich
entdeckt man in den verschiedensten Teilen von Europa neue Beweise von
der allgemeinen Verbreitung des Isiskultes an allen Orten, bis wohin
der
Einfluss des römischen Völkerchaos gedrungen war. Der Glaube
an die Auferstehung des Leibes und die Mitteilung des unsterblich
machenden
Stoffes in einem Sakrament waren schon lange vor Christi Geburt
Bestandteile
dieser Mysterien. Die zahlreichsten Belege findet man im Musée
Guimet
vereint, da Gallien (nebst Italien) der Hauptsitz des Isiskults war. —
(Inzwischen hat Flinders Petrie weitere Entdeckungen gemacht,
namentlich
in Ehnasya, aus welchen sich Schritt für Schritt verfolgen
lässt,
wie der Isis- und Horuskult zu dem angeblich „christlichen“
Madonnenkult
umgewandelt wurde. Man vergl. die Mitteilungen des Gelehrten vor der British
Association, 1904).
663 Der
Kampf. Religion.
wurde. ¹) — Man sieht, hier
arbeitet
neben Indoeuropäertum und Judentum auch das Völkerchaos
thätig
mit an dem Ausbau des christlichen Kirchengebäudes. Ähnliches
finden wir bei den Vorstellungen des Himmels und der Hölle, der
Auferstehung,
der Engel und Dämonen u. s. w., und zugleich finden wir, dass der
mythologische Wert immer mehr abnimmt, bis zuletzt fast blosser
Sklavenaberglaube
übrig bleibt, der vor den angeblichen Nägeln eines Heiligen
fetischartigen
Götzendienst verrichtet. Den Unterschied zwischen Aberglauben und
Religion habe ich in der zweiten Hälfte des ersten Kapitels zu
bestimmen
versucht; zugleich zeigte ich, wie die Wahnvorstellungen des rohen
Volkes
im Bunde mit der raffiniertesten Philosophie gegen echte Religion
erfolgreich
anzustürmen begannen, sobald hellenische poetische Kraft zur Neige
ging; das dort Gesagte ist hier anwendbar und braucht nicht wiederholt
zu werden (siehe S. 99 bis 106).
Schon seit Jahrhunderten vor Christus waren in Griechenland die
sogenannten
M y s t e r i e n eingeführt, in die man durch
Reinigung
(Taufe) eingeweiht wurde, um sodann durch den gemeinsamen Genuss des
göttlichen
Fleisches und Blutes (auf griechisch „mysterion“, auf lateinisch
„sacramentum“)
Teilhaber des göttlichen Wesens und der Unsterblichkeit zu werden;
doch fanden diese Wahnlehren dort ausschliesslich bei den an Zahl stets
zunehmenden „Ausländern und Sklaven“ Aufnahme und erregten bei
allen
echten Hellenen Abscheu und Verachtung. ²) Je tiefer nun das
religiös-
—————
¹) Interessant ist in dieser Beziehung der von dem selben
Verfasser
geführte Nachweis, dass das bekannte, auf alten Monumenten
häufige,
doch auch heute noch gebräuchliche christliche Monogramm
(angeblich
khi-rho
aus dem griechischen Alphabet) nichts mehr und nichts weniger ist als
das
in Ägypten übliche Symbol des Gottes Horus!
²)
Siehe namentlich die berühmte Rede des Demosthenes De corona
und für eine Zusammenfassung der hierher gehörigen Thatsachen
Jevons: Introduction to the history of religion, 1896, Kap. 23.
Über die Zurückverfolgung des Abendmahls bis zu Altbabylonien
vergl. Otto Pfleiderer‘s Christusbild, S. 84 und über das
Verhältnis
zu anderen alten Mysterien des selben Verfassers Entstehung des
Christentums,
1905, S. 154. Grundlegend ist namentlich Albrecht Dieterich‘s Eine
Mithrasliturgie,
1903.
664 Der
Kampf. Religion.
schöpferische Bewusstsein sank,
um so kecker erhob dieses Völkerchaos das Haupt. Durch das
römische
Reich vermittelt, fand eine Verschmelzung der verschiedensten
Superstitionen
statt, und als nun Constantius II. am Ende des 4. Jahrhunderts die
christliche
Religion zur Staatskirche proklamiert und somit die ganze Schar der
innerlich
Nicht-Christen in die Gemeinde der Christen hineingezwungen hatte, da
stürzten
auch die chaotischen
559
Vorstellungen des tief entarteten
„Heidentums“
mit hinein und bildeten fortan — wenigstens für die grosse
Mehrzahl
— einen wesentlichen Bestandteil des Dogmas.
D i e s e
r
A u g e n b l i c k b e d e u t e t d e
n
W e n d e p u n k t f ü r d i
e
A u s b i l d u n g d e r c h r i s t l i c h e
n R e l i g i o n.
Verzweifelt
kämpften
edle Christen, namentlich die griechischen Väter, gegen die
Verunstaltung
ihres reinen, einfachen Glaubens, ein Kampf, der nicht seinen
wichtigsten,
doch seinen heftigsten und bekanntesten Ausdruck in dem langen Streit
um
die Bilderverehrung fand. Schon hier ergriff Rom, durch Rasse, Bildung
und Tradition dazu veranlasst, die Partei des Völkerchaos. Am Ende
des 4. Jahrhunderts erhebt der grosse Vigilantius, ein Gote, seine
Stimme
gegen das pseudo-mythologische Pantheon der Schutzengel und
Märtyrer,
gegen den Reliquienunfug, gegen das aus dem ägyptischen
Serapiskult
in das Christentum importierte Mönchswesen; ¹) doch der in
Rom
gebildete Hieronymus kämpft ihn nieder und bereichert die Welt und
den Kalender durch neue Heilige aus seiner eigenen Phantasie. Die
„fromme
Lüge“ war schon am Werke. ²)
Innere
Mythologie
Soviel nur zur
Veranschaulichung
der Entstellungen, welche die äussere Mythengestaltung aus
indoeuropäischem
Erbe sich
—————
¹)
Pachomius, der Begründer des eigentlichen Mönchtums, war wie
sein Vorgänger, der Einsiedler Antonius, Ägypter, und zwar
Oberägypter,
und als „nationalägyptischer Serapisdiener“ hat er die Praktiken
gelernt,
die er später fast unverändert ins Christentum übertrug
(vergl. Zöckler: Askese und Mönchtum, 2. Aufl., S.
193
fg.).
²)
Vergl. S. 308. Über
die
„Rezeption des Heidentums“ siehe auch Müller, a. a. O., S. 204 fg.
665 Der
Kampf. Religion.
hat vom Völkerchaos gefallen
lassen
müssen. Wenden wir jetzt das Auge auf jene mehr innerliche
Mythenbildung,
so werden wir hier das indoeuropäische Stammgut in reinerer
Gestalt
antreffen.
Den Kern der
christlichen
Religion, den Brennpunkt, auf den alle Strahlen hinstreben, bildet der
Gedanke an eine E r l ö s u n g des
Menschen;
dieser Gedanke ist den Juden von jeher und bis auf den heutigen Tag
vollkommen
fremd; ihrer gesamten Religionsauffassung gegenüber ist er einfach
widersinnig; ¹) denn es handelt sich nicht um eine sichtbare,
historische
Thatsache, sondern um ein unaussprechliches, inneres Erlebnis. Dagegen
bildet dieser Gedanke den Mittelpunkt aller indoeranischen
Religionsanschauungen;
sie alle drehen sich um die Sehnsucht nach Er-
560
lösung, um die Hoffnung auf
Erlösung;
auch
bei den Hellenen lebt der Gedanke an Erlösung in den Mysterien,
ebenso
auch als Untergrund zahlreicher Mythen und ist bei Plato sehr deutlich
(z. B. im VII. Buch der Republik) zu erkennen, wenn auch, aus
dem
im ersten Kapitel angegebenen Grunde, die Griechen der Blütezeit
die
innere, moralische und, wie wir heute sagen würden, pessimistische
Seite solcher Mythen wenig hervorkehrten. Der Schwerpunkt lag für
sie an anderem Orte:
- Nichts sind gegen das
L e b
e n die Schätze mir — — —
Und doch zugleich mit dieser
Hochschätzung
des Lebens als des herrlichsten aller Güter das Preislied auf den
jung Hinsterbenden:
- Schön ist alles im Tode noch,
was auch
erscheinet. ²)
Doch wer den tragischen Untergrund der
vielgenannten
„griechischen Heiterkeit“ erblickt, wird geneigt sein, diese
„Erlösung
in der schönen Erscheinung“ als engverwandt mit jenen anderen
Vorstellungen
der Erlösung zu erkennen; es ist das selbe Thema in einer anderen
Tonart, dur statt moll.
Der Begriff der
Erlösung
— oder sagen wir lieber die mythische Vorstellung ³) der
Erlösung
— umschliesst zwei andere: die
—————
¹)
Vergl. S. 393 und auch die
auf S. 330 citierte Stelle
von Prof. Graetz.
²)
Ilias
IX, 401 u. XXII, 73.
³)
Dass bei Homer das Wort „Mythos“ dem späteren „Logos“
666 Der
Kampf. Religion.
jenige einer gegenwärtigen
Unvollkommenheit
und diejenige einer möglichen Vervollkommnung durch irgend einen
nicht-empirischen,
d. h. also in einem gewissen Sinne übernatürlichen,
nämlich
transscendenten Vorgang: die erste wird durch den Mythus
der
E n t a r t u n g, die zweite durch den Mythus der von
einem
höheren Wesen gewährten G n a d e n h i l f
e
versinnbildlicht. Ungemein anschaulich wird der Entartungsmythus dort,
wo er als Sündenfall dargestellt wird; darum ist dies das
schönste,
unvergänglichste Blatt der christlichen Mythologie; wogegen die
ergänzende
Ahnung der Gnade so sehr ins Metaphysische hinübergreift, dass sie
anschaulich kaum mitteilbar gestaltet werden kann. Die Erzählung
vom
Sündenfall ist eine Fabel, durch welche die Aufmerksamkeit auf
eine
grosse Grundthatsache des zum Bewusstsein erwachten Menschenlebens
gelenkt
wird; sie w e c k t Erkenntnis; wogegen die
Gnade
eine Vorstellung ist, die erst auf eine Erkenntnis folgt und nicht
anders
als durch eigene E r f a h -
561
r u n g erworben werden
kann. ¹) Daher ein grosser und interessanter Unterschied im Ausbau
aller echten (d. h. aller nicht-semitischen) Religionen je nach der
vorwiegenden
Begabung der Völker. Dort, wo das Bildende und Bildliche vorwiegt
(bei den Eraniern und Europäern, in hohem Masse auch, wie es
scheint,
bei den Sumero-Akkadiern), tritt die Entartung als „Sündenfall“
ungemein
plastisch hervor und wird somit zum Mittelpunkt jenes Komplexes innerer
Mythenbildung, der sich um die Vorstellung der Erlösung
gruppiert; ²)
wogegen man dort, wo dies nicht der Fall ist (wie z. B. bei den
metaphysisch
so hoch beanlagten, als Bildner jedoch mehr phantasiereichen als
formgewaltigen
arischen
—————
entspricht, also
gewissermassen
jede Rede als Dichtung aufgefasst wird (was sie ja auch offenbar ist),
gehört zu jenen Dingen, in denen die Sprache uns die tiefsten
Aufschlüsse
über unsere eigene Geistesorganisation giebt.
¹)
Zur Etymologie und somit Erläuterung des Wortes G n a
d e: Grundbedeutung „neigen, sich neigen“, gotisch
„unterstützen“,
altsächsisch „Huld, Hilfe“, alt-hochdeutsch „Mitleid,
Barmherzigkeit,
Herablassung“, mittelhochdeutsch „Glückseligkeit,
Unterstützung,
Huld“ (nach Kluge: Etymologisches Wörterbuch).
²)
Der Mythus der Entartung bildet bekanntlich einen Grund-
667 Der
Kampf. Religion.
Indern), nirgends den Mythus der
Entartung
bis zur anschaulichen Deutlichkeit ausgeführt, sondern nur
allerhand
widersprechende Vorstellungen findet. Andrerseits aber ist die Gnade —
bei uns der schwache Punkt des religiösen Lebens, für die
allermeisten
Christen ein blosses, konfuses Wort — die strahlende Sonne indischen
Glaubens;
sie bildet dort nicht etwa die Hoffnung, sondern das siegreiche
Erlebnis
der Frommen und steht dadurch so sehr im Vordergrund alles
religiösen
Denkens und Fühlens, dass die Erörterungen der indischen
Weisen
über die Gnade (namentlich auch in ihrem Verhältnis zu den
guten
Werken) die heftigsten Diskussionen, welche die christliche Kirche vom
Beginn an bis zum heutigen Tage entzweit haben, im Vergleich fast
kindisch
und zuallermeist gänzlich verständnislos erscheinen lassen,
wenn
man einige wenige Männer — einen Apostel Paulus, einen Martin
Luther
— ausnimmt. Wer etwa bezweifeln wollte, dass es sich hier um die
mythische
Gestaltung unaussprechlicher,
562
innerer Erfahrungen handle, den
würde
ich, bezüglich der Gnade, auf das Gespräch Christi mit
Nikodemus
verweisen, in welchem das Wort „Wiedergeburt“ ebenso sinnlos wäre,
wie in der Genesis die Erzählung von der Entartung der ersten
Menschen
durch den Genuss eines Apfels, handelte es sich nicht dort wie hier
lediglich
um die Sichtbarmachung eines zwar durchaus wirklichen,
gegenwärtigen,
doch unsichtbaren und darum dem Verstande zunächst unfassbaren
Vorganges.
Und bezüglich des Sündenfalles verweise ich ihn auf Luther,
welcher
schreibt: „Die Erbsünde ist der Fall der ganzen Natur“; und an
anderer
Stelle: „Es ist ja die
—————
bestandteil des
Vorstellungskreises
der uns bis zum Überdruss als „heiter“ gepriesenen Griechen.
- Wäre ich
früher
gestorben, wo nicht, dann später geboren!
- Denn jetzt lebt
ein eisern
Geschlecht: und sie werden bei Tage
- Nimmer des Elends
frei noch
des Jammers, aber bei Nacht auch
- Leiden sie Qual:
und der Sorgen
Last ist die Gabe der Götter!
So ruft der „heitere“
Hesiod
aus (Werke und Tage, Vers 175 fg.). Und er malt uns ein
vergangenes
„golden Geschlecht“, dem wir das Wenige verdanken sollen, was unter uns
Entarteten noch gut ist, denn als Geister wandeln diese grossen
Männer
der Vergangenheit noch in unserer Mitte; vergl. S.
113.
668 Der
Kampf. Religion.
Erde unschuldig und trüge viel
lieber das Beste; sie wird aber verhindert durch den Fluch, so
über
den Menschen um der Sünde willen gegangen ist.“ Hier wird ja, wie
man sieht, Wesensverwandtschaft zwischen dem Menschen in seinem
innersten
Thun und der ganzen umgebenden Natur postuliert: das ist
indoeuropäische
mythische Religion in ihrer vollen Entfaltung (siehe S.
221 u. 392), welche —
nebenbei
gesagt — sobald sie in der Vorstellungsweise der Vernunft sich kundthut
(wie z. B. bei Schopenhauer), indoeuropäische metaphysische
Erkenntnis
bildet. ¹)
Durch diese
Überlegung
gewinnt man die tiefe und sehr wichtige Einsicht, dass unsere
indoeuropäische
Auffassung von „Sünde“ überhaupt mythisch ist, d. h. in ein
Jenseits
übergreift. Wie ganz und gar die jüdische Auffassung
abweicht,
so dass das selbe Wort bei ihnen einen durchaus anderen Begriff
bezeichnet,
habe ich schon früher hervorgehoben (siehe S.
373); ich habe auch verschiedene moderne jüdische
Religionslehren
durchgenommen, ohne an irgend einer Stelle eine Erörterung des
Begriffes
„Sünde“ zu finden: wer das „Gesetz“ nicht verletzt, ist gerecht;
dagegen
wird von den jüdischen Theologen das aus dem Alten Testament von
den
Christen entnommene Dogma von der E r b s ü n d
e
ausdrücklich und zwar mit äusserster Energie
zurückgewiesen. ²)
Sinnen wir nun über diese durch ihre Geschichte und Religion
durchaus
gerechtfertigte Position der Juden nach, so werden wir bald zu der
Überzeugung
kommen, dass auf unserem abweichenden Standpunkt Sünde und
Erbsünde
synonyme Ausdrücke sind. Es handelt sich um einen unentrinnbaren
Zustand
alles Lebens. Unsere Vorstellung der Sündhaftigkeit ist der erste
Schritt auf dem Wege zu der Erkenntnis eines transscendenten Zusammen-
563
hanges der Dinge; sie bezeugt die
beginnende
unmittelbare E r f a h r u n g dieses
Zusammenhanges,
die in den Worten Christi
—————
¹)
Luther‘s Gedanken findet man in ziemlich undeutlicher Vorahnung im 5.
Kapitel
der Epistel an die Römer, ganz ausführlich dagegen in
den Schriften des von ihm so besonders verehrten Scotus Erigena (siehe
De
divisione naturae, Buch 5, Kap. 36).
²)
Man schlage als Beispiel Philippson‘s Israelitische Religionslehre
auf II, 89.
669 Der
Kampf. Religion.
„das Himmelreich ist inwendig in
euch“
(siehe S. 199) ihre
Vollendung
erfuhr. Definiert Augustinus: „Peccatum est dictum, factum vel
concupitum
contra legem aeternam“, ¹) so ist das nur eine
oberflächliche
Erweiterung jüdischer Vorstellungen, wogegen Paulus der Sache auf
den Grund ging, indem er die Sünde selbst ein „Gesetz“ nannte, ein
Gesetz des Fleisches, oder, wie wir heute sagen würden, ein
empirisches
Naturgesetz, und indem er in einer berühmten, für dunkel
gehaltenen
und vielfach kommentierten, doch in Wirklichkeit durchaus klaren Stelle
(Römer VIII ) darthut, das kirchliche Gesetz, jene
angebliche
lex
aeterna des Augustinus, habe über die Sünde, die eine
Thatsache
der Natur sei, nicht die geringste Macht, vielmehr könne hier
einzig
Gnade helfen. ²) Die genaue Wiedergabe des altindischen Gedankens!
Schon der Vedische Sänger „forscht begierig nach seiner
Sünde“
und findet sie nicht in seinem Willen, sondern in seinem Zustande, der
ihm sogar im Traume Unrechtes vorspiegelt, und zuletzt wendet er sich
an
den Gott, der die Einfältigen erleuchtet, „den Gott der
Gnade“. ³)
Und in gleicher Weise wie später Origenes, Erigena und Luther
fasst
die Çârîraka-Mîmânsâ alle lebenden
Wesen als „der Erlösung bedürftig, doch einzig die Menschen
ihrer
fähig“ auf. 4) Erst aus dieser
Auffassung
der Sünde als eines Z u s t a n d e s,
nicht
als der Übertretung eines Gesetzes, ergiebt sich die Vorstellung
der
Erlösungsbedürftigkeit, sowie diejenige der Gnade. Es handelt
sich hier um die inner-
—————
¹)
Sünde ist eine Verletzung des ewigen Gesetzes durch Wort, That
oder
Begierde.
²)
Man vergl. namentlich Pfleiderer: Der Paulinismus, II. Aufl.,
S.
50 fg. Diese rein wissenschaftlich-theologische Darstellung weicht von
der meinigen natürlich ab, bestätigt sie aber dennoch,
namentlich
durch den Nachweis (S. 59), dass Paulus das Vorhandensein eines
Sündentriebes
v o r dem Falle annahm, was offenbar nichts anderes
bedeuten
kann, als ein Hinausrücken des Mythus über willkürliche
historische Grenzen; dann auch durch die klare Beweisführung, dass
Paulus — entgegen der augustinischen Dogmatik — die gemeinsame und
immer
gleiche Quelle alles sündigen Wesens im Fleisch erkannte (S. 60).
³)
Rigveda
VII, 86.
4)
Çankara: Die Sûtra‘s des Vedânta, I, 3, 25.
670 Der
Kampf. Religion.
lichsten Erfahrungen der
individuellen
Seele, welche, so weit es geht, durch mythische Bilder sichtbar und
mitteilbar
gestaltet werden.
Der
Kampf um die Mythologie
Wie unvermeidlich
der Kampf auf diesem ganzen Gebiete der Mythenbildung war, erhellt aus
der einfachen Überlegung, dass derartige Vorstellungen der
jüdischen
Auffassung von Religion
564
direkt widersprechen. Wo findet man
in den heiligen Büchern der Hebräer eine noch so leise
Andeutung
der Vorstellung eines dreieinigen Gottes? Nirgends. Man beachte auch,
mit
welchem genialen Instinkte die ersten Träger des christlichen
Gedankens
dafür sorgen, dass der „Erlöser“ in keinerlei Weise dem
jüdischen
Volke einverleibt werden könne: dem Hause David‘s war von den
Priestern
ewige Dauer verheissen worden (II Samuel XXII, 5), daher die
Erwartung
eines Königs aus diesem Stamme; Christus aber stammt nicht aus dem
Hause David; ¹) er ist auch nicht ein Sohn Jahve‘s, des Gottes der
Juden, sondern er ist der Sohn des k o s m i s c h e
n
G o t t e s, jenes allen Ariern unter verschiedenen Namen
geläufigen
„heiligen Geistes“ — des „Odems Odem“, wie ihn die Brihadâranyaka
benennt, oder, um mit den griechischen Vätern der christlichen
Kirche
zu reden, des poietes und plaster der Welt, des
„Urhebers
des erhabenen K u n s t w e r k s der
Schöpfung“. ²)
Der Gedanke an eine Erlösung des Menschen ist ebenfalls den Juden
von jeher und bis auf den heutigen Tag vollkommen fremd und mit ihm
zugleich
(notwendigerweise) die Vorstellungen der Entartung und der Gnade. Den
treffendsten
Beleg liefert die Thatsache, dass, obwohl die Juden den Mythus des
Sündenfalls
am Anfang ihrer heiligen Bücher selber erzählen, sie niemals
von Erbsünde etwas gewusst haben! Ich habe schon früher
Gelegenheit
gehabt, hierauf hinzuweisen, und wir wissen ja, dass Alles, was die
Bibel
an Mythen enthält, ohne Ausnahme Lehngut ist, von den Verfassern
des
Alten Testamentes aus mythologischer Vieldeutigkeit zu der engen
Bedeutung
einer
—————
¹)
Man sehe die erdichteten Genealogien in Matthäus I und Lucas II,
welche
beide auf Joseph — nicht etwa auf Maria — führen.
²)
Siehe Hergenröther: Photius III, 428.
671 Der
Kampf. Religion.
historischen Chronik
zusammengepresst. ¹)
Darum entwickelte sich aber auch um diesen Mythenkreis der
Erlösung
ein Streit innerhalb der christlichen Kirche, der in den ersten
Jahrhunderten
wild tobte und einen Kampf auf Leben und Tod der Religion bedeutete,
der
aber noch heute nicht geschlichtet ist und nie geschlichtet werden kann
— nie, so lange zwei sich widersprechende Weltanschauungen durch
hartnäckiges
Unverständnis gezwungen werden, nebeneinander als eine und die
selbe
Religion zu bestehen. Der Jude, wie Professor Darmesteter uns
versicherte
(S. 399),
„hat
sich niemals über die Geschichte von dem Apfel und der
565
Schlange den Kopf zerbrochen“; für
sein phantasieloses Hirn hatte sie keinen Sinn; ²) dem Griechen
dagegen,
und später dem Germanen, war sie sofort als Ausgangspunkt der
ganzen
im Buche Genesis niedergelegten moralischen Mythologie des
Menschenwesens
aufgegangen. Darum konnten diese nicht umhin, „sich den Kopf
darüber
zu zerbrechen“. Verwarfen sie gleich den Juden den Sündenfall ganz
und gar, so zerstörten sie zugleich den Glauben an die
göttliche
Gnade, und damit schwand die Vorstellung der Erlösung, kurz,
Religion
in unserem indoeuropäischen Sinne war vernichtet, und es blieb
lediglich
jüdischer Rationalismus übrig — ohne die Kraft und das ideale
Element jüdischer Nationaltradition und Blutsgemeinschaft. Das ist
es, was Augustinus deutlich erkannte. Andrerseits aber: fasste man
diese
uralte sumero-akkadische Fabel, welche, wie ich vorhin sagte,
Erkenntnis
w e c k e n sollte, als die Erkenntnis selber auf, glaubte
man sie in jener jüdischen Weise deuten zu müssen, welche
alles
Mythische als historische, materiell richtige Chronik auffasst, so
folgte
daraus eine ungeheuerliche und empörende Lehre, oder, wie der
Bischof
Julianus von Eclanum (Anfang des 5. Jahrhunderts) sich ausdrückt:
„ein dummes und gottloses Dogma“. Diese Einsicht war es, welche den
frommen
Britten P e l a g i u s — und vor ihm, wie es
scheint,
fast das gesamte
—————
¹)
Siehe S. 235 u. 397
und 410.
²)
Prof. Graetz a. a. O. I, 650 hält die Lehre von der Erbsünde
für eine „neue Lehre“, von Paulus erfunden!!
672 Der
Kampf. Religion.
hellenische Christentum — bestimmte.
Ich habe verschiedene Dogmen- und Kirchengeschichten studiert, ohne die
von mir hier dargelegte so einfache Ursache des unvermeidlichen
pelagianischen
Streites irgendwo auch nur angedeutet zu sehen. Von Augustin‘s Gnaden-
und Sündenlehre meint z. B. Harnack in seiner Dogmengeschichte:
„Als
Ausdruck psychologisch-religiöser Erfahrung ist sie wahr; aber
projiziert
in die Geschichte ist sie falsch“, und etwas weiter: „der
Bibelbuchstabe
wirkte trübend ein“; hier streift er zweimal die Erklärung,
doch
ohne sie zu erblicken, und so bleibt denn auch die ganze weitere
Darlegung
eine abstrakt-theologische, aus welcher sich keine klare Vorstellung
ergiebt.
Denn, wie man sieht, es handelt sich hier (wenn ich mich einer
populären
Redensart bedienen darf) um eine Zwickmühle. Indem Pelagius die
grob-materialistische,
konkret-historische Auffassung von Adam‘s Fall mit Empörung
verwirft,
beweist er sein tief religiöses Empfinden und bewährt es in
glücklicher
Erhebung gegen platten Semitismus, zugleich — indem er z. B. den Tod
als
ein allgemeines, notwendiges Naturphänomen
566
nachweist, welches mit Sünde nichts
zu schaffen habe — ficht er für Wahrheit gegen Aberglauben,
für
Wissenschaft gegen Obskurantismus. Andrerseits aber ist ihm (und seinen
Gesinnungsgenossen) durch Aristotelismus und Hebraismus so sehr der
Sinn
für Poesie und Mythus abhanden gekommen, dass er selber (wie so
mancher
Antisemit des heutigen Tages) ein halber Jude geworden ist und das Kind
mit dem Bade ausschüttet: er will von Sündenfall
überhaupt
nichts wissen; das alte, heilige, den Weg zur tiefsten Erkenntnis des
menschlichen
Wesens weisende Bild verwirft er ganz und gar; dadurch schrumpft aber
auch
die Gnade zu einem nichtssagenden Wort zusammen, und die Erlösung
bleibt als ein so schattenhaftes Gedankending zurück, dass ein
Anhänger
des Pelagius von einer „Emanzipation des Menschen von Gott durch den
freien
Willen“ reden durfte. Auf diesem Wege wäre man gleich wieder bei
platt
rationalistischer Philosophie und beim Stoicismus angelangt, mit der
nie
fehlenden Ergänzung krass-sinnlichen Mysteriendienstes und
Aberglaubens,
eine Bewegung, die wir in den ethischen und theosophischen Ge-
673
Der
Kampf. Religion.
sellschaften des 19. Jahrhunderts
beobachten
können. Kein Zweifel also, dass Augustinus in jenem berühmten
Kampf, in dem er anfangs den grössten und begabtesten Teil des
Episkopats,
mehr als einmal auch den Papst, gegen sich hatte, die Religion als
solche
rettete; denn er verteidigte den Mythus. Doch wie allein ward ihm das
möglich?
Nur dadurch, dass er das enge Nessusgewand angelernter jüdischer
Beschränktheit
über die herrlichen Schöpfungen ahnungsvoller, intuitiver,
himmelwärts
strebender Weisheit warf und sumero-akkadische Gleichnisse zu
christlichen
Dogmen umgestaltete, an deren historische Wahrheit fortan Jeder bei
Todesstrafe
glauben musste. ¹)
Ich schreibe keine
Geschichte der Theologie und kann diese Streitfrage nicht näher
untersuchen
und weiter verfolgen, doch hoffe ich, durch diese fragmentarischen
Andeutungen
den unausbleiblichen Kampf über den Sündenfall
veranschaulicht
und in seinem Wesen charakterisiert zu haben. Jeder Gebildete weiss,
dass
der pelagianische Streit noch heute fortdauert. Indem die katholische
Kirche
die Bedeutung der Werke, dem Glauben gegenüber, betonte, konnte
sie
nicht umhin, die Bedeutung der Gnade ein wenig herabzusetzen; keine
Sophistereien
vermögen es, diese
567
Thatsache zu beseitigen, welche dann,
weitergespiegelt, auf Handeln und Denken von Millionen von Einfluss
gewesen
ist. Sündenfall und Gnade sind aber so eng zusammengehörige
Teile
eines einzigen Organismus, dass die leiseste Berührung des einen
auf
den anderen wirkt, und so wurde denn auch nach und nach die wahre
Bedeutung
des Mythus vom Sündenfall derartig abgeschwächt, dass man
heute
allgemein die Jesuiten als S e m i p e l a g i a n e
r
bezeichnet, und dass sogar sie selber ihre Lehre eine scientia media
nennen. ²) Sobald der Mythus angetastet wird, gerät man ins
Judentum.
—————
¹)
Schwer genug mag dies Augustinus gefallen sein, der doch selber
früher
im 27. Kap. des fünfzehnten Buches seines De civitate Dei
sich
dagegen erhoben hatte, dass man das Buch der Genesis „als eine
geschichtliche
Wahrheit ohne alle Allegorie zu deuten versuche“.
²)
Nur einen einzigen, mässig und sicher urteilenden Zeugen will ich
anrufen, Sainte-Beuve. Er schreibt (Port Royal, Buch 4,
674 Der
Kampf. Religion.
Dass von Anfang
an
der Kampf noch heftiger um die Vorstellung der Gnade entbrennen musste,
ist klar; denn der Sündenfall fand sich wenigstens, wenn auch nur
als unverstandener Mythus, in den heiligen Büchern der Israeliten
vor, wogegen die Gnade nirgends darin zu finden ist und für ihre
Religionsauffassung
gänzlich sinnlos ist und bleibt. Gleich unter den Aposteln loderte
der Streit auf, und auch er ist noch heute nicht geschlichtet. Gesetz
oder
Gnade: beides zugleich konnte ebensowenig bestehen, wie der Mensch zur
selben Zeit Gott und dem Mammon dienen kann. „Ich werfe nicht weg die
Gnade
Gottes; denn so durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, s
o i s t C h r i s t u s v e r g e b
l i c h g e s t o r b e n“ (Paulus an die
Galater
II, 21). Eine einzige solche Stelle entscheidet; das Ausspielen andere
angeblich „kanonischer“ Aussprüche gegen sie (z. B. der Epistel
Jacobi II, 14, 24) ist kindisch; handelt es sich doch nicht um
theologische
Wortklauberei, sondern um eine der grossen Erfahrungsthatsachen des
inneren
Lebens bei uns Indoeuropäern. „Nur wen die Erlösung
wählt,
nur von dem wird sie empfangen“, heisst es in der
Kâtha-Upanishad.
Und welche Gabe ist es, die uns dieser metaphysische Mythus durch Gnade
empfangen lässt? Nach den Indoeraniern die Erkenntnis, nach den
europäischen
Christen der Glaube: beides eine Wiedergeburt verbürgend, d. h.
den
Menschen zu dem Bewusstsein eines andersgearteten Zusammenhanges der
Dinge
erweckend. ¹) Ich führe wieder jene Worte Christi an, denn es
kann nie zu häufig geschehen: „Das Himmelreich ist i n
w e n d i g in euch.“ Dies ist eine Erkenntnis oder ein
Glaube,
gewonnen durch göttliche Gnade. Erlösung
568
durch Erkenntnis, Erlösung durch
Glauben: zwei Auffassungen, die nicht so weit voneinander abweichen,
wie
man wohl gemeint hat; der Inder (sogar auch Buddha) legte den Nachdruck
auf den Intellekt, der Graecogermane, belehrt durch Jesus Christus,
—————
Kap. I): „Les
Jésuites
n‘attestent pas moins par leur méthode d‘éducation qu‘ils
sont sémi-pélagiens tendant au Pélagianisme pur,
que
par leur doctrine directe.“
¹)
Vergl. S. 204 und 413
und den Abschnitt „Weltanschauung“
im neunten Kapitel.
675 Der
Kampf. Religion.
auf den Willen: zwei Deutungen des
selben
inneren Erlebnisses. Doch ist die zweite insofern von grösserer
Tragweite,
als die Erlösung durch Erkenntnis, wie Indien zeigt, im letzten
Grunde
eine Verneinung pure et simple bedeutet, somit kein positives,
schaffendes
Prinzip mehr abgiebt, indes die Erlösung durch den Glauben das
menschliche
Wesen in seinen dunkelsten Wurzeln erfasst und ihm eine bestimmte
Richtung,
eine kräftige Bejahung abtrotzt:
- Ein‘ feste Burg ist unser Gott!
Der jüdischen Religion sind beide
Auffassungen
gleich fremd.
Jüdische
Weltchronik
Soviel zur
Orientierung
und Verständigung über jene mythologischen Bestandteile der
christlichen
Religion, welche sicherlich nicht vom Judentum entlehnt waren. Wie man
sieht, ist der Bau ein wesentlich indoeuropäischer, kein bloss der
jüdischen Religion zu Ehren erbauter Tempel. Dieser Bau ruht auf
Pfeilern
und diese Pfeiler wieder auf Fundamenten, die alle nicht jüdisch
sind.
Jetzt aber erübrigt es, die Bedeutung des vom Judentum empfangenen
Impulses zu würdigen, wodurch zugleich die Natur des Kampfes
innerhalb
der christlichen Religion immer deutlicher hervortreten wird.
Nichts wäre
falscher, als wenn man die jüdische Mitwirkung bei der Erschaffung
des christlichen Religionsgebäudes lediglich als eine negative,
zerstörende,
verderbende betrachten wollte. Es genügt, sich auf den semitischen
Standpunkt zu stellen (mit Zuhilfenahme jeder beliebigen jüdischen
Religionslehre vermag man das leicht), um die Sache genau umgekehrt zu
erblicken: das helleno-arische Element als das auflösende,
vernichtende,
religionsfeindliche, wie wir das schon vorhin bei Pelagius
beobachteten.
Aber auch ohne die uns natürliche Auffassung zu verlassen,
genügt
ein vorurteilsfreier Blick, um den jüdischen Beitrag als sehr
bedeutend
und zum grossen Teil als unentbehrlich zu erkennen. Denn in dieser Ehe
war der jüdische Geist das männliche Prinzip, das Zeugende,
der
Wille. Nichts berechtigt zu der Annahme, dass aus hellenischer
Spekulation,
aus ägyptischer Askese und aus internationaler Mystik ohne die
Glut
jüdischen Glaubenswillens der Welt ein neues Religionsideal und
damit
zugleich neue
676 Der
Kampf. Religion.
Lebenskraft geschenkt worden
wäre.
Nicht die römischen Stoiker mit ihrer edlen, aber kalten,
impotenten
Morallehre, nicht die ziel-
569
lose, mystische Selbstvernichtung der
aus Indien nach Kleinasien eingeführten Theologie, auch nicht die
umgekehrte Lösung der Aufgabe, wie wir sie bei dem jüdischen
Neoplatoniker Philo finden, wo der israelitische Glaube
mystisch-symbolisch
aufgefasst wird und das hellenische Denken, greisenhaft verunstaltet,
diese
sonderbar aufgeputzte jüngste Tochter Israels umarmen muss (etwa
wie
David die Abisag).... dies Alles hätte nicht zum Ziele
geführt,
das liegt ja deutlich vor Augen. Wie könnte man es sonst
erklären,
dass gerade um die Zeit, als Christus geboren wurde, das Judentum
selber,
so abschliessend seinem Wesen nach, so abstossend gegen alles Fremde,
so
streng und freudelos und schönheitsbar, einen wahren Triumphzug
der
Propaganda begonnen hatte? Die jüdische Religion ist aller
Bekehrung
abhold, doch die Anderen, von Sehnsucht nach Glauben getrieben, traten
in Scharen zu ihr über. Und zwar trotzdem der Jude verhasst war.
Man
redet vom heutigen Antisemitismus; Renan versichert uns, diese Bewegung
des Abscheues gegen jüdisches Wesen habe in dem Jahrhundert vor
Christi
Geburt viel heftiger gewütet. ¹) Was bildet denn die geheime
Anziehungskraft
des Judentums? Sein Wille. Der Wille, der, im religiösen Gebiete
schaltend,
unbedingten, blinden Glauben erzeugt. Dichtkunst, Philosophie,
Wissenschaft,
Mystik, Mythologie.... sie alle schweifen weit ab und legen insofern
den
Willen lahm; sie zeugen von einer weltentrückten, spekulativen,
idealen
Gesinnung, die bei allen Edleren jene stolze Geringschätzung des
Lebens
hervorruft, welche dem indischen Weisen ermöglicht, sich lebend in
sein eigenes Grab zu legen, welche die unnachahmliche Grösse von
Homer‘s
Achilleus ausmacht, welche den deutschen Siegfried zu einem Typus der
Furchtlosigkeit
stempelt, und welche im 19. Jahrhundert sich monumentalen Ausdruck
schuf
in Schopenhauer‘s Lehre von der Verneinung des Willens zum Leben. Der
Wille
ist hier gewissermassen nach innen gerichtet. Ganz anders beim
—————
¹)
Histoire
du peuple d‘IsraëI V, 227.
677 Der
Kampf. Religion.
Juden. Sein Wille streckte sich zu
allen
Zeiten nach aussen; es war der unbedingte Wille zum Leben. Dieser Wille
zum Leben war das erste, was das Judentum dem Christentum schenkte:
daher
jener Widerspruch, der noch heute so Manchem als unlösbares
Rätsel
auffällt, zwischen einer Lehre der inneren Umkehr, der Duldung und
der Barmherzigkeit und einer Religion ausschliesslicher
Selbstbehauptung
und fanatischer Unduldsamkeit.
570
Zunächst dieser
allgemeinen Willensrichtung — und mit ihr untrennbar vereint — ist dann
die jüdische rein historische Auffassung des Glaubens zu nennen.
Über
das Verhältnis zwischen dem jüdischen Willensglauben und der
Lehre Christi habe ich ausführlich im dritten
Kapitel gesprochen, über sein Verhältnis zur Religion
überhaupt
im fünften; beide Stellen
setze
ich als bekannt voraus. ¹) Hier möchte ich nur darauf
aufmerksam
machen, welchen ausschlaggebenden Einfluss jüdischer Glaube als
materielle,
unerschütterliche Überzeugung bestimmter historischer
Begebnisse
gerade in jenem Augenblick der Geschichte, da das Christentum entstand,
ausüben musste. Hatch schreibt hierüber: „Den jungen
christlichen
Gemeinden kam vor allem die Reaktion gegen reine philosophische
Spekulation
zu Gute, die S e h n s u c h t n a c
h
G e w i s s h e i t. Die grosse Mehrzahl der Menschen war
der
Theorien überdrüssig; sie forderten Gewissheit; diese
versprach
ihnen die Lehre der christlichen Sendboten. Diese Lehre berief sich auf
bestimmte historische Ereignisse und auf deren Augenzeugen. Die
einfache
Überlieferung von Christi Leben, Tod und Auferstehung befriedigte
das Bedürfnis der damaligen Menschheit.“ ²) Das war ein
Anfang.
Zunächst richtete sich das Augenmerk einzig und allein auf Jesus
Christus;
die heiligen Schriften der Juden galten als sehr verdächtige
Dokumente;
Luther berichtet empört über das geringe Ansehen, dessen das
Alte Testament bei Männern wie Origenes und selbst noch (so
versichert
er) bei Hieronymus genossen habe; die meisten Gnostiker
—————
¹)
Siehe S. 241 fg. und 394
fg.
²)
Influence
of Greek ideas and usages upon the Christian Church, 6. Ausg., S.
312.
678 Der
Kampf. Religion.
verwarfen es ganz und gar, Marcion
betrachtete
es geradezu als ein Werk des Teufels. Doch sobald eine schmale Schneide
jüdischer historischer Religion Eingang in die Vorstellungen
gefunden
hatte, konnte es nicht fehlen, dass der ganze Keil nach und nach
eingetrieben
wurde. Man meint, die sogenannten Judenchristen hätten eine
Niederlage
erlitten, mit Paulus hätten die Heidenchristen den Sieg
davongetragen?
Das ist nur sehr bedingt und fragmentarisch wahr. Äusserlich, ja,
ging das jüdische Gesetz mit seinem „Bundeszeichen“ völlig in
die Brüche, äusserlich drang zugleich der Indoeuropäer
mit
seiner Trinität und sonstigen Mythologie und Metaphysik durch,
doch
innerlich bildete sich im Laufe der ersten Jahrhunderte immer mehr zum
eigentlichen Rückgrat der christlichen Religion die jüdische
Geschichte aus — jene von fanatischen Priestern nach gewissen
hieratischen
Theo-
571
rien und Plänen umgearbeitete,
genial, doch willkürlich ergänzte und konstruierte,
historisch
durch und durch unwahre Geschichte. ¹) Die Erscheinung Jesu
Christi,
über welche sie wahrhaftige Zeugnisse vernommen hatten, war jenen
armen Menschen aus dem Völkerchaos wie eine Leuchte in dunkler
Nacht
aufgegangen; sie war eine geschichtliche Erscheinung. Zwar stellten
erhabene
Geister diese historische Persönlichkeit in einem symbolischen
Tempel
auf; doch was sollte das Volk mit Logos und Demiurgos und Emanationen
des
göttlichen Prinzips u. s. w.? Sein gesunder Instinkt trieb
es,
dort anzuknüpfen, wo es einen festen Halt fand, und das war in der
jüdischen Geschichte. Der Messiasgedanke — trotzdem er im Judentum
lange nicht die Rolle spielte, die wir Christen uns einbilden ²) —
lieferte das verbindende Glied in der Kette, und nunmehr besass die
Menschheit
nicht allein den Lehrer erhabenster Religion, nicht allein das
göttliche
Bild des Gekreuzigten, sondern den gesamten Weltenplan des
Schöpfers
von dem Augenblick an, wo er Himmel und Erde schuf, bis zu dem
Augenblick,
wo er Gericht halten wird, „was in der Kürze geschehen soll“. Die
Sehnsucht nach materieller Gewissheit,
—————
¹)
Siehe S. 425 und 431.
²)
Siehe S. 238, Anm.
679 Der
Kampf. Religion.
welche uns als das Charakteristikum
jener Epoche geschildert wird, hatte, wie man sieht, nicht eher geruht,
als bis jede Spur von Ungewissheit vertilgt worden war. Das bedeutet
einen
Triumph jüdischer, und im letzten Grunde überhaupt
semitischer
Weltanschauung und Religion.
Hiermit hängt
nun die Einführung der religiösen Unduldsamkeit zusammen. Dem
Semiten ist die Intoleranz natürlich, in ihr drückt sich ein
wesentlicher Zug seines Charakters aus. Dem Juden insbesondere war der
unwankende Glaube an die Geschichte und an die Bestimmung seines Volkes
eine Lebensfrage: dieser Glaube war seine einzige Waffe in dem Kampf um
das Leben seiner Nation, in ihm hatte seine besondere Begabung
bleibenden
Ausdruck gefunden, kurz, bei ihm handelte es sich um ein von innen
heraus
Gewachsenes, um ein durch Geschichte und Charakter des Volkes
Gegebenes.
Selbst die stark hervortretenden negativen Eigenschaften der Juden, z.
B. die bei ihnen seit den ältesten Zeiten bis zum heutigen Tage
weitverbreitete
Indifferenz und Ungläubigkeit, hatten zur Verschärfung des
Glaubenszwanges
das ihrige beigetragen. Nun trat aber dieser mächtige Anstoss in
eine
gänzlich andere Welt. Hier gab es kein Volk, keine
572
Nation, keine Tradition; es fehlte ganz
und gar jenes moralische Moment einer furchtbaren nationalen
Prüfung,
welches dem harten, beschränkten jüdischen Gesetz die Weihe
verleiht.
Die Einführung des Glaubenszwanges in das Völkerchaos (und
sodann
unter die Germanen) bedeutete also gewissermassen eine Wirkung ohne
Ursache,
mit anderen Worten die Herrschaft der Willkür. Was dort, bei den
Juden,
ein objektives Ergebnis gewesen war, wurde hier ein subjektiver Befehl.
Was dort sich nur auf einem sehr beschränkten Gebiet bewegt hatte,
auf dem Gebiete nationaler Tradition und national-religiösen
Gesetzes,
schaltete hier völlig schrankenlos. Der arische Drang, Dogmen
aufzustellen
(siehe S. 406), ging eine
verhängnisvolle
Ehe ein mit der historischen Beschränktheit und der prinzipiellen
Unduldsamkeit des Juden. Daher der wildbrausende Kampf um den Besitz
der
Macht, Dogmen zu verkünden, der die ersten Jahrhunderte unserer
Zeitrechnung
ausfüllte. Milde Männer wie
680 Der
Kampf. Religion.
Irenäus blieben fast
einflusslos;
je intoleranter, desto gewaltiger war der christliche Bischof. Diese
christliche
Unduldsamkeit unterscheidet sich aber ebenso von jüdischer
Unduldsamkeit
wie das christliche Dogma vom jüdischen Dogma: denn diese waren
auf
allen Seiten eingeschränkt, ihnen waren bestimmte, enge Wege
gewiesen,
wogegen der christlichen Unduldsamkeit und dem christlichen Dogma das
ganze
Gebiet des Menschengeistes offen stand; ausserdem hat der jüdische
Glaube und die jüdische Unduldsamkeit nie weithinreichende Macht
besessen,
während die Christen bald mit Rom die Welt beherrschten. Und so
erleben
wir denn derartige Ungereimtheiten, wie dass ein heidnischer Kaiser
(Aurelianus
im Jahre 272) dem Christentum das Primat des römischen Bischofs
aufzwingt,
und dass ein christlicher Kaiser, Theodosius, als rein politische
Massregel,
den Glauben an die christliche Religion bei Todesstrafe anordnet. Jener
anderen Ungereimtheiten ganz zu geschweigen, wie dass die Natur Gottes,
das Verhältnis des Vaters zum Sohn, die Ewigkeit der
Höllenstrafen
u. s. w. ad inf. durch Majoritätsbeschlüsse (von
Bischöfen,
die häufig nicht lesen noch schreiben konnten) bestimmt und
für
alle Menschen von einem bestimmten Tage an bindend werden, etwa wie
unsere
Parlamente uns Steuern durch Stimmenmehrheit auferlegen. — Doch, wie
schwer
es uns auch werden mag, anders als kopfschüttelnd dieser
monströsen
Entwickelung eines jüdischen Gedankens auf fremdem Boden
zuzusehen,
man wir doch wohl zugeben müssen, dass es nie zur vollen
Ausbildung
einer christlichen Kirche ohne Dogma und ohne Unduldsamkeit gekommen
wäre.
Auch hier sind wir also dem Judentum für ein Element von Kraft und
Ausdauer verpflichtet.
573
Doch nicht das
Rückgrat
allein wurde von der werdenden christlichen Kirche dem Judentum
entlehnt,
sondern vielmehr das ganze innere Knochengerüst. Da wäre in
allererster
Reihe auf die Begründung des Glaubens und der Tugend hinzuweisen:
sie ist im kirchlichen Christentum durch und durch jüdisch, denn
sie
beruht auf Furcht und Hoffnung: hie ewiger Lohn, dort ewige Strafe.
Auch
über diesen Gegenstand kann ich mich auf frühere
Ausführungen
berufen, in denen ich den grundsätzlichen Unter-
681 Der
Kampf. Religion.
schied hervorhob zwischen einer
Religion,
welche sich an die rein eigensüchtigen Regungen des Herzens
wendet,
an Furcht und Begehr, und einer Religion, welche, wie die Brahmanische,
„die Verzichtleistung auf einen Genuss des Lohnes hier und im Jenseits“
als die erste Stufe zur Einweihung in wahre Frömmigkeit
betrachtet. ¹)
Ich will mich nicht wiederholen; doch sind wir jetzt in der Lage, jene
Einsicht bedeutend zu vertiefen, und dadurch wird man erst klar
erkennen,
welch unausbleiblicher und nie beizulegender Konflikt sich auch hier
aus
dem gewaltsamen Zusammenschweissen entgegengesetzter Weltanschauungen
ergeben
musste. Denn die geringste Überlegung wird uns davon
überzeugen,
dass die Vorstellung der Erlösung und der Willensumkehr, wie sie
den
Indoeuropäern schon vielfach vorgeschwebt hatte und wie sie durch
den Mund des Heilandes ewigen Ausdruck fand, von allen jenen
gänzlich
abweicht, welche das irdische Thun durch posthume Bestrafung und
Belohnung
vergelten lassen. ²)
—————
¹)
Siehe den Exkurs
über semitische Religion im fünften Kapitel und vergl.
namentlich
S.
413 mit S. 426. Vergl.
auch die Ausführungen über germanische Weltanschauung im
betreffenden
Abschnitt des neunten Kapitels (z. B. S.
886).
²)
Am durchgebildetsten findet sich dieses System bei den
Altägyptern,
nach deren Vorstellungen das Herz des Gestorbenen auf eine Wage gelegt
und gegen das Ideal des Rechtes und der Wahrhaftigkeit abgewogen wird;
die Idee einer durch göttliche Gnade bewirkten Umwandlung des
inneren
Menschen war ihnen vollkommen fremd. Die Juden haben sich nie zu der
Höhe
der ägyptischen Vorstellung hinaufgeschwungen, der Lohn war
für
sie früher einfach sehr langes Leben des Individuums und
künftige
Weltherrschaft der Nation, die Strafe Tod und für die kommenden
Geschlechter
Elend. In späteren Zeiten nahmen sie jedoch allerhand
Superstitionen
auf, aus denen sich ein durchaus weltlich gedachtes Gottesreich ergab
(siehe
S.
449) und als Gegenstück eine recht weltliche Hölle. Aus
diesen
und anderen, aus den tiefsten Niederungen menschlichen Wahnwitzes und
Aberglaubens
emporsprossenden Vorstellungen wurde dann die christliche Hölle
(von
der noch Origenes nichts wusste, ausser in der Form von
Gewissensqualen!)
gezimmert, während der Neoplatonismus, griechische Dichtung und
ägyptische
Vorstellungen der „Gefilde der Seligen“ (siehe die Abbildungen in
Budge:
The
book of the dead) den christlichen Himmel lieferten — doch ohne
dass
dieser jemals die Deutlichkeit der Hölle erreicht hätte.
574 682
Der Kampf. Religion.
Hier findet nicht
allein eine Abweichung statt, sondern es stehen zwei fremde Gebilde
nebeneinander,
fremd von der Wurzel bis zur Blüte. Mögen auch die Bäume
fest aufeinander gepfropft worden sein, ineinander verschmelzen
können
sie nie und nimmer. Und doch war gerade diese Verschmelzung das, was
das
frühere Christentum erstrebte und was noch heute für
gläubige
Seelen den Stein des Sisyphus bildet. Freilich im Uranfang, d. h. bevor
im 4. Jahrhundert das gesamte Völkerchaos gewaltsam ins
Christentum
hineingezwängt worden war und mit ihm zugleich seine
religiösen
Vorstellungen, war das noch nicht der Fall. In den allerältesten
Schriften
findet man die Androhung von Strafen fast gar nicht, und auch der
Himmel
ist nur das Vertrauen auf ein unaussprechliches Glück, ¹)
durch
Christi Tod erworben. Wo jüdischer Einfluss vorherrscht, finden
wir
dann noch in jenen frühesten christlichen Zeiten den sogenannten
Chiliasmus,
d. h. den Glauben an ein bald einzutretendes tausendjähriges Reich
Gottes auf Erden (lediglich eine der vielen Gestaltungen des von den
Juden
erträumten theokratischen Weltreiches); wo dagegen philosophische
Denkart vorübergehend die Oberhand behält, so z. B. bei
Origenes,
treten Anschauungen zu Tage, welche von der Seelenwanderung der Inder
und
Plato‘s ²) kaum zu unterscheiden sind: die Menschengeister werden
als
von Ewigkeit geschaffen gedacht, je nach ihrem Thun steigen sie hinauf
und hinab, zuletzt werden ausnahmslos alle verklärt werden, sogar
auch die Dämonen. ³) In einem solchen System besitzt, wie man
sieht, weder das individuelle Leben selbst, noch die Verheissung von
Lohn
und die Androhung von Strafe einen Sinn, der mit der Auffassung der
judaeo-christlichen
Religion irgendwie sich decken könnte. 4)
Doch bald siegte auch hier der jüdische Geist, und
—————
¹)
Meist unter missverständnisvoller Anlehnung an Jesaia LXIV, 4.
²)
Über das Verhältnis zwischen diesen beiden vergl. S.
80 u. 111.
³)
Ich verweise namentlich auf Kap. 29 der Schrift Über das Gebet
von Origenes; in der Form eines Kommentars zu den Worten „Führe
uns
nicht in Versuchung“ entwickelt der grosse Mann eine rein indische
Anschauung
über die Bedeutung der Sünde als Heilsmittels.
4)
Übrigens hat Origenes das mythische Element im Christ-
683 Der
Kampf. Religion.
zwar indem er, genau so wie beim
Dogma
und bei der Unduldsamkeit, eine früher auf dem beschränkten
Boden
Judäa‘s ungeahnte Entwickelung nahm. Höllenstrafen und
Himmelsseligkeit,
die Furcht vor den einen, die Hoffnung auf die andere, sind fortan
575
für die gesamte Christenheit die
einzigen wirksamen Triebfedern; was Erlösung ist, weiss bald kaum
einer mehr, da die Prediger selber unter „Erlösung“ sich meist
Erlösung
von Höllenstrafen dachten und noch heute denken. ¹) Die
Menschen
des Völkerchaos verstanden eben keine anderen Argumente; schon ein
Zeitgenosse des Origenes, der Afrikaner Tertullian, erklärt
freimütig,
nur Eines könne die Menschen bessern: „die Furcht vor ewiger
Strafe
und die Hoffnung auf ewigen Lohn“ (Apol. 49). Natürlich
lehnten
sich einzelne auserlesene Geister stets gegen diese Materialisierung
und
Judaisierung der Religion auf; so könnte z. B. die Bedeutung der
christlichen
Mystik vielleicht in das eine Wort zusammengefasst werden, dass sie
dies
alles bei Seite schob und einzig die Umwandlung des inneren Menschen —
d. h. die Erlösung — erstrebte; doch zusammenreimen liessen sich
die
zwei Anschauungen nie und nimmer, und gerade dieses Unmögliche
wurde
vom gläubigen Christen gefordert. Entweder soll der Glaube die
Menschen
„bessern“, wie Tertullian behauptet, oder er soll sie durch eine
Umkehrung
des gesamten Seelenlebens völlig umwandeln, wie das Evangelium es
gelehrt hatte; entweder ist diese Welt eine Strafanstalt, welche wir
hassen
sollen, was schon Clemens von Rom im 2. Jahrhundert ausspricht ²)
(und
nach ihm die ganze offizielle Kirche), oder aber es ist diese Welt der
gesegnete Acker, in welchem das Himmelreich gleich einem verborgenen
Schatz
liegt, wie Christus gelehrt hatte. Die eine Behauptung widerspricht der
anderen.
—————
tum ausdrücklich
anerkannt. Nur meinte er, das Christentum sei „die einzige Religion,
die
auch in mythischer Form Wahrheit ist“ (vergl. Harnack: Dogmengeschichte,
Abriss, 2. Aufl. S. 113).
¹)
Man nehme z. B. das Handbuch für katholischen
Religionsunterricht
vom Domkapitular Arthur König zur Hand und lese das Kapitel
über
die Erlösung. Nikodemus hätte nicht die geringste
Schwierigkeit
empfunden, diese Lehre zu verstehen.
²)
Siehe dessen zweiten Brief § 6.
684 Der
Kampf. Religion.
Der
unlösbare Zwist
Auf diese
Gegensätze
komme ich noch im weiteren Verlauf des Kapitels zurück; ich musste
aber gleich hier empfinden lassen, wie sehr es sich um wirkliche
Gegensätze
handelt, und zugleich, in welchem Masse das Judentum siegreich und als
eminent positiv wirkende Macht durchdrang. Mit dem stolzen
Selbstbewusstsein
des echten indoeuropäischen Aristokraten hatte Origenes gemeint:
„nur
für den gemeinen Mann möge es genügen zu wissen, dass
der
Sünder bestraft wird“; nun waren aber a l l
e
diese Männer aus dem Völkerchaos „gemeine Männer“;
Sicherheit,
Furchtlosigkeit, Bestimmtheit verleihen nur Rasse und Nation;
Menschenadel
ist ein Kollektivbegriff; ¹) der edelste Vereinzelte — z. B. ein
Augustinus
— bleibt in den Vorstellungen und Ge-
576
sinnungen der Gemeinen kleben und vermag
es nie, sich bis zur Freiheit durchzuringen. Diese „gemeinen“ Menschen
brauchten einen Herrn, der zu ihnen wie zu Knechten redete, nach dem
Muster
des jüdischen Jahve: ein Amt, welches die mit römischer
Imperialvollmacht
ausgestattete Kirche übernahm. Kunst, Mythologie und Metaphysik
waren
in ihrer schöpferischen Bedeutung für die damaligen Menschen
völlig unbegreiflich geworden; das Wesen der Religion musste in
Folge
dessen auf das Niveau heruntergeschraubt werden, auf dem es sich in
Judäa
befunden hatte. Diese Menschen brauchten eine rein geschichtliche,
beweisbare
Religion, welche weder in Vergangenheit noch Zukunft, am allerwenigsten
in der Gegenwart für Zweifel und Unerforschliches Raum liess: das
leistete einzig die Judenbibel. Die Antriebe mussten der Sinnenwelt
entnommen
sein: körperliche Schmerzen allein konnten diese Menschen von
Frevelthaten
abhalten, Verheissungen eines sorglosen Wohlergehens allein sie zu
guten
Werken antreiben. Das war ja das religiöse System der
jüdischen
Hierokratie (vergl. S. 426).
Fortan entschied das vom Judentum übernommene und weiter
ausgebildete
System der kirchlichen Befehle autoritativ über alle Dinge,
gleichviel
ob unbegreifliche Mysterien oder handgreifliche Geschichtsthatsachen
(resp.
Geschichtslügen). Die im Judentum vorgebildete, doch
—————
¹)
Vergl. S. 312.
685 Der
Kampf. Religion.
nie zur erträumten vollen
Machtentfaltung
gelangte Unduldsamkeit ¹) ward das Grundprinzip des christlichen
Verhaltens,
und zwar als eine logisch unabweisbare Folgerung aus den soeben
genannten
Voraussetzungen: ist die Religion eine Weltchronik, ist ihr
Moralprinzip
ein gerichtlich-historisches, giebt es eine geschichtlich
begründete
Instanz zur Entscheidung jedes Zweifels, jeder Frage, so ist jegliche
Abweichung
von der Lehre ein Vergehen gegen die Wahrhaftigkeit und gefährdet
das rein materiell gedachte Heil der Menschen; und so greift denn die
kirchliche
Justiz ein und vertilgt den Ungläubigen oder Irrgläubigen,
genau
so wie di