Here
under
follows the transcription of the eighth chapter of Houston Stewart
Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the
19th
century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912.
Page
numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the
„Hauptausgabe“
(the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van het achtste hoofdstuk van Houston Stewart
Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
775
ACHTES KAPITEL
STAAT
Methinks
I see in my mind a noble and
puissant n
a t i o n rousing herself like a strong
man after sleep, and
shaking
her invincible
locks: methinks I see
her as an eagle mewing
her mighty youth, and
kindling her undazzled
eyes at the full midday
beam; purging and
unscaling her
long-abused
sight at the fountain
itself of heavenly
radiance;
while the whole
noise of timorous and
flocking birds, with
those also that love the
twilight, flutter about,
amazed at what she
means,
and in their
envious gabble would
prognosticate
a year
of sects and schisms.
Milton
776
(Leere Seite)
651
777
Kaiser
und Papst
Wäre es meine
Aufgabe, den Kampf im Staate bis zum 13. Jahrhundert historisch zu
schildern,
so könnte ich nicht ermangeln, bei zwei Dingen mit besonderer
Ausführlichkeit
zu verharren: bei dem Kampfe zwischen Papsttum und Kaisertum und bei
jener
allmählichen Umgestaltung, durch welche aus der Mehrzahl der
freien
germanischen Männer Leibeigene wurden, während andere unter
ihnen
zu der mächtigen, sowohl nach oben wie nach unten bedrohlichen
Klasse
des erblichen Adels sich hinaufschwangen. Doch habe ich hier einzig das
19. Jahrhundert im Auge zu behalten, und weder jener
verhängnisvolle
Kampf noch die wunderlich bunten Verwandlungen, welche die gewaltsam
hin
und her geworfene Gesellschaft durchmachte, besitzen heute mehr als ein
historisches Interesse. Das Wort „Kaiser“ ist für uns so
bedeutungslos
geworden, dass eine ganze Reihe europäischer Fürsten es sich
zum Schmuck ihrer Titulatur beigelegt haben, und die „weissen Sklaven
Europas“
(wie sie ein englischer Schriftsteller unserer Tage, Sherard, nennt)
sind
nicht die überlebenden Zeugen eines vergangenen Feudalsystemes,
sondern
die Opfer einer neuen wirtschaftlichen Entwickelung.¹) Sobald wir
dagegen tiefer greifen, werden wir finden, dass jener Kampf im Staate,
so verwirrt er auch scheint, im letzten Grund ein Kampf u
m
d e n S t a a t war, ein Kampf nämlich
zwischen
Universalismus und Nationalismus. Diese Einsicht erhellt unser
Verständnis
der betreffenden Ereignisse ganz ungemein, und ist
—————
¹)
Siehe im Kapitel 9 den Abschnitt
„Wirtschaft“.
778 Der
Kampf. Staat.
das erst geschehen, so fällt
wiederum
von jener Zeit auf die unsere ein helles Licht zurück und lehrt
uns
somit in manchen Vorgängen der heutigen Welt klarer sehen als es
sonst
der Fall sein könnte.
Aus dieser
Erwägung
ergiebt sich ohne Weiteres der Plan des vorliegenden Kapitels. Doch
muss
ich noch eine Bemerkung vorausschicken.
Das römische
Reich hatte man mit Recht ein „Weltreich“ nennen können; orbis
romanus, die römische Welt, war die
652
übliche Bezeichnung. Doch, man
merke es wohl, die „römische“ pflegte man zu sagen, nicht die Welt
kurzweg. Denn wenn auch der bezahlte Hofdichter, auf der Jagd nach
weithin
schallenden Hexametern, die oft citierten Worte schrieb
- Tu regere imperio populos,
Romane, memento!
so ist doch die selbst von manchen
ernsten
Historikern gedankenlos gemachte Voraussetzung, hiermit sei das
römische
Programm ausgesprochen, durchaus hinfällig. Wie ich in meinem zweiten
Kapitel gezeigt habe: der politische Grundgedanke des alten Rom war
nicht Expansion, sondern Konzentration. Darüber sollten die hohlen
Phrasen eines Virgil Niemanden täuschen. Durch die geschichtlichen
Ereignisse ist Rom gezwungen worden, sich um einen festen Mittelpunkt
herum
auszubreiten, doch auch in den Tagen seiner ausgedehntesten Gewalt, von
Trajan bis Diocletian, wird jedem aufmerksamen Beobachter nichts mehr
auffallen
als die strenge Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung. Das ist
das Geheimnis römischer Kraft; dadurch bewährt sich Rom als
die
wahrhaft p o l i t i s c h e Nation unter
allen.
Doch so weit diese Nation reicht, vernichtet sie Eigenart, schafft sie
einen orbis romanus; ihre Wirkung nach aussen ist eine
nivellierende.
Und als es keine römische Nation mehr gab, nicht einmal mehr in
Rom
einen Caesar, da blieb nur das Prinzip des Nivellierens, der
Vernichtung
jeder Eigenart als „römisch“ übrig. Hierauf pflanzte nun die
Kirche den echten Universalgedanken, den das rein politische Rom nie
gekannt
hatte. Kaiser waren es gewesen, in erster Reihe Theodosius, welche den
Begriff der römischen Kirche geschaffen hatten, wobei ihnen
zunächst
gewiss
779 Der
Kampf. Staat.
nur der orbis romanus und dessen
bessere Disziplin vorgeschwebt hat; doch war hierdurch an Stelle eines
politischen Prinzips ein religiöses getreten, und während das
erstere von Natur begrenzt ist, ist das letztere von Natur grenzenlos.
Die Bekehrung zum Christentum ward jetzt eine moralische Verpflichtung,
da von ihr das ewige Heil der Menschen abhing; Grenzen konnte es
für
eine derartige Überzeugung nicht geben.¹) Andrerseits war es
staatliche Verpflichtung, der r ö m i s c h e
n
Kirche mit
653
Ausschluss jeder anderen Gestaltung
der christlichen Idee anzugehören; die Kaiser hatten es bei
strengster
Strafe befohlen. Auf diese Art erweiterte sich der frühere,
grundsätzlich
beschränkte römische Gedanke zu dem eines Universalimperiums;
und da zwar die Politik den Organismus abgab, die Kirche aber die
gebieterische
Idee der Universalität, so ist es wohl natürlich, dass nach
und
nach aus dem Imperium eine Theokratie wurde und der Hohepriester bald
sich
das Diadema imperii aufs Haupt setzte.²)
Worauf ich nun gleich
zu Beginn die Aufmerksamkeit lenken möchte, ist, dass es doch
nicht
angeht, in irgend einem Kaiser — und sei es auch ein Heinrich IV. — den
Vertreter und Verfechter der weltlichen Gewalt im G e g e n
s a t z zur kirchlichen zu erblicken. Die Essenz des
christlich-römischen
Kaisertums ist die Idee der Universalgewalt. Nun stammt aber, wie wir
sahen,
diese Idee nicht vom alten Rom; die Religion war es, die das
—————
¹)
Siehe z. B. den wundervollen Brief Alcuin‘s an Karl den Grossen (in
Waitz:
Deutsche
Verfassungsgeschichte, II, 182), worin der Abt den Kaiser mahnt, er
solle das Imperium über die ganze Welt ausdehnen, nicht aus
politischen
Ehrgeiz, sondern weil er hierdurch die Grenzen des katholischen
Glaubens
immer weiter rücke.
²)
Welcher Papst den Doppelreifen zuerst um die Tiara geschlungen hat, ist
noch eine strittige Frage; jedenfalls geschah es im 11. oder 12.
Jahrhundert.
Der eine Ring trug die Inschrift: Corona regni de manu Dei, der
andere: Diadema imperii de manu Petri. Heute trägt die
päpstliche
Krone einen dritten Goldreifen; nach dem zum Katholizismus neigenden
Wolfgang
Menzel (Christliche Symbolik, 1854, I, 531) wird durch diese
drei
Reifen die Herrschaft der römischen Kirche über Erde,
Hölle
und Himmel symbolisiert. Weiter kann kein Imperialismus reichen.
780 Der
Kampf. Staat.
neue Prinzip gebracht hatte: die
offenbarte
Wahrheit, das Reich Gottes auf Erden, eine rein ideale, nämlich
auf
Ideen gegründete, durch Ideen die Menschen beherrschende Gewalt.
Freilich
hatten die Kaiser dieses Prinzip im Interesse ihrer Herrschaft
gewissermassen
säkularisiert, doch, sobald sie es überhaupt aufnahmen,
hatten
sie sich ihm zugleich verdungen. Ein Kaiser, der nicht ein
Angehöriger
der römischen Kirche, der nicht ein Haupt und Hort des
Universalismus
der Religion gewesen wäre, wäre kein Kaiser gewesen. Ein
Streit
zwischen Kaiser und Papst ist also immer ein Streit Innerhalb der
Kirche;
der eine will dem Regnum, der andere dem Sacerdotium
mehr
Einfluss eingeräumt wissen; doch bleibt der Traum des
Universalismus
ihnen beiden gemeinsam, ebenso die Treue gegen jene
kaiserlich-römische
Kirche welche berufen sein sollte, den allverbindenden Seelenkitt des
Weltreiches
abzugeben. Einmal ernennt der Kaiser den Papst „aus kaiserlicher
Machtvollkommenheit“
(wie 999 Otto III. Sylvester II.), ist also er unbestrittener Autokrat;
ein anderes Mal krönt der Papst den Kaiser „aus der Fülle
päpstlicher
Macht“ (wie 1131 Innocenz II. Lothar); ursprünglich ernennen die
Kaiser
(resp. die Landesfürsten) alle Bischöfe, später
beanspruchen
die
654
Päpste dieses Recht; auch konnte
es vorkommen, dass das Concilium der Bischöfe sich die
höchste
Macht zumass, sich ausdrücklich für „unfehlbar“ erklärte
und den Papst absetzte und einsperrte (wie in Konstanz 1415),
während
der Kaiser als machtloser Zuschauer unter den Prälaten sass, nicht
einmal fähig, einen Hus vor dem Tode zu schützen. Und so
weiter.
Offenbar handelt es sich bei allen diesen Dingen um
Kompetenzstreitigkeiten
I n n e r h a l b der Kirche, d. h. innerhalb der
universalistisch
gedachten Theokratie. Wenn die deutschen Erzbischöfe das Heer
befehligen,
welches Friedrich I. 1167 gegen Rom und den Papst entsendet, wäre
es doch sonderbar, hierin eine wirkliche Auflehnung der weltlichen
Gewalt
gegen die kirchliche erblicken zu wollen. Ebenso sonderbar wäre
es,
wenn man die Absetzung Gregor‘s VII. durch die Wormser Synode des
Jahres
1076 als antikirchliche Regung Heinrich‘s IV. deuten wollte, da doch
fast
sämtliche Bischöfe Deutschlands und Italiens das kaiserliche
781 Der
Kampf. Staat.
Dekret unterschrieben hatten und zwar
mit der Begründung, „der Papst masse sich eine bisher ganz
unbekannte
Gewalt an, während er die Rechte anderer Bischöfe
vernichte.“¹)
Natürlich bin ich weit entfernt, die hohe politische Bedeutung
aller
dieser Vorgänge, sowie namentlich ihre Rückwirkung auf das
erstarkende
Nationalbewusstsein leugnen zu wollen, ich stelle aber fest, dass es
sich
hier lediglich um Kämpfe und Ränke innerhalb des damals
vorherrschenden
Universalsystems der Kirche handelt, während derjenige Kampf, der
über den ferneren Gang der Weltgeschichte entschied, im Gegensatz
zugleich zu Kaiser und zu Papst — im Gegensatz heisst das also zum
kirchlichen
Staatsideal — von Fürsten, Adel und Bürgertum geführt
wurde.
Es bedeutet dies einen Kampf gegen den Universalismus, und stützte
er sich zunächst nicht auf Nationen, da solche noch nicht
existierten,
so führte er mit Notwendigkeit zu ihrer Bildung, denn die Nationen
sind das Bollwerk gegen die Despotie des römischen
Weltreichgedankens.
Die
„duplex potestas“
So viel musste ich
vorausschicken, damit von vornherein festgestellt werde, welcher Kampf
allein uns in diesem Buche beschäftigen kann und soll. Der Kampf
zwischen
Kaiser und Papst um den Vorrang gehört der Vergangenheit an, der
Kampf
zwischen Nationalismus und Universalismus dauert heute noch fort.
Doch möchte
ich, ehe wir zu unserem eigentlichen Gegenstand übergehen, noch
eine
Betrachtung bezüglich jenes Wett-
655
streites innerhalb des
universalistischen
Ideals hinzufügen. Zwar ist sie nicht unentbehrlich für die
Beurteilung
des 19. Jahrhunderts, die Sache wurde aber gerade in unseren Tagen viel
besprochen und zwar vielfach zum Nachteil des gesunden
Menschenverstandes;
immer wieder wird sie von der universalistischen, d. h. von der
römischen
Partei aufgefrischt, und manche sonst gute Urteilskraft wird durch das
geschickt dargestellte, doch gänzlich unhaltbare Paradoxon
irregeführt.
Ich meine die Theorie der duplex potestas, der
zweiköpfigen
Gewalt. Den meisten Gebildeten ist
—————
¹)
Hefele: Konziliengeschichte, V, 67.
782 Der
Kampf. Staat.
sie hauptsächlich aus Dante‘s De
Monarchia bekannt, wenngleich sie früher und gleichzeitig und
auch später von Anderen vorgetragen wurde. Bei aller Verehrung
für
den gewaltigen Dichter glaube ich kaum, dass ein politisch
urteilsfähiger
und nicht von Parteileidenschaft geblendeter Mensch diese Schrift
aufmerksam
lesen kann, ohne sie einfach ungeheuerlich zu finden. Grossartig wirkt
allerdings die Konsequenz und der Mut, womit Dante dem Papste jede Spur
von weltlicher Gewalt und weltlichem Besitz abspricht; doch, indem er
die
Fülle dieser Gewalt einem Anderen überträgt, indem er
der
Macht dieses Anderen die rein theokratische Quelle unmittelbar
göttlicher
Einsetzung vindiziert, hat er nur einen Tyrannen an die Stelle eines
Anderen
gesetzt. Von den Kurfürsten meint er, man dürfe sie nicht
„Wähler“
nennen, sondern vielmehr „Verkündiger der göttlichen
Vorsehung“
(III, 16); das ist ja die ungeschminkte papale Theorie! Dann aber kommt
erst die Ungeheuerlichkeit: neben diesem unumschränkten, von Gott
selbst „ohne irgend einen Vermittler“ eingesetzten Alleinherrscher
giebt
es noch einen, ebenfalls von Gott selbst eingesetzten, ebenfalls
unumschränkten
Alleinherrscher, den Papst! Denn „des Menschen Natur ist eine doppelte
und bedarf darum einer doppelten Leitung“, nämlich „des Papstes,
der
in Gemässheit der Offenbarung das Menschengeschlecht zum ewigen
Leben
führt, und des Kaisers, der im Anschluss an die Lehren der
Philosophen
die Menschen zur irdischen Glückseligkeit leiten soll“. Schon
philosophisch
ist dieser Gedanke eine Ungeheuerlichkeit; denn nach ihm soll das
Streben
nach einem diesseitigen, rein irdischen Glück Hand in Hand mit der
Erlangung eines jenseitigen ewigen Glückes gehen; praktisch
bedeutet
er die unhaltbarste Wahnvorstellung, die jemals ein Dichterhirn
ausbrütete.
Wir dürfen als ursätzliche Wahrheit annehmen, dass
Universalismus
Absolutismus mit sich führt, d. h. Unbedingtheit; wie könnten
denn z w e i unbedingte Herrscher nebeneinander
stehen? Nicht einen Schritt kann der Eine machen, ohne den Anderen zu
„bedingen“.
Wo soll man eine Grenze zwischen der Jurisdiktion
656
des „philosophischen“ Kaisers, des
unmittelbaren
Vertreters Gottes als Weltweisen, und der Jurisdiktion des theologischen
783 Der
Kampf. Staat.
Kaisers, des Vermittlers des ewigen
Lebens ziehen? Bildet jene „Doppelnatur“ des Menschen, von der Dante
viel
spricht, nicht dennoch eine Einheit? Vermag sie es, sich fein
säuberlich
in zwei zu teilen und — im Widerspruch mit dem Worte Christi — zweien
Herren
zu dienen? Schon das Wort M o n - a r c h i e
bedeutet
die Regierung durch einen Einzigen, und jetzt soll die Monarchie zwei
Alleinherrscher
besitzen? Die Praxis kennt eine derartige zwiespältige Idee gar
nicht.
Die ersten Kaiser christlicher Konfession waren unumschränkte
Herren
auch innerhalb der Kirche; hin und wieder beriefen sie die
Bischöfe
zu Beratungen, doch erliessen sie die Kirchengesetze aus autokratischer
Machtfülle und in dogmatischen Fragen entschied ihr Wille.
Theodosius
konnte wohl für seine Sünden Busse thun vor dem Bischof von
Mailand,
wie er es vor jedem anderen Priester gethan hätte, doch von einem
Wettbewerber um die unumschränkte Machtvollkommenheit wusste er
nichts
und hätte nicht gezaudert, ihn zu zermalmen. Genau ebenso empfand
Karl (siehe S.
617),
wenn auch seine Position natürlich nicht so stark sein konnte wie
die des Theodosius; doch errang später Otto der Grösse
thatsächlich
genau die selbe Einherrschergewalt und sein kaiserlicher Wille
genügte,
um den Papst abzusetzen: so sehr verlangt die Logik des
universalistischen
Ideals, dass alle Macht in einer Hand liege. Nun kamen allerdings in
Folge
endloser politischer Wirren, und auch weil die Hirne der damaligen
Menschen
durch Fragen des abstrakten Rechtes vertrackt geworden waren, manche
unklare
Ideen auf, und zu ihnen gehörte jener Satz des alten
Kirchenrechtes
von den b e i d e n S c h w e r t e r
n
des Staates, de duobus universis monarchiae gladiis; doch hat,
wie
obiger Satz mit seinem Genitiv der Einzahl beweist, der praktische
Politiker
sich die Sache nie so ungeheuerlich vorgestellt wie der Dichter;
für
ihn gab es doch nur e i n e Monarchie, und ihr
dienen b e i d e Schwerter. Diese eine
Monarchie
ist die Kirche: ein weltliches und zugleich überweltliches
Imperium.
Und weil die Idee dieses Imperiums eine so durch und durch
theokratische
ist, kann es uns nicht wundern, wenn die höchste Gewalt
allmählich
vom König auf den pontifex übergeht. Dass beide
gleich
hoch stehen
784 Der
Kampf. Staat.
sollten, ist durch die Natur des
Menschen
völlig ausgeschlossen; selbst Dante sagt am Schlusse seiner
Schrift,
der Kaiser solle „dem Petrus Ehrerbietung bezeigen“ und sich von dessen
Licht „bestrahlen lassen“; er giebt also implicite zu, der Papst stehe
657
über dem Kaiser. Endlich heilte
ein starker, klarer Geist, politisch und juristisch hochgebildet, diese
Wirrnis geschichtlicher Trugschlüsse und abstrakter Hirngespinste
auf; es geschah gerade an der Grenze der Epoche, von der ich hier
spreche,
am Schlusse des 13. Jahrhunderts.¹) Schon in seiner Bulle Ineffabilis
hatte Bonifaz VIII. die unbedingte Freiheit der Kirche gefordert:
bedingungslose
Freiheit heisst unbeschränkte Macht. Doch die Lehre von den beiden
Schwertern hatte schon so arge Verwüstungen in der Denkkraft der
Fürsten
angerichtet, dass sie gar nicht mehr daran dachten, das zweite Schwert
sei bestenfalls in der unmittelbaren Gewalt des Kaisers; nein, jeder
einzelne
Fürst wollte es unabhängig führen, und die
göttliche
Monarchie artete dadurch in eine um so bedenklichere Polyarchie aus,
als
jeder Principiculus sich die kaiserliche Theorie angeeignet hatte und
sich
als einen direkt von Gott eingesetzten unumschränkten Gewalthaber
betrachtete. Man kann mit den Fürsten sympathisieren, denn sie
bereiteten
die Nationen, doch ihre Theorie des „Gottesgnadentums“ ist einfach
absurd,
absurd, wenn sie innerhalb des römischen Universalsystems, d. h.
also
in der katholischen Kirche verblieben, und doppelt absurd, wenn sie
sich
von dem grossartigen Gedanken der einen einzigen von Gott gewollten civitas
Dei lossagten. Dieser Konfusion suchte nun Bonifaz VIII. durch
seine
ewig denkwürdige Bulle Unam sanctam ein Ende zu bereiten.
Jeder
Laie sollte sie kennen, denn, was auch inzwischen geschehen sein oder
in
Zukunft noch geschehen mag, die Logik der universal-theokratischen
Idee²)
wird die römische Kirche immer mit
—————
¹)
Dante hat es folglich erlebt, doch wie es scheint, nicht zu
würdigen,
noch daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen gewusst.
²)
Nicht zu verwechseln mit dem National-Theokratismus, für den die
Geschichte
manche Beispiele (in erster Reihe das Judentum) bietet.
785 Der
Kampf. Staat.
Notwendigkeit zu der Auffassung der
unbeschränkten Gewalt der Kirche und ihres geistlichen Oberhauptes
zurückführen. Zuerst setzt Bonifaz auseinander, es könne
nur eine Kirche geben — dies wäre derjenige Punkt, wo man ihm
gleich
widersprechen müsste, denn aus ihm folgt alles Übrige mit
logischer
Notwendigkeit. Dann kommt das entscheidende und, wie die Geschichte
lehrt,
wahre Wort: „Diese eine Kirche hat nur e i n H
a u p t , n i c h t z w e i K
ö
p f e g l e i c h e i n e m M o n s
t r u m!“ Hat sie aber nur ein Haupt, so müssen ihm
beide
Schwerter, das geistliche und das weltliche, unterthan sein: „Beide
Schwerter
sind also in der Gewalt der Kirche, das geistliche und das weltliche;
dieses
muss f ü r die Kirche, jenes v
o n der Kirche gehandhabt werden; das eine von
658
der Priesterschaft, das andere von den
Königen und Kriegern, a b e r n a c
h
d e m W i l l e n d e s P r i e s t
e r s u n d s o l a n g
e
e r e s d u l d e t. Es muss aber
ein
Schwert über dem andern, die weltliche Autorität der
geistlichen
unterworfen sein. . . . . Die göttliche Wahrheit bezeugt,
dass
die geistliche Gewalt die zeitliche einzusetzen und über sie zu
urteilen
hat, wenn sie nicht gut ist.“¹) Damit war die notwendige Lehre der
römischen Kirche endlich klar, logisch und ehrlich entwickelt. Man
sieht einem derartigen Gedanken nicht auf den Grund, wenn man von
priesterlichem
Ehrgeiz, von dem unersättlichen Magen der Kirche u. s. w. redet:
zu
Grunde liegt hier vielmehr die grossartige Idee eines universellen
Imperiums,
welches nicht allein alle Völker unterwerfen und hierdurch ewigen
Frieden schaffen soll,²) sondern auch jeden einzelnen Menschen mit
seinem Glauben, Handeln und Hoffen ebenfalls von allen Seiten eng
umfassen
will. Es ist Universalismus in seiner höchsten Potenz,
äusserer
und innerer, so dass z. B. auch Einheit der Sprache mit allen Mitteln
erstrebt
wird. Der Fels, auf dem dieses Reich ruht,
—————
¹)
Siehe die Bulle Ineffabilis in Hefele: Konziliengeschichte,
2. Ausg. VI, 297 fg., und die Bulle Unam sanctam, ebenda, S.
347
fg. Ich citiere nach der Hefele‘schen Übersetzung ins Deutsche,
also
nach einer orthodox katholischen und zugleich autoritativen Quelle.
²)
Dieser Gedanke kehrt bei den alten Schriftstellern immer wieder.
786 Der
Kampf. Staat.
ist der Glaube an göttliche
Einsetzung,
nichts Geringeres vermöchte ein derartiges Gebäude zu tragen;
folglich ist dieses Imperium notwendiger Weise eine Theokratie; in
einem
theokratischen Staate nimmt die Hierarchie den ersten Platz ein; Ihr
priesterliches
Haupt ist somit das natürliche Oberhaupt des Staates. Dieser
logischen
Deduktion kann man kein einziges vernünftiges Wort
entgegenstellen,
sondern nur fadenscheinige Sophismen. Hatte doch im weltlichsten aller
Staaten, in Rom, der Imperator sich den Titel und das Amt eines Pontifex
maximus als höchste Würde, als unübertreffbare
Gewähr
der göttlichen Berechtigung beigelegt (Caesar Divi genus —
denn auch dieser Gedanke ist nicht etwa ein christlicher). Und sollte
nicht
im christlichen Staate, jenem Staate, dem erst die Religion
Universalität
und Allgewalt geschenkt hatte, der Pontifex maximus sich nun
umgekehrt
berechtigt und genötigt fühlen, sein Amt als das eines
Imperators
aufzufassen?¹)
So viel nur über
die duplex potestas.
Diese beiden
Ausführungen:
die erste über die grundsätzliche Identität zwischen
Kaisertum
und Papsttum (beide nur Glieder
659
und Manifestationen des selben Gedankens
eines heiligen römischen Universalreiches), die zweite über
den
Kampf zwischen den verschiedenen regierenden Elementen innerhalb dieser
natürlich sehr komplizierten Hierarchie, sollen weniger als
Vorwort
zu dem Folgenden gedient haben, denn als Entledigung eines Ballastes,
der
unsere Schritte vielfach gehemmt und irregeführt hätte; denn,
wie gesagt, der wahre „Kampf im Staat“ liegt tiefer, und gerade er
bietet
noch gegenwärtiges, ja, leidenschaftliches Interesse und
fördert
das Verständnis des neunzehnten Jahrhunderts.
Universalismus
gegen Nationalismus
Savigny, der grosse
Rechtslehrer, schreibt: „Die Staaten, in welche sich das römische
Reich auflöste, weisen zurück auf den Zustand des Reiches vor
dieser Auflösung.“ Der Kampf, von
—————
¹)
Man vergleiche das treffliche Wort des spanischen Staatsmannes Antonio
Perez, im vorigen Kapitel, S.
615,
angeführt.
787 Der
Kampf. Staat.
dem ich hier zu sprechen habe, steht
also sowohl formell wie ideell in starker Abhängigkeit von dem
entschwundenen
Imperium. Gleichwie die Schatten länger werden, je tiefer die
Sonne
sinkt, so warf Rom, dieser erste wahrhaft grosse S t a a
t,
seinen Schatten weit über kommende Jahrhunderte hin. Denn, wohl
betrachtet,
ist der nun entbrennende Kampf im Staat ein Kampf der Völker um
ihre
persönliche Daseinsberechtigung gegen eine erträumte und
erstrebte
Universalmonarchie, und Rom hinterliess nicht allein die Thatsache
eines
nationalitätlosen Polizeistaates mit Gleichförmigkeit und
Ordnung
als politischem Ideal, sondern auch die Erinnerung an eine grosse
Nation.
Ausserdem hinterliess Rom die geographische Skizze zu einer
möglichen
und in vielen Zügen dauernd bewährten politischen Aufteilung
des chaotischen Europa in neue Nationen, sowie Grundprinzipien der
Gesetzgebung
und der Verwaltung, an denen die individuelle Selbständigkeit
dieser
neuen Gebilde wie die junge Rebe an dem dürren Pfahl emporwachsen
und erstarken konnte. Beiden Idealen, beiden Politiken lieferte also
das
alte Rom die Waffen, sowohl dem Universalismus wie dem Nationalismus.
Jedoch
es kam auch Neues hinzu, und dieses Neue war das Lebendige, der Saft,
welcher
Blüten und Blätter trieb, die Hand, welche die Waffe
führte:
neu war das religiöse Ideal der Universalmonarchie, und neu war
der
die Nationen gestaltende Menschenschlag. Neu war es, dass die
römische
Monarchie nicht mehr eine weltliche Politik, sondern eine zum Himmel
vorbereitende
Religion, dass ihr Monarch nicht ein wechselnder Caesar, sondern ein
unsterblicher,
ans Kreuz geschlagener Gott sein sollte, und ebenso neu war es, dass
660
an Stelle der verschwundenen Nationen
der früheren Geschichte eine bisher unbekannte Menschenrasse
auftrat,
gleich schöpferisch und individualistisch (folglich von Natur
staatenbildend)
wie die Hellenen und die Römer, dabei im Besitz einer bedeutend
breiteren,
zeugungsfähigeren und darum auch plastischeren, vielgestaltigen
Masse:
die Germanen.
Die politische
Situation
während des ersten Jahrtausends von Konstantin an gerechnet ist
also,
trotz des unübersehbaren Wirrsals der Geschehnisse, durchaus
deutlich,
deutlicher vielleicht als
788 Der
Kampf. Staat.
die heutige. Auf der einen Seite die
bewusste, wohl durchdachte, aus Erfahrung und aus vorhandenen
Verhältnissen
entlehnte Vorstellung einer imperial-hieratischen,
unnationalen
U n i v e r s a l - m o n a r c h i e, auf Gottes
Gebot
von den römischen Heiden (unbewusst) vorbereitet,¹) nunmehr
in
ihrer Göttlichkeit offenbart und daher allumfassend, allgewaltig,
unfehlbar, ewig, — auf der anderen Seite die naturnotwendige, durch
Rasseninstinkt
geforderte Bildung von N a t i o n e n seitens
der germanischen und der mit Germanen in meinem weiteren Sinne (siehe Kap.
6) stark vermischten Völker, zugleich eine
unüberwindliche
Abneigung ihrerseits gegen alles Beharrende, die stürmische
Auflehnung
gegen jede Beschränkung der Persönlichkeit. Der Widerspruch
war
flagrant, der Kampf unausbleiblich.
Das ist kein
willkürliches
Verallgemeinern; im Gegenteil: nur wenn man die anscheinenden
Willkürlichkeiten
aller Geschichte so liebevoll aufmerksam betrachtet wie der Physiograph
das von ihm sorgfältig polierte Gestein, nur dann wird die Chronik
der Weltbegebenheiten durchsichtig, und was das Auge nunmehr erblickt,
ist nicht etwas Zufälliges, sondern das zu Grunde Liegende, gerade
das einzige nicht Zufällige, die bleibende Ursache notwendiger,
doch
bunter, unberechenbarer Ereignisse. Dergleichen Ursachen erzwingen
nämlich
bestimmte Wirkungen. Wo weithin blickendes Bewusstsein vorhanden ist,
wie
z. B. (für den Universalismus) bei Karl dem Grossen und Gregor
VII.,
oder andrerseits (für den Nationalismus) bei König Alfred
oder
Walther von der Vogelweide, da gewinnt die notwendige Gestaltung der
Geschichte
bestimmtere, leichter erkennbare Umrisse; doch war es durchaus nicht
nötig,
dass jeder Vertreter der römischen Idee oder des Prinzips der
Nationalitäten
klare Begriffe über Art und Umfang dieser Gedanken besass. Die
römische
Idee war zwingend genug, war eine unabänderliche Thatsache, nach
welcher
661
jeder Kaiser und jeder Papst, mochte
er sonst auch denken und beabsichtigen was er wollte, genötigt war
sich zu richten. Auch ist die übliche Lehre, hier habe eine
Entwickelung
stattgefunden,
—————
¹)
Augustinus: De civitate Dei V, 21, etc.
789 Der
Kampf. Staat.
der kirchliche Ehrgeiz sei nach und
nach immer umfassender geworden, nicht wohlbegründet, nicht
wenigstens
in dem heutigen flachen Verstand, wonach durch Evolution aus einem X
ein
U wird; eine Entfaltung hat es gegeben, ein Anschmiegen an
Zeitverhältnisse
u. s. w., doch handelte Karl der Grosse nach genau den selben
Grundsätzen
wie Theodosius und stand Pius IX. auf genau dem selben Boden wie
Bonifaz
VIII. Weit weniger noch postuliere ich ein bewusstes Erstreben
nationaler
Bildungen. Die spätrömische Idee einer Universaltheokratie
konnte
allenfalls von ausserordentlichen Männern bis ins Einzelne
ausgedacht
werden, denn sie beruhte auf einem vorhandenen Imperium, an das sie
unmittelbar
anknüpfte, und auf der festgegründeten jüdischen
Theokratie,
aus der sie sich lückenlos herleitete; wie sollte man dagegen an
ein
Frankreich, ein Deutschland, ein Spanien gedacht haben, ehe sie da
waren?
Hier handelte es sich um schöpferische Neubildungen, die auch
heute
Sprossen treiben und noch ferner treiben werden, solange es Leben
giebt.
Unter unseren Augen finden Verschiebungen des Nationalbewusstseins
statt,
und noch jetzt können wir das nationalitäten-bildende Prinzip
überall am Werke betrachten, wo der sogenannte Partikularismus
sich
regt: wenn der Bayer den Preussen nicht leiden mag und der Schwabe mit
einer gelinden Geringschätzung auf Beide herabblickt; wenn der
Schotte
von „seinen Landsleuten“ spricht, um sie vom Engländer zu
unterscheiden,
und der Einwohner von New-York den Yankee von Neuengland als
ein
nicht ganz so vollendetes Wesen betrachtet, wie er selber ist; wenn
örtliche
Sitte, örtlicher Brauch, unausrottbare, durch keine Gesetzgebung
ganz
zu tilgende örtliche Rechtsgewohnheiten einen Gau vom anderen
scheiden
— — — so haben wir in allen diesen Dingen Symptome eines lebendigen
Individualismus
zu erblicken, Symptome der Fähigkeit eines Volkes, sich seiner
Eigenart
im Gegensatz zu der Anderer bewusst zu werden, der Fähigkeit zu
organischer
Neubildung. Schüfe der Gang der Geschichte die äusseren
Bedingungen
dazu, wir Germanen brächten noch ein Dutzend neue,
charakteristisch
unterschiedene Nationen hervor. In Frankreich wurde inzwischen diese
schöpferische
Beanlagung durch die fortschreitende „Ro-
790 Der
Kampf. Staat.
manisierung“ geschwächt, ausserdem
durch den Fuss des rohen Korsen fast ganz zertreten; in Russland ist
sie
in Folge des Vorwaltens untergeordneten, ungermanischen Blutes
verschwunden,
662
trotzdem früher unsere echten
slavischen
Vettern für individuelle Neubildungen — ihre Sprachen und
Litteraturen
beweisen es — reich begabt waren. Diese Gabe nun, welche wir bei den
Einen
nicht mehr, bei den Anderen noch heute vorhanden finden, ist es, die
wir
in der Geschichte am Werke sehen, nicht bewusst, nicht als Theorie,
nicht
philosophisch bewiesen, nicht auf juristischen Institutionen und
göttlichen
Offenbarungen aufgebaut, doch mit der Unbezwingbarkeit eines
Naturgesetzes
alle Hindernisse überwindend, zerstörend, wo es zu
zerstören
galt — denn woran sind die ungesunden Bestrebungen des römischen
Kaisertums
germanischer Könige zu Grunde gegangen, als an der stets
wachsenden
Eifersucht der Stämme? — und zugleich auf allen Seiten unbemerkt,
emsig aufbauend, so dass die Nationen dastanden, lange ehe die
Fürsten
sie in die Landkarte eingetragen hatten. Während gegen das Ende
des
12. Jahrhunderts der Wahn eines imperium romanum noch einen
Friedrich
Barbarossa bethörte, konnte der deutsche Dichter schon singen:
- übel müeze mir geschehen,
- künde ich ie mîn herze
bringen
dar,
- daz im wol gevallen
- wolte fremeder site:
- t i u s c h i u zuht
gât
vor in allen!
Und als im Jahre 1232 der
mächtigste
aller Päpste den Feind des römischen Einflusses in England,
den
Oberrichter Hubert de Burgh, durch Vermittlung des Königs hatte
gefangen
nehmen lassen, fand sich im ganzen Lande kein Schmied, der ihm
Handschellen
hätte anschmieden wollen; trotzig antwortete der Geselle, dem man
mit der Folter drohte: „Lieber jeden Tod sterben, als dass ich je Eisen
anlegen sollte dem Manne, der England vor dem F r e m d e
n
verteidigt hat!“ Der fahrende Sänger wusste, dass es ein deutsches
Volk, der Hufeisenbeschläger, dass es ein englisches Volk gebe,
als
es manche grosse Herren der Politik kaum erst zu ahnen begannen.
791 Der
Kampf. Staat.
Das
Gesetz der Begrenzung
Man sieht, es handelt
sich nicht um Windeier, gelegt von einer geschichtsphilosophischen
Henne,
sondern um die allerrealsten Dinge. Und da wir nun wissen, dass wir mit
dieser Gegenüberstellung von Universalismus und
Nationalismus
konkrete Grundthatsachen der Geschichte aufgedeckt haben, möchte
ich
gern dieser Sache einen allgemeineren, mehr innerlichen Ausdruck
abgewinnen.
Damit steigen wir in die Tiefen der Seele hinab und erwerben uns eine
Einsicht,
die gerade für die Be-
663
urteilung des 19. Jahrhunderts von Wert
sein wird; denn jene beiden Strömungen sind noch unter uns
vorhanden,
und zwar nicht allein in der sichtbaren Gestalt des pontifex
maximus,
der im Jahre des Heiles 1864 seine zeitliche Allgewalt noch einmal
feierlich
behauptete,¹) sowie andrerseits in den immer schärfer
hervortretenden
nationalen Gegensätzen der Gegenwart, sondern in gar vielen
Ansichten
und Urteilen, die wir auf dem Lebenspfade auflesen, ohne zu ahnen,
woher
sie stammen. Im tiefsten Grunde handelt es sich eben um zwei
Weltauffassungen,
die sich gegenseitig so gänzlich ausschliessen, dass die eine
unmöglich
neben der andren bestehen könnte und es einen Kampf auf Leben und
Tod zwischen ihnen geben müsste — trieben die Menschen nicht so
ohne
Besinnung dahin, gleich vollbesegelten, doch steuerlosen Schiffen,
ziellos,
gedankenlos dem Winde gehorchend. Ein Wort des erhaben grossen Germanen
Goethe wird auch hier wieder das psychologische Rätsel aufhellen.
In seinen Sprüchen in Prosa schreibt er von der
lebendigbeweglichen
Individualität, sie werde sich selbst gewahr „als innerlich
Grenzenloses,
äusserlich Begrenztes“. Das ist ein bedeutungsschweres
Wort:
ä u s s e r l i c h b e g r e n z t, i n n
e r l i c h g r e n z e n l o s. Hiermit wird
ein
Grundgesetz alles geistigen Lebens ausgesprochen. Für das
menschliche
Individuum heisst nämlich äusserlich begrenzt so viel wie
Persönlichkeit,
innerlich grenzenlos so viel wie Freiheit; für ein Volk ebenfalls.
Verfolgt man nun diesen
—————
¹)
Siehe den S y l l a b u s § 19 fg., 54
fg.,
sowie die vielen Artikel gegen jede Gewissensfreiheit, namentlich
§
15: „Wer behauptet, ein Mensch dürfe diejenige Religion annehmen
und
bekennen, die er nach bestem Wissen für wahr hält: der sei
gebannt.“
792 Der
Kampf. Staat.
Gedanken, so wird man finden, dass die
beiden Vorstellungen sich gegenseitig bedingen. Ohne die äussere
Begrenzung
kann die innere Grenzenlosigkeit nicht statthaben; wird
dagegen
ä u s s e r e Unbegrenztheit erstrebt, so wird die
Grenze
innerlich gezogen werden m ü s s e n. Dies
Letztere ist denn auch die Formel des neurömischen kirchlichen
Imperiums:
innerlich begrenzt, äusserlich grenzenlos. Opfere mir deine
menschliche
Persönlichkeit, und ich schenke dir Anteil an der
Göttlichkeit;
opfere mir deine Freiheit, und ich schaffe ein Reich, welches die ganze
Erde umfasst und in welchem ewig Ordnung und Friede herrschen; opfere
mir
dein Urteil, und ich offenbare dir die absolute Wahrheit; opfere mir
die
Zeit, und ich schenke dir die Ewigkeit. Denn in der That, die Idee der
römischen Universalmonarchie und der römischen
Universalkirche
zielt auf ein äusserlich Unbegrenztes: dem Oberhaupt des Imperiums
sind omnes humanae creaturae, d. h. sämt-
664
liche menschliche Wesen ohne Ausnahme
unterworfen,¹) und die Gewalt der Kirche erstreckt sich nicht
allein
über die Lebendigen, sondern auch über die Toten, welche sie
noch nach Jahrhunderten mit Bann und Höllenqualen bestrafen oder
aus
dem Fegfeuer zur himmlischen Seligkeit befördern kann. Dass dieser
Vorstellung Grossartigkeit innewohnt, bestreite ich nicht; davon ist
augenblicklich
die Rede nicht; sondern mir liegt einzig daran zu zeigen, wie jedes
Hinzielen
auf derartig äusserlich Unbegrenztes die innerliche Begrenzung des
Individuums notwendig voraussetzt und bedingt. Von Konstantin an, dem
ersten,
der die Imperiumsidee konsequent neurömisch erfasste, bis zu
Friedrich
II., dem Hohenstaufen, dem letzten Herrscher, den der wahrhafte
Universalgedanke
beseelte, hat kein Kaiser ein Atom persönlicher oder auch
Landesfreiheit
geduldet (ausser insofern Schwäche ihn dazu zwang, den Einen
Zugeständnisse
zu machen, um die Anderen matt zu setzen). Quod principi placuit,
legis
habet vigorem, liess sich der Rotbart von den Juristen
byzantinischer
Schulung belehren, ging hin und zerstörte die in trotziger
Freiheit
und bürgerlichem Fleisse aufblühenden Städte der
Lombardei
und
—————
¹)
Siehe die Bulle Unam sanctam.
793 Der
Kampf. Staat.
streute Salz auf die rauchenden
Trümmer
Mailand‘s. Minder gewaltthätig, doch von der selben
Grundanschauung
getragen, vernichtete der zweite Friedrich die unter den
Landesfürsten
aufkeimenden Freiheiten des deutschen Bürgertums. Wie
unverrückbar
eng der Pontifex die „inneren Grenzen“ zieht, braucht nicht
erst
dargethan zu werden. Das Wort Dogma hatte bei den alten
Griechen
eine Meinung, ein Dafürhalten, eine philosophische Lehre
bezeichnet,
im römischen Reich bezeichnete es eine kaiserliche Verordnung,
jetzt
aber, in der römischen Kirche, hiess es ein göttliches Gesetz
des Glaubens, dem sämtliche menschliche Wesen bei ewiger Strafe
sich
bedingungslos zu unterwerfen hatten. Man mache sich keine Illusion
hierüber,
man lasse sich nicht durch Trugschlüsse irreführen: dem
Individuum
kann dieses System kein Tüttelchen freier Selbstbestimmung lassen,
es ist unmöglich, und zwar aus dem einfachen Grunde — gegen den
keine
Kasuistik und keine noch so gute Absicht etwas vermag — weil, wer
„äusserlich
grenzenlos“ sagt, „innerlich begrenzt“ hinzufügen m u
s s, er mag wollen oder nicht. Nach aussen wird das Opfer
der
Persönlichkeit, nach innen das Opfer der Freiheit gefordert.
Ebensowenig
kann dieses System nationale Individuen in ihrer Eigenart und als
Grundlage
geschicht-
665
lichen Geschehens anerkennen; sie sind
ihm höchstens ein unvermeidliches Übel; denn sobald eine
scharfe
äussere Grenze gezogen ist, wird sich die Tendenz zur innerlichen
Grenzenlosigkeit kundthun; nie wird die echte Nation sich dem Imperium
unterwerfen.
Das staatliche Ideal
der römischen Hierokratie ist die civitas Dei auf Erden,
ein
einziger unteilbarer Gottesstaat: jede Gliederung, welche äussere
Grenzen schafft, bedroht das unbegrenzte Ganze, denn sie erzeugt
Persönlichkeit.
Darum gehen die Freiheiten der germanischen Völkerschaften, die
Königswahl,
die besonderen Rechte u. s. w. unter römischem Einfluss verloren;
darum organisieren die Predigermönche, sobald zu Anfang des 13.
Jahrhunderts
die Nationalitäten deutlich hervorzutreten beginnen, einen wahren
Feldzug gegen den amor soli natalis, die Liebe zur heimatlichen
Scholle; darum sehen wir die Kaiser auf
794 Der
Kampf. Staat.
die Schwächung der Fürsten
bedacht und die Päpste während Jahrhunderte unermüdlich
thätig, die Bildung der Staaten zu hindern und — sobald hier kein
Erfolg mehr zu hoffen war — ihre freiheitliche Entwickelung
hintanzuhalten
(bei welchem Bestreben namentlich die Kreuzzüge ihnen lange Zeit
zu
gute kamen); darum sorgen die Konstitutionen des Jesuitenordens an
erster
Stelle dafür, dass dessen Mitglieder gänzlich
„entnationalisiert“
werden und einzig der universellen Kirche angehören;¹) darum
lesen wir in
—————
¹)
Jedes Gespräch über einzelne Nationen ist den Jesuiten aufs
Strengste
verboten; das Ideal des Ignatius war, sagt Gothein (Ignatius von
Loyola,
S. 336), „alle Nationen durcheinander zu werfen“; nur wo die Staaten es
zur Bedingung machten, liess er den Unterricht durch Eingeborene geben,
sonst war es sein stehendes Prinzip, jedes Mitglied aus seinem
Vaterlande
zu entfernen, wodurch zugleich erreicht wurde, dass kein
Jesuitenschüler
durch ein Mitglied seiner eigenen Nation herangebildet wurde. Das
System
ist seither nicht geändert. Buss, der ultramontane Verfasser der Geschichte
der Gesellschaft Jesu, rühmt ihr vornehmlich nach: „sie hat
keinen
Charakter haftend an dem Genie einer Nation oder in der
Eigentümlichkeit
eines einzelnen Landes.“ Der französische Jesuit Jouvancy warnt in
seiner Lern- und Lehrmethode die Ordensmitglieder ganz
besonders
vor dem „zu vielen Lesen in Werken der Muttersprache“, denn, so
fährt
er fort: „dabei wird nicht nur viel Zeit verloren, sondern man leidet
auch
leicht Schiffbruch an der Seele.“ Schiffbruch an der Seele durch
Vertrautheit
mit der Muttersprache! Und der bayrische Jesuit Kropf stellt im 18.
Jahrhundert
als erstes Prinzip für die Schule auf, dass „der Gebrauch der
Muttersprache
n i e m a l s gestattet werde“. Man durchsuche das ganze
Buch
(ein orthodox-römisch-jesuitisches), aus dem ich diese Citate
entnehme:
Erläuterungsschriften
zur Studienordnung der Gesellschaft Jesu, 1898, bei Herder
(für
Obiges S. 229 und 417), man wird das Wort V a t e r l a n
d
nicht ein einziges Mal finden! — (Nachtrag: Während der
Drucklegung
dieses Kapitels lerne ich die vortreffliche Schrift von Georg Mertz, Die
Pädagogik der Jesuiten, Heidelberg 1898, kennen, in welcher
streng
aktenmässig und mit wissenschaftlicher Unparteilichkeit dieses
ganze
Erziehungssystem dargelegt wird. Wer diese trockene, nüchterne
Darstellung
aufmerksam liest, wird nicht bezweifeln, dass jede Nation, welche ihre
Schulen den Jesuiten öffnet, einfach Selbstmord begeht. Ich
verdächtige
durchaus nicht die guten Absichten der Jesuiten und bestreite nicht,
dass
sie einen gewissen pädagogischen Erfolg erzielen;
666
795
Der Kampf. Staat.
den allerneuesten, streng
wissenschaftlichen
Lehrbüchern des katholischen Kirchenrechts (siehe z. B. das von
Phillips,
3. Aufl., 1881, S. 804) noch immer von dem Durchdringen des
„Nationalitätsprinzips
innerhalb der Einen und Allgemeinen Kirche Gottes“ als von einem der
bedauerlichsten
Vorgänge der Geschichte Europa‘s. Dass die grosse Mehrzahl der
römischen
Katholiken dennoch vortreffliche Patrioten sind, ist ein Mangel an
Konsequenz,
der ihnen zur Ehre gereicht; ähnlich hat ja gerade Karl der
Grosse,
der sich a Deo coronatus imperator, Romanum gubernans imperium
nannte,
durch seine kulturelle Thätigkeit und seine germanische Gesinnung
mehr als ein Anderer zur Entfesselung der Nationalitäten und zur
Knebelung
des folgerechten römischen Gedankens beigetragen; doch wird durch
derartige Inkonsequenzen die einzig richtige Lehre der theokratischen
Universalkirche
in keiner Weise berührt, und es ist unmöglich, dass diese
Lehre
und dieser Einfluss sich jemals anders als in antinationaler Richtung
geltend
mache. Denn, ich wiederhole es, hier handelt es sich nicht um dieses
eine
bestimmte Kirchen- und Imperiumsideal, sondern um ein allgemeines
Gesetz
menschlichen Wesens und Thuns.
Damit dieses Gesetz
recht klar erkannt werde, wollen wir jetzt kurz die entgegengesetzte
Weltauffassung
betrachten: äusserlich begrenzt, innerlich grenzenlos. Nur in der
Gestalt des äusserlich scharf Abgegrenzten, keinem andern Menschen
Gleichen, das Gesetz seines besonderen Seins sichtbar zur Schau
Tragenden
tritt uns die hervorragende Persönlichkeit entgegen; nur als
streng
begrenzte individuelle Erscheinung offenbart uns das Genie die
grenzenlose
Welt seines Innern. Hiervon war in
—————
doch bezweckt dieses
ganze
System die grundsätzliche Vernichtung der Individualität —
der
persönlichen sowohl wie der nationalen. Andrerseits muss aber
zugegeben
werden, dass dieses frevelhafte Attentat auf alles Heiligste im
Menschen,
diese grundsätzliche Heranbildung eines Geschlechtes, das „aus dem
Hellen ins Dunkle strebt“, die streng logische Anwendung der
römischen
Postulate ist; in der starren und erstarrenden Folgerichtigkeit liegt
die
Kraft des Jesuitismus.)
796 Der
Kampf. Staat.
meinem ersten
Kapitel (über hellenische Kunst) so eindringlich die Rede,
dass
ich es jetzt nicht noch einmal auszuführen brauche; im zweiten
Kapitel, dem über Rom, sahen wir dann das selbe
667
Gesetz schärfster Abgrenzung nach
Aussen eine innerlich unerhört mächtige Nation schaffen. Und
ich frage, wo wäre man mehr als bei dem Anblick des Gekreuzigten
berechtigt
auszurufen: äusserlich b e g r e n z t,
innerlich
g r e n z e n l o s? Und aus welchen Worten wäre diese
Wahrheit deutlicher herübergetönt, als aus jenen: Das
Himmelreich
ist nicht auswendig, in der Welt der begrenzten Gestalten, sondern
innerlich,
in euren Herzen, in der Welt des Grenzenlosen? Diese Lehre ist das
genaue,
antipodische Gegenteil der Kirchenlehre. Die Geschichte als
Beobachtungswissenschaft
lehrt, dass nur begrenzte, zu nationaler Eigenartigkeit aus- und
eingewachsene
Völker Grosses geleistet haben. Die stärkste Nation der Welt
— Rom — verschwand, und mit ihr verschwanden ihre Tugenden, sobald sie
„universal“ zu werden strebte. Ähnlich überall. Lebhaftestes
Rassenbewusstsein und allerengste Stadtorganisation waren die
notwendige
Atmosphäre für die unvergänglichen Grossthaten des
Hellenentums;
die Weltmacht Alexander‘s hat nur die Bedeutung einer mechanischen
Ausbreitung
von hellenischen Bildungselementen. Die ursprünglichen Perser
waren
eins der lebhaftesten, thatkräftigsten, in Bezug auf Poesie und
Religion
am tiefsten beanlagten Völker der Geschichte: als sie den Thron
einer
Weltmonarchie erstiegen hatten, schwand ihre Persönlichkeit und
damit
auch ihr Können dahin. Selbst die Türken verloren als
internationale
Grossmacht ihren bescheidenen Schatz an Eigenschaften, während
ihre
Vettern, die Hunnen, durch rücksichtslose Betonung des einen
einzigen
nationalen Momentes und durch gewaltsames Einschmelzen ihres reichen
Schatzes
an tüchtigen deutschen und slavischen Elementen, im Begriffe sind,
unter unseren Augen zu einer grossen Nation heranzuwachsen.
Aus dieser zwiefachen
Betrachtung geht hervor, dass die B e s c h r ä n k u
n g ein allgemeines Naturgesetz ist, ein ebenso allgemeines
wie das Streben nach dem S c h r a n k e n l o s e
n.
Ins Unbegrenzte m u s s der Mensch hinaus,
seine
Natur fordert
797 Der
Kampf. Staat.
es gebieterisch; um dies zu können,
muss er sich begrenzen. Hier findet nun der Widerstreit der
Grundsätze
statt: begrenzen wir uns äusserlich — in Bezug auf Rasse,
Vaterland,
Persönlichkeit — so scharf, so resolut wie möglich, so wird
uns,
wie den Hellenen und den brahmanischen Indern, das innerliche Reich des
Grenzenlosen aufgehen; streben wir dagegen äusserlich nach
Unbegrenztem,
nach irgend einem Absoluten, Ewigen, so müssen wir auf der
Grundlage
eines engbegrenzten Innern bauen, sonst ist jeder Erfolg
ausgeschlossen:
das zeigt uns jedes grosse Im-
668
perium, das zeigt uns jedes sich als
absolut und alleingültig gebende philosophische und religiöse
System, das zeigt uns vor Allem jener grossartigste Versuch einer
universellen
Weltdeutung und Weltregierung, die römisch-katholische Kirche.
Der
Kampf um den Staat
Der Kampf im Staat
während der ersten zwölf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung
war
nun in seinem tiefsten Grunde ein Kampf zwischen den genannten zwei
Prinzipien
der Begrenzung, die auf allen Gebieten sich feindlich
gegenüberstehen
und deren Gegenüberstellung hier, auf politischem Gebiete, zu
einem
Kampfe zwischen Universalismus und Nationalismus führt. Es handelt
sich um die Daseinsberechtigung unabhängiger Nationalitäten.
Um das Jahr 1200 herum konnte der zukünftige Sieg des
nationalbeschränkten,
d. h. also des äusserlich begrenzenden Grundsatzes kaum mehr
zweifelhaft
sein. Zwar stand das Papsttum auf seiner höchsten Höhe — so
versichern
wenigstens die Geschichtsschreiber, übersehen jedoch, dass diese
„Höhe“
nur den Sieg über den internen Konkurrenten um die Weltmonarchie,
den Kaiser, bedeutet, und dass gerade dieser Wettstreit innerhalb der
Imperiumsidee
und dieser Sieg des Papstes den endgültigen Bankrott des
römischen
Plans herbeigeführt hat. Denn inzwischen waren Völker und
Fürsten
erstarkt: der innere Abfall von den kirchlichen „Grenzen“ hatte schon
im
ausgedehntesten Massstabe begonnen, und der äussere Abfall von dem
vermeintlichen princeps mundi wurde gerade von den
frömmsten
Fürsten mit beneidenswerter Inkonsequenz durchgeführt. So
nahm
z. B. Ludwig der Heilige offen Partei für den exkommunizierten
Friedrich
und erklärte dem Papst gegenüber: „Les roys ne tiennent
de
nullui,
798 Der
Kampf. Staat.
fors de Dieu et d‘eux-mêmes“;
und auf ihn folgte bald ein Philipp der Schöne, der einen
widerspenstigen
pontifex
einfach gefangen nehmen liess und dessen Nachfolger zwang, in
Frankreich
unter seinen Augen zu residieren und die gewünschten
gallikanischen
Sonderrechte zu bestätigen. Der Kampf ist hier ein anderer als der
zwischen Kaiser und Papst: denn die Fürsten bestreiten das
Existenzrecht
des römischen Universalismus; in weltlichen Dingen wollen sie
vollkommen
unabhängig und in kirchlichen Dingen die Herren im eigenen Lande
sein.
Hinfürder musste der Vertreter der römischen Hierokratie auch
in seinen glanzvollen Tagen mühsam lavieren und, um sich die
Glaubensdinge
möglichst unterthan zu halten, seine politischen Ansprüche
einen
nach dem andern (einstweilen) preisgeben; dem sogenannten
„römischen
Kaiser deutscher Nation“ (wohl die blödsinnigste contradictio
in
adjecto, die jemals ersonnen wurde)
669
ging es noch schlechter; sein Titel
war ein blosser Spott, und doch musste er ihn so teuer bezahlen, dass
heute,
am Schlusse des 19. Jahrhunderts, sein Nachfolger der einzige Monarch
Europa‘s
ist, der nicht an der Spitze einer Nation, sondern eines ungestalteten
Menschenhaufens steht. Wogegen der mächtigste moderne Staat dort
entstand,
wo die antirömische Tendenz einen so unzweideutigen Ausdruck
gefunden
hatte, dass man behaupten darf: „der dynastische und der
protestantische
Gedanke durchdringen einander so, dass sie kaum unterschieden werden
können“.¹)
Inzwischen war eben die Losung ausgegeben worden, die da lautete: weder
Kaiser noch Papst, sondern Nationen.
In Wahrheit jedoch ist dieser Kampf noch heute nicht beendet; denn wenn
auch der Grundsatz der Nationen siegte, die Macht, welche den
entgegengesetzten
Grundsatz vertritt, hat nie entwaffnet, ist heute in gewissen
Beziehungen
stärker als je, verfügt über eine weit besser
disziplinierte,
mehr bedingungslos unterworfene Beamtenschar als in irgend einem
früheren
Jahrhundert und wartet nur auf die Stunde, wo sie rücksichtslos
hervortreten
kann. Ich habe nie verstanden, warum gebildete Katho-
—————
¹)
Ranke: Genesis des preussischen Staates, Ausg. 1874, S. 174.
799 Der
Kampf. Staat.
liken sich bemühen, die Thatsache
zu leugnen, oder hinwegzudeuten, dass die römische Kirche nicht
allein
eine Religion, sondern auch ein weltliches Regierungssystem ist, und
dass
die Kirche als Vertreterin Gottes auf Erden eo ipso in allen
Dingen
dieser Welt unbeschränkte Herrschaft beanspruchen darf und
allezeit
beansprucht hat. Wie kann man das glauben, was die römische Kirche
als Wahrheit lehrt, und trotzdem von einer Selbständigkeit der
weltlichen
Gewalt reden — wie das, um nur ein Beispiel aus beliebig vielen zu
nennen,
Professor Phillips in seinem Lehrbuch des Kirchenrechts, §
297, thut, wo er doch in dem selben Paragraphen auf der vorangehenden
Seite
ausgeführt hat: „Es ist nicht Sache des Staates, zu bestimmen,
welche
Rechte der Kirche zustehen, noch die Ausübung derselben von seiner
Genehmigung abhängig zu machen“? Wenn aber der Staat die Rechte
der
Kirche nicht bestimmt, so folgt daraus mit unwidersprechlich logischer
Notwendigkeit, dass die Kirche die Rechte des Staates bestimmt. Und was
hier mit einer verblüffenden „wissenschaftlichen“ Naivetät
geschieht,
wird in hundert anderen Büchern und in immer erneuten Beteuerungen
hochgestellter Prälaten wiederholt und die Kirche als ein in
staatlichen
Dingen unwissendes, unschuldiges Lamm hingestellt — was ohne syste-
670
matische Unterdrückung der Wahrheit
nicht angeht. Wäre ich römischer Katholik, ich würde,
weiss
Gott, anders Farbe bekennen und mir die Mahnung Leo‘s XIII. zu Herzen
nehmen,
dass man „nicht wagen solle, Unwahres zu sagen, noch Wahres zu
verschweigen“.¹)
Und die Wahrheit ist, dass die römische Kirche
—————
¹)
In seinem Breve Saepenumero vom 18. August 1883. Diese Warnung
richtet
sich ausdrücklich „an die Historiker“, und der heilige Vater
scheint
eine ganze Sammlung neukatholischer Bücher der von mir
gerügten
Art vor sich liegen gehabt zu haben, denn er seufzt, ihn dünke die
neuere Geschichtsschreibung eine „conjuratio hominum adversus
veritatem“
geworden zu sein, worin ihm Jeder, der einige Kenntnis von dieser
Litteratur
besitzt, von Herzen beistimmen wird. Nomina sunt odiosa, doch
erinnere
ich daran, dass schon in einer Anmerkung zum vorigen Kapitel (S. 643)
darauf
hingewiesen wurde, wie selbst Janssen, dessen Geschichte des
deutschen
Volkes so grosse Beliebtheit und soviel Ansehen geniesst, zu dieser
800 Der
Kampf. Staat.
von Anfang an — d. h. also von
Theodosius
an, der sie begründete — stets die unbedingte, unbeschränkte
Herrschaft über die weltlichen Dinge beansprucht hat. Ich sage,
„die
Kirche“ hat sie beansprucht, ich sage nicht „der Papst“; denn
darüber,
671
wer die weltliche, sowie auch
darüber,
wer die höchste religiöse Gewalt thatsächlich
ausüben
sollte, hat es zu verschiedenen Zeiten verschiedene Auffassungen und
manchen
Streit gegeben; doch dass diese Gewalt der K i r c h
e
als einer göttlichen In-
—————
„Verschwörung gegen
die Wahrheit“ gehört. So lässt er z. B. die grosse
Verbreitung
der Bibel in Deutschland am Ende des 15. Jahrhunderts ein Verdienst der
römischen Kirche sein, während er doch sehr gut weiss:
erstens,
dass das Lesen der Bibel damals seit zwei Jahrhunderten von Rom aus
streng
verboten war und nur die grossen Wirrnisse in der Kirche jener Zeit
eine
Laxheit der Disziplin verschuldeten, zweitens, dass gerade in jenem
Augenblick
das Bürgertum und der Kleinadel von ganz Europa bis ins innerste
Herz
antirömisch waren und sich d e s w e g e n
mit solcher Leidenschaft auf das Studium der Bibel warfen! Wie sehr
relativ
diese angebliche „Verbreitung“ war, geht übrigens aus der einen
Thatsache
hervor, dass Luther mit 20 Jahren noch nie eine Bibel gesehen hatte und
mit Mühe ein Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Erfurt
auftrieb. Dieses eine Beispiel von Geschichtsfälschung ist
typisch;
in ähnlicher Weise „wagt“ Janssen‘s Buch an hundert Stellen
„Unwahres
zu sagen und Wahres zu verschweigen“, und doch gilt es als ein ernst
wissenschaftliches.
Was müsste man erst zu jener neuesten, wie Pilze aus vermodertem
Boden
hervorsprossenden Litteratur sagen, die sich die planmässige
Besudelung
aller nationalen Helden zum Ziel gesetzt hat, von Martin Luther bis
Bismarck,
von Shakespeare bis Goethe? Einzig Verachtung ist hier angebracht. Ein
bekanntes Sprichwort sagt: Lügen haben kurze Beine, und ein
weniger
bekanntes: Dem Lügner sieht man so tief ins Maul als dem
Wahrsager.
Mögen die Völker Europas bald so weit erwacht sein, dass sie
dieser Rotte tief ins Maul sehen! Doch darf keine Empörung dazu
verleiten,
den grossartigen Universalgedanken eines Theodosius und eines Carolus
Magnus,
eines Gregor I. und eines Gregor VII., eines Augustinus und eines
Thomas
von Aquin mit derartigen modernen Schuftigkeiten auf gleiche Stufe zu
stellen.
Der wahre römische Gedanke ist ein echter Kulturgedanke, der im
letzten
Grunde auf dem Werk und den Traditionen der grossen Kaiserepoche von
Tiberius
bis Marc Aurel ruht; dagegen knüpft das Ideal der genannten Herren
bekanntlich (siehe S. 525)
an die kulturbare Steinzeit an, und das selbe gilt von ihrer
tückischen
Kampfesweise.
801 Der
Kampf. Staat.
stitution innewohne, ist stets gelehrt
worden, und diese Lehre bildet, wie ich es im vorigen Kapitel zu zeigen
versuchte (S. 615 fg.),
ein
so grundlegendes Axiom der römischen Religion, dass das ganze
Gebäude
einstürzen müsste, wenn sie je diesen Anspruch im Ernst
aufgeben
wollte. Gerade dies ist ja der bewundernswerteste und — sobald er sich
in einem schönen Geiste wiederspiegelt — heiligste Gedanke der
römischen
Kirche: diese Religion will nicht bloss für die Zukunft, sondern
auch
für die Gegenwart sorgen, und zwar nicht allein, weil das irdische
Leben nach ihrer Meinung für den Einzelnen die Schule des ewigen
Lebens
bedeutet, sondern weil sie Gott zu Ehren und als Vertreterin Gottes
schon
diese zeitliche Welt zu einem herrlichen Vorhof der himmlischen
gestalten
will. Wie der tridentinische Katechismus sagt: Christi regnum in
terris
inchoatur, in coelo perficitur, das Reich Christi erreicht im
Himmel
seine Vollendung, doch beginnt es auf Erden.¹) Wie flach muss ein
Denken sein, welches die Schönheit und die unermessliche Kraft
einer
derartigen Vorstellung nicht empfindet! Und wahrlich, ich erträume
sie mir nicht; dazu besässe ich nicht die Phantasie. Doch ich
schlage
Augustinus: De civitate Dei, Buch XX, Kap, 9, auf und lese: „Ecclesia
et nunc est regnum Christi, regnumque coelorum.“ Zweimal innerhalb
weniger Zeilen wiederholt Augustinus, die Kirche sei j e t
z t s c h o n das Reich Christi. Auch sieht er
(im Anschluss an die Apokalypse) Männer auf Thronen sitzen, und
wer
sind sie? diejenigen, welche j e t z t die
Kirche
regieren. Diese Auffassung setzt eine politische Regierung voraus, und
selbst wo der Kaiser diese ausübt, selbst wo er sie gegen den
Papst
anwendet, ist er, der Kaiser, doch ein Glied der Kirche, a Deo
coronatus,
dessen Gewalt auf religiösen Voraussetzungen beruht, so dass von
einer
wirklichen Trennung zwischen Staat
—————
¹)
Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich anmerken, dass auch
nach
lutherischer Lehre der Gläubige schon hier das ewige Leben hat;
doch
ist das eine Auffassung, welche (wie ich in den Kap.
5‚ 7 und 9 ausführlich
dargethan habe) in toto von der jüdisch-römischen
abweicht,
da sie nicht auf chronistischer Aufeinanderfolge, sondern auf
gegenwärtiger
Erfahrung (wie bei Christus) fusst.
802 Der
Kampf. Staat.
und Kirche nicht die Rede sein kann,
sondern höchstens (wie schon im Vorwort zu diesem Kapitel
ausgeführt)
von einem Kompetenzstreit innerhalb der Kirche. Die religiöse
Grundlage
672
dieser Auffassung reicht bis auf
Christus
selber zurück; denn, wie ich im dritten Kapitel dieses Buches
bemerkte:
Leben und Lehren Christi deuten unverkennbar auf einen Zustand, der nur
durch Gemeinsamkeit verwirklicht werden kann.¹) Genau hier ist der
Punkt, wo das alternde Kaisertum und das jugendliche Christentum eine
gewisse
Verwandtschaft miteinander entdeckten oder zu entdecken wähnten.
Ohne
Zweifel war ein Jeder der beiden Kontrahierenden von sehr verschiedenen
Beweggründen geleitet, der eine von politischen, der andere von
religiösen;
vermutlich täuschten sich beide; das Kaisertum wird nicht geahnt
haben,
dass es seine weltliche Gewalt auf ewig preisgab, das reine Christentum
der alten Zeit wird nicht bedacht haben, dass es sich dem Heidentum in
die Arme warf und sofort von ihm werde überwuchert werden; doch
gleichviel:
aus ihrer Vereinigung, aus ihrer Verschmelzung und gegenseitigen
Durchdringung
entstand die römische K i r c h e. Nun
umfasst
die Kirche nach der als orthodox anerkannten Definition des Augustinus
sämtliche Menschen der Erde,²) und jeder Mensch, gleichviel
ob
er „Fürst oder Knecht, Kaufmann oder Lehrer, Apostel oder Doktor
sei“,
hat seine Thätigkeit hier auf Erden als e i
n
i h m i n d e r K i r c h
e
a n g e w i e s e n e s A m t zu betrachten, in
hac ecclesia suum munus.³) Durch welches Schlupfloch hier ein
„Staat“ oder gar eine „Nation“ sich sollte herausretten können, um
sich als selbstän-
—————
¹)
Siehe S. 247.
²)
Ecclesia
est populus fidelis per universum orbem dispersus, aufgenommen in
I,
10, 2 des Catechismus ex decreto Concilii Tridentini. Da nun
aber
schon von Theodosius an der Glaube von Allen e r z w u n g
e n werden sollte und der Unglaube oder Irrglaube ein
Majestätsverbrechen
bildete, da ausserdem die Schismatiker und Häretiker dennoch
„unter
der Gewalt der Kirche stehen“ (a. a. O., I, 10, 9)‚ so umfasst diese
Definition
sämtliche Menschen ohne Ausnahme, omnes humanae creaturae,
wie Bonifaz in der oben angeführten Stelle richtig sagte.
³)
Cat. Trid. I, 10, 25.
803 Der
Kampf. Staat.
diges Wesen der Kirche gegenüber
aufzurichten und ihr zuzurufen: du, kümmere dich hinfürder um
deine Angelegenheiten, ich werde in den Dingen dieser Welt nach eigenem
Belieben herrschen! — ist nicht ersichtlich; eine derartige Annahme ist
unlogisch und unsinnig, sie hebt die Idee der römischen Kirche
auf.
Diese Idee gestattet offenbar keinerlei Einschränkung, weder
geistig
noch materiell, und wenn der Papst in seiner Eigenschaft als Vertreter
der Kirche, als deren pater ac moderator, das Recht fordert, in
weltlichen Dingen das entscheidende Wort zu sprechen, so ist das eben
so
berechtigt und logisch, wie wenn Theodosius
673
in seinem berühmten Dekret gegen
die Häretiker behauptet, er, der Kaiser, sei „von himmlischer
Weisheit“
geleitet, oder wenn Karl der Grosse aus eigener Machtvollkommenheit
über
dogmatische Fragen entscheidet. Denn die Kirche umfasst Alles, Leib und
Seele, Erde und Himmel, ihre Gewalt ist unbegrenzt, und wer sie
vertritt
— gleichviel wer es sei — gebietet folglich unumschränkt. Schon
Gregor
II., kein überspannter Kirchenfürst, verglich den Papst einem
„Gott auf Erden“; Gregor VII. führt aus, „die weltliche Gewalt
muss
der geistlichen (d. h. der römischen Kirche) gehorchen“; an
Wilhelm
den Eroberer schreibt er, die apostolische Gewalt müsse vor Gott
Rechenschaft
abgeben über alle Könige; Gregor IX. sagt in einem Briefe vom
23. Oktober 1236 (in welchem er besonders betont, dass die Rechte des
Kaisers
nur von der Kirche „übertragen“ seien): „Wie der Stellvertreter
Petri
die Herrschaft über alle Seelen hat, so besitzt er auch in der
ganzen
Welt ein Prinzipat über das Zeitliche und die Leiber und regiert
auch
das Zeitliche mit dem Zügel der Gerechtigkeit“; Innocenz IV.
behauptet,
man könne der Kirche das Recht nicht bestreiten, spiritualiter
de temporalibus zu richten. Und da alle diese Worte, so
unzweideutig
sie auch sind, doch mancher kasuistischen Haarspalterei Raum liessen,
zerstreute
der ehrliche und fähige Bonifaz VIII. jedes Missverständnis
durch
eine Bulle Ausculta fili vom 5. Dezember 1301, an den
König
von Frankreich gerichtet, in welcher er schreibt: „Gott hat uns
unerachtet
Unserer geringen Verdienste über die Könige und Reiche
gesetzt
und uns das Joch apostolischer Knechtschaft auferlegt, um in
804 Der
Kampf. Staat.
seinem Namen und nach seiner Anweisung
auszureissen, niederzureissen, zu zerstören, zu zerstreuen,
aufzubauen
und zu pflanzen . . . . Lass Dir also, geliebtester Sohn, von Niemandem
einreden, dass Du keinen Obern habest und dem höchsten Hierarchen
der kirchlichen Hierarchie nicht untergeben seiest. Wer dies meint, ist
ein Thor; wer es hartnäckig behauptet, ist ein Ungläubiger
und
gehört nicht zum Schafstall des guten Hirten.“ Weiter unten
bestimmt
dann Bonifaz, es sollten mehrere französische Bischöfe nach
Rom
kommen, damit der Papst mit ihnen beschliesse, was „zur Besserung der
Missstände
und zum Heil und zur guten Verwaltung des Reiches erspriesslich sei“ —
wozu der römisch-katholische Bischof Hefele sehr richtig bemerkt:
„Wer aber das Recht besitzt, in einem Reiche zu ordnen, auszureissen,
zu
bauen und für gute Verwaltung zu sorgen, ist der wirkliche Obere
desselben.“¹)
Es ist ebenfalls nur konsequent, da sämtliche Menschen
674
des Erdbodens der Kirche unterstehen
und ihr einverleibt sind, dass auch die letzte Verfügung über
sämtliche Länder ihr zukomme. Über gewisse Reiche, wie
z.
B. Spanien, Ungarn, England u. s. w. beanspruchte die Kirche ohne
Weiteres
die Oberlehensherrlichkeit;²) bei allen übrigen behielt sie
sich
die Bestätigung und Krönung der Könige vor, sie setzte
sie
ab und ernannte neue Könige an Stelle der abgesetzten (wie z. B.
bei
den Karlingern) — — denn, wie Thomas von Aquin in seinem De
regimine
principum ausführt: „Wie der Körper Kraft und
Fähigkeit
erst von der Seele erhält, ebenso entfliesst die zeitliche
—————
¹)
Konziliengeschichte,
VI, 331. Der lateinische Text der Kirchenrechte lautet: ad
evellendum,
destruendum, dispergendum, dissipandum, aedificandum, atque plantandum;
später ordinare . . . . ad bonum et prosperum regimen regni.
Die früheren Citate sind dem selben Werke entnommen, V, 163, 154,
1003, 1131, VI, 325—327.
²)
Das Eigentumsrecht auf Ungarn stützt sich auf eine angebliche
Schenkung
des Königs Stephan, Spanien und England (wohl auch Frankreich?)
werden
als in der gefälschten konstantinischen Schenkung inbegriffen
betrachtet,
nach welcher dem päpstlichen Stuhle „die königliche Gewalt in
sämtlichen Provinzen Italiens s o w i e i
n d e n w e s t l i c h e n G e g e
n d e n (in partibus occidentalibus)“ sollte
überlassen
worden sein (vergl. Hefele V, 11).
805 Der
Kampf. Staat.
Autorität der Fürsten aus
der geistlichen des Petrus und seiner Nachfolger.“¹) Das
königliche
Amt ist eben, wie schon oben gezeigt, nichts mehr und nichts weniger
als
ein munus innerhalb der Kirche, innerhalb der civitas Dei.
Daher ist auch kein Häretiker rechtmässiger König. Schon
1535 wurden von Paul III. alle englischen Unterthanen des Gehorsams
gegen
ihren König feierlich entbunden,²) und im Jahre 1569 wurde
von
Pius V. diese Massregel noch verschärft, indem die grosse
Königin
Elisabeth nicht nur abgesetzt und „jeglichen Eigentums“ entblösst,
sondern jeder Engländer, der es wagen sollte, ihr zu gehorchen,
mit
Exkommunikation bedroht wurde.³) In Folge dessen besteht die ganze
politische Entwickelung Europa‘s seit der Reformation für die
Kirche
nicht zu Recht; sie fügt sich in das Unvermeidliche, doch sie
erkennt
sie nicht an: gegen den Augsburger Religionsfrieden hat sie
protestiert,
gegen den westfälischen Frieden erhob sie mit noch grösserer
Feierlichkeit Einspruch und erklärte ihn
675
„für alle Zukunft null und nichtig“,4)
den Akten des Wiener Kongresses hat sie ihre Zustimmung versagt. — — —
Auch über die aussereuropäische Welt hat die Kirche mit
lobenswerter
Konsequenz die alleinige Verfügung beansprucht und z. B. Spanien
—————
¹)
Ich citiere nach Bryce: Le Saint Empire Romain Germanique, S.
134.
²)
Hergenröther: Hefele‘s Konziliengeschichte fortgesetzt IX,
896.
³)
Green: History of the English people (Eversley ed.) IV, 265,
270.
Und das ist nicht etwa ein überwundener Standpunkt, sondern erst
in
unseren Tagen wurde Felton, der Mann, der diese Bulle an die Thore des
Bischofs von London angenagelt hatte, von Leo XIII. selig gesprochen!
4)
Phillips: Lehrbuch des Kirchenrechts, S. 807, und die dort
genannte
Bulle Zelo domus. — Übrigens hat hier nicht allein der
römische
Papst, sondern auch der römische Kaiser protestiert, indem er sich
seine sogenannten „Reservatrechte“ vorbehielt, sich aber zugleich
weigerte,
zu erklären, was er darunter verstünde; was er sich damit
wahrte,
war aber ganz einfach der nie aufgegebene Anspruch auf die potestas
universalis, d. h. auf die unbeschränkte Allgewalt, mit
anderen
Worten, der Kaiser blieb der römisch-universalistischen
Vorstellung
treu. (Man lese hierüber die Ausführungen in Siegel: Deutsche
Rechtsgeschichte, § 100.)
806 Der
Kampf. Staat.
durch zwei Bullen vom 3. und 4. Mai
1493 „im Namen Gottes“ alle entdeckten oder noch zu entdeckenden
Länder
westlich des 25. Längengrades (westlich von Greenwich) auf ewige
Zeiten
geschenkt, den Portugiesen Afrika, u. s. w.¹)
Mit Absicht
beschränke
ich mich auf diese wenigen Andeutungen und Citate, den Büchern
entnommen,
die meine bescheidene Büchersammlung umfasst; ich brauchte nur in
eine öffentliche Bibliothek zu gehen, um Hunderten von vielleicht
noch treffenderen Belegen auf die Spur zu kommen; so entsinne ich mich
z. B., dass in späteren Bullen der Satz, der Papst besitze
„über
alle Völker, Reiche und Fürsten die Fülle der Gewalt“,
mit
geringen Abweichungen in fast formelhafter Weise wieder-
—————
¹)
Papst Alexander VI. sagt in diesen Bullen, die Schenkung geschehe „aus
reiner Freigebigkeit“ und „kraft der Autorität des
allmächtigen
Gottes, ihm durch den heiligen Petrus übergeben“. (Vergl. die
Anmerkung
auf S. 653.) Weiter kann die unbedingte
Verfügung
über alles Zeitliche nicht gehen, es sei denn, dass Jemand sich
die
Allgewalt beilegte, auch den Mond zu verschenken. — Die Bulle Inter
Cetera vom 4. Mai 1493 findet man in extenso abgedruckt in
Fiske‘s
Discovery
of America, 1892, II, 580 fg. Daselbst im ersten Bande, S. 454 fg.,
findet man eine ausführliche Darlegung der begleitenden
Umstände
u. s. w., zugleich eine eingehende Erörterung der durch die
Undeutlichkeit
des päpstlichen Textes entstandenen Schwierigkeiten. Der Pontifex
maximus nämlich, obwohl er erklärt „ex certa scientia“
zu reden, verleiht den Spaniern alle entdeckten und noch zu
entdeckenden
Länder (omnes insulas et terras firmas inventas et inveniendas,
detectas et detegendas), welche westlich und südlich (versus
Occidentem et Meridiem) eines bestimmten Längengrades liegen;
nun hat aber bisher kein Mathematiker entdecken können, welche
geographische
Gegend „südlich“ von einem „Längengrad“ liegt; und dass der
Papst
wirklich einen Längengrad meint, kann nicht in Frage gestellt
werden,
da er mit naiver Umständlichkeit sagt: „fabricando et
construendo
unam lineam a polo Arctico ad polum Antarcticum“. Diese von einer
krass
unwissenden Kurie verfügte Schenkung übte übrigens eine
von ihr gar nicht vorhergesehene Wirkung aus, indem sie die Spanier
zwang,
immer weiter nach Westen zu suchen, bis sie die Magalhäesstrasse
fanden,
die Portugiesen aber nötigte, den Ostweg nach Indien um das
Vorgebirge
der Guten Hoffnung herum zu entdecken. Näheres hierüber in
dem
Abschnitt „Entdeckung“ des folgenden Kapitels.
807 Der
Kampf. Staat.
kehrt; doch bin ich weit entfernt, einen
wissenschaftlichen Beweis erbringen zu wollen, ganz im Gegenteil
möchte
ich dem Leser die Überzeugung geben, dass es hier gar nicht darauf
an-
676
kommt, was dieser und jener Papst oder
Kaiser, diese oder jene Kirchenversammlung oder Rechtsautorität
gesagt
hat (worüber schon so viel Papier geschwärzt und Zeit
verloren
worden ist), sondern dass das Zwingende in der Idee selbst, in dem
Streben
nach Absolutem, Unbegrenztem liegt. Diese Einsicht erleuchtet das
Urteil
ganz ausserordentlich; sie macht gerechter gegen die römische
Kirche
und gerechter gegen ihre Gegner; sie lehrt die wahre politische und
überhaupt
moralisch entscheidende Entwickelung dort suchen, wo — an
unzähligen
Orten und bei unzähligen Gelegenheiten — Nationalismus und
überhaupt
Individualismus sich zeigte und sich im Gegensatz zum Universalismus
und
Absolutismus behauptete. Als Karl der Einfältige sich weigerte,
Kaiser
Arnulf den Lehenseid zu leisten, schlug er eine tiefe Bresche in das Romanum
imperium, eine so tiefe, dass in keinem späteren Kaiser, die
bedeutendsten
nicht ausgenommen, der echte Universalplan Karl‘s des Grossen
ungeschmälert
wieder aufzuleben vermochte. Wilhelm der Eroberer, ein
rechtgläubiger,
kirchlich frommer Fürst, um die strenge Kirchenzucht wie wenige
verdient,
erwiderte dessenungeachtet, als der Papst das neu erworbene England als
Kirchengut beanspruchte und ihn damit belehnen wollte: „Nie habe ich
einen
Lehenseid geleistet, noch werde ich es jemals thun.“ Das sind die
Menschen,
welche die weltliche Macht der Kirche nach und nach gebrochen haben.
Sie
glaubten an die Dreieinigkeit, an die Wesensgleichheit des Vaters und
des
Sohnes, an das Fegfeuer, an Alles, was die Priester wollten — das
römische
politische Ideal aber, die theokratische civitas Dei, lag ihnen
weltenfern; ihre Vorstellungskraft war noch zu roh, ihr Charakter zu
unabhängig,
ihre Gemütsart eine zu ungebrochen, ja meist wild
persönliche,
als dass sie es auch nur hätten verstehen können. Und solcher
germanischer Fürsten war Europa voll. Geraume Zeit vor der
Reformation
hatte die Unbotmässigkeit der kleinen spanischen Königreiche
trotz aller katholischen Bigotterie der Kurie viel zu schaffen gegeben
und
808 Der
Kampf. Staat.
hatte Frankreich, der älteste Sohn
der Kirche, seine pragmatische Sanktion, den Beginn einer reinlichen
Scheidung
zwischen kirchlichem Staat und weltlichem Staat, durchgesetzt.
Das war der wahre
Kampf im Staate.
Und wer das begreift,
muss einsehen, dass Rom auf der ganzen Linie geschlagen wurde. Die
katholischen
Staaten haben sich nach und nach nicht minder emanzipiert als die
anderen.
Allerdings haben sie in Bezug auf die Investitur der Bischöfe u.
s.
w. wichtige Vorrechte preisgegeben, doch nicht alle, und
677
dafür haben die meisten die
religiöse
Duldsamkeit bereits so weit getrieben, dass sie mehrere Bekenntnisse
zugleich
als Staatsreligion anerkennen und ihre Geistlichen besolden.
Schärfer
kann der Gegensatz zum römischen Ideal gar nicht gefasst werden.
Bezüglich
des Staates ist folglich eine Statistik von „Katholiken“ und
„Protestanten“
heute bedeutungslos. Mit diesen Worten wird fast lediglich der Glaube
an
bestimmte unbegreifliche Mysterien ausgesprochen, und man darf
behaupten,
dass der grosse praktische und politische Gedanke Rom‘s jenes durch die
Religion verklärte, lückenlos absolutistische Imperium, der
überwiegenden
Mehrzahl der heutigen römischen Katholiken ebenso unbekannt ist
und,
wenn er bekannt würde, bei ihnen eben so wenig Zustimmung
fände
wie bei den Nichtkatholiken. Eine natürliche Folge hiervon — nur
hiervon,
das merke man wohl — ist, dass auch die religiösen Gegensätze
verschwunden sind.¹) Denn sobald Rom‘s Ideal lediglich ein Credo
ist, steht es auf der selben Stufe wie andere christliche Sekten: eine
jede glaubt ja im Besitze der alleinigen und ganzen Wahrheit zu sein;
keine
hat meines Wissens die also verstandene Katholizität aufgegeben;
die
verschiedenen protestantischen Lehren sind durchaus nicht ein
grundsätzlich
Neues, sondern lediglich ein Zurückgreifen auf den früheren
Bestand
des christlichen Glaubens, ein Abwerfen der heidnischen Einsickerungen;
nur wenige Sekten erkennen das so-
—————
¹)
Verschwunden, meine ich, überall, wo nicht neuerdings durch die
Thätigkeit
der einen einzigen Gesellschaft Jesu Hass und Verachtung gegen anders
denkende
Mitbürger gesäet worden ist.
809 Der
Kampf. Staat.
genannte Apostolische Glaubensbekenntnis
nicht an, welches gar nicht einmal aus Rom stammt, sondern aus Gallien
und somit dem Kaisertum, nicht dem Papsttum seine Einführung
verdankt.¹)
Die römische Kirche ist also, sobald sie lediglich als
religiöses
Bekenntnis betrachtet wird, im besten Fall eine prima inter pares,
die heute schon nicht mehr die Hälfte der Christen die ihren nennt
und, wenn keine Umwälzung stattfindet, in hundert Jahren kaum noch
ein Drittel umfassen wird.²) Hat nun auch — in
678
getreuer Nachahmung römischer
Auffassung
— Luther im Gegensatz zu Erasmus die grundsätzliche Unduldsamkeit
gelehrt und Calvin eine Schrift veröffentlicht, um darzuthun, „jure
gladii coërcendos esse haereticos“, der Laie, der in einem
rein
weltlichen Staate lebt, wird das nie verstehen, nie zugeben, gleichviel
welcher Konfession er angehört. Unsere Vorfahren waren nicht
unduldsam,
wir sind es auch nicht, — nicht von Natur. Die Unduldsamkeit ergiebt
sich
nur aus dem Universalismus: wer ein äusserlich Unbegrenztes
erstrebt,
m u s s innerlich die Grenzen immer enger ziehen. Dem Juden
— den man einen geborenen Freidenker nennen möchte — war
eingeredet
worden, er besitze die ganze unteilbare Wahrheit und mit ihr ein
Anrecht
auf Weltherrschaft: dafür musste er seine persönliche
Freiheit
zum Opfer bringen, seine Begabung knebeln lassen und Hass statt Liebe
im
Herzen grossziehen. Friedrich II., vielleicht der
—————
¹)
Siehe Adolf Harnack: Das apostolische Glaubensbekenntnis, 27.
Auflage
(namentlich S. 14 fg.: „Das Reich Karl‘s des Grossen hat Rom sein
Symbol
gegeben“).
²)
Mit Absicht richte ich mich hier nach einer äusserst mässigen
Schätzung. Nach den Berechnungen Ravenstein‘s hat die Zahl der
Protestanten
sich im Laufe des 19. Jahrhunderts fast verfünffacht, die der
römischen
Katholiken sich nicht verdoppelt. Der Hauptgrund liegt in der
schnelleren
Vermehrung der protestantischen Völker; dazu kommt aber, dass die
Übertritte zum Katholizismus nicht ein Zehntel der Austritte aus
dieser
Kirche erreichen, wodurch z. B. bewirkt wird, dass in den Vereinigten
Staaten
Nordamerikas, trotz der beständigen Einwanderung von Katholiken
und
der Zunahme ihrer Gesamtzahl, doch ihre Relativzahl schnell abnimmt.
Meine
obige Schätzung ist also eine äusserst vorsichtige.
810 Der
Kampf. Staat.
wenigst orthodoxe Kaiser, der je gelebt
hat, musste dennoch, von dem Traum eines römischen
Universalreiches
dazu verleitet, verordnen, alle Häretiker seien für infam und
in die Acht zu erklären, ihre Güter sollten eingezogen, sie
selbst
verbrannt oder, im Falle des Widerrufs, mit lebenslänglichem
Kerker
bestraft werden; zugleich hiess er die Fürsten, die sich gegen
seine
vermeintlichen kaiserlichen Gerechtsame vergangen hatten, blenden und
lebendig
begraben.
Der
Wahn des Unbegrenzten
Wenn ich nun für
den Kampf zwischen Nationalismus und Universalismus, für den Kampf
gegen das spätrömische Erbe — welcher über ein
Jahrtausend
ausfüllt, um erst dann dem Kampf um die innere Gestaltung des
Staates
freien Spielraum zu lassen — wenn ich für diesen Kampf einen
allgemeineren
Ausdruck gesucht habe, so geschah das hauptsächlich mit
Rücksicht
auf das 19. Jahrhundert. Und wenn es auch hier noch nicht der Ort ist,
näher auf dies Säculum einzugehen, so möchte ich doch
wenigstens
auf diesen Zusammenhang hindeuten. Es wäre nämlich ein
verhängnisvoller
Irrtum zu wähnen, der Kampf habe damit aufgehört, dass das
alte
politische Ideal in die Brüche ging. Wohl werden die Gegner des
Universalismus
nicht mehr lebendig begraben, noch wird man heute dafür verbrannt,
wenn man mit Hus (im Anschluss an Augustinus) behauptet: Petrus war
nicht
und ist nicht das Haupt der Kirche; Fürst Bismarck konnte auch
Gesetze
erlassen und Gesetze wieder zurückziehen, ohne that-
679
sächlich nach Canossa gehen und
dort drei Tage lang im Büsserhemde vor dem Thore stehen zu
müssen.
Die alten Formen werden nie wiederkehren. Doch regen sich die Ideen des
unbegrenzten Absolutismus noch mächtig in unserer Mitte, sowohl
innerhalb
des altgeheiligten Rahmens der römischen Kirche, wie auch
ausserhalb.
Und wo wir sie auch am Werke sehen — ob als Jesuitismus oder als
Sozialismus,
als philosophische Systematik oder als industrielles Monopol — da
müssen
wir erkennen (oder wir werden es später auf unsere Kosten erkennen
lernen): das äusserlich Grenzenlose fordert das Doppelopfer der
Persönlichkeit
und der Freiheit.
Was die Kirche
anbelangt,
so wäre es wahrlich wenig ein-
811 Der
Kampf. Staat.
sichtsvoll, wollte man die Macht eines
so wunderbaren Organismus wie die römische Hierarchie in irgend
einer
Beziehung geringschätzen. Niemand vermag vorauszusagen, bis wohin
sie es unter einem für sie günstigen Stern noch bringen kann.
Als im Jahre 1871 gegen Döllinger die excommunicatio major
„mit allen daran hängenden kanonischen Folgen“ ausgesprochen
worden
war, musste die Polizeidirektion in München besondere Massregeln
ergreifen,
um das Leben des Gebannten zu schützen; eine einzige derartige
Thatsache
leuchtet in Abgründe des fanatischen Universalwahnes, die sich
einmal
in ganz anderem Umfang vor unseren Füssen aufthun
könnten.¹)
Doch möchte ich auf derlei Dinge nicht viel Gewicht legen,
ebensowenig
wie auf die Quertreibereien der obengenannten Verschwörung der
Hetzkapläne
und ihrer Kreaturen; im Guten, nicht im Bösen liegt die Quelle
aller
Kraft. In dem Gedanken an Katholizität, Kontinuität,
Unfehlbarkeit,
göttliche Einsetzung, allumfassende, fortdauernde Offenbarung,
Gottes
Reich auf Erden, Gottes Vertreter als obersten Richter, jede irdische
Laufbahn
die Erfüllung eines kirchlichen Amtes — in dem allen liegt soviel
Gutes und Schönes, dass der
680
aufrichtige Glaube daran Kraft
verleihen
m ü s s. Und dieser Glaube, wie ich hoffe
überzeugend
dargethan zu haben, gestattet keine Scheidung zwischen Zeitlichem und
Ewigem,
Weltlichem und Himmlischem. Das Unbegrenzte liegt in dem Wesen dieser
Willensrichtung,
es dient ihrem Gebäude als Untergrund; jede
—————
¹)
Der Gebannte ist nämlich nach katholischem Kirchenrecht vogelfrei.
In Gratian findet man (Causa 23, p. 5, c. 47 nach Gibbon) den
Satz
aufgestellt: Homicidas non esse qui excommunicatos trucidant.
Doch
hatte die Kirche in früheren Jahrhunderten (laut Decretale von
Urban
II.) dem Mörder eines Exkommunizierten eine Busse auferlegt
„für
den Fall, dass seine Absicht bei dem Morde eine nicht ganz lautere
gewesen
sei.“ Unser liebes 19. Jahrhundert ist aber noch weiter gegangen, und
Kardinal
Turrecremata, „der vornehmste Begründer der päpstlichen
Unfehlbarkeitslehre“,
hat in seinem Kommentar zu Gratian sich dahin ausgesprochen: nach der
orthodoxen
Lehre braucht der Mörder eines Exkommunizierten k e i
n e Busse zu thun! (Man vergl. Döllinger: Briefe
und
Erklärungen über die vatikanischen Dekrete, 1890, S. 103,
131 und 140.)
812 Der
Kampf. Staat.
Begrenzung ist eine Störung, ein
Aufenthalt, ein sobald als thunlich zu überwindendes Übel;
denn
die Begrenzung — sobald sie als zu Recht bestehend anerkannt würde
— könnte nichts Geringeres bedeuten als das Preisgeben der Idee
selbst. Καθολικός bedeutet
universell, das heisst: eine Alles enthaltende Einheit. Jeder
wahrhaft gläubige, denkfähige Katholik ist darum — wenn auch
nicht heute und thatsächlich, so doch virtualiter — ein
Universalist,
und das heisst ein Feind der Nationen sowie jeder individuellen
Freiheit.
Die Allermeisten wissen es nicht und Manche werden es empört
leugnen,
doch steht die Thatsache trotzdem fest; denn die grossen, allgemeinen
Ideen,
die mathematisch notwendigen Gedankenfolgerungen und Thatenfolgen sind
ungleich gewaltiger als der Einzelne mit seinem guten Willen und seinen
guten Absichten; hier walten Naturgesetze. Gerade so wie aus jedem
Schisma
eine weitere Fraktionierung in neue Schismen mit zwingender
Notwendigkeit
hervorgehen m u s s, weil hier die Freiheit des
Individuums zu Grunde liegt, ebenso übt jeglicher Katholizismus
eine
unüberwindbare Gewalt der Integrierung aus; der Einzelne kann ihr
ebenso wenig widerstehen wie ein Eisenspan dem Magneten. Ohne die
für
damalige Verkehrsmittel grosse Entfernung zwischen Rom und
Konstantinopel
hätte das orientalische Schisma nie stattgefunden; ohne die
übermenschlich
gewaltige Persönlichkeit Luther‘s wäre es auch Nordeuropa
kaum
gelungen, sich von Rom loszureissen. Cervantes, ein gläubiger
Mann,
führt gern das Sprichwort an: „Hinter dem Kreuze steckt der
Teufel.“
Das deutet wohl darauf hin, dass der Geist, einmal in diese Bahn der
absoluten
Religion, des blinden Autoritätsglaubens geworfen, keine Grenze
und
kein Aufhalten kennt. Dieser Teufel hat ja inzwischen die edle Nation
des
Don Quixote zu Grunde gerichtet. — Und wenn wir nun des Weiteren
bedenken,
dass die universalistischen und absolutistischen Ideen, aus denen die
Kirche
hervorging, ein Produkt des allgemeinen Verfalles, eine letzte Hoffnung
und ein wirklicher Rettungsanker für ein rassenloses, chaotisches
Menschenbabel waren (siehe S.
570,
593,
634),
so werden wir uns schwerlich des Gedankens erwehren können, dass
aus
ähnlichen Ursachen
813 Der
Kampf. Staat.
auch jetzt wieder ähnliche
Wirkungen
erfolgen würden, und dass
681
demnach in unserem heutigen Weltzustande
manches geeignet wäre, die universelle Kirche in ihren
Ansprüchen
und Plänen neu zu bestärken. Dem gegenüber dürfte
seitens
Derjenigen, die mit Goethe die „innerliche Grenzenlosigkeit“ erstreben,
die stärkste Betonung der äusserlichen Grenzen, d. h. der
freien
Persönlichkeit, der reinen Rasse, der unabhängigen Nation, am
Platze sein. Und während Leo XIII. unsere Zeitgenossen mit vollem
Recht (von seinem Standpunkt aus) auf Gregor VII. und Thomas von Aquin
hinweist, werden solche Männer mit ebenso grossem Recht auf Karl
den
Einfältigen und Wilhelm den Eroberer, auf Walther von der
Vogelweide
und Petrus Waldus, auf jenen Schmiedegesellen, der dem „fremden“ Papst
nicht gehorchen wollte, hinweisen, sowie auf die grosse schweigende
Bewegung
der Innungen, der Städtebünde, der weltlichen
Universitäten,
die an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, als erstes
Anzeichen
einer neuen, nationalen, antiuniversellen Gestaltung der Gesellschaft,
einer neuen, durchaus antirömischen Kultur sich in ganz Europa
bemerkbar
zu machen begann.
Nun handelt es sich
bei diesem Kampf aber durchaus nicht lediglich um den nationalen
weltlichen
Staat in seinem Gegensatz zum universellen kirchlichen Staate, sondern
wo auch immer wir Universalismus antreffen, ist Antinationalismus und
Antiindividualismus
sein notwendiges Korrelat. Es braucht auch gar nicht bewusster
Universalismus
zu sein, es genügt, dass eine Idee auf Absolutes, auf
äusserlich
Unbegrenztes hinzielt. So führt z. B. jeder konsequent durchdachte
Sozialismus auf den absoluten Staat. Die Sozialisten kurzweg als eine
„staatsgefährliche
Partei“ bezeichnen, wie das gewöhnlich geschieht, heisst eine
jener
Konfusionen hervorrufen, wie unsere Zeit sie besonders lieb hat.
Freilich
bedeutet der Sozialismus eine Gefahr für die einzelnen nationalen
Staaten, wie überhaupt für den Grundsatz des Individualismus,
doch nicht für die Idee des Staates. Er bekennt ehrlich seinen
Internationalismus,
bekundet jedoch sein Wesen nicht im Auflösen, sondern in einer
fabelhaft
durchgeführten, gleichsam den Maschinen abgeguckten Organisation.
In beiden Dingen ver-
814 Der
Kampf. Staat.
rät er die Verwandtschaft mit Rom.
In der That, er vertritt die selbe katholische Idee wie die Kirche,
wenngleich
er sie am anderen Ende anfasst. Darum ist in seinem System ebenfalls
für
individuelle Freiheit und Mannigfaltigkeit, für persönliche
Originalität
kein Raum. Ce qui lie tous les socialistes, c‘est la haine de la
liberté...‚
wie Flaubert sagt. ¹) Wer die äusseren Grenzen niederreisst,
richtet innere Grenzen auf. Sozialismus ist verkappter Imperialismus;
ohne
Hierarchie und Primat wird er sich schwerlich durchführen lassen;
in der katholischen Kirche
682
findet er ein Muster sozialistischer,
antiindividualistischer Organisation. Einer ganz entsprechenden
Bewegung
ins Unbegrenzte mit der selben unausbleiblichen Folge einer
Unterdrückung
des Einzelnen begegnen wir im Grosshandel und in der Grossindustrie.
Man
lese nur in der Wirtschafts- und handelspolitischen Rundschau
für
das Jahr 1897 von R. E. May die Mitteilungen über die Zunahme des
Syndikatwesens und über die daraus sich ergebende „i n
t e r n a t i o n a l e C e n t r a l i s a t i o
n
der Produktion, wie des Kapitals“ (S. 34 fg.). Es bedeutet diese
Entwickelung
zur Anonymität und Massenproduktion durch Syndikate einen Krieg
bis
aufs Messer gegen die Persönlichkeit, welche nur innerhalb eng
gezogener
Schranken sich zur Geltung bringen kann — und sei es auch als Kaufmann
oder Fabrikant. Und von der einzelnen Person dehnt sich diese Bewegung,
wie man sieht, auch auf die Persönlichkeit der Nationen aus. In
einer
Posse der letzten Jahre kommt ein Kaufmann vor, der jedem
Neueintretenden
stolz erzählt: „Wissen Sie schon? ich bin in eine anonyme
Aktiengesellschaft
umgewandelt!“ Bliebe diese wirtschaftliche Tendenz ohne Gegengewicht —
bald könnten die Völker von sich melden: „Wir sind in eine
internationale
anonyme Aktiengesellschaft umgewandelt.“ Und wenn ich mit einem salto
mortale auf ein vom Wirtschaftlichen weit abliegendes Gebiet
hinüberspringen
darf, um mir dort ein weiteres Beispiel der Bemühungen des
Universalismus
unter uns zu suchen, so möchte ich auf die grosse thomistische
Bewegung
aufmerksam machen, welche
—————
¹)
Correspondance,
III, 269.
815 Der
Kampf. Staat.
durch die päpstliche Encyklika
Aeternis
Patris vom Jahre 1879 hervorgerufen wurde und jetzt zu solchem
Umfang
angeschwollen ist, dass selbst wissenschaftliche Bücher aus einem
gewissen Lager sich bereits erdreisten, Thomas von Aquin für den
grössten
Philosophen aller Zeiten zu erklären, alles niederzureissen, was
seitdem
— der Menschheit zu ewigem Ruhme — von den grossen germanischen Denkern
gedacht worden ist, und so die Menschen ins 13. Jahrhundert
zurückzuführen
und ihnen die intellektuellen und moralischen Ketten wieder
anzuschmieden,
die sie inzwischen nach und nach, in hartnäckigem Kampfe um die
Freiheit,
zerbrochen und abgeworfen hatten. Und was wird denn an Thomas gelobt?
Seine
U n i v e r s a l i t ä t! die Thatsache, dass er ein
allumfassendes System aufgestellt hat, in welchem alle Gegensätze
ihre Versöhnung, alle Antinomieen ihre Auflösung, alle
Fragezeichen
der menschlichen Vernunft ihre Beantwortung finden. Ein zweiter
Aristoteles
wird er genannt: „was Aristoteles nur ahnend stammelt, dem leiht Thomas
mit voller Klarheit be-
683
redten Ausdruck.“¹) Wie der
Stagirit,
weiss er über alles Bescheid, von der Natur der Gottheit an bis zu
der Natur der irdischen Körper und bis zu den Eigenschaften des
wiederauferstandenen
Leibes; als Christ weiss er jedoch viel mehr als jener, denn er besitzt
die Offenbarung als Grundlage. Nun wird gewiss kein Denker geneigt
sein,
die Leistung eines Thomas von Aquin geringzuschätzen; es wäre
Selbstüberhebung, wollte ich es wagen ihn zu loben, doch darf ich
gestehen, dass ich mit staunender Bewunderung Berichte über sein
Gesamtsystem
gelesen und mich in einzelne seiner Schriften vertieft habe. Aber was
ist
für uns praktische Menschen — namentlich in dem Zusammenhang
dieses
Kapitels — das Entscheidende? Folgendes. Thomas baut sein
—————
¹)
Fr. Abert (Professor der Theologie an der Universität
Würzburg):
Sancti
Thomae Aquinatis compendium theologiae, 1896, S. 6. Der
angeführte
Satz ist die panegyrische Paraphrase eines ganz anders gemeinten
Urteils
aus alter Zeit. Bei aller Anerkennung für die Leistung des Thomas
ist seine Gleichstellung mit dem bahnbrechenden Ordner und Gestalter
Aristoteles
(S. 82) ein ungeheuerlicher Urteilsfehler, wenn nicht eine
verdammenswerte
Irreführung.
816 Der
Kampf. Staat.
„wie kein anderes allseitiges“ System
auf zwei Voraussetzungen auf: die Philosophie muss sich bedingungslos
unterwerfen
und ancilla ecclesiae, d. h. eine Magd der Kirche werden;
ausserdem
muss sie sich zur ancilla Aristotelis, zur Magd des
Aristoteles,
erniedrigen. Man sieht, es ist immer das selbe Prinzip: lass‘ dir
Hände
und Füsse fesseln, und du sollst Wunder erleben! Hänge dir
bestimmte
Dogmen vor die Augen (welche durch Majoritätsbeschluss von
Bischöfen,
die vielfach nicht lesen und schreiben konnten, in den Jahrhunderten
der
tiefsten Menschenschmach dekretiert wurden) und setze ausserdem voraus,
dass die ersten tastenden Versuche eines genialen, aber
erwiesenermassen
sehr einseitigen hellenischen Systematikers die ewige, absolute, ganze
Wahrheit zum Ausdruck bringen, und ich schenke dir ein universelles
System!
Das ist ein Attentat, ein gefährliches Attentat auf die innerste
Freiheit
des Menschen! Anstatt dass er, wie Goethe es wollte, innerlich
grenzenlos
wäre, sind ihm nun von fremder Hand zwei enge Reifen um die Seele
und um das Hirn geschmiedet: das ist der Preis, den wir Menschen
für
„universelles Wissen“ zu bezahlen haben. Übrigens war der
protestantischen
Kirche schon lange, ehe Leo XIII. seine Encyklika erliess, ein auf
ähnlichen
Prinzipien ruhendes universelles System entwachsen, dasjenige Georg
Friedrich
Wilhelm Hegel‘s. Ein protestantischer
684
Thomas von Aquin: das sagt Alles! Und
inzwischen hatte doch Immanuel Kant, der Luther der Philosophie, der
Zerstörer
des Scheinwissens, der Vernichter aller Systeme, gelebt, und hatte uns
auf „die G r e n z e n unseres
Denkvermögens“
aufmerksam gemacht und uns gewarnt, „uns niemals mit der spekulativen
Vernunft
über die Erfahrungsgrenze hinauszuwagen“; dann aber hatte er,
nachdem
er uns äusserlich so scharf und bestimmt begrenzt hatte, die Thore
zu der inneren Welt des Grenzenlosen wie kein früherer
europäischer
Philosoph weit geöffnet, die Heimat des freien Mannes
erschliessend.¹)
—————
¹)
Näheres über Thomas von Aquin und Kant im Abschnitt
„Weltanschauung“
des folgenden Kapitels. Der Vollständigkeit halber bleibe es nicht
unerwähnt, dass wir neben dem protestantischen auch den
j