Here under follows the transcription of the eighth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van het achtste hoofdstuk van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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ACHTES KAPITEL

STAAT

 

    Methinks I see in my mind a noble and
puissant   n a t i o n   rousing herself like a strong
man after sleep, and shaking her invincible
locks: methinks I see her as an eagle mewing
her mighty youth, and kindling her undazzled
eyes at the full midday beam; purging and
unscaling her long-abused sight at the fountain
itself of heavenly radiance; while the whole
noise of timorous and flocking birds, with
those also that love the twilight, flutter about,
amazed at what she means, and in their
envious gabble would prognosticate a year
of sects and schisms.

Milton


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(Leere Seite)

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Kaiser und Papst
    Wäre es meine Aufgabe, den Kampf im Staate bis zum 13. Jahrhundert historisch zu schildern, so könnte ich nicht ermangeln, bei zwei Dingen mit besonderer Ausführlichkeit zu verharren: bei dem Kampfe zwischen Papsttum und Kaisertum und bei jener allmählichen Umgestaltung, durch welche aus der Mehrzahl der freien germanischen Männer Leibeigene wurden, während andere unter ihnen zu der mächtigen, sowohl nach oben wie nach unten bedrohlichen Klasse des erblichen Adels sich hinaufschwangen. Doch habe ich hier einzig das 19. Jahrhundert im Auge zu behalten, und weder jener verhängnisvolle Kampf noch die wunderlich bunten Verwandlungen, welche die gewaltsam hin und her geworfene Gesellschaft durchmachte, besitzen heute mehr als ein historisches Interesse. Das Wort „Kaiser“ ist für uns so bedeutungslos geworden, dass eine ganze Reihe europäischer Fürsten es sich zum Schmuck ihrer Titulatur beigelegt haben, und die „weissen Sklaven Europas“ (wie sie ein englischer Schriftsteller unserer Tage, Sherard, nennt) sind nicht die überlebenden Zeugen eines vergangenen Feudalsystemes, sondern die Opfer einer neuen wirtschaftlichen Entwickelung.¹) Sobald wir dagegen tiefer greifen, werden wir finden, dass jener Kampf im Staate, so verwirrt er auch scheint, im letzten Grund ein Kampf   u m   d e n   S t a a t   war, ein Kampf nämlich zwischen Universalismus und Nationalismus. Diese Einsicht erhellt unser Verständnis der betreffenden Ereignisse ganz ungemein, und ist
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    ¹) Siehe im Kapitel 9 den Abschnitt „Wirtschaft“.

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das erst geschehen, so fällt wiederum von jener Zeit auf die unsere ein helles Licht zurück und lehrt uns somit in manchen Vorgängen der heutigen Welt klarer sehen als es sonst der Fall sein könnte.
    Aus dieser Erwägung ergiebt sich ohne Weiteres der Plan des vorliegenden Kapitels. Doch muss ich noch eine Bemerkung vorausschicken.
    Das römische Reich hatte man mit Recht ein „Weltreich“ nennen können; orbis romanus, die römische Welt, war die
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übliche Bezeichnung. Doch, man merke es wohl, die „römische“ pflegte man zu sagen, nicht die Welt kurzweg. Denn wenn auch der bezahlte Hofdichter, auf der Jagd nach weithin schallenden Hexametern, die oft citierten Worte schrieb
Tu regere imperio populos, Romane, memento!
so ist doch die selbst von manchen ernsten Historikern gedankenlos gemachte Voraussetzung, hiermit sei das römische Programm ausgesprochen, durchaus hinfällig. Wie ich in meinem zweiten Kapitel gezeigt habe: der politische Grundgedanke des alten Rom war nicht Expansion, sondern Konzentration. Darüber sollten die hohlen Phrasen eines Virgil Niemanden täuschen. Durch die geschichtlichen Ereignisse ist Rom gezwungen worden, sich um einen festen Mittelpunkt herum auszubreiten, doch auch in den Tagen seiner ausgedehntesten Gewalt, von Trajan bis Diocletian, wird jedem aufmerksamen Beobachter nichts mehr auffallen als die strenge Selbstbeherrschung und Selbstbeschränkung. Das ist das Geheimnis römischer Kraft; dadurch bewährt sich Rom als die wahrhaft   p o l i t i s c h e   Nation unter allen. Doch so weit diese Nation reicht, vernichtet sie Eigenart, schafft sie einen orbis romanus; ihre Wirkung nach aussen ist eine nivellierende. Und als es keine römische Nation mehr gab, nicht einmal mehr in Rom einen Caesar, da blieb nur das Prinzip des Nivellierens, der Vernichtung jeder Eigenart als „römisch“ übrig. Hierauf pflanzte nun die Kirche den echten Universalgedanken, den das rein politische Rom nie gekannt hatte. Kaiser waren es gewesen, in erster Reihe Theodosius, welche den Begriff der römischen Kirche geschaffen hatten, wobei ihnen zunächst gewiss

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nur der orbis romanus und dessen bessere Disziplin vorgeschwebt hat; doch war hierdurch an Stelle eines politischen Prinzips ein religiöses getreten, und während das erstere von Natur begrenzt ist, ist das letztere von Natur grenzenlos. Die Bekehrung zum Christentum ward jetzt eine moralische Verpflichtung, da von ihr das ewige Heil der Menschen abhing; Grenzen konnte es für eine derartige Überzeugung nicht geben.¹) Andrerseits war es staatliche Verpflichtung, der   r ö m i s c h e n   Kirche mit
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Ausschluss jeder anderen Gestaltung der christlichen Idee anzugehören; die Kaiser hatten es bei strengster Strafe befohlen. Auf diese Art erweiterte sich der frühere, grundsätzlich beschränkte römische Gedanke zu dem eines Universalimperiums; und da zwar die Politik den Organismus abgab, die Kirche aber die gebieterische Idee der Universalität, so ist es wohl natürlich, dass nach und nach aus dem Imperium eine Theokratie wurde und der Hohepriester bald sich das Diadema imperii aufs Haupt setzte.²)
    Worauf ich nun gleich zu Beginn die Aufmerksamkeit lenken möchte, ist, dass es doch nicht angeht, in irgend einem Kaiser — und sei es auch ein Heinrich IV. — den Vertreter und Verfechter der weltlichen Gewalt im   G e g e n s a t z   zur kirchlichen zu erblicken. Die Essenz des christlich-römischen Kaisertums ist die Idee der Universalgewalt. Nun stammt aber, wie wir sahen, diese Idee nicht vom alten Rom; die Religion war es, die das
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    ¹) Siehe z. B. den wundervollen Brief Alcuin's an Karl den Grossen (in Waitz: Deutsche Verfassungsgeschichte, II, 182), worin der Abt den Kaiser mahnt, er solle das Imperium über die ganze Welt ausdehnen, nicht aus politischen Ehrgeiz, sondern weil er hierdurch die Grenzen des katholischen Glaubens immer weiter rücke.
    ²) Welcher Papst den Doppelreifen zuerst um die Tiara geschlungen hat, ist noch eine strittige Frage; jedenfalls geschah es im 11. oder 12. Jahrhundert. Der eine Ring trug die Inschrift: Corona regni de manu Dei, der andere: Diadema imperii de manu Petri. Heute trägt die päpstliche Krone einen dritten Goldreifen; nach dem zum Katholizismus neigenden Wolfgang Menzel (Christliche Symbolik, 1854, I, 531) wird durch diese drei Reifen die Herrschaft der römischen Kirche über Erde, Hölle und Himmel symbolisiert. Weiter kann kein Imperialismus reichen.

780 Der Kampf. Staat.



neue Prinzip gebracht hatte: die offenbarte Wahrheit, das Reich Gottes auf Erden, eine rein ideale, nämlich auf Ideen gegründete, durch Ideen die Menschen beherrschende Gewalt. Freilich hatten die Kaiser dieses Prinzip im Interesse ihrer Herrschaft gewissermassen säkularisiert, doch, sobald sie es überhaupt aufnahmen, hatten sie sich ihm zugleich verdungen. Ein Kaiser, der nicht ein Angehöriger der römischen Kirche, der nicht ein Haupt und Hort des Universalismus der Religion gewesen wäre, wäre kein Kaiser gewesen. Ein Streit zwischen Kaiser und Papst ist also immer ein Streit Innerhalb der Kirche; der eine will dem Regnum, der andere dem Sacerdotium mehr Einfluss eingeräumt wissen; doch bleibt der Traum des Universalismus ihnen beiden gemeinsam, ebenso die Treue gegen jene kaiserlich-römische Kirche welche berufen sein sollte, den allverbindenden Seelenkitt des Weltreiches abzugeben. Einmal ernennt der Kaiser den Papst „aus kaiserlicher Machtvollkommenheit“ (wie 999 Otto III. Sylvester II.), ist also er unbestrittener Autokrat; ein anderes Mal krönt der Papst den Kaiser „aus der Fülle päpstlicher Macht“ (wie 1131 Innocenz II. Lothar); ursprünglich ernennen die Kaiser (resp. die Landesfürsten) alle Bischöfe, später beanspruchen die
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Päpste dieses Recht; auch konnte es vorkommen, dass das Concilium der Bischöfe sich die höchste Macht zumass, sich ausdrücklich für „unfehlbar“ erklärte und den Papst absetzte und einsperrte (wie in Konstanz 1415), während der Kaiser als machtloser Zuschauer unter den Prälaten sass, nicht einmal fähig, einen Hus vor dem Tode zu schützen. Und so weiter. Offenbar handelt es sich bei allen diesen Dingen um Kompetenzstreitigkeiten   I n n e r h a l b   der Kirche, d. h. innerhalb der universalistisch gedachten Theokratie. Wenn die deutschen Erzbischöfe das Heer befehligen, welches Friedrich I. 1167 gegen Rom und den Papst entsendet, wäre es doch sonderbar, hierin eine wirkliche Auflehnung der weltlichen Gewalt gegen die kirchliche erblicken zu wollen. Ebenso sonderbar wäre es, wenn man die Absetzung Gregor's VII. durch die Wormser Synode des Jahres 1076 als antikirchliche Regung Heinrich's IV. deuten wollte, da doch fast sämtliche Bischöfe Deutschlands und Italiens das kaiserliche

781 Der Kampf. Staat.



Dekret unterschrieben hatten und zwar mit der Begründung, „der Papst masse sich eine bisher ganz unbekannte Gewalt an, während er die Rechte anderer Bischöfe vernichte.“¹) Natürlich bin ich weit entfernt, die hohe politische Bedeutung aller dieser Vorgänge, sowie namentlich ihre Rückwirkung auf das erstarkende Nationalbewusstsein leugnen zu wollen, ich stelle aber fest, dass es sich hier lediglich um Kämpfe und Ränke innerhalb des damals vorherrschenden Universalsystems der Kirche handelt, während derjenige Kampf, der über den ferneren Gang der Weltgeschichte entschied, im Gegensatz zugleich zu Kaiser und zu Papst — im Gegensatz heisst das also zum kirchlichen Staatsideal — von Fürsten, Adel und Bürgertum geführt wurde. Es bedeutet dies einen Kampf gegen den Universalismus, und stützte er sich zunächst nicht auf Nationen, da solche noch nicht existierten, so führte er mit Notwendigkeit zu ihrer Bildung, denn die Nationen sind das Bollwerk gegen die Despotie des römischen Weltreichgedankens.

Die „duplex potestas“
    So viel musste ich vorausschicken, damit von vornherein festgestellt werde, welcher Kampf allein uns in diesem Buche beschäftigen kann und soll. Der Kampf zwischen Kaiser und Papst um den Vorrang gehört der Vergangenheit an, der Kampf zwischen Nationalismus und Universalismus dauert heute noch fort.
    Doch möchte ich, ehe wir zu unserem eigentlichen Gegenstand übergehen, noch eine Betrachtung bezüglich jenes Wett-
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streites innerhalb des universalistischen Ideals hinzufügen. Zwar ist sie nicht unentbehrlich für die Beurteilung des 19. Jahrhunderts, die Sache wurde aber gerade in unseren Tagen viel besprochen und zwar vielfach zum Nachteil des gesunden Menschenverstandes; immer wieder wird sie von der universalistischen, d. h. von der römischen Partei aufgefrischt, und manche sonst gute Urteilskraft wird durch das geschickt dargestellte, doch gänzlich unhaltbare Paradoxon irregeführt. Ich meine die Theorie der duplex potestas, der zweiköpfigen Gewalt. Den meisten Gebildeten ist
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    ¹) Hefele: Konziliengeschichte, V, 67.

782 Der Kampf. Staat.



sie hauptsächlich aus Dante's De Monarchia bekannt, wenngleich sie früher und gleichzeitig und auch später von Anderen vorgetragen wurde. Bei aller Verehrung für den gewaltigen Dichter glaube ich kaum, dass ein politisch urteilsfähiger und nicht von Parteileidenschaft geblendeter Mensch diese Schrift aufmerksam lesen kann, ohne sie einfach ungeheuerlich zu finden. Grossartig wirkt allerdings die Konsequenz und der Mut, womit Dante dem Papste jede Spur von weltlicher Gewalt und weltlichem Besitz abspricht; doch, indem er die Fülle dieser Gewalt einem Anderen überträgt, indem er der Macht dieses Anderen die rein theokratische Quelle unmittelbar göttlicher Einsetzung vindiziert, hat er nur einen Tyrannen an die Stelle eines Anderen gesetzt. Von den Kurfürsten meint er, man dürfe sie nicht „Wähler“ nennen, sondern vielmehr „Verkündiger der göttlichen Vorsehung“ (III, 16); das ist ja die ungeschminkte papale Theorie! Dann aber kommt erst die Ungeheuerlichkeit: neben diesem unumschränkten, von Gott selbst „ohne irgend einen Vermittler“ eingesetzten Alleinherrscher giebt es noch einen, ebenfalls von Gott selbst eingesetzten, ebenfalls unumschränkten Alleinherrscher, den Papst! Denn „des Menschen Natur ist eine doppelte und bedarf darum einer doppelten Leitung“, nämlich „des Papstes, der in Gemässheit der Offenbarung das Menschengeschlecht zum ewigen Leben führt, und des Kaisers, der im Anschluss an die Lehren der Philosophen die Menschen zur irdischen Glückseligkeit leiten soll“. Schon philosophisch ist dieser Gedanke eine Ungeheuerlichkeit; denn nach ihm soll das Streben nach einem diesseitigen, rein irdischen Glück Hand in Hand mit der Erlangung eines jenseitigen ewigen Glückes gehen; praktisch bedeutet er die unhaltbarste Wahnvorstellung, die jemals ein Dichterhirn ausbrütete. Wir dürfen als ursätzliche Wahrheit annehmen, dass Universalismus Absolutismus mit sich führt, d. h. Unbedingtheit; wie könnten denn   z w e i   unbedingte Herrscher nebeneinander stehen? Nicht einen Schritt kann der Eine machen, ohne den Anderen zu „bedingen“. Wo soll man eine Grenze zwischen der Jurisdiktion
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des „philosophischen“ Kaisers, des unmittelbaren Vertreters Gottes als Weltweisen, und der Jurisdiktion des theologischen

783 Der Kampf. Staat.



Kaisers, des Vermittlers des ewigen Lebens ziehen? Bildet jene „Doppelnatur“ des Menschen, von der Dante viel spricht, nicht dennoch eine Einheit? Vermag sie es, sich fein säuberlich in zwei zu teilen und — im Widerspruch mit dem Worte Christi — zweien Herren zu dienen? Schon das Wort   M o n - a r c h i e   bedeutet die Regierung durch einen Einzigen, und jetzt soll die Monarchie zwei Alleinherrscher besitzen? Die Praxis kennt eine derartige zwiespältige Idee gar nicht. Die ersten Kaiser christlicher Konfession waren unumschränkte Herren auch innerhalb der Kirche; hin und wieder beriefen sie die Bischöfe zu Beratungen, doch erliessen sie die Kirchengesetze aus autokratischer Machtfülle und in dogmatischen Fragen entschied ihr Wille. Theodosius konnte wohl für seine Sünden Busse thun vor dem Bischof von Mailand, wie er es vor jedem anderen Priester gethan hätte, doch von einem Wettbewerber um die unumschränkte Machtvollkommenheit wusste er nichts und hätte nicht gezaudert, ihn zu zermalmen. Genau ebenso empfand Karl (siehe S. 617), wenn auch seine Position natürlich nicht so stark sein konnte wie die des Theodosius; doch errang später Otto der Grösse thatsächlich genau die selbe Einherrschergewalt und sein kaiserlicher Wille genügte, um den Papst abzusetzen: so sehr verlangt die Logik des universalistischen Ideals, dass alle Macht in einer Hand liege. Nun kamen allerdings in Folge endloser politischer Wirren, und auch weil die Hirne der damaligen Menschen durch Fragen des abstrakten Rechtes vertrackt geworden waren, manche unklare Ideen auf, und zu ihnen gehörte jener Satz des alten Kirchenrechtes von den   b e i d e n   S c h w e r t e r n   des Staates, de duobus universis monarchiae gladiis; doch hat, wie obiger Satz mit seinem Genitiv der Einzahl beweist, der praktische Politiker sich die Sache nie so ungeheuerlich vorgestellt wie der Dichter; für ihn gab es doch nur   e i n e   Monarchie, und ihr dienen   b e i d e   Schwerter. Diese eine Monarchie ist die Kirche: ein weltliches und zugleich überweltliches Imperium. Und weil die Idee dieses Imperiums eine so durch und durch theokratische ist, kann es uns nicht wundern, wenn die höchste Gewalt allmählich vom König auf den pontifex übergeht. Dass beide gleich hoch stehen

784 Der Kampf. Staat.



sollten, ist durch die Natur des Menschen völlig ausgeschlossen; selbst Dante sagt am Schlusse seiner Schrift, der Kaiser solle „dem Petrus Ehrerbietung bezeigen“ und sich von dessen Licht „bestrahlen lassen“; er giebt also implicite zu, der Papst stehe
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über dem Kaiser. Endlich heilte ein starker, klarer Geist, politisch und juristisch hochgebildet, diese Wirrnis geschichtlicher Trugschlüsse und abstrakter Hirngespinste auf; es geschah gerade an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, am Schlusse des 13. Jahrhunderts.¹) Schon in seiner Bulle Ineffabilis hatte Bonifaz VIII. die unbedingte Freiheit der Kirche gefordert: bedingungslose Freiheit heisst unbeschränkte Macht. Doch die Lehre von den beiden Schwertern hatte schon so arge Verwüstungen in der Denkkraft der Fürsten angerichtet, dass sie gar nicht mehr daran dachten, das zweite Schwert sei bestenfalls in der unmittelbaren Gewalt des Kaisers; nein, jeder einzelne Fürst wollte es unabhängig führen, und die göttliche Monarchie artete dadurch in eine um so bedenklichere Polyarchie aus, als jeder Principiculus sich die kaiserliche Theorie angeeignet hatte und sich als einen direkt von Gott eingesetzten unumschränkten Gewalthaber betrachtete. Man kann mit den Fürsten sympathisieren, denn sie bereiteten die Nationen, doch ihre Theorie des „Gottesgnadentums“ ist einfach absurd, absurd, wenn sie innerhalb des römischen Universalsystems, d. h. also in der katholischen Kirche verblieben, und doppelt absurd, wenn sie sich von dem grossartigen Gedanken der einen einzigen von Gott gewollten civitas Dei lossagten. Dieser Konfusion suchte nun Bonifaz VIII. durch seine ewig denkwürdige Bulle Unam sanctam ein Ende zu bereiten. Jeder Laie sollte sie kennen, denn, was auch inzwischen geschehen sein oder in Zukunft noch geschehen mag, die Logik der universal-theokratischen Idee²) wird die römische Kirche immer mit
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    ¹) Dante hat es folglich erlebt, doch wie es scheint, nicht zu würdigen, noch daraus die notwendigen Konsequenzen zu ziehen gewusst.
    ²) Nicht zu verwechseln mit dem National-Theokratismus, für den die Geschichte manche Beispiele (in erster Reihe das Judentum) bietet.

785 Der Kampf. Staat.



Notwendigkeit zu der Auffassung der unbeschränkten Gewalt der Kirche und ihres geistlichen Oberhauptes zurückführen. Zuerst setzt Bonifaz auseinander, es könne nur eine Kirche geben — dies wäre derjenige Punkt, wo man ihm gleich widersprechen müsste, denn aus ihm folgt alles Übrige mit logischer Notwendigkeit. Dann kommt das entscheidende und, wie die Geschichte lehrt, wahre Wort: „Diese eine Kirche hat nur   e i n   H a u p t ,   n i c h t   z w e i   K ö p f e   g l e i c h   e i n e m   M o n s t r u m!“   Hat sie aber nur ein Haupt, so müssen ihm beide Schwerter, das geistliche und das weltliche, unterthan sein: „Beide Schwerter sind also in der Gewalt der Kirche, das geistliche und das weltliche; dieses muss   f ü r   die Kirche, jenes   v o n   der Kirche gehandhabt werden; das eine von
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der Priesterschaft, das andere von den Königen und Kriegern,   a b e r   n a c h   d e m   W i l l e n   d e s   P r i e s t e r s   u n d   s o   l a n g e   e r   e s   d u l d e t.   Es muss aber ein Schwert über dem andern, die weltliche Autorität der geistlichen unterworfen sein. . . . .  Die göttliche Wahrheit bezeugt, dass die geistliche Gewalt die zeitliche einzusetzen und über sie zu urteilen hat, wenn sie nicht gut ist.“¹) Damit war die notwendige Lehre der römischen Kirche endlich klar, logisch und ehrlich entwickelt. Man sieht einem derartigen Gedanken nicht auf den Grund, wenn man von priesterlichem Ehrgeiz, von dem unersättlichen Magen der Kirche u. s. w. redet: zu Grunde liegt hier vielmehr die grossartige Idee eines universellen Imperiums, welches nicht allein alle Völker unterwerfen und hierdurch ewigen Frieden schaffen soll,²) sondern auch jeden einzelnen Menschen mit seinem Glauben, Handeln und Hoffen ebenfalls von allen Seiten eng umfassen will. Es ist Universalismus in seiner höchsten Potenz, äusserer und innerer, so dass z. B. auch Einheit der Sprache mit allen Mitteln erstrebt wird. Der Fels, auf dem dieses Reich ruht,
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    ¹) Siehe die Bulle Ineffabilis in Hefele: Konziliengeschichte, 2. Ausg. VI, 297 fg., und die Bulle Unam sanctam, ebenda, S. 347 fg. Ich citiere nach der Hefele'schen Übersetzung ins Deutsche, also nach einer orthodox katholischen und zugleich autoritativen Quelle.
    ²) Dieser Gedanke kehrt bei den alten Schriftstellern immer wieder.

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ist der Glaube an göttliche Einsetzung, nichts Geringeres vermöchte ein derartiges Gebäude zu tragen; folglich ist dieses Imperium notwendiger Weise eine Theokratie; in einem theokratischen Staate nimmt die Hierarchie den ersten Platz ein; Ihr priesterliches Haupt ist somit das natürliche Oberhaupt des Staates. Dieser logischen Deduktion kann man kein einziges vernünftiges Wort entgegenstellen, sondern nur fadenscheinige Sophismen. Hatte doch im weltlichsten aller Staaten, in Rom, der Imperator sich den Titel und das Amt eines Pontifex maximus als höchste Würde, als unübertreffbare Gewähr der göttlichen Berechtigung beigelegt (Caesar Divi genus — denn auch dieser Gedanke ist nicht etwa ein christlicher). Und sollte nicht im christlichen Staate, jenem Staate, dem erst die Religion Universalität und Allgewalt geschenkt hatte, der Pontifex maximus sich nun umgekehrt berechtigt und genötigt fühlen, sein Amt als das eines Imperators aufzufassen?¹)
    So viel nur über die duplex potestas.
    Diese beiden Ausführungen: die erste über die grundsätzliche Identität zwischen Kaisertum und Papsttum (beide nur Glieder
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und Manifestationen des selben Gedankens eines heiligen römischen Universalreiches), die zweite über den Kampf zwischen den verschiedenen regierenden Elementen innerhalb dieser natürlich sehr komplizierten Hierarchie, sollen weniger als Vorwort zu dem Folgenden gedient haben, denn als Entledigung eines Ballastes, der unsere Schritte vielfach gehemmt und irregeführt hätte; denn, wie gesagt, der wahre „Kampf im Staat“ liegt tiefer, und gerade er bietet noch gegenwärtiges, ja, leidenschaftliches Interesse und fördert das Verständnis des neunzehnten Jahrhunderts.

Universalismus gegen Nationalismus
    Savigny, der grosse Rechtslehrer, schreibt: „Die Staaten, in welche sich das römische Reich auflöste, weisen zurück auf den Zustand des Reiches vor dieser Auflösung.“ Der Kampf, von
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    ¹) Man vergleiche das treffliche Wort des spanischen Staatsmannes Antonio Perez, im vorigen Kapitel, S. 615, angeführt.

787 Der Kampf. Staat.



dem ich hier zu sprechen habe, steht also sowohl formell wie ideell in starker Abhängigkeit von dem entschwundenen Imperium. Gleichwie die Schatten länger werden, je tiefer die Sonne sinkt, so warf Rom, dieser erste wahrhaft grosse   S t a a t,   seinen Schatten weit über kommende Jahrhunderte hin. Denn, wohl betrachtet, ist der nun entbrennende Kampf im Staat ein Kampf der Völker um ihre persönliche Daseinsberechtigung gegen eine erträumte und erstrebte Universalmonarchie, und Rom hinterliess nicht allein die Thatsache eines nationalitätlosen Polizeistaates mit Gleichförmigkeit und Ordnung als politischem Ideal, sondern auch die Erinnerung an eine grosse Nation. Ausserdem hinterliess Rom die geographische Skizze zu einer möglichen und in vielen Zügen dauernd bewährten politischen Aufteilung des chaotischen Europa in neue Nationen, sowie Grundprinzipien der Gesetzgebung und der Verwaltung, an denen die individuelle Selbständigkeit dieser neuen Gebilde wie die junge Rebe an dem dürren Pfahl emporwachsen und erstarken konnte. Beiden Idealen, beiden Politiken lieferte also das alte Rom die Waffen, sowohl dem Universalismus wie dem Nationalismus. Jedoch es kam auch Neues hinzu, und dieses Neue war das Lebendige, der Saft, welcher Blüten und Blätter trieb, die Hand, welche die Waffe führte: neu war das religiöse Ideal der Universalmonarchie, und neu war der die Nationen gestaltende Menschenschlag. Neu war es, dass die römische Monarchie nicht mehr eine weltliche Politik, sondern eine zum Himmel vorbereitende Religion, dass ihr Monarch nicht ein wechselnder Caesar, sondern ein unsterblicher, ans Kreuz geschlagener Gott sein sollte, und ebenso neu war es, dass
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an Stelle der verschwundenen Nationen der früheren Geschichte eine bisher unbekannte Menschenrasse auftrat, gleich schöpferisch und individualistisch (folglich von Natur staatenbildend) wie die Hellenen und die Römer, dabei im Besitz einer bedeutend breiteren, zeugungsfähigeren und darum auch plastischeren, vielgestaltigen Masse: die Germanen.
    Die politische Situation während des ersten Jahrtausends von Konstantin an gerechnet ist also, trotz des unübersehbaren Wirrsals der Geschehnisse, durchaus deutlich, deutlicher vielleicht als

788 Der Kampf. Staat.



die heutige. Auf der einen Seite die bewusste, wohl durchdachte, aus Erfahrung und aus vorhandenen Verhältnissen entlehnte Vorstellung einer imperial-hieratischen, unnationalen   U n i v e r s a l -  m o n a r c h i e,   auf Gottes Gebot von den römischen Heiden (unbewusst) vorbereitet,¹) nunmehr in ihrer Göttlichkeit offenbart und daher allumfassend, allgewaltig, unfehlbar, ewig, — auf der anderen Seite die naturnotwendige, durch Rasseninstinkt geforderte Bildung von   N a t i o n e n   seitens der germanischen und der mit Germanen in meinem weiteren Sinne (siehe Kap. 6) stark vermischten Völker, zugleich eine unüberwindliche Abneigung ihrerseits gegen alles Beharrende, die stürmische Auflehnung gegen jede Beschränkung der Persönlichkeit. Der Widerspruch war flagrant, der Kampf unausbleiblich.
    Das ist kein willkürliches Verallgemeinern; im Gegenteil: nur wenn man die anscheinenden Willkürlichkeiten aller Geschichte so liebevoll aufmerksam betrachtet wie der Physiograph das von ihm sorgfältig polierte Gestein, nur dann wird die Chronik der Weltbegebenheiten durchsichtig, und was das Auge nunmehr erblickt, ist nicht etwas Zufälliges, sondern das zu Grunde Liegende, gerade das einzige nicht Zufällige, die bleibende Ursache notwendiger, doch bunter, unberechenbarer Ereignisse. Dergleichen Ursachen erzwingen nämlich bestimmte Wirkungen. Wo weithin blickendes Bewusstsein vorhanden ist, wie z. B. (für den Universalismus) bei Karl dem Grossen und Gregor VII., oder andrerseits (für den Nationalismus) bei König Alfred oder Walther von der Vogelweide, da gewinnt die notwendige Gestaltung der Geschichte bestimmtere, leichter erkennbare Umrisse; doch war es durchaus nicht nötig, dass jeder Vertreter der römischen Idee oder des Prinzips der Nationalitäten klare Begriffe über Art und Umfang dieser Gedanken besass. Die römische Idee war zwingend genug, war eine unabänderliche Thatsache, nach welcher
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jeder Kaiser und jeder Papst, mochte er sonst auch denken und beabsichtigen was er wollte, genötigt war sich zu richten. Auch ist die übliche Lehre, hier habe eine Entwickelung stattgefunden,
—————
    ¹) Augustinus: De civitate Dei V, 21, etc.

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der kirchliche Ehrgeiz sei nach und nach immer umfassender geworden, nicht wohlbegründet, nicht wenigstens in dem heutigen flachen Verstand, wonach durch Evolution aus einem X ein U wird; eine Entfaltung hat es gegeben, ein Anschmiegen an Zeitverhältnisse u. s. w., doch handelte Karl der Grosse nach genau den selben Grundsätzen wie Theodosius und stand Pius IX. auf genau dem selben Boden wie Bonifaz VIII. Weit weniger noch postuliere ich ein bewusstes Erstreben nationaler Bildungen. Die spätrömische Idee einer Universaltheokratie konnte allenfalls von ausserordentlichen Männern bis ins Einzelne ausgedacht werden, denn sie beruhte auf einem vorhandenen Imperium, an das sie unmittelbar anknüpfte, und auf der festgegründeten jüdischen Theokratie, aus der sie sich lückenlos herleitete; wie sollte man dagegen an ein Frankreich, ein Deutschland, ein Spanien gedacht haben, ehe sie da waren? Hier handelte es sich um schöpferische Neubildungen, die auch heute Sprossen treiben und noch ferner treiben werden, solange es Leben giebt. Unter unseren Augen finden Verschiebungen des Nationalbewusstseins statt, und noch jetzt können wir das nationalitäten-bildende Prinzip überall am Werke betrachten, wo der sogenannte Partikularismus sich regt: wenn der Bayer den Preussen nicht leiden mag und der Schwabe mit einer gelinden Geringschätzung auf Beide herabblickt; wenn der Schotte von „seinen Landsleuten“ spricht, um sie vom Engländer zu unterscheiden, und der Einwohner von New-York den Yankee von Neuengland als ein nicht ganz so vollendetes Wesen betrachtet, wie er selber ist; wenn örtliche Sitte, örtlicher Brauch, unausrottbare, durch keine Gesetzgebung ganz zu tilgende örtliche Rechtsgewohnheiten einen Gau vom anderen scheiden — — — so haben wir in allen diesen Dingen Symptome eines lebendigen Individualismus zu erblicken, Symptome der Fähigkeit eines Volkes, sich seiner Eigenart im Gegensatz zu der Anderer bewusst zu werden, der Fähigkeit zu organischer Neubildung. Schüfe der Gang der Geschichte die äusseren Bedingungen dazu, wir Germanen brächten noch ein Dutzend neue, charakteristisch unterschiedene Nationen hervor. In Frankreich wurde inzwischen diese schöpferische Beanlagung durch die fortschreitende „Ro-

790 Der Kampf. Staat.



manisierung“ geschwächt, ausserdem durch den Fuss des rohen Korsen fast ganz zertreten; in Russland ist sie in Folge des Vorwaltens untergeordneten, ungermanischen Blutes verschwunden,
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trotzdem früher unsere echten slavischen Vettern für individuelle Neubildungen — ihre Sprachen und Litteraturen beweisen es — reich begabt waren. Diese Gabe nun, welche wir bei den Einen nicht mehr, bei den Anderen noch heute vorhanden finden, ist es, die wir in der Geschichte am Werke sehen, nicht bewusst, nicht als Theorie, nicht philosophisch bewiesen, nicht auf juristischen Institutionen und göttlichen Offenbarungen aufgebaut, doch mit der Unbezwingbarkeit eines Naturgesetzes alle Hindernisse überwindend, zerstörend, wo es zu zerstören galt — denn woran sind die ungesunden Bestrebungen des römischen Kaisertums germanischer Könige zu Grunde gegangen, als an der stets wachsenden Eifersucht der Stämme? — und zugleich auf allen Seiten unbemerkt, emsig aufbauend, so dass die Nationen dastanden, lange ehe die Fürsten sie in die Landkarte eingetragen hatten. Während gegen das Ende des 12. Jahrhunderts der Wahn eines imperium romanum noch einen Friedrich Barbarossa bethörte, konnte der deutsche Dichter schon singen:
übel müeze mir geschehen,
künde ich ie mîn herze bringen dar,
daz im wol gevallen
wolte fremeder site:
t i u s c h i u   zuht gât vor in allen!
Und als im Jahre 1232 der mächtigste aller Päpste den Feind des römischen Einflusses in England, den Oberrichter Hubert de Burgh, durch Vermittlung des Königs hatte gefangen nehmen lassen, fand sich im ganzen Lande kein Schmied, der ihm Handschellen hätte anschmieden wollen; trotzig antwortete der Geselle, dem man mit der Folter drohte: „Lieber jeden Tod sterben, als dass ich je Eisen anlegen sollte dem Manne, der England vor dem   F r e m d e n   verteidigt hat!“ Der fahrende Sänger wusste, dass es ein deutsches Volk, der Hufeisenbeschläger, dass es ein englisches Volk gebe, als es manche grosse Herren der Politik kaum erst zu ahnen begannen.

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Das Gesetz der Begrenzung
    Man sieht, es handelt sich nicht um Windeier, gelegt von einer geschichtsphilosophischen Henne, sondern um die allerrealsten Dinge. Und da wir nun wissen, dass wir mit dieser  Gegenüberstellung von Universalismus und Nationalismus konkrete Grundthatsachen der Geschichte aufgedeckt haben, möchte ich gern dieser Sache einen allgemeineren, mehr innerlichen Ausdruck abgewinnen. Damit steigen wir in die Tiefen der Seele hinab und erwerben uns eine Einsicht, die gerade für die Be-
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urteilung des 19. Jahrhunderts von Wert sein wird; denn jene beiden Strömungen sind noch unter uns vorhanden, und zwar nicht allein in der sichtbaren Gestalt des pontifex maximus, der im Jahre des Heiles 1864 seine zeitliche Allgewalt noch einmal feierlich behauptete,¹) sowie andrerseits in den immer schärfer hervortretenden nationalen Gegensätzen der Gegenwart, sondern in gar vielen Ansichten und Urteilen, die wir auf dem Lebenspfade auflesen, ohne zu ahnen, woher sie stammen. Im tiefsten Grunde handelt es sich eben um zwei Weltauffassungen, die sich gegenseitig so gänzlich ausschliessen, dass die eine unmöglich neben der andren bestehen könnte und es einen Kampf auf Leben und Tod zwischen ihnen geben müsste — trieben die Menschen nicht so ohne Besinnung dahin, gleich vollbesegelten, doch steuerlosen Schiffen, ziellos, gedankenlos dem Winde gehorchend. Ein Wort des erhaben grossen Germanen Goethe wird auch hier wieder das psychologische Rätsel aufhellen. In seinen Sprüchen in Prosa schreibt er von der lebendigbeweglichen Individualität, sie werde sich selbst gewahr „als innerlich Grenzenloses, äusserlich Begrenztes“. Das ist ein bedeutungsschweres Wort:   ä u s s e r l i c h   b e g r e n z t,   i n n e r l i c h   g r e n z e n l o s.   Hiermit wird ein Grundgesetz alles geistigen Lebens ausgesprochen. Für das menschliche Individuum heisst nämlich äusserlich begrenzt so viel wie Persönlichkeit, innerlich grenzenlos so viel wie Freiheit; für ein Volk ebenfalls. Verfolgt man nun diesen
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    ¹) Siehe den   S y l l a b u s   § 19 fg., 54 fg., sowie die vielen Artikel gegen jede Gewissensfreiheit, namentlich § 15: „Wer behauptet, ein Mensch dürfe diejenige Religion annehmen und bekennen, die er nach bestem Wissen für wahr hält: der sei gebannt.“

792 Der Kampf. Staat.



Gedanken, so wird man finden, dass die beiden Vorstellungen sich gegenseitig bedingen. Ohne die äussere Begrenzung kann die innere Grenzenlosigkeit nicht statthaben; wird dagegen   ä u s s e r e   Unbegrenztheit erstrebt, so wird die Grenze innerlich gezogen werden   m ü s s e n.   Dies Letztere ist denn auch die Formel des neurömischen kirchlichen Imperiums: innerlich begrenzt, äusserlich grenzenlos. Opfere mir deine menschliche Persönlichkeit, und ich schenke dir Anteil an der Göttlichkeit; opfere mir deine Freiheit, und ich schaffe ein Reich, welches die ganze Erde umfasst und in welchem ewig Ordnung und Friede herrschen; opfere mir dein Urteil, und ich offenbare dir die absolute Wahrheit; opfere mir die Zeit, und ich schenke dir die Ewigkeit. Denn in der That, die Idee der römischen Universalmonarchie und der römischen Universalkirche zielt auf ein äusserlich Unbegrenztes: dem Oberhaupt des Imperiums sind omnes humanae creaturae, d. h. sämt-
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liche menschliche Wesen ohne Ausnahme unterworfen,¹) und die Gewalt der Kirche erstreckt sich nicht allein über die Lebendigen, sondern auch über die Toten, welche sie noch nach Jahrhunderten mit Bann und Höllenqualen bestrafen oder aus dem Fegfeuer zur himmlischen Seligkeit befördern kann. Dass dieser Vorstellung Grossartigkeit innewohnt, bestreite ich nicht; davon ist augenblicklich die Rede nicht; sondern mir liegt einzig daran zu zeigen, wie jedes Hinzielen auf derartig äusserlich Unbegrenztes die innerliche Begrenzung des Individuums notwendig voraussetzt und bedingt. Von Konstantin an, dem ersten, der die Imperiumsidee konsequent neurömisch erfasste, bis zu Friedrich II., dem Hohenstaufen, dem letzten Herrscher, den der wahrhafte Universalgedanke beseelte, hat kein Kaiser ein Atom persönlicher oder auch Landesfreiheit geduldet (ausser insofern Schwäche ihn dazu zwang, den Einen Zugeständnisse zu machen, um die Anderen matt zu setzen). Quod principi placuit, legis habet vigorem, liess sich der Rotbart von den Juristen byzantinischer Schulung belehren, ging hin und zerstörte die in trotziger Freiheit und bürgerlichem Fleisse aufblühenden Städte der Lombardei und
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    ¹) Siehe die Bulle Unam sanctam.

793 Der Kampf. Staat.



streute Salz auf die rauchenden Trümmer Mailand's. Minder gewaltthätig, doch von der selben Grundanschauung getragen, vernichtete der zweite Friedrich die unter den Landesfürsten aufkeimenden Freiheiten des deutschen Bürgertums. Wie unverrückbar eng der Pontifex die „inneren Grenzen“ zieht, braucht nicht erst dargethan zu werden. Das Wort Dogma hatte bei den alten Griechen eine Meinung, ein Dafürhalten, eine philosophische Lehre bezeichnet, im römischen Reich bezeichnete es eine kaiserliche Verordnung, jetzt aber, in der römischen Kirche, hiess es ein göttliches Gesetz des Glaubens, dem sämtliche menschliche Wesen bei ewiger Strafe sich bedingungslos zu unterwerfen hatten. Man mache sich keine Illusion hierüber, man lasse sich nicht durch Trugschlüsse irreführen: dem Individuum kann dieses System kein Tüttelchen freier Selbstbestimmung lassen, es ist unmöglich, und zwar aus dem einfachen Grunde — gegen den keine Kasuistik und keine noch so gute Absicht etwas vermag — weil, wer „äusserlich grenzenlos“ sagt, „innerlich begrenzt“ hinzufügen   m u s s,   er mag wollen oder nicht. Nach aussen wird das Opfer der Persönlichkeit, nach innen das Opfer der Freiheit gefordert. Ebensowenig kann dieses System nationale Individuen in ihrer Eigenart und als Grundlage geschicht-
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lichen Geschehens anerkennen; sie sind ihm höchstens ein unvermeidliches Übel; denn sobald eine scharfe äussere Grenze gezogen ist, wird sich die Tendenz zur innerlichen Grenzenlosigkeit kundthun; nie wird die echte Nation sich dem Imperium unterwerfen.
    Das staatliche Ideal der römischen Hierokratie ist die civitas Dei auf Erden, ein einziger unteilbarer Gottesstaat: jede Gliederung, welche äussere Grenzen schafft, bedroht das unbegrenzte Ganze, denn sie erzeugt Persönlichkeit. Darum gehen die Freiheiten der germanischen Völkerschaften, die Königswahl, die besonderen Rechte u. s. w. unter römischem Einfluss verloren; darum organisieren die Predigermönche, sobald zu Anfang des 13. Jahrhunderts die Nationalitäten deutlich hervorzutreten beginnen, einen wahren Feldzug gegen den amor soli natalis, die Liebe zur heimatlichen Scholle; darum sehen wir die Kaiser auf

794 Der Kampf. Staat.



die Schwächung der Fürsten bedacht und die Päpste während Jahrhunderte unermüdlich thätig, die Bildung der Staaten zu hindern und — sobald hier kein Erfolg mehr zu hoffen war — ihre freiheitliche Entwickelung hintanzuhalten (bei welchem Bestreben namentlich die Kreuzzüge ihnen lange Zeit zu gute kamen); darum sorgen die Konstitutionen des Jesuitenordens an erster Stelle dafür, dass dessen Mitglieder gänzlich „entnationalisiert“ werden und einzig der universellen Kirche angehören;¹) darum lesen wir in
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    ¹) Jedes Gespräch über einzelne Nationen ist den Jesuiten aufs Strengste verboten; das Ideal des Ignatius war, sagt Gothein (Ignatius von Loyola, S. 336), „alle Nationen durcheinander zu werfen“; nur wo die Staaten es zur Bedingung machten, liess er den Unterricht durch Eingeborene geben, sonst war es sein stehendes Prinzip, jedes Mitglied aus seinem Vaterlande zu entfernen, wodurch zugleich erreicht wurde, dass kein Jesuitenschüler durch ein Mitglied seiner eigenen Nation herangebildet wurde. Das System ist seither nicht geändert. Buss, der ultramontane Verfasser der Geschichte der Gesellschaft Jesu, rühmt ihr vornehmlich nach: „sie hat keinen Charakter haftend an dem Genie einer Nation oder in der Eigentümlichkeit eines einzelnen Landes.“ Der französische Jesuit Jouvancy warnt in seiner Lern- und Lehrmethode die Ordensmitglieder ganz besonders vor dem „zu vielen Lesen in Werken der Muttersprache“, denn, so fährt er fort: „dabei wird nicht nur viel Zeit verloren, sondern man leidet auch leicht Schiffbruch an der Seele.“ Schiffbruch an der Seele durch Vertrautheit mit der Muttersprache! Und der bayrische Jesuit Kropf stellt im 18. Jahrhundert als erstes Prinzip für die Schule auf, dass „der Gebrauch der Muttersprache   n i e m a l s   gestattet werde“. Man durchsuche das ganze Buch (ein orthodox-römisch-jesuitisches), aus dem ich diese Citate entnehme: Erläuterungsschriften zur Studienordnung der Gesellschaft Jesu, 1898, bei Herder (für Obiges S. 229 und 417), man wird das Wort   V a t e r l a n d   nicht ein einziges Mal finden! — (Nachtrag: Während der Drucklegung dieses Kapitels lerne ich die vortreffliche Schrift von Georg Mertz, Die Pädagogik der Jesuiten, Heidelberg 1898, kennen, in welcher streng aktenmässig und mit wissenschaftlicher Unparteilichkeit dieses ganze Erziehungssystem dargelegt wird. Wer diese trockene, nüchterne Darstellung aufmerksam liest, wird nicht bezweifeln, dass jede Nation, welche ihre Schulen den Jesuiten öffnet, einfach Selbstmord begeht. Ich verdächtige durchaus nicht die guten Absichten der Jesuiten und bestreite nicht, dass sie einen gewissen pädagogischen Erfolg erzielen;

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den allerneuesten, streng wissenschaftlichen Lehrbüchern des katholischen Kirchenrechts (siehe z. B. das von Phillips, 3. Aufl., 1881, S. 804) noch immer von dem Durchdringen des „Nationalitätsprinzips innerhalb der Einen und Allgemeinen Kirche Gottes“ als von einem der bedauerlichsten Vorgänge der Geschichte Europa's. Dass die grosse Mehrzahl der römischen Katholiken dennoch vortreffliche Patrioten sind, ist ein Mangel an Konsequenz, der ihnen zur Ehre gereicht; ähnlich hat ja gerade Karl der Grosse, der sich a Deo coronatus imperator, Romanum gubernans imperium nannte, durch seine kulturelle Thätigkeit und seine germanische Gesinnung mehr als ein Anderer zur Entfesselung der Nationalitäten und zur Knebelung des folgerechten römischen Gedankens beigetragen; doch wird durch derartige Inkonsequenzen die einzig richtige Lehre der theokratischen Universalkirche in keiner Weise berührt, und es ist unmöglich, dass diese Lehre und dieser Einfluss sich jemals anders als in antinationaler Richtung geltend mache. Denn, ich wiederhole es, hier handelt es sich nicht um dieses eine bestimmte Kirchen- und Imperiumsideal, sondern um ein allgemeines Gesetz menschlichen Wesens und Thuns.
    Damit dieses Gesetz recht klar erkannt werde, wollen wir jetzt kurz die entgegengesetzte Weltauffassung betrachten: äusserlich begrenzt, innerlich grenzenlos. Nur in der Gestalt des äusserlich scharf Abgegrenzten, keinem andern Menschen Gleichen, das Gesetz seines besonderen Seins sichtbar zur Schau Tragenden tritt uns die hervorragende Persönlichkeit entgegen; nur als streng begrenzte individuelle Erscheinung offenbart uns das Genie die grenzenlose Welt seines Innern. Hiervon war in
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doch bezweckt dieses ganze System die grundsätzliche Vernichtung der Individualität — der persönlichen sowohl wie der nationalen. Andrerseits muss aber zugegeben werden, dass dieses frevelhafte Attentat auf alles Heiligste im Menschen, diese grundsätzliche Heranbildung eines Geschlechtes, das „aus dem Hellen ins Dunkle strebt“, die streng logische Anwendung der römischen Postulate ist; in der starren und erstarrenden Folgerichtigkeit liegt die Kraft des Jesuitismus.)

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meinem ersten Kapitel (über hellenische Kunst) so eindringlich die Rede, dass ich es jetzt nicht noch einmal auszuführen brauche; im zweiten Kapitel, dem über Rom, sahen wir dann das selbe
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Gesetz schärfster Abgrenzung nach Aussen eine innerlich unerhört mächtige Nation schaffen. Und ich frage, wo wäre man mehr als bei dem Anblick des Gekreuzigten berechtigt auszurufen: äusserlich   b e g r e n z t,   innerlich   g r e n z e n l o s?   Und aus welchen Worten wäre diese Wahrheit deutlicher herübergetönt, als aus jenen: Das Himmelreich ist nicht auswendig, in der Welt der begrenzten Gestalten, sondern innerlich, in euren Herzen, in der Welt des Grenzenlosen? Diese Lehre ist das genaue, antipodische Gegenteil der Kirchenlehre. Die Geschichte als Beobachtungswissenschaft lehrt, dass nur begrenzte, zu nationaler Eigenartigkeit aus- und eingewachsene Völker Grosses geleistet haben. Die stärkste Nation der Welt — Rom — verschwand, und mit ihr verschwanden ihre Tugenden, sobald sie „universal“ zu werden strebte. Ähnlich überall. Lebhaftestes Rassenbewusstsein und allerengste Stadtorganisation waren die notwendige Atmosphäre für die unvergänglichen Grossthaten des Hellenentums; die Weltmacht Alexander's hat nur die Bedeutung einer mechanischen Ausbreitung von hellenischen Bildungselementen. Die ursprünglichen Perser waren eins der lebhaftesten, thatkräftigsten, in Bezug auf Poesie und Religion am tiefsten beanlagten Völker der Geschichte: als sie den Thron einer Weltmonarchie erstiegen hatten, schwand ihre Persönlichkeit und damit auch ihr Können dahin. Selbst die Türken verloren als internationale Grossmacht ihren bescheidenen Schatz an Eigenschaften, während ihre Vettern, die Hunnen, durch rücksichtslose Betonung des einen einzigen nationalen Momentes und durch gewaltsames Einschmelzen ihres reichen Schatzes an tüchtigen deutschen und slavischen Elementen, im Begriffe sind, unter unseren Augen zu einer grossen Nation heranzuwachsen.
    Aus dieser zwiefachen Betrachtung geht hervor, dass die   B e s c h r ä n k u n g   ein allgemeines Naturgesetz ist, ein ebenso allgemeines wie das Streben nach dem   S c h r a n k e n l o s e n.   Ins Unbegrenzte   m u s s   der Mensch hinaus, seine Natur fordert

797 Der Kampf. Staat.



es gebieterisch; um dies zu können, muss er sich begrenzen. Hier findet nun der Widerstreit der Grundsätze statt: begrenzen wir uns äusserlich — in Bezug auf Rasse, Vaterland, Persönlichkeit — so scharf, so resolut wie möglich, so wird uns, wie den Hellenen und den brahmanischen Indern, das innerliche Reich des Grenzenlosen aufgehen; streben wir dagegen äusserlich nach Unbegrenztem, nach irgend einem Absoluten, Ewigen, so müssen wir auf der Grundlage eines engbegrenzten Innern bauen, sonst ist jeder Erfolg ausgeschlossen: das zeigt uns jedes grosse Im-
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perium, das zeigt uns jedes sich als absolut und alleingültig gebende philosophische und religiöse System, das zeigt uns vor Allem jener grossartigste Versuch einer universellen Weltdeutung und Weltregierung, die römisch-katholische Kirche.

Der Kampf um den Staat
    Der Kampf im Staat während der ersten zwölf Jahrhunderte unserer Zeitrechnung war nun in seinem tiefsten Grunde ein Kampf zwischen den genannten zwei Prinzipien der Begrenzung, die auf allen Gebieten sich feindlich gegenüberstehen und deren Gegenüberstellung hier, auf politischem Gebiete, zu einem Kampfe zwischen Universalismus und Nationalismus führt. Es handelt sich um die Daseinsberechtigung unabhängiger Nationalitäten. Um das Jahr 1200 herum konnte der zukünftige Sieg des nationalbeschränkten, d. h. also des äusserlich begrenzenden Grundsatzes kaum mehr zweifelhaft sein. Zwar stand das Papsttum auf seiner höchsten Höhe — so versichern wenigstens die Geschichtsschreiber, übersehen jedoch, dass diese „Höhe“ nur den Sieg über den internen Konkurrenten um die Weltmonarchie, den Kaiser, bedeutet, und dass gerade dieser Wettstreit innerhalb der Imperiumsidee und dieser Sieg des Papstes den endgültigen Bankrott des römischen Plans herbeigeführt hat. Denn inzwischen waren Völker und Fürsten erstarkt: der innere Abfall von den kirchlichen „Grenzen“ hatte schon im ausgedehntesten Massstabe begonnen, und der äussere Abfall von dem vermeintlichen princeps mundi wurde gerade von den frömmsten Fürsten mit beneidenswerter Inkonsequenz durchgeführt. So nahm z. B. Ludwig der Heilige offen Partei für den exkommunizierten Friedrich und erklärte dem Papst gegenüber: „Les roys ne tiennent de nullui,

798 Der Kampf. Staat.



fors de Dieu et d'eux-mêmes“; und auf ihn folgte bald ein Philipp der Schöne, der einen widerspenstigen pontifex einfach gefangen nehmen liess und dessen Nachfolger zwang, in Frankreich unter seinen Augen zu residieren und die gewünschten gallikanischen Sonderrechte zu bestätigen. Der Kampf ist hier ein anderer als der zwischen Kaiser und Papst: denn die Fürsten bestreiten das Existenzrecht des römischen Universalismus; in weltlichen Dingen wollen sie vollkommen unabhängig und in kirchlichen Dingen die Herren im eigenen Lande sein. Hinfürder musste der Vertreter der römischen Hierokratie auch in seinen glanzvollen Tagen mühsam lavieren und, um sich die Glaubensdinge möglichst unterthan zu halten, seine politischen Ansprüche einen nach dem andern (einstweilen) preisgeben; dem sogenannten „römischen Kaiser deutscher Nation“ (wohl die blödsinnigste contradictio in adjecto, die jemals ersonnen wurde)
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ging es noch schlechter; sein Titel war ein blosser Spott, und doch musste er ihn so teuer bezahlen, dass heute, am Schlusse des 19. Jahrhunderts, sein Nachfolger der einzige Monarch Europa's ist, der nicht an der Spitze einer Nation, sondern eines ungestalteten Menschenhaufens steht. Wogegen der mächtigste moderne Staat dort entstand, wo die antirömische Tendenz einen so unzweideutigen Ausdruck gefunden hatte, dass man behaupten darf: „der dynastische und der protestantische Gedanke durchdringen einander so, dass sie kaum unterschieden werden können“.¹) Inzwischen war eben die Losung ausgegeben worden, die da lautete: weder Kaiser noch Papst, sondern Nationen.
    In Wahrheit jedoch ist dieser Kampf noch heute nicht beendet; denn wenn auch der Grundsatz der Nationen siegte, die Macht, welche den entgegengesetzten Grundsatz vertritt, hat nie entwaffnet, ist heute in gewissen Beziehungen stärker als je, verfügt über eine weit besser disziplinierte, mehr bedingungslos unterworfene Beamtenschar als in irgend einem früheren Jahrhundert und wartet nur auf die Stunde, wo sie rücksichtslos hervortreten kann. Ich habe nie verstanden, warum gebildete Katho-
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    ¹) Ranke: Genesis des preussischen Staates, Ausg. 1874, S. 174.

799 Der Kampf. Staat.



liken sich bemühen, die Thatsache zu leugnen, oder hinwegzudeuten, dass die römische Kirche nicht allein eine Religion, sondern auch ein weltliches Regierungssystem ist, und dass die Kirche als Vertreterin Gottes auf Erden eo ipso in allen Dingen dieser Welt unbeschränkte Herrschaft beanspruchen darf und allezeit beansprucht hat. Wie kann man das glauben, was die römische Kirche als Wahrheit lehrt, und trotzdem von einer Selbständigkeit der weltlichen Gewalt reden — wie das, um nur ein Beispiel aus beliebig vielen zu nennen, Professor Phillips in seinem Lehrbuch des Kirchenrechts, § 297, thut, wo er doch in dem selben Paragraphen auf der vorangehenden Seite ausgeführt hat: „Es ist nicht Sache des Staates, zu bestimmen, welche Rechte der Kirche zustehen, noch die Ausübung derselben von seiner Genehmigung abhängig zu machen“? Wenn aber der Staat die Rechte der Kirche nicht bestimmt, so folgt daraus mit unwidersprechlich logischer Notwendigkeit, dass die Kirche die Rechte des Staates bestimmt. Und was hier mit einer verblüffenden „wissenschaftlichen“ Naivetät geschieht, wird in hundert anderen Büchern und in immer erneuten Beteuerungen hochgestellter Prälaten wiederholt und die Kirche als ein in staatlichen Dingen unwissendes, unschuldiges Lamm hingestellt — was ohne syste-
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matische Unterdrückung der Wahrheit nicht angeht. Wäre ich römischer Katholik, ich würde, weiss Gott, anders Farbe bekennen und mir die Mahnung Leo's XIII. zu Herzen nehmen, dass man „nicht wagen solle, Unwahres zu sagen, noch Wahres zu verschweigen“.¹) Und die Wahrheit ist, dass die römische Kirche
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    ¹) In seinem Breve Saepenumero vom 18. August 1883. Diese Warnung richtet sich ausdrücklich „an die Historiker“, und der heilige Vater scheint eine ganze Sammlung neukatholischer Bücher der von mir gerügten Art vor sich liegen gehabt zu haben, denn er seufzt, ihn dünke die neuere Geschichtsschreibung eine „conjuratio hominum adversus veritatem“ geworden zu sein, worin ihm Jeder, der einige Kenntnis von dieser Litteratur besitzt, von Herzen beistimmen wird. Nomina sunt odiosa, doch erinnere ich daran, dass schon in einer Anmerkung zum vorigen Kapitel (S. 643) darauf hingewiesen wurde, wie selbst Janssen, dessen Geschichte des deutschen Volkes so grosse Beliebtheit und soviel Ansehen geniesst, zu dieser

800 Der Kampf. Staat.



von Anfang an — d. h. also von Theodosius an, der sie begründete — stets die unbedingte, unbeschränkte Herrschaft über die weltlichen Dinge beansprucht hat. Ich sage, „die Kirche“ hat sie beansprucht, ich sage nicht „der Papst“; denn darüber,
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wer die weltliche, sowie auch darüber, wer die höchste religiöse Gewalt thatsächlich ausüben sollte, hat es zu verschiedenen Zeiten verschiedene Auffassungen und manchen Streit gegeben; doch dass diese Gewalt der   K i r c h e   als einer göttlichen In-
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„Verschwörung gegen die Wahrheit“ gehört. So lässt er z. B. die grosse Verbreitung der Bibel in Deutschland am Ende des 15. Jahrhunderts ein Verdienst der römischen Kirche sein, während er doch sehr gut weiss: erstens, dass das Lesen der Bibel damals seit zwei Jahrhunderten von Rom aus streng verboten war und nur die grossen Wirrnisse in der Kirche jener Zeit eine Laxheit der Disziplin verschuldeten, zweitens, dass gerade in jenem Augenblick das Bürgertum und der Kleinadel von ganz Europa bis ins innerste Herz antirömisch waren und sich   d e s w e g e n   mit solcher Leidenschaft auf das Studium der Bibel warfen! Wie sehr relativ diese angebliche „Verbreitung“ war, geht übrigens aus der einen Thatsache hervor, dass Luther mit 20 Jahren noch nie eine Bibel gesehen hatte und mit Mühe ein Exemplar in der Universitätsbibliothek zu Erfurt auftrieb. Dieses eine Beispiel von Geschichtsfälschung ist typisch; in ähnlicher Weise „wagt“ Janssen's Buch an hundert Stellen „Unwahres zu sagen und Wahres zu verschweigen“, und doch gilt es als ein ernst wissenschaftliches. Was müsste man erst zu jener neuesten, wie Pilze aus vermodertem Boden hervorsprossenden Litteratur sagen, die sich die planmässige Besudelung aller nationalen Helden zum Ziel gesetzt hat, von Martin Luther bis Bismarck, von Shakespeare bis Goethe? Einzig Verachtung ist hier angebracht. Ein bekanntes Sprichwort sagt: Lügen haben kurze Beine, und ein weniger bekanntes: Dem Lügner sieht man so tief ins Maul als dem Wahrsager. Mögen die Völker Europas bald so weit erwacht sein, dass sie dieser Rotte tief ins Maul sehen! Doch darf keine Empörung dazu verleiten, den grossartigen Universalgedanken eines Theodosius und eines Carolus Magnus, eines Gregor I. und eines Gregor VII., eines Augustinus und eines Thomas von Aquin mit derartigen modernen Schuftigkeiten auf gleiche Stufe zu stellen. Der wahre römische Gedanke ist ein echter Kulturgedanke, der im letzten Grunde auf dem Werk und den Traditionen der grossen Kaiserepoche von Tiberius bis Marc Aurel ruht; dagegen knüpft das Ideal der genannten Herren bekanntlich (siehe S. 525) an die kulturbare Steinzeit an, und das selbe gilt von ihrer tückischen Kampfesweise.

801 Der Kampf. Staat.



stitution innewohne, ist stets gelehrt worden, und diese Lehre bildet, wie ich es im vorigen Kapitel zu zeigen versuchte (S. 615 fg.), ein so grundlegendes Axiom der römischen Religion, dass das ganze Gebäude einstürzen müsste, wenn sie je diesen Anspruch im Ernst aufgeben wollte. Gerade dies ist ja der bewundernswerteste und — sobald er sich in einem schönen Geiste wiederspiegelt — heiligste Gedanke der römischen Kirche: diese Religion will nicht bloss für die Zukunft, sondern auch für die Gegenwart sorgen, und zwar nicht allein, weil das irdische Leben nach ihrer Meinung für den Einzelnen die Schule des ewigen Lebens bedeutet, sondern weil sie Gott zu Ehren und als Vertreterin Gottes schon diese zeitliche Welt zu einem herrlichen Vorhof der himmlischen gestalten will. Wie der tridentinische Katechismus sagt: Christi regnum in terris inchoatur, in coelo perficitur, das Reich Christi erreicht im Himmel seine Vollendung, doch beginnt es auf Erden.¹) Wie flach muss ein Denken sein, welches die Schönheit und die unermessliche Kraft einer derartigen Vorstellung nicht empfindet! Und wahrlich, ich erträume sie mir nicht; dazu besässe ich nicht die Phantasie. Doch ich schlage Augustinus: De civitate Dei, Buch XX, Kap, 9, auf und lese: „Ecclesia et nunc est regnum Christi, regnumque coelorum.“ Zweimal innerhalb weniger Zeilen wiederholt Augustinus, die Kirche sei   j e t z t   s c h o n   das Reich Christi. Auch sieht er (im Anschluss an die Apokalypse) Männer auf Thronen sitzen, und wer sind sie? diejenigen, welche   j e t z t   die Kirche regieren. Diese Auffassung setzt eine politische Regierung voraus, und selbst wo der Kaiser diese ausübt, selbst wo er sie gegen den Papst anwendet, ist er, der Kaiser, doch ein Glied der Kirche, a Deo coronatus, dessen Gewalt auf religiösen Voraussetzungen beruht, so dass von einer wirklichen Trennung zwischen Staat
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    ¹) Um Missverständnissen vorzubeugen, will ich anmerken, dass auch nach lutherischer Lehre der Gläubige schon hier das ewige Leben hat; doch ist das eine Auffassung, welche (wie ich in den Kap. 5‚ 7 und 9 ausführlich dargethan habe) in toto von der jüdisch-römischen abweicht, da sie nicht auf chronistischer Aufeinanderfolge, sondern auf gegenwärtiger Erfahrung (wie bei Christus) fusst.

802 Der Kampf. Staat.



und Kirche nicht die Rede sein kann, sondern höchstens (wie schon im Vorwort zu diesem Kapitel ausgeführt) von einem Kompetenzstreit innerhalb der Kirche. Die religiöse Grundlage
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dieser Auffassung reicht bis auf Christus selber zurück; denn, wie ich im dritten Kapitel dieses Buches bemerkte: Leben und Lehren Christi deuten unverkennbar auf einen Zustand, der nur durch Gemeinsamkeit verwirklicht werden kann.¹) Genau hier ist der Punkt, wo das alternde Kaisertum und das jugendliche Christentum eine gewisse Verwandtschaft miteinander entdeckten oder zu entdecken wähnten. Ohne Zweifel war ein Jeder der beiden Kontrahierenden von sehr verschiedenen Beweggründen geleitet, der eine von politischen, der andere von religiösen; vermutlich täuschten sich beide; das Kaisertum wird nicht geahnt haben, dass es seine weltliche Gewalt auf ewig preisgab, das reine Christentum der alten Zeit wird nicht bedacht haben, dass es sich dem Heidentum in die Arme warf und sofort von ihm werde überwuchert werden; doch gleichviel: aus ihrer Vereinigung, aus ihrer Verschmelzung und gegenseitigen Durchdringung entstand die römische   K i r c h e.   Nun umfasst die Kirche nach der als orthodox anerkannten Definition des Augustinus sämtliche Menschen der Erde,²) und jeder Mensch, gleichviel ob er „Fürst oder Knecht, Kaufmann oder Lehrer, Apostel oder Doktor sei“, hat seine Thätigkeit hier auf Erden als   e i n   i h m   i n   d e r   K i r c h e   a n g e w i e s e n e s   A m t   zu betrachten, in hac ecclesia suum munus.³) Durch welches Schlupfloch hier ein „Staat“ oder gar eine „Nation“ sich sollte herausretten können, um sich als selbstän-
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    ¹) Siehe S. 247.
    ²) Ecclesia est populus fidelis per universum orbem dispersus, aufgenommen in I, 10, 2 des Catechismus ex decreto Concilii Tridentini. Da nun aber schon von Theodosius an der Glaube von Allen   e r z w u n g e n   werden sollte und der Unglaube oder Irrglaube ein Majestätsverbrechen bildete, da ausserdem die Schismatiker und Häretiker dennoch „unter der Gewalt der Kirche stehen“ (a. a. O., I, 10, 9)‚ so umfasst diese Definition sämtliche Menschen ohne Ausnahme, omnes humanae creaturae, wie Bonifaz in der oben angeführten Stelle richtig sagte.
    ³) Cat. Trid. I, 10, 25.

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diges Wesen der Kirche gegenüber aufzurichten und ihr zuzurufen: du, kümmere dich hinfürder um deine Angelegenheiten, ich werde in den Dingen dieser Welt nach eigenem Belieben herrschen! — ist nicht ersichtlich; eine derartige Annahme ist unlogisch und unsinnig, sie hebt die Idee der römischen Kirche auf. Diese Idee gestattet offenbar keinerlei Einschränkung, weder geistig noch materiell, und wenn der Papst in seiner Eigenschaft als Vertreter der Kirche, als deren pater ac moderator, das Recht fordert, in weltlichen Dingen das entscheidende Wort zu sprechen, so ist das eben so berechtigt und logisch, wie wenn Theodosius
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in seinem berühmten Dekret gegen die Häretiker behauptet, er, der Kaiser, sei „von himmlischer Weisheit“ geleitet, oder wenn Karl der Grosse aus eigener Machtvollkommenheit über dogmatische Fragen entscheidet. Denn die Kirche umfasst Alles, Leib und Seele, Erde und Himmel, ihre Gewalt ist unbegrenzt, und wer sie vertritt — gleichviel wer es sei — gebietet folglich unumschränkt. Schon Gregor II., kein überspannter Kirchenfürst, verglich den Papst einem „Gott auf Erden“; Gregor VII. führt aus, „die weltliche Gewalt muss der geistlichen (d. h. der römischen Kirche) gehorchen“; an Wilhelm den Eroberer schreibt er, die apostolische Gewalt müsse vor Gott Rechenschaft abgeben über alle Könige; Gregor IX. sagt in einem Briefe vom 23. Oktober 1236 (in welchem er besonders betont, dass die Rechte des Kaisers nur von der Kirche „übertragen“ seien): „Wie der Stellvertreter Petri die Herrschaft über alle Seelen hat, so besitzt er auch in der ganzen Welt ein Prinzipat über das Zeitliche und die Leiber und regiert auch das Zeitliche mit dem Zügel der Gerechtigkeit“; Innocenz IV. behauptet, man könne der Kirche das Recht nicht bestreiten, spiritualiter de temporalibus zu richten. Und da alle diese Worte, so unzweideutig sie auch sind, doch mancher kasuistischen Haarspalterei Raum liessen, zerstreute der ehrliche und fähige Bonifaz VIII. jedes Missverständnis durch eine Bulle Ausculta fili vom 5. Dezember 1301, an den König von Frankreich gerichtet, in welcher er schreibt: „Gott hat uns unerachtet Unserer geringen Verdienste über die Könige und Reiche gesetzt und uns das Joch apostolischer Knechtschaft auferlegt, um in

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seinem Namen und nach seiner Anweisung auszureissen, niederzureissen, zu zerstören, zu zerstreuen, aufzubauen und zu pflanzen . . . . Lass Dir also, geliebtester Sohn, von Niemandem einreden, dass Du keinen Obern habest und dem höchsten Hierarchen der kirchlichen Hierarchie nicht untergeben seiest. Wer dies meint, ist ein Thor; wer es hartnäckig behauptet, ist ein Ungläubiger und gehört nicht zum Schafstall des guten Hirten.“ Weiter unten bestimmt dann Bonifaz, es sollten mehrere französische Bischöfe nach Rom kommen, damit der Papst mit ihnen beschliesse, was „zur Besserung der Missstände und zum Heil und zur guten Verwaltung des Reiches erspriesslich sei“ — wozu der römisch-katholische Bischof Hefele sehr richtig bemerkt: „Wer aber das Recht besitzt, in einem Reiche zu ordnen, auszureissen, zu bauen und für gute Verwaltung zu sorgen, ist der wirkliche Obere desselben.“¹) Es ist ebenfalls nur konsequent, da sämtliche Menschen
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des Erdbodens der Kirche unterstehen und ihr einverleibt sind, dass auch die letzte Verfügung über sämtliche Länder ihr zukomme. Über gewisse Reiche, wie z. B. Spanien, Ungarn, England u. s. w. beanspruchte die Kirche ohne Weiteres die Oberlehensherrlichkeit;²) bei allen übrigen behielt sie sich die Bestätigung und Krönung der Könige vor, sie setzte sie ab und ernannte neue Könige an Stelle der abgesetzten (wie z. B. bei den Karlingern) — — denn, wie Thomas von Aquin in seinem De regimine principum ausführt: „Wie der Körper Kraft und Fähigkeit erst von der Seele erhält, ebenso entfliesst die zeitliche
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    ¹) Konziliengeschichte, VI, 331. Der lateinische Text der Kirchenrechte lautet: ad evellendum, destruendum, dispergendum, dissipandum, aedificandum, atque plantandum; später ordinare . . . . ad bonum et prosperum regimen regni. Die früheren Citate sind dem selben Werke entnommen, V, 163, 154, 1003, 1131, VI, 325—327.
    ²) Das Eigentumsrecht auf Ungarn stützt sich auf eine angebliche Schenkung des Königs Stephan, Spanien und England (wohl auch Frankreich?) werden als in der gefälschten konstantinischen Schenkung inbegriffen betrachtet, nach welcher dem päpstlichen Stuhle „die königliche Gewalt in sämtlichen Provinzen Italiens   s o w i e   i n   d e n   w e s t l i c h e n   G e g e n d e n   (in partibus occidentalibus)“ sollte überlassen worden sein (vergl. Hefele V, 11).

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Autorität der Fürsten aus der geistlichen des Petrus und seiner Nachfolger.“ ¹) Das königliche Amt ist eben, wie schon oben gezeigt, nichts mehr und nichts weniger als ein munus innerhalb der Kirche, innerhalb der civitas Dei. Daher ist auch kein Häretiker rechtmässiger König. Schon 1535 wurden von Paul III. alle englischen Unterthanen des Gehorsams gegen ihren König feierlich entbunden, ²) und im Jahre 1569 wurde von Pius V. diese Massregel noch verschärft, indem die grosse Königin Elisabeth nicht nur abgesetzt und „jeglichen Eigentums“ entblösst, sondern jeder Engländer, der es wagen sollte, ihr zu gehorchen, mit Exkommunikation bedroht wurde. ³) In Folge dessen besteht die ganze politische Entwickelung Europa's seit der Reformation für die Kirche nicht zu Recht; sie fügt sich in das Unvermeidliche, doch sie erkennt sie nicht an: gegen den Augsburger Religionsfrieden hat sie protestiert, gegen den westfälischen Frieden erhob sie mit noch grösserer Feierlichkeit Einspruch und erklärte ihn
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„für alle Zukunft null und nichtig“, 4) den Akten des Wiener Kongresses hat sie ihre Zustimmung versagt. — — — Auch über die aussereuropäische Welt hat die Kirche mit lobenswerter Konsequenz die alleinige Verfügung beansprucht und z. B. Spanien
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    ¹) Ich citiere nach Bryce: Le Saint Empire Romain Germanique, S. 134.
    ²) Hergenröther: Hefele's Konziliengeschichte fortgesetzt IX, 896.
    ³) Green: History of the English people (Eversley ed.) IV, 265, 270. Und das ist nicht etwa ein überwundener Standpunkt, sondern erst in unseren Tagen wurde Felton, der Mann, der diese Bulle an die Thore des Bischofs von London angenagelt hatte, von Leo XIII. selig gesprochen!
    4) Phillips: Lehrbuch des Kirchenrechts, S. 807, und die dort genannte Bulle Zelo domus. — Übrigens hat hier nicht allein der römische Papst, sondern auch der römische Kaiser protestiert, indem er sich seine sogenannten „Reservatrechte“ vorbehielt, sich aber zugleich weigerte, zu erklären, was er darunter verstünde; was er sich damit wahrte, war aber ganz einfach der nie aufgegebene Anspruch auf die potestas universalis, d. h. auf die unbeschränkte Allgewalt, mit anderen Worten, der Kaiser blieb der römisch-universalistischen Vorstellung treu. (Man lese hierüber die Ausführungen in Siegel: Deutsche Rechtsgeschichte, § 100.)

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durch zwei Bullen vom 3. und 4. Mai 1493 „im Namen Gottes“ alle entdeckten oder noch zu entdeckenden Länder westlich des 25. Längengrades (westlich von Greenwich) auf ewige Zeiten geschenkt, den Portugiesen Afrika, u. s. w. ¹)
    Mit Absicht beschränke ich mich auf diese wenigen Andeutungen und Citate, den Büchern entnommen, die meine bescheidene Büchersammlung umfasst; ich brauchte nur in eine öffentliche Bibliothek zu gehen, um Hunderten von vielleicht noch treffenderen Belegen auf die Spur zu kommen; so entsinne ich mich z. B., dass in späteren Bullen der Satz, der Papst besitze „über alle Völker, Reiche und Fürsten die Fülle der Gewalt“, mit geringen Abweichungen in fast formelhafter Weise wieder-
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    ¹) Papst Alexander VI. sagt in diesen Bullen, die Schenkung geschehe „aus reiner Freigebigkeit“ und „kraft der Autorität des allmächtigen Gottes, ihm durch den heiligen Petrus übergeben“. (Vergl. die Anmerkung auf S. 653.) Weiter kann die unbedingte Verfügung über alles Zeitliche nicht gehen, es sei denn, dass Jemand sich die Allgewalt beilegte, auch den Mond zu verschenken. — Die Bulle Inter Cetera vom 4. Mai 1493 findet man in extenso abgedruckt in Fiske's Discovery of America, 1892, II, 580 fg. Daselbst im ersten Bande, S. 454 fg., findet man eine ausführliche Darlegung der begleitenden Umstände u. s. w., zugleich eine eingehende Erörterung der durch die Undeutlichkeit des päpstlichen Textes entstandenen Schwierigkeiten. Der Pontifex maximus nämlich, obwohl er erklärt „ex certa scientia“ zu reden, verleiht den Spaniern alle entdeckten und noch zu entdeckenden Länder (omnes insulas et terras firmas inventas et inveniendas, detectas et detegendas), welche westlich und südlich (versus Occidentem et Meridiem) eines bestimmten Längengrades liegen; nun hat aber bisher kein Mathematiker entdecken können, welche geographische Gegend „südlich“ von einem „Längengrad“ liegt; und dass der Papst wirklich einen Längengrad meint, kann nicht in Frage gestellt werden, da er mit naiver Umständlichkeit sagt: „fabricando et construendo unam lineam a polo Arctico ad polum Antarcticum“. Diese von einer krass unwissenden Kurie verfügte Schenkung übte übrigens eine von ihr gar nicht vorhergesehene Wirkung aus, indem sie die Spanier zwang, immer weiter nach Westen zu suchen, bis sie die Magalhäesstrasse fanden, die Portugiesen aber nötigte, den Ostweg nach Indien um das Vorgebirge der Guten Hoffnung herum zu entdecken. Näheres hierüber in dem Abschnitt „Entdeckung“ des folgenden Kapitels.

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kehrt; doch bin ich weit entfernt, einen wissenschaftlichen Beweis erbringen zu wollen, ganz im Gegenteil möchte ich dem Leser die Überzeugung geben, dass es hier gar nicht darauf an-
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kommt, was dieser und jener Papst oder Kaiser, diese oder jene Kirchenversammlung oder Rechtsautorität gesagt hat (worüber schon so viel Papier geschwärzt und Zeit verloren worden ist), sondern dass das Zwingende in der Idee selbst, in dem Streben nach Absolutem, Unbegrenztem liegt. Diese Einsicht erleuchtet das Urteil ganz ausserordentlich; sie macht gerechter gegen die römische Kirche und gerechter gegen ihre Gegner; sie lehrt die wahre politische und überhaupt moralisch entscheidende Entwickelung dort suchen, wo — an unzähligen Orten und bei unzähligen Gelegenheiten — Nationalismus und überhaupt Individualismus sich zeigte und sich im Gegensatz zum Universalismus und Absolutismus behauptete. Als Karl der Einfältige sich weigerte, Kaiser Arnulf den Lehenseid zu leisten, schlug er eine tiefe Bresche in das Romanum imperium, eine so tiefe, dass in keinem späteren Kaiser, die bedeutendsten nicht ausgenommen, der echte Universalplan Karl's des Grossen ungeschmälert wieder aufzuleben vermochte. Wilhelm der Eroberer, ein rechtgläubiger, kirchlich frommer Fürst, um die strenge Kirchenzucht wie wenige verdient, erwiderte dessenungeachtet, als der Papst das neu erworbene England als Kirchengut beanspruchte und ihn damit belehnen wollte: „Nie habe ich einen Lehenseid geleistet, noch werde ich es jemals thun.“ Das sind die Menschen, welche die weltliche Macht der Kirche nach und nach gebrochen haben. Sie glaubten an die Dreieinigkeit, an die Wesensgleichheit des Vaters und des Sohnes, an das Fegfeuer, an Alles, was die Priester wollten — das römische politische Ideal aber, die theokratische civitas Dei, lag ihnen weltenfern; ihre Vorstellungskraft war noch zu roh, ihr Charakter zu unabhängig, ihre Gemütsart eine zu ungebrochen, ja meist wild persönliche, als dass sie es auch nur hätten verstehen können. Und solcher germanischer Fürsten war Europa voll. Geraume Zeit vor der Reformation hatte die Unbotmässigkeit der kleinen spanischen Königreiche trotz aller katholischen Bigotterie der Kurie viel zu schaffen gegeben und

808 Der Kampf. Staat.



hatte Frankreich, der älteste Sohn der Kirche, seine pragmatische Sanktion, den Beginn einer reinlichen Scheidung zwischen kirchlichem Staat und weltlichem Staat, durchgesetzt.
    Das war der wahre Kampf im Staate.
    Und wer das begreift, muss einsehen, dass Rom auf der ganzen Linie geschlagen wurde. Die katholischen Staaten haben sich nach und nach nicht minder emanzipiert als die anderen. Allerdings haben sie in Bezug auf die Investitur der Bischöfe u. s. w. wichtige Vorrechte preisgegeben, doch nicht alle, und
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dafür haben die meisten die religiöse Duldsamkeit bereits so weit getrieben, dass sie mehrere Bekenntnisse zugleich als Staatsreligion anerkennen und ihre Geistlichen besolden. Schärfer kann der Gegensatz zum römischen Ideal gar nicht gefasst werden. Bezüglich des Staates ist folglich eine Statistik von „Katholiken“ und „Protestanten“ heute bedeutungslos. Mit diesen Worten wird fast lediglich der Glaube an bestimmte unbegreifliche Mysterien ausgesprochen, und man darf behaupten, dass der grosse praktische und politische Gedanke Rom's jenes durch die Religion verklärte, lückenlos absolutistische Imperium, der überwiegenden Mehrzahl der heutigen römischen Katholiken ebenso unbekannt ist und, wenn er bekannt würde, bei ihnen eben so wenig Zustimmung fände wie bei den Nichtkatholiken. Eine natürliche Folge hiervon — nur hiervon, das merke man wohl — ist, dass auch die religiösen Gegensätze verschwunden sind.¹) Denn sobald Rom's Ideal lediglich ein Credo ist, steht es auf der selben Stufe wie andere christliche Sekten: eine jede glaubt ja im Besitze der alleinigen und ganzen Wahrheit zu sein; keine hat meines Wissens die also verstandene Katholizität aufgegeben; die verschiedenen protestantischen Lehren sind durchaus nicht ein grundsätzlich Neues, sondern lediglich ein Zurückgreifen auf den früheren Bestand des christlichen Glaubens, ein Abwerfen der heidnischen Einsickerungen; nur wenige Sekten erkennen das so-
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    ¹) Verschwunden, meine ich, überall, wo nicht neuerdings durch die Thätigkeit der einen einzigen Gesellschaft Jesu Hass und Verachtung gegen anders denkende Mitbürger gesäet worden ist.

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genannte Apostolische Glaubensbekenntnis nicht an, welches gar nicht einmal aus Rom stammt, sondern aus Gallien und somit dem Kaisertum, nicht dem Papsttum seine Einführung verdankt.¹) Die römische Kirche ist also, sobald sie lediglich als religiöses Bekenntnis betrachtet wird, im besten Fall eine prima inter pares, die heute schon nicht mehr die Hälfte der Christen die ihren nennt und, wenn keine Umwälzung stattfindet, in hundert Jahren kaum noch ein Drittel umfassen wird.²) Hat nun auch — in
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getreuer Nachahmung römischer Auffassung — Luther im Gegensatz zu Erasmus die grundsätzliche Unduldsamkeit gelehrt und Calvin eine Schrift veröffentlicht, um darzuthun, „jure gladii coërcendos esse haereticos“, der Laie, der in einem rein weltlichen Staate lebt, wird das nie verstehen, nie zugeben, gleichviel welcher Konfession er angehört. Unsere Vorfahren waren nicht unduldsam, wir sind es auch nicht, — nicht von Natur. Die Unduldsamkeit ergiebt sich nur aus dem Universalismus: wer ein äusserlich Unbegrenztes erstrebt,   m u s s   innerlich die Grenzen immer enger ziehen. Dem Juden — den man einen geborenen Freidenker nennen möchte — war eingeredet worden, er besitze die ganze unteilbare Wahrheit und mit ihr ein Anrecht auf Weltherrschaft: dafür musste er seine persönliche Freiheit zum Opfer bringen, seine Begabung knebeln lassen und Hass statt Liebe im Herzen grossziehen. Friedrich II., vielleicht der
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    ¹) Siehe Adolf Harnack: Das apostolische Glaubensbekenntnis, 27. Auflage (namentlich S. 14 fg.: „Das Reich Karl's des Grossen hat Rom sein Symbol gegeben“).
    ²) Mit Absicht richte ich mich hier nach einer äusserst mässigen Schätzung. Nach den Berechnungen Ravenstein's hat die Zahl der Protestanten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts fast verfünffacht, die der römischen Katholiken sich nicht verdoppelt. Der Hauptgrund liegt in der schnelleren Vermehrung der protestantischen Völker; dazu kommt aber, dass die Übertritte zum Katholizismus nicht ein Zehntel der Austritte aus dieser Kirche erreichen, wodurch z. B. bewirkt wird, dass in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, trotz der beständigen Einwanderung von Katholiken und der Zunahme ihrer Gesamtzahl, doch ihre Relativzahl schnell abnimmt. Meine obige Schätzung ist also eine äusserst vorsichtige.

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wenigst orthodoxe Kaiser, der je gelebt hat, musste dennoch, von dem Traum eines römischen Universalreiches dazu verleitet, verordnen, alle Häretiker seien für infam und in die Acht zu erklären, ihre Güter sollten eingezogen, sie selbst verbrannt oder, im Falle des Widerrufs, mit lebenslänglichem Kerker bestraft werden; zugleich hiess er die Fürsten, die sich gegen seine vermeintlichen kaiserlichen Gerechtsame vergangen hatten, blenden und lebendig begraben.

Der Wahn des Unbegrenzten
    Wenn ich nun für den Kampf zwischen Nationalismus und Universalismus, für den Kampf gegen das spätrömische Erbe — welcher über ein Jahrtausend ausfüllt, um erst dann dem Kampf um die innere Gestaltung des Staates freien Spielraum zu lassen — wenn ich für diesen Kampf einen allgemeineren Ausdruck gesucht habe, so geschah das hauptsächlich mit Rücksicht auf das 19. Jahrhundert. Und wenn es auch hier noch nicht der Ort ist, näher auf dies Säculum einzugehen, so möchte ich doch wenigstens auf diesen Zusammenhang hindeuten. Es wäre nämlich ein verhängnisvoller Irrtum zu wähnen, der Kampf habe damit aufgehört, dass das alte politische Ideal in die Brüche ging. Wohl werden die Gegner des Universalismus nicht mehr lebendig begraben, noch wird man heute dafür verbrannt, wenn man mit Hus (im Anschluss an Augustinus) behauptet: Petrus war nicht und ist nicht das Haupt der Kirche; Fürst Bismarck konnte auch Gesetze erlassen und Gesetze wieder zurückziehen, ohne that-
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sächlich nach Canossa gehen und dort drei Tage lang im Büsserhemde vor dem Thore stehen zu müssen. Die alten Formen werden nie wiederkehren. Doch regen sich die Ideen des unbegrenzten Absolutismus noch mächtig in unserer Mitte, sowohl innerhalb des altgeheiligten Rahmens der römischen Kirche, wie auch ausserhalb. Und wo wir sie auch am Werke sehen — ob als Jesuitismus oder als Sozialismus, als philosophische Systematik oder als industrielles Monopol — da müssen wir erkennen (oder wir werden es später auf unsere Kosten erkennen lernen): das äusserlich Grenzenlose fordert das Doppelopfer der Persönlichkeit und der Freiheit.
    Was die Kirche anbelangt, so wäre es wahrlich wenig ein-

811 Der Kampf. Staat.



sichtsvoll, wollte man die Macht eines so wunderbaren Organismus wie die römische Hierarchie in irgend einer Beziehung geringschätzen. Niemand vermag vorauszusagen, bis wohin sie es unter einem für sie günstigen Stern noch bringen kann. Als im Jahre 1871 gegen Döllinger die excommunicatio major „mit allen daran hängenden kanonischen Folgen“ ausgesprochen worden war, musste die Polizeidirektion in München besondere Massregeln ergreifen, um das Leben des Gebannten zu schützen; eine einzige derartige Thatsache leuchtet in Abgründe des fanatischen Universalwahnes, die sich einmal in ganz anderem Umfang vor unseren Füssen aufthun könnten.¹) Doch möchte ich auf derlei Dinge nicht viel Gewicht legen, ebensowenig wie auf die Quertreibereien der obengenannten Verschwörung der Hetzkapläne und ihrer Kreaturen; im Guten, nicht im Bösen liegt die Quelle aller Kraft. In dem Gedanken an Katholizität, Kontinuität, Unfehlbarkeit, göttliche Einsetzung, allumfassende, fortdauernde Offenbarung, Gottes Reich auf Erden, Gottes Vertreter als obersten Richter, jede irdische Laufbahn die Erfüllung eines kirchlichen Amtes — in dem allen liegt soviel Gutes und Schönes, dass der
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aufrichtige Glaube daran Kraft verleihen   m ü s s.   Und dieser Glaube, wie ich hoffe überzeugend dargethan zu haben, gestattet keine Scheidung zwischen Zeitlichem und Ewigem, Weltlichem und Himmlischem. Das Unbegrenzte liegt in dem Wesen dieser Willensrichtung, es dient ihrem Gebäude als Untergrund; jede
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    ¹) Der Gebannte ist nämlich nach katholischem Kirchenrecht vogelfrei. In Gratian findet man (Causa 23, p. 5, c. 47 nach Gibbon) den Satz aufgestellt: Homicidas non esse qui excommunicatos trucidant. Doch hatte die Kirche in früheren Jahrhunderten (laut Decretale von Urban II.) dem Mörder eines Exkommunizierten eine Busse auferlegt „für den Fall, dass seine Absicht bei dem Morde eine nicht ganz lautere gewesen sei.“ Unser liebes 19. Jahrhundert ist aber noch weiter gegangen, und Kardinal Turrecremata, „der vornehmste Begründer der päpstlichen Unfehlbarkeitslehre“, hat in seinem Kommentar zu Gratian sich dahin ausgesprochen: nach der orthodoxen Lehre braucht der Mörder eines Exkommunizierten   k e i n e   Busse zu thun! (Man vergl. Döllinger: Briefe und Erklärungen über die vatikanischen Dekrete, 1890, S. 103, 131 und 140.)

812 Der Kampf. Staat.



Begrenzung ist eine Störung, ein Aufenthalt, ein sobald als thunlich zu überwindendes Übel; denn die Begrenzung — sobald sie als zu Recht bestehend anerkannt würde — könnte nichts Geringeres bedeuten als das Preisgeben der Idee selbst. Καθολικός bedeutet universell, das heisst: eine Alles enthaltende Einheit. Jeder wahrhaft gläubige, denkfähige Katholik ist darum — wenn auch nicht heute und thatsächlich, so doch virtualiter — ein Universalist, und das heisst ein Feind der Nationen sowie jeder individuellen Freiheit. Die Allermeisten wissen es nicht und Manche werden es empört leugnen, doch steht die Thatsache trotzdem fest; denn die grossen, allgemeinen Ideen, die mathematisch notwendigen Gedankenfolgerungen und Thatenfolgen sind ungleich gewaltiger als der Einzelne mit seinem guten Willen und seinen guten Absichten; hier walten Naturgesetze. Gerade so wie aus jedem Schisma eine weitere Fraktionierung in neue Schismen mit zwingender Notwendigkeit hervorgehen   m u s s,   weil hier die Freiheit des Individuums zu Grunde liegt, ebenso übt jeglicher Katholizismus eine unüberwindbare Gewalt der Integrierung aus; der Einzelne kann ihr ebenso wenig widerstehen wie ein Eisenspan dem Magneten. Ohne die für damalige Verkehrsmittel grosse Entfernung zwischen Rom und Konstantinopel hätte das orientalische Schisma nie stattgefunden; ohne die übermenschlich gewaltige Persönlichkeit Luther's wäre es auch Nordeuropa kaum gelungen, sich von Rom loszureissen. Cervantes, ein gläubiger Mann, führt gern das Sprichwort an: „Hinter dem Kreuze steckt der Teufel.“ Das deutet wohl darauf hin, dass der Geist, einmal in diese Bahn der absoluten Religion, des blinden Autoritätsglaubens geworfen, keine Grenze und kein Aufhalten kennt. Dieser Teufel hat ja inzwischen die edle Nation des Don Quixote zu Grunde gerichtet. — Und wenn wir nun des Weiteren bedenken, dass die universalistischen und absolutistischen Ideen, aus denen die Kirche hervorging, ein Produkt des allgemeinen Verfalles, eine letzte Hoffnung und ein wirklicher Rettungsanker für ein rassenloses, chaotisches Menschenbabel waren (siehe S. 570, 593, 634), so werden wir uns schwerlich des Gedankens erwehren können, dass aus ähnlichen Ursachen

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auch jetzt wieder ähnliche Wirkungen erfolgen würden, und dass
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demnach in unserem heutigen Weltzustande manches geeignet wäre, die universelle Kirche in ihren Ansprüchen und Plänen neu zu bestärken. Dem gegenüber dürfte seitens Derjenigen, die mit Goethe die „innerliche Grenzenlosigkeit“ erstreben, die stärkste Betonung der äusserlichen Grenzen, d. h. der freien Persönlichkeit, der reinen Rasse, der unabhängigen Nation, am Platze sein. Und während Leo XIII. unsere Zeitgenossen mit vollem Recht (von seinem Standpunkt aus) auf Gregor VII. und Thomas von Aquin hinweist, werden solche Männer mit ebenso grossem Recht auf Karl den Einfältigen und Wilhelm den Eroberer, auf Walther von der Vogelweide und Petrus Waldus, auf jenen Schmiedegesellen, der dem „fremden“ Papst nicht gehorchen wollte, hinweisen, sowie auf die grosse schweigende Bewegung der Innungen, der Städtebünde, der weltlichen Universitäten, die an der Grenze der Epoche, von der ich hier spreche, als erstes Anzeichen einer neuen, nationalen, antiuniversellen Gestaltung der Gesellschaft, einer neuen, durchaus antirömischen Kultur sich in ganz Europa bemerkbar zu machen begann.
    Nun handelt es sich bei diesem Kampf aber durchaus nicht lediglich um den nationalen weltlichen Staat in seinem Gegensatz zum universellen kirchlichen Staate, sondern wo auch immer wir Universalismus antreffen, ist Antinationalismus und Antiindividualismus sein notwendiges Korrelat. Es braucht auch gar nicht bewusster Universalismus zu sein, es genügt, dass eine Idee auf Absolutes, auf äusserlich Unbegrenztes hinzielt. So führt z. B. jeder konsequent durchdachte Sozialismus auf den absoluten Staat. Die Sozialisten kurzweg als eine „staatsgefährliche Partei“ bezeichnen, wie das gewöhnlich geschieht, heisst eine jener Konfusionen hervorrufen, wie unsere Zeit sie besonders lieb hat. Freilich bedeutet der Sozialismus eine Gefahr für die einzelnen nationalen Staaten, wie überhaupt für den Grundsatz des Individualismus, doch nicht für die Idee des Staates. Er bekennt ehrlich seinen Internationalismus, bekundet jedoch sein Wesen nicht im Auflösen, sondern in einer fabelhaft durchgeführten, gleichsam den Maschinen abgeguckten Organisation. In beiden Dingen ver-

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rät er die Verwandtschaft mit Rom. In der That, er vertritt die selbe katholische Idee wie die Kirche, wenngleich er sie am anderen Ende anfasst. Darum ist in seinem System ebenfalls für individuelle Freiheit und Mannigfaltigkeit, für persönliche Originalität kein Raum. Ce qui lie tous les socialistes, c'est la haine de la liberté...‚ wie Flaubert sagt. ¹) Wer die äusseren Grenzen niederreisst, richtet innere Grenzen auf. Sozialismus ist verkappter Imperialismus; ohne Hierarchie und Primat wird er sich schwerlich durchführen lassen; in der katholischen Kirche
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findet er ein Muster sozialistischer, antiindividualistischer Organisation. Einer ganz entsprechenden Bewegung ins Unbegrenzte mit der selben unausbleiblichen Folge einer Unterdrückung des Einzelnen begegnen wir im Grosshandel und in der Grossindustrie. Man lese nur in der Wirtschafts- und handelspolitischen Rundschau für das Jahr 1897 von R. E. May die Mitteilungen über die Zunahme des Syndikatwesens und über die daraus sich ergebende   „i n t e r n a t i o n a l e   C e n t r a l i s a t i o n   der Produktion, wie des Kapitals“ (S. 34 fg.). Es bedeutet diese Entwickelung zur Anonymität und Massenproduktion durch Syndikate einen Krieg bis aufs Messer gegen die Persönlichkeit, welche nur innerhalb eng gezogener Schranken sich zur Geltung bringen kann — und sei es auch als Kaufmann oder Fabrikant. Und von der einzelnen Person dehnt sich diese Bewegung, wie man sieht, auch auf die Persönlichkeit der Nationen aus. In einer Posse der letzten Jahre kommt ein Kaufmann vor, der jedem Neueintretenden stolz erzählt: „Wissen Sie schon? ich bin in eine anonyme Aktiengesellschaft umgewandelt!“ Bliebe diese wirtschaftliche Tendenz ohne Gegengewicht — bald könnten die Völker von sich melden: „Wir sind in eine internationale anonyme Aktiengesellschaft umgewandelt.“ Und wenn ich mit einem salto mortale auf ein vom Wirtschaftlichen weit abliegendes Gebiet hinüberspringen darf, um mir dort ein weiteres Beispiel der Bemühungen des Universalismus unter uns zu suchen, so möchte ich auf die grosse thomistische Bewegung aufmerksam machen, welche
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    ¹) Correspondance, III, 269.

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durch die päpstliche Encyklika Aeternis Patris vom Jahre 1879 hervorgerufen wurde und jetzt zu solchem Umfang angeschwollen ist, dass selbst wissenschaftliche Bücher aus einem gewissen Lager sich bereits erdreisten, Thomas von Aquin für den grössten Philosophen aller Zeiten zu erklären, alles niederzureissen, was seitdem — der Menschheit zu ewigem Ruhme — von den grossen germanischen Denkern gedacht worden ist, und so die Menschen ins 13. Jahrhundert zurückzuführen und ihnen die intellektuellen und moralischen Ketten wieder anzuschmieden, die sie inzwischen nach und nach, in hartnäckigem Kampfe um die Freiheit, zerbrochen und abgeworfen hatten. Und was wird denn an Thomas gelobt? Seine   U n i v e r s a l i t ä t!   die Thatsache, dass er ein allumfassendes System aufgestellt hat, in welchem alle Gegensätze ihre Versöhnung, alle Antinomieen ihre Auflösung, alle Fragezeichen der menschlichen Vernunft ihre Beantwortung finden. Ein zweiter Aristoteles wird er genannt: „was Aristoteles nur ahnend stammelt, dem leiht Thomas mit voller Klarheit be-
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redten Ausdruck.“¹) Wie der Stagirit, weiss er über alles Bescheid, von der Natur der Gottheit an bis zu der Natur der irdischen Körper und bis zu den Eigenschaften des wiederauferstandenen Leibes; als Christ weiss er jedoch viel mehr als jener, denn er besitzt die Offenbarung als Grundlage. Nun wird gewiss kein Denker geneigt sein, die Leistung eines Thomas von Aquin geringzuschätzen; es wäre Selbstüberhebung, wollte ich es wagen ihn zu loben, doch darf ich gestehen, dass ich mit staunender Bewunderung Berichte über sein Gesamtsystem gelesen und mich in einzelne seiner Schriften vertieft habe. Aber was ist für uns praktische Menschen — namentlich in dem Zusammenhang dieses Kapitels — das Entscheidende? Folgendes. Thomas baut sein
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    ¹) Fr. Abert (Professor der Theologie an der Universität Würzburg): Sancti Thomae Aquinatis compendium theologiae, 1896, S. 6. Der angeführte Satz ist die panegyrische Paraphrase eines ganz anders gemeinten Urteils aus alter Zeit. Bei aller Anerkennung für die Leistung des Thomas ist seine Gleichstellung mit dem bahnbrechenden Ordner und Gestalter Aristoteles (S. 82) ein ungeheuerlicher Urteilsfehler, wenn nicht eine verdammenswerte Irreführung.

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„wie kein anderes allseitiges“ System auf zwei Voraussetzungen auf: die Philosophie muss sich bedingungslos unterwerfen und ancilla ecclesiae, d. h. eine Magd der Kirche werden; ausserdem muss sie sich zur ancilla Aristotelis, zur Magd des Aristoteles, erniedrigen. Man sieht, es ist immer das selbe Prinzip: lass' dir Hände und Füsse fesseln, und du sollst Wunder erleben! Hänge dir bestimmte Dogmen vor die Augen (welche durch Majoritätsbeschluss von Bischöfen, die vielfach nicht lesen und schreiben konnten, in den Jahrhunderten der tiefsten Menschenschmach dekretiert wurden) und setze ausserdem voraus, dass die ersten tastenden Versuche eines genialen, aber erwiesenermassen sehr einseitigen hellenischen Systematikers die ewige, absolute, ganze Wahrheit zum Ausdruck bringen, und ich schenke dir ein universelles System! Das ist ein Attentat, ein gefährliches Attentat auf die innerste Freiheit des Menschen! Anstatt dass er, wie Goethe es wollte, innerlich grenzenlos wäre, sind ihm nun von fremder Hand zwei enge Reifen um die Seele und um das Hirn geschmiedet: das ist der Preis, den wir Menschen für „universelles Wissen“ zu bezahlen haben. Übrigens war der protestantischen Kirche schon lange, ehe Leo XIII. seine Encyklika erliess, ein auf ähnlichen Prinzipien ruhendes universelles System entwachsen, dasjenige Georg Friedrich Wilhelm Hegel's. Ein protestantischer
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Thomas von Aquin: das sagt Alles! Und inzwischen hatte doch Immanuel Kant, der Luther der Philosophie, der Zerstörer des Scheinwissens, der Vernichter aller Systeme, gelebt, und hatte uns auf „die   G r e n z e n   unseres Denkvermögens“ aufmerksam gemacht und uns gewarnt, „uns niemals mit der spekulativen Vernunft über die Erfahrungsgrenze hinauszuwagen“; dann aber hatte er, nachdem er uns äusserlich so scharf und bestimmt begrenzt hatte, die Thore zu der inneren Welt des Grenzenlosen wie kein früherer europäischer Philosoph weit geöffnet, die Heimat des freien Mannes erschliessend.¹)
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    ¹) Näheres über Thomas von Aquin und Kant im Abschnitt „Weltanschauung“ des folgenden Kapitels. Der Vollständigkeit halber bleibe es nicht unerwähnt, dass wir neben dem protestantischen auch den jüdischen Thomas von Aquin erlebt haben, den Universalsyste-

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Die grundsätzliche Begrenzung
    Diese flüchtigen Andeutungen sollen nur als Fingerzeig dienen, auf wie vielen Gebieten der Kampf zwischen Individualismus und Antiindividualismus, Nationalismus und Antinationalismus (Internationalismus ist ein anderes Wort für das selbe Ding), Freiheit und Unfreiheit noch heute wütet und wohl ewig wüten wird. Erst im zweiten Band wäre auf die hier kaum berührten Themata, insofern sie die Gegenwart betreffen, näher einzugehen. Doch möchte ich nicht, dass man mich inzwischen für einen Schwarzseher hielte. Selten hat sich das Rassenbewusstsein und das Nationalgefühl und die argwöhnische Wahrung der Rechte der Persönlichkeit so kräftig geregt wie gerade in unseren Tagen: durch die Völker weht am Schlusse des 19. Jahrhunderts eine Stimmung, die an den dumpfen Schrei des gehetzten Wildes erinnert, wenn das edle Tier sich plötzlich umwendet, entschlossen, für sein Leben zu kämpfen. Und hier bedeutet der Entschluss den Sieg. Denn die grosse Anziehungskraft alles Universalistischen liegt in der menschlichen Schwäche; der starke Mann wendet sich ab davon und findet im eigenen Busen, in der eigenen Familie, im eigenen Volk ein Grenzenloses, welches er für den gesamten Kosmos mit seinen ungezählten Sternen nicht hingabe. Goethe, dem ich den Leitfaden für dieses Kapitel entnahm, hat an einer anderen Stelle sehr schön ausgesprochen, inwiefern das Unbegrenzte, das katholisch Absolute einer trägen Gemütsart entspricht:
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Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da lös't sich aller Überdruss;
Statt heissem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuss.
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matiker Spinoza, den „Erneuerer der alten hebräischen Kabbala“, d. h. der magischen Geheimlehre, wie ihn Leibniz nennt. Mit jenen anderen Beiden hat Spinoza auch das gemeinsam, dass er weder die Mathematik (sein Fach), noch die Wissenschaft (seine Liebhaberei) um einen einzigen schöpferischen Gedanken bereichert hat.

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Was wir nun von jenen nationenbildenden Germanen der früheren Jahrhunderte lernen können, ist, dass es einen höheren Genuss giebt als sich aufzugeben, und zwar den, sich zu behaupten. Eine bewusste nationale Politik, eine Wirtschaftsbewegung, eine Wissenschaft, eine Kunst — das Alles gab es damals kaum oder gar nicht; doch, was wir um das 13. Jahrhundert herum aufdämmern sehen, dieses frisch pulsierende Leben auf allen Gebieten, diese schöpferische Kraft, dieses „läst'ge Fordern“ individueller Freiheit, war nicht vom Himmel gefallen, vielmehr war der Same in den dunklen vorangegangenen Jahrhunderten gesäet worden: das „wilde Wollen“ hatte den Boden aufgeackert, das „heisse Wünschen“ die zarten Keime gepflegt. Unsere germanische Kultur ist eine Frucht der Arbeit und des Schmerzes und des Glaubens — nicht eines kirchlichen, wohl aber eines religiösen Glaubens. Blättern wir liebevoll in jenen Annalen unserer Altvordern, die so wenig und doch so viel berichten, nichts wird uns so auffallen wie das fast unglaublich stark entwickelte Pflichtgefühl; für die schlechteste Sache, wie für die beste, schenkt Jeder fraglos sein Leben. Von Karl dem Grossen an, der nach überbeschäftigten Tagen die Nächte mit mühsamen Schreibübungen zubringt, bis zu jenem prächtigen Schmiedegesellen, der dem Gegner Rom's keine Handschellen anschmieden wollte: überall das „strenge Sollen“. Haben diese Männer gewusst, was sie wollten? Das glaube ich kaum. Sie haben aber gewusst, was sie   n i c h t   wollten, und das ist der Anfang aller praktischen
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Weisheit.¹) So z. B. hat Karl der Grosse in dem, was er wollte,
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    ¹) Ich kann mich nicht enthalten, hier einen unendlich tiefen politischen Ausspruch Richard Wagner's anzuführen: „Wir dürfen nur wissen, was wir   n i c h t   wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewusst wird, wenn wir es erreicht haben: denn der Zustand, in dem wir das, was wir nicht wollen, beseitigt haben, ist eben derjenige, in welchem wir ankommen wollten. So handelt das Volk, und deshalb handelt es einzig richtig. Ihr haltet es aber deshalb für unfähig, weil es nicht wisse, was es wolle: was   w i s s e t   nun aber ihr? Könnt ihr etwas anderes denken und begreifen, als das wirklich Vorhandene, also Erreichte? Einbilden könnt

819 Der Kampf. Staat.



sich manchen kindlichen Illusionen hingegeben und auch manche verhängnisvolle Fehler begangen; in dem, was er nicht wollte, hat er überall das Richtige getroffen: dem Papst keine Eingriffe gestatten, den Bildern keine Verehrung erweisen, dem Adel keine Privilegien gewähren, u. s. w.  In seinem Wollen war Karl vielfach ein Universalist und Absolutist, in seinem Nichtwollen bewährte er sich als Germane. Genau das selbe war uns bei Dante aufgefallen (S. 655 fg.): sein politisches Zukunftsideal war ein Hirngespinst, seine energische Abweisung aller zeitlichen Ansprüche der Kirche eine weithinwirkende Wohlthat.
    Und so sehen wir denn, dass es hier, im Staate, wie in allen menschlichen Dingen, vor Allem auf die Grundeigenschaften der   G e s i n n u n g   ankommt, nicht der Erkenntnis. Die Gesinnung ist das Steuerruder, sie giebt die Richtung und mit der Richtung zugleich das Ziel — auch wenn dieses lange unsichtbar bleiben sollte.¹) Der Kampf im Staate war nun, wie ich gezeigt zu haben hoffe, in allererster Reihe ein derartiger Kampf zwischen zwei Richtungen, d. h. also zwischen zwei Steuermännern. Sobald der eine das Steuerruder endgültig fest gefasst hatte, war die fernere Entwickelung zu immer grösserer Freiheit, zu immer ausgesprochenerem Nationalismus und Individualismus natürlich und unausbleiblich — ebenso unausbleiblich wie die umgekehrte Entwickelung des Caesarismus und Papismus zu immer geringerer Freiheit.
    Nichts ist absolut auf dieser Welt; auch Freiheit und Unfreiheit bezeichnen nur zwei Richtungen, und weder die Person noch die Nation kann allein und gänzlich unabhängig dastehen, gehören sie doch zu einem Ganzen, in welchem jedes Einzelne
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ihr es euch, willkürlich wähnen, aber nicht wissen. Nur was das Volk vollbracht hat, das könnt ihr wissen, bis dahin genüge es euch ganz deutlich zu erkennen, was ihr nicht wollt,   z u   v e r n e i n e n   w a s   v e r n e i n e n s w e r t   i s t ,   z u   v e r n i c h t e n ,   w a s   v e r n i c h t e n s w e r t   i s t.“   (Nachgelassene Schriften, 1895, S. 118.)
    ¹) Die Wurzel des Wortes „Sinn“ bedeutet eine Reise, einen Weg, ein Gehen; „Gesinnung“ bedeutet folglich eine   R i c h t u n g,   nach welcher zu der Mensch sich bewegt.

820 Der Kampf. Staat.



stützt und gestützt wird. Doch am Abend jenes 15. Juni 1215, an welchem die Magna Charta das Licht der Welt erblickte — durch das „wilde Wollen“ germanischer Männer in diesem einen einzigen Tage aufgesetzt, durchgesprochen, verhandelt und unter-
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schrieben —- da war für ganz Europa die   R i c h t u n g   entschieden. Zwar beeilte sich der Vertreter des Universalismus — der Vertreter der Lehre „sich aufzugeben ist Genuss“ — dieses Gesetz für null und nichtig zu erklären und seine Urheber samt und sonders zu exkommunizieren; doch die Hand blieb fest am Ruder: das römische Imperium musste sinken, während die freien Germanen sich rüsteten, die Herrschaft der Welt anzutreten.


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