Hereunder
follows the transcription of chapter 9A of Houston Stewart Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th
century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page
numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“
(the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 9A van Houston Stewart Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
821
ZWEITER TEIL
DIE ENTSTEHUNG EINER
NEUEN WELT
Die Natur schafft ewig
neue Gestalten;
was da ist, war noch
nie; was war, kommt
nicht wieder.
Goethe
822
(Leere Seite)
823
NEUNTES KAPITEL
VOM JAHRE 1200 BIS ZUM
JAHRE 1800
The childhood shows
the man,
As morning shows the
day, be famous, then,
By wisdom; as thy empire
must extend,
So let extend thy mind
o'er all the world.
Milton
824
(Leere Seite)
693
825
A
Die Germanen als Schöpfer
einer neuen Kultur
—————
Wir, wir
leben! Unser sind die Stunden,
Und der Lebende hat Recht.
Schiller
Das
germanische Italien
Der selbe Zug eines
unbezwinglichen Individualismus, der auf politischem Gebiete — und ebenfalls
auf religiösem — zur Ablehnung des Universalismus, sowie zur Bildung
der Nationen führte, bedang die Erschaffung einer neuen Welt, d. h.
einer durchaus neuen, dem Charakter, den Bedürfnissen, den Anlagen
einer neuen Menschenart angepassten, von ihr mit Naturnotwendigkeit erzeugten
Gesellschaftsordnung, einer neuen Civilisation, einer neuen Kultur. Germanisches
Blut, und zwar germanisches Blut allein (in meiner weiten Auffassung einer
nordeuropäischen slavokeltogermanischen Rasse)¹) war hier die
treibende Kraft und das gestaltende Vermögen. Es ist unmöglich,
den Werdegang unserer nordeuropäischen Kultur richtig zu beurteilen,
wenn man sich hartnäckig der Einsicht verschliesst, dass sie auf der
physischen und moralischen Grundlage einer bestimmten Menschenart ruht.
Das ist heute deutlich zu ersehen. Denn, je weniger germanisch ein Land,
um so uncivilisierter ist es. Wer heute von London nach Rom reist, tritt
aus Nebel in Sonnenschein, doch zugleich aus raffiniertestem Civilisation
und hoher Kultur in halbe Barbarei — in Schmutz, Ignoranz, Lüge, Armut.
Nun hat aber Italien nicht
—————
¹)
Siehe Kapitel 6.
826 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
einen einzigen Tag aufgehört, ein
Mittelpunkt hochentwickelter Civilisation zu sein; schon die Sicherheit
seiner Bewohner in Bezug auf Haltung und Gebärde bezeugt dies; was
hier vorliegt,
694
ist in der That weit weniger eine kürzlich
hereingebrochene Dekadenz, wie gemeiniglich behauptet wird, als ein Überbleibsel
römischer imperialer Kultur, betrachtet von der ungleich höheren
Stufe aus, auf der wir heute stehen, und von Menschen, deren Ideale durchwegs
anders geartet sind. Wie prächtig blühte Italien auf, den anderen
Ländern voranleuchtend auf dem Wege zu einer neuen Welt, als es noch
in seiner Mitte zwar äusserlich latinisierte, doch innerlich rein
germanische Elemente enthielt. Viele Jahrhunderte hindurch besass das schöne
Land, welches im Imperium bereits bis zur absoluten Unfruchtbarkeit herabgesunken
war, eine reiche Quelle reinen germanischen Blutes: die Kelten, die Langobarden,
die Goten, die Franken, die Normannen hatten fast das ganze Land überflutet
und blieben namentlich im Norden und im Süden lange Zeit beinahe unvermischt,
teils weil sie als unkultivierte und kriegerische Männer eine Kaste
für sich bildeten, sodann aber, weil (wie schon früher bemerkt,
S.
499) die juristischen Rechte der „Römer“ und der Germanen in allen
Volksschichten verschieden blieben bis ins 13. und 14. Jahrhundert, ja
in der Lombardei bis über die Grenze des 15. hinaus, was natürlich
die Verschmelzung bedeutend erschwerte. „So lebten denn“, wie Savigny hervorhebt,
„diese verschiedenen germanischen Stämme mit dem Grundstock der Bevölkerung
[nämlich mit den Überresten aus dem römischen Völkerchaos]
zwar örtlich vermischt, aber in Sitte und Recht verschieden.“ Und
hier, wo der unkultivierte Germane zum erstenmal durch andauernden Kontakt
mit einer höheren Bildung zum Bewusstsein seiner selbst erwachte,
hier fand auch manche Bewegung für die Bildung einer neuen Welt den
ersten vulkanisch-gewaltigen Herd: Gelehrsamkeit und Industrie, die hartnäckige
Behauptung bürgerlicher Rechte, die Frühblüte germanischer
Kunst. Das nördliche Drittel Italiens — von Verona bis Siena — gleicht
in seiner partikularistischen Entwickelung einem Deutschland, dessen Kaiser
jenseits hoher Berge gewohnt hätte. Überall waren deutsche Grafen
827 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
an die Stelle der römischen Provinzrektoren
getreten, und immer nur flüchtig, stets eilig weggerufen, weilte ein
König im Lande, indes ein eifersüchtiger Gegenkönig (der
Papst) nahe und ewig intriguenlustig war: so konnte sich jene urgermanische
(und in einem gewissen Sinn überhaupt charakteristisch indoeuropäische)
Neigung zur Bildung autonomer Städte in Norditalien frühzeitig
entwickeln und die herrschende Macht im Lande werden. Der äusserste
Norden ging voran; doch bald folgte Tuscien nach und benutzte den hundertjährigen
Kampf zwischen Papst und Kaiser,
695
um das Erbe Mathildens allen beiden
zu entreissen und der Welt nebst einer Plejade ewig denkwürdiger Städte,
aus denen Petrarca, Ariost, Mantegna, Correggio, Galilei und andere Unsterbliche
hervorgingen, auch die Krone aller Städte zu schenken, Florenz — jenen
ehemaligen markgräflichen Flecken, der bald der Inbegriff des antirömischen,
schöpferischen Individualismus werden sollte, die Vaterstadt Dante‘s
und Giotto‘s, Donatello‘s, Leonardo‘s und Michelangelo‘s, die Mutter der
Künste, an deren Brüsten auch alle grossen Ferngeborenen, selbst
ein Raffael, erst Vollendung sogen. Jetzt erst konnte das impotente Rom
sich neu schmücken: der Fleiss und der Unternehmungsgeist der Nordländer
schüttete schwere Summen in den päpstlichen Säckel, zugleich
erwachte ihr Genie und stellte jener untergehenden Metropolis, welche im
Laufe einer zweitausendjährigen Geschichte nicht einen einzigen künstlerischen
Gedanken gehabt hatte, die unermesslichen Schätze morgendlicher germanischer
Erfindungskraft zur Verfügung. Nicht ein rinascimento war das,
wie die dilettierenden Belletristen in übertriebener Bewunderung ihres
eigenen litterarischen Zeitvertreibes vermeinten, sondern ein nascimento,
die Geburt eines noch nie Dagewesenen, welches — wie es in der Kunst sofort
seine eigenen Wege, nicht die Wege der Überlieferung einschlug — zugleich
die Segel aufspannte, um die Oceane zu durchforschen, vor denen der griechische
wie der römische „Held“ sich gefürchtet hatte, und das Auge bewaffnete,
um das bisher undurchdringliche Geheimnis der Himmelskörper dem menschlichen
Erkennen zu erschliessen. Sollen wir hier durchaus eine R e
n a i s s a n c e erblicken, so ist es nicht die
828 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Wiedergeburt des Altertums, am allerwenigsten
des kunstlosen, philosophiebaren, unwissenschaftlichen Rom, sondern einfach
die Wiedergeburt des freien Menschen aus dem Alles nivellierenden Imperium
heraus: Freiheit der politischen, nationalen Organisation im Gegensatz
zur universellen Schablone, Freiheit des Wettbewerbes, der individuellen
Selbständigkeit im Arbeiten, Schaffen, Erstreben im Gegensatz zur
friedlichen Einförmigkeit der Civitas Dei, Freiheit der beobachtenden
Sinne im Gegensatz zu dogmatischen Deutungen der Natur, Freiheit des Forschens
und Denkens im Gegensatz zu künstlichen Systemen nach Art des Thomas
von Aquin, Freiheit der künstlerischen Erfindung und Gestaltung im
Gegensatz zu hieratisch festgesetzten Formeln, zuletzt dann Freiheit des
religiösen Glaubens im Gegensatz zu Gewissenszwang.
Beginne ich nun dieses
Kapitel und damit zugleich eine neue Abteilung des Werkes mit dem Hinweis
auf Italien, so geschieht
696
das nicht aus irgend einer chronologischen
Gewissenhaftigkeit; es wäre überhaupt unzulässig, kurzweg
zu behaupten, der rinascimento der freien germanischen Individualität
habe in Italien zuerst begonnen, vielmehr sind dort nur seine ersten unvergänglichen
Kulturblüten hervorgesprossen; ich wollte aber darauf aufmerksam machen,
dass selbst hier im Süden, an den Thoren Roms, das Aufflammen bürgerlicher
Unabhängigkeit, industriellen Fleisses, wissenschaftlichen Ernstes
und künstlerischer Schöpferkraft eine durch und durch
g e r m a n i s c h e That war, und insofern auch eine direkt
antirömische. Der Blick auf die damalige Zeit (auf die ich noch zurückkomme)
bezeugt es, der Blick auf den heutigen Tag nicht minder. Zwei Umstände
haben inzwischen eine fortschreitende Abnahme des germanischen Blutes in
Italien bewirkt: einmal die ungehinderte Verschmelzung mit dem unedlen
Mischvolk, sodann die Vertilgung des germanischen Adels in den endlosen
Bürgerkriegen, in den Kämpfen zwischen den Städten, sowie
durch Blutfehden und sonstige Ausbrüche wilder Leidenschaft. Man lese
nur die Geschichte irgend einer jener Städte, z. B. des in seinen
oberen Gesellschaftsschichten fast ganz gotisch-langobardischen
P e r u g i a! Es ist kaum begreiflich,
829 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
dass bei solch unaufhörlichem Abmorden
ganzer Familien (welches begann, sobald die Stadt unabhängig geworden
war) einzelne Zweige doch noch ziemlich echt germanisch bis ins 16. Jahrhundert
verblieben; dann aber war das germanische Blut erschöpft¹) Offenbar
hatte die hastig errungene Kultur, die heftige Aneignung einer wesensfremden
Bildung, dazu im schroffen Gegensatz die plötzliche Offenbarung des
seelenverwandten Hellenentums, vielleicht auch beginnende Kreuzung mit
einem für Germanen giftigen Blute ..... offenbar hatte dies
alles nicht allein zu einem mirakulösen Ausbruch des Genies geführt,
sondern zugleich Raserei erzeugt.²) Wenn je eine Verwandtschaft zwischen
Genie und Wahnsinn dargethan werden soll, weise man auf das Italien des
Tre-,
Quattro- und Cinquecento! Von bleibender Bedeutung für
unsere neue Kultur, macht dennoch diese „Renaissance“ an und für sich
eher den Eindruck des Paroxismus eines Sterbenden, als den einer Leben
verbürgenden Erscheinung. Wie durch einen Zauber schiessen tausend
herrliche Blumen empor, dort, wo unmittelbar vorher die Einförmigkeit
einer geistigen Wüste geherrscht hatte; alles blüht auf einmal
auf; die eben
697
erst erwachte Begabung erstürmt
mit schwindelnder Eile die höchste Höhe: Michelangelo hätte
fast ein persönlicher Schüler Donatello‘s sein können, und
nur durch einen Zufall genoss Raffael nicht den mündlichen Unterricht
Leonardo‘s. Von dieser Gleichzeitigkeit erhält man eine lebhafte Vorstellung,
wenn man bedenkt, dass das Leben des einen Tizian von Sandro Botticelli
bis zu Guido Reni reicht! Doch noch schneller als sie emporgelodert war,
erlosch die Flamme des Genies. Als das Herz am stolzesten schlug, war schon
der Körper in voller Verwesung; Ariost (ein
—————
¹)
Goethe‘s sicherer Blick hat die hier vorliegenden Rassenverhältnisse
durchschaut; er sagt von der italienischen Renaissance, es sei, „als ob
sich die Kinder Gottes mit den Töchtern der Menschen vermählten“
und er nennt Pietro Perugino „eine ehrliche deutsche Haut“ (Ital. Reise,
18. 10. 86 und 19. 10. 86).
²)
Wer zu ausführlichen geschichtlichen Studien nicht Zeit hat, lese
des Kunsthistorikers John Addington Symonds‘ Kapitel über Perugia
in seinen Sketches in Italy.
830 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Jahr vor Michelangelo geboren) nennt
das Italien, das ihn umgab, „eine stinkende Kloake“:
-
O d‘ogni vizio fetida sentina,
-
Dormi, Italia imbriaca!
-
(Orlando furioso, XVII,
76.)
Und habe ich bisher die bildende Kunst allein
genannt, so geschah das der Einfachheit halber und um mich auf dem bestbekannten
Gebiet zu bewegen, doch überall traf das selbe zu: als Guido Reni
noch sehr jung war, starb Tasso und mit ihm die italienische Poesie, wenige
Jahre darauf bestieg Giordano Bruno den Scheiterhaufen, Campanella die
Folterbank — das Ende der italienischen Philosophie — und kurz vor Guido
schloss mit Galilei die italienische Physik ihre — mit Ubaldi, Varro, Tartaglia
u. A., vor Allem mit Leonardo da Vinci — so glänzend begonnene Laufbahn.
Nördlich der Alpen war der Gang der Geschichte ein ganz anderer: nie
wurde dort eine derartige Blüte, doch nie auch eine ähnliche
Katastrophe erlebt. Diese Katastrophe lässt nur eine Erklärung
zu: das Verschwinden der schöpferischen Geister, mit anderen Worten,
der Rasse, aus der diese hervorgegangen waren. Ein einziger Gang durch
die Galerie der Porträtbüsten im Berliner Museum wird davon überzeugen,
dass der Typus der grossen Italiener in der That heute völlig ausgetilgt
ist.¹) Hin und wieder blitzt die Erinnerung daran auf, wenn wir einen
Trupp jener prächtigen, gigantischen Tagelöhner durchmustern,
welche unsere Strassen und Eisenbahnen bauen: die physische Kraft, die
edle Stirne, die kühne Nase, das glutvolle Auge; doch es sind nur
arme Überlebende aus dem Schiffbruch des italienischen Germanentums.
Physisch ist dieses Verschwinden durch die angegebenen Gründe hinreichend
erklärt, dazu kommt aber als ein sehr Wichtiges die moralische Zertretung
bestimmter Geistesrichtungen und mit ihr die der Rassenseele (so zu sagen);
der Edle
698
wurde zum Erdarbeiter herabgedrückt,
der Unedle wurde Herr
—————
¹)
Les
florentins d‘aujourd‘hui ne ressemblent en rien à ceux de la Renaissance
. . . bezeugt einer der feinsten Kenner, Ujfalvi (De l‘origine des
familles etc., S. 9).
831 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
und schaltete nach seinem Sinn. Der
Galgen Arnold‘s von Brescia, die Scheiterhaufen Savonarola‘s und Bruno‘s,
die Folterzangen Campanella‘s und Galilei‘s sind nur sichtbare Symbole
eines täglichen, allseitigen Kampfes gegen das Germanische, einer
systematischen Ausrottung der Freiheit des Individuums. Die Dominikaner,
eheweilig von Amtswegen Inquisitoren, waren nun Kirchenreformatoren und
Philosophen geworden; bei den Jesuiten war gegen derartige Verirrungen
gut vorgesorgt; wer auch nur einiges über ihre Thätigkeit in
Italien, gleich vom 16. Jahrhundert ab, erfährt — etwa aus der Geschichte
ihres Ordens von ihrem Bewunderer Buss — wird sich nicht mehr über
das plötzliche Verschwinden alles Genies, d. h. alles Germanischen
wundern. Raffael hatte noch die Kühnheit gehabt, dem von ihm glühend
verehrten Savonarola mitten im Vatikan (in der „Disputa“) ein ewiges Denkmal
zu setzen: Ignatius dagegen verbot, den Namen des Toskaners auch nur zu
nennen¹) Wer könnte heute in Italien weilen und mit seinen liebenswürdigen,
reich begabten Bewohnern verkehren, ohne mit Schmerz zu empfinden, dass
hier eine Nation verloren ging, und zwar rettungslos verloren, weil ihr
die innere treibende Kraft, die Seelengrösse, welche ihrem Talent
entspräche, mangelt? Diese Kraft verleiht eben nur Rasse. Italien
hatte sie, so lange es Germanen besass; ja, noch heute entwickelt seine
Bevölkerung in jenen Teilen, wo früher Kelten, Deutsche und Normannen
das Land besonders reich
—————
¹)
Für die Feststellung der Rassenangehörigkeit ist die begeisterte
Verehrung Savonarola‘s seitens Raffael‘s, sowie seines Meisters Perugino
und seines Freundes Bartolomeo (siehe Eug. Müntz: Raphaël
1881, S. 133) fast ebenso bedeutungsvoll, wie die Thatsache, dass Michelangelo
niemals die Madonna und nur ein einziges Mal im Scherze einen Heiligen
erwähnt, so dass einer seiner genauesten Kenner ihn einen „unbewussten
Protestanten“ hat nennen können. In einem seiner Sonette warnt Michelangelo
den Heiland, er möge nur ja nicht in eigener Person nach Rom kommen,
wo man mit seinem göttlichen Blute Handel treibe
-
E‘l sangue di Cristo si
vend‘ a giumelle
und wo die Priester ihm die
Haut abziehen würden, um sie zu Markte zu tragen.
832 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
besetzt hielten, den echtgermanischen
Bienenfleiss und bringt Männer hervor, welche mit verzweifelter Energie
bestrebt sind, das Land zusammenzuhalten und es in rühmliche Bahnen
zu lenken: Cavour, der Begründer des neuen Reiches, stammt aus dem
äussersten Norden, Crispi, der es durch gefährliche Klippen zu
steuern verstand, aus dem äussersten Süden. Doch wie soll
699
man ein Volk wieder aufrichten, wenn
die Quelle seiner Kraft versiegt ist? Und was heisst das, wenn ein Giacomo
Leopardi seine Landsleute eine „entartete Rasse“ nennt und ihnen zugleich
„das Beispiel ihrer Ahnen“ vor Augen hält?¹) Die Ahnen der überwiegenden
Mehrzahl der heutigen Italiener sind weder die wuchtigen Römer des
alten Rom, jene Muster von schlichter Männlichkeit, unbändiger
Unabhängigkeit und streng rechtlichem Sinne, noch die Halbgötter
an Kraft, Schönheit und Genie, welche am Morgen unseres neuen Tages
gleichsam in einem einzigen Schwarm, wie Lerchen zum Sonnengruss, vom lichtgeküssten
Boden Italiens in den Himmel der Unsterblichkeit hinaufflogen; sondern
ihr Stammbaum führt auf die ungezählten Tausende der freigelassenen
Sklaven aus Afrika und Asien, auf den Mischmasch der verschiedenen italischen
Völker, auf die überall mitten unter diesen angesiedelten Soldatenkolonien
aus aller Herren Länder, kurz, auf das von dem Imperium so kunstreich
hergestellte Völkerchaos. Und die heutige Gesamtlage des Landes bedeutet
ganz einfach einen Sieg dieses Völkerchaos über das inzwischen
hinzugekommene und lange Zeit hindurch rein erhaltene germanische Element.
Daher aber auch die Erfahrung, dass Italien — vor drei Jahrhunderten eine
Leuchte der Civilisation und Kultur — nunmehr zu den Nachhinkenden gehört,
zu denen, welche das Gleichgewicht verloren haben und es nicht wieder gewinnen
können. Denn zwei Kulturen können nicht als gleichberechtigt
nebeneinander bestehen, das ist unmöglich: die hellenische Kultur
vermochte es nicht, unter römischem Einfluss fortzuleben, die römische
Kultur schwand, als die ägyptosyrische sich in ihrer Mitte
—————
¹)
Vergl. die beiden Gedichte: All‘ Italia und Sopra il monumento
di Dante.
833 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
breit machte; nur wo der Kontakt ein
rein äusserlicher ist, wie zwischen Europa und der Türkei, oder
a fortiori zwischen Europa und China, kann Berührung ohne merkliche
Beeinflussung stattfinden, und auch hier muss mit der Zeit das Eine das
Andere umbringen. Nun gehören aber solche Länder wie Italien
— ich könnte gleich Spanien hinzufügen — auf das engste zu uns
Nordländern: in den Grossthaten ihrer Vergangenheit bewährt sich
die frühere Blutsverwandtschaft; unserem Einfluss, unserer ungleich
grösseren Kraft können sie sich unmöglich entziehen; worin
sie uns aber heute nachahmen, das entspringt nicht ihrem eigenen Bedürfnis,
entwächst nicht einer inneren, sondern einer äusseren Not; sowohl
ihre Geschichte, welche ihnen Ahnen vorspiegelt, von denen sie nicht abstammen,
wie auch unser Beispiel führt
700
sie also auf falsche Wege, und sie vermögen
es zuletzt nicht, sich das Einzige, was ihnen bliebe, eine andersgeartete,
vielleicht in mancher Beziehung minderwertige, doch wenigstens eigene Originalität
zu bewahren.¹)
Der
germanische Baumeister
Indem ich Italien
nannte, wollte ich bloss ein Beispiel geben, ich glaube zugleich einen
Beweis erbracht zu haben. Wie Sterne sagt: ein Beispiel ist ebensowenig
ein Argument, wie das Abwischen eines Spiegels ein Syllogismus ist, doch
macht es besser sehen, und darauf kommt es an. Möge der Leser hinblicken,
wohin er will, er wird überall Beispiele dafür finden, dass die
gegenwärtige Civilisation und Kultur Europa‘s eine spezifisch germanische
ist, grundverschieden von allen unarischen, sehr wesentlich anders geartet
als die indische, die hellenische und die römische, direkt antagonistisch
dem Mestizenideal des antinationalen Imperiums und der sogenannten „römischen“
Richtung des Christentums. Die Sache ist so sonnenklar, dass eine weitere
Ausführung gewiss überflüssig wäre; ausserdem kann
ich auf die
—————
¹)
Glänzende Bestätigung haben die vorangehenden — so vielfach bekämpften
und belächelten — Ausführungen inzwischen durch die streng anthropologischen,
nüchtern wissenschaftlichen Arbeiten Dr. Ludwig Woltmann‘s erfahren,
die nunmehr auch in einer ersten zusammenfassenden Darlegung vorliegen:
Die
Germanen und die Renaissance in Italien, 1905.
834 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
drei vorangehenden Kapitel verweisen,
die eine Menge thatsächlicher Belege enthalten.
Dies Eine musste
vorausgeschickt werden. Denn unsere heutige Welt ist eine durchaus neue,
und um sie in ihrem Entstehen und in ihrem augenblicklichen Zustand zu
begreifen und zu beurteilen, ist die erste, grundlegende Frage: wer hat
sie geschaffen? Der selbe Germane schuf das Neue, der das Alte in so eigensinnigem
Kampfe abschüttelte. Nur bei diesem Einen gab es jenes „wilde Wollen“,
von dem ich am Schlusse
des letzten Kapitels sprach, den Entschluss, sich nicht aufzugeben,
sich selber treu zu bleiben. Er allein meinte, wie später sein Goethe:
-
Jedes Leben sei zu führen,
-
Wenn man sich nicht selbst vermisst;
-
Alles könne man verlieren,
-
Wenn man bliebe, was man ist.
Er allein erwählte sich zum Lebensmotto,
wie der grosse Paracelsus von Hohenheim — der unerschrockene Vernichter
arabisch-jüdischer Quacksalberei — die Worte: Alterius non sit,
qui suus esse potest, Der sei keines Anderen, der Selbsteigner sein
kann! Man schilt diese Behauptung wohl Überhebung? Und doch ist sie
nur die Anerkennung einer offenbaren Thatsache. Man wirft ein, es lasse
sich kein mathematischer Beweis erbringen? Und von allen Seiten leuchtet
uns die selbe Gewissheit entgegen, wie die, dass zwei plus zwei gleich
vier ist.
701
Nichts ist in diesem
Zusammenhange lehrreicher als ein Hinweis auf die sichtbare Bedeutung der
R e i n h e i t der Rasse.¹) Wie matt schlägt heute
das Herz des Slaven, der doch so kühn und frei in die Geschichte eingetreten
war; Ranke, Gobineau, Wallace, Schvarcz . . . . alle urteilsfähigen
Historiker bezeugen, es gehe ihm bei grosser Begabung die eigentliche Gestaltungskraft,
sowie die vollbringende Beharrlichkeit ab; die Anthropologie löst
das Rätsel, denn sie zeigt uns (siehe S.
472, 491),
—————
¹)
Für alles Weitere über diesen Gegenstand verweise ich auf die
Kap.
4 und 6.
835 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
dass weitaus die Mehrzahl der heutigen
Slaven durch Vermischung mit einer anderen Menschenrasse die physischen
Merkmale ihrer mit den alten Germanen identischen Ahnen eingebüsst
hat — damit zugleich natürlich die moralischen. Und trotzdem bergen
diese Völker noch so viel germanisches Blut, dass sie einen der grossen
civilisatorischen Faktoren der fortschreitenden Weltbewältigung durch
Europa ausmachen. Allerdings überschreitet man bei Eydtkuhnen eine
traurig sichtbare Grenze, und der Saum deutscher Kulturarbeit, der sich
an der Ostsee entlang zieht, sowie jene tausend Stellen im Innern Russland‘s,
wo die selbe Kraft reiner Rasse dem erstaunten Reisenden plötzlich
entgegentritt, macht den Kontrast nur um so greifbarer; nichtsdestoweniger
steckt hier noch ein gewisser spezifisch germanischer Trieb, freilich nur
ein Schatten, doch ein stammverwandter, und der darum auch etwas zu Stande
bringt, trotz alles Widerstandes der erbgesessenen asiatischen Kultur.
Ausser der Reinheit
kommt bei der germanischen Rasse für das historische Verständnis
noch ihre Vielgestaltigkeit in Betracht; dafür bietet die Weltgeschichte
kein zweites Beispiel. Auch im Pflanzen- und Tierreich finden wir unter
den Gattungen einer Familie und unter den Arten einer Gattung eine sehr
verschiedene „Plasticität“: bei den einen ist die Gestalt wie versteinert,
als wären sämtliche Individuen in einer und der selben eisernen
Form gegossen, bei anderen finden dagegen Schwankungen innerhalb enger
Grenzen statt, und wiederum bei anderen (man denke an den Hund und an Hieracium!)
ist die Mannigfaltigkeit der Gestalt eine endlose, sie bringt ewig Neues
hervor, und derartige Wesen zeichnen sich ausserdem stets durch die Neigung
zu unbegrenzter Hybridierung aus, woraus dann immer wieder neue und — bei
Inzucht (siehe S.
272) — reine Rassen hervorgehen. Diesen gleichen die Germanen; ihre
Plasticität ist erstaunlich, und jede Kreuzung zwischen ihren verschieden
gearteten
702
Stämmen hat die Welt um neue Muster
edlen Menschentums bereichert. Ganz im Gegenteil war das alte Rom eine
Erscheinung der äussersten Konzentration gewesen, wie in der Politik,¹)
—————
¹)
Siehe das zweite Kapitel.
836 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
so auch in intellektueller Beziehung:
die Stadtmauern — die Grenzen des Vaterlandes; die Unverletzbarkeit des
Rechtes — die Grenzen des Geistes. Das Hellenentum, geistig so unendlich
reich, reich auch in der Bildung von Dialekten, sowie von Stämmen
mit gesonderten Sitten, steht dem Germanentum viel näher; auch die
arischen Inder zeigen sich in der erstaunlichen Gabe der stets schaffenden
Sprachenerfindung, sowie im scharf ausgesprochenen Partikularismus nahe
verwandt; diesen beiden Menschenarten haben vielleicht nur die historischen
und geographischen Bedingungen gefehlt, um ähnlich machtvoll einheitlich
und zugleich vielgestaltig wie die Germanen sich zu entwickeln. Doch führt
eine derartige Betrachtung auf das Gebiet der Hypothesen: Thatsache bleibt,
dass die Plasticität des Germanentums einzig und unvergleichbar in
der Weltgeschichte ist.
Es ist nicht unwichtig
zu bemerken — wenn ich es auch aus Scheu vor dem Geschichtsphilosophieren
nur nebenbei thue — dass der charakteristische, unvertilgbare
I n d i v i d u a l i s m u s des echten Germanen mit dieser
„plastischen“ Anlage der Rasse offenbar zusammenhängt. Ein neuer Stamm
setzt das Entstehen neuer Individuen voraus; dass stets neue Stämme
bereit sind, hervorzuschiessen, beweist, dass auch stets eigenartige, von
anderen sich unterscheidende Individuen vorhanden sind, ungeduldig den
Zaum beissend, der die freie Bethätigung ihrer Originalität zügelt.
Ich möchte die Behauptung aufstellen: jeder bedeutende Germane ist
virtualiter
der Anfangspunkt eines neuen Stammes, eines neuen Dialektes, einer neuen
Weltauffassung.¹)
Von Tausenden und
Millionen derartiger „Individualisten“, d. h. echter Persönlichkeiten,
wurde die neue Welt aufgebaut.²)
—————
¹)
Vergl. die Ausführungen im vorigen Kapitel, S.
661.
²)
Einige konfuse Köpfe des heutigen Tages verwechseln Individualismus
mit „Subjektivität“ und knüpfen daran ich weiss nicht was für
einen albernen Vorwurf von Schwäche und Unbeständigkeit, während
doch hier offenbar die „objektive“ Anerkennung und — bei Männern wie
Goethe — Beurteilung der eigenen Person vorliegt, woraus sich Zielbewusstsein,
Sicherheit und unbethörbares Freiheitsgefühl ergeben.
837 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Und so erkennen wir
denn den Germanen als den Baumeister und geben Jakob Grimm Recht, wenn
er behauptet, es sei ein
703
„roher Wahn“, zu glauben, irgend etwas
Grosses könne „aus dem bodenlosen Meer einer Allgemeinheit“ entstehen.¹)
In sehr verschiedenen Stammesindividualitäten und in den mannigfaltigsten
Kreuzungen seiner Stämme sehen wir den Germanen am Werke, umringt
— dort wo die Grenzen des einigermassen reinen Germanentums überschritten
sind — von Völkern und auch im Innern reichlich von Gruppen und Individuen
durchsetzt, welche (siehe S. 491)
als Halb-, Viertel-, Achtel-, Sechzehntelgermanen zu bezeichnen wären,
aber alle unter dem nie ermüdenden Impuls dieses mittleren, schöpferischen
Geistes das Ihrige zu der Gesamtsumme der geleisteten Arbeit beitragen:
-
Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner
zu thun.
Die
angebliche „Menschheit“
Um uns in der Geschichte
des Werdens dieser neuen Welt zurechtzufinden, dürfen wir nun ihren
spezifisch germanischen Charakter nie aus den Augen verlieren. Denn sobald
wir von
der M e n s c h h e i t
im Allgemeinen sprechen, sobald wir in der Geschichte eine Entwickelung,
einen Fortschritt, eine Erziehung u. s. w. der „Menschheit“ zu erblicken
wähnen, verlassen wir den sicheren Boden der Thatsachen und schweben
in luftigen Abstraktionen. Diese Menschheit, über die schon so viel
philosophiert worden ist, leidet nämlich an dem schweren Gebrechen,
dass sie gar nicht existiert. Die Natur und die Geschichte bieten uns eine
grosse Anzahl verschiedener Menschen, nicht aber e i n e
Menschheit. Selbst die Hypothese, dass alle diese Menschen als Sprossen
eines einzigen Urstammes physisch unter einander verwandt seien, hat kaum
so viel Wert wie die Theorie der Himmelssphären des Ptolemäus;
denn diese erklärte ein Vorhandenes, Sichtbares durch Veranschaulichung,
während jede Spekulation über eine „Abstammung“ der Menschen
sich an ein Problem heranwagt, welches zunächst nur in der Phantasie
des Denkers existiert, nicht durch Erfahrung gegeben ist, und welches folglich
vor ein metaphysisches Forum gehört, um auf seine Zu-
—————
¹)
Geschichte
der deutschen Sprache, 2. Aufl., S. III.
838 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
lässigkeit geprüft zu werden.
Träte aber auch einmal diese Frage nach der Abstammung der Menschen
und ihrer Verwandtschaft untereinander aus dem Gebiete der Phrase in das
des empirisch Nachweisbaren, so wäre schwerlich damit für die
Beurteilung der Geschichte etwas gewonnen; denn jede Erklärung aus
Ursachen impliziert einen regressus in infinitum; sie ist wie das
Aufrollen einer Landkarte; wir sehen immer Neues und zwar Neues, das zum
Alten gehört, auch mag die dadurch gewonnene Erweiterung
704
des Beobachtungsgebietes zur Bereicherung
unseres Geistes beitragen, doch bleibt jede einzelne Thatsache nach wie
vor, was sie war, und es ist sehr zweifelhaft, ob das Urteil durch die
Kenntnis eines umfangreicheren Zusammenhanges wesentlich verschärft
wird — das Umgekehrte ist ebenso leicht möglich. „Die Erfahrung ist
grenzenlos, weil immer noch ein Neues entdeckt werden kann“, wie Goethe
in seiner Kritik Bacon‘s von Verulam und der angeblich induktiven Methode
bemerkt; dagegen ist Wesen und Zweck des Urteilens die Begrenzung. Schärfe,
nicht Umfang, bedingt die Vorzüglichkeit des Urteils; darum wird es
allezeit weniger darauf ankommen, wie viel der Blick umfasst, als darauf,
wie g e n a u das Gesehene erblickt wird; daher
auch die innere Berechtigung der neueren Methoden der Geschichtsforschung,
welche von den erklärenden, philosophierenden Gesamtdarstellungen
zu der peinlich genauen Feststellung einzelner Thatsachen übergegangen
sind. Freilich, sobald die Geschichtswissenschaft sich in „grenzenloser
Empirie“ verirrt, bringt sie weiter nichts zu Stande als ein „Hin- und
Herschaufeln von Wahrnehmungen“ (wie Justus Liebig in gerechtem Grimme
über gewisse induktive Forschungsmethoden schilt);¹) doch ist
es andrerseits sicher, dass die genaue Kenntnis eines einzigen Falles für
das Urteil mehr nützt als der Überblick über tausend in
Nebel gehüllte. Das alte Wort non multa, sed multum bewährt
sich eben überall und lehrt uns auch — was man ihm auf den ersten
Blick nicht ansieht — die richtige Methode der Verallgemeinerung: diese
besteht darin, dass wir nie den Boden der Thatsachen ver-
—————
¹)
Reden
und Abhandlungen, 1874, S. 248.
839 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
lassen und dass wir uns nicht, wie die
Kinder, bei angeblichen „Erklärungen“ aus Ursachen beruhigen (am allerwenigsten
bei abstrakten Dogmen von Entwickelung, Erziehung u. s. w.), sondern bestrebt
bleiben, das Phänomen selbst in seiner autonomen Würde mit immer
grösserer Deutlichkeit zu erblicken. Will man weite geschichtliche
Komplexe vereinfachen und doch wahrheitsgemäss zusammenfassen, so
nehme man zunächst die unbestreitbaren k o n k r e t e
n T h a t s a c h e n, ohne eine Theorie daran
zu knüpfen; das Warum wird schon seinen Platz fordern, doch darf es
immer erst in zweiter Reihe kommen, nicht in erster; das Konkrete hat den
Vortritt. Bewaffnet mit einem abstrakten Begriff der Menschheit und daran
geknüpften Voraussetzungen den Erscheinungen der Geschichte entgegenzutreten
und sie zu beurteilen, ist ein wahnvolles Beginnen; die wirklich vorhandenen,
705
individuell begrenzten, national unterschiedenen
Menschen machen alles aus, was wir über die Menschheit wissen; an
sie müssen wir uns halten. Das hellenische Volk ist z B. ein derartiges
Konkretum. Ob die Hellenen mit den Völkern Italia‘s, mit den Kelten
und Indoeraniern verwandt waren, ob die Verschiedenheit ihrer Stämme,
die wir schon in den ältesten Zeiten wahrnehmen, einer verschiedengradigen
Vermischung von Menschen getrennten Ursprungs entspricht oder die Folge
einer durch geographische Bedingungen bewirkten Differenzierung ist, u.
s. w., das alles sind vielumstrittene Fragen, deren einstige Beantwortung
— selbst wenn sie mit Sicherheit erfolgen sollte — nicht das Geringste
ändern würde an der grossen, unbestreitbaren Thatsache des Hellenentums
mit seiner besonderen, keiner anderen gleichen Sprache, seinen besonderen
Tugenden und Untugenden, seiner fabelhaften Begabung und den eigentümlichen
Beschränkungen seines Geistes, seiner Versatilität, seinem industriellen
Fleisse, seiner überschlauen Geschäftsgebahrung, seiner philosophischen
Musse, seiner himmelstürmenden Kraft der Phantasie. Eine solche
T h a t s a c h e der Geschichte ist durchaus konkret, handgreiflich,
sinnfällig und zugleich unerschöpflich. Eigentlich ist es recht
unbescheiden von uns, dass wir uns mit einem derartigen Unerschöpflichen
nicht zufrieden geben; albern aber ist
840 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
es, wenn wir diese Urphänomene
(um wiederum mit Goethe zu reden) nicht auf ihren Wert schätzen, sondern
durch Erweiterung zu „erklären“ wähnen, während wir sie
in Wirklichkeit nur auflösend verdünnen, bis das Auge sie nicht
mehr gewahrt. So z. B. wenn man die künstlerischen Grossthaten der
Hellenen auf phönizische und andere pseudosemitische Anregungen zurückführt
und sich einbildet, damit zur Erläuterung dieses beispiellosen Mirakels
etwas beigetragen zu haben; das ewig unerschöpfliche und unerklärliche
Urphänomen des Hellenentums wird vielmehr durch diese Thatsache nur
erweitert, in keiner Weise erläutert. Denn die Phönizier trugen
die babylonischen und ägyptischen Kulturelemente überall hin;
warum ging denn die Saat nur dort auf, wo Hellenen sich niedergelassen
hatten? und warum namentlich bei jenen Phöniziern selber nicht, welche
doch auf einer höheren Bildungsstufe gestanden haben müssen,
als die Leute, denen sie — angeblich — die Anfänge der Bildung erst
übermittelten?¹)
Auf diesem Gebiete
schwimmt man förmlich in Trugschlüssen, indem man — wie Thomas
Reid spottet — den Tag durch die Nacht „erklärt“, weil der eine auf
die andere folgt. An Antworten fehlt es Denjenigen nie, welche das grosse
mittlere Problem des Daseins — die Existenz des individuellen Wesens —
niemals be-
706
begriffen, d. h. als unlösbares
Mysterium erfasst haben. Wir fragen diese Alleswisser, wie es kommt, dass
die Römer, nahe Verwandte der Hellenen (wie Philologie, Geschichte,
Anthropologie uns vermuten lassen), doch fast in jeder einzelnen Begabung
ihr genaues Gegenteil waren? Sie antworten mit der geographischen Lage.
Die geographische Lage ist aber gar nicht einmal sehr verschieden, und
für Anregungen, den phönizischen gleichwertig, gab die Nähe
von Karthago, auch die Nähe von
—————
¹)
Inzwischen haben die Entdeckungen auf Kreta u. s. w. die ganze phönizische
Märe einfürallemal vernichtet; selbst ein so voreingenommener
Zeuge wie Salomon Reinach gesteht: ces découvertes portent le
coup de grâce à toutes les théories qui attribuent
aux Phéniciens une part prépondérante dans les très
vieilles civilisations de l‘Archipel . . . (Anthropologie, 1902,
Janv. Févr. p. 39).
841 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Etrurien genügend Gelegenheit.
Und wenn die geographische Lage das Bestimmende ist, warum schwand denn
das alte Rom mit den alten Römern so gänzlich und unwiederbringlich
dahin? Der unvergleichlichste Tausendkünstler auf diesem Felde war
Henry Thomas Buckle, der die geistigen Vorzüge der arischen Inder
durch ihr Reisessen „erklärt“.¹) Wahrhaftig, eine trostreiche
Entdeckung für angehende Philosophen! Dieser Erklärung stehen
jedoch zwei Thatsachen entgegen. Erstens ist der Reis „das Hauptnahrungsmittel
des grössten Teils des Menschengeschlechtes“; zweitens sind gerade
die Chinesen die grössten Reisesser der Welt, da sie bis zu anderthalb
Kilo am Tage
707
verzehren.²) Nun bildet aber der
ziemlich scharf abgegrenzte Völkerkomplex der arischen Inder eine
absolut einzige Erscheinung unter den Menschen, mit Gaben, wie sie keine
andere Rasse ähnlich besessen hat und welche zu unvergänglichen,
unvergleichlichen Leistungen führten, dabei mit so eigentümlichen
Beschrän-
—————
¹)
History
of Civilisation in England, vol. I, ch. 2. Die höchst ingeniöse
Kette der Schlussfolgerungen mit den unendlich mühsam gesammelten
Angaben über den Ertrag der Reisfelder, über den Stärkegehalt
des Reises, über das Verhältnis zwischen Kohlenstoff und Sauerstoff
in verschiedenen Nahrungsmitteln u. s. w. muss der Leser a. a. O. nachlesen.
Das ganze Kartengebäude stürzt zusammen, sobald der Verfasser
die Unumstösslichkeit seines Beweises durch weitere Beispiele erhärten
will und zu diesem Behuf auf Ägypten hinweist: „Da die ägyptische
Civilisation, wie die indische, ihren Ursprung in der Fruchtbarkeit des
Bodens und in der grossen Hitze des Klimas hat, so traten auch hier die
selben Gesetze ins Spiel, und natürlich mit genau den selben Folgen“;
so schreibt Buckle. Nun wäre es aber schwer, sich zwei verschiedenere
Kulturen zu denken, als die ägyptische und die brahmanische; die Ähnlichkeiten,
die man allenfalls nachweisen könnte, sind nur ganz äusserliche,
wie die, welche das Klima mit sich führen kann, sonst aber weichen
diese Völker in allem von einander ab: in politischer und sozialer
Organisation und Geschichte, in den künstlerischen Anlagen, in den
geistigen Gaben und Leistungen, in Religion und Denken, in den Grundlagen
des Charakters.
²)
Ranke: Der Mensch, 2. Aufl. I, 315 u. 334. Eine humoristische Erklärung
der Hypothese, das Reisessen sei für die Philosophen besonders zuträglich,
wird der Sachkundige Hueppe‘s Handbuch der Hygiene (1899) S. 247
entnehmen.
842 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
kungen, dass ihre Individualität
ihr Schicksal schon enthielt; warum hat das Hauptnahrungsmittel des grössten
Teils des Menschengeschlechtes nur das eine Mal so gewirkt? im Raume an
dem einen Ort, in der Zeit zu der einen Epoche? Und wollten wir den ganz
genauen Antipoden des arischen Inders bezeichnen, so müssten wir den
Chinesen nennen: den egalitären Sozialisten im Gegensatze zum unbedingten
Aristokraten, den unkriegerischen Bauern im Gegensatze zum geborenen Waffenhelden,
den Utilitarier par excellence im Gegensatze zum Idealisten, den
Positivisten, der organisch unfähig scheint, sich auch nur bis zur
Vorstellung des metaphysischen Denkens zu erheben, im Gegensatze zu jenem
geborenen Metaphysiker, dem wir Europäer nachstaunen, ohne wähnen
zu dürfen, dass wir ihn jemals erreichen könnten. Und dabei isst
der Chinese, wie gesagt, noch mehr Reis als der Indoarier!
Doch, habe ich hier
die unter uns so verbreitete Denkart bis ins Absurde verfolgt, so geschah
das nur, um an den Fällen extremster Verirrung handgreiflich darzuthun,
wohin sie führt; das erwachte Misstrauen wird aber nun rückschauend
gewahr werden, dass auch die vernünftigsten und sichersten Beobachtungen
in Bezug auf derartige Phänomene, wie die Menschenrassen es sind,
nicht den Wert von Erklärungen haben, sondern lediglich eine Erweiterung
des Gesichtskreises bedeuten, wogegen das Phänomen selbst, in seiner
konkreten Realität, nach wie vor die einzige Quelle alles gesunden
Urteilens und jedes wahren Verständnisses bleibt. Ich möchte
die Überzeugung hervorgerufen haben, dass es eine Hierarchie der Thatsachen
giebt, und dass wir Luftschlösser bauen, sobald wir sie umkehren.
So z. B. ist der Begriff „Indoeuropäer“ oder „Arier“ ein zulässiger
und fördernder, wenn wir ihn aus den sicheren, gut erforschten, unbestreitbaren
Thatsachen des Indertums, des Eraniertums, des Hellenentums, des Römertums,
des Germanentums aufbauen; damit verlassen wir nämlich keinen Augenblick
den Boden der Wirklichkeit, verpflichten wir uns zu keiner Hypothese, spannen
wir nicht
708
über die Kluft der unbekannten
Ursachen des Zusammenhanges luftige Scheinbrücken; wir bereichern
aber unsere Vorstellungs-
843 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
weit durch sinngemässe Gliederung,
und, indem wir offenbar Verwandtes verbinden, lernen wir es zugleich von
dem Unverwandten scheiden und bereiten die Möglichkeit zu ferneren
Einsichten und zu immer neuen Entdeckungen. Sobald wir aber das Verfahren
umkehren und einen hypothetischen Arier als Ausgangspunkt nehmen — einen
Menschen, über den wir nicht das Geringste wissen, den wir aus den
fernsten, unverständlichsten Sagen herauskonstruieren, aus äusserst
schwierig zu deutenden sprachlichen Indizien zusammenleimen, einen Menschen,
den ein Jeder, wie eine Fee, mit allen Gaben ausstatten kann, die ihm belieben
— so schweben wir in der Luft und fällen notgedrungen ein schiefes
Urteil nach dem andern, wovon wir in Graf Gobineau‘s Inégalité
des races humaines ein vortreffliches Beispiel besitzen. Gobineau und
Buckle sind die zwei Pole einer gleich falschen Methode: der Eine bohrt
sich maulwurfartig in die dunkle Erde hinein und wähnt aus dem Boden
die Blumen zu erklären, ungeachtet Rose und Distel nebeneinander stehen;
der Andere entschwebt dem Boden des Thatsächlichen und erlaubt seiner
Phantasie, einen so hohen Flug zu nehmen, dass sie Alles in der verzerrten
Perspektive der Vogelschau erblickt und sich gezwungen sieht, die hellenische
Kunst als ein Symptom der Dekadenz zu deuten und das Räuberhandwerk
des hypothetischen Urariers als die edelste Bethätigung des Menschentums
zu preisen!
Der Begriff „Menschheit“
ist zunächst nichts weiter als ein sprachlicher Notbehelf, ein collectivum,
durch welches das Charakteristische am Menschen, nämlich seine Persönlichkeit,
verwischt und der rote Faden der Geschichte — die verschiedenen Individualitäten
der Völker und Nationen — unsichtbar gemacht wird. Ich gebe zu, auch
der Begriff Menschheit kann zu einem positiven Inhalt gelangen, doch nur
unter der Bedingung, dass die konkreten Thatsachen der getrennten Volksindividualitäten
zu Grunde gelegt werden: diese werden dann in allgemeinere Rassenbegriffe
unterschieden und verbunden, die allgemeineren wahrscheinlich noch einmal
unter einander ähnlich gesichtet, und was dann ganz hoch oben in den
Wolken schwebt, dem unbewaffneten Auge kaum sichtbar, ist „die Menschheit“.
Diese Mensch-
844 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
heit werden wir aber bei der Beurteilung
menschlicher Dinge nie zum Ausgangspunkt nehmen: denn jede That auf Erden
geht von bestimmten Menschen aus, nicht von unbestimmten; wir werden sie
auch nie zum Endpunkt nehmen: denn die individuelle
709
Begrenzung schliesst die Möglichkeit
eines Allgemeingültigen aus. Schon Zoroaster hatte die weisen Worte
gesprochen: „Weder an Gedanken, noch an Begierden, noch an Worten, noch
an Thaten, weder an Religion, noch an geistiger Begabung gleichen die Menschen
einander: wer das Licht liebt, dessen Platz ist unter den leuchtenden Himmelskörpern,
wer Finsternis, gehört zu den Mächten der Nacht.“¹)
Ungern habe ich theoretisiert,
doch es musste sein. Denn eine Theorie — die Theorie der wesentlich einen,
einigartigen Menschheit²) — steht jeder richtigen Einsicht in die
Geschichte unserer Zeit, wie überhaupt aller Zeiten, im Wege und ist
uns doch so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie wie Unkraut
mühsam ausgejätet werden muss, ehe man mit Hoffnung auf Verständnis
die offenbare Wahrheit aussprechen darf: unsere heutige Civilisation und
Kultur ist spezifisch germanisch, sie ist ausschliesslich das Werk des
Germanentums. Und doch ist dies die grosse, mittlere Grundwahrheit, die
k o n k r e t e T h a t s a c h e, welche die Geschichte
der letzten tausend Jahre auf jeder Seite uns lehrt. Anregungen nahm der
Germane von überall, doch er assimilierte sie sich und arbeitete sie
zu einem Eigenen um. So kam z. B. die Anregung zur Papierfabrikation aus
China, doch nur dem Germanen gab sie sofort die Idee des Buchdrucks ein;³)
Beschäftigung mit dem Altertum, dazu das Aufgraben alter Bildwerke
regte in Italien zu künstlerischer Gestaltung an, doch selbst
—————
¹)
Siehe das Buch von Zâd-Sparam XXI, 20 (in dem Band 47 der Sacred
Books of the East enthalten).
²)
Diese Theorie ist alt; Seneca z. B. beruft sich mit Vorliebe auf das Ideal
der Menschheit, von dem die einzelnen Menschen gewissermassen mehr oder
weniger gelungene Abgüsse seien: „homines quidem pereunt, ipsa
autem humanitas, ad quam homo effingitur, permanet“ (Bf. 65 an Lucilius).
³)
Vergl. unten den Abschnitt 3, „Industrie“.
845 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
die Skulptur wich gleich von Anfang
an von der hellenischen Tradition ab, indem sie das Charakteristische,
nicht das Typische, das Individuelle, nicht das Allegorische sich zum Ziele
setzte; die Architektur entnahm nur einiges Detail, die Malerei gar nichts
dem klassischen Altertum. Dies lediglich als Beispiele; denn ähnlich
verfuhr der Germane auf allen Gebieten. Selbst das römische Recht
wurde nie und nirgends vollständig recipiert, ja, von gewissen Völkern
— namentlich von den nunmehr so mächtig emporgeblühten Angelsachsen
— wurde es jederzeit und allen königlich-päpstlichen Intriguen
zum Trotz grundsätzlich abgewiesen. Was an ungermanischen Kräften
sich bethätigte, that
710
das — wie wir dies gleich zu Anfang
dieses Kapitels an dem Beispiel Italiens sahen — vorwiegend als Hemmnis,
als Zerstörung, als Ablenkung aus der diesem besonderen Menschentypus
notwendigen Bahn. Dort dagegen, wo die Germanen durch Zahl oder reineres
Blut vorwogen, wurde alles Fremde in die selbe Richtung mit fortgerissen,
und selbst der Nicht-Germane musste Germane werden, um etwas zu sein und
zu gelten.
Natürlich darf
man das Wort Germane nicht in dem üblichen engen Sinne nehmen; diese
Zerspaltung widerspricht den Thatsachen und macht die Geschichte so unklar,
als schaute man sie durch ein gesprungenes Augenglas an; hat man dagegen
die offenbare ursprüngliche Wesensgleichheit der aus Nordeuropa herausgetretenen
Völker erkannt, zugleich den Grund ihrer verschiedenartigen Individualität
in der noch heute sich bewährenden, unvergleichlichen Plasticität,
in der Anlage des Germanentums zur fortgesetzten Individualisierung erblicken
gelernt, dann begreift man sofort, dass, was wir heute die europäische
Kultur nennen, in Wahrheit nicht eine europäische, sondern eine spezifisch
germanische ist. Im heutigen Rom fanden wir uns nur halb in dem Element
dieser Kultur; der ganze Süden von Europa, wo das Völkerchaos
leider nie ausgerottet wurde und wo es heute, in Folge der Naturgesetze,
die wir in Kapitel 4 ausführlich
studiert haben, schnell wieder zunimmt, schwimmt nur gezwungen mit: er
kann der Gewalt unserer Civilisation nicht widerstehen, innerlich aber
gehört er ihr kaum noch an. Fahren wir nach Osten,
846 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
so überschreiten wir die Grenze
etwa 24 Stunden von Wien mit der Eisenbahn; von dort aus quer durch bis
zum Stillen Ozean ist nicht ein Zoll von unserer Kultur berührt. Nördlich
von der gedachten Linie zeugen lediglich Schienen, Telegraphenstangen und
Kosakenpatrouillen davon, dass ein reingermanischer Monarch an der Spitze
eines Volkes, dessen thätige, schöpferische Elemente mindestens
Halbgermanen sind, die Hand gestaltend über dieses riesige Gebiet
auszustrecken begonnen hat; doch auch diese Hand reicht nur bis zu der
der unseren durchaus antagonistischen Civilisation und Kultur der Chinesen,
Japanesen, Tonkinesen u. s. w. Élisée Reclus, der berühmte
Geograph, versicherte mir, als er soeben das Studium der gesamten Litteratur
über China für seine Géographie Universelle beendet
hatte, kein einziger Europäer — auch diejenigen nicht, die, wie Richthofen
und Harte, viele Jahre dort gelebt, auch kein Missionär, der sein
ganzes Leben im Innersten des Landes zugebracht — könne von sich melden:
J‘ai
connu un Chinois. Die Persönlichkeit des Chinesen
711
ist eben für uns undurchdringlich,
wie die unsere ihm: ein Jäger versteht durch Sympathie von der Seele
seines Hundes und der Hund von der seines Herrn mehr, als dieser selbe
Herr von der Seele des Chinesen, mit dem er auf die Jagd geht. Alles Faseln
über „Menschheit“ hilft über derlei nüchtern sichere Thatsachen
nicht hinweg. Dagegen findet Der, welcher den weiten Ozean bis zu den Vereinigten
Staaten durchschifft, unter neuen Gesichtern, in einem neu individualisierten
Nationalcharakter unsere germanische Kultur wieder, und zwar in hoher Blüte,
ebenso Derjenige, welcher nach vierwöchentlichem Reisen an der äustralischen
Küste landet. New-York und Melbourne sind ungleich „europäischer“
als das heutige Sevilla oder Athen, — nicht im Aussehen, wohl aber im Unternehmungsgeist,
in der Leistungsfähigkeit, in der intellektuellen Richtung, in Kunst
und Wissenschaft, in Bezug auf das allgemeine moralische Niveau, kurz,
in der Lebenskraft. Diese Lebenskraft ist das köstliche Erbe unserer
Väter: einst besassen sie die Hellenen, einst die Römer.
Erst diese Erkenntnis
des streng individuellen Charakters unserer Kultur und Civilisation befähigt
uns, uns selber gerecht
847 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
zu beurteilen: uns und Andere. Denn
das Wesen des Individuellen ist die Beschränkung und der Besitz einer
eigenen Physiognomie, und der Prodromus zu aller geschichtlichen Einsicht
ist darum — wie Schiller es schön ausspricht — „die Individualität
der Dinge mit treuem und keuschem Sinne ergreifen zu lernen“. Eine Kultur
kann die andere vernichten, doch nicht durchdringen. Beginnen wir unsere
Geschichtswerke mit Ägypten — oder nach den neuesten Entdeckungen
mit Babylonien — und lassen dann die Menschheit sich chronologisch entwickeln,
so errichten wir ein durchaus künstliches Gebäude. Denn die ägyptische
Kultur z. B. ist ein völlig abgeschlossenes, individuelles Wesen,
über das wir nicht viel besser zu urteilen vermögen, als über
einen Ameisenstaat, und alle Ethnographen stimmen überein in der Versicherung,
die Fellahim des Nilthales seien heute physisch und geistig mit denen von
vor 5000 Jahren identisch; neue Menschen wurden Herren des Landes und brachten
eine neue Kultur mit: eine Entwickelung fand nicht statt. Und was macht
man inzwischen mit der gewaltigen Kultur der Indoarier? Soll sie nicht
mitgerechnet werden? Wie aber soll die Eingliederung stattfinden? denn
ihre höchste Blüte fiel etwa auf den Beginn
712
unserer germanischen Laufbahn. Sehen
wir, dass in Indien auf jene hohe Kultur eine Weiterentwickelung stattgefunden
habe? Und wie steht es mit den Chinesen, denen wir vielleicht eben so viele
Anregungen verdanken wie die Hellenen den Ägyptern? Die Wahrheit ist,
dass wir, sobald wir, unserem systematisierenden Hange folgend, organisch
verknüpfen wollen, das Individuelle vertilgen, damit aber auch das
Einzige, was wir konkret besitzen. Selbst Herder, von dem ich gerade bei
dieser Diskussion so weit abweiche, schreibt: „In Indien, Ägypten,
Sina geschah, was sonst nie und nirgends auf Erden geschehen wird, ebenso
in Kanaan, Griechenland, Rom, Karthago.“¹)
Die
angebliche Renaissance
Ich nannte z. B.
vorhin die Hellenen und die Römer diejenigen, denen wir sicherlich
die meisten Anregungen, wenn nicht für unsere Civilisation, so doch
für unsere Kultur verdanken; wir
—————
¹)
Ideen,
III, 12, 6.
848 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
aber sind weder Hellenen noch Römer
dadurch geworden. Vielleicht hat man nie einen verderblicheren Begriff
in die Geschichte eingeführt, als den der R e n a i s
s a n c e. Denn hiermit verband man den Wahn einer Wiedergeburt
lateinischer und griechischer Kultur, ein Gedanke, würdig der Mestizenseelen
des entarteten Südeuropa, denen „Kultur“ etwas war, was der Mensch
sich äusserlich aneignen kann. Zu einer Wiedergeburt hellenischer
Kultur würde nichts weniger gehören als die Wiedergeburt der
Hellenen; alles Andere ist Mummenschanz. Nicht allein der Begriff der Renaissance
war verderblich, sondern zum sehr grossen Teil auch die Thaten, die aus
dieser Auffassung entsprangen. Denn anstatt bloss Anregung zu empfangen,
empfingen wir nunmehr Gesetze, Gesetze, welche unserer Eigenart Fesseln
anlegten, welche sie auf Schritt und Tritt hemmten und uns den kostbarsten
Besitz, die Originalität — d. h. die Wahrhaftigkeit der eigenen Natur
— zu schmälern bestrebt waren. Auf dem Gebiete des öffentlichen
Lebens ward das als klassisches Dogma verkündete römische Recht
die Quelle unerhörter Gewaltthätigkeit und Freiheitsentziehung;
nicht etwa, als sei dieses Recht nicht auch heute noch ein Muster juristischer
Technik, die ewige hohe Schule der Jurisprudenz (siehe S.
166 fg.); dass es aber uns Germanen als ein Dogma aufgezwungen wurde,
war offenbar ein schweres Unglück für unsere geschichtliche Entwickelung;
denn es passte nicht für unsere Verhältnisse; es war ein Totes,
Missverstandenes, ein Organismus, dessen frühere lebendige Bedeutung
erst nach Jahrhunderten, erst in unseren Tagen, durch die
713
genaueste Erforschung römischer
Geschichte aufgedeckt wurde: ehe wir das Gebilde seines Geistes wirklich
begreifen konnten, mussten wir den Römer selber aus dem Grabe hervorrufen.
So ging es auf allen Gebieten. Nicht allein in der Philosophie sollten
wir „Mägde“ (ancillae), nämlich die des Aristoteles, sein
(siehe S. 683), sondern in
unser ganzes Denken und Schaffen wurde das Gesetz der Sklaverei eingeführt.
Einzig auf wirtschaftlichem und industriellem Gebiete schritt man rüstig
voran, denn hier hemmte kein klassisches Dogma; selbst die Naturwissenschaft
und die Weltentdeckung hatten einen schweren Kampf zu bestehen,
849 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
alle Geisteswissenschaften, sowie Poesie
und Kunst, einen viel schwereren, einen Kampf, der noch heute nicht bis
zum völligen Sieg und gründlichen Abschütteln durchgefochten
ist. Gewiss ist es kein Zufall, wenn der bei weitem gewaltigste Dichter
aus der Zeit der angeblichen Wiedergeburt, Shakespeare, und der gewaltigste
Bildner, Michelangelo, beide keine alte Sprache verstanden; man denke doch,
in welcher machtvollen Unabhängigkeit ein Dante vor uns stünde,
wenn er seine Hölle nicht bei Virgil erborgt und seine Staatsideale
nicht aus konstantinopolitanischem Afterrecht und der Civitas Dei
des Augustinus zusammengeschweisst hätte! Und warum wurde diese Berührung
mit den vergangenen Kulturen, welche ungeteilten Segen hätte bringen
sollen, vielfach zum Fluch? Das geschah lediglich, weil wir die
I n d i v i d u a l i t ä t einer jeden Kulturerscheinung
nicht begriffen — heute noch, den Göttern sei es geklagt! nicht begreifen.
So priesen z. B. die toskanischen Schöngeister die griechische Tragödie
als ewigen „paragone“ des Dramas, ohne einsehen zu können,
dass bei uns nicht allein die Lebensbedingungen weit von den attischen
abweichen, sondern die Begabung, die gesamte Persönlichkeit mit ihren
Licht- und Schattenseiten eine völlig andere ist; daher förderten
diese vorgeblichen Erneuerer hellenischer Kultur allerhand Ungeheuerlichkeiten
zu Tage und vernichteten das italienische Drama in der Knospe. Hierdurch
bewiesen die Schöngeister, dass sie nicht allein vom Wesen des Germanentums,
sondern ebenfalls vom Wesen des Hellenentums keine Ahnung besassen. Was
wir von dem Griechentum nämlich hätten lernen sollen, war die
Bedeutung einer organisch gewachsenen Kunst für das Leben und die
Bedeutung der ungeschmälerten freien Persönlichkeit für
die Kunst; wir entnahmen ihm das Gegenteil: fertige Schablonen und die
Zwingherrschaft einer erlogenen Ästhetik. Denn nur das bewusste, freie
Individuum erhebt sich zum Verständnis der Unvergleichlichkeit anderer
Individualitäten. Der Stümper glaubt, Jeder könne
714
Alles; er begreift nicht, dass Nachahmung
dümmste Unverschämtheit ist. Aus dieser elend stümperhaften
Gesinnung und Anschauung war der Gedanke einer Anknüpfung an Griechenland
850 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
und Rom, einer Fortsetzung ihres Werkes
entsprungen, worin sich — das merke man wohl — eine fast lächerliche
Unterschätzung der Leistungen jener grossen Völker zugleich mit
einem völligen Verkennen unserer germanischen Kraft und Eigentümlichkeit
ausspricht.
Fortschritt
und Entartung
Und noch eins. Unschwer
hat soeben Jeder einsehen können, inwiefern es jene blasse Abstraktion
einer allgemeinen, physiognomie- und charakterlosen, beliebig zu knetenden
„Menschheit“ ist, was zur Unterschätzung der Bedeutung des Individuellen
im Einzelnen wie in den Völkern führt; diese Verwirrung liegt
nun einer weiteren, höchst verderblichen zu Grunde, deren Aufdeckung
mehr Aufmerksamkeit und Scharfsinn erfordert. Aus jenem ersten Urteilsfehler
ergeben sich nämlich die beiden sich gegenseitig ergänzenden
Begriffe eines F o r t s c h r i t t e s der Menschheit
und einer E n t a r t u n g der Menschheit, welche
alle beide auf dem gesunden Boden der konkreten historischen Thatsachen
nicht zu rechtfertigen sind. Moralisch mag gewiss die Vorstellung des Fortschrittes
unentbehrlich sein, sie ist die Übertragung der Göttergabe der
Hoffnung aufs Allgemeine; andrerseits kann die Metaphysik der Religion
das Symbol der Entartung nicht entbehren (siehe S.
560 fg.): doch handelt es sich in beiden Fällen um innere Gemütszustände
(im letzten Grunde um transscendente Ahnungen), die das Individuum auf
seine Umgebung hinausprojiziert; auf die thatsächliche Geschichte,
als handle es sich um objektive Wirklichkeiten, angewendet, führen
sie zu falschen Urteilen und zur Verkennung der evidentesten That-
715
sachen.¹) Denn fortschreitende
Entwickelung und fortschreitender
—————
¹)
Siehe S. 10 und 32.
Wie immer hat Immanuel Kant den Nagel auf den Kopf getroffen, indem er
diese „gutmütige Voraussetzung der Moralisten“, gegen welche „die
Geschichte aller Zeiten gar zu mächtig spricht“ (Religion,
Anfang des 1. St.) zurückweist und die angeblich fortschreitende Menschheit
mit jenem Kranken vergleicht, der triumphierend ausrufen musste: „Ich sterbe
vor lauter Besserung!“ (Streit der Fakultäten, II), an anderem
Orte aber ergänzend schreibt: „Dass die Welt im Ganzen immer zum Besseren
fortschreitet, dies anzunehmen berechtigt den Menschen keine Theorie,
851 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Verfall sind Phänomene, die an
das individuelle Leben geknüpft sind und nur allegorisch, nicht sensu
proprio, auf die a l l g e m e i n e n Erscheinungen
der Natur angewendet werden können. Jedes Individuum zeigt uns Fortschritt
und Verfall, jedes Individuelle, welcher Art es auch sei, ebenfalls — also
auch die individuelle Rasse, die individuelle Nation, die individuelle
Kultur; das ist eben der Preis, der bezahlt werden muss, um Individualität
zu besitzen; wogegen bei allgemeinen, nicht individuellen Phänomenen
die Begriffe Fortschritt und Entartung gänzlich bedeutungsleer sind
und lediglich eine missbräuchliche Umschreibung für Änderung
und Bewegung darstellen. Darum sagte Schiller von dem gewöhnlichen,
gewissermassen „empirischen“ Unsterblichkeitsgedanken (wie ihn die orthodoxe
christliche Kirche lehrt), es sei dies: „eine Forderung, die nur vor einer
ins Absolute strebenden T i e r h e i t kann aufgeworfen
werden“.¹) Tierheit soll hier den Gegensatz zu Individualität
aussprechen: denn das Gesetz der Individualität ist jene äusserliche
Begrenzung, von der uns Goethe im vorigen
Kapitel sprach, und das bedeutet eine Begrenzung nicht allein im Raume,
sondern auch in der Zeit; wogegen das All-
—————
aber wohl die rein praktische
Vernunft, welche nach einer solchen Hypothese zu h a n d e
l n dogmatisch gebietet“ (Über die Fortschritte der
Metaphysik, zweite Handschrift, Th. II). Also nicht eine äussere
Thatsache, sondern, wie man sieht, eine innere Orientierung der Seele findet
in der Vorstellung des Fortschrittes berechtigten Ausdruck. Hätte
Kant die Notwendigkeit des Verfalles ebenfalls betont, anstatt das „Geschrei
von der unaufhaltsam zunehmenden Verunartung“ als belangloses Gerede aufzufassen
(Vom
Verhältnis der Theorie zur Praxis im Völkerrecht), so wäre
nichts unklar geblieben, und aus der Antinomie des H a n d
e l n s nach der Hypothese des Fortschrittes und
d e s G l a u b e n s nach der Hypothese des Verfalles
hätte sich klar ergeben, dass hier ein Transscendentes und nicht empirische
Geschichte am Werke ist. — In seiner schlichten Weise wehrt Goethe einen
Fanatiker des angeblichen Fortschrittes mit den Worten ab:
„U m s c h r e i t u n g müssen wir sagen“ (Gespräche
I, 192).
¹)
Ästhetische
Erziehung, Bf. 24.
852 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
gemeine — also wie hier die Tierheit
des Menschen, mit anderen Worten, der Mensch als Tier im Gegensatz zum
Menschen als Individuum — keine notwendige, sondern höchstens eine
zufällige Grenze hat. Wo aber Begrenzung fehlt, kann im eigentlichen
Sinne von einem „Schreiten“ nach vorwärts oder nach rückwärts
keine Rede sein, sondern lediglich von Bewegung. Deswegen lässt sich
selbst aus dem konsequentesten und darum flachsten Darwinismus kein haltbarer
Begriff des Fortschrittes entwickeln: denn die Anpassung an bestimmte Verhältnisse
ist nichts weiter als eine Gleichgewichtserscheinung, und die angebliche
Evolution aus einfacheren Lebensformen zu immer komplizierteren kann eben
so gut als Verfall wie als Fortschritt aufgefasst werden;¹) sie ist
eben keins von beiden, sondern lediglich eine Bewegungserscheinung. Das
giebt auch der Philosoph des Darwinismus, Herbert Spencer, zu, indem er
die Evolution als eine
716
rhythmische Pulsation auffasst und sehr
klar auseinandersetzt, dass in jedem Augenblick das Gleichgewicht das selbe
sei.²) Es ist in der That unerfindlich, inwiefern die Systole einen
„Fortschritt“ über die Diastole, die Pendelbewegung nach rechts einen
„Fortschritt“ über die Pendelbewegung nach links bilden sollte. Und
trotzdem haben gute Köpfe, vom Strome des herrschenden Irrtums hingerissen,
gerade in der Evolution die Gewähr, ja, den B e w e i
s der Realität des Fortschrittes erblicken wollen! Wohin
es bei solch ungereimtem Beginnen mit der Logik kommt, muss ich an einem
Beispiele zeigen, denn ich schwimme hier gegen den Strom und darf keinen
Vorteil unbenützt lassen.
John Fiske, der mit
Recht vielgerühmte Verfasser der Entdeckungsgeschichte Amerika‘s,
führt in seinem gedankenreichen darwinistischen Werke: The destiny
of Man, viewed in the
—————
¹)
Vom Standpunkt des konsequenten Materialismus aus ist die Monere das vollkommenste
Tier, denn es ist das einfachste und darum widerstandsfähigste und
ist zum Leben im Wasser, also auf der grössten Fläche des Planeten,
organisiert.
²)
Siehe in First Principles das Kapitel über The rhythm of
motion und die ersten zwei Kapitel über Evolution.
853 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
light of his origin¹) aus:
„Der Kampf ums Dasein hat jenes vollendete Erzeugnis schöpferischer
Kraft, die menschliche Seele, hervorgebracht.“ Nun weiss ich zwar nicht,
wie der Kampf die alleinig wirkende Ursache für die Entstehung irgend
eines Dinges abgeben soll; diese Weltanschauung scheint mir ein bisschen
sehr summarisch, wie alle Evolutionsphilosophie; doch liegt es so sehr
auf der Hand, dass der Kampf vorhandene Kräfte stählt und physische
wie geistige Anlagen hervorlockt und durch Übung entwickelt (der alte
Homer lehrt es ja unseren Kindern), dass ich hierüber augenblicklich
nicht streiten will. Fiske sagt weiter: „das unaufhörliche Hinschlachten
ist es, wodurch die höheren Formen des organischen Lebens entwickelt
worden sind“ (S. 95 fg.); gut, wir wollen es annehmen. Nun aber, was macht
der F o r t s c h r i t t? Logischerweise sollte
man voraussetzen, der Fortschritt bestünde in der Zunahme des Massenmordes,
oder wäre wenigstens durch sie bedingt — wozu allenfalls einige Erscheinungen
unserer Zeit annehmbare Belege liefern könnten. Doch weit gefehlt!
Fiske befindet sich solcher hausbackenen Logik gegenüber im Vorteil,
denn er kennt nicht allein den Ursprung, sondern auch die Bestimmung des
Menschen. Er teilt uns mit: „Bei der höheren Evolution wird der Kampf
ums Dasein aufhören, ein bestimmender Faktor zu sein . . . .
Dieses Ausser-
717
krafttreten des Kampfes ist eine Thatsache
von absolut unvergleichlicher Grossartigkeit; Worte reichen nicht aus,
um eine derartige Wendung zu preisen.“ Dieser paradiesische Frieden ist
nun das Ziel des Fortschrittes, ja, er ist der Fortschritt selber. Fiske,
der ein sehr gescheiter Mann ist, empfindet nämlich mit Recht, dass
bisher Niemand gewusst hat, was er sich unter diesem talismanischen Worte
„Fortschritt“ denken solle; jetzt wissen wir es. „Endlich“, sagt Fiske,
„endlich ist es uns klar geworden, was Fortschritt der Menschheit bedeutet.“
Da muss ich aber sehr bitten! Was soll denn aus unserer so sauer und redlich
er-
—————
¹)
Des
Menschen Bestimmung, im Lichte seines Ursprunges betrachtet (Boston
1884). Das sind unsere modernen Empiriker! Sie kennen aller Dinge „Ursprung“
und „Bestimmung“ und haben folglich leicht weise sein. Der Papst zu Rom
ist bescheidener.
854 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
worbenen Seele werden? Uns wurde soeben
gelehrt, der Kampf ums Dasein habe die Seele „erzeugt“: wird sie denn hinfürder
ohne Ursache entstehen? Und gesetzt den Fall, das Steckenpferd der Erblichkeit
nähme sie auf seinen cheirontisch gastlichen Rücken und führte
sie eine Strecke weiter, würde nicht nach orthodoxer darwinistischer
Lehre das Aufhören des Kampfes zur Entartung des durch ihn Erzeugten
führen,¹) so dass unsere Seele als blosses „rudimentary organ“
(dem vielgenannten menschlichen Schwanzansatz vergleichbar) für künftige
Micromégas
in ihrer Zwecklosigkeit lediglich ein Gegenstand des Staunens sein könnte?
Und warum denn, wenn der Kampf schon so Herrliches hervorgebracht hat,
warum soll er jetzt aufhören? Doch nicht etwa aus blasser, blutscheuer
Sentimentalität? „Den Tod in der Schlacht“, sagte Korporal Trim —
und dabei schlug er ein Schnippchen — „den Tod in der Schlacht fürchte
ich nicht so viel! sonst aber würde ich mich in jede Ritze vor ihm
verstecken.“ Und ist es auch unter Professor Fiske‘s Führung „ein
Ergötzen, zu schauen, wie wir‘s zuletzt so herrlich weit gebracht“,
ich kann mir viel Herrlicheres denken und erhoffen, als was die Gegenwart
bietet, und werde darum nimmer zugeben, dass das Aufhören des Kampfes
einen Fortschritt bedeuten würde; gerade hier hat die Evolutionshypothese
eine Wahrheit — die Bedeutung des Kampfes — zufällig erwischt, es
wäre wirklich unvernünftig, sie preiszugeben, bloss damit, „was
Fortschritt der Menschheit bedeutet, endlich klar werde“.
Zu Grunde liegt hier,
wie gesagt, der Mangel einer sehr einfachen und nötigen philosophischen
Einsicht: Fortschritt und Entartung können nur von einem Individuellen,
niemals von einem Allgemeinen ausgesagt werden. Um von einem Fortschritt
der Menschheit reden zu können, müssten wir die gesamte Erschei-
718
nung des Menschen auf Erden aus so grosser
Entfernung erblicken, dass alles, was für uns Geschichte ausmacht,
verschwände; vielleicht könnte die Menschheit dann als ein Individuelles
erfasst, mit anderen analogen Erscheinungen — z. B. auf
—————
¹)
Origin,
ch. XIV, Animals and Plants, ch. XXIV.
855 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
anderen Planeten — verglichen und Fortschritt
und Verfall ihres Wesens beobachtet werden: doch hat derlei hypothetische
Sternguckerei für uns und für den heutigen Tag keinen praktischen
Wert. Unsere germanische Kultur mit der hellenischen in die organische
Beziehung eines Fortschrittes oder eines Verfalles bringen zu wollen ist
kaum vernünftiger als Buckle‘s vorhin genannte Gleichung zwischen
Datteln und Reis, im Gegenteil, es ist weniger vernünftig; denn Datteln
und Reis werden als voneinander wesentlich verschieden erkannt, ausserdem
als ein Allgemeines, Unveränderliches, während wir bei jenem
Vergleich gerade das Unterscheidende übersehen und nicht bedenken,
dass das Individuelle ein Niewiederkehrendes, darum auch Abgeschlossenes
und Absolutes ist. Kann man behaupten, Michelangelo bedeute einen Fortschritt
über Phidias? Shakespeare über Sophokles? Oder einen Verfall?
Glaubt man, es sei möglich, einer derartigen Behauptung irgend eine
Spur von Sinn zu entlocken? Gewiss glaubt das Keiner. Was man aber nicht
einsieht, ist, dass das selbe von den gesamten Volksindividualitäten
und Kulturerscheinungen gilt, welche diese seltenen Männer zu besonders
lebhaftem Ausdruck brachten. Und so stellen wir denn immerfort Vergleiche
an: die grosse schwatzende Menge glaubt an den endlosen „Fortschritt der
Menschheit“ so fest wie eine Nonne an die unbefleckte Empfängnis;
die bedeutenderen, nachdenklichen Geister — von Hesiod bis Schiller, von
urbabylonischer Symbolik bis Arthur Schopenhauer — ahnten zu allen Zeiten
eher Verfall. Beides ist nur als ungeschichtliches Bild zulässig.
Man braucht nur die Grenze der Civilisation zu überschreiten: an der
Last, die einem da von Haupt und Schultern fällt, an der Wonne, die
sich dem Auge aufthut, merkt man sofort, wie teuer der angebliche Fortschritt
bezahlt wird. Mich dünkt, ein heutiger macedonischer Hirt führt
ein ebenso nützliches und ein weit würdigeres und glücklicheres
Dasein als ein Fabrikarbeiter in Chaux-de-Fonds, der von seinem zehnten
Jahre ab bis an sein Grab vierzehn Stunden täglich ein bestimmtes
Gangrad für Taschenuhren mechanisch herstellt. Wenn nun die Ingeniosität,
welche zur Erfindung und Vervollkommnung der Uhr führt, dem Menschen,
der sie macht, den
856 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Anblick des grossen, Leben und Gesundheit
spendenden Zeitmessers, der Sonne, raubt, so muss man einsehen, dass dieser
719
Fortschritt — wie bewundernswert er
auch sei — durch einen entsprechenden Rückschritt erkauft wird. Ähnlich
überall. Um den Begriff des Fortschrittes zu retten, hat man ihn „einer
Kreisbewegung“ verglichen, „in welcher sich der Radius verlängert“.¹)
Damit ist aber dieser Begriff aller Bedeutung entblösst; denn jeder
Kreis ist jedem anderen in allen wesentlichen Eigenschaften gleich, die
grössere oder geringere Ausdehnung kann unmöglich als grössere
oder geringere Vollkommenheit aufgefasst werden. Doch ist die entgegengesetzte
Anschauung — diejenige eines Verfalles der Menschheit — ebensowenig stichhaltig,
sobald sie das konkret Historische zu deuten unternimmt. So kann z. B.
der Satz Schiller‘s: „Welcher einzelne Neuere tritt heraus, Mann gegen
Mann, mit dem einzelnen Athenienser um den Preis der Menschheit zu streiten?“
— den ich in der allgemeinen Einleitung
zu diesem Buche anführte — nur auf sehr bedingte Gültigkeit Anspruch
machen. Jeder Kundige versteht, was der edle Dichter hier meint; in welchem
Sinne er Recht hat, habe ich selber anzudeuten versucht;²) und dennoch
reizt der Satz zu entschiedenem Widerspruch, und zwar zu mehrfachem. Was
soll dieser „Preis der Menschheit“? Es ist wieder jener abstrakte Begriff
einer „Menschheit“, der das Urteil verwirrt! Bei den freien Bürgern
Athens (und nur solche kann Schiller im Sinne haben) kamen auf einen Mann
zwanzig Sklaven: da konnte man freilich Musse finden, um den Körper
zu pflegen, Philosophie zu studieren und Kunst zu treiben; unsere germanische
Kultur dagegen (wie die chinesische — denn in solchen Dingen offenbart
sich nicht Fortschritt, sondern angeborener Charakter) war von jeher eine
Gegnerin des Sklaventums; immer wieder stellt sich dieses so natürliche
Verhältnis ein, und immer wieder schütteln wir es voll Abscheu
von uns ab; wie viele giebt es unter uns — vom König bis zum Orgeldreher
— die
—————
¹)
So Justus Liebig: Reden und Abhandlungen, 1874, S. 273 und Andere.
²)
Siehe S. 33 und S.
69 bis 75.
857 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
nicht den lieben langen Tag im Schweisse
ihres Angesichts sich zwingen müssen, ihr Höchstes zu leisten?
Sollte aber das Arbeiten nicht an und für sich mindestens ebenso veredelnd
wirken wie Baden und Boxen?¹) Nicht lange würde ich nach dem
von Schiller geforderten „einzelnen Neueren“ herumsuchen: Friedrich Schiller
selber würde ich bei der Hand nehmen und ihn mitten unter die Grössten
aller hellenischen Jahrhunderte führen; nackend
720
im Gymnasium dürfte der ewig kranke
Mann allerdings zunächst wenig Staat machen, doch sein Herz und sein
Geist würden sich immer erhabener aufrichten, je mehr sie von allen
Widerwärtigkeiten der zufälligen Daseinsformen entblösst
dastünden, und ohne Widerlegung zu fürchten, würde ich laut
behaupten: dieser einzelne Neuere ist euch allen durch sein Wissen, durch
sein Streben, durch sein sittliches Ideal überlegen; als Denker überragt
er euch bedeutend, und als Dichter ist er euch fast ebenbürtig. Welcher
hellenische Künstler, ich frage es, lässt sich in Bezug auf Schöpferkraft
und Gewalt des Ausdruckes einem Richard Wagner an die Seite stellen? Und
wo hat das gesamte Hellenentum einen Mann hervorgebracht, würdig mit
einem Goethe um den Preis der Menschheit zu streiten? Hier stossen wir
auf einen weiteren Widerspruch, den Schiller‘s Behauptung hervorruft. Denn
wenn unsere Dichter den grössten Poeten Athen‘s nicht in jeder Beziehung
gleichstehen, so ist das die Schuld nicht ihres Talents, sondern ihrer
Umgebung, die den Wert der Kunst nicht begreift; wogegen Schiller die Meinung
vertritt, als Einzelne kämen wir den Athenern nicht gleich, als Ganzes
jedoch sei unsere Kultur der ihrigen überlegen. Ein entschiedener
Irrtum, hinter welchem wieder das Gespenst „Menschheit“ steckt. Denn wenn
auch ein absoluter Vergleich zweier Völker (wenigstens nach meiner
Überzeugung) unzulässig ist, gegen eine Parallelisierung der
individuellen Entwickelungsstadien kann nichts eingewendet werden, und
aus dieser geht hervor, dass wir die Hellenen auf einem höchsten und
(trotz aller schreienden Mängel
—————
¹)
Ohne davon zu sprechen, dass die moderne Athletik nachgewiesenermassen
mehr leistet als die alte. (Vergl. namentlich die verschiedenen Veröffentlichungen
Hueppe‘s.)
858 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
ihrer Individualität) eigentümlich
harmonischen Höhepunkt erblicken, woher der unvergleichliche Zauber
ihrer Kultur stammt, während wir Germanen noch mitten im Werden, im
Widerspruch, in der Unklarheit über uns selber stehen, dazu umringt
und an manchen Punkten bis ins Herz durchdrungen von ungleichartigen Elementen,
die dasjenige, was wir aufbauen, niederreissen und uns dem eigenen Wesen
entfremden. Dort hatte sich eine Volksindividualität bis zur Klarheit
durchgerungen; hier, bei uns, ist alles noch Gährung; schroff isoliert
stehen die höchsten Erscheinungen unseres Geisteslebens nebeneinander,
fast feindlich sich anblickend, und erst nach vieler Arbeit wird es uns
gelingen, als G a n z e s die Stufe zu erklimmen,
auf der hellenische Kultur, auf der römische, indische, ägyptische
Kultur einst standen.
Historisches
Kriterium
Verwerfen wir nun
das Wahngebilde einer fortschreitenden und rückschreitenden Menschheit,
und bescheiden wir uns mit der Erkenntnis, dass unsere Kultur eine spezifisch
nordeuropäische,
721
d. h. germanische ist, so werden wir
zugleich ein sicheres Urteilsprinzip für unsere eigene Vergangenheit
und Gegenwart und zugleich einen sehr nützlichen Massstab für
die zu erwartende Zukunft gewinnen. Denn nichts Individuelles ist unbegrenzt.
So lange wir uns als die verantwortlichen Vertreter der ganzen Menschheit
betrachten, können die Einsichtsvolleren nicht anders als wegen unserer
Elendigkeit und wegen unserer offenbaren Unfähigkeit, ein goldenes
Zeitalter vorzubereiten, verzweifeln; zugleich verrücken aber alle
phrasenreiche Flachköpfe die ernsten, erreichbaren Ziele und untergraben
das, was ich die historische Sittlichkeit nennen möchte, indem sie
— blind gegen unsere allseitige Beschränkung und ohne eine Ahnung
von dem Werte unserer spezifischen Begabung — uns Unmögliches, Absolutes
vorspiegeln: angeborene Menschenrechte, ewigen Frieden, allseitige Brüderlichkeit,
gegenseitiges Ineinanderaufgehen u. s. w. Wissen wir dagegen, dass wir
Nordeuropäer als bestimmtes Individuum dastehen, nicht für die
Menschheit, wohl aber für unsere eigene Persönlichkeit verantwortlich,
so werden wir unser Werk als ein eigenes lieben und hochschätzen,
wir werden erkennen, dass es noch lange nicht vollendet, sondern noch recht
mangelhaft und
859 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
namentlich noch lange nicht selbständig
genug ist; kein Bild einer „absoluten“ Vollendung wird uns verführen,
sondern wir werden, wie Shakespeare es wollte, uns selber treu bleiben
und uns bescheiden, innerhalb der Schranken des dem Germanen Erreichbaren
unser Bestes zu leisten; wir werden uns zielbewusst gegen das Ungermanische
verteidigen, und nicht nur unser Reich immer weiter über die Erdoberfläche
und über die Kräfte der Natur auszudehnen suchen, sondern namentlich
die innere Welt uns unbedingt unterwerfen, indem wir Diejenigen, die nicht
zu uns gehören und die sich doch Gewalt über unser Denken erobern
wollen, schonungslos zu Boden werfen und ausschliessen. Oft sagt man, die
Politik dürfe keine Rücksichten kennen; gar nichts darf Rücksichten
kennen; Rücksicht ist Verbrechen an sich selbst, Rücksicht ist
der Soldat, der in der Schlacht davonläuft, dem Feinde seine „Rücksicht“
als Zielscheibe bietend. Die heiligste Pflicht des Germanen ist, dem Germanentum
zu dienen. Daraus ergiebt sich ein geschichtlicher Wertmesser. Wir werden
auf allen Gebieten denjenigen Mann als den grössten, diejenige That
als die bedeutendste erkennen und feiern, welche das spezifisch germanische
Wesen am erfolgreichsten gefördert oder die Vorherrschaft des Germanentums
am kräftigsten unterstützt haben. So nur gewinnen wir einen begrenzenden,
organisierenden, durch-
722
aus positiven Grundsatz des Urteils.
Um an einen allbekannten Fall anzuknüpfen: warum besitzt die Erscheinung
des grossen Byron für jeden echten Germanen, trotz aller Bewunderung,
die sein Genie einflösst, etwas Abstossendes? Treitschke hat diese
Frage in seinem prächtigen Essay über Byron beantwortet: „weil
wir in diesem reichen Leben nirgends dem Gedanken der Pflicht begegnen“.
Das ist ein widerwärtig ungermanischer Zug. Dagegen nehmen wir an
seinen Liebesabenteuern nicht den geringsten Anstoss; in ihnen bewährt
sich vielmehr echte Rasse; und mit Genugthuung sehen wir, dass Byron —
im Gegensatz zu Virgil, Juvenal, Lucian und ihren modernen Nachahmern —
zwar ausschweifend war, doch nicht frivol. Den Weibern gegenüber empfindet
er ritterlich. Das begrüssen wir als ein Zeichen germanischer Eigenart.
In der Politik wird sich dieser Gesichtspunkt
860 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
ebenfalls überall bewähren.
Die Fürsten z. B. werden wir loben, wenn sie gegen die Ansprüche
Rom‘s auftreten — nicht weil uns irgend ein dogmatisch-religiöses
Vorurteil dazu hinreisst, sondern weil wir in jeder Abwehr des internationalen
Imperialismus eine Förderung des Germanentums erblicken müssen;
wir werden sie tadeln, wenn sie dazu vorschreiten, sich selber als von
Gottes Gnaden eingesetzte absolute Herrscher zu betrachten, denn hiermit
erweisen sie sich als Plagiatoren des erbärmlichen Völkerchaos
und vernichten das urgermanische Gesetz der Freiheit, womit zugleich die
besten Kräfte des Volkes gebunden werden. In vielen Fällen ist
freilich die Lage eine sehr verwickelte, doch auch da hellt der selbe regulative
Grundsatz alles auf. So hat z. B. Ludwig XIV. durch seine schmähliche
Verfolgung der Protestanten den späteren Rückgang Frankreichs
verursacht; er hat damit eine That von unermesslicher antigermanischer
Tragweite vollbracht und zwar in seiner Eigenschaft als Jesuitenzögling,
von seinen Lehrern in so krasser Unwissenheit erzogen, dass er nicht einmal
seine eigene Sprache korrekt schreiben konnte und von Geschichte gar nichts
wusste¹) — und doch bewährte sich dieser Fürst als echter
Germane nach manchen Richtungen hin, z. B. in seiner herzhaften Verteidigung
der Sonderrechte und der grundsätzlichen Selbständigkeit der
gallikanischen Kirche gegenüber römischen Anmassungen (es ist
wohl selten ein katholischer König so rücksichtslos bei jeder
Gelegenheit gegen die Person
723
des Papstes vorgegangen), wie auch in
seiner grossen allgemein organisatorischen Thätigkeit.²) Ein
anderes Beispiel wäre Friedrich der Grosse von Preussen, der die Interessen
des gesamten Germanentums in Centraleuropa nur als unbedingt autokratischer
Kriegsführer und Staatenlenker wahren konnte, dabei aber so
—————
¹)
Vergl. den Brief 16 in dem Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich
dem Grossen.
²)
Es thut gut, immer wieder Buckle‘s Philippica gegen Ludwig XIV. zu lesen
(Civilisation II, 4)‚ doch giebt Voltaire (auf den auch Buckle hinweist)
ein weit gerechteres Bild in seinem Siècle de Louis XIV.
(siehe namentlich das 29. Kapitel über die Arbeitskraft, die Menschenkenntnis
und die organisatorischen Gaben des Königs).
861 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
echt freisinnig war, dass mancher Wortführer
der französischen Revolution bei diesem Monarchen hätte in die
Schule gehen sollen. Und dabei fällt mir noch ein politisches Beispiel
von dem Wert dieses Kardinalgrundsatzes ein: wer die Entwickelung und Blüte
des Germanentums als massgebend betrachtet, wird nicht lange im Zweifel
sein, welches Dokument am meisten Bewunderung verdient: die Déclaration
des droits de l‘homme oder die Declaration of Independence der
Vereinigten Staaten Nordamerika‘s. Hierauf komme ich noch zurück.
Auf anderen Gebieten als auf dem politischen bewährt sich die Einsicht
in die individuelle Natur des germanischen Geistes eben so sehr. Die kühne
Erforschung der Erde erweiterte nicht bloss das Feld für einen Unternehmungssinn
wie keine andere Rasse ihn je besessen hat, noch heute besitzt, sondern
befreite unseren Geist aus der Stubenatmosphäre der klassischen Büchereien
und gab ihn sich selbst zurück; Kopernikus riss das einengende Himmelszelt
herunter und damit auch den ins Christentum übergegangenen Himmel
der Ägypter, und sofort stand das Himmelreich des Germanen da: „Die
Menschen haben je und allewege gemeint, der Himmel sei viele hundert oder
tausend Meilen von diesem Erdboden . . . . . . der rechte Himmel
ist aber allenthalben, auch an dem Orte, wo du stehst und gehst.“¹)
Der Buchdruck diente zu allererst zur Verbreitung des Evangeliums und Bekämpfung
der antigermanischen Theokratie. Und so weiter ins Unendliche.
Innere
Gegensätze
Hieran knüpft
sich nun noch eine für die klare Erkenntnis und Unterscheidung des
echt Germanischen sehr wichtige Bemerkung. In den zuletzt genannten Dingen,
sowie in tausend anderen entdecken wir überall jene spezifische Eigentümlichkeit
des Germanen: das enge Zusammengehen — wie Zwillingsbrüder, Hand in
Hand — des Praktischen und des Idealen (siehe S.
510).
724
Ähnlichen Widersprüchen werden
wir überall bei ihm begegnen und sie gleich hochschätzen. Denn
die Erkenntnis, dass es sich um ein Individuelles handelt, wird uns vor
allem lehren, nicht die logischen Begriffe absoluter Theorien über
Gutes und Böses,
—————
¹)
Jakob Böhme: Aurora 19.
862 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Höheres und Niedrigeres bei der
Beurteilung zu Rate zu ziehen, sondern unser Augenmerk auf die Individualität
zu richten; jede Individualität wird aber stets am besten aus ihren
inneren Gegensätzen erkannt; wo sie einförmig ist, ist sie auch
ungestaltet, unindividuell. So z. B. ist für den Germanen eine noch
nie dagewesene Ausdehnungskraft charakteristisch und zugleich eine Neigung
zu einer vor ihm unbekannten Sammlung. Die Ausdehnungskraft sehen wir am
Werke: auf praktischem Gebiete in der allmählichen Besiedelung der
ganzen Erdoberfläche, auf wissenschaftlichem in der Aufdeckung des
unbegrenzten Kosmos, in dem Suchen nach immer ferneren Ursachen, auf idealem
in der Vorstellung des Transscendenten, in der Kühnheit der Hypothesen,
sowie in dem künstlerischen Adlerflug, der zu immer umfassenderen
Ausdrucksmitteln führt. Zugleich erfolgt aber jene Rückkehr in
immer enger gezogene Kreise, durch Wälle und Gräben von allem
Äusseren sorglich abgegrenzt: das Stammverwandte, das Vaterland, den
Gau,¹) das eigene Dorf, das unverletzliche Heim (my home is my
castle, gleich wie in Rom), den engsten Familienkreis, zuletzt das
Zurückgehen auf den innersten Mittelpunkt des Individuums, welches
nun, bis zum Bewusstsein der unbedingten Einsamkeit geläutert, der
Welt der Erscheinung als unsichtbares, selbständiges Wesen entgegentritt,
ein höchster Herr der Freiheit (gleich wie bei den Indern); eine Kraft
der Sammlung, die sich auf anderen Gebieten äussert als Aufteilung
in kleine Fürstentümer, als Beschränkung auf ein „Fach“
(sei es in Wissenschaft oder Industrie), als Sekten- und Schulwesen (gleich
wie in Griechenland), als intimste poetische Wirkung, wie z. B. der Holzschnitt,
die Radierung, die Kammermusik. Im Charakter bedeuten diese durch die höhere
Individualität der Rasse zusammengehaltenen gegensätzlichen Anlagen
Unternehmungsgeist, gepaart mit Gewissenhaftigkeit, oder aber — wenn auf
Irrwege geraten — Spekulation (Börse oder Philosophie, gleichviel)
und engherzige Pedanterie und Kleinmütigkeit.
—————
¹)
Wundervoll in Jakob Grimm‘s Lebenserinnerungen geschildert, wo er beschreibt,
wie die Hessen-Nassauer auf die Hessen-Darmstädter „mit einer Art
von Geringschätzung herabsehen“.
863 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Es kann nicht mein
Zweck sein, eine erschöpfende Schilderung der germanischen Individualität
zu versuchen; alles Indi-
725
viduelle — so deutlich und zweifellos
erkennbar es auch sei — ist unerschöpflich. „Das Beste wird nicht
deutlich durch Worte“, sagt Goethe; und ist Persönlichkeit das höchste
Glück der Erdenkinder, so ist wahrlich die Individualität der
bestimmten Menschenart ein „Bestes“: denn sie ist es, welche alle einzelnen
Persönlichkeiten trägt, wie die Flut das Schiff, und ohne welche
(oder auch wenn diese Flut zu seicht ist, um Grosses spielend emporzuheben)
der bedeutendste Charakter, gestrandet und gekentert, unfähig zu Thaten
daliegen muss. Einiges zur Charakterisierung der Germanen ist ja ohnehin
schon im 6. Kapitel als Anregung
geboten worden, gar manches andere wird sich aus dem in der zweiten Hälfte
dieses Kapitels Vorgetragenen ergeben, doch ebenfalls lediglich als Anregung,
als Aufforderung, die Augen zu öffnen und selber zu schauen.
Die
germanische Welt
Einzig der Anblick
dessen, was die Germanen geleistet haben, wird uns gründlichere Belehrung
gewähren. Dieses wäre nun die Aufgabe, die mir in diesem Kapitel
noch bevorstünde; die allmähliche „Entstehung einer neuen Welt“
besprechen, hiesse eine Schilderung der allmählichen Entstehung der
germanischen Welt geben. Das Wichtigste zu ihrer Lösung ist aber,
nach meiner Meinung, durch die Aufstellung und Begründung dieses grossen
mittleren Lehrsatzes, dass die neue Welt eine spezifisch germanische ist,
schon geschehen. Und zwar ist diese Einsicht eine so wichtige, eine so
entscheidende für jedes Verständnis der Vergangenheit, der Gegenwart
und der Zukunft, dass ich sie noch ein letztes Mal kurz zusammenfassen
will.
Die Civilisation
und Kultur, welche, vom nördlichen Europa ausstrahlend, heute einen
bedeutenden Teil der Welt (doch in sehr verschiedenem Grade) beherrscht,
ist das Werk des Germanentums: was an ihr nicht germanisch ist, ist entweder
noch nicht ausgeschiedener fremder Bestandteil, in früheren Zeiten
gewaltsam eingetrieben und jetzt noch wie ein Krankheitsstoff im Blute
kreisend, oder es ist fremde Ware, segelnd unter germanischer Flagge, unter
germanischem Schutz und Vorrecht, zum Nachteil
864 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
unserer Arbeit und Weiterentwickelung,
und so lange segelnd, bis wir diese Kaperschiffe in den Grund bohren. Dieses
Werk des Germanentums ist ohne Frage das Grösste, was bisher von Menschen
geleistet wurde. Es wurde nicht durch Humanitätswahn, sondern durch
gesunde selbstsüchtige Kraft, nicht durch Autoritätsglauben,
sondern durch freie Forschung, nicht durch Genügsamkeit, sondern durch
unersättlichen Heisshunger geschaffen. Als am spätesten geborenes,
konnte das Geschlecht der Germanen sich die Leistungen Früherer zu
Nutze machen; doch zeugt dies
726
keineswegs für einen allgemeinen
Fortschritt der Menschheit, sondern lediglich für die hervorragende
Leistungsfähigkeit einer bestimmten Menschenart, eine Leistungsfähigkeit,
die erwiesenermassen durch das Eindringen ungermanischen Blutes oder auch
nur (wie in Österreich) ungermanischer Grundsätze allmählich
abnimmt. Dass das Vorherrschen des Germanentums ein Glück für
die sämtlichen Bewohner der Erde bedeute, kann Niemand beweisen; von
Anfang an bis zum heutigen Tage sehen wir die Germanen ganze Stämme
und Völker hinschlachten oder langsam, durch grundsätzliche Demoralisation,
hinmorden, um Platz für sich selber zu bekommen. Dass die Germanen
mit ihren Tugenden allein und ohne ihre Laster — wie da sind Gier, Grausamkeit,
Verrat, Missachtung aller Rechte ausser ihrem eigenen Rechte zu herrschen
(S. 503) u. s.
w. — den Sieg errungen hätten, wird keiner die Stirn haben, zu behaupten,
doch wird Jeder zugeben müssen, dass sie gerade dort, wo sie am grausamsten
waren — wie z. B. die Angelsachsen in England, der deutsche Orden in Preussen,
die Franzosen und Engländer in Nordamerika — dadurch die sicherste
Grundlage zum Höchsten und Sittlichsten legten.
Gewappnet mit diesen
verschiedenen Erkenntnissen, die alle aus der einen mittleren entfliessen,
wären wir also jetzt in der Lage, das Werk der Germanen mit Verständnis
und ohne Vorurteil zu betrachten, wie es vom 12. Jahrhundert an ungefähr,
wo es zuerst als gesondertes Streben deutliche Gestalt zu gewinnen begann,
bis zum heutigen Tage in unaufhörlichem Drange sich entwickelt hat;
wir dürfen sogar hoffen, selbst den grössten Nach-
865 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
teil — den nämlich, dass wir noch
mitten in einer Entwickelung stehen, folglich nur ein Bruchstück gewahren
— einigermassen durch die Unanfechtbarkeit unseres Standpunktes überwinden
zu können. Doch gilt mein Werk dem 19. Jahrhundert allein. So Gott
will, werde ich später dies Säculum zwar nicht ausführlich
schildern, wohl aber mit einiger Gründlichkeit auf seine Gesamtleistung
hin prüfen; inzwischen suche ich in diesem Buche die G
r u n d l a g e n zu dem Wirken und Wähnen dieses entschwindenden
Jahrhunderts in ihren Hauptzügen aufzufinden — weiter nichts. Es kann
mir nicht beikommen, eine Kulturgeschichte des gesamten Slavokeltogermanentums
bis zum Jahre 1800 auch nur als Skizze zu entwerfen, ebensowenig wie es
mir bei der Besprechung des Kampfes in der Religion und im Staate während
des ersten Jahrtausends beigekommen ist, eine geschichtliche Schilderung
zu versuchen. Weder liegt es im Plan dieses Buches, noch besässe ich
dazu die Befähigung. Fast könnte ich also
727
diesen Band abschliessen, jetzt, wo
ich die wesentlichste aller Grundlagen, das Germanentum, deutlich hingestellt
habe. Ich thäte es, wüsste ich ein Buch, auf welches ich meinen
Freund und Kollegen, den ungelehrten Leser, für eine Orientierung
über die Entwickelung des Germanentums bis zum Jahre 1800, entworfen
in dem von mir gemeinten umfassenden und zugleich durchaus individualisierten
Sinne, verweisen könnte. Ich kenne aber keines. Dass eine politische
Geschichte nicht hinreicht, liegt auf der Hand: das wäre das selbe,
als wenn ein Physiolog sich mit der Kenntnis der Osteologie begnügen
wollte. Fast noch verkehrter für gedachten Zweck sind die in letzter
Zeit aufgekommenen Kulturgeschichten, in denen die Dichter und Denker als
Lenker hingestellt, die politischen Gestaltungen dagegen ganz ausser Acht
gelassen werden: das heisst einen Körper schildern ohne Berücksichtigung
des zu Grunde liegenden Knochenbaues. Auch behandeln die ernst zu nehmenden
Bücher dieser Art meist nur bestimmte Abschnitte — wie das 16.
und 17. Jahrhundert von Karl Grün, die Renaissance von
Burckhardt, das Zeitalter Ludwig‘s des XIV. von Voltaire, u. s.
w., oder begrenzte Gebiete — wie Buckle‘s Civilisation in England
(eigentlich in
866 Die
Entstehung einer neuen Welt. Die Germanen als Schöpfer einer neuen
Kultur.
Spanien, Schottland und Frankreich),
Rambaud‘s Civilisation Française, Henne am Rhyn‘s Kulturgeschichte
der Juden u. s. w., oder wiederum besondere Erscheinungen — wie Draper‘s
Intellectual
Development of Europe, Lecky‘s Rationalism in Europe, u. s.
w. Die hierher gehörige Litteratur ist sehr gross, doch erblicke
ich darin kein Werk, welches die Entwickelung des gesamten Germanentums
darstellt als das eines lebendigen, individuellen Organismus, bei dem alle
Lebenserscheinungen — Politik, Religion, Wirtschaft, Industrie, Kunst u.
s. w. — organisch mit einander verknüpft sind. Am ehesten würde
Karl Lamprecht‘s umfassend angelegte Deutsche Geschichte meinem
Desideratum entsprechen, aber sie ist leider nur eine „deutsche“ Geschichte,
behandelt also nur ein Fragment des Germanentums. Gerade bei einem solchen
Werk sieht man ein, wie misslich die Verwechslung zwischen Germanisch und
Deutsch ist; sie verwirrt Alles. Denn die direkte Anknüpfung der Deutschen
allein an die alten Germanen verdeckt die Thatsache, dass der nicht-deutsche
Norden Europa‘s fast rein germanisch ist im engsten Sinne des Wortes, und
lässt uns übersehen, dass gerade in Deutschland, im Mittelpunkt
Europa‘s, die Verschmelzung der drei Zweige —