Hereunder follows the transcription of chapter 9B of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
Zurück zur Hauptseite / Back to main page
The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
DOWNLOAD Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts

INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005
729 868

B

Geschichtlicher Überblick
—————

 

Dich im Unendlichen zu finden,
Musst unterscheiden und dann verbinden.
Goethe

Die Elemente des socialen Lebens
    Unmöglich ist es, Übersicht über eine grosse Anzahl von Thatsachen zu gewinnen, wenn man diese nicht gliedert, und gliedern heisst: erst unterscheiden und dann verbinden. Doch ist uns mit einem beliebigen künstlichen System nicht gedient, und zu den künstlichen gehören alle rein logischen Versuche: das sieht man bei den Pflanzensystemen, von Theophrast bis Linnäus, und ebenso z. B. bei den Versuchen, Künstler nach Schulen zu klassifizieren. Etwas Willkür wirkt freilich bei jeder systematischen Gliederung mit; denn das System entspringt dem sinnenden Gehirn und dient den besonderen Bedürfnissen des menschlichen Verstandes. Es kommt also darauf an, dass dieser ordnende Verstand nicht bloss einzelne, sondern eine möglichst grosse Menge Phänomene überschaue, und dass sein Auge möglichst scharf und treu sehe: auf diese Weise wird seine Thätigkeit ein Maximum an Beobachtung, gepaart mit einem Minimum an eigener Zuthat, ergeben. Man bewundert den   S c h a r f s i n n   und das Wissen von Männern wie Ray, Jussieu, Cuvier, Endlicher: man sollte vor Allem ihren   S c h a r f b l i c k   bewundern, denn was sie auszeichnet, ist die Unterordnung des Denkens unter die Anschauung; aus der intuitiven (d. h. anschaulichen) Erfassung des

869
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Ganzen ergiebt sich ihnen die richtige Gliederung der Teile.
730
Goethe‘s Mahnung, erst zu unterscheiden, dann zu verbinden, müssen wir also erst durch die Einsicht ergänzen, dass nur wer ein Ganzes überschaut, im Stande ist, die Unterscheidungen innerhalb des Ganzen durchzuführen. Auf diese Weise begründete der unsterbliche Bichat die moderne Gewebelehre — ein für uns hier besonders lehrreiches Beispiel. Bis auf ihn war die Anatomie des Menschenkörpers lediglich eine Beschreibung der einzelnen, durch ihre Verrichtungen voneinander unterschiedenen Körperteile; er wies als Erster auf die Identität der Gewebe, aus denen die einzelnen, noch so verschiedenen Organe aufgebaut sind, und ermöglichte hierdurch eine rationelle Anatomie. Wie man bis auf ihn die einzelnen Organe des Körpers als die zu unterscheidenden Einheiten betrachtet hatte und darum zu keiner Klarheit durchgedrungen war, ebenso plagen wir uns mit den einzelnen Organen des Germanentums, d. h. mit seinen Nationen, ab und übersehen dabei, dass hier ein Einheitliches zu Grunde liegt, und dass wir, um die Anatomie und Physiologie des Gesamtkörpers zu verstehen, zuerst diese Einheit als solche erkennen, sodann aber: „die verschiedenen Gewebe isolieren und jedes Gewebe, gleichviel in welchen Organen es vorkommt, untersuchen müssen, um erst zuletzt jedes einzelne Organ in seiner Eigentümlichkeit zu studieren“.¹) Damit wir die Gegenwart und die Vergangenheit des Germanentums recht anschaulich begriffen, brauchten wir nun einen Bichat, der den Gesamtstoff gliederte und ihn uns richtig — d. h. naturgemäss — gegliedert vor Augen führte. Und da er zur Stunde nicht gegenwärtig ist, wollen wir uns, so gut es geht, selber helfen, und zwar nicht etwa, indem wir uns der so viel missbrauchten falschen Analogien zwischen dem tierischen Körper und dem sozialen Körper bedienen, sondern indem wir von Männern wie Bichat die allgemeine Methode lernen: zuerst das Ganze, sodann seine elementaren Bestandteile ins Auge zu fassen, die Zwischendinge aber einstweilen ausser Acht zu lassen.
—————
    ¹) Anatomie Générale, § 6 und § 7 der vorausgeschickten Considérations. Bichat‘s Ausführungen habe ich in obigem Satze frei zusammengezogen.

870
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


    Die verschiedenen Erscheinungen unseres Lebens lassen sich, meine ich, in drei grosse Rubriken zusammenfassen:   W i s s e n,   C i v i l i s a t i o n,   K u l t u r.   Das sind schon gewissermassen „Elemente“, doch so reichgestaltete, dass wir besser thun werden, sie gleich weiter aufzulösen, wobei folgende Tafel als Versuch einer einfachsten Gliederung betrachtet werden mag:
731
Wissen:
  1. Entdeckung
  2. Wissenschaft
Civilisation:
  1. Industrie
  2. Wirtschaft
  3. Politik und Kirche
Kultur:
  1. Weltanschauung (einschliesslich Religion und Sittenlehre)
  2. Kunst
    Bichat‘s anatomische Grundtafel blieb der Wissenschaft als endgültiger Besitz, doch wurde sie nach und nach sehr vereinfacht, und dadurch gewann der organisatorische Gedanke bedeutend an Leuchtkraft; bei meiner Tafel dürfte das umgekehrte Verfahren zur Anwendung kommen müssen; mein Wunsch, zu vereinfachen, hat mich vielleicht nicht Elemente genug anerkennen lassen. Bichat legte eben mit seiner Einteilung die Grundlage zu einem umfassenden Werke und zu einer ganzen Wissenschaft; ich dagegen teile in einem Schlusskapitel in aller Bescheidenheit einen Gedanken mit, der sich mir nützlich erwiesen hat und vielleicht auch Anderen dienen kann; es geschieht ohne Anspruch auf wissenschaftliche Bedeutung.
    Ehe ich nun von dieser Einteilung praktischen Gebrauch mache, muss ich sie — um Missverständnissen und Einwürfen vorzubeugen — kurz erläutern, und zwar kann ich erst dann den Wert der Gliederung in Wissen, Civilisation und Kultur zeigen, wenn wir über die Bedeutung der einzelnen Elemente einig sind.
    Unter   E n t d e c k u n g   verstehe ich die Bereicherung des Wissens durch konkrete Thatsachen: zunächst ist hier an die Entdeckung immer grösserer Striche unseres Planeten zu denken,, also an die materiell-räumliche Ausdehnung unseres Wissens-

871
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


und Schaffensmaterials. Jedes andere Fernerrücken der Grenzpfähle unseres Wissens ist aber ebenfalls Entdeckung: das Erforschen des Kosmos, das Sichtbarmachen des unendlich Kleinen, das Aufgraben des Verschütteten, das Auffinden bisher unbekannter Sprachen, u. s. w. —   W i s s e n s c h a f t   ist etwas wesentlich Anderes: sie ist die methodische Verarbeitung des Entdeckten zu einem bewussten, systematischen „Wissen“. Ohne Entdecktes, d. h. ohne anschauliches Material — durch Erfahrung gegeben, durch Beobachtung genau bestimmt — wäre sie lediglich ein methodologisches Gespenst; als Mathematik bliebe dann ihr Mantel, als Logik ihr Skelett in unseren Händen; doch ist andrer-
732
seits gerade Wissenschaft die grösste Förderin der Entdeckung. Als Galvani‘s Laboratoriumdiener die Schenkelmuskeln eines präparierten Frosches zusammenzucken sah, hatte er eine Thatsache entdeckt; Galvani selber hatte sie gar nicht bemerkt;¹) als jedoch dieser Meister von der Sache erfuhr, da durchzuckte es sein Hirn nicht bloss wie der dunkle Strom die Froschkeule oder wie das gaffende Staunen den Diener, sondern als grell leuchtender Geistesblitz: ihm, dem wissenschaftlich Gebildeten that sich die Ahnung weitläufiger Zusammenhänge mit allerhand anderen bekannten und noch unbekannten Thatsachen auf und trieb ihn zu endlosen Experimenten und wechselnd angepassten Theorien. Der Unterschied zwischen Entdeckung und Wissenschaft leuchtet durch dieses Beispiel ein. Schon Aristoteles hatte gesagt: „erst Thatsachen sammeln, dann sie denkend verbinden“; das erste ist Entdeckung, das zweite Wissenschaft. Justus Liebig — den ich in diesem Kapitel besonders gern vorführe, da er ein Vertreter echtester Wissenschaft ist — schreibt: „Alle (wissenschaftliche) Forschung ist deduktiv oder apriorisch. Eine empirische Nachforschung in dem gewöhnlichen Sinne existiert gar nicht. Ein Experiment, dem nicht eine Theorie, d. h. eine   I d e e,   vorhergeht, verhält sich zur Naturforschung wie das Rasseln mit einer
—————
    ¹) Dies berichtet Galvani mit nachahmungswerter Aufrichtigkeit in seiner De viribus electricitatis in motu musculari commentatio.

872
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Kinderklapper zur Musik.“¹) Dies gilt von jeder Wissenschaft, denn alle Wissenschaft ist Naturwissenschaft. Und wenn auch häufig die Grenze schwer zu ziehen ist, schwer nämlich für denjenigen, der nicht in der Werkstätte bei der Arbeit gegenwärtig war, so ist sie dennoch durchaus real und führt zunächst zu einer sehr wichtigen Einsicht: dass nämlich neun Zehntel der sogenannten Männer der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts lediglich Laboratoriumdiener waren, die entweder ohne jegliche vorhergegangene Idee Thatsachen zufällig entdeckten, d. h. Material zusammentrugen, oder den von den wenigen hervorragenden Männern — einem Cuvier, einem Jakob Grimm, einem Bopp, einem Robert Bunsen, einem Robert Mayer, einem Clerk MaxweIl, einem Darwin, einem Pasteur, einem Savigny, einem Eduard Reuss, u. s. w. — hinausgegebenen Ideen sich sklavisch anschlossen und nur dank dieser Beleuchtung Nützliches schufen. Diese Grenze echter Wissenschaft nach unten zu darf nie aus den Augen verloren werden. Ebensowenig die nach oben zu.
733
Sobald nämlich der Geist nicht allein, wie bei Galvani, beobachtete Thatsachen durch eine „vorangegangene Idee“ unter einander verknüpft und dergestalt zu einem menschlich durchdachten Wissen organisiert, sondern sich über das durch die Entdeckung gelieferte Material zu freier Spekulation erhebt, handelt es sich nicht mehr um Wissenschaft, sondern um Philosophie. Ein gewaltiger Sprung geschieht dadurch, wie von einem Gestirn auf ein anderes; es handelt sich um zwei Welten, so verschieden von einander wie der Ton von der Luftwelle, wie der Ausdruck von dem Auge; in ihnen tritt die unüberwindliche, unüberbrückbare Duplicität unseres Wesens an den Tag. Im Interesse der Wissenschaft (welche ohne Philosophie zu keinem Kulturelement heranwachsen kann), im Interesse der Philosophie (die ohne Wissenschaft einem Monarchen ohne Volk gleicht) wäre es wünschenswert, dass jeder Gebildete das klare Bewusstsein dieser Grenze besässe. Doch gerade in dieser Beziehung wurde
—————
    ¹) Francis Bacon von Verulam und die Geschichte der Naturwissenschaften, 1863.

873
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


und wird immer noch unendlich viel gesündigt; das 19. Jahrhundert war eine Hexenküche durcheinandergeworfener Begriffe, widernatürlicher Paarungsversuche zwischen Wissenschaft und Philosophie, und die Attentäter konnten wie das Hexenvolk von sich melden:
Und wenn es uns glückt,
Und wenn es sich schickt,
So sind es Gedanken.
Die Gedanken sind denn auch danach, denn es glückt nie und es schickt sich nie. So viel über den Begriff der Wissenschaft. — Die   I n d u s t r i e   wäre ich für meine Person geneigt der Gruppe des Wissens zuzurechnen, denn von allen menschlichen Lebensbethätigungen steht gerade sie in unmittelbarster Abhängigkeit vom Wissen; genau so wie die Wissenschaft, fusst sie überall auf Entdeckung, und jede industrielle „Erfindung“ bedeutet eine Kombination bekannter Thatsachen durch Vermittelung einer „vorangegangenen Idee“ (wie Liebig sagte). Ich fürchte aber, überflüssigen Widerspruch zu erregen, da ja andrerseits die Industrie die allerengste Bundesgenossin der wirtschaftlichen Entwickelung und somit eine bestimmende Grundlage aller Civilisation ist. Keine Gewalt der Welt vermag es, eine industrielle Errungenschaft zurückzuhalten. Die Industrie gleicht fast einer blinden Naturkraft: widerstehen kann man ihr nicht, und, tritt sie auch, einem gezähmten Tiere gleich, gebändigt und dienend in die Erscheinung, es weiss doch Keiner, wohin sie führt. Die Entwickelung der Sprengstofftechnik, der Schiessgewehre, der
734
Dampfmaschinen sind Beispiele und Beweise. Wie Emerson treffend sagt: „Das Maschinenwesen unserer Zeit gleicht einem Luftballon, der mit dem Aëronauten davongeflogen ist.“¹) Wie unmittelbar andrerseits die Industrie auf Wissen und Wissenschaft zurückwirkt, erhellt schon zur Genüge aus dem einen Beispiel des Buchdruckes. — Unter   W i r t s c h a f t   verstehe ich die gesamte ökonomische Lage eines Volkes: manchmal selbst bei hoher Kultur ein sehr einfaches Gebilde, wie z. B. im ältesten Indien,
—————
    ¹) English Traits: Wealth.

874
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


manchmal zu enormer Verwickeltheit heranwachsend, wie im alten Babylon und ebenso bei uns Germanen. Dieses Element bildet den Mittelpunkt aller Civilisation; es wirkt nach unten und nach oben zu, seinen Charakter allen Äusserungen des gemeinschaftlichen Lebens aufprägend. Gewiss tragen Entdeckungen, Wissenschaft und Industrie mächtig zu der Gestaltung der wirtschaftlichen Existenzbedingungen bei, doch schöpfen sie selber die Möglichkeit des Entstehens und des Bestehens, sowie Förderung und Hemmnis, aus dem wirtschaftlichen Organismus. Darum kann die Natur, die Richtung, die Entwickelungstendenz einer bestimmten wirtschaftlichen Gestaltung so anreizend wie gar nichts anderes auf das gesamte Leben des Volkes wirken, oder auch auf ewig lähmend. Alle Politik — die Herren Pragmatiker mögen sagen, was sie wollen — ruht im letzten Grunde auf wirtschaftlichen Verhältnissen, nur ist die Politik der sichtbare Körper, die ökonomische Lage das ungesehene Blutgeäst. Dieses ändert sich nur langsam, doch, hat es sich einmal geändert — kreist das Blut dickflüssiger als früher oder treibt es im Gegenteil neue Anastomosen lebenspendend durch alle Glieder — so muss die Politik mit, ob sie will oder nicht. Niemals blüht ein Staatswesen auf   d u r c h   die Politik (wie sehr der Schein auch täuschen mag), sondern   t r o t z   der Politik; nie kann Politik allein einem Staatswesen Leben dauernd sichern — man betrachte nur das späte Rom und Byzanz. England soll die politische Nation par excellence sein, doch sehe man genauer zu und man wird finden, dass dieser ganze politische Apparat der Eindämmung der speziell politischen Gewalt und der Entfesselung der übrigen — unpolitischen, lebendigen — Kräfte, namentlich der wirtschaftlichen gilt: schon die Magna Charta bedeutet die Vernichtung der politischen Justiz zu Gunsten der freien Rechtsprechung. Alle Politik ist ihrem Wesen nach lediglich Reaktion, und zwar Reaktion auf wirtschaftliche Bewegungen; nur sekundär erwächst sie zu einer be-
735
drohlichen, doch nie zu einer in letzter Instanz entscheidenden Macht.¹) Und ist auch nichts auf der Welt schwerer, als über
—————
    ¹) Das Wort   R e a k t i o n   verstehe ich natürlich wissenschaft-

875
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


allgemeine wirtschaftliche Fragen zu sprechen, ohne Unsinn zu reden — so geheimnisvoll weben hier die Nornen (Erwerben, Bewahren, Verwerten) das Schicksal der Nationen und ihrer einzelnen Mitglieder — so vermögen wir nichtsdestoweniger, leicht die Bedeutung der Wirtschaft als vorwiegenden und mittleren Faktor aller Civilisation einzusehen. — P o l i t i k bezeichnet nicht allein das Verhältnis einer Nation zu den anderen, auch nicht allein den Widerstreit im Innern des Staates zwischen den Einfluss suchenden Kreisen und Personen, sondern die gesamte sichtbare und so zu sagen künstliche Organisation des gesellschaftlichen Körpers. Im zweiten Kapitel dieses Buches (S. 163) habe ich das Recht definiert als: Willkür an Stelle von Instinkt in den Beziehungen zwischen den Menschen; der Staat ist nun der Inbegriff der gesamten, zugleich unentbehrlichen und doch willkürlichen, Abmachungen, und die Politik ist der Staat am Werke. Der Staat ist gewissermassen der Wagen, die Politik der Kutscher; ein Kutscher aber, der selber Wagner ist und an seinem Gefährt unaufhörlich herumbessert; manchmal wirft er auch um und muss sich einen neuen Wagen bauen, doch besitzt er dazu kein Material ausser dem alten, und so gleicht denn das neue Fuhrwerk gewöhnlich bis auf kleine Äusserlichkeiten dem früheren — es wäre denn, das wirtschaftliche Leben hätte wirklich inzwischen noch nicht Dagewesenes herbeigeschafft. Die   K i r c h e   nenne ich auf meiner Tafel zugleich mit Politik: es ging nicht anders; ist der Staat der Inbegriff aller willkürlichen Abmachungen, so ist das, was wir gewöhnlich und offiziell unter dem Worte „Kirche“ verstehen, das vollendetste Beispiel raffinierter Willkür. Denn hier ist nicht allein von den Beziehungen der Menschen untereinander die Rede, sondern der organisierende Trieb der Gesellschaft greift in das Innere des Einzelnen hinein und verbietet ihm auch hier — so weit es gehen will — der Notwendigkeit seines Wesens
—————
lich, d. h. als eine Bewegung, die auf einen Reiz hin erfolgt, nicht im Sinne unserer modernen Parteibenennungen; doch ist der Unterschied nicht gar so gross: unsere sogenannten „Reaktionäre“ gleichen mehr als sie es ahnen den unwillkürlich zuckenden Froschkeulen Galvani‘s.

876
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


zu gehorchen, indem ihm ein willkürlich festgesetztes, bis ins Einzelne bestimmtes Glaubensbekenntnis, sowie ein bestimmtes Zeremoniell für die Erhebung des Gemütes zur Gottheit, als Ge-
736
setz aufgezwungen wird. Die Notwendigkeit von Kirchen nachweisen, hiesse Eulen nach Athen tragen; doch werden wir deswegen nicht bezweifeln, dass wir hier den Finger auf den wundesten Punkt aller Politik gelegt haben, auf denjenigen nämlich, wo sie sich von der bedenklichsten Seite zeigt. Sonst konnte sie viele und manchmal recht mörderische Fehler begehen, hier liegt aber die Versuchung zum grössten aller Frevel nahe, zu der eigentlichen „Sünde gegen den heiligen Geist“, welche ist: die Vergewaltigung des inneren Menschen, der Raub der Persönlichkeit. —   W e l t a n s c h a u u n g   habe ich statt Philosophie gesetzt, denn dieses griechische „Weisheit liebend“ ist eine traurig blasse und kalte Vokabel, und gerade hier handelt es sich um Farbe und Glut. Weisheit! Was ist Weisheit? Ich werde hoffentlich nicht in die Lage kommen, Sokrates und die Pythia anführen zu müssen, damit die Ablehnung eines griechischen Wortes gerechtfertigt werde. Dagegen ist die deutsche Sprache hier, wie so oft, unendlich tief; sie nährt uns mit guten Gedanken, die uns mühelos zufliessen, wie die Muttermilch dem Kinde. „Welt“ heisst ursprünglich nicht die Erde, nicht der Kosmos, sondern die Menschheit.¹) Streift auch das Auge durch den Raum, folgt ihm der Gedanke wie jene Elfen, die auf Strahlen reitend jede Entfernung mühelos zurücklegen: der Mensch kann doch nur sich selbst erkennen, seine Weisheit wird immer Menschenweisheit sein, seine Weltanschauung, wie makrokosmisch sie sich auch im Wahne des Allumfassens ausdehnen mag, wird immer nur das mikrokosmische Bild in dem Gehirn eines einzelnen Menschen sein. Das erste Glied dieses Wortes „Weltanschauung“ weist uns also gebieterisch auf unsere Menschennatur und auf ihre Grenzen hin. Von einer absoluten „Weisheit“ (wie das griechische Rezept es will), von irgend einem noch so geringfügigen absoluten Wissen
—————
    ¹) Kollektivum aus wër, Mann, und ylde, Menschen, gebildet (Kluge).

877
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


kann nicht die Rede sein, sondern nur von Menschenwissen, von dem, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten zu wissen gemeint haben. Und nun, was ist dieses Menschenwissen? Darauf antwortet das deutsche Wort: um den Namen „Wissen“ zu verdienen, muss es Anschauung sein. Wie Arthur Schopenhauer sagt: „Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der Anschauung.“ Und weil dem so ist, kommt es für den verhältnismässigen Wert einer Weltanschauung mehr auf die Sehkraft als auf die abstrakte Denkkraft an, mehr auf die Richtigkeit der Perspektive, auf die Lebhaftigkeit des Bildes, auf dessen
737
k ü n s t l e r i s c h e   Eigenschaften (wenn ich mich so ausdrücken darf), als auf die Menge des Geschauten. Der Unterschied zwischen dem Angeschauten und dem Gewussten gleicht dem zwischen Rembrandt‘s „Landschaft mit den drei Bäumen“ und einer von dem selben Standpunkt aufgenommenen Photographie. Hiermit ist aber die Weisheit, die in dem Worte Weltanschauung liegt, noch nicht erschöpft; denn die Sanskritwurzel des Wortes „schauen“ bedeutet „dichten“: wie das Beispiel mit Rembrandt zeigt, ist das Schauen, weit entfernt ein passives Aufnehmen von Eindrücken zu sein, die aktivste Bethätigung der Persönlichkeit; in der Anschauung ist Jeder notgedrungen Dichter, sonst „schaut“ er gar nichts, sondern spiegelt mechanisch das Gesehene wieder wie ein Tier.²) Darum ist die ursprüngliche Bedeutung des (mit schauen verwandten) Wortes   s c h ö n   nicht „hübsch“, sondern „deutlich zu sehen, hell beleuchtet“. Gerade diese Deutlichkeit ist das Werk des beschauenden Subjektes; die Natur ist an und für sich nicht deutlich, vielmehr bleibt sie uns zunächst, wie Faust klagt, „edel-stumm“; ebensowenig wird das Bild in unserem Hirn von aussen beleuchtet: um es genau zu erblicken, muss innerlich eine helle Fackel angezündet werden. Schönheit ist die Zugabe des Menschen: durch sie wird aus Natur Kunst, und durch sie wird aus Chaos Anschauung. Hier gilt Schiller‘s Wort von dem Schönen und Wahren:
—————
    ¹) Vergl. hierzu die grundlegenden Ausführungen am Anfang des ersten Kapitels dieses Buches über das Menschwerden des Menschen. (S. 53 bis 62.)

878
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Es ist nicht draussen, da sucht es der Thor;
Es ist in dir, du bringst es ewig hervor.
    Die Alten hatten zwar gemeint, das Chaos sei ein vorangegangener, überwundener Standpunkt der Welt.
Allererst ist das Chaos entstanden
singt schon Hesiod; und nun sollte die allmählige Entwickelung zu immer vollendeterer Gestaltung gefolgt sein: der kosmischen Natur gegenüber eine offenbar ungereimte Vorstellung, da Natur gar nichts ist, wenn nicht die Herrschaft des Gesetzes, ohne welche sie gänzlich unerkennbar bliebe; wo aber Gesetz herrscht, da ist nicht Chaos. Nein, das Chaos ist im Menschenkopf — nirgends anders — zu Hause gewesen, bis es eben durch „Anschauung“ zu deutlich sichtbarer, hell beleuchteter Gestalt ge-
738
formt wurde; und diese schöpferische Gestaltung ist das, was wir als   W e l t a n s c h a u u n g   zu bezeichnen haben.¹) Wenn Professor Virchow und Andere rühmen, unsere Zeit „brauche keine Philosophie“, denn sie sei „das Zeitalter der Wissenschaft“, so preisen sie ganz einfach die allmähliche Rückkehr aus Gestaltung zu Chaos. Doch straft sie die Geschichte der Wissenschaft Lügen; denn nie war Wissenschaft anschaulicher als im 19. Jahrhundert und das kann immer nur unter Anlehnung an eine umfassende Weltanschauung (also an Philosophie) stattfinden; ja, man trieb die Verwechslung der Gebiete so weit, dass Männer wie Ernst Haeckel förmliche Religionsgründer wurden, dass Darwin immerfort mit einem Fuss in unverfälschter Empirie, mit dem anderen in haarsträubend kühnen philosophischen Voraussetzungen breitbeinig fortschreitet, und dass neun Zehntel der lebenden Naturforscher so fest an Atome und Äther glauben, wie ein Maler aus dem Trecento an die kleine nackte Seele, die dem Mund des Gestorbenen entfliegt. Ohne alle Weltanschauung wäre der Mensch ohne jegliche Kultur, eine grosse zweifüssige Ameise. Über   R e l i g i o n   habe ich in diesem Buche schon so viel gesagt und auch an mehr als
—————
    ¹) Über ihre enge Verwandtschaft mit Kunst, siehe S. 54.

879
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


einer Stelle auf ihre Bedeutung als Weltanschauung oder Bestandteil einer Weltanschauung hingewiesen (S. 221 fg., 391 fg., u. s. w.), dass ich das viele, was hier noch hinzuzufügen wäre, unterdrücken zu dürfen glaube. Es ist unmöglich, echte, gelebte Weltanschauung von echter, gelebter Religion zu trennen; die zwei Worte bezeichnen nicht zwei verschiedene Dinge, sondern zwei Richtungen des Gemütes, zwei Stimmungen. So sehen wir z. B. bei den kontemplativen Indern die Religion fast ganz Weltanschauung werden und folglich das   E r k e n n e n   ihren Mittelpunkt bilden, wogegen bei Männern der That (Paulus, Franziskus, Luther) der   G l a u b e   die Achse der gesamten Weltanschauung ist und die philosophische Erkenntnis eine kaum beachtete peripherische Grenzlinie bildet; der hier so grell in die Augen springende Unterschied geht in Wirklichkeit gar nicht sehr tief, wogegen der wirklich grundsätzliche Unterschied der ist zwischen Idealismus und Materialismus der Weltanschauung — gleichviel ob Philosophie oder Religion.¹) In dem betreffenden Abschnitt wird die Darstellung des Werdens und Wachsens unserer germanischen Weltanschauung bis zu Kant, hoffe ich, diese verschiedenen Verhältnisse ganz klar machen und namentlich zeigen, wie Sittenlehre und Weltanschauung miteinander verwachsen
739
sind. Die Verbindungen nach unten zu, zwischen Weltanschauung und Wissenschaft, zwischen Religion und Kirche, fallen in die Augen; die Verwandtschaft mit Kunst wurde schon erwähnt. — Für das, was über   K u n s t   zu sagen wäre, für den Sinn, der diesem Begriffe in der indoeuropäischen Welt beizulegen ist, sowie für die Bedeutung der Kunst für Kultur, Wissenschaft und Civilisation verweise ich vorderhand auf das ganze erste Kapitel.
    Über den Sinn der von mir gebrauchten Worte sind wir uns nun, glaube ich, klar. Dass bei einem so summarischen Verfahren manches schwankend bleibt, ist ohne Weiteres zuzugeben; der Schaden ist aber nicht gross, im Gegenteil, die Knappheit zwingt zu genauem Denken. So fragt man vielleicht, unter welche Rubrik die   M e d i z i n   kommt, da Etliche gemeint haben,
—————
    ¹) Siehe S. 234, 550, u. s. w.

880
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


sie sei eher eine Kunst als eine Wissenschaft. Doch liegt hier, glaube ich, eine missbräuchliche Anwendung des Begriffes Kunst vor, ein Fehler, den auch Liebig begeht, wenn er behauptet: „neunundneunzig Prozent der Naturforschung ist Kunst.“ Liebig begründet seine Behauptung, indem er erstens auf die Mitwirkung der   P h a n t a s i e   bei aller höheren wissenschaftlichen Arbeit, zweitens auf die entscheidende Bedeutung der gerätschaftlichen Erfindungen für jeden Fortschritt des Wissens hinweist: Phantasie ist aber nicht Kunst, sondern nur ihr Werkzeug, und die der Wissenschaft dienenden Artefakten sind zwar ein „Künstliches“, gehören aber durch Ursprung und Zweck offenbar ganz dem Kreise des Industriellen an. Auch der oft betonte Nutzen des intuitiven Blickes für den Arzt begründet nur eine Verwandtschaft mit der Kunst, die auf jedem Gebiet des Lebens statt hat; die medizinische Disciplin ist und bleibt eine Wissenschaft. Dagegen gehört die   P ä d a g o g i k,   sobald sie als praktisches Schul- und Unterrichtswesen aufgefasst wird, zu „Politik und Kirche“. Durch sie werden Seelen gemodelt und in das bunte Gewebe des Übereingekommenen fest eingeflochten; Staat und Kirche halten überall auf nichts mehr als auf den Besitz der Schule und streiten mit einander um nichts hartnäckiger als um die beiderseitigen Ansprüche auf das Recht, sie zu beeinflussen. Ähnlich wird jede Erscheinung des gesellschaftlichen Lebens sich ohne künstlichen Zwang in die kleine Tafel einreihen lassen.

Vergleichende Analysen
    Wer sich nun die Mühe geben will, die verschiedenen uns bekannten Civilisationen im Geiste an sich vorbeiziehen zu lassen, wird finden, dass ihre so auffallende Verschiedenheit auf der Verschiedenheit des Verhältnisses zwischen Wissen, Civilisation (im engeren Sinne) und Kultur beruht, des Näheren durch das Vor-
740
wiegen oder die Vernachlässigung des einen oder anderen der sieben Elemente bedingt ist. Keine Betrachtung ist geeigneter, uns über unsere individuelle Eigenart genauen Aufschluss zu geben.
    Ein sehr extremes und darum lehrreiches Beispiel ist wie immer das Judentum. Hier fehlen Wissen und Kultur, also die beiden Endpunkte, eigentlich ganz: auf keinem Gebiete Entdeckungen, Wissenschaft verpönt (ausser wo die Medizin eine

881
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


lohnende Industrie war), Kunst abwesend, Religion ein Rudiment, Philosophie ein Wiederkauen missverstandener helleno-arabischer Formeln und Zaubersprüche. Dagegen eine abnorme Entwickelung des Verständnisses für wirtschaftliche Verhältnisse, eine zwar geringe Erfindungsgabe auf dem Gebiete der Industrie, doch höchst geschickte Ausbeutung ihres Wertes, eine beispiellos vereinfachte Politik, indem die Kirche das Monopol sämtlicher willkürlicher Bestimmungen an sich gerissen hatte. Ich weiss nicht, wer — ich glaube es war Gobineau — die Juden eine anticivilisatorische Macht genannt hat; sie waren im Gegenteil, und mit ihnen alle semitischen Bastarde, die Phönizier, die Karthager u. s. w., eine ausschliesslich civilisatorische Macht. Daher das eigentümlich Unbefriedigende dieser semitischen Erscheinungen, denn sie haben weder Wurzel noch Blüten: weder haftet ihre Civilisation in einem langsam von ihnen selbst erworbenen, also wirklich eigenen Wissen, noch entfaltet sie sich zu einer individuellen, eigenen, notwendigen Kultur. Das genau entgegengesetzte Extrem erblicken wir in den Indoariern, bei denen die Civilisation gewissermassen auf ein Minimum reduziert erscheint: die Industrie von Parias betrieben, die Wirtschaft so einfach wie möglich belassen, die Politik nie zu grossen und kühnen Gebilden sich aufraffend;¹) dagegen erstaunlicher Fleiss und Erfolg in den Wissenschaften (wenigstens in einigen) und eine tropische Entfaltung der Kultur (Weltanschauung und Dichtkunst). Über den Reichtum und die Mannigfaltigkeit indoarischer Weltanschauung, über die Erhabenheit indoarischer Sittenlehre brauche ich kein Wort mehr zu verlieren — im Verlaufe dieses ganzen Werkes habe ich die Augen des Lesers auf sie gerichtet gehalten. In der Kunst haben die Indoarier zwar nicht entfernt die Gestaltungskraft der Hellenen besessen, doch ist ihre poetische Litteratur die umfangreichste der Welt, in vielen Stücken von höchster Schönheit und von so unerschöpflichem Erfindungsreichtum, dass z. B. die indischen Gelehrten 36 Arten des Dramas unterscheiden müssen, um Ordnung
—————
    ¹) Oder erst sehr spät, zu spät.

741 882 Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.

in diesen einen Zweig ihrer poetischen Produktion zu bringen.¹) In dem Zusammenhang, der uns hier beschäftigt, ist aber folgende Beobachtung die wichtigste. Trotz ihrer Leistungen auf dem Gebiete der Mathematik, der Grammatik u. s. w. übertraf die Kultur der Inder nicht allein ihre Civilisation, sondern auch ihr Wissen um ein Bedeutendes; daher waren die Inder, was der Engländer top-heavy nennt, d. h. zu schwer in den oberen Teilen für die Tragfähigkeit der unteren, und das um so mehr, als ihre Wissenschaft eine fast lediglich formelle war, der das Element der „Entdeckung“ — also das eigentliche Material, oder wenigstens die Herbeischaffung neuen Materials zur Ernährung der höheren Anlagen und zur fortgesetzten Übung ihrer Fähigkeiten — fehlte. Schon hier bemerken wir etwas, was sich in der Folge immer wieder unserer Aufmerksamkeit aufdrängen wird: dass „Civilisation“ eine verhältnismässig indifferente mittlere Masse ist, während enge Beziehungen gegenseitiger Korrelation zwischen „Wissen“ und „Kultur“ bestehen. Der Inder, der sehr geringe Anlagen für empirische Beobachtung der Natur besitzt, besitzt ebenfalls (und wie ich zu zeigen hoffe   i n   F o l g e   d e s s e n )   geringe künstlerische Gestaltungskraft; dagegen sehen wir die abnorme Entwickelung der reinen Gehirnthätigkeit einerseits zu einer beispiellosen Blüte der Phantasie, andrerseits zu einer ebenso unerhörten Entfaltung der logisch-mathematischen Fähigkeiten führen. Wiederum ein ganz anderes Beispiel würden uns die Chinesen liefern, wenn wir Zeit hätten, diesen von unseren Völkerpsychologen so tief in den Dreck geschobenen Karren hier herauszuziehen: denn dass die Chinesen einmal anders waren als sie jetzt sind — erfinderisch, schöpferisch, wissenschaftlich — und dann plötzlich vor etlichen tausend Jahren den Charakter änderten und fortan unbegrenzt stabil blieben — — — eine solche Finte schlucke wer mag! Dieses Volk steht heute im blühendsten, thätigsten Leben, zeigt keine Spur von Verfall, wimmelt und wächst und gedeiht; es war immer so wie es heute ist, sonst wäre Natur
—————
    ¹) Siehe Raja Sourindro Mohun Tagore: The drarnatic sentiments of the Aryas (Calcutta 1881).

883
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


nicht Natur. Und wie ist es? fleissig, geschickt, geduldig, seelenlos. In manchen Dingen erinnert diese Menschenart auffallend an die jüdische, namentlich durch die gänzliche Abwesenheit aller Kultur und die einseitige Betonung der Civilisation; doch ist der Chinese weit fleissiger, er ist der unermüdlichste Ackerbauer der Welt, und er ist in allen manuellen Dingen unendlich geschickt;
742
ausserdem besitzt er, wenn nicht Kunst (in unserem Sinne), so doch Geschmack. Ob der Chinese auch nur bescheidene Anlagen zur Erfindung besitzt, wird zwar täglich fraglicher, doch fasst er wenigstens das auf, was ihm von Anderen übermittelt wird, insofern sein phantasieloser Geist der Sache irgend eine utilitaristische Bedeutung abgewinnen kann, und so besass er denn lange vor uns das Papier, den Buchdruck (in primitiver Gestalt), das Schiesspulver, den Kompass und hundert andere Dinge.¹)
—————
    ¹) Dass das Papier ebensowenig von den Chinesen wie von den Arabern, sondern dass es von den arischen Persern erfunden wurde, steht heute fest (siehe weiter unten, Abschnitt „Industrie“); Richthofen aber — dessen Urteil durch seine rein wissenschaftliche Schärfe und Unabhängigkeit von grossem Werte ist — neigt zu der Annahme, nichts was die Chinesen „an Kenntnissen und Civilisationsmethoden“ besitzen, sei die Frucht des eigenen Ingeniums, sondern alles sei Import. Er weist darauf hin, dass, soweit unsere Nachrichten zurückreichen, die Chinesen es nie verstanden, ihre eigenen wissenschaftlichen Instrumente zu gebrauchen (siehe China, 1877, I, 390, 512 fg., etc.), und er kommt zu dem Ergebnis (S. 424 fg.), die chinesische Civilisation sei in ihren Anfängen auf den früheren Kontakt mit Ariern in Centralasien zurückzuführen. Höchst bemerkenswert in Bezug auf die von mir vertretene These ist auch der detaillierte Nachweis, dass die erstaunlichen kartographischen Leistungen der Chinesen nur so weit reichen, als die politische Verwaltung ein praktisches Interesse daran hatte, sie auszubilden (China, I, 389); jeder weitere Fortschritt war ausgeschlossen, da „reine Wissenschaft“ ein Kulturgedanke ist. — M. von Brandt, ein zuverlässiger Kenner, schreibt in seinen Zeitfragen, 1900, S. 163—164: Die angeblichen Erfindungen der Chinesen aus grauer Vorzeit — Porzellan, Schiesspulver, Kompass — „sind erst spät vom Ausland nach China gebracht worden“. Übrigens wird es aus den Arbeiten Ujfalvi‘s immer klarer, dass Rassen, die wir (mit den Anthropologen) als „arische“ bezeichnen müssen, sich früher durch ganz Asien erstreckten und bis tief hinein ins chinesische Reich ihre Sitze hatten. Die Saken (ein

884 Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.

Mit seiner Industrie hält seine Gelehrsamkeit Schritt. Während wir uns mit sechzehnbändigen Konversationslexicis durchschlagen müssen, besitzen — ich weiss nicht, ob ich schreiben soll die „glücklichen“ oder die „unglücklichen“ — Chinesen gedruckte Encyklopädien von 1000 Bänden!¹) Sie besitzen so ausführliche Geschichtsannalen wie kein zweites Volk der Erde, eine naturgeschichtliche Litteratur, welche die unsere an Massenhaftigkeit übertrifft, ganze Bibliotheken von moralischen Lehrbüchern u. s. w. ad infinitum. Und was nützt ihnen das alles? Sie erfinden (?) das Schiesspulver und werden von jeder kleinsten Nation besiegt und beherrscht; sie besitzen 200 Jahre vor Christus ein Surrogat für das Papier, nicht lange darauf das Papier selber, und bringen bis zur Stunde keinen Mann hervor, würdig darauf zu schreiben; sie drucken vieltausendbändige Realencyklopädien und wissen nichts, rein gar nichts; sie besitzen umständliche Geschichtsannalen und gar keine Geschichte; sie schildern in bewunderns-
743
werter Weise die Geographie ihres Landes und besitzen seit langem ein dem Kompass ähnliches Instrument, unternahmen aber keine Forschungsreisen und entdeckten niemals einen Zoll breit Erde, erzeugten also keinen Geographen, fähig, ihren Gesichtskreis zu erweitern. Den Chinesen könnte man den „Maschine gewordenen Menschen“ nennen. So lange er auf seinen kommunistisch sich selbst regierenden Dörfern bleibt — mit Felderberieselung, Maulbeerbaumkultur, Kinderzeugen u. s. w. beschäftigt — flösst er
—————
ursprünglich arischer Stamm) sind erst anderthalb Jahrhunderte vor Christus aus China vertrieben worden. (Man vergleiche Mémoire sur les Huns blancs von Ujfalvi in der Zeitschrift L‘Anthropologie, Jahrgang 1898, S. 259 ff. und 384 ff., sowie einen Aufsatz von Alfred C. Haddon im Nature vom 24. Januar 1901 und den daran sich schliessenden Aufsatz des Sinologen Thomas W. Kingsmill über Gothic vestiges in Central Asia in der selben Zeitschrift vom 25. April 1901.)
    ¹) Das ist die niedrigste Schätzung. Karl Gustav Carus behauptet in seiner Schrift Über ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheitsstämme für höhere geistige Entwickelung, 1849, S. 67, die umfassendste chinesische Encyklopädie zähle 78731 Bände, wovon etwa 50 auf einen Band unserer üblichen Konversationslexika kämen.

885
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


fasst Bewunderung ein: innerhalb dieser engen Grenzen genügt eben Naturtrieb, mechanische Geschicklichkeit und Fleiss; sobald er sie aber überschreitet, wird er eine geradezu komische Figur; denn diese ganze fieberhafte industrielle und wissenschaftliche Arbeit, dieses Materialiensammeln und Studieren und Buchführen, diese grossartigen Staatsexamina, diese Erhebung der Gelehrsamkeit auf den höchsten Thron, diese vom Staat unterstützte fabelhafte Ausbildung der Kunstindustrie und der Technik führen zu rein gar nichts: es fehlt die Seele, das, was wir hier, im Leben des Gemeinwesens, Kultur genannt haben. Die Chinesen besitzen Moralisten, doch keine Philosophen, sie besitzen Berge von Gedichten und Dramen — denn bei ihnen gehört das Dichten zur Bildung und zum bon ton, etwa wie im Frankreich des 18. Jahrhunderts — doch besassen sie nie einen Dante, einen Shakespeare.¹)
—————
    ¹) Die Nichtigkeit chinesischer Poesie ist bekannt, nur in den kleinsten Formen didaktischer Gedichte hat sie einiges Hübsche hervorgebracht. Über die Musik und das musikalische Drama urteilt Ambros (Geschichte der Musik, 2. Aufl., I, 37): „Dieses China macht wirklich den Eindruck, als sehe man die Kultur anderer Völker im Reflexbilde eines Karikaturspiegels.“ Dass China einen einzigen wirklichen Philosophen hervorgebracht hat, kann ich nach eifriger Umschau in der betreffenden Litteratur nicht glauben. Confucius ist eine Art chinesischer Jules Simon: ein edeldenkender, phantasieloser Ethiker, Politiker und Pedant. Ohne Vergleich interessanter ist sein Antipode Lâo-tze und die um ihn sich gruppierende Schule des sogenannten Tâoismus. Hier begegnen wir einer wirklich originellen, fesselnden Weltauffassung, doch auch sie zielt einzig und allein auf das praktische Leben und ist ohne die direkte genetische Beziehung zu der besonderen Civilisation der Chinesen mit ihrer fruchtlosen Hast und ignoranten Gelehrsamkeit nicht zu begreifen. Denn der Tâoismus, der uns als Metaphysik und Theosophismus und Mysticismus geschildert wird, ist ganz einfach eine nihilistische Reaktion, eine verzweifelte Auflehnung gegen die mit Recht als nutzlos empfundene chinesische Civilisation. Ist Confucius ein Jules Simon aus dem Reich der Mitte, so ist Lâo-tze ein Jean Jacques Rousseau. „Werft von Euch Euer vieles Wissen und Eure Gelehrsamkeit, und dem Volke wird es hundert Mal besser gehen; werft von Euch Euere Wohlthuerei und Euer Moralisieren, und das Volk wird wieder wie ehedem kindliche Liebe und Menschengüte bewähren;

744 886 Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.

    Dieses Beispiel ist, wie man sieht, ungemein lehrreich, denn es beweist, dass aus Wissen und Civilisation Kultur nicht von selbst als ein notwendiges Produkt, als eine folgerechte Evolution hervorgeht, sondern dass Kultur durch die Art der Per-
—————
werft von Euch Euere künstlichen Lebenseinrichtungen und entsagt dem Heisshunger nach Reichtum, so wird es keine Diebe und Verbrecher mehr geben“ (Tâo Teh King, I, 19, 1). Das ist die Grundstimmung; wie man sieht, eine rein moralische, nicht eine philosophische. Daraus ergiebt sich nun, einerseits ein Aufbauen von utopischen Idealstaaten, in denen die Menschen nicht mehr lesen und schreiben können und in ungestörtem Frieden, ohne jede Spur der verhassten Civilisation glücklich dahinleben, zugleich innerlich frei, denn, wie Kwang-tze (ein hervorragender Tâoist) sagt: „Der Mensch ist der Sklave alles dessen, was er erfindet, und je mehr Dinge er uns sich ansammelt, umso unfreier sind seine Bewegungen“ (XII, 2, 5); andrerseits führt aber dieser Gedankengang zu einer Einsicht, die sich wohl niemals mit ähnlicher Eindringlichkeit und Überzeugungskraft kundgethan hat: zu der Lehre, dass in der Ruhe die grösste Triebkraft, in der Ungelehrsamkeit das reichste Wissen, in dem Schweigen die gewaltigste Beredsamkeit, in dem absichtslosen Handeln die bestimmteste Treffsicherheit liege. „Die höchste Errungenschaft des Menschen ist zu wissen, dass wir nicht wissen; wogegen das Wähnen, dass wir wüssten, ein Siechtum ist“ (Tâo Teh King, II, 71, 1). Es ist schwer, diese Stimmung — denn ich kann sie nicht anders nennen — kurz und bündig zusammenzufassen, eben weil sie eine Stimmung, nicht ein konstruktiver Gedanke ist. Man muss diese interessanten Schriften selber lesen und zwar so, dass man nach und nach, durch geduldige Hingabe, die spröde Form überwindet und in das Herz dieser um ihr armes Vaterland trauernden Weisen eindringt. Metaphysik wird man nicht finden, überhaupt keine „Philosophie“, nicht einmal Materialismus in seiner einfachsten Form, doch viel Belehrung über die grauenhafte Beschaffenheit des civilisierten und gelehrten Lebens der Chinesen und eine praktisch-moralische Einsicht in die Natur des Menschen, die so tief ist, wie, die von Confucius flach. Diese Negation bezeichnet den Höhepunkt des dem chinesischen Geist Erreichbaren. (Die beste Quelle zur Belehrung sind die Sacred Books of China, welche Band 3, 16, 27, 28, 39 und 40 der von Max Müller herausgegebenen Sacred Books of the East ausmachen; die Bände 39 und 40 enthalten die tâoistischen Bücher. Die kleine Schrift von Brandt: Die chinesische Philosophie und der Staats-Confucianismus 1898, kann zur vorläufigen Orientierung dienen. Dass irgend Jemand die eigentliche Natur der tâoistischen Philosophie dargelegt habe, ist mir nicht bekannt).

887
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


sönlichkeit, durch die Volks i n d i v i d u a l i t ä t   bedingt wird. Der arische Inder besitzt bei stofflich beschränktem Wissen und sehr gering entwickelter Civilisation eine himmelstürmende Kultur von ewiger Bedeutung, der Chinese, bei riesig ausgedehnten Detailkenntnissen und raffinierter, fieberhaft thätiger Civilisation, gar keine Kultur. Und ebenso wenig wie es nach drei Jahrhunderten gelungen ist, den Neger zum Wissen, oder den ameri-
745
kanischen Indianer zur Civilisation zu erziehen, ebenso wenig wird es jemals gelingen, dem Chinesen Kultur aufzupfropfen. Ein Jeder von uns bleibt eben was er ist und war; was wir fälschlich Fortschritt nennen, ist die Entfaltung eines bereits Vorhandenen; wo es nichts giebt, verliert der König seine Rechte. Auch etwas Anderes zeigt dieses Beispiel mit besonderer Deutlichkeit, und darauf möchte ich, zur Ergänzung des vorhin über die Inder Gesagten, besonderen Nachdruck legen: dass es nämlich ohne Kultur, d. h. ohne jene Anlage des Geistes zu allverbindender, allbeleuchtender Weltanschauung,   k e i n   e i g e n t l i c h e s   W i s s e n   g i e b t.   Wir können und wir sollen Wissenschaft und Philosophie getrennt halten; gewiss; doch sehen wir, dass ohne tiefes Denken keine Möglichkeit umfassender Wissenschaft entsteht; ein ausschliesslich praktisches, auf Thatsachen und auf Industrie gerichtetes Wissen entbehrt jeglicher Bedeutung.¹) Eine wichtige Einsicht! welche durch unsere Erfahrung bei den Indoariern die Ergänzung erhält, dass umgekehrt, bei stockender Zufuhr des Wissensmaterials, das höhere Kulturleben ebenfalls stockt und sich verknöchert, was, wie mich dünkt, durch die Eintrocknung der Schöpferkraft verursacht wird; denn das Mysterium des Daseins bleibt zwar immer das selbe, ob wir auf wenig oder auf vieles schauen, und in jedem Augenblick deckt sich der Umkreis des Unerforschlichen ganz genau mit dem Umkreis des Erforschten; doch stumpft sich die fragende Verwunderung und mit ihr zugleich die schöpferische Phantasie an unverändert Altbekanntem ab.
—————
    ¹) Wie J. J. Rousseau treffend sagt: „Les sciences règnent pour ainsi dire à la Chine depuis deux mille ans, et n‘y peuvent sortir de l‘enfance“ (Lettre à M. de Scheyb, 15. 7. 1756).

888
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Hierzu ein Beleg. Jene grossen Mythenerfinder, die Sumero-Akkadier, waren hervorragende Arbeiter auf dem Gebiete der Naturbeobachtung und der mathematischen Wissenschaft; ihre astronomischen Entdeckungen zeugen von erstaunlicher Präcision, also von nüchtern sicherer Beobachtung; doch, trotz aller Nüchternheit, regten offenbar die Entdeckungen die Phantasie mächtig an, und so sehen wir denn bei diesem Volke Wissenschaft und Mythenbildung Hand in Hand gehen. Wie praktisch es gewesen sein muss, geht aus dem grundlegenden wirtschaftlichen und politischen Einrichtungen hervor, die sich auf uns vererbt haben: die Einteilung des Jahres nach der Stellung der Sonne, die Einrichtung der Woche, die Einführung eines Duodezimalsystems für den Verkehr beim Wiegen, Zählen u. s. w.; doch bezeugen alle diese Gedanken eine ungewöhnliche Kraft der
746
schöpferischen Phantasie, und wir erfahren, dass sich aus den Sprachresten eine eigentümliche Prädisposition für das metaphysische Denken entnehmen lässt.¹) Man sieht, wie vielfach sich die Fäden verschlingen, wie allbestimmend die Natur der besonderen Rassenpersönlichkeit mit ihren Gegensätzen und ihrem ein für allemal bestimmten Charakter ist.
    Leider kann ich diese Untersuchung hier nicht weiter führen, doch ich glaube, selbst diese so äusserst flüchtigen Andeutungen werden zu manchem Nachdenken und zu mancher auch für die Gegenwart wichtigen Erkenntnis führen. Nehmen wir nun zum Schlusse noch einmal die Tafel zur Hand und schauen uns um, wo wir einen wirklich harmonischen, nach allen Richtungen hin schön und frei entwickelten Menschen finden, so werden wir in der Vergangenheit einzig und allein den   H e l l e n e n   nennen können. Alle Elemente des Menschenlebens stehen bei ihm in schönster Blüte: Entdeckung, Wissenschaft, Industrie, Wirtschaft, Politik, Weltanschauung, Kunst; überall hält er Stich. Hier steht wirklich ein „ganzer Mann“ vor uns. Er hat sich nicht „entwickelt“ aus dem Chinesen, der sich schon zur Blütezeit Athens²)
—————
    ¹) Siehe S. 399, Anmerk. 2.
    ²) Mehr als 2000 Jahre vor Christus beginnt die bereits histo-

889
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


in überflüssiger Emsigkeit abmühte, er ist nicht eine „Evolution“ des Ägypters, trotzdem er vor dessen angeblicher Weisheit eine ganz unberechtigte Scheu empfand, er bedeutet nicht einen „Fortschritt“ über den phönizischen Hausierer, der ihn zuerst mit einigen Rudimenten der Civilisation bekannt gemacht hat; sondern in barbarischen Gegenden, unter bestimmten, wahrscheinlich harten Lebensbedingungen, hatte eine edle Menschenrasse sich noch weiter veredelt und — dies schon historisch nachweisbar — sich durch Kreuzung zwischen verwandten, doch individualisierten Gliedern vielseitigste Begabung erworben. Dieser Mensch trat gleich auf als der, der er sein und bleiben sollte. Er entwickelte sich schnell.¹) Was die Welt an ererbten Entdeckungen und Erfindungen und Gedanken besass, hatte bei den Ägyptern zu einer toten hieratischen Wissenschaft, gepaart mit
747
einer durchaus praktischen, phantasiebaren, redlichen Religion, geführt, bei den Phöniziern zu Handel und Götzendienst: bei ihren Nachbarn, den Hellenen, führten genau die selben Anregungen zu Wissenschaft und Kultur, ohne dass die Civilisation in ihren berechtigten Anforderungen zu kurz gekommen wäre. Einzig der Hellene besitzt diese Allseitigkeit, diese vollendete Plasticität, die in seinen Bildwerken künstlerischen Ausdruck fand; daher verdient er Bewunderung und Verehrung wie kein anderer Mensch, und er allein dürfte als Muster — nicht zur Nachahmung, aber zur Aneiferung — hingehalten werden. Der Römer, den wir zugleich mit dem Hellenen in unseren Schulen nennen, ist fast noch einseitiger entwickelt als der Inder: hatte bei diesem die Kultur nach und nach alle Lebenskräfte verschlungen, so unterdrückte
—————
rische Berichterstattung der Chinesen. (Nachtrag: allgemein verbreiteter Irrtum; höchstens 800 Jahre v. Chr.)
    ¹) In einer Rede, gehalten vor der British Association am 21. September 1896, spricht Flinders Petrie die Meinung aus, die ältesten mycenischen Kunstwerke, z. B. die berühmten goldenen Becher mit Stieren und Kühen (etwa aus dem Jahre 1200 vor Christus), seien in Bezug auf treue Naturbeobachtung und auf Meisterschaft der Ausführung allen späteren Werken der sogenannten Glanzzeit ebenbürtig. (Über diese pelasgisch-achäische Kultur vergl. Hueppe: Rassenhygiene der Griechen S. 54 fg.)

890
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


bei dem Römer die politische Sorge — das Werk der Rechtsbildung und das Werk der Staatserhaltung — von Anfang an jede andere Anlage. Die Erfüllung seiner civilisatorischen Aufgabe nimmt ihn so ganz in Anspruch, dass er weder für das Wissen, noch für die Kultur Kräfte übrig hat.¹) Im Laufe seiner gesamten Geschichte hat der Römer nichts entdeckt, nichts erfunden; und auch hier wieder sehen wir das vorhin genannte geheimnisvolle Gesetz der Korrelation zwischen Wissen und Kultur am Werke; denn als er Herr der Welt geworden war und die Öde seines kulturbaren Lebens zu empfinden begann, da war es zu spät: die sprudelnde Quelle der Originalität, d. h. des freischöpferischen Könnens, war für ihn gänzlich verschüttet. Schwer genug drückt noch heute sein gewaltiges, einseitig politisches Werk auf uns und verleitet uns, den politischen Dingen eine vorwiegende und selbständig gestaltende Bedeutung beizulegen, die sie gar nicht besitzen und nur zum Nachteil des Lebens sich anmassen.

Der Germane
    Auf diesem kleinen Umweg über China und Sumerien bis nach Rom werden wir, glaube ich, zu einer ziemlich deutlichen Vorstellung unserer eigenen Persönlichkeit und ihrer notwendigen Entwickelung gelangt sein. Denn wir dürfen es ungescheut aussprechen: der Germane ist der einzige Mensch, der sich mit dem Hellenen vergleichen darf. Auch hier ist das Auffallende und das spezifisch Unterscheidende die gleichzeitige und gleichwertige Ausbildung von Wissen, Civilisation und Kultur. Das allseitig Umfassende unserer Anlagen unterscheidet uns von allen zeitgenössischen und von allen früheren Menschenarten — mit alleiniger Ausnahme der Hellenen; eine Thatsache, die, nebenbei
748
gesagt, unsere nahe Verwandtschaft mit ihnen vermuten lässt. Gerade deswegen ist aber hier eine vergleichende Unterscheidung von grösstem Werte. So dürfen wir z. B. gewiss behaupten, dass bei den Griechen Kultur das vorwiegende Element war: sie besitzen die vollendetste und originellste Dichtung (aus der ihre ganze übrige Kunst hervorging) zu einer Zeit, als ihre Civilisation noch den Stempel des zwar Prachtliebenden, Schönheitsahnenden,
—————
    ¹) Siehe S. 70—71.

891
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


doch Unselbständigen und Barbarischen an sich trägt und als ihr Wissensdurst noch kaum erwacht ist. Später nimmt dann bei ihnen gerade die Wissenschaft plötzlich einen grossen, ewig glorreichen Anlauf, und zwar unter enger, glücklicher Anlehnung an hohe Weltanschauung (wieder jene Korrelation!). Im Verhältnis zu solchen unvergleichlichen Leistungen bleibt bei den Hellenen die Civilisation entschieden zurück. Zwar war Athen eine Fabrikstadt (wenn dieser Ausdruck keusche Ohren nicht verletzt), und der Welt wäre ebenso wenig ein Thales wie ein Plato geschenkt worden, wenn die Hellenen sich nicht als Ökonomen und unternehmende, schlaue Handelsherren Reichtum und damit Musse erworben hätten; es sind durch und durch praktische Leute; doch zeigten sie in der Politik — ohne welche keine Civilisation Dauer besitzt — keine ausserordentliche Begabung, wie die Römer; Recht und Staat waren bei ihnen ein Spielball in den Händen der Ehrgeizigen; auch ist das Symptom der direkt anticivilisatorischen Massnahmen des dauerhaftesten griechischen Staates, Sparta‘s, nicht zu übersehen. Bei uns Germanen liegen die Dinge offenbar wesentlich anders. Zwar ist auch unsere Politik bis zum heutigen Tage eigentümlich schwerfällig, roh, ungeschickt geblieben, dennoch bewährten wir uns als die unvergleichlichsten Staatenbildner der Welt — was vermuten lässt, dass uns hier, wie bei so manchen anderen Dingen, mehr die aufgezwungene Nachahmung im Wege stand als fehlende Anlage. „Wer kommt früh zu dem Glücke, sich seines eigenen Selbsts ohne fremde Formen in reinem Zusammenhang bewusst zu sein?“ seufzt Goethe;¹) nicht einmal die Hellenen, wir aber noch viel, viel weniger. Besser, weil unabhängiger, entwickelten sich unsere Anlagen auf dem ganzen wirtschaftlichen Gebiete (Handel, Gewerbe, am wenigsten vielleicht Landbau) zu nie gekannter Blüte; ebenso die schnell folgende Industrie. Was sind Phönizier und Karthagener mit ihren elenden Ausbeutungs-Faktoreien und Karawanen gegen einen lombardischen oder rheinischen Städte-
749
bund, in welchem Klugheit, Fleiss, Erfindung und — last not least
—————
    ¹) Wilhelm Meister‘s Lehrjahre, Buch VI.

892
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


— Ehrlichkeit sich die Hand reichen?¹) Bei uns bildet also Civilisation — das gesamte Gebiet der eigentlichen Civilisation — den Mittelpunkt: ein guter Charakterzug, insofern er Bestand verspricht, ein nicht ganz unbedenklicher, insofern er die Gefahr birgt, „Chinese zu werden“, eine Gefahr, die eine sehr reelle werden würde, wenn die nicht — oder kaum — germanischen Elemente unter uns jemals die Oberhand bekämen.²) Denn sofort würde unser unauslöschlicher Wissenstrieb in den Dienst der blossen Civilisation gestellt werden und damit — wie in China — dem Banne ewiger Sterilität verfallen. Was einzig uns dagegen schützt, ist das, was uns Würde und Grösse, Unsterblichkeit, ja, — wie die alten Griechen zu sagen pflegten — Göttlichkeit verleiht: unsere Kultur. Diese besitzt aber in unserer Begabung nicht die überwiegende Bedeutung, die ihr im Hellenentum zukam. Über letztere verweise ich auf mein erstes Kapitel. Niemand wird behaupten können, dass bei uns die Kunst das Leben gestalte, oder dass die Philosophie (in ihrem edelsten Sinne als Weltanschauung) einen ähnlichen Anteil an dem Leben unserer führenden Männer habe wie in Athen, geschweige in Indien. Und das Schlimmste ist, dass diejenige Kulturanlage, welche, nach zahllosen Erscheinungen des gesamten Slavokeltogermanentums zu urteilen, bei uns die entwickeltste ist (zugleich ein reichlicher Ersatz für das, was der Mehrzahl unter uns an künstlerischer und metaphysischer Begabung abgehen mag), ich meine die   R e l i g i o n,   es niemals vermocht hat, die Zwangsjacke abzureissen, die ihr — gleich bei dem Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte — von den unwürdigen Händen des Völkerchaos aufgezwungen wurde. In Jesus Christus hatte das absolute religiöse
—————
    ¹) Siehe S. 137 fg.
    ²) Speziell der   D e u t s c h e   neigt in gar manchen Dingen, z. B. in seiner Sammelwut, in seinem Anhäufen von Material über Material, in seinem Hang, den Geist über dem Buchstaben zu vernachlässigen, u. s. w., bedenklich zum Chinesentum. Das war schon früh aufgefallen, und Goethe erzählte Soret lachend von einem Globus aus der Zeit Karl‘s V., auf dem China zur Erläuterung die Inschrift trägt: „die Chinesen sind ein Volk, das sehr viele Ähnlichkeit mit den Deutschen hat!“ (Eckermann, 26. April 1823).

893
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Genie die Welt betreten: Keiner war so geschaffen, diese göttliche Stimme zu vernehmen, wie der Germane; die grössten Verbreiter des Evangeliums durch Europa sind alle Germanen, und das ganze germanische Volk greift gleich, wie schon das Beispiel
750
der rauhen Goten zeigt (S. 513), zu den Worten des Evangeliums, jedem blöden Aberglauben (die Geschichte der Arianer bezeugt es) abhold. Und trotzdem schwindet das Evangelium bald und verstummt die grosse Stimme; denn die Kinder des Chaos wollen von dem blutigen stellvertretenden Opfer nicht lassen, welches die besseren Geister unter den Hellenen und den Indern schon längst überwunden und die hervorragendsten Propheten der Juden vor Jahrhunderten verspottet hatten; dazu gesellt sich allerhand kabbalistischer Zauber und stoffliche Metamorphose aus dem späten unsauberen Syro-Ägypten: und das alles, durch jüdische Chronik ausstaffiert und ergänzt, ist nunmehr die „Religion“ der Germanen! Selbst die Reformation wirft sie nicht ab und gerät dadurch in einen unlösbaren Widerspruch mit sich selber, der das Schwergewicht ihrer Bedeutung in das rein politische Gebiet verlegt, also in die Klasse der bloss civilisatorischen Kräfte, während sie es kulturell nicht weiter als zu einer inkonsequenten Bejahung bringt (Erlösung durch den Glauben — und dennoch die Beibehaltung materialistischer Superstitionen) und einer fragmentarischen Verneinung (Verwerfung eines Teiles der dogmatischen Zuthaten, Beibehaltung des übrigen).¹) In dem Mangel einer wahrhaftigen, unserer eigenen Art entsprossenen und entsprechenden Religion erblicke ich die grösste Gefahr für die Zukunft des Germanen; das ist seine Achillesferse; wer ihn dort trifft, wird ihn fällen. Man schaue doch auf den Hellenen zurück!
—————
    ¹) Namentlich   L u t h e r   bleibt in dieser Beziehung vollständig im religiösen Materialismus befangen; er — der Glaubensheld — „eliminiert den Glauben so sehr aus dem Abendmahl“, dass er lehrt, auch der Ungläubige zerbeisse den Leib Christi mit den Zähnen. Er nimmt also das an, wogegen Berengar und so viele andere streng römische Katholiken wenige Jahrhunderte früher mutig gekämpft hatten und was nicht allein den ersten Christen, sondern noch Männern wie Ambrosius und Augustinus ein Greuel gewesen wäre. (Vergl. Harnack: Grundriss der Dogmengeschichte, § 81.)

894
Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.


Von Alexander geführt, zeigte er seine Befähigung, die ganze Welt zu unterwerfen; doch der schwache Punkt war bei ihm die Politik; verschwenderisch begabt auch in dieser Beziehung, hat er die ersten Theoretiker der Politik, die erfindungsreichsten Staatengründer, die genialsten Redner über die allgemeine Sache hervorgebracht; doch blieb ihm hier versagt, was ihm auf allen anderen Gebieten gelungen war: Grosses und Dauerndes zu gestalten; hieran ging er zu Grunde; einzig seine jämmerliche politische Lage lieferte ihn dem Römer aus; mit der Freiheit verlor er das Leben; der erste harmonisch vollendete Mensch war
751
dahin, und nur sein Schatten wandelte noch auf Erden. Sehr ähnlich scheint mir bei uns Germanen die Lage in Bezug auf Religion. Nie hat die Geschichte eine so tief innerlich religiöse Menschenart gesehen; moralischer ist sie nicht als andere Menschen, aber viel religiöser. In dieser Beziehung nehmen wir eine Stellung ein mitteninne zwischen dem Indoarier und dem Hellenen: das uns angeborene metaphysisch-religiöse Bedürfnis treibt uns zu einer weit mehr künstlerischen, d. h. mehr lichtkräftigen Weltanschauung als die der Inder, zu einer weit innigeren und daher tieferen als die der künstlerisch uns überragenden Hellenen. Genau dieser Standpunkt ist es, der den Namen   R e l i g i o n   verdient, zum Unterschied von Philosophie und von Kunst. Wollte man die wahren Heiligen, die grossen Prediger, die barmherzigen Helfer, die Mystiker unserer Rasse aufzählen, wollte man sagen, wie Viele Qual und Tod um ihres Glaubens willen erlitten haben, wollte man nachforschen, eine wie grosse Rolle religiöse Überzeugung in allen bedeutendsten Männern unserer Geschichte gespielt hat, man käme nie zu Ende; unsere gesamte herrliche Kunst entwickelt sich ja um den religiösen Mittelpunkt, gleich wie die Erde um die Sonne kreist, und zwar um diese und jene besondere Kirche nur teilweise und äusserlich, überall aber innerlich um das sehnsuchtsvolle religiöse Herz. Und trotz dieses regen religiösen Lebens die absoluteste Zerfahrenheit (seit jeher) in religiösen Dingen. Was sehen wir heute? Der Angelsachse — von seinem unfehlbaren Lebensinstinkte getrieben — klammert sich an irgend eine überlieferte Kirche an,

895 Die Entstehung einer neuen Welt. Geschichtlicher Überblick.

welche sich in die Politik nicht mischt, damit er wenigstens „Religion“ als Mittelpunkt des Lebens besitze; der Nordländer und der Slave lösen sich in hundert schwächliche Sekten auf, wohl wissend, dass sie betrogen sind, doch unfähig, den rechten Weg zu finden; der Franzose verkümmert vor unseren Augen in öder Skepsis oder stupidestem Mode-Humbug; die südlichen Europäer sind dem ungeschminkten Götzendienst nunmehr ganz verfallen und damit aus der Reihe der Kulturvölker ausgetreten; der Deutsche steht abseits und wartet, dass noch einmal ein Gott vom Himmel steige, oder er wählt verzweifelt zwischen der Religion der Isis und der Religion des Blödsinnes, genannt „Kraft und Stoff“.
    Auf manches im Obigen Angedeutete werde ich in den betreffenden Abschnitten wieder zurückkommen müssen; einstweilen genügt es, wenn ich zur ferneren vergleichenden Charakterisierung unserer germanischen Welt ihre hervorragendste Anlage und zugleich ihre bedenklichste Schwäche aufgedeckt habe.
752
    Nunmehr sind wir so weit, dass wir dem vorhin angerufenen künftigen Bichat mit einigen Andeutungen über den historischen Gang der Entfaltung der germanischen Welt bis zum Jahre 1800 zur Hand gehen können, und zwar indem wir auf jedes der sieben Elemente, welche wir einer besseren Übersicht wegen annahmen, der Reihenfolge nach einen Blick werfen.

Seitenende / Einde van hoofdstuk 9B / End of chapter 9B.
 
Zurück zur Hauptseite / Terug naar startpagina / Back to main page
Voriges Kapitel / Vorig hoofdstuk / Previous chapter: Abschnitt III, Kap 9A, Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur
Nächstes Kapitel / Volgend hoofdstuk / next chapter: Abschnitt III, Kap. 9B1, Entdeckung

Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 15 September 2003.