HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

Kapitel 9B1, Entdeckung, Seite 895—926

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The Foundations of the Nineteenth Century
La Genèse du Dixneuvième Siècle
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
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B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005


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1. Entdeckung  (von Marco Polo bis Galvani).

Die angeborene Befähigung.
    Die Menge des Wissbaren ist offenbar unerschöpflich. Bei der Wissenschaft — im Gegensatz zum Wissensstoff — könnte man sich allenfalls eine Entwickelungsstufe vorstellen, auf welcher alle grossen Gesetze der Natur aufgefunden wären; denn hier handelt es sich um ein Verhältnis zwischen den Erscheinungen und der menschlichen Vernunft, also jedenfalls um etwas, was in Folge der besonderen Natur dieser Vernunft streng beschränkt und sozusagen individuell ist — nämlich der Individualität des Menschengeschlechtes angepasst und zugehörig. Die Wissen-

896 Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.

schaft fände in diesem Falle nur noch nach innen zu, in der, immer feineren Analyse, ein unerschöpfliches Feld. Dagegen zeigt alle Erfahrung, dass das Reich der Phänomene und der Formen ein endloses, nie auszuforschendes ist. Keine noch so wissenschaftliche Geographie, Physiographie und Geologie kann uns über die Eigentümlichkeiten eines noch unentdeckten Landes das Geringste sagen; ein neu entdecktes Moos, ein neu entdeckter Käfer ist ein absolut Neues, eine thatsächliche und unvergängliche Bereicherung unserer Vorstellungswelt, unseres Wissensmaterials. Natürlich werden wir uns beeilen, Käfer und Moos unserer menschlichen Bequemlichkeit halber in irgend eine schon aufgestellte Gattung einzuordnen, und wenn kein Drängen und Zwängen dazu ausreicht, so werden wir eine neue „Gattung“ zum Zwecke der Klassifikation erdichten, sie aber wenigstens, wenn irgend thunlich, einer bekannten „Ordnung“ einverleiben, u. s. w.; inzwischen bleiben der betreffende Käfer und das betreffende Moos nach wie vor ein vollkommen Individuelles, und, zugleich ein Unerfindbares, ein Unauszudenkendes, gleichsam eine neue, ungeahnte Verkörperung des Weltgedankens, und diese neue Verkörperung des Gedankens besitzen wir jetzt, während wir sie früher entbehrten. Desgleichen mit allen Phänomenen. Die
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Brechung des Lichtes durch das Prisma, die Allgegenwart der Elektricität, der Kreislauf des Blutes . . . . .  jede entdeckte Thatsache bedeutet eine Bereicherung. „Die einzelnen Manifestationen der Naturgesetze“ sagt Goethe, „liegen alle sphinxartig, starr, fest und stumm ausser uns da. Jedes wahrgenommen neue Phänomen ist eine Entdeckung, jede Entdeckung ein Eigentum.“ Hierdurch wird die Unterscheidung innerhalb des Gebietes des Wissens zwischen Entdeckung und Wissenschaft recht deutlich; das eine betrifft die   a u s s e r   u n s   liegenden Sphinxe, das andere unsere Verarbeitung dieser Wahrnehmungen zu einem   i n n e r e n   Besitz.¹) Darum kann man den Rohstoff des Wissens,
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    ¹) Goethe legt wiederholt grosses Gewicht auf diese Unterscheidung zwischen dem „ausser uns“ und dem „in uns“; hier, um Entdeckung und Wissenschaft auseinander zu halten, thut sie gute Dienste; doch sobald man sie auf das rein philosophische oder auch

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d. h. die Menge des Entdeckten, recht gut mit dem Rohstoff des Vermögens — mit unserem Geld vergleichen. Schon der alte Chronist Robert of Gloucester schreibt im Jahre 1300: „for the more that a man can, the more worth he is“. Wer viel weiss ist reich, wer wenig weiss ist arm. Doch gerade dieser Vergleich — der zunächst ziemlich platt dünken wird — dient vortrefflich, damit wir den Finger auf den kritischen Punkt bezüglich des Wissens legen lernen; denn der Wert des Geldes hängt ganz und gar von dem Gebrauch ab, den wir davon zu machen verstehen. Dass Reichtum Macht verleiht, und dass Armut verkrüppelt, ist eine vérité de La Palisse, der Dümmste beobachtet es täglich an sich und an Anderen; und doch schrieb einer der Klügsten (Shakespeare):
If thou art rich, thou'rt poor
wenn du reich bist, bist du arm! Und in der That, das Leben lehrt uns, dass zwischen Reichtum und Können kein einfaches, unmittelbares Verhältnis herrscht. Wie die Hyperämie des Organismus, d. h. eine Überfülle an Blut, Stockung der Lebensthätigkeit, zuletzt sogar den Tod herbeiführt, so bemerken wir häufig, wie leicht grosser Reichtum lähmend wirkt. Ebenso geht es mit dem Wissen. Wir sahen vorhin die Inder an Anämie des Wissensstoffes zu Grunde gehen, es waren gewissermassen verhungernde Idealisten; die Chinesen dagegen gleichen aufgedunsenen parvenus, die keine Ahnung haben, was sie mit dem enorm angehäuften Kapital ihres Wissens anfangen sollen — ohne Initiative, ohne Phantasie, ohne Ideale. Die verbreitete Redens-
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art „Wissen ist Macht“ gilt also durchaus nicht ohne Weiteres, sondern es kommt darauf an,   w e r   der Wissende ist. Vom Wissen, mehr noch als vom Golde, könnte man sagen, dass es an und für sich gar nichts ist, rein gar nichts, und ebenso geeignet, dem Menschen zu schaden, ihn ganz und gar zu Grunde zu richten, wie ihn zu erheben und zu veredeln. Der unwissende
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rein naturwissenschaftliche Gebiet überträgt, ist grosse Vorsicht am Platze, worüber Näheres am Anfang des Abschnittes „Wissenschaft“.

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chinesische Bauer ist einer der leistungsfähigsten und glücklichsten Menschen der Erde, der gelehrte Chinese ist eine Pest, er ist der Krebsschaden seines Volkes; darum hatte jener bewunderungswürdige Mann, Lâo-tze — der von unseren modernen, in Menschheits-Phrasen erzogenen Kommentatoren so schmählich Missverstandene — tausendmal Recht zu schreiben: „Ach, könnten wir (d. h. „wir“, die Chinesen) nur das Vielwissen aufgeben und die Gelehrsamkeit abschaffen! unserem Volke ginge es hundertmal besser!“¹) Also auch hier wieder werden wir auf die Individualität selber, auf ihre angeborenen Fähigkeiten, ihren angeborenen Charakter zurückgeführt. Die eine Menschenrasse kommt mit einem Minimum von Wissen vorzüglich fort, mehr ist ihr tödlich, denn sie hat kein Organ dafür; bei der anderen ist der Wissensdurst angeboren, und sie verkümmert, wenn sie diesem Bedürfnis keine Nahrung zuführen kann; auch versteht sie den ewig zufliessenden Wissensstoff auf hundert Arten zu verarbeiten, nicht allein zur Umgestaltung des äusseren Lebens, sondern zu fortwährender Bereicherung des Denkens und Schaffens. In diesem Falle befinden sich die Germanen. Nicht die Menge dessen, was sie wissen, verdient Bewunderung — denn alles Wissen bleibt ewig relativ — sondern die Thatsache, dass sie die seltene Fähigkeit besassen, es zu   l e r n e n,   d. h. ohne Ende zu entdecken, ohne Ende die „stummen Sphinxe“ zum Reden zu zwingen, und dazu die Fähigkeit, das Aufgenommene gewissermassen zu absorbieren, so dass für Neues immer wieder Platz entstand, ohne dass Plethora eingetreten wäre.
    Man sieht, wie unendlich verwickelt jede Individualität ist. Doch hoffe ich, dass aus diesen kurzen Bemerkungen im Verein mit denen im vorangehenden Teil dieses Kapitels der Leser unschwer die eigenartige Bedeutung des Wissens (hier nämlich in seiner einfachsten Gestalt, als Entdeckung von Thatsachen) für das Leben des Germanen begreifen wird. Er wird auch einsehen, wie vielfach diese — in einem gewissen Sinne rein stoffliche — Anlage mit seinen höheren und höchsten Gaben zusammenhängt.
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    ¹) Tâo Teh King, XIX, 1.

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Nur eine ausserordentlich philosophische Anlage und nur ein äusserst reges wirtschaftliches Leben vermag es, so viel Wissen zu verzehren, zu verdauen und zu verwerten. Nicht das Wissen hat die Lebenskraft erzeugt, sondern die grosse überschüssige Lebenskraft hat nach immer weiterem Wissen, genau so wie nach immer weiterem Besitz auf allen anderen Gebieten, unablässig gestrebt. Dies ist die wahre innere Quelle jenes Siegeslaufes der Wissbegier, der vom 13. Jahrhundert ab nie wieder erschlafft. Wer diese Einsicht besitzt, wird auch der Geschichte der Entdeckungen nicht wie ein Kind, sondern mit Verständnis folgen.

Die treibenden Kräfte
    Eine Bestätigung des Zusammenhanges der verschiedenen Seiten der Individualität drängt sich bei diesem so charakteristisch individualistischen Phänomen gleich auf. Ich habe soeben gesagt, unser Streben nach „Besitz“ sei die Quelle unseres Wissensschatzes: es war nicht meine Absicht, diesem Worte eine irgendwie tadelnde Bedeutung beizulegen; Besitz ist Macht, Macht ist Freiheit. Ausserdem bedeutet ein jedes derartige Streben nicht allein die Sucht, unsere Macht durch Hinzuziehung des ausser uns selbst Liegenden zu steigern, sondern es bedeutet zugleich die Sehnsucht der Selbstentäusserung. Hier, wie bei der Liebe, gehen die Gegensätze Hand in Hand: man nimmt, um zu nehmen, man nimmt aber auch, um geben zu können. Und genau so wie wir beim Germanen den Staatenbildner mit dem Künstler verwandt fanden,¹) ebenso ist ein gewisses hochgeartetes Streben nach Besitz innig verschwistert mit der Fähigkeit, aus dem Besessenen Neues zu schaffen und es der ganzen Welt zur Bereicherung zu schenken. Trotz alledem soll man bei der Geschichte unserer Entdeckungen das Eine nicht übersehen: welche grosse Rolle die Sucht nach Gold — ganz unmittelbar und ungeschminkt — gespielt hat. An dem einen Ende des Entdeckungswerkes steht nämlich als die einfache, breite Grundlage alles Übrigen die Erforschung der Erde, die „Ent-deckung“ des Planeten, der dem Menschen zum Wohnsitz dient: aus ihr erst haben sich mit Sicherheit Gestalt und Wesen dieses Gestirns, damit zu-
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    ¹) Siehe S. 503 fg.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


gleich die grundlegenden Einsichten bezüglich der Stellung des Menschen im Kosmos ergeben, aus ihr erst erfuhren wir Ausführliches über die verschiedenen Geschlechter der Menschen, über die Art der Gesteine, über Pflanzen- und Tierwelt; ganz am anderen Ende des selben Werkes steht die Erforschung der inneren Beschaffenheit der sichtbaren Materie, das, was wir heute Chemie
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und Physik nennen, ein gar geheimnisvolles und bis vor Kurzem bedenkliches, nach Zauberei schmeckendes Hineingreifen in die Eingeweide der Natur, zugleich ein wichtigster Ursprung unseres heutigen Wissens und unserer heutigen Macht.¹) Nun, bei der Erschliessung dieser beiden Wissensgebiete, sowohl bei den Entdeckungsreisen, wie bei der Alchymie, bildete Jahrhunderte lang das unmittelbare   S u c h e n   n a c h   G o l d   die treibende Kraft. Gewiss findet man bei den grossen einzelnen Bahnbrechern immer etwas Anderes — eine reine Idealkraft — daneben und darüber; ein Columbus ist bereit, jeden Augenblick für seinen Gedanken zu sterben, einem Albertus Magnus schweben die grossen Weltprobleme vor; doch hätten solche Männer weder die nötige Unterstützung gefunden, noch hätte sich ihnen die Schar der für das mühsame Werk der Entdeckung nötigen Trabanten angeschlossen, wenn nicht die Hoffnung auf sofortigen Gewinn angeeifert hätte. Die Hoffnung auf Gold lehrte schärfer beobachten, sie verdoppelte die Erfindungsgabe, sie flösste die kühnsten Hypothesen ein, sie schenkte endlose Ausdauer und Todesverachtung. Schliesslich ist es heute nicht viel anders: zwar stürzen sich die Staaten nicht mehr unmittelbar auf das Goldmetall, wie die Spanier und Portugiesen des 16. Jahrhunderts, doch erfolgt die allmähliche Erschliessung der Welt und ihre Unterwerfung unter germanischen Einfluss lediglich nach Massgabe der Rentabilität. Selbst ein Livingstone ist im letzten Grund ein Pionier für zinsengierige Kapitalisten gewesen, und diese erst führen das aus, was der einzelne Idealist auszuführen nicht vermochte. Ebenso könnte die moderne Chemie
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    ¹) Die hohe Bedeutung der Alchymie als Begründerin der Chemie ist heute allseitig anerkannt; ich brauche nur auf die Bücher von Berthelot und Kopp zu verweisen.

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ohne die kostspieligen Laboratorien und Instrumente nicht bestehen, und der Staat unterhält diese, nicht aus Begeisterung für reine Wissenschaft, sondern weil die daraus hervorgehenden industriellen Erfindungen das Land bereichern.¹) Der Nordpol, der selbst unserem Jahrhundert noch trotzt, wäre in sechs Monaten entdeckt und überlaufen, dächte man, dass dort Felsen aus eitel Gold den Fluten entragen.
    Man sieht, nichts liegt mir ferner, als uns besser und edler hinzustellen als wir sind; ehrlich währt am längsten, sagt das Sprichwort; es bewährt sich auch hier. Denn aus dieser Beobachtung betreffend die Macht des Goldes ergiebt sich eine Er-
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kenntnis, die wir — einmal aufmerksam gemacht — auf allen Seiten bestätigt finden werden: dass dem Germanen eine eigentümliche Gabe zu eigen ist, seine Fehler in Gutes umzusetzen; die Alten hätten gesagt, er sei ein Liebling der Götter; ich glaube darin den Beweis seiner grossen kulturellen Befähigung zu finden. Eine Handelsgesellschaft, die nur auf Zinsen sieht und nicht immer gewissenhaft vorgeht, unterjocht Indien, doch wird ihr Schaffen getragen und geadelt von einer glänzenden Reihe makelloser Waffenhelden und grosser Staatsmänner, und ihre Beamten sind es, welche — von heller Begeisterung dazu angefacht, durch aufopferungsvoll erworbene Gelehrsamkeit dazu befähigt — unsere Kultur durch die Aufschliessung der altarischen Sprache bereichern. Wir schaudern, wenn wir die Geschichte der Vernichtung der Indianer in Nordamerika lesen: überall auf Seite der Europäer Ungerechtigkeit, Verrat, wilde Grausamkeit;²) und doch, wie entscheidend war gerade dieses Zerstörungswerk für die spätere
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    ¹) Von der Erfindung neuer Kanonenpulver und Torpedosprengstoffe zu geschweigen.
    ²) Als Beispiel nehme man die gänzliche Ausrottung des intelligentesten und durchaus freundlich gesinnten Stammes der Natchez am Mississippi durch die Franzosen (in Du Pratz: History of Louisiana) oder die Geschichte der Beziehungen zwischen den Engländern und den Cherokees (Trumbull: History of the United States). Es ist immer der selbe Vorgang: eine empörende Ungerechtigkeit seitens der Europäer reizt die Indianer, Rache zu nehmen, und für diese Rache werden sie dann „bestraft“, d. h. hingeschlachtet.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Entwickelung einer edlen, echt germanischen Nation auf diesem Boden! Der vergleichende Blick auf die südamerikanischen Mestizenkolonien zeigt es uns.¹) — Jene grenzenlose Leidenschaft in der Sucht nach Gold dient aber noch zu einer weiteren Erkenntnis, und zwar zu einer für die Geschichte unserer Entdeckungen grundlegenden. Die   L e i d e n s c h a f t l i c h k e i t   kann nämlich sehr verschiedene Teile unseres Wesens erfassen, das hängt vom Individuum ab; charakteristisch für die Rasse ist die Kühnheit, die Ausdauer, die Opferwilligkeit, die grosse Kraft der Vorstellung, welche bewirkt, dass der Einzelne in seiner Idee ganz aufgeht. Dieses Leidenschaftliche bewährt sich jedoch durchaus nicht einzig auf dem Gebiete des egoistischen Interesses: es schenkt dem Künstler Kraft, arm und verkannt weiter zu schaffen; es erzeugt Staatsmänner, Reformatoren und Märtyrer; es gab uns auch unsere Entdecker. Rousseau's Wort „il n'y a que de grandes passions qui fassent de grandes choses,“ ist wahrscheinlich nicht so allgemein wahr als er glaubte, doch gilt es uneingeschränkt für uns Germanen. Bei unseren
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grossen Entdeckungsreisen, wie bei den Versuchen, Stoffe umzuwandeln, konnte freilich die Hoffnung auf Gewinn aneifern, doch auf keinem andern Gebiete ausser höchstens auf dem der Medizin traf das zu. Hier waltete also der leidenschaftliche Trieb — zwar ebenfalls nach Besitz, aber nach dem Besitz des Wissens, rein als Wissens. Es ist dies eine eigentümliche und besonders verehrungswürdige Erscheinung des rein idealischen Triebes; ich halte sie für nahe verwandt dem künstlerischen und dem religiösen Triebe; darin findet jener innige Zusammenhang zwischen Kultur und Wissen, der uns vorhin öfters an praktischen Beispielen rätselhaft auffiel,²) seine Erklärung. Zu glauben, Wissen erzeuge Kultur (wie heute vielfach gelehrt wird), ist sinnlos und widerspricht der Erfahrung; lebendiges Wissen kann aber nur in einem zu hoher Kultur prädisponierten Geiste Aufnahme finden; sonst bleibt das Wissen wie Dünger auf einem Steinfelde auf der
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    ¹) Siehe S. 286 fg.
    ²) Siehe S. 741 und 744.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Oberfläche liegen — es verpestet die Luft und nützt nichts. Über diese geniale Leidenschaftlichkeit als Grundbedingung unseres siegeslaufes der Entdeckungen hat einer der grossen Entdecker des 19. Jahrhunderts, Justus Liebig, geschrieben: „Die grosse Masse der Menschen hat keinen Begriff davon, mit welchen Schwierigkeiten Arbeiten verknüpft sind, die das   G e b i e t  d e s   W i s s e n s   thatsächlich erweitern; ja, man kann sagen, dass der in dem Menschen liegende Trieb nach Wahrheit nicht ausreichen würde, die Hindernisse zu bewältigen, die sich dem Erwerbe eines jeden grossen Resultates entgegenstellen, wenn dieser Trieb sich nicht in Einzelnen zur   m ä c h t i g e n   L e i d e n s c h a f t,   die ihre Kräfte spannt und vervielfältigt, steigerte. Alle diese Arbeiten werden unternommen ohne Aussicht auf Gewinn und ohne Anspruch auf Dank; der, welcher sie vollbringt, hat nur selten das Glück, ihre nützliche Anwendung zu erleben; er kann das, was er errungen hat, auf dem Markte des Lebens nicht verwerten; es hat keinen Preis und kann nicht bestellt und nicht erkauft werden.“¹)
    Diese gänzlich uninteressierte Leidenschaftlichkeit finden wir in der That in der Geschichte unserer Entdeckungen überall
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wieder.²) Dem auf diesem Gebiete minder Kundigen möchte ich Gilbert zur Betrachtung empfehlen, den Mann, der zu Ende des
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    ¹) Wissenschaft und Landwirtschaft II, am Schlusse.
    ²) Ein vortreffliches Beispiel der dem unverfälschten Germanen eigenen „uninteressierten Leidenschaftlichkeit“ liefert der im Jahre 1898 gestorbene englische Bauer Tyson, der als Tagelöhner nach Australien ausgewandert war und als grösster Gutsbesitzer der Welt endete, mit einem Vermögen, das auf fünf Millionen Pfund Sterling geschätzt wurde. Dieser Mann blieb bis zum Tode so einfach, dass er nie ein weisses Hemd besessen hat, viel weniger ein Paar Handschuhe; nur wenn es sein musste, besuchte er vorübergehend eine Stadt; gegen alle Kirchen hatte er eine unüberwindliche Abneigung. Das Geld war ihm an und für sich gleichgültig, er schätzte es nur als Bundesgenossen in seinem grossen Lebenswerk:   d e m   K a m p f   g e g e n   d i e   W ü s t e.   Befragt, antwortete er: „Nicht das Haben, sondern das Erkämpfen macht mir Freude.“ Ein echter Germane! Würdig seines Landsmannes Shakespeare:
Things won are done, joy's soul lies in the doing.
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16. Jahrhunderts (im selben Augenblick, da Shakespeare seine Dramen schrieb) durch schier endlose Versuche die Grundlage zu unserer Kenntnis der Elektricität und des Magnetismus legte. Von einer praktischen Anwendung dieser Kenntnisse selbst in fernsten Jahrhunderten konnte damals Niemand träumen; es handelte sich überhaupt um so geheimnisvolle Dinge, dass man sie bis auf Gilbert entweder gar nicht beachtet und beobachtet, oder nur zum philosophischen Hocuspocus gebraucht hatte. Und dieser eine Mann, der als Ausgangspunkt nur die altbekannten Beobachtungen über den geriebenen Bernstein und das Magneteisen vorfand, experimentierte so unermüdlich und verstand es, in so genial unbefangener Weise die Natur auszufragen, dass er alle grundlegenden Thatsachen in Bezug auf den Magnetismus ein für allemal feststellte, und dass er die Elektricität (das Wort stammt von ihm) als ein vom Magnetismus unterschiedenes Phänomen erkannte und ihre Ergründung anbahnte.

Die Natur als Lehrmeisterin
    An dieses Beispiel Gilbert's können wir nun eine Unterscheidung anknüpfen, die ich schon bei der Aufstellung meiner Tafel kurz begründet und vorhin noch einmal bei der Erwähnung von Goethe's Unterscheidung zwischen dem, was ausser uns und dem, was in uns ist, flüchtig berührt habe, deren Bedeutung aber klarer aus der Praxis als aus theoretischen Erwägungen hervorgehen wird; sie ist für die rationelle Auffassung der Geschichte germanischer Entdeckungen wesentlich: ich meine die Unterscheidung zwischen Entdeckung und Wissenschaft. Nichts wirkt hier aufklärender als ein vergleichender Blick auf die Hellenen. Die Befähigung der Hellenen für die eigentliche Wissenschaft war gross, in manchen Beziehungen grösser als die unsere (man denke nur an Demokrit, Aristoteles, Euklid, Aristarch u. s. w.); ihre Befähigung zur Entdeckung war dagegen auffallend gering. Auch hier ist das einfachste Beispiel zugleich das be-
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lehrendste. Pytheas, der griechische Entdeckungsreisende — an Kühnheit, Intuition und Verstand jedem späteren vergleichbar ¹) — steht vereinzelt da; er wurde von Allen verhöhnt, und nicht ein
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    ¹) Siehe S. 84.

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einziger jener Philosophen, die so Schönes über Gott und die Seele und die Atome und die Himmelssphären zu melden wussten, hat auch nur geahnt, welche Bedeutung die einfache Erforschung der Erdoberfläche für den Menschen haben müsse. Dies zeigt einen auffallenden Mangel an Neugier, eine Abwesenheit alles echten Wissensdurstes, eine gänzliche Blindheit für den Wert von   T h a t s a c h e n,   rein als solchen. Und man glaube nicht, dass hier „Fortschritt“ erst abgewartet werden musste. Entdeckung kann überall jeden Tag beginnen; die notwendigen Werkzeuge — sowohl mechanische wie geistige — ergeben sich von selbst aus den Bedürfnissen der Forschung. Noch bis auf unsern Tag sind die fruchtbarsten Beobachter meist nicht die gelehrtesten Männer, und häufig sind sie in der theoretischen Zusammenfassung ihres Wissens auffallend schwach. So ist z. B. Faraday (vielleicht der erstaunlichste Entdecker des 19. Jahrhunderts), als Buchbindergehilfe fast ganz ungebildet aufgewachsen; seine physikalischen Kenntnisse hat er aus den Konversationslexicis, die er zu binden hatte, seine chemischen aus einer populären Zusammenfassung für junge Mädchen geschöpft; damit ausgerüstet, betrat er die Bahn jener Entdeckungen, auf welchen fast die gesamte elektrische Technik unserer Tage ruht. ¹) Weder William Jones, noch Colebrooke, die beiden Entdecker der Sanskritsprache am Schlusse des 18. Jahrhunderts, waren Philologen von Fach. Der Mann, der das vollbrachte, was kein Gelehrter gekonnt hatte, nämlich ausfindig zu machen, wie man die Pflanzen um das Geheimnis ihres Lebens zu befragen habe, der Begründer der Pflanzenphysiologie, Stephen Hales († 1761), war ein Landgeistlicher. Wir brauchen ja nur den vorhin genannten Gilbert am Werke zu betrachten: alle seine Versuche über Reibungselektricität hätte jeder gescheidte Grieche zweitausend Jahre früher ausführen können; die Apparate, die er benützte, hat er sich selber erfunden, die höhere Mathematik, ohne welche heute ein volles Verständnis dieser Phänomene schwer denkbar ist, gab es zu seiner Zeit
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    ¹) Siehe Tyndall: Faraday as a discoverer (1870) und W. Grosse: Der Äther, 1898.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


noch nicht. Nein, der Grieche beobachtete nur wenig und nie unbefangen; sofort stürzte er sich auf Theorie und Hypothese, d. h. auf Wissenschaft und Philosophie; die leidenschaftliche
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Geduld, welche das Entdeckungswerk erfordert, war ihm nicht gegeben. Dagegen besitzen wir Germanen eine besondere Beanlagung für das Ausforschen der Natur, und diese Beanlagung ist nicht etwas, was auf der Oberfläche liegt, sondern es steht in innigem Zusammenhang mit den tiefsten Tiefen unseres Wesens. Als   T h e o r e t i k e r   scheinen wir nicht ausserordentlich bedeutend zu sein: die Philologen gestehen, der Inder Pânini übertreffe die grössten heutigen Grammatiker;¹) die Juristen sagen, die alten Römer seien uns in der Jurisprudenz sehr überlegen; als wir schon rings um die Welt herumgesegelt waren, musste man uns noch ausführlich beweisen und Jahrhunderte lang einpauken, sie sei rund, damit wir es glaubten, während die Griechen, die nur den mittelländischen Tümpel kannten, es schon längst auf dem Wege der reinen Wissenschaft dargethan hatten; mit den hellenischen Atomen, dem indischen Äther, der babylonischen Evolution finden wir, trotz der ungeheuren Zunahme des Wissens, noch immer unser Auskommen. Dagegen stehen wir als   E n t d e c k e r   ohne Rivalen da. Jener von mir angerufene künftige Historiker der germanischen Civilisation und Kultur wird also hier fein und scharf unterscheiden, und dann sehr lange und ausführlich bei unserem Entdeckungswerke verweilen müssen.
    Zur Entdeckung gehört vor Allem kindliche Unbefangenheit — daher jene grossoffenen Kinderaugen, die in einem Gesichte wie das Faraday's fesseln. Das ganze Geheimnis der Entdeckung liegt hierin: die Natur reden zu lassen. Dazu gehört grosse Selbstbeherrschung; diese fehlte den Hellenen. Das Schwergewicht ihrer Genialität lag in der Schöpferkraft, das Schwergewicht der unseren in der Aufnahmefähigkeit. Denn die Natur gehorcht nicht einem Machtwort, sie spricht nicht, wie wir Menschen wollen und was wir wollen; sondern durch endlose Geduld, durch unbedingte Unterordnung haben wir aus tausend tastenden Versuchen
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    ¹) Siehe S. 408.

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herauszufinden,   w i e   sie befragt sein will, und   w e l c h e   Fragen sie zu beantworten beliebt, welche nicht. Daher ist die Beobachtung eine hohe Schule der Charakterbildung: sie übt die Ausdauer, sie bändigt den Eigenwillen, sie lehrt unbedingte Wahrhaftigkeit. Diese Rolle hat die Naturbeobachtung in der Geschichte des Germanentums gespielt; diese Rolle würde sie morgen in unseren Schulen spielen, wenn endlich einmal die Nacht mittelalterlicher Superstitionen sich lichtete und wir zur Einsicht gelangten, dass nicht das Nachplappern veralteter Weisheit in
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toten, unverstandenen Sprachen, auch nicht das Wissen angeblicher „Thatsachen“ und noch weniger die Wissenschaft, sondern die   M e t h o d e   der Erwerbung alles Wissens — nämlich die Beobachtung — die Grundlage aller Erziehung sein sollte, als einzige Disciplin, welche zugleich den Geist und den Charakter formt, Freiheit und doch nicht Ungebundenheit schenkt, und einem Jeden die Quelle aller Wahrheit und aller Originalität zugänglich macht. Denn hier sehen wir Wissen und Kultur sich wieder berühren und lernen noch besser verstehen, inwiefern Entdecker und Dichter einer Familie angehören: wirklich originell ist nämlich nur — dafür aber überall und immer — die Natur. „Die Natur allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den grossen Künstler.“¹) Die Menschen, die wir Genies nennen, ein Leonardo, ein Shakespeare, ein Bach, ein Kant, ein Goethe, sind unendlich fein organisierte Beobachter; freilich nicht in dem Sinne des Grübelns und Grabbelns, wohl aber im Sinne des Sehens, sowie des Aufspeicherns und Verarbeitens des Gesehenen. Diese Sehkraft nun, d. h. die Fähigkeit des einzelnen Menschen, sich so zur Natur zu stellen, dass er innerhalb gewisser, durch seine Individualität gezogener Grenzen ihre ewig schöpferische Originalität in sich aufnehme und dadurch befähigt werde, selber schöpferisch und originell zu sein — diese Sehkraft kann geübt und entwickelt werden. Allerdings wird sie sich nur bei wenigen ausserordentlichen Menschen freischöpferisch bethätigen, doch Tausende zu originellen Leistungen befähigen.
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    ¹) Goethe: Werther's Leiden, Brief vom 26. Mai des ersten Jahres. Vergl. auch hier das S. 270 unten Gesagte.

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Die hemmende Umgebung
    Wenn der Trieb zum forschenden Entdecken dem Germanen in der beschriebenen Weise angeboren ist, warum erwachte er so spät? Er erwachte nicht spät, sondern er wurde systematisch durch andere Mächte unterdrückt. Sobald die Wanderungen mit ihren unaufhörlichen Kriegen nur einen Augenblick Ruhe gönnen, erblicken wir den Germanen am Werke, nach Wissen dürstend und fleissig forschend. Karl der Grosse und König Alfred sind allbekannte Beispiele (S. 317 fg.); schon von Karl's Vater, Pippin, lesen wir bei Lamprecht,¹) er sei „voll Verständnis   n a m e n t l i c h   f ü r   N a t u r w i s s e n s c h a f t e n   gewesen“.²) Entscheidend ist dann die Aussage eines solchen Mannes wie Scotus Erigena (im 9. Jahrhundert), dass die Natur erforscht werden
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k ö n n e   und erforscht werden   s o l l e;   nur dadurch erfülle sie ihren göttlichen Zweck.³) Wie erging es nun diesem bei aller Wissbegier doch äusserst frommen und (charakteristischer Weise) zur schwärmerischen Mystik geneigten Manne? Auf Befehl des Papstes Nikolaus I. wurde er von seinem Lehramt in Paris verjagt und schliesslich ermordet, und noch vier Jahrhunderte später wurden seine Werke — die inzwischen unter allen wirklich religiösen, antirömischen Germanen verschiedener Nationen grosse Verbreitung gefunden hatten — durch die Sendlinge Honorius III. überall aufgestöbert und verbrannt. Ähnliches geschah bei jeder Regung des Wissenstriebes. Gerade im 13. Jahrhundert, im Augenblick, wo man die Schriften des Scotus Erigena so eifrig den Flammen überlieferte, wurde jener unbegreiflich grosse Geist, Roger Bacon,4) geboren, der zur Entdeckung der Erde durch „Hinaussegeln nach Westen, um nach Osten zu gelangen“, anzufeuern suchte, der die Vergrösserungslupe konstruierte und das Teleskop in der Theorie entwarf, der als Erster die Bedeutung wissenschaftlicher, streng philologisch bearbeiteter Sprachkennt-
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    ¹) Deutsche Geschichte, II, 23.
    ²) Nur im Vorbeigehen die für unsere germanische Eigenart so wichtige Ergänzung: „für Naturwissenschaften   u n d   M u s i k !“
    ³) De divisione naturae V, 33. Vergl. auch oben S. 640.
    4) Von ihm sagt Goethe (Gespräche II, 246): „Die ganze Magie der Natur ist ihm, im schönsten Sinne des Wortes, aufgegangen.“

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


nisse nachwies, u. s. w. ohne Ende, und der vor Allem die prinzipielle Bedeutung der   B e o b a c h t u n g   d e r   N a t u r   als Grundlage alles wirklichen Wissens ein für alle Mal hinstellte und sein ganzes eigenes Vermögen auf physikalische Experimente ausgab. Welche Ermunterung fand nun dieser Geist, geeignet wie kein Anderer vor oder nach ihm, das gesamte Germanentum zum plötzlich hellen Auflodern seiner geistigen Fähigkeiten zu bringen? Zuerst begnügte man sich, ihm zu verbieten, die Ergebnisse seiner Versuche aufzuschreiben, d. h. also, sie der Welt mitzuteilen; dann wurde das Lesen der schon hinausgegangenen Bücher mit Exkommunikation bestraft; dann wurden seine Papiere — die Ergebnisse seiner Studien — vernichtet; zuletzt wurde er in schwere Kerkerhaft geworfen, in der er viele Jahre, bis zum Vorabend seines Todes, verblieb. Der Kampf, den ich hier an zwei Beispielen flüchtig skizziert habe, währte Jahrhunderte und kostete viel Blut und Leiden. Im Grunde genommen ist es genau der selbe Kampf, den mein achtes Kapitel schildert: Rom gegen das Germanentum. Denn, was man auch sonst über römische Unfehlbarkeit denken mag, das Eine wird jeder unparteiische Mann zugeben: Rom hat stets mit unfehlbarem Instinkt es verstanden, dasjenige, was geeignet war, das Germanentum zu fördern,
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hintanzuhalten, und demjenigen, wodurch es am tiefsten geschädigt werden musste, Vorschub zu leisten.
    Doch, um der Sache jede Spitze zu nehmen, die noch heute verletzen könnte, wollen wir sie bis auf ihren reinmenschlichen Kern verfolgen: was finden wir da? Wir finden, dass das thatsächliche, konkrete Wissen, also das grosse Werk der mühsamen Entdeckung, einen Todfeind hat: das Alleswissen. Wir sahen das schon bei den Juden (S. 382); wenn man ein heiliges Buch besitzt, welches alle Weisheit enthält, so ist jede weitere Forschung ebenso überflüssig wie frevelhaft: die christliche Kirche übernahm die jüdische Tradition. Diese für unsere Geschichte so verhängnisvolle Anknüpfung geschieht unmittelbar vor unseren Augen; sie kann Schritt für Schritt nachgewiesen werden. Die alten Kirchenväter predigen einstimmig, unter ausdrücklicher Berufung auf die jüdische Thora, die Verachtung von Kunst und von Wissenschaft.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Ambrosius z. B. sagt, Moses sei in aller weltlichen Weisheit erzogen gewesen und habe bewiesen, dass „Wissenschaft eine schädliche Thorheit sei, der man den Rücken kehren müsse, ehe man Gott finden könne“. „Astronomie und Geometrie treiben, dem Lauf der Sonne unter den Sternen folgen und kartographische Aufnahmen von Ländern und Meeren veranstalten, heisst das Seelenheil für müssige Dinge vernachlässigen.“¹) Augustinus erlaubt, dass man die Bahn des Mondes verfolge, „denn sonst könne man Ostern nicht richtig bestimmen“; im Übrigen hält er die Beschäftigung mit Astronomie für Zeitverlust, indem sie nämlich die Aufmerksamkeit von nützlichen auf nutzlose Dinge lenke! Als „zu der Klasse der überflüssigen menschlichen Einrichtungen gehörend“ erklärt er ebenfalls die gesamte Kunst.²) Doch bedeutet diese noch unverfälscht jüdische Stellung der alten Kirchenlehrer eine enfance de l'art; zwar genügte sie, um Barbaren möglichst lange dumm zu erhalten; der Germane aber war nur äusserlich Barbar; sobald er zur Besinnung kam, entwickelten sich seine kulturellen Anlagen ganz von selbst, und da war es notwendig, andere Waffen zu schmieden. Ein im fernen Süden geborener, zum Feind übergegangener Germane deutscher Herkunft, Thomas von Aquin, ward der berühmteste Waffenschmied; den lechzenden Wissensdurst seiner Stammesbrüder suchte er im Auftrag der Kirche zu löschen, indem er ihm die vollendete,
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göttliche Allwissenheit darbot. Wohl mochte sein Zeitgenosse, Roger Bacon, spotten über „den Knaben, der alles lehre, ohne dass er selber irgend etwas gelernt habe“ — denn Bacon hatte handgreiflich dargethan, dass uns die Grundlagen zum einfachsten Wissen noch völlig abgingen, und er hatte gezeigt, auf welchem Wege allein diesem Mangel abzuhelfen sei — doch was nutzte Vernunft und Wahrhaftigkeit? Thomas, welcher behauptete, die heilige Kirchenlehre im Bunde mit dem kaum minder heiligen Aristoteles genüge, um jede denkbare Frage apodiktisch zu beantworten (siehe S. 683), alles weitere Forschen sei überflüssig
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    ¹) De officiis ministrorum I, 26, 122—123.
    ²) De doctrina christiana I, 26, 2 und I, 30, 2.

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und verdammungswürdig, wurde heilig gesprochen, Bacon wurde in den Kerker geworfen. Der Allwissenheit des Thomas gelang es auch thatsächlich, das schon begonnene Werk der mathematischen, physikalischen, astronomischen und philologischen Untersuchungen für drei ganze Jahrhunderte vollständig zu inhibieren!¹)
    Wir sehen also ein, warum das Entdeckungswerk so spät anhub. Zugleich gelangen wir zur Kenntnis eines allgemeinen Gesetzes in Bezug auf alles Wissen: nicht die Unwissenheit, sondern die Allwissenheit ist für jede Zunahme des Wissensstoffes eine tödliche Atmosphäre. Weisheit und Ignoranz sind beides nur die Bezeichnungen für nie bestimmbare, weil rein relative Begriffe, der absolute Unterschied liegt ganz wo anders; es ist der zwischen dem Manne, der sich seiner Unwissenheit bewusst ist, und dem, der durch irgend eine Selbsttäuschung sich entweder im Besitze alles Wissens wähnt oder sich über alles Wissen erhaben dünkt. Ja, man dürfte vielleicht noch weiter gehen und die Behauptung aufstellen, jegliche Wissenschaft, selbst die echte, berge eine Gefahr für die Entdeckung, indem sie die Unbefangenheit des beobachtenden Menschen der Natur gegenüber in etwas lähmt. Hier wie anderswo (siehe S. 686) ist nicht so sehr die Menge und die Art des Wissens, als vielmehr die Richtung des Geistes
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das Entscheidende.²) In der Erkenntnis dieses Verhältnisses liegt
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    ¹) Das ist der Philosoph, der heute von den Jesuiten auf den Thron erhoben wird (siehe S. 682) und dessen Lehren hinfürder die Grundlage für die philosophische Bildung aller römischen Katholiken abgeben sollen! Wie frei sich der germanische Geist regte, ehe ihm von der Kirche diese Ketten angelegt wurden, zeigt die Thatsache, dass auf der Universität zu Paris im 13. Jahrhundert Thesen wie die folgenden verteidigt wurden: „Die Reden der Theologen sind auf Fabeln gegründet“ und „Es wird nichts mehr gewusst wegen des angeblichen Wissens der Theologen“ und „Die christliche Religion hindert daran, etwas hinzuzulernen“ (vergl. Wernicke: Die mathematisch-naturwissenschaftliche Forschung, etc., 1898, S. 5).
    ²) Daher das tiefsinnige Wort Kant's über die Bedeutung der Astronomie: „Das Wichtigste ist wohl, dass sie uns den Abgrund der Unwissenheit aufgedeckt hat, den die menschliche Vernunft ohne diese Kenntnisse sich niemals so gross hätte vorstellen können, und worüber das Nachdenken eine grosse Veränderung in der Bestimmung

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die ganze Bedeutung des Sokrates eingeschlossen, der von den Machthabern seiner Zeit aus dem selben Grunde verfolgt wurde, wie die Scotus Erigena und Roger Bacon von den Machthabern ihrer Zeit. Denn es fällt mir nicht ein, der römischen Kirche einen besonderen, nur auf sie gemünzten Vorwurf aus ihrem Verhalten zu machen. Zwar richtet sich die Aufmerksamkeit immer in erster Linie auf sie, schon wegen der entscheidenden Macht, die sie bis vor wenigen Jahrhunderten besass, sowie auch wegen der grossartigen Konsequenz, mit der sie Stets den einzig logischen Standpunkt unseres aus dem Judentum hervorgegangenen Glaubenssystems bis heute festgehalten hat; doch auch ausserhalb ihrer Gemeinschaft finden wir den selben Geist als unabweisliche Folge jeder historischen, materialistischen Religion. Martin Luther z. B. hat folgenden horrenden Ausspruch gethan: „Der Griechischen Weisheit, wenn sie gegen der Juden Weisheit gehalten wird, ist gar viehisch; denn ausser Gott kann keine Weisheit, noch einiger Verstand und Witz sein.“ Also die ewig herrlichen Leistungen der Hellenen sind „viehisch“ im Verhältnis zu der absoluten Ignoranz und kulturellen Roheit eines Volkes, welches auf keinem einzigen Felde menschlichen Wissens oder Schaffens jemals das Geringste geleistet hat! Hingegen weist Roger Bacon in dem ersten Teil seines Opus majus als die vornehmliche Ursache der menschlichen Unwissenheit „den Stolz eines vorgeblichen Wissens“ nach; womit er in der That den Kernpunkt trifft.¹) Der Rechtsanwalt Krebs (besser bekannt als Kardinal Cusanus und berühmt als Aufdecker des römischen Dekre-
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der Endabsichten unseres Vernunftgebrauches hervorbringen muss“ (Kritik der reinen Vernunft, Anmerkung in dem Abschnitt betitelt: „Von dem transscendentalen Ideal“).
    ¹) Die Ignoranz hat nach ihm vier Ursachen: den Autoritätsglauben, die Macht der Gewohnheit, die Sinnestäuschungen, den stolzen Wahnsinn einer erträumten Weisheit. Von den Thomisten und Franziskanern, die als die grössten Gelehrten seiner Zeit galten, sagt Bacon: „Niemals hat die Welt einen so grossen Schein des Wissens gesehen wie heute, und doch war niemals in Wahrheit die Ignoranz so krass, der Irrtum so tief eingewurzelt“ (nach einem Citat in Whewell: History of the inductive sciences, 3rd ed., 378).

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


talienschwindels) vertrat zwei Jahrhunderte später die selbe These
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in seinem vielgenannten Werke De docta ignorantia, in dessen erstem Buche er „die Wissenschaft des Nichtwissens“ als ersten Schritt zu allem ferneren Wissen entwickelt.
    Sobald diese Einsicht so weit durchgedrungen war, dass selbst Kardinäle sie vortragen durften, ohne in Ungnade zu fallen, war der Sieg des Wissens sicher. Jedoch, um die Geschichte unserer Entdeckungen und unserer Wissenschaften zu verstehen, werden wir das hier festgestellte Grundprinzip nie aus den Augen verlieren dürfen. Inzwischen hat freilich eine Verschiebung der Machtverhältnisse stattgefunden, jedoch nicht der Grundsätze. Unser Wissen haben wir Schritt für Schritt nicht allein der Natur abringen, sondern auch den Hindernissen abtrotzen müssen, welche die Mächte der nichtswissenden Allweisheit uns auf allen Seiten entgegenstellten. Als im Jahre 1874 Tyndall in seiner berühmten Rede vor der British Association in Belfast die unbedingte Freiheit der Forschung gefordert hatte, erhob sich in der ganzen anglikanischen Kirche, sowie in allen Kirchen der Dissidenten ein Sturm der Empörung. Bei uns kann zwischen Wissenschaft und Kirche niemals aufrichtige Harmonie bestehen, wie das in Indien der Fall war: zwischen einem dem Judentum entlehnten, chronistischen und absolutistischen Glaubenssystem und den fragenden, forschenden Instinkten der germanischen Persönlichkeit ist dies ein Ding der Unmöglichkeit. Man mag das nicht einsehen, man mag es aus interessierten Gründen leugnen, man mag es wegen fernreichender Pläne zu vertuschen suchen, wahr bleibt es doch, und diese Wahrheit bildet einen der Gründe zu der tiefliegenden Zwietracht unserer Zeiten. Daher kommt es auch, dass bisher so spottwenig von unserem grossen Entdeckungswerk in das lebendige Bewusstsein der Völker eingedrungen ist. Diese erblicken wohl einige Resultate des Forschens — solche, die zu industriell verwertbaren Neuerungen führten; doch ist es offenbar vollkommen gleichgültig, ob wir uns mit Talgkerzen oder mit elektrischen Glühlampen leuchten; entscheidend ist nicht,   w i e   man sieht, sondern   w e r   sieht. Erst wenn wir unsere Erziehungsmethoden so gänzlich umgewälzt

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haben, dass die Heranbildung des Einzelnen von Anfang an einem   E n t d e c k e n   gleicht und nicht lediglich in der Überlieferung einer fertigen Weisheit besteht, erst dann werden wir auf diesem grundlegenden Gebiet des Wissens das fremde Joch in der That abgeschüttelt haben und der vollen Entfaltung unserer besten Kräfte entgegengehen.
    Der Blick aus einer solchen möglichen Zukunft zurück auf unsere noch arme Gegenwart befähigt, noch weiter zurückzu-
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schauen und mit Verständnis nachzufühlen, welchen Schwierigkeiten das mühsamste aller Werke, die Entdeckung, auf Schritt und Tritt begegnete. Ohne die Goldgier und ohne die unnachahmliche Naivetät der Germanen wäre es nie gelungen. Sie verstanden es, sich sogar die kindische Kosmogonie des Moses zu nutze zu machen.¹) So sehen wir z. B., wie die Theologen der Universität Salamanca mit einem ganzen Arsenal von Citaten aus der Bibel und aus den Kirchenvätern beweisen, der Gedanke einer Westroute über den Atlantischen Ocean sei Unsinn und Blasphemie, und wie sie damit die Abweisung des Columbus seitens der Regierung durchsetzen;²) doch Columbus selber, ein sehr frommer Mann, war hierdurch nicht irre zu machen; denn auch er verliess sich bei seinen Berechnungen mehr noch als auf die Karte des Toscanelli und auf die Meinungen des Seneca, Plinius u. s. w. gleichfalls auf die Heilige Schrift und zwar auf die Apokalypse Esra's, worin gesagt wird, das Wasser bedecke nur den siebenten Teil der Erde.³) Wahrlich, eine echt ger-
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    ¹) Was heute mit dem Darwinismus wieder geschieht.
    ²) Fiske: Discovery of America, ch. V.
    ³) Dies ist natürlich nur eine Anwendung der beliebten Einteilung in die heilige Siebenzahl nach der (angeblichen) Zahl der Wandelsterne. Man vergleiche das zweite Buch Esra in den Apokryphen, VI, 42 und 52 (auch als viertes Buch Esra bezeichnet, wenn das kanonische Buch Esra und das Buch Nehemia als erstes und zweites gerechnet werden, was in früheren Zeiten üblich war). Höchst bemerkenswert ist es, dass Columbus   a l l e   seine Argumente für einen westlichen Weg nach Indien, sowie auch die Kenntnis dieser Stelle aus Esra dem grossen Roger Bacon verdankt! So haben wir den Trost, den armen, von der Kirche zu Tode Gehetzten, ebenso wie

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manische Art, jüdische Apokalypsen zu etwas nütze zu machen! Hätten die Menschen damals geahnt, dass das Wasser statt ein Siebentel der Erdoberfläche — wie die unfehlbare Quelle alles Wissens es lehrte — fast genau drei Viertel bedeckt, sie hätten sich nie auf den Ocean hinausgewagt. Auch der ferneren Geschichte der geographischen Entdeckungen kamen verschiedene derartige fromme Konfusionen sehr zu statten. So z. B. war es die (S. 675 erwähnte) Schenkung aller Länder der Erde westlich der Azoren an Spanien durch den Papst als unbeschränkten Herrn der Welt, was die Portugiesen zur Auffindung des östlichen Weges nach Indien um das Kap der guten Hoffnung herum förmlich   z w a n g.   Nun fanden sich aber in Folge dessen die Spanier
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im Nachteil; denn der Papst hatte den Portugiesen die gesamte östliche Welt zu eigen geschenkt, und jetzt waren sie auf Madagascar und auf Indien mit seinen fabelhaften Schätzen an Gold, Edelsteinen, Gewürzen u. s. w. gestossen, während Amerika einstweilen wenig bot; und so kannten die Spanier keine Ruhe, bis Magalhães seine grosse That vollbracht hatte und auf dem westlichen Wege ebenfalls bis nach Indien vorgedrungen war.¹)

Die Einheit des Entdeckungswerkes
    Auf Einzelheiten werde ich nicht eingehen. Nicht als ob es hier nicht noch vieles auszuführen gäbe, was der Leser weder aus Geschichtswerken noch aus Konversationslexicis wird ergänzen können; doch sobald der ganze lebendige Organismus uns klar vor Augen steht — die besondere Anlage, die treibenden Kräfte, die hemmende Umgebung — ist die an diesem Orte gestellte Aufgabe vollbracht, und das dürfte jetzt der Fall sein. Nicht eine Chronik der Vergangenheit, sondern eine Beleuchtung der Gegenwart bezwecke ich ja. Und darum möchte ich nur noch auf das Eine mit besonderem Nachdruck die Aufmerksamkeit richten. Es verwirrt nämlich das historische Verständnis völlig,
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auf Mathematik, Astronomie und Physik, auch auf die Geschichte der geographischen Entdeckungen entscheidenden Einfluss ausüben zu sehen.
    ¹) Magalhães erblickte Land, d. h. er vollendete den Beweis, dass unsere Erde rund sei, am 6. März 1521, am selben Tage, an dem Karl V. die Vorladung Luther's nach Worms unterschrieb.

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wenn man die geographischen Entdeckungen, wie üblich, von dem übrigen Entdeckungswerk scheidet; ebenso entsteht eine weitere Verwirrung, wenn man diejenigen Entdeckungen, welche speziell das Menschengeschlecht betreffen — ethnographische, sprachliche, religionsgeschichtliche u. s. w. — wieder in ein besonderes Fach einreiht oder zur Philologie und Historie zählt. Die Einheit der Wissenschaften wird täglich mehr anerkannt, die Einheit des Entdeckungswerkes, d. h. also der Herbeischaffung des Wissensstoffes, fordert die selbe Anerkennung. Gleichviel, was entdeckt wird, gleichviel, ob ein kühner Abenteurer, ein erfindungsreicher Industrieller oder ein geduldiger Gelehrter es zu Tage fördert, es sind die selben Anlagen unseres Wesens am Werke, der selbe Drang nach Besitz, die selbe Leidenschaftlichkeit, die selbe Hingabe an die Natur, die selbe Kunst der Beobachtung; es ist der selbe germanische Mann, von dem Faust sagt:
Im Weiterschreiten find' er Qual und Glück,
Er! unbefriedigt jeden Augenblick.
    Und jede einzelne Entdeckung, gleichviel, auf welchem Gebiete sie stattfindet, fördert jede andere, wie fern auch abliegende.
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Das ist bei den geographischen besonders sichtbar. Aus Gier nach Besitz, zugleich aus religiösem Fanatismus hatten die Staaten Europa's sich des geographischen Entdeckungswerkes angenommen; das Hauptergebnis für den Menschengeist war aber zunächst die Feststellung, dass die Erde rund ist. Die Bedeutung dieser Entdeckung ist einfach unermessbar. Zwar war die sphärische Gestalt der Erde schon längst von den Pythagoreern vermutet und von gelehrten Männern zu allen Zeiten vielfach behauptet worden; doch ist es ein gewaltig weiter Schritt von derartigen theoretischen Erwägungen bis zu einem unwiderleglichen, konkreten, augenfälligen Nachweis. Dass die Kirche nicht wirklich an die Kugelgestalt der Erde glaubte, geht zur Genüge aus jenen Schenkungsbullen des Jahres 1493 hervor (S. 675): denn „westlich“ von einem jeden Breitengrade liegt die ganze Erde. Dass Augustinus die Annahme von Antipoden für absurd und schriftwidrig hielt, habe ich schon früher angeführt (S. 538). Am

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Schlusse des 15. Jahrhunderts galt für die Gläubigen noch immer die Geographie des Mönches Cosmas Indicopleustes als massgebend, welcher die Ansicht der griechischen Gelehrten für Gotteslästerung erklärt und die Welt sich als ein flaches Rechteck denkt, das die vier Wände des Himmels einschliessen; oberhalb der gewölbten Sternendecke wohnen Gott und die Engel.¹) Man mag wohl heute über derartige Vorstellungen lächeln, sie waren und sind durch die Kirchenlehre geboten. So warnt z. B. Thomas von Aquin bezüglich der Hölle ausdrücklich vor der Tendenz, sie nur geistig aufzufassen; im Gegenteil, die Menschen würden dort poenas corporeas, leibliche Strafen, leiden, und die Flammen der Hölle seien secundum litteram intelligenda, d. h. buchstäblich zu verstehen, was doch die Vorstellung eines Ortes — nämlich
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„unterhalb der Erde“ — bedingt.²) Ein runder, im Raume schwebender Planet vernichtet die greifbare Vorstellung der Hölle ebenso gründlich und weit wirksamer als Kant's Transscendentalität des Raumes. Kaum ein einziger der kühnen Seefahrer glaubte ganz fest an die Kugelgestalt der Erde, und Magalhães hatte grosse Mühe, seine Leute zu beruhigen, als er den Stillen Ocean durchkreuzte, da sie täglich fürchteten, plötzlich an den „Rand“ der Welt zu gelangen und direkt in die Hölle hinunter zu
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    ¹) Vergl. Fiske: Discovery of America, ch. III.
    ²) Compendium Theologiae, cap. CLXXIX. Dass Thomas von Aquin auch an eine bestimmte Lokalisation des Himmels glaubte, wenngleich er weniger Nachdruck darauf gelegt zu haben scheint, bezweifle ich nicht. Konrad von Megenberg, der genau 100 Jahre nach ihm starb (1374), ein sehr gelehrter und frommer Mann, Kanonikus am Ravensberger Dom und Verfasser der allerersten Naturgeschichte in deutscher Sprache, sagt ausdrücklich in dem astronomischen Teil seines Werkes: „Der erste und oberste Himmel (es giebt ihrer zehn) steht still und dreht sich nicht. Er heisst auf lateinisch Empyreum, zu deutsch Feuerhimmel, weil er in übernatürlich hellem Schein glüht und leuchtet.   I n   i h m   wo h n t   G o t t   m i t   s e i n e n   A u s e r w ä h l t e n“   (Das Buch der Natur, II, 1). Die neue Astronomie, fussend auf der neuen Geographie, vernichtete also geradezu die „Wohnung Gottes“, an die bis dahin selbst gelehrte und freisinnige Männer geglaubt hatten, und raubte den physikotheologischen Vorstellungen alle sinnlich überzeugende Wirklichkeit.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


fallen. Und nunmehr war der konkrete Beweis erbracht; die Leute, die nach Westen hinausgesegelt waren, kehrten von Osten zurück. Das war die vorläufige Vollendung des von Marco Polo (1254—1323) begonnenen Werkes; er hatte als Erster die sichere Kunde gebracht, im Osten von Asien dehne sich ein Ocean aus.¹)
    Mit einem Schlage war nunmehr rationelle Astronomie möglich geworden. Die Erde war rund; folglich schwebte sie im Raume. Schwebte sie aber im Raume, warum sollten nicht auch
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Sonne, Mond und Planeten frei schweben? Somit kamen geniale
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    ¹) Zur Verdeutlichung des im 13. Jahrhundert begonnenen geographischen Entdeckungswerkes ist umstehend eine Karte beigegeben. Der schwarze Teil zeigt, wie viel von der Welt dem Europäer der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also vor Marco Polo, bekannt war; alles weiss Gelassene war völlig terra incognita. Die Gegenüberstellung wirkt überraschend und kann als ein Diagramm zur Versinnbildlichung der entdeckenden Thätigkeit der Germanen auch auf anderen Gebieten dienen. — Sobald man frühere Zeiten oder aussereuropäische Völker in Betracht zöge, müsste allerdings der schwarze Teil bedeutende Modifikationen erleiden; so z. B. hatten die Phönizier die Kap Verde-Inseln gekannt, inzwischen waren aber diese so gänzlich aus den Augen verloren, dass man die alten Berichte für Fabeln hielt; die Kalifen hatten mit Madagaskar einen regen Verkehr unterhalten, sogar — angeblich — den Seeweg um Indien herum nach China gekannt; christliche — nestorianische — Bischöfe hat es im 7. Jahrhundert in China gegeben u. s. w.  Dass von allen diesen Dingen einzelne Europäer (am päpstlichen Hofe oder an Handelsemporien) dunkle Kunde auch im 13. Jahrhundert besassen, ist anzunehmen; ich habe aber zeigen wollen, was damals thatsächlich und aus sicherer Anschauung bekannt war, und da habe ich eher zu viel als zu wenig aufgenommen. Von den Küsten Indiens z. B. hatten die Europäer damals gar keine genaue Kenntnis; drei Jahrhunderte später (z. B. auf der Karte von Johann Ruysch) sind ihre Vorstellungen noch schwankend und fehlervoll; von Innerasien kannten sie lediglich die Karawanenstrassen bis nach Samarkand und bis an den Indus. Erst wenige Jahre vor Marco Polo sind zwei Franziskaner-Mönche bis nach Karakorum, an den Hof des Grosskhans, vorgedrungen und haben von dort die erste nähere Kunde (doch auch nur vom Hörensagen) über China gebracht. — In den Jahresberichten der Geschichtswissenschaft (XXII, 97) bemerkt Helmolt als Ergänzung zu dieser Anmerkung: „Seit 638 erlaubte ein kaiserlich chinesisches Gesetz den Nestorianern, Mission zu treiben;

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Hypothesen der alten Hellenen wieder zu Ehren.¹) Vor Magalhães fassten derartige Spekulationen (z. B. die des Regiomontanus) nie festen Fuss; wogegen, sobald kein Zweifel mehr über die Gestalt der Erde bestand, ein Kopernikus gleich zur Hand war; denn jetzt stand die Spekulation auf dem festen Boden sicherer Thatsachen. Hierdurch wurde aber sofort die Erinnerung an jenes schon von Roger Bacon angegebene Teleskop geweckt, und die Entdeckungen auf unserem Planeten setzten sich fort durch Entdeckungen am Himmel. Kaum war die Bewegung der Erde als wahrscheinliche Hypothese aufgestellt worden, und schon sah man mit Augen die Monde um Jupiter herum kreisen.²) Welchen immensen Impuls die Physik durch die völlige Umgestaltung der kosmischen Vorstellungen erhielt, zeigt die Geschichte. Dass sie bei Archimedes anknüpft, ist wahr, so dass man der Renaissance ein gewisses kleines Verdienst daran lassen kann, doch weist Galilei darauf hin, dass die Geringschätzung der höheren Mathematik und Mechanik mit dem   M a n g e l   e i n e s   s i c h t b a r e n   G e g e n s t a n d e s   für deren Anwendung zusammenhing,³) und die Hauptsache ist, dass eine mechanische Auffassung der Welt
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eine Inschrift vom Jahre 781 (beschrieben bei Navarra: China und die Chinesen, 1901, S. 1089 ff.) erwähnt den nestorianischen Patriarchen Chanan-Ischu und berichtet, dass seit dem Beginne christlicher Predigt in China 70 Missionare dorthin gezogen seien; südlich vom Balkaschsee sind mehr als 3000 Grabsteine nestorianischer Christen gefunden worden.“ Siehe auch den Vortrag von Baelz: Die Ostasiaten, 1901, S. 35 fg. Etwa gegen Ende des 10. Jahrhunderts hat es in China christliche Kirchen zu Tausenden gegeben.
    ¹) Gleich in der Widmung zu seinem De revolutionibus nennt Kopernikus diese Meinungen der Alten. Und als das Werk später auf den Index kam, wurde die Lehre des Kopernikus kurzweg als doctrina Pythagorica bezeichnet (Lange: Geschichte des Materialismus, 4. Aufl. I, 172).
    ²) Die Bewegung dieser Monde ist so leicht zu beobachten, das Galilei sie sofort bemerkte und in seinem Briefe vom 30. Januar 1610 erwähnt.
    ³) So habe ich wenigstens ein Citat in Thurot: Recherches historiques sur le principe d'Archimède, 1869, gedeutet, bin aber leider augenblicklich nicht in der Lage, die Treue meines Gedächtnisses und die Richtigkeit meiner Auffassung zu prüfen.

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Der schwarze Teil zeigt, wie viel von der Welt dem Europäer der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, also vor Marco Polo, bekannt war.

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überhaupt erst dann sich den Menschen aufdrängen konnte, als sie mit   A u g e n   die mechanische Struktur des Kosmos erblickten. Jetzt erst wurden die Gesetze des Falles sorgfältig untersucht; dies führte zu einer neuen Vorstellung und Analyse der Schwerkraft, sowie zu einer neuen und richtigeren Bestimmung der Grundeigenschaften aller Materie. Die treibende Kraft zu allen diesen Studien war die durch den Anblick schwebender Gestirne mächtig erregte Phantasie. Die hohe Bedeutung fortwährender Entdeckungen für das Wachhalten der Phantasie (und somit auch für die Kunst) habe ich schon früher erwähnt (S. 270); hier erblicken wir das Prinzip am Werke.
    Man sieht, wie sich das Eine aus dem Anderen ergiebt, und
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wie der erste Anstoss zu allen diesen Entdeckungen in den Entdeckungsreisen zu suchen ist. Doch viel weiter noch, bis in die tiefste Tiefe der Weltanschauung und Religion, reichten bald die um diesen mittleren Impuls herum sich ausdehnenden Wellen. Denn viele Thatsachen wurden jetzt entdeckt, welche der scheinbaren Evidenz und den Lehren des sacrosancten Aristoteles direkt widersprachen. Die Natur wirkt immer in unerwarteter Weise; der Mensch besitzt kein Organ, durch das er noch nicht Beobachtetes erraten könnte, weder Gestalt noch Gesetz; es ist ihm völlig versagt. Entdeckung ist immer Offenbarung. In genialen Köpfen wirkten nun diese neuen Offenbarungen — diese den stummen Sphinxen entlockten Antworten auf bisher in heiliges Dunkel gehüllte Rätsel — mit fliegender Eile und befähigten sie sowohl zu Anticipationen künftiger Entdeckungen wie auch zur Grundlegung einer durchaus neuen, weder hellenischen noch jüdischen, sondern germanischen Weltanschauung. So verkündete schon Leonardo da Vinci — ein Vorläufer aller echten Wissenschaft — „la terra è una stella“, die Erde ist ein Stern, und fügte erläuternd an anderer Stelle hinzu: „la terra non è nel mezzo del mondo“, die Erde befindet sich nicht in der Mitte des Universums; und mit einer schier unbegreiflichen Intuitionskraft sprach er das ewig denkwürdige Wort: „Alles Leben ist Bewegung.“¹) Hun-
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    ¹) So finde ich die Stelle an verschiedenen Orten citiert, doch

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dert Jahre später sah schon Giordano Bruno, der begeisterte, Visionär, unser ganzes Sonnensystem sich im unendlichen Raume fortbewegen, die Erde mit ihrer Last an Menschen und Menschengeschicken nur ein Atom unter ungezählten Atomen. Da war man freilich weit von mosaischer Kosmogonie und von dem Gott, der sich das kleine Volk der Juden herausgewählt hatte, „auf dass er geehrt werde“, und fast ebenso weit von Aristoteles mit seiner pedantisch-kindischen Teleologie. Es musste der Aufbau einer ganz neuen Weltanschauung, einer Weltanschauung, die den Bedürfnissen des germanischen Gesichtskreises und der germanischen Geistesrichtung entsprach, begonnen werden. In dieser Beziehung ward dann Descartes — geboren, ehe Bruno starb — von weltgeschichtlicher Bedeutung, indem er, genau so wie seine Vorfahren, die kühnen Seefahrer, zugleich das grundsätzliche Zweifeln an allem Hergebrachten und die furchtlose Erforschung des Unbekannten forderte. Worüber später Näheres.
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    Das Alles sind Ergebnisse der geographischen Entdeckungen. Natürlich nicht wie Wirkungen, die auf Ursachen folgen, wohl aber wie Ereignisse, welche durch bestimmte Vorfälle veranlasst worden sind. Hätten wir Freiheit besessen, so hätte der historische Entwickelungsgang unseres Entdeckungswerkes ein anderer sein können, wie dies aus dem Beispiel Roger Bacon's deutlich genug hervorgeht; doch natura sese adjuvat: alle Wege bis auf den einen der geographischen Entdeckungen waren uns gewaltsam abgesperrt worden; dieser blieb offen, weil alle Kirchen den Geruch des Goldes lieben und weil selbst ein Columbus davon träumte, mit den erhofften Schätzen eine Armee gegen die Türken auszurüsten; und so wurde die geographische Entdeckung die Grundlage zu allen anderen, damit zugleich das Fundament unserer allmählichen, doch noch lange nicht vollendeten geistigen Emanzipation.
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lautet der einzige derartige Spruch, den ich aus dein Original kenne, etwas anders: Il moto è causa d'ogni vita, die Bewegung ist Ursache alles Lebens (in den von J. P. Richter herausgegebenen Scritti letterari di Leonardo da Vinci, II, 286, Fragment Nr. 1139). Die früher genannten Stellen sind den Nummern 865 und 858 entnommen.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


    Leicht wäre es, den Einfluss der Entdeckung der Welt auf alle anderen Lebenszweige nachzuweisen: auf Industrie und Handel, dadurch aber zugleich auf die wirtschaftliche Gestaltung Europa's, auf den Landbau durch die Einführung neuer Nutzpflanzen (z. B. der Kartoffel), auf die Medizin (man denke an das Chinin!), auf die Politik u. s. w.  Ich überlasse das dem Leser und mache ihn nur darauf aufmerksam, dass auf allen diesen Gebieten der erwähnte Einfluss zunimmt, je näher wir dem 19. Jahrhundert rücken; mit jedem Tag wird unser Leben im Gegensatz zum früheren „europäischen“ in ausgesprochenerer Weise ein „planetarisches“.

Der Idealismus
    Noch ein grosses Gebiet tiefgehender und in diesem Zusammenhang wenig beachteter Beeinflussung giebt es, das nicht unerörtert bleiben darf, und zwar um so weniger, als gerade hier die unausbleiblichen Folgen der Entdeckungen am langsamsten sich einstellen und kaum erst im 19. Jahrhundert deutliche Gestalt zu gewinnen begannen: ich meine den Einfluss der Entdeckungen auf die   R e l i g i o n.   In Wahrheit hat durch die Entdeckung — erst der Sphäroidalgestalt der Erde, sodann ihrer Stellung im Kosmos, sodann der Bewegungsgesetze, sodann der chemischen Struktur der Stoffe u. s. w., u. s. w. — eine lückenlos mechanische Deutung der Natur sich als unabweislich, als einzig wahr ergeben. Sage ich „einzig wahr“, so meine ich einzig wahr für uns Germanen; andere Menschen mögen — in Zukunft wie in der Vergangenheit — anders denken; auch unter uns regt sich hin und wieder eine Reaktion gegen das allzu einseitige Vorwalten rein mechanischer Naturdeutung; doch lasse man sich nicht durch
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vorübergehende Strömungen irreführen; wir werden mit Notwendigkeit immer wieder auf Mechanismus zurückkommen, und so lange der Germane vorherrscht, wird er diese seine Auffassung auch den Nichtgermanen aufzwingen. Ich rede nicht von Theorien, das gehört an einen anderen Ort; wie aber auch die Theorie ausfalle, „mechanisch“ wird sie hinfürder immer sein, das ist ein unweigerliches Gebot des germanischen Denkens; denn so nur vermag es das Äussere und das Innere in fruchtbarer Wechselwirkung zu erhalten. Dies gilt — für uns — so uneingeschränkt, dass ich

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mich gar nicht entschliessen kann, das Mechanische als eine Theorie und daher als zur „Wissenschaft“ gehörig zu betrachten, sondern es vielmehr als eine Entdeckung, als eine feststehende Thatsache auffassen zu müssen glaube. Rechtfertigen mag dies der Philosoph, doch bildet für den gemeinen Mann der Siegeslauf unserer greifbaren Entdeckungen genügende Gewähr; denn der streng festgehaltene mechanische Gedanke war von Anfang an bis zum heutigen Tage der Ariadnefaden, der uns durch alle sich querenden Irrgänge sicher hindurchführte. „Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt“, schrieb ich auf das Titelblatt dieses Buches: was uns in der Welt der empirischen Erfahrung aus dem Dunkeln ins Helle geführt hat und noch führt, war und ist das unbeirrte Festhalten am Mechanismus. Dadurch — und nur dadurch — haben wir eine Menge Erkenntnisse und eine Herrschaft über die Natur erworben, wie nie eine andere Menschenart.¹) Dieser Sieg des Mechanismus bedeutet nun den notwendigen, völligen Untergang aller   m a t e r i a l i s t i s c h e n   Religion. Das Ergebnis ist unerwartet, doch unanfechtbar. Jüdische Weltchronik konnte für Cosmas Indicopleustes Bedeutung haben, für uns kann sie es nicht; dem Universum gegenüber, wie wir es heute kennen, ist sie einfach absurd. Ebenso unhaltbar ist aber dem Mechanismus gegenüber alle Magie, wie sie — dem Orient entnommen — in kaum verhüllter Gestalt einen so wesentlichen Bestandteil des sogenannten christlichen Credos ausmacht (siehe S. 636, 640). Mechanismus
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in der Weltanschauung und Materialismus in der Religion sind ein für alle Mal unvereinbar. Wer die mit den Sinnen wahrgenommene empirische Natur mechanisch deutet, hat eine ideale
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    ¹) Da man in einem philosophisch so sehr verrohten Zeitalter in allen Dingen immer Missverständnisse befürchten muss, setze ich (mit Kant's Worten) hinzu, dass, wenn es auch, „ohne den Mechanismus zum Grunde der Nachforschung zu legen,   g a r   k e i n e   e i g e n t l i c h e   Naturerkenntnis geben kann“, dies doch nur für die Empirie gilt und durchaus nicht hindert, „nach einem Prinzip zu spüren und zu reflektieren, welches von der Erklärung nach dem Mechanismus der Natur ganz verschieden ist“ (Kritik der Urteilskraft, § 70).

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Die Entstehung einer neuen Welt. Entdeckung.


Religion oder gar keine; alles Übrige ist bewusste oder unbewusste Selbstbelügung. Der Jude kannte keinerlei Mechanismus: von der Schöpfung aus Nichts bis zu seinen Träumen einer messianischen Zukunft ist bei ihm alles freiwaltende, allvermögende Willkür;¹) darum hat er auch nie etwas entdeckt; nur Eines ist bei ihm notwendig: der Schöpfer; mit ihm ist alles erklärt. Die mystisch-magischen Gedanken, welche allen unseren kirchlichen Sakramenten zu Grunde liegen, stehen auf einer noch tieferen Stufe des Materialismus; denn sie bedeuten in der Hauptsache einen Stoffwechsel, sind also weder mehr noch weniger als   S e e l e n - A l c h y m i e.   Dagegen verträgt der konsequente Mechanismus, wie wir Germanen ihn geschaffen haben und dem wir nie mehr entrinnen können, einzig eine rein ideale, d. h. eine transscendente Religion, wie sie Jesus Christus gelehrt hatte: das Reich Gottes ist inwendig in euch. ²) Nicht Chronik, sondern nur Erfahrung — innere, unmittelbare Erfahrung — kann für uns Religion sein.
    Darauf ist an anderem Orte zurückzukommen. Hier will ich nur das Eine vorwegnehmen, dass nach meinem Dafürhalten die Weltbedeutung   I m m a n u e l   K a n t 's   auf seinem genialen Erfassen dieses Verhältnisses beruht: das Mechanische bis in seine letzten Konsequenzen als Welterklärung, das rein Ideale als einziger Gesetzgeber für den inneren Menschen. ³)
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    ¹) Siehe S. 242 fg.
    ²) Siehe S. 199 fg., 567 fg., u. s. w.
    ³) Für philosophisch gebildete Leser will ich bemerken, dass mir Kant's Aufstellung einer   d y n a m i s c h e n   N a t u r p h i l o s o p h i e   im Gegensatz zu einer   m e c h a n i s c h e n   N a t u r p h i l o s o p h i e   (Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, II) nicht entgangen ist, doch handelt es sich da um Unterscheidungen, die in einem Werk wie das vorliegende nicht vorgetragen werden können; ausserdem bezeichnet Kant mit „Dynamik“ lediglich eine besondere Auffassung einer — nach dem gewöhnlichen Brauch des Wortes — streng „mechanischen“ Deutung der Natur. — Gleich hier möchte ich auch dem Missverständnis vorbeugen, als hätte ich mich dem Kant'schen System mit Haut und Haar verpflichtet. Ich bin nicht gelehrt genug, um alle diese scholastischen Windungen mitzumachen; es wäre Anmassung, wollte ich sagen, ich

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    Wie viele Jahrhunderte werden wir uns noch mit der bewussten Lüge herumschleppen, wir glaubten an Absurditäten als an offenbarte Wahrheit? Ich weiss es nicht. Doch hoffe ich, es währt nicht mehr lange. Denn das religiöse Bedürfnis schwillt zu gebieterisch an in unserer Brust, als dass es nicht eines Tages das morsche, finstere Gebäude zertrümmerte, und dann treten wir hinaus in das neue, helle, herrliche, welches schon lange fertig dasteht: das wird die Krone des germanischen Entdeckungswerkes sein!
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gehörte dieser oder jener Schule an; die Persönlichkeit dagegen erblicke ich deutlich, und ich sehe, welch mächtiger Trieb sich in ihr äussert und nach welchen Richtungen hin. Nicht auf das „Recht haben“ oder „Unrecht haben“ — dieses ewige Windmühlen-Fechten der kleinen Geister — kommt es mir an, sondern erstens auf die Bedeutung (in diesem Zusammenhang wäre man geneigt zu sagen, auf die „dynamische“ Bedeutung) des betreffenden Geistes und zweitens auf seine Eigenart; und da sehe ich Kant so mächtig, dass man zum Vergleich nur Wenige aus der Weltgeschichte heranziehen kann, und so durch und durch spezifisch germanisch (selbst auch wenn man dem Worte einen beschränkenden Sinn beilegt), dass er typische Bedeutung gewinnt. Die philosophische Technik ist hier das Nebensächliche, das Bedingte, Zufällige, Vergängliche; entscheidend, unbedingt, unvergänglich ist die zu Grunde liegende Kraft, „nicht das Gesprochene, sondern der Sprecher des Gesprochenen“, wie die Upanishad's sich ausdrücken. — Über Kant als   E n t d e c k e r   verweise ich den Leser auch auf F. A. Lange's Geschichte des Materialismus (Ausg. 1881, S. 383), wo mit bewundernswertem Scharfsinne gezeigt wird, wie es sich für Kant gar nicht darum handelte noch handeln konnte, seine grundlegenden Sätze zu   b e w e i s e n‚   sondern vielmehr sie zu   e n t d e c k e n.   In Wahrheit ist Kant ein dem Galilei oder dem Harvey zu vergleichender Beobachter; er geht von Thatsachen aus, und „in Wirklichkeit ist seine Methode keine andere, als die der Induktion“. Die Verwirrung entsteht dadurch, dass die Menschen sich über diesen Sachverhalt nicht klar sind. Jedenfalls sieht man, dass ich auch rein formell berechtigt war, den Abschnitt „Entdeckung“ mit dem Namen Kant zu beschliessen.



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Letzte Änderung am / Last update: 15. September 2003.