HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

Kapitel 9B2, Wissenschaft, Seite 927—962

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The Foundations of the Nineteenth Century
La Genèse du Dixneuvième Siècle
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
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B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005


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2. Wissenschaft  (von Roger Bacon bis Lavoisier.)

Unsere wissenschaftliche Methoden
    Den Unterschied zwischen Wissenschaft und dem durch die Entdeckung gelieferten Rohmaterial des Wissens habe ich schon oben hervorgehoben und verweise auf das Seite 732 Gesagte; auch auf die Grenze zwischen Wissenschaft und Philosophie machte ich aufmerksam. Dass man niemals die Grenzen ohne einige Willkür wird scharf ziehen können, thut dem Grundsatz der Unterscheidung nicht den mindesten Abbruch. Gerade die Wissenschaften, d. h. unsere neuen germanischen wissenschaftlichen Methoden, haben uns eines Besseren belehrt. Leibniz mochte immerhin das sogenannte Gesetz der Kontinuität wieder aufnehmen und bis in seine letzten Konsequenzen durchführen; der metaphysische Beweis ist in der Praxis entbehrlich, denn auch die Er-
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fahrung zeigt uns auf allen Seiten das allmähliche Ineinanderübergehen. ¹) Um aber Wissenschaft aufzubauen,   m ü s s e n   wir unterscheiden, und die richtige Unterscheidung ist diejenige, welche sich in der   P r a x i s   bewährt. Ohne Frage kennt die Natur diese Scheidung nicht; das thut nichts; die Natur kennt auch keine Wissenschaft; das Unterscheiden in dem von der Natur gegebenen Material, gefolgt vom Aufsneueverbinden nach menschlich verständlichen Grundsätzen, macht überhaupt Wissenschaft aus.
Dich im Unendlichen zu finden,
Musst unterscheiden und dann verbinden.
    Darum rief ich auch Bichat am Anfange dieses Abschnittes an. Wäre die von ihm gelehrte Einteilung der Gewebe eine von der Natur als   E i n t e i l u n g   gegebene, so hätte man sie von jeher gekannt; weit entfernt davon hat man die von Bichat vorge-
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    ¹) Natürlich sehe ich in diesem Augenblicke von dem rein Mathematischen ab: denn da war es allerdings eine ungeheure, bahnbrechende Leistung, den Begriff des Kontinuierlichen so umzugestalten und „von der geometrischen Anschauung loszulösen, dass damit gerechnet werden konnte“ (Gerhardt: Geschichte der Mathematik in Deutschland, 1877, S. 144).

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Die Entstehung einer neuen Welt. Wissenschaft.


schlagenen Unterscheidungen noch bedeutend modifiziert; denn es finden sich in der That überall Übergänge zwischen den Gewebearten, hier in die Augen springende, dort der genaueren Beobachtung sich erschliessende; und so haben denkende Forscher ausprobieren müssen, bis sie den Punkt genau feststellten, wo die Bedürfnisse des Menschengeistes und die Achtung vor den Thatsachen der Natur sich harmonisch das Gleichgewicht halten. Dieser Punkt lässt sich — zwar nicht sofort, doch durch die Praxis — bestimmen; denn die Wissenschaft wird in ihren Methoden durch eine zwiefache Rücksicht geleitet: sie hat Gewusstes aufzuspeichern, sie hat dafür zu sorgen, dass das Aufgespeicherte in Gestalt neuen Wissens Zinsen trage. An diesem Massstabe misst sich das Werk eines Bichat; denn hier wie anderwärts erfindet das Genie nicht, mit anderen Worten, es schafft nicht aus nichts, sondern es gestaltet das Vorhandene. Wie Homer die Volksdichtungen gestaltete, so gestaltete Bichat die Anatomie; und ebenso wird in der Geschichte gestaltet werden müssen. ¹)
    Mit dieser rein methodologischen Bemerkung, die nur zur Rechtfertigung meines eigenen Vorgehens dienen sollte, sind wir,
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wie man sieht, bis ins Innere unseres Gegenstandes eingedrungen; ja, ich glaube, wir haben schon unvermerkt den Finger auf den Mittelpunkt gelegt.
    Ich machte vorhin darauf aufmerksam, dass die Hellenen uns vielleicht als Theoretiker, wir ihnen jedenfalls als Beobachter überlegen seien. Das Theoretisieren und Systematisieren ist nun nichts anderes als wissenschaftliches Gestaltungswerk. Gestalten wir nicht — d. h. also theoretisieren und systematisieren wir nicht — so können wir nur ein Minimum an Wissen aufnehmen; es fliesst durch unser Hirn wie durch ein Sieb. Jedoch, mit dem Gestalten hat es ebenfalls einen Haken: denn, wie soeben an dem Beispiele Bichat's hervorgehoben, dieses Gestalten ist ein wesentlich menschliches und das heisst der Natur gegenüber einseitiges, unzureichendes Beginnen. Gerade durch die Naturwissen-
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    ¹) S. 77 fg. Das Suffix „schaft“ bedeutet ordnen, gestalten (englisch shape); Wissenschaft heisst also das Gestalten des Gewussten.

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schaften ¹) wird die Nichtigkeit des platten Anthropomorphismus aller Hegels dieser Welt aufgedeckt. Es ist nicht wahr, dass der Menschengeist den Erscheinungen adäquat ist, die Wissenschaften beweisen das Gegenteil; Jeder, der in der Schule der Beobachtung den Geist ausgebildet hat, weiss das. Auch die viel tiefere Anschauung eines Paracelsus, der die uns umgebende Natur „den äusseren Menschen“ nannte, wird uns zwar philosophisch fesseln, doch wissenschaftlich von geringer Ergiebigkeit dünken; denn sobald ich es mit empirischen Thatsachen zu thun habe, ist mein innerstes Herz ein Muskel und mein Denken die Funktion einer in einen Schädelkasten eingeschlossenen grauen und weissen Masse: alles. dem Leben meiner inneren Persönlichkeit gegenüber ebenso „äusserlich“, wie nur irgend einer jener Sterne, deren Licht, nach William Herschel, zwei Millionen Jahre braucht, um an mein Auge zu gelangen. Ist also die Natur vielleicht wirklich in einem gewissen Sinne ein „äusserer Mensch“, wie Paracelsus und nach ihm Goethe meinen, das bringt sie mir und meinem spezifisch und beschränkt menschlichen Verständnis in rein wissenschaftlicher Beziehung um keinen Zoll näher; denn auch der Mensch ist nur ein „Äusserliches“.

Nichts ist drinnen, nichts ist draussen:
Denn was innen, das ist aussen.

Darum ist alles wissenschaftliche Systematisieren und Theoretisieren ein Anpassen, ein Adaptieren, ein zwar möglichst genaues, doch nie ganz fehlerloses und — namentlich — immer ein menschlich

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gefärbtes Übertragen, Übersetzen, Verdolmetschen. Der Hellene wusste das nicht. Ein Gestalter ohne gleichen, forderte er auch in der Wissenschaft das Lückenlose, das allseitig Abgerundete, und dadurch verrammelte er sich selber das Thor, durch welches man zur Naturerkenntnis eintritt. Wahre Beobachtung wird unmöglich, sobald der Mensch mit einseitig menschlichen Forderungen voranschreitet; dafür steht der grosse Aristoteles als warnendes Beispiel. Nichts wirkt in dieser Beziehung über-
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    ¹) Dass   a l l e   echte Wissenschaft Naturwissenschaft ist, wurde schon hervorgehoben (S. 732).

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zeugender als die Betrachtung der Mathematik; hier sieht man sofort ein, was den Hellenen gehemmt und was uns gefördert hat. Die Leistungen der Hellenen in der Geometrie kennt Jeder; eigentümlich ist es nun zu bemerken, wie der Siegeslauf ihrer mathematischen Forschung bei der Weiterentwickelung auf ein unübersteigbares Hindernis stösst. Hoefer macht auf die Natur dieses Hindernisses aufmerksam, indem er hervorhebt, dass der griechische Mathematiker niemals ein „Ungefähr“ geduldet hat: für ihn musste der Beweis eines Satzes absolut lückenlos sein, oder er galt nicht; die Vorstellung, zwei „unendlich“ wenig von einander abweichende Grössen könne man in der Praxis als gleich gross ansehen, ist etwas, wogegen sein ganzes Wesen sich empört hätte. ¹) Zwar ist Archimedes bei seinen Untersuchungen über die Eigenschaften des Kreises notwendiger Weise auf nicht genau auszudrückende Ergebnisse gestossen, doch sagt er dann einfach: grösser als soviel und kleiner als soviel; auch schweigt er sich aus über die irrationalen Wurzeln, die er hat ziehen müssen, um zu seinem Resultat zu gelangen. Dagegen beruht bekanntlich unsere ganze moderne Mathematik mit ihren Schwindel erregenden Leistungen auf Rechnungen mit „unendlich nahen“, d. h. also mit   u n g e f ä h r e n   W e r t e n.   Durch diese „Infinitesimalrechnung“ ist sozusagen der weite undurchdringliche Wald irrationaler Zahlen, der uns auf Schritt und Tritt hinderte, gefällt
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worden; ²) denn die grosse Mehrzahl der Wurzeln und der bei
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    ¹) Histoire des mathématiques, 4e ed., p. 206. Daselbst ein vorzügliches Beispiel davon, wie der Grieche lieber die nicht unmittelbar überzeugende, weil lediglich logische reductio ad absurdum wählte, als den Weg eines evidenten, streng mathematischen Beweises, in welchem eine „unendliche Annäherung“ als Gleichheit betrachtet wird.
    ²) Irrationale Zahlen nennt man solche, die nie ganz genau ausgedrückt werden können, also, arithmetisch gesprochen, solche, die einen unendlichen Bruch enthalten; zu ihnen gehören eine grosse Menge der wichtigsten, in allen Rechnungen stets wiederkehrenden Zahlen, z. B. die Quadratwurzeln der meisten Zahlen, das Verhältnis der Diagonale zur Seite eines Quadrats, des Durchmessers eines Kreises zu seinem Umfang, u. s. w.  Letztere Zahl, das π der Mathematiker, hat man schon auf 200 Decimalstellen berechnet; man könnte

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Die Entstehung einer neuen Welt. Wissenschaft.


Winkel- und Kurvenmessungen vorkommenden sogenannten „Funktionen“ gehört hierhin. Ohne diese Einführung der ungefähren Werte wären unsere ganze Astronomie, Geodäsie, Physik, Mechanik, sowie sehr bedeutende Teile unserer Industrie unmöglich. Und wie hat man diese Revolution vollführt? Indem man einen nur im Menschenhirn geschnürten Knoten kühn durchhaute. Gelöst hätte dieser Knoten nie werden können. Hier gerade, auf dem Gebiete der Mathematik, wo alles so durchsichtig und widerspruchslos schien, war der Mensch gar bald an der Grenze der ihm eigenen Gesetzmässigkeit angelangt; er sah wohl ein, dass die Natur sich um das menschlich Denkbare und Undenkbare nicht kümmert und dass der Denkapparat des stolzen Homo sapiens nicht dazu ausreicht, selbst das Allereinfachste — das Verhältnis der Grössen zu einander — aufzufassen und auszusprechen; doch was verschlug's? Wie wir gesehen haben, ging die Leidenschaft des Germanen viel mehr auf Besitz denn auf rein formelle Gestaltung; seine kluge Beobachtung der Natur, seine hochentwickelte Aufnahmefähigkeit überzeugte ihn bald, dass die formelle Lückenlosigkeit des Bildes in unserer Vorstellung durchaus keine Bedingung sine qua non für den Besitz, d. h. in diesem Falle für ein möglichst grosses Verständnis ist. Bei dem Griechen war der Respekt des Menschen vor sich selbst, vor seiner menschlichen Natur das Massgebende; Gedanken zu hegen, die nicht in allen Teilen denkbar waren, dünkte ihm Verbrechen am Menschentum; der Germane dagegen empfand ungleich lebhafter als der Hellene den Respekt vor der Natur (im Gegensatz zum Menschen), und ausserdem hat er sich, wie sein Faust, niemals vor Verträgen mit dem Teufel gescheut. Und so erfand er zunächst die   i m a g i n ä r e n   G r ö s s e n,   d. h. die unbedingt undenkbaren Zahlen, deren Typus
x = -1
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sie auf 2 000 000 Stellen berechnen, es wäre immer nur eine Annäherung. Durch ein solches einfaches Beispiel wird die organische Unzulänglichkeit des Menschengeistes, seine Unfähigkeit, selbst ganz einfache Verhältnisse zum Ausdruck zu bringen, recht handgreiflich dargethan. (Über den Beitrag der Indoarier zur Erforschung der irrationalen Zahlen, siehe S. 408.)

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ist. In den Lehrbüchern pflegt man sie als „Grössen, die nur in der Einbildung bestehen“, zu definieren; richtiger wäre es vielleicht zu sagen: die überall, nur nicht in der Einbildung vorkommen können, denn der Mensch ist unfähig, sich dabei etwas vorzustellen. Mit dieser genialen Erfindung der Goten und Lom-
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barden des nördlichsten Italiens ¹) erhielt das Rechnen eine früher ungeahnte Elasticität: das absolut Undenkbare diente nunmehr, um die Verhältnisse konkreter Thatsachen zu bestimmen, denen sonst gar nicht beizukommen gewesen wäre. Bald folgte dann der ergänzende Schritt: wo eine Grösse der anderen „unendlich“ nahekommt, ohne sie jedoch je zu erreichen, wurde eine Brücke eigenmächtig hinübergeschlagen, und über diese Brücke schritt man aus dem Reich des Unmöglichen in das Reich des Möglichen. So wurden z. B. die unlösbaren Probleme des Kreises dadurch gelöst, dass man diesen in ein Vieleck von „unendlich“ vielen, folglich „unendlich“ kleinen Seiten auflöste. Schon Pascal hatte von Grössen gesprochen, „die kleiner sind als irgend eine gegebene Grösse“, und hatte sie als quantités négligeables bezeichnet; ²) Newton und Leibniz gingen aber viel weiter, indem sie das Rechnen mit diesen unendlichen Reihen — die vorhin genannte „Infinitesimalrechnung“ — systematisch ausbildeten. Was hierdurch gewonnen wurde, ist einfach unermesslich; jetzt erst wurde die Mathematik aus Starrheit zu Leben erlöst, denn erst jetzt war sie in den Stand gesetzt, nicht allein ruhende Gestalt, sondern auch Bewegung genau zu analysieren. Ausserdem
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    ¹) Niccolo, genannt Tartaglia (d. h. der Stotterer), aus Brescia, und Cardanus aus Mailand; beide wirkten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Doch kann man hier wie bei der Infinitesimalrechnung, den Fluxionen u. s. w. schwerlich bestimmte Erfinder angeben, denn die Notwendigkeit, die (durch die geographischen Entdeckungen gestellten) astronomischen und physikalischen Probleme zu lösen, brachte die verschiedensten Menschen auf ähnliche Gedanken.
    ²) Von diesem kühnen Manne meint bezeichnender Weise Saint-Beuve, er bilde für sich allein „eine zweite fränkische Invasion in Gallien“. In ihm richtet sich der rein germanische Geist noch einmal auf gegen das Frankreich überschwemmende Völkerchaos und dessen Hauptorgan, den Jesuitenorden.

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waren die irrationalen Zahlen jetzt gewissermassen aus der Welt geschafft, da wir sie, wo es Not thut, nunmehr umgehen können. Nicht das allein aber, sondern ein Begriff, der früher nur in der Philosophie heimisch gewesen war, gehörte fortan der Mathematik und war ein Elixir, das sie zu ungeahnt hohen Thaten kräftigte:   d e r   B e g r i f f   d e s   U n e n d l i c h e n.   Ebenso wie der Fall eintreten kann, dass zwei Grössen einander „unendlich“ nahekommen, so kann es auch vorkommen, dass die eine „unendlich“ zunimmt oder aber „unendlich“ abnimmt, während die andere unverändert bleibt: das unendlich Grosse ¹) und das ver-
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schwindend Kleine — zwei unbedingt unvorstellbare Dinge — sind also jetzt ebenfalls geschmeidige Bestandteile unserer Berechnungen geworden: wir können sie nicht denken, doch wir können sie gebrauchen, und aus diesem Gebrauch ergeben sich konkrete, hervorragend praktische Ergebnisse. Unsere Kenntnis der Natur, unsere Befähigung, an viele ihrer Probleme auch nur heranzutreten, beruht zum sehr grossen Teil auf dieser einen kühnen, selbstherrlichen That. „Keine andere Idee“, sagt Carnot, „hat uns so einfache und wirksame Mittel an die Hand gegeben, um die Naturgesetze genau kennen zu lernen.“ ²) Die Alten hatten
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    ¹) In die Mathematik wird das unendlich Grosse als die Einheit dividiert durch eine „unendlich kleine“ Zahl eingeführt. Berkeley bemerkt zu dieser Annahme: „It is shocking to good sense;“ das ist sie auch, doch leistet sie praktische Dienste, und darauf kommt es an.
    ²) Réflexions sur la métaphysique du calcul infinitésimal, 4e éd. 1860. Diese Broschüre des berühmten Mathematikers ist so krystallklar, dass man wohl schwerlich etwas Ähnliches über diesen durch die widerspruchsvolle Natur der Sache sonst ziemlich verworrenen Gegenstand finden wird. Wie Carnot sagt, es haben viele Mathematiker mit Erfolg auf dem Felde der Infinitesimalrechnung gearbeitet, ohne sich jemals eine klare Vorstellung von dem ihren Operationen zu Grunde liegenden Gedanken gemacht zu haben. „Glücklicher Weise“, fährt er fort, „hat dies der Fruchtbarkeit der Erfindung nichts geschadet: denn es giebt gewisse grundlegende Ideen, welche niemals in voller Klarheit erfasst werden können, und welche dennoch, sobald nur einige ihrer ersten Ergebnisse uns vor Augen stehen, dem Menschengeist ein weites Feld eröffnen, das er nach allen Richtungen bequem durchforschen kann.“

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gesagt: non entis nulla sunt praedicata, von Dingen, die nicht sind, kann nichts ausgesagt werden; was aber nicht in unserem Kopf ist, kann recht wohl   a u s s e r h a l b   unseres Kopfes bestehen, und umgekehrt können Dinge, die unzweifelhaft einzig innerhalb des Menschenkopfes Dasein besitzen und die wir selber als flagrant „unmöglich“ erkennen, uns dennoch vorzügliche Dienste leisten als Werkzeuge, um eine uns Menschen nicht unmittelbar zugängliche Erkenntnis auf Umwegen zu ertrotzen.
    Der Charakter dieses Buches verbietet mir, diesen mathematischen Exkurs noch weiter zu verfolgen, wenn ich mich auch freue, in dem Abschnitt über Wissenschaft die Gelegenheit gefunden zu haben, dieses Hauptorgan alles systematischen Wissens gleich anfangs zu erwähnen: wir haben gesehen, dass schon Leonardo für die Ursache alles Lebens die Bewegung erklärte, bald folgte Descartes, der die Materie selbst als Bewegung auffasste — überall das Vordringen der im vorigen Abschnitt betonten mechanischen Deutung empirischer Thatsachen! Mechanik ist aber ein Ozean, der einzig mit dem Schiffe der Mathematik befahren werden kann. Nur insofern eine Wissenschaft auf mathematische
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Grundsätze zurückgeführt werden kann, dünkt sie uns exakt, und zwar weil sie nur insofern streng mechanisch und infolgedessen „schiffbar“ ist. „Nissuna humana investigatione si po dimandare vera scientia s'essa non passa per le matematiche dimostrationi“, sagt Leonardo da Vinci; ¹) und auf die Stimme des italienischen Sehers an der Schwelle des 16. Jahrhunderts ertönt das Echo des deutschen Weltweisen an der Schwelle des 19. Jahrhunderts: „Ich behaupte, dass in jeder besonderen Naturlehre nur so viel   e i g e n t l i c h e   Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist.“ ²)
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    ¹) Libro di pittura I, 1 (Ausg. von Heinrich Ludwig). Von anderen diesbezüglichen Aussprüchen des grossen Mannes mache ich besonders auf die Nr. 1158 in der Ausgabe der Schriften von J. P. Richter aufmerksam (II, 289): „Nessuna certezza delle scientie è‚ dove non si puó applicare una delle scientie matematiche e che non sono unite con esse matematiche.“
    ²) Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, Vorrede.

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    Doch verfolgte ich mit diesen Auseinandersetzungen, wie gleich anfangs angedeutet, einen allgemeineren Zweck; ich wollte die Eigenartigkeit nicht allein unserer Mathematik, sondern unserer germanischen wissenschaftlichen Methode überhaupt aufzeigen; ich hoffe, es ist mir gelungen. Die Moral des Gesagten kann ich am deutlichsten ziehen, wenn ich einen Ausspruch von Leibniz anführe: „Die Ruhe kann als eine unendlich kleine Geschwindigkeit oder auch als eine unendlich grosse Verlangsamung betrachtet werden, so dass jedenfalls das Gesetz der Ruhe lediglich als ein besonderer Fall innerhalb der Bewegungsgesetze aufzufassen ist. Desgleichen können wir zwei völlig gleiche Grössen als ungleich annehmen (falls uns damit gedient wird), indem wir die Ungleichheit als unendlich klein setzen; u. s. w.“ ¹) Hierin
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liegt das Grundprinzip aller germanischen Wissenschaft ausgesprochen. Ruhe ist zwar nicht Bewegung, sondern ihr konträrer Gegensatz, ebensowenig sind gleiche Grössen ungleich; lieber als zu solchen Annahmen zu greifen, hätte der Hellene sich den Schädel an der Wand zerschlagen; doch der Germane hat hierin (völlig unbewusst) eine tiefere Einsicht in das Wesen des Ver-
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    ¹) Brief an Bayle, Juli 1687 (nach Höfer, 1. c., p. 482). Wie Bayle geantwortet hat, weiss ich nicht. In seinem Dictionnaire finde ich unter Zeno einen heftigen Ausfall auf alle Mathematik: „Die Mathematik hat einen unheilbaren, unermesslichen Fehler: sie ist nämlich eine blosse Chimäre. Die mathematischen Punkte und folglich auch die Linien und Flächen der Geometer, ihre Sphären, Axen u. s. w., das alles sind Hirngespinste, die niemals eine Spur Wirklichkeit besessen haben; deswegen sind diese Phantasien auch von geringerer Bedeutung als die der Dichter, denn diese erdichteten nichts an und für sich Unmögliches, wie die Mathematiker u. s. w.“ Dieser Schmähung ist keine besondere Bedeutung beizulegen; sie macht uns aber auf die wichtige Thatsache aufmerksam, dass die Mathematik nicht erst seit Cardanus und Leibniz, sondern seit jeher ihre Kraft aus der Annahme „imaginärer“, sollte heissen gänzlich unvorstellbarer, Grössen geschöpft hat; wohl überlegt ist der Punkt nach Euklid's Definition nicht weniger unvorstellbar als √-1. Wie man sieht, es hat ein eigenes Bewenden mit unserem „exakten Wissen“. Die schärfste Kritik unserer höheren Mathematik findet man in Berkeley's The Analyst und A Defence of free-thinking in Mathematics.

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hältnisses zwischen dem Menschen und der Natur bekundet. Erkennen wollte er, und zwar nicht allein das rein und ausschliesslich Menschliche (wie ein Homer und ein Euklid), sondern im Gegenteil vor allem die aussermenschliche Natur; ¹) und da hat ihn der leidenschaftliche Wissensdurst — d. h. also das Vorwiegen der Sehnsucht zu lernen, nicht des Bedürfnisses zu gestalten — Wege finden lassen, die ihn viel, viel weiter geführt haben als irgend einen seiner Vorgänger. Und diese Wege sind, wie ich gleich zu Beginn dieser Ausführungen bemerkte, die eines klugen Anpassens. Die Erfahrung — d. h. genaue, minutiöse, unermüdliche Beobachtung — giebt das breite, felsenfeste Fundament germanischer Wissenschaft ab, gleichviel ob sie Philologie oder Chemie oder was sonst betreffe: die Befähigung zur Beobachtung, sowie die Leidenschaftlichkeit, Aufopferung und Ehrlichkeit, mit der sie betrieben wird, sind ein wesentliches Kennzeichen unserer Rasse. Die Beobachtung ist das Gewissen germanischer Wissenschaft. Nicht allein der Naturforscher von Fach, nicht allein der gelehrte Sprachkenner und Jurist erforschen auf dem Wege der peinlich aufmerksamen Wahrnehmung, auch der Franziskaner Roger Bacon giebt sein gesamtes Vermögen für Beobachtungen aus, Leonardo da Vinci predigt Naturstudium, Beobachtung, Experiment und widmet Jahre seines Lebens der genauen Aufzeichnung der unsichtbaren inneren Anatomie (speziell des Gefässsystemes) des Menschenkörpers, Voltaire ist Astronom, Rousseau Botaniker, Hume giebt seinem vor 160 Jahren erschienenen Hauptwerke den Untertitel „Versuch, die Experimentalmethode in die Philosophie einzuführen“, Goethe's lichtvoll ergebnisreiche Beobachtungsgabe ist allbekannt, und Schiller beginnt seine Lebensbahn mit Betrachtungen über „die Empfindlichkeit der Nerven und die Reizbarkeit des Muskels“ und fordert uns auf, den   „M e c h a n i s m u s   des Körpers“ fleissiger zu studieren, wollen
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wir die „Seele“ besser verstehen! Das Erfahrene kann aber gar
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    ¹) Das war so sehr sein Bestreben, dass er, sobald sein Studium dem Menschen selbst galt (siehe Locke), das Mögliche that, um sich zu „objektivieren“, d. h. aus der eigenen Haut hinauszukriechen und sich als ein Stück „Natur“ zu erblicken.

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nicht wahrheitsgemäss zur „Wissenschaft“ gestaltet werden, wenn der Mensch das Gesetz giebt, anstatt es zu empfangen. Die kühnsten Fähigkeiten seines Geistes, dessen ganze Elasticität und der unerschrockene Flug der Phantasie werden in den Dienst des Beobachteten gezwungen, damit dieses zu einem menschlich gegliederten Wissen zusammengereiht werden könne. Gehorsam auf der einen Seite, nämlich gegen die erfahrene Natur; Eigenmacht auf der anderen, nämlich dem Menschengeist gegenüber: das sind die Kennzeichen germanischer Wissenschaft.

Hellene und Germane
    Auf dieser Grundlage erhebt sich nun unsere Theorie und Systematik, ein kühnes Gebäude, dessen Hauptcharakter sich daraus ergiebt, dass wir mehr Ingenieure als Architekten sind. Gestalter sind auch wir, doch ist unser Zweck nicht die Schönheit des Gestalteten, auch nicht die abgeschlossene, den Menschensinn endgültig befriedigende Gestaltung, sondern die Feststellung eines Provisoriums, welches das Ansammeln neuen Beobachtungsmaterials und damit ein weiteres Erkennen ermöglicht. Das Werk eines Aristoteles wirkte auf die Wissenschaft hemmend. Warum geschah das? Weil dieser hellenische Meistergeist eiligst nach Abschluss verlangte, weil er keine Befriedigung kannte, ehe er ein fertiges, symmetrisches, durch und durch rationelles, menschlich plausibles Lehrgebäude vor Augen sah. In der Logik konnte auf diesem Wege schon Endgültiges geleistet werden, da es sich hier um eine ausschliesslich menschliche und ausschliesslich formale Wissenschaft von allgemeiner Gültigkeit innerhalb des Menschentums handelte; dagegen ist schon die Politik und Kunstlehre weit weniger stichhaltig, weil das Gesetz des hellenischen Geistes hier stillschweigend als Gesetz des Menschengeistes überhaupt vorausgesetzt wird, was der Erfahrung widerspricht; in der Naturwissenschaft vollends — und trotz einer oft erstaunlichen Fülle der Thatsachen — herrscht der Grundsatz: aus möglichst wenigen Beobachtungen möglichst viele apodiktische Schlüsse zu ziehen. Hier liegt nicht Faulheit, auch nicht Flüchtigkeit, noch weniger Dilettantismus vor, sondern die Voraussetzung: erstens, dass die Organisation des Menschen der Organisation der Natur durchaus adäquat sei, so

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dass — wenn ich mich so ausdrücken darf — ein blosser Wink genügt, damit wir einen ganzen Komplex von Phänomenen richtig deuten und übersehen; zweitens, dass der Menschengeist dem in der Gesamtheit der Natur sich kundthuenden Prinzip oder Gesetz, oder wie man es nennen will, nicht allein adäquat, sondern auch äquivalent sei (nicht allein gleich an Umfang, sondern auch gleich
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an Wert). Daher wird dieser Menschengeist ohne weiteres als Mittelpunkt angenommen, von wo aus nicht allein die gesamte Natur spielend leicht überschaut, sondern auch alle Dinge gleichsam von der Wiege bis ins Grab, nämlich von ihren ersten Ursachen her bis in ihre angebliche Zweckmässigkeit verfolgt werden. Diese Annahme ist ebenso falsch wie naiv: die Erfahrung hat es bewiesen. Unsere germanische Wissenschaft wandelte von Beginn an andere Wege. Roger Bacon, im 13. Jahrhundert, warnte (bei aller Hochschätzung) ebenso eindringlich vor Aristoteles und der ganzen durch ihn personifizierten hellenischen Methode, wie drei Jahrhunderte später Francis Bacon; ¹) die Renaissance war auf diesem Gebiete glücklicherweise bloss eine vorübergehende Krankheit, und einzig im dunkelsten Schatten der Kirche fristete seither die Theologie des Stagiriten ein überflüssiges Dasein. Um die Sache recht anschaulich zu machen, können wir einen mathematischen Vergleich gebrauchen und sagen: die Wissenschaft des Hellenen war gleichsam ein Kreis, in dessen Mitte er selber stand; die germanische Wissenschaft gleicht dagegen einer Ellipse. In einem der beiden Brennpunkte der Ellipse steht der Menschengeist, in dem anderen ein ihm gänzlich unbekanntes x. Gelingt es dem Menschengeist, in einem bestimmten Falle seinen eigenen Brennpunkt dem zweiten Brennpunkt zu nähern, so nähert sich auch seine Wissenschaft einer Kreislinie; ²) meist ist aber die Ellipse eine recht langgezogene:
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    ¹) Das entscheidende Wort Francis Bacon's findet sich in der Vorrede zu seiner Instauratio magna und lautet: „Scientias non per arrogantiam in humani ingenii cellulis, sed submisse in mundo majore quaerat.“
    ²) Eine Ellipse, deren zwei Brennpunkte genau zusammenfallen, ist ein vollkommener Kreis.

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an der einen Seite dringt der Verstand sehr tief in die Summe des Gewussten hinein, an der anderen liegt er fast an der Peripherie. Gar häufig steht der Mensch mit seinem Brennpunkt (seiner bescheidenen Fackel!) ganz allein; alles Tasten reicht nicht hin, um die Verbindung mit dem zweiten aufzufinden, und so entsteht eine blosse Parabel, deren Zweige sich zwar in weiter Ferne zu nähern scheinen, doch ohne sich je zu begegnen, so dass unsere Theorie keine geschlossene Kurve abgiebt, sondern nur den Ansatz zu einer möglichen, doch einstweilen unausführbaren.
    Unser wissenschaftliches Verfahren ist, wie man sieht, die Verleugnung des Absoluten. Kühn und glücklich sagt Goethe: „Wer sich mit der Natur abgiebt, versucht die Quadratur des Zirkels.“

789 Das Wesen unserer Systematik
    Dass ein mathematisches Verfahren auf andere Gegenstände, namentlich auf die Beobachtungswissenschaften nicht unmittelbar übertragbar ist, versteht sich von selbst; ich halte es kaum für nötig, mich oder Andere hier gegen ein derartiges Missverständnis in Schutz zu nehmen. Weiss man aber, wie wir in der Mathematik vorgegangen sind, so weiss man auch, wessen man sich bei uns anderwärts zu gewärtigen hat; denn der selbe Geist wird, wenn nicht identisch, da der Gegenstand dies unmöglich macht, doch analog verfahren. Unbedingten Respekt vor der Natur (d. h. vor der Beobachtung) und kühne Unbefangenheit in der Anwendung der Mittel, welche uns der Menschengeist zur Deutung und Bearbeitung an die Hand giebt: diese Grundsätze finden wir überall wieder. Man besuche ein Kolleg über Pflanzensystematik: der Neophyt wird erstaunt sein, von Blumen reden zu hören, die gar nicht existieren, und ihre „Diagramme“ aufs schwarze Brett zeichnen zu sehen; das sind sogenannte Typen, rein „imaginäre Grössen“, durch deren Annahme die Struktur der wirklich vorhandenen Blüten erläutert, sowie der Zusammenhang des in dem besonderen Falle zu Grunde liegenden strukturellen (von uns Menschen mechanisch gedachten) Planes mit anderen verwandten oder abweichenden Plänen dargethan wird. Das rein Menschliche an einem solchen Verfahren muss jedem

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noch so wenig wissenschaftlich Gebildeten sofort auffallen. Doch man glaube beileibe nicht, dass, was hier vorgetragen wird, ein durchaus künstliches, willkürliches System sei; ganz im Gegenteil. Künstlich war der Mensch verfahren und hatte sich dadurch jede Möglichkeit abgeschnitten, neues Wissen anzusammeln, so lange er mit Aristoteles die Pflanzen nach dem wesenlosen abstrakten Grundsatz einer relativen (angeblichen) „Vollkommenheit“ sichtete, oder auch nach der lediglich der menschlichen Praxis entnommenen Scheidung in Bäume, Sträucher, Gräser und dergleichen mehr. Unsere heutigen Diagramme dagegen, unsere imaginären Blüten, unsere ganzen pflanzensystematischen Grundsätze dienen dazu, wahre Verhältnisse der Natur, aus abertausend treuen Beobachtungen nach und nach entnommen, dem menschlichen Verstande nahe zu bringen und klar zu machen. Das Künstliche ist bei uns ein bewusst Künstliches; es handelt sich wie bei der Mathematik um „imaginäre Grössen“, mit Hilfe deren wir aber der Naturwahrheit immer näher und näher kommen und ungezählte wirkliche Thatsachen in unserem Geiste koordinieren; dies eben ist das Amt der Wissenschaft. Dort dagegen, bei den Hellenen, war die Grundlage selbst eine durch und durch
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künstliche, anthropomorphistische, und gerade sie wurde mit naiver Unbewusstheit für „Natur“ angesehen. Die Entstehung der modernen Pflanzensystematik liefert übrigens ein so vortreffliches und leicht verständliches Beispiel unserer germanischen Art, wissenschaftlich zu arbeiten, dass ich dem Leser einige Anhaltspunkte zum weiteren Nachdenken darüber geben will.
    Julius Sachs, der berühmte Botaniker, berichtet über die Anfange unserer Pflanzenkunde in der Zeit zwischen dem 14. und dem 17. Jahrhundert, dass sie, solange der Einfluss des Aristoteles vorwaltete, nicht einen Schritt weiter zu bringen war; einzig den ungelehrten Kräutersammlern verdanken wir das Erwachen echter Wissenschaft. Wer gelehrt genug war, um Aristoteles zu verstehen, „richtete in der Naturgeschichte der Pflanzen nur Unheil an“. Dagegen kümmerten sich die ersten Verfasser der Kräuterbücher darum nicht weiter, sondern sie häuften Hunderte und Tausende möglichst genauer Einzelbeschreibungen von Pflan-

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zen an. Die Geschichte zeigt, dass auf diesem Wege im Laufe weniger Jahrhunderte eine neue Wissenschaft entstanden ist, während die philosophische Botanik des Aristoteles und Theophrast zu keinem nennenswerten Ergebnis geführt hat. ¹) Der erste gelehrte Systematiker von Bedeutung unter uns, Caspar Bauhin (Basel, zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts), der an manchen Orten ein lebhaftes Gefühl für natürliche, d. h. strukturelle Verwandtschaft zeigt, wirft alles wieder durcheinander, weil er (durch Aristoteles beeinflusst) glaubt, „von dem Unvollkommensten zu dem immer Vollkommeneren“ fortschreiten zu müssen — als ob der Mensch ein Organ besässe, um relative „Vollkommenheit“ zu bemessen! — und nun natürlich (nach Aristoteles' Vorgang) die grossen Bäume für das Vollkommenste, die kleinen Gräser für das Unvollkommenste hält, und derlei menschliche Narrheiten mehr. ²) Doch ging das treue Ansammeln des thatsächlich Beobachteten immer weiter, sowie das Bestreben, das enorm anwachsende Material derartig zusammenzufassen, dass das System (d. h. auf deutsch „Zusammenstellung“) den Bedürfnissen des Menschengeistes entspräche und zugleich den Thatsachen der Natur möglichst genau sich anschmiegte. Dies ist der springende Punkt; so entsteht die uns eigentümliche Ellipse. Das logisch Systematische kommt zuletzt, nicht zuerst, und wir
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sind jeden Augenblick bereit, unsere Systematik, wie früher unsere Götter, über Bord zu werfen, denn im Grunde genommen bedeutet sie für uns immer nur ein Provisorisches, einen Notbehelf. Die ungelehrten Kräutersammler und -beschreiber hatten die natürlichen Verwandtschaften der Pflanzen durch Übung des Auges herausgefunden, lange ehe die Gelehrten an die Errichtung von Systemen gingen. Und aus diesem Grunde: weil nicht das Logische (immer ein beschränkt Menschliches), sondern das Intuitive (d. h. das Geschaute und gleichsam durch Verwandtschaft mit der Natur vom Menschen Erratene) bei uns das Grundlegende ist, darum besitzen nachher unsere wissenschaftlichen Systeme einen
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    ¹) Geschichte der Botanik, 1875, S. 18.
    ²) Sachs: a. a. O., S. 38.

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so grossen Teil Naturwahrheit. Der Hellene hat nur an die Bedürfnisse des Menschengeistes gedacht; wir aber wollten der Natur beikommen und ahnten, dass wir ihr Geheimnis niemals durchdringen, dass wir ihr eigenes „System“ nie würden darstellen können. Trotzdem waren wir entschlossen, ihr möglichst nahe zu kommen, und zwar auf einem Wege, der uns auch weiterhin immer grössere Annäherung gestatten würde. Darum warfen wir jedes rein künstliche System, wie das des Linnäus, von uns; es enthält viel Richtiges, führt aber nicht weiter. Inzwischen hatten Männer wie Tournefort, John Ray, Bernard de Jussieu, Antoine Laurent de Jussieu gelebt, ¹) sowie Andere, die hier nicht zu nennen sind, und aus ihren Arbeiten hatte sich die Thatsache ergeben, dass es absolut unmöglich ist, die der Natur abgeschaute Klassifikation der Pflanzen auf nur   e i n e m   anatomischen Charakter aufzubauen, wie das die menschliche Vereinfachungssucht und logische Manie durchsetzen wollten und wofür das System des Linnaeus das bekannteste und auch gelungenste Beispiel bildet. Vielmehr stellte es sich heraus, dass man für verschiedengradige Unterordnungen verschiedene und für besondere Pflanzengruppen besondere Merkmale wählen muss. Ausserdem entdeckte man eine merkwürdige und für die weitere Entwickelung der Wissenschaft ausserordentlich bedeutungsvolle Thatsache: dass nämlich, um die durch geschärfte Anschauung bereits erkannte natürliche Verwandtschaft der Pflanzen auf irgend ein einfaches, logisches, systematisches Prinzip zurückzuführen, der allgemeine äussere Habitus — für den Kenner ein so sicheres Indicium — gar nicht zu gebrauchen ist, sondern lediglich Merkmale aus dem verborgensten Innern der Struktur dienen können, und zwar zum grössten Teil solche,
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welche dem unbewaffneten Auge gar nicht sichtbar sind. Bei den blühenden Pflanzen kommen hauptsächlich Verhältnisse des Embryos, des Weiteren dann Verhältnisse der Fortpflanzungsorgane, Beziehungen der Blütenteile u. s. w. in Betracht, bei den nicht-
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    ¹) Das grundlegende Werk des Letzteren, Genera plantarum secundum ordines naturales disposita, erschien an der Grenze des 19. Jahrhunderts, 1774.

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blühenden die allerunsichtbarsten und scheinbar gleichgültigsten Dinge, wie die Ringe an den Farnsporangien, die Zähne um die Sporenbehälter der Moose u. s. w.  Hiermit hatte uns die Natur einen Ariadnefaden in die Hand gegeben, an dem wir tief in ihr Geheimnis eindringen sollten.
    Was sich hier ereignete, verdient genaue Beachtung, denn es lehrt uns viel über den geschichtlichen Gang aller unserer Wissenschaften. Selbst auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, muss ich darum die Aufmerksamkeit des Lesers in noch eindringlicherer Weise auf das, was bei der Pflanzensystematik vorgegangen war, richten. Durch treues Sichversenken in ein sehr grosses Material hatte sich das Auge des Beobachters geschärft, und er war dahin gelangt, Zusammenhänge zu ahnen, sie gewissermassen mit Augen zu sehen, ohne sich jedoch genaue Rechenschaft darüber geben zu können, und namentlich ohne dass er ein einfaches, sozusagen „mechanisches“, sichtbares und nachweisbares Merkmal gefunden hätte, woran er das Beobachtete endgültig überzeugend hätte nachweisen können. So z. B. kann jedes Kind — einmal aufmerksam gemacht — Monokotyledonen und Dikotyledonen unterscheiden; es kann aber keinen Grund dafür angeben, kein bestimmtes, sicheres Kennzeichen. Intuition liegt also hier (wie überall) offenbar zu Grunde. Über John Ray, den eigentlichen Urheber der neueren Pflanzensystematik, berichtet sein Zeitgenosse Antoine de Jussieu ausdrücklich, er habe sich immer in den äusseren Habitus — plantae facies exterior — versenkt; ¹) der selbe John Ray war es nun, der die Bedeutung der Kotyledonen (Samenlappen) für eine natürliche Systematik der blühenden Pflanzen entdeckte, zugleich das einfache und unfehlbare anatomische Merkmal, um die Monokotyledonen von den Dikotyledonen zu unterscheiden. Hiermit war ein verborgenes, meistens mikroskopisch winziges anatomisches Merkmal als massgebend, um die Bedürfnisse des Menschengeistes in Einklang mit den Thatsachen der Natur zu bringen, nachgewiesen. Dies führte nun zu weiteren
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    ¹) Nach dem Citat in Hooker's Anhang zu der englischen Ausgabe von Le Maout und Decaisne: System of Botany, 1873, p. 987.

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Studien bezüglich der Anwesenheit oder Abwesenheit des Eiweisses im Samen, bezüglich der Lage des Keimchens im Eiweiss u. s. w.  Alles systematische Charaktere von grundlegender Be-
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deutung. Also, aus Beobachtung, gepaart mit Intuition, hatte sich zuerst eine Ahnung des Richtigen ergeben; der Mensch hatte aber lange getastet, ohne seine „Ellipse“ ziehen zu können; denn der andere Brennpunkt, das x, fehlte ihm gänzlich. Zuletzt wurde es gefunden (d. h. annähernd gefunden), doch nicht dort, wo die menschliche Vernunft es gesucht hätte, und ebensowenig an einem Orte, wo blosse Intuition jemals hingelangt wäre: erst nach langem Suchen, nach unermüdlichem Vergleichen verfiel endlich der Mensch auf die Reihe von anatomischen Charakteren, die für eine naturgemässe Systematisierung massgebend sind. Nun aber merke man wohl, was des Weiteren aus dieser Entdeckung erfolgte, denn jetzt erst kommt das, was den Ausschlag giebt und den unvergleichlichen Wert unserer wissenschaftlichen Methode zeigt. Nunmehr, wo der Mensch sozusagen der Natur auf die Spur gekommen war, wo er mit ihrer Hilfe eine annähernd richtige Ellipse gezogen hatte, entdeckte er Hunderte und Tausende von neuen Thatsachen, die alle „unwissenschaftliche“ Beobachtung und alle Intuition der Welt ihm niemals verraten hätte. Falsche Analogien wurden als solche aufgedeckt; ungeahnte Zusammenhänge zwischen durchaus ungleichartig scheinenden Wesen wurden unwiderleglich dargethan. Jetzt hatte der Mensch eben wirklich Ordnung geschaffen. Zwar war auch diese Ordnung eine künstliche, wenigstens enthielt sie ein künstliches Element, denn Mensch und Natur sind nicht synonym; hätten wir die rein „natürliche“ Ordnung vor Augen, wir wüssten nichts damit anzufangen, und Goethe's berühmtes Wort:   „n a t ü r l i c h e s   S y s t e m   ist ein widersprechender Ausdruck“ fasst alle hier zu machenden Einwürfe wie in einer Nusschale zusammen; doch war diese menschlich-künstliche Ordnung, im Gegensatz zu der des Aristoteles, eine solche, in welcher der Mensch sich möglichst klein gemacht und in die Ecke gedrückt hatte, während er bestrebt gewesen war, die Natur, soweit der menschliche Verstand ihre Stimme irgend verstehen kann, zu Worte kommen zu lassen. Und

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dieser Grundsatz ist ein Fortschritt verbürgender Grundsatz; denn auf diesem Wege lernt man die Sprache der Natur nach und nach immer besser verstehen. Jede rein logisch-systematische, sowie auch jede philosophisch-dogmatische Theorie bildet für die Wissenschaft ein unübersteigliches Hindernis, wogegen jede der Natur möglichst genau abgelauschte und dennoch nur als Provisorium aufgefasste Theorie Wissen und Wissenschaft fördert.
    Dieses eine Beispiel der Pflanzensystematik muss für viele stehen. Bekanntlich dehnt sich Systematik, als ein notwendiges
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Organ zur Gestaltung des Wissens, über alle Gebiete aus; selbst die Religionen werden jetzt zu Ordnungen, Gattungen und Arten zusammengefasst. Das Durchdringen der an der Botanik exemplifizierten Methode bildet überall das Rückgrat unserer geschichtlichen Entwickelung im Wissenschaftlichen zwischen 1200 und 1800. In Physik, Chemie und Physiologie, sowie in allen verwandten Zweigen, gestalten die selben Prinzipien. Schliesslich muss alles Wissen systematisiert werden, um Wissenschaft zu werden; wir treffen also immer und überall Systematik an. Bichat's Gewebelehre — welche einen Erfolg anatomischer Entdeckungen und zugleich die Quelle zu neuen Entdeckungen bedeutet — ist ein Beispiel, dessen genaue Analogie mit John Ray's Begründung des sogenannten natürlichen Pflanzensystems und der weiteren Geschichte dieser Disciplin sofort in die Augen fällt. Überall sehen wir peinlich genaues Beobachten, gefolgt von kühnem, schöpferischem, doch nicht dogmatischem Theoretisieren.

Idee und Theorie
    Ehe ich diesen Abschnitt schliesse, möchte ich aber noch einen Schritt weiter gehen, sonst fehlt eine sehr wichtige Einsicht unter denen, die als leitende für das Verständnis der Geschichte unserer Wissenschaft, sowie für das Verständnis der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts dienen müssen. Wir müssen noch etwas tiefer in Wesen und Wert des wissenschaftlichen Theoretisierens eindringen, und zwar wird das am besten durch Anknüpfung an jene unvergleichliche Waffe germanischer Wissenschaft — das   E x p e r i m e n t — geschehen. Doch handelt es sich lediglich um eine Anknüpfung, denn das Experiment ist nur einigen Disciplinen eigen, während ich hier tiefer greifen muss,

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um gewisse leitende Grundsätze aller neueren Wissenschaften aufzudecken.
    Das Experiment ist zunächst einfach „methodisches“ Beobachten. Es ist aber zugleich theoretisches Beobachten. ¹) Daher erfordert seine richtige Anwendung philosophische Überlegung; sonst wird leicht aus dem Experiment weniger die Natur als der Experimentator reden. „Ein Experiment, dem nicht eine Theorie, d. h. eine Idee vorhergeht, verhält sich zur Naturforschung wie das Rasseln mit einer Kinderklapper zur Musik“, sagt Liebig, und in höchst geistreicher Weise vergleicht er den Versuch mit der
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Rechnung: in beiden Fällen müssen Gedanken vorausgehen. Doch, welche Vorsicht ist hier nicht nötig! Aristoteles hatte über den Fall der Körper experimentiert; an Scharfsinn fehlte es ihm wahrlich nicht; doch die „vorhergehende Theorie“ machte, dass er falsch beobachtete, total falsch. Und nehmen wir nun Galilei's Discorsi zur Hand, so werden wir aus dem fingierten Gespräch zwischen Simplicio, Sagredo und Salviati die Überzeugung gewinnen, dass an der Entdeckung des wahren Fallgesetzes die gewissenhafte, möglichst voraussetzungslose Beobachtung den Löwenanteil gehabt hat und die eigentlichen Theorien viel eher hinterdreingekommen als „vorhergegangen“ sind. Hier liegt, meine ich, eine Konfusion seitens Liebig's vor, und wo ein so bedeutender, auch um die Geschichte der Wissenschaft verdienter Mann irrt, werden wir voraussetzen dürfen, dass nur aus der feinsten Analyse wahres Verständnis hervorgehen kann. Und zwar ist dieses Verständnis um so unentbehrlicher, als wir erst aus ihm die Bedeutung des   G e n i a l e n   für die Wissenschaft und ihre Geschichte erkennen lernen. Das soll hier versucht werden.
    Liebig schreibt: „eine Theorie, d. h. eine Idee“; er setzt also, wie man sieht, „Theorie“ gleich „Idee“, was eine erste Quelle
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    ¹) Kant sagt über das Experiment: „die Vernunft sieht nur das ein, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, sie muss mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen, auf ihre Fragen zu antworten.“ (Vorrede zur zweiten Ausgabe der Kritik der reinen Vernunft.)

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des Irrtums ist. Das griechische Wort Idee — welches in eine moderne Sprache lebendig zu übertragen allerdings nie gelungen ist — bedeutet ausschliesslich ein mit den Augen Geschautes, eine Erscheinung, eine Gestalt; auch Plato versteht unter Idee so sehr die Quintessenz des Sichtbaren, dass ihm das einzelne Individuum zu blass erscheint, um für mehr als den Schatten einer wahren Idee gehalten zu werden. ¹) Theorie dagegen hiess schon im Anfang nicht das Anschauen, sondern das Zuschauen — ein gewaltiger Unterschied, der in der Folge immer zunahm, bis die Bedeutung einer willkürlichen, subjektiven Auffassung, eines künstlichen Zurechtlegens dem Wort „Theorie“ zu eigen geworden war. Theorie und Idee sind also nicht synonym. Als John Ray durch vieles Beobachten ein so klares Bild der Gesamtheit der blühenden Pflanzen erlangt hatte, dass er deutlich wahrnahm, sie bildeten zwei grosse Gruppen, hatte er eine   I d e e;   dagegen als er seinen Methodus plantarum (1703) veröffentlichte, stellte er eine   T h e o r i e   auf, und zwar eine Theorie, die weit hinter seiner Idee zurückblieb; denn hatte er auch die Bedeutung
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der Samenlappen als Wegweiser für die Systematik entdeckt, manches Andere (z. B. die Bedeutung der Blütenteile) war ihm entgangen, so dass der Mann, der die Gestaltung des Pflanzenreiches in ihren Hauptzügen bereits vollkommen richtig übersah, dennoch ein unhaltbares System entwarf: unsere Kenntnisse waren damals eben noch nicht eingehend genug, damit Ray's „Idee“ in einer „Theorie“ entsprechende Ausgestaltung hätte finden können. Bei der „Idee“ ist, wie man sieht, der Mensch selber noch ein Stück Natur; es spricht hier — wenn ich den Vergleich wagen darf — jene „Stimme des Blutes“, welche das Hauptthema der Erzählungen des Cervantes ausmacht; der Mensch erblickt Verhältnisse, über die er keine Rechenschaft geben kann, er ahnt Dinge, die er nicht im Stande wäre zu be-
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    ¹) Man glaubt, Plato's Ideen seien Abstraktionen; ganz im Gegenteil, für ihn sind sie allein das Konkrete, aus dem die Erscheinungen der empirischen Welt abstrahiert sind. Es ist das Paradoxon eines nach intensivster Anschauung sich sehnenden Geistes.

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weisen. ¹) Das ist kein eigentliches Wissen; es ist der Widerschein eines transscendenten Zusammenhangs und ist darum auch eine unmittelbare, nicht eine dialektische Erfahrung. Die Deutung solcher Ahnungen wird immer sehr unsicher sein; auf objektive Gültigkeit können weder die Ahnungen noch ihre Deutungen Anspruch machen, sondern ihr Wert bleibt auf das Individuum beschränkt und hängt durchaus von dessen individueller Bedeutung ab. Hier ist es, wo das Geniale schöpferisch auftritt. Und ist unsere ganze germanische Wissenschaft eine Wissenschaft der treuen, peinlich genauen, durch und durch nüchternen Beobachtung, so ist sie zugleich eine Wissenschaft des Genialen. Überall „gehen die Ideen vorher“, da hat Liebig vollkommen Recht; wir sehen es ebenso deutlich bei Galilei wie bei Ray, ²) bei Bichat wie bei Winckelmann, bei Colebrooke wie bei Immanuel Kant; nur muss man sich hüten, Idee und Theorie zu verwechseln; denn diese genialen Ideen sind durchaus keine Theorien. Die Theorie ist der Versuch, eine gewisse Erfahrungsmenge — oft, vielleicht immer mit Hilfe einer Idee gesammelt — so zu organisieren, dass dieser künstliche Organismus den Bedürfnissen des spezifischen Menschengeistes diene, ohne dass er den bekannten Thatsachen widerspreche oder Gewalt anthue. Man sieht sofort ein: der relative Wert einer Theorie wird stets in unmittelbarem Ver-
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hältnis zu der Anzahl der bekannten Thatsachen stehen, — was von der Idee durchaus nicht gilt, deren Wert vielmehr allein von der Bedeutung der einen Persönlichkeit abhängt. Leonardo da Vinci hat z. B. in Anlehnung an sehr wenige Thatsachen die Grundprinzipien der Geologie so genau richtig erfasst, dass erst das 19. Jahrhundert die nötige Erfahrung besass, um die Richtigkeit
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    ¹) Kant hat dafür einen prächtigen Ausdruck gefunden und nennt die Idee in dem Sinne, wie ich hier das Wort nehme, „eine inexponible Vorstellung der Einbildungskraft“ (Kritik der Urteilskraft, § 57, Anm. 1).
    ²) Dass bei Ray, dem Urheber rationeller Pflanzensystematik, das echt Geniale vorwog, beweist schon der eine Umstand, dass er auf dem weit entfernten und bis zu ihm gänzlich verwahrlosten Gebiet der Ichthyologie genau das selbe leistete. Hier ist Anschauungskraft die Göttergabe.

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seiner Intuition wissenschaftlich (und das heisst theoretisch) darzuthun; er hat ebenfalls den Kreislauf des Blutes — nicht dargethan, im Einzelnen auch gewiss sich nicht richtig vorgestellt noch mechanisch begriffen — doch erraten, d. h. also, er hatte die Idee der Zirkulation, nicht die Theorie.
    Auf die unvergleichliche Bedeutung des Genies für unsere ganze Kultur komme ich später in anderem Zusammenhang zurück; zu erklären giebt es da nichts; es genügt darauf hingewiesen zu haben. ¹) Hier aber, für das Verständnis unserer Wissenschaft, bleibt noch die eine Hauptfrage zu beantworten: wie entstehen Theorien? Und auch hier wieder hoffe ich, durch die Kritik eines bekannten Ausspruches Liebig's (in welchem eine weit verbreitete Ansicht zu Worte kommt) den richtigen Weg weisen zu können; wobei es sich herausstellen wird, dass unsere grossen wissenschaftlichen Theorien weder ohne das Genie denkbar sind, noch dem Genie allein ihre Ausgestaltung verdanken.
    Der berühmte Chemiker schreibt: „Die künstlerischen Ideen wurzeln in der Phantasie, die wissenschaftlichen im Verstande.“ ²) Dieser kurze Satz wimmelt, wenn ich nicht irre, von psychologischen Ungenauigkeiten, doch hat für uns hier nur das Eine be-
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    ¹) Ich will nur den in philosophischen Dingen minder Bewanderten schon hier darauf aufmerksam machen, dass am Schlusse der Epoche, die uns in diesem Kapitel beschäftigt, diese Bedeutung des Genies erkannt und mit unvergleichlichem Tiefsinn analysiert ward: der grosse Kant hat nämlich als das spezifisch Unterscheidende des Genies das relative Vorwalten der „Natur“ (also gewissermassen des Ausser- und Übermenschlichen) im Gegensatz zu der „Überlegung“ (d. h. also zum beschränkt Logisch-Menschlichen) bestimmt (siehe namentlich die Kritik der Urteilskraft). Damit soll natürlich nicht gesagt sein, das geniale Individuum besitze weniger „Überlegung“, sondern vielmehr, dass bei ihm zu einem Maximum an logischer Denkkraft noch ein Anderes hinzukomme; dieses Andere ist gerade die Hefe, die den Teig des Wissens in die Höhe treibt.
    ²) Gleich dem früheren Citat aus der Rede über Francis Bacon vom Jahre 1863. Damit er Liebig nicht ungerecht beurteile, bitte ich den Leser, seinen ganz anders lautenden Ausspruch auf S. 732 wieder zu lesen. Den lapsus calami des grossen Naturforschers benutze ich hier nicht, weil ich ihn zurechtweisen will, sondern weil diese Polemik meiner eigenen These zu voller Deutlichkeit verhilft.

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sonderes Interesse: die Phantasie soll angeblich der Kunst allein
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dienen, Wissenschaft käme also ohne Phantasie zu Stande; woraus dann die weitere — wirklich ungeheuerliche — Behauptung entsteht: „Kunst erfindet Thatsachen, Wissenschaft erklärt Thatsachen.“ Nie und nimmer   e r k l ä r t   Wissenschaft irgend etwas! Das Wort „erklären“ hat für sie keine Bedeutung, es wäre denn, man verstünde darunter ein blosses „klarer sichtbar machen“. Entschlüpft mir der Federhalter aus den Fingern, so fällt er zu Boden: das Gesetz der Gravitation ist eine Theorie, welche alle hierbei in Betracht kommenden Verhältnisse unübertrefflich schematisiert; doch was erklärt es? Hypostasiere ich die Anziehungskraft, so bin ich gerade so weit wie im ersten Buche Mosis,. Kap. I, Vers 1, d. h. ich stelle eine vollkommen undenkbare, unerklärbare Wesenheit als Erklärung hin. Sauerstoff und Wasserstoff verbinden sich zu Wasser; gut: welche Thatsache ist hier, die erklärende, welche die erklärte? Erklären Hydrogen und Oxygen Wasser? Oder werden sie durch Wasser erklärt? Man sieht, dieses Wort hat gerade in der Wissenschaft nicht den Schatten eines Sinnes. Bei verwickelteren Phänomenen leuchtet dies freilich nicht sofort ein, doch je tiefer die Analyse eindringt, um so mehr schwindet der Wahn, dass mit dem Erklären eine wirkliche Zunahme nicht bloss an Wissen, sondern auch an Erkenntnis stattgefunden habe. Sagt mir z. B. der Gärtner: „diese Pflanze sucht die Sonne“, so glaube ich zunächst, ebenso wie der Gärtner es glaubt, eine vollgültige „Erklärung“ zu besitzen. Meldet aber der Physiolog: starkes Licht hemmt das Wachstum, darum wächst die Pflanze schneller auf der Schattenseite und wendet sich in Folge dessen zur Sonne, zeigt er mir den Einfluss der Streckungsfähigkeit des betreffenden Pflanzenteils, der verschieden gebrochenen Strahlen u. s. w., kurz, deckt er den Mechanismus des Vorganges auf, und fasst er alle bekannten Thatsachen zu einer Theorie des „Heliotropismus“ zusammen, so empfinde ich, dass ich zwar enorm viel dazu gelernt habe, doch dass der Wahn einer „Erklärung“ bedeutend verblasst ist. Je deutlicher das Wie, um so verschwommener das Warum. Dass die Pflanze „die Sonne sucht“, hatte den Eindruck einer voll-

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gültigen Erklärung gemacht, denn ich selber, ich Mensch, suche die Sonne; doch dass starke Beleuchtung die Zellteilung und damit die Verlängerung des Stengels auf der einen Seite hemmt und dadurch Biegung verursacht, ist eine neue Thatsache, die wieder treibt, Erläuterung aus ferneren Ursachen zu suchen, und meinen ursprünglichen naiven Anthropomorphismus so gründlich verscheucht, dass ich mich zu fragen beginne, durch welche
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mechanische Verkettung ich veranlasst werde, mich selber so gern zu sonnen. Auch hier wieder hat Goethe Recht: „Jede Lösung eines Problems ist ein neues Prohlem.“ ¹) Und sind wir einst so weit, dass der Physiko-Chemiker das Problem des Heliotropismus in die Hand nimmt und das Ganze eine Berechnung und zuletzt eine algebraische Formel wird, dann wird diese Frage in das selbe Stadium getreten sein, wie schon heute die Gravitation, und Jeder wird auch hier erkennen, dass Wissenschaft nicht Thatsachen erklärt, sondern sie entdecken hilft und sie — möglichst naturgemäss, möglichst menschengerecht — schematisiert. Sollte dies Letztere, also das eigentliche Werk der Wissenschaft, wirklich (wie Liebig will) ohne die Mitwirkung der Phantasie möglich sein? Sollte das Schöpferische — und das ist, was wir Genie nennen — keinen notwendigen Anteil an dem Aufbau unserer Wissenschaft nehmen? Auf eine theoretische Diskussion brauchen wir uns gar nicht einzulassen, denn die Geschichte beweist das Gegenteil. Je exakter die Wissenschaft, um so mehr bedarf sie der Phantasie, und ganz ohne sie kommt keine fort. Wo findet man kühnere Gebilde der Phantasie als jene Atome und Moleküle, ohne die es keine Physik und keine Chemie gäbe? oder als jenen „physikalischen Scherwenzel und Hirngespinst“, wie Lichtenberg ihn nennt, den Äther, der zwar Materie ist (sonst nützte er für unsere Hypothesen nichts), dem aber die wesentlichsten Prädikate der Materie, wie da sind Ausdehnung und Undurchdringlichkeit, abgesprochen werden müssen (sonst nützte er ebenfalls nichts), eine wahre „Wurzel aus minus eins!“ Ich möchte wirklich wissen, wo es eine Kunst giebt, die dermassen
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    ¹) Gespräch mit Kanzler von Müller, 8. Juni 1821.

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„in der Phantasie wurzelt?“ Liebig sagt: die Kunst „erfindet Thatsachen“. Niemals thut sie das! Sie hat es gar nicht nötig; ausserdem würde man sie, wenn sie es thäte, nicht verstehen. Freilich verdichtet sie das Auseinanderliegende, fügt zusammen, was wir nur getrennt kennen, und scheidet aus, was an dem Wirklichen ihr im Wege ist; hierdurch gestaltet sie das Unübersichtliche und teilt sie Licht und Schatten nach Gutdünken aus, doch überschreitet sie nie die Grenze des der Vorstellung Vertrauten und des denkbar Möglichen; denn Kunst ist — im genauen Gegensatz zur Wissenschaft — eine Thätigkeit des Geistes, welche sich lediglich auf das rein Menschliche beschränkt: vom Menschen stammt sie, an Menschen wendet sie sich, das Mensch-
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liche allein ist ihr Feld. ¹) Ganz anders, wie wir gesehen haben, die Wissenschaft: diese geht darauf aus, die Natur zu erforschen, und die Natur ist nicht menschlich. Ja, wäre sie es, wie die Hellenen vorausgesetzt hatten! Doch die Erfahrung hat diese Voraussetzung Lügen gestraft. In der Wissenschaft wagt sich somit der Mensch an etwas heran, was zwar nicht unmenschlich ist, da er selber dazu gehört, doch aber zum grossen Teil ausser- und übermenschlich. Sobald er also ernstlich Natur erkennen und sich nicht mit dem Dogmatisieren in usum Delphini begnügen will, ist der Mensch gerade in der Wissenschaft, und vor allem in der Naturwissenschaft im engeren Sinne des Wortes, zu einer höchsten Anspannung seiner Phantasie genötigt, die unendlich erfindungsreich und biegsam und elastisch sein muss. Ich weiss es, die Behauptung widerspricht der allgemeinen Annahme: mich dünkt es aber eine sichere und beweisbare Thatsache, dass Philosophie und Wissenschaft höhere Ansprüche an die Phantasie stellen, als Poesie. Das rein schöpferische Element ist bei
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    ¹) Offenbar ist z. B. Landschafts- oder Tiermalerei niemals etwas Anderes als eine Darstellung von Landschaften oder Tieren, wie sie dem Menschen erscheinen; die kühnste Willkür eines Turner oder irgend eines allerneuesten Symbolisten kann nie etwas anderes sein als eine extravagante Behauptung menschlicher Autonomie. „Wenn Künstler von Natur sprechen, subintelligieren sie immer die Idee, ohne sich's deutlich bewusst zu sein“ (Goethe).

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Männern wie Demokrit und Kant grösser als bei Homer und Shakespeare. Gerade deswegen bleibt ihr Werk nur äusserst Wenigen zugänglich. Freilich wurzelt diese wissenschaftliche Phantasie in den Thatsachen, das thut aber notgedrungen alle Phantasie; ¹) und die wissenschaftliche Phantasie ist gerade darum besonders reich, weil ihr ungeheuer viele Thatsachen zu Gebote stehen und weil ihr Repertorium von Thatsachen durch neue Entdeckungen unaufhörlich bereichert wird. Ich habe schon früher (S. 773) auf die Bedeutung neuer Entdeckungen als Nahrung und Anregung für die Phantasie kurz hingewiesen; diese Bedeutung reicht hinauf bis in die höchsten Regionen der Kultur, offenbart sich aber zunächst und vor allem in der Wissenschaft. Das wunderbare Aufblühen der Wissenschaft im 16. Jahrhundert — von dem Goethe geschrieben hat: „die Welt erlebt nicht leicht
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wieder eine solche Erscheinung“ ²) — leitet sich durchaus nicht aus der Erneuerung verfehlter hellenischer Dogmatik her, wie man uns das einreden möchte — vielmehr hat diese uns, wie in der Pflanzensystematik, so auch überall, nur irregeführt — sondern dieses plötzliche Aufblühen wird direkt durch die Entdeckungen angeregt, über die ich im vorigen Abschnitte sprach: Entdeckungen auf Erden, Entdeckungen am Himmel. Man lese nur die Briefe, in denen Galilei, zitternd vor Aufregung, über seine Entdeckung der Monde des Jupiter und des Ringes um Saturn berichtet, Gott dankend, dass er ihm „solche nie geahnte Wunder“ geoffenbart habe, und man wird sich eine Vorstellung machen, welche mächtige Wirkung das Neue auf die Phantasie ausübte und wie es zugleich antrieb, weiter zu suchen und das Gesuchte dem Verständnis näher zu führen. Zu welchen herrlichen Tollkühnheiten sich der Menschengeist in dieser berauschenden Atmosphäre einer neu entdeckten übermenschlichen Natur hinreissen liess, sahen
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    ¹) Siehe S. 192, 404 und 762.
    ²) Geschichte der Farbenlehre, Schluss der dritten Abteilung. Eine Behauptung, die Liebig gegenzeichnet: „nach diesem 16. Jahrhundert giebt es gar keines, welches reicher war an Männern von gleichem schöpferischen Geiste“ (Augsburger Allg. Zeitung, 1863, in den Reden und Abhandlungen, S. 272).

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wir bei Besprechung der Mathematik. Ohne jene der Phantasie — doch wahrhaftig nicht der Beobachtung, nicht, wie Liebig will, den Thatsachen — entkeimten, absolut   g e n i a l e n   Einfälle wäre höhere Mathematik (damit zugleich die Physik des Himmels, des Lichtes, der Elektrizität, u. s. w.) unmöglich gewesen. Ähnlich aber überall, und zwar aus dem vorhin genannten einfachen Grunde, weil sonst diesem Aussermenschlichen gar nicht beizukommen wäre. Die Geschichte unserer Wissenschaften zwischen 1200 und 1800 ist eine ununterbrochene Reihe solcher grossartigen Einfälle der Phantasie. Das bedeutet das Walten des schöpferisch Genialen.
    Ein Beispiel.
    Wissenschaftliche Chemie war unmöglich (wie wir heute zurückblickend einsehen), solange der   S a u e r s t o f f   als Element nicht entdeckt war; denn es ist dies der wichtigste Körper unseres Planeten, derjenige, von dem sowohl die organischen wie die unorganischen Phänomene der tellurischen Natur ihre besondere Farbe erhalten. In Wasser, Luft und Felsen, in allem Verbrennen (vom einfachen, langsamen Oxydieren an bis zum flammenspeienden Feuer), in der Atmung aller lebenden Wesen. . . . . kurz, überall ist dieses Element am Werke. Gerade darum entzog es sich der unmittelbaren Beobachtung; denn die hervorstechende Eigenschaft des Sauerstoffes ist die Energie, mit der er sich mit anderen Elementen verbindet, mit anderen Worten, sich der Beobachtung als selbständiger Körper entzieht; auch wo er nicht an andere Stoffe chemisch gebunden, sondern frei vorkommt, wie z. B. in der Luft, wo er nur ein mechanisches Ge-
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menge mit Stickstoff eingeht, ist es dem Unwissenden unmöglich, den Sauerstoff zu gewahren; denn nicht nur ist dieses Element (bei unseren Temperatur- und Druckverhältnissen) ein Gas, sondern es ist ein farbloses, geruchloses, geschmackloses Gas. Durch die blossen Sinne konnte dieser Körper also nicht gefunden werden. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte nun in England einer jener dem Gilbert (S. 759) ähnlichen, echten Entdecker, Robert Boyle, der durch eine Schrift, betitelt Chemista scepticus, dem aristotelischen Vernünfteln und dem alchemisti-

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schen Firlefanz auf dem Gebiete der Chemie den Garaus machte und zugleich ein doppeltes Beispiel gab: das nämlich der strengen Beobachtung und das der Gliederung und Sichtung des schon stark angewachsenen Beobachtungsstoffes durch die Einführung einer schöpferischen   I d e e.   Als Angebinde schenkte Boyle der jetzt erst entstehenden echten Chemie die neue Vorstellung der Elemente, eine weit kühnere als die alte empedokleische, eine mehr aus dem Geist des grossen Demokrit geborene. Diese Idee stützte sich damals auf keine Beobachtung; sie entsprang der Phantasie, wurde aber nunmehr die Quelle zahlloser Entdeckungen, die noch heute ihren Gang lange nicht beendet haben. Man sieht, welche Wege unsere Wissenschaft stets wandelt. ¹) Nun aber kommt erst das Beispiel, das ich im Sinne habe. Boyle's Idee hatte eine schnelle Vermehrung des Wissens bewirkt, Entdeckung hatte sich an Entdeckung gereiht, doch je mehr sich die Thatsachen häuften, um so konfuser wurde das Gesamtergebnis; wer wissen will, wie unmöglich Wissenschaft ist ohne Theorie, vertiefe sich in den Zustand der Chemie zu Beginn des 18. Jahrhunderts; er wird ein chinesisches Chaos finden. Wenn nun, wie Liebig meint, Wissenschaft es ohne Weiteres vermag, Thatsachen zu „erklären“, wenn der phantasielose „Verstand“ hierzu ausreicht, warum geschah das damals nicht? Waren Boyle selber und Hooke und Becher und die vielen anderen tüchtigen Thatsachensammler jener Zeit unverständige Leute? Gewiss nicht; doch Verstand und Beobachtung reichen allein nicht aus, und „Erklären“-Wollen ist ein Wahn; was wir Verständnis nennen, setzt immer einen schöpferischen Beitrag des Menschen voraus. Es kam also jetzt darauf an, aus Boyle's genialer Idee die theoretischen Konsequenzen zu ziehen, und das geschah durch einen fränkischen Arzt,
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einen Mann „von transscendental-spekulativer Denkweise“, ²) durch
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    ¹) Es verdient Erwähnung, dass Boyle's ausserordentliche Beanlagung zu phantastischen Erfindungen in theologischen Schriften aus seiner Feder Ausdruck fand und auch sonst im täglichen Leben auffiel.
    ²) Diese Worte entnehme ich Hirschel's Geschichte der Medizin, 2. Ausg., S. 260; ich besitze eine Anzahl chemischer Bücher,

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den ewig denkwürdigen Georg Ernst Stahl. Er war nicht Chemiker von Fach, er sah aber, was fehlte: ein Element! Konnte dessen Existenz nachgewiesen werden? Nein, damals nicht. Sollte ein kühner germanischer Geist deswegen zurückschrecken? Gottlob, nein! Also erfand Stahl aus eigener Machtvollkommenheit ein imaginäres Element und nannte es   P h l o g i s t o n.   Und jetzt war auf einmal Licht im Chaos; jetzt hatte der Germane den Zauberaberglauben in einer seiner letzten Vesten zerstört und die Salamander auf immer erdrosselt. Durch die Aufstellung eines rein mechanischen Gedankens waren nunmehr die Menschen befähigt, den Vorgang der Verbrennung sich richtig vorzustellen, d. h. jenes zweite x, den zweiten Brennpunkt zu finden, oder ihm mindestens nahe zu kommen, so dass sie beginnen konnten, die menschlich begreifliche Ellipse zu ziehen. „Die Phlogistontheorie gab der Entwickelung der wissenschaftlichen Chemie einen mächtigen Antrieb, denn nie zuvor war eine solche Anzahl chemischer Thatsachen als analoge Vorgänge zusammengefasst und in so klarer und einfacher Weise miteinander verknüpft worden.“ ¹) Wenn das nicht ein Werk der Phantasie ist, haben Worte keinen Sinn mehr. Doch muss man zugleich beachten, dass hier mehr der theoretisierende Verstand als die Anschauung am Werke gewesen war. Boyle war ein geradezu fabelhaft feiner Beobachter gewesen; Stahl dagegen war zwar ein eminent scharfer erfindungsreicher Kopf, doch ein schlechter Beobachter. Der angedeutete Unterschied erhellt hier mit besonderer Deutlichkeit; denn diesem Einfall des Phlogistons — der das ganze 18. Jahrhundert beherrschte, der seinem Verkünder den Ehrentitel eines Begründers der wissenschaftlichen Chemie eintrug und in dessen Licht thatsächlich alle Fundamente zu unserer späteren, der Natur besser entsprechenden Theorie gelegt wurden — diesem Einfall lagen (neben der theoretischen Verwertung von Boyle's Idee) flagrant falsche Beobachtungen zu Grunde! Stahl meinte,
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doch berichtet keines über Stahl's geistige Anlagen, dazu sind ihre Verfasser viel zu nüchterne Handwerker.
    ¹) Roscoe und Schorlemmer: Ausführliches Lehrbuch der Chemie, 1877, I, 10.

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die Verbrennung sei ein Zersetzungsvorgang; statt dessen ist sie ein Vereinigungsprozess. Dass bei Verbrennung eine Gewichtszunahme stattfindet, war aus verschiedenen Versuchen zu seiner Zeit schon bekannt; trotzdem nahm Stahl (der, wie gesagt, ein
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sehr unzuverlässiger Beobachter war und den besonderen Eigensinn des theoretisierenden Verstandesmenschen in hohem Grade besass) an, das Brennen bestehe in dem Entweichen des Phlogistons u. s. w.  Als darum Priestley und Scheele den Sauerstoff aus gewissen Verbindungen endlich herausgelöst hatten, glaubten sie fest, das berühmte Phlogiston, auf das man seit Stahl's Zeit fahndete, in Händen zu halten. Doch bald zeigte Lavoisier, dass das gefundene Element, weit entfernt, die Eigenschaften des hypothetischen Phlogistons zu besitzen, genau entgegengesetzte aufweise! Der nunmehr entdeckte, der Beobachtung zugänglich gewordene Sauerstoff war eben etwas gänzlich Anderes, als was sich die menschliche Phantasie in ihrer Not vorgestellt hatte. Ohne die Phantasie kann der Mensch keine Verbindung zwischen den Phänomenen, keine Theorie, keine Wissenschaft herstellen, jedoch immer wieder erweist sich die menschliche Phantasie der Natur gegenüber als unzulänglich und andersgeartet, der Korrektur durch empirische Beobachtung bedürftig. Darum ist auch alle Theorie ein ewiges Provisorium, und Wissenschaft hört auf, sobald Dogmatik die Führung übernimmt.
    Die Geschichte unserer Wissenschaft ist die Geschichte solcher Phlogistons. Die Philologie hat ihre „Arier“, ohne welche ihre grossartigen Leistungen im 19. Jahrhundert undenkbar gewesen wären. ¹) Goethe's Lehren von der Metamorphose im Pflanzenreiche und von den Homologien zwischen den Schädel- und den Wirbelknochen haben einen ungeheuer fördernden Einfluss auf die Vermehrung und auf die Ordnung des Wissens ausgeübt, doch hatte Schiller vollkommen Recht, als er den Kopf schüttelte und sagte: „Das ist keine Erfahrung (und er hätte hinzufügen können, auch keine Theorie), das ist eine Idee!“ ²) Und ebenso
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    ¹) Vergl. S. 268 u. s. w.
    ²) Goethe: Glückliches Ereignis, bisweilen abgedruckt Annalen,

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Recht hatte Schiller, als er hinzufügte: „Ihr Geist wirkt in einem ausserordentlichen Grade intuitiv, und alle ihre denkenden Kräfte scheinen auf die   I m a g i n a t i o n,   als ihre gemeinschaftliche Repräsentantin, gleichsam kompromittiert zu haben.“ ¹) „Die
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mathematische Analyse“, sagt Carnot, „ist voller enigmatischer Annahmen, und   a u s   d i e s e n   E n i g m e n   schöpft sie ihre Kraft.“ ²) Von unserer Physik sagt ein Berufener, John Tyndall: „das mächtigste ihrer Werkzeuge ist die Phantasie.“ ³) In den Wissenschaften des Lebens schreiten heute eben so wie gestern, überall, wo wir bestrebt sind, neue Gebiete dem Verständnis aufzuschliessen und ungeordnete Thatsachen zu Wissen zu gestalten, phantasiebegabte, schöpferische Männer voran: Haeckel's Plastidüle, Wiesner's Plasomen, Weismann's Biophoren u. s. w. entspringen dem selben Bedürfnis wie Stahl's meisterliche Erfindung. Zwar ist die Phantasie dieser Männer durch die Fülle exakter Beobachtungen genährt und angeregt; reine Phantasie, für welche die Theorie der „Signaturen“ als Beispiel dienen kann, hat für die Wissenschaft die selbe Bedeutung wie für die Kunst das Gemälde eines Mannes, der die Technik des Malens nicht kennt; doch sind ihre hypothetischen Annahmen nicht Beobachtungen, also nicht Thatsachen, sondern Versuche, Thatsachen zu ordnen und neue Beobachtungen hervorzurufen. Das eklatanteste Phlogiston des 19. Jahrhunderts war ja nichts geringeres als Darwin's Theorie der natürlichen Zuchtwahl.
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1794. Übrigens hat Goethe das selber später anerkannt und ist für die Schattenseiten seiner „Idee“ nicht blind geblieben. In dem „supplementaren Teil“ der Nachträge zur Farbenlehre, unter der Rubrik Probleme, findet man folgenden Ausspruch: „Die Idee der Metamorphose ist eine höchst ehrwürdige, aber zugleich höchst gefährliche Gabe von oben. Sie führt ins Formlose, zerstört das Wissen, löst es auf.“
    ¹) Brief an Goethe vom 31. August 1794. Schiller setzt hinzu: „Im Grund ist dies das Höchste, was der Mensch aus sich machen kann, sobald es ihm gelingt, seine Anschauung zu generalisieren und seine Empfindung gesetzgebend zu machen.“
    ²) A. a. O., S. 27.
    ³) On the scientific use of the imagination, 1870.

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    Vielleicht darf ich, um diese Ausführung zusammenfassend zu beschliessen, mich selbst citieren. Ich hatte einmal Gelegenheit, einen bestimmten naturwissenschaftlichen Gegenstand eingehend zu studieren, nämlich den aufsteigenden Saft der Pflanzen. Mit Interesse untersuchte ich bei dieser Gelegenheit die geschichtliche Entwickelung unserer hierauf bezüglichen Kenntnisse und fand, dass nur drei Männer — Hales (1727), Dutrochet (1826) und Hofmeister (1857) — unsere Kenntnisse in Bezug auf diese Frage wirklich um je einen Schritt weiter gebracht haben, und zwar trotzdem es an fleissigen Arbeitern nicht gefehlt hat. Bei den drei seltenen Männern, sonst durchaus verschieden von einander, ist die Übereinstimmung folgender Charakteristika sehr auffallend: alle sind vortreffliche Beobachter, alle sind Männer von weitem Gesichtskreis und von hervorragend lebhafter, kühner Phantasie, alle sind als Theoretiker etwas einseitig und flüchtig. Mit Imagination hochbegabt, waren sie eben, wie Goethe, geneigt, ihren schöpferischen Ideen eine zu weit gehende Bedeutung zuzuschrei-
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ben, so Hales der Kapillarität, Dutrochet der Osmose, Hofmeister der Gewebespannung; die selbe Kraft der Phantasie, welche diese bedeutenden Männer befähigte, uns zu bereichern, hat sie also selber in einem gewissen Sinne eingeschränkt, so dass sie von Geistern, die ihnen durchaus untergeordnet waren, sich haben in dieser Beziehung zurechtweisen lassen müssen. „Solchen Männern“, schrieb ich, „verdanken wir alle wirklichen Fortschritte der Wissenschaft; denn, was man auch über ihre Theorien denken mag, sie haben nicht allein unsere Kenntnisse durch die Auffindung zahlreicher Thatsachen, sondern ebenfalls unsere Phantasie durch die Aufstellung neuer   I d e e n   bereichert; die Theorien kommen und gehen, doch was die Phantasie einmal besitzt, ist unvergänglich.“ Es ergab sich aber für mich aus dieser Untersuchung ein zweites Ergebnis, grundsätzlich von noch grösserer Bedeutung: unsere Phantasie ist sehr beschränkt. Wenn man die Wissenschaften bis ins Altertum zurückverfolgt, fällt es auf, wie wenige neue Vorstellungen zu den nicht sehr zahlreichen alten im Laufe der Zeiten hinzugekommen sind; dabei lernt man einsehen, dass   e i n z i g   u n d   a l l e i n   d i e   B e o b a c h t u n g

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d e r   N a t u r   u n s e r e   P h a n t a s i e   b e r e i c h e r t,   wogegen alles Denken der Welt kein Samenkörnchen hinzusteuert. ¹)

Das Ziel unserer Wissenschaft
    Noch ein letztes Wort.
    Die Mathematiker — nie verlegene Leute, wie wir gesehen haben — belieben zu sagen: der Kreis ist eine Ellipse, in der beide Brennpunkte zusammenlaufen. Wird dieses Zusammenlaufen der Brennpunkte in unseren Wissenschaften jemals stattfinden? Ist es anzunehmen, dass menschliche Anschauung und Natur sich jemals genau decken werden, dass also unser Erkennen der Dinge absolute Erkenntnis sein wird? Was vorhergeht, zeigt, wie wahnwitzig eine derartige Voraussetzung ist; ich darf auch, dessen bin ich überzeugt, behaupten, kein einziger ernster Naturforscher unserer Tage hege sie, gewiss kein germanischer. ²) Selbst dort, wo (wie das heute leider so häufig der Fall ist) die philosophische Ausbildung des Geistes zurückgeblieben ist, finden
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wir diese Einsicht, und vielleicht gewinnt sie gerade dadurch an Gewicht, dass sie ganz naiv zu Worte kommt. So z. B. machte einer der anerkannt bedeutendsten Naturforscher des 19. Jahrhunderts, Lord Kelvin, als er 1896 sein fünfzigjähriges Professorenjubiläum feierte, das denkwürdige Geständnis: „Ein einziges Wort fasst das Ergebnis alles dessen zusammen, was ich während 55 Jahre gethan habe, um die Wissenschaft zu fördern: dieses Wort ist Misserfolg. Ich weiss heutigen Tages nicht ein Jota mehr, was elektrische oder magnetische Kraft ist, wie Äther, Elektricität und wägbare Materie in ihrem Verhältnis zu einander zu denken sind, oder was wir uns unter chemischer Verwandt-
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    ¹) Houston Stewart Chamberlain: Recherches sur la Sève ascendante, Neuchâtel, 1897, p. 11. Dass die Armut an „Ideen“ (wie auch er sie nennt) eine Hauptursache der Beschränktheit unseres Wissens sei, hebt schon Locke hervor (Human Understanding, Buch 4, Kap. 3, § 23).
    ²) Bei unseren vielen vortrefflichen jüdischen Gelehrten mag die Sache freilich anders liegen; denn wenn ein Volk während Jahrtausende, ohne jemals etwas gelernt zu haben, alles gewusst hat, ist es bitter, nunmehr mühsame und glänzende Studien zu machen, um schliesslich zugeben zu müssen, unser Wissen sei durch die menschliche Natur ewig und eng beschränkt. Nachsicht ist hier am Platze.

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schaft vorstellen sollen, als dazumal, wo ich meinen ersten Vortrag hielt.“ Das ist das Wort eines ehrlichen, wahrheitsliebenden, echt germanischen Mannes, des selben Mannes, der uns die hypothetischen, undenkbaren Atome so nahe gebracht zu haben schien, indem er in einer gutgelaunten Stunde es unternommen hatte, sie der Länge und der Breite nach genau zu messen. Wäre er dazu ein klein bisschen Philosoph gewesen, so hätte er freilich nicht nötig gehabt, in so melancholischer Weise von Misserfolg zu sprechen; denn dann hätte er der Wissenschaft nicht ein gänzlich unerreichbares Ziel gesteckt, nämlich die ihr ewig verschlossene absolute Erkenntnis, welche im innersten Herzen wohl keimen mag, nie aber in Gestalt eines thatsächlichen, empirischen „Wissens“ wird in der Hand gehalten werden können; und so hätte er sich denn ohne Rückhalt über jene glänzende, freie Gestaltungskraft freuen können, die sich zu bethätigen begann im Augenblick, wo der Germane sich gegen die bleierne Gewalt des Völkerchaos auflehnte, die seither so reichen civilisatorischen Segen gebracht hat und die zu noch weit höheren Geschicken bestimmt ist. ¹)
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    ¹) In diesem Zusammenhang möchte ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers auf den Umschwung der Anschauungen in Bezug auf das Wesen des Lebens lenken. Am Anfang des 19. Jahrhunderts hatte man die Kluft zwischen dem Organischen und dem Unorganischen, wenn nicht schon für ausgefüllt, so doch fast für überbrückt gehalten (S. 78); am Schlusse des Jahrhunderts gähnt sie — für alle Kundigen — weiter als jemals zuvor. Weit entfernt, dass wir im Stande wären, Homunculi auf chemischem Wege in unseren Laboratorien herzustellen, erfuhren wir zuerst (durch die Arbeiten der Pasteur, Tyndall u. s. w.), dass es nirgendswo generatio spontanea giebt, sondern alles Leben einzig durch Leben erzeugt wird; dann lehrte uns die feinere Anatomie (Virchow), dass jede Zelle eines Körpers nur aus einer schon vorhandenen Zelle entstehen kann; jetzt wissen wir (Wiesner), dass selbst die einfachsten organischen Gebilde der Zelle nicht durch die chemische Thätigkeit des Zelleninhaltes, sondern nur aus den gleichen organisierten Gebilden entstehen, z. B. ein Chlorohpyllkorn nur aus einem schon vorhandenen Chlorophyllkorn. Die   G e s t a l t‚   nicht der Stoff ist das Grundprinzip alles Lebens. Und so musste denn der früher so kühne Herbert Spencer vor Kurzem als ehrlicher Forscher gestehen: „Die Theorie einer besonderen

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    Mit den Auseinandersetzungen dieses Abschnittes hoffe ich etwas Nützliches zum Verständnis der Geschichte unserer germanischen Wissenschaften und zu der genauen Beurteilung ihrer Erscheinungen im 19. Jahrhundert beigetragen zu haben. Wir sahen, dass Wissenschaft — nach unserer durchaus neuen und individuellen Auffassung — die menschliche Gestaltung eines Aussermenschlichen ist; wir stellten in einigen Hauptzügen und an der Hand einzelner Beispiele fest, wie diese Gestaltung bisher bei uns stattgefunden hat. Mehr kann man von einer „Notbrücke“ nicht fordern.






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Letzte Änderung am / Last update: 2. September 2005