Hereunder
follows the transcription of chapter 9B3 of Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the
19th
century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912.
Page
numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the
„Hauptausgabe“
(the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B3 van Houston Stewart
Chamberlain's Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij
uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt
overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
|
962
3. Industrie
(von der Einführung des Papieres bis zu Watt‘s Dampfmaschine).
Vergänglichkeit
aller Civilisation
Wir betreten jetzt
das Gebiet der Civilisation; hier kann ich und werde ich mich
äusserst
kurz fassen, denn das Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit
ist
hier ein gänzlich anderes
—————
Lebenskraft ist
unzulässig,
die physikalisch-chemische Theorie hat sich aber ebenfalls als
unhaltbar
erwiesen, woraus sich die Folgerung mit Notwendigkeit ergiebt, dass das
Wesen des Lebens überhaupt unerforschlich ist“ (Brief vom 12.
Oktober
1898 in der Zeitschrift Nature, Bd. 58, S. 593). Auch hier
hätte
ein bisschen metaphysisches Denken den schmerzlichen Rückzug
erspart.
In dem Sinne, wie Spencer es hier meint, ist überhaupt die gesamte
empirische Welt unerforschlich. Das Mysterium erscheint nur darum beim
Leben in so besonders schlagender Gestalt, weil gerade das
L e b e n das einzige ist, was wir aus unmittelbarer
Erfahrung
selber wissen. Kraft des Lebens treten wir an das Problem des Lebens
heran
und müssen nun bekennen, dass die Katze sich zwar in die Spitze
des
Schwanzes beissen kann (falls dieser lang genug ist), aber mehr nicht;
sie kann sich nicht selber aufessen und verdauen. Welchen stolzen Flug
wird unsere Wissenschaft an dem Tage nehmen, wo der letzte Rest
semitischen
Erkenntniswahnes von ihr abgestreift sein wird, und sie zur reinen,
intensiven
Anschauung, verbunden mit der freien, bewusstmenschlichen Gestaltung
übergeht.
Dann wahrlich „wird der Mensch durch den Menschen in das Tageslicht des
Lebens eingetreten sein“! (Vgl. mein Immanuel Kant, 5. Vortrag,
„Plato“.)
963 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
als bei Wissen und Kultur. Bei der
Besprechung
des Wissens habe ich Boden aufbrechen und Grundlagen im Interesse des
Verständnisses
des 19. Jahrhunderts vorbereiten müssen; denn unser heutiges
Wissen
hängt mit der Arbeit der vorangegangenen sechs Jahrhunderte so eng
zusammen, entwächst ihr so genau bedingt, dass sich die Gegenwart
nur im Zusammenhang mit der
809
Vergangenheit dem Urteil erschliesst;
ausserdem waltet dort ein Genius der Ewigkeit: der Wissensstoff wird
niemals
„überwunden“, nie können Entdeckungen rückgängig
gemacht
werden, ein Columbus steht dem Bewusstsein unseres Jahrhunderts
näher
als dem seines eigenen, und auch die Wissenschaft enthält, wie wir
gesehen haben, Elemente, die an Unsterblichkeit mit den vollendetsten
Gebilden
der Kunst wetteifern; dort l e b t also das
Vergangene
als Gegenwärtiges weiter. Von der Civilisation kann man das selbe
nicht behaupten. Natürlich schliesst sich auch hier Glied an
Glied,
doch tragen die früheren Zeiten die jetzige nur mechanisch,
gleichwie
bei den Korallenpolypen die abgestorbenen verkalkten Geschlechter den
neuen
als Unterlage dienen. Zwar ist auch hier das Verhältnis der
Vergangenheit
zur Gegenwart akademisch von höchstem Interesse, auch kann dessen
Erforschung belehrend wirken; doch bleibt in der Praxis das
öffentliche
Leben stets eine ausschliesslich „gegenwärtige“ Erscheinung: die
Lehren
der Vergangenheit sind dunkel, widerspruchsvoll, unanwendbar; der
Zukunft
wird ebenfalls wenig gedacht. Eine neue Maschine vertilgt die
früheren,
ein neues Gesetz hebt das bisherige auf; hier gebietet der Augenblick
mit
seiner Not und die Hast des kurzlebenden Einzelnen. So z. B. in der
Politik.
In der Betrachtung über „den Kampf im Staate“ entdeckten wir
gewisse
grosse Unterströmungen, die heute wie vor tausend Jahren am Werke
sind; darin bethätigen sich allgemeine Rassenverhältnisse,
physische
Grundthatsachen, welche in dem Wellenkampf des Lebens das Licht
vielfältig
brechen und darum vielfarbig in die Erscheinung treten,
nichtsdestoweniger
aber aufmerksamen Beobachtern in ihrer dauernden, organischen Einheit
erkennbar
sind; nehmen wir aber die eigentliche P o l i t i
k,
so finden wir ein Chaos von sich durchkreuzen-
964 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
den und durchquerenden Ereignissen,
in denen der Zufall, das Unberechnete, das Unvorhergesehene, das
Inkonsequente
massgebend sind, in denen der Rückprall aus einer geographischen
Entdeckung,
die Erfindung eines Webstuhles, das Aufdecken eines Steinkohlenlagers,
die Waffenthat eines genialen Feldherrn, die Dazwischenkunft eines
mächtigen
Staatsmannes, die Geburt eines schwachen oder starken Monarchen alles
in
Jahrhunderten Errungene zerstört oder aber alles an Andere
Verlorene
in einem einzigen Tage zurückerobert. Weil die Byzantiner sich
schlecht
gegen die Türken verteidigen, geht die mächtige
Handelsrepublik
Venedig zu Grunde; weil der Papst die Portugiesen von den westlichen
Meeren
ausgeschlossen, entdecken sie die Ostroute, und in Folge dessen
blüht
Lissabon plötzlich auf; Öster-
810
reich geht dem Deutschtum verloren,
Böhmen büsst auf immer seine Nationalbedeutung ein, weil eine
geistige und moralische Nullität, Ferdinand II., von Kindheit auf
in den Händen einiger ausländischer Jesuiten steht; Karl XII.
schiesst wie ein Komet durch die Geschichte, stirbt mit 35 Jahren, und
doch hat sein unverhofftes Auftreten eingreifend auf die Karte Europa‘s
und die Geschichte des Protestantismus gewirkt; was die Gottesgeissel
Napoleon
Bonaparte geträumt hatte — die Welt umzugestalten — vollbringt in
weit gründlicherer Weise der einfache, ehrliche James Watt, der
das
Patent auf seine Dampfmaschine in dem selben Jahre nimmt (1769), in
welchem
jener Condottiere das Licht der Welt erblickte. . . . . . Und
inzwischen
besteht die eigentliche Politik aus einem ewigen Anpassen, aus einem
ewigen
Ausklügeln von Kompromissen zwischen dem Notwendigen und dem
Zufälligen,
zwischen dem was gestern war und dem was morgen wird sein müssen.
„Demütigend für die Politik ist alle Geschichte; denn das
Grösste
führen die Umstände herbei“, bezeugt der
verehrungswürdige
Historiker Johannes von Müller.¹) Sie hindert das Neue, so
lange
es geht, und fördert es, sobald der Strom ihren eigenen Widerstand
gebrochen hat; sie feilscht um
—————
¹)
Vierundzwanzig
Bücher allgemeiner Geschichte, Buch 14, Kap. 21.
965 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
Vorteile mit dem Nachbarn, beraubt ihn,
wenn er schwach wird, kriecht vor ihm, wenn er erstarkt. Von ihr
beraten,
belehnt der mächtige Fürst die Grossen, auf dass sie ihn zum
König oder Kaiser erwählen, und fördert nachher die
Bürger,
damit diese ihm gegen den Adel, der ihm auf den Thron half, beistehen;
die Bürger sind königstreu, weil sie hierdurch aus der
Tyrannei
eines einzig auf Ausbeutung bedachten Adels erlöst werden, doch
wird
der Monarch Tyrann, sobald keine mächtigen Geschlechter mehr da
sind,
um ihn im Zaume zu halten, und das Volk erwacht unfreier als ehedem;
darum
empört es sich, enthauptet seinen König und vertreibt dessen
Angehörige; allein jetzt regt sich vertausendfacht der Ehrgeiz zu
herrschen, und mit bleierner Unduldsamkeit erhebt die dumme „Mehrzahl“
ihren Willen zum Gesetz. Überall die Herrschaft des Augenblicks,
d.
h. der augenblicklichen Not, des augenblicklichen Interesses, der
augenblicklichen
Möglichkeit, und in Folge dessen ein reiches Nacheinander ganz
verschiedener
Zustände, die zwar genetisch zu einander gehören und vom
Historiker
in ihrer Reihenfolge vor unseren Augen aufgerollt werden können,
doch
so, dass die eine Gegenwart die andere vernichtet, wie die Raupe das
Ei,
die Puppe die Raupe, der Schmetterling die Puppe; der Schmetterling
wiederum
811
stirbt, indem er Eier legt, so dass
die Geschichte von Neuem anheben kann.
- O weh! hinweg! und lasst mir
jene
Streite
- Von Tyrannei und Sklaverei bei
Seite!
- Mich langeweilt‘s: denn kaum
ist‘s
abgethan,
- So fangen sie von vorne wieder
an.
Und was hier von der
Politik gezeigt wird, gilt genau im selben Masse von dem gesamten
gewerblichen
und wirtschaftlichen Leben. Einer der fleissigsten heutigen Bearbeiter
dieses weiten Gebietes, Dr. Cunningham, macht wiederholt darauf
aufmerksam,
wie schwer es für uns sei — er nennt es an einer Stelle
„hoffnungslos“¹)
— die ökonomischen Zustände vergangener Jahr-
—————
¹)
The
growth of English industry and commerce during the early and middle
Ages,
3d ed., p. 97.
966 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
hunderte und namentlich die darauf
bezüglichen
Vorstellungen, wie sie unseren Ahnen vorschwebten und ihre Handlungen
und
gesetzlichen Massregeln bestimmten, wirklich zu verstehen.
Civilisation,
das blosse Gewand des Menschen, ist eben ein so durchaus
vergängliches
Ding, dass es spurlos dahin schwindet; wenn auch die Töpfe und
Ohrgehänge
und dergleichen mehr als Zierde unserer Museen und allerhand Kontrakte
und Wechselbriefe und Diplome in dem Staube unserer Archive aufbewahrt
bleiben, das Lebendige daran ist dahin und kehrt nicht wieder. Wer sich
mit dem Studium dieser Verhältnisse nie abgegeben hat, ahnt auch
nicht,
wie schnell ein Zustand den andern verdrängt. Wir hören von
einem
Mittelalter reden und glauben, das sei eine grosse einheitliche
tausendjährige
Epoche, zwar durch Kriege in ewiger Gährung gehalten, doch
ziemlich
stabil, was Ideen und soziale Zustände betrifft; dann sei die
Renaissance
gekommen, und daraus habe sich nach und nach der heutige Tag
entwickelt:
dagegen hat es in Wirklichkeit seit dem Augenblick, wo der Germane die
Weltbühne betrat, und namentlich seit jenem, wo er in Europa der
massgebende
Faktor geworden war, nie einen Moment Ruhe auf wirtschaftlichem Gebiete
gegeben; jedes Jahrhundert zeigt ein eigenes Gesicht und es kommt
manchmal
vor — z. B. zwischen dem 13. und dem 14. Jahrhundert — dass ein
einziges
Säculum noch tiefer greifende Umwälzungen der
ökonomischen
Zustände aufweist, als diejenigen, welche das Ende des 19. vom
Ende
des 18. Jahrhunderts wie durch eine gähnende Kluft scheiden. Ich
hatte
einmal Gelegenheit, mich mit dem
812
Leben in jenem herrlichen 14.
Jahrhundert
eingehend zu beschäftigen; es geschah nicht vom Standpunkte des
pragmatisierenden
Historikers aus, sondern lediglich, um ein recht lebhaftes Bild jener
energischen
Zeit, in welcher Bürgertum und Freiheit so prächtig
aufblühten,
zu erlangen; dabei fiel mir das eine sehr auf: dass die grossen
Männer
dieses stürmisch vorwärts drängenden Jahrhunderts, des
Jahrhunderts
„des kühn-verwegenen Fortschrittes“ ¹) — ein Jacob von
Artevelde,
ein Cola Rienzi, ein John
—————
¹)
Lamprecht: Deutsches Städteleben am Schluss des Mittelalters,
1884, S. 36.
967 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
Wyclif, ein Étienne Marcel — von
ihren
in den ererbten Vorstellungen des 13. Jahrhunderts erzogenen
Zeitgenossen
nicht verstanden wurden und daran zu Grunde gingen; sie hatten ihre
Gedanken
zu schnell in eine neue Form gekleidet. Ich glaube fast, die
Hastigkeit,
die uns als Kennzeichen des heutigen Tages so auffällt, war uns
immer
zu eigen; wir haben uns nie Zeit gelassen, uns auszuleben: die
Verteilung
des Vermögens, das Verhältnis der Klassen zu einander, sowie
überhaupt alles, was das öffentliche Leben der Gesellschaft
ausmacht,
bleibt bei uns in einem beständigen Hin- und Herschaukeln
befangen.
Im Verhältnis zur Wirtschaft ist sogar die Politik noch dauerhaft;
denn die grossen dynastischen Interessen, später die Interessen
der
Völker bilden doch einen gewichtigen Ballast, während Handel,
Städteleben, der relative Wert des Landbaues, das Auftreten und
Verschwinden
des Proletariats, die Concentrierung und die Verteilung der vorhandenen
Kapitalien u. s. w. fast lediglich der Wirkung der in meiner
Allgemeinen
Einleitung genannten „anonymen Mächte“ unterliegen. Aus allen
diesen
Erwägungen erhellt, dass vergangene Civilisation kaum in irgend
einer
Beziehung als eine noch lebende „Grundlage“ der Gegenwart zu betrachten
ist.
Autonomie
unserer neuen Industrie
Was nun speziell
die Industrie anbelangt, so ist es klar, dass sie nicht allein in ihren
Existenzbedingungen von den Launen der proteusartigen Wirtschaft und
der
flatterhaften Politik betroffen, sondern dass ihre Möglichkeit und
besondere Art in erster Reihe von dem Zustand unseres Wissens bedingt
wird.
Hier enthält also die Gleichung — wie der Mathematiker sagen
würde
— zwei veränderliche Faktoren, von denen der eine (die Wirtschaft)
nach jeder Richtung schwankt, der andere (das Wissen) zwar nur in einer
bestimmten Richtung, doch mit wechselnder Geschwindigkeit wächst.
Man sieht, es handelt sich bei der Industrie um ein gar bewegliches
Ding,
dem oft — wie heute — ein verzehrendes, doch stets ein unsicheres,
unbeständiges
Leben innewohnt. Zwar
813
kann es sich ereignen, dass die
Industrie
mit grosser Gewalt auf Leben und Politik einwirkt — man denke nur an
Dampf
und Elektricität — trotzdem ist sie keine eigentlich
selbständige,
sondern nur eine abgeleitete Erscheinung, welche aus den Bedürf-
968 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
nissen der Gesellschaft einerseits,
aus den Fähigkeiten der Wissenschaft andrerseits
hervorwächst.
Darum sind ihre verschiedenen Etappen kaum oder gar nicht organisch
miteinander
verbunden, denn eine neue Industrie entwächst nur selten einer
alten,
sondern sie wird durch neue Bedürfnisse und durch neue
Entdeckungen
ins Leben gerufen. Vollends im 19. Jahrhundert waltete eine ganz und
gar
neue Industrie, die, als eine der grossen, neuen „Kräfte“ (siehe S.
21), der Civilisation dieses Jahrhunderts ihr besonderes,
individuelles
Gepräge verlieh und auf weite Gebiete des Lebens — wie vielleicht
keine frühere Industrie — von Grund aus umgestaltend einwirkte.
Diese
Industrie wird im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ersonnen und
tritt
erst im 19. Säculum ins Leben ein; was früher bestand,
schwindet
wie vor einem Zauberstabe und hat also für uns — ich wiederhole es
— nur akademisches Interesse. Allerdings wird der Wissbegierige die
Idee
der Dampfmaschine auch in früheren Zeiten auffinden, wobei er
nicht
wie üblich allein auf den hundert Jahre vor Watt lebenden Papin
und
auf den genau zweitausend Jahre vor Papin lebenden Hero von Alexandrien
den Blick richten wird, sondern namentlich auf jenen unbegreiflichen
Wundermann
Leonardo da Vinci, der hier wie anderwärts seiner tief in
Kirchenkonzilien
und Inquisitionsgerichten steckenden Zeit mit Riesenschritten
vorausgeeilt
war: Leonardo hat uns die genaue Zeichnung einer durch Dampfkraft
getriebenen
mächtigen Kanone hinterlassen, und er hat sich ausserdem
namentlich
noch mit zwei Problemen beschäftigt: wie man Dampfkraft zur
Fortbewegung
der Schiffe und wie man sie zum Pumpen des Wassers verwenden
könnte
— gerade die zwei Gegenstände, bei denen die Lösung drei
Jahrhunderte
später, als erste Anwendung der Dampfkraft, gelang. Doch waren
weder
seine Zeit und ihre Bedürfnisse und politischen Zustände,
noch
die damalige Wissenschaft und ihre Mittel genügend entwickelt, um
diese genialen Eingebungen in die Praxis überführen zu
können.
Als der günstige Augenblick kam, waren Leonardo‘s Gedanken und
Versuche
inzwischen längst der Vergessenheit anheimgefallen und sind erst
vor
wenigen Jahren von Neuem ans Tageslicht gebracht worden. Die Anwendung
des
969 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
Dampfes, wie wir sie heute erleben,
ist ein ganz Neues, dessen Besprechung zum 19. Jahrhundert gehört,
da wir uns hier ebenso wie im bisherigen Verlauf dieses ganzen Buches
hüten
814
wollen, unser Denken und Urteilen durch
künstliche Zeiteinteilungen befangen zu lassen. Das Gesagte gilt
aber
nicht allein von der durch den Dampf bewirkten Umgestaltung — sowie
natürlich
in noch höherem Grade von der Elektricität, zu deren
industrieller
Verwertung es vor hundert Jahren nicht einmal Ansätze gab —
sondern
ebenfalls von dem Gebiete jener grossen, ausschlaggebenden Industrien,
welche die Bekleidung der Menschen besorgen und in Folge dessen auf
diesem
Felde etwa das bedeuten, was in der Agrikultur der Bau des Kornes. Die
Methoden des Spinnens, des Webens und des Nähens haben eine
völlige
Umwandlung erlitten, deren entscheidende Schritte ebenfalls erst am
Schluss
des 18. Jahrhunderts beginnen. Hargreaves patentiert seine
Spinnmaschine
1770, Arkwright die seinige fast im selben Augenblicke, der grosse
Idealist
Samuel Crompton schenkte der Welt die vollkommene Spinnmaschine (die
sogenannte
Mule)
etwa zehn Jahre später; Jacquard‘s Webstuhl ward erst 1801
fertiggestellt;
die erste praktisch brauchbare Nähmaschine (diejenige
Thimonnier‘s)
liess — trotz Versuchen, die am Schlusse des 18. Jahrhunderts begannen
— noch volle dreissig Jahre länger auf sich warten.¹) Auch
hier
fehlt es natürlich nicht an vorangegangenen Ideen und Versuchen,
und
zwar treffen wir wieder in erster Reihe auf den grossen Leonardo, der
eine
Spinnmaschine erfand, welche die ruhmreichsten Einfälle der
späteren
Zeit schon alle enthielt, so dass sie „unseren heutigen
Spindelkonstruktionen
vollkommen ebenbürtig gegenübersteht“, und der sich ausserdem
mit der Konstruktion von Webstühlen,
—————
¹)
Eine wirklich praktische, umfassende Geschichte der Industrie habe ich
in keiner Sprache ausfindig machen können; man muss aus
fünfzig
verschiedenen Specialschriften die Daten mühsam zusammensuchen und
kann froh sein, wenn man überhaupt etwas findet, denn die
Industriellen
leben ganz in der Gegenwart und kümmern sich blutwenig um
Geschichte.
Für den zuletzt erwähnten Gegenstand vergleiche man jedoch
Hermann
Grothe: Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben,
Nähen
(1875).
970 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
Tuchschermaschinen u. s. w. abgab.
¹)
Doch blieb dies alles auf unsere Zeit einflusslos und gehört
folglich
nicht hierher. Und noch eine Thatsache darf nicht unbeachtet bleiben:
dass
nämlich noch heute auf einem überwiegend grossen Teil der
Welt
gesponnen und gewoben wird, wie vor Jahrhunderten; gerade in diesen
Dingen
ist der Mensch zäh konservativ; ²) nimmt er aber das
815
Neue an, so geschieht es — wie dessen
Erfindung — auf einen Sprung.
Das Papier
Innerhalb des Rahmens
dieses ersten Buches bleibt also wenig über Industrie zu sagen.
Doch
ist dieses Wenige nicht bedeutungslos. Genau so, wie unsere
Wissenschaft
eine „mathematische“ genannt werden kann, so besitzt auch unsere
Civilisation
von Anfang an einen bestimmten Charakter, oder, wenn man will, eine
bestimmte
Physiognomie; und zwar ist es eine Industrie, was an jenem
entscheidenden
Wendepunkt des 12. bis 13. Jahrhunderts unserer Civilisation dieses
besondere
Gepräge verlieh, das in der Folge dann immer weitere Ausbildung
erfuhr:
unsere Civilisation ist eine p a p i e r n e.
Es ist falsch und
darum für das historische Urteil irreführend, wenn man, wie
das
gewöhnlich geschieht, die Erfindung des Buchdruckes als den Beginn
eines neuen Zeitalters hinstellt. Zunächst muss gegen eine
derartige
Behauptung erinnert werden, dass der lebendige Quell eines neuen
Zeitalters
nicht aus dieser oder jener Erfindung, sondern in den Herzen bestimmter
Menschen fliesst; sobald der Germane begann, selbständige Staaten
zu gründen und das Joch des römisch-theokratischen Imperiums
abzuschütteln, da begann auch ein neues Zeitalter; ich habe das
ausführlich
gezeigt und brauche nicht darauf zurückzukommen. Wer mit Janssen
meint,
es sei der Buchdruck, der „den Geist beflügelt habe“, erkläre
doch gefälligst, warum dem Chinesen noch keine Flügel
angewachsen
sind? Und wer mit Janssen die kühne These ver-
—————
¹)
Grothe: a. a. O., S. 21 und für Ausführlicheres, Grothe: Leonardo
da Vinci als Ingenieur, 1874, S. 80 fg. Leonardo war überhaupt
unerschöpflich in der Erfindung von Mechanismen, wovon man sich in
dem zuletzt genannten Werke überzeugen kann.
²)
Grothe: Bilder und Studien, S. 27.
971 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
ficht, diese „den Geist
beflügelnde“
Erfindung, sowie überhaupt die „Entfaltung des geistigen Lebens“
vom
14. Jahrhundert ab, sei einzig und allein der römisch-katholischen
Lehre von der Verdienstlichkeit der guten Werke zuzuschreiben, der sei
doch so gut zu erklären, warum der Hellene, der weder Buchdruck
noch
Werkheiligkeit kannte, es dennoch vermochte, auf Flügeln des
Gesanges
und der gestaltenden Weltanschauung so hoch sich hinaufzuschwingen,
dass
es uns erst mühsam und spät (und erst nach Abwerfung der
römischen
Fesseln) gelang, eine vergleichbare
816
Höhe zu erreichen. ¹) Lassen
wir also diese dummen Phrasen. Doch auch auf dem Gebiet einer konkreten
und wahrhaftigen Geschichtsbetrachtung wird die Einsicht in den
historischen
Gang unserer Civilisation durch die einseitige Betonung der Erfindung
des
Druckes verdunkelt. Die Idee des Druckes ist eine uralte; jeder
Stempel,
jede Münze geht aus ihr hervor; das älteste Exemplar der
gotischen
Bibelübersetzung, der sogenannte Codex
argenteus, ist mit Hilfe
glühender Metalltypen auf Pergament „gedruckt“; entscheidend —
weil
unterscheidend — ist nur die Art und Weise, wie die Germanen dazu
kamen,
gegossene, zusammenstellbare Lettern und damit den praktischen
Buchdruck
zu erfinden, und dies hängt wiederum mit ihrer Wertschätzung
des Papiers zusammen. Denn der Buchdruck entsteht als Verwendung des
Papiers.
Sobald das Papier — d. h. also ein brauchbarer, billiger Stoff zur
Vervielfältigung
— da ist, fangen an hundert Orten (in den Niederlanden, in Deutschland,
in Italien, in Frankreich) die fleissigen, findigen Germanen an, nach
einer
praktischen Lösung des alten Problems, wie man Bücher
mechanisch
drucken könne, zu fahnden. Es verlohnt sich, das, was hier
—————
¹)
Vergl. Janssen: Geschichte des deutschen Volkes, 16. Aufl., I,
3
und 8. Diese fleissige und darum nützliche Zusammenstellung wird
wirklich
übermässig gepriesen; im Grunde genommen ist sie ein
sechsbändiges
Tendenzpamphlet, welches weder durch Treue noch durch Tiefe es verdient
hätte, ein Hausbuch zu werden. Der deutsche Katholik hat
ebensowenig
wie irgend ein anderer Deutscher Grund, die Wahrheit zu fürchten;
Janssen‘s Methode ist aber die systematische Entstellung der Wahrheit
und
die planmässige Besudelung der besten Regungen des deutschen
Geistes.
972 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
vorging, genauer in Augenschein zu
nehmen,
namentlich da Kompendien und Lexika über die früheste
Geschichte
unseres Papiers noch sehr schlecht informiert sind. Erst durch die
Arbeiten
von Josef Karabacek und Julius Wiesner ist nämlich volle Klarheit
in diese Sache gekommen, und zwar mit dem Ergebnis, dass hier eines der
interessantesten Kapitel zu der Erkenntnis germanischer Eigenart
vorliegt. ¹)
Auf die Idee, eine
billige, handliche, allgemein verwendbare Unterlage für die
Schrift
herzustellen (an Stelle des kostspieligen Pergamentes, der noch
kostspieligeren
Seide, des verhältnismässig seltenen Papyrus, der assyrischen
Schreibziegel u. s. w.) scheinen jene emsigen Utilitarier, die
Chinesen,
zuerst verfallen zu sein; doch
817
entspricht die Behauptung. sie
hätten
„das Papier erfunden“, nur teilweise den Thatsachen. Die Chinesen, die
selber einen dem unsrigen durchaus ähnlichen Papyrus
benutzten,²)
und seine Nachteile kannten, verfielen darauf, aus geeigneten
Pflanzenfasern
auf künstlichem Wege ein dem Papier analoges Schreibmaterial
herzustellen:
das ist ihr Beitrag zur Erfindung des
—————
¹)
Vergl. Karabacek: Das Arabische Papier, eine
historisch-antiquarische
Untersuchung, Wien 1887 und Wiesner: Die mikroskopische
Untersuchung
des Papiers mit besonderer Berücksichtigung der ältesten
orientalischen
und europäischen Papiere, Wien 1887. Die beiden Gelehrten
haben
zusammen, jeder in seinem Fache, diese Untersuchung geführt, so
dass
ihre Arbeiten, wenn auch getrennt erschienen, sich gegenseitig
ergänzen
und zusammen ein Ganzes bilden. Von entscheidender Wichtigkeit ist die
Feststellung, dass Papier aus B a u m w o l l e
nirgends vorkommt, sondern die ältesten Stücke arabischer
Manufaktur
aus Hadern (von Lein oder Hanf) gemacht sind, so dass dem Germanen (im
Gegensatz zur bisherigen Annahme) nicht einmal der bescheidene Einfall,
Leinen an Stelle von Baumwolle zu gebrauchen, zu eigen bleibt. Die
Einzelheiten
in meinen folgenden Ausführungen sind zum grossen Teil diesen zwei
Schriften entnommen.
²)
Der Papyrus der Chinesen ist das dünngeschnittene Markgewebe einer
Aralia,
wie der Papyrus der Alten das dünngeschnittene Markgewebe des Cyperus
Papyrus war. Der Gebrauch davon hat sich in China für das
Malen
mit Wasserfarben u. s. w. noch bis heute erhalten. Für
Einzelheiten
vergleiche man Wiesner: Die Rohstoffe des Pflanzenreiches,
1873,
S. 458 fg. (Neue erweiterte Ausgabe, 1902, II, 429—463.)
973 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
Papieres. Chinesische Kriegsgefangene
brachten nun (etwa im 7. Jahrhundert?) diese Industrie nach Samarkand,
einer Stadt, die dem arabischen Khalifat unterstand und meist von fast
unabhängigen türkischen Fürsten regiert wurde, deren
Einwohnerschaft
aber damals zum überwiegenden Teil aus persischen Iraniern
bestand.
Die Iranier — unsere indoeuropäischen Vettern — fassten die
unbeholfenen
chinesischen Versuche mit dem höheren Verständnis einer
ungleich
reicheren und phantasievolleren Begabung auf und verwandelten sie
gänzlich,
indem sie „fast sofort“ die Bereitung des Papieres aus Hadern oder
Lumpen
erfanden — ein so auffallender Vorgang (namentlich wenn man bedenkt,
dass
die Chinesen bis zum heutigen Tage nicht weiter gekommen sind!), dass
Prof.
Karabacek wohl berechtigt ist auszurufen: „ein Sieg des fremden
Ingeniums
über die Erfindungsgabe der Chinesen!“ Das ist also die erste
Etappe:
ein indoeuropäisches Volk, angeregt durch das praktische, doch
sehr
beschränkte Geschick der Chinesen, erfindet „fast sofort“ das
Papier;
Samarkand wird auf längere Zeit die Metropole der
Papierfabrikation.
— Nun folgt die zweite und ebenso lehrreiche Etappe. Im Jahre 795 liess
Harûn-al-Raschîd (der Zeitgenosse Karl‘s des Grossen)
Arbeiter
aus Samarkand kommen und eine Papierfabrik in Bagdad errichten. Die
Zubereitung
wurde als Staatsgeheimnis bewahrt; doch überall, wohin Araber
kamen,
begleitete sie das Papier, namentlich auch nach dem maurischen Spanien,
jenem Lande, wo die Juden so lange das grosse Wort führten und wo
nachgewiesenermassen Papier seit Anfang des 10. Jahrhunderts im
Gebrauch
stand. Dagegen gelangte fast gar kein Papier nach dem germanischen
Europa,
und wenn auch, dann nur als geheimnisvoller Stoff unbekannter Herkunft.
Das dauerte bis in das 13. Jahrhundert. Fast ein halbes Jahrtausend
haben
also die Semiten und Halbsemiten das Monopol des Papieres gehabt, Zeit
genug, wenn sie ein Fünkchen Erfindungskraft besessen, wenn sie
818
nur die geringste Sehnsucht nach
geistigen
Thaten gekannt hätten, um diese herrliche Waffe des Geistes zu
einer
Macht auszubilden. Und was haben sie in diesem Zeitraum — der eine
grössere
Frist umspannt als von Gutenberg bis heute — damit geleistet? Nichts,
974 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
rein gar nichts. Nur Schuldscheine haben
sie darauf anzubringen gewusst, und ausserdem etliche hundert öde,
langweilige, geisttötende Bücher: die Erfindung des Iraniers
zur Verballhornung der Gedanken des Hellenen in erlogener Gelehrsamkeit
dienend!. — Doch nun folgte die dritte Etappe. Im Verlauf der
Kreuzzüge
wurde das mit so viel Geistesarmut gehütete Manufakturgeheimnis
gelüftet;
was der arme Iranier, zwischen Semiten, Tataren und Chinesen
eingekeilt,
erfunden, das übernahm jetzt der freie Germane. In den letzten
Jahren
des 12. Jahrhunderts gelangte die genaue Kunde, wie Papier zu bereiten
sei, nach Europa; wie ein Lauffeuer verbreitete sich das neue Gewerbe
durch
alle Länder; in wenigen Jahren genügten schon die einfachen
Geräte
des Orients nicht mehr; eine Verbesserung folgte der anderen; im Jahre
1290 stand schon die erste regelrechte Papiermühle (in
Ravensburg);
kaum hundert Jahre dauerte es, bis der Holzdruck (auch ganzer
Bücher)
sich eingebürgert hatte, und in weiteren fünfzig Jahren war
der
Buchdruck mit beweglichen Typen schon im Gang. Und glaubt man wirklich,
dieser Buchdruck habe erst unseren Geist „beflügelt“? Welcher Hohn
auf die Thatsachen der Geschichte! Welche Verkennung des hohen Wertes
germanischer
Eigenart! Wir sehen doch, dass ganz im Gegenteil der beflügelte
Geist
es war, der die Erfindung des Buchdruckes geradezu erzwungen hat.
Während
die Chinesen es niemals über den schwerfälligen
Holztafeldruck
hinausbrachten (und dies erst nach vielleicht tausendjährigem
Herumtappen),
während die semitischen Völker das Papier so gut wie
unbenutzt
hatten liegen lassen, war im ganzen germanischen Europa und namentlich
in seinem Mittelpunkt, Deutschland, „die Massenherstellung wohlfeiler
Papierhandschriften“
sofort ein Gewerbe geworden.¹) Selbst Janssen meldet, dass man in
Deutschland, lange ehe der Druck mit gegossenen Lettern begonnen hatte,
zu billigen Preisen die bedeutendsten Erzeugnisse mittelhochdeutscher
Poesie,
Volksbücher, Sagen, volkstümlich-medizinische Schriften
—————
¹)
Vogt und Koch: Geschichte der deutschen Litteratur, 1897, S.
218.
Eingehenderes in jedem grösseren Geschichtswerke.
975 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
u. s. w. feilgeboten habe.¹) Und
was Janssen verschweigt, ist, dass schon vom 13. Jahrhundert ab das
Papier
die Bibel, nament-
819
lich das Neue Testament, durch viele
Teile von Europa, übersetzt in die Volkssprachen, verbreitet
hatte,
so dass die Sendlinge der Inquisition, die selber nur zugestutzte
Brocken
aus der heiligen Schrift kannten, erstaunt waren, Bauern zu begegnen,
welche
die vier Evangelien von Anfang bis zu Ende auswendig hersagten.²)
Zugleich verbreitete das Papier, wie wir sahen (S.
763), solche Werke wie die des Scotus Erigena befreiend unter die
vielen
tausend Menschen, die so viel Bildung besassen, um lateinisch lesen zu
können. Sobald das Papier da war, erfolgte durch alle Länder
Europa‘s die mehr oder weniger ausgesprochene Empörung gegen Rom,
und sofort, als Reaktion darauf, das Verbot des Bibellesens und die
Einführung
der Inquisition (S. 643).
Doch
die Sehnsucht nach geistiger Befreiung, der Instinkt des zum Herrschen
geborenen Stammes, die gewaltige Gährung jenes Geistes, den wir
heute
an seinen seither vollbrachten Thaten erkennen, liessen sich nicht
bemeistern
und eindämmen. Das Verlangen nach Lesen und Wissen wuchs mit jedem
Tage; noch gab es keine Bücher (in unserem Sinne), und schon gab
es
Buchhändler, die von Messe zu Messe reisten und massenhaften
Absatz
ihrer sauberen, billigen Abschriften auf Papier erzielten; die
Erfindung
des Buchdruckes wurde geradezu e r z w u n g e
n.
Darum auch die eigentümliche Geschichte dieser Erfindung. Sonst
müssen
neue Ideen viel kämpfen, ehe sie Anerkennung finden: man denke nur
an die Dampfmaschine, an die Nähmaschine u. s. w.; auf den Druck
harrte
man dagegen schon allerorten mit solcher Ungeduld, dass es heute kaum
möglich
ist, dem Fortgang seiner Verbreitung zu folgen. In dem selben
Augenblick,
als Gutenberg das Giessen der Lettern in Mainz probiert, versuchen es
andere
in Bamberg, in Haarlem, in Avignon, in Venedig. Und als der grosse
Deutsche
das Rätsel endlich gelöst, versteht man seine Erfindung
sofort
überall zu schätzen und nachzuahmen, zu
—————
¹)
A. a. O., I. 17.
²)
Vergl.
S. 643, Anm. 1.
976 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
verbessern und auszubilden, weil sie
einem allgemeinen dringenden Bedürfnis entspricht. 1450 begann
Gutenberg‘s
Druckerei ihren Betrieb, und 25 Jahre später blühte der
Buchdruck
in fast allen Städten Europa‘s. Ja, in einzelnen Städten
Deutschland‘s,
z. B. in Augsburg, Nürnberg, Mainz, gab es bald zwanzig und mehr
Druckereien.
Mit welchem Heisshunger greift der unter dem schweren Drucke Rom‘s
schmachtende
Germane nach jeder Äusserung freien Menschentums! Es gleicht fast
der Raserei eines Verzweifelten. Man schätzt die Zahl der zwischen
1470 und 1500 in Druck gelegten verschiedenen Werke auf zehn-
820
tausend; sämtliche damals bekannte
lateinische Autoren lagen noch vor Ende des Jahrhunderts gedruckt vor;
in weiteren zwanzig Jahren folgten alle irgend zugänglichen
griechischen
Denker und Dichter.¹) Doch man verharrte nicht allein bei
Vergangenem;
sofort griff der Germane die Erforschung der Natur auf und zwar am
rechten
Ende, bei der Mathematik: Johannes Müller aus Königsberg in
Franken,
genannt Regiomontanus, begründete zwischen 1470 und 1475 eine
besondere
Druckerei zur Herausgabe mathematischer Schriften in Nürnberg;
²)
zahlreiche deutsche, französische und italienische Mathematiker
wurden
dadurch zur Bearbeitung der Mechanik und Astronomie angeregt; 1525 gab
der grosse Nürnberger Albrecht Dürer die erste darstellende
Geometrie
in deutscher Sprache heraus, und in dem selben Nürnberg erschien
bald
darauf das De revolutionibus des Kopernikus. Auch auf den
anderen
Gebieten der Entdeckung war man inzwischen nicht müssig gewesen,
und
die erste Zeitung, die im Jahre 1505 erschien, „bringt schon
Nachrichten
aus Brasilien“. ³)
Ich wüsste
nichts,
was so geeignet wäre wie diese Geschichte des Papiers, uns die
hohe
Bedeutung vor Augen zu führen, welche eine Industrie für alle
Lebenszweige gewinnen kann; zugleich sehen wir, wie alles darauf
ankommt,
in wessen Hände eine Erfindung gelangt. Der Germane hat das Papier
nicht erfunden;
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¹)
Green: History of the English people, III, 195.
²)
Gerhardt: Geschichte der Mathematik in Deutschland, 1877, S. 15.
³)
Lamprecht: Deutsche Geschichte, V., 122.
977 Die
Entstehung einer neuen Welt. Industrie.
was aber bei Semiten und Juden ein
belangloser
Wisch gewesen war, wurde, dank seinen unvergleichlichen und durchaus
individuell
eigenartigen Gaben, das Panier einer neuen Welt. Man sieht, wie Recht
Goethe
hat, zu schreiben: „Das erste und letzte am Menschen ist
Thätigkeit,
und man kann nichts thun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den
Instinkt,
der uns dazu treibt. . . . . Wenn man es genau betrachtet, wird
jede,
auch nur die geringste Fähigkeit uns a n g e b o r e
n,
und es giebt keine unbestimmte Fähigkeit“.¹) Wer die
Geschichte
des Papiers kennt und da noch von der Gleichartigkeit der
Menschenrassen
schwärmt, dem ist nicht zu helfen.
Die Einführung
des Papiers ist ohne jede Frage das folgenschwerste Ereignis unserer
gesamten
industriellen Geschichte. Alles Übrige ist im Verhältnis von
sehr geringer Bedeutung. Erst der zu Beginn dieses Abschnittes genannte
Umschwung in
821
der Textilindustrie und in noch weit
höherem Masse die Erfindung der Dampfmaschine, des Dampfschiffes
und
der Lokomotive haben ähnlich eingreifend auf das Leben wie das
Papier
gewirkt; doch auch sie in bedeutend geringerem Grade, da selbst die
Ausgestaltung
der Lokomotiven — durch welche die Welt (wie früher durch den
Buchdruck
die Gedanken) einem Jeden zugänglich gemacht worden ist — nicht
direkt,
sondern nur indirekt zur Vermehrung des geistigen Besitzes
beiträgt.
Doch bin ich überzeugt, dass der aufmerksame Beobachter
überall
jene selben Anlagen am Werke finden wird, die uns hier, bei der
Geschichte
des Papiers, so glänzend entgegentraten. Und so mag es denn
genügen,
wenn an diesem einen Beispiel nicht allein die wichtigste
Errungenschaft,
sondern zugleich die entscheidenden individuellen Eigenschaften der
Industrie
in unserer neuen Welt hervorgehoben worden sind.
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¹)
Lehrjahre,
8. Buch, Kap. 3.
Letzte
Änderung
am /Laatste wijziging / Last update: 27 April 2008