Hereunder follows the transcription of chapter 9B3 of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B3 van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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3. Industrie  (von der Einführung des Papieres bis zu Watt's Dampfmaschine).

Vergänglichkeit aller Civilisation
    Wir betreten jetzt das Gebiet der Civilisation; hier kann ich und werde ich mich äusserst kurz fassen, denn das Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit ist hier ein gänzlich anderes
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Lebenskraft ist unzulässig, die physikalisch-chemische Theorie hat sich aber ebenfalls als unhaltbar erwiesen, woraus sich die Folgerung mit Notwendigkeit ergiebt, dass das Wesen des Lebens überhaupt unerforschlich ist“ (Brief vom 12. Oktober 1898 in der Zeitschrift Nature, Bd. 58, S. 593). Auch hier hätte ein bisschen metaphysisches Denken den schmerzlichen Rückzug erspart. In dem Sinne, wie Spencer es hier meint, ist überhaupt die gesamte empirische Welt unerforschlich. Das Mysterium erscheint nur darum beim Leben in so besonders schlagender Gestalt, weil gerade das   L e b e n   das einzige ist, was wir aus unmittelbarer Erfahrung selber wissen. Kraft des Lebens treten wir an das Problem des Lebens heran und müssen nun bekennen, dass die Katze sich zwar in die Spitze des Schwanzes beissen kann (falls dieser lang genug ist), aber mehr nicht; sie kann sich nicht selber aufessen und verdauen. Welchen stolzen Flug wird unsere Wissenschaft an dem Tage nehmen, wo der letzte Rest semitischen Erkenntniswahnes von ihr abgestreift sein wird, und sie zur reinen, intensiven Anschauung, verbunden mit der freien, bewusstmenschlichen Gestaltung übergeht. Dann wahrlich „wird der Mensch durch den Menschen in das Tageslicht des Lebens eingetreten sein“! (Vgl. mein Immanuel Kant, 5. Vortrag, „Plato“.)

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als bei Wissen und Kultur. Bei der Besprechung des Wissens habe ich Boden aufbrechen und Grundlagen im Interesse des Verständnisses des 19. Jahrhunderts vorbereiten müssen; denn unser heutiges Wissen hängt mit der Arbeit der vorangegangenen sechs Jahrhunderte so eng zusammen, entwächst ihr so genau bedingt, dass sich die Gegenwart nur im Zusammenhang mit der
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Vergangenheit dem Urteil erschliesst; ausserdem waltet dort ein Genius der Ewigkeit: der Wissensstoff wird niemals „überwunden“, nie können Entdeckungen rückgängig gemacht werden, ein Columbus steht dem Bewusstsein unseres Jahrhunderts näher als dem seines eigenen, und auch die Wissenschaft enthält, wie wir gesehen haben, Elemente, die an Unsterblichkeit mit den vollendetsten Gebilden der Kunst wetteifern; dort   l e b t   also das Vergangene als Gegenwärtiges weiter. Von der Civilisation kann man das selbe nicht behaupten. Natürlich schliesst sich auch hier Glied an Glied, doch tragen die früheren Zeiten die jetzige nur mechanisch, gleichwie bei den Korallenpolypen die abgestorbenen verkalkten Geschlechter den neuen als Unterlage dienen. Zwar ist auch hier das Verhältnis der Vergangenheit zur Gegenwart akademisch von höchstem Interesse, auch kann dessen Erforschung belehrend wirken; doch bleibt in der Praxis das öffentliche Leben stets eine ausschliesslich „gegenwärtige“ Erscheinung: die Lehren der Vergangenheit sind dunkel, widerspruchsvoll, unanwendbar; der Zukunft wird ebenfalls wenig gedacht. Eine neue Maschine vertilgt die früheren, ein neues Gesetz hebt das bisherige auf; hier gebietet der Augenblick mit seiner Not und die Hast des kurzlebenden Einzelnen. So z. B. in der Politik. In der Betrachtung über „den Kampf im Staate“ entdeckten wir gewisse grosse Unterströmungen, die heute wie vor tausend Jahren am Werke sind; darin bethätigen sich allgemeine Rassenverhältnisse, physische Grundthatsachen, welche in dem Wellenkampf des Lebens das Licht vielfältig brechen und darum vielfarbig in die Erscheinung treten, nichtsdestoweniger aber aufmerksamen Beobachtern in ihrer dauernden, organischen Einheit erkennbar sind; nehmen wir aber die eigentliche   P o l i t i k,   so finden wir ein Chaos von sich durchkreuzen-

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den und durchquerenden Ereignissen, in denen der Zufall, das Unberechnete, das Unvorhergesehene, das Inkonsequente massgebend sind, in denen der Rückprall aus einer geographischen Entdeckung, die Erfindung eines Webstuhles, das Aufdecken eines Steinkohlenlagers, die Waffenthat eines genialen Feldherrn, die Dazwischenkunft eines mächtigen Staatsmannes, die Geburt eines schwachen oder starken Monarchen alles in Jahrhunderten Errungene zerstört oder aber alles an Andere Verlorene in einem einzigen Tage zurückerobert. Weil die Byzantiner sich schlecht gegen die Türken verteidigen, geht die mächtige Handelsrepublik Venedig zu Grunde; weil der Papst die Portugiesen von den westlichen Meeren ausgeschlossen, entdecken sie die Ostroute, und in Folge dessen blüht Lissabon plötzlich auf; Öster-
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reich geht dem Deutschtum verloren, Böhmen büsst auf immer seine Nationalbedeutung ein, weil eine geistige und moralische Nullität, Ferdinand II., von Kindheit auf in den Händen einiger ausländischer Jesuiten steht; Karl XII. schiesst wie ein Komet durch die Geschichte, stirbt mit 35 Jahren, und doch hat sein unverhofftes Auftreten eingreifend auf die Karte Europa's und die Geschichte des Protestantismus gewirkt; was die Gottesgeissel Napoleon Bonaparte geträumt hatte — die Welt umzugestalten — vollbringt in weit gründlicherer Weise der einfache, ehrliche James Watt, der das Patent auf seine Dampfmaschine in dem selben Jahre nimmt (1769), in welchem jener Condottiere das Licht der Welt erblickte. . . . . .  Und inzwischen besteht die eigentliche Politik aus einem ewigen Anpassen, aus einem ewigen Ausklügeln von Kompromissen zwischen dem Notwendigen und dem Zufälligen, zwischen dem was gestern war und dem was morgen wird sein müssen. „Demütigend für die Politik ist alle Geschichte; denn das Grösste führen die Umstände herbei“, bezeugt der verehrungswürdige Historiker Johannes von Müller.¹) Sie hindert das Neue, so lange es geht, und fördert es, sobald der Strom ihren eigenen Widerstand gebrochen hat; sie feilscht um
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    ¹) Vierundzwanzig Bücher allgemeiner Geschichte, Buch 14, Kap. 21.

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Vorteile mit dem Nachbarn, beraubt ihn, wenn er schwach wird, kriecht vor ihm, wenn er erstarkt. Von ihr beraten, belehnt der mächtige Fürst die Grossen, auf dass sie ihn zum König oder Kaiser erwählen, und fördert nachher die Bürger, damit diese ihm gegen den Adel, der ihm auf den Thron half, beistehen; die Bürger sind königstreu, weil sie hierdurch aus der Tyrannei eines einzig auf Ausbeutung bedachten Adels erlöst werden, doch wird der Monarch Tyrann, sobald keine mächtigen Geschlechter mehr da sind, um ihn im Zaume zu halten, und das Volk erwacht unfreier als ehedem; darum empört es sich, enthauptet seinen König und vertreibt dessen Angehörige; allein jetzt regt sich vertausendfacht der Ehrgeiz zu herrschen, und mit bleierner Unduldsamkeit erhebt die dumme „Mehrzahl“ ihren Willen zum Gesetz. Überall die Herrschaft des Augenblicks, d. h. der augenblicklichen Not, des augenblicklichen Interesses, der augenblicklichen Möglichkeit, und in Folge dessen ein reiches Nacheinander ganz verschiedener Zustände, die zwar genetisch zu einander gehören und vom Historiker in ihrer Reihenfolge vor unseren Augen aufgerollt werden können, doch so, dass die eine Gegenwart die andere vernichtet, wie die Raupe das Ei, die Puppe die Raupe, der Schmetterling die Puppe; der Schmetterling wiederum
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stirbt, indem er Eier legt, so dass die Geschichte von Neuem anheben kann.
O weh! hinweg! und lasst mir jene Streite
Von Tyrannei und Sklaverei bei Seite!
Mich langeweilt's: denn kaum ist's abgethan,
So fangen sie von vorne wieder an.
    Und was hier von der Politik gezeigt wird, gilt genau im selben Masse von dem gesamten gewerblichen und wirtschaftlichen Leben. Einer der fleissigsten heutigen Bearbeiter dieses weiten Gebietes, Dr. Cunningham, macht wiederholt darauf aufmerksam, wie schwer es für uns sei — er nennt es an einer Stelle „hoffnungslos“ ¹) — die ökonomischen Zustände vergangener Jahr-
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    ¹) The growth of English industry and commerce during the early and middle Ages, 3d ed., p. 97.

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hunderte und namentlich die darauf bezüglichen Vorstellungen, wie sie unseren Ahnen vorschwebten und ihre Handlungen und gesetzlichen Massregeln bestimmten, wirklich zu verstehen. Civilisation, das blosse Gewand des Menschen, ist eben ein so durchaus vergängliches Ding, dass es spurlos dahin schwindet; wenn auch die Töpfe und Ohrgehänge und dergleichen mehr als Zierde unserer Museen und allerhand Kontrakte und Wechselbriefe und Diplome in dem Staube unserer Archive aufbewahrt bleiben, das Lebendige daran ist dahin und kehrt nicht wieder. Wer sich mit dem Studium dieser Verhältnisse nie abgegeben hat, ahnt auch nicht, wie schnell ein Zustand den andern verdrängt. Wir hören von einem Mittelalter reden und glauben, das sei eine grosse einheitliche tausendjährige Epoche, zwar durch Kriege in ewiger Gährung gehalten, doch ziemlich stabil, was Ideen und soziale Zustände betrifft; dann sei die Renaissance gekommen, und daraus habe sich nach und nach der heutige Tag entwickelt: dagegen hat es in Wirklichkeit seit dem Augenblick, wo der Germane die Weltbühne betrat, und namentlich seit jenem, wo er in Europa der massgebende Faktor geworden war, nie einen Moment Ruhe auf wirtschaftlichem Gebiete gegeben; jedes Jahrhundert zeigt ein eigenes Gesicht und es kommt manchmal vor — z. B. zwischen dem 13. und dem 14. Jahrhundert — dass ein einziges Säculum noch tiefer greifende Umwälzungen der ökonomischen Zustände aufweist, als diejenigen, welche das Ende des 19. vom Ende des 18. Jahrhunderts wie durch eine gähnende Kluft scheiden. Ich hatte einmal Gelegenheit, mich mit dem
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Leben in jenem herrlichen 14. Jahrhundert eingehend zu beschäftigen; es geschah nicht vom Standpunkte des pragmatisierenden Historikers aus, sondern lediglich, um ein recht lebhaftes Bild jener energischen Zeit, in welcher Bürgertum und Freiheit so prächtig aufblühten, zu erlangen; dabei fiel mir das eine sehr auf: dass die grossen Männer dieses stürmisch vorwärts drängenden Jahrhunderts, des Jahrhunderts „des kühn-verwegenen Fortschrittes“ ¹) — ein Jacob von Artevelde, ein Cola Rienzi, ein John
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    ¹) Lamprecht: Deutsches Städteleben am Schluss des Mittelalters, 1884, S. 36.

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Wyclif, ein Étienne Marcel — von ihren in den ererbten Vorstellungen des 13. Jahrhunderts erzogenen Zeitgenossen nicht verstanden wurden und daran zu Grunde gingen; sie hatten ihre Gedanken zu schnell in eine neue Form gekleidet. Ich glaube fast, die Hastigkeit, die uns als Kennzeichen des heutigen Tages so auffällt, war uns immer zu eigen; wir haben uns nie Zeit gelassen, uns auszuleben: die Verteilung des Vermögens, das Verhältnis der Klassen zu einander, sowie überhaupt alles, was das öffentliche Leben der Gesellschaft ausmacht, bleibt bei uns in einem beständigen Hin- und Herschaukeln befangen. Im Verhältnis zur Wirtschaft ist sogar die Politik noch dauerhaft; denn die grossen dynastischen Interessen, später die Interessen der Völker bilden doch einen gewichtigen Ballast, während Handel, Städteleben, der relative Wert des Landbaues, das Auftreten und Verschwinden des Proletariats, die Concentrierung und die Verteilung der vorhandenen Kapitalien u. s. w. fast lediglich der Wirkung der in meiner Allgemeinen Einleitung genannten „anonymen Mächte“ unterliegen. Aus allen diesen Erwägungen erhellt, dass vergangene Civilisation kaum in irgend einer Beziehung als eine noch lebende „Grundlage“ der Gegenwart zu betrachten ist.

Autonomie unserer neuen Industrie
    Was nun speziell die Industrie anbelangt, so ist es klar, dass sie nicht allein in ihren Existenzbedingungen von den Launen der proteusartigen Wirtschaft und der flatterhaften Politik betroffen, sondern dass ihre Möglichkeit und besondere Art in erster Reihe von dem Zustand unseres Wissens bedingt wird. Hier enthält also die Gleichung — wie der Mathematiker sagen würde — zwei veränderliche Faktoren, von denen der eine (die Wirtschaft) nach jeder Richtung schwankt, der andere (das Wissen) zwar nur in einer bestimmten Richtung, doch mit wechselnder Geschwindigkeit wächst. Man sieht, es handelt sich bei der Industrie um ein gar bewegliches Ding, dem oft — wie heute — ein verzehrendes, doch stets ein unsicheres, unbeständiges Leben innewohnt. Zwar
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kann es sich ereignen, dass die Industrie mit grosser Gewalt auf Leben und Politik einwirkt — man denke nur an Dampf und Elektricität — trotzdem ist sie keine eigentlich selbständige, sondern nur eine abgeleitete Erscheinung, welche aus den Bedürf-

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nissen der Gesellschaft einerseits, aus den Fähigkeiten der Wissenschaft andrerseits hervorwächst. Darum sind ihre verschiedenen Etappen kaum oder gar nicht organisch miteinander verbunden, denn eine neue Industrie entwächst nur selten einer alten, sondern sie wird durch neue Bedürfnisse und durch neue Entdeckungen ins Leben gerufen. Vollends im 19. Jahrhundert waltete eine ganz und gar neue Industrie, die, als eine der grossen, neuen „Kräfte“ (siehe S. 21), der Civilisation dieses Jahrhunderts ihr besonderes, individuelles Gepräge verlieh und auf weite Gebiete des Lebens — wie vielleicht keine frühere Industrie — von Grund aus umgestaltend einwirkte. Diese Industrie wird im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts ersonnen und tritt erst im 19. Säculum ins Leben ein; was früher bestand, schwindet wie vor einem Zauberstabe und hat also für uns — ich wiederhole es — nur akademisches Interesse. Allerdings wird der Wissbegierige die Idee der Dampfmaschine auch in früheren Zeiten auffinden, wobei er nicht wie üblich allein auf den hundert Jahre vor Watt lebenden Papin und auf den genau zweitausend Jahre vor Papin lebenden Hero von Alexandrien den Blick richten wird, sondern namentlich auf jenen unbegreiflichen Wundermann Leonardo da Vinci, der hier wie anderwärts seiner tief in Kirchenkonzilien und Inquisitionsgerichten steckenden Zeit mit Riesenschritten vorausgeeilt war: Leonardo hat uns die genaue Zeichnung einer durch Dampfkraft getriebenen mächtigen Kanone hinterlassen, und er hat sich ausserdem namentlich noch mit zwei Problemen beschäftigt: wie man Dampfkraft zur Fortbewegung der Schiffe und wie man sie zum Pumpen des Wassers verwenden könnte — gerade die zwei Gegenstände, bei denen die Lösung drei Jahrhunderte später, als erste Anwendung der Dampfkraft, gelang. Doch waren weder seine Zeit und ihre Bedürfnisse und politischen Zustände, noch die damalige Wissenschaft und ihre Mittel genügend entwickelt, um diese genialen Eingebungen in die Praxis überführen zu können. Als der günstige Augenblick kam, waren Leonardo's Gedanken und Versuche inzwischen längst der Vergessenheit anheimgefallen und sind erst vor wenigen Jahren von Neuem ans Tageslicht gebracht worden. Die Anwendung des

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Dampfes, wie wir sie heute erleben, ist ein ganz Neues, dessen Besprechung zum 19. Jahrhundert gehört, da wir uns hier ebenso wie im bisherigen Verlauf dieses ganzen Buches hüten
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wollen, unser Denken und Urteilen durch künstliche Zeiteinteilungen befangen zu lassen. Das Gesagte gilt aber nicht allein von der durch den Dampf bewirkten Umgestaltung — sowie natürlich in noch höherem Grade von der Elektricität, zu deren industrieller Verwertung es vor hundert Jahren nicht einmal Ansätze gab — sondern ebenfalls von dem Gebiete jener grossen, ausschlaggebenden Industrien, welche die Bekleidung der Menschen besorgen und in Folge dessen auf diesem Felde etwa das bedeuten, was in der Agrikultur der Bau des Kornes. Die Methoden des Spinnens, des Webens und des Nähens haben eine völlige Umwandlung erlitten, deren entscheidende Schritte ebenfalls erst am Schluss des 18. Jahrhunderts beginnen. Hargreaves patentiert seine Spinnmaschine 1770, Arkwright die seinige fast im selben Augenblicke, der grosse Idealist Samuel Crompton schenkte der Welt die vollkommene Spinnmaschine (die sogenannte Mule) etwa zehn Jahre später; Jacquard's Webstuhl ward erst 1801 fertiggestellt; die erste praktisch brauchbare Nähmaschine (diejenige Thimonnier's) liess — trotz Versuchen, die am Schlusse des 18. Jahrhunderts begannen — noch volle dreissig Jahre länger auf sich warten.¹) Auch hier fehlt es natürlich nicht an vorangegangenen Ideen und Versuchen, und zwar treffen wir wieder in erster Reihe auf den grossen Leonardo, der eine Spinnmaschine erfand, welche die ruhmreichsten Einfälle der späteren Zeit schon alle enthielt, so dass sie „unseren heutigen Spindelkonstruktionen vollkommen ebenbürtig gegenübersteht“, und der sich ausserdem mit der Konstruktion von Webstühlen,
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    ¹) Eine wirklich praktische, umfassende Geschichte der Industrie habe ich in keiner Sprache ausfindig machen können; man muss aus fünfzig verschiedenen Specialschriften die Daten mühsam zusammensuchen und kann froh sein, wenn man überhaupt etwas findet, denn die Industriellen leben ganz in der Gegenwart und kümmern sich blutwenig um Geschichte. Für den zuletzt erwähnten Gegenstand vergleiche man jedoch Hermann Grothe: Bilder und Studien zur Geschichte vom Spinnen, Weben, Nähen (1875).

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Die Entstehung einer neuen Welt. Industrie.


Tuchschermaschinen u. s. w. abgab. ¹) Doch blieb dies alles auf unsere Zeit einflusslos und gehört folglich nicht hierher. Und noch eine Thatsache darf nicht unbeachtet bleiben: dass nämlich noch heute auf einem überwiegend grossen Teil der Welt gesponnen und gewoben wird, wie vor Jahrhunderten; gerade in diesen Dingen ist der Mensch zäh konservativ; ²) nimmt er aber das
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Neue an, so geschieht es — wie dessen Erfindung — auf einen Sprung.

Das Papier
    Innerhalb des Rahmens dieses ersten Buches bleibt also wenig über Industrie zu sagen. Doch ist dieses Wenige nicht bedeutungslos. Genau so, wie unsere Wissenschaft eine „mathematische“ genannt werden kann, so besitzt auch unsere Civilisation von Anfang an einen bestimmten Charakter, oder, wenn man will, eine bestimmte Physiognomie; und zwar ist es eine Industrie, was an jenem entscheidenden Wendepunkt des 12. bis 13. Jahrhunderts unserer Civilisation dieses besondere Gepräge verlieh, das in der Folge dann immer weitere Ausbildung erfuhr: unsere Civilisation ist eine   p a p i e r n e.
    Es ist falsch und darum für das historische Urteil irreführend, wenn man, wie das gewöhnlich geschieht, die Erfindung des Buchdruckes als den Beginn eines neuen Zeitalters hinstellt. Zunächst muss gegen eine derartige Behauptung erinnert werden, dass der lebendige Quell eines neuen Zeitalters nicht aus dieser oder jener Erfindung, sondern in den Herzen bestimmter Menschen fliesst; sobald der Germane begann, selbständige Staaten zu gründen und das Joch des römisch-theokratischen Imperiums abzuschütteln, da begann auch ein neues Zeitalter; ich habe das ausführlich gezeigt und brauche nicht darauf zurückzukommen. Wer mit Janssen meint, es sei der Buchdruck, der „den Geist beflügelt habe“, erkläre doch gefälligst, warum dem Chinesen noch keine Flügel angewachsen sind? Und wer mit Janssen die kühne These ver-
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    ¹) Grothe: a. a. O., S. 21 und für Ausführlicheres, Grothe: Leonardo da Vinci als Ingenieur, 1874, S. 80 fg. Leonardo war überhaupt unerschöpflich in der Erfindung von Mechanismen, wovon man sich in dem zuletzt genannten Werke überzeugen kann.
    ²) Grothe: Bilder und Studien, S. 27.

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ficht, diese „den Geist beflügelnde“ Erfindung, sowie überhaupt die „Entfaltung des geistigen Lebens“ vom 14. Jahrhundert ab, sei einzig und allein der römisch-katholischen Lehre von der Verdienstlichkeit der guten Werke zuzuschreiben, der sei doch so gut zu erklären, warum der Hellene, der weder Buchdruck noch Werkheiligkeit kannte, es dennoch vermochte, auf Flügeln des Gesanges und der gestaltenden Weltanschauung so hoch sich hinaufzuschwingen, dass es uns erst mühsam und spät (und erst nach Abwerfung der römischen Fesseln) gelang, eine vergleichbare
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Höhe zu erreichen. ¹) Lassen wir also diese dummen Phrasen. Doch auch auf dem Gebiet einer konkreten und wahrhaftigen Geschichtsbetrachtung wird die Einsicht in den historischen Gang unserer Civilisation durch die einseitige Betonung der Erfindung des Druckes verdunkelt. Die Idee des Druckes ist eine uralte; jeder Stempel, jede Münze geht aus ihr hervor; das älteste Exemplar der gotischen Bibelübersetzung, der sogenannte Codex argenteus, ist mit Hilfe glühender Metalltypen auf Pergament „gedruckt“; entscheidend — weil unterscheidend — ist nur die Art und Weise, wie die Germanen dazu kamen, gegossene, zusammenstellbare Lettern und damit den praktischen Buchdruck zu erfinden, und dies hängt wiederum mit ihrer Wertschätzung des Papiers zusammen. Denn der Buchdruck entsteht als Verwendung des Papiers. Sobald das Papier — d. h. also ein brauchbarer, billiger Stoff zur Vervielfältigung — da ist, fangen an hundert Orten (in den Niederlanden, in Deutschland, in Italien, in Frankreich) die fleissigen, findigen Germanen an, nach einer praktischen Lösung des alten Problems, wie man Bücher mechanisch drucken könne, zu fahnden. Es verlohnt sich, das, was hier
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    ¹) Vergl. Janssen: Geschichte des deutschen Volkes, 16. Aufl., I, 3 und 8. Diese fleissige und darum nützliche Zusammenstellung wird wirklich übermässig gepriesen; im Grunde genommen ist sie ein sechsbändiges Tendenzpamphlet, welches weder durch Treue noch durch Tiefe es verdient hätte, ein Hausbuch zu werden. Der deutsche Katholik hat ebensowenig wie irgend ein anderer Deutscher Grund, die Wahrheit zu fürchten; Janssen's Methode ist aber die systematische Entstellung der Wahrheit und die planmässige Besudelung der besten Regungen des deutschen Geistes.

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vorging, genauer in Augenschein zu nehmen, namentlich da Kompendien und Lexika über die früheste Geschichte unseres Papiers noch sehr schlecht informiert sind. Erst durch die Arbeiten von Josef Karabacek und Julius Wiesner ist nämlich volle Klarheit in diese Sache gekommen, und zwar mit dem Ergebnis, dass hier eines der interessantesten Kapitel zu der Erkenntnis germanischer Eigenart vorliegt. ¹)
    Auf die Idee, eine billige, handliche, allgemein verwendbare Unterlage für die Schrift herzustellen (an Stelle des kostspieligen Pergamentes, der noch kostspieligeren Seide, des verhältnismässig seltenen Papyrus, der assyrischen Schreibziegel u. s. w.) scheinen jene emsigen Utilitarier, die Chinesen, zuerst verfallen zu sein; doch
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entspricht die Behauptung. sie hätten „das Papier erfunden“, nur teilweise den Thatsachen. Die Chinesen, die selber einen dem unsrigen durchaus ähnlichen Papyrus benutzten,²) und seine Nachteile kannten, verfielen darauf, aus geeigneten Pflanzenfasern auf künstlichem Wege ein dem Papier analoges Schreibmaterial herzustellen: das ist ihr Beitrag zur Erfindung des
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    ¹) Vergl. Karabacek: Das Arabische Papier, eine historisch-antiquarische Untersuchung, Wien 1887 und Wiesner: Die mikroskopische Untersuchung des Papiers mit besonderer Berücksichtigung der ältesten orientalischen und europäischen Papiere, Wien 1887. Die beiden Gelehrten haben zusammen, jeder in seinem Fache, diese Untersuchung geführt, so dass ihre Arbeiten, wenn auch getrennt erschienen, sich gegenseitig ergänzen und zusammen ein Ganzes bilden. Von entscheidender Wichtigkeit ist die Feststellung, dass Papier aus   B a u m w o l l e   nirgends vorkommt, sondern die ältesten Stücke arabischer Manufaktur aus Hadern (von Lein oder Hanf) gemacht sind, so dass dem Germanen (im Gegensatz zur bisherigen Annahme) nicht einmal der bescheidene Einfall, Leinen an Stelle von Baumwolle zu gebrauchen, zu eigen bleibt. Die Einzelheiten in meinen folgenden Ausführungen sind zum grossen Teil diesen zwei Schriften entnommen.
    ²) Der Papyrus der Chinesen ist das dünngeschnittene Markgewebe einer Aralia, wie der Papyrus der Alten das dünngeschnittene Markgewebe des Cyperus Papyrus war. Der Gebrauch davon hat sich in China für das Malen mit Wasserfarben u. s. w. noch bis heute erhalten. Für Einzelheiten vergleiche man Wiesner: Die Rohstoffe des Pflanzenreiches, 1873, S. 458 fg. (Neue erweiterte Ausgabe, 1902, II, 429—463.)

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Papieres. Chinesische Kriegsgefangene brachten nun (etwa im 7. Jahrhundert?) diese Industrie nach Samarkand, einer Stadt, die dem arabischen Khalifat unterstand und meist von fast unabhängigen türkischen Fürsten regiert wurde, deren Einwohnerschaft aber damals zum überwiegenden Teil aus persischen Iraniern bestand. Die Iranier — unsere indoeuropäischen Vettern — fassten die unbeholfenen chinesischen Versuche mit dem höheren Verständnis einer ungleich reicheren und phantasievolleren Begabung auf und verwandelten sie gänzlich, indem sie „fast sofort“ die Bereitung des Papieres aus Hadern oder Lumpen erfanden — ein so auffallender Vorgang (namentlich wenn man bedenkt, dass die Chinesen bis zum heutigen Tage nicht weiter gekommen sind!), dass Prof. Karabacek wohl berechtigt ist auszurufen: „ein Sieg des fremden Ingeniums über die Erfindungsgabe der Chinesen!“ Das ist also die erste Etappe: ein indoeuropäisches Volk, angeregt durch das praktische, doch sehr beschränkte Geschick der Chinesen, erfindet „fast sofort“ das Papier; Samarkand wird auf längere Zeit die Metropole der Papierfabrikation. — Nun folgt die zweite und ebenso lehrreiche Etappe. Im Jahre 795 liess Harûn-al-Raschîd (der Zeitgenosse Karl's des Grossen) Arbeiter aus Samarkand kommen und eine Papierfabrik in Bagdad errichten. Die Zubereitung wurde als Staatsgeheimnis bewahrt; doch überall, wohin Araber kamen, begleitete sie das Papier, namentlich auch nach dem maurischen Spanien, jenem Lande, wo die Juden so lange das grosse Wort führten und wo nachgewiesenermassen Papier seit Anfang des 10. Jahrhunderts im Gebrauch stand. Dagegen gelangte fast gar kein Papier nach dem germanischen Europa, und wenn auch, dann nur als geheimnisvoller Stoff unbekannter Herkunft. Das dauerte bis in das 13. Jahrhundert. Fast ein halbes Jahrtausend haben also die Semiten und Halbsemiten das Monopol des Papieres gehabt, Zeit genug, wenn sie ein Fünkchen Erfindungskraft besessen, wenn sie
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nur die geringste Sehnsucht nach geistigen Thaten gekannt hätten, um diese herrliche Waffe des Geistes zu einer Macht auszubilden. Und was haben sie in diesem Zeitraum — der eine grössere Frist umspannt als von Gutenberg bis heute — damit geleistet? Nichts,

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rein gar nichts. Nur Schuldscheine haben sie darauf anzubringen gewusst, und ausserdem etliche hundert öde, langweilige, geisttötende Bücher: die Erfindung des Iraniers zur Verballhornung der Gedanken des Hellenen in erlogener Gelehrsamkeit dienend!. — Doch nun folgte die dritte Etappe. Im Verlauf der Kreuzzüge wurde das mit so viel Geistesarmut gehütete Manufakturgeheimnis gelüftet; was der arme Iranier, zwischen Semiten, Tataren und Chinesen eingekeilt, erfunden, das übernahm jetzt der freie Germane. In den letzten Jahren des 12. Jahrhunderts gelangte die genaue Kunde, wie Papier zu bereiten sei, nach Europa; wie ein Lauffeuer verbreitete sich das neue Gewerbe durch alle Länder; in wenigen Jahren genügten schon die einfachen Geräte des Orients nicht mehr; eine Verbesserung folgte der anderen; im Jahre 1290 stand schon die erste regelrechte Papiermühle (in Ravensburg); kaum hundert Jahre dauerte es, bis der Holzdruck (auch ganzer Bücher) sich eingebürgert hatte, und in weiteren fünfzig Jahren war der Buchdruck mit beweglichen Typen schon im Gang. Und glaubt man wirklich, dieser Buchdruck habe erst unseren Geist „beflügelt“? Welcher Hohn auf die Thatsachen der Geschichte! Welche Verkennung des hohen Wertes germanischer Eigenart! Wir sehen doch, dass ganz im Gegenteil der beflügelte Geist es war, der die Erfindung des Buchdruckes geradezu erzwungen hat. Während die Chinesen es niemals über den schwerfälligen Holztafeldruck hinausbrachten (und dies erst nach vielleicht tausendjährigem Herumtappen), während die semitischen Völker das Papier so gut wie unbenutzt hatten liegen lassen, war im ganzen germanischen Europa und namentlich in seinem Mittelpunkt, Deutschland, „die Massenherstellung wohlfeiler Papierhandschriften“ sofort ein Gewerbe geworden. ¹) Selbst Janssen meldet, dass man in Deutschland, lange ehe der Druck mit gegossenen Lettern begonnen hatte, zu billigen Preisen die bedeutendsten Erzeugnisse mittelhochdeutscher Poesie, Volksbücher, Sagen, volkstümlich-medizinische Schriften
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    ¹) Vogt und Koch: Geschichte der deutschen Litteratur, 1897, S. 218. Eingehenderes in jedem grösseren Geschichtswerke.

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u. s. w. feilgeboten habe. ¹) Und was Janssen verschweigt, ist, dass schon vom 13. Jahrhundert ab das Papier die Bibel, nament-
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lich das Neue Testament, durch viele Teile von Europa, übersetzt in die Volkssprachen, verbreitet hatte, so dass die Sendlinge der Inquisition, die selber nur zugestutzte Brocken aus der heiligen Schrift kannten, erstaunt waren, Bauern zu begegnen, welche die vier Evangelien von Anfang bis zu Ende auswendig hersagten. ²) Zugleich verbreitete das Papier, wie wir sahen (S. 763), solche Werke wie die des Scotus Erigena befreiend unter die vielen tausend Menschen, die so viel Bildung besassen, um lateinisch lesen zu können. Sobald das Papier da war, erfolgte durch alle Länder Europa's die mehr oder weniger ausgesprochene Empörung gegen Rom, und sofort, als Reaktion darauf, das Verbot des Bibellesens und die Einführung der Inquisition (S. 643). Doch die Sehnsucht nach geistiger Befreiung, der Instinkt des zum Herrschen geborenen Stammes, die gewaltige Gährung jenes Geistes, den wir heute an seinen seither vollbrachten Thaten erkennen, liessen sich nicht bemeistern und eindämmen. Das Verlangen nach Lesen und Wissen wuchs mit jedem Tage; noch gab es keine Bücher (in unserem Sinne), und schon gab es Buchhändler, die von Messe zu Messe reisten und massenhaften Absatz ihrer sauberen, billigen Abschriften auf Papier erzielten; die Erfindung des Buchdruckes wurde geradezu   e r z w u n g e n.   Darum auch die eigentümliche Geschichte dieser Erfindung. Sonst müssen neue Ideen viel kämpfen, ehe sie Anerkennung finden: man denke nur an die Dampfmaschine, an die Nähmaschine u. s. w.; auf den Druck harrte man dagegen schon allerorten mit solcher Ungeduld, dass es heute kaum möglich ist, dem Fortgang seiner Verbreitung zu folgen. In dem selben Augenblick, als Gutenberg das Giessen der Lettern in Mainz probiert, versuchen es andere in Bamberg, in Haarlem, in Avignon, in Venedig. Und als der grosse Deutsche das Rätsel endlich gelöst, versteht man seine Erfindung sofort überall zu schätzen und nachzuahmen, zu
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    ¹) A. a. O., I. 17.
    ²) Vergl. S. 643, Anm. 1.

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verbessern und auszubilden, weil sie einem allgemeinen dringenden Bedürfnis entspricht. 1450 begann Gutenberg's Druckerei ihren Betrieb, und 25 Jahre später blühte der Buchdruck in fast allen Städten Europa's. Ja, in einzelnen Städten Deutschland's, z. B. in Augsburg, Nürnberg, Mainz, gab es bald zwanzig und mehr Druckereien. Mit welchem Heisshunger greift der unter dem schweren Drucke Rom's schmachtende Germane nach jeder Äusserung freien Menschentums! Es gleicht fast der Raserei eines Verzweifelten. Man schätzt die Zahl der zwischen 1470 und 1500 in Druck gelegten verschiedenen Werke auf zehn-
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tausend; sämtliche damals bekannte lateinische Autoren lagen noch vor Ende des Jahrhunderts gedruckt vor; in weiteren zwanzig Jahren folgten alle irgend zugänglichen griechischen Denker und Dichter.¹) Doch man verharrte nicht allein bei Vergangenem; sofort griff der Germane die Erforschung der Natur auf und zwar am rechten Ende, bei der Mathematik: Johannes Müller aus Königsberg in Franken, genannt Regiomontanus, begründete zwischen 1470 und 1475 eine besondere Druckerei zur Herausgabe mathematischer Schriften in Nürnberg; ²) zahlreiche deutsche, französische und italienische Mathematiker wurden dadurch zur Bearbeitung der Mechanik und Astronomie angeregt; 1525 gab der grosse Nürnberger Albrecht Dürer die erste darstellende Geometrie in deutscher Sprache heraus, und in dem selben Nürnberg erschien bald darauf das De revolutionibus des Kopernikus. Auch auf den anderen Gebieten der Entdeckung war man inzwischen nicht müssig gewesen, und die erste Zeitung, die im Jahre 1505 erschien, „bringt schon Nachrichten aus Brasilien“. ³)
    Ich wüsste nichts, was so geeignet wäre wie diese Geschichte des Papiers, uns die hohe Bedeutung vor Augen zu führen, welche eine Industrie für alle Lebenszweige gewinnen kann; zugleich sehen wir, wie alles darauf ankommt, in wessen Hände eine Erfindung gelangt. Der Germane hat das Papier nicht erfunden;
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    ¹) Green: History of the English people, III, 195.
    ²) Gerhardt: Geschichte der Mathematik in Deutschland, 1877, S. 15.
    ³) Lamprecht: Deutsche Geschichte, V., 122.

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Die Entstehung einer neuen Welt. Industrie.


was aber bei Semiten und Juden ein belangloser Wisch gewesen war, wurde, dank seinen unvergleichlichen und durchaus individuell eigenartigen Gaben, das Panier einer neuen Welt. Man sieht, wie Recht Goethe hat, zu schreiben: „Das erste und letzte am Menschen ist Thätigkeit, und man kann nichts thun, ohne die Anlage dazu zu haben, ohne den Instinkt, der uns dazu treibt. . . . .  Wenn man es genau betrachtet, wird jede, auch nur die geringste Fähigkeit uns   a n g e b o r e n,   und es giebt keine unbestimmte Fähigkeit“.¹) Wer die Geschichte des Papiers kennt und da noch von der Gleichartigkeit der Menschenrassen schwärmt, dem ist nicht zu helfen.
    Die Einführung des Papiers ist ohne jede Frage das folgenschwerste Ereignis unserer gesamten industriellen Geschichte. Alles Übrige ist im Verhältnis von sehr geringer Bedeutung. Erst der zu Beginn dieses Abschnittes genannte Umschwung in
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der Textilindustrie und in noch weit höherem Masse die Erfindung der Dampfmaschine, des Dampfschiffes und der Lokomotive haben ähnlich eingreifend auf das Leben wie das Papier gewirkt; doch auch sie in bedeutend geringerem Grade, da selbst die Ausgestaltung der Lokomotiven — durch welche die Welt (wie früher durch den Buchdruck die Gedanken) einem Jeden zugänglich gemacht worden ist — nicht direkt, sondern nur indirekt zur Vermehrung des geistigen Besitzes beiträgt. Doch bin ich überzeugt, dass der aufmerksame Beobachter überall jene selben Anlagen am Werke finden wird, die uns hier, bei der Geschichte des Papiers, so glänzend entgegentraten. Und so mag es denn genügen, wenn an diesem einen Beispiel nicht allein die wichtigste Errungenschaft, sondern zugleich die entscheidenden individuellen Eigenschaften der Industrie in unserer neuen Welt hervorgehoben worden sind.
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    ¹) Lehrjahre, 8. Buch, Kap. 3.





 
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