Hereunder
follows the transcription of chapter 9B4 of Houston Stewart Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th
century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page
numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“
(the hard cover edition).
Hieronder
volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B4 van Houston Stewart Chamberlain's
Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij
F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen
met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
INHALTSÜBERSICHT
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978
4. Wirtschaft
(vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, dem Begründer
der Kooperation).
Kooperation
und Monopol
Vor wenigen Seiten
citierte ich den Ausspruch eines namhaften Sozialökonomen, wonach
es „fast hoffnungslos“ sein soll, die wirtschaftlichen Zustände vergangener
Jahrhunderte verstehen zu wollen. Das dort Ausgeführte brauche ich
nicht zu wiederholen. Doch hat gerade das Gefühl von der kaleidoskopartigen
Mannigfaltigkeit, von der vergänglichen Beschaffenheit dieser Verhältnisse
mir die Frage aufgedrängt, ob trotz alledem sich nicht ein einheitliches
Lebenselement auffinden liesse, ich meine irgend ein in den verschiedensten
Formen sich stets gleichbleibendes Lebensprinzip unserer ewig veränderlichen
wirtschaftlichen Verhältnisse. In den Schriften eines Adam Smith,
eines Proudhon, eines Karl Marx, eines John Stuart Mill, eines Carey, eines
Stanley Jevons, eines Böhm-Bawerk und Anderer habe ich es nicht gefunden;
denn diese Gelehrten reden (und zwar von ihrem Standpunkte aus mit Recht)
von Kapital und Arbeit, Wert, Nachfrage u. s. w. in ähnlicher Weise
wie früher die Juristen von Naturrecht und göttlichem Recht,
als ob das für sich seiende, übermenschliche Wesenheiten wären,
die über uns allen thronen, während es mir im Gegenteil sehr
wesentlich darauf anzukommen scheint, „wer“ das Kapital besitzt, und „wer“
die Arbeit leistet, und „wer“ einen Wert zu schätzen hat. Luther lehrt:
nicht die Werke machen den Menschen, sondern der Mensch
822
macht die Werke; hat er Recht, so werden
wir auch innerhalb des bunt wechselnden wirtschaftlichen Lebens am meisten
zur Aufhellung von Vergangenheit und Gegenwart beitragen, wenn es uns gelingt,
einen in dieser Beziehung grundlegenden Charakterzug des germanischen Menschen
nachzuweisen; denn die Werke wechseln ja nach den Umständen, der Mensch
aber bleibt der selbe, und die Geschichte einer Menschenart wirkt aufklärend,
nicht durch die Gliederung in angebliche Zeitalter, die immer das Äussere
betreffen, sondern durch den Nachweis der strengen Kontinuität. Sobald
mir die Wesensgleichheit mit meinen Ahnen vor
979 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Augen geführt wird, verstehe ich
ihre Handlungen aus den meinen, und die meinen erhalten wiederum durch
jene eine ganz neue Färbung, denn sie verlieren den beängstigenden
Schein eines willkürlichen Entschlüssen unterworfenen Nochniedagewesenen
und können nunmehr mit philosophischer Ruhe als altbekannte, stets
wiederkehrende Phänomene untersucht werden. Hier erst fassen wir Fuss
auf einem wirklich wissenschaftlichen Standpunkt: moralisch wird die Autonomie
der Individualität im Gegensatz zum allgemeinen Menschheitswahn betont,
geschichtlich tritt die Notwendigkeit (d. h. die notwendige Handlungsweise
bestimmter Menschen) in ihre Rechte als gesetzgebende Naturmacht.
Betrachten wir nun
die Germanen vom Beginn an, so finden wir in ihnen zwei gegensätzliche
und sich ergänzende Züge stark ausgesprochen: zunächst den
heftigen Trieb des Individuums, sich herrisch auf sich selbst zu stellen,
sodann seinen Hang, durch treue Vereinigung mit Anderen sich den Weg zu
Unternehmungen zu bahnen, die nur durch gemeinsames Wirken bewältigt
werden können. In unserem gegenwärtigen Leben umringt uns diese
Doppelerscheinung auf allen Seiten, und die Fäden, die hüben
und drüben gesponnen werden, bilden ein wunderlich kunstvolles, fest
geschlungenes Gewebe. Monopol und Kooperation: das sind unstreitig die
beiden Gegenpole unserer heutigen wirtschaftlichen Lage, und Niemand wird
leugnen, dass sie das ganze 19. Jahrhundert beherrscht haben. Was ich nun
behaupte, ist, dass dieses Verhältnis, diese bestimmte Polarität,¹)
von Anfang an unsere wirtschaftlichen Zustände und ihre Entwickelung
beherrscht hat, so dass wir, trotz der Aufeinanderfolge nie wiederkehrender
Lebensformen, dank dieser Einsicht doch ein tiefes Verständnis
823
für die Vergangenheit und dadurch
auch für die Gegenwart gewinnen; allerdings kein wissenschaftlich
nationalökonomisches (das müssen wir den Fachgelehrten überlassen),
doch ein solches, wie es der gewöhnliche Mensch für die richtige
Auffassung seiner Zeit gebrauchen kann.
—————
¹)
So hätte Goethe sie genannt; siehe die Erläuterung zu dem
aphoristischen Aufsatz, die Natur.
980 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Zu Grunde liegt eine
einfache, unwandelbar sich gleichbleibende, konkrete Thatsache: die wechselnde
Form, welche wirtschaftliche Verhältnisse bei bestimmten Menschen
annehmen, ist ein direkter Ausfluss ihres Charakters, und der Charakter
der Germanen, dessen allgemeinste Grundzüge ich im sechsten
Kapitel gezeichnet habe, führt notwendiger Weise zu bestimmten,
wenn auch wechselnden Gestaltungen des wirtschaftlichen Lebens und zu ewig
in ähnlicher Weise sich wiederholenden Konflikten und Entwickelungsphasen.
Man glaube nur ja nicht, dass hier etwas allgemein Menschliches vorliege;
die Geschichte bietet uns im Gegenteil nichts Ähnliches, oder wenigstens
nur oberflächliche Ähnlichkeiten. Denn das, was uns auszeichnet
und unterscheidet, ist das gleichzeitige Vorwalten der b e
i d e n Triebe — zur Absonderung und zur Vereinigung. Als Cato
fragt, was Dante auf seinem beschwerlichen Wege suche, erhält er zur
Antwort:
-
Libertà va cercando!
Dieses Suchen nach Freiheit liegt jenen
beiden Äusserungen unseres Charakters gleichmässig zu Grunde.
Um wirtschaftlich frei zu sein, verbinden wir uns mit Anderen; um wirtschaftlich
frei zu sein, scheiden wir aus dem Verband und setzen das eigene Haupt
gegen die Welt aufs Spiel. Daraus ergiebt sich für die Indoeuropäer
ein so ganz anderes wirtschaftliches Leben, als für die semitischen
Völker,¹) die Chinesen u. s. w. Doch, wie ich S.
504 fg. zeigte, weicht der germanische Charakter und namentlich sein
Freiheitsbegriff nicht unwesentlich auch von dem seiner nächsten indoeuropäischen
Verwandten ab. Wir sahen in Rom die grosse „kooperative“ Volkskraft zermalmend
auf jeglicher autonomen Entwickelung der geistigen und moralischen Persönlichkeit
lasten; als dann später die ungeheuren Reichtümer einzelner Individuen
das System des Monopols einführten, diente dies nur dazu, den Staat
zu Grunde zu richten, so dass nichts übrig blieb als physiognomieloses
Menschenchaos; denn die Römer waren so beanlagt, dass sie einzig im
Verband Grosses
—————
¹)
Siehe z. B. Mommsen über Karthago, oben, S.
141 fg.
981 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
leisteten, dagegen aus dem Monopol kein
wirtschaftliches Leben zu entwickeln vermochten. In Griechenland finden
wir allerdings
824
eine grössere Harmonie der Anlagen,
doch hier mangelt (im Gegensatz zu den Römern) die Bindekraft in einem
bedauerlichen Masse: die hervorragend energischen Individuen erblicken
nur sich und begreifen nicht, dass ein aus verwandtschaftlicher Umgebung
losgerissener Mensch kein Mensch mehr ist; sie verraten den angestammten
Verband und richten dadurch sich und ihr Vaterland zu Grunde. Im Handel
mangelt aus den angegebenen Gründen dem Römer die Initiative,
jene voranleuchtende Fackel des bahnbrechenden Einzelnen, dem Hellenen
die Redlichkeit, d. h. jenes öffentliche, Alle verbindende und für
Alle verbindliche Gewissen, welches später in dem „rechten Kaufmannsgut“
des aufblühenden deutschen Gewerbes einen ewig verehrungswürdigen
Ausdruck fand. Hier übrigens, in dem „rechten Kaufmannsgut“, halten
wir schon ein treffliches Beispiel der Wechselwirkungen germanischen Charakters
auf wirtschaftliche Gestaltungen.
Innungen
und Kapitalisten
In hundert Büchern
wird der Leser das Leben und Wirken der Innungen zwischen dem 13. und dem
17. Jahrhundert (etwa) geschildert finden; es ist das prächtigste
Muster geeinten Wirkens: Einer für Alle, Alle für Einen. Sehen
wir nun, wie in diesen Verbänden Alles genau bestimmt und von dem
Vorstand der Innung, sowie auch von besonderen dazu eingesetzten Kontrollbehörden,
vom Stadtmagistrat u. s. w. beaufsichtigt wird, sodass nicht allein die
Art und die Ausführung einer jeglichen Arbeit in allen Einzelheiten,
sondern auch die Maximalmenge der Tagesleistung festgestellt ist und nicht
überschritten werden darf, weil man nämlich fürchtete, der
Arbeiter möchte aus Geldgier zu schnell und darum schlecht arbeiten,
so sind wir geneigt, mit den meisten Autoren entsetzt auszurufen: dem Einzelnen
blieb ja keine Spur Initiative, keine Spur Freiheit! Und doch ist dieses
Urteil einseitig bis zur direkten Verkennung der historischen Wahrheit.
Denn gerade durch Zusammentreten vieler Einzelnen zu einer festgefügten,
einheitlichen Vielheit hat der Germane die durch die Berührung mit
dem römischen Imperium eingebüsste bürgerliche Freiheit
wiedererworben. Ohne den angeborenen Instinkt zur Kooperation
982 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
wären die Germanen ebensolche Sklaven
geblieben wie die Ägypter, die Karthager, die Byzantiner, oder wie
die Bewohner des Khalifats. Das vereinzelte Individuum ist einem chemischen
Atom mit geringer Bindekraft zu vergleichen; es wird aufgesogen, vernichtet.
Dadurch, dass der Einzelne freiwillig ein Gesetz annahm und sich ihm unbedingt
fügte, erwarb er sich ein sicheres und anständiges Leben, ja,
ein anständigeres Leben als das unserer heutigen Arbeiter, und hiermit
zugleich die grundlegende Mög-
825
lichkeit zu aller geistigen Freiheit,
was sich auch bald vielerorten bewährte.¹) Das ist die eine Seite
der Sache. Der Unternehmungsgeist des Einzelnen ist aber bei uns zu stark,
als dass er sich durch noch so strenge Verordnungen bändigen liesse,
und so sehen wir auch damals, trotz der Herrschaft der Innungen, einzelne
energische Männer ein ungeheures Vermögen erwerben. Im Jahre
1367 wandert z. B. ein armer Leinwebergeselle, Hans Fugger, nach Augsburg
ein; hundert Jahre später sind seine Erben in der Lage, dem Erzherzog
Siegmund von Tirol 150 000 Gulden vorzuschiessen. Allerdings hatte Fugger
neben seinem Gewerbe auch Handel getrieben und zwar mit so viel Glück,
dass sein Sohn Bergwerksbesitzer geworden war; doch wie war es möglich,
da die Innungsgesetze dem einen Gesellen verboten, mehr als die andern
zu arbeiten, dass Fugger zu so viel Geld kam, um in diesem Masse Handel
treiben zu können? Ich weiss es nicht; Niemand weiss es; aus jenem
Anfang der Familie Fugger giebt es keine genauen Nachrichten.²) Jedenfalls
sieht man, dass es möglich war. Und bildet auch die Familie Fugger
durch den enormen
—————
¹)
Dass es dem Arbeiter im 13.‚ 14. und 15. Jahrhundert durchschnittlich so
viel besser als heute ging, erklärt Leber in seinem Essai sur l‘appréciation
de la fortune privée au moyen-âge, 1847, durch den Nachweis,
dass „das Geld des Armen damals verhältnismässig mehr wert war
als das des Reichen, da nämlich Luxusgegenstände exorbitant hohe
Preise erreichten, unerschwinglich für solche, die nicht ein sehr
grosses Vermögen besassen, wogegen alles Unentbehrliche, wie einfache
Nahrungsmittel, Wohnung, Kleider u. s. w., äusserst billig war“ (citiert
nach Van der Kindere: Le siècle des Artevelde, Bruxelles,
1879, S. 132).
²)
Aloys Geiger: Jakob Fugger, Regensburg 1895.
983 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Reichtum, den sie bald erwarb und durch
die Rolle, welche sie dadurch in der Geschichte Europa‘s spielte, ein Unikum,
so fehlte es an reichen Bürgern in keiner Stadt, und man braucht nur
Ehrenberg‘s Zeitalter der Fugger (Jena 1896) oder Van der Kindere:
Le
siècle des Artevelde (Brüssel 1879) zur Hand zu nehmen,
um zu sehen, wie überall Männer aus dem Volke, trotz des Innungszwanges,
sich zu wohlhabender Selbständigkeit hinaufarbeiteten. Ohne die Innungen,
d. h. also ohne die Kooperation, wäre es überhaupt nie zu einem
gewerblichen Leben bei uns gekommen — das liegt auf der Hand; die Kooperation
hinderte aber den Einzelnen nicht, sondern diente ihm als Sprungbrett.
Nun aber, sobald der Einzelne fest und stark auf eigenen Füssen stand,
benahm er sich genau so wie unsere damaligen Könige sich Fürsten
und Volk gegenüber benahmen; er kannte nur ein Ziel: Monopol. Reich
sein genügt nicht, frei sein befriedigt nicht:
826
-
Die wenigen Bäume, nicht mein eigen,
-
Verderben mir den Weltbesitz!
Dass dieses germanische Hinausstreben ins
Grenzenlose viel Unheil mit sich führt, dass es auf der einen Seite
Verbrechen, auf der anderen Elend gebiert: wer möchte es leugnen?
Niemals ist die Geschichte eines ungeheuren Privatvermögens eine Chronik
makelloser Ehre. In Süddeutschland nennt man noch heute eine überschlaue,
an Betrug grenzende Geschäftsgebahrung „fuggern“.¹) Und in der
That, kaum sind die Fugger durch Gold mächtig geworden, und schon
sehen wir sie mit anderen reichen Handelshäusern Ringe bilden zur
Beherrschung der Weltmarktpreise, ganz genau so wie wir das heute erleben,
und solche Syndikate bedeuten damals wie jetzt den systematischen Diebstahl
nach unten und nach oben: der Arbeiter wird in seinem Lohn beliebig gedrückt,
der Käufer zahlt mehr als der Gegenstand wert ist.²) Fast
—————
¹)
Nach Schoenhof: A history of money and prices, New York 1897, p.
74.
²)
Siehe Ehrenberg, a. a. O., I, 90. Es handelte sich namentlich um die Beherrschung
des Kupfermarktes; die Fugger waren aber so gierig nach alleinigem Monopol,
dass das Syndikat sich bald auflösen musste.
984 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
drollig bei aller Widerwärtigkeit
ist es zu erfahren, dass die Fugger an dem Ablassschacher finanziell interessiert
waren. Der Erzbischof von Mainz hatte nämlich vom Papste die zu erwartenden
Einnahmen des Jubelablasses für gewisse Teile von Deutschland gegen
eine pränumerando Zahlung von 10 000 Dukaten gepachtet; er schuldete
aber den Fuggern von früher her 20 000 Dukaten (von den 30 000, die
er der Kurie für seine Ernennung zum Erzbischof hatte bezahlen müssen),
und so war denn in Wahrheit der Erzbischof nur ein vorgeschobener Strohmann,
und der wirkliche Pächter des Ablassjubels war die Firma Fugger! Der
durch Luther unvergesslich gewordene Tetzel durfte denn nicht anders reisen
und predigen, als in Begleitung des Geschäftsvertreters dieses Handelshauses,
der sämtliche Einkünfte einkassierte und allein den Schlüssel
zum „Ablasskasten“ besass.¹) Ist es nun schon nicht sehr erbaulich
zu sehen, auf welche Weise ein solches Vermögen erworben wird, so
ist es einfach entsetzlich zu gewahren, welch schnöder Gebrauch davon
gemacht wird. Losgerissen aus dem heilsamen Verbande gemeinsamer Interessen,
lässt der Einzelne die ungezügelte Willkür walten. Die stumpfsinnige
Vorteilsberechnung eines elenden Webersohnes
827
bestimmt, wer Kaiser sein soll; nur
dank dem Beistand der Fugger und Weiser wird Karl V. gewählt, nur
durch die Unterstützung der Fugger und Weiser wird er in den Stand
gesetzt, den unseligen schmalkaldischen Krieg zu führen, und in dem
nun folgenden Kampf der Habsburger gegen deutsches Gewissen und deutsche
Freiheit spielen wieder diese gesinnungslosen Kapitalisten eine entscheidende
Rolle; und zwar bekennen sie sich zu Rom und bekämpfen sie die Reformation,
nicht aus religiöser Überzeugung, sondern ganz einfach, weil
sie mit der Kurie ausgedehnte Geschäfte führen und bei ihrer
eventuellen Niederlage grosse Einnahmen zu verlieren fürchten.²)
—————
¹)
Ludwig Keller: Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen,
S. 15 und Ehrenberg: a. a. O., I, 99.
²)
Alle Einzelheiten findet man ausführlich belegt durch archivarisches
Material in Ehrenberg‘s Buch. Dass die Fugger, sowie die anderen katholischen
Kapitalisten jener Zeit, samt und sonders
985 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Und dennoch werden
wir zugeben müssen, dass dieser rücksichtslose, vor keinem Verbrechen
zurückschreckende Ehrgeiz des Einzelnen ein wichtiger und unentbehrlicher
Faktor unserer gesamten civilisatorisch-ökonomischen Entwickelung
gewesen ist. Ich nannte vorhin die Könige und will hier den Vergleich
aus dem naheverwandten politischen Gebiete noch einmal heranziehen. Wer
kann die Geschichte Europa‘s von dem 15. Jahrhundert bis zur französischen
Revolution lesen, ohne dass sein Blut vor Empörung fast beständig
kocht? Alle Freiheiten werden geraubt, alle Rechte mit Füssen getreten;
schon Erasmus ruft voll Ingrimm aus: „Das Volk baut die Städte, die
Fürsten zerstören sie!“ Und er hatte noch lange nicht das Schlimmste
erlebt. Und wozu das alles? Damit eine Handvoll Familien sich das Monopol
über ganz Europa erringe. Eine schlimmere Rotte gewohnheitsmässiger
Verbrecher als unsere Fürsten kennt die Geschichte nicht; juristisch
betrachtet, gehörten sie fast alle ins Zuchthaus. Und doch, welcher
ruhig denkende, gesund urteilende Mensch wird nicht heute in dieser Entwickelung
einen Segen erblicken? Durch die Konzentrierung der politischen Gewalt
um einige wenige Mittelpunkte herum haben sich grosse, starke Nationen
gebildet: eine Grösse und eine Stärke, an denen jeder Einzelne
teilnimmt. Und als nun diese wenigen Monarchen jede andere Gewalt geknickt
hatten, da standen sie allein; nunmehr war die grosse Volksgemeinde in
der Lage, ihre Rechte zu fordern, und das Ergebnis ist ein so weithin reichendes
Mass von individueller Freiheit, wie es keine Vorzeit gekannt hatte. Der
Einherrscher
828
ward (wenn auch unbewusst) der Freiheit
Schmied; der masslose Ehrgeiz des Einen ist Allen zu Gute gekommen; das
politische Monopol hat der politischen Kooperation die Wege geebnet. Diese
Entwickelung — die noch lange nicht beendet ist — erhellt in ihrer eigenartigen
Bedeutung, wenn man sie dem Entwickelungsgang des imperialen Rom gegenüberhält.
Wir sahen, wie dort
—————
an den Habsburgern zu
Grunde gingen, da diese Fürsten immer borgten und nie zurückzahlten
(den Fuggern blieben sie 8 000 000 Gulden schuldig), wird mancher gemütvollen
Seele einen platonischen Trost gewähren.
986 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
alle Rechte, alle Privilegien, alle
Freiheiten nach und nach aus den Händen des Volkes, welches die Nation
errichtet hatte, in die Hand eines einzelnen Mannes übergingen;¹)
die Germanen haben den umgekehrten Weg eingeschlagen; sie haben sich dadurch
aus dem Chaos zu Nationen hinaufgearbeitet, dass sie die Summe der Macht
vorläufig in einigen wenigen Händen vereinigten; nunmehr fordert
die Gesamtheit das ihre zurück: Recht und Gerechtigkeit, Freiheit
und grösstmögliche Ungebundenheit für jeden einzelnen Bürger.
Dem Monarchen wohnt in vielen Staaten schon heute nicht viel mehr als eine
geometrische Bedeutung inne: er ist ein Mittelpunkt, der dazu dienen durfte,
den Kreis zu ziehen. Viel verwickelter gestalten sich freilich die Verhältnisse
auf wirtschaftlichem Gebiete, und ausserdem sind sie noch lange nicht so
weit herangereift wie die politischen, doch glaube ich, dass sie viel Analogie
mit ihnen bieten. Es ist eben der selbe Menschencharakter hier wie dort
am Werke. Bei den Phöniziern hatte der Kapitalismus zur unbedingten
Sklaverei geführt, bei uns nicht; im Gegenteil: er bringt Härten,
wie das Königtum auch Härten in seinem Werden brachte, ist aber
überall der Vorläufer kommunistischer Regungen und Erfolge. In
dem kommunistischen Staat der Chinesen herrscht tiermässige Einförmigkeit;
bei uns sehen wir überall aus kräftiger Gemeinsamkeit starke
Individuen hervorgehen.
Wer sich nun die
Mühe giebt, die Geschichte unseres Gewerbes, unserer Manufaktur, unseres
Handels zu studieren, wird überall diese beiden Mächte am Werke
finden. Überall wird er die Kooperation als Grundlage entdecken, vom
denkwürdigen Bunde der lombardischen Städte an (bald gefolgt
von dem rheinischen Städtebund, der deutschen Hansa, der Londoner
Hansa) bis zu jenem überspannten, aber genialen Robert Owen, der an
der Schwelle des 19. Jahrhunderts den Samen der grossartigen Kooperationsgedanken
säete, der erst jetzt langsam aufzugehen beginnt. Nicht minder jedoch
wird er allerorten und zu allen Zeiten die Initiative des sich aus dem
Zwange der Gemeinsam-
—————
¹)
Siehe S. 148.
829 987
Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
keit losreissenden Individuums am Werke
erblicken, und zwar als das eigentlich schöpferische, bahnbrechende
Element. Als Kaufleute, nicht als Gelehrte, führen die Polos ihre
Entdeckungsreisen aus; auf der Suche nach Gold entdeckt Columbus Amerika;
die Erschliessung Indiens ist (wie heute die Afrikas) lediglich das Werk
der Kapitalisten; fast überall wird der Betrieb der Bergwerke durch
die Verleihung eines Monopols an unternehmende Einzelne ermöglicht;
bei den grossen gewerblichen Erfindungen am Schlusse des 18. Jahrhunderts
hatte stets der Einzelne gegen die Gesamtheit sein Leben lang zu kämpfen
und wäre ohne Hilfe des unabhängigen, gewinnsüchtigen Kapitals
erlegen. Die Verkettung ist eine unendlich mannigfaltige, weil jene beiden
Triebkräfte stets gemeinsam am Werke bleiben und sich nicht etwa bloss
ablösen. So sahen wir Fugger, nachdem er sich kaum aus dem Innungszwang
herausgearbeitet hatte, freiwillig neue Verbindungen mit Anderen eingehen.
Immer wieder, in jedem Jahrhundert, in welchem grosse Kapitalien sich ansammeln
(wie in der zweiten Hälfte des neunzehnten) sehen wir die Bildung
von Syndikaten, d. h. also eine besondere Form von Kooperation; dadurch
raubt aber der Kapitalist dem Kapitalisten jede individuelle Freiheit;
die Macht der einzelnen Persönlichkeit erlischt, und nun bricht sie
sich an einem anderen Orte durch. Andrerseits besitzt die eigentliche Kooperation
nicht selten von Anfang an die Eigenschaften und die Ziele einer bestimmten
Individualität: das sieht man besonders deutlich an der Hansa während
ihrer Blütezeit und überall da, wo eine Nation zur Wahrung wirtschaftlicher
Interessen politische Massregeln ergreift.
Ich hatte Material
vorbereitet, um das hier Angedeutete näher auszuführen, doch
gebricht es mir dazu an Raum, und ich begnüge mich damit, den Leser
noch auf ein besonders lehrreiches Beispiel aufmerksam zu machen. Ein einziger
Blick auf das hier noch nicht berührte Gebiet des Landbaues genügt
nämlich, um das genannte Grundgesetz unserer wirtschaftlichen Entwickelung
besonders deutlich am Werke zu zeigen.
Bauer
und Grossgrundbesitzer
Im 13. Jahrhundert,
als die Germanen an den Ausbau ihrer neuen Welt gingen, war der Bauer fast
in ganz Europa ein freierer
988 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Mann, mit einer gesicherteren Existenz,
als heute; denn die Erbpacht war die Regel, so dass z. B. England — heute
eine Heimat des Grossgrundbesitzes — sich noch im 15. Jahrhundert fast
ganz in den Händen von Hunderttausenden von Bauern befand, die nicht
allein juristische Besitzer ihrer Scholle waren, sondern auch
830
weitgehende unentgeltliche Rechte an
gemeinsamen Weiden und Wäldern besassen.¹) Diese Bauern sind
inzwischen alle ihres Besitzes beraubt worden; einfach beraubt. Jedes Mittel
war dazu gut genug. Gab kein Krieg den Anlass, sie zu verjagen, so wurden
bestehende Gesetze gefälscht und neue Gesetze von den Machthabern
erlassen, welche das Gut der Kleinen zu Gunsten der Grossen einzogen. Doch
nicht die Bauern allein, auch die kleinen Landwirte mussten vertilgt werden:
das geschah auf einem Umwege, indem sie durch die Konkurrenz der Grossen
zu Grunde gerichtet und ihre Güter aufgekauft wurden.²) Welche
grosse Härten das mit sich führte, mag ein einziges Beispiel
veranschaulichen: im Jahre 1495 verdiente der englische Landarbeiter, der
auf Tagelohn ausging, genau dreimal so viel (an Kaufwert) als hundert Jahre
später! Wie man sieht, mancher tüchtige Sohn hat bei allem Fleiss
nur ein Drittel so viel wie sein Vater verdienen können. Ein so plötzlicher
Sturz, der gerade die produ-
—————
¹)
Gibbins: Industrial History of England, 5. ed., p. 40 fg. und 108
fg. Wir finden die Erbpacht noch heute im östlichen Europa, wo unter
türkischer Herrschaft alles seit dem 15. Jahrhundert unverändert
blieb; auf den grossherzoglichen Domänen in Mecklenburg-Schwerin wurde
sie im Jahre 1867 wieder eingeführt.
²)
Ein Vorgang, der besonders leicht in England zu verfolgen ist, weil die
politische Entwickelung dort eine geradlinige war und das Innere des Landes
vom 15. Jahrhundert ab nicht mehr durch Kriege verheert worden ist; hierzu
leistet das berühmte Werk von Rogers: Six centuries of work and
wages vorzügliche Dienste. (Ich citiere nach der wenig befriedigenden
deutschen Übersetzung von Pannwitz, 1896.) Doch war der Vorgang in
allen Ländern Mitteleuropa‘s wesentlich der selbe; die heutigen grossen
Besitzungen sind samt und sonders gestohlen und erschwindelt worden, da
sie den Grundherren zwar als juristisches Eigentum unterstanden, doch der
thatsächliche, rechtliche B e s i t z der
Erbpächter waren. (Man schlage in jedem beliebigen Rechtslehrbuch
nach unter Emphyteusis.)
989 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
zierende Klasse des Volkes trifft, ist
einfach furchtbar; man begreift nicht, dass bei einer derartigen wirtschaftlichen
Katastrophe der ganze Staat nicht aus den Fugen ging. Im Laufe dieses einen
Jahrhunderts waren fast alle Bauern zu Tagelöhnern herabgedrückt
worden. Und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der — wenige
Jahrhunderte früher unabhängige — Bauernstand so tief gesunken,
dass seine Mitglieder ohne die milden Gaben der „Herren“ oder den Zuschuss
der Gemeindekasse nicht auskommen konnten, da das Maximalverdienst des
ganzen Jahres nicht hinreichte, um die Minimalmenge des zum Leben Unent-
831
behrlichen zu kaufen.¹) Nun darf
man aber in allen diesen Dingen — wie überhaupt bei jeder Betrachtung
der Natur — weder dem abstrakten Theoretisieren, noch dem blossen Gefühl
—————
¹)
Rogers, a. a. O., Kap. 17. Dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts an dieser
unwürdigen Stellung des Landarbeiters nichts geändert worden
war (wenigstens nicht in England), findet man ausführlich belegt in
Herbert Spencer: The man versus the state, Kap. 2. Man ersieht aus
solchen Thatsachen, welche zu Hunderten vorliegen — ich will nur das Eine
erwähnen, dass der Handwerkerstand noch niemals so elend gestellt
war, wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts — wie eigentümlich es um
jenen Begriff eines beständigen „Fortschrittes“ bestellt ist.
F ü r d i e g r o s s e M e h
r z a h l d e r E i n w o h n e r E
u r o p a ‘s w a r d e r E n t w i
c k e l u n g s g a n g d e r l e t z t e n
v i e r J a h r h u n d e r t e e i n
„F o r t s c h r i t t“ z u i m m e r
g r ö s s e r e m E l e n d. Übrigens
steht sich der Handwerker am Schlusse des 19. Jahrhunderts wieder besser,
doch immer noch um etwa 33% schlechter als in der Mitte des 15. Jahrhunderts
(nach den vergleichenden Berechnungen des Vicomte d‘Avenel in der Revue
des Deux Mondes vom 15. Juni 1898). Der sozialistische Schriftsteller
Karl Kautsky citierte vor Kurzem in der Neuen Zeit eine „Landesordnung“
der sächsischen Herzöge Ernst und Albert, von 1482, die den Werkleuten
und Mähern befiehlt, sich zufrieden zu geben, wenn sie ausser ihrem
Geldlohne täglich zweimal, mittags und abends, vier Speisen erhielten,
Suppe, zwei Fleischspeisen und ein Gemüse, an Festtagen aber fünf
Speisen, Suppe, zweierlei Fische und Zugemüse zu jedem. Wozu Kautsky
bemerkt: „Wo gibt es einen Arbeiter, und sei es der bestgestellte Arbeiteraristokrat,
der sich mittags und abends einen solchen Tisch erlauben dürfte, mit
dem im 15. Jahrhundert die gewöhnlichen Tagelöhner Sachsens nicht
immer zufrieden waren?“
990 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
eine Beeinflussung des Urteils einräumen.
Der berühmte Sozialökonom Jevons schreibt: „Der erste Schritt
zum Verständnis besteht darin, dass wir den Wahn, als gebe es in sozialen
Dingen abstrakte ‚Rechte‘, ein für allemal verwerfen.“¹) Und
was das moralische Gefühl anbelangt, so weise ich darauf hin, dass
die Natur überall grausam ist. Unsere Empörung vorhin gegen die
verbrecherischen Könige und jetzt gegen den gaunerhaften Adel ist
nichts gegen die Empörung, welche jedes biologische Studium einflösst.
Sittlichkeit ist eben eine ausschliesslich innere, d. h. eine transscendente
Intuition; das „Vater vergieb ihnen“ findet keinen Beleg ausserhalb des
menschlichen Herzens; daher auch die Lächerlichkeit jeder empirischen,
induktiven, antireligiösen Ethik. Lassen wir aber — wie es hier unsere
Pflicht ist — das Moralische bei Seite, und beschränken wir uns auf
die Bedeutung dieser wirtschaftlichen Entwickelung für das Leben,
so genügt es, ein Fachbuch zur Hand zu nehmen, z. B. die Geschichte
der Landbauwissenschaft von Fraas, und wir sehen bald ein, dass eine
vollkommene Umgestaltung des Landbaues notwendig war. Ohne sie hätten
wir längst in Europa so wenig zu essen gehabt, dass wir gezwungen
gewesen wären, uns gegenseitig aufzufressen. Diese kleinen Bauern
aber, die gewissermassen ein kooperatives Netz über die Länder
ausbreiteten, hätten die notwendig gewordene Reform der Landwirtschaft
niemals durchgeführt; hierzu war Kapital, Wissen, Initiative, Hoffnung
auf grossen Gewinn nötig. Nur Männer, die nicht aus der Hand
in den Mund leben, sind in der Lage, derartige Umgestaltungen vorzunehmen;
es gehörte auch dazu die diktatorische Gewalt über
832
grosse Gebiete und zahlreiche Arbeitskräfte.²)
Diese Rolle
—————
¹)
The
state in relation to labour (nach Herbert Spencer citiert).
²)
Dies lässt sich historisch nachweisen. Pietro Crescenzi aus Bologna
veröffentlichte sein Buch über den rationellen Landbau in den
ersten Jahren des 14. Jahrhunderts, bald folgten Robert Grossetête,
Walter Henley u. A., welche schon eingehend die Düngung behandeln,
doch zunächst fast ohne jeden Erfolg, da derartige Ausführungen
bei dem Bildungsstand des Bauern diesem unzugänglich blieben. Über
den geringen Ertrag des Bodens unter
991 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
masste sich nun der Landadel an und
machte einen guten Gebrauch davon. Als Stachel wirkte auf ihn das schnelle
Aufblühen der Kaufmannschaft, welches seine eigene soziale Stellung
arg bedrohte. Mit so viel Fleiss und Erfolg verlegte er sich auf das zu
vollbringende Werk, dass man den Ertrag des Kornfeldes gegen Schluss des
18. Jahrhunderts auf das Vierfache des Ertrages am Schluss des 13. schätzt!
Und inzwischen war der Mastochse drei Mal so schwer geworden und das Schaf
trug vier Mal so viel Wolle! Das war der Erfolg des Monopols; ein Erfolg,
der notwendiger Weise über kurz oder lang der Gemeinsamkeit zu gute
kommen musste. Denn wir Germanen dulden nie auf die Dauer karthaginische
Ausbeutung. Und während die Grossgrundbesitzer alles einsackten, sowohl
den rechtmässigen Lohn ihrer Arbeiter, wie auch den Verdienst, der
früher den Familien von Tausenden und Tausenden von gebildeten Landwirten
bescheidenen Wohlstand verliehen hatte, suchten sich diese Kräfte
auf anderen Wegen menschenwürdig durchzuarbeiten. Die Erfinder in
den Textilindustrien am Schlusse des 18. Jahrhunderts sind fast alle Bauern,
welche sich mit Weben abgaben, weil sie sonst nicht genug zum Leben verdienten;
andere wanderten in die Kolonien aus und bauten auf ungeheuren Flächen
Korn an, das mit dem heimischen in Konkurrenz trat; wieder andere wurden
Matrosen und Handelsherren. Kurz, der Wert des monopolisierten Landbesitzes
sank nach und nach und sinkt noch immer — wie der Wert des Geldes¹)
— so dass offenbar die Gegenwelle jetzt diese Verhältnisse erfasst
hat und wir dem Tage entgegeneilen, wo die Allgemeinheit auch hier ihre
Rechte wieder geltend macht und das anvertraute Gut von den grossen Besitzern
— wie die politischen Rechte vom König — zurückfordert. Das Frankreich
der Revolution ging mit dem Beispiel voran; ein vernünftigeres gab
vor dreissig Jahren ein hochherziger deutscher Fürst, der Grossherzog
von Mecklenburg-Schwerin.
—————
der primitiven Bewirtschaftung
der Bauern erhält man belehrende Auskunft bei André Réville:
Les
Paysans au Moyen-Age, 1896, S. 9.
¹)
Im Jahre 1694 zahlte die englische Regierung 8½% für Geld,
im Jahre 1894 kaum 2%.
833 992
Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
Syndikatswesen
und Sozialismus
Wer das mehrfach
genannte Buch von Ehrenberg liest, wird erstaunen, wie ähnlich die
finanziellen Zustände vor vier Jahrhunderten, trotz aller tiefgreifenden
Unterschiede des gesamten wirtschaftlichen Zustandes, denen des heutigen
Tages sind. Aktiengesellschaften gab es schon im 13. Jahrhundert (z. B.
die Kölner Schiffsmühlen);¹) Wechsel waren ebenfalls damals
üblich und wurden von einem Ende Europa‘s auf das andere ausgestellt;
Versicherungsgesellschaften gab es in Flandern schon zu Beginn des 14.
Jahrhunderts;²) Syndikate, künstliches Aufschrauben und Herunterschrauben
der Preise, Bankrott . . . . . alles blühte damals wie heute.³)
Dass der Jude — dieser wichtige wirtschaftliche Faktor — blühte, versteht
sich von selbst. Van der Kindere meldet lakonisch vom 14. Jahrhundert in
Flandern: anständige Geldverleiher nahmen bis 6½%, Juden zwischen
60% und 200%;4) auch die so sehr breitgetretene
kurze Episode des Ghettos, zwischen 1500 und 1800, hat wenig oder nichts
an
—————
¹)
Lamprecht: Deutsches Städteleben, S. 30.
²)
Van der Kindere, a. a. O., S. 216.
³)
Martin Luther verweist an verschiedenen Stellen auf „die mutwillige Teuerung“
des Getreides durch die Bauern, die er deswegen „Mörder und Diebe
am Nächsten“ schilt (siehe seine Tischgespräche), und
andrerseits bringt seine Schrift Von Kaufhandlung und Wucher eine
ergötzliche Schilderung der damals schon blühenden Syndikate:
„Wer ist so grob, der nicht sieht, wie die Gesellschaften nichts anders
sind, denn eitel rechte Monopolia? . . . . Sie haben alle
Ware unter ihren Händen und machen‘s damit, wie sie wollen, und treiben
ohne Scheu die obberührten Stücke, dass sie steigern oder niedrigen
nach ihrem Gefallen und drücken und verderben alle geringen Kaufleute,
gleichwie der Hecht die kleinen Fische im Wasser, gerade als wären
sie Herren über Gottes Kreaturen, und frei von allen Gesetzen des
Glaubens und der Liebe . . . . . Darüber muss gleichwohl alle
Welt ganz ausgesogen werden und alles Geld in ihren Schlauch sinken und
schwemmen . . . . Alle Welt muss in Gefahr und Verlust handeln, heuer
gewinnen, über ein Jahr verlieren, aber sie (die Kapitalisten) gewinnen
immer und ewiglich und büssen ihren Verlust mit ersteigertem Gewinn,
und so ist‘s nicht Wunder, dass sie bald aller Welt Gut zu sich reissen.“
Diese Worte sind im Jahre 1524 geschrieben; wie man sieht, könnten
sie von heute sein.
4)
A. a. O., S. 222—23.
993 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
der Wohlhabenheit und an den Geschäftspraktiken
dieses klugen Volkes geändert.
Diese doppelte Einsicht:
einerseits in das Vorwalten grundlegender, unveränderlicher Charaktereigenschaften,
andrerseits in die relative Beständigkeit unserer wirtschaftlichen
Zustände (trotz allem schmerzlichen Hin- und Herpendeln) wird sich,
glaube ich, für die Beurteilung des 19. Jahrhunderts sehr förderlich
erweisen,
834
weil sie lehrt, Erscheinungen mit grösserer
Gelassenheit ins Auge zu fassen, die uns heute als etwas unerhört
Neues entgegentreten und doch in Wahrheit nur Uraltes in neuer Kleidung,
nichts weiter als natürliche, notwendige Erzeugnisse unseres Charakters
sind. Die Einen weisen heute auf die grossen Syndikatsbildungen, die Anderen
im Gegenteil auf den Sozialismus hin und glauben, das Weltende herannahen
zu sehen: gewiss bringen beide Bewegungen Gefahren, sobald antigermanische
Mächte darin die Oberhand gewinnen,¹) doch an und für sich
sind es durchaus normale Erscheinungen, in denen der Pulsschlag unseres
wirtschaftlichen Lebens sich kundthut. Selbst ehe die sogenannte Naturalwirtschaft
durch die Geldwirtschaft abgelöst worden war, sieht man ähnliche
wirtschaftliche Strömungen am Werke: so bedeutet z. B. die Periode
der Leibeigenschaft und der Hörigkeit den notwendigen Übergang
aus der antiken Sklavenwirtschaft zu allgemeiner Freiheit — zweifelsohne
eine der grössten Errungenschaften germanischer Civilisation; hier
wie anderwärts bei uns hat das egoistische Interesse Einzelner, beziehungsweise
einzelner Klassen, das Wohl Aller bereitet, mit anderen Worten, der Kooperation
hat das Monopol vorgearbeitet.²) Sobald aber die Geldwirtschaft eingeführt
ist (was im 10. Jahrhundert beginnt, bei uns im Norden im 13. schon grosse
Fortschritte gemacht hat und im 15. Jahrhundert vollständig durchgeführt
ist), laufen die wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich den heutigen
parallel,³)
—————
¹)
Siehe S. 681 und 682.
²)
Dies erhellt besonders deutlich aus den Ausführungen bei Michael:
Kulturzustände des deutschen Volkes während des 13. Jahrhunderts,
1897, I, der ganze Abschnitt „Landwirtschaft und Bauern“.
³)
Dem unter Ungelehrten verbreiteten Glauben, das Papier-
994 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
nur dass natürlich neue politische
Kombinationen und neue industrielle Errungenschaften den alten Adam neu
aufgeputzt zeigen, sowie auch, dass die Energie, mit welcher die Gegensätze
auf einander stossen, das, was man in der Physik „die Amplitude der Schwingungen“
nennt, abwechselnd zu- und abnimmt. Nach Schmoller z. B. war diese „Amplitude“
im 13. Jahrhundert mindestens ebenso gross wie im 19., dagegen im 16. bedeutend
geringer.¹) Den Kapitalismus haben wir schon an dem Beispiel der Fugger
am Werke gesehen; der Sozialismus war aber viel früher
835
ein wichtiger Bestandteil des Lebens
gewesen; fast fünf Jahrhunderte lang spielt er in der Politik Europa‘s
eine bedeutende Rolle, von der Empörung der lombardischen Städte
gegen ihre Grafen und Könige an bis zu den vielen Bauernorganisationen
und -Aufständen in allen Ländern Europa‘s. Wie Lamprecht an einer
Stelle aufmerksam macht: die Organisation der Landwirtschaft war bei uns
von Hause aus „kommunistisch-sozialistisch“. Echter Kommunismus wird auch
immer im Landbau wurzeln müssen, denn hier erst, bei der Produktion
der unentbehrlichen Nahrungsmittel, erhält Kooperation umfassende
und womöglich staatsgestaltende Bedeutung. Darum waren die Jahrhunderte
bis zum 16. sozialistischer als das 19., trotz des vielen sozialistischen
Geredes und Theoretisierens, das wir haben erleben müssen. Doch auch
dieses Theoretisieren ist nichts weniger als neu: um nur ein einziges älteres
Beispiel zu nennen, gleich der Roman de la Rose, aus dem Jahrhundert
des Erwachens (dem 13.) und lange Zeit hindurch das am weitesten verbreitete
Buch von Europa, greift alles Privateigentum an; und schon in den allerersten
Jahren des 16. Jahrhunderts (1516) erhielt der theoretische Sozialismus
in Sir Thomas More‘s Utopia einen so wohldurchdachten Ausdruck,
dass alles, was seither hinzugekommen ist, gewisser-
—————
geld sei eine der stolzen
„Errungenschaften der Neuzeit“, ist entgegenzuhalten, dass diese Einrichtung
kein germanischer Gedanke ist, sondern schon im alten Karthago und im spätrömischen
Imperium üblich gewesen war, wenn auch nicht genau in dieser Form
(da es kein Papier gab).
¹)
Siehe Strassburg‘s Blüte, von Michael a. a. O. citiert.
995 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
massen nur das theoretische Anbauen
und Ausbauen des von
836
More deutlich abgesteckten Gebietes
ist.¹) Und zwar begann
—————
¹)
Dies giebt sogar der sozialistische Führer Kautsky zu (Die Geschichte
des Sozialismus, 1895, I, 468) indem er meint, More‘s Auffassung sei
bis zum Jahre 1847, mit anderen Worten, bis zu Marx, für den Sozialismus
massgebend gewesen. Nun ist es aber klar, dass es wenig Gemeinsames geben
kann zwischen den Gedanken des genannten hochbegabten Juden, welcher manche
der besten Ideen seines Volkes aus Asien nach Europa herüberzupflanzen
und modernen Lebensbedingungen anzupassen versuchte, und denen eines der
exquisitesten Gelehrten, welche Nordgermanien jemals hervorbrachte, einer
durch und durch aristokratischen, unendlich feinfühligen Natur, eines
Geistes, dessen unerschöpflicher Humor seinen Busenfreund Erasmus
zum „Lob der Narrheit“ anregte, eines Mannes, der in öffentlichen
Ämtern — zuletzt als speaker des Parlamentes und als Schatzkanzler
— grosse Welterfahrung gesammelt hatte und nunmehr freimütig und ironisch
(und mit vollem Recht) die Gesellschaft seiner Zeit als „eine Verschwörung
der Reichen gegen die Armen“ geisselt und einem anderen, auf echt germanischen
und echt christlichen Grundlagen zu errichtenden Staat entgegensieht. Wenn
More das Wort Utopia, d. h. „Nirgendswo“, für seinen Zukunftsstaat
erfand, so war das auch wieder ein humoristischer Zug; denn in Wirklichkeit
fasst er das gesellschaftliche Problem durchaus praktisch an, weit praktischer
als manche sozialistische Doktrinäre des heutigen Tages. Er fordert:
rationelle Bewirtschaftung des Bodens, Hygiene des Körpers und der
Wohnung, Reform des Strafsystems, Verminderung der Arbeitsstunden, Bildung
und edle Zerstreuung einem Jeden zugänglich gemacht — — — Manches
ist inzwischen bei uns eingeführt worden; in den übrigen Punkten
hat More, als Blut von unserem Blut, so genau gewusst, was wir brauchen,
dass sein Buch, 400 Jahre alt, doch nicht veraltet ist, sondern seine Geltung
behält. Gegen den damals erst in der Ausbildung begriffenen monarchischen
Absolutismus wendet sich More mit der ganzen Wucht altgermanischer Überzeugung:
dennoch ist er kein Republikaner, einen König soll Utopia haben. Unbeschränkte
religiöse Gewissensfreiheit soll in seinem Idealstaate Gesetz sein:
doch ist er nicht deswegen, wie unsere heutigen pseudomosaischen Sozialisten,
ein antireligiöser, ethischer Doktrinär, im Gegenteil, wer den
Gott im Busen nicht empfindet, bleibt in Utopia von allen Ämtern ausgeschlossen.
Was also More von Marx und Genossen trennt, ist nicht ein Fortschritt der
Zeit, sondern der Gegensatz zwischen Germanentum und Judentum. Die englische
Arbeiterschaft des heutigen Tages, und namentlich solche führende
Männer wie
996 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
dieses Ausbauen sofort. Nicht allein
besitzen wir vor dem Jahre 1800 eine lange Reihe von Sozialtheoretikern,
unter denen der berühmte Philosoph Locke mit seinen klaren und sehr
sozialistisch gearteten Auseinandersetzungen über Arbeit und Eigentum
hervorragt,¹) sondern das 16., das 17. und das 18. Jahrhundert brachten
eine vielleicht ebenso grosse Anzahl Versuche über ideale kommunistische
Staatsumbildungen wie das 19. Der Holländer Peter Cornelius
z. B. schlägt schon im 17. Jahrhundert die Abschaffung aller Nationalitäten
und die Bildung einer „Centralmagistratur“ vor, welche die Verwaltung der
gemeinsamen Geschäfte der in zahlreiche „Aktiengesellschaften“ (sic)
vereinigten Menschengruppen besorgen soll,²) und Winstanley entwickelt
in seinem Gesetz der Freiheit (1651) ein so vollendetes kommunistisches
System mit Abschaffung alles persönlichen Eigentums, Abschaffung (bei
Todesstrafe) alles Kaufens und Verkaufens, Abschaffung aller spiritualistischen
Religion, mit alljährlicher Neuwahl sämtlicher Beamten durch
das Volk u. s. w., dass er wirklich für Nachfolger wenig übrig
liess.³)
837 Die
Maschine
Ich glaube, dass
diese Betrachtungen — natürlich weiter
—————
William Morris, stehen
More offenbar viel näher als Marx; das selbe wird sich bei den deutschen
Sozialisten zeigen, sobald sie mit freundlicher Bestimmtheit ihre jüdischen
Führer gebeten haben werden, sich der Angelegenheiten ihres eigenen
Volkes anzunehmen.
¹)
Siehe namentlich den Second Essay on Civil Government, § 27.
²)
Vergl. Gooch: The history of English democratic ideas, 1898, p.
209 fg.
³)
Ziemlich Ausführliches über Winstanley in der Geschichte des
Sozialismus in Einzeldarstellungen, I, 594 fg. E. Bernstein,
der Verfasser dieses Abschnittes, ist überhaupt der Wiederentdecker
Winstanley‘s; doch hält sich Bernstein an eine einzige Schrift und
hat ausserdem so gar kein Verständnis für einen germanischen
Charakter, dass man über Winstanley‘s Persönlichkeit in dem kleinen
Werk von Gooch, p. 214 fg., 224 fg., viel mehr erfahren wird. — Die schärfste
Abweisung aller kommunistischen Ideen zu jener Zeit finden wir wohl bei
Oliver Cromwell, der — obwohl er selber ein Volksmann war — den Vorschlag,
das allgemeine Wahlrecht für das Parlament einzuführen, energisch
verwarf, als eine Einrichtung, die „notwendig zur Anarchie führe“.
997 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
ausgeführt und durchdacht — Manchem
für ein besseres Verständnis unserer Zeit von Nutzen sein werden.
Allerdings ist im 19. Jahrhundert ein neues Element gewaltig umgestaltend
hinzugetreten: die M a s c h i n e, jene Maschine,
von welcher der soeben genannte gute und gedankenreiche Sozialist William
Morris sagt: „Wir sind die Sklaven der Ungeheuer geworden, die unsere eigene
Schöpferkraft geboren hat.“¹) Die Menge des Elends, das die Maschine
im 19. Jahrhundert verursacht hat, lässt sich durch keine Ziffern
darstellen, sie übersteigt jede Fassungskraft. Es scheint mir wahrscheinlich,
dass das 19. Jahrhundert das „schmerzensreichste“ aller bekannten Zeiten
war, und zwar hauptsächlich in Folge des plötzlichen Aufschwunges
der Maschine. Im Jahre 1835, kurz nach der Einführung des Maschinenbetriebes
in Indien, berichtete der Vicekönig: „Das Elend findet kaum eine Parallele
in der Geschichte des Handels. Die Knochen der Baumwollweber bleichen die
Ebenen Indiens.“²) Das war in grösserem Massstabe die Wiederholung
des selben namenlosen Elends, das die Einführung der Maschine überall
heraufbeschworen hat. Schlimmer noch — denn jener Hungertod trifft nur
die eine Generation — ist die Herabdrückung Tausender und Millionen
von Menschen aus relativem Wohlstand und aus Unabhängigkeit zu andauernder
Sklaverei und ihre Vertreibung aus gesundem Landleben in das jämmerliche
licht- und luftlose Dasein der grossen Städte.³) Und doch darf
man bezweifeln, ob
—————
¹)
Signs
of Change, p. 33.
²)
Citiert nach May: Wirtschafts- und handelspolitische Rundschau für
das Jahr 1897, S. 13. — Harriett Martineau meldet mit bestrickender
Naivetät in ihrem vielgelesenen British rule in India, p. 297,
die armen englischen Beamten hätten ihre übliche allabendliche
Lustfahrt einstellen müssen wegen des fürchterlichen Gestankes
der Leichen.
³)
Die Arbeiter der Textilindustrie lebten z. B. bis gegen Schluss des 18.
Jahrhunderts fast alle auf dem Lande und gaben sich zugleich mit Feldarbeiten
ab. Dabei waren sie unvergleichlich besser gestellt als heute (siehe Gibbins:
a. a. O., S. 154, und man lese auch das achte Kapitel des ersten Buches
von Adam Smith‘s: Wealth of nations). Um den heutigen Zustand der
Arbeiter vieler Industriezweige in demjenigen Lande Europa‘s, wel-
998 Die
Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.
diese Umwälzung (abgesehen davon,
dass sie eine viel zahlreichere Bevölkerung traf) grössere Härten
und eine intensivere allgemeine Krisis verursacht hat als der Übergang
des Handels von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft, oder des Land-
838
baues von der Naturwirtschaft zur Kunstwirtschaft.
Gerade die ungeheure Schnelligkeit, mit welcher das Fabrikwesen sich ausgedehnt
hat, dazu die gleichzeitig fast ins Unbeschränkte erweiterte Möglichkeit
der Auswanderung, hat die unumgängliche Grausamkeit dieser Entwickelung
einigermassen gemildert.
Wir haben gesehen,
wie genau dieser wirtschaftliche Umschwung durch den individuellen Charakter
des Germanen vorausbedingt war. Sobald die leidige Politik nur einen Augenblick
ruhig Atem schöpfen liess, sahen wir im 13. Jahrhundert Roger Bacon,
im 15. Leonardo da Vinci das Werk der Erfindung vorwegnehmen, dessen Verwirklichung
Jahrhunderte hindurch nur äusserlich verhindert werden sollte. Und
ebensowenig wie Teleskop und Lokomotive ein schlechterdings Neues, etwa
die Frucht einer geistigen Entwickelung sind, ebensowenig ist irgend etwas
in unserem heutigen wirtschaftlichen Zustand grundsätzlich neu, und
sei es als Erscheinung noch so verschieden von früheren Zuständen.
Wir werden die wirtschaftliche Lage der Gegenwart erst dann richtig beurteilen,
wenn wir gelernt haben, die Grundzüge unseres Charakters in den vergangenen
Jahrhunderten überall am Werke zu erkennen: der selbe Charakter ist
auch heute am Werke.
—————
ches die besten Löhne
zahlt, nämlich England, kennen zu lernen, empfehle ich R. H. Sherard:
The
white slaves of England (Die weissen Sklaven Englands), 1897.
Seitenende / Einde
van hoofdstuk 9B4 / End of chapter 9B4.
Letzte Änderung
am / Laatste wijziging / Last update: 15 September 2003.