Hereunder follows the transcription of chapter 9B4 of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B4 van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3
ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189
ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463
ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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4. Wirtschaft  (vom Lombardischen Städtebund bis zu Robert Owen, dem Begründer der Kooperation).

Kooperation und Monopol
    Vor wenigen Seiten citierte ich den Ausspruch eines namhaften Sozialökonomen, wonach es „fast hoffnungslos“ sein soll, die wirtschaftlichen Zustände vergangener Jahrhunderte verstehen zu wollen. Das dort Ausgeführte brauche ich nicht zu wiederholen. Doch hat gerade das Gefühl von der kaleidoskopartigen Mannigfaltigkeit, von der vergänglichen Beschaffenheit dieser Verhältnisse mir die Frage aufgedrängt, ob trotz alledem sich nicht ein einheitliches Lebenselement auffinden liesse, ich meine irgend ein in den verschiedensten Formen sich stets gleichbleibendes Lebensprinzip unserer ewig veränderlichen wirtschaftlichen Verhältnisse. In den Schriften eines Adam Smith, eines Proudhon, eines Karl Marx, eines John Stuart Mill, eines Carey, eines Stanley Jevons, eines Böhm-Bawerk und Anderer habe ich es nicht gefunden; denn diese Gelehrten reden (und zwar von ihrem Standpunkte aus mit Recht) von Kapital und Arbeit, Wert, Nachfrage u. s. w. in ähnlicher Weise wie früher die Juristen von Naturrecht und göttlichem Recht, als ob das für sich seiende, übermenschliche Wesenheiten wären, die über uns allen thronen, während es mir im Gegenteil sehr wesentlich darauf anzukommen scheint, „wer“ das Kapital besitzt, und „wer“ die Arbeit leistet, und „wer“ einen Wert zu schätzen hat. Luther lehrt: nicht die Werke machen den Menschen, sondern der Mensch
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macht die Werke; hat er Recht, so werden wir auch innerhalb des bunt wechselnden wirtschaftlichen Lebens am meisten zur Aufhellung von Vergangenheit und Gegenwart beitragen, wenn es uns gelingt, einen in dieser Beziehung grundlegenden Charakterzug des germanischen Menschen nachzuweisen; denn die Werke wechseln ja nach den Umständen, der Mensch aber bleibt der selbe, und die Geschichte einer Menschenart wirkt aufklärend, nicht durch die Gliederung in angebliche Zeitalter, die immer das Äussere betreffen, sondern durch den Nachweis der strengen Kontinuität. Sobald mir die Wesensgleichheit mit meinen Ahnen vor

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Augen geführt wird, verstehe ich ihre Handlungen aus den meinen, und die meinen erhalten wiederum durch jene eine ganz neue Färbung, denn sie verlieren den beängstigenden Schein eines willkürlichen Entschlüssen unterworfenen Nochniedagewesenen und können nunmehr mit philosophischer Ruhe als altbekannte, stets wiederkehrende Phänomene untersucht werden. Hier erst fassen wir Fuss auf einem wirklich wissenschaftlichen Standpunkt: moralisch wird die Autonomie der Individualität im Gegensatz zum allgemeinen Menschheitswahn betont, geschichtlich tritt die Notwendigkeit (d. h. die notwendige Handlungsweise bestimmter Menschen) in ihre Rechte als gesetzgebende Naturmacht.
    Betrachten wir nun die Germanen vom Beginn an, so finden wir in ihnen zwei gegensätzliche und sich ergänzende Züge stark ausgesprochen: zunächst den heftigen Trieb des Individuums, sich herrisch auf sich selbst zu stellen, sodann seinen Hang, durch treue Vereinigung mit Anderen sich den Weg zu Unternehmungen zu bahnen, die nur durch gemeinsames Wirken bewältigt werden können. In unserem gegenwärtigen Leben umringt uns diese Doppelerscheinung auf allen Seiten, und die Fäden, die hüben und drüben gesponnen werden, bilden ein wunderlich kunstvolles, fest geschlungenes Gewebe. Monopol und Kooperation: das sind unstreitig die beiden Gegenpole unserer heutigen wirtschaftlichen Lage, und Niemand wird leugnen, dass sie das ganze 19. Jahrhundert beherrscht haben. Was ich nun behaupte, ist, dass dieses Verhältnis, diese bestimmte Polarität,¹) von Anfang an unsere wirtschaftlichen Zustände und ihre Entwickelung beherrscht hat, so dass wir, trotz der Aufeinanderfolge nie wiederkehrender Lebensformen, dank dieser Einsicht doch ein tiefes Verständnis
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für die Vergangenheit und dadurch auch für die Gegenwart gewinnen; allerdings kein wissenschaftlich nationalökonomisches (das müssen wir den Fachgelehrten überlassen), doch ein solches, wie es der gewöhnliche Mensch für die richtige Auffassung seiner Zeit gebrauchen kann.
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    ¹) So hätte Goethe sie genannt; siehe die Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz, die Natur.

980 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



    Zu Grunde liegt eine einfache, unwandelbar sich gleichbleibende, konkrete Thatsache: die wechselnde Form, welche wirtschaftliche Verhältnisse bei bestimmten Menschen annehmen, ist ein direkter Ausfluss ihres Charakters, und der Charakter der Germanen, dessen allgemeinste Grundzüge ich im sechsten Kapitel gezeichnet habe, führt notwendiger Weise zu bestimmten, wenn auch wechselnden Gestaltungen des wirtschaftlichen Lebens und zu ewig in ähnlicher Weise sich wiederholenden Konflikten und Entwickelungsphasen. Man glaube nur ja nicht, dass hier etwas allgemein Menschliches vorliege; die Geschichte bietet uns im Gegenteil nichts Ähnliches, oder wenigstens nur oberflächliche Ähnlichkeiten. Denn das, was uns auszeichnet und unterscheidet, ist das gleichzeitige Vorwalten der   b e i d e n   Triebe — zur Absonderung und zur Vereinigung. Als Cato fragt, was Dante auf seinem beschwerlichen Wege suche, erhält er zur Antwort:
Libertà va cercando!
Dieses Suchen nach Freiheit liegt jenen beiden Äusserungen unseres Charakters gleichmässig zu Grunde. Um wirtschaftlich frei zu sein, verbinden wir uns mit Anderen; um wirtschaftlich frei zu sein, scheiden wir aus dem Verband und setzen das eigene Haupt gegen die Welt aufs Spiel. Daraus ergiebt sich für die Indoeuropäer ein so ganz anderes wirtschaftliches Leben, als für die semitischen Völker,¹) die Chinesen u. s. w.  Doch, wie ich S. 504 fg. zeigte, weicht der germanische Charakter und namentlich sein Freiheitsbegriff nicht unwesentlich auch von dem seiner nächsten indoeuropäischen Verwandten ab. Wir sahen in Rom die grosse „kooperative“ Volkskraft zermalmend auf jeglicher autonomen Entwickelung der geistigen und moralischen Persönlichkeit lasten; als dann später die ungeheuren Reichtümer einzelner Individuen das System des Monopols einführten, diente dies nur dazu, den Staat zu Grunde zu richten, so dass nichts übrig blieb als physiognomieloses Menschenchaos; denn die Römer waren so beanlagt, dass sie einzig im Verband Grosses
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    ¹) Siehe z. B. Mommsen über Karthago, oben, S. 141 fg.

981 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



leisteten, dagegen aus dem Monopol kein wirtschaftliches Leben zu entwickeln vermochten. In Griechenland finden wir allerdings
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eine grössere Harmonie der Anlagen, doch hier mangelt (im Gegensatz zu den Römern) die Bindekraft in einem bedauerlichen Masse: die hervorragend energischen Individuen erblicken nur sich und begreifen nicht, dass ein aus verwandtschaftlicher Umgebung losgerissener Mensch kein Mensch mehr ist; sie verraten den angestammten Verband und richten dadurch sich und ihr Vaterland zu Grunde. Im Handel mangelt aus den angegebenen Gründen dem Römer die Initiative, jene voranleuchtende Fackel des bahnbrechenden Einzelnen, dem Hellenen die Redlichkeit, d. h. jenes öffentliche, Alle verbindende und für Alle verbindliche Gewissen, welches später in dem „rechten Kaufmannsgut“ des aufblühenden deutschen Gewerbes einen ewig verehrungswürdigen Ausdruck fand. Hier übrigens, in dem „rechten Kaufmannsgut“, halten wir schon ein treffliches Beispiel der Wechselwirkungen germanischen Charakters auf wirtschaftliche Gestaltungen.

Innungen und Kapitalisten
    In hundert Büchern wird der Leser das Leben und Wirken der Innungen zwischen dem 13. und dem 17. Jahrhundert (etwa) geschildert finden; es ist das prächtigste Muster geeinten Wirkens: Einer für Alle, Alle für Einen. Sehen wir nun, wie in diesen Verbänden Alles genau bestimmt und von dem Vorstand der Innung, sowie auch von besonderen dazu eingesetzten Kontrollbehörden, vom Stadtmagistrat u. s. w. beaufsichtigt wird, sodass nicht allein die Art und die Ausführung einer jeglichen Arbeit in allen Einzelheiten, sondern auch die Maximalmenge der Tagesleistung festgestellt ist und nicht überschritten werden darf, weil man nämlich fürchtete, der Arbeiter möchte aus Geldgier zu schnell und darum schlecht arbeiten, so sind wir geneigt, mit den meisten Autoren entsetzt auszurufen: dem Einzelnen blieb ja keine Spur Initiative, keine Spur Freiheit! Und doch ist dieses Urteil einseitig bis zur direkten Verkennung der historischen Wahrheit. Denn gerade durch Zusammentreten vieler Einzelnen zu einer festgefügten, einheitlichen Vielheit hat der Germane die durch die Berührung mit dem römischen Imperium eingebüsste bürgerliche Freiheit wiedererworben. Ohne den angeborenen Instinkt zur Kooperation

982 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



wären die Germanen ebensolche Sklaven geblieben wie die Ägypter, die Karthager, die Byzantiner, oder wie die Bewohner des Khalifats. Das vereinzelte Individuum ist einem chemischen Atom mit geringer Bindekraft zu vergleichen; es wird aufgesogen, vernichtet. Dadurch, dass der Einzelne freiwillig ein Gesetz annahm und sich ihm unbedingt fügte, erwarb er sich ein sicheres und anständiges Leben, ja, ein anständigeres Leben als das unserer heutigen Arbeiter, und hiermit zugleich die grundlegende Mög-
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lichkeit zu aller geistigen Freiheit, was sich auch bald vielerorten bewährte.¹) Das ist die eine Seite der Sache. Der Unternehmungsgeist des Einzelnen ist aber bei uns zu stark, als dass er sich durch noch so strenge Verordnungen bändigen liesse, und so sehen wir auch damals, trotz der Herrschaft der Innungen, einzelne energische Männer ein ungeheures Vermögen erwerben. Im Jahre 1367 wandert z. B. ein armer Leinwebergeselle, Hans Fugger, nach Augsburg ein; hundert Jahre später sind seine Erben in der Lage, dem Erzherzog Siegmund von Tirol 150 000 Gulden vorzuschiessen. Allerdings hatte Fugger neben seinem Gewerbe auch Handel getrieben und zwar mit so viel Glück, dass sein Sohn Bergwerksbesitzer geworden war; doch wie war es möglich, da die Innungsgesetze dem einen Gesellen verboten, mehr als die andern zu arbeiten, dass Fugger zu so viel Geld kam, um in diesem Masse Handel treiben zu können? Ich weiss es nicht; Niemand weiss es; aus jenem Anfang der Familie Fugger giebt es keine genauen Nachrichten.²) Jedenfalls sieht man, dass es möglich war. Und bildet auch die Familie Fugger durch den enormen
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    ¹) Dass es dem Arbeiter im 13.‚ 14. und 15. Jahrhundert durchschnittlich so viel besser als heute ging, erklärt Leber in seinem Essai sur l‘appréciation de la fortune privée au moyen-âge, 1847, durch den Nachweis, dass „das Geld des Armen damals verhältnismässig mehr wert war als das des Reichen, da nämlich Luxusgegenstände exorbitant hohe Preise erreichten, unerschwinglich für solche, die nicht ein sehr grosses Vermögen besassen, wogegen alles Unentbehrliche, wie einfache Nahrungsmittel, Wohnung, Kleider u. s. w., äusserst billig war“ (citiert nach Van der Kindere: Le siècle des Artevelde, Bruxelles, 1879, S. 132).
    ²) Aloys Geiger: Jakob Fugger, Regensburg 1895.

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Reichtum, den sie bald erwarb und durch die Rolle, welche sie dadurch in der Geschichte Europa‘s spielte, ein Unikum, so fehlte es an reichen Bürgern in keiner Stadt, und man braucht nur Ehrenberg‘s Zeitalter der Fugger (Jena 1896) oder Van der Kindere: Le siècle des Artevelde (Brüssel 1879) zur Hand zu nehmen, um zu sehen, wie überall Männer aus dem Volke, trotz des Innungszwanges, sich zu wohlhabender Selbständigkeit hinaufarbeiteten. Ohne die Innungen, d. h. also ohne die Kooperation, wäre es überhaupt nie zu einem gewerblichen Leben bei uns gekommen — das liegt auf der Hand; die Kooperation hinderte aber den Einzelnen nicht, sondern diente ihm als Sprungbrett. Nun aber, sobald der Einzelne fest und stark auf eigenen Füssen stand, benahm er sich genau so wie unsere damaligen Könige sich Fürsten und Volk gegenüber benahmen; er kannte nur ein Ziel: Monopol. Reich sein genügt nicht, frei sein befriedigt nicht:
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Die wenigen Bäume, nicht mein eigen,
Verderben mir den Weltbesitz!
Dass dieses germanische Hinausstreben ins Grenzenlose viel Unheil mit sich führt, dass es auf der einen Seite Verbrechen, auf der anderen Elend gebiert: wer möchte es leugnen? Niemals ist die Geschichte eines ungeheuren Privatvermögens eine Chronik makelloser Ehre. In Süddeutschland nennt man noch heute eine überschlaue, an Betrug grenzende Geschäftsgebahrung „fuggern“.¹) Und in der That, kaum sind die Fugger durch Gold mächtig geworden, und schon sehen wir sie mit anderen reichen Handelshäusern Ringe bilden zur Beherrschung der Weltmarktpreise, ganz genau so wie wir das heute erleben, und solche Syndikate bedeuten damals wie jetzt den systematischen Diebstahl nach unten und nach oben: der Arbeiter wird in seinem Lohn beliebig gedrückt, der Käufer zahlt mehr als der Gegenstand wert ist.²) Fast
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    ¹) Nach Schoenhof: A history of money and prices, New York 1897, p. 74.
    ²) Siehe Ehrenberg, a. a. O., I, 90. Es handelte sich namentlich um die Beherrschung des Kupfermarktes; die Fugger waren aber so gierig nach alleinigem Monopol, dass das Syndikat sich bald auflösen musste.

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drollig bei aller Widerwärtigkeit ist es zu erfahren, dass die Fugger an dem Ablassschacher finanziell interessiert waren. Der Erzbischof von Mainz hatte nämlich vom Papste die zu erwartenden Einnahmen des Jubelablasses für gewisse Teile von Deutschland gegen eine pränumerando Zahlung von 10 000 Dukaten gepachtet; er schuldete aber den Fuggern von früher her 20 000 Dukaten (von den 30 000, die er der Kurie für seine Ernennung zum Erzbischof hatte bezahlen müssen), und so war denn in Wahrheit der Erzbischof nur ein vorgeschobener Strohmann, und der wirkliche Pächter des Ablassjubels war die Firma Fugger! Der durch Luther unvergesslich gewordene Tetzel durfte denn nicht anders reisen und predigen, als in Begleitung des Geschäftsvertreters dieses Handelshauses, der sämtliche Einkünfte einkassierte und allein den Schlüssel zum „Ablasskasten“ besass.¹) Ist es nun schon nicht sehr erbaulich zu sehen, auf welche Weise ein solches Vermögen erworben wird, so ist es einfach entsetzlich zu gewahren, welch schnöder Gebrauch davon gemacht wird. Losgerissen aus dem heilsamen Verbande gemeinsamer Interessen, lässt der Einzelne die ungezügelte Willkür walten. Die stumpfsinnige Vorteilsberechnung eines elenden Webersohnes
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bestimmt, wer Kaiser sein soll; nur dank dem Beistand der Fugger und Weiser wird Karl V. gewählt, nur durch die Unterstützung der Fugger und Weiser wird er in den Stand gesetzt, den unseligen schmalkaldischen Krieg zu führen, und in dem nun folgenden Kampf der Habsburger gegen deutsches Gewissen und deutsche Freiheit spielen wieder diese gesinnungslosen Kapitalisten eine entscheidende Rolle; und zwar bekennen sie sich zu Rom und bekämpfen sie die Reformation, nicht aus religiöser Überzeugung, sondern ganz einfach, weil sie mit der Kurie ausgedehnte Geschäfte führen und bei ihrer eventuellen Niederlage grosse Einnahmen zu verlieren fürchten.²)
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    ¹) Ludwig Keller: Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen, S. 15 und Ehrenberg: a. a. O., I, 99.
    ²) Alle Einzelheiten findet man ausführlich belegt durch archivarisches Material in Ehrenberg‘s Buch. Dass die Fugger, sowie die anderen katholischen Kapitalisten jener Zeit, samt und sonders

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    Und dennoch werden wir zugeben müssen, dass dieser rücksichtslose, vor keinem Verbrechen zurückschreckende Ehrgeiz des Einzelnen ein wichtiger und unentbehrlicher Faktor unserer gesamten civilisatorisch-ökonomischen Entwickelung gewesen ist. Ich nannte vorhin die Könige und will hier den Vergleich aus dem naheverwandten politischen Gebiete noch einmal heranziehen. Wer kann die Geschichte Europa‘s von dem 15. Jahrhundert bis zur französischen Revolution lesen, ohne dass sein Blut vor Empörung fast beständig kocht? Alle Freiheiten werden geraubt, alle Rechte mit Füssen getreten; schon Erasmus ruft voll Ingrimm aus: „Das Volk baut die Städte, die Fürsten zerstören sie!“ Und er hatte noch lange nicht das Schlimmste erlebt. Und wozu das alles? Damit eine Handvoll Familien sich das Monopol über ganz Europa erringe. Eine schlimmere Rotte gewohnheitsmässiger Verbrecher als unsere Fürsten kennt die Geschichte nicht; juristisch betrachtet, gehörten sie fast alle ins Zuchthaus. Und doch, welcher ruhig denkende, gesund urteilende Mensch wird nicht heute in dieser Entwickelung einen Segen erblicken? Durch die Konzentrierung der politischen Gewalt um einige wenige Mittelpunkte herum haben sich grosse, starke Nationen gebildet: eine Grösse und eine Stärke, an denen jeder Einzelne teilnimmt. Und als nun diese wenigen Monarchen jede andere Gewalt geknickt hatten, da standen sie allein; nunmehr war die grosse Volksgemeinde in der Lage, ihre Rechte zu fordern, und das Ergebnis ist ein so weithin reichendes Mass von individueller Freiheit, wie es keine Vorzeit gekannt hatte. Der Einherrscher
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ward (wenn auch unbewusst) der Freiheit Schmied; der masslose Ehrgeiz des Einen ist Allen zu Gute gekommen; das politische Monopol hat der politischen Kooperation die Wege geebnet. Diese Entwickelung — die noch lange nicht beendet ist — erhellt in ihrer eigenartigen Bedeutung, wenn man sie dem Entwickelungsgang des imperialen Rom gegenüberhält. Wir sahen, wie dort
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an den Habsburgern zu Grunde gingen, da diese Fürsten immer borgten und nie zurückzahlten (den Fuggern blieben sie 8 000 000 Gulden schuldig), wird mancher gemütvollen Seele einen platonischen Trost gewähren.

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alle Rechte, alle Privilegien, alle Freiheiten nach und nach aus den Händen des Volkes, welches die Nation errichtet hatte, in die Hand eines einzelnen Mannes übergingen;¹) die Germanen haben den umgekehrten Weg eingeschlagen; sie haben sich dadurch aus dem Chaos zu Nationen hinaufgearbeitet, dass sie die Summe der Macht vorläufig in einigen wenigen Händen vereinigten; nunmehr fordert die Gesamtheit das ihre zurück: Recht und Gerechtigkeit, Freiheit und grösstmögliche Ungebundenheit für jeden einzelnen Bürger. Dem Monarchen wohnt in vielen Staaten schon heute nicht viel mehr als eine geometrische Bedeutung inne: er ist ein Mittelpunkt, der dazu dienen durfte, den Kreis zu ziehen. Viel verwickelter gestalten sich freilich die Verhältnisse auf wirtschaftlichem Gebiete, und ausserdem sind sie noch lange nicht so weit herangereift wie die politischen, doch glaube ich, dass sie viel Analogie mit ihnen bieten. Es ist eben der selbe Menschencharakter hier wie dort am Werke. Bei den Phöniziern hatte der Kapitalismus zur unbedingten Sklaverei geführt, bei uns nicht; im Gegenteil: er bringt Härten, wie das Königtum auch Härten in seinem Werden brachte, ist aber überall der Vorläufer kommunistischer Regungen und Erfolge. In dem kommunistischen Staat der Chinesen herrscht tiermässige Einförmigkeit; bei uns sehen wir überall aus kräftiger Gemeinsamkeit starke Individuen hervorgehen.
    Wer sich nun die Mühe giebt, die Geschichte unseres Gewerbes, unserer Manufaktur, unseres Handels zu studieren, wird überall diese beiden Mächte am Werke finden. Überall wird er die Kooperation als Grundlage entdecken, vom denkwürdigen Bunde der lombardischen Städte an (bald gefolgt von dem rheinischen Städtebund, der deutschen Hansa, der Londoner Hansa) bis zu jenem überspannten, aber genialen Robert Owen, der an der Schwelle des 19. Jahrhunderts den Samen der grossartigen Kooperationsgedanken säete, der erst jetzt langsam aufzugehen beginnt. Nicht minder jedoch wird er allerorten und zu allen Zeiten die Initiative des sich aus dem Zwange der Gemeinsam-
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    ¹) Siehe S. 148.

829 987 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



keit losreissenden Individuums am Werke erblicken, und zwar als das eigentlich schöpferische, bahnbrechende Element. Als Kaufleute, nicht als Gelehrte, führen die Polos ihre Entdeckungsreisen aus; auf der Suche nach Gold entdeckt Columbus Amerika; die Erschliessung Indiens ist (wie heute die Afrikas) lediglich das Werk der Kapitalisten; fast überall wird der Betrieb der Bergwerke durch die Verleihung eines Monopols an unternehmende Einzelne ermöglicht; bei den grossen gewerblichen Erfindungen am Schlusse des 18. Jahrhunderts hatte stets der Einzelne gegen die Gesamtheit sein Leben lang zu kämpfen und wäre ohne Hilfe des unabhängigen, gewinnsüchtigen Kapitals erlegen. Die Verkettung ist eine unendlich mannigfaltige, weil jene beiden Triebkräfte stets gemeinsam am Werke bleiben und sich nicht etwa bloss ablösen. So sahen wir Fugger, nachdem er sich kaum aus dem Innungszwang herausgearbeitet hatte, freiwillig neue Verbindungen mit Anderen eingehen. Immer wieder, in jedem Jahrhundert, in welchem grosse Kapitalien sich ansammeln (wie in der zweiten Hälfte des neunzehnten) sehen wir die Bildung von Syndikaten, d. h. also eine besondere Form von Kooperation; dadurch raubt aber der Kapitalist dem Kapitalisten jede individuelle Freiheit; die Macht der einzelnen Persönlichkeit erlischt, und nun bricht sie sich an einem anderen Orte durch. Andrerseits besitzt die eigentliche Kooperation nicht selten von Anfang an die Eigenschaften und die Ziele einer bestimmten Individualität: das sieht man besonders deutlich an der Hansa während ihrer Blütezeit und überall da, wo eine Nation zur Wahrung wirtschaftlicher Interessen politische Massregeln ergreift.
    Ich hatte Material vorbereitet, um das hier Angedeutete näher auszuführen, doch gebricht es mir dazu an Raum, und ich begnüge mich damit, den Leser noch auf ein besonders lehrreiches Beispiel aufmerksam zu machen. Ein einziger Blick auf das hier noch nicht berührte Gebiet des Landbaues genügt nämlich, um das genannte Grundgesetz unserer wirtschaftlichen Entwickelung besonders deutlich am Werke zu zeigen.

Bauer und Grossgrundbesitzer
    Im 13. Jahrhundert, als die Germanen an den Ausbau ihrer neuen Welt gingen, war der Bauer fast in ganz Europa ein freierer

988 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



Mann, mit einer gesicherteren Existenz, als heute; denn die Erbpacht war die Regel, so dass z. B. England — heute eine Heimat des Grossgrundbesitzes — sich noch im 15. Jahrhundert fast ganz in den Händen von Hunderttausenden von Bauern befand, die nicht allein juristische Besitzer ihrer Scholle waren, sondern auch
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weitgehende unentgeltliche Rechte an gemeinsamen Weiden und Wäldern besassen.¹) Diese Bauern sind inzwischen alle ihres Besitzes beraubt worden; einfach beraubt. Jedes Mittel war dazu gut genug. Gab kein Krieg den Anlass, sie zu verjagen, so wurden bestehende Gesetze gefälscht und neue Gesetze von den Machthabern erlassen, welche das Gut der Kleinen zu Gunsten der Grossen einzogen. Doch nicht die Bauern allein, auch die kleinen Landwirte mussten vertilgt werden: das geschah auf einem Umwege, indem sie durch die Konkurrenz der Grossen zu Grunde gerichtet und ihre Güter aufgekauft wurden.²) Welche grosse Härten das mit sich führte, mag ein einziges Beispiel veranschaulichen: im Jahre 1495 verdiente der englische Landarbeiter, der auf Tagelohn ausging, genau dreimal so viel (an Kaufwert) als hundert Jahre später! Wie man sieht, mancher tüchtige Sohn hat bei allem Fleiss nur ein Drittel so viel wie sein Vater verdienen können. Ein so plötzlicher Sturz, der gerade die produ-
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    ¹) Gibbins: Industrial History of England, 5. ed., p. 40 fg. und 108 fg. Wir finden die Erbpacht noch heute im östlichen Europa, wo unter türkischer Herrschaft alles seit dem 15. Jahrhundert unverändert blieb; auf den grossherzoglichen Domänen in Mecklenburg-Schwerin wurde sie im Jahre 1867 wieder eingeführt.
    ²) Ein Vorgang, der besonders leicht in England zu verfolgen ist, weil die politische Entwickelung dort eine geradlinige war und das Innere des Landes vom 15. Jahrhundert ab nicht mehr durch Kriege verheert worden ist; hierzu leistet das berühmte Werk von Rogers: Six centuries of work and wages vorzügliche Dienste. (Ich citiere nach der wenig befriedigenden deutschen Übersetzung von Pannwitz, 1896.) Doch war der Vorgang in allen Ländern Mitteleuropa‘s wesentlich der selbe; die heutigen grossen Besitzungen sind samt und sonders gestohlen und erschwindelt worden, da sie den Grundherren zwar als juristisches Eigentum unterstanden, doch der thatsächliche, rechtliche   B e s i t z   der Erbpächter waren. (Man schlage in jedem beliebigen Rechtslehrbuch nach unter Emphyteusis.)

989 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



zierende Klasse des Volkes trifft, ist einfach furchtbar; man begreift nicht, dass bei einer derartigen wirtschaftlichen Katastrophe der ganze Staat nicht aus den Fugen ging. Im Laufe dieses einen Jahrhunderts waren fast alle Bauern zu Tagelöhnern herabgedrückt worden. Und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der — wenige Jahrhunderte früher unabhängige — Bauernstand so tief gesunken, dass seine Mitglieder ohne die milden Gaben der „Herren“ oder den Zuschuss der Gemeindekasse nicht auskommen konnten, da das Maximalverdienst des ganzen Jahres nicht hinreichte, um die Minimalmenge des zum Leben Unent-
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behrlichen zu kaufen.¹) Nun darf man aber in allen diesen Dingen — wie überhaupt bei jeder Betrachtung der Natur — weder dem abstrakten Theoretisieren, noch dem blossen Gefühl
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    ¹) Rogers, a. a. O., Kap. 17. Dass in der Mitte des 19. Jahrhunderts an dieser unwürdigen Stellung des Landarbeiters nichts geändert worden war (wenigstens nicht in England), findet man ausführlich belegt in Herbert Spencer: The man versus the state, Kap. 2. Man ersieht aus solchen Thatsachen, welche zu Hunderten vorliegen — ich will nur das Eine erwähnen, dass der Handwerkerstand noch niemals so elend gestellt war, wie um die Mitte des 19. Jahrhunderts — wie eigentümlich es um jenen Begriff eines beständigen „Fortschrittes“ bestellt ist.   F ü r   d i e   g r o s s e   M e h r z a h l   d e r   E i n w o h n e r   E u r o p a ‘s   w a r   d e r   E n t w i c k e l u n g s g a n g   d e r   l e t z t e n   v i e r   J a h r h u n d e r t e   e i n   „F o r t s c h r i t t“   z u   i m m e r   g r ö s s e r e m   E l e n d.   Übrigens steht sich der Handwerker am Schlusse des 19. Jahrhunderts wieder besser, doch immer noch um etwa 33% schlechter als in der Mitte des 15. Jahrhunderts (nach den vergleichenden Berechnungen des Vicomte d‘Avenel in der Revue des Deux Mondes vom 15. Juni 1898). Der sozialistische Schriftsteller Karl Kautsky citierte vor Kurzem in der Neuen Zeit eine „Landesordnung“ der sächsischen Herzöge Ernst und Albert, von 1482, die den Werkleuten und Mähern befiehlt, sich zufrieden zu geben, wenn sie ausser ihrem Geldlohne täglich zweimal, mittags und abends, vier Speisen erhielten, Suppe, zwei Fleischspeisen und ein Gemüse, an Festtagen aber fünf Speisen, Suppe, zweierlei Fische und Zugemüse zu jedem. Wozu Kautsky bemerkt: „Wo gibt es einen Arbeiter, und sei es der bestgestellte Arbeiteraristokrat, der sich mittags und abends einen solchen Tisch erlauben dürfte, mit dem im 15. Jahrhundert die gewöhnlichen Tagelöhner Sachsens nicht immer zufrieden waren?“

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eine Beeinflussung des Urteils einräumen. Der berühmte Sozialökonom Jevons schreibt: „Der erste Schritt zum Verständnis besteht darin, dass wir den Wahn, als gebe es in sozialen Dingen abstrakte ‚Rechte‘, ein für allemal verwerfen.“¹) Und was das moralische Gefühl anbelangt, so weise ich darauf hin, dass die Natur überall grausam ist. Unsere Empörung vorhin gegen die verbrecherischen Könige und jetzt gegen den gaunerhaften Adel ist nichts gegen die Empörung, welche jedes biologische Studium einflösst. Sittlichkeit ist eben eine ausschliesslich innere, d. h. eine transscendente Intuition; das „Vater vergieb ihnen“ findet keinen Beleg ausserhalb des menschlichen Herzens; daher auch die Lächerlichkeit jeder empirischen, induktiven, antireligiösen Ethik. Lassen wir aber — wie es hier unsere Pflicht ist — das Moralische bei Seite, und beschränken wir uns auf die Bedeutung dieser wirtschaftlichen Entwickelung für das Leben, so genügt es, ein Fachbuch zur Hand zu nehmen, z. B. die Geschichte der Landbauwissenschaft von Fraas, und wir sehen bald ein, dass eine vollkommene Umgestaltung des Landbaues notwendig war. Ohne sie hätten wir längst in Europa so wenig zu essen gehabt, dass wir gezwungen gewesen wären, uns gegenseitig aufzufressen. Diese kleinen Bauern aber, die gewissermassen ein kooperatives Netz über die Länder ausbreiteten, hätten die notwendig gewordene Reform der Landwirtschaft niemals durchgeführt; hierzu war Kapital, Wissen, Initiative, Hoffnung auf grossen Gewinn nötig. Nur Männer, die nicht aus der Hand in den Mund leben, sind in der Lage, derartige Umgestaltungen vorzunehmen; es gehörte auch dazu die diktatorische Gewalt über
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grosse Gebiete und zahlreiche Arbeitskräfte.²) Diese Rolle
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    ¹) The state in relation to labour (nach Herbert Spencer citiert).
    ²) Dies lässt sich historisch nachweisen. Pietro Crescenzi aus Bologna veröffentlichte sein Buch über den rationellen Landbau in den ersten Jahren des 14. Jahrhunderts, bald folgten Robert Grossetête, Walter Henley u. A., welche schon eingehend die Düngung behandeln, doch zunächst fast ohne jeden Erfolg, da derartige Ausführungen bei dem Bildungsstand des Bauern diesem unzugänglich blieben. Über den geringen Ertrag des Bodens unter

991 Die Entstehung einer neuen Welt. Wirtschaft.



masste sich nun der Landadel an und machte einen guten Gebrauch davon. Als Stachel wirkte auf ihn das schnelle Aufblühen der Kaufmannschaft, welches seine eigene soziale Stellung arg bedrohte. Mit so viel Fleiss und Erfolg verlegte er sich auf das zu vollbringende Werk, dass man den Ertrag des Kornfeldes gegen Schluss des 18. Jahrhunderts auf das Vierfache des Ertrages am Schluss des 13. schätzt! Und inzwischen war der Mastochse drei Mal so schwer geworden und das Schaf trug vier Mal so viel Wolle! Das war der Erfolg des Monopols; ein Erfolg, der notwendiger Weise über kurz oder lang der Gemeinsamkeit zu gute kommen musste. Denn wir Germanen dulden nie auf die Dauer karthaginische Ausbeutung. Und während die Grossgrundbesitzer alles einsackten, sowohl den rechtmässigen Lohn ihrer Arbeiter, wie auch den Verdienst, der früher den Familien von Tausenden und Tausenden von gebildeten Landwirten bescheidenen Wohlstand verliehen hatte, suchten sich diese Kräfte auf anderen Wegen menschenwürdig durchzuarbeiten. Die Erfinder in den Textilindustrien am Schlusse des 18. Jahrhunderts sind fast alle Bauern, welche sich mit Weben abgaben, weil sie sonst nicht genug zum Leben verdienten; andere wanderten in die Kolonien aus und bauten auf ungeheuren Flächen Korn an, das mit dem heimischen in Konkurrenz trat; wieder andere wurden Matrosen und Handelsherren. Kurz, der Wert des monopolisierten Landbesitzes sank nach und nach und sinkt noch immer — wie der Wert des Geldes¹) — so dass offenbar die Gegenwelle jetzt diese Verhältnisse erfasst hat und wir dem Tage entgegeneilen, wo die Allgemeinheit auch hier ihre Rechte wieder geltend macht und das anvertraute Gut von den grossen Besitzern — wie die politischen Rechte vom König — zurückfordert. Das Frankreich der Revolution ging mit dem Beispiel voran; ein vernünftigeres gab vor dreissig Jahren ein hochherziger deutscher Fürst, der Grossherzog von Mecklenburg-Schwerin.
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der primitiven Bewirtschaftung der Bauern erhält man belehrende Auskunft bei André Réville: Les Paysans au Moyen-Age, 1896, S. 9.
    ¹) Im Jahre 1694 zahlte die englische Regierung 8½% für Geld, im Jahre 1894 kaum 2%.

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Syndikatswesen und Sozialismus
    Wer das mehrfach genannte Buch von Ehrenberg liest, wird erstaunen, wie ähnlich die finanziellen Zustände vor vier Jahrhunderten, trotz aller tiefgreifenden Unterschiede des gesamten wirtschaftlichen Zustandes, denen des heutigen Tages sind. Aktiengesellschaften gab es schon im 13. Jahrhundert (z. B. die Kölner Schiffsmühlen);¹) Wechsel waren ebenfalls damals üblich und wurden von einem Ende Europa‘s auf das andere ausgestellt; Versicherungsgesellschaften gab es in Flandern schon zu Beginn des 14. Jahrhunderts;²) Syndikate, künstliches Aufschrauben und Herunterschrauben der Preise, Bankrott . . . . .  alles blühte damals wie heute.³) Dass der Jude — dieser wichtige wirtschaftliche Faktor — blühte, versteht sich von selbst. Van der Kindere meldet lakonisch vom 14. Jahrhundert in Flandern: anständige Geldverleiher nahmen bis 6½%, Juden zwischen 60% und 200%;4) auch die so sehr breitgetretene kurze Episode des Ghettos, zwischen 1500 und 1800, hat wenig oder nichts an
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    ¹) Lamprecht: Deutsches Städteleben, S. 30.
    ²) Van der Kindere, a. a. O., S. 216.
    ³) Martin Luther verweist an verschiedenen Stellen auf „die mutwillige Teuerung“ des Getreides durch die Bauern, die er deswegen „Mörder und Diebe am Nächsten“ schilt (siehe seine Tischgespräche), und andrerseits bringt seine Schrift Von Kaufhandlung und Wucher eine ergötzliche Schilderung der damals schon blühenden Syndikate: „Wer ist so grob, der nicht sieht, wie die Gesellschaften nichts anders sind, denn eitel rechte Monopolia? . . . .  Sie haben alle Ware unter ihren Händen und machen‘s damit, wie sie wollen, und treiben ohne Scheu die obberührten Stücke, dass sie steigern oder niedrigen nach ihrem Gefallen und drücken und verderben alle geringen Kaufleute, gleichwie der Hecht die kleinen Fische im Wasser, gerade als wären sie Herren über Gottes Kreaturen, und frei von allen Gesetzen des Glaubens und der Liebe . . . . .  Darüber muss gleichwohl alle Welt ganz ausgesogen werden und alles Geld in ihren Schlauch sinken und schwemmen . . . .  Alle Welt muss in Gefahr und Verlust handeln, heuer gewinnen, über ein Jahr verlieren, aber sie (die Kapitalisten) gewinnen immer und ewiglich und büssen ihren Verlust mit ersteigertem Gewinn, und so ist‘s nicht Wunder, dass sie bald aller Welt Gut zu sich reissen.“ Diese Worte sind im Jahre 1524 geschrieben; wie man sieht, könnten sie von heute sein.
    4) A. a. O., S. 222—23.

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der Wohlhabenheit und an den Geschäftspraktiken dieses klugen Volkes geändert.
    Diese doppelte Einsicht: einerseits in das Vorwalten grundlegender, unveränderlicher Charaktereigenschaften, andrerseits in die relative Beständigkeit unserer wirtschaftlichen Zustände (trotz allem schmerzlichen Hin- und Herpendeln) wird sich, glaube ich, für die Beurteilung des 19. Jahrhunderts sehr förderlich erweisen,
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weil sie lehrt, Erscheinungen mit grösserer Gelassenheit ins Auge zu fassen, die uns heute als etwas unerhört Neues entgegentreten und doch in Wahrheit nur Uraltes in neuer Kleidung, nichts weiter als natürliche, notwendige Erzeugnisse unseres Charakters sind. Die Einen weisen heute auf die grossen Syndikatsbildungen, die Anderen im Gegenteil auf den Sozialismus hin und glauben, das Weltende herannahen zu sehen: gewiss bringen beide Bewegungen Gefahren, sobald antigermanische Mächte darin die Oberhand gewinnen,¹) doch an und für sich sind es durchaus normale Erscheinungen, in denen der Pulsschlag unseres wirtschaftlichen Lebens sich kundthut. Selbst ehe die sogenannte Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft abgelöst worden war, sieht man ähnliche wirtschaftliche Strömungen am Werke: so bedeutet z. B. die Periode der Leibeigenschaft und der Hörigkeit den notwendigen Übergang aus der antiken Sklavenwirtschaft zu allgemeiner Freiheit — zweifelsohne eine der grössten Errungenschaften germanischer Civilisation; hier wie anderwärts bei uns hat das egoistische Interesse Einzelner, beziehungsweise einzelner Klassen, das Wohl Aller bereitet, mit anderen Worten, der Kooperation hat das Monopol vorgearbeitet.²) Sobald aber die Geldwirtschaft eingeführt ist (was im 10. Jahrhundert beginnt, bei uns im Norden im 13. schon grosse Fortschritte gemacht hat und im 15. Jahrhundert vollständig durchgeführt ist), laufen die wirtschaftlichen Verhältnisse wesentlich den heutigen parallel,³)
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    ¹) Siehe S. 681 und 682.
    ²) Dies erhellt besonders deutlich aus den Ausführungen bei Michael: Kulturzustände des deutschen Volkes während des 13. Jahrhunderts, 1897, I, der ganze Abschnitt „Landwirtschaft und Bauern“.
    ³) Dem unter Ungelehrten verbreiteten Glauben, das Papier-

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nur dass natürlich neue politische Kombinationen und neue industrielle Errungenschaften den alten Adam neu aufgeputzt zeigen, sowie auch, dass die Energie, mit welcher die Gegensätze auf einander stossen, das, was man in der Physik „die Amplitude der Schwingungen“ nennt, abwechselnd zu- und abnimmt. Nach Schmoller z. B. war diese „Amplitude“ im 13. Jahrhundert mindestens ebenso gross wie im 19., dagegen im 16. bedeutend geringer.¹) Den Kapitalismus haben wir schon an dem Beispiel der Fugger am Werke gesehen; der Sozialismus war aber viel früher
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ein wichtiger Bestandteil des Lebens gewesen; fast fünf Jahrhunderte lang spielt er in der Politik Europa‘s eine bedeutende Rolle, von der Empörung der lombardischen Städte gegen ihre Grafen und Könige an bis zu den vielen Bauernorganisationen und -Aufständen in allen Ländern Europa‘s. Wie Lamprecht an einer Stelle aufmerksam macht: die Organisation der Landwirtschaft war bei uns von Hause aus „kommunistisch-sozialistisch“. Echter Kommunismus wird auch immer im Landbau wurzeln müssen, denn hier erst, bei der Produktion der unentbehrlichen Nahrungsmittel, erhält Kooperation umfassende und womöglich staatsgestaltende Bedeutung. Darum waren die Jahrhunderte bis zum 16. sozialistischer als das 19., trotz des vielen sozialistischen Geredes und Theoretisierens, das wir haben erleben müssen. Doch auch dieses Theoretisieren ist nichts weniger als neu: um nur ein einziges älteres Beispiel zu nennen, gleich der Roman de la Rose, aus dem Jahrhundert des Erwachens (dem 13.) und lange Zeit hindurch das am weitesten verbreitete Buch von Europa, greift alles Privateigentum an; und schon in den allerersten Jahren des 16. Jahrhunderts (1516) erhielt der theoretische Sozialismus in Sir Thomas More‘s Utopia einen so wohldurchdachten Ausdruck, dass alles, was seither hinzugekommen ist, gewisser-
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geld sei eine der stolzen „Errungenschaften der Neuzeit“, ist entgegenzuhalten, dass diese Einrichtung kein germanischer Gedanke ist, sondern schon im alten Karthago und im spätrömischen Imperium üblich gewesen war, wenn auch nicht genau in dieser Form (da es kein Papier gab).
    ¹) Siehe Strassburg‘s Blüte, von Michael a. a. O. citiert.

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massen nur das theoretische Anbauen und Ausbauen des von
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More deutlich abgesteckten Gebietes ist.¹) Und zwar begann
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    ¹) Dies giebt sogar der sozialistische Führer Kautsky zu (Die Geschichte des Sozialismus, 1895, I, 468) indem er meint, More‘s Auffassung sei bis zum Jahre 1847, mit anderen Worten, bis zu Marx, für den Sozialismus massgebend gewesen. Nun ist es aber klar, dass es wenig Gemeinsames geben kann zwischen den Gedanken des genannten hochbegabten Juden, welcher manche der besten Ideen seines Volkes aus Asien nach Europa herüberzupflanzen und modernen Lebensbedingungen anzupassen versuchte, und denen eines der exquisitesten Gelehrten, welche Nordgermanien jemals hervorbrachte, einer durch und durch aristokratischen, unendlich feinfühligen Natur, eines Geistes, dessen unerschöpflicher Humor seinen Busenfreund Erasmus zum „Lob der Narrheit“ anregte, eines Mannes, der in öffentlichen Ämtern — zuletzt als speaker des Parlamentes und als Schatzkanzler — grosse Welterfahrung gesammelt hatte und nunmehr freimütig und ironisch (und mit vollem Recht) die Gesellschaft seiner Zeit als „eine Verschwörung der Reichen gegen die Armen“ geisselt und einem anderen, auf echt germanischen und echt christlichen Grundlagen zu errichtenden Staat entgegensieht. Wenn More das Wort Utopia, d. h. „Nirgendswo“, für seinen Zukunftsstaat erfand, so war das auch wieder ein humoristischer Zug; denn in Wirklichkeit fasst er das gesellschaftliche Problem durchaus praktisch an, weit praktischer als manche sozialistische Doktrinäre des heutigen Tages. Er fordert: rationelle Bewirtschaftung des Bodens, Hygiene des Körpers und der Wohnung, Reform des Strafsystems, Verminderung der Arbeitsstunden, Bildung und edle Zerstreuung einem Jeden zugänglich gemacht — — — Manches ist inzwischen bei uns eingeführt worden; in den übrigen Punkten hat More, als Blut von unserem Blut, so genau gewusst, was wir brauchen, dass sein Buch, 400 Jahre alt, doch nicht veraltet ist, sondern seine Geltung behält. Gegen den damals erst in der Ausbildung begriffenen monarchischen Absolutismus wendet sich More mit der ganzen Wucht altgermanischer Überzeugung: dennoch ist er kein Republikaner, einen König soll Utopia haben. Unbeschränkte religiöse Gewissensfreiheit soll in seinem Idealstaate Gesetz sein: doch ist er nicht deswegen, wie unsere heutigen pseudomosaischen Sozialisten, ein antireligiöser, ethischer Doktrinär, im Gegenteil, wer den Gott im Busen nicht empfindet, bleibt in Utopia von allen Ämtern ausgeschlossen. Was also More von Marx und Genossen trennt, ist nicht ein Fortschritt der Zeit, sondern der Gegensatz zwischen Germanentum und Judentum. Die englische Arbeiterschaft des heutigen Tages, und namentlich solche führende Männer wie

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dieses Ausbauen sofort. Nicht allein besitzen wir vor dem Jahre 1800 eine lange Reihe von Sozialtheoretikern, unter denen der berühmte Philosoph Locke mit seinen klaren und sehr sozialistisch gearteten Auseinandersetzungen über Arbeit und Eigentum hervorragt,¹) sondern das 16., das 17. und das 18. Jahrhundert brachten eine vielleicht ebenso grosse Anzahl Versuche über ideale kommunistische Staatsumbildungen wie das 19.  Der Holländer Peter Cornelius z. B. schlägt schon im 17. Jahrhundert die Abschaffung aller Nationalitäten und die Bildung einer „Centralmagistratur“ vor, welche die Verwaltung der gemeinsamen Geschäfte der in zahlreiche „Aktiengesellschaften“ (sic) vereinigten Menschengruppen besorgen soll,²) und Winstanley entwickelt in seinem Gesetz der Freiheit (1651) ein so vollendetes kommunistisches System mit Abschaffung alles persönlichen Eigentums, Abschaffung (bei Todesstrafe) alles Kaufens und Verkaufens, Abschaffung aller spiritualistischen Religion, mit alljährlicher Neuwahl sämtlicher Beamten durch das Volk u. s. w., dass er wirklich für Nachfolger wenig übrig liess.³)

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    Ich glaube, dass diese Betrachtungen — natürlich weiter
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William Morris, stehen More offenbar viel näher als Marx; das selbe wird sich bei den deutschen Sozialisten zeigen, sobald sie mit freundlicher Bestimmtheit ihre jüdischen Führer gebeten haben werden, sich der Angelegenheiten ihres eigenen Volkes anzunehmen.
    ¹) Siehe namentlich den Second Essay on Civil Government, § 27.
    ²) Vergl. Gooch: The history of English democratic ideas, 1898, p. 209 fg.
    ³) Ziemlich Ausführliches über Winstanley in der Geschichte des Sozialismus in Einzeldarstellungen, I, 594 fg.  E. Bernstein, der Verfasser dieses Abschnittes, ist überhaupt der Wiederentdecker Winstanley‘s; doch hält sich Bernstein an eine einzige Schrift und hat ausserdem so gar kein Verständnis für einen germanischen Charakter, dass man über Winstanley‘s Persönlichkeit in dem kleinen Werk von Gooch, p. 214 fg., 224 fg., viel mehr erfahren wird. — Die schärfste Abweisung aller kommunistischen Ideen zu jener Zeit finden wir wohl bei Oliver Cromwell, der — obwohl er selber ein Volksmann war — den Vorschlag, das allgemeine Wahlrecht für das Parlament einzuführen, energisch verwarf, als eine Einrichtung, die „notwendig zur Anarchie führe“.

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ausgeführt und durchdacht — Manchem für ein besseres Verständnis unserer Zeit von Nutzen sein werden. Allerdings ist im 19. Jahrhundert ein neues Element gewaltig umgestaltend hinzugetreten: die   M a s c h i n e,   jene Maschine, von welcher der soeben genannte gute und gedankenreiche Sozialist William Morris sagt: „Wir sind die Sklaven der Ungeheuer geworden, die unsere eigene Schöpferkraft geboren hat.“¹) Die Menge des Elends, das die Maschine im 19. Jahrhundert verursacht hat, lässt sich durch keine Ziffern darstellen, sie übersteigt jede Fassungskraft. Es scheint mir wahrscheinlich, dass das 19. Jahrhundert das „schmerzensreichste“ aller bekannten Zeiten war, und zwar hauptsächlich in Folge des plötzlichen Aufschwunges der Maschine. Im Jahre 1835, kurz nach der Einführung des Maschinenbetriebes in Indien, berichtete der Vicekönig: „Das Elend findet kaum eine Parallele in der Geschichte des Handels. Die Knochen der Baumwollweber bleichen die Ebenen Indiens.“²) Das war in grösserem Massstabe die Wiederholung des selben namenlosen Elends, das die Einführung der Maschine überall heraufbeschworen hat. Schlimmer noch — denn jener Hungertod trifft nur die eine Generation — ist die Herabdrückung Tausender und Millionen von Menschen aus relativem Wohlstand und aus Unabhängigkeit zu andauernder Sklaverei und ihre Vertreibung aus gesundem Landleben in das jämmerliche licht- und luftlose Dasein der grossen Städte.³) Und doch darf man bezweifeln, ob
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    ¹) Signs of Change, p. 33.
    ²) Citiert nach May: Wirtschafts- und handelspolitische Rundschau für das Jahr 1897, S. 13. — Harriett Martineau meldet mit bestrickender Naivetät in ihrem vielgelesenen British rule in India, p. 297, die armen englischen Beamten hätten ihre übliche allabendliche Lustfahrt einstellen müssen wegen des fürchterlichen Gestankes der Leichen.
    ³) Die Arbeiter der Textilindustrie lebten z. B. bis gegen Schluss des 18. Jahrhunderts fast alle auf dem Lande und gaben sich zugleich mit Feldarbeiten ab. Dabei waren sie unvergleichlich besser gestellt als heute (siehe Gibbins: a. a. O., S. 154, und man lese auch das achte Kapitel des ersten Buches von Adam Smith‘s: Wealth of nations). Um den heutigen Zustand der Arbeiter vieler Industriezweige in demjenigen Lande Europa‘s, wel-

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diese Umwälzung (abgesehen davon, dass sie eine viel zahlreichere Bevölkerung traf) grössere Härten und eine intensivere allgemeine Krisis verursacht hat als der Übergang des Handels von der Naturalwirtschaft zur Geldwirtschaft, oder des Land-
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baues von der Naturwirtschaft zur Kunstwirtschaft. Gerade die ungeheure Schnelligkeit, mit welcher das Fabrikwesen sich ausgedehnt hat, dazu die gleichzeitig fast ins Unbeschränkte erweiterte Möglichkeit der Auswanderung, hat die unumgängliche Grausamkeit dieser Entwickelung einigermassen gemildert.
    Wir haben gesehen, wie genau dieser wirtschaftliche Umschwung durch den individuellen Charakter des Germanen vorausbedingt war. Sobald die leidige Politik nur einen Augenblick ruhig Atem schöpfen liess, sahen wir im 13. Jahrhundert Roger Bacon, im 15. Leonardo da Vinci das Werk der Erfindung vorwegnehmen, dessen Verwirklichung Jahrhunderte hindurch nur äusserlich verhindert werden sollte. Und ebensowenig wie Teleskop und Lokomotive ein schlechterdings Neues, etwa die Frucht einer geistigen Entwickelung sind, ebensowenig ist irgend etwas in unserem heutigen wirtschaftlichen Zustand grundsätzlich neu, und sei es als Erscheinung noch so verschieden von früheren Zuständen. Wir werden die wirtschaftliche Lage der Gegenwart erst dann richtig beurteilen, wenn wir gelernt haben, die Grundzüge unseres Charakters in den vergangenen Jahrhunderten überall am Werke zu erkennen: der selbe Charakter ist auch heute am Werke.
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ches die besten Löhne zahlt, nämlich England, kennen zu lernen, empfehle ich R. H. Sherard: The white slaves of England (Die weissen Sklaven Englands), 1897.



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