Hereunder follows the transcription of chapter 9B5 of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts (Foundations of the 19th century), 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B5 van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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5. Politik und Kirche (von der Einführung des Beichtzwanges, 1215, bis zur französischen Revolution).

Die Kirche
    Inwiefern ich bei diesem Überblick Politik und Kirche als zusammengehörig betrachte, habe ich S. 735 auseinandergesetzt; die tieferen Gründe dieser Zusammengehörigkeit sind in der Einleitung zum Abschnitt „Der Kampf“ berührt.¹) Ausserdem wird wohl Niemand leugnen, dass in der Entwickelung Europa's seit dem 13. Jahrhundert die thatsächlich bestehenden Beziehungen zwischen Kirche und Politik in manchen wichtigsten Dingen von ausschlaggebender Bedeutung waren, und praktische Politiker behaupten einstimmig, eine vollkommene Trennung der Kirche vom politischen Staate — d. h. also die Indifferenz des Staates in Bezug auf kirchliche Dinge — sei auch heute noch undurchführbar. Prüft man die darauf bezüglichen Argumente der konservativsten Staatsmänner, so wird man sie stichhaltiger finden als die ihrer doktrinären Gegner. Man schlage z. B. das Buch Streitfragen der Gegenwart von Constantin Pobedonoszew auf.
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Dieser bekannte russische Staatsminister und Oberprocureur des heiligen Synods kann als vollendeter Typus eines Reaktionärs gelten; ein freidenkender Mann wird nicht häufig in der Lage sein, in politischen Dingen mit ihm übereinzustimmen; ausserdem ist er ein orthodox kirchlicher Christ. Er meint nun, die Kirche   k ö n n e   vom Staat nicht getrennt werden, nicht auf die Dauer wenigstens, und zwar weil sie dann unfehlbar „bald das Übergewicht über den Staat gewinnen“ und zu einem Umsturz im theokratischen Sinne führen würde! Diese Behauptung seitens eines Mannes, der in kirchliche Dinge so genau eingeweiht ist und der Kirche die grösste Sympathie entgegenbringt, scheint mir höchst beachtenswert. Er fürchtet ebenfalls, dass, sobald der Staat die Indifferenz gegen die Kirche als Prinzip einführt, „der Priester sich in die Familie hineindrängen wird, an die Stelle des
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    ¹) Siehe auch Allgemeine Einleitung, S. 19.

1000 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



Vaters“. ¹) Pobedonoszew schreibt also der Kirche eine so enorme politische Bedeutung zu, dass er als erfahrener Staatsmann für den Staat und als gläubiger Christ für die Religion fürchtet, sobald man ihr die Zügel schiessen liesse. Das mag manchem Liberalen zu denken geben! Mir dient es einstweilen als Rechtfertigung meines Standpunktes, wenn ich auch von ganz anderen Voraussetzungen ausgehe und auf ganz andere Ziele hinsteuere als der Ratgeber des Autokraten aller Reussen.
    Ich beabsichtige nämlich, da dieser Abschnitt wie die übrigen notgedrungen sehr kurz gehalten sein muss, mein Augenmerk fast lediglich auf die Rolle der Kirche in der Politik der letzten sechshundert Jahre zu richten, denn gerade hiermit glaube ich dasjenige zu treffen, was als verhängnisvolles Erbe früherer Zeiten noch heute lebt. Schon Gesagtes braucht nicht wiederholt zu werden, und ebenso überflüssig wäre es, das, was Jeder seit der Schule weiss, hier noch einmal zusammenzufassen.²) Hier dagegen winkt uns Neues und der Lohn eines tiefen Einblickes in die innerste Werkstatt weltgestaltender Politik. Sonst ist ja Politik meist nur ein Anpassen, ein Anbequemen, das Gestern hat für das Heute wenig Interesse; hier aber erblicken wir die bleibenden Motive und lernen einsehen, warum nur bestimmte Anpassungen glückten, nicht andere.

840 Martin Luther
    Die Reformation ist der Mittelpunkt der politischen Entwickelung Europa's von 1200 bis 1800; sie hat für die Politik eine ähnliche Bedeutung wie sie die Einführung des Beichtzwanges durch die Synode des Jahres 1215 für die Religion gehabt hat. Durch die Beichte (nicht allein der grossen, öffentlich bekannten und gebüssten Sünden, wie früher, sondern der täglichen, dem Priester im Geheimen anvertrauten Vergehen) war der römischen Religion eine doppelte — sie vom Evangelium Christi immer
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    ¹) Deutsche Übersetzung von Borchardt und Kelchner, 3. Aufl., S. 10 fg., 24 fg.
    ²) Siehe im vorigen Abschnitt, S. 827, die Andeutung über den monarchischen Absolutismus als ein Mittel zur Erlangung der nationalen Unabhängigkeit und zur Wiedereroberung der Freiheit; ausserdem die Bemerkungen S. 809 fg. und das ganze achte Kapitel.

1001 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



weiter entfernende — Richtung unabweisbar aufgezwungen: einerseits zur immer unbedingteren Priesterherrschaft, andrerseits zur immer grösseren Abschwächung des inneren religiösen Momentes; kaum fünfzig Jahre nach dieser vatikanischen Synode, und schon wurde gelehrt: zum Sakramente der Busse bedürfe es nicht der Herzensreue (contritio), es genüge die Furcht vor der Hölle (attritio). Die Religion war nunmehr vollkommen veräusserlicht, der Einzelne dem Priester bedingungslos ausgeliefert. Der Beichtzwang bedeutet das vollkommene Opfer der Person. Hiergegen regten sich die Gewissen ernster Menschen in ganz Europa. Doch erst die Reformationsthätigkeit Luther's hat jene religiöse Gährung, die schon Jahrhunderte die Christenheit durchdrang,¹) zu einer politischen Macht umgestaltet, und zwar dadurch, dass sie die vielen religiösen Fragen zu einer kirchlichen Frage umwandelte. Hierdurch erst ward es möglich, einen entscheidenden Schritt zur Befreiung zu thun. Luther ist vor Allem ein   p o l i t i s c h e r   Held; um ihn gerecht zu beurteilen, um seine überragende Stellung in der Geschichte Europa's zu begreifen, muss man das wissen. Darum jene merkwürdigen, vielbedeutenden Worte: „Nun, meine lieben Fürsten und Herren, ihr eilet fast mit mir armen einigen Menschen zum Tode; und wenn das geschehen ist, so werdet ihr gewonnen haben. Wenn ihr aber Ohren hättet, die da höreten, ich wollte euch etwas Seltsames sagen. Wie, wenn des Luther's Leben so viel vor Gott gülte, dass,   w o   e r   n i c h t   l e b e t e,   e u e r   K e i n e r   s e i n e s   L e b e n s   o d e r   H e r r s c h a f t   s i c h e r   w ä r e,   und dass sein Tod euer Aller Unglück sein würde?“ Welch ein politischer Scharfblick! Denn dass die Fürsten, die sich nicht unbedingt Rom unterwarfen, ihres Lebens nicht sicher waren, hat die Folge häufig bestätigt; dass die anderen aber eine unabhängige Herrschaft nach römischer Lehre nicht besassen, noch jemals besitzen konnten, ist im achten Kapitel an der Hand nicht allein
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zahlreicher päpstlicher Bullen, sondern der unausbleiblichen Folgerungen aus den imperial-theokratischen Voraussetzungen un-
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    ¹) Siehe S. 613 fg.

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widerleglich gezeigt worden.¹) Ergänzt man nun die angeführte Stelle durch jene vielen anderen, wo Luther die Unabhängigkeit des „weltlichen Regiments“ betont und sie aus der Hierarchie eines göttlich Eingesetzten vollkommen losreisst, wo er „das geistliche Recht von dem ersten Buchstaben bis an den letzten zu Grund ausgetilgt“ wissen will, so liegt die wesentlich politisch-nationale Natur seiner Reformation klar vor Aller Augen. So spricht er z. B. an einer Stelle: „Christus machet nicht Fürsten oder Herren, Bürgermeister oder Richter, sondern dasselbige be-
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    ¹) Ich kenne kein packenderes Dokument über den von Rom aus betriebenen Fürstenmord als die Klage Francis Bacon's (im Jahre 1613 oder 1614?) gegen William Talbot, einen irischen Rechtsanwalt, der zwar den Treueid zu leisten bereit gewesen war, jedoch, was eine eventuelle Verpflichtung, den exkommunizierten König zu ermorden anbetreffe, erklärt hatte, er unterwerfe sich hierin wie in allen anderen „Glaubensdingen“ den Beschlüssen der römischen Kirche. Lord Bacon giebt bei dieser Gelegenheit eine gedrängte Darstellung der Ermordung Heinrich's III. und Heinrich's IV. von Frankreich und der verschiedenen Attentate von der selben Seite auf das Leben der Königin Elisabeth und König Jakob's I. Aus diesem knappen zeitgenössischen Bericht weht einem jene Atmosphäre des Meuchelmordes entgegen, die drei Jahrhunderte lang, vom Thron bis zur Bauernhütte, die aufstrebende Welt der Germanen umgeben sollte. Hätte Bacon später gelebt, er hätte viel Gelegenheit zur Ergänzung gehabt; namentlich Cromwell, der sich zum Vertreter des Protestantismus in ganz Europa aufgeworfen hatte, schwebte in täglicher, stündlicher Gefahr. Wenn heute ein irregeleiteter Proletarier einen Anschlag auf das Leben eines Monarchen unternimmt, schreit die ganze gesittete Welt voll Empörung laut auf, und regelmässig wird verkündet, das seien die Folgen des Abfalles von der Kirche; doch früher lautete das Lied ganz anders, da waren die Mönche die Königsmörder, und Gott hatte ihnen die Hand geführt. So rief z. B. Papst Sixtus V. jubelnd im Konsistorium aus, als er die Mordthat des Dominikaners Clément erfuhr: „che'l successo della morte del re di Francia si ha da conoscer dal voler espresso del signor Dio, e che perciò si doveva confidar che continuarebbe al haver quel regno nella sua prottetione“ (Ranke: Päpste, 9. Aufl., II, 113). Dass Thomas von Aquin den Tyrannenmord zu den „gottlosen Mitteln“ gerechnet hatte, fand hier natürlich keine Anwendung, denn es handelte sich nicht um Tyrannen, sondern um Häretiker (und diese sind vogelfrei, siehe S. 679), oder um allzu freiheitlich gesinnte Katholiken, wie Heinrich IV.

1003 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



fiehlet er der Vernunft; diese handelt von äusserlichen Sachen, da müssen Obrigkeit sein.“¹) Das ist doch der genaueste Gegensatz zu der römischen Lehre, nach welcher jede weltliche Stellung — ob Fürst oder Knecht — jeder Beruf — ob Lehrer oder Doktor — als ein kirchliches Amt aufzufassen ist (siehe S. 672),
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und wo vor Allem der Monarch in Gottes — nicht in der Vernunft — Auftrag regiert. Da mag man wohl mit Shakespeare ausrufen: „Politik, o du Häretiker!“ Vollendet wird dieses politische Gebäude durch die stete Betonung der   d e u t s c h e n   N a t i o n   im Gegensatz zu den „Papisten“. An den „Adel deutscher Nation“ wendet sich der deutsche Bauernsohn, und zwar, um ihn aufzurufen gegen den Fremden, nicht aber dieses oder jenes subtilen Dogmas wegen, sondern im Interesse der nationalen Unabhängigkeit und der Freiheit der Person. „Der Papst und die Seinen mögen sich nicht rühmen, dass sie deutscher Nation gross gut gethan haben mit Verleihung dieses römischen Reiches. Zum ersten darum, dass sie nichts Gutes uns darinnen gegönnt, sondern unsere Einfältigkeit dabei gemissbraucht haben, zum anderen, weil der Papst dadurch nicht uns, sondern   s i c h   s e l b s t   d a s   K a i s e r t u m   z  u   z u e i g n e n   g e s u c h t   h a t,   um sich alle unsere Gewalt, Freiheit, Gut, Leib und Seele zu unterwerfen, und durch uns (wo es Gott nicht gewehrt hätte) alle Welt.“²) Luther ist der erste Mann, der sich der Bedeutung des Kampfes zwischen Imperialismus und Nationalismus vollkommen bewusst ist; Andere hatten sie nur geahnt und sich entweder, wie die gebildeten Bürger der meisten deutschen Städte, auf das religiöse Thema beschränkt, hier deutsch gefühlt und gehandelt, doch ohne die Notwendigkeit einer kirchlich-politischen Empörung einzusehen, oder aber sie führten hochfliegende, kühne Pläne im Schilde, wie Sickingen und Hutten, von denen Letzterer als sein klares Ziel erkannte, „die römische Tyrannei
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    ¹) Von weltlicher Obrigkeit.
    ²) Sendschreiben an den christlichen Adel deutscher Nation. Eine Behauptung, die ein unverdächtiger Zeuge, Montesquieu, später bestätigt: „Si les Jésuites étaient venus avant Luther et Calvin, ils auraient été les maîtres du monde“ (Pensées diverses).

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brechen und der wälschen Krankheit ein Ziel setzen“; es fehlte ihnen aber das Verständnis für die breiten Grundlagen, welche gelegt werden mussten, sollte man einer so starken Festung wie Rom den Krieg mit Aussicht auf Erfolg erklären können.¹) Da-
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gegen Luther, während er Fürsten, Adel, Bürgertum, Volk zum Kampf aufruft, es durchaus nicht bei diesem negativen Werke der Auflehnung gegen Rom bewenden lässt, sondern im selben Augenblicke den Deutschen eine ihnen allen gemeinsame, sie alle verbindende Sprache schenkt und die eigentliche politische Organisation an den zwei Punkten anfasst, die für die Zukunft des Nationalismus entscheidend waren: Kirche und Schule.
    Wie unmöglich es ist, eine Kirche halb-national, also unabhängig von Rom zu halten, ohne sie aus der römischen Gemeinschaft entschlossen auszuscheiden, hat die fernere Geschichte gezeigt. Sowohl Frankreich wie Spanien und Österreich haben sich geweigert, die Beschlüsse des Konzils von Trient zu unterschreiben, und namentlich Frankreich hat, so lange es Könige
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    ¹) Um einzusehen, wie allgemein die religiöse Empörung gegen Rom in ganz Deutschland geraume Zeit vor Luther war, sind die verschiedenen Schriften Ludwig Keller's zu empfehlen und zwar von den mir bekannten besonders die kleinste, betitelt: Die Anfänge der Reformation und die Ketzerschulen (in den von der Comenius-Gesellschaft herausgegebenen Schriften erschienen). Ein unverdächtiger Zeuge der Stimmung, welche durch ganz Deutschland zu Zeiten Luther's wehte, ist der berühmte Nuntius Aleander, der von Worms aus (am 8. Februar 1521) dem Papst berichtet, neun Zehntel der Deutschen seien für Luther, und das übrige Zehntel, wenn auch nicht gerade für Luther eingenommen, rufe dennoch: Tod dem römischen Hofe! Dass fast der gesamte deutsche Klerus im Herzen gegen Rom und für die Reformation sei, betont Aleander öfters. (Siehe die von Kalkoff herausgegebenen Depeschen vom Wormser Reichstage, 1521.) Luther's Rolle in dieser allgemeinen Erhebung der Geister hat Zwingli genau bezeichnet, indem er ihm schrieb: „Nicht wenige Männer hat es früher gegeben, die die Summa und das Wesen der evangelischen Religion eben so gut erkannt hatten als Du. Aber aus dem ganzen Israel wagte es Niemand, zum Kampfe hervorzutreten, denn sie fürchteten jenen mächtigen Goliath, der mit dem furchtbaren Gewicht seiner Waffen und Kräfte in drohender Haltung dastand.“

1005 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



besass, wacker für die Sonderrechte seiner gallikanischen Kirche und Priesterschaft gestritten; doch nach und nach gewann die starreste römische Doktrin immer mehr Boden, und heute wären diese drei Länder froh, wenn sie den längst überholten, verhältnismässig freiheitlichen Standpunkt der Tridentiner Tage als Gnadengeschenk erhielten. Und was Luther's Schulreformen betrifft — von ihm mit all der Macht angestrebt, über die ein vereinzelt stehender Riese verfügen kann — so ist der beste Beweis seines politischen Scharfblickes daraus zu entnehmen, dass die Jesuiten sofort in seine Fusstapfen traten, Schulen gründeten und Lehrbücher verfassten mit genau den selben Titeln und der selben Anordnung wie die Luther's.¹) Gewissensfreiheit ist eine schöne
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Errungenschaft, insofern sie eine Grundlage für echte Religiosität abgiebt; doch ist die moderne Voraussetzung, jede Kirche vertrage sich mit jeder Politik, eine Tollheit. In der künstlichen Organisation der Gesellschaft bildet die Kirche das innerste Rad, d. h. einen wesentlichen Teil des politischen Uhrwerkes. Freilich kann diesem Rade in dem Gesamtmechanismus eine grössere oder geringere Wichtigkeit zukommen, doch ist es unmöglich, dass seine Struktur und Thätigkeit ohne Einfluss auf das Ganze bleibe. Wer kann denn die Geschichte der europäischen Staaten vom Jahre 1500 bis zum Jahre 1900 betrachten, ohne zugeben zu müssen, dass die römische Kirche sichtbar einen gewaltigen Ein-
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    ¹) Nie fühlt man den warmen Herzschlag des prächtigen Germanen mehr, als jedesmal wenn Luther auf Erziehung zu sprechen kommt. Dem Adel hält er vor, wenn er mit Ernst nach einer Reformation trachte, so solle er vor Allem „eine gute Reformation der Universitäten“ durchsetzen. In seinem Sendschreiben an die Bürgermeister und Ratsherren aller Städte in deutschen Landen ruft er in Bezug auf die Schulen aus: „Hier wäre billig, dass, wo man einen Gulden gäbe, wider die Türken zu streiten, wenn sie uns gleich auf dem Halse lägen, hier hundert Gulden gegeben würden, ob man gleich nur einen Knaben könnte damit aufziehen — — —“, und er ermahnt jeden einzelnen Bürger, das viele Geld, das er bisher auf Messen, Vigilien, Jahrtage, Bettelmönche, Wallfahrten „und was des Geschwürms mehr ist“ verloren habe, nunmehr „zur Schule zu geben, die armen Kinder aufzuziehen, das so herzlich wohl angelegt ist“.

1006 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



fluss auf die politische Geschichte der Nationen ausübe? Man blicke auf die (der überwiegenden und massgebenden Mehrzahl nach) der römisch-katholischen Kirche angehörigen Nationen, und man blicke auf die sogenannten „protestantischen“, d. h. nichtrömischen Nationen! Das Urteil wird möglicher Weise verschieden ausfallen; doch wer wird den Einfluss der Kirche in Abrede stellen? Mancher wird vielleicht hier einwerfen, es handle sich um Rassenunterschiede, und ich habe selber so grosses Gewicht auf die physische Gestaltung als Grundlage der sittlichen Persönlichkeit gelegt, dass ich der Letzte wäre, die Berechtigung dieser Ansicht zu bestreiten;¹) doch ist nichts gefährlicher als Geschichte aus einem einzigen Prinzipe herauskonstruieren zu wollen; die Natur ist unendlich verwickelt; was wir als Rasse bezeichnen, ist innerhalb gewisser Grenzen ein plastisches Phänomen, und wie das Physische auf das Intellektuelle, so kann auch das Intellektuelle auf das Physische zurückwirken. Man nehme z. B. an, die religiöse Reform, welche im spanischen Adel gotischer Abkunft eine Zeit lang so hohe Wellen schlug, hätte in einem feurigen, verwegenen Fürsten den Mann gefunden, fähig die Nation — und wäre es auch mit Feuer und Schwert gewesen — von Rom loszureissen (ob er den Lutheranern, Zwinglianern, Calvinisten oder irgend einer anderen Sekte angehört hätte, ist erwiesenermassen durchaus nebensächlich, entscheidend ist allein die vollkommene Trennung von Rom): glaubt irgend Jemand, dass Spanien, und sei seine Bevölkerung noch so sehr mit iberischen und völkerchaotischen Elementen durchsetzt, heute da stünde, wo es steht? Gewiss glaubt das Niemand, Niemand wenigstens, der, wie ich, diese edlen, tapferen
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Männer, diese schönen, feurigen Frauen gesehen hat und aus eigener Anschauung weiss, wie diese arme Nation von ihrer Kirche geknechtet und geknebelt und (wie der Engländer sagt) „geritten“ wird, wie dort der Klerus jede individuelle Spontaneität in der Knospe knickt, wie er die krasse Ignoranz begünstigt und den kindischen, entwürdigenden Aberglauben und Götzendienst
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    ¹) Siehe S. 313, 575, etc.

1007 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



systematisch grosszieht. Und dass es nicht der Glaube an und für sich ist, ich meine, dass es nicht das Fürwahrhalten dieses oder jenes Dogmas ist, sondern die Kirche als politische Organisation, was diese Wirkung ausübt, ersieht man daraus, dass dort, wo die römische Kirche in freieren Ländern ihr Existenzrecht im Kampfe mit anderen Kirchen behaupten muss, sie auch andere Formen annimmt, geeignet, Männer zu befriedigen, die auf der höchsten Kulturstufe stehen. Man ersieht es noch besser daraus, dass dem lutherischen wie auch den übrigen protestantischen Dogmengebäuden — rein als solchen — keine sehr hohe Bedeutung zukommt. Der schwache Punkt war bei Luther seine Theologie;¹) wäre sie seine Stärke gewesen, er hätte zu seinem politischen Werke nicht getaugt, seine Kirche auch nicht. Rom ist ein politisches System; ihm musste ein anderes politisches System entgegengestellt werden; sonst blieb es ja bei dem alten Kampf, der schon anderthalb Jahrtausende gewährt hatte, zwischen Rechtgläubigkeit und Irrgläubigkeit. Wohl mag Heinrich von Treitschke den Calvinismus „den besten Protestantismus“ nennen, wenn es ihm beliebt;²) Calvin war ja in der That der eigentliche rein religiöse Kirchenreformator und der Mann der unerbittlichen Logik; denn nichts folgt klarer aus der konsequent durchgeführten Lehre von der Prädestination als die Geringfügigkeit kirchlicher Handlungen und die Nichtigkeit priesterlicher Ansprüche; doch sehen wir, dass diese Lehre Calvin's viel zu rein theologisch war, um die römische Welt aus den Angeln zu heben; dazu war sie ausserdem zu ausschliesslich rationalistisch. Anders ging Luther, der deutschpatriotische Politiker, zu Werke. Nicht dogmatische Tüfteleien füllten sein Denken aus; vielmehr kamen diese erst in zweiter Reihe; voran ging die Nation: „Für meine Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen!“ — so rief der prächtige Mann. Die Vaterlandsliebe war in ihm das Unbe-
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    ¹) Harnack: Dogmengeschichte, Grundriss, 2. Aufl. S. 376, schreibt: „Luther beschenkte seine Kirche mit einer Christologie, die an scholastischem Widersinn die thomistische weit hinter sich liess.“
    ²) Historische und politische Aufsätze, 5. Aufl., II, 410.

1008 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



dingte, die Gottesgelahrtheit das Bedingte, in welchem er die
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Mönchskutte niemals völlig abwarf. Einer der namhaften protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts, Paul de Lagarde, sagt von Luther's Theologie: „In der lutherischen Dogmatik sehen wir das katholisch-scholastische Gebäude unangetastet vor uns stehen bis auf einzelne loci, die weggebrochen und durch einen neuen, mit der alten Architektur nicht durch den Stil, sondern nur durch Mörtel in Verbindung gebrachten Anbau ersetzt sind“;¹) und der berühmte Dogmatiker Adolf Harnack, ebenfalls kein Katholik, bestätigt dieses Urteil, indem er die lutherische Kirchenlehre (wenigstens in ihrer weiteren Ausbildung) „eine kümmerliche Doublette zur katholischen Kirche“ nennt.²) Dies ist von den genannten protestantischen Gelehrten als Tadel gemeint; wir aber, vom rein politischen Standpunkt aus die Sache betrachtend, werden unmöglich tadeln können; denn wir sehen, dass diese Beschaffenheit der lutherischen Reform eine Bedingung für den politischen Erfolg war. Ohne die Fürsten war nichts zu machen. Wer wird im Ernste behaupten wollen, die reformfreundlichen Fürsten hätten in und aus religiöser Begeisterung gehandelt? Die Finger einer einzigen Hand wären schon viel zu zahlreich für diejenigen unter ihnen, auf welche eine derartige Behauptung allenfalls Anwendung fände. Politisches Interesse und politischer Ehrgeiz, gestützt auf ein Erwachen des Nationalitätsbewusstseins, waren massgebend. Doch waren alle diese Männer, sowie die Nationen alle, in der römischen Kirche aufgewachsen, deren starker Zauber noch auf ihren Geistern lag. Indem ihnen Luther nun eine „Doublette“ der römischen Kirche bot, spitzte er die vorhandene Erregung auf ihren politischen Inhalt zu, ohne die Gewissen mehr als nötig zu beunruhigen. Das Lied, das mit den Worten:
Ein' feste Burg ist unser Gott
beginnt, endet
Das Reich muss uns doch bleiben.
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    ¹) Über das Verhältnis des deutschen Staates zu Theologie, Kirche und Religion.
    ²) Dogmengeschichte, § 81.

1009 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



Das war die rechte Tonart. Und es ist vollkommen falsch, wenn Lagarde behauptet, „es blieb alles beim Alten.“ Die Trennung von Rom, die Luther sein Leben lang mit so leidenschaftlichem Ungestüm verfocht, war die gewaltigste politische Umwälzung, welche überhaupt stattfinden konnte. Durch sie ist dieser Mann der Angelpunkt der Weltgeschichte geworden. Denn wie jämmer-
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lich auch der weitere Verlauf der Reformation sich in mancher Beziehung gestalten sollte — wo habgierige, bigotte und (um mit Treitschke zu reden) „beispiellos unfähige“ Fürsten das endlich erwachte Germanien, so weit sie es vermochten, mit Feuer und Schwert wieder entgermanisierten und der Pflege der Basken und ihrer Kinder anvertrauten — Luther's That ging doch nicht unter, und zwar deswegen nicht, weil sie auf fester politischer Grundlage ruhte. Es ist lächerlich, die sogenannten „Lutheraner“ zu zählen und danach Luther's Wirken zu ermessen; denn dieser Held hat die ganze Welt emanzipiert, und der heutige Katholik verdankt es ihm ebenso sehr wie jeder Andere, wenn er ein freier Mann ist.¹)
    Dass Luther mehr ein Politiker als ein Theolog war, schliesst natürlich nicht aus, dass die lebendige Kraft zu seinem Thun aus einem tiefinneren Quell floss: aus seiner Religion, die wir mit seiner Kirche nicht verwechseln wollen. Doch gehört das nicht in diesen Abschnitt; hier genügt es, das Eine zu sagen, dass Luther's inbrünstige Vaterlandsliebe ein Teil seiner Religion war. Aber auch ein Weiteres ist bemerkenswert, dass nämlich, sobald die Reformation als Schilderhebung gegen Rom aufgetreten war,
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    ¹) Über Luther's befreiende That, welche der ganzen Welt, auch den stockkatholischen Staaten zugute gekommen ist, sagt Treitschke (Politik I, 333): Seit Martin Luther's grosser befreienden That ist mit der alten Lehre (der Überlegenheit der Kirche über den Staat) ganz und für immer nicht bloss in den evangelischen Ländern gebrochen worden. Man wird es einem Spanier allerdings nicht begreiflich machen, dass Spanien Martin Luther die Selbständigkeit seiner Krone verdankt. Luther sprach den grossen Gedanken aus, dass der Staat an sich eine sittliche Ordnung sei, ohne dass er der Kirche seinen schützenden Arm zu leihen brauche; hiebei liegt sein grösstes politisches Verdienst.“

1010 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



die religiöse Gährung, welche schon seit Jahrhunderten die Gemüter wie in einem beständigen Fieber erhalten hatte, fast plötzlich aufhörte. Religionskriege finden freilich statt, in denen aber ganz ruhig Katholiken (wie Richelieu) sich mit Protestanten gegen andere Katholiken verbinden. Hugenotten ringen zwar mit Gallikanern um die Vorherrschaft, und Papisten und Anglikaner köpfen sich gegenseitig fleissig; überall steht jedoch das politische Moment im Vordergrunde. Der Protestant sagt nicht mehr das ganze Evangelium auswendig her, neue Interessen nehmen jetzt sein Denken in Anspruch; nicht einmal der fromme Herder kann im kirchlichen Sinne des Wortes gläubig genannt werden, er hat zu wahrhaftig auf die Stimme der Völker und auf die Stimme der Natur gelauscht; und der Jesuit, als Beichtvater der Monarchen und als Bekehrer der Völker, drückt beide Augen vor allen dogmatischen Verirrungen zu, wenn nur die Macht Rom's gefördert wird. Man sieht, wie der mächtige Impuls, der von Luther ausgeht, die Menschen hinwegtreibt von den kirchlich-religiösen Dingen; gewiss, sie gehen nicht alle in einer Richtung, sondern stieben auseinander, doch ist die Tendenz — die wir auch im 19. Jahrhundert bemerken können — eine zunehmende Gleichgültigkeit, und zwar eine Gleichgültigkeit, welche die nichtrömischen Kirchen, als die schwächsten, zuerst trifft. Auch dies ist ein politisch-kirchliches Moment von höchster Wichtigkeit
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für das Verständnis des 17., 18. und 19. Jahrhunderts, denn es gehört zu den wenigen Dingen, die nicht (wie Mephistopheles von der Politik behauptet) immer wieder von vorne anfangen, sondern einen bestimmten Gang gehen. Man sagt und man klagt und Einige frohlocken, dies bedeute ein Abfallen von der Religion. Mit nichten glaube ich das. Denn es träfe nur zu, wenn die uns überlieferte christliche Kirche der Inbegriff der Religion wäre, und dass das nicht der Fall ist, hoffe ich klar und unwiderleglich dargethan zu haben.¹) Damit jene Behauptung zuträfe, müsste man sich ausserdem zu der Annahme erdreisten, ein Shakespeare, ein Leonardo da Vinci, ein Goethe hätten keine Religion gehabt,
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    ¹) Siehe Kap. 7.

1011 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



worüber später ein Mehreres. Nichtsdestoweniger bedeutet dieser Vorgang ohne Zweifel eine Abnahme des kirchlichen Anteils an der allgemeinen politischen Verfassung der Gesellschaft; diese Tendenz zeigt sich schon im 16. Jahrhundert (z. B. in Männern wie Erasmus und More) und wächst seitdem von Jahr zu Jahr. Sie ist einer der äusserst charakteristischen Züge in der Physiognomie der im Entstehen begriffenen neuen Welt, zugleich ein echt germanischer und überhaupt alt-indoeuropäischer Zug.
    So wenig es mir einfallen konnte, eine politische Geschichte von sechs Jahrhunderten auf zwanzig Druckseiten auch nur zu skizzieren, so notwendig war es, gerade diesen einen Punkt ins volle Licht zu setzen: dass die Reformation eine politische That ist und zwar die entscheidende unter allen. Sie erst hat den Germanen sich selbst wiedergegeben. Es bedarf, glaube ich, keines Kommentars, damit die Wichtigkeit dieser Einsicht für das Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in die Augen springe. Doch möchte ich ein Ereignis in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen: die französische Revolution.

Die französische Revolution
    Es gehört zu den erstaunlichsten Verirrungen des Menschenurteils, diese Katastrophe als den Morgen eines neuen Tages, als einen Grenzpfahl der Geschichte zu betrachten. Lediglich dadurch, dass die Reformation in Frankreich nicht zum Durchbruch hatte kommen können, wurde die Revolution unumgänglich. Frankreich war noch zu reich an unverfälscht germanischem Blute, um wie Spanien schweigend zu verrotten, zu arm daran, um sich aus der verhängnisvollen Umarmung der theokratischen Weltmacht vollends loszuringen. Die Hugenottenkriege haben von Anfang an das Missliche, dass die Protestanten nicht allein gegen Rom, sondern zugleich gegen das Königtum und dessen Bestrebungen, eine nationale Einheit herzustellen, ankämpfen,
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so dass wir das paradoxe Schauspiel erleben, die Hugenotten im Bunde mit den ultramontanen Spaniern, und ihren Gegner, den Kardinal Richelieu, im Bunde mit dem Protagonisten des Protestantismus, Gustav Adolf, zu sehen. Nun ist aber erfahrungsgemäss ein starkes Königtum überall, auch in katholischen Ländern, das mächtigste Bollwerk gegen römische Politik: ausserdem bedeutet

1012 Die Entstehung einer neuen Welt. Politik und Kirche.



es (wie wir im vorigen Abschnitt gesehen haben) den sichersten Weg zur Erlangung weitgehender individueller Freiheit auf Grundlage festgeordneter Verhältnisse. So stand denn diese Sache auf schlechten Füssen. Noch schlimmer aber erging es ihr, als die Hugenotten sich endgültig unterworfen hatten und — jede politische Hoffnung aufgebend — lediglich als religiöse Sekte zurückgeblieben waren; denn nun wurden sie hingeschlachtet und vertrieben. Die Zahl der Ausgewanderten (der Ermordeten gar nicht zu gedenken) wird auf über eine Million geschätzt. Man denke nur, was aus einer Million Menschen heute — in einer Zwischenzeit von zweihundert Jahren — für eine Macht herangewachsen wäre! Und es waren die Besten des Landes. Überall, wohin sie kamen, haben sie Fleiss, Bildung, Reichtum, sittliche Kraft, Hochthaten des Geistes gebracht. Frankreich hat den Verlust dieses Kernes seiner Bevölkerung seither nie verwunden. Nunmehr war es dem Völkerchaos und (bald darauf) dem Judentum ausgeliefert. Heute weiss man ganz genau, dass die Vernichtung und Vertreibung der Protestanten das Werk nicht des Königs, sondern der Jesuiten war; La Chaise ist der wirkliche Urheber und Durchführer der Hugenottenausrottung. Die Franzosen besassen früher ebensowenig wie andere Germanen eine Neigung zur Unduldsamkeit; ihr grosser Rechtslehrer Jean Bodin, einer der Begründer des modernen Staates, hatte im 16. Jahrhundert, obwohl selber Katholik, die unbeschränkte religiöse Toleranz und die Abweisung aller römischen Einmischung gefordert. Inzwischen hatte sich aber der nationalitätslose Jesuit — die „Leiche“ in der Hand seiner Oberen (S. 528) — bis an den Thron hinaufgeschlichen; mit der Grausamkeit und Sicherheit und Dummheit einer Bestie vertilgte er das Edelste im Lande. Und nachdem La Chaise gestorben und die Hugenotten ausgetilgt waren, kam ein anderer Jesuit, Le Tellier, daran und wusste den wollüstigen, von seinen jesuitischen Lehrern in krassester Ignoranz erzogenen König durch die Furcht vor der Hölle so ganz in seine Hände zu bekommen, dass sein Orden nunmehr zu dem nächsten Kampf im Interesse Rom's, nämlich zur Vernichtung jeder wahrhaften, auch   k a t h o l i s c h e n,   Religiosität schreiten konnte; es war dies

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der Kampf gegen den gläubigen, doch unabhängigen katholischen Klerus Frankreich's. Hier galt es, die von den frömmsten Königen der Vorzeit behauptete nationale Unabhängigkeit der gallikanischen Kirche zu vernichten und zugleich die letzten Spuren des tief innerlichen, mystischen Glaubens von Grund aus zu vertilgen, der stets gerade in der katholischen Kirche so starke Wurzeln geschlagen hatte und nunmehr in Jansen und seinen Nachfolgern zu einer weitreichenden moralischen Kraft heranzuwachsen drohte. Auch dies gelang. Wer sich über die wahren origines de la France contemporaine unterrichten will, kann es auch, ohne Taine's umfangreiches Werk zu lesen; er braucht nur die berühmte Bulle Unigenitus (1713) aufmerksam zu studieren, in welcher nicht allein zahlreiche Sätze des Augustinus, sondern die grundlegenden Lehren des Apostel Paulus als „häretisch“ verdammt werden; sodann nehme er ein beliebiges Geschichtswerk zur Hand und sehe, auf welche Weise die Annahme dieser speziell auf Frankreich gemünzten Bulle durchgesetzt wurde. Es ist ein Kampf des geistig beschränkten Fanatismus im Bunde mit dem absolut gewissenlosen politischen Ehrgeiz gegen alles, was die französische katholische Kirche noch an Gelehrsamkeit und Tugend enthielt. Die würdigsten Prälaten wurden abgesetzt und somit ins Elend gestürzt; andere, sowie viele Theologen der Sorbonne, wurden einfach in die Bastille geworfen, mithin ihre Stimme zum Schweigen gebracht; andere wiederum waren schwach, sie gaben der politischen Pression und den Drohungen nach oder liessen sich mit Geld und Pfründen kaufen.¹) Trotzdem währte der Kampf lange. In einem ergreifenden Protest forderten die mutigen unter den Bischöfen Frankreich's ein allgemeines Konzil gegen eine Bulle, welche, so sagten sie, „die
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    ¹) Von jeher war das Kaufen die beliebteste Taktik Rom's. Über die an Luther geübten Bestechungsversuche findet man den authentischen Bericht in Aleander's Brief an die Kurie vom 27. April 1521. Wie bei Eck und den Übrigen durch Geldgeschenke, Pfründen u. s. w. der Eifer für die heilige Sache warm gehalten wurde, kann man am selben Orte sehen, zugleich die Vorsicht, mit welcher den Beschenkten „unbedingtes Stillschweigen“ auferlegt wird (15. Mai 1521).

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festesten Grundlagen der christlichen Sittenlehre, ja das erste und grösste Gebot der Liebe Gottes zerstöre“; desgleichen that der Cardinal de Noailles, desgleichen die Pariser Universität und die Sorbonne — kurz, alles was in Frankreich denkfähig gebildet und ernst religiös gesinnt war.¹) Docn es geschah damals, was
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wir im 19. Jahrhundert nach dem Vatikanischen Konzil wieder erlebten: die erdrückende Macht des Universalismus siegte; einer nach dem andern brachten selbst die Edelsten das Opfer ihrer Persönlichkeit, ihrer Wahrhaftigkeit auf seinem Altare dar. Der echte Katholicismus wurde ebenso ausgerottet wie der Protestantismus ausgerottet worden war. Damit waren die Zeiten für die Revolution reif; denn sonst gab es für Frankreich nur noch — wie vorhin angedeutet — spanisches Verrotten. Dazu besass aber dies begabte Volk doch noch zuviel Lebenskraft, und so erhob es sich mit der sprichwörtlichen Wut des lange geduldigen Germanen, doch bar jedes moralischen Hintergrundes und ohne einen einzigen wirklich grossen Mann. „Nie wurde ein grosses Werk von so kleinen Menschen vollbracht,“ ruft Carlyle in Bezug auf die französische Revolution aus.²) Und man werfe nur nicht ein, dass ich die wirtschaftliche Lage unbeachtet lasse; sie ist ja allbekannt, und auch ich schätze ihren Einfluss nicht gering; doch bietet die Geschichte kein einziges Beispiel einer mächtigen Empörung, welche einzig durch wirtschaftliche Zustände bedingt gewesen wäre; der Mensch kann fast jeden Grad des Elendes ertragen, und je elender er ist, um so schwächer ist er; darum haben die grossen wirtschaftlichen Umwälzungen mit ihren bitteren Härten (siehe S. 830) trotz einzelner Aufstände immer einen verhältnismässig ruhigen Gang genommen, indem sich die Einen nach und nach an neue, ungünstigere Verhältnisse, die Anderen sich an neue Ansprüche gewöhnten. Die Geschichte bezeugt es ja auch: nicht der arme,
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    ¹) Man vergl. Döllinger u. Reusch: Geschichte der Moralstreitigkeiten in der römisch-katholischen Kirche I., Abt. 1., Kap. 5., Abschn. 7. Cardinal de Noailles nennt die Jesuiten immer kurzweg „die Vertreter der verderbten Moral“.
    ²) Critical Essays (Mirabeau).

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bedrückte Bauer hat die französische Revolution gemacht, auch nicht der Pöbel, sondern die Bürgerschaft, ein Teil des Adels und ein bedeutender Bruchteil der noch immer national gesinnten Priesterschaft, und zwar diese alle aufgeweckt und angestachelt von der geistigen Elite der Nation. Der Sprengstoff in der französischen Revolution war „graue Hirnsubstanz“. Und da ist es für ein richtiges Verständnis vor Allem nötig, jenes innerste Rad der politischen Maschine genau im Auge zu behalten, jenes Rad, bestimmt, das innerste Wesen des einzelnen Menschen mit der Allgemeinheit in Verbindung zu setzen. In einem entscheidenden Augenblick hängt hiervon alles ab. Ob man Protestant oder Katholik oder sonst was sich nenne, mag gleichgültig sein; es ist aber nicht gleichgültig, ob man am Morgen vor der Schlacht „Ein' feste Burg ist unser Gott“ singt, oder lascive Operettenlieder: das sahen wir im Jahre 1870. Dem Franzosen war nun,
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als die Revolution ausbrach, die Religion geraubt worden, und er fühlte so klar, was ihm fehlte, dass er sie von allen Seiten mit rührender Hast und Unerfahrenheit aufzubauen suchte. Die assemblée nationale hält ihre Sitzungen sous les auspices de l'Étre suprême ab; die Göttin der Vernunft wird in Fleisch und Blut — nebenbei gesagt, ein echt jesuitischer Einfall — auf den Altar gehoben; die déclaration des droits de l'homme ist ein religiöses Bekenntnis: wehe Dem, der es nicht nachbetet! Noch deutlicher erblicken wir den religiösen Bestandteil dieser Bestrebungen in dem schwärmerischten und einflussreichsten Geist unter denen, die der Revolution vorgearbeitet haben, in Jean Jacques Rousseau, dem Idol Robespierre's, einem Manne, dessen Gemüt von der einen Sehnsucht nach Religion erfüllt gewesen war.¹) Doch in allen diesen Dingen zeigt sich eine derartige Unkenntnis der Menschennatur, eine solche Seichtigkeit des Denkens, dass man Kinder oder Tollhäusler am Werke zu sehen
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    ¹) Schön und besonders anwendbar auf die Franzosen jener Zeit sind die Worte, die er seiner Héloise in den Mund legt: „peut-être vaudrait-il mieux n'avoir point de religion du tout que d'en avoir une extérieure et maniérée, qui sans toucher le coeur rassure la conscience“ (part. 3, lettre 18).

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glaubt. Durch welche Verirrung des historischen Urteilsvermögens konnte das ganze 19. Jahrhundert unter dem Wahne stehen — und sich davon tief beeinflussen lassen — die Franzosen hätten mit ihrer „grossen Revolution“ der Menschheit eine Fackel angezündet? Die Revolution ist der Ausgang einer Tragödie, die zwei Jahrhunderte gewährt hatte, deren erster Akt mit der Ermordung Heinrich's IV. schliesst, der zweite mit der Aufhebung des Edikts von Nantes, während der dritte mit der Bulle Unigenitus beginnt und mit der unausbleiblichen Katastrophe endet. Die Revolution ist nicht der Anfang eines neuen Tages, sondern der Anfang des Endes. Und wenn auch Manches und Grosses geleistet wurde, so darf man nicht übersehen, dass das nicht zum geringen Teil das Werk der Constituante war, in welcher der Marquis de Lafayette, der Comte de Mirabeau, der Abbé Graf Sieyès, der gelehrte Astronom Bailly . . . . .  lauter Männer, bedeutend durch Bildung und gesellschaftliche Stellung, die Führung inne hatten; zum anderen Teil war es aber das Werk Napoleon's. Dank der Revolution fand dieser merkwürdige Mann das Werk der Constituante, sowie die staatsmännischen Pläne der Männer vom Schlage Mirabeau's und Lafayette's vor, sonst aber tabula rasa; diese Lage nutzte er aus wie nur ein genialer, gänzlich prinzipienloser und (wenn die Wahrheit gesagt werden
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darf) wenig tiefblickender Despot das konnte.¹) Die eigentliche Revolution — le peuple souverain — hat absolut gar nichts gethan als Zerstören. Doch schon die Constituante stand unter
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    ¹) Wenn man von Napoleon's staatsmännischem Genie spricht, so vergesse man doch nicht (unter vielem andern), dass er es war, der die gallikanische Kirche endgültig zertrümmerte, somit die ungeheuere Mehrzahl der Franzosen rettungslos Rom ausliefernd und jede Möglichkeit einer echten Nationalkirche zerstörend, und dass er es war, der die Juden endgültig inthronisierte. Dieser Mann — bar jeglichen Verständnisses für geschichtliche Wahrheit und Notwendigkeit, die Verkörperung der frevelhaften Willkür — ist ein Zermalmer, nicht ein Schöpfer, im besten Falle ein Kodificierer, nicht ein Erfinder; er ist ein Sendling des Chaos, die rechte Ergänzung des Ignatius von Loyola, eine neue Personifikation des Antigermanentums.

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der Herrschaft des neuen Gottes, mit dem Frankreich die Welt beschenken sollte, des Gottes der   P h r a s e.   Man nehme nur jene vielgenannten droits de l'homme zur Hand — gegen die der grosse Mirabeau vergeblich geeifert hatte, indem er zuletzt rief: „Nennt es wenigstens nicht Rechte; sagt einfach: im allgemeinen Interesse ist bestimmt worden . . . . .“ — die aber noch heute bei ernsten französischen Politikern als die Morgenröte der Freiheit gelten. Im Eingang steht: l'oubli ou le mépris des droits de l'homme sont l'unique cause des malheurs publics. Man kann unmöglich oberflächlicher denken und falscher urteilen. Nicht, dass die Franzosen die Menschen   r e c h t e,   sondern dass sie die Menschen   p f l i c h t e n   vergassen oder verachteten, hatte das öffentliche Unglück herbeigeführt. Das erhellt aus meiner obigen Skizze zur Genüge und wird im weiteren Verlauf der Revolution auf Schritt und Tritt bestätigt. Diese feierliche Erklärung stützt sich also gleich anfangs auf eine Unwahrheit. Man kennt das Wort, das Graf Sieyès in die Versammlung hineinwarf: „Freiheit wollt ihr besitzen, und ihr versteht es noch nicht einmal, gerecht zu sein!“ Das Weitere jener Erklärung besteht dann im Wesentlichen aus einer von Lafayette besorgten Abschrift aus der Unabhängigkeitserklärung der in Amerika angesiedelten Angelsachsen, und diese Declaration selbst ist kaum mehr als ein wörtlicher Abklatsch des englischen Agreement of the People des Jahres 1647. Man begreift, dass ein so gescheiter Mann wie Adolphe Thiers in seiner Geschichte der Revolution möglichst schnell über diese Erklärung der Menschheitsrechte hinwegzugleiten sucht, indem er meint, es sei „nur schade um die Zeit, die man auf solche pseudophilosophische Gemeinplätze verschwendet habe“.¹) Die Sache darf aber nicht so
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leicht genommen werden, denn das traurige Vorwalten von abstrakter, allgemein „menschheitlicher“ Prinzipienreiterei an Stelle der staatsmännischen Einsicht in die Bedürfnisse und die Möglichkeiten eines bestimmten Volkes in einem bestimmten Augenblick wirkte fortan wie alles Schlechte ansteckend. Hoffentlich
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    ¹) Kap. 3.

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kommt der Tag, wo jeder vernünftige Mensch weiss, wo solche Dinge wie die Déclaration hingehören: nämlich in den Papierkorb.
    Rom, Reformation, Revolution: das sind drei Elemente der Politik, die in der Gegenwart noch immer weiter wirken und darum hier zu besprechen waren. Die Völker, wie die Individuen, gelangen bisweilen an Wegscheiden, wo sie sich entschliessen müssen: rechts oder links. Das war im 16. Jahrhundert der Fall für alle europäischen Nationen (mit Ausnahme Russland's und der unter türkische Herrschaft gefallenen Slaven); das seitherige Schicksal dieser Nationen wird, bis herab zum heutigen und morgigen Tage, durch die damals erfolgte Wahl in den wesentlichsten Dingen bestimmt. Frankreich hat später gewaltsam Kehrt machen wollen, doch kommt ihm die Revolution teurer zu stehen als den Deutschen ihr furchtbarer Dreissigjähriger Krieg, und nimmermehr kann sie ihm das geben, was es sich bei der Reformation entgehen liess. Die Germanen im engeren Sinne des Wortes — die Deutschen, die Angelsachsen, die Holländer, die Skandinavier — in deren Adern noch ein bedeutend reineres Blut fliesst, sehen wir seit jenem Wendepunkt immer weiter erstarken, woraus wir entnehmen dürfen, dass die Politik Luther's die richtige Politik war.¹)

Die Angelsachsen
    In dieser Beziehung wäre nun vor Allem die Ausbreitung der  Angelsachsen über die Welt als die vielleicht folgenschwerste politische Erscheinung der neueren Zeit der besonderen Beachtung wert; doch hat diese Erscheinung erst im Laufe des 19. Jahrhunderts ihre fast unermessliche Bedeutung zu entfalten begonnen, so dass hier einige Andeutungen genügen mögen, während das Übrige zur Besprechung von Gegenwart und Zukunft gehört.
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Eines fällt hier sofort in die Augen: dass diese ungeheuere Aus-
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    ¹) Wie wenig eine derartige Einsicht durch konfessionelle Engherzigkeit getrübt zu werden braucht, beweist die Thatsache, dass Bayern — heute noch zugleich katholisch und freiheitlich gesinnt — auf dem Kurfürstentag des Jahres 1640 in allerhand wichtigen Fragen nicht allein mit den Protestanten ging, sondern als diese, durch charakterlose Fürsten vertreten, ihre Ansprüche fallen liessen, sie wieder aufnahm und sie gegen die meineidigen Habsburger und die schlauen Prälaten verfocht. (Vergl. Heinrich Brockhaus: Der Kurfürstentag zu Nürnberg, 1883, S. 264 fg., 243, 121 fg.)

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dehnung des kleinen, aber kräftigen Volkes ebenfalls in der Reformation wurzelt. Nirgends tritt die politische Natur der Reformation so deutlich zu Tage wie in England; dogmatische Streitigkeiten hat es dort gar keine gegeben; schon seit dem 13. Jahrhundert wusste das ganze Volk, dass es nicht zu Rom gehören wollte;¹) es genügte, dass der König — durch recht weltliche Erwägungen dazu bewogen — die Verbindung durchschnitt, und sofort war die Trennung ohne weiteres vollbracht. Später erst erfolgte die ausdrückliche Abschaffung einiger Dogmen, die der Engländer nie im Herzen angenommen hatte, sowie die Abschaffung etlicher Ceremonien (namentlich des Marienkultus), welche zu allen Zeiten seinem Widerwillen begegnet waren. Es blieb also nach der Reformation alles beim Alten: und doch war alles von Grund aus neu. Sofort begann jetzt jene gewaltige Ausdehnungskraft des lange durch Rom gehemmten Volkes sich zu bethätigen, und damit Hand in Hand — und zwar mit schnelleren Schritten, da es die Grundlage zu jener ferneren Entwickelung abgeben musste — der Aufbau einer kräftigen, freiheitlichen Verfassung. Das grosse Werk wurde von allen Seiten zugleich in Angriff genommen, doch galt das 16. Jahrhundert in der Hauptsache der Durchführung der Reformation (wobei die Bildung der mächtigen Nonkonformisten-Sekten eine Hauptrolle spielte), das 17. dem hartnäckigen Kampf um die Freiheit, das 18. der Ausdehnung des Kolonialbesitzes. Shakespeare hat den ganzen Vorgang im richtigen Zusammenhang in der letzten Scene seines Heinrich VIII. vorherverkündet: zuerst kommt eine wahrhafte Erkenntnis Gottes (die Reformation); dann wird Grösse nicht mehr durch die Abstammung bestimmt sein, sondern dadurch, dass Einer die Wege reiner Ehre wandelt (Freiheit aus strenger Pflichterfüllung); diese also gestärkten Menschen sollen dann ausziehen, „neue Nationen“ zu gründen. Der grosse Dichter hatte das Aufblühen der ersten Kolonie, Virginia, noch erlebt
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    ¹) Im Jahre 1231 wurden Aufrufe durch das ganze Land verbreitet, an die Mauern angeschlagen, von Haus zu Haus getragen: „Lieber sterben, als durch Rom zu Grunde gerichtet werden!“ Welche angeborene politische Weisheit!

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und in seinem Sturm die Wunder der westindischen Inseln verherrlicht — die neue Welt, die sich dem Menschenblick zu eröffnen begann, mit nie gesehenen Pflanzen und nie geträumten Tiergestalten. Schon vier Jahre nach seinem Tode ward das Kolonisationswerk von den herrlichen Puritanern mit grösserer Energie in die Hand genommen; unter unsäglichen Mühsalen gründeten sie — wie ihre feierliche Erklärung es bezeugt — „aus Liebe zu
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Gott“ (nicht zum Gold) und weil sie „einen würdigen, von keinerlei Papismus gefärbten Gottesdienst“ wollten,   N e u - E n g l a n d!   Innerhalb fünfzehn Jahre hatten sich schon zwanzigtausend Engländer, meist aus den bürgerlichen Ständen, dort niedergelassen. Bald darauf trat Cromwell auf, der eigentliche Urheber der englischen Marine und damit auch der englischen Weltmacht.¹) Mit kühner Erkenntnis des Notwendigen griff er ungescheut den spanischen Koloss an, entriss ihm Jamaika und schickte sich an, Brasilien gleichfalls zu erobern, als der Tod ihn seinem Vaterlande raubte. Dann stockte eine Zeit lang die Bewegung: der Kampf gegen die Reaktionsgelüste katholisch gesinnter Fürsten forderte wieder alle Kräfte; in England wie anderswo waren die Jesuiten am Werke; von ihnen wurde Karl II. mit Maitressen und Geld versorgt; Coleman, die Seele dieser Verschwörung gegen die englische Nation, schrieb damals: „durch die gänzliche Ausrottung des pestilentialischen Irrglaubens in England . . . . . werden wir der protestantischen Religion in ganz Europa den Todesschlag versetzen“.²) Erst gegen das Jahr 1700, als Wilhelm von Oranien die verräterischen Stuarts verjagt hatte und die Grundlagen des konstitutionellen Staates endgültig festgestellt waren, sowie das Gesetz, dass in Zukunft nie ein römischer
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    ¹) Seeley: The expansion of England, 1895, S. 146.
    ²) Vergl. Green: History of the English people, VI, 293. Man hat Kapital daraus zu schlagen gesucht, dass einige Fälscher und Meineidige das ganze Land durch die Aufdeckung eines angeblichen, erlogenen Komplotts der Jesuiten irreführten, doch wird hierdurch nichts gegen das Bestehen einer grossen internationalen Verschwörung bewiesen, welche von Paris aus geleitet wurde und durch zahlreiche diplomatische Aktenstücke, sowie durch authentische Korrespondenz der Jesuiten ausser allem Zweifel steht.

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Katholik den englischen Thron besteigen dürfe (auch nicht als Gemahl oder Gemahlin), erst dann begann das angelsächsische Werk der Ausbreitung von Neuem, unterstützt durch zahlreiche deutsche Lutheraner und Reformierte, welche vor Verfolgungen flohen, sowie durch mährische Brüder. Bald (nämlich gegen 1730) lebte in den aufblühenden Kolonien England's über eine Million Menschen, fast alle Protestanten und echte Germanen, unter denen der sehr harte Kampf ums Dasein strenge Zuchtwahl übte. Auf diese Art entstand eine neue grosse Nation, welche sich am Schluss des Jahrhunderts vom Mutterlande gewaltsam trennte, eine neue antirömische Macht ersten Ranges.¹) Doch
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diese Abtrennung schwächte in nichts die Expansionskraft der Angelsachsen, denen sich nach wie vor Deutsche und Skandinavier stets in grosser Zahl anschlossen. Kaum hatten sich die Vereinigten Staaten losgesagt, als (1788) die ersten Kolonisten in Australien landeten und Südafrika den zwar rüstigen, doch nicht sehr regen Händen der Holländer entrissen wurde. Es waren dies die Anfänge eines im 19. Jahrhundert enorm angewachsenen Weltreiches. Und zwar hat sich sowohl bei der Beherrschung fremder Völker (Indien), wie bei der weit wichtigeren Begründung solcher „neuen Nationen“, wie sie Shakespeare vorschwebten, bisher die eine Thatsache ausnahmslos bewährt: dass es nur Germanen und nur Protestanten auf die Dauer und mit vollem glänzenden Erfolg gelingen wollte. Der enorme südamerikanische Kontinent bleibt gänzlich ausserhalb unserer Politik und unserer Kultur; nirgends haben die Conquistadores eine neue Nation ins Leben gerufen; die letzten spanischen Kolonien retten
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    ¹) Am 3. September 1783 wurde der Vertrag unterschrieben, durch den Alt-England seine Ansprüche auf Neu-England aufgab. Wie sehr auch in diesem Falle „etliche wenige Helden und fürtreffliche Leute“ (S. 41) Herz und Sinn des Unternehmens waren, ist bekannt; gab sich auch die neue Nation vorderhand keinen König, so ehrte sie doch die Persönlichkeit ihres Gründers, indem sie das alte, von englischen Königen verliehene Wappen der Washingtons, die Sterne und Streifen, als Nationalfahne annahm. (Dieses Wappen kann man auf den Grabsteinen der Washingtons in der Kirche Little Trinity in London noch heute sehen.)

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sich heute zu anderen Nationen, um nicht vollends zu Grunde zu gehen. Frankreich ist es niemals gelungen, eine Kolonie zu begründen, ausser in Canada, das aber nur Dank der Dazwischenkunft England's aufgeblüht ist.¹) Eine wirkliche Expansionskraft existiert überhaupt nur bei Angelsachsen, Deutschen und Skandinaviern; selbst die stammverwandten Holländer haben in Südafrika mehr Beharrungs- als Ausdehnungsvermögen bewiesen; die russische Ausdehnung ist eine rein politische, die französische eine rein geschäftliche, andere Länder zeigen (mit Ausnahme einzelner Teile Italiens) überhaupt keine.
    Verlören sich die Menschen nicht so sehr in die Beachtung der unübersehbaren Einzelheiten der Geschichte, sie würden schon längst über die entscheidende Wichtigkeit zweier Dinge für die Politik im Klaren sein: der Rasse nämlich und der Religion. Sie würden auch wissen, dass die politische Gestaltung der Gesellschaft — namentlich die Gestaltung jenes innersten Rades, der Kirche — alle geheimsten Kräfte einer Rasse und ihrer Religion aus Tageslicht bringen und somit die erfolgreichste Förderin der
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Civilisation und Kultur werden, oder aber, dass sie ein Volk nach und nach völlig zu Grunde richten kann, indem sie die Entwickelung seiner Fähigkeiten hemmt und die Ausbildung seiner bedenklichsten Anlagen begünstigt. Das erkannt zu haben, bezeugt die überragende Grösse Luther's und erklärt seine Bedeutung für die politische Gestaltung der Welt. „Das römische Reich zu brechen und eine neue Welt zu ordnen“, betrachtete Goethe als die erste historische Hauptaufgabe der Deutschen;²) ohne die Wittenberger Nachtigall wäre ihre Durchführung schwer gelungen. Wahrlich, wenn Diejenigen, die sich zu Luther's Politik bekennen (und gleichviel, was sie über seine Theologie denken), heute die Weltkarte betrachten, haben sie allen Grund, mit ihm zu singen:
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    ¹) Wie es ohne diese Dazwischenkunft gegangen wäre, kann man der einen Thatsache entnehmen, dass die katholischen Priester dort bereits das   V er b o t   d e s   B u c h d r u c k e s   durchgesetzt hatten, und dass einem „Ketzer“ der Aufenthalt im ganzen Lande streng verwehrt war!
    ²) November 1813, Gespräch mit Luden.

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Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Lass fahren dahin,
Sie haben's kein Gewinn;
Das Reich muss uns doch bleiben!


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