Hereunder follows the transcription of chapter 9B7 of Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10th ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1912. Page numbers in red correspond with the „Volksausgabe“, in black with the „Hauptausgabe“ (the hard cover edition).

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 9B7 van Houston Stewart Chamberlain's Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 10e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1912. De rode paginanummering komt overeen met die in de „Volksausgabe“, de zwarte met die van de „Hauptausgabe“.
 
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The Foundations of the nineteenth century
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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INHALTSÜBERSICHT

VORWORTE IX
ALLGEMEINE EINLEITUNG 3

ABSCHNITT I: DAS ERBE DER ALTEN WELT
EINLEITENDES 41
ERSTES KAPITEL: HELLENISCHE KUNST UND PHILOSOPHIE 53
ZWEITES KAPITEL: RÖMISCHES RECHT 121
DRITTES KAPITEL: DIE ERSCHEINUNG CHRISTI 189

ABSCHNITT II: DIE ERBEN
EINLEITENDES 255
VIERTES KAPITEL: DAS VÖLKERCHAOS 263
FÜNFTES KAPITEL: DER EINTRITT DER JUDEN IN DIE ABENDLÄNDISCHE GESCHICHTE 323
SECHSTES KAPITEL: DER EINTRITT DER GERMANEN IN DIE WELTGESCHICHTE 463

ABSCHNITT III: DER KAMPF
EINLEITENDES 535
SIEBENTES KAPITEL: RELIGION 545
ACHTES KAPITEL: STAAT 651
NEUNTES KAPITEL: VOM JAHRE 1200 BIS ZUM JAHRE 1800
A) DIE GERMANEN ALS SCHÖPFER EINER NEUEN KULTUR
693
B) GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK 729
1. ENTDECKUNG 752
2. WISSENSCHAFT 778
3. INDUSTRIE 808
4. WIRTSCHAFT 821
5. POLITIK UND KIRCHE 838
6. WELTANSCHAUUNG UND RELIGION 858
7. KUNST 946
REGISTER 1005

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7. Kunst (von Giotto bis Goethe).

Der Begriff „Kunst“
    Über Kunst zu reden wird Einem heutzutage recht schwer gemacht; denn einesteils hat sich, dem Beispiel aller besten deutschen Autoren zum Trotz, eine geradezu unsinnige Beschränkung des Begriffes „Kunst“ bei uns eingebürgert, andernteils hat die schematisierende Geschichtsphilosophie unsere Fähigkeit, geschichtliche Thatsachen mit offenen, Wahrheit liebenden Augen anzuschauen und mit gesundem Verstand zu beurteilen, arg lahm gelegt. Einen Abschnitt wie diesen letzten — wo man gern frei schweben möchte in den höchsten Regionen — mit Polemik verquicken zu müssen, ist freilich traurig, doch giebt es keinen Ausweg; denn in Bezug auf Kunst sind die widersinnigsten Irrtümer ebenso fest eingewurzelt, wie in Bezug auf Religion, und wir können weder den Entwickelungsgang bis zum Jahre 1800, noch die Bedeutung der Kunst im 19. Jahrhundert richtig beurteilen, wenn wir nicht gründlich mit den falschen Begriffen und der entstellenden Geschichtsschreibung aufräumen. Wenigstens werde ich bestrebt sein, wo ich herunterreisse, gleich wieder aufzubauen, und die Darlegung überkommener Irrtümer sofort zur Klarlegung des wahren Sachverhaltes zu benützen.
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    Eine allgemeine Geschichte der Kunst behandelt heute jegliche bildnerische Technik, von der Architektur bis zur Zinngiesserei; in einem derartigen Werke findet man Abbildungen von Biertopfdeckeln und Stuhllehnen, daneben Michelangelo‘s Jüngstes Gericht und ein Selbstbildnis von Rembrandt. Zwei Künste fehlen jedoch ganz und gar, von ihnen ist keine Rede, sie sind, wie es scheint, „keine Kunst“: es sind jene zwei, von denen Kant sagt, sie nähmen „den obersten Rang“ ein unter allen Künsten, und über die Lessing die unendlich feinsinnige Bemer-

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kung gemacht hat: „die Natur hat sie nicht sowohl zur Verbindung, als vielmehr zu einer und ebenderselben Kunst bestimmt“¹) — D i c h t k u n s t   und   T o n k u n s t.   Diese Auffassung des Begriffes „Kunst“ seitens unserer Kunsthistoriker ist geradezu empörend; sie vernichtet das Lebenswerk der Lessing, Herder, Schiller, Goethe, welche gerade die organische Einheit alles schöpferischen Menschentums und das Primat des Dichters unter seinen Genossen klarzustellen bemüht waren. Vom Laokoon an bis zur ästhetischen Erziehung und bis zu den Gedanken über die Rolle der Kunst „als würdigste Auslegerin der Natur“²) zieht sich wie ein roter Faden durch alles Denken der deutschen Klassiker das eine grosse Bestreben, das   W e s e n   d e r   K u n s t,   als eines besonderen menschlichen Vermögens, deutlich und bestimmt begrenzt hinzustellen, womit zugleich die   W ü r d e   d e r   K u n s t,   als einer höchsten und heiligsten Befähigung zur Verklärung des ganzen Lebens und Denkens der Menschen gegeben ist. Und nun kommen unsere Gelehrten und greifen wieder zu Lucian‘s Auffassung der Kunst:³) die Kunst ist für sie eine Technik, ein Handwerk, und da die Arbeit der Hände in Dichtung und Musik nichts zu bedeuten hat, so werden diese zur Kunst nicht mitgerechnet, sondern „Kunst“ ist ausschliesslich die bildende Kunst, dafür aber jegliche bildende Thätigkeit, jede manuum factura, jede Herstellung von Artefakten! Der Begriff wird also nicht allein von ihnen in widersinniger Weise beschränkt, sondern auch in unsinniger Weise zu einem Synonym mit Technik erweitert. Dabei geht die Hauptsache, das einzige, worauf es bei der Kunst ankommt — der Begriff des Schöpferischen — ganz verloren.4)
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Betrachten wir mit kritischem Auge zuerst die entstellende Erweiterung, sodann die widersinnige Beschränkung.
    Kant hat die kürzeste und zugleich erschöpfendste Definition
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    ¹) Zum Laokoon, IX.
    ²) Goethe: Maximen und Reflexionen, 3. Abteilung.
    ³) Siehe S. 299. Vergl. Brief von Schiller an Meyer vom 5. 2. 1795.
    4) Man vergl. die Ausführungen über Technik im Gegensatz zu Kunst und Wissenschaft, S. 158.

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der Kunst gegeben: „schöne Kunst ist Kunst des Genies.“¹) Eine Geschichte der Kunst wäre also eine Geschichte der schöpferischen Genies, woran sich alles andere, wie die Fortschritte der Technik, der Einfluss der umgebenden Kunsthandwerker, der Wechsel des Geschmacks u. s. w. als blosses erläuterndes Beiwerk anreihen würde. Die Technik dagegen zur Hauptsache zu machen, ist lächerlich und wird nicht im mindesten dadurch entschuldigt, dass die grössten Meister zugleich die grössten Erfinder und Handhaber im Technischen waren; denn es kommt alles darauf an,   w a r u m   sie im Technischen Erfinder waren, und da lautet die Antwort: weil Originalität die erste Eigenschaft des schöpferischen Geistes ist und dieser daher sich genötigt sieht, für das Neue, das er zu sagen hat, für die eigenartige Gestaltung, die seinem persönlichen Wesen entspricht, sich auch neue Werkzeuge zu schaffen.
    Gott soll mich davor behüten, dass ich mich auf den steinigen und mit lauter Dornen bewachsenen Boden der Kunstästhetik begebe! Mir ist es nicht um die Ästhetik, sondern einzig um die Kunst zu thun.²) Was die Hellenen aber schon wussten und was unsere Klassiker stets betonen, nämlich, dass die Poesie die Wurzel jeglicher Kunst sei, daran halte ich fest. Nehme ich nun die soeben geschilderte Auffassung des Begriffes „Kunst“ seitens unserer heutigen Kunsthistoriker hinzu, so erhalte ich einen so weiten und unbestimmten Begriff, dass er meinen Bierkrug und Homer‘s Ilias umfasst, und dass sich jeder Taglöhner mit dem Grabstichel als „Künstler“ einem Leonardi da Vinci zur Seite stellt. Damit schwindet Kant‘s „Kunst des Genies“ hin. Doch ist die Bedeutung der schöpferischen Kunst, wie ich sie in der Einleitung zu dem ersten Kapitel dieses Buches in Anlehnung an Schiller entwickelt und im weiteren Verlauf jenes Kapitels an den Hellenen veranschaulicht habe (S. 53 fg.), eine zu wichtige Thatsache der Kulturgeschichte, als dass wir sie auf diese Weise
—————
    ¹) Kritik der Urteilskraft, § 46.
    ²) „Durch alle Theorie der Kunst versperrt man sich den Weg zum wahren Genusse: denn ein schädlicheres   N i c h t s   als sie ist nicht erfunden worden“ (Goethe).

1131 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



preisgeben könnten. In der Trias Weltanschauung, Religion, Kunst — welche drei zusammen die Kultur ausmachen — könnten wir die Kunst am allerwenigsten entbehren. Denn unsere ger-
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manische Weltanschauung ist eine transscendente und unsere Religion eine ideale, und darum bleiben beide unausgesprochen, unmittelbar, den meisten Augen unsichtbar, den meisten Herzen wenig überzeugend, wenn nicht die Kunst mit ihrer freischöpferischen Gestaltungskraft — d. h. die Kunst des Genies — vermittelnd dazwischen tritt. Darum hat die christliche Kirche — wie früher der Götterglaube der Hellenen — stets die Kunst zu Hilfe gerufen, und darum meint Immanuel Kant, nur vermittelst einer „göttlichen Kunst“ könne es den Menschen gelingen, die innerlich bewusste Freiheit dem mechanischen Zwange erfolgreich entgegenzusetzen. Wegen der Einsicht in diesen Zwang führt unsere Weltanschauung (rein als Philosophie) zu einer Verneinung; wogegen unsere Kunst aus dem inneren Erlebnis der Freiheit entstammt und darum ihrem ganzen Wesen nach Bejahung ist.
    Diesen grossen, klaren Begriff der Kunst müssen wir uns also als ein Heiligstes, Lebendigstes wahren; und wenn Jemand kurzweg von „Kunst“ spricht — nicht von Kunsthandwerk, Kunsttechnik, Kunsttischlerei u. s. w. — so darf er mit diesem geheiligten Wort einzig Kunst des Genies bezeichnen wollen.
    Sie allein — die echte Kunst — bildet das Gebiet, auf welchem jene beiden Welten, die wir soeben unterscheiden gelernt haben (S. 936) — die mechanische und die unmechanische — sich derartig begegnen, dass eine neue, dritte Welt daraus entsteht. Die Kunst   i s t   diese dritte Welt. Hier bethätigt sich unmittelbar in der Welt der Erscheinung die Freiheit, die sonst nur eine Idee, eine ewig unsichtbare, innere Erfahrung bleibt. Das Gesetz, das hier herrscht, ist nicht das mechanische; vielmehr ist es in jeder Beziehung das Analogon jener „Autonomie“, welche auf sittlichem Gebiete Kant zu so staunender Bewunderung angeregt hatte (S. 941). Und was der religiöse Instinkt nur ahnt und in allerhand mythologischen Träumen sich vorführt (S. 395), das tritt durch die Kunst gewissermassen „in das Tageslicht des

1132 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



Lebens ein“; denn indem die Kunst aus freier innerer Notwendigkeit (Genialität) die gegebene unfreie mechanische Notwendigkeit (die Welt der Erscheinung) umbildet, deckt sie einen Zusammenhang zwischen den beiden Welten auf, der aus der rein wissenschaftlichen Beobachtung der Natur sich nie ergeben hätte. Der Künstler tritt nunmehr in einen Bund mit dem Naturforscher: denn es findet sich, dass, indem er frei gestaltet, er zugleich die Natur „auslegt“, d. h. dass er ihr tiefer ins Herz sieht, als der messende und wägende Beobachter. Auch zum Philosophen gesellt sich
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der Künstler: hierdurch erst erhält das logische Skelett einen blühenden Leib und erfährt es, wozu es eigentlich auf der Welt ist; als Beleg will ich nur auf Schiller und auf Goethe verweisen, die beide den höchsten Gipfel ihres Könnens und ihrer Bedeutung für das Geschlecht der Germanen im innigen Zusammengehen mit Kant erklimmen, dadurch aber zugleich in ganz anderer Weise als Schelling und Genossen der Welt zeigen, welche unermessliche Bedeutung dem Denken des grossen Königsbergers zukommt.¹)
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    ¹) Da Goethe ohne Zweifel hie und da von Schelling beeinflusst worden ist und dies zu manchem grundfalschen Urteil geführt hat, muss es betont werden, dass er dennoch Kant stets weit über alle seine Nachfolger gestellt hat. Zur Zeit als Fichte und Schelling in hoher Blüte standen und Hegel zu schreiben begann, urteilte Goethe: „das Spekulieren über das Übermenschliche, trotz aller Warnungen Kant‘s, ist ein vergebliches Abmühen.“ Als Schelling‘s Lebenswerk schon lange vollendet vorlag (im Jahre 1817), sagte Goethe zu Victor Cousin, er habe von Neuem begonnen, Kant zu lesen, und erfreue sich an der beispiellosen Klarheit dieses Denkens; auch fügte er hinzu: „Le système de Kant n‘est pas détruit.“ Sechs Jahre später klagte Goethe dem Kanzler von Müller, Schelling‘s „zweizüngelnde Ausdrücke“ hätten die rationelle Theologie „um ein halbes Jahrhundert zurückgebracht“. Die Persönlichkeit Schelling‘s sowie gewisse Eigenschaften seines Stils und gewisse Richtungen seines Denkens haben Goethe oft gefesselt; doch konnte ein so klarer Geist niemals in den Irrtum verfallen, Kant und Schelling als kommensurable Grössen zu betrachten. (Für die obigen Citate siehe die von Biedermann herausgegebenen Gespräche, I, 207, III, 290, IV, 227.)

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Kunst und Religion
    Und noch bleibt das Verhältnis zwischen Kunst und Religion zu nennen. Es ist dies ein so mannigfaches und inniges Verhältnis, dass es schwer fällt, es analytisch zu zergliedern. In dem Zusammenhang, der uns augenblicklich beschäftigt, wäre Folgendes zu bemerken. Religion ist bei allen Indogermanen (wie ich es an vielen Stellen dieses Buches gezeigt habe) immer schöpferisch in dem künstlerischen Sinne des Wortes und darum kunstverwandt. Unsere Religion war nie Geschichte, nie chronistische Erklärung, sondern immer eigene innere Erfahrung und Deutung dieser Erfahrung, sowie der umgebenden (und somit auch erfahrenen) Natur durch freie Neugestaltung; andrerseits ging unsere gesamte Kunst aus religiösen Mythen hervor. Da wir aber heute es nicht mehr vermögen, dem naiven Trieb der schöpferischen Mythengestaltung zu folgen, so wird unser Mythus aus dem Werk der höchsten und tiefsten Besonnenheit hervorgehen müssen. Der Stoff ist ihm gegeben. Die wahre Quelle aller Religion ist ja heute nicht eine unbestimmte Ahnung, nicht Naturdeutung,
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sondern die thatsächliche Erfahrung bestimmter menschlicher Gestalten;¹) mit Buddha und mit Christus ist Religion realistisch geworden (eine Thatsache, welche von den Religionsphilosophen regelmässig übersehen wird und noch nicht ins öffentliche Bewusstsein gedrungen ist). Doch, was diese Männer erfuhren und was wir durch sie erfahren, ist nicht ein mechanisch „Reales“, sondern ein weit Realeres als dies, ein Erlebnis des innersten Wesens. Und zwar ist uns dieser Sachverhalt erst jetzt, erst im Lichte unserer eigenen neuen Weltanschauung, ganz klar geworden; jetzt erst — wo der lückenlose Mechanismus aller Erscheinung unwidersprechlich dargethan ist — vermögen wir es, die Religion auch von der letzten Spur von Materialismus zu säubern. Dadurch wird aber die Kunst immer unentbehrlicher. Denn was eine Gestalt wie Jesus Christus bedeutet, was sie offenbart, lässt sich nicht in Worten aussprechen; es ist ja das Innere, das Zeit- und Raumlose, durch keine rein logische Gedankenkette erschöpfend oder auch nur adäquat Auszudrückende; es
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    ¹) Siehe das ganze Kapitel 3, namentlich S. 195 fg.

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handelt sich bei Jesus Christus lediglich um jene „Natur, die einem Willen unterworfen ist“ (wie Kant sich ausdrückte, S. 936), nicht um jene, welche den Willen sich unterwirft, d. h. also, es handelt sich um jene Natur, in welcher der Künstler zu Hause ist und von wo aus er allein es versteht, eine Brücke in die Welt der Erscheinung hinüber zu schlagen. Die Kunst des Genies zwingt das Sichtbare, dem Unsichtbaren zu dienen.¹) Nun ist aber an Jesus Christus die leibliche Erscheinung (zu welcher auch das ganze irdische Leben gehört) das Sichtbare und insofern eine gewissermassen nur allegorische Darstellung des unsichtbaren Wesens; doch ist diese Allegorie unentbehrlich, denn die erfahrene Persönlichkeit war es ja — nicht ein Dogma, nicht ein System, beileibe nicht der Gedanke, hier ginge ein hypostasierter Logos in Fleisch und Blut herum — welche den unvergleichlichen Eindruck hervorgebracht und viele Menschen innerlich völlig umgewandelt hatte; mit dem Tode schwand die Persönlichkeit — also das einzige Wirksame — dahin; was bleibt, ist Fragment und Schema. Damit das wunderwirkende Beispiel (S. 197) weiter bestehe, damit die christliche Religion nicht ihren Charakter als
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thatsächliche, wirkliche Erfahrung verliere, muss die Gestalt Jesu Christi immer von neuem geboren werden; sonst bleibt eitles Dogmengewebe, und die Persönlichkeit — deren ausserordentliche Wirkung die einzige Quelle dieser Religion war — erstarrt zu einem abstrakten Gedankending. Sobald das Auge sie nicht erblickt, das Ohr sie nicht vernimmt, schwindet sie immer ferner, und an Stelle lebendiger und — wie ich vorhin sagte — r e a l i s t i s c h e r   Religion, bleibt entweder stupide Idolatrie, oder im Gegenteil ein aristotelisches, aus lauter abstraktem Spinngewebe errichtetes Vernunftgerüst, wie wir das bei Dante sahen, in dessen Credo die einzige sichere Grundlage aller uns Germanen in Wahrheit möglichen Religion — die Erfahrung — voll-
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    ¹) Das ist nicht ästhetische Theorie, sondern das Erlebnis der schaffenden Künstler. So sagt z. B. Eugène Fromentin in seinem exquisiten, doch ganz fachmässigen Buche Les Maîtres d‘autrefois (éd. 7, p. 2): „L‘art de peindre est l‘art d‘exprimer l‘invisible par le visible.“

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ständig fehlt und der Name Christi konsequenterweise gar nicht einmal genannt wird (vergl. S. 622, 888). Nur   e i n e   menschliche Kraft ist fähig, die Religion aus dieser Doppelgefahr — der Idolatrie und des philosophischen Deismus¹) — zu erretten: das ist die Kunst. Denn die Kunst allein vermag es, die ursprüngliche Gestalt, d. h. die ursprüngliche Erfahrung wieder zu gebären. Ein schlagendes Beispiel von der Art, wie die Kunst des Genies zwischen jenen beiden Klippen hindurchsteuert, haben wir an Leonardo da Vinci (vielleicht dem schöpferischesten Geist, der je gelebt); seinen Hass gegen jedes Dogma, seine Verachtung aller Idolatrie, zugleich seine Gewalt, den wahren Gehalt des Christentums, nämlich die Erscheinung Christi selber, zu gestalten, habe ich im ersten Kapitel hervorgehoben (S. 108); sie bedeuten den Morgen eines neuen Tages. Ähnliches könnte man an jedem Genie der Kunst von ihm bis zu Beethoven zeigen.
    Hierzu eine Erläuterung, damit das Verhältnis zwischen Kunst und Religion nicht unklar bleibe.
    Ich sagte (S. 777), eine mechanische Weltdeutung vertrage sich einzig mit einer idealen Religion; ich glaube, dies im vorigen Abschnitt deutlich und unwiderleglich dargethan zu haben. Was kennzeichnet nun eine ideale Religion? Ihre unbedingte Gegen-
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wärtigkeit. Wir erkannten es deutlich bei den Mystikern: diese streifen die Zeit wie ein Gewand von den Gliedern ab; sie wollen weder bei der Schöpfung verweilen (in welcher die materialistischen Religionen die Gewähr für Gottes Macht finden), noch bei zukünftiger Belohnung und Strafe, ihnen ist vielmehr „diese
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    ¹) Diese zwei Richtungen treten in konkreterer Gestalt vor die Vorstellung, wenn man sie sich als Jesuitismus und Pietismus (das Korrelat des Deismus) vergegenwärtigt. Jeder hat nämlich in einem scheinbaren Gegensatz eine Ergänzung, in die er leicht umschlägt. Das Korrelat des Jesuitismus ist der Materialismus; wie Paul de Lagarde richtig bemerkt hat: „das Wasser in diesen kommunicierenden Röhren steht stets gleich hoch“ (Deutsche Schr., Ausg. 1891, S. 49); alle jesuitische Naturwissenschaft ist ebenso streng dogmatisch materialistisch wie nur die irgend eines Holbach oder de Lamettrie; das Korrelat des abstrakten Deismus ist der Pietismus mit seinem Buchstabenglauben.

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Zeit wie Ewigkeit“ (S. 885). Die wissenschaftliche Weltanschauung, die sich aus der geistigen Arbeit der letzten Jahrhunderte ergab, hat dieser Empfindung klaren, begrifflichen Ausdruck verliehen. Von Anfang an hat die germanische Philosophie „sich um zwei Angeln gedreht“: 1. die Idealität des Raumes und der Zeit, 2. die Realität des Freiheitsbegriffes.¹) Dies ist zugleich — wenn ich mich so ausdrücken darf — die Formel der Kunst. Denn in ihren Schöpfungen bewährt sich die Freiheit des Willens als ein Reales und die Zeit — der inneren, unmechanischen Welt gegenüber — als eine verschwimmende, blosse Idee. Kunst ist ewige Gegenwart. Und zwar ist sie das in zwei Beziehungen. Erstens bannt sie die Zeit: was Homer gestaltet, ist so jung heute wie vor 3000 Jahren; wer vor das Grabmal des Lorenzo de' Medici tritt, fühlt sich in unmittelbarer Gegenwart Michelangelo‘s; die Kunst des Genies altert nicht. Ausserdem ist Kunst Gegenwart in dem Sinne, als nur das absolut Dauerlose wirklich Gegenwart ist. Die Zeit ist teilbar, ins Unendliche teilbar, ein Blitz ist nur relativ kürzer als ein hundertjähriges Leben, dieses nur relativ länger als jener; wogegen Gegenwart im Sinne der Dauerlosigkeit sowohl kürzer als das denkbar kürzeste, wie auch länger als alle denkbare Ewigkeit ist; dies trifft auf die Kunst zu: ihre Werke wirken schlechterdings augenblicklich und erwecken zugleich schlechthin die Empfindung der Unvergänglichkeit Goethe unterscheidet einmal wahre Kunst von Traum und Schatten, indem er sagt, sie sei „eine lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen“. Auch dieses so viel missbrauchte Wort „Offenbarung“ bekommt im Lichte unserer germanischen Weltanschauung einen durchaus fasslichen, aller Überschwenglichkeit baren Sinn: es heisst das Öffnen des Thores, welches uns (als mechanische Erscheinung) von der zeitlosen Welt der Freiheit
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    ¹) Vergl. Kant: Fortschritte der Metaphysik. Anhang. Wie man sieht: das dem Sinnenzeugnis entnommene Reale wird als eine Idee, dagegen die durch innere Erfahrung gegebene Idee als ein Reales gedeutet. Es ist ganz genau die kopernikanische Umdrehung: was man bewegt wähnte, ruht, und was man ruhend wähnte, bewegt sich.

1137 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



trennt. Die Kunst ist Thorhüter. Ein Werk der Kunst — sagen
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wir, Michelangelo‘s Nacht — schlägt das Thor weit auf; wir treten unmittelbar aus der Umgebung des Zeitlichen in die Gegenwart des Zeitlosen. Wie dieser Künstler selber triumphiert: dall‘arte è vinta la natura! besiegt ist Natur durch Kunst; das heisst, genötigt ist das Sichtbare, dem Unsichtbaren Gestalt zu verleihen, das Notwendige, der Freiheit zu dienen; lebendige Offenbarung des Unerforschlichen beut nunmehr der Stein.
    Leicht muss ein Jeder begreifen, welche mächtige Unterstützung eine auf unmittelbarer Erfahrung beruhende Religion aus einer derartigen Fähigkeit schöpft. Die Kunst vermag es, die einmalige Erfahrung immer von Neuem zu gebären; sie vermag es, in der Persönlichkeit das Überpersönliche, in der vergänglichen Erscheinung das Unvergängliche zu offenbaren; ein Leonardo schenkt uns die Gestalt, ein Johann Sebastian Bach die Stimme Jesu Christi, ewig nun gegenwärtig. Ausserdem deckt die Kunst jene „Religion“, die in dem Einen unnachahmliches, überzeugendes Dasein gefunden hatte, auch an anderem Orte auf, und eine tiefe Ergriffenheit bemächtigt sich unser, wenn wir in einem Selbstbildnis Albrecht Dürer‘s oder Rembrandt‘s Augen erblicken, welche uns in jene selbe Welt hineinführen, in der Jesus Christus „lebte und webte und Dasein fand“, und deren Schwelle die Worte und die Gedanken nicht überschreiten dürfen. Etwas hiervon hat jede erhabene Kunst, denn das ja ist es, was sie erhaben macht. Nicht allein des Menschen Antlitz, sondern alles, was ein Menschenauge erblickt, was ein Menschengedanke erfasst und nach dem Gesetz der inneren unmechanischen Freiheit neu gestaltet hat, öffnet jenes Thor der „augenblicklichen Offenbarung“; denn jedes Werk der Kunst stellt uns dem schöpferischen Künstler gegenüber, und das heisst dem Walten der selben zugleich transscendenten und realen Welt, aus der Christus spricht, wenn er sagt, in diesem Leben liege das Reich Gottes wie ein Schatz im Acker vergraben. Man betrachte eines der vielen Christusbilder Rembrandt‘s, z. B. das Hundertguldenblatt, und halte daneben seine Landschaft mit den drei Bäumen: man wird mich verstehen. Und man wird mir Recht geben, wenn

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ich sage, Kunst   i s t   zwar nicht Religion — denn ideale Religion ist ein thatsächlicher Vorgang im innersten Herzen jedes Einzelnen, jene Umkehr und Wiedergeburt, von der Christus sprach — Kunst versetzt uns aber in die Atmosphäre der Religion, sie vermag es, die ganze Natur für uns zu erklären, und durch ihre erhabensten Offenbarungen regt sie unser innerstes Wesen so tief und unmittelbar an, dass manche Menschen nur durch die
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Kunst dazu gelangen zu wissen, was Religion ist. Dass das Umgekehrte ebenfalls gilt, ist ohne Weiteres einleuchtend, und man begreift, dass Goethe — dem man Frömmigkeit im Sinne unserer historischen Kirchen kaum vorwerfen wird — behaupten konnte: nur religiöse Menschen besässen schöpferische Kraft.¹)
    Soviel zur Bestimmung dessen, was wir unter dem Worte „Kunst“ zu verstehen und zu verehren haben, und zur Abwehr einer Schwächung des Begriffes durch kritiklose Erweiterung. Die theoretische Definition der Kunst habe ich geglaubt durch den Hinweis auf das, was Kunst des Genies im allgemeinen Zusammenhang der Kultur leistet, ergänzen zu sollen; dadurch tritt die Bedeutung des Begriffes in konkreter Lebhaftigkeit vor den Geist. Wie man sieht, Polemik kann uns in kurzer Zeit weit fördern. Ich wende mich also zum zweiten Punkt: zu der von unseren Kunsthistorikern beliebten sinnwidrigen   B e s c h r ä n k u n g   des Begriffes „Kunst“.

Der tonvermählte Dichter
    In keiner Kunstgeschichte des heutigen Tages ist von Dichtkunst oder Tonkunst die Rede; erstere gehört jetzt zur Litteratur (auf Deutsch „Buchstäblerei“), letztere ist eine Sache für sich, weder Fisch noch Fleisch, deren Technik zu abstrus und mühsam ist, um ausserhalb des engsten fachmännischen Kreises Interesse und Verständnis zu finden, und deren Wirkung zu unmittelbar physisch und allgemein ist, als dass sie nicht als Kunst der misera plebs und der oberflächlichen dilettanti bei den Gelehrten einer gewissen Geringschätzung anheimfallen sollte. Und doch braucht man nur die Augen zu einer umfassenden Rundschau aufzumachen, um sofort einzusehen, dass die Poesie, nicht allein
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    ¹) Vergl. das Gespräch mit Riemer vom 26. März 1814.

1139 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



schon an und für sich, wie die Philosophen behaupten, den „obersten Rang“ unter allen Künsten einnimmt, sondern die unmittelbare Quelle fast jeglichen künstlerischen Schaffens und der schöpferische Herd auch derjenigen Kunstwerke ist, die sich nicht unmittelbar an sie anlehnen. Ausserdem werden wir aus jeder historischen, wie auch aus jeder kritischen Untersuchung mit Lessing die Überzeugung gewinnen, dass Poesie und Musik nicht zwei Künste sind, sondern vielmehr „eine und die selbe Kunst“. Der tonvermählte Dichter ist es, der uns überhaupt zu „Kunst“ erweckt; er ist es, der uns Auge und Ohr öffnet; bei ihm, mehr als bei irgend einem anderen Gestalter, herrscht jene gebietende   F r e i h e i t,   welche die Natur ihrem Willen unterwirft, und als
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Freiester aller Künstler ist er unbestritten der Erste. Die gesamte bildende Kunst könnte vernichtet werden, und es bliebe die Poesie — der tonvermählte Dichter — unangetastet stehen; ihr Reich wäre nicht um einen Schritt enger, sondern nur hier und dort gestaltenleer. Denn im Grunde genommen drücken wir uns sehr ungenau aus, wenn wir sagen, die Dichtkunst sei „die erste“ unter den Künsten: vielmehr ist sie die einzige. Die Poesie ist die allumfassende, welche jeder anderen Leben spendet, so dass, wo diese anderen sich emanzipieren, sie dann selber wieder — so gut es ihnen gelingen will — „dichten“ müssen. Man überlege es sich doch: wie wäre die bildende Kunst der Hellenen auch nur denkbar ohne ihre dichtende Kunst? Hat nicht Homer dem Phidias den Meissel geführt? Musste nicht der hellenische Dichter die Gestalten schaffen, ehe der hellenische Bildner sie nachschaffen konnte? Und glaubt man, der griechische Architekt hätte unnachahmlich vollendete Gotteshäuser errichtet, wenn nicht der Dichter ihm so herrliche Göttergestalten vorgezaubert hätte, dass er sich genötigt fühlte, jede Faser seines Wesens dem Erfindungswerk zu widmen, damit er nicht zu weit hinter dem zurückbliebe, was ihm und jedem seiner Zeitgenossen in der Phantasie als ein Göttliches und der Götter Würdiges vorschwebte? Bei uns ist es aber nicht anders. Unsere bildende Kunst knüpfte teils bei der hellenischen, zum noch grösseren Teil aber bei der christlich-religiösen Dichtung an. Ehe sie der

1140 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



Bildner erfassen kann, müssen eben die Gestalten in der Phantasie da sein; der Gott muss geglaubt sein, ehe man ihm Häuser baut. Hier sehen wir die Religion — wie Goethe es will — als Quelle aller Produktivität. Doch muss historische Religion poetische Gestalt gewonnen haben, ehe wir sie bilden und im Bildnis begreifen können: das Evangelium, die Legende, das Gedicht geht voran und bildet den unerlässlichen Kommentar zu jedem heiligen Abendmahl, zu jeder Kreuzigung, zu jedem Inferno. Nun griff allerdings der germanische Künstler, seiner echten, unterscheidenden Eigenart gemäss, und sobald er das Technische in seine Gewalt bekommen hatte, viel tiefer; ihm war mit dem Inder der Zug zur Natur gemeinsam; daher jene doppelte Richtung, die uns in einem Albrecht Dürer so auffällt:   h i n a u s,   zur peinlich genauen Beobachtung und liebevoll gewissenhaften Wiedergabe jedes Grashalmes, jedes Käferchens,   h i n e i n,   in die unerforschliche innere Natur, durch das menschliche Bildnis und durch tiefsinnige Allegorien. Hier ist echteste Religion am Werke und — wie ich es vorhin zeigte — deswegen echteste Kunst. Hier
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spiegelt sich die Geistesrichtung der Mystiker (auf die Natur), die Geistesrichtung der Humanisten (auf die Würde des Menschen), die Geistesrichtung der naturforschenden Philosophen (auf die Unzulänglichkeit der Erscheinung) genau wieder. Ein Jeder trägt eben seinen Stein herbei zur Auferbauung der neuen Welt, und da der einheitliche Geist einer bestimmten Menschenart gebietet, fügt sich alles genau ineinander. Ich bin also weit entfernt zu leugnen, dass unsere bildende Kunst sich ungleich mehr von der Dichtkunst (d. h. von dem thatsächlich in Worten Gedichteten) emanzipiert hat als das bei den Hellenen der Fall war; ich glaube sogar, es lässt sich eine zunehmende Bewegung in diesem Sinne verfolgen, vom 13. Jahrhundert bis zum heutigen Tage. Doch wird man darum nicht verkennen wollen, dass diese Kunst ohne Berücksichtigung des allgemeinen Kulturganges nicht verstanden werden kann, und man wird einsehen müssen, dass überall die allgewaltige, freie Dichtkunst tonangebend voranging und den so vielfach gebundenen Schwestern die Wege ebnete. Ein Franz von Assisi musste die Natur an sein inbrünstiges Herz drücken

1141 Die Entstehung einer neuen Welt. Kunst.



und ein Gottfried von Strassburg sie begeistert schildern, ehe uns die Augen für sie aufgingen und der Pinsel sie nachzubilden versuchte; ein gewaltiges dichterisches Werk war in allen Gauen Europas vollbracht — von Florenz bis London — ehe das Menschenantlitz vom Maler in seiner Würde erkannt ward, und ehe in dessen Werken Persönlichkeit an Stelle von Typus zu treten begann. Ehe vollends ein Rembrandt wirken konnte, musste ein Shakespeare gelebt haben. Bei der Allegorie ist das Verhältnis der bildenden Künste zur Dichtkunst so auffallend, dass es wohl Keinem entgehen kann. Hier will der Bildner selbständig dichten. Ich führte in der Einleitung (S. 4) Worte von Michelangelo an, in denen dieser den Stein und den unbeschriebenen Papierbogen einander gleichstellt, in jeden käme nur das hinein, was er   w o l l e.   Er dichtet also — wie mit der Feder, so auch mit Meissel und Pinsel.
    the kindled marble‘s bust may wear
More poesy upon its speaking brow
Than aught less than the Homeric page may bear!
                                  (Byron, Prophecy of Dante.)
Michelangelo‘s   E r s c h a f f u n g   d e s   L i c h t e s   ist seine eigene Erfindung: doch würden wir sie nicht verstehen, wenn sie sich nicht an einen allbekannten Mythus unmittelbar anlehnte. Und seine Figuren: der Tag und die Nacht, darüber Lorenzo
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de' Medici, was sind sie, wenn nicht Dichtungen? Es sind doch nicht bloss zwei nackte Figuren und eine bekleidete. Was also ist hinzugekommen? Etwas, was, durch die Macht, das Gemüt unmittelbar zu bewegen, der Tonkunst eben so nahe verschwistert ist, wie es sich andrerseits der Wortkunst durch die Anregung von Gedanken verwandt zeigt. Es ist ein heroischer Versuch, durch die blosse Welt der Erscheinung, ohne Anlehnung an eine bestehende poetische Fabel, also notgedrungen rein allegorisch, zu dichten. Das gewaltige Schaffen Michelangelo‘s kann überhaupt nur begriffen und beurteilt werden als ein Dichten (genau so wie das Rembrandt‘s und Beethoven‘s); und das viele ästhetische Gezänk darüber, sowie über die Grenzen des Aus-

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druckes in den verschiedenen Künsten lässt sich durch die einfache Einsicht beilegen, dass deutliche Begriffe nur durch die Sprache vermittelt werden können, woraus folgt, dass jedes bildnerische Dichten der begrifflichen Bestimmtheit ermangeln und insofern „musikalisch“ wirken muss, um überhaupt zu wirken, andrerseits aber, dass dieses bildnerische Dichten, da es des Tones entbehrt, doch wiederum eine begriffliche Deutung erfordert und insofern „dichterisch“ aufgefasst werden muss. Die „Nacht“ ist zwar bloss ein einziges Wort, entrollt aber trotzdem, dank der magischen Gewalt der Sprache, ein ganzes dichterisches Programm. Und so sehen wir die bildende Kunst dort, wo sie ihre Selbständigkeit so weit wie nur immer möglich treibt, beide Hände nach dem tonvermählten Dichter ausstrecken: hat sie nicht den Stoff von ihm entlehnt, so muss sie die Seele von ihm empfangen, damit ihr Gebilde lebe.
    Es bedarf, glaube ich, keiner weiteren Ausführung, damit Jeder zugebe, eine Geschichte der Kunst mit Umgehung der Dichtkunst sei ein genau ebenso vernünftiges Beginnen wie die berühmtberüchtigte Aufführung des Hamlet ohne Hamlet. Und doch werde ich gleich zeigen, dass die kühnsten geschichtsphilosophischen Behauptungen namhafter Gelehrter auf dieser Auffassung beruhen. Wenn Rosenkranz und Güldenstern in einer Scene die Bühne nicht betreten, da bleibt sie für unsere Kunsthistoriker leer. Doch, da ich vom „tonvermählten Dichter“ sprach, und da des Dichters Zwillingsschwester, Polyhymnia, im selben Anathema inbegriffen und ebenfalls nicht für hoffähig gehalten wird, so muss ich noch über ihre Kunst ein Wort sagen, ehe ich zu den geschichtlichen Wahnbildern übergehe.
    Dass bei allen Mitgliedern der indoeuropäischen Gruppe in alter Zeit jede Wortdichtung zugleich Tondichtung war, ist heute allbekannt: die Zeugnisse über Inder, Hellenen, Germanen kann
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man in allen neueren Geschichtswerken finden. Von besonderem Werte für die Wiedergewinnung eines gesunden Urteils über die hohe kulturelle Bedeutung der Musik waren im 19. Jahrhundert die gelehrten Arbeiten von Fortlage, Westphal, Helmholtz, Ambros u. a. über die Musik bei den Hellenen, aus denen

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hervorgeht, erstens, dass die Tonkunst von den Griechen eben so hoch geschätzt wurde wie die Dichtkunst und die bildende Kunst, zweitens, dass Musik und Poesie in der Zeit höchster Blüte griechischer Kultur so eng mit einander verknüpft und verwachsen waren, „dass die Geschichte hellenischer Musik notwendig auch in das Gebiet hellenischer Dichtkunst hinübergreifen muss und umgekehrt“.¹) Was wir heute als hellenische Poesie bewundern, ist nur ein Torso; denn erst die organisch dazu gehörige Musik „rückte die Pindarische Ode, die Sophokleische Scene in die volle Beleuchtung des hellenischen Tages“. Nach heutigen Begriffen also, welche die Dreiteilung, Litteratur, Musik, Kunst eingebürgert und Alles, was gesungen wird, aus Litteratur und noch strenger aus Kunst verbannt haben, würde die gesamte griechische Poesie zur Musikgeschichte gehören — weder zur Litteratur, noch zur Kunst! Das giebt zu denken. Inzwischen hat die Tonkunst eine ganze grosse Entwickelung durchlaufen (auf die ich in einem anderen Zusammenhang noch zurückkommen werde), wodurch sie wahrlich nicht an Würde und Selbständigkeit verloren hat, sondern im Gegenteil, immer ausdrucksmächtiger und dadurch künstlerischer Gestaltung fähiger geworden ist. Hier liegt nicht bloss Entwickelung vor, wie unsere Musikhistoriker es sich gern zurechtkonstruieren, sondern vornehmlich der Übergang dieser Kunst aus hellenischen Händen in germanische. Der Germane — in allen Zweigen dieser Völkergruppe — ist der musikalischte Mensch auf Erden; Musik ist seine spezifisch eigene Kunst, diejenige, in welcher er unter allen Menschen der unvergleichliche Meister ist. In den ältesten Zeiten sahen wir die Germanen sogar zu Pferd die Harfe nicht aus der Hand geben und ihre tüchtigsten Könige den Gesangsunterricht persönlich leiten (S. 318); die alten Goten konnten keine andere Bezeichnung für „lesen“ erfinden, als singen, „da sie keine Art sprachlich gehobener Mitteilung kannten, die nicht gesungen worden wäre“.²) Und so greift denn der Germane — sobald er im 13. Jahrhundert
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    ¹) Ambros: Geschichte der Musik, 2. Aufl., I, 219.
    ²) Lamprecht: Deutsche Geschichte, 2. Aufl., I, 174.

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zur Selbständigkeit erwacht und den geisttötenden Bann Rom‘s
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nur einigermassen abgeschüttelt hat — s o f o r t   zu der nur ihm eigenen Harmonie und Polyphonie, und zwar geht diese Entwickelung von den kerngermanischen Niederlanden (der Heimat Beethoven‘s) aus und behält während mindestens dreier Jahrhunderte dort, sowie im übrigen Norden, ihren einzigen festen Halt und ihre schöpferische Brutstätte.¹) Die Italiener sind erst später, und zwar als Schüler der Deutschen, Musiker von Bedeutung geworden; auch Palestrina schliesst sich den Nordländern unmittelbar an.²) Und was mit solcher Energie angefasst worden war, gedieh fortan ohne jegliche Unterbrechung. Bereits in Josquin de Près, einem Zeitgenossen Raffael‘s, erlebte die neue germanische Tonkunst ein vollendetes Genie. Von Josquin an bis zu Beethoven, an der Grenze des 19. Jahrhunderts, hat die Entwickelung dieser göttlichen Kunst — von der Shakespeare sagt, sie allein wandle das innerste Wesen des Menschen um — keine Unterbrechung erfahren. Die Musik, von Tausenden und Abertausenden fleissig gepflegt und gefördert, stellte jedem folgenden Genie stets vollkommenere Mittel zur Verfügung: eine reifere Technik, eine verfeinerte Aufnahmefähigkeit.³) Und diese
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    ¹) Die übliche ausschliessliche Betonung der Niederlande ist, wie Ambros gezeigt hat, ein geschichtlicher Irrtum; Franzosen, Deutsche, Engländer haben in grosser Zahl wacker mitgearbeitet; siehe a. a. O. III, 336, sowie den ganzen folgenden Abschnitt und das ganze zweite Buch. Interessant ist es zu erfahren, dass Milton‘s Vater Tonkünstler war. Zur Ergänzung schlage man in Riemann‘s Geschichte der Musiktheorie und Illustrationen zur Musikgeschichte nach.
    ²) Höchst bemerkenswert ist es, dass Palestrina's Lehrer, der Franzose Goudimel, ein Calvinist war, der in der Bartholomäusnacht getötet wurde; denn da Palestrina sich in Stil und Schreibart seinem Lehrer auf das Genaueste anschloss (Ambros, II, S. 11 des V.), sehen wir, dass jene Reinigung der römischen Kirchenmusik „von lasciven und schlüpfrigen Gesängen“ (wie das Tridentiner Concil in seiner 22. Sitzung sich ausdrückt), und ihre Zurückführung zu Würde und Schönheit, im letzten Grunde ein nordisches, germanisch-protestantisches Werk war.
    ³) Ich schreibe absichtlich nicht „Gehör“, denn nach manchen, jedem Musikkundigen bekannten Thatsachen zu urteilen, lässt

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spezifisch germanische Kunst wurde seit Jahrhunderten als eine
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ebenfalls spezifisch christliche Kunst erkannt und häufig kurzweg die „göttliche Kunst“, la divina musica, genannt, und zwar mit Recht, da es die Eigentümlichkeit dieser Kunst ist, nicht aus sinnlich gegebenen Gestalten aufzubauen, sondern mit gänzlicher Ausserachtlassung dieser, unmittelbar auf das Gemüt zu wirken. Dadurch regt sie den inneren Menschen so mächtig an. Jene tiefe Verwandtschaft zwischen Mechanik und Idealität, auf welche ich öfters hingewiesen habe (siehe namentlich S. 777 und S. 938 fg.), tritt uns hier gleichsam in einem Bilde verkörpert entgegen: die mathematische Kunst par excellence und insofern auch die am meisten „mechanische“ ist zugleich die „idealste“, von allem Körperlichen am vollkommensten losgelöste. Hiermit hängt eine Unmittelbarkeit der Wirkung zusammen, d. h. also eine unbedingte Gegenwärtigkeit, welche eine weitere Verwandtschaft mit echter Religion bedingt: und in der That, wollte man durch ein Beispiel fasslich machen, was man unter Religion als   E r f a h r u n g   meint, so wäre der Hinweis auf musikalische Erfahrungen, das heisst, auf den unmittelbaren, überwältigenden und unauslöschlichen Eindruck, den das Gemüt von erhabener Musik erhält, gewiss die allertrefflichste und vielleicht auch die einzig zulässige Illustration. Es giebt Choräle von Johann Sebastian Bach — und nicht Choräle allein, doch nenne ich diese, um mich an Allbekanntes zu halten — welche im schlichten, buchstäblichen
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sich eher auf ein Ab- denn auf eine Zunahme des Gehörs innerhalb der letzten drei Jahrhunderte schliessen; so z. B. aus der Vorliebe unserer Vorfahren für vier-, acht- und womöglich noch reichere vielstimmige Kompositionen, sowie daraus, dass der Dilettant, der zur Laute sang, nicht die Oberstimme vortrug (da dies für gemein galt!), sondern eine Mittelstimme. Man hat aber schon längst festgestellt, dass Schärfe des Gehörs in keinem notwendigen, unmittelbaren Verhältnis zur Empfänglichkeit für musikalischen Ausdruck steht; zum grossen Teil ist diese Schärfe lediglich eine Sache der Übung, und man trifft Völker (z. B. die Türken), bei denen die Unterscheidung eines Vierteltons allgemein mit Sicherheit geschieht und die dennoch ohne jegliche musikalische Phantasie und Schöpferkraft sind.

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Sinne des Wortes das „Christlichste“ sind, was je erklungen war, seitdem die göttliche Stimme am Kreuze verstummte.
    Mehr will ich in diesem Zusammenhang nicht vorbringen; es genügt, auf die hohe kulturelle Bedeutung der Tonkunst hingewiesen und an die unvergleichlichen Grossthaten, welche die „Kunst des Genies“ gerade auf diesem Gebiete seit fünf Jahrhunderten vollbracht hat, erinnert zu haben. Jeder wird bereit sein, zuzugeben, dass Verallgemeinerungen über das Verhältnis zwischen Kunst und Kultur keinen Wert besitzen können, wenn diese beiden Künste, die Dichtkunst und die Tonkunst, welche — wie Lessing uns belehrte — in Wahrheit eine einzige, allumfassende Kunst ausmachen, von der Betrachtung ausgeschlossen bleiben.

Kunst und Wissenschaft
    Nunmehr sind wir gewappnet, um der kunsthistorischen Geschichtsphilosophie, wie sie unter uns heute gäng und gäbe ist, entgegenzutreten: ein unerlässliches Beginnen, da diese Geschichtsphilosophie das Verständnis des Werdens unserer germanischen Kultur völlig unmöglich macht und dadurch zugleich das Urteil über die Kunst des 19. Jahrhunderts ein geradezu lächerlich schiefes wird.
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    Ein konkretes Beispiel muss gegeben werden, und da wir überall die selbe Nachblüte Hegel'schen Wahnes finden, ist es ziemlich gleichgültig, wohin wir greifen. Ich nehme ein unter Laien weitverbreitetes, vortreffliches Werk zur Hand, die Einführung in das Studium der neueren Kunstgeschichte von Professor Alwin Schultz, dem rühmlichst bekannten Prager Gelehrten; es liegt mir in der Ausgabe vom Jahre 1887 vor. Hier lesen wir S. 5: „Hat je zugleich die Kunst und die Wissenschaft im selben Augenblicke (sic!) ihre besten Früchte gezeitigt? ist Aristoteles nicht aufgetreten, als die heroische Zeit der griechischen Kunst bereits vorüber war? und welcher Gelehrter (sic!) hat zu Leonardo's, zu Michelangelo's, zu Raffael's Zeiten gelebt, dessen Werke denen jener Meister nur annähernd an die Seite gestellt werden könnten? Nein! Kunst und Wissenschaft sind   n i e   zu gleicher Zeit mit Erfolg von den Völkern gepflegt worden; vielmehr geht die Kunst der Wissenschaft voraus: die

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Wissenschaft tritt erst recht in Kraft, wenn die glänzende Epoche der Kunst schon der Vergangenheit angehört, und je mehr die Wissenschaft wächst und an Bedeutung gewinnt, desto mehr wird die Kunst in den Hintergrund gedrängt. Auf beiden Gebieten gleichzeitig hat kein Volk je etwas Grosses hervorgebracht. Wir können uns deshalb recht wohl trösten, wenn wir sehen, wie in unserem Jahrhundert, das so hervorragende, die ganze Kultur fördernde Erfolge auf dem Gebiete der Wissenschaften aufzuweisen hat, die Kunst nur minder Bedeutendes zu erreichen vermochte.“ In der selben Weise geht es noch ein paar Seiten weiter. Die angeführte Stelle muss man mehrere Male hintereinander aufmerksam durchlesen; man wird immer mehr staunen über eine solche Fülle verkehrter Urteile und namentlich darüber, wie ein gewissenhafter Gelehrter zu Gunsten einer überkommenen, künstlichen, grundfalschen Geschichtskonstruktion, weithin leuchtende, jedem Gebildeten bekannte Thatsachen einfach ignorieren kann. Kein Wunder, wenn wir arme Laien die Geschichte und in Folge dessen auch unsere eigene Zeit nicht mehr verstehen. Wir   w o l l e n   sie aber verstehen. Schauen wir uns zu diesem Zwecke die soeben angeführte offizielle Geschichtsphilosophie etwas näher und mit kritischem Auge an.
    Zunächst frage ich: gesetzt den Fall, es verhielte sich bei den Hellenen, wie Professor Schultz sagt, was würde das für uns beweisen? Dahinter steckt wieder der vermaledeite abstrakte Menschheitsbegriff. Denn es ist nicht allein von den Griechen die Rede, sondern allgemeine Gesetze werden mit „je“ und mit „nie“ aufgestellt, als ob man uns alle — Ägypter, Chi-
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nesen, Congoneger, Germanen — in einen Topf werfen könnte; wogegen wir auf jedem Gebiet des Lebens sehen, dass selbst unsere nächsten Verwandten — die Hellenen, die Römer, die Indier, die Eranier — jeder einen ganz individuellen Entwickelungsgang durchmacht. Ausserdem stimmt das angeblich beweiskräftige Beispiel keineswegs. Ja! hätten unsere Kunsthistoriker die These durchführen wollen, die ich selber im ersten Kapitel dieses Buches zu skizzieren versucht habe, dass nämlich schöpferische Kunst — die Kunst Homer‘s — die Grundlage der gesamten helle-

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nischen Kultur abgegeben hat, dass wir durch sie erst „ins Tageslicht des Lebens eingetreten sind“, und dass dies das besondere Kennzeichen der einen einzigen hellenischen Geschichte ist: dann wäre ihre Stellung unanfechtbar, und wir müssten ihnen Dank wissen; doch davon ist keine Rede. Poesie und Musik gehören bei Schultz ebensowenig wie bei irgend einem seiner Kollegen zur Kunst; mit keinem Sterbenswörtchen wird ihrer auch nur gedacht; „das ganze weite Gebiet handwerklicher Produktion“ (S. 14) wird als zum Gegenstand gehörig betrachtet, also lediglich die bildende Kunst. Und da ist denn die aufgestellte Behauptung nicht allein gewagt, sondern nachweisbar falsch. Denn, erstens ist die Beschränkung der „heroischen Zeit“ der bildenden Kunst auf Phidias kaum mehr als eine bequeme Phrase. Was besitzen wir denn von ihm, um ein derartiges Urteil darauf zu gründen? Erkennt nicht die Forschung von Jahr zu Jahr mehr die Vielseitigkeit und die Bedeutung des Praxiteles¹), und geniesst Apelles nicht den Ruf eines unvergleichlichen Malers? Beide sind Zeitgenossen des Aristoteles. Und ist man wirklich berechtigt, die herrlichen Skulpturen aus Pergamon einem vorgefassten System zuliebe als „Ware zweiter Güte“ gering zu schätzen? Pergamon aber wurde 50 Jahre nach dem Tode des Aristoteles erst gegründet. Ich selber bin in diesem Buche gezwungen, immer nur wenige, hervorragende und allbekannte Namen zu nennen; auch habe ich den stärksten Nachdruck auf die Kunst als „Kunst des Genies“ gelegt; doch ist es lächerlich, meine ich, wenn man in Fachbüchern einer derartigen Vereinfachung Raum giebt; das Genie gleicht doch nicht einem Orden, den man einem bestimmten einzelnen Menschen auf die Brust hängt, sondern es schlummert, und schlummert nicht bloss, sondern wirkt auch in Hunderten
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und Tausenden, ehe der Einzelne sich hervorthun kann. Wie ich S. 70 hervorhob, Persönlichkeiten können nur in einer Umgebung von Persönlichkeiten sich als solche bemerkbar machen; Kunst des Genies setzt weitverbreitete künstlerische Genialität voraus;
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    ¹) Man lese z. B. die Berichte über die neuerlichen Funde in Mantinea mit den Musenreliefs des Praxiteles.

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in schöpferischen Werken der Kunst kommt, wie Richard Wagner bemerkt hat, „eine gemeinsame, in unendlich mannigfache und vielfältige Individualitäten gegliederte Kraft“ zur Erscheinung.¹) Eine so weitverbreitete Genialität, wie sie die Griechen bis in spätere Zeiten bekundeten, eine Genialität, die lange nach Aristoteles den Gigantenfries und die Laokoongruppe hervorbrachte, kann sich neben der Wissenschaft — namentlich neben der durchaus unheroischen Wissenschaft jener späteren Periode! — recht wohl sehen lassen. Doch will ich hierauf nicht weiter bestehen, sondern den Standpunkt der Kunsthistoriker vorderhand zu dem meinigen machen und das Zeitalter des Perikles als den Höhepunkt der Kunst betrachten. Wie könnte ich mich aber der Erkenntnis verschliessen, dass dann die „heroische Zeit“ der Wissenschaft auf genau den selben Augenblick fällt? Wie man in diesem Zusammenhang auf Aristoteles kommt, ist nämlich unerfindlich. Dieser grosse Mann hat auch die Wissenschaft seiner Zeit, wie alles andere, zusammengefasst, gesichtet, geordnet, schematisiert; doch ist seine persönliche Wissenschaft nichts weniger als heroisch, eher das Gegenteil, nämlich ausgesprochen geheimrätlich, um nicht zu sagen pfäffisch. Dagegen treten schon über ein Jahrhundert vor der Geburt des Phidias alle hellenischen Denker als fachmännisch gebildete Mathematiker und Astronomen auf, und wirklich „heroisch“ wird die Wissenschaft durch den spätestens 80 Jahre vor Phidias geborenen Pythagoras. Ich verweise auf das S. 84 fg. nur Angedeutete. Wie genial die Pythagoreische Astronomie war, wie emsig und erfolgreich die Griechen bis zur alexandrinischen Zeit hinunter, und zwar ohne Unterbrechung, Mathematik und Astrophysik betrieben, wie abseits Aristoteles von dieser einzig echt naturwissenschaftlichen Bewegung stand, ist heute allbekannt: wie kann man es zu Gunsten einer Konstruktion übersehen? Von Thales, der 100 Jahre vor Phidias Sonnenfinsternisse vorausberechnet, bis zu Aristarch, dem 100 Jahre nach Aristoteles ge-
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    ¹) Eine Mitteilung an meine Freunde (Ges. Schriften, 1. Ausg., IV., 309).

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borenen Vorläufer des Kopernikus — d. h. so lange griechisches Geistesleben überhaupt blühte, vom Anfang bis zum Ende — sehen wir die besondere hellenische Anlage für die Wissenschaft des Raumes am Werke. Abgesehen hiervon haben die Griechen
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überhaupt in Wissenschaft nur wenig von bleibender Bedeutung geleistet, denn sie waren allzu hastige, schlechte Beobachter; doch ragen zwei Namen hoch empor, so dass sie noch heute jedem Kinde bekannt sind: Hippokrates. der Begründer wissenschaftlicher Medizin, und Demokrit, der weitaus bedeutendste aller hellenischen naturforschenden Denker, der einzige, der heute noch weiterschaffend unter uns lebt;¹) und beide sind — Zeitgenossen des Phidias!
    Die Behauptung, Kunst und Wissenschaft seien nie zugleich mit Erfolg gepflegt worden, erweist sich aber als noch mehr hinfällig, sobald sie unsere aufsteigende germanische Kultur betrifft. „Welcher Gelehrte hat zu Leonardo‘s, zu Michelangelo‘s, zu Raffael‘s Zeiten gelebt, dessen Werke denen jener Meister nur annähernd an die Seite gestellt werden könnten?“ Wirklich, so ein armer Kunsthistoriker kann einem leid thun! Gleich beim ersten Namen — Leonardo — ruft man aus: aber, bester Mann,
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    ¹) Demokrit kann man nur mit Kant vergleichen: die Weltgeschichte weiss von keiner erstaunlicheren Geisteskraft zu melden. Wem das noch unbekannt, der schlage den betreffenden Abschnitt in Zeller‘s Philosophie der Griechen (2. Abt. des 1. Bandes) nach und ergänze das dort Gesagte durch die Darstellung in Lange‘s Geschichte des Materialismus. Demokrit ist der einzige Grieche, den man als echten Vorläufer germanischer Weltanschauung betrachten kann; denn bei ihm — und bei ihm allein — finden wir die rücksichtslos mathematisch-mechanische Deutung der Erscheinungswelt, verbunden mit dem Idealismus der inneren Erfahrung und mit dem resoluten Abwehren jedweden Dogmatismus. Im Gegensatz zu dem albernen „Mittelweg“ des Aristoteles lehrt er, die Wahrheit liege in der   T i e f e!   Eine Erkenntnis der Dinge ihrer wirklichen Beschaffenheit nach sei, sagt er, unmöglich. Seine Ethik ist ebenso bedeutend: die Sittlichkeit liegt für ihn ganz und gar im Willen, nicht im Werke; er deutet auch schon auf Goethe‘s Ehrfurcht vor sich selbst hin und weist Furcht und Hoffnung als moralische Triebfedern ab.

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Leonardo selber! Wissenschaftliche Fachleute urteilen über ihn: „Leonardo da Vinci muss als der hervorragendste Vorarbeiter der galileischen Epoche der Entwickelung der induktiven Wissenschaften betrachtet werden.“¹) Ich hatte oft in diesem Buche
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Gelegenheit, auf Leonardo hinzuweisen, begnüge mich also hier daran zu erinnern, dass er Mathematiker, Mechaniker, Ingenieur, Astronom, Geolog, Anatom, Physiolog war. Hat auch die kurze Spanne eines Menschenlebens nicht genügt, damit er hier überall, wie auf dem Gebiete der Kunst, Unsterbliches leiste, die zahlreichen richtigen Ahnungen des erst viel später Entdeckten besitzen um so mehr Wert, als sie nicht luftige Intuitionen sind, sondern das Ergebnis der Beobachtung und einer streng wissenschaftlichen Denkmethode. Das grosse mittlere Prinzip unserer gesamten Naturwissenschaft: Mathematik und Experiment, hat er zuerst klar aufgestellt. „Alles Wissen ist eitel“, sagt er, „welches nicht auf Erfahrungsthatsachen fusst und Schritt für Schritt bis zum wissenschaftlich angestellten Versuch verfolgt werden kann.“²) Ob Professor Schultz Leonardo einen „Gelehrten“ nennen würde, weiss ich allerdings nicht; jedoch zeigt die Geschichte, dass es auch in den Wissenschaften etwas grösseres
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    ¹) Hermann Grothe: Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph, S. 93. Dass der Verfasser in dieser selben Schrift, in welcher er ausserdem darzutun versucht hat, die wissenschaftlichen Kenntnisse seien zu Leonardo‘s Zeiten überhaupt ausgedehnter und präziser als zwei Jahrhunderte später gewesen, dennoch der kunsthistorischen Hegelei das Opfer bringt, zu schreiben: „Stets haben wir die Erscheinung beobachten können, dass eine erhabene Kunstepoche der Blüte der Wissenschaft vorangeht“ — ist wirklich ein non plus ultra. Nichts ist schwerer zu entwurzeln, wie es scheint, als derartige Phrasen: der selbe Mann, der soeben in einem hervorragenden Falle das Gegenteil bewiesen hat, plappert sie dennoch nach, und entschuldigt die Abweichung von der vermeintlichen Regel mit einem „stets“ — worauf man mit der Frage erwidern möchte, wo er denn überhaupt ausser bei uns Germanen auf eine wahre „Blüte der Wissenschaft“ hinweisen könne? Er würde sehr verlegen um eine Antwort sein. Und bei uns — das könnte er nicht leugnen — geht die Kunst von Giotto bis Goethe ihren Gang parallel mit der Wissenschaft von Roger Bacon bis Cuvier.
    ²) Libro di pittura, § 33 (ed. Ludwig).

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giebt als Gelehrsamkeit, nämlich Genie; und Leonardo ist ohne Frage eines der hervorragendsten wissenschaftlichen Genies aller Zeiten. — Doch sehen wir weiter, ob es nicht einen ausschliesslich „wissenschaftlichen“ Zeitgenossen Michelangelo‘s und Raffael‘s giebt, würdig, ihnen „annähernd an die Seite gestellt zu werden“. Nichts ist schwerer, als für vergangene wissenschaftliche Grössen anerkennendes Verständnis zu wecken, und wollte ich als Beispiele von Naturforschern, deren Leben „innerhalb“ des Lebens Michelangelo‘s fällt, auf Vesalius, den unsterblichen Begründer der menschlichen Anatomie, auf Servet, den Vorentdecker des Blutumlaufes, auf Konrad Gessner, jenes erstaunlich vielseitige Muster aller späteren „Naturalisten“, und noch auf Andere hinweisen, so müsste ich zu jedem Namen einen Kommentar geben, und trotzdem würde ein ganzes Leben erfolgreicher Arbeit in der dunklen Vorstellung eines Laien immer noch wenig wiegen im Vergleich zu einem einzigen aus Anschauung ihm bekannten Kunstwerke. Doch zum Glück brauchen wir in diesem Falle nicht lange zu suchen, um einen Namen zu finden, dessen Glanz selbst bis in das unwissenschaftlichste Hirn gedrungen ist. Denn
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bei aller grossen Verehrung für jene unsterblichen Künstler werden wir doch zugeben müssen, dass ein Nikolaus Kopernikus einen bedeutenderen, weiter reichenden und mehr bis in die fernste Zukunft bestimmenden Einfluss auf die Kultur der gesamten Menschheit ausgeübt hat, als Michelangelo und Raffael. Georg Christoph Lichtenberg ruft aus, nachdem er die wissenschaftliche und moralische Grösse des Kopernikus dargethan hat: „Wenn dieses kein grosser Mann war, wer in der Welt kann Anspruch auf diesen Namen machen?“¹) Und Kopernikus ist so genau der Zeitgenosse Raffael‘s und Michelangelo‘s, dass sein Leben dasjenige Raffael‘s einschliesst. Raffael ist geboren 1483, gestorben 1520, Kopernikus ist geboren 1473, gestorben 1543. Kopernikus war in Rom berühmt, als man Raffael‘s Namen dort noch nie gehört hatte, und als der Urbinat 1508 von Julius II. berufen wurde,
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    ¹) Siehe dessen Leben des Kopernikus in seinen physikalischen und mathematischen Schriften, Ausg. 1844, I. Teil, S. 51.

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trug der Astronom seine Theorie des kosmischen Weltsystems schon fertig im Kopfe, wenn er gleich, als echter Naturforscher, noch über 30 Jahre daran arbeitete, ehe er sie veröffentlichte. Kopernikus ist 21 Jahre jünger als Leonardo, 2 Jahre jünger als Albrecht Dürer, 2 Jahre älter als Michelangelo, 4 Jahre älter als Tizian; alle diese Männer standen zwischen 1500 und 1520 auf der Höhe ihres Wirkens. Nicht sie allein aber, auch der bahnbrechende Naturforscher Paracelsus¹) ist nur 10 Jahre jünger als Raffael und beschloss sein ereignisreiches und für die Wissenschaft epochemachendes Leben mehr denn 20 Jahre früher als Michelangelo. — Nun darf man aber nicht übersehen, dass Männer wie Kopernikus und Paracelsus nicht vom Himmel fallen; ist selbst die Kunst des Genies eine Kollektiverscheinung, so ist es die Wissenschaft in viel höherem Grade. Schon der erste Biograph des Kopernikus, Gassendi, wies nach, dass dieser ohne seinen Vorgänger, den unsterblichen Regiomontanus, und Regiomontanus wieder ohne seinen Lehrer Purbach nicht möglich gewesen wäre; und andrerseits erhärtet ein Fachmann, der Astronom Bailly, dass es nur noch einiger technischer Vervollkommnung seiner Werkzeuge bedurfte, damit Regiomontanus die meisten Entdeckungen Galilei‘s vorweggenommen hätte.²)
    Kunst und Wissenschaft dürfen überhaupt nicht in der Art zu einander in Parallele gestellt werden wie unsere Kunsthistoriker
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es thun; denn Kunst — Kunst des Genies — „ist stets am Ziel“, wie Schopenhauer treffend bemerkt hat; es giebt keinen Fortschritt über Homer hinaus, über Michelangelo hinaus, über Bach hinaus; wogegen Wissenschaft ihrem Wesen nach „kumulativ“ ist und jeder Forscher seinem Vorgänger auf den Schultern steht. Der bescheidene Purbach ebnet die Wege für das Wunderkind Regiomontanus, dieser macht Kopernikus möglich, auf ihm wieder fussen Kepler und Galilei (geboren im Todesjahre Michelangelo‘s), auf diesen Newton. Nach welchem Kriterium will man hier die „beste Frucht“ bestimmen? Eine einzige Erwägung wird
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    ¹) Vergl. S. 861, 888 fg.
    ²) Beide Angaben sind der oben angeführten Lichtenbergschen Biographie entlehnt.

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zeigen, wie wenig die künstliche Bestimmung nach a priori Zurechtlegungen zulässig ist. Die grossen Entdeckungen des Columbus, Vasco da Gama, Magalhäes u. s. w. sind alle schon eine Frucht exakter wissenschaftlicher Arbeit. Toscanelli (geb. 1397), der Ratgeber des Columbus und vermutliche Urheber seiner Reise nach Westen, war ein sehr tüchtiger, gelehrter Astronom und Kosmograph, der die sphärische Gestalt der Erde zu beweisen unternahm und dessen Karte des Atlantischen Ozeans, die Columbus auf seiner ersten Reise benutzte, ein Wunderwerk des Wissens und der Intuition ist. Bei ihm hat der Florentiner Amerigo Vespucci noch persönlich Unterricht genommen und dadurch die Befähigung gewonnen, die ersten genauen geographischen Ortsbestimmungen der amerikanischen Küste aufzunehmen. Doch hätte das nicht genügt. Ohne die bewundernswert genauen astronomischen Ephemeriden des Regiomontanus, die dieser auf Grundlage seiner astronomischen Beobachtungen und neuen Methoden für die Zeit 1475—1506 vorausberechnet und gedruckt hatte, wäre überhaupt keine transatlantische Entdeckungsreise möglich gewesen; von Columbus an hat sie jeder Entdecker an Bord gehabt.¹) Ich dächte, die Entdeckung der Welt, deren „heroische Zeit“ ganz genau mit der höchsten Blüte der bildenden Künste in Italien zusammenfällt, wäre schon eine „Frucht“, die der Beachtung eben so wert ist wie eine Madonna Raffael‘s; die Wissenschaft, die sie vorbereitet und ermöglicht hat, ist der Kunst nicht nachgehinkt, sondern eher vorangeeilt.
    Wollten wir unserem Kunsthistoriker noch weiter Schritt für Schritt nachgehen, wir würden lange mit ihm zu thun haben; doch meine ich, jetzt, wo wir die Grundlagen seiner ferneren Behauptungen Wort für Wort als unstichhaltig befunden haben,
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dürfen wir schon Thür und Fenster weit aufwerfen und die dumpfe Stubenluft einer Geschichtsphilosophie, in der uns weder die Vergangenheit deutlich, noch die Gegenwart bedeutsam wird, durch den Sonnenschein der herrlichen Wirklichkeit und die
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    ¹) Für alle diese Angaben siehe Fiske: The discovery of America.

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frische Luft des brausenden Werdens verjagen. Ich fasse also die weitere Zurückweisung kurz zusammen.
    Etwa 150 Jahre nach Raffael‘s Tod — Kepler und Galilei waren schon längst, Harvey vor einiger Zeit gestorben, Swammerdam war beschäftigt, ungeahnte Geheimnisse der Anatomie aufzudecken, Newton hatte bereits sein System der Gravitation ausgearbeitet und John Locke unternahm soeben als vierzigjähriger Mann seine wissenschaftliche Analyse des Menschengeistes — da wurde eine Dichtung geschrieben, von der Goethe gesagt hat: „wenn die Poesie ganz von der Welt verloren ginge, so könnte man sie aus diesem Stück wieder herstellen“; das wäre, dächte ich, Kunst des Genies im superlativsten Sinne des Wortes! Der Künstler war Calderon, das Kunstwerk Der standhafte Prinz.¹) So überschwengliche Worte aus dem Munde eines so urteilsfähigen und stets gemessen redenden Mannes lassen uns empfinden, dass die schöpferische Kraft der Kunst im 17. Jahrhundert nicht nachgelassen hatte. Wir werden um so weniger daran zweifeln, wenn wir bedenken, dass Newton, der Zeitgenosse Calderon‘s, sehr gut Rembrandt an der Staffelei hätte sehen können und vielleicht — ich weiss es nicht — gesehen hat, ebenso wie er, wäre er in Deutschland gereist, den grossen Thomaskantor hätte eine seiner Passionen aufführen hören, und ohne Zweifel Händel — der lange vor Newton‘s Tode nach England übergesiedelt war — gesehen und gekannt hat. Hiermit reichen wir aber bis über die Mitte des 18. Jahrhunderts hinaus; in dem Jahre, als Händel starb, stand Gluck auf der Höhe seines Könnens, Mozart war geboren und Goethe hatte, wenn auch noch nicht für die Welt, so doch für seinen früh verstorbenen Bruder Jakob schon viel geschrieben und war soeben, infolge der Anwesenheit der Franzosen in Frankfurt, mit dem Theater vor und hinter den Coulissen vertraut geworden; vor Schluss des selben Jahres erblickte Schiller das Licht der Welt. Schon diese flüchtigen Andeutungen — bei denen ich des blühenden Kunstlebens Englands, von Chaucer bis Shakespeare, und von diesem bis Hogarth und
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    ¹) Bf. an Schiller vom 28. Januar 1804.

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Byron, und der reichen Schöpfungen Frankreichs, von der Erfindung des gotischen Baustils im 12. und 13. Jahrhundert an,
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bis zu dem grossen Racine gar nicht gedacht habe — genügen zum Beweise, dass in keinem Jahrhundert, seit unsere neue Welt zu entstehen begann, weder ein tiefgefühltes Bedürfnis nach Kunst, noch weitverbreitete künstlerische Genialität, noch auch ihr Emporblühen zu herrlichen Gebilden in   K u n s t   d e s   G e n i e s   gefehlt hat. Calderon steht, wie wir soeben sahen, nicht allein da: was Goethe von seinem standhaften Prinzen sagte, hätte er wohl nicht minder von Shakespeare‘s Macbeth gesagt; und zwischen wuchs die reinste aller Künste, die erst dem germanischen Dichter das Werkzeug liefern sollte, dessen er zur vollen Ausdrucksfähigkeit bedurfte — die Musik —- nach und nach zu nie geahnter Vollkommenheit heran und gebar ein Genie nach dem andern. Damit erhellt die Nichtigkeit der Behauptung, Kunst und Wissenschaft schlössen sich gegenseitig aus: eine Behauptung, die teils auf einer durchaus willkürlichen und verwerflichen Definition des Begriffes „Kunst“ beruht, teils aber auf Unwissenheit bezüglich der geschichtlichen Thatsachen und auf anerzogener Verkehrtheit des Urteils.
    Wenn es ein Jahrhundert giebt, welches die Bezeichnung „das naturwissenschaftliche“ verdient, so ist es das sechzehnte; diese Ansicht Goethe‘s fanden wir durch das autoritative Gutachten Justus Liebig‘s bestätigt (S. 800); das 16. Jahrhundert ist aber das Jahrhundert Raffael‘s, Michelangelo‘s und Tizian‘s, es erlebte noch Leonardo am Anfang und Rubens am Schlusse; das Jahrhundert der Naturwissenschaft par excellence war also ebenfalls ein unvergleichliches Jahrhundert der bildenden Kunst. Doch sind alle diese Einteilungen als künstlich und nichtssagend zu verwerfen.¹) Es giebt ja gar keine Jahrhunderte ausser in unserer
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    ¹) Liebhaber derartiger Spielereien mache ich auf Folgendes aufmerksam: im Todesjahre Michelangelo‘s (1564) wurde Shakespeare geboren, mit Calderon's Tod (1681) fällt die Geburt Bach‘s fast genau zusammen, und die Leben Gluck‘s, Mozart‘s und Haydn‘s führen uns bis genau zu dem Schluss des 18. Säculums; so könnte man auf das bildende Jahrhundert ein poetisches und auf

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Einbildung, und es giebt auch gar keine Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft ausser einer der gegenseitigen indirekten Förderung. Es giebt einzig eine grosse, entfesselte, auf allen Gebieten zugleich emsig thätige Kraft, die Kraft einer bestimmten Rasse. Zwar wird diese Kraft das eine Mal hier, das andere
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Mal dort gehemmt oder gefördert, häufig durch rein äussere, zufällige Begebenheiten, manchmal durch grosse Ideen und durch den Einfluss hervorragender Persönlichkeiten. So erwacht z. B. die italienische Malerei zur Selbständigkeit und Bedeutung unter dem unmittelbaren Einfluss des Franz von Assisi und der von seinem Orden geforderten grossen Kirchen mit Wandgemälden für die Belehrung des unwissenden Volkes; so erlischt nach und nach in Deutschland, in Folge einer fast dreihundertjährigen Epoche von Krieg und Verheerungen und inneren Zerwürfnissen, die Lust und die Fähigkeit zu bildender Kunst, weil diese wie keine andere Reichtum und Ruhe benötigt, um leben zu können; oder wiederum, die Umsegelung der Welt fördert gewaltig die astronomischen Studien (S. 773), während das Aufkommen der Jesuiten die blühende Wissenschaft Italiens gänzlich ausrottet (S. 698). Das alles kann und soll uns der wissenschaftliche Geschichtsforscher — und also auch der Kunsthistoriker — an der Hand konkreter Thatsachen zeigen, nicht aber unser Urteil durch lendenlahme Verallgemeinerungen verblöden.

Die Kunst als ein Ganzes
    Und dennoch bedürfen wir der Verallgemeinerungen; ohne sie giebt es kein Wissen, und darum pendeln wir bis zur Ankunft des so sehr ersehnten kulturhistorischen Bichat zwischen falschen Gesamtanschauungen, welche jede einzelne Thatsache in eine unrichtige Perspektive rücken, und richtigen Einzelkenntnissen, welche wir unfähig sind so zu verbinden, dass daraus ein Wissen, d. h. ein alle Erscheinungen zusammenfassendes Verstehen wird. Doch hoffe ich, die gesamte vorangehende Dar-
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dieses ein musikalisches folgen lassen. Es hat auch Menschen gegeben, die von mathematischen, astronomisch-physikalischen, anatomisch-systematischen und chemischen Jahrhunderten gesprochen haben — ein Unsinn, für welchen die heutigen Mathematiker, Physiker, Anatomen u. s. w. sich bestens bedanken werden.

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stellung, vom ersten Kapitel dieses Buches an, wird uns Material genug geliefert haben, um unseren vorläufigen Notbrückenbau hier vollenden zu können. Die grundlegenden Erkenntnisse liegen jetzt so klar vor Augen und wurden von so vielen Seiten betrachtet, dass ich eine fast aphoristische Kürze nicht zu entschuldigen brauche.
    Um die Geschichte und damit auch die Bedeutung unserer Kunst in der Zeitenfolge und inmitten der übrigen Lebenserscheinungen zu verstehen, ist das erste und unbedingte Erfordernis, dass wir sie als ein Ganzes betrachten, nicht dieses und jenes herausreissen — etwa gar „das Gebiet der handwerklichen Produktion“ — und nun über dieses Bruchstück philosophieren.¹) Wo
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immer und wie immer freie schöpferische Neugestaltung des uns durch die Natur gegebenen inneren und äusseren Stoffes stattfindet, da ist Kunst. Da Kunst Freiheit und Schöpferkraft voraussetzt, so erfordert sie Persönlichkeit; ein Werk, welches nicht den Stempel einer besonderen, unterschiedenen Individualität trägt, ist kein Kunstwerk. Persönlichkeiten unterscheiden sich nun nicht allein der Physiognomie, sondern auch dem Grade nach; hier (wie auch sonst in der Natur) schlägt bei einem bestimmten Punkt der Gradunterschied in einen spezifischen Unterschied um, so dass wir berechtigt sind, mit Kant zu behaupten, das Genie unterscheide sich spezifisch vom gewöhnlichen Menschen.²)
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    ¹) Nebenbei erinnere ich an Goethe‘s treffende Bemerkung: „die Technik wird zuletzt der   K u n s t   verderblich“ (Sprüche in Prosa); d. h. also der wahren, schöpferischen Kunst.
    ²) Vergl. S. 61. Wie viele ästhetische Irrlehren und nutzlose Diskussionen hätte sich das 19. Jahrhundert sparen können, wenn es das tiefe Wort Kant‘s besser erwogen hätte: „Genie ist die angeborene Gemütsanlage, durch welche die Natur der Kunst die Regel giebt — — — daher das Genie selbst nicht beschreiben oder wissenschaftlich anzeigen kann, wie es sein Produkt zu Stande bringt, und daher der Urheber eines Produktes, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht weiss, wie sich in ihm die Ideen dazu herbeifinden, auch es nicht in seiner Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmässig auszudenken und anderen in solchen Vorschriften mitzuteilen, die sie in Stand setzt, gleichmässige Produkte hervorzubringen“ (Kritik der Urteilskraft, § 46. Man vergl. ausserdem

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Nirgends tritt dies so klar zu Tage wie in der Kunst, welche in den Werken der authentischen Genies gewissermassen eine zweite Natur wird, und darum, wie diese, unvergänglich, unausdenkbar, unerklärlich, unnachahmlich ist. Doch liegt Verwandtschaft zum Genie in jeder freien, d. h. zur Originalität befähigten Persönlichkeit; das zeigt sich in dem feinen Verständnis für Kunst des Genies, in der Begeisterung, die sie erweckt, in der Anregung zu schöpferischen Thaten, die sie gewährt, in ihrem Einfluss auf das Schaffen von Männern, die nicht Künstler poprio sensu sind. Die Kunst des Genies lebt nicht allein in einer Atmosphäre von vor-, mit- und nachschaffender künstlerischer Genialität, sondern gerade das Genie streckt seine Wurzeln aus bis in die entlegensten Gebiete, saugt Nahrung von überall ein und trägt wiederum Lebenskraft überall hin. Ich verweise auf Leonardo und auf Goethe. Hier sieht man mit Augen, wie die künstlerische Anlage, überströmend aus jedem ihr aufgenötigten engeren Behälter, ihre Zeugungskraft befruchtend über jedes vom Menschengeist be-
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baute Feld ergiesst. Bei genauerem Zusehen wird man nicht weniger staunen, wie diese Männer aus den verschiedensten, einander fernliegenden Quellen ihren Geist zu berieseln verstehen: Goethe‘s Nährboden reicht von der vergleichenden Knochenkunde bis zu der philologisch genauen Kritik der hebräischen Thora, Leonardo‘s von der inneren Anatomie des menschlichen Körpers bis zu der thatsächlichen Ausführung jener grossartigen Kanalbauten, von denen Goethe in seinen alten Tagen träumte. Wird man solchen Männern gerecht, wenn man ihre künstlerische Befähigung nach ihrem Schaffen innerhalb bestimmter Schablonen misst und benamst? Sollen wir es dulden, wenn geistige Pygmäen von ihrem darwinistischen Affenbaum herunterklettern, um sie in die Schranken ihres angeblichen „Kunstfaches“ zurückzu-
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§ 57, Schluss der ersten Anmerkung). Die italienische Reise war damals noch nicht im Druck erschienen, sonst hätte Kant sich auf Goethe‘s Brief vom 6. September 1787 berufen können: „Die hohen Kunstwerke sind zugleich als die   h ö c h s t e n   N a t u r w e r k e   von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden.“

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weisen? Gewiss nicht. „Nur als Schöpfer kann der Mensch uns ehrwürdig sein“, sagt Schiller.¹) Die Naturbetrachtungen und die philosophischen Gedanken eines Leonardo und eines Goethe sind durch ihren schöpferischen Charakter unbedingt ehrwürdig; sie sind   K u n s t.   Was hier nun sich sichtbar ereignet, weil wir bei diesen ausserordentlichen Männern das Nehmen und Geben direkt an dem einen Individuum beobachten können, geschieht allerorten durch mehrfache Vermittelung und darum unbemerkt. Alles kann Quelle der künstlerischen Inspiration sein, und andrerseits stehen oft, wo der hastig Lebende es am wenigsten vermutet, Erfolge, die in letzter Instanz auf künstlerische Anregung zurückzuführen sind. Nichts ist empfänglicher als menschliche Schaffenskraft; von überall her nimmt sie Eindrücke auf, und bei ihr bedeutet ein neuer Eindruck einen Zuwachs, nicht allein an Material, sondern auch an schöpferischer Befähigung, weil eben, wie S. 192 und 762 und 806 betont wurde, die Natur allein, nicht der Menschengeist, erfinderisch und genial ist. Es besteht darum ein enger Zusammenhang zwischen Wissen und Kunst, und der grosse Künstler (wir bemerken es von Homer an bis zu Goethe) ist stets ein ungemein wissbegieriger Mensch. Aber die Kunst giebt das Empfangene mit Zinsen zurück; durch tausend oft verborgene Kanäle wirkt sie zurück auf Philosophie, Wissenschaft, Religion, Industrie, Leben, namentlich aber auf die Möglichkeit des Wissens. Wie Goethe sagt: „Die Menschen sind überhaupt der Kunst mehr gewachsen als der Wissenschaft. Jene gehört zur grossen Hälfte ihnen selbst, diese zur grossen Hälfte der Welt an; — so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgend eine Art
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von Ganzheit erwarten.“²) So ist z. B. Kant‘s Theorie des Himmels ein genau eben so künstlerisches Gebilde wie Goethe‘s Metamorphose der Pflanzen, und zwar nicht bloss nach der positiven Seite hin, als gestaltende Wohlthat, sondern auch negativ, insofern nämlich, trotz alles mathematischen Apparates, der-
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    ¹) Über Anmut und Würde.
    ²) Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, 1. Abteilung.

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artige Zusammenfassungen immer menschliche Gestaltungen — und d. h.   M y t h e n — sind.
    Stelle ich also als erstes Erfordernis auf, die Kunst müsse als ein Ganzes betrachtet werden, so will ich damit nichts Geringes gesagt haben. Kunsthandwerk gehört ganz und gar zur Industrie, d. h. in das Gebiet der Civilisation; es kann blühen (wie bei den Chinesen), ohne dass eine Spur von wirklicher Schöpferkraft vorhanden sei; Kunst dagegen als Kulturelement ist (in den verschiedenen Zweigen der indoeuropäischen Familie) ein pulsierendes Blutsystem des gesamten höheren geistigen Lebens. Damit unsere Kunst historisch richtig beurteilt werde, muss darum zunächst die Einheit des Impulses — die aus den innersten Regungen der Persönlichkeit hervorgeht — begriffen, sodann das reiche Wechselspiel von Nehmen und Geben bis in die feinsten Verzweigungen verfolgt werden. Wie ich S. 730 bemerkte: nur wer ein Ganzes überschaut, ist im Stande, die Unterscheidungen innerhalb des Ganzen durchzuführen; auch eine wahrhaftige Kunstgeschichte kann nicht aus der Aneinanderreihung der verschiedenen sogenannten „Kunstarten“ aufgebaut werden, vielmehr muss man   e r s t   die Kunst als einheitliches Ganzes ins Auge fassen und sie bis dorthin verfolgen, wo sie mit anderen Lebenserscheinungen zu einem noch grösseren Ganzen verschmilzt; dann erst wird man befähigt sein, die Bedeutung ihrer einzelnen Erscheinungen richtig zu beurteilen.
    Das wäre das erste allgemeine Prinzip.

Das Primat der Poesie
    Das zweite Grundprinzip zieht den unentbehrlichen engeren Kreis: jedes echt künstlerische Schaffen unterliegt dem unbedingten Primat der Poesie. In der Hauptsache kann ich mich damit begnügen, auf das S. 955 fg. Gesagte zurückzuverweisen. Weitere Bestätigung wird der Leser überall finden. So weist z. B. Springer nach, dass die ersten Regungen echter bildender Schöpfungskraft bei den Germanen (etwa im 10. Jahrhundert) nicht dort erwachten, wo sie an frühere Muster   b i l d e n d e r   Kunst sich anlehnten, sondern dort, wo die Phantasie durch   p o e t i s c h e   Schöpfungen — meistens durch die Psalmen und Legenden — zu freier Gestaltung angeregt war; sofort „offenbart

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sich eine merkwürdige   p o e t i s c h e   Anschauungskraft, sie durchdringt den Gegenstand und weiss selbst abstrakte Vor-
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stellungen in einen greifbaren Körper zu hüllen“.¹) Man sieht, der bildende Künstler wird produktiv, indem er an Gestalten anknüpft, welche der Dichter vor die Phantasie hingezaubert hat. Allerdings wirkt auch manche gestaltentreibende Anregung unmittelbar auf den Bildner, ohne dass sie erst durch den Griffel des Dichters ihm übermittelt worden wäre; ein hervorragendes Beispiel bietet sich uns dar in dem schon genannten fast unermesslichen Einfluss des Franz von Assisi; doch darf man nicht übersehen, dass nicht bloss ein Geschriebenes Poesie ist. Die poetische Gestaltungskraft schlummert weitverbreitet; „der eigentliche Erfinder war von jeher nur das Volk; der Einzelne kann nicht erfinden, sondern sich nur der Erfindung bemächtigen.“²) Kaum war diese wunderbare Persönlichkeit des Franz verschwunden, und schon hatte das Volk sie zu einer bestimmten Idealgestalt umgedichtet und verklärt;   a n   d i e s e   p o e t i s c h e   G e s t a l t   knüpfen Cimabue, Giotto und ihre Nachfolger an. Damit ist aber die aus diesem Beispiel zu ziehende Lehre noch nicht erschöpft. Ein Kunsthistoriker, der gerade den Einfluss des Franz auf die bildende Kunst zum Gegenstand eingehendster Studien gemacht hat und diesen Einfluss jedenfalls eher zu überschätzen als zu unterschätzen geneigt sein muss, Professor Henry Thode, macht doch darauf aufmerksam, dass dieser Einfluss nur bis zu einem gewissen Grade gestaltend gewirkt hat; eine derartige religiöse Bewegung regt die schlummernden Tiefen der Persönlichkeit auf, bietet aber an und für sich dem Auge wenig Stoff und noch weniger Form; damit die bildende Kunst Italiens zu voller Kraft erwachsen konnte, musste ein neuer Impuls gegeben werden, und   d a s   w a r   d a s   W e r k   d e r   D i c h t e r.³)   Dante ist es, der die Italiener gelehrt hat, zu gestalten: im Bunde mit
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    ¹) Handbuch der Kunstgeschichte (1895), II, 76.
    ³) Richard Wagner: Entwürfe, Gedanken, Fragmente (1885), S 19.
    ³) Franz von Assisi und die Anfänge der Kunst der Renaissance in Italien, 1885, S. 524 fg.

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ihm die gerade im 14. und 15. Jahrhundert wieder aufgefundene Poesie des Altertums. Man darf natürlich diese Einsicht nicht kleinlich auffassen; der Miniaturmaler des 10. Jahrhunderts mag sich — um frei erfinden zu dürfen — Vers für Vers an einen Psalm anschliessen, später wird ein derartiger Illustrator wenig geschätzt, man verlangt freiere Erfindung; auf jedem Kunstgebiet erwächst der Künstler zu immer grösserer Selbständigkeit; das
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Mass der Selbständigkeit wird aber durch den Entwickelungsgrad und die Kraft der allumfassenden Poesie bedingt.
    Hieran reiht sich nun die sehr wichtige Einsicht Lessing‘s, dass Dichtkunst und Tonkunst eine einzige Kunst sind, dass sie zusammen erst eigentliche Poesie ausmachen. Das ist der springende Punkt für das Verständnis unserer germanischen Kunst — auch der bildenden; wer achtlos daran vorübergeht, wird nie ins Reine kommen. Zu dem vorhin Gesagten (S. 959 fg.) muss ich hier nur einiges Wenige als unentbehrliche Ergänzung hinzufügen.

Die germanische Tonkunst
    Wo immer wir bei Indoeuropäern eine entwickelte, schöpferische Dichtkunst antreffen, da finden wir eine entwickelte Tonkunst, und zwar mit jener innig verschmolzen. Von den arischen Indern will ich nur drei Züge erwähnen. Der sagenhafte Erfinder der bei ihnen am meisten gepflegten Kunstgattung, nämlich des Dramas, Bharata, gilt zugleich als Verfasser der Grundlage des musikalischen Unterrichts, denn Musik war in Indien ein integrierender Bestandteil der dramatischen Werke; die lyrischen Dichter pflegten ihren Versen die Melodie beizugeben, wo sie aber das nicht thaten, fügten sie wenigstens hinzu, in welcher   T o n a r t  jedes Gedicht vorzutragen sei. Diese zwei Züge sind beredt genug, ein dritter veranschaulicht die Entwickelung der Technik. Die in ganz Europa früher übliche Bezeichnung der Skala do, re, mi u. s. w. stammt aus Indien, vermittelt durch Eranien. Man sieht, wie innig verwoben Tonkunst und Dichtkunst war, und welche Rolle die Kenntnis der Musik im Leben spielte.¹) Über
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    ¹) Vergl. Schröder: Indiens Litteratur und Kultur, Vorlesung 3 und 50, und Ambros: Geschichte der Musik, I. Buch 1.

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die Musik der Hellenen brauche ich nichts hinzuzufügen. Herder sagt: „Bei den Griechen waren Poesie und Musik nur ein Werk, eine Blüte des menschlichen Geistes“,¹) und an einer anderen Stelle: „Das griechische Theater war Gesang; dazu war alles eingerichtet; und wer dies nicht vernommen hat, der hat vom griechischen Theater nichts gehört.“²) Dagegen, wo es keine Dichtkunst gab, wie bei den alten Römern, da fehlte es ebenfalls ganz an Musik. In später Stunde bekamen sie für beides ein Surrogat, und da erwähnt Ambros als besonders bezeichnend den Umstand, dass das Hauptinstrument der römischen Musik die Pfeife war, wogegen bei den Indern seit den ältesten vedischen Zeiten Harfen, Lauten und andere Saiteninstrumente den Grundstock bildeten: hiermit ist eigentlich schon Alles gesagt. Ambros führt aus, die Römer hätten nie mehr von der Musik verlangt,
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als dass „es sich gut anhören und das Ohr ergötzen sollte“ (etwa der Standpunkt der Mehrzahl unserer heutigen Litteraten und Ästhetiker des musikalisch Schönen), dagegen sie es niemals vermocht hätten, die hohe geistige Bedeutung zu begreifen, welche alle Griechen (Künstler und Philosophen) gerade dieser Kunst beimassen. Und so hatten sie als Erste den traurigen Mut, Oden (d. h. Gesänge) zu schreiben, die nicht zum Singen bestimmt waren. In der späteren Kaiserzeit erwachte dann für Musik wie für andere Dinge (S. 183) das Interesse am technischen Virtuosentum und der ziellose Dilettantismus; das ist das Werk des eindringenden Völkerchaos.³)
    Diese Thatsachen bedürfen keines Kommentars. Was aber wohl eines Kommentars bedarf, ist die vorhin flüchtig angedeutete weitere Thatsache, dass das Vorwiegen der musikalischen Begabung ein Charakteristikum des germanischen Geistes ist, denn dies bedingt mit Notwendigkeit eine andere, eigenartige Entwickelung der Poesie und somit der gesamten Kunst. Der Kontrast mit anderen indoeuropäischen Rassen wird uns hierüber
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    ¹) Ideen zur Geschichte der Menschheit, Buch 13, Abschn. 2.
    ²) Nachlese zur Adrastea, 1.
    ³) Ambros a. a. O., Schluss von Band 1.

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belehren. Freilich scheinen auch die Inder musikalisch sehr begabt gewesen zu sein, doch verlor sich bei ihnen Alles ins Ungeheuerliche, Übermannigfaltige und daher Gestaltlose. So unterschieden sie z. B. 960 verschiedene Tonarten; damit war jede Möglichkeit eines technischen Ausbaues zerstört.¹) Die Hellenen
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sündigten im anderen Extrem: sie besassen eine wissenschaftlich ausgebildete, doch eng einschränkende musikalische Theorie, und ihre Tonkunst entwickelte sich in so unmittelbarer, untrennbarer
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    ¹) Bekanntlich ist man heute geneigt, in den ungarischen Zigeunern einen früh abgeworfenen Zweig der indischen Arier zu erblicken, und musikalische Fachmänner haben in der unvergleichlichen und eigenartigen musikalischen Begabung dieser Leute das Analogon der echten indischen Musik zu finden geglaubt: eine Skala, die sich in Vierteltönen und manchmal noch kleineren Intervallen bewegt, daher harmonische Gebilde und Fortschreitungen aufweist, die unsere Tonkunst nicht kennt; ferner die leidenschaftliche Eindringlichkeit der Melodie, dazu die unendlich reich verzierte Begleitung, welche jeder Fixierung durch unser Notensystem Trotz bietet, das alles sind Charakterzüge, welche mit dem, was über indische Musik berichtet wird, genau übereinstimmen und durch welche manches für uns Unerklärliche in den indischen musikalischen Büchern eine Deutung gewinnt. Wer jemals sich eine ganze Nacht hindurch von einem   e c h t e n   ungarischen Zigeunerorchester hat vorspielen lassen, wird mir schon Recht geben, wenn ich behaupte: hier — und hier allein — sehen wir die unbedingte musikalische Genialität am Werke; denn diese Musik, wenn sie sich auch an bekannte Melodien anlehnt, ist immer Improvisation, immer die Eingebung des Augenblickes; nun ist es aber die Natur der reinen Musik, nicht monumental, sondern unmittelbare Empfindung zu sein, und es ist klar, dass eine Musik, welche in dem Moment der Aufführung als Ausdruck der augenblicklichen Empfindung erfunden wird, ganz anders zu Herzen gehen, d. h. also absolut musikalisch wirken muss, als jede gelernte und eingedrillte. Leider aber enthält eine derartige Leistung keine Elemente, woraus dauernde Kunstwerke geschmiedet werden können (man braucht nur auf jene blöden Parodien ungarischer Musik, welche unter dem Namen „Ungarische Tänze“ eine traurig grosse Popularität geniessen, hinzuweisen); es handelt sich überhaupt hier nicht um eigentliche Kunst. sondern um etwas, was tiefer liegt, um das Element, aus welchem Kunst erst entsteigt; es ist nicht die meergeborene Aphrodite, sondern das Meer selbst.

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Vereinigung mit ihrer Dichtkunst — der Ton gleichsam des Wortes Leib —‚ dass sie nie zu irgend einer Selbständigkeit, dadurch aber auch zu keinem höheren Ausdrucksleben gelangte. Der   S p r a c h a u s d r u c k   bildete durchwegs die Grundlage der hellenischen Musik: aus ihm, nicht aus reinmusikalischen Erwägungen, erwuchsen sogar die Tonarten der Griechen; und anstatt, wie wir, das harmonische Gebilde von unten nach oben aufzubauen (was ja nicht Willkür ist, sondern durch die Thatsachen der Akustik — nämlich durch das Vorhandensein der mitklingenden Obertöne — begründet wird), baute der Grieche von oben nach unten. Oben schwebte bei ihm die Melodie der Sprache, und zwar selbständig, ungebunden durch Rücksichten auf den musikalischen Aufbau, gewissermassen als ein „gesungenes Sprechen“; an die Singstimme schloss sich nach unten zu, jeder Selbständigkeit bar, die instrumentale Begleitung. Selbst der Laie wird verstehen, dass auf solcher Grundlage das Gehör nicht ausgebildet werden und die Musik zu keiner selbständigen Kunst heranwachsen konnte; die Musik blieb unter solchen Bedingungen mehr ein unentbehrliches künstlerisches   E l e m e n t,   als eine gestaltende Kunst.¹) Was also bei den Indern durch eine übertriebene Verfeinerung des Gehörs vereitelt wurde, war bei den Hellenen in Folge der Zurückdrängung des musikalischen Sinnes zu Gunsten des sprachlichen Ausdrucks von vornherein
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ausgeschlossen. Schiller hat das entscheidende Wort gesprochen: „Musik muss Gestalt werden“: die Möglichkeit hierzu fand sich erst bei den Germanen.
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    ¹) Insofern besteht eine Analogie zwischen der indischen und der hellenischen Musik, wie verschieden sie sonst auch seien; in dem einen Fall ist es Überwucherung, in dem anderen Hintanhaltung des musikalischen Ausdruckes, wodurch der Eindruck eines noch ungestalteten Elementaren im Gegensatz zu echter, geformter Kunst hervorgebracht wird. Um tieferen Einblick in das Wesen der hellenischen Musik zu gewinnen, empfehle ich namentlich die kleine Schrift von Hausegger: Die Anfänge der Harmonie, 1895; aus diesen 76 Seiten lernt man mehr und Entscheidenderes, als aus ganzen Bänden.

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    Wie nun der Germane es vollbrachte, aus der Musik eine Kunst — s e i n e   Kunst — zu machen, sie zu immer grösserer Selbständigkeit und Ausdrucksfähigkeit auszubilden, darüber muss der Leser sich durch Musikgeschichten belehren lassen. Doch, da wir hier darauf ausgehen, die Kunst als Ganzes zu betrachten, muss ich ihn auf einen grossen Übelstand aufmerksam machen. Da die Musik nämlich ihrem Wesen nach die Kundgebung des Unaussprechlichen ist, lässt sich wenig oder nichts über Musik „sprechen“; eine Musikgeschichte schrumpft darum immer in der Hauptsache zu einer Erörterung über technische Dinge zusammen. Bei den Geschichten der bildenden Künste ist dies viel weniger der Fall: Pläne, Photographien, Facsimiles geben uns eine unmittelbare Anschauung der Gegenstände; ausserdem enthalten die Handbücher der bildenden Künste nur soviel von dem Technischen, als jeder intelligente Mensch sofort verstehen kann, wogegen musikalische Technik besondere Studien erheischt. Ähnlich ungünstig für die Musik fällt der Vergleich aus, wenn man eine Geschichte der Poesie zur Hand nimmt. Da erfährt man kaum, dass es überhaupt eine Technik giebt, ihre Besprechung bleibt auf den engsten Gelehrtenkreis beschränkt; die Geschichte der Poesie lernt man unmittelbar aus den Werken der Poesie selbst kennen. So werden uns denn die verschiedenen Zweige der Kunst in einer durchaus verschiedenen geschichtlichen Perspektive vorgeführt, und das erschwert den Gesamtüberblick bedeutend. An uns liegt es also, unsere kunstgeschichtlichen Kenntnisse innerlich wieder zurechtzurücken; wozu die Erwägung nützlich sein wird, dass es gar keine Kunst giebt, bei welcher — im lebendigen Werke — die Technik so vollkommen gleichgültig ist, wie bei der Musik. Musikalische Theorie ist etwas durchaus abstraktes, musikalische Instrumentaltechnik etwas rein mechanisches; beide laufen gewissermassen neben der Kunst her, stehen aber in keinem anderen Verhältnis zu ihr als Perspektivlehre und Pinselführung zum Gemälde. Was die Instrumentaltechnik anbelangt, so besteht sie lediglich aus einer Schulung bestimmter Hand- und Arm-, beziehungsweise Gesichtsmuskeln, oder aus dem zweckmässigen Eindrillen der Stimmbänder; was ausserdem

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nötig ist — intuitive Auffassung des von einem Anderen Empfundenen und Ausdruck — lässt sich nicht lehren, und das eben ist Musik. Mit der Theo