Hereunder
follows the transcription of Houston
Stewart
Chamberlain's Vorwort und Nachträge
zur dritten
Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts,
published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1901.
Hieronder
volgt de transcriptie van Houston
Stewart Chamberlain's Vorwort und
Nachträge
zur dritten
Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts,
verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1901.
|
I
DIE GRUNDLAGEN
DES XIX.
JAHRHUNDERTS
VORWORT UND NACHTRÄGE ZUR
DRITTEN AUFLAGE
II
(Leere Seite)
III
HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
—————
DIE GRUNDLAGEN
DES
NEUNZEHNTEN
JAHRHUNDERTS
VORWORT UND NACHTRÄGE
ZUR DRITTEN AUFLAGE
MÜNCHEN
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
1901
IV
—————
ALLE
RECHTE VORBEHALTEN
—————
DRUCK VON ALPHONS BRUCKMANN,
MÜNCHEN
1
VORWORT ZUR DRITTEN AUFLAGE
2
(Leere Seite)
3
Die dritte Auflage unterscheidet sich von den beiden ersten, ausser
durch manche kleine Verbesserungen, nur durch die Beigabe einer Reihe
von Nachträgen und durch eine abermalige Durcharbeitung und
Ergänzung des Registers.
An dem Buche selbst fühle ich mich nicht
fähig, etwas zu ändern. Es giebt Stellen — z. B. das letzte
Drittel des Hellenenkapitels, die Mitte des Germanenkapitels, den
einleitenden Teil des neunten Kapitels — von denen ich sehr wohl weiss,
dass sie schon rein architektonisch nicht gelungen sind; doch ist das
Buch aus einem Guss entstanden, inzwischen haben andere Arbeiten meinen
Geist in Anspruch genommen, und ich wagte es nicht, eine bessernde Hand
anzulegen. Ein Schelm giebt mehr als er hat; wer schafft, muss lernen,
sich in die Grenzen seines Könnens zu bescheiden; er darf nicht
mehr wollen.
Aus diesem Grunde habe ich die Nachträge nicht
in den Text aufgenommen, sondern hinter dem Text als blosse abgerissene
Zugaben gebracht. Sie sind nicht systematisch entstanden; dazu fehlte
mir die Zeit und die Lust; sondern aus dem Vielen, was mir zugesandt
worden ist, oder was ich an neuerer Litteratur selber kennen lernte,
habe ich Einiges ausgewählt, was mir für meine Leser von
besonderem Interesse schien. Im Text habe ich manchmal, doch nicht
immer, auf diese Nachträge hingewiesen, denn manche fügte ich
ein, als der Druck schon fertig war; ich bitte diese letzteren nicht zu
übersehen.
Thatsächliche Irrtümer sind in sehr
geringer Zahl vermerkt worden. Dass Wolfgang Menzel kein Katholik war,
wurde schon in der zweiten Auflage als »Berichtigung«
gebracht. Einem katholischen Priester verdankte ich die
irrtümliche Auskunft; und in der That, Menzel ist seinem
Fühlen nach so katholisch, dass der Irrtum verzeihlich ist. Die
Sache ist übrigens ohne Belang. — Eine Anzahl Fachgelehrte waren
so freundlich, mich auf kleine Versehen auf-
4 Vorwort zur dritten Auflage
merksam
zu machen; einige habe ich stillschweigend verbessert, andere fand ich
zu geringfügig, bei einzelnen konnte ich mich nicht
überzeugen, dass meine Angaben irrig sind. Diesen Freunden meines
Buches spreche ich den herzlichsten Dank aus.
Ein Irrtum, der ebenfalls ohne jede Bedeutung ist,
hat in gewissen Kreisen eine überflüssige Menge Staub
aufgewirbelt; er steht auf S. 498 und die Berichtigung in den
Nachträgen S. 1016. Meines pater
peccavi wegen musste ich die Sache noch einmal so abdrucken wie
sie in den früheren Auflagen stand; von der nächsten Auflage
ab wird der Name des betreffenden Herrn aus dem Buche verschwinden.
Bei der Ergänzung des Registers hat mich ausser
dem Wunsche; es möglichst brauchbar zu machen, auch das Mitleid
mit jenen Litteraten bestimmt, deren Beruf es ist,
»Widersprüche« aufzudecken. Was mir bisher von dieser
Art von Kritik über die Grundlagen
zu Gesichte kam, war nachweisbar alles auf Grund meines Registers, also
offenbar ohne lebendige Kenntnis des Buches gemacht, daher manche
Widersprüche noch fehlten; ich hoffe jetzt die Rubrizierung
ziemlich vollständig durchgeführt zu haben.
Charakteristisch für das bisherige Schicksal
des Buches ist die sehr warme Aufnahme, die es bei Fachgelehrten
gefunden hat. Hervorragende Philologen (Sanskritisten, Assyriologen,
Semitisten, Hellenisten, Germanisten), Juristen, Philosophen,
Historiker, Naturforscher (namentlich viele Ärzte), Theologen
(protestantische und katholische), Kunstgelehrte u. s. w. haben
öffentlich das Buch empfohlen, oder mir brieflich ihre Anerkennung
ausgesprochen. Auch Männer des praktischen Lebens — Ingenieure,
Offiziere, Richter, Pastoren, Beamte, Lehrer — haben in grosser Zahl
sich lebhaft für das Buch interessiert. Dass diese Männer
alle ohne Ausnahme zugleich scharfe Kritik an meinem Werke geübt
haben, erhöht den Wert ihrer Meinung. Diese Thatsache hat mir
Freude und Genugthuung bereitet. Ist es mir auch durch eine Tücke
des Schicksals nicht vergönnt gewesen, selber der Wissenschaft als
Gelehrter zu dienen, kein Leser meiner Grundlagen wird bezweifeln, dass
ich mich immer und überall zu ihr bekenne und immer und
überall für sie und gegen ihre vielen Feinde und
Verächter kämpfen werde. Und diese Stimmung entspringt bei
mir keiner bloss äusseren Sympathie, sie dringt ins Innere und
bildet eine unerschütterliche Gesinnung und eine Grundlage des
ganzen Denkens. Das haben jene Männer gefühlt. Wo die
Gelehrsamkeit
5 Vorwort zur dritten Auflage
fehlte,
hat sie der Ernst der Überzeugung gefesselt, und wo sie mir
widersprachen, hat ihnen doch die Methode des Denkens Sympathie
eingeflösst.
Diese Thatsache erwähne ich nun nicht bloss aus
dem obengenannten, sondern noch aus einem anderen Grunde; ich thue es
im Interesse jener ungelehrten Leser, die sich ein selbständiges
Urteil nicht zutrauen, und immer erst wissen müssen, was
»man« sagt. Diese sollen erfahren, dass bisher nur
namenlose Dilettanten mein Werk völlig verkannt und mich
persönlich unflätig geschmäht haben. Nur einzelne
halbgebildete Skribenten haben sich bemüssigt gefühlt,
»die Würde der Wissenschaft« gegen mich in Schutz zu
nehmen, Leute, die das bisschen fadenscheinige Wissen, das sie sich von
aussen umgelegt haben, wohlweislich mit dem weiten Mantel der
Anonymität zudecken, und deren Name — wenn er doch gelüftet
wird — die Anonymität nur gleichsam unterstreicht und noch
undurchdringlicher macht. Sie bilden die kontrastierende Ergänzung
zu der ersten Gruppe.
—————
Ich würde hier schliessen, wenn nicht eine
Kritik — eine einzige — gebieterisch Abwehr erforderte.
Ein Mitarbeiter des Literarischen Centralblattes hat
mich des mehr oder
minder bewussten Plagiats an Richard Wagner bezichtigt. Wären
Wagner's Schriften bekannter als sie sind, ich könnte schweigen;
der Vorwurf würde sich von selber richten. So aber drucken selbst
wohlwollende Rezensenten die betreffende Behauptung nach; Wagner's
Religion und Kunst haben sie —
leider — nie gelesen, und da die
verwandtschaftlichen Beziehungen des betreffenden Gelehrten seine
Vertrautheit mit den Schriften des Bayreuther Meisters
gewährleisten, nehmen sie ohne weiteres an, meine Grundlagen seien
in der Hauptsache ein Breittreten von Wagner's hundert Seiten auf den
Umfang von tausend Seiten, im besten Falle — um mit dem Rezensenten zu
reden — ein Sammeln von »Belegen für die Wahrheit dieser
(von
Wagner) gegebenen Fundamentalsätze.« In Wirklichkeit ist
die Behauptung ebenso irrig als injuriös, und indem sie mir das
Meine raubt, raubt sie auch dem grossen Wort- und Tondichter das Seine,
dasjenige, meine ich, was er mir in der That gegeben hat und wofür
ich ihm mit jedem Atemzuge meines Lebens danke.
Wohl darf ich mich in einem gewissen Sinne einen
»Jünger«
Wagner's nennen, doch müsste das Wort genau definiert werden,
6 Vorwort zur dritten Auflage
ehe
ich es als berechtigt anerkennen könnte. Descartes sagt: die
grossen Geister reden Unsinn, sobald ihre jünger in ihrem Namen
sprechen. Das habe ich an Wagner's angeblichen Jüngern oft genug
erfahren, und ich geize nicht danach, ihnen beigezählt zu werden.
Als ich ein Werk über Wagner zu schreiben hatte, habe ich mir
strengste Selbstbeherrschung zum Gesetz gemacht: erstens, damit Wagner
möglichst rein zu Worte komme, zweitens, weil ich empfinden
musste, dass uns nicht bloss ein Höhenabstand, sondern fast die
ganze geistige Anlage und damit zugleich viele
»Fundamentalsätze« der Überzeugung von einander
schieden. Meine Ehrfurcht vor Richard Wagner ist viel zu gross, als
dass ich es jemals wagen könnte, »seine Ideen
auszuführen« (wie das Centralblatt
sich ausdrückt), das
heisst also, gleichsam in seinem Namen zu sprechen. Ich möchte den
Mann sehen, der sich dessen unterfinge; ein zweiter Richard Wagner
thäte es gewiss nicht.
Zu dieser ersten allgemeinen Betrachtung gesellt
sich eine zweite. Die
Quellen von thatsächlichen Behauptungen kann man angeben; ich habe
es in fast überreichlichem Masse gethan, teils als
Bekräftigung, teils um dem Leser ein Urteil über meine
Quellen zu erleichtern; dagegen gehört mehr Gelehrsamkeit dazu,
als ich besitze, um bis zu den »Quellen« von Gedanken und
Ideen
mit einiger Sicherheit zurückzugehen. Wie Montaigne sagt:
L'humaine fantaisie ne peut rien
concevoir qui n'y soit. Mein
gelehrter Rezensent muss unter dem Einfluss einer starken Hypnose
gestanden haben, als er Richard Wagner Ideen als Eigentum vindicierte,
die Wagner einfach aus dem gemeinsamen Kulturgut der europäischen
Menschheit schöpfte. Welch ein andrer Geist weht uns aus Wagner's
Worten entgegen: »Was einmal öffentlich gesagt ist,
gehört der Allgemeinheit an und nicht mehr ist es Eigentum
Desjenigen, der es gesagt hat. In diesem Sinne würde ich mir jedes
Plagiat verzeihen, weil ich es nicht dafür halten
könnte.» ¹) Und in der That, Wagner hat die Ideen,
welche ihm hier zugeschrieben
werden, meistens en bloc von
weltbekannten Autoren übernommen.
Sein Geist ist in wissenschaftlicher Beziehung eigentümlich
unkritisch, fast möchte ich sagen kindlich naiv. Wer ihm Vertrauen
einflösst, dem glaubt er alles, von dem nimmt er alles
ungeprüft an. Jedenfalls hängt dies mit dem Wesen des
absoluten Künstlers zusammen. Wagner's Weltanschauung — als
Bestandteil seiner unvergleichlichen
—————
¹) Briefe
an Uhlig, Fischer, Heine, 1888, S. 80.
7 Vorwort zur dritten Auflage
Persönlichkeit
— ist und bleibt ein unschätzbares Gut; doch
wer wissenschaftliche Belehrung bei ihm holt, ist übel beraten,
und wer ein Buch von der Art des vorliegenden auf eine derartige
Grundlage aufbauen wollte, wäre — nach meinem Dafürhalten —
ein Thor.
Gehen wir jetzt auf das Einzelne ein, denn diese
Märe — aus
redlicher Überzeugung geboren und durch Unüberlegtheit weiter
verbreitet — muss ein für allemal wie ein Unkraut ausgerottet
werden.
Die Hauptstelle, die für uns in Betracht kommt,
lautet
ungekürzt und wortgetreu: »Hält man sich an das
Wesentliche, so darf man sagen: die
Grundlagen des neunzehnten
Jahrhunderts sind eine Ausführung der besonders in Religion und
Kunst von Richard Wagner ausgesprochenen Ideen. Diese sind:
erstens
»der Verderb der christlichen Religion ist von der Herbeiziehung
des Judentums zur Ausbildung ihrer Dogmen herzuleiten«,
insonderheit ›der durch Herrscherwut eingegebene Gedanke der
Zurückführung des Göttlichen am Kreuze auf den
jüdischen Schöpfer des Himmels und der Erde, den zornigen und
strafenden Gott«. Zweitens, und hier fusst Richard Wagner auf
Gobineau's Essai sur
l'inégalité des races: »der Verderb
der (edelsten) weissen (arischen) Rasse leitet sich nur aus dem Grunde
her, dass sie, unvergleichlich weniger zahlreich an Individuen als die
niedrigen Rassen, zur Vermischung mit diesen genötigt war, wobei
sie durch den Verlust ihrer Reinheit mehr einbüsste, als jene
für die Veredelung ihres Blutes gewinnen konnten«, und:
»die
Rassenvermischung (das Völkerchaos wie es Chamberlain nennt),
deren Eigentum die römisch-katholische Kirche ist, ergab den durch
Jahrhunderte sich erstreckenden ungeheueren Verderb der
semitisch-lateinischen Kirche«. Drittens: »der Begriff der
sogenannten deutschen Herrlichkeit (des römischen Kaisertums) war
ein undeutscher«; »der römische Staatsgedanke hat
nachteilig auf das Gedeihen der deutschen Völker gewirkt«
(in der
Schrift: Was ist deutsch?).
Diese Thesen bilden das Gerüst der
Grundlagen; zu ihnen kommt
noch eine weitere, bezüglich welcher
insonderheit Gobineau der Vorgänger Chamberlain's war: die
gesamte neuere Kultur ist eine Schöpfung der Germanen. Das grosse
Verdienst Chamberlain's ist es nun, für die Wahrheit dieser
gegebenen Fundamentalsätze eingetreten zu sein, für sie
Belege von allen Seiten beigebracht zu haben, u. s. w.« ¹)
—————
¹) Literarisches Centralblatt,
Jahrgang 1900, Kolumne 438. Kein Wunder,
dass der Rezensent des Weiteren behauptet, es könne kein Leser
»ein sicheres und bestimmtes Verhältnis« zu meinem
Buche
gewinnen, wenn er nicht vorher Wagner's Gesammelte Schriften studiert
habe.
8 Vorwort
zur dritten Auflage
Ob nun wirklich mit diesem ziemlich mageren Inventarium der Inhalt
meines Buches erschöpft
ist, das kann ich billig dem Urteil des Lesers
überlassen; ich glaube, er wird finden, dass ich nicht bloss
stofflich, sondern auch gedanklich etwas mehr biete, und
dass eine hochgradige Einseitigkeit dazu gehört, um in einem
derartigen Werk nur gerade
diejenigen Punkte zu bemerken, die eine mögliche Beziehung zu
Richard Wagner gestatten. Was mir
obliegt zu zeigen, ist, erstens, dass die genannten
»Thesen«
nicht Wagner's Eigentum sind, zweitens, das meine eigene
Auffassung in zwei von den drei „Fundamentalsätzen«
wesentlich von der seinen abweicht. Ich werde dies
nacheinander an jedem einzelnen Punkt
nachweisen.
Dass der »Verderb der christlichen Religion
von der Herbeiziehung
des Judentums« herzuleiten sei, ist ein Gedanke, den im
zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung Marcion
ausgesprochen hat, vielleicht schon nicht als Erster, doch mit
solcher Kraft der Überzeugung, dass seine Stimme nie wieder ganz
verhallte. Im vierten Jahrhundert entstand dann die grosse Sekte der
Manichäer, zu welcher selbst ein Augustinus
eine Zeit lang gehörte, und die, verzweigt zu Patarenern,
Paulicianern, Katharern, Bogumilen u. s. w. bis in unser
Jahrhundert hinab zahlreiche Anhänger zählte — ja angeblich
heute noch zählt —; sie lehrte, dass das Judentum und die
heiligen Bücher der Juden die direkte Schöpfung des Satans
seien; für sie gab es kein Christentum, so lange nicht jede
Spur des Judentums daraus vertilgt war. Nicht bloss aber in dieser
extremen Gestalt, sondern im Schosse der Kirche selbst hat
die Überzeugung von dem Verderb der christlichen
Religion durch die Beimischung jüdischer
Religionselemente nie aufgehört sich
kundzugeben; ein besserer Kenner als ich würde
wahrscheinlich für jedes Jahrhundert Namen nennen können; es
genügt vielleicht, wenn ich auf S. 878 dieser Grundlagen
hinweise, wo ich an der Hand mehrfacher Belege gezeigt habe, wie unsere
christlichen
Mystiker alle notgedrungen religiöse
Antisemiten waren und sind. Zugleich ist bekannt,
wie unsere Wissenschaft und Philosophie bereits vor anderthalb
Jahrhunderten sich vor die Alternative gestellt fand: entweder wir
verzichten auf den Judengott oder auf die Wissenschaft (siehe S. 924).
Dieser Widerspruch ist so eklatant, dass selbst Männer, die
für das Judentum die grösste Sympathie hegen, häufig
empfunden haben, dass sie in der Religion zwischen Judentum und
Christentum wählen müssen, und dass ein »jüdisches
Christentum« ein Widersinn ist. Zwanzig Jahre
ehe Wagner sein Religion und Kunst
schrieb, hatte Renan in der Sorbonne
gesagt:
9 Vorwort zur dritten Auflage
Dans tous les ordres, le progrès
pour les peuples
indo-européens consistera à s'éloigner de plus en
plus de l'esprit sémitique. Notre religion deviendra de moins en
moins juive — — — nous deviendrons de plus en plus chrétiens.
¹)
Soviel über die Verbreitung eines Gedankens, der jetzt zu einer
Entdeckung Richard Wagner's gestempelt werden soll. Das Beste kommt
aber noch. Wagner hat nämlich nicht — so weit ich aus seinen
Schriften ersehen kann — diese Lehre von dem »Verderb der
christlichen Religion durch Herbeiziehung des Judentums«
selbständig aus der soeben flüchtig angedeuteten,
überreichen historischen Erfahrung geschöpft, sondern er hat
sie einfach von seinem auserkorenen Lehrer wörtlich
übernommen — nämlich von Arthur Schopenhauer. Der Gedanke und
sein Ausdruck, bis herunter zu dem »zornigen und strafenden
Gott«, ist eine unveränderte Wiederholung einer von
Schopenhauer — wie jeder Gebildete weiss — mit zäher Energie
verfochtenen These. Hier handelt es sich wirklich um die blosse
vertrauensvolle Wiederholung des Gedankens eines Andern, nicht um die
selbständige Neugestaltung (wie bei Schopenhauer) einer uralten
Idee. Denn Wagner hat Schopenhauer's Gedanken kritiklos, ungeprüft
übernommen, sonst hätte er den Irrtum entdecken müssen,
den Schopenhauer's allzu einseitige Betonung buddhistischer
Anklänge im Christentum hineingebracht hat. Hier wird man denn
sehen, wie wesentlich meine These sich von der Schopenhauer's und
Wagner's unterscheidet; wer solche Dinge nicht empfindet, ist kein
Meister im Reiche der Gedanken.
Wagner sagt nämlich, wie man sich erinnert, die
Herbeiziehung des
Judentums »zur Ausbildung ihrer Dogmen« hätte die
christliche Religion verdorben. Das hatte Schopenhauer sechzig Jahre
früher gemeint. Schopenhauer hatte nämlich in der
christlichen Religion einen rein ethischen und einen dogmatischen Teil
unterscheiden wollen und hatte geschrieben: »den rein ethischen
Teil möchte ich vorzugsweise, ja ausschliesslich den christlichen
nennen, und ihn von dem vorgefundenen jüdischen Dogmatismus
unterscheiden«. ²) Dogmatismus ist schon besser als Dogmen,
doch
erhellt aus dem Zusammenhang und aus anderen Stellen, dass Schopenhauer
wirklich das Dogmengebäude im Christentum für eine
jüdische Zugabe hielt; und diese Ansicht verträgt nicht die
geringste Prüfung. Ich bitte das apostolische und das
—————
¹) De
la part des peuples sémitiques dans l'histoire de la
civilisation.
²) Die Welt
als Wille und Vorstellung, 1. Band, 4. Buch.
10 Vorwort zur dritten Auflage
athanasische
Glaubensbekenntnis aufmerksam zu lesen, und dann zu sagen,
was sie Jüdisches enthalten. Nicht einmal der Glaube an Gott den
Schöpfer ist spezifisch jüdisch; die Juden selber haben ihn
von Ägypten, und ägyptische Religionsgedanken beherrschten
zur Zeit Christi die Welt. Alles Übrige, sowohl der
architektonische Aufbau der dreieinigen Gottheit mit Himmel, Erde und
Hölle, wie auch der ganze Heilsplan, mit dem aus einer Jungfrau
geborenen Sohne, der für die Erlösung der Menschheit stirbt
... alles ist gänzlich unjüdisch, sowohl geschichtlich wie
ideell. Die grössten Dogmatiker der Welt waren die Indoarier und
Eranier; welche Anlage zu kühner und tiefer Dogmenbildung in den
Hellenen schlummerte, zeigen die Anfänge der christlichen Kirche;
Mythenbildung und Dogmenbildung gehen Hand in Hand, beides hat sich bei
uns heute in die Wissenschaft geflüchtet, beides ist den
vorwiegend semitischen Völkern völlig fremd. Ich habe nun in
diesem Buche (siehe Kapitel 7)
zu zeigen gesucht, dass es nicht Dogmen
sind, die das Judentum uns gab und wodurch es die christliche Religion
verdarb, sondern dass die Beimengung des jüdischen
antireligiösen Materialismus die uns natürliche und
notwendige, zugleich streng dogmatische und doch stets in lebendigem
Flusse befindliche Dogmenbildung verdarb, indem es das Mythische zu
einem Geschichtlichen umwandelte und indem es die in ewiger Jugend
dahinstürmende, bildliche Erkenntnis mit dem Gorgonenblick
semitischen Glaubenswahnes für alle Zeiten zu toter
Regungslosigkeit erstarrte. ¹) — Ich kann Recht haben mit dieser
Auffassung und ich kann Unrecht haben; doch eines ist sicher: von
Wagner und Schopenhauer übernahm ich sie nicht, da sie Beiden
unbekannt ist. Und ebenso sicher ist, dass sowohl die allgemeine
Geschichtsauffassung, aus welcher meine Überzeugung
entwächst, eine andere Geistesanlage bezeugt, wie auch, dass die
Wege, die diese Überzeugung der Gegenwart und der Zukunft
empfehlen möchte, andere sind, als sie Schopenhauer und Wagner der
Welt predigen. ²)
—————
¹) Dazu kommt noch der sehr grosse Anteil, den altägyptische
Religionsvorstellungen an dem Aufbau des christlichen
Glaubenssystems nahm, den Schopenhauer (und mit ihm Wagner) völlig
unberücksichtigt
lässt, und den auch ich ungenügend hervorgehoben habe.
²) Nebenbei und der Vollständigkeit wegen
sei bemerkt, dass ich
den Satz, die Zurückführung des Göttlichen am Kreuze auf
den jüdischen Schöpfer sei ein »von Herrscherwut
eingegebener
Gedanke« wahrlich nie unterschrieben hätte. Das ist, was ich
Dilettantismus im schlechten Sinne des Wortes nennen
würde. Die
11 Vorwort zur dritten Auflage
So verhält es sich mit den ersten jener »von Richard Wagner
ausgesprochenen Ideen«, für die ich »von allen Seiten
Belege
bei gebracht habe«. Hier war einige Ausführlichkeit geboten,
denn erhandelte sich um Thatsachen, die nicht einem Jeden geläufig
sind und um Gedankennüancen, die zwar Welt von Welt scheiden, doch
dem hastigen Leser einer Zeitschriftenzensur leicht verborgen bleiben.
Bei dem zweiten und dritten »Fundamentalsatz«, den ich
Wagner
verdanken soll, kann ich mich kürzer fassen, denn hier hat die
Monomanie zur offenbaren Widersinnigkeit geführt.
Meine Auffassung des Begriffes und der Thatsache
»Rasse«
ist die zweite meiner »Thesen«, die angeblich in den
Schriften
Richard Wagner's ihren »Quell« hat. Da Wagner's Schriften
zwölf Bände umfassen und also nicht leicht zu
überblicken sind, bitte ich den Leser zu einem vortrefflichen
Nachschlagewerk zu greifen, das er gewiss auf jeder Bibliothek finden
wird; es heisst: Wagner-Lexikon,
Hauptbegriffe der Kunst- und Weltanschauung Richard Wagner's in
wörtlichen Anführungen aus seinen Schriften zusammengestellt;
die Verfasser sind Karl Friedrich Glasenapp, der vortreffliche
Wagnerbiograph, und
Heinrich von Stein, der begabteste Jünger des Bayreuther Meisters;
dass diese beiden Männer, die genauesten Kenner von Wagner's
Schriften, nichts übersehen haben, was bei Wagner einem
»Fundamentalsatz« gleichkommt, ist sicher. Nun schlage der
Leser unter diesen Hauptbegriffen den Begriff »Rasse« nach.
Es
steht ihm eine Überraschung bevor: das Wort ist überhaupt
gar nicht genannt! In der That, Wagner hat sich während seines
ganzen Lebens niemals mit der Rassenfrage beschäftigt, und so hat
er darüber weder Gedanken, noch Ideen, und noch weniger
Fundamentalsätze aufgestellt. In seinen allerletzten Lebensjahren
hat er aber zufällig auf Reisen den Grafen Gobineau
persönlich kennen gelernt; diese Bekanntschaft führte zur
Lektüre von Gobineau's Versuch
über die Ungleichheit der
Menschenrassen; und jetzt nahm Wagner — wie das bei ihm
üblich war
— mit grösster Begeisterung und ohne jegliche Kritik die ihm
völlig neuen
—————
Verknüpfung
mit dem Alten Testament und somit mit dem Jahve der
Juden, beruht in erster Reihe auf der geschichtlichen
Persönlichkeit Jesu Christi und wurde sofort von Paulus — als dem
verstandesmächtigsten Apostel —
durchgeführt. Der weitere Vorgang der Identifizierung des
altarischen Weltenschöpfers mit dem Nationalgott der Juden und des
menschgewordenen Logos mit beiden ist
die gedankenvolle und schmerzensreiche Leidensgeschichte heiligster
Männer während mehrerer Jahrhunderte.
12 Vorwort
zur dritten Auflage
Ideen
Gobineau's als nachgewiesene, offenkundige, restlose Wahrheit
auf. Und wenige Monate vor seinem Tode schrieb er einen kleinen Aufsatz
von zehn Seiten, betitelt Heldentum
und Christentum, stilistisch eines
der schönsten Gebilde seiner Feder, in welchem er, von Gobineau
ausgehend und mit Herbeiziehung tiefmystischer Gedanken über die
reinigende Wirkung der Religion auf die Rasse, die Bedingungen
untersucht, unter denen — trotz Gobineau's düsteren Prophezeiungen
— doch noch »eine wahrhaftige ästhetische
Kunstblüte« zu erwarten sei. Dies ist die einzige Schrift,
in welcher Wagner das Rassenthema berührt hat. ¹) Ihr sind
die
Worte entnommen, die mein Rezensent citiert, und Wagner selber giebt
sie für nichts anderes aus, als für eine kürzeste
Zusammenfassung von Gobineau's Theorie. Und doch wagt der betreffende
Rezensent, angesichts meiner Kapitel über das Völkerchaos,
über die Juden und über die Germanen zu behaupten:
»Chamberlain verdankt die Erkenntnis dieses Problems Richard
Wagner«. Das ist kühn!
Von Wagner kann also, wie man sieht, auch hier nicht
die Rede sein,
sondern höchstens von Gobineau. Und da muss ich gestehen: ich
verehre den geistreichen Franzosen und freue mich über die
originelle Physiognomie eines Mannes, der juristische, paragraphose
Büchergelehrsamkeit mit den hyperphantastischen Träumereien
eines apokalyptischen Weltuntergangverkünders in seinem Kopfe zu
vereinen wusste; doch bei dem Gobineau-Rummel der letzteren Zeit reisst
mir die Geduld. Es ist ja ganz schön und nützlich und
notwendig, dass gewisse Menschen sich der Juristerei, der
Kunstgeschichte, der Litteratur widmen, und es ist entschuldbar, wenn
sie keine Zeit übrig finden, um von den Arbeiten auf dem Gebiete
der Naturwissenschaft Kenntnis zu nehmen; doch ist es wirklich ein
starkes Stück, wenn eine Vereinigung solcher Männer das Werk
eines der ihrigen, der von Anatomie, Zoologie, Anthropologie,
Prähistorie keine blassesten Kenntnisse besass, und der vor einem
halben Jahrhundert schrieb, d. h. zu einer Zeit, wo die grosse Ära
der Entdeckungen auf diesem Gebiete kaum angegangen war, — es ist, sage
ich, ein starkes Stück, wenn ein solches Werk uns heute als der
Inbegriff des Wissens und der Weisheit über die Rassenfrage
aufgetischt wird, zugleich auch als ein treibendes Ferment in der
neuesten Entwickelung unserer Vor-
—————
¹) Man vergl. für Näheres mein
Buch Richard Wagner,
illustrierte Ausgabe, S. 157.
13 Vorwort zur dritten Auflage
stellungen
über die Menschenrassen. An dem Ganzen ist kein wahres
Wort. Gobineau's Buch ist interessant als die Widerspiegelung einer
leidenschaftlichen, schlecht equilibrierten, aber durchaus edlen und
fesselnden Persönlichkeit; solche laufen nicht zu Dutzenden herum,
ihnen zu begegnen ist und bleibt eine Lebensfreude; ausserdem besitzt
Gobineau eine bedeutende und eigenartige, juristisch-diplomatische
Gelehrsamkeit, wodurch sein Buch geeignet wird, den Naturforscher, den
Philologen und den Historiker — diejenigen, in deren Kompetenzbereich
die Rassenfrage liegt — auf Thatsachen und Dokumente aufmerksam zu
machen, die sie leicht übersehen könnten. Es war folglich ein
verdienstvolles Unternehmen, das Werk Gobineau's, das nur in Folge
seiner Verschrobenheit und perversen Antiwissenschaftlichkeit
seinerzeit unbeachtet und völlig einflusslos geblieben war, wieder
hervorzusuchen; denn heute kann es nützen, ohne zu schaden. Doch
seine Bedeutung in Bezug auf die Rassenfrage wird immer eine nur
indirekte und eine beschränkte bleiben. Eine ernst zu nehmende und
nützliche Theorie der Rasse kann nicht auf die Märe von Sem,
Ham und Japhet und auf noch so geistreiche Intuitionen, vermischt mit
haarsträubenden Hypothesen, aufgebaut werden, sondern nur auf
gründliche und umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse. Ein
Mann wie Gobineau ahnt nicht einmal die enorme Verwickeltheit des
Problems, das er so einfach und mit kindlicher Allwissenheit zu
lösen unternimmt.
Was nun meine Darstellung der Rasse anbetrifft, wird
jeder Leser —
namentlich jeder, der über naturwissenschaftliche Kenntnisse
verfügt — einsehen, dass sie ganz und gar in dem
naturwissenschaftlichen Gedankenkreise lebt und webt. Es giebt nur
wenige Stellen, wo ich mich mit Gobineau und seiner Welt auch nur
berühre. Was ich hier weiss und was ich theoretisierend denke, ist
alles wissenschaftliches Erbteil aus einem Jahrhundert heisser Arbeit —
von Blumenbach bis Ujfalvi —, und mein Meister ist in erster Reihe —
wie an Ort und Stelle hervorgehoben — Charles Darwin. Nicht etwa, dass
ich diesen grossen Namen für meine Auffassung des Wesens und der
Bedeutung der Menschenrassen beanspruchen könnte; er aber war es,
der mich zwischen »Rasse« und »Art« zu
unterscheiden lehrte, und
zwar zu einer Zeit, wo ich noch nicht wusste, dass Wagner
überhaupt eine Schrift verfasst hatte. Jene »edelste weisse
arische Rasse« Gobineau's, die nach und nach zu Grunde geht, ist
gar
keine Rasse, sondern eine Art, eine Species,
— sonst haben Worte keinen
14 Vorwort zur dritten Auflage
Sinn.
Und weit entfernt, die Gobineau'sche Auffassung mir anzueignen,
bestreite ich sie, wo ich nur kann (man sehe z. B. S. 267). Kommt es
nicht häufiger vor, so ist das, weil Gobineau von
»Ursprüngen« ausgeht, während ich diese zur
Stunde noch für unerforschlich und ausserdem meinem praktischen
Zweck gegenüber für gleichgültig halte, wogegen jene
Auffassung der Rasse, die sich aus den Beobachtungen auf zoologischem
und botanischem Felde ergiebt und von deren Existenz Gobineau (und mit
ihm Wagner) nichts wusste, nämlich der Rasse als eines
plastischen, beweglichen, im steten Wellenspiel des Steigens und
Sinkens begriffenen Phänomens (siehe z. B. S. 282 und 343), mich
in diesem Buche einzig beschäftigt hat.
Dass bei grundverschiedenem Ausgangspunkte und
grundverschiedener
Methode die Folgerungen, auch dort, wo sie erfreulicher Weise
zusammentreffen nicht genetisch zu einander gehören können,
braucht nicht erst ausführlich dargethan zu werden.
So verhält es sich mit dem zweiten
»Fundamentalsatz«,
dessen »Quell« in Richard Wagner's Gesammelten Schriften
fliessen soll. Bei dem dritten brauche ich mich nicht lange
aufzuhalten. Denn auch der am wenigsten gelehrte und gebildete Mensch
hat von Ulrich von Hutten und von Martin Luther gehört, und weiss,
dass beide von den Nachteilen der Ehe zwischen Deutschland und Rom gar
viel Beherzigenswertes gesagt haben. Luther's Satz: »Der Papst
und
die Seinen mögen sich nicht rühmen, dass sie deutscher Nation
gross gut gethan haben mit Verleihung dieses römischen
Reiches«, habe ich S. 842 angeführt. Das ist seitdem oft
wiederholt worden, bis es in unserem Jahrhundert in wissenschaftlichen
Geschichtswerken ersten Ranges ausführlich dargelegt ward. Zum
Entdecken blieb da für Wagner nichts. Neu kann bei solchen Dingen
höchstens der allgemeine Zusammenhang und die besondere Art der
Darstellung sein. Mir lag jeder Gedanke an Originalität fern; ist
es mir gelungen, eine sichere, seit Jahrhunderten bekannte, doch immer
wieder im Interesse theokratischen Ehrgeizes geleugnete Wahrheit Vielen
Leuten in überzeugender Form wieder nahe zu bringen, so ist mein
Zweck erreicht.
Ich bin zu Ende. Wer diese Seiten gelesen hat,
begreift, warum ich mein
Buch hier in Schutz nahm, warum ich versuchen musste, einer
bedauerlichen, irreführenden Konfusion bei Zeiten den Riegel
vorzuschieben. Zugleich ging es an meine persönliche Ehre. Denn
der Rezensent schreibt: »Die Erkenntnis jener Probleme verdankt
15 Vorwort zur dritten Auflage
Chamberlain
Richard Wagner. Man darf sich
darüber wundern, dies
weder im Vorwort noch im Buche sonst ausgesprochen zu finden, um
so
mehr als u. s. w.« Ich werde somit der absichtlichen
Verschweigung
meiner Quellen beschuldigt, und einige »doch« und
»vielleicht«, die dann folgen, vermögen nicht die
verletzende Insinuation aufzuheben. Auch hiergegen müsste es mir
im Interesse meiner Leser erlaubt sein, mich zu wehren.
Und doch, weder die Rücksicht auf mein Buch,
noch die auf meinen
litterarischen Ruf hätte mich zu reden vermocht, wenn nicht jene
unüberlegt geschriebene und sorglos nachgedruckte Beurteilung
etwas berührt hätte, was ich als ein Heiligstes im Herzen
trage, nämlich mein Verhältnis zu Richard Wagner.
»Ist das Genie vorbeigeschritten, so ist es,
als habe sich das
Wesen der Dinge umgewandelt, denn sein Charakter ergiesst sich
über alles, was es berührt«; diese Worte Diderot's habe
ich auf S. 896 dieser Grundlagen
angeführt; sie sprechen meine
eigene Erfahrung aus, eine bestimmende Erfahrung meines Lebens. Ich
würde nicht leben wollen und gewiss könnte ich nicht
schaffen, wenn nicht jener unvergleichliche Mann, alles um sich
verklärend, über die Welt geschritten wäre. Seine Kunst
ist die höchste und vollendetste, welche die Menschheit besitzt;
mehr als jede andere ist sie das, was Goethe forderte: »eine
lebendig augenblickliche Offenbarung des Unerforschlichen«; wer
sie jemals wahrhaft erfahren, glaubt. Für mein Empfinden aber
steht die Persönlichkeit Wagner's so hoch wie seine Kunst. So
vollendet ist sie natürlich nicht, denn er war ganz Mensch; doch
bewährt dieser Mensch im ganzen Verlaufe seines Lebens eine so
erhabene Gesinnung, er ist so restlos hingegeben an ein ideales Ziel,
er ist so hinreissend selbstvergessen, er ist von dem Edlen in der
Menschennatur so verwegen überzeugt, es besteht in ihm eine so
vollkommene Harmonie zwischen Wollen und Können — der Gedanke kein
Phantom, sondern fähig, sich augenblicklich in die That
umzusetzen, — dass ihm gegenüber Ehrfurcht, Liebe und Bewunderung
in gleichem Masse gefordert werden; mir ist aus der Weltgeschichte kaum
ein Mann bekannt, bei dem das in ähnlicher Weise zutreffe. Ein
solcher Mann wirkt auf Andere wie eine Naturkraft: er weckt Leben, er
schenkt Selbstvertrauen, er regt das auf, was in Seelentiefen unbewusst
schlummerte. Wie Diderot sagte: es ist, als habe er das Wesen der
Dinge umgewandelt, — darunter auch das Wesen des eigenen Selbst.
16 Vorwort zur dritten Auflage
Ich sagte oben, ich könne mich nicht unbedingt zu den
»Jüngern« Richard Wagner's rechnen, und in der That,
meinen
geistigen Anlagen ist es angemessener, ein Jünger Goethe's und
Kant's und Cuvier's zu sein; ich sagte auch, dass ich in manchen
Beziehungen Wagner's Führerschaft wenig traue, dass ich vielmehr
ihr kritisch ablehnend gegenüber stehen müsse; doch das sind
Erkenntnisse, die mein Verhältnis eines dankbar und liebevoll
Empfangenden in keiner Weise berühren. Le génie laisse loin
de lui l'esprit qui de critique avec raison, fährt Diderot
an
derselben Stelle fort. Auch wo er von irrtümlichen Voraussetzungen
ausgeht, schafft Wagner Bewundernswertes und Beherzigenswertes, wie z.
B. in der obengenannten Schrift Heldentum
und Christentum, und ich
glaube, die leichtfertige Art, in der ein solcher Künstlergeist
mit Thatsachen verfährt, wird ihm durch die Gewissheit eingegeben,
dass er doch zu einer höheren Wahrheit durchdringt, gleichviel von
welchen Voraussetzungen er ausgeht; darum nimmt er die ersten besten
an, die er leicht assimilieren kann. Wagner schwört heute bei
Feuerbach und morgen bei Schopenhauer, er ist heute Republikaner und
morgen Gottesgnadentumverfechter, heute rührt die Entartung der
Menschheit von der Nahrung her, morgen von der Rassenvermischung — und
doch ist er der selbe, und was er der Menschheit zu sagen hat:
über das Wesen der Kunst, über eine künstlerische
Kultur, über das Verhältnis zwischen Kunst und Religion u. s.
w. bleibt unverändert, gleichviel aus welchen Materialien er den
Unterbau gezimmert hat. Künstlerische Intuitionen sind wie die
ägyptischen Pyramiden; sie werden von der Spitze nach abwärts
zu gebaut; was darunter liegt, ist bloss staubiges Gerüst. Eine
»Thatsache« giebt es bei Wagner, in die ich unbedingt
vertraue:
er selber.
Jener Rezensent rührt nun nicht nur an meiner
litterarischen Ehre,
sondern er bringt mich in den Verdacht der Undankbarkeit. Mit Recht
wird Untreue, wenn auch nicht als das schwerste, so doch als das
schwärzeste Verbrechen betrachtet. Für sie giebt es keine
Sühne; nur der Wahnsinn kann sie entschuldigen. Seit Jahren
streiten die Gelehrten darüber, in welchem Augenblick Nietzsche
thatsächlich in Wahnsinn verfiel; und doch liegt es klar vor aller
Augen: in dem Augenblick, als er von Wagner abfiel. Und schön war
es und wohlthuend, dass der arme Mann sich dann öffentlich gegen
den Freund wandte, dass er ihn mit Kot bewarf, dass er das Heiligtum
seines Herzens vor aller Welt niederriss und zugleich alles andere Edle
17 Vorwort zur dritten Auflage
verleugnete,
aus dem er in heissem Ringen sein gutes Ich nach und nach
aufgebaut hatte; das war echte Natur; so sprach die gute Mutter
für ihn und erklärte laut: seht, er ist nicht untreu, er ist
von Sinnen. Doch, welcher schwarzen Niedertracht beschuldigen wir den
Mann, der Richard Wagner das verdankt, was ich ihm verdanke, und den
wir verdächtigen, er benütze Wagner's Arbeiten, um die
eigenen daraus aufzurichten, und er verheimliche dann diesen Ursprung
seiner Leistungen! Da wäre Wahnsinn wahrlich das bessere Teil.
W i e n, im September 1901.
Houston
Stewart Chamberlain.
—————
18
(Leere Seite)
19
NACHTRÄGE
20
(Leere Seite)
21 Nachträge
Zu S. 9. — Von einem Rezensenten wurde mir übel vermerkt, ich
hätte hier Prof. Henry Thode's Aufsatz über Die Renaissance,
dem ich offenbar meinen Gedankengang verdanke, nicht erwähnt. Nun
ist der betreffende Aufsatz in den »Bayreuther
Blättern«, Juli 1899, erschienen. Die allgemeine Einleitung
zu den
Grundlagen ist aber im Sommer
1896 geschrieben, Ende August 1898
gedruckt und am 1. März 1899 im Buchhandel gewesen.
—————
Zu S. 15. — Das Erwachen des Germanen zu freier Lebensbethätigung
im 13 Jahrhundert lässt sich noch vielfach belegen. Von
besonderem Interesse schienen mir folgende zwei Thatsachen.
Hyrtl teilt mit (Das
Arabische und Hebräische, in der Anatomie
1879, S. XI), dass gegen Schluss des 13. Jahrhunderts die erste
Secierung einer menschlichen Leiche nach einer Unterbrechung von
eintausendsechshundert Jahren stattfand, und zwar von dem Norditaliener
Mondino de' Luzzi ausgeführt.
Cantor (Vorlesungen
über Geschichte der Mathematik, 2. Aufl., II,
3) sagt, im 13. Jahrhundert habe »ein neuer Zeitabschnitt in der
Geschichte der mathematischen Wissenschaft« begonnen. Dies war
namentlich das Werk des Leonardo von Pisa, der als Erster die indischen
(fälschlich arabisch genannten) Zahlenzeichen bei uns
einführte, und des Jordanus Saxo, aus dem Geschlecht der Grafen
von Eberstein, der uns mit der Buchstabenrechnung bekannt machte.
—————
Zu S. 28. — Selbst in der allerkürzesten Aufzählung der
genialsten Naturforscher des Jahrhunderts hätten Louis Agassiz,
Michael Faraday und Julius Robert Mayer nicht unerwähnt bleiben
dürfen.
—————
22 Nachträge
Zu S. 57—59. — Man versäume nicht, das schöne Buch von
Maurice Maeterlinck: La vie des
abeilles, 1901, zu lesen. Auch dieser
neueste unter den Beobachtern der Bienen weist auf Huber hin als auf
den genialsten und zuverlässigsten aller bisherigen Forscher (S.
9).
Auf dem Zoologenkongress zu Berlin, am 13. August
1901, hielt der
bekannte Psychiater und Ameisenforscher Forel einen Vortrag, in welchem
er auf Grund seiner neuesten Arbeiten (seine Beobachtungen reichen
jetzt über einen Zeitraum von dreissig Jahren!) den Ameisen den
Besitz des Gedächtnisses, der Fähigkeit, verschiedene
Sinneseindrücke im Hirn zu verknüpfen, und des Handelns mit
Überlegung bestimmt zuschrieb. — (Dass es Ameisen giebt, die genau
ebenso »überlegt« weben wie der Mensch, nämlich
mit
Gespinstfäden, die sie nicht selber erzeugen, kann man in Carl
Chun's Aus den Tiefen des Weltmeeres,
1900, S. 117 fg., belegt finden.)
Schon Montaigne bemerkt in seiner Apologie de Raimond Sebond: Tout ce
qui nous semble étrange, nous le condamnons, de même ce
que nous n'entendons pas; comme il nous advient au jugement que nous
faisons des bêtes. Elles ont plusieurs conditions qui se
rapportent aux nôtres; de celles-là, par comparaison, nous
pouvons tirer quelque conjecture: mais ce qu'elles ont en particulier,
que savons-nous que c'est?
—————
Zu S. 66. — Wie viel älter der Gebrauch der Schrift in dem Gebiete
hellenischer und vorhellenischer Kultur ist, als man bis vor kurzem
voraussetzen zu müssen glaubte, wird täglich
augenscheinlicher. So hat man z. B. jetzt in dem (sogenannten) Palast
des Minos auf Kreta, dessen jüngste Teile nachweislich nicht
später als 1550 Jahre vor Christo entstanden sind, ganze
Bibliotheken und Archive gefunden. Die Schrift ist noch nicht
entziffert worden, doch fällt den Gelehrten ihr »freies,
europäisches Aussehen« auf, im Gegensatz zu allen
asiatischen und
ägyptischen Schriftzeichen. (Siehe A. J. Evans in The Annual of the British School at Athens,
Nr. VI, Session 1899—1900, S.
57. Man vergleiche auch S. 18 und 29 und die Tafeln 1 und 2.) Der
Gebrauch der Schrift war also üblich, schon lange ehe die
Achäer überhaupt bis in den Peloponnes eingedrungen waren.
—————
Zu S. 77, Anm. 2. — Besonders interessant ist es zu beobachten, wie in
der Zoologie, in der man am Anfang des 19. Jahrhunderts sehr
vereinfachen zu dürfen geglaubt hatte und wo man unter dem
Einfluss Darwin's bestrebt gewesen war, alle Tiergestalten wenn irgend
23 Nachträge
möglich
auf einen einzigen Stamm zurückzuführen, jetzt,
bei fortschreitenden Zunahmen der Kenntnisse, eine immer grössere
Komplikation des ursprünglichen Typenschemas entdeckt wird. Cuvier
glaubte mit vier »allgemeinen Bauplänen« auszukommen.
Bald aber war man gezwungen, sieben verschiedene, auf einander nicht
zurückführbare Typen anzuerkennen und vor etwa dreissig
Jahren fand Carl Claus, dass neun Typen das Minimum sei. Dieses Minimum
genügt aber nicht. Sobald man nicht einzig die menschliche
Bequemlichkeit und die Bedürfnisse des Anfängers ins Auge
fasst (wofür Richard Hertwig's bekanntes und sonst vortreffliches
Lehrbuch ein klassisches Beispiel bietet), sobald man die strukturellen
Unterschiede, ohne Bezug auf Formenreichtum und dergleichen gegen
einander abwägt, kommt man bei den heutigen genaueren anatomischen
Kenntnissen mit weniger als sechzehn verschiedenen, einander typisch
gleichwertigen Gruppen nicht aus. (Siehe namentlich das meisterhafte
Lehrbuch der Zoologie von
Fleischmann, 1898.) — Zugleich haben sich die
Anschauungen in Bezug auf manche grundlegende zoologische Thatsachen
durch genaueres Wissen völlig verändert. So galt es z. B. vor
zwanzig Jahren, als ich bei Karl Vogt Zoologie hörte, für
ausgemacht, dass die Würmer in unmittelbarer genetischer Beziehung
zu den Wirbeltieren stünden; selbst so kritisch selbständige
Darwinisten wie Vogt hielten diese Thatsache für ausgemacht und
wussten gar viel Herrliches über den Wurm zu erzählen, der es
bis zum Menschen gebracht habe. Inzwischen haben viel genauere und
umfassendere Untersuchungen über die Entwickelung der Tiere im Ei
zu der Erkenntnis geführt, dass es innerhalb der
»Gewebetiere« (alle Tiere, heisst das, die nicht aus
einfachen, trennbaren Zellen bestehen), zwei grosse Gruppen giebt,
deren Entwickelung vom Augenblick der Eibefruchtung an nach einem
grundverschiedenen Plane vor sich geht, so dass jede wahre — nicht
bloss äusserlich scheinbare — Verwandtschaft zwischen ihnen
ausgeschlossen ist, sowohl die von den Evolutionisten vorausgesetzte
genetische, wie auch die rein architektonische. Und siehe da: die
Würmer gehören zu der einen Gruppe (die ihren Höhepunkt
in den Insekten findet) und die Wirbeltiere gehören zu der anderen
und dürfen nur mehr von Tintenfischen und Seeigeln abstammen!
(Vergl. namentlich Karl Camillo Schneider: Grundzüge der
tierischen Organisation in den Preussischen Jahrbüchern
1900,
Julinummer, S. 73 fg.)
Solche Thatsachen dienen als Belege und als
Bestätigungen des S.
77 Behaupteten, und es ist durchaus notwendig, dass der Laie, der
24 Nachträge
stets
gewohnt ist, in der Wissenschaft seines Tages einen Gipfel zu
vermuten, sie als ein Übergangsstadium zwischen einer vergangenen
und einer zukünftigen Theorie erkennen lerne.
—————
Zu S. 78. — Wilson's Buch ist inzwischen (1900) in zweiter, vermehrter
Auflage erschienen. Der citierte Satz steht S. 434 unverändert.
Das ganze letzte Kapitel, Theories
of Inheritance and Development, ist
allen Denen zu empfehlen, die statt Phrasen eine wirkliche Einsicht in
den augenblicklichen Zustand wissenschaftlicher Erkenntnis in Bezug auf
die Grundthatsachen der tierischen Gestalt besitzen wollen. Sie werden
ein Chaos finden. Wie der Verfasser (S. 434) sagt: »Die ungeheure
Grösse des Problems der Entwickelung, gleichviel ob ontogenetisch
oder phylogenetisch, ist unterschätzt worden«. Jetzt sieht
man ein, dass jedes neuentdeckte Phänomen nicht Aufklärung
und Vereinfachung, sondern neue Verwirrung bringt und neue Probleme, so
dass ein bekannter Embryolog (siehe Vorwort) vor kurzem ausrief:
»Jedes Thierei scheint sein eigenes Gesetz in sich zu
tragen!« Rabl kommt in seinen Untersuchungen Über den Bau und die
Entwickelung der Linse (1900) zu ähnlichen Ergebnissen; er
findet,
dass jede Tierart ihre spezifischen Sinnesorgane besitzt, deren
Unterschiede schon in der Eizelle bedingt sind. So wird denn durch die
Fortschritte der wahren Wissenschaft — und im Gegensatz zu dem Nonsens
über Kraft und Stoff, mit dem Generationen von
leichtgläubigen Laien verblödet worden sind — unsere
Auffassung des Lebens eine immer »lebendigere«, und der Tag
ist wohl nicht mehr fern, wo man einsehen wird, dass es
vernünftiger wäre, das Unbelebte vom Standpunkt des
Lebendigen aus, als umgekehrt, deuten zu wollen.
—————
Zu S. 80. — Dass die hellenischen Denker unmöglich von Semiten
beeinflusst sein konnten, hat schon Immanuel Kant eingesehen, der, als
Hasse eine darauf hinzielende Bemerkung machte, ungeduldig abwehrte:
Phönizier und Hebräer sind keine Philosophen!« (Letzte
Äusserungen Kant's, S. 24.)
—————
Zu S. 87. — Meine Behauptung, die römische Kirche habe im Jahre
1822 »die Erlaubnis erteilt, an das heliocentrische System zu
glauben«, beruht, wie es scheint, auf Irrtum. Ein namhafter
katholischer Gelehrter hat bei Gelegenheit einer Besprechung von
Hertling's
25 Nachträge
Das Prinzip des Katholizismus und die
Wissenschaft in der Beilage zur
Münchener Allgemeinen Zeitung dargethan, dass seit 1822 die Kirche
zwar das Werk des Kopernikus aus dem Index gestrichen und den Druck von
Büchern, welche die Bewegung der Erde lehren, gestattet hat, dass
aber die Bullen, in denen verboten wird, an die Bewegung der
Erde z u
g l a u b e n, niemals aufgehoben oder irgendwie in ihrer
Geltung
eingeschränkt worden sind. Nach römischer Lehre darf also ein
Gläubiger von dem heliocentrischen System Kenntnis nehmen, er darf
aber nicht daran glauben. (Leider habe ich bei Abfassung dieses
Nachtrages das betreffende Blatt nicht zur Hand; der Leser findet den
Aufsatz in dem Jahrgang 1898 oder 1899 oder 1900.)
—————
Zu S. 147—148. — Zum Verständnis des Charakters Caracalla's und
seiner Beweggründe, empfehle ich die kleine Schrift von Prof. Dr.
Rudolf Leonhard: Roms Vergangenheit
und Deutschlands Recht, 1889, S. 93—99. Er zeigt auf wenigen
Seiten, wie dieser Syrer,
»ein Sprössling der karthagischen Menschenschlächter
und der Landsleute jener Baalspriester, welche ihre Feinde in
Feueröfen zu werfen pflegten« (die Juden thaten desgleichen,
siehe 2 Samuel, 12, 31), die
Vernichtung Roms und die Vernichtung der
noch lebenden Reste hellenischer Bildung als sein Lebensziel erfasst
hatte, zugleich die Überflutung der europäischen Kulturwelt
mit dem pseudosemitischen Auswurf seiner Heimat. Das alles geschah
planmässig, tückisch, und unter dem Deckmantel der Phrasen
von Weltbürgertum und Menschheitsreligion. So gelang es, Rom in
einem einzigen Tag auf ewig zu vernichten; so wurde das ahnungslose
Alexandrien, der Mittelpunkt von Kunst und Wissenschaft, ein Opfer der
rassenlosen, heimatslosen, alle Grenzen niederreissenden
Bestialität.
Vergessen wir nie — nie
einen Tag — dass der Geist Caracalla's unter
uns weilt und auf die Gelegenheit lauert! Anstatt die blöden und
lügenhaften Menschheitsphrasen nachzuplappern, die schon vor
achtzehnhundert Jahren in den semitischen »Salons« Roms
Mode waren, thäten wir besser daran, uns mit Goethe zu sagen:
Du
musst steigen oder sinken,
Du
musst herrschen und gewinnen,
Oder
dienen und verlieren,
Leiden
oder triumphieren,
Amboss
oder Hammer sein.
—————
26 Nachträge
Zu S. 160 und 174. — Bezüglich der vorwiegend semitischen und
syrischen Rassenangehörigkeit der späteren, von uns
übertrieben bewunderten Kodifizierer und Einbalsamierer des
römischen Rechts, vergl. die soeben genannte Festschrift
Leonhard's, S. 91 ff.
—————
Zu S. 200. — Hier und überall bitte ich, statt
»Himmelreich« R e i c h G o t t e s
zu lesen. Der Ausdruck Uranos
oder »Reich der Himmel« kommt nur bei Matthäus vor und
ist
sicher nicht die richtige Übersetzung irgend eines von Christus
gebrauchten Ausdrucks. Die anderen Evangelisten sagen: das Reich
Gottes. (Vergl. meine Ausgabe der Worte
Christi, S. 260, und für
die nähere Ausführung H. H. Wendt's Lehre Jesu, 1886, S. 48
und 58.)
—————
Zu S. 216. — Die Evangelien selbst bezeugen die
unüberbrückbare Trennung zwischen Galiläern und Juden.
Namentlich bei Johannes wird immer von »den Juden« wie von
etwas
Fremdem gesprochen, und die Juden ihrerseits (7, 52) erklären:
»aus
Galiläa stehet kein Prophet auf«.
—————
Zu S. 267 fg. — Man muss wohl bemerken, dass wenn auch Ujfalvi an dem
genannten Orte sagt: le terme
d'aryen est de pure convention, er das
nur in einem gewissen, bedingten Sinne meint. Er hat seitdem selber
nicht aufgehört, die Stammesgeschichte der Arier zu studieren und
hat seine Ansichten infolgedessen so weit modificiert, dass er jetzt
behauptet, die Eranier und die Inder seien deux branches d'une
même grande famille und er spricht von den vestiges de la nation
encore indivise des Indo-Iraniens (siehe L'Anthropologie, 1900, S. 24
fg.) und erwartet noch heute, im Hindukusch lebendige Reste der Aryens
les plus purs aufzufinden (ebenda, S. 224).
Es ist überhaupt bemerkenswert, dass die
gelehrten Ethnologen und
Anthropologen immer weniger den Ausdruck »Arier« entbehren
können, immer mehr ihm einen konkreten Inhalt beilegen; man
beachte z. B. das Werk von Lapouge L'Aryen,
son rôle social,
1899. Auch Historiker können des Begriffes Arier ebenfalls nicht
entraten. Und doch wird Unsereiner, wenn er noch so vorsichtigen und
streng beschränkten Gebrauch dieser Vorstellung macht, von
akademischen Skribenten und namenlosen Zeitungsreferenten
verhöhnt! Möge der Leser der Wissenschaft mehr trauen als den
offiziellen
Verflachern und Nivellierern und als den berufsmässigen
antiarischen Konfusions-
27 Nachträge
machern.
Denn würde auch bewiesen, dass es in der Vergangenheit
nie eine arische Rasse gegeben hat, so wollen wir, dass es in der
Zukunft eine geben soll.
—————
Zu S. 276. — Die Goten, die später in hellen Scharen zum
Mohammedanismus übertraten, dessen edelste und fanatischeste
Verfechter sie wurden, sollen früher in grossen Zahlen das
Judentum angenommen haben, und ein gelehrter Fachmann der Wiener
Universität versichert mir, die moralische und intellektuelle,
sowie auch die physische Überlegenheit der sog. »spanischen
und
portugiesischen Juden« sei eher aus diesem reichlichen Zufluss
echt germanischen Blutes zu erklären, als aus jener Züchtung,
die ich einzig hervorgehoben habe und deren Bedeutung er übrigens
auch nicht unterschätzt wissen wollte.
—————
Zu S. 277—288. — Zu meinem lebhaften Bedauern habe ich erst jetzt
(1901) Dr. Albert Reibmayr's Inzucht
und Vermischung beim Menschen
(Leipzig und Wien, bei Deuticke, 1897) kennen gelernt. Das
vortreffliche Werk, erschienen im selben Augenblick, als ich mein
Kapitel über das Völkerchaos schrieb, empfehle ich allen
Lesern der Grundlagen als
eine unentbehrliche Ergänzung zu manchem
bei mir nur skizzierten Gedankengang.
—————
Zu S. 287. — Nach Albrecht Wirth: Volkstum
und Weltmacht in der
Geschichte, 1901, S. 159, kommt den Chilenen noch das zu gute,
dass
ihre Indianer — die Araukaner — einer besonders edlen Rasse entstammen,
so dass die Spanier, die sich mit ihnen mischen, an Zähigkeit und
Kriegsmut gewinnen.
—————
Zu S. 289. — Professor August Forel, der bekannte Psychiater, hat in
den Vereinigten Staaten und auf den Westindischen Inseln interessante
Studien über den Sieg gemacht, den geistig niedrige Rassen
über höherstehende durch ihre grössere Zeugungskraft
davontragen. »Ist das Gehirn des Negers schwächer als das
der Weissen, so sind
seine Fortpflanzungskraft und das Überwiegen seiner Eigenschaften
bei den Nachkommen um so mehr denjenigen der Weissen überlegen.
Immer strenger sondert sich (darum) die weisse Rasse, nicht nur in
sexueller, sondern in allen Beziehungen, von ihnen ab, weil sie endlich
erkannt hat, das d i e M i s c h u n
g i h r U n t e r g a n g i s
t.« Forel zeigt
28 Nachträge
an
zahlreichen Beispielen, wie unmöglich es dem Neger ist, unsere
Civilisation mehr als hauttief zu assimilieren und wie er überall
»der totalsten urafrikanischen Wildheit anheimfällt«,
sobald er sich selbst überlassen bleibt. Und Forel, der als
Naturforscher in dem Dogma der einen, überall gleichen
»Menschheit« auferzogen ist, kommt zu dem Schlusse:
»Zu
ihrem eigenen Wohl sogar müssen die Schwarzen als das, was sie
sind, als eine durchaus untergeordnete, minderwertige, in sich selbst
kulturunfähige Menschenunterart behandelt werden. Das muss einmal
deutlich und ohne Scheu erklärt werden.« (Man siehe den
Reisebericht in Harden's Zukunft
vom 17. Februar 1900.) — Über
diese Frage der Rassenmischungen und des beständigen Sieges der
niedriger stehenden Rasse über die höher stehende, vergleiche
man auch die an Thatsachen und Einsichten gleich reiche Arbeit
Ferdinand Hueppe's: Über die
modernen Kolonisationsbestrebungen
und die Anpassungsmöglichkeit der Europäer an die Tropen
(Berliner klinische Wochenschrift, 1901). In Australien z. B. findet in
aller Stille, aber mit grosser Schnelligkeit, eine Auslese statt, durch
welche der hochgewachsene blonde Germane — so stark vertreten im
englischen Blute — verschwindet, wogegen das beigemengte Element des
Homo alpinus die Oberhand gewinnt.
—————
Zu S. 297 (und 319). — Ein holländischer Gelehrter macht mich
darauf aufmerksam, dass die Grenze des römischen Reiches von dem
sogenannten »Alten Rhein« gebildet wurde, der nicht bei
Rotterdam in
die See mündet, sondern über Utrecht nach Leyden fliesst.
Meine Behauptung aber in Bezug auf das genaue Zusammentreffen der
früheren Grenze der chaotischen Rassenbastardierung mit der
heutigen Grenze der römischen Kirche stimme nur um so
auffallender; denn sobald man den Oude Rijn überschreite, und zwar
trotzdem er bloss einen schmalen Kanal bildet, werde das
Verhältnis der Protestanten zu den Katholiken wie 2:1, um dann
weiter nach Norden einer fast ganz protestantischen Bevölkerung zu
weichen; wogegen im Süden, in den Provinzen Nordbrabant und
Limburg, die Bevölkerung überwiegend katholisch sei, mit der
bemerkenswerten Ausnahme von Zeeland, dessen Inselgebiet niemals vom
Imperium einverleibt wurde und darum eine rein germanische
Bevölkerung bewahrte, die ihre Rasse in dem Heldenkampf gegen
Spanien bewährte und heute noch in ihrer antirömischen
Gesinnung bezeugt.
—————
29 Nachträge
Zu S. 308. — Eine ergreifende Schilderung des Gemütszustandes
aller tiefer Beanlagten im Völkerchaos giebt Ambrosius, wenn er in
seiner Rede auf den Tod des Kaisers Theodosius ausruft: »Wie
Schiffbrüchige sind wir, die eine wilde Brandung ans Ufer
geworfen hat.«
—————
Zu S. 328. — Die Wiener Zeitungen vom 30. und 31. Juli 1901 berichten
über eine Rede, die der Wiener Rabbiner, Herr Dr. Leopold Kahn, in
einem Saale der orthodoxen jüdischen Schule in Pressburg über
den Zionismus hielt. In dieser Rede machte Dr. Kahn folgendes
Geständnis: »Der Jude wird sich nie assimilieren
können; er wird niemals die Sitten und Gebräuche anderer
Völker annehmen. Der Jude bleibt Jude unter allen Umständen.
Jede Assimilation ist nur eine rein äusserliche.«
Beherzigenswerte Worte! Eigentümlich und — von einem ganz anderen
Standpunkt aus — ebenso bemerkenswert sind Worte, die wir in einem
autobiographischen Fragment des Botanikers Ferdinand Cohn finden. Cohn,
der im Gegensatz zu Kahn die Assimilation predigt, meint der Jude sei
befähigt, »wenn auch nicht Germane, so doch Deutscher zu
werden«. (Ferdinand Cohn, Blätter
der Erinnerung, 1901, S.
13.) Ich glaube kaum, dass der Begriff »Deutscher« sich so
völlig von dem Begriff »Germane« scheiden lässt.
Es bliebe
nicht vielmehr als eine geographische Geburtortsbestimmung.
—————
Zu S. 358. — Zu meiner Behauptung bez. der Armenier schreibt Albrecht
Wirth (Volkstum und Weltmacht in der
Geschichte, S. 25): »Mir
scheint, dass Chamberlain zu weit geht, wenn er den Armeniern bloss
1/10 arischen Blutes zuerkennen will; dies trifft bei den Städtern
zu, deren Söhne zu uns nach Europa kommen, dagegen sind die
ländlichen Armenier, wenigstens die ich in den Alpen des
nördlichen Kurdistans gesehen habe, häufig braunblond und
blauäugig und von den arischen Kurden kaum zu
unterscheiden.«
—————
Zu S. 359 fg. — Bezüglich des Namens H e t h i t e r
bemerke ich noch
ausdrücklich, obwohl der Text deutlich genug ist, um jedem
Missverständnis vorzubeugen, dass er für mich dasselbe ist,
wie für einen Mathematiker das X in einer zweifellos richtig
aufgestellten, jedoch noch nicht zahlenmässig gelösten
Rechnung. — Eine neueste Zusammenfassung unserer heutigen Kenntnisse
über die Hethiter
30 Nachträge
findet
der Leser in Winckler's Die
Völker Vorderasiens, 1900,
S. 18 fg.
—————
Zu
S. 373—374. — Gewisse jüdische Rezensenten der Grundlagen haben
mit besonderer Lebhaftigkeit gegen diese Ausführungen — die
jüdische Auffassung von »Sünde« betreffend —
Einspruch erhoben. Doch spricht es nicht zu ihren Gunsten, dass sie, um
mich zu diskreditieren, meine Quellen — die anerkannt ersten
Autoritäten unserer Zeit — völlig verschweigen, und dadurch
ihren Lesern die Sache so hinstellen, als handelte es sich um die
Privatmeinung eines eingestandenermassen ungelehrten Menschen. In
Wahrheit handelt es sich um eine völlig sichere, unbestreitbare,
wissenschaftlich nachweisbare Thatsache.
Zur Ergänzung der Ausführungen im Text
mögen noch
folgende zwei Citate dienen:
»Im Hebräischen bedeutet Gut und
Böse zunächst nur
h e i l s a m und s c h ä d l i c h; auf
Tugend und Sünde werden die
Ausdrücke nur übertragen, sofern deren Wirkung frommt oder
schadet« (Wellhausen: Prolegomena
zur Geschichte Israels, 4. Ausg., S.
307).
»Bei den Juden .... besteht keine innere
Verbindung zwischen dem
Guten und dem Gute; das Thun der Hände und das Trachten des
Herzens fällt auseinander« (Wellhausen: Israelitische und
jüdische Geschichte, 3. Ausg., S. 380).
—————
Zu S. 381. — Bezüglich des europäischen, nicht semitischen
Ursprungs unserer Schriftzeichen, vergl. den Nachtrag zu S. 66.
—————
Zu S. 397. — Ein hervorragender jüngerer Semitist teilte mir vor
kurzem mit, dass die neuere Forschung täglich mehr den rein
fetischistischen, götzenanbeterischen Charakter aller
ursprünglichen semitischen Religionsformen aufdecke. Nur durch
Anregungen von aussen und durch Blutmischungen (wie bei den Juden) habe
sich eine Erhebung zu höheren Auffassungen bewirken lassen.
—————
Zu S. 408. — Da meine Behauptungen in Bezug auf Pânini und die
indische Philologie von ignoranten Rezensenten (siehe z. B. die
Grenzboten, 1900, Nr. 14, S.
23) in Frage gestellt worden sind, gebe
ich noch zwei Citate.
Theodor Benfey — dessen Recht, über diese Frage
ein ent-
31 Nachträge
scheidendes
Urteil abzugeben. nur von Unwissenden geleugnet werden kann
— schreibt in dem im Text genannten Werk, S. 35—36: »In Bezug auf
Sprachwissenschaft sind es die Inder, welche schon im grauesten
Altertum sie nicht etwa anbahnten, sondern eine Hauptstütze
derselben — die wissenschaftliche Behandlung einer Einzelsprache — bis
zu einer Vollendung führten, die das Staunen und die Bewunderung
aller deren erregt, welche genauer damit bekannt sind, die selbst jetzt
noch nicht allein unübertroffen, sondern selbst noch unerreicht
dasteht, die in vielen Beziehungen als Muster für ähnliche
Thätigkeiten betrachtet werden darf, die durch ihre Methode und
Resultate vorzugsweise, ja fast allein es möglich machte, dass die
moderne Sprachwissenschaft mit dem Erfolg, den man ihr allgemein
zuerkennt, ihre Aufgabe aufnehmen und ihrem Ziele entgegenzuführen
vermochte.«
Und Georg von der Gabelentz sagt in seinem
monumentalen Werke Die
Sprachwissenschaft, 2. Aufl. 1901, S. 22: »Pânini's
Wunderwerk
ist die einzige wahrhaft vollständige Grammatik, die eine Sprache
aufzuweisen hat.«
—————
Zu S. 427 fg. — Wie tief der Einfluss Babyloniens auf die Juden gewirkt
hat, wie sehr sie auch hier lediglich Verarbeiter der Gedanken Anderer
waren, wird täglich klarer. Hugo Winckler schreibt (Die politische
Entwickelung Babyloniens und Assyriens, 1900, S. 17—18):
»Bereits vermögen wir aus den assyrischen
Inschriften zu
erkennen, dass einige Aussprüche der Propheten auf ähnliche
Reden und Paroleausgaben anspielen, die vom Hofe der
Assyrierkönige ausgegangen waren. Selbstverständlich hat
nicht nur Israel »Sprecher« (Propheten) erzeugt, sondern
der
ganze Orient hat auf diese Weise zum Volke sprechen müssen.
Mittelbare Zeugnisse solcher politischer Lehren,
welche in der
Hauptsache auf die Weltauffassung des babylonischen Priestertums
zurückgehen, liegen in der vom Christentum so begünstigten
Apokalypsenlitteratur vor, welche für uns mit der Prophetie
Daniels beginnt. Immer mehr wird auch klar, dass die theokratische
Entwickelung, welche Juda nimmt, mit Bestrebungen in Babylonien und im
ganzen assyrischen Reiche Hand in Hand gegangen ist. Die
Verfassungsordnungen unter Hiskia und Josia fallen zusammen mit
entsprechenden Erscheinungen in Assyrien und Babylonien, und seine
Durchbildung im Sinne der Theokratie hat das Judentum ja im Exil, in
32 Nachträge
Babylonien,
im Verkehre und unter dem Einfluss babylonischer
Wissenschaft und Lehren erhalten.«
—————
Zu S. 457. — Sehr schön hat Albrecht Wirth in seinem, in diesen
Nachträgen mehrfach genannten Buch Volkstum und Weltmacht in der
Geschichte das Verhältnis zwischen Rasse und Ideen
nachgewiesen.
Damit hängt seine bemerkenswerte These zusammen, dass Civilisation
als äusseres Gewand jedem angehängt werden könne, Kultur
dagegen ohne Blutmischung völlig unübertragbar bleibe.
—————
Zu S. 485. — Die demoralisierende Wirkung des jüdischen Blutes auf
die gotische Rasse scheine ich nicht hoch genug angeschlagen zu haben.
Sayce sagt in seinen Races of the
Old Testament (2. Aufl., S. 74):
»Im spanischen Adel giebt es wenige Familien, die nicht mit
jüdischem Blut infiziert sind.« Und Prof. Dr. Paul Barth
schreibt bei Gelegenheit einer Kritik dieser Grundlagen in der
Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche Philosophie, Jahrgang
1901, S. 75: »Noch mehr als er es thut, hätte Chamberlain
auf
die Wirkung des semitischen Blutes, die sich bei den Spaniern
offenbart, hinweisen können. Durch den semitischen Zusatz sind die
Spanier fanatisch geworden, haben sie jeden Begriff ins äusserste
Extrem ausgebildet, so dass er seinen vernünftigen Sinn verliert:
die religiöse Hingebung bis zum »Kadavergehorsam«
gegen die Befehle des Oberen, die Höflichkeit bis zur peinlichen,
ceremoniellen Etiquette, die Ehre zur wahnwitzigsten Empfindlichkeit,
den Stolz zu lächerlicher Grandezza, so dass s p a n i
s c h bei uns im
Volksgebrauch fast gleichbedeutend mit u n v e r n ü n
f t i g geworden ist.«
—————
Zu S. 494. — Inzwischen hat J. Deniker eine neue Einteilung aller
europäischen Menschen in sechs Haupt- und vier Nebenrassen
vorgeschlagen. So wechselt das Bild von Jahr zu Jahr!
—————
Zu S. 498. — Herr Anatole Leroy-Beaulieu — der es mir ausserdem nicht
verzeihen kann, dass ich ihn in der ersten Auflage mit seinem
bedeutenden Bruder Paul, dem Nationalökonomen, verwechselt hatte —
legt gegen die hier erzählte Anekdote Verwahrung ein; sie sei
nicht von ihm. Eigentlich brauchte ich von seiner Berichtigung keine
Notiz zu nehmen. Denn er wendet sich ausschliesslich an die Juden,
durch Vermittlung eines ihrer Hauptorgane, welches ebenso-
33 Nachträge
wenig
wie die übrige jüdische Tagespresse von meinen
Grundlagen Notiz genommen
hatte, und ausserdem begeht er in seiner Berichtigung eine wissentliche
und absichtliche Irreführung, indem er die
Anmerkung unterdrückt, in welcher ich ausdrücklich
erklärte, es
sei mir nicht gelungen, die Anekdote in dem Buche zu finden, und nun
mich pathetisch auffordert, ihm die Seite des Buches zu nennen, auf dem
sie stünde. Doch im Interesse der Genauigkeit stelle ich also
fest, dass die von mir auf S. 498 erzählte Thatsache nicht Herrn
Leroy-Beaulieu und seine Familie betrifft, und ich bedauere, dass mein
Gedächtnisfehler einem redlichen Manne Ärgernis verursacht
hat.
Eigentümlich ist folgendes Zusammentreffen,
für dessen
buchstäbliche Genauigkeit einer der besten Namen unter Frankreichs
jüngeren Schriftstellern haftet. Als ich Leroy-Beaulieu's Brief an
die »Frankfurter Zeitung« erhielt (Oktober 1900), war ich
in Paris. Ich ging sofort zu dem betreffenden Herrn, der seit Jahren
ständiger Mitarbeiter der Revue
des Deux-Mondes und weit und breit
für sein phänomenales Gedächtnis bekannt ist. Ich
erzählte ihm die Anekdote und fragte ihn, ob er sie kenne.
»Ja gewiss«, antwortete er, »ich erinnere mich, sie
gelesen zu haben.« Und wo? fragte ich. »Bei uns, in der
Revue des Deux Mondes«, war die sofortige Antwort. Wissen Sie
noch, wer sie erzählt hat? fuhr ich fort. Nach einigem Besinnen
erwiderte er: »Leroy-Beaulieu«. Dass die Anekdote gedruckt
ist,
unterliegt also keinem Zweifel, und es muss irgend eine merkwürdig
zwingende Gedankenassociation auf Leroy-Beaulieu führen.
Vielleicht gelingt es, bis zur nächsten Auflage die wirkliche
Quelle aufzufinden.
Für die auf S. 498 erwähnte Thatsache ist
diese Angelegenheit
übrigens völlig belanglos. Denn ich habe seitdem erfahren,
dass die Gabe, den Rassenjuden sofort instinktiv zu erkennen, bei
kleinen Kindern sehr verbreitet ist, namentlich bei Mädchen.
Mündlich und schriftlich habe ich Zeugnisse dafür aus den
verschiedensten Teilen Deutschlands und Europas erhalten. Es handelt
sich also gar nicht um eine vereinzelte Thatsache, die erst belegt und
erwiesen werden müsste, sondern ein Jeder kann sich in seiner
Umgebung von ihr überzeugen. Interessant ist, dass es die
kleinsten Kinder sind, solche, denen der Begriff »Jude«
noch
völlig fremd ist, bei denen die Rassenantipathie sich am
sichersten und heftigsten kundthut; später stumpft sich der
Instinkt ab.
—————
34 Nachträge
Zu S. 518—519. — Immanuel Kant bewunderte die eiserne Konsequenz der
römischen Kirche und betrachtete das Verbot des Bibellesens als
»den Schlussstein der römischen Kirche« (Hasse: Letzte
Äusserungen Kant's, 1804, S. 29). Zugleich pflegte er sich
über die Protestanten lustig zu machen, »welche sagen:
forschet
in der Schrift selbst, aber ihr müsst nichts anderes darin finden,
als was wir darin finden« (Reicke: Lose Blätter aus Kant's
Nachlass II, 34). — Interessant in Bezug auf die
Verschärfung,
welche die neue Indexkonstitution eingeführt hat, ist die
Thatsache, dass hinfürder nicht bloss Bücher, welche
theologische Fragen berühren, bischöflich approbiert sein
müssen, sondern nach § 42 und 43 auch solche, welche von
Naturwissenschaft und Kunst handeln, von keinem gläubigen
Katholiken absque praevia
Ordinariorum venia veröffentlicht werden
dürfen.
—————
Zu S. 527. — Vielleicht hätte ich hier mit grösserem
Nachdruck darauf hinweisen sollen, dass von Beginn an die Wirksamkeit
der Jesuiten sich hauptsächlich als eine antireformatorische
bethätigt hat. So wussten z. B. zwei der unmittelbaren
Schüler und Genossen des Ignatius, Salmeron und Lainez, auf dem
Conzil von Trient die ausschlaggebenden Stellen zu erobern, der eine
als Eröffner jeder Debatte, der andere als der das Schlusswort
sprechende Redner. Kein Wunder, dass »die Freiheit eines
Christenmenschen«, über die Luther so herrliche Worte
geschrieben
hatte, auf diesem Conzil ein für alle Mal geknebelt wurde! Die
grosse katholische Kirche betrat schon die Bahn, die sie nach und nach
zu einer jesuitischen Sekte herabwürdigen sollte.
—————
Zu S. 599. — Unsere ganze Vorstellung der Hölle und der
Höllenqualen ist, wie man jetzt weiss, aus der altägyptischen
Religion übernommen. Dante's Inferno
ist auf uralten
ägyptischen Denkmälern genau abgebildet. Interessanter noch
ist die Thatsache, dass auch die Vorstellung der opera
supererogationis, des Gnadenschatzes, durch welchen Seelen aus
dem
Fegefeuer (auch ein ägyptisches Erbe!) erlöst werden
können, ebenfalls uraltes ägyptisches Gut ist. Die
Totenmessen und die Gebete für Verstorbene, die heute eine so
grosse Rolle in der römischen Kirche spielen, bestanden in
buchstäblich der selben Form etliche Jahrtausende vor Christus.
Auch auf den Grabsteinen las man wie heute: »O ihr Lebenden auf
Erden,
wenn ihr an diesem Grabe vorbeigeht, sprecht ein andächtiges Gebet
für die Seele des Ver-
35 Nachträge
storbenen
N. N.« (Vergl. Prof. Leo Reinisch: Ursprung und
Entwickelungsgeschichte des Ägyptischen Priestertums.)
—————
Zu S. 605—606. — Der bekannte Kirchenhistoriker Prof. Gustav
Krüger
hat in einer sympathischen Kritik der Grundlagen
mir einen Vorwurf
daraus gemacht, dass ich Nestorius »edel« genannt habe; es
sei ein haarsträubendes Beispiel meiner »nicht selten
positiv unrichtigen Urteile»; er schreibt das Wort
»edel«
zwischen Anführungsstrichen und setzt ein (!) dahinter. Der Laie
muss glauben, ich hätte einen ungeheuren »Patzer«
gemacht; ich selber war ganz erschrocken. Doch als ich in den
Geschichtswerken nachschlug, gewann ich, wie früher, den Eindruck,
dass dieser gewaltsame, undiplomatische Sanguiniker und Choleriker ein
wirklich edler Mann war, ein Mann, der für seine Überzeugung
alles opferte, und dessen Überzeugungen sehr gesunde waren. Und
als ich vor einigen Wochen anderer Dinge wegen in Harnack's
Dogmengeschichte im Abriss
blätterte, entdeckte ich, dass dieser
grosse Theologe — dessen Autorität Prof. Krüger nicht in
Frage stellen wird — ähnlich urteilt wie ich. Er spricht (§
41, S. 198) von Nestorius als von einem »eitlen, polternden, aber
nicht
unedlen Bischof«; das heisst also, er legt — wenn auch in
gemässigter negativer Form — Nachdruck auf den Adel seiner
Gesinnung, und das will zu jener Zeit und unter derartigen
Kirchenhirten etwas sagen. Sollte wirklich der Unterschied zwischen
»nicht unedel« und »edel« ein so gewaltiger
sein,
dass das eine Prädikat höchste Weisheit bedeutet,
während das andere geeignet ist, einen Verfasser lächerlich
zu machen?
Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine
allgemeine Bemerkung
anknüpfen.
Es ist natürlich nicht schwer nachzuweisen,
dass ein ungelehrter
Mann ungelehrt ist; gerade die Fachgelehrten haben mir aus meinem
Unwissen keinen Vorwurf gemacht. Doch haben mich einige — namentlich
Historiker, Theologen und Juristen — in Aufsätzen oder brieflichen
Zuschriften auf eine Reihe von »Irrtümern« aufmerksam
gemacht, und ich muss mich entschuldigen, dass es mir mit den meisten
dieser Berichtigungen so gegangen ist wie mit Prof. Krüger's
Nestorius; ich habe sie dankend ablehnen müssen. Meine Urteile
sowie meine ganze Auffassung können natürlich Schritt
für Schritt bestritten werden; doch könnte ich nachweisen,
dass ich keine thatsächliche Behauptung leichtfertig gewagt habe
und dass ich auch an allen jenen Stellen, wo ich — um mein Buch nicht
zu einem monströsen Anmerkungsarsenal
36 Nachträge
anzuschwellen
— keinen gelehrten Gewährsmann genannt habe, mich
doch an anerkannte wissenschaftliche Autoritäten anschliesse.
—————
Zu S. 629. — Dass die Päpste thatsächlich den römischen
Kaiserstuhl bestiegen und ihm ihre Machtansprüche verdanken,
bezeugt neuerdings ein römisch-katholischer Kirchenhistoriker.
Professor Franz Xaver Kraus schreibt in der Wissenschaftlichen Beilage
zur Münchener Allgemeinen Zeitung vom 1. Februar 1900, Nr.
26, S. 5: »Bald nachdem die Cäsaren aus den Palästen
des Palatin
gewichen, setzten sich die Päpste in demselben fest, um so in den
Augen des Volkes u n b e m e r k t a n d
i e S t e l l e d e r I m p e r a t
o r e n z u
r ü c k e n.«
—————
Zu S. 633. — Da die Behauptung, der Papst habe »in seinem
Syllabus der gesamten europäischen Kultur den Krieg
erklärt« auf Widerspruch gestossen ist, erinnere ich an den
Wortlaut des § 80 des genannten Dokumentes: Si quis dixit: Romanus
Pontifex potest ac debet cum progressu, cum liberalismo et cum recenti
civilitate sese
reconciliare et componere; anathemo sit. Was übersetzt
werden
kann: »Die Versöhnung des Papstes mit der Kultur unserer
Tage ist weder
möglich noch wünschenswert« (Döllinger).
—————
Zu S. 647. — Wer den Versuch einer grundsätzlichen Widerlegung
meiner in diesem Kapitel und an anderen Orten des Buches
geäusserten Ansichten über Wesen und Geschichte der
römischen Kirche kennen lernen will, dem empfehle ich Professor
Dr. Albert Ehrhard's »Kritische Würdigung« dieser
Grundlagen, ursprünglich
in der Zeitschrift Kultur
erschienen, und
jetzt als Heft 14 der von der Leo-Gesellschaft herausgegebenen
Vorträge und Abhandlungen
(1901, bei Mayer & Co., Wien) im
Buchhandel zu haben.
—————
Zu S. 742. — M. von Brandt, ein zuverlässiger Kenner, schreibt in
seinen Zeitfragen, 1900, S.
163—164: Die angeblichen Erfindungen der
Chinesen aus grauer Vorzeit — Porzellan, Schiesspulver, Kompass —
»sind erst spät vom Ausland nach China gebracht
worden«.
Übrigens wird es aus den Arbeiten Ujfalvi's
immer klarer, dass
Rassen, die wir (mit den Anthropologen) als »arische«
bezeichnen
müssen, früher durch ganz Asien sich erstreckten und bis tief
hinein ins chinesische Reich ihre Sitze hatten. Die Saken (ein
ursprünglich arischer Stamm) sind erst anderthalb Jahrhunderte vor
Christus aus
37 Nachträge
China
vertrieben worden. (Man vergleiche Mémoire
sur les Huns
blancs von Ujfalvi in der Zeitschrift L'Anthropologie, Jahrgang 1898,
S. 2S9 ff. und 384 ff., sowie einen Aufsatz von Alfred C. Haddon im
Nature vom 24. Januar 1901 und
den daran sich schliessenden Aufsatz des
Sinologen Thomas W. Kingsmill über Gothic vestiges in Central-Asia
in derselben Zeitschrift vom 25. April 1901.)
—————
Zu S. 771. — In den Jahresberichten
der Geschichtswissenschaft (XXII, 97) bemerkt Helmolt als
Ergänzung zu der Anmerkung auf
dieser Seite der Grundlagen:
»Seit 638 erlaubte ein kaiserlich
chinesisches Gesetz den Nestorianern, Mission zu treiben; eine
Inschrift vom Jahre 781 erwähnt den nestorianischen Patriachen
Chanan-Ischu und berichtet, dass seit dem Beginne christlicher Predigt
in China 70 Missionare dorthin gezogen seien; südlich vom
Balkaschsee sind mehr als 3000 Grabsteine nestorianischer Christen
gefunden worden.«
—————
Zu S. 807. — Bezüglich der immer weiter gähnenden Kluft,
welche das Lebende vom Unbelebten scheidet, verweise ich auf den
Nachtrag zu S. 78. Diese Einsicht bricht sich unter Männern der
Wissenschaft immer mehr Bahn. Hans Driesch, der bekannte erfolgreiche
zoologische Experimentator, weist in seiner Schrift Die Biologie als
selbständige Grundwissenschaft die Absurdität nach
»jener Ansicht, welche im L e b e n ein
Problem sieht, welches nicht
nur mechanistisch, sondern sogar physikalisch-chemisch, d. h. in unsere
Physik-Chemie prinzipiell auflösbar sei.« Und er fügt
hinzu: »Phrasen sind immer eine bequemere Handhabe als
Denken.« Diese Meinung wird heute gewiss von der Mehrzahl der
philosophisch gebildeten, selbständig denkenden Naturforscher
geteilt; Belege liessen sich in beliebiger Menge beibringen.
—————
Zu S. 847. — Über Luther's befreiende That, welche der ganzen
Welt, auch den stockkatholischen Staaten zugute gekommen ist, sagt
Treitschke (Politik I, 333):
»Seit Martin Luther's grosser
befreienden That ist mit der alten Lehre (der Überlegenheit der
Kirche über den Staat) ganz und für immer nicht bloss in den
evangelischen Ländern gebrochen worden. Man wird es einem Spanier
allerdings nicht begreiflich machen, dass Spanien Martin Luther die
Selbständigkeit seiner Krone verdankt. Luther sprach den grossen
Gedanken aus, dass der Staat an sich eine sittliche Ordnung sei, ohne
dass er der Kirche
38 Nachträge
seinen
schützenden Arm zu leihen brauche; hiebei liegt sein
grösstes politisches Verdienst.«
—————
Zu S. 879. — Goethe's Abscheu vor den Vorstellungen der Hölle und
des Teufels ist bekannt. Besonders schönen und gemessenen Ausdruck
findet er in den Bekenntnissen einer
schönen Seele. »Nicht
einen Augenblick ist mir eine Furcht vor der Hölle angekommen, ja
die Idee eines bösen Geistes und eines Straf- und Quälortes
nach dem Tode konnte keineswegs in dem Kreise meiner Ideen Platz finden
u. s. w.«
Dieses Zeugnis ist von hohem Werte.
—————
Zu S. 924. — Was eine historische S c h ö p f u n g
anbetrifft, so hat
Kant seine Meinung mit aller wünschenswerten Deutlichkeit
ausgesprochen. »Eine Schöpfung kann als B e g e
b e n h e i t unter
den Erscheinungen nicht zugelassen werden, indem ihre Möglichkeit
allein schon die Einheit der Erfahrung aufheben würde«
(Kritik der reinen Vernunft,
zweite Analogie der Erfahrung).
—————
Zu S. 938. — Die Anmerkung 3 auf dieser Seite, welche Ratschläge
über Kant-Litteratur giebt, ist, wie ich erfahre, vielfach
beachtet worden, und meine eigene Erfahrung ist durch die Erfahrungen
Anderer jetzt reicher. Die Briefe Reinhold's finden die meisten
heutigen Leser allzutrocken und grossväterlich; die Preisschrift
des Professor Lasswitz hat den einen Nachteil, von einem Mathematiker
geschrieben zu sein, was manchen abschreckt. Das Richtige ist wohl
doch, erst den Menschen kennen und lieben zu lernen, was durch die
Schilderungen seiner Zeitgenossen Wasiansky (Immanuel Kant in seinen
letzten Lebensjahren, Königsberg 1804), Jachmann (Immanuel Kant, geschildert in Briefen an einen
Freund, Königsberg 1804) und
Borowski (Darstellung des Lebens und
Charakters Immanuel Kant's, Königsberg 1804) am sichersten
und schnellsten gelingt.
Wasiansky's kleines Buch ist tief ergreifend; Borowski's ist namentlich
deswegen interessant, weil seine biographische Skizze Kant vorgelegen
hat und von ihm durchgesehen und annotiert worden ist. Jachmann hat
neun Jahre lang Kant's Vorträge gehört. Mir ist kein neueres
Buch bekannt, das für die lebendige Kenntnis des Mannes auch nur
entfernt Ähnliches leistet wie diese alten; sie sind unersetzlich
und sollten neu gedruckt werden. — Um sich hineinzuleben in Kant's
Gedanken-
39 Nachträge
welt,
und zwar auf Grundlage eines umfassenden geschichtlichen
Überblicks, ist vielleicht kein Buch geeigneter als das (S. 860
genannte) geistvolle Werk Friedrich Albert Lange's: Geschichte des
Materialismus. Viel empfohlen wird Friedrich Paulsen's Immanuel Kant,
sein Leben und seine Lehre, das im Jahre 1899 in 3. Auflage
erschien.
Es gehört dieses Buch zu Frommann's »Klassikern der
Philosophie« und erstrebt also eine edle Popularität; der
Name des Verfassers genügt als Bürgschaft für eine
gründliche und bemerkenswerte Leistung; doch ist Paulsen's
Darstellung von Kant's Philosophie (namentlich seiner Kritik) nur mit
sehr vielen »Salzkörnchen« zu geniessen, nicht allein
wegen ihres polemischen Charakters, sondern namentlich weil sie eine
bestimmte Tendenz verfolgt, die über Kant hinaus weisen will. Ich
glaube, der Anfänger wird die Darstellung in Windelband's
Geschichte der neueren Philosophie,
2. Aufl. 1899, zweiter Band, S. 1—I73, ansprechender finden und daraus
mehr positiven Gewinn
davontragen. Für solche, die Kant's Denken ernstlicher
ergründen wollen und sich nicht fähig fühlen, es ohne
führende Hand zu thun, möchte ich namentlich die Schriften
des Professor August Stadler empfehlen: als Begleitschrift zu den
Prolegomena und der Kritik der reinen Vernunft sein
Buch Die Grundsätze der reinen
Erkenntnistheorie in der Kantischen Philosophie, 1876; bei dem Studium
der Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft sein
Buch
Kant's Theorie der Materie,
1883; und als Auslegung der Kritik
der
Urteilskraft sein Buch Kant's
Teleologie und ihre erkenntnistheoretische
Bedeutung, 1874 (letzteres noch etwas unreif). — Für
Naturforscher
und alle solche, die gern von der Naturwissenschaft aus an
philosophische Probleme herantreten, weil sie hier festen Boden unter
den Füssen fühlen, hat des Ophthalmologen August Classen's
Buch Über den Einfluss Kant's
auf die Theorie der
Sinneswahrnehmung und die Sicherheit ihrer Ergebnisse, 1886,
dauernden
Wert. — Schliesslich will ich bemerken, dass eine vortreffliche,
handliche, billige und mit Register versehene Ausgabe der Kritik der
reinen Vernunft, von Karl Vorländer besorgt, kürzlich
bei
Otto Hendel erschienen ist, welche neben der grösseren und in
Bezug auf diplomatische Genauigkeit einzig massgebenden von Benno
Erdmann (5. Auflage 1900) warm zu empfehlen ist. Sonst kann einzig noch
die Ausgabe von Kehrbach in Reclam's Universalbibliothek empfohlen
werden.
—————
Zu S. 987. — Über Goethe's häufig noch verkanntes
Verhältnis
40 Nachträge
zur
Musik wäre noch viel hinzuzufügen. Namentlich müsste
man auf viele Gedichte hinweisen, wie auf das an Marie Szymanowska, wo
er so herrliche Worte für »den Götterwert der
Töne« gefunden hat. An seinen Freund Zelter schreibt er (24.
August 1823) über »die ungeheure Gewalt«, welche Musik
auf ihn ausübe, und sagt, »sie falte ihn auseinander, wie
man eine geballte Faust freundlich flach lässt«. Dass Goethe
sich auch eingehend und erfolgreich mit der Theorie der Tonkunst abgab,
ist uns aus seinen Tagebüchern bekannt, sowie aus den
interessanten Tabellen zur Tonlehre,
die zuerst in dem Briefwechsel mit
Zelter IV, 221 ff., jetzt in der Weimarer Ausgabe, 2. Abteilung, Buch
11, S. 285 ff. veröffentlicht wurden.