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DILETTANTISMUS — RASSE
MONOTHEISMUS — ROM

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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
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DILETTANTISMUS
RASSE
MONOTHEISMUS
ROM |
VORWORT ZUR 4. AUFLAGE DER GRUNDLAGEN DES XIX.
JAHRHUNDERTS
MÜNCHEN
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
1903
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DRUCK VON ALPHONS BRUCKMANN,
MÜNCHEN
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In der jetzigen Zeit soll Niemand
schweigen oder nachgeben.
GOETHE
Ein freundlicher Kritiker meinte neulich, es sei
heute schwer, meine Grundlagen
rein auf sich wirken zu lassen, um dann in ruhiger Objektivität
darüber zu sprechen; denn das Buch sei schon eine Beute der
Parteien und Leidenschaften geworden, von denen es hin und hergezerrt
und dadurch gänzlich verunstaltet werde, so dass schliesslich der
wirkliche Verfasser, wie er leibt und lebt, und sein wirkliches Werk,
wie es rein und wahr dessen Anschauungen wiederspiegelt, den Augen
entschwinde. Nebst vielem Unbewusstsein wirkt hierbei auch manche
Absichtlichkeit mit; denn Verwirrung zu schaffen und jeden ruhigen
Genuss sowie jede besonnene Erwägung durch boshaftes Aufhetzen von
vorn herein zu zerstören, gehört zu den beliebtesten
Kampfmitteln einer gewissen Publizistik. Und ein Verfasser ist um so
schlimmer daran, wenn er, wie ich — durch Schicksal und Geschmack —
ausserhalb aller nationalen, kirchlichen und wissenschaftlichen
Parteien steht, denn da fällt es leicht, ihn bei allen
anzuschwärzen. Trotzdem hat sich das Buch in den verschiedensten
Lagern viele gute Freunde erworben. Es giebt doch noch kultivierte
Menschen unter uns, die ein Buch zunächst und zuvörderst als
ein litterarisches und künstlerisches Erzeugnis beurteilen und ihm
Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn sie mit keiner einzigen
Meinung einverstanden wären; ausserdem aber hat das
Bedürfnis, welches mich dazu trieb (siehe S. X.) gerade
diese G r u n d l a g e n unseres heutigen
Kulturlebens zu studieren, bei vielen Tausenden das Echo eines bisher
vielleicht halbunbewussten ähnlichen Bedürfnisses geweckt.
Diese Leser beurteilen die verschiedenen Thesen meines Buches sehr
verschieden; was der Eine begeistert lobt, verwirft der Andere, und um-
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Dilettant und Gelehrter
gekehrt;
doch Alle bekennen, mir Anregung zu verdanken, — und anzuregen,
aufzurütteln, zu beleben war mein Hauptzweck. Meinen
Überzeugungen habe ich rückhaltlos Ausdruck verliehen, und
ich werde jederzeit auf jedem Gebiete für ihren Sieg kämpfen;
doch das Recht-haben-wollen ist eine Krankheit, an der ich nicht leide.
Ein Autor muss den Mut haben, sich zu irren; er darf sich nicht hinter
Reservationen und Verklausulierungen feige verschanzen. Mögen
Andere für die Zukunft ihres litterarischen Rufes ängstlich
sorgen; ich meinesteils bescheide mich gern mit einer lebendigen
Wirkung auf die Gegenwart, und will lieber Geschlechter erziehen
helfen, die meinen Namen mit Fug und Recht, besseren zu Ehren,
vergessen sollen, als in unanfechtbarer Klassicität die
Anerkennung künftiger Bibliothekspedanten geniessen.
Diesen wahren Freunden meines Buches glaube ich nun
eine kurze Erläuterung gewisser Thesen zu schulden, bei welchen —
wie ich aus Kritiken und Briefen ersehe — einige Verwirrung in Bezug
auf meine Ansichten herrscht, teils gewiss von mir selber verschuldet,
teils vielleicht durch jene anfangs genannte Parteileidenschaftlichkeit
und durch die absichtlichen Entstellungen der Konfusionserreger
verursacht. Nicht zur Widerlegung der Gegner, sondern zur
Aufklärung der Freunde sollen die folgenden Ausführungen
über den Dilettantismus, über die Rassenfrage, über das
Semitische in unseren religiösen Vorstellungen und über die
Berechtigung einer Unterscheidung zwischen »römisch«
und »katholisch« dienen.
Zur Verhütung von Missverständnissen
bemerke ich noch, dass ich die masslosen Schmäher meines Buches
und meiner Person, die — freilich sehr vereinzelt — aus den
ultraprotestantischen und ultrajüdischen Lagern aufgetreten sind,
bei den folgenden Bemerkungen nicht im Sinne habe. Derartigem
»kritischen Raubgetier«, wie sie Goethe nennt, kann man nur
guten Appetit wünschen und ihnen höchstens noch die
sprichwörtliche Mahnung zurufen: »Meditantur
sua stercora scarabaei!«
—————
Trotz Goethe und Schopenhauer schmeckt der
Ausdruck »D i l e t t a n t« noch immer
mehr nach einem Schimpfwort als nach einem Ehrennamen. Nur in Dingen
der Kunst erkennt die öffentliche Meinung dem Dilettantismus
Berechtigung zu und zieht ihn gross, — gerade dort also, wo der
Altmeister von Weimar ihn mit Recht schonungs-
7
Dilettant und Gelehrter
los
bekämpfte, denn alle Kunst ist zugleich eine Technik, und
über Technik kann nur der Techniker urteilen, und alle grosse
Kunst ist Kunst des Genies, und Werke des Genies kann man annehmen oder
ablehnen, nicht aber abschätzen. Dagegen stehen die Wissenschaften
einem Jeden offen; die grössten Gelehrten sind häufig sehr
mittelmässige Köpfe; von Zoologie, von Philologie, von
Theologie kann Jeder Kenntnis nehmen, den es gelüstet. »Die
Erfahrung giebt«, schreibt Goethe, »dass Dilettanten zum
Vorteil der Wissenschaft vieles beitragen«; selten gelingt es
dem Fachmann, wie es dem Liebhaber gelingt, »einen Hochpunkt zu
erreichen, von woher ihm eine Übersicht, wo nicht des Ganzen, doch
des Meisten gelingen könnte.« ¹) Und Schopenhauer — der
wie wenige Menschen fast das gesamte Gebiet menschlicher Leistungen
überblickte — spricht die Überzeugung aus, dass von
Dilettanten und nicht von angestellten Fachleuten »stets das
Grösste ausgegangen ist«. ²)
Diese Urteile erwähne ich jedoch nur nebenbei,
und es genügt mir, wenn sie die Berechtigung des ernsten
Dilettanten, neben dem Manne von Fach mit Ehren genannt zu werden,
einstweilen bezeugen. Ich selber ziele tiefer. Auf eine Konkurrenz
zwischen Fachmann und Dilettant kommt es mir nicht an; ich bezweifle
auch, ob es hinfürder möglich sein wird, auf irgend einem
Gebiete ohne Fachkenntnisse wissenschaftlich Bedeutendes zu leisten;
der Laie, dem es gelingt, ist einfach ein Gelehrter ohne
öffentliches Amt. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Musste
schon vor hundert Jahren der Fachgelehrte sich beschränken, jetzt
muss er es noch viel, viel mehr. Wer nicht selber Fachstudien betrieben
hat, wird sich kaum vorstellen können, wie eng und eisern der
Umfassungswall ist, der sich um das Gebiet eines wissenschaftlichen
Forschers zieht. Das kann nicht anders sein; doch es giebt noch einen
anderen Weg, den uns Goethe durch sein bekanntes, tiefsinniges Wort
weist: »das Unzulängliche ist produktiv«; ein Wort,
das seinen ganzen Sinn enthüllt, wenn man es ergänzt:
»Zu viel Wissen erzeugt Unfruchtbarkeit.« ³) Ich
glaube, der echte Dilettant ist heute ein Kulturbedürfnis. Sowohl
der Gelehrte — zur Belebung seiner Wissenschaft — wie auch der Laie —
zur Befruchtung seines Lebens
—————
¹) Botanische Studien,
Weimarer Ausgabe, Abt. 2., Band 6, S. 114.
²) Parerga
und Paralipomena II, § 255. Man vergl. auch S. 760 der
Grundlagen.
³) Hierher gehört auch Kant's Behauptung,
dass bei
genügend grosser Begabung »die Unerfahrenheit desto
vorurteilsfreier und darum desto
geschickter mache« (Brief an Bernoulli vom 16/11. 1781).
8
Dilettant und Gelehrter
durch
lebendig gestaltetes Wissen —, beide können heute des
Dilettanten nicht entraten, des Mannes, der mitten inne zwischen Leben
und Wissenschaft steht. Wir brauchen Männer, die befähigt und
gewillt sind, gleichsam als »geschulte Nicht-Fachgelehrte«
zu wirken, sonst fällt die Gesamtheit unseres Wissens immer mehr
auseinander und bildet im besten Fall ein Mosaikbild, nicht einen
lebendigen und als lebend empfundenen und verwerteten Organismus. Das
Zusammenfassen und das Beleben ist das Werk, das heute dem Dilettanten,
wie ich ihn verstehe, obliegt. Wirkliches Leben entsteht immer nur
dort, wo verschieden Geartetes zusammentrifft — also ausserhalb der
Schranken der Fachwissenschaft. Dass dieser Dilettant kein Stümper
sein darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so thäte er
besser umzusatteln und sich Fachstudien zu widmen, denn in den
Wissenschaften kann jede noch so geringe Begabung Verwendung finden, im
Dilettantismus nicht. Und noch eins: Dilettant ist, wer aus Liebe und
Leidenschaft, ohne jede Eigensucht, eine Sache betreibt; echter
Dilettant aber nur, wer sich selber im Zaume hält und wessen
Vernunft seiner Leidenschaft gebietet; der Gelehrte darf Steckenpferde
reiten, denn es kann vorkommen, dass er hierdurch Wissenschaft
fördert, der Dilettant darf es nicht, denn er stiftet damit nur
Verwirrung. An den echten Dilettanten werden hohe Ansprüche
gestellt: wir fordern von ihm eine vorzügliche Urteilskraft, das
Auge eines Feldherrn — zugleich scharf und viel umfassend, innere
Freiheit, unermüdlichen Fleiss und volle Hingebung. Gewiss
unterliegen solche Männer besonderen Beschränkungen, doch ich
meine, sie verdienen es, eine geachtete Stellung neben Fachgelehrten,
Künstlern und Männern des praktischen Lebens einzunehmen, und
es ist vollendet lächerlich, wenn schaale Zeitungsfeuilletonisten
und beschränkte Dutzendprofessoren mit Achselzucken von
»blossen Dilettanten« sprechen.
Hier muss aber auf noch eine Sache aufmerksam
gemacht werden. Jeder
Beruf, indem er bestimmte Fähigkeiten unausgesetzt übt und
dadurch kräftigt, lähmt andere; das Naturgesetz des
organischen Gleichgewichts bringt das mit sich; jeder Beruf birgt also
besondere Gefahren. Wer Augen hat zum Sehen, beobachtet dies
täglich beim Offiziersstand, beim Kaufmannsstand, beim Juristen,
beim Geistlichen, beim Arzt, beim Künstler...... Die
Erkrankung, die dem Fachgelehrten droht, ist nun eine besonders
gefährliche; Immanuel Kant, der sein Leben lang an der Quelle sass
und also aus täglicher Erfahrung schöpft, hat die Redlichkeit
gehabt, es offen auszusprechen:
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Dilettant und Gelehrter
grosse
Gelehrsamkeit schwächt leicht die Urteilskraft. Teils kommt
das von der Überanstrengung des Gedächtnisses her, teils von
der engen Beschränkung der Interessensphäre, teils von der —
für Durchschnittsköpfe — demoralisierenden Wirkung des
widerspruchslosen Docierendürfens. Daher Kant's merkwürdig
schroffe Behauptung: »Die Akademien schicken mehr abgeschmackte
Köpfe in die Welt, als irgend ein anderer Stand des gemeinen
Wesens.« Und mit Staunen bemerkt der weise und stille
Menschenbeobachter, was er »das Vorurteil des Unwissenden
für die Gelehrsamkeit« ¹) nennt. Eine solche Sprache im
Munde
eines Fachgelehrten und eines Mannes, der besonders vorsichtig und mild
zu urteilen pflegt, sollte uns wohl zu denken geben. Und in der That,
das Fachgelehrtenwesen, dessen unschätzbare Verdienste einem jeden
bekannt sind, birgt grosse Gefahren, auf die es Zeit wäre,
aufmerksam zu werden. Wie die übrigen Einrichtungen der
menschlichen Gesellschaft, erfordert auch das Gelehrtentum ein
Korrektiv, ein Gegengewicht. Schon im Interesse der Wissenschaft
wäre ein solches nötig. Der Gelehrte wird leicht zugleich eng
und autoritär; weil er in e i n e r Sache
Bescheid weiss, glaubt er
sich manchmal allwissend und wird unduldsam wie nur irgend ein
zelotischer Pfaffe. Daher mag es wohl kommen, dass nirgends das
Autoritätenunwesen, ja der Terrorismus üppiger blüht als
in der Gelehrtenrepublik; ein einziger »berühmter« und
vielleicht wirklich hochverdienter Name genügt manchmal, um
dreissig Jahre lang alle originellen Köpfe, alle neuen,
fruchtreichen Gedanken in der betreffenden Wissenschaft brachzulegen
und eine Generation heuchlerischer Nachbeter und hochmütiger
Mittelmässigkeiten heranzuziehen. In ähnlicher Weise herrscht
in der Wissenschaft das Dogma; wer z. B. heute nicht ohne weiteres
anzunehmen bereit ist, sämtliche lebende Wesen hätten sich
aus einer einzigen Urzelle »entwickelt«, wird auf
Naturforscherversammlungen einfach nicht zum Worte zugelassen. Man ist
erstaunt, wenn man erfährt, wie viele der bedeutendsten deutschen
Universitätsprofessoren von der Regierung ohne Mitwirkung und
sogar gegen den Willen der Fakultäten ernannt wurden — ich brauche
nur Johannes Müller, Leopold von Ranke, Helmholtz,
Gräfe zu
nennen. Da sieht man echten Dilettantismus am Werke, zum
—————
¹) Vergl.
Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl., S. 174, Nachricht von
der Einrichtung der Vorlesungen u. s. w., Versuch den Begriff der
negativen Grössen u. s. w. III, 4, Logik, IX und zahlreiche andere
Stellen.
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Die Rassenfrage
Heile
der Wissenschaft und der Kultur! Und dieser Dilettantismus ist
es, der jetzt seine Einflussphäre noch weiter ausdehnen muss, —
der Dilettantismus, der zwischen Gelehrten und Gelehrten zu
unterscheiden weiss, der die urteilsmächtigen und die
»abgeschmackten« nicht in einen Topf wirft und der auch
beim wirklich grossen Gelehrten zwischen dessen Gelehrsamkeit und
dessen unbewusstem Dilettantismus, zwischen dessen glänzenden
Gedanken und dessen beschränkten Vorurteilen eine Grenzlinie
zieht. Ein Gegner der Fachgelehrten soll der Dilettant beileibe nicht
sein, vielmehr ist er ihr Diener; ohne sie wäre er selber nichts;
er ist aber ein völlig unabhängiger Diener, der zur
Erledigung seiner besonderen Aufgaben auch seine besonderen Wege gehen
muss. Und empfängt er sein Thatsachenmaterial zum grossen Teile
vom Gelehrten, so kann auch er durch neue Anregungen diesen sich
vielfach verpflichten.
Zwischen dem Wissen und dem Leben zu vermitteln, ist
ein schönes,
aber schwieriges Amt; keiner sollte sich daran wagen ohne ein tiefes
Bewusstsein der übernommenen Verantwortlichkeit.
—————
Gleich die R a s s e n f r a g e,
die heute so leidenschaftlich
erörtert wird, kann uns beweisen, dass der Dilettantismus zu etwas
nütz ist und dass die Fachgelehrsamkeit nicht selten dort versagt,
wo das Leben Ansprüche auf ihre Hilfe erhebt. Denn es ist nicht
die Agitation einzelner Schwärmer, welche die Rassenfrage brennend
gemacht hat, sondern es sind die thatsächlichen Vorgänge der
letzten hundert Jahre: einerseits die nahe Berührung, in die wir
Europäer und Europäersprösslinge jetzt mit fast allen
Menschen der Welt — welchen Schlages sie auch seien — geraten sind, und
welche schon jetzt — so z. B. in den Vereinigten Staaten von
Nordamerika — zu den schwierigsten und bedrohlichsten Problemen
geführt hat und allerorten zu ähnlichen führen wird;
andrerseits der enorme Einfluss, den in kurzer Zeit das kleine
internationale Volk der Juden auf unsere europäische Kultur
gewonnen hat, ein Volk, dessen Religion auf den einen Satz
zurückgeführt werden kann: Reinheit der Rasse,
Solidarität des Blutes, Isolierung, und das dank diesem Gesetze
seit 2500 Jahren allen Schicksalsstürmen trotzt. Auch hier, und
mehr noch als bei der Wissenschaft, müssen wir einsehen: die Zeit
ist nicht still gestanden. Gewaltige Ereignisse haben das Antlitz der
Erde in politischer Hinsicht völlig umgewandelt; folgenschwere
stehen bevor; denn dass ein neuer
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Die Rassenfrage
dauernder
Zustand schon geschaffen sei, glaubt kein denkender Mensch;
das Jahrhundert, in das wir jetzt eintreten, bedeutet einen
geschichtlichen Wendepunkt, das fühlt jeder: es entscheidet
über das Schicksal des Menschengeschlechts auf weite Zeiten
hinaus, denn es giebt die Richtung an; und was auf dem Spiele steht,
ist nichts weniger als die Existenz und die fernere Entwickelung
unserer nordeuropäischen Kultur, in allem, was sie Grosses, Gutes,
Schönes und Heiliges hervorgebracht hat. Unter diesen
Umständen m u s s t e sich die Rassenfrage
aufdrängen, denn
sie ist eine der Lebensfragen in dem bedrohlichen neuen Kampf ums
Dasein, in den wir jetzt eintreten.
Dass die Rassenfrage eine neue gewesen sei, kann man
allerdings nicht
behaupten. Von jeher müssen unbefangene Beobachter den Unterschied
zwischen Mensch und Mensch bemerkt haben, und das Verbot der
Vermischung — also die Heiligung des Blutes im engeren Sinne und mit
Ausschluss selbst der physisch Ähnlichen — finden wir bei vielen
primitiven Völkern (vergl. z. B. S. 134), sowie bei
hochkultivierten, wie den Indoariern. Der Instinkt der Unterscheidung
ist eigentlich das Ursprüngliche, das Nichtunterscheidenwollen ist
ein Ergebnis angeblicher Bildung. Der Hellene sah eine Kluft
gähnen zwischen sich und dem »Barbaren«; und dieser
natürliche Instinkt besteht noch jetzt selbst in Europa hier und
da und bethätigt sich als aufgezwungene Sitte, bei Strafe der
Ausstossung nicht ausserhalb des Gaues zu freien, so z. B. in den
Hochthälern Tirol's. ¹) Bei den Denkern und Naturbeobachtern
Indiens, Persiens und Griechenlands ward diese instinktive
Unterscheidung vertieft und präcisiert; und kommen wir zu unserer
modernen Zeitepoche, so ist es interessant zu sehen, dass Voltaire, der
lynxäugige, die Verschiedenheit der Menschenrassen stark
hervorhebt und dass er die Meinung ausspricht, die verschiedenen
Menschen seien ebensowenig von einem einzigen Menschenpaar abgestammt,
»wie Birnbäume, Tannen, Eichen und Aprikosen von einem und
dem selben Baume«. ²) Für Voltaire giebt es also, wie
man sieht,
von Hause aus verschiedene A r t e n von Menschen.
Kant dagegen, den
das selbe Problem öfters beschäftigt hat, sieht sich aus
theoretischen Gründen zu der Annahme gedrängt, die Menschheit
bilde eine einzige Art; doch sei diese Art
—————
¹) Siehe Schurtz: Altersklassen und Männerbünde,
1902.
²) Traité
de Métaphysique ch. 1; vergl. auch den
Abschnitt Des différentes
races d'hommes in der Einleitung zum
Essai sur les Moeurs, den
Artikel Homme im Dictionnaire philosophique
u. s. w.
12
Die Rassenfrage
sehr
frühzeitig in verschiedene Varietäten oder
»Rassen« auseinandergegangen, die sich derartig
differenziert
hätten, dass aus der Kreuzung jetzt nur minderwertige
»Bastarde« hervorgingen. Dieser Weise ist wohl der erste,
der das grosse Gesetz ausspricht: »So viel ist wohl mit
Wahrscheinlichkeit zu urteilen: dass die Vermischung der Stämme,
welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem
Menschengeschlecht, alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet,
nicht zuträglich sei.« ¹) Goethe wiederum, der treue
Beobachter
der Natur, der selber von sich meldet, er sei »fleissig und
aufmerksam gewesen in Vergleichung der Menschenrassen
untereinander«, war geneigt, mit Voltaire die Abstammung von
verschiedenen »Urvätern« anzunehmen (siehe S. 329),
und er betont Eckermann gegenüber: der Einfluss der Umgebung sei
nur ein Sekundäres neben »dem Angeborenen der
Rasse«. ²) Doch jene Zeit war weder den natürlichen
Instinkten noch dem unbefangenen Studium der Natur günstig; die
Epoche der Revolution, der Phrasen, der Schwärmerei, der
hochherzigen Träume war angebrochen. Rousseau schreibt Buch
über Buch über die Menschheit, ohne ein einziges Mal mit
einem einzigen Wort jene Ungleichheit zu berühren, die durch die
Thatsache der verschieden gearteten physischen Gestaltung gegeben ist;
»dans l'état de nature
il y a une égalité de
fait réelle et indestructible«, so lautet jetzt das
Dogma
(Emile IV); und Herder meint,
es sei »nicht erlaubt, das unedle
Wort Menschenrassen auszusprechen«. ³)
Unter dem Einfluss dieser künstlichen, aus den
Tiefen des
Bewusstseins a priori ausgeklügelten Doktrinen und unter dem
Einfluss rein politischer Schlagworte, hat nun unsere Naturforschung
fast bis zum heutigen Tage wie betäubt und gelähmt gelegen.
Zwar hatte die Anthropologie und Ethnographie seit Voltaire und Kant
ein enormes Material zusammengetragen und die Beweise der sichtbaren,
physischen Unterschiede und ihrer Vererbung auf die Nachkommen
täglich vermehrt; doch jede Anwendung auf das Leben war bei
Ostracismus verboten; die Wissenschaft war bloss für die
Wissenschaftler da, ein ewiges Längs- und Quermessen und ein
ewiges Hin- und Herspielen mit Hypothesen und Systemen und Nomenklaturen
—————
¹) Siehe Anthropologie,
Teil 2, C, am Schluss und vergl. Von
den
verschiedenen Rassen der Menschen und Bestimmung des Begriffs einer
Menschenrasse.
²) Siehe Entwurf
einer vergleichenden Anatomie II und Biedermann VI,
339 und VII, 42; u. s. w.
³) Ideen
IV, 5.
13
Die Rassenfrage
in majorem professorum gloriam; dem
Laien gegenüber durfte als
Ergebnis dieser gelehrten Bemühungen nur das Eine immer wieder
gepredigt werden: die Bestätigung des internationalen
demokratischen Grundsatzes der absoluten intellektuellen und
moralischen Gleichheit aller Menschen auf Erden. Man kennt Virchow's
Stellung in diesen Fragen: sie war für alle Anthropologen
Deutschlands vorbildlich und sozusagen obligatorisch; wer nicht
»die Verschmelzung aller Menschen in eine Einheit als Ziel,
Aufgabe, Hoffnung und Wunsch« predigte (S. 263), dessen
Hochschullaufbahn war gebrochen. So spielte die Politik — und zwar die
schlechteste Bierbankpolitik — in die Wissenschaft hinein, lähmte
und vergiftete sie durch und durch, und machte sie, statt zu einem
zuverlässigen Leiter der bedürftigen Menschheit, zu einem
verhängnisvollen Irreführer. Inzwischen hatte sich aber zum
Glück ein anderer Zweig der Wissenschaft unter günstigeren,
freieren Auspicien entwickelt: dass die Rassenfrage trotz der Herren
Anthropologen nach und nach gesichtet und die Hauptelemente des
Problems wenigstens bis zur klaren Fragestellung durchgearbeitet
wurden, verdanken wir der vergleichenden Philologie des vergangenen
Jahrhunderts. Alle die Hauptbegriffe, die heute Gemeingut sind und die
selbst die anatomische Anthropologie nicht entbehren kann, wie Arier,
Indoeuropäer, Semit, Hamit, Turanier u, s. w., auch die
Vorstellung der Wanderungen, die Kenntnisse der Kulturzustände u.
s. w., verdanken wir in erster Reihe der Philologie. Diese untersuchte
nicht Knochen, sondern im Gegenteil das Allerinnerste, gleichsam die
unsichtbare Seele dessen, was dem Auge als Körper entgegentritt:
die Sprache. Und indem sie zwischen fernabliegenden und häufig auf
den ersten Blick physisch unähnlichen Völkern das Band der
unzweifelhaften prähistorischen Gemeinsamkeit nachwies, richtete
sie zugleich zwischen Mensch und Mensch Mauern auf, die keine Sophismen
und Phrasen hinfürder herunterreissen können. So darf es — um
nur ein Beispiel, aber ein wichtiges, anzuführen — als
endgültig entschieden betrachtet werden, dass die früher ohne
weiteres vorausgesetzte und fast bis heute aus Gründen der
Religion und des philosemitischen Vorurteils festgehaltene Vorstellung
einer Verwandtschaft zwischen den indoeuropäischen und den
semitischen Sprachen nicht zu Recht besteht; womit auch die luftige
Vorstellung eines den Semiten und den Arier brüderlich
vereinigenden Urvaters, des sogenannten »kaukasischen
Menschen« definitiv zerstört ist. Professor O. Schrader, ein
Fachmann von allseitig anerkannter Zuverlässigkeit, weist dies
nach in
14
Die Rassenfrage
seinem
Reallexikon der indogermanischen
Altertumskunde, 1901, S. 891 ff.
Gewiss hat auch die philologische Rassenkunde manche Irrfahrt
angetreten, doch es geschah aus wissenschaftlicher, nicht aus
politischer Voreingenommenheit oder Verblendung, und unter solchen
Bedingungen wirkt der Irrtum anregend, nicht wie in dem früher
genannten Fall verstockend.
So lagen die Dinge, als vor etwa zwanzig Jahren jene
zwingende Lage,
die ich oben erwähnte — die gelbe Gefahr, die schwarze Gefahr, die
jüdische Gefahr, die ultramontane (oder völkerchaotische)
Gefahr — die Rassenfrage aus einer akademischen zu einer Lebensfrage
umschuf. Doch wenn auch die wissenschaftliche Philologie klar
umschriebene Begriffe gab, sie konnte keine anatomischen Antworten und
keine physiologischen Ratschläge erteilen; die somatische
Anthropologie aber war ein solches Chaos, dass, wer keinen Blick
hineingeworfen hat, sich schwer eine Vorstellung davon machen kann. Und
so entstand denn eine ganze, neue Litteratur — von Gymnasialprofessor
K. Penka's epochemachenden Origines
ariacae, 1883, an bis, sagen wir,
zu Ammon, Reibmayr und Lapouge, deren Hauptschriften vor kurzem
erschienen — eine Litteratur, welche von jenem frischen Geist getragen
ist, der jedem Unternehmen eignet, sobald es aus einem lebendigen
Bedürfnis hervorgeht — welcher aber doch ein gewisses Etwas
anhaftet, was man wohl als Dilettantismus bezeichnen muss. Nicht allein
waren manche der erfolgreichsten unter den Bearbeitern des
brachliegenden Feldes nicht Gelehrte von Fach, sondern die
Problemstellung selbst war es, die die Beantwortung durch einen
Specialisten nicht zuliess. Zwar überwog bald — und
glücklicherweise — die anatomische, und das heisst die
naturwissenschaftliche Richtung; doch ohne Philologie und
Prähistorie und Geschichte lässt sich nichts Sicheres
über die menschliche Rassenfrage ausmachen. Jeder Bearbeiter war
also mindestens teilweise Dilettant; er war es entweder auf dem einen
Feld, oder auf dem anderen; und wir dürfen behaupten, dass bei der
heutigen Specialisierung des Detailwissens kein Mensch im Stande ist,
eine streng wissenschaftliche Darlegung der gesamten Rassenfrage zu
liefern. Inzwischen haben die genannten Arbeiten den Vorzug gehabt,
erstens, die Fachwissenschaften zu bedeutenden Fortschritten
anzueifern, zweitens, das Publikum trotz alles Widerspruchsvollen
zwischen den verschiedenen Auffassungen doch aufzuklären.
Diese ganze Litteratur krankt aber, nach meiner
Überzeugung,
15
Die Rassenfrage
an
dem grossen Übel unserer Zeit, an dem historischen Wahn, der,
nebenbei gesagt, für Geschichte blind macht. Man glaubt
überall auf »Anfänge« zurückgehen zu
müssen; das hat Herder's Evolutionismus und sein Kind, der
Darwinismus, uns angethan und uns dadurch zu mosaischer Naivetät
zurückgeführt. Beim »Urarier« und
»Protarier« sind wir schon angelangt, der auf dem
untergegangenen
Erdteil Arktogäa sein Urwesen trieb; warum aber nicht auf den
protarischen Affen zurückgehen? und von diesem auf den
urprotarischen Fisch, aus dem dieser hervorgegangen war? Die Sehnsucht
nach Ursprüngen ist verhängnisvoll; philosophisch ist der
Gedanke eines Anfangs unhaltbar, und für die Welt der Praxis geht
bei diesem ewigen Hader über Hirngespinste das Einzige, was not
thut — das Aufhellen des Heute und des Morgen, damit wir wissen, wie
wir handeln sollen — verloren. Darum habe ich mich in diesem Buche auf
den Standpunkt des schlichten Mannes der Praxis gestellt, der der
Wissenschaft nicht ins Handwerk pfuscht, noch auch sich von ihr den Weg
aufzwingen lässt, den er gehen will, des Mannes, der die
Wissenschaft verehrt und benützt, doch sich bewusst bleibt, dass
es folgenschwerere Dinge giebt, als akademische Turniere. Die Frage
nach Ursprüngen habe ich ein für allemal von mir gewiesen;
ich habe ausdrücklich erklärt, ich wisse nicht, ob die Worte
Arier und Semit überhaupt konkreten Abstammungsthatsachen
entsprechen oder bequeme künstliche Begriffe für nur dem
Wesen nach verwandte Menschen sind (S. 343); ich habe mich weder mit
Voltaire, Goethe und Lapouge für die Annahme entschieden, die
Menschheit stamme von mehreren, völlig verschiedenen, gar nicht
blutsverwandten Arten, im Sinne der wissenschaftlichen Species ab, noch
mit Kant, Quatrefages, Virchow für die Überzeugung, es habe
nur Varietätenbildung innerhalb eines einzigen Stammes
stattgefunden. Wie soll ich das alles wissen? Worüber die
Fachmänner sich in den Haaren liegen, darüber soll ich
apodiktische Urteile abgeben? Das wäre Dilettantismus im
schlechten Sinne des Wortes. Desswegen habe ich das Wort R
a s s e,
welches von der einen Hälfte der Anthropologen im Sinne Voltaire's
als Bezeichnung für eine unterschiedene Art, von der anderen
Hälfte im Sinne Kant's als Bezeichnung für eine Varietät
gebraucht wird, — woraus, nebenbei gesagt, schon die erste heillose
Konfusion entsteht — weder in dem einen noch in dem anderen Sinne
genommen. Sondern ich habe alle diese strittigen Fragen, wie es sich
für mich und mein Buch schickte, den Fachgelehrten zur
Entscheidung überlassen und habe mich, wie an
16
Die Rassenfrage
Ort
und Stelle deutlich genug zu lesen ist, im Anschluss an Darwin zu den
Männern der Praxis geschlagen, zu den Tier- und
Pflanzenzüchtern, und habe unter »Rasse« jene
Steigerung
bestimmter, wesentlicher Charaktere und der allgemeinen
Leistungsfähigkeit, jenes
Hinaufschrauben des ganzen Wesens verstanden, welches unter ganz
bestimmten Bedingungen der Auswahl, der Vermischung, der Inzucht — aber
nur unter diesen ganz bestimmten Bedingungen, dann aber ausnahmslos,
das heisst also mit der Sicherheit eines Naturgesetzes — erzielt wird.
Ich fasse, wie man sieht, die Sache am entgegengesetzten Ende an, als
die Ursprungssucher; ich treibe mich nicht unter
Gräberfunden und paläolitischen Äxten und
Lautverschiebungen herum,
um dort einmal zu entdecken, ob etwas »Rasse« heissen kann,
und was, sondern ich folge dem grossen englischen Naturforscher in den
Pferdestall und auf den Hühnerhof und zum Kunstgärtner und
sage:
dass es hier etwas giebt, was dem Wort »Rasse« Inhalt
verleiht,
ist unstreitig und jedem Menschen offenbar. Sodann aber — von der
Wahrheit des grossen mittleren Gesetzes aller Erfahrung und aller
Wissenschaft durchdrungen, dass es nur eine einzige, überall
gleichwirkende Natur giebt — schaue ich mich unter den
gegenwärtigen Menschen um und befrage jene historische
Vergangenheit, über die wir sichere Kunde besitzen; und richtig!
genau dasselbe Phänomen gesteigerter Individualcharaktere und
grösserer Leistungsfähigkeit wie bei Tieren und Pflanzen
erblicke ich überall dort, wo ein Volk Ausserordentliches leistet;
und ebenfalls genau so wie dort, sehe ich, dass, wo die Bedingungen zur
Veredlung der betreffenden Menschenrasse in ihrer Wirksamkeit
geschwächt oder aufgehoben werden oder gar entgegengesetzte
Bedingungen eintreten, die Rasse (in diesem Sinne der Züchter)
einbüsst und nach und nach ganz verschwindet. Ausserdem beobachte
ich, dass es unter den Menschen, genau so wie unter den Tieren und
Pflanzen, verschiedenes Material giebt, das heisst, dass gewisse
Abarten sich von Haus aus zur Rassenbildung hervorragend eignen, andere
nicht. Ob aber solche in Bezug auf Plasticität bevorzugte
Stämme — wie z. B. in früheren Zeiten die Hellenen und heute
die Slavokeltogermanen — selber durch langanhaltende
Rassenzüchtung entstanden sind (was mir persönlich
wahrscheinlich scheint) oder aber, ob sie eine besondere, von jeher
unterschiedene Schöpfung höherer Gattung darstellen (wie das
Gobineau's Dogma will), darüber stelle ich keine Hypothese auf,
sondern es genügt mir, aus der thatsächlichen Beobachtung
diese beiden Begriffe
17
Die Rassenfrage
der
»Rasse« — einerseits als eines noch heute beweglichen
Züchtungsproduktes, andrerseits als eines mehr oder weniger
einheitlichen, zur Edelzüchtung besonders geeigneten
Menschenmaterials — klar zu fassen und von einander zu unterscheiden.
Hierbei lege ich natürlich auf die erste Bedeutung das
Hauptgewicht, weil sie auf täglicher, reicher, wissenschaftlich
gesicherter Beobachtung beruht, wogegen die zweite Bedeutung, trotzdem
sie sich nicht minder auf Beobachtung bezieht, jedoch in Bezug auf das
geschichtliche Werden nur durch Analogieschluss als »Rasse«
im Sinne eines Gezüchteten aufgefasst wird.
Ich dächte, das wäre doch deutlich genug,
und handgreiflich
empirisch und unwiderleglich. Ein jeder Mensch kann sich von dem
Sachverhalt durch Augenschein überzeugen; ein Jeder muss zugeben,
dass »Rasse« — was man auch sonst dem Worte für
Bedeutungen
beilegen mag — jedenfalls in d i e s e m Sinne
inhaltreich und von hohem
Werte für das Leben der Nationen ist. Die akademische Wissenschaft
kann der kühnsten Hypothesen nicht entbehren, diese sind ein
Werkzeug zur Erlangung neuer Erkenntnisse; dagegen braucht das
praktische Leben vor allem Thatsachen, sichere Thatsachen,
übersichtlich gegliederte Thatsachen, aus denen es bestimmte
Lehren und Direktiven entnehmen kann. Um überzeugend zu wirken,
muss man auch immer mit den nächstliegenden Thatsachen beginnen.
Der »Deutsche«, der »Engländer« sind aus
der
täglichen Erfahrung wohlbekannte Vorstellungen; der
»Germane« ist ein Begriff, dessen genauer Sinn nur aus
einer historischen Darstellung zu gewinnen ist; der
»Urgermane« und der »Arier« sind schon
hypothetische Gebilde. Ist es erst gelungen, dem Laien die Thatsache
der Rasse in ihrem näheren Bedeutungskreise zu zeigen, dann wird
von selbst das Interesse für die grösseren Zusammenhänge
erwachen. Hiermit will ich nun durchaus nicht zur Geringschätzung
der Prähistorie und der
theoretischen Anthropologie Anlass geben; ich selber widme diesen
Studien leidenschaftliches Interesse, und ich glaube, in diesem Buche
die grosse — durch Rassenzucht entstandene — Thatsache des Germanentums
ins gehörige Licht gestellt zu haben. Doch musste mein Blick mehr
auf Gegenwart und Zukunft als auf Vergangenheit geheftet bleiben. Wenn
man auch wirklich nach 200 Jahren herausbekommen sollte, wo und was und
wie die ältesten Arier waren, es wäre das für das
praktische Leben von geringer Bedeutung. Wir können doch nicht
wieder Urindogermanen werden, ebensowenig wie wir Indoarier oder Perser
oder Hellenen oder Römer werden
18
Die Rassenfrage
können
oder sollen. Wir sind heute Deutsche und Holländer und
Engländer und Skandinavier, und wir wollen uns selbst — unser
Werden und Sein und unsere uns anvertraute Zukunft — verstehen. Und
dazu brauchen wir eine konkrete Vorstellung von
»Rasse«: was ist sie? was bedeutet sie? steht sie
irgendwie in dem Machtbereich unseres menschlichen Willens?
Dass die Mehrzahl meiner unbefangenen Leser mich
verstanden hat und der
Anregung, die ich gab, gefolgt ist, dessen bin ich überzeugt; doch
ich geriet in ein Kreuzfeuer, und neben mancher Anerkennung, auch von
Seiten tüchtigster Fachleute, musste ich doch den Zorn sowohl der
Rassenschwärmer wie der Rassenschmäher erfahren. Das
wäre nun gleichgültig, wenn nicht in dieser von den Zeitungen
so leicht zu schürenden Verwirrung die Gefahr naheläge, dass
eine völlig falsche Auffassung des von mir vertretenen
Standpunktes im Publikum Fuss fasste, was wiederum der Sache selber
erheblich schaden könnte. Daher die Notwendigkeit der vorliegenden
Auseinandersetzung.
Zu den am häufigsten gegen mich gebrauchten
Waffen gehört die Identifizierung meiner Rassenauffassung mit der
Gobineau's und seiner Inégalité
des races humaines. Nun beachte man wohl
Folgendes. Hat Gobineau Recht, hat es unter den von Gott erschaffenen
ursprünglichen Rassen (in Wirklichkeit also, nach
wissenschaftlichem Sprachgebrauch, »Arten«) eine einzige
edle gegeben, die
allmählich durch Mischung mit den ursprünglich und unheilbar
unedlen einer immer grösseren Entartung verfallen ist, so dass
jetzt dem
Menschengeschlecht nur noch das unabwendbare, jämmerliche Ende
einer chaotischen
Auflösung aller Kultur und Civilisation übrig bleibt, dann
ist die einzige würdige Lösung, dass wir uns Alle sofort eine
Kugel durch den Kopf jagen; und da wir das nicht thun wollen, so kehren
wir einfach der ganzen Frage den Rücken und kümmern uns nicht
weiter darum. Gobineau's Lehre ist das Grab jeder praktischen Befassung
mit der Rassenfrage; nur darum wird sie heute auch von Denjenigen in
den Vordergrund geschoben, die die Rassenfrage nicht aufkommen lassen
wollen; nur darum werde ich als »Gobineaujünger«,
»Gobineauapostel«, oder von weniger freundlichen Kritikern
als »Gobineauabschreiber«,
»Gobineauausschlachter« etc. hingestellt. Zwar weiche ich
in fast jedem einzigen Grundsatz von Gobineau ab und habe mit ihm weder
Grundlagen noch Ziel gemeinsam, so dass selbst dort, wo wir
zusammentreffen, nämlich in der Wertschätzung der Germanen,
19
Die Rassenfrage
die
Übereinstimmung mehr scheinbar als wirklich ist, da er und ich
unter »Germane« nicht das selbe verstehen; jedoch das macht
nichts: mit dem genialen, aber hochphantastischen französischen
Grafen ist es leichter fertig zu werden als mit dem nüchternen
Empiriker, der nur Sachen vorbringt, deren Richtigkeit jeder Mensch
kontrollieren kann, und der die konkrete, unmittelbare Bedeutung von
»Rasse« nicht aus ekstatischen Intuitionen ableitet,
sondern sie (dank
Darwin) so handgreiflich hinstellt, dass kein Unbefangener je mehr
bezweifeln kann, in welchem Sinne und in welchem Masse der
scharfsinnige Jude Benjamin Disraeli Recht hat, wenn er sagt:
»Rasse ist
alles, und jede Rasse muss zu Grunde gehen, die ihr Blut sorglos
Vermischungen hingiebt« (siehe S. 274). Und darum, weil man mich
— der ich nichts erfinde und genialisch aufbaue, sondern einfach, wie
jeder Andere es könnte, auf die Natur hinweise — weil man mich,
oder vielmehr die Natur, nicht widerlegen kann, darum identifiziert man
mich mit Gobineau, damit man zugleich mit der sicherlich an Wahrheiten
und Ahnungen reichen, an gelehrtem Material unerschöpflichen, doch
offenbar in wesentlichen Punkten unhaltbaren Phantasterei, den
unbequemen »Dilettanten« los werde, der bei dem in Bezug
auf Thatsachen unanfechtbaren und unvergleichlichen Darwin in die
Schule geht, und eine so nahe, klare, sichere Vorstellung von
»Rasse« aufstellt, dass jeder Kuhhirt sie fassen kann.
¹)
Dieses Vorschieben Gobineau's ist eine auf die Menge
berechnete Taktik. Mancher Journalist, der meine Abhängigkeit von
Gobineau betont, kennt weder Gobineau noch mich. Von rein
wissenschaftlicher Seite dagegen werden mir hauptsächlich zwei
andere
Vorwürfe gemacht, Vorwürfe, die sich diametral widersprechen,
doch jeder
für sich genommen plausibel genug scheinen und manchen Laien gegen
meine Darlegung der Rassenfrage einnehmen mögen. Ich will als
Beispiel zwei Männer herausgreifen, gegen die ich mich jedenfalls
insofern im Vorteil befinde, als ich ihre Arbeiten besser zu
schätzen weiss als sie die meinen.
Der bekannte und verdiente Anthropolog Wilser wirft
mir vor, ich hätte keine Ahnung, was Rasse sei; meine Darstellung
sei aus »Redensarten« zusammengewoben, sie könne
»in
keiner Hinsicht die
aufgeworfenen Fragen beantworten«, u. s. w. ²) Wilser ist
eben ein
—————
¹) Zur Beurteilung Gobineau's vergleiche
auch Grundlagen S. 707,
708.
²) Siehe Politisch-Anthropologische
Revue, August 1902.
20
Die Rassenfrage
Rassendogmatiker.
Von der Entstehung der Wirbeltiere an bis zur Geburt des Menschen, und
von da an durch alle planetarischen Umwälzungen bis zur
glücklichen Ausbildung der arischen Rasse,
sodann die Reihe der Wanderungen dieser Rasse: er weiss alles im
Einzelnen zu erzählen, förmlich als wäre er dabei
gewesen und
weilte nur infolge einer glücklichen Metempsychose noch einmal
unter uns
Spätgeborenen. Da ist nun e r im Vorteil, denn
ich weiss von dem allen gar nichts und kann mir höchstens sehr
vorsichtige
Versuchshypothesen darüber bilden. Und was Wilser bei mir
vermisst, ist eben dieses
bestimmte Wissen über Dinge, von denen kein Mensch etwas wirklich
»weiss«, und ausserdem der Mangel an D e f i n
i t i o n e n. Das ist das rechte Steckenpferd der
Schulweisheit! Ich gebe nirgends eine scharfe Begriffsbestimmung,
sondern lasse den Leser aus den vorgeführten Thatsachen nach und
nach entnehmen, was Rasse sei; die Merkmale »verschwimmen vor
meinen Augen«; ja, ich gehe so weit,
jenes ganz unwissenschaftliche, ungelehrte Ding, »das eigene
Bewusstsein«, die ganz gemeine, tägliche Erfahrung des
Einzelnen in die Rassendarstellung hereinzuziehen — wo doch der rechte
Anthropolog erst bei ausgegrabenen Knochen zu denken anfangen darf. Die
Empörung des Gelehrten über ein so unerhörtes Vorgehen
verstehe ich
ganz gut. Und doch, hätten ihm seine Fachstudien ein wenig Musse
gelassen, sich in der Philosophie umzusehen — eine von vielen
Naturforschern verpönte, nichtsdestoweniger aber sehr
nützliche
Beschäftigung — so hätte er von Kant, ja schon von Descartes
erfahren, dass nur Gedankendinge, nicht wirkliche Dinge sich
überhaupt definieren lassen. Alle Weisen der Welt, führt
Descartes aus, können die Farbe »Weiss« nicht
definieren;
ich brauche aber nur die Augen aufzumachen, um sie zu sehen. Und so
geht es auch mit »Rasse«, sobald dieses Wort nicht ein
Gedankending bezeichnet, sondern ein von der Natur oder vom Menschen
unter bestimmten Bedingungen hervorgebrachtes wirkliches Gebilde. Rasse
— im Sinne der Züchter — ist ein Mehr oder ein Minder, ein
Verhältnisbegriff; es ist ein durchaus plastisches Wesen, das
unter günstigen Bedingungen sehr schnell entstehen und unter
ungünstigen noch schneller entschwinden kann. Ob ein Pferd
»Rasse« hat, sieht ihm ein Kenner gleich an, auch welchen
»Grad« von Rasse es besitzt, zeigt sich bald; doch
definieren lässt sich das nicht, auch nicht mit Zuhilfenahme der
Erfahrungen über Vermischung, Inzucht, Futter und Trainierung.
Einzig wichtig ist es darum, die T h a t s a c h e
zu kennen, die
Thatsache der Rasse, und ihren Ent-
21
Die Rassenfrage
stehungs-
und Existenzbedingungen so nahe wie möglich auf die Spur
zu kommen. Nur das habe ich versucht; für uns Ungelehrte und
für die Praxis des Lebens ist das wichtiger als alle Theorie. Und
wenn auch unbedingt zugegeben werden muss, dass die
Zurückverfolgung der einzelnen Menschenstämme so weit wie
möglich, die Entwirrung der von Hause aus
züchtungsfähigeren und der weniger edlen Elemente, u. s. w.,
alles wichtige und notwendige Untersuchungen sind, so kann doch die
Praxis nur das Nachweisbare und Unbestreitbare, nicht die Hypothesen
brauchen. Daher meine Zurückhaltung.
Nun kommt aber ein anderer Gelehrter, Steinmetz, und
nimmt mich ganz im
Gegenteil deswegen ins Gericht, weil ich zu viel und zu Genaues gesagt
habe, wo doch echte Wissenschaft die grösstmögliche
Zurückhaltung fordere und nur »durch die strengste
Handhabung der besterdachten Methoden in langsamer, treuer Arbeit
weiter komme.« ¹) Steinmetz — dessen ausführlichen
Aufsatz ich nur
bestens empfehlen kann — möchte am liebsten, dass von Rasse bei
den Menschen gar keine Rede mehr sei, bis man durch minutiöseste
Untersuchungen festgestellt habe: ob es überhaupt so etwas wie
erblichen Rassencharakter giebt; hierzu müsse man aber zuerst
»durch streng vergleichende Untersuchungen« alle anderen
Faktoren ausscheiden, wie da sind »Klima, Lage, Tradition,
Acculturation u.
s. w.«; ausserdem müsse die »differentielle
Psychologie« die
primären und sekundären Charakterzüge unterscheiden
lernen und so dazu
gelangen, die »elementaren Züge« blosszulegen; u, s.
w., u. s.
w. Das ist ja alles recht und gut, und es werden auf zwei
Jahrhunderte hinaus etliche Dutzend Professoren dafür bestallt
werden können; doch das
Leben selbst — das uns auf allen Seiten Rasse als eine wichtigste
Thatsache für sämtliche organische Wesen zeigt — das Leben
wartet
nicht, bis die Gelehrten mit ihrer differentiellen Psychologie zu Rande
gekommen sind. Und wir Lebenden, wir brauchen nicht zu warten. Als der
gelehrte Professor mein Buch las, hat er lange nicht scharf genug
zwischen Wissenschaft und Leben unterschieden. Darum hat er Vieles
gründlich missverstanden und auch missverständlich
dargestellt. So z. B., wo ich von Semiten spreche, bezieht er es ohne
weiteres auf die Juden, was ganz unzulässig ist, und er begleitet
die
Auszüge mit ironischen Bemerkungen, so dass Niemand, der mein Buch
nicht zur
—————
¹) Siehe Paul Barth's Vierteljahrsschrift für
wissenschaftliche
Philosophie und Soziologie, 1902, Heft 1.
22
Die Rassenfrage
Hand
hat, erraten wird, dass ich die Charakterisierung nicht aus dem kleinen
Finger ziehe, sondern aus ausführlich mitgeteilten Belegen der
erfahrensten Reisenden und der anerkannt ersten Orientalisten. Der
Haupttreffer seiner Kritik aber (S. 100), der auch am Schluss als
entscheidend wiederkehrt, ist, dass — angeblich — meine
Charakterisierung des indogermanischen Charakters und die des
berühmten
französischen Anthropologen, Professor Lapouge, (in seinem Buch L'Aryen, 1899) sich direkt
widersprechen sollen; daraus folgert der Gelehrte, dass hier nur
bodenloser Dilettantismus am Werke sei, »der schlimmste Feind
unserer jungen Wissenschaft«. Wenn aber Wissenschaft
aufhört, sobald zwei Menschen sich widersprechen, dann giebt's
wenig
oder gar keine Wissenschaft auf der Welt. In der Anthropologie
vernehmen wir fast nichts als sich heftig widersprechende
Fachmänner, und in allen anderen Wissenschaften ist das
Aneinanderprallen direkt entgegengesetzter Behauptungen ebenfalls stets
an der Tagesordnung. Um mir eine Meinung über die Zolltarifvorlage
zu bilden, las ich
neulich an einem Tage zwei Schriften, die eine von Lujo Brentano, die
andere von Adolf Wagner; nach der Lektüre der ersten Schrift war
ich ein begeisterter Freihändler, nach der der zweiten ein
verstockter Agrarier; die beiden Gelehrten hatten mir auf Grundlage des
selben, noch dazu ganz konkreten, ziffermässigen Materials, zwei
in jeder Einzelheit sich widersprechende Lehren vorgetragen. Und ist
etwa darum die Nationalökonomie keine Wissenschaft? und sind
Brentano und Wagner Dilettanten? Warum also sollten Lapouge und ich den
Charakter der Indogermanen nicht verschieden auffassen? Wer aber nicht
durch eine Brille hinsieht, wird gleich wahrnehmen, dass die Sache sich
überhaupt gar nicht so verhält, wie Steinmetz sie in seiner
Voreingenommenheit aufgefasst hat. Denn erstens handelt es sich bei
mir, dort, wo ich den vorwiegenden Willen als bezeichnend für den
Semiten und den vorwiegenden Intellekt als bezeichnend für den
Indoeuropäer hervorhebe, um einen V e r g l e i c h,
wogegen in Lapouge's
L'Aryen kein solcher Vergleich
vorkommt; es ist wichtig, das zu
bemerken. Sodann aber, wenn der Leser, der die betreffenden Stellen bei
mir kennt, die angegebene Ausführung bei Lapouge (S. 370 fg.) in
ihrem vollen Inhalt vergleicht, wird er erstaunt sein, zu sehen, dass
wir vollkommen übereinstimmen! Denn dass des Indoeuropäers
Willen enorm ist, dort, wo sein Verstand ihm den Weg gewiesen hat, habe
ich an mehreren Stellen hervorgehoben; es zu leugnen, konnte mir
ebensowenig in den Sinn kommen, wie etwa
23
Die Rassenfrage
die
äusserst scharfsinnige Intelligenz der Semiten und speziell
ihrer halbschlächtigen Kinder, der Juden, deswegen in Abrede zu
stellen, weil bei ihnen der Wille so überaus mächtig
entwickelt ist. Lapouge und ich vertreten hier nicht zwei Einsichten,
sondern eine und die selbe, und dazu gehörte kein besonderer
Scharfsinn, da in diesem Falle kein besonnener und unbefangener Mann
anders urteilen kann. Ich fürchte, man wird Steinmetz, trotz
seiner grossen Verdienste, in die Kommission für
»differentielle Völkerpsychologie« nicht wählen
dürfen!
Diese aus einer grossen Fülle hervorgeholten
Beispiele sollen den
Laien warnen, jenes »Vorurteil für Gelehrsamkeit«, von
dem Kant uns vorhin erzählte, so weit zu treiben, dass er mich
gleich verurteilt, weil ein »Gelehrter« es thut; vielmehr
soll er die Sache erst untersuchen, und wenn er dann findet, dass ich
es verdiene, mir vertrauen.
Es giebt noch eine Kategorie von Gegnern; sie ernst
zu nehmen, fällt aber schwer; ich meine gewisse jüdische
Gelehrte und
Journalisten, an deren bona fides
nicht zu zweifeln ist (mit den anderen befasse ich mich nicht). Wie
sollen wir es nun nehmen, wenn Männer, deren besondere und
gesonderte Existenz, deren ganzes moralisches und intellektuelles Wesen
ein Ergebnis strengster Rassenabsonderung ist, und die das Gesetz der
Rasse nicht nur als eigene Religion theoretisch bekennen, sondern in
einer alle Berge und Meere
überfliegenden, alle Verschiedenheiten der Sprachen und Sitten
überwindenden, bewundernswerten Solidarität täglich
bethätigen, — wie
sollen wir es nehmen, wenn gerade diese Männer uns geschichtlich
beweisen wollen, dass Rasse nichts zu bedeuten habe, wenn gerade diese
Männer in moralische Entrüstung geraten ob einer so
»gemeingefährlichen Lehre«? Ich glaube, man geht
schweigend zur Tagesordnung über.
Und noch ein letztes Bedenken darf nicht
unbeantwortet bleiben. Hier und dort hört man sagen: »dass
Rasse eine der grossen
Thatsachen der Natur ist, lässt sich allerdings nicht leugnen;
Naturwissenschaft und Geschichte lehren es; doch wozu soll die
Belehrung dienen?
hier kann nur Schicksal oder Gott helfen; die Gesellschaft ist
machtlos.« Eigentlich zielt ein derartiger Einwand über den
Rahmen dieses Buches hinaus; ich hatte die Grundlagen aufzudecken, auf
denen sich das Jahrhundert erhob, nicht aber die Nutzanwendung für
Gegenwart und Zukunft in Betracht zu ziehen. Doch glaube ich, dass eine
möglichst weit verbreitete Rassenkunde für die Erhaltung und
Ausbildung der vorwiegend germanischen Staaten von grosser Tragweite
werden
24
Die Rassenfrage
könnte.
Wohl haben gewisse Monomanen — so z. B. der geist- und
kenntnisreiche Lapouge — undurchführbare Vorschläge gemacht,
und dadurch wird gegen die beste Sache das Odium der
Lächerlichkeit erregt; doch ein so nüchtern präziser
Naturforscher wie Francis Galton, der Schwager Darwin's, hat am 29.
Oktober 1901 in einer Versammlung durchaus nüchterner und
praktischer Männer, nämlich in dem anthropologischen Institut
in London, einen Vortrag »Über die Möglichkeit, die
menschliche Rasse zu verbessern« gehalten, in welchem er die
gesetzliche Förderung der Rasseninteressen vorschlug und als
Beispiele praktischer Rassenzüchtung auf die Indoarier und die
Juden hinwies. In den Vereinigten Staaten sind schon längst
derartige Bestrebungen am Werke. Was nun hier als Ausfluss der
niedrigsten, unhistorischen Empirie durchdringt, warum sollten wir es
nicht von einem höheren Standpunkt anfassen und nicht bloss
zwischen physisch »Besseren« und physisch
»Schlechteren« unterscheiden, wie dies Galton thut, sondern
zwischen Denjenigen, die physisch und moralisch Germanen sind, und
solchen, die es nicht sind? Warum sollten wir nicht — ehe es auf immer
zu spät ist — für die Erhaltung alles dessen wirken, was uns
das Teuerste und Heiligste ist, durch die Erhaltung der physischen
Grundlagen, auf denen es erwuchs und ohne die es nicht bestehen kann?
Hier könnte das Gesetz Grosses wirken; doch weit mächtiger
als dieses — dem Gesetz selbst das Gesetz gebend — wäre das
lebendige, öffentliche Bewusstsein von der Bedeutung von Rasse
für die Geschichte der Nationen und von der Bedeutung des
Germanentums für die Geschichte der heutigen Kultur.
—————
Wie Rasse bis in die innerste Seele — vielmehr,
gerade in der innersten
Seele — gestaltend wirkt, ersieht man aus der Auffassung von Religion
bei verschiedenen Völkern. Mein Buch handelt vielfach von dem
Einfluss des Judentums und — durch dessen Vermittlung — auch des
Semitentums im weiteren Sinne des Wortes auf die uns Slavokeltogermanen
angeborenen religiösen Instinkte; hier habe ich nicht bloss
in e i n
Wespennest, sondern in viele hineingegriffen; denn meine
Ausführungen mussten bei katholischen, protestantischen,
jüdischen und antireligiösen Vorurteilen gleichmässig
Anstoss erregen, und um so schlimmer war es, wenn z. B. der Protestant
zugleich ein Jude oder der Jude ein Religionsfeind war. Hier alle
Missverständnisse in den an den Grundlagen
geübten Kritiken
aufklären zu wollen, wäre
25
Babel und Bibel
umsonst;
zum grossen Teile heben sich die Vorwürfe gegenseitig
auf. Auf die Sache selbst dagegen möchte ich gleich hier im
Vorwort die Aufmerksamkeit des Lesers in eindringlichster Weise
richten; denn hier halten wir den Kern der so oft genannten und so
selten verstandenen »Judenfrage« (vgl. S. 935 Anm.). Das
Folgende ist also als Ergänzung zu den in diesem Buche an vielen
Orten zerstreuten Bemerkungen über das Verhältnis — und den
Widerstreit — zwischen indogermanischer und semitischer
Religionsauffassung zu betrachten.
Im Jahre 1847 verlangte Fürst Bismarck im
preussischen Landtage
»die Emanzipierung der Christen von den Juden«; einzig die
religiöse Emanzipierung wäre die endgültige. Mag der
Jude nur auf allen Gebieten mit uns wetteifern; wer will, wer kann es
ihm wehren? In uns selber muss die Umkehr stattfinden. Dort ist es, in
der innersten Seele, wo wir das Joch tragen, und es lastet auf unserem
ganzen Leben, weil es ein Fremdes ist, etwas, was wir uns nie wirklich
aneignen können, mögen wir auch noch so inbrünstig das
Haupt davor zur Erde beugen und den Leib kasteien und das Herz
quälen, denn es widerspricht dem »Genie« aller
Völker aus der indogermanischen Gemeinschaft und bringt
fortwährend unsere Religion mit unserer Weltanschauung in
unlösbare Konflikte. Gelänge es, aus unserem religiösen
Leben den semitischen Einschlag zu entfernen, wir
wären Neugeborene, und im selben Augenblick würde der Jude
für unser Auge in die richtige perspektivische Entfernung
wegrücken, wo es uns leicht werden würde, ihn zugleich
gerecht und mild zu
beurteilen. Das ist die These, die ich in diesem Buche verfechte.
¹)
Während wir Germanen nun — wie gewöhnlich
— den Wert neuer Erkenntnisse nur langsam fassen, haben bereits etliche
unter unseren Gegnern recht gut begriffen, welche gewaltige Wirkung mit
der Zeit davon ausgehen könnte, wenn an Stelle einer öden
Judenhetze dieser rein innerliche Vorgang einer Ausscheidung alles
Semitischen aus unserer eigenen Seele stattfände; ihre Gegenminen
legen sie schon an. Es sind bei Leibe nicht bloss Juden, die diesen
Feldzug führen — wenngleich unter unseren protestantischen und
katholischen Theologen und Orientalisten weit mehr Juden und
Judenstämmlinge
—————
¹) Ich bin inzwischen auf einen
unerwarteten Bundesgenossen gestossen;
denn Moses Mendelssohn (wenn ihn Kant richtig auslegt) hat gelehrt:
»Christen, schafft ihr erst das Judentum aus e u r e
m eigenen Glauben weg,
so werden wir auch das unsrige verlassen« (Streit der
Fakultäten, allgemeine Anmerkung »Von
Religionssekten«; ed. Hartenstein 1868, VII, 370).
26
Babel und Bibel
sich
befinden, als ein naives Publikum sich vorstellt, wodurch freilich
der Gründlichkeit und Redlichkeit der Arbeit nicht der geringste
Abbruch geschieht, wohl aber ihrer Freiheit und ihrer Bedeutung
für indogermanisches Seelenleben — sondern die besten
Bundesgenossen findet die semitische Geistesrichtung an manchen echt
germanischen Orthodoxen, die Gott nie gefälliger zu sein glauben,
als wenn sie in die semitische Posaune stossen, — ein Wahngedanke, der
aus anerzogenen Vorurteilen hervorgeht und manchmal auch durch
kirchliche Rücksichten genährt wird. Der neueste Schachzug
ist nun dieser: die Fortschrittlicheren und Scharfsinnigeren wissen,
dass das jüdische religiöse Ansehen nicht ungeschmälert
weiter bestehen kann; es ist unmöglich; wir wissen jetzt zu viel
über die Geschichte der Entstehung des Judentums und der
alttestamentlichen Bücher; und so sorgen sie schon im voraus
dafür, dass der Glorienschein religiöser Pfadfinder und
Gesetzgeber für die ganze Menschheit, wenn er dem kleinen
syro-semitischen Volk der Juden verloren geht, dann den Semiten im
umfassenderen Rassensinne dieses Wortes bewahrt bleibe. Hierzu wird
Geschichte gewaltsam gemodelt; ja, den Juden wird sogar das genommen,
was ihrs ist und ihre Eigenartigkeit und ihren Ruhm ausmacht. Umsomehr
sind wir berechtigt, bei Zeiten und energisch Einspruch zu erheben. Des
Judenhasses, der mir von Manchem angedichtet wird, bedarf es nicht; die
berechtigte Liebe zur Eigenart genügt; diese macht auch gegen
andere »Arten« gerecht. Darum ist es nötig, den
indogermanischen Standpunkt stark und — wo es sein muss —
rücksichtslos zu betonen; sähe es klarer in unseren eigenen
Köpfen aus, die verwickelte und bedrohliche
»Judenfrage« wäre eo
ipso gelöst; so aber gleicht
unsere Seele einem Schiff ohne Kompass; unser Judenschutz und unsere
Judenabwehr, beide sind halbe Massregeln, undeutlich gedacht, unfrei
durchgeführt. Unter solchen Bedingungen m u s s die
semitische
Geistesrichtung Sieger bleiben, es ist nicht anders möglich; nicht
der Jude wird assimiliert, sondern wir werden endgültig
semitisiert. »O du armer Christe, wie schlimm wird dir es
ergehen, wenn er (der Jude) deine schnurrenden Flüglein nach und
nach umsponnen haben wird!« — so schreibt Goethe an Jacobi und
warnt ihn vor den »jüdischen Pfiffen« Moses
Mendelssohn's. ¹) Und doch war Mendelssohn ein Mann ohne Falsch
und Arg.
Hier liegt nicht Betrug vor, sondern notwendige Wirkung von Rasse auf
Rasse. Wir Alle sind
—————
¹) Goethe's
Briefe, Weimarer Ausgabe, VII, 131.
27
Babel und Bibel
»arme
Christen«, und haben wir das uns verstrickende Netz
an einer Stelle durchrissen, gleich wird es neu gesponnen.
Ein einziges Beispiel aus allerletzter Zeit soll uns
veranschaulichen,
wie dieses »Umspinnen der Flüglein« noch unter uns
vorgeht, wie jede Sophistik und jede Gewaltsamkeit von den achtbarsten
Männern für erlaubt erachtet wird, sobald sie der
Zwingherrschaft semitischer Ideale unter uns dienen. Nach verschiedenen
Richtungen hin wird für die Leser meines Buches viel aus diesem
Beispiel zu lernen sein; selbst vor einiger Ausführlichkeit
dürfen wir darum nicht zurückschrecken.
Die Rede, die Friedrich Delitzsch am 13. Januar 1902
in Berlin hielt
und später, unter dem Titel Babel
und Bibel, vortrefflich
illustriert, als Flugschrift herausgab, hat sowohl durch das Fesselnde
des Gegenstandes, wie auch durch die wirklich glänzende
Darstellung in allen gebildeten Kreisen Aufsehen erregt. Zwar wurden
die deutschen Ausgrabungen in Babylon nur wenig berührt, was
Manchem unter uns leid gethan hat, doch war die Zusammenfassung der
Hauptergebnisse einer halbhundertjährigen Forschungsarbeit
verschiedener Nationen noch eher geeignet, Eindruck zu machen und durch
die Gewinnung neuer Mitglieder die junge deutsche Orient-Gesellschaft
zu stärken. Inhalt und Zweck der Rede sind hierdurch
gekennzeichnet; alles so unverfänglich, wie nur denkbar. Und wurde
auch ein bischen »ketzerisch« mit der Bibel verfahren, das
konnte den Reiz nur erhöhen, namentlich da das am Schlusse
hinausgeschmetterte Wort Goethe's: »auch wir bekennen uns zu dem
Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt«, den Irrglauben
wettmachte durch echteste germanische Zuversichtlichkeit.
Nichtsdestoweniger wird in dieser Rede von einem Ende zum anderen
fleissig »gesponnen«; der wahre, höhere — wenn auch
dem Verfasser selbst gewiss unbewusste, blind und unweigerlich ihm
aufgedrungene — Zweck der Rede ist die Lahmlegung der sich zu
rühren beginnenden
»Flüglein«; und zwar wird — damit das Netz, das uns
über den Kopf geworfen werden soll, recht dicht und
undurchdringlich sei — zu solchen bedenklichen Mitteln gegriffen, dass
Goethe, der bei dem redlichen Mendelssohn von »Pfiffen«
sprach, hier einen stärkeren Ausdruck
hätte wählen müssen. Gerade aber die Thatsache, dass bei
Delitzsch jede antiliberale Absicht völlig ausgeschlossen ist, im
Bunde mit der
zweiten Thatsache, dass hier ein Fachgelehrter ersten Ranges spricht,
so dass Unwissenheit keine Schuld an der Sache hat, macht den Fall um so
28
Babel und Bibel
interessanter,
denn wir sehen, dass das Urteil eines Gelehrten von dem mirage sémitique geradeso
genasführt werden kann, wie das
Auge in den Wüsten Arabiens von der fata morgana, so dass es Dinge
erblickt, die doch weiter nichts als luftige Phantome sind. Über
den wissenschaftlichen Wert des Vortrags ist unter den Fachmännern
aller Richtungen nur eine Stimme gewesen; mehrere vortreffliche
Gelehrte haben denn auch die öffentliche Zurückweisung der
kühnsten Behauptungen des Assyriologen unternommen; leider
verfügte keiner von ihnen über eine so gefällige
Darstellungsgabe wie
Delitzsch, und
keiner hat das ins Auge gefasst, was uns hier besonders interessieren
muss, vielmehr beschränkten sich diese Kritiker auf technische
Fragen; darum unternehme ich es, in aller Kürze das Nötige
zur
weiteren Aufklärung beizutragen, indem ich für manches
Technische auf jene Schriften verweise. ¹) Zum Glück haben
mir meine Grundlagen nebst
einzelnen erbitterten Feindschaften viele warme
Freundschaftsverhältnisse gerade unter den Fachgelehrten aller
Fakultäten erworben,
und ich war in der Lage, mich von hervorragenden Semitisten und
Assyriologen eingehend über jene Specialfragen belehren zu lassen,
die
ausserhalb meiner Kompetenzsphäre liegen; auch andere Philologen
und
Historiker — deren Ansicht als die völlig Unbeteiligter grossen
Wert hat — konnte ich befragen. In den folgenden Ausführungen muss
natürlich manche gelehrte Frage berührt werden, doch redet
hier ein Laie für Laien, und das Ziel der Ausführungen ist
nicht die Entscheidung über gelehrte Detailfragen, noch weniger
die Vertretung von Ansichten, die nur aus zweiter Hand fliessen;
vielmehr liegt der wahre Zweck weit darüber hinaus, dort
nämlich, wo für uns Alle — als Menschen kurzweg — die
Interessen gemeinsam werden und der Unterschied zwischen
»Gelehrtem« und »Laien« seine Bedeutung
verliert.
Wer die ersten Seiten von Babel und Bibel nicht
überschlägt,
muss gleich bemerken, was für ein Geist hier Geschichte zu
gestalten unternimmt. Denn die allererste Behauptung des Verfassers
lautet, alle Ausgrabungen in dem Euphratgebiet geschähen fast
lediglich der Bibel wegen; eine Behauptung, die irreführen muss,
da es der erste Grundsatz aller echten Forschung ist, dass Wissenschaft
um ihrer selbst
—————
¹) Zu empfehlen ist für eine
allgemeine Beurteilung namentlich
Professor Eduard König's Bibel
und Babel (Berlin, bei Warneck),
für die speziell assyriologischen Fragen der Aufsatz von Professor
Jensen in der Christlichen Welt,
1902, Nr. 21, in welchem einer der
kompetentesten lebenden Fachmänner die »schlecht
begründeten und unmöglichen Hypothesen« Delitzsch's
gehörig, wenn auch leider gar zu kurz beleuchtet.
29
Babel und Bibel
willen
und nur um ihrer selbst willen getrieben werden muss — sonst ist sie
von vornherein gefälscht. Wohl mag das Interesse für
die Aufklärung blosser biblischer Einzelheiten bei einem bigotten
Teil
des englischen und amerikanischen geldspendenden Publikums vorwiegen —
erst
kürzlich sah ich den Brief eines bedeutendsten englischen
Arabisten, der sich bitter über des Vorwalten spezifisch
jüdischer und spezifisch protestantisch-biblischer Interessen bei
manchen dieser Unternehmungen beklagt, wodurch der echten Wissenschaft
nur Abbruch geschähe — doch bei den deutschen und
französischen Forschungen ist sicherlich das rein
wissenschaftliche Interesse vorwaltend. Neun Zehntel der Mitglieder der
deutschen Orientgesellschaft sind gewiss gebildet und freisinnig genug,
um die Aufdeckung der Geschichte und Civilisation dieser gewaltigen
Reiche für wichtiger zu erachten als die Kommentare, die daraus
für obskure Thorastellen abfallen. Gar Manchem wird schon als Ziel
und Hoffnung vorschweben, dass wir einmal bis auf den Grund kommen, das
heisst eine genauere Kenntnis jener Menschenrasse gewinnen, welche die
ganze sogenannte »babylonisch-assyrische« Kultur
geschaffen hat. Denn dass diese bis vor wenigen Jahren, ja heute noch
meistens s e m i t i s c h genannte Kultur keine
semitische, sondern im
Gegenteil eine Beute der Semiten war, ist heute mit absoluter
Sicherheit festgestellt und wird von Delitzsch selber auf S. 22 seiner
Schrift ausdrücklich zugegeben. ¹) Jene grossen grundlegenden
Leistungen in der mythischen Deutung der Natur, in der Astronomie, der
Zahlenlehre, den Einteilungen des Jahres, der Monde, der Tage, der
Stunden, in der Aufstellung rechtlicher Grundbegriffe u. s. w. —
Leistungen, die noch heute einen Bestandteil unseres täglichen
Lebens bilden — sind das Werk eines Volkes, welches von den aus Arabien
ununterbrochen hinaufströmenden semitischen Wellen, später
aber ausserdem von Westen her, von jenem wiederum ganz anderen
Menschenstamm der Syrier (vergl. Grundlagen
S. 297 ff., S. 357 ff und
—————
¹) Für Näheres vergl. namentlich Hommel: Geschichte
Babyloniens und Assyriens, 1885, und als neueste Zusammenfassung
über diese »Schöpfer der babylonischen Kultur«
die
ungemein präcise Auseinandersetzung auf den S. 6—8 von Hugo
Winckler's meisterhafter Skizze Die
Völker Vorderasiens, 1899. Einen
verzweifelten Versuch, die Theorie Halévy's
von dem rein
semitischen Ursprung der babylonischen Kultur als möglich
erscheinen zu lassen, findet man in des Amerikaners Morris Jastrow's Die Religion Babyloniens und Assyriens,
1902, S. 18 ff. u. 29 ff.; doch
wird eine derartige Kasuistik, die sämtliche Thatsachen der
Philologie und Geschichte auf den Kopf stellt, schwerlich von deutschen
Gelehrten ernst genommen werden. Ich erwähne sie nur, damit der
Leser im Stande sei, sein eigenes Urteil aus den Quellen zu
schöpfen.
30
Babel und Bibel
Winckler
a. a. O., S. 18 ff.) überschwemmt wurde, so dass es
völlig verschwand, lautlos, ausgelöscht, ausgewischt, als
wäre es
nie gewesen. Von einem Kampfe erfährt man — wenigstens bisher —
nichts; sondern diese Sumerer scheinen aus der Weltgeschichte in
ähnlicher Weise entschwunden zu sein, wie das Volk der Römer
spurlos verschwand, als es seine Thore den selben oder ähnlichen
syrosemitischen Elementen geöffnet hatte, und wie wir Germanen
schon halb verschwunden sind und morgen ganz verschwinden werden, wenn
wir nicht endlich die Bedeutung der Rasse für unsere Kultur
erkennen. Bei allem also, was wir durch die bisherigen Ausgrabungen
über diese sogenannte »babylonisch-assyrische« oder
»semitische« Kultur erfahren, namentlich auch über
ihre Kunst, ihre Mythen, ihre
religiösen Anschauungen, dürfen wir nie einen Augenblick
vergessen, dass das nur die Widerspiegelung einer inzwischen
untergegangenen Welt ist, wie sie semitische und syrische Hirne
aufzufassen fähig waren. Wer das fünfte Kapitel meiner Grundlagen liest und die
übereinstimmenden Aussprüche unserer bedeutendsten Forscher
und Reisenden — von Renan und Burckhardt bis Wellhausen und Burton —
kennt, wird
nicht zweifeln, dass hierbei eine starke Verzerrung aller
metaphysischen und idealen Elemente stattgefunden haben muss.
»Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes
schnürt das menschliche
Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung,
vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen
Fragestellung«, schreibt Renan; und an anderer Stelle sagt er:
»die
religiösen Bedürfnisse der Semiten sind sehr gering.«
¹) Die hochinteressanten Dinge, die uns Prof. Delitzsch über
babylonische Mythen,
Götterglauben u. s. w. zu erzählen weiss, müssen also
immer mit
diesem
Vorbehalt aufgenommen werden: dass wir über die Beschaffenheit der
zu Grunde liegenden Vorstellungen keine auch nur annähernd
genaue Kenntnis besitzen, und aus allen sicheren historischen
Erfahrungen schliessen müssen, dass sie jedenfalls ungleich edler
und tiefer geartet waren, als was uns hier übermacht wird. Man
übersehe nicht, dass die ältesten Funde, die auf circa 4500
Jahre vor Christo zurückdeuten, schon für jene älteste
Zeit eine hohe Kultur annehmen lassen, und zwar eine bereits dem
semitischen Einfluss verfallene. Ganze zweitausend Jahre später
(also weiter als die Spanne, die uns
—————
¹) Für die Quellenangaben vergl. Grundlagen S. 325 und 393. Ich
führe Renan an, weil ein jeder ihn kennt und weiss, dass nicht der
Schatten einer
Voreingenommenheit gegen die Juden sein Urteil über semitische
Fragen trüben kann.
31
Babel und Bibel
Heutige
von der Geburt Christi trennt!) kam die Überflutung der
Euphratländer durch die sogenannte »kanaanäische
Einwanderung«, d. h. durch eine vorwiegend syrische, doch bereits
ihrerseits stark semitisierte Bevölkerung, die ihre eigenen
Götter und Religionssitten mitbrachte. ¹) Ihr gehörte
möglicherweise (?) jener Hammurabi an, dem in Delitzsch's Schrift
eine so zweideutige Rolle zufällt, der Begründer des
babylonischen Grosstaates, ein Mann, der (siehe die Abbildung bei
Delitzsch S. 9) weder syrisch noch semitisch aussieht. Und erst
wiederum volle zwei Tausend Jahre später als Hammurabi — also nach
der doppelten Zeit, die uns heute von Christi Geburt trennt! —
überfluteten das ganze Land von Süden her jene
wahrscheinlich rein semitischen Chaldäer, denen die Dynastie
Nabopolassar und Nebukadnezar angehört und deren Denkmäler
und schriftliche Zeugnisse jetzt von der deutschen Orientgesellschaft
in aufopferungsvoller Arbeit an den Tag gefördert werden. Man
begreift, wie schwer es unter diesen Bedingungen sein muss, bis auf den
reinen Kern der grossen schöpferischen Civilisation und der Kultur
zu gelangen, an denen und an deren Resten Semiten und Syrier
während vier Jahrtausende und mehr sich geweidet hatten. Diese
ganze äusserliche Pracht und Massenhaftigkeit und
Ungeheuerlichkeit kann nicht der Charakter des streng und genau die
Natur beobachtenden Volkes gewesen sein, das ordnend und gestaltend die
Spur seines namenlosen Daseins allen künftigen Zeiten
aufprägte. Und da es eine
erwiesene Thatsache ist, dass weder Semiten noch Syrier jene
Geistesanlage besitzen, aus der Metaphysik und Mythologie und
Wissenschaft entstehen, so können wir ganz sicher sein, dass
alles, was man uns heute als
»babylonische Religion« vorsetzt, nur etwas völlig
Entartetes,
Missverstandenes ist, grosse, heilige Gedanken im Fiebertraum eines
durchaus minderwertigen Intellekts erblickt, oder, wie Renan
sagt: »ausgewässert
während Jahrhunderte in Gedächtnissen, die nichts genau
widerzugeben verstanden, und eingeschnürt in alles zerquetschende
Hirne.« Durch dieses Dickicht nun hindurchzudringen, jenen fernen
Wohlthätern die Hand zu reichen, — dies in erster Reihe; sodann
aber die endgültige Klarlegung der geschichtlichen Vorgänge,
der Rassenmischungen u. s. w.: dahin zu gelangen, ist des Schweisses
unserer tüchtigsten Gelehrten wert und bildet das vornehmste
Interesse
—————
¹) Vergl. Hugo Winckler: Die
Völker Vorderasiens, 1899, S. 12.
Dass schon diese alte Zeit eine des kulturellen Verfalles war und die
Blüte
weit zurück zu suchen ist, führt Winckler aus in den
Preussischen Jahrbüchern,
1901, CIV, 228.
32
Babel und Bibel
aller
dieser Forschungen im Euphratthale; der Zweck ist ein rein
wissenschaftlicher und ein rein kultureller; und je weniger fromme
Voreingenommenheit dreinzureden hat, desto besser.
Dass nun die assyrisch-babylonischen Forschungen
dazu berufen sind, eine Umwälzung unserer Auffassung des Alten
Testaments zu bewirken und insofern auch eine grosse und befreiende
Kulturthat vorzubereiten, das ist eine ganz andere Sache; ich komme
bald darauf zurück; davon träumen gerade diejenigen nicht,
deren Horizont
durch rechtgläubige Bibelinteressen umzirkt ist, und Professor
Delitzsch verrät in seinem ganzen Vortrag durch kein einziges
Wort, dass er es selber ahne. Was aber die Bedeutung des Alten
Testaments für das orthodoxe Judentum und Christentum anbetrifft,
so ist zu bemerken, dass alles Mythische hier nur historisch und
ethisch aufgefasst wird; bezüglich der Historie und Ethik dieser
Schriftensammlung wissen wir jedoch alle schon längst mit Immanuel
Kant, dass ihr Wert nicht in dem besteht, »was man durch
philologische Kenntnisse, die oft nur verunglückte Konjekturen
sind, aus ihr herauszieht, sondern (aus dem) was man mit moralischer
Denkungsart, also nach dem Geiste Gottes in sie
hineinträgt.« ¹)
Soviel über Delitzsch's erste Bemerkung. Die
Ausführlichkeit
unseres Randkommentars wird in der Folge uns nützlich sein. Vorher
erfordern aber die zwei weiteren einleitenden Gedanken eine kurze
Erwähnung.
Gleich oben auf der zweiten Seite bemerken wir
wieder eine so unglaubliche Behauptung, dass ich sie zwanzigmal
hintereinander las,
in der Meinung, es müsse hier ein Druckfehler oder eine falsche
Interpunktion vorliegen; aber nein, so steht es wirklich zu lesen.
Delitzsch behauptet, dass »gerade in unserer Zeit« jedem
Denkenden »das Ringen nach einer Vernunft wie Herz befriedigenden
Weltanschauung sich aufdränge«. Dass ein
»Ringen« sich »aufdrängt«, ist ein
eigentümliches Bild, doch wenn schon, dann meine ich, drängt
es sich dem Menschen zu allen Zeiten auf; doch gleichviel. Dieses unser
Ringen nach einer Weltanschauung »führt« nun,
behauptet Delitzsch, »immer wieder hin zu der Bibel, in erster
Linie zum Alten Testament«. Das ist ein starkes Stück,
fürwahr! Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen
Menschen getroffen, der in dem Ringen nach einer Weltanschauung zum
Alten Testament hingeführt
—————
¹) Streit
der Fakultäten, I, Anhang biblisch-historischer Fragen.
33
Babel und Bibel
worden
wäre. Selbst der Jude, sobald er die Sehnsucht nach
Weltanschauung verspürt, wendet sich mit Spinoza und Mendelssohn
vom Alten Testament hinweg. Vielleicht kommt ein Tag, wo wir in der
Lage sein werden, zwischen germanischer Weltanschauung und Altem
Testament eine gewisse Harmonie herzustellen; bisher gelang es nie. Wir
dürfen die Gedanken unserer führenden Geister als die
vergrösserten Bilder dessen betrachten, was im Volke nach Ausdruck
sucht; und da frage ich, wo in aller Welt sieht man einen einzigen
unserer nach Weltanschauung ringenden grossen germanischen Denker nach
dem Alten Testament greifen? Gleich, als unser Denken erwacht, in den
Anfängen des 12. Jahrhunderts, höre ich Abälard
behaupten, der Timäos des Plato stehe höher als die Genesis
des Moses und man werde eher durch Leitung der Hellenen als der
Israeliten dem ewigen Leben zugeführt werden; und das spricht ein
Priester! ¹) Und von Abälard an, wo finden wir in unserer
ganzen
Geschichte einen Denker, der für seine Weltanschauung zum Alten
Testament seine Zuflucht nimmt? Man nenne mir einen einzigen. Und als
der grösste aller unserer Denker kam, deckte er schonungslos den
unausgleichbaren Widerstreit der Anschauungen auf und sagte: ihr
müsst
zwischen Jahve und Natur wählen, für beide nebeneinander ist
nicht Platz (vergl. S. 924). Und von Kant an bis zum heutigen Tage, wo
ist ein einziger Denker — möge er welcher Richtung er wolle,
angehören —, der die Behauptung Delitzsch's bestätigte?
Selbst der gläubige Schleiermacher
lehrt ausdrücklich:
»die
neutestamentischen Schriften sind als Norm für die christliche
Lehre zureichend« und
bestreitet die göttliche Eingebung der
»alttestamentischen«. ²) Mit der Erscheinung Jesu
Christi, ja! mit ihr haben sich zwar lange nicht alle Denker, doch
viele auseinandersetzen müssen; Christus aber
steht so ausserhalb aller Geschichte, wie dies nur menschenmöglich
ist, so dass selbst diejenigen Philosophen, die ihn, wie Hartmann, als
eine rein historische Notwendigkeit betrachten, ihn doch nicht aus der
unmittelbaren Umgebung oder gar aus dem Alten Testament erklären.
Diese Behauptung ist einfach eine der
monströsesten Eingebungen der Semitomanie; die je erlebt wurden.
Doch es kommt noch besser.
Auf der selben zweiten Seite, nachdem wir belehrt
worden sind,
—————
¹) Adolf Hausrath: Peter
Abälard, 1893, S. 52.
²) Der
christliche
Glaube, § 131 u. 132.
34
Babel und Bibel
dass
alle Menschen, die nach einer Weltanschauung ringen, zum Alten
Testament greifen, ist von der »kaum übersehbaren Zahl
christlicher Gelehrter« die Rede, die beschäftigt sind,
dieses Alte
Testament »nach allen Richtungen hin zu durchforschen«.
Diesen Forschungen, sagt Delitzsch, schenkt die Welt vorderhand wenig
Beachtung; doch kommt erst der Tag, wo »die Summe der gewonnenen
neuen Erkenntnisse in das Leben hinaustritt«, dann wird — aber
ich bitte jetzt so aufmerksam zuzuhören, als ob die Posaunen von
Jericho, aus ihrem Grabe hervorgeholt, das Hosianna bliesen — dann
wird »d a s L e b e n d e r M e
n s c h e n u n d V ö l k e r t i e
f e r e r r e g t u n d b e d e u t
s a m e r e n F o r t s c h r i t t e n z u g e
f ü h r t w e r d e n, a l s d
u r c h a l l e m o d e r n e n E n
t d e c k u n g e n d e r N a t u r w i s s e n
s c h a f t e n z u s a m m e n«. Und
Delitzsch bekräftigt das Gesagte durch die Versicherung: »so
viel steht fest«; es scheint also, dass ein anderes Mal noch mehr
nachkommen soll. Ich glaube, wenn das nicht ein ordentlicher
Universitätsprofessor gesprochen hätte, der Mann wäre
sofort in ärztliche
Behandlung genommen worden, so über alle erlaubten, ja denkbaren
Maasse ungeheuerlich ist die Behauptung. Man schaue sich doch im Geiste
um; man überlege sich, wie das ganze Gerüst unseres Lebens
und
Wissens, alles, heisst das, was Civilisation genannt werden kann, aus
Errungenschaften der Naturwissenschaften der letzten vier Jahrhunderte
herausgewachsen ist: die Möglichkeit, unseren Planeten zu
erforschen, zu besiedeln und gleichsam zu einer Einheit zu gestalten,
der Blick in das
früher nie geahnte Reich des Organischen, in die Fülle der
Umgebung, die wir Blinde nicht sahen, in die Welt des Unendlichkleinen,
keinem Auge Erreichbaren, die Hervorholung der längst
hingeschwundenen Geschlechter aus den Eingeweiden der Erde, so dass
Vergangenheit und Gegenwart zusammenfliessen, die allmähliche
Aufdeckung des Strukturplanes alles Lebenden und Unbelebten, die
Kenntnis des Kosmos und der Nachweis seiner materiellen
Gleichartigkeit, die Astronomie, von Kopernikus bis Kirchhoff, die
Physik, von Galilei bis Heinrich Hertz, die Chemie, von Boyle bis van't
Hoff, die Medizin, von Paracelsus bis Lister und Pasteur ..... und nun,
ausser der reinen Wissenschaft die angewandte: die
raumüberwindende Elektricität, durch die unsere Sinne
gleichsam Fühler ausstrecken um die ganze Erde herum (bald
vielleicht, da der Äther den Raum erfüllt, bis an die
Gestirne), der Dampf, der das Leben der Gesellschaft völlig
umgewandelt hat und der an fast allem, was uns umgiebt, als
Arbeitskraft beteiligt ist, die Druckpressen, deren ganzer Betrieb aus
den
35
Babel und Bibel
Erfolgen
der Chemie, der Physik und der Mechanik ihre Möglichkeit
schöpft, die Chirurgie, mit ihren auf Anatomie, Chemie, Physik
beruhenden Wunderleistungen, die Medizin mit ihrer Hygienik des
täglichen Lebens, ihrer aus mikroskopischer Botanik und Zoologie
und aus physiologischen Studien hergeleiteten Serumtherapie,
....... doch ich müsste zwanzig Seiten füllen.
Man überlege sich aber auch, welchen unermesslichen Einfluss diese
Entdeckungen und diese durch sie bewirkte völlige Umgestaltung
unseres Lebens auf unsere Kultur ausgeübt hat: auf die Beziehungen
zwischen Mensch und Mensch, auf Gesetzgebung und geschichtliche
Auffassung, auf die Möglichkeit wissenschaftlicher (auch
philologischer und archäologischer) Erforschung der Vergangenheit
unseres Geschlechtes, auf Denken, Trachten und Dasein eines jeden Tages
unseres Lebens, vom Aufstehen bis zum Niederlegen, vor allem endlich
auf die Grundlagen und Grundzüge jeder Weltanschauung, denn —
mögen die Kirchen sich noch so anstrengen, die Wahrheit zu
unterdrücken — Thatsache ist, dass unsere ganze germanische
Philosophie auf naturwissenschaftlicher Grundlage steht und dass der
völlig neuen Auffassung des Kosmos nur eine völlig
neue Weltanschauung und mit ihr zugleich eine völlig neue
Gestaltung der Religion gerecht werden k a n
n.¹) Und nun kommt ein fleissiger Theolog und Assyriolog und
versichert uns mit grösster Seelenruhe: das alles — diese unsere
spezifisch germanische Leistung, die naturwissenschaftliche, diejenige,
die unsere Civilisation und Kultur von allen anderen gleichzeitigen und
von allen früheren ganz und gar
und auf immer unterscheidet — das alles sei gleich nichts zu achten!
»Alle modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften
zusammen« — ich bitte gut zu lesen, » a l l
e z u s a m m e n « — hätten
für den Fortschritt der Menschheit nicht so viel zu bedeuten, wie
die Arbeiten einiger Dutzend bebrillter Bibelexegeten und Assyriologen,
die jahraus jahrein im Staube der Bibliotheken die Weisheit von
Männern aus fernen Jahrtausenden studieren, von Männern, die
Vieles nicht
wussten und nicht wissen konnten, was heute jeder zehnjährige
Bauernbub weiss — z. B. dass die Erde um die Sonne kreist —, von
Männern,
die in
krassem Aberglauben, innerhalb eines räumlich und zeitlich eng
beschränkten Horizontes, Welterklärungen aufstellten, die
heute
im besten Falle nur noch historisches Interesse besitzen können!
Die Leistungen der Naturwissenschaften würden »das Leben der
Völker
—————
¹) Vergl. Grundlagen, Kap. 9.
36
Babel und Bibel
weniger
tief erregen«, als die Theorien, die diese hochwürdigen
Theologen und Orientalisten über den »Jahvisten« und
den »Jehovisten« und den »Elohisten« und den
»Priesterkodex« und den »letzten Redaktor« des
Alten Testamentes aufstellen, beziehungsweise den anderen Tag
niederreissen! Und durch die Naturwissenschaften — alle zusammen —
werde weniger der Weg zu »neuen Erkenntnissen« gebahnt, als
durch die Entzifferung elender Ziegelscherben, auf denen hochmutstolle
semitische Monarchen vor etlichen Jahrtausenden Lügen einbrennen
liessen zur Verherrlichung ihrer vorgeblichen Thaten und Siege! Ja,
wahrlich, wir Germanen haben auf Prof. Paul Haupt's Regenbogenbibel und
auf das Bildnis des alten Hammurabi und auf Sardanapal's
Sintfluterzählung gewartet, um »bedeutsameren Fortschritten
zugeführt zu werden«!
Wüsste man nicht, dass unsere Naturforscher
etwas Besseres zu thun
haben, man würde sich wundern, dass sie auf eine so ungeheuerliche
Geringschätzung nichts erwidern. Doch sie haben Recht:
lächeln und weiterarbeiten war das Gescheiteste, was sie thun
konnten. Wir aber hier durften über die einleitenden Behauptungen
Delitzsch's nicht so leicht hinweggehen, weil uns daran liegen musste,
ehe wir das gelehrte und für den Laien dornige Specialgebiet
betreten, uns eine Meinung über die allgemeine
Urteilsfähigkeit dieses Gelehrten zu bilden. Hierzu haben sie uns
gute Dienste geleistet, und wir vermuten schon, dass er jener
Erkrankung nicht entgangen ist, die Kant uns als die grösste
Gefahr des Gelehrten erkennen lehrte. Das ist für die Beurteilung
von Delitzsch's Behauptung eines ursprünglichen semitischen
Monotheismus — zu der wir jetzt kommen — von grossem Wert; wir wissen,
was wir zu erwarten haben.
Doch dieser Zweck würde auch mich nicht zu so
grosser
Ausführlichkeit verleitet haben, wenn nicht aus diesem einen
Beispiel der verheerende Einfluss, den die Verquickung unserer Religion
mit jüdischer Geschichte und semitischen Wahngedanken auch auf
weite Kreise — eigentlich auf uns Alle — ausübt, so besonders
deutlich zu ersehen wäre. Hiervon m ü s s e n
wir emanzipiert
werden, und wenn Delitzsch's Unbesonnenheit dieser wirklichen
Aufklärung und Befreiung auch nur ein wenig Vorschub leistet, soll
sie uns willkommen gewesen sein. Hierüber später mehr; jetzt
wollen wir bei Babel und Bibel
bleiben.
Nach den knappen, doch, wie man gesehen hat,
inhaltreichen zwei
einleitenden Seiten beginnt Delitzsch seinen Bericht über die
37
Babel und Bibel
Ausgrabungen.
Manche Bemerkungen scheinen, nach dem Urteil der
Fachmänner, nicht ganz einwandfrei zu sein, und es kann namentlich
nicht gebilligt werden, wenn Hypothesen, und zwar zum Teil
recht windige Hypothesen — Dinge, über die die gelehrteste
Forschung noch keine sichere Kunde besitzt — einfach als sicher
ermittelte Thatsachen eingeführt werden; ¹) es ist das nicht
klug,
dem Ungelehrten gegenüber auch nicht ganz billig. Wir Ungelehrte
sind doch nicht Kinder, die man mit Märchen unterhält;
vielmehr fordern wir vom Fachmann die unbedingteste Genauigkeit und
Zuverlässigkeit, auch auf Kosten der Gefälligkeit, wenn es
nicht anders geht. Dennoch muss ich hier Delitzsch gegen mehrere
Kritiken in Schutz nehmen; allzu pedantisch darf man nicht sein; man
bedenke, bei welcher Gelegenheit die Rede gehalten wurde; im Interesse
der Ausgrabungen war es durchaus geboten, dass sie Eindruck mache; bei
nebensächlichen Dingen steckt bisweilen ein ganz klein wenig
Wahrheit in der Maxime: der Zweck heiligt die Mittel.
Leider hat Professor Delitzsch diese Maxime nicht
bloss dort, wo sie
statthaft sein kann, sondern weit darüber hinaus angewandt. Denn
nun kommen wir zur Hauptsache, zum inneren Zweck und Ziel des ganzen
Vortrags, nämlich zu der Behauptung, die Semiten seien von jeher
Monotheisten gewesen, und zu dem versuchten — oder vielmehr nicht
versuchten, sondern ex cathedra
als apodiktisch hingestellten — Beweis
für die Richtigkeit dieser Behauptung.
Die These Delitzsch's (vergl. Babel und Bibel, S. 45 fg.)
lässt
sich in zwei Sätze gliedern; der erste enthält ein
allgemeines, umfassendes wissenschaftliches Theorem, der zweite will
durch ein dokumentarisch belegtes Beispiel die Richtigkeit der These in
concreto historisch beweisen. Zwar kommt noch etliches Beiwerk
dazu,
auf das wir nicht verfehlen wollen, später zurückzukommen,
doch zunächst wollen wir bei der mittleren Hauptthese bleiben. Das
Theorem lautet: alle Semiten sind von Hause aus Monotheisten; denn das
Wort, welches bei ihnen allen Gott bezeichnet, lässt unmittelbar
auf den Glauben
an einen einzigen, zweitlosen Gott schliessen. Das Beispiel lautet: es
kann aus keilschriftlichen Texten aus der Zeit Hammurabi's (also 2500
vor Christo) belegt werden, dass die Semiten, die damals von Westen her
Babylonien überfluteten, in der That Monotheisten waren,
—————
¹) Vergl. hierüber namentlich
Jensen a. a. O.
38
Babel und Bibel
und
zwar dass ihr Gott Jahve hiess. So lauten die zwei Sätze der
These, wenn man sie in strengster logischer Form vorträgt.
Um Missdeutungen zu vermeiden, will ich gleich
bemerken, dass Delitzsch
selber das vorangeschickte Theorem zuerst nicht so umfassend
formuliert; er sagt nicht »alle Semiten«, sondern spricht
nur von den »semitischen Kanaanäerstämmen«; diese
hätten sich das betreffende Wort »für Gott
ausgeprägt«. Später aber spricht er ganz allgemein von
einem »altsemitischen Wort«, und in der That, das
betreffende
Wort (in der einfachsten Wurzelform il,
bei den Babyloniern ilu, bei
den Hebräern el, bei den
Arabern îl) findet sich
in allen
Zweigen des semitischen Sprachstammes und bedeutet überall
»Gott«;
es ist durchaus nicht von den Kanaanäern speziell
»ausgeprägt worden«; diese Behauptung ist einfach
nicht wahr
und muss dem Gelehrten in der Hitze der Improvisation entschlüpft
und bei der späteren Durchsicht zufällig unverbessert
geblieben sein; folglich gilt das Argument, das Delitzsch an das Wort el = Gott anknüpft, entweder
für alle Semiten oder für gar
keine. Es ist ein ziemlich kleinliches Verfahren, uns zuerst nur von
Kanaanäern zu sprechen, damit wir nicht erschrecken, um dann —
nachdem wir ahnungslos dieses kleine falsum
geschluckt haben — das
dicke Ende des Keils nachzutreiben. Für das Theorem selbst aber
bleibt es sich gleich, ob wenige Semiten oder alle das Wort
benützten; für den Gegenbeweis auch.
Jetzt wollen wir uns die beiden Sätze etwas
näher ansehen:
erst das Theorem, dann das Beispiel.
Man wird bemerkt haben, dass das Theorem ein
zweifaches Argument
impliziert: zuerst ein philologisches, sodann ein philosophisches. Denn
zuerst kommt es darauf an zu wissen: was bedeutete ursprünglich
das semitische Wort für »Gott«; sodann muss
philosophisch dargethan werden: aus dieser Bedeutung ergiebt sich mit
logischer Notwendigkeit eine monotheistische Religion bei den Menschen,
die Gott mit diesem Worte nannten. So verfährt denn auch Delitzsch
und wir wollen ihm folgen.
Das Wort heisst il
oder ilu; das ist wenigstens
die älteste Form,
die natürlich in den verschiedenen Sprachzweigen verschiedene
Umbildungen erlitt, und im Hebräischen el gesprochen wird.
Dieses (wie schon hervorgehoben) allen semitischen Hauptsprachen
gemeinsame Wort wird auch überall als eine Bezeichnung für
den Begriff »Gottheit« gebraucht. Es entsteht die Frage:
ist es
möglich, hinter der allgemein üblichen Bedeutung
»Gott« eine frühere Bedeutung oder
39
Babel und Bibel
eine
etymologische Ableitung aus einem anderen Begriffskreis für
dieses Wort zu finden? Delitzsch antwortet kurz und bündig:
»jenes altsemitische Wort bedeutet d a s
Z i e l «. Keine Silbe
mehr. Der Laie muss glauben, das sei eine sicher ausgemachte Thatsache,
über die kein Zweifel herrsche. Wie muss er staunen, wenn er
erfährt, diese Zurückführung von el auf die Bedeutung
»Ziel« sei nur der Einfall eines zwar hervorragend
begabten, doch anerkanntermassen sehr bizarren und leicht
»verrannten« Philologen, und dieser vor bereits
zweiundzwanzig
Jahren zum erstenmal veröffentlichte Einfall habe bei den
bedeutendsten Fachmännern sehr wenig Anklang gefunden und werde im
Allgemeinen als unzulässig betrachtet; wogegen die wahrscheinliche
Ableitung auf ein Wort mit der Bedeutung »der Starke«,
»der
Mächtige« führe! Und in welchem noch höheren
Maasse muss er staunen, wenn er erfährt, dass Friedrich Delitzsch
selber — eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der assyrischen
Grammatik und Lexikologie — in seinem eigenen Assyrischen
Wörterbuch (1896) von dieser angeblichen Bedeutung des
Wortes el
nichts weiss und jenen Einfall (der sechzehn Jahre vor dem Erscheinen
des betreffenden Wörterbuchs veröffentlicht worden war) nicht
einmal einer Erwähnung wert hält! Nur an jenem Abend des 13.
Januar 1902, als es galt, die bedrohte religiöse Vorherrschaft des
Semitentums zu retten, da hiess es plötzlich: »jenes Wort
bedeutet Ziel.« ¹)
Wir müssen aber noch einen Augenblick hierbei
verweilen; denn es
darf nicht der Schatten eines Zweifels oder einer möglichen
Unklarheit bestehen bleiben.
In seinem Vortrag sagte Delitzsch weiter nichts als
»jenes Wort
bedeutet das Ziel«; in der Broschüre steht aber S. 52 in
kleinem
Druck unter anderen Anmerkungen zu lesen: »Die Erklärung des
Wortes El »Gott«
als Ziel wurde zuerst von dem Göttinger
Theologen und Orientalisten P. de Lagarde
gegeben.« Das onus probandi,
die Beweislast, wird also dem Lagarde aufgebürdet, und da Prof.
König so freundlich war (a. a. O., S. 31), die Quelle anzugeben
(was Delitzsch nicht thut), so kann sich Jeder — auch der Ungelehrte —
leicht überzeugen, dass der vortreffliche, an Kombinationen — oft
abenteuerlichster Art — unerschöpfliche Lagarde die sensationelle
Anwendung
—————
¹) In seinem Wörterbuch giebt Delitzsch zu
dem Wort ilu gar keine
etymologische Erläuterung, von der richtigen Erkenntnis geleitet,
die sich jetzt bei den bedeutenderen Fachmännern Bahn bricht, dass
dieses Suchen nach Wurzeln und Urbedeutungen meistens eine zwecklose
Spielerei sei mit ewig unbeweisbaren Annahmen.
40
Babel und Bibel
seines
problematischen Einfalls sicher nicht gebilligt hätte. »Also
nur eine Vermutung gebe ich«, sagt Lagarde,
»freilich eine Vermutung, welche mich glaublich
dünkt«; und so weit ist er davon entfernt, die übliche
Ableitung aus einem anderen Stamme — der dann, wie gesagt, »der
Starke«, »der Mächtige« als Urbedeutug des
Wortes el erschliessen
würde — für falsch zu halten, dass er
nur sagt, es sei »nicht nötig«, sie anzunehmen.
¹) Man
sieht, wie vorsichtig und zurückhaltend selbst dieser
allzukühne Geist sich über die Deutung el gleich
»Ziel« ausspricht. Für uns Laien ist es aber ausserdem
von Wert, dass wir Lagarde als Menschen gut kennen und uns somit ein
Urteil über ihn zutrauen dürfen. Denn für uns
gehören seit lange seine Deutschen
Schriften zu den teuersten
Büchern und gilt namentlich seine unerschrockene Aufdeckung der
Minderwertigkeit der semitischen religiösen Instinkte und ihrer
schädlichen Wirkung auf die christliche Religion, als eine That,
die Bewunderung und Dank verdient. Lagarde — den Delitzsch so
unversehens in den Dienst der entgegengesetzten Sache presst — wollte
das ganze Alte Testament aus der christlichen Religionslehre
ausgeschieden wissen; denn, sagt er: »an dessen Einfluss ist das
Evangelium, so weit dies möglich, zu Grunde gegangen.«
²)
Das ist eine andere Melodie, als die, welche Delitzsch singt und nach
welcher Jesus Christus nur als eine Fortsetzung der
»gottbegnadeten« Sänger des Alten Testaments etwas zu
bedeuten hat! Zugleich beweist es, welche Vergewaltigung eines grossen
Toten hier vorgenommen wurde. Doch die Liebe für Lagarde macht uns
nicht blind. Wenn ein etymologischer Einfall auf ihn sich stützt,
müssen wir fragen, ob man ihm in derlei Dingen so unbedingt folgen
darf. Wie oben gesagt, wir Laien unterscheiden heute zwischen Gelehrten
und Gelehrten; wir können zwar über die fachmännischen
Argumente kein sachkundiges Urteil fällen, wohl aber über den
Mann, der die Argumente gebraucht. Und was für ein Mann ist
Lagarde, wie wir ihn aus seinen politischen und religiösen
Schriften kennen? Ein Mann von ganz aussergewöhnlicher Begabung,
das ist sicher, und von seltener Intuitionskraft; eine der Zierden
nicht nur des deutschen Gelehrtentums, sondern
—————
¹) Übersicht über die
im Aramäischen, Arabischen
und
Hebräischen übliche Bildung der Nomina, in den
Abhandlungen
der königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen,
1888, Bd. 35, S. 14 u. 164. In dieser Abhandlung verweist Lagarde auf
Symmicta, 1880, II, 101—103;
als auf die Stelle, wo er den betreffenden
Einfall zuerst veröffentlicht habe.
²) Deutsche
Schriften, 2. Aufl., S. 57.
41
Babel und Bibel
auch
des echt deutschen Volkes im 19. Jahrhundert. Doch ein Mann dem
man — gerade dort, wo es ins Detail geht — mit grosser Vorsicht
lauschen muss. Er ist eine Art Baldung Grien der Schriftstellerei;
überall Verschnörkelungen ohne Ende; deutsch bis in die
Fingerspitzen — im Guten und im Schlechten; gestaltungsmächtig und
dennoch formlos; Realismus und Phantasterei ohne Grenzscheide in
einander übergehend; zarte Geheimnisweberei neben unverzeihlicher
Derbheit. Man hat gemeint, er und Bismarck seien zu Anfang der
Fünfziger die einzigen weitblickenden Politiker Deutschlands
gewesen. Lagarde schaute — das muss man gestehen — in mancher Beziehung
weiter als Bismarck; er war mehr Deutscher und weniger Preusse, und
seine grössere Kultur liess ihn Dinge vorauswissen, die für
den Kanzler einfach nicht in Sehweite fielen. Doch Bismarck, der
meisterhafte Opportunist, ersah genau die Grenzen des Möglichen
und schuf dadurch für alle Zeiten; Lagarde dagegen war der Typus
des Inopportunisten, sein Traum besass für ihn mehr Realität
als die Wirklichkeit. Lagarde hatte etwas von einer Prophetennatur an
sich. Das ist aber keine unbedingte Empfehlung — weder für einen
Politiker, noch für einen Philologen. Und in der That, jene
politischen Schriften sind Beweis genug, dass dieser erstaunlich
weitblickende Mann zugleich sehr grillenhaft, unberechenbar,
eigensinnig war. Ein Gelehrter, der Lagarde gut gekannt hat, sagt mir,
dazu sei in seinen letzten Jahren eine masslose Eitelkeit gekommen und
eine aggressive Geringschätzung seiner Kollegen. Manche
philologischen Konjekturen soll er in seinen gelehrten Arbeiten
hingeworfen haben, fast lediglich, um die Anderen aufzustacheln und
wütend zu machen, manches auch, um die weniger aufgeklärten
Köpfe auf falsche Fährte zu führen und sich an ihren
Irrgängen zu ergötzen. Ich verehre Lagarde innig und
möchte nicht, dass meine Charakteristik als Geringschätzung
aufgefasst würde; jeder Mensch von gesundem Urteil braucht aber
nur Lagarde's schöne Ausgabe der Opere
italiane von Giordano Bruno zur Hand zu nehmen und das Nachwort
zu lesen mit dem krausen Durcheinander unzusammenhängender, teils
völlig trivialer Bemerkungen, und
mit der ebenso rohen wie unverdienten Anrempelung Heinrich's von Stein,
um sicher zu sein, in diesem edlen Geist müsse zu Zeiten die
Urteilskraft mit der Erkenntniskraft Versteck gespielt haben. Aus dem
selben Jahr wie dieses Nachwort stammt jener Aufsatz, auf den Delitzsch
sich beruft. Damit Lagarde's Konjektur für uns entscheidenden Wert
bekäme, müsste sie von besonneneren Männern
ange-
42
Babel und Bibel
nommen
worden sein, was bis jetzt aber, wie oben gesagt, nicht der Fall
ist. ¹)
Somit fällt also der Grundpfeiler —
nämlich das philologische
Argument — auf dem Delitzsch's ganzes Theorem über el aufgebaut
ist, ins Wasser. Doch enthebt uns das nicht der Verpflichtung, auch das
philosophische Argument näher anzusehen; denn über
philologische Ursprünge lässt sich sehr häufig nichts
mit absoluter Sicherheit ausmachen und hier ist das anerkanntermassen
der Fall; wenn es also einem Delitzsch gefällt zu sagen: entgegen
dem Urteil der meisten kompetenten Semitisten und entgegen Lagarde's
eigener Meinung, wonach (a. a. O.) »seine Vermutung vielleicht
für immer Vermutung werde bleiben müssen«, beharre ich
dabei und behaupte apodiktisch, el
bedeutet Ziel, — so kann ihm
das nicht verwehrt werden, und es wird immer voreingenommene Laien
geben, die zu ihm halten. Wir müssen also fragen: gesetzt, das
semitische Wort für Gott stamme wirklich aus dem Bedeutungskreise
»Ziel«, inwiefern könnte daraus auf Monotheismus
geschlossen
werden?
Delitzsch scheint ein Freund des abgekürzten
Verfahrens zu sein;
denn wie er vorher nur gesagt hatte: »Dieses Wort heisst El und bedeutet
das Ziel« — keine Silbe mehr, ebenso spricht er jetzt den einen
Satz: »Dieses Ziel kann naturgemäss nur eines sein«,
weiter
nichts — der Monotheismus ist schon da.
An dieser Stelle haben die Kritiker der
verschiedensten Richtungen sich
offenbar mit beiden Händen krampfhaft an den Kopf gegriffen, — ich
ersehe es aus ihren Bemerkungen. Und in der That, dass wir Menschen uns
überhaupt untereinander verständigen können, wird
bewirkt durch den gemeinsamen Besitz gewisser logischer
Grundsätze, Grundsätze, die nicht Meinungssache sind, sondern
eine Thatsache des Menschengeistes ausmachen. Wenn jemand behauptet,
zwei Mal zwei ist fünf, so muss ich verstummen; es lässt sich
nichts weiter darauf erwidern, als dass der betreffende Mann
wahrscheinlich an irgend einer Grosshirnstelle verletzt ist. Warum soll
»naturgemäss« der Mensch nur Ein Ziel haben? Das
müsste ein zur Einsperrung reifer Monomane sein. Man denke sich
einen König oder Staatsmann mit einem einzigen Ziel im Auge! das
wäre jedenfalls der richtige Weg, um k e i n
Ziel zu erreichen. Und
man
—————
¹) Jensen z. B. (a. a. O., S. 493) nennt
sie eine »durchaus
totgeborene Etymologie« und zeigt, dass auch wenn sie zu Recht
bestünde, das Wort nicht »Ziel« bedeuten würde!
43
Babel und Bibel
denke
an den reinsten Semiten, den arabischen Beduinen, wie ihn
Burckhardt uns schildert, den Geist meistens völlig schlaff, leer
wie seine Wüste, — dann aber plötzlich alle Saiten straff
gespannt, Sinne, Sehnen, Herz, alle auf ein Ziel gerichtet — freilich
ein »Ziel«, doch jeden Tag ein anderes — heute auf Beute,
morgen auf Krieg, übermorgen auf Liebe, dann wieder auf Rache,
worauf wieder der gewöhnliche Zustand der Lethargie einsetzt.
Allerdings, je primitiver das Leben, um so weniger Ziele wird der
Mensch kennen, doch für eine Mehrheit der Ziele ist durch die
allen Menschen gemeinsamen Naturzüge gesorgt. Es verlohnt sich
nicht, hierüber erst zu streiten. — Nun würde vielleicht
Delitzsch einwenden, der Nachdruck falle bei ihm auf das Wort
»dieses«;
er habe sagen wollen, d i e s e s Ziel —
nämlich jedes Jenseitige,
»nach welchem das menschliche Herz sich sehnt« — könne
naturgemäss nur eines sein. Das wäre aber dann eine petitio
principii so schreiender Art, dass man sie einem Quartaner nicht
verzeihen könnte, vermehrt um ein Hysteronproteron, das
künftig als klassisches Beispiel in unsere Lehrbücher der
Logik aufgenommen zu werden verdiente. Denn zuerst sollte das Wort Ziel
(für Gott) beweisen, dass die Semiten nur an Einen Gott glaubten,
und nun wird gesagt, weil dieses Göttliche naturgemäss nur
eines sein kann, darum ist Ziel hier als Einzahl zu fassen.
Das k a n n
einfach Delitzsch nicht gemeint haben.
Doch gleichviel, denn wenn wir jetzt zum zweiten
Teil der These
übergehen — zu den historischen Belegen — werden wir erfahren,
erstens, dass das Wort el —
möge es ursprünglich
bedeutet haben, was es wolle — jedenfalls in seinem üblichen
Sinne, »Gott«, in allen Dialekten einen Plural bildet!
¹) zweitens,
dass alle Semiten und Halbsemiten, von denen die Geschichte zu melden
weiss, nachweisbar Polytheisten waren — bis Mohammed kam. Einer
Einschränkung bedarf diese Behauptung nur, insofern die ganz
reinen Semiten vielfach auf einer so tiefen Stufe des blossen
Dämonenglaubens und Fetischwesens zu allen Zeiten verblieben, dass
man von einem eigentlichen Gottesglauben bei ihnen kaum reden kann —
dies bestätigt mir ein junger Hochschullehrer, der das Studium der
—————
¹) Delitzsch selber giebt in seinem Assyrischen Handwörterbuch,
1896,
eine ganze Reihe Stellen an, wo ilu
im Plural vorkommt, und Gesenius
nennt in seinem hebräischen ebensolche für el, bei denen dann
das Wort entweder »die Helden« oder die
»Götter« bedeutet; so wird z. B. im Buche Daniel XI, 36, die höchste
Gottheit als el elim,
»Gott der Götter«, bezeichnet.
44
Babel und Bibel
semitischen
Religionsdokumente zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Die
Semiten sind eben »von jeher an religiösem Instinkt
erstaunlich arm« (S. 221); es ist das eine Thatsache, mit der
man sich trotz eingefleischter Vorurteile abfinden muss. Eine
wirkliche Ausnahme nahme bildet einzig und allein das kleine
Volk der Juden; dies ist aber — wie heute anthropologisch nachgewiesen
ist und ausserdem aus jedem überlegten Studium des Alten
Testaments entnommen werden kann — ein vorwiegend syrisches Volk, mit
allerdings starkem semitischen, aber auch mit indogermanischem
Einschlag (siehe Grundlagen,
Kap. 5, namentlich S. 372); ein solches
Volk kurzweg »semitisch« zu nennen und es ohne weiteres mit
den übrigen Semiten zu identifizieren, ist eine Gedankenlosigkeit;
dieses Volk ist ein Volk für sich, und es ist unverantwortlich,
das, was an seiner religiösen Entwickelung einzig in der
Weltgeschichte und ohne Frage bewundernswert ist, den übrigen
semitischen Völkern zugut zu schreiben.
Wir kommen also jetzt zu dem zweiten Teil von
Delitzsch's These, zu dem
versuchten Beweis in concreto.
Auch dieser Teil gliedert sich bei
Delitzsch in zwei Behauptungen: zuerst wird uns gesagt, diejenigen
Semiten, die um 2500 vor Christo, von Westen kommend, Babylonien
überfluteten, hätten Eigennamen mit el (= Gott)
zusammengesetzt besessen, Namen, die — zergliedert — »Gott mit
mir«, »Gott hat gegeben«, u. s. w. bedeuteten, was
ohne weiteres als sicherer Beleg für den Monotheismus dieser
Stämme gelten soll; sodann wird aus Keilinschriften zu erweisen
gesucht, dieser eine Gott habe Jahve geheissen.
Was das erste Argument betrifft, so fragt man sich
wieder, wie hoch —
oder vielmehr, wie niedrig — dieser Gelehrte die Geisteskraft eines
Ungelehrten einschätzt? Uns fallen sofort die allbekannten
deutschen Namen Oswald und Oskar ein, sowie die selteneren Oswin,
Osbert u. s. w., die Zusammensetzungen mit angelsächsisch ós =
Gott sind und etwa Gottes-Kraft, Gottes-Freund, Gottes-Glanz,
Gottes-Streiter u. s. w. bedeuten; ¹) denn da diese uralte Form
für Gott vom Christentum weggefegt wurde, so erscheint es von
vornherein ausgeschlossen, dass die Namen mit ós
späteren
Ursprungs sein sollten. Und als ich bei einem Germanisten mich
erkundigte, erfuhr ich, dass ich mich nicht geirrt hatte und dass Namen
mit ós
(resp. áss in der
nordischen, ans in der
deutschen Gestalt des
selben Wortes), so weit unsere
—————
¹) Die genaue Bedeutung der Silbe — wald, — kar, u. s. w.,
lässt
sich nicht immer sicher ermitteln.
45
Babel und Bibel
Kunde
zurückreicht, zu den beliebtesten gehörten. So ist z.
B. der Name A[n]sugisalas
(Gottes Bürge) durch die Runenschrift
des Lanzenschafts von Kragehul in Dänemark, bezeugt; ¹) und
Namen
wie Ansiulf (gotisch) Anshelm (althochdeutsch), Ásmundr
(altisländisch) sind in vorchristlichen Zeiten häufig. Noch
schlagender für uns Laien ist aber die Thatsache, dass unser guter
heutiger Name Gottfried auf vorchristliche Zeiten zurückreicht, wo
er nordisch als Gudhrödhr
(älter Gudhfrödhr)
sich
nachweisen lässt. ²) Noch deutlicher — da die
judäochristliche
Barbarei hier nicht alles auslöschen konnte — liegen die Dinge in
Griechenland. Lebte nicht der Dichter Theokrit
(= »von Gott
gewählt«) einige Jahrhunderte vor Christo? Und hiess nicht
der Nachfolger des Aristoteles Theophrast?
und bedeutet das nicht »von
Gott genannt«? Und ist nicht ein berühmter
Geschichtsschreiber und Zeitgenosse Alexanders des Grossen Theopompos?
und heisst das nicht »von Gott gesandt«? Und ich sage nur
das Erste, Beste, was mir durch den Kopf geht; ein Gelehrter
könnte mit ganz anderen Belegen dienen. Im altarischen Indien
finden wir eine der selben Namenbildungen, die Delitzsch für seine
Kanaanäer anführt, »Gott hat gegeben«, Devadatta,
verbreitet, während Devâpi
(Gott-Freund) und Devavâta
(Gott-angenehm) schon im Rigveda als Eigennamen vorkommen, und eine
Menge anderer, ähnlich zusammengesetzter Namen aus allen Zeiten
bekannt sind. Und aus allen diesen germanischen, griechischen und
indischen Namen ohne Ausnahme lässt sich — nota bene — eine
Mehrzahlbildung des Wortes für »Gott« nicht
herausklügeln; es ist immer Gott in der Einzahl, nicht
Götter, oder aber der blosse Stamm des Wortes, genau ebenso wie
bei den entsprechenden von Delitzsch angeführten
kanaanäischen und babylonischen Namen. ³) Diese erste
Überlegung macht uns schon stutzig, da die Indoarier, die
Griechen, die alten Germanen nicht Monotheisten waren — wenigstens
gewiss nicht in dem Sinne, in dem Delitzsch es meint. Jetzt fragen wir
aber den ersten besten Semitisten und erfahren, dass solche mit el zusammengesetzte Namen in den
verschiedensten semitischen Sprachen
—————
¹) Vergl. Noreen: Altnordische Grammatik, 1892, S.
260.
²) Über einen Heerführer
»Gottfried«, der erst spät
getauft wurde, berichtet Zeuss: Die
Deutschen und die Nachbarstämme, 1837, S. 534 fg.
³) Einige der Sanskritnamen — z. B. Devavâta — werden allerdings
häufig von unseren Lexikologen so gedeutet, als ob
»Götter«,
in der Mehrzahl, zu lesen wäre, doch kann dies aus der Form »deva« nicht als
notwendig gefolgert werden und ist in manchen
anderen Fällen ausgeschlossen.
46
Babel und Bibel
häufig
sind und durchaus keine Eigentümlichkeit jener
angeblichen Kanaanäer bilden. In ganz Arabien war vor Mohammed's
Zeiten — also in der Epoche, wo Polytheismus und Dämonenglaube in
höchster Blüte standen — einer der gewöhnlichsten Namen
Abd-îl (auch die Formen Abd-al und Abd-allah sind uralt), was
»Knecht Gottes« bedeutet und also dem deutschen Namen
Gottschalk
genau entspricht; ¹) andere häufige Namen lauteten 'Auf-îl,
d. h.
»Gott-beglückt«, und Schakr-îl,
d. h. »Lob-Gottes«, u. s.
w., ²)
alles Namen mit genau diesem selben Wort el (babylonisch ilu),
auf das sich Delitzsch beruft. Soll also Delitzsch's Argument gelten,
so müssen wir schliessen, erstens, dass alle Semiten, zweitens,
dass alle Indogermanen ohne Ausnahme von jeher Monotheisten gewesen
sind. Somit ist Delitzsch hier in den verzwickten logischen Fehler
verfallen, den die Philosophen heterozetesis
nennen: er glaubt, etwas
Anderes bewiesen zu haben, als was er in Wirklichkeit bewiesen hat; und
was er durch seine angebliche Induktion aus den Eigennamen
»bewiesen« hat oder vielmehr bewiesen haben würde,
wenn
seine Prämissen richtig gewesen wären — ist nachweisbar
falsch. Mit anderen Worten, die erste historische Behauptung fällt
wie die erste und zweite theoretische ins Wasser und hinterlässt
nur die Erinnerung an eine Nichtbeachtung der logischen
Elementargesetze und an eine Geringschätzung allbekannter
Thatsachen, wie sie in der Geschichte der Wissenschaften selten zu
verzeichnen sein mag.
Jetzt aber gelangen wir zu dem Schlusseffekt des
Vortrages, zu der
grossen Entdeckung, die, wenn sie wahr gewesen wäre, epochemachend
hätte genannt werden müssen; sie ist aber nicht wahr, sondern
eine nachweislich unhaltbare Behauptung.
Nicht genug, dass jene Eroberer Babylons nur an
einen einzigen Gott
glaubten — wie durch obigen falschen Kettenschluss bewiesen wurde —
nein, ihren Eingott beteten sie unter dem Namen J a h v
e an! Bewiesen
wird dies wieder aus Eigennamen, — Eigennamen, in denen nicht bloss das
Wort »Gott«, sondern auch das Wort »Jahve«
vorkommen
soll, und zwar in einer Verbindung, die uns zu lesen zwingt:
»Jahve ist Gott.« Auch hier wieder deutet Delitzsch mit
keiner Silbe an, dass es sich im besten Fall um eine mögliche —
oder vielmehr denkbare — Hypothese handelt, sondern er sagt ein-
—————
¹) Genau der selbe
Name, Devadâsa = Knecht
Gottes, findet sich
vielfach im altarischen Indien!
²) Vergl. Wellhausen: Reste arabischen Heidentums, 1887,
Abschnitt 1.
»Über theophore Namen«.
47
Babel und Bibel
fach:
diese Namen heissen »Jahve ist Gott«, und fährt
gleich fort: »Also Jahve, der Seiende, der Beständige ...
ein uraltes Erbteil u. s. w.« Wir Ungelehrte werden von diesem
Gelehrten, wie das Vieh zur Schlachtbank, mit verbundenen Augen
geführt. Das wollen wir uns aber doch nicht gefallen lassen;
sondern wir wollen uns erkundigen, ob die beiden Namen, auf die
Delitzsch sich beruft, Ja-ah-ve-ilu
und Ja-hu-um-ilu, in den
Keilschrifttexten wirklich so lauten, und wenn dies der Fall ist, was
sie dann bedeuten.
Es handelt sich um zwei Thontäfelchen aus dem
British Museum, von
denen Delitzsch sagt: »Was ist — wird man sagen — an diesen
Tafeln zu sehen? Zerbrechlicher, zerbrochener Thon mit eingeritzten
schwer lesbaren Schriftzeichen!« Ich meine, umso vorsichtiger
wird man mit diesen Täfelchen und ihren schwer lesbaren Zeichen
umgehen müssen, damit nicht etwa aus dem zerbrochenen Thon noch
eine vergewaltigte Deutung herausgelesen wird, die bei der leisesten
Prüfung zu Staub zerfällt. Und vor welches fast unlösbar
schwierige Problem man sich gestellt findet, sobald ein babylonisches
Wort nur einmal belegt ist — wie hier der Fall —, davon kann ein jeder
sich überzeugen, der in Prof. König's Flugschrift die Seiten
38 bis 45 aufmerksam liest. Ich hatte nun ausserdem den Vorteil, mich
von einem tüchtigen Assyriologen von Fach, einem alten Freund,
eingehend belehren zu lassen, und auch er bestätigte mir, es sei
geradezu »wahnwitzig«, aus einer einzelnen Scherbe einen
Namen wie Ja-ah-ve-ilu
herauslesen zu wollen. Zwei Umstände sind
es, die die Interpretation eines keilschriftlichen Wortes geradezu
unmöglich machen, wenn es nicht in einem längeren Text steht
oder durch häufige Wiederholung in verschiedenen
Zusammenhängen allmählich sichergestellt wird: die
Schwierigkeit, die unter einander sehr ähnlichen Zeichen mit
voller Sicherheit zu entziffern, und die verschiedenen möglichen
Lautwerte jedes Zeichens, wenn es auch sicher entziffert worden ist.
Bei zusammenhängenden Texten kommen allerdings dem erfahrenen
Assyriologen allerhand Regeln und Wahrscheinlichkeiten zu Hilfe, doch
bei Eigennamen — namentlich bei isoliert vorkommenden — versagen diese
fast ganz.
Bei Delitzsch (S. 47) sehen zwar die
Keilschriftzeichen wunderbar
deutlich aus; in Wirklichkeit sind sie es aber nicht, und der Gelehrte
muss oft stundenlang mit der Lupe in der Hand über ein einziges
Wort gebückt bleiben, um auch dann nur eine halberratene
Möglichkeit versuchsweise anzunehmen. Wie schwierig es ist, hier
das
48
Babel und Bibel
Richtige
zu treffen, ersehen wir daraus, dass gleich die erste
Keilschriftgruppe der ersten Zeile in Delitzsch's Publikation (das Ja vom angeblichen Wort Ja-ah-ve) ungenau wiedergegeben
ist, wie König aus dem Vergleich mit der Originalpublikation
festgestellt hat. ¹) Schon diese Publikation selbst aber (Cuneiform texts from Babylonian tablets)
ist
keine genaue Wiedergabe des Originals, denn der Direktor der
babylonischen Abteilung des British Museum, Budge, hat auf König's
Frage
bestätigt, dass die zweite Keilgruppe jener ersten Zeile (die,
welche von Delitzsch als ah
des Wortes Ja-ah-ve gedeutet
wird), auf der Thontafel ganz anders als im Buche aussieht (das
Facsimile ihrer wirklichen Gestalt bei König S. 44 unter Nr. 7)
und dass sie möglicherweise als
vereinfachende Variation einer dritten Keilschriftgruppe betrachtet
werden müsse! Die Entzifferung dieser zweiten Gruppe ist also den
Fachleuten
selbst noch rätselhaft, und man sieht, auf welchem schwebenden
Boden wir hier gleich von vorneherein stehen. Ist aber die Entzifferung
eines Zeichens erst sicher, so stehen wir vor einem zweiten und
manchmal noch bedrohlicheren Hinderniss. Denn jede einzelne
Keilschriftgruppe bezeichnet nicht eine einzige Silbe oder Lautbildung,
wie das z. B. bei unseren Konsonanten der Fall ist, sondern sie ist —
wie der Fachausdruck lautet — polyphon; das heisst, sie lässt
eine ganze Anzahl Lesarten zu, und welche die richtige ist, kann
meistens nur aus dem Zusammenhang oder aus gewissen sprachlichen
Wahrscheinlichkeitsregeln erschlossen werden, Kriterien, deren Geltung
gerade bei Eigennamen beschränkt ist. So kann z. B. in jener
ersten viersilbigen Inschrift, deren erste und zweite Keilgruppe soeben
auf die Verlässlichkeit ihrer Entzifferung hin kurz beleuchtet
wurden, die dritte Keilgruppe — diejenige, welche von Delitzsch als die
Silbe ve des Wortes Ja-ah-ve gelesen wird — diese
dritte Gruppe kann
pi, kann me, kann ma, kann a, kann tu, kann tal gelesen werden. Ein
wahres Paradies für einen spekulativen Philologen und
Historienschreiber! Doch kein Glück ist voll, und gerade den Laut
ve kann jene Gruppe —
zunächst wenigstens — nie bedeuten. Sondern
nur aus der Thatsache, dass in gewissen Dialekten manchmal m wie v
ausgesprochen wird, lässt sich folgern, dass möglicherweise
me und ma für ve und va stehen k ö n n
t e n. Sollte also in
der betreffenden Keilgruppe wirklich me
— und nicht ma, noch va, noch
pi, noch tu, noch a, noch tal — gelesen werden müssen,
dann
—————
¹) Am ang. Ort S. 4, und vergl. die
Abbildung auf S. 44 unter Nr. 4.
49
Babel und Bibel
wäre
es denkbar, dass dieses me
nicht me, sondern ve auszusprechen
sei. Und wenn nun ausserdem die zweite (wie man gesehen hat, so
überaus problematische) Keilgruppe richtig entziffert und als ah
richtig gelesen ist — das selbe Zeichen kann aber auch ih und uh und
ebenfalls ha und hi und hu gelesen werden ¹) — wenn ah aber richtig
ist, wenn ferner von den genau sechsunddreissig möglichen
Kombinationen zwischen der zweiten und dritten Silbe, gerade diese
Kombination ah-ve als
treffend angenommen wird, und wenn endlich die
erste Silbe, ja,
keilschriftlich richtig entziffert und phonetisch mit
ja richtig gedeutet ist, dann
— ja, dann — kann das Wort ja-ah-ve
heissen. ²) Wahrhaftig, dieser babylonische Jahve dauert mich,
denn
seine Gottheit ruht in der That auf sehr zerbrechlichen
Thonfüssen! Doch glaube der Leser nicht, dass wir schon am
Ende seien. Denn nun kommt zuguterletzt noch eine Eigentümlichkeit
aller semitischen Sprachen hinzu und stellt die D e u t u n
g des Namens,
auch wenn er als Ja-ah-ve-ilu
gelesen wird, in Frage. Unsere
indogermanische Unterscheidung zwischen dem Substantivum und dem
Verbum,
überhaupt zwischen den Sprachteilen, besteht nämlich in den
semitischen Sprachen nicht in der selben Weise. Das Wort
—————
¹) Ein h
ist nicht wirklich vorhanden, sondern es handelt sich um
die
Stellung des spiritus
lenis,
in dem einen Falle 'a, 'i, 'u,
in dem
anderen a', i', u'. Da aber
Delitzsch ein h
hineingekünstelt hat — was der Lesung »Jahve«
wunderbare Dienste leistet — so habe ich geglaubt, dem Beispiel eines
so hervorragenden
Fachmannes folgen und die Sache in der angegebenen Weise verdeutlichen
zu dürfen.
²) Seitdem Obiges geschrieben ward, ist die
zweite Hälfte der
neuen Auflage von Eberhard Schrader's erschienen, von Prof.
Heinrich Zimmern bearbeitet.
Dieser
Gelehrte, eine anerkannt erste Autorität auf dem Gebiete der
Assyriologie, liest auf unserer Thontafel Die
Keilinschriften und das Alte
Testamentja'-pi-ilu
(nach Delitzsch's
Schreibweise ja-ah-pi-ilu);
die Lesung ja'-ve
verwirft er, oder vielmehr findet er gar nicht diskutierbar. Von ihm
erfahren wir auch, dass es ausser den oben — von König aus
Delitzsch's Wörterbuch entnommenen — Lesungen
für jene zweite Silbe, also pi,
me, ma, a, tu, tal, we, wa, noch
drei weitere giebt, nämlich wi,
wu und u (s. S. 468,
Anm. 6). Das
sind also elf Möglichkeiten statt der sechs von mir in Rechnung
gebrachten. Es ist nötig, diese Unsicherheit der Entzifferung
gehörig zu betonen, denn ich habe in gewissen Kritiken diese
Behauptung verhöhnt gefunden, und in der Christlichen
Welt vom 2.
Okt. d. J. versteigt sich ein Gelehrter sogar zu der Versicherung,
diese assyrischen Texte würden »mit
ungefähr derselben Sicherheit gelesen, wie man griechische und
lateinische Inschriften liest«. Obiges beweist, dass das nicht
der Fall ist. Mir wird von durchaus kompetenter fachmännischer
Seite versichert, dass die Lesung eines vereinzelt vorkommenden Wortes
stets
zweifelhaft bleibt, und wir sehen an diesem konkreten Beispiel, dass
jeder einzelne Fachmann das Wort anders liest.
50
Babel und Bibel
»Jahve«,
wenn es wirklich hier zu lesen ist, braucht
durchaus nicht als ein Hauptwort aufgefasst zu werden, es könnte
ebensogut ein Zeitwort sein; die Art der Zusammenstellung lässt
sogar jeden Semitisten (so wird mir versichert) sofort das Letztere als
das Wahrscheinlichere voraussetzen; und in diesem Falle würde der
Name Ja-ah-ve-ilu etwa
»Gott lebt« oder »Gott giebt
Leben« bedeuten, also ungefähr dem altdeutschen Namen
Gottsleben oder dem französischen Dieulefit entsprechen, was dann
auch bestens mit den vorhin genannten, in Babylon üblichen Namen
»Gott hat gegeben« (Dieudonné), »Gott mit
mir« (Gottlieb) u. s. w. übereinstimmen würde. ¹)
Und da
nun von den vielen Zeugnissen, die die Wissenschaft heute besitzt, kein
einziges dafür spricht, dass Hammurabi und seine Leute einen Gott
unter dem Namen Jahve verehrten, wogegen es mit absoluter
wissenschaftlicher Sicherheit aus zahlreichen Dokumenten festgestellt
ist, dass Hammurabi und seine zeitgenössischen Landsleute den
Sonnengott, den Mondgott, Sterngötter, Stadtgötter u. s. w.
anbeteten — Hammurabi's Vater hiess Sin-mubalit,
»der Mond (resp.
der Mondgott) giebt Leben«, seinem Sohn gab er den Namen
Schamschu-iluna, »die
Sonne ist unser Gott« — so ist
diejenige Deutung des höchst hypothetischen, durch allerhand
Kunststückchen zusammengeschmiedeten Wortes Ja-ah-ve-ilu, die
Delitzsch giebt (und zwar so giebt, als handle es sich um eine
ausgemachte Thatsache) ohne Zweifel für falsch anzusehen.
Wollten wir noch einen Beleg, so gäbe ihn uns
Delitzsch's zweiter
Keilschriftname, den er als Ja-hu-um-ilu
anführt. Hier liegt die
Sache nämlich verhältnismässig klar; die Inschrift ist
längst bekannt, da sie Sayce schon vor fünf Jahren und Hommel
schon vor vier Jahren besprochen hat. Nur hat sich hier — wenn wir uns
auf Hommel und neuerdings auf König, der den Originaltext
verglichen hat (S. 40), verlassen können — Delitzsch eine kleine
Korrektur erlaubt, indem er Ja-hu
liest, wo in Wirklichkeit Jâ-u
steht,
so dass
—————
¹) In dem soeben genannten Werke, S.
468, spricht Zimmern die
Meinung
aus, dass in der That das ja'-pi
(resp. ja'-ve, nach
Delitzsch) und
auch das ja-u-um der zweiten
Keilinschrift ȟberhaupt keinen
Gottesnamen enthielten, sondern ein Adjektiv, bezw. ein Verbum
darstellten«. — S. 354 führt er ausserdem
aus,
dass das ilu der
kanaanäischen und aramäischen Semiten,
welches als Bestandteil von Eigennamen zu Hammurabi's Zeiten vorkommt —
siehe Delitzsch's ersten historischen Beweisversuch — nicht den
allgemeinen appellativischen Sinn
»Gott« trug,
sondern der Name eines speziellen Gottes unter andern Göttern war!
51
Babel und Bibel
der
Name nicht Ja-hu-um-ilu
heisst, sondern vielmehr Jâ-u-m-ilu,
und
dies bedeutet nicht etwa »Jahve ist Gott«, sondern —
d e
r M o n d i s t G o t t!
Natürlich
muss die Lesung und die Deutung auch dieses zweiten
Namens aus den oben angegebenen Gründen sehr problematisch
bleiben, doch hier wenigstens sprechen allerhand Gründe zu Gunsten
der bestimmten Lesart und Deutung, namentlich die Thatsache, dass der
Name von Arabien her bekannt ist, so dass wenigstens von
Wahrscheinlichkeit die Rede sein kann. ¹)
So stürzt denn das ganze, ebenso zuversichtlich
als flüchtig
aufgerichtete Gerüst zusammen, ein wahrer babylonischer Turm, aber
ein papierener. Und statt des pomphaft verkündigten
»ungeahnten
Ausblickes« in die Werdestatt des Monotheismus bleibt uns nichts
als ein freilich sehr unerwarteter »Einblick« in die
Werkstatt
laxer Philologie und phantasievoller Geschichtsfabrikation.
Doch ich kann diesen Abschnitt noch nicht
schliessen. Halbe Arbeit,
keine Arbeit, sagt das Sprichwort; ich muss die Taktik unserer
semitomanen Gegner bis auf den letzten Rest aufdecken. Und war das
bisher Besprochene ein Beweis, dass Gelehrsamkeit und
Urteilsfähigkeit in die Brüche gehen, sobald die eine fixe
Idee, den Semiten zu erheben, den Geist gefangen genommen hat, so hat
Delitzsch geglaubt, noch ein Übriges thun und nicht bloss den
Semiten erheben, sondern noch ausdrücklich den Indogermanen
erniedrigen zu müssen, und damit hat er geradezu eine schlechte
That begangen — mag auch der Wahngedanke, an dem er leidet, ihn
entschuldigen.
Die ersten Sätze der soeben abgehandelten
Ausführungen
über den angeblichen Monotheismus und Jahveglauben der
präabrahamitischen Semiten lauten nämlich folgendermassen:
»Seltsam! Niemand weiss mit Bestimmtheit zu sagen, was unser
deutsches Wort 'Gott' ursprünglich bedeutet. Die Sprachforscher
schwanken zwischen 'Scheu-Erregung' und 'Besprechung'. Dagegen ist das
Wort, welches die semitischen Kanaanäerstämme .... für
Gott ausgeprägt haben, nicht allein klar, sondern es erfasst den
Begriff der Gottheit in einer Hoheit und Tiefe ...... etc.
etc.« (Folgt dann das ganze Märchen über el, das
Ziel, Hammurabi der grosse Monotheist u. s. w.) Wer nur ein
—————
¹) Nach Zimmern — siehe letzte Anmerkung
— ist Hommel's oben
gegebene
Deutung wahrscheinlich insofern unrichtig, als die drei ersten Silben
überhaupt kein Nennwort, sondern ein Eigenschafts- oder Zeitwort
darstellen. Jensen urteilt (a. a. O.) wieder anders; so viele
Assyriologen, so viele Deutungen.
52
Babel und Bibel
klein
wenig Bescheid weiss in diesen Dingen, durchblickt sofort die
unbewusste Perfidie dieser Aufstellung; doch wer unter Laien weiss
Bescheid? sehr wenige; und der naive Ungelehrte, der von den Lippen
dieses rühmlichst bekannten Gelehrten vertrauensvoll gierig
Weisheit saugt, tritt in die ganze Betrachtung mit dem
niederdrückenden Gefühl, dass wir Germanen wirklich geistig
sehr tief stehen müssen und es kaum wagen sollten, zu dem
erhabenen Hammurabi, geschweige zu einem jüdischen Propheten die
Augen aufzuheben. Aber nur getrost, armer Germane, du darfst schon
aufblicken, und ich möchte dir sogar raten, die Methoden deiner
Widersacher ein letztes Mal recht scharf ins Auge zu fassen.
Wie es mit el
steht, wissen wir jetzt, und wir wissen, dass
betreffs der »ursprünglichen Bedeutung« dieses Wortes
»die Sprachforscher schwanken«, was sie nur schwanken
können. Hier wird sich wahrscheinlich nie etwas Sicheres ausmachen
lassen. Bei »Gott« ist das weit eher der Fall. Denn es darf
wohl als mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgemacht gelten, dass Gott
»der Angerufene«, Derjenige, zu dem Gebet und Opfer
»aufsteigen«, bedeutet. Die von Osthoff gegebene
Ableitung ¹) (auf die sich Delitzsch stützt) zwingt gar
nicht, den
Begriff des »Berufens«, des »Zauberns«
anzunehmen; vielmehr bedeutet die Wurzel, auf die er zurückgeht,
einfach »rufen«, »anrufen«, und die
Nebenbedeutung des Zauberns wird nur einer vorgefassten Theorie zuliebe
hineingelesen. Und am interessantesten bleibt jedenfalls die (S. 225
Anm. erwähnte) Thatsache, dass »Gott«
ursprünglich ein Neutrum war und »das Göttliche«,
nicht den persönlich gedachten »Gott« bedeutete.
Doch gleichviel. Möge das Wort Gott — da
Delitzsch es so will —
»Scheuerregung« oder »Besprechung« bedeutet
haben; wir wollen es annehmen. Was er ebenso gut und besser als ich
weiss, ist, dass die Gegenüberstellung von el und
»Gott« ein ähnliches Beginnen ist, wie wenn ich,
behufs Vergleichung, Russland und Lippe-Detmold — nicht Russland und
Deutschland — einander entgegenstellen wollte. el ist eine allen
semitischen Sprachen gemeinsame und zwar ihre einzige Bezeichnung
für den Gottesbegriff; daneben käme nur noch
Elôhîm in
Betracht, ein Wort, das z. B. im ersten Vers der
Genesis steht und dort gewöhnlich mit »Gott«
übersetzt wird. Elôhîm
ist aber eine Mehrzahlbildung
und bedeutet im
—————
¹) Beiträgt
zur Kunde der indogermanischen Sprachen, XXIV,
177 fg.
(nach O. Schrader).
53
Babel und Bibel
eigentlichen
Sinne »die Schrecknisse« und im abgeleiteten
»die Dämonen«; also bleibt el (resp. îl, ilu u.
s. w.), das einzige semitische Wort für Gott. Dagegen besitzen die
indogermanischen Sprachen — ihren weit entwickelteren religiösen
Instinkten entsprechend — eine ganze Reihe wurzelhaft verschiedener
Namen für die Gottheit. O. Schrader zählt in seinem
Reallexikon der indogermanischen
Altertumskunde (1901) sieben auf; und
mag auch die Unterscheidung in dem einen Fall zweifelhaft sein,
fünf oder sechs grundverschiedene Worte bleiben als Minimum. Von
diesen sind es namentlich zwei, welche im Indogermanentum eine
ähnliche Rolle gespielt haben, wie el auf dem semitischen
Gebiete: einerseits deiwos,
altnordisch týr —
heute noch als deus,
dieu, dio, divine u. s. w. ein lebendiger Bestandteil unserer
Sprachen;
andrerseits bhaga, persisch bagha, ebenfalls heute noch in
allen
slavischen Sprachen in der Form bogŭ
lebendig. Es kommt aber dazu noch
das oben erwähnte ans,
ós, áss (vergl. »Asene), das
namentlich im Nordischen sehr gebräuchlich war und ebenfalls auf
eine gemein-germanische Wurzel zurückgeht; dann das dem
gräcolateinischen Sprachkreis geläufigere numen, und noch
andere weniger verbreitete Bezeichnungen. Und was bedeuten diese Worte,
wenn man sie etymologisch zurückverfolgt? Hier sind wir besser
daran als bei den semitischen Sprachen, bei denen die Wurzeln meistens
unauffindbar bleiben; hier können wir in den meisten Fällen
bestimmt antworten. Deiwos
heisst »der Strahlende«,
»der Glänzende«, »der Himmelsfürst«.
Ein stolzes Wort fürwahr, würdig eines
Heldengeschlechtes! Bhaga
legt den Nachdruck auf eine andere Seite des göttlichen Wesens und
bedeutet »der gütig
Spendende«, »der barmherzig Zuteilende«. Bei
germanisch ansuz ist die
Ableitung allerdings zweifelhaft; meistens wird Zusammenhang mit
indisch ásu
angenommen, wonach die Vorstellung »Geist« zu Grunde
läge und das würde den aus dem todten Körper entflohenen
Geist bedeuten (Schrader a. a. O., S. 302); ebenso zulässig
wäre aber
die Ableitung aus indogermanisch an
(vergl. griechisch anemos,
lateinisch
animus), was
»wehen«, »atmen« und daher
»Seele« heisst; Kluge wiederum (Etym. Wörterbuch, 6. Aufl. S.
I49) glaubt an die Zusammengehörigkeit mit ansts = Gnade. Auf alle Fälle
liegt diesem
Wort etwas Ahnungsvolles, in ein Jenseits Hinausweisendes zu Grunde.
Diese unsere verbreitetsten indogermanischen Worte für die
Gottheit knüpfen also an die strahlende Schönheit der Natur,
an die
siegende Güte des Herzens, an die Ahnung einer transscendenten
Geisteswelt
54
Babel und Bibel
an,
und jedes einzelne von ihnen kann getrost den Vergleich mit el
aufnehmen, möge dieses »der Starke« oder »das
Ziel« bedeuten, gleichviel. Das alles verschweigt aber Prof.
Delitzsch und holt nur das jüngere, auf wenige Sprachen
beschränkte Wort »Gott« heraus. Die Verbreitung des
Wortes »Gott« im Germanischen als einziger Bezeichnung
für die Gottheit, dazu die fast spurlose Vertilgung von týr und áss, die
früher hier verbreitet gewesen waren, ist aber ein
historisch nachweisbarer Gewaltakt des Christentums. Der gute Wulfila,
der ja Mühe genug hatte (vergl. S. 626), die unseren Vorfahren
völlig fremden Begriffe der semito-syrischen christlichen Kirche
verständlich und plausibel zu machen und der als Arianer sein
Bestes that, das rein menschliche Element im Christentum der
unbegreiflichen Dreieinigkeitslehre gegenüber zu betonen, musste
ausserdem bestrebt sein, den Unterschied zwischen dem neuen
»Gott« und dem alten, in tausend Gestalten schimmernden
»Göttlichen« vom ersten Augenblick an im Namen
deutlich hervortreten zu lassen. Und darum holte er das Wort
»Gott« heraus, als ein wenig gebrauchtes und infolgedessen
wenig verfängliches, und prägte es zu der einzig
gültigen Bezeichnung für den »Vater« um, zu dem
Christus zu beten gelehrt hatte; wogegen der strahlende týr und
der
tiefsinnige áss von
nun an das spezifisch »Heidnische« im
Gottesbegriff verkörperten und darum nach und nach gänzlich
entschwanden. Wo die Kultur schon feste Formen angenommen hatte (im
Westen und Süden) und wo das Christentum erst später, bei
gefestigteren politischen Zuständen durchdrang (im Osten), da
blieben die alten indogermanischen Worte für »Gott« —
Dieu und Bog — in Geltung; in den
Ländern germanischer Zunge
dagegen gingen sie ein — der Sprache zu ewigem Verluste.
Man sieht, was es mit der Gegenüberstellung von
»Gott«
und el für eine
Bewandtnis hat. Als advokatische Kniffe, um
nämlich eine schlechte Sache in den Augen unwissender
Schöffen gut erscheinen zu lassen, könnte man derartige
Überzeugungsmittel entschuldigen, der ernsten Wissenschaft aber
sind sie kaum würdig, und dem vertrauensvollen Laien
gegenüber sind sie unverantwortlich.
—————
In seinem Babel
und Bibel thut Prof. Delitzsch meinen Grundlagen die
Ehre an, sie zu citieren, und er meint, »das Märchen von den
an
religiösem Instinkt von jeher erstaunlich armen Semiten«
würde
55
Arischer und semitischer Monotheismus
»an
diesem einzigen Wort el
zerschellen«. Der Gelehrte
scheint durch die Lektüre meines Buches in eine babylonische
Stimmung
geraten zu sein: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und
zerschmettert sie an den Stein!« Doch ganz so wehrlos wie junge
Kinder lassen sich Wissenschaft und Wahrheit nicht zerschellen; und —
mag ich auch ein schlechter Anwalt gewesen sein — was meiner
Darstellung Wirkung verliehen hat, ist die Thatsache, dass Wahrheit
überall durchschimmert und dass bei ihrem Anblick die Lüge
von Jahrhunderten wie ein Alp vor dem Morgen verschwindet. Ich selber
habe daran nicht das geringste Verdienst, ausser, dass ich es
verstanden habe, an den Quellen reinster, zuverlässigster
Wissenschaft zu trinken, mit ängstlicher Vermeidung aller
Halbgelehrsamkeit und aller Phantasterei. Um die religiöse Armut
des Semiten (im Vergleich zum Indogermanen) darzuthun, habe ich mich
ausschliesslich auf Forscher ersten Ranges berufen; selbst ein
Robertson Smith, der alle mögliche Voreingenommenheit eines
christlichen Theologen für die Semiten mitbringt, muss als
ehrlicher Forscher gestehen, die reinen Semiten seien »very
defficient in religion in the ordinary sense of the word«,
sehr
arm an Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes; ¹)
ausserdem habe
ich mit dem Blick eines freien, durch keinerlei theologische
Voreingenommenheit beengten Mannes die Weltgeschichte und die
Weltlitteratur befragt, habe die heiligen Bücher Indiens und die
Geschichte unserer christlichen Kirchen studiert, dazu die
Weltanschauung der grossen Denker; überall erhielt ich die selbe
Antwort. Was ich darthue, war dem unbefangenen Gelehrten nicht
unbekannt, uns Ungelehrten war es aber meistens neu. Heute ist es uns
unverlierbar. Und ist die Kunde erst bis in das Herz jedes germanisch
fühlenden Menschen gedrungen, so wird das die endgültige
Befreiung aus der flügellähmenden Knechtschaft der
priesterlichen, syrosemitischen Religion sein, damit zugleich die
Erlösung von dem engen, materialistischen Monotheismus zu unserem
eigenen, von je auf je besessenen, doch gewaltsam unterdrückten
und im Interesse unserer Leviten verfolgten Gottesbegriff.
Hierüber eine letzte Ausführung. Denn nun
gilt es das Alte
Testament gegen Delitzsch in Schutz zu nehmen und zu zeigen, dass die
Vorsehung uns in der Bibel selbst die Waffe geliefert hat, um jene
religiöse Emanzipierung zu erkämpfen, von der ich anfangs
sprach.
—————
¹) Lectures
on the religion of the Semites, 1894, S. 47.
56
Arischer und semitischer Monotheismus
Jetzt
erst werden wir die wahre Bedeutung der babylonischen Forschungen
für unser religiöses Leben erkennen.
Wenn auch Delitzsch hier und da mit Begeisterung von
dem Alten
Testament spricht, im Grunde genommen wird es durch seine
Ausführungen hinfürder überflüssig, denn auf dem
Wege, auf den er — und mit ihm manche »freisinnige«
Theologen und neuere jüdische Apologeten — uns hinauslocken
möchte, löst sich das Christentum in eine Art
Ur-Mohammedanismus auf. Was brauchen wir uns mit der verwickelten und
oft schwer verständlichen israelitischen Geschichtslegende
abzugeben, wenn schon der würdige Hammurabi und seine Leute, 2500
Jahre vor Christo, an den einen Jahve glaubten, wogegen lange nach ihm
— wie die Bibel an fünfzig Stellen bezeugt — Abraham und seine
Nachkommen den el-shaddaj,
den el-eljon, den el-olam, den el-ro'i und allerhand andere
Lokalgötter verehrten?
Delitzsch behauptet: »was die weltgeschichtliche Bedeutung der
Bibel ausmacht, ist der Monotheismus«. Nun giebt er sich aber
alle erdenkliche Mühe, nachzuweisen, dieser Monotheismus sei
»ein uraltes Erbteil« der nicht-israelitischen Semiten;
somit
entschwindet heute diese Bedeutung der Bibel, die ja nur eine
mittelbare war, fussend auf unserer bisherigen Unkenntnis des
wirklichen Zusammenhanges. Ich glaube aber, hier liegt wieder ein
ungeheurer Urteilsfehler vor. Dass die Bibel den Glauben an den einen
Jahve lehrte (das heisst in ihrer späteren Umarbeitung lehrte),
hat nur für die Juden Bedeutung gehabt, indem diese dadurch
erhielten, was später Mohammed — in weit grossartigerer Auffassung
— den Arabern gab. Wir dagegen haben sofort — gleich im ersten
christlichen Jahrhundert — diesen israelitischen Gott entfernt und die
Trinität an seine Stelle gesetzt. ¹) Nicht also dieser
priesterliche, abstrakt-materialistische Monotheismus, von dem wir
jetzt ganz genau wissen, dass er sehr spät und zwar in
unmittelbarer Fühlung mit der hierarchischen und antistaatlichen
Partei
—————
¹) In seinem neuen Werke Die
Mission und Ausbreitung des Christentums
in den ersten drei Jahrhunderten, 1902, macht Adolf Harnack
darauf
aufmerksam: erstens, dass »das Christentum, wie es
verkündigt wurde, Monotheismus
schlechthin« nicht genannt werden kann (S. 18), zweitens, dass im
römischen Reich schon vor dem Beginne der christlichen Predigt
»im Grunde die ganze Denkweise
monotheistisch
war« (S. 23). Weder haben wir das Alte Testament nötig
gehabt, um
Monotheisten zu werden, noch hat das Alte Testament es vermocht, uns
den Monotheismus im
unverfälscht semitischen Sinne aufzudrängen. Es geht doch
nicht an, einer fable convenue
zuliebe geschichtliche Thatsachen hartnäckig zu leugnen.
57
Arischer und semitischer Monotheismus
in
Babylon entstand, ¹) nicht er macht die Bedeutung des Alten
Testaments für uns aus, — im Gegenteil, das ist seine
Beschränkung und sein Makel, der fortdauernd Böses zeugt;
vielmehr liegt der unvergleichliche Zauber dieses Buches in dem
begründet, was Goethe ausspricht: »Diese Schriften stehen so
glücklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein
täuschendes Ganzes entgegentritt«. ²) Es ist das Werk
als
Werk —
nicht, was es lehrt, sondern
was es ist —, was
unvergänglichen
Wert besitzt. Dieses Werk ist eines der grössten Kunstwerke, das
die Menschheit hervorgebracht hat. Mag man nun mit den schlicht-frommen
Menschen sich ein solches Wunder einfach als »Gottes Werk«
deuten, oder mag man den tausend historischen Fäden
nachspüren, die hier zusammenlaufen: das bleibt sich ziemlich
gleich; »erklärt« wird es weder durch die eine noch
durch die andere Auffassung; und zwar ebensowenig erklärt wie alle
die übrigen Wunder, von denen umringt wir leben. Entscheidend ist
einzig, dass man sich bewusst sei, hier ein in seiner Art
Unvergleichliches zu besitzen, und dass man nicht in den priesterlichen
Fehler verfalle, über dem blassen und einengenden Gedanken, den
spätere Generationen ihren Theorieen, beziehungsweise ihren
Machtgelüsten zuliebe mühsam herausklaubten, das
unausdenkbare Leben zu übersehen, das in dämonisch-genialer
Naivetät und ungebrochener Kraft dem Werk entströmt. Wie
Goethe richtig sagt, die »fremdesten Elemente« sind hier
beisammen. Der eigentliche »Jude« ist kaum dem Blute nach
verwandt mit den Israeliten im Norden, denen wir in der Hauptsache die
Genesis verdanken; manche der am häufigsten als Belege für
die Erhabenheit jüdischer Religion citierten Propheten — z. B.
Amos, Hosea —
—————
¹) Man vergl. jetzt namentlich das
soeben erschienene, S. LXXI
genannte
Buch von E. Schrader, 1. Hälfte von H. Winckler neu bearbeitet, S.
281 fg. Jedem, der es ernst meint mit der Ergründung der
Beziehungen zwischen Juda und Babylon und überhaupt mit der
Aufklärung in Bezug auf die wirkliche
Geschichte Israels und Judas, sei dieses Werk als das unentbehrlichste
und grundlegende warm empfohlen; es ist ein wahres Denkmal deutscher
Wissenschaftlichkeit, Unermüdlichkeit, Scharfsinnigkeit und
Freiheit — sowohl in dem (historischen und geographischen) von
Winckler, wie in dem von Zimmern bearbeiteten, die Religion und die
Sprache betreffenden Teil. Hier findet man alle wünschenswerten
Angaben über weitere Litteratur. Es hat mich namentlich gefreut,
bestätigt zu finden, was ich S. 421 fg.
(besonders 426 fg.) ausgeführt hatte: dass nämlich die
Entstehung des eigentlichen Judentums ohne die Losreissung vom
Heimatboden nie hätte stattfinden können; die
Vaterlandslosigkeit ist die Voraussetzung für eine solche abnorme
Ausgeburt priesterlicher
Willkür.
²) Vergl. Grundlagen S. 454.
58
Arischer und semitischer Monotheismus
haben
mit Judäa garnichts zu thun, und was die anderen anbelangt —
einen Jesaia, einen Jeremia — so muss immer wieder daran erinnert
werden, dass das eigentliche Judenthum n a c h den
Propheten und g e g e n
die Propheten gegründet wurde. Sie zu Ehren des Judenthums
anführen, ist ungefähr dasselbe, als wollte ein Kanzelredner
heute, über Ernst Haeckel's Welträthsel
predigen. Das
aber gerade — dass das Alte Testament so reich und überreich an
fremdesten Elementen ist — macht, dass es ist, was es ist. Wobei auch
die eigenartige Zusammenwerfung von Rassen, aus denen Israeliten und
Juden hervorgingen, nicht übersehen werden darf. Vieles in der
Geschichte dieser beiden Völker ist eine beständige
Empörung g e g e n den Semitismus, und
zwar gilt dies namentlich
für die Glanzzeit; ¹) und siegte auch dieser zuletzt — dank
der
Zerstörung Israel's und der babylonischen Unterstützung
Juda's — so blieb doch in den heiligen Schriften dieser untergegangenen
Völker alles durcheinander aufgespeichert. Die Männer, die
nach der babylonischen Gefangenschaft das Judenthum gründeten,
haben alles gethan, was menschenmöglich war, um die Bibel zu
verderben und unverständlich zu machen; doch die Geschichte hatte
hier Göttliches gewoben, und dieses Göttliche schimmert noch
immer durch. — Wie der semitische Monotheismus auf das ganze geistige
Leben eines Volkes verödend, es völlig auslöschend,
wirkt, das ersehen wir aus der weiteren Geschichte Judäa's, — wie
wir es später wieder einmal im Mohammedanismus erlebten; in
letzterem Falle noch vollständiger, weil hier ein reinerer
Semitismus gestaltet, wogegen der Jude zum grösseren Theil Syrier
ist und auch amoritisches Blut in den Adern hat. Vor allem aber: was
den Juden davor bewahrte, bis auf das Niveau des Mohammedanismus
hinabzusinken, war, dass er seine Thora hatte, seine Thora voller
nicht-jüdischer Erinnerungen und nicht-monotheistischer
Vorstellungen. Sie konnte man der neuen Hierarchie in Jerusalem zuliebe
biegen und brechen und verstümmeln und interpolieren und
verfälschen, so viel man wollte, das Wahre lässt sich nicht
ganz ausrotten, — es »zerschellt« weder an el noch an Jahve.
—————
¹) Ein unverfänglicher Zeuge, der rühmlichst bekannte
jüdische Orientalist James Darmesteter, bezeugt in seinem
Sammelwerke Les prophètes
d'Israel, 1892, S. 270: »Le
judaïsme (und hierunter versteht er das Prophetentum, was
eine
ebenso beliebte wie willkürliche Deutung ist) est né dans
un milieu sémitique, mais il est la réaction la plus
absolue qu'il soit possible d'imaginer contre la religion, les
moeurs, les traditions qui régnaient dans ce milieu«;
letztere haben bald gegen diese »Reaktion« gesiegt und sie
für immer unterdrückt.
59
Arischer und semitischer Monotheismus
Für uns liegt der unvergängliche Wert des Alten Testaments
darin, dass es sowohl gegen den Neomohammedanismus des Professor
Delitzsch zeugt, wie gegen die Dogmen der Synagoge, die ins Christentum
eindrangen und unsere Religion vom ersten Tage an vergifteten. Wir
können nicht neue »heilige Bücher« erfinden; das
Buch
aber, in dem unsere Altvordern gläubig nach Wahrheit suchten,
dieses selbe Buch soll uns neue Wahrheit verkünden. In der
Religion wie in der Politik muss man Opportunist sein. Noch nie wurde
ein lebensfähiges Neues durch Zerstörung eines Alten erzielt,
sondern immer nur durch seine Umgestaltung. Und den wahren Wert der
vergleichenden babylonisch-biblischen Forschungen, abgesehen von dem
wissenschaftlich-historischen — ich rede in diesem Augenblick nur von
dem Wert für die Religion — haben wir darin zu erblicken, dass sie
nach und nach uns lehren, das Alte Testament richtiger und besser und
freier zu lesen. Dadurch wird ein Neues, eine wahre Erlösung der
Religion vorbereitet. Unser Auge wird geöffnet, der Horizont
erweitert sich. Weit entfernt, dass dieses grossartige Buch dadurch
verlieren könnte, wird es — dessen bin ich überzeugt — ganz
ungeheuer gewinnen. Dieses einzige Kunstwerk hat nichts von Vergleichen
zu fürchten; nie werden wir seinesgleichen finden; die Natur
bringt ein solches nicht zweimal hervor. Die Bibel selbst aber lernen
wir jetzt erst richtig verstehen. Auch hier wieder kann uns Professor
Delitzsch zu einer klaren Erkenntnis verhelfen, denn auch hier hat er
es verstanden, mit mathematischer Genauigkeit das Gegenteil von dem zu
sagen, was zu sagen war. Er meint nämlich (S. 44), indem die
Forschung uns zeige, dass manches in der Bibel auf fremde
Einflüsse zurückzuführen sei, würden wir dazu
gelangen, die »rein menschlichen Vorstellungen
auszuscheiden«, und dadurch werde »die wahre Religion ....
nur um so wahrer« werden. Ein schönes Programm: das
Reinmenschliche aus der Religion ausscheiden! Das ist ja die ganz
genaue Wiederholung des Programms, mit dem Hesekiel, Esra und die ganze
Schar fanatisierter Pfaffen und Zeloten ans Werk ging. Was sie begonnen
und so traurig weit geführt haben, das sollen wir jetzt noch
vollenden, und die »rein menschlichen Vorstellungen«, die
in dem
Alten Testament wie durch ein Wunder erhalten sind, ausscheiden? Man
sieht, wie Recht ich mit der Behauptung hatte, dass man uns auf diesem
Wege schnurstracks zum Mohammedanismus in neuer Auflage führen
will. Wir aber wollen es genau umgekehrt machen. Dass die Religion, an
der
60
Arischer und semitischer Monotheismus
die
unsere — und sei es noch so äusserlich — anknüpft, eine
historisch »gewordene« ist, bringt sie uns näher; der
jüdische Priesterhochmut mag unter dieser Aufdeckung der Wahrheit
leiden, nicht aber der Wert der israelitischen Bücher; und die
Entdeckung, dass es so viel Reinmenschliches im Alten Testament giebt,
so viel mehr, als wir je vermutet hatten, so ganz anders Gestaltetes
und zu Deutendes, als die Blindheit von Jahrhunderten uns hatte ahnen
lassen — das macht uns das Buch hundertmal teurer, als es je zuvor uns
war. Vers für Vers und Kapitel für Kapitel haben jene
schauderhaften priesterlichen Redaktoren, und nach den Redaktoren die
jüdischen Schriftausleger, und nach diesen die Generationen
unserer christlichen Theologen das Alte Testament unzugänglich
gemacht, verunstaltet, in sein Gegenteil verkehrt. Jetzt kam die
babylonische Forschung, an der Professor Delitzsch — denn wir wollen
ihm, was ihm zukommt, nicht vorenthalten — so glänzenden Anteil
hat, und durch sie fallen uns die Schuppen von den Augen und wir lernen
einsehen, dass dieses Buch noch weit mehr »fremdeste
Elemente« enthält, als selbst Goethe es sich träumen
liess, darunter viel »Reinmenschliches« und
»Unsemitisches«.
Ich möchte dem Leser ein einziges Beispiel
geben, denn es handelt
sich um gar wichtige Dinge, und wir dürfen auf einige Seiten
Papier mehr oder weniger nicht sehen.
Ich mache meine Bibel auf und lese als ersten Vers
des ersten
Kapitels: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Nun
weiss natürlich jeder sprachlich gebildete Theologe seit jeher,
dass kein einziges Wort von dem allen im Text steht. Es steht nicht
»im Anfang«, es steht nicht »schuf«, es steht
nicht »Gott«, es steht nicht (wenigstens nicht in unserem
Sinne) »Himmel und Erde«. Welcher Laie ahnt das aber? Man
darf sagen, kein Dogma steht fester im Hirne jedes Gläubigen als
das der Erschaffung der Welt aus Nichts, der sog. creatio ex nihilo. In
mehreren Flugschriften, die gegen Delitzsch's Babel und Bibel von
streng kirchlicher Seite erschienen sind, finde ich hervorgehoben, wie
gross der Unterschied sei zwischen dem babylonischen Mythos, wo Gott
aus dem Urmeer das obere Wasser (die Atmosphäre) und das Land
ausscheidet, und dem Bericht des Alten Testaments, wo »der
Schöpfergott, streng monotheistisch gedacht, durch sein
Allmachtswort Himmel und Erde ins Dasein ruft« u. s. w.
»Das«, schreibt der eine Verfasser, »sagt uns das
erste
Blatt der Bibel.« ¹) Ja, u n s
—————
¹) Professor Dr. S. Oettli: Der Kampf um Bibel und Babel, S. 9
u. 17.
61
Arischer und semitischer Monotheismus
sagt
es das; doch nur, weil die Exegetik der jüdischen Priester —
dieser unvergleichlichsten Textverdreher, die es je gab — es so gewollt
hat, nur, weil das enge, völlig materialistische, zu keiner
Spekulation fähige semitische Hirn es sich so dachte und sich
einbildete, mit dem augenfälligen Widersinn einer Entstehung der
Materie aus Nichts etwas gesagt, ja die Existenz der Welt
»erklärt« zu haben; und nur weil die christlichen
Doktoren diese Interpretation als eine geheiligte überkamen und
weiter darauf bauten. Gerade hier aber, in der üblichen Deutung
dieser ersten Worte der Genesis, wurzelt jene Thatsache, die Renan zu
gestehen zwingt: »semitischer Monotheismus ist der
geborene Gegner aller echten Wissenschaft«, und die Kant
erklären lässt: »Ihr müsst zwischen Jahve, dem
deus ex machina, und Gott, dem
deus ex anima, wählen,
für
beide ist nebeneinander nicht Platz«; hier wurzelt also der nie
beizulegende Widerstreit zwischen unserer Religion und unserer
Weltanschauung. Und doch mit Unrecht; denn der Text dieses Buches, das
wir gewohnt sind, ein »heiliges« zu nennen, sagt das nicht
und weiss nichts von der semitischen Erfindung einer creatio ex nihilo.
Und da frage ich einen frommen Buchstabengläubigen — ich selber
bin keiner, ich verehre aber, die es sind, und traue ihnen keine
lügenhafte Sophistik in ihrer Beantwortung zu — ich frage: soll
ich voraussetzen, dass der Heilige Geist nicht gewusst hat, was er
sagen wollte? und dass jüdische Schriftdeuter aus der
nachexilischen Zeit es besser verstanden haben? so dass ich diesen mehr
glauben soll als Jenem?
Was steht nun in Wirklichkeit geschrieben? Es ist
nicht ganz leicht, es
genau wiederzugeben, weil der verschiedene Geist der Sprachen dies fast
unmöglich macht; man kann aber leicht bestimmen, was n
i c h t gesagt ist.
Zunächst steht nicht »im Anfang«;
man kann sich in
jedem ausführlichen wissenschaftlichen Kommentar davon
überzeugen.
Was wir »im Anfang« nennen, also als Bezeichnung eines
Uranfänglichen, wird hebräisch durch ein ganz anderes Wort
ausgedrückt. Das
Wort berešîth bedeutet
»in der Anfangszeit«,
»damals als«, »zuerst«; es wäre z. B. in
einem Märchen anwendbar, wenn von Grossvater und Grossmutter die
Rede ist. Es setzt geradezu eine vorangehende Zeit voraus. Das zweite
Wort, barâ, hat niemals
den Sinn
»schaffen« getragen. Es heisst (in den verschiedenen
anderen semitischen Sprachen ebenso
wie im Hebräischen) »auseinanderlegen«,
»auswickeln«, »ausscheiden«,
»loslösen«; so z. B. wenn man einen chemischen Stoff
in
seine ele-
62
Arischer und semitischer Monotheismus
mentaren
Bestandteile »zerlegt«. Nirgendwo fand ich ein
einzelnes Wort, das den Sinn genau wiedergegeben hätte, und kein
Gelehrter konnte mir dazu verhelfen; doch das Gesagte genügt zu
einer annähernd präzisen Vorstellung vom Begriffskreis des
Wortes barâ und zeigt,
dass gerade so wie berešîth eine
vorhandene Zeit, barâ ein
vorhandenes Etwas voraussetzt. — Das dritte
Wort ist nicht Gott, weder als el
noch als Jahve, sondern eine
Mehrzahlbildung von häufiger Anwendung und ganz zweifelloser
Bedeutung: elôhîm,
die Dämonen. Dass die späteren
Juden gemeint haben, überall, wo in ihrer Heiligen Schrift
»die Dämonen« stehe, müsse Gott verstanden
werden, ist anerkennenswert; es ist aber unverantwortlich, dass wir
Ungelehrte nie im Leben erfahren, im ersten Vers der Bibel stehe nicht
»Gott« — der monotheistische Gedanke — sondern »die
Dämonen« (im eigentlichen Sinne »die
Schrecknisse«). — »Himmel und Erde« ist insofern auch
durchaus falsch übersetzt, als wir uns unter »Erde«
unseren
Planeten denken, wogegen das hebräische erez das
»Land« heisst, das feste, trockene Erdreich im Gegensatz
zum Wasser und zur Atmosphäre; und šamâyîm bedeutet
nicht »Himmel« im Sinne des Sternenhimmels (die folgenden
Verse würden ja allein genügen, dies darzuthun), sondern das
als eine Art Kuppel auf die Erde aufgesetzt gedachte
»Luftreich« ¹) — Und noch einen letzten Fehler weist
unsere
Übersetzung auf, einen zwar kleinen, doch nicht
geringfügigen: wir setzen nämlich nach den Worten »Am
Anfang schuf Gott
Himmel und Erde« einen Punkt, als wäre der Satz fertig, als
wäre die erste und wichtigste Schöpfungsthat vollendet,
obwohl das ganze Folgende uns hätte zeigen sollen, welche Gewalt
dem Sinne hierdurch geschieht. In Wirklichkeit ist dieser Satz nur
gleichsam ein Titel, eine Vorverkündigung dessen, wovon im
Folgenden die Rede sein soll, wie wir das auch sonst in naiven
Erzählungen häufig finden. Also etwa: »Als zu Beginn
die Dämonen das Erdreich und das Luftreich ausschieden«
(nämlich aus dem »Urmeer« ausschieden, wie gleich
darauf
erklärt wird) .... da geschah folgendes; und nun setzt die
Erzählung ein und meldet, wie zunächst die Finsternis, die
auf dem »Urmeer« oder Chaos lag — also auf dem schon
vorhandenen, nur noch nicht auseinandergewickelten Stoff — durch Licht
aufgehellt wurde,
—————
¹) Ähnlich heisst es in der Völuspâ, dem ersten
Liede der
älteren Edda, es habe einst ein Zeitalter gegeben, wo:
Nicht Erde fand sich noch Ü b e r h i m m e l.
63
Arischer und semitischer Monotheismus
und
sodann jene angekündigte Ausscheidung der »Feste«
zwischen
den oberen und unteren Wassern (nämlich des Luftreiches), und
sodann der zweiten Feste (nämlich des trockenen Erdreiches) —
beides aus dem Urwasser, in welchem sie potentiell (d. h. der
Möglichkeit nach) schon enthalten gewesen waren — durch Zerlegen
und Auseinanderbreiten stattfand.
Das ist der wirkliche und genaue Sinn des ersten
Verses der Genesis.
Warum soll ich ihn den Rabbinern und den alten ignoranten
Kirchenvätern zuliebe Wort für Wort zu etwas Anderem
umdeuten? Dass wir aber jetzt im Stande sind und nach und nach immer
vollständiger in den Stand gesetzt werden, das Alte Testament
richtig zu verstehen, es rein menschlich und nicht mehr bloss als
künstlich-hierarchische Geschichtskonstruktion zu Ehren des
Jahvevölkchens aufzufassen, das verdanken wir in erster Reihe den
Arbeiten der Geschichts- und Sprachforscher. Das Alte Testament steckt
voller Mythen; fast jedes Wort der ersten Verse der Genesis deutet auf
eine mythische Vorstellung; das Meiste lernen wir aber jetzt erst
verstehen; denn der Jude selber hatte gar kein Interesse für das
Mythische und Metaphysische (siehe Grundlagen
S. 398 fg.), so dass
diese Dinge gleichsam gegen seinen Willen und ohne sein Wissen
hineingekommen sind. Es ist alles fremdes Gut. Und doch ist es
wahrscheinlich, dass wir die Schöpfungserzählung, die
Sintflutgeschichte und andere Mythen hier in reinerer Gestalt vorfinden
als in den bisher bekannten babylonischen Fragmenten, und zwar aus
einem sehr einfachen Grunde. Alles spricht nämlich dafür,
dass die Überlieferung, die hier zu Grunde liegt, eine uralte ist,
die Israel (nicht Juda!) in Kanaan kennen lernte, ausserdem mögen
wohl einige Züge aus einer frühesten Berührung der
Hebräer mit Babylonien herdatieren, also aus der Zeit
Hammurabi's; ¹) was wir dagegen aus Babylonien besitzen — so z. B.
die
vielgenannte Sintfluterzählung, auf die auch Delitzsch sich beruft
(und die er S. 31 abbildet) — datiert erst von Assurbanipal
(Sardanapal), circa um 650 vor Christo, ist also nur wenige Jahre
älter als die babylonische Gefangenschaft, und vielleicht 2000
Jahre oder mehr jünger als die Überlieferung, die — wenn auch
noch so verunstaltet — im Alten Testament aufbewahrt ist. Das darf man
beim Vergleich ja nicht übersehen, denn nicht zum geringsten Teil
wird darin die grössere
—————
¹) Vergl. namentlich Gunkel: Genesis übersetzt und
erklärt, 1901, S. XLI und 118.
64
Arischer und semitischer Monotheismus
Schlichtheit
und Reinheit der biblischen Züge begründet
liegen. Wir dürfen nämlich bestimmt hoffen, je weiter wir
zurückgehen, um so näher jenem n i c h t - s e m
i t i s c h e
n Ursprung aller uns als »babylonisch«
überlieferten
Mythen zu treten, und nichts ist so geeignet wie das Alte Testament —
jetzt, wo wir es verstehen lernen —, uns diesem Ziele
entgegenzuführen. Denn die Thatsache, dass die jüdischen
Priester für das Mythische nicht das geringste Verständnis
besassen, macht, dass sie es zwar vielfach verstümmelten und
möglichst ausschieden, die uralten Volkstraditionen aber nicht um-
und ausbauten, wie das die gelehrte babylonische Hierarchie im Laufe
ihrer vieltausendjährigen Herrschaft gewiss that, — und letzteres
ist es, was bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, wogegen wir in
Genesis I und II fast Wort für Wort auf uralte Vorstellungen
nicht-semitischer Völker zurückgeführt werden.
Goethe warnt uns: »einer neuen Wahrheit ist
nichts
schädlicher als ein alter Irrtum«, und dazu kommt in diesem
Falle der Umstand hinzu, dass — abgesehen von dem enormen Prozentsatz
an
Rassenjuden — ein grosser Teil unserer Semitisten und Assyriologen und
wohl alle unsere wissenschaftlichen Bibelforscher Theologen sind; man
weiss ja, wie schwer es ist, die Tonsur völlig zuwachsen zu
lassen, als wäre sie nie gewesen; selbst bei unseren
freisinnigsten Exegeten trifft man Schritt für Schritt auf
priesterliche Anschauungen und Voraussetzungen. Doch Tag muss es
werden; gerade die Liebe und die hohe Wertschätzung der Bibel, die
wir geerbt und mit der Muttermilch eingesogen haben, wird uns
veranlassen, mit Begeisterung die Offenbarung der völlig neuen
Bedeutung des Alten Testaments aufzufassen, und dadurch wird von heute
auf morgen eine grosse Umwälzung stattfinden: eine Befreiung vom
jüdischen Priestergesetz und seinem sterilen, Wissenschaft und
Philosophie lahmlegenden Gottesbegriff d u r c
h d i e B i b e l. Zwar werden
wir nach wie vor uns hüten, mit Delitzsch im Alten Testament die
Grundlagen unserer Weltanschauung zu suchen; doch wird kein
vernünftig denkender Mensch es unterschätzen, wenn die
Aussicht sich eröffnet, für die Religion unserer Väter
eine neue, weitherzigere, naturverwandte Grundlage zu gewinnen, eine
Grundlage, die es uns endlich gestattet, zu einer wirklich harmonischen
Weltanschauung zu gelangen, in der Wissen und Glauben eine Einheit
bilden.
Ich habe in meinen Grundlagen
die Religion der Juden als einen
abstrakten Materialismus und ihren Jahve als einen ins Gedankliche
65
Arischer und semitischer Monotheismus
übertragenen
Götzen nachgewiesen. ¹) Manche gläubige Seele
hat daran Anstoss genommen. Doch nun kommt ein
römisch-katholischer Priester, der Abbé Hébert,
Professor der Philosophie und bis vor Kurzem Direktor des
Collège Fénelon in Paris, und schreibt einen Aufsatz,
betitelt »La dernière
Idole«, der letzte Götze; ²)
und wer ist dieser Götze? Jahve. Diese Erkenntnis nimmt sich sogar
viel härter bei dem Geistlichen aus als bei mir Weltkind; denn er
tritt nicht von aussen, nicht vom weltgeschichtlichen Standpunkt heran,
und kann also nicht entwirren, dass dieser uns aufgezwungene semitische
Monotheismus ein unserem Geiste völlig Fremdes ist, sondern er
geht von innen, von der christlichen Kirchenlehre aus und weist mit
unerbittlicher Logik nach, dass der Gott, der hier gelehrt wird,
»ein anthropomorphischer Götze« ist. Und wenn der
gelehrte Abbé verlangt, dass wir fortan — statt dieses
unerträglich engen Gottesbegriffes —
» d a s Göttliche« (le Divin au lieu de Dieu) lehren,
so ist
hier wiederum sein Horizont leider kirchlich eingeengt, was ihn als
einen revolutionären Zerstörer erscheinen lässt, wogegen
ein allgemein-geschichtlicher Überblick, wie ich ihn in diesem
Buche versucht habe, ihm gezeigt hätte, dass das, was er will,
nicht eine spitzfindige Unterscheidung zwischen Dieu und le Divin ist,
sondern einfach unser arischer Monotheismus im Gegensatz zum
semitischen und besonders zum jüdischen Monotheismus.
Der Leser dieses Buches weiss, dass wir zwischen
einem Monotheismus aus
Reichtum des Gemütes und einem Monotheismus aus Armut des
Gemütes zu unterscheiden haben. Oberflächlich betrachtet,
sehen die zwei Dinge ähnlich aus, sie sind aber gänzlich
verschieden. Die erhabenste Verkörperung des ersteren war bisher
die Vorstellung des Brahman, die reinste Verkörperung des
letzteren der Allah des Mohammed. Niemand wird Mohammed und seinem
Gottesbegriff Grösse absprechen; Jeder, der ein wenig die
Geschichte Arabiens studiert, wird gestehen müssen, dass der
Prophet durch ein Wunder der Willensgewalt diesen unverbesserlichen
Götzen- und Fetischanbetern jenes Minimum an reiner
Religiosität geschenkt hat, das sie fähig waren aufzunehmen.
Der Semit hat eben wenig Unterscheidungsgabe, er fliegt immer aus einem
Extrem ins andere; ist Gott nicht eine mathematische Eins, eine an
einem bestimmten Ort lokalisierte Person (»zu Salem ist sein
Gezelt und seine Wohnung zu Zion«), so sind
—————
¹) Siehe S. 230 fg., 243 und den Exkurs
S. 391 fg.; vergl. auch S.
931.
²) Revue de
Métaphysique et de Morale, juillet 1902.
66
Arischer und semitischer Monotheismus
gleich
wieder die Dämonen da, die Elôhîm.
Wogegen man
mit Bestimmtheit behaupten kann, dass es zu allen Zeiten die Neigung —
oder wenn man will, der Instinkt — aller Indogermanen war, die reiche
Welt des überall und in den verschiedensten Formen empfundenen
Göttlichen auf ein Einheitliches zurückzuführen und als
ein Einziges aufzufassen. Hier liegt aber ein so viel feineres
Gedankengewebe zu Grunde als im semitischen Hirn, dass der Eine Gott
nur aus den vielen Göttern — dass heisst also organisch —
aufgebaut werden kann, wogegen jene Reduzierung aller Götter auf
einen einzigen Gott durch Ausscheidung der übrigen, wie sie im
Alten Testament und bei Mohammed durchgeführt wird, für
dieses höhere Denken gar keinen Sinn besitzt, da — wie unser Kant
uns viel später lehrte, wonach wir aber von jeher gedacht und
empfunden haben — Zahlen nur auf sinnliche, nicht auf
übersinnliche Dinge gehen, und auch die Einheit nicht »zum
Maasse« Gottes genommen werden kann. ¹) In der bekannten
Allegorie
des Timäos lässt
Plato alle Götter im
»Vater« (πατήρ) als Einheit aufgehen (37 C); das ist der
»Allvater« der Germanen und mag als Hilfsvorstellung
für das, was hier gemeint ist, dienen. Es ist das Eine
Göttliche, das sich im Kosmos in tausenderlei Gestalten offenbart
— nicht der Gott, der politische Voraussagen Propheten
ins Ohr flüstert; es ist das Göttliche, dessen Gerechtigkeit
in der Ewigkeit seiner Naturgesetze eingeschlossen liegt — nicht der
historisch thätige Gott, der dem einen Volk schenkt, was das
andere erarbeitet hat; es ist der unerforschbare Gott, von dem man
ausschliesslich in Gleichnissen reden kann — nicht der Gott, den es
verboten ist »in irgend einem Gleichnis« zu verehren. Der
semitische el, der Jahve der
Juden, ist der Gott von phantasiearmen
Naturblinden, wir dagegen sind naturtrunkene Schöpfer, und um uns
von der Alleinheit des Göttlichen zu überzeugen, müssen
unsere Augen und unser Sinn es auf allen Wegen, die sich vor uns
aufthun, suchen, es in allen Gestalten erfassen und es denkend und
bildend verherrlichen. Der semitische Monotheismus ist die Lehre von
der E i n z e l h a f t i g k e i t Gottes; der
indogermanische Monotheismus ist die
Lehre von der erst aus der Mannigfaltigkeit sich ergebenden
E i n h e i t,
von dem Eingeschlossensein des Alls und aller Zeitenfolgen in dem raum-
und zeitlosen actus purus der
Gottheit (wie Duns Scotus sich
ausdrückt), die Lehre von der unitas
ineffabilis.
—————
¹) Vergl. Brief an Johann Schultz vom
25. Nov. 1788.
67
Arischer und semitischer Monotheismus
Wie man sieht, der katholische Priester und der protestantische Laie —
wir suchen beide das selbe: Befreiung aus dem religiösen
Semitismus, Erlösung zu unserer eigenen Religion. Doch hat mich
mein würdiger Mitstreiter in einem Punkte nicht befriedigt: er
spricht von Gott und nennt Christus nicht. Magis nobis manifestatur de
Deo quid non est quam quid est, klarer ist es uns, was Gott
nicht ist,
als was er ist — diese Worte des Thomas von Aquin citiert
Hébert; ja, wenn nicht Christus gewesen wäre! Auch hier
aber findet jenes »Umspinnen der Flüglein« statt, von
dem
Goethe uns sprach und das wir dann in Delitzsch's Babel und Bibel so
genau kennen lernten. Christus wird uns ganz sachte geraubt. Nachdem
Hammurabi uns den allein seligmachenden semitischen Monotheismus
gelehrt hat, kommen die »gewaltigen Männer«, die
Propheten, und die »gottbegnadeten Sänger«, die
Psalmisten, und sie »leiten über zu Jesu Predigt« — so
versichert uns Delitzsch, den ich nur darum noch ein letztes Mal
citiere, weil seine Broschüre vor mir liegt. Auch Mohammed spricht
ähnlich von Christus; er ist ihm ein Prophet unter Propheten
(siehe z. B. die 42. Sure des Koran).
Das ist aber ebenso falsch wie
semitisch gedacht. Denn erstens war Christus kein Jude; das lässt
sich ohne jede Möglichkeit einer Gegenrede historisch nachweisen,
und wer den historischen Standpunkt nicht anerkennt und die
Geschlechtstafeln aus Matthäus und Lukas für authentisch
hält, kommt auch nicht weiter, da diese auf Joseph führen,
der ja für den Gläubigen nicht der Vater Christi ist.
Zweitens aber, die ganze Bedeutung Christi liegt darin, dass in ihm
das Göttliche Mensch wurde; und zu Gott können nicht Menschen
»hinüberleiten«, am allerwenigsten solche sehr
menschliche Menschen wie David und die Propheten. Christus steht
ausserhalb aller Geschichte, weil Gott ausserhalb aller Zeit steht. Es
ist eine Blasphemie, ihn mit gekrönten Ehebrechern und
Mördern und mit jenen politischen und priesterlichen Agitatoren
auf eine Linie zu stellen, über die wir aus den babylonischen
Forschungen so Eingehendes und Aufklärendes zu erfahren
beginnen. ¹) Und was die angebliche »unlösbare
Verknüpfung« des Neuen mit dem Alten Testament anbelangt, so
verweise ich auf Paul de Lagarde, den Delitzsch so erfolgreich als
phantasievollen Philologen sich nutzbar gemacht hat, der aber in einer
ernsteren
—————
¹) Vergl. Winckler am zuletzt
angeführten Ort S. 171 fg. und
Die
Politische Entwickelung Babyloniens und Assyriens, 1901, S. 17
fg.;
auch Grundlagen, S. 1015 fg.
68
Arischer und semitischer Monotheismus
Stunde,
nämlich in seinem herrlichen Aufsatz Über das Verhältnis des
deutschen Staates zu Theologie, Kirche und
Religion, ein Versuch Nicht-Theologen zu orientieren, diese
geschichtliche Auffassung kurzweg als »Fetischismus«
bezeichnet.
Also neben dem Götzen den Fetisch!
Findet also dort — beim Alten Testament — die
Befreiung aus dem
Semitismus dadurch statt, dass wir immer mehr geschichtlich
aufgeklärt werden und in Folge dessen jenes Buch immer
grösser und freier und reinmenschlicher aufzufassen lernen; so
befreien wir uns hier — beim Neuen Testament — indem wir die
historische Verknüpfung auf das verschwindend geringfügige
Maass ihres wahren Wertes herabsetzen und die ganze Bedeutung des
Evangeliums einzig in der Erscheinung des Göttlichen auf Erden
erkennen lernen. »Alle das Gewissen belästigenden
Religionssätze kommen uns von der Geschichte«, sagt Kant;
¹)
nicht das mythische Dogma drückt wie ein totes Gewicht, im
Gegenteil, es wiegt federleicht, — sondern das historische Dogma ist
es, welches wahre Religion zerstört. »Geschichtliche
Religion« ist eine contradictio
in adjecto.
Christus ist Gott: schon dieser Glaubenssatz der
Kirchen sollte zeigen,
dass für den jüdischen geschichtlichen Jahveglauben bei uns
kein Platz ist. Doch wirklich verständlich und unmittelbar
einleuchtend — reinmenschlich und unpriesterhaft — wird dieses Dogma
erst werden, wenn wir gelernt haben, es umgekehrt zu fassen: Gott ist
Christus. Denn von Gott giebt selbst ein Thomas von Aquin zu, wir
wüssten nicht quid est;
sage ich also »Christus ist Gott«,
so habe ich in Wirklichkeit wenig gesagt, denn ich habe das Bekannte
durch Unbekanntes erläutern wollen. »Il est bien plus
dificile de parler de Dieu que de l'homme«, sagt Friedrich
der
Grosse. Wir besitzen kein Organ, um Transscendentes zu erfassen; das
Menschliche dagegen, das können wir uns aneignen. Nun ist
aber Gott Mensch geworden; wir wissen also jetzt quid est. ²) Nur
der
Rationalist weiss es nicht; nur der im semitischen Wahngedanken an den
Weltschöpfer Jahve Befangene quält sich unter tausend
Widersprüchen und kann nie sein Denken und sein Glauben zur
Übereinstimmung bringen — es sei denn durch Gewalt und innere
Lüge. Der Germane aber, der aus jenem Alp erwachte, besitzt jetzt
den Mythos und besitzt auch die Erfahrung — den Mythos von der Natur
und dem göttlichen Welt-
—————
¹) Briefe I, 325.
²) Vergl. Goethe's Ausspruch, angeführt S.
940, Anm. 1.
69
»Katholisch« und
»römisch«
baumeister,
die Erfahrung von Gott und dem Menschen; ¹) Gott als
Mannigfaltigkeit und Gott als Einheit; mit anderen Worten, er besitzt
das Zeitliche sub specie aeternitatis
und das Ewige sub specie
oculorum; beide reichen sich die Hand und bilden zusammen eine
echte
Religion, wie sie sein Herz begehrt und sein Geist erfordert.
—————
Noch über einen vierten und letzten Punkt hatte
ich versprochen,
in diesem Vorwort einige erläuternde Bemerkungen zu bringen:
nämlich über die Berechtigung einer Unterscheidung zwischen
»römisch« und »katholisch«. Hier kann ich
mich
sehr kurz fassen, denn ich habe vor einigen Monaten einen Aufsatz
über das Thema »Katholische
Universitäten«
veröffentlicht, in welchem ich die Berechtigung der betreffenden
Unterscheidung eingehend darthat; ich kann also meine Leser darauf
verweisen. ²) Zwar betrifft der Aufsatz die Gegenwart und nicht,
wie
dieses Buch, die Vergangenheit, und er behandelt eigentlich nur die
Frage des Unterrichtes und der Wissenschaft; doch die politische Frage
wäre, dächt' ich, im Buche selbst genügend
erörtert, und ausserdem ist die römische Kirche ein so
einheitliches, unerbittlich logisches Gebilde, dass man nur die Augen
aufzumachen braucht, um auf allen Gebieten ein und das selbe Wesen und
Walten deutlich zu erkennen.
Nun haben mir aber hochachtbare Männer sowohl
auf die Darstellung
in diesem Buche, wie auch auf die Ausführungen in dem genannten
Aufsatz entgegengehalten, die Unterscheidung zwischen
»katholisch« und »römisch« sei völlig
unzulässig, sie entbehre jedes thatsächlichen Bodens. Und da
die Kritiker aus jenem Lager mich trotz meiner so unverhohlenen
Gegnerschaft stets loyal und sogar mit einer gewissen Sympathie — nicht
für meine Meinungen, doch für meine Person — behandelt haben,
so sah ich mich umsomehr veranlasst, neuerdings Umschau und Einschau zu
halten, ob mein Urteil wirklich aus der Luft gegriffen, aus Vorurteil
und Missverständnis entwachsen sei; wieder einmal habe ich
Vergangenheit und Gegenwart befragt und habe jede Gelegenheit
benützt, um mit Katholiken über diese Dinge zu reden, und ich
kann nur wiederholen: die
—————
¹) Über die Beziehungen zwischen
Mythos und Erfahrung, vergl.
S.
950 fg.
²) Als Flugschrift im Verlag »Die
Fackel«, Wien (in Kommission bei
Otto
Maier, Leipzig), 1902.
70
»Katholisch« und
»römisch«
Unterscheidung
besteht seit jeher zu Recht und sie besteht heute mehr
denn je.
Wer sie in klassischer Gestalt kennen lernen will,
braucht nur den
unsterblichen Pascal zu Rate zu ziehen, diesen nicht bloss innig
religiösen, sondern durch und durch katholischen Mann, der alle
Dogmen der Kirche gläubig annahm und seine ganze hohe Wissenschaft
zwang, vor jedem trivialen »Wunder« zu kapitulieren, sobald
nur die Autorität der Kirche sich dafür ausgesprochen hatte,
denn: »c'est le coeur qui sent
Dieu, et non la raison«. Und
doch sagt dieser Mann: »il y a
deux fléaux de la
vérité«, zwei Zerstörer giebt es,
welche die
Wahrheit heimsuchen, — »l'Inquisition
et la
Société«, die Inquisition und die Jesuiten;
und als
Rom seine Lettres provinciales
verurteilte, rief er aus: »Besser
ist's Gott gehorchen, als den Menschen. Ad tuum, Domine Jesu, tribunal
appello!« Der selbe Mann sagt das, der sich zu der
Überzeugung bekennt: »L'histoire
de l'église doit
être proprement appelée l'histoire de la
vérité«. ¹) Ich meine die
Unterscheidung
zwischen
»katholisch« und »römisch« liegt hier
handgreiflich vor Augen. Ich habe sie bei fast jedem Katholiken, den
ich kenne, gefunden, und könnte das an Dutzenden von Beispielen
ausführen, wenn hier der Platz dazu wäre. Nirgends klafft ein
so gewaltiger Riss wie hier zwischen Theorie und Praxis, zwischen den
Glaubenssätzen, die die Kurie aufzwingen möchte, und dem, was
die katholischen Völker in Wirklichkeit glauben, sowie auch
zwischen der Politik, die Rom verfolgt, und der Politik, welche von der
Mehrzahl der Katholiken gebilligt wird. Wir sahen es ja vorhin bei
jenem gelehrten Abbé, der ein Katholik und ein Priester ist und
dennoch sehr unrömische Religionssätze verficht. Noch
auffallender tritt es aber im praktischen Leben zu Tage, wie z. B. wenn
wir hohe katholische Prälaten den deutschen Kaiser mit Reden
empfangen hören, überschwänglich an nationaler Gesinnung
und Königstreue — wie in diesem Jahre in Aachen — und nun in dem
katholischen Staatslexikon nachschlagen und sehen, dass diese selben
Prälaten sämtliche Grundlagen eines geordneten Staatswesens —
theoretisch wenigstens — preisgeben; dass sie z. B. ausdrücklich
lehren, der Papst dürfe Fürsten, Könige und Kaiser aus
eigener Machtvollkommenheit absetzen, sobald »die
Beschützung der Kirche diesen Schritt erfordert«,
²) und er
dürfe »in gewissen Fällen Unterthanen
—————
¹) Pensées IX,
19, XXIV, 62 und 28.
²) Man vergl. die 1. Aufl. des von der
Görres-Gesellschaft
herausgegebenen Staatslexikons, Band IV, Artikel »Papst«,
vom
Stiftsprälaten Dr. A. Bellesheim. Wer
71
»Katholisch« und
»römisch«
vom
Eid der Treue entbinden« (wie es ja schon öfters
feierlich geschah) ¹) .... Und wissen wir nicht, dass diese
Männer gute Deutsche und Patrioten sind? Sollen wir den Worten,
die sie in feierlicher Stunde an den Kaiser richten, misstrauen? Und
müssen wir nicht folglich schliessen, dass die Grenzscheide
zwischen »katholisch« und »römisch« mitten
durch ihre eigene Seele geht? Neulich hörten wir einen deutschen
Bischof vor französischen Zuhörern versichern: die
Katholiken kennten keine Landesgrenzen, sondern seien alle in gleicher
Weise gehorsame Söhne des Heiligen Vaters in Rom; eine um so
auffallendere Behauptung, als ungefähr vierzehn Tage früher
ein französischer Bischof fast an der selben Stelle zum
Revanchekrieg angefeuert hatte. Auch hier sehen wir, wie deutlich die
»katholische« Religion von der »römischen«
Lehre und Politik sich scheidet.
Ich behaupte nun, diese Unterscheidung ist nicht
bloss theoretisch
zulässig, da sie in den Gemütern vieler Millionen von
Katholiken thatsächlich — und wenn auch vielfach unbewusst —
vorhanden
—————
die
gewundenen dialektischen Wege römischer Logik kennt, wird sich
nicht wundern, dass der hochwürdige Gelehrte das nicht so direkt
ausspricht, sondern die verschiedenen »Theorien« der
Kirchendoktoren vorträgt, die aber doch alle im letzten Grunde
darauf hinauslaufen, dass der Papst Gewalt über die Fürsten
besitze. »Zwar ist der Papst an und für sich zur Absetzung
weltlicher Fürsten nicht befugt, wohl aber kann er indirekt dazu
übergehen, insofern die ihm anvertraute Beschützung des
christlichen Glaubens und der Kirche diesen Schritt erfordert«
(Kolumne 168). Wie man sich diese »indirekte« Absetzung
eines
Monarchen
durch den Priester, der dies für »erforderlich«
hält,
zu
denken hat, wird nicht ausdrücklich erklärt. Doch wir
brauchen nicht weit zu suchen; denn in der folgenden Kolumne wird in
anderem Zusammenhang gelehrt, der Papst könne jedes Gesetz
»abweisen« und für »null und nichtig
erklären«,
welches
er für kirchenfeindlich hält, und daselbst finden wir
folgenden bemerkenswerten Passus: »Dem Papst lässt sich ohne
Auflösung der Kirche die Gewalt nicht aberkennen, in gewissen
Fällen Unterthanen vom Eid der Treue zu entbinden. Denn wie kann
der Eid zu einem Band der Sünde werden; d e
r E r r e i c h u n g d e s l e t z
t e n
Z w e c k e s m ü s s e n a l l
e ü b r i g e n V e r b i n d l i c h k e
i t e n w e i c h e n.«
Mit anderen Worten, der Staat ist — nach der römischen Theorie —
bedingungslos an den guten Willen des jeweiligen Papstes ausgeliefert,
wogegen die Kirche — wie uns auf jeder Seite des Staatslexikons gelehrt
wird — keinerlei irgendwie geartete Ingerenz des Staates zu dulden hat,
denn (2. Aufl. III, 452): »die Kirche ist eine vollkommene, vom
Staate unabhängige Gesellschaft« (von Scherer).
¹) Die Bulle, durch welche (vergl. S. 674) die
Engländer von
ihrem
Treueeid gegen ihren rechtmässigen Monarchen entbunden und sogar
direkt zur Weigerung jedes Gehorsams aufgefordert wurden, hat — so
bezeugen die Historiker — fast gar keinen Einfluss über die
Gemüter der Katholiken Englands ausgeübt; die Treue gegen den
Monarchen überwog bei ihnen den Gehorsam gegen den Papst — sie
waren
72
»Katholisch« und
»römisch«
ist,
sondern sie ist geradezu grundlegend für alles
Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart und namentlich
für jenes lebendige Verständnis, aus welchem allein eine
zielbewusste Beeinflussung der Zukunft hervorgehen könnte; sie ist
eine »Grundlage«. Man begreift, dass Rom und seine
Parteigänger grossen Wert darauf legen, das klare Bewusstsein der
Unterscheidung nicht aufkommen zu lassen, namentlich in einem
Augenblick nicht, wo das rein politische »Römische« in
angeblicher Wahrung der rein religiösen Interessen des
»Katholischen« die ganze civilisierte Welt aufwühlt
und durch alle Länder und Stände Beunruhigung verbreitet. Wir
sollen durchaus glauben, dass »römisch« und
»katholisch« das selbe sei, es gleichsam als Axiom
betrachten; das
werden wir aber nicht thun, denn wir wissen, dass es nicht wahr ist und
dass man uns nur Sand in die Augen streut.
Ein Haupthindernis für die Verwirklichung des
römischen
Ideals — das beachtet man viel zu wenig — ist gerade die Kirche selbst,
die katholische Kirche. Wie oft sind nicht in früheren
Jahrhunderten die Bischöfe, das Schwert in der Hand, gegen Rom
gezogen! Nach und nach, und mit Hilfe kurzsichtiger Staatsgewalten,
ist allerdings diese Unabhängigkeit der Krummstäbe — die
»katholische«, im Gegensatz zur Tyrannei Roms — völlig
gebrochen worden. Im Jahre 1870 sahen wir noch die Mehrzahl der
deutschen Bischöfe »katholisch« stimmen gegen das
römische Programm. ¹) Doch sie unterwarfen sich. Das Heer der
Weltpriester aber, der Männer, die aus dem Volke hervorgehen, mit
ihm leben und leiden, die ihr Vaterland über alles lieben und es
nie an eine andere Macht ausliefern könnten — diese Männer
gelang es bisher nie ganz im selben Maasse wie die Bischöfe zu
unterwerfen und durchwegs zu blindgehorsamen Agenten der Centralgewalt
umzumodeln; wer in katholischen Ländern gelebt und mit Pfarrern
bei der Flasche Wein gemütlich verkehrt hat, weiss genau, was ich
meine, er weiss, wie »katholische« Religion im Gegensatz zu
»römischer« noch selbst in den Pfarrhäusern
lebendig ist, und er weiss, was dieser letzte Rest an Nationalismus und
an echt
—————
eben
»katholisch«, nicht aber »römisch«. Doch
ein
Mann — Felton — hat die Frechheit gehabt, das schändliche
Schriftstück an den Thoren des bischöflichen Palastes in
London anzuschlagen, und dieser Mann ist jetzt von dem als
»friedliebend« so hoch gepriesenen Leo XIII. selig
gesprochen worden. Das lässt an
Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
¹) Anfänglich stimmten im Ganzen
nur v i e r deutsche
Bischöfe
für das Unfehlbarkeitsdogma. Erst die Anwendung der moralischen
Folter
stimmte die übrigen um.
73
»Katholisch« und
»römisch«
christlicher
Duldsamkeit in der Hierarchie zu bedeuten hat. Es ist
förmlich, als stünden zwei ganz verschiedene Religionen unter
einem Namen neben einander. Doch, wie Goethe sagt: »Der
päpstliche Stuhl hat Interessen, woran wir nicht denken, und
Mittel, sie durchzuführen, wovon wir keinen Begriff haben.«
¹) Das mittel ist in diesem Falle die Überflutung der Welt
mit geistlichen Orden, wie wir es jetzt erleben.
Hierdurch wird die Weltgeistlichkeit nach und nach entwertet und — so
zu sagen — ausgeschaltet; die Mönche und Ordenspriester werden
mehr und mehr die Prediger, sie sind die Beichtväter, sie sind die
Schullehrer, sie sind die Politiker; in den Städten wenden ihre
Kirchen alle Mittel an, um die Gläubigen von den anderen Kirchen
weg zu ziehen, und schon strecken sie die Arme weiter aus, nach den
Pfarreien. Manche Orden sind schon jetzt ausdrücklich der
bischöflichen Jurisdiktion entzogen; sie unterstehen unmittelbar
der römischen Kurie; die mit dem Staat zusammenhängende, ihm
gegenüber verantwortliche Landeskirche besitzt folglich kein
Mittel, um Aufsicht über diese Orden zu üben oder auch nur
sichere Kenntnis ihres Thuns zu gewinnen. ²) Rom hat Zeit und wird
es mit der Knebelung und allmählichen Ausrottung der
nationalen Weltgeistlichkeit noch weit bringen. Und hierdurch werden
allerdings —
—————
¹) Gespräch mit Eckermann vom 3. 4.
1829.
²) In dem vorhin genannten römischen Staatslexikon,
Band
IV der 1. Auflage, versichert uns der Jesuit Lehmkuhl, die
»Exemtion« der Orden von der bischöflichen Gewalt
sei
» b e i g r ö s s e r e r C e n t r a l i
s a t i o n der Gewalt innerhalb des Ordens und
g r ö s s e r e r T h ä t i g k e i t
d e r s e l b e n n a c h a u s s e n .... eine
Notwendigkeit« (Kol. 99). In diesen wenigen Worten liegt für
den
aufmerksam Lesenden ein ganzes Programm. Ergänzt wird es durch
das, was der selbe hochwürdige Pater auf der folgenden Spalte
über das Verhältnis zum Staate sagt: »Was die Stellung
des Staates zu den Orden betrifft, so bedarf die Kirche zu ihrem
Bestande und ihrer Entfaltung, wie überhaupt, so auch hier des
Staates nicht; doch pflegt sie, soweit sie es für thunlich
hält, den Wünschen der Regierungen entgegenzukommen.«
Das war
ausnahmsweise ein sehr unvorsichtiger Jesuit, der uns die pensées de
derriére la tête verrät, die alle anderen
Mitarbeiter des
Staatslexikons mit Aufwand
unendlicher Geschicklichkeit zu verbergen trachten. Die Redaktion bekam
auch einen solchen Schreck, dass sie
gleich hinter diesen Worten eine ganze Spalte in eckigen Klammern
einschob, um die schroffe Wahrheit mit den üblichen
halbverdeckenden Zierschnörkeln zu umgeben. Die zweite,
umgearbeitete Auflage dieses vierten Bandes ist noch nicht erschienen;
es wird interessant sein, zu sehen, nach welcher Richtung hin eine
Bewegung hier stattgefunden hat; nach anderen Artikeln zu schliessen,
wird sie zu den Jesuiten hin und von der »Redaktion« hinweg
erfolgt sein; und das ist mit
Genugthuung
zu begrüssen, denn es ist viel angenehmer, mit Bonifaz VIII. und
Lehmkuhl zu verkehren, als mit dem wortreichen Bellesheim und
seinesgleichen.
74
»Katholisch« und
»römisch«
das
gebe ich ohne weiteres zu — »katholisch« und
»römisch« immer mehr zu identischen Begriffen. Denn
jedes
Ordensmitglied ist ein Soldat Roms; sein Vaterland ist ausschliesslich
die Kirche, ein anderes darf es nicht kennen; jede Ordensniederlassung
ist eine politische Agentur, aufgerichtet gegen den Staat, der sie
beherbergt — da ja zwei oberste Gewalten ebensowenig nebeneinander
bestehen können, wie es möglich ist, auf einen Fleck, wo ein
Haus schon steht, ein zweites Haus hinzubauen, wenn man nicht vorher
das erste niederreisst. Im Evangelium hatten wir gelesen: »Gebet
dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«; doch
wenn Gott zur Erde niedersteigt und selber das Regiment übernimmt,
hat der Kaiser nichts mehr zu fordern; er kann abziehen. Und so ist
das, was wir heute erleben, nicht bloss ein Kampf Roms
gegen den Protestantismus, sondern es ist — fast in noch höherem
Grade — die geradlinige Fortsetzung des Kampfes Roms gegen den
Katholizismus, der sofort begann, als die Jesuiten die Macht ergriffen
hatten (siehe Grundlagen, S.
849 fg.).
Doch — ohne die ungeheure Macht Roms zu
unterschätzen, namentlich dort nicht, wo protestantisch fromme
Arglosigkeit und Duldsamkeit, wie z. B. im heutigen England, am Ruder
ist — dürfen wir doch sagen: bis zu jener erhofften Ausrottung
jeglicher freiheitlichen Regung hat's noch gute Wege, und die
Männer, die es mir verwehren wollen, »römisch«
und »katholisch« zu
unterscheiden, eilen mit ihren Wünschen der Wirklichkeit um
etliche Jahrhunderte voraus. Und inzwischen bleibt es nicht nur
statthaft, sondern notwendig, scharf zu trennen und genau zu wissen,
wen und was man im Katholizismus bekämpfen und wen und was man
nicht bekämpfen
will.
Wahnwitzig wäre es, jenen ungeachtet aller
Dogmen sehr weitherzigen und wechselnden, vielen Gemütern
unentbehrlichen Religionskomplex, der sich »katholisch«
nennt und der, trotz des
oberflächlichen Scheines, viel weniger eng begrenzt, viel
elastischer ist und den veränderten Zeiten leichter sich anpasst
als z. B. das Lutherische
Bekenntnis, wahnwitzig wäre es, ihn bekämpfen zu wollen, oder
— wie Manche es sich herausnehmen — ihm nur einen untergeordneten Rang
neben dem Protestantismus einzuräumen. Der Katholizismus, der
gewiss, rein ethisch betrachtet, ein minder hohes Ideal vertritt, ist
andrerseits bedeutend weniger judaisiert, steht der Natur — und dadurch
der lebendigen Wahrheit — näher und ist in Folge dessen vom
Verständnis des Mythischen nicht so völlig ausgeschieden wie
der
ortho-
75
»Katholisch« und
»römisch«
doxe
Protestantismus. Es ist auch nachweisbar unwahr, dass der Katholik
weniger frei denkt und forscht als der Protestant; das würde nur
zutreffen, wenn er rechtgläubig wäre und ein blind gehorsamer
Sohn Roms, was aber nur bei einer verschwindenden Minderzahl gebildeter
Katholiken der Fall ist; die meisten sind »katholisch«,
nicht »römisch«. D'Alembert — der die Jesuiten
verteidigte, als er sie verfolgt glaubte, also gewiss ohne
Voreingenommenheit spricht — bemerkt am Schlusse des 18.
Jahrhunderts, dass es einen Unterschied mache, »als
überspränge man vier Jahrhunderte«, wenn man in Europa
von einer Universität zur anderen übersiedele, nicht aber je
nachdem die »Konfession« protestantisch oder katholisch
sei, sondern je nachdem die Sendlinge Roms an der betreffenden
Universität herrschen oder nicht. ¹) Ich glaube also, wir
Protestanten sollten Achtung und Liebe für das Katholische im
Herzen grossziehen. Im Gegensatz zu den Faktoren, die uns in zwei
feindliche Lager spalten wollen, müssen wir — »wir«,
die übergrosse Mehrzahl der unpolitischen Laien und die besten
unter den Geistlichen — auf ein vollkommenes Einverständnis mit
einander hinarbeiten; es ist absurd, sich im 20. Jahrhundert wegen
Religionsdifferenzen zu bekriegen; angezeigter wäre es, mit
vereinten
Kräften nach einem reineren und unserer Kulturepoche
angemesseneren Ausdruck für unsere religiösen
Bedürfnisse zu suchen. Dem semitischen Geiste gegenüber
empfahl ich ein bloss innerliches, aber resolutes, bewusstes Wegwenden;
hierdurch wären nicht bloss wir, sondern auch die edeldenkenden
unter den Juden erlöst; Katholiken und Protestanten hingegen
möchte ich ein aufrichtiges, rückhaltloses
Sicheinanderzuwenden dringend ans Herz legen. Schon Lessing hat
bemerkt: »Will man der evangelischen Kirche verwehren, noch
weiter in sich selbst zu wirken und alle heterogene Materie von sich zu
stossen, wird sie auf einmal ebenso weit hinter dem Papsttum sein, als
sie jemals noch vor ihm gewesen.« ²) Mir macht es aber nicht
den
Eindruck, als ob der Protestantismus im Stande sein werde, aus sich
allein eine religiöse Erneuerung zu voll-
—————
¹) De
l'abus de la critique en matière de religion, § 29.
Den Papst persönlich nimmt D'Alembert aus, was insofern
unzweifelhaft richtig ist, als der Papst ebensowenig gegen die anonyme
Macht der Hierarchie etwas vermag wie irgend ein anderer Priester; wir
haben es an dem »liberalen« Pius IX. und an dem
»friedliebenden« Leo XIII. erlebt. (Über die Ohnmacht
des
Papstes, vergl. Bismarck's Gedanken
und Erinnerungen II, 124—127.)
²) Fragment Über
die itzigen Religionsbewegungen.
76
»Katholisch« und
»römisch«
bringen.
Der Protestantismus hat etwas eigentümlich einseitig
Männliches an sich; wir lieben und achten ihn dafür;
gebären thut aber nur das Weibliche, und weiblich ist der
Katholizismus, das wird Keiner leugnen.
Ein ganz anderes Gebilde ist »Rom«. Es
ist das imperium romanum
in
seiner letzten und verhängnisvollsten Gestalt; der Geist des
grossen Reiches ohne dessen Leib; eine ausschliesslich politische und —
wohl betrachtet — durchaus unreligiöse Gewalt, die den
religiösen Wahn nur grosszieht, um ihn seinen Zwecken dienstbar zu
machen. Es ist nicht bloss erlaubt, eine derartige Macht als eine
politische zu kennzeichnen, vielmehr müssen wir einsehen lernen,
dass hier gleichsam die Quintessenz aller Politik in die Erscheinung
tritt. Das ja gerade ist es, was sie so gefährlich macht; denn
überall anderswo ist alle Politik nichts weiter als ein System von
ewig erneuten Kompromissen zwischen den Bedürfnissen gewisser
Gruppen lebender, arbeitender Menschen und den Bedürfnissen
anderer Gruppen ebensolcher Menschen; überall und immer ist
Politik ein Mittel, nicht ein Ziel, ein ewiges Ungefähr, nie eine
Doktrin; sie ist gleichsam ein unvermeidliches Übel und findet
ihre Rechtfertigung nur in ihren nichtpolitischen Erfolgen. Rom
dagegen — das heutige Rom — ist abstrakte, absolute Politik, Politik
als Selbstzweck. Die Civitas Dei,
mit dem Papst an der Spitze als
unumschränktem Gebieter, ist ein Ideal; es wächst nicht aus
thatsächlichen, praktisch gegebenen Verhältnissen heraus,
sondern soll von oben her diesen Verhältnissen aufgezwungen
werden; kurz, es ist nicht Leben, sondern Lehre, und das heisst nichts
Anderes als a b s o l u t e P o l i t i k.
Von Bedürfnissen, denen diese
Politik dienen sollte, kann keine Rede sein; die Männer, die sie
betreiben, entsagen — mehr oder weniger — aller völkischen
Gemeinschaft und treten sogar aus der Familie aus; mit anderen Worten,
sie scheiden aus der menschlichen Gesellschaft; folglich existiert
für sie die unerlässliche Politik der praktischen
Bedürfnisse nicht mehr, sondern sie sind frei, das eine grosse,
doch sonst allseits bedingte Werkzeug aller Politik — d i e
G e w a l t — als
deren Zweck zu erfassen und sich diesem einen Zweck — der Allgewalt —
ungeteilt zu widmen. Und je reiner und uneigennütziger —
uneigennützig, meine ich, im Sinne weltlicher Genüsse — eine
derartige Politik, umso gefährlicher ist sie für die Staaten.
Die Berechtigung aller praktischen Politik und die Entschuldigung
für die Gewaltsamkeiten, zu denen sie häufig greifen muss,
ist gerade, dass materielle
77
»Katholisch« und
»römisch«
Vorteile
auf dem Spiele stehen und dass die Völker wie die
Einzelnen einer materiellen Grundlage nicht entbehren können; das
ideale Element des Lebens muss das Volk aus anderen Quellen speisen,
die Politik dagegen kann garnicht zu ausschliesslich »real«
sein. Hingegen greift eine Politik wie diejenige Roms um so tiefer in
das Leben der Völker ein, je abstrakter und reiner sie ist; hier
ist Logik, was bei den Staaten Kanonen sind; und je selbstloser und
sittenreiner die führenden Männer, um so fanatischer und
zielbewusster werden sie handeln. Ein Papst, der Maitressen hält
und Künstler beschäftigt, ist harmlos gegenüber dem
milden Greis, der jetzt auf dem Throne sitzt. Es liegt auf der Hand,
dass eine derartige politische Macht die Schwächung und endliche
Vernichtung jedes Staatswesens unausgesetzt betreiben muss; hier
nützen selbst die besten Absichten — wo solche vorhanden sind —
nichts, denn die Logik der Situation ist stärker als der
stärkste Einzelwille. Es ist darum nur konsequent, wenn das
römische Staatslexikon (III, 1265) die Bildung der
europäischen Nationalstaaten als einen »Zerfall der
Christenheit« beklagt. Treitschke bemerkt: »die katholische
Kirche nimmt immer Partei für die Sprache der geringeren
Kultur«; ¹) wir sehen es in diesem Augenblick in Posen, wo
Rom das ganze Gewicht seines
Einflusses in die Wagschale des Polentums wirft — hier, wo es die
schönste Gelegenheit hätte, sich als staatserhaltend zu
erweisen, wenn es das wäre; wir sehen es in Böhmen, wo Rom
rein deutsche Gegenden mit tschechischen Pfarrern überflutet und
so die mächtigste Förderin der Entdeutschung wird; wir sehen
es in Irland, wo Rom allein das für heutige Verhältnisse
völlig nutzlose keltische Idiom am Leben erhält und von der
Kanzel herab die »Teufelssprache« der Engländer
verflucht; wir sehen es in der Bretagne, wo die Ordensschulen so viel
irgend möglich die französische Sprache unterdrücken und
wo selbst in Städten deren Einwohner zum grossen Teil nur
französisch verstehen, nichtsdestoweniger vielfach ausschliesslich
bretonisch gepredigt wird. Das kann aber gar nicht anders sein, und man
darf mit apodiktischer Gewissheit behaupten, dass, was wir bei den
Sprachen handgreiflich deutlich erblicken, auf jedem einzelnen Gebiet
des Lebens in genau der selben Weise geschieht und dass Rom ausnahmslos
dasjenige thut, dasjenige züchtet, dasjenige fördert, was den
Staat — als solchen — schwächt. Dazu ist ja Rom da; das ist
—————
¹) Politik,
I, 287.
78
»Katholisch« und
»römisch«
seine
raison d'être; und wenn
es heute sein politisches Ideal
aufgäbe, so wäre es morgen verschwunden; denn Religion an und
für sich bedarf solcher gewaltigen Zurüstungen nicht, im
Gegenteil.
Eine Hierarchie wie die römische ist ja nichts
Neues in der
Geschichte; wir haben Memphis und wir haben Babylon; letzteres
namentlich beginnt historische Erfahrungen vor unseren Augen zu
entrollen, an denen kein heutiger Staatsmann achtlos vorübergehen
sollte. »Babylon und Rom« wäre ein ebenso
interessantes Thema wie »Babel und Bibel« und praktisch
ergiebiger. Dass auch in Babylon die Priester ihre Ansprüche auf
göttliche Einsetzung zurückführten und glaubten, Gott
gäbe durch ihre Vermittlung seine unfehlbaren Beschlüsse
kund, sollte uns nicht auffallen; denn da eine Universalhierarchie
¹)
nicht in einem Volke und dessen Bedürfnissen wurzeln kann, woher
soll sie denn ihre Kreditive nehmen, wenn nicht vom lieben Gott? Von
Bedeutung ist es dagegen zu gewahren, wie die Interessen einer solchen
Körperschaft notwendigerweise im Gegensatz zu dem Interesse der
Völker und Staaten stehen. Der Einfluss der Priesterschaft ist in
Babylon so gross, dass ein Fürst weder seines Lebens noch des
Gehorsams seiner Untertanen sicher ist, wenn er nicht gut steht mit der
Kirche; hierdurch reisst aber diese nach und nach fast alle
Reichtümer des Landes an sich, sie wird Besitzerin des
grössten Teiles von Gut und Boden, geniesst zugleich
Steuerbefreiung und monopolisiert zuletzt sogar Handel und Bankwesen.
Entweder entsteht nun schliesslich eine Revolution gegen diese
unhaltbaren Zustände, und ein fähiger Staatsmann — wie z. B.
Tiglat-Pileser — kommt auf den Thron, dessen erste That in der
Aufhebung oder möglichsten Beschränkung der »todten
Hand« und dessen zweite in der Wiederbelebung eines
unternehmungslustigen Bürger- und eines kräftigen Bauern- und
Kriegerstandes besteht; oder aber ein fremdes, noch ungeknechtetes Volk
taucht auf und unterwirft das geschwächte Reich; jedoch, ob
ersteres oder letzteres geschieht und ob der fremde Eroberer — wie z.
B. bei den Persern der Fall — im geheimen Einverständnis mit der
Hierarchie (denn diese ist stets bereit, wenn es der
»Religion« Vorteil bringt, den Landesfürsten zu
verraten) oder aber ohne und gegen sie eindringt,
—————
¹) Die babylonische Priesterschaft ist
durchaus unnational und
international; sie treibt ihre Politik auf eigene Faust in allen ihr
erreichbaren Ländern und kümmert sich um den Wechsel der
Völker und Dynastien nur, insofern die Interessen der Hierarchie
hierdurch berührt werden.
79
»Katholisch« und
»römisch«
gleichviel,
nach kurzer Zeit sehen wir die Hierarchie, deren Agenten
allerorten am Werke sind, wieder das Heft ergreifen und den Staat von
neuem dem moralischen und wirtschaftlichen Ruin entgegenführen.
Moralisch und wirtschaftlich sind von einander nicht zu trennen; denn
bei den Grossen züchtet die Kirche Babylons Habgier, wüsten
Aberglauben, wahnsinnige Verschwendung auf Kirchengüter und
Kultusbauten, religiöse Weltbeherrschungspläne, und das Volk
verdummt sie, entmannt es, drückt es zur Servilität herab und
jagt es dennoch im Handumdrehen, wenn es ihren Plänen passt, als
fanatisierte Horde gegen König und Staat. Auf einen
antihierarchischen Tiglat-Pileser und die von ihm inaugurierte kurze
Spanne glänzender Realpolitik kommt ein Sargon, der alle
Privilegien der Hierarchie erneuert, dadurch den Landbau, den Handel,
die Wehrkraft schwächt; ein Sanherib schüttelt wieder die
Priester ab, stärkt das Heer und hätte den Staat einer neuen
Blüte entgegengeführt; doch er wird im Tempel erschlagen, und
wenige Jahre darauf schwindet das assyrische Herrschergeschlecht
für immer aus der Geschichte. Das selbe Schauspiel wiederholt sich
bei jeder Dynastie, denn die Könige und die Völker kommen und
gehen, die Hierarchie aber bleibt; sie überdauert Jahrtausende,
und als Babylon von der Erde entschwindet, vererbt sie ihre Traditionen
an Rom. Es ist auch nicht anders möglich; denn man muss es immer
wiederholen: wir Menschen werden von den Situationen, die wir
geschaffen haben, blind beherrscht. Geht ein Staat mit einer
ausserstaatlichen Priesterhierarchie Verträge ein — und seien es
noch so harmlose — so m u s s der Staat mit der Zeit
daran zu Grunde
gehen; das ist genau ebenso sicher, wie der Satz von der Hypotenuse.
Neben der opportunistischen Politik des Augenblickes müssten wir
noch eine Wissenschaft der mathematischen Politik besitzen, welche
genau darthäte, wohin ein jeder Weg führt.
Der gewaltigen Erscheinung der römischen
Hierarchie gegenüber
achtlos, skeptisch, gleichgültig, in blasser Sympathie oder
blasser Antipathie — wie Millionen von Protestanten und Katholiken — zu
verharren: das kann nur Blindgeschlagensein oder geistige
Schwäche erklären. Wer dagegen erkennt, was hier vorgeht und
wie hier die Zukunft der ganzen Menschheit, insbesondere aber die
Zukunft alles Germanentums, auf dem Spiele steht, hat nur die eine
Wahl: entweder Rom zu dienen oder Rom zu bekämpfen; abseits zu
bleiben, ist ehrlos.
Grundlegend ist aber hierbei die Erkenntnis — und
darum ge-
80
»Katholisch« und
»römisch«
hört
ihre klare Formulierung in diese »Grundlagen« —
dass man Rom (diese rein politische Macht, der auch einzig politisch
beizukommen ist) bekämpfen kann, ohne darum die katholische
Religion zu bekämpfen, im Gegenteil, indem man ihr selber
angehört, oder ihr herzliche Sympathie entgegenbringt und
fühlt, die Welt wäre ärmer — auch ärmer an
Hoffnungen für die Zukunft, — wenn jene nicht wäre. Auch hier
wieder, wie beim Dilettantismus, wie bei der Rasse, wie beim
Monotheismus, kommt es uns nicht auf Worte an, sondern auf Dinge, auch
nicht auf Theorien über das, was sein müsste, sondern auf die
Thatsachen, wie sie sind. »Römisch« und
»katholisch« sollten — nach den Lehren der Hierarchie — das
selbe
sein; sie sind es aber nicht; darum unterscheiden wir sie.
Ich schliesse mit einem oft gehörten, doch nie
zu oft wiederholten
Worte Kant's: »Das Reich Gottes auf Erden, das ist die letzte
Bestimmung, des Menschen Wunsch. Dein Reich komme! Christus hat es
herbeigerückt; aber man hat ihn nicht verstanden, und das Reich
der Priester errichtet, nicht das Gottes in uns. Im ganzen Weltall sind
tausend Jahr ein Tag. Wir müssen geduldig an diesem Unternehmen
arbeiten und warten.«
W i e n, im Oktober 1902.
Houston Stewart Chamberlain
—————
Letzte
Änderung
am 26 September 2010