Hereunder follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's Vorwort zur vierten Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts (Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom), published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1901.

Hieronder volgt de transcriptie van Houston Stewart Chamberlain's Vorwort zur vierten Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts (Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom), verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1901.

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The Foundations of the nineteenth century
Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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DILETTANTISMUS — RASSE
MONOTHEISMUS — ROM

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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
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DILETTANTISMUS
    RASSE
        MONOTHEISMUS
            ROM


VORWORT ZUR 4. AUFLAGE DER GRUNDLAGEN DES XIX. JAHRHUNDERTS

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MÜNCHEN

VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
1903

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DRUCK VON ALPHONS BRUCKMANN, MÜNCHEN

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In der jetzigen Zeit soll Niemand
schweigen oder nachgeben.
GOETHE

    Ein freundlicher Kritiker meinte neulich, es sei heute schwer, meine Grundlagen rein auf sich wirken zu lassen, um dann in ruhiger Objektivität darüber zu sprechen; denn das Buch sei schon eine Beute der Parteien und Leidenschaften geworden, von denen es hin und hergezerrt und dadurch gänzlich verunstaltet werde, so dass schliesslich der wirkliche Verfasser, wie er leibt und lebt, und sein wirkliches Werk, wie es rein und wahr dessen Anschauungen wiederspiegelt, den Augen entschwinde. Nebst vielem Unbewusstsein wirkt hierbei auch manche Absichtlichkeit mit; denn Verwirrung zu schaffen und jeden ruhigen Genuss sowie jede besonnene Erwägung durch boshaftes Aufhetzen von vorn herein zu zerstören, gehört zu den beliebtesten Kampfmitteln einer gewissen Publizistik. Und ein Verfasser ist um so schlimmer daran, wenn er, wie ich — durch Schicksal und Geschmack — ausserhalb aller nationalen, kirchlichen und wissenschaftlichen Parteien steht, denn da fällt es leicht, ihn bei allen anzuschwärzen. Trotzdem hat sich das Buch in den verschiedensten Lagern viele gute Freunde erworben. Es giebt doch noch kultivierte Menschen unter uns, die ein Buch zunächst und zuvörderst als ein litterarisches und künstlerisches Erzeugnis beurteilen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn sie mit keiner einzigen Meinung einverstanden wären; ausserdem aber hat das Bedürfnis, welches mich dazu trieb (siehe S. X.) gerade diese   G r u n d l a g e n   unseres heutigen Kulturlebens zu studieren, bei vielen Tausenden das Echo eines bisher vielleicht halbunbewussten ähnlichen Bedürfnisses geweckt. Diese Leser beurteilen die verschiedenen Thesen meines Buches sehr verschieden; was der Eine begeistert lobt, verwirft der Andere, und um-

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gekehrt; doch Alle bekennen, mir Anregung zu verdanken, — und anzuregen, aufzurütteln, zu beleben war mein Hauptzweck. Meinen Überzeugungen habe ich rückhaltlos Ausdruck verliehen, und ich werde jederzeit auf jedem Gebiete für ihren Sieg kämpfen; doch das Recht-haben-wollen ist eine Krankheit, an der ich nicht leide. Ein Autor muss den Mut haben, sich zu irren; er darf sich nicht hinter Reservationen und Verklausulierungen feige verschanzen. Mögen Andere für die Zukunft ihres litterarischen Rufes ängstlich sorgen; ich meinesteils bescheide mich gern mit einer lebendigen Wirkung auf die Gegenwart, und will lieber Geschlechter erziehen helfen, die meinen Namen mit Fug und Recht, besseren zu Ehren, vergessen sollen, als in unanfechtbarer Klassicität die Anerkennung künftiger Bibliothekspedanten geniessen.
    Diesen wahren Freunden meines Buches glaube ich nun eine kurze Erläuterung gewisser Thesen zu schulden, bei welchen — wie ich aus Kritiken und Briefen ersehe — einige Verwirrung in Bezug auf meine Ansichten herrscht, teils gewiss von mir selber verschuldet, teils vielleicht durch jene anfangs genannte Parteileidenschaftlichkeit und durch die absichtlichen Entstellungen der Konfusionserreger verursacht. Nicht zur Widerlegung der Gegner, sondern zur Aufklärung der Freunde sollen die folgenden Ausführungen über den Dilettantismus, über die Rassenfrage, über das Semitische in unseren religiösen Vorstellungen und über die Berechtigung einer Unterscheidung zwischen »römisch« und »katholisch« dienen.
    Zur Verhütung von Missverständnissen bemerke ich noch, dass ich die masslosen Schmäher meines Buches und meiner Person, die — freilich sehr vereinzelt — aus den ultraprotestantischen und ultrajüdischen Lagern aufgetreten sind, bei den folgenden Bemerkungen nicht im Sinne habe. Derartigem »kritischen Raubgetier«, wie sie Goethe nennt, kann man nur guten Appetit wünschen und ihnen höchstens noch die sprichwörtliche Mahnung zurufen: »Meditantur sua stercora scarabaei!«

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    Trotz Goethe und Schopenhauer schmeckt der Ausdruck   »D i l e t t a n t«   noch immer mehr nach einem Schimpfwort als nach einem Ehrennamen. Nur in Dingen der Kunst erkennt die öffentliche Meinung dem Dilettantismus Berechtigung zu und zieht ihn gross, — gerade dort also, wo der Altmeister von Weimar ihn mit Recht schonungs-

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los bekämpfte, denn alle Kunst ist zugleich eine Technik, und über Technik kann nur der Techniker urteilen, und alle grosse Kunst ist Kunst des Genies, und Werke des Genies kann man annehmen oder ablehnen, nicht aber abschätzen. Dagegen stehen die Wissenschaften einem Jeden offen; die grössten Gelehrten sind häufig sehr mittelmässige Köpfe; von Zoologie, von Philologie, von Theologie kann Jeder Kenntnis nehmen, den es gelüstet. »Die Erfahrung giebt«, schreibt Goethe, »dass Dilettanten zum Vorteil der Wissenschaft vieles beitragen«; selten gelingt es dem Fachmann, wie es dem Liebhaber gelingt, »einen Hochpunkt zu erreichen, von woher ihm eine Übersicht, wo nicht des Ganzen, doch des Meisten gelingen könnte.« ¹) Und Schopenhauer — der wie wenige Menschen fast das gesamte Gebiet menschlicher Leistungen überblickte — spricht die Überzeugung aus, dass von Dilettanten und nicht von angestellten Fachleuten »stets das Grösste ausgegangen ist«. ²)
    Diese Urteile erwähne ich jedoch nur nebenbei, und es genügt mir, wenn sie die Berechtigung des ernsten Dilettanten, neben dem Manne von Fach mit Ehren genannt zu werden, einstweilen bezeugen. Ich selber ziele tiefer. Auf eine Konkurrenz zwischen Fachmann und Dilettant kommt es mir nicht an; ich bezweifle auch, ob es hinfürder möglich sein wird, auf irgend einem Gebiete ohne Fachkenntnisse wissenschaftlich Bedeutendes zu leisten; der Laie, dem es gelingt, ist einfach ein Gelehrter ohne öffentliches Amt. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Musste schon vor hundert Jahren der Fachgelehrte sich beschränken, jetzt muss er es noch viel, viel mehr. Wer nicht selber Fachstudien betrieben hat, wird sich kaum vorstellen können, wie eng und eisern der Umfassungswall ist, der sich um das Gebiet eines wissenschaftlichen Forschers zieht. Das kann nicht anders sein; doch es giebt noch einen anderen Weg, den uns Goethe durch sein bekanntes, tiefsinniges Wort weist: »das Unzulängliche ist produktiv«; ein Wort, das seinen ganzen Sinn enthüllt, wenn man es ergänzt: »Zu viel Wissen erzeugt Unfruchtbarkeit.« ³) Ich glaube, der echte Dilettant ist heute ein Kulturbedürfnis. Sowohl der Gelehrte — zur Belebung seiner Wissenschaft — wie auch der Laie — zur Befruchtung seines Lebens
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    ¹) Botanische Studien, Weimarer Ausgabe, Abt. 2., Band 6, S. 114.
    ²) Parerga und Paralipomena II, § 255. Man vergl. auch S. 760 der Grundlagen.
    ³) Hierher gehört auch Kant's Behauptung, dass bei genügend grosser Begabung »die Unerfahrenheit desto vorurteilsfreier und darum desto geschickter mache« (Brief an Bernoulli vom 16/11. 1781).


8 Dilettant und Gelehrter

durch lebendig gestaltetes Wissen —, beide können heute des Dilettanten nicht entraten, des Mannes, der mitten inne zwischen Leben und Wissenschaft steht. Wir brauchen Männer, die befähigt und gewillt sind, gleichsam als »geschulte Nicht-Fachgelehrte« zu wirken, sonst fällt die Gesamtheit unseres Wissens immer mehr auseinander und bildet im besten Fall ein Mosaikbild, nicht einen lebendigen und als lebend empfundenen und verwerteten Organismus. Das Zusammenfassen und das Beleben ist das Werk, das heute dem Dilettanten, wie ich ihn verstehe, obliegt. Wirkliches Leben entsteht immer nur dort, wo verschieden Geartetes zusammentrifft — also ausserhalb der Schranken der Fachwissenschaft. Dass dieser Dilettant kein Stümper sein darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so thäte er besser umzusatteln und sich Fachstudien zu widmen, denn in den Wissenschaften kann jede noch so geringe Begabung Verwendung finden, im Dilettantismus nicht. Und noch eins: Dilettant ist, wer aus Liebe und Leidenschaft, ohne jede Eigensucht, eine Sache betreibt; echter Dilettant aber nur, wer sich selber im Zaume hält und wessen Vernunft seiner Leidenschaft gebietet; der Gelehrte darf Steckenpferde reiten, denn es kann vorkommen, dass er hierdurch Wissenschaft fördert, der Dilettant darf es nicht, denn er stiftet damit nur Verwirrung. An den echten Dilettanten werden hohe Ansprüche gestellt: wir fordern von ihm eine vorzügliche Urteilskraft, das Auge eines Feldherrn — zugleich scharf und viel umfassend, innere Freiheit, unermüdlichen Fleiss und volle Hingebung. Gewiss unterliegen solche Männer besonderen Beschränkungen, doch ich meine, sie verdienen es, eine geachtete Stellung neben Fachgelehrten, Künstlern und Männern des praktischen Lebens einzunehmen, und es ist vollendet lächerlich, wenn schaale Zeitungsfeuilletonisten und beschränkte Dutzendprofessoren mit Achselzucken von »blossen Dilettanten« sprechen.
    Hier muss aber auf noch eine Sache aufmerksam gemacht werden. Jeder Beruf, indem er bestimmte Fähigkeiten unausgesetzt übt und dadurch kräftigt, lähmt andere; das Naturgesetz des organischen Gleichgewichts bringt das mit sich; jeder Beruf birgt also besondere Gefahren. Wer Augen hat zum Sehen, beobachtet dies täglich beim Offiziersstand, beim Kaufmannsstand, beim Juristen, beim Geistlichen, beim Arzt, beim Künstler...... Die Erkrankung, die dem Fachgelehrten droht, ist nun eine besonders gefährliche; Immanuel Kant, der sein Leben lang an der Quelle sass und also aus täglicher Erfahrung schöpft, hat die Redlichkeit gehabt, es offen auszusprechen:

9 Dilettant und Gelehrter

grosse Gelehrsamkeit schwächt leicht die Urteilskraft. Teils kommt das von der Überanstrengung des Gedächtnisses her, teils von der engen Beschränkung der Interessensphäre, teils von der — für Durchschnittsköpfe — demoralisierenden Wirkung des widerspruchslosen Docierendürfens. Daher Kant's merkwürdig schroffe Behauptung: »Die Akademien schicken mehr abgeschmackte Köpfe in die Welt, als irgend ein anderer Stand des gemeinen Wesens.« Und mit Staunen bemerkt der weise und stille Menschenbeobachter, was er »das Vorurteil des Unwissenden für die Gelehrsamkeit« ¹) nennt. Eine solche Sprache im Munde eines Fachgelehrten und eines Mannes, der besonders vorsichtig und mild zu urteilen pflegt, sollte uns wohl zu denken geben. Und in der That, das Fachgelehrtenwesen, dessen unschätzbare Verdienste einem jeden bekannt sind, birgt grosse Gefahren, auf die es Zeit wäre, aufmerksam zu werden. Wie die übrigen Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, erfordert auch das Gelehrtentum ein Korrektiv, ein Gegengewicht. Schon im Interesse der Wissenschaft wäre ein solches nötig. Der Gelehrte wird leicht zugleich eng und autoritär; weil er in   e i n e r   Sache Bescheid weiss, glaubt er sich manchmal allwissend und wird unduldsam wie nur irgend ein zelotischer Pfaffe. Daher mag es wohl kommen, dass nirgends das Autoritätenunwesen, ja der Terrorismus üppiger blüht als in der Gelehrtenrepublik; ein einziger »berühmter« und vielleicht wirklich hochverdienter Name genügt manchmal, um dreissig Jahre lang alle originellen Köpfe, alle neuen, fruchtreichen Gedanken in der betreffenden Wissenschaft brachzulegen und eine Generation heuchlerischer Nachbeter und hochmütiger Mittelmässigkeiten heranzuziehen. In ähnlicher Weise herrscht in der Wissenschaft das Dogma; wer z. B. heute nicht ohne weiteres anzunehmen bereit ist, sämtliche lebende Wesen hätten sich aus einer einzigen Urzelle »entwickelt«, wird auf Naturforscherversammlungen einfach nicht zum Worte zugelassen. Man ist erstaunt, wenn man erfährt, wie viele der bedeutendsten deutschen Universitätsprofessoren von der Regierung ohne Mitwirkung und sogar gegen den Willen der Fakultäten ernannt wurden — ich brauche nur Johannes Müller, Leopold von Ranke, Helmholtz, Gräfe zu nennen. Da sieht man echten Dilettantismus am Werke, zum
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    ¹) Vergl. Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl., S. 174, Nachricht von der Einrichtung der Vorlesungen u. s. w., Versuch den Begriff der negativen Grössen u. s. w. III, 4, Logik, IX und zahlreiche andere Stellen.

10 Die Rassenfrage

Heile der Wissenschaft und der Kultur! Und dieser Dilettantismus ist es, der jetzt seine Einflussphäre noch weiter ausdehnen muss, — der Dilettantismus, der zwischen Gelehrten und Gelehrten zu unterscheiden weiss, der die urteilsmächtigen und die »abgeschmackten« nicht in einen Topf wirft und der auch beim wirklich grossen Gelehrten zwischen dessen Gelehrsamkeit und dessen unbewusstem Dilettantismus, zwischen dessen glänzenden Gedanken und dessen beschränkten Vorurteilen eine Grenzlinie zieht. Ein Gegner der Fachgelehrten soll der Dilettant beileibe nicht sein, vielmehr ist er ihr Diener; ohne sie wäre er selber nichts; er ist aber ein völlig unabhängiger Diener, der zur Erledigung seiner besonderen Aufgaben auch seine besonderen Wege gehen muss. Und empfängt er sein Thatsachenmaterial zum grossen Teile vom Gelehrten, so kann auch er durch neue Anregungen diesen sich vielfach verpflichten.
    Zwischen dem Wissen und dem Leben zu vermitteln, ist ein schönes, aber schwieriges Amt; keiner sollte sich daran wagen ohne ein tiefes Bewusstsein der übernommenen Verantwortlichkeit.

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    Gleich die   R a s s e n f r a g e,   die heute so leidenschaftlich erörtert wird, kann uns beweisen, dass der Dilettantismus zu etwas nütz ist und dass die Fachgelehrsamkeit nicht selten dort versagt, wo das Leben Ansprüche auf ihre Hilfe erhebt. Denn es ist nicht die Agitation einzelner Schwärmer, welche die Rassenfrage brennend gemacht hat, sondern es sind die thatsächlichen Vorgänge der letzten hundert Jahre: einerseits die nahe Berührung, in die wir Europäer und Europäersprösslinge jetzt mit fast allen Menschen der Welt — welchen Schlages sie auch seien — geraten sind, und welche schon jetzt — so z. B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika — zu den schwierigsten und bedrohlichsten Problemen geführt hat und allerorten zu ähnlichen führen wird; andrerseits der enorme Einfluss, den in kurzer Zeit das kleine internationale Volk der Juden auf unsere europäische Kultur gewonnen hat, ein Volk, dessen Religion auf den einen Satz zurückgeführt werden kann: Reinheit der Rasse, Solidarität des Blutes, Isolierung, und das dank diesem Gesetze seit 2500 Jahren allen Schicksalsstürmen trotzt. Auch hier, und mehr noch als bei der Wissenschaft, müssen wir einsehen: die Zeit ist nicht still gestanden. Gewaltige Ereignisse haben das Antlitz der Erde in politischer Hinsicht völlig umgewandelt; folgenschwere stehen bevor; denn dass ein neuer

11 Die Rassenfrage

dauernder Zustand schon geschaffen sei, glaubt kein denkender Mensch; das Jahrhundert, in das wir jetzt eintreten, bedeutet einen geschichtlichen Wendepunkt, das fühlt jeder: es entscheidet über das Schicksal des Menschengeschlechts auf weite Zeiten hinaus, denn es giebt die Richtung an; und was auf dem Spiele steht, ist nichts weniger als die Existenz und die fernere Entwickelung unserer nordeuropäischen Kultur, in allem, was sie Grosses, Gutes, Schönes und Heiliges hervorgebracht hat. Unter diesen Umständen   m u s s t e   sich die Rassenfrage aufdrängen, denn sie ist eine der Lebensfragen in dem bedrohlichen neuen Kampf ums Dasein, in den wir jetzt eintreten.
    Dass die Rassenfrage eine neue gewesen sei, kann man allerdings nicht behaupten. Von jeher müssen unbefangene Beobachter den Unterschied zwischen Mensch und Mensch bemerkt haben, und das Verbot der Vermischung — also die Heiligung des Blutes im engeren Sinne und mit Ausschluss selbst der physisch Ähnlichen — finden wir bei vielen primitiven Völkern (vergl. z. B. S. 134), sowie bei hochkultivierten, wie den Indoariern. Der Instinkt der Unterscheidung ist eigentlich das Ursprüngliche, das Nichtunterscheidenwollen ist ein Ergebnis angeblicher Bildung. Der Hellene sah eine Kluft gähnen zwischen sich und dem »Barbaren«; und dieser natürliche Instinkt besteht noch jetzt selbst in Europa hier und da und bethätigt sich als aufgezwungene Sitte, bei Strafe der Ausstossung nicht ausserhalb des Gaues zu freien, so z. B. in den Hochthälern Tirol's. ¹) Bei den Denkern und Naturbeobachtern Indiens, Persiens und Griechenlands ward diese instinktive Unterscheidung vertieft und präcisiert; und kommen wir zu unserer modernen Zeitepoche, so ist es interessant zu sehen, dass Voltaire, der lynxäugige, die Verschiedenheit der Menschenrassen stark hervorhebt und dass er die Meinung ausspricht, die verschiedenen Menschen seien ebensowenig von einem einzigen Menschenpaar abgestammt, »wie Birnbäume, Tannen, Eichen und Aprikosen von einem und dem selben Baume«. ²) Für Voltaire giebt es also, wie man sieht, von Hause aus verschiedene   A r t e n   von Menschen. Kant dagegen, den das selbe Problem öfters beschäftigt hat, sieht sich aus theoretischen Gründen zu der Annahme gedrängt, die Menschheit bilde eine einzige Art; doch sei diese Art
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    ¹) Siehe Schurtz: Altersklassen und Männerbünde, 1902.
    ²) Traité de Métaphysique ch. 1; vergl. auch den Abschnitt Des différentes races d'hommes in der Einleitung zum Essai sur les Moeurs, den Artikel Homme im Dictionnaire philosophique u. s. w.


12 Die Rassenfrage

sehr frühzeitig in verschiedene Varietäten oder »Rassen« auseinandergegangen, die sich derartig differenziert hätten, dass aus der Kreuzung jetzt nur minderwertige »Bastarde« hervorgingen. Dieser Weise ist wohl der erste, der das grosse Gesetz ausspricht: »So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu urteilen: dass die Vermischung der Stämme, welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht, alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet, nicht zuträglich sei.« ¹) Goethe wiederum, der treue Beobachter der Natur, der selber von sich meldet, er sei »fleissig und aufmerksam gewesen in Vergleichung der Menschenrassen untereinander«, war geneigt, mit Voltaire die Abstammung von verschiedenen »Urvätern« anzunehmen (siehe S. 329), und er betont Eckermann gegenüber: der Einfluss der Umgebung sei nur ein Sekundäres neben »dem Angeborenen der Rasse«. ²) Doch jene Zeit war weder den natürlichen Instinkten noch dem unbefangenen Studium der Natur günstig; die Epoche der Revolution, der Phrasen, der Schwärmerei, der hochherzigen Träume war angebrochen. Rousseau schreibt Buch über Buch über die Menschheit, ohne ein einziges Mal mit einem einzigen Wort jene Ungleichheit zu berühren, die durch die Thatsache der verschieden gearteten physischen Gestaltung gegeben ist; »dans l'état de nature il y a une égalité de fait réelle et indestructible«, so lautet jetzt das Dogma (Emile IV); und Herder meint, es sei »nicht erlaubt, das unedle Wort Menschenrassen auszusprechen«. ³)
    Unter dem Einfluss dieser künstlichen, aus den Tiefen des Bewusstseins a priori ausgeklügelten Doktrinen und unter dem Einfluss rein politischer Schlagworte, hat nun unsere Naturforschung fast bis zum heutigen Tage wie betäubt und gelähmt gelegen. Zwar hatte die Anthropologie und Ethnographie seit Voltaire und Kant ein enormes Material zusammengetragen und die Beweise der sichtbaren, physischen Unterschiede und ihrer Vererbung auf die Nachkommen täglich vermehrt; doch jede Anwendung auf das Leben war bei Ostracismus verboten; die Wissenschaft war bloss für die Wissenschaftler da, ein ewiges Längs- und Quermessen und ein ewiges Hin- und Herspielen mit Hypothesen und Systemen und Nomenklaturen
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    ¹) Siehe Anthropologie, Teil 2, C, am Schluss und vergl. Von den verschiedenen Rassen der Menschen und Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse.
    ²) Siehe Entwurf einer vergleichenden Anatomie II und Biedermann VI, 339 und VII, 42; u. s. w.
    ³) Ideen IV, 5.


13 Die Rassenfrage

in majorem professorum gloriam; dem Laien gegenüber durfte als Ergebnis dieser gelehrten Bemühungen nur das Eine immer wieder gepredigt werden: die Bestätigung des internationalen demokratischen Grundsatzes der absoluten intellektuellen und moralischen Gleichheit aller Menschen auf Erden. Man kennt Virchow's Stellung in diesen Fragen: sie war für alle Anthropologen Deutschlands vorbildlich und sozusagen obligatorisch; wer nicht »die Verschmelzung aller Menschen in eine Einheit als Ziel, Aufgabe, Hoffnung und Wunsch« predigte (S. 263), dessen Hochschullaufbahn war gebrochen. So spielte die Politik — und zwar die schlechteste Bierbankpolitik — in die Wissenschaft hinein, lähmte und vergiftete sie durch und durch, und machte sie, statt zu einem zuverlässigen Leiter der bedürftigen Menschheit, zu einem verhängnisvollen Irreführer. Inzwischen hatte sich aber zum Glück ein anderer Zweig der Wissenschaft unter günstigeren, freieren Auspicien entwickelt: dass die Rassenfrage trotz der Herren Anthropologen nach und nach gesichtet und die Hauptelemente des Problems wenigstens bis zur klaren Fragestellung durchgearbeitet wurden, verdanken wir der vergleichenden Philologie des vergangenen Jahrhunderts. Alle die Hauptbegriffe, die heute Gemeingut sind und die selbst die anatomische Anthropologie nicht entbehren kann, wie Arier, Indoeuropäer, Semit, Hamit, Turanier u, s. w., auch die Vorstellung der Wanderungen, die Kenntnisse der Kulturzustände u. s. w., verdanken wir in erster Reihe der Philologie. Diese untersuchte nicht Knochen, sondern im Gegenteil das Allerinnerste, gleichsam die unsichtbare Seele dessen, was dem Auge als Körper entgegentritt: die Sprache. Und indem sie zwischen fernabliegenden und häufig auf den ersten Blick physisch unähnlichen Völkern das Band der unzweifelhaften prähistorischen Gemeinsamkeit nachwies, richtete sie zugleich zwischen Mensch und Mensch Mauern auf, die keine Sophismen und Phrasen hinfürder herunterreissen können. So darf es — um nur ein Beispiel, aber ein wichtiges, anzuführen — als endgültig entschieden betrachtet werden, dass die früher ohne weiteres vorausgesetzte und fast bis heute aus Gründen der Religion und des philosemitischen Vorurteils festgehaltene Vorstellung einer Verwandtschaft zwischen den indoeuropäischen und den semitischen Sprachen nicht zu Recht besteht; womit auch die luftige Vorstellung eines den Semiten und den Arier brüderlich vereinigenden Urvaters, des sogenannten »kaukasischen Menschen« definitiv zerstört ist. Professor O. Schrader, ein Fachmann von allseitig anerkannter Zuverlässigkeit, weist dies nach in

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seinem Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, 1901, S. 891 ff. Gewiss hat auch die philologische Rassenkunde manche Irrfahrt angetreten, doch es geschah aus wissenschaftlicher, nicht aus politischer Voreingenommenheit oder Verblendung, und unter solchen Bedingungen wirkt der Irrtum anregend, nicht wie in dem früher genannten Fall verstockend.
    So lagen die Dinge, als vor etwa zwanzig Jahren jene zwingende Lage, die ich oben erwähnte — die gelbe Gefahr, die schwarze Gefahr, die jüdische Gefahr, die ultramontane (oder völkerchaotische) Gefahr — die Rassenfrage aus einer akademischen zu einer Lebensfrage umschuf. Doch wenn auch die wissenschaftliche Philologie klar umschriebene Begriffe gab, sie konnte keine anatomischen Antworten und keine physiologischen Ratschläge erteilen; die somatische Anthropologie aber war ein solches Chaos, dass, wer keinen Blick hineingeworfen hat, sich schwer eine Vorstellung davon machen kann. Und so entstand denn eine ganze, neue Litteratur — von Gymnasialprofessor K. Penka's epochemachenden Origines ariacae, 1883, an bis, sagen wir, zu Ammon, Reibmayr und Lapouge, deren Hauptschriften vor kurzem erschienen — eine Litteratur, welche von jenem frischen Geist getragen ist, der jedem Unternehmen eignet, sobald es aus einem lebendigen Bedürfnis hervorgeht — welcher aber doch ein gewisses Etwas anhaftet, was man wohl als Dilettantismus bezeichnen muss. Nicht allein waren manche der erfolgreichsten unter den Bearbeitern des brachliegenden Feldes nicht Gelehrte von Fach, sondern die Problemstellung selbst war es, die die Beantwortung durch einen Specialisten nicht zuliess. Zwar überwog bald — und glücklicherweise — die anatomische, und das heisst die naturwissenschaftliche Richtung; doch ohne Philologie und Prähistorie und Geschichte lässt sich nichts Sicheres über die menschliche Rassenfrage ausmachen. Jeder Bearbeiter war also mindestens teilweise Dilettant; er war es entweder auf dem einen Feld, oder auf dem anderen; und wir dürfen behaupten, dass bei der heutigen Specialisierung des Detailwissens kein Mensch im Stande ist, eine streng wissenschaftliche Darlegung der gesamten Rassenfrage zu liefern. Inzwischen haben die genannten Arbeiten den Vorzug gehabt, erstens, die Fachwissenschaften zu bedeutenden Fortschritten anzueifern, zweitens, das Publikum trotz alles Widerspruchsvollen zwischen den verschiedenen Auffassungen doch aufzuklären.
    Diese ganze Litteratur krankt aber, nach meiner Überzeugung,

15 Die Rassenfrage

an dem grossen Übel unserer Zeit, an dem historischen Wahn, der, nebenbei gesagt, für Geschichte blind macht. Man glaubt überall auf »Anfänge« zurückgehen zu müssen; das hat Herder's Evolutionismus und sein Kind, der Darwinismus, uns angethan und uns dadurch zu mosaischer Naivetät zurückgeführt. Beim »Urarier« und »Protarier« sind wir schon angelangt, der auf dem untergegangenen Erdteil Arktogäa sein Urwesen trieb; warum aber nicht auf den protarischen Affen zurückgehen? und von diesem auf den urprotarischen Fisch, aus dem dieser hervorgegangen war? Die Sehnsucht nach Ursprüngen ist verhängnisvoll; philosophisch ist der Gedanke eines Anfangs unhaltbar, und für die Welt der Praxis geht bei diesem ewigen Hader über Hirngespinste das Einzige, was not thut — das Aufhellen des Heute und des Morgen, damit wir wissen, wie wir handeln sollen — verloren. Darum habe ich mich in diesem Buche auf den Standpunkt des schlichten Mannes der Praxis gestellt, der der Wissenschaft nicht ins Handwerk pfuscht, noch auch sich von ihr den Weg aufzwingen lässt, den er gehen will, des Mannes, der die Wissenschaft verehrt und benützt, doch sich bewusst bleibt, dass es folgenschwerere Dinge giebt, als akademische Turniere. Die Frage nach Ursprüngen habe ich ein für allemal von mir gewiesen; ich habe ausdrücklich erklärt, ich wisse nicht, ob die Worte Arier und Semit überhaupt konkreten Abstammungsthatsachen entsprechen oder bequeme künstliche Begriffe für nur dem Wesen nach verwandte Menschen sind (S. 343); ich habe mich weder mit Voltaire, Goethe und Lapouge für die Annahme entschieden, die Menschheit stamme von mehreren, völlig verschiedenen, gar nicht blutsverwandten Arten, im Sinne der wissenschaftlichen Species ab, noch mit Kant, Quatrefages, Virchow für die Überzeugung, es habe nur Varietätenbildung innerhalb eines einzigen Stammes stattgefunden. Wie soll ich das alles wissen? Worüber die Fachmänner sich in den Haaren liegen, darüber soll ich apodiktische Urteile abgeben? Das wäre Dilettantismus im schlechten Sinne des Wortes. Desswegen habe ich das Wort   R a s s e,   welches von der einen Hälfte der Anthropologen im Sinne Voltaire's als Bezeichnung für eine unterschiedene Art, von der anderen Hälfte im Sinne Kant's als Bezeichnung für eine Varietät gebraucht wird, — woraus, nebenbei gesagt, schon die erste heillose Konfusion entsteht — weder in dem einen noch in dem anderen Sinne genommen. Sondern ich habe alle diese strittigen Fragen, wie es sich für mich und mein Buch schickte, den Fachgelehrten zur Entscheidung überlassen und habe mich, wie an

16 Die Rassenfrage

Ort und Stelle deutlich genug zu lesen ist, im Anschluss an Darwin zu den Männern der Praxis geschlagen, zu den Tier- und Pflanzenzüchtern, und habe unter »Rasse« jene Steigerung bestimmter, wesentlicher Charaktere und der allgemeinen Leistungsfähigkeit, jenes Hinaufschrauben des ganzen Wesens verstanden, welches unter ganz bestimmten Bedingungen der Auswahl, der Vermischung, der Inzucht — aber nur unter diesen ganz bestimmten Bedingungen, dann aber ausnahmslos, das heisst also mit der Sicherheit eines Naturgesetzes — erzielt wird. Ich fasse, wie man sieht, die Sache am entgegengesetzten Ende an, als die Ursprungssucher; ich treibe mich nicht unter Gräberfunden und paläolitischen Äxten und Lautverschiebungen herum, um dort einmal zu entdecken, ob etwas »Rasse« heissen kann, und was, sondern ich folge dem grossen englischen Naturforscher in den Pferdestall und auf den Hühnerhof und zum Kunstgärtner und sage: dass es hier etwas giebt, was dem Wort »Rasse« Inhalt verleiht, ist unstreitig und jedem Menschen offenbar. Sodann aber — von der Wahrheit des grossen mittleren Gesetzes aller Erfahrung und aller Wissenschaft durchdrungen, dass es nur eine einzige, überall gleichwirkende Natur giebt — schaue ich mich unter den gegenwärtigen Menschen um und befrage jene historische Vergangenheit, über die wir sichere Kunde besitzen; und richtig! genau dasselbe Phänomen gesteigerter Individualcharaktere und grösserer Leistungsfähigkeit wie bei Tieren und Pflanzen erblicke ich überall dort, wo ein Volk Ausserordentliches leistet; und ebenfalls genau so wie dort, sehe ich, dass, wo die Bedingungen zur Veredlung der betreffenden Menschenrasse in ihrer Wirksamkeit geschwächt oder aufgehoben werden oder gar entgegengesetzte Bedingungen eintreten, die Rasse (in diesem Sinne der Züchter) einbüsst und nach und nach ganz verschwindet. Ausserdem beobachte ich, dass es unter den Menschen, genau so wie unter den Tieren und Pflanzen, verschiedenes Material giebt, das heisst, dass gewisse Abarten sich von Haus aus zur Rassenbildung hervorragend eignen, andere nicht. Ob aber solche in Bezug auf Plasticität bevorzugte Stämme — wie z. B. in früheren Zeiten die Hellenen und heute die Slavokeltogermanen — selber durch langanhaltende Rassenzüchtung entstanden sind (was mir persönlich wahrscheinlich scheint) oder aber, ob sie eine besondere, von jeher unterschiedene Schöpfung höherer Gattung darstellen (wie das Gobineau's Dogma will), darüber stelle ich keine Hypothese auf, sondern es genügt mir, aus der thatsächlichen Beobachtung diese beiden Begriffe

17 Die Rassenfrage

der »Rasse« — einerseits als eines noch heute beweglichen Züchtungsproduktes, andrerseits als eines mehr oder weniger einheitlichen, zur Edelzüchtung besonders geeigneten Menschenmaterials — klar zu fassen und von einander zu unterscheiden. Hierbei lege ich natürlich auf die erste Bedeutung das Hauptgewicht, weil sie auf täglicher, reicher, wissenschaftlich gesicherter Beobachtung beruht, wogegen die zweite Bedeutung, trotzdem sie sich nicht minder auf Beobachtung bezieht, jedoch in Bezug auf das geschichtliche Werden nur durch Analogieschluss als »Rasse« im Sinne eines Gezüchteten aufgefasst wird.
    Ich dächte, das wäre doch deutlich genug, und handgreiflich empirisch und unwiderleglich. Ein jeder Mensch kann sich von dem Sachverhalt durch Augenschein überzeugen; ein Jeder muss zugeben, dass »Rasse« — was man auch sonst dem Worte für Bedeutungen beilegen mag — jedenfalls in   d i e s e m   Sinne inhaltreich und von hohem Werte für das Leben der Nationen ist. Die akademische Wissenschaft kann der kühnsten Hypothesen nicht entbehren, diese sind ein Werkzeug zur Erlangung neuer Erkenntnisse; dagegen braucht das praktische Leben vor allem Thatsachen, sichere Thatsachen, übersichtlich gegliederte Thatsachen, aus denen es bestimmte Lehren und Direktiven entnehmen kann. Um überzeugend zu wirken, muss man auch immer mit den nächstliegenden Thatsachen beginnen. Der »Deutsche«, der »Engländer« sind aus der täglichen Erfahrung wohlbekannte Vorstellungen; der »Germane« ist ein Begriff, dessen genauer Sinn nur aus einer historischen Darstellung zu gewinnen ist; der »Urgermane« und der »Arier« sind schon hypothetische Gebilde. Ist es erst gelungen, dem Laien die Thatsache der Rasse in ihrem näheren Bedeutungskreise zu zeigen, dann wird von selbst das Interesse für die grösseren Zusammenhänge erwachen. Hiermit will ich nun durchaus nicht zur Geringschätzung der Prähistorie und der theoretischen Anthropologie Anlass geben; ich selber widme diesen Studien leidenschaftliches Interesse, und ich glaube, in diesem Buche die grosse — durch Rassenzucht entstandene — Thatsache des Germanentums ins gehörige Licht gestellt zu haben. Doch musste mein Blick mehr auf Gegenwart und Zukunft als auf Vergangenheit geheftet bleiben. Wenn man auch wirklich nach 200 Jahren herausbekommen sollte, wo und was und wie die ältesten Arier waren, es wäre das für das praktische Leben von geringer Bedeutung. Wir können doch nicht wieder Urindogermanen werden, ebensowenig wie wir Indoarier oder Perser oder Hellenen oder Römer werden

18 Die Rassenfrage

können oder sollen. Wir sind heute Deutsche und Holländer und Engländer und Skandinavier, und wir wollen uns selbst — unser Werden und Sein und unsere uns anvertraute Zukunft — verstehen. Und dazu brauchen wir eine konkrete Vorstellung von »Rasse«: was ist sie? was bedeutet sie? steht sie irgendwie in dem Machtbereich unseres menschlichen Willens?
    Dass die Mehrzahl meiner unbefangenen Leser mich verstanden hat und der Anregung, die ich gab, gefolgt ist, dessen bin ich überzeugt; doch ich geriet in ein Kreuzfeuer, und neben mancher Anerkennung, auch von Seiten tüchtigster Fachleute, musste ich doch den Zorn sowohl der Rassenschwärmer wie der Rassenschmäher erfahren. Das wäre nun gleichgültig, wenn nicht in dieser von den Zeitungen so leicht zu schürenden Verwirrung die Gefahr naheläge, dass eine völlig falsche Auffassung des von mir vertretenen Standpunktes im Publikum Fuss fasste, was wiederum der Sache selber erheblich schaden könnte. Daher die Notwendigkeit der vorliegenden Auseinandersetzung.
    Zu den am häufigsten gegen mich gebrauchten Waffen gehört die Identifizierung meiner Rassenauffassung mit der Gobineau's und seiner Inégalité des races humaines. Nun beachte man wohl Folgendes. Hat Gobineau Recht, hat es unter den von Gott erschaffenen ursprünglichen Rassen (in Wirklichkeit also, nach wissenschaftlichem Sprachgebrauch, »Arten«) eine einzige edle gegeben, die allmählich durch Mischung mit den ursprünglich und unheilbar unedlen einer immer grösseren Entartung verfallen ist, so dass jetzt dem Menschengeschlecht nur noch das unabwendbare, jämmerliche Ende einer chaotischen Auflösung aller Kultur und Civilisation übrig bleibt, dann ist die einzige würdige Lösung, dass wir uns Alle sofort eine Kugel durch den Kopf jagen; und da wir das nicht thun wollen, so kehren wir einfach der ganzen Frage den Rücken und kümmern uns nicht weiter darum. Gobineau's Lehre ist das Grab jeder praktischen Befassung mit der Rassenfrage; nur darum wird sie heute auch von Denjenigen in den Vordergrund geschoben, die die Rassenfrage nicht aufkommen lassen wollen; nur darum werde ich als »Gobineaujünger«, »Gobineauapostel«, oder von weniger freundlichen Kritikern als »Gobineauabschreiber«, »Gobineauausschlachter« etc. hingestellt. Zwar weiche ich in fast jedem einzigen Grundsatz von Gobineau ab und habe mit ihm weder Grundlagen noch Ziel gemeinsam, so dass selbst dort, wo wir zusammentreffen, nämlich in der Wertschätzung der Germanen,

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die Übereinstimmung mehr scheinbar als wirklich ist, da er und ich unter »Germane« nicht das selbe verstehen; jedoch das macht nichts: mit dem genialen, aber hochphantastischen französischen Grafen ist es leichter fertig zu werden als mit dem nüchternen Empiriker, der nur Sachen vorbringt, deren Richtigkeit jeder Mensch kontrollieren kann, und der die konkrete, unmittelbare Bedeutung von »Rasse« nicht aus ekstatischen Intuitionen ableitet, sondern sie (dank Darwin) so handgreiflich hinstellt, dass kein Unbefangener je mehr bezweifeln kann, in welchem Sinne und in welchem Masse der scharfsinnige Jude Benjamin Disraeli Recht hat, wenn er sagt: »Rasse ist alles, und jede Rasse muss zu Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingiebt« (siehe S. 274). Und darum, weil man mich — der ich nichts erfinde und genialisch aufbaue, sondern einfach, wie jeder Andere es könnte, auf die Natur hinweise — weil man mich, oder vielmehr die Natur, nicht widerlegen kann, darum identifiziert man mich mit Gobineau, damit man zugleich mit der sicherlich an Wahrheiten und Ahnungen reichen, an gelehrtem Material unerschöpflichen, doch offenbar in wesentlichen Punkten unhaltbaren Phantasterei, den unbequemen »Dilettanten« los werde, der bei dem in Bezug auf Thatsachen unanfechtbaren und unvergleichlichen Darwin in die Schule geht, und eine so nahe, klare, sichere Vorstellung von »Rasse« aufstellt, dass jeder Kuhhirt sie fassen kann. ¹)
    Dieses Vorschieben Gobineau's ist eine auf die Menge berechnete Taktik. Mancher Journalist, der meine Abhängigkeit von Gobineau betont, kennt weder Gobineau noch mich. Von rein wissenschaftlicher Seite dagegen werden mir hauptsächlich zwei andere Vorwürfe gemacht, Vorwürfe, die sich diametral widersprechen, doch jeder für sich genommen plausibel genug scheinen und manchen Laien gegen meine Darlegung der Rassenfrage einnehmen mögen. Ich will als Beispiel zwei Männer herausgreifen, gegen die ich mich jedenfalls insofern im Vorteil befinde, als ich ihre Arbeiten besser zu schätzen weiss als sie die meinen.
    Der bekannte und verdiente Anthropolog Wilser wirft mir vor, ich hätte keine Ahnung, was Rasse sei; meine Darstellung sei aus »Redensarten« zusammengewoben, sie könne »in keiner Hinsicht die
aufgeworfenen Fragen beantworten«, u. s. w. ²) Wilser ist eben ein
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    ¹) Zur Beurteilung Gobineau's vergleiche auch Grundlagen S. 707, 708.
    ²) Siehe Politisch-Anthropologische Revue, August 1902.


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Rassendogmatiker. Von der Entstehung der Wirbeltiere an bis zur Geburt des Menschen, und von da an durch alle planetarischen Umwälzungen bis zur glücklichen Ausbildung der arischen Rasse, sodann die Reihe der Wanderungen dieser Rasse: er weiss alles im Einzelnen zu erzählen, förmlich als wäre er dabei gewesen und weilte nur infolge einer glücklichen Metempsychose noch einmal unter uns Spätgeborenen. Da ist nun   e r   im Vorteil, denn ich weiss von dem allen gar nichts und kann mir höchstens sehr vorsichtige Versuchshypothesen darüber bilden. Und was Wilser bei mir vermisst, ist eben dieses
bestimmte Wissen über Dinge, von denen kein Mensch etwas wirklich »weiss«, und ausserdem der Mangel an   D e f i n i t i o n e n.   Das ist das rechte Steckenpferd der Schulweisheit! Ich gebe nirgends eine scharfe Begriffsbestimmung, sondern lasse den Leser aus den vorgeführten Thatsachen nach und nach entnehmen, was Rasse sei; die Merkmale »verschwimmen vor meinen Augen«; ja, ich gehe so weit, jenes ganz unwissenschaftliche, ungelehrte Ding, »das eigene Bewusstsein«, die ganz gemeine, tägliche Erfahrung des Einzelnen in die Rassendarstellung hereinzuziehen — wo doch der rechte Anthropolog erst bei ausgegrabenen Knochen zu denken anfangen darf. Die Empörung des Gelehrten über ein so unerhörtes Vorgehen verstehe ich ganz gut. Und doch, hätten ihm seine Fachstudien ein wenig Musse gelassen, sich in der Philosophie umzusehen — eine von vielen Naturforschern verpönte, nichtsdestoweniger aber sehr nützliche Beschäftigung — so hätte er von Kant, ja schon von Descartes erfahren, dass nur Gedankendinge, nicht wirkliche Dinge sich überhaupt definieren lassen. Alle Weisen der Welt, führt Descartes aus, können die Farbe »Weiss« nicht definieren; ich brauche aber nur die Augen aufzumachen, um sie zu sehen. Und so geht es auch mit »Rasse«, sobald dieses Wort nicht ein Gedankending bezeichnet, sondern ein von der Natur oder vom Menschen unter bestimmten Bedingungen hervorgebrachtes wirkliches Gebilde. Rasse — im Sinne der Züchter — ist ein Mehr oder ein Minder, ein Verhältnisbegriff; es ist ein durchaus plastisches Wesen, das unter günstigen Bedingungen sehr schnell entstehen und unter ungünstigen noch schneller entschwinden kann. Ob ein Pferd »Rasse« hat, sieht ihm ein Kenner gleich an, auch welchen »Grad« von Rasse es besitzt, zeigt sich bald; doch definieren lässt sich das nicht, auch nicht mit Zuhilfenahme der Erfahrungen über Vermischung, Inzucht, Futter und Trainierung. Einzig wichtig ist es darum, die   T h a t s a c h e   zu kennen, die Thatsache der Rasse, und ihren Ent-

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stehungs- und Existenzbedingungen so nahe wie möglich auf die Spur zu kommen. Nur das habe ich versucht; für uns Ungelehrte und für die Praxis des Lebens ist das wichtiger als alle Theorie. Und wenn auch unbedingt zugegeben werden muss, dass die Zurückverfolgung der einzelnen Menschenstämme so weit wie möglich, die Entwirrung der von Hause aus züchtungsfähigeren und der weniger edlen Elemente, u. s. w., alles wichtige und notwendige Untersuchungen sind, so kann doch die Praxis nur das Nachweisbare und Unbestreitbare, nicht die Hypothesen brauchen. Daher meine Zurückhaltung.
    Nun kommt aber ein anderer Gelehrter, Steinmetz, und nimmt mich ganz im Gegenteil deswegen ins Gericht, weil ich zu viel und zu Genaues gesagt habe, wo doch echte Wissenschaft die grösstmögliche Zurückhaltung fordere und nur »durch die strengste Handhabung der besterdachten Methoden in langsamer, treuer Arbeit weiter komme.« ¹) Steinmetz — dessen ausführlichen Aufsatz ich nur bestens empfehlen kann — möchte am liebsten, dass von Rasse bei den Menschen gar keine Rede mehr sei, bis man durch minutiöseste Untersuchungen festgestellt habe: ob es überhaupt so etwas wie erblichen Rassencharakter giebt; hierzu müsse man aber zuerst »durch streng vergleichende Untersuchungen« alle anderen Faktoren ausscheiden, wie da sind »Klima, Lage, Tradition, Acculturation u. s. w.«; ausserdem müsse die »differentielle Psychologie« die primären und sekundären Charakterzüge unterscheiden lernen und so dazu gelangen, die »elementaren Züge« blosszulegen; u, s. w., u. s. w.  Das ist ja alles recht und gut, und es werden auf zwei Jahrhunderte hinaus etliche Dutzend Professoren dafür bestallt werden können; doch das Leben selbst — das uns auf allen Seiten Rasse als eine wichtigste Thatsache für sämtliche organische Wesen zeigt — das Leben wartet nicht, bis die Gelehrten mit ihrer differentiellen Psychologie zu Rande gekommen sind. Und wir Lebenden, wir brauchen nicht zu warten. Als der gelehrte Professor mein Buch las, hat er lange nicht scharf genug zwischen Wissenschaft und Leben unterschieden. Darum hat er Vieles gründlich missverstanden und auch missverständlich dargestellt. So z. B., wo ich von Semiten spreche, bezieht er es ohne weiteres auf die Juden, was ganz unzulässig ist, und er begleitet die Auszüge mit ironischen Bemerkungen, so dass Niemand, der mein Buch nicht zur
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    ¹) Siehe Paul Barth's Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, 1902, Heft 1.

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Hand hat, erraten wird, dass ich die Charakterisierung nicht aus dem kleinen Finger ziehe, sondern aus ausführlich mitgeteilten Belegen der erfahrensten Reisenden und der anerkannt ersten Orientalisten. Der Haupttreffer seiner Kritik aber (S. 100), der auch am Schluss als entscheidend wiederkehrt, ist, dass — angeblich — meine Charakterisierung des indogermanischen Charakters und die des berühmten französischen Anthropologen, Professor Lapouge, (in seinem Buch L'Aryen, 1899) sich direkt widersprechen sollen; daraus folgert der Gelehrte, dass hier nur bodenloser Dilettantismus am Werke sei, »der schlimmste Feind unserer jungen Wissenschaft«. Wenn aber Wissenschaft aufhört, sobald zwei Menschen sich widersprechen, dann giebt's wenig
oder gar keine Wissenschaft auf der Welt. In der Anthropologie vernehmen wir fast nichts als sich heftig widersprechende Fachmänner, und in allen anderen Wissenschaften ist das Aneinanderprallen direkt entgegengesetzter Behauptungen ebenfalls stets an der Tagesordnung. Um mir eine Meinung über die Zolltarifvorlage zu bilden, las ich neulich an einem Tage zwei Schriften, die eine von Lujo Brentano, die andere von Adolf Wagner; nach der Lektüre der ersten Schrift war ich ein begeisterter Freihändler, nach der der zweiten ein verstockter Agrarier; die beiden Gelehrten hatten mir auf Grundlage des selben, noch dazu ganz konkreten, ziffermässigen Materials, zwei in jeder Einzelheit sich widersprechende Lehren vorgetragen. Und ist etwa darum die Nationalökonomie keine Wissenschaft? und sind Brentano und Wagner Dilettanten? Warum also sollten Lapouge und ich den Charakter der Indogermanen nicht verschieden auffassen? Wer aber nicht durch eine Brille hinsieht, wird gleich wahrnehmen, dass die Sache sich überhaupt gar nicht so verhält, wie Steinmetz sie in seiner Voreingenommenheit aufgefasst hat. Denn erstens handelt es sich bei mir, dort, wo ich den vorwiegenden Willen als bezeichnend für den Semiten und den vorwiegenden Intellekt als bezeichnend für den Indoeuropäer hervorhebe, um einen   V e r g l e i c h,   wogegen in Lapouge's L'Aryen kein solcher Vergleich vorkommt; es ist wichtig, das zu bemerken. Sodann aber, wenn der Leser, der die betreffenden Stellen bei mir kennt, die angegebene Ausführung bei Lapouge (S. 370 fg.) in ihrem vollen Inhalt vergleicht, wird er erstaunt sein, zu sehen, dass wir vollkommen übereinstimmen! Denn dass des Indoeuropäers Willen enorm ist, dort, wo sein Verstand ihm den Weg gewiesen hat, habe ich an mehreren Stellen hervorgehoben; es zu leugnen, konnte mir ebensowenig in den Sinn kommen, wie etwa

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die äusserst scharfsinnige Intelligenz der Semiten und speziell ihrer halbschlächtigen Kinder, der Juden, deswegen in Abrede zu stellen, weil bei ihnen der Wille so überaus mächtig entwickelt ist. Lapouge und ich vertreten hier nicht zwei Einsichten, sondern eine und die selbe, und dazu gehörte kein besonderer Scharfsinn, da in diesem Falle kein besonnener und unbefangener Mann anders urteilen kann. Ich fürchte, man wird Steinmetz, trotz seiner grossen Verdienste, in die Kommission für »differentielle Völkerpsychologie« nicht wählen dürfen!
    Diese aus einer grossen Fülle hervorgeholten Beispiele sollen den Laien warnen, jenes »Vorurteil für Gelehrsamkeit«, von dem Kant uns vorhin erzählte, so weit zu treiben, dass er mich gleich verurteilt, weil ein »Gelehrter« es thut; vielmehr soll er die Sache erst untersuchen, und wenn er dann findet, dass ich es verdiene, mir vertrauen.
    Es giebt noch eine Kategorie von Gegnern; sie ernst zu nehmen, fällt aber schwer; ich meine gewisse jüdische Gelehrte und Journalisten, an deren bona fides nicht zu zweifeln ist (mit den anderen befasse ich mich nicht). Wie sollen wir es nun nehmen, wenn Männer, deren besondere und gesonderte Existenz, deren ganzes moralisches und intellektuelles Wesen ein Ergebnis strengster Rassenabsonderung ist, und die das Gesetz der Rasse nicht nur als eigene Religion theoretisch bekennen, sondern in einer alle Berge und Meere überfliegenden, alle Verschiedenheiten der Sprachen und Sitten überwindenden, bewundernswerten Solidarität täglich bethätigen, — wie sollen wir es nehmen, wenn gerade diese Männer uns geschichtlich beweisen wollen, dass Rasse nichts zu bedeuten habe, wenn gerade diese Männer in moralische Entrüstung geraten ob einer so »gemeingefährlichen Lehre«? Ich glaube, man geht schweigend zur Tagesordnung über.
    Und noch ein letztes Bedenken darf nicht unbeantwortet bleiben. Hier und dort hört man sagen: »dass Rasse eine der grossen Thatsachen der Natur ist, lässt sich allerdings nicht leugnen; Naturwissenschaft und Geschichte lehren es; doch wozu soll die Belehrung dienen? hier kann nur Schicksal oder Gott helfen; die Gesellschaft ist machtlos.« Eigentlich zielt ein derartiger Einwand über den Rahmen dieses Buches hinaus; ich hatte die Grundlagen aufzudecken, auf denen sich das Jahrhundert erhob, nicht aber die Nutzanwendung für Gegenwart und Zukunft in Betracht zu ziehen. Doch glaube ich, dass eine möglichst weit verbreitete Rassenkunde für die Erhaltung und Ausbildung der vorwiegend germanischen Staaten von grosser Tragweite werden

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könnte. Wohl haben gewisse Monomanen — so z. B. der geist- und kenntnisreiche Lapouge — undurchführbare Vorschläge gemacht, und dadurch wird gegen die beste Sache das Odium der Lächerlichkeit erregt; doch ein so nüchtern präziser Naturforscher wie Francis Galton, der Schwager Darwin's, hat am 29. Oktober 1901 in einer Versammlung durchaus nüchterner und praktischer Männer, nämlich in dem anthropologischen Institut in London, einen Vortrag »Über die Möglichkeit, die menschliche Rasse zu verbessern« gehalten, in welchem er die gesetzliche Förderung der Rasseninteressen vorschlug und als Beispiele praktischer Rassenzüchtung auf die Indoarier und die Juden hinwies. In den Vereinigten Staaten sind schon längst derartige Bestrebungen am Werke. Was nun hier als Ausfluss der niedrigsten, unhistorischen Empirie durchdringt, warum sollten wir es nicht von einem höheren Standpunkt anfassen und nicht bloss zwischen physisch »Besseren« und physisch »Schlechteren« unterscheiden, wie dies Galton thut, sondern zwischen Denjenigen, die physisch und moralisch Germanen sind, und solchen, die es nicht sind? Warum sollten wir nicht — ehe es auf immer zu spät ist — für die Erhaltung alles dessen wirken, was uns das Teuerste und Heiligste ist, durch die Erhaltung der physischen Grundlagen, auf denen es erwuchs und ohne die es nicht bestehen kann? Hier könnte das Gesetz Grosses wirken; doch weit mächtiger als dieses — dem Gesetz selbst das Gesetz gebend — wäre das lebendige, öffentliche Bewusstsein von der Bedeutung von Rasse für die Geschichte der Nationen und von der Bedeutung des Germanentums für die Geschichte der heutigen Kultur.

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    Wie Rasse bis in die innerste Seele — vielmehr, gerade in der innersten Seele — gestaltend wirkt, ersieht man aus der Auffassung von Religion bei verschiedenen Völkern. Mein Buch handelt vielfach von dem Einfluss des Judentums und — durch dessen Vermittlung — auch des Semitentums im weiteren Sinne des Wortes auf die uns Slavokeltogermanen angeborenen religiösen Instinkte; hier habe ich nicht bloss in   e i n   Wespennest, sondern in viele hineingegriffen; denn meine Ausführungen mussten bei katholischen, protestantischen, jüdischen und antireligiösen Vorurteilen gleichmässig Anstoss erregen, und um so schlimmer war es, wenn z. B. der Protestant zugleich ein Jude oder der Jude ein Religionsfeind war. Hier alle Missverständnisse in den an den Grundlagen geübten Kritiken aufklären zu wollen, wäre

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umsonst; zum grossen Teile heben sich die Vorwürfe gegenseitig auf. Auf die Sache selbst dagegen möchte ich gleich hier im Vorwort die Aufmerksamkeit des Lesers in eindringlichster Weise richten; denn hier halten wir den Kern der so oft genannten und so selten verstandenen »Judenfrage« (vgl. S. 935 Anm.). Das Folgende ist also als Ergänzung zu den in diesem Buche an vielen Orten zerstreuten Bemerkungen über das Verhältnis — und den Widerstreit — zwischen indogermanischer und semitischer Religionsauffassung zu betrachten.
    Im Jahre 1847 verlangte Fürst Bismarck im preussischen Landtage »die Emanzipierung der Christen von den Juden«; einzig die religiöse Emanzipierung wäre die endgültige. Mag der Jude nur auf allen Gebieten mit uns wetteifern; wer will, wer kann es ihm wehren? In uns selber muss die Umkehr stattfinden. Dort ist es, in der innersten Seele, wo wir das Joch tragen, und es lastet auf unserem ganzen Leben, weil es ein Fremdes ist, etwas, was wir uns nie wirklich aneignen können, mögen wir auch noch so inbrünstig das Haupt davor zur Erde beugen und den Leib kasteien und das Herz quälen, denn es widerspricht dem »Genie« aller Völker aus der indogermanischen Gemeinschaft und bringt fortwährend unsere Religion mit unserer Weltanschauung in unlösbare Konflikte. Gelänge es, aus unserem religiösen Leben den semitischen Einschlag zu entfernen, wir wären Neugeborene, und im selben Augenblick würde der Jude für unser Auge in die richtige perspektivische Entfernung wegrücken, wo es uns leicht werden würde, ihn zugleich gerecht und mild zu beurteilen. Das ist die These, die ich in diesem Buche verfechte. ¹)
    Während wir Germanen nun — wie gewöhnlich — den Wert neuer Erkenntnisse nur langsam fassen, haben bereits etliche unter unseren Gegnern recht gut begriffen, welche gewaltige Wirkung mit der Zeit davon ausgehen könnte, wenn an Stelle einer öden Judenhetze dieser rein innerliche Vorgang einer Ausscheidung alles Semitischen aus unserer eigenen Seele stattfände; ihre Gegenminen legen sie schon an. Es sind bei Leibe nicht bloss Juden, die diesen Feldzug führen — wenngleich unter unseren protestantischen und katholischen Theologen und Orientalisten weit mehr Juden und Judenstämmlinge
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    ¹) Ich bin inzwischen auf einen unerwarteten Bundesgenossen gestossen; denn Moses Mendelssohn (wenn ihn Kant richtig auslegt) hat gelehrt: »Christen, schafft ihr erst das Judentum aus   e u r e m   eigenen Glauben weg, so werden wir auch das unsrige verlassen« (Streit der Fakultäten, allgemeine Anmerkung »Von Religionssekten«; ed. Hartenstein 1868, VII, 370).

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sich befinden, als ein naives Publikum sich vorstellt, wodurch freilich der Gründlichkeit und Redlichkeit der Arbeit nicht der geringste Abbruch geschieht, wohl aber ihrer Freiheit und ihrer Bedeutung für indogermanisches Seelenleben — sondern die besten Bundesgenossen findet die semitische Geistesrichtung an manchen echt germanischen Orthodoxen, die Gott nie gefälliger zu sein glauben, als wenn sie in die semitische Posaune stossen, — ein Wahngedanke, der aus anerzogenen Vorurteilen hervorgeht und manchmal auch durch kirchliche Rücksichten genährt wird. Der neueste Schachzug ist nun dieser: die Fortschrittlicheren und Scharfsinnigeren wissen, dass das jüdische religiöse Ansehen nicht ungeschmälert weiter bestehen kann; es ist unmöglich; wir wissen jetzt zu viel über die Geschichte der Entstehung des Judentums und der alttestamentlichen Bücher; und so sorgen sie schon im voraus dafür, dass der Glorienschein religiöser Pfadfinder und Gesetzgeber für die ganze Menschheit, wenn er dem kleinen syro-semitischen Volk der Juden verloren geht, dann den Semiten im umfassenderen Rassensinne dieses Wortes bewahrt bleibe. Hierzu wird Geschichte gewaltsam gemodelt; ja, den Juden wird sogar das genommen, was ihrs ist und ihre Eigenartigkeit und ihren Ruhm ausmacht. Umsomehr sind wir berechtigt, bei Zeiten und energisch Einspruch zu erheben. Des Judenhasses, der mir von Manchem angedichtet wird, bedarf es nicht; die berechtigte Liebe zur Eigenart genügt; diese macht auch gegen andere »Arten« gerecht. Darum ist es nötig, den indogermanischen Standpunkt stark und — wo es sein muss — rücksichtslos zu betonen; sähe es klarer in unseren eigenen Köpfen aus, die verwickelte und bedrohliche »Judenfrage« wäre eo ipso gelöst; so aber gleicht unsere Seele einem Schiff ohne Kompass; unser Judenschutz und unsere Judenabwehr, beide sind halbe Massregeln, undeutlich gedacht, unfrei durchgeführt. Unter solchen Bedingungen   m u s s   die semitische Geistesrichtung Sieger bleiben, es ist nicht anders möglich; nicht der Jude wird assimiliert, sondern wir werden endgültig semitisiert. »O du armer Christe, wie schlimm wird dir es ergehen, wenn er (der Jude) deine schnurrenden Flüglein nach und nach umsponnen haben wird!« — so schreibt Goethe an Jacobi und warnt ihn vor den »jüdischen Pfiffen« Moses Mendelssohn's. ¹) Und doch war Mendelssohn ein Mann ohne Falsch und Arg. Hier liegt nicht Betrug vor, sondern notwendige Wirkung von Rasse auf Rasse. Wir Alle sind
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    ¹) Goethe's Briefe, Weimarer Ausgabe, VII, 131.

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»arme Christen«, und haben wir das uns verstrickende Netz an einer Stelle durchrissen, gleich wird es neu gesponnen.
    Ein einziges Beispiel aus allerletzter Zeit soll uns veranschaulichen, wie dieses »Umspinnen der Flüglein« noch unter uns vorgeht, wie jede Sophistik und jede Gewaltsamkeit von den achtbarsten Männern für erlaubt erachtet wird, sobald sie der Zwingherrschaft semitischer Ideale unter uns dienen. Nach verschiedenen Richtungen hin wird für die Leser meines Buches viel aus diesem Beispiel zu lernen sein; selbst vor einiger Ausführlichkeit dürfen wir darum nicht zurückschrecken.
    Die Rede, die Friedrich Delitzsch am 13. Januar 1902 in Berlin hielt und später, unter dem Titel Babel und Bibel, vortrefflich illustriert, als Flugschrift herausgab, hat sowohl durch das Fesselnde des Gegenstandes, wie auch durch die wirklich glänzende Darstellung in allen gebildeten Kreisen Aufsehen erregt. Zwar wurden die deutschen Ausgrabungen in Babylon nur wenig berührt, was Manchem unter uns leid gethan hat, doch war die Zusammenfassung der Hauptergebnisse einer halbhundertjährigen Forschungsarbeit verschiedener Nationen noch eher geeignet, Eindruck zu machen und durch die Gewinnung neuer Mitglieder die junge deutsche Orient-Gesellschaft zu stärken. Inhalt und Zweck der Rede sind hierdurch gekennzeichnet; alles so unverfänglich, wie nur denkbar. Und wurde auch ein bischen »ketzerisch« mit der Bibel verfahren, das konnte den Reiz nur erhöhen, namentlich da das am Schlusse hinausgeschmetterte Wort Goethe's: »auch wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt«, den Irrglauben wettmachte durch echteste germanische Zuversichtlichkeit. Nichtsdestoweniger wird in dieser Rede von einem Ende zum anderen fleissig »gesponnen«; der wahre, höhere — wenn auch dem Verfasser selbst gewiss unbewusste, blind und unweigerlich ihm aufgedrungene — Zweck der Rede ist die Lahmlegung der sich zu rühren beginnenden »Flüglein«; und zwar wird — damit das Netz, das uns über den Kopf geworfen werden soll, recht dicht und undurchdringlich sei — zu solchen bedenklichen Mitteln gegriffen, dass Goethe, der bei dem redlichen Mendelssohn von »Pfiffen« sprach, hier einen stärkeren Ausdruck hätte wählen müssen. Gerade aber die Thatsache, dass bei Delitzsch jede antiliberale Absicht völlig ausgeschlossen ist, im Bunde mit der zweiten Thatsache, dass hier ein Fachgelehrter ersten Ranges spricht, so dass Unwissenheit keine Schuld an der Sache hat, macht den Fall um so

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interessanter, denn wir sehen, dass das Urteil eines Gelehrten von dem mirage sémitique geradeso genasführt werden kann, wie das Auge in den Wüsten Arabiens von der fata morgana, so dass es Dinge erblickt, die doch weiter nichts als luftige Phantome sind. Über den wissenschaftlichen Wert des Vortrags ist unter den Fachmännern aller Richtungen nur eine Stimme gewesen; mehrere vortreffliche Gelehrte haben denn auch die öffentliche Zurückweisung der kühnsten Behauptungen des Assyriologen unternommen; leider verfügte keiner von ihnen über eine so gefällige Darstellungsgabe wie Delitzsch, und
keiner hat das ins Auge gefasst, was uns hier besonders interessieren muss, vielmehr beschränkten sich diese Kritiker auf technische Fragen; darum unternehme ich es, in aller Kürze das Nötige zur weiteren Aufklärung beizutragen, indem ich für manches Technische auf jene Schriften verweise. ¹) Zum Glück haben mir meine Grundlagen nebst einzelnen erbitterten Feindschaften viele warme Freundschaftsverhältnisse gerade unter den Fachgelehrten aller Fakultäten erworben, und ich war in der Lage, mich von hervorragenden Semitisten und Assyriologen eingehend über jene Specialfragen belehren zu lassen, die ausserhalb meiner Kompetenzsphäre liegen; auch andere Philologen und Historiker — deren Ansicht als die völlig Unbeteiligter grossen Wert hat — konnte ich befragen. In den folgenden Ausführungen muss natürlich manche gelehrte Frage berührt werden, doch redet hier ein Laie für Laien, und das Ziel der Ausführungen ist nicht die Entscheidung über gelehrte Detailfragen, noch weniger die Vertretung von Ansichten, die nur aus zweiter Hand fliessen; vielmehr liegt der wahre Zweck weit darüber hinaus, dort nämlich, wo für uns Alle — als Menschen kurzweg — die Interessen gemeinsam werden und der Unterschied zwischen »Gelehrtem« und »Laien« seine Bedeutung verliert.
    Wer die ersten Seiten von Babel und Bibel nicht überschlägt, muss gleich bemerken, was für ein Geist hier Geschichte zu gestalten unternimmt. Denn die allererste Behauptung des Verfassers lautet, alle Ausgrabungen in dem Euphratgebiet geschähen fast lediglich der Bibel wegen; eine Behauptung, die irreführen muss, da es der erste Grundsatz aller echten Forschung ist, dass Wissenschaft um ihrer selbst
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    ¹) Zu empfehlen ist für eine allgemeine Beurteilung namentlich Professor Eduard König's Bibel und Babel (Berlin, bei Warneck), für die speziell assyriologischen Fragen der Aufsatz von Professor Jensen in der Christlichen Welt, 1902, Nr. 21, in welchem einer der kompetentesten lebenden Fachmänner die »schlecht begründeten und unmöglichen Hypothesen« Delitzsch's gehörig, wenn auch leider gar zu kurz beleuchtet.

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willen und nur um ihrer selbst willen getrieben werden muss — sonst ist sie von vornherein gefälscht. Wohl mag das Interesse für die Aufklärung blosser biblischer Einzelheiten bei einem bigotten Teil des englischen und amerikanischen geldspendenden Publikums vorwiegen — erst kürzlich sah ich den Brief eines bedeutendsten englischen Arabisten, der sich bitter über des Vorwalten spezifisch jüdischer und spezifisch protestantisch-biblischer Interessen bei manchen dieser Unternehmungen beklagt, wodurch der echten Wissenschaft nur Abbruch geschähe — doch bei den deutschen und französischen Forschungen ist sicherlich das rein wissenschaftliche Interesse vorwaltend. Neun Zehntel der Mitglieder der deutschen Orientgesellschaft sind gewiss gebildet und freisinnig genug, um die Aufdeckung der Geschichte und Civilisation dieser gewaltigen Reiche für wichtiger zu erachten als die Kommentare, die daraus für obskure Thorastellen abfallen. Gar Manchem wird schon als Ziel und Hoffnung vorschweben, dass wir einmal bis auf den Grund kommen, das heisst eine genauere Kenntnis jener Menschenrasse gewinnen, welche die ganze sogenannte »babylonisch-assyrische« Kultur geschaffen hat. Denn dass diese bis vor wenigen Jahren, ja heute noch meistens   s e m i t i s c h   genannte Kultur keine semitische, sondern im Gegenteil eine Beute der Semiten war, ist heute mit absoluter Sicherheit festgestellt und wird von Delitzsch selber auf S. 22 seiner Schrift ausdrücklich zugegeben. ¹) Jene grossen grundlegenden Leistungen in der mythischen Deutung der Natur, in der Astronomie, der Zahlenlehre, den Einteilungen des Jahres, der Monde, der Tage, der Stunden, in der Aufstellung rechtlicher Grundbegriffe u. s. w. — Leistungen, die noch heute einen Bestandteil unseres täglichen Lebens bilden — sind das Werk eines Volkes, welches von den aus Arabien ununterbrochen hinaufströmenden semitischen Wellen, später aber ausserdem von Westen her, von jenem wiederum ganz anderen Menschenstamm der Syrier (vergl. Grundlagen S. 297 ff., S. 357 ff und
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    ¹) Für Näheres vergl. namentlich Hommel: Geschichte Babyloniens und Assyriens, 1885, und als neueste Zusammenfassung über diese »Schöpfer der babylonischen Kultur« die ungemein präcise Auseinandersetzung auf den S. 6—8 von Hugo Winckler's meisterhafter Skizze Die Völker Vorderasiens, 1899. Einen verzweifelten Versuch, die Theorie Halévy's von dem rein semitischen Ursprung der babylonischen Kultur als möglich erscheinen zu lassen, findet man in des Amerikaners Morris Jastrow's Die Religion Babyloniens und Assyriens, 1902, S. 18 ff. u. 29 ff.; doch wird eine derartige Kasuistik, die sämtliche Thatsachen der Philologie und Geschichte auf den Kopf stellt, schwerlich von deutschen Gelehrten ernst genommen werden. Ich erwähne sie nur, damit der Leser im Stande sei, sein eigenes Urteil aus den Quellen zu schöpfen.

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Winckler a. a. O., S. 18 ff.) überschwemmt wurde, so dass es völlig verschwand, lautlos, ausgelöscht, ausgewischt, als wäre es nie gewesen. Von einem Kampfe erfährt man — wenigstens bisher — nichts; sondern diese Sumerer scheinen aus der Weltgeschichte in ähnlicher Weise entschwunden zu sein, wie das Volk der Römer spurlos verschwand, als es seine Thore den selben oder ähnlichen syrosemitischen Elementen geöffnet hatte, und wie wir Germanen schon halb verschwunden sind und morgen ganz verschwinden werden, wenn wir nicht endlich die Bedeutung der Rasse für unsere Kultur erkennen. Bei allem also, was wir durch die bisherigen Ausgrabungen über diese sogenannte »babylonisch-assyrische« oder »semitische« Kultur erfahren, namentlich auch über ihre Kunst, ihre Mythen, ihre religiösen Anschauungen, dürfen wir nie einen Augenblick vergessen, dass das nur die Widerspiegelung einer inzwischen untergegangenen Welt ist, wie sie semitische und syrische Hirne aufzufassen fähig waren. Wer das fünfte Kapitel meiner Grundlagen liest und die übereinstimmenden Aussprüche unserer bedeutendsten Forscher und Reisenden — von Renan und Burckhardt bis Wellhausen und Burton — kennt, wird
nicht zweifeln, dass hierbei eine starke Verzerrung aller metaphysischen und idealen Elemente stattgefunden haben muss. »Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung, vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen Fragestellung«, schreibt Renan; und an anderer Stelle sagt er: »die religiösen Bedürfnisse der Semiten sind sehr gering.« ¹) Die hochinteressanten Dinge, die uns Prof. Delitzsch über babylonische Mythen, Götterglauben u. s. w. zu erzählen weiss, müssen also immer mit diesem
Vorbehalt aufgenommen werden: dass wir über die Beschaffenheit der zu Grunde liegenden Vorstellungen keine auch nur annähernd genaue Kenntnis besitzen, und aus allen sicheren historischen Erfahrungen schliessen müssen, dass sie jedenfalls ungleich edler und tiefer geartet waren, als was uns hier übermacht wird. Man übersehe nicht, dass die ältesten Funde, die auf circa 4500 Jahre vor Christo zurückdeuten, schon für jene älteste Zeit eine hohe Kultur annehmen lassen, und zwar eine bereits dem semitischen Einfluss verfallene. Ganze zweitausend Jahre später (also weiter als die Spanne, die uns
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    ¹) Für die Quellenangaben vergl. Grundlagen S. 325 und 393. Ich führe Renan an, weil ein jeder ihn kennt und weiss, dass nicht der Schatten einer Voreingenommenheit gegen die Juden sein Urteil über semitische Fragen trüben kann.

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Heutige von der Geburt Christi trennt!) kam die Überflutung der Euphratländer durch die sogenannte »kanaanäische Einwanderung«, d. h. durch eine vorwiegend syrische, doch bereits ihrerseits stark semitisierte Bevölkerung, die ihre eigenen Götter und Religionssitten mitbrachte. ¹) Ihr gehörte möglicherweise (?) jener Hammurabi an, dem in Delitzsch's Schrift eine so zweideutige Rolle zufällt, der Begründer des babylonischen Grosstaates, ein Mann, der (siehe die Abbildung bei Delitzsch S. 9) weder syrisch noch semitisch aussieht. Und erst wiederum volle zwei Tausend Jahre später als Hammurabi — also nach der doppelten Zeit, die uns heute von Christi Geburt trennt! — überfluteten das ganze Land von Süden her jene wahrscheinlich rein semitischen Chaldäer, denen die Dynastie Nabopolassar und Nebukadnezar angehört und deren Denkmäler und schriftliche Zeugnisse jetzt von der deutschen Orientgesellschaft in aufopferungsvoller Arbeit an den Tag gefördert werden. Man begreift, wie schwer es unter diesen Bedingungen sein muss, bis auf den reinen Kern der grossen schöpferischen Civilisation und der Kultur zu gelangen, an denen und an deren Resten Semiten und Syrier während vier Jahrtausende und mehr sich geweidet hatten. Diese ganze äusserliche Pracht und Massenhaftigkeit und Ungeheuerlichkeit kann nicht der Charakter des streng und genau die Natur beobachtenden Volkes gewesen sein, das ordnend und gestaltend die Spur seines namenlosen Daseins allen künftigen Zeiten aufprägte. Und da es eine erwiesene Thatsache ist, dass weder Semiten noch Syrier jene Geistesanlage besitzen, aus der Metaphysik und Mythologie und Wissenschaft entstehen, so können wir ganz sicher sein, dass alles, was man uns heute als »babylonische Religion« vorsetzt, nur etwas völlig Entartetes, Missverstandenes ist, grosse, heilige Gedanken im Fiebertraum eines durchaus minderwertigen Intellekts erblickt, oder, wie Renan sagt: »ausgewässert
während Jahrhunderte in Gedächtnissen, die nichts genau widerzugeben verstanden, und eingeschnürt in alles zerquetschende Hirne.« Durch dieses Dickicht nun hindurchzudringen, jenen fernen Wohlthätern die Hand zu reichen, — dies in erster Reihe; sodann aber die endgültige Klarlegung der geschichtlichen Vorgänge, der Rassenmischungen u. s. w.: dahin zu gelangen, ist des Schweisses unserer tüchtigsten Gelehrten wert und bildet das vornehmste Interesse
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    ¹) Vergl. Hugo Winckler: Die Völker Vorderasiens, 1899, S. 12. Dass schon diese alte Zeit eine des kulturellen Verfalles war und die Blüte weit zurück zu suchen ist, führt Winckler aus in den Preussischen Jahrbüchern, 1901, CIV, 228.

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aller dieser Forschungen im Euphratthale; der Zweck ist ein rein wissenschaftlicher und ein rein kultureller; und je weniger fromme Voreingenommenheit dreinzureden hat, desto besser.
    Dass nun die assyrisch-babylonischen Forschungen dazu berufen sind, eine Umwälzung unserer Auffassung des Alten Testaments zu bewirken und insofern auch eine grosse und befreiende Kulturthat vorzubereiten, das ist eine ganz andere Sache; ich komme bald darauf zurück; davon träumen gerade diejenigen nicht, deren Horizont durch rechtgläubige Bibelinteressen umzirkt ist, und Professor Delitzsch verrät in seinem ganzen Vortrag durch kein einziges Wort, dass er es selber ahne. Was aber die Bedeutung des Alten Testaments für das orthodoxe Judentum und Christentum anbetrifft, so ist zu bemerken, dass alles Mythische hier nur historisch und ethisch aufgefasst wird; bezüglich der Historie und Ethik dieser Schriftensammlung wissen wir jedoch alle schon längst mit Immanuel Kant, dass ihr Wert nicht in dem besteht, »was man durch philologische Kenntnisse, die oft nur verunglückte Konjekturen sind, aus ihr herauszieht, sondern (aus dem) was man mit moralischer Denkungsart, also nach dem Geiste Gottes in sie hineinträgt.« ¹)
    Soviel über Delitzsch's erste Bemerkung. Die Ausführlichkeit unseres Randkommentars wird in der Folge uns nützlich sein. Vorher erfordern aber die zwei weiteren einleitenden Gedanken eine kurze Erwähnung.
    Gleich oben auf der zweiten Seite bemerken wir wieder eine so unglaubliche Behauptung, dass ich sie zwanzigmal hintereinander las, in der Meinung, es müsse hier ein Druckfehler oder eine falsche Interpunktion vorliegen; aber nein, so steht es wirklich zu lesen. Delitzsch behauptet, dass »gerade in unserer Zeit« jedem Denkenden »das Ringen nach einer Vernunft wie Herz befriedigenden Weltanschauung sich aufdränge«. Dass ein »Ringen« sich »aufdrängt«, ist ein eigentümliches Bild, doch wenn schon, dann meine ich, drängt es sich dem Menschen zu allen Zeiten auf; doch gleichviel. Dieses unser Ringen nach einer Weltanschauung »führt« nun, behauptet Delitzsch, »immer wieder hin zu der Bibel, in erster Linie zum Alten Testament«. Das ist ein starkes Stück, fürwahr! Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen Menschen getroffen, der in dem Ringen nach einer Weltanschauung zum Alten Testament hingeführt
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    ¹) Streit der Fakultäten, I, Anhang biblisch-historischer Fragen.

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worden wäre. Selbst der Jude, sobald er die Sehnsucht nach Weltanschauung verspürt, wendet sich mit Spinoza und Mendelssohn vom Alten Testament hinweg. Vielleicht kommt ein Tag, wo wir in der Lage sein werden, zwischen germanischer Weltanschauung und Altem Testament eine gewisse Harmonie herzustellen; bisher gelang es nie. Wir dürfen die Gedanken unserer führenden Geister als die vergrösserten Bilder dessen betrachten, was im Volke nach Ausdruck sucht; und da frage ich, wo in aller Welt sieht man einen einzigen unserer nach Weltanschauung ringenden grossen germanischen Denker nach dem Alten Testament greifen? Gleich, als unser Denken erwacht, in den Anfängen des 12. Jahrhunderts, höre ich Abälard behaupten, der Timäos des Plato stehe höher als die Genesis des Moses und man werde eher durch Leitung der Hellenen als der Israeliten dem ewigen Leben zugeführt werden; und das spricht ein Priester! ¹) Und von Abälard an, wo finden wir in unserer ganzen Geschichte einen Denker, der für seine Weltanschauung zum Alten Testament seine Zuflucht nimmt? Man nenne mir einen einzigen. Und als der grösste aller unserer Denker kam, deckte er schonungslos den unausgleichbaren Widerstreit der Anschauungen auf und sagte: ihr müsst zwischen Jahve und Natur wählen, für beide nebeneinander ist nicht Platz (vergl. S. 924). Und von Kant an bis zum heutigen Tage, wo ist ein einziger Denker — möge er welcher Richtung er wolle, angehören —, der die Behauptung Delitzsch's bestätigte? Selbst der gläubige Schleiermacher lehrt ausdrücklich: »die neutestamentischen Schriften sind als Norm für die christliche Lehre zureichend« und
bestreitet die göttliche Eingebung der »alttestamentischen«. ²) Mit der Erscheinung Jesu Christi, ja! mit ihr haben sich zwar lange nicht alle Denker, doch viele auseinandersetzen müssen; Christus aber steht so ausserhalb aller Geschichte, wie dies nur menschenmöglich ist, so dass selbst diejenigen Philosophen, die ihn, wie Hartmann, als eine rein historische Notwendigkeit betrachten, ihn doch nicht aus der unmittelbaren Umgebung oder gar aus dem Alten Testament erklären.
    Diese Behauptung ist einfach eine der monströsesten Eingebungen der Semitomanie; die je erlebt wurden. Doch es kommt noch besser.
    Auf der selben zweiten Seite, nachdem wir belehrt worden sind,
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    ¹) Adolf Hausrath: Peter Abälard, 1893, S. 52.
    ²) Der christliche Glaube, § 131 u. 132.


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dass alle Menschen, die nach einer Weltanschauung ringen, zum Alten Testament greifen, ist von der »kaum übersehbaren Zahl christlicher Gelehrter« die Rede, die beschäftigt sind, dieses Alte Testament »nach allen Richtungen hin zu durchforschen«. Diesen Forschungen, sagt Delitzsch, schenkt die Welt vorderhand wenig Beachtung; doch kommt erst der Tag, wo »die Summe der gewonnenen neuen Erkenntnisse in das Leben hinaustritt«, dann wird — aber ich bitte jetzt so aufmerksam zuzuhören, als ob die Posaunen von Jericho, aus ihrem Grabe hervorgeholt, das Hosianna bliesen — dann wird   »d a s   L e b e n   d e r   M e n s c h e n   u n d   V ö l k e r   t i e f e r   e r r e g t   u n d   b e d e u t s a m e r e n   F o r t s c h r i t t e n   z u g e f ü h r t   w e r d e n,   a l s   d u r c h   a l l e   m o d e r n e n   E n t d e c k u n g e n   d e r   N a t u r w i s s e n s c h a f t e n   z u s a m m e n«.   Und Delitzsch bekräftigt das Gesagte durch die Versicherung: »so viel steht fest«; es scheint also, dass ein anderes Mal noch mehr nachkommen soll. Ich glaube, wenn das nicht ein ordentlicher Universitätsprofessor gesprochen hätte, der Mann wäre sofort in ärztliche Behandlung genommen worden, so über alle erlaubten, ja denkbaren Maasse ungeheuerlich ist die Behauptung. Man schaue sich doch im Geiste um; man überlege sich, wie das ganze Gerüst unseres Lebens und Wissens, alles, heisst das, was Civilisation genannt werden kann, aus Errungenschaften der Naturwissenschaften der letzten vier Jahrhunderte herausgewachsen ist: die Möglichkeit, unseren Planeten zu erforschen, zu besiedeln und gleichsam zu einer Einheit zu gestalten, der Blick in das früher nie geahnte Reich des Organischen, in die Fülle der Umgebung, die wir Blinde nicht sahen, in die Welt des Unendlichkleinen, keinem Auge Erreichbaren, die Hervorholung der längst hingeschwundenen Geschlechter aus den Eingeweiden der Erde, so dass Vergangenheit und Gegenwart zusammenfliessen, die allmähliche Aufdeckung des Strukturplanes alles Lebenden und Unbelebten, die Kenntnis des Kosmos und der Nachweis seiner materiellen Gleichartigkeit, die Astronomie, von Kopernikus bis Kirchhoff, die Physik, von Galilei bis Heinrich Hertz, die Chemie, von Boyle bis van't Hoff, die Medizin, von Paracelsus bis Lister und Pasteur ..... und nun, ausser der reinen Wissenschaft die angewandte: die raumüberwindende Elektricität, durch die unsere Sinne gleichsam Fühler ausstrecken um die ganze Erde herum (bald vielleicht, da der Äther den Raum erfüllt, bis an die Gestirne), der Dampf, der das Leben der Gesellschaft völlig umgewandelt hat und der an fast allem, was uns umgiebt, als Arbeitskraft beteiligt ist, die Druckpressen, deren ganzer Betrieb aus den

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Erfolgen der Chemie, der Physik und der Mechanik ihre Möglichkeit schöpft, die Chirurgie, mit ihren auf Anatomie, Chemie, Physik beruhenden Wunderleistungen, die Medizin mit ihrer Hygienik des täglichen Lebens, ihrer aus mikroskopischer Botanik und Zoologie und aus physiologischen Studien hergeleiteten Serumtherapie, ....... doch ich müsste zwanzig Seiten füllen. Man überlege sich aber auch, welchen unermesslichen Einfluss diese Entdeckungen und diese durch sie bewirkte völlige Umgestaltung unseres Lebens auf unsere Kultur ausgeübt hat: auf die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, auf Gesetzgebung und geschichtliche Auffassung, auf die Möglichkeit wissenschaftlicher (auch philologischer und archäologischer) Erforschung der Vergangenheit unseres Geschlechtes, auf Denken, Trachten und Dasein eines jeden Tages unseres Lebens, vom Aufstehen bis zum Niederlegen, vor allem endlich auf die Grundlagen und Grundzüge jeder Weltanschauung, denn — mögen die Kirchen sich noch so anstrengen, die Wahrheit zu unterdrücken — Thatsache ist, dass unsere ganze germanische Philosophie auf naturwissenschaftlicher Grundlage steht und dass der völlig neuen Auffassung des Kosmos nur eine völlig neue Weltanschauung und mit ihr zugleich eine völlig neue Gestaltung der Religion gerecht werden   k a n n.¹)  Und nun kommt ein fleissiger Theolog und Assyriolog und versichert uns mit grösster Seelenruhe: das alles — diese unsere spezifisch germanische Leistung, die naturwissenschaftliche, diejenige, die unsere Civilisation und Kultur von allen anderen gleichzeitigen und von allen früheren ganz und gar und auf immer unterscheidet — das alles sei gleich nichts zu achten! »Alle modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften zusammen« — ich bitte gut zu lesen,   » a l l e   z u s a m m e n « — hätten für den Fortschritt der Menschheit nicht so viel zu bedeuten, wie die Arbeiten einiger Dutzend bebrillter Bibelexegeten und Assyriologen, die jahraus jahrein im Staube der Bibliotheken die Weisheit von Männern aus fernen Jahrtausenden studieren, von Männern, die Vieles nicht wussten und nicht wissen konnten, was heute jeder zehnjährige Bauernbub weiss — z. B. dass die Erde um die Sonne kreist —, von Männern, die in
krassem Aberglauben, innerhalb eines räumlich und zeitlich eng beschränkten Horizontes, Welterklärungen aufstellten, die heute im besten Falle nur noch historisches Interesse besitzen können! Die Leistungen der Naturwissenschaften würden »das Leben der Völker
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    ¹) Vergl. Grundlagen, Kap. 9.

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weniger tief erregen«, als die Theorien, die diese hochwürdigen Theologen und Orientalisten über den »Jahvisten« und den »Jehovisten« und den »Elohisten« und den »Priesterkodex« und den »letzten Redaktor« des Alten Testamentes aufstellen, beziehungsweise den anderen Tag niederreissen! Und durch die Naturwissenschaften — alle zusammen — werde weniger der Weg zu »neuen Erkenntnissen« gebahnt, als durch die Entzifferung elender Ziegelscherben, auf denen hochmutstolle semitische Monarchen vor etlichen Jahrtausenden Lügen einbrennen liessen zur Verherrlichung ihrer vorgeblichen Thaten und Siege! Ja, wahrlich, wir Germanen haben auf Prof. Paul Haupt's Regenbogenbibel und auf das Bildnis des alten Hammurabi und auf Sardanapal's Sintfluterzählung gewartet, um »bedeutsameren Fortschritten zugeführt zu werden«!
    Wüsste man nicht, dass unsere Naturforscher etwas Besseres zu thun haben, man würde sich wundern, dass sie auf eine so ungeheuerliche Geringschätzung nichts erwidern. Doch sie haben Recht: lächeln und weiterarbeiten war das Gescheiteste, was sie thun konnten. Wir aber hier durften über die einleitenden Behauptungen Delitzsch's nicht so leicht hinweggehen, weil uns daran liegen musste, ehe wir das gelehrte und für den Laien dornige Specialgebiet betreten, uns eine Meinung über die allgemeine Urteilsfähigkeit dieses Gelehrten zu bilden. Hierzu haben sie uns gute Dienste geleistet, und wir vermuten schon, dass er jener Erkrankung nicht entgangen ist, die Kant uns als die grösste Gefahr des Gelehrten erkennen lehrte. Das ist für die Beurteilung von Delitzsch's Behauptung eines ursprünglichen semitischen Monotheismus — zu der wir jetzt kommen — von grossem Wert; wir wissen, was wir zu erwarten haben.
    Doch dieser Zweck würde auch mich nicht zu so grosser Ausführlichkeit verleitet haben, wenn nicht aus diesem einen Beispiel der verheerende Einfluss, den die Verquickung unserer Religion mit jüdischer Geschichte und semitischen Wahngedanken auch auf weite Kreise — eigentlich auf uns Alle — ausübt, so besonders deutlich zu ersehen wäre. Hiervon   m ü s s e n   wir emanzipiert werden, und wenn Delitzsch's Unbesonnenheit dieser wirklichen Aufklärung und Befreiung auch nur ein wenig Vorschub leistet, soll sie uns willkommen gewesen sein. Hierüber später mehr; jetzt wollen wir bei Babel und Bibel bleiben.
    Nach den knappen, doch, wie man gesehen hat, inhaltreichen zwei einleitenden Seiten beginnt Delitzsch seinen Bericht über die

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Ausgrabungen. Manche Bemerkungen scheinen, nach dem Urteil der Fachmänner, nicht ganz einwandfrei zu sein, und es kann namentlich nicht gebilligt werden, wenn Hypothesen, und zwar zum Teil recht windige Hypothesen — Dinge, über die die gelehrteste Forschung noch keine sichere Kunde besitzt — einfach als sicher ermittelte Thatsachen eingeführt werden; ¹) es ist das nicht klug, dem Ungelehrten gegenüber auch nicht ganz billig. Wir Ungelehrte sind doch nicht Kinder, die man mit Märchen unterhält; vielmehr fordern wir vom Fachmann die unbedingteste Genauigkeit und Zuverlässigkeit, auch auf Kosten der Gefälligkeit, wenn es nicht anders geht. Dennoch muss ich hier Delitzsch gegen mehrere Kritiken in Schutz nehmen; allzu pedantisch darf man nicht sein; man bedenke, bei welcher Gelegenheit die Rede gehalten wurde; im Interesse der Ausgrabungen war es durchaus geboten, dass sie Eindruck mache; bei nebensächlichen Dingen steckt bisweilen ein ganz klein wenig Wahrheit in der Maxime: der Zweck heiligt die Mittel.
    Leider hat Professor Delitzsch diese Maxime nicht bloss dort, wo sie statthaft sein kann, sondern weit darüber hinaus angewandt. Denn nun kommen wir zur Hauptsache, zum inneren Zweck und Ziel des ganzen Vortrags, nämlich zu der Behauptung, die Semiten seien von jeher Monotheisten gewesen, und zu dem versuchten — oder vielmehr nicht versuchten, sondern ex cathedra als apodiktisch hingestellten — Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung.
    Die These Delitzsch's (vergl. Babel und Bibel, S. 45 fg.) lässt sich in zwei Sätze gliedern; der erste enthält ein allgemeines, umfassendes wissenschaftliches Theorem, der zweite will durch ein dokumentarisch belegtes Beispiel die Richtigkeit der These in concreto historisch beweisen. Zwar kommt noch etliches Beiwerk dazu, auf das wir nicht verfehlen wollen, später zurückzukommen, doch zunächst wollen wir bei der mittleren Hauptthese bleiben. Das Theorem lautet: alle Semiten sind von Hause aus Monotheisten; denn das Wort, welches bei ihnen allen Gott bezeichnet, lässt unmittelbar auf den Glauben
an einen einzigen, zweitlosen Gott schliessen. Das Beispiel lautet: es kann aus keilschriftlichen Texten aus der Zeit Hammurabi's (also 2500 vor Christo) belegt werden, dass die Semiten, die damals von Westen her Babylonien überfluteten, in der That Monotheisten waren,
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    ¹) Vergl. hierüber namentlich Jensen a. a. O.

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und zwar dass ihr Gott Jahve hiess. So lauten die zwei Sätze der These, wenn man sie in strengster logischer Form vorträgt.
    Um Missdeutungen zu vermeiden, will ich gleich bemerken, dass Delitzsch selber das vorangeschickte Theorem zuerst nicht so umfassend formuliert; er sagt nicht »alle Semiten«, sondern spricht nur von den »semitischen Kanaanäerstämmen«; diese hätten sich das betreffende Wort »für Gott ausgeprägt«. Später aber spricht er ganz allgemein von einem »altsemitischen Wort«, und in der That, das betreffende Wort (in der einfachsten Wurzelform il, bei den Babyloniern ilu, bei den Hebräern el, bei den Arabern îl) findet sich in allen Zweigen des semitischen Sprachstammes und bedeutet überall »Gott«; es ist durchaus nicht von den Kanaanäern speziell »ausgeprägt worden«; diese Behauptung ist einfach nicht wahr und muss dem Gelehrten in der Hitze der Improvisation entschlüpft und bei der späteren Durchsicht zufällig unverbessert geblieben sein; folglich gilt das Argument, das Delitzsch an das Wort el = Gott anknüpft, entweder für alle Semiten oder für gar keine. Es ist ein ziemlich kleinliches Verfahren, uns zuerst nur von Kanaanäern zu sprechen, damit wir nicht erschrecken, um dann — nachdem wir ahnungslos dieses kleine falsum geschluckt haben — das dicke Ende des Keils nachzutreiben. Für das Theorem selbst aber bleibt es sich gleich, ob wenige Semiten oder alle das Wort benützten; für den Gegenbeweis auch.
    Jetzt wollen wir uns die beiden Sätze etwas näher ansehen: erst das Theorem, dann das Beispiel.
    Man wird bemerkt haben, dass das Theorem ein zweifaches Argument impliziert: zuerst ein philologisches, sodann ein philosophisches. Denn zuerst kommt es darauf an zu wissen: was bedeutete ursprünglich das semitische Wort für »Gott«; sodann muss philosophisch dargethan werden: aus dieser Bedeutung ergiebt sich mit logischer Notwendigkeit eine monotheistische Religion bei den Menschen, die Gott mit diesem Worte nannten. So verfährt denn auch Delitzsch und wir wollen ihm folgen.
    Das Wort heisst il oder ilu; das ist wenigstens die älteste Form, die natürlich in den verschiedenen Sprachzweigen verschiedene Umbildungen erlitt, und im Hebräischen el gesprochen wird. Dieses (wie schon hervorgehoben) allen semitischen Hauptsprachen gemeinsame Wort wird auch überall als eine Bezeichnung für den Begriff »Gottheit« gebraucht. Es entsteht die Frage: ist es möglich, hinter der allgemein üblichen Bedeutung »Gott« eine frühere Bedeutung oder

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eine etymologische Ableitung aus einem anderen Begriffskreis für dieses Wort zu finden? Delitzsch antwortet kurz und bündig: »jenes altsemitische Wort bedeutet   d a s   Z i e l «.   Keine Silbe mehr. Der Laie muss glauben, das sei eine sicher ausgemachte Thatsache, über die kein Zweifel herrsche. Wie muss er staunen, wenn er erfährt, diese Zurückführung von el auf die Bedeutung »Ziel« sei nur der Einfall eines zwar hervorragend begabten, doch anerkanntermassen sehr bizarren und leicht »verrannten« Philologen, und dieser vor bereits zweiundzwanzig Jahren zum erstenmal veröffentlichte Einfall habe bei den bedeutendsten Fachmännern sehr wenig Anklang gefunden und werde im Allgemeinen als unzulässig betrachtet; wogegen die wahrscheinliche Ableitung auf ein Wort mit der Bedeutung »der Starke«, »der Mächtige« führe! Und in welchem noch höheren Maasse muss er staunen, wenn er erfährt, dass Friedrich Delitzsch selber — eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der assyrischen Grammatik und Lexikologie — in seinem eigenen Assyrischen Wörterbuch (1896) von dieser angeblichen Bedeutung des Wortes el nichts weiss und jenen Einfall (der sechzehn Jahre vor dem Erscheinen des betreffenden Wörterbuchs veröffentlicht worden war) nicht einmal einer Erwähnung wert hält! Nur an jenem Abend des 13. Januar 1902, als es galt, die bedrohte religiöse Vorherrschaft des Semitentums zu retten, da hiess es plötzlich: »jenes Wort bedeutet Ziel.« ¹)
    Wir müssen aber noch einen Augenblick hierbei verweilen; denn es darf nicht der Schatten eines Zweifels oder einer möglichen Unklarheit bestehen bleiben.
    In seinem Vortrag sagte Delitzsch weiter nichts als »jenes Wort bedeutet das Ziel«; in der Broschüre steht aber S. 52 in kleinem Druck unter anderen Anmerkungen zu lesen: »Die Erklärung des Wortes El »Gott« als Ziel wurde zuerst von dem Göttinger Theologen und Orientalisten P. de Lagarde gegeben.« Das onus probandi, die Beweislast, wird also dem Lagarde aufgebürdet, und da Prof. König so freundlich war (a. a. O., S. 31), die Quelle anzugeben (was Delitzsch nicht thut), so kann sich Jeder — auch der Ungelehrte — leicht überzeugen, dass der vortreffliche, an Kombinationen — oft abenteuerlichster Art — unerschöpfliche Lagarde die sensationelle Anwendung
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    ¹) In seinem Wörterbuch giebt Delitzsch zu dem Wort ilu gar keine etymologische Erläuterung, von der richtigen Erkenntnis geleitet, die sich jetzt bei den bedeutenderen Fachmännern Bahn bricht, dass dieses Suchen nach Wurzeln und Urbedeutungen meistens eine zwecklose Spielerei sei mit ewig unbeweisbaren Annahmen.

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seines problematischen Einfalls sicher nicht gebilligt hätte. »Also nur eine Vermutung gebe ich«, sagt Lagarde, »freilich eine Vermutung, welche mich glaublich dünkt«; und so weit ist er davon entfernt, die übliche Ableitung aus einem anderen Stamme — der dann, wie gesagt, »der Starke«, »der Mächtige« als Urbedeutug des Wortes el erschliessen würde — für falsch zu halten, dass er nur sagt, es sei »nicht nötig«, sie anzunehmen. ¹) Man sieht, wie vorsichtig und zurückhaltend selbst dieser allzukühne Geist sich über die Deutung el gleich »Ziel« ausspricht. Für uns Laien ist es aber ausserdem von Wert, dass wir Lagarde als Menschen gut kennen und uns somit ein Urteil über ihn zutrauen dürfen. Denn für uns gehören seit lange seine Deutschen Schriften zu den teuersten Büchern und gilt namentlich seine unerschrockene Aufdeckung der Minderwertigkeit der semitischen religiösen Instinkte und ihrer schädlichen Wirkung auf die christliche Religion, als eine That, die Bewunderung und Dank verdient. Lagarde — den Delitzsch so unversehens in den Dienst der entgegengesetzten Sache presst — wollte das ganze Alte Testament aus der christlichen Religionslehre ausgeschieden wissen; denn, sagt er: »an dessen Einfluss ist das Evangelium, so weit dies möglich, zu Grunde gegangen.« ²) Das ist eine andere Melodie, als die, welche Delitzsch singt und nach welcher Jesus Christus nur als eine Fortsetzung der »gottbegnadeten« Sänger des Alten Testaments etwas zu bedeuten hat! Zugleich beweist es, welche Vergewaltigung eines grossen Toten hier vorgenommen wurde. Doch die Liebe für Lagarde macht uns nicht blind. Wenn ein etymologischer Einfall auf ihn sich stützt, müssen wir fragen, ob man ihm in derlei Dingen so unbedingt folgen darf. Wie oben gesagt, wir Laien unterscheiden heute zwischen Gelehrten und Gelehrten; wir können zwar über die fachmännischen Argumente kein sachkundiges Urteil fällen, wohl aber über den Mann, der die Argumente gebraucht. Und was für ein Mann ist Lagarde, wie wir ihn aus seinen politischen und religiösen Schriften kennen? Ein Mann von ganz aussergewöhnlicher Begabung, das ist sicher, und von seltener Intuitionskraft; eine der Zierden nicht nur des deutschen Gelehrtentums, sondern
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    ¹) Übersicht über die im Aramäischen, Arabischen und Hebräischen übliche Bildung der Nomina, in den Abhandlungen der königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, 1888, Bd. 35, S. 14 u. 164. In dieser Abhandlung verweist Lagarde auf Symmicta, 1880, II, 101—103; als auf die Stelle, wo er den betreffenden Einfall zuerst veröffentlicht habe.
    ²) Deutsche Schriften, 2. Aufl., S. 57.


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auch des echt deutschen Volkes im 19. Jahrhundert. Doch ein Mann dem man — gerade dort, wo es ins Detail geht — mit grosser Vorsicht lauschen muss. Er ist eine Art Baldung Grien der Schriftstellerei; überall Verschnörkelungen ohne Ende; deutsch bis in die Fingerspitzen — im Guten und im Schlechten; gestaltungsmächtig und dennoch formlos; Realismus und Phantasterei ohne Grenzscheide in einander übergehend; zarte Geheimnisweberei neben unverzeihlicher Derbheit. Man hat gemeint, er und Bismarck seien zu Anfang der Fünfziger die einzigen weitblickenden Politiker Deutschlands gewesen. Lagarde schaute — das muss man gestehen — in mancher Beziehung weiter als Bismarck; er war mehr Deutscher und weniger Preusse, und seine grössere Kultur liess ihn Dinge vorauswissen, die für den Kanzler einfach nicht in Sehweite fielen. Doch Bismarck, der meisterhafte Opportunist, ersah genau die Grenzen des Möglichen und schuf dadurch für alle Zeiten; Lagarde dagegen war der Typus des Inopportunisten, sein Traum besass für ihn mehr Realität als die Wirklichkeit. Lagarde hatte etwas von einer Prophetennatur an sich. Das ist aber keine unbedingte Empfehlung — weder für einen Politiker, noch für einen Philologen. Und in der That, jene politischen Schriften sind Beweis genug, dass dieser erstaunlich weitblickende Mann zugleich sehr grillenhaft, unberechenbar, eigensinnig war. Ein Gelehrter, der Lagarde gut gekannt hat, sagt mir, dazu sei in seinen letzten Jahren eine masslose Eitelkeit gekommen und eine aggressive Geringschätzung seiner Kollegen. Manche philologischen Konjekturen soll er in seinen gelehrten Arbeiten hingeworfen haben, fast lediglich, um die Anderen aufzustacheln und wütend zu machen, manches auch, um die weniger aufgeklärten Köpfe auf falsche Fährte zu führen und sich an ihren Irrgängen zu ergötzen. Ich verehre Lagarde innig und möchte nicht, dass meine Charakteristik als Geringschätzung aufgefasst würde; jeder Mensch von gesundem Urteil braucht aber nur Lagarde's schöne Ausgabe der Opere italiane von Giordano Bruno zur Hand zu nehmen und das Nachwort zu lesen mit dem krausen Durcheinander unzusammenhängender, teils völlig trivialer Bemerkungen, und mit der ebenso rohen wie unverdienten Anrempelung Heinrich's von Stein, um sicher zu sein, in diesem edlen Geist müsse zu Zeiten die Urteilskraft mit der Erkenntniskraft Versteck gespielt haben. Aus dem
selben Jahr wie dieses Nachwort stammt jener Aufsatz, auf den Delitzsch sich beruft. Damit Lagarde's Konjektur für uns entscheidenden Wert bekäme, müsste sie von besonneneren Männern ange-

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nommen worden sein, was bis jetzt aber, wie oben gesagt, nicht der Fall ist. ¹)
    Somit fällt also der Grundpfeiler — nämlich das philologische Argument — auf dem Delitzsch's ganzes Theorem über el aufgebaut ist, ins Wasser. Doch enthebt uns das nicht der Verpflichtung, auch das philosophische Argument näher anzusehen; denn über philologische Ursprünge lässt sich sehr häufig nichts mit absoluter Sicherheit ausmachen und hier ist das anerkanntermassen der Fall; wenn es also einem Delitzsch gefällt zu sagen: entgegen dem Urteil der meisten kompetenten Semitisten und entgegen Lagarde's eigener Meinung, wonach (a. a. O.) »seine Vermutung vielleicht für immer Vermutung werde bleiben müssen«, beharre ich dabei und behaupte apodiktisch, el bedeutet Ziel, — so kann ihm das nicht verwehrt werden, und es wird immer voreingenommene Laien geben, die zu ihm halten. Wir müssen also fragen: gesetzt, das semitische Wort für Gott stamme wirklich aus dem Bedeutungskreise »Ziel«, inwiefern könnte daraus auf Monotheismus geschlossen werden?
    Delitzsch scheint ein Freund des abgekürzten Verfahrens zu sein; denn wie er vorher nur gesagt hatte: »Dieses Wort heisst El und bedeutet das Ziel« — keine Silbe mehr, ebenso spricht er jetzt den einen Satz: »Dieses Ziel kann naturgemäss nur eines sein«, weiter nichts — der Monotheismus ist schon da.
    An dieser Stelle haben die Kritiker der verschiedensten Richtungen sich offenbar mit beiden Händen krampfhaft an den Kopf gegriffen, — ich ersehe es aus ihren Bemerkungen. Und in der That, dass wir Menschen uns überhaupt untereinander verständigen können, wird bewirkt durch den gemeinsamen Besitz gewisser logischer Grundsätze, Grundsätze, die nicht Meinungssache sind, sondern eine Thatsache des Menschengeistes ausmachen. Wenn jemand behauptet, zwei Mal zwei ist fünf, so muss ich verstummen; es lässt sich nichts weiter darauf erwidern, als dass der betreffende Mann wahrscheinlich an irgend einer Grosshirnstelle verletzt ist. Warum soll »naturgemäss« der Mensch nur Ein Ziel haben? Das müsste ein zur Einsperrung reifer Monomane sein. Man denke sich einen König oder Staatsmann mit einem einzigen Ziel im Auge! das wäre jedenfalls der richtige Weg, um   k e i n   Ziel zu erreichen. Und man
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    ¹) Jensen z. B. (a. a. O., S. 493) nennt sie eine »durchaus totgeborene Etymologie« und zeigt, dass auch wenn sie zu Recht bestünde, das Wort nicht »Ziel« bedeuten würde!

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denke an den reinsten Semiten, den arabischen Beduinen, wie ihn Burckhardt uns schildert, den Geist meistens völlig schlaff, leer wie seine Wüste, — dann aber plötzlich alle Saiten straff gespannt, Sinne, Sehnen, Herz, alle auf ein Ziel gerichtet — freilich ein »Ziel«, doch jeden Tag ein anderes — heute auf Beute, morgen auf Krieg, übermorgen auf Liebe, dann wieder auf Rache, worauf wieder der gewöhnliche Zustand der Lethargie einsetzt. Allerdings, je primitiver das Leben, um so weniger Ziele wird der Mensch kennen, doch für eine Mehrheit der Ziele ist durch die allen Menschen gemeinsamen Naturzüge gesorgt. Es verlohnt sich nicht, hierüber erst zu streiten. — Nun würde vielleicht Delitzsch einwenden, der Nachdruck falle bei ihm auf das Wort »dieses«; er habe sagen wollen,   d i e s e s   Ziel — nämlich jedes Jenseitige, »nach welchem das menschliche Herz sich sehnt« — könne naturgemäss nur eines sein. Das wäre aber dann eine petitio principii so schreiender Art, dass man sie einem Quartaner nicht verzeihen könnte, vermehrt um ein Hysteronproteron, das künftig als klassisches Beispiel in unsere Lehrbücher der Logik aufgenommen zu werden verdiente. Denn zuerst sollte das Wort Ziel (für Gott) beweisen, dass die Semiten nur an Einen Gott glaubten, und nun wird gesagt, weil dieses Göttliche naturgemäss nur eines sein kann, darum ist Ziel hier als Einzahl zu fassen. Das   k a n n   einfach Delitzsch nicht gemeint haben.
    Doch gleichviel, denn wenn wir jetzt zum zweiten Teil der These übergehen — zu den historischen Belegen — werden wir erfahren, erstens, dass das Wort el — möge es ursprünglich bedeutet haben, was es wolle — jedenfalls in seinem üblichen Sinne, »Gott«, in allen Dialekten einen Plural bildet! ¹) zweitens, dass alle Semiten und Halbsemiten, von denen die Geschichte zu melden weiss, nachweisbar Polytheisten waren — bis Mohammed kam. Einer Einschränkung bedarf diese Behauptung nur, insofern die ganz reinen Semiten vielfach auf einer so tiefen Stufe des blossen Dämonenglaubens und Fetischwesens zu allen Zeiten verblieben, dass man von einem eigentlichen Gottesglauben bei ihnen kaum reden kann — dies bestätigt mir ein junger Hochschullehrer, der das Studium der
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    ¹) Delitzsch selber giebt in seinem Assyrischen Handwörterbuch, 1896, eine ganze Reihe Stellen an, wo ilu im Plural vorkommt, und Gesenius nennt in seinem hebräischen ebensolche für el, bei denen dann das Wort entweder »die Helden« oder die »Götter« bedeutet; so wird z. B. im Buche Daniel XI, 36, die höchste Gottheit als el elim, »Gott der Götter«, bezeichnet.

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semitischen Religionsdokumente zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. Die Semiten sind eben »von jeher an religiösem Instinkt erstaunlich arm« (S. 221); es ist das eine Thatsache, mit der man sich trotz eingefleischter Vorurteile abfinden muss. Eine wirkliche Ausnahme nahme bildet einzig und allein das kleine Volk der Juden; dies ist aber — wie heute anthropologisch nachgewiesen ist und ausserdem aus jedem überlegten Studium des Alten Testaments entnommen werden kann — ein vorwiegend syrisches Volk, mit allerdings starkem semitischen, aber auch mit indogermanischem Einschlag (siehe Grundlagen, Kap. 5, namentlich S. 372); ein solches Volk kurzweg »semitisch« zu nennen und es ohne weiteres mit den übrigen Semiten zu identifizieren, ist eine Gedankenlosigkeit; dieses Volk ist ein Volk für sich, und es ist unverantwortlich, das, was an seiner religiösen Entwickelung einzig in der Weltgeschichte und ohne Frage bewundernswert ist, den übrigen semitischen Völkern zugut zu schreiben.
    Wir kommen also jetzt zu dem zweiten Teil von Delitzsch's These, zu dem versuchten Beweis in concreto. Auch dieser Teil gliedert sich bei Delitzsch in zwei Behauptungen: zuerst wird uns gesagt, diejenigen Semiten, die um 2500 vor Christo, von Westen kommend, Babylonien überfluteten, hätten Eigennamen mit el (= Gott) zusammengesetzt besessen, Namen, die — zergliedert — »Gott mit mir«, »Gott hat gegeben«, u. s. w. bedeuteten, was ohne weiteres als sicherer Beleg für den Monotheismus dieser Stämme gelten soll; sodann wird aus Keilinschriften zu erweisen gesucht, dieser eine Gott habe Jahve geheissen.
    Was das erste Argument betrifft, so fragt man sich wieder, wie hoch — oder vielmehr, wie niedrig — dieser Gelehrte die Geisteskraft eines Ungelehrten einschätzt? Uns fallen sofort die allbekannten deutschen Namen Oswald und Oskar ein, sowie die selteneren Oswin, Osbert u. s. w., die Zusammensetzungen mit angelsächsisch ós = Gott sind und etwa Gottes-Kraft, Gottes-Freund, Gottes-Glanz, Gottes-Streiter u. s. w. bedeuten; ¹) denn da diese uralte Form für Gott vom Christentum weggefegt wurde, so erscheint es von vornherein ausgeschlossen, dass die Namen mit
ós späteren Ursprungs sein sollten. Und als ich bei einem Germanisten mich erkundigte, erfuhr ich, dass ich mich nicht geirrt hatte und dass Namen mit ós (resp. áss in der nordischen, ans in der deutschen Gestalt des selben Wortes), so weit unsere
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    ¹) Die genaue Bedeutung der Silbe — wald, — kar, u. s. w., lässt sich nicht immer sicher ermitteln.

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Kunde zurückreicht, zu den beliebtesten gehörten. So ist z. B. der Name A[n]sugisalas (Gottes Bürge) durch die Runenschrift des Lanzenschafts von Kragehul in Dänemark, bezeugt; ¹) und Namen wie Ansiulf (gotisch) Anshelm (althochdeutsch), Ásmundr (altisländisch) sind in vorchristlichen Zeiten häufig. Noch schlagender für uns Laien ist aber die Thatsache, dass unser guter heutiger Name Gottfried auf vorchristliche Zeiten zurückreicht, wo er nordisch als Gudhrödhr (älter Gudhfrödhr) sich nachweisen lässt. ²) Noch deutlicher — da die judäochristliche Barbarei hier nicht alles auslöschen konnte — liegen die Dinge in Griechenland. Lebte nicht der Dichter Theokrit (= »von Gott gewählt«) einige Jahrhunderte vor Christo? Und hiess nicht der Nachfolger des Aristoteles Theophrast? und bedeutet das nicht »von Gott genannt«? Und ist nicht ein berühmter Geschichtsschreiber und Zeitgenosse Alexanders des Grossen Theopompos? und heisst das nicht »von Gott gesandt«? Und ich sage nur das Erste, Beste, was mir durch den Kopf geht; ein Gelehrter könnte mit ganz anderen Belegen dienen. Im altarischen Indien finden wir eine der selben Namenbildungen, die Delitzsch für seine Kanaanäer anführt, »Gott hat gegeben«, Devadatta, verbreitet, während Devâpi (Gott-Freund) und Devavâta (Gott-angenehm) schon im Rigveda als Eigennamen vorkommen, und eine Menge anderer, ähnlich zusammengesetzter Namen aus allen Zeiten bekannt sind. Und aus allen diesen germanischen, griechischen und indischen Namen ohne Ausnahme lässt sich — nota bene — eine Mehrzahlbildung des Wortes für »Gott« nicht herausklügeln; es ist immer Gott in der Einzahl, nicht Götter, oder aber der blosse Stamm des Wortes, genau ebenso wie bei den entsprechenden von Delitzsch angeführten kanaanäischen und babylonischen Namen. ³) Diese erste Überlegung macht uns schon stutzig, da die Indoarier, die Griechen, die alten Germanen nicht Monotheisten waren — wenigstens gewiss nicht in dem Sinne, in dem Delitzsch es meint. Jetzt fragen wir aber den ersten besten Semitisten und erfahren, dass solche mit el zusammengesetzte Namen in den verschiedensten semitischen Sprachen
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    ¹) Vergl. Noreen: Altnordische Grammatik, 1892, S. 260.
    ²) Über einen Heerführer »Gottfried«, der erst spät getauft wurde, berichtet Zeuss: Die Deutschen und die Nachbarstämme, 1837, S. 534 fg.
    ³) Einige der Sanskritnamen — z. B. Devavâ
ta — werden allerdings häufig von unseren Lexikologen so gedeutet, als ob »Götter«, in der Mehrzahl, zu lesen wäre, doch kann dies aus der Form »deva« nicht als notwendig gefolgert werden und ist in manchen anderen Fällen ausgeschlossen.

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häufig sind und durchaus keine Eigentümlichkeit jener angeblichen Kanaanäer bilden. In ganz Arabien war vor Mohammed's Zeiten — also in der Epoche, wo Polytheismus und Dämonenglaube in höchster Blüte standen — einer der gewöhnlichsten Namen Abd-îl (auch die Formen Abd-al und Abd-allah sind uralt), was »Knecht Gottes« bedeutet und also dem deutschen Namen Gottschalk genau entspricht; ¹) andere häufige Namen lauteten 'Auf-îl, d. h. »Gott-beglückt«, und Schakr-îl, d. h. »Lob-Gottes«, u. s. w., ²) alles Namen mit genau diesem selben Wort el (babylonisch ilu), auf das sich Delitzsch beruft. Soll also Delitzsch's Argument gelten, so müssen wir schliessen, erstens, dass alle Semiten, zweitens, dass alle Indogermanen ohne Ausnahme von jeher Monotheisten gewesen sind. Somit ist Delitzsch hier in den verzwickten logischen Fehler verfallen, den die Philosophen heterozetesis nennen: er glaubt, etwas Anderes bewiesen zu haben, als was er in Wirklichkeit bewiesen hat; und was er durch seine angebliche Induktion aus den Eigennamen »bewiesen« hat oder vielmehr bewiesen haben würde, wenn seine Prämissen richtig gewesen wären — ist nachweisbar falsch. Mit anderen Worten, die erste historische Behauptung fällt wie die erste und zweite theoretische ins Wasser und hinterlässt nur die Erinnerung an eine Nichtbeachtung der logischen Elementargesetze und an eine Geringschätzung allbekannter Thatsachen, wie sie in der Geschichte der Wissenschaften selten zu verzeichnen sein mag.
    Jetzt aber gelangen wir zu dem Schlusseffekt des Vortrages, zu der grossen Entdeckung, die, wenn sie wahr gewesen wäre, epochemachend hätte genannt werden müssen; sie ist aber nicht wahr, sondern eine nachweislich unhaltbare Behauptung.
    Nicht genug, dass jene Eroberer Babylons nur an einen einzigen Gott glaubten — wie durch obigen falschen Kettenschluss bewiesen wurde — nein, ihren Eingott beteten sie unter dem Namen   J a h v e   an! Bewiesen wird dies wieder aus Eigennamen, — Eigennamen, in denen nicht bloss das Wort »Gott«, sondern auch das Wort »Jahve« vorkommen soll, und zwar in einer Verbindung, die uns zu lesen zwingt: »Jahve ist Gott.« Auch hier wieder deutet Delitzsch mit keiner Silbe an, dass es sich im besten Fall um eine mögliche — oder vielmehr denkbare — Hypothese handelt, sondern er sagt ein-
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    ¹) Genau der selbe Name, Devadâsa = Knecht Gottes, findet sich vielfach im altarischen Indien!
    ²) Vergl. Wellhausen: Reste arabischen Heidentums, 1887, Abschnitt 1. »Über theophore Namen«.


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fach: diese Namen heissen »Jahve ist Gott«, und fährt gleich fort: »Also Jahve, der Seiende, der Beständige ... ein uraltes Erbteil u. s. w.« Wir Ungelehrte werden von diesem Gelehrten, wie das Vieh zur Schlachtbank, mit verbundenen Augen geführt. Das wollen wir uns aber doch nicht gefallen lassen; sondern wir wollen uns erkundigen, ob die beiden Namen, auf die Delitzsch sich beruft, Ja-ah-ve-ilu und Ja-hu-um-ilu, in den Keilschrifttexten wirklich so lauten, und wenn dies der Fall ist, was sie dann bedeuten.
    Es handelt sich um zwei Thontäfelchen aus dem British Museum, von denen Delitzsch sagt: »Was ist — wird man sagen — an diesen Tafeln zu sehen? Zerbrechlicher, zerbrochener Thon mit eingeritzten schwer lesbaren Schriftzeichen!« Ich meine, umso vorsichtiger wird man mit diesen Täfelchen und ihren schwer lesbaren Zeichen umgehen müssen, damit nicht etwa aus dem zerbrochenen Thon noch eine vergewaltigte Deutung herausgelesen wird, die bei der leisesten Prüfung zu Staub zerfällt. Und vor welches fast unlösbar schwierige Problem man sich gestellt findet, sobald ein babylonisches Wort nur einmal belegt ist — wie hier der Fall —, davon kann ein jeder sich überzeugen, der in Prof. König's Flugschrift die Seiten 38 bis 45 aufmerksam liest. Ich hatte nun ausserdem den Vorteil, mich von einem tüchtigen Assyriologen von Fach, einem alten Freund, eingehend belehren zu lassen, und auch er bestätigte mir, es sei geradezu »wahnwitzig«, aus einer einzelnen Scherbe einen Namen wie Ja-ah-ve-ilu herauslesen zu wollen. Zwei Umstände sind es, die die Interpretation eines keilschriftlichen Wortes geradezu unmöglich machen, wenn es nicht in einem längeren Text steht oder durch häufige Wiederholung in verschiedenen Zusammenhängen allmählich sichergestellt wird: die Schwierigkeit, die unter einander sehr ähnlichen Zeichen mit voller Sicherheit zu entziffern, und die verschiedenen möglichen Lautwerte jedes Zeichens, wenn es auch sicher entziffert worden ist. Bei zusammenhängenden Texten kommen allerdings dem erfahrenen Assyriologen allerhand Regeln und Wahrscheinlichkeiten zu Hilfe, doch bei Eigennamen — namentlich bei isoliert vorkommenden — versagen diese fast ganz.
    Bei Delitzsch (S. 47) sehen zwar die Keilschriftzeichen wunderbar deutlich aus; in Wirklichkeit sind sie es aber nicht, und der Gelehrte muss oft stundenlang mit der Lupe in der Hand über ein einziges Wort gebückt bleiben, um auch dann nur eine halberratene Möglichkeit versuchsweise anzunehmen. Wie schwierig es ist, hier das

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Richtige zu treffen, ersehen wir daraus, dass gleich die erste Keilschriftgruppe der ersten Zeile in Delitzsch's Publikation (das Ja vom angeblichen Wort Ja-ah-ve) ungenau wiedergegeben ist, wie König aus dem Vergleich mit der Originalpublikation festgestellt hat. ¹) Schon diese Publikation selbst aber (Cuneiform texts from Babylonian tablets) ist keine genaue Wiedergabe des Originals, denn der Direktor der babylonischen Abteilung des British Museum, Budge, hat auf König's Frage bestätigt, dass die zweite Keilgruppe jener ersten Zeile (die, welche von Delitzsch als ah des Wortes Ja-ah-ve gedeutet wird), auf der Thontafel ganz anders als im Buche aussieht (das Facsimile ihrer wirklichen Gestalt bei König S. 44 unter Nr. 7) und dass sie möglicherweise als vereinfachende Variation einer dritten Keilschriftgruppe betrachtet werden müsse! Die Entzifferung dieser zweiten Gruppe ist also den Fachleuten
selbst noch rätselhaft, und man sieht, auf welchem schwebenden Boden wir hier gleich von vorneherein stehen. Ist aber die Entzifferung eines Zeichens erst sicher, so stehen wir vor einem zweiten und manchmal noch bedrohlicheren Hinderniss. Denn jede einzelne Keilschriftgruppe bezeichnet nicht eine einzige Silbe oder Lautbildung, wie das z. B. bei unseren Konsonanten der Fall ist, sondern sie ist — wie der Fachausdruck lautet — polyphon; das heisst, sie lässt
eine ganze Anzahl Lesarten zu, und welche die richtige ist, kann meistens nur aus dem Zusammenhang oder aus gewissen sprachlichen Wahrscheinlichkeitsregeln erschlossen werden, Kriterien, deren Geltung gerade bei Eigennamen beschränkt ist. So kann z. B. in jener ersten viersilbigen Inschrift, deren erste und zweite Keilgruppe soeben auf die Verlässlichkeit ihrer Entzifferung hin kurz beleuchtet wurden, die dritte Keilgruppe — diejenige, welche von Delitzsch als die Silbe ve des Wortes Ja-ah-ve gelesen wird — diese dritte Gruppe kann pi, kann me, kann ma, kann a, kann tu, kann tal gelesen werden. Ein wahres Paradies für einen spekulativen Philologen und Historienschreiber! Doch kein Glück ist voll, und gerade den Laut ve kann jene Gruppe — zunächst wenigstens — nie bedeuten. Sondern nur aus der Thatsache, dass in gewissen Dialekten manchmal m wie v ausgesprochen wird, lässt sich folgern, dass möglicherweise me und ma für ve und va stehen   k ö n n t e n.   Sollte also in der betreffenden Keilgruppe wirklich me — und nicht ma, noch va, noch pi, noch tu, noch a, noch tal — gelesen werden müssen, dann
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    ¹) Am ang. Ort S. 4, und vergl. die Abbildung auf S. 44 unter Nr. 4.

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wäre es denkbar, dass dieses me nicht me, sondern ve auszusprechen sei. Und wenn nun ausserdem die zweite (wie man gesehen hat, so überaus problematische) Keilgruppe richtig entziffert und als ah richtig gelesen ist — das selbe Zeichen kann aber auch ih und uh und ebenfalls ha und hi und hu gelesen werden ¹) — wenn ah aber richtig ist, wenn ferner von den genau sechsunddreissig möglichen Kombinationen zwischen der zweiten und dritten Silbe, gerade diese Kombination ah-ve als treffend angenommen wird, und wenn endlich die erste Silbe, ja, keilschriftlich richtig entziffert und phonetisch mit ja richtig gedeutet ist, dann — ja, dann — kann das Wort ja-ah-ve heissen. ²) Wahrhaftig, dieser babylonische Jahve dauert mich, denn seine Gottheit ruht in der That auf sehr zerbrechlichen Thonfüssen! Doch glaube der Leser nicht, dass wir schon am Ende seien. Denn nun kommt zuguterletzt noch eine Eigentümlichkeit aller semitischen Sprachen hinzu und stellt die   D e u t u n g   des Namens, auch wenn er als Ja-ah-ve-ilu gelesen wird, in Frage. Unsere indogermanische Unterscheidung zwischen dem Substantivum und dem Verbum, überhaupt zwischen den Sprachteilen, besteht nämlich in den semitischen Sprachen nicht in der selben Weise. Das Wort
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    ¹) Ein h ist nicht wirklich vorhanden, sondern es handelt sich um die Stellung des spiritus lenis, in dem einen Falle 'a, 'i, 'u, in dem anderen a', i', u'. Da aber Delitzsch ein h hineingekünstelt hat — was der Lesung »Jahve« wunderbare Dienste leistet — so habe ich geglaubt, dem Beispiel eines so hervorragenden Fachmannes folgen und die Sache in der angegebenen Weise verdeutlichen zu dürfen.
    ²) Seitdem Obiges geschrieben ward, ist die zweite Hälfte der neuen Auflage von Eberhard Schrader's erschienen, von Prof. Heinrich Zimmern bearbeitet. Dieser Gelehrte, eine anerkannt erste Autorität auf dem Gebiete der Assyriologie, liest auf unserer Thontafel Die Keilinschriften und das Alte Testamentja'-pi-ilu (nach Delitzsch's Schreibweise ja-ah-pi-ilu); die Lesung ja'-ve verwirft er, oder vielmehr findet er gar nicht diskutierbar. Von ihm erfahren wir auch, dass es ausser den oben — von König aus Delitzsch's Wörterbuch entnommenen — Lesungen für jene zweite Silbe, also pi, me, ma, a, tu, tal, we, wa, noch drei weitere giebt, nämlich wi, wu und u (s. S. 468, Anm. 6). Das sind also elf Möglichkeiten statt der sechs von mir in Rechnung gebrachten. Es ist nötig, diese Unsicherheit der Entzifferung gehörig zu betonen, denn ich habe in gewissen Kritiken diese Behauptung verhöhnt gefunden, und in der Christlichen Welt vom 2. Okt. d. J. versteigt sich ein Gelehrter sogar zu der Versicherung, diese assyrischen Texte würden »mit ungefähr derselben Sicherheit gelesen, wie man griechische und lateinische Inschriften liest«. Obiges beweist, dass das nicht der Fall ist. Mir wird von durchaus kompetenter fachmännischer Seite versichert, dass die Lesung eines vereinzelt vorkommenden Wortes stets zweifelhaft bleibt, und wir sehen an diesem konkreten Beispiel, dass jeder einzelne Fachmann das Wort anders liest.


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»Jahve«, wenn es wirklich hier zu lesen ist, braucht durchaus nicht als ein Hauptwort aufgefasst zu werden, es könnte ebensogut ein Zeitwort sein; die Art der Zusammenstellung lässt sogar jeden Semitisten (so wird mir versichert) sofort das Letztere als das Wahrscheinlichere voraussetzen; und in diesem Falle würde der Name Ja-ah-ve-ilu etwa »Gott lebt« oder »Gott giebt Leben« bedeuten, also ungefähr dem altdeutschen Namen Gottsleben oder dem französischen Dieulefit entsprechen, was dann auch bestens mit den vorhin genannten, in Babylon üblichen Namen »Gott hat gegeben« (Dieudonné), »Gott mit mir« (Gottlieb) u. s. w. übereinstimmen würde. ¹) Und da nun von den vielen Zeugnissen, die die Wissenschaft heute besitzt, kein einziges dafür spricht, dass Hammurabi und seine Leute einen Gott unter dem Namen Jahve verehrten, wogegen es mit absoluter wissenschaftlicher Sicherheit aus zahlreichen Dokumenten festgestellt ist, dass Hammurabi und seine zeitgenössischen Landsleute den Sonnengott, den Mondgott, Sterngötter, Stadtgötter u. s. w. anbeteten — Hammurabi's Vater hiess Sin-mubalit, »der Mond (resp. der Mondgott) giebt Leben«, seinem Sohn gab er den Namen Schamschu-iluna, »die Sonne ist unser Gott« — so ist diejenige Deutung des höchst hypothetischen, durch allerhand Kunststückchen zusammengeschmiedeten Wortes Ja-ah-ve-ilu, die Delitzsch giebt (und zwar so giebt, als handle es sich um eine ausgemachte Thatsache) ohne Zweifel für falsch anzusehen.
    Wollten wir noch einen Beleg, so gäbe ihn uns Delitzsch's zweiter Keilschriftname, den er als Ja-hu-um-ilu anführt. Hier liegt die Sache nämlich verhältnismässig klar; die Inschrift ist längst bekannt, da sie Sayce schon vor fünf Jahren und Hommel schon vor vier Jahren besprochen hat. Nur hat sich hier — wenn wir uns auf Hommel und neuerdings auf König, der den Originaltext verglichen hat (S. 40), verlassen können — Delitzsch eine kleine Korrektur erlaubt, indem er Ja-hu liest, wo in Wirklichkeit Jâ-u steht, so dass
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    ¹) In dem soeben genannten Werke, S. 468, spricht Zimmern die Meinung aus, dass in der That das ja'-pi (resp. ja'-ve, nach Delitzsch) und auch das ja-u-um der zweiten Keilinschrift »überhaupt keinen Gottesnamen enthielten, sondern ein Adjektiv, bezw. ein Verbum darstellten«. — S. 354 führt er ausserdem aus, dass das ilu der kanaanäischen und aramäischen Semiten, welches als Bestandteil von Eigennamen zu Hammurabi's Zeiten vorkommt — siehe Delitzsch's ersten historischen Beweisversuch — nicht den allgemeinen appellativischen Sinn »Gott« trug, sondern der Name eines speziellen Gottes unter andern Göttern war!

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der Name nicht Ja-hu-um-ilu heisst, sondern vielmehr Jâ-u-m-ilu, und dies bedeutet nicht etwa »Jahve ist Gott«, sondern —
d e r   M o n d   i s t   G o t t!
    Natürlich muss die Lesung und die Deutung auch dieses zweiten Namens aus den oben angegebenen Gründen sehr problematisch bleiben, doch hier wenigstens sprechen allerhand Gründe zu Gunsten der bestimmten Lesart und Deutung, namentlich die Thatsache, dass der Name von Arabien her bekannt ist, so dass wenigstens von Wahrscheinlichkeit die Rede sein kann. ¹)
    So stürzt denn das ganze, ebenso zuversichtlich als flüchtig aufgerichtete Gerüst zusammen, ein wahrer babylonischer Turm, aber ein papierener. Und statt des pomphaft verkündigten »ungeahnten Ausblickes« in die Werdestatt des Monotheismus bleibt uns nichts als ein freilich sehr unerwarteter »Einblick« in die Werkstatt laxer Philologie und phantasievoller Geschichtsfabrikation.
    Doch ich kann diesen Abschnitt noch nicht schliessen. Halbe Arbeit, keine Arbeit, sagt das Sprichwort; ich muss die Taktik unserer semitomanen Gegner bis auf den letzten Rest aufdecken. Und war das bisher Besprochene ein Beweis, dass Gelehrsamkeit und Urteilsfähigkeit in die Brüche gehen, sobald die eine fixe Idee, den Semiten zu erheben, den Geist gefangen genommen hat, so hat Delitzsch geglaubt, noch ein Übriges thun und nicht bloss den Semiten erheben, sondern noch ausdrücklich den Indogermanen erniedrigen zu müssen, und damit hat er geradezu eine schlechte That begangen — mag auch der Wahngedanke, an dem er leidet, ihn entschuldigen.
    Die ersten Sätze der soeben abgehandelten Ausführungen über den angeblichen Monotheismus und Jahveglauben der präabrahamitischen Semiten lauten nämlich folgendermassen: »Seltsam! Niemand weiss mit Bestimmtheit zu sagen, was unser deutsches Wort 'Gott' ursprünglich bedeutet. Die Sprachforscher schwanken zwischen 'Scheu-Erregung' und 'Besprechung'. Dagegen ist das Wort, welches die semitischen Kanaanäerstämme .... für Gott ausgeprägt haben, nicht allein klar, sondern es erfasst den Begriff der Gottheit in einer Hoheit und Tiefe ...... etc. etc.« (Folgt dann das ganze Märchen über el, das Ziel, Hammurabi der grosse Monotheist u. s. w.) Wer nur ein
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    ¹) Nach Zimmern — siehe letzte Anmerkung — ist Hommel's oben gegebene Deutung wahrscheinlich insofern unrichtig, als die drei ersten Silben überhaupt kein Nennwort, sondern ein Eigenschafts- oder Zeitwort darstellen. Jensen urteilt (a. a. O.) wieder anders; so viele Assyriologen, so viele Deutungen.

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klein wenig Bescheid weiss in diesen Dingen, durchblickt sofort die unbewusste Perfidie dieser Aufstellung; doch wer unter Laien weiss Bescheid? sehr wenige; und der naive Ungelehrte, der von den Lippen dieses rühmlichst bekannten Gelehrten vertrauensvoll gierig Weisheit saugt, tritt in die ganze Betrachtung mit dem niederdrückenden Gefühl, dass wir Germanen wirklich geistig sehr tief stehen müssen und es kaum wagen sollten, zu dem erhabenen Hammurabi, geschweige zu einem jüdischen Propheten die Augen aufzuheben. Aber nur getrost, armer Germane, du darfst schon aufblicken, und ich möchte dir sogar raten, die Methoden deiner Widersacher ein letztes Mal recht scharf ins Auge zu fassen.
    Wie es mit el steht, wissen wir jetzt, und wir wissen, dass betreffs der »ursprünglichen Bedeutung« dieses Wortes »die Sprachforscher schwanken«, was sie nur schwanken können. Hier wird sich wahrscheinlich nie etwas Sicheres ausmachen lassen. Bei »Gott« ist das weit eher der Fall. Denn es darf wohl als mit grosser Wahrscheinlichkeit ausgemacht gelten, dass Gott »der Angerufene«, Derjenige, zu dem Gebet und Opfer »aufsteigen«, bedeutet. Die von Osthoff gegebene Ableitung ¹) (auf die sich Delitzsch stützt) zwingt gar nicht, den Begriff des »Berufens«, des »Zauberns« anzunehmen; vielmehr bedeutet die Wurzel, auf die er zurückgeht, einfach »rufen«, »anrufen«, und die Nebenbedeutung des Zauberns wird nur einer vorgefassten Theorie zuliebe hineingelesen. Und am interessantesten bleibt jedenfalls die (S. 225 Anm. erwähnte) Thatsache, dass »Gott« ursprünglich ein Neutrum war und »das Göttliche«, nicht den persönlich gedachten »Gott« bedeutete.
    Doch gleichviel. Möge das Wort Gott — da Delitzsch es so will — »Scheuerregung« oder »Besprechung« bedeutet haben; wir wollen es annehmen. Was er ebenso gut und besser als ich weiss, ist, dass die Gegenüberstellung von el und »Gott« ein ähnliches Beginnen ist, wie wenn ich, behufs Vergleichung, Russland und Lippe-Detmold — nicht Russland und Deutschland — einander entgegenstellen wollte. el ist eine allen semitischen Sprachen gemeinsame und zwar ihre einzige Bezeichnung für den Gottesbegriff; daneben käme nur noch Elôhîm in Betracht, ein Wort, das z. B. im ersten Vers der Genesis steht und dort gewöhnlich mit »Gott« übersetzt wird. Elôhîm ist aber eine Mehrzahlbildung und bedeutet im
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    ¹) Beiträgt zur Kunde der indogermanischen Sprachen, XXIV, 177 fg. (nach O. Schrader).

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eigentlichen Sinne »die Schrecknisse« und im abgeleiteten »die Dämonen«; also bleibt el (resp. îl, ilu u. s. w.), das einzige semitische Wort für Gott. Dagegen besitzen die indogermanischen Sprachen — ihren weit entwickelteren religiösen Instinkten entsprechend — eine ganze Reihe wurzelhaft verschiedener Namen für die Gottheit. O. Schrader zählt in seinem Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde (1901) sieben auf; und mag auch die Unterscheidung in dem einen Fall zweifelhaft sein, fünf oder sechs grundverschiedene Worte bleiben als Minimum. Von diesen sind es namentlich zwei, welche im Indogermanentum eine ähnliche Rolle gespielt haben, wie el auf dem semitischen Gebiete: einerseits deiwos, altnordisch týr — heute noch als deus, dieu, dio, divine u. s. w. ein lebendiger Bestandteil unserer Sprachen; andrerseits bhaga, persisch bagha, ebenfalls heute noch in allen slavischen Sprachen in der Form bogŭ lebendig. Es kommt aber dazu noch das oben erwähnte ans, ós, áss (vergl. »Asene), das namentlich im Nordischen sehr gebräuchlich war und ebenfalls auf eine gemein-germanische Wurzel zurückgeht; dann das dem gräcolateinischen Sprachkreis geläufigere numen, und noch andere weniger verbreitete Bezeichnungen. Und was bedeuten diese Worte, wenn man sie etymologisch zurückverfolgt? Hier sind wir besser daran als bei den semitischen Sprachen, bei denen die Wurzeln meistens unauffindbar bleiben; hier können wir in den meisten Fällen bestimmt antworten. Deiwos heisst »der Strahlende«, »der Glänzende«, »der Himmelsfürst«. Ein stolzes Wort fürwahr, würdig eines Heldengeschlechtes! Bhaga legt den Nachdruck auf eine andere Seite des göttlichen Wesens und bedeutet »der gütig Spendende«, »der barmherzig Zuteilende«. Bei germanisch ansuz ist die Ableitung allerdings zweifelhaft; meistens wird Zusammenhang mit indisch ásu angenommen, wonach die Vorstellung »Geist« zu Grunde läge und das würde den aus dem todten Körper entflohenen Geist bedeuten (Schrader a. a. O., S. 302); ebenso zulässig wäre aber die Ableitung aus indogermanisch an (vergl. griechisch anemos, lateinisch
animus), was »wehen«, »atmen« und daher »Seele« heisst; Kluge wiederum (Etym. Wörterbuch, 6. Aufl. S. I49) glaubt an die Zusammengehörigkeit mit ansts = Gnade. Auf alle Fälle liegt diesem Wort etwas Ahnungsvolles, in ein Jenseits Hinausweisendes zu Grunde. Diese unsere verbreitetsten indogermanischen Worte für die Gottheit knüpfen also an die strahlende Schönheit der Natur, an die siegende Güte des Herzens, an die Ahnung einer transscendenten Geisteswelt

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an, und jedes einzelne von ihnen kann getrost den Vergleich mit el aufnehmen, möge dieses »der Starke« oder »das Ziel« bedeuten, gleichviel. Das alles verschweigt aber Prof. Delitzsch und holt nur das jüngere, auf wenige Sprachen beschränkte Wort »Gott« heraus. Die Verbreitung des Wortes »Gott« im Germanischen als einziger Bezeichnung für die Gottheit, dazu die fast spurlose Vertilgung von týr und áss, die früher hier verbreitet gewesen waren, ist aber ein historisch nachweisbarer Gewaltakt des Christentums. Der gute Wulfila, der ja Mühe genug hatte (vergl. S. 626), die unseren Vorfahren völlig fremden Begriffe der semito-syrischen christlichen Kirche verständlich und plausibel zu machen und der als Arianer sein Bestes that, das rein menschliche Element im Christentum der unbegreiflichen Dreieinigkeitslehre gegenüber zu betonen, musste ausserdem bestrebt sein, den Unterschied zwischen dem neuen »Gott« und dem alten, in tausend Gestalten schimmernden »Göttlichen« vom ersten Augenblick an im Namen deutlich hervortreten zu lassen. Und darum holte er das Wort »Gott« heraus, als ein wenig gebrauchtes und infolgedessen wenig verfängliches, und prägte es zu der einzig gültigen Bezeichnung für den »Vater« um, zu dem Christus zu beten gelehrt hatte; wogegen der strahlende týr und der tiefsinnige áss von nun an das spezifisch »Heidnische« im Gottesbegriff verkörperten und darum nach und nach gänzlich entschwanden. Wo die Kultur schon feste Formen angenommen hatte (im Westen und Süden) und wo das Christentum erst später, bei gefestigteren politischen Zuständen durchdrang (im Osten), da blieben die alten indogermanischen Worte für »Gott« — Dieu und Bog — in Geltung; in den Ländern germanischer Zunge dagegen gingen sie ein — der Sprache zu ewigem Verluste.
    Man sieht, was es mit der Gegenüberstellung von »Gott« und el für eine Bewandtnis hat. Als advokatische Kniffe, um nämlich eine schlechte Sache in den Augen unwissender Schöffen gut erscheinen zu lassen, könnte man derartige Überzeugungsmittel entschuldigen, der ernsten Wissenschaft aber sind sie kaum würdig, und dem vertrauensvollen Laien gegenüber sind sie unverantwortlich.

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    In seinem Babel und Bibel thut Prof. Delitzsch meinen Grundlagen die Ehre an, sie zu citieren, und er meint, »das Märchen von den an religiösem Instinkt von jeher erstaunlich armen Semiten« würde


55 Arischer und semitischer Monotheismus

»an diesem einzigen Wort el zerschellen«. Der Gelehrte scheint durch die Lektüre meines Buches in eine babylonische Stimmung geraten zu sein: »Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und zerschmettert sie an den Stein!« Doch ganz so wehrlos wie junge Kinder lassen sich Wissenschaft und Wahrheit nicht zerschellen; und — mag ich auch ein schlechter Anwalt gewesen sein — was meiner Darstellung Wirkung verliehen hat, ist die Thatsache, dass Wahrheit überall durchschimmert und dass bei ihrem Anblick die Lüge von Jahrhunderten wie ein Alp vor dem Morgen verschwindet. Ich selber habe daran nicht das geringste Verdienst, ausser, dass ich es verstanden habe, an den Quellen reinster, zuverlässigster Wissenschaft zu trinken, mit ängstlicher Vermeidung aller Halbgelehrsamkeit und aller Phantasterei. Um die religiöse Armut des Semiten (im Vergleich zum Indogermanen) darzuthun, habe ich mich ausschliesslich auf Forscher ersten Ranges berufen; selbst ein Robertson Smith, der alle mögliche Voreingenommenheit eines christlichen Theologen für die Semiten mitbringt, muss als ehrlicher Forscher gestehen, die reinen Semiten seien »very defficient in religion in the ordinary sense of the word«, sehr arm an Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes; ¹) ausserdem habe ich mit dem Blick eines freien, durch keinerlei theologische Voreingenommenheit beengten Mannes die Weltgeschichte und die Weltlitteratur befragt, habe die heiligen Bücher Indiens und die Geschichte unserer christlichen Kirchen studiert, dazu die Weltanschauung der grossen Denker; überall erhielt ich die selbe Antwort. Was ich darthue, war dem unbefangenen Gelehrten nicht unbekannt, uns Ungelehrten war es aber meistens neu. Heute ist es uns unverlierbar. Und ist die Kunde erst bis in das Herz jedes germanisch fühlenden Menschen gedrungen, so wird das die endgültige Befreiung aus der flügellähmenden Knechtschaft der priesterlichen, syrosemitischen Religion sein, damit zugleich die Erlösung von dem engen, materialistischen Monotheismus zu unserem eigenen, von je auf je besessenen, doch gewaltsam unterdrückten und im Interesse unserer Leviten verfolgten Gottesbegriff.
    Hierüber eine letzte Ausführung. Denn nun gilt es das Alte Testament gegen Delitzsch in Schutz zu nehmen und zu zeigen, dass die Vorsehung uns in der Bibel selbst die Waffe geliefert hat, um jene religiöse Emanzipierung zu erkämpfen, von der ich anfangs sprach.
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    ¹) Lectures on the religion of the Semites, 1894, S. 47.

56 Arischer und semitischer Monotheismus

Jetzt erst werden wir die wahre Bedeutung der babylonischen Forschungen für unser religiöses Leben erkennen.
    Wenn auch Delitzsch hier und da mit Begeisterung von dem Alten Testament spricht, im Grunde genommen wird es durch seine Ausführungen hinfürder überflüssig, denn auf dem Wege, auf den er — und mit ihm manche »freisinnige« Theologen und neuere jüdische Apologeten — uns hinauslocken möchte, löst sich das Christentum in eine Art Ur-Mohammedanismus auf. Was brauchen wir uns mit der verwickelten und oft schwer verständlichen israelitischen Geschichtslegende abzugeben, wenn schon der würdige Hammurabi und seine Leute, 2500 Jahre vor Christo, an den einen Jahve glaubten, wogegen lange nach ihm — wie die Bibel an fünfzig Stellen bezeugt — Abraham und seine Nachkommen den el-shaddaj, den el-eljon, den el-olam, den el-ro'i und allerhand andere Lokalgötter verehrten? Delitzsch behauptet: »was die weltgeschichtliche Bedeutung der Bibel ausmacht, ist der Monotheismus«. Nun giebt er sich aber alle erdenkliche Mühe, nachzuweisen, dieser Monotheismus sei »ein uraltes Erbteil« der nicht-israelitischen Semiten; somit entschwindet heute diese Bedeutung der Bibel, die ja nur eine mittelbare war, fussend auf unserer bisherigen Unkenntnis des wirklichen Zusammenhanges. Ich glaube aber, hier liegt wieder ein ungeheurer Urteilsfehler vor. Dass die Bibel den Glauben an den einen Jahve lehrte (das heisst in ihrer späteren Umarbeitung lehrte), hat nur für die Juden Bedeutung gehabt, indem diese dadurch erhielten, was später Mohammed — in weit grossartigerer Auffassung — den Arabern gab. Wir dagegen haben sofort — gleich im ersten christlichen Jahrhundert — diesen israelitischen Gott entfernt und die Trinität an seine Stelle gesetzt. ¹) Nicht also dieser priesterliche, abstrakt-materialistische Monotheismus, von dem wir jetzt ganz genau wissen, dass er sehr spät und zwar in unmittelbarer Fühlung mit der hierarchischen und antistaatlichen Partei
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    ¹) In seinem neuen Werke Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten, 1902, macht Adolf Harnack darauf aufmerksam: erstens, dass »das Christentum, wie es verkündigt wurde, Monotheismus schlechthin« nicht genannt werden kann (S. 18), zweitens, dass im römischen Reich schon vor dem Beginne der christlichen Predigt »im Grunde die ganze Denkweise monotheistisch war« (S. 23). Weder haben wir das Alte Testament nötig gehabt, um Monotheisten zu werden, noch hat das Alte Testament es vermocht, uns den Monotheismus im unverfälscht semitischen Sinne aufzudrängen. Es geht doch nicht an, einer fable convenue zuliebe geschichtliche Thatsachen hartnäckig zu leugnen.

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in Babylon entstand, ¹) nicht er macht die Bedeutung des Alten Testaments für uns aus, — im Gegenteil, das ist seine Beschränkung und sein Makel, der fortdauernd Böses zeugt; vielmehr liegt der unvergleichliche Zauber dieses Buches in dem begründet, was Goethe ausspricht: »Diese Schriften stehen so glücklich beisammen, dass aus den fremdesten Elementen ein täuschendes Ganzes entgegentritt«. ²) Es ist das Werk als Werk — nicht, was es lehrt, sondern was es ist —, was unvergänglichen Wert besitzt. Dieses Werk ist eines der grössten Kunstwerke, das die Menschheit hervorgebracht hat. Mag man nun mit den schlicht-frommen Menschen sich ein solches Wunder einfach als »Gottes Werk« deuten, oder mag man den tausend historischen Fäden nachspüren, die hier zusammenlaufen: das bleibt sich ziemlich gleich; »erklärt« wird es weder durch die eine noch durch die andere Auffassung; und zwar ebensowenig erklärt wie alle die übrigen Wunder, von denen umringt wir leben. Entscheidend ist einzig, dass man sich bewusst sei, hier ein in seiner Art Unvergleichliches zu besitzen, und dass man nicht in den priesterlichen Fehler verfalle, über dem blassen und einengenden Gedanken, den spätere Generationen ihren Theorieen, beziehungsweise ihren Machtgelüsten zuliebe mühsam herausklaubten, das unausdenkbare Leben zu übersehen, das in dämonisch-genialer Naivetät und ungebrochener Kraft dem Werk entströmt. Wie Goethe richtig sagt, die »fremdesten Elemente« sind hier beisammen. Der eigentliche »Jude« ist kaum dem Blute nach verwandt mit den Israeliten im Norden, denen wir in der Hauptsache die Genesis verdanken; manche der am häufigsten als Belege für die Erhabenheit jüdischer Religion citierten Propheten — z. B. Amos, Hosea —
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    ¹) Man vergl. jetzt namentlich das soeben erschienene, S. LXXI genannte Buch von E. Schrader, 1. Hälfte von H. Winckler neu bearbeitet, S. 281 fg. Jedem, der es ernst meint mit der Ergründung der Beziehungen zwischen Juda und Babylon und überhaupt mit der Aufklärung in Bezug auf die wirkliche Geschichte Israels und Judas, sei dieses Werk als das unentbehrlichste und grundlegende warm empfohlen; es ist ein wahres Denkmal deutscher Wissenschaftlichkeit, Unermüdlichkeit, Scharfsinnigkeit und Freiheit — sowohl in dem (historischen und geographischen) von Winckler, wie in dem von Zimmern bearbeiteten, die Religion und die Sprache betreffenden Teil. Hier findet man alle wünschenswerten Angaben über weitere Litteratur. Es hat mich namentlich gefreut, bestätigt zu finden, was ich S. 421 fg. (besonders 426 fg.) ausgeführt hatte: dass nämlich die Entstehung des eigentlichen Judentums ohne die Losreissung vom Heimatboden nie hätte stattfinden können; die Vaterlandslosigkeit ist die Voraussetzung für eine solche abnorme Ausgeburt priesterlicher Willkür.
    ²) Vergl. Grundlagen S. 454.


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haben mit Judäa garnichts zu thun, und was die anderen anbelangt — einen Jesaia, einen Jeremia — so muss immer wieder daran erinnert werden, dass das eigentliche Judenthum   n a c h   den Propheten und   g e g e n   die Propheten gegründet wurde. Sie zu Ehren des Judenthums anführen, ist ungefähr dasselbe, als wollte ein Kanzelredner heute, über Ernst Haeckel's Welträthsel predigen. Das aber gerade — dass das Alte Testament so reich und überreich an fremdesten Elementen ist — macht, dass es ist, was es ist. Wobei auch die eigenartige Zusammenwerfung von Rassen, aus denen Israeliten und Juden hervorgingen, nicht übersehen werden darf. Vieles in der Geschichte dieser beiden Völker ist eine beständige Empörung   g e g e n   den Semitismus, und zwar gilt dies namentlich für die Glanzzeit; ¹) und siegte auch dieser zuletzt — dank der Zerstörung Israel's und der babylonischen Unterstützung Juda's — so blieb doch in den heiligen Schriften dieser untergegangenen Völker alles durcheinander aufgespeichert. Die Männer, die nach der babylonischen Gefangenschaft das Judenthum gründeten, haben alles gethan, was menschenmöglich war, um die Bibel zu verderben und unverständlich zu machen; doch die Geschichte hatte hier Göttliches gewoben, und dieses Göttliche schimmert noch immer durch. — Wie der semitische Monotheismus auf das ganze geistige Leben eines Volkes verödend, es völlig auslöschend, wirkt, das ersehen wir aus der weiteren Geschichte Judäa's, — wie wir es später wieder einmal im Mohammedanismus erlebten; in letzterem Falle noch vollständiger, weil hier ein reinerer Semitismus gestaltet, wogegen der Jude zum grösseren Theil Syrier ist und auch amoritisches Blut in den Adern hat. Vor allem aber: was den Juden davor bewahrte, bis auf das Niveau des Mohammedanismus hinabzusinken, war, dass er seine Thora hatte, seine Thora voller nicht-jüdischer Erinnerungen und nicht-monotheistischer Vorstellungen. Sie konnte man der neuen Hierarchie in Jerusalem zuliebe biegen und brechen und verstümmeln und interpolieren und verfälschen, so viel man wollte, das Wahre lässt sich nicht ganz ausrotten, — es »zerschellt« weder an el noch an Jahve.
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    ¹) Ein unverfänglicher Zeuge, der rühmlichst bekannte jüdische Orientalist James Darmesteter, bezeugt in seinem Sammelwerke Les prophètes d'Israel, 1892, S. 270: »Le judaïsme (und hierunter versteht er das Prophetentum, was eine ebenso beliebte wie willkürliche Deutung ist) est né dans un milieu sémitique, mais il est la réaction la plus absolue qu'il soit possible d'imaginer contre la religion, les moeurs, les traditions qui régnaient dans ce milieu«; letztere haben bald gegen diese »Reaktion« gesiegt und sie für immer unterdrückt.

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    Für uns liegt der unvergängliche Wert des Alten Testaments darin, dass es sowohl gegen den Neomohammedanismus des Professor Delitzsch zeugt, wie gegen die Dogmen der Synagoge, die ins Christentum eindrangen und unsere Religion vom ersten Tage an vergifteten. Wir können nicht neue »heilige Bücher« erfinden; das Buch aber, in dem unsere Altvordern gläubig nach Wahrheit suchten, dieses selbe Buch soll uns neue Wahrheit verkünden. In der Religion wie in der Politik muss man Opportunist sein. Noch nie wurde ein lebensfähiges Neues durch Zerstörung eines Alten erzielt, sondern immer nur durch seine Umgestaltung. Und den wahren Wert der vergleichenden babylonisch-biblischen Forschungen, abgesehen von dem wissenschaftlich-historischen — ich rede in diesem Augenblick nur von dem Wert für die Religion — haben wir darin zu erblicken, dass sie nach und nach uns lehren, das Alte Testament richtiger und besser und freier zu lesen. Dadurch wird ein Neues, eine wahre Erlösung der Religion vorbereitet. Unser Auge wird geöffnet, der Horizont erweitert sich. Weit entfernt, dass dieses grossartige Buch dadurch verlieren könnte, wird es — dessen bin ich überzeugt — ganz ungeheuer gewinnen. Dieses einzige Kunstwerk hat nichts von Vergleichen zu fürchten; nie werden wir seinesgleichen finden; die Natur bringt ein solches nicht zweimal hervor. Die Bibel selbst aber lernen wir jetzt erst richtig verstehen. Auch hier wieder kann uns Professor Delitzsch zu einer klaren Erkenntnis verhelfen, denn auch hier hat er es verstanden, mit mathematischer Genauigkeit das Gegenteil von dem zu sagen, was zu sagen war. Er meint nämlich (S. 44), indem die Forschung uns zeige, dass manches in der Bibel auf fremde Einflüsse zurückzuführen sei, würden wir dazu gelangen, die »rein menschlichen Vorstellungen auszuscheiden«, und dadurch werde »die wahre Religion .... nur um so wahrer« werden. Ein schönes Programm: das Reinmenschliche aus der Religion ausscheiden! Das ist ja die ganz genaue Wiederholung des Programms, mit dem Hesekiel, Esra und die ganze Schar fanatisierter Pfaffen und Zeloten ans Werk ging. Was sie begonnen und so traurig weit geführt haben, das sollen wir jetzt noch vollenden, und die »rein menschlichen Vorstellungen«, die in dem Alten Testament wie durch ein Wunder erhalten sind, ausscheiden? Man sieht, wie Recht ich mit der Behauptung hatte, dass man uns auf diesem Wege schnurstracks zum Mohammedanismus in neuer Auflage führen will. Wir aber wollen es genau umgekehrt machen. Dass die Religion, an der

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die unsere — und sei es noch so äusserlich — anknüpft, eine historisch »gewordene« ist, bringt sie uns näher; der jüdische Priesterhochmut mag unter dieser Aufdeckung der Wahrheit leiden, nicht aber der Wert der israelitischen Bücher; und die Entdeckung, dass es so viel Reinmenschliches im Alten Testament giebt, so viel mehr, als wir je vermutet hatten, so ganz anders Gestaltetes und zu Deutendes, als die Blindheit von Jahrhunderten uns hatte ahnen lassen — das macht uns das Buch hundertmal teurer, als es je zuvor uns war. Vers für Vers und Kapitel für Kapitel haben jene schauderhaften priesterlichen Redaktoren, und nach den Redaktoren die jüdischen Schriftausleger, und nach diesen die Generationen unserer christlichen Theologen das Alte Testament unzugänglich gemacht, verunstaltet, in sein Gegenteil verkehrt. Jetzt kam die babylonische Forschung, an der Professor Delitzsch — denn wir wollen ihm, was ihm zukommt, nicht vorenthalten — so glänzenden Anteil hat, und durch sie fallen uns die Schuppen von den Augen und wir lernen einsehen, dass dieses Buch noch weit mehr »fremdeste Elemente« enthält, als selbst Goethe es sich träumen liess, darunter viel »Reinmenschliches« und »Unsemitisches«.
    Ich möchte dem Leser ein einziges Beispiel geben, denn es handelt sich um gar wichtige Dinge, und wir dürfen auf einige Seiten Papier mehr oder weniger nicht sehen.
    Ich mache meine Bibel auf und lese als ersten Vers des ersten Kapitels: »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« Nun weiss natürlich jeder sprachlich gebildete Theologe seit jeher, dass kein einziges Wort von dem allen im Text steht. Es steht nicht »im Anfang«, es steht nicht »schuf«, es steht nicht »Gott«, es steht nicht (wenigstens nicht in unserem Sinne) »Himmel und Erde«. Welcher Laie ahnt das aber? Man darf sagen, kein Dogma steht fester im Hirne jedes Gläubigen als das der Erschaffung der Welt aus Nichts, der sog. creatio ex nihilo. In mehreren Flugschriften, die gegen Delitzsch's Babel und Bibel von streng kirchlicher Seite erschienen sind, finde ich hervorgehoben, wie gross der Unterschied sei zwischen dem babylonischen Mythos, wo Gott aus dem Urmeer das obere Wasser (die Atmosphäre) und das Land ausscheidet, und dem Bericht des Alten Testaments, wo »der Schöpfergott, streng monotheistisch gedacht, durch sein Allmachtswort Himmel und Erde ins Dasein ruft« u. s. w. »Das«, schreibt der eine Verfasser, »sagt uns das erste Blatt der Bibel.« ¹) Ja,   u n s
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    ¹) Professor Dr. S. Oettli: Der Kampf um Bibel und Babel, S. 9 u. 17.

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sagt es das; doch nur, weil die Exegetik der jüdischen Priester — dieser unvergleichlichsten Textverdreher, die es je gab — es so gewollt hat, nur, weil das enge, völlig materialistische, zu keiner Spekulation fähige semitische Hirn es sich so dachte und sich einbildete, mit dem augenfälligen Widersinn einer Entstehung der Materie aus Nichts etwas gesagt, ja die Existenz der Welt »erklärt« zu haben; und nur weil die christlichen Doktoren diese Interpretation als eine geheiligte überkamen und weiter darauf bauten. Gerade hier aber, in der üblichen Deutung dieser ersten Worte der Genesis, wurzelt jene Thatsache, die Renan zu gestehen zwingt: »semitischer Monotheismus ist der geborene Gegner aller echten Wissenschaft«, und die Kant erklären lässt: »Ihr müsst zwischen Jahve, dem deus ex machina, und Gott, dem deus ex anima, wählen, für beide ist nebeneinander nicht Platz«; hier wurzelt also der nie beizulegende Widerstreit zwischen unserer Religion und unserer Weltanschauung. Und doch mit Unrecht; denn der Text dieses Buches, das wir gewohnt sind, ein »heiliges« zu nennen, sagt das nicht und weiss nichts von der semitischen Erfindung einer creatio ex nihilo. Und da frage ich einen frommen Buchstabengläubigen — ich selber bin keiner, ich verehre aber, die es sind, und traue ihnen keine lügenhafte Sophistik in ihrer Beantwortung zu — ich frage: soll ich voraussetzen, dass der Heilige Geist nicht gewusst hat, was er sagen wollte? und dass jüdische Schriftdeuter aus der nachexilischen Zeit es besser verstanden haben? so dass ich diesen mehr glauben soll als Jenem?
    Was steht nun in Wirklichkeit geschrieben? Es ist nicht ganz leicht, es genau wiederzugeben, weil der verschiedene Geist der Sprachen dies fast unmöglich macht; man kann aber leicht bestimmen, was   n i c h t   gesagt ist.
    Zunächst steht nicht »im Anfang«; man kann sich in jedem ausführlichen wissenschaftlichen Kommentar davon überzeugen. Was wir »im Anfang« nennen, also als Bezeichnung eines Uranfänglichen, wird hebräisch durch ein ganz anderes Wort ausgedrückt. Das Wort berešîth bedeutet »in der Anfangszeit«, »damals als«, »zuerst«; es wäre z. B. in einem Märchen anwendbar, wenn von Grossvater und Grossmutter die Rede ist. Es setzt geradezu eine vorangehende Zeit voraus. Das zweite Wort, barâ, hat niemals den Sinn »schaffen« getragen. Es heisst (in den verschiedenen anderen semitischen Sprachen ebenso
wie im Hebräischen) »auseinanderlegen«, »auswickeln«, »ausscheiden«, »loslösen«; so z. B. wenn man einen chemischen Stoff in seine ele-

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mentaren Bestandteile »zerlegt«. Nirgendwo fand ich ein einzelnes Wort, das den Sinn genau wiedergegeben hätte, und kein Gelehrter konnte mir dazu verhelfen; doch das Gesagte genügt zu einer annähernd präzisen Vorstellung vom Begriffskreis des Wortes barâ und zeigt, dass gerade so wie berešîth eine vorhandene Zeit, barâ ein vorhandenes Etwas voraussetzt. — Das dritte Wort ist nicht Gott, weder als el noch als Jahve, sondern eine Mehrzahlbildung von häufiger Anwendung und ganz zweifelloser Bedeutung: elôhîm, die Dämonen. Dass die späteren Juden gemeint haben, überall, wo in ihrer Heiligen Schrift »die Dämonen« stehe, müsse Gott verstanden werden, ist anerkennenswert; es ist aber unverantwortlich, dass wir Ungelehrte nie im Leben erfahren, im ersten Vers der Bibel stehe nicht »Gott« — der monotheistische Gedanke — sondern »die Dämonen« (im eigentlichen Sinne »die Schrecknisse«). — »Himmel und Erde« ist insofern auch durchaus falsch übersetzt, als wir uns unter »Erde« unseren Planeten denken, wogegen das hebräische erez das »Land« heisst, das feste, trockene Erdreich im Gegensatz zum Wasser und zur Atmosphäre; und šamâyîm bedeutet nicht »Himmel« im Sinne des Sternenhimmels (die folgenden Verse würden ja allein genügen, dies darzuthun), sondern das als eine Art Kuppel auf die Erde aufgesetzt gedachte »Luftreich« ¹) — Und noch einen letzten Fehler weist unsere Übersetzung auf, einen zwar kleinen, doch nicht geringfügigen: wir setzen nämlich nach den Worten »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde« einen Punkt, als wäre der Satz fertig, als wäre die erste und wichtigste Schöpfungsthat vollendet, obwohl das ganze Folgende uns hätte zeigen sollen, welche Gewalt dem Sinne hierdurch geschieht. In Wirklichkeit ist dieser Satz nur gleichsam ein Titel, eine Vorverkündigung dessen, wovon im Folgenden die Rede sein soll, wie wir das auch sonst in naiven Erzählungen häufig finden. Also etwa: »Als zu Beginn die Dämonen das Erdreich und das Luftreich ausschieden« (nämlich aus dem »Urmeer« ausschieden, wie gleich darauf erklärt wird) .... da geschah folgendes; und nun setzt die Erzählung ein und meldet, wie zunächst die Finsternis, die auf dem »Urmeer« oder Chaos lag — also auf dem schon vorhandenen, nur noch nicht auseinandergewickelten Stoff — durch Licht aufgehellt wurde,
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    ¹) Ähnlich heisst es in der Völuspâ, dem ersten Liede der älteren Edda, es habe einst ein Zeitalter gegeben, wo:
Nicht Erde fand sich noch   Ü b e r h i m m e l.


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und sodann jene angekündigte Ausscheidung der »Feste« zwischen den oberen und unteren Wassern (nämlich des Luftreiches), und sodann der zweiten Feste (nämlich des trockenen Erdreiches) — beides aus dem Urwasser, in welchem sie potentiell (d. h. der Möglichkeit nach) schon enthalten gewesen waren — durch Zerlegen und Auseinanderbreiten stattfand.
    Das ist der wirkliche und genaue Sinn des ersten Verses der Genesis. Warum soll ich ihn den Rabbinern und den alten ignoranten Kirchenvätern zuliebe Wort für Wort zu etwas Anderem umdeuten? Dass wir aber jetzt im Stande sind und nach und nach immer vollständiger in den Stand gesetzt werden, das Alte Testament richtig zu verstehen, es rein menschlich und nicht mehr bloss als künstlich-hierarchische Geschichtskonstruktion zu Ehren des Jahvevölkchens aufzufassen, das verdanken wir in erster Reihe den Arbeiten der Geschichts- und Sprachforscher. Das Alte Testament steckt voller Mythen; fast jedes Wort der ersten Verse der Genesis deutet auf eine mythische Vorstellung; das Meiste lernen wir aber jetzt erst verstehen; denn der Jude selber hatte gar kein Interesse für das Mythische und Metaphysische (siehe Grundlagen S. 398 fg.), so dass diese Dinge gleichsam gegen seinen Willen und ohne sein Wissen hineingekommen sind. Es ist alles fremdes Gut. Und doch ist es wahrscheinlich, dass wir die Schöpfungserzählung, die Sintflutgeschichte und andere Mythen hier in reinerer Gestalt vorfinden als in den bisher bekannten babylonischen Fragmenten, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Alles spricht nämlich dafür, dass die Überlieferung, die hier zu Grunde liegt, eine uralte ist, die Israel (nicht Juda!) in Kanaan kennen lernte, ausserdem mögen wohl einige Züge aus einer frühesten Berührung der Hebräer mit Babylonien herdatieren, also aus der Zeit Hammurabi's; ¹) was wir dagegen aus Babylonien besitzen — so z. B. die vielgenannte Sintfluterzählung, auf die auch Delitzsch sich beruft (und die er S. 31 abbildet) — datiert erst von Assurbanipal (Sardanapal), circa um 650 vor Christo, ist also nur wenige Jahre älter als die babylonische Gefangenschaft, und vielleicht 2000 Jahre oder mehr jünger als die Überlieferung, die — wenn auch noch so verunstaltet — im Alten Testament aufbewahrt ist. Das darf man beim Vergleich ja nicht übersehen, denn nicht zum geringsten Teil wird darin die grössere
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    ¹) Vergl. namentlich Gunkel: Genesis übersetzt und erklärt, 1901, S. XLI und 118.

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Schlichtheit und Reinheit der biblischen Züge begründet liegen. Wir dürfen nämlich bestimmt hoffen, je weiter wir zurückgehen, um so näher jenem   n i c h t - s e m i t i s c h e n   Ursprung aller uns als »babylonisch« überlieferten Mythen zu treten, und nichts ist so geeignet wie das Alte Testament — jetzt, wo wir es verstehen lernen —, uns diesem Ziele entgegenzuführen. Denn die Thatsache, dass die jüdischen Priester für das Mythische nicht das geringste Verständnis besassen, macht, dass sie es zwar vielfach verstümmelten und möglichst ausschieden, die uralten Volkstraditionen aber nicht um- und ausbauten, wie das die gelehrte babylonische Hierarchie im Laufe ihrer vieltausendjährigen Herrschaft gewiss that, — und letzteres ist es, was bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet, wogegen wir in Genesis I und II fast Wort für Wort auf uralte Vorstellungen nicht-semitischer Völker zurückgeführt werden.
    Goethe warnt uns: »einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum«, und dazu kommt in diesem Falle der Umstand hinzu, dass — abgesehen von dem enormen Prozentsatz an Rassenjuden — ein grosser Teil unserer Semitisten und Assyriologen und wohl alle unsere wissenschaftlichen Bibelforscher Theologen sind; man weiss ja, wie schwer es ist, die Tonsur völlig zuwachsen zu lassen, als wäre sie nie gewesen; selbst bei unseren freisinnigsten Exegeten trifft man Schritt für Schritt auf priesterliche Anschauungen und Voraussetzungen. Doch Tag muss es werden; gerade die Liebe und die hohe Wertschätzung der Bibel, die wir geerbt und mit der Muttermilch eingesogen haben, wird uns veranlassen, mit Begeisterung die Offenbarung der völlig neuen Bedeutung des Alten Testaments aufzufassen, und dadurch wird von heute auf morgen eine grosse Umwälzung stattfinden: eine Befreiung vom jüdischen Priestergesetz und seinem sterilen, Wissenschaft und Philosophie lahmlegenden Gottesbegriff   d u r c h   d i e   B i b e l.   Zwar werden wir nach wie vor uns hüten, mit Delitzsch im Alten Testament die Grundlagen unserer Weltanschauung zu suchen; doch wird kein vernünftig denkender Mensch es unterschätzen, wenn die Aussicht sich eröffnet, für die Religion unserer Väter eine neue, weitherzigere, naturverwandte Grundlage zu gewinnen, eine Grundlage, die es uns endlich gestattet, zu einer wirklich harmonischen Weltanschauung zu gelangen, in der Wissen und Glauben eine Einheit bilden.
    Ich habe in meinen Grundlagen die Religion der Juden als einen abstrakten Materialismus und ihren Jahve als einen ins Gedankliche

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übertragenen Götzen nachgewiesen. ¹) Manche gläubige Seele hat daran Anstoss genommen. Doch nun kommt ein römisch-katholischer Priester, der Abbé Hébert, Professor der Philosophie und bis vor Kurzem Direktor des Collège Fénelon in Paris, und schreibt einen Aufsatz, betitelt »La dernière Idole«, der letzte Götze; ²) und wer ist dieser Götze? Jahve. Diese Erkenntnis nimmt sich sogar viel härter bei dem Geistlichen aus als bei mir Weltkind; denn er tritt nicht von aussen, nicht vom weltgeschichtlichen Standpunkt heran, und kann also nicht entwirren, dass dieser uns aufgezwungene semitische Monotheismus ein unserem Geiste völlig Fremdes ist, sondern er geht von innen, von der christlichen Kirchenlehre aus und weist mit unerbittlicher Logik nach, dass der Gott, der hier gelehrt wird, »ein anthropomorphischer Götze« ist. Und wenn der gelehrte Abbé verlangt, dass wir fortan — statt dieses unerträglich engen Gottesbegriffes — » d a s   Göttliche« (le Divin au lieu de Dieu) lehren, so ist hier wiederum sein Horizont leider kirchlich eingeengt, was ihn als einen revolutionären Zerstörer erscheinen lässt, wogegen ein allgemein-geschichtlicher Überblick, wie ich ihn in diesem Buche versucht habe, ihm gezeigt hätte, dass das, was er will, nicht eine spitzfindige Unterscheidung zwischen Dieu und le Divin ist, sondern einfach unser arischer Monotheismus im Gegensatz zum semitischen und besonders zum jüdischen Monotheismus.
    Der Leser dieses Buches weiss, dass wir zwischen einem Monotheismus aus Reichtum des Gemütes und einem Monotheismus aus Armut des Gemütes zu unterscheiden haben. Oberflächlich betrachtet, sehen die zwei Dinge ähnlich aus, sie sind aber gänzlich verschieden. Die erhabenste Verkörperung des ersteren war bisher die Vorstellung des Brahman, die reinste Verkörperung des letzteren der Allah des Mohammed. Niemand wird Mohammed und seinem Gottesbegriff Grösse absprechen; Jeder, der ein wenig die Geschichte Arabiens studiert, wird gestehen müssen, dass der Prophet durch ein Wunder der Willensgewalt diesen unverbesserlichen Götzen- und Fetischanbetern jenes Minimum an reiner Religiosität geschenkt hat, das sie fähig waren aufzunehmen. Der Semit hat eben wenig Unterscheidungsgabe, er fliegt immer aus einem Extrem ins andere; ist Gott nicht eine mathematische Eins, eine an einem bestimmten Ort lokalisierte Person (»zu Salem ist sein Gezelt und seine Wohnung zu Zion«), so sind
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    ¹) Siehe S. 230 fg., 243 und den Exkurs S. 391 fg.; vergl. auch S. 931.
    ²) Revue de Métaphysique et de Morale, juillet 1902.


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gleich wieder die Dämonen da, die Elôhîm. Wogegen man mit Bestimmtheit behaupten kann, dass es zu allen Zeiten die Neigung — oder wenn man will, der Instinkt — aller Indogermanen war, die reiche Welt des überall und in den verschiedensten Formen empfundenen Göttlichen auf ein Einheitliches zurückzuführen und als ein Einziges aufzufassen. Hier liegt aber ein so viel feineres Gedankengewebe zu Grunde als im semitischen Hirn, dass der Eine Gott nur aus den vielen Göttern — dass heisst also organisch — aufgebaut werden kann, wogegen jene Reduzierung aller Götter auf einen einzigen Gott durch Ausscheidung der übrigen, wie sie im Alten Testament und bei Mohammed durchgeführt wird, für dieses höhere Denken gar keinen Sinn besitzt, da — wie unser Kant uns viel später lehrte, wonach wir aber von jeher gedacht und empfunden haben — Zahlen nur auf sinnliche, nicht auf übersinnliche Dinge gehen, und auch die Einheit nicht »zum Maasse« Gottes genommen werden kann. ¹) In der bekannten Allegorie des Timäos lässt Plato alle Götter im »Vater« (πατήρ) als Einheit aufgehen (37 C); das ist der »Allvater« der Germanen und mag als Hilfsvorstellung für das, was hier gemeint ist, dienen. Es ist das Eine Göttliche, das sich im Kosmos in tausenderlei Gestalten offenbart — nicht der Gott, der politische Voraussagen Propheten ins Ohr flüstert; es ist das Göttliche, dessen Gerechtigkeit in der Ewigkeit seiner Naturgesetze eingeschlossen liegt — nicht der historisch thätige Gott, der dem einen Volk schenkt, was das andere erarbeitet hat; es ist der unerforschbare Gott, von dem man ausschliesslich in Gleichnissen reden kann — nicht der Gott, den es verboten ist »in irgend einem Gleichnis« zu verehren. Der semitische el, der Jahve der Juden, ist der Gott von phantasiearmen Naturblinden, wir dagegen sind naturtrunkene Schöpfer, und um uns von der Alleinheit des Göttlichen zu überzeugen, müssen unsere Augen und unser Sinn es auf allen Wegen, die sich vor uns aufthun, suchen, es in allen Gestalten erfassen und es denkend und bildend verherrlichen. Der semitische Monotheismus ist die Lehre von der   E i n z e l h a f t i g k e i t   Gottes; der indogermanische Monotheismus ist die Lehre von der erst aus der Mannigfaltigkeit sich ergebenden   E i n h e i t,   von dem Eingeschlossensein des Alls und aller Zeitenfolgen in dem raum- und zeitlosen actus purus der Gottheit (wie Duns Scotus sich ausdrückt), die Lehre von der unitas ineffabilis.
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    ¹) Vergl. Brief an Johann Schultz vom 25. Nov. 1788.

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    Wie man sieht, der katholische Priester und der protestantische Laie — wir suchen beide das selbe: Befreiung aus dem religiösen Semitismus, Erlösung zu unserer eigenen Religion. Doch hat mich mein würdiger Mitstreiter in einem Punkte nicht befriedigt: er spricht von Gott und nennt Christus nicht. Magis nobis manifestatur de Deo quid non est quam quid est, klarer ist es uns, was Gott nicht ist, als was er ist — diese Worte des Thomas von Aquin citiert Hébert; ja, wenn nicht Christus gewesen wäre! Auch hier aber findet jenes »Umspinnen der Flüglein« statt, von dem Goethe uns sprach und das wir dann in Delitzsch's Babel und Bibel so genau kennen lernten. Christus wird uns ganz sachte geraubt. Nachdem Hammurabi uns den allein seligmachenden semitischen Monotheismus gelehrt hat, kommen die »gewaltigen Männer«, die Propheten, und die »gottbegnadeten Sänger«, die Psalmisten, und sie »leiten über zu Jesu Predigt« — so versichert uns Delitzsch, den ich nur darum noch ein letztes Mal citiere, weil seine Broschüre vor mir liegt. Auch Mohammed spricht ähnlich von Christus; er ist ihm ein Prophet unter Propheten (siehe z. B. die 42. Sure des Koran). Das ist aber ebenso falsch wie semitisch gedacht. Denn erstens war Christus kein Jude; das lässt sich ohne jede Möglichkeit einer Gegenrede historisch nachweisen, und wer den historischen Standpunkt nicht anerkennt und die Geschlechtstafeln aus Matthäus und Lukas für authentisch hält, kommt auch nicht weiter, da diese auf Joseph führen, der ja für den Gläubigen nicht der Vater Christi ist. Zweitens aber, die ganze Bedeutung Christi liegt darin, dass in ihm das Göttliche Mensch wurde; und zu Gott können nicht Menschen »hinüberleiten«, am allerwenigsten solche sehr menschliche Menschen wie David und die Propheten. Christus steht ausserhalb aller Geschichte, weil Gott ausserhalb aller Zeit steht. Es ist eine Blasphemie, ihn mit gekrönten Ehebrechern und Mördern und mit jenen politischen und priesterlichen Agitatoren auf eine Linie zu stellen, über die wir aus den babylonischen Forschungen so Eingehendes und Aufklärendes zu erfahren beginnen. ¹) Und was die angebliche »unlösbare Verknüpfung« des Neuen mit dem Alten Testament anbelangt, so verweise ich auf Paul de Lagarde, den Delitzsch so erfolgreich als phantasievollen Philologen sich nutzbar gemacht hat, der aber in einer ernsteren
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    ¹) Vergl. Winckler am zuletzt angeführten Ort S. 171 fg. und Die Politische Entwickelung Babyloniens und Assyriens, 1901, S. 17 fg.; auch Grundlagen, S. 1015 fg.

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Stunde, nämlich in seinem herrlichen Aufsatz Über das Verhältnis des deutschen Staates zu Theologie, Kirche und Religion, ein Versuch Nicht-Theologen zu orientieren, diese geschichtliche Auffassung kurzweg als »Fetischismus« bezeichnet. Also neben dem Götzen den Fetisch!
    Findet also dort — beim Alten Testament — die Befreiung aus dem Semitismus dadurch statt, dass wir immer mehr geschichtlich aufgeklärt werden und in Folge dessen jenes Buch immer grösser und freier und reinmenschlicher aufzufassen lernen; so befreien wir uns hier — beim Neuen Testament — indem wir die historische Verknüpfung auf das verschwindend geringfügige Maass ihres wahren Wertes herabsetzen und die ganze Bedeutung des Evangeliums einzig in der Erscheinung des Göttlichen auf Erden erkennen lernen. »Alle das Gewissen belästigenden Religionssätze kommen uns von der Geschichte«, sagt Kant; ¹) nicht das mythische Dogma drückt wie ein totes Gewicht, im Gegenteil, es wiegt federleicht, — sondern das historische Dogma ist es, welches wahre Religion zerstört. »Geschichtliche Religion« ist eine contradictio in adjecto.
    Christus ist Gott: schon dieser Glaubenssatz der Kirchen sollte zeigen, dass für den jüdischen geschichtlichen Jahveglauben bei uns kein Platz ist. Doch wirklich verständlich und unmittelbar einleuchtend — reinmenschlich und unpriesterhaft — wird dieses Dogma erst werden, wenn wir gelernt haben, es umgekehrt zu fassen: Gott ist Christus. Denn von Gott giebt selbst ein Thomas von Aquin zu, wir wüssten nicht quid est; sage ich also »Christus ist Gott«, so habe ich in Wirklichkeit wenig gesagt, denn ich habe das Bekannte durch Unbekanntes erläutern wollen. »Il est bien plus dificile de parler de Dieu que de l'homme«, sagt Friedrich der Grosse. Wir besitzen kein Organ, um Transscendentes zu erfassen; das Menschliche dagegen, das können wir uns aneignen. Nun ist aber Gott Mensch geworden; wir wissen also jetzt quid est. ²) Nur der Rationalist weiss es nicht; nur der im semitischen Wahngedanken an den Weltschöpfer Jahve Befangene quält sich unter tausend Widersprüchen und kann nie sein Denken und sein Glauben zur Übereinstimmung bringen — es sei denn durch Gewalt und innere Lüge. Der Germane aber, der aus jenem Alp erwachte, besitzt jetzt den Mythos und besitzt auch die Erfahrung — den Mythos von der Natur und dem göttlichen Welt-
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    ¹) Briefe I, 325.
    ²) Vergl. Goethe's Ausspruch, angeführt S. 940, Anm. 1.


69 »Katholisch« und »römisch«
baumeister, die Erfahrung von Gott und dem Menschen; ¹) Gott als Mannigfaltigkeit und Gott als Einheit; mit anderen Worten, er besitzt das Zeitliche sub specie aeternitatis und das Ewige sub specie oculorum; beide reichen sich die Hand und bilden zusammen eine echte Religion, wie sie sein Herz begehrt und sein Geist erfordert.

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    Noch über einen vierten und letzten Punkt hatte ich versprochen, in diesem Vorwort einige erläuternde Bemerkungen zu bringen: nämlich über die Berechtigung einer Unterscheidung zwischen »römisch« und »katholisch«. Hier kann ich mich sehr kurz fassen, denn ich habe vor einigen Monaten einen Aufsatz über das Thema »Katholische Universitäten« veröffentlicht, in welchem ich die Berechtigung der betreffenden Unterscheidung eingehend darthat; ich kann also meine Leser darauf verweisen. ²) Zwar betrifft der Aufsatz die Gegenwart und nicht, wie dieses Buch, die Vergangenheit, und er behandelt eigentlich nur die Frage des Unterrichtes und der Wissenschaft; doch die politische Frage wäre, dächt' ich, im Buche selbst genügend erörtert, und ausserdem ist die römische Kirche ein so einheitliches, unerbittlich logisches Gebilde, dass man nur die Augen aufzumachen braucht, um auf allen Gebieten ein und das selbe Wesen und Walten deutlich zu erkennen.
    Nun haben mir aber hochachtbare Männer sowohl auf die Darstellung in diesem Buche, wie auch auf die Ausführungen in dem genannten Aufsatz entgegengehalten, die Unterscheidung zwischen »katholisch« und »römisch« sei völlig unzulässig, sie entbehre jedes thatsächlichen Bodens. Und da die Kritiker aus jenem Lager mich trotz meiner so unverhohlenen Gegnerschaft stets loyal und sogar mit einer gewissen Sympathie — nicht für meine Meinungen, doch für meine Person — behandelt haben, so sah ich mich umsomehr veranlasst, neuerdings Umschau und Einschau zu halten, ob mein Urteil wirklich aus der Luft gegriffen, aus Vorurteil und Missverständnis entwachsen sei; wieder einmal habe ich Vergangenheit und Gegenwart befragt und habe jede Gelegenheit benützt, um mit Katholiken über diese Dinge zu reden, und ich kann nur wiederholen: die
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    ¹) Über die Beziehungen zwischen Mythos und Erfahrung, vergl. S. 950 fg.
    ²) Als Flugschrift im Verlag »Die Fackel«, Wien (in Kommission bei Otto Maier, Leipzig), 1902.


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Unterscheidung besteht seit jeher zu Recht und sie besteht heute mehr denn je.
    Wer sie in klassischer Gestalt kennen lernen will, braucht nur den unsterblichen Pascal zu Rate zu ziehen, diesen nicht bloss innig religiösen, sondern durch und durch katholischen Mann, der alle Dogmen der Kirche gläubig annahm und seine ganze hohe Wissenschaft zwang, vor jedem trivialen »Wunder« zu kapitulieren, sobald nur die Autorität der Kirche sich dafür ausgesprochen hatte, denn: »c'est le coeur qui sent Dieu, et non la raison«. Und doch sagt dieser Mann: »il y a deux fléaux de la vérité«, zwei Zerstörer giebt es, welche die Wahrheit heimsuchen, — »l'Inquisition et la Société«, die Inquisition und die Jesuiten; und als Rom seine Lettres provinciales verurteilte, rief er aus: »Besser ist's Gott gehorchen, als den Menschen. Ad tuum, Domine Jesu, tribunal appello!« Der selbe Mann sagt das, der sich zu der Überzeugung bekennt: »L'histoire de l'église doit être proprement appelée l'histoire de la vérité«. ¹) Ich meine die Unterscheidung zwischen »katholisch« und »römisch« liegt hier handgreiflich vor Augen. Ich habe sie bei fast jedem Katholiken, den ich kenne, gefunden, und könnte das an Dutzenden von Beispielen ausführen, wenn hier der Platz dazu wäre. Nirgends klafft ein so gewaltiger Riss wie hier zwischen Theorie und Praxis, zwischen den Glaubenssätzen, die die Kurie aufzwingen möchte, und dem, was die katholischen Völker in Wirklichkeit glauben, sowie auch zwischen der Politik, die Rom verfolgt, und der Politik, welche von der Mehrzahl der Katholiken gebilligt wird. Wir sahen es ja vorhin bei jenem gelehrten Abbé, der ein Katholik und ein Priester ist und dennoch sehr unrömische Religionssätze verficht. Noch auffallender tritt es aber im praktischen Leben zu Tage, wie z. B. wenn wir hohe katholische Prälaten den deutschen Kaiser mit Reden empfangen hören, überschwänglich an nationaler Gesinnung und Königstreue — wie in diesem Jahre in Aachen — und nun in dem katholischen Staatslexikon nachschlagen und sehen, dass diese selben Prälaten sämtliche Grundlagen eines geordneten Staatswesens — theoretisch wenigstens — preisgeben; dass sie z. B. ausdrücklich lehren, der Papst dürfe Fürsten, Könige und Kaiser aus eigener Machtvollkommenheit absetzen, sobald »die Beschützung der Kirche diesen Schritt erfordert«, ²) und er dürfe »in gewissen Fällen Unterthanen
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    ¹) Pensées IX, 19, XXIV, 62 und 28.
    ²) Man vergl. die 1. Aufl. des von der Görres-Gesellschaft herausgegebenen Staatslexikons, Band IV, Artikel »Papst«, vom Stiftsprälaten Dr. A. Bellesheim. Wer


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vom Eid der Treue entbinden« (wie es ja schon öfters feierlich geschah) ¹) .... Und wissen wir nicht, dass diese Männer gute Deutsche und Patrioten sind? Sollen wir den Worten, die sie in feierlicher Stunde an den Kaiser richten, misstrauen? Und müssen wir nicht folglich schliessen, dass die Grenzscheide zwischen »katholisch« und »römisch« mitten durch ihre eigene Seele geht? Neulich hörten wir einen deutschen Bischof vor französischen Zuhörern versichern: die Katholiken kennten keine Landesgrenzen, sondern seien alle in gleicher Weise gehorsame Söhne des Heiligen Vaters in Rom; eine um so auffallendere Behauptung, als ungefähr vierzehn Tage früher ein französischer Bischof fast an der selben Stelle zum Revanchekrieg angefeuert hatte. Auch hier sehen wir, wie deutlich die »katholische« Religion von der »römischen« Lehre und Politik sich scheidet.
    Ich behaupte nun, diese Unterscheidung ist nicht bloss theoretisch zulässig, da sie in den Gemütern vieler Millionen von Katholiken thatsächlich — und wenn auch vielfach unbewusst — vorhanden
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die gewundenen dialektischen Wege römischer Logik kennt, wird sich nicht wundern, dass der hochwürdige Gelehrte das nicht so direkt ausspricht, sondern die verschiedenen »Theorien« der Kirchendoktoren vorträgt, die aber doch alle im letzten Grunde darauf hinauslaufen, dass der Papst Gewalt über die Fürsten besitze. »Zwar ist der Papst an und für sich zur Absetzung weltlicher Fürsten nicht befugt, wohl aber kann er indirekt dazu übergehen, insofern die ihm anvertraute Beschützung des christlichen Glaubens und der Kirche diesen Schritt erfordert« (Kolumne 168). Wie man sich diese »indirekte« Absetzung eines Monarchen durch den Priester, der dies für »erforderlich« hält, zu denken hat, wird nicht ausdrücklich erklärt. Doch wir brauchen nicht weit zu suchen; denn in der folgenden Kolumne wird in anderem Zusammenhang gelehrt, der Papst könne jedes Gesetz »abweisen« und für »null und nichtig erklären«, welches er für kirchenfeindlich hält, und daselbst finden wir folgenden bemerkenswerten Passus: »Dem Papst lässt sich ohne Auflösung der Kirche die Gewalt nicht aberkennen, in gewissen Fällen Unterthanen vom Eid der Treue zu entbinden. Denn wie kann der Eid zu einem Band der Sünde werden;   d e r   E r r e i c h u n g   d e s   l e t z t e n   Z w e c k e s   m ü s s e n   a l l e   ü b r i g e n   V e r b i n d l i c h k e i t e n   w e i c h e n.«   Mit anderen Worten, der Staat ist — nach der römischen Theorie — bedingungslos an den guten Willen des jeweiligen Papstes ausgeliefert, wogegen die Kirche — wie uns auf jeder Seite des Staatslexikons gelehrt wird — keinerlei irgendwie geartete Ingerenz des Staates zu dulden hat, denn (2. Aufl. III, 452): »die Kirche ist eine vollkommene, vom Staate unabhängige Gesellschaft« (von Scherer).
    ¹) Die Bulle, durch welche (vergl. S. 674) die Engländer von ihrem Treueeid gegen ihren rechtmässigen Monarchen entbunden und sogar direkt zur Weigerung jedes Gehorsams aufgefordert wurden, hat — so bezeugen die Historiker — fast gar keinen Einfluss über die Gemüter der Katholiken Englands ausgeübt; die Treue gegen den Monarchen überwog bei ihnen den Gehorsam gegen den Papst — sie waren


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ist, sondern sie ist geradezu grundlegend für alles Verständnis der Vergangenheit und der Gegenwart und namentlich für jenes lebendige Verständnis, aus welchem allein eine zielbewusste Beeinflussung der Zukunft hervorgehen könnte; sie ist eine »Grundlage«. Man begreift, dass Rom und seine Parteigänger grossen Wert darauf legen, das klare Bewusstsein der Unterscheidung nicht aufkommen zu lassen, namentlich in einem Augenblick nicht, wo das rein politische »Römische« in angeblicher Wahrung der rein religiösen Interessen des »Katholischen« die ganze civilisierte Welt aufwühlt und durch alle Länder und Stände Beunruhigung verbreitet. Wir sollen durchaus glauben, dass »römisch« und »katholisch« das selbe sei, es gleichsam als Axiom betrachten; das werden wir aber nicht thun, denn wir wissen, dass es nicht wahr ist und dass man uns nur Sand in die Augen streut.
    Ein Haupthindernis für die Verwirklichung des römischen Ideals — das beachtet man viel zu wenig — ist gerade die Kirche selbst, die katholische Kirche. Wie oft sind nicht in früheren Jahrhunderten die Bischöfe, das Schwert in der Hand, gegen Rom gezogen! Nach und nach, und mit Hilfe kurzsichtiger Staatsgewalten, ist allerdings diese Unabhängigkeit der Krummstäbe — die »katholische«, im Gegensatz zur Tyrannei Roms — völlig gebrochen worden. Im Jahre 1870 sahen wir noch die Mehrzahl der deutschen Bischöfe »katholisch« stimmen gegen das römische Programm. ¹) Doch sie unterwarfen sich. Das Heer der Weltpriester aber, der Männer, die aus dem Volke hervorgehen, mit ihm leben und leiden, die ihr Vaterland über alles lieben und es nie an eine andere Macht ausliefern könnten — diese Männer gelang es bisher nie ganz im selben Maasse wie die Bischöfe zu unterwerfen und durchwegs zu blindgehorsamen Agenten der Centralgewalt umzumodeln; wer in katholischen Ländern gelebt und mit Pfarrern bei der Flasche Wein gemütlich verkehrt hat, weiss genau, was ich meine, er weiss, wie »katholische« Religion im Gegensatz zu »römischer« noch selbst in den Pfarrhäusern lebendig ist, und er weiss, was dieser letzte Rest an Nationalismus und an echt
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eben »katholisch«, nicht aber »römisch«. Doch ein Mann — Felton — hat die Frechheit gehabt, das schändliche Schriftstück an den Thoren des bischöflichen Palastes in London anzuschlagen, und dieser Mann ist jetzt von dem als »friedliebend« so hoch gepriesenen Leo XIII. selig gesprochen worden. Das lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
    ¹) Anfänglich stimmten im Ganzen nur   v i e r   deutsche Bischöfe für das Unfehlbarkeitsdogma. Erst die Anwendung der moralischen Folter stimmte die übrigen um.


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christlicher Duldsamkeit in der Hierarchie zu bedeuten hat. Es ist förmlich, als stünden zwei ganz verschiedene Religionen unter einem Namen neben einander. Doch, wie Goethe sagt: »Der päpstliche Stuhl hat Interessen, woran wir nicht denken, und Mittel, sie durchzuführen, wovon wir keinen Begriff haben.« ¹) Das mittel ist in diesem Falle die Überflutung der Welt mit geistlichen Orden, wie wir es jetzt erleben. Hierdurch wird die Weltgeistlichkeit nach und nach entwertet und — so zu sagen — ausgeschaltet; die Mönche und Ordenspriester werden mehr und mehr die Prediger, sie sind die Beichtväter, sie sind die Schullehrer, sie sind die Politiker; in den Städten wenden ihre Kirchen alle Mittel an, um die Gläubigen von den anderen Kirchen weg zu ziehen, und schon strecken sie die Arme weiter aus, nach den Pfarreien. Manche Orden sind schon jetzt ausdrücklich der bischöflichen Jurisdiktion entzogen; sie unterstehen unmittelbar der römischen Kurie; die mit dem Staat zusammenhängende, ihm gegenüber verantwortliche Landeskirche besitzt folglich kein Mittel, um Aufsicht über diese Orden zu üben oder auch nur sichere Kenntnis ihres Thuns zu gewinnen. ²) Rom hat Zeit und wird es mit der Knebelung und allmählichen Ausrottung der nationalen Weltgeistlichkeit noch weit bringen. Und hierdurch werden allerdings —
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    ¹) Gespräch mit Eckermann vom 3. 4. 1829.
    ²) In dem vorhin genannten römischen Staatslexikon, Band IV der 1. Auflage, versichert uns der Jesuit Lehmkuhl, die »Exemtion« der Orden von der bischöflichen Gewalt sei   » b e i   g r ö s s e r e r   C e n t r a l i s a t i o n   der Gewalt innerhalb des Ordens und   g r ö s s e r e r   T h ä t i g k e i t   d e r s e l b e n   n a c h   a u s s e n .... eine Notwendigkeit« (Kol. 99). In diesen wenigen Worten liegt für den aufmerksam Lesenden ein ganzes Programm. Ergänzt wird es durch das, was der selbe hochwürdige Pater auf der folgenden Spalte über das Verhältnis zum Staate sagt: »Was die Stellung des Staates zu den Orden betrifft, so bedarf die Kirche zu ihrem Bestande und ihrer Entfaltung, wie überhaupt, so auch hier des Staates nicht; doch pflegt sie, soweit sie es für thunlich hält, den Wünschen der Regierungen entgegenzukommen.« Das war ausnahmsweise ein sehr unvorsichtiger Jesuit, der uns die pensées de derriére la tête verrät, die alle anderen Mitarbeiter des Staatslexikons mit Aufwand unendlicher Geschicklichkeit zu verbergen trachten. Die Redaktion bekam auch einen solchen Schreck, dass sie gleich hinter diesen Worten eine ganze Spalte in eckigen Klammern einschob, um die schroffe Wahrheit mit den üblichen halbverdeckenden Zierschnörkeln zu umgeben. Die zweite, umgearbeitete Auflage dieses vierten Bandes ist noch nicht erschienen; es wird interessant sein, zu sehen, nach welcher Richtung hin eine Bewegung hier stattgefunden hat; nach anderen Artikeln zu schliessen, wird sie zu den Jesuiten hin und von der »Redaktion« hinweg erfolgt sein; und das ist mit Genugthuung zu begrüssen, denn es ist viel angenehmer, mit Bonifaz VIII. und Lehmkuhl zu verkehren, als mit dem wortreichen Bellesheim und seinesgleichen.


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das gebe ich ohne weiteres zu — »katholisch« und »römisch« immer mehr zu identischen Begriffen. Denn jedes Ordensmitglied ist ein Soldat Roms; sein Vaterland ist ausschliesslich die Kirche, ein anderes darf es nicht kennen; jede Ordensniederlassung ist eine politische Agentur, aufgerichtet gegen den Staat, der sie beherbergt — da ja zwei oberste Gewalten ebensowenig nebeneinander bestehen können, wie es möglich ist, auf einen Fleck, wo ein Haus schon steht, ein zweites Haus hinzubauen, wenn man nicht vorher das erste niederreisst. Im Evangelium hatten wir gelesen: »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist«; doch wenn Gott zur Erde niedersteigt und selber das Regiment übernimmt, hat der Kaiser nichts mehr zu fordern; er kann abziehen. Und so ist das, was wir heute erleben, nicht bloss ein Kampf Roms gegen den Protestantismus, sondern es ist — fast in noch höherem Grade — die geradlinige Fortsetzung des Kampfes Roms gegen den Katholizismus, der sofort begann, als die Jesuiten die Macht ergriffen hatten (siehe Grundlagen, S. 849 fg.).
    Doch — ohne die ungeheure Macht Roms zu unterschätzen, namentlich dort nicht, wo protestantisch fromme Arglosigkeit und Duldsamkeit, wie z. B. im heutigen England, am Ruder ist — dürfen wir doch sagen: bis zu jener erhofften Ausrottung jeglicher freiheitlichen Regung hat's noch gute Wege, und die Männer, die es mir verwehren wollen, »römisch« und »katholisch« zu unterscheiden, eilen mit ihren Wünschen der Wirklichkeit um etliche Jahrhunderte voraus. Und inzwischen bleibt es nicht nur statthaft, sondern notwendig, scharf zu trennen und genau zu wissen, wen und was man im Katholizismus bekämpfen und wen und was man nicht bekämpfen will.
    Wahnwitzig wäre es, jenen ungeachtet aller Dogmen sehr weitherzigen und wechselnden, vielen Gemütern unentbehrlichen Religionskomplex, der sich »katholisch« nennt und der, trotz des oberflächlichen Scheines, viel weniger eng begrenzt, viel elastischer ist und den veränderten Zeiten leichter sich anpasst als z. B. das Lutherische Bekenntnis, wahnwitzig wäre es, ihn bekämpfen zu wollen, oder — wie Manche es sich herausnehmen — ihm nur einen untergeordneten Rang neben dem Protestantismus einzuräumen. Der Katholizismus, der gewiss, rein ethisch betrachtet, ein minder hohes Ideal vertritt, ist andrerseits bedeutend weniger judaisiert, steht der Natur — und dadurch der lebendigen Wahrheit — näher und ist in Folge dessen vom Verständnis des Mythischen nicht so völlig ausgeschieden wie der ortho-

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doxe Protestantismus. Es ist auch nachweisbar unwahr, dass der Katholik weniger frei denkt und forscht als der Protestant; das würde nur zutreffen, wenn er rechtgläubig wäre und ein blind gehorsamer Sohn Roms, was aber nur bei einer verschwindenden Minderzahl gebildeter Katholiken der Fall ist; die meisten sind »katholisch«, nicht »römisch«. D'Alembert — der die Jesuiten verteidigte, als er sie verfolgt glaubte, also gewiss ohne Voreingenommenheit spricht — bemerkt am Schlusse des 18. Jahrhunderts, dass es einen Unterschied mache, »als überspränge man vier Jahrhunderte«, wenn man in Europa von einer Universität zur anderen übersiedele, nicht aber je nachdem die »Konfession« protestantisch oder katholisch sei, sondern je nachdem die Sendlinge Roms an der betreffenden Universität herrschen oder nicht. ¹) Ich glaube also, wir Protestanten sollten Achtung und Liebe für das Katholische im Herzen grossziehen. Im Gegensatz zu den Faktoren, die uns in zwei feindliche Lager spalten wollen, müssen wir — »wir«, die übergrosse Mehrzahl der unpolitischen Laien und die besten unter den Geistlichen — auf ein vollkommenes Einverständnis mit einander hinarbeiten; es ist absurd, sich im 20. Jahrhundert wegen Religionsdifferenzen zu bekriegen; angezeigter wäre es, mit vereinten Kräften nach einem reineren und unserer Kulturepoche angemesseneren Ausdruck für unsere religiösen Bedürfnisse zu suchen. Dem semitischen Geiste gegenüber empfahl ich ein bloss innerliches, aber resolutes, bewusstes Wegwenden; hierdurch wären nicht bloss wir, sondern auch die edeldenkenden unter den Juden erlöst; Katholiken und Protestanten hingegen möchte ich ein aufrichtiges, rückhaltloses Sicheinanderzuwenden dringend ans Herz legen. Schon Lessing hat bemerkt: »Will man der evangelischen Kirche verwehren, noch weiter in sich selbst zu wirken und alle heterogene Materie von sich zu stossen, wird sie auf einmal ebenso weit hinter dem Papsttum sein, als sie jemals noch vor ihm gewesen.« ²) Mir macht es aber nicht den Eindruck, als ob der Protestantismus im Stande sein werde, aus sich allein eine religiöse Erneuerung zu voll-
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    ¹) De l'abus de la critique en matière de religion, § 29. Den Papst persönlich nimmt D'Alembert aus, was insofern unzweifelhaft richtig ist, als der Papst ebensowenig gegen die anonyme Macht der Hierarchie etwas vermag wie irgend ein anderer Priester; wir haben es an dem »liberalen« Pius IX. und an dem »friedliebenden« Leo XIII. erlebt. (Über die Ohnmacht des Papstes, vergl. Bismarck's Gedanken und Erinnerungen II, 124—127.)
    ²) Fragment Über die itzigen Religionsbewegungen.


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bringen. Der Protestantismus hat etwas eigentümlich einseitig Männliches an sich; wir lieben und achten ihn dafür; gebären thut aber nur das Weibliche, und weiblich ist der Katholizismus, das wird Keiner leugnen.
    Ein ganz anderes Gebilde ist »Rom«. Es ist das imperium romanum in seiner letzten und verhängnisvollsten Gestalt; der Geist des grossen Reiches ohne dessen Leib; eine ausschliesslich politische und — wohl betrachtet — durchaus unreligiöse Gewalt, die den religiösen Wahn nur grosszieht, um ihn seinen Zwecken dienstbar zu machen. Es ist nicht bloss erlaubt, eine derartige Macht als eine politische zu kennzeichnen, vielmehr müssen wir einsehen lernen, dass hier gleichsam die Quintessenz aller Politik in die Erscheinung tritt. Das ja gerade ist es, was sie so gefährlich macht; denn überall anderswo ist alle Politik nichts weiter als ein System von ewig erneuten Kompromissen zwischen den Bedürfnissen gewisser Gruppen lebender, arbeitender Menschen und den Bedürfnissen anderer Gruppen ebensolcher Menschen; überall und immer ist Politik ein Mittel, nicht ein Ziel, ein ewiges Ungefähr, nie eine Doktrin; sie ist gleichsam ein unvermeidliches Übel und findet ihre Rechtfertigung nur in ihren nichtpolitischen Erfolgen. Rom dagegen — das heutige Rom — ist abstrakte, absolute Politik, Politik als Selbstzweck. Die Civitas Dei, mit dem Papst an der Spitze als unumschränktem Gebieter, ist ein Ideal; es wächst nicht aus thatsächlichen, praktisch gegebenen Verhältnissen heraus, sondern soll von oben her diesen Verhältnissen aufgezwungen werden; kurz, es ist nicht Leben, sondern Lehre, und das heisst nichts Anderes als   a b s o l u t e   P o l i t i k.   Von Bedürfnissen, denen diese Politik dienen sollte, kann keine Rede sein; die Männer, die sie betreiben, entsagen — mehr oder weniger — aller völkischen Gemeinschaft und treten sogar aus der Familie aus; mit anderen Worten, sie scheiden aus der menschlichen Gesellschaft; folglich existiert für sie die unerlässliche Politik der praktischen Bedürfnisse nicht mehr, sondern sie sind frei, das eine grosse, doch sonst allseits bedingte Werkzeug aller Politik — d i e   G e w a l t — als deren Zweck zu erfassen und sich diesem einen Zweck — der Allgewalt — ungeteilt zu widmen. Und je reiner und uneigennütziger — uneigennützig, meine ich, im Sinne weltlicher Genüsse — eine derartige Politik, umso gefährlicher ist sie für die Staaten. Die Berechtigung aller praktischen Politik und die Entschuldigung für die Gewaltsamkeiten, zu denen sie häufig greifen muss, ist gerade, dass materielle

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Vorteile auf dem Spiele stehen und dass die Völker wie die Einzelnen einer materiellen Grundlage nicht entbehren können; das ideale Element des Lebens muss das Volk aus anderen Quellen speisen, die Politik dagegen kann garnicht zu ausschliesslich »real« sein. Hingegen greift eine Politik wie diejenige Roms um so tiefer in das Leben der Völker ein, je abstrakter und reiner sie ist; hier ist Logik, was bei den Staaten Kanonen sind; und je selbstloser und sittenreiner die führenden Männer, um so fanatischer und zielbewusster werden sie handeln. Ein Papst, der Maitressen hält und Künstler beschäftigt, ist harmlos gegenüber dem milden Greis, der jetzt auf dem Throne sitzt. Es liegt auf der Hand, dass eine derartige politische Macht die Schwächung und endliche Vernichtung jedes Staatswesens unausgesetzt betreiben muss; hier nützen selbst die besten Absichten — wo solche vorhanden sind — nichts, denn die Logik der Situation ist stärker als der stärkste Einzelwille. Es ist darum nur konsequent, wenn das römische Staatslexikon (III, 1265) die Bildung der europäischen Nationalstaaten als einen »Zerfall der Christenheit« beklagt. Treitschke bemerkt: »die katholische Kirche nimmt immer Partei für die Sprache der geringeren Kultur«; ¹) wir sehen es in diesem Augenblick in Posen, wo Rom das ganze Gewicht seines Einflusses in die Wagschale des Polentums wirft — hier, wo es die schönste Gelegenheit hätte, sich als staatserhaltend zu erweisen, wenn es das wäre; wir sehen es in Böhmen, wo Rom rein deutsche Gegenden mit tschechischen Pfarrern überflutet und so die mächtigste Förderin der Entdeutschung wird; wir sehen es in Irland, wo Rom allein das für heutige Verhältnisse völlig nutzlose keltische Idiom am Leben erhält und von der Kanzel herab die »Teufelssprache« der Engländer verflucht; wir sehen es in der Bretagne, wo die Ordensschulen so viel irgend möglich die französische Sprache unterdrücken und wo selbst in Städten deren Einwohner zum grossen Teil nur französisch verstehen, nichtsdestoweniger vielfach ausschliesslich bretonisch gepredigt wird. Das kann aber gar nicht anders sein, und man darf mit apodiktischer Gewissheit behaupten, dass, was wir bei den Sprachen handgreiflich deutlich erblicken, auf jedem einzelnen Gebiet des Lebens in genau der selben Weise geschieht und dass Rom ausnahmslos dasjenige thut, dasjenige züchtet, dasjenige fördert, was den Staat — als solchen — schwächt. Dazu ist ja Rom da; das ist
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    ¹) Politik, I, 287.

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seine raison d'être; und wenn es heute sein politisches Ideal aufgäbe, so wäre es morgen verschwunden; denn Religion an und für sich bedarf solcher gewaltigen Zurüstungen nicht, im Gegenteil.
    Eine Hierarchie wie die römische ist ja nichts Neues in der Geschichte; wir haben Memphis und wir haben Babylon; letzteres namentlich beginnt historische Erfahrungen vor unseren Augen zu entrollen, an denen kein heutiger Staatsmann achtlos vorübergehen sollte. »Babylon und Rom« wäre ein ebenso interessantes Thema wie »Babel und Bibel« und praktisch ergiebiger. Dass auch in Babylon die Priester ihre Ansprüche auf göttliche Einsetzung zurückführten und glaubten, Gott gäbe durch ihre Vermittlung seine unfehlbaren Beschlüsse kund, sollte uns nicht auffallen; denn da eine Universalhierarchie ¹) nicht in einem Volke und dessen Bedürfnissen wurzeln kann, woher soll sie denn ihre Kreditive nehmen, wenn nicht vom lieben Gott? Von Bedeutung ist es dagegen zu gewahren, wie die Interessen einer solchen Körperschaft notwendigerweise im Gegensatz zu dem Interesse der Völker und Staaten stehen. Der Einfluss der Priesterschaft ist in Babylon so gross, dass ein Fürst weder seines Lebens noch des Gehorsams seiner Untertanen sicher ist, wenn er nicht gut steht mit der Kirche; hierdurch reisst aber diese nach und nach fast alle Reichtümer des Landes an sich, sie wird Besitzerin des grössten Teiles von Gut und Boden, geniesst zugleich Steuerbefreiung und monopolisiert zuletzt sogar Handel und Bankwesen. Entweder entsteht nun schliesslich eine Revolution gegen diese unhaltbaren Zustände, und ein fähiger Staatsmann — wie z. B. Tiglat-Pileser — kommt auf den Thron, dessen erste That in der Aufhebung oder möglichsten Beschränkung der »todten Hand« und dessen zweite in der Wiederbelebung eines unternehmungslustigen Bürger- und eines kräftigen Bauern- und Kriegerstandes besteht; oder aber ein fremdes, noch ungeknechtetes Volk taucht auf und unterwirft das geschwächte Reich; jedoch, ob ersteres oder letzteres geschieht und ob der fremde Eroberer — wie z. B. bei den Persern der Fall — im geheimen Einverständnis mit der Hierarchie (denn diese ist stets bereit, wenn es der »Religion« Vorteil bringt, den Landesfürsten zu verraten) oder aber ohne und gegen sie eindringt,
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    ¹) Die babylonische Priesterschaft ist durchaus unnational und international; sie treibt ihre Politik auf eigene Faust in allen ihr erreichbaren Ländern und kümmert sich um den Wechsel der Völker und Dynastien nur, insofern die Interessen der Hierarchie hierdurch berührt werden.

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gleichviel, nach kurzer Zeit sehen wir die Hierarchie, deren Agenten allerorten am Werke sind, wieder das Heft ergreifen und den Staat von neuem dem moralischen und wirtschaftlichen Ruin entgegenführen. Moralisch und wirtschaftlich sind von einander nicht zu trennen; denn bei den Grossen züchtet die Kirche Babylons Habgier, wüsten Aberglauben, wahnsinnige Verschwendung auf Kirchengüter und Kultusbauten, religiöse Weltbeherrschungspläne, und das Volk verdummt sie, entmannt es, drückt es zur Servilität herab und jagt es dennoch im Handumdrehen, wenn es ihren Plänen passt, als fanatisierte Horde gegen König und Staat. Auf einen antihierarchischen Tiglat-Pileser und die von ihm inaugurierte kurze Spanne glänzender Realpolitik kommt ein Sargon, der alle Privilegien der Hierarchie erneuert, dadurch den Landbau, den Handel, die Wehrkraft schwächt; ein Sanherib schüttelt wieder die Priester ab, stärkt das Heer und hätte den Staat einer neuen Blüte entgegengeführt; doch er wird im Tempel erschlagen, und wenige Jahre darauf schwindet das assyrische Herrschergeschlecht für immer aus der Geschichte. Das selbe Schauspiel wiederholt sich bei jeder Dynastie, denn die Könige und die Völker kommen und gehen, die Hierarchie aber bleibt; sie überdauert Jahrtausende, und als Babylon von der Erde entschwindet, vererbt sie ihre Traditionen an Rom. Es ist auch nicht anders möglich; denn man muss es immer wiederholen: wir Menschen werden von den Situationen, die wir geschaffen haben, blind beherrscht. Geht ein Staat mit einer ausserstaatlichen Priesterhierarchie Verträge ein — und seien es noch so harmlose — so   m u s s   der Staat mit der Zeit daran zu Grunde gehen; das ist genau ebenso sicher, wie der Satz von der Hypotenuse. Neben der opportunistischen Politik des Augenblickes müssten wir noch eine Wissenschaft der mathematischen Politik besitzen, welche genau darthäte, wohin ein jeder Weg führt.
    Der gewaltigen Erscheinung der römischen Hierarchie gegenüber achtlos, skeptisch, gleichgültig, in blasser Sympathie oder blasser Antipathie — wie Millionen von Protestanten und Katholiken — zu verharren: das kann nur Blindgeschlagensein oder geistige Schwäche erklären. Wer dagegen erkennt, was hier vorgeht und wie hier die Zukunft der ganzen Menschheit, insbesondere aber die Zukunft alles Germanentums, auf dem Spiele steht, hat nur die eine Wahl: entweder Rom zu dienen oder Rom zu bekämpfen; abseits zu bleiben, ist ehrlos.
    Grundlegend ist aber hierbei die Erkenntnis — und darum ge-

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hört ihre klare Formulierung in diese »Grundlagen« — dass man Rom (diese rein politische Macht, der auch einzig politisch beizukommen ist) bekämpfen kann, ohne darum die katholische Religion zu bekämpfen, im Gegenteil, indem man ihr selber angehört, oder ihr herzliche Sympathie entgegenbringt und fühlt, die Welt wäre ärmer — auch ärmer an Hoffnungen für die Zukunft, — wenn jene nicht wäre. Auch hier wieder, wie beim Dilettantismus, wie bei der Rasse, wie beim Monotheismus, kommt es uns nicht auf Worte an, sondern auf Dinge, auch nicht auf Theorien über das, was sein müsste, sondern auf die Thatsachen, wie sie sind. »Römisch« und »katholisch« sollten — nach den Lehren der Hierarchie — das selbe sein; sie sind es aber nicht; darum unterscheiden wir sie.
    Ich schliesse mit einem oft gehörten, doch nie zu oft wiederholten Worte Kant's: »Das Reich Gottes auf Erden, das ist die letzte Bestimmung, des Menschen Wunsch. Dein Reich komme! Christus hat es herbeigerückt; aber man hat ihn nicht verstanden, und das Reich der Priester errichtet, nicht das Gottes in uns. Im ganzen Weltall sind tausend Jahr ein Tag. Wir müssen geduldig an diesem Unternehmen arbeiten und warten.«

    W i e n,   im Oktober 1902.

        Houston Stewart Chamberlain

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