Hereunder follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's Vorwort zur vierten Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts (Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom), published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1901.

Hieronder volgt de transcriptie van Houston Stewart Chamberlain's Vorwort zur vierten Auflage der Grundlagen des 19. Jahrhunderts (Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom), verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1901.

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The Foundations of the nineteenth century
Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts
Kommentare und Besprechungen der Grundlagen
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DILETTANTISMUS — RASSE
MONOTHEISMUS — ROM

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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
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DILETTANTISMUS
    RASSE
        MONOTHEISMUS
            ROM


VORWORT ZUR 4. AUFLAGE DER GRUNDLAGEN DES XIX. JAHRHUNDERTS

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MÜNCHEN

VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
1903

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DRUCK VON ALPHONS BRUCKMANN, MÜNCHEN

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In der jetzigen Zeit soll Niemand
schweigen oder nachgeben.
GOETHE

    Ein freundlicher Kritiker meinte neulich, es sei heute schwer, meine Grundlagen rein auf sich wirken zu lassen, um dann in ruhiger Objektivität darüber zu sprechen; denn das Buch sei schon eine Beute der Parteien und Leidenschaften geworden, von denen es hin und hergezerrt und dadurch gänzlich verunstaltet werde, so dass schliesslich der wirkliche Verfasser, wie er leibt und lebt, und sein wirkliches Werk, wie es rein und wahr dessen Anschauungen wiederspiegelt, den Augen entschwinde. Nebst vielem Unbewusstsein wirkt hierbei auch manche Absichtlichkeit mit; denn Verwirrung zu schaffen und jeden ruhigen Genuss sowie jede besonnene Erwägung durch boshaftes Aufhetzen von vorn herein zu zerstören, gehört zu den beliebtesten Kampfmitteln einer gewissen Publizistik. Und ein Verfasser ist um so schlimmer daran, wenn er, wie ich — durch Schicksal und Geschmack — ausserhalb aller nationalen, kirchlichen und wissenschaftlichen Parteien steht, denn da fällt es leicht, ihn bei allen anzuschwärzen. Trotzdem hat sich das Buch in den verschiedensten Lagern viele gute Freunde erworben. Es giebt doch noch kultivierte Menschen unter uns, die ein Buch zunächst und zuvörderst als ein litterarisches und künstlerisches Erzeugnis beurteilen und ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, auch wenn sie mit keiner einzigen Meinung einverstanden wären; ausserdem aber hat das Bedürfnis, welches mich dazu trieb (siehe S. X.) gerade diese   G r u n d l a g e n   unseres heutigen Kulturlebens zu studieren, bei vielen Tausenden das Echo eines bisher vielleicht halbunbewussten ähnlichen Bedürfnisses geweckt. Diese Leser beurteilen die verschiedenen Thesen meines Buches sehr verschieden; was der Eine begeistert lobt, verwirft der Andere, und um-

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gekehrt; doch Alle bekennen, mir Anregung zu verdanken, — und anzuregen, aufzurütteln, zu beleben war mein Hauptzweck. Meinen Überzeugungen habe ich rückhaltlos Ausdruck verliehen, und ich werde jederzeit auf jedem Gebiete für ihren Sieg kämpfen; doch das Recht-haben-wollen ist eine Krankheit, an der ich nicht leide. Ein Autor muss den Mut haben, sich zu irren; er darf sich nicht hinter Reservationen und Verklausulierungen feige verschanzen. Mögen Andere für die Zukunft ihres litterarischen Rufes ängstlich sorgen; ich meinesteils bescheide mich gern mit einer lebendigen Wirkung auf die Gegenwart, und will lieber Geschlechter erziehen helfen, die meinen Namen mit Fug und Recht, besseren zu Ehren, vergessen sollen, als in unanfechtbarer Klassicität die Anerkennung künftiger Bibliothekspedanten geniessen.
    Diesen wahren Freunden meines Buches glaube ich nun eine kurze Erläuterung gewisser Thesen zu schulden, bei welchen — wie ich aus Kritiken und Briefen ersehe — einige Verwirrung in Bezug auf meine Ansichten herrscht, teils gewiss von mir selber verschuldet, teils vielleicht durch jene anfangs genannte Parteileidenschaftlichkeit und durch die absichtlichen Entstellungen der Konfusionserreger verursacht. Nicht zur Widerlegung der Gegner, sondern zur Aufklärung der Freunde sollen die folgenden Ausführungen über den Dilettantismus, über die Rassenfrage, über das Semitische in unseren religiösen Vorstellungen und über die Berechtigung einer Unterscheidung zwischen »römisch« und »katholisch« dienen.
    Zur Verhütung von Missverständnissen bemerke ich noch, dass ich die masslosen Schmäher meines Buches und meiner Person, die — freilich sehr vereinzelt — aus den ultraprotestantischen und ultrajüdischen Lagern aufgetreten sind, bei den folgenden Bemerkungen nicht im Sinne habe. Derartigem »kritischen Raubgetier«, wie sie Goethe nennt, kann man nur guten Appetit wünschen und ihnen höchstens noch die sprichwörtliche Mahnung zurufen: »Meditantur sua stercora scarabaei!«

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    Trotz Goethe und Schopenhauer schmeckt der Ausdruck   »D i l e t t a n t«   noch immer mehr nach einem Schimpfwort als nach einem Ehrennamen. Nur in Dingen der Kunst erkennt die öffentliche Meinung dem Dilettantismus Berechtigung zu und zieht ihn gross, — gerade dort also, wo der Altmeister von Weimar ihn mit Recht schonungs-

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los bekämpfte, denn alle Kunst ist zugleich eine Technik, und über Technik kann nur der Techniker urteilen, und alle grosse Kunst ist Kunst des Genies, und Werke des Genies kann man annehmen oder ablehnen, nicht aber abschätzen. Dagegen stehen die Wissenschaften einem Jeden offen; die grössten Gelehrten sind häufig sehr mittelmässige Köpfe; von Zoologie, von Philologie, von Theologie kann Jeder Kenntnis nehmen, den es gelüstet. »Die Erfahrung giebt«, schreibt Goethe, »dass Dilettanten zum Vorteil der Wissenschaft vieles beitragen«; selten gelingt es dem Fachmann, wie es dem Liebhaber gelingt, »einen Hochpunkt zu erreichen, von woher ihm eine Übersicht, wo nicht des Ganzen, doch des Meisten gelingen könnte.« ¹) Und Schopenhauer — der wie wenige Menschen fast das gesamte Gebiet menschlicher Leistungen überblickte — spricht die Überzeugung aus, dass von Dilettanten und nicht von angestellten Fachleuten »stets das Grösste ausgegangen ist«. ²)
    Diese Urteile erwähne ich jedoch nur nebenbei, und es genügt mir, wenn sie die Berechtigung des ernsten Dilettanten, neben dem Manne von Fach mit Ehren genannt zu werden, einstweilen bezeugen. Ich selber ziele tiefer. Auf eine Konkurrenz zwischen Fachmann und Dilettant kommt es mir nicht an; ich bezweifle auch, ob es hinfürder möglich sein wird, auf irgend einem Gebiete ohne Fachkenntnisse wissenschaftlich Bedeutendes zu leisten; der Laie, dem es gelingt, ist einfach ein Gelehrter ohne öffentliches Amt. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Musste schon vor hundert Jahren der Fachgelehrte sich beschränken, jetzt muss er es noch viel, viel mehr. Wer nicht selber Fachstudien betrieben hat, wird sich kaum vorstellen können, wie eng und eisern der Umfassungswall ist, der sich um das Gebiet eines wissenschaftlichen Forschers zieht. Das kann nicht anders sein; doch es giebt noch einen anderen Weg, den uns Goethe durch sein bekanntes, tiefsinniges Wort weist: »das Unzulängliche ist produktiv«; ein Wort, das seinen ganzen Sinn enthüllt, wenn man es ergänzt: »Zu viel Wissen erzeugt Unfruchtbarkeit.« ³) Ich glaube, der echte Dilettant ist heute ein Kulturbedürfnis. Sowohl der Gelehrte — zur Belebung seiner Wissenschaft — wie auch der Laie — zur Befruchtung seines Lebens
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    ¹) Botanische Studien, Weimarer Ausgabe, Abt. 2., Band 6, S. 114.
    ²) Parerga und Paralipomena II, § 255. Man vergl. auch S. 760 der Grundlagen.
    ³) Hierher gehört auch Kant's Behauptung, dass bei genügend grosser Begabung »die Unerfahrenheit desto vorurteilsfreier und darum desto geschickter mache« (Brief an Bernoulli vom 16/11. 1781).


8 Dilettant und Gelehrter

durch lebendig gestaltetes Wissen —, beide können heute des Dilettanten nicht entraten, des Mannes, der mitten inne zwischen Leben und Wissenschaft steht. Wir brauchen Männer, die befähigt und gewillt sind, gleichsam als »geschulte Nicht-Fachgelehrte« zu wirken, sonst fällt die Gesamtheit unseres Wissens immer mehr auseinander und bildet im besten Fall ein Mosaikbild, nicht einen lebendigen und als lebend empfundenen und verwerteten Organismus. Das Zusammenfassen und das Beleben ist das Werk, das heute dem Dilettanten, wie ich ihn verstehe, obliegt. Wirkliches Leben entsteht immer nur dort, wo verschieden Geartetes zusammentrifft — also ausserhalb der Schranken der Fachwissenschaft. Dass dieser Dilettant kein Stümper sein darf, liegt auf der Hand; wäre er einer, so thäte er besser umzusatteln und sich Fachstudien zu widmen, denn in den Wissenschaften kann jede noch so geringe Begabung Verwendung finden, im Dilettantismus nicht. Und noch eins: Dilettant ist, wer aus Liebe und Leidenschaft, ohne jede Eigensucht, eine Sache betreibt; echter Dilettant aber nur, wer sich selber im Zaume hält und wessen Vernunft seiner Leidenschaft gebietet; der Gelehrte darf Steckenpferde reiten, denn es kann vorkommen, dass er hierdurch Wissenschaft fördert, der Dilettant darf es nicht, denn er stiftet damit nur Verwirrung. An den echten Dilettanten werden hohe Ansprüche gestellt: wir fordern von ihm eine vorzügliche Urteilskraft, das Auge eines Feldherrn — zugleich scharf und viel umfassend, innere Freiheit, unermüdlichen Fleiss und volle Hingebung. Gewiss unterliegen solche Männer besonderen Beschränkungen, doch ich meine, sie verdienen es, eine geachtete Stellung neben Fachgelehrten, Künstlern und Männern des praktischen Lebens einzunehmen, und es ist vollendet lächerlich, wenn schaale Zeitungsfeuilletonisten und beschränkte Dutzendprofessoren mit Achselzucken von »blossen Dilettanten« sprechen.
    Hier muss aber auf noch eine Sache aufmerksam gemacht werden. Jeder Beruf, indem er bestimmte Fähigkeiten unausgesetzt übt und dadurch kräftigt, lähmt andere; das Naturgesetz des organischen Gleichgewichts bringt das mit sich; jeder Beruf birgt also besondere Gefahren. Wer Augen hat zum Sehen, beobachtet dies täglich beim Offiziersstand, beim Kaufmannsstand, beim Juristen, beim Geistlichen, beim Arzt, beim Künstler...... Die Erkrankung, die dem Fachgelehrten droht, ist nun eine besonders gefährliche; Immanuel Kant, der sein Leben lang an der Quelle sass und also aus täglicher Erfahrung schöpft, hat die Redlichkeit gehabt, es offen auszusprechen:

9 Dilettant und Gelehrter

grosse Gelehrsamkeit schwächt leicht die Urteilskraft. Teils kommt das von der Überanstrengung des Gedächtnisses her, teils von der engen Beschränkung der Interessensphäre, teils von der — für Durchschnittsköpfe — demoralisierenden Wirkung des widerspruchslosen Docierendürfens. Daher Kant's merkwürdig schroffe Behauptung: »Die Akademien schicken mehr abgeschmackte Köpfe in die Welt, als irgend ein anderer Stand des gemeinen Wesens.« Und mit Staunen bemerkt der weise und stille Menschenbeobachter, was er »das Vorurteil des Unwissenden für die Gelehrsamkeit« ¹) nennt. Eine solche Sprache im Munde eines Fachgelehrten und eines Mannes, der besonders vorsichtig und mild zu urteilen pflegt, sollte uns wohl zu denken geben. Und in der That, das Fachgelehrtenwesen, dessen unschätzbare Verdienste einem jeden bekannt sind, birgt grosse Gefahren, auf die es Zeit wäre, aufmerksam zu werden. Wie die übrigen Einrichtungen der menschlichen Gesellschaft, erfordert auch das Gelehrtentum ein Korrektiv, ein Gegengewicht. Schon im Interesse der Wissenschaft wäre ein solches nötig. Der Gelehrte wird leicht zugleich eng und autoritär; weil er in   e i n e r   Sache Bescheid weiss, glaubt er sich manchmal allwissend und wird unduldsam wie nur irgend ein zelotischer Pfaffe. Daher mag es wohl kommen, dass nirgends das Autoritätenunwesen, ja der Terrorismus üppiger blüht als in der Gelehrtenrepublik; ein einziger »berühmter« und vielleicht wirklich hochverdienter Name genügt manchmal, um dreissig Jahre lang alle originellen Köpfe, alle neuen, fruchtreichen Gedanken in der betreffenden Wissenschaft brachzulegen und eine Generation heuchlerischer Nachbeter und hochmütiger Mittelmässigkeiten heranzuziehen. In ähnlicher Weise herrscht in der Wissenschaft das Dogma; wer z. B. heute nicht ohne weiteres anzunehmen bereit ist, sämtliche lebende Wesen hätten sich aus einer einzigen Urzelle »entwickelt«, wird auf Naturforscherversammlungen einfach nicht zum Worte zugelassen. Man ist erstaunt, wenn man erfährt, wie viele der bedeutendsten deutschen Universitätsprofessoren von der Regierung ohne Mitwirkung und sogar gegen den Willen der Fakultäten ernannt wurden — ich brauche nur Johannes Müller, Leopold von Ranke, Helmholtz, Gräfe zu nennen. Da sieht man echten Dilettantismus am Werke, zum
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    ¹) Vergl. Kritik der reinen Vernunft, 2. Aufl., S. 174, Nachricht von der Einrichtung der Vorlesungen u. s. w., Versuch den Begriff der negativen Grössen u. s. w. III, 4, Logik, IX und zahlreiche andere Stellen.

10 Die Rassenfrage

Heile der Wissenschaft und der Kultur! Und dieser Dilettantismus ist es, der jetzt seine Einflussphäre noch weiter ausdehnen muss, — der Dilettantismus, der zwischen Gelehrten und Gelehrten zu unterscheiden weiss, der die urteilsmächtigen und die »abgeschmackten« nicht in einen Topf wirft und der auch beim wirklich grossen Gelehrten zwischen dessen Gelehrsamkeit und dessen unbewusstem Dilettantismus, zwischen dessen glänzenden Gedanken und dessen beschränkten Vorurteilen eine Grenzlinie zieht. Ein Gegner der Fachgelehrten soll der Dilettant beileibe nicht sein, vielmehr ist er ihr Diener; ohne sie wäre er selber nichts; er ist aber ein völlig unabhängiger Diener, der zur Erledigung seiner besonderen Aufgaben auch seine besonderen Wege gehen muss. Und empfängt er sein Thatsachenmaterial zum grossen Teile vom Gelehrten, so kann auch er durch neue Anregungen diesen sich vielfach verpflichten.
    Zwischen dem Wissen und dem Leben zu vermitteln, ist ein schönes, aber schwieriges Amt; keiner sollte sich daran wagen ohne ein tiefes Bewusstsein der übernommenen Verantwortlichkeit.

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    Gleich die   R a s s e n f r a g e,   die heute so leidenschaftlich erörtert wird, kann uns beweisen, dass der Dilettantismus zu etwas nütz ist und dass die Fachgelehrsamkeit nicht selten dort versagt, wo das Leben Ansprüche auf ihre Hilfe erhebt. Denn es ist nicht die Agitation einzelner Schwärmer, welche die Rassenfrage brennend gemacht hat, sondern es sind die thatsächlichen Vorgänge der letzten hundert Jahre: einerseits die nahe Berührung, in die wir Europäer und Europäersprösslinge jetzt mit fast allen Menschen der Welt — welchen Schlages sie auch seien — geraten sind, und welche schon jetzt — so z. B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika — zu den schwierigsten und bedrohlichsten Problemen geführt hat und allerorten zu ähnlichen führen wird; andrerseits der enorme Einfluss, den in kurzer Zeit das kleine internationale Volk der Juden auf unsere europäische Kultur gewonnen hat, ein Volk, dessen Religion auf den einen Satz zurückgeführt werden kann: Reinheit der Rasse, Solidarität des Blutes, Isolierung, und das dank diesem Gesetze seit 2500 Jahren allen Schicksalsstürmen trotzt. Auch hier, und mehr noch als bei der Wissenschaft, müssen wir einsehen: die Zeit ist nicht still gestanden. Gewaltige Ereignisse haben das Antlitz der Erde in politischer Hinsicht völlig umgewandelt; folgenschwere stehen bevor; denn dass ein neuer

11 Die Rassenfrage

dauernder Zustand schon geschaffen sei, glaubt kein denkender Mensch; das Jahrhundert, in das wir jetzt eintreten, bedeutet einen geschichtlichen Wendepunkt, das fühlt jeder: es entscheidet über das Schicksal des Menschengeschlechts auf weite Zeiten hinaus, denn es giebt die Richtung an; und was auf dem Spiele steht, ist nichts weniger als die Existenz und die fernere Entwickelung unserer nordeuropäischen Kultur, in allem, was sie Grosses, Gutes, Schönes und Heiliges hervorgebracht hat. Unter diesen Umständen   m u s s t e   sich die Rassenfrage aufdrängen, denn sie ist eine der Lebensfragen in dem bedrohlichen neuen Kampf ums Dasein, in den wir jetzt eintreten.
    Dass die Rassenfrage eine neue gewesen sei, kann man allerdings nicht behaupten. Von jeher müssen unbefangene Beobachter den Unterschied zwischen Mensch und Mensch bemerkt haben, und das Verbot der Vermischung — also die Heiligung des Blutes im engeren Sinne und mit Ausschluss selbst der physisch Ähnlichen — finden wir bei vielen primitiven Völkern (vergl. z. B. S. 134), sowie bei hochkultivierten, wie den Indoariern. Der Instinkt der Unterscheidung ist eigentlich das Ursprüngliche, das Nichtunterscheidenwollen ist ein Ergebnis angeblicher Bildung. Der Hellene sah eine Kluft gähnen zwischen sich und dem »Barbaren«; und dieser natürliche Instinkt besteht noch jetzt selbst in Europa hier und da und bethätigt sich als aufgezwungene Sitte, bei Strafe der Ausstossung nicht ausserhalb des Gaues zu freien, so z. B. in den Hochthälern Tirol's. ¹) Bei den Denkern und Naturbeobachtern Indiens, Persiens und Griechenlands ward diese instinktive Unterscheidung vertieft und präcisiert; und kommen wir zu unserer modernen Zeitepoche, so ist es interessant zu sehen, dass Voltaire, der lynxäugige, die Verschiedenheit der Menschenrassen stark hervorhebt und dass er die Meinung ausspricht, die verschiedenen Menschen seien ebensowenig von einem einzigen Menschenpaar abgestammt, »wie Birnbäume, Tannen, Eichen und Aprikosen von einem und dem selben Baume«. ²) Für Voltaire giebt es also, wie man sieht, von Hause aus verschiedene   A r t e n   von Menschen. Kant dagegen, den das selbe Problem öfters beschäftigt hat, sieht sich aus theoretischen Gründen zu der Annahme gedrängt, die Menschheit bilde eine einzige Art; doch sei diese Art
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    ¹) Siehe Schurtz: Altersklassen und Männerbünde, 1902.
    ²) Traité de Métaphysique ch. 1; vergl. auch den Abschnitt Des différentes races d'hommes in der Einleitung zum Essai sur les Moeurs, den Artikel Homme im Dictionnaire philosophique u. s. w.


12 Die Rassenfrage

sehr frühzeitig in verschiedene Varietäten oder »Rassen« auseinandergegangen, die sich derartig differenziert hätten, dass aus der Kreuzung jetzt nur minderwertige »Bastarde« hervorgingen. Dieser Weise ist wohl der erste, der das grosse Gesetz ausspricht: »So viel ist wohl mit Wahrscheinlichkeit zu urteilen: dass die Vermischung der Stämme, welche nach und nach die Charaktere auslöscht, dem Menschengeschlecht, alles vorgeblichen Philanthropismus ungeachtet, nicht zuträglich sei.« ¹) Goethe wiederum, der treue Beobachter der Natur, der selber von sich meldet, er sei »fleissig und aufmerksam gewesen in Vergleichung der Menschenrassen untereinander«, war geneigt, mit Voltaire die Abstammung von verschiedenen »Urvätern« anzunehmen (siehe S. 329), und er betont Eckermann gegenüber: der Einfluss der Umgebung sei nur ein Sekundäres neben »dem Angeborenen der Rasse«. ²) Doch jene Zeit war weder den natürlichen Instinkten noch dem unbefangenen Studium der Natur günstig; die Epoche der Revolution, der Phrasen, der Schwärmerei, der hochherzigen Träume war angebrochen. Rousseau schreibt Buch über Buch über die Menschheit, ohne ein einziges Mal mit einem einzigen Wort jene Ungleichheit zu berühren, die durch die Thatsache der verschieden gearteten physischen Gestaltung gegeben ist; »dans l'état de nature il y a une égalité de fait réelle et indestructible«, so lautet jetzt das Dogma (Emile IV); und Herder meint, es sei »nicht erlaubt, das unedle Wort Menschenrassen auszusprechen«. ³)
    Unter dem Einfluss dieser künstlichen, aus den Tiefen des Bewusstseins a priori ausgeklügelten Doktrinen und unter dem Einfluss rein politischer Schlagworte, hat nun unsere Naturforschung fast bis zum heutigen Tage wie betäubt und gelähmt gelegen. Zwar hatte die Anthropologie und Ethnographie seit Voltaire und Kant ein enormes Material zusammengetragen und die Beweise der sichtbaren, physischen Unterschiede und ihrer Vererbung auf die Nachkommen täglich vermehrt; doch jede Anwendung auf das Leben war bei Ostracismus verboten; die Wissenschaft war bloss für die Wissenschaftler da, ein ewiges Längs- und Quermessen und ein ewiges Hin- und Herspielen mit Hypothesen und Systemen und Nomenklaturen
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    ¹) Siehe Anthropologie, Teil 2, C, am Schluss und vergl. Von den verschiedenen Rassen der Menschen und Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse.
    ²) Siehe Entwurf einer vergleichenden Anatomie II und Biedermann VI, 339 und VII, 42; u. s. w.
    ³) Ideen IV, 5.


13 Die Rassenfrage

in majorem professorum gloriam; dem Laien gegenüber durfte als Ergebnis dieser gelehrten Bemühungen nur das Eine immer wieder gepredigt werden: die Bestätigung des internationalen demokratischen Grundsatzes der absoluten intellektuellen und moralischen Gleichheit aller Menschen auf Erden. Man kennt Virchow's Stellung in diesen Fragen: sie war für alle Anthropologen Deutschlands vorbildlich und sozusagen obligatorisch; wer nicht »die Verschmelzung aller Menschen in eine Einheit als Ziel, Aufgabe, Hoffnung und Wunsch« predigte (S. 263), dessen Hochschullaufbahn war gebrochen. So spielte die Politik — und zwar die schlechteste Bierbankpolitik — in die Wissenschaft hinein, lähmte und vergiftete sie durch und durch, und machte sie, statt zu einem zuverlässigen Leiter der bedürftigen Menschheit, zu einem verhängnisvollen Irreführer. Inzwischen hatte sich aber zum Glück ein anderer Zweig der Wissenschaft unter günstigeren, freieren Auspicien entwickelt: dass die Rassenfrage trotz der Herren Anthropologen nach und nach gesichtet und die Hauptelemente des Problems wenigstens bis zur klaren Fragestellung durchgearbeitet wurden, verdanken wir der vergleichenden Philologie des vergangenen Jahrhunderts. Alle die Hauptbegriffe, die heute Gemeingut sind und die selbst die anatomische Anthropologie nicht entbehren kann, wie Arier, Indoeuropäer, Semit, Hamit, Turanier u, s. w., auch die Vorstellung der Wanderungen, die Kenntnisse der Kulturzustände u. s. w., verdanken wir in erster Reihe der Philologie. Diese untersuchte nicht Knochen, sondern im Gegenteil das Allerinnerste, gleichsam die unsichtbare Seele dessen, was dem Auge als Körper entgegentritt: die Sprache. Und indem sie zwischen fernabliegenden und häufig auf den ersten Blick physisch unähnlichen Völkern das Band der unzweifelhaften prähistorischen Gemeinsamkeit nachwies, richtete sie zugleich zwischen Mensch und Mensch Mauern auf, die keine Sophismen und Phrasen hinfürder herunterreissen können. So darf es — um nur ein Beispiel, aber ein wichtiges, anzuführen — als endgültig entschieden betrachtet werden, dass die früher ohne weiteres vorausgesetzte und fast bis heute aus Gründen der Religion und des philosemitischen Vorurteils festgehaltene Vorstellung einer Verwandtschaft zwischen den indoeuropäischen und den semitischen Sprachen nicht zu Recht besteht; womit auch die luftige Vorstellung eines den Semiten und den Arier brüderlich vereinigenden Urvaters, des sogenannten »kaukasischen Menschen« definitiv zerstört ist. Professor O. Schrader, ein Fachmann von allseitig anerkannter Zuverlässigkeit, weist dies nach in

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seinem Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde, 1901, S. 891 ff. Gewiss hat auch die philologische Rassenkunde manche Irrfahrt angetreten, doch es geschah aus wissenschaftlicher, nicht aus politischer Voreingenommenheit oder Verblendung, und unter solchen Bedingungen wirkt der Irrtum anregend, nicht wie in dem früher genannten Fall verstockend.
    So lagen die Dinge, als vor etwa zwanzig Jahren jene zwingende Lage, die ich oben erwähnte — die gelbe Gefahr, die schwarze Gefahr, die jüdische Gefahr, die ultramontane (oder völkerchaotische) Gefahr — die Rassenfrage aus einer akademischen zu einer Lebensfrage umschuf. Doch wenn auch die wissenschaftliche Philologie klar umschriebene Begriffe gab, sie konnte keine anatomischen Antworten und keine physiologischen Ratschläge erteilen; die somatische Anthropologie aber war ein solches Chaos, dass, wer keinen Blick hineingeworfen hat, sich schwer eine Vorstellung davon machen kann. Und so entstand denn eine ganze, neue Litteratur — von Gymnasialprofessor K. Penka's epochemachenden Origines ariacae, 1883, an bis, sagen wir, zu Ammon, Reibmayr und Lapouge, deren Hauptschriften vor kurzem erschienen — eine Litteratur, welche von jenem frischen Geist getragen ist, der jedem Unternehmen eignet, sobald es aus einem lebendigen Bedürfnis hervorgeht — welcher aber doch ein gewisses Etwas anhaftet, was man wohl als Dilettantismus bezeichnen muss. Nicht allein waren manche der erfolgreichsten unter den Bearbeitern des brachliegenden Feldes nicht Gelehrte von Fach, sondern die Problemstellung selbst war es, die die Beantwortung durch einen Specialisten nicht zuliess. Zwar überwog bald — und glücklicherweise — die anatomische, und das heisst die naturwissenschaftliche Richtung; doch ohne Philologie und Prähistorie und Geschichte lässt sich nichts Sicheres über die menschliche Rassenfrage ausmachen. Jeder Bearbeiter war also mindestens teilweise Dilettant; er war es entweder auf dem einen Feld, oder auf dem anderen; und wir dürfen behaupten, dass bei der heutigen Specialisierung des Detailwissens kein Mensch im Stande ist, eine streng wissenschaftliche Darlegung der gesamten Rassenfrage zu liefern. Inzwischen haben die genannten Arbeiten den Vorzug gehabt, erstens, die Fachwissenschaften zu bedeutenden Fortschritten anzueifern, zweitens, das Publikum trotz alles Widerspruchsvollen zwischen den verschiedenen Auffassungen doch aufzuklären.
    Diese ganze Litteratur krankt aber, nach meiner Überzeugung,

15 Die Rassenfrage

an dem grossen Übel unserer Zeit, an dem historischen Wahn, der, nebenbei gesagt, für Geschichte blind macht. Man glaubt überall auf »Anfänge« zurückgehen zu müssen; das hat Herder's Evolutionismus und sein Kind, der Darwinismus, uns angethan und uns dadurch zu mosaischer Naivetät zurückgeführt. Beim »Urarier« und »Protarier« sind wir schon angelangt, der auf dem untergegangenen Erdteil Arktogäa sein Urwesen trieb; warum aber nicht auf den protarischen Affen zurückgehen? und von diesem auf den urprotarischen Fisch, aus dem dieser hervorgegangen war? Die Sehnsucht nach Ursprüngen ist verhängnisvoll; philosophisch ist der Gedanke eines Anfangs unhaltbar, und für die Welt der Praxis geht bei diesem ewigen Hader über Hirngespinste das Einzige, was not thut — das Aufhellen des Heute und des Morgen, damit wir wissen, wie wir handeln sollen — verloren. Darum habe ich mich in diesem Buche auf den Standpunkt des schlichten Mannes der Praxis gestellt, der der Wissenschaft nicht ins Handwerk pfuscht, noch auch sich von ihr den Weg aufzwingen lässt, den er gehen will, des Mannes, der die Wissenschaft verehrt und benützt, doch sich bewusst bleibt, dass es folgenschwerere Dinge giebt, als akademische Turniere. Die Frage nach Ursprüngen habe ich ein für allemal von mir gewiesen; ich habe ausdrücklich erklärt, ich wisse nicht, ob die Worte Arier und Semit überhaupt konkreten Abstammungsthatsachen entsprechen oder bequeme künstliche Begriffe für nur dem Wesen nach verwandte Menschen sind (S. 343); ich habe mich weder mit Voltaire, Goethe und Lapouge für die Annahme entschieden, die Menschheit stamme von mehreren, völlig verschiedenen, gar nicht blutsverwandten Arten, im Sinne der wissenschaftlichen Species ab, noch mit Kant, Quatrefages, Virchow für die Überzeugung, es habe nur Varietätenbildung innerhalb eines einzigen Stammes stattgefunden. Wie soll ich das alles wissen? Worüber die Fachmänner sich in den Haaren liegen, darüber soll ich apodiktische Urteile abgeben? Das wäre Dilettantismus im schlechten Sinne des Wortes. Desswegen habe ich das Wort   R a s s e,   welches von der einen Hälfte der Anthropologen im Sinne Voltaire's als Bezeichnung für eine unterschiedene Art, von der anderen Hälfte im Sinne Kant's als Bezeichnung für eine Varietät gebraucht wird, — woraus, nebenbei gesagt, schon die erste heillose Konfusion entsteht — weder in dem einen noch in dem anderen Sinne genommen. Sondern ich habe alle diese strittigen Fragen, wie es sich für mich und mein Buch schickte, den Fachgelehrten zur Entscheidung überlassen und habe mich, wie an

16 Die Rassenfrage

Ort und Stelle deutlich genug zu lesen ist, im Anschluss an Darwin zu den Männern der Praxis geschlagen, zu den Tier- und Pflanzenzüchtern, und habe unter »Rasse« jene Steigerung bestimmter, wesentlicher Charaktere und der allgemeinen Leistungsfähigkeit, jenes Hinaufschrauben des ganzen Wesens verstanden, welches unter ganz bestimmten Bedingungen der Auswahl, der Vermischung, der Inzucht — aber nur unter diesen ganz bestimmten Bedingungen, dann aber ausnahmslos, das heisst also mit der Sicherheit eines Naturgesetzes — erzielt wird. Ich fasse, wie man sieht, die Sache am entgegengesetzten Ende an, als die Ursprungssucher; ich treibe mich nicht unter Gräberfunden und paläolitischen Äxten und Lautverschiebungen herum, um dort einmal zu entdecken, ob etwas »Rasse« heissen kann, und was, sondern ich folge dem grossen englischen Naturforscher in den Pferdestall und auf den Hühnerhof und zum Kunstgärtner und sage: dass es hier etwas giebt, was dem Wort »Rasse« Inhalt verleiht, ist unstreitig und jedem Menschen offenbar. Sodann aber — von der Wahrheit des grossen mittleren Gesetzes aller Erfahrung und aller Wissenschaft durchdrungen, dass es nur eine einzige, überall gleichwirkende Natur giebt — schaue ich mich unter den gegenwärtigen Menschen um und befrage jene historische Vergangenheit, über die wir sichere Kunde besitzen; und richtig! genau dasselbe Phänomen gesteigerter Individualcharaktere und grösserer Leistungsfähigkeit wie bei Tieren und Pflanzen erblicke ich überall dort, wo ein Volk Ausserordentliches leistet; und ebenfalls genau so wie dort, sehe ich, dass, wo die Bedingungen zur Veredlung der betreffenden Menschenrasse in ihrer Wirksamkeit geschwächt oder aufgehoben werden oder gar entgegengesetzte Bedingungen eintreten, die Rasse (in diesem Sinne der Züchter) einbüsst und nach und nach ganz verschwindet. Ausserdem beobachte ich, dass es unter den Menschen, genau so wie unter den Tieren und Pflanzen, verschiedenes Material giebt, das heisst, dass gewisse Abarten sich von Haus aus zur Rassenbildung hervorragend eignen, andere nicht. Ob aber solche in Bezug auf Plasticität bevorzugte Stämme — wie z. B. in früheren Zeiten die Hellenen und heute die Slavokeltogermanen — selber durch langanhaltende Rassenzüchtung entstanden sind (was mir persönlich wahrscheinlich scheint) oder aber, ob sie eine besondere, von jeher unterschiedene Schöpfung höherer Gattung darstellen (wie das Gobineau's Dogma will), darüber stelle ich keine Hypothese auf, sondern es genügt mir, aus der thatsächlichen Beobachtung diese beiden Begriffe

17 Die Rassenfrage

der »Rasse« — einerseits als eines noch heute beweglichen Züchtungsproduktes, andrerseits als eines mehr oder weniger einheitlichen, zur Edelzüchtung besonders geeigneten Menschenmaterials — klar zu fassen und von einander zu unterscheiden. Hierbei lege ich natürlich auf die erste Bedeutung das Hauptgewicht, weil sie auf täglicher, reicher, wissenschaftlich gesicherter Beobachtung beruht, wogegen die zweite Bedeutung, trotzdem sie sich nicht minder auf Beobachtung bezieht, jedoch in Bezug auf das geschichtliche Werden nur durch Analogieschluss als »Rasse« im Sinne eines Gezüchteten aufgefasst wird.
    Ich dächte, das wäre doch deutlich genug, und handgreiflich empirisch und unwiderleglich. Ein jeder Mensch kann sich von dem Sachverhalt durch Augenschein überzeugen; ein Jeder muss zugeben, dass »Rasse« — was man auch sonst dem Worte für Bedeutungen beilegen mag — jedenfalls in   d i e s e m   Sinne inhaltreich und von hohem Werte für das Leben der Nationen ist. Die akademische Wissenschaft kann der kühnsten Hypothesen nicht entbehren, diese sind ein Werkzeug zur Erlangung neuer Erkenntnisse; dagegen braucht das praktische Leben vor allem Thatsachen, sichere Thatsachen, übersichtlich gegliederte Thatsachen, aus denen es bestimmte Lehren und Direktiven entnehmen kann. Um überzeugend zu wirken, muss man auch immer mit den nächstliegenden Thatsachen beginnen. Der »Deutsche«, der »Engländer« sind aus der täglichen Erfahrung wohlbekannte Vorstellungen; der »Germane« ist ein Begriff, dessen genauer Sinn nur aus einer historischen Darstellung zu gewinnen ist; der »Urgermane« und der »Arier« sind schon hypothetische Gebilde. Ist es erst gelungen, dem Laien die Thatsache der Rasse in ihrem näheren Bedeutungskreise zu zeigen, dann wird von selbst das Interesse für die grösseren Zusammenhänge erwachen. Hiermit will ich nun durchaus nicht zur Geringschätzung der Prähistorie und der theoretischen Anthropologie Anlass geben; ich selber widme diesen Studien leidenschaftliches Interesse, und ich glaube, in diesem Buche die grosse — durch Rassenzucht entstandene — Thatsache des Germanentums ins gehörige Licht gestellt zu haben. Doch musste mein Blick mehr auf Gegenwart und Zukunft als auf Vergangenheit geheftet bleiben. Wenn man auch wirklich nach 200 Jahren herausbekommen sollte, wo und was und wie die ältesten Arier waren, es wäre das für das praktische Leben von geringer Bedeutung. Wir können doch nicht wieder Urindogermanen werden, ebensowenig wie wir Indoarier oder Perser oder Hellenen oder Römer werden

18 Die Rassenfrage

können oder sollen. Wir sind heute Deutsche und Holländer und Engländer und Skandinavier, und wir wollen uns selbst — unser Werden und Sein und unsere uns anvertraute Zukunft — verstehen. Und dazu brauchen wir eine konkrete Vorstellung von »Rasse«: was ist sie? was bedeutet sie? steht sie irgendwie in dem Machtbereich unseres menschlichen Willens?
    Dass die Mehrzahl meiner unbefangenen Leser mich verstanden hat und der Anregung, die ich gab, gefolgt ist, dessen bin ich überzeugt; doch ich geriet in ein Kreuzfeuer, und neben mancher Anerkennung, auch von Seiten tüchtigster Fachleute, musste ich doch den Zorn sowohl der Rassenschwärmer wie der Rassenschmäher erfahren. Das wäre nun gleichgültig, wenn nicht in dieser von den Zeitungen so leicht zu schürenden Verwirrung die Gefahr naheläge, dass eine völlig falsche Auffassung des von mir vertretenen Standpunktes im Publikum Fuss fasste, was wiederum der Sache selber erheblich schaden könnte. Daher die Notwendigkeit der vorliegenden Auseinandersetzung.
    Zu den am häufigsten gegen mich gebrauchten Waffen gehört die Identifizierung meiner Rassenauffassung mit der Gobineau's und seiner Inégalité des races humaines. Nun beachte man wohl Folgendes. Hat Gobineau Recht, hat es unter den von Gott erschaffenen ursprünglichen Rassen (in Wirklichkeit also, nach wissenschaftlichem Sprachgebrauch, »Arten«) eine einzige edle gegeben, die allmählich durch Mischung mit den ursprünglich und unheilbar unedlen einer immer grösseren Entartung verfallen ist, so dass jetzt dem Menschengeschlecht nur noch das unabwendbare, jämmerliche Ende einer chaotischen Auflösung aller Kultur und Civilisation übrig bleibt, dann ist die einzige würdige Lösung, dass wir uns Alle sofort eine Kugel durch den Kopf jagen; und da wir das nicht thun wollen, so kehren wir einfach der ganzen Frage den Rücken und kümmern uns nicht weiter darum. Gobineau's Lehre ist das Grab jeder praktischen Befassung mit der Rassenfrage; nur darum wird sie heute auch von Denjenigen in den Vordergrund geschoben, die die Rassenfrage nicht aufkommen lassen wollen; nur darum werde ich als »Gobineaujünger«, »Gobineauapostel«, oder von weniger freundlichen Kritikern als »Gobineauabschreiber«, »Gobineauausschlachter« etc. hingestellt. Zwar weiche ich in fast jedem einzigen Grundsatz von Gobineau ab und habe mit ihm weder Grundlagen noch Ziel gemeinsam, so dass selbst dort, wo wir zusammentreffen, nämlich in der Wertschätzung der Germanen,

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die Übereinstimmung mehr scheinbar als wirklich ist, da er und ich unter »Germane« nicht das selbe verstehen; jedoch das macht nichts: mit dem genialen, aber hochphantastischen französischen Grafen ist es leichter fertig zu werden als mit dem nüchternen Empiriker, der nur Sachen vorbringt, deren Richtigkeit jeder Mensch kontrollieren kann, und der die konkrete, unmittelbare Bedeutung von »Rasse« nicht aus ekstatischen Intuitionen ableitet, sondern sie (dank Darwin) so handgreiflich hinstellt, dass kein Unbefangener je mehr bezweifeln kann, in welchem Sinne und in welchem Masse der scharfsinnige Jude Benjamin Disraeli Recht hat, wenn er sagt: »Rasse ist alles, und jede Rasse muss zu Grunde gehen, die ihr Blut sorglos Vermischungen hingiebt« (siehe S. 274). Und darum, weil man mich — der ich nichts erfinde und genialisch aufbaue, sondern einfach, wie jeder Andere es könnte, auf die Natur hinweise — weil man mich, oder vielmehr die Natur, nicht widerlegen kann, darum identifiziert man mich mit Gobineau, damit man zugleich mit der sicherlich an Wahrheiten und Ahnungen reichen, an gelehrtem Material unerschöpflichen, doch offenbar in wesentlichen Punkten unhaltbaren Phantasterei, den unbequemen »Dilettanten« los werde, der bei dem in Bezug auf Thatsachen unanfechtbaren und unvergleichlichen Darwin in die Schule geht, und eine so nahe, klare, sichere Vorstellung von »Rasse« aufstellt, dass jeder Kuhhirt sie fassen kann. ¹)
    Dieses Vorschieben Gobineau's ist eine auf die Menge berechnete Taktik. Mancher Journalist, der meine Abhängigkeit von Gobineau betont, kennt weder Gobineau noch mich. Von rein wissenschaftlicher Seite dagegen werden mir hauptsächlich zwei andere Vorwürfe gemacht, Vorwürfe, die sich diametral widersprechen, doch jeder für sich genommen plausibel genug scheinen und manchen Laien gegen meine Darlegung der Rassenfrage einnehmen mögen. Ich will als Beispiel zwei Männer herausgreifen, gegen die ich mich jedenfalls insofern im Vorteil befinde, als ich ihre Arbeiten besser zu schätzen weiss als sie die meinen.
    Der bekannte und verdiente Anthropolog Wilser wirft mir vor, ich hätte keine Ahnung, was Rasse sei; meine Darstellung sei aus »Redensarten« zusammengewoben, sie könne »in keiner Hinsicht die
aufgeworfenen Fragen beantworten«, u. s. w. ²) Wilser ist eben ein
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    ¹) Zur Beurteilung Gobineau's vergleiche auch Grundlagen S. 707, 708.
    ²) Siehe Politisch-Anthropologische Revue, August 1902.


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Rassendogmatiker. Von der Entstehung der Wirbeltiere an bis zur Geburt des Menschen, und von da an durch alle planetarischen Umwälzungen bis zur glücklichen Ausbildung der arischen Rasse, sodann die Reihe der Wanderungen dieser Rasse: er weiss alles im Einzelnen zu erzählen, förmlich als wäre er dabei gewesen und weilte nur infolge einer glücklichen Metempsychose noch einmal unter uns Spätgeborenen. Da ist nun   e r   im Vorteil, denn ich weiss von dem allen gar nichts und kann mir höchstens sehr vorsichtige Versuchshypothesen darüber bilden. Und was Wilser bei mir vermisst, ist eben dieses
bestimmte Wissen über Dinge, von denen kein Mensch etwas wirklich »weiss«, und ausserdem der Mangel an   D e f i n i t i o n e n.   Das ist das rechte Steckenpferd der Schulweisheit! Ich gebe nirgends eine scharfe Begriffsbestimmung, sondern lasse den Leser aus den vorgeführten Thatsachen nach und nach entnehmen, was Rasse sei; die Merkmale »verschwimmen vor meinen Augen«; ja, ich gehe so weit, jenes ganz unwissenschaftliche, ungelehrte Ding, »das eigene Bewusstsein«, die ganz gemeine, tägliche Erfahrung des Einzelnen in die Rassendarstellung hereinzuziehen — wo doch der rechte Anthropolog erst bei ausgegrabenen Knochen zu denken anfangen darf. Die Empörung des Gelehrten über ein so unerhörtes Vorgehen verstehe ich ganz gut. Und doch, hätten ihm seine Fachstudien ein wenig Musse gelassen, sich in der Philosophie umzusehen — eine von vielen Naturforschern verpönte, nichtsdestoweniger aber sehr nützliche Beschäftigung — so hätte er von Kant, ja schon von Descartes erfahren, dass nur Gedankendinge, nicht wirkliche Dinge sich überhaupt definieren lassen. Alle Weisen der Welt, führt Descartes aus, können die Farbe »Weiss« nicht definieren; ich brauche aber nur die Augen aufzumachen, um sie zu sehen. Und so geht es auch mit »Rasse«, sobald dieses Wort nicht ein Gedankending bezeichnet, sondern ein von der Natur oder vom Menschen unter bestimmten Bedingungen hervorgebrachtes wirkliches Gebilde. Rasse — im Sinne der Züchter — ist ein Mehr oder ein Minder, ein Verhältnisbegriff; es ist ein durchaus plastisches Wesen, das unter günstigen Bedingungen sehr schnell entstehen und unter ungünstigen noch schneller entschwinden kann. Ob ein Pferd »Rasse« hat, sieht ihm ein Kenner gleich an, auch welchen »Grad« von Rasse es besitzt, zeigt sich bald; doch definieren lässt sich das nicht, auch nicht mit Zuhilfenahme der Erfahrungen über Vermischung, Inzucht, Futter und Trainierung. Einzig wichtig ist es darum, die   T h a t s a c h e   zu kennen, die Thatsache der Rasse, und ihren Ent-

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stehungs- und Existenzbedingungen so nahe wie möglich auf die Spur zu kommen. Nur das habe ich versucht; für uns Ungelehrte und für die Praxis des Lebens ist das wichtiger als alle Theorie. Und wenn auch unbedingt zugegeben werden muss, dass die Zurückverfolgung der einzelnen Menschenstämme so weit wie möglich, die Entwirrung der von Hause aus züchtungsfähigeren und der weniger edlen Elemente, u. s. w., alles wichtige und notwendige Untersuchungen sind, so kann doch die Praxis nur das Nachweisbare und Unbestreitbare, nicht die Hypothesen brauchen. Daher meine Zurückhaltung.
    Nun kommt aber ein anderer Gelehrter, Steinmetz, und nimmt mich ganz im Gegenteil deswegen ins Gericht, weil ich zu viel und zu Genaues gesagt habe, wo doch echte Wissenschaft die grösstmögliche Zurückhaltung fordere und nur »durch die strengste Handhabung der besterdachten Methoden in langsamer, treuer Arbeit weiter komme.« ¹) Steinmetz — dessen ausführlichen Aufsatz ich nur bestens empfehlen kann — möchte am liebsten, dass von Rasse bei den Menschen gar keine Rede mehr sei, bis man durch minutiöseste Untersuchungen festgestellt habe: ob es überhaupt so etwas wie erblichen Rassencharakter giebt; hierzu müsse man aber zuerst »durch streng vergleichende Untersuchungen« alle anderen Faktoren ausscheiden, wie da sind »Klima, Lage, Tradition, Acculturation u. s. w.«; ausserdem müsse die »differentielle Psychologie« die primären und sekundären Charakterzüge unterscheiden lernen und so dazu gelangen, die »elementaren Züge« blosszulegen; u, s. w., u. s. w.  Das ist ja alles recht und gut, und es werden auf zwei Jahrhunderte hinaus etliche Dutzend Professoren dafür bestallt werden können; doch das Leben selbst — das uns auf allen Seiten Rasse als eine wichtigste Thatsache für sämtliche organische Wesen zeigt — das Leben wartet nicht, bis die Gelehrten mit ihrer differentiellen Psychologie zu Rande gekommen sind. Und wir Lebenden, wir brauchen nicht zu warten. Als der gelehrte Professor mein Buch las, hat er lange nicht scharf genug zwischen Wissenschaft und Leben unterschieden. Darum hat er Vieles gründlich missverstanden und auch missverständlich dargestellt. So z. B., wo ich von Semiten spreche, bezieht er es ohne weiteres auf die Juden, was ganz unzulässig ist, und er begleitet die Auszüge mit ironischen Bemerkungen, so dass Niemand, der mein Buch nicht zur
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    ¹) Siehe Paul Barth's Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Philosophie und Soziologie, 1902, Heft 1.

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Hand hat, erraten wird, dass ich die Charakterisierung nicht aus dem kleinen Finger ziehe, sondern aus ausführlich mitgeteilten Belegen der erfahrensten Reisenden und der anerkannt ersten Orientalisten. Der Haupttreffer seiner Kritik aber (S. 100), der auch am Schluss als entscheidend wiederkehrt, ist, dass — angeblich — meine Charakterisierung des indogermanischen Charakters und die des berühmten französischen Anthropologen, Professor Lapouge, (in seinem Buch L'Aryen, 1899) sich direkt widersprechen sollen; daraus folgert der Gelehrte, dass hier nur bodenloser Dilettantismus am Werke sei, »der schlimmste Feind unserer jungen Wissenschaft«. Wenn aber Wissenschaft aufhört, sobald zwei Menschen sich widersprechen, dann giebt's wenig
oder gar keine Wissenschaft auf der Welt. In der Anthropologie vernehmen wir fast nichts als sich heftig widersprechende Fachmänner, und in allen anderen Wissenschaften ist das Aneinanderprallen direkt entgegengesetzter Behauptungen ebenfalls stets an der Tagesordnung. Um mir eine Meinung über die Zolltarifvorlage zu bilden, las ich neulich an einem Tage zwei Schriften, die eine von Lujo Brentano, die andere von Adolf Wagner; nach der Lektüre der ersten Schrift war ich ein begeisterter Freihändler, nach der der zweiten ein verstockter Agrarier; die beiden Gelehrten hatten mir auf Grundlage des selben, noch dazu ganz konkreten, ziffermässigen Materials, zwei in jeder Einzelheit sich widersprechende Lehren vorgetragen. Und ist etwa darum die Nationalökonomie keine Wissenschaft? und sind Brentano und Wagner Dilettanten? Warum also sollten Lapouge und ich den Charakter der Indogermanen nicht verschieden auffassen? Wer aber nicht durch eine Brille hinsieht, wird gleich wahrnehmen, dass die Sache sich überhaupt gar nicht so verhält, wie Steinmetz sie in seiner Voreingenommenheit aufgefasst hat. Denn erstens handelt es sich bei mir, dort, wo ich den vorwiegenden Willen als bezeichnend für den Semiten und den vorwiegenden Intellekt als bezeichnend für den Indoeuropäer hervorhebe, um einen   V e r g l e i c h,   wogegen in Lapouge's L'Aryen kein solcher Vergleich vorkommt; es ist wichtig, das zu bemerken. Sodann aber, wenn der Leser, der die betreffenden Stellen bei mir kennt, die angegebene Ausführung bei Lapouge (S. 370 fg.) in ihrem vollen Inhalt vergleicht, wird er erstaunt sein, zu sehen, dass wir vollkommen übereinstimmen! Denn dass des Indoeuropäers Willen enorm ist, dort, wo sein Verstand ihm den Weg gewiesen hat, habe ich an mehreren Stellen hervorgehoben; es zu leugnen, konnte mir ebensowenig in den Sinn kommen, wie etwa

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die äusserst scharfsinnige Intelligenz der Semiten und speziell ihrer halbschlächtigen Kinder, der Juden, deswegen in Abrede zu stellen, weil bei ihnen der Wille so überaus mächtig entwickelt ist. Lapouge und ich vertreten hier nicht zwei Einsichten, sondern eine und die selbe, und dazu gehörte kein besonderer Scharfsinn, da in diesem Falle kein besonnener und unbefangener Mann anders urteilen kann. Ich fürchte, man wird Steinmetz, trotz seiner grossen Verdienste, in die Kommission für »differentielle Völkerpsychologie« nicht wählen dürfen!
    Diese aus einer grossen Fülle hervorgeholten Beispiele sollen den Laien warnen, jenes »Vorurteil für Gelehrsamkeit«, von dem Kant uns vorhin erzählte, so weit zu treiben, dass er mich gleich verurteilt, weil ein »Gelehrter« es thut; vielmehr soll er die Sache erst untersuchen, und wenn er dann findet, dass ich es verdiene, mir vertrauen.
    Es giebt noch eine Kategorie von Gegnern; sie ernst zu nehmen, fällt aber schwer; ich meine gewisse jüdische Gelehrte und Journalisten, an deren bona fides nicht zu zweifeln ist (mit den anderen befasse ich mich nicht). Wie sollen wir es nun nehmen, wenn Männer, deren besondere und gesonderte Existenz, deren ganzes moralisches und intellektuelles Wesen ein Ergebnis strengster Rassenabsonderung ist, und die das Gesetz der Rasse nicht nur als eigene Religion theoretisch bekennen, sondern in einer alle Berge und Meere überfliegenden, alle Verschiedenheiten der Sprachen und Sitten überwindenden, bewundernswerten Solidarität täglich bethätigen, — wie sollen wir es nehmen, wenn gerade diese Männer uns geschichtlich beweisen wollen, dass Rasse nichts zu bedeuten habe, wenn gerade diese Männer in moralische Entrüstung geraten ob einer so »gemeingefährlichen Lehre«? Ich glaube, man geht schweigend zur Tagesordnung über.
    Und noch ein letztes Bedenken darf nicht unbeantwortet bleiben. Hier und dort hört man sagen: »dass Rasse eine der grossen Thatsachen der Natur ist, lässt sich allerdings nicht leugnen; Naturwissenschaft und Geschichte lehren es; doch wozu soll die Belehrung dienen? hier kann nur Schicksal oder Gott helfen; die Gesellschaft ist machtlos.« Eigentlich zielt ein derartiger Einwand über den Rahmen dieses Buches hinaus; ich hatte die Grundlagen aufzudecken, auf denen sich das Jahrhundert erhob, nicht aber die Nutzanwendung für Gegenwart und Zukunft in Betracht zu ziehen. Doch glaube ich, dass eine möglichst weit verbreitete Rassenkunde für die Erhaltung und Ausbildung der vorwiegend germanischen Staaten von grosser Tragweite werden

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könnte. Wohl haben gewisse Monomanen — so z. B. der geist- und kenntnisreiche Lapouge — undurchführbare Vorschläge gemacht, und dadurch wird gegen die beste Sache das Odium der Lächerlichkeit erregt; doch ein so nüchtern präziser Naturforscher wie Francis Galton, der Schwager Darwin's, hat am 29. Oktober 1901 in einer Versammlung durchaus nüchterner und praktischer Männer, nämlich in dem anthropologischen Institut in London, einen Vortrag »Über die Möglichkeit, die menschliche Rasse zu verbessern« gehalten, in welchem er die gesetzliche Förderung der Rasseninteressen vorschlug und als Beispiele praktischer Rassenzüchtung auf die Indoarier und die Juden hinwies. In den Vereinigten Staaten sind schon längst derartige Bestrebungen am Werke. Was nun hier als Ausfluss der niedrigsten, unhistorischen Empirie durchdringt, warum sollten wir es nicht von einem höheren Standpunkt anfassen und nicht bloss zwischen physisch »Besseren« und physisch »Schlechteren« unterscheiden, wie dies Galton thut, sondern zwischen Denjenigen, die physisch und moralisch Germanen sind, und solchen, die es nicht sind? Warum sollten wir nicht — ehe es auf immer zu spät ist — für die Erhaltung alles dessen wirken, was uns das Teuerste und Heiligste ist, durch die Erhaltung der physischen Grundlagen, auf denen es erwuchs und ohne die es nicht bestehen kann? Hier könnte das Gesetz Grosses wirken; doch weit mächtiger als dieses — dem Gesetz selbst das Gesetz gebend — wäre das lebendige, öffentliche Bewusstsein von der Bedeutung von Rasse für die Geschichte der Nationen und von der Bedeutung des Germanentums für die Geschichte der heutigen Kultur.

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    Wie Rasse bis in die innerste Seele — vielmehr, gerade in der innersten Seele — gestaltend wirkt, ersieht man aus der Auffassung von Religion bei verschiedenen Völkern. Mein Buch handelt vielfach von dem Einfluss des Judentums und — durch dessen Vermittlung — auch des Semitentums im weiteren Sinne des Wortes auf die uns Slavokeltogermanen angeborenen religiösen Instinkte; hier habe ich nicht bloss in   e i n   Wespennest, sondern in viele hineingegriffen; denn meine Ausführungen mussten bei katholischen, protestantischen, jüdischen und antireligiösen Vorurteilen gleichmässig Anstoss erregen, und um so schlimmer war es, wenn z. B. der Protestant zugleich ein Jude oder der Jude ein Religionsfeind war. Hier alle Missverständnisse in den an den Grundlagen geübten Kritiken aufklären zu wollen, wäre

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umsonst; zum grossen Teile heben sich die Vorwürfe gegenseitig auf. Auf die Sache selbst dagegen möchte ich gleich hier im Vorwort die Aufmerksamkeit des Lesers in eindringlichster Weise richten; denn hier halten wir den Kern der so oft genannten und so selten verstandenen »Judenfrage« (vgl. S. 935 Anm.). Das Folgende ist also als Ergänzung zu den in diesem Buche an vielen Orten zerstreuten Bemerkungen über das Verhältnis — und den Widerstreit — zwischen indogermanischer und semitischer Religionsauffassung zu betrachten.
    Im Jahre 1847 verlangte Fürst Bismarck im preussischen Landtage »die Emanzipierung der Christen von den Juden«; einzig die religiöse Emanzipierung wäre die endgültige. Mag der Jude nur auf allen Gebieten mit uns wetteifern; wer will, wer kann es ihm wehren? In uns selber muss die Umkehr stattfinden. Dort ist es, in der innersten Seele, wo wir das Joch tragen, und es lastet auf unserem ganzen Leben, weil es ein Fremdes ist, etwas, was wir uns nie wirklich aneignen können, mögen wir auch noch so inbrünstig das Haupt davor zur Erde beugen und den Leib kasteien und das Herz quälen, denn es widerspricht dem »Genie« aller Völker aus der indogermanischen Gemeinschaft und bringt fortwährend unsere Religion mit unserer Weltanschauung in unlösbare Konflikte. Gelänge es, aus unserem religiösen Leben den semitischen Einschlag zu entfernen, wir wären Neugeborene, und im selben Augenblick würde der Jude für unser Auge in die richtige perspektivische Entfernung wegrücken, wo es uns leicht werden würde, ihn zugleich gerecht und mild zu beurteilen. Das ist die These, die ich in diesem Buche verfechte. ¹)
    Während wir Germanen nun — wie gewöhnlich — den Wert neuer Erkenntnisse nur langsam fassen, haben bereits etliche unter unseren Gegnern recht gut begriffen, welche gewaltige Wirkung mit der Zeit davon ausgehen könnte, wenn an Stelle einer öden Judenhetze dieser rein innerliche Vorgang einer Ausscheidung alles Semitischen aus unserer eigenen Seele stattfände; ihre Gegenminen legen sie schon an. Es sind bei Leibe nicht bloss Juden, die diesen Feldzug führen — wenngleich unter unseren protestantischen und katholischen Theologen und Orientalisten weit mehr Juden und Judenstämmlinge
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    ¹) Ich bin inzwischen auf einen unerwarteten Bundesgenossen gestossen; denn Moses Mendelssohn (wenn ihn Kant richtig auslegt) hat gelehrt: »Christen, schafft ihr erst das Judentum aus   e u r e m   eigenen Glauben weg, so werden wir auch das unsrige verlassen« (Streit der Fakultäten, allgemeine Anmerkung »Von Religionssekten«; ed. Hartenstein 1868, VII, 370).

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sich befinden, als ein naives Publikum sich vorstellt, wodurch freilich der Gründlichkeit und Redlichkeit der Arbeit nicht der geringste Abbruch geschieht, wohl aber ihrer Freiheit und ihrer Bedeutung für indogermanisches Seelenleben — sondern die besten Bundesgenossen findet die semitische Geistesrichtung an manchen echt germanischen Orthodoxen, die Gott nie gefälliger zu sein glauben, als wenn sie in die semitische Posaune stossen, — ein Wahngedanke, der aus anerzogenen Vorurteilen hervorgeht und manchmal auch durch kirchliche Rücksichten genährt wird. Der neueste Schachzug ist nun dieser: die Fortschrittlicheren und Scharfsinnigeren wissen, dass das jüdische religiöse Ansehen nicht ungeschmälert weiter bestehen kann; es ist unmöglich; wir wissen jetzt zu viel über die Geschichte der Entstehung des Judentums und der alttestamentlichen Bücher; und so sorgen sie schon im voraus dafür, dass der Glorienschein religiöser Pfadfinder und Gesetzgeber für die ganze Menschheit, wenn er dem kleinen syro-semitischen Volk der Juden verloren geht, dann den Semiten im umfassenderen Rassensinne dieses Wortes bewahrt bleibe. Hierzu wird Geschichte gewaltsam gemodelt; ja, den Juden wird sogar das genommen, was ihrs ist und ihre Eigenartigkeit und ihren Ruhm ausmacht. Umsomehr sind wir berechtigt, bei Zeiten und energisch Einspruch zu erheben. Des Judenhasses, der mir von Manchem angedichtet wird, bedarf es nicht; die berechtigte Liebe zur Eigenart genügt; diese macht auch gegen andere »Arten« gerecht. Darum ist es nötig, den indogermanischen Standpunkt stark und — wo es sein muss — rücksichtslos zu betonen; sähe es klarer in unseren eigenen Köpfen aus, die verwickelte und bedrohliche »Judenfrage« wäre eo ipso gelöst; so aber gleicht unsere Seele einem Schiff ohne Kompass; unser Judenschutz und unsere Judenabwehr, beide sind halbe Massregeln, undeutlich gedacht, unfrei durchgeführt. Unter solchen Bedingungen   m u s s   die semitische Geistesrichtung Sieger bleiben, es ist nicht anders möglich; nicht der Jude wird assimiliert, sondern wir werden endgültig semitisiert. »O du armer Christe, wie schlimm wird dir es ergehen, wenn er (der Jude) deine schnurrenden Flüglein nach und nach umsponnen haben wird!« — so schreibt Goethe an Jacobi und warnt ihn vor den »jüdischen Pfiffen« Moses Mendelssohn's. ¹) Und doch war Mendelssohn ein Mann ohne Falsch und Arg. Hier liegt nicht Betrug vor, sondern notwendige Wirkung von Rasse auf Rasse. Wir Alle sind
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    ¹) Goethe's Briefe, Weimarer Ausgabe, VII, 131.

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»arme Christen«, und haben wir das uns verstrickende Netz an einer Stelle durchrissen, gleich wird es neu gesponnen.
    Ein einziges Beispiel aus allerletzter Zeit soll uns veranschaulichen, wie dieses »Umspinnen der Flüglein« noch unter uns vorgeht, wie jede Sophistik und jede Gewaltsamkeit von den achtbarsten Männern für erlaubt erachtet wird, sobald sie der Zwingherrschaft semitischer Ideale unter uns dienen. Nach verschiedenen Richtungen hin wird für die Leser meines Buches viel aus diesem Beispiel zu lernen sein; selbst vor einiger Ausführlichkeit dürfen wir darum nicht zurückschrecken.
    Die Rede, die Friedrich Delitzsch am 13. Januar 1902 in Berlin hielt und später, unter dem Titel Babel und Bibel, vortrefflich illustriert, als Flugschrift herausgab, hat sowohl durch das Fesselnde des Gegenstandes, wie auch durch die wirklich glänzende Darstellung in allen gebildeten Kreisen Aufsehen erregt. Zwar wurden die deutschen Ausgrabungen in Babylon nur wenig berührt, was Manchem unter uns leid gethan hat, doch war die Zusammenfassung der Hauptergebnisse einer halbhundertjährigen Forschungsarbeit verschiedener Nationen noch eher geeignet, Eindruck zu machen und durch die Gewinnung neuer Mitglieder die junge deutsche Orient-Gesellschaft zu stärken. Inhalt und Zweck der Rede sind hierdurch gekennzeichnet; alles so unverfänglich, wie nur denkbar. Und wurde auch ein bischen »ketzerisch« mit der Bibel verfahren, das konnte den Reiz nur erhöhen, namentlich da das am Schlusse hinausgeschmetterte Wort Goethe's: »auch wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt«, den Irrglauben wettmachte durch echteste germanische Zuversichtlichkeit. Nichtsdestoweniger wird in dieser Rede von einem Ende zum anderen fleissig »gesponnen«; der wahre, höhere — wenn auch dem Verfasser selbst gewiss unbewusste, blind und unweigerlich ihm aufgedrungene — Zweck der Rede ist die Lahmlegung der sich zu rühren beginnenden »Flüglein«; und zwar wird — damit das Netz, das uns über den Kopf geworfen werden soll, recht dicht und undurchdringlich sei — zu solchen bedenklichen Mitteln gegriffen, dass Goethe, der bei dem redlichen Mendelssohn von »Pfiffen« sprach, hier einen stärkeren Ausdruck hätte wählen müssen. Gerade aber die Thatsache, dass bei Delitzsch jede antiliberale Absicht völlig ausgeschlossen ist, im Bunde mit der zweiten Thatsache, dass hier ein Fachgelehrter ersten Ranges spricht, so dass Unwissenheit keine Schuld an der Sache hat, macht den Fall um so

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interessanter, denn wir sehen, dass das Urteil eines Gelehrten von dem mirage sémitique geradeso genasführt werden kann, wie das Auge in den Wüsten Arabiens von der fata morgana, so dass es Dinge erblickt, die doch weiter nichts als luftige Phantome sind. Über den wissenschaftlichen Wert des Vortrags ist unter den Fachmännern aller Richtungen nur eine Stimme gewesen; mehrere vortreffliche Gelehrte haben denn auch die öffentliche Zurückweisung der kühnsten Behauptungen des Assyriologen unternommen; leider verfügte keiner von ihnen über eine so gefällige Darstellungsgabe wie Delitzsch, und
keiner hat das ins Auge gefasst, was uns hier besonders interessieren muss, vielmehr beschränkten sich diese Kritiker auf technische Fragen; darum unternehme ich es, in aller Kürze das Nötige zur weiteren Aufklärung beizutragen, indem ich für manches Technische auf jene Schriften verweise. ¹) Zum Glück haben mir meine Grundlagen nebst einzelnen erbitterten Feindschaften viele warme Freundschaftsverhältnisse gerade unter den Fachgelehrten aller Fakultäten erworben, und ich war in der Lage, mich von hervorragenden Semitisten und Assyriologen eingehend über jene Specialfragen belehren zu lassen, die ausserhalb meiner Kompetenzsphäre liegen; auch andere Philologen und Historiker — deren Ansicht als die völlig Unbeteiligter grossen Wert hat — konnte ich befragen. In den folgenden Ausführungen muss natürlich manche gelehrte Frage berührt werden, doch redet hier ein Laie für Laien, und das Ziel der Ausführungen ist nicht die Entscheidung über gelehrte Detailfragen, noch weniger die Vertretung von Ansichten, die nur aus zweiter Hand fliessen; vielmehr liegt der wahre Zweck weit darüber hinaus, dort nämlich, wo für uns Alle — als Menschen kurzweg — die Interessen gemeinsam werden und der Unterschied zwischen »Gelehrtem« und »Laien« seine Bedeutung verliert.
    Wer die ersten Seiten von Babel und Bibel nicht überschlägt, muss gleich bemerken, was für ein Geist hier Geschichte zu gestalten unternimmt. Denn die allererste Behauptung des Verfassers lautet, alle Ausgrabungen in dem Euphratgebiet geschähen fast lediglich der Bibel wegen; eine Behauptung, die irreführen muss, da es der erste Grundsatz aller echten Forschung ist, dass Wissenschaft um ihrer selbst
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    ¹) Zu empfehlen ist für eine allgemeine Beurteilung namentlich Professor Eduard König's Bibel und Babel (Berlin, bei Warneck), für die speziell assyriologischen Fragen der Aufsatz von Professor Jensen in der Christlichen Welt, 1902, Nr. 21, in welchem einer der kompetentesten lebenden Fachmänner die »schlecht begründeten und unmöglichen Hypothesen« Delitzsch's gehörig, wenn auch leider gar zu kurz beleuchtet.

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willen und nur um ihrer selbst willen getrieben werden muss — sonst ist sie von vornherein gefälscht. Wohl mag das Interesse für die Aufklärung blosser biblischer Einzelheiten bei einem bigotten Teil des englischen und amerikanischen geldspendenden Publikums vorwiegen — erst kürzlich sah ich den Brief eines bedeutendsten englischen Arabisten, der sich bitter über des Vorwalten spezifisch jüdischer und spezifisch protestantisch-biblischer Interessen bei manchen dieser Unternehmungen beklagt, wodurch der echten Wissenschaft nur Abbruch geschähe — doch bei den deutschen und französischen Forschungen ist sicherlich das rein wissenschaftliche Interesse vorwaltend. Neun Zehntel der Mitglieder der deutschen Orientgesellschaft sind gewiss gebildet und freisinnig genug, um die Aufdeckung der Geschichte und Civilisation dieser gewaltigen Reiche für wichtiger zu erachten als die Kommentare, die daraus für obskure Thorastellen abfallen. Gar Manchem wird schon als Ziel und Hoffnung vorschweben, dass wir einmal bis auf den Grund kommen, das heisst eine genauere Kenntnis jener Menschenrasse gewinnen, welche die ganze sogenannte »babylonisch-assyrische« Kultur geschaffen hat. Denn dass diese bis vor wenigen Jahren, ja heute noch meistens   s e m i t i s c h   genannte Kultur keine semitische, sondern im Gegenteil eine Beute der Semiten war, ist heute mit absoluter Sicherheit festgestellt und wird von Delitzsch selber auf S. 22 seiner Schrift ausdrücklich zugegeben. ¹) Jene grossen grundlegenden Leistungen in der mythischen Deutung der Natur, in der Astronomie, der Zahlenlehre, den Einteilungen des Jahres, der Monde, der Tage, der Stunden, in der Aufstellung rechtlicher Grundbegriffe u. s. w. — Leistungen, die noch heute einen Bestandteil unseres täglichen Lebens bilden — sind das Werk eines Volkes, welches von den aus Arabien ununterbrochen hinaufströmenden semitischen Wellen, später aber ausserdem von Westen her, von jenem wiederum ganz anderen Menschenstamm der Syrier (vergl. Grundlagen S. 297 ff., S. 357 ff und
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    ¹) Für Näheres vergl. namentlich Hommel: Geschichte Babyloniens und Assyriens, 1885, und als neueste Zusammenfassung über diese »Schöpfer der babylonischen Kultur« die ungemein präcise Auseinandersetzung auf den S. 6—8 von Hugo Winckler's meisterhafter Skizze Die Völker Vorderasiens, 1899. Einen verzweifelten Versuch, die Theorie Halévy's von dem rein semitischen Ursprung der babylonischen Kultur als möglich erscheinen zu lassen, findet man in des Amerikaners Morris Jastrow's Die Religion Babyloniens und Assyriens, 1902, S. 18 ff. u. 29 ff.; doch wird eine derartige Kasuistik, die sämtliche Thatsachen der Philologie und Geschichte auf den Kopf stellt, schwerlich von deutschen Gelehrten ernst genommen werden. Ich erwähne sie nur, damit der Leser im Stande sei, sein eigenes Urteil aus den Quellen zu schöpfen.

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Winckler a. a. O., S. 18 ff.) überschwemmt wurde, so dass es völlig verschwand, lautlos, ausgelöscht, ausgewischt, als wäre es nie gewesen. Von einem Kampfe erfährt man — wenigstens bisher — nichts; sondern diese Sumerer scheinen aus der Weltgeschichte in ähnlicher Weise entschwunden zu sein, wie das Volk der Römer spurlos verschwand, als es seine Thore den selben oder ähnlichen syrosemitischen Elementen geöffnet hatte, und wie wir Germanen schon halb verschwunden sind und morgen ganz verschwinden werden, wenn wir nicht endlich die Bedeutung der Rasse für unsere Kultur erkennen. Bei allem also, was wir durch die bisherigen Ausgrabungen über diese sogenannte »babylonisch-assyrische« oder »semitische« Kultur erfahren, namentlich auch über ihre Kunst, ihre Mythen, ihre religiösen Anschauungen, dürfen wir nie einen Augenblick vergessen, dass das nur die Widerspiegelung einer inzwischen untergegangenen Welt ist, wie sie semitische und syrische Hirne aufzufassen fähig waren. Wer das fünfte Kapitel meiner Grundlagen liest und die übereinstimmenden Aussprüche unserer bedeutendsten Forscher und Reisenden — von Renan und Burckhardt bis Wellhausen und Burton — kennt, wird
nicht zweifeln, dass hierbei eine starke Verzerrung aller metaphysischen und idealen Elemente stattgefunden haben muss. »Die grauenhafte Einförmigkeit des semitischen Geistes schnürt das menschliche Gehirn zusammen, verschliesst es vor jeder zarteren Gedankenfassung, vor jeder feineren Empfindung, vor jeder rationellen Fragestellung«, schreibt Renan; und an anderer Stelle sagt er: »die religiösen Bedürfnisse der Semiten sind sehr gering.« ¹) Die hochinteressanten Dinge, die uns Prof. Delitzsch über babylonische Mythen, Götterglauben u. s. w. zu erzählen weiss, müssen also immer mit diesem
Vorbehalt aufgenommen werden: dass wir über die Beschaffenheit der zu Grunde liegenden Vorstellungen keine auch nur annähernd genaue Kenntnis besitzen, und aus allen sicheren historischen Erfahrungen schliessen müssen, dass sie jedenfalls ungleich edler und tiefer geartet waren, als was uns hier übermacht wird. Man übersehe nicht, dass die ältesten Funde, die auf circa 4500 Jahre vor Christo zurückdeuten, schon für jene älteste Zeit eine hohe Kultur annehmen lassen, und zwar eine bereits dem semitischen Einfluss verfallene. Ganze zweitausend Jahre später (also weiter als die Spanne, die uns
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    ¹) Für die Quellenangaben vergl. Grundlagen S. 325 und 393. Ich führe Renan an, weil ein jeder ihn kennt und weiss, dass nicht der Schatten einer Voreingenommenheit gegen die Juden sein Urteil über semitische Fragen trüben kann.

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Heutige von der Geburt Christi trennt!) kam die Überflutung der Euphratländer durch die sogenannte »kanaanäische Einwanderung«, d. h. durch eine vorwiegend syrische, doch bereits ihrerseits stark semitisierte Bevölkerung, die ihre eigenen Götter und Religionssitten mitbrachte. ¹) Ihr gehörte möglicherweise (?) jener Hammurabi an, dem in Delitzsch's Schrift eine so zweideutige Rolle zufällt, der Begründer des babylonischen Grosstaates, ein Mann, der (siehe die Abbildung bei Delitzsch S. 9) weder syrisch noch semitisch aussieht. Und erst wiederum volle zwei Tausend Jahre später als Hammurabi — also nach der doppelten Zeit, die uns heute von Christi Geburt trennt! — überfluteten das ganze Land von Süden her jene wahrscheinlich rein semitischen Chaldäer, denen die Dynastie Nabopolassar und Nebukadnezar angehört und deren Denkmäler und schriftliche Zeugnisse jetzt von der deutschen Orientgesellschaft in aufopferungsvoller Arbeit an den Tag gefördert werden. Man begreift, wie schwer es unter diesen Bedingungen sein muss, bis auf den reinen Kern der grossen schöpferischen Civilisation und der Kultur zu gelangen, an denen und an deren Resten Semiten und Syrier während vier Jahrtausende und mehr sich geweidet hatten. Diese ganze äusserliche Pracht und Massenhaftigkeit und Ungeheuerlichkeit kann nicht der Charakter des streng und genau die Natur beobachtenden Volkes gewesen sein, das ordnend und gestaltend die Spur seines namenlosen Daseins allen künftigen Zeiten aufprägte. Und da es eine erwiesene Thatsache ist, dass weder Semiten noch Syrier jene Geistesanlage besitzen, aus der Metaphysik und Mythologie und Wissenschaft entstehen, so können wir ganz sicher sein, dass alles, was man uns heute als »babylonische Religion« vorsetzt, nur etwas völlig Entartetes, Missverstandenes ist, grosse, heilige Gedanken im Fiebertraum eines durchaus minderwertigen Intellekts erblickt, oder, wie Renan sagt: »ausgewässert
während Jahrhunderte in Gedächtnissen, die nichts genau widerzugeben verstanden, und eingeschnürt in alles zerquetschende Hirne.« Durch dieses Dickicht nun hindurchzudringen, jenen fernen Wohlthätern die Hand zu reichen, — dies in erster Reihe; sodann aber die endgültige Klarlegung der geschichtlichen Vorgänge, der Rassenmischungen u. s. w.: dahin zu gelangen, ist des Schweisses unserer tüchtigsten Gelehrten wert und bildet das vornehmste Interesse
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    ¹) Vergl. Hugo Winckler: Die Völker Vorderasiens, 1899, S. 12. Dass schon diese alte Zeit eine des kulturellen Verfalles war und die Blüte weit zurück zu suchen ist, führt Winckler aus in den Preussischen Jahrbüchern, 1901, CIV, 228.

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aller dieser Forschungen im Euphratthale; der Zweck ist ein rein wissenschaftlicher und ein rein kultureller; und je weniger fromme Voreingenommenheit dreinzureden hat, desto besser.
    Dass nun die assyrisch-babylonischen Forschungen dazu berufen sind, eine Umwälzung unserer Auffassung des Alten Testaments zu bewirken und insofern auch eine grosse und befreiende Kulturthat vorzubereiten, das ist eine ganz andere Sache; ich komme bald darauf zurück; davon träumen gerade diejenigen nicht, deren Horizont durch rechtgläubige Bibelinteressen umzirkt ist, und Professor Delitzsch verrät in seinem ganzen Vortrag durch kein einziges Wort, dass er es selber ahne. Was aber die Bedeutung des Alten Testaments für das orthodoxe Judentum und Christentum anbetrifft, so ist zu bemerken, dass alles Mythische hier nur historisch und ethisch aufgefasst wird; bezüglich der Historie und Ethik dieser Schriftensammlung wissen wir jedoch alle schon längst mit Immanuel Kant, dass ihr Wert nicht in dem besteht, »was man durch philologische Kenntnisse, die oft nur verunglückte Konjekturen sind, aus ihr herauszieht, sondern (aus dem) was man mit moralischer Denkungsart, also nach dem Geiste Gottes in sie hineinträgt.« ¹)
    Soviel über Delitzsch's erste Bemerkung. Die Ausführlichkeit unseres Randkommentars wird in der Folge uns nützlich sein. Vorher erfordern aber die zwei weiteren einleitenden Gedanken eine kurze Erwähnung.
    Gleich oben auf der zweiten Seite bemerken wir wieder eine so unglaubliche Behauptung, dass ich sie zwanzigmal hintereinander las, in der Meinung, es müsse hier ein Druckfehler oder eine falsche Interpunktion vorliegen; aber nein, so steht es wirklich zu lesen. Delitzsch behauptet, dass »gerade in unserer Zeit« jedem Denkenden »das Ringen nach einer Vernunft wie Herz befriedigenden Weltanschauung sich aufdränge«. Dass ein »Ringen« sich »aufdrängt«, ist ein eigentümliches Bild, doch wenn schon, dann meine ich, drängt es sich dem Menschen zu allen Zeiten auf; doch gleichviel. Dieses unser Ringen nach einer Weltanschauung »führt« nun, behauptet Delitzsch, »immer wieder hin zu der Bibel, in erster Linie zum Alten Testament«. Das ist ein starkes Stück, fürwahr! Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals einen Menschen getroffen, der in dem Ringen nach einer Weltanschauung zum Alten Testament hingeführt
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    ¹) Streit der Fakultäten, I, Anhang biblisch-historischer Fragen.

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worden wäre. Selbst der Jude, sobald er die Sehnsucht nach Weltanschauung verspürt, wendet sich mit Spinoza und Mendelssohn vom Alten Testament hinweg. Vielleicht kommt ein Tag, wo wir in der Lage sein werden, zwischen germanischer Weltanschauung und Altem Testament eine gewisse Harmonie herzustellen; bisher gelang es nie. Wir dürfen die Gedanken unserer führenden Geister als die vergrösserten Bilder dessen betrachten, was im Volke nach Ausdruck sucht; und da frage ich, wo in aller Welt sieht man einen einzigen unserer nach Weltanschauung ringenden grossen germanischen Denker nach dem Alten Testament greifen? Gleich, als unser Denken erwacht, in den Anfängen des 12. Jahrhunderts, höre ich Abälard behaupten, der Timäos des Plato stehe höher als die Genesis des Moses und man werde eher durch Leitung der Hellenen als der Israeliten dem ewigen Leben zugeführt werden; und das spricht ein Priester! ¹) Und von Abälard an, wo finden wir in unserer ganzen Geschichte einen Denker, der für seine Weltanschauung zum Alten Testament seine Zuflucht nimmt? Man nenne mir einen einzigen. Und als der grösste aller unserer Denker kam, deckte er schonungslos den unausgleichbaren Widerstreit der Anschauungen auf und sagte: ihr müsst zwischen Jahve und Natur wählen, für beide nebeneinander ist nicht Platz (vergl. S. 924). Und von Kant an bis zum heutigen Tage, wo ist ein einziger Denker — möge er welcher Richtung er wolle, angehören —, der die Behauptung Delitzsch's bestätigte? Selbst der gläubige Schleiermacher lehrt ausdrücklich: »die neutestamentischen Schriften sind als Norm für die christliche Lehre zureichend« und
bestreitet die göttliche Eingebung der »alttestamentischen«. ²) Mit der Erscheinung Jesu Christi, ja! mit ihr haben sich zwar lange nicht alle Denker, doch viele auseinandersetzen müssen; Christus aber steht so ausserhalb aller Geschichte, wie dies nur menschenmöglich ist, so dass selbst diejenigen Philosophen, die ihn, wie Hartmann, als eine rein historische Notwendigkeit betrachten, ihn doch nicht aus der unmittelbaren Umgebung oder gar aus dem Alten Testament erklären.
    Diese Behauptung ist einfach eine der monströsesten Eingebungen der Semitomanie; die je erlebt wurden. Doch es kommt noch besser.
    Auf der selben zweiten Seite, nachdem wir belehrt worden sind,
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    ¹) Adolf Hausrath: Peter Abälard, 1893, S. 52.
    ²) Der christliche Glaube, § 131 u. 132.


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dass alle Menschen, die nach einer Weltanschauung ringen, zum Alten Testament greifen, ist von der »kaum übersehbaren Zahl christlicher Gelehrter« die Rede, die beschäftigt sind, dieses Alte Testament »nach allen Richtungen hin zu durchforschen«. Diesen Forschungen, sagt Delitzsch, schenkt die Welt vorderhand wenig Beachtung; doch kommt erst der Tag, wo »die Summe der gewonnenen neuen Erkenntnisse in das Leben hinaustritt«, dann wird — aber ich bitte jetzt so aufmerksam zuzuhören, als ob die Posaunen von Jericho, aus ihrem Grabe hervorgeholt, das Hosianna bliesen — dann wird   »d a s   L e b e n   d e r   M e n s c h e n   u n d   V ö l k e r   t i e f e r   e r r e g t   u n d   b e d e u t s a m e r e n   F o r t s c h r i t t e n   z u g e f ü h r t   w e r d e n,   a l s   d u r c h   a l l e   m o d e r n e n   E n t d e c k u n g e n   d e r   N a t u r w i s s e n s c h a f t e n   z u s a m m e n«.   Und Delitzsch bekräftigt das Gesagte durch die Versicherung: »so viel steht fest«; es scheint also, dass ein anderes Mal noch mehr nachkommen soll. Ich glaube, wenn das nicht ein ordentlicher Universitätsprofessor gesprochen hätte, der Mann wäre sofort in ärztliche Behandlung genommen worden, so über alle erlaubten, ja denkbaren Maasse ungeheuerlich ist die Behauptung. Man schaue sich doch im Geiste um; man überlege sich, wie das ganze Gerüst unseres Lebens und Wissens, alles, heisst das, was Civilisation genannt werden kann, aus Errungenschaften der Naturwissenschaften der letzten vier Jahrhunderte herausgewachsen ist: die Möglichkeit, unseren Planeten zu erforschen, zu besiedeln und gleichsam zu einer Einheit zu gestalten, der Blick in das früher nie geahnte Reich des Organischen, in die Fülle der Umgebung, die wir Blinde nicht sahen, in die Welt des Unendlichkleinen, keinem Auge Erreichbaren, die Hervorholung der längst hingeschwundenen Geschlechter aus den Eingeweiden der Erde, so dass Vergangenheit und Gegenwart zusammenfliessen, die allmähliche Aufdeckung des Strukturplanes alles Lebenden und Unbelebten, die Kenntnis des Kosmos und der Nachweis seiner materiellen Gleichartigkeit, die Astronomie, von Kopernikus bis Kirchhoff, die Physik, von Galilei bis Heinrich Hertz, die Chemie, von Boyle bis van't Hoff, die Medizin, von Paracelsus bis Lister und Pasteur ..... und nun, ausser der reinen Wissenschaft die angewandte: die raumüberwindende Elektricität, durch die unsere Sinne gleichsam Fühler ausstrecken um die ganze Erde herum (bald vielleicht, da der Äther den Raum erfüllt, bis an die Gestirne), der Dampf, der das Leben der Gesellschaft völlig umgewandelt hat und der an fast allem, was uns umgiebt, als Arbeitskraft beteiligt ist, die Druckpressen, deren ganzer Betrieb aus den

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Erfolgen der Chemie, der Physik und der Mechanik ihre Möglichkeit schöpft, die Chirurgie, mit ihren auf Anatomie, Chemie, Physik beruhenden Wunderleistungen, die Medizin mit ihrer Hygienik des täglichen Lebens, ihrer aus mikroskopischer Botanik und Zoologie und aus physiologischen Studien hergeleiteten Serumtherapie, ....... doch ich müsste zwanzig Seiten füllen. Man überlege sich aber auch, welchen unermesslichen Einfluss diese Entdeckungen und diese durch sie bewirkte völlige Umgestaltung unseres Lebens auf unsere Kultur ausgeübt hat: auf die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, auf Gesetzgebung und geschichtliche Auffassung, auf die Möglichkeit wissenschaftlicher (auch philologischer und archäologischer) Erforschung der Vergangenheit unseres Geschlechtes, auf Denken, Trachten und Dasein eines jeden Tages unseres Lebens, vom Aufstehen bis zum Niederlegen, vor allem endlich auf die Grundlagen und Grundzüge jeder Weltanschauung, denn — mögen die Kirchen sich noch so anstrengen, die Wahrheit zu unterdrücken — Thatsache ist, dass unsere ganze germanische Philosophie auf naturwissenschaftlicher Grundlage steht und dass der völlig neuen Auffassung des Kosmos nur eine völlig neue Weltanschauung und mit ihr zugleich eine völlig neue Gestaltung der Religion gerecht werden   k a n n.¹)  Und nun kommt ein fleissiger Theolog und Assyriolog und versichert uns mit grösster Seelenruhe: das alles — diese unsere spezifisch germanische Leistung, die naturwissenschaftliche, diejenige, die unsere Civilisation und Kultur von allen anderen gleichzeitigen und von allen früheren ganz und gar und auf immer unterscheidet — das alles sei gleich nichts zu achten! »Alle modernen Entdeckungen der Naturwissenschaften zusammen« — ich bitte gut zu lesen,   » a l l e   z u s a m m e n « — hätten für den Fortschritt der Menschheit nicht so viel zu bedeuten, wie die Arbeiten einiger Dutzend bebrillter Bibelexegeten und Assyriologen, die jahraus jahrein im Staube der Bibliotheken die Weisheit von Männern aus fernen Jahrtausenden studieren, von Männern, die Vieles nicht wussten und nicht wissen konnten, was heute jeder zehnjährige Bauernbub weiss — z. B. dass die Erde um die Sonne kreist —, von Männern, die in
krassem Aberglauben, innerhalb eines räumlich und zeitlich eng beschränkten Horizontes, Welterklärungen aufstellten, die heute im besten Falle nur noch historisches Interesse besitzen können! Die Leistungen der Naturwissenschaften würden »das Leben der Völker
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    ¹) Vergl. Grundlagen, Kap. 9.

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weniger tief erregen«, als die Theorien, die diese hochwürdigen Theologen und Orientalisten über den »Jahvisten« und den »Jehovisten« und den »Elohisten« und den »Priesterkodex« und den »letzten Redaktor« des Alten Testamentes aufstellen, beziehungsweise den anderen Tag niederreissen! Und durch die Naturwissenschaften — alle zusammen — werde weniger der Weg zu »neuen Erkenntnissen« gebahnt, als durch die Entzifferung elender Ziegelscherben, auf denen hochmutstolle semitische Monarchen vor etlichen Jahrtausenden Lügen einbrennen liessen zur Verherrlichung ihrer vorgeblichen Thaten und Siege! Ja, wahrlich, wir Germanen haben auf Prof. Paul Haupt's Regenbogenbibel und auf das Bildnis des alten Hammurabi und auf Sardanapal's Sintfluterzählung gewartet, um »bedeutsameren Fortschritten zugeführt zu werden«!
    Wüsste man nicht, dass unsere Naturforscher etwas Besseres zu thun haben, man würde sich wundern, dass sie auf eine so ungeheuerliche Geringschätzung nichts erwidern. Doch sie haben Recht: lächeln und weiterarbeiten war das Gescheiteste, was sie thun konnten. Wir aber hier durften über die einleitenden Behauptungen Delitzsch's nicht so leicht hinweggehen, weil uns daran liegen musste, ehe wir das gelehrte und für den Laien dornige Specialgebiet betreten, uns eine Meinung über die allgemeine Urteilsfähigkeit dieses Gelehrten zu bilden. Hierzu haben sie uns gute Dienste geleistet, und wir vermuten schon, dass er jener Erkrankung nicht entgangen ist, die Kant uns als die grösste Gefahr des Gelehrten erkennen lehrte. Das ist für die Beurteilung von Delitzsch's Behauptung eines ursprünglichen semitischen Monotheismus — zu der wir jetzt kommen — von grossem Wert; wir wissen, was wir zu erwarten haben.
    Doch dieser Zweck würde auch mich nicht zu so grosser Ausführlichkeit verleitet haben, wenn nicht aus diesem einen Beispiel der verheerende Einfluss, den die Verquickung unserer Religion mit jüdischer Geschichte und semitischen Wahngedanken auch auf weite Kreise — eigentlich auf uns Alle — ausübt, so besonders deutlich zu ersehen wäre. Hiervon   m ü s s e n   wir emanzipiert werden, und wenn Delitzsch's Unbesonnenheit dieser wirklichen Aufklärung und Befreiung auch nur ein wenig Vorschub leistet, soll sie uns willkommen gewesen sein. Hierüber später mehr; jetzt wollen wir bei Babel und Bibel bleiben.
    Nach den knappen, doch, wie man gesehen hat, inhaltreichen zwei einleitenden Seiten beginnt Delitzsch seinen Bericht über die

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Ausgrabungen. Manche Bemerkungen scheinen, nach dem Urteil der Fachmänner, nicht ganz einwandfrei zu sein, und es kann namentlich nicht gebilligt werden, wenn Hypothesen, und zwar zum Teil recht windige Hypothesen — Dinge, über die die gelehrteste Forschung noch keine sichere Kunde besitzt — einfach als sicher ermittelte Thatsachen eingeführt werden; ¹) es ist das nicht klug, dem Ungelehrten gegenüber auch nicht ganz billig. Wir Ungelehrte sind doch nicht Kinder, die man mit Märchen unterhält; vielmehr fordern wir vom Fachmann die unbedingteste Genauigkeit und Zuverlässigkeit, auch auf Kosten der Gefälligkeit, wenn es nicht anders geht. Dennoch muss ich hier Delitzsch gegen mehrere Kritiken in Schutz nehmen; allzu pedantisch darf man nicht sein; man bedenke, bei welcher Gelegenheit die Rede gehalten wurde; im Interesse der Ausgrabungen war es durchaus geboten, dass sie Eindruck mache; bei nebensächlichen Dingen steckt bisweilen ein ganz klein wenig Wahrheit in der Maxime: der Zweck heiligt die Mittel.
    Leider hat Professor Delitzsch diese Maxime nicht bloss dort, wo sie statthaft sein kann, sondern weit darüber hinaus angewandt. Denn nun kommen wir zur Hauptsache, zum inneren Zweck und Ziel des ganzen Vortrags, nämlich zu der Behauptung, die Semiten seien von jeher Monotheisten gewesen, und zu dem versuchten — oder vielmehr nicht versuchten, sondern ex cathedra als apodiktisch hingestellten — Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung.
    Die These Delitzsch's (vergl. Babel und Bibel, S. 45 fg.) lässt sich in zwei Sätze gliedern; der erste enthält ein allgemeines, umfassendes wissenschaftliches Theorem, der zweite will durch ein dokumentarisch belegtes Beispiel die Richtigkeit der These in concreto historisch beweisen. Zwar kommt noch etliches Beiwerk dazu, auf das wir nicht verfehlen wollen, später zurückzukommen, doch zunächst wollen wir bei der mittleren Hauptthese bleiben. Das Theorem lautet: alle Semiten sind von Hause aus Monotheisten; denn das Wort, welches bei ihnen allen Gott bezeichnet, lässt unmittelbar auf den Glauben
an einen einzigen, zweitlosen Gott schliessen. Das Beispiel lautet: es kann aus keilschriftlichen Texten aus der Zeit Hammurabi's (also 2500 vor Christo) belegt werden, dass die Semiten, die damals von Westen her Babylonien überfluteten, in der That Monotheisten waren,
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    ¹) Vergl. hierüber namentlich Jensen a. a. O.

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und zwar dass ihr Gott Jahve hiess. So lauten die zwei Sätze der These, wenn man sie in strengster logischer Form vorträgt.
    Um Missdeutungen zu vermeiden, will ich gleich bemerken, dass Delitzsch selber das vorangeschickte Theorem zuerst nicht so umfassend formuliert; er sagt nicht »alle Semiten«, sondern spricht nur von den »semitischen Kanaanäerstämmen«; diese hätten sich das betreffende Wort »für Gott ausgeprägt«. Später aber spricht er ganz allgemein von einem »altsemitischen Wort«, und in der That, das betreffende Wort (in der einfachsten Wurzelform il, bei den Babyloniern ilu, bei den Hebräern el, bei den Arabern îl) findet sich in allen Zweigen des semitischen Sprachstammes und bedeutet überall »Gott«; es ist durchaus nicht von den Kanaanäern speziell »ausgeprägt worden«; diese Behauptung ist einfach nicht wahr und muss dem Gelehrten in der Hitze der Improvisation entschlüpft und bei der späteren Durchsicht zufällig unverbessert geblieben sein; folglich gilt das Argument, das Delitzsch an das Wort el = Gott anknüpft, entweder für alle Semiten oder für gar keine. Es ist ein ziemlich kleinliches Verfahren, uns zuerst nur von Kanaanäern zu sprechen, damit wir nicht erschrecken, um dann — nachdem wir ahnungslos dieses kleine falsum geschluckt haben — das dicke Ende des Keils nachzutreiben. Für das Theorem selbst aber bleibt es sich gleich, ob wenige Semiten oder alle das Wort benützten; für den Gegenbeweis auch.
    Jetzt wollen wir uns die beiden Sätze etwas näher ansehen: erst das Theorem, dann das Beispiel.
    Man wird bemerkt haben, dass das Theorem ein zweifaches Argument impliziert: zuerst ein philologisches, sodann ein philosophisches. Denn zuerst kommt es darauf an zu wissen: was bedeutete ursprünglich das semitische Wort für »Gott«; sodann muss philosophisch dargethan werden: aus dieser Bedeutung ergiebt sich mit logischer Notwendigkeit eine monotheistische Religion bei den Menschen, die Gott mit diesem Worte nannten. So verfährt denn auch Delitzsch und wir wollen ihm folgen.
    Das Wort heisst il oder ilu; das ist wenigstens die älteste Form, die natürlich in den verschiedenen Sprachzweigen verschiedene Umbildungen erlitt, und im Hebräischen el gesprochen wird. Dieses (wie schon hervorgehoben) allen semitischen Hauptsprachen gemeinsame Wort wird auch überall als eine Bezeichnung für den Begriff »Gottheit« gebraucht. Es entsteht die Frage: ist es möglich, hinter der allgemein üblichen Bedeutung »Gott« eine frühere Bedeutung oder

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eine etymologische Ableitung aus einem anderen Begriffskreis für dieses Wort zu finden? Delitzsch antwortet kurz und bündig: »jenes altsemitische Wort bedeutet   d a s   Z i e l «.   Keine Silbe mehr. Der Laie muss glauben, das sei eine sicher ausgemachte Thatsache, über die kein Zweifel herrsche. Wie muss er staunen, wenn er erfährt, diese Zurückführung von el auf die Bedeutung »Ziel« sei nur der Einfall eines zwar hervorragend begabten, doch anerkanntermassen sehr bizarren und leicht »verrannten« Philologen, und dieser vor bereits zweiundzwanzig Jahren zum erstenmal veröffentlichte Einfall habe bei den bedeutendsten Fachmännern sehr wenig Anklang gefunden und werde im Allgemeinen als unzulässig betrachtet; wogegen die wahrscheinliche Ableitung auf ein Wort mit der Bedeutung »der Starke«, »der Mächtige« führe! Und in welchem noch höheren Maasse muss er staunen, wenn er erfährt, dass Friedrich Delitzsch selber — eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der assyrischen Grammatik und Lexikologie — in seinem eigenen Assyrischen Wörterbuch (1896) von dieser angeblichen Bedeutung des Wortes el nichts weiss und jenen Einfall (der sechzehn Jahre vor dem Erscheinen des betreffenden Wörterbuchs veröffentlicht worden war) nicht einmal einer Erwähnung wert hält! Nur an jenem Abend des 13. Januar 1902, als es galt, die bedrohte religiöse Vorherrschaft des Semitentums zu retten, da hiess es plötzlich: »jenes Wort bedeutet Ziel.« ¹)
    Wir müssen aber noch einen Augenblick hierbei verweilen; denn es darf nicht der Schatten eines Zweifels oder einer möglichen Unklarheit bestehen bleiben.
    In seinem Vortrag sagte Delitzsch weiter nichts als »jenes Wort bedeutet das Ziel«; in der Broschüre steht aber S. 52 in kleinem Druck unter anderen Anmerkungen zu lesen: »Die Erklärung des Wortes El »Gott« als Ziel wurde zuerst von dem Göttinger Theologen und Orientalisten P. de Lagarde gegeben.« Das onus probandi, die Beweislast, wird also dem Lagarde aufgebürdet, und da Prof. König so freundlich war (a. a. O., S. 31), die Quelle anzugeben (was Delitzsch nicht thut), so kann sich Jeder — auch der Ungelehrte — leicht überzeugen, dass der vortreffliche, an Kombinationen — oft abenteuerlichster Art — unerschöpfliche Lagarde die sensationelle Anwendung
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    ¹) In seinem Wörterbuch giebt Delitzsch zu dem Wort ilu gar keine etymologische Erläuterung, von der richtigen Erkenntnis geleitet, die sich jetzt bei den bedeutenderen Fachmännern Bahn bricht, dass dieses Suchen nach Wurzeln und Urbedeutungen meistens eine zwecklose Spielerei sei mit ewig unbeweisbaren Annahmen.

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seines problematischen Einfalls sicher nicht gebilligt hätte. »Also nur eine Vermutung gebe ich«, sagt Lagarde, »freilich eine Vermutung, welche mich glaublich dünkt«; und so weit ist er davon entfernt, die übliche Ableitung aus einem anderen Stamme — der dann, wie gesagt, »der Starke«, »der Mächtige« als Urbedeutug des Wortes el erschliessen würde — für falsch zu halten, dass er nur sagt, es sei »nicht nötig«, sie anzunehmen. ¹) Man sieht, wie vorsichtig und zurückhaltend selbst dieser allzukühne Geist sich über die Deutung el gleich »Ziel« ausspricht. Für uns Laien ist es aber ausserdem von Wert, dass wir Lagarde als Menschen gut kennen und uns somit ein Urteil über ihn zutrauen dürfen. Denn für uns gehören seit lange seine Deutschen Schriften zu den teuersten Büchern und gilt namentlich seine unerschrockene Aufdeckung der Minderwertigkeit der semitischen religiösen Instinkte und ihrer schädlichen Wirkung auf die christliche Religion, als eine That, die Bewunderung und Dank verdient. Lagarde — den Delitzsch so unversehens in den Dienst der entgegengesetzten Sache presst — wollte das ganze Alte Testament aus der christlichen Religionslehre ausgeschieden wissen; denn, sagt er: »an dessen Einfluss ist das Evangelium, so weit dies möglich, zu Grunde gegangen.« ²) Das ist eine andere Melodie, als die, welche Delitzsch singt und nach welcher Jesus Christus nur als eine Fortsetzung der »gottbegnadeten« Sänger des Alten Testaments etwas zu bedeuten hat! Zugleich beweist es, welche Vergewaltigung eines grossen Toten hier vorgenommen wurde. Doch die Liebe für Lagarde macht uns nicht blind. Wenn ein etymologischer Einfall auf ihn sich stützt, müssen wir fragen, ob man ihm in derlei Dingen so unbedingt folgen darf. Wie oben gesagt, wir Laien unterscheiden heute zwischen Gelehrten und Gelehrten; wir können zwar über die fachmännischen Argumente kein sachkundiges Urteil fällen, wohl aber über den Mann, der die Argumente gebraucht. Und was für ein Mann ist Lagarde, wie wir ihn aus seinen politischen und religiösen Schriften kennen? Ein Mann von ganz aussergewöhnlicher Begabung, das ist sicher, und von seltener Intuitionskraft; eine der Zierden nicht nur des deutschen Gelehrtentums, sondern
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    ¹) Übersicht über die im Aramäischen, Arabischen und Hebräischen übliche Bildung der Nomina, in den Abhandlungen der königl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen, 1888, Bd. 35, S. 14 u. 164. In dieser Abhandlung verweist Lagarde auf Symmicta, 1880, II, 101—103; als auf die Stelle, wo er den betreffenden Einfall zuerst veröffentlicht habe.
    ²) Deutsche Schriften, 2. Aufl., S. 57.


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