Here under follows the transcription of the introduction of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.


Döbler pinx — Mezzotinto Bruckmann
I. Kant
Verlagsanstalt F. Bruckmann A.-G. München
1905


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Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768

IV


ALLE RECHTE VORBEHALTEN

VON DIESEM BUCHE WURDE EINE SONDERAUSGABE VON
240 EXEMPLAREN AUF STÄRKEREM PAPIER GEDRUCKT

GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG

V


 
HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN
IMMANUEL KANT
DIE PERSÖNLICHKEIT ALS
EINFÜHRUNG IN DAS WERK

 

DIE GRÖSSTE ANGELEGENHEIT
DES MENSCHEN IST ZU WISSEN,
WAS MAN SEIN MUSS, UM EIN
MENSCH ZU SEIN.

KANT

 
VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.-G.
MÜNCHEN 1905

 
VI

Published December 7. 1905, Privilege of copyright in the United
States reserved under the Act approved March 3. 1905 by

VERLAGSANSTALT F. BRUCKMANN A.G., MÜNCHEN


         
(Die Vereinigten Staaten von N.-Amerika machen den spärlichen, auf die Dauer eines Jahres bemessenen Schutz gegen Nachdruck, den sie gewähren, von dem wörtlichen Abdruck vorstehender Formel abhängig und zeigen damit, dass bei der gesetzgebenden Mehrheit der Bewohner ihres Landes die Begriffe vom geistigen Eigentum anderer Völker noch nicht so entwickelt sind, wie bei uns.
Die Verlagsanstalt.)

VII



HERMANN GRAF KEYSERLING

DEM FREUNDE

VIII

(Leere Seite)

IX


INHALTSÜBERSICHT

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Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE (Idee und Erfahrung). Mit einem Exkurs über die Metamorphosenlehre
    Die Persönlichkeit S. 11. — Die Methode des Vergleiches S. 13. — Plan, Ziel, Begrenzung S. 17.
    Goethe's Verhältnis zu Kant S. 20. — Goethe's Auge S. 23. — Kant's Auge S. 29. — Kritischer Vergleich S. 35.
    E x k u r s:   Erfahrung und Idee S. 38. — Die Metamorphose S. 41. — Die Pflanzenmetamorphose S. 48. — Goethe's Lehre S. 56.
    Die Ideen S. 60. — Das Anschauliche in Kant's Denken S. 67. — Idee und Vernunftbegriff S. 71. — Die Erfahrung S. 73. — Goethe und Kant S. 77. — Die Mathematik S. 80. — Denker und Anschauer S. 83. — Übergang S. 85.
9
Zweiter Vortrag. LEONARDO (Begriff und Anschauung). Mit einem Exkurs über physikalische Optik und Farbenlehre
    Wiederholung S. 89. — Genie und Mathematik S. 90. — Leonardo S. 93. — Leonardo und Goethe S. 96. — Wesen der mathematischen Methode S. 112.
    E x k u r s:   Goethe's »Welt des Auges« S. 116. — Optik und Farbenlehre S. 124. — Die physikalische Optik S. 125. — Die Farbe S. 136. — Kant und die exakte Wissenschaft S. 143. — Goethe's Farbenlehre S. 152.
    Die zwei Methoden S. 157. — Kant als Vermittler S. 162. — Leonardo, Goethe, Kant S. 167.
87
Dritter Vortrag. DESCARTES (Verstand und Sinnlichkeit). Mit einem Exkurs über die analytische Geometrie
    Der Blick nach innen S. 175. — Descartes S. 178. — Der Angelpunkt des Denkens S. 188. — Das Sichtbare und das Unsichtbare S. 193. — Schema und Symbol S. 206. — Denken und Anschauen S. 208. — Die Mathematik S. 214. — Descartes und die Mathematik S. 218.
    E x k u r s:   Die Analysis S. 225. — Bedeutung der Linie S. 232. Die Krummlinien S. 235. — Die Infinitesimalrechnung S. 243.
    Die beiden Stämme aller Erkenntnis S. 244. — Schematik und Symbolik S. 251. — Der Raum und die Stammbegriffe S. 257. — Welt und Ich S. 261. — Die Zeit S. 263. — Das Ich S. 273.
173
Vierter Vortrag. BRUNO (Kritik und Dogmatismus). Mit einem Exkurs über die Geschichte der Philosophie
    Die Traumgestalten S. 279.
    E x k u r s:   Der Urmythos aller Mythen S. 282. Von Thales bis Aristoteles S. 293. — Tafel der möglichen Weltanschauungen S. 308. — Denken nach innen, Schauen nach aussen S. 322. — Denken nach innen, Schauen nach innen S. 325. — Denken nach aussen, Schauen nach aussen S. 330. — Denken nach aussen, Schauen nach innen S. 336. — Verwahrungen S. 343. — Zusammenfassendes S. 347.
    Bruno und Kant S. 357. — Das Anschauliche bei Kant S. 363. — Bruno's Weltanschauung S. 368. — Kant's »kritische« Anschauung S. 376. — »Erscheinungen«, nicht »Dinge« S. 387. — Die Antidogmatik S. 391. — Übergang S. 394.
277

X
INHALTSÜBERSICHT



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Fünfter Vortrag. PLATO (Wissen und Wähnen). Mit einem Exkurs über das Wesen des Lebens
    Plan des Vortrags S. 397. — Plato und Kant S. 399. — Die Liebe S. 401. — Dionysoplato S. 404. — Stil und Sprache S. 410. — Das gemeinsame Ziel S. 417. — Plato's Methode S. 424. — Plato's Symbolik S. 429. — Plato's Allegorien S. 432. — Die Idee S. 433. — Das Sichumwenden S. 444. — Die Teilnahme S. 447. — Die Erinnerung S. 448. — Das Apriori S. 450. — Übergang S. 453. — Der Widerstreit in der Vernunft S. 454. Sein und Werden S. 462.
    E x k u r s:   Das Problem S. 463. — Stoff und Kraft S. 465. — Das Leben S. 469. — Stoff, Kraft, Leben S. 476. — Einheit setzt Vielheit S. 483. — Mechanisch und organisch S. 491. — Gestalt und Zweck S. 495. — Stoff, Kraft, Leben S. 498. — Die Evolutionslehren S. 498. — Sein und Werden S. 516. — Das Transscendentale S. 526.
    Rückblick S. 531. — Goethe S. 532. — Leonardo S. 534. — Descartes S. 537. — Bruno S. 541. — Kant S. 544. — Schluss S. 547.
395
Sechster Vortrag. KANT (Wissenschaft und Religion). Mit einem Exkurs über das Ding an sich
    Das Verknüpfen S. 553. — Kant und die Kultur S. 561. — Die neue Richtung S. 566. — Methodische Erinnerung S. 568. — Kant ein Gestalter S. 569. — Bedeutung der Form für Kant S. 570. — Kant's Zeugnis S. 577. — Die Anschauung sein Ausgangspunkt S. 578. — Architekt und Künstler S. 585. — Organisch Aufbauender S. 587. — Natürliche Systematik S. 592. — Zusammenfassung S. 598. — Gedankenstil S. 599. — Einfachheit S. 602. — Verschränktheit S. 606. — Kant's Stoff S. 609. — »Transscendental« S. 610. — Das Abgrenzen S. 611. — Die Bewegung S. 613. — Das Beziehen ein Letztes S. 617. — Die Excentricität S. 619. — Was ist Philosophie? S. 620. — Vernunft und Natur S. 626. — Subjektive Definition S. 631. — Objektive Definition S. 632. — Nicht transscendent S. 635. — Nicht Metaphysik S. 637. — Nicht erklären, sondern begreifen S. 639. — Nicht Psychologie S. 642. — Definition des Transscendentalen S. 660.
    E x k u r s:   Übergang zum Praktischen S. 660. — Das Ding an sich S. 664. — Ding und Ich S. 665. — Das Ding S. 672. — Sinnlichkeit und Verstand S. 673. — Zwei Arten des »Ding« S. 678. — Wert dieser Vorstellung S. 680. — Bedeutung der »Grenze« S. 681. — Schema des Dinges an sich S. 683. — Das Ich an sich S. 688. — Natur und Freiheit S. 690.
    Die Teilung in zwei Kammern S. 693. — Einzig Denken befreit S. 696.
    Die zwei Missdeutungen S. 701. — Die erste Missdeutung S. 701. — Die zweite Missdeutung S. 704. — Natur und Freiheit S. 707. — Kant's Ideenlehre S. 711. — Die reinen Ideen S. 713. — Gott S. 714. — Welt S. 716. — Ich S. 718. — Freiheit S. 719. — Das Sollen S. 725. — Der kategorische Imperativ S. 727. — Die Persönlichkeit S. 729. — Das Reich der Zwecke S. 733. — Gottesglaube und Sittlichkeit S. 742. — Religion S. 746. — Entstehung der Religion S. 752. — Amt der Religion S. 755. — Reine Religion S. 760. — Kant und das Christentum S. 760. — Schlusswort S. 765.
551
Berichtigungen 768
Register 769

XI
ABKÜRZUNGEN


    Bei den Anführungen aus Schriften Kant's sind folgende Abkürzungen gebraucht worden:
 
Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels H.
Träume eines Geistersehers Tr.
De mundi sensibilis et intelligibilis forma atque principiis D.
Kritik der Reinen Vernunft r.V.
Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik P.
Grundlegung der Metaphysik der Sitten Gr.
Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft M.N.
Kritik der Praktischen Vernunft p.V.
Kritik der Urteilskraft Ur.
Die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft Rel.
Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre Tu.
Anthropologie A.
Über die Fortschritte der Metaphysik F.

    Für die posthumen Veröffentlichungen aus Kant's Papieren kamen folgende Siegel zur Anwendung:

 
Briefe (Reicke) Br.
Reflexionen Kant's zur kritischen Philosophie (Erdmann) Ref.
Lose Blätter aus Kant's Nachlass (Reicke) N.
Vom Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik

(Die Jahrgänge 1882, 1883, 1884 der Altpreussischen Monatsschrift, in welchen diese unvollendet gebliebene letzte Schrift Kant's bruchstückweise erschien, werden als I, II und III angeführt.)

Üg.

    Alle anderen Schriften Kant's sind mit ausführlicher Titelangabe citiert.

    Auch bei den Citaten aus Goethe kamen einige Abkürzungen zur Anwendung:
 
Weimarer Ausgabe
(2. oder II. bedeutet hier die zweite oder naturwissenschaftliche Abteilung dieser Ausgabe.)
W.A.
Briefe Br.
Gespräche G.
Dichtung und Wahrheit D.W.

    A n m e r k u n g:   Alle Citate aus der Kritik der reinen Vernunft geben die Seitenzahl der einzig massgebenden 2. Auflage an; wo später gestrichene Stellen nach der ersten Auflage citiert werden, wird dies durch r. V. I ... angedeutet. Mit Hilfe von Kehrbach's kleiner Ausgabe (Reclam) kann der Besitzer jeder anderen Ausgabe sofort die betreffenden Stellen auffinden. Bei dieser Gelegenheit empfehle ich als die praktischste, handlichste Ausgabe in gutem Druck und zu billigem Preise die von Karl Vorländer besorgte und mit ausführlichem Register versehene (Halle bei Hendel). Für streng wissenschaftliche Zwecke bleibt — auch nach dem Erscheinen der Berliner Akademieausgabe — die beste Ausgabe die von Benno Erdmann (bei Reimer, 5. Aufl. 1900), mit den beiden Zugaben: Nachträge zu Kant's Kritik der reinen Vernunft, aus Kant's Nachlass (1881), und Beiträge zur Geschichte und Revision des Textes von Kant's Kritik der reinen Vernunft (1900).

 
XII

(Leere Seite)
 
1

VORREDE

PHILOSOPHIE, WENN SIE FÜR DEN
MENSCHEN ETWAS MEHR SEIN SOLL
ALS EINE SAMMLUNG VON MATERIEN
ZUM DISPUTIEREN, KANN NUR IN-
DIREKT GELEHRT WERDEN.
LICHTENBERG
2

(Leere Seite)

3


DIE Weltanschauung Immanuel Kant's entspringt der scharfsinnigsten Zergliederung des Menschengeistes und seines Verhältnisses zur umgebenden Natur; ist es möglich, einem unvorbereiteten Laienpublikum eine klare Vorstellung von ihr beizubringen? Kann kritische Erkenntnistheorie gemeinverständlich dargestellt werden? Ich glaube es nicht. Und doch ist der Wunsch, einen Mann von der Bedeutung Kant's nicht einer Gelehrtenkaste zum Alleinbesitz zu überlassen, sondern ihn allen Gebildeten zu einem kostbarsten Eigentum zu machen, so berechtigt, dass er sich vielerorten zu regen beginnt; auch hat bereits eine Anzahl tüchtiger Männer, jeder in seiner Art, dies Ziel ins Auge gefasst und manches Gute zustande gebracht. Kant hatte gesagt, er sei zu früh gekommen, sein Morgen werde erst nach einem Jahrhundert aufgehen. Jetzt dämmert dieser Morgen. Nicht Zufall ist es, wenn die erste vollständige und diplomatisch genaue Ausgabe der sämtlichen Schriften und Briefe Kant's im Jahre 1900 zu erscheinen begann; das neue Jahrhundert bedarf dieses starken Schutzgeistes, der von seiner Weltanschauung urteilen durfte, sie bewirke »eine der Kopernikanischen analoge Umänderung der Denkart«. Heute wissen es Einige und ahnen es Viele, dass diese Weltanschauung einen Grundpfeiler der Kultur der Zukunft bilden muss. Für jeden gebildeten und gesitteten Menschen besitzt das Denken Kant's vorbildliche Bedeutung; es bewahrt vor den beiden entgegengesetzten Gefahren: priesterlichem Dogmatismus und wissenschaftlichem Aberglauben, — und es stärkt zur hingebenden Erfüllung der Lebenspflichten.
     Wo nun ein Bedürfnis gross und allgemein ist, da haben viele das Recht, Hand ans Werk zu legen. »Kant und seinen Auslegern« gelten bekanntlich Schiller's Verse:
Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung
Setzt! Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu tun.
Auch ich bin ein Bettler. Ein Bettler, der seit früher Jugend an dem reichen Tische des Denkerkönigs gesessen hat. Doch sorglos sass ich bisher an diesem Tische; ich war mehr Bettler als Kärrner; meinen Geist nährte ich, mich aber setzte ich nicht »in Nahrung«. Nie hatte ich daran gedacht, dieses innere Ereignis könne einmal Anderen zugute kommen. Und damit der Leser genau wisse, welches bestimmte Ziel ich mir in den folgenden Vorträgen gesetzt habe, zugleich aber ersehe, was ich nicht bezwecke, will ich erstens über

4 VORREDE

meine persönlichen Beziehungen zu Kant — denn ich darf sie so nennen —‚ sodann über die besondere Veranlassung zu dieser Veröffentlichung in wenigen Worten berichten.
    Von Kant's Auge erzählen seine Zeitgenossen gern. Der eine schreibt: »Kant's Auge war wie vom himmlischen Aether gebildet, aus welchem der tiefe Geistesblick, dessen Feuerstrahl durch ein leichtes Gewölk etwas gedämpft wurde, sichtbar hervorleuchtete: es ist unmöglich, den bezaubernden Anblick zu beschreiben«; und ein anderer, ein durchaus nüchtern berichtender Arzt, sagt: »Ich lasse mich hier nicht über den Geist und Sinn seines schönen, grossen, blauen Auges aus. Zeuge einer reinen, inneren Klarheit, war es zugleich Ausdruck von Herzensgüte und Wohlwollen, und besonders schön strahlte es aufwärts, wenn Kant bei Tische nach einem Augenblicke von Nachdenken in gebückter Stellung plötzlich den Kopf erhob und Jemanden anredete. Es war, als ob ein ruhiges Licht, aus ihm strömend, sich über seine Worte verbreitete und alles um sich erhellte.« Dieses Auge nun — dieses aus himmlischem Äther gebildete Auge, das auch über die Worte, über die oft dunklen Worte Licht verbreitet und alles um sich erhellt — blickte mich an, als ich zum ersten Mal in einem Kantschen Buche blätterte. Wohl mag ich Kant's Worte manchmal nicht verstanden haben, sein Auge verstand ich immer; den Philosophen verehrte ich, doch der Mensch stand mir näher, jener Weise, in dessen Auge eine Weltanschauung sich spiegelt, viel zu ungewohnt, viel zu umfassend und unergründlich, viel zu sehr dem nie in Worten auszudrückenden Lebensrätsel angemessen und ebenbürtig, als dass sie in einem logischen Schema erschöpfenden Ausdruck gewinnen könnte, und wäre dies Kant's eigenes Schema. Und so ward ich im Laufe der Jahre mit Kant immer vertrauter. Seine Art zu denken wuchs in mich hinein, oder ich in sie. Hierbei wirkte ein auszeichnender Charakterzug in Kant's Art zu arbeiten besonders anregend auf mein Gemüt und erleichterte mir die Aufnahme seiner Gedanken. Kant's Bücher nämlich — so trocken und steif sie auf den ersten Blick erscheinen — sind lebensvolle Erzeugnisse. Bei ihm handelt es sich nicht um die glatte, tadellose Darstellung eines sauber ausgemeisselten Systems, das an einem bestimmten Tage der Welt als vollendet vorgelegt wird, sondern um die leidenschaftliche Tat eines Genius, für den die innere Ausgestaltung seiner Weltanschauung eine Lebensaufgabe ist, — eine Lebensaufgabe, die

5 VORREDE

ihn von früher Jugend bis ins hohe Alter Tag und Nacht beschäftigt und deren Wichtigkeit für das Menschengeschlecht ihm wohl bewusst ist. Er selber mahnt uns, in dem schwierigsten seiner Werke, der Kritik der reinen Vernunft, eine »als freie Rede fortgehende Schrift« zu erblicken, das heisst also, nicht an den Worten zu kleben, keine gelehrte Mikrologie zu treiben. Und wenn nun dessenungeachtet ein neuerer Herausgeber, mit Zugrundelegung eines weitschichtigen historisch-kritischen Materials, den Nachweis zu führen unternimmt, die verschiedenen Teile dieses Werkes seien zu verschiedenen Zeiten entstanden, Kant habe Zusätze eingeschoben, ohne das Vorhergehende und Nachkommende wieder zu lesen, er habe daher manches mehrmals gesagt, anderes zu sagen unterlassen, er sei seinen eigenen Definitionen oft untreu geworden oder habe für den selben Begriffskreis verschiedene Bezeichnungen gebraucht, so ersehen wir gerade aus diesen Vermutungen (obgleich gar vieles in ihnen sicher nicht stimmt), dass es in jenem Werke sich um ein Lebendiges, täglich Wachsendes, nicht um ein Künstliches, willkürlich Erdachtes handelt, und dass ihm nicht Worte und Begriffsbestimmungen zu Grunde liegen, sondern Anschauungen und Überzeugungen, und zwar Anschauungen und Überzeugungen, die um so lebendiger auf uns wirken, als sie nicht erstarren, sondern heute so und morgen anders erblickt und beschrieben werden. »Ich will nur verstanden sein,« antwortet Kant dem ersten in der langen Reihe seiner zünftigen Wortkritiker. Das machte mir Kaut, trotz der eigentümlichen Unwegsamkeit seiner Satzgebilde, auch als Schriftsteller teuer. Bei ihm handelt es sich nicht um Gelehrsamkeit, sondern um Leben; die Metaphysik der Schulen ist ihm »eine Wüste«, dagegen werden wir uns der »Erhabenheit unserer Natur«, sagt er, durch die Idee der Persönlichkeit bewusst; darauf, auf die Befreiung des Menschen, auf die Entwickelung alles Erhabenen, das in dessen Wesen verborgen liegt, geht Kant's ganzes Denken. Seiner Aufforderung kam ich darum nach, mir nicht durch die Schriftgelehrten, welche »einzelne Stellen aus ihrem Zusammenhange reissen« und »scheinbare Widersprüche ausklauben«, bange machen zu lassen, sondern mich »der Idee im Ganzen zu bemächtigen«. Darauf allein kommt es an, auf die Idee im Ganzen. Diese Idee ist es, die von früh an meinen Geist zu Kant hingezogen hat. Und was ist eine solche »Idee im Ganzen«, wenn nicht die Persönlichkeit selber, wie sie aus dem »bezaubernden Auge« hervorleuchtete

6 VORREDE

und wie sie hier eine Weltanschauung gestaltet? Goethe berichtet, die Beschäftigung mit Kant wirke auf ihn »wie das Betreten eines hellbeleuchteten Raumes«. Das habe auch ich immer so stark empfunden, dass ich mich in langen Leidensjahren, wenn mir jegliches andere Lesen unmöglich war, an Kant erlabte. Schon die blosse Berührung dieses Geistes läutert und stärkt und heilt. Jeder wird es erfahren, der in der richtigen Gemütsverfassung an ihn herantritt.
    Das sind — sehr kurz gefasst — meine persönlichen Erfahrungen an Kant. Doch als ich vor einigen Jahren von Freunden, die viel gesucht und viel geirrt hatten, um Rat gefragt wurde, wie sie es beginnen sollten, um mit dem so gefürchteten Kant vertraut zu werden, wusste ich zunächst keine rechte Antwort. Wohl gibt es vortreffliche Bücher zur ersten Einführung in Kant's kritische Gedankenwelt, doch kranken sie nach meiner Ansicht alle an einem Fehler: sie sind technisch und fassen infolgedessen die Sache abstrakt an. Ich meine nun, Kant muss Gemeingut aller Gebildeten werden, und damit er das werde, müssen wir seine Persönlichkeit, nicht das Schema seiner Gedanken, am allerwenigsten ein einzelnes Werk, wie die reine Vernunft, zum Mittelpunkt der Darstellung machen. Die lebendige Kraft alles dessen, was unter Kant's Namen weiterwirkt, ist der Mann, der von 1724 bis 1804 in Königsberg gelebt hat. Darum verfiel ich schliesslich darauf, meinen Freunden in erster Reihe die Lebensbeschreibungen zu empfehlen, namentlich die alten, von Zeitgenossen. Wer Jachmann, Borowski und Wasianski gelesen hat, wird Kant verehren und Kant lieben; sobald er das tut, ist er auf dem einzig richtigen Wege, ihn zu verstehen und zwar mit einem unschätzbaren Vorteil, der sich aus folgender Erwägung ergibt: nur Wenige werden imstande sein, Kant in dem Sinne zu »verstehen«, dass sie den weiten Kreis ganz überblicken, den er überblickte, und dass sie bis in die Tiefen hinabsteigen, in die hinabzusteigen seine besondere, seltene Gabe war; treten wir nun von irgend einer einzelnen Seite heran, so werden wir immer nur ein Stück von dieser Weltanschauung erblicken, und das heisst ein Bruchstück, etwas Herausgerissenes, wesentlich Unvollkommenes; wogegen, wenn wir vom Mittelpunkt der lebendigen Persönlichkeit den Ausgang nehmen, wir imstande sein werden, um diesen Mittelpunkt herum einen Kreis zu ziehen — weiter oder enger, je nach der Begabung — und dieser Kreis wird, gleichviel, wie gross sein Durchmesser sein mag, ein Ganzes,

7 VORREDE

Organisches sein. Nur was Ebenmass und allseitige Ausbildung besitzt, kann Kultur heissen; es genügt nicht, Kant zugänglich zu machen, es muss auch so geschehen, dass er ein wirkliches Kulturmoment wird. Und aus dieser Überlegung ergab sich mir die Frage, ob es nicht möglich und nützlich sein würde, um jenen engbeschränkten Kreis der liebevoll berichtenden Biographien einen etwas weiteren zu ziehen? Nicht eine systematische Gesamtdarstellung seines Lebenswerkes, wie das berufene Fachmänner mit mehr oder weniger Glück versucht haben, noch weniger eine eingehende, gelehrte Analyse und Darlegung einzelner Schriften und Gedankenreihen, sondern eine Betrachtung der Persönlichkeit Kant's vom rein menschlichen Standpunkt aus. Was der Tag bringt, entschwindet bald unseren Blicken, zugeschüttet von dem ununterbrochen sich höhertürmenden Wüstensande der Zeit; trotzdem hinterlässt die flüchtige Erscheinung in treuen Gedächtnissen den Eindruck eines Ewigwährenden, weil Niewiederkehrenden; das ist die Erinnerung an den Un-Teilbaren, Unvergleichlichen, an das Individuum.
Ein Jeder ist an seinem Platz unsterblich.
    Da jedoch alle Wiederholung Verbrechen ist und die Biographien uns über Lebensgang, Gemüt und Gewohnheiten Kant's hinreichend viel erzählt haben, war es klar, dieser vermittelnde Versuch werde sich auf Kant's   i n t e l l e k t u e l l e   Persönlichkeit zu beschränken haben. Nicht die krause Zickzacklinie eines Menschenschicksals, sondern das unerschütterlich Innehaftende des gegebenen Wesens; nicht des Denkers Gedanken, sondern des Denkers Denken: das zu erfassen, musste mein Ziel sein. Eine Weltanschauung ist ab initio durch das besondere Gefüge der Persönlichkeit bestimmt; Bildung und Lebenseinflüsse (unter denen die Landessprache sich als die wirksamste, despotischeste Beeinflussung des Denkens geltend macht) kommen erst in zweiter Reihe, nämlich in Bezug auf die Formgebung, in Betracht. Wie aber soll man es anfangen, Persönlichkeit zu schildern? Im ersten Vortrag habe ich die Überzeugung begründet, einzig der Vergleich könne zum Ziele führen. Halte ich grosse Denker (und das heisst immer grosse »Erschauer«) gegen einander — einen Kant, einen Goethe, einen Plato, einen Descartes — und frage weniger nach dem Was, als nach dem Wie ihrer Anschauung, so entdecke ich bald, wie genau die organische Beschaffenheit der Sinneswerkzeuge und der Verstandesanlage ihre Welt-

8 VORREDE

anschauung bedingt; zugleich lerne ich aus der Gegenüberstellung die wahre Eigentümlichkeit eines jeden scharf und lebendig erfassen. Stets wird das Vergleichungswerk von der Anschauung auszugehen haben; wir können Menschen nur dann beurteilen, wenn wir sie am Werke sehen; doch gelangt man auf diesem Wege fast unbemerkt in das Gebiet der Metaphysik, ja sogar bis zur Erörterung grundlegender Begriffsbestimmungen und dergleichen. Und so entdeckt man plötzlich, dass man nicht unbedeutend gefördert worden ist, und zwar in einer gesünderen Weise als durch Popularisierungsversuche. Wir dürfen einen Mann wie Kant nicht zu uns herunterziehen. Vielmehr müssen wir den Wurzeln seiner Eigenart in verschiedenen Richtungen nachgehen, die Berührungspunkte mit vertrauteren Erscheinungen suchen und uns auf diese Weise nach und nach zu ihm emporzuarbeiten streben.
    Das sind die Veranlassungen und Erwägungen, denen das vorliegende Werk sein Entstehen und seine besondere Gestalt verdankt. Ursprünglich handelte es sich um schnell hingeworfene Vorträge, einem engsten Kreise zugedacht; auch bei der genaueren Ausarbeitung ist trotz des bedeutend angewachsenen Umfangs dieser Charakter der ungezwungenen, lebendigen Rede beibehalten worden. Die Vorträge waren für Freunde bestimmt und richten sich auch jetzt, wo sie einer weiteren Verbreitung entgegengehen, nur an befreundete Geister. Ein Laie redet zu Laien. Er will weniger belehren, als den Weg zur Belehrung weisen. Er will anregen, aufrütteln, Begeisterung einflössen; er will Richtungen aufdecken, Klarheit vorbereiten, Vertrauen in die eigene Kraft schenken. Sobald der Leser in das Anziehungsbereich des Meistergeistes gelangt ist, bedarf er dieser Freundeshand nicht mehr; auf dem Wege bis dahin möge er sie nicht verschmähen.
    Über die Anlage des Buches gibt ein Blick auf die Inhaltsübersicht Auskunft.
    Wie bei früheren Veröffentlichungen, so habe ich auch wieder bei dieser meinem verehrten lieben Freunde, Professor Otto Kuntze in Stettin (jetzt Stralsund), den wärmsten Dank für seine treue Mitarbeit auszusprechen.

    W i e n,   im hundertsten Jahre nach dem Tode Immanuel Kant's.
 
HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

Letzte Änderung am 11. Juli 2006

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