| Here
under follows the transcription of the first chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.

GOETHE AS A
YOUNG
MAN
From an engraving
after
Georg Oswald May (1779).
INHALTSÜBERSICHT
|
9
ERSTER VORTRAG
GOETHE
(IDEE UND ERFAHRUNG)
MIT EINEM EXKURS
ÜBER
DIE METAMORPHOSENLEHRE
———
WO
OBJEKT
UND SUBJEKT SICH
BERÜHREN, DA IST
LEBEN.
GOETHE
10
(Leere Seite)
11 GOETHE
DIE PERSÖNLICHKEIT
VEREHRTE
FREUNDE! Die Weltanschauung
eines Mannes ist mit ihm geboren; sie ist das notwendige
Ergebnis seiner Art zu schauen. Freilich, die Grenzlinien der
besonderen Gestalt, in die er dieses Angeborene nach und nach zu immer
vollerer Körperlichkeit ausarbeitet und dadurch erst bewusst
besitzen
lernt, entstehen wie ein System von Diagonalen aus seinem ureigenen
Wesen
und den Einflüssen seiner Zeit und seiner Umgebung; doch zu Grunde
liegt die Person. Stirbt der Denker, ehe sein Anschauen die volle Reife
erlangt hat, oder verkümmert seine Eigenart unter dem Druck
äusserer
Not, so kann manchmal diese Tatsache verdeckt bleiben; die Entwickelung
des Menscheninnern ist wie die des Menschenäussern:
Förderungen
und Hemmnisse machen sich täglich geltend. Wobei noch folgendes
wohl
zu beachten ist. Wer sich darauf beschränkt, in dem Lebenswerk
eines
grossen Denkers die Lehrsätze und den systematischen Aufbau in
Arbeiten
aus verschiedenen Altersstufen mit einander zu vergleichen, oder wer
eine
Sammlung von Äusserungen und Urteilen über irgend eine
besondere
Frage aus allen Ecken und Enden des geistig überreichen
Gedankenlebens
eines Genies zusammen trägt, wird leicht ein Chaos von
Widersprüchen
zutage fördern, dazu gehört kein besonderer Scharfsinn;
hierdurch
wird nun der Eindruck des Zufälligen, des Unorganischen
hervorgerufen;
die Einheitlichkeit der Weltanschauung scheint aufgehoben. Wer dagegen
tiefer blickt, wird diese schwebenden, schwankenden Äusserungen
des
sinnenden Hirnes mit besonderer Aufmerksamkeit ins Auge fassen, weil
gerade
in ihnen der Kampf des Einzelnen für sein Eigenes gegen die ihn
allseitig
eng umgebende Welt des Überkommenen sichtbar wird und somit
nirgendswo
besser als hier das Besondere und Unterscheidende des Individuums
blossgelegt
werden kann. In hervorragendem Masse ist dies bei Kant der Fall, da
seinem
Wirken auf philosophischem Gebiete nicht — wie z. B. bei Schopenhauer — die
Einzelhaftigkeit eines
systematischen
Gedankens, sondern die tatsächliche Vereinigung sehr
verschiedener,
einander fast widersprechender Geistesanlagen in einer lebendigen
Persönlichkeit
Einheit verleiht. Ich glaube daher, Sie werden leichter und sicherer in
Kant's Werk eindringen, wenn Sie zuvor mit der reichen Welt seiner
Persönlichkeit
vertraut geworden sind.
Wer Immanuel Kant's Philosophie
kennen lernen will, pflegt sich tollkühn in das Studium des
schwierigsten
Werkes der Weltliteratur, in das der Kritik
der reinen Vernunft zu
stürzen;
die
12 GOETHE
Meisten
sind aber bald entmutigt und
begnügen sich schliesslich damit, das Kapitel »Kant«
in
einem philosophischen Geschichtswerk zu lesen. Ich fordere Sie auf, mit
mir einen andern Weg einzuschlagen. Ich fordere Sie auf, ehe Sie sich
in
das Studium von Kant's einzelnen Schriften vertiefen, und ehe Sie den
seltenen
Mann in diese oder jene historische Konstruktion einreihen, die
wesentlichen
und ihn von allen anderen Denkern unterscheidenden Merkmale seines
Gedankenlebens
und somit auch seines Lebenswerkes kennen zu lernen. Und zwar habe ich
weniger die äusseren Schicksale dieser Persönlichkeit im
Sinne,
als ihre geistige Anlage, möglichst abgelöst aus ihrer
zufälligen
Bedingtheit in Zeit und Raum. Geschichte macht leicht blind für
das
Ewige. Über die Schicksalswege Kant's können Sie sich in
allerhand
Büchern unterrichten; für die Kenntnis seiner moralischen
Persönlichkeit
möchte ich Sie vor allem auf die drei kleinen Schilderungen seiner
Zeitgenossen Borowski, Jachmann und Wasianski verweisen; ¹)
über
seine
philosophischen Lehren handeln mehrere tausend Schriften und
Aufsätze
in allen Sprachen Europas. ²) Aus diesen verschiedenen Quellen
werden
natürlich
auch wir schöpfen, doch zum Wiederkäuen wird uns die Musse
fehlen,
da wir einem anderen Ziele zustreben. Unser Ziel ist, zu erfahren, wie
Kant's Geist von Hause aus beschaffen war: wie er zu den Augen
hinausgeschaut,
wie er die empfangenen Eindrücke innerlich verarbeitet hat, wie er
hat denken m ü s s e n. Wir wollen wissen,
welches geistige Material er
sich aneignete und welches er verwarf; für welche Verrichtungen
des
Geistes er besondere Beanlagung besass, für welche wenig oder gar
keine. Wir wollen den Beweggründen nachforschen, die ihn —
nach und nach — dazu antrieben, sich
dem abstraktesten Denken zu widmen und ihm zu so ungeheuren
Bemühungen
die Ausdauer schenkten. Vor allem wollen wir versuchen, mit Augen
zuzusehen
— schweigend und aufmerksam — während er denkt, um so, wenn auch
nicht das künstliche Ganze seines fertigen Gedankengebäudes,
so doch die Eigenart der Welt, in der er seiner Natur gemäss lebte
und webte aus tatsächlicher Anschauung kennen zu lernen. Kurz, wir
wollen die Individualität dieses Denkers, die Beschaffenheit
seiner
intellektuellen Persönlichkeit erforschen. Dar-
—————
¹) Alle
drei in
Königsberg
1804 (Kant's Todesjahr) erschienen. Ein Neudruck in einem Band, von
Alfons
Hoffmann besorgt, erschien 1902 in Halle, Preis 2 Mark.
²) Bis zu
Kant's Todesjahr,
1804,
über 2000! Wie hoch mag sich heute die Zahl belaufen? (Vgl. die
von
Vaihinger herausgegebenen Kantstudien I, 469.)
13 GOETHE
aus
wird sich ohne Zweifel auch das
Unterscheidende
an seinem Werke — wenigstens in grossen, allgemeinen Zügen
— ergeben,
was jedenfalls ein späteres Studium bedeutend fördern wird.
DIE
METHODE DES VERGLEICHES
Auf welche
Weise kann eine
derartige
Aufgabe gelöst werden? Meines Erachtens gibt es nur einen
einzigen
Weg: den des Vergleiches. Nous ne
pouvons acquérir de
connaissances
que par la voie de la comparaison, sagt Buffon, der grosse
Kenner der
Natur. ¹)
Denn eine theoretische Beschreibung setzt eine Reihe von
Begriffsbestimmungen
voraus, und angesichts des Lebens schrumpfen alle Begriffsbestimmungen
zu Redensarten zusammen. Abgesehen von der Mathematik und der Logik —
in
welchen die Bestimmungen das Formale allgemeinsamer Anschauungs- und
Begriffsschemen
betreffen — beruht alles Definieren auf der grundsätzlichen
Nichtbeachtung
des Individuellen; so z. B. »definiert« man in der Zoologie
oder Botanik eine species,
indem man nur dasjenige hervorhebt, was den
verschiedenen Individuen gemeinsam ist, wogegen das Besondere des
Einzelwesens
— selbst seiner äusseren Gestalt — aus hundert Zügen besteht,
die jeder Schilderung durch Worte trotzen. Es gibt keine
»Wissenschaft«
des Individuellen. Und es verhält sich nicht anders, wenn anstatt
der sichtbaren Gestalt das unsichtbare Innere in Betracht gezogen wird.
Im Gegenteil, gerade hier sagen Allgemeinheiten wenig oder nichts und
führen
fast immer irre, wenn nicht reiche und sehr genaue Anschauung über
den Einzelfall unterrichtet hat. Wenn ich z. B. lese: für Kant sei
»ein Vorwalten des abstrakten Denkens im Gegensatz zum
anschaulichen
Denken charakteristisch«, was habe ich damit gewonnen? Eine
vielleicht
unanfechtbare Phrase, aber doch eine Phrase, und nur unanfechtbar,
insofern
ihr Inhalt von nebelhafter Allgemeinheit ist. Niemand kann denken, ohne
zu schauen, und niemand kann schauen, wenn er nicht Begriffe bildet.
Sie
werden bald erfahren, dass gerade Kant's Geist eine eigentümliche
Kraft der Anschauung besass, wogegen mancher sogenannte
»intuitive«,
d. h. mehr der Anschauung sich hingebende Denker, wie z. B. Goethe,
immerwährend
völlig unvorstellbare Gedanken in seine vermeintliche Intuition
mischt.
Wir dürfen also nicht hoffen, der Individualität des Geistes
durch eine blosse Schilderung in Worten beizukommen. Im besten Falle
gäbe
diese ein Flächenbild, wogegen mich der heisse Wunsch
erfüllt,
Ihnen eine vollkommen plastische Vorstellung zu über-
—————
¹) De la nature de l'homme.
14 GOETHE
mitteln.
Und hierzu kann nur der
Vergleich
helfen. Wir unterschätzen meistens die Unterschiede auf geistigem
Gebiete zwischen Mensch und Mensch; sie sind ungeheuer gross; nicht
bloss
aber in Bezug auf das Mehr und das Minder, sondern auch in Bezug auf
das
Wie zwischen gleich bedeutenden Männern; hier finden wir dem
Denken
des Einzelnen von der Natur vorgeschriebene und unentrinnbare Bahnen,
(worüber
in einem späteren Vortrag Näheres). Und darum, wenn wir nur
die
richtigen Leute zum Vergleiche heranziehen, werden die starken
Schlagschatten,
welche die Gegensätze werfen, Kant's Geistesgestalt — d. h. also
die
Eigenart seiner Gedankenwelt — immer körperlicher vor unsern Augen
erstehen lassen.
Es käme also
zunächst darauf an, Wen wir zum Vergleiche wählen wollen. Ich
werde meine Wahl nicht im voraus rechtfertigen, sie muss sich durch den
Gebrauch bewähren. Nur das eine muss ich bemerken, dass ich den
Standpunkt
des durchschnittlichen Deutschen des heutigen Tages — der sich unter
einem
Philosophen kaum etwas anderes vorstellt, als eine besondere Abart der
Gattung »Professor« — nicht zu dem meinigen machen kann.
Wir
brauchen die verdienstvolle Tätigkeit des Fachmannes — namentlich
für die Erforschung und Darstellung der Geschichte des
menschlichen
Denkens, sowie für die Heranbildung unserer Söhne — nicht zu
unterschätzen und können doch verlangen, dass zwischen
berufsmässigem Wissen und Genie unterschieden werde. Kant selber
fordert energisch
dazu
auf. ¹) Wir nennen doch nicht einen Professor der Kunstgeschichte
und
Kunsttheorie
einen »Künstler«; keinen Augenblick verwechseln wir
ihn mit den gottbegnadeten Männern, aus deren Tätigkeit erst
der
Stoff entsteht zu einer Wissenschaft der Kunst. Genau die selbe
Unterscheidung
sollte hier gemacht werden. »Reine Philosophie ist ein
Genieprodukt«,
sagt Kant (Üb. III, 408),
und Goethe wiederholt das selbe in
seiner
Art:
Wird
der
Poet nur geboren? Der
Philosoph
wird's nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet
geschaut.
Was uns Menschen als
»Weltanschauung«
eigen ist, ist die Erfindung einzelner übermächtiger Geister.
Eine das Ungesehene vermittelnde Vorstellung, ein das Gesehene
verständlich
gestaltender Ge-
—————
¹) Vgl.
z. B. die Vorrede zu den
Prolegomena.
15 GOETHE
danke
eine Verknüpfung
zerstreuter
Erscheinungen oder Ideen zu einem beziehungsreichen Ganzen ist ein
mindestens
ebenso schöpferisches Werk des einzelnen Genies, wie eine Dichtung
in Worten oder in Tönen. ¹) Und damit ein solcher Gedanke
lebe und
zeuge, genügt es nicht, dass er ausgesprochen werde, sondern er
muss von Hause aus gewisse Eigenschaften besitzen, die hier wie dort
das
Genie
allein ihm zu verleihen vermag; denn er muss »gebildet«
werden, sonst
würde er nicht »geschaut«. Im trägen Genusse des
altererbten Besitzes pflegen wir das zu vergessen. Nach und nach ist
nun
das Repertorium dieser
»Weltanschauung-ermöglichenden«
Ideen bereichert worden, doch recht langsam. Es hat bisher nicht gar
viele
lichtspendende Gedanken gegeben. Und die Anregungen zu neuen Gedanken
und
zu neuen Gesamtbildern der Welt sind fast alle nicht aus der
Philosophie,
sondern aus den Fortschritten der Naturwissenschaft und der Mathematik
oder aus der Vertiefung des religiösen Empfindens gekommen. Damit
mag es wohl zusammenhängen, dass von den epochemachenden Denkern
kaum ein einziger ein philosophischer Fachmann gewesen ist, und dass
die
Welt keine Ursache hat, sich der Periode zu freuen, wo — im vergangenen
19. Jahrhundert — die »reinen Philosophen« das Heft fast
allein
in die Hand bekommen hatten. ²) Auch Kant ist als — Gelehrter —
nicht von
Philosophie, sondern von Mathematik, Physik und theoretischer
Astronomie
ausgegangen; er war ursprünglich Professor der Mathematik und
verdankte
den Lehrstuhl für Philosophie nicht einer Berufung durch die
hochweise
Fakultät, sondern nur dem Zufalle, dass der Kollege, der diesen
innehatte,
ihm einen Tausch anbot. Bis in sein Alter hat Kant mit Vorliebe
über
Anthropologie, Geographie, Physik, Mathematik und Befestigungslehre
gelesen,
wogegen er seine eigene metaphysische Kritik niemals vom Katheder aus
vorgetragen
hat. Den Antrieb zu seinen kritischen Untersuchungen des ganzen
Gebietes
der menschlichen Erkenntnis entnahm Kant einzig und allein dem
Bedürfnis,
für die praktische Philosophie (d. h. »die Methode Menschen
zu bilden und zu regieren«, Br.
I, 138) und für die exakte
Naturwissenschaft
—————
¹)
Beispiele wären, auf
konkretem
Gebiete: die Vorstellung des Atoms, der Gedanke der Gravitation, die
Idee
der Metamorphose.
²) Nur kurz dauerte diese
führende
Stellung: Comte ist Polytechniker, Lotse Arzt, Mill Beamter der
Ostindischen
Gesellschaft, Fechner Physiker, Spencer Ingenieur und Sociolog,
Hartmann
Artillerieoffizier, Wundt Physiolog, Nietzsche Hellenist usw.
16 GOETHE
eine
unerschütterlich sichere
Grundlage
zu gewinnen; in dem Briefe, den ich soeben anführte, seufzt er:
»Ich werde froh sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie
werde zu
Ende gebracht haben.« Wozu noch eine allgemeine Erwägung
kommt.
Die Logik und die Dialektik, die zusammen mit Geschichte den
Hauptinhalt
des sogenannten »philosophischen« Unterrichts ausmachen
(und
zwar mit Recht), haben lediglich die Bedeutung einer Disziplin. Man
kann
sie nicht einmal — obwohl es oft geschieht — mit Mathematik
vergleichen;
denn Mathematik ist, wenigstens in ihrem einzig zeugungsfähigen
Teil,
in der Geometrie, Anschauung, und wenn auch diese Anschauung besonderen
Einschränkungen unterliegt, sie führt doch —
weil sie Anschauung ist — immer weiter
und weiter, ihr Wachstum kennt kein Ende, und ihre Wechselbeziehungen
zu
allen Wissenschaften bleiben ewig lebendig und neu; wogegen Logik
nichts
ist als eine Methodenlehre. Allerdings bedeutet dies nichts Geringes;
doch
was Sie einsehen lernen müssen ist, dass die Kenntnis der Logik zu
dem Aufbau einer Weltanschauung höchstens indirekt beiträgt,
ebenso wie Lesen-, Schreiben- und Rechnenkönnen dazu beitragen.
Denn
die Logik gleicht einer Mühle, einer Mühle, an der wir nicht
einmal weiter ausbauen, sondern zu deren Handhabung wir uns
höchstens
durch Übung ein wenig vervollkommnen können. Eine Mühle
taugt jedoch nur insofern, als man Stoff zum Mahlen besitzt, und dieser
Stoff ergibt sich nicht aus dem Reiben der starren, leblosen Steine
gegen
einander, sondern er wächst draussen im Freien, er spriesst aus
der
dunklen, geheimnisvollen Erde, gelockt vom heissen Strahle der fernen,
unerreichbaren Sonne.
Wollen wir also Männer zum
Vergleich mit Kant heranziehen, so werden wir auf ihre
Angehörigkeit
oder Nichtangehörigkeit zu einer gelehrten Fachzunft keinen Wert
legen:
der Umkreis, die Leuchtkraft, die schöpferische Fülle und der
organische Zusammenhang einer Weltanschauung sind es, die ihr
philosophische
Würde verleihen. Darum habe ich schon früher vorgeschlagen,
man
solle den Reichtum der deutschen Sprache benützen, um zwischen
»Philosophie«
und »Weltanschauung« zu unterscheiden. Die aus dem
Griechischen entlehnte
Vokabel würde nach wie vor eine gelehrte Disziplin, das deutsche
Wort
eine mit Religion und Mythologie verwandte, allgemein menschliche, doch
nach sehr verschiedenen Richtungen entwickelte Anlage bedeuten, mit
weitverzweigten
17 GOETHE
Wurzeln,
die aus Kunst und
Naturwissenschaft,
aus Philosophie und Mathematik Nahrung aufnehmen, eine Anlage, die
vornehmlich
darauf ausgeht, die Harmonie zwischen dem äusseren und dem inneren
Auge oder — wenn dieser Tropus Ihnen zu kühn dünkt —
zwischen Schauen, Denken und Handeln
zu bewirken. ¹) Und wenn dann, wie zu Philosophie
»Philosoph,«
zu Weltanschauung »Weltanschauer«
eine erlaubte
Wortbildung
wäre, dann wüssten wir genau anzugeben, aus welcher Gattung
wir
Männer zum Vergleiche holen müssen. Es sind beileibe nicht
alle
Philosophen »Weltanschauer« gewesen, und die grossen
»Weltanschauer«
waren Dichter, Maler, Staatsmänner, Ärzte, Priester,
Mathematiker,
Historiker — hin und wieder auch Philosophen.
Aus Gründen, die sich nach
und nach zeigen und — ich wage es bestimmt zu hoffen — bewähren
werden,
habe ich für unser Vergleichungswerk folgende fünf
Männer
gewählt: Goethe, Leonardo da Vinci, René Descartes,
Giordano
Bruno, Plato. Jedem dieser Männer will ich einen Vortrag widmen,
und
zwar nicht mit dem Zweck, seine Weltanschauung lückenlos
darzulegen,
sondern seine A r t z u s c h a u e
n zu analysieren und sie derjenigen Kant's
gegenüberzustellen.
Von Kant wird natürlich von Anfang an die Rede sein; ein sechster
Vortrag soll ihm aber ganz allein gehören, indem die Ergebnisse
der
früheren Vorträge zu diesem Behufe verwertet und weiter
ausgebaut
werden.
PLAN,
ZIEL, BEGRENZUNG
Über den Plan, den ich im
Sinne habe, wäre noch manches hinzuzufügen, doch
für
den Augenblick genügen diese Andeutungen; die Namen Goethe,
Leonardo,
Descartes, Bruno, Plato sind
Ihnen alle wohlbekannt; sie reichen
hin zu einer ersten orientierenden Vorstellung über den Weg, den
wir
gemeinsam zurückzulegen gedenken. Ich will mich nicht an ein
langweiliges
Schema binden, sondern werde in jedem Vortrag den Stoff so behandeln,
wie
der Instinkt mir es eingibt. Wer nach Lebendigem hascht, ist ein
Jäger;
er muss alle Sinne auf der Lauer haben, er muss zu warten und
zuzugreifen
wissen. Nichts Gelehrtes soll vorkommen, nichts, meine ich, was im
fachmässigen
Sinne des Wortes gelehrt heissen könnte. Ein Laie redet zu Laien.
Wir wollen nicht über Worte grübeln; wir wollen nur die Augen
aufmachen zu einer unbefangenen Betrachtung dessen, was jedem sichtbar
ist, der sich die Mühe gibt, hinzuschauen. Kant
—————
¹) Siehe Chamberlain: Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, S. 736 f.
18 GOETHE
selber,
der Gestrenge, schreibt:
»Subtile
Irrtümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, welche die eigene
Stärke gerne fühlt; offenbare Wahrheiten hingegen werden
leicht
und durch einen gemeinen Verstand eingesehen«. ¹) Das Beste
ist
immer
unser aller Gemeinbesitz; denn wie es in der Bibel heisst: »Gott
hat euch
Augen gegeben, auf dass ihr sähet«. Ausserdem weist uns
unser
Ziel den bestimmten Weg, den wir zu gehen haben, und beschränkt
unser
Unternehmen in wohltuender Weise. Nirgends haben wir
Vollständigkeit
auch nur zu erstreben, mit der einzigen Ausnahme der vollkommenen
Plastizität
jeder Erkenntnis, die wir gewinnen. Wir wollen uns grundsätzlich
nie
mit einem Gedanken eingehend beschäftigen, ehe nicht hinreichendes
Anschauungsmaterial vorhanden ist, »an dem« wir denken
können;
dagegen, sobald wir etwas deutlich erblicken, wollen wir nicht die
Minuten
zählen, sondern die Sache um- und umdrehen, bis wir sie
gründlich
durchgeforscht haben. Behufs Herbeischaffung des unentbehrlichen
Anschauungsstoffes
werde ich in jedem Vortrag einen Abstecher unternehmen, einen
»Exkurs«‚ in dem wir den eigentlichen Gegenstand zu
verlassen scheinen, der uns
aber dienen wird, ihn erst recht zu erfassen. »Wie wollten wir
auch«‚ sagt
Kant, »unsern Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn
ihnen
nicht irgend eine Anschauung (welche zuletzt immer ein Beispiel aus
irgend
einer möglichen Erfahrung sein muss) untergelegt
würde«? ²)
Nicht eine Verdolmetschung von
Kant's theoretischen Lehren bezwecke ich mit diesen Vorträgen; was
ich anstrebe, ist beschränkter vielleicht, aber schwieriger: es
ist
ein leibhaftiges Entgegengehen, ein leibhaftiges Entgegenwachsen. Das
Schlimmste
an der uns umgebenden Civilisation ist, dass sie auf den Geist
erstarrend
wirkt; der Gang der obligatorischen Schulbildung, dazu der allseitige
Zwang,
der uns gleich nach der Schule ergreift und in bestimmte Bahnen
drängt,
drückt unserem Denken die Schablone auf; die Presse tut ein
Übriges:
vor ihrem giftigen Gorgonenblick ersterben jeden Tag von neuem die
leise
erwachenden Regungen zur Selbständigkeit. Zum Verstehen
gehört
aber Beweglichkeit. Wenn Kant sagt: »wir verstehen nur das, was
wir
selber machen«, so meint er das freilich erkenntniskritisch und
bezieht
es
auf den Menschengeist überhaupt; dieses Wort lässt sich aber
auf jedes Ver-
—————
¹) Betrachtungen über den
Optimismus.
²) Was
heisst: sich im Denken orientieren?
19 GOETHE
ständnis
anwenden; um eine
Persönlichkeit
in der ihr eigentümlichen Anschauungsart wirklich zu verstehen —
nicht
bloss über die Lehren, die sich aus dieser Anschauung ergeben, zu
räsonnieren — dazu gehört die Befähigung, ihr ihre
besonderen
Methoden, ihre Lieblingsverfahren, ihre gewohnheitsmässigen
Handgriffe
nachzumachen, kurz, ähnlich zu arbeiten und aufzubauen, wie sie es
zu tun pflegte. Kant behauptet des öftern, die äussere
Nachahmung
führe zur inneren Übereinstimmung; zwinge man z. B. ein
mürrisches
junges Mädchen immer freundlich lächelnd zu antworten, so
werde
es mit der Zeit wirklich liebenswürdig! ¹) Dieser Witz ist
voll
tiefsten
Sinnes. Versteht man Kant im allgemeinen wenig, findet man seine
Schriften
über die Massen schwer, so liegt das vor allem daran, dass uns die
Persönlichkeit in ihrer intellektuellen Eigenart völlig
unbekannt
ist. Wir aber bekümmern uns darum gar nicht, sondern gehen
geradeswegs
darauf los und wähnen, wir könnten aus aneinandergereihten
Worten
Anschauungen kennen lernen, so, einfach, ohne weiteres. Das würde
nur zutreffen, wenn Kant uns nichts Neues zu sagen hätte. Der Sinn
des Wortes ist aber — ausserhalb des Reiches der Schablone — immer ein
schwebender.
Das Wort ist keine Münze, die aus einer Hand in die andere geht,
für Alle den selben Wert darstellend; sondern das Wort ist mit dem
Menschen, der es spricht, gewachsen: weit und eng, bestimmt und
unbestimmt,
reich und arm, farbig und farblos, je nach dem Geiste, in dessen
Dienst
es steht; ausserdem verrückt es sich im Raume, so dass die
Begriffskreise
des selben Wortes sich bei verschiedenen Menschen oft nicht decken,
sondern
nur schneiden, manchmal auch das kaum. Und nun gar bei einem Kant, der
ganz neue Anschauungen mitteilen, der eine kopernikanische
Umwälzung
bewirken will! Dies muss doch in den alten Worten geschehen; wie
wäre
sonst eine Verständigung möglich? Wie aber sollen wir die
alten
Worte richtig verstehen, wenn sie einen neuen Sinn tragen? Eine
schlichte
Lösung gibt es für dieses Dilemma nicht, denn die Anschauung
müssen wir aus den Worten und die Worte können wir nur aus
der
Anschauung verstehen; und darum mag der paradoxe Versuch, die
»Anschauung«
vor der »Lehre« zu bringen, die Persönlichkeit
zwar a u s
ihrem
Werke, nicht aber i n ihrem Werke darzustellen,
Berechtigung besitzen;
nicht zwar als ein Universalmittel, doch als ein Mittel unter anderen.
—————
¹) Anthropologie, an
verschiedenen
Orten.
20 GOETHE
Noch eine letzte Bemerkung, und
ich bin mit diesen einführenden Betrachtungen zu Ende.
Auf dem Wege, den ich Sie zu
führen
gedenke, kann die Kenntnis des gelehrt und fachmännisch
Philosophischen
nicht gewonnen werden. Eigentlich geht das aus dem schon Gesagten ohne
weiteres hervor, doch ich muss es deutlich und nachdrücklich und
einfürallemal
hervorheben. Wer Persönlichkeit in ihren tiefsten
Denknotwendigkeiten
erfassen will, hat sich eine Aufgabe gestellt, die mehr
Bewegungsfreiheit
erheischt, als sie der Fachphilosoph für sein abstraktes Verfahren
beanspruchen oder erlauben darf; dafür sind ihm aber wieder
besondere
Grenzen gezogen, die er kennen und beachten muss. Nicht nur
»zeigt« sich
in der Beschränkung erst der Meister, sondern alles Meisterhafte —
wir sehen es an jeder Lebensgestalt — entsteht nur in der
Beschränkung;
wer die Schranken durchbricht, zertrümmert die Gestalt. In diesen
Vorträgen wird oft von philosophischen Theoremen die Rede sein,
doch
nicht diese, sondern die Persönlichkeiten der Denker stehen im
Mittelpunkte
des Interesses: daraus ergibt sich für uns das gestaltende Gesetz.
Zur Formel verdichtet würde es lauten: nicht die Gedanken, sondern
das Denken. Nun äussert sich aber das Denken in den Gedanken, und
somit ist es klar, dass der Stoff, der uns zur Behandlung vorliegt,
zum
grossen Teile der selbe ist, den die Fachphilosophie bearbeitet; auf
lange
Strecken werden wir uns dicht an der Grenze entlang bewegen und die
selben
Marksteine wie die Fachphilosophen vor Augen haben. Doch werden wir
alles
aus einer anderen Himmelsrichtung und darum in anderer
Beleuchtung
und Perspektive erblicken. Der selbe Gedanke stellt sich uns darum in
anderer
Gestalt dar. Das dürfen Sie nun niemals vergessen, sonst erwarten
Sie von mir, was ich nicht zu leisten unternehme, und fühlen sich
dann enttäuscht, wenn Sie entdecken, das mühselige Studium
der
gelehrten Schriften stehe Ihnen noch bevor; zugleich aber würden
Sie
die Bedeutung meines Versuches leicht unterschätzen. Gegen beides
lege ich hiermit Verwahrung ein.
—————
GOETHE'S VERHÄLTNIS
ZU KANT
Heute wollen wir also von
Goethe
reden, das heisst, wir wollen Verhältnis Goethe's Art zu schauen
und
das Angeschaute zu verarbeiten mit Kant's
Art vergleichen.
Goethe selber fordert
zu dieser
Parallele auf. Nachdem er in einem Gespräch mit Eckermann Kant als
den »vorzüglichsten
21 GOETHE
philosophen«
gepriesen und
treffend
von ihm behauptet hat, seine Gedanken seien so tief in die deutsche
Kultur
eingedrungen, dass hinfürder auch wer ihn nicht lese sich
unmöglich
seinem Einfluss entziehen könne, macht er folgende
denkwürdige
Bemerkung; er sagt: » I c h g i n
g a u s e i g e n e r N a t u
r e i n e n
ä h n l i c h e n
W e g a l s K a n t « (G. 11. 4. 27). Es ist gut, dass das
Goethe selber
ausgesprochen hat, sonst liefe ich Gefahr, der hirnverbrannten
Paradoxie,
wenn nicht gar der dilettantenhaften Willkür angeklagt zu werden,
da ich zwei solche Gegensätze nahe genug verwandt finde, um sie
mit
einander zu vergleichen. Nun war aber Goethe ein Mann, dessen Worte
man
jedes einzeln auf die Goldwage legen darf; wenn er also spricht: ich
ging
aus »eigener« Natur einen »ähnlichen« Weg
als
Kant,
so stellt er damit eine klare, bestimmte und entscheidende Behauptung
auf,
an der niemand achtlos vorübergehen darf. Eckermann gegenüber
findet Goethe allerdings keine tiefere Begründung nötig,
sondern
begnügt sich mit einigen populär gehaltenen
Erläuterungen
von geringem Belang; denn Eckermann war philosophisch wenig gebildet
und
kannte damals Kant's Schriften überhaupt nicht. Dagegen besitzen
wir
von Goethe's Hand an anderem Orte Ausführungen genug zu diesem
merkwürdigen Satze, namentlich in der kostbaren Reihe kleiner
Aufsätze:
Einwirkung
der neueren Philosophie, Anschauende Urteilskraft, Bedenken und
Ergebung, sowie auch sonst mancherorten. Wenn wir aber diese
Dokumente auch
nicht
besässen, ich wollte mich anheischig machen, den Sinn des
»ich
ging einen ähnlichen Weg« an dem Lebenswerk der beiden
Männer
aufzuzeigen.
Eine
ausführliche Geschichte
des Einflusses Kant's auf Goethe's Denken gehört nicht hierher;
wir
treiben nicht Geschichte, nur die Tatsache des engen Zusammenhangs soll
betont werden. Und da ist vor allem Goethe's Bemerkung wichtig:
»Es
ist keineswegs gleichgültig, in welcher Epoche unseres Lebens der
Einfluss einer fremden Persönlichkeit stattfindet .... dass Kant
auf mein Alter wirkte, war für mich von grosser Bedeutung«
(G. 12. 5. 25). Man merkt
leicht, was er andeuten will, namentlich
wenn
man seine übrigen Äusserungen über Kant zu Rate zieht:
zu
früh
empfangen, hatten die Keime einer so durchdringenden Analyse des Denkens
— des reifen Werkes eines gleichsam
reif geborenen Mannes — Goethe's
unbefangene Anschauungskraft
bedroht; so dagegen trat Kant gerade im rechten Augenblick in seinen
Gesichtskreis
und
22 GOETHE
schenkte
ihm — in ähnlicher
Weise,
wie Schiller es tat — etwas, was er vorher nicht besessen hatte,
trotzdem
es in ihm selber schlummerte. »Zum ersten Mal schien eine Theorie
mich anzulächeln,« sagt Goethe von seinen ersten Versuchen,
in die Kritik der reinen Vernunft
einzudringen. ¹) Und doch war dieses
Werk
wenig geeignet, einem Goethe zur Einführung in das
Verständnis
Kant's zu dienen. Die wahre Annäherung fand auch erst durch die
Kritik
der Urteilskraft statt, von der Goethe sagt, er sei ihr
»eine
höchst
frohe Lebensepoche schuldig«. »Epoche« ist in
Goethe's
Munde ein
beachtenswertes Wort. Es steht nämlich Goethe's ganze Reife, die
letzten
40 Jahre seines Lebens, unter Kantischem Einfluss, oder besser gesagt,
Goethe's Weltanschauung steht von nun an in lebendiger Wechselwirkung
mit
der Kant's. ²) Im März 1791 war Goethe schon vertieft in
Kant's
Schriften,
denn das Goethearchiv besitzt ein Heft aus der Zeit mit Auszügen,
alle von Goethe's eigener Hand. Bald darauf kam der entscheidende
Einfluss
des Verkehrs mit Kant's genialstem Jünger, Schiller. Goethe selbst
bezeugt: »Aber- und abermals kehrte ich zu der Kantischen Lehre
zurück
... und gewann gar manches zu meinem Hausgebrauch«. Denn
inzwischen
hatte er die Kritik der reinen
Vernunft wieder zur Hand genommen, und
es
war ihm gelungen (wie er berichtet) »tiefer einzudringen«,
und zwar namentlich darum, weil er einsehen gelernt hatte, dass man
Kant's
Weltanschauung nicht aus dem einen Bruchstück der Vernunftkritik
richtig
erkennen könne, sondern dass seine verschiedenen Werke »aus
Einem
Geiste entsprungen, immer eins auf's andere deuten«. Da ist es
kein
Wunder,
dass der Greis, der so ängstlich gemessen in der Wahl seinem
Prädikate
geworden war, von Kant doch gern in Superlativen spricht. So schreibt
er
1825 von »unserem herrlichen Kant« und 1830 von dem
»grenzenlosen Verdienst«,
das »der alte Kant um die Welt, und ich darf auch sagen um
mich,« sich
erworben hat; ³) und sechs Monate vor seinem Tode spricht er in
Bezug
auf
Kant's Weltanschauung das entscheidende Wort aus: »sie hat mich
auf mich
selbst aufmerksam gemacht; das ist ein ungeheurer Gewinn«. 4)
Soviel nur flüchtig zur
allgemeinsten
Orientierung über ein von
—————
¹)
Dieses Zitat und die
folgenden
aus Einwirkung der neuem Philosophie.
²) Siehe W. A., 2. Abt., 11,
377.
³) Versuch einer
Witterungslehre,
Abschnitt »Selbstprüfung«,
und Briefwechsel zwischen
Goethe und Zelter, V, 381.
4)
Briefwechsel
zwischen Goethe
und Staatsrat Schultz, S. 385.
23 GOETHE
fast
allen Biographen Goethe's
geflissentlich
unbeachtet gelassenes Verhältnis. ¹) Uns interessiert hier
dieser
historische
Zusammenhang nur nebenbei, und auf eine Polemik betreffs der
üblichen
Ausbeutung Goethe's zu Gunsten Spinoza's wollen wir keine Minute
vergeuden. ²) Wenden wir uns lieber gleich zu der lebendigen
Persönlichkeit.
GOETHE'S AUGE
Ich zitierte
vorhin das biblische
Wort: »Gott hat euch Augen gegeben, auf dass ihr
sähet«. Wenn
nun je ein Mann Augen »zum Sehen« besessen hat, so war es
Goethe.
Wie das Herz das lebende Zentrum unseres Körpers ist, woher alles
Blut entströmt und wohin alles Blut wieder zurückfliesst, so
ist das Auge der Mittelpunkt von Goethe's geistigem Leben. »Das
Auge war
vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt fasste«, sagt er
selber in Dichtung und Wahrheit
(6. Buch). Beinahe alle entscheidenden
Eindrücke seines Lebens nimmt er durch das Auge auf; um Schiller
zu
lieben, muss er ihn sehen. Sein Auge ist ein ewig unersättliches
Organ,
und was es gesehen hat, das hält der Organismus fest und wandelt
es
um zu Fleisch und Blut und Knochen. »Ich bin nun einmal einer der
Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und
Anstaunen
und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in
Nachbildung
ihrer geheimnissvollen Gestalten zugebracht hat,« spricht Goethe
als Dreiundsechzigjähriger. ³) Hierin liegt ja das Geheimnis
jenes
wunderbaren Phänomens, dass Goethe nie aufhört zu wachsen,
dass
er auch als Greis mit jedem Frühling — wie eine ehrwürdige
Eiche — Blätter treibt, so
frisch und
grün und jung wie ein heuriger Schössling. Er hört eben
nie auf, sich zu nähren. Das Auge ist es, das den Zusammenhang
zwischen
dem Individuum und der Natur herstellt, in zweiter Reihe dann die
anderen
Sinne; wogegen der Intellekt, ob als einfaches Ganglion in das erste
Segment
des
—————
¹) In
seinem Buche: Goethe in
der Epoche seiner Vollendung (1887), macht Otto Harnack eine
rühmliche
Ausnahme. In Vaihinger's Kantstudien,
Band I und II (1897, 1898) findet
man eine ausserordentlich fleissige, archivarisch genaue
Zusammenstellung
von Vorländer, unter dem Titel: Goethe's
Verhältnis zu Kant in
seiner historischen Entwicklung. Ich empfehle besonders den
Anhang (II,
221 f.) zur Beachtung, wo durch die genaue Angabe aller von Goethe in
seinen
Handexemplaren angestrichenen Stellen gezeigt wird, wie genau und
häufig
er sie studiert haben muss. Er hat sogar manchen Druckfehler
eigenhändig
verbessert!
²) Dass er
Spinoza kein einziges
Mal auch nur ernstlich studiert habe, gesteht Goethe in aller
Naivetät
in seinem Bf. an Jacobi vom
9. 6. 1785. In Wirklichkeit hat Spinoza nur
Bruno und mit ihm den altarischen Pantheismus (wenn auch in
verzerrter
Gestalt) Goethe vermittelt.
³) Brief an Jacobi vom
10. Mai
1812.
24 GOETHE
Erdwurmes
oder als gewaltig
angewachsene
Hirnmasse in unseren harten Hirnschädel eingeschlossen, immer in
verborgenen,
unzugänglichen Tiefen ruht, geschieden von der Welt, ein geborener
Egotist. Das Auge ist die Brücke. Freilich, was sollte das Auge,
die
Brücke, wenn nicht da drinnen im dunklen Burgsaal ein König
auf
Gäste wartete, ein zaubermächtiger König, der alles nach
seinem Willen umformt, der die unübersehbare Mannigfaltigkeit der
Natur nach menschlichem Masse übersichtlich ordnet und zugleich
aus
der Welt des Gesetzes und der Unempfindlichkeit die Welt der Freiheit
und des Gemütes gestaltet? Doch muss es offenbar einen grossen
Unterschied
machen, ob ein Individuum das Schwergewicht seines Tuns nach innen oder
nach aussen legt, ob es sich mit möglichst wenigen Eindrücken
von aussen begnügt und seine Freude darin findet, diese zu
bearbeiten,
oder ob es Tag und Nacht auf der hohen Warte steht, um sich durch Neues
und immer wieder Neues zu bereichern. Auf Goethe sind nun im vollsten
Masse
die Worte seines eigenen Türmers Lynceus anwendbar:
»zum Sehen geboren, zum Schauen
bestellt«. Und zwar wird mit diesen Worten zweierlei ausgesagt:
seine
Augen
waren in begnadetem Masse zum Sehen »geboren«‚ sie waren
aber
ausserdem
von jungauf systematisch und streng zum Schauen »bestellt«.
Goethe's geistiger Entwickelungsgang könnte als eine bewusste,
gewollte
Ausbildung des Sehvermögens bezeichnet werden. Dieser Willensgang
läuft aber parallel mit dem Naturgesetz der aufeinanderfolgenden
Lebensalter.
In der Jugend wiegt der künstlerische Seelenblick vor: »die
Welt um mich her und der Himmel ruhen ganz in meiner Seele, wie die
Gestalt
einer Geliebten«; ¹) später drängt sich mehr und
mehr
die
Anschauungsart des alternden Mannes hervor, der, unablässig
beobachtend,
forschend, vergleichend, die Natur in ihrem Sein und Werden zu
begreifen
sucht; als er seinem sechzigsten Jahre naht, gesteht Goethe: »Ich
musste mich, zwar anfangs nicht ohne Schmerzen, zuletzt doch
glücklich
preisen, dass, indem jener (künstlerische) Sinn mich nach und nach
zu verlassen drohte, dieser (naturforschende) sich im Aug' und Geist
desto
kräftiger entwickelte«. ²) Und während so der
Blick des
Türmers
sich mit instinktiver Weisheit den wechselnden Lebensaltern anpasste,
gestaltete
der im Verborgenen wirkende zaubermächtige
—————
¹) Werthers Leiden,
Bf. vom 10. Mai des ersten Jahres.
²) Annalen,
1805, Schluss.
25 GOETHE
König
in harmonischer
Übereinstimmung
aus den neuen Eindrücken neue Anschauungen. So sehen wir z. B. die
Religion
Goethe's von der schwärmerischen Mystik seiner Jugend, wo er der
katholischen Religion nur den einen Vorwurf zu machen wusste, dass sie
nicht genug Sakramente besitze,
sich bis
zu der herben Erhabenheit seiner Religion der vier Ehrfurchten mit
ihrem
mythisch-symbolischen, einfachen Naturkultus erheben. Hier spiegelt
sich
im innersten Gemüte genau das wieder, was das Auge erblickt hat.
Es hiesse wahrlich
Eulen nach
Athen tragen, wollte ich deutschen Zuhörern das Vorwalten des
Auges
in Goethe's Leben durch Beispiele und Nachweise vordemonstrieren. Seine
Dichtungen bedürfen in dieser Beziehung keines Kommentars, seine
wissenschaftlichen
Entdeckungen — der Zwischenknochen des Unterkiefers, das Gesetz der
antagonistischen
Farben usw. — sind aus der tatsächlichen Kraft des Sehens
hervorgegangen,
seine Beiträge zur Naturlehre — die Metamorphose, die Optik —
sind
in Wahrheit keine wissenschaftlichen Theorien, sondern antitheoretische
Darstellungen des »erschauten« Tatbestandes. Sehen, sehen,
sehen! war das Gesetz eines jeden seiner Tage. Goethe sees at every
pore,
meint Emerson. Seine Pflichten und Arbeiten waren ungemein
mannigfaltig
— vom Bergbauinspektor und Rechnungsrevisor und Philologen bis zum
Theaterdirektor
und Zeitungsherausgeber und physikalischen Experimentator, war er so
ziemlich
alles, was man sein kann — und im Drang der Geschäfte pflegte
dieses
und jenes auf lange aus seinem Gesichtskreis zu verschwinden, selbst
das
Dichten ward oft vernachlässigt; Einem aber blieb Goethe fast
jeden
einzelnen Tag seines langen, reichen Lebens treu, der
Beschäftigung
mit bildender Kunst. Mochte er auch den Schatz des mit Augen Geschauten
— von der Beobachtung der Erdkruste und des aus tiefeingesenkten
Schachten
an den Tag Geförderten bis zur Beobachtung der Wolkengestalten und
der Farbenspiele zwischen Licht und Schatten — mochte er diesen Schatz
durch Studien in anatomischen Museen, durch mikroskopische und
teleskopische
Arbeiten, durch optische Versuche und was sonst noch alles bereichern,
es gab doch kaum einen Tag in Goethe's Leben, wo er sich nicht
ausserdem
planmässig mit Handzeichnungen, Kupferstichen, Gemälden,
Medaillen,
mit Plänen und Aufrissen von architektonisch bedeutenden
Gebäuden,
oder aber mit eigenem Zeichnen und Malen, oder — wenn er auf Reisen war
— mit dem Besuch von Monu-
26 GOETHE
menten,
Galerien, Sammlungen usw.
beschäftigt
hätte. Es war dies die Leidenschaft seiner frühesten Jugend,
und in der Todesagonie sprach er von Handzeichnungen, die er zu
durchblättern
glaubte. Das Auge ward also bei ihm nicht bloss passiv, sondern auch
aktiv,
d. h. schöpferisch, unaufhörlich geübt. Und welche
Bedeutung
dies für die Beurteilung des grossen Denkers Goethe besitzt,
können
Sie aus Worten entnehmen, die er schon in seinem zwanzigsten Jahre
schrieb:
»Wie gewiss, wie leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast
unbegreifliche
Satz geworden, dass die Werkstatt des grossen Künstlers
mehr d e n
k e i m e n d e n
P h i l o s o p h e n, den keimenden Dichter entwickelt, als der
Hörsaal
des
Weltweisen und des Kritikers« (Br.
9. 11. 68). Also, durch Kunst
zur Weltweisheit, war Goethe's Devise, und Philosoph und Dichter gingen
bei ihm Hand in Hand; sie waren nicht Gegensätze, sondern zwei
sich
ergänzende Seiten seines Wesens.
Das ist für uns hier das
Wichtige, denn hier liegt der Kernpunkt des Kontrastes mit Kant. Und
durch
die richtige Erfassung des Kernpunktes erfassen wir zugleich manches
andere
Kontrastierende in dem geistigen Bilde der beiden Männer. So ist
z.
B. jener stetige lebendige Fluss der Entwickelung, auf den ich vorhin
hinwies,
ein notwendiges Ergebnis des Vorwaltens des Auges. Das Auge kann nur
das
Gegenwärtige erfassen; wer sich ihm viel hingibt, wird immer mit
Leidenschaft
dem gegenwärtigen Eindruck angehören, diesem Eindruck, der
einesteils
durch den Gegenstand, andernteils durch die wechselnde Beschaffenheit
des
Auges bedingt ist. Kant — wie
Sie gleich erfahren werden — wehrt
sich misstrauisch gegen derlei Einflüsse, er schliesst das Auge;
Goethe
dagegen huldigt dem »fast unbegreiflichen Satz«‚ dass der
Philosoph,
wie der Grashalm, nur im Sonnenstrahl des offenen Auges aufkeimen
könne.
Das bekannteste,
populärste
Beispiel dieses durch die Macht des Eindrucks bedingten Schwankens ist
Goethe's Verhältnis zur Gotik. Von Jugend auf in dem Glauben
erzogen,
die Gotik sei ein Synonym für alles Geschmacklose, graut dem
Jüngling
bei dem Gedanken an das Strassburger Münster, »vor'm Anblick
eines
missgeformten, krausborstigen Ungeheuers«. ¹) Nun kommt er
hin und
—————
¹) Kant
schreibt in seinen
Beobachtungen
über das Gefühl des Schönen und Erhabenen:
»Die Barbaren führten
einen gewissen verkehrten Geschmack ein, den man den gotischen nennt
und
der auf Fratzen hinauslief.« Dieses Vorurteil war damals so
verbreitet,
dass es des tiefen, genialen Blickes eines Herder bedurfte, um den
Nebel
zu durchdringen, und der Kühnheit des jugendlichen Goethe, um
27 GOETHE
steht
davor, und findet »das
Werk
so hoch erhaben, dass er nur beugen und anbeten muss«. Jeder
Deutsche
kennt jenen herrlichen ersten
»Druckbogen« Goethe's
Von deutscher Baukunst aus dem
Jahre 1772, in welchem er dem
Schöpfer
des Doms zuruft: »Deinem Unterricht dank' ich's, Genius, dass
mir's
nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, dass in meine Seele ein Tropfen
sich senkt der Wonneruhe des Geistes, der auf solch eine Schöpfung
herabschauen, und Gott gleich sprechen kann: Es ist gut!« Nun
aber
verliess Goethe Strassburg und hatte zufällig während vieler
Jahre keine Gelegenheit, bedeutende Werke gotischen Stiles zu sehen;
¹)
er selber berichtet: »Der Eindruck erlosch, und ich erinnerte
mich
kaum jenes Zustandes, wo mich ein solcher Anblick zum lebhaftesten
Enthusiasmus
angeregt hatte«. ²) Das Auge besitzt eben kein
Erinnerungsvermögen,
und wenn auch Goethe, wie jedem echten Genie, ein gewaltiges
Gedächtnis
eigen war, kein Eindruck vermag bei einem so excessiv künstlerisch
veranlagten Individuum gegen das Erlebnis der Gegenwart aufzukommen.
Und
so verleugnet er denn seinen früheren Glauben und will von der
»starken,
rauhen, deutschen Seele«, der sein erster Künstlerhymnus
gegolten
hatte, nichts mehr wissen, noch von den
»holzgeschnitztesten
Gestalten« des
»männlichen Albrecht
Dürer«,
die er früher geliebt; denn, wie ehedem die deutschen
Könige,
ist auch er über die Alpen gezogen, und fremde Schönheit hat
ihn umfangen. Von der Gotik schreibt er, als er erst zehn Tage in
Venedig
weilt und neue Kunsteindrücke ihn trunken machen: »Diese
bin ich
nun, Gott sei Dank, auf ewig los!« ³) Doch es sollte nicht
dabei
bleiben.
Goethe war schon einige sechzig Jahre alt, als die Bekanntschaft mit
den
Brüdern
Boisserée
die neuerliche
Beschäftigung
mit gotischer Baukunst herbeiführte. Und nicht mit Baukunst
allein,
auch mit altniederländischer und altdeutscher Malerei. Goethe
versenkt
sich in die Betrachtung van Eyck'scher und Cranach'scher Bilder und
schreibt
mit schöner Wärme über sie. 4)
Bei der Besprechung
Albrecht
—————
die Gotik erfolgreich in
Schutz
zu
nehmen.
Auch Herder nannte alles Gotische »Fratzen und
Altweibermärchen«,
ehe er auf seinen Reisen die Werke der Gotik kennen gelernt hatte
(vergl.
sein Reisejournal von 1769,
kurz vor dem Ende).
¹) Man
übersehe aber nicht
die herrliche Dritte Wallfahrt nach
Erwins Grabe im Juli 1775:
»Wie
viel Nebel sind von meinen Augen gefallen und doch bist du nicht aus
meinem
Herzen gewichen, alles belebende Liebe!« (Die Schrift findet sich
in der Reihe Aus Goethes
Brieftasche,
W. A., 37, 1. Abt., 311 ff.)
²) Von
deutscher Baukunst, 1823.
³) Italienische
Reise, 8. Okt. 1786.
4)
Altdeutsche Gemälde in Leipzig,
1814.
28 GOETHE
Dürer'scher
Zeichnungen
entschuldigt
er die Tatsache, dass sie »aus lauter Lobsprüchen
gewebt«
sei, mit der Bemerkung: eine solche »Veranlassung zum Lob«
würde »weder den Lesern noch ihm so bald wieder
begegnen«. ¹)
Noch einmal ergreift er den Wanderstab, nicht aber, um in der
Lagunenstadt
den »himmlischen Genius« Palladio's über alles
hochzupreisen,
sondern um das alte Feuer seiner für die deutsche Baukunst
begeisterten
Jugend durch den Anblick des Strassburger und des Kölner Doms neu
anzufachen. ²) Er fand sich — berichtet er — »in jenen
Zuständen
(früherer Jahre) wieder ganz einheimisch« und freute sich
herzlich
jenes jugendlichen »ersten Druckbogens«, in welchem er
»Unaussprechliches
auszusprechen« unternommen hatte. ³) Namentlich das
Interesse
für
das »beabsichtigte Weltwunder« des Kölner Doms hat ihn
nie mehr verlassen. Mit Hilfe von Kupfern, Plänen, Gemälden
baute
sich das lebendige Werk vor seinem Auge auf, und zu wiederholten Malen
warf er das ganze Gewicht seines Wortes ein zu Gunsten der Vollendung
eines
Gebäudes, das er jetzt beurteilte als »das tüchtigste,
grossartigste Werk, das vielleicht je mit folgerechtem Kunstverstand
auf
Erden gegründet worden«. 4)
Sollen wir nun in
dieser
Wandelbarkeit,
mit etlichen Kommentatoren, den Einfluss ästhetischer Theorien
erblicken?
Bewahre! Diese sind ja ein Abgeleitetes; zu Grunde liegt die
Übermacht
des gegenwärtigen Eindrucks auf einen mit höchster
Sinnenempfänglichkeit
des Auges ausgestatteten Mann. Und hiermit hängt denn eine ganze
Seite
des Goetheschen Intellektes zusammen, über die er selber bezeugt:
»Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine
Gesinnung
jederzeit die übrigen und stiess sie ab« (D. W. 15). Wie in
der Kunst, so auch in allen Dingen, denen Goethe seine Aufmerksamkeit
zuwendet,
werden wir — sobald
wir a l l e seine
Äusserungen
zusammenstellen — eine fast übermenschliche Gerechtigkeit finden,
die aus der Reinheit des Blickes herrührt; dagegen wird der
aufmerksame
Leser in fast jeder Äusserung Goethe's, einzeln genommen, selbst
in der
späteren Zeit, als Goethe schon längst ein Meister in der
Bändigung
und Verhüllung des innersten Lebens geworden war, den Ton der
leiden-
—————
¹) W. A. 1. Abt., 48,
249.
²) Kunstschätze
am Rhein,
Main und Neckar, 1814—15.
³) Von
deutscher Baukunst, 1823.
4)
Ansichten, Risse und einzelne
Teile des Doms zu Köln, (Besprechung) 1823 bis 1824.
29 GOETHE
schaftlichen
Bewunderung des einen und
Abstossung des andern durchzittern hören.
Sie sehen, wir haben
hier — in
Ermanglung von Ausführlichkeit — tief gegriffen, und das muss uns
in diesem Zusammenhang genügen. Höchstens möchte ich
noch,
um Missverständnisse abzuwehren, hinzufügen, dass, wenn ich
auch
nur von dem »Auge« spreche, ich doch die ganze Sinnlichkeit
mit
einbezogen wissen will. Namentlich wird die lächerliche Märe
von dem »unmusikalischen Goethe«, eine Erfindung
talentloser
Philologen, durch Hunderte der tiefsten Bemerkungen über das Wesen
der Musik in Goethe's Schriften widerlegt; sie wird widerlegt durch
seine
innige Freundschaft für Zelter und durch das lebendige Interesse,
das er, während dreissig Jahre, an dem musikalischen und
musikfördernden
Schaffen dieses Freundes nahm; sie wird widerlegt durch seinen Verkehr
mit Musikern zu allen Zeiten, vor allem aber durch die herrliche
Dichtung
über »den Götterwert der Töne« und durch das
Geständnis,
»die ungeheuere Gewalt der Musik .... falte ihn auseinander,
wie
man eine geballte Faust freundlich flach lässt«. ¹) Und
wenn
dieser Fürst
unter den Poeten, fünfzig Jahre vor Richard Wagner, dessen von der
ganzen Brut ästhetisierender Pygmäen verhöhnte Lehre
vorträgt:
»Die Tonkunst ist das wahre Element, woher alle Dichtungen
entspringen,
und wohin sie zurückkehren«, so enthebt uns schon diese eine
Äusserung der Notwendigkeit weiterer Ausführungen. ²)
Nur
eines
einzigen Ausspruches sei noch Erwähnung getan, weil er erst durch
die Weimarer Ausgabe bekannt geworden ist und darum noch nicht
verwertet
wurde; über Goethe's Wertschätzung der Musik entscheidet er
ein
für allemal: »Wäre die Sprache nicht unstreitig das
Höchste,
was wir haben, so würde ich Musik noch höher als Sprache und
als ganz zu oberst setzen«. ³)
KANT'S AUGE
Wenden wir uns nun zu Kant, zu
jenem Bruderweisen, der, wie
wir
gesehen haben, eine so starke
Anziehungskraft auf Goethe ausübte.
Einen grösseren
Kontrast
kann man sich kaum vorstellen.
Sollten Ihnen die chronistischen
Einzelheiten
nicht bekannt sein, so
werden
wenige Worte genügen,
um die Lücke auszufüllen. Kant's Leben bewegt sich in einer
schnurgeraden Linie, welche kein einziges Ereignis — weder ein
äusseres,
noch ein inneres — jemals
—————
¹) Siehe Brief an Zelter
vom 28.
8. 1823 und die Dichtung Aussöhnung
an die Pianistin Frau von
Szymanowska
in der Trilogie der Leidenschaft.
²) Annalen,
1805.
³) 2.
Abt., 11, 173 ff.
30 GOETHE
auch
nur auf Augenblicke aus der
einmal
eingeschlagenen Richtung ablenkte. Er ist in Königsberg geboren,
besucht
das dortige Gymnasium, erwählt als Student Mathematik und
Philosophie
zum Fachstudium, ¹) wird erst Hauslehrer, dann Magister, dann
Professor,
schreibt mit einundzwanzig Jahren sein erstes Werk, in welchem wir die
merkwürdigen Worte finden: »Ich habe mir die Bahn schon
vorgezeichnet,
die ich halten will; ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll
mich
hindern, ihn fortzusetzen«, ²) und wandelt dann richtig
diese
vorgezeichnete
Bahn während mehr als eines halben Jahrhunderts, ohne auch nur
einen
einzigen Tag zu verlieren, da er weder den Berufungen an andere
Universitäten
folgte, noch auch jemals Königsberg verliess, nicht einmal zur
kleinsten
Vergnügungsreise. So blieb er ungestört schaffend und — wie
wir in diesem Falle füglich sagen können — »sich
ausdenkend«,
bis seine geistigen Fähigkeiten erloschen waren.
Sie sehen also, dass
Kant's Leben
— sowohl das äusserliche des Menschen, wie das innerliche des
Denkers
— beispiellos einfach verläuft; man braucht sich nur die
Schicksale
eines Dernokrit, eines Sokrates, eines Abälard, eines Roger Bacon,
eines Giordano Bruno, eines Descartes, eines Leibniz zu
vergegenwärtigen,
um einzusehen, dass vielleicht nie ein Philosoph in diesem Masse und in
dieser Weise ganz und allein und ungestört dem Denken gelebt hat.
Schon aus dieser
flüchtigen
Betrachtung dürfen wir mit untrüglicher Sicherheit gewisse
Schlüsse
auf Kant's intellektuelle Persönlichkeit ziehen, die sich als
grundlegend
für ein lebendiges Auffassen seiner Philosophie erweisen werden.
Dieser
mit eiserner Beharrlichkeit einfach gestaltete, einfach erhaltene
Lebenslauf
deutet auf ein in grossen, einfachen Zügen gehaltenes
Gedankenleben;
es gebietet hier ein starker, schroffer, leidenschaftsloser — oder
vielmehr
ein die angeborene Leidenschaftlichkeit (für welche wir manche
Zeugnisse
besitzen) unerbittlich bekämpfender und in die gewollten
Kanäle
ableitender — Wille, und dieser gewollte starre Schematismus des Lebens
lässt uns mit Bestimmtheit erwarten, einer streng und nicht ohne
Willkür
schematisierten, nach einigen wenigen leitenden Grundsätzen
übersichtlich
gegliederten Denkart zu be-
—————
¹) Die
Behauptung, die man in
den
meisten Biographien findet. Kant habe zuerst Theologie studiert, beruht
auf Irrtum. Dagegen scheint er eine Zeitlang die Absicht gehegt zu
haben,
Medizin zu studieren. Alle Zeugnisse hierüber sind
zusammengetragen
in Benno Erdmann's Martin Knutzen
und seine Zeit, 1876, S. 133 ff.
²) Gedanken
von
der wahren
Schätzung
der lebendigen Kräfte, Vorrede, § 7.
31 GOETHE
gegnen.
Ausserdem zeugt dieser
Lebensgang
von einem abnormen Vorwalten des Denkbedürfnisses über das
Anschauungsbedürfnis. Und
in der Tat, Kant bildet in dieser
Beziehung den antipodischen Gegensatz zu Goethe.
Von Kant kann man
behaupten, er
hat seine Sinneswerkzeuge —
Auge
und Ohr — von jung auf gewaltsam
geschlossen. Trotz der vielen Veranlassungen dazu hat er sich nie von
Königsberg weiter entfernt als auf ein benachbartes Gut, wo er es
aber auch nur kurze Zeit aushielt, da jede Änderung der Umgebung
sein
Denken störte; nur im Hochsommer pflegte er manchmal ein paar Tage
in einem Forsthaus, eine Meile von Königsberg entfernt, zu
weilen,
wo er auch im Waldesrauschen seine so frischen, unterhaltenden
Beobachtungen
über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
verfasste; das
ist aber das Maximum, sowohl an landschaftlicher Gemütsstimmung,
wie an jenem so natürlichen allgemeinen Bedürfnis, durch
Wandern
mit dem Antlitz unserer guten Mutter Erde vertraut zu werden. Ein altes
deutsches Sprichwort sagt, das Wissen müsse »erwandert
werden«;
für
Kant galt das nicht. »Alle Veränderung macht mich bange ...
und
ich glaube auf diesen Instinkt meiner Natur achthaben zu
müssen«,
schreibt er an einen Freund (Br.
1,
214). Auch nach Städten, wo
das
verdichtete Leben Vieler so manches Neue in gesellschaftlicher,
kommerzieller,
wissenschaftlicher, künstlerischer Beziehung schafft, lockte es
ihn
nicht. Dass der Anblick eines Bauwerkes, die Betrachtung eines aus der
Hand des Genies hervorgegangenen Gemäldes oder plastischen
Gebildes,
die Erfahrung einer lebendig vorgeführten Tonschöpfung zu
jenen
Erlebnissen gehöre, die einem blitzartig den höheren Sinn des
Daseins offenbaren, das Individuum loslösend aus jener engsten
aller
Schranken, der des Tages, uns in Tränen der Bewunderung hinwerfend
an den Busen längst vergangener Seelen, uns hinreissend zu Taten,
die wir im Augenblicke vollbringen zu können wähnen, und die
doch unsere Urenkel erst in Angriff zu nehmen befähigt
sind ...
von dem allen weiss Kant nichts, oder weiss er es, so verschliesst er
sich grundsätzlich dagegen. Das Lebensbedürfnis, zu
hören
und zu sehen, das Sehnen eines nach edlem Sinnengenuss hungernden
Gemütes
ist ihm unbekannt. Die Lektüre einiger lateinischer und deutscher
Dichter, deren Verse er in grosser Zahl seinem Gedächtnis
einprägt,
genügt seinem bescheidenen Bedürfnis nach
künstlerischen
Eindrücken. Seine
32 GOETHE
Wohnung
ist gänzlich schmucklos,
kein ästhetisches Bedürfnis irgendwelcher Art ist ihm bekannt
— ausser dem des gut und elegant Gekleidetseins, was aber gewiss in
erster
Reihe aus der Rücksicht gegen Andere abzuleiten ist; von Bildern
behauptet
er, man hänge sie nur aus Eitelkeit auf: seine Wände
müssen
kahl bleiben. Dieses Nichtsehenwollen geht aber noch weiter. Er — der
für
Naturwissenschaft Begeisterte — hat die Gelegenheit, Kurator eines
Naturalienkabinetts
zu werden, und zwar in einem Augenblick, wo ihm jeder Erwerb
erwünscht
sein muss; man weiss, welchen bedeutenden Teil seiner Lebenskräfte
Goethe der Anlage oder dem Ausbau aller möglichen Sammlungen
gewidmet
hat; Kant gibt die Stelle nach kurzem auf, für ihn ist es eine
zwecklose
Beschäftigung, und er lebt lieber in der äussersten
Dürftigkeit
dem inneren Denken, als dass er sich an dem Anschauen vieler
Gegenstände
anstrenge und zerstreue. Ebenso treibt er sein Leben lang Physik, aber
nur mathematische, niemals experimentale, und interessiert sich
leidenschaftlich
für Chemie, doch ohne je ein Reagensglas oder eine Retorte
erblickt
zu haben.
Wenn das nun alles
die Anlagen
eines gewöhnlichen Menschen wären, so würden sie keine
Aufmerksamkeit
verdienen; von stumpfsinnigen, gemütlosen Menschen sind wir
umringt,
und Gelehrte, deren Augennerven lediglich auf Drucktypen reagieren und
ausserhalb beschwärzter Papierflächen niemals im Leben
etwas g e s e h e n haben, sind keine Seltenheit.
Interessant wird die Sache erst
dadurch,
dass Kant von Hause aus ungewöhnlich scharfe Sinneswerkzeuge und
eine
in ihrer Art an das Fabelhafte streifende Anschauungskraft besass,
verbunden
mit einer ebenso staunenswerten Vorstellungsgabe. Kant's Auge war
gross,
schön und klar; die Zeitgenossen können sich in der
Schilderung
seines Zaubers nicht genugtun; bis zuletzt las Kant mühelos den
kleinsten
Druck. Sein Gehör war so ausserordentlich scharf, dass selbst
entfernte
Geräusche ihn störten. Über seinen Geruchssinn bezeugt
ein
Arzt ähnliches. Und wie die Sinne, so waren auch die Vorstellungen
von geradezu unvergleichlicher Plastizität und Genauigkeit. Der
interessanteste
unter den zeitgenössischen Biographen des Königsberger
Denkers,
Jachmann, legt hierauf grosses Gewicht und belegt es mit einer Anzahl
schlagender
Beispiele. So z. B. führte in einer Gesellschaft die Anwesenheit
eines
Londoners zur Erwähnung der Westminsterbrücke, worauf Kant
der mangelhaften Beobachtungs- und Schil-
33 GOETHE
derungsgabe
des Engländers durch eine
so genaue Beschreibung dieser Brücke nachhalf, deren Dimensionen
und
Bauart
ihm völlig gegenwärtig
waren, dass man ihn für einen
Londoner und für einen Architekten hielt! ¹) Ähnliches
hören
wir über seine genaue Kenntnis Italiens. Die Goethesche Sehnsucht
in das Land, wo die Citronen blühen, blieb Kant fremd, doch
wollten
Kenner sich kaum überzeugen lassen, er habe nicht jahrelang dort
gelebt,
so genau waren ihm in allen Einzelheiten das Land und seine Städte
bekannt. ²) Wir besitzen noch manche Zeugnisse der selben Art.
Auch was
Wasianski uns über Kant's politischen Scharfblick mitteilt, deutet
auf eine seltene Anschauungskraft; weit schneller als Goethe hat Kant
den
Charakter und die Gaben der Hauptpersonen in dem grossen Drama am
Schluss
des achtzehnten Jahrhunderts durchschaut, so dass, wie Wasianski
berichtet,
»man eine mit den Geheimnissen der Kabinette bekannte
diplomatische
Person
reden zu hören glaubte«. Noch mehr Erstaunen — weil ihre
Richtigkeit
schneller erwiesen wurde — erregten Kant's
militärisch-strategische
Voraussagen, die Revolutionskriege betreffend; damals standen seine
geistigen
Kräfte schon stark in Abnahme, sogar manche Wörter begannen
ihm zu fehlen; doch die genaue plastische Vorstellung der
geographischen
Beschaffenheit der Länder Europas blieb in ihm lebendig. Das
Studium
der Geographie und der Menschenkunde hatte ja von jeher Kant's
Lieblingsbeschäftigung
gebildet. Seine Vorträge über diese Gegenstände waren so
fesselnd, dass sein Hörsaal die Menge der Zuhörer kaum fassen
konnte, da ausser den Studierenden viele Gelehrte und Weltmänner
sie
zu besuchen pflegten. Ein Zeitgenosse sagt: »In diesen
Vorträgen
war
Kant Allen alles und hat vielleicht durch sie den grössten Nutzen
für's gemeine Leben gestiftet«. Je älter er wurde, um
so
ausschliesslicher, berichtet Jachmann, »erholte er sich von
seinem philosophischen
Hochflug durch Lektüre über Gegenstände der Natur und
der
Sinnenwelt«. »Mathematik und Physik (Chemie nicht
ausgeschlossen)
... [waren] die Fächer, aus welchen Kant seine Bibliothek
vorzüglich
hat versorgen wollen«, bezeugt ein Kollege; ein andrer sagt:
»Er
las ungemein viel, besonders physikalische, historische und
anthropologische
Schriften, am meisten Reisebeschrei-
—————
¹) Die
Westminsterbrücke
war
im Jahre 1750 vollendet worden und erregte durch ihre Grösse und
Schönheit
Aufsehen. Hundert Jahre später wurde sie abgetragen und durch
eine
neue ersetzt.
²) Vgl. Jachmann Immanuel Kant
geschildert in Briefen, 1804, dritter Brief.
34 GOETHE
bungen«;
ein dritter meldet:
»Er
las selten philosophische Schriften, selbst die nicht, welche
für
oder wider ihn geschrieben waren«. ¹) Kant war nämlich
— und
dies
kann für manchen von uns ein Trost sein — immer unfähiger
geworden,
nachdem er seine eigene leuchtende Weltanschauung völlig
ausgearbeitet
hatte, sich in die Gedankenwelt der Schulphilosophen hineinzufinden;
höchstens
konnte er sich einmal zu der energischen Abwehr von Fichte's
Wissenschaftslehre
aufraffen, und auch dann nur, weil sie sich auf ihn zu stützen
vorgab,
nicht weil die Sache an und für sich ihm Interesse abgewonnen
hätte;
sonst aber bildeten Naturwissenschaft und geographische Entdeckung
seine
Lieblingsbeschäftigung, und Jachmann versichert: »Es ist
gewiss
keine Reisebeschreibung vorhanden, welche Kant nicht gelesen und in
sein
Gedächtnis aufgefasst haben sollte«. Für Kant's feine,
mathematisch
richtige Auffassung des Nationalcharakters der verschiedenen
Völker
Europas brauche ich nur auf den vierten Abschnitt der Beobachtungen
über
das Gefühl des Schönen und Erhabenen zu verweisen; ich
glaube
nicht, dass z. B. der Franzose jemals so scharf und so genau zutreffend
analysiert worden ist wie dort, von diesem Manne, der vielleicht nie
in seinem Leben einen Franzosen gesehen hat. Das alles ist
Anschauungskraft.
Das alles — und ich lasse manche der schlagendsten Beispiele weg, um
Sie
nicht zu ermüden — das alles zeigt uns einen Mann, der nicht
seine
Tage damit zubringt, über abgezogene Begriffe zu grübeln,
sondern
der in seinem Kopfe eine reiche Welt trägt, die er in ihrer
faktischen
Gestaltung erblickt, trotzdem er sie mit Augen nie gesehen hat, einen
Mann,
der jedes Land mit den ihm eigentümlichen tierischen und
menschlichen
Einwohnern bevölkert und der die Städte aufbaut, als ob er
bei
ihrer Errichtung anwesend gewesen wäre. Und wenn uns nun ein
Naturforscher
wie Karl Gottfried Hagen, der Verfasser der Grundsätze der Chemie,
von seinem sprachlosen Erstaunen erzählt, als er Kant völlig
bewandert in allen Einzelheiten der Experimentalchemie fand, trotzdem
er in seinem Leben kein Experiment gesehen hatte, so müssen wir
gestehen:
Kant besass eine unerhörte Vorstellungskraft, von genauester
Auffassungsfähigkeit
und unverwüstlicher Treue. Denn Chemie ist eine Wissenschaft, die
auf Anschauung beruht, der kein mathematisches Skelett eignet (wie der
Physik), und die darum ohne praktische Betätigung im
—————
¹)
Reicke: Kantiana, S. 149, 115.
35 GOETHE
Laboratorium
dem Gedächtnis
keinerlei
Anhaltspunkte zu bieten scheint.
KRITISCHER VERGLEICH
Was unterscheidet nun diese
merkwürdige
Vorstellungskraft Kant's von
der
Goethe's?
Kant's
Anschauungsvermögen ist
gleichsam die Umkehrung von dem Goethe's. Er sieht nicht, was er
erblickt,
sondern das, was beschrieben wird. Für den allgemeinen Eindruck,
wie
das Auge ihn vermittelt, für das Intuitive, wie man es nennt, ist
er fast unempfänglich; dagegen, wenn er aus den Teilen ein
Ganzes
Zug für Zug e n t s t e h e n sehen kann, dann
schaut er es mit inneren
Augen
und hält es fest, und er ist imstande, es jeden Augenblick — wie
die
Westminsterbrücke, wie eine chemische Verbindung, wie den
Charakter
des Franzosen — auseinanderzunehmen oder zusammenzustellen. Und zwar
reicht diese Eigentümlichkeit des Geistes, welche Sie hier
gleichsam
auf der Oberfläche am Werke sehen, bis in die tiefsten Tiefen des
philosophischen Denkens. So schreibt Kant z. B. in einer
scharfsinnigen
metaphysischen Erörterung: »wir können nur das
verstehen,
was wir selbst m a c h e n können«, und
des weiteren: »die
Zusammensetzung können wir nicht als gegeben wahrnehmen,
sondern
wir müssen sie selbst machen: wir müssen z u s a
m m e n s e t z e n, wenn
wir etwas als z u s a m m e n g e s e t z t
vorstellen sollen (selbst den Raum und
die
Zeit)« (Br. 2, 496). Nun
werden aber, nach Kant, »alle
Erscheinungen
als Aggregate (Mengen vorher gegebener Teile) angeschaut«, und
das
heisst,
als eine Zusammensetzung (r. V.
204);
folglich ist für ihn
jegliche
Anschauung ein »Machen«, ein »Zusammensetzen.
Natürlich hat
ein Mann wie
Kant Gemüt genug, um grossen, allgemeinen, unanalysierbaren
Eindrücken
zugänglich zu sein, doch merkt man, dass ihm nicht recht wohl
dabei
ist; so sagt er z. B. von dem Anblick des gestirnten Himmels: »er
gibt
unausgewickelte Begriffe, die sich wohl empfinden, aber nicht
beschreiben
lassen« (H.
Beschluss). Wie Sie sehen,
selbst
in diesem Falle — und wenn er auch zugeben muss, die Begriffe seien
»unausgewickelt« — um B e g r i f f e
handelt es sich für ihn doch, und zwar um eine
Mehrzahl;
denn er braucht Teile, um ein Ganzes daraus zu machen. Das ist der
genaue
Gegensatz zu der Forderung, die Goethe in seinem ersten Gespräch
mit Schiller aufstellt: »man solle die Natur aus dem Ganzen in
die
Teile strebend darstellen«. ¹) Hier steht
—————
¹) Glückliches Ereignis.
36 GOETHE
Anschauungsart
neben Anschauungsart.
Doch erst im Verlaufe der weiteren Vorträge wird es uns gelingen,
das, was in dieser Beziehung Mensch von Mensch scheidet, bis zu seinen
Wurzeln zu verfolgen. Bleiben wir einstweilen bei dieser ersten
schlichten
Erkenntnis und sagen wir einfach: Kant ist gar nicht Künstler,
sein
äusseres Auge ist nicht rezeptiv und d a h e r
auch nicht
schöpferisch.
Von ihm dürfte man nicht behaupten, der Sehnerv dringe von der
Netzhaut
ins Gehirn ein, sondern vielmehr, das Gehirn setze sich fort bis in die
Netzhaut; denn das Sehen ist bei ihm eine echt analytische
Gehirnfunktion.
Während Goethe von sich melden darf: »der
Gesichtssinn ist derjenige,
durch welchen ich die Aussenwelt am vorzüglichsten
ergreife«, ¹)
müsste Kant gestehen: ich sehe nur, was ich denke. Deshalb strengt
ihn das Sehen auch so an und sieht er die Dinge lieber und besser —
namentlich
auch schärfer — bei
geschlossenen Augen. Grosse
analytische
Schärfe bei beschränkter Phantasie ergibt sich aus dieser
psychischen
Disposition mit Notwendigkeit; denn die Phantasie quillt nicht aus
unserem
eigenen menschlichen Innern, sondern den Stoff zu ihr schöpfen wir
aus der Welt wie aus einem Brunnen. Das grundlegende Organ aller
schöpferischen
Künstler ist das Auge, das Auge, welches weder von
unausgewickelten,
noch von ausgewickelten Begriffen etwas weiss, sondern als weibliches
Prinzip
das zeugende männliche Element des sinnlichen Eindrucks fraglos
liebend
in sich aufnimmt; die analysierende und von neuem kombinierende
Gedankengewalt
kommt erst in zweiter Reihe. Und so sehen wir denn einen extrem
künstlerischen
Geist, wie Goethe, ganz anders als Kant vorgehen, sobald er sich
philosophische
Rechenschaft über die Welt geben will. Diesen Gegensatz spricht
Goethe
mit aller Schärfe aus, indem er gesteht: »mit den Dingen
nebeneinander
wusste ich nichts anzufangen«. Er vermag es eben nicht, wie Kant,
sie
durch Aneinanderfügen zu einem Ganzen zu gestalten, sondern er
muss
e r s t das Ganze sehen, um dann die Teile in ihrer Eigenschaft
als Teile
begreifen zu können. »Meine Art, die Gegenstände der
Natur anzusehen
und zu behandeln, schreitet von dem Ganzen zu dem Einzelnen, vom
Totaleindruck
zur Beobachtung der Teile fort,« bezeugt Goethe von sich. ²)
Und darum ist er gezwungen (durch seine Geistesanlage gezwungen), wenn
er die
—————
¹) Das Sehen in
subjektiver
Hinsicht.
²) Zur
Kenntnis der böhmischen Gebirge, Brief an Herrn
Leonhard.
37 GOETHE
Natur
verstehen will, als Seher und
Dichter
zu verfahren, und das heisst:
aus Anschauung schöpferisch.
Wir erblicken schon
jetzt mit
voller Deutlichkeit einen Kontrast zwischen den intellektuellen Anlagen
dieser beiden Persönlichkeiten: die
eine (Goethe) lebt mit ewig offenem
Auge und gelangt nur durch das Anschauen an das Denken, die andere
(Kant)
lebt mit verschlossenen Augen und nur auf dem Wege des Denkens gewinnt
sie anschauliche Vorstellungen. Jedoch, ich muss Sie bitten, einer
derartigen
Formulierung kein allzu grosses Gewicht beizulegen; sie bezweckt weiter
nichts, als unsern augenblicklichen Standpunkt genau zu bestimmen. So
erscheint uns zunächst das Verhältnis; so stellt sich das
Bild
dar, wenn wir es zum ersten Male — etwa wie ein fernes Gebirge am
Horizont
— erblicken. Jetzt müssen wir aber näher treten; wir wollen
ungelehrt,
nicht aber oberflächlich sein; darum dürfen wir über das
Wechselverhältnis zwischen Anschauen und Denken nicht hinwegeilen.
Soll uns Goethe's intellektuelle Persönlichkeit dienen, um die
Kant's
kennen zu lernen, so muss sie selber uns bekannt sein. Wer aber kennt
Goethe,
den Naturbetrachter? Bis heute
nur sehr
Wenige.
Vielleicht wird
gerade Kant, der
unvergleichliche Analytiker des Menschengeistes, uns einen Wink geben,
der uns den richtigen Weg weist. Gegen Schluss der Einleitung in seine
Kritik der reinen Vernunft
lesen wir: »Es gibt zwei Stämme
der menschlichen Erkenntnis, die vielleicht aus einer
gemeinschaftlichen,
aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich S i n
n l i c h k e i t und
V e r s t a n d, durch deren ersteren uns
Gegenstände g e g e b e n, durch den
zweiten aber g e d a c h t werden«.
Dieses Wort verdient unsere
dauernde
Aufmerksamkeit; es bildet gleichsam ein erstes Beschreiten
metaphysischen
Denkens. Doch hiesse es sehr oberflächlich urteilen, wollten wir
kurzweg
behaupten, bei Goethe sei der eine der beiden Stämme,
Sinnlichkeit,
mehr entwickelt, der andere weniger, und bei Kant verhalte es sich
umgekehrt.
Gerade in Goethe's Naturbetrachten ist der Verstand ungewöhnlich
entwickelt;
wie kaum ein Zweiter hat er die Naturkunde mit Ideen, im Gegensatz zu
Entdeckungen, bereichert. Das Verhältnis zwischen den beiden
»Stämmen«
ist in Wirklichkeit ein sehr verwickeltes. Sowohl zum Anschauen wie zum
Denken gehört eben beides: Sinnlichkeit u n d
Verstand; und das
Mass,
in welchem bei einem Individuum beide beteiligt sind, einerseits im
Anschauen,
andrerseits in
38 GOETHE
der
gedankenhaften Bearbeitung des
Angeschauten,
ist ein Hauptgrund des Unterschiedes zwischen der intellektuellen
Beschaffenheit
verschiedener Persönlichkeiten. Doch was hiermit gesagt sein soll,
kann nur durch ein konkretes Beispiel deutlich gemacht werden. Darum
müssen
Sie mir gestatten, hier einen Exkurs über Goethe's
Metamorphosenlehre
einzuschalten. Auf diesem Wege werden wir bis ins Innerste jener
geistigen
Anlagen dringen, um die wir bisher nur von aussen herumstreiften.
Die
unmittelbare Beziehung auf Kant, die Sie jetzt schon ahnen, wird sich
dann
plötzlich Ihren Augen enthüllen.
*
* *
ERFAHRUNG UND IDEE
Alle Welt kennt Goethe's
Erzählung
von seiner ersten Begegnung mit Schiller. Goethe — damals noch in
völliger
Naivetät sein Verfahren
unbewusst
anwendend
— trägt Schiller seine Lehre von der Metamorphose der Pflanzen
vor
und lässt mit einigen Bleistiftstrichen eine
»Urpflanze«
vor seinen
Augen entstehen. Schiller hört aufmerksam zu, schüttelt aber
dann den Kopf und spricht:
»Das ist keine Erfahrung,
das ist eine Idee!« Worauf Goethe gereizt erwidert: Das kann mir
sehr
lieb
sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen
sehe«.
Mit den Augen Gesehenes: das ist ja gerade der Sinn des griechischen
Wortes
»Idee«. Plato's Ideen entspringen einem so intensiven
Bedürfnis
nach Anschauung, dass ihm gegenüber jeder vereinzelte Gegenstand
einem
blossen Schatten gleicht. Es ist recht gut möglich, eine Idee zu
besitzen,
ohne sich dessen in diskursiver Weise bewusst zu sein; wir werden in
einem
späteren Vortrag sehen, dass es uns Allen immerfort so ergeht. Was
wir aber hier vor allem zu beachten haben, ist die Unfähigkeit des
Anschauungsgenies — solange der analytisch Denkende ihn nicht
aufgeklärt
hat — zwischen seinen Ideen und seinen Erfahrungen zu unterscheiden.
Für
Goethe war bis zu jener Begegnung mit Schiller die Umbildung einer
Blattgestalt
in die andere oder die Umwandlung von Wirbelknochen in einen
Schädel
etwas ebenso konkret »Geschautes« und daher
»Erfahrenes«
gewesen
wie die einzelnen Pflanzen und die einzelnen Knochen, die er studiert
hatte.
Hier halten wir
endlich jenen
schon mehrfach genannten Gegensatz in derjenigen Gestalt, die dem Zweck
unserer Untersuchung am genauesten entspricht, nämlich in der
Gegenüberstellung
von Er-
39 GOETHE
fahrung
und Idee. Das offene wie
das
geschlossene Auge war lediglich das physische Symptom einer geistigen
Anlage;
die Gegenüberstellung von Sinnlichkeit und Verstand hätte zu
einer
rein metaphysischen Erörterung des Menschengeistes im allgemeinen
geführt; eine Unterscheidung zwischen Anschauen und Denken bleibt
theoretisch, solange nicht die praktische Unterscheidung zwischen Idee
und Erfahrung vorangegangen ist. ¹) Hier also wollen wir den
Bohrer
ansetzen.
Wir sind umsomehr dazu veranlasst, als diese Frage der Beziehungen
zwischen
Idee und Erfahrung — wie sie so treffend knappen Ausdruck in jener
Unterhaltung
zwischen Schiller und Goethe fand — immer wiederkehrt, sobald man
über
das Schauen spricht, und uns darum in diesen Vorträgen viel
beschäftigen
wird, wo die verschiedene Art, in welcher verschiedene
Persönlichkeiten
die Welt anschauen, das Hauptinteresse beansprucht. Denn dieses
Verhältnis
zwischen Idee und Erfahrung bildet eine Achse, um welche unsere
Auffassung
dessen, was »Anschauen« überhaupt bedeutet, sich
dreht. Der
grosse
Goethe selbst hat von 1794 an unablässig über dieses Problem
nachgesonnen. Klar erkannte er, es sei »gleich schädlich,
ausschliesslich
der Erfahrung als unbedingt der Idee zu gehorchen«; ²) doch
damit war
nur
methodisch, nicht grundsätzlich etwas gewonnen. Unverdrossen
drehte
er die Frage um und um, in der Hoffnung, des Rätsels Lösung
einmal
zu finden. Er sah ein, dass dem Gegensatz zwischen Erfahrung und Idee
derjenige
zwischen Sinnlichkeit und Verstand, zwischen Anschauen und Denken,
zwischen
Analyse und Synthese, ja in einem gewissen Sinne sogar zwischen Physik
und Metaphysik, zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Erscheinung und
Ding
analogisch entspricht. Überall lehrt die Überlegung, dass ein
jeder dieser beiden Gegensätze im andern wurzelt; überall
zeigt
die Praxis, dass der eine den andern aufzuheben geneigt ist. Wie die
negative und die positive Elektrizität setzen sie sich gegenseitig
voraus und stossen einander ab. Verfolgen Sie Goethe's Denken
über
die Natur — und das ist für unser aller Geistesbildung viel
wichtiger
als das sterile Wiederkäuen von Faust
und Tasso und ist eigentlich
jetzt erst, durch die vortreffliche zweite Abteilung der Weimarer
Ausgabe,
in befriedigender Weise möglich geworden — so werden Sie immer und
überall diese Frage auf-
—————
¹) Über Anschauen und
Denken
handelt ausführlich der zweite Vortrag, über Sinnlichkeit und
Verstand
der dritte.
²)
Geschichte der botanischen
Studien,
Schlussabsatz.
40 GOETHE
tauchen
sehen. »Hier ist
es,«
schreibt er in der Farbenlehre,
»wo sich der Praktiker in der
Erfahrung,
der Denker in der Spekulation abmüdet und einen Kampf zu bestehen
aufgefordert ist, der durch keinen Frieden und durch keine Entscheidung
geschlossen werden kann«. ¹) Den Bestrebungen hochmütig
beschränkter
»Praktiker« entgegen, tritt Goethe immer wacker für
die
Rechte
des »Denkers«, d. h. für die Rechte des Verstandes,
der Idee,
der Synthese, ja auch der Metaphysik ein. Sollte letztere Behauptung
Sie
stutzig machen — da Sie in der fable convenue des
unphilosophischen,
ebenso wie in der des unmusikalischen Goethe erzogen sind — so kann ich
seine eigenen Worte anführen: »Hier aber werden wir vor
allen
Dingen bekennen und aussprechen, dass wir mit Bewusstsein uns in der
Region
befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander greifen,
also da, wo der ernste, treue Forscher am liebsten verweilt« (W.
A.,
2. Abt., 6, 348). Beachten Sie, bitte, dieses »am liebsten
verweilt«! Jedoch seine eigene Erfassung der Natur und des
Lebens wurzelt zu
offenbar in der Anschauung, er ist ein zu gegenständlicher
Denker,
und vor allem, das die Erscheinung vermittelnde Auge ist zu sehr das
vorwaltende
Organ in seiner Persönlichkeit, als dass er je geneigt sein
könnte,
der greifbaren Welt der Empirie auch nur auf einen Augenblick untreu
zu werden. Die bekannten Verse Wordsworth's
To the solid ground
Of Nature
trusts the mind which builds
for aye
sind wie auf Goethe gemünzt,
und
zwar mit dem charakteristisch einschränkenden Zusatz, dass es
für
Goethe solid ground nur dort
gibt, wo das A u g e etwas erblickt, wogegen
er Misstrauen und fast Widerwillen für alles empfindet, was uns
die
Physiker von einer unsichtbaren Natur erzählen. Als der
philosophische
Botaniker Link gewisse Ideen Goethe's über das Wachstum der
Pflanzen
durch die Heranziehung von Pendel- und Wellenbewegungen zu
bekräftigen
sucht, fühlt sich der Dichterforscher nicht etwa geschmeichelt,
sondern
ist entsetzt, entsetzt über diese »Anführung letzter,
bildloser,
sublimierter Abstraktion«; ²) und an Schiller schreibt er
über
das Ergebnis, zu welchem seine »Naturbetrachtungen«
führen:
»Es wird
—————
¹) Zur Farbenlehre,
didaktischer Teil § 181.
²) Wirkung
dieser Schrift etc. (im
Verfolg
der Pflanzenmetamorphose).
41 GOETHE
eigentlich
d i e W e l t d e s A u g e s ....
und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von
Darstellung«
(15. 11. 96).
Ich bitte Sie,
behalten Sie dieses
Wort (das Goethe selber unterstrichen hat) im Gedächtnis: die Welt
des Auges! Wie wichtig es ist, werden Sie erst in den folgenden
Vorträgen
nach und nach ganz begreifen lernen. Inzwischen sei nur das eine
gesagt:
die Welt des Auges ist es, deren Gesetz Goethe unbewusst dazu antreibt,
die ungezählten Einzelheiten der Erfahrung zu einigen wenigen
ideellen
Einheiten zu verbinden; wie die Blume der Sonne bedarf, so erblüht
diese Weltanschauung in dem Sonnenglanz leuchtender Ideen. Nun
entspringen
aber Ideen nicht der blossen empirischen Erfahrung, sondern der
Vernunft;
dass also die Wege Goethe's und Kant's, die hier auseinander zu gehen
scheinen,
doch wieder zusammenführen dürften, ahnen Sie vielleicht
schon
jetzt.
Wir wollen nun
vorderhand nicht
mehr unternehmen, als wir heute zu leisten hoffen können. Mein
erster Grundsatz in diesen Vorträgen ist, dass Sie gar nichts
Abstraktes
denken d ü r f e n — es ist Ihnen streng verboten. Ich
möchte Sie
überhaupt
bitten, jene bekannte Gebärde des gespannten Denkens zu
vermeiden.
Nichts ist dem Verständnis hinderlicher. Treffend sagt Goethe:
»Alles Denken nützt zum Denken nichts.« Was wir eigene
Gedanken
nennen,
ist ein Geschenk der Natur, und vollends für die Aufnahme fremder
Gedanken ist eine fast duldende,
offene Hingabe erforderlich. Ausserdem werde ich niemals mit Ihnen das
Gebiet des reinen Denkens betreten, wenn nicht vorher eine
vollkommen
anschauliche Vorstellung gewonnen ist, und das Material zu dieser
können
wir nur nach und nach zusammentragen.
DIE METAMORPHOSE
Knüpfen
wir wieder bei dem
Gespräch zwischen Schiller und Goethe an; ein besseres
Grundthema
kann es nicht geben.
Schiller
schüttelt den Kopf
und sagt: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.« Der
Einfachheit
halber habe ich ihm vorhin — wie
meistens geschieht — recht gegeben.
Er hatte aber, wenn auch nicht ganz unrecht, keineswegs ganz
recht.
So einfach liegt die Sache nicht. Vielmehr hatte Goethe guten Grund,
»verdriesslich
zu werden« und eigensinnig seinen Standpunkt zu wahren. Er und
Schiller
hatten nämlich — völlig unbewusst — die sehr vielfältige
Frage
der Metamorphose genau bei demjenigen Punkte angefasst, wo Idee und
Erfahrung
unmerklich ineinander übergehen, nämlich