| Here
under follows the transcription of the first chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.

GOETHE AS A
YOUNG
MAN
From an engraving
after
Georg Oswald May (1779).
INHALTSÜBERSICHT
|
9
ERSTER VORTRAG
GOETHE
(IDEE UND ERFAHRUNG)
MIT EINEM EXKURS
ÜBER
DIE METAMORPHOSENLEHRE
———
WO
OBJEKT
UND SUBJEKT SICH
BERÜHREN, DA IST
LEBEN.
GOETHE
10
(Leere Seite)
11 GOETHE
DIE PERSÖNLICHKEIT
VEREHRTE
FREUNDE! Die Weltanschauung
eines Mannes ist mit ihm geboren; sie ist das notwendige
Ergebnis seiner Art zu schauen. Freilich, die Grenzlinien der
besonderen Gestalt, in die er dieses Angeborene nach und nach zu immer
vollerer Körperlichkeit ausarbeitet und dadurch erst bewusst
besitzen
lernt, entstehen wie ein System von Diagonalen aus seinem ureigenen
Wesen
und den Einflüssen seiner Zeit und seiner Umgebung; doch zu Grunde
liegt die Person. Stirbt der Denker, ehe sein Anschauen die volle Reife
erlangt hat, oder verkümmert seine Eigenart unter dem Druck
äusserer
Not, so kann manchmal diese Tatsache verdeckt bleiben; die Entwickelung
des Menscheninnern ist wie die des Menschenäussern:
Förderungen
und Hemmnisse machen sich täglich geltend. Wobei noch folgendes
wohl
zu beachten ist. Wer sich darauf beschränkt, in dem Lebenswerk
eines
grossen Denkers die Lehrsätze und den systematischen Aufbau in
Arbeiten
aus verschiedenen Altersstufen mit einander zu vergleichen, oder wer
eine
Sammlung von Äusserungen und Urteilen über irgend eine
besondere
Frage aus allen Ecken und Enden des geistig überreichen
Gedankenlebens
eines Genies zusammen trägt, wird leicht ein Chaos von
Widersprüchen
zutage fördern, dazu gehört kein besonderer Scharfsinn;
hierdurch
wird nun der Eindruck des Zufälligen, des Unorganischen
hervorgerufen;
die Einheitlichkeit der Weltanschauung scheint aufgehoben. Wer dagegen
tiefer blickt, wird diese schwebenden, schwankenden Äusserungen
des
sinnenden Hirnes mit besonderer Aufmerksamkeit ins Auge fassen, weil
gerade
in ihnen der Kampf des Einzelnen für sein Eigenes gegen die ihn
allseitig
eng umgebende Welt des Überkommenen sichtbar wird und somit
nirgendswo
besser als hier das Besondere und Unterscheidende des Individuums
blossgelegt
werden kann. In hervorragendem Masse ist dies bei Kant der Fall, da
seinem
Wirken auf philosophischem Gebiete nicht — wie z. B. bei Schopenhauer — die
Einzelhaftigkeit eines
systematischen
Gedankens, sondern die tatsächliche Vereinigung sehr
verschiedener,
einander fast widersprechender Geistesanlagen in einer lebendigen
Persönlichkeit
Einheit verleiht. Ich glaube daher, Sie werden leichter und sicherer in
Kant's Werk eindringen, wenn Sie zuvor mit der reichen Welt seiner
Persönlichkeit
vertraut geworden sind.
Wer Immanuel Kant's Philosophie
kennen lernen will, pflegt sich tollkühn in das Studium des
schwierigsten
Werkes der Weltliteratur, in das der Kritik
der reinen Vernunft zu
stürzen;
die
12 GOETHE
Meisten
sind aber bald entmutigt und
begnügen sich schliesslich damit, das Kapitel »Kant«
in
einem philosophischen Geschichtswerk zu lesen. Ich fordere Sie auf, mit
mir einen andern Weg einzuschlagen. Ich fordere Sie auf, ehe Sie sich
in
das Studium von Kant's einzelnen Schriften vertiefen, und ehe Sie den
seltenen
Mann in diese oder jene historische Konstruktion einreihen, die
wesentlichen
und ihn von allen anderen Denkern unterscheidenden Merkmale seines
Gedankenlebens
und somit auch seines Lebenswerkes kennen zu lernen. Und zwar habe ich
weniger die äusseren Schicksale dieser Persönlichkeit im
Sinne,
als ihre geistige Anlage, möglichst abgelöst aus ihrer
zufälligen
Bedingtheit in Zeit und Raum. Geschichte macht leicht blind für
das
Ewige. Über die Schicksalswege Kant's können Sie sich in
allerhand
Büchern unterrichten; für die Kenntnis seiner moralischen
Persönlichkeit
möchte ich Sie vor allem auf die drei kleinen Schilderungen seiner
Zeitgenossen Borowski, Jachmann und Wasianski verweisen; ¹)
über
seine
philosophischen Lehren handeln mehrere tausend Schriften und
Aufsätze
in allen Sprachen Europas. ²) Aus diesen verschiedenen Quellen
werden
natürlich
auch wir schöpfen, doch zum Wiederkäuen wird uns die Musse
fehlen,
da wir einem anderen Ziele zustreben. Unser Ziel ist, zu erfahren, wie
Kant's Geist von Hause aus beschaffen war: wie er zu den Augen
hinausgeschaut,
wie er die empfangenen Eindrücke innerlich verarbeitet hat, wie er
hat denken m ü s s e n. Wir wollen wissen,
welches geistige Material er
sich aneignete und welches er verwarf; für welche Verrichtungen
des
Geistes er besondere Beanlagung besass, für welche wenig oder gar
keine. Wir wollen den Beweggründen nachforschen, die ihn —
nach und nach — dazu antrieben, sich
dem abstraktesten Denken zu widmen und ihm zu so ungeheuren
Bemühungen
die Ausdauer schenkten. Vor allem wollen wir versuchen, mit Augen
zuzusehen
— schweigend und aufmerksam — während er denkt, um so, wenn auch
nicht das künstliche Ganze seines fertigen Gedankengebäudes,
so doch die Eigenart der Welt, in der er seiner Natur gemäss lebte
und webte aus tatsächlicher Anschauung kennen zu lernen. Kurz, wir
wollen die Individualität dieses Denkers, die Beschaffenheit
seiner
intellektuellen Persönlichkeit erforschen. Dar-
—————
¹) Alle
drei in
Königsberg
1804 (Kant's Todesjahr) erschienen. Ein Neudruck in einem Band, von
Alfons
Hoffmann besorgt, erschien 1902 in Halle, Preis 2 Mark.
²) Bis zu
Kant's Todesjahr,
1804,
über 2000! Wie hoch mag sich heute die Zahl belaufen? (Vgl. die
von
Vaihinger herausgegebenen Kantstudien I, 469.)
13 GOETHE
aus
wird sich ohne Zweifel auch das
Unterscheidende
an seinem Werke — wenigstens in grossen, allgemeinen Zügen
— ergeben,
was jedenfalls ein späteres Studium bedeutend fördern wird.
DIE
METHODE DES VERGLEICHES
Auf welche
Weise kann eine
derartige
Aufgabe gelöst werden? Meines Erachtens gibt es nur einen
einzigen
Weg: den des Vergleiches. Nous ne
pouvons acquérir de
connaissances
que par la voie de la comparaison, sagt Buffon, der grosse
Kenner der
Natur. ¹)
Denn eine theoretische Beschreibung setzt eine Reihe von
Begriffsbestimmungen
voraus, und angesichts des Lebens schrumpfen alle Begriffsbestimmungen
zu Redensarten zusammen. Abgesehen von der Mathematik und der Logik —
in
welchen die Bestimmungen das Formale allgemeinsamer Anschauungs- und
Begriffsschemen
betreffen — beruht alles Definieren auf der grundsätzlichen
Nichtbeachtung
des Individuellen; so z. B. »definiert« man in der Zoologie
oder Botanik eine species,
indem man nur dasjenige hervorhebt, was den
verschiedenen Individuen gemeinsam ist, wogegen das Besondere des
Einzelwesens
— selbst seiner äusseren Gestalt — aus hundert Zügen besteht,
die jeder Schilderung durch Worte trotzen. Es gibt keine
»Wissenschaft«
des Individuellen. Und es verhält sich nicht anders, wenn anstatt
der sichtbaren Gestalt das unsichtbare Innere in Betracht gezogen wird.
Im Gegenteil, gerade hier sagen Allgemeinheiten wenig oder nichts und
führen
fast immer irre, wenn nicht reiche und sehr genaue Anschauung über
den Einzelfall unterrichtet hat. Wenn ich z. B. lese: für Kant sei
»ein Vorwalten des abstrakten Denkens im Gegensatz zum
anschaulichen
Denken charakteristisch«, was habe ich damit gewonnen? Eine
vielleicht
unanfechtbare Phrase, aber doch eine Phrase, und nur unanfechtbar,
insofern
ihr Inhalt von nebelhafter Allgemeinheit ist. Niemand kann denken, ohne
zu schauen, und niemand kann schauen, wenn er nicht Begriffe bildet.
Sie
werden bald erfahren, dass gerade Kant's Geist eine eigentümliche
Kraft der Anschauung besass, wogegen mancher sogenannte
»intuitive«,
d. h. mehr der Anschauung sich hingebende Denker, wie z. B. Goethe,
immerwährend
völlig unvorstellbare Gedanken in seine vermeintliche Intuition
mischt.
Wir dürfen also nicht hoffen, der Individualität des Geistes
durch eine blosse Schilderung in Worten beizukommen. Im besten Falle
gäbe
diese ein Flächenbild, wogegen mich der heisse Wunsch
erfüllt,
Ihnen eine vollkommen plastische Vorstellung zu über-
—————
¹) De la nature de l'homme.
14 GOETHE
mitteln.
Und hierzu kann nur der
Vergleich
helfen. Wir unterschätzen meistens die Unterschiede auf geistigem
Gebiete zwischen Mensch und Mensch; sie sind ungeheuer gross; nicht
bloss
aber in Bezug auf das Mehr und das Minder, sondern auch in Bezug auf
das
Wie zwischen gleich bedeutenden Männern; hier finden wir dem
Denken
des Einzelnen von der Natur vorgeschriebene und unentrinnbare Bahnen,
(worüber
in einem späteren Vortrag Näheres). Und darum, wenn wir nur
die
richtigen Leute zum Vergleiche heranziehen, werden die starken
Schlagschatten,
welche die Gegensätze werfen, Kant's Geistesgestalt — d. h. also
die
Eigenart seiner Gedankenwelt — immer körperlicher vor unsern Augen
erstehen lassen.
Es käme also
zunächst darauf an, Wen wir zum Vergleiche wählen wollen. Ich
werde meine Wahl nicht im voraus rechtfertigen, sie muss sich durch den
Gebrauch bewähren. Nur das eine muss ich bemerken, dass ich den
Standpunkt
des durchschnittlichen Deutschen des heutigen Tages — der sich unter
einem
Philosophen kaum etwas anderes vorstellt, als eine besondere Abart der
Gattung »Professor« — nicht zu dem meinigen machen kann.
Wir
brauchen die verdienstvolle Tätigkeit des Fachmannes — namentlich
für die Erforschung und Darstellung der Geschichte des
menschlichen
Denkens, sowie für die Heranbildung unserer Söhne — nicht zu
unterschätzen und können doch verlangen, dass zwischen
berufsmässigem Wissen und Genie unterschieden werde. Kant selber
fordert energisch
dazu
auf. ¹) Wir nennen doch nicht einen Professor der Kunstgeschichte
und
Kunsttheorie
einen »Künstler«; keinen Augenblick verwechseln wir
ihn mit den gottbegnadeten Männern, aus deren Tätigkeit erst
der
Stoff entsteht zu einer Wissenschaft der Kunst. Genau die selbe
Unterscheidung
sollte hier gemacht werden. »Reine Philosophie ist ein
Genieprodukt«,
sagt Kant (Üb. III, 408),
und Goethe wiederholt das selbe in
seiner
Art:
Wird
der
Poet nur geboren? Der
Philosoph
wird's nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet
geschaut.
Was uns Menschen als
»Weltanschauung«
eigen ist, ist die Erfindung einzelner übermächtiger Geister.
Eine das Ungesehene vermittelnde Vorstellung, ein das Gesehene
verständlich
gestaltender Ge-
—————
¹) Vgl.
z. B. die Vorrede zu den
Prolegomena.
15 GOETHE
danke
eine Verknüpfung
zerstreuter
Erscheinungen oder Ideen zu einem beziehungsreichen Ganzen ist ein
mindestens
ebenso schöpferisches Werk des einzelnen Genies, wie eine Dichtung
in Worten oder in Tönen. ¹) Und damit ein solcher Gedanke
lebe und
zeuge, genügt es nicht, dass er ausgesprochen werde, sondern er
muss von Hause aus gewisse Eigenschaften besitzen, die hier wie dort
das
Genie
allein ihm zu verleihen vermag; denn er muss »gebildet«
werden, sonst
würde er nicht »geschaut«. Im trägen Genusse des
altererbten Besitzes pflegen wir das zu vergessen. Nach und nach ist
nun
das Repertorium dieser
»Weltanschauung-ermöglichenden«
Ideen bereichert worden, doch recht langsam. Es hat bisher nicht gar
viele
lichtspendende Gedanken gegeben. Und die Anregungen zu neuen Gedanken
und
zu neuen Gesamtbildern der Welt sind fast alle nicht aus der
Philosophie,
sondern aus den Fortschritten der Naturwissenschaft und der Mathematik
oder aus der Vertiefung des religiösen Empfindens gekommen. Damit
mag es wohl zusammenhängen, dass von den epochemachenden Denkern
kaum ein einziger ein philosophischer Fachmann gewesen ist, und dass
die
Welt keine Ursache hat, sich der Periode zu freuen, wo — im vergangenen
19. Jahrhundert — die »reinen Philosophen« das Heft fast
allein
in die Hand bekommen hatten. ²) Auch Kant ist als — Gelehrter —
nicht von
Philosophie, sondern von Mathematik, Physik und theoretischer
Astronomie
ausgegangen; er war ursprünglich Professor der Mathematik und
verdankte
den Lehrstuhl für Philosophie nicht einer Berufung durch die
hochweise
Fakultät, sondern nur dem Zufalle, dass der Kollege, der diesen
innehatte,
ihm einen Tausch anbot. Bis in sein Alter hat Kant mit Vorliebe
über
Anthropologie, Geographie, Physik, Mathematik und Befestigungslehre
gelesen,
wogegen er seine eigene metaphysische Kritik niemals vom Katheder aus
vorgetragen
hat. Den Antrieb zu seinen kritischen Untersuchungen des ganzen
Gebietes
der menschlichen Erkenntnis entnahm Kant einzig und allein dem
Bedürfnis,
für die praktische Philosophie (d. h. »die Methode Menschen
zu bilden und zu regieren«, Br.
I, 138) und für die exakte
Naturwissenschaft
—————
¹)
Beispiele wären, auf
konkretem
Gebiete: die Vorstellung des Atoms, der Gedanke der Gravitation, die
Idee
der Metamorphose.
²) Nur kurz dauerte diese
führende
Stellung: Comte ist Polytechniker, Lotse Arzt, Mill Beamter der
Ostindischen
Gesellschaft, Fechner Physiker, Spencer Ingenieur und Sociolog,
Hartmann
Artillerieoffizier, Wundt Physiolog, Nietzsche Hellenist usw.
16 GOETHE
eine
unerschütterlich sichere
Grundlage
zu gewinnen; in dem Briefe, den ich soeben anführte, seufzt er:
»Ich werde froh sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie
werde zu
Ende gebracht haben.« Wozu noch eine allgemeine Erwägung
kommt.
Die Logik und die Dialektik, die zusammen mit Geschichte den
Hauptinhalt
des sogenannten »philosophischen« Unterrichts ausmachen
(und
zwar mit Recht), haben lediglich die Bedeutung einer Disziplin. Man
kann
sie nicht einmal — obwohl es oft geschieht — mit Mathematik
vergleichen;
denn Mathematik ist, wenigstens in ihrem einzig zeugungsfähigen
Teil,
in der Geometrie, Anschauung, und wenn auch diese Anschauung besonderen
Einschränkungen unterliegt, sie führt doch —
weil sie Anschauung ist — immer weiter
und weiter, ihr Wachstum kennt kein Ende, und ihre Wechselbeziehungen
zu
allen Wissenschaften bleiben ewig lebendig und neu; wogegen Logik
nichts
ist als eine Methodenlehre. Allerdings bedeutet dies nichts Geringes;
doch
was Sie einsehen lernen müssen ist, dass die Kenntnis der Logik zu
dem Aufbau einer Weltanschauung höchstens indirekt beiträgt,
ebenso wie Lesen-, Schreiben- und Rechnenkönnen dazu beitragen.
Denn
die Logik gleicht einer Mühle, einer Mühle, an der wir nicht
einmal weiter ausbauen, sondern zu deren Handhabung wir uns
höchstens
durch Übung ein wenig vervollkommnen können. Eine Mühle
taugt jedoch nur insofern, als man Stoff zum Mahlen besitzt, und dieser
Stoff ergibt sich nicht aus dem Reiben der starren, leblosen Steine
gegen
einander, sondern er wächst draussen im Freien, er spriesst aus
der
dunklen, geheimnisvollen Erde, gelockt vom heissen Strahle der fernen,
unerreichbaren Sonne.
Wollen wir also Männer zum
Vergleich mit Kant heranziehen, so werden wir auf ihre
Angehörigkeit
oder Nichtangehörigkeit zu einer gelehrten Fachzunft keinen Wert
legen:
der Umkreis, die Leuchtkraft, die schöpferische Fülle und der
organische Zusammenhang einer Weltanschauung sind es, die ihr
philosophische
Würde verleihen. Darum habe ich schon früher vorgeschlagen,
man
solle den Reichtum der deutschen Sprache benützen, um zwischen
»Philosophie«
und »Weltanschauung« zu unterscheiden. Die aus dem
Griechischen entlehnte
Vokabel würde nach wie vor eine gelehrte Disziplin, das deutsche
Wort
eine mit Religion und Mythologie verwandte, allgemein menschliche, doch
nach sehr verschiedenen Richtungen entwickelte Anlage bedeuten, mit
weitverzweigten
17 GOETHE
Wurzeln,
die aus Kunst und
Naturwissenschaft,
aus Philosophie und Mathematik Nahrung aufnehmen, eine Anlage, die
vornehmlich
darauf ausgeht, die Harmonie zwischen dem äusseren und dem inneren
Auge oder — wenn dieser Tropus Ihnen zu kühn dünkt —
zwischen Schauen, Denken und Handeln
zu bewirken. ¹) Und wenn dann, wie zu Philosophie
»Philosoph,«
zu Weltanschauung »Weltanschauer«
eine erlaubte
Wortbildung
wäre, dann wüssten wir genau anzugeben, aus welcher Gattung
wir
Männer zum Vergleiche holen müssen. Es sind beileibe nicht
alle
Philosophen »Weltanschauer« gewesen, und die grossen
»Weltanschauer«
waren Dichter, Maler, Staatsmänner, Ärzte, Priester,
Mathematiker,
Historiker — hin und wieder auch Philosophen.
Aus Gründen, die sich nach
und nach zeigen und — ich wage es bestimmt zu hoffen — bewähren
werden,
habe ich für unser Vergleichungswerk folgende fünf
Männer
gewählt: Goethe, Leonardo da Vinci, René Descartes,
Giordano
Bruno, Plato. Jedem dieser Männer will ich einen Vortrag widmen,
und
zwar nicht mit dem Zweck, seine Weltanschauung lückenlos
darzulegen,
sondern seine A r t z u s c h a u e
n zu analysieren und sie derjenigen Kant's
gegenüberzustellen.
Von Kant wird natürlich von Anfang an die Rede sein; ein sechster
Vortrag soll ihm aber ganz allein gehören, indem die Ergebnisse
der
früheren Vorträge zu diesem Behufe verwertet und weiter
ausgebaut
werden.
PLAN,
ZIEL, BEGRENZUNG
Über den Plan, den ich im
Sinne habe, wäre noch manches hinzuzufügen, doch
für
den Augenblick genügen diese Andeutungen; die Namen Goethe,
Leonardo,
Descartes, Bruno, Plato sind
Ihnen alle wohlbekannt; sie reichen
hin zu einer ersten orientierenden Vorstellung über den Weg, den
wir
gemeinsam zurückzulegen gedenken. Ich will mich nicht an ein
langweiliges
Schema binden, sondern werde in jedem Vortrag den Stoff so behandeln,
wie
der Instinkt mir es eingibt. Wer nach Lebendigem hascht, ist ein
Jäger;
er muss alle Sinne auf der Lauer haben, er muss zu warten und
zuzugreifen
wissen. Nichts Gelehrtes soll vorkommen, nichts, meine ich, was im
fachmässigen
Sinne des Wortes gelehrt heissen könnte. Ein Laie redet zu Laien.
Wir wollen nicht über Worte grübeln; wir wollen nur die Augen
aufmachen zu einer unbefangenen Betrachtung dessen, was jedem sichtbar
ist, der sich die Mühe gibt, hinzuschauen. Kant
—————
¹) Siehe Chamberlain: Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, S. 736 f.
18 GOETHE
selber,
der Gestrenge, schreibt:
»Subtile
Irrtümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, welche die eigene
Stärke gerne fühlt; offenbare Wahrheiten hingegen werden
leicht
und durch einen gemeinen Verstand eingesehen«. ¹) Das Beste
ist
immer
unser aller Gemeinbesitz; denn wie es in der Bibel heisst: »Gott
hat euch
Augen gegeben, auf dass ihr sähet«. Ausserdem weist uns
unser
Ziel den bestimmten Weg, den wir zu gehen haben, und beschränkt
unser
Unternehmen in wohltuender Weise. Nirgends haben wir
Vollständigkeit
auch nur zu erstreben, mit der einzigen Ausnahme der vollkommenen
Plastizität
jeder Erkenntnis, die wir gewinnen. Wir wollen uns grundsätzlich
nie
mit einem Gedanken eingehend beschäftigen, ehe nicht hinreichendes
Anschauungsmaterial vorhanden ist, »an dem« wir denken
können;
dagegen, sobald wir etwas deutlich erblicken, wollen wir nicht die
Minuten
zählen, sondern die Sache um- und umdrehen, bis wir sie
gründlich
durchgeforscht haben. Behufs Herbeischaffung des unentbehrlichen
Anschauungsstoffes
werde ich in jedem Vortrag einen Abstecher unternehmen, einen
»Exkurs«‚ in dem wir den eigentlichen Gegenstand zu
verlassen scheinen, der uns
aber dienen wird, ihn erst recht zu erfassen. »Wie wollten wir
auch«‚ sagt
Kant, »unsern Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn
ihnen
nicht irgend eine Anschauung (welche zuletzt immer ein Beispiel aus
irgend
einer möglichen Erfahrung sein muss) untergelegt
würde«? ²)
Nicht eine Verdolmetschung von
Kant's theoretischen Lehren bezwecke ich mit diesen Vorträgen; was
ich anstrebe, ist beschränkter vielleicht, aber schwieriger: es
ist
ein leibhaftiges Entgegengehen, ein leibhaftiges Entgegenwachsen. Das
Schlimmste
an der uns umgebenden Civilisation ist, dass sie auf den Geist
erstarrend
wirkt; der Gang der obligatorischen Schulbildung, dazu der allseitige
Zwang,
der uns gleich nach der Schule ergreift und in bestimmte Bahnen
drängt,
drückt unserem Denken die Schablone auf; die Presse tut ein
Übriges:
vor ihrem giftigen Gorgonenblick ersterben jeden Tag von neuem die
leise
erwachenden Regungen zur Selbständigkeit. Zum Verstehen
gehört
aber Beweglichkeit. Wenn Kant sagt: »wir verstehen nur das, was
wir
selber machen«, so meint er das freilich erkenntniskritisch und
bezieht
es
auf den Menschengeist überhaupt; dieses Wort lässt sich aber
auf jedes Ver-
—————
¹) Betrachtungen über den
Optimismus.
²) Was
heisst: sich im Denken orientieren?
19 GOETHE
ständnis
anwenden; um eine
Persönlichkeit
in der ihr eigentümlichen Anschauungsart wirklich zu verstehen —
nicht
bloss über die Lehren, die sich aus dieser Anschauung ergeben, zu
räsonnieren — dazu gehört die Befähigung, ihr ihre
besonderen
Methoden, ihre Lieblingsverfahren, ihre gewohnheitsmässigen
Handgriffe
nachzumachen, kurz, ähnlich zu arbeiten und aufzubauen, wie sie es
zu tun pflegte. Kant behauptet des öftern, die äussere
Nachahmung
führe zur inneren Übereinstimmung; zwinge man z. B. ein
mürrisches
junges Mädchen immer freundlich lächelnd zu antworten, so
werde
es mit der Zeit wirklich liebenswürdig! ¹) Dieser Witz ist
voll
tiefsten
Sinnes. Versteht man Kant im allgemeinen wenig, findet man seine
Schriften
über die Massen schwer, so liegt das vor allem daran, dass uns die
Persönlichkeit in ihrer intellektuellen Eigenart völlig
unbekannt
ist. Wir aber bekümmern uns darum gar nicht, sondern gehen
geradeswegs
darauf los und wähnen, wir könnten aus aneinandergereihten
Worten
Anschauungen kennen lernen, so, einfach, ohne weiteres. Das würde
nur zutreffen, wenn Kant uns nichts Neues zu sagen hätte. Der Sinn
des Wortes ist aber — ausserhalb des Reiches der Schablone — immer ein
schwebender.
Das Wort ist keine Münze, die aus einer Hand in die andere geht,
für Alle den selben Wert darstellend; sondern das Wort ist mit dem
Menschen, der es spricht, gewachsen: weit und eng, bestimmt und
unbestimmt,
reich und arm, farbig und farblos, je nach dem Geiste, in dessen
Dienst
es steht; ausserdem verrückt es sich im Raume, so dass die
Begriffskreise
des selben Wortes sich bei verschiedenen Menschen oft nicht decken,
sondern
nur schneiden, manchmal auch das kaum. Und nun gar bei einem Kant, der
ganz neue Anschauungen mitteilen, der eine kopernikanische
Umwälzung
bewirken will! Dies muss doch in den alten Worten geschehen; wie
wäre
sonst eine Verständigung möglich? Wie aber sollen wir die
alten
Worte richtig verstehen, wenn sie einen neuen Sinn tragen? Eine
schlichte
Lösung gibt es für dieses Dilemma nicht, denn die Anschauung
müssen wir aus den Worten und die Worte können wir nur aus
der
Anschauung verstehen; und darum mag der paradoxe Versuch, die
»Anschauung«
vor der »Lehre« zu bringen, die Persönlichkeit
zwar a u s
ihrem
Werke, nicht aber i n ihrem Werke darzustellen,
Berechtigung besitzen;
nicht zwar als ein Universalmittel, doch als ein Mittel unter anderen.
—————
¹) Anthropologie, an
verschiedenen
Orten.
20 GOETHE
Noch eine letzte Bemerkung, und
ich bin mit diesen einführenden Betrachtungen zu Ende.
Auf dem Wege, den ich Sie zu
führen
gedenke, kann die Kenntnis des gelehrt und fachmännisch
Philosophischen
nicht gewonnen werden. Eigentlich geht das aus dem schon Gesagten ohne
weiteres hervor, doch ich muss es deutlich und nachdrücklich und
einfürallemal
hervorheben. Wer Persönlichkeit in ihren tiefsten
Denknotwendigkeiten
erfassen will, hat sich eine Aufgabe gestellt, die mehr
Bewegungsfreiheit
erheischt, als sie der Fachphilosoph für sein abstraktes Verfahren
beanspruchen oder erlauben darf; dafür sind ihm aber wieder
besondere
Grenzen gezogen, die er kennen und beachten muss. Nicht nur
»zeigt« sich
in der Beschränkung erst der Meister, sondern alles Meisterhafte —
wir sehen es an jeder Lebensgestalt — entsteht nur in der
Beschränkung;
wer die Schranken durchbricht, zertrümmert die Gestalt. In diesen
Vorträgen wird oft von philosophischen Theoremen die Rede sein,
doch
nicht diese, sondern die Persönlichkeiten der Denker stehen im
Mittelpunkte
des Interesses: daraus ergibt sich für uns das gestaltende Gesetz.
Zur Formel verdichtet würde es lauten: nicht die Gedanken, sondern
das Denken. Nun äussert sich aber das Denken in den Gedanken, und
somit ist es klar, dass der Stoff, der uns zur Behandlung vorliegt,
zum
grossen Teile der selbe ist, den die Fachphilosophie bearbeitet; auf
lange
Strecken werden wir uns dicht an der Grenze entlang bewegen und die
selben
Marksteine wie die Fachphilosophen vor Augen haben. Doch werden wir
alles
aus einer anderen Himmelsrichtung und darum in anderer
Beleuchtung
und Perspektive erblicken. Der selbe Gedanke stellt sich uns darum in
anderer
Gestalt dar. Das dürfen Sie nun niemals vergessen, sonst erwarten
Sie von mir, was ich nicht zu leisten unternehme, und fühlen sich
dann enttäuscht, wenn Sie entdecken, das mühselige Studium
der
gelehrten Schriften stehe Ihnen noch bevor; zugleich aber würden
Sie
die Bedeutung meines Versuches leicht unterschätzen. Gegen beides
lege ich hiermit Verwahrung ein.
—————
GOETHE'S VERHÄLTNIS
ZU KANT
Heute wollen wir also von
Goethe
reden, das heisst, wir wollen Verhältnis Goethe's Art zu schauen
und
das Angeschaute zu verarbeiten mit Kant's
Art vergleichen.
Goethe selber fordert
zu dieser
Parallele auf. Nachdem er in einem Gespräch mit Eckermann Kant als
den »vorzüglichsten
21 GOETHE
philosophen«
gepriesen und
treffend
von ihm behauptet hat, seine Gedanken seien so tief in die deutsche
Kultur
eingedrungen, dass hinfürder auch wer ihn nicht lese sich
unmöglich
seinem Einfluss entziehen könne, macht er folgende
denkwürdige
Bemerkung; er sagt: » I c h g i n
g a u s e i g e n e r N a t u
r e i n e n
ä h n l i c h e n
W e g a l s K a n t « (G. 11. 4. 27). Es ist gut, dass das
Goethe selber
ausgesprochen hat, sonst liefe ich Gefahr, der hirnverbrannten
Paradoxie,
wenn nicht gar der dilettantenhaften Willkür angeklagt zu werden,
da ich zwei solche Gegensätze nahe genug verwandt finde, um sie
mit
einander zu vergleichen. Nun war aber Goethe ein Mann, dessen Worte
man
jedes einzeln auf die Goldwage legen darf; wenn er also spricht: ich
ging
aus »eigener« Natur einen »ähnlichen« Weg
als
Kant,
so stellt er damit eine klare, bestimmte und entscheidende Behauptung
auf,
an der niemand achtlos vorübergehen darf. Eckermann gegenüber
findet Goethe allerdings keine tiefere Begründung nötig,
sondern
begnügt sich mit einigen populär gehaltenen
Erläuterungen
von geringem Belang; denn Eckermann war philosophisch wenig gebildet
und
kannte damals Kant's Schriften überhaupt nicht. Dagegen besitzen
wir
von Goethe's Hand an anderem Orte Ausführungen genug zu diesem
merkwürdigen Satze, namentlich in der kostbaren Reihe kleiner
Aufsätze:
Einwirkung
der neueren Philosophie, Anschauende Urteilskraft, Bedenken und
Ergebung, sowie auch sonst mancherorten. Wenn wir aber diese
Dokumente auch
nicht
besässen, ich wollte mich anheischig machen, den Sinn des
»ich
ging einen ähnlichen Weg« an dem Lebenswerk der beiden
Männer
aufzuzeigen.
Eine
ausführliche Geschichte
des Einflusses Kant's auf Goethe's Denken gehört nicht hierher;
wir
treiben nicht Geschichte, nur die Tatsache des engen Zusammenhangs soll
betont werden. Und da ist vor allem Goethe's Bemerkung wichtig:
»Es
ist keineswegs gleichgültig, in welcher Epoche unseres Lebens der
Einfluss einer fremden Persönlichkeit stattfindet .... dass Kant
auf mein Alter wirkte, war für mich von grosser Bedeutung«
(G. 12. 5. 25). Man merkt
leicht, was er andeuten will, namentlich
wenn
man seine übrigen Äusserungen über Kant zu Rate zieht:
zu
früh
empfangen, hatten die Keime einer so durchdringenden Analyse des Denkens
— des reifen Werkes eines gleichsam
reif geborenen Mannes — Goethe's
unbefangene Anschauungskraft
bedroht; so dagegen trat Kant gerade im rechten Augenblick in seinen
Gesichtskreis
und
22 GOETHE
schenkte
ihm — in ähnlicher
Weise,
wie Schiller es tat — etwas, was er vorher nicht besessen hatte,
trotzdem
es in ihm selber schlummerte. »Zum ersten Mal schien eine Theorie
mich anzulächeln,« sagt Goethe von seinen ersten Versuchen,
in die Kritik der reinen Vernunft
einzudringen. ¹) Und doch war dieses
Werk
wenig geeignet, einem Goethe zur Einführung in das
Verständnis
Kant's zu dienen. Die wahre Annäherung fand auch erst durch die
Kritik
der Urteilskraft statt, von der Goethe sagt, er sei ihr
»eine
höchst
frohe Lebensepoche schuldig«. »Epoche« ist in
Goethe's
Munde ein
beachtenswertes Wort. Es steht nämlich Goethe's ganze Reife, die
letzten
40 Jahre seines Lebens, unter Kantischem Einfluss, oder besser gesagt,
Goethe's Weltanschauung steht von nun an in lebendiger Wechselwirkung
mit
der Kant's. ²) Im März 1791 war Goethe schon vertieft in
Kant's
Schriften,
denn das Goethearchiv besitzt ein Heft aus der Zeit mit Auszügen,
alle von Goethe's eigener Hand. Bald darauf kam der entscheidende
Einfluss
des Verkehrs mit Kant's genialstem Jünger, Schiller. Goethe selbst
bezeugt: »Aber- und abermals kehrte ich zu der Kantischen Lehre
zurück
... und gewann gar manches zu meinem Hausgebrauch«. Denn
inzwischen
hatte er die Kritik der reinen
Vernunft wieder zur Hand genommen, und
es
war ihm gelungen (wie er berichtet) »tiefer einzudringen«,
und zwar namentlich darum, weil er einsehen gelernt hatte, dass man
Kant's
Weltanschauung nicht aus dem einen Bruchstück der Vernunftkritik
richtig
erkennen könne, sondern dass seine verschiedenen Werke »aus
Einem
Geiste entsprungen, immer eins auf's andere deuten«. Da ist es
kein
Wunder,
dass der Greis, der so ängstlich gemessen in der Wahl seinem
Prädikate
geworden war, von Kant doch gern in Superlativen spricht. So schreibt
er
1825 von »unserem herrlichen Kant« und 1830 von dem
»grenzenlosen Verdienst«,
das »der alte Kant um die Welt, und ich darf auch sagen um
mich,« sich
erworben hat; ³) und sechs Monate vor seinem Tode spricht er in
Bezug
auf
Kant's Weltanschauung das entscheidende Wort aus: »sie hat mich
auf mich
selbst aufmerksam gemacht; das ist ein ungeheurer Gewinn«. 4)
Soviel nur flüchtig zur
allgemeinsten
Orientierung über ein von
—————
¹)
Dieses Zitat und die
folgenden
aus Einwirkung der neuem Philosophie.
²) Siehe W. A., 2. Abt., 11,
377.
³) Versuch einer
Witterungslehre,
Abschnitt »Selbstprüfung«,
und Briefwechsel zwischen
Goethe und Zelter, V, 381.
4)
Briefwechsel
zwischen Goethe
und Staatsrat Schultz, S. 385.
23 GOETHE
fast
allen Biographen Goethe's
geflissentlich
unbeachtet gelassenes Verhältnis. ¹) Uns interessiert hier
dieser
historische
Zusammenhang nur nebenbei, und auf eine Polemik betreffs der
üblichen
Ausbeutung Goethe's zu Gunsten Spinoza's wollen wir keine Minute
vergeuden. ²) Wenden wir uns lieber gleich zu der lebendigen
Persönlichkeit.
GOETHE'S AUGE
Ich zitierte
vorhin das biblische
Wort: »Gott hat euch Augen gegeben, auf dass ihr
sähet«. Wenn
nun je ein Mann Augen »zum Sehen« besessen hat, so war es
Goethe.
Wie das Herz das lebende Zentrum unseres Körpers ist, woher alles
Blut entströmt und wohin alles Blut wieder zurückfliesst, so
ist das Auge der Mittelpunkt von Goethe's geistigem Leben. »Das
Auge war
vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt fasste«, sagt er
selber in Dichtung und Wahrheit
(6. Buch). Beinahe alle entscheidenden
Eindrücke seines Lebens nimmt er durch das Auge auf; um Schiller
zu
lieben, muss er ihn sehen. Sein Auge ist ein ewig unersättliches
Organ,
und was es gesehen hat, das hält der Organismus fest und wandelt
es
um zu Fleisch und Blut und Knochen. »Ich bin nun einmal einer der
Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und
Anstaunen
und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in
Nachbildung
ihrer geheimnissvollen Gestalten zugebracht hat,« spricht Goethe
als Dreiundsechzigjähriger. ³) Hierin liegt ja das Geheimnis
jenes
wunderbaren Phänomens, dass Goethe nie aufhört zu wachsen,
dass
er auch als Greis mit jedem Frühling — wie eine ehrwürdige
Eiche — Blätter treibt, so
frisch und
grün und jung wie ein heuriger Schössling. Er hört eben
nie auf, sich zu nähren. Das Auge ist es, das den Zusammenhang
zwischen
dem Individuum und der Natur herstellt, in zweiter Reihe dann die
anderen
Sinne; wogegen der Intellekt, ob als einfaches Ganglion in das erste
Segment
des
—————
¹) In
seinem Buche: Goethe in
der Epoche seiner Vollendung (1887), macht Otto Harnack eine
rühmliche
Ausnahme. In Vaihinger's Kantstudien,
Band I und II (1897, 1898) findet
man eine ausserordentlich fleissige, archivarisch genaue
Zusammenstellung
von Vorländer, unter dem Titel: Goethe's
Verhältnis zu Kant in
seiner historischen Entwicklung. Ich empfehle besonders den
Anhang (II,
221 f.) zur Beachtung, wo durch die genaue Angabe aller von Goethe in
seinen
Handexemplaren angestrichenen Stellen gezeigt wird, wie genau und
häufig
er sie studiert haben muss. Er hat sogar manchen Druckfehler
eigenhändig
verbessert!
²) Dass er
Spinoza kein einziges
Mal auch nur ernstlich studiert habe, gesteht Goethe in aller
Naivetät
in seinem Bf. an Jacobi vom
9. 6. 1785. In Wirklichkeit hat Spinoza nur
Bruno und mit ihm den altarischen Pantheismus (wenn auch in
verzerrter
Gestalt) Goethe vermittelt.
³) Brief an Jacobi vom
10. Mai
1812.
24 GOETHE
Erdwurmes
oder als gewaltig
angewachsene
Hirnmasse in unseren harten Hirnschädel eingeschlossen, immer in
verborgenen,
unzugänglichen Tiefen ruht, geschieden von der Welt, ein geborener
Egotist. Das Auge ist die Brücke. Freilich, was sollte das Auge,
die
Brücke, wenn nicht da drinnen im dunklen Burgsaal ein König
auf
Gäste wartete, ein zaubermächtiger König, der alles nach
seinem Willen umformt, der die unübersehbare Mannigfaltigkeit der
Natur nach menschlichem Masse übersichtlich ordnet und zugleich
aus
der Welt des Gesetzes und der Unempfindlichkeit die Welt der Freiheit
und des Gemütes gestaltet? Doch muss es offenbar einen grossen
Unterschied
machen, ob ein Individuum das Schwergewicht seines Tuns nach innen oder
nach aussen legt, ob es sich mit möglichst wenigen Eindrücken
von aussen begnügt und seine Freude darin findet, diese zu
bearbeiten,
oder ob es Tag und Nacht auf der hohen Warte steht, um sich durch Neues
und immer wieder Neues zu bereichern. Auf Goethe sind nun im vollsten
Masse
die Worte seines eigenen Türmers Lynceus anwendbar:
»zum Sehen geboren, zum Schauen
bestellt«. Und zwar wird mit diesen Worten zweierlei ausgesagt:
seine
Augen
waren in begnadetem Masse zum Sehen »geboren«‚ sie waren
aber
ausserdem
von jungauf systematisch und streng zum Schauen »bestellt«.
Goethe's geistiger Entwickelungsgang könnte als eine bewusste,
gewollte
Ausbildung des Sehvermögens bezeichnet werden. Dieser Willensgang
läuft aber parallel mit dem Naturgesetz der aufeinanderfolgenden
Lebensalter.
In der Jugend wiegt der künstlerische Seelenblick vor: »die
Welt um mich her und der Himmel ruhen ganz in meiner Seele, wie die
Gestalt
einer Geliebten«; ¹) später drängt sich mehr und
mehr
die
Anschauungsart des alternden Mannes hervor, der, unablässig
beobachtend,
forschend, vergleichend, die Natur in ihrem Sein und Werden zu
begreifen
sucht; als er seinem sechzigsten Jahre naht, gesteht Goethe: »Ich
musste mich, zwar anfangs nicht ohne Schmerzen, zuletzt doch
glücklich
preisen, dass, indem jener (künstlerische) Sinn mich nach und nach
zu verlassen drohte, dieser (naturforschende) sich im Aug' und Geist
desto
kräftiger entwickelte«. ²) Und während so der
Blick des
Türmers
sich mit instinktiver Weisheit den wechselnden Lebensaltern anpasste,
gestaltete
der im Verborgenen wirkende zaubermächtige
—————
¹) Werthers Leiden,
Bf. vom 10. Mai des ersten Jahres.
²) Annalen,
1805, Schluss.
25 GOETHE
König
in harmonischer
Übereinstimmung
aus den neuen Eindrücken neue Anschauungen. So sehen wir z. B. die
Religion
Goethe's von der schwärmerischen Mystik seiner Jugend, wo er der
katholischen Religion nur den einen Vorwurf zu machen wusste, dass sie
nicht genug Sakramente besitze,
sich bis
zu der herben Erhabenheit seiner Religion der vier Ehrfurchten mit
ihrem
mythisch-symbolischen, einfachen Naturkultus erheben. Hier spiegelt
sich
im innersten Gemüte genau das wieder, was das Auge erblickt hat.
Es hiesse wahrlich
Eulen nach
Athen tragen, wollte ich deutschen Zuhörern das Vorwalten des
Auges
in Goethe's Leben durch Beispiele und Nachweise vordemonstrieren. Seine
Dichtungen bedürfen in dieser Beziehung keines Kommentars, seine
wissenschaftlichen
Entdeckungen — der Zwischenknochen des Unterkiefers, das Gesetz der
antagonistischen
Farben usw. — sind aus der tatsächlichen Kraft des Sehens
hervorgegangen,
seine Beiträge zur Naturlehre — die Metamorphose, die Optik —
sind
in Wahrheit keine wissenschaftlichen Theorien, sondern antitheoretische
Darstellungen des »erschauten« Tatbestandes. Sehen, sehen,
sehen! war das Gesetz eines jeden seiner Tage. Goethe sees at every
pore,
meint Emerson. Seine Pflichten und Arbeiten waren ungemein
mannigfaltig
— vom Bergbauinspektor und Rechnungsrevisor und Philologen bis zum
Theaterdirektor
und Zeitungsherausgeber und physikalischen Experimentator, war er so
ziemlich
alles, was man sein kann — und im Drang der Geschäfte pflegte
dieses
und jenes auf lange aus seinem Gesichtskreis zu verschwinden, selbst
das
Dichten ward oft vernachlässigt; Einem aber blieb Goethe fast
jeden
einzelnen Tag seines langen, reichen Lebens treu, der
Beschäftigung
mit bildender Kunst. Mochte er auch den Schatz des mit Augen Geschauten
— von der Beobachtung der Erdkruste und des aus tiefeingesenkten
Schachten
an den Tag Geförderten bis zur Beobachtung der Wolkengestalten und
der Farbenspiele zwischen Licht und Schatten — mochte er diesen Schatz
durch Studien in anatomischen Museen, durch mikroskopische und
teleskopische
Arbeiten, durch optische Versuche und was sonst noch alles bereichern,
es gab doch kaum einen Tag in Goethe's Leben, wo er sich nicht
ausserdem
planmässig mit Handzeichnungen, Kupferstichen, Gemälden,
Medaillen,
mit Plänen und Aufrissen von architektonisch bedeutenden
Gebäuden,
oder aber mit eigenem Zeichnen und Malen, oder — wenn er auf Reisen war
— mit dem Besuch von Monu-
26 GOETHE
menten,
Galerien, Sammlungen usw.
beschäftigt
hätte. Es war dies die Leidenschaft seiner frühesten Jugend,
und in der Todesagonie sprach er von Handzeichnungen, die er zu
durchblättern
glaubte. Das Auge ward also bei ihm nicht bloss passiv, sondern auch
aktiv,
d. h. schöpferisch, unaufhörlich geübt. Und welche
Bedeutung
dies für die Beurteilung des grossen Denkers Goethe besitzt,
können
Sie aus Worten entnehmen, die er schon in seinem zwanzigsten Jahre
schrieb:
»Wie gewiss, wie leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast
unbegreifliche
Satz geworden, dass die Werkstatt des grossen Künstlers
mehr d e n
k e i m e n d e n
P h i l o s o p h e n, den keimenden Dichter entwickelt, als der
Hörsaal
des
Weltweisen und des Kritikers« (Br.
9. 11. 68). Also, durch Kunst
zur Weltweisheit, war Goethe's Devise, und Philosoph und Dichter gingen
bei ihm Hand in Hand; sie waren nicht Gegensätze, sondern zwei
sich
ergänzende Seiten seines Wesens.
Das ist für uns hier das
Wichtige, denn hier liegt der Kernpunkt des Kontrastes mit Kant. Und
durch
die richtige Erfassung des Kernpunktes erfassen wir zugleich manches
andere
Kontrastierende in dem geistigen Bilde der beiden Männer. So ist
z.
B. jener stetige lebendige Fluss der Entwickelung, auf den ich vorhin
hinwies,
ein notwendiges Ergebnis des Vorwaltens des Auges. Das Auge kann nur
das
Gegenwärtige erfassen; wer sich ihm viel hingibt, wird immer mit
Leidenschaft
dem gegenwärtigen Eindruck angehören, diesem Eindruck, der
einesteils
durch den Gegenstand, andernteils durch die wechselnde Beschaffenheit
des
Auges bedingt ist. Kant — wie
Sie gleich erfahren werden — wehrt
sich misstrauisch gegen derlei Einflüsse, er schliesst das Auge;
Goethe
dagegen huldigt dem »fast unbegreiflichen Satz«‚ dass der
Philosoph,
wie der Grashalm, nur im Sonnenstrahl des offenen Auges aufkeimen
könne.
Das bekannteste,
populärste
Beispiel dieses durch die Macht des Eindrucks bedingten Schwankens ist
Goethe's Verhältnis zur Gotik. Von Jugend auf in dem Glauben
erzogen,
die Gotik sei ein Synonym für alles Geschmacklose, graut dem
Jüngling
bei dem Gedanken an das Strassburger Münster, »vor'm Anblick
eines
missgeformten, krausborstigen Ungeheuers«. ¹) Nun kommt er
hin und
—————
¹) Kant
schreibt in seinen
Beobachtungen
über das Gefühl des Schönen und Erhabenen:
»Die Barbaren führten
einen gewissen verkehrten Geschmack ein, den man den gotischen nennt
und
der auf Fratzen hinauslief.« Dieses Vorurteil war damals so
verbreitet,
dass es des tiefen, genialen Blickes eines Herder bedurfte, um den
Nebel
zu durchdringen, und der Kühnheit des jugendlichen Goethe, um
27 GOETHE
steht
davor, und findet »das
Werk
so hoch erhaben, dass er nur beugen und anbeten muss«. Jeder
Deutsche
kennt jenen herrlichen ersten
»Druckbogen« Goethe's
Von deutscher Baukunst aus dem
Jahre 1772, in welchem er dem
Schöpfer
des Doms zuruft: »Deinem Unterricht dank' ich's, Genius, dass
mir's
nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, dass in meine Seele ein Tropfen
sich senkt der Wonneruhe des Geistes, der auf solch eine Schöpfung
herabschauen, und Gott gleich sprechen kann: Es ist gut!« Nun
aber
verliess Goethe Strassburg und hatte zufällig während vieler
Jahre keine Gelegenheit, bedeutende Werke gotischen Stiles zu sehen;
¹)
er selber berichtet: »Der Eindruck erlosch, und ich erinnerte
mich
kaum jenes Zustandes, wo mich ein solcher Anblick zum lebhaftesten
Enthusiasmus
angeregt hatte«. ²) Das Auge besitzt eben kein
Erinnerungsvermögen,
und wenn auch Goethe, wie jedem echten Genie, ein gewaltiges
Gedächtnis
eigen war, kein Eindruck vermag bei einem so excessiv künstlerisch
veranlagten Individuum gegen das Erlebnis der Gegenwart aufzukommen.
Und
so verleugnet er denn seinen früheren Glauben und will von der
»starken,
rauhen, deutschen Seele«, der sein erster Künstlerhymnus
gegolten
hatte, nichts mehr wissen, noch von den
»holzgeschnitztesten
Gestalten« des
»männlichen Albrecht
Dürer«,
die er früher geliebt; denn, wie ehedem die deutschen
Könige,
ist auch er über die Alpen gezogen, und fremde Schönheit hat
ihn umfangen. Von der Gotik schreibt er, als er erst zehn Tage in
Venedig
weilt und neue Kunsteindrücke ihn trunken machen: »Diese
bin ich
nun, Gott sei Dank, auf ewig los!« ³) Doch es sollte nicht
dabei
bleiben.
Goethe war schon einige sechzig Jahre alt, als die Bekanntschaft mit
den
Brüdern
Boisserée
die neuerliche
Beschäftigung
mit gotischer Baukunst herbeiführte. Und nicht mit Baukunst
allein,
auch mit altniederländischer und altdeutscher Malerei. Goethe
versenkt
sich in die Betrachtung van Eyck'scher und Cranach'scher Bilder und
schreibt
mit schöner Wärme über sie. 4)
Bei der Besprechung
Albrecht
—————
die Gotik erfolgreich in
Schutz
zu
nehmen.
Auch Herder nannte alles Gotische »Fratzen und
Altweibermärchen«,
ehe er auf seinen Reisen die Werke der Gotik kennen gelernt hatte
(vergl.
sein Reisejournal von 1769,
kurz vor dem Ende).
¹) Man
übersehe aber nicht
die herrliche Dritte Wallfahrt nach
Erwins Grabe im Juli 1775:
»Wie
viel Nebel sind von meinen Augen gefallen und doch bist du nicht aus
meinem
Herzen gewichen, alles belebende Liebe!« (Die Schrift findet sich
in der Reihe Aus Goethes
Brieftasche,
W. A., 37, 1. Abt., 311 ff.)
²) Von
deutscher Baukunst, 1823.
³) Italienische
Reise, 8. Okt. 1786.
4)
Altdeutsche Gemälde in Leipzig,
1814.
28 GOETHE
Dürer'scher
Zeichnungen
entschuldigt
er die Tatsache, dass sie »aus lauter Lobsprüchen
gewebt«
sei, mit der Bemerkung: eine solche »Veranlassung zum Lob«
würde »weder den Lesern noch ihm so bald wieder
begegnen«. ¹)
Noch einmal ergreift er den Wanderstab, nicht aber, um in der
Lagunenstadt
den »himmlischen Genius« Palladio's über alles
hochzupreisen,
sondern um das alte Feuer seiner für die deutsche Baukunst
begeisterten
Jugend durch den Anblick des Strassburger und des Kölner Doms neu
anzufachen. ²) Er fand sich — berichtet er — »in jenen
Zuständen
(früherer Jahre) wieder ganz einheimisch« und freute sich
herzlich
jenes jugendlichen »ersten Druckbogens«, in welchem er
»Unaussprechliches
auszusprechen« unternommen hatte. ³) Namentlich das
Interesse
für
das »beabsichtigte Weltwunder« des Kölner Doms hat ihn
nie mehr verlassen. Mit Hilfe von Kupfern, Plänen, Gemälden
baute
sich das lebendige Werk vor seinem Auge auf, und zu wiederholten Malen
warf er das ganze Gewicht seines Wortes ein zu Gunsten der Vollendung
eines
Gebäudes, das er jetzt beurteilte als »das tüchtigste,
grossartigste Werk, das vielleicht je mit folgerechtem Kunstverstand
auf
Erden gegründet worden«. 4)
Sollen wir nun in
dieser
Wandelbarkeit,
mit etlichen Kommentatoren, den Einfluss ästhetischer Theorien
erblicken?
Bewahre! Diese sind ja ein Abgeleitetes; zu Grunde liegt die
Übermacht
des gegenwärtigen Eindrucks auf einen mit höchster
Sinnenempfänglichkeit
des Auges ausgestatteten Mann. Und hiermit hängt denn eine ganze
Seite
des Goetheschen Intellektes zusammen, über die er selber bezeugt:
»Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine
Gesinnung
jederzeit die übrigen und stiess sie ab« (D. W. 15). Wie in
der Kunst, so auch in allen Dingen, denen Goethe seine Aufmerksamkeit
zuwendet,
werden wir — sobald
wir a l l e seine
Äusserungen
zusammenstellen — eine fast übermenschliche Gerechtigkeit finden,
die aus der Reinheit des Blickes herrührt; dagegen wird der
aufmerksame
Leser in fast jeder Äusserung Goethe's, einzeln genommen, selbst
in der
späteren Zeit, als Goethe schon längst ein Meister in der
Bändigung
und Verhüllung des innersten Lebens geworden war, den Ton der
leiden-
—————
¹) W. A. 1. Abt., 48,
249.
²) Kunstschätze
am Rhein,
Main und Neckar, 1814—15.
³) Von
deutscher Baukunst, 1823.
4)
Ansichten, Risse und einzelne
Teile des Doms zu Köln, (Besprechung) 1823 bis 1824.
29 GOETHE
schaftlichen
Bewunderung des einen und
Abstossung des andern durchzittern hören.
Sie sehen, wir haben
hier — in
Ermanglung von Ausführlichkeit — tief gegriffen, und das muss uns
in diesem Zusammenhang genügen. Höchstens möchte ich
noch,
um Missverständnisse abzuwehren, hinzufügen, dass, wenn ich
auch
nur von dem »Auge« spreche, ich doch die ganze Sinnlichkeit
mit
einbezogen wissen will. Namentlich wird die lächerliche Märe
von dem »unmusikalischen Goethe«, eine Erfindung
talentloser
Philologen, durch Hunderte der tiefsten Bemerkungen über das Wesen
der Musik in Goethe's Schriften widerlegt; sie wird widerlegt durch
seine
innige Freundschaft für Zelter und durch das lebendige Interesse,
das er, während dreissig Jahre, an dem musikalischen und
musikfördernden
Schaffen dieses Freundes nahm; sie wird widerlegt durch seinen Verkehr
mit Musikern zu allen Zeiten, vor allem aber durch die herrliche
Dichtung
über »den Götterwert der Töne« und durch das
Geständnis,
»die ungeheuere Gewalt der Musik .... falte ihn auseinander,
wie
man eine geballte Faust freundlich flach lässt«. ¹) Und
wenn
dieser Fürst
unter den Poeten, fünfzig Jahre vor Richard Wagner, dessen von der
ganzen Brut ästhetisierender Pygmäen verhöhnte Lehre
vorträgt:
»Die Tonkunst ist das wahre Element, woher alle Dichtungen
entspringen,
und wohin sie zurückkehren«, so enthebt uns schon diese eine
Äusserung der Notwendigkeit weiterer Ausführungen. ²)
Nur
eines
einzigen Ausspruches sei noch Erwähnung getan, weil er erst durch
die Weimarer Ausgabe bekannt geworden ist und darum noch nicht
verwertet
wurde; über Goethe's Wertschätzung der Musik entscheidet er
ein
für allemal: »Wäre die Sprache nicht unstreitig das
Höchste,
was wir haben, so würde ich Musik noch höher als Sprache und
als ganz zu oberst setzen«. ³)
KANT'S AUGE
Wenden wir uns nun zu Kant, zu
jenem Bruderweisen, der, wie
wir
gesehen haben, eine so starke
Anziehungskraft auf Goethe ausübte.
Einen grösseren
Kontrast
kann man sich kaum vorstellen.
Sollten Ihnen die chronistischen
Einzelheiten
nicht bekannt sein, so
werden
wenige Worte genügen,
um die Lücke auszufüllen. Kant's Leben bewegt sich in einer
schnurgeraden Linie, welche kein einziges Ereignis — weder ein
äusseres,
noch ein inneres — jemals
—————
¹) Siehe Brief an Zelter
vom 28.
8. 1823 und die Dichtung Aussöhnung
an die Pianistin Frau von
Szymanowska
in der Trilogie der Leidenschaft.
²) Annalen,
1805.
³) 2.
Abt., 11, 173 ff.
30 GOETHE
auch
nur auf Augenblicke aus der
einmal
eingeschlagenen Richtung ablenkte. Er ist in Königsberg geboren,
besucht
das dortige Gymnasium, erwählt als Student Mathematik und
Philosophie
zum Fachstudium, ¹) wird erst Hauslehrer, dann Magister, dann
Professor,
schreibt mit einundzwanzig Jahren sein erstes Werk, in welchem wir die
merkwürdigen Worte finden: »Ich habe mir die Bahn schon
vorgezeichnet,
die ich halten will; ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll
mich
hindern, ihn fortzusetzen«, ²) und wandelt dann richtig
diese
vorgezeichnete
Bahn während mehr als eines halben Jahrhunderts, ohne auch nur
einen
einzigen Tag zu verlieren, da er weder den Berufungen an andere
Universitäten
folgte, noch auch jemals Königsberg verliess, nicht einmal zur
kleinsten
Vergnügungsreise. So blieb er ungestört schaffend und — wie
wir in diesem Falle füglich sagen können — »sich
ausdenkend«,
bis seine geistigen Fähigkeiten erloschen waren.
Sie sehen also, dass
Kant's Leben
— sowohl das äusserliche des Menschen, wie das innerliche des
Denkers
— beispiellos einfach verläuft; man braucht sich nur die
Schicksale
eines Dernokrit, eines Sokrates, eines Abälard, eines Roger Bacon,
eines Giordano Bruno, eines Descartes, eines Leibniz zu
vergegenwärtigen,
um einzusehen, dass vielleicht nie ein Philosoph in diesem Masse und in
dieser Weise ganz und allein und ungestört dem Denken gelebt hat.
Schon aus dieser
flüchtigen
Betrachtung dürfen wir mit untrüglicher Sicherheit gewisse
Schlüsse
auf Kant's intellektuelle Persönlichkeit ziehen, die sich als
grundlegend
für ein lebendiges Auffassen seiner Philosophie erweisen werden.
Dieser
mit eiserner Beharrlichkeit einfach gestaltete, einfach erhaltene
Lebenslauf
deutet auf ein in grossen, einfachen Zügen gehaltenes
Gedankenleben;
es gebietet hier ein starker, schroffer, leidenschaftsloser — oder
vielmehr
ein die angeborene Leidenschaftlichkeit (für welche wir manche
Zeugnisse
besitzen) unerbittlich bekämpfender und in die gewollten
Kanäle
ableitender — Wille, und dieser gewollte starre Schematismus des Lebens
lässt uns mit Bestimmtheit erwarten, einer streng und nicht ohne
Willkür
schematisierten, nach einigen wenigen leitenden Grundsätzen
übersichtlich
gegliederten Denkart zu be-
—————
¹) Die
Behauptung, die man in
den
meisten Biographien findet. Kant habe zuerst Theologie studiert, beruht
auf Irrtum. Dagegen scheint er eine Zeitlang die Absicht gehegt zu
haben,
Medizin zu studieren. Alle Zeugnisse hierüber sind
zusammengetragen
in Benno Erdmann's Martin Knutzen
und seine Zeit, 1876, S. 133 ff.
²) Gedanken
von
der wahren
Schätzung
der lebendigen Kräfte, Vorrede, § 7.
31 GOETHE
gegnen.
Ausserdem zeugt dieser
Lebensgang
von einem abnormen Vorwalten des Denkbedürfnisses über das
Anschauungsbedürfnis. Und
in der Tat, Kant bildet in dieser
Beziehung den antipodischen Gegensatz zu Goethe.
Von Kant kann man
behaupten, er
hat seine Sinneswerkzeuge —
Auge
und Ohr — von jung auf gewaltsam
geschlossen. Trotz der vielen Veranlassungen dazu hat er sich nie von
Königsberg weiter entfernt als auf ein benachbartes Gut, wo er es
aber auch nur kurze Zeit aushielt, da jede Änderung der Umgebung
sein
Denken störte; nur im Hochsommer pflegte er manchmal ein paar Tage
in einem Forsthaus, eine Meile von Königsberg entfernt, zu
weilen,
wo er auch im Waldesrauschen seine so frischen, unterhaltenden
Beobachtungen
über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
verfasste; das
ist aber das Maximum, sowohl an landschaftlicher Gemütsstimmung,
wie an jenem so natürlichen allgemeinen Bedürfnis, durch
Wandern
mit dem Antlitz unserer guten Mutter Erde vertraut zu werden. Ein altes
deutsches Sprichwort sagt, das Wissen müsse »erwandert
werden«;
für
Kant galt das nicht. »Alle Veränderung macht mich bange ...
und
ich glaube auf diesen Instinkt meiner Natur achthaben zu
müssen«,
schreibt er an einen Freund (Br.
1,
214). Auch nach Städten, wo
das
verdichtete Leben Vieler so manches Neue in gesellschaftlicher,
kommerzieller,
wissenschaftlicher, künstlerischer Beziehung schafft, lockte es
ihn
nicht. Dass der Anblick eines Bauwerkes, die Betrachtung eines aus der
Hand des Genies hervorgegangenen Gemäldes oder plastischen
Gebildes,
die Erfahrung einer lebendig vorgeführten Tonschöpfung zu
jenen
Erlebnissen gehöre, die einem blitzartig den höheren Sinn des
Daseins offenbaren, das Individuum loslösend aus jener engsten
aller
Schranken, der des Tages, uns in Tränen der Bewunderung hinwerfend
an den Busen längst vergangener Seelen, uns hinreissend zu Taten,
die wir im Augenblicke vollbringen zu können wähnen, und die
doch unsere Urenkel erst in Angriff zu nehmen befähigt
sind ...
von dem allen weiss Kant nichts, oder weiss er es, so verschliesst er
sich grundsätzlich dagegen. Das Lebensbedürfnis, zu
hören
und zu sehen, das Sehnen eines nach edlem Sinnengenuss hungernden
Gemütes
ist ihm unbekannt. Die Lektüre einiger lateinischer und deutscher
Dichter, deren Verse er in grosser Zahl seinem Gedächtnis
einprägt,
genügt seinem bescheidenen Bedürfnis nach
künstlerischen
Eindrücken. Seine
32 GOETHE
Wohnung
ist gänzlich schmucklos,
kein ästhetisches Bedürfnis irgendwelcher Art ist ihm bekannt
— ausser dem des gut und elegant Gekleidetseins, was aber gewiss in
erster
Reihe aus der Rücksicht gegen Andere abzuleiten ist; von Bildern
behauptet
er, man hänge sie nur aus Eitelkeit auf: seine Wände
müssen
kahl bleiben. Dieses Nichtsehenwollen geht aber noch weiter. Er — der
für
Naturwissenschaft Begeisterte — hat die Gelegenheit, Kurator eines
Naturalienkabinetts
zu werden, und zwar in einem Augenblick, wo ihm jeder Erwerb
erwünscht
sein muss; man weiss, welchen bedeutenden Teil seiner Lebenskräfte
Goethe der Anlage oder dem Ausbau aller möglichen Sammlungen
gewidmet
hat; Kant gibt die Stelle nach kurzem auf, für ihn ist es eine
zwecklose
Beschäftigung, und er lebt lieber in der äussersten
Dürftigkeit
dem inneren Denken, als dass er sich an dem Anschauen vieler
Gegenstände
anstrenge und zerstreue. Ebenso treibt er sein Leben lang Physik, aber
nur mathematische, niemals experimentale, und interessiert sich
leidenschaftlich
für Chemie, doch ohne je ein Reagensglas oder eine Retorte
erblickt
zu haben.
Wenn das nun alles
die Anlagen
eines gewöhnlichen Menschen wären, so würden sie keine
Aufmerksamkeit
verdienen; von stumpfsinnigen, gemütlosen Menschen sind wir
umringt,
und Gelehrte, deren Augennerven lediglich auf Drucktypen reagieren und
ausserhalb beschwärzter Papierflächen niemals im Leben
etwas g e s e h e n haben, sind keine Seltenheit.
Interessant wird die Sache erst
dadurch,
dass Kant von Hause aus ungewöhnlich scharfe Sinneswerkzeuge und
eine
in ihrer Art an das Fabelhafte streifende Anschauungskraft besass,
verbunden
mit einer ebenso staunenswerten Vorstellungsgabe. Kant's Auge war
gross,
schön und klar; die Zeitgenossen können sich in der
Schilderung
seines Zaubers nicht genugtun; bis zuletzt las Kant mühelos den
kleinsten
Druck. Sein Gehör war so ausserordentlich scharf, dass selbst
entfernte
Geräusche ihn störten. Über seinen Geruchssinn bezeugt
ein
Arzt ähnliches. Und wie die Sinne, so waren auch die Vorstellungen
von geradezu unvergleichlicher Plastizität und Genauigkeit. Der
interessanteste
unter den zeitgenössischen Biographen des Königsberger
Denkers,
Jachmann, legt hierauf grosses Gewicht und belegt es mit einer Anzahl
schlagender
Beispiele. So z. B. führte in einer Gesellschaft die Anwesenheit
eines
Londoners zur Erwähnung der Westminsterbrücke, worauf Kant
der mangelhaften Beobachtungs- und Schil-
33 GOETHE
derungsgabe
des Engländers durch eine
so genaue Beschreibung dieser Brücke nachhalf, deren Dimensionen
und
Bauart
ihm völlig gegenwärtig
waren, dass man ihn für einen
Londoner und für einen Architekten hielt! ¹) Ähnliches
hören
wir über seine genaue Kenntnis Italiens. Die Goethesche Sehnsucht
in das Land, wo die Citronen blühen, blieb Kant fremd, doch
wollten
Kenner sich kaum überzeugen lassen, er habe nicht jahrelang dort
gelebt,
so genau waren ihm in allen Einzelheiten das Land und seine Städte
bekannt. ²) Wir besitzen noch manche Zeugnisse der selben Art.
Auch was
Wasianski uns über Kant's politischen Scharfblick mitteilt, deutet
auf eine seltene Anschauungskraft; weit schneller als Goethe hat Kant
den
Charakter und die Gaben der Hauptpersonen in dem grossen Drama am
Schluss
des achtzehnten Jahrhunderts durchschaut, so dass, wie Wasianski
berichtet,
»man eine mit den Geheimnissen der Kabinette bekannte
diplomatische
Person
reden zu hören glaubte«. Noch mehr Erstaunen — weil ihre
Richtigkeit
schneller erwiesen wurde — erregten Kant's
militärisch-strategische
Voraussagen, die Revolutionskriege betreffend; damals standen seine
geistigen
Kräfte schon stark in Abnahme, sogar manche Wörter begannen
ihm zu fehlen; doch die genaue plastische Vorstellung der
geographischen
Beschaffenheit der Länder Europas blieb in ihm lebendig. Das
Studium
der Geographie und der Menschenkunde hatte ja von jeher Kant's
Lieblingsbeschäftigung
gebildet. Seine Vorträge über diese Gegenstände waren so
fesselnd, dass sein Hörsaal die Menge der Zuhörer kaum fassen
konnte, da ausser den Studierenden viele Gelehrte und Weltmänner
sie
zu besuchen pflegten. Ein Zeitgenosse sagt: »In diesen
Vorträgen
war
Kant Allen alles und hat vielleicht durch sie den grössten Nutzen
für's gemeine Leben gestiftet«. Je älter er wurde, um
so
ausschliesslicher, berichtet Jachmann, »erholte er sich von
seinem philosophischen
Hochflug durch Lektüre über Gegenstände der Natur und
der
Sinnenwelt«. »Mathematik und Physik (Chemie nicht
ausgeschlossen)
... [waren] die Fächer, aus welchen Kant seine Bibliothek
vorzüglich
hat versorgen wollen«, bezeugt ein Kollege; ein andrer sagt:
»Er
las ungemein viel, besonders physikalische, historische und
anthropologische
Schriften, am meisten Reisebeschrei-
—————
¹) Die
Westminsterbrücke
war
im Jahre 1750 vollendet worden und erregte durch ihre Grösse und
Schönheit
Aufsehen. Hundert Jahre später wurde sie abgetragen und durch
eine
neue ersetzt.
²) Vgl. Jachmann Immanuel Kant
geschildert in Briefen, 1804, dritter Brief.
34 GOETHE
bungen«;
ein dritter meldet:
»Er
las selten philosophische Schriften, selbst die nicht, welche
für
oder wider ihn geschrieben waren«. ¹) Kant war nämlich
— und
dies
kann für manchen von uns ein Trost sein — immer unfähiger
geworden,
nachdem er seine eigene leuchtende Weltanschauung völlig
ausgearbeitet
hatte, sich in die Gedankenwelt der Schulphilosophen hineinzufinden;
höchstens
konnte er sich einmal zu der energischen Abwehr von Fichte's
Wissenschaftslehre
aufraffen, und auch dann nur, weil sie sich auf ihn zu stützen
vorgab,
nicht weil die Sache an und für sich ihm Interesse abgewonnen
hätte;
sonst aber bildeten Naturwissenschaft und geographische Entdeckung
seine
Lieblingsbeschäftigung, und Jachmann versichert: »Es ist
gewiss
keine Reisebeschreibung vorhanden, welche Kant nicht gelesen und in
sein
Gedächtnis aufgefasst haben sollte«. Für Kant's feine,
mathematisch
richtige Auffassung des Nationalcharakters der verschiedenen
Völker
Europas brauche ich nur auf den vierten Abschnitt der Beobachtungen
über
das Gefühl des Schönen und Erhabenen zu verweisen; ich
glaube
nicht, dass z. B. der Franzose jemals so scharf und so genau zutreffend
analysiert worden ist wie dort, von diesem Manne, der vielleicht nie
in seinem Leben einen Franzosen gesehen hat. Das alles ist
Anschauungskraft.
Das alles — und ich lasse manche der schlagendsten Beispiele weg, um
Sie
nicht zu ermüden — das alles zeigt uns einen Mann, der nicht
seine
Tage damit zubringt, über abgezogene Begriffe zu grübeln,
sondern
der in seinem Kopfe eine reiche Welt trägt, die er in ihrer
faktischen
Gestaltung erblickt, trotzdem er sie mit Augen nie gesehen hat, einen
Mann,
der jedes Land mit den ihm eigentümlichen tierischen und
menschlichen
Einwohnern bevölkert und der die Städte aufbaut, als ob er
bei
ihrer Errichtung anwesend gewesen wäre. Und wenn uns nun ein
Naturforscher
wie Karl Gottfried Hagen, der Verfasser der Grundsätze der Chemie,
von seinem sprachlosen Erstaunen erzählt, als er Kant völlig
bewandert in allen Einzelheiten der Experimentalchemie fand, trotzdem
er in seinem Leben kein Experiment gesehen hatte, so müssen wir
gestehen:
Kant besass eine unerhörte Vorstellungskraft, von genauester
Auffassungsfähigkeit
und unverwüstlicher Treue. Denn Chemie ist eine Wissenschaft, die
auf Anschauung beruht, der kein mathematisches Skelett eignet (wie der
Physik), und die darum ohne praktische Betätigung im
—————
¹)
Reicke: Kantiana, S. 149, 115.
35 GOETHE
Laboratorium
dem Gedächtnis
keinerlei
Anhaltspunkte zu bieten scheint.
KRITISCHER VERGLEICH
Was unterscheidet nun diese
merkwürdige
Vorstellungskraft Kant's von
der
Goethe's?
Kant's
Anschauungsvermögen ist
gleichsam die Umkehrung von dem Goethe's. Er sieht nicht, was er
erblickt,
sondern das, was beschrieben wird. Für den allgemeinen Eindruck,
wie
das Auge ihn vermittelt, für das Intuitive, wie man es nennt, ist
er fast unempfänglich; dagegen, wenn er aus den Teilen ein
Ganzes
Zug für Zug e n t s t e h e n sehen kann, dann
schaut er es mit inneren
Augen
und hält es fest, und er ist imstande, es jeden Augenblick — wie
die
Westminsterbrücke, wie eine chemische Verbindung, wie den
Charakter
des Franzosen — auseinanderzunehmen oder zusammenzustellen. Und zwar
reicht diese Eigentümlichkeit des Geistes, welche Sie hier
gleichsam
auf der Oberfläche am Werke sehen, bis in die tiefsten Tiefen des
philosophischen Denkens. So schreibt Kant z. B. in einer
scharfsinnigen
metaphysischen Erörterung: »wir können nur das
verstehen,
was wir selbst m a c h e n können«, und
des weiteren: »die
Zusammensetzung können wir nicht als gegeben wahrnehmen,
sondern
wir müssen sie selbst machen: wir müssen z u s a
m m e n s e t z e n, wenn
wir etwas als z u s a m m e n g e s e t z t
vorstellen sollen (selbst den Raum und
die
Zeit)« (Br. 2, 496). Nun
werden aber, nach Kant, »alle
Erscheinungen
als Aggregate (Mengen vorher gegebener Teile) angeschaut«, und
das
heisst,
als eine Zusammensetzung (r. V.
204);
folglich ist für ihn
jegliche
Anschauung ein »Machen«, ein »Zusammensetzen.
Natürlich hat
ein Mann wie
Kant Gemüt genug, um grossen, allgemeinen, unanalysierbaren
Eindrücken
zugänglich zu sein, doch merkt man, dass ihm nicht recht wohl
dabei
ist; so sagt er z. B. von dem Anblick des gestirnten Himmels: »er
gibt
unausgewickelte Begriffe, die sich wohl empfinden, aber nicht
beschreiben
lassen« (H.
Beschluss). Wie Sie sehen,
selbst
in diesem Falle — und wenn er auch zugeben muss, die Begriffe seien
»unausgewickelt« — um B e g r i f f e
handelt es sich für ihn doch, und zwar um eine
Mehrzahl;
denn er braucht Teile, um ein Ganzes daraus zu machen. Das ist der
genaue
Gegensatz zu der Forderung, die Goethe in seinem ersten Gespräch
mit Schiller aufstellt: »man solle die Natur aus dem Ganzen in
die
Teile strebend darstellen«. ¹) Hier steht
—————
¹) Glückliches Ereignis.
36 GOETHE
Anschauungsart
neben Anschauungsart.
Doch erst im Verlaufe der weiteren Vorträge wird es uns gelingen,
das, was in dieser Beziehung Mensch von Mensch scheidet, bis zu seinen
Wurzeln zu verfolgen. Bleiben wir einstweilen bei dieser ersten
schlichten
Erkenntnis und sagen wir einfach: Kant ist gar nicht Künstler,
sein
äusseres Auge ist nicht rezeptiv und d a h e r
auch nicht
schöpferisch.
Von ihm dürfte man nicht behaupten, der Sehnerv dringe von der
Netzhaut
ins Gehirn ein, sondern vielmehr, das Gehirn setze sich fort bis in die
Netzhaut; denn das Sehen ist bei ihm eine echt analytische
Gehirnfunktion.
Während Goethe von sich melden darf: »der
Gesichtssinn ist derjenige,
durch welchen ich die Aussenwelt am vorzüglichsten
ergreife«, ¹)
müsste Kant gestehen: ich sehe nur, was ich denke. Deshalb strengt
ihn das Sehen auch so an und sieht er die Dinge lieber und besser —
namentlich
auch schärfer — bei
geschlossenen Augen. Grosse
analytische
Schärfe bei beschränkter Phantasie ergibt sich aus dieser
psychischen
Disposition mit Notwendigkeit; denn die Phantasie quillt nicht aus
unserem
eigenen menschlichen Innern, sondern den Stoff zu ihr schöpfen wir
aus der Welt wie aus einem Brunnen. Das grundlegende Organ aller
schöpferischen
Künstler ist das Auge, das Auge, welches weder von
unausgewickelten,
noch von ausgewickelten Begriffen etwas weiss, sondern als weibliches
Prinzip
das zeugende männliche Element des sinnlichen Eindrucks fraglos
liebend
in sich aufnimmt; die analysierende und von neuem kombinierende
Gedankengewalt
kommt erst in zweiter Reihe. Und so sehen wir denn einen extrem
künstlerischen
Geist, wie Goethe, ganz anders als Kant vorgehen, sobald er sich
philosophische
Rechenschaft über die Welt geben will. Diesen Gegensatz spricht
Goethe
mit aller Schärfe aus, indem er gesteht: »mit den Dingen
nebeneinander
wusste ich nichts anzufangen«. Er vermag es eben nicht, wie Kant,
sie
durch Aneinanderfügen zu einem Ganzen zu gestalten, sondern er
muss
e r s t das Ganze sehen, um dann die Teile in ihrer Eigenschaft
als Teile
begreifen zu können. »Meine Art, die Gegenstände der
Natur anzusehen
und zu behandeln, schreitet von dem Ganzen zu dem Einzelnen, vom
Totaleindruck
zur Beobachtung der Teile fort,« bezeugt Goethe von sich. ²)
Und darum ist er gezwungen (durch seine Geistesanlage gezwungen), wenn
er die
—————
¹) Das Sehen in
subjektiver
Hinsicht.
²) Zur
Kenntnis der böhmischen Gebirge, Brief an Herrn
Leonhard.
37 GOETHE
Natur
verstehen will, als Seher und
Dichter
zu verfahren, und das heisst:
aus Anschauung schöpferisch.
Wir erblicken schon
jetzt mit
voller Deutlichkeit einen Kontrast zwischen den intellektuellen Anlagen
dieser beiden Persönlichkeiten: die
eine (Goethe) lebt mit ewig offenem
Auge und gelangt nur durch das Anschauen an das Denken, die andere
(Kant)
lebt mit verschlossenen Augen und nur auf dem Wege des Denkens gewinnt
sie anschauliche Vorstellungen. Jedoch, ich muss Sie bitten, einer
derartigen
Formulierung kein allzu grosses Gewicht beizulegen; sie bezweckt weiter
nichts, als unsern augenblicklichen Standpunkt genau zu bestimmen. So
erscheint uns zunächst das Verhältnis; so stellt sich das
Bild
dar, wenn wir es zum ersten Male — etwa wie ein fernes Gebirge am
Horizont
— erblicken. Jetzt müssen wir aber näher treten; wir wollen
ungelehrt,
nicht aber oberflächlich sein; darum dürfen wir über das
Wechselverhältnis zwischen Anschauen und Denken nicht hinwegeilen.
Soll uns Goethe's intellektuelle Persönlichkeit dienen, um die
Kant's
kennen zu lernen, so muss sie selber uns bekannt sein. Wer aber kennt
Goethe,
den Naturbetrachter? Bis heute
nur sehr
Wenige.
Vielleicht wird
gerade Kant, der
unvergleichliche Analytiker des Menschengeistes, uns einen Wink geben,
der uns den richtigen Weg weist. Gegen Schluss der Einleitung in seine
Kritik der reinen Vernunft
lesen wir: »Es gibt zwei Stämme
der menschlichen Erkenntnis, die vielleicht aus einer
gemeinschaftlichen,
aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich S i n
n l i c h k e i t und
V e r s t a n d, durch deren ersteren uns
Gegenstände g e g e b e n, durch den
zweiten aber g e d a c h t werden«.
Dieses Wort verdient unsere
dauernde
Aufmerksamkeit; es bildet gleichsam ein erstes Beschreiten
metaphysischen
Denkens. Doch hiesse es sehr oberflächlich urteilen, wollten wir
kurzweg
behaupten, bei Goethe sei der eine der beiden Stämme,
Sinnlichkeit,
mehr entwickelt, der andere weniger, und bei Kant verhalte es sich
umgekehrt.
Gerade in Goethe's Naturbetrachten ist der Verstand ungewöhnlich
entwickelt;
wie kaum ein Zweiter hat er die Naturkunde mit Ideen, im Gegensatz zu
Entdeckungen, bereichert. Das Verhältnis zwischen den beiden
»Stämmen«
ist in Wirklichkeit ein sehr verwickeltes. Sowohl zum Anschauen wie zum
Denken gehört eben beides: Sinnlichkeit u n d
Verstand; und das
Mass,
in welchem bei einem Individuum beide beteiligt sind, einerseits im
Anschauen,
andrerseits in
38 GOETHE
der
gedankenhaften Bearbeitung des
Angeschauten,
ist ein Hauptgrund des Unterschiedes zwischen der intellektuellen
Beschaffenheit
verschiedener Persönlichkeiten. Doch was hiermit gesagt sein soll,
kann nur durch ein konkretes Beispiel deutlich gemacht werden. Darum
müssen
Sie mir gestatten, hier einen Exkurs über Goethe's
Metamorphosenlehre
einzuschalten. Auf diesem Wege werden wir bis ins Innerste jener
geistigen
Anlagen dringen, um die wir bisher nur von aussen herumstreiften.
Die
unmittelbare Beziehung auf Kant, die Sie jetzt schon ahnen, wird sich
dann
plötzlich Ihren Augen enthüllen.
*
* *
ERFAHRUNG UND IDEE
Alle Welt kennt Goethe's
Erzählung
von seiner ersten Begegnung mit Schiller. Goethe — damals noch in
völliger
Naivetät sein Verfahren
unbewusst
anwendend
— trägt Schiller seine Lehre von der Metamorphose der Pflanzen
vor
und lässt mit einigen Bleistiftstrichen eine
»Urpflanze«
vor seinen
Augen entstehen. Schiller hört aufmerksam zu, schüttelt aber
dann den Kopf und spricht:
»Das ist keine Erfahrung,
das ist eine Idee!« Worauf Goethe gereizt erwidert: Das kann mir
sehr
lieb
sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen
sehe«.
Mit den Augen Gesehenes: das ist ja gerade der Sinn des griechischen
Wortes
»Idee«. Plato's Ideen entspringen einem so intensiven
Bedürfnis
nach Anschauung, dass ihm gegenüber jeder vereinzelte Gegenstand
einem
blossen Schatten gleicht. Es ist recht gut möglich, eine Idee zu
besitzen,
ohne sich dessen in diskursiver Weise bewusst zu sein; wir werden in
einem
späteren Vortrag sehen, dass es uns Allen immerfort so ergeht. Was
wir aber hier vor allem zu beachten haben, ist die Unfähigkeit des
Anschauungsgenies — solange der analytisch Denkende ihn nicht
aufgeklärt
hat — zwischen seinen Ideen und seinen Erfahrungen zu unterscheiden.
Für
Goethe war bis zu jener Begegnung mit Schiller die Umbildung einer
Blattgestalt
in die andere oder die Umwandlung von Wirbelknochen in einen
Schädel
etwas ebenso konkret »Geschautes« und daher
»Erfahrenes«
gewesen
wie die einzelnen Pflanzen und die einzelnen Knochen, die er studiert
hatte.
Hier halten wir
endlich jenen
schon mehrfach genannten Gegensatz in derjenigen Gestalt, die dem Zweck
unserer Untersuchung am genauesten entspricht, nämlich in der
Gegenüberstellung
von Er-
39 GOETHE
fahrung
und Idee. Das offene wie
das
geschlossene Auge war lediglich das physische Symptom einer geistigen
Anlage;
die Gegenüberstellung von Sinnlichkeit und Verstand hätte zu
einer
rein metaphysischen Erörterung des Menschengeistes im allgemeinen
geführt; eine Unterscheidung zwischen Anschauen und Denken bleibt
theoretisch, solange nicht die praktische Unterscheidung zwischen Idee
und Erfahrung vorangegangen ist. ¹) Hier also wollen wir den
Bohrer
ansetzen.
Wir sind umsomehr dazu veranlasst, als diese Frage der Beziehungen
zwischen
Idee und Erfahrung — wie sie so treffend knappen Ausdruck in jener
Unterhaltung
zwischen Schiller und Goethe fand — immer wiederkehrt, sobald man
über
das Schauen spricht, und uns darum in diesen Vorträgen viel
beschäftigen
wird, wo die verschiedene Art, in welcher verschiedene
Persönlichkeiten
die Welt anschauen, das Hauptinteresse beansprucht. Denn dieses
Verhältnis
zwischen Idee und Erfahrung bildet eine Achse, um welche unsere
Auffassung
dessen, was »Anschauen« überhaupt bedeutet, sich
dreht. Der
grosse
Goethe selbst hat von 1794 an unablässig über dieses Problem
nachgesonnen. Klar erkannte er, es sei »gleich schädlich,
ausschliesslich
der Erfahrung als unbedingt der Idee zu gehorchen«; ²) doch
damit war
nur
methodisch, nicht grundsätzlich etwas gewonnen. Unverdrossen
drehte
er die Frage um und um, in der Hoffnung, des Rätsels Lösung
einmal
zu finden. Er sah ein, dass dem Gegensatz zwischen Erfahrung und Idee
derjenige
zwischen Sinnlichkeit und Verstand, zwischen Anschauen und Denken,
zwischen
Analyse und Synthese, ja in einem gewissen Sinne sogar zwischen Physik
und Metaphysik, zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Erscheinung und
Ding
analogisch entspricht. Überall lehrt die Überlegung, dass ein
jeder dieser beiden Gegensätze im andern wurzelt; überall
zeigt
die Praxis, dass der eine den andern aufzuheben geneigt ist. Wie die
negative und die positive Elektrizität setzen sie sich gegenseitig
voraus und stossen einander ab. Verfolgen Sie Goethe's Denken
über
die Natur — und das ist für unser aller Geistesbildung viel
wichtiger
als das sterile Wiederkäuen von Faust
und Tasso und ist eigentlich
jetzt erst, durch die vortreffliche zweite Abteilung der Weimarer
Ausgabe,
in befriedigender Weise möglich geworden — so werden Sie immer und
überall diese Frage auf-
—————
¹) Über Anschauen und
Denken
handelt ausführlich der zweite Vortrag, über Sinnlichkeit und
Verstand
der dritte.
²)
Geschichte der botanischen
Studien,
Schlussabsatz.
40 GOETHE
tauchen
sehen. »Hier ist
es,«
schreibt er in der Farbenlehre,
»wo sich der Praktiker in der
Erfahrung,
der Denker in der Spekulation abmüdet und einen Kampf zu bestehen
aufgefordert ist, der durch keinen Frieden und durch keine Entscheidung
geschlossen werden kann«. ¹) Den Bestrebungen hochmütig
beschränkter
»Praktiker« entgegen, tritt Goethe immer wacker für
die
Rechte
des »Denkers«, d. h. für die Rechte des Verstandes,
der Idee,
der Synthese, ja auch der Metaphysik ein. Sollte letztere Behauptung
Sie
stutzig machen — da Sie in der fable convenue des
unphilosophischen,
ebenso wie in der des unmusikalischen Goethe erzogen sind — so kann ich
seine eigenen Worte anführen: »Hier aber werden wir vor
allen
Dingen bekennen und aussprechen, dass wir mit Bewusstsein uns in der
Region
befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander greifen,
also da, wo der ernste, treue Forscher am liebsten verweilt« (W.
A.,
2. Abt., 6, 348). Beachten Sie, bitte, dieses »am liebsten
verweilt«! Jedoch seine eigene Erfassung der Natur und des
Lebens wurzelt zu
offenbar in der Anschauung, er ist ein zu gegenständlicher
Denker,
und vor allem, das die Erscheinung vermittelnde Auge ist zu sehr das
vorwaltende
Organ in seiner Persönlichkeit, als dass er je geneigt sein
könnte,
der greifbaren Welt der Empirie auch nur auf einen Augenblick untreu
zu werden. Die bekannten Verse Wordsworth's
To the solid ground
Of Nature
trusts the mind which builds
for aye
sind wie auf Goethe gemünzt,
und
zwar mit dem charakteristisch einschränkenden Zusatz, dass es
für
Goethe solid ground nur dort
gibt, wo das A u g e etwas erblickt, wogegen
er Misstrauen und fast Widerwillen für alles empfindet, was uns
die
Physiker von einer unsichtbaren Natur erzählen. Als der
philosophische
Botaniker Link gewisse Ideen Goethe's über das Wachstum der
Pflanzen
durch die Heranziehung von Pendel- und Wellenbewegungen zu
bekräftigen
sucht, fühlt sich der Dichterforscher nicht etwa geschmeichelt,
sondern
ist entsetzt, entsetzt über diese »Anführung letzter,
bildloser,
sublimierter Abstraktion«; ²) und an Schiller schreibt er
über
das Ergebnis, zu welchem seine »Naturbetrachtungen«
führen:
»Es wird
—————
¹) Zur Farbenlehre,
didaktischer Teil § 181.
²) Wirkung
dieser Schrift etc. (im
Verfolg
der Pflanzenmetamorphose).
41 GOETHE
eigentlich
d i e W e l t d e s A u g e s ....
und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von
Darstellung«
(15. 11. 96).
Ich bitte Sie,
behalten Sie dieses
Wort (das Goethe selber unterstrichen hat) im Gedächtnis: die Welt
des Auges! Wie wichtig es ist, werden Sie erst in den folgenden
Vorträgen
nach und nach ganz begreifen lernen. Inzwischen sei nur das eine
gesagt:
die Welt des Auges ist es, deren Gesetz Goethe unbewusst dazu antreibt,
die ungezählten Einzelheiten der Erfahrung zu einigen wenigen
ideellen
Einheiten zu verbinden; wie die Blume der Sonne bedarf, so erblüht
diese Weltanschauung in dem Sonnenglanz leuchtender Ideen. Nun
entspringen
aber Ideen nicht der blossen empirischen Erfahrung, sondern der
Vernunft;
dass also die Wege Goethe's und Kant's, die hier auseinander zu gehen
scheinen,
doch wieder zusammenführen dürften, ahnen Sie vielleicht
schon
jetzt.
Wir wollen nun
vorderhand nicht
mehr unternehmen, als wir heute zu leisten hoffen können. Mein
erster Grundsatz in diesen Vorträgen ist, dass Sie gar nichts
Abstraktes
denken d ü r f e n — es ist Ihnen streng verboten. Ich
möchte Sie
überhaupt
bitten, jene bekannte Gebärde des gespannten Denkens zu
vermeiden.
Nichts ist dem Verständnis hinderlicher. Treffend sagt Goethe:
»Alles Denken nützt zum Denken nichts.« Was wir eigene
Gedanken
nennen,
ist ein Geschenk der Natur, und vollends für die Aufnahme fremder
Gedanken ist eine fast duldende,
offene Hingabe erforderlich. Ausserdem werde ich niemals mit Ihnen das
Gebiet des reinen Denkens betreten, wenn nicht vorher eine
vollkommen
anschauliche Vorstellung gewonnen ist, und das Material zu dieser
können
wir nur nach und nach zusammentragen.
DIE METAMORPHOSE
Knüpfen
wir wieder bei dem
Gespräch zwischen Schiller und Goethe an; ein besseres
Grundthema
kann es nicht geben.
Schiller
schüttelt den Kopf
und sagt: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.« Der
Einfachheit
halber habe ich ihm vorhin — wie
meistens geschieht — recht gegeben.
Er hatte aber, wenn auch nicht ganz unrecht, keineswegs ganz
recht.
So einfach liegt die Sache nicht. Vielmehr hatte Goethe guten Grund,
»verdriesslich
zu werden« und eigensinnig seinen Standpunkt zu wahren. Er und
Schiller
hatten nämlich — völlig unbewusst — die sehr vielfältige
Frage
der Metamorphose genau bei demjenigen Punkte angefasst, wo Idee und
Erfahrung
unmerklich ineinander übergehen, nämlich
42 GOETHE
bei
der Metamorphose des
Pflanzenblattes.
In wenigen Minuten sollen Sie genau einsehen, was diese Behauptung
besagen
will.
Das griechische Wort Morphe
bedeutet »Gestalt«‚ und Metamorphosis
»Umgestaltung«.
Es ist für
den wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes kein Glück, dass es
durch
Ovid's »Metamorphosen« einen unvertilgbaren mythischen
Klang
erhalten
hat. »Von Gestalten umgewandelt in neue Körper will ich
singen«‚
beginnt der Dichter, und nun erfahren wir, wie Actäon in einen
Hirsch,
Narcissus in eine Blume, Atlas in einen Berg
»metamorphosiert«
werden,
und gar manche andere schöne, symbolische Sage, durch welche die
Natur
in den sinnbildlichen Dienst des menschlichen Gemütes gestellt
wird.
Bei dem Poeten wissen wir genau, was »Metamorphose« besagen
soll;
dagegen vermag kein Mensch eine scharfe Begriffsbestimmung des
Ausdruckes »Metamorphose« innerhalb der Naturkunde zu
geben. Teils versteht
man darunter eine nachweisbare historische Umwandlung eines Dinges in
ein anderes Ding — genau also wie bei Ovid's Gestalten; teils nennt man
Metamorphose die verschiedenen Entwickelungsphasen eines die Gestalt
wechselnden
individuellen Lebewesens; teils bezeichnet man mit diesem Wort die
hypothetische
oder auch rein ideelle Zurückführung verschiedener Gebilde
auf
einen mehr oder weniger deutlich vorgestellten (meistens aber
völlig
unvorstellbaren) »Urtypus«, der für die Einen einen
tatsächlichen
historischen Urahnen, für die Andern lediglich einen Notbegriff
des
in einem ungeheuren Material Ordnung schaffenden Menschengeistes
bedeutet. Goethe selber — der so wenig zwischen Erfahrung und Idee zu
sichten
verstand — hat nie deutlich ausgesprochen, welche dieser verschiedenen
Bedeutungen er als Metamorphose und Umbildung organischer Gebilde
verstanden
wissen will; seine Auffassung schwankt hin und her. Auch hier sollen
also
nicht Worte, nicht Definitionen, sondern konkrete Vorstellungen Ihre
Gedanken
leiten.
Wollen Sie ein
Antidot gegen die
mystisch-poetischen Gedankenverbindungen des Wortes
»Metamorphose«
besitzen, es aber zugleich ebenso konkret angewandt sehen wie von dem
römischen Dichter, so können Sie es aus der Sprache der
heutigen Geologen
entnehmen: man nennt
»metamorphische Gesteine«
solche, die infolge physikalischer Einwirkungen, wie Hitze, Druck,
Wasserdampf
und dergleichen, eine chemische und strukturelle Umwandlung
erlitten
haben. So z. B. ist es von vielen oder allen Glimmerschiefern und
Gneisarten —
43 GOETHE
Ihnen
aus dem Hochgebirge vertraut —
sicher, dass sie ursprünglich wie die Kalk- und Kreidefelsen und
die
Sandsteine, durch Ablagerungen entstanden sind; vermutlich
waren
sie reich an organischen Resten; dann aber wurden sie durch
langanhaltende
oder durch kurzwährende aber ungeheuer mächtige
Einflüsse
durch und durch umgewandelt, ihre Bestandteile wurden aufgelöst
oder
aufgeschmolzen, ihr Inhalt an versteinerten Gebilden
zertrümmert,
so dass zuletzt an Stelle der Stratifikationen nut ihrem
abwechslungsreichen
Inhalt ein einheitlicher kristallinischer Fels dastand. Sowohl die
chemische
Zusammensetzung wie die physikalische Beschaffenheit des neuen
Gesteines
ist eine andere als die des früheren. Dies ist nun die ganz
konkrete, materielle Metamorphose:
aus einem Ding ist ein anderes Ding gemacht
worden; das ist reine Erfahrung, gar nicht Idee. Oder vielmehr, nur
eines
ist hierbei Idee: dass wir
nämlich den neuen
Felsen doch als »den selben« wie den früheren
betrachten
und ihn darum »metamorphosiert« nennen, obwohl in
Wirklichkeit der
frühere Fels gar nicht mehr existiert, sondern einem durchweg
neuen
den Platz geräumt hat.
Sobald wir die
organische Natur
in Betracht ziehen, wird die Sache verwickelter. Denken Sie
zuerst
an das bekannteste Beispiel, die Schmetterlinge. Aus dem Ei kriecht die
Raupe; nach einer gewissen Zeit spinnt oder kapselt sich die Raupe ein;
es entsteht ein ganz anderes
Wesen, die Puppe, in
welcher fast alle inneren und äusseren Organe eine
tiefgreifende
Umbildung erleiden; die physiologischen Daseinsbedingungen dieses
neuen,
ruhenden Wesens sind so besondere, dass manche Puppe jahrelang (z. B.
in
der Kälte) aufbewahrt werden kann, ohne dass das Leben vernichtet
würde; endlich fallen die Hüllen herunter, und statt des
mühsam
schwerfällig von einem Halm zum anderen den
garstigen
Leib hinschleppenden Gewürms, flattert auf luftverwandten
Flügeln von Blume zu Blume der bunte Schmetterling.
Diese Metamorphose
des
Schmetterlings
(ein im Tier- und Pflanzenreich weitverbreitetes Phänomen) nannte
Goethe »die successive, augenfällige Metamorphose«.
Wenn
wir auch mit Ehrfurcht bekennen, dass wir hier vor einem
unerforschlichen
Wunder der Natur stehen, diese Art der Metamorphose nehmen wir
ohne
weiteres auch als eine einfache »Erfahrung« in Anspruch.
Allerdings
steckt in Wirklichkeit schon hier viel »Idee« in unserer
Deutung;
selbst Goethe hat das später geahnt; doch gehen wir lieber
gleich weiter,
44 GOETHE
ohne
zu philosophieren, und greifen
wir
ein anderes Beispiel heraus, das ebenfalls recht
»augenfällig«
ist, nicht aber eine successive (aufeinanderfolgende) Metamorphose
darstellt,
sondern, wie Goethe sie im Gegensatz zu jener nennt, »eine
simultane«,
das heisst gleichzeitige.
Hier stelle ich das
Skelett einer
Katze vor Ihnen hin. Ich bitte, beachten Sie das übrige nicht,
sondern
fassen Sie lediglich die Wirbelsäule von dem Schädel bis zur
Schwanzspitze ins Auge. Wenn Sie die Knochen, welche diesen
Rückgrat
bilden, zählen, so werden Sie 46 finden, oder 44, wenn Sie etwa
übersehen
sollten, dass dort, wo die Beckenknochen sich angliedern, 3 zu einem
einzigen
Stück verwachsen sind.
¹) Niemand wird einen Augenblick schwanken, jeden einzelnen
dieser 46
Knochen als einen W i r b e l anzusprechen. Selbst
der Wilde würde,
glaube
ich, die Behauptung verstehen und gutheissen: das sei der selbe Knochen
sechsundvierzigmal wiederholt; jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass
unsere
Kinder sich diese Vorstellung mühelos aneignen. Von allen Seiten
wird
uns die einheitliche Auffassung dieser Knochenreihe nahegelegt: die
scheinbare
Übereinstimmung in Bezug auf einige Grundzüge der Gestaltung
der einzelnen Glieder, die sichtbare Ineinanderfügung zu der
Bildung
einer einheitlichen mechanischen
—————
¹)
Ich weiss nicht, ob die Zahl
der Schwanzwirbel schwankt: Mivart sagt in seiner bewundernswerten
Monographie
(The Cat, an introduction to the
study of backboned animals, 1881)
die
Katze habe »gegen zwanzig«; m e i n
e Katze hat 16
Schwanzwirbel,
woraus sich mit 7 Hals-, 13 Brust-, 7 Lenden-, 3 Beckenwirbeln
zusammen
die Summe von 46 ergibt.
45 GOETHE
Körperachse,
die
Gleichmässigkeit
der physiologischen Funktion als Berger des
Rückenmarkstranges.
Und doch, sehen Sie sich, bitte,
diese Knochenreihe näher
an, diese angeblich sechsundvierzigmalige
Wiederholung des selben
Gebildes.
Nicht zwei Stück sind sich vollkommen gleich! Die Knochen der
Vorder-
und Hinterbeine, die wir zwar als analog erkennen, doch sorgfältig
voneinander unterscheiden und mit eigenen Namen belegen, entsprechen
sich
weitaus genauer als die Wirbelknochen untereinander. Hier gebe ich
Ihnen
von einem andern Katzenskelett den ersten und den letzten
Wirbelknochen
losgelöst, damit Sie sie nebeneinander halten können. Gibt
es
auf der Welt etwas Verschiedeneres? Hier ein winziges,
Verschiedene
Wirbelknochen der Katze.
1. erster Halswirbel (Atlas);
2.
Schwanzwirbel;
3. fünfter Halswirbel; 4.
fünfter Rückenwirbel; 5.
fünfter Lendenwirbel.
cylindrisches
Knöchelchen,
der Länge nach gestreckt und mit kleinen keulenförmigen
Verdickungen
an beiden Enden, dort ein mächtiger, in der
Längsrichtung
kurzgedrungener, in der Breite geflügelter Knochen. Und nun
vergleichen
Sie mit diesen ersten Wirbel (dem sogenannten Atlas oder
Träger)
den zweiten (den die Anatomen den Epistropheus
nennen, das heisst, den
Umdreher). In der Länge gestreckt, in der Breite zusammengepresst,
mit einem hohen Rückenkamm versehen, der nach vorn
und
hinten über die anderen Wirbel übergreift! Wiederum ein
völlig neues Gebilde, den beiden soeben betrachteten ganz und gar
unähnlich.
Und jetzt schauen Sie sich noch einmal, bitte, mit
geschärftem
Auge die ganze Wirbelsäule an. Sehen Sie hier die hochaufstreben-
46 GOETHE
den
Dornfortsätze auf den
Rückenwirbeln
— von denen ausserdem kein einziger einem anderen genau gleicht; sehen
Sie, wie diese Dornfortsätze plötzlich gedrungen,
schnabelförmig,
nach vorn statt nach hinten gerichtet auftreten, dafür aber die
Wirbel
in der Lendengegend immer mächtigere Fortsätze quer nach
unten
gerichtet aufweisen, dazu — als neue Eigentümlichkeit —
Höcker,
die auf jeder Seite nach vorn und nach hinten streben.
Rückenwirbel eines Reptils
Naosaurus
claviger
Auf weitere Einzelheiten
wollen wir uns nicht einlassen; wir haben schon genug
Anschauungsmaterial
zusammen, um uns ernstlich zu fragen, was wir eigentlich meinen, wenn
wir
alle diese verschiedenen Knochen auf einen Begriff
zurückführen
und ihn »Wirbel« benennen. Ich sage absichtlich Begriff,
denn
eine
einheitliche V o r s t e l l u n g — ein wirklich
erblicktes Gebilde — in
welchem
dieser Atlas, dieser hochbedornte
Rückenwirbel und
dieser glatte Schwanzknochen
zusammenträfen,
kann es offenbar nicht
geben, es
sei denn, dass wir
mit Hilfe der theoretischen
Überlegung uns einen
»typischen Wirbel«
oder »Urwirbel«, oder wie
Sie es nennen wollen,
austifteln,
dessen schattenhaftes
Dasein auf unser eigenes Gehirn
beschränkt
bleibt. Auch der Entwickelungsgang
der
Katze im Mutterleib verhilft
nicht zu der konkreten Vorstellung
eines gleichsam neutralen Wirbelgebildes.
Denn wenn es auch im früheren Leben des
Embryos
ein Stadium gibt, wo die sogenannten U r w i r b e l
wie gleichförmige
Scheiben
hintereinanderliegen,
was will das besagen, als dass wir nicht fähig sind, die
innewohnenden
Unterschiede, welche sich bald darauf kund tun, zu erblicken? Ausserdem
sind aber diese angeblichen »Urwirbel« nicht
einmal
die Erzeuger unserer Wirbel. Aus ihnen bilden sich vielmehr Muskeln und
Nerven und Bindehaut; dann verwachsen sie zu zwei und zwei und teilen
sich
wiederum, so dass jeder einzelne wirkliche Wirbel Bruchstücke von
zwei verschiedenen Urwirbeln aufnimmt, wozu aber noch ganz
andere
Gebilde aus den Haut- und Fleischschichten hinzukommen, um den Wirbel
zu
vollenden, Gebilde, die in keinerlei Berührung mit- oder
Verhältnis
zu einander stehen
47 GOETHE
und sich in
verschiedenen Teilen der
Körperachse
verschieden gestalten.
Sie werden, glaube ich, zugeben, bei
dieser
Begriffsbildung »Wirbel« ist nicht blosse Erfahrung am
Werke, wie
bei
den metamorphischen Gesteinarten, sondern auch Idee, sogar sehr viel
Idee.
Und vielleicht werden Ihnen einige Bedenken
aufsteigen,
wenn Sie nun diese 46
verschiedenen
Knochen betrachten und ein Goethe belehrt Sie, alle seien durch
Umbildung aus ursprünglich einheitlichen,
ineinander
völlig gleich gestalteten »Urwirbeln« entstanden, sie
seien
als ebenso genetisch untereinander verwandt
vorzustellen
wie der Schmetterling mit der Puppe und der Raupe verwandt ist; die
Wirbelknochenreihe
sei ein Beispiel von »gleichzeitiger Umbildung«, von
»simultaner
Metamorphose«. Ich glaube, Sie werden geneigt sein, mit
Schiller
den Kopf zu schütteln und sich zu sagen: das
ist mehr Idee als Erfahrung.
Die »Umbildung« von etwas, was nur in meiner
eigenen
Phantasie existiert, ja, kaum in meiner Phantasie, sondern was
mir
nur als symbolischer Typus vorschwebt: das ist ein gewiss
nützlicher,
doch immerhin kühner Gedanke. Nur müssen Sie sofort
hinzusetzen: dieser Gedanke ist keine blosse Abstraktion, sondern
eine
I d e e, im vorhin bezeichneten platonischen Sinne des Wortes.
Es
handelt
sich um ein Z u s a m m e n s c h a u e n des
Gesehenen, um das, was
der
grosse Grieche eine Synagoge
nannte. Es ist gleichsam,
als
ob diese vielen verschiedenen Wirbel unsere Vorstellungskraft
belasteten,
als ob sie das Auge zerstreuten und es nicht zu jenem Blicke
kommen
liessen, der »still und rein auf den Dingen ruht«. ¹)
Goethe
selber, der »die organische Welt mit leidenschaftlichem Sinne zu
fassen trachtete«, ²) hat viel unter der Überfülle
der
Gestalten und der daraus entstehenden Unübersichtlichkeit
gelitten.
Sein ganzes reiches Wirken auf den Gebieten der
Botanik
und der Zoologie gilt einem einzigen Bestreben, welches
wir
in die Worte zusammenfassen dürfen: e r h
a t d a s
G e s e h e n e
s i c h t b a r m a c h e n w o l l e n.
Kant, wie Sie sich erinnern, schloss das Auge
vor
der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, Goethe dagegen
kam
dem Auge zu Hilfe und vereinfachte das Bild durch die
Zusammenfassung
des Mannigfaltigen unter einige wenige Ideen. Was wir für
theoretisch
bei ihm halten und was darum so Manchen an dem Poeten befremdet hat,
—————
¹)
Schiller an Goethe,
23. 8. 94.
²) Tibia und
Fibula.
48 GOETHE
gilt
— wie schon gesagt — alles jener
»Welt des Auges«. Auch seine Optik kann nie verstanden
werden,
solange
man nicht begreift, dass sie ein heldenmütiger Kampf gegen
unsichtbare,
zahlenmässige Schemen zugunsten anschaulicher Vorstellungen ist.
Diese
»simultane Metamorphose« kann also unmöglich bei ihm
ein
Gedankending sein; vielmehr ist sie — wenn ich so sagen darf — gesteigerte
Erfahrung. ¹)
DIE PFLANZENMETAMORPHOSE
Jetzt erst, wo
Sie durch die
Gegenüberstellung der successiven (fast ganz
erfahrungsmässigen)
und der simultanen (fast rein ideellen) Metamorphose einige
scharfe
Begriffe über das Verhältnis von Erfahrung und Idee innerhalb
dieses Vorstellungskreises besitzen, jetzt erst
werden Sie verstehen können,
inwiefern die sogenannte »Metamorphose der Pflanzen« genau
auf dem
kritischen Punkte steht, wo Erfahrung und Idee ineinander
übergehen,
so dass eine Grenzlinie nicht zu ziehen ist. Die Pflanzenmetamorphose
ist nämlich z u g l e i c h
»successiv« und »simultan«,
aufeinanderfolgend
und gleichzeitig! Beide Auffassungen sind zulässig; welche wir
bevorzugen
sollen, hängt davon ab, auf welchen Punkt wir unsere
Aufmerksamkeit
richten; und darum ist hier die Verwechslung zwischen Erfahrung und
Idee
kaum zu vermeiden. Dass Goethe gerade hier, wo das Problem uns
gleichsam
zwischen den Fingern durchgleitet, seine vergleichenden Studien begann,
ist weniger Zufall als Instinkt; denn um das zu erreichen, was er
für
seine Welt des Auges brauchte, war ein schwebender Standpunkt zwischen
Erfahrung und Idee das richtige Sprungbrett.
—————
¹) Da
Goethe bei den Pflanzen
meistens
von »Metamorphose«, bei den Tieren meistens von
»Umbildung«
oder auch von »vergleichender Anatomie« spricht, so
könnte
Einer oder der Andere mir den Vorwurf machen, ich hätte
zusammengestellt,
was nicht zusammengehört. Doch würde der Einwurf aller
sachlichen
Grundlage entbehren; Goethe selber hat an verschiedenen Stellen die
Identität
seiner Bemühungen und seiner Anschauungen auf allen Gebieten des
Lebens
betont. So spricht er z. B. in der Erläuterung
zu dem
aphoristischen
Aufsatz »Die Natur« ausdrücklich davon, dass er
nach der
Aufstellung der Metamorphose der Pflanzen diejenige der
»Metamorphose
des
Tierreichs« unternommen habe; so notiert er handschriftlich in
einem
Entwurf zu einer Geschichte der
osteologischen Studien: »Vorbild
am Aufsatz über die
Metamorphose
der Pflanzen« (W. A. II,
8, 362);
so wendet er in dem Aufsatz
Bedenken
und Ergebung die Begriffe der simultanen und successiven
Umbildung ganz
allgemein an; so führt er in den Vorträgen
über die drei
ersten Kapitel des Entwurfs einer vergleichenden Anatomie,
Abschnitt 3,
die selbe Parallelisierung durch, wie ich sie hier versucht habe, und
benutzt
das selbe Beispiel der Wirbelknochen. In den Nachträgen zur
Farbenlehre
(Ältere Einleitung) gibt er ebenfalls einen zusammenfassenden
Überblick
über seine organischen Studien und spricht ein halbes Bedauern
darüber
aus, dass das Wort »Metamorphose« zu
Missverständnissen
geführt
habe. Das genügt, wenn auch weitere Belege sich beibringen liessen.
49 GOETHE
Hier haben Sie mehrere
Pflanzen,
die ersten besten Kräuter, die
ich früh auf der Wiese fand. Obwohl
Goethe in erster Reihe von dem
Anblick der Fächerpalmen im
botanischen Garten zu Padua angeregt wurde, ist es doch für
seine Lehre von der Pflanzenmeta-
Ranunculus
auricomus.
1. Wurzelblatt; 2. unteres
Stengelblatt;
3. oberes Stengelblatt; 4. Nebenblatt: 5. Kelchblatt; 6.
Blütenblatt; 7. Staubblatt; 8.
Fruchtblatt.
(Nach der Natur gezeichnet von
Anna
Chamberlain.)
morphose bezeichnend, dass er
nicht
Bäume
und ebensowenig jenes formenreichste Gebiet der Erdenvegetation, die
Kryptogamen
(d. h. die der Blüten entbehrenden Pflanzen) dabei
im
Auge hatte, sondern zunächst und zuvörderst einzig die
schnell
wachsenden, blühen-
50 GOETHE
den
und hinsterbenden Kräuter.
¹)
Das ist sehr wichtig, weil Goethe's Lehre ganz und gar nicht auf
wissenschaftlicher
Analysis, sondern ausschliesslich auf Anschauung beruht. Es waltet hier
mit dem tatsächlich Geschauten eine eigentümliche Verquickung
der Vorstellungen von Ruhe und Bewegung, von Sein und Werden,
und
formt es menschenmässig um; mich gemahnt diese Goethesche
Anadendrum medium.
A. untere ungestielte
Blätter; B.—C. Auftreten des
Stieles; D.—G. verschiedene
Formen am Stengel
entlang;
H. Blatt eines
Ausläufers.
Schöpfung manchmal an die
höhere
Mathematik; es ist das selbe gewaltsame Aufbrechen eines
verschlossenen
Tores, ²) und zwar in durchaus analoger Weise, nur wird das
eine
Mal das Gebiet der abstrakten, das andere Mal das der konkreten
Anschauung
betroffen.
Betrachten wir diese Pflanze hier, so erblicken wir,
von der
Wurzel bis zur Blüte, ein vollendetes Geschöpf. Es ist ein
ebenso
Fertiges, in sich Abgeschlossenes und der umgebenden
Welt
gegenüber Abgegrenztes wie
jenes Skelett der Katze. Die
Blätter, wie Sie sehen,
sind verschieden
gestaltet:
die sogenannten Samen-
—————
¹)
»Wir werden bei der
folgenden
Demonstration die Pflanze nur insofern betrachten, als sie
einjährig
ist und aus dem Samenkorn zur Befruchtung unaufhaltsam vorwärts
schreitet« (Die Metamorphose
der Pflanzen, § 6). Im Grunde
genommen,
betrifft das ganze Buch lediglich die sogenannte »Blume«
der
Angiospermen und den Nachweis, dass ihre Bestandteile den
Laubblättern
morphologisch gleichwertig seien, was Caspar Friedrich Wolff dreissig
Jahre
früher in einer wissenschaftlich weit befriedigenderen Weise
geleistet
hatte und ohne die irreführende Bezeichnung
»Metamorphose«
zu gebrauchen. (Man vgl. seine Theorie
von der Generation, 1764, zwote
Abhandlung, §§
11. 79, 80, 81, in welcher die Theoria
generationis
von 1759 weiter ausgeführt und wo nachgewiesen wird, dass
»Blätter,
Kelch. Blüte, Pistill, Samenkapsel, Samen ... dem Grunde nach
einerlei
sind«.) Nicht die wissenschaftliche Leistung macht — wie der
Unverstand
immer wieder behauptet, beziehungsweise bestreitet — den Wert von
Goethe's
kleiner Schrift aus, sondern ihre unvergängliche Bedeutung liegt
darin,
dass sie für jene Welt des Auges den Weg bahnte. Goethe selber
sagte
später, man solle »das Werklein symbolisch nehmen«
(Br.
an Zelter vom 14. 10. 1816).
²) Vgl. Chamberlain: Die
Grundlagen
des 19. Jahrhunderts, S. 781 f. und
hier weiter unten den
mathematischen
Exkurs im dritten Vortrag.
51 GOETHE
blätter,
an dem Grunde des Stengels,
sind
einfach, nicht einmal kerbt, die übrigen sind gefiedert, doch in
verschiedenem
Grade, zuerst zunehmend von Blatt
zu Blatt,
dann abnehmend. Auch bei diesen anderen Pflanzen werden Sie nicht zwei
Blätter von genau gleicher Gestalt finden; hier z. B. sind die
unteren
Blätter fünfzig- oder hundertmal grösser als die
oberen.
In anderen Fällen ist der Polymorphismus (die
Vielgestaltigkeit)
der Blätter noch stärker ausgesprochen. Sie dürfen aber
den Blick noch weiter richten, auf die Blume; die Blattnatur dieser
einzelnen
Blütenblätter sticht in die Augen, kann aber ausserdem durch
wichtige anatomische Merkmale, sowie namentlich durch die Lage in
Bezug
auf den Stengel, belegt werden, und ein Gleiches gilt für diese
inneren
Wirbel — die Staubfäden und die Organe der künftigen Frucht
— wenngleich sie äusserlich von den grünen
Blättern
weit abweichen. So viel tut also für uns unser
»Schutzengel,
der Genius der Analogie« — wie Goethe ihn einmal nennt. ¹)
Zwar sind Blütenblätter keine Laubblätter und umgekehrt
Laubblätter keine Blütenblätter — ihr Bau ist in
wichtigen
Punkten ein anderer und ihre Lebensverrichtung eine verschiedene,
und noch mehr gilt dies von den Geschlechtsorganen; und wenn Goethe
sagt: »wir wissen, dass die Stengelblätter nur
Vorbereitungen
und Vorbedeutungen auf die Blumen- und Fruchtwerkzeuge sind«,
²) so
gestehe
ich, dass eine so übertrieben figürliche
Redeweise
mir sehr bedenklich erscheint; die Stengelblätter sind die
wichtigsten
Nährorgane der Pflanze; sie als »nur Vorbedeutungen«
der
Blumenblätter zu bezeichnen, hat nicht mehr Sinn,
als
wenn ich den Magen eine Vorbedeutung des Gehirns nennen
wollte.
Wohin man auf diesem Wege kommt, ersehen wir, wenn Goethe
die
ungeheuerliche Behauptung aufstellt: »der weibliche Teil (der
Blüte)
ist so wenig als der männliche ein besonderes Organ«;
³) da sind wir denn beim Alleins angekommen und Wissenschaft
hört auf. Doch wollen wir die gesuchte Analogie und die
Zurückführung
aller dieser Organe auf die eine Vorstellung »Blatt«
vorderhand
ohne weiteres annehmen und gewisse Bedenken für
später
aufsparen. Diese ganze Reihe von Blattorganen steht nun offenbar nicht
anders vor uns als die Reihe der Wirbel in dem Rückgrat
der
Katze. Hier leben sie ja alle vor
—————
¹) Principes de philosophie
zoologique.
²) Farbenlehre,
didaktischer Teil,
§ 622.
³) Die Metamorphose der Pflanzen,
§
69.
52 GOETHE
unsern
Augen nebeneinander, ein jedes
seine Funktion verrichtend. Will man also diese Gebilde als
»Umbildungen«
betrachten, so kann es sich, wie bei der Wirbelsäule, nur um eine
gleichzeitige, um eine »simultane Metamorphose«, d. h. um
eine
reine Idee handeln, und Schiller hat recht, wenn er sagt, das ist keine
Erfahrung; denn wenn auch die Blätter »successiv« zur
Ausbildung
kommen, so entsteht doch nicht ein Blatt aus dem andern, noch auch
wandeln
sich Laubblätter in Blütenblätter um, wie der
Schmetterling
aus der Puppe entsteht, sondern die »Umbildung« bezieht
sich lediglich
auf eine allgemeine Idee — genannt Blatt — in unserem Kopf. So
aber
hat's Goethe — wenigstens ursprünglich — doch nicht aufgefasst.
Vielmehr
geht er tatsächlich von der Vorstellung einer Analogie mit der
aufeinanderfolgenden
Umbildung der Insekten aus! Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie
das
kam.
Die Metamorphosis plantarum
war
eine Lieblingsvorstellung und ein Lieblingswort der unklar
verallgemeinernden
Naturforscher zur Zeit, als Goethe sich mit diesen Dingen abzugeben
begann.
So lesen wir z. B. in einer Dissertation, welche Linnaeus selber im
Jahre
1755 unter obengenanntem Titel zum Druck beförderte: »Die
grüne
Raupenhaut der Pflanze platzt; mit dem Spitzenkragen des Kelchs bleibt
sie aber an dem sich weiter enthäutenden Körper
hängen .... die Wurmhaut ist als grüne Stengelrinde immer
noch da, aber der
Schmetterling
schaut lustig heraus und prangt mit dem bunten Farbenschmelz seiner
Flügel
von Blumenblättern«. ¹) Das ist ein wahrer
Prototyp der
falschen
Analogien und könnte allenfalls einem modernen Ovid,
nimmermehr einem Naturforscher empfohlen werden. Goethe stand
nun
unter dem Einfluss der Schule Linné's; ihre Werke waren, als er
Pflanzenkunde zu betreiben begann, sein »tägliches
Studium«,
und manches Zeugnis davon hat er uns mittelbar und unmittelbar
hinterlassen.
Schon aus der Philosophia botanica
des Linnaeus hatte er lernen
können,
dass, je nach der Beschaffenheit des Bodens,
Blütenblätter
in Laubblätter umgewandelt werden und umgekehrt, Laubblätter
in
—————
¹) Man
vergl. die
wertvolle
Schrift von Alfred Kirchhoff: Die
Idee der Pflanzenmetamorphose bei
Wolff
und bei Goethe, Berlin, 1867 (in dem Jahresbericht über die
Luisenstädtische
Gewerbeschule), S. 20. Eine philosophisch nicht sehr tiefe, doch als
Zusammenfassung des geschichtlichen Materials brauchbare Darstellung
hat
Albert Wigand gegeben: Kritik und
Geschichte der Lehre von der
Metamorphose
der Pflanze, Leipzig, 1846.
53 GOETHE
Blütenblätter.
Principium florum et
foliorum idem est. Luxurians vegetatio folia e floribus continuando
producit
etc. Die Gesamtheit dieser und ähnlicher Tatsachen betitelt
Linnaeus Metamorphosis vegetabilis
¹) Daher rührt Goethe's
Gebrauch
des Wortes Metamorphose — was
ein Unglück war, da das Wort
ihn und andere irreführte, daher rührt aber auch die erste
Anregung
zu einer Vorstellung, welche eine so eindringende Anschauungskraft
besass,
dass Goethe berechtigt war, zu sagen: er sehe seine Idee nut
Augen. ²)
Um das zu begreifen,
müssen
Sie sich von dem Standpunkt der Ruhe — auf dem wir uns
befinden,
solange wir hier diese fertige Pflanze in meiner Hand betrachten — auf
den der Bewegung begeben. Diese einjährigen Pflanzen wachsen alle
schnell; ihre ganze Vegetation umfasst nur wenige Monate. Dazu
kommt,
dass Goethe seine hierhergehörigen Betrachtungen
hauptsächlich
im Süden von Italien angestellt hat, wo man das
Hervorbrechen
neuer Blätter von Tag zu Tag, ihr Wachsen von Stunde zu Stunde
beobachten
kann. »Was ich im Norden nur vermutete, finde ich hier (in
Frascati)
offenbar« (Br. 3. 10.
87).
Nun bitte ich aber noch folgendes zu
beachten: der Stengel dieser Kräuter ist ein einfaches
Achsengebilde;
er wächst in die Höhe, und wie er wächst, bilden
sich in ziemlich regelmässigen Abständen sogenannte
Knoten;
an jedem Knoten spriesst ein Blatt hervor. So geht es abwechslungslos
weiter, und selbst wo die Blätter in Quirlen den Stengel umgeben,
wie hier in dem Kranz der Blütenblätter, überzeugt die
nähere
Beobachtung, sowie das Beispiel häufiger Missgestaltungen,
dass lediglich sehr verkürzte Zwischenknoten
anzunehmen
sind. Wir Menschen nun, die wir von der Vielgestaltigkeit
des Tierleibes herkommen, finden eine so auffällige
Einförmigkeit
in dem Plane dieses pflanzlichen Gebildes, dass wir zunächst
nichts
andres beachten als die strenge Wiederholung des Gleichmässigen,
und
erst später auf die Unterschiede aufmerksam werden. Schon
Johannes
Müller, der grosse Physiologe, hat bemerkt, dass es unsere
Phantasie
ist, die in der Pflanze »ein mannigfaltiges Ganze
identischer
Glieder erblickt«. ³) Goethe hatte das selbe in poetischer
Form ausgesprochen:
—————
¹) ed. 1770 Vindobonae
S. 301.
²) Für
seine Gedanken
über
die Pflanzen hatte Goethe ursprünglich den Titel Harmonia
Plantarum
im Sinne (Br. an Knebel, 18.
8. 1787).
³) Über die phantastischen
Gesichtserscheinunqen, § 181.
54 GOETHE
Gleich
darauf ein
folgender
Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer
das
erste Gebild. ¹)
Wir sehen den einfachen Stengel,
erblicken
das einfache Gesetz, wonach er an jedem Knoten ein Blatt trägt,
und
stellen uns unbewusst das Blatt als eine ebenso einförmige Gestalt
— »immer das erste Gebilde« — vor; wir gehen von der
Voraussetzung
»identischer
Glieder« aus, und somit trägt für uns der e
i n e Stengel
das e i n e Blatt, welches er eine unbestimmte
Anzahl von Malen
wiederholt.
Das ist, was die Logiker eine »Subreption« nennen,
nämlich
ein
aus
sinnlichen Eindrücken erschlichener Trugschluss. Nun denken Sie
sich
einen Mann von lebhaftester Phantasie und kaum gezügelter
Leidenschaftlichkeit,
der unter dem Sonnenhimmel Palermos und Neapels die Pflanzen unter
seinen
Augen wachsen sieht! Jeden Morgen findet er das eine identische Glied
neu entfaltet, und jeden Morgen ist es etwas anders gestaltet, als es
am
vorangegangenen war; es wird immer breiter und länger, die
Umrisslinie
nimmt an Mannigfaltigkeit der Bewegungen zu; dann,
plötzlich,
ohne Übergang, zieht sich das Organ zu einem kleinen, ungekerbten
Kelchblatt zusammen, breitet sich wieder zur farbigen Krone aus, zieht
sich neuerdings zum fast fadenförmigen Staubgefäss zusammen,
breitet sich abermals, wie mit der Kraft eines letzten Lebenshauches,
zum
Fruchtknoten aus; diesen bricht der Forscher auf und findet darin die
winzigen
Anlagen der künftigen Samenblätter einer neuen
Pflanze.
Für den Mann in dieser Gemütsstimmung gibt es hierbei
nichts Beharrendes, Ruhendes; die stille Pflanze ist in seinen Augen
ein
bewegliches, die Gestalt täglich wechselndes Wesen; das in
Wirklichkeit
fest angeheftete Blatt, das unverändert wie ein Kristall
verharrt,
bis der Herbst es abbricht — Goethe erblickt darin »einen wahren
Proteus,
der
sich in allen Gestaltungen offenbaren kann«; ²) die
Metamorphose
aus
einer
Gestalt in die andere geht ja unter seinen Augen vor sich; wie eine
Menschenbrust
sich hebt und senkt, so sieht er das Blatt sich ausdehnen und sich
zusammenziehen,
und in seinem Ohre erschallen — vom Samenblatt bis wiederum zur Frucht
— »die sechs Schritte der Natur«. ³) Für ihn ist
hier — wie Sie sehen — alles
Bewegung und
Aufeinanderfolge. Dass in der Pflanze, genau wie in der
Wirbelsäule
der Katze, die ver-
—————
¹) Die Metamorphose der
Pflanzen.
²) Italienische
Reise
(zweiter
Aufenthalt in Rom).
³) Die
Metamorphose der
Pflanzen, § 73.
55 GOETHE
schiedenen
Teile nebeneinanderstehen,
völlig
autonom, dazu noch physiologisch ungleichwertig, darauf richtet er
zunächst
keine Aufmerksamkeit, sondern in seinem Sinne handelt es sich um eine
wahre successive Metamorphose, und genau so, wie die Raupe in den
Schmetterling
umgebildet wird, erblickt er auch hier die tatsächliche Umbildung
eines
Dinges in ein anderes Ding. »Es ist kein Traum, keine
Phantasie«,
beteuert er Frau von Stein gegenüber (Br., 10. 7. 86).
Darum ist Goethe
bestürzt
und aufgebracht — er, der die Umbildung des Blattes tausendmal mit
Augen
beobachtet zu haben glaubt, der, wie er uns berichtet, »von
diesem
Gewahrwerden wie von einer Leidenschaft eingenommen und getrieben
worden« ¹)
— als Schiller — der Mann, der nur selten sein Auge auf die organische
Natur gerichtet hat — mit kritischer Ruhe ihm entgegenhält:
»das ist
keine Erfahrung, das ist eine Idee«. Gerade in dieser Vorstellung
der
Pflanzenmetamorphose lag für Goethe die intensivste Erfahrung; sie
erst schenkte ihm überreiche Kraft der Anschauung; erst hier ging
ihm die Idee der Metamorphose auch für die übrigen
organischen
Wesen auf. Am Beginn seiner italienischen Reise finden wir ihn
bedrückt
von der Fülle der Pflanzengestalten. »Ich sehe noch
nicht,
wie ich mich entwirren will«, schreibt er aus Padua. Ihm fehlte
damals
noch ein vermittelndes Organ, um auf dem Gebiete des Lebens wirklich
erschauen
— und das heisst erfahren — zu können. »Was ist Beschauen
ohne
Denken?« ruft im selben Briefe Goethe aus; eine Frage, die wir in
späteren Vorträgen werden sehr eingehend zu erörtern
haben,
die aber schon hier darauf aufmerksam macht, welcher wichtigen
Bestimmungen
die Aussage, Goethe sei ganz Auge, bedarf, ehe damit etwas Fassbares
und
Wahres gesagt ist. Ein wirkliches Schauen gibt es ohne Denken nicht.
Ein
grosser Erschauer muss also auch ein grosser Denker sein. Und welche
Rolle
speziell bei Goethe das Denken als Organ des Schauens gespielt haben
muss,
können Sie schon aus seinem Selbstbekenntnis
entnehmen: »Kein eigentlich scharfes Gesicht. Daher die
Gabe, die
Gegenstände anmutig zu sehen«; ²) und aus dem andern:
»Mein
Anschauen selbst ist ein Denken...«. ³) Dass Goethe
tatsächlich
nicht scharf sah, wird uns im nächsten Vor-
—————
¹) Italienische Reise
(zweiter
Aufenthalt in Rom, Juli 1787, Bericht).
²) Naturwissenschaftlicher
Entwicklungsgang,
Skizze aus dem Jahre 1821, W. A., 2. Abt., 11, 300.
³) Bedeutende Fördernis.
56 GOETHE
trag,
bei dem
Vergleich mit Leonardo, klar
werden. ¹) Caspar Friedrich Wolff,
ja! der
hatte ein »scharfes Gesicht«, und, bewaffnet mit
Seziermesser
und Mikroskop, legte er die Grundlagen zur vergleichenden Anatomie der
Pflanzen. Wolff zeigte, dass man über die Entstehung der Teile
eines
Lebewesens und über deren Verhältnis zueinander nicht reden
dürfe,
ehe man nicht unterscheiden gelernt habe zwischen folgenden drei
Dingen:
den histologischen Elementarstrukturen, den Gewebearten, den Organen.
²)
Und nun beobachtete er die tatsächliche Entstehungsgeschichte des
Stengels und seiner Seitenorgane; er entdeckte den Vegetationspunkt,
verfolgte
die Genesis der Gefässe aus Zellen, deren Wände resorbiert
werden,
studierte das Wachstum des Blattes usw., und auf Grund aller dieser
Beobachtungen
kam er zu dem Schluss, man könne alle Teile der Pflanze auf
Stengel
oder Blatt zurückführen. Wolff hat sich vielfach geirrt,
doch
seine Methode war die der streng empirischen Naturwissenschaft. Goethe
tat nichts dergleichen; er war zu derlei nicht geschickt; wenige
Wochen
aber nach jenem paduanischen Klageruf — wie soll ich mich
entwirren?
was ist Beschauen ohne Denken? — schrieb er auf einen kleinen Zettel: »Hypothese:
alles ist Blatt.
Und durch diese Einfachheit wird die grösste Mannigfaltigkeit
möglich«. ³) Jetzt erst sah er! Jetzt hatte er sich
gleichsam den Star seines
inneren
Geistesauges gestochen; jetzt waren Denken und Beschauen versöhnt!
Und darum strömte jetzt Erfahrung zu beiden Augen herein;
die
ganze Welt stand seinem Blicke offen. An Herder schreibt er aus Neapel,
nicht nur alle Pflanzen, die wirklich sind, nein, auch alle, die
»nicht
existieren, doch existieren könnten«, habe er nunmehr in
seiner
Gewalt, und trunken ruft er aus: »Die Natur selbst soll mich
beneiden!«
... Und nun kommt der geschulte Denker, Schiller, und anstatt ihn zu
beneiden, schüttelt er den Kopf!
GOETHE'S LEHRE
Ich
wünschte,
meine
kurze Darlegung möchte genügt haben, um Sie zu gleicher
Zeit mit Goethe trunken und mit Schiller
—————
¹) Kant
findet die
Unterscheidung
zwischen »scharfem Gesicht« und »beurteilendem«
Gesicht
analog
derjenigen zwischen scharfem Gehör und musikalischem
Gehör
(Ref. I, 84).
²) Theorie
von der Generation,
zwote
Abhandlung, § 5 f.
³) Morphologische Studien in
Italien;
das ursprüngliche Material an Beobachtungen und Gedanken, jetzt
erst
durch die Weimarer Ausgabe zugänglich geworden; 2. Abt., 7, 282.
57 GOETHE
kritisch
zu stimmen. Denn
nur aus dieser Geistesdisposition kann eine genaue Vorstellung von der
Bedeutung der echten Goetheschen Metamorphosenlehre und — als
Ergebnis
dieser Vorstellung — von Goethe's Art zu schauen und von dem
Verhältnis
zwischen Erfahrung und Idee in seinem Geiste hervorgehen.
Sie haben
bemerkt,
in welcher eigentümlichen Weise bei seiner Vorstellung von der
Pflanzenmetamorphose
die Begriffe von Bewegung und Ruhe, von Gleichzeitigkeit und
Aufeinanderfolge,
von Einerleiheit und Mannigfaltigkeit sozusagen übereinander
geschoben
wurden. Bei den Insekten fand das nicht statt — oder genauer
gesprochen,
es fand nicht in auffallender Weise statt — denn hier entwickelte sich
das eine zeitlich aus dem anderen; bei der Wirbelsäule fand es
auch
nur verdeckt statt, denn hier stand von Anfang an das eine unbeweglich
neben dem andern. Bei der Pflanze dagegen sahen wir ein
Lebewesen nicht allein wachsen, sondern täglich neue Organe
hervorbringen, die
vorher
nicht dagewesen waren. Hier war es also möglich, die Begriffe des
gleichzeitigen Vorhandenseins n e b e n e i n a n d e r
und der Aufeinanderfolge
n a c h
e i n a n d e r hin- und herzuschieben und durch eine Verbindung
der
Vorstellung
der simultanen Metamorphose, (welche, weiter aufgefasst, aller
vergleichenden
Anatomie zugrunde liegt) mit der Vorstellung der successiven
Metamorphose,
wie sie aus dem Leben der Insekten und vieler anderer Tiere
geläufig
ist (und welche, weiter aufgefasst, jeder Evolutionshypothese zugrunde
liegt), eine neue Idee zu entwickeln; diese neue Idee ist die, welche
Goethe unter dem Titel »die Metamorphose der Pflanzen«
vorträgt.
Diese bei den Pflanzen gewonnene Idee überträgt er aber dann
auf die gesamte organische Natur, wenngleich er sie nirgends so
lichtvoll
darzustellen vermag wie bei den Pflanzen, was in den Verhältnissen
begründet liegt, die Sie jetzt kennen. Nichtsdestoweniger
werden
Sie bei näherer Untersuchung die Überzeugung gewinnen, dass
in
Goethe's Lehre in Wirklichkeit überall die selbe gegenseitige
Verquickung
der Begriffe von Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge stattfindet.
»Es
offenbarte sich mir der Ursprung des Schädels aus
Wirbelknochen«,
so schreibt Goethe; doch was soll das heissen? Goethe redet nicht von
»Analogie«,
sondern von »Ursprung«. Nun dürfen wir aber mit
voller
Bestimmtheit behaupten: die Existenz einer Chorda dorsalis und einer
Wirbelsäule
setzt ein Gehirn und einen Schädel voraus; in einem Organismus
bedingen sich sämtliche Teile gegenseitig; der Kopf ent-
58 GOETHE
steht
nicht durch Umbildung des
Schwanzes.
Von »Ursprung« im wahren Sinne des Wortes, als
Aufeinanderfolge,
kann also keine Rede sein. Andrerseits lässt sich aber aus der
Vorstellung
eines »gleichzeitigen Ursprungs« kein denkbarer Begriff
abziehen.
Aus den Wirbelknochen, die Wirbelknochen s i n d,
kann doch der
Schädel
sein Dasein nicht herleiten; ich bin also gezwungen, ein
»waren«
einzusetzen, — ein »waren« aber, wofür ich weder in
der
Entwickelung
des Individuums, noch in einer etwa angenommenen Abstammung aus anderen
Gestalten die geringste Handhabe finden könnte, da jede zunehmend
höhere Differenzierung der Wirbelknochen (geschweige eine
Differenzierung
bis zu einer Schädelkapsel) nur Hand in Hand mit einer genau
entsprechenden
höheren Entwickelung der Hirnblasen und des sie einhüllenden
Schädels stattfinden könnte. Die populäre Sprache nennt
so etwas eine Zwickmühle, und Goethe selber gesteht einmal in
Bezug
darauf: »Man wandert doch
immer herum
im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen«. ¹)
So verhält es
sich mit
Goethe's
Idee von der Metamorphose. Eine wissenschaftliche Tatsache wird durch
sie
nicht ausgesprochen, ebensowenig eine philosophische Erkenntnis;
dennoch
besitzt sie unvergänglichen Wert, und zwar darum, weil sie auf
der
mathematisch genauen Scheidelinie zwischen Erfahrung und Idee, zwischen
Analyse und Synthese sich bewegt. Wir Menschen haben nicht bloss zwei
Augen
nebeneinander, wir haben auch zwei Augen hintereinander; es trifft sich
aber sehr selten, dass die Schachsen dieser beiden Augen genau
übereinstimmen,
so dass der Strahl, der von aussen kommt, direkt durch das äussere
auf das innere Auge fällt und somit die Vernunft in unmittelbare
Berührung
mit der empirischen Welt stellt. Nur wenn die zwei Hälften unserer
Natur sich genau auf der Scheidelinie begegnen, findet es statt, und
zwar
auch nur auf blitzartige Momente, da, sobald das eine oder das andere
Auge — das innere oder das
äussere — das erblickte Bild genauer fixieren will, es sich sofort
in die betreffende Richtung verschiebt. Wer nun, wie Goethe, bei
vergleichenden
Betrachtungen über organische Wesen von der einjährigen
Pflanze
ausgeht, geniesst den Vorzug, dass er diesen Blick — querdurch von
innen
nach aussen und von aussen nach innen — getan hat, wodurch
—————
¹) In dem
jetzt
erst
veröffentlichten handschriftlichen Material, W. A. 2. Abt., 6, 318.
59 GOETHE
er
aufmerksam wird, ihn auch
anderen
Ortes zu versuchen. Daher meldete Goethe später (1820): bei seinen
Nachforschungen über die Bildung und Umbildung
organischer
Naturen habe ihm stets »die Methode, womit er die
Pflanzen
behandelt, zuverlässig als Wegweiser gedient«. ¹)
Denn
— es kann in unserer Epoche verrohender Empirie gar nicht oft
genug
wiederholt werden — in Wirklichkeit findet überall und
ausnahmslos
bei allen unseren vergleichenden Betrachtungen organischer
Gestalten
eine gegenseitige Verquickung der Vorstellungen von Einerleiheit und
Mannigfaltigkeit,
von Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit statt, alle sind sie aus Idee
und Erfahrung zusammengesetzt; und wer das nicht weiss, gerät
entweder
mit dem bewunderungswürdigen, doch philosophisch
unzulänglichen
Darwin täglich tiefer in den empirischen Sumpf, oder er steigt mit
dem Don Quixote der modernen Naturwissenschaft, dem phantasmorastischen
Ernst Haeckel, auf einem beflügelten Rosinante, bis in die
Region der dichtesten Bergnebel, wo er sein eigenes
Brockengespenst
für neue Erkenntnis hält.
Hier sehen wir nun
das grosse
Verdienst Schiller's um Goethe. Goethe hat uns später
erzählt,
mit welcher »unbewussten Naivetät« er zu
philosophieren
pflegte, ehe Schiller und Kant ihn aufgeklärt hatten. ²) Er
steckte
tief schon in ziellosen Bemühungen über die
»Urpflanze«
und das »Urtier«; der Wertmesser für die Bedeutung der
anatomischen Grundtatsachen war ihm dermassen entfahren,
dass er schreiben konnte: »Ein Blatt, das Feuchtigkeit einsaugt,
nennen
wir Wurzel« (W. A. 2.
Abt., 7,
283). ³) Da erschien Schiller und
rüttelte
ihn aus dem unkritischen Schlummer auf. Schon anderthalb Jahre nach
jener
ersten Begegnung wusste es Goethe genau: das Urbild, nach dem er
gesucht
hatte, gelte »nicht den Sinnen, doch dem Geiste«. 4) Er
hätte
also Schiller nicht mehr sarkastisch zurufen können: »Es
kann mir sehr lieb sein, dass
ich Ideen mit Augen sehe«; denn er hätte sagen müssen:
»mit den Augen des Geistes«, und das war ja gerade
Schiller's Meinung.
Schon wenige Jahre danach nennt Goethe die Urpflanze
»übersinnlich«
und sagt von dem Urtier: »das
—————
¹) Einwirkung der neueren
Philosophie.
²) Einwirkung
der neueren Philosophie.
³) Es kommen in
der Tat im
Pflanzenreich
(soviel mir bekannt nur bei den Lentibularieen) wirkliche
»Blattwurzeln«,
sog. Rhizoïden vor; sie
sind aber morphologisch von echten
Wurzeln
verschieden (vgl. Goebel: Organographie
der Pflanzen, 1901, II, 444 ff.).
4)
Vorträge
über die
drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einleitung in die
vergleichende
Anatomie, II, 1796.
60 GOETHE
heisst
denn doch zuletzt: der
Begriff,
die Idee des Tieres«; oder aber er spricht von »idealen
Urkörpern«
(W. A. 2. Abt., 6. 20, 121,
306);
er vergisst auch nicht
hinzuzufügen:
»Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde.«
Und fünfundzwanzig Jahre später schrieb Goethe das kleine
Kapitel
Bedenken und Ergebung, welches
ich Ihnen nur raten kann, oft und oft zu
lesen. Auf diesen zwei Seiten zeigt Goethe genau die Ursache des
Widerstreites
zwischen der — von Raum und Zeit unabhängigen — Idee und der — in
Raum und Zeit beschränkten — Erfahrung auf. Dann fährt
er fort: »Daher ist in der Idee Simultanes und Successives
innigst
verbunden, auf dem Standpunkt der Erfahrung hingegen immer
getrennt.«
Diese Worte verstehen Sie jetzt genau, da Sie ihnen die an den
Pflanzen
gewonnenen konkreten Vorstellungen unterlegen können, die
Goethe
an dem betreffenden Orte leider nicht namhaft macht. Und Sie
verstehen
Goethe auch, wenn er hinzusetzt: »Eine Naturwirkung, die wir der
Idee gemäss als simultan und successiv z u g l e i c h
denken
sollen,
scheint uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen.« In
der Tat, der Weg, den Goethe uns durch seine Metamorphosenlehre
wies, ist ein gefährlicher Weg; ohne kritische Besinnung sollten
wir
ihn nicht beschreiten. Denn fassen wir unsere Ideen als Erfahrungen
auf,
so führt er uns in den Wahnsinn, in den unsere heutige Biologie
sich
verstrickt hat und der die Kraft der unbefangenen Anschauung
völlig
auszulöschen droht; dahingegen wenn wir mit Bewusstsein unsere
Erfahrungen
zu Ideen zusammenfassen, uns dieser Weg in jene Welt des Auges
einführt, deren Herold Goethe war und deren Bedeutung für die
Zukunft der Kultur noch Niemand zu ermessen vermag.
*
*
*
DIE
IDEEN
Kehren wir zu Kant zurück.
Wir schienen weit abzuirren und sind doch auf diesem Umweg
über
die Metamorphose auf einem Punkt angelangt, wo Goethe
Kant
die Hand reicht. Und ich bin sicher, Sie werden manche Ansichten
Kants
viel besser verstehen, jetzt, wo Sie von Goethe aus zu ihm gelangen,
als
hätten Sie es versucht, ihm auf dem Wege abgezogener
Begriffsbildungen
zu folgen. Goethe hat uns hier unvermerkt und indem er bloss die
Menge
der Gestalten, die sein offenes Auge schaute, einheitlich
aneinanderzugliedern
suchte, bis in die Tiefe von Kant's Philosophie geführt.
In der Kritik der reinen
Vernunft greift Kant auf Plato zurück, um das
Wort I d e e in
»seiner
ursprünglichen Bedeutung«, wie er
61 GOETHE
sagt,
wieder einzuführen. Und
was
diese ursprüngliche Bedeutung gewesen sei, versucht er
folgendermassen
auszudrücken: »Die Ideen sind bei Plato Urbilder der Dinge
selbst
und nicht bloss Schlüssel zu möglichen Erfahrungen«.
Hiermit
wird also unsere moderne verblasste Bedeutung des Wortes Idee, als
ungefähr
mit »Gedanke« synonym, verworfen; eine Idee ist nicht ein
mechanisches
Hilfsmittel, ein geistiges Schema zum bequemeren Aufsammeln von
Erfahrungen, sondern eine Idee ist ein Bild, und — wie Sie aus
späteren
Vorträgen entnehmen werden — eine schöpferische Tat.
»Ein
Gewächs, ein Tier, die regelmässige Anordnung des Weltbaues,
vermutlich also auch die ganze Naturordnung zeigen deutlich, dass sie
nur
nach Ideen möglich seien« (r.
V. 369 f.). Sie sehen, wie hier
die A n s c h a u u n g zugrunde liegt, und wie
verwandt diese Denkart sich der
Goetheschen zeigt, die ja gerade nach »Urbildern« suchte
für
jene Anordnung, welche sie in Gewächs und Tier aufgefunden hatte.
Nun ist aber Kant's Auge — wie wir bereits sahen — gar nicht
nach
aussen, sondern ganz nach innen gerichtet; alles, was in seinen
Geist eindringt, analysiert er genau so, wie er die
Westminsterbrücke
analysiert, und nimmt die Bestandteile auseinander, wie er es auch
für
den Eindruck des Sternenhimmels auf das Gemüt macht. Darum decken
sich keinen Augenblick in seinem Denken die Begriffe »Idee«
und »Erfahrung«, wie das bei Goethe zum Nachteil klarer
Erkenntnis
geschehen war. Vielmehr wurzelt Kant's ganze Philosophie, sowohl
ihrem
Ursprunge als ihrem Ziele nach, in der Einsicht, dass unsere
menschliche
»Erfahrung« — von der noch heutzutage manche philosophisch
Ungebildeten
oder Verbildeten reden, als handle es sich um ein Einfaches,
Handgreifliches
— in Wirklichkeit ein sehr verwickelter Vorgang ist, und dass die
Bildung
von »Ideen« aus einer zwar unentbehrlichen, aber
gefährlichen
Verrichtung unseres Geistes hervorgeht. Der Entwirrung dieser
Verhältnisse
— der sogenannten »Erkenntniskritik« — widmete Kant
den grössten Teil seines Lebens. Ein erstes Ergebnis
seiner Analyse lautet: zwar wurzelt Erfahrung in Eindrücken
unserer S i n n e, sie erfordert aber
ausserdem V e r s t a n d, da ohne
Verknüpfung
der unzählbaren Wahrnehmungen zu Einheiten keine
»Erfahrung«
statthaben kann; diese Verknüpfung muss offenbar nach
Regeln
stattfinden, die in uns, nicht a u s s e r uns
liegen. ¹) Ohne Verstand
könnte
ich nicht die unendliche Man-
—————
¹) Vgl. r. V. zweite
Vorrede S.
XVII, 29.
62 GOETHE
nigfaltigkeit
der Wahrnehmungen zu
bestimmten,
begrenzten »Dingen« zusammenfassen und voneinander sondern,
¹)
noch
weniger vermöchte ich es, zwei verschiedene Erscheinungen, wie
»Raupe«
und »Schmetterling«, aneinanderzugliedern und zu sagen, die
eine
sei die Umbildung der anderen.
So viel nur zur
allerersten
Orientierung
über die Erfahrung. Ein zweites wichtiges Ergebnis Kant's betrifft
die Ideen und stellt als entscheidend fest, dass Ideen niemals bis zu
den
Dingen hinausreichen, sondern sich stets lediglich auf unsere Gedanken
über die Dinge beziehen. Der Verstand geht auf die wahrgenommenen
Dinge, die Vernunft — als Erzeugerin der Ideen — auf den die
Dinge
bestimmenden und begrenzenden Verstand. »Wenn also reine Vernunft
auch auf Gegenstände geht«, sagt Kant, »so hat sie
doch
auf
diese und deren Anschauung keine unmittelbare Beziehung, sondern nur
auf
den Verstand und dessen Urteile« (r. V. 363). Jedes
einzelne
Wort ist golden. Die Ideen »gehen zwar auf
Gegenstände«,
dass heisst also, die Ideen werden in letzter Reihe durch
wahrgenommene
Gegenstände geweckt und zielen auf Wahrnehmung wieder hin; doch
beziehen
sie sich in Wirklichkeit n i c h t u n m i t t e l b
a r auf die Anschauungen,
durch
welche uns die Kenntnis dieser Gegenstände vermittelt wurde,
sondern
auf unsern Verstand und seine Urteile, das heisst auf das, was
wir
Menschen darüber denken. Kurz, der ganze Spielraum der Idee ist
menschlich
begrenzt. Sie brauchen nur Goethe's Lehre von der
Pflanzenmetamorphose
ins Auge zu fassen, und Sie werden, ohne weiter in die Tiefen
der
Kantischen Weltanschauung eingeweiht zu sein, den allgemeinen Sinn
dieser
Behauptung schon jetzt genau verstehen. Denn dass Goethe's Idee
auf Gegenstände ging, nämlich auf Tausende von
beobachteten
Pflanzen, ist sicher; doch ebenso sicher ist es, dass seine Idee sie
nicht
unmittelbar, sondern mittelbar betrifft. »Ich weiss nicht, wie
ich
mich entwirren soll«, schrieb Goethe, wie Sie sich erinnern, aus
Padua; sich, seine Gedanken will er entwirren, seine Gedanken über
die Dinge, nicht die Dinge selbst. Lange und leidenschaftlich
arbeiteten
»der Verstand und dessen Urteile«‚ bis die auf sie
gerichtete
Vernunft die »Idee« einer Umbildung aller
Seitenorgane,
ja, womöglich sämtlicher Organe der Pflanze aus einem
einziger
Gebilde fasste, aus einem Gebilde, welches kein menschliches Auge
—————
¹) Selbst Goethe,
der die Abstraktion hasst, gesteht: »Dinge sind ja selbst nur
Verschiedenheiten,
durch den Menschen gesetzt und gemacht« (G. II, 181).
63 GOETHE
je erblickt
hat und welches Goethe nur
darum B l a t t nennt, weil ein »allgemeines
Wort« fehlt,
»wodurch
wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ
bezeichnen
könnten«. ¹) Dass diese Idee ein B i l d
ist, nicht
eine
Erfahrung, wird kein Vernünftiger bestreiten, und auch der
unphilosophischeste
Mensch der Welt muss einsehen und zugeben, dass dieses Bild sich
nicht unmittelbar auf die wahrgenommenen
Gegenstände,
sondern auf das bezieht, was unser menschlicher Verstand über die
wahrgenommenen Gegenstände denkt und urteilt. Jenes
von
Goethe angenommene »Grundorgan« ist so wenig ein
Gegenstand
der Wahrnehmung, dass wir nicht einmal ein Wort dafür besitzen;
aber
wenn Goethe einmal den Ausdruck fallen lässt »grosse
abstrakte
Einheit«, ²) so fühlen wir, dass die
Bezeichnung
»Blatt« treffender ist; denn eine Idee soll wirklich ein
Bild
sein, ein
der klaren Erfassung unserer Wahrnehmungen dienendes Bild, nicht
ein logischer Schluss und ebensowenig ein abgezogener Begriff. Die
Idee
ist produktiv, sie ist schöpferisch, sie s c h a f f
t G e s t a l t e n; sie
dient
jener Einbildungskraft, von der Kant sagt, sie dürfe zwar nicht
»schwärmen«‚ solle aber »unter der strengen
Aufsicht der
Vernunft
d i c h t e n « (r. V.
798). Und kann auch das äussere Auge diese
gedichteten
Gestalten nicht erblicken und infolgedessen der
Verstand sie nur unbeholfen und andeutend benennen — das
heisst nur durch Symbole — ihr Wesen ist nichtsdestoweniger die
Anschaulichkeit. Hätte Goethe damals in sein
Notizbuch
geschrieben: »Hypothese: alles an der Pflanze ist abstrakte
Einheit«‚ so hätte er sich und uns wenig gedient; wogegen
die
Worte: »Hypothese: alles ist Blatt« (vgl. S.
56) eine ewige
Bereicherung
der menschlichen Vorstellungswelt bedeuten. Die Idee also, obwohl ein
reines Produkt menschlichen Denkens, stammt aus
Anschauung
und zielt wieder auf Anschauung hin. Wie anschaulich ihr
Wert ist, das hat Kant einmal in einem vortrefflichen Bilde
ausgesprochen,
zu dessen Verständnis ich Sie aber an folgende elementare
Tatsache
der Optik erinnern muss.
Denken Sie sich eine bikonvexe
Linse, wie sie Ihnen die erste beste Lupe bietet. Eine solche
Linse
besitzt nun folgende Eigenschaft. Ein gewisser Punkt x ist ihr
sogenannter
Brennpunkt, womit besagt sein will, dass, wenn
Lichtstrahlen
aus grosser Ferne
—————
¹) Die Metamorphose
der
Pflanzen, § 120.
²) Principes
de Philosophie zoologique.
64 GOETHE
kommen,
z. B. von der Sonne, sie alle
hier in einem Punkt gesammelt werden, wodurch Hitze erzeugt wird.
Gut.
Wenn ich nun diese Linse vor
mein
Auge halte und einen Gegenstand durch sie anblicke, so werde ich,
sobald
der Gegenstand entfernter als der Punkt x liegt, ihn äusserst
deutlich,
wenn auch umgekehrt erblicken. Rücke ich den Gegenstand
näher,
so
wird
er grösser, aber
undeutlicher,
und plötzlich verschwindet er ganz und gar; das geschieht, wenn er
die Entfernung x erreicht. Die erste Zeichnung zeigt Ihnen, warum: die
Strahlen treten dann, wie Sie sehen, parallel heraus, mithin gibt es
keinen
noch so entfernten Punkt, wo das Auge sie aufsammeln könnte. Fahre
ich
aber
fort, den Gegenstand noch
näher
zu rücken, so dass er zwischen dem Punkt x und der Linse zu liegen
kommt, so erscheint der Gegenstand plötzlich wieder, und zwar
jetzt
nicht mehr umgekehrt, sondern aufrecht und (wenn die Linse stark
gebogen
ist) bedeutend vergrössert. Während nun das frühere Bild
ein wirkliches Bild war, ein Bild, das Sie dort erblickten, wo der
Gegenstand
sich befand, ist dieses jetzige Bild ein Bild nur in Ihrem Gehirn, ein
imaginäres. Es findet nämlich eine unbewusste Ge-
65 GOETHE
dankenoperation
statt, und wir
beziehen
jetzt unwillkürlich jeden einzelnen Punkt auf einen weit dahinter
liegenden.
Wir verlegen, heisst das, den Gegenstand an einen Ort, wo er nicht
ist. Besonders deutlich tritt dies bei hohlen Spiegeln in die
Erscheinung
mit deren Hilfe man leibhaftige Erscheinungen in der leeren
Luft
hervorrufen kann. Wenn Sie das rein optisch konstruieren, wie vorhin,
so werden Sie sehen, dass wir jetzt der betreffenden Linse (oder dem
betreffenden
Spiegel) einen imaginären Brennpunkt zuschreiben, die
Physiker
nennen ihn den » v i r t u e l l e n
Brennpunkt«, und zu Kant's
Zeiten
benutzte man noch den lateinischen Ausdruck f o c u
s
i m a g i n a r i u s.
Das heisst also, bei der Betrachtung des Bildes denken wir uns
einen
Brennpunkt, wo es in Wirklichkeit keinen gibt.
Mit der deutlichen
Vorstellung
dieser optischen Tatsachen vor Augen sind Sie nunmehr befähigt,
mit
vollem Verständnis Kant's belehrendes Bild aufzunehmen. Er
führt aus, (lass durch Ideen niemals »Begriffe g
e w i s s e r
Gegenstände«
gegeben werden. Sie haben ja vorhin gesehen, dass die
Metamorphose
uns zwar die Idee eines Grundorgans der Pflanze gab, doch nicht den
Begriff
eines »gewissen« Gegenstandes, sondern nur »eine
abstrakte
Einheit«, weswegen wir uns mit dem Symbol
»Blatt«
begnügen mussten. Daher besitzen Ideen nicht das,
was
Kant einen »constitutiven Wert« nennt, nämlich sie
liefern
nicht einen
konkreten Beitrag zum wirklichen Mauerwerk des Wissens,
sondern
besitzen für dieses lediglich einen »regulativen«, d.
h. einen richtunggebenden Wert. Jetzt kommt das Bild: »Dagegen
aber
haben sie [die Ideen] einen vortrefflichen und unentbehrlich
notwendigen
regulativen
Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen
Z i e l e
zu richten, in Aussicht auf welches die
Richtungslinien
aller seiner Regeln in einen Punkt zusammenlaufen, der — ob er zwar
nur
eine Idee (focus imaginarius),
d. i. ein Punkt ist, aus welchem
die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er [dieser Punkt]
ganz ausserhalb der Grenzen möglicher Erfahrung liegt
— dennoch dazu dient, ihnen die grösste Einheit neben der
grössten
Ausbreitung
zu verschaffen. Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung.
als
wenn diese Richtungslinien von einem Gegenstande selbst, der ausser dem
Felde empirisch möglicher Erkenntnis
läge,
ausgeschossen wären, (so wie die Objekte hinter der
Spiegelfläche
gesehen werden); allein diese
Illusion (welche man
doch hindern kann, dass sie nicht
66 GOETHE
betrügt)
ist gleichwohl
unentbehrlich
notwendig, wenn wir ausser den Gegenständen, die uns vor Augen
sind,
auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im
Rücken
liegen, d. i. wenn wir in unserem Falle den Verstand über jede
gegebene
Erfahrung ... hinaus, mithin auch zur grösstmöglichen und
äussersten
Erweiterung abrichten wollen« (r.
V. 672 f.). Sie sehen, wie
scharf
und zugleich anschaulich Kant das Wesen der Idee bestimmt und
umgrenzt.
Und Sie verstehen ihn, wenn er jetzt von den Ideen
lehrt: sie »werden nicht aus der Natur geschöpft;
vielmehr
b e f r a g e n w i r die Natur nach diesen
Ideen« (nach den Ideen
nämlich,
die wir Menschen in sie hineinlegen) »und halten unsere
Erkenntnis
für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist (r.
V.
673). Die Ideen liegen eben im focus
imaginarius, und darum ist es
ihr besonderes Kennzeichen, dass sie »die Möglichkeit
der Erfahrung übersteigen« (r.
V. 377). Freilich,
ohne
Erfahrung würden wir sie nicht fassen; jedoch sie
bilden
sich auf einer Fläche, die optisch weit hinter der Erfahrung
liegt,
und darum ist es nicht möglich, dass »ein
Gegenstand,
den Erfahrung geben kann, mit ihnen kongruiere«.
Und
somit gelangen wir zu dem grundlegenden Ergebnis: I d e
e u n d
E r f a h r u n g k ö n n e n s i c
h n i e m a l s d e c k e n (wenigstens niemals
vollkommen
und dauernd).
Das ist doch alles durchaus
anschaulich, nicht wahr? Und wenn Kant spricht: »So fängt
denn
alle menschliche Erkenntnis mit A n s c h a u u n g e n
an, geht von da
zu
B e g r i f f e n und endigt mit I d e e n «
(r. V. 730), so
nehmen
Sie jetzt seinen Sinn gleichsam mit den Augen wahr, noch lange
ehe Sie sich in das Labyrinth der reinen Vernunft gestürzt
haben.
Und Sie dürfen mein Wort dafür nehmen, dass Sie den Sinn
vollständig richtig verstehen. Sie müssen nur das Bild des
focus
imaginarius (ein echt Kantisches Bild) und das Beispiel der
Pflanzenmetamorphose
(ein echt Goethesches Beispiel) festhalten. Die A n s c h a
u u n g e n (mit
andern
Worten die Erfahrung) sind die vielen
wahrgenommenen
Pflanzen; die rein wissenschaftliche vergleichende Anatomie —
gleichviel
ob Beobachtungen durch das Mikroskop, wie Caspar Fr. Wolff sie
anstellte,
oder solche über gefüllte Nelken und dergleichen, wie
sie Goethe sammelte — bedeutet ein Operieren mit B e g r i
f f e n und
Urteilen;
diese häufen sich enorm an, ihre Masse beängstigt das
Gemüt, welches nicht weiss, wo es hinaus soll; »ich sehe
noch nicht, wie ich mich entwirren will«; da rücken wir
die
Erfahrung noch
67 GOETHE
näher
innerhalb
des Brennpunktes unserer Augenlinse, das wirkliche Bild verschwindet,
ein imaginäres tritt — enorm vergrössert — an
seine Stelle, und nun erblicken
wir auf dem fernen Hintergrunde des focus
imaginarius eine I d e e, und
diese gibt unserem Verstande die
»Richtungslinien
zu einem gewissen Ziele« und verleiht seinen Bemühungen
zugleich
»grösste Einheit und grösste Ausbreitung«. Das
sind
die drei Schritte: Erfahrung, Begriff, Idee. ¹)
DAS ANSCHAULICHE IN KANT'S
DENKEN
Wissen Sie, wo dieser Satz:
»So
fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an,
geht von da zu Begriffen und endigt mit Ideen« — wissen
Sie, wo er steht und was er bedeutet? Er ist der
Gipfelpunkt
der Kritik der reinen Vernunft!
Er leitet den letzten Absatz der
Elementarlehre
ein; hiermit ist das Hauptwerk vollendet; die folgende Methodenlehre,
die
kaum ein Fünftel des Buches ausmacht, ist gleichsam nur
ein
Anhang, etwa wie Sie am Schlusse eines Werkes über Anatomie und
Physiologie
der Pflanzen eine Skizze der systematischen Gruppierung
finden
werden. Nun möchte ich Sie freilich nicht zu dem Irrtum
verleiten,
als wären Sie durch unsere Betrachtungen mit einem
Male
befähigt, Kant's Metaphysik zu verstehen oder als
dürften
Sie sich ihres mühsamen Studiums überhoben
wähnen;
dass jedoch die sichtbare Vorstellung der Art, wie diesen Mann
geschaut
hat, eine unvergleichliche Hilfe zu einem solchen
Studium
bietet, das empfinden Sie gewiss, und das werden Sie bei
jedem Schritt, den wir weiter tun, bewährt finden. Und ich
kann mich nicht entbrechen, Sie schon jetzt darauf aufmerksam zu
machen,
dass fast alles Missverstehen Kant's darin wurzelt, dass man
das
anschauliche Element in seinem Denken unterschätzt, wenn nicht gar
vollständig übersieht. Jene eigentümliche, hervorragende
Vorstellungskraft, die wir für Kant's Geist bezeichnend fanden,
ist
zugleich die Charakteristik seiner Philosophie; alles in ihr ist
Vorstellung. Wohl verschliesst dieser Mann die Augen gegen
aussen,
und daher haben die Bilder, die er anwendet, selten Glanz,
wenn
auch immer — wie Sie an dem des focus
imaginarius soeben
gesehen haben — viel Schärfe; doch ist seine Untersuchung des
Innern
trotzdem keine abstrakt logische Ratiocination — kein
»Vernünfteln«‚ wie er es ein über das andere Mal
voll Geringschätzung
nennt
— sondern ein wirkliches Schauen.
—————
¹)
Ich sagte hier anstatt
Anschauungen
»Erfahrung«, der Deutlichkeit des Zusammenhangs wegen, und
durfte
es, »da Anschauungen den gesamten Gegenstand möglicher
Erfahrung
ausmachen (r. V. I, 95).
68 GOETHE
Ohne
Zweifel ist es diese Tatsache,
welche
Goethe zu ihm zog und zu dem Urteil veranlasste, wenn er eine Seite im
Kant lese, werde ihm zu Mute, als träte er in ein helles Zimmer
(G.,
9, 113). Nun sind aber unsere Fachmetaphysiker nach wie vor —
mit den
wenigen
Ausnahmen einer jetzt erst beginnenden Reaktion —
»Vernünftler«
geblieben; die Scholastiker führen noch heute das grosse Wort, und
zwar in allen Lagern und nicht am wenigsten dort, wo ein
äusserlicher
Anschluss an Physik, Experimentalpsychologie, Statistik usw.
stattfindet;
und daraus folgt ein durchgreifender Unterschied zwischen der
kantischen
Art zu denken und fast allem, was uns sonst unter dem Namen
»Philosophie«
begegnet. Darauf muss ich Sie schon heute aufmerksam machen, und ich
kann
es, ohne unser Thema zu überschreiten; vielmehr werden Sie erst
daraus
die Kluft erkennen, die die anschauliche von der abstrakten Methode
trennt.
Genau wie im
Mittelalter schwelgen
auch unsere heutigen Philosophen im D e f i n i e r e n.
Es gibt aber keinen
grösseren
Irrtum als die Voraussetzung, je schärfer — in logischer Beziehung
—
eine Definition, desto besser, desto leistungsfähiger sei sie.
Selbst
in der Mathematik gilt das nicht. Denn eine mathematische Definition
ist entweder die eigenwillige Vergewaltigung der Anschauung zu Gunsten
eines
für uns Menschen praktisch brauchbaren Aufbaues wie — z. B.
»ein Punkt ist das, was
keile Teile und keine Grösse hat«, und
»eine Linie ist eine
Länge
ohne Breite« — oder die Definition bedeutet lediglich eine
Verständigung
über anzuwendende technische Ausdrücke innerhalb einer durch
Anschauung von vornherein vollkommen bekannten Figur, so z. B.
über
das, was man unter »Mittelpunkt« und
»Durchmesser«
eines Kreises zu verstehen habe. In Louis Couturat's De l'infini
mathématique (1896), einem Werke von ausschlaggebender
wissenschaftlichen
Bedeutung, lesen wir: »Toutes
les définitions
mathématiques
sont purement nominales, et par suite présupposent toujours le
concept
qu'elles ont l'air de construire« (p. 342). Und geht man
noch
weiter,
so findet man mit Pascal, dass die Geometrie keinen einzigen der
Gegenstände,
die sie behandelt — die
Bewegung, die Zahl, den Raum
definieren könne (De l'esprit
géométrique, sect. I).
Also selbst hier ist allein die praktische Verwendbarkeit
massgebend.
Der Natur gegenüber gilt aber folgendes: je
scharfer eine Definition gefasst wird, um
so mehr bezieht sie sich lediglich auf ein Wort, nicht
auf ein Ding. So z. B. ist ein
69 GOETHE
B
l a t t ein jedem Menschen aus der
Anschauung
bekanntes Ding; doch wollen Sie es definieren, so stossen Sie auf
grosse
Schwierigkeiten. Claude Bernard, einer der bedeutendsten empirischen
Forscher
des vergangenen Jahrhunderts, behauptet: On ne saurait rien
définir
dans les sciences de la nature; toute tentative de définition ne
traduit qu'une simple hypothèse. Und an anderer Stelle
sagt er:
Dans toute science les
définitions sont illusoires. ¹) Das
haben
die Botaniker auf ihre Kosten gelernt. Unter dem Einfluss von Goethe's
Metamorphosenlehre versuchten sie, wie dieser es gelehrt hatte, mit
»dem
Blatt in seinem transscendentellsten Sinne« auszukommen; ²)
es
brachte
viel Konfusion. Dann, als es mit »Blatt« nicht mehr ging,
verschanzten
sie sich hinter das Wort phyllom.
Die alten Sprachen tun ja fort und
fort
Wunder für uns; zwar bedeutet die urgermanische Wurzel blô
sowohl
Blüte als Blatt und zeigt somit unsere Altvordern ihrem grossen
Sohne
vorarbeitend; doch Phyllom (aus der griechischen Vokabel
für
Blatt abgeleitet) liess noch viel mehr Kunststücke zu, da es
für
unsere lebendigen Ohren überhaupt nichts bedeutet. Hiermit
gingen
also die Definierkünstler ans Werk, und bald hatten sie mit Hilfe
des zu diesem Zwecke hergerichteten Phylloms eine recht plausible
Einteilung
zustande gebracht, wonach es Phyllophyten (Blätterpflanzen)
und
Thallophyten (blattlose Pflanzen) gebe; letztere sollten die
Algen,
Pilze und Flechten umfassen. Zwar, dass die Algen keine
Blätter
besässen, war für den Gemeinverstand immer schwer
begreiflich,
und jetzt, wo das Anschauungsmaterial riesig angewachsen ist und
genauer
untersucht wurde, stellt sich die Unhaltbarkeit der Definition — und
mag
sie noch so sehr gedehnt werden — heraus. Zwar reden wir noch von
Thallophyten,
weil es praktisch ist, und weil unsere anschauliche
Kenntnis
der Algen, Pilze und Flechten nicht von einem Namen abhängt; doch
wenn sie z. B. Goebel's Grundzüge
der Systematik aufschlagen,
werden
Sie lesen, dass »wir die Begriffe Blatt und Stamm bei
ihnen
ebensogut anwenden können wie bei den höheren
Pflanzen«. ³)
Wollten
wir nun reagieren
—————
¹) Leçons
sur les
phénomènes
de la vie, 1878, I, 24, 63.
²) Frühere Einleitung in
die Morphologie,
W. A., 2. Abt. 6, 317.
³) Ausgabe von 1882, S. 3. Auch Joh. Reinke schreibt 1903 in
seinen Studien
zur vergleichenden
Entwicklungsgeschichte
der Laminariaceen
(S. 7): »Warum wollte man zurückweichen
vor
der Aussage, Laminaria
saccharina bestehe
aus einem einfachen, unten bewurzelten
S t e n g e l und einem endständigen B l a t t
e ? ... Nicht in extremer
Begriffsklauberei
erblicke ich das Ziel der Wissenschaft, sondern in anschaulichem
Nachbilden
der Tatsachen.«
70 GOETHE
und
den Kunstausdruck Phyllom
möglichst
eng und bestimmt umgrenzen, dann tut er uns keine Dienste mehr, weil er
dann nur wenig Anschauungsmaterial umfasst und gewaltsam trennt, wo
keine
Trennung stattfindet, kurz ein blosses Wort wird; ergreifen wir den
andern
Ausweg und dehnen ihn mehr und mehr aus, so verliert er jeden
gestaltenden
Wert und ist zwar reich an Stoff, doch bettelarm an Gedanken, also
ebenfalls
wieder ein blosses Wort. Wenn auch die phyllomlosen Pflanzen Phyllome
haben,
dann werden wir unsere Aufmerksamkeit lieber anderen Begriffen
zuwenden.
Weit entfernt, wie Sie sehen, dass bei der Betrachtung der Natur
Definitionen
die Bedeutung von Grund- und Ecksteinen besässen, wie uns die
Philosophen
glauben machen möchten, bilden sie lediglich ein technisches
Verständigungsmittel
und müssen, um Wert zu besitzen, so gefasst werden, dass
sie
sich dem Anschauungsmaterial schwebend oder, wenn Sie wollen, elastisch
anpassen. Freilich, wenn ein System nur aus G e d a n k e n
aufgebaut wird,
dann
mag der Philosoph so lustig und haarscharf darauf losdefinieren, wie er
will; was dabei herauskommt, ist aber nichts weiter als
eine
grosse algebraische Rechnung, bei welcher — im günstigen
Falle
— alles genau stimmt, die Buchstaben jedoch, a und b und x und y,
alle nach wie vor Buchstaben, nicht konkrete Werte sind. Und das nennt
Kant »Kartengebäude und Geschwätz«. Wogegen in
einer
wirklich naturwissenschaftlichen, auf Tatsachen sich beziehenden
Weltanschauung es durchaus ungereimt ist, von einen Ausdruck zu
verlangen, er solle an jeder Stelle ganz genau den selben
logischen
Sinn besitzen. Was unverrückt bleibt, ist die Anschauung selber;
doch
die Beweglichkeit der Definition zeigt gerade, dass es sich um
lebendige
Einsicht und um eine nie adäquat zu erfassende Natur
handelt,
im Gegensatze zu logisch-willkürlichen Kathederunterhaltungen.
»Würde man eher garnichts mit einem Begriffe anfangen
können, als bis man ihn definiert hätte, so
würde
es gar schlecht mit allem Philosophieren stehen«, sagt mit Recht
Kant, und er bekennt sich zu folgendem Grundsatz, auf den ich
gleich
jetzt am Beginn unserer gemeinsamen Arbeit Ihre
Aufmerksamkeit
lenke: «In der Philosophie muss die Definition als
abgemessene
Deutlichkeit das Werk e h e r s c h l i e s s e
n a l s a n f a n g e n «. ¹)
—————
¹) r.
V. 759.
Ungefähr
zwanzig Jahre früher hatte Kant schon geschrieben: »In der
Metaphysik
ist es so weit gefehlt, dass die Definition das Erste sei, was
71 GOETHE
Diese Bemerkung habe ich
eingeschaltet,
damit Sie von vornherein begreifen, in welchem Sinne Anschaulichkeit,
im
Gegensatz zu Logisiererei Kant's
ganzem Denken
zu Grunde liegt, und des weiteren, damit Sie sich nicht die Freude des
Verstehens durch die vorzeitige
Sucht nach
Definitionen
oder durch etwaige Einwürfe der Pedanten kürzen lassen.
»Man
kann
viel von einem Gegenstande mit Gewissheit .... sagen, ohne ihn
erklärt
zu haben«, bemerkt Kant gegen die Philosophen, die
mit den »allerabgezogensten Begriffen« anzufangen
pflegen. ¹) So
können wir denn sehr gut von Erfahrung und Idee sprechen, wie wir
es heute tun, nämlich an der Hand konkreter Beispiele, ohne
Erfahrung und Idee logisch scharf definiert zu haben. Ja, es wäre
völlig ungereimt — zwar sehr philosophenmässig, doch ganz
unwissenschaftlich
— wollten wir beschreiben, ehe wir erblickt, und sichten, ehe wir
zusammengetragen haben. Im Laufe dieser Vorträge wird noch viel
über
Erfahrung und Idee zu sagen sein; ich hoffe die Sache so einrichten zu
können, dass Ihr Verständnis immer wächst und
wächst,
so dass unserem augenblicklichen Standpunkt später nur die
Bedeutung
einer untersten Sprosse zukommt; doch ist wahres Wissen — im
Gegensatz
zum blossen Lernen — eine Tat, und auf Taten kann man sich nur
durch
Tun vorbereiten; es muss immer alles da sein, wenn auch
manches
vorderland »unausgewickelt« bleibt; soll das Morgen etwas
Rechtes
werden, so muss es im Heute eingeschlossen liegen. Später werden
Sie dann Plato und Kant studieren und darin alles finden,
oder wenn nicht alles, so doch vieles, um das Werk mit abgemessener
Deutlichkeit zu schliessen.«
IDEE UND VERNUNFTBEGRIFF
Doch ich muss der Eingebung, die
uns auf diese Frage von dem Werte der
Begriffsbestimmungen
und damit zugleich aller rein logisch-theoretisch
verfahrenden
Philosophie geführt hat, noch einE nützliche
Einsicht
abgewinnen,
die eng mit unserer heutigen Untersuchung über Erfahrung
und
Idee zusammenhängt.
Sie sahen, dass Kant sich auf
Plato beruft, um das Wort »Idee« in seiner alten Bedeutung
wieder einzuführen. Er tut es mit besonderer Feierlichkeit,
indem
er einerseits die Verballhornungen dieses altehrwürdigen
Ausdruckes
zurückweist, andrerseits sich davor
—————
ich von dem Dinge
erkenne, dass
es
vielmehr
fast jederzeit das Letzte ist« (Untersuchung
über die Deutlichkeit der
Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral, 2.
Betrachtung).
¹) Untersuchung
über die
Deutlichkeit
etc., 2. Betr., Beispiel.
72 GOETHE
scheut,
»neue Wörter zu schmieden«. Doch liegt dem Gebrauche
des Worts »Idee« bei Kant eine
Analyse
des Menschengeistes zu Grunde, zu welcher die Hellenen auch nicht den
geringsten Ansatz gegeben hatten. Darum decken sich Idee bei Plato und
Idee bei Kant doch nicht, sondern verhalten sich eher wie zwei auf die
selbe, kaum aussprechbare Erkenntnis hindeutende Symbole. Das wird
Ihnen
erst im Plato- und im Kantvortrag ganz deutlich werden. Schon heute
können Sie aber das eine verstehen: dass nämlich Kant's
Vorstellung des
Begriffs »Idee« eine so reiche und genaue ist, dass er es
für angemessen halten muss, zwischen mehr anschaulichen und mehr
abstrakten Ideen zu unterscheiden: die ersten sind
dann die eigentlichen »Ideen«‚ die zweiten nennt er
»Vernunftbegriffe«.
Doch ist eine scharfe Scheidung unmöglich; es handelt sich
lediglich darum, auf Richtungen aufmerksam zu machen,
in denen sich der Menschengeist bewegt; je nach dem
augenblicklichen
Standpunkt können manchmal Idee
und
Vernunftbegriff fast wie Gegensätze einander
entgegengestellt
werden, manchmal dagegen so völlig synonym sein,
dass
Kant das eine Wort für das andere braucht. Nicht wenige
Rügen
sind ihn dafür zu Teil geworden. Die Herren, für deren
Gedanken ein einziges Wort einen weitsitzenden Rock
bildet,
den sie mit der Schere kümmelspalterischer Begriffsbestimmung
sich möglichst eng zu schneidern suchen, machen Kant
Unklarheit,
Inkonsequenz, Verwirrung zum Vorwurf; er verstehe nicht
zu definieren, er bleibe seinen
Definitionen
nicht treu usw. Und doch liegt hier einfach Anschauung vor. Sie
haben an der Idee der Metamorphose deutlich
gesehen,
inwiefern diese Idee zugleich anschaulich und nicht-anschaulich
ist. Einen Augenblick sah Goethe seine Urpflanze »mit
Augen«: da war sie I d e e; einen andern redet
er von einer »abstrakten Einheit«: da ist sie V
e r n u n f t b e g r i f f. Bei einer Idee wird
unsere
Aufmerksamkeit manchmal durch das
Begriffliche in ihr besonders in Anspruch genommen, und da ist
es genau ebenso wichtig, den ideellen Begriff von den
eigentlichen
Begriffen (den »Verstandesbegriffen« wie Kant sie nennt)
zu unterscheiden, wie es wichtig ist, die symbolischen
Vorstellungen,
die aus Ideen sich ergeben, von erfahrenen
Gegenständen
zu sondern. Es gilt also, die Tatsache der Ideenbildung nach zwei
Seiten
hin gegen Missverstand und Missbrauch zu schützen, und das
geschieht am besten, wenn an den zwei
äussersten
Enden je eine bestimmte, den Missverstand abwehrende
73 GOETHE
Vorstellung
errichtet
wird. Daher die Definition:
»Ein Begriff, der die Möglichkeit der Erfahrung
übersteigt,
ist die Idee oder der Vernunftbegriff«. Nicht also, weil dieser
fürstliche
Intellekt weniger Konsequenz und Klarheit besessen hätte als der
erste
beste Privatdozent, sondern weil es sich — bei ihm — um die leibhaftige
Erfassung der Tatsache »Idee«, nicht um eine logische
Schattenpuppe
handelt, und weil diese Tatsache »Idee« eine sehr komplexe
ist, darum reichte ein einziges Wort nicht aus, sondern zwei waren
notwendig,
und diese zwei müssen bei ihm, sowohl an kosmischer Ausdehnung,
wie
auch an schraubstockartiger Zusammenpressung, alles leisten, was man
von
einem Worte billigerweise verlangen kann.
DIE ERFAHRUNG
Dass nun
»der Idee
kein
kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden
könne«
(r. V. 383), ja, dass
überhaupt »in der Erfahrung
niemals
etwas mit den Ideen Kongruierendes angetroffen werden
könne«,
das ist nach allem Vorangegangenen so klar, dass es gewiss keines
Wortes
mehr der Erläuterung bedarf. Selbst Goethe hat später in
guter
Stunde
gestanden: »Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen,
kaum
nachzuweisen; wer sie nicht besitzt, wird sie in der Erscheinung
nirgends
gewahr«. Auf eines muss ich aber noch Ihre Aufmerksamkeit
lenken,
ehe wir das Kapitel Erfahrung-Idee, zu dem uns die Unterhaltung
zwischen
Schiller und Goethe so willkommenen Anlass gegeben hat, für heute
schliessen. Es handelt sich um einen eigentümlichen Gegensatz
Kant's
zu Goethe.
Goethe — wie wir
gesehen haben
— glaubte sich so ganz in die objektive Anschauung der Natur versunken,
dass er, ehe Schiller ihn aufrüttelte, sich gar nicht bewusst war,
überhaupt Ideen zu besitzen. In Wahrheit bestand aber sein
Auffassen
der Natur — sowohl vor wie auch nach dieser Begegnung — vorwiegend aus
einem Walten der Ideen. Intensives Erschauen, nicht genaues Erfahren
ist
seine Gabe und sein Ziel. Hierüber herrscht unter uns noch manche
Unklarheit. Ich zitierte schon Goethe's eigene Worte, er habe
kein
scharfes Gesicht. Zwar hat er gelegentlich mit dem Mikroskop
gearbeitet
und auch Versuche über den Einfluss farbigen Lichts auf das
Wachstum
der Pflanzen angestellt; doch besass er weder Zeit noch Lust noch
Anlage
zu genauen Beobachtungen. Er selber gesteht einmal: »Ich hatte
für
nichts Positives einen Sinn, sondern wollte alles wo nicht
verständig,
doch historisch er-
74 GOETHE
klärt
haben« (D. W. 9).
Man
betrachte nur die Entdeckung des Zwischenkieferknochens. Er ist nicht
durch
geduldige Arbeit gefunden worden, sondern Goethe hat einfach von
vornherein erklärt, er müsse da sein. Er ging von einer Idee,
von der Idee der Einheitlichkeit im Bau des Wirbeltierskeletts aus. Und
es traf sich gut. Doch wird jeder ernste, fähige Naturforscher mir
recht geben, wenn ich behaupte, dass das Wesen unserer
germanischen
Naturwissenschaft darin besteht, alle derartigen apodiktischen
Voraussagen
zu verwerfen und einzig und allein die Erfahrung entscheiden zu
lassen.
Goethe war ein strahlendes Genie, und dennoch hat er nicht wenig
Verwirrung durch seine unkritische Vermengung von Erfahrung
und
Idee, sowie auch durch manche nicht glückliche Idee
veranlasst.
So hat sich z. B. Goethe's Bestreben, sämtliche Organe der Pflanze
auf die einzige Idee »Blatt« zurückzuführen, als
ebenso
undurchführbar wie unfruchtbar erwiesen; fünf Ideen —
Thallom, Rhizom, Caulom, Phyllom, Trichom — hat man
aufstellen
müssen, um die Metamorphose unter Dach zu bringen und für
die Wissenschaft einigen Nutzen daraus zu ziehen. ¹) Noch
schlimmere
Konfusion hat das Dogma: »das Schädelgerüst ist aus
Wirbelknochen
auferbaut« hervorgebracht; nicht, weil die Idee nicht höchst
anregend
gewesen wäre, sondern weil sie der Beobachtung zuvorgriff, welche
später
zeigte, dass ein Teil des Wirbeltiercraniums aus
Hautskelettbildungen
hervorgeht, ein anderer Teil den Kiemenbogen homolog ist, so dass die
Analogie
mit Wirbelknochen im besten Falle nur einen Teil des Kopfes, nicht
den ganzen Schädel, betreffen kann; übrigens bleibt die
Zurückführung
auch in diesem Teile so dunkel, dass sie mehr ein Thema
für
die pseudodialektische Scholastik zoologischer Exegeten als eine
Förderung
der Wissenschaft bedeutet. ²) Goethe bekannte später
selber: »Nach meiner Art zu
forschen, zu wissen
und zu geniessen darf
—————
¹) Wie sehr bedingt und nur
für
praktische Zwecke hinreichend dies gelungen ist, kann man aus Goebel's
Organographie der Pflanzen S. 10 f. ersehen.
²) Schon 1849
hat Kölliker
gezeigt, dass im Schädel Hautknochenbildungen vorkommen,
deren angebliche
Ähnlichkeit
mit Wirbelknochen nur eine oberflächliche ist; dann aber zeigte
Huxley,
dass das sog. »Primordialcranium«, aus dem die übrigen
Knochen
hervorgehen, immer einheitlich und ungegliedert entsteht. Später
hat
allerdings die Metamerentheorie Gegenbaur's in einem gewissen,
bedingten
Sinne die Wirbeltheorie Oken's und Goethe's wieder zu Ehren gebracht,
da in jedem hypothetischen Segment (M e t a m e r)
das Analogon eines
Wirbels
vorauszusetzen ist; doch wer § 103 in Gegenbaur's Vergleichende
Anatomie
der Wirbeltiere aufmerksam liest und dann noch glaubt, es sei
hier von
wirklichen Dingen, nicht bloss von wissenschaftlicher Scholastik die
Rede,
der hat einen Glauben, der Berge versetzen könnte und um den ihn
jeder Trappist beneiden muss.
75 GOETHE
ich
mir nur an Symbole halten«.
¹)
Doch
diese »Art« soll nicht bald ein Anderer nachmachen; unsere
echte
Wissenschaft
ginge in Scherben. In Wahrheit
handelt es sich bei
Goethe um etwas Anderes; es handelt sich überhaupt nicht um
eigentliche
Wissenschaft, sondern um jene W e l t d e
s A u g e s, welche die ungeheure
Masse
des barbarischen Wissens im Interesse der Kultur neu gestalten soll.
Darauf
komme ich im nächsten Vortrag zurück. Kant nun, der
Mann,
der so wenig die Augen auf die umgehende Welt richtete, und bei dem man
darum geneigt sein könnte, eine Bevorzugung der Ideenwelt
vorauszusetzen,
hat die autonomen Rechte der Erfahrung im Gegensatz zur Idee ganz
anders
gewahrt als Goethe. Eines der hervorragendsten Ergebnisse von Kant's
wissenschaftlicher
Analyse der menschlichen Vernunft besteht in der scharfen
Scheidung zwischen Idee und Erfahrung und in dem Nachweis, dass
»in
Betracht der Natur E r f a h r u n g die Regel an
die Hand gibt und der Quell
der
Wahrheit ist (r. V. 375).
Missverstehen Sie ihn, bitte, nicht. Welche
hohe
Bedeutung Kant den praktischen Ideen für das Leben des Menschen
beilegte,
wird ihnen nicht ganz unbekannt sein; er sagt, sie seien
»jederzeit
höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen
unumgänglich notwendig« (r.
V. 385); und wie unentbehrlich
er
die theoretischen Ideen für die Wissenschaft hält, geht aus
dem
obigen Beispiel mit dem f o c u s i m a g i n a
r i u s hervor und führt in der
Kritik der reinen Vernunft und
der Kritik der Urteilskraft
zu
überaus
grossartigen Darlegungen über das Gesetz, nach welchem wir
Menschen Gattungen und Arten aufstellen, über den Sinn der
Zweckmässigkeitsvorstellung,
über die Endlichkeit und Unendlichkeit des Kosmos usw. Von
einer
Verkennung oder Geringschätzung der Ideen kann also keine
Rede
sein. Keiner hätte freudiger als Kant Couturat's Wort
unterschrieben:
Les idées sont le fondement
même de la
réalité, ²),
die Grundlage des Wirklichen sind die Ideen. Aber, was Kant
im
Gegensatz zu Goethe auszeichnet, ist, dass er immer die
Unerbittlichkeit
der empirisch gegebenen Tatsachen rückhaltlos
anerkannte
und deswegen die Ideen einer weit schärferen Kritik
unterzog
als Goethe, der zwar theoretisch nach der Unterhaltung mit Schiller
seinen
Irrtum eingesehen hatte, nichtsdestoweniger aber bis
am
sein Lebensende geneigt
—————
¹) Die Lepaden,
1824.
²) a. a.
O., S. 560.
76 GOETHE
blieb,
die nicht einmal klar
formulierten
Ideen seiner Vernunft für Erfahrungstatsachen der Natur zu halten.
Wenn wir Eckermann's Gedächtnis trauen dürfen, sagte Goethe
noch
1827: »Ich e n t d e c k t e das Gesetz der
Metamorphose« (G. 1. 2.
27);
er hielt also noch immer die unvorstellbare und unausdenkbare
Idee
der Metamorphose für ein Analogon der Bewegungsgesetze, auf die
wir
durch genaue Beobachtung gekommen sind, und begriff nie recht, dass es
sich um einen völlig andern Geistesvorgang handelte. ¹)
Dagegen
lautete
Kant's Bekenntnis: »Ausserhalb der Erfahrung wird kein Dokument
der
Wahrheit irgendwo angetroffen« (r.
V. 779); das ist zugleich das
Bekenntnis
aller exakten Wissenschaft, es ist das Banner, unter dem freie
Männer
gegen Obskurantismus, gegen Dogmatismus, gegen Aberglauben ausziehen.
In der gesamten Weltgeschichte und bis zum heutigen Tag herab hat kein
Philosoph die unveräusserlichen Rechte der Erfahrung so
überzeugt
und überzeugend vertreten, wie Kant. Kein Wunder, dass die
bedeutenderen
Naturforscher sich zu ihm bekennen. Und er hat nicht allein unser
Recht,
die Augen zu öffnen, dargetan und mit philosophischer Strenge
gezeigt,
dass die Mauern, die man immer und immer wieder im Namen der
Moral
und der Religion gegen freie Forschung und freie Meinung
aufrichtet,
Bollwerke vieltausendjähriger Unmoralität und eingefleischten
Heidentums sind, sondern er hat das grösste Gewicht darauf gelegt,
uns vor den versteckten Feinden in den eigenen Gehirnwindungen zu
warnen.
Darauf zielt sein Bemühen. Sie alle sollen herbei, die Idee
und die Theorie und das System, doch als Vermittler und Helfer, nicht
als
Begründer und Herrscher. Diese Kritik führt darum notwendig
zu
einer Reihe von Grenzbestimmungen in Bezug auf die Erfahrung selber.
Wir
dürfen unsere Ideen und unsere Hypothesen und unsere Theorien und
unsere Systeme nicht für Erfahrung halten — selbst dann
nicht,
wenn wir auch einsehen und bekennen, dass Erfahrung ohne sie
unmöglich
wäre. Hierdurch wird nun der Begriff der Erfahrung immer reiner,
zugleich
aber auch immer fester umgrenzt. Ein für allemal wird die
Erfahrung
des frechen Flittertandes materialistischer
—————
¹)
Angesichts anderer
authentischer
Aussprüche aus Goethe's letzten Lebensjahren, von denen einige
schon
angeführt sind oder weiter unten noch angeführt werden,
halte ich einen Irrtum Eckermann's nicht für ausgeschlossen. Hat
Goethe
aber wirklich »entdeckte« gesagt, so würde dies
zeigen, dass
er nur bei der vollkommenen Besonnenheit schriftlicher Arbeit die
eingeborene
und eingefleischte Auffassung zu überwinden vermochte.
77 GOETHE
Verblödung
beraubt, als könne sie je
über
sich selber hinausführen und als sei sie eine Art Gottheit und
nicht die
blosse Dienerin eines despotisch gebietenden und gestaltenden
Verstandes — des Königs im
Turm. Doch auch
dieser König muss sich bescheiden lernen; denn allein in der also
gereinigten Erfahrung fliesst »der Quell der Wahrheit«, sie
allein
liefert »Dokumente der Wahrheit«, sie allein gibt
»die
Regel
der Wahrheit an die Hand«.
Wegen dieser ihrer
mittleren und
erfolgreich durchgeführten Tendenz könnte Kant's Kritik der
reinen
Vernunft mit ebenso grossem Rechte die V o r s c h u
l e d e r r e i n e n E r f a h r u
n g
geheissen
werden.
Sie sehen den
Kontrast zwischen
Goethe und Kant. Und habe ich auch nicht umhin können,
theoretisches
Gebiet zu streifen, so bitte ich Sie doch, heute nur auf die
angeborene
A r t z u s c h a u e n Ihr
Augenmerk zu richten. Dies ist das
Primäre
und Unvergängliche, wogegen jedes System eine Menge
unpersönlicher
Elemente enthält und in jedem Jahrhundert anders abgefasst worden
wäre. Wollten wir aber nur das die beiden Männer
Unterscheidende
betonen, wir hätten nur halbes Werk geleistet und hielten in
der
Hand eines jener beliebten, mir aber verhassten Flächenbilder — alles
links und rechts; damit
Körperlichkeit
entstehe, muss immer noch die andere Dimension hinzukommen: die Tiefe.
Und da ist nun die entscheidende Erkenntnis die, dass diese zwei
Männer, scheinbare Gegensätze in den Anlagen und
infolgedessen
auch in den Leistungen, nichtsdestoweniger auf das selbe Ziel
hinstreben: die Förderung
der Anschauung
gegenüber
den Ansprüchen des abstrakt-logischen Denkens. Goethe fördert
die Anschauung durch Betonung des Wertes der I d e e,
die, wie er an einem
Orte andeutet, »den inneren Sinn des Beobachters
aufschliesst«. ¹)
Kant fördert die Anschauung durch Betonung der E r f a
h r u n g
und
durch die genaue Kritik des sehr verwickelten Gebildes, das wir
»Erfahrung« zu nennen pflegen.
GOETHE UND KANT
Jetzt, glaube ich,
verstehen
Sie ganz genau — besser jedenfalls als der gute Eckermann es je
verstanden
hat — was Goethe meinte, als er die denkwürdigen Worte
sprach:
»Ich ging aus eigener Natur
einen ähnlichen Weg als
Kant«. ²)
Wir v e r s t e h e n immer
—————
¹) Vorträge über die
drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einl. in die vergl.
Anatomie, ausgehend von der Osteologie, II (W. A. 2. Abt., 8,
71).
²) Siehe oben, S. 21.
78 GOETHE
erst
von dem Augenblick an, wenn eine
Einsicht mehr enthält als Worte fassen können. Nicht Worte
allein,
auch Urteile sind nur Symbole, sobald sie sich auf Lebendiges beziehen.
»Ich ging einen ähnlichen Weg als Kant« wird nicht
richtig
verstanden, ehe wir einsehen, dass Goethe in genau dem
selben
Augenblick, zu einem andern Manne redend, gesagt hätte: ich
ging einen andern Weg als Kant. Wirkliches Wissen ist unausdenkbar;
es
wird nicht eigentlich mitgeteilt, sondern geweckt.
Für die
Bedürfnisse
dieses Vortrages ziehe ich nun das Ergebnis unserer vergleichenden
Betrachtung
der beiderseitigen Auffassung von Idee und Erfahrung
folgendermassen
zusammen: ein ewig aufnehmendes Auge strahlt auch ewig zurück, und
somit pflückt es im Garten der Natur seine eigenen Ideen
und
glaubt, sie seien dort gewachsen — das war Goethe's Fall:
O lasst
sie walten,
Die unvergleichlichen
Gestalten,
Wie sie dorthin mein Auge
schickt.
Dagegen findet in dem
fürsorglich
verschlossenen Gehirn Kant's eine derartige Verwechslung
nicht statt: das Licht von aussen blendet diesen Mann nicht,
und
somit war er befähigt, das Äussere vom Inneren fein zu
scheiden,
und nicht das allein, sondern innerhalb der Wahrnehmung den
eigenen
Beitrag des Menschen von dem fremden zu sondern, sowie des
weiteren
innerhalb des begrifflichen Denkens den Stoff von der Form.
Hätte
Kant nicht die eigenartige und phänomenale Vorstellungskraft
besessen,
auf die ich Sie zu Beginn des Vortrags aufmerksam machte, so
hätte
ihn der Stoff gefehlt: um eine
Weltanschauung
zu haben, muss man eine Welt sein eigen nennen; hätte aber Kant
in
so unmittelbaren Wechselbeziehungen zur Natur gestanden wie
Goethe,
so wäre er nicht imstande gewesen, jene
Reihe
von Unterscheidungen durchzuführen, auf welche das
Menschengeschlecht im Interesse echter Wissenschaft und echter Religion
immer wieder wird
zurückgreifen müssen.
Und ausser dieser
begrifflichen
Zusammenfassung möchte ich aus unsern
Betrachtungen auch eine »Moral« ziehen. Sie lautet: wer
sich der Natur ganz hingibt,
verliert
sich in ihr. Goethe wusste es wohl. »Die Idee der
Metamorphose,«
schreibt er einmal, »ist eine höchst ehrwürdige, aber
zugleich
höchst gefährliche Gabe von oben. Sie führt ins
Formlose,
zerstört das Wissen, löst es
79 GOETHE
auf«.
¹) Und doch, bis in sein hohes Alter,
verfiel
er immer wieder in den Mysticismus seiner Jugend. Nun ist die Mystik
als
Gemütsstimmung,
als Ahnung transscendenter, unwissbarer Welten gewiss eine
verehrungswürdige
Geisteserscheinung; manchmal hat sie
auch die Wege gewiesen zur Befreiung
aus den Ketten des Dogmas; doch als Verstandesdispostion ist sie zu
perhorrescieren;
der strahlendste Intellekt wird kindisch. sobald er auf diesen Abweg
gerät.
Auch hier ist der grosse Kant unser Erlöser auf alle Zeiten; denn
nur echte Kritik, wie er sie uns lehrte, kann vor Verirrung
schützen.
Leider jedoch hat es Goethe, trotz des reinigenden Einflusses Kant's,
nicht vermocht, in der kritischen Stellung dauernd zu verharren.
»Ich
bin zur Identitätsschule geboren,« ruft er fast klagend
aus; ²)
und wenige Jahre vor seinem Tode schreibt er die
bedauernswerten
Worte hin: »Die Materie kann nie ohne Geist, der Geist
nie ohne
Materie existieren«. ³) Das schreibt der selbe Mann, der
einige
Jahre
früher gestanden hatte, schon die Idee der Umbildung sei
gefährlich
und zerstöre das Wissen! Der Dualismus ist keine Theorie,
sondern eine Tatsache. Es wäre vielleicht ganz hübsch, wenn
wir
Menschen statt zwei Beine nur ein einziges
hätten;
doch Tatsache ist, dass wir zwei haben und dass wir
abwechselnd
mit dem linken und mit dem rechten Fuss
ausschreiten müssen, um
vorwärts zu
kommen
Jeder Monismus — er mag sich
geben, wie er will — führt
in
letzter Instanz zur Nabelbeschauung.
Sind Subjekt und Objekt
eins, so schwindet alle Tat hin, die Wissenstat ebenso
wie
die Herzenstat.
Goethe freilich
schützte
sein Genie vor diesem Schiffbruch. Dieser herrliche Mann war
reich
an jenen Widersprüchen, in welchen sich echte Grösse
— verschwenderisch wie ihre Mutter Natur — bewährt. Sie
haben
das soeben wieder gesehen. Und
—————
¹) Problem und Erwiderung.
Goethe
scheint die Gefährlichkeit seiner Idee häufig empfunden zu
haben.
Die erst kürzlich veröffentlichten Arbeiten enthalten
solche
Warnungen aus den verschiedensten Lebensepochen. So hat Goethe z. B.
gleich nach der Publikation der
Hauptschrift über Die
Metamorphose der Pflanzen, 1790, einen
zweiten
Versuch begonnen, in welchem er ausdrücklich warnt:
»Der
Missbrauch dieses Begriffes führt uns auf ganz falsche Wege und
bringt
uns in der Wissenschaft eher rück- als vorwärts.« Und
in den aphoristischen Bemerkungen, die Goethe 1829, angeregt durch
das
Studium von Decandolle's Organographie
végétale aufsetzte, macht
er aufmerksam, dass »jene erste Idee, auf die wir so viel Wert
legten«,
bei manchen organischen Bestimmungen »nicht helfen könne,
vielmehr hinderlich
sein müsse« (W. A.,
2.
Abt., 6, 279 und 357).
²) Brief an
Zelter vom 15. 1. 1813.
³)
Schreiben an den Kanzler von
Müller vom 24. 5. 28 als Erläuterung zu dem aphoristischen
Aufsatz
»Die Natur«.
80 GOETHE
reichere
Eingebung sprach aus ihm,
als
er, anstatt zur flachen Identität sich zu bekennen, das ewige Wort
sprach: »Wo Objekt und Subjekt sich berühren, da ist
Leben«.
Behauptet er auch zu gewissen Stunden, » s e i
n D e n k e n s e i e i
n
A n s c h a u e n «
(das sind seine eigenen Worte), es verschmelze völlig mit den
Gegenständen, ¹)
so gesteht er doch in anderen, der Mensch müsse sich auch der
Natur
gegenüber »gesetzgebend verhalten«, ²) was
offenbar
das Gegenteil
von »verschmelzen« ist; ja, er sagt einmal, dass
»alle
Versuche, die Probleme der Natur zu lösen, eigentlich nur
Konflikte der Denkkraft mit dem Anschauen sind«. ³) Das
Wesen dieses
unausbleiblichen
Konflikts aufzudecken, das gerade war das Lebenswerk Kant's. Selbst der
in philosophischen Fragen am wenigsten bewanderte Mensch
muss leicht begreifen, welchen Gewinn es bedeutet, durch Analyse
festgestellt zu haben: einesteils, wie viel »gesetzgebendes
Denken«
des Menschen in der vermeintlich rein objektiven
Anschauung
am Werke ist, andernteils, inwiefern das Anschauen dem Denken erst den
Stoff liefert und somit dem Gesetzgeber bestimmte Wege weist.
Hierdurch
erst ward die reinliche Scheidung zwischen Erfahrung und Idee
möglich.
DIE MATHEMATIK
Somit
habe ich die
Aufgabe,
welche
ich mir mit dem heutigen ersten Vortrag stellte, in der
Hauptsache
gelöst, soweit ich es vermochte. Doch will ich nicht schliessen,
ohne
Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf ein anderes Gebiet der Anschauung
gelenkt
zu haben, das zwar erst im nächsten Vortrag ausführlicher zur
Sprache gelangen kann, wo aber der Vergleich zwischen Goethe und
Kant so belehrend ist und die schon gewonnene Einsicht so
wertvoll
ergänzt, dass es auch heute nicht unerwähnt bleiben
darf.
Ich rede von der Mathematik.
Mathematik ist — um
Goethe's Wort
zu borgen — diejenige Anschauung, welche dem
»gesetzgebenden«
Denken des Menschen ganz und gar eigen ist. Über jene
Brücke
des Auges, von der wir am Anfang des Vortrages sprachen, kommen
von aussen Gestalten hinein, Gestalten, die wir Menschen
völlig
unfähig sind zu erfinden, die wir nur kennen, insofern die
Natur sie uns zugeführt hat; drinnen aber, im Turm, gibt es
auch eine Gestaltenwelt, Gestalten,
—————
¹) Bedeutende Fördernis
durch
ein
einziges geistreiches Wort.
²) Problem
und Erwiderung.
³) Der Kammerberg bei Eger.
81 GOETHE
die
sich nicht auf dieses und jenes
wirkliche
Wesen beziehen, sondern auf
alles und gar nichts,
lauter Stangen und Winden und Kanten und Flächen, wie sie die
Natur
draussen nicht kennt oder wenigstens nicht kannte, ehe diese Welt der
menschlichen Phantome in der Form von Maschinen greifbare Existenz
gewonnen
hatte.
Sie
sehn
dich nicht, denn Schemen
sehn
sie nur,
sagt Mephistopheles von den
»Müttern«;
diese Mütter sind unsere Mütter, die Mütter des
Menschengeschlechts;
von ihnen erbten wir unsere graue Hirnsubstanz, und diese ist
der
Archimedische Punkt, von wo aus — gleichsam von ausserhalb der Natur —
wir das Netz unsrer ordnenden, abstrakt gestaltenden, brechenden,
selbstherrlichen,
gesetzgebenden Mathematik über den Kosmos ausbreiten, um
ihn
dadurch unserm menschlichen »Wissen« einzuverleiben.
Hierauf werden wir in
den
beiden folgenden Vorträgen näher einzugehen haben. Heute
wollen
wir uns damit begnügen, den unvermittelten Widerspruch in der
Wertschätzung
dieses menschlichen Schemenwesens — Mathematik genannt — seitens
Goethe's
und Kant's festzustellen. Kant's Glaubensbekenntnis lautet:
»Reine
Mathematik .... gewährt die wahrste Erkenntnis und ist zugleich
das Muster der höchsten Gewissheit auf allen
Gebieten«
(D. § 12); und er
bewundert nicht nur, sondern liebt die
Mathematik
so sehr, dass er von ihr urteilt, sie »rühre das Gefühl
auf eine ähnliche oder erhabenere Art als die zufälligen
Schönheiten
der Natur». ¹) Goethe dagegen, der von sich gesteht:
»Trennen
und Zählen lag nicht in meiner Natur«, ²) meint:
»Seit
der Regeneration der Mathematik ist die Wissenschaft in klägliche
Abirrung geraten«. ³). Goethe ist nicht nur mathematisch
unbegabt,
sondern er verrät auch wenig Verständnis für das Wesen
und
die praktische Bedeutung der Mathematik; auch Kant ist kein grosser
Rechenkünstler,
er besitzt aber eine hervorragende mathematische
Anschauungsgabe.
Hier ist es Goethe, der die Augen zuhält, und Kant, der sie
öffnet.
Mit seinen offenen Augen gelingt ihm auch ein überaus
geniales
Gestaltungswerk von bleibender Bedeutung. Denn gewiss darf man ohne
Übertreibung
behaupten, Kant's — vierzig Jahre später von Laplace wieder
aufgenommene
und zahlenrechnerisch näher
—————
¹) Der einzig mögliche
Beweisgrund
zu einer Demonstration des Daseins Gottes, 2. Abt.
²) Geschichte
meines botanischen
Studiums.
³) Ferneres
über Mathematik
und Mathematiker.
82 GOETHE
ausgeführte
— Hypothese
über
die Entstehung des Himmelsgebäudes sei eine der eminent genialen
Leistungen der menschlichen Anschauungskraft.
Das Allbekannte
brauche ich nicht
zu schildern: Sie kennen diese Hypothese einer anfänglich
ununterschiedenen,
chaotisch-nebelhaften Urmasse, die infolge der Anziehung und Abstossung
der Teilchen in Umdrehung gelangt, wodurch sich erst ein mittlerer
Körper
bildet, um diesen wieder andere, und so weiter — bis die Sonnen alle
dastanden,
oder wenigstens die meisten unter ihnen (denn einige sind noch
heute
im Nebelzustande), und um die Sonnen ihre Planeten, und um die Planeten
Ringe, Monde, Asteroiden usw. Kant nennt seine Hypothese einen
»Versuch
von den m e c h a n i s c h e n Ursprunge des ganzen
Weltgebäudes«,
und dieser Versuch war ein so glänzender, dass er bis heute
noch, inner- und ausserhalb der exakten Wissenschaft, fast alle
Vorstellungen
beherrscht. Es liegt mir aber viel daran zu betonen, dass es sich hier
nicht um eine »Theorie« im Sinne der von Descartes und
Newton
aufgestellten Bewegungsgesetze handelt, sondern um eine
freischöpferische
Hypothese. Ihre Anschaulichkeit ist eine so gewaltige,
überzeugende,
dass auch Männer der Wissenschaft diese Tatsache manchmal
übersehen;
dadurch wird aber das Wesen der Leistung verkannt. In
Wirklichkeit
sieht man heute immer klarer ein — so belehren uns die
Mathematiker
— dass die betreffende Hypothese weder in Kant's Ausgestaltung,
noch in derjenigen Laplace's, noch in der
späteren
Hervé Faye's, noch in den ganz neuen Arbeiten J. Mooser's
in allen Teilen vollkommen stichhaltig durchzuführen ist,
noch
jemals durchzuführen sein wird. Sie ist eben nicht eine Theorie,
sondern eine Hypothese; sie zwingt unreduzierbare Elemente in ihr
Schema
ein, damit das Ganze vorstellbar werde; irgendwo, wie bei allen
Hypothesen, wird entweder den Tatsachen oder den Berechnungen
Gewalt
gethan. Auch haben solche Dinge, wie z. B. Lord Kelvin's
Berechnung,
dass, wenn die Erde von Anfang an in ihrem ganzen
Durchmesser
aus festem Stahl bestanden hätte, sie bei ihrer
Drehgeschwindigkeit
fast genau die selbe Abplattung an den Polen erfahren
haben
würde wie die tatsächlich vorhandene — die nach Kant's
Vorgang mittelst der Annahme eines früheren
gasförmigen,
dann flüssigen Zustandes erklärt zu werden
pflegt
— viel zu denken gegeben über die Gewagtheit, aus
Möglichkeiten
Wirklichkeiten machen zu wollen. Neuerdings kommt nun die von
hervorragenden Geologen und
83 GOETHE
Physiographen
(Geikie,
Nordenskiöld, Ratzel usw.) bevorzugte Hypothese hinzu,
nach welcher die Himmelskörper aus dem
Zusammenfallen
fester Staub- und Steinmassen im kosmischen Raum um einzelne
Attraktionspunkte
entstanden wären. Nach ungefähren Berechnungen fallen
jetzt in einem Jahrtausend vierundeinhalb Millionen
Zentner
an Meteoriten aus dem interplanetarischen Raume auf die
Erdoberfläche.
In einem Aufsatz in Petermanns
Mitteilungen (1901, S. 217 fg.)
kommt
Friedrich Ratzel zu dem Schlusse, Kant's Hypothese sei
»nicht
als die alleinige und gewissermassen unumgängliche
Erdbildungshypothese
anzusehen. Die Geographie hat an sich keinen Grund, einen
Urnebel
und darauffolgenden glühend-flüssigen Zustand des
Planeten
für wahrscheinlicher zu halten als den Zusammensturz von
kleinen
Himmelskörpern in verschiedenen Aggregatzuständen,
aus
deren Vereinigung unter Wärmeentwicklung die Erde, gleich
anderen
Himmelskörpern, hervorgegangen sein könnte«. Der
Ausblick
auf solche früher ungeahnte Möglichkeiten entzieht der
Nebularhypothese
Kant's und Laplace's, wie Sie sehen, jeglichen dogmatischen
Wirklichkeitswert
und lässt sie nur umso grösser als das erscheinen, was sie
in
Wahrheit ist: ein geniales Erzeugnis des gesetzgebenden
mathematisch-schematischen
Menschenverstandes, freischöpferisch mit dem
Bilde des gesamten Kosmos waltend. Jene selbe analysierende und
aufbauende
Vorstellungsgabe, welche wir vorhin bei der Westminsterbrücke am
Werke
sahen, greift hier kühn bis zu den Sternen
und
ruft: »Gebt mir nur Materie, ich will euch eine Welt daraus
bauen!«
(H., Vor.).
DENKER UND ANSCHAUER
Diese Art anzuschauen, und
infolgedessen
auch diese Art zu denken, ist so ungoetheisch wie
möglich: mit einer abstrakten »Materie«,
die nach Schemen bewegt gedacht wird, hätte Goethe
nicht das Geringste anzufangen
gewusst.
Nun aber bitte ich,
mit aller
Aufmerksamkeit das Folgende zu beachten. Wie Sie schon aus
unseren
früheren Ergebnissen gelernt haben
werden:
die erste rohe Feststellung psychischer Anlagen
gewährt
wenig Belehrung; wenn die Analyse nicht weiter verfolgt
wird,
fühlt man nur die Last einer neuen Tatsache, nicht die
Beflügelung
durch eine neue Erkenntnis. An dem hier bei der
Betrachtung
der Mathematik und des schematischen Schauens hervorgehobenen
Gegensatz
zwischen den beiden Arten zu schauen — Goethe's und Kant's —
knüpft
sich eine unerwartete, paradox schei-
84 GOETHE
nende
und psychologisch ungemein
belehrende
Einsicht: K a n t 's t h e o r e t i s c h
e G e d a n k e n s i n d a n s c h
a u l i c h e r a l s
G o e t h e 's.
Diese Hypothese Kant's über den mechanischen Ursprung des
Weltgebäudes
ist etwas viel Greifbareres, viel leichter Vorgestelltes, weil
viel mehr mit Augen Gesehenes als Goethe's Lehre von der Metamorphose
der
Gestalten. Und der Grund ist folgender: Kant führt ein konkret
Geschautes
(die Sternenwelt) auf ein Schema — also ebenfalls auf ein unmittelbar
Anschauliches
(nämlich auf ein geometrisch Anschauliches) — zurück; Goethe
dagegen sucht für eine Idee, welche Anschauung in seiner Vernunft
geweckt hat, ein Symbol, — die Idee selbst »übersteigt die
Möglichkeit
der Erfahrung«, und das Symbol borgt zwar von der
Anschaulichkeit,
doch um darüber hinauszugehen. Der reine Denker bleibt also beim
Naturbetrachten
innerhalb der Grenzpfähle möglicher Anschauung, wogegen das
Anschauungsgenie
sie nach beiden Seiten zu überspringen trachtet. Gelangt der reine
Denker zum Anschauen, so ist sein Anschauen ein widerspruchloses, ganz
menschliches, — ich möchte sagen, ein logisches Anschauen; gelangt
das Anschauungsgenie zum theoretischen Nachdenken, so hat er ein
Supralogisches
mitzuteilen und darum kann er nur durch Andeutungen reden und wird
unklar
und oft widerspruchsvoll. Aus diesem Grunde ist Kant's Naturlehre
sichtbarer
und fasslicher als Goethe's.
Beachten Sie auch
Folgendes. Der
mathematisch-mechanisch denkende Geist, das heisst derjenige,
welcher
auf dem Standpunkte des gesetzgebenden Menschen steht, tritt bewaffnet
mit seinen Gesetzestafeln auf das unfassbare Weltganze zu und zwingt
ihm
sein Schema auf; wogegen der Priester des Auges die willenlose Hingabe
an die Anschauung lehrt, jene »ganz eigene Art von
Forschung«,
wie Goethe sie nennt, »die Anfrage an die Natur«. ¹)
Anstatt mit
Kant
den ganzen Kosmos in das Menscheninnere hineinzuzwängen,
führt
diese Anfrage an die Natur den Menschen aus sich heraus und wirft ihn
der
Natur in die Arme. Hier führt der Weg zur mystischen Vereinigung
mit
der Natur, hier führt der Weg zum Übermenschentum, wo
der Starke, der einen festen Fuss und schwindelfreie
Augen
besitzt, hoch hinauf gelangen kann —
Wagt
ihr, also bereitet, die
letzte
Stufe zu steigen
Dieses Gipfels, so reicht mir
die Hand und öffnet den freien
Blick ins weite Feld der Natur
—————
¹)
Annalen, 1810.
85 GOETHE
—
wo aber Diejenigen, welche
unvorbereitet,
tollkühn es wagen, oder nicht dem echten Genie die Hand reichen,
auf
dass es sie stütze, sondern dem eitlen Rhetor oder dem
mystischen
Schwärmer, unvermeidlich in den Abgrund hinabstürzen
müssen.
Das Schema birgt keine solche Lebensgefahr. Zwar macht es leicht aus
unbedeutenden
Menschen Maschinen, doch was liegt daran? Es macht sie ja zugleich
leistungsfähig.
Und inzwischen wird es in den Händen der Begabteren »der
Stolz
der menschlichen Vernunft« (wie Kant in charakteristischer
Begeisterung
ausruft, r. V. 492); und
indem das Schema mit selbstherrlicher
Nonchalance
jede lebendige Gestalt, jedes Naturphänomen dehnt und presst und
abhackt, bis sie in das Pokrustesbett der gesetzgebenden
reinmenschlichen
(mathematischen) Anschauung hineinpassen, schafft es Behälter und
Organe für ein zunehmendes »Wissen«, und zwar für
ein Wissen, welches Gemeingut der Menschen — auch der Unbegabteren —
werden
kann, und welches gerade darum, weil es ein gut Teil
willkürlich-gewaltsamen
Menschenbeisatzes an sich hat, so greifbar und überzeugend und
wirkungsreich
ist.
ÜBERGANG
Ich bin zu
Ende. Von einer
Zusammenfassung
unserer Ergebnisse sehe ich um so eher ab, als wir in dem
nächsten
Vortrag
vielfach auf die selben Gegenstände
zurückkommen müssen. In der Person des Leonardo da Vinci
werden wir ein zweites Anschauungsgenie — einen zweiten Mann aus der
Welt
des Auges — unserem Kant entgegenstellen. Es wird sich aber zeigen,
dass
Leonardo nicht weniger als Kant von Goethe abweicht; dadurch
werden
wir lernen, zwischen Auge und Auge zu unterscheiden.
Überraschend
wird es wirken, Goethe — von Leonardo aus betrachtet — in Bezug auf
gewisse
Unzulänglichkeiten des Auges und auf ein Vorwalten des Denkens
sehr
nahe an Kant heranrücken zu sehen, Leonardo aber, den absoluten
Künstler
— von Goethe aus gesehen — Kant in wichtigen Punkten verwandt
zu
finden, weit näher verwandt als dem ideenreichen Dichter. So wird
sich nach und nach der Reichtum und die Eigenart der
Persönlichkeit
Immanuel Kant's vor uns enthüllen und werden wir allmählich
die
Befähigung gewinnen, in sein Denken einzudringen. Möge der
heutige
Versuch eine gute Grundlage zu unseren weiteren Arbeiten
gelegt haben. Kant hat es um uns verdient, dass wir nicht ruhen, bis er
für uns lebendig geworden ist.
86
(Leere Seite)
Letzte
Änderung
am 7. September
2005