Here under follows the transcription of the first chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

Goethe as a young man. From an engraving after Georg Oswald May (1779).

GOETHE AS A YOUNG MAN
From an engraving after Georg Oswald May (1779).


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Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



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Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768

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ERSTER VORTRAG

GOETHE
(IDEE UND ERFAHRUNG)

MIT EINEM EXKURS ÜBER DIE METAMORPHOSENLEHRE

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WO OBJEKT UND SUBJEKT SICH
BERÜHREN, DA IST LEBEN.
GOETHE
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(Leere Seite)

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DIE PERSÖNLICHKEIT

V
EREHRTE FREUNDE! Die Weltanschauung eines Mannes ist mit ihm geboren; sie ist das notwendige Ergebnis seiner Art zu schauen. Freilich, die Grenzlinien der besonderen Gestalt, in die er dieses Angeborene nach und nach zu immer vollerer Körperlichkeit ausarbeitet und dadurch erst bewusst besitzen lernt, entstehen wie ein System von Diagonalen aus seinem ureigenen Wesen und den Einflüssen seiner Zeit und seiner Umgebung; doch zu Grunde liegt die Person. Stirbt der Denker, ehe sein Anschauen die volle Reife erlangt hat, oder verkümmert seine Eigenart unter dem Druck äusserer Not, so kann manchmal diese Tatsache verdeckt bleiben; die Entwickelung des Menscheninnern ist wie die des Menschenäussern: Förderungen und Hemmnisse machen sich täglich geltend. Wobei noch folgendes wohl zu beachten ist. Wer sich darauf beschränkt, in dem Lebenswerk eines grossen Denkers die Lehrsätze und den systematischen Aufbau in Arbeiten aus verschiedenen Altersstufen mit einander zu vergleichen, oder wer eine Sammlung von Äusserungen und Urteilen über irgend eine besondere Frage aus allen Ecken und Enden des geistig überreichen Gedankenlebens eines Genies zusammen trägt, wird leicht ein Chaos von Widersprüchen zutage fördern, dazu gehört kein besonderer Scharfsinn; hierdurch wird nun der Eindruck des Zufälligen, des Unorganischen hervorgerufen; die Einheitlichkeit der Weltanschauung scheint aufgehoben. Wer dagegen tiefer blickt, wird diese schwebenden, schwankenden Äusserungen des sinnenden Hirnes mit besonderer Aufmerksamkeit ins Auge fassen, weil gerade in ihnen der Kampf des Einzelnen für sein Eigenes gegen die ihn allseitig eng umgebende Welt des Überkommenen sichtbar wird und somit nirgendswo besser als hier das Besondere und Unterscheidende des Individuums blossgelegt werden kann. In hervorragendem Masse ist dies bei Kant der Fall, da seinem Wirken auf philosophischem Gebiete nicht — wie z. B. bei Schopenhauer
— die Einzelhaftigkeit eines systematischen Gedankens, sondern die tatsächliche Vereinigung sehr verschiedener, einander fast widersprechender Geistesanlagen in einer lebendigen Persönlichkeit Einheit verleiht. Ich glaube daher, Sie werden leichter und sicherer in Kant's Werk eindringen, wenn Sie zuvor mit der reichen Welt seiner Persönlichkeit vertraut geworden sind.
    Wer Immanuel Kant's Philosophie kennen lernen will, pflegt sich tollkühn in das Studium des schwierigsten Werkes der Weltliteratur, in das der Kritik der reinen Vernunft zu stürzen; die

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Meisten sind aber bald entmutigt und begnügen sich schliesslich damit, das Kapitel »Kant« in einem philosophischen Geschichtswerk zu lesen. Ich fordere Sie auf, mit mir einen andern Weg einzuschlagen. Ich fordere Sie auf, ehe Sie sich in das Studium von Kant's einzelnen Schriften vertiefen, und ehe Sie den seltenen Mann in diese oder jene historische Konstruktion einreihen, die wesentlichen und ihn von allen anderen Denkern unterscheidenden Merkmale seines Gedankenlebens und somit auch seines Lebenswerkes kennen zu lernen. Und zwar habe ich weniger die äusseren Schicksale dieser Persönlichkeit im Sinne, als ihre geistige Anlage, möglichst abgelöst aus ihrer zufälligen Bedingtheit in Zeit und Raum. Geschichte macht leicht blind für das Ewige. Über die Schicksalswege Kant's können Sie sich in allerhand Büchern unterrichten; für die Kenntnis seiner moralischen Persönlichkeit möchte ich Sie vor allem auf die drei kleinen Schilderungen seiner Zeitgenossen Borowski, Jachmann und Wasianski verweisen; ¹) über seine philosophischen Lehren handeln mehrere tausend Schriften und Aufsätze in allen Sprachen Europas. ²) Aus diesen verschiedenen Quellen werden natürlich auch wir schöpfen, doch zum Wiederkäuen wird uns die Musse fehlen, da wir einem anderen Ziele zustreben. Unser Ziel ist, zu erfahren, wie Kant's Geist von Hause aus beschaffen war: wie er zu den Augen hinausgeschaut, wie er die empfangenen Eindrücke innerlich verarbeitet hat, wie er hat denken   m ü s s e n.   Wir wollen wissen, welches geistige Material er sich aneignete und welches er verwarf; für welche Verrichtungen des Geistes er besondere Beanlagung besass, für welche wenig oder gar keine. Wir wollen den Beweggründen nachforschen, die ihn — nach und nach — dazu antrieben, sich dem abstraktesten Denken zu widmen und ihm zu so ungeheuren Bemühungen die Ausdauer schenkten. Vor allem wollen wir versuchen, mit Augen zuzusehen — schweigend und aufmerksam — während er denkt, um so, wenn auch nicht das künstliche Ganze seines fertigen Gedankengebäudes, so doch die Eigenart der Welt, in der er seiner Natur gemäss lebte und webte aus tatsächlicher Anschauung kennen zu lernen. Kurz, wir wollen die Individualität dieses Denkers, die Beschaffenheit seiner intellektuellen Persönlichkeit erforschen. Dar-
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    ¹) Alle drei in Königsberg 1804 (Kant's Todesjahr) erschienen. Ein Neudruck in einem Band, von Alfons Hoffmann besorgt, erschien 1902 in Halle, Preis 2 Mark.
    ²) Bis zu Kant's Todesjahr, 1804, über 2000! Wie hoch mag sich heute die Zahl belaufen? (Vgl. die von Vaihinger herausgegebenen Kantstudien I, 469.)

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aus wird sich ohne Zweifel auch das Unterscheidende an seinem Werke — wenigstens in grossen, allgemeinen Zügen — ergeben, was jedenfalls ein späteres Studium bedeutend fördern wird.

DIE METHODE DES VERGLEICHES

    Auf welche Weise kann eine derartige Aufgabe gelöst werden? Meines Erachtens gibt es nur einen einzigen Weg: den des Vergleiches. Nous ne pouvons acquérir de connaissances que par la voie de la comparaison, sagt Buffon, der grosse Kenner der Natur. ¹) Denn eine theoretische Beschreibung setzt eine Reihe von Begriffsbestimmungen voraus, und angesichts des Lebens schrumpfen alle Begriffsbestimmungen zu Redensarten zusammen. Abgesehen von der Mathematik und der Logik — in welchen die Bestimmungen das Formale allgemeinsamer Anschauungs- und Begriffsschemen betreffen — beruht alles Definieren auf der grundsätzlichen Nichtbeachtung des Individuellen; so z. B. »definiert« man in der Zoologie oder Botanik eine species, indem man nur dasjenige hervorhebt, was den verschiedenen Individuen gemeinsam ist, wogegen das Besondere des Einzelwesens — selbst seiner äusseren Gestalt — aus hundert Zügen besteht, die jeder Schilderung durch Worte trotzen. Es gibt keine »Wissenschaft« des Individuellen. Und es verhält sich nicht anders, wenn anstatt der sichtbaren Gestalt das unsichtbare Innere in Betracht gezogen wird. Im Gegenteil, gerade hier sagen Allgemeinheiten wenig oder nichts und führen fast immer irre, wenn nicht reiche und sehr genaue Anschauung über den Einzelfall unterrichtet hat. Wenn ich z. B. lese: für Kant sei »ein Vorwalten des abstrakten Denkens im Gegensatz zum anschaulichen Denken charakteristisch«, was habe ich damit gewonnen? Eine vielleicht unanfechtbare Phrase, aber doch eine Phrase, und nur unanfechtbar, insofern ihr Inhalt von nebelhafter Allgemeinheit ist. Niemand kann denken, ohne zu schauen, und niemand kann schauen, wenn er nicht Begriffe bildet. Sie werden bald erfahren, dass gerade Kant's Geist eine eigentümliche Kraft der Anschauung besass, wogegen mancher sogenannte »intuitive«, d. h. mehr der Anschauung sich hingebende Denker, wie z. B. Goethe, immerwährend völlig unvorstellbare Gedanken in seine vermeintliche Intuition mischt. Wir dürfen also nicht hoffen, der Individualität des Geistes durch eine blosse Schilderung in Worten beizukommen. Im besten Falle gäbe diese ein Flächenbild, wogegen mich der heisse Wunsch erfüllt, Ihnen eine vollkommen plastische Vorstellung zu über-
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    ¹) De la nature de l'homme.

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mitteln. Und hierzu kann nur der Vergleich helfen. Wir unterschätzen meistens die Unterschiede auf geistigem Gebiete zwischen Mensch und Mensch; sie sind ungeheuer gross; nicht bloss aber in Bezug auf das Mehr und das Minder, sondern auch in Bezug auf das Wie zwischen gleich bedeutenden Männern; hier finden wir dem Denken des Einzelnen von der Natur vorgeschriebene und unentrinnbare Bahnen, (worüber in einem späteren Vortrag Näheres). Und darum, wenn wir nur die richtigen Leute zum Vergleiche heranziehen, werden die starken Schlagschatten, welche die Gegensätze werfen, Kant's Geistesgestalt — d. h. also die Eigenart seiner Gedankenwelt — immer körperlicher vor unsern Augen erstehen lassen.
    Es käme also zunächst darauf an, Wen wir zum Vergleiche wählen wollen. Ich werde meine Wahl nicht im voraus rechtfertigen, sie muss sich durch den Gebrauch bewähren. Nur das eine muss ich bemerken, dass ich den Standpunkt des durchschnittlichen Deutschen des heutigen Tages — der sich unter einem Philosophen kaum etwas anderes vorstellt, als eine besondere Abart der Gattung »Professor« — nicht zu dem meinigen machen kann. Wir brauchen die verdienstvolle Tätigkeit des Fachmannes — namentlich für die Erforschung und Darstellung der Geschichte des menschlichen Denkens, sowie für die Heranbildung unserer Söhne — nicht zu unterschätzen und können doch verlangen, dass zwischen berufsmässigem Wissen und Genie unterschieden werde. Kant selber fordert energisch dazu auf. ¹) Wir nennen doch nicht einen Professor der Kunstgeschichte und Kunsttheorie einen »Künstler«; keinen Augenblick verwechseln wir ihn mit den gottbegnadeten Männern, aus deren Tätigkeit erst der Stoff entsteht zu einer Wissenschaft der Kunst. Genau die selbe Unterscheidung sollte hier gemacht werden. »Reine Philosophie ist ein Genieprodukt«, sagt Kant (Üb. III, 408), und Goethe wiederholt das selbe in seiner Art:

Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wird's nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet geschaut.

Was uns Menschen als »Weltanschauung« eigen ist, ist die Erfindung einzelner übermächtiger Geister. Eine das Ungesehene vermittelnde Vorstellung, ein das Gesehene verständlich gestaltender Ge-
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    ¹) Vgl. z. B. die Vorrede zu den Prolegomena.

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danke eine Verknüpfung zerstreuter Erscheinungen oder Ideen zu einem beziehungsreichen Ganzen ist ein mindestens ebenso schöpferisches Werk des einzelnen Genies, wie eine Dichtung in Worten oder in Tönen. ¹) Und damit ein solcher Gedanke lebe und zeuge, genügt es nicht, dass er ausgesprochen werde, sondern er muss von Hause aus gewisse Eigenschaften besitzen, die hier wie dort das Genie allein ihm zu verleihen vermag; denn er muss »gebildet« werden, sonst würde er nicht »geschaut«. Im trägen Genusse des altererbten Besitzes pflegen wir das zu vergessen. Nach und nach ist nun das Repertorium dieser »Weltanschauung-ermöglichenden« Ideen bereichert worden, doch recht langsam. Es hat bisher nicht gar viele lichtspendende Gedanken gegeben. Und die Anregungen zu neuen Gedanken und zu neuen Gesamtbildern der Welt sind fast alle nicht aus der Philosophie, sondern aus den Fortschritten der Naturwissenschaft und der Mathematik oder aus der Vertiefung des religiösen Empfindens gekommen. Damit mag es wohl zusammenhängen, dass von den epochemachenden Denkern kaum ein einziger ein philosophischer Fachmann gewesen ist, und dass die Welt keine Ursache hat, sich der Periode zu freuen, wo — im vergangenen 19. Jahrhundert — die »reinen Philosophen« das Heft fast allein in die Hand bekommen hatten. ²) Auch Kant ist als — Gelehrter — nicht von Philosophie, sondern von Mathematik, Physik und theoretischer Astronomie ausgegangen; er war ursprünglich Professor der Mathematik und verdankte den Lehrstuhl für Philosophie nicht einer Berufung durch die hochweise Fakultät, sondern nur dem Zufalle, dass der Kollege, der diesen innehatte, ihm einen Tausch anbot. Bis in sein Alter hat Kant mit Vorliebe über Anthropologie, Geographie, Physik, Mathematik und Befestigungslehre gelesen, wogegen er seine eigene metaphysische Kritik niemals vom Katheder aus vorgetragen hat. Den Antrieb zu seinen kritischen Untersuchungen des ganzen Gebietes der menschlichen Erkenntnis entnahm Kant einzig und allein dem Bedürfnis, für die praktische Philosophie (d. h. »die Methode Menschen zu bilden und zu regieren«, Br. I, 138) und für die exakte Naturwissenschaft
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    ¹) Beispiele wären, auf konkretem Gebiete: die Vorstellung des Atoms, der Gedanke der Gravitation, die Idee der Metamorphose.
    ²) Nur kurz dauerte diese führende Stellung: Comte ist Polytechniker, Lotse Arzt, Mill Beamter der Ostindischen Gesellschaft, Fechner Physiker, Spencer Ingenieur und Sociolog, Hartmann Artillerieoffizier, Wundt Physiolog, Nietzsche Hellenist usw.

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eine unerschütterlich sichere Grundlage zu gewinnen; in dem Briefe, den ich soeben anführte, seufzt er: »Ich werde froh sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie werde zu Ende gebracht haben.« Wozu noch eine allgemeine Erwägung kommt. Die Logik und die Dialektik, die zusammen mit Geschichte den Hauptinhalt des sogenannten »philosophischen« Unterrichts ausmachen (und zwar mit Recht), haben lediglich die Bedeutung einer Disziplin. Man kann sie nicht einmal — obwohl es oft geschieht — mit Mathematik vergleichen; denn Mathematik ist, wenigstens in ihrem einzig zeugungsfähigen Teil, in der Geometrie, Anschauung, und wenn auch diese Anschauung besonderen Einschränkungen unterliegt, sie führt doch — weil sie Anschauung ist — immer weiter und weiter, ihr Wachstum kennt kein Ende, und ihre Wechselbeziehungen zu allen Wissenschaften bleiben ewig lebendig und neu; wogegen Logik nichts ist als eine Methodenlehre. Allerdings bedeutet dies nichts Geringes; doch was Sie einsehen lernen müssen ist, dass die Kenntnis der Logik zu dem Aufbau einer Weltanschauung höchstens indirekt beiträgt, ebenso wie Lesen-, Schreiben- und Rechnenkönnen dazu beitragen. Denn die Logik gleicht einer Mühle, einer Mühle, an der wir nicht einmal weiter ausbauen, sondern zu deren Handhabung wir uns höchstens durch Übung ein wenig vervollkommnen können. Eine Mühle taugt jedoch nur insofern, als man Stoff zum Mahlen besitzt, und dieser Stoff ergibt sich nicht aus dem Reiben der starren, leblosen Steine gegen einander, sondern er wächst draussen im Freien, er spriesst aus der dunklen, geheimnisvollen Erde, gelockt vom heissen Strahle der fernen, unerreichbaren Sonne.
    Wollen wir also Männer zum Vergleich mit Kant heranziehen, so werden wir auf ihre Angehörigkeit oder Nichtangehörigkeit zu einer gelehrten Fachzunft keinen Wert legen: der Umkreis, die Leuchtkraft, die schöpferische Fülle und der organische Zusammenhang einer Weltanschauung sind es, die ihr philosophische Würde verleihen. Darum habe ich schon früher vorgeschlagen, man solle den Reichtum der deutschen Sprache benützen, um zwischen »Philosophie« und »Weltanschauung« zu unterscheiden. Die aus dem Griechischen entlehnte Vokabel würde nach wie vor eine gelehrte Disziplin, das deutsche Wort eine mit Religion und Mythologie verwandte, allgemein menschliche, doch nach sehr verschiedenen Richtungen entwickelte Anlage bedeuten, mit weitverzweigten

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Wurzeln, die aus Kunst und Naturwissenschaft, aus Philosophie und Mathematik Nahrung aufnehmen, eine Anlage, die vornehmlich darauf ausgeht, die Harmonie zwischen dem äusseren und dem inneren Auge oder — wenn dieser Tropus Ihnen zu kühn dünkt — zwischen Schauen, Denken und Handeln zu bewirken. ¹) Und wenn dann, wie zu Philosophie »Philosoph,« zu Weltanschauung »Weltanschauer« eine erlaubte Wortbildung wäre, dann wüssten wir genau anzugeben, aus welcher Gattung wir Männer zum Vergleiche holen müssen. Es sind beileibe nicht alle Philosophen »Weltanschauer« gewesen, und die grossen »Weltanschauer« waren Dichter, Maler, Staatsmänner, Ärzte, Priester, Mathematiker, Historiker — hin und wieder auch Philosophen.
    Aus Gründen, die sich nach und nach zeigen und — ich wage es bestimmt zu hoffen — bewähren werden, habe ich für unser Vergleichungswerk folgende fünf Männer gewählt: Goethe, Leonardo da Vinci, René Descartes, Giordano Bruno, Plato. Jedem dieser Männer will ich einen Vortrag widmen, und zwar nicht mit dem Zweck, seine Weltanschauung lückenlos darzulegen, sondern seine   A r t   z u   s c h a u e n   zu analysieren und sie derjenigen Kant's gegenüberzustellen. Von Kant wird natürlich von Anfang an die Rede sein; ein sechster Vortrag soll ihm aber ganz allein gehören, indem die Ergebnisse der früheren Vorträge zu diesem Behufe verwertet und weiter ausgebaut werden.

PLAN, ZIEL, BEGRENZUNG

    Über den Plan, den ich im Sinne habe, wäre noch manches hinzuzufügen, doch für den Augenblick genügen diese Andeutungen; die Namen Goethe, Leonardo, Descartes, Bruno, Plato
sind Ihnen alle wohlbekannt; sie reichen hin zu einer ersten orientierenden Vorstellung über den Weg, den wir gemeinsam zurückzulegen gedenken. Ich will mich nicht an ein langweiliges Schema binden, sondern werde in jedem Vortrag den Stoff so behandeln, wie der Instinkt mir es eingibt. Wer nach Lebendigem hascht, ist ein Jäger; er muss alle Sinne auf der Lauer haben, er muss zu warten und zuzugreifen wissen. Nichts Gelehrtes soll vorkommen, nichts, meine ich, was im fachmässigen Sinne des Wortes gelehrt heissen könnte. Ein Laie redet zu Laien. Wir wollen nicht über Worte grübeln; wir wollen nur die Augen aufmachen zu einer unbefangenen Betrachtung dessen, was jedem sichtbar ist, der sich die Mühe gibt, hinzuschauen. Kant
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    ¹) Siehe Chamberlain: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, S. 736 f.


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selber, der Gestrenge, schreibt: »Subtile Irrtümer sind ein Reiz für die Eigenliebe, welche die eigene Stärke gerne fühlt; offenbare Wahrheiten hingegen werden leicht und durch einen gemeinen Verstand eingesehen«. ¹) Das Beste ist immer unser aller Gemeinbesitz; denn wie es in der Bibel heisst: »Gott hat euch Augen gegeben, auf dass ihr sähet«. Ausserdem weist uns unser Ziel den bestimmten Weg, den wir zu gehen haben, und beschränkt unser Unternehmen in wohltuender Weise. Nirgends haben wir Vollständigkeit auch nur zu erstreben, mit der einzigen Ausnahme der vollkommenen Plastizität jeder Erkenntnis, die wir gewinnen. Wir wollen uns grundsätzlich nie mit einem Gedanken eingehend beschäftigen, ehe nicht hinreichendes Anschauungsmaterial vorhanden ist, »an dem« wir denken können; dagegen, sobald wir etwas deutlich erblicken, wollen wir nicht die Minuten zählen, sondern die Sache um- und umdrehen, bis wir sie gründlich durchgeforscht haben. Behufs Herbeischaffung des unentbehrlichen Anschauungsstoffes werde ich in jedem Vortrag einen Abstecher unternehmen, einen »Exkurs«‚ in dem wir den eigentlichen Gegenstand zu verlassen scheinen, der uns aber dienen wird, ihn erst recht zu erfassen. »Wie wollten wir auch«‚ sagt Kant, »unsern Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn ihnen nicht irgend eine Anschauung (welche zuletzt immer ein Beispiel aus irgend einer möglichen Erfahrung sein muss) untergelegt würde«? ²)
    Nicht eine Verdolmetschung von Kant's theoretischen Lehren bezwecke ich mit diesen Vorträgen; was ich anstrebe, ist beschränkter vielleicht, aber schwieriger: es ist ein leibhaftiges Entgegengehen, ein leibhaftiges Entgegenwachsen. Das Schlimmste an der uns umgebenden Civilisation ist, dass sie auf den Geist erstarrend wirkt; der Gang der obligatorischen Schulbildung, dazu der allseitige Zwang, der uns gleich nach der Schule ergreift und in bestimmte Bahnen drängt, drückt unserem Denken die Schablone auf; die Presse tut ein Übriges: vor ihrem giftigen Gorgonenblick ersterben jeden Tag von neuem die leise erwachenden Regungen zur Selbständigkeit. Zum Verstehen gehört aber Beweglichkeit. Wenn Kant sagt: »wir verstehen nur das, was wir selber machen«, so meint er das freilich erkenntniskritisch und bezieht es auf den Menschengeist überhaupt; dieses Wort lässt sich aber auf jedes Ver-
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    ¹) Betrachtungen über den Optimismus.
    ²) Was heisst: sich im Denken orientieren?


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ständnis anwenden; um eine Persönlichkeit in der ihr eigentümlichen Anschauungsart wirklich zu verstehen — nicht bloss über die Lehren, die sich aus dieser Anschauung ergeben, zu räsonnieren — dazu gehört die Befähigung, ihr ihre besonderen Methoden, ihre Lieblingsverfahren, ihre gewohnheitsmässigen Handgriffe nachzumachen, kurz, ähnlich zu arbeiten und aufzubauen, wie sie es zu tun pflegte. Kant behauptet des öftern, die äussere Nachahmung führe zur inneren Übereinstimmung; zwinge man z. B. ein mürrisches junges Mädchen immer freundlich lächelnd zu antworten, so werde es mit der Zeit wirklich liebenswürdig! ¹) Dieser Witz ist voll tiefsten Sinnes. Versteht man Kant im allgemeinen wenig, findet man seine Schriften über die Massen schwer, so liegt das vor allem daran, dass uns die Persönlichkeit in ihrer intellektuellen Eigenart völlig unbekannt ist. Wir aber bekümmern uns darum gar nicht, sondern gehen geradeswegs darauf los und wähnen, wir könnten aus aneinandergereihten Worten Anschauungen kennen lernen, so, einfach, ohne weiteres. Das würde nur zutreffen, wenn Kant uns nichts Neues zu sagen hätte. Der Sinn des Wortes ist aber — ausserhalb des Reiches der Schablone — immer ein schwebender. Das Wort ist keine Münze, die aus einer Hand in die andere geht, für Alle den selben Wert darstellend; sondern das Wort ist mit dem Menschen, der es spricht, gewachsen: weit und eng, bestimmt und unbestimmt, reich und arm, farbig und farblos, je nach dem Geiste, in dessen Dienst es steht; ausserdem verrückt es sich im Raume, so dass die Begriffskreise des selben Wortes sich bei verschiedenen Menschen oft nicht decken, sondern nur schneiden, manchmal auch das kaum. Und nun gar bei einem Kant, der ganz neue Anschauungen mitteilen, der eine kopernikanische Umwälzung bewirken will! Dies muss doch in den alten Worten geschehen; wie wäre sonst eine Verständigung möglich? Wie aber sollen wir die alten Worte richtig verstehen, wenn sie einen neuen Sinn tragen? Eine schlichte Lösung gibt es für dieses Dilemma nicht, denn die Anschauung müssen wir aus den Worten und die Worte können wir nur aus der Anschauung verstehen; und darum mag der paradoxe Versuch, die »Anschauung« vor der »Lehre« zu bringen, die Persönlichkeit zwar   a u s   ihrem Werke, nicht aber   i n   ihrem Werke darzustellen, Berechtigung besitzen; nicht zwar als ein Universalmittel, doch als ein Mittel unter anderen.
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    ¹) Anthropologie, an verschiedenen Orten.

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    Noch eine letzte Bemerkung, und ich bin mit diesen einführenden Betrachtungen zu Ende.
    Auf dem Wege, den ich Sie zu führen gedenke, kann die Kenntnis des gelehrt und fachmännisch Philosophischen nicht gewonnen werden. Eigentlich geht das aus dem schon Gesagten ohne weiteres hervor, doch ich muss es deutlich und nachdrücklich und einfürallemal hervorheben. Wer Persönlichkeit in ihren tiefsten Denknotwendigkeiten erfassen will, hat sich eine Aufgabe gestellt, die mehr Bewegungsfreiheit erheischt, als sie der Fachphilosoph für sein abstraktes Verfahren beanspruchen oder erlauben darf; dafür sind ihm aber wieder besondere Grenzen gezogen, die er kennen und beachten muss. Nicht nur »zeigt« sich in der Beschränkung erst der Meister, sondern alles Meisterhafte — wir sehen es an jeder Lebensgestalt — entsteht nur in der Beschränkung; wer die Schranken durchbricht, zertrümmert die Gestalt. In diesen Vorträgen wird oft von philosophischen Theoremen die Rede sein, doch nicht diese, sondern die Persönlichkeiten der Denker stehen im Mittelpunkte des Interesses: daraus ergibt sich für uns das gestaltende Gesetz. Zur Formel verdichtet würde es lauten: nicht die Gedanken, sondern das Denken. Nun äussert sich aber das Denken in den Gedanken, und somit ist es klar, dass der Stoff, der uns zur Behandlung vorliegt, zum grossen Teile der selbe ist, den die Fachphilosophie bearbeitet; auf lange Strecken werden wir uns dicht an der Grenze entlang bewegen und die selben Marksteine wie die Fachphilosophen vor Augen haben. Doch werden wir alles aus einer anderen Himmelsrichtung und darum in anderer Beleuchtung und Perspektive erblicken. Der selbe Gedanke stellt sich uns darum in anderer Gestalt dar. Das dürfen Sie nun niemals vergessen, sonst erwarten Sie von mir, was ich nicht zu leisten unternehme, und fühlen sich dann enttäuscht, wenn Sie entdecken, das mühselige Studium der gelehrten Schriften stehe Ihnen noch bevor; zugleich aber würden Sie die Bedeutung meines Versuches leicht unterschätzen. Gegen beides lege ich hiermit Verwahrung ein.

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GOETHE'S VERHÄLTNIS ZU KANT

    Heute wollen wir also von Goethe reden, das heisst, wir wollen Verhältnis Goethe's Art zu schauen und das Angeschaute zu verarbeiten mit
Kant's Art vergleichen.
    Goethe selber fordert zu dieser Parallele auf. Nachdem er in einem Gespräch mit Eckermann Kant als den »vorzüglichsten

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philosophen« gepriesen und treffend von ihm behauptet hat, seine Gedanken seien so tief in die deutsche Kultur eingedrungen, dass hinfürder auch wer ihn nicht lese sich unmöglich seinem Einfluss entziehen könne, macht er folgende denkwürdige Bemerkung; er sagt:   » I c h   g i n g   a u s   e i g e n e r   N a t u r   e i n e n   ä h n l i c h e n   W e g   a l s   K a n t «   (G. 11. 4. 27). Es ist gut, dass das Goethe selber ausgesprochen hat, sonst liefe ich Gefahr, der hirnverbrannten Paradoxie, wenn nicht gar der dilettantenhaften Willkür angeklagt zu werden, da ich zwei solche Gegensätze nahe genug verwandt finde, um sie mit einander zu vergleichen. Nun war aber Goethe ein Mann, dessen Worte man jedes einzeln auf die Goldwage legen darf; wenn er also spricht: ich ging aus »eigener« Natur einen »ähnlichen« Weg als Kant, so stellt er damit eine klare, bestimmte und entscheidende Behauptung auf, an der niemand achtlos vorübergehen darf. Eckermann gegenüber findet Goethe allerdings keine tiefere Begründung nötig, sondern begnügt sich mit einigen populär gehaltenen Erläuterungen von geringem Belang; denn Eckermann war philosophisch wenig gebildet und kannte damals Kant's Schriften überhaupt nicht. Dagegen besitzen wir von Goethe's Hand an anderem Orte Ausführungen genug zu diesem merkwürdigen Satze, namentlich in der kostbaren Reihe kleiner Aufsätze: Einwirkung der neueren Philosophie, Anschauende Urteilskraft, Bedenken und Ergebung, sowie auch sonst mancherorten. Wenn wir aber diese Dokumente auch nicht besässen, ich wollte mich anheischig machen, den Sinn des »ich ging einen ähnlichen Weg« an dem Lebenswerk der beiden Männer aufzuzeigen.
    Eine ausführliche Geschichte des Einflusses Kant's auf Goethe's Denken gehört nicht hierher; wir treiben nicht Geschichte, nur die Tatsache des engen Zusammenhangs soll betont werden. Und da ist vor allem Goethe's Bemerkung wichtig: »Es ist keineswegs gleichgültig, in welcher Epoche unseres Lebens der Einfluss einer fremden Persönlichkeit stattfindet .... dass Kant auf mein Alter wirkte, war für mich von grosser Bedeutung« (G. 12. 5. 25). Man merkt leicht, was er andeuten will, namentlich wenn man seine übrigen Äusserungen über Kant zu Rate zieht: zu früh empfangen, hatten die Keime einer so durchdringenden Analyse des Denkens — des reifen Werkes eines gleichsam reif geborenen Mannes — Goethe's unbefangene Anschauungskraft bedroht; so dagegen trat Kant gerade im rechten Augenblick in seinen Gesichtskreis und

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schenkte ihm — in ähnlicher Weise, wie Schiller es tat — etwas, was er vorher nicht besessen hatte, trotzdem es in ihm selber schlummerte. »Zum ersten Mal schien eine Theorie mich anzulächeln,« sagt Goethe von seinen ersten Versuchen, in die Kritik der reinen Vernunft einzudringen. ¹) Und doch war dieses Werk wenig geeignet, einem Goethe zur Einführung in das Verständnis Kant's zu dienen. Die wahre Annäherung fand auch erst durch die Kritik der Urteilskraft statt, von der Goethe sagt, er sei ihr »eine höchst frohe Lebensepoche schuldig«. »Epoche« ist in Goethe's Munde ein beachtenswertes Wort. Es steht nämlich Goethe's ganze Reife, die letzten 40 Jahre seines Lebens, unter Kantischem Einfluss, oder besser gesagt, Goethe's Weltanschauung steht von nun an in lebendiger Wechselwirkung mit der Kant's. ²) Im März 1791 war Goethe schon vertieft in Kant's Schriften, denn das Goethearchiv besitzt ein Heft aus der Zeit mit Auszügen, alle von Goethe's eigener Hand. Bald darauf kam der entscheidende Einfluss des Verkehrs mit Kant's genialstem Jünger, Schiller. Goethe selbst bezeugt: »Aber- und abermals kehrte ich zu der Kantischen Lehre zurück ... und gewann gar manches zu meinem Hausgebrauch«. Denn inzwischen hatte er die Kritik der reinen Vernunft wieder zur Hand genommen, und es war ihm gelungen (wie er berichtet) »tiefer einzudringen«, und zwar namentlich darum, weil er einsehen gelernt hatte, dass man Kant's Weltanschauung nicht aus dem einen Bruchstück der Vernunftkritik richtig erkennen könne, sondern dass seine verschiedenen Werke »aus Einem Geiste entsprungen, immer eins auf's andere deuten«. Da ist es kein Wunder, dass der Greis, der so ängstlich gemessen in der Wahl seinem Prädikate geworden war, von Kant doch gern in Superlativen spricht. So schreibt er 1825 von »unserem herrlichen Kant« und 1830 von dem »grenzenlosen Verdienst«, das »der alte Kant um die Welt, und ich darf auch sagen um mich,« sich erworben hat; ³) und sechs Monate vor seinem Tode spricht er in Bezug auf Kant's Weltanschauung das entscheidende Wort aus: »sie hat mich auf mich selbst aufmerksam gemacht; das ist ein ungeheurer Gewinn«. 4)
    Soviel nur flüchtig zur allgemeinsten Orientierung über ein von
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    ¹) Dieses Zitat und die folgenden aus Einwirkung der neuem Philosophie.
    ²) Siehe W. A., 2. Abt., 11, 377.
    ³) Versuch einer Witterungslehre, Abschnitt »Selbstprüfung«, und Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, V, 381.
    4) Briefwechsel zwischen Goethe und Staatsrat Schultz, S. 385.

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fast allen Biographen Goethe's geflissentlich unbeachtet gelassenes Verhältnis. ¹) Uns interessiert hier dieser historische Zusammenhang nur nebenbei, und auf eine Polemik betreffs der üblichen Ausbeutung Goethe's zu Gunsten Spinoza's wollen wir keine Minute vergeuden. ²) Wenden wir uns lieber gleich zu der lebendigen Persönlichkeit.

GOETHE'S AUGE

    Ich zitierte vorhin das biblische Wort: »Gott hat euch Augen gegeben, auf dass ihr sähet«. Wenn nun je ein Mann Augen »zum Sehen« besessen hat, so war es Goethe. Wie das Herz das lebende Zentrum unseres Körpers ist, woher alles Blut entströmt und wohin alles Blut wieder zurückfliesst, so ist das Auge der Mittelpunkt von Goethe's geistigem Leben. »Das Auge war vor allen anderen das Organ, womit ich die Welt fasste«, sagt er selber in Dichtung und Wahrheit (6. Buch). Beinahe alle entscheidenden Eindrücke seines Lebens nimmt er durch das Auge auf; um Schiller zu lieben, muss er ihn sehen. Sein Auge ist ein ewig unersättliches Organ, und was es gesehen hat, das hält der Organismus fest und wandelt es um zu Fleisch und Blut und Knochen. »Ich bin nun einmal einer der Ephesischen Goldschmiede, der sein ganzes Leben im Anschauen und Anstaunen und Verehrung des wunderwürdigen Tempels der Göttin und in Nachbildung ihrer geheimnissvollen Gestalten zugebracht hat,« spricht Goethe als Dreiundsechzigjähriger. ³) Hierin liegt ja das Geheimnis jenes wunderbaren Phänomens, dass Goethe nie aufhört zu wachsen, dass er auch als Greis mit jedem Frühling — wie eine ehrwürdige Eiche — Blätter treibt, so frisch und grün und jung wie ein heuriger Schössling. Er hört eben nie auf, sich zu nähren. Das Auge ist es, das den Zusammenhang zwischen dem Individuum und der Natur herstellt, in zweiter Reihe dann die anderen Sinne; wogegen der Intellekt, ob als einfaches Ganglion in das erste Segment des
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    ¹) In seinem Buche: Goethe in der Epoche seiner Vollendung (1887), macht Otto Harnack eine rühmliche Ausnahme. In Vaihinger's Kantstudien, Band I und II (1897, 1898) findet man eine ausserordentlich fleissige, archivarisch genaue Zusammenstellung von Vorländer, unter dem Titel: Goethe's Verhältnis zu Kant in seiner historischen Entwicklung. Ich empfehle besonders den Anhang (II, 221 f.) zur Beachtung, wo durch die genaue Angabe aller von Goethe in seinen Handexemplaren angestrichenen Stellen gezeigt wird, wie genau und häufig er sie studiert haben muss. Er hat sogar manchen Druckfehler eigenhändig verbessert!
    ²) Dass er Spinoza kein einziges Mal auch nur ernstlich studiert habe, gesteht Goethe in aller Naivetät in seinem Bf. an Jacobi vom 9. 6. 1785. In Wirklichkeit hat Spinoza nur Bruno und mit ihm den altarischen Pantheismus (wenn auch in verzerrter Gestalt) Goethe vermittelt.
    ³) Brief an Jacobi vom 10. Mai 1812.

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Erdwurmes oder als gewaltig angewachsene Hirnmasse in unseren harten Hirnschädel eingeschlossen, immer in verborgenen, unzugänglichen Tiefen ruht, geschieden von der Welt, ein geborener Egotist. Das Auge ist die Brücke. Freilich, was sollte das Auge, die Brücke, wenn nicht da drinnen im dunklen Burgsaal ein König auf Gäste wartete, ein zaubermächtiger König, der alles nach seinem Willen umformt, der die unübersehbare Mannigfaltigkeit der Natur nach menschlichem Masse übersichtlich ordnet und zugleich aus der Welt des Gesetzes und der Unempfindlichkeit die Welt der Freiheit und des Gemütes gestaltet? Doch muss es offenbar einen grossen Unterschied machen, ob ein Individuum das Schwergewicht seines Tuns nach innen oder nach aussen legt, ob es sich mit möglichst wenigen Eindrücken von aussen begnügt und seine Freude darin findet, diese zu bearbeiten, oder ob es Tag und Nacht auf der hohen Warte steht, um sich durch Neues und immer wieder Neues zu bereichern. Auf Goethe sind nun im vollsten Masse die Worte seines eigenen Türmers Lynceus anwendbar: »zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt«. Und zwar wird mit diesen Worten zweierlei ausgesagt: seine Augen waren in begnadetem Masse zum Sehen »geboren«‚ sie waren aber ausserdem von jungauf systematisch und streng zum Schauen »bestellt«. Goethe's geistiger Entwickelungsgang könnte als eine bewusste, gewollte Ausbildung des Sehvermögens bezeichnet werden. Dieser Willensgang läuft aber parallel mit dem Naturgesetz der aufeinanderfolgenden Lebensalter. In der Jugend wiegt der künstlerische Seelenblick vor: »die Welt um mich her und der Himmel ruhen ganz in meiner Seele, wie die Gestalt einer Geliebten«; ¹) später drängt sich mehr und mehr die Anschauungsart des alternden Mannes hervor, der, unablässig beobachtend, forschend, vergleichend, die Natur in ihrem Sein und Werden zu begreifen sucht; als er seinem sechzigsten Jahre naht, gesteht Goethe: »Ich musste mich, zwar anfangs nicht ohne Schmerzen, zuletzt doch glücklich preisen, dass, indem jener (künstlerische) Sinn mich nach und nach zu verlassen drohte, dieser (naturforschende) sich im Aug' und Geist desto kräftiger entwickelte«. ²) Und während so der Blick des Türmers sich mit instinktiver Weisheit den wechselnden Lebensaltern anpasste, gestaltete der im Verborgenen wirkende zaubermächtige
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    ¹) Werthers Leiden, Bf. vom 10. Mai des ersten Jahres.
    ²) Annalen, 1805, Schluss.


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König in harmonischer Übereinstimmung aus den neuen Eindrücken neue Anschauungen. So sehen wir z. B. die Religion Goethe's von der schwärmerischen Mystik seiner Jugend, wo er der katholischen Religion nur den einen Vorwurf zu machen wusste, dass sie nicht genug Sakramente besitze, sich bis zu der herben Erhabenheit seiner Religion der vier Ehrfurchten mit ihrem mythisch-symbolischen, einfachen Naturkultus erheben. Hier spiegelt sich im innersten Gemüte genau das wieder, was das Auge erblickt hat.
    Es hiesse wahrlich Eulen nach Athen tragen, wollte ich deutschen Zuhörern das Vorwalten des Auges in Goethe's Leben durch Beispiele und Nachweise vordemonstrieren. Seine Dichtungen bedürfen in dieser Beziehung keines Kommentars, seine wissenschaftlichen Entdeckungen — der Zwischenknochen des Unterkiefers, das Gesetz der antagonistischen Farben usw. — sind aus der tatsächlichen Kraft des Sehens hervorgegangen, seine Beiträge zur Naturlehre — die Metamorphose, die Optik — sind in Wahrheit keine wissenschaftlichen Theorien, sondern antitheoretische Darstellungen des »erschauten« Tatbestandes. Sehen, sehen, sehen! war das Gesetz eines jeden seiner Tage. Goethe sees at every pore, meint Emerson. Seine Pflichten und Arbeiten waren ungemein mannigfaltig — vom Bergbauinspektor und Rechnungsrevisor und Philologen bis zum Theaterdirektor und Zeitungsherausgeber und physikalischen Experimentator, war er so ziemlich alles, was man sein kann — und im Drang der Geschäfte pflegte dieses und jenes auf lange aus seinem Gesichtskreis zu verschwinden, selbst das Dichten ward oft vernachlässigt; Einem aber blieb Goethe fast jeden einzelnen Tag seines langen, reichen Lebens treu, der Beschäftigung mit bildender Kunst. Mochte er auch den Schatz des mit Augen Geschauten — von der Beobachtung der Erdkruste und des aus tiefeingesenkten Schachten an den Tag Geförderten bis zur Beobachtung der Wolkengestalten und der Farbenspiele zwischen Licht und Schatten — mochte er diesen Schatz durch Studien in anatomischen Museen, durch mikroskopische und teleskopische Arbeiten, durch optische Versuche und was sonst noch alles bereichern, es gab doch kaum einen Tag in Goethe's Leben, wo er sich nicht ausserdem planmässig mit Handzeichnungen, Kupferstichen, Gemälden, Medaillen, mit Plänen und Aufrissen von architektonisch bedeutenden Gebäuden, oder aber mit eigenem Zeichnen und Malen, oder — wenn er auf Reisen war — mit dem Besuch von Monu-

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menten, Galerien, Sammlungen usw. beschäftigt hätte. Es war dies die Leidenschaft seiner frühesten Jugend, und in der Todesagonie sprach er von Handzeichnungen, die er zu durchblättern glaubte. Das Auge ward also bei ihm nicht bloss passiv, sondern auch aktiv, d. h. schöpferisch, unaufhörlich geübt. Und welche Bedeutung dies für die Beurteilung des grossen Denkers Goethe besitzt, können Sie aus Worten entnehmen, die er schon in seinem zwanzigsten Jahre schrieb: »Wie gewiss, wie leuchtend wahr, ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz geworden, dass die Werkstatt des grossen Künstlers mehr   d e n   k e i m e n d e n   P h i l o s o p h e n, den keimenden Dichter entwickelt, als der Hörsaal des Weltweisen und des Kritikers« (Br. 9. 11. 68). Also, durch Kunst zur Weltweisheit, war Goethe's Devise, und Philosoph und Dichter gingen bei ihm Hand in Hand; sie waren nicht Gegensätze, sondern zwei sich ergänzende Seiten seines Wesens.
    Das ist für uns hier das Wichtige, denn hier liegt der Kernpunkt des Kontrastes mit Kant. Und durch die richtige Erfassung des Kernpunktes erfassen wir zugleich manches andere Kontrastierende in dem geistigen Bilde der beiden Männer. So ist z. B. jener stetige lebendige Fluss der Entwickelung, auf den ich vorhin hinwies, ein notwendiges Ergebnis des Vorwaltens des Auges. Das Auge kann nur das Gegenwärtige erfassen; wer sich ihm viel hingibt, wird immer mit Leidenschaft dem gegenwärtigen Eindruck angehören, diesem Eindruck, der einesteils durch den Gegenstand, andernteils durch die wechselnde Beschaffenheit des Auges bedingt ist. Kant
— wie Sie gleich erfahren werden — wehrt sich misstrauisch gegen derlei Einflüsse, er schliesst das Auge; Goethe dagegen huldigt dem »fast unbegreiflichen Satz«‚ dass der Philosoph, wie der Grashalm, nur im Sonnenstrahl des offenen Auges aufkeimen könne.
    Das bekannteste, populärste Beispiel dieses durch die Macht des Eindrucks bedingten Schwankens ist Goethe's Verhältnis zur Gotik. Von Jugend auf in dem Glauben erzogen, die Gotik sei ein Synonym für alles Geschmacklose, graut dem Jüngling bei dem Gedanken an das Strassburger Münster, »vor'm Anblick eines missgeformten, krausborstigen Ungeheuers«. ¹) Nun kommt er hin und
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    ¹) Kant schreibt in seinen Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen: »Die Barbaren führten einen gewissen verkehrten Geschmack ein, den man den gotischen nennt und der auf Fratzen hinauslief.« Dieses Vorurteil war damals so verbreitet, dass es des tiefen, genialen Blickes eines Herder bedurfte, um den Nebel zu durchdringen, und der Kühnheit des jugendlichen Goethe, um

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steht davor, und findet »das Werk so hoch erhaben, dass er nur beugen und anbeten muss«. Jeder Deutsche kennt jenen herrlichen ersten »Druckbogen« Goethe's Von deutscher Baukunst aus dem Jahre 1772, in welchem er dem Schöpfer des Doms zuruft: »Deinem Unterricht dank' ich's, Genius, dass mir's nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, dass in meine Seele ein Tropfen sich senkt der Wonneruhe des Geistes, der auf solch eine Schöpfung herabschauen, und Gott gleich sprechen kann: Es ist gut!« Nun aber verliess Goethe Strassburg und hatte zufällig während vieler Jahre keine Gelegenheit, bedeutende Werke gotischen Stiles zu sehen; ¹) er selber berichtet: »Der Eindruck erlosch, und ich erinnerte mich kaum jenes Zustandes, wo mich ein solcher Anblick zum lebhaftesten Enthusiasmus angeregt hatte«. ²) Das Auge besitzt eben kein Erinnerungsvermögen, und wenn auch Goethe, wie jedem echten Genie, ein gewaltiges Gedächtnis eigen war, kein Eindruck vermag bei einem so excessiv künstlerisch veranlagten Individuum gegen das Erlebnis der Gegenwart aufzukommen. Und so verleugnet er denn seinen früheren Glauben und will von der »starken, rauhen, deutschen Seele«, der sein erster Künstlerhymnus gegolten hatte, nichts mehr wissen, noch von den »holzgeschnitztesten Gestalten« des »männlichen Albrecht Dürer«, die er früher geliebt; denn, wie ehedem die deutschen Könige, ist auch er über die Alpen gezogen, und fremde Schönheit hat ihn umfangen. Von der Gotik schreibt er, als er erst zehn Tage in Venedig weilt und neue Kunsteindrücke ihn trunken machen: »Diese bin ich nun, Gott sei Dank, auf ewig los!« ³) Doch es sollte nicht dabei bleiben. Goethe war schon einige sechzig Jahre alt, als die Bekanntschaft mit den Brüdern
Boisserée die neuerliche Beschäftigung mit gotischer Baukunst herbeiführte. Und nicht mit Baukunst allein, auch mit altniederländischer und altdeutscher Malerei. Goethe versenkt sich in die Betrachtung van Eyck'scher und Cranach'scher Bilder und schreibt mit schöner Wärme über sie. 4) Bei der Besprechung Albrecht
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die Gotik erfolgreich in Schutz zu nehmen. Auch Herder nannte alles Gotische »Fratzen und Altweibermärchen«, ehe er auf seinen Reisen die Werke der Gotik kennen gelernt hatte (vergl. sein Reisejournal von 1769, kurz vor dem Ende).
    ¹) Man übersehe aber nicht die herrliche Dritte Wallfahrt nach Erwins Grabe im Juli 1775: »Wie viel Nebel sind von meinen Augen gefallen und doch bist du nicht aus meinem Herzen gewichen, alles belebende Liebe!« (Die Schrift findet sich in der Reihe Aus Goethes Brieftasche, W. A., 37, 1. Abt., 311 ff.)
    ²) Von deutscher Baukunst, 1823.
    ³) Italienische Reise, 8. Okt. 1786.
    4) Altdeutsche Gemälde in Leipzig, 1814.

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Dürer'scher Zeichnungen entschuldigt er die Tatsache, dass sie »aus lauter Lobsprüchen gewebt« sei, mit der Bemerkung: eine solche »Veranlassung zum Lob« würde »weder den Lesern noch ihm so bald wieder begegnen«. ¹) Noch einmal ergreift er den Wanderstab, nicht aber, um in der Lagunenstadt den »himmlischen Genius« Palladio's über alles hochzupreisen, sondern um das alte Feuer seiner für die deutsche Baukunst begeisterten Jugend durch den Anblick des Strassburger und des Kölner Doms neu anzufachen. ²) Er fand sich — berichtet er — »in jenen Zuständen (früherer Jahre) wieder ganz einheimisch« und freute sich herzlich jenes jugendlichen »ersten Druckbogens«, in welchem er »Unaussprechliches auszusprechen« unternommen hatte. ³) Namentlich das Interesse für das »beabsichtigte Weltwunder« des Kölner Doms hat ihn nie mehr verlassen. Mit Hilfe von Kupfern, Plänen, Gemälden baute sich das lebendige Werk vor seinem Auge auf, und zu wiederholten Malen warf er das ganze Gewicht seines Wortes ein zu Gunsten der Vollendung eines Gebäudes, das er jetzt beurteilte als »das tüchtigste, grossartigste Werk, das vielleicht je mit folgerechtem Kunstverstand auf Erden gegründet worden«. 4)
    Sollen wir nun in dieser Wandelbarkeit, mit etlichen Kommentatoren, den Einfluss ästhetischer Theorien erblicken? Bewahre! Diese sind ja ein Abgeleitetes; zu Grunde liegt die Übermacht des gegenwärtigen Eindrucks auf einen mit höchster Sinnenempfänglichkeit des Auges ausgestatteten Mann. Und hiermit hängt denn eine ganze Seite des Goetheschen Intellektes zusammen, über die er selber bezeugt: »Bei meinem Charakter und meiner Denkweise verschlang Eine Gesinnung jederzeit die übrigen und stiess sie ab« (D. W. 15). Wie in der Kunst, so auch in allen Dingen, denen Goethe seine Aufmerksamkeit zuwendet, werden wir — sobald wir   a l l e   seine Äusserungen zusammenstellen — eine fast übermenschliche Gerechtigkeit finden, die aus der Reinheit des Blickes herrührt; dagegen wird der aufmerksame Leser in fast jeder Äusserung Goethe's, einzeln genommen, selbst in der späteren Zeit, als Goethe schon längst ein Meister in der Bändigung und Verhüllung des innersten Lebens geworden war, den Ton der leiden-
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    ¹) W. A. 1. Abt., 48, 249.
    ²) Kunstschätze am Rhein, Main und Neckar, 1814—15.
    ³) Von deutscher Baukunst, 1823.
    4) Ansichten, Risse und einzelne Teile des Doms zu Köln, (Besprechung) 1823 bis 1824.


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schaftlichen Bewunderung des einen und Abstossung des andern durchzittern hören.
    Sie sehen, wir haben hier — in Ermanglung von Ausführlichkeit — tief gegriffen, und das muss uns in diesem Zusammenhang genügen. Höchstens möchte ich noch, um Missverständnisse abzuwehren, hinzufügen, dass, wenn ich auch nur von dem »Auge« spreche, ich doch die ganze Sinnlichkeit mit einbezogen wissen will. Namentlich wird die lächerliche Märe von dem »unmusikalischen Goethe«, eine Erfindung talentloser Philologen, durch Hunderte der tiefsten Bemerkungen über das Wesen der Musik in Goethe's Schriften widerlegt; sie wird widerlegt durch seine innige Freundschaft für Zelter und durch das lebendige Interesse, das er, während dreissig Jahre, an dem musikalischen und musikfördernden Schaffen dieses Freundes nahm; sie wird widerlegt durch seinen Verkehr mit Musikern zu allen Zeiten, vor allem aber durch die herrliche Dichtung über »den Götterwert der Töne« und durch das Geständnis, »die ungeheuere Gewalt der Musik .... falte ihn auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt«. ¹) Und wenn dieser Fürst unter den Poeten, fünfzig Jahre vor Richard Wagner, dessen von der ganzen Brut ästhetisierender Pygmäen verhöhnte Lehre vorträgt: »Die Tonkunst ist das wahre Element, woher alle Dichtungen entspringen, und wohin sie zurückkehren«, so enthebt uns schon diese eine Äusserung der Notwendigkeit weiterer Ausführungen. ²) Nur eines einzigen Ausspruches sei noch Erwähnung getan, weil er erst durch die Weimarer Ausgabe bekannt geworden ist und darum noch nicht verwertet wurde; über Goethe's Wertschätzung der Musik entscheidet er ein für allemal: »Wäre die Sprache nicht unstreitig das Höchste, was wir haben, so würde ich Musik noch höher als Sprache und als ganz zu oberst setzen«. ³)

KANT'S AUGE

    Wenden wir uns nun zu Kant, zu jenem Bruderweisen, der,
wie wir gesehen haben, eine so starke Anziehungskraft auf Goethe ausübte. Einen grösseren Kontrast kann man sich kaum vorstellen.
    Sollten Ihnen die chronistischen Einzelheiten nicht bekannt sein,
so werden wenige Worte genügen, um die Lücke auszufüllen. Kant's Leben bewegt sich in einer schnurgeraden Linie, welche kein einziges Ereignis — weder ein äusseres, noch ein inneres — jemals
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    ¹) Siehe Brief an Zelter vom 28. 8. 1823 und die Dichtung Aussöhnung an die Pianistin Frau von Szymanowska in der Trilogie der Leidenschaft.
    ²) Annalen, 1805.
    ³) 2. Abt., 11, 173 ff.

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auch nur auf Augenblicke aus der einmal eingeschlagenen Richtung ablenkte. Er ist in Königsberg geboren, besucht das dortige Gymnasium, erwählt als Student Mathematik und Philosophie zum Fachstudium, ¹) wird erst Hauslehrer, dann Magister, dann Professor, schreibt mit einundzwanzig Jahren sein erstes Werk, in welchem wir die merkwürdigen Worte finden: »Ich habe mir die Bahn schon vorgezeichnet, die ich halten will; ich werde meinen Lauf antreten, und nichts soll mich hindern, ihn fortzusetzen«, ²) und wandelt dann richtig diese vorgezeichnete Bahn während mehr als eines halben Jahrhunderts, ohne auch nur einen einzigen Tag zu verlieren, da er weder den Berufungen an andere Universitäten folgte, noch auch jemals Königsberg verliess, nicht einmal zur kleinsten Vergnügungsreise. So blieb er ungestört schaffend und — wie wir in diesem Falle füglich sagen können — »sich ausdenkend«, bis seine geistigen Fähigkeiten erloschen waren.
    Sie sehen also, dass Kant's Leben — sowohl das äusserliche des Menschen, wie das innerliche des Denkers — beispiellos einfach verläuft; man braucht sich nur die Schicksale eines Dernokrit, eines Sokrates, eines Abälard, eines Roger Bacon, eines Giordano Bruno, eines Descartes, eines Leibniz zu vergegenwärtigen, um einzusehen, dass vielleicht nie ein Philosoph in diesem Masse und in dieser Weise ganz und allein und ungestört dem Denken gelebt hat.
    Schon aus dieser flüchtigen Betrachtung dürfen wir mit untrüglicher Sicherheit gewisse Schlüsse auf Kant's intellektuelle Persönlichkeit ziehen, die sich als grundlegend für ein lebendiges Auffassen seiner Philosophie erweisen werden. Dieser mit eiserner Beharrlichkeit einfach gestaltete, einfach erhaltene Lebenslauf deutet auf ein in grossen, einfachen Zügen gehaltenes Gedankenleben; es gebietet hier ein starker, schroffer, leidenschaftsloser — oder vielmehr ein die angeborene Leidenschaftlichkeit (für welche wir manche Zeugnisse besitzen) unerbittlich bekämpfender und in die gewollten Kanäle ableitender — Wille, und dieser gewollte starre Schematismus des Lebens lässt uns mit Bestimmtheit erwarten, einer streng und nicht ohne Willkür schematisierten, nach einigen wenigen leitenden Grundsätzen übersichtlich gegliederten Denkart zu be-
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    ¹) Die Behauptung, die man in den meisten Biographien findet. Kant habe zuerst Theologie studiert, beruht auf Irrtum. Dagegen scheint er eine Zeitlang die Absicht gehegt zu haben, Medizin zu studieren. Alle Zeugnisse hierüber sind zusammengetragen in Benno Erdmann's Martin Knutzen und seine Zeit, 1876, S. 133 ff.
    ²) Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, Vorrede, § 7.


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gegnen. Ausserdem zeugt dieser Lebensgang von einem abnormen Vorwalten des Denkbedürfnisses über das Anschauungsbedürfnis. Und in der Tat, Kant bildet in dieser Beziehung den antipodischen Gegensatz zu Goethe.
    Von Kant kann man behaupten, er hat seine Sinneswerkzeuge — Auge und Ohr — von jung auf gewaltsam geschlossen. Trotz der vielen Veranlassungen dazu hat er sich nie von Königsberg weiter entfernt als auf ein benachbartes Gut, wo er es aber auch nur kurze Zeit aushielt, da jede Änderung der Umgebung sein Denken störte; nur im Hochsommer pflegte er manchmal ein paar Tage in einem Forsthaus, eine Meile von Königsberg entfernt, zu weilen, wo er auch im Waldesrauschen seine so frischen, unterhaltenden Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen verfasste; das ist aber das Maximum, sowohl an landschaftlicher Gemütsstimmung, wie an jenem so natürlichen allgemeinen Bedürfnis, durch Wandern mit dem Antlitz unserer guten Mutter Erde vertraut zu werden. Ein altes deutsches Sprichwort sagt, das Wissen müsse »erwandert werden«; für Kant galt das nicht. »Alle Veränderung macht mich bange ... und ich glaube auf diesen Instinkt meiner Natur achthaben zu müssen«, schreibt er an einen Freund (Br. 1, 214). Auch nach Städten, wo das verdichtete Leben Vieler so manches Neue in gesellschaftlicher, kommerzieller, wissenschaftlicher, künstlerischer Beziehung schafft, lockte es ihn nicht. Dass der Anblick eines Bauwerkes, die Betrachtung eines aus der Hand des Genies hervorgegangenen Gemäldes oder plastischen Gebildes, die Erfahrung einer lebendig vorgeführten Tonschöpfung zu jenen Erlebnissen gehöre, die einem blitzartig den höheren Sinn des Daseins offenbaren, das Individuum loslösend aus jener engsten aller Schranken, der des Tages, uns in Tränen der Bewunderung hinwerfend an den Busen längst vergangener Seelen, uns hinreissend zu Taten, die wir im Augenblicke vollbringen zu können wähnen, und die doch unsere Urenkel erst in Angriff zu nehmen befähigt sind ... von dem allen weiss Kant nichts, oder weiss er es, so verschliesst er sich grundsätzlich dagegen. Das Lebensbedürfnis, zu hören und zu sehen, das Sehnen eines nach edlem Sinnengenuss hungernden Gemütes ist ihm unbekannt. Die Lektüre einiger lateinischer und deutscher Dichter, deren Verse er in grosser Zahl seinem Gedächtnis einprägt, genügt seinem bescheidenen Bedürfnis nach künstlerischen Eindrücken. Seine

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Wohnung ist gänzlich schmucklos, kein ästhetisches Bedürfnis irgendwelcher Art ist ihm bekannt — ausser dem des gut und elegant Gekleidetseins, was aber gewiss in erster Reihe aus der Rücksicht gegen Andere abzuleiten ist; von Bildern behauptet er, man hänge sie nur aus Eitelkeit auf: seine Wände müssen kahl bleiben. Dieses Nichtsehenwollen geht aber noch weiter. Er — der für Naturwissenschaft Begeisterte — hat die Gelegenheit, Kurator eines Naturalienkabinetts zu werden, und zwar in einem Augenblick, wo ihm jeder Erwerb erwünscht sein muss; man weiss, welchen bedeutenden Teil seiner Lebenskräfte Goethe der Anlage oder dem Ausbau aller möglichen Sammlungen gewidmet hat; Kant gibt die Stelle nach kurzem auf, für ihn ist es eine zwecklose Beschäftigung, und er lebt lieber in der äussersten Dürftigkeit dem inneren Denken, als dass er sich an dem Anschauen vieler Gegenstände anstrenge und zerstreue. Ebenso treibt er sein Leben lang Physik, aber nur mathematische, niemals experimentale, und interessiert sich leidenschaftlich für Chemie, doch ohne je ein Reagensglas oder eine Retorte erblickt zu haben.
    Wenn das nun alles die Anlagen eines gewöhnlichen Menschen wären, so würden sie keine Aufmerksamkeit verdienen; von stumpfsinnigen, gemütlosen Menschen sind wir umringt, und Gelehrte, deren Augennerven lediglich auf Drucktypen reagieren und ausserhalb beschwärzter Papierflächen niemals im Leben etwas   g e s e h e n   haben, sind keine Seltenheit. Interessant wird die Sache erst dadurch, dass Kant von Hause aus ungewöhnlich scharfe Sinneswerkzeuge und eine in ihrer Art an das Fabelhafte streifende Anschauungskraft besass, verbunden mit einer ebenso staunenswerten Vorstellungsgabe. Kant's Auge war gross, schön und klar; die Zeitgenossen können sich in der Schilderung seines Zaubers nicht genugtun; bis zuletzt las Kant mühelos den kleinsten Druck. Sein Gehör war so ausserordentlich scharf, dass selbst entfernte Geräusche ihn störten. Über seinen Geruchssinn bezeugt ein Arzt ähnliches. Und wie die Sinne, so waren auch die Vorstellungen von geradezu unvergleichlicher Plastizität und Genauigkeit. Der interessanteste unter den zeitgenössischen Biographen des Königsberger Denkers, Jachmann, legt hierauf grosses Gewicht und belegt es mit einer Anzahl schlagender Beispiele. So z. B. führte in einer Gesellschaft die Anwesenheit eines Londoners zur Erwähnung der Westminsterbrücke, worauf Kant der mangelhaften Beobachtungs- und Schil-

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derungsgabe des Engländers durch eine so genaue Beschreibung dieser Brücke nachhalf, deren Dimensionen und Bauart ihm völlig gegenwärtig waren, dass man ihn für einen Londoner und für einen Architekten hielt! ¹) Ähnliches hören wir über seine genaue Kenntnis Italiens. Die Goethesche Sehnsucht in das Land, wo die Citronen blühen, blieb Kant fremd, doch wollten Kenner sich kaum überzeugen lassen, er habe nicht jahrelang dort gelebt, so genau waren ihm in allen Einzelheiten das Land und seine Städte bekannt. ²) Wir besitzen noch manche Zeugnisse der selben Art. Auch was Wasianski uns über Kant's politischen Scharfblick mitteilt, deutet auf eine seltene Anschauungskraft; weit schneller als Goethe hat Kant den Charakter und die Gaben der Hauptpersonen in dem grossen Drama am Schluss des achtzehnten Jahrhunderts durchschaut, so dass, wie Wasianski berichtet, »man eine mit den Geheimnissen der Kabinette bekannte diplomatische Person reden zu hören glaubte«. Noch mehr Erstaunen — weil ihre Richtigkeit schneller erwiesen wurde — erregten Kant's militärisch-strategische Voraussagen, die Revolutionskriege betreffend; damals standen seine geistigen Kräfte schon stark in Abnahme, sogar manche Wörter begannen ihm zu fehlen; doch die genaue plastische Vorstellung der geographischen Beschaffenheit der Länder Europas blieb in ihm lebendig. Das Studium der Geographie und der Menschenkunde hatte ja von jeher Kant's Lieblingsbeschäftigung gebildet. Seine Vorträge über diese Gegenstände waren so fesselnd, dass sein Hörsaal die Menge der Zuhörer kaum fassen konnte, da ausser den Studierenden viele Gelehrte und Weltmänner sie zu besuchen pflegten. Ein Zeitgenosse sagt: »In diesen Vorträgen war Kant Allen alles und hat vielleicht durch sie den grössten Nutzen für's gemeine Leben gestiftet«. Je älter er wurde, um so ausschliesslicher, berichtet Jachmann, »erholte er sich von seinem philosophischen Hochflug durch Lektüre über Gegenstände der Natur und der Sinnenwelt«. »Mathematik und Physik (Chemie nicht ausgeschlossen) ... [waren] die Fächer, aus welchen Kant seine Bibliothek vorzüglich hat versorgen wollen«, bezeugt ein Kollege; ein andrer sagt: »Er las ungemein viel, besonders physikalische, historische und anthropologische Schriften, am meisten Reisebeschrei-
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    ¹) Die Westminsterbrücke war im Jahre 1750 vollendet worden und erregte durch ihre Grösse und Schönheit Aufsehen. Hundert Jahre später wurde sie abgetragen und durch eine neue ersetzt.
    ²) Vgl. Jachmann Immanuel Kant geschildert in Briefen, 1804, dritter Brief.

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bungen«; ein dritter meldet: »Er las selten philosophische Schriften, selbst die nicht, welche für oder wider ihn geschrieben waren«. ¹) Kant war nämlich — und dies kann für manchen von uns ein Trost sein — immer unfähiger geworden, nachdem er seine eigene leuchtende Weltanschauung völlig ausgearbeitet hatte, sich in die Gedankenwelt der Schulphilosophen hineinzufinden; höchstens konnte er sich einmal zu der energischen Abwehr von Fichte's Wissenschaftslehre aufraffen, und auch dann nur, weil sie sich auf ihn zu stützen vorgab, nicht weil die Sache an und für sich ihm Interesse abgewonnen hätte; sonst aber bildeten Naturwissenschaft und geographische Entdeckung seine Lieblingsbeschäftigung, und Jachmann versichert: »Es ist gewiss keine Reisebeschreibung vorhanden, welche Kant nicht gelesen und in sein Gedächtnis aufgefasst haben sollte«. Für Kant's feine, mathematisch richtige Auffassung des Nationalcharakters der verschiedenen Völker Europas brauche ich nur auf den vierten Abschnitt der Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen zu verweisen; ich glaube nicht, dass z. B. der Franzose jemals so scharf und so genau zutreffend analysiert worden ist wie dort, von diesem Manne, der vielleicht nie in seinem Leben einen Franzosen gesehen hat. Das alles ist Anschauungskraft. Das alles — und ich lasse manche der schlagendsten Beispiele weg, um Sie nicht zu ermüden — das alles zeigt uns einen Mann, der nicht seine Tage damit zubringt, über abgezogene Begriffe zu grübeln, sondern der in seinem Kopfe eine reiche Welt trägt, die er in ihrer faktischen Gestaltung erblickt, trotzdem er sie mit Augen nie gesehen hat, einen Mann, der jedes Land mit den ihm eigentümlichen tierischen und menschlichen Einwohnern bevölkert und der die Städte aufbaut, als ob er bei ihrer Errichtung anwesend gewesen wäre. Und wenn uns nun ein Naturforscher wie Karl Gottfried Hagen, der Verfasser der Grundsätze der Chemie, von seinem sprachlosen Erstaunen erzählt, als er Kant völlig bewandert in allen Einzelheiten der Experimentalchemie fand, trotzdem er in seinem Leben kein Experiment gesehen hatte, so müssen wir gestehen: Kant besass eine unerhörte Vorstellungskraft, von genauester Auffassungsfähigkeit und unverwüstlicher Treue. Denn Chemie ist eine Wissenschaft, die auf Anschauung beruht, der kein mathematisches Skelett eignet (wie der Physik), und die darum ohne praktische Betätigung im
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    ¹) Reicke: Kantiana, S. 149, 115.

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Laboratorium dem Gedächtnis keinerlei Anhaltspunkte zu bieten scheint.

KRITISCHER VERGLEICH

    Was unterscheidet nun diese merkwürdige Vorstellungskraft Kant's
von der Goethe's?
    Kant's Anschauungsvermögen ist gleichsam die Umkehrung von dem Goethe's. Er sieht nicht, was er erblickt, sondern das, was beschrieben wird. Für den allgemeinen Eindruck, wie das Auge ihn vermittelt, für das Intuitive, wie man es nennt, ist er fast unempfänglich; dagegen, wenn er aus den Teilen ein Ganzes Zug für Zug   e n t s t e h e n   sehen kann, dann schaut er es mit inneren Augen und hält es fest, und er ist imstande, es jeden Augenblick — wie die Westminsterbrücke, wie eine chemische Verbindung, wie den Charakter des Franzosen — auseinanderzunehmen oder zusammenzustellen. Und zwar reicht diese Eigentümlichkeit des Geistes, welche Sie hier gleichsam auf der Oberfläche am Werke sehen, bis in die tiefsten Tiefen des philosophischen Denkens. So schreibt Kant z. B. in einer scharfsinnigen metaphysischen Erörterung: »wir können nur das verstehen, was wir selbst   m a c h e n   können«, und des weiteren: »die Zusammensetzung können wir nicht als gegeben wahrnehmen, sondern wir müssen sie selbst machen: wir müssen   z u s a m m e n s e t z e n,   wenn wir etwas als   z u s a m m e n g e s e t z t   vorstellen sollen (selbst den Raum und die Zeit)« (Br. 2, 496). Nun werden aber, nach Kant, »alle Erscheinungen als Aggregate (Mengen vorher gegebener Teile) angeschaut«, und das heisst, als eine Zusammensetzung (r. V. 204); folglich ist für ihn jegliche Anschauung ein »Machen«, ein »Zusammensetzen.
    Natürlich hat ein Mann wie Kant Gemüt genug, um grossen, allgemeinen, unanalysierbaren Eindrücken zugänglich zu sein, doch merkt man, dass ihm nicht recht wohl dabei ist; so sagt er z. B. von dem Anblick des gestirnten Himmels: »er gibt unausgewickelte Begriffe, die sich wohl empfinden, aber nicht beschreiben lassen« (H. Beschluss). Wie Sie sehen, selbst in diesem Falle — und wenn er auch zugeben muss, die Begriffe seien »unausgewickelt« — um   B e g r i f f e   handelt es sich für ihn doch, und zwar um eine Mehrzahl; denn er braucht Teile, um ein Ganzes daraus zu machen. Das ist der genaue Gegensatz zu der Forderung, die Goethe in seinem ersten Gespräch mit Schiller aufstellt: »man solle die Natur aus dem Ganzen in die Teile strebend darstellen«. ¹) Hier steht
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    ¹) Glückliches Ereignis.

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Anschauungsart neben Anschauungsart. Doch erst im Verlaufe der weiteren Vorträge wird es uns gelingen, das, was in dieser Beziehung Mensch von Mensch scheidet, bis zu seinen Wurzeln zu verfolgen. Bleiben wir einstweilen bei dieser ersten schlichten Erkenntnis und sagen wir einfach: Kant ist gar nicht Künstler, sein äusseres Auge ist nicht rezeptiv und   d a h e r   auch nicht schöpferisch. Von ihm dürfte man nicht behaupten, der Sehnerv dringe von der Netzhaut ins Gehirn ein, sondern vielmehr, das Gehirn setze sich fort bis in die Netzhaut; denn das Sehen ist bei ihm eine echt analytische Gehirnfunktion. Während Goethe von sich melden darf: »der Gesichtssinn ist derjenige, durch welchen ich die Aussenwelt am vorzüglichsten ergreife«, ¹) müsste Kant gestehen: ich sehe nur, was ich denke. Deshalb strengt ihn das Sehen auch so an und sieht er die Dinge lieber und besser — namentlich auch schärfer — bei geschlossenen Augen. Grosse analytische Schärfe bei beschränkter Phantasie ergibt sich aus dieser psychischen Disposition mit Notwendigkeit; denn die Phantasie quillt nicht aus unserem eigenen menschlichen Innern, sondern den Stoff zu ihr schöpfen wir aus der Welt wie aus einem Brunnen. Das grundlegende Organ aller schöpferischen Künstler ist das Auge, das Auge, welches weder von unausgewickelten, noch von ausgewickelten Begriffen etwas weiss, sondern als weibliches Prinzip das zeugende männliche Element des sinnlichen Eindrucks fraglos liebend in sich aufnimmt; die analysierende und von neuem kombinierende Gedankengewalt kommt erst in zweiter Reihe. Und so sehen wir denn einen extrem künstlerischen Geist, wie Goethe, ganz anders als Kant vorgehen, sobald er sich philosophische Rechenschaft über die Welt geben will. Diesen Gegensatz spricht Goethe mit aller Schärfe aus, indem er gesteht: »mit den Dingen nebeneinander wusste ich nichts anzufangen«. Er vermag es eben nicht, wie Kant, sie durch Aneinanderfügen zu einem Ganzen zu gestalten, sondern er muss   e r s t   das Ganze sehen, um dann die Teile in ihrer Eigenschaft als Teile begreifen zu können. »Meine Art, die Gegenstände der Natur anzusehen und zu behandeln, schreitet von dem Ganzen zu dem Einzelnen, vom Totaleindruck zur Beobachtung der Teile fort,« bezeugt Goethe von sich. ²) Und darum ist er gezwungen (durch seine Geistesanlage gezwungen), wenn er die
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    ¹) Das Sehen in subjektiver Hinsicht.
    ²) Zur Kenntnis der böhmischen Gebirge, Brief an Herrn Leonhard.


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Natur verstehen will, als Seher und Dichter zu verfahren, und das heisst: aus Anschauung schöpferisch.
    Wir erblicken schon jetzt mit voller Deutlichkeit einen Kontrast zwischen den intellektuellen Anlagen dieser beiden Persönlichkeiten: die eine (Goethe) lebt mit ewig offenem Auge und gelangt nur durch das Anschauen an das Denken, die andere (Kant) lebt mit verschlossenen Augen und nur auf dem Wege des Denkens gewinnt sie anschauliche Vorstellungen. Jedoch, ich muss Sie bitten, einer derartigen Formulierung kein allzu grosses Gewicht beizulegen; sie bezweckt weiter nichts, als unsern augenblicklichen Standpunkt genau zu bestimmen. So erscheint uns zunächst das Verhältnis; so stellt sich das Bild dar, wenn wir es zum ersten Male — etwa wie ein fernes Gebirge am Horizont — erblicken. Jetzt müssen wir aber näher treten; wir wollen ungelehrt, nicht aber oberflächlich sein; darum dürfen wir über das Wechselverhältnis zwischen Anschauen und Denken nicht hinwegeilen. Soll uns Goethe's intellektuelle Persönlichkeit dienen, um die Kant's kennen zu lernen, so muss sie selber uns bekannt sein. Wer aber kennt Goethe, den Naturbetrachter? Bis heute nur sehr Wenige.
    Vielleicht wird gerade Kant, der unvergleichliche Analytiker des Menschengeistes, uns einen Wink geben, der uns den richtigen Weg weist. Gegen Schluss der Einleitung in seine Kritik der reinen Vernunft lesen wir: »Es gibt zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich   S i n n l i c h k e i t   und   V e r s t a n d,   durch deren ersteren uns Gegenstände   g e g e b e n,   durch den zweiten aber   g e d a c h t   werden«. Dieses Wort verdient unsere dauernde Aufmerksamkeit; es bildet gleichsam ein erstes Beschreiten metaphysischen Denkens. Doch hiesse es sehr oberflächlich urteilen, wollten wir kurzweg behaupten, bei Goethe sei der eine der beiden Stämme, Sinnlichkeit, mehr entwickelt, der andere weniger, und bei Kant verhalte es sich umgekehrt. Gerade in Goethe's Naturbetrachten ist der Verstand ungewöhnlich entwickelt; wie kaum ein Zweiter hat er die Naturkunde mit Ideen, im Gegensatz zu Entdeckungen, bereichert. Das Verhältnis zwischen den beiden »Stämmen« ist in Wirklichkeit ein sehr verwickeltes. Sowohl zum Anschauen wie zum Denken gehört eben beides: Sinnlichkeit   u n d   Verstand; und das Mass, in welchem bei einem Individuum beide beteiligt sind, einerseits im Anschauen, andrerseits in

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der gedankenhaften Bearbeitung des Angeschauten, ist ein Hauptgrund des Unterschiedes zwischen der intellektuellen Beschaffenheit verschiedener Persönlichkeiten. Doch was hiermit gesagt sein soll, kann nur durch ein konkretes Beispiel deutlich gemacht werden. Darum müssen Sie mir gestatten, hier einen Exkurs über Goethe's Metamorphosenlehre einzuschalten. Auf diesem Wege werden wir bis ins Innerste jener geistigen Anlagen dringen, um die wir bisher nur von aussen herumstreiften. Die unmittelbare Beziehung auf Kant, die Sie jetzt schon ahnen, wird sich dann plötzlich Ihren Augen enthüllen.

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ERFAHRUNG UND IDEE


    Alle Welt kennt Goethe's Erzählung von seiner ersten Begegnung mit Schiller. Goethe — damals noch in völliger Naivetät
sein Verfahren unbewusst anwendend — trägt Schiller seine Lehre von der Metamorphose der Pflanzen vor und lässt mit einigen Bleistiftstrichen eine »Urpflanze« vor seinen Augen entstehen. Schiller hört aufmerksam zu, schüttelt aber dann den Kopf und spricht: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee!« Worauf Goethe gereizt erwidert: Das kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe«. Mit den Augen Gesehenes: das ist ja gerade der Sinn des griechischen Wortes »Idee«. Plato's Ideen entspringen einem so intensiven Bedürfnis nach Anschauung, dass ihm gegenüber jeder vereinzelte Gegenstand einem blossen Schatten gleicht. Es ist recht gut möglich, eine Idee zu besitzen, ohne sich dessen in diskursiver Weise bewusst zu sein; wir werden in einem späteren Vortrag sehen, dass es uns Allen immerfort so ergeht. Was wir aber hier vor allem zu beachten haben, ist die Unfähigkeit des Anschauungsgenies — solange der analytisch Denkende ihn nicht aufgeklärt hat — zwischen seinen Ideen und seinen Erfahrungen zu unterscheiden. Für Goethe war bis zu jener Begegnung mit Schiller die Umbildung einer Blattgestalt in die andere oder die Umwandlung von Wirbelknochen in einen Schädel etwas ebenso konkret »Geschautes« und daher »Erfahrenes« gewesen wie die einzelnen Pflanzen und die einzelnen Knochen, die er studiert hatte.
    Hier halten wir endlich jenen schon mehrfach genannten Gegensatz in derjenigen Gestalt, die dem Zweck unserer Untersuchung am genauesten entspricht, nämlich in der Gegenüberstellung von Er-

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fahrung und Idee. Das offene wie das geschlossene Auge war lediglich das physische Symptom einer geistigen Anlage; die Gegenüberstellung von Sinnlichkeit und Verstand hätte zu einer rein metaphysischen Erörterung des Menschengeistes im allgemeinen geführt; eine Unterscheidung zwischen Anschauen und Denken bleibt theoretisch, solange nicht die praktische Unterscheidung zwischen Idee und Erfahrung vorangegangen ist. ¹) Hier also wollen wir den Bohrer ansetzen. Wir sind umsomehr dazu veranlasst, als diese Frage der Beziehungen zwischen Idee und Erfahrung — wie sie so treffend knappen Ausdruck in jener Unterhaltung zwischen Schiller und Goethe fand — immer wiederkehrt, sobald man über das Schauen spricht, und uns darum in diesen Vorträgen viel beschäftigen wird, wo die verschiedene Art, in welcher verschiedene Persönlichkeiten die Welt anschauen, das Hauptinteresse beansprucht. Denn dieses Verhältnis zwischen Idee und Erfahrung bildet eine Achse, um welche unsere Auffassung dessen, was »Anschauen« überhaupt bedeutet, sich dreht. Der grosse Goethe selbst hat von 1794 an unablässig über dieses Problem nachgesonnen. Klar erkannte er, es sei »gleich schädlich, ausschliesslich der Erfahrung als unbedingt der Idee zu gehorchen«; ²) doch damit war nur methodisch, nicht grundsätzlich etwas gewonnen. Unverdrossen drehte er die Frage um und um, in der Hoffnung, des Rätsels Lösung einmal zu finden. Er sah ein, dass dem Gegensatz zwischen Erfahrung und Idee derjenige zwischen Sinnlichkeit und Verstand, zwischen Anschauen und Denken, zwischen Analyse und Synthese, ja in einem gewissen Sinne sogar zwischen Physik und Metaphysik, zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Erscheinung und Ding analogisch entspricht. Überall lehrt die Überlegung, dass ein jeder dieser beiden Gegensätze im andern wurzelt; überall zeigt die Praxis, dass der eine den andern aufzuheben geneigt ist. Wie die negative und die positive Elektrizität setzen sie sich gegenseitig voraus und stossen einander ab. Verfolgen Sie Goethe's Denken über die Natur — und das ist für unser aller Geistesbildung viel wichtiger als das sterile Wiederkäuen von Faust und Tasso und ist eigentlich jetzt erst, durch die vortreffliche zweite Abteilung der Weimarer Ausgabe, in befriedigender Weise möglich geworden — so werden Sie immer und überall diese Frage auf-
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    ¹) Über Anschauen und Denken handelt ausführlich der zweite Vortrag, über Sinnlichkeit und Verstand der dritte.
   
²) Geschichte der botanischen Studien, Schlussabsatz.

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tauchen sehen. »Hier ist es,« schreibt er in der Farbenlehre, »wo sich der Praktiker in der Erfahrung, der Denker in der Spekulation abmüdet und einen Kampf zu bestehen aufgefordert ist, der durch keinen Frieden und durch keine Entscheidung geschlossen werden kann«. ¹) Den Bestrebungen hochmütig beschränkter »Praktiker« entgegen, tritt Goethe immer wacker für die Rechte des »Denkers«, d. h. für die Rechte des Verstandes, der Idee, der Synthese, ja auch der Metaphysik ein. Sollte letztere Behauptung Sie stutzig machen — da Sie in der fable convenue des unphilosophischen, ebenso wie in der des unmusikalischen Goethe erzogen sind — so kann ich seine eigenen Worte anführen: »Hier aber werden wir vor allen Dingen bekennen und aussprechen, dass wir mit Bewusstsein uns in der Region befinden, wo Metaphysik und Naturgeschichte übereinander greifen, also da, wo der ernste, treue Forscher am liebsten verweilt« (W. A., 2. Abt., 6, 348). Beachten Sie, bitte, dieses »am liebsten verweilt«! Jedoch seine eigene Erfassung der Natur und des Lebens wurzelt zu offenbar in der Anschauung, er ist ein zu gegenständlicher Denker, und vor allem, das die Erscheinung vermittelnde Auge ist zu sehr das vorwaltende Organ in seiner Persönlichkeit, als dass er je geneigt sein könnte, der greifbaren Welt der Empirie auch nur auf einen Augenblick untreu zu werden. Die bekannten Verse Wordsworth's

To the solid ground
Of Nature trusts the mind which builds for aye

sind wie auf Goethe gemünzt, und zwar mit dem charakteristisch einschränkenden Zusatz, dass es für Goethe solid ground nur dort gibt, wo das   A u g e   etwas erblickt, wogegen er Misstrauen und fast Widerwillen für alles empfindet, was uns die Physiker von einer unsichtbaren Natur erzählen. Als der philosophische Botaniker Link gewisse Ideen Goethe's über das Wachstum der Pflanzen durch die Heranziehung von Pendel- und Wellenbewegungen zu bekräftigen sucht, fühlt sich der Dichterforscher nicht etwa geschmeichelt, sondern ist entsetzt, entsetzt über diese »Anführung letzter, bildloser, sublimierter Abstraktion«; ²) und an Schiller schreibt er über das Ergebnis, zu welchem seine »Naturbetrachtungen« führen: »Es wird
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    ¹) Zur Farbenlehre, didaktischer Teil § 181.
    ²) Wirkung dieser Schrift etc. (im Verfolg der Pflanzenmetamorphose).


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eigentlich   d i e   W e l t   d e s   A u g e s .... und alles Raisonnement verwandelt sich in eine Art von Darstellung« (15. 11. 96).
    Ich bitte Sie, behalten Sie dieses Wort (das Goethe selber unterstrichen hat) im Gedächtnis: die Welt des Auges! Wie wichtig es ist, werden Sie erst in den folgenden Vorträgen nach und nach ganz begreifen lernen. Inzwischen sei nur das eine gesagt: die Welt des Auges ist es, deren Gesetz Goethe unbewusst dazu antreibt, die ungezählten Einzelheiten der Erfahrung zu einigen wenigen ideellen Einheiten zu verbinden; wie die Blume der Sonne bedarf, so erblüht diese Weltanschauung in dem Sonnenglanz leuchtender Ideen. Nun entspringen aber Ideen nicht der blossen empirischen Erfahrung, sondern der Vernunft; dass also die Wege Goethe's und Kant's, die hier auseinander zu gehen scheinen, doch wieder zusammenführen dürften, ahnen Sie vielleicht schon jetzt.
    Wir wollen nun vorderhand nicht mehr unternehmen, als wir heute zu leisten hoffen können. Mein erster Grundsatz in diesen Vorträgen ist, dass Sie gar nichts Abstraktes denken   d ü r f e n — es ist Ihnen streng verboten. Ich möchte Sie überhaupt bitten, jene bekannte Gebärde des gespannten Denkens zu vermeiden. Nichts ist dem Verständnis hinderlicher. Treffend sagt Goethe: »Alles Denken nützt zum Denken nichts.« Was wir eigene Gedanken nennen, ist ein Geschenk der Natur, und vollends für die Aufnahme fremder Gedanken ist eine fast duldende, offene Hingabe erforderlich. Ausserdem werde ich niemals mit Ihnen das Gebiet des reinen Denkens betreten, wenn nicht vorher eine vollkommen anschauliche Vorstellung gewonnen ist, und das Material zu dieser können wir nur nach und nach zusammentragen.

DIE METAMORPHOSE

    Knüpfen wir wieder bei dem Gespräch zwischen Schiller und Goethe an; ein besseres Grundthema kann es nicht geben.
    Schiller schüttelt den Kopf und sagt: »Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee.« Der Einfachheit halber habe ich ihm vorhin — wie meistens geschieht — recht gegeben. Er hatte aber, wenn auch nicht ganz unrecht, keineswegs ganz recht. So einfach liegt die Sache nicht. Vielmehr hatte Goethe guten Grund, »verdriesslich zu werden« und eigensinnig seinen Standpunkt zu wahren. Er und Schiller hatten nämlich — völlig unbewusst — die sehr vielfältige Frage der Metamorphose genau bei demjenigen Punkte angefasst, wo Idee und Erfahrung unmerklich ineinander übergehen, nämlich

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bei der Metamorphose des Pflanzenblattes. In wenigen Minuten sollen Sie genau einsehen, was diese Behauptung besagen will.
    Das griechische Wort Morphe bedeutet »Gestalt«‚ und Metamorphosis »Umgestaltung«. Es ist für den wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes kein Glück, dass es durch Ovid's »Metamorphosen« einen unvertilgbaren mythischen Klang erhalten hat. »Von Gestalten umgewandelt in neue Körper will ich singen«‚ beginnt der Dichter, und nun erfahren wir, wie Actäon in einen Hirsch, Narcissus in eine Blume, Atlas in einen Berg »metamorphosiert« werden, und gar manche andere schöne, symbolische Sage, durch welche die Natur in den sinnbildlichen Dienst des menschlichen Gemütes gestellt wird. Bei dem Poeten wissen wir genau, was »Metamorphose« besagen soll; dagegen vermag kein Mensch eine scharfe Begriffsbestimmung des Ausdruckes »Metamorphose« innerhalb der Naturkunde zu geben. Teils versteht man darunter eine nachweisbare historische Umwandlung eines Dinges in ein anderes Ding — genau also wie bei Ovid's Gestalten; teils nennt man Metamorphose die verschiedenen Entwickelungsphasen eines die Gestalt wechselnden individuellen Lebewesens; teils bezeichnet man mit diesem Wort die hypothetische oder auch rein ideelle Zurückführung verschiedener Gebilde auf einen mehr oder weniger deutlich vorgestellten (meistens aber völlig unvorstellbaren) »Urtypus«, der für die Einen einen tatsächlichen historischen Urahnen, für die Andern lediglich einen Notbegriff des in einem ungeheuren Material Ordnung schaffenden Menschengeistes bedeutet. Goethe selber — der so wenig zwischen Erfahrung und Idee zu sichten verstand — hat nie deutlich ausgesprochen, welche dieser verschiedenen Bedeutungen er als Metamorphose und Umbildung organischer Gebilde verstanden wissen will; seine Auffassung schwankt hin und her. Auch hier sollen also nicht Worte, nicht Definitionen, sondern konkrete Vorstellungen Ihre Gedanken leiten.
    Wollen Sie ein Antidot gegen die mystisch-poetischen Gedankenverbindungen des Wortes »Metamorphose« besitzen, es aber zugleich ebenso konkret angewandt sehen wie von dem römischen Dichter, so können Sie es aus der Sprache der heutigen Geologen entnehmen: man nennt »metamorphische Gesteine« solche, die infolge physikalischer Einwirkungen, wie Hitze, Druck, Wasserdampf und dergleichen, eine chemische und strukturelle Umwandlung erlitten haben. So z. B. ist es von vielen oder allen Glimmerschiefern und Gneisarten —

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Ihnen aus dem Hochgebirge vertraut — sicher, dass sie ursprünglich wie die Kalk- und Kreidefelsen und die Sandsteine, durch Ablagerungen entstanden sind; vermutlich waren sie reich an organischen Resten; dann aber wurden sie durch langanhaltende oder durch kurzwährende aber ungeheuer mächtige Einflüsse durch und durch umgewandelt, ihre Bestandteile wurden aufgelöst oder aufgeschmolzen, ihr Inhalt an versteinerten Gebilden zertrümmert, so dass zuletzt an Stelle der Stratifikationen nut ihrem abwechslungsreichen Inhalt ein einheitlicher kristallinischer Fels dastand. Sowohl die chemische Zusammensetzung wie die physikalische Beschaffenheit des neuen Gesteines ist eine andere als die des früheren. Dies ist nun die ganz konkrete, materielle Metamorphose: aus einem Ding ist ein anderes Ding gemacht worden; das ist reine Erfahrung, gar nicht Idee. Oder vielmehr, nur eines ist hierbei Idee: dass wir nämlich den neuen Felsen doch als »den selben« wie den früheren betrachten und ihn darum »metamorphosiert« nennen, obwohl in Wirklichkeit der frühere Fels gar nicht mehr existiert, sondern einem durchweg neuen den Platz geräumt hat.
    Sobald wir die organische Natur in Betracht ziehen, wird die Sache verwickelter. Denken Sie zuerst an das bekannteste Beispiel, die Schmetterlinge. Aus dem Ei kriecht die Raupe; nach einer gewissen Zeit spinnt oder kapselt sich die Raupe ein; es entsteht ein ganz anderes Wesen, die Puppe, in welcher fast alle inneren und äusseren Organe eine tiefgreifende Umbildung erleiden; die physiologischen Daseinsbedingungen dieses neuen, ruhenden Wesens sind so besondere, dass manche Puppe jahrelang (z. B. in der Kälte) aufbewahrt werden kann, ohne dass das Leben vernichtet würde; endlich fallen die Hüllen herunter, und statt des mühsam schwerfällig von einem Halm zum anderen den garstigen Leib hinschleppenden Gewürms, flattert auf luftverwandten Flügeln von Blume zu Blume der bunte Schmetterling.
    Diese Metamorphose des Schmetterlings (ein im Tier- und Pflanzenreich weitverbreitetes Phänomen) nannte Goethe »die successive, augenfällige Metamorphose«. Wenn wir auch mit Ehrfurcht bekennen, dass wir hier vor einem unerforschlichen Wunder der Natur stehen, diese Art der Metamorphose nehmen wir ohne weiteres auch als eine einfache »Erfahrung« in Anspruch. Allerdings steckt in Wirklichkeit schon hier viel »Idee« in unserer Deutung; selbst Goethe hat das später geahnt; doch gehen wir lieber gleich weiter,

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ohne zu philosophieren, und greifen wir ein anderes Beispiel heraus, das ebenfalls recht »augenfällig« ist, nicht aber eine successive (aufeinanderfolgende) Metamorphose darstellt, sondern, wie Goethe sie im Gegensatz zu jener nennt, »eine simultane«, das heisst gleichzeitige.
    Hier stelle ich das Skelett einer Katze vor Ihnen hin. Ich bitte, beachten Sie das übrige nicht, sondern fassen Sie lediglich die Wirbelsäule von dem Schädel bis zur Schwanzspitze ins Auge. Wenn Sie die Knochen, welche diesen Rückgrat bilden, zählen, so werden Sie 46 finden, oder 44, wenn Sie etwa übersehen sollten, dass dort, wo die Beckenknochen sich angliedern, 3 zu einem
Skelett einer Katze
einzigen Stück verwachsen sind. ¹) Niemand wird einen Augenblick schwanken, jeden einzelnen dieser 46 Knochen als einen   W i r b e l   anzusprechen. Selbst der Wilde würde, glaube ich, die Behauptung verstehen und gutheissen: das sei der selbe Knochen sechsundvierzigmal wiederholt; jedenfalls zeigt die Erfahrung, dass unsere Kinder sich diese Vorstellung mühelos aneignen. Von allen Seiten wird uns die einheitliche Auffassung dieser Knochenreihe nahegelegt: die scheinbare Übereinstimmung in Bezug auf einige Grundzüge der Gestaltung der einzelnen Glieder, die sichtbare Ineinanderfügung zu der Bildung einer einheitlichen mechanischen
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    ¹) Ich weiss nicht, ob die Zahl der Schwanzwirbel schwankt: Mivart sagt in seiner bewundernswerten Monographie (The Cat, an introduction to the study of backboned animals, 1881) die Katze habe »gegen zwanzig«;   m e i n e   Katze hat 16 Schwanzwirbel, woraus sich mit 7 Hals-, 13 Brust-, 7 Lenden-, 3 Beckenwirbeln zusammen die Summe von 46 ergibt.

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Körperachse, die Gleichmässigkeit der physiologischen Funktion als Berger des Rückenmarkstranges. Und doch, sehen Sie sich, bitte, diese Knochenreihe näher an, diese angeblich sechsundvierzigmalige Wiederholung des selben Gebildes. Nicht zwei Stück sind sich vollkommen gleich! Die Knochen der Vorder- und Hinterbeine, die wir zwar als analog erkennen, doch sorgfältig voneinander unterscheiden und mit eigenen Namen belegen, entsprechen sich weitaus genauer als die Wirbelknochen untereinander. Hier gebe ich Ihnen von einem andern Katzenskelett den ersten und den letzten Wirbelknochen losgelöst, damit Sie sie nebeneinander halten können. Gibt es auf der Welt etwas Verschiedeneres? Hier ein winziges,
Wirbelknochen der Katze
Verschiedene Wirbelknochen der Katze.
1. erster Halswirbel (Atlas); 2. Schwanzwirbel; 3. fünfter Halswirbel; 4. fünfter Rückenwirbel; 5. fünfter Lendenwirbel.
 
cylindrisches Knöchelchen, der Länge nach gestreckt und mit kleinen keulenförmigen Verdickungen an beiden Enden, dort ein mächtiger, in der Längsrichtung kurzgedrungener, in der Breite geflügelter Knochen. Und nun vergleichen Sie mit diesen ersten Wirbel (dem sogenannten Atlas oder Träger) den zweiten (den die Anatomen den Epistropheus nennen, das heisst, den Umdreher). In der Länge gestreckt, in der Breite zusammengepresst, mit einem hohen Rückenkamm versehen, der nach vorn und hinten über die anderen Wirbel übergreift! Wiederum ein völlig neues Gebilde, den beiden soeben betrachteten ganz und gar unähnlich. Und jetzt schauen Sie sich noch einmal, bitte, mit geschärftem Auge die ganze Wirbelsäule an. Sehen Sie hier die hochaufstreben-

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den Dornfortsätze auf den Rückenwirbeln — von denen ausserdem kein einziger einem anderen genau gleicht; sehen Sie, wie diese Dornfortsätze plötzlich gedrungen, schnabelförmig, nach vorn statt nach hinten gerichtet auftreten, dafür aber die Wirbel in der Lendengegend immer mächtigere Fortsätze quer nach unten gerichtet aufweisen, dazu — als neue Eigentümlichkeit — Höcker, die auf jeder Seite nach vorn und nach hinten streben.
Rückenwirbel eines Reptils (Naosaurus claviger)
Rückenwirbel eines Reptils
Naosaurus claviger

    Auf weitere Einzelheiten wollen wir uns nicht einlassen; wir haben schon genug Anschauungsmaterial zusammen, um uns ernstlich zu fragen, was wir eigentlich meinen, wenn wir alle diese verschiedenen Knochen auf einen Begriff zurückführen und ihn »Wirbel« benennen. Ich sage absichtlich Begriff, denn eine einheitliche   V o r s t e l l u n g — ein wirklich erblicktes Gebilde — in welchem dieser Atlas, dieser hoch
bedornte Rückenwirbel und dieser glatte Schwanzknochen zusammenträfen, kann es offenbar nicht geben, es sei denn, dass wir mit Hilfe der theoretischen Überlegung uns einen »typischen Wirbel« oder »Urwirbel«, oder wie Sie es nennen wollen, austifteln, dessen schattenhaftes Dasein auf unser eigenes Gehirn beschränkt bleibt. Auch der Entwickelungsgang der Katze im Mutterleib verhilft nicht zu der konkreten Vorstellung eines gleichsam neutralen Wirbelgebildes. Denn wenn es auch im früheren Leben des Embryos ein Stadium gibt, wo die sogenannten   U r w i r b e l   wie gleichförmige Scheiben hintereinanderliegen, was will das besagen, als dass wir nicht fähig sind, die innewohnenden Unterschiede, welche sich bald darauf kund tun, zu erblicken? Ausserdem sind aber diese angeblichen »Urwirbel« nicht einmal die Erzeuger unserer Wirbel. Aus ihnen bilden sich vielmehr Muskeln und Nerven und Bindehaut; dann verwachsen sie zu zwei und zwei und teilen sich wiederum, so dass jeder einzelne wirkliche Wirbel Bruchstücke von zwei verschiedenen Urwirbeln aufnimmt, wozu aber noch ganz andere Gebilde aus den Haut- und Fleischschichten hinzukommen, um den Wirbel zu vollenden, Gebilde, die in keinerlei Berührung mit- oder Verhältnis zu einander stehen

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und sich in verschiedenen Teilen der Körperachse verschieden gestalten.
    Sie werden, glaube ich, zugeben, bei dieser Begriffsbildung »Wirbel« ist nicht blosse Erfahrung am Werke, wie bei den metamorphischen Gesteinarten, sondern auch Idee, sogar sehr viel Idee. Und vielleicht werden Ihnen einige Bedenken aufsteigen, wenn Sie
nun diese 46 verschiedenen Knochen betrachten und ein Goethe belehrt Sie, alle seien durch Umbildung aus ursprünglich einheitlichen, ineinander völlig gleich gestalteten »Urwirbeln« entstanden, sie seien als ebenso genetisch untereinander verwandt vorzustellen wie der Schmetterling mit der Puppe und der Raupe verwandt ist; die Wirbelknochenreihe sei ein Beispiel von »gleichzeitiger Umbildung«, von »simultaner Metamorphose«. Ich glaube, Sie werden geneigt sein, mit Schiller den Kopf zu schütteln und sich zu sagen: das ist mehr Idee als Erfahrung. Die »Umbildung« von etwas, was nur in meiner eigenen Phantasie existiert, ja, kaum in meiner Phantasie, sondern was mir nur als symbolischer Typus vorschwebt: das ist ein gewiss nützlicher, doch immerhin kühner Gedanke. Nur müssen Sie sofort hinzusetzen: dieser Gedanke ist keine blosse Abstraktion, sondern eine   I d e e,   im vorhin bezeichneten platonischen Sinne des Wortes. Es handelt sich um ein   Z u s a m m e n s c h a u e n   des Gesehenen, um das, was der grosse Grieche eine Synagoge nannte. Es ist gleichsam, als ob diese vielen verschiedenen Wirbel unsere Vorstellungskraft belasteten, als ob sie das Auge zerstreuten und es nicht zu jenem Blicke kommen liessen, der »still und rein auf den Dingen ruht«. ¹) Goethe selber, der »die organische Welt mit leidenschaftlichem Sinne zu fassen trachtete«, ²) hat viel unter der Überfülle der Gestalten und der daraus entstehenden Unübersichtlichkeit gelitten. Sein ganzes reiches Wirken auf den Gebieten der Botanik und der Zoologie gilt einem einzigen Bestreben, welches wir in die Worte zusammenfassen dürfen:   e r   h a t   d a s   G e s e h e n e   s i c h t b a r   m a c h e n   w o l l e n.   Kant, wie Sie sich erinnern, schloss das Auge vor der Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, Goethe dagegen kam dem Auge zu Hilfe und vereinfachte das Bild durch die Zusammenfassung des Mannigfaltigen unter einige wenige Ideen. Was wir für theoretisch bei ihm halten und was darum so Manchen an dem Poeten befremdet hat,
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    ¹) Schiller an Goethe, 23. 8. 94.
    ²) Tibia und Fibula.


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gilt — wie schon gesagt — alles jener »Welt des Auges«. Auch seine Optik kann nie verstanden werden, solange man nicht begreift, dass sie ein heldenmütiger Kampf gegen unsichtbare, zahlenmässige Schemen zugunsten anschaulicher Vorstellungen ist. Diese »simultane Metamorphose« kann also unmöglich bei ihm ein Gedankending sein; vielmehr ist sie — wenn ich so sagen darf — gesteigerte Erfahrung. ¹)

DIE PFLANZENMETAMORPHOSE

    Jetzt erst, wo Sie durch die Gegenüberstellung der successiven (fast ganz erfahrungsmässigen) und der simultanen (fast rein ideellen) Metamorphose einige scharfe Begriffe über das Verhältnis von Erfahrung und Idee innerhalb dieses Vorstellungskreises besitzen, jetzt erst werden Sie verstehen können, inwiefern die sogenannte »Metamorphose der Pflanzen« genau auf dem kritischen Punkte steht, wo Erfahrung und Idee ineinander übergehen, so dass eine Grenzlinie nicht zu ziehen ist. Die Pflanzenmetamorphose ist nämlich   z u g l e i c h   »successiv« und »simultan«, aufeinanderfolgend und gleichzeitig! Beide Auffassungen sind zulässig; welche wir bevorzugen sollen, hängt davon ab, auf welchen Punkt wir unsere Aufmerksamkeit richten; und darum ist hier die Verwechslung zwischen Erfahrung und Idee kaum zu vermeiden. Dass Goethe gerade hier, wo das Problem uns gleichsam zwischen den Fingern durchgleitet, seine vergleichenden Studien begann, ist weniger Zufall als Instinkt; denn um das zu erreichen, was er für seine Welt des Auges brauchte, war ein schwebender Standpunkt zwischen Erfahrung und Idee das richtige Sprungbrett.
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    ¹) Da Goethe bei den Pflanzen meistens von »Metamorphose«, bei den Tieren meistens von »Umbildung« oder auch von »vergleichender Anatomie« spricht, so könnte Einer oder der Andere mir den Vorwurf machen, ich hätte zusammengestellt, was nicht zusammengehört. Doch würde der Einwurf aller sachlichen Grundlage entbehren; Goethe selber hat an verschiedenen Stellen die Identität seiner Bemühungen und seiner Anschauungen auf allen Gebieten des Lebens betont. So spricht er z. B. in der Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz »Die Natur« ausdrücklich davon, dass er nach der Aufstellung der Metamorphose der Pflanzen diejenige der »Metamorphose des Tierreichs« unternommen habe; so notiert er handschriftlich in einem Entwurf zu einer Geschichte der osteologischen Studien: »Vorbild am Aufsatz über die Metamorphose der Pflanzen« (W. A. II, 8, 362); so wendet er in dem Aufsatz Bedenken und Ergebung die Begriffe der simultanen und successiven Umbildung ganz allgemein an; so führt er in den Vorträgen über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer vergleichenden Anatomie, Abschnitt 3, die selbe Parallelisierung durch, wie ich sie hier versucht habe, und benutzt das selbe Beispiel der Wirbelknochen. In den Nachträgen zur Farbenlehre (Ältere Einleitung) gibt er ebenfalls einen zusammenfassenden Überblick über seine organischen Studien und spricht ein halbes Bedauern darüber aus, dass das Wort »Metamorphose« zu Missverständnissen geführt habe. Das genügt, wenn auch weitere Belege sich beibringen liessen.

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    Hier haben Sie mehrere Pflanzen, die ersten besten Kräuter, die ich früh auf der Wiese fand. Obwohl Goethe in erster Reihe von dem Anblick der Fächerpalmen im botanischen Garten zu Padua angeregt wurde, ist es doch für seine Lehre von der Pflanzenmeta-
Ranunculus auricomus
Ranunculus auricomus.
1. Wurzelblatt; 2. unteres Stengelblatt; 3. oberes Stengelblatt; 4. Nebenblatt: 5. Kelchblatt; 6. Blütenblatt; 7. Staubblatt; 8. Fruchtblatt.
(Nach der Natur gezeichnet von Anna Chamberlain.)

morphose bezeichnend, dass er nicht Bäume und ebensowenig jenes formenreichste Gebiet der Erdenvegetation, die Kryptogamen (d. h. die der Blüten entbehrenden Pflanzen) dabei im Auge hatte, sondern zunächst und zuvörderst einzig die schnell wachsenden, blühen-

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den und hinsterbenden Kräuter. ¹) Das ist sehr wichtig, weil Goethe's Lehre ganz und gar nicht auf wissenschaftlicher Analysis, sondern ausschliesslich auf Anschauung beruht. Es waltet hier mit dem tatsächlich Geschauten eine eigentümliche Verquickung der Vorstellungen von Ruhe und Bewegung, von Sein und Werden, und formt es menschenmässig um; mich gemahnt diese Goethesche
Anadendrum medium
Anadendrum medium.
A. untere ungestielte Blätter; B.—C. Auftreten des Stieles; D.—G. verschiedene Formen am Stengel entlang; H. Blatt eines Ausläufers.

Schöpfung manchmal an die höhere Mathematik; es ist das selbe gewaltsame Aufbrechen eines verschlossenen Tores, ²) und zwar in durchaus analoger Weise, nur wird das eine Mal das Gebiet der abstrakten, das andere Mal das der konkreten Anschauung betroffen.
    Betrachten wir diese Pflanze hier, so erblicken wir, von der Wurzel bis zur Blüte, ein vollendetes Geschöpf. Es ist ein ebenso Fertiges, in sich Abgeschlossenes und der um
gebenden Welt gegenüber Abgegrenztes wie jenes Skelett der Katze. Die Blätter, wie Sie sehen, sind verschieden gestaltet: die sogenannten Samen-
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    ¹) »Wir werden bei der folgenden Demonstration die Pflanze nur insofern betrachten, als sie einjährig ist und aus dem Samenkorn zur Befruchtung unaufhaltsam vorwärts schreitet« (Die Metamorphose der Pflanzen, § 6). Im Grunde genommen, betrifft das ganze Buch lediglich die sogenannte »Blume« der Angiospermen und den Nachweis, dass ihre Bestandteile den Laubblättern morphologisch gleichwertig seien, was Caspar Friedrich Wolff dreissig Jahre früher in einer wissenschaftlich weit befriedigenderen Weise geleistet hatte und ohne die irreführende Bezeichnung »Metamorphose« zu gebrauchen. (Man vgl. seine Theorie von der Generation, 1764, zwote Abhandlung, §§ 11. 79, 80, 81, in welcher die Theoria generationis von 1759 weiter ausgeführt und wo nachgewiesen wird, dass »Blätter, Kelch. Blüte, Pistill, Samenkapsel, Samen ... dem Grunde nach einerlei sind«.) Nicht die wissenschaftliche Leistung macht — wie der Unverstand immer wieder behauptet, beziehungsweise bestreitet — den Wert von Goethe's kleiner Schrift aus, sondern ihre unvergängliche Bedeutung liegt darin, dass sie für jene Welt des Auges den Weg bahnte. Goethe selber sagte später, man solle »das Werklein symbolisch nehmen« (Br. an Zelter vom 14. 10. 1816).
    ²) Vgl. Chamberlain: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 781 f. und hier weiter unten den mathematischen Exkurs im dritten Vortrag.

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blätter, an dem Grunde des Stengels, sind einfach, nicht einmal kerbt, die übrigen sind gefiedert, doch in verschiedenem Grade, zuerst zunehmend von Blatt zu Blatt, dann abnehmend. Auch bei diesen anderen Pflanzen werden Sie nicht zwei Blätter von genau gleicher Gestalt finden; hier z. B. sind die unteren Blätter fünfzig- oder hundertmal grösser als die oberen. In anderen Fällen ist der Polymorphismus (die Vielgestaltigkeit) der Blätter noch stärker ausgesprochen. Sie dürfen aber den Blick noch weiter richten, auf die Blume; die Blattnatur dieser einzelnen Blütenblätter sticht in die Augen, kann aber ausserdem durch wichtige anatomische Merkmale, sowie namentlich durch die Lage in Bezug auf den Stengel, belegt werden, und ein Gleiches gilt für diese inneren Wirbel — die Staubfäden und die Organe der künftigen Frucht — wenngleich sie äusserlich von den grünen Blättern weit abweichen. So viel tut also für uns unser »Schutzengel, der Genius der Analogie« — wie Goethe ihn einmal nennt. ¹) Zwar sind Blütenblätter keine Laubblätter und umgekehrt Laubblätter keine Blütenblätter — ihr Bau ist in wichtigen Punkten ein anderer und ihre Lebensverrichtung eine verschiedene, und noch mehr gilt dies von den Geschlechtsorganen; und wenn Goethe sagt: »wir wissen, dass die Stengelblätter nur Vorbereitungen und Vorbedeutungen auf die Blumen- und Fruchtwerkzeuge sind«, ²) so gestehe ich, dass eine so übertrieben figürliche Redeweise mir sehr bedenklich erscheint; die Stengelblätter sind die wichtigsten Nährorgane der Pflanze; sie als »nur Vorbedeutungen« der Blumenblätter zu bezeichnen, hat nicht mehr Sinn, als wenn ich den Magen eine Vorbedeutung des Gehirns nennen wollte. Wohin man auf diesem Wege kommt, ersehen wir, wenn Goethe die ungeheuerliche Behauptung aufstellt: »der weibliche Teil (der Blüte) ist so wenig als der männliche ein besonderes Organ«; ³) da sind wir denn beim Alleins angekommen und Wissenschaft hört auf. Doch wollen wir die gesuchte Analogie und die Zurückführung aller dieser Organe auf die eine Vorstellung »Blatt« vorderhand ohne weiteres annehmen und gewisse Bedenken für später aufsparen. Diese ganze Reihe von Blattorganen steht nun offenbar nicht anders vor uns als die Reihe der Wirbel in dem Rückgrat der Katze. Hier leben sie ja alle vor
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    ¹) Principes de philosophie zoologique.
    ²) Farbenlehre, didaktischer Teil, § 622.
    ³) Die Metamorphose der Pflanzen, § 69.

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unsern Augen nebeneinander, ein jedes seine Funktion verrichtend. Will man also diese Gebilde als »Umbildungen« betrachten, so kann es sich, wie bei der Wirbelsäule, nur um eine gleichzeitige, um eine »simultane Metamorphose«, d. h. um eine reine Idee handeln, und Schiller hat recht, wenn er sagt, das ist keine Erfahrung; denn wenn auch die Blätter »successiv« zur Ausbildung kommen, so entsteht doch nicht ein Blatt aus dem andern, noch auch wandeln sich Laubblätter in Blütenblätter um, wie der Schmetterling aus der Puppe entsteht, sondern die »Umbildung« bezieht sich lediglich auf eine allgemeine Idee — genannt Blatt — in unserem Kopf. So aber hat's Goethe — wenigstens ursprünglich — doch nicht aufgefasst. Vielmehr geht er tatsächlich von der Vorstellung einer Analogie mit der aufeinanderfolgenden Umbildung der Insekten aus! Lassen Sie mich Ihnen erklären, wie das kam.
    Die Metamorphosis plantarum war eine Lieblingsvorstellung und ein Lieblingswort der unklar verallgemeinernden Naturforscher zur Zeit, als Goethe sich mit diesen Dingen abzugeben begann. So lesen wir z. B. in einer Dissertation, welche Linnaeus selber im Jahre 1755 unter obengenanntem Titel zum Druck beförderte: »Die grüne Raupenhaut der Pflanze platzt; mit dem Spitzenkragen des Kelchs bleibt sie aber an dem sich weiter enthäutenden Körper hängen .... die Wurmhaut ist als grüne Stengelrinde immer noch da, aber der Schmetterling schaut lustig heraus und prangt mit dem bunten Farbenschmelz seiner Flügel von Blumenblättern«. ¹) Das ist ein wahrer Prototyp der falschen Analogien und könnte allenfalls einem modernen Ovid, nimmermehr einem Naturforscher empfohlen werden. Goethe stand nun unter dem Einfluss der Schule Linné's; ihre Werke waren, als er Pflanzenkunde zu betreiben begann, sein »tägliches Studium«, und manches Zeugnis davon hat er uns mittelbar und unmittelbar hinterlassen. Schon aus der Philosophia botanica des Linnaeus hatte er lernen können, dass, je nach der Beschaffenheit des Bodens, Blütenblätter in Laubblätter umgewandelt werden und umgekehrt, Laubblätter in
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    ¹) Man vergl. die wertvolle Schrift von Alfred Kirchhoff: Die Idee der Pflanzenmetamorphose bei Wolff und bei Goethe, Berlin, 1867 (in dem Jahresbericht über die Luisenstädtische Gewerbeschule), S. 20. Eine philosophisch nicht sehr tiefe, doch als Zusammenfassung des geschichtlichen Materials brauchbare Darstellung hat Albert Wigand gegeben: Kritik und Geschichte der Lehre von der Metamorphose der Pflanze, Leipzig, 1846.

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Blütenblätter. Principium florum et foliorum idem est. Luxurians vegetatio folia e floribus continuando producit etc. Die Gesamtheit dieser und ähnlicher Tatsachen betitelt Linnaeus Metamorphosis vegetabilis ¹) Daher rührt Goethe's Gebrauch des Wortes Metamorphose — was ein Unglück war, da das Wort ihn und andere irreführte, daher rührt aber auch die erste Anregung zu einer Vorstellung, welche eine so eindringende Anschauungskraft besass, dass Goethe berechtigt war, zu sagen: er sehe seine Idee nut Augen. ²)
    Um das zu begreifen, müssen Sie sich von dem Standpunkt der Ruhe — auf dem wir uns befinden, solange wir hier diese fertige Pflanze in meiner Hand betrachten — auf den der Bewegung begeben. Diese einjährigen Pflanzen wachsen alle schnell; ihre ganze Vegetation umfasst nur wenige Monate. Dazu kommt, dass Goethe seine hierhergehörigen Betrachtungen hauptsächlich im Süden von Italien angestellt hat, wo man das Hervorbrechen neuer Blätter von Tag zu Tag, ihr Wachsen von Stunde zu Stunde beobachten kann. »Was ich im Norden nur vermutete, finde ich hier (in Frascati) offenbar« (Br. 3. 10. 87). Nun bitte ich aber noch folgendes zu beachten: der Stengel dieser Kräuter ist ein einfaches Achsengebilde; er wächst in die Höhe, und wie er wächst, bilden sich in ziemlich regelmässigen Abständen sogenannte Knoten; an jedem Knoten spriesst ein Blatt hervor. So geht es abwechslungslos weiter, und selbst wo die Blätter in Quirlen den Stengel umgeben, wie hier in dem Kranz der Blütenblätter, überzeugt die nähere Beobachtung, sowie das Beispiel häufiger Missgestaltungen, dass lediglich sehr verkürzte Zwischenknoten anzunehmen sind. Wir Menschen nun, die wir von der Vielgestaltigkeit des Tierleibes herkommen, finden eine so auffällige Einförmigkeit in dem Plane dieses pflanzlichen Gebildes, dass wir zunächst nichts andres beachten als die strenge Wiederholung des Gleichmässigen, und erst später auf die Unterschiede aufmerksam werden. Schon Johannes Müller, der grosse Physiologe, hat bemerkt, dass es unsere Phantasie ist, die in der Pflanze »ein mannigfaltiges Ganze identischer Glieder erblickt«. ³) Goethe hatte das selbe in poetischer Form ausgesprochen:
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    ¹) ed. 1770 Vindobonae S. 301.
    ²) Für seine Gedanken über die Pflanzen hatte Goethe ursprünglich den Titel Harmonia Plantarum im Sinne (Br. an Knebel, 18. 8. 1787).
    ³) Über die phantastischen Gesichtserscheinunqen, § 181.

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Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet,
Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. ¹)

Wir sehen den einfachen Stengel, erblicken das einfache Gesetz, wonach er an jedem Knoten ein Blatt trägt, und stellen uns unbewusst das Blatt als eine ebenso einförmige Gestalt — »immer das erste Gebilde« — vor; wir gehen von der Voraussetzung »identischer Glieder« aus, und somit trägt für uns der   e i n e   Stengel das   e i n e   Blatt, welches er eine unbestimmte Anzahl von Malen wiederholt. Das ist, was die Logiker eine »Subreption« nennen, nämlich ein aus sinnlichen Eindrücken erschlichener Trugschluss. Nun denken Sie sich einen Mann von lebhaftester Phantasie und kaum gezügelter Leidenschaftlichkeit, der unter dem Sonnenhimmel Palermos und Neapels die Pflanzen unter seinen Augen wachsen sieht! Jeden Morgen findet er das eine identische Glied neu entfaltet, und jeden Morgen ist es etwas anders gestaltet, als es am vorangegangenen war; es wird immer breiter und länger, die Umrisslinie nimmt an Mannigfaltigkeit der Bewegungen zu; dann, plötzlich, ohne Übergang, zieht sich das Organ zu einem kleinen, ungekerbten Kelchblatt zusammen, breitet sich wieder zur farbigen Krone aus, zieht sich neuerdings zum fast fadenförmigen Staubgefäss zusammen, breitet sich abermals, wie mit der Kraft eines letzten Lebenshauches, zum Fruchtknoten aus; diesen bricht der Forscher auf und findet darin die winzigen Anlagen der künftigen Samenblätter einer neuen Pflanze. Für den Mann in dieser Gemütsstimmung gibt es hierbei nichts Beharrendes, Ruhendes; die stille Pflanze ist in seinen Augen ein bewegliches, die Gestalt täglich wechselndes Wesen; das in Wirklichkeit fest angeheftete Blatt, das unverändert wie ein Kristall verharrt, bis der Herbst es abbricht — Goethe erblickt darin »einen wahren Proteus, der sich in allen Gestaltungen offenbaren kann«; ²) die Metamorphose aus einer Gestalt in die andere geht ja unter seinen Augen vor sich; wie eine Menschenbrust sich hebt und senkt, so sieht er das Blatt sich ausdehnen und sich zusammenziehen, und in seinem Ohre erschallen — vom Samenblatt bis wiederum zur Frucht — »die sechs Schritte der Natur«. ³) Für ihn ist hier
— wie Sie sehen — alles Bewegung und Aufeinanderfolge. Dass in der Pflanze, genau wie in der Wirbelsäule der Katze, die ver-
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    ¹) Die Metamorphose der Pflanzen.
    ²) Italienische Reise (zweiter Aufenthalt in Rom).
    ³) Die Metamorphose der Pflanzen, § 73.


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schiedenen Teile nebeneinanderstehen, völlig autonom, dazu noch physiologisch ungleichwertig, darauf richtet er zunächst keine Aufmerksamkeit, sondern in seinem Sinne handelt es sich um eine wahre successive Metamorphose, und genau so, wie die Raupe in den Schmetterling umgebildet wird, erblickt er auch hier die tatsächliche Umbildung eines Dinges in ein anderes Ding. »Es ist kein Traum, keine Phantasie«, beteuert er Frau von Stein gegenüber (Br., 10. 7. 86).
    Darum ist Goethe bestürzt und aufgebracht — er, der die Umbildung des Blattes tausendmal mit Augen beobachtet zu haben glaubt, der, wie er uns berichtet, »von diesem Gewahrwerden wie von einer Leidenschaft eingenommen und getrieben worden« ¹) — als Schiller — der Mann, der nur selten sein Auge auf die organische Natur gerichtet hat — mit kritischer Ruhe ihm entgegenhält: »das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee«. Gerade in dieser Vorstellung der Pflanzenmetamorphose lag für Goethe die intensivste Erfahrung; sie erst schenkte ihm überreiche Kraft der Anschauung; erst hier ging ihm die Idee der Metamorphose auch für die übrigen organischen Wesen auf. Am Beginn seiner italienischen Reise finden wir ihn bedrückt von der Fülle der Pflanzengestalten. »Ich sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will«, schreibt er aus Padua. Ihm fehlte damals noch ein vermittelndes Organ, um auf dem Gebiete des Lebens wirklich erschauen — und das heisst erfahren — zu können. »Was ist Beschauen ohne Denken?« ruft im selben Briefe Goethe aus; eine Frage, die wir in späteren Vorträgen werden sehr eingehend zu erörtern haben, die aber schon hier darauf aufmerksam macht, welcher wichtigen Bestimmungen die Aussage, Goethe sei ganz Auge, bedarf, ehe damit etwas Fassbares und Wahres gesagt ist. Ein wirkliches Schauen gibt es ohne Denken nicht. Ein grosser Erschauer muss also auch ein grosser Denker sein. Und welche Rolle speziell bei Goethe das Denken als Organ des Schauens gespielt haben muss, können Sie schon aus seinem Selbstbekenntnis entnehmen: »Kein eigentlich scharfes Gesicht. Daher die Gabe, die Gegenstände anmutig zu sehen«; ²) und aus dem andern: »Mein Anschauen selbst ist ein Denken...«. ³) Dass Goethe tatsächlich nicht scharf sah, wird uns im nächsten Vor-
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    ¹) Italienische Reise (zweiter Aufenthalt in Rom, Juli 1787, Bericht).
    ²) Naturwissenschaftlicher Entwicklungsgang, Skizze aus dem Jahre 1821, W. A., 2. Abt., 11, 300.
    ³) Bedeutende Fördernis.

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trag, bei dem Vergleich mit Leonardo, klar werden. ¹) Caspar Friedrich Wolff, ja! der hatte ein »scharfes Gesicht«, und, bewaffnet mit Seziermesser und Mikroskop, legte er die Grundlagen zur vergleichenden Anatomie der Pflanzen. Wolff zeigte, dass man über die Entstehung der Teile eines Lebewesens und über deren Verhältnis zueinander nicht reden dürfe, ehe man nicht unterscheiden gelernt habe zwischen folgenden drei Dingen: den histologischen Elementarstrukturen, den Gewebearten, den Organen. ²) Und nun beobachtete er die tatsächliche Entstehungsgeschichte des Stengels und seiner Seitenorgane; er entdeckte den Vegetationspunkt, verfolgte die Genesis der Gefässe aus Zellen, deren Wände resorbiert werden, studierte das Wachstum des Blattes usw., und auf Grund aller dieser Beobachtungen kam er zu dem Schluss, man könne alle Teile der Pflanze auf Stengel oder Blatt zurückführen. Wolff hat sich vielfach geirrt, doch seine Methode war die der streng empirischen Naturwissenschaft. Goethe tat nichts dergleichen; er war zu derlei nicht geschickt; wenige Wochen aber nach jenem paduanischen Klageruf — wie soll ich mich entwirren? was ist Beschauen ohne Denken? — schrieb er auf einen kleinen Zettel: »Hypothese: alles ist Blatt. Und durch diese Einfachheit wird die grösste Mannigfaltigkeit möglich«. ³) Jetzt erst sah er! Jetzt hatte er sich gleichsam den Star seines inneren Geistesauges gestochen; jetzt waren Denken und Beschauen versöhnt! Und darum strömte jetzt Erfahrung zu beiden Augen herein; die ganze Welt stand seinem Blicke offen. An Herder schreibt er aus Neapel, nicht nur alle Pflanzen, die wirklich sind, nein, auch alle, die »nicht existieren, doch existieren könnten«, habe er nunmehr in seiner Gewalt, und trunken ruft er aus: »Die Natur selbst soll mich beneiden!« ... Und nun kommt der geschulte Denker, Schiller, und anstatt ihn zu beneiden, schüttelt er den Kopf!
 
GOETHE'S LEHRE

    Ich wünschte, meine kurze Darlegung möchte genügt haben, um Sie zu gleicher Zeit mit Goethe trunken und mit Schiller
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    ¹) Kant findet die Unterscheidung zwischen »scharfem Gesicht« und »beurteilendem« Gesicht analog derjenigen zwischen scharfem Gehör und musikalischem Gehör (Ref. I, 84).
    ²) Theorie von der Generation, zwote Abhandlung, § 5 f.
    ³) Morphologische Studien in Italien; das ursprüngliche Material an Beobachtungen und Gedanken, jetzt erst durch die Weimarer Ausgabe zugänglich geworden; 2. Abt., 7, 282.

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kritisch zu stimmen. Denn nur aus dieser Geistesdisposition kann eine genaue Vorstellung von der Bedeutung der echten Goetheschen Metamorphosenlehre und — als Ergebnis dieser Vorstellung — von Goethe's Art zu schauen und von dem Verhältnis zwischen Erfahrung und Idee in seinem Geiste hervorgehen.
    Sie haben bemerkt, in welcher eigentümlichen Weise bei seiner Vorstellung von der Pflanzenmetamorphose die Begriffe von Bewegung und Ruhe, von Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge, von Einerleiheit und Mannigfaltigkeit sozusagen übereinander geschoben wurden. Bei den Insekten fand das nicht statt — oder genauer gesprochen, es fand nicht in auffallender Weise statt — denn hier entwickelte sich das eine zeitlich aus dem anderen; bei der Wirbelsäule fand es auch nur verdeckt statt, denn hier stand von Anfang an das eine unbeweglich neben dem andern. Bei der Pflanze dagegen sahen wir ein Lebewesen nicht allein wachsen, sondern täglich neue Organe hervorbringen, die vorher nicht dagewesen waren. Hier war es also möglich, die Begriffe des gleichzeitigen Vorhandenseins   n e b e n e i n a n d e r   und der Aufeinanderfolge   n a c h e i n a n d e r   hin- und herzuschieben und durch eine Verbindung der Vorstellung der simultanen Metamorphose, (welche, weiter aufgefasst, aller vergleichenden Anatomie zugrunde liegt) mit der Vorstellung der successiven Metamorphose, wie sie aus dem Leben der Insekten und vieler anderer Tiere geläufig ist (und welche, weiter aufgefasst, jeder Evolutionshypothese zugrunde liegt), eine neue Idee zu entwickeln; diese neue Idee ist die, welche Goethe unter dem Titel »die Metamorphose der Pflanzen« vorträgt. Diese bei den Pflanzen gewonnene Idee überträgt er aber dann auf die gesamte organische Natur, wenngleich er sie nirgends so lichtvoll darzustellen vermag wie bei den Pflanzen, was in den Verhältnissen begründet liegt, die Sie jetzt kennen. Nichtsdestoweniger werden Sie bei näherer Untersuchung die Überzeugung gewinnen, dass in Goethe's Lehre in Wirklichkeit überall die selbe gegenseitige Verquickung der Begriffe von Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge stattfindet. »Es offenbarte sich mir der Ursprung des Schädels aus Wirbelknochen«, so schreibt Goethe; doch was soll das heissen? Goethe redet nicht von »Analogie«, sondern von »Ursprung«. Nun dürfen wir aber mit voller Bestimmtheit behaupten: die Existenz einer Chorda dorsalis und einer Wirbelsäule setzt ein Gehirn und einen Schädel voraus; in einem Organismus bedingen sich sämtliche Teile gegenseitig; der Kopf ent-

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steht nicht durch Umbildung des Schwanzes. Von »Ursprung« im wahren Sinne des Wortes, als Aufeinanderfolge, kann also keine Rede sein. Andrerseits lässt sich aber aus der Vorstellung eines »gleichzeitigen Ursprungs« kein denkbarer Begriff abziehen. Aus den Wirbelknochen, die Wirbelknochen   s i n d,   kann doch der Schädel sein Dasein nicht herleiten; ich bin also gezwungen, ein »waren« einzusetzen, — ein »waren« aber, wofür ich weder in der Entwickelung des Individuums, noch in einer etwa angenommenen Abstammung aus anderen Gestalten die geringste Handhabe finden könnte, da jede zunehmend höhere Differenzierung der Wirbelknochen (geschweige eine Differenzierung bis zu einer Schädelkapsel) nur Hand in Hand mit einer genau entsprechenden höheren Entwickelung der Hirnblasen und des sie einhüllenden Schädels stattfinden könnte. Die populäre Sprache nennt so etwas eine Zwickmühle, und Goethe selber gesteht einmal in Bezug darauf: »Man wandert doch immer herum im Felde des Unbegreiflichen und Unaussprechlichen«. ¹)
    So verhält es sich mit Goethe's Idee von der Metamorphose. Eine wissenschaftliche Tatsache wird durch sie nicht ausgesprochen, ebensowenig eine philosophische Erkenntnis; dennoch besitzt sie unvergänglichen Wert, und zwar darum, weil sie auf der mathematisch genauen Scheidelinie zwischen Erfahrung und Idee, zwischen Analyse und Synthese sich bewegt. Wir Menschen haben nicht bloss zwei Augen nebeneinander, wir haben auch zwei Augen hintereinander; es trifft sich aber sehr selten, dass die Schachsen dieser beiden Augen genau übereinstimmen, so dass der Strahl, der von aussen kommt, direkt durch das äussere auf das innere Auge fällt und somit die Vernunft in unmittelbare Berührung mit der empirischen Welt stellt. Nur wenn die zwei Hälften unserer Natur sich genau auf der Scheidelinie begegnen, findet es statt, und zwar auch nur auf blitzartige Momente, da, sobald das eine oder das andere Auge — das innere oder das äussere — das erblickte Bild genauer fixieren will, es sich sofort in die betreffende Richtung verschiebt. Wer nun, wie Goethe, bei vergleichenden Betrachtungen über organische Wesen von der einjährigen Pflanze ausgeht, geniesst den Vorzug, dass er diesen Blick — querdurch von innen nach aussen und von aussen nach innen — getan hat, wodurch
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    ¹) In dem jetzt erst veröffentlichten handschriftlichen Material, W. A. 2. Abt., 6, 318.

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er aufmerksam wird, ihn auch anderen Ortes zu versuchen. Daher meldete Goethe später (1820): bei seinen Nachforschungen über die Bildung und Umbildung organischer Naturen habe ihm stets »die Methode, womit er die Pflanzen behandelt, zuverlässig als Wegweiser gedient«. ¹) Denn — es kann in unserer Epoche verrohender Empirie gar nicht oft genug wiederholt werden — in Wirklichkeit findet überall und ausnahmslos bei allen unseren vergleichenden Betrachtungen organischer Gestalten eine gegenseitige Verquickung der Vorstellungen von Einerleiheit und Mannigfaltigkeit, von Aufeinanderfolge und Gleichzeitigkeit statt, alle sind sie aus Idee und Erfahrung zusammengesetzt; und wer das nicht weiss, gerät entweder mit dem bewunderungswürdigen, doch philosophisch unzulänglichen Darwin täglich tiefer in den empirischen Sumpf, oder er steigt mit dem Don Quixote der modernen Naturwissenschaft, dem phantasmorastischen Ernst Haeckel, auf einem beflügelten Rosinante, bis in die Region der dichtesten Bergnebel, wo er sein eigenes Brockengespenst für neue Erkenntnis hält.
    Hier sehen wir nun das grosse Verdienst Schiller's um Goethe. Goethe hat uns später erzählt, mit welcher »unbewussten Naivetät« er zu philosophieren pflegte, ehe Schiller und Kant ihn aufgeklärt hatten. ²) Er steckte tief schon in ziellosen Bemühungen über die »Urpflanze« und das »Urtier«; der Wertmesser für die Bedeutung der anatomischen Grundtatsachen war ihm dermassen entfahren, dass er schreiben konnte: »Ein Blatt, das Feuchtigkeit einsaugt, nennen wir Wurzel« (W. A. 2. Abt., 7, 283). ³) Da erschien Schiller und rüttelte ihn aus dem unkritischen Schlummer auf. Schon anderthalb Jahre nach jener ersten Begegnung wusste es Goethe genau: das Urbild, nach dem er gesucht hatte, gelte »nicht den Sinnen, doch dem Geiste«. 4) Er hätte also Schiller nicht mehr sarkastisch zurufen können: »Es kann mir sehr lieb sein, dass ich Ideen mit Augen sehe«; denn er hätte sagen müssen: »mit den Augen des Geistes«, und das war ja gerade Schiller's Meinung. Schon wenige Jahre danach nennt Goethe die Urpflanze »übersinnlich« und sagt von dem Urtier: »das
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    ¹) Einwirkung der neueren Philosophie.
    ²) Einwirkung der neueren Philosophie.
    ³) Es kommen in der Tat im Pflanzenreich (soviel mir bekannt nur bei den Lentibularieen) wirkliche »Blattwurzeln«, sog. Rhizoïden vor; sie sind aber morphologisch von echten Wurzeln verschieden (vgl. Goebel: Organographie der Pflanzen, 1901, II, 444 ff.).
    4) Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, II, 1796.

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heisst denn doch zuletzt: der Begriff, die Idee des Tieres«; oder aber er spricht von »idealen Urkörpern« (W. A. 2. Abt., 6. 20, 121, 306); er vergisst auch nicht hinzuzufügen: »Jede Idee verliert, wenn sie real wird, ihre Würde.« Und fünfundzwanzig Jahre später schrieb Goethe das kleine Kapitel Bedenken und Ergebung, welches ich Ihnen nur raten kann, oft und oft zu lesen. Auf diesen zwei Seiten zeigt Goethe genau die Ursache des Widerstreites zwischen der — von Raum und Zeit unabhängigen — Idee und der — in Raum und Zeit beschränkten — Erfahrung auf. Dann fährt er fort: »Daher ist in der Idee Simultanes und Successives innigst verbunden, auf dem Standpunkt der Erfahrung hingegen immer getrennt.« Diese Worte verstehen Sie jetzt genau, da Sie ihnen die an den Pflanzen gewonnenen konkreten Vorstellungen unterlegen können, die Goethe an dem betreffenden Orte leider nicht namhaft macht. Und Sie verstehen Goethe auch, wenn er hinzusetzt: »Eine Naturwirkung, die wir der Idee gemäss als simultan und successiv   z u g l e i c h   denken sollen, scheint uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen.« In der Tat, der Weg, den Goethe uns durch seine Metamorphosenlehre wies, ist ein gefährlicher Weg; ohne kritische Besinnung sollten wir ihn nicht beschreiten. Denn fassen wir unsere Ideen als Erfahrungen auf, so führt er uns in den Wahnsinn, in den unsere heutige Biologie sich verstrickt hat und der die Kraft der unbefangenen Anschauung völlig auszulöschen droht; dahingegen wenn wir mit Bewusstsein unsere Erfahrungen zu Ideen zusammenfassen, uns dieser Weg in jene Welt des Auges einführt, deren Herold Goethe war und deren Bedeutung für die Zukunft der Kultur noch Niemand zu ermessen vermag.

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DIE IDEEN

    Kehren wir zu Kant zurück. Wir schienen weit abzuirren und sind doch auf diesem Umweg über die Metamorphose auf einem Punkt angelangt, wo Goethe Kant die Hand reicht. Und ich bin sicher, Sie werden manche Ansichten Kants viel besser verstehen, jetzt, wo Sie von Goethe aus zu ihm gelangen, als hätten Sie es versucht, ihm auf dem Wege abgezogener Begriffsbildungen zu folgen. Goethe hat uns hier unvermerkt und indem er bloss die Menge der Gestalten, die sein offenes Auge schaute, einheitlich aneinanderzugliedern suchte, bis in die Tiefe von Kant's Philosophie geführt.

    In der Kritik der reinen Vernunft greift Kant auf Plato zurück, um das Wort   I d e e   in »seiner ursprünglichen Bedeutung«, wie er

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sagt, wieder einzuführen. Und was diese ursprüngliche Bedeutung gewesen sei, versucht er folgendermassen auszudrücken: »Die Ideen sind bei Plato Urbilder der Dinge selbst und nicht bloss Schlüssel zu möglichen Erfahrungen«. Hiermit wird also unsere moderne verblasste Bedeutung des Wortes Idee, als ungefähr mit »Gedanke« synonym, verworfen; eine Idee ist nicht ein mechanisches Hilfsmittel, ein geistiges Schema zum bequemeren Aufsammeln von Erfahrungen, sondern eine Idee ist ein Bild, und — wie Sie aus späteren Vorträgen entnehmen werden — eine schöpferische Tat. »Ein Gewächs, ein Tier, die regelmässige Anordnung des Weltbaues, vermutlich also auch die ganze Naturordnung zeigen deutlich, dass sie nur nach Ideen möglich seien« (r. V. 369 f.). Sie sehen, wie hier die   A n s c h a u u n g   zugrunde liegt, und wie verwandt diese Denkart sich der Goetheschen zeigt, die ja gerade nach »Urbildern« suchte für jene Anordnung, welche sie in Gewächs und Tier aufgefunden hatte. Nun ist aber Kant's Auge — wie wir bereits sahen — gar nicht nach aussen, sondern ganz nach innen gerichtet; alles, was in seinen Geist eindringt, analysiert er genau so, wie er die Westminsterbrücke analysiert, und nimmt die Bestandteile auseinander, wie er es auch für den Eindruck des Sternenhimmels auf das Gemüt macht. Darum decken sich keinen Augenblick in seinem Denken die Begriffe »Idee« und »Erfahrung«, wie das bei Goethe zum Nachteil klarer Erkenntnis geschehen war. Vielmehr wurzelt Kant's ganze Philosophie, sowohl ihrem Ursprunge als ihrem Ziele nach, in der Einsicht, dass unsere menschliche »Erfahrung« — von der noch heutzutage manche philosophisch Ungebildeten oder Verbildeten reden, als handle es sich um ein Einfaches, Handgreifliches — in Wirklichkeit ein sehr verwickelter Vorgang ist, und dass die Bildung von »Ideen« aus einer zwar unentbehrlichen, aber gefährlichen Verrichtung unseres Geistes hervorgeht. Der Entwirrung dieser Verhältnisse — der sogenannten »Erkenntniskritik« — widmete Kant den grössten Teil seines Lebens. Ein erstes Ergebnis seiner Analyse lautet: zwar wurzelt Erfahrung in Eindrücken unserer   S i n n e,   sie erfordert aber ausserdem   V e r s t a n d,   da ohne Verknüpfung der unzählbaren Wahrnehmungen zu Einheiten keine »Erfahrung« statthaben kann; diese Verknüpfung muss offenbar nach Regeln stattfinden, die in uns, nicht   a u s s e r   uns liegen. ¹) Ohne Verstand könnte ich nicht die unendliche Man-
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    ¹) Vgl. r. V. zweite Vorrede S. XVII, 29.

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nigfaltigkeit der Wahrnehmungen zu bestimmten, begrenzten »Dingen« zusammenfassen und voneinander sondern, ¹) noch weniger vermöchte ich es, zwei verschiedene Erscheinungen, wie »Raupe« und »Schmetterling«, aneinanderzugliedern und zu sagen, die eine sei die Umbildung der anderen.
    So viel nur zur allerersten Orientierung über die Erfahrung. Ein zweites wichtiges Ergebnis Kant's betrifft die Ideen und stellt als entscheidend fest, dass Ideen niemals bis zu den Dingen hinausreichen, sondern sich stets lediglich auf unsere Gedanken über die Dinge beziehen. Der Verstand geht auf die wahrgenommenen Dinge, die Vernunft — als Erzeugerin der Ideen — auf den die Dinge bestimmenden und begrenzenden Verstand. »Wenn also reine Vernunft auch auf Gegenstände geht«, sagt Kant, »so hat sie doch auf diese und deren Anschauung keine unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen Urteile« (r. V. 363). Jedes einzelne Wort ist golden. Die Ideen »gehen zwar auf Gegenstände«, dass heisst also, die Ideen werden in letzter Reihe durch wahrgenommene Gegenstände geweckt und zielen auf Wahrnehmung wieder hin; doch beziehen sie sich in Wirklichkeit   n i c h t   u n m i t t e l b a r   auf die Anschauungen, durch welche uns die Kenntnis dieser Gegenstände vermittelt wurde, sondern auf unsern Verstand und seine Urteile, das heisst auf das, was wir Menschen darüber denken. Kurz, der ganze Spielraum der Idee ist menschlich begrenzt. Sie brauchen nur Goethe's Lehre von der Pflanzenmetamorphose ins Auge zu fassen, und Sie werden, ohne weiter in die Tiefen der Kantischen Weltanschauung eingeweiht zu sein, den allgemeinen Sinn dieser Behauptung schon jetzt genau verstehen. Denn dass Goethe's Idee auf Gegenstände ging, nämlich auf Tausende von beobachteten Pflanzen, ist sicher; doch ebenso sicher ist es, dass seine Idee sie nicht unmittelbar, sondern mittelbar betrifft. »Ich weiss nicht, wie ich mich entwirren soll«, schrieb Goethe, wie Sie sich erinnern, aus Padua; sich, seine Gedanken will er entwirren, seine Gedanken über die Dinge, nicht die Dinge selbst. Lange und leidenschaftlich arbeiteten »der Verstand und dessen Urteile«‚ bis die auf sie gerichtete Vernunft die »Idee« einer Umbildung aller Seitenorgane, ja, womöglich sämtlicher Organe der Pflanze aus einem einziger Gebilde fasste, aus einem Gebilde, welches kein menschliches Auge
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    ¹) Selbst Goethe, der die Abstraktion hasst, gesteht: »Dinge sind ja selbst nur Verschiedenheiten, durch den Menschen gesetzt und gemacht« (G. II, 181).

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je erblickt hat und welches Goethe nur darum   B l a t t   nennt, weil ein »allgemeines Wort« fehlt, »wodurch wir dieses in so verschiedene Gestalten metamorphosierte Organ bezeichnen könnten«. ¹) Dass diese Idee ein   B i l d   ist, nicht eine Erfahrung, wird kein Vernünftiger bestreiten, und auch der unphilosophischeste Mensch der Welt muss einsehen und zugeben, dass dieses Bild sich nicht unmittelbar auf die wahrgenommenen Gegenstände, sondern auf das bezieht, was unser menschlicher Verstand über die wahrgenommenen Gegenstände denkt und urteilt. Jenes von Goethe angenommene »Grundorgan« ist so wenig ein Gegenstand der Wahrnehmung, dass wir nicht einmal ein Wort dafür besitzen; aber wenn Goethe einmal den Ausdruck fallen lässt »grosse abstrakte Einheit«, ²) so fühlen wir, dass die Bezeichnung »Blatt« treffender ist; denn eine Idee soll wirklich ein Bild sein, ein der klaren Erfassung unserer Wahrnehmungen dienendes Bild, nicht ein logischer Schluss und ebensowenig ein abgezogener Begriff. Die Idee ist produktiv, sie ist schöpferisch, sie   s c h a f f t   G e s t a l t e n;   sie dient jener Einbildungskraft, von der Kant sagt, sie dürfe zwar nicht »schwärmen«‚ solle aber »unter der strengen Aufsicht der Vernunft  d i c h t e n «   (r. V. 798). Und kann auch das äussere Auge diese gedichteten Gestalten nicht erblicken und infolgedessen der Verstand sie nur unbeholfen und andeutend benennen — das heisst nur durch Symbole — ihr Wesen ist nichtsdestoweniger die Anschaulichkeit. Hätte Goethe damals in sein Notizbuch geschrieben: »Hypothese: alles an der Pflanze ist abstrakte Einheit«‚ so hätte er sich und uns wenig gedient; wogegen die Worte: »Hypothese: alles ist Blatt« (vgl. S. 56) eine ewige Bereicherung der menschlichen Vorstellungswelt bedeuten. Die Idee also, obwohl ein reines Produkt menschlichen Denkens, stammt aus Anschauung und zielt wieder auf Anschauung hin. Wie anschaulich ihr Wert ist, das hat Kant einmal in einem vortrefflichen Bilde ausgesprochen, zu dessen Verständnis ich Sie aber an folgende elementare Tatsache der Optik erinnern muss.
    Denken Sie sich eine bikonvexe Linse, wie sie Ihnen die erste beste Lupe bietet. Eine solche Linse besitzt nun folgende Eigenschaft. Ein gewisser Punkt x ist ihr sogenannter Brennpunkt, womit besagt sein will, dass, wenn Lichtstrahlen aus grosser Ferne
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    ¹) Die Metamorphose der Pflanzen, § 120.
    ²) Principes de Philosophie zoologique.


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kommen, z. B. von der Sonne, sie alle hier in einem Punkt gesammelt werden, wodurch Hitze erzeugt wird.
Bikonvexe Linse
Gut. Wenn ich nun diese Linse vor mein Auge halte und einen Gegenstand durch sie anblicke, so werde ich, sobald der Gegenstand entfernter als der Punkt x liegt, ihn äusserst deutlich, wenn auch umgekehrt erblicken. Rücke ich den Gegenstand näher, so
Bikonvexe Linse
wird er grösser, aber undeutlicher, und plötzlich verschwindet er ganz und gar; das geschieht, wenn er die Entfernung x erreicht. Die erste Zeichnung zeigt Ihnen, warum: die Strahlen treten dann, wie Sie sehen, parallel heraus, mithin gibt es keinen noch so entfernten Punkt, wo das Auge sie aufsammeln könnte. Fahre ich
Bikonvexe Linse
aber fort, den Gegenstand noch näher zu rücken, so dass er zwischen dem Punkt x und der Linse zu liegen kommt, so erscheint der Gegenstand plötzlich wieder, und zwar jetzt nicht mehr umgekehrt, sondern aufrecht und (wenn die Linse stark gebogen ist) bedeutend vergrössert. Während nun das frühere Bild ein wirkliches Bild war, ein Bild, das Sie dort erblickten, wo der Gegenstand sich befand, ist dieses jetzige Bild ein Bild nur in Ihrem Gehirn, ein imaginäres. Es findet nämlich eine unbewusste Ge-

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dankenoperation statt, und wir beziehen jetzt unwillkürlich jeden einzelnen Punkt auf einen weit dahinter liegenden. Wir verlegen, heisst das, den Gegenstand an einen Ort, wo er nicht ist. Besonders deutlich tritt dies bei hohlen Spiegeln in die Erscheinung mit deren Hilfe man leibhaftige Erscheinungen in der leeren Luft hervorrufen kann. Wenn Sie das rein optisch konstruieren, wie vorhin, so werden Sie sehen, dass wir jetzt der betreffenden Linse (oder dem betreffenden Spiegel) einen imaginären Brennpunkt zuschreiben, die Physiker nennen ihn den   » v i r t u e l l e n   Brennpunkt«, und zu Kant's Zeiten benutzte man noch den lateinischen Ausdruck   f o c u s   i m a g i n a r i u s.   Das heisst also, bei der Betrachtung des Bildes denken wir uns einen Brennpunkt, wo es in Wirklichkeit keinen gibt.
    Mit der deutlichen Vorstellung dieser optischen Tatsachen vor Augen sind Sie nunmehr befähigt, mit vollem Verständnis Kant's belehrendes Bild aufzunehmen. Er führt aus, (lass durch Ideen niemals »Begriffe   g e w i s s e r   Gegenstände« gegeben werden. Sie haben ja vorhin gesehen, dass die Metamorphose uns zwar die Idee eines Grundorgans der Pflanze gab, doch nicht den Begriff eines »gewissen« Gegenstandes, sondern nur »eine abstrakte Einheit«, weswegen wir uns mit dem Symbol »Blatt« begnügen mussten. Daher besitzen Ideen nicht das, was Kant einen »constitutiven Wert« nennt, nämlich sie liefern nicht einen konkreten Beitrag zum wirklichen Mauerwerk des Wissens, sondern besitzen für dieses lediglich einen »regulativen«, d. h. einen richtunggebenden Wert. Jetzt kommt das Bild: »Dagegen aber haben sie [die Ideen] einen vortrefflichen und unentbehrlich notwendigen regulativen Gebrauch, nämlich den Verstand zu einem gewissen   Z i e l e   zu richten, in Aussicht auf welches die Richtungslinien aller seiner Regeln in einen Punkt zusammenlaufen, der — ob er zwar nur eine Idee (focus imaginarius), d. i. ein Punkt ist, aus welchem die Verstandesbegriffe wirklich nicht ausgehen, indem er [dieser Punkt] ganz ausserhalb der Grenzen möglicher Erfahrung liegt — dennoch dazu dient, ihnen die grösste Einheit neben der grössten Ausbreitung zu verschaffen. Nun entspringt uns zwar hieraus die Täuschung. als wenn diese Richtungslinien von einem Gegenstande selbst, der ausser dem Felde empirisch möglicher Erkenntnis läge, ausgeschossen wären, (so wie die Objekte hinter der Spiegelfläche gesehen werden); allein diese Illusion (welche man doch hindern kann, dass sie nicht

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betrügt) ist gleichwohl unentbehrlich notwendig, wenn wir ausser den Gegenständen, die uns vor Augen sind, auch diejenigen zugleich sehen wollen, die weit davon uns im Rücken liegen, d. i. wenn wir in unserem Falle den Verstand über jede gegebene Erfahrung ... hinaus, mithin auch zur grösstmöglichen und äussersten Erweiterung abrichten wollen« (r. V. 672 f.). Sie sehen, wie scharf und zugleich anschaulich Kant das Wesen der Idee bestimmt und umgrenzt. Und Sie verstehen ihn, wenn er jetzt von den Ideen lehrt: sie »werden nicht aus der Natur geschöpft; vielmehr   b e f r a g e n   w i r   die Natur nach diesen Ideen« (nach den Ideen nämlich, die wir Menschen in sie hineinlegen) »und halten unsere Erkenntnis für mangelhaft, solange sie denselben nicht adäquat ist (r. V. 673). Die Ideen liegen eben im focus imaginarius, und darum ist es ihr besonderes Kennzeichen, dass sie »die Möglichkeit der Erfahrung übersteigen« (r. V. 377). Freilich, ohne Erfahrung würden wir sie nicht fassen; jedoch sie bilden sich auf einer Fläche, die optisch weit hinter der Erfahrung liegt, und darum ist es nicht möglich, dass »ein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, mit ihnen kongruiere«. Und somit gelangen wir zu dem grundlegenden Ergebnis:   I d e e   u n d   E r f a h r u n g   k ö n n e n   s i c h   n i e m a l s   d e c k e n (wenigstens niemals vollkommen und dauernd).
    Das ist doch alles durchaus anschaulich, nicht wahr? Und wenn Kant spricht: »So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit   A n s c h a u u n g e n   an, geht von da zu   B e g r i f f e n   und endigt mit   I d e e n «   (r. V. 730), so nehmen Sie jetzt seinen Sinn gleichsam mit den Augen wahr, noch lange ehe Sie sich in das Labyrinth der reinen Vernunft gestürzt haben. Und Sie dürfen mein Wort dafür nehmen, dass Sie den Sinn vollständig richtig verstehen. Sie müssen nur das Bild des focus imaginarius (ein echt Kantisches Bild) und das Beispiel der Pflanzenmetamorphose (ein echt Goethesches Beispiel) festhalten. Die   A n s c h a u u n g e n   (mit andern Worten die Erfahrung) sind die vielen wahrgenommenen Pflanzen; die rein wissenschaftliche vergleichende Anatomie — gleichviel ob Beobachtungen durch das Mikroskop, wie Caspar Fr. Wolff sie anstellte, oder solche über gefüllte Nelken und dergleichen, wie sie Goethe sammelte — bedeutet ein Operieren mit   B e g r i f f e n   und Urteilen; diese häufen sich enorm an, ihre Masse beängstigt das Gemüt, welches nicht weiss, wo es hinaus soll; »ich sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will«; da rücken wir die Erfahrung noch

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näher innerhalb des Brennpunktes unserer Augenlinse, das wirkliche Bild verschwindet, ein imaginäres tritt — enorm vergrössert — an seine Stelle, und nun erblicken wir auf dem fernen Hintergrunde des focus imaginarius eine   I d e e,   und diese gibt unserem Verstande die »Richtungslinien zu einem gewissen Ziele« und verleiht seinen Bemühungen zugleich »grösste Einheit und grösste Ausbreitung«. Das sind die drei Schritte: Erfahrung, Begriff, Idee. ¹)

DAS ANSCHAULICHE IN KANT'S DENKEN

    Wissen Sie, wo dieser Satz: »So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht von da zu Begriffen und endigt mit Ideen« — wissen Sie, wo er steht und was er bedeutet? Er ist der Gipfelpunkt der Kritik der reinen Vernunft! Er leitet den letzten Absatz der Elementarlehre ein; hiermit ist das Hauptwerk vollendet; die folgende Methodenlehre, die kaum ein Fünftel des Buches ausmacht, ist gleichsam nur ein Anhang, etwa wie Sie am Schlusse eines Werkes über Anatomie und Physiologie der Pflanzen eine Skizze der systematischen Gruppierung finden werden. Nun möchte ich Sie freilich nicht zu dem Irrtum verleiten, als wären Sie durch unsere Betrachtungen mit einem Male befähigt, Kant's Metaphysik zu verstehen oder als dürften Sie sich ihres mühsamen Studiums überhoben wähnen; dass jedoch die sichtbare Vorstellung der Art, wie diesen Mann geschaut hat, eine unvergleichliche Hilfe zu einem solchen Studium bietet, das empfinden Sie gewiss, und das werden Sie bei jedem Schritt, den wir weiter tun, bewährt finden. Und ich kann mich nicht entbrechen, Sie schon jetzt darauf aufmerksam zu machen, dass fast alles Missverstehen Kant's darin wurzelt, dass man das anschauliche Element in seinem Denken unterschätzt, wenn nicht gar vollständig übersieht. Jene eigentümliche, hervorragende Vorstellungskraft, die wir für Kant's Geist bezeichnend fanden, ist zugleich die Charakteristik seiner Philosophie; alles in ihr ist Vorstellung. Wohl verschliesst dieser Mann die Augen gegen aussen, und daher haben die Bilder, die er anwendet, selten Glanz, wenn auch immer — wie Sie an dem des focus imaginarius soeben gesehen haben — viel Schärfe; doch ist seine Untersuchung des Innern trotzdem keine abstrakt logische Ratiocination — kein »Vernünfteln«‚ wie er es ein über das andere Mal voll Geringschätzung nennt — sondern ein wirkliches Schauen.
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    ¹) Ich sagte hier anstatt Anschauungen »Erfahrung«, der Deutlichkeit des Zusammenhangs wegen, und durfte es, »da Anschauungen den gesamten Gegenstand möglicher Erfahrung ausmachen (r. V. I, 95).

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Ohne Zweifel ist es diese Tatsache, welche Goethe zu ihm zog und zu dem Urteil veranlasste, wenn er eine Seite im Kant lese, werde ihm zu Mute, als träte er in ein helles Zimmer (G., 9, 113). Nun sind aber unsere Fachmetaphysiker nach wie vor — mit den wenigen Ausnahmen einer jetzt erst beginnenden Reaktion  — »Vernünftler« geblieben; die Scholastiker führen noch heute das grosse Wort, und zwar in allen Lagern und nicht am wenigsten dort, wo ein äusserlicher Anschluss an Physik, Experimentalpsychologie, Statistik usw. stattfindet; und daraus folgt ein durchgreifender Unterschied zwischen der kantischen Art zu denken und fast allem, was uns sonst unter dem Namen »Philosophie« begegnet. Darauf muss ich Sie schon heute aufmerksam machen, und ich kann es, ohne unser Thema zu überschreiten; vielmehr werden Sie erst daraus die Kluft erkennen, die die anschauliche von der abstrakten Methode trennt.
    Genau wie im Mittelalter schwelgen auch unsere heutigen Philosophen im   D e f i n i e r e n.   Es gibt aber keinen grösseren Irrtum als die Voraussetzung, je schärfer — in logischer Beziehung — eine Definition, desto besser, desto leistungsfähiger sei sie. Selbst in der Mathematik gilt das nicht. Denn eine mathematische Definition ist entweder die eigenwillige Vergewaltigung der Anschauung zu Gunsten eines für uns Menschen praktisch brauchbaren Aufbaues wie — z. B. »ein Punkt ist das, was keile Teile und keine Grösse hat«, und »eine Linie ist eine Länge ohne Breite« — oder die Definition bedeutet lediglich eine Verständigung über anzuwendende technische Ausdrücke innerhalb einer durch Anschauung von vornherein vollkommen bekannten Figur, so z. B. über das, was man unter »Mittelpunkt« und »Durchmesser« eines Kreises zu verstehen habe. In Louis Couturat's De l'infini mathématique (1896), einem Werke von ausschlaggebender wissenschaftlichen Bedeutung, lesen wir: »Toutes les définitions mathématiques sont purement nominales, et par suite présupposent toujours le concept qu'elles ont l'air de construire« (p. 342). Und geht man noch weiter, so findet man mit Pascal, dass die Geometrie keinen einzigen der Gegenstände, die sie behandelt — die Bewegung, die Zahl, den Raum definieren könne (De l'esprit géométrique, sect. I). Also selbst hier ist allein die praktische Verwendbarkeit massgebend. Der Natur gegenüber gilt aber folgendes: je scharfer eine Definition gefasst wird, um so mehr bezieht sie sich lediglich auf ein Wort, nicht auf ein Ding. So z. B. ist ein

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B l a t t   ein jedem Menschen aus der Anschauung bekanntes Ding; doch wollen Sie es definieren, so stossen Sie auf grosse Schwierigkeiten. Claude Bernard, einer der bedeutendsten empirischen Forscher des vergangenen Jahrhunderts, behauptet: On ne saurait rien définir dans les sciences de la nature; toute tentative de définition ne traduit qu'une simple hypothèse. Und an anderer Stelle sagt er: Dans toute science les définitions sont illusoires. ¹) Das haben die Botaniker auf ihre Kosten gelernt. Unter dem Einfluss von Goethe's Metamorphosenlehre versuchten sie, wie dieser es gelehrt hatte, mit »dem Blatt in seinem transscendentellsten Sinne« auszukommen; ²) es brachte viel Konfusion. Dann, als es mit »Blatt« nicht mehr ging, verschanzten sie sich hinter das Wort phyllom. Die alten Sprachen tun ja fort und fort Wunder für uns; zwar bedeutet die urgermanische Wurzel blô sowohl Blüte als Blatt und zeigt somit unsere Altvordern ihrem grossen Sohne vorarbeitend; doch Phyllom (aus der griechischen Vokabel für Blatt abgeleitet) liess noch viel mehr Kunststücke zu, da es für unsere lebendigen Ohren überhaupt nichts bedeutet. Hiermit gingen also die Definierkünstler ans Werk, und bald hatten sie mit Hilfe des zu diesem Zwecke hergerichteten Phylloms eine recht plausible Einteilung zustande gebracht, wonach es Phyllophyten (Blätterpflanzen) und Thallophyten (blattlose Pflanzen) gebe; letztere sollten die Algen, Pilze und Flechten umfassen. Zwar, dass die Algen keine Blätter besässen, war für den Gemeinverstand immer schwer begreiflich, und jetzt, wo das Anschauungsmaterial riesig angewachsen ist und genauer untersucht wurde, stellt sich die Unhaltbarkeit der Definition — und mag sie noch so sehr gedehnt werden — heraus. Zwar reden wir noch von Thallophyten, weil es praktisch ist, und weil unsere anschauliche Kenntnis der Algen, Pilze und Flechten nicht von einem Namen abhängt; doch wenn sie z. B. Goebel's Grundzüge der Systematik aufschlagen, werden Sie lesen, dass »wir die Begriffe Blatt und Stamm bei ihnen ebensogut anwenden können wie bei den höheren Pflanzen«. ³) Wollten wir nun reagieren
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    ¹) Leçons sur les phénomènes de la vie, 1878, I, 24, 63.
    ²) Frühere Einleitung in die Morphologie, W. A., 2. Abt. 6, 317.

    ³) Ausgabe von 1882, S. 3. Auch Joh. Reinke schreibt 1903 in seinen Studien zur vergleichenden Entwicklungsgeschichte der Laminariaceen (S. 7): »Warum wollte man zurückweichen vor der Aussage, Laminaria saccharina bestehe aus einem einfachen, unten bewurzelten   S t e n g e l   und einem endständigen   B l a t t e ? ... Nicht in extremer Begriffsklauberei erblicke ich das Ziel der Wissenschaft, sondern in anschaulichem Nachbilden der Tatsachen.«


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und den Kunstausdruck Phyllom möglichst eng und bestimmt umgrenzen, dann tut er uns keine Dienste mehr, weil er dann nur wenig Anschauungsmaterial umfasst und gewaltsam trennt, wo keine Trennung stattfindet, kurz ein blosses Wort wird; ergreifen wir den andern Ausweg und dehnen ihn mehr und mehr aus, so verliert er jeden gestaltenden Wert und ist zwar reich an Stoff, doch bettelarm an Gedanken, also ebenfalls wieder ein blosses Wort. Wenn auch die phyllomlosen Pflanzen Phyllome haben, dann werden wir unsere Aufmerksamkeit lieber anderen Begriffen zuwenden. Weit entfernt, wie Sie sehen, dass bei der Betrachtung der Natur Definitionen die Bedeutung von Grund- und Ecksteinen besässen, wie uns die Philosophen glauben machen möchten, bilden sie lediglich ein technisches Verständigungsmittel und müssen, um Wert zu besitzen, so gefasst werden, dass sie sich dem Anschauungsmaterial schwebend oder, wenn Sie wollen, elastisch anpassen. Freilich, wenn ein System nur aus   G e d a n k e n   aufgebaut wird, dann mag der Philosoph so lustig und haarscharf darauf losdefinieren, wie er will; was dabei herauskommt, ist aber nichts weiter als eine grosse algebraische Rechnung, bei welcher — im günstigen Falle — alles genau stimmt, die Buchstaben jedoch, a und b und x und y, alle nach wie vor Buchstaben, nicht konkrete Werte sind. Und das nennt Kant »Kartengebäude und Geschwätz«. Wogegen in einer wirklich naturwissenschaftlichen, auf Tatsachen sich beziehenden Weltanschauung es durchaus ungereimt ist, von einen Ausdruck zu verlangen, er solle an jeder Stelle ganz genau den selben logischen Sinn besitzen. Was unverrückt bleibt, ist die Anschauung selber; doch die Beweglichkeit der Definition zeigt gerade, dass es sich um lebendige Einsicht und um eine nie adäquat zu erfassende Natur handelt, im Gegensatze zu logisch-willkürlichen Kathederunterhaltungen. »Würde man eher garnichts mit einem Begriffe anfangen können, als bis man ihn definiert hätte, so würde es gar schlecht mit allem Philosophieren stehen«, sagt mit Recht Kant, und er bekennt sich zu folgendem Grundsatz, auf den ich gleich jetzt am Beginn unserer gemeinsamen Arbeit Ihre Aufmerksamkeit lenke: «In der Philosophie muss die Definition als abgemessene Deutlichkeit das Werk   e h e r   s c h l i e s s e n   a l s   a n f a n g e n «. ¹)
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    ¹) r. V. 759. Ungefähr zwanzig Jahre früher hatte Kant schon geschrieben: »In der Metaphysik ist es so weit gefehlt, dass die Definition das Erste sei, was

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    Diese Bemerkung habe ich eingeschaltet, damit Sie von vornherein begreifen, in welchem Sinne Anschaulichkeit, im Gegensatz zu Logisiererei Kant's ganzem Denken zu Grunde liegt, und des weiteren, damit Sie sich nicht die Freude des Verstehens durch die vorzeitige Sucht nach Definitionen oder durch etwaige Einwürfe der Pedanten kürzen lassen. »Man kann viel von einem Gegenstande mit Gewissheit .... sagen, ohne ihn erklärt zu haben«, bemerkt Kant gegen die Philosophen, die mit den »allerabgezogensten Begriffen« anzufangen pflegen. ¹) So können wir denn sehr gut von Erfahrung und Idee sprechen, wie wir es heute tun, nämlich an der Hand konkreter Beispiele, ohne Erfahrung und Idee logisch scharf definiert zu haben. Ja, es wäre völlig ungereimt — zwar sehr philosophenmässig, doch ganz unwissenschaftlich — wollten wir beschreiben, ehe wir erblickt, und sichten, ehe wir zusammengetragen haben. Im Laufe dieser Vorträge wird noch viel über Erfahrung und Idee zu sagen sein; ich hoffe die Sache so einrichten zu können, dass Ihr Verständnis immer wächst und wächst, so dass unserem augenblicklichen Standpunkt später nur die Bedeutung einer untersten Sprosse zukommt; doch ist wahres Wissen — im Gegensatz zum blossen Lernen — eine Tat, und auf Taten kann man sich nur durch Tun vorbereiten; es muss immer alles da sein, wenn auch manches vorderland »unausgewickelt« bleibt; soll das Morgen etwas Rechtes werden, so muss es im Heute eingeschlossen liegen. Später werden Sie dann Plato und Kant studieren und darin alles finden, oder wenn nicht alles, so doch vieles, um das Werk mit abgemessener Deutlichkeit zu schliessen.«

IDEE UND VERNUNFTBEGRIFF

    Doch ich muss der Eingebung, die uns auf diese Frage von dem Werte der Begriffsbestimmungen und damit zugleich aller rein logisch-theoretisch verfahrenden Philosophie geführt hat, noch einE
nützliche Einsicht abgewinnen, die eng mit unserer heutigen Untersuchung über Erfahrung und Idee zusammenhängt.
    Sie sahen, dass Kant sich auf Plato beruft, um das Wort »Idee« in seiner alten Bedeutung wieder einzuführen. Er tut es mit besonderer Feierlichkeit, indem er einerseits die Verballhornungen dieses altehrwürdigen Ausdruckes zurückweist, andrerseits sich davo
r
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ich von dem Dinge erkenne, dass es vielmehr fast jederzeit das Letzte ist« (Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral, 2. Betrachtung).
    ¹) Untersuchung über die Deutlichkeit etc., 2. Betr., Beispiel.


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scheut, »neue Wörter zu schmieden«. Doch liegt dem Gebrauche des Worts »Idee« bei Kant eine Analyse des Menschengeistes zu Grunde, zu welcher die Hellenen auch nicht den geringsten Ansatz gegeben hatten. Darum decken sich Idee bei Plato und Idee bei Kant doch nicht, sondern verhalten sich eher wie zwei auf die selbe, kaum aussprechbare Erkenntnis hindeutende Symbole. Das wird Ihnen erst im Plato- und im Kantvortrag ganz deutlich werden. Schon heute können Sie aber das eine verstehen: dass nämlich Kant's Vorstellung des Begriffs »Idee« eine so reiche und genaue ist, dass er es für angemessen halten muss, zwischen mehr anschaulichen und mehr abstrakten Ideen zu unterscheiden: die ersten sind dann die eigentlichen »Ideen«‚ die zweiten nennt er »Vernunftbegriffe«. Doch ist eine scharfe Scheidung unmöglich; es handelt sich lediglich darum, auf Richtungen aufmerksam zu machen, in denen sich der Menschengeist bewegt; je nach dem augenblicklichen Standpunkt können manchmal Idee und Vernunftbegriff fast wie Gegensätze einander entgegengestellt werden, manchmal dagegen so völlig synonym sein, dass Kant das eine Wort für das andere braucht. Nicht wenige Rügen sind ihn dafür zu Teil geworden. Die Herren, für deren Gedanken ein einziges Wort einen weitsitzenden Rock bildet, den sie mit der Schere kümmelspalterischer Begriffsbestimmung sich möglichst eng zu schneidern suchen, machen Kant Unklarheit, Inkonsequenz, Verwirrung zum Vorwurf; er verstehe nicht zu definieren, er bleibe seinen Definitionen nicht treu usw. Und doch liegt hier einfach Anschauung vor. Sie haben an der Idee der Metamorphose deutlich gesehen, inwiefern diese Idee zugleich anschaulich und nicht-anschaulich ist. Einen Augenblick sah Goethe seine Urpflanze »mit Augen«: da war sie   I d e e;   einen andern redet er von einer »abstrakten Einheit«: da ist sie   V e r n u n f t b e g r i f f.   Bei einer Idee wird unsere Aufmerksamkeit manchmal durch das Begriffliche in ihr besonders in Anspruch genommen, und da ist es genau ebenso wichtig, den ideellen Begriff von den eigentlichen Begriffen (den »Verstandesbegriffen« wie Kant sie nennt) zu unterscheiden, wie es wichtig ist, die symbolischen Vorstellungen, die aus Ideen sich ergeben, von erfahrenen Gegenständen zu sondern. Es gilt also, die Tatsache der Ideenbildung nach zwei Seiten hin gegen Missverstand und Missbrauch zu schützen, und das geschieht am besten, wenn an den zwei äussersten Enden je eine bestimmte, den Missverstand abwehrende

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Vorstellung errichtet wird. Daher die Definition: »Ein Begriff, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt, ist die Idee oder der Vernunftbegriff«. Nicht also, weil dieser fürstliche Intellekt weniger Konsequenz und Klarheit besessen hätte als der erste beste Privatdozent, sondern weil es sich — bei ihm — um die leibhaftige Erfassung der Tatsache »Idee«, nicht um eine logische Schattenpuppe handelt, und weil diese Tatsache »Idee« eine sehr komplexe ist, darum reichte ein einziges Wort nicht aus, sondern zwei waren notwendig, und diese zwei müssen bei ihm, sowohl an kosmischer Ausdehnung, wie auch an schraubstockartiger Zusammenpressung, alles leisten, was man von einem Worte billigerweise verlangen kann.

DIE ERFAHRUNG

    Dass nun »der Idee kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden könne« (r. V. 383), ja, dass überhaupt »in der Erfahrung niemals etwas mit den Ideen Kongruierendes angetroffen werden könne«, das ist nach allem Vorangegangenen so klar, dass es gewiss keines Wortes mehr der Erläuterung bedarf. Selbst Goethe hat später in guter Stunde gestanden: »Die Idee ist in der Erfahrung nicht darzustellen, kaum nachzuweisen; wer sie nicht besitzt, wird sie in der Erscheinung nirgends gewahr«. Auf eines muss ich aber noch Ihre Aufmerksamkeit lenken, ehe wir das Kapitel Erfahrung-Idee, zu dem uns die Unterhaltung zwischen Schiller und Goethe so willkommenen Anlass gegeben hat, für heute schliessen. Es handelt sich um einen eigentümlichen Gegensatz Kant's zu Goethe.
    Goethe — wie wir gesehen haben — glaubte sich so ganz in die objektive Anschauung der Natur versunken, dass er, ehe Schiller ihn aufrüttelte, sich gar nicht bewusst war, überhaupt Ideen zu besitzen. In Wahrheit bestand aber sein Auffassen der Natur — sowohl vor wie auch nach dieser Begegnung — vorwiegend aus einem Walten der Ideen. Intensives Erschauen, nicht genaues Erfahren ist seine Gabe und sein Ziel. Hierüber herrscht unter uns noch manche Unklarheit. Ich zitierte schon Goethe's eigene Worte, er habe kein scharfes Gesicht. Zwar hat er gelegentlich mit dem Mikroskop gearbeitet und auch Versuche über den Einfluss farbigen Lichts auf das Wachstum der Pflanzen angestellt; doch besass er weder Zeit noch Lust noch Anlage zu genauen Beobachtungen. Er selber gesteht einmal: »Ich hatte für nichts Positives einen Sinn, sondern wollte alles wo nicht verständig, doch historisch er-

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klärt haben« (D. W. 9). Man betrachte nur die Entdeckung des Zwischenkieferknochens. Er ist nicht durch geduldige Arbeit gefunden worden, sondern Goethe hat einfach von vornherein erklärt, er müsse da sein. Er ging von einer Idee, von der Idee der Einheitlichkeit im Bau des Wirbeltierskeletts aus. Und es traf sich gut. Doch wird jeder ernste, fähige Naturforscher mir recht geben, wenn ich behaupte, dass das Wesen unserer germanischen Naturwissenschaft darin besteht, alle derartigen apodiktischen Voraussagen zu verwerfen und einzig und allein die Erfahrung entscheiden zu lassen. Goethe war ein strahlendes Genie, und dennoch hat er nicht wenig Verwirrung durch seine unkritische Vermengung von Erfahrung und Idee, sowie auch durch manche nicht glückliche Idee veranlasst. So hat sich z. B. Goethe's Bestreben, sämtliche Organe der Pflanze auf die einzige Idee »Blatt« zurückzuführen, als ebenso undurchführbar wie unfruchtbar erwiesen; fünf Ideen — Thallom, Rhizom, Caulom, Phyllom, Trichom — hat man aufstellen müssen, um die Metamorphose unter Dach zu bringen und für die Wissenschaft einigen Nutzen daraus zu ziehen. ¹) Noch schlimmere Konfusion hat das Dogma: »das Schädelgerüst ist aus Wirbelknochen auferbaut« hervorgebracht; nicht, weil die Idee nicht höchst anregend gewesen wäre, sondern weil sie der Beobachtung zuvorgriff, welche später zeigte, dass ein Teil des Wirbeltiercraniums aus Hautskelettbildungen hervorgeht, ein anderer Teil den Kiemenbogen homolog ist, so dass die Analogie mit Wirbelknochen im besten Falle nur einen Teil des Kopfes, nicht den ganzen Schädel, betreffen kann; übrigens bleibt die Zurückführung auch in diesem Teile so dunkel, dass sie mehr ein Thema für die pseudodialektische Scholastik zoologischer Exegeten als eine Förderung der Wissenschaft bedeutet. ²) Goethe bekannte später selber: »Nach meiner Art zu forschen, zu wissen und zu geniessen darf
—————
    ¹) Wie sehr bedingt und nur für praktische Zwecke hinreichend dies gelungen ist, kann man aus Goebel's Organographie der Pflanzen S. 10 f. ersehen.

    ²) Schon 1849 hat Kölliker gezeigt, dass im Schädel Hautknochenbildungen
vorkommen, deren angebliche Ähnlichkeit mit Wirbelknochen nur eine oberflächliche ist; dann aber zeigte Huxley, dass das sog. »Primordialcranium«, aus dem die übrigen Knochen hervorgehen, immer einheitlich und ungegliedert entsteht. Später hat allerdings die Metamerentheorie Gegenbaur's in einem gewissen, bedingten Sinne die Wirbeltheorie Oken's und Goethe's wieder zu Ehren gebracht, da in jedem hypothetischen Segment   (M e t a m e r)   das Analogon eines Wirbels vorauszusetzen ist; doch wer § 103 in Gegenbaur's Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere aufmerksam liest und dann noch glaubt, es sei hier von wirklichen Dingen, nicht bloss von wissenschaftlicher Scholastik die Rede, der hat einen Glauben, der Berge versetzen könnte und um den ihn jeder Trappist beneiden muss.

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ich mir nur an Symbole halten«. ¹) Doch diese »Art« soll nicht bald ein Anderer nachmachen; unsere echte Wissenschaft ginge in Scherben. In Wahrheit handelt es sich bei Goethe um etwas Anderes; es handelt sich überhaupt nicht um eigentliche Wissenschaft, sondern um jene   W e l t   d e s   A u g e s,   welche die ungeheure Masse des barbarischen Wissens im Interesse der Kultur neu gestalten soll. Darauf komme ich im nächsten Vortrag zurück. Kant nun, der Mann, der so wenig die Augen auf die umgehende Welt richtete, und bei dem man darum geneigt sein könnte, eine Bevorzugung der Ideenwelt vorauszusetzen, hat die autonomen Rechte der Erfahrung im Gegensatz zur Idee ganz anders gewahrt als Goethe. Eines der hervorragendsten Ergebnisse von Kant's wissenschaftlicher Analyse der menschlichen Vernunft besteht in der scharfen Scheidung zwischen Idee und Erfahrung und in dem Nachweis, dass »in Betracht der Natur   E r f a h r u n g   die Regel an die Hand gibt und der Quell der Wahrheit ist (r. V. 375). Missverstehen Sie ihn, bitte, nicht. Welche hohe Bedeutung Kant den praktischen Ideen für das Leben des Menschen beilegte, wird ihnen nicht ganz unbekannt sein; er sagt, sie seien »jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen unumgänglich notwendig« (r. V. 385); und wie unentbehrlich er die theoretischen Ideen für die Wissenschaft hält, geht aus dem obigen Beispiel mit dem   f o c u s   i m a g i n a r i u s   hervor und führt in der Kritik der reinen Vernunft und der Kritik der Urteilskraft zu überaus grossartigen Darlegungen über das Gesetz, nach welchem wir Menschen Gattungen und Arten aufstellen, über den Sinn der Zweckmässigkeitsvorstellung, über die Endlichkeit und Unendlichkeit des Kosmos usw.  Von einer Verkennung oder Geringschätzung der Ideen kann also keine Rede sein. Keiner hätte freudiger als Kant Couturat's Wort unterschrieben: Les idées sont le fondement même de la réalité, ²), die Grundlage des Wirklichen sind die Ideen. Aber, was Kant im Gegensatz zu Goethe auszeichnet, ist, dass er immer die Unerbittlichkeit der empirisch gegebenen Tatsachen rückhaltlos anerkannte und deswegen die Ideen einer weit schärferen Kritik unterzog als Goethe, der zwar theoretisch nach der Unterhaltung mit Schiller seinen Irrtum eingesehen hatte, nichtsdestoweniger aber bis am sein Lebensende geneigt
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    ¹) Die Lepaden, 1824.
    ²) a. a. O., S. 560.


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blieb, die nicht einmal klar formulierten Ideen seiner Vernunft für Erfahrungstatsachen der Natur zu halten. Wenn wir Eckermann's Gedächtnis trauen dürfen, sagte Goethe noch 1827: »Ich   e n t d e c k t e   das Gesetz der Metamorphose« (G. 1. 2. 27); er hielt also noch immer die unvorstellbare und unausdenkbare Idee der Metamorphose für ein Analogon der Bewegungsgesetze, auf die wir durch genaue Beobachtung gekommen sind, und begriff nie recht, dass es sich um einen völlig andern Geistesvorgang handelte. ¹) Dagegen lautete Kant's Bekenntnis: »Ausserhalb der Erfahrung wird kein Dokument der Wahrheit irgendwo angetroffen« (r. V. 779); das ist zugleich das Bekenntnis aller exakten Wissenschaft, es ist das Banner, unter dem freie Männer gegen Obskurantismus, gegen Dogmatismus, gegen Aberglauben ausziehen. In der gesamten Weltgeschichte und bis zum heutigen Tag herab hat kein Philosoph die unveräusserlichen Rechte der Erfahrung so überzeugt und überzeugend vertreten, wie Kant. Kein Wunder, dass die bedeutenderen Naturforscher sich zu ihm bekennen. Und er hat nicht allein unser Recht, die Augen zu öffnen, dargetan und mit philosophischer Strenge gezeigt, dass die Mauern, die man immer und immer wieder im Namen der Moral und der Religion gegen freie Forschung und freie Meinung aufrichtet, Bollwerke vieltausendjähriger Unmoralität und eingefleischten Heidentums sind, sondern er hat das grösste Gewicht darauf gelegt, uns vor den versteckten Feinden in den eigenen Gehirnwindungen zu warnen. Darauf zielt sein Bemühen. Sie alle sollen herbei, die Idee und die Theorie und das System, doch als Vermittler und Helfer, nicht als Begründer und Herrscher. Diese Kritik führt darum notwendig zu einer Reihe von Grenzbestimmungen in Bezug auf die Erfahrung selber. Wir dürfen unsere Ideen und unsere Hypothesen und unsere Theorien und unsere Systeme nicht für Erfahrung halten — selbst dann nicht, wenn wir auch einsehen und bekennen, dass Erfahrung ohne sie unmöglich wäre. Hierdurch wird nun der Begriff der Erfahrung immer reiner, zugleich aber auch immer fester umgrenzt. Ein für allemal wird die Erfahrung des frechen Flittertandes materialistischer
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    ¹) Angesichts anderer authentischer Aussprüche aus Goethe's letzten Lebensjahren, von denen einige schon angeführt sind oder weiter unten noch angeführt werden, halte ich einen Irrtum Eckermann's nicht für ausgeschlossen. Hat Goethe aber wirklich »entdeckte« gesagt, so würde dies zeigen, dass er nur bei der vollkommenen Besonnenheit schriftlicher Arbeit die eingeborene und eingefleischte Auffassung zu überwinden vermochte.

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Verblödung beraubt, als könne sie je über sich selber hinausführen und als sei sie eine Art Gottheit und nicht die blosse Dienerin eines despotisch gebietenden und gestaltenden Verstandes — des Königs im Turm. Doch auch dieser König muss sich bescheiden lernen; denn allein in der also gereinigten Erfahrung fliesst »der Quell der Wahrheit«, sie allein liefert »Dokumente der Wahrheit«, sie allein gibt »die Regel der Wahrheit an die Hand«.
    Wegen dieser ihrer mittleren und erfolgreich durchgeführten Tendenz könnte Kant's Kritik der reinen Vernunft mit ebenso grossem Rechte die   V o r s c h u l e   d e r   r e i n e n   E r f a h r u n g   geheissen werden.
    Sie sehen den Kontrast zwischen Goethe und Kant. Und habe ich auch nicht umhin können, theoretisches Gebiet zu streifen, so bitte ich Sie doch, heute nur auf die angeborene   A r t   z u   s c h a u e n   Ihr Augenmerk zu richten. Dies ist das Primäre und Unvergängliche, wogegen jedes System eine Menge unpersönlicher Elemente enthält und in jedem Jahrhundert anders abgefasst worden wäre. Wollten wir aber nur das die beiden Männer Unterscheidende betonen, wir hätten nur halbes Werk geleistet und hielten in der Hand eines jener beliebten, mir aber verhassten Flächenbilder — alles links und rechts; damit Körperlichkeit entstehe, muss immer noch die andere Dimension hinzukommen: die Tiefe. Und da ist nun die entscheidende Erkenntnis die, dass diese zwei Männer, scheinbare Gegensätze in den Anlagen und infolgedessen auch in den Leistungen, nichtsdestoweniger auf das selbe Ziel hinstreben: die Förderung der Anschauung gegenüber den Ansprüchen des abstrakt-logischen Denkens. Goethe fördert die Anschauung durch Betonung des Wertes der   I d e e,   die, wie er an einem Orte andeutet, »den inneren Sinn des Beobachters aufschliesst«. ¹) Kant fördert die Anschauung durch Betonung der   E r f a h r u n g   und durch die genaue Kritik des sehr verwickelten Gebildes, das wir »Erfahrung« zu nennen pflegen.

GOETHE UND KANT

    Jetzt, glaube ich, verstehen Sie ganz genau — besser jedenfalls als der gute Eckermann es je verstanden hat — was Goethe meinte, als er die denkwürdigen Worte sprach: »Ich ging aus eigener
Natur einen ähnlichen Weg als Kant«. ²) Wir   v e r s t e h e n   immer
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    ¹) Vorträge über die drei ersten Kapitel des Entwurfs einer allgemeinen Einl. in die vergl. Anatomie, ausgehend von der Osteologie, II (W. A. 2. Abt., 8, 71).
    ²) Siehe oben, S. 21.

78 GOETHE

erst von dem Augenblick an, wenn eine Einsicht mehr enthält als Worte fassen können. Nicht Worte allein, auch Urteile sind nur Symbole, sobald sie sich auf Lebendiges beziehen. »Ich ging einen ähnlichen Weg als Kant« wird nicht richtig verstanden, ehe wir einsehen, dass Goethe in genau dem selben Augenblick, zu einem andern Manne redend, gesagt hätte: ich ging einen andern Weg als Kant. Wirkliches Wissen ist unausdenkbar; es wird nicht eigentlich mitgeteilt, sondern geweckt.
    Für die Bedürfnisse dieses Vortrages ziehe ich nun das Ergebnis unserer vergleichenden Betrachtung der beiderseitigen Auffassung von Idee und Erfahrung folgendermassen zusammen: ein ewig aufnehmendes Auge strahlt auch ewig zurück, und somit pflückt es im Garten der Natur seine eigenen Ideen und glaubt, sie seien dort gewachsen — das war Goethe's Fall:

O lasst sie walten,
Die unvergleichlichen Gestalten,
Wie sie dorthin mein Auge schickt.

Dagegen findet in dem fürsorglich verschlossenen Gehirn Kant's eine derartige Verwechslung nicht statt: das Licht von aussen blendet diesen Mann nicht, und somit war er befähigt, das Äussere vom Inneren fein zu scheiden, und nicht das allein, sondern innerhalb der Wahrnehmung den eigenen Beitrag des Menschen von dem fremden zu sondern, sowie des weiteren innerhalb des begrifflichen Denkens den Stoff von der Form. Hätte Kant nicht die eigenartige und phänomenale Vorstellungskraft besessen, auf die ich Sie zu Beginn des Vortrags aufmerksam machte, so hätte ihn der Stoff gefehlt: um eine Weltanschauung zu haben, muss man eine Welt sein eigen nennen; hätte aber Kant in so unmittelbaren Wechselbeziehungen zur Natur gestanden wie Goethe, so wäre er nicht imstande gewesen, jene Reihe von Unterscheidungen durchzuführen, auf welche das Menschengeschlecht im Interesse echter Wissenschaft und echter Religion immer wieder wird zurückgreifen müssen.
    Und ausser dieser begrifflichen Zusammenfassung möchte ich aus unsern Betrachtungen auch eine »Moral« ziehen. Sie lautet: wer sich der Natur ganz hingibt, verliert sich in ihr. Goethe wusste es wohl. »Die Idee der Metamorphose,« schreibt er einmal, »ist eine höchst ehrwürdige, aber zugleich höchst gefährliche Gabe von oben. Sie führt ins Formlose, zerstört das Wissen, löst es

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auf«. ¹) Und doch, bis in sein hohes Alter, verfiel er immer wieder in den Mysticismus seiner Jugend. Nun ist die Mystik als Gemütsstimmung, als Ahnung transscendenter, unwissbarer Welten gewiss eine verehrungswürdige Geisteserscheinung; manchmal hat sie auch die Wege gewiesen zur Befreiung aus den Ketten des Dogmas; doch als Verstandesdispostion ist sie zu perhorrescieren; der strahlendste Intellekt wird kindisch. sobald er auf diesen Abweg gerät. Auch hier ist der grosse Kant unser Erlöser auf alle Zeiten; denn nur echte Kritik, wie er sie uns lehrte, kann vor Verirrung schützen. Leider jedoch hat es Goethe, trotz des reinigenden Einflusses Kant's, nicht vermocht, in der kritischen Stellung dauernd zu verharren. »Ich bin zur Identitätsschule geboren,« ruft er fast klagend aus; ²) und wenige Jahre vor seinem Tode schreibt er die bedauernswerten Worte hin: »Die Materie kann nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existieren«. ³) Das schreibt der selbe Mann, der einige Jahre früher gestanden hatte, schon die Idee der Umbildung sei gefährlich und zerstöre das Wissen! Der Dualismus ist keine Theorie, sondern eine Tatsache. Es wäre vielleicht ganz hübsch, wenn wir Menschen statt zwei Beine nur ein einziges hätten; doch Tatsache ist, dass wir zwei haben und dass wir abwechselnd mit dem linken und mit dem rechten Fuss ausschreiten müssen, um vorwärts zu kommen Jeder Monismus — er mag sich geben, wie er will — führt in letzter Instanz zur Nabelbeschauung. Sind Subjekt und Objekt eins, so schwindet alle Tat hin, die Wissenstat ebenso wie die Herzenstat.
    Goethe freilich schützte sein Genie vor diesem Schiffbruch. Dieser herrliche Mann war reich an jenen Widersprüchen, in welchen sich echte Grösse — verschwenderisch wie ihre Mutter Natur — bewährt. Sie haben das soeben wieder gesehen. Und
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    ¹) Problem und Erwiderung. Goethe scheint die Gefährlichkeit seiner Idee häufig empfunden zu haben. Die erst kürzlich veröffentlichten Arbeiten enthalten solche Warnungen aus den verschiedensten Lebensepochen. So hat Goethe z. B. gleich nach der Publikation der Hauptschrift über Die Metamorphose der Pflanzen, 1790, einen zweiten Versuch begonnen, in welchem er ausdrücklich warnt: »Der Missbrauch dieses Begriffes führt uns auf ganz falsche Wege und bringt uns in der Wissenschaft eher rück- als vorwärts.« Und in den aphoristischen Bemerkungen, die Goethe 1829, angeregt durch das Studium von Decandolle's Organographie végétale aufsetzte, macht er aufmerksam, dass »jene erste Idee, auf die wir so viel Wert legten«, bei manchen organischen Bestimmungen »nicht helfen könne, vielmehr hinderlich sein müsse« (W. A., 2. Abt., 6, 279 und 357).
    ²) Brief an Zelter vom 15. 1. 1813.
    ³) Schreiben an den Kanzler von Müller vom 24. 5. 28 als Erläuterung zu dem aphoristischen Aufsatz »Die Natur«.

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reichere Eingebung sprach aus ihm, als er, anstatt zur flachen Identität sich zu bekennen, das ewige Wort sprach: »Wo Objekt und Subjekt sich berühren, da ist Leben«. Behauptet er auch zu gewissen Stunden,   » s e i n   D e n k e n   s e i   e i n   A n s c h a u e n «   (das sind seine eigenen Worte), es verschmelze völlig mit den Gegenständen, ¹) so gesteht er doch in anderen, der Mensch müsse sich auch der Natur gegenüber »gesetzgebend verhalten«, ²) was offenbar das Gegenteil von »verschmelzen« ist; ja, er sagt einmal, dass »alle Versuche, die Probleme der Natur zu lösen, eigentlich nur Konflikte der Denkkraft mit dem Anschauen sind«. ³) Das Wesen dieses unausbleiblichen Konflikts aufzudecken, das gerade war das Lebenswerk Kant's. Selbst der in philosophischen Fragen am wenigsten bewanderte Mensch muss leicht begreifen, welchen Gewinn es bedeutet, durch Analyse festgestellt zu haben: einesteils, wie viel »gesetzgebendes Denken« des Menschen in der vermeintlich rein objektiven Anschauung am Werke ist, andernteils, inwiefern das Anschauen dem Denken erst den Stoff liefert und somit dem Gesetzgeber bestimmte Wege weist. Hierdurch erst ward die reinliche Scheidung zwischen Erfahrung und Idee möglich.

DIE MATHEMATIK


    Somit habe ich die Aufgabe, welche ich mir mit dem heutigen ersten Vortrag stellte, in der Hauptsache gelöst, soweit ich es vermochte. Doch will ich nicht schliessen, ohne Ihre Aufmerksamkeit noch kurz auf ein anderes Gebiet der Anschauung gelenkt zu haben, das zwar erst im nächsten Vortrag ausführlicher zur Sprache gelangen kann, wo aber der Vergleich zwischen Goethe und Kant so belehrend ist und die schon gewonnene Einsicht so wertvoll ergänzt, dass es auch heute nicht unerwähnt bleiben darf. Ich rede von der Mathematik.
    Mathematik ist — um Goethe's Wort zu borgen — diejenige Anschauung, welche dem »gesetzgebenden« Denken des Menschen ganz und gar eigen ist. Über jene Brücke des Auges, von der wir am Anfang des Vortrages sprachen, kommen von aussen Gestalten hinein, Gestalten, die wir Menschen völlig unfähig sind zu erfinden, die wir nur kennen, insofern die Natur sie uns zugeführt hat; drinnen aber, im Turm, gibt es auch eine Gestaltenwelt, Gestalten,
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    ¹) Bedeutende Fördernis durch ein einziges geistreiches Wort.
    ²) Problem und Erwiderung.
    ³) Der Kammerberg bei Eger.

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die sich nicht auf dieses und jenes wirkliche Wesen beziehen, sondern auf alles und gar nichts, lauter Stangen und Winden und Kanten und Flächen, wie sie die Natur draussen nicht kennt oder wenigstens nicht kannte, ehe diese Welt der menschlichen Phantome in der Form von Maschinen greifbare Existenz gewonnen hatte.

Sie sehn dich nicht, denn Schemen sehn sie nur,

sagt Mephistopheles von den »Müttern«; diese Mütter sind unsere Mütter, die Mütter des Menschengeschlechts; von ihnen erbten wir unsere graue Hirnsubstanz, und diese ist der Archimedische Punkt, von wo aus — gleichsam von ausserhalb der Natur — wir das Netz unsrer ordnenden, abstrakt gestaltenden, brechenden, selbstherrlichen, gesetzgebenden Mathematik über den Kosmos ausbreiten, um ihn dadurch unserm menschlichen »Wissen« einzuverleiben.

    Hierauf werden wir in den beiden folgenden Vorträgen näher einzugehen haben. Heute wollen wir uns damit begnügen, den unvermittelten Widerspruch in der Wertschätzung dieses menschlichen Schemenwesens — Mathematik genannt — seitens Goethe's und Kant's festzustellen. Kant's Glaubensbekenntnis lautet: »Reine Mathematik .... gewährt die wahrste Erkenntnis und ist zugleich das Muster der höchsten Gewissheit auf allen Gebieten« (D. § 12); und er bewundert nicht nur, sondern liebt die Mathematik so sehr, dass er von ihr urteilt, sie »rühre das Gefühl auf eine ähnliche oder erhabenere Art als die zufälligen Schönheiten der Natur». ¹) Goethe dagegen, der von sich gesteht: »Trennen und Zählen lag nicht in meiner Natur«, ²) meint: »Seit der Regeneration der Mathematik ist die Wissenschaft in klägliche Abirrung geraten«. ³). Goethe ist nicht nur mathematisch unbegabt, sondern er verrät auch wenig Verständnis für das Wesen und die praktische Bedeutung der Mathematik; auch Kant ist kein grosser Rechenkünstler, er besitzt aber eine hervorragende mathematische Anschauungsgabe. Hier ist es Goethe, der die Augen zuhält, und Kant, der sie öffnet. Mit seinen offenen Augen gelingt ihm auch ein überaus geniales Gestaltungswerk von bleibender Bedeutung. Denn gewiss darf man ohne Übertreibung behaupten, Kant's — vierzig Jahre später von Laplace wieder aufgenommene und zahlenrechnerisch näher
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    ¹) Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes, 2. Abt.
    ²) Geschichte meines botanischen Studiums.
    ³) Ferneres über Mathematik und Mathematiker.


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ausgeführte — Hypothese über die Entstehung des Himmelsgebäudes sei eine der eminent genialen Leistungen der menschlichen Anschauungskraft.
    Das Allbekannte brauche ich nicht zu schildern: Sie kennen diese Hypothese einer anfänglich ununterschiedenen, chaotisch-nebelhaften Urmasse, die infolge der Anziehung und Abstossung der Teilchen in Umdrehung gelangt, wodurch sich erst ein mittlerer Körper bildet, um diesen wieder andere, und so weiter — bis die Sonnen alle dastanden, oder wenigstens die meisten unter ihnen (denn einige sind noch heute im Nebelzustande), und um die Sonnen ihre Planeten, und um die Planeten Ringe, Monde, Asteroiden usw.  Kant nennt seine Hypothese einen »Versuch von den   m e c h a n i s c h e n   Ursprunge des ganzen Weltgebäudes«, und dieser Versuch war ein so glänzender, dass er bis heute noch, inner- und ausserhalb der exakten Wissenschaft, fast alle Vorstellungen beherrscht. Es liegt mir aber viel daran zu betonen, dass es sich hier nicht um eine »Theorie« im Sinne der von Descartes und Newton aufgestellten Bewegungsgesetze handelt, sondern um eine freischöpferische Hypothese. Ihre Anschaulichkeit ist eine so gewaltige, überzeugende, dass auch Männer der Wissenschaft diese Tatsache manchmal übersehen; dadurch wird aber das Wesen der Leistung verkannt. In Wirklichkeit sieht man heute immer klarer ein — so belehren uns die Mathematiker — dass die betreffende Hypothese weder in Kant's Ausgestaltung, noch in derjenigen Laplace's, noch in der späteren Hervé Faye's, noch in den ganz neuen Arbeiten J. Mooser's in allen Teilen vollkommen stichhaltig durchzuführen ist, noch jemals durchzuführen sein wird. Sie ist eben nicht eine Theorie, sondern eine Hypothese; sie zwingt unreduzierbare Elemente in ihr Schema ein, damit das Ganze vorstellbar werde; irgendwo, wie bei allen Hypothesen, wird entweder den Tatsachen oder den Berechnungen Gewalt gethan. Auch haben solche Dinge, wie z. B. Lord Kelvin's Berechnung, dass, wenn die Erde von Anfang an in ihrem ganzen Durchmesser aus festem Stahl bestanden hätte, sie bei ihrer Drehgeschwindigkeit fast genau die selbe Abplattung an den Polen erfahren haben würde wie die tatsächlich vorhandene — die nach Kant's Vorgang mittelst der Annahme eines früheren gasförmigen, dann flüssigen Zustandes erklärt zu werden pflegt — viel zu denken gegeben über die Gewagtheit, aus Möglichkeiten Wirklichkeiten machen zu wollen. Neuerdings kommt nun die von hervorragenden Geologen und

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Physiographen (Geikie, Nordenskiöld, Ratzel usw.) bevorzugte Hypothese hinzu, nach welcher die Himmelskörper aus dem Zusammenfallen fester Staub- und Steinmassen im kosmischen Raum um einzelne Attraktionspunkte entstanden wären. Nach ungefähren Berechnungen fallen jetzt in einem Jahrtausend vierundeinhalb Millionen Zentner an Meteoriten aus dem interplanetarischen Raume auf die Erdoberfläche. In einem Aufsatz in Petermanns Mitteilungen (1901, S. 217 fg.) kommt Friedrich Ratzel zu dem Schlusse, Kant's Hypothese sei »nicht als die alleinige und gewissermassen unumgängliche Erdbildungshypothese anzusehen. Die Geographie hat an sich keinen Grund, einen Urnebel und darauffolgenden glühend-flüssigen Zustand des Planeten für wahrscheinlicher zu halten als den Zusammensturz von kleinen Himmelskörpern in verschiedenen Aggregatzuständen, aus deren Vereinigung unter Wärmeentwicklung die Erde, gleich anderen Himmelskörpern, hervorgegangen sein könnte«. Der Ausblick auf solche früher ungeahnte Möglichkeiten entzieht der Nebularhypothese Kant's und Laplace's, wie Sie sehen, jeglichen dogmatischen Wirklichkeitswert und lässt sie nur umso grösser als das erscheinen, was sie in Wahrheit ist: ein geniales Erzeugnis des gesetzgebenden mathematisch-schematischen Menschenverstandes, freischöpferisch mit dem Bilde des gesamten Kosmos waltend. Jene selbe analysierende und aufbauende Vorstellungsgabe, welche wir vorhin bei der Westminsterbrücke am Werke sahen, greift hier kühn bis zu den Sternen und ruft: »Gebt mir nur Materie, ich will euch eine Welt daraus bauen!« (H., Vor.).

DENKER UND ANSCHAUER

    Diese Art anzuschauen, und infolgedessen auch diese Art zu denken, ist so ungoetheisch wie möglich: mit einer abstrakten »Materie«, die nach Schemen bewegt gedacht wird, hätte Goethe
  nicht das Geringste anzufangen gewusst.
    Nun aber bitte ich, mit aller Aufmerksamkeit das Folgende zu beachten. Wie Sie schon aus unseren früheren Ergebnissen gelernt haben werden: die erste rohe Feststellung psychischer Anlagen gewährt wenig Belehrung; wenn die Analyse nicht weiter verfolgt wird, fühlt man nur die Last einer neuen Tatsache, nicht die Beflügelung durch eine neue Erkenntnis. An dem hier bei der Betrachtung der Mathematik und des schematischen Schauens hervorgehobenen Gegensatz zwischen den beiden Arten zu schauen — Goethe's und Kant's — knüpft sich eine unerwartete, paradox schei-

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nende und psychologisch ungemein belehrende Einsicht:   K a n t 's   t h e o r e t i s c h e   G e d a n k e n   s i n d   a n s c h a u l i c h e r   a l s   G o e t h e 's.   Diese Hypothese Kant's über den mechanischen Ursprung des Weltgebäudes ist etwas viel Greifbareres, viel leichter Vorgestelltes, weil viel mehr mit Augen Gesehenes als Goethe's Lehre von der Metamorphose der Gestalten. Und der Grund ist folgender: Kant führt ein konkret Geschautes (die Sternenwelt) auf ein Schema — also ebenfalls auf ein unmittelbar Anschauliches (nämlich auf ein geometrisch Anschauliches) — zurück; Goethe dagegen sucht für eine Idee, welche Anschauung in seiner Vernunft geweckt hat, ein Symbol, — die Idee selbst »übersteigt die Möglichkeit der Erfahrung«, und das Symbol borgt zwar von der Anschaulichkeit, doch um darüber hinauszugehen. Der reine Denker bleibt also beim Naturbetrachten innerhalb der Grenzpfähle möglicher Anschauung, wogegen das Anschauungsgenie sie nach beiden Seiten zu überspringen trachtet. Gelangt der reine Denker zum Anschauen, so ist sein Anschauen ein widerspruchloses, ganz menschliches, — ich möchte sagen, ein logisches Anschauen; gelangt das Anschauungsgenie zum theoretischen Nachdenken, so hat er ein Supralogisches mitzuteilen und darum kann er nur durch Andeutungen reden und wird unklar und oft widerspruchsvoll. Aus diesem Grunde ist Kant's Naturlehre sichtbarer und fasslicher als Goethe's.
    Beachten Sie auch Folgendes. Der mathematisch-mechanisch denkende Geist, das heisst derjenige, welcher auf dem Standpunkte des gesetzgebenden Menschen steht, tritt bewaffnet mit seinen Gesetzestafeln auf das unfassbare Weltganze zu und zwingt ihm sein Schema auf; wogegen der Priester des Auges die willenlose Hingabe an die Anschauung lehrt, jene »ganz eigene Art von Forschung«, wie Goethe sie nennt, »die Anfrage an die Natur«. ¹) Anstatt mit Kant den ganzen Kosmos in das Menscheninnere hineinzuzwängen, führt diese Anfrage an die Natur den Menschen aus sich heraus und wirft ihn der Natur in die Arme. Hier führt der Weg zur mystischen Vereinigung mit der Natur, hier führt der Weg zum Übermenschentum, wo der Starke, der einen festen Fuss und schwindelfreie Augen besitzt, hoch hinauf gelangen kann —

Wagt ihr, also bereitet, die letzte Stufe zu steigen
Dieses Gipfels, so reicht mir die Hand und öffnet den freien
Blick ins weite Feld der Natur

—————

    ¹) Annalen, 1810.

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— wo aber Diejenigen, welche unvorbereitet, tollkühn es wagen, oder nicht dem echten Genie die Hand reichen, auf dass es sie stütze, sondern dem eitlen Rhetor oder dem mystischen Schwärmer, unvermeidlich in den Abgrund hinabstürzen müssen. Das Schema birgt keine solche Lebensgefahr. Zwar macht es leicht aus unbedeutenden Menschen Maschinen, doch was liegt daran? Es macht sie ja zugleich leistungsfähig. Und inzwischen wird es in den Händen der Begabteren »der Stolz der menschlichen Vernunft« (wie Kant in charakteristischer Begeisterung ausruft, r. V. 492); und indem das Schema mit selbstherrlicher Nonchalance jede lebendige Gestalt, jedes Naturphänomen dehnt und presst und abhackt, bis sie in das Pokrustesbett der gesetzgebenden reinmenschlichen (mathematischen) Anschauung hineinpassen, schafft es Behälter und Organe für ein zunehmendes »Wissen«, und zwar für ein Wissen, welches Gemeingut der Menschen — auch der Unbegabteren — werden kann, und welches gerade darum, weil es ein gut Teil willkürlich-gewaltsamen Menschenbeisatzes an sich hat, so greifbar und überzeugend und wirkungsreich ist.

ÜBERGANG

    Ich bin zu Ende. Von einer Zusammenfassung unserer Ergebnisse sehe ich um so eher ab, als wir in dem nächsten Vortrag vielfach auf die selben Gegenstände zurückkommen müssen. In der Person des Leonardo da Vinci werden wir ein zweites Anschauungsgenie — einen zweiten Mann aus der Welt des Auges — unserem Kant entgegenstellen. Es wird sich aber zeigen, dass Leonardo nicht weniger als Kant von Goethe abweicht; dadurch werden wir lernen, zwischen Auge und Auge zu unterscheiden. Überraschend wird es wirken, Goethe — von Leonardo aus betrachtet — in Bezug auf gewisse Unzulänglichkeiten des Auges und auf ein Vorwalten des Denkens sehr nahe an Kant heranrücken zu sehen, Leonardo aber, den absoluten Künstler — von Goethe aus gesehen — Kant in wichtigen Punkten verwandt zu finden, weit näher verwandt als dem ideenreichen Dichter. So wird sich nach und nach der Reichtum und die Eigenart der Persönlichkeit Immanuel Kant's vor uns enthüllen und werden wir allmählich die Befähigung gewinnen, in sein Denken einzudringen. Möge der heutige Versuch eine gute Grundlage zu unseren weiteren Arbeiten gelegt haben. Kant hat es um uns verdient, dass wir nicht ruhen, bis er für uns lebendig geworden ist.

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Letzte Änderung am 7. September 2005