Here
under follows the transcription of the second chapter of Houston
Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
LEONARDO DA
VINCI
Painted by
himself
Drawn and
engraved
by Charles Townley
INHALTSÜBERSICHT
|
87
ZWEITER VORTRAG
LEONARDO
(BEGRIFF
UND ANSCHAUUNG)
MIT EINEM EXKURS ÜBER PHYSIKALISCHE
OPTIK
UND FARBENLEHRE
———
LA
NOSTRA ANIMA È COMPOSTA
D'ARMONIA,
ED ARMONIA NON
S'INGENERA, SE NON IN ISTANTI
NEI QUALI LE PROPORTIONALITÀ
DEGLI OBIETTI SI FAN VEDERE
O'UDIRE. LEONARDO
88
(Leere
Seite)
89
WIEDERHOLUNG
Da zu
einer
Anschauung
ein Anschauender und folglich zu einer Weltanschauung ein
Weltanschauender
gehört, so haben wir uns als Ziel vorgesetzt, etwas
über
die unterscheidenden Eigenschaften von Kant's persönlicher Art
anzuschauen
in Erfahrung zu bringen. Wir nehmen in diesen Vorträgen das Wort
Anschauung
nicht in dem landläufigen Sinne von »Meinung« oder gar
»Lehre«,
sondern in der ursprünglichen (schon in der Sanskritwurzel skau =
schau enthaltenen) Bedeutung des Sehens, sowie der besonderen Art und
Weise
zu sehen, welche bestimmten Individuen eigen ist. »Das Sehen ist,
wie ein Erleiden, so auch ein Tätigsein«, erkannte schon
Aristoteles;
nun ist aber das Verhältnis zwischen Erleiden und Tätigsein
in
dem Sehen verschiedener Männer verschieden, ebenso auch der Grad
und die feinere Beschaffenheit beider. Darum griffen wir zum Vergleich.
Wir wollen Anschauende von allerhöchster Bedeutung selber
»anschauen«‚ überzeugt, dass dies uns erfolgreicher
fördern wird, als
wollten
wir über sie abstrakt theoretisieren und ihre Lehren mit
zugespitzten
Definitionspfählen fein sauber einhegen. Aus unserem ersten
Vergleich
— dem mit Goethe — haben wir bedeutenden und bleibenden Gewinn gezogen.
Die geistige Individualität Kant's kontrastierte auffallend mit
der
Goethe's. Bei Kant beobachteten wir eine eigentümliche Art von
Anschauungskraft
in geradezu erstaunlichem Masse entwickelt: es war die Fähigkeit,
das Beschriebene sich innerlich vorzustellen; und das Beschriebene ist
ein stückweise oder — wie der technische Ausdruck lautet —
analytisch
Vorgeführtes; denn das W o r t kann nur nach
und nach ein Ganzes
geben,
wogegen das A u g e zunächst ein Ganzes und nur
nach und nach Teile
gibt.
Auch fanden wir bei Kant die von innen nach aussen projizierte,
geometrisch - schematische, menschlich - schöpferische Anschauung,
nämlich
die mathematische, bedeutend entwickelt. Dagegen war für Goethe
der
unersättliche Augenhunger charakteristisch und in engem
Zusammenhang
hiermit der Trieb, auch das Theoretische als ein mit Augen Angeschautes
aufzufassen. Jedoch, als wir an der Hand der Metamorphosenlehre eine
deutliche
Vorstellung des Verhältnisses zwischen Erleiden und Tätigsein
in Goethe's Sehen gewonnen hatten, stimmte es harmonisch zu Kant's
innerem
Sehen und zu seiner analytischen Unterscheidung zwischen Erfahrung und
Idee.
90 LEONARDO
GENIE UND MATHEMATIK
Heute will ich nun
diesen
Vergleich
mit Goethe fortsetzen, denn er birgt noch eine Fülle von
Belehrung;
ich hoffe Sie zu überzeugen, es könne ohne Zuhilfenahme
Kant's
kaum gelingen, die Naturanschauung Goethe's richtig zu erfassen,
zugleich
auch, dass Keiner so direkt und anschaulich zu Kant hinführt wie
gerade
Goethe. Sie werden also aus dieser Betrachtung doppelten Gewinn ziehen.
Doch will ich heute zu diesen Beiden einen Dritten gesellen, einen
andern
grossen Künstler. Die Wahl treffe ich ohne jede Rücksicht auf
Chronologie, lediglich mit der Absicht zu verhindern, dass wir etwa in
öden Formalismus verfallen und, nachdem wir die eine Krücke —
die des angeblichen, allgemein gefassten Kontrastes zwischen
anschaulichem
Kopf und abstraktem Kopf — weggeworfen haben, nun gleich eine andere zu
Hilfe nehmen. Es liegt nämlich die Gefahr nahe, das ewig drohende
Auskristallisieren unserer trägen Gedanken hier wieder
anschiessen
zu lassen und uns mit der Phrase zu begnügen: hie Künstler,
hie
Philosoph. Leider hat kein Geringerer als Schopenhauer zu einem
derartigen
erstarrenden Missverständnis viel beigetragen; er ist der
gelesenste
aller Philosophen, und insofern gewiss mit Recht, als er der weitaus
lesbarste
ist; schade, dass zu seinen ziemlich zahlreichen
Gedankenperversitäten
(denn anders kann ich sie nicht nennen) die Behauptung gehört,
»Genie«
und »mathematischer Kopf« seien Gegensätze. ¹)
Auf eine
Widerlegung
dieser einfach horrenden Behauptung — welcher als allererstes die gesamte
Erscheinung des Hellenismus zum Opfer fallen müsste — kann ich
mich
hier nicht einlassen; es wäre leicht und unterhaltend, sie mit
alleiniger
Benützung von Schopenhauer's eigenen Schriften durchzuführen;
doch schämt man sich fast, mit dem geiststrotzenden Mann den Kampf
aufzunehmen, wenn man ihn an entscheidender Stelle als Argumente
anführen
hört: Alfieri habe den
vierten Lehrsatz
Euklid's
nicht begreifen können, und ein (ungenannter) französischer
Mathematiker
habe nach Durchlesung von Racine's Iphigénie
achselzuckend
gefragt:
Qu'est-ce que cela prouve?
²) Wenn das Argumente sind, dann
könnte
man ebenso zwingend schliessen: Weil Coleridge mit vierzig Jahren (und
trotz-
—————
¹) An mehreren Orten; z. B.
Welt
als Wille und Vorstellung, B. 1., § 36, Bd. 2., Kap. 13;
Parerga
II,
§ 35.
²)
Nach einer Anmerkung in
Hoefer's Histoire des
Mathématiques, 4. éd., p. 439, sollte
Roberval,
ein Zeitgenosse des Descartes und ein bekannter Mathematiker, durch das
blöde Wort getroffen werden. Es handelt sich natürlich nur um
die böswillige Erfindung eines Witzboldes.
91 LEONARDO
dem
er auf dem Lande lebte) noch
nicht
wusste, dass aus Kaulquappen Frösche werden, darum ist kein
Dichter
für Naturbeobachtung begabt. Das Schlimme an solchen Phrasen,
sobald
sie ein Mann wie Schopenhauer mit bestechender Beredsamkeit
vorbringt,
ist, dass sie dann weithin Verbreitung finden und sich als Dogma
festsetzen.
Und so begegnen wir heute vielen Menschen, die, bloss weil sie wie
Alfieri
etwas n i c h t können, sich für Genies
halten, und die, nicht
genug,
dass ihnen »der Stolz der menschlichen Vernunft« (wie Kant
die Mathematik
nennt) abgeht, sich noch mit ihrem Unvermögen brüsten. Dabei
schauen diese geistig Vernachlässigten, die nicht einmal den
einfachen
Lehrsatz der gleichen Dreiecke zu fassen vermögen, von oben herab
auf die bedeutendsten Menschen, sobald diese mathematische Begabung
zeigen,
und reihen sie in eine Klasse »zweiter Güte« ein. Doch
genug
davon — wenn es auch schwer ist, den Zorn über die Frechheit eines
so grundverkehrten Dogmas nicht aufflammen zu lassen — und greifen wir
gleich hinein auf den Kernpunkt. ¹)
Schopenhauer's These betrifft
das Genie im allgemeinen, doch bisweilen bringt er sie in einer engeren
und dadurch plausibleren Form vor; so schreibt er: »Die Erfahrung
hat bestätigt, dass grosse
—————
¹)
Seitdem ich (im Jahre
1900)
diese Worte niederschrieb, bin ich durch ein genaueres Studium zu sehr
bedenklichen Ergebnissen in Bezug auf Schopenhauer's Arbeitsmethoden
gelangt.
Durch Hermann Cohen und August Stadler aufmerksam gemacht,
überzeugte
ich mich, dass das Fälschen von Citaten — wenn auch gewiss unter
dem
Einfluss einer unbewussten Suggestion, doch nicht minder erfolgreich —
bei ihm geradezu Gewohnheit ist; in seiner Kritik der Kantischen
Philosophie macht er ausgiebigen Gebrauch davon; im letzten Vortrag
werden
einige
Belege hierfür beigebracht werden, Bei seinen Ausführungen
über
die Mathematik geht er nun ähnlich zu Werke, was Professor Alfred
Pringsheim in seiner akademischen Festrede Über Wert und
angeblichen
Unwert der Mathematik (München, 1904, und mit
gekürzten
Nachweisen
in der Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung, 14. und 16.
März
1904) dokumentarisch nachgewiesen hat. Um ausschlaggebende Zeugen
für
seine Geringschätzung der Mathematik zu gewinnen, fälscht er
Baillet (Descartes' Biographen), fälscht er Descartes selber, und
fälscht er Georg Christoph Lichtenberg. Hierdurch gelingt ihm das
Kunststück, Descartes — einen der genialsten Mathematiker aller
Zeiten
— und Lichtenberg — einen tüchtigen Physiker und Astronomen — sich
wegwerfend
über die Mathematik äussern zu lassen! Nach einer
ausführlichen
Erörterung des Falles Descartes kommt Pringsheim zu dem Schlusse:
»Dass Schopenhauer trotz alledem gewagt hat, diesen grossen
Mathematiker
als einen seiner Eideshelfer für den Unwert der Mathematik zu
citieren,
muss als eine unerhörte und nichtswürdige
Geschichtsfälschung
bezeichnet werden« (S. 18). Für das Nähere verweise ich
auf die genannte Festrede und mache den Leser nur noch auf das Eine
aufmerksam,
dass die betreffenden Worte in Baillet's Biographie ein fast
wörtliches
Citat aus Descartes' Règles
pour la direction de l'esprit
(éd.
Cousin, XI, 218 ff.) sind, was weder Schopenhauer noch sein
Gewährsmann
Hamilton gewusst haben, und was Professor Pringsheim im Augenblick
übersehen
zu haben scheint.
92 LEONARDO
Genien
i n
d e r K u n s t z u r M a t h e m a
t i k keine Fähigkeit haben.« Das ist eine
bedeutende
Einschränkung, denn auch für ihn ist nicht bloss der
Künstler
Genie; er gibt sich ja selber gern als Beispiel und war doch für
die
Kunst gänzlich unbegabt. Nichtsdestoweniger ist diese Behauptung —
die man im § 36 des ersten Bandes seines Hauptwerkes findet — so
grundfalsch,
dass man sich fragt, wie Schopenhauer hat verblendet genug sein
können,
sie vom Jahre 1818 bis zu seinem Tode unverändert stehen zu
lassen.
Denken wir an deutsche Künstler allein, so fällt uns als
erster
der auch von Goethe so besonders bewunderte, der grosse, einzige, bald
hätte ich gesagt der heilige Albrecht Dürer in den Sinn. Er
ist
einer von jenen »grossen Genien in der Kunst«, von denen
man
sagen kann, sie seien Anfang und Ende und Kulminationspunkt, alles in
einem.
Natürlich wachsen sie aus Vorangegangenem historisch heraus, und
sie
führen zu Nachfolgendem hin, doch hängt diese
Zusammengehörigkeit
ihnen nur wie ein Mantel um die edle Gestalt; hier tritt, wie die
Göttin
aus dem Schaume, das Individuum aus der Menge heraus, ein Neues,
Unvergleichliches,
das früher nicht war und künftig nie wieder sein wird. Bei
dem
Anblick solcher Männer fällt Einem das schöne Wort des
selben
Schopenhauer ein: »die Kunst ist überall am Ziele.«
Vollendung
ist es, was uns aus all dem fiebrigen Ringen dieser Künstler
entgegenleuchtet,
Ruhe, was uns vertrauensvoll und gelassen aus der Hast des ewig
höher
Strebenden anlächelt; und wo doch Arbeit, Gedanke und Gebet als
unermüdliche
Tagelöhner an dem Werke mitgeschaffen haben, thront jetzt die
göttlich-mühelose,
unfehlbare Harmonie. Zu diesen Grössten gehört Dürer.
Und
siehe da, er hatte nicht bloss »Fähigkeit zur
Mathematik«,
sondern er hatte eine ganz ungewöhnliche Fähigkeit.
Dürer
ist der Verfasser des ersten Lehrbuchs der angewandten Geometrie in
deutscher
Sprache! Ausserdem widmete er ein ganzes Werk dem herzlich trockenen
und
nur mathematisch interessanten Gegenstand des Festungsbaues, und seine
menschliche Proportionslehre ist ein kleines Wunderwerk verschlungener
geometrischer Vorstellungen. Die Vorliebe für Mathematik, das
sichere
Auge dafür und das Gewicht, das er darauf legt für die
Ausbildung
des Künstlers — »die Kunst der Messung ist der rechte Grund
aller Malerei«, schreibt Dürer ¹) — sind ein besonderes
—————
¹)
Unterweisung der
Messung mit dem Zirkel und dem Richtscheit, 1538, Folium A. 1.
93 LEONARDO
Charakeristikum
dieses grossen
Künstlers.
Schon dieses eine Beispiel genügt, um Schopenhauer's Behauptung,
der
grosse Künstler Besitze keine Fähigkeit zur
Mathematik,
als eine unhaltbare Verallgemeinerung aus einzelnen Fällen
nachzuweisen.
Und Sie begreifen leicht, dass
mir daran liegen musste,
die Insinuation zurückzuweisen, Kant sei schon darum zu den
untergeordneten,
ungenialen Geistern zu rechnen, weil er mathematische Beanlagung
besass;
vielmehr sehen wir, dass wir aus dieser Anlage nicht einmal auf ein
unkünstlerisches
Gemüt schliessen dürfen.
LEONARDO
Jetzt erst
rufe ich den Mann
herbei,
dessen strahlenden Namen ich mit keiner Polemik
umschatten
mochte, Leonardo da Vinci. Kein
grösserer Maler hat je gelebt;
und dieser grosse Maler war, wie Dürer und noch mehr als dieser,
ein
hervorragender Mathematiker und Mechaniker. Zugleich war er — wie wir
täglich
mehr einsehen lernen — ein fast allumfassender Geist, ein
»Durchschauer«
von allem, was sein Auge erblickte, ein Erfinder so
unerschöpflich,
wie die Welt vielleicht nie einen zweiten gesehen, ein tiefer,
kühner
Denker. Vergleichen wir seine Art zu schauen mit der Goethe's und
Kant's;
das soll uns, hoffe ich, vor jeder Gefahr des phrasenmässigen
Auskristallisierens
in alle Zukunft bewahren.
Gleich Goethe ist
dieser Mann
ganz Auge. Das Auge nennt er »das Fenster der Seele«,
finestra
dell' anima; ¹) er wird nicht müde, dessen
Vorzüge zu
preisen:
das Auge ist der signore de' sensi;
²) das Auge ist die Quelle
jeglichen
Wissens. »Diejenigen, welche sich einzig auf das Studium
gelehrter
Schriften legen, statt dass sie durch das eigene Auge die Werke der
Natur
kennen lernen, sind nur Enkel, nicht Söhne der Natur, dieser
einzigen
Meisterin der Meister« (R.
§ 660). Alle Künste, alle
Wissenschaften,
alles Denken sind, nach Leonardo, »Töchter des Auges«,
und
darum
ist der Maler nipote à Dio,
»Enkel Gottes«. Das Auge
dieses merkwürdigen Mannes ist aber ebensowenig wie das Goethe's
ein
ausschliesslich künstlerisches Organ, sondern es ist ein
»weltdurch-
—————
¹) Nach Jean
Paul
Richter's
Ausgabe
der Scritti letterari di Leonardo da
Vinci, § 653. (Im Folgenden
als
R. citiert.)
²) Leonardo da
Vinci's Buch von
der Malerei, herausgegeben, übersetzt und erläutert
von Heinrich
Ludwig, 1882, § 16. (Im Folgenden als L. citiert.) Ich bemerke
hier
ein für allemal, dass ich im allgemeinen den italienischen Text so
aufgenommen habe, wie ich ihn in meinen verschiedenen Vorlagen vorfand,
also bisweilen modernisiert und bisweilen archaisch und — für
heutige
Begriffe — in Bezug auf Rechtschreibung inkorrrekt.
94 LEONARDO
schauendes«;
und
zwar strahlt von seinem Auge ein so helles Licht aus — denn das ist das
Kennzeichnende an dem Auge solcher Männer, dass es Licht nicht nur
aufnimmt, wie andere, sondern Licht auch ausstrahlt, die Finsternis
aufhellend,
das Undurchdringliche bis zur Durchsichtigkeit anglühend — und von
Leonardo's Auge, sage ich, strahlt ein so helles Licht aus, dass
wohl der nüchternste Geschichtsforscher wird zugeben müssen,
die intuitiv erratende Sehkraft dieses Organs grenze bei ihm an das
Fabelhafte.
Leonardo hat unsere gesamte neue Naturwissenschaft vorweggenommen,
vorweggenommen
nämlich, insofern dies dem blossen Auge möglich war ohne den
Beistand der höheren Mathematik, die erst nach ihm entstand, der
neuen
Instrumente und der nur von Generationen zu bewältigenden
Beobachtungsmenge.
So z. B. sind ihm — dem 1519 gestorbenen, in dem strengen
Kirchenglauben
an die flache, zwischen Hölle und Himmel gelagerte Erde erzogenen
— die Grundzüge des kosmischen Systems, wie sie Kopernikus erst
dreissig
Jahre später entwickelte, bekannt. Woher, weiss man nicht,
ebensowenig
in welchem Zusammenhang. Denn seine (bis zum heutigen Tag noch lange
nicht
alle entzifferten und publizierten Bemerkungen) sind zumeist
aphoristisch
und bilden häufig ein fast unenträtselbares Durcheinander der
verschiedenartigsten Einfälle, mitten unter oder auch quer
über
Skizzen, oder auf der Rückseite von Zeichenblättern notiert.
Oft sind es Gedanken, die er offenbar schnell — mitten in seiner
Malerarbeit
— festhält, um sie an anderem Orte anzuwenden; manchmal steht
ausdrücklich: »in meinem Werke werde ich die Sache auf diese
Weise ausführen
müssen«
oder dergleichen; oder auch es sind klare, saubere Dispositionen zu
Büchern,
die er nicht geschrieben zu haben scheint, und wir können jetzt
nur
aus der Anlage den Gedankengang erraten. Ein astronomisches System
finden
wir also bei Leonardo nicht. Doch finden wir auf einem Blatte, mitten
unter
mathematischen Berechnungen, in ungewöhnlich grossen Buchstaben
geschrieben:
il sole non si muove (R. § 886), die Sonne bewegt
sich nicht. Kein
Wort mehr. Es handelt sich offenbar um eine plötzliche Eingebung.
Leonardo ist aber kein Visionär; er ist ein durchaus positiver
Geist,
der nicht ermüdet, auf streng empirischem und mathematischem
Wege die certezza delle scientie
zu suchen. Sperientia è
commune
madre di tutte le scientie e arti (R. § 18), und nissuna humana
investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le
95 LEONARDO
matematiche dimostrationi
(L. § 1); also der
Versuch und die Berechnung
müssen
herbeigeholt
werden, um die Richtigkeit des Geahnten zu prüfen. Und so finden
wir denn
auf anderen Blättern eine Reihe von Untersuchungen und
Folgerungen,
die sich alle um diese mittlere Idee einer stillstehenden Sonne und
einer
beweglichen Erde drehen. So z. B. die wichtige Einsicht: come la terra
non è nel mezzo del cerchio del sole, ne nel mezzo del mondo,
¹)
wie dass die Erde nicht in der Mitte des Sonnenkreises, noch im
Mittelpunkt
der Welt stehe. Woran sich die Bemerkung häufig gliedert, die
Sonne
sei grösser als die Erde, und die Behauptung: molte stelle vi
sono,
che son moltissime volte maggiore che la stella che è la
terra. ²)
Die Einsicht, dass die dunkle Erde Licht widerspiegele (R. § 865),
führt Leonardo zu der weiteren, dass auch das Licht der
Wandersterne
reflektiertes Licht sei, und dass, vom Mond aus erblickt, unsere Erde
genau
so aussehen würde, wie der Mond uns erscheint. ³) Von dieser
Erkenntnis war es dann nur ein Schritt zu der Behauptung, die Erde
besitze
eine annähernd sphärische Gestalt und bewege sich um ihre
Achse
(R. M., G. folio 54 recto).
Freilich besitzen wir (so weit mir bekannt
ist) keinen schriftlichen Beleg dafür, dass Leonardo auch den
weiteren
Grundgedanken des heliozentrischen Systems — die Bewegung der Erde um
die Sonne — in einem seiner lapidaren Sätze ausgesprochen
hätte,
doch ist ein grosser Teil des Materials noch unveröffentlicht,
und
aus den angeführten Lehren Leonardo's folgt diese Bewegung mit so
zwingender Notwendigkeit, dass man annehmen muss, er habe sie gekannt.
Und wenden wir nun die Aufmerksamkeit von der Bewegung der Gestirne zu
den verborgenen Bewegungen im Leibesinnern, so finden wir, dass
Leonardo
durch eine ähnlich zaubermächtige Kraft des Blickes den
Kreislauf
des Blutes deutlich geahnt und sich vorgestellt hat. Man hat dies in
Abrede
stellen wollen, weil Leonardo an einer Stelle die Bewegung des Blutes
mit
der Ebbe und Flut des Meeres vergleicht; doch ist der Einwurf
hinfällig,
weil die vorhandenen Gedanken-
—————
¹) Les manuscrits de Léonard da
Vinci
de la Bibliothèque de l'Institut, publiés par Charles
Ravaisson-Mollien,
F, folio 41 recto. Die verschiedenen Manuskripte sind durch die
Buchstaben
A bis M bezeichnet. (Im folgenden als R.
M. citiert.)
²) R. M., F,
folio
5 recto. »Viele Sterne gibt es, die sehr vielmal
grösser sind als
der Stern, welchen wir die Erde nennen.« Noch Niemand hat meines
Wissens
darauf aufmerksam gemacht, dass der Ausdruck molte stelle zu beweisen
scheint,
Leonardo habe an die Eigengrösse nicht allein der Wandersterne,
sondern auch der Fixsterne geglaubt, womit er sich dem Kopernikus
in dieser
einen Beziehung überlegen gezeigt hätte.
³) Vgl. R.
M., A,
folio 64
recto, F, folio 41 recto, R. § 858
usw.
96 LEONARDO
zettel
Leonardo's
aus den verschiedensten Lebensaltern stammen, und nichts die Worte
vernichten
kann, die wir von seiner eigenen Hand schwarz auf weiss besitzen
über
il continuo corse che fa il sangue
per le sue vene, und darüber,
dass
dasjenige Blut, welches zum Herzen »zurückkehrt« — il
sangue che torna indirieto — ein anderes sei als dasjenige,
welches (bei
dem Austreiben des Blutes) die Klappen schliesst, che riserra le porte
del core. ¹) Diese Worte genügen, um eine tiefe
Einsicht in den
Mechanismus
des damals ungeahnten und erst hundert Jahre später entdeckten
Kreislaufes
zu beweisen; denn Leonardo weiss, dass das Blut »ununterbrochen
durch die
Adern läuft«; er weiss, dass es vom Herzen ausgeht und zum
Herzen
zurückkehrt, und er unterscheidet das venöse Blut vom
arteriellen.
Wobei wohl zu beachten ist, dass auch hier die wichtigsten
einschlägigen
Arbeiten Leonardo's noch unveröffentlicht sind; sie ruhen im
Staube
der Bibliothek zu Windsor.
LEONARDO UND GOETHE
Diese zwei Beispiele — das
astronomische
und das physiologische — wähle ich aus der grossen Menge des
Materials heraus; Leonardo scheint sich für alle Wissenschaften
interessiert
zu haben und überall durch die blosse durchdringende Kraft des
Blickes
gepaart mit der Sagacität des Urteils der Wissenschaft — oft um
Jahrhunderte
— vorausgeeilt zu sein. Man denke nur an seine richtige Deutung der
Versteinerungen
und der geologischen Schichten zu einer Zeit, wo erstere als das
spielende
Erzeugnis einer vis plastica
erklärt und für letztere
höchstens
die Sintflut angeführt wurde! Doch kann ich mich leider bei diesem
fesselnden Gegenstande nicht aufhalten; Sie können das Nähere
in den Büchern über Leonardo nachschlagen. ²) Mir muss
es
genügen,
wenn ich Sie durch typische Fälle mit der besonderen Art und der
erstaunlichen
Penetration dieser Anschauungskraft vertraut gemacht habe. Worte
genügen
nicht, wir müssen Tatsachen in der Hand haben. Und diese Tatsachen
— einem jeden, auch ungelehrten Menschen offenkundig — deuten auf einen
Intellekt, dessen Verwandtschaft mit dem Goethe's sofort auffällt:
das selbe ewig offene Auge, nimmer satt, das Auge des Türmers
Lynceus
(wie ich's im vorigen Vor-
—————
¹) R. § 848 und 850. Man
betrachte
auch die genauen Zeichnungen von der inneren Anatomie des Herzens bei
R.
M., G., fol. 1 verso, aus denen hervorgeht, dass Leonardo's
Ansichten
auf
genauer Autopsie beruhen.
²) Siehe
namentlich Gabriel
Séailles:
Léonard de Vinci l'artiste et
le savant, Paris 1892. Neuerdings
ist das Buch von Marie Herzfeld: Leonardo
da Vinci, der Denker,
Forscher
und Poet erschienen, das eine Auswahl aus seinen Schriften
bringt und
eine
gute zusammenfassende Einleitung haben soll.
97 LEONARDO
trag
nannte), über die ganze Welt
geöffnet,
und den im Turm eingeschlossenen
König mit
neuen
Bildern unaufhörlich unterhaltend; zugleich auch ein
schöpferisches
Auge. Doch fallen uns zwei wichtige Unterschiede auf. Leonardo sieht
genauer
als Goethe, sein Auge ist ein schärferes Auge, und darum kann er,
was dieser nicht kann: er kann das Geschaute als Geschautes
wiedergebären,
er ist Maler — und insofern steht er noch weiter ab von Kant als
Goethe.
Während aber der äussere Sinn bei Leonardo dergestalt feiner
ausgebildet ist als bei Goethe, verhält es sich genau ebenso mit
jener
inneren schematischen Anschauungskraft, die wir bei Goethe fast gar
nicht,
bei Kant hervorragend ausgebildet fanden; in dieser Hinsicht ist die
Verwandtschaftsbeziehung
eine umgekehrte, und Leonardo steht Kant näher als Goethe ihm
stand:
Leonardo ist nämlich als Mechaniker genau ebenso genial begabt wie
als Maler. Nehmen Sie die sechs prachtvollen Bände zur Hand, in
denen
Ravaisson-Mollien alle Manuskripte Leonardo's in der
Bibliothèque
de l'Institut in Faksimile und Transskription mitgeteilt hat,
und Sie
werden
sehen, dass neun Zehntel dieser Notizen sich auf Mathematik und
Mechanik
beziehen. Leonardo hat nie aufgehört zu rechnen. Die Quadratur des
Zirkels und tastende Versuche nach einer Infinitesimalrechnung
beschäftigen
seinen Geist, und von dem Flug der Vögel bis zu der Betrachtung
eines
Wasserfalles, überall drängt sich ihm, neben dem malerischen,
auch das mathematisch-mechanische Interesse auf. Die Mechanik nennt er
einmal »ein Paradies« (R.
M., E. fol. 8 verso), und von ihr
behauptet er: la scientia strumentale over machinale
è nobilissima (R.
§ 1154), die Mechanik ist die edelste der
Wissenschaften. Auf dem Blatt, welches vielleicht die
allerfrüheste
Skizze
zum Abendmahl trägt, finden wir unmittelbar unter dieser eine
geometrische
Aufgabe gezeichnet und in Ziffern gelöst, und ein anderes Blatt,
welches
Studien zu den Aposteln und eine ergreifende Skizze zum Christus
aufweist,
zeigt mitten unter diesen Figuren den Entwurf zu einer Maschine mit
erklärenden
Anmerkungen (R. I, S. 334—5).
Sind also Leonardo und Goethe zwei
Männer, bei denen — zum Unterschied von Kant — das Auge das
Lebensorgan bildet,
so müssen doch zu dieser finestra
dell'anima zwei sehr
verschiedene
Geister hinausblicken, zwei sehr verschiedene Arten des
»Tätigsein« (um mit Aristoteles zu reden), und daher
gewiss auch zwei sehr
verschiedene
Weltanschauungen. Wir werden vom Äusseren an-
98 LEONARDO
fangend
bis ins
Allerinnerste gelangen, wenn wir zunächst das Eine beachten: dass
Goethe malen wollte und nicht konnte, während Leonardo einen
solchen
Gipfelpunkt bildnerischen Genies darstellt, dass einige Wenige ihn
vielleicht
erreichen, Keiner aber ihn überragt.
Goethe's geringe Fähigkeit
in Bezug auf die plastischen Künste würde weniger auffallen,
sähen wir ihn nicht von klein auf mit solcher Leidenschaft gerade
hierin Meisterschaft anstreben. Man weiss, dass er als Student in
Leipzig
mehr gemalt, als studiert hat; Oeser's Atelier, nicht die
Hörsäle
der juristischen Fakultät waren sein Aufenthalt. Und mit welcher
rührenden
Emsigkeit wurde dieser Kampf um ein Unmögliches fortgesetzt!
Doch
unvermögend Streben,
Nachgelalle,
Bracht' oft den Stift, den Pinsel
bracht's zu Falle;
Auf neues Wagnis endlich blieb
doch nur
Vom besten Wollen halb' und halbe
Spur.
Schliesslich musste Goethe selber
gestehen:
»Es fehlte mir die eigentliche plastische Kraft«; und er
fügt die
köstlichen, selbstironisierenden Worte hinzu: »Meine
Nachbildungen waren mehr ferne Ahnungen irgend einer Gestalt, und meine
Figuren
glichen
den leichten Luftwesen in Dante's Purgatorio, die, keine Schatten
werfend,
vor dem Schatten wirklicher Körper sich entsetzen« (D. W. 20). Was
dieser Mangel bedeutet, wusste Goethe genau; denn in einem
Gespräche
mit Eckermann (13. 12. 1826) führt er lobend Worte unseres
Leonardo
an: »Wenn in euerm Sohne nicht der Sinn steckt, dasjenige, was
er zeichnet, durch kräftige Schattierung so herauszuheben, dass
man
es mit Händen greifen möchte, so hat er kein
Talent.« Und wissen
Sie, warum Goethe kein Talent zum Zeichnen hatte? warum seine
Nachbildungen »nur ferne Ahnungen irgend einer Gestalt«
waren? Weil ihm der
Sinn für Geometrie abging; weil wir Menschen so konstruiert sind,
dass
wir keine Gestalt, welche die Natur uns bietet, genau aufzufassen
vermögen,
wenn wir nicht — bewusst oder unbewusst — das Netz unseres angeborenen
Formenschemas
davor gehalten und uns auf diese Weise das Unregelmässige,
Unberechenbare,
Niedagewesene durch die Beziehung auf ein Regelmässiges,
Berechnetes,
ewig Unveränderliches assimiliert haben. Das geschieht, ohne dass
wir
daran denken, jede Sekunde unseres Lebens; wir schematisieren
unaufhörlich.
Sie werden später von Kant lernen, in welchem Masse
99 LEONARDO
unser
ganzes geistiges Dasein
unter
der Herrschaft des Schemas steht. »Dieser Schematismus unseres
Verstandes
in Ansehung der Erscheinungen,« schreibt er, »ist eine
verborgene
Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele.« Denn die Bilder, die
wir
von
aussen empfangen, das heisst der Komplex unserer Sinneseindrücke,
können nicht unmittelbar erfasst werden, sondern unser Geist — das »Tätigsein« des
Aristoteles
— muss ihnen erst, wie Kant mit einer glücklichen Trope sagt,
»sein
Monogramm« aufdrücken. »Nur mittelst des Schemas
können
die Bilder mit dem Begriffe verknüpft werden.« Sie sehen, es
findet von aussen nach innen eine ähnliche Vermittlung wie von
innen
nach aussen statt. Unsere Ideen —
Sie erinnern sich dessen von der
Metamorphose her — konnten nur dadurch Sichtbarkeit erlangen, dass sie
von der Sinnenwelt ein Symbol, z. B. das Blatt, sich borgten; diese
Sinnenwelt
aber — das ist die neue
Erkenntnis —
vermag es nicht, ins denkende Bewusstsein einzutreten, anders als
vermittelt
durch Verstandesschemen; und diese Schemen decken sich ebensowenig
genau
mit den Wahrnehmungen wie die Symbole sich mit den Ideen deckten (r.
V.
180 ff.). Ich beabsichtige nun nicht, Ihnen in diesem Augenblick
mit
metaphysischen
Erörterungen lästig zu fallen; im Gegenteil, ich wollte Sie
nur
darauf aufmerksam machen, dass uns der bildende Künstler dieses
geheime
Walten der »verborgenen Kunst« der Schematisierung am
hellen
lichten Tage zeigt und somit den Weg ebnet zu dem Verständnis
eines der
schwierigsten Teile von Kant's Erkenntniskritik. Denn was sonst
unbewusst »in den Tiefen der Seele« vorgeht, das übt
der grosse
Maler
bewusst und uns Allen sichtbar.
Darum schrieb Dürer jene
Worte, die Sie vorhin wahrscheinlich befremdeten: »Die Kunst der
Messung ist der rechte Grund aller Malerei«; und der selbe
Gedankengang
liegt zu Grunde, wenn er auf der nächsten Seite schreibt:
»Im
äusseren
Werke muss der i n n e r l i c h e Verstand
angezeigt werden.« Und damit Sie
genau
erfahren, wie mächtig in einem solchen hervorragenden Gestalter
das
Geometrisch-schematische ausgebildet und wie emsig es am Werke ist,
möchte
ich Sie bitten, eine andere Schrift Dürer's, die Vier Bücher
von
menschlicher Proportion, zur Hand zu nehmen — nicht in einer
modernen
gekürzten
Relation, sondern in dem ursprünglichen Kleinfolioband vom
Jahre
1528, mit allen Tabellen und Tafeln, wie sie aus des Meisters
Händen
hervorgingen. Sie werden
100 LEONARDO
staunen
über diese Welt der
Zahlen
und der geometrischen Figuren, in welcher Dürer lebte; Ihnen wird,
glaube ich, dabei schwindlig werden. Durch Zahlenrechnung kann ja jede
Komplikation erreicht werden, sie ergibt sich von selbst, ohne dass die
Vorstellungskraft in Mitleidenschaft gezogen würde; es ist aber
kaum
fasslich, wie ein Mensch so ungeheuer verwickelte geometrische Gebilde
als ein Anschauliches im Kopfe getragen haben kann, wie das doch bei
Dürer
offenbar der Fall war. In den ersten zwei Büchern werden Ihnen die
vielen Zahlentabellen und die peinliche Akribie der Messungen
imponieren.
Aber nun betrachten Sie das dritte Buch! Hier lehrt uns Dürer, wie
wir die nunmehr festgestellten Proportionen nach Belieben
verändern
können; so lässt er z. B. ein bestimmtes Weib mittlerer
Proportionen,
das er uns schon vorgeführt hatte, unendlich lang und hager, dann
aber kurz und monströs dick werden; oder aber ein Teil des
Körpers
wird verändert, die andern bleiben, usw. Und dies alles mit
beständiger
Zugrundelegung geometrischer Schemen und mit Benützung von
Instrumenten,
die er »der Verkehrer«‚ »der Verfälscher«
usw.
nennt.
Das vierte
Buch ist fast noch interessanter; es zeigt an, »wie man die
vorbeschriebenen
Bilder biegen soll«‚ ist aber keine einfache Perspektivlehre in
unserem
Sinne, sondern eher das, was die Mathematiker Geometrie der Lage
nennen,
verbunden mit einer Projektionslehre. Sie brauchen nur die Figuren auf
Folium Y4, Z und fg. anzusehen, um einen Begriff davon zu bekommen,
was
Dürer dem Kunstjünger zumutet.
Ähnlich war nun Leonardo's
Kopf organisiert, zwar weniger selbstquälerisch — sehen Sie nur
seine
Lehre von der Perspektive an, wie lichtvoll sie sich neben der
Dürer's
ausnimmt — doch immer und überall die mathematischen
Verhältnisse
beachtend, immer Berechnungen anstellend, immer das geometrische
Schema
zwischen dem Auge und dem Gegenstand ausbreitend. Vor 150 Jahren
führte
der Genfer Botaniker Charles Bonnet die sogenannte Phyllotaxie ein, d.
h. die genaue Beobachtung der gegenseitigen Stellung der Blätter
auf
dem Stengel. Die verbreitetste Stellung nannte er den Quincunx: in
diesem
kommt immer das sechste Blatt über dem ersten zu stehen und zwar
nach zweimäliger Umspannung des Stengels; jeder einzelne
»Blattcyklus«
besteht also aus fünf Blättern. Diese Entdeckung war das
Ergebnis
jahrelanger Studien eines geübten Fachmannes. Ein
Vierteljahrtausend
früher hatte aber Leonardo's Künst-
101 LEONARDO
lerauge
den Quincunx beobachtet
und
mit peinlichster Sorgfalt nachgezeichnet, und zwar in seinem Buch von
der
Malerei. ¹) Sie sehen, wie mathematisch genau der Maler
beobachtete!
Und
nicht bloss

genau, sondern
schematisierend;
denn
in Wirklichkeit kommt diese 2/5-Stellung nur annähernd vor. Damit
Sie aber auch den Geometer am Werke sehen, habe ich hier eine kleine
Skizze
aus Ravaisson-Mollien, Manuskript M, folio 78 verso, abgezeichnet.
Notiert
hat sich Leonardo dazu: »Alle Zweige besitzen Linien, welche nach
dem Mittelpunkt des Baumes hinstreben.« Um ihn zu verstehen,
dürfen
Sie natürlich nur die jüngsten Zweige in Betracht ziehen und
müssen sich vorstellen, wie dieser angebliche
»Mittelpunkt«
von
Jahr zu Jahr hinaufrückt, zuerst schnell, dann langsam. Doch auch
dann noch gehört zu einer derartigen Schematisierung viel
Kühnheit.
Auf anderen Blättern werden Sie sehen, dass Leonardo bemüht
war, den menschlichen Kopf in ähnliche gesetzmässige
Beziehungen zur Kreislinie zu bringen. Seine vergleichenden Schematisierungen verschiedener
Menschenköpfe,
einschliesslich der
monströsen
Missbildungen, sind so bekannt, dass ich nur darauf hinzuweisen brauche.
—————
¹) Siehe L. § 831, und
überhaupt
den ganzen sechsten Teil, De li
alberi et verdure, in welchem man
über
manche der komplizierten Fragen in Bezug auf Verzweigungen,
Inflorcscenzen,
Homodromie und Heterodromie usw., welche die Botaniker des 19.
Jahrhunderts
beschäftigt haben, genaue Beobachtungen antreffen wird.
102 LEONARDO
Das hier flüchtig
Angedeutete
mag genügen, um zu zeigen, welche besonderen Anlagen bei einem
Manne
am Werke sind, der das Erschaute nachzubilden fähig ist. Wo diese
Anlagen fehlen, da gibt es keinen Maler, weil es dann kein Organ zur
genauen
Aufnahme von Gestalt gibt und aus jedem Versuch nur »ferne
Ahnungen«
hervorgehen können. Von solchen Wollenden und Nichtkönnenden
sagt Leonardo: Multi
sono gli uomini chi anno desiderio e amore al disegno ma non
disposizione (R. M., G. fol. 25 recto); die disposizione besteht
in der Fähigkeit zu schematisieren. Natürlich genügt die
geometrische Anlage nicht, sie darf aber nicht fehlen. Wer das feste
Schema
vor's Auge hält, merkt jede Abweichung der Gestalt, wogegen ein
Goethe
— wie wir gesehen haben — eher geneigt war, das Unterscheidende gering
anzuschlagen und überall das Verbindende zu erblicken. »Ich
bin zur Identitätsschule geboren,« gesteht er; das ist keine
Malerschule.
Andrerseits ist es gewiss interessant zu entdecken, dass der Denker mit
geschlossenen Augen, dessen grossartige schematische Vorstellungskraft
die Theorie des Himmels ersann, hierin eine wahre Geistesverwandtschaft
mit einem Dürer und einem Leonardo an den Tag legt. Wohl treibt
die
Mathematik auf der einen Seite ihre Wurzeln in die Logik und kann bei
manchem ihrer Adepten eine rein abstrakt-logische Geistesübung
bedeuten;
doch das lebendige Wasser, das den Baum speist, ist die
Anschauungskraft,
und so kann es denn vorkommen, dass ein Kant in gewisser Beziehung
einem
Leonardo näher steht als Goethe. Hierauf komme ich im Interesse
des
Zusammenhanges erst später zurück, bitte Sie aber,
hinfürder
nicht zu vergessen, dass die schematisierende Kraft eine wahre
Gestaltungskraft
ist.
Vorderhand müssen wir noch
bei der Gegenüberstellung von Leonardo und Goethe verweilen. Ich
möchte Ihnen zeigen, wie tief der Unterschied greift, den wir hier
in dem schaffenden Auge beobachtet haben. Dazu werden uns Leonardo's
Urteile
über das Wesen der Kunst verhelfen. Nach ihm sind nämlich
einzig
die Sinne Vermittler der wahren Kunst, und wer — wie der Dichter — lediglich durch Beschreibungen die
sinnliche Vorstellung reizt, bedient sich einer untergeordneten,
mittelbaren
Kunstgattung. Stolz ruft Leonardo aus: Se'l
pittore
vol vedere bellezze che
lo innamorino
egli
n'è signore di generarle. (L. §
13).
Dass der Dichter ebenfalls Herr sei, das Schöne zu zeugen,
bestimmt,
ihn mit
103 LEONARDO
Liebe
zu umfangen, das leugnet
Leonardo.
Denn il senso più nobile
ist das Auge, und auf diesen edelsten
Sinn
folgt das Ohr, la
musica si deve chiamare sorella minore
della
pittura
(L. § 29); wogegen der
Wortkünstler nur indirekt und
uneigentlich
Künstler ist, da er nur auf Umwegen und mit Umgehung der
Sinneseindrücke
Gestalten erzeugt; e
per questo il
poeta
resta, inquanto alla figurazione delle cose corporee, molto indietro al
pittore, e delle cose invisibili rimane indietro al musico (L. §
32). Der gewichtigste
Einwurf
aber,
den Leonardo gegen den Dichter erhebt, ist, che non ha potestà
in
un medesimo tempo di dire diverse cose; nun sei es aber das Ziel
der
Kunst,
die in der Menschenseele schlummernde Harmonie, die vieltönige,
wachzurufen,
und das müsse blitzähnlich, wie ein Hauch Gottes geschehen;
denn armonia non s'ingenera se non
in istanti, nei quali le proportionalità degli obietti si fan
vedere, o'udire (L. § 27).
Hier
ist offenbar der plastische Künstler der Herr, denn er allein
offenbart
sein ganzes Werk in einem einzigen Augenblick, weswegen Leonardo
seine
Kunst una Deità nennt (L. § 23). Doch auch der
Musiker
gilt
in jedem einzelnen Augenblicke eine vielgestaltige, vollkommene
Harmonie;
wogegen der Dichter in Worten genötigt ist, aus Stücken
aufzubauen, l'una
parte nasce dall' altra successivamente, e non
nasce la succedente, se l'antecedente non muore (L. §
27). Es ist nicht meine Absicht,
diese ästhetischen Lehren Leonardo's hier zu diskutieren; ich
musste
Ihnen nur zeigen‚ mit welcher leidenschaftlichen Einseitigkeit dieser
hellblickende Mann dem Auge, und nebst den Auge überhaupt den
unmittelbaren
Sinneseindrücken, im Gegensatz zu aller Reflexion, ergeben ist.
Die
Berührung mit Richard Wagner ist offenbar und würde in
einem
anderen Zusammenhang zu fördernden Betrachtungen Anlass geben.
Hier aber
interessiert uns
zunächst
das Eine: Leonardo, der Mann, dessen Auge uns sofort an Goethe's Auge
erinnert hatte, ist nicht nur ein Antipode Goethe's in Bezug auf
wissenschaftliche
Naturbetrachtung, sondern er ist nahe daran, diejenige Kunst, in
welcher
Goethe Unsterbliches schuf, gar nicht als wahre Kunst anzuerkennen.
Goethe
und Leonardo stehen — von dem Standpunkt aus gesehen, den wir
augenblicklich
einnehmen — so weit von einander, dass wir sie kaum zu einander in
Beziehung
bringen könnten, wenn nicht Kant Beiden die Hand reichte. Denn
in
der Tat, Kant, den wir vorhin Leonardo nahe verwandt fanden — so dass
die
Beiden,
104 LEONARDO
von
dem fernen Goethe aus betrachtet,
wie Brüder erschienen — rückt
jetzt, vom Standpunkt der
Ästhetik Leonardo's aus, dicht an Goethe heran. In diesem
Stückweise-Aufbauen — una parte nasce dall' altra
successivamente — hatten wir
ja ein
Kennzeichen
der Anschauungsweise Kant's gefunden; Leonardo zeigt uns jetzt, dass es
für jeden Gedankenkünstler bezeichnend ist, selbst auch
für
den Dichter. Und unwillkürlich rufen uns diese Worte una parte nasce dall' altra Goethe's Metamorphosenlehre in das
Gedächtnis. Freilich
schaut Goethe mit anderen Augen als Kant in die Natur hinein, doch
aufbauen
muss auch er, und um ihre Erscheinungen übersichtlich zu
gestalten
und seinen Gedächtnis einzuverleiben, kann er nicht umhin, das
eine
aus dem andern entstehen zu lassen; »Metamorphose« soll
dies
gerade
besagen. Es wiegt also tatsächlich in der intellektuellen
Persönlichkeit
Goethe's, genau so wie in der Kant's, eine Anlage vor, die wir wohl mit
Kant als »Verstand« im Gegensatz zur
»Sinnlichkeit«
bezeichnen
dürfen, oder vielleicht noch besser als »Vernunft« (im
Kantischen
Sinne des »ganzen oberen Erkenntnisvermögens«) im
Gegensatz
zur Anschauungskraft überhaupt. Bei diesen beiden Männern,
Goethe
und
Kant — aus wie verschiedenen Quellen sie ihre Eindrücke auch
schöpfen
mögen — bildet doch die Betonung der Idee, das Verweilen bei dem
Theoretischen,
einen gemeinsamen Zug. Mag auch der Weg, auf dem Goethe zu seinen
Ideen gelangt, ein anderer sein als der, den Kant beschreitet, — ganz
daheim,
ganz Herr, ganz Schöpfer ist er nur auf dem Gebiete, welches
Kant
das »obere Vermögen« nennt im Gegensatz zu einem
unteren
Vermögen«‚ während Leonardo dieses angeblich untere
Vermögen
als das »obere« betrachtet und von keinem Wissen etwas
hält,
das nicht »aus der Sinneserfahrung geboren, durch die
mathematische
Darlegung seinen Weg genommen und im Experimente seinen Abschluss
gefunden
hat« (L. § 1 u. 33).
Weswegen er uns zuruft: Non
vi
fidate degli autori che anno solo colla imaginatione voluto farsi
interprete
fra la natura all' uomo (R. M., I fol. 54 recto) und uns
warnt,
wir sollen uns lieber nicht abgeben mit quelle cose, di che la
mente umana non è
capace
e non si possono dimostrare per nessuno esemplo naturale
(R. § 1210). Für
Leonardo existiert, wie Sie sehen, in Bezug auf
die Natur, nichts als die strengste, Wirkung und Ursache
verknüpfende
Empirie; wogegen die Gestaltung durch Ideen, wie sie Goethe übte
und wie sie Kant verteidigte,
105 LEONARDO
ihm
müssige imaginatione
dünkt,
oder, wie er sie auch nennt, bugiarda scientia, eine
Lügenwissenschaft
(L. § 33).
Hier
entdecken wir nun, wie tief der
Unterschied zwischen Goethe und Leonardo greift, denn er betrifft nicht
die Kunst allein, sondern erstreckt sich bis auf die ganze Art, die
Natur
zu betrachten. Wir sahen schon im vorigen Vortrag, dass Goethe
mit
I d e e n
arbeitete, wo er E r f a h r u n g e n zu besitzen
glaubte: da haben Sie gleich
ein
Beispiel des Vorwaltens der Vernunft, des »oberen
Erkenntnisvermögens«
im Gegensatz zur empirischen Anschauung. Denn — wie unsere Untersuchung
der Metamorphosenlehre uns zeigte — Ideen sind wohl ein Geschautes,
nicht
aber ein empirisch Geschautes, mit anderen Worten, sie sind uns nicht
durch blosse Erfahrung gegeben; wohl wurzeln sie in sinnlichen
Eindrücken,
doch ist das nur ihr Nährboden; die Luft, die sie umgibt, ist die
der Vernunft, und das Tageslicht, in welchem wir sie erblicken, strahlt
von innen, aus einem focus
imaginarius.
Ein Wort Kant's wird
uns in diesem
Augenblick gute Dienste leisten, denn es bezeichnet genau, was Goethe
von
Leonardo scheidet, und gönnt uns zugleich einen tiefen Einblick in
Kant's eigene Art zu schauen; auf abstraktem Wege studiert,
hätten
wir seine Absicht vielleicht gar nicht verstanden; so aber, im Licht
und
Schatten Leonardo's und Goethe's, tritt sie plastisch hervor. Kant
redet
vom Wesen des Dichters. Nachdem er — im diametralen Gegensatz zu
Leonardo
— »der Dichtkunst unter allen Künsten den obersten
Rang«
angewiesen hat, rühmt er dem Dichter vornehmlich das Eine nach,
dass
er »ein freies, selbsttätiges und von der
Naturbestimmung
u n a b h ä n g i g e s
V e r m ö g e n fühlen lässt, die Natur, als
Erscheinung, nach
Ansichten zu betrachten und zu beurteilen, die sie nicht von selbst
weder
für den Sinn, noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und
sie
also zum Behuf und gleichsam z u m S c h e m
a d e s Ü b e r s i n n l i c h e
n zu
gebrauchen«
(Ur. § 53). Also, der
Dichter lehrt uns die Natur nach
Ansichten
betrachten,
welche die unmittelbare Erfahrung nicht bietet, und er deckt in uns
ein Vermögen auf, das Sinnliche z u m S c h e m a d e
s Ü b e r s i n n l i c h e n
zu gebrauchen. Diese Definition des Dichters im allgemeinen passt
genau
auf Goethe's Verhältnis zur Natur. Bei seiner Betrachtungsweise
findet
ein beständiges Wechselspiel statt zwischen dem, was die Sinne
bieten,
und dem, wozu die Sinneserfahrung nur als Sprungbrett diente. Goethe
ist ein guter, treuer, ja in
106 LEONARDO
einem
gewissen Sinne und, wo es not
tut,
ein nüchterner Beobachter der Natur; doch ist es eine im edelsten
Sinne des Wortes »dichterische« Sehnsucht — und damit will
ich
sagen, ein Sehnen und ein Vermögen zu gestalten — die ihn zu
beobachten
treibt; er will jenes »freie, selbsttätige und von der
Naturbestimmung
unabhängige Vermögen« ausüben, und ohne es selber
zu wissen, fliegt er hinaus weit über die Grenzen der empirischen
Erfahrung. Seine orphischen Urworte
— deren letzte Zeile das
berühmte
Ein
Flügelschlag! und
hinter
uns Äonen! —
sind ursprünglich in der Morphologie
erschienen,
das herrliche Athroismos gehört zur
Knochenlehre,
und hier wird uns, mitten unter den Knochenbildern und Tabellen,
zugerufen:
Nimm vom
Munde der Muse,
Dass du schauest, nicht schwärmst,
die liebliche volle Gewissheit.
Die Muse also soll auf dem
Gebiete
der
Naturforschung unsere Schutzgöttin sein! Und zwar ist sich Goethe
in gewissen Augenblicken seines Verfahrens vollkommen bewusst; denn
unter
seinen nachgelassenen Aufzeichnungen über Naturlehre finden wir
folgende
höchst bemerkenswerte: »Phantasie ist der Natur viel
näher als
die Sinnlichkeit; diese ist in der Natur, jene schwebt
ü b e r ihr.
Phantasie
ist der Natur gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht«
(W.
A., 2. Abt., 6, 361). Da sehen
Sie das »freie, selbsttätige Vermögen«, von dem
Kant sprach, am
Werke;
zugleich sehen Sie das genaue Gegenteil von Leonardo's
Überzeugungen
und Grundsätzen. Denn nach Leonardo ist »alles Wissen eitel
und voller Irrtümer — vane e piene di errori — welches nicht aus
der
Sinneserfahrung geschöpft und durch das wissenschaftliche
Experiment
geprüft worden ist« (L.
§ 33). Leonardo ist ein
so
strenger
Empiriker, dass er sogar dem Künstler zuruft, er dürfe kein
höheres Ziel kennen, als gareggiare colla
natura (R. § 662),
wörtlich: mit der Natur zu konkurrieren. Wie verschieden die Augen
Goethe's und die Leonardo's arbeiten, sehen wir aber nicht bloss an
den Lehren, zu denen ihre Art zu schauen Anlass gibt, sondern auch an
dem
Erfolg ihrer Tätigkeit. Nicht allein darf Leonardo von sich sagen,
in pictura posso fare a paragone di
ogni aitro, e sia chi vuole, ¹)
während
Goethe nach jahrelangem Streben das Gegenteil gestehen muss,
—————
¹) Brief
an Lodovico
il Moro (R. II, 396).
107 LEONARDO
sondern
Leonardo's
wissenschaftliche
Leistungen sind durchaus anderer Art als Goethe's. Goethe's
Metamorphosenlehre,
seine Farbenlehre, seine übrigen wissenschaftlichen Gedanken bin
ich weit entfernt gering zu schätzen; vielmehr bin ich tief
überzeugt,
dass seine ganze Art, die Natur anzuschauen, für die Kultur des
menschlichen
Geistes eine Bedeutung besitzt, die wir jetzt erst zu ahnen beginnen.
Goethe
ist in mancher Beziehung kaum erst geboren. Diese Bedeutung ist aber
eine
kulturelle, nicht eine wissenschaftliche im eigentlichen, strengen
Sinne
dieses Wortes. Goethe wird uns lehren, »den freien Blick ins
weite
Feld der Natur zu öffnen«; den f r e i e n
Blick, dass heisst,
den
Blick des bewussten menschlichen Schöpfers, der nicht mehr in
dumpfem
Gehorsam der trägen Materie zu Willen steht, sondern »der
Natur gewachsen
ist«, und das heisst zugleich, den Blick des Mannes, dessen Auge
nicht mehr von den eigenen Zwangsvorstellungen geblendet wird, sondern — dank den Bestrebungen Kant's — mit
der eigenen Freiheit auch die Freiheit der Natur gewonnen hat. Das
alles
— worauf ich noch heute zurückkomme, sobald unsere Betrachtungen
genügend
herangereift sind — können wir einsehen und müssen dennoch
zugeben, Goethe habe die exakte Naturwissenschaft mehr angeregt und
aufgestachelt
als wirklich gefördert; wogegen der adleräugige und kluge
Empiriker
Leonardo, der schematisch erblickende und mechanisch denkende Mann,
die
Methode der Wissenserwerbung so genau kannte, dass er den Siegesgang
unserer
Naturforschung ahnend antizipierte. Wie Kant uns neulich zurief:
»Die
Erfahrung allein ist in Betracht der Natur der Quell der
Wahrheit«.
Das wusste Leonardo genau; gareggiare
colla natura, das war nicht in
der
Kunst allein, sondern auch in der Wissenschaft sein Sinnspruch, seine
Lust
und die Ursache seines Erfolges. Dass die Erde sich dreht, ist keine
symbolische
Idee — wie Goethe's Metamorphosenlehre — sondern eine konkrete Theorie;
dass
das Blut vom Herzen durch die Adern gejagt wird, ist nicht — wie die
Entdeckung
des Zwischenkieferknochens — die Folgerung aus einer a priori Annahme,
sondern
eine durch mühsame Autopsie und Beobachtung entdeckte Tatsache. In
Bezug auf reine Naturwissenschaft kann man, glaube ich, sagen, habe
Leonardo
Goethe fast ebenso übertroffen wie im Malen. Er kennt die einzig
wahre Methode; das sieht man ihm gleich an; und damit ist alles
gesagt.
Beobachtung, Experiment, mathematische Berechnung: immer wie-
108 LEONARDO
der
schärft er diese drei ein
als
die Grundlage alles wahren Wissens. Bedenkt man ausserdem, dass er der
Ausbildung der instrumentalen Technik leidenschaftliches Interesse
widmete
(zur Beobachtung des Mondes hatte er sich schon hundert Jahre vor
Galilei
eine Art Teleskop erbaut), so muss man gestehen, er besass alle
Eigenschaften,
die den geborenen Naturforscher ausmachen.
Indem wir das
Unterscheidende
zwischen Leonardo und Goethe immer schärfer herausarbeiteten, sind
wir nun an dem kritischen Punkt angelangt, ich meine an dem Punkt, wo
es sich lohnen wird, einen tiefen Schacht einzusenken, sicher, dass wir
auf Edelmetall der Erkenntnis stossen. Wer die verschiedenartige
Wertschätzung
der Mathematik für die Wissenschaft bei Leonardo und bei Goethe
wirklich
bis auf den Grund versteht, hat viel gewonnen, nicht bloss für die
Würdigung dieser beiden grossen Geister, sondern überhaupt
für
sein eigenes Gedankenleben. Und zugleich ist dieser Punkt einer der
kritischen
für das Verständnis des Kantschen Intellektes. Denn sahen wir
vorhin Kant ganz, ganz nahe bei Goethe, so schnellt er zurück zu
Leonardo,
sobald nicht Kunst und Idee, sondern Wissenschaft und Mathematik betont
werden. Hier herrscht nicht bloss — wie vorhin bei der Betrachtung des
Schematisierens — Analogie der Anlagen zwischen Leonardo und Kant,
sondern
eine wahre enge Verwandtschaft in der ganzen Art, die Welt zu
erschauen.
Goethe dagegen steht abseits in grosser Ferne.
Über Leonardo's
Liebe zur
Mathematik habe ich schon gesprochen; ich muss aber Ihre Geduld noch
einige
Augenblicke beanspruchen. Non mi legga, chi non è
matematico, es
wage keiner, mich zu lesen, der nicht mathematisch beanlagt ist! —
dieser
Kraftspruch könnte genügen. Was wir aber noch lernen
müssen,
ist, dass es sich bei Leonardo nicht lediglich um eine Liebhaberei,
noch
auch um ein dem bildenden Künstler unentbehrliches Werkzeug
handelt,
sondern um eine philosophische Einsicht in das Wesen des
Menschengeistes.
»Der Mann, welcher die Mathematik geringschätzt, nährt
sich von Konfusion«, sagt Leonardo, chi
biasima la somma certezza della matematica,
si pasce di confusione e mai porrà silentio alle contraditioni
delle
soffistiche scientie, colle quali s'inpara uno eterno gridore (R. §
1157). Denn »in den mathematischen Wissenschaften
ist die Wahrheit enthalten und die Möglichkeit zu wissen« (R.
§
1210). Das ist ein sehr wichtiges Wort: d i
e M ö g l i c h k e i t z u
109 LEONARDO
w
i s s e n; Goethe hätte es
nicht
unterschrieben, Kant dagegen mit beiden Händen. Und weil ein
tatsächliches
»Wissen« an die Ausübung der mathematischen Denkweise
geknüpft
ist, darum stellt Leonardo das Dogma auf: Nessuna humana
investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le
matematiche
dimostrationi
(L. § 1). Denn das
Kriterion einer vera scientia
ist
für
Leonardo
die unumstössliche Gewissheit, und Wissen im Sinne von Gewissheit
gibt einzig die Mathematik. Daher folgt, dass: nessuna certezza è, dove non
si puo applicare una delle scientie matematiche over che non sono unite
con esse matematiche (R. M., G. fol. 96 verso). Also
keine
Forschung begründet echte Wissenschaft, wenn sie nicht den Weg der
mathematischen Darlegung beschreiten kann und beschreitet: das ist die
unerschütterliche Überzeugung Leonardo's. Und mit dieser
klaren
Erkenntnis von dem Verhältnis der Mathematik zum Wissen ist der
Wundermann
ebenso Kant vorausgeeilt, wie er mit seinen Entdeckungen Kopernikus und
Harvey vorausgeeilt war. In einem seiner reifsten Werke, den
Metaphysischen
Anfangsgründen der Naturwissenschaft, schreibt nämlich
Kant:
»Ich behaupte, dass in jeder besonderen Naturlehre nur so
viel
e i g e n t l i c h e
Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik
anzutreffen
ist«. Freilich hat Kant, der Denker, genauer analysiert als
Leonardo.
Im Zusammenhang seiner gesamten Weltanschauung hat er uns zwischen
»eigentlicher«
und »uneigentlicher« Wissenschaft unterscheiden gelehrt;
er hat uns gezeigt, dass eine Wissenschaft, die lediglich auf
empirischer
Beobachtung ruht, wohl den Namen und die Würde einer
»Wissenschaft«
verdiene, insofern sie von der Erfahrung nicht abweiche, die entdeckten
Tatsachen systematisch ordne und sie nach dem Verhältnis von
Ursachen
und Wirkungen aneinander gliedere, dass man sie aber eher
»systematische
Kunst« nennen sollte, (als Beispiel nennt er die Chemie seiner
Zeit), weil zu der apodiktischen Gewissheit eines wirklichen Wissens
etwas
mehr gehört als empirische Erfahrung. Dieses Etwas — das, was Kant
»den
reinen Teil« nennt — ist gerade jene innere, menschliche
Gesetzgebung,
welche, insofern sie die Anschauung betrifft, Mathematik heisst.
Einzig
Mathematik gibt apodiktische Gewissheit; einzig apodiktische Gewissheit
kann im strengen Sinne des Wortes »Wissen« genannt werden.
Darum:
je mehr Mathematik, um so mehr eigentliche Wissenschaft.
Sie sehen, welche
wahre,
tiefgreifende
Verwandtschaft zwischen
110 LEONARDO
der
Anschauungsart dieser beiden —
auf
den ersten Blick uns so diametral entgegengesetzt dünkenden —
Männer
herrscht! Kant, der künstlerisch gänzlich Unbegabte, begreift
doch die grundlegende Bedeutung von Gestalt und Mass für den
Aufbau
menschlichen Wissens und zeigt sich (in verschiedenen Werken und
namentlich
auch (in den soeben genannten Metaphysischen
Anfangsgründen der
Naturwissenschaft)
als ein Talent ersten Ranges auf dem Gebiet dieser gesetzgebenden
schematischen
Anschauung; Leonardo, der Künstler, der Schöpfer des
Abendmahles
und der Mona Lisa, ist nichtsdestoweniger mit Leidenschaft der
Mathematik
und Mechanik ergeben; die Wirkung ihrer unumstösslichen
Gewissheit
auf den Geist vergleicht er mit der Wirkung des Lichtes auf das Auge
(R.
§ 13) und meint mit der Übertreibung des
heissblütigen
Künstlergemütes, sie allein enthalte »die
Möglichkeit zu
wissen«.
Es handelt sich um eine wirkliche
Harmonie in den Anlagen der beiden Männer. Und zwar tut sie sich
gerade an der Stelle kund, wo Goethe versagt; denn wir dürfen
hier
von einem Versagen sprechen, sowohl künstlerisch als
philosophisch.
Künstlerisch ist das Verhältnis insofern leicht zu
überblicken,
als Goethe selber bitter empfand, was ihm abging; es war ein Wollen
und Nichtkönnen. Philosophisch war er sich dessen leider nicht so
genau bewusst, und das ist für ihn und für uns die
Veranlassung
zu einem gewaltigen pascersi di
confusione geworden. Dass Goethe die
Mathematik »verachtet« habe, ist natürlich albernes
Gefasel
der
auf allen Lebenszweigen piepsenden Mikrocephalen; ein einziger Satz von
ihm genügt zur Abwehr: »Niemand kann die Mathematik
höher
schätzen als ich, da sie gerade das leistet, was mir zu bewirken
völlig versagt worden«. ¹) Dass ihm auch hier etwas
»versagt«
war, hat er also doch empfunden, und wie hoch er das Versagte zu
Zeiten
einzuschätzen wusste, zeigt ein Satz mitten in der Farbenlehre
(Didaktischer
Teil § 724), wo jede Gereiztheit gegen die Rechenkünstler zu
entschuldigen gewesen wäre, und wo Goethe dennoch die Mathematik
für »eins der herrlichsten menschlichen Organe«
erklärt.
Trotzdem müssen wir zugeben, dass Goethe nicht allein die
Fähigkeit
zur Ausübung, sondern auch das volle Verständnis für das
Wesen der Mathematik in ihren unentrinnbaren Beziehungen zum
Menschengeist
nicht besass. »Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen
durch Kalkül
abtun und be-
—————
¹) Über Mathematik und deren
Missbrauch.
111 LEONARDO
seitigen
könne«, ruft er
z.
B.
ärgerlich aus. ¹) Ja, was soll das heissen,
»abtun«,
»beseitigen«? Erfassen, in der Gesetzmässigkeit seiner
Bewegung dartun, zu
einer
Wissenschaft durchklären, genau so, wie Albrecht Dürer es
für
die äussere Gestalt des menschlichen Körpers getan und wie
Leonardo
es für den Mechanismus des Blutumlaufs im Innern versucht hat:
das ist es, was die Mathematik leistet. »Das Buch der Natur ist
in mathematischer Sprache geschrieben,« sagt Galilei. Goethe
dagegen
empfindet einen Widerspruch zwischen dem beobachteten Phänomen
und dem mathematischen Schema. Dass er dies empfindet, verdankt er nun
freilich der reinen Kraft seines Blickes; anstatt aber sich von Kant
belehren
zu lassen, es sei im Wesen des Menschengeistes begründet, wenn
Bild und Schema nicht genau kongruieren; ²) anstatt mit Leonardo
einzusehen,
dass die mathematische Vorstellungsweise das notwendige Organ ist
alles
dessen, was Wissenschaft im Sinne eines exakten Wissens heissen kann,
und dass das, was er — Goethe — erstrebt, nicht Wissenschaft ist,
sondern
etwas Anderes, nämlich erhöhte Anschauung — »die Welt
des
Auges«‚ von der wir im vorigen Vortrag hörten — und dass
diese Welt
im Gegensatz zur mechanischen Analyse ideelle Darstellung fordert,
anstatt
alles dessen arbeitet sich Goethe hartnäckig in die
unglückliche
Vorstellung hinein, es gebe eine unmathematische
»Wissenschaft«‚ man
müsse
die Anwendung der Mathematik »beschränken«, sie
innerhalb der
Naturlehre auf ein geringes Gebiet zurückführen usw.
Wissenschaft
und Kunst, meint er, seien durch »falsche Anwendung der
Mathematik«
in »klägliche Abirrung geraten«. ³) Wenn
man nun
bedenkt,
dass die antimathematischen Auslassungen Goethe's
— deren man zahlreiche anführen
kann — hauptsächlich auf die Optik zielen, und in Erwägung
zieht,
welche
ruhmgekrönte Bahn die mathematische Optik seit Goethe's Zeit
durchschritten und welcher weite Ausblick auf umfassende Erkenntnis
sich in unseren
Tagen durch Maxwell und Hertz gerade hier eröffnet hat; wenn man
die heutige Bedeutung der Spektralanalyse für Astronomie, Chemie
und Physik sich vergegenwärtigt und dann Goethe das Spektrum als
nicht viel mehr denn eine Newtonsche Spielerei verlachen sieht, so
muss
man empfinden, der grosse Naturbeobachter
—————
¹) Ferneres
über
Mathematik
und Mathematiker.
²)
Vgl. oben S. 99.
³) Aphorismen über
Naturwissenschaft.
112 LEONARDO
und
Dichter möge gewiss das
Recht
besitzen, die Natur nach seiner Weise zu betrachten, es gehe ihm aber
das
Verständnis für die mathematische Methode der exakten
Wissenschaft
ab. Und zwar fällt dies um so mehr auf, wenn wir dann bei Leonardo
allerdings nur einige wenige, aber — 200 Jahre vor Newton — erstaunlich
richtige Bemerkungen über die Spektralfarben finden, und wenn wir
an Kant's Hochschätzung der Huyghensschen Undulationstheorie
denken.
Wir besitzen also schon heute den Experimentalbeweis, dass wir auf
Goethe's
Wege in den Wissenschaften — als reinen Wissenschaften — nicht weiter
kommen,
während wir auf dem von ihm perhorrescierten und von Kant als
einzig
richtig bezeichneten mathematischen Wege von einer theoretischen und
praktischen
Errungenschaft zur anderen fortgeschritten sind.
WESEN DER MATHEMATISCHEN METHODE
Was ist nun das Wesen der
mathematischen
Methode? Diese Frage ist hier nicht zu umgehen, sonst könnten
wir weder die extreme Anschauung Leonardo's, noch die extreme
Anschauung Goethe's gerecht
beurteilen, noch
auch
würden wir es verstehen, warum Kant's philosophische Kritik ihm
gestattet,
beiden entgegengesetzten Ansichten gerecht zu werden. Die Frage will
ich
vorderhand in möglichst wenigen und möglichst einfachen
Worten
zu beantworten suchen, zwar mit Anlehnung an Kant, doch ohne ihn
für
meine freie, anschauliche Darlegung verantwortlich zu machen; Genaueres
ergibt sich aus später anzustellenden Betrachtungen.
Sobald wir denkend —
ich meine
hier denkend im Gegensatz zu rein passiv anschauend — sobald wir
denkend
der Natur gegenübertreten und jene »Einheit der
Objekte«
herstellen, ohne welche sie für uns überhaupt nicht Natur,
sondern
Chaos wäre, da bedeutet jede einzelne Verknüpfung — wir
mögen
sie anstellen, wie wir wollen — B e w e g u n g. Denken Sie nur
an allgemeinste
Wahrnehmungen beliebiger Körper, die Sie, ohne weiter
darüber
zu philosophieren, bloss im anschauenden Bewusstsein denkend
verknüpfen
— etwa wie der Hirt seine grasende Herde betrachtet. Entweder ruhen die
Objekte und dann muss unser Sinn sich bewegen, um sie wahrzunehmen,
und
wir erhalten G e s t a l t, oder unser Sinn ruht und
die Objekte bewegen sich
an ihm vorbei, und wir erhalten Z a h l; meist
werden beide Arten der
Verknüpfung
zugleich stattfinden; und, wie Sie sehen, ob wir die Aufmerksamkeit auf
das Nebeneinanderbestehen im Raume oder auf die Aufein-
113 LEONARDO
anderfolge
in der Zeit richten,
Bewegung
liegt immer zu Grunde. Bewegung, sagt Kant, ist das, was Raum und
Zeit
vereinigt (r. V. 58), und
gedachte Bewegung, d. h. Bewegung durch die
Vernunft
erfasst, ist Mathematik. Wenn wir die stillen geometrischen Figuren in
unseren Schulbüchern betrachten, so vermeinen wir bisweilen, hier
wäre das Sinnbild der Ruhe; doch werden wir im folgenden Vortrag
sehen, wie der grosse Descartes die höhere Mathematik
begründete,
indem er uns lehrte, alle ruhende Gestalt in Bewegung aufzulösen,
wodurch zugleich ein zweites gegeben ward, die Möglichkeit
nämlich,
jede Bewegung in sichtbare, bleibende Gestalt umzuwandeln. Genau aber
wie diese »höhere Mathematik« aus der Verbindung der
Geometrie
und Zahlenlehre hervorgeht, so entsteht auch eine wirklich
verständliche,
logische »Natur« für uns erst durch weitere — und zwar
bei
näherer
Betrachtung recht gewaltsame — Verknüpfungen von Raum und Zeit,
aus
welchen die Vorstellungen der Zugehörigkeit einer Wahrnehmung zu
der andern, der Wechselwirkung zwischen den Erscheinungen, des
ursächlichen
Zusammenhanges hervorgehen. So bedeutet z. B. das Verhältnis von
Ursache
und Wirkung eine zwiefache Bewegung im Raum und in der Zeit.
Unübertrefflich
anschaulich finden Sie das im vierten Absatz von Schopenhauer's
Hauptwerk
dargestellt; ich verweise Sie darauf. ¹) Und wenn Sie nun
weiter
geforscht
und gedacht haben werden, so werden Sie begreifen, wie Kant zu der
Definition
gelangt: »Materie ist das
Bewegliche«
und zu der Behauptung, der Raum könne durch nichts Anderes, als
durch
B e w e g u n g gefüllt werden (M. N., 2
Hp., L. 1). Und
damit Sie
nicht glauben, dass ich Sie auf den Nadelspitzen abstraktester
Philosophie
führe, sondern begreifen, dass es sich hier um die konkrete und
notwendige
Auffassung der Natur durch den menschlichen Verstand handelt, will ich
Sie darauf aufmerksam machen, dass unsere moderne Physik, so
antimetaphysisch
sie sich in ihrem empirischen Wahn auch gebärdet, immer mehr den
Kantischen
Standpunkt als allein berechtigt einsehen lernt, und dass die lieben
kleinen
Billardkugeln
—————
¹)
Wer lieber
andere,
konkretere
Wege wandelt, um genau zu dem selben Ergebnis zu gelangen, dem empfehle
ich die kleine Schrift Wilhelm Wundt's: Die physikalischen Axiome und
ihre
Beziehung zum Causalprinzip, 1866, wo mit ausserordentlicher
Klarheit
die
historische Entstehung und unabweisliche Wahrheit des Grundaxioms:
»alle
Ursachen in der Natur sind Bewegungsursachen« dargelegt werden.
Auch
der Physiologe Adolf Fick setzt im § 13 seines Lehrbuchs der
Anatomie
und Physiologie der Sinnesorgane auseinander, der Raumsinn und
der
Zeitsinn
bilden verbunden einen »Geschwindigkeitssinn«.
114 LEONARDO
von
Atomen nur noch als ein
Abgeleitetes
und als ein Notbehelf für gröbere Geister bleiben,
während
Lord Kelvin und andere führende Geister unter den mathematischen
Physikern
von »Kraftcentren« sprechen und unter Atomen
»wirbelnde
Bewegung« verstehen. Lord Armstrong — ich nenne englische
Forscher
mit Absicht, weil keine anderen, auch nicht Italiener und Franzosen,
dem
Einfluss deutscher Metaphysik so fern stehen — Lord Armstrong schreibt
in
seinem Buche Electric movements in
air and water, 1897: »Es gibt
gar keinen Grund, die Materie als etwas Anderes denn Bewegung zu
betrachten«.
Selbst den hypothetischen Äther verwirft er als
überflüssig
und findet »die Annahme eines l e e r e n
R a u m e s und eines Kontinuums
von Bewegungen, die zu einander in Wechselwirkung stehen«,
vorzuziehen! ¹)
Ich meine nun, schon dieses Wenige
wird genügen, damit Sie Kant's apodiktische Behauptung begreifen
und — weil Sie sie begreifen — unterschreiben: »Wissenschaft der
Natur
ist
durchgängig eine entweder reine oder angewandte
Bewegungslehre«
(M. N. Vor.).
Hierzu tritt nun aber eine zweite,
entscheidende Erwägung, die nicht wie die erste physikalische
Elemente
enthält, sondern rein philosophisch ist. Die oberste Gesetzgebung
dieser Wissenschaft der Bewegung wird nicht wahrgenommen als Tatsache
der
Natur, sondern wurzelt im Wesen der Vernunft. Wir selber sind es, wir
Menschen,
welche Materie nicht anders auffassen können — nicht anders können, sobald wir
es nämlich auf die logische, denkende, ein apodiktisches
»Wissen« begründende Auffassung der Natur anlegen —
wir
selber sind es,
welche
Materie nicht anders
—————
¹) Empty space
would do just
as
well, if we only chose to conceive a continuity of interacting
motions.
— Im Jahre 1896, bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen
Professorenjubiläums,
sagte Lord Kelvin in einer Rede: »Ich kann die Überzeugung
nicht
unterdrücken‚ dass wir einer umfassenden Theorie der Materie
entgegenreifen, in
welcher
a l l e i h r e E i g e n s c h a f t e
n l e d i g l i c h a l s A t t r i
b u t e d e r B e w e g u n g
werden erkannt werden«. (Dieses Citat, sowie dasjenige aus
Armstrong's Buch,
nach
den jedenfalls zuverlässigen Berichten des englischen Fachblattes
Nature.) Die Physiker gingen
voran, doch jetzt folgen ihnen schon die
Chemiker.
Ostwald, einer der kompetentesten lebenden deutschen Chemiker in Bezug
auf theoretische Fragen, definiert: »Die Materie ist nichts als
eine
räumlich unterscheidbar zusammenhängende Summe von
Energiegrössen«
(Studium zur Energetik II,
Ber. u. Verh. d. k. sächs. Gesell. der
Wissenschaften 1892), und in seinen Grundlinien
der anorganischen
Chemie,
1900, S. 19 ff., verwirft er die bisher üblichen Ausdrücke
«Erhaltung
der Substanz« oder »Erhaltung der Materie« und
ersetzt sie
durch
den
Begriff »Erhaltung des Gewichtes«. Denn, wie er sagt: »Unter Materie versteht
mann ziemlich unbestimmter Weise ein Etwas, an dem alle
Eigenschaften der
Körper haften«; und dieses unbestimmte Etwas wird besser
durch
blosse Energiegrössen — das heisst teils wahrnehmbare, teils nur
mögliche
Bewegungen ausgedrückt.
115 LEONARDO
aufzufassen
vermögen denn als
Bewegung,
und für welche infolgedessen jede vera scientia, jede absolute
certezza
auf reine oder angewandte Bewegungslehre hinauslaufen m u s
s. Die Analyse
der Bewegung bewirkt nun der menschliche Verstand durch das ihm eigene
schematische Verfahren, das wir Mathematik nennen. Durch die Mathematik
wird das Fremdartige, Aussermenschliche dem Menschengeist assimiliert
und von ihm — wenn ich so sagen darf — »verdaut«; sehr
vieles
wird
abgestossen;
was bleibt, besitzt nunmehr menschlich fassliche Gestalt. Das meint
Kant,
wenn er sagt: »Die oberste Gesetzgebung der Natur muss in uns
selbst,
das ist in unserem Verstande, liegen« (P. § 36). Um es etwas
roh, doch dem augenblicklichen Standpunkt unseres Studiums angemessen
auszudrücken: die Tatsachen
gibt die Natur, die
Gesetze
gibt der Menschenverstand. Wofür ich wieder Worte Kant's als
Formulierung
anführen kann: »Der menschliche Verstand schöpft seine
Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor (a. a.
O.).
Im ersten Augenblick wird Ihnen diese Bemerkung vielleicht stark
paradox
vorkommen, doch es genügt ja, wenn Sie vorderhand nur diese
beiden
Dinge einigermassen deutlich auffassen: alle exakte Wissenschaft (im
eigentlichen,
strengen Sinne dieses Wortes) ist im letzten Grunde Bewegungslehre;
alle
Bewegungslehre ist Mathematik und insofern rein menschlich. Einem
Gesetz
des eigenen Seins entgehen wollen, heisst nicht weniger, als den
Versuch
unternehmen, aus der eigenen Haut zu kriechen. Wir loben also den
Scharfsinn
des grossen Leonardo, der das Grundgesetz aller exakten Forschung so
richtig
und energisch erfasst hatte, wogegen wenn ein Mann herkommt — und
wäre
es auch ein Goethe — und uns zuruft: Freunde, ich will Euch eine
unmathematische
Wissenschaft lehren! wir erkennen und bekennen müssen, der grosse
Mann sei in tiefem Irrtum befangen. Und zwar ist sein Irrtum ein
doppelter:
erstens, insofern als seine (stillschweigend vorausgesetzte)
Definition
von »Wissenschaft« nicht zutreffend genannt werden kann;
zweitens,
weil er offenbar das Wesen der Mathematik und ihre gesetzgebende Funktion in Bezug auf alles, was kausale
Verknüpfung — und das
heisst gedachte Natur — ausmacht,
nicht richtig erfasst.
Eine ganz andere Frage ist die,
ob das, was Goethe angestrebt hat, nämlich eine
antimathematische,
insofern auch a-logische und darum unwissenschaftliche Auffassung der
Natur, nicht tiefe Berechtigung besitze. Auch diese Frage dürfen
wir nicht unbeant-
116 LEONARDO
wortet
lassen; denn sie besitzt
entscheidende
Wichtigkeit auch für das Verständnis Kant's. Um sie aber
beantworten
zu können, müssen wir, wie im vorigen Vortrag, einen Exkurs
unternehmen, der uns den unentbehrlichen anschaulichen Stoff liefern
soll.
Wollten Sie sich ohne weiteres in Kant's abstrakt-analytischen
Gedankengang
vertiefen, es würde Ihnen vermutlich sehr schwer fallen, seinen
Ausführungen
über eine unmathematische Naturauffassung — »Natur als
Darstellung«
nennt er sie — ein lebendiges Verständnis entgegenzubringen;
wogegen,
von Goethe kommend, Sie Kant von vornherein verstehen und darum
schwelgen
werden in dem beispiellosen Tiefsinn des gewaltigsten aller Denker. Wir
müssen also beherzt eine Untersuchung über das
Verhältnis
zwischen der exakten, mathematischen Wissenschaft, wie sie Leonardo
einzig
gelten liess, und Goethe's Naturauffassung hier unternehmen. In der
Hauptsache
wird dieser Exkurs auf eine vergleichende Gegenüberstellung der
physikalischen
Optik und Goethe's Farbenlehre hinauslaufen; doch gehen allgemeine
Bemerkungen
voran und verflechten sich in den Gang der Darstellung.
*
* *
GOETHE'S WELT DES
AUGES
Was zunächst unsere Aufgabe
erschwert, ist, dass Goethe selber kein theoretisches Bewusstsein
seines Verfahrens — ja, wir dürfen sagen, seines Zieles — besessen hat.
Sein eigenes Wort: »der Mensch kommt nie so weit, wie wenn er
nicht
weiss, wohin der Weg geht«, gilt von ihm selber; denn indem er
glaubte,
bloss an der Naturforschung seiner Zeit mitzuarbeiten, begründete
er in Wirklichkeit ein Neues. Das ist die nackte Wahrheit, die
unbekannte
Wahrheit, die in dem Lärm und Staub der Parvenü-Orgie unserer
erfolgreichen mechanischen Wissenschaft spurlos — doch nicht auf immer
—
untergegangen scheint. Es gibt Momente in dem Schaffen grosser Geister,
wo sie ein Höchstes leisten: das ist, wenn sie sich selber nicht
ganz
verstehen, wenn sie mit Leidenschaft für eine unmögliche
Behauptung
eintreten, sie, die wahrlich heller blicken als Andere und
folgerichtiger
denken als ihre Censoren; denn hier, gerade hier, wo sie sich mit sich
selbst in manchen Widerspruch verwickeln, wirken sie wie eine
unbewusste
Naturmacht, zukünftigen Erkenntnissen den Weg bahnend; hier ballt
sich der Geist zu einer die Zieralleen menschlicher Kleinkunst
hinwegsäubernden Lawine, oder wie ein Vulkan sprengt er die
überschwere Kruste,
welche
die Trägheit von Jahrtausenden um
117 LEONARDO
das
frohe Feuerelement der
Menschenseele
abgelagert hatte. Ich bitte Sie, sehen Sie sich doch Goethe an — den
herrlichen
Mann! Halten Sie es für denkbar, dass er ein ganzes Leben mit
seinen Lichtaugen in das Licht geschaut haben kann, ohne etwas Wahres
zu
erblicken?
Doch weil ich weiss, dass ich hier zunächst überall auf
Unglauben
und Widerspruch stossen werde, will ich Worte eines bahnbrechenden
exakten
Naturforschers, des anerkanntermassen grössten Physiologen des 19.
Jahrhunderts, Johannes Müller, anführen. Müller ist —
was
Louis Agassiz und Julius Robert von Mayer und Heinrich Hertz, sonst
aber
verschwindend wenige unserer berühmten Naturforscher waren — ein
wirklich
erhabener Geist von bleibender Bedeutung. Müller nun weist auf
Goethe's
Aufsatz über Die Skelette der
Nagetiere hin und sagt:
»Nichts
Ähnliches
ist aufzuweisen, was dieser aus dem Mittelpunkt der Organisation
entworfenen
Projektion gleichkäme. Irre ich nicht, so liegt in dieser
Andeutung
die Ahnung eines fernen Ideals der Naturgeschichte.« Sie
hören
diese
Worte? Die A h n u n g e i n e s f
e r n e n I d e a l s. Und Müller, der exakte
Naturforscher,
schätzt die Erweckung dieser Ahnung so hoch, dass er auf der
nächsten
Seite das Urteil fällt, Goethe habe nicht allein als
Künstler,
sondern auch als Naturforscher »das Grösste
erreicht«. ¹) Ich bitte, auch dieses Urteil —
»das Grösste« —
nie
mehr zu vergessen. Denn wir Neueren sind unter dem Landregen
pseudowissenschaftlicher
Platitüden aufgewachsen; einzig Rudolf Virchow hat vor vierzig
Jahren einmal den Naturforscher Goethe öffentlich in Schutz zu
nehmen
gewagt,
gewiss ein gewichtiger Zeuge, dessen »exakte
Nüchternheit«
kein Mensch anzweifeln wird, der aber leider nicht befähigt war,
den
Schleier des Missverstandes wirklich zu heben; denn dazu hätte
die
philosophische Bildung gehört, die Virchow perhorreszierte,
— weswegen
seine guten Worte damals zwar viel Staub aufwirbelten, doch bald
einflusslos
verhallten. ²) Jedes zweibeinige Rädchen an der grossen
Wissenschaftsmaschine
glaubt sich heute berechtigt, über Goethe den Naturforscher mit
den Achseln zu zucken; ich besitze zufällig den eigenhändigen
Brief einer solchen »Berühmtheit«, die ihre
Professorenwürde
hoch genug taxiert, um sich über Goethe folgendes Urteil zu
erlauben:
seine »Auffassung der Natur« sei, »wie
—————
¹) Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen, 1826, § 186 und § 188
(letzterer fälschlich
als 34 gedruckt).
²)
Goethe als Naturforscher,
1861.
Diese gediegene Schrift muss noch heute Jedem empfohlen werden, der
Goethe
studiert.
118 LEONARDO
sie
ein gemütlicher
Ästhetiker
und Kuriositätensammler auf Spaziergängen gelegentlich
heraussimuliert«.
So wagt ein derartiger, durch die Zuchtrute seiner Lehrer und den
Stachel
des Hungers glücklich bis zum Doctor
philosophiae und schliesslich
bis zu dem drei Stufen hohen Professorenkatheder hinaufgetriebener
Mittelmensch,
von dessen Existenz man sich noch in zwei oder drei Auflagen unserer
Konversationslexika
wird überzeugen können, über den fürstlichen
Intellekt
eines Goethe zu reden, über das Götterauge, welches
während
mehr als ein halbes Jahrhundert nie aufgehört hat, die Natur
denkend
zu erschauen, über den Mann, von dem ein Johannes Müller
urteilte,
er habe als Naturforscher »das Grösste erreicht«!
Doch genug davon;
denn wollte ich mich
in Empörung hineinreden —
in die Empörung über den
geistigen Verfall, den die beschränkte Empirie unserer
tyrannischen,
den übergelehrten Philistern als Beute verfallenen Wissenschaft
veranlasst
hat — so wäre ich nicht bald fertig. Die Reaktion hat schon
begonnen;
auch für Goethe den Naturforscher sind tüchtige Männer
einer
jüngeren Generation am Werke, und mehr als die Einzelnen wird die
allgemeine Not, die unabweisliche kulturelle Notwendigkeit uns zwingen,
den Weg einzuschlagen, den Goethe als »Ahnung eines fernen
Ideals«
uns wies, wollen wir nicht in völlige Barbarei verfallen. Schon
hat
uns ein führender Geist unter den lebenden antimetaphysischen
Empirikern
— der Mechaniker Ernst Mach — verraten, was zunächst vernichtet
werden
soll, und er hat's für die Ziele einer rein maschinellen Barbarei
nicht schlecht getroffen: unsere Sprachen. ¹) Im Interesse
der
»Wissenschaft« sollen sie fallen, um einer abstrakten,
internationalen
Sprache
Platz zu machen. Als Ideal schwebt dem gelehrten Professor die
chinesische
Schrift vor, da sie als reine »Begriffsschrift« allen
Ballast
an feineren Gefühlsbestimmungen entfernt. Dann soll noch das
Grammatikalische
und das Historische »beseitigt werden«! Wenn man
ausserdem
noch die Schriftzeichen vereinfacht und sie durch algebraische Formeln
und chemische Symbole ergänzt, so ist alles beisammen, was
Professor
Mach von einer Sprache verlangt. Er hat auch ganz recht. Eine
Wissenschaft, die sich lediglich mit abstrakten Gespenstern abgibt,
berührt das
wahre Leben an keiner einzigen Stelle. Goethe's Absicht, durch seine
Farbenlehre
nebenbei »die
—————
¹) Die
Mechanik,
Band 59 der Internationalen Wissenschaftlichen Bibliothek, 3. Auflage,
1897
S. 472 f.
119 LEONARDO
Sprache
zu bereichern und so die
Mitteilung
höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu
erleichtern«,
muss von diesem Standpunkt aus ein non plus ultra des Unsinns bedeuten
Und wenn Mach zum Schluss die hoffnungsvolle Ansicht ausspricht, die
englische
Sprache befinde sich auf den besten Wege, dieses Ideal zu erreichen,
so wollen wir das Körnchen Wahrheit nicht übersehen, das in
diesen
Breughelschen Höllentraum sich eingeschlichen hat, und uns zu
derjenigen
Schar gesellen, welche keine Erbschaft für heiliger hält als
die Sprache. Je reicher, je unlogischer, je begriffswidriger die
Sprache,
um so mehr spiegelt sie wahre Natur. Die Männer, die uns die
Sprache
zu rauben gesonnen sind, haben uns schon — so weit es an ihnen lag
— die
Natur gestohlen; belehrte uns doch Lord Armstrong soeben, die
Wissenschaft
brauche nichts weiter als einen leeren Raum anzunehmen (siehe S. 114);
wogegen derjenige Mann, dessen Genie in der souveränen und
schöpferischen
Beherrschung der Sprache wurzelte, mit seiner vielgeschmähten
Naturlehre
den einen einzigen Zweck verfolgte, uns neben seinen unsterblichen
Dichtungen
auch deren ewigen Brunnquell — die sichtbare, unerschöpflich
gestaltenreiche
Natur — zu schenken.
Goethe selber hat nun — wie gesagt
— ein kritisch-analytisches Bewusstsein seiner neuen Methode nicht
besessen,
und darum ist sein Urteil über das Verhältnis seiner
Forschungsweise
zu der eigentlich wissenschaftlichen ein schwankendes und kann leicht
irreführen.
Bisweilen sah er
recht klar darin;
so z. B. wenn er die Anziehung, welche Spinoza in seinen Jugendjahren
auf ihn ausgeübt, aus dem antipodischen Gegensatze dieses Geistes
zu ihm selber herleitet und hinzufügt: »Die mathematische
Methode
war d a s W i d e r s p i e l meiner
poetischen Sinnes- und
Darstellungsweise« (D. W., 14). Dies gilt, wie Sie
sehen,
ganz allgemein; die »mathematische Methode«, die der
jüdische
Denker bevorzugte, empfindet Goethe als seiner eigenen
»poetischen
Sinnesweise« entgegengesetzt. Doch auch in Bezug auf die
specielle
Naturforschung
lassen sich entscheidende Stellen anführen; ich wähle eine
aus dem Jahre 1826, welche die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit
der
Mathematik besitzt. Goethe schreibt: »Das Recht, die Natur in
ihren
einfachsten, geheimsten Ursprüngen, so wie in ihren offenbarsten,
am höchsten auffallenden Schöpfungen, auch ohne Mitwirkung
der
Mathematik, zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen, musste ich
120 LEONARDO
mir,
meine Anlagen und
Verhältinsse
zu Rate ziehend, gar früh schon anmassen. Für mich habe ich
es
mein Leben durch behauptet. Was ich dabei geleistet, liegt vor Augen;
wie
es Andern frommt, wird sich ergeben«. ¹) Das ist doch
vollendet
klar,
nicht wahr? »Meine Anlagen zu Rate ziehend«: das deutet auf
jene
Anlagen, welche, nach dem ersten Citat, »das Widerspiel«
der
mathematischen
sind. Und Goethe fordert das Recht, die Natur diesen Anlagen
gemäss
zu betrachten, zu erforschen und zu erfassen. Betrachten, erforschen,
erfassen: das bedeutet ein vollständiges Programm zu einer eigenen
Naturlehre. Im weiteren Verlauf des Aufsatzes spricht Goethe
tatsächlich
davon, dass »ein neuer Standpunkt zu den neuen Ansichten
berechtige«. Aus dieser Erkenntnis sind die zahlreichen Stellen
zu verstehen, in
denen Goethe, ohne alle Bitterkeit, erklärt, seine Art die Natur
zu
betrachten, »bleibe den Männern vom Fach unfasslich, eben
weil
sie anders denken«; in denen er von den ersten grossen deutschen
Naturforscherversammlungen
bekennt, sie brächten nichts, »was ihn auch nur etwas
berühre,
anrühre, anrege, keine neue Forderung, keine neue Gabe«,
ihm, der
doch
»seit fünfzig Jahren leidenschaftlich den Naturbetrachtungen
ergeben sei«; denn unter sämtlichen deutschen Naturforschern
sei »keiner, der nur die mindeste Annäherung zu seiner
Sinnesart
hätte». ²) Und auch solche Stellen gehören
hierher, wo
Goethe
in seinen letzten Jahren — wie z. B. in dem vorhin genannten Aufsatz
über die Nagetiere — anstatt, wie gewöhnlich, seine
Leistungen auf dem Gebiete der Morphologie in den hellen Farben des
erfolgreichen
Forschers zu schildern, plötzlich »als das lebhafteste
fühlt,
dass sein redliches Streben in Betrachtung der Natur nur Vorahnungen,
nicht
Vorarbeiten gewesen«. Das alles liesse an Deutlichkeit und
Richtigkeit
der Einsicht nichts zu wünschen übrig. Goethe ist sich in
solchen
Augenblicken so völlig bewusst, nicht Hand in Hand mit den
Männern
der eigentlichen »Wissenschaft« zu gehen, dass er für
sich
als ein »Recht« es fordert, nach seiner eigenen Weise
forschen zu
dürfen, und gesteht, diese Weise bleibe Jenen unfasslich, ja,
dass
er ahnt, es handle sich um einen »neuen Standpunkt«, um
ein Zukünftiges,
dessen Bedeutung ihm selber halb verschleiert bleibe. Und da
möchte
ich Ihnen gleich das Urteil eines der besten lebenden Kenner der
betreffenden
Werke Goethe's, des
—————
¹)
Über
Mathematik und deren Missbrauch.
²) Briefe an Zelter vom 11. 4.
1825,
10. 7. 1828, 1. 11. 1829.
121 LEONARDO
um
Goethe's Schriften über die
Natur
so vielfach verdienten Dr. Rudolf Steiner, vorlegen. Steiner spricht
speziell
von der Farbenlehre, genau das selbe liesse sich aber von Goethe's
Morphologie
sagen. Er schreibt: »Die Farbenlehre Goethe's bewegt sich in
einem
Gebiete, welches die Begriffsbestimmungen der Physiker gar nicht
berührt.
Die Physik k e n n t einfach alle die Grundbegriffe
der Goetheschen
Farbenlehre
nicht. Sie kann somit von ihrem Standpunkte aus diese Theorie gar nicht
beurteilen. Goethe beginnt eben da, wo die Physik aufhört. Es
zeugt
von einer ganz oberflächlichen Auffassung der Sache, wenn man
fortwährend
von dem Verhältnis Goethe's zu Newton und der modernen Physik
spricht
und dabei gar nicht daran denkt, dass diese zwei völlig
verschiedene
Dinge sind«. ¹)
Leider ist es nun Goethe selber,
der mit äusserster Eindringlichkeit und Vehemenz über sein
angebliches
»Verhältnis zu Newton« gesprochen hat, und nicht zu
Newton
allein, sondern überhaupt zur exakten Naturwissenschaft. Haben
Sie
in dem vorhin angeführten feierlichen Bekenntnis jene fünf
unschuldigen
Worte bemerkt: »auch ohne Mitwirkung der Mathematik«? Da
sprudelt
noch heute die böse Quelle des Missverstehens. Es ist nicht
»auch
ohne«, sondern es ist im Gegensatz zur Mathematik, dass Goethe
Natur
betrachtet und erforscht und erfasst. Die mathematische Methode und
Goethe's
Methode können nebeneinander, nicht aber miteinander bestehen; ein
Kompromiss zwischen ihnen ist unmöglich; sie können nicht das
eine Mal »auch mit« und ein anderes Mal »auch
ohne«
einander
wirken.
Wie tief das
Missverständnis
bei Goethe drang, will ich Ihnen nur an einem — statt an hundert —
Beispielen
zeigen. Einen Monat nach jenem grundlegenden Bekenntnis, in dem nur
ein
geübtes Auge den Makel des »auch ohne« entdeckt,
spricht
er zu Eckermann: »Haben doch auch die Mathematiker nicht die
Metamorphose
der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht,
und die Mathematiker haben es müssen gelten lassen« (G. 20.
12. 1826). Wenn diese Worte authentisch berichtet sind, so
genügen
sie zum Beweise, dass wir unseren eigenen Kräften trauen
müssen,
um hier klar zu sehen; Goethe, der Vor-
—————
¹) In Kürschner's
Goethe-Ausgabe,
Band 35, Vorrede S. 30. Der Satz: Goethe beginnt eben da, wo die Physik
aufhört«, ist vielleicht nicht sehr glücklich
gesprochen;
weder führt die Physik zu Goethe, noch Goethe zur Physik; der
lapsus
calami liesse Unaufmerksame es vermuten.
122 LEONARDO
bote
und Begründer, lässt
uns
in Bezug auf das klare Verständnis seiner Tat im Stiche.
Mathematik
und Metamorphose! Hier wäre der Platz gewesen, um zu zeigen, dass
es sich um zwei ungleichartige und unvereinbare, einander nirgends
berührende
Verfahren handelt. Was Goethe's Idee von der Metamorphose ist, wissen
Sie
aus unserem ersten Vortrag; freilich umfasst auch sie, wie jede
menschliche
Erkenntnis, die Vorstellung der Bewegung; doch anstatt sich ihr wie ein
Schiffer dem Strome anzuvertrauen, schwebt sie wie ein Aar in die
Höhe,
von wo aus gesehen der lebendig eilende Fluss zugleich Bewegung und
Ruhe
ist, Bewegung als inneres Daseinsgesetz, Ruhe als Gestalt. Die
Mathematik
— und in einem weiteren Sinne die gesamte eigentliche Wissenschaft, da
diese überall dem einen Trieb gehorcht, Mathematik zu werden — die
Mathematik besitzt keine andere Fähigkeit und Funktion als die
Analyse
des Werdens; selbst das Ruhende muss sie in Bewegung auflösen,
sonst
kann sie ihm nicht beikommen. Worauf Goethe's Bemühungen dagegen
ausgehen,
ist nicht analytisches Wissen, sondern intensivstes Erschauen —
»die
Welt
des Auges« — und dessen Gesetz ist nicht das Werden, sondern das
Sein. Daher jenes eigentümliche Durchdringen von Gleichzeitigem
und
Aufeinanderfolgendem, welches bei der Metamorphosenlehre manchmal
verwirrend
auf uns — und auch auf Goethe selber — wirkte. Denn während die
Wissenschaft,
deren ganzes Wesen auf dem Begriff von Ursache und Wirkung ruht, das
Sein
nur als einen fast imaginären Punkt zwischen Gewordensein und
Werdenwerden
gelten lässt, kann das Auge offenbar kein Werden anders
wahrnehmen,
denn als eingeschlossen im ewigen Sein. Goethe's Idee von einer
»gleichzeitigen
Umbildung« ist logisch und daher auch wissenschaftlich ein
sinnloser
Begriff, dem Auge aber erschliesst sie eine Welt. Auf diese Fragen
kommen
wir in den Vorträgen über Plato und Kant zurück, denn
einzig
Plato hat geahnt und einzig Kant hat gewusst, um was es sich hier
handelt.
Für den Augenblick mag das Gesagte genügen, Sie recht
deutlich
fühlen zu lassen, wie ungereimt Goethe's Apostrophe an die
Mathematiker
ist. Wie sollte ein Mathematiker — in seiner Eigenschaft als
Mathematiker
— die Metamorphose erfinden? Es müsste ein sehr schlechter
Mathematiker
gewesen sein. Ebensowenig treffen die Worte; »ich habe dieses
ohne
die Mathematik vollbracht«, den Nagel auf den Kopf, was
wir
doch
sonst
von Goethe gewohnt sind.
123 LEONARDO
Und
was die Schlussbemerkung
anbelangt:
»Sie haben es müssen gelten lassen«, so beruht sie
einfach
auf Irrtum. Goethe's Metamorphosenlehre ist ebenso wie seine
antimathematische
Optik von der Wissenschaft abgelehnt worden. Freilich, es geschah nicht
so einstimmig und energisch und von Beginn an, doch lediglich deswegen
nicht,
weil auf biologischem Gebiete die Komplikation eine weit grössere
ist, wodurch endlosen Missverständnissen Raum gegönnt bleibt.
Schlagen Sie aber irgend ein zuverlässiges heutiges Werk auf, z.
B.
die Geschichte der Botanik
von Julius Sachs (Kap. 4), so werden Sie
Goethe's
Metamorphosenlehre unbedingt zurückgewiesen finden. Sachs zeigt,
wie Goethe immerfort zwischen Tatsache und Idee hin und her geschwankt
habe, und er deckt den Schaden auf, den seine Anhänger
während
langer Jahre stifteten, indem sie, anstatt den Gedanken der
Metamorphose
»im tieferen Sinne der idealistischen Philosophie« zu
verwerten,
ihn in die exakte Wissenschaft einführten, was nur geschehen
konnte,
indem man »die höchsten Abstraktionen mit der
nachlässigsten
und rohesten Empirie, zum Teil mit ganz unrichtigen Beobachtungen
verband«
(a. a. O., S. 174). Die Metamorphosenlehre hat die Wissenschaft des 19.
Jahrhunderts mindestens ebenso gehemmt als gefördert. In dieser
Weise
urteilt ein Naturforscher, dessen Recht mitzureden nicht in Frage
gezogen
werden kann. Mit dem »sie haben es müssen gelten
lassen«
hat es, wie Sie sehen, eine eigene Bewandtnis. Dass es aber in Bezug
auf
das Verhältnis zwischen Goethe's Metamorphosenlehre und der
exakten
Wissenschaft so viel Konfusion — bis heute herab — gegeben hat, kommt,
wie ich vorhin bemerkte, von der Natur des Gegenstandes. Alle
Wissenschaften
streben nach der Mathematik, doch ist die Biologie — im Gegensatz zur
Physik
— von diesem Ziele noch fern. Und da kommt es auf eine Schulung des
Sehens
an, sonst wird das Material gar nicht erblickt; man beobachtet, aber
man
beachtet nicht. Vor Goethe schleppte sich darum die vergleichende
Anatomie
mühsam daher; Männer wie Caspar Friedrich Wolff starben
unbekannt.
Erst Goethe — um ihn herum aber manche andere wie Camper und Oken — regte die Phantasie mächtig an
und trieb sie dadurch zur Beachtung des Erblickten. Einzig hierin liegt
für die Wissenschaft die Bedeutung seiner Metamorphosenlehre.
Goethe's
ganze Naturkunde kann e i n e A n l e i t u n
g z u m S e h e n genannt werden. Und
damit
ist nichts Geringes gesagt, denn Phantastereien lehren nicht
124 LEONARDO
sehen,
im Gegenteil, sie führen
zu jenen falschen Beobachtungen, die Sachs vorhin tadelte; dagegen gibt
es ein Etwas, das Goethe in einer glücklichen Stunde als
»exakte
sinnliche Phantasie« bezeichnete; ¹) diese Phantasie ist —
wie das Wort es
besagt — sinnlich, nicht abstrakt; sie beruht auf sehr genauem Sehen,
und die unübertreffliche Genauigkeit mancher Beobachtungen
Goethe's
können Sie sich von Müller und Helmholtz,
von Virchow und
Gegenbaur,
von Sachs und Ferdinand Cohn bezeugen lassen; nun muss aber zu dem
exakten
Sehen die exakte Phantasie kommen. Wissenschaftliche Hypothesen
vergehen
alle, Goethes Metamorphosenlehre und Farbenlehre werden nie vergehen,
sie
stehen so fest wie die Tatsachen, welche sie in der Vernunft
widerspiegeln.
Daher die Bedeutung von Goethe's Ideen für die Zoologie und die
Botanik.
Die Wissenschaft hat seine Gedanken gebraucht, wie sie den Augenspiegel
gebraucht, um in die Tiefe zu sehen, um Tatsachen zu entdecken; doch
lediglich als ein Werkzeug, nicht als ein Organ. Zwar führt die
Evolutionshypothese
ihren Ursprung gern auf Goethe zurück, doch ist das eine
Naivetät
des greisenhaften Kindes, das besser daran täte, sich bei Moses,
Sanchuniathon,
Thales und Empedokles nach Ahnen umzuschauen, da diese
ehrwürdigen
Männer ihm historisch bessere Dienste leisten und auch in Bezug
auf
Geisteskultur näher verwandt sind.
OPTIK UND FARBENLEHRE
Um aber das
Verhältnis
zwischen Goethe's Naturanschauung durch exakte sinnliche P
h a n t a s i e und der
mathematisch-exakten W i s s e n s c h a f t der
Natur restlos klarzulegen,
müssen wir zu einem
konkreten
Beispiel greifen. Optik und Farbenlehre sollen uns dazu dienen.
Natürlich
kann ich Sie nicht in die Mysterien der Optik einführen,
ebensowenig
vermag es irgend ein Mensch, Goethe's Farbenlehre kürzer
darzustellen,
als er es selber getan hat. Dieses unsterbliche Werk ist lauter
Anschauung
und lautere Anschauung; jeder ungelehrteste Mensch kann es Absatz
für
Absatz durchstudieren und Schritt für Schritt das sehen, was
Goethe
gesehen hat. Hier ist Sehen und Verstehen das selbe. Man sollte
meinen, Jeder würde danach greifen. Und da Helmholtz — den ich
wohl als
allverehrten
Vertreter der mathematischen, antigoetheschen Wissenschaft hier
anführen
darf — ausdrücklich bestätigt: »Die Versuche, welche
Goethe in seiner Farbenlehre
angibt, sind genau beobachtet und
—————
¹)
In dem Aufsatz
über Ernst Stiedenroth's
Psychologie.
125 LEONARDO
lebhaft
beschrieben, über ihre
Richtigkeit
ist kein Streit«, ¹) so brauchte Niemand, der dieses
verbotene
Buch
lesen wollte, auch nur um sein wissenschaftliches Seelenheil zu
zittern.
Genaue, richtige Beobachtungen, die sich ausserdem von einem
ordentlichen
Universitätsprofessor die Zensur, »lebhaft
beschrieben«
zu sein, verdient haben, könnten gewiss keinem Menschen schaden.
Doch
ich weiss, es nützt alles nichts; kein Mensch ist dazu zu bringen,
die Farbenlehre zu lesen.
Dieses herrliche Kind eines Halbgottes
gleicht
einer schlummernden Brünnhilde, die auf den neuen Tag wartet, der
ihr den Wecker bringen wird. Es kann sich also für uns nur um
einige
wenige Grundbegriffe handeln; das wird aber genügen, damit Sie den
Unterschied zwischen »Natur als Mathematik« und
»Natur
als
Darstellung« mit Händen greifen und über die
Berechtigung
der letzteren, ihr Dasein neben ersterer zu behaupten, nie mehr in
Zweifel
geraten. Dabei werden Goethe, Leonardo, Kant, jeder in seiner Eigenart
vor Ihren Augen aufsteigen.
DIE PHYSIKALISCHE OPTIK
Da Helmholtzens Optik
gerade zur
Hand ist, schlagen wir sie auf, dort, wo die allgemeine
Darstellung
der physikalischen Optik beginnt. Den ersten Absatz bildet eine
Definition des Lichtes, die folgendermassen
lautet: »Das Licht
wird von der Mehrzahl der Physiker als eine eigentümliche
Bewegungsform
eines hypothetischen Mediums, des Lichtäthers, angesehen, und wir
wollen uns dieser Ansicht, der Undulationstheorie, die sehr
vollständig
von allen Erscheinungen Rechenschaft gibt, anschliessen« (S. 30).
Hier haben Sie die ganze Methode der mathematisch-mechanischen
Wissenschaft
in einer Nusschale. Das angebliche Wort des sterbenden Dichters —
»Mehr
Licht!« — wird gern bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit
citiert;
was hätten unsere empfindsamen Seelen dazu gesagt, wenn Goethe
ausgerufen
hätte: »Mehr eigentümliche Bewegungsform des
hypothetischen
Mediums!« Glauben Sie aber nicht, dass ich mit diesem
schlechten
Witz die optische Definition lächerlich machen will; kein
geringerer
als René Descartes hat die Anschauung begründet, das
Licht
m ü s s e als Bewegung aufgefasst werden, und zwar als
Bewegung eines
unsichtbaren, den Weltraum aus füllenden Mediums; durch diese
Annahme
ist die Optik die vollkommenste aller Wissenschaften geworden; ich
wollte
Sie nur aufmerksam machen, dass das erste Gesetz aller Wissenschaft —
—————
¹) Handbuch der
physiologischen
Optik, Ausg. von 1867, S. 268.
126 LEONARDO
sobald
sie exakt werden will — die
V e r n i c h t u n g
d e s A n s c h a u l i c h e n fordert, oder
wenn nicht geradezu des Anschaulichen
kurzweg,
so doch des tatsächlich Angeschauten zu Gunsten einer abstrakten,
mathematisch brauchbaren, völlig unsinnlichen und schematischen
Vorstellung.
In diesem selben Werke (S. 268) macht Helmholtz
in der Tat Goethe zum
Vorwurf, er gehe »in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten
darauf
aus, das Gebiet der sinnlichen Anschauung nicht zu verlassen«.
Bei
der sinnlichen Anschauung zu verweilen, ist also, wissenschaftlich
betrachtet,
ein Fehler; denn, wie Helmholtz weiter ausführt: »Jede
physikalische
Erklärung muss zu den Kräften aufsteigen, und die
können
natürlich nie Objekt der sinnlichen Anschauung werden, sondern nur
Objekte des begreifenden Verstandes.« Diese angeblichen
»Kräfte« sind nun pure Gedankendinge; selbst die
nüchternste antiphilosophische
Wissenschaft gibt heute zu, dass sie nur in unseren Köpfen
existieren;
und gerade weil dem so ist, können sie die sinnliche Anschauung in
ihrer Reinheit nicht gebrauchen, sondern müssen sie durch eine
imaginäre
Sinnlichkeit ersetzen. ¹) Was da noch angeschaut wird, ist, wie
der
genialste
Physiker, Heinrich Hertz, zugibt, ein »Scheinbild«, von dem
man nicht verlangen darf, dass es »irgend eine
Übereinstimmung
mit den Dingen habe«. ¹) Der erste Schritt führt also
von
der Anschauung hinweg in das Abstrakte; bis das gelungen ist, ist keine
Wissenschaft exakt. Als ungelehrte, naiv denkende Menschen hätten
Sie das Licht für die konkreteste aller Ihrer Wahrnehmungen
gehalten.
Hier erhalten Sie dafür eine Definition, welche jegliche
Wahrnehmung bei Seite schiebt. Denn genau betrachtet, enthält sie
nur zwei
Aussagen,
von denen die eine lautet: Licht ist »Lichtäther«,
eine
Leistung, die an das »ich bin ich« des Jahve gemahnt und
vor das
Forum
der Logiker gehört, die zweite die Bestimmung hinzufügt:
Licht
ist Bewegung. Da nun vorhin die flüchtigste Überlegung
genügt
hat, uns zu belehren, dass die Auffassung der Natur als Bewegung eine
unabweisliche
Forderung der Menschenvernunft, das heisst, nicht ein Gesetz der Natur,
sondern ein Gesetz unseres Gehirnes ist, und schon Leonardo, als
scharfer
Denker, die Richtigkeit dieses Grundsatzes erkannt hatte (R. §
1139),
so
—————
¹) Auch
Whewell,
der
Geschichtsschreiber
der induktiven Wissenschaften, bekennt sich zu der Ansicht, dass es in
den physikalischen Wissenschaften vor allem »auf die klare,
sichere
Beherrschung abstrakter Ideen« ankomme (History of the inductive
sciences, ed. 1857, I, 282).
²) Prinzipien
der Mechanik,
Einleitung, S. 1 und 2.
127 LEONARDO
folgt dass obige
Definition
tatsächlich
gar nichts weiter enthält, als ganz allgemeines metaphysisches
Postulat.
Seither haben, wie Sie wissen, gewisse führende Physiker auch das
hypothetische Mediumn, den Äther, für überflüssig
erklärt:
für diese ist Licht also gar nichts als abstrakte Bewegung im
leeren
Raum!
Nun aber lesen Sie,
bitte, in
Helmholtz weiter. Jetzt kommt das Schema. Wie Kant scharfsinnig bemerkt
hat: in der Physik »geht das subjektive Prinzip der
Naturforschung
vor dem objektiven vorher, die Z u s a m m e n s e t z u n
g v o r d e m Z u s a m m e n g e s
e t z t e n «,
wir »müssen das Mannigfaltige selbst
hineinlegen«,
denn wir können hier nichts anderes erforschen, »als was
wir
hineinlegen« (Üb. I, 262,
271, 293). Und in die
Optik
legen
wir recht viel hinein. ¹)
Dem Rate Helmholtzens
folgend,
versinnbildlichen wir uns mit Hilfe eines nassen Fadens, den wir oben
mit den Fingern fassen, frei herunterhängen lassen und nun hin
und her bewegen, die »eigentümliche Bewegungsform des
hypothetischen
Mediums«, so gut es gehen will. Doch — nebenbei gesagt — dass das
Medium und seine Bewegungen rein
hypothetisch
sind, dass ihnen lediglich die Bedeutung eines Scheinbildes, d. h. eines denkbaren Schemas zukommt,
davon ist in den Lehrbüchern nie mehr die Rede; die Lichtwellen
werden
als erfahrene Tatsachen behandelt. ²) Hier sehen Sie das Bild:
der
Strich AB ist der umubewegte Faden; so liegen die
Lichtätherteilchen
hintereinander in gerader Linie, solange sie nicht bewegt sind;
und hier die punktierte Linie zeigt Ihnen, wie die sogenannten
»Wellen« sich ausnehmen, sobald ein Atherteilchen oben bei
A hin
und
her zu schaukeln anhebt. Und warum setzt sich das betreffende
Teilchen in Bewegung?
—————
¹) Am
Schlusse
seines Lebens
(gegen
1830) spricht Goethe die selbe Einsicht in seiner Weise aus: »Genau
besehen
findet sich immer, dass der Mensch dasjenige voraussetzt, was er
gefunden
hat, und dasjenige findet, was er voraussetzt. Der Naturforscher als Philosoph darf sich
nicht schämen, sich in diesem Schaukelsystem hin und her
zu bewegen und da, wo die wissenschaftliche Welt sich nicht versteht,
sich
selbst zu verständigen« (W.
A. 2. Abt., 6, 351).
²) Die Behauptung, die sogenannten
»Interferenzerscheinungen« bewiesen in concreto die
tatsächliche
Existenz der Ätherwellen, scheint mir eine arge Naivetät,
denn sie
beweisen
weiter nichts, als dass die hypothetischen Annahmen des Un-
128 LEONARDO
Das
ist wieder eine
eigentümliche
Sache. Helmholtz schreibt: »Ganz
ähnlich der Bewegung
der einzelnen Teile des Fadens würde die Bewegung einer Reihe von
Ätherteilchen sein, l ä n g s w e l c
h e r sich ein Lichtstrahl
fortpflanzt«.
Hatten wir also oben eine Definition des Lichtes erhalten, welche gar
nichts
weiter als die abstrakte Annahme enthielt, Licht sei Bewegung, so wird
hier plötzlich der L i c h t s t r a h l als
hypostasiertes Wesen
eingeführt,
das sich »längs« der Teilchen des Lichtäthers
fortpflanzt
und dadurch ihre Bewegung veranlasst. Und während
»Licht«
nach der Definition eine Wellenbewegung ist, ist der
»Lichtstrahl«
nach der mathematischen Definition (siehe a. a. O., S. 33)
»eine
senkrechte Linie«. Das ist schon eine ziemliche Hexenküche.
Nun stellen Sie sich vor, die Sonne steht im Mittag, die Welt ist von
Licht
durchtränkt: wie viel »Strahlen« mag es da geben? Mehr
jedenfalls als um das Haupt einer byzantinischen Madonna. Sie lachen?
Doch
diesmal ist es kein Spass, sondern Ihr Glauben wird für folgende
Proposition gefordert: »Wir können in solchen Fällen
die
Bewegung
der Ätherteilchen innerhalb eines Strahls annähernd als
ein
a b g e s c h l o s s e n e s
m e c h a n i s c h e s G a n z e ansehen, welches
unabhängig von den Bewegungen
der benachbarten Strahlen von statten geht«. Sie sehen, die
Strahlen
sind eine ganz materielle Vorstellung. Wie es möglich ist, dass
ungezählte
Strahlen, neben einander fortlaufend, die seitlichen Bewegungen der
Ätherteilchen
nicht aufheben, so dass es vor lauter Lichtstrahlen gar kein Licht gibt
— das müssen Sie mit sich selber ausmachen, denn darauf hat die
Physik
keine Antwort. Hätten wir die Wellenbewegung allein oder die
geradlinige
Bewegung allein (welch letzteres bei Newton, der von einer
Wellenbewegung
nichts wusste, der Fall war und seiner ganzen Optik zu Grunde liegt),
dann
besässe unsere abstrakte Vorstellungskraft wenigstens ein
mögliches
Scheinbild; unsere mathematische Physik kann aber die beiden
Vorstellungen
nicht entbehren: Licht ist eine geradlinige Bewegung, es verbreitet
sich
nicht wie Schall nach allen Richtungen, und Licht ist trotzdem zugleich
eine wellen-
—————
dulationsschemas für unser
Wissen noch immer
ausreichen.
In Wirklichkeit ist die ganze Vorstellung der
»Schwingungen«, wie
sie noch in allen Lehrbüchern als sichere Tatsache vorgetragen
wird,
durch die elektromagnetische Lichttheorie überwunden und ersetzt.
Wilhelm Ostwald spricht von ihr als von der »ohne Sang und Klang
zu Grabe getragenen Schwingungstheorie« (Vortrag gehalten in der
Naturforscherversammlung
zu Lübeck 1896, S. 17), und Poincaré, einer der ersten
lebenden
mathematischen Physiker, sagt von der Hypothese der Schwingungen, sie
sei
»weder gewiss noch
interessant«
(La Science et l'Hypothèse, p.
191).
129 LEONARDO
förmige
Bewegung; nur durch die
conjunctio
dieser zwei einander widersprechenden Begriffe können alle
Phänomene
mathematisch ohne Rest schematisiert werden. Der
grosse
Mathematiker d'Alembert macht darauf aufmerksam, dass die angebliche
»Wolkenlosigkeit« der Mathematik in Wirklichkeit nur dort
statthabe,
wo sie das ganz Abstrakte behandle, dass aber, je reicher das
Sinnenmaterial
sei, auf welches wir sie anwendeten, um so dunkler die Vorstellungen
würden,
die wir ihren Operationen zu Grunde legten. ¹) Hier sehen
Sie, wie
wahr
seine Worte sind. Die mathematische Physik ist praktisch,
nützlich,
fehlerlos, grossartig,
verblüffend ...... ich will ihr gern alle lobenden Prädikate
des
Wörterbuches
zuerkennen, nur das eine nicht, dass sie k l a r
sei; wer mit d'Alembert
denkend
ihre Grundlagen untersucht, wird sie obscure
finden. Wenn Goethe einem
Freunde einige Begriffe über das Wesen des Lichtes beibringen
wollte,
stürmte er zuerst gegen die unglückliche Vorstellung
der
Strahlen an. »Von Strahlen ist gar die Rede nicht, sie sind
eine
A b s t r a k t i o n,
die erfunden wurde, um das Phänomen in seiner grössten
Einfalt
allenfalls darzustellen, von welcher Abstraktion aber fort operiert,
auf
welcher weiter gebaut oder vielmehr aufgehäuft die Angelegenheit
zuletzt
ins Unbegreifliche gespielt worden« (Br. an Boisserée,
11.
1. 32). Doch lassen wir die angeblichen Strahlen bei Seite und
kehren
wir
zu unseren Wellen zurück; und zwar wollen wir die Darstellung nur
so weit verfolgen, bis wir das erste Mal einer wirklichen Wahrnehmung
begegnen und also glauben können, dass wir aus den wolkigen
Olymp
hypothetischer Konstruktionen herabschweben und auf der festen
empirischen
Erde Fuss fassen sollen.
Also ich bitte Sie um
Ihre
Aufmerksamkeit;
jetzt wird — wie Kant uns lehrte — »die Zusammensetzung
hineingelegt werden«.
Je nachdem ich den nassen Faden mehr oder weniger stark bewege, wird
die Schlangenlinie, die er in der Luft bildet, grössere oder
kleinere
Krümmungen aufweisen; in ähnlicher Weise werden in dem
Lichtäther
die stärker oder schwächer bewegten Ätherteilchen mehr
oder weniger von ihrer ursprünglichen Lage abweichen, mit anderen
Worten, die Wellen höher oder niedriger sein: diese
wechselnde
Wellenhöhe nennt man die A m p l i t ü d e
der Wellenbewegung.
Ausser
der Höhe der Welle kommt aber ihre Länge in Betracht. Die
Strecke
vom a1 bis a2, von Wellenkamm zu
—————
¹) Discours
préliminaire
du traité de dynamique, erster Absatz.
130 LEONARDO
Wellenkamm,
oder von b1 bis b2, von
Wellental
bis zu Wellental, kann verschieden lang sein: das nennt man
die
W e l l e n l ä n g e.
Drittens kann die Bewegung jedes Ätherteilchens, welches hin und
her
schaukelnd gedacht wird, mit verschiedener Geschwindigkeit vor sich
gehen:
das nennt man S c h w i n g u n g s d a u e r.
Zunächst halten Sie, bitte, in
Ihrer
Vorstellung dies fest: dass wir an solchen Wellen wechselnde
Wellenhöhe,
Wellenlänge und Schwingungsdauer annehmen sollen. Wir können
aber ausserdem — da Gedanken, wie man zu sagen pflegt, zollfrei sind
— auch
verschiedene Richtungen der Bewegung annehmen. Denken Sie wieder an den
nassen Faden. Ich kann die Hand in einer geraden Linie von rechts nach
links und von links nach rechts bewegen, dann werden sich auch die
einzelnen
Teilchen des sich in Wellen krümmenden Fadens geradlinig hin und
her
bewegen, — ebenso verhält es sich mit den hypothetischen
Ätherteilchen:
im diesem Falle sagt man, das Licht sei »geradlinig
polarisiert«.
Ebenso aber wie ich meine Hand geradlinig von links nach rechts bewege,
könnte ich sie geradlinig von vorn nach hinten hin und her
bewegen;
ich muss also mindestens zwei (und kann, wenn es not täte,
beliebig
viele geradlinige) Schwingungsrichtungen annehmen; im einfachsten Falle
spricht man von zwei senkrecht gegeneinander polarisierten
Wellenrichtungen.
Ich könnte aber die Hand auch in einem Kreise oder in einer
Ellipse
bewegen; das einzelne Teilchen des Fadens würde dann von einer
Wellenhöhe
zur nächsten, beziehungsweise von einem Wellental zum folgenden
statt
einer geraden Linie eine Kreislinie oder eine Ellipse beschrieben
haben;
auch das wollen wir von den Lichtätherteilchen annehmen: in dem
einen
Falle spricht man von kreisförmig polarisiertem, in dem anderen
Falle
von elliptisch polarisiertem Lichte. Gut; bleiben wir dabei; es gibt
noch
etliche Komplikationen, doch für unsere augenblicklichen Zwecke
wird
das schon genügen. Wir können uns also Wellen von
verschiedener
Amplitüde (das heisst Wellenhöhe), Wellen von verschiedener
Länge, Wellen von verschiedener Schwingungsdauer, ausserdem
geradlinig
polarisierte, senkrecht gegen einander polarisierte, kreisförmig
polarisierte
und elliptisch polarisierte Wellen vorstellen. Jetzt mache ich aber
einen
letzten, höchsten Anspruch an ihre Phantasie. Bitte, stellen Sie
sich alle diese Verschiedenheiten zugleich vor, als mit-, in-, auf-,
unter-,
über- und durcheinander bestehend; hohe und niedrige Wellen, lange,
131 LEONARDO
kurze
und mittellange, schnell und
langsam
schwingende in unendlichen Abstufung, einander allseitig durchdringend,
dazu die Ätherteilchen in verschiedenen geraden Linien und auch
kreisförmig
und elliptisch durcheinanderwogend: wissen Sie, was Sie jetzt haben?
Das
n a t ü r l i c h e L i c h t des Physikers!
das Licht, wie die Sonne, die
Kerze,
das Streichholz es erzeugt. Auch dies ist kein Spass. Fragen Sie nur
Helmholtz;
er wird Ihnen Auskunft geben. »Das natürliche Licht«,
schreibt er, »ist eine gleichmässige Mischung von allen
Arten
verschieden polarisierten Lichts«, ausserdem »enthält
es Wellenzüge von einer unendlichen Menge kontinuierlich
ineinander
übergehender Werte der Schwingungsdauer«.
Kant's Gebot, das
Mannigfaltige
selbst hineinzulegen, hätten wir, dünkt mich, redlich
erfüllt,
nicht wahr? Doch muss ich eine Bemerkung hier einschalten. Nichts
wäre
ungerechtfertigter, als über dieses Schema der Physiker zu lachen,
vielmehr stimme ich aus voller Überzeugung Kant's Ansicht bei,
dass
derartige Geistesstrukturen »der Stolz der menschlichen
Vernunft«
sind. Die ungeheure Komplikation des Scheinbildes hat sich erst nach
und nach eingestellt, als immer neue Phänomene bekannt wurden,
die
in das eine grosse Schema hineingefügt werden mussten; seit
Helmholtzens
Zeit sind neue hinzugekommen; so haben z. B. die Röntgenstrahlen
zu der Vorstellung genötigt, dass die Schwingungen nicht allein
senkrecht
zu der Fortpflanzungsrichtung stattfinden, sondern auch parallel zu
ihr,
das heisst, als ob wir unseren nassen Faden nicht bloss geradlinig und
kreislinig hin und her, sondern auch von oben nach unten und umgekehrt
auf und ab bewegten, nicht bloss also in der Richtung des Fussbodens
und
der Decke, sondern auch in der Richtung der Zimmerwände. Immer
Neues
wird noch hinzukommen; schliesslich wird das Schema der Undulation vor
zunehmender haarsträubender Verwickelung vollends unbrauchbar
werden,
und ein Genie wird uns mit einem neuen Bilde beschenken, mit einem
Bilde,
welches Licht, Wärme, chemische Wirksamkeit, Elektrizität,
Magnetismus,
alle zusammenfasst in ein einziges praktisches und zu neuen
Entdeckungen
anleitendes Schema. Die neue Theorie ist schon da, schon weit
ausgebildet,
nur die bildliche Vorstellung fehlt noch. ¹) Begeisterte
Bewunderung
gebührt
—————
¹) Über die Hypothese
der
Elektronen findet der
gebildete Laie wissenschaftlich
zuverlässigen
Aufschluss in Lorentz: Sichtbare und
unsichtbare Bewegungen, 1902,
Kap.
6. Nach dieser Hypothese bleibt der Äther als Vermittler der Wir-
132 LEONARDO
den
Männern, die, wie Demokrit
und
Descartes und Kant, solche zugleich schematische und schöpferische
Scheinbilder dem Menschenhirn schenken, und fraglose Anerkennung jenen
Männern der exakten Wissenschaft, die, wie Newton und Helmholtz,
im
Anschluss an die ihnen überlieferten genialen Gedanken durch
Unermüdlichkeit,
Beobachtungsgabe, Scharfsinn, Erfindungsreichtum, Geschick nicht allein
den Schatz an Wissen bereichern, sondern der ganzen Menschheit
praktische
Dienste leisten von unvergänglichem Werte. Man braucht ja nur an
den Augenspiegel zu denken! Die Geringschätzung der exakten
Wissenschaft
— wie wir ihr hier und da bei verschiedenartigen Schwärmern und
Obskuranten
begegnen
— ist darum so empörend, weil sie
handgreiflich nachweisbare Verdienste, welche jeder Laternenputzer wenn
nicht verstehen so doch erblicken kann, in Abrede stellt, wogegen
Geringschätzung
der Philosophie und der Kunst durch Unbegabtheit oder schlechte
Erziehung
zu entschuldigen ist. Darüber also, nicht wahr, soll zwischen uns
kein Missverständnis herrschen. Wogegen ich mich einzig verwahre,
ist, dass eine unsichtbare Kirche, bedient von bornierten, arroganten
und
unduldsamen Kathederpfaffen, von Menschen, die unter dem Ehrentitel von
»Gelehrten« ein durchaus unberechtigtes Ansehen geniessen —
da Gelehrsamkeit und Urteilsfähigkeit in keinem notwendigen
Zusammenhang
stehen ¹) — dass, sage ich, diese naturentfremdete,
fanatische
Sippschaft
meinen Verstand schon in der Kindheit erfasst, seine gesunde
Anschauungskraft
vernichtet, sein gesundes Denken in einen wissenschaftlichen
Schraubstock
einspannt und nun mit einer Tyrannei, welche das Inquisitionsgericht
hinter
sich lässt, meinen Glauben für unsinnige Dogmen erzwingt. An
Gott brauche ich nicht zu glauben; dass ich ein sittlich starker,
energischer,
freier Mensch werde, daran liegt wenig oder gar nichts; aber an
das hypothetische Medium und
—————
kungen, zu Grunde liegen aber
Schwingungen
der Elektronen, nicht des Äthers, so dass die Vorstellung
tatsächlich
eine ganz neue ist. Ich glaube aber, sie ist noch recht künstlich
und
roh und darum unzureichend.
¹) Kant macht
in seiner
unvergleichlich
naiven Art darauf aufmerksam, dass gerade »stumpfe,
eingeschränkte
Köpfe«, denen es »an gehörigem Grade des
Verstandes
und eigenen Begriffen mangelt«‚ eine besondere Eignung dazu
zeigen, als
Fachgelehrte »ausgerüstet zu werden« (siehe reine
Vernunft,
S. 173 Anm.). Darum
sei es »nichts
Ungewöhnliches,
sehr gelehrte Männer anzutreffen, die den nie auszubessernden
Mangel
an Urteilskraft im Gebrauche ihrer Wissenschaft häufig
blicken lassen«. Wie zwischen Priester und Priester, so
sollten wir auch
zwischen Gelehrten und Gelehrten zu unterscheiden lernen und
Bewunderung
und Vertrauen nur den einzelnen wirklich hervorragenden Geistern
schenken.
133 LEONARDO
an
die Wellen, die Strahlen sind,
und
an die Strahlen, die Wellen sind, und an die Amplitüden und
Schwingungen und Polarisationen und sonstigen Popanz, sowie auch an
die Abstammung
des Menschen vom Affen und des Affen von der Seequalle soll und muss
ich
glauben, als ob das wirkliche Dinge wären, sonst bin ich
geächtet.
Heinrich Hertz giebt ein schlagendes Beispiel in Bezug auf unsere
heutige
Physik. Ein Stück Eisen liegt auf einem Tisch. Warum fliegt dieses
Eisenstück nicht in die Luft, oder durchbohrt es nicht den
Tisch, um zur Erde zu fahren, oder berstet es nicht in Millionen Atome
auseinander? Gerade so wie vorhin beim Licht, setzt hier die Physik so
unzählige sogenannte »Kräfte« voraus, die alle
am
Werke
sind, das Stück Eisen hierher und dorthin zu zerren, dass ein
Mathematiker
viele Wochen zu rechnen hätte, ehe er es wissenschaftlich
plausibel
machte, dass das Stück Eisen wirklich ruhig auf dem Tische liegen
bleibt. Hertz schreibt: »In Wahrheit aber sind alle
Kräfte
so gegeneinander abgeglichen, dass die Wirkung der gewaltigen
Zurüstung
null ist; dass trotz tausend vorhandenen Bewegungsursachen Bewegung
nicht
eintritt; dass das Eisen eben ruht. Wenn wir nun diese Vorstellungen
unbefangen
Denkenden vortragen, wer wird uns glauben? Wen werden wir
überzeugen,
dass wir noch von wirklichen Dingen reden und nicht von Gebilden
einer
ausschweifenden Einbildungskraft?« ¹) Die Einbildungskraft
der
Wissenschaft
lassen wir uns schon gefallen, auch wenn sie ausschweifend wird; dass
wir aber unsere Unbefangenheit, unser logisches Denken, unsere an der
Quelle der Wahrnehmung gespeiste Phantasie dieser Göttin der
Abstraktion
auf den Altar legen sollen, dagegen müssen wir mit aller Gewalt
Verwahrung
einlegen, ehe es zu spät geworden ist, ehe uns diese
wissenschaftliche
Bildungsbarbarei völlig umnachtet hat.
Doch wir hatten uns vorgenommen,
dem Darstellungsgang der Physik so lange zu folgen, bis wir das erste
Mal
einer wirklichen, nicht einer bloss imaginären Wahrnehmung
begegneten.
Und richtig, hier unten an der Seite, wo von den Wellen und den
Polarisationen
die Rede ist, glänzt mir eine wohlbekannte Vorstellung
entgegen,
ich erblicke das Wort F a r b e ! Und was lese ich?
»Die
auffallendste
Eigentümlichkeit, durch welche sich Licht
verschiedener Schwingungsdauer
voneinander unterscheidet, ist die Farbe« ²)
—————
¹) Prinzipien der Mechanik,
S. 15.
²)
Das Citat (a. a. O.,
S.
31) ist wörtlich genau; solche eigentümliche
Konstruktionen
wie
»Licht unterscheidet sich von einander« sind bei Helmholtz
nicht selten.
134 LEONARDO
Der
unbefangen Denkende, auf welchen
Heinrich Hertz sich berief, wird, glaube ich, zunächst stutzig
werden.
Farbe ist Schwingungsdauer? Er hat aber doch richtig gelesen; hier
steht
ja die Definition: »Wenn jedes Ätherteilchen bei der
Lichtbewegung
immer genau in derselben Zeit denselben Weg mit derselben
Geschwindigkeit
wiederholt durchläuft, nennt man das Licht einfach, einfarbig oder
homogen«. Der Unbefangene wird immer mehr perplex. Denn er
erinnert
sich, dass für den Physiker Licht und Sichtbarkeit durchaus nicht
gleichbedeutend sind; in jedem Strahl natürlichen Lichtes gibt es
für den Physiker eine grosse Menge »ungesehenen
Lichtes«,
es gibt das Ultraviolette und es gibt das Infrarote (oder Ultrarote);
das
müssen also Welle für Welle Farben sein, Farben, die kein
Menschenauge
zu erblicken vermag. Was ist eine Farbe ausserhalb des Kreises Rot,
Gelb,
Grün, Blau? Was ist eine unsichtbare Farbe? Weder eine
Wahrnehmung,
noch eine irgendwie mögliche Vorstellung. Ausserdem ist, wie wir
gesehen
haben, die Physik gezwungen, vorauszusetzen, es gebe eine unbegrenzte
Anzahl
von kontinuierlich ineinander übergehenden Werten der
Schwingungsdauer;
dieser in etwas anderer Form schon von Newton erhobene Anspruch (der
unendlich
viele verschiedene materielle Lichtkörperchen annahm) kann von
Niemandem,
der die Elemente der mathematischen Physik innehat, abgewiesen werden;
nun beträgt aber nach den Physikern die Schwingungszahl eines
Ätherteilchens
im tiefsten Rot 400 Billionen in der Sekunde, im hellsten Violett gegen
800 Billionen: nach der physikalischen Definition müsste es also
innerhalb
des sichtbaren Spektrums etwa 400 Billionen verschiedene Farben geben!
In Wirklichkeit kommen wir sowohl in der Theorie wie in der Praxis mit
der Annahme von vier Grundfarben vortrefflich aus, was schon Leonardo
an
verschiedenen Orten klar entwickelt hat; manche — und darunter auch
Helmholtz
— haben sogar geglaubt, nur drei reine Farben unterscheiden zu
müssen. ¹) Ausserdem besteht gar kein Verhältnis
zwischen den
angenommenen
Schwingungszahlen und der Reihenfolge der Farben: Sie gehen 100
Billionen
Schwingungen hinauf und befinden sich noch immer im Rot; dagegen
genügen
einige lumpige Billiönchen, etwa zehn bis zwölf, um Sie aus
dem
schönsten Grün mitten in das dunkelste
—————
¹) Im
besten Falle
unterscheidet
ein normales Auge innerhalb dieser kleinen Skala 160 bis 165
Nüancen
(vgl. Arthur König: Ges. Abh.
zur physiolog. Optik, 1903, S. 368).
135 LEONARDO
Blau
zu führen. Schlimmer noch ist
es, dass Sie glauben sollen, Rot und Violett, zwei Farben, die so
unmerklich
ineinander übergehen, dass keine Kunst eine Grenze zwischen ihnen
ziehen kann, seien die extremsten Gegensätze, das eine
durch
die allerlangsamsten, das andere durch die allerschnellsten
Schwingungen
hervorgerufen. Dann wieder hat uns gerade die Spektralanalyse gelehrt,
dass Flammen, welche genau die selbe Farbe für das Auge besitzen,
aus Strahlen bestehen können, die ganz verschiedenen Stellen im
Spektrum
entstammen und also verschiedenen Schwingungszahlen (nach der
physikalischen
Annahme) entsprechen müssen. ¹)
Hier könnte ich eine halbe
Stunde weiterreden, denn sobald die mathematische Physik das Gebiet der
Farben betritt, waten wir bis an den Mund im dicken Schlamm der
Unmöglichkeiten
und der unauflöslichen Widersprüche. Da ich aber heute nicht
im stande bin, dies im einzelnen auszuführen und mir doch daran
liegen
muss, Sie Schritt für Schritt zu überzeugen, nicht meine
Privatmeinung
dränge sich hier auf, sondern unleugbare Tatsachen würden
Ihnen
vorgeführt, gestatten Sie mir, Ihnen ein vortreffliches Compendium
der Physik vorzulegen, das ich in meiner Studienzeit besonders
gern
benützte;
es ist umfassend, klar, streng wissenschaftlich. ²) Hier lesen Sie
in
der
ersten Zeile der Seite 536: Unser Auge unterscheidet verschiedene
Farben,
die ihren G r u n d darin haben, dass die Anzahl der
unser Auge in
der Zeiteinheit treffenden Schwingungen eine verschiedene
ist.«
Das macht doch den Eindruck einer völlig konkreten, sicheren
Tatsache,
nicht wahr? Das Dogma geht voran, wie im Katechismus das Credo. Nun
bringt
aber der redliche Verfasser eine Reihe von Erwägungen, die zwar
nicht
als Einwürfe gemeint sind, denn dass die Farben Schwingungen
sind,
ist ein Dogma — Anathema dem, der die sakrosankten Schwingungen als ein
blosses Schema für die Berechnung betrachten wollte! —
Erwägungen
aber, die den Verfasser zu einem Geständnis zwingen, welches Sie
auf
der selben Seite 536, letzte Zeile, finden: »Dadurch ist die
Empfindung
der Farben als ein rein physiologischer Vorgang zu betrachten, der
physikalisch
nicht weiter zu deuten ist.« Also in der ersten Zeile ist — kurz
und
bündig — der physikalische »Grund« für unser
Farbensehen
angegeben,
und in der letzten Zeile wird eingestanden,
—————
¹) Vgl.
Höfler:
Psychologie, 1897, S. 115.
²) Von Adolf Wüllner, Ausgabe von 1879.
136 LEONARDO
man
vermöge den Vorgang der
Farbenempfindung
physikalisch nicht zu deuten. Wenn wir die beiden Aussprüche
zusammenreimen
sollen, müssen wir wohl voraussetzen, der Physiker unterscheide
zwischen
Farbe und Farbenempfindung. In dem ersten Falle ist Farbe für ihn
lediglich ein epithetum ornans
für Schwingungsdauer, es besteht
keinerlei
Zusammenhang zwischen Farbe und Auge, die Farbe ist ein objektives
physikalisches Phänomen; er redet auch ganz ruhig von
»rotempfindenden«
(nicht »rotempfundenen«) Strahlen«, als ob jede
Wellenlänge
eine eigene Livrée trüge; ¹) sobald aber seine Physik
das
Auge
in Betracht zieht, stürzt das kunstvolle Gedankenphantom
zusammen.
Das Licht, ja, da stimmt noch alles, da können die Wellen und
die
Strahlen und die Polarisationen ihr Wesen treiben, bis sie gegen die
menschliche
Netzhaut anrennen; bei der Farbe aber muss der bisher allgewaltige
Tausendkünstler
verzichten, diese »Empfindung« vermag er physikalisch nicht
zu
deuten.
Und nun kommt der Physiolog, den er selber herbeigerufen hatte, und
— sobald
dieser wie Johannes Müller ein wirklich philosophischer
Geist
ist — belehrt er den Physiker: »Mit Ausnahme der rein optisch
mathematischen
Bestimmungen über die Bewegung des Elementarischen, b
e r u h e n d e i n e
L e h r e n a u f d e n o f f e n b
a r s t e n W i d e r s p r ü c h e n; Licht
ist
Sinnesenergie
und Farbe ist die Affektion des Augennerven«. ²)
Weiter brauchen wir nicht. Wir
sind jetzt bis zu dem Kern vorgedrungen. Hätten Sie Kant
schon studiert, ein einziges Wort genügte, und Sie würden
die
ganze Lage übersehen, wie man von hohem Bergesgipfel
aus die Struktur eines Landes überblickt. Doch auch so wird es
gehen,
und Sie werden Kant — heute wie schon neulich — verstehen, bevor Sie
ihn
studiert haben.
DIE FARBE
Schauen Sie, bitte,
zu den Fenstern
dieses Zimmers hinaus; was sehen Sie da? Das Grün der
Wiesen,
das Blau des Himmels, das Gelb des Kornes, das Weiss der Schneeberge
und das Grau der Wolken. Alles Farben. Ihr ganzes Sehen besteht aus
einen
Sehen von Farben; der Begriff Licht ist ein abgezogener, er ist ein
Sammelname
für alle Farben. Denn wenn Sie auch die Lichtquellen in
Betracht
ziehen, wie die Sonne, die Sterne und alle Flammen und
—————
¹) Helmholtz:
Vorträge und
Reden, Ausg. v. 1884, I, 279.
²) Vgl. Über die
phantastischen
Gesichtserscheinungen §§ S 7, 10, 11.
Offenbar hat die Behauptung
»Farbe ist Schwingungsdauer« nicht einmal so viel Wert
für
die Erkenntnis des Wesens der Farbe wie die bekannte Behauptung eines
Blindgeborenen: Rot
stelle er sich als das
Schmettern
der Trompete vor.
137 LEONARDO
Lampen,
die wir zur
künstlichen Hervorbringung des Lichtes benützen, so sind das
in Wirklichkeit »Farbenerzeuger«. Ein farbloses Licht
wäre
eine
contradictio
in adjecto. Auch ein weisses Licht existiert nicht. Erscheint
uns
eine
Lichtquelle weiss, so handelt es sich immer nur um relative Helligkeit,
oder aber es mangeln die Gegenstände zum Vergleiche. Die
Öllampen
der alten Strassenbeleuchtung erschienen dunkel orangerot, als die
Gaslaternen
sich ihnen zugesellten; die Gasflammen werden gelbrot, die
Glühlampen
rot, die Auerlichter — sonst so blendend weiss — blau, sobald starke
Bogenlampen
in der Nähe sind. ¹) Das vom Auge Wahrgenommene ist
überall
Farbe.
Und auch Weiss und Schwarz — wenngleich der sorgsam Beobachtende
genötigt
ist, sie für ein Besonderes zu halten, das er den übrigen
Farben nicht ohne weiteres gleichsetzen kann, und wenn auch die
optische
Analyse
uns lehrt, dass keinerlei aktives Licht sie beherbergt — wird doch
jeder
unbefangen denkende Mensch als ein den Farben Verwandtes, als etwas
Positives
betrachten. Weiss ist genau ebenso sehr wie schwarz eine privatione de
colori; physikalisch entsteht es durch jedes genaue Gemisch von
zwei
antagonistischen Farben, z. B. von Gelb und Blau oder von Rot und
Grün, weil
für
das Auge der eine Eindruck den andern aufhebt. Ein absolut Farbloses
vermögen
wir uns nicht einmal in Gedanken vorzustellen: es wäre das
Unsichtbare
schlechtweg. Nun dürfen Sie nicht glauben, ich wäre bestrebt,
das Licht für ein Hirngespinst zu erklären. Das wäre
purer
Sophismus. Aber geradeso, wie ich aus der Erfahrung der Töne mir
den Begriff »Schall« konstruiere, der sich dann als
konsequent
bewährt, und unter das alle Phänomene, die der
Gehörsinn wahrnimmt, praktisch und theoretisch
zusammengefasst werden
können,
ebenso abstrahiere ich aus den Empfindungen meines Auges, welche
allesamt
— weil eben jegliche Affektion des Augennerven Farbe ist — keine andere
Gestalt haben, noch jemals haben können als die der Farbe, den
allgemeinen
Begriff des »Lichtes«. Und wenn der Ausdruck
»abstrahieren«
Ihnen zu stark dünkt — ich entwickele ja kein System und lege
meine Worte nicht auf die Goldwage — so wollen wir statt dessen
»ableiten«
sagen: der Begriff Licht ist ein aus den Wahrnehmungen der Farben
abgeleiteter
Gedanke. Und glauben
—————
¹) Das
gilt auch von Stoffen. Der blendend weisse
Mantel
gewisser österreichischer Uniformen wird schmutzig hellgelb,
sobald
frischer Schnee den Boden bedeckt. Man vgl. Goethe: Farbenlehre,
§
690.
138 LEONARDO
Sie nicht, das seien
Tüfteleien;
vielmehr handelt es sich um einen wirklichen Unterschied, um einen
Unterschied,
den die geringste Überlegung klar erfassen lässt, und der —
klar
gefasst — allein schon genügen würde, die ewige Konfusion
zwischen
der m a t h e m a t i s c h e n O p t i
k der Physiker und der auf genauer Beobachtung
unserer
Gesichtswahrnehmungen ruhenden F a r b e n l e h r e
Goethe's
unmöglich
zu machen. Die Farben sind ein Fels, an dem keine noch so herkulische
Kraft
zu rütteln vermag; zu der Vorstellung des Roten und der des Blauen
vermögen wir weder etwas hinzuzutun, noch etwas davon
hinwegzunehmen;
sie entziehen sich auch jeglicher Definition. Wie Descartes in seiner
einfachen
Sprache sagt: En vain nous
définirions ce que c'est que le blanc
pour le faire comprendre à celui qui ne verrait absolument rien,
tandis que pour le connaître il ne faut qu'ouvrir les yeux et
voir
du blanc. ¹) Die Vorstellung »Farbe« besitzt
eben gar kein begriffliches
Element; es ist physiologisch gesprochen — reine
Sinnesenergie, und — philosophisch gesprochen — Empfindung und
empirische
Anschauung. Dagegen ist Licht e i n B e g r i f
f; hier denkt der Verstand nach
über das, was die Sinnlichkeit ihm an Stoff zugeführt hat;
und
darum ist der Umkreis dieses Begriffes ein unsicherer und schwankender;
es liegt ja bei uns, ihn zu erweitern oder zu verengern. Wenn Sie,
verehrte
Freunde, gefragt würden, Sie würden Licht und Sichtbarkeit
für
gleichbedeutend halten, und Goethe's überraschende Behauptung:
»das
Licht und das Auge sind eins und dasselbe«, ²) würde
Sie
bald wie eine heilsame Wahrheit anmuten; doch unserer Physik ist, wie
Sie
gesehen haben, die Vorstellung eines unsichtbaren Lichtes — also eines
nächtlichen Tages — geläufig, und die Wissenschaft befindet
sich
augenblicklich an einem Wendepunkt, wo zu dieser Begriffserweiterung
eine
neue allmählich hinzukommt, und nicht bloss unsichtbare
Sichtbarkeit,
sondern auch Licht, welches überhaupt nicht Licht ist, in den
Kreis
aufgenommen wird. Denn auf dem notwendigen Wege zu einer einzigen
allgemeinen
Bewegungslehre sind wir bereits so weit, die Erscheinungen des Lichtes
mit denen der Elektrizität, des Magnetismus und anderer
Molekularphänomene
zu einer einheitlichen Vorstellung zusammenzufassen. So neu und modern
ist ja dieser Gedanke nicht, wie die Herren Zeitungsschreiber, von
denen
die heutige Welt ihre
—————
¹) Recherche de
la vérité par les lumières naturelles,
éd.
Cousin, XI, 370.
²) Farbenlehre,
Einleitung.
139 LEONARDO
Bildung
zu holen pflegt, sich
einbilden.
Fast liesse er sich in Plato's Timaos
als Keim nachweisen, und
jedenfalls
schwebt er Descartes schon vor,
wenn auch die
elektrischen
Phänomene damals zu wenig bekannt waren, um mehr als allgemeine
Vorahnungen
aufsteigen zu lassen. Herder macht in Kap. II des 5. Buches seiner
Ideen
mystische Andeutungen über die Identität von »Licht,
Äther,
Lebenswärme«, Andeutungen, die wissenschaftlich ohne Wert
sind,
jedoch zeigen, wie nahe der Gedanke lag. Kant aber schreibt schon in
einer
frühen Schrift (1763): »Man präsumiert mit grossem
Grunde,
dass
die Ausdehnung der Körper durch die Wärme, das Licht, die
elektrische
Kraft, die Gewitter, vielleicht auch die magnetische Kraft vielerlei
Erscheinungen
einer und ebenderselben wirksamen Materie, die in allen Räumen
ausgebreitetet
ist, nämlich des Äthers sei....«. ¹) Und in
seinem
letzten, unvollendet gebliebenen Werke hatte er der heutigen Theorie
durch
die hypothetische Annahme seines »Wärme- oder
Lichtstoffes«
als eines »allgemein Beweglichen, primitive movens», schon
sehr genau vorgearbeitet. ²) Heute ist diese Auflassung nicht mehr
abzuweisen.
Und ob wir dann das Licht als eine »eigentümliche
Bewegungsform«
der elektrischen Wellen, oder die Elektrizität als eine
»eigentümliche
Bewegungsform« des Lichtäthers ansprechen, das ist bonnet
blanc,
blanc bonnet und wird durch praktische Rücksichten oder
Willkür
entschieden. Der Begriff Licht wird entweder so ausgedehnt werden, dass
die Sichtbarkeit nur eine Abart unter seinen vielen anderen ausmacht,
oder
so eingeschränkt, dass es selbst nur einen besonderen Fall
innerhalb
eines grösseren Komplexes molekularer Bewegungserscheinungen
bildet.
Wogegen Rot, Grün, Blau, Gelb, Orange, Violett, Braun, Schwarz,
Weiss
usw. in Ewigkeit bleiben, was sie seit Ewigkeit sind: einerseits ein
völlig
Objektives, eine von einem Verstande erfasste Wahrnehmung, welche kein
Denken je erzeugen könnte, sondern einzig die tatsächliche
Empfindung,
verursacht durch den Gegenstand, — und zugleich doch insofern das ganz
und gar Subjektive, als die Farbe (im Gegensatz zum Licht) ganz in
meinem
Auge liegt, und ein Ausdruck meines
—————
¹) Der einzig
mögliche
Beweisgrund
zu einer Demonstration des Daseins Gottes,
4, II.
²) Auch Goethe
hat die Vermutung
ausgesprochen, es dürfte »das selbe Ens sein«, das sich bald
als Licht, bald als Magnetismus, bald als Elektrizität, bald
»als
Chemismus« zeigt; ich habe ihn nur darum im Text nicht citiert,
weil
der von Riemer mitgeteilte Wortlaut zweifelhaft erscheint (Briefe von
und
an Goethe etc.. S. 302).
140 LEONARDO
rein
persönlichen
Verhältnisses
zu dem Gegenstand ist. Während also das »Licht« die
Elastizität
alles Gedachten besitzt, ist die »Farbe« ein
unverrückbares
Phänomen, fest eingekeilt zwischen Objekt und Subjekt, alle
willkürliche
Behandlung spröde abwehrend.
Jetzt wissen Sie genau, warum
unsere exakte Wissenschaft in der Untersuchung des L i c h
t e s herrliche
Erfolge
erzielt, wogegen ihre Behandlung der F a r b e n zu einem
solchen
Gallimathias
von Unmöglichkeiten und Widersprüchen geführt hat, dass
heute keiner mehr aus noch ein weiss und diejenigen Fachmänner,
die
literarische Schulbildung besitzen, nach Goethe hinzuschauen
beginnen,
wie nach einem verlorenen Paradies. ¹) Der Begriff Licht ist
von Anfang
an ein abgeleiteter, abgezogener, ein Kind unseres Menschenhirns,
frühzeitig
von seiner Mutter, der Sinnenempfindung, losgerissen, und darum
vermögen
wir nach Belieben mit ihm zu schalten und zu walten. Nicht
natürlich
in dem Sinne, als könnten wir Erfahrungen erfinden oder
ignorieren
oder auf den Kopf stellen, doch in dem Sinne, dass wir den
Erfahrungen von vorneherein den Weg weisen, den sie gehen sollen, um in
das
Arsenal
unseres Wissens zu gelangen. Das ist jenes »Hineinlegen des
Zusammengesetzten«,
von dem Kant vorhin sprach. Die Änderungen, die das Schema sich
von
Zeit zu Zeit gefallen lassen muss, sind nur Anpassungen an
Tatsachen,
die sich den gewählten Weg nicht aufzwingen liessen. So
ist Newton's Vorstellung von Licht als Bewegung eine andere als
Descartes',
Huyghens' wieder eine andere als Newton's, Young's
eine andere als
Huyghens',
und jetzt gehen wir wiederum tiefgreifenden Änderungen entgegen.
Und weder der philosophischeste Geist, noch das sehkräftigste Auge
wirkt hier am erfolgreichsten, sondern derjenige Mann, der, wie Newton,
mit ausserordentlicher mathematischer Kombinationsfähigkeit
begabt,
ausserdem noch den sicheren Instinkt für die p r a k t
i s c h e Anpassung
des Angeschauten an das Abstrakte, Rechnungsfähige besitzt. Schon
John Locke hat die Bemerkung gemacht, Newton's Grösse bestehe in
der
»Auffindung von Zwischenvorstellungen.« ²) Newton ist
als
—————
¹) Man
sehe z.
B. den
schönen
Vortrag des Ophthalmologen Jacob Stilling in den Strassburger
Goethevorträgen,
1899, S. 147 fg. Stilling bemerkt mit Recht, dass, was jetzt in
Bezug
auf
Farbentheorie als das Allerneueste gilt, eine Rückkehr zu Goethe
bedeutet. Er sagt: »Goethe's Farbenlehre ist mehr als gerettet
[wie
schon
Classen, Über den Einfluss
Kant's auf die Theorie der
Sinneswahrnehmung, 1886, S. 241, ausgerufen hatte]; der
physiologische Teil enthält
geradezu
die Grundlagen der modernsten Anschauungen«.
²) Human
Understanding IV,
7,
§ 11.
141 LEONARDO
Weltanschauer
nicht wert,
Descartes
die Schuhriemen zu lösen: Descartes' genialer Gedanke
eines
Bewegung fortpflanzenden Mediums war für ihn zu hoch, Licht konnte
er sich nicht anders vorstellen als wie einen Stoff, der von
leuchtenden
Körpern ausgestossen wird;
und Newton's Auge war so kindlich
unbeholfen, dass er 200 Jahre nach Leonardo die biblische Siebenzahl in
Bezug auf die Farben festhalten zu müssen glaubte und in seinen
Bemerkungen
über die Farben der Schatten, über Kontrastfarben und
dergleichen
Irrtümer beging, die ihm jeder erste beste italienische
Malerlehrling
hätte nachweisen können. Und so ist denn schon längst
seine
Emissionstheorie, ebenso wie seine Farbenlehre den Weg alles
handgreiflich
Falschen (um nicht zu sagen Absurden) gegangen, mithin ist seine
gesamte
Vorstellung des Lichtes — sowohl das an ihr, was Gedanke, wie das, was
Wahrnehmung war — gefallen. Und was blieb denn? Warum verehren wir Alle
Newton
als unsterblichen Forscher? Erstens blieben die Berechnungen eines der
erstaunlichsten Zahlenvirtuosen der Weltgeschichte, eines namentlich
kombinatorisch
unvergleichlichen Geistes; denn Newton ist ein unfehlbarer Meister,
sobald
er innerhalb seines mathematischen Gebietes — des Gebietes der
dem Menschenverstand eigenen Anschauung — bleibt; was links und
rechts die Berechnungen einrahmte, der Gedanke, von dem sie ausgingen,
und
die
Wahrnehmungen, auf deren Erklärung sie hinzielten, beides konnte
falsch sein, die Berechnungen selbst waren nichtsdestoweniger richtig.
Dazu kommt zweitens, dass Newton nicht allein Berechnungen anstellte,
die nie umgestossen werden können, sondern dass sein Geist sich in
allem bewährte, was zu dem Berechenbaren gehört,
vorzüglich
in der Erfindung und Anordnung von Experimenten, welche die Analyse
von
Bewegungen bezwecken. So sagte ihm z. B. das Phänomen der
Farben — über das Leonardo so scharfsinnige Beobachtungen
angestellt
hatte — zunächst gar nichts; er verstand ja nicht einmal die
Farben zu
sehen;
nie hätte ihn — wie Goethe
— der Anblick einer
meergrünen
Schneelandschaft mit purpurnem Himmel auf den Weg der Erkenntnis
geführt;
alle die grossen Farbenerscheinungen der Natur — das Blau des Himmels,
das
Grün des Laubes, das Weiss des Schnees — sind ein Sinnbild der
Ruhe;
Newton betrachtete sie gar nicht erst. Dagegen bemerkte er bei der
Beschäftigung
mit optischen Gläsern, dass, wenn man eine Glasfläche gegen
die andere drückt, Farbenerscheinungen
142 LEONARDO
auftreten.
Hier stand Farbe in
Beziehung
zu Bewegung und zu messbarer Kraftäusserung; hier musste man sie
anpacken,
damit mathematische Physik daraus werde! Bei Newton handelt es sich um
einen Blick, der praktisch und zugleich doch auch intuitiv ist,
weswegen
er — wenn auch als konträrer Gegensatz — recht gut mit dem Blick
des
künstlerischen Genies in Parallele gestellt werden kann. Neben
dem,
was Newton berechnete, blieb darum ein grosses zeugendes Prinzip
für
künftige Wissenschaft: das nämlich, was er schuf, — nicht die
Theorie, sondern die praktischen Ideen, und das heisst die Herstellung
einer Reihe von Berührungspunkten zwischen dem Mechanismus des
Menschendenkens
und dem Mechanismus der Natur, die erfinderische Tat eines abstrakten
Künstlers.
Diese Seite des Newtonschen Geistes, und diese allein ist es, welcher
unbedingt
das Prädikat »genial« zukommt, denn hier zeigt sich
Intuition
und kühne Verbindung des weit Auseinanderliegenden. Dieser
Erkenntnis
der unvergleichlichen Bedeutung Newton's hat Albrecht von Haller, der
grosse
Naturforscher, dichterischen Ausdruck gegeben, indem er von Newton
sagt,
er:
Find't
die Natur im Werk und scheint
sie selbst zu meistern. ¹)
Die Natur meistern: das ist nicht
bloss
das Ziel, sondern auch die Methode der exakten Wissenschaft. Sie
schrickt
vor keiner Gewalttat des Denkens zurück; so ruht z. B. Newton's
Theorie
der Gravitation auf zwei direkt unsinnigen Annahmen: dem leeren Raum
und
den Fernkräften; und sie schreitet über jede sinnliche
Anschauung
hinweg — wie wir das jetzt für die Farben gesehen haben;
dafür
baut sie sich ein Reich auf, ein eigenes, anschauungsbares Reich, das
zugleich
ganz abstrakt und ganz praktisch ist.
Und jetzt halten wir auf einmal
— durch diese Gegenüberstellung belehrt — die klare Erkenntnis
dessen,
was Goethe's Naturforschung erstrebte: ein Reich des rein Angeschauten
und unbedingt Wahrhaftigen. Die beiden Methoden stehen einander
diametral
gegenüber. Sie heben sich nicht auf; sie brauchten sich nicht zu
bekämpfen
— wenn nicht unter uns die Leidenschaft die Stelle der Einsicht
verträte;
sie könnten sich mit Bewusstsein gegenseitig fördern, was
bisher
nur unwillkürlich hier und da geschah; vor allem wäre es
nötig,
dass alle Kulturmenschen das so klare Verhältnis auch klar
erkennten.
—————
¹) Gedanken
über
Vernunft, Aberglauben und Unglauben.
143 LEONARDO
KANT
UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT
Doch ehe wir diese
Ausführungen für das Verständnis Goethe's verwenden,
womit wir uns wieder — neu gestärkt — Leonardo gegenüber
finden werden, gestatten Sie mir noch ein Wort bitte. Denn es
wäre
schade, aus so redlicher Bemühung nicht allen Vorteil zu ziehen.
Aus
guten Gründen habe ich Kant in dieser Darlegung bisher nur
gelegentlich
erwähnt; doch in Wahrheit hat er mich geführt; ihm verdanken
Sie die Erkenntnis, die Sie jetzt Ihr eigen nennen. Darüber
Genaueres
vorzubringen, würde zu viel rein Philosophisches bedingen; doch
möchte
ich ungern diese Betrachtung über exakte Wissenschaft schliessen,
ohne wenigstens aphoristisch auf zweierlei hingedeutet zu haben:
erstens
wie richtig Kant das Wesen der Wissenschaft erfasste, und zweitens wie
unwiderleglich die Wissenschaft selbst — ohne es zu wollen und zu
wissen
— für die Wahrheit seiner Weltanschauung zeugt.
Sie wissen schon
aus
früher Gesagtem, wie sehr Kant der exakten, mathematischer Methode
unterworfenen Wissenschaft ergeben war, wie ganz er mit Leonardo
übereinstimmte, dass sie allein vera
scientia, und dass nulla
certezza
zu finden sei, wo sie nicht souverän walte; Sie werden also nicht
argwöhnen, er könnte sie herabwürdigen wollen. Alles,
was
wir jetzt über sie erfahren haben, fasst er nun in einen
monumentalen
Satz zusammen, und ich möchte Sie bitten, diesen Satz sich ein
für
alle Mal ins Gedächtnis einzuprägen, da er etwas besagt, was
fast kein Mensch weiss und was zu wissen uns Allen not tut:
»Physik
ist die Naturforschung nicht d u r c h Erfahrung,
sondern f ü r
Erfahrung«
(Üb. I, 266). Hiermit ist
sowohl Wesen wie Wert der exakten
Wissenschaft
genau und ein für alle Mal ausgesprochen und begrenzt. Einen
Kommentar
halte ich nach dem, was vorangegangen ist, für
überflüssig.
Dass Kant recht hat, bezeugt Ihnen jetzt Ihr eigenes Wissen. Wenn aber
die besten Köpfe unter uns darüber im Unklaren sind, wenn
sie
immerfort Methode und Materie verwechseln, wenn sie vermeinen, sie
hätten
»durch Erfahrung« festgestellt, die Farben seien
»eine
verschiedene Anzahl Ätherschwingungen«‚ während doch
diese
angeblichen
Schwingungen mit allem, was drum und dran ist, nur eine Methode
»für
Erfahrung« bedeuten, das heisst, eine Methode, erfunden, um das
Gebiet
der Erfahrung zu erweitern, nicht aber eine Methode, um dem Erfahrenen
selbst in seinem Wesen auch nur einen Zollbreit näher zu kommen:
dann
entsteht die bedauerliche Konfusion, die uns heute umgibt, und
144 LEONARDO
durch
die dasjenige in uns, was man
als
das Unschuldige, das Weibliche, das Empfangende und Gebärende
bezeichnen
kann — nämlich die Anschauung — arg gefährdet wird.
Mehr will ich jetzt hierüber
nicht sagen. Wenngleich Kant hier nur von »Physik«
spricht,
so wissen Sie, dass alle Wissenschaft notwendigerweise zur Physik
hinstrebt.
Und so dringt diese Methode, nicht »durch«, sondern
»für«
Erfahrung zu forschen, bis in jene Wissenschaften, die noch Mühe
haben,
sich aus dem Erfahrungsstoff loszureissen. So besteht z. B. das Wesen
und
der Wert des Darwinismus darin, dass diese Lehre eine
Methode f ü r
Erfahrung aufdeckte. Darwin hat — ebenso wie Newton — nicht rein
gesehen,
und noch viel weniger hat er tief gedacht, er war wie jener ein
praktischer,
erfinderischer und der Natur gegenüber völlig
rücksichtsloser
Geist, und darum war der Erfolg seines Wirkens ein enormer Zuwachs an
Erfahrungsstoff. ¹) In einer späteren Vorlesung hierüber
mehr.
Und jetzt noch ein
zweites Wort
über die Art, wie die ganze Geschichte unserer exakten
Wissenschaften
für Kant zeugt. Wir stehen hier nämlich schon auf
metaphysischem
Bergesgipfel; doch will ich den Nebel, welcher Jeden umgibt, der den
Kantischen
Gedanken noch nicht erfasst hat, nur ein wenig lüften, nur einen
kleinen Strich des blauen Himmels zeigen und zur Erläuterung nicht
Abstraktion, sondern die tatsächliche Geschichte unserer
Wissenschaften
heranziehen.
Demokrit fasste das Qualitative
als ein Quantitatives auf, deutsch gesprochen (wenn auch ein wenig
ungenau),
die Eigenschaft als Zahl. Das war ein Gewaltstreich, doch ein
Gewaltstreich,
durch den Wissenschaft möglich wurde. Newton nahm von ihm die
beiden Hauptbegriffe auf: die Atome und den leeren Raum, zwei
schlechthin
undenkbare Vorstellungen. Sobald alles Zahl sein soll, muss auch alles
— um Gestalt zu erhalten — Bewegung sein: daher diese beiden
Annahmen.
Diese Methode »für Erfahrung« zu forschen heisst man
die
m e c h a n i s c h e. Ihr stellt sich innerhalb des selben
Rahmens eine andere
entgegen, die d y n a m i s c h e: Descartes
begründete sie, Kant
bevorzugte
sie, Faraday führte sie im
—————
¹)
Wie rücksichtslos
Darwin
manchmal mit den Tatsachen umging, beginnt immer mehr eingesehen zu
werden;
ich verweise namentlich auf Albert Fleischmann's Buch Die
Descendenztheorie,
1901. Ganz köstliche Beispiele, nicht bloss falscher
Schlüsse,
sondern grober faktischer Irrtümer findet man auch in André
Sanson's: L'Espèce et la Race
en biologie
générale,
1900 (siehe z. B. S. 124).
145 LEONARDO
Gegensatz
zu den Newtonschen
Vorstellungen
in die Physik ein, und Heinrich Hertz war im Begriff, sie
ausführlich
zu begründen, als der Tod ihn hinraffte. Sie ist die Methode der
tiefer
Denkenden unter den exakten Forschern, welche die Absurdität der
mechanistischen
Anschauungen verletzt. Bei dieser dynamischen Methode setzt man einen
lückenlos
gefüllten Raum voraus, in welchem nicht hypostasierte
Fernkräfte,
sondern Verschiebungen die Ursache aller Bewegungen sind, und da die
Erfahrung
nicht ausreicht, damit die Rechnung stimme, dichtet man unsichtbare
Massen
und ungesehene Bewegungen hinzu. ¹) Ausserhalb dieser beiden
Methoden
gibt
es keine mögliche mathematische Naturdeutung. ²) Gemeinsam
ist
beiden
die ausschliessliche Betonung der Bewegung. Was setzt Bewegung aber
voraus?
Raum und Zeit; weiter nichts. Den Raum für den
Ȋusseren
Sinn«, die Zeit für den »inneren Sinn«. Ja, doch
noch ein
Drittes;
denn »Raum an sich selbst betrachtet, ist nichts
Bewegliches«,
und »die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas,
das
in der Zeit ist«. Um also von Bewegung reden zu können, wird
(ausser
Raum und Zeit) »die Wahrnehmung von irgend einem Dasein und der
Succession [Aufeinanderfolge]
seiner Bestimmungen,
mithin Erfahrung erfordert« (r.
V. 58). Wenn wir nun die
Geschichte
unserer exakten Wissenschaften verfolgen — gleichviel ob
Mechanismus
oder Dynamismus zu Grunde gelegt wird — so entdecken wir, dass es ihr
Grundsatz
ist, ein M i n i m u m a n E r f a
h r u n g aufzunehmen: Zeit und Raum, darin als
Drittes
eine Be-
—————
¹)
Man vgl. namentlich
Descartes:
Principia philosophiae, 1644,
Kant: Metaphysische
Anfangsgründe
der
Naturwissenschaft, 1786, und Hertz: Die Prinzipien der Mechanik in
neuem
Zusammenhange dargestellt, 1894. Im Grunde genommen steht Hertz
genau
auf dem selben Gedankenboden wie Descartes, nur mit der
mathematischen
Vertiefung und dem Zuwachs an Erfahrung, den zweieinhalb
Jahrhunderte
gebracht haben. Ich bin überzeugt, dass die mechanistische
Auffassung,
wie bisher, so hinfürder im öffentlichen Bewusstsein den Sieg
über die dynamische davontragen wird; denn mittelmässige
Geister empfinden die Absurdität ihrer Annahmen ebensowenig
wie
der Kongoneger es absurd findet zu glauben, dass der Medizinmann
Regen
herbeizaubert, und diese Methode besitzt den Vorteil, nach einigen
wenigen
Annahmen alle Vorstellung abgestreift zu haben und sich
im abstrakten Gebiete der Mathematik nach Herzenslust ergehen zu
können,
wo jeder Durchschnittsmensch, der das Rechnen gelernt hat,
mitzulaufen
befähigt ist, ohne sich etwas Greifbares denken zu
müssen.
Dagegen wurzelt die dynamische Auffassung in geometrischen
Vorstellungen;
wie abstrakt das Vorgestellte auch sein mag, vorgestellt muss es
doch
werden, und das gerade — das selbsttätige Projizieren vor das
innere
Auge — ist eine Zumutung, der nur eine Minderheit entsprechen kann.
²) Die
energetische durfte
unerwähnt bleiben, da sie offenbar nur ein Zwischengebilde
ist. Dass diejenigen Physiker, welche eine dritte Gruppe bilden,
indem
sie nur Raum und Bewegung, keine Masse annehmen, zu den Dynamikern
gehören,
ist klar.
146 LEONARDO
wegung;
mehr können sie nicht
brauchen.
Sie streifen von der Erfahrung alles ab, was nicht auf Zeit und Raum
Bezug
hat und somit nicht in irgend ein Verhältnis zu Bewegung gebracht
werden kann. Die Empfindung der roten Farbe, der blauen Farbe ist zwar
Erfahrung, doch nicht die Erfahrung einer Aufeinanderfolge. Blau ist
Blau,
Blau ist nicht Rot. Und wenn ich mir auch eine Farbenskala konstruiere,
so besitzt sie doch kaum einen grössern Wert als die Idee der
Metamorphose
der Wirbelknochen. Denn diese Vorstellung von Farbe und Farbenskala ist
»unräumlich« und enthält keine irgend denkbare
Beziehung
zur Zeit, bietet also der Mathematik nicht den kleinsten Angriffspunkt.
Der Physiker geht darum nicht von der Farbe, sondern vom Licht aus, und
auch das packt er nur dort an, wo es ihm genehm ist. Die
Zurückspiegelung
der Umrisslinien, die Brechung der Bilder, wenn man sie z. B. im Wasser
sieht: das ist sein Ausgangspunkt, und zwar weil es hier Winkel gibt,
also
etwas Messbares und Berechenbares. Die sogenannte Dioptrik,
nämlich
die Brechungslehre, ist der mathematischen Theorie der Farben um ein
Jahrhundert
vorangegangen: Kepler
begründete erstere 1604,
Newton's Versuche über »die Farben des Lichtes«
erschien
1704. Es kam darauf an, irgend eine Beziehung zwischen Brechung und
Farbe
zu entdecken. Das Wesen des zu diesem Behufe von Newton
eingeführten
Verfahrens mit dem Prisma können Sie sich in folgender Weise sehr
einfach und richtig vorstellen. Wenn Sie sich einen lichtdichten Kasten
bauen und mit einer feinen Nadel ein Loch hineinstechen, so erhalten
Sie, ohne irgend ein optisches Hilfsmittel anzuwenden, auf einer (in
der
richtigen Entfernung aufgestellten) photographischen Platte ein
prächtig
scharfes Bild der ganzen Landschaft. Fangen Sie nun in
ähnlicher
Weise einen sogenannten »Sonnenstrahl« auf, so erhalten Sie
ein
Bild der Sonne. Stellen Sie sich aber selber in diese camera obscura
hinein,
leiten Sie dieses Bild der Sonne durch ein Prisma (oder einen
»Kant«,
wie man jetzt häufig sagt) und fangen das gebrochene Licht auf
einem
Schirm auf, so erblicken Sie das Bild nicht mehr, denn es ist jetzt bis
zur Unkenntlichkeit verzerrt, sondern an seiner Stelle sehen Sie
Farben,
und zwar in bestimmter Reihenfolge. Dass uns dieses Experiment nicht
sehr tief in das Wesen der Farbe — als Farbe — einführt, hat die
Folge
ergeben; Sie sahen vorhin, wie der Physiker kläglich versagt,
sobald
er jenen Punkt erreicht, wo Farbe wirklich besteht, nämlich das
Auge;
147 LEONARDO
doch
das kümmert ihn wenig; sein
Grundsatz ist ja, wie wir sahen, das Minimum an Erfahrung zu
berücksichtigen;
er arbeitet nicht »durch« sie, sondern
»für«
sie; und jetzt hat er, was er braucht: die Farben, denen er sonst gar
nicht
beizukommen vermochte, sind in ein gesetzmässig bestimmtes,
räumliches
Nebeneinander, das heisst in eine geometrische Aufeinanderfolge, und
das
wiederum heisst in »geometrische Bewegung« gebracht; jetzt
kann er also messen und zählen. ¹) »Der
Mathematiker«,
sagt Kant, »kann von jedem beliebigen Dato seine Konstruktion
eines
Begriffes anfangen, ohne sich darauf einzulassen, dieses Datum auch
wiederum
zu erklären« (M. N., 2.
Hpt., 1. Lehrs.). ²) Nicht
allein
beachtet
der Mathematiker alles Weitere gar nicht, sondern er schiebt es — und
dadurch alles, wenn ich mich so ausdrücken darf, was Farbe zur
Farbe
macht — wissentlich und willentlich bei Seite; es stört ihn nur;
Raum,
Zeit, und darin Bewegung: mehr kann er nicht brauchen; Farbe ist
für
ihn Schwingungszahl, weiter nichts, und zwar nicht, weil er hiermit
wirklich
die Sache ergründet hätte, sondern weil er unfähig
ist,
dem wahren Wesen irgend eines Dinges mit wissenschaftlichen Methoden
um einen Schritt näher zu treten.
Anstatt nun mit Goethe
hierüber
in Zorn zu geraten, wollen wir das Verfahren und die Erfolge des
exakten
Forschers als ein Zeugnis für die Richtigkeit von Kant's
Grundanschauungen
über den Menschengeist betrachten lernen. Kant lehrt — wie Sie
schon im vorigen Vortrag hörten — es gebe »zwei Stämme
der
menschlichen Erkenntnis, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch
deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber
gedacht
werden«
(vgl. oben S. 37). Was die
Sinnlichkeit uns gibt, nennen wir
Anschauungen.
Lassen wir heute den einen Stamm — Verstand
—————
¹) Es ist immerhin wert bemerkt
zu werden, dass die von der Physik als Erklärung der
prismatischen
Farben vorausgesetzte ungleiche Geschwindigkeit der verschiedenen
Wellenlängen
(resp. »Farben«) einem unbestreitbaren Gesetze der Mechanik
widerspricht,
nach welchem die Fortpflanzungsgeschwindigkeit in keiner Weise von der
Länge der Wellen abhängen k a n n. In
allen grundlegenden
Gedanken
des sogenannten »exakten Wissens« begegnen wir solchen
logischen
Widersprüchen;
die Wissenschaft geht darüber mit Recht zur Tagesordnung
über;
der Denker aber findet gerade hier den Anknüpfungspunkt zu
wichtigsten Einsichten in das Wesen der menschlichen
Erkenntnis.
²) Wäre
der Geist der
Erfindung
nicht so kümmerlich unter uns entwickelt, und wirkte
nicht
jeder glückliche Einfall erstarrend auf die Geburt weiterer
Einfälle, so liessen sich als Ausgangspunkte für eine
mathematische
Optik
manche andere
Tatsachen ausser der
prismatischen
Brechung ersinnen; doch alle würden darin übereinstimmen,
dass
sie von Bewegungstheorien ausgingen und zu mathematischen
Schemen
hinführten.
148 LEONARDO
—
beiseite; reden wir nur von der
Sinnlichkeit,
der Quelle unserer Anschauungen.
Innerhalb der Sinnlichkeit
müssen
wir — dies ist der eine Grundstein des Kantischen Gebäudes —
zwischen
zwei Bestandteilen unterscheiden lernen: in jeder sinnlichen Anschauung
ist ein Teil e m p i r i s c h und ein
Teil r e i n. Das griechische Wort E m p
e i r a
besagt nichts weiter als »Erfahrung«; doch unsere feinere
Analyse
braucht das Wort Erfahrung in einem besonderen Sinne; lassen wir es
darum
bei »empirisch«. Der »empirische« Teil der
Anschauung
ist
nun derjenige, den wir durch Empfindung empfangen; alles also, was Sie
sehen, riechen, hören usw. ist — insofern Sie nur diesen Eindruck
in Betracht ziehen — empirische Anschauung. »Die Eindrücke der Sinne
geben
den ersten Anlass ... Erfahrung zu stande zu bringen« (r. V.
118).
Ehe Sie aber einen Gegenstand, den die Sinnesempfindung ihnen gibt, als
»Gegenstand« wahrnehmen können, müssen Sie etwas
hinzutun, was ebenfalls Anschauung ist, nicht aber
»empirische«
Anschauung,
nicht eine Empfindung Ihrer Sinne, heisst das, nicht ein von aussen
empfangener
Eindruck, sondern etwas, was Sie, Mensch, selber beisteuern, und was
Kant,
zum Unterschiede von der anderen Anschauung, »reine
Anschauung«
nennt. Diese »reine« sinnliche Anschauung ist die
Vorstellung
des R a u m e s (r.
V. § 1). Wie Kant sagt: »Raum ist
eine
Vorstellung,
welche uns als Form unserer sinnlichen Anschauung beiwohnt, ehe noch
ein
wirklicher Gegenstand unseren Sinn durch Empfindung bestimmt
hat«
(r. V. 1, 373). ¹)
Auf metaphysische
Erörterungen
will ich mich nun grundsätzlich heute nicht einlassen; ich greife
darum zu einem konkreten Argument. Sie wissen ja, dass die
Naturwissenschaft
der letzten hundert Jahre sich — leider — abseits von Kant entwickelt
hat, zum grossen Teil in heftiger Opposition gegen alle Philosophie;
—————
¹) Aus Gründen, die erst
gegen
Ende des folgenden Vortrages entwickelt werden können, habe ich
die Erwähnung der »Zeit« als zweiter Form der
reinen sinnlichen Anschauung hier nicht für
angebracht gehalten.
— Schon
jetzt will ich für aufmerksamere Leser einschalten, was erst viel
später, gegen Ende des Buches, klar ausgeführt werden
kann: dass nämlich der Begriff »reine Anschauung«
nur
eine wissenschaftliche Abstraktion ist (Cohen: Kant's Theorie der
Erfahrung,
2. A, S. 320), oder besser ausgedrückt, eine
methodologische
Annahme, um die Vernunft begreiflich zu machen. In
Wirklichkeit kann reine Anschauung allein und ohne
Erfahrungsstoff
ebenso wenig vorkommen wie eine sinnliche Empfindung, die nicht in der
Form des Raumes wahrgenommen würde. Der Wert von
Kant's
Analysis
zeigt sich in der Praxis und bewährt sich z. B. glänzend
gleich hier, in der präzisen, leichtfasslichen Unterscheidung, die
sie
zwischen Goethe's Auffassung der Natur und derjenigen der
mathematischen
Wissenschaft ermöglicht.
149 LEONARDO
selbst
ein Helmholtz
hat sich zwar
viel
mit Kant beschäftigt, doch ihn in wesentlichen Punkten völlig
missverstanden; ¹) ich bitte Sie nun, das Werk eines der
rabiatesten
Antimetaphysiker
unseres Tages, zugleich eines hervorragenden und zuverlässigen
Forschers
zur Hand zu nehmen: Mach's Analyse
der Empfindungen. Hier finden Sie,
2.
Auflage, 1900, S. 93 (4. Aufl. S. 104), die Versicherung, die
biologischen
und psychologischen Forschungen des 19. Jahrhunderts hätten zu der
Überzeugung geführt: »die Raumanschauung ist bei der
Geburt
vorhanden«. Da wir vorderhand auf diese Frage nicht tiefer
eingehen
wollen, mag dieses unverdächtige Zeugnis genügen; es kommt
von
einer Seite, wo man sich ein Jahrhundert lang abgemüht hat, das
Gegenteil
zu beweisen. Mach und seine Gesinnungsgenossen meinen es ja ganz anders
als Kant; es gibt Tausendfüssler, die am Boden laufen, und es gibt
Sonnenaare, die in den Lüften schweben, beide haben das Recht zu
leben,
und es wäre töricht zu verlangen, sie sollten die Welt aus
dem
selben Gesichtswinkel erblicken; doch die mühsam-redlich erworbene
Einsicht: »die Raumanschauung ist bei der Geburt
vorhanden«,
spricht die selbe Tatsache aus wie Kant's unumstossbare metaphysische
Erkenntnis:
»die Vorstellung des Raumes wohnt uns als Form unserer sinnlichen
Anschauung bei — und das heisst als die bedingende Möglichkeit
aller
Erfahrung — ehe noch ein wirklicher Gegenstand unseren Sinn durch
Empfindung
bestimmt hat«. Sie dürfen nicht in das lächerliche
Missverstehen
verfallen, als habe Kant gemeint, der Raum sei nicht
»wirklich«
vorhanden;
im Gegenteil, er nennt ihn deswegen r e i n e A n s
c h a u u n g, weil der Raum
die
Grundbedingung ist, damit uns überhaupt Dinge
»erscheinen»,
und somit gleichsam die Wurzel aller Anschauung ausmacht. Auch
—————
¹) Dies ist jedem Kenner
offenbar;
den Zweifelnden verweise ich auf Classen, der in seinen beiden Werken:
Physiologie des Gesichtssinnes,
1876, und Über den Einfluss
Kant's
auf die Theorie der Sinneswahrnehmung, 1886, trotz der
unbedingten
Hochachtung
für die unvergänglichen Verdienste Helmholtzens, dies an
vielen Stellen nachweist; in letzterem Werke, S. 69, zeigt er,
dass Helmholtz
niemals gewusst hat, was der Ausdruck a
priori bei Kant bedeutet:
»er
verwechselt die F o r m e n der Anschauung und des
Denkens, ohne die wir
nicht
anschauen und nicht denken könnten, mit a n g e b o r
e n e n
K e n n t n i s s e n
und angeborenen Begriffen«. So ziemlich unsere ganze
physiologische
Psychologie — einschliesslich der berühmtesten Namen — steht auf
dem
selben
Standpunkt kindlichen Unverständnisses, und die Worte F. A.
Lange's
über J. S. Mill gelten für sie alle noch: »Kant fangt
da an, wo Mill aufhört: wo für Mill die Sache
völlig
erklärt ist, beginnt für Kant erst das eigentliche
Problem«
(Geschichte des Materialismus).
Nachträglich verweise ich auf die
mir leider erst spät bekannt gewordene Schrift von Ludwig
Goldschmidt:
Kant und Helmholtz, 1898; wer
es ernst meint, wird hier endgültige
Belehrung finden.
150 LEONARDO
müssen
Sie wohl verstehen, dass
uns mit dieser reinen Anschauung allein wenig gedient wäre; denn,
sagt Kant: »Das Materielle oder Reale, dieses Etwas, was im Raume
angeschaut werden soll, setzt notwendig Wahrnehmung voraus und kann
unabhängig
von dieser, welche die Wirklichkeit von etwas im Raume anzeigt, durch
keine
Einbildungskraft gedichtet und hervorgebracht werden« (r. V. I,
373).
Ja, Kant gibt hier eine schöne Definition von Empfindung, indem
er
sagt: »sie ist dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raume
bezeichnet«.
Wir schwimmen also nicht in Wolken herum, sondern wir bemühen uns
um eine Erkenntnis, die jedem denkenden Menschen zugänglich ist,
und
ohne die er weder Goethe's Naturforschung, noch die exakte Wissenschaft
in ihrem Wesen richtig auffassen kann. Und was wir erkennen, ist,
dass
in allem, was die Natur in so reicher Menge unseren Sinnen
zuführt,
wir schon innerhalb der sinnlichen Anschauung (und abgesehen von allem,
was der Verstand dann noch hinzutut) zu unterscheiden haben zwischen
einer »reinen Anschauung«, welche die F o r m
ausmacht, und
einer
»empirischen
Anschauung«, welche die M a t e r i e der
Anschauung bildet. Man kann
das
Wort des Aristoteles, das ich am Beginn des Vortrags citierte,
verwenden:
auch innerhalb der sinnlichen Anschauung gibt es ein Erleiden und ein
Tätigsein;
die Vorstellung von Raum ist ein »Tätigsein« des
Menschengeistes,
sie ist die Bedingung, unter welcher das durch Empfindung (und das
heisst
»Erleiden«) Wahrgenommene überhaupt angeschaut werden
kann.
Nun kommt die Anwendung dieser
Erwägungen. Alles, was Grösse, Gestalt und Zahl ist,
gehört
offenbar zu der Vorstellung »Raum«, und das heisst,
wie Sie gesehen haben, zu dem Gebiet der reinen Anschauung, zu dem
Gebiet
der Form, zu dem Gebiet des notwendigen, rein menschlichen
Tätigseins.
Daher kommt die schlechthinnige Gewissheit der Mathematik. Es gibt
Menschen,
die kein Rot und andere, die kein Blau sehen; die empirische
Anschauung,
das heisst, die Fähigkeit Empfindungen aufzufassen, ist eben bei
verschiedenen
Individuen verschieden; es gibt aber keinen Menschen, für den die
Summe der drei Winkel eines Dreiecks mehr oder weniger als zwei rechte
Winkel ausmacht. Und wiederum, ich kann den Kegel in Gedanken
konstruieren,
das heisst anschauen, und aus dieser Anschauung alle seine
mathematischen
Eigenschaften herausentwickeln, ohne dass mir jemals die empi-
151 LEONARDO
rische
Anschauung einen
Kegel
vorgeführt hätte; dagegen vermag ich nicht, dem Kegel eine
Farbe
oder einen Geruch beizulegen, die mir nicht vorher durch sinnliche
Anschauung
bekannt geworden sind (r. V. 743).
Beschränke ich mich nun
bei
meiner
Naturforschung, soviel irgend tunlich, auf den reinen Teil der
Anschauung,
mit m ö g l i c h s t e r N i c h t b e r
ü c k s i c h t i g u n g d e s e m p i r
i s c h e n T e i l s,
so werde ich zwei ungeheure Vorteile geniessen: erstens ziehe ich nur das ganz
Gewisse, allgemein Gültige in Betracht, das Formelle — wie Sie
gesehen
haben — im Gegensatz zum Materiellen; zweitens, da es mein eigenes,
menschliches
Gebiet ist, auf das ich mich möglichst beschränke, kann ich
auf
Grund weniger Erfahrungen ferneren Erfahrungen entgegeneilen,
— geradeso wie ich die Eigenschaften
des Kegels (d. h. seine m a t h e m a t i s c h e n
Eigenschaften) im eigenen Kopf
untersuchte.
Die empirische Anschauung — also diejenige, welche mir von aussen
zukommt
— bringt mir Schritt für Schritt Neues, Unvorherzusehendes;
dagegen
ist der reine Teil der Anschauung auf gewisse bestimmte Wege despotisch
angewiesen. Jede Entdeckungsreise, jedes in die Tiefsee gesenkte
Fangnetz
fördert neue Lebensgestalten zutage, nie geahnte,
unvorhergesehene;
alle Jahre entdeckt die Chemie neue Elemente; mit den neuen Teleskopen
hat sich die Zahl der Probleme am Himmel nur vermehrt; dagegen sind
Newton's
Berechnungen heute, was sie gestern waren, und in zehntausend Jahren
werden
sie ebenso wahr sein; sie sind fester gemauert als die Pyramiden
Ägyptens;
sie sprechen das tyrannische Gesetz unseres eigenen Menschengeistes
aus,
das Gesetz, dem wir niemals entrinnen können, und mit dem wir
»die
Natur meistern«. Hier, auf dem Gebiete der reinen, so wenig wie
irgend
möglich mit empirischen Daten vermischten Anschauung, hier kann
ich
also f ü r E r f a h r u n g
arbeiten und kann dem Erfahrenen einen unbedingt
sicheren, unumstösslichen Ausdruck verleihen. Denn: »Die
empirische
Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit)
möglich;
was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von
jener«;
hier — und nur hier — halten wir
letztere fest in der Faust
(r. V. 206). Das ist die somma certezza della matematica,
die Leonardo
so richtig eingesehen und als Ideal für alle wissenschaftliche
Untersuchung
aufgestellt hatte. Während auf anderen Feldern die Versuche,
exakt
zu forschen, Wandel und Wechsel unterworfen sind, so dass, sagt Kant,
152 LEONARDO
»sich
nur flüchtige
Schritte
tun lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehält,
macht hingegen ihr Gang in der Mathematik eine Heeresstrasse, welche
noch
die späteste Nachkommenschaft mit Zuversicht betreten kann (r. V.
754). Darum beschränkt sich exakte Wissenschaft — und exakt
zu
werden
ist das Bestreben aller Wissenschaft — auf Grösse, Zahl, Gestalt,
Bewegung; in ihrer höchsten Vollendung fordert sie, wie Sie
gehört
haben, einen leeren Raum und Zahlen, weiter nichts (vgl. S. 114);
darum,
wenn sie die Qualitäten, von welchen die empirische Anschauung
meldet
— wie z. B. die Farbe — nicht ganz abzustreifen vermag, biegt sie sie
und
bricht sie zu Bewegung um, getreu dem Grundsatz, den Kant formuliert
hat:
»Alles Reale der Gegenstände äusserer Sinne
m u s s als
bewegende
Kraft angesehen werden« (M. N.
2. Hpt., allg. A.).
Bei dieser kleinen Ausführung
habe ich mich der Einfachheit wegen immerfort Kant's bedient, um das
Wesen und den Gang unserer exakten Wissenschaft begreiflich zu machen;
Sie brauchen aber jetzt nur die Sache umzudrehen; Sie brauchen nur
die
vorangegangenen Ausführungen über die physikalische Optik
sich
ins Gedächtnis zu rufen, und Sie werden begreifen, wie ich die
Behauptung
aufstellen konnte: unsere Wissenschaft zeuge für die Richtigkeit
der
Kantischen Analyse des Menschengeistes. Sie ist der Erfahrungsbeweis
dafür,
dass er richtig gesehen hat.
GOETHE'S FARBENLEHRE
Nun habe ich so lange bei Leonardo's
Göttin, der exakten Wissenschaft verweilt, dass nur für
Goethe's
unmathematische Auffassung fast keine Zeit bleibt. Doch muss ich dies
für ein geringeres Übel halten; denn sobald Sie das Wesen
der
exakten Wissenschaft genau erfasst haben, ergibt sich fast von selbst
das Wesen derjenigen Naturbetrachtung, welche gerade die empirische
Anschauung,
den Sinnesausdruck bevorzugt, während sie die sogenannte
»reine
Anschauung« als ein blosses Formprinzip möglichst beiseite
schiebt und sie nur dort in Betracht zieht, wo sie das Empirische
berührt
und sich mit ihm vermählt, nämlich bei der Gestalt.
»Zahl
und Mass in ihrer Nacktheit«‚ schreibt Goethe, »heben die
Form
auf
und verbannen den Geist der lebendigen Beschauung«.
¹) Rot ist
400 Billionen Schwingungen des hypothetischen Lichtäthers in der
Sekunde: das dürfen wir wohl mit Goethe ein Verbannen des Geistes
der lebendigen Beschauung nennen. In diesem Geiste — in dem dort
verbannten
Geiste der lebendigen Be-
—————
¹) Tibia und Fibula.
153 LEONARDO
schauung
— wurzelt Goethe's
Naturbetrachtung.
Um den Kreis nicht zu durchbrechen, bleiben wir bei seiner Farbenlehre.
Sie erinnern sich, wie der
Physiker
Helmholtz
die Sache anpackte. Erst kam eine abstrakte Definition des
Lichtes,
dann eine reiche Fülle möglicher Konstruktionen des
»Scheinbildes«
(wie Hertz es nennt), zu allerletzt war von Farbe die Rede. Goethe
dagegen
geht von der Farbe aus. »Die ganze Natur«‚ sagt er,
»offenbart
sich durch die Farbe dem Sinne des Auges«. ¹) Er lehnt es
ab, von dem
Wesen
des Lichtes zu sprechen: »Die Natur des Lichts wird wohl nie ein
Sterblicher
aussprechen, und sollte er es können, so wird er von Niemandem, so
wenig wie das Licht, verstanden werden« (Br. 7. 10. 10). Noch
umfassender
heisst es im Vorwort zur Farbenlehre:
»Denn eigentlich
unternehmen
wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. Wirkungen werden
wir gewahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen
umfasste
wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns,
den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine
Handlungen,
seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns
entgegentreten.
— Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne
können
wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten.«
Nicht ein Wort möchte ich
hinzusetzen: der Meister hat in diesen wenigen Worten alles gesagt.
Mein
sei nur die Bitte, dass Sie sich das schöne, teure Werk zum Freund
erwählen und durch Goethe's Augen zu sehen lernen.
Über die Farbenlehre selbst
hätte ich gern noch manches Einzelne ausgeführt, doch es
würde
zu weit führen. Nur das Eine sei erwähnt: hat eine
glänzende
Entdeckungsbahn für den Wert der mathematischen Methode gezeugt,
so hat ein Jahrhundert von Untersuchungen zu dem Ergebnis
geführt,
dass Goethe — und Goethe allein — die Farbenphänomene richtig
beobachtet
hat. In Bezug auf Farbenlehre ist Johannes Müller schon veraltet,
Helmholtz,
der kaum erst von uns geschieden ist, schon veraltet,
Hering,
der noch unter uns weilt, schon veraltet; ²) Goethe dagegen — wie
uns ein
jüngerer Fachmann vorhin versicherte — »enthält die
Grundlagen
der modernsten Anschauungen«; das wird auch nach
—————
¹) Farbenlehre,
Einleitung.
²)
Man vgl. die
Experimentaluntersuchungen
von Shelford Bidwell in den Proceedings
of the Royal Society,
Bd.
60 fg.
154 LEONARDO
tausend
Jahren gelten. Goethe sucht
gar
nicht eine Theorie — das heisst eine mathematische Formulierung —
aufzufinden.
Als sein Schwager Schlosser ihn fragt, inwiefern seine Farbenlehre sich
mit der Schwingungshypothese »vereinigen lasse«‚
»musste
ich
leider
bekennen, dass auf meinem Wege hiernach garnicht gefragt werde, sondern
dass nur darum zu tun sei, unzählige Erfahrungen ins Enge zu
bringen,
sie zu ordnen, ihre Verwandtschaft, Stellung gegeneinander und
nebeneinander
aufzufinden, sich selbst und Anderen fasslich zu machen«. ¹)
Wie
Sie
im Laufe unserer späteren Vorträge einsehen werden,
entspricht
diese Stellungnahme Goethe's genau Plato's und Kant's kritischer
Methode
des B e g r e i f e n s, im Gegensatz zu jedem
naiven Versuch, Phänomene zu
e r k l ä r e n. Goethe's Farbenlehre ist die fast
fleckenlos reine
Widerspiegelung
empirischer Anschauungen, und dies ist ein bedeutend schwierigeres
Unternehmen
und erfordert viel mehr Schulung als der Gebrauch mathematischer
Instrumente.
Der Student kann schon im ersten Semester spektroskopische
Untersuchungen
anstellen — ich weiss es aus eigener Erfahrung; die Natur dagegen so
rein
zu erblicken, wie Goethe sie erblickte, dazu gehört Genie und
Selbstzucht.
Goethe selber bezeugte, er besitze »kein eigentlich scharfes
Gesicht«
(S. 55), Leonardo's Auge dagegen
drang wie ein Dolch ins Innere der
Erscheinungen;
doch werden Sie, glaube ich, aus unseren theoretischen Bemühungen
den Lohn ziehen, hinfürder zwischen einem s c h a r f
e n und einem
r e i n e n
Blick zu unterscheiden: in jener Schematisierung des bildenden
Künstlers,
die uns am Beginn dieses Vortrages beschäftigte, waltet
wohlbetrachtet
ein ähnlicher despotischer Geist wie in der gewaltsamen
Schematisierung
des exakten Forschers; dass Goethe nicht malen konnte, rührt nicht
allein von einem Gebrechen her, es kann auch als positive Eigenschaft
eines
makellos reinen Blickes aufgefasst werden. Und aus dieser seltensten
Eigenschaft
mag es wohl zu erklären sein, dass man nicht einmal Goethe zu
lesen
verstanden hat. Nach heute werden Sie in jedem Buche über Goethe
— gleichviel ob von Freund oder Feind — die Behauptung antreffen, Goethe habe
drei Grundfarben gelehrt — Rot,
Gelb, Blau — das Grün habe
er für eine Mischfarbe gehalten. Steht nun das betreffende Buch
unter
Helmholtzischem Einfluss, so werden Sie belehrt werden, Goethe habe
sich
geirrt, die drei Grundfarben seien Rot, Grün, Violett; ist das
Buch
ein
—————
¹) Belagerung von
Mainz, gegen Schluss.
155 LEONARDO
neueres, so wird es
Ihnen leicht beweisen, die
Vorstellung
von drei Farben sei überhaupt eine
Absurdität, da alle Kontrasterscheinungen zeigten, dass die Farben
in Paaren zusammengingen und wir
somit als Hauptbegriffe auf
jeden Fall zwei oder vier oder sechs oder irgend eine andere gerade
Anzahl
Farben anzunehmen hätten. Von diesen sind ohne Zweifel einerseits
Rot-Grün,
andererseits Blau-Gelb als zu Grunde liegend zu betrachten, was
Leonardo
zuerst deutlich erkannte. Wogegen die Leistung,
»Grundfarben«
aufzustellen, wie Helmholtz
(in Anschluss an Young)
es tat und dabei
Gelb
und Blau auszulassen, ein Nonplusultra anschauungsbarer
Kombinationstechnik
bedeutet. ¹) Nehmen Sie nun Goethe selber zur Hand, so
werden Sie zu
Ihrer
Verwunderung entdecken, dass es ihm niemals eingefallen ist, drei
Grundfarben
zu lehren. Zwar stellt er fest, »die Maler und
Pigmentisten«
gingen von drei Farben aus, weil sie aus diesen alle übrigen
gewinnen
könnten; ²) er selber aber bestimmt eine Z a h l
überhaupt
nicht,
sondern behauptet nur, die Farbe gehe von zwei extremen Punkten aus:
»Zu-
—————
¹) Wie die
Allerneuesten unter
uns Modernen, nahm Leonardo noch Schwarz und Weiss hinzu (doch mit
ausdrücklicher
Beschränkung auf die Praxis). Die Hauptstelle lautet bei ihm: I semplici
colori
sono sei, de' quali il primo è il bianco, benche alcuni
filosofi
non accettino il bianco ne 'l nero nel numero de colori, perche l'uno
è
causa de colori, e l'altro n'è privatione. Ma pure perche il
pittore
non po fare senza questi, noi li meteremo nel numero degli altri, e
diremo
il bianco in questo ordine essere il primo ne' simplici, e il giallo il
secondo, e'l verde n'è'l terzo, l'azuro n'è'l quarto, e'l
rosso n'è'l quinto, e'l nero n'è'l sesto (L. § 254).
Diese
Darstellung, sowie die
Reihenfolge
der
eigentlichen Farben deckt sich ganz genau mit Goethe's Lehre. Und
ebenso
wie Goethe in seinem Versuch, die
Elemente der Farbenlehre zu entdecken
§ 1—16 (nur in Hempel's Ausgabe, Band XXXV, S. 49 fg. und W. A. 2.
Abt., 5, 129 fg. enthalten) genau ausgeführt hat, inwiefern und
warum
Schwarz und Weiss nicht im eigentlichen Sinne als Farben
betrachtet
und in den Farbenkreis aufgenommen werden können, so hat auch
Leonardo
einen besonderen Abschnitt darüber Perche'l bianco non è
colore
ma è in potentia ricettiva d'ogni colore (R. M., F fol. 75
recto),
wodurch das Weisse als seinem Wesen nach von aller echten Farbe
unterschieden wird. Nimmt man nun die vielen anderen Stellen dazu, in
denen
Leonardo gelegentlich z. B. über Grün als autonome Farbe
spricht,
welches zwar in der Praxis aus einem Gemisch von gelben und blauen
Pigmenten
gewonnen wird, doch nur darum, weil diese Pigmente s c h o
n Grünes
enthalten!
ferner über Rot, über Gelb, über Blau, so
kann Niemand
in Abrede stehlen, dass, wenn er auch für Maler schreibt und das
Praktische demgemäss bevorzugt, er dennoch — in seiner Weise — den Begriff
»Grundfarben«
recht wohl hat und recht genau festhält. Professor Mach's
Bemerkungen gegen ihn (in seiner Analyse
der Empfindungen, 2.
Ausg., 1900, S. 51)
erweisen
sich also als blosse Sophisterei; denn das einzige, was daran wahr sein
mag, ist, dass Leonardo nicht in den selben Fehler wie er verfiel, das
Weisse und das Schwarze den echten Farben für gleichwertig zu
halten,
— davor bewahrte ihn sein treues, wahres Auge. Mach wirft Leonardo
besonders
vor, er hätte » z u m V e r g n
ü g e n « beobachtet!
Ist denn »der Winter des Missvergnügens« eine
unerlässliche
Gemütsverfassung für Beobachtung der Natur?
²) Nachträge
zur Farbenlehre,
§
4, Farbenlehre, § 705
usw.
156 LEONARDO
nächst
am Licht entsteht uns
eine
Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zunächst an der
Finsternis,
die wir mit dem Worte blau bezeichnen«. ¹) Und
insofern nun die
Kulmination
dieser beiden Extreme — durch das Orange hinauf auf der einen, durch
das
Violette hinauf auf der anderen Seite — das Rote ist, (der
»Zenith«‚ wie es Goethe nennt), ²) und die
Herabstimmung
der selben Extreme
durch das Gelbgrüne und das Blau-grüne hindurch einen
äussersten
Punkte erreicht (den »Nadir«, nennt es Goethe), der
Grün
heisst, — insofern darf man allerdings von vier Grundfarben reden, was
Goethe manchmal tut. Man könnte also bei ihm von z w e
i, oder auch
von
v i e r, nie und nimmer aber von d r e i
Grundfarben reden. In Wirklichkeit
ist
für ihn die Farbe eine Einheit; darum deutet er zart an, das Rot
»enthalte alle andern Farben«; ³) sie kann aber
auch als Zweiheit
aufgefasst werden, insofern es »nur zwei ganz reine Farben
gibt«,
Gelb und Blau. 4) Doch liegt, wie
Sie wohl merken, ein allgemeiner
Begriff
von G e s t a l t hier zu Grunde, nicht aber die
Vorstellung der Zahl. Und
darum
stehen — wenn ich nicht irre — unsere allermodernsten Physiologen mit
ihrer
rein mechanischen Auffassung der Farben Goethe nicht so nahe, wie sie
selber
wähnen; ihr Farbenkreuz
|
Rot
|
|
Gelb
|

|
Blau
|
|
Grün
|
|
hat uns zwar von dem unsinnigen
Farbendreieck
—————
¹) Farbenlehre,
didaktischer
Teil,
Einleitung, § 696 usw. Auch rein physiologisch betrachtet, hat
Goethe
recht. Arthur König's Untersuchungen haben gezeigt, dass die
Empfindung
G r a u durch die schwächste Zersetzung des Sehpurpurs
verursacht
wird;
wird die Zersetzung etwas stärker, so entsteht die
Empfindung
B l a u,
also »zunächst an der Finsternis« (siehe König:
Ges.
Abhandl.
zur physiol. Optik, S. 354 fg.).
²) Farbenlehre,
didaktischer
Teil,
§ 523.
³) Farbenlehre, didaktischer
Teil.
§
793.
4) Einige
allgemeine chromatische
Sätze,
W. A., 2. Abt., 5, 93.
157 LEONARDO
|
Rot
|
|
|
|
Rot |
|
|

|
|
oder
|
|

|
|
| Gelb
|
|
Blau
|
|
Grün |
|
Violett |
erlöst, und jede empirische
Wahrheit
bedeutet hier eine Annäherung an Goethe, doch ich fürchte,
Goethe
wird noch etwas warten müssen, ehe er »ganz modern«
wird.
Zwar hat er gesagt, seine Lehre zu verstehen, dazu »gehöre
weiter
nichts als ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf« (G. 20.
16.
26); doch hat er auch ausdrücklich erklärt, seine
Lehre sei
»schwerer
zu fassen als die Newtonsche«. ¹) Reines Anschauen
gibt es eben
unter
uns so gut wie gar nicht; wir müssten es erst von Goethe lernen.
* *
*
DIE
ZWEI METHODEN
Somit gelangen
wir zu der
Beantwortung
der Frage, welche den Exkurs veranlasste: ob das, was Goethe — im
ausgesprochenen Gegensatz zu Leonardo — angestrebt hat,
nämlich
eine antimathematische, insofern auch a-logische und darum
nicht-wissenschaftliche
Auffassung der Natur, nicht tiefe Berechtigung besitze? Jetzt steht
diese
Frage doch ganz anders vor Ihrem Geiste, nicht wahr? Sie enthält
für
Sie nichts Phrasenhaftes mehr. Sie haben mit Augen gesehen, wie
mächtig
und zugleich wie bettelarm die ganz reine Wissenschaft ist. »Der
Mathematiker ist Meister über die Natur«, urteilt Kant mit
Recht
(r. V., 753); doch was weiss
ein Meister von seinem Sklaven?
Nichts
als
die Arbeit, die er ihn verrichten lässt. Goethe steht der Natur
in einer anderen Gemütsverfassung gegenüber, darum auch in
einer
anderen Geistesverfassung. Nicht meistern will er die Natur, sondern
sie
innerlich besitzen; nicht sie soll für ihn arbeiten, sondern er
für
sie; er will sie wiedergebären und hierdurch sie sich aneignen;
genau
so wie wir vorhin die Farbe als ein zugleich ganz Subjektives und ganz
Objektives erkannten, so will er eine Naturanschauung anbahnen, die
ganz
menschlich — sonst bliebe sie ja unbegriffen — doch zugleich
reine
Natur, oder sagen wir, m ö g l i c h s t reine
Natur sei. Das
Mathematisch-Physische
ist, wie Sie gesehen haben, ein peinlich
—————
¹) Farbenlehre,
Einleitung.
158 LEONARDO
abstraktes Wesen: denn indem es die
empirische
Anschauung nach Tunlichkeit beiseite schiebt, entkleidet es nicht bloss
die Dinge ihres Wesens, sondern es beraubt mich Menschen aller
unmittelbaren
sinnlichen Empfindungen. Es bleiben nur Gespenster, die zwischen Objekt
und Subjekt hin und her huschen. Dass Rot als 400 Billionen
Schwingungen
in der Sekunde aufgefasst werden kann, ist eine für die
Wissenschaft
und dadurch auch für die Praxis höchst wichtige Formel;
für
das Leben ist es völlig ohne Bedeutung. La meccanica è il
paradiso
war nicht Goethe's Überzeugung; »mechanische Formeln
verwandeln
das
Lebendige in ein Totes«, sagt er; ¹) er wollte das Leben als
ein
Lebendiges
auffassen lehren.
Auch hier muss es natürlich
eine Methode geben, sonst wäre keine Einheit und somit keine
Anschauung
zu erzielen. Jenes Wort über die Phantasie, das ich im heutigen
Vortrag
(S. 106) anführte — sie
stehe der Natur sehr nahe, sie sei
ihr gewachsen — gibt Ihnen den Schlüssel. Die Verwandtschaft mit
Kunst
ist offenbar und sicher und tröstlich und ermutigend. Doch
vergessen
Sie nicht jenes andere Wort von der » e x a k t e n
sinnlichen Phantasie«; vergessen Sie nicht, dass Goethe
unvergleichlich genauer
gesehen
hat als Newton
und Helmholtz.
Es handelt sich nicht um Phantasterei,
sondern
um das, was Goethe »die produktive Einbildungskraft«
nennt. ²)
Ohne Einbildungskraft kommen wir Menschen überhaupt nicht fort;
denken
Sie nur an die Wellen und die Strahlen und die Polarisationen des
hypothetischen
Mediums. Während aber die mathematische Wissenschaft mit Schemen
arbeitet,
die lediglich im Interesse des Menschenhirns erfunden sind, sucht
Goethe
der Natur auf die Spur zu kommen und auf dem Wege des Symbols — nicht
ihren M e c h a n i s m u s, sondern
ihre I d e e n zu entdecken und darzustellen.
Einmal
spricht
er es selber klipp und klar aus: »Meine Tendenz ist die
Verkörperung
der Ideen« (Br. 24. 4. 15).
Sobald wir nun eine klare
Vorstellung
von Goethe's Ziel und Methode besitzen, begreifen wir, was Kant meint,
wenn er uns auffordert, »die Erscheinungen nicht bloss als zur
Natur
in ihrem zwecklosen Mechanismus, sondern auch als zur Analogie mit der
Kunst gehörig, zu beurteilen« (Ur. § 23). Doch
ehe wir
in diesem Zusammenhang von Kant sprechen — der in so eigentümlicher
—————
¹)
Farbenlehre,
didaktischer Teil, § 752.
²) Vorarbeiten
zu einer Physiologie der
Pflanzen,
W. A., 2. Abt., 6, 302.
159 LEONARDO
Weise
Hand in Hand zugleich mit
Leonardo
und mit Goethe geht — wird es zweckmässig sein, unsere Ergebnisse
in
Bezug
auf die zwei Arten, Natur anzuschauen, kurz zu formulieren. Das
Bedenkliche
eines jeden solchen Unterfangens ist Ihnen nicht unbekannt, doch
handelt
es sich ja nicht um ein Gebäude, darin wir wohnen bleiben wollen,
sondern nur um einen Meilenstein auf unserem Wege zu einer lebendigen
Vorstellung
der persönlichen Denkart Immanuel Kant's.
Es gibt ein analytisches, auf
mathematische Zergliederung von Bewegungen hinzielendes Schauen, und es
gibt ein intuitives, auf phantasiemächtiges Nachschaffen der Natur
gerichtetes Schauen. Beide besitzen nur dann Wert, wenn sie exakt sind.
Der Stoff — sowohl äusserer als innerer — ist in beiden
Fällen
der selbe; doch bedingt die Richtung des Blickes einen tiefgreifenden
Unterschied;
der eine Mann erblickt das eine Ende, der andere das andere Ende des
Spektrums
nicht; daher Goethe's Unverständnis für das Wesen der
Mathematik,
daher Leonardo's einseitige Bevorzugung mechanischer Deutungen.
Zur
eigentlichen exakten
Wissenschaft
führt die Analyse von Bewegungen. Das Prinzip der Wissenschaft ist
die Herrschaft des Menschengeistes, der sein Gesetz der empirisch
wahrgenommenen
Natur auferlegt. Die Organe der Wissenschaft sind die Mathematik
(soweit
irgend mit Gewalt tunlich) für das Verknüpfen des
Angeschauten,
die Logik von Ursache und Wirkung für das Verknüpfen
ausserhalb
des Angeschauten. ¹) Alles aus dem Empfindungsstoff, was sich in
das
eine
oder das andere dieser Schemata nicht einfügen lassen will, wird
beiseite geschoben und ignoriert. Wissenschaft können wir darum
als
s y s t e m a t i s c h e n
A n t h r o p o m o r p h i s m u s bezeichnen. Hieraus ergeben
sich zwei Folgerungen.
Da
der Anthropos selber ein Bestandteil der Natur ist, so ist es offenbar
wahrscheinlich, dass er sich einen bedeutenden Teil der
Naturphänomene
nach dem ihm eigenen Schema wird assimilieren können; die
Geschichte
der Wissenschaften zeugt dafür. Was er sich nach dieser Methode
assimiliert
hat, ist ein unbedingtes Wissen; es kann jederzeit und von jedermann
angewandt
werden. Dieses Wissen ist der Wirklichkeit nicht adäquat; es ist
nur
ein Schema; es berührt kaum
—————
¹)
Im weiteren Verstande des
Wortes
»Mathematik« gehört dies alles dazu. Unter
»Universalmathematik«
versteht man heute jegliche Art bestimmbarer
Aufeinanderfolge,
»ohne dass Zahlen oder Masse dabei notwendig
in Betracht kommen« (siehe Whitehead: Universal
Algebra. S.
VI
fg.; genaueres im Platovortrag).
160 LEONARDO
das
Wesen der Dinge: doch es
genügt
für Theorie und für Praxis. Das wäre die erste
Folgerung;
nun beachten Sie aber, bitte, die zweite. Auf derartiger Grundlage kann
ein lückenlos zusammenhängendes Gebäude als Natursystem
errichtet werden, ohne dass der Menschengeist ein einziges Mal mit sich
selbst in Widerspruch gerate, ohne also dass er das Grundgesetz seines
Denkens — die logische Folgerichtigkeit — verletze, und es ist dennoch
möglich,
dass er von Anfang bis Ende, in jedem einzelnen Stadium, immer nur ein
Bruchstück der Wahrheit erfasst habe. Zur Aufdeckung dieses das
ganze
Wesen der Welt fälschenden Irrtums — den error ex incomperto
könnte
man es nennen — bietet die Wissenschaft keinerlei Handhabe. Es ist
darum
ein Goethe vollkommen berechtigt zu fordern, man solle die Natur auch
anders
als mechanisch-logisch betrachten dürfen; er hat nur Unrecht,
diese
andere Betrachtungsweise »exakte Wissenschaft« zu nennen.
¹)
Das Wesen des anderen Schauens
ist schwerer zu bestimmen, gerade weil es reineres Schauen ist. Die
charakteristische
Gebärde ist hier die Hingabe an die Natur, das Hinausstreben aus
dem
Frondienst des Anthropomorphismus. Das Prinzip ist die Liebe, das Ziel,
»der Natur ihre Gedanken nachzudenken«, das Organ sind die
Sinne
im Bunde mit der Phantasie. Das Gedachte kann hier eigentlich nicht
gewusst
werden; wie der indische Weise Bartrihari sagt: »es finden sich
keine
Worte
für diese Wahrheit«; denken Sie nur an die
Metamorphosenlehre; mit
der Farbenlehre verhält es sich nicht anders. Doch muss man sich
immer
vor Augen halten, was unser sogenanntes »Wissen«
bedeutet,
und
welche
engen Schranken ihm gezogen sind; wohlbetrachtet ist, wie wir gesehen
haben,
das Wissen unserer Wissenschaft mehr eine M e t h o d e,
die Natur zu
durchforschen
und zu meistern (für Erfahrung zu arbeiten) als wirkliche
Erkenntnis.
Bereichert werden unsere Mittel, unsere physischen Existenzbedingungen,
unser Arsenal an Wissensstoff durch die Wissenschaft; doch bereichert
wird
unser Geist nur durch die innerliche Aufnahme und das Verarbeiten zu
einem
Eigenen. Und dieser Weg ist es, den Goethe einschlägt. Von seiner
Farben-
—————
¹) Wie
berechtigt er ist, zeigt
uns folgende Äusserung des
berühmten französischen
Chemikers Berthelot: »C'est en
vain que notre pensée s'efforce
de représenter le monde par la superposition de lois simples,
purement
mathémathiques, qui dans la réalité ne se
superposent
que d'une façon incomplète et ne se combinent jamais
absolument.
Un tel à peu près n'est pas dans la nature; il est dans
la
représentation que nous nous en faisons. (Discours à
l'Académie
des Sciences du 22. 12. 1896.)
161 LEONARDO
lehre
gesteht er:
sie lasse sich nicht lehren, »es gelte ein Tun, kein
Theoretisieren«
(G. 12. 8. 27).
Lassen Sie mich hier mein Bekenntnis aussprechen.
Wie
sehr
ich der exakten Wissenschaft ergeben bin, wissen Sie; auf ihrem Gebiete
eher als auf irgend einem andern wäre ich — wenn das Schicksal
mich
begünstigt hätte — befähigt gewesen, etwas zu leisten.
Trotzdem
bin ich tief überzeugt, je weiter die Entwickelung der echten
Wissenschaften
gedeiht, umso unentbehrlicher wird eine rein anschauliche — zur
Analogie
mit der Kunst gehörige — Auffassung der Natur werden, und zwar im
Interesse der Kultur der Menschheit. Und wenn wir vom Standpunkt
Leonardo's
aus, d. h. vom Standpunkt des streng logisch verknüpfenden
Verstandes
aus diese Anschauungsart definieren wollen, so müssen wir sagen,
sie
sei e i n e k a u s a l i t ä t s l o s
e B e t r a c h t u n g d e r N a t
u r. Reine Anschauung
meldet
nichts von vorher und nachher, von Ursache und Wirkung. »Das
Zurückführen
der Wirkung auf die Ursache ist bloss ein historisches
Verfahren«,
schreibt Goethe. Seine Metamorphosenlehre ist nicht die Aufdeckung
eines
Vorganges, sondern die Darstellung einer Idee — Idee der Natur, Idee
des
Menschen, sie treffen hier zusammen; und in seinen Farbenstudien ist er
so weit entfernt, eine neue Theorie an die Stelle der anderen setzen zu
wollen, dass er es tadelt, wie die Menschen dazu neigen, lieber durch
eine
»Erklärung« die Phänomene »bei Seite zu
bringen«‚ anstatt »durch eine innigere
Teilnahme .....
das Einzelne kennen zu lernen und ein Ganzes zu e r b a u e
n «. ¹)
Unsere
ganze Erziehung macht aus uns aber immer mehr »historische«
Wesen,
im Gegensatz zu gegenwärtigen; und jene beiden Dinge: der
Augenblick
und der Blick der Augen sind nahe verwandt. Wer bei Betrachtung der
Natur
beschäftigt ist, eine sogenannte Wirkung auf eine sogenannte
Ursache
zurückzuführen, wandelt den Weg des Mathematikers; denn wie
dieser
die reinen Formen der Anschauung, so bevorzugt jener die reinen Formen
des Verstandes zu Ungunsten der sinnlich gegebenen Erfahrung: er wird
zwar
scharf, doch nicht rein sehen; denn sein Sehen ist durch Denken,
nämlich
durch planmässiges Verknüpfen nach menschlichen Normen
getrübt.
Erfahrung ist, wie Kant sagt und wie Sie vorhin begreifen lernten, ein
»Produkt des Verstandes aus Materialien der Sinnlichkeit«
(P.
§ 34); das ist sie auf alle Fälle; doch begründet
es
einen
ge-
—————
¹) Farbenlehre, Einleitung.
162 LEONARDO
waltigen
Unterschied, ob das Element
des Verstandes oder das der Sinnlichkeit bevorzugt wird; die exakte
Wissenschaft
tut das erstere, Goethe das zweite. Für Goethe käme es also
auf
die Ausbildung des nachschaffenden, sagen wir dreist, des
»künstlerischen«
Sehens an — was nur im Anschluss an das Genie geschehen kann — im
Gegensatz
zu der ausschliesslich zerlegenden und nach Ursachen spähenden
begrifflichen
Naturbetrachtung. Wer uns lehrte, diese unwillkürlich
schematisierende
Tätigkeit des Geistes — nicht auf immer, doch nach Belieben — zu
Gunsten
des Schauens und — wie Goethe uns soeben sagte — des
»Auferbauens«
zu unterdrücken, würde uns mit neuen Augen begaben. Wie jene
mathematische Methode mit neuen Maschinen, so würde diese Methode
der reinen Anschauung uns mit neuen Gedanken und Bildern bereichern.
Reicher
als je zuvor würde die Quelle der Phantasie fliessen, weil
inzwischen
die Wissenschaft das Gebiet des Sichtbaren erweitert hat. Folgen wir
dagegen
nicht dem Beispiel Goethe's, so wird unsere Civilisation sich in lauter
Gleichungen verflüchtigen; Goethe hat den Weg zur Kultur gewiesen.
KANT ALS VERMITTLER
Diesen Weg hat nicht
Goethe allein,
auch Kant hat ihn gewiesen. Wenn Sie nun lebendige Einsicht in die
Tatsache bekommen könnten, dass Kant — dessen Auge von dem
Leonardo's
und Goethe's so offenbar sich unterscheidet — dennoch die antipodischen
Anschauungen beider Männer in Bezug auf Naturbetrachtung teilt
und somit zum harmonischen Ausgleich führt, so würde Ihre
heutige
Geduld reichlich belohnt sein. Inwiefern er mit Leonardo
übereinstimmt,
das wissen Sie schon, das ist nicht schwer zu fassen; die
Übereinstimmung
mit Goethe erfordert eine feinere Analyse, um wahrgenommen zu werden.
Doch
bildet sie einen so ausgesprochenen Zug in Kant's Wesen, dass wenige
Worte
genügen werden, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten.
Näheres
bringt ein späterer Vortrag.
Wie es um die Grundvorstellungen
der exakten Wissenschaften bestellt ist, wusste Kant genau.
»Von
Lichtstoff, Wärmstoff usw. kann man wohl sprechen, weil
sie b l o s s
D i c h t u n g e n von Kräften sind ... welche bloss einen
Verhältnisbegriff
enthalten«, schreibt er (Üb.
III, 598). Und der selbe Mann,
der die Worte spricht: »Es
kann gar keine eigentliche
Naturerkenntnis geben, ohne den Mechanismus
zum Grunde der
Naturforschung
zu legen« — was er damit
meint
und wie er es meint, wissen
Sie jetzt genau — der
163 LEONARDO
selbe
Mann schreibt am selben
Orte:
»Dieses hindert nun die Maxime ... nicht, bei einigen Naturformen
nach einem Prinzip zu spüren und über sie zu reflektieren,
welches
von der Erklärung nach dem Mechanismus der Natur g a n
z v e r s c h i e d e n
i s t .....« (Ur. § 70).
¹) Freilich hat
Kant
an dieser Stelle nur ein einziges anderes »Prinzip« im
Kopfe,
nämlich das der Endursachen, doch in diesem Werke über die
Urteilskraft
kommen auch andere Prinzipien zur Sprache, die mittelbar zur Endursache
gehören, so z. B. in den grossen Erörterungen über die
Ideen
von Gattung und Art, von Metamorphose und Persistenz der Gestalt usw.
Endursache
ist für Kant überhaupt — nach mehreren Stellen — mit
Architektonik
gleichbedeutend. Es handelt sich also ganz allgemein um »die
Natur
als Darstellung von Ideen« (wie es in der selben Schrift heisst),
»eine
Bemühung« — hatte Kant schon in der Kritik der reinen
Vernunft
geschrieben
— »die Achtung und Nachfolge verdient« (S. 375). Ihre
ganze
Aufmerksamkeit möchte ich nun für folgenden Satz
beanspruchen.
Kant sagt: »Buchstäblich genommen und logisch betrachtet,
können Ideen nicht dargestellt werden. Aber wenn wir unser
empirisches
Vorstellungsvermögen ... für die Anschauung der Natur
erweitern,
so tritt unausbleiblich die Vernunft hinzu ... und bringt die obzwar
vergebliche Bestrebung des Gemüts hervor, die Vorstellung der
Sinne
diesen [Ideen] angemessen zu machen« (Ur., Anm. nach § 29).
Dieser
Satz ist wie gemünzt auf Goethe's Naturanschauung. Das empirische
Vorstellungsvermögen zu erweitern, das wäre, wie Sie gesehen
haben, deren Kernpunkt; gerade dieses Bestreben — die empirische
Anschauung,
den Anteil der Sinnlichkeit im Gegensatz zur einseitig bevorzugten
reinen
und so zu sagen abstrakten Anschauung, zu erweitern — scheidet Goethe's
Methode grundsätzlich von der der Wissenschaft. Und Sie bemerken,
wie fein unser lieber trockener Kant spricht: »buchstäblich
genommen und logisch betrachtet« können die Ideen nicht
dargestellt
werden und »die Bestrebung bleibt vergeblich«; doch uns
hindert
Niemand,
die Livree des Buchstabens und die Fronkette einer im letzten Grunde
— wie
gerade Kant es in seiner berühmten Darstellung des
»Widerstreites
der Vernunft« gezeigt hat — auf Absurditäten
hinausführenden
Logik abzustreifen. Die Idee »Art«
—————
¹) Ob das »sie« verschrieben
ist
oder sich auf Maxime oder auf Naturformen bezieht, vermag
ich nicht zu sagen; nach Kehrbach scheint das Wort, so wie hier
citiert, in allen
Ausgaben zu
stehen.
164 LEONARDO
kann,
buchstäblich betrachtet,
nicht
vor die Sinne gebracht werden, und dennoch bildet sie die Grundlage
aller
Wissenschaft der Tiere und Pflanzen; die Idee
»Metamorphose«
hält einer logischen Untersuchung nicht Stich, und trotzdem
erzeugt
sie fort und fort die vergleichende Anatomie. Die Wissenschaft
erweitert
nur extensiv, dagegen erweitert eine Betrachtung nach der Art Goethe's
»unser Vorstellungsvermögen für die Anschauung der
Natur«
intensiv.
Nun wäre es freilich
ungereimt,
wollten wir bei einem Manne mit geschlossenen Augen, wie Kant, Ideen im
selben Sinne wie bei Goethe am Werke zu finden erwarten. Einzig
Beschreibungen
vermittelten ihm lebhafte Vorstellungen, sonst erblickte er nichts.
Eine
unmittelbare Anschauung der Natur, von deren Erweiterung er hier
spricht,
gab es folglich für ihn — soweit die äussere Natur in
Betracht
kommt — überhaupt nicht. Ihr gegenüber konnte er weder mit
Leonardo
entdecken, noch mit Goethe erfinden; seine genialen Ideen in Bezug auf
die umgebende Natur sind darum rein schematisch, rein mechanisch. Seine
Theorie des Himmels ist ein gutes Beispiel von der Art, wie der
Physiker
»für« Erfahrung forscht. Es gibt aber auch eine innere
Empirie, eine innere Natur. Und hier — hier, wo Kant ganz zu Hause ist
— steht er in genau der selben Stellung, wie Goethe der umgebenden,
äusseren
Natur gegenübersteht. Es gibt nämlich eine Idee, die sich nur
bei einem nach innen gerichteten Blick bis zu einer so leuchtenden
Klarheit
entwickeln konnte, dass sie zuletzt, dem heiligen Grale gleich, die
innere
Finsternis durchhellte, eine Idee, deren Gegenstück bei Goethe das
ist, was er Gott-Natur nennt — die Idee der F r e i h e i
t. Der Mann, der den
Mechanismus der Natur nicht allein im Bau des Kosmos, sondern bis in
die
innersten Falten der menschlichen Geistestätigkeit verfolgt hatte,
erkannte als das höchste Vermögen der menschlichen
Persönlichkeit
ihre sittliche Selbständigkeit. Das ist eine »Idee«,
eine
Idee, die nicht dargestellt, wohl aber erlebt werden kann, geradeso wie
Goethe's Bestreben darauf ausging, die umgebende Natur zu
»erleben«.
Solange ich den Mechanismus der Naturforschung zu Grunde lege, kann ich
und muss ich in mir selber nur eine Maschine erkennen, oder, wie Kant
es
ausspricht, »eine Natur, welcher der Wille unterworfen
ist«; es
muss
gelingen, jede feinste Regung meines Denkens und Empfindens ebenso
mechanisch
zu deuten, wie das Wesen des Lichtes, selbst wenn ich dazu recht viele
eigentümliche Bewegungsformen hypothetischer
165 LEONARDO
Medien
vorauszusetzen gezwungen werden
sollte. Wer das leugnet, arbeitet im Interesse des Obskurantismus und
zeigt,
dass er des Segens echter germanischer Wissenschaft nicht teilhaftig
wurde;
für ihn hat die ganze Entwickelung unseres Naturerkennens vom 15.
bis zum 20. Jahrhundert nicht stattgefunden. Kann mir aber der
Mechanismus
genügen? Darf er es? Muss ich als denkendes und sittliches Wesen
nicht
empfinden, dass, wenn ich hierbei bleibe, ich mich selbst belüge?
Zeugt nicht die eigenste Erfahrung eines jeden Augenblicks für
Freiheit
und Verantwortlichkeit? für die Wirklichkeit »einer Natur,
welche
einem Willen unterworfen ist«? (p.
V.) Erinnern Sie sich, wie
Goethe
seinen unmechanischen Standpunkt dadurch bezeichnete, dass er das Licht
nicht durch die Voraussetzung eines hypothetischen Wesens, sondern
durch
die treue Darstellung seiner Handlungen — seiner Taten und Leiden — zu
ergründen sich vornahm? (S. 153). Ebenso weist
Kant es
zurück,
dass man das Wesen und die Bedeutung des Menschseins aus dem Studium
der
Anatomie und »durch Vergleichung des Skeletts des Menschen mit
dem
von anderen Tiergattungen aufsuche«, vielmehr könnten sie
»allein
in seinen H a n d l u n g e n gefunden werden,
dadurch er seinen Charakter
offenbart«. ¹) Es sind, wie Sie sehen, fast
buchstäblich Goethe's Worte
über
das Licht. Und was entdeckt Kant, wenn er — der Mechaniker und
Analytiker
— diese Handlungen prüft? »Die Freiheit und
Unabhängigkeit
des Menschen von dem Mechanismus der ganzen Natur« (Gr.). Diese
Einsicht
aber bestimmt ihn, uns Menschen als höchstes Ziel eine Idee
vorzuhalten
— hier, weil sie auf Handlungen geht, die wir vollbringen sollen,
heisst
sie »Ideal« — die nicht aus angeblichen Offenbarungen
passiv
aufgenommen wird, die überhaupt nicht da ist und auf uns wartet —
ebensowenig wie die Idee der Metamorphose — »die aber durch unser
Tun und Lassen wirklich werden kann«. Anstatt über die
Freiheit
theoretisch hin und her zu debattieren, sollen wir sie durch die Tat
bewähren;
durch sie sollen wir — der Natur zum Trotz — Ideale verwirklichen.
Hier sehen Sie Kant
selber das ausführen, was er in Bezug auf das Verhältnis des
Menschen zur umgebenden Natur nur theoretisch erörtert hatte:
nämlich
die Darstellung der Natur in Ideen, im Gegensatz zu ihrer
Erklärung
als Mechanismus. Die Verwandtschaft mit Goethe, die freilich nicht auf
der Oberfläche liegt,
—————
¹)
Rezension
über
Herder's Ideen zur Philosophie der Geschichte.
166 LEONARDO
ist
hier eine so innige und tiefe,
dass
ich kaum glaube, es sei möglich, den einen Mann ohne den andern zu
verstehen. Ich glaube nicht, dass Sie eine völlig konkrete,
phrasenlose
Vorstellung dessen erhalten können, was Kant unter
»Unabhängigkeit
vom Mechanismus« und »Freiheit« versteht, wenn Sie
sich
nicht
in Goethe's Naturbetrachtung versenken, und andrerseits bin ich
überzeugt,
dass unsere Vorstellung von Goethe's Art, die Natur zu betrachten,
matt,
unzulänglich, falsch bleibt, solange wir nicht die Einsicht
gewonnen
haben, dass es sich für ihn um etwas eben so Unmittelbares, eben
so
Erlebtes handelt, wie es für Kant die Freiheit des menschlichen
Willens
ist. Goethe will wie Kant eine Rettungstat ausführen, und die
Methode
ist bei beiden die selbe. Kant schreibt einmal: »Zwei Dinge
erfüllen
das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und
Ehrfurcht,
je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit
beschäftigt:
der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.
Beide
darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im
Überschwenglichen,
ausser meinem Gesichtskreise, suchen und bloss vermuten; ich sehe sie
vor
mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner
Existenz.«
Diese Worte erinnern Sie an Goethe's: »Natur hat weder Kern noch Schale, alles
ist sie mit einem Male.« Für uns Menschen gibt es aber wohl
eine Unterscheidung zwischen Kern und Schale, und die unabweisliche
Tendenz
unserer sonst so bewunderungswürdigen mechanischen Wissenschaft
ist,
alles zu Schale zu machen, sowohl den bestirnten Himmel wie das
moralische
Gesetz; wogegen Kant und Goethe darin übereintreffen, dass sie uns
lehren, wie wir es anfangen sollen, um alles als Kern zu deuten, wobei
— der Natur ihrer Gaben gemäss — der Eine den bestirnten Himmel,
der
Andere das moralische Gesetz vorzüglich ins Auge fasst.
Das Wort Goethe's: »ich ging
aus
eigener Natur einen ähnlichen Weg als Kant« (S. 21),
ist
für
uns immer bedeutungsvoller geworden. Ich möchte bestimmt hoffen,
dass
Sie vom Standpunkt Goethe's aus die merkwürdige
Persönlichkeit
Kant's — so reich an dem, was der oberflächliche Beobachter
Widersprüche
nennt — in ihrem organischen Zusammenhang deutlich zu erblicken
beginnen.
Wenn Sie jetzt die Kritik der reinen
Vernunft lesen und in der Vorrede
dem vielcitierten und fast immer missverstandenen Satz — »Ich
musste
das
Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen«
167 LEONARDO
—
begegnen, Sie werden ihn, glaube ich,
verstehen,
und zwar in dem Sinne, wie Kant ihn verstanden hat. Und das ist ein Prüfstein; denn kein Mann hat
für
das exakte Wissen eine glühendere Verehrung gehabt als Kant, und
kein
Mann hat in den Begriff Glauben so wenig Historie und so viel Kraft der
lebendigen Tat gelegt wie er. Sie beide — Wissen und Glauben — richtig
zu
unterscheiden und doch wieder »unmittelbar zu
verknüpfen«, das war
seine auszeichnende Begabung.
LEONARDO, GOETHE, KANT
Ich bin für heute zu Ende;
zugleich verlasse ich das Gebiet dieser beiden ersten
Vorträge;
mit René Descartes und Giordano Bruno betreten wir das
nächste Mal eine neue Höhe, und es wird uns manches schon Berührte in
anderem
Lichte erscheinen. Gestatten Sie mir aber zum Schlusse einige kurze
Worte
noch über den grossen Künstler, der uns heute so
vortreffliche
Dienste geleistet hat. Denn den Antrieb, ja, die eigentliche Treibkraft
zu den Betrachtungen, die uns einen so klaren, tiefen Einblick in
Kant's
innerstes Herz eröffneten, verdanken wir Leonardo. Näher
können
wir uns in diesen Vorträgen mit dem wunderbaren Manne leider nicht
beschäftigen; doch wird jetzt eine flüchtigste Übersicht
genügen, um manchen Zug der Verwandtschaft mit Goethe und Kant zu
entdecken, und diese letzte Zusammenfassung wird gleichsam einen
glänzenden,
durchsichtigen, die Farben schützenden Firniss über das
gewonnene
Bild ausbreiten.
Leonardo, der so genau mit Kant
in seiner Wertschätzung der mathematischen und mechanischen
Naturforschung
übereinstimmte, hat uns Zeugnisse hinterlassen, dass auch er
nichtsdestoweniger
zwischen einer Natur, die einen Willen unterwirft, und einer Natur, die
sich einem Willen unterwerfen muss, zu unterscheiden wusste. La
necessità
è maestra e tutrice della natura, schreibt er: das ist
die Natur
als Mechanismus; — an anderer Stelle jedoch schreibt er: il dono
principal
di natura è libertà: das ist die Natur als Idee.
Und die
Bewährung dieser Idee im Menschen erblickt er mit Kant in der
signoria
di se medesimo, das heisst in dem, was der deutsche Weise
»die
Freiheit
von dem Mechanismus der ganzen Natur« nannte. Schon diese
Übereinstimmung
ist interessant; sie deutet darauf hin, dass, wer den Mechanismus als
Prinzip
der Naturerklärung versteht und, ohne dem Überschwenglichen
das kleinste Schlupfloch zu lassen, durch das es sich einschmuggeln
könnte,
lückenlos durchführt, auf diesem Wege notwendigerweise zu
einem
168 LEONARDO
gesunden
Idealismus gelangt; die
Begriffe
Notwendigkeit und Freiheit schliessen sich nicht aus, im Gegenteil, sie
bedingen sich gegenseitig. ¹) In der Klarheit dieser Erkenntnis
steht
Leonardo
Kant näher als Goethe; dieser war nicht genügend Mechanist,
um
ein reiner Idealist zu sein.
Noch tiefer gehen wir jedoch in
dieser Parallele, wenn wir das Verhältnis des schaffenden
Künstlers
Leonardo zum Menschen Leonardo in Betracht ziehen. Leonardo, der
Theoretiker,
ist ein scharfer, aber ungemein strenger, trockener Geist. Oft habe ich
bei der nicht mühelosen Lektüre seiner Schriften an Kant
denken
müssen. Es ist der selbe Hass gegen das
»Schwärmen«,
das selbe Misstrauen gegen alles, was sich als Intuition und
Genialität
geben möchte. Seinen Schülern spricht er nie von anderen
Dingen
als Messungen und Berechnungen und technischen Griffen, und er wird
nicht
müde, ihnen »die spiegelhafte Nachahmung der Natur«
einzuschärfen.
Und jetzt, bitte ich Sie, wenden Sie die Augen von seinen Büchern
auf seine Werke! Ist das die linienhafte Kopie einer mechanisch
erblickten
Gestalt? Ist es nicht vielmehr eine Offenbarung alles Unsichtbaren,
Unsagbaren,
Unausdenkbaren; seeking in an
instant of vision to concentrate a
thousand
experiences? ²) Nie, ausser von Rembrandt vielleicht, ist
Persönlichkeit
so ergreifend veranschaulicht worden; das innerste Geheimnis der Seele
ruht nur halbverschleiert auf den stillen Zügen; seine
Frauenköpfe
sind die lebendige Darstellung jenes Mysteriums, das Goethe das
Ewigweibliche
nannte; seine Christusgestalt bedeutet ein fünftes Evangelium.
Auch
auf gewissen landschaftlichen Federzeichnungen von seiner Hand ruht der
selbe Zauber:
als ob
da drinnen ganze
Weltenräume
wären,
Wald und Wiesen, Bäche, Seen,...
unerforschte Tiefen.
Und er, der Empiriker und
Mechaniker,
er wusste es wohl, was hier für Geheimnisse des Menschengeistes
offenkundig
werden. Von den Werken des Genies sagt er: questa non s'insegna,
come
fan le matematiche ... non si copia, come si fa le lettere ....
questa
sola si resta nobile, questa sola onora il suo autore e resta pretiosa
e unica, e non partorisce mai figluoli eguali à se (L. §
8).
Es nützt nichts, das
—————
¹) Vgl.
Chamberlain:
Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts,
S. 775 fg.,
884.
²) Walter Pater:
Renaissance,
(ch. Leonardo da Vinci, p. 106).
169 LEONARDO
Phänomen
des Menschengeistes auf ein kleines
herabwürdigen
oder gar ableugnen zu wollen,
wie wir es
täglich
um uns herum erfahren; man bereitet sich damit ein bettelarmes Leben.
Rè
delle bestie nennt zwar der unbarmherzige
Realist
die Menschen, und er lacht über die Mönche und »andere
Lügner«, die von einer »Seele« Wunder
erzählen,
wo er, Anatom und Mechaniker, nur Nerven gefunden habe, die zu einem
Gehirn
führen: nun aber tritt er an die Leinwand und gestaltet darauf
eine
Idee — den Heiland, den rè
degli uomini, wie ihn seine Phantasie
erblickt hat — ein Werk, welches man nicht lernen und nicht nachbilden
kann und welches niemals einen ihm ähnlichen Sohn gebiert. Und
wir,
wir nahen ehrfurchtsvoll und beglückt und für alle Zeiten
bereichert.
Wir bezweifeln nicht, dass zwischen dem grossen Techniker — dem Manne,
der die Geometrie des Raumes und der Perspektive erforschte, der die
Stellung
jedes Blattes am Baume und jedes Muskels im Antlitz mit Zirkel und
Richtscheit
ausmass — und dem Gestalter unsterblicher Ideen ein geheimer
Zusammenhang
bestehe; doch verhält es sich hiermit wie mit Kant's Beispiel des
bestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir:
verknüpft
machen sie mein Dasein aus, doch stehen sie nicht zu einander in einem
Verhältnis von Ursache und Wirkung.
Es gibt eben zwei Welten, zwei
Welten, die zu einander in Gegensatz, in Kontraposition stehen, sich
gegenseitig
zugleich voraussetzend und ausschliessend. Sie erinnern sich vielleicht
einer wichtigen Einsicht, welche wir gleich am Anfang des heutigen
Vortrages,
bei dem ersten Vergleich zwischen Goethe und Leonardo gewannen: dass nämlich diese zwei Welten
von einander scharf geschieden sind; sie liegen wie durch einen breiten
Fluss getrennt; an einer Stelle führt eine Brücke, an einer
andern
eine Fähre von einem Ufer zum andern, sonst aber gibt es keinen
Übergang.
Die Sinnenwelt vermag gar nicht anders als durch Verstandesschemen
vermittelt
in die denkende Vernunft einzutreten, und andererseits kann die
Ideenwelt
nur dadurch Sichtbarkeit erlangen, dass sie von der Sinnenwelt sich
Symbole
borgt. Das ist eine Grundtatsache des Menschengeistes, von jeher mehr
oder
weniger deutlich geahnt, von Kant für alle Zeiten dargetan. Jeder
Versuch, diese unserer Natur — und das heisst der gesamten Natur — zu
Grunde
liegende Zwiefalt zu leugnen, opfert die eine Hälfte unseres
Wesens
der anderen. Der Mystiker (und zu ihm muss man Geister wie
170 LEONARDO
Schopenhauer
rechnen) bestreitet
entweder
oder durchbricht an vielen Stellen das mechanische Gesetz: dadurch
richtet
er meinen Verstand zu Grunde; der wissenschaftliche Monist
verfährt
noch gewaltsamer; denn während jener nur das
Abstrakt-Mathematische
verwirft, leugnet dieser das Konkret-Sinnfällige und will einzig
das
mathematische Phantom gelten lassen. Den Ersten widerlegt der Gang der
exakten Wissenschaft, den Zweiten straft jedes Genie Lügen. Und
was
ich Ihnen zu Gemüte führen möchte, ist, dass Goethe's
schöpferische
Ideen über die organische Natur und das Wesen der Farbe, und
Kant's
schöpferische Ideen über die Architektonik des
Menschengeistes
und über den Zusammenhang zwischen den zwei Naturen genau in der
selben
Weise zu betrachten und zu beurteilen sind wie ein aus reiner
Schöpferkraft
hervorgegangenes Kunstwerk des Leonardo. Dass echte Genies sich mit der
exakten Wissenschaft befassen, haben wir jetzt zur Genüge gesehen;
doch ungereimt ist es, von der Wissenschaft als solcher
schöpferische
Leistungen zu erwarten; was sie Geniales an den Tag fördert, sind
Erfindungstaten der Natur, nicht eigene; dafür soll sie auch
gelobt
werden; doch ein Höheres ist es, wenn die Natur im Menschen zum
Erfindungswerk
übergeht und in einem Paroxysmus des Geistes Neues gebiert. Dieses
aber mit dem Ellenmass zu messen, ist ein lächerliches
Unterfangen.
Hier kann uns nicht die Krückenlogik des tastenden Blinden,
sondern
einzig das freie offene Auge überzeugen; wie Schwingungszahl und
Farbe,
so stehen sich die beiden Methoden einander gegenüber,
verknüpft,
doch ewig fremd. Gewiss sind auch Goethe und Kant Techniker: auch hier
besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen Erleiden und
Tätigsein,
zwischen Erfahrung und Idee, zwischen Empirie und Schöpferkraft,
sowie
was die unbewusste Methode des Lebens betrifft — zwischen Schema und
Symbol,
Technik und Phantasie. Kein Mensch steht dem Stümper ferner, kein
Mensch ist fleissiger als das Genie. Zwölf Bände hat die
Weimarer
Ausgabe an Arbeiten Goethe's zur Naturforschung schon gebracht, und die
Reihe ist nicht abgeschlossen; blättern Sie darin, wenn Sie
erfahren
wollen, wie unermüdlich, peinlich genau, nüchtern der grosse
Mann die Natur studiert hat. Kant seinerseits hat seine Einsamkeit mit
so grausigen Gräben und Wällen philosophischer Technik
umgeben,
dass viel Mut und Ausdauer dazu gehört, ins Innere einzudringen.
Und
ebenso wie ich Goethe, den Techniker, scharf zu kritisieren
171 LEONARDO
nicht
unterlassen konnte, ebenso wird es
Manchem
vielleicht schwer fallen, sich durchweg zur Kantischen Technik zu
bekennen.
Genau aber wie Leonardo, der gewaltige Bildner, Ideen leibhaftig vor
unseren
Augen hinstellte, so taten es auch Goethe, der reine Erblicker der
Natur,
der Begründer (wie Johannes Müller uns versicherte) eines
neuen
Ideals der Naturgeschichte, und Kant, der erhabene Erleuchter der Nacht
des Menscheninnern. Ihre Werke sind schöpferische Taten des
Genies.
Diese führen ganz anders als die mathematische Wissenschaft ins
Innere
der Natur ein. Denn, wie Goethe uns lehrt: »Der Weg der Natur ist
derselbe, auf dem Ihr Roger Bacon, Homer und Shakespeare notwendig
begegnen
müsst« (G. 28. 2. 9).
Dieser Weg, verehrte Freunde, ist es,
den wir in diesen Vorträgen zu betreten suchen, der Weg, auf dem
wir
hoffen dürfen, der Natur selber, wie sie sich in ihren
höchsten
Geschöpfen offenbart, zu begegnen. Ist es mir heute nur ein wenig
gelungen, diesen von Goethe gewiesenen Weg aufzufinden und
einzuschlagen,
so erblicken Sie in diesem Augenblick die drei Grossen — Leonardo,
Goethe,
Kant — neben einander, einen jeden in seiner völlig
unterschiedenen
Eigenart; dreimal erschauen Sie das Sonnenauge des Genies; dreifaches
Licht
überströmt Ihre Welt.
172
(Leere
Seite)
Last update / Letzte
Änderung am 22 September
2005