Here
under follows the transcription of the second chapter of Houston
Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
LEONARDO DA
VINCI
Painted by
himself
Drawn and
engraved
by Charles Townley
INHALTSÜBERSICHT
|
87
ZWEITER VORTRAG
LEONARDO
(BEGRIFF
UND ANSCHAUUNG)
MIT EINEM EXKURS ÜBER PHYSIKALISCHE
OPTIK
UND FARBENLEHRE
———
LA
NOSTRA ANIMA È COMPOSTA
D'ARMONIA,
ED ARMONIA NON
S'INGENERA, SE NON IN ISTANTI
NEI QUALI LE PROPORTIONALITÀ
DEGLI OBIETTI SI FAN VEDERE
O'UDIRE. LEONARDO
88
(Leere
Seite)
89
WIEDERHOLUNG
Da zu
einer
Anschauung
ein Anschauender und folglich zu einer Weltanschauung ein
Weltanschauender
gehört, so haben wir uns als Ziel vorgesetzt, etwas
über
die unterscheidenden Eigenschaften von Kant's persönlicher Art
anzuschauen
in Erfahrung zu bringen. Wir nehmen in diesen Vorträgen das Wort
Anschauung
nicht in dem landläufigen Sinne von »Meinung« oder gar
»Lehre«,
sondern in der ursprünglichen (schon in der Sanskritwurzel skau =
schau enthaltenen) Bedeutung des Sehens, sowie der besonderen Art und
Weise
zu sehen, welche bestimmten Individuen eigen ist. »Das Sehen ist,
wie ein Erleiden, so auch ein Tätigsein«, erkannte schon
Aristoteles;
nun ist aber das Verhältnis zwischen Erleiden und Tätigsein
in
dem Sehen verschiedener Männer verschieden, ebenso auch der Grad
und die feinere Beschaffenheit beider. Darum griffen wir zum Vergleich.
Wir wollen Anschauende von allerhöchster Bedeutung selber
»anschauen«‚ überzeugt, dass dies uns erfolgreicher
fördern wird, als
wollten
wir über sie abstrakt theoretisieren und ihre Lehren mit
zugespitzten
Definitionspfählen fein sauber einhegen. Aus unserem ersten
Vergleich
— dem mit Goethe — haben wir bedeutenden und bleibenden Gewinn gezogen.
Die geistige Individualität Kant's kontrastierte auffallend mit
der
Goethe's. Bei Kant beobachteten wir eine eigentümliche Art von
Anschauungskraft
in geradezu erstaunlichem Masse entwickelt: es war die Fähigkeit,
das Beschriebene sich innerlich vorzustellen; und das Beschriebene ist
ein stückweise oder — wie der technische Ausdruck lautet —
analytisch
Vorgeführtes; denn das W o r t kann nur nach
und nach ein Ganzes
geben,
wogegen das A u g e zunächst ein Ganzes und nur
nach und nach Teile
gibt.
Auch fanden wir bei Kant die von innen nach aussen projizierte,
geometrisch - schematische, menschlich - schöpferische Anschauung,
nämlich
die mathematische, bedeutend entwickelt. Dagegen war für Goethe
der
unersättliche Augenhunger charakteristisch und in engem
Zusammenhang
hiermit der Trieb, auch das Theoretische als ein mit Augen Angeschautes
aufzufassen. Jedoch, als wir an der Hand der Metamorphosenlehre eine
deutliche
Vorstellung des Verhältnisses zwischen Erleiden und Tätigsein
in Goethe's Sehen gewonnen hatten, stimmte es harmonisch zu Kant's
innerem
Sehen und zu seiner analytischen Unterscheidung zwischen Erfahrung und
Idee.
90 LEONARDO
GENIE UND MATHEMATIK
Heute will ich nun
diesen
Vergleich
mit Goethe fortsetzen, denn er birgt noch eine Fülle von
Belehrung;
ich hoffe Sie zu überzeugen, es könne ohne Zuhilfenahme
Kant's
kaum gelingen, die Naturanschauung Goethe's richtig zu erfassen,
zugleich
auch, dass Keiner so direkt und anschaulich zu Kant hinführt wie
gerade
Goethe. Sie werden also aus dieser Betrachtung doppelten Gewinn ziehen.
Doch will ich heute zu diesen Beiden einen Dritten gesellen, einen
andern
grossen Künstler. Die Wahl treffe ich ohne jede Rücksicht auf
Chronologie, lediglich mit der Absicht zu verhindern, dass wir etwa in
öden Formalismus verfallen und, nachdem wir die eine Krücke —
die des angeblichen, allgemein gefassten Kontrastes zwischen
anschaulichem
Kopf und abstraktem Kopf — weggeworfen haben, nun gleich eine andere zu
Hilfe nehmen. Es liegt nämlich die Gefahr nahe, das ewig drohende
Auskristallisieren unserer trägen Gedanken hier wieder
anschiessen
zu lassen und uns mit der Phrase zu begnügen: hie Künstler,
hie
Philosoph. Leider hat kein Geringerer als Schopenhauer zu einem
derartigen
erstarrenden Missverständnis viel beigetragen; er ist der
gelesenste
aller Philosophen, und insofern gewiss mit Recht, als er der weitaus
lesbarste
ist; schade, dass zu seinen ziemlich zahlreichen
Gedankenperversitäten
(denn anders kann ich sie nicht nennen) die Behauptung gehört,
»Genie«
und »mathematischer Kopf« seien Gegensätze. ¹)
Auf eine
Widerlegung
dieser einfach horrenden Behauptung — welcher als allererstes die gesamte
Erscheinung des Hellenismus zum Opfer fallen müsste — kann ich
mich
hier nicht einlassen; es wäre leicht und unterhaltend, sie mit
alleiniger
Benützung von Schopenhauer's eigenen Schriften durchzuführen;
doch schämt man sich fast, mit dem geiststrotzenden Mann den Kampf
aufzunehmen, wenn man ihn an entscheidender Stelle als Argumente
anführen
hört: Alfieri habe den
vierten Lehrsatz
Euklid's
nicht begreifen können, und ein (ungenannter) französischer
Mathematiker
habe nach Durchlesung von Racine's Iphigénie
achselzuckend
gefragt:
Qu'est-ce que cela prouve?
²) Wenn das Argumente sind, dann
könnte
man ebenso zwingend schliessen: Weil Coleridge mit vierzig Jahren (und
trotz-
—————
¹) An mehreren Orten; z. B.
Welt
als Wille und Vorstellung, B. 1., § 36, Bd. 2., Kap. 13;
Parerga
II,
§ 35.
²)
Nach einer Anmerkung in
Hoefer's Histoire des
Mathématiques, 4. éd., p. 439, sollte
Roberval,
ein Zeitgenosse des Descartes und ein bekannter Mathematiker, durch das
blöde Wort getroffen werden. Es handelt sich natürlich nur um
die böswillige Erfindung eines Witzboldes.
91 LEONARDO
dem
er auf dem Lande lebte) noch
nicht
wusste, dass aus Kaulquappen Frösche werden, darum ist kein
Dichter
für Naturbeobachtung begabt. Das Schlimme an solchen Phrasen,
sobald
sie ein Mann wie Schopenhauer mit bestechender Beredsamkeit
vorbringt,
ist, dass sie dann weithin Verbreitung finden und sich als Dogma
festsetzen.
Und so begegnen wir heute vielen Menschen, die, bloss weil sie wie
Alfieri
etwas n i c h t können, sich für Genies
halten, und die, nicht
genug,
dass ihnen »der Stolz der menschlichen Vernunft« (wie Kant
die Mathematik
nennt) abgeht, sich noch mit ihrem Unvermögen brüsten. Dabei
schauen diese geistig Vernachlässigten, die nicht einmal den
einfachen
Lehrsatz der gleichen Dreiecke zu fassen vermögen, von oben herab
auf die bedeutendsten Menschen, sobald diese mathematische Begabung
zeigen,
und reihen sie in eine Klasse »zweiter Güte« ein. Doch
genug
davon — wenn es auch schwer ist, den Zorn über die Frechheit eines
so grundverkehrten Dogmas nicht aufflammen zu lassen — und greifen wir
gleich hinein auf den Kernpunkt. ¹)
Schopenhauer's These betrifft
das Genie im allgemeinen, doch bisweilen bringt er sie in einer engeren
und dadurch plausibleren Form vor; so schreibt er: »Die Erfahrung
hat bestätigt, dass grosse
—————
¹)
Seitdem ich (im Jahre
1900)
diese Worte niederschrieb, bin ich durch ein genaueres Studium zu sehr
bedenklichen Ergebnissen in Bezug auf Schopenhauer's Arbeitsmethoden
gelangt.
Durch Hermann Cohen und August Stadler aufmerksam gemacht,
überzeugte
ich mich, dass das Fälschen von Citaten — wenn auch gewiss unter
dem
Einfluss einer unbewussten Suggestion, doch nicht minder erfolgreich —
bei ihm geradezu Gewohnheit ist; in seiner Kritik der Kantischen
Philosophie macht er ausgiebigen Gebrauch davon; im letzten Vortrag
werden
einige
Belege hierfür beigebracht werden, Bei seinen Ausführungen
über
die Mathematik geht er nun ähnlich zu Werke, was Professor Alfred
Pringsheim in seiner akademischen Festrede Über Wert und
angeblichen
Unwert der Mathematik (München, 1904, und mit
gekürzten
Nachweisen
in der Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung, 14. und 16.
März
1904) dokumentarisch nachgewiesen hat. Um ausschlaggebende Zeugen
für
seine Geringschätzung der Mathematik zu gewinnen, fälscht er
Baillet (Descartes' Biographen), fälscht er Descartes selber, und
fälscht er Georg Christoph Lichtenberg. Hierdurch gelingt ihm das
Kunststück, Descartes — einen der genialsten Mathematiker aller
Zeiten
— und Lichtenberg — einen tüchtigen Physiker und Astronomen — sich
wegwerfend
über die Mathematik äussern zu lassen! Nach einer
ausführlichen
Erörterung des Falles Descartes kommt Pringsheim zu dem Schlusse:
»Dass Schopenhauer trotz alledem gewagt hat, diesen grossen
Mathematiker
als einen seiner Eideshelfer für den Unwert der Mathematik zu
citieren,
muss als eine unerhörte und nichtswürdige
Geschichtsfälschung
bezeichnet werden« (S. 18). Für das Nähere verweise ich
auf die genannte Festrede und mache den Leser nur noch auf das Eine
aufmerksam,
dass die betreffenden Worte in Baillet's Biographie ein fast
wörtliches
Citat aus Descartes' Règles
pour la direction de l'esprit
(éd.
Cousin, XI, 218 ff.) sind, was weder Schopenhauer noch sein
Gewährsmann
Hamilton gewusst haben, und was Professor Pringsheim im Augenblick
übersehen
zu haben scheint.
92 LEONARDO
Genien
i n
d e r K u n s t z u r M a t h e m a
t i k keine Fähigkeit haben.« Das ist eine
bedeutende
Einschränkung, denn auch für ihn ist nicht bloss der
Künstler
Genie; er gibt sich ja selber gern als Beispiel und war doch für
die
Kunst gänzlich unbegabt. Nichtsdestoweniger ist diese Behauptung —
die man im § 36 des ersten Bandes seines Hauptwerkes findet — so
grundfalsch,
dass man sich fragt, wie Schopenhauer hat verblendet genug sein
können,
sie vom Jahre 1818 bis zu seinem Tode unverändert stehen zu
lassen.
Denken wir an deutsche Künstler allein, so fällt uns als
erster
der auch von Goethe so besonders bewunderte, der grosse, einzige, bald
hätte ich gesagt der heilige Albrecht Dürer in den Sinn. Er
ist
einer von jenen »grossen Genien in der Kunst«, von denen
man
sagen kann, sie seien Anfang und Ende und Kulminationspunkt, alles in
einem.
Natürlich wachsen sie aus Vorangegangenem historisch heraus, und
sie
führen zu Nachfolgendem hin, doch hängt diese
Zusammengehörigkeit
ihnen nur wie ein Mantel um die edle Gestalt; hier tritt, wie die
Göttin
aus dem Schaume, das Individuum aus der Menge heraus, ein Neues,
Unvergleichliches,
das früher nicht war und künftig nie wieder sein wird. Bei
dem
Anblick solcher Männer fällt Einem das schöne Wort des
selben
Schopenhauer ein: »die Kunst ist überall am Ziele.«
Vollendung
ist es, was uns aus all dem fiebrigen Ringen dieser Künstler
entgegenleuchtet,
Ruhe, was uns vertrauensvoll und gelassen aus der Hast des ewig
höher
Strebenden anlächelt; und wo doch Arbeit, Gedanke und Gebet als
unermüdliche
Tagelöhner an dem Werke mitgeschaffen haben, thront jetzt die
göttlich-mühelose,
unfehlbare Harmonie. Zu diesen Grössten gehört Dürer.
Und
siehe da, er hatte nicht bloss »Fähigkeit zur
Mathematik«,
sondern er hatte eine ganz ungewöhnliche Fähigkeit.
Dürer
ist der Verfasser des ersten Lehrbuchs der angewandten Geometrie in
deutscher
Sprache! Ausserdem widmete er ein ganzes Werk dem herzlich trockenen
und
nur mathematisch interessanten Gegenstand des Festungsbaues, und seine
menschliche Proportionslehre ist ein kleines Wunderwerk verschlungener
geometrischer Vorstellungen. Die Vorliebe für Mathematik, das
sichere
Auge dafür und das Gewicht, das er darauf legt für die
Ausbildung
des Künstlers — »die Kunst der Messung ist der rechte Grund
aller Malerei«, schreibt Dürer ¹) — sind ein besonderes
—————
¹)
Unterweisung der
Messung mit dem Zirkel und dem Richtscheit, 1538, Folium A. 1.
93 LEONARDO
Charakeristikum
dieses grossen
Künstlers.
Schon dieses eine Beispiel genügt, um Schopenhauer's Behauptung,
der
grosse Künstler Besitze keine Fähigkeit zur
Mathematik,
als eine unhaltbare Verallgemeinerung aus einzelnen Fällen
nachzuweisen.
Und Sie begreifen leicht, dass
mir daran liegen musste,
die Insinuation zurückzuweisen, Kant sei schon darum zu den
untergeordneten,
ungenialen Geistern zu rechnen, weil er mathematische Beanlagung
besass;
vielmehr sehen wir, dass wir aus dieser Anlage nicht einmal auf ein
unkünstlerisches
Gemüt schliessen dürfen.
LEONARDO
Jetzt erst
rufe ich den Mann
herbei,
dessen strahlenden Namen ich mit keiner Polemik
umschatten
mochte, Leonardo da Vinci. Kein
grösserer Maler hat je gelebt;
und dieser grosse Maler war, wie Dürer und noch mehr als dieser,
ein
hervorragender Mathematiker und Mechaniker. Zugleich war er — wie wir
täglich
mehr einsehen lernen — ein fast allumfassender Geist, ein
»Durchschauer«
von allem, was sein Auge erblickte, ein Erfinder so
unerschöpflich,
wie die Welt vielleicht nie einen zweiten gesehen, ein tiefer,
kühner
Denker. Vergleichen wir seine Art zu schauen mit der Goethe's und
Kant's;
das soll uns, hoffe ich, vor jeder Gefahr des phrasenmässigen
Auskristallisierens
in alle Zukunft bewahren.
Gleich Goethe ist
dieser Mann
ganz Auge. Das Auge nennt er »das Fenster der Seele«,
finestra
dell' anima; ¹) er wird nicht müde, dessen
Vorzüge zu
preisen:
das Auge ist der signore de' sensi;
²) das Auge ist die Quelle
jeglichen
Wissens. »Diejenigen, welche sich einzig auf das Studium
gelehrter
Schriften legen, statt dass sie durch das eigene Auge die Werke der
Natur
kennen lernen, sind nur Enkel, nicht Söhne der Natur, dieser
einzigen
Meisterin der Meister« (R.
§ 660). Alle Künste, alle
Wissenschaften,
alles Denken sind, nach Leonardo, »Töchter des Auges«,
und
darum
ist der Maler nipote à Dio,
»Enkel Gottes«. Das Auge
dieses merkwürdigen Mannes ist aber ebensowenig wie das Goethe's
ein
ausschliesslich künstlerisches Organ, sondern es ist ein
»weltdurch-
—————
¹) Nach Jean
Paul
Richter's
Ausgabe
der Scritti letterari di Leonardo da
Vinci, § 653. (Im Folgenden
als
R. citiert.)
²) Leonardo da
Vinci's Buch von
der Malerei, herausgegeben, übersetzt und erläutert
von Heinrich
Ludwig, 1882, § 16. (Im Folgenden als L. citiert.) Ich bemerke
hier
ein für allemal, dass ich im allgemeinen den italienischen Text so
aufgenommen habe, wie ich ihn in meinen verschiedenen Vorlagen vorfand,
also bisweilen modernisiert und bisweilen archaisch und — für
heutige
Begriffe — in Bezug auf Rechtschreibung inkorrrekt.
94 LEONARDO
schauendes«;
und
zwar strahlt von seinem Auge ein so helles Licht aus — denn das ist das
Kennzeichnende an dem Auge solcher Männer, dass es Licht nicht nur
aufnimmt, wie andere, sondern Licht auch ausstrahlt, die Finsternis
aufhellend,
das Undurchdringliche bis zur Durchsichtigkeit anglühend — und von
Leonardo's Auge, sage ich, strahlt ein so helles Licht aus, dass
wohl der nüchternste Geschichtsforscher wird zugeben müssen,
die intuitiv erratende Sehkraft dieses Organs grenze bei ihm an das
Fabelhafte.
Leonardo hat unsere gesamte neue Naturwissenschaft vorweggenommen,
vorweggenommen
nämlich, insofern dies dem blossen Auge möglich war ohne den
Beistand der höheren Mathematik, die erst nach ihm entstand, der
neuen
Instrumente und der nur von Generationen zu bewältigenden
Beobachtungsmenge.
So z. B. sind ihm — dem 1519 gestorbenen, in dem strengen
Kirchenglauben
an die flache, zwischen Hölle und Himmel gelagerte Erde erzogenen
— die Grundzüge des kosmischen Systems, wie sie Kopernikus erst
dreissig
Jahre später entwickelte, bekannt. Woher, weiss man nicht,
ebensowenig
in welchem Zusammenhang. Denn seine (bis zum heutigen Tag noch lange
nicht
alle entzifferten und publizierten Bemerkungen) sind zumeist
aphoristisch
und bilden häufig ein fast unenträtselbares Durcheinander der
verschiedenartigsten Einfälle, mitten unter oder auch quer
über
Skizzen, oder auf der Rückseite von Zeichenblättern notiert.
Oft sind es Gedanken, die er offenbar schnell — mitten in seiner
Malerarbeit
— festhält, um sie an anderem Orte anzuwenden; manchmal steht
ausdrücklich: »in meinem Werke werde ich die Sache auf diese
Weise ausführen
müssen«
oder dergleichen; oder auch es sind klare, saubere Dispositionen zu
Büchern,
die er nicht geschrieben zu haben scheint, und wir können jetzt
nur
aus der Anlage den Gedankengang erraten. Ein astronomisches System
finden
wir also bei Leonardo nicht. Doch finden wir auf einem Blatte, mitten
unter
mathematischen Berechnungen, in ungewöhnlich grossen Buchstaben
geschrieben:
il sole non si muove (R. § 886), die Sonne bewegt
sich nicht. Kein
Wort mehr. Es handelt sich offenbar um eine plötzliche Eingebung.
Leonardo ist aber kein Visionär; er ist ein durchaus positiver
Geist,
der nicht ermüdet, auf streng empirischem und mathematischem
Wege die certezza delle scientie
zu suchen. Sperientia è
commune
madre di tutte le scientie e arti (R. § 18), und nissuna humana
investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le
95 LEONARDO
matematiche dimostrationi
(L. § 1); also der
Versuch und die Berechnung
müssen
herbeigeholt
werden, um die Richtigkeit des Geahnten zu prüfen. Und so finden
wir denn
auf anderen Blättern eine Reihe von Untersuchungen und
Folgerungen,
die sich alle um diese mittlere Idee einer stillstehenden Sonne und
einer
beweglichen Erde drehen. So z. B. die wichtige Einsicht: come la terra
non è nel mezzo del cerchio del sole, ne nel mezzo del mondo,
¹)
wie dass die Erde nicht in der Mitte des Sonnenkreises, noch im
Mittelpunkt
der Welt stehe. Woran sich die Bemerkung häufig gliedert, die
Sonne
sei grösser als die Erde, und die Behauptung: molte stelle vi
sono,
che son moltissime volte maggiore che la stella che è la
terra. ²)
Die Einsicht, dass die dunkle Erde Licht widerspiegele (R. § 865),
führt Leonardo zu der weiteren, dass auch das Licht der
Wandersterne
reflektiertes Licht sei, und dass, vom Mond aus erblickt, unsere Erde
genau
so aussehen würde, wie der Mond uns erscheint. ³) Von dieser
Erkenntnis war es dann nur ein Schritt zu der Behauptung, die Erde
besitze
eine annähernd sphärische Gestalt und bewege sich um ihre
Achse
(R. M., G. folio 54 recto).
Freilich besitzen wir (so weit mir bekannt
ist) keinen schriftlichen Beleg dafür, dass Leonardo auch den
weiteren
Grundgedanken des heliozentrischen Systems — die Bewegung der Erde um
die Sonne — in einem seiner lapidaren Sätze ausgesprochen
hätte,
doch ist ein grosser Teil des Materials noch unveröffentlicht,
und
aus den angeführten Lehren Leonardo's folgt diese Bewegung mit so
zwingender Notwendigkeit, dass man annehmen muss, er habe sie gekannt.
Und wenden wir nun die Aufmerksamkeit von der Bewegung der Gestirne zu
den verborgenen Bewegungen im Leibesinnern, so finden wir, dass
Leonardo
durch eine ähnlich zaubermächtige Kraft des Blickes den
Kreislauf
des Blutes deutlich geahnt und sich vorgestellt hat. Man hat dies in
Abrede
stellen wollen, weil Leonardo an einer Stelle die Bewegung des Blutes
mit
der Ebbe und Flut des Meeres vergleicht; doch ist der Einwurf
hinfällig,
weil die vorhandenen Gedanken-
—————
¹) Les manuscrits de Léonard da
Vinci
de la Bibliothèque de l'Institut, publiés par Charles
Ravaisson-Mollien,
F, folio 41 recto. Die verschiedenen Manuskripte sind durch die
Buchstaben
A bis M bezeichnet. (Im folgenden als R.
M. citiert.)
²) R. M., F,
folio
5 recto. »Viele Sterne gibt es, die sehr vielmal
grösser sind als
der Stern, welchen wir die Erde nennen.« Noch Niemand hat meines
Wissens
darauf aufmerksam gemacht, dass der Ausdruck molte stelle zu beweisen
scheint,
Leonardo habe an die Eigengrösse nicht allein der Wandersterne,
sondern auch der Fixsterne geglaubt, womit er sich dem Kopernikus
in dieser
einen Beziehung überlegen gezeigt hätte.
³) Vgl. R.
M., A,
folio 64
recto, F, folio 41 recto, R. § 858
usw.
96 LEONARDO
zettel
Leonardo's
aus den verschiedensten Lebensaltern stammen, und nichts die Worte
vernichten
kann, die wir von seiner eigenen Hand schwarz auf weiss besitzen
über
il continuo corse che fa il sangue
per le sue vene, und darüber,
dass
dasjenige Blut, welches zum Herzen »zurückkehrt« — il
sangue che torna indirieto — ein anderes sei als dasjenige,
welches (bei
dem Austreiben des Blutes) die Klappen schliesst, che riserra le porte
del core. ¹) Diese Worte genügen, um eine tiefe
Einsicht in den
Mechanismus
des damals ungeahnten und erst hundert Jahre später entdeckten
Kreislaufes
zu beweisen; denn Leonardo weiss, dass das Blut »ununterbrochen
durch die
Adern läuft«; er weiss, dass es vom Herzen ausgeht und zum
Herzen
zurückkehrt, und er unterscheidet das venöse Blut vom
arteriellen.
Wobei wohl zu beachten ist, dass auch hier die wichtigsten
einschlägigen
Arbeiten Leonardo's noch unveröffentlicht sind; sie ruhen im
Staube
der Bibliothek zu Windsor.
LEONARDO UND GOETHE
Diese zwei Beispiele — das
astronomische
und das physiologische — wähle ich aus der grossen Menge des
Materials heraus; Leonardo scheint sich für alle Wissenschaften
interessiert
zu haben und überall durch die blosse durchdringende Kraft des
Blickes
gepaart mit der Sagacität des Urteils der Wissenschaft — oft um
Jahrhunderte
— vorausgeeilt zu sein. Man denke nur an seine richtige Deutung der
Versteinerungen
und der geologischen Schichten zu einer Zeit, wo erstere als das
spielende
Erzeugnis einer vis plastica
erklärt und für letztere
höchstens
die Sintflut angeführt wurde! Doch kann ich mich leider bei diesem
fesselnden Gegenstande nicht aufhalten; Sie können das Nähere
in den Büchern über Leonardo nachschlagen. ²) Mir muss
es
genügen,
wenn ich Sie durch typische Fälle mit der besonderen Art und der
erstaunlichen
Penetration dieser Anschauungskraft vertraut gemacht habe. Worte
genügen
nicht, wir müssen Tatsachen in der Hand haben. Und diese Tatsachen
— einem jeden, auch ungelehrten Menschen offenkundig — deuten auf einen
Intellekt, dessen Verwandtschaft mit dem Goethe's sofort auffällt:
das selbe ewig offene Auge, nimmer satt, das Auge des Türmers
Lynceus
(wie ich's im vorigen Vor-
—————
¹) R. § 848 und 850. Man
betrachte
auch die genauen Zeichnungen von der inneren Anatomie des Herzens bei
R.
M., G., fol. 1 verso, aus denen hervorgeht, dass Leonardo's
Ansichten
auf
genauer Autopsie beruhen.
²) Siehe
namentlich Gabriel
Séailles:
Léonard de Vinci l'artiste et
le savant, Paris 1892. Neuerdings
ist das Buch von Marie Herzfeld: Leonardo
da Vinci, der Denker,
Forscher
und Poet erschienen, das eine Auswahl aus seinen Schriften
bringt und
eine
gute zusammenfassende Einleitung haben soll.
97 LEONARDO
trag
nannte), über die ganze Welt
geöffnet,
und den im Turm eingeschlossenen
König mit
neuen
Bildern unaufhörlich unterhaltend; zugleich auch ein
schöpferisches
Auge. Doch fallen uns zwei wichtige Unterschiede auf. Leonardo sieht
genauer
als Goethe, sein Auge ist ein schärferes Auge, und darum kann er,
was dieser nicht kann: er kann das Geschaute als Geschautes
wiedergebären,
er ist Maler — und insofern steht er noch weiter ab von Kant als
Goethe.
Während aber der äussere Sinn bei Leonardo dergestalt feiner
ausgebildet ist als bei Goethe, verhält es sich genau ebenso mit
jener
inneren schematischen Anschauungskraft, die wir bei Goethe fast gar
nicht,
bei Kant hervorragend ausgebildet fanden; in dieser Hinsicht ist die
Verwandtschaftsbeziehung
eine umgekehrte, und Leonardo steht Kant näher als Goethe ihm
stand:
Leonardo ist nämlich als Mechaniker genau ebenso genial begabt wie
als Maler. Nehmen Sie die sechs prachtvollen Bände zur Hand, in
denen
Ravaisson-Mollien alle Manuskripte Leonardo's in der
Bibliothèque
de l'Institut in Faksimile und Transskription mitgeteilt hat,
und Sie
werden
sehen, dass neun Zehntel dieser Notizen sich auf Mathematik und
Mechanik
beziehen. Leonardo hat nie aufgehört zu rechnen. Die Quadratur des
Zirkels und tastende Versuche nach einer Infinitesimalrechnung
beschäftigen
seinen Geist, und von dem Flug der Vögel bis zu der Betrachtung
eines
Wasserfalles, überall drängt sich ihm, neben dem malerischen,
auch das mathematisch-mechanische Interesse auf. Die Mechanik nennt er
einmal »ein Paradies« (R.
M., E. fol. 8 verso), und von ihr
behauptet er: la scientia strumentale over machinale
è nobilissima (R.
§ 1154), die Mechanik ist die edelste der
Wissenschaften. Auf dem Blatt, welches vielleicht die
allerfrüheste
Skizze
zum Abendmahl trägt, finden wir unmittelbar unter dieser eine
geometrische
Aufgabe gezeichnet und in Ziffern gelöst, und ein anderes Blatt,
welches
Studien zu den Aposteln und eine ergreifende Skizze zum Christus
aufweist,
zeigt mitten unter diesen Figuren den Entwurf zu einer Maschine mit
erklärenden
Anmerkungen (R. I, S. 334—5).
Sind also Leonardo und Goethe zwei
Männer, bei denen — zum Unterschied von Kant — das Auge das
Lebensorgan bildet,
so müssen doch zu dieser finestra
dell'anima zwei sehr
verschiedene
Geister hinausblicken, zwei sehr verschiedene Arten des
»Tätigsein« (um mit Aristoteles zu reden), und daher
gewiss auch zwei sehr
verschiedene
Weltanschauungen. Wir werden vom Äusseren an-
98 LEONARDO
fangend
bis ins
Allerinnerste gelangen, wenn wir zunächst das Eine beachten: dass
Goethe malen wollte und nicht konnte, während Leonardo einen
solchen
Gipfelpunkt bildnerischen Genies darstellt, dass einige Wenige ihn
vielleicht
erreichen, Keiner aber ihn überragt.
Goethe's geringe Fähigkeit
in Bezug auf die plastischen Künste würde weniger auffallen,
sähen wir ihn nicht von klein auf mit solcher Leidenschaft gerade
hierin Meisterschaft anstreben. Man weiss, dass er als Student in
Leipzig
mehr gemalt, als studiert hat; Oeser's Atelier, nicht die
Hörsäle
der juristischen Fakultät waren sein Aufenthalt. Und mit welcher
rührenden
Emsigkeit wurde dieser Kampf um ein Unmögliches fortgesetzt!
Doch
unvermögend Streben,
Nachgelalle,
Bracht' oft den Stift, den Pinsel
bracht's zu Falle;
Auf neues Wagnis endlich blieb
doch nur
Vom besten Wollen halb' und halbe
Spur.
Schliesslich musste Goethe selber
gestehen:
»Es fehlte mir die eigentliche plastische Kraft«; und er
fügt die
köstlichen, selbstironisierenden Worte hinzu: »Meine
Nachbildungen waren mehr ferne Ahnungen irgend einer Gestalt, und meine
Figuren
glichen
den leichten Luftwesen in Dante's Purgatorio, die, keine Schatten
werfend,
vor dem Schatten wirklicher Körper sich entsetzen« (D. W. 20). Was
dieser Mangel bedeutet, wusste Goethe genau; denn in einem
Gespräche
mit Eckermann (13. 12. 1826) führt er lobend Worte unseres
Leonardo
an: »Wenn in euerm Sohne nicht der Sinn steckt, dasjenige, was
er zeichnet, durch kräftige Schattierung so herauszuheben, dass
man
es mit Händen greifen möchte, so hat er kein
Talent.« Und wissen
Sie, warum Goethe kein Talent zum Zeichnen hatte? warum seine
Nachbildungen »nur ferne Ahnungen irgend einer Gestalt«
waren? Weil ihm der
Sinn für Geometrie abging; weil wir Menschen so konstruiert sind,
dass
wir keine Gestalt, welche die Natur uns bietet, genau aufzufassen
vermögen,
wenn wir nicht — bewusst oder unbewusst — das Netz unseres angeborenen
Formenschemas
davor gehalten und uns auf diese Weise das Unregelmässige,
Unberechenbare,
Niedagewesene durch die Beziehung auf ein Regelmässiges,
Berechnetes,
ewig Unveränderliches assimiliert haben. Das geschieht, ohne dass
wir
daran denken, jede Sekunde unseres Lebens; wir schematisieren
unaufhörlich.
Sie werden später von Kant lernen, in welchem Masse
99 LEONARDO
unser
ganzes geistiges Dasein
unter
der Herrschaft des Schemas steht. »Dieser Schematismus unseres
Verstandes
in Ansehung der Erscheinungen,« schreibt er, »ist eine
verborgene
Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele.« Denn die Bilder, die
wir
von
aussen empfangen, das heisst der Komplex unserer Sinneseindrücke,
können nicht unmittelbar erfasst werden, sondern unser Geist — das »Tätigsein« des
Aristoteles
— muss ihnen erst, wie Kant mit einer glücklichen Trope sagt,
»sein
Monogramm« aufdrücken. »Nur mittelst des Schemas
können
die Bilder mit dem Begriffe verknüpft werden.« Sie sehen, es
findet von aussen nach innen eine ähnliche Vermittlung wie von
innen
nach aussen statt. Unsere Ideen —
Sie erinnern sich dessen von der
Metamorphose her — konnten nur dadurch Sichtbarkeit erlangen, dass sie
von der Sinnenwelt ein Symbol, z. B. das Blatt, sich borgten; diese
Sinnenwelt
aber — das ist die neue
Erkenntnis —
vermag es nicht, ins denkende Bewusstsein einzutreten, anders als
vermittelt
durch Verstandesschemen; und diese Schemen decken sich ebensowenig
genau
mit den Wahrnehmungen wie die Symbole sich mit den Ideen deckten (r.
V.
180 ff.). Ich beabsichtige nun nicht, Ihnen in diesem Augenblick
mit
metaphysischen
Erörterungen lästig zu fallen; im Gegenteil, ich wollte Sie
nur
darauf aufmerksam machen, dass uns der bildende Künstler dieses
geheime
Walten der »verborgenen Kunst« der Schematisierung am
hellen
lichten Tage zeigt und somit den Weg ebnet zu dem Verständnis
eines der
schwierigsten Teile von Kant's Erkenntniskritik. Denn was sonst
unbewusst »in den Tiefen der Seele« vorgeht, das übt
der grosse
Maler
bewusst und uns Allen sichtbar.
Darum schrieb Dürer jene
Worte, die Sie vorhin wahrscheinlich befremdeten: »Die Kunst der
Messung ist der rechte Grund aller Malerei«; und der selbe
Gedankengang
liegt zu Grunde, wenn er auf der nächsten Seite schreibt:
»Im
äusseren
Werke muss der i n n e r l i c h e Verstand
angezeigt werden.« Und damit Sie
genau
erfahren, wie mächtig in einem solchen hervorragenden Gestalter
das
Geometrisch-schematische ausgebildet und wie emsig es am Werke ist,
möchte
ich Sie bitten, eine andere Schrift Dürer's, die Vier Bücher
von
menschlicher Proportion, zur Hand zu nehmen — nicht in einer
modernen
gekürzten
Relation, sondern in dem ursprünglichen Kleinfolioband vom
Jahre
1528, mit allen Tabellen und Tafeln, wie sie aus des Meisters
Händen
hervorgingen. Sie werden
100 LEONARDO
staunen
über diese Welt der
Zahlen
und der geometrischen Figuren, in welcher Dürer lebte; Ihnen wird,
glaube ich, dabei schwindlig werden. Durch Zahlenrechnung kann ja jede
Komplikation erreicht werden, sie ergibt sich von selbst, ohne dass die
Vorstellungskraft in Mitleidenschaft gezogen würde; es ist aber
kaum
fasslich, wie ein Mensch so ungeheuer verwickelte geometrische Gebilde
als ein Anschauliches im Kopfe getragen haben kann, wie das doch bei
Dürer
offenbar der Fall war. In den ersten zwei Büchern werden Ihnen die
vielen Zahlentabellen und die peinliche Akribie der Messungen
imponieren.
Aber nun betrachten Sie das dritte Buch! Hier lehrt uns Dürer, wie
wir die nunmehr festgestellten Proportionen nach Belieben
verändern
können; so lässt er z. B. ein bestimmtes Weib mittlerer
Proportionen,
das er uns schon vorgeführt hatte, unendlich lang und hager, dann
aber kurz und monströs dick werden; oder aber ein Teil des
Körpers
wird verändert, die andern bleiben, usw. Und dies alles mit
beständiger
Zugrundelegung geometrischer Schemen und mit Benützung von
Instrumenten,
die er »der Verkehrer«‚ »der Verfälscher«
usw.
nennt.
Das vierte
Buch ist fast noch interessanter; es zeigt an, »wie man die
vorbeschriebenen
Bilder biegen soll«‚ ist aber keine einfache Perspektivlehre in
unserem
Sinne, sondern eher das, was die Mathematiker Geometrie der Lage
nennen,
verbunden mit einer Projektionslehre. Sie brauchen nur die Figuren auf
Folium Y4, Z und fg. anzusehen, um einen Begriff davon zu bekommen,
was
Dürer dem Kunstjünger zumutet.
Ähnlich war nun Leonardo's
Kopf organisiert, zwar weniger selbstquälerisch — sehen Sie nur
seine
Lehre von der Perspektive an, wie lichtvoll sie sich neben der
Dürer's
ausnimmt — doch immer und überall die mathematischen
Verhältnisse
beachtend, immer Berechnungen anstellend, immer das geometrische
Schema
zwischen dem Auge und dem Gegenstand ausbreitend. Vor 150 Jahren
führte
der Genfer Botaniker Charles Bonnet die sogenannte Phyllotaxie ein, d.
h. die genaue Beobachtung der gegenseitigen Stellung der Blätter
auf
dem Stengel. Die verbreitetste Stellung nannte er den Quincunx: in
diesem
kommt immer das sechste Blatt über dem ersten zu stehen und zwar
nach zweimäliger Umspannung des Stengels; jeder einzelne
»Blattcyklus«
besteht also aus fünf Blättern. Diese Entdeckung war das
Ergebnis
jahrelanger Studien eines geübten Fachmannes. Ein
Vierteljahrtausend
früher hatte aber Leonardo's Künst-
101 LEONARDO
lerauge
den Quincunx beobachtet
und
mit peinlichster Sorgfalt nachgezeichnet, und zwar in seinem Buch von
der
Malerei. ¹) Sie sehen, wie mathematisch genau der Maler
beobachtete!
Und
nicht bloss

genau, sondern
schematisierend;
denn
in Wirklichkeit kommt diese 2/5-Stellung nur annähernd vor. Damit
Sie aber auch den Geometer am Werke sehen, habe ich hier eine kleine
Skizze
aus Ravaisson-Mollien, Manuskript M, folio 78 verso, abgezeichnet.
Notiert
hat sich Leonardo dazu: »Alle Zweige besitzen Linien, welche nach
dem Mittelpunkt des Baumes hinstreben.« Um ihn zu verstehen,
dürfen
Sie natürlich nur die jüngsten Zweige in Betracht ziehen und
müssen sich vorstellen, wie dieser angebliche
»Mittelpunkt«
von
Jahr zu Jahr hinaufrückt, zuerst schnell, dann langsam. Doch auch
dann noch gehört zu einer derartigen Schematisierung viel
Kühnheit.
Auf anderen Blättern werden Sie sehen, dass Leonardo bemüht
war, den menschlichen Kopf in ähnliche gesetzmässige
Beziehungen zur Kreislinie zu bringen. Seine vergleichenden Schematisierungen verschiedener
Menschenköpfe,
einschliesslich der
monströsen
Missbildungen, sind so bekannt, dass ich nur darauf hinzuweisen brauche.
—————
¹) Siehe L. § 831, und
überhaupt
den ganzen sechsten Teil, De li
alberi et verdure, in welchem man
über
manche der komplizierten Fragen in Bezug auf Verzweigungen,
Inflorcscenzen,
Homodromie und Heterodromie usw., welche die Botaniker des 19.
Jahrhunderts
beschäftigt haben, genaue Beobachtungen antreffen wird.
102 LEONARDO
Das hier flüchtig
Angedeutete
mag genügen, um zu zeigen, welche besonderen Anlagen bei einem
Manne
am Werke sind, der das Erschaute nachzubilden fähig ist. Wo diese
Anlagen fehlen, da gibt es keinen Maler, weil es dann kein Organ zur
genauen
Aufnahme von Gestalt gibt und aus jedem Versuch nur »ferne
Ahnungen«
hervorgehen können. Von solchen Wollenden und Nichtkönnenden
sagt Leonardo: Multi
sono gli uomini chi anno desiderio e amore al disegno ma non
disposizione (R. M., G. fol. 25 recto); die disposizione besteht
in der Fähigkeit zu schematisieren. Natürlich genügt die
geometrische Anlage nicht, sie darf aber nicht fehlen. Wer das feste
Schema
vor's Auge hält, merkt jede Abweichung der Gestalt, wogegen ein
Goethe
— wie wir gesehen haben — eher geneigt war, das Unterscheidende gering
anzuschlagen und überall das Verbindende zu erblicken. »Ich
bin zur Identitätsschule geboren,« gesteht er; das ist keine
Malerschule.
Andrerseits ist es gewiss interessant zu entdecken, dass der Denker mit
geschlossenen Augen, dessen grossartige schematische Vorstellungskraft
die Theorie des Himmels ersann, hierin eine wahre Geistesverwandtschaft
mit einem Dürer und einem Leonardo an den Tag legt. Wohl treibt
die
Mathematik auf der einen Seite ihre Wurzeln in die Logik und kann bei
manchem ihrer Adepten eine rein abstrakt-logische Geistesübung
bedeuten;
doch das lebendige Wasser, das den Baum speist, ist die
Anschauungskraft,
und so kann es denn vorkommen, dass ein Kant in gewisser Beziehung
einem
Leonardo näher steht als Goethe. Hierauf komme ich im Interesse
des
Zusammenhanges erst später zurück, bitte Sie aber,
hinfürder
nicht zu vergessen, dass die schematisierende Kraft eine wahre
Gestaltungskraft
ist.
Vorderhand müssen wir noch
bei der Gegenüberstellung von Leonardo und Goethe verweilen. Ich
möchte Ihnen zeigen, wie tief der Unterschied greift, den wir hier
in dem schaffenden Auge beobachtet haben. Dazu werden uns Leonardo's
Urteile
über das Wesen der Kunst verhelfen. Nach ihm sind nämlich
einzig
die Sinne Vermittler der wahren Kunst, und wer — wie der Dichter — lediglich durch Beschreibungen die
sinnliche Vorstellung reizt, bedient sich einer untergeordneten,
mittelbaren
Kunstgattung. Stolz ruft Leonardo aus: Se'l
pittore
vol vedere bellezze che
lo innamorino
egli
n'è signore di generarle. (L. §
13).
Dass der Dichter ebenfalls Herr sei, das Schöne zu zeugen,
bestimmt,
ihn mit
103 LEONARDO
Liebe
zu umfangen, das leugnet
Leonardo.
Denn il senso più nobile
ist das Auge, und auf diesen edelsten
Sinn
folgt das Ohr, la
musica si deve chiamare sorella minore
della
pittura
(L. § 29); wogegen der
Wortkünstler nur indirekt und
uneigentlich
Künstler ist, da er nur auf Umwegen und mit Umgehung der
Sinneseindrücke
Gestalten erzeugt; e
per questo il
poeta
resta, inquanto alla figurazione delle cose corporee, molto indietro al
pittore, e delle cose invisibili rimane indietro al musico (L. §
32). Der gewichtigste
Einwurf
aber,
den Leonardo gegen den Dichter erhebt, ist, che non ha potestà
in
un medesimo tempo di dire diverse cose; nun sei es aber das Ziel
der
Kunst,
die in der Menschenseele schlummernde Harmonie, die vieltönige,
wachzurufen,
und das müsse blitzähnlich, wie ein Hauch Gottes geschehen;
denn armonia non s'ingenera se non
in istanti, nei quali le proportionalità degli obietti si fan
vedere, o'udire (L. § 27).
Hier
ist offenbar der plastische Künstler der Herr, denn er allein
offenbart
sein ganzes Werk in einem einzigen Augenblick, weswegen Leonardo
seine
Kunst una Deità nennt (L. § 23). Doch auch der
Musiker
gilt
in jedem einzelnen Augenblicke eine vielgestaltige, vollkommene
Harmonie;
wogegen der Dichter in Worten genötigt ist, aus Stücken
aufzubauen, l'una
parte nasce dall' altra successivamente, e non
nasce la succedente, se l'antecedente non muore (L. §
27). Es ist nicht meine Absicht,
diese ästhetischen Lehren Leonardo's hier zu diskutieren; ich
musste
Ihnen nur zeigen‚ mit welcher leidenschaftlichen Einseitigkeit dieser
hellblickende Mann dem Auge, und nebst den Auge überhaupt den
unmittelbaren
Sinneseindrücken, im Gegensatz zu aller Reflexion, ergeben ist.
Die
Berührung mit Richard Wagner ist offenbar und würde in
einem
anderen Zusammenhang zu fördernden Betrachtungen Anlass geben.
Hier aber
interessiert uns
zunächst
das Eine: Leonardo, der Mann, dessen Auge uns sofort an Goethe's Auge
erinnert hatte, ist nicht nur ein Antipode Goethe's in Bezug auf
wissenschaftliche
Naturbetrachtung, sondern er ist nahe daran, diejenige Kunst, in
welcher
Goethe Unsterbliches schuf, gar nicht als wahre Kunst anzuerkennen.
Goethe
und Leonardo stehen — von dem Standpunkt aus gesehen, den wir
augenblicklich
einnehmen — so weit von einander, dass wir sie kaum zu einander in
Beziehung
bringen könnten, wenn nicht Kant Beiden die Hand reichte. Denn
in
der Tat, Kant, den wir vorhin Leonardo nahe verwandt fanden — so dass
die
Beiden,
104 LEONARDO
von
dem fernen Goethe aus betrachtet,
wie Brüder erschienen — rückt
jetzt, vom Standpunkt der
Ästhetik Leonardo's aus, dicht an Goethe heran. In diesem
Stückweise-Aufbauen — una parte nasce dall' altra
successivamente — hatten wir
ja ein
Kennzeichen
der Anschauungsweise Kant's gefunden; Leonardo zeigt uns jetzt, dass es
für jeden Gedankenkünstler bezeichnend ist, selbst auch
für
den Dichter. Und unwillkürlich rufen uns diese Worte una parte nasce dall' altra Goethe's Metamorphosenlehre in das
Gedächtnis. Freilich
schaut Goethe mit anderen Augen als Kant in die Natur hinein, doch
aufbauen
muss auch er, und um ihre Erscheinungen übersichtlich zu
gestalten
und seinen Gedächtnis einzuverleiben, kann er nicht umhin, das
eine
aus dem andern entstehen zu lassen; »Metamorphose« soll
dies
gerade
besagen. Es wiegt also tatsächlich in der intellektuellen
Persönlichkeit
Goethe's, genau so wie in der Kant's, eine Anlage vor, die wir wohl mit
Kant als »Verstand« im Gegensatz zur
»Sinnlichkeit«
bezeichnen
dürfen, oder vielleicht noch besser als »Vernunft« (im
Kantischen
Sinne des »ganzen oberen Erkenntnisvermögens«) im
Gegensatz
zur Anschauungskraft überhaupt. Bei diesen beiden Männern,
Goethe
und
Kant — aus wie verschiedenen Quellen sie ihre Eindrücke auch
schöpfen
mögen — bildet doch die Betonung der Idee, das Verweilen bei dem
Theoretischen,
einen gemeinsamen Zug. Mag auch der Weg, auf dem Goethe zu seinen
Ideen gelangt, ein anderer sein als der, den Kant beschreitet, — ganz
daheim,
ganz Herr, ganz Schöpfer ist er nur auf dem Gebiete, welches
Kant
das »obere Vermögen« nennt im Gegensatz zu einem
unteren
Vermögen«‚ während Leonardo dieses angeblich untere
Vermögen
als das »obere« betrachtet und von keinem Wissen etwas
hält,
das nicht »aus der Sinneserfahrung geboren, durch die
mathematische
Darlegung seinen Weg genommen und im Experimente seinen Abschluss
gefunden
hat« (L. § 1 u. 33).
Weswegen er uns zuruft: Non
vi
fidate degli autori che anno solo colla imaginatione voluto farsi
interprete
fra la natura all' uomo (R. M., I fol. 54 recto) und uns
warnt,
wir sollen uns lieber nicht abgeben mit quelle cose, di che la
mente umana non è
capace
e non si possono dimostrare per nessuno esemplo naturale
(R. § 1210). Für
Leonardo existiert, wie Sie sehen, in Bezug auf
die Natur, nichts als die strengste, Wirkung und Ursache
verknüpfende
Empirie; wogegen die Gestaltung durch Ideen, wie sie Goethe übte
und wie sie Kant verteidigte,
105 LEONARDO
ihm
müssige imaginatione
dünkt,
oder, wie er sie auch nennt, bugiarda scientia, eine
Lügenwissenschaft
(L. § 33).
Hier
entdecken wir nun, wie tief der
Unterschied zwischen Goethe und Leonardo greift, denn er betrifft nicht
die Kunst allein, sondern erstreckt sich bis auf die ganze Art, die
Natur
zu betrachten. Wir sahen schon im vorigen Vortrag, dass Goethe
mit
I d e e n
arbeitete, wo er E r f a h r u n g e n zu besitzen
glaubte: da haben Sie gleich
ein
Beispiel des Vorwaltens der Vernunft, des »oberen
Erkenntnisvermögens«
im Gegensatz zur empirischen Anschauung. Denn — wie unsere Untersuchung
der Metamorphosenlehre uns zeigte — Ideen sind wohl ein Geschautes,
nicht
aber ein empirisch Geschautes, mit anderen Worten, sie sind uns nicht
durch blosse Erfahrung gegeben; wohl wurzeln sie in sinnlichen
Eindrücken,
doch ist das nur ihr Nährboden; die Luft, die sie umgibt, ist die
der Vernunft, und das Tageslicht, in welchem wir sie erblicken, strahlt
von innen, aus einem focus
imaginarius.
Ein Wort Kant's wird
uns in diesem
Augenblick gute Dienste leisten, denn es bezeichnet genau, was Goethe
von
Leonardo scheidet, und gönnt uns zugleich einen tiefen Einblick in
Kant's eigene Art zu schauen; auf abstraktem Wege studiert,
hätten
wir seine Absicht vielleicht gar nicht verstanden; so aber, im Licht
und
Schatten Leonardo's und Goethe's, tritt sie plastisch hervor. Kant
redet
vom Wesen des Dichters. Nachdem er — im diametralen Gegensatz zu
Leonardo
— »der Dichtkunst unter allen Künsten den obersten
Rang«
angewiesen hat, rühmt er dem Dichter vornehmlich das Eine nach,
dass
er »ein freies, selbsttätiges und von der
Naturbestimmung
u n a b h ä n g i g e s
V e r m ö g e n fühlen lässt, die Natur, als
Erscheinung, nach
Ansichten zu betrachten und zu beurteilen, die sie nicht von selbst
weder
für den Sinn, noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und
sie
also zum Behuf und gleichsam z u m S c h e m
a d e s Ü b e r s i n n l i c h e
n zu
gebrauchen«
(Ur. § 53). Also, der
Dichter lehrt uns die Natur nach
Ansichten
betrachten,
welche die unmittelbare Erfahrung nicht bietet, und er deckt in uns
ein Vermögen auf, das Sinnliche z u m S c h e m a d e
s Ü b e r s i n n l i c h e n
zu gebrauchen. Diese Definition des Dichters im allgemeinen passt
genau
auf Goethe's Verhältnis zur Natur. Bei seiner Betrachtungsweise
findet
ein beständiges Wechselspiel statt zwischen dem, was die Sinne
bieten,
und dem, wozu die Sinneserfahrung nur als Sprungbrett diente. Goethe
ist ein guter, treuer, ja in
106 LEONARDO
einem
gewissen Sinne und, wo es not
tut,
ein nüchterner Beobachter der Natur; doch ist es eine im edelsten
Sinne des Wortes »dichterische« Sehnsucht — und damit will
ich
sagen, ein Sehnen und ein Vermögen zu gestalten — die ihn zu
beobachten
treibt; er will jenes »freie, selbsttätige und von der
Naturbestimmung
unabhängige Vermögen« ausüben, und ohne es selber
zu wissen, fliegt er hinaus weit über die Grenzen der empirischen
Erfahrung. Seine orphischen Urworte
— deren letzte Zeile das
berühmte
Ein
Flügelschlag! und
hinter
uns Äonen! —
sind ursprünglich in der Morphologie
erschienen,
das herrliche Athroismos gehört zur
Knochenlehre,
und hier wird uns, mitten unter den Knochenbildern und Tabellen,
zugerufen:
Nimm vom
Munde der Muse,
Dass du schauest, nicht schwärmst,
die liebliche volle Gewissheit.
Die Muse also soll auf dem
Gebiete
der
Naturforschung unsere Schutzgöttin sein! Und zwar ist sich Goethe
in gewissen Augenblicken seines Verfahrens vollkommen bewusst; denn
unter
seinen nachgelassenen Aufzeichnungen über Naturlehre finden wir
folgende
höchst bemerkenswerte: »Phantasie ist der Natur viel
näher als
die Sinnlichkeit; diese ist in der Natur, jene schwebt
ü b e r ihr.
Phantasie
ist der Natur gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht«
(W.
A., 2. Abt., 6, 361). Da sehen
Sie das »freie, selbsttätige Vermögen«, von dem
Kant sprach, am
Werke;
zugleich sehen Sie das genaue Gegenteil von Leonardo's
Überzeugungen
und Grundsätzen. Denn nach Leonardo ist »alles Wissen eitel
und voller Irrtümer — vane e piene di errori — welches nicht aus
der
Sinneserfahrung geschöpft und durch das wissenschaftliche
Experiment
geprüft worden ist« (L.
§ 33). Leonardo ist ein
so
strenger
Empiriker, dass er sogar dem Künstler zuruft, er dürfe kein
höheres Ziel kennen, als gareggiare colla
natura (R. § 662),
wörtlich: mit der Natur zu konkurrieren. Wie verschieden die Augen
Goethe's und die Leonardo's arbeiten, sehen wir aber nicht bloss an
den Lehren, zu denen ihre Art zu schauen Anlass gibt, sondern auch an
dem
Erfolg ihrer Tätigkeit. Nicht allein darf Leonardo von sich sagen,
in pictura posso fare a paragone di
ogni aitro, e sia chi vuole, ¹)
während
Goethe nach jahrelangem Streben das Gegenteil gestehen muss,
—————
¹) Brief
an Lodovico
il Moro (R. II, 396).
107 LEONARDO
sondern
Leonardo's
wissenschaftliche
Leistungen sind durchaus anderer Art als Goethe's. Goethe's
Metamorphosenlehre,
seine Farbenlehre, seine übrigen wissenschaftlichen Gedanken bin
ich weit entfernt gering zu schätzen; vielmehr bin ich tief
überzeugt,
dass seine ganze Art, die Natur anzuschauen, für die Kultur des
menschlichen
Geistes eine Bedeutung besitzt, die wir jetzt erst zu ahnen beginnen.
Goethe
ist in mancher Beziehung kaum erst geboren. Diese Bedeutung ist aber
eine
kulturelle, nicht eine wissenschaftliche im eigentlichen, strengen
Sinne
dieses Wortes. Goethe wird uns lehren, »den freien Blick ins
weite
Feld der Natur zu öffnen«; den f r e i e n
Blick, dass heisst,
den
Blick des bewussten menschlichen Schöpfers, der nicht mehr in
dumpfem
Gehorsam der trägen Materie zu Willen steht, sondern »der
Natur gewachsen
ist«, und das heisst zugleich, den Blick des Mannes, dessen Auge
nicht mehr von den eigenen Zwangsvorstellungen geblendet wird, sondern — dank den Bestrebungen Kant's — mit
der eigenen Freiheit auch die Freiheit der Natur gewonnen hat. Das
alles
— worauf ich noch heute zurückkomme, sobald unsere Betrachtungen
genügend
herangereift sind — können wir einsehen und müssen dennoch
zugeben, Goethe habe die exakte Naturwissenschaft mehr angeregt und
aufgestachelt
als wirklich gefördert; wogegen der adleräugige und kluge
Empiriker
Leonardo, der schematisch erblickende und mechanisch denkende Mann,
die
Methode der Wissenserwerbung so genau kannte, dass er den Siegesgang
unserer
Naturforschung ahnend antizipierte. Wie Kant uns neulich zurief:
»Die
Erfahrung allein ist in Betracht der Natur der Quell der
Wahrheit«.
Das wusste Leonardo genau; gareggiare
colla natura, das war nicht in
der
Kunst allein, sondern auch in der Wissenschaft sein Sinnspruch, seine
Lust
und die Ursache seines Erfolges. Dass die Erde sich dreht, ist keine
symbolische
Idee — wie Goethe's Metamorphosenlehre — sondern eine konkrete Theorie;
dass
das Blut vom Herzen durch die Adern gejagt wird, ist nicht — wie die
Entdeckung
des Zwischenkieferknochens — die Folgerung aus einer a priori Annahme,
sondern
eine durch mühsame Autopsie und Beobachtung entdeckte Tatsache. In
Bezug auf reine Naturwissenschaft kann man, glaube ich, sagen, habe
Leonardo
Goethe fast ebenso übertroffen wie im Malen. Er kennt die einzig
wahre Methode; das sieht man ihm gleich an; und damit ist alles
gesagt.
Beobachtung, Experiment, mathematische Berechnung: immer wie-
108 LEONARDO
der
schärft er diese drei ein
als
die Grundlage alles wahren Wissens. Bedenkt man ausserdem, dass er der
Ausbildung der instrumentalen Technik leidenschaftliches Interesse
widmete
(zur Beobachtung des Mondes hatte er sich schon hundert Jahre vor
Galilei
eine Art Teleskop erbaut), so muss man gestehen, er besass alle
Eigenschaften,
die den geborenen Naturforscher ausmachen.
Indem wir das
Unterscheidende
zwischen Leonardo und Goethe immer schärfer herausarbeiteten, sind
wir nun an dem kritischen Punkt angelangt, ich meine an dem Punkt, wo
es sich lohnen wird, einen tiefen Schacht einzusenken, sicher, dass wir
auf Edelmetall der Erkenntnis stossen. Wer die verschiedenartige
Wertschätzung
der Mathematik für die Wissenschaft bei Leonardo und bei Goethe
wirklich
bis auf den Grund versteht, hat viel gewonnen, nicht bloss für die
Würdigung dieser beiden grossen Geister, sondern überhaupt
für
sein eigenes Gedankenleben. Und zugleich ist dieser Punkt einer der
kritischen
für das Verständnis des Kantschen Intellektes. Denn sahen wir
vorhin Kant ganz, ganz nahe bei Goethe, so schnellt er zurück zu
Leonardo,
sobald nicht Kunst und Idee, sondern Wissenschaft und Mathematik betont
werden. Hier herrscht nicht bloss — wie vorhin bei der Betrachtung des
Schematisierens — Analogie der Anlagen zwischen Leonardo und Kant,
sondern
eine wahre enge Verwandtschaft in der ganzen Art, die Welt zu
erschauen.
Goethe dagegen steht abseits in grosser Ferne.
Über Leonardo's
Liebe zur
Mathematik habe ich schon gesprochen; ich muss aber Ihre Geduld noch
einige
Augenblicke beanspruchen. Non mi legga, chi non è
matematico, es
wage keiner, mich zu lesen, der nicht mathematisch beanlagt ist! —
dieser
Kraftspruch könnte genügen. Was wir aber noch lernen
müssen,
ist, dass es sich bei Leonardo nicht lediglich um eine Liebhaberei,
noch
auch um ein dem bildenden Künstler unentbehrliches Werkzeug
handelt,
sondern um eine philosophische Einsicht in das Wesen des
Menschengeistes.
»Der Mann, welcher die Mathematik geringschätzt, nährt
sich von Konfusion«, sagt Leonardo, chi
biasima la somma certezza della matematica,
si pasce di confusione e mai porrà silentio alle contraditioni
delle
soffistiche scientie, colle quali s'inpara uno eterno gridore (R. §
1157). Denn »in den mathematischen Wissenschaften
ist die Wahrheit enthalten und die Möglichkeit zu wissen« (R.
§
1210). Das ist ein sehr wichtiges Wort: d i
e M ö g l i c h k e i t z u
109 LEONARDO
w
i s s e n; Goethe hätte es
nicht
unterschrieben, Kant dagegen mit beiden Händen. Und weil ein
tatsächliches
»Wissen« an die Ausübung der mathematischen Denkweise
geknüpft
ist, darum stellt Leonardo das Dogma auf: Nessuna humana
investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le
matematiche
dimostrationi
(L. § 1). Denn das
Kriterion einer vera scientia
ist
für
Leonardo
die unumstössliche Gewissheit, und Wissen im Sinne von Gewissheit
gibt einzig die Mathematik. Daher folgt, dass: nessuna certezza è, dove non
si puo applicare una delle scientie matematiche over che non sono unite
con esse matematiche (R. M., G. fol. 96 verso). Also
keine
Forschung begründet echte Wissenschaft, wenn sie nicht den Weg der
mathematischen Darlegung beschreiten kann und beschreitet: das ist die
unerschütterliche Überzeugung Leonardo's. Und mit dieser
klaren
Erkenntnis von dem Verhältnis der Mathematik zum Wissen ist der
Wundermann
ebenso Kant vorausgeeilt, wie er mit seinen Entdeckungen Kopernikus und
Harvey vorausgeeilt war. In einem seiner reifsten Werke, den
Metaphysischen
Anfangsgründen der Naturwissenschaft, schreibt nämlich
Kant:
»Ich behaupte, dass in jeder besonderen Naturlehre nur so
viel
e i g e n t l i c h e
Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik
anzutreffen
ist«. Freilich hat Kant, der Denker, genauer analysiert als
Leonardo.
Im Zusammenhang seiner gesamten Weltanschauung hat er uns zwischen
»eigentlicher«
und »uneigentlicher« Wissenschaft unterscheiden gelehrt;
er hat uns gezeigt, dass eine Wissenschaft, die lediglich auf
empirischer
Beobachtung ruht, wohl den Namen und die Würde einer
»Wissenschaft«
verdiene, insofern sie von der Erfahrung nicht abweiche, die entdeckten
Tatsachen systematisch ordne und sie nach dem Verhältnis von
Ursachen
und Wirkungen aneinander gliedere, dass man sie aber eher
»systematische
Kunst« nennen sollte, (als Beispiel nennt er die Chemie seiner
Zeit), weil zu der apodiktischen Gewissheit eines wirklichen Wissens
etwas
mehr gehört als empirische Erfahrung. Dieses Etwas — das, was Kant
»den
reinen Teil« nennt — ist gerade jene innere, menschliche
Gesetzgebung,
welche, insofern sie die Anschauung betrifft, Mathematik heisst.
Einzig
Mathematik gibt apodiktische Gewissheit; einzig apodiktische Gewissheit
kann im strengen Sinne des Wortes »Wissen« genannt werden.
Darum:
je mehr Mathematik, um so mehr eigentliche Wissenschaft.
Sie sehen, welche
wahre,
tiefgreifende
Verwandtschaft zwischen
110 LEONARDO
der
Anschauungsart dieser beiden —
auf
den ersten Blick uns so diametral entgegengesetzt dünkenden —
Männer
herrscht! Kant, der künstlerisch gänzlich Unbegabte, begreift
doch die grundlegende Bedeutung von Gestalt und Mass für den
Aufbau
menschlichen Wissens und zeigt sich (in verschiedenen Werken und
namentlich
auch (in den soeben genannten Metaphysischen
Anfangsgründen der
Naturwissenschaft)
als ein Talent ersten Ranges auf dem Gebiet dieser gesetzgebenden
schematischen
Anschauung; Leonardo, der Künstler, der Schöpfer des
Abendmahles
und der Mona Lisa, ist nichtsdestoweniger mit Leidenschaft der
Mathematik
und Mechanik ergeben; die Wirkung ihrer unumstösslichen
Gewissheit
auf den Geist vergleicht er mit der Wirkung des Lichtes auf das Auge
(R.
§ 13) und meint mit der Übertreibung des
heissblütigen
Künstlergemütes, sie allein enthalte »die
Möglichkeit zu
wissen«.
Es handelt sich um eine wirkliche
Harmonie in den Anlagen der beiden Männer. Und zwar tut sie sich
gerade an der Stelle kund, wo Goethe versagt; denn wir dürfen
hier
von einem Versagen sprechen, sowohl künstlerisch als
philosophisch.
Künstlerisch ist das Verhältnis insofern leicht zu
überblicken,
als Goethe selber bitter empfand, was ihm abging; es war ein Wollen
und Nichtkönnen. Philosophisch war er sich dessen leider nicht so
genau bewusst, und das ist für ihn und für uns die
Veranlassung
zu einem gewaltigen pascersi di
confusione geworden. Dass Goethe die
Mathematik »verachtet« habe, ist natürlich albernes
Gefasel
der
auf allen Lebenszweigen piepsenden Mikrocephalen; ein einziger Satz von
ihm genügt zur Abwehr: »Niemand kann die Mathematik
höher
schätzen als ich, da sie gerade das leistet, was mir zu bewirken
völlig versagt worden«. ¹) Dass ihm auch hier etwas
»versagt«
war, hat er also doch empfunden, und wie hoch er das Versagte zu
Zeiten
einzuschätzen wusste, zeigt ein Satz mitten in der Farbenlehre
(Didaktischer
Teil § 724), wo jede Gereiztheit gegen die Rechenkünstler zu
entschuldigen gewesen wäre, und wo Goethe dennoch die Mathematik
für »eins der herrlichsten menschlichen Organe«
erklärt.
Trotzdem müssen wir zugeben, dass Goethe nicht allein die
Fähigkeit
zur Ausübung, sondern auch das volle Verständnis für das
Wesen der Mathematik in ihren unentrinnbaren Beziehungen zum
Menschengeist
nicht besass. »Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen
durch Kalkül
abtun und be-
—————
¹) Über Mathematik und deren
Missbrauch.
111 LEONARDO
seitigen
könne«, ruft er
z.
B.
ärgerlich aus. ¹) Ja, was soll das heissen,
»abtun«,
»beseitigen«? Erfassen, in der Gesetzmässigkeit seiner
Bewegung dartun, zu
einer
Wissenschaft durchklären, genau so, wie Albrecht Dürer es
für
die äussere Gestalt des menschlichen Körpers getan und wie
Leonardo
es für den Mechanismus des Blutumlaufs im Innern versucht hat:
das ist es, was die Mathematik leistet. »Das Buch der Natur ist
in mathematischer Sprache geschrieben,« sagt Galilei. Goethe
dagegen
empfindet einen Widerspruch zwischen dem beobachteten Phänomen
und dem mathematischen Schema. Dass er dies empfindet, verdankt er nun
freilich der reinen Kraft seines Blickes; anstatt aber sich von Kant
belehren
zu lassen, es sei im Wesen des Menschengeistes begründet, wenn
Bild und Schema nicht genau kongruieren; ²) anstatt mit Leonardo
einzusehen,
dass die mathematische Vorstellungsweise das notwendige Organ ist
alles
dessen, was Wissenschaft im Sinne eines exakten Wissens heissen kann,
und dass das, was er — Goethe — erstrebt, nicht Wissenschaft ist,
sondern
etwas Anderes, nämlich erhöhte Anschauung — »die Welt
des
Auges«‚ von der wir im vorigen Vortrag hörten — und dass
diese Welt
im Gegensatz zur mechanischen Analyse ideelle Darstellung fordert,
anstatt
alles dessen arbeitet sich Goethe hartnäckig in die
unglückliche
Vorstellung hinein, es gebe eine unmathematische
»Wissenschaft«‚ man
müsse
die Anwendung der Mathematik »beschränken«, sie
innerhalb der
Naturlehre auf ein geringes Gebiet zurückführen usw.
Wissenschaft
und Kunst, meint er, seien durch »falsche Anwendung der
Mathematik«
in »klägliche Abirrung geraten«. ³) Wenn
man nun
bedenkt,
dass die antimathematischen Auslassungen Goethe's
— deren man zahlreiche anführen
kann — hauptsächlich auf die Optik zielen, und in Erwägung
zieht,
welche
ruhmgekrönte Bahn die mathematische Optik seit Goethe's Zeit
durchschritten und welcher weite Ausblick auf umfassende Erkenntnis
sich in unseren
Tagen durch Maxwell und Hertz gerade hier eröffnet hat; wenn man
die heutige Bedeutung der Spektralanalyse für Astronomie, Chemie
und Physik sich vergegenwärtigt und dann Goethe das Spektrum als
nicht viel mehr denn eine Newtonsche Spielerei verlachen sieht, so
muss
man empfinden, der grosse Naturbeobachter
—————
¹) Ferneres
über
Mathematik
und Mathematiker.
²)
Vgl. oben S. 99.
³) Aphorismen über
Naturwissenschaft.
112 LEONARDO
und
Dichter möge gewiss das
Recht
besitzen, die Natur nach seiner Weise zu betrachten, es gehe ihm aber
das
Verständnis für die mathematische Methode der exakten
Wissenschaft
ab. Und zwar fällt dies um so mehr auf, wenn wir dann bei Leonardo
allerdings nur einige wenige, aber — 200 Jahre vor Newton — erstaunlich
richtige Bemerkungen über die Spektralfarben finden, und wenn wir
an Kant's Hochschätzung der Huyghensschen Undulationstheorie
denken.
Wir besitzen also schon heute den Experimentalbeweis, dass wir auf
Goethe's
Wege in den Wissenschaften — als reinen Wissenschaften — nicht weiter
kommen,
während wir auf dem von ihm perhorrescierten und von Kant als
einzig
richtig bezeichneten mathematischen Wege von einer theoretischen und
praktischen
Errungenschaft zur anderen fortgeschritten sind.
WESEN DER MATHEMATISCHEN METHODE
Was ist nun das Wesen der
mathematischen
Methode? Diese Frage ist hier nicht zu umgehen, sonst könnten
wir weder die extreme Anschauung Leonardo's, noch die extreme
Anschauung Goethe's gerecht
beurteilen, noch
auch
würden wir es verstehen, warum Kant's philosophische Kritik ihm
gestattet,
beiden entgegengesetzten Ansichten gerecht zu werden. Die Frage will
ich
vorderhand in möglichst wenigen und möglichst einfachen
Worten
zu beantworten suchen, zwar mit Anlehnung an Kant, doch ohne ihn
für
meine freie, anschauliche Darlegung verantwortlich zu machen; Genaueres
ergibt sich aus später anzustellenden Betrachtungen.
Sobald wir denkend —
ich meine
hier denkend im Gegensatz zu rein passiv anschauend — sobald wir
denkend
der Natur gegenübertreten und jene »Einheit der
Objekte«
herstellen, ohne welche sie für uns überhaupt nicht Natur,
sondern
Chaos wäre, da bedeutet jede einzelne Verknüpfung — wir
mögen
sie anstellen, wie wir wollen — B e w e g u n g. Denken Sie nur
an allgemeinste
Wahrnehmungen beliebiger Körper, die Sie, ohne weiter
darüber
zu philosophieren, bloss im anschauenden Bewusstsein denkend
verknüpfen
— etwa wie der Hirt seine grasende Herde betrachtet. Entweder ruhen die
Objekte und dann muss unser Sinn sich bewegen, um sie wahrzunehmen,
und
wir erhalten G e s t a l t, oder unser Sinn ruht und
die Objekte bewegen sich
an ihm vorbei, und wir erhalten Z a h l; meist
werden beide Arten der
Verknüpfung
zugleich stattfinden; und, wie Sie sehen, ob wir die Aufmerksamkeit auf
das Nebeneinanderbestehen im Raume oder auf die Aufein-
113 LEONARDO
anderfolge
in der Zeit richten,
Bewegung
liegt immer zu Grunde. Bewegung, sagt Kant, ist das, was Raum und
Zeit
vereinigt (r. V. 58), und
gedachte Bewegung, d. h. Bewegung durch die
Vernunft
erfasst, ist Mathematik. Wenn wir die stillen geometrischen Figuren in
unseren Schulbüchern betrachten, so vermeinen wir bisweilen, hier
wäre das Sinnbild der Ruhe; doch werden wir im folgenden Vortrag
sehen, wie der grosse Descartes die höhere Mathematik
begründete,
indem er uns lehrte, alle ruhende Gestalt in Bewegung aufzulösen,
wodurch zugleich ein zweites gegeben ward, die Möglichkeit
nämlich,
jede Bewegung in sichtbare, bleibende Gestalt umzuwandeln. Genau aber
wie diese »höhere Mathematik« aus der Verbindung der
Geometrie
und Zahlenlehre hervorgeht, so entsteht auch eine wirklich
verständliche,
logische »Natur« für uns erst durch weitere — und zwar
bei
näherer
Betrachtung recht gewaltsame — Verknüpfungen von Raum und Zeit,
aus
welchen die Vorstellungen der Zugehörigkeit einer Wahrnehmung zu
der andern, der Wechselwirkung zwischen den Erscheinungen, des
ursächlichen
Zusammenhanges hervorgehen. So bedeutet z. B. das Verhältnis von
Ursache
und Wirkung eine zwiefache Bewegung im Raum und in der Zeit.
Unübertrefflich
anschaulich finden Sie das im vierten Absatz von Schopenhauer's
Hauptwerk
dargestellt; ich verweise Sie darauf. ¹) Und wenn Sie nun
weiter
geforscht
und gedacht haben werden, so werden Sie begreifen, wie Kant zu der
Definition
gelangt: »Materie ist das
Bewegliche«
und zu der Behauptung, der Raum könne durch nichts Anderes, als
durch
B e w e g u n g gefüllt werden (M. N., 2
Hp., L. 1). Und
damit Sie
nicht glauben, dass ich Sie auf den Nadelspitzen abstraktester
Philosophie
führe, sondern begreifen, dass es sich hier um die konkrete und
notwendige
Auffassung der Natur durch den menschlichen Verstand handelt, will ich
Sie darauf aufmerksam machen, dass unsere moderne Physik, so
antimetaphysisch
sie sich in ihrem empirischen Wahn auch gebärdet, immer mehr den
Kantischen
Standpunkt als allein berechtigt einsehen lernt, und dass die lieben
kleinen
Billardkugeln
—————
¹)
Wer lieber
andere,
konkretere
Wege wandelt, um genau zu dem selben Ergebnis zu gelangen, dem empfehle
ich die kleine Schrift Wilhelm Wundt's: Die physikalischen Axiome und
ihre
Beziehung zum Causalprinzip, 1866, wo mit ausserordentlicher
Klarheit
die
historische Entstehung und unabweisliche Wahrheit des Grundaxioms:
»alle
Ursachen in der Natur sind Bewegungsursachen« dargelegt werden.
Auch
der Physiologe Adolf Fick setzt im § 13 seines Lehrbuchs der
Anatomie
und Physiologie der Sinnesorgane auseinander, der Raumsinn und
der
Zeitsinn
bilden verbunden einen »Geschwindigkeitssinn«.
114 LEONARDO
von
Atomen nur noch als ein
Abgeleitetes
und als ein Notbehelf für gröbere Geister bleiben,
während
Lord Kelvin und andere führende Geister unter den mathematischen
Physikern
von »Kraftcentren« sprechen und unter Atomen
»wirbelnde
Bewegung« verstehen. Lord Armstrong — ich nenne englische
Forscher
mit Absicht, weil keine anderen, auch nicht Italiener und Franzosen,
dem
Einfluss deutscher Metaphysik so fern stehen — Lord Armstrong schreibt
in
seinem Buche Electric movements in
air and water, 1897: »Es gibt
gar keinen Grund, die Materie als etwas Anderes denn Bewegung zu
betrachten«.
Selbst den hypothetischen Äther verwirft er als
überflüssig
und findet »die Annahme eines l e e r e n
R a u m e s und eines Kontinuums
von Bewegungen, die zu einander in Wechselwirkung stehen«,
vorzuziehen! ¹)
Ich meine nun, schon dieses Wenige
wird genügen, damit Sie Kant's apodiktische Behauptung begreifen
und — weil Sie sie begreifen — unterschreiben: »Wissenschaft der
Natur
ist
durchgängig eine entweder reine oder angewandte
Bewegungslehre«
(M. N. Vor.).
Hierzu tritt nun aber eine zweite,
entscheidende Erwägung, die nicht wie die erste physikalische
Elemente
enthält, sondern rein philosophisch ist. Die oberste Gesetzgebung
dieser Wissenschaft der Bewegung wird nicht wahrgenommen als Tatsache
der
Natur, sondern wurzelt im Wesen der Vernunft. Wir selber sind es, wir
Menschen,
welche Materie nicht anders auffassen können — nicht anders können, sobald wir
es nämlich auf die logische, denkende, ein apodiktisches
»Wissen« begründende Auffassung der Natur anlegen —
wir
selber sind es,
welche
Materie nicht anders
—————
¹) Empty space
would do just
as
well, if we only chose to conceive a continuity of interacting
motions.
— Im Jahre 1896, bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen
Professorenjubiläums,
sagte Lord Kelvin in einer Rede: »Ich kann die Überzeugung
nicht
unterdrücken‚ dass wir einer umfassenden Theorie der Materie
entgegenreifen, in
welcher
a l l e i h r e E i g e n s c h a f t e
n l e d i g l i c h a l s A t t r i
b u t e d e r B e w e g u n g
werden erkannt werden«. (Dieses Citat, sowie dasjenige aus
Armstrong's Buch,
nach
den jedenfalls zuverlässigen Berichten des englischen Fachblattes
Nature.) Die Physiker gingen
voran, doch jetzt folgen ihnen schon die
Chemiker.
Ostwald, einer der kompetentesten lebenden deutschen Chemiker in Bezug
auf theoretische Fragen, definiert: »Die Materie ist nichts als
eine
räumlich unterscheidbar zusammenhängende Summe von
Energiegrössen«
(Studium zur Energetik II,
Ber. u. Verh. d. k. sächs. Gesell. der
Wissenschaften 1892), und in seinen Grundlinien
der anorganischen
Chemie,
1900, S. 19 ff., verwirft er die bisher üblichen Ausdrücke
«Erhaltung
der Substanz« oder »Erhaltung der Materie« und
ersetzt sie
durch
den
Begriff »Erhaltung des Gewichtes«. Denn, wie er sagt: »Unter Materie versteht
mann ziemlich unbestimmter Weise ein Etwas, an dem alle
Eigenschaften der
Körper haften«; und dieses unbestimmte Etwas wird besser
durch
blosse Energiegrössen — das heisst teils wahrnehmbare, teils nur
mögliche
Bewegungen ausgedrückt.
115 LEONARDO
aufzufassen
vermögen denn als
Bewegung,
und für welche infolgedessen jede vera scientia, jede absolute
certezza
auf reine oder angewandte Bewegungslehre hinauslaufen m u s
s. Die Analyse
der Bewegung bewirkt nun der menschliche Verstand durch das ihm eigene
schematische Verfahren, das wir Mathematik nennen. Durch die Mathematik
wird das Fremdartige, Aussermenschliche dem Menschengeist assimiliert
und von ihm — wenn ich so sagen darf — »verdaut«; sehr
vieles
wird
abgestossen;
was bleibt, besitzt nunmehr menschlich fassliche Gestalt. Das meint
Kant,
wenn er sagt: »Die oberste Gesetzgebung der Natur muss in uns
selbst,
das ist in unserem Verstande, liegen« (P. § 36). Um es etwas
roh, doch dem augenblicklichen Standpunkt unseres Studiums angemessen
auszudrücken: die Tatsachen
gibt die Natur, die
Gesetze
gibt der Menschenverstand. Wofür ich wieder Worte Kant's als
Formulierung
anführen kann: »Der menschliche Verstand schöpft seine
Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor (a. a.
O.).
Im ersten Augenblick wird Ihnen diese Bemerkung vielleicht stark
paradox
vorkommen, doch es genügt ja, wenn Sie vorderhand nur diese
beiden
Dinge einigermassen deutlich auffassen: alle exakte Wissenschaft (im
eigentlichen,
strengen Sinne dieses Wortes) ist im letzten Grunde Bewegungslehre;
alle
Bewegungslehre ist Mathematik und insofern rein menschlich. Einem
Gesetz
des eigenen Seins entgehen wollen, heisst nicht weniger, als den
Versuch
unternehmen, aus der eigenen Haut zu kriechen. Wir loben also den
Scharfsinn
des grossen Leonardo, der das Grundgesetz aller exakten Forschung so
richtig
und energisch erfasst hatte, wogegen wenn ein Mann herkommt — und
wäre
es auch ein Goethe — und uns zuruft: Freunde, ich will Euch eine
unmathematische
Wissenschaft lehren! wir erkennen und bekennen müssen, der grosse
Mann sei in tiefem Irrtum befangen. Und zwar ist sein Irrtum ein
doppelter:
erstens, insofern als seine (stillschweigend vorausgesetzte)
Definition
von »Wissenschaft« nicht zutreffend genannt werden kann;
zweitens,
weil er offenbar das Wesen der Mathematik und ihre gesetzgebende Funktion in Bezug auf alles, was kausale
Verknüpfung — und das
heisst gedachte Natur — ausmacht,
nicht richtig erfasst.
Eine ganz andere Frage ist die,
ob das, was Goethe angestrebt hat, nämlich eine
antimathematische,
insofern auch a-logische und darum unwissenschaftliche Auffassung der
Natur, nicht tiefe Berechtigung besitze. Auch diese Frage dürfen
wir nicht unbeant-
116 LEONARDO
wortet
lassen; denn sie besitzt
entscheidende
Wichtigkeit auch für das Verständnis Kant's. Um sie aber
beantworten
zu können, müssen wir, wie im vorigen Vortrag, einen Exkurs
unternehmen, der uns den unentbehrlichen anschaulichen Stoff liefern
soll.
Wollten Sie sich ohne weiteres in Kant's abstrakt-analytischen
Gedankengang
vertiefen, es würde Ihnen vermutlich sehr schwer fallen, seinen
Ausführungen
über eine unmathematische Naturauffassung — »Natur als
Darstellung«
nennt er sie — ein lebendiges Verständnis entgegenzubringen;
wogegen,
von Goethe kommend, Sie Kant von vornherein verstehen und darum
schwelgen
werden in dem beispiellosen Tiefsinn des gewaltigsten aller Denker. Wir
müssen also beherzt eine Untersuchung über das
Verhältnis
zwischen der exakten, mathematischen Wissenschaft, wie sie Leonardo
einzig
gelten liess, und Goethe's Naturauffassung hier unternehmen. In der
Hauptsache
wird dieser Exkurs auf eine vergleichende Gegenüberstellung der
physikalischen
Optik und Goethe's Farbenlehre hinauslaufen; doch gehen allgemeine
Bemerkungen
voran und verflechten sich in den Gang der Darstellung.
*
* *
GOETHE'S WELT DES
AUGES
Was zunächst unsere Aufgabe
erschwert, ist, dass Goethe selber kein theoretisches Bewusstsein
seines Verfahrens — ja, wir dürfen sagen, seines Zieles — besessen hat.
Sein eigenes Wort: »der Mensch kommt nie so weit, wie wenn er
nicht
weiss, wohin der Weg geht«, gilt von ihm selber; denn indem er
glaubte,
bloss an der Naturforschung seiner Zeit mitzuarbeiten, begründete
er in Wirklichkeit ein Neues. Das ist die nackte Wahrheit, die
unbekannte
Wahrheit, die in dem Lärm und Staub der Parvenü-Orgie unserer
erfolgreichen mechanischen Wissenschaft spurlos — doch nicht auf immer
—
untergegangen scheint. Es gibt Momente in dem Schaffen grosser Geister,
wo sie ein Höchstes leisten: das ist, wenn sie sich selber nicht
ganz
verstehen, wenn sie mit Leidenschaft für eine unmögliche
Behauptung
eintreten, sie, die wahrlich heller blicken als Andere und
folgerichtiger
denken als ihre Censoren; denn hier, gerade hier, wo sie sich mit sich
selbst in manchen Widerspruch verwickeln, wirken sie wie eine
unbewusste
Naturmacht, zukünftigen Erkenntnissen den Weg bahnend; hier ballt
sich der Geist zu einer die Zieralleen menschlicher Kleinkunst
hinwegsäubernden Lawine, oder wie ein Vulkan sprengt er die
überschwere Kruste,
welche
die Trägheit von Jahrtausenden um
117 LEONARDO
das
frohe Feuerelement der
Menschenseele
abgelagert hatte. Ich bitte Sie, sehen Sie sich doch Goethe an — den
herrlichen
Mann! Halten Sie es für denkbar, dass er ein ganzes Leben mit
seinen Lichtaugen in das Licht geschaut haben kann, ohne etwas Wahres
zu
erblicken?
Doch weil ich weiss, dass ich hier zunächst überall auf
Unglauben
und Widerspruch stossen werde, will ich Worte eines bahnbrechenden
exakten
Naturforschers, des anerkanntermassen grössten Physiologen des 19.
Jahrhunderts, Johannes Müller, anführen. Müller ist —
was
Louis Agassiz und Julius Robert von Mayer und Heinrich Hertz, sonst
aber
verschwindend wenige unserer berühmten Naturforscher waren — ein
wirklich
erhabener Geist von bleibender Bedeutung. Müller nun weist auf
Goethe's
Aufsatz über Die Skelette der
Nagetiere hin und sagt:
»Nichts
Ähnliches
ist aufzuweisen, was dieser aus dem Mittelpunkt der Organisation
entworfenen
Projektion gleichkäme. Irre ich nicht, so liegt in dieser
Andeutung
die Ahnung eines fernen Ideals der Naturgeschichte.« Sie
hören
diese
Worte? Die A h n u n g e i n e s f
e r n e n I d e a l s. Und Müller, der exakte
Naturforscher,
schätzt die Erweckung dieser Ahnung so hoch, dass er auf der
nächsten
Seite das Urteil fällt, Goethe habe nicht allein als
Künstler,
sondern auch als Naturforscher »das Grösste
erreicht«. ¹) Ich bitte, auch dieses Urteil —
»das Grösste« —
nie
mehr zu vergessen. Denn wir Neueren sind unter dem Landregen
pseudowissenschaftlicher
Platitüden aufgewachsen; einzig Rudolf Virchow hat vor vierzig
Jahren einmal den Naturforscher Goethe öffentlich in Schutz zu
nehmen
gewagt,
gewiss ein gewichtiger Zeuge, dessen »exakte
Nüchternheit«
kein Mensch anzweifeln wird, der aber leider nicht befähigt war,
den
Schleier des Missverstandes wirklich zu heben; denn dazu hätte
die
philosophische Bildung gehört, die Virchow perhorreszierte,
— weswegen
seine guten Worte damals zwar viel Staub aufwirbelten, doch bald
einflusslos
verhallten. ²) Jedes zweibeinige Rädchen an der grossen
Wissenschaftsmaschine
glaubt sich heute berechtigt, über Goethe den Naturforscher mit
den Achseln zu zucken; ich besitze zufällig den eigenhändigen
Brief einer solchen »Berühmtheit«, die ihre
Professorenwürde
hoch genug taxiert, um sich über Goethe folgendes Urteil zu
erlauben:
seine »Auffassung der Natur« sei, »wie
—————
¹) Über die phantastischen
Gesichtserscheinungen, 1826, § 186 und § 188
(letzterer fälschlich
als 34 gedruckt).
²)
Goethe als Naturforscher,
1861.
Diese gediegene Schrift muss noch heute Jedem empfohlen werden, der
Goethe
studiert.
118 LEONARDO
sie
ein gemütlicher
Ästhetiker
und Kuriositätensammler auf Spaziergängen gelegentlich
heraussimuliert«.
So wagt ein derartiger, durch die Zuchtrute seiner Lehrer und den
Stachel
des Hungers glücklich bis zum Doctor
philosophiae und schliesslich
bis zu dem drei Stufen hohen Professorenkatheder hinaufgetriebener
Mittelmensch,
von dessen Existenz man sich noch in zwei oder drei Auflagen unserer
Konversationslexika
wird überzeugen können, über den fürstlichen
Intellekt
eines Goethe zu reden, über das Götterauge, welches
während
mehr als ein halbes Jahrhundert nie aufgehört hat, die Natur
denkend
zu erschauen, über den Mann, von dem ein Johannes Müller
urteilte,
er habe als Naturforscher »das Grösste erreicht«!
Doch genug davon;
denn wollte ich mich
in Empörung hineinreden —
in die Empörung über den
geistigen Verfall, den die beschränkte Empirie unserer
tyrannischen,
den übergelehrten Philistern als Beute verfallenen Wissenschaft
veranlasst
hat — so wäre ich nicht bald fertig. Die Reaktion hat schon
begonnen;
auch für Goethe den Naturforscher sind tüchtige Männer
einer
jüngeren Generation am Werke, und mehr als die Einzelnen wird die
allgemeine Not, die unabweisliche kulturelle Notwendigkeit uns zwingen,
den Weg einzuschlagen, den Goethe als »Ahnung eines fernen
Ideals«
uns wies, wollen wir nicht in völlige Barbarei verfallen. Schon
hat
uns ein führender Geist unter den lebenden antimetaphysischen
Empirikern
— der Mechaniker Ernst Mach — verraten, was zunächst vernichtet
werden
soll, und er hat's für die Ziele einer rein maschinellen Barbarei
nicht schlecht getroffen: unsere Sprachen. ¹) Im Interesse
der
»Wissenschaft« sollen sie fallen, um einer abstrakten,
internationalen
Sprache
Platz zu machen. Als Ideal schwebt dem gelehrten Professor die
chinesische
Schrift vor, da sie als reine »Begriffsschrift« allen
Ballast
an feineren Gefühlsbestimmungen entfernt. Dann soll noch das
Grammatikalische
und das Historische »beseitigt werden«! Wenn man
ausserdem
noch die Schriftzeichen vereinfacht und sie durch algebraische Formeln
und chemische Symbole ergänzt, so ist alles beisammen, was
Professor
Mach von einer Sprache verlangt. Er hat auch ganz recht. Eine
Wissenschaft, die sich lediglich mit abstrakten Gespenstern abgibt,
berührt das
wahre Leben an keiner einzigen Stelle. Goethe's Absicht, durch seine
Farbenlehre
nebenbei »die
—————
¹) Die
Mechanik,
Band 59 der Internationalen Wissenschaftlichen Bibliothek, 3. Auflage,
1897
S. 472 f.
119 LEONARDO
Sprache
zu bereichern und so die
Mitteilung
höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu
erleichtern«,
muss von diesem Standpunkt aus ein non plus ultra des Unsinns bedeuten
Und wenn Mach zum Schluss die hoffnungsvolle Ansicht ausspricht, die
englische
Sprache befinde sich auf den besten Wege, dieses Ideal zu erreichen,
so wollen wir das Körnchen Wahrheit nicht übersehen, das in
diesen
Breughelschen Höllentraum sich eingeschlichen hat, und uns zu
derjenigen
Schar gesellen, welche keine Erbschaft für heiliger hält als
die Sprache. Je reicher, je unlogischer, je begriffswidriger die
Sprache,
um so mehr spiegelt sie wahre Natur. Die Männer, die uns die
Sprache
zu rauben gesonnen sind, haben uns schon — so weit es an ihnen lag
— die
Natur gestohlen; belehrte uns doch Lord Armstrong soeben, die
Wissenschaft
brauche nichts weiter als einen leeren Raum anzunehmen (siehe S. 114);
wogegen derjenige Mann, dessen Genie in der souveränen und
schöpferischen
Beherrschung der Sprache wurzelte, mit seiner vielgeschmähten
Naturlehre
den einen einzigen Zweck verfolgte, uns neben seinen unsterblichen
Dichtungen
auch deren ewigen Brunnquell — die sichtbare, unerschöpflich
gestaltenreiche
Natur — zu schenken.
Goethe selber hat nun — wie gesagt
— ein kritisch-analytisches Bewusstsein seiner neuen Methode nicht
besessen,
und darum ist sein Urteil über das Verhältnis seiner
Forschungsweise
zu der eigentlich wissenschaftlichen ein schwankendes und kann leicht
irreführen.
Bisweilen sah er
recht klar darin;
so z. B. wenn er die Anziehung, welche Spinoza in seinen Jugendjahren
auf ihn ausgeübt, aus dem antipodischen Gegensatze dieses Geistes
zu ihm selber herleitet und hinzufügt: »Die mathematische
Methode
war d a s W i d e r s p i e l meiner
poetischen Sinnes- und
Darstellungsweise« (D. W., 14). Dies gilt, wie Sie
sehen,
ganz allgemein; die »mathematische Methode«, die der
jüdische
Denker bevorzugte, empfindet Goethe als seiner eigenen
»poetischen
Sinnesweise« entgegengesetzt. Doch auch in Bezug auf die
specielle
Naturforschung
lassen sich entscheidende Stellen anführen; ich wähle eine
aus dem Jahre 1826, welche die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit
der
Mathematik besitzt. Goethe schreibt: »Das Recht, die Natur in
ihren
einfachsten, geheimsten Ursprüngen, so wie in ihren offenbarsten,
am höchsten auffallenden Schöpfungen, auch ohne Mitwirkung
der
Mathematik, zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen, musste ich
120 LEONARDO
mir,
meine Anlagen und
Verhältinsse
zu Rate ziehend, gar früh schon anmassen. Für mich habe ich
es
mein Leben durch behauptet. Was ich dabei geleistet, liegt vor Augen;
wie
es Andern frommt, wird sich ergeben«. ¹) Das ist doch
vollendet
klar,
nicht wahr? »Meine Anlagen zu Rate ziehend«: das deutet auf
jene
Anlagen, welche, nach dem ersten Citat, »das Widerspiel«
der
mathematischen
sind. Und Goethe fordert das Recht, die Natur diesen Anlagen
gemäss
zu betrachten, zu erforschen und zu erfassen. Betrachten, erforschen,
erfassen: das bedeutet ein vollständiges Programm zu einer eigenen
Naturlehre. Im weiteren Verlauf des Aufsatzes spricht Goethe
tatsächlich
davon, dass »ein neuer Standpunkt zu den neuen Ansichten
berechtige«. Aus dieser Erkenntnis sind die zahlreichen Stellen
zu verstehen, in
denen Goethe, ohne alle Bitterkeit, erklärt, seine Art die Natur
zu
betrachten, »bleibe den Männern vom Fach unfasslich, eben
weil
sie anders denken«; in denen er von den ersten grossen deutschen
Naturforscherversammlungen
bekennt, sie brächten nichts, »was ihn auch nur etwas
berühre,
anrühre, anrege, keine neue Forderung, keine neue Gabe«,
ihm, der
doch
»seit fünfzig Jahren leidenschaftlich den Naturbetrachtungen
ergeben sei«; denn unter sämtlichen deutschen Naturforschern
sei »keiner, der nur die mindeste Annäherung zu seiner
Sinnesart
hätte». ²) Und auch solche Stellen gehören
hierher, wo
Goethe
in seinen letzten Jahren — wie z. B. in dem vorhin genannten Aufsatz
über die Nagetiere — anstatt, wie gewöhnlich, seine
Leistungen auf dem Gebiete der Morphologie in den hellen Farben des
erfolgreichen
Forschers zu schildern, plötzlich »als das lebhafteste
fühlt,
dass sein redliches Streben in Betrachtung der Natur nur Vorahnungen,
nicht
Vorarbeiten gewesen«. Das alles liesse an Deutlichkeit und
Richtigkeit
der Einsicht nichts zu wünschen übrig. Goethe ist sich in
solchen
Augenblicken so völlig bewusst, nicht Hand in Hand mit den
Männern
der eigentlichen »Wissenschaft« zu gehen, dass er für
sich
als ein »Recht« es fordert, nach seiner eigenen Weise
forschen zu
dürfen, und gesteht, diese Weise bleibe Jenen unfasslich, ja,
dass
er ahnt, es handle sich um einen »neuen Standpunkt«, um
ein Zukünftiges,
dessen Bedeutung ihm selber halb verschleiert bleibe. Und da
möchte
ich Ihnen gleich das Urteil eines der besten lebenden Kenner der
betreffenden
Werke Goethe's, des
—————
¹)
Über
Mathematik und deren Missbrauch.
²) Briefe an Zelter vom 11. 4.
1825,
10. 7. 1828, 1. 11. 1829.
121 LEONARDO
um
Goethe's Schriften über die
Natur
so vielfach verdienten Dr. Rudolf Steiner, vorlegen. Steiner spricht
speziell
von der Farbenlehre, genau das selbe liesse sich aber von Goethe's
Morphologie
sagen. Er schreibt: »Die Farbenlehre Goethe's bewegt sich in
einem
Gebiete, welches die Begriffsbestimmungen der Physiker gar nicht
berührt.
Die Physik k e n n t einfach alle die Grundbegriffe
der Goetheschen
Farbenlehre
nicht. Sie kann somit von ihrem Standpunkte aus diese Theorie gar nicht
beurteilen. Goethe beginnt eben da, wo die Physik aufhört. Es
zeugt
von einer ganz oberflächlichen Auffassung der Sache, wenn man
fortwährend
von dem Verhältnis Goethe's zu Newton und der modernen Physik
spricht
und dabei gar nicht daran denkt, dass diese zwei völlig
verschiedene
Dinge sind«. ¹)
Leider ist es nun Goethe selber,
der mit äusserster Eindringlichkeit und Vehemenz über sein
angebliches
»Verhältnis zu Newton« gesprochen hat, und nicht zu
Newton
allein, sondern überhaupt zur exakten Naturwissenschaft. Haben
Sie
in dem vorhin angeführten feierlichen Bekenntnis jene fünf
unschuldigen
Worte bemerkt: »auch ohne Mitwirkung der Mathematik«? Da
sprudelt
noch heute die böse Quelle des Missverstehens. Es ist nicht
»auch
ohne«, sondern es ist im Gegensatz zur Mathematik, dass Goethe
Natur
betrachtet und erforscht und erfasst. Die mathematische Methode und
Goethe's
Methode können nebeneinander, nicht aber miteinander bestehen; ein
Kompromiss zwischen ihnen ist unmöglich; sie können nicht das
eine Mal »auch mit« und ein anderes Mal »auch
ohne«
einander
wirken.
Wie tief das
Missverständnis
bei Goethe drang, will ich Ihnen nur an einem — statt an hundert —
Beispielen
zeigen. Einen Monat nach jenem grundlegenden Bekenntnis, in dem nur
ein
geübtes Auge den Makel des »auch ohne« entdeckt,
spricht
er zu Eckermann: »Haben doch auch die Mathematiker nicht die
Metamorphose
der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht,
und die Mathematiker haben es müssen gelten lassen« (G. 20.
12. 1826). Wenn diese Worte authentisch berichtet sind, so
genügen
sie zum Beweise, dass wir unseren eigenen Kräften trauen
müssen,
um hier klar zu sehen; Goethe, der Vor-
—————
¹) In Kürschner's
Goethe-Ausgabe,
Band 35, Vorrede S. 30. Der Satz: Goethe beginnt eben da, wo die Physik
aufhört«, ist vielleicht nicht sehr glücklich
gesprochen;
weder führt die Physik zu Goethe, noch Goethe zur Physik; der
lapsus
calami liesse Unaufmerksame es vermuten.
122 LEONARDO
bote
und Begründer, lässt
uns
in Bezug auf das klare Verständnis seiner Tat im Stiche.
Mathematik
und Metamorphose! Hier wäre der Platz gewesen, um zu zeigen, dass
es sich um zwei ungleichartige und unvereinbare, einander nirgends
berührende
Verfahren handelt. Was Goethe's Idee von der Metamorphose ist, wissen
Sie
aus unserem ersten Vortrag; freilich umfasst auch sie, wie jede
menschliche
Erkenntnis, die Vorstellung der Bewegung; doch anstatt sich ihr wie ein
Schiffer dem Strome anzuvertrauen, schwebt sie wie ein Aar in die
Höhe,
von wo aus gesehen der lebendig eilende Fluss zugleich Bewegung und
Ruhe
ist, Bewegung als inneres Daseinsgesetz, Ruhe als Gestalt. Die
Mathematik
— und in einem weiteren Sinne die gesamte eigentliche Wissenschaft, da
diese überall dem einen Trieb gehorcht, Mathematik zu werden — die
Mathematik besitzt keine andere Fähigkeit und Funktion als die
Analyse
des Werdens; selbst das Ruhende muss sie in Bewegung auflösen,
sonst
kann sie ihm nicht beikommen. Worauf Goethe's Bemühungen dagegen
ausgehen,
ist nicht analytisches Wissen, sondern intensivstes Erschauen —
»die
Welt
des Auges« — und dessen Gesetz ist nicht das Werden, sondern das
Sein. Daher jenes eigentümliche Durchdringen von Gleichzeitigem
und
Aufeinanderfolgendem, welches bei der Metamorphosenlehre manchmal
verwirrend
auf uns — und auch auf Goethe selber — wirkte. Denn während die
Wissenschaft,
deren ganzes Wesen auf dem Begriff von Ursache und Wirkung ruht, das
Sein
nur als einen fast imaginären Punkt zwischen Gewordensein und
Werdenwerden
gelten lässt, kann das Auge offenbar kein Werden anders
wahrnehmen,
denn als eingeschlossen im ewigen Sein. Goethe's Idee von einer
»gleichzeitigen
Umbildung« ist logisch und daher auch wissenschaftlich ein
sinnloser
Begriff, dem Auge aber erschliesst sie eine Welt. Auf diese Fragen
kommen
wir in den Vorträgen über Plato und Kant zurück, denn
einzig
Plato hat geahnt und einzig Kant hat gewusst, um was es sich hier
handelt.
Für den Augenblick mag das Gesagte genügen, Sie recht
deutlich
fühlen zu lassen, wie ungereimt Goethe's Apostrophe an die
Mathematiker
ist. Wie sollte ein Mathematiker — in seiner Eigenschaft als
Mathematiker
— die Metamorphose erfinden? Es müsste ein sehr schlechter
Mathematiker
gewesen sein. Ebensowenig treffen die Worte; »ich habe dieses
ohne
die Mathematik vollbracht«, den Nagel auf den Kopf, was
wir
doch
sonst
von Goethe gewohnt sind.
123 LEONARDO
Und
was die Schlussbemerkung
anbelangt:
»Sie haben es müssen gelten lassen«, so beruht sie
einfach
auf Irrtum. Goethe's Metamorphosenlehre ist ebenso wie seine
antimathematische
Optik von der Wissenschaft abgelehnt worden. Freilich, es geschah nicht
so einstimmig und energisch und von Beginn an, doch lediglich deswegen
nicht,
weil auf biologischem Gebiete die Komplikation eine weit grössere
ist, wodurch endlosen Missverständnissen Raum gegönnt bleibt.
Schlagen Sie aber irgend ein zuverlässiges heutiges Werk auf, z.
B.
die Geschichte der Botanik
von Julius Sachs (Kap. 4), so werden Sie
Goethe's
Metamorphosenlehre unbedingt zurückgewiesen finden. Sachs zeigt,
wie Goethe immerfort zwischen Tatsache und Idee hin und her geschwankt
habe, und er deckt den Schaden auf, den seine Anhänger
während
langer Jahre stifteten, indem sie, anstatt den Gedanken der
Metamorphose
»im tieferen Sinne der idealistischen Philosophie« zu
verwerten,
ihn in die exakte Wissenschaft einführten, was nur geschehen
konnte,
indem man »die höchsten Abstraktionen mit der
nachlässigsten
und rohesten Empirie, zum Teil mit ganz unric