Here under follows the transcription of the second chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

Leonardo da Vinci
LEONARDO DA VINCI
Painted by himself
Drawn and engraved by Charles Townley
Zurück zur Hauptseite / Back to main page
Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
Download this book — Immanuel Kant

INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768


87



ZWEITER VORTRAG


LEONARDO

(BEGRIFF UND ANSCHAUUNG)

MIT EINEM EXKURS ÜBER PHYSIKALISCHE OPTIK UND FARBENLEHRE
———

LA NOSTRA ANIMA È COMPOSTA
D'ARMONIA, ED ARMONIA NON
S'INGENERA, SE NON IN ISTANTI
NEI QUALI LE PROPORTIONALITÀ
DEGLI OBIETTI SI FAN VEDERE
O'UDIRE.        LEONARDO


88

(Leere Seite)

89

WIEDERHOLUNG

Da zu einer Anschauung ein Anschauender und folglich zu einer Weltanschauung ein Weltanschauender gehört, so haben wir uns als Ziel vorgesetzt, etwas über die unterscheidenden Eigenschaften von Kant's persönlicher Art anzuschauen in Erfahrung zu bringen. Wir nehmen in diesen Vorträgen das Wort Anschauung nicht in dem landläufigen Sinne von »Meinung« oder gar »Lehre«, sondern in der ursprünglichen (schon in der Sanskritwurzel skau = schau enthaltenen) Bedeutung des Sehens, sowie der besonderen Art und Weise zu sehen, welche bestimmten Individuen eigen ist. »Das Sehen ist, wie ein Erleiden, so auch ein Tätigsein«, erkannte schon Aristoteles; nun ist aber das Verhältnis zwischen Erleiden und Tätigsein in dem Sehen verschiedener Männer verschieden, ebenso auch der Grad und die feinere Beschaffenheit beider. Darum griffen wir zum Vergleich. Wir wollen Anschauende von allerhöchster Bedeutung selber »anschauen«‚ überzeugt, dass dies uns erfolgreicher fördern wird, als wollten wir über sie abstrakt theoretisieren und ihre Lehren mit zugespitzten Definitionspfählen fein sauber einhegen. Aus unserem ersten Vergleich — dem mit Goethe — haben wir bedeutenden und bleibenden Gewinn gezogen. Die geistige Individualität Kant's kontrastierte auffallend mit der Goethe's. Bei Kant beobachteten wir eine eigentümliche Art von Anschauungskraft in geradezu erstaunlichem Masse entwickelt: es war die Fähigkeit, das Beschriebene sich innerlich vorzustellen; und das Beschriebene ist ein stückweise oder — wie der technische Ausdruck lautet — analytisch Vorgeführtes; denn das   W o r t   kann nur nach und nach ein Ganzes geben, wogegen das   A u g e   zunächst ein Ganzes und nur nach und nach Teile gibt. Auch fanden wir bei Kant die von innen nach aussen projizierte, geometrisch - schematische, menschlich - schöpferische Anschauung, nämlich die mathematische, bedeutend entwickelt. Dagegen war für Goethe der unersättliche Augenhunger charakteristisch und in engem Zusammenhang hiermit der Trieb, auch das Theoretische als ein mit Augen Angeschautes aufzufassen. Jedoch, als wir an der Hand der Metamorphosenlehre eine deutliche Vorstellung des Verhältnisses zwischen Erleiden und Tätigsein in Goethe's Sehen gewonnen hatten, stimmte es harmonisch zu Kant's innerem Sehen und zu seiner analytischen Unterscheidung zwischen Erfahrung und Idee.


90 LEONARDO

GENIE UND MATHEMATIK

    Heute will ich nun diesen Vergleich mit Goethe fortsetzen, denn er birgt noch eine Fülle von Belehrung; ich hoffe Sie zu überzeugen, es könne ohne Zuhilfenahme Kant's kaum gelingen, die Naturanschauung Goethe's richtig zu erfassen, zugleich auch, dass Keiner so direkt und anschaulich zu Kant hinführt wie gerade Goethe. Sie werden also aus dieser Betrachtung doppelten Gewinn ziehen. Doch will ich heute zu diesen Beiden einen Dritten gesellen, einen andern grossen Künstler. Die Wahl treffe ich ohne jede Rücksicht auf Chronologie, lediglich mit der Absicht zu verhindern, dass wir etwa in öden Formalismus verfallen und, nachdem wir die eine Krücke — die des angeblichen, allgemein gefassten Kontrastes zwischen anschaulichem Kopf und abstraktem Kopf — weggeworfen haben, nun gleich eine andere zu Hilfe nehmen. Es liegt nämlich die Gefahr nahe, das ewig drohende Auskristallisieren unserer trägen Gedanken hier wieder anschiessen zu lassen und uns mit der Phrase zu begnügen: hie Künstler, hie Philosoph. Leider hat kein Geringerer als Schopenhauer zu einem derartigen erstarrenden Missverständnis viel beigetragen; er ist der gelesenste aller Philosophen, und insofern gewiss mit Recht, als er der weitaus lesbarste ist; schade, dass zu seinen ziemlich zahlreichen Gedankenperversitäten (denn anders kann ich sie nicht nennen) die Behauptung gehört, »Genie« und »mathematischer Kopf« seien Gegensätze. ¹) Auf eine Widerlegung dieser einfach horrenden Behauptung — welcher als allererstes die gesamte Erscheinung des Hellenismus zum Opfer fallen müsste — kann ich mich hier nicht einlassen; es wäre leicht und unterhaltend, sie mit alleiniger Benützung von Schopenhauer's eigenen Schriften durchzuführen; doch schämt man sich fast, mit dem geiststrotzenden Mann den Kampf aufzunehmen, wenn man ihn an entscheidender Stelle als Argumente anführen hört: Alfieri habe den vierten Lehrsatz Euklid's nicht begreifen können, und ein (ungenannter) französischer Mathematiker habe nach Durchlesung von Racine's Iphigénie achselzuckend gefragt: Qu'est-ce que cela prouve? ²) Wenn das Argumente sind, dann könnte man ebenso zwingend schliessen: Weil Coleridge mit vierzig Jahren (und trotz-
—————

    ¹) An mehreren Orten; z. B. Welt als Wille und Vorstellung, B. 1., § 36, Bd. 2., Kap. 13; Parerga II, § 35.
    ²
) Nach einer Anmerkung in Hoefer's Histoire des Mathématiques, 4. éd., p. 439, sollte Roberval, ein Zeitgenosse des Descartes und ein bekannter Mathematiker, durch das blöde Wort getroffen werden. Es handelt sich natürlich nur um die böswillige Erfindung eines Witzboldes.

91 LEONARDO

dem er auf dem Lande lebte) noch nicht wusste, dass aus Kaulquappen Frösche werden, darum ist kein Dichter für Naturbeobachtung begabt. Das Schlimme an solchen Phrasen, sobald sie ein Mann wie Schopenhauer mit bestechender Beredsamkeit vorbringt, ist, dass sie dann weithin Verbreitung finden und sich als Dogma festsetzen. Und so begegnen wir heute vielen Menschen, die, bloss weil sie wie Alfieri etwas   n i c h t   können, sich für Genies halten, und die, nicht genug, dass ihnen »der Stolz der menschlichen Vernunft« (wie Kant die Mathematik nennt) abgeht, sich noch mit ihrem Unvermögen brüsten. Dabei schauen diese geistig Vernachlässigten, die nicht einmal den einfachen Lehrsatz der gleichen Dreiecke zu fassen vermögen, von oben herab auf die bedeutendsten Menschen, sobald diese mathematische Begabung zeigen, und reihen sie in eine Klasse »zweiter Güte« ein. Doch genug davon — wenn es auch schwer ist, den Zorn über die Frechheit eines so grundverkehrten Dogmas nicht aufflammen zu lassen — und greifen wir gleich hinein auf den Kernpunkt. ¹)
    Schopenhauer's These betrifft das Genie im allgemeinen, doch bisweilen bringt er sie in einer engeren und dadurch plausibleren Form vor; so schreibt er: »Die Erfahrung hat bestätigt, dass grosse
—————
    ¹) Seitdem ich (im Jahre 1900) diese Worte niederschrieb, bin ich durch ein genaueres Studium zu sehr bedenklichen Ergebnissen in Bezug auf Schopenhauer's Arbeitsmethoden gelangt. Durch Hermann Cohen und August Stadler aufmerksam gemacht, überzeugte ich mich, dass das Fälschen von Citaten — wenn auch gewiss unter dem Einfluss einer unbewussten Suggestion, doch nicht minder erfolgreich — bei ihm geradezu Gewohnheit ist; in seiner Kritik der Kantischen Philosophie macht er ausgiebigen Gebrauch davon; im letzten Vortrag werden einige Belege hierfür beigebracht werden, Bei seinen Ausführungen über die Mathematik geht er nun ähnlich zu Werke, was Professor Alfred Pringsheim in seiner akademischen Festrede Über Wert und angeblichen Unwert der Mathematik (München, 1904, und mit gekürzten Nachweisen in der Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung, 14. und 16. März 1904) dokumentarisch nachgewiesen hat. Um ausschlaggebende Zeugen für seine Geringschätzung der Mathematik zu gewinnen, fälscht er Baillet (Descartes' Biographen), fälscht er Descartes selber, und fälscht er Georg Christoph Lichtenberg. Hierdurch gelingt ihm das Kunststück, Descartes — einen der genialsten Mathematiker aller Zeiten — und Lichtenberg — einen tüchtigen Physiker und Astronomen — sich wegwerfend über die Mathematik äussern zu lassen! Nach einer ausführlichen Erörterung des Falles Descartes kommt Pringsheim zu dem Schlusse: »Dass Schopenhauer trotz alledem gewagt hat, diesen grossen Mathematiker als einen seiner Eideshelfer für den Unwert der Mathematik zu citieren, muss als eine unerhörte und nichtswürdige Geschichtsfälschung bezeichnet werden« (S. 18). Für das Nähere verweise ich auf die genannte Festrede und mache den Leser nur noch auf das Eine aufmerksam, dass die betreffenden Worte in Baillet's Biographie ein fast wörtliches Citat aus Descartes' Règles pour la direction de l'esprit (éd. Cousin, XI, 218 ff.) sind, was weder Schopenhauer noch sein Gewährsmann Hamilton gewusst haben, und was Professor Pringsheim im Augenblick übersehen zu haben scheint.

92 LEONARDO

Genien   i n   d e r   K u n s t   z u r   M a t h e m a t i k   keine Fähigkeit haben.« Das ist eine bedeutende Einschränkung, denn auch für ihn ist nicht bloss der Künstler Genie; er gibt sich ja selber gern als Beispiel und war doch für die Kunst gänzlich unbegabt. Nichtsdestoweniger ist diese Behauptung — die man im § 36 des ersten Bandes seines Hauptwerkes findet — so grundfalsch, dass man sich fragt, wie Schopenhauer hat verblendet genug sein können, sie vom Jahre 1818 bis zu seinem Tode unverändert stehen zu lassen. Denken wir an deutsche Künstler allein, so fällt uns als erster der auch von Goethe so besonders bewunderte, der grosse, einzige, bald hätte ich gesagt der heilige Albrecht Dürer in den Sinn. Er ist einer von jenen »grossen Genien in der Kunst«, von denen man sagen kann, sie seien Anfang und Ende und Kulminationspunkt, alles in einem. Natürlich wachsen sie aus Vorangegangenem historisch heraus, und sie führen zu Nachfolgendem hin, doch hängt diese Zusammengehörigkeit ihnen nur wie ein Mantel um die edle Gestalt; hier tritt, wie die Göttin aus dem Schaume, das Individuum aus der Menge heraus, ein Neues, Unvergleichliches, das früher nicht war und künftig nie wieder sein wird. Bei dem Anblick solcher Männer fällt Einem das schöne Wort des selben Schopenhauer ein: »die Kunst ist überall am Ziele.« Vollendung ist es, was uns aus all dem fiebrigen Ringen dieser Künstler entgegenleuchtet, Ruhe, was uns vertrauensvoll und gelassen aus der Hast des ewig höher Strebenden anlächelt; und wo doch Arbeit, Gedanke und Gebet als unermüdliche Tagelöhner an dem Werke mitgeschaffen haben, thront jetzt die göttlich-mühelose, unfehlbare Harmonie. Zu diesen Grössten gehört Dürer. Und siehe da, er hatte nicht bloss »Fähigkeit zur Mathematik«, sondern er hatte eine ganz ungewöhnliche Fähigkeit. Dürer ist der Verfasser des ersten Lehrbuchs der angewandten Geometrie in deutscher Sprache! Ausserdem widmete er ein ganzes Werk dem herzlich trockenen und nur mathematisch interessanten Gegenstand des Festungsbaues, und seine menschliche Proportionslehre ist ein kleines Wunderwerk verschlungener geometrischer Vorstellungen. Die Vorliebe für Mathematik, das sichere Auge dafür und das Gewicht, das er darauf legt für die Ausbildung des Künstlers — »die Kunst der Messung ist der rechte Grund aller Malerei«, schreibt Dürer ¹) — sind ein besonderes
—————
    ¹) Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und dem Richtscheit, 1538, Folium A. 1.

93 LEONARDO

Charakeristikum dieses grossen Künstlers. Schon dieses eine Beispiel genügt, um Schopenhauer's Behauptung, der grosse Künstler Besitze keine Fähigkeit zur Mathematik, als eine unhaltbare Verallgemeinerung aus einzelnen Fällen nachzuweisen. Und Sie begreifen leicht, dass mir daran liegen musste, die Insinuation zurückzuweisen, Kant sei schon darum zu den untergeordneten, ungenialen Geistern zu rechnen, weil er mathematische Beanlagung besass; vielmehr sehen wir, dass wir aus dieser Anlage nicht einmal auf ein unkünstlerisches Gemüt schliessen dürfen.

LEONARDO

    Jetzt erst rufe ich den Mann herbei, dessen strahlenden Namen ich mit keiner Polemik umschatten mochte, Leonardo da Vinci. Kein grösserer Maler hat je gelebt; und dieser grosse Maler war, wie Dürer und noch mehr als dieser, ein hervorragender Mathematiker und Mechaniker. Zugleich war er — wie wir täglich mehr einsehen lernen — ein fast allumfassender Geist, ein »Durchschauer« von allem, was sein Auge erblickte, ein Erfinder so unerschöpflich, wie die Welt vielleicht nie einen zweiten gesehen, ein tiefer, kühner Denker. Vergleichen wir seine Art zu schauen mit der Goethe's und Kant's; das soll uns, hoffe ich, vor jeder Gefahr des phrasenmässigen Auskristallisierens in alle Zukunft bewahren.
    Gleich Goethe ist dieser Mann ganz Auge. Das Auge nennt er »das Fenster der Seele«, finestra dell' anima; ¹) er wird nicht müde, dessen Vorzüge zu preisen: das Auge ist der signore de' sensi; ²) das Auge ist die Quelle jeglichen Wissens. »Diejenigen, welche sich einzig auf das Studium gelehrter Schriften legen, statt dass sie durch das eigene Auge die Werke der Natur kennen lernen, sind nur Enkel, nicht Söhne der Natur, dieser einzigen Meisterin der Meister« (R. § 660). Alle Künste, alle Wissenschaften, alles Denken sind, nach Leonardo, »Töchter des Auges«, und darum ist der Maler nipote à Dio, »Enkel Gottes«. Das Auge dieses merkwürdigen Mannes ist aber ebensowenig wie das Goethe's ein ausschliesslich künstlerisches Organ, sondern es ist ein »weltdurch-
—————
   ¹) Nach Jean Paul Richter's Ausgabe der Scritti letterari di Leonardo da Vinci, § 653. (Im Folgenden als R. citiert.)
    ²)
Leonardo da Vinci's Buch von der Malerei, herausgegeben, übersetzt und erläutert von Heinrich Ludwig, 1882, § 16. (Im Folgenden als L. citiert.) Ich bemerke hier ein für allemal, dass ich im allgemeinen den italienischen Text so aufgenommen habe, wie ich ihn in meinen verschiedenen Vorlagen vorfand, also bisweilen modernisiert und bisweilen archaisch und — für heutige Begriffe — in Bezug auf Rechtschreibung inkorrrekt.

94 LEONARDO

schauendes«; und zwar strahlt von seinem Auge ein so helles Licht aus — denn das ist das Kennzeichnende an dem Auge solcher Männer, dass es Licht nicht nur aufnimmt, wie andere, sondern Licht auch ausstrahlt, die Finsternis aufhellend, das Undurchdringliche bis zur Durchsichtigkeit anglühend — und von Leonardo's Auge, sage ich, strahlt ein so helles Licht aus, dass wohl der nüchternste Geschichtsforscher wird zugeben müssen, die intuitiv erratende Sehkraft dieses Organs grenze bei ihm an das Fabelhafte. Leonardo hat unsere gesamte neue Naturwissenschaft vorweggenommen, vorweggenommen nämlich, insofern dies dem blossen Auge möglich war ohne den Beistand der höheren Mathematik, die erst nach ihm entstand, der neuen Instrumente und der nur von Generationen zu bewältigenden Beobachtungsmenge. So z. B. sind ihm — dem 1519 gestorbenen, in dem strengen Kirchenglauben an die flache, zwischen Hölle und Himmel gelagerte Erde erzogenen — die Grundzüge des kosmischen Systems, wie sie Kopernikus erst dreissig Jahre später entwickelte, bekannt. Woher, weiss man nicht, ebensowenig in welchem Zusammenhang. Denn seine (bis zum heutigen Tag noch lange nicht alle entzifferten und publizierten Bemerkungen) sind zumeist aphoristisch und bilden häufig ein fast unenträtselbares Durcheinander der verschiedenartigsten Einfälle, mitten unter oder auch quer über Skizzen, oder auf der Rückseite von Zeichenblättern notiert. Oft sind es Gedanken, die er offenbar schnell — mitten in seiner Malerarbeit — festhält, um sie an anderem Orte anzuwenden; manchmal steht ausdrücklich: »in meinem Werke werde ich die Sache auf diese Weise ausführen müssen« oder dergleichen; oder auch es sind klare, saubere Dispositionen zu Büchern, die er nicht geschrieben zu haben scheint, und wir können jetzt nur aus der Anlage den Gedankengang erraten. Ein astronomisches System finden wir also bei Leonardo nicht. Doch finden wir auf einem Blatte, mitten unter mathematischen Berechnungen, in ungewöhnlich grossen Buchstaben geschrieben: il sole non si muove (R. § 886), die Sonne bewegt sich nicht. Kein Wort mehr. Es handelt sich offenbar um eine plötzliche Eingebung. Leonardo ist aber kein Visionär; er ist ein durchaus positiver Geist, der nicht ermüdet, auf streng empirischem und mathematischem Wege die certezza delle scientie zu suchen. Sperientia è commune madre di tutte le scientie e arti (R. § 18), und nissuna humana investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le

95 LEONARDO

matematiche dimostrationi (L. § 1); also der Versuch und die Berechnung müssen herbeigeholt werden, um die Richtigkeit des Geahnten zu prüfen. Und so finden wir denn auf anderen Blättern eine Reihe von Untersuchungen und Folgerungen, die sich alle um diese mittlere Idee einer stillstehenden Sonne und einer beweglichen Erde drehen. So z. B. die wichtige Einsicht: come la terra non è nel mezzo del cerchio del sole, ne nel mezzo del mondo, ¹) wie dass die Erde nicht in der Mitte des Sonnenkreises, noch im Mittelpunkt der Welt stehe. Woran sich die Bemerkung häufig gliedert, die Sonne sei grösser als die Erde, und die Behauptung: molte stelle vi sono, che son moltissime volte maggiore che la stella che è la terra. ²) Die Einsicht, dass die dunkle Erde Licht widerspiegele (R. § 865), führt Leonardo zu der weiteren, dass auch das Licht der Wandersterne reflektiertes Licht sei, und dass, vom Mond aus erblickt, unsere Erde genau so aussehen würde, wie der Mond uns erscheint. ³) Von dieser Erkenntnis war es dann nur ein Schritt zu der Behauptung, die Erde besitze eine annähernd sphärische Gestalt und bewege sich um ihre Achse (R. M., G. folio 54 recto). Freilich besitzen wir (so weit mir bekannt ist) keinen schriftlichen Beleg dafür, dass Leonardo auch den weiteren Grundgedanken des heliozentrischen Systems — die Bewegung der Erde um die Sonne — in einem seiner lapidaren Sätze ausgesprochen hätte, doch ist ein grosser Teil des Materials noch unveröffentlicht, und aus den angeführten Lehren Leonardo's folgt diese Bewegung mit so zwingender Notwendigkeit, dass man annehmen muss, er habe sie gekannt. Und wenden wir nun die Aufmerksamkeit von der Bewegung der Gestirne zu den verborgenen Bewegungen im Leibesinnern, so finden wir, dass Leonardo durch eine ähnlich zaubermächtige Kraft des Blickes den Kreislauf des Blutes deutlich geahnt und sich vorgestellt hat. Man hat dies in Abrede stellen wollen, weil Leonardo an einer Stelle die Bewegung des Blutes mit der Ebbe und Flut des Meeres vergleicht; doch ist der Einwurf hinfällig, weil die vorhandenen Gedanken-
—————
    ¹) Les manuscrits de Léonard da Vinci de la Bibliothèque de l'Institut, publiés par Charles Ravaisson-Mollien, F, folio 41 recto. Die verschiedenen Manuskripte sind durch die Buchstaben A bis M bezeichnet. (Im folgenden als R. M. citiert.)
    ²) R. M., F, folio 5 recto. »Viele Sterne gibt es, die sehr vielmal grösser sind als der Stern, welchen wir die Erde nennen.« Noch Niemand hat meines Wissens darauf aufmerksam gemacht, dass der Ausdruck molte stelle zu beweisen scheint, Leonardo habe an die Eigengrösse nicht allein der Wandersterne, sondern auch der Fixsterne geglaubt, womit er sich dem Kopernikus in dieser einen Beziehung überlegen gezeigt hätte.
    ³) Vgl. R. M., A, folio 64 recto, F, folio 41 recto, R.
§
858 usw.

96 LEONARDO

zettel Leonardo's aus den verschiedensten Lebensaltern stammen, und nichts die Worte vernichten kann, die wir von seiner eigenen Hand schwarz auf weiss besitzen über il continuo corse che fa il sangue per le sue vene, und darüber, dass dasjenige Blut, welches zum Herzen »zurückkehrt« — il sangue che torna indirieto — ein anderes sei als dasjenige, welches (bei dem Austreiben des Blutes) die Klappen schliesst, che riserra le porte del core. ¹) Diese Worte genügen, um eine tiefe Einsicht in den Mechanismus des damals ungeahnten und erst hundert Jahre später entdeckten Kreislaufes zu beweisen; denn Leonardo weiss, dass das Blut »ununterbrochen durch die Adern läuft«; er weiss, dass es vom Herzen ausgeht und zum Herzen zurückkehrt, und er unterscheidet das venöse Blut vom arteriellen. Wobei wohl zu beachten ist, dass auch hier die wichtigsten einschlägigen Arbeiten Leonardo's noch unveröffentlicht sind; sie ruhen im Staube der Bibliothek zu Windsor.

LEONARDO UND GOETHE

    Diese zwei Beispiele — das astronomische und das physiologische — wähle ich aus der grossen Menge des Materials heraus; Leonardo scheint sich für alle Wissenschaften interessiert zu haben und überall durch die blosse durchdringende Kraft des Blickes gepaart mit der Sagacität des Urteils der Wissenschaft — oft um Jahrhunderte — vorausgeeilt zu sein. Man denke nur an seine richtige Deutung der Versteinerungen und der geologischen Schichten zu einer Zeit, wo erstere als das spielende Erzeugnis einer vis plastica erklärt und für letztere höchstens die Sintflut angeführt wurde! Doch kann ich mich leider bei diesem fesselnden Gegenstande nicht aufhalten; Sie können das Nähere in den Büchern über Leonardo nachschlagen. ²) Mir muss es genügen, wenn ich Sie durch typische Fälle mit der besonderen Art und der erstaunlichen Penetration dieser Anschauungskraft vertraut gemacht habe. Worte genügen nicht, wir müssen Tatsachen in der Hand haben. Und diese Tatsachen — einem jeden, auch ungelehrten Menschen offenkundig — deuten auf einen Intellekt, dessen Verwandtschaft mit dem Goethe's sofort auffällt: das selbe ewig offene Auge, nimmer satt, das Auge des Türmers Lynceus (wie ich's im vorigen Vor-
—————
    ¹) R. § 848 und 850. Man betrachte auch die genauen Zeichnungen von der inneren Anatomie des Herzens bei R. M., G., fol. 1 verso, aus denen hervorgeht, dass Leonardo's Ansichten auf genauer Autopsie beruhen.
   
²) Siehe namentlich Gabriel Séailles: Léonard de Vinci l'artiste et le savant, Paris 1892. Neuerdings ist das Buch von Marie Herzfeld: Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet erschienen, das eine Auswahl aus seinen Schriften bringt und eine gute zusammenfassende Einleitung haben soll.

97 LEONARDO

trag nannte), über die ganze Welt geöffnet, und den im Turm eingeschlossenen König mit neuen Bildern unaufhörlich unterhaltend; zugleich auch ein schöpferisches Auge. Doch fallen uns zwei wichtige Unterschiede auf. Leonardo sieht genauer als Goethe, sein Auge ist ein schärferes Auge, und darum kann er, was dieser nicht kann: er kann das Geschaute als Geschautes wiedergebären, er ist Maler — und insofern steht er noch weiter ab von Kant als Goethe. Während aber der äussere Sinn bei Leonardo dergestalt feiner ausgebildet ist als bei Goethe, verhält es sich genau ebenso mit jener inneren schematischen Anschauungskraft, die wir bei Goethe fast gar nicht, bei Kant hervorragend ausgebildet fanden; in dieser Hinsicht ist die Verwandtschaftsbeziehung eine umgekehrte, und Leonardo steht Kant näher als Goethe ihm stand: Leonardo ist nämlich als Mechaniker genau ebenso genial begabt wie als Maler. Nehmen Sie die sechs prachtvollen Bände zur Hand, in denen Ravaisson-Mollien alle Manuskripte Leonardo's in der Bibliothèque de l'Institut in Faksimile und Transskription mitgeteilt hat, und Sie werden sehen, dass neun Zehntel dieser Notizen sich auf Mathematik und Mechanik beziehen. Leonardo hat nie aufgehört zu rechnen. Die Quadratur des Zirkels und tastende Versuche nach einer Infinitesimalrechnung beschäftigen seinen Geist, und von dem Flug der Vögel bis zu der Betrachtung eines Wasserfalles, überall drängt sich ihm, neben dem malerischen, auch das mathematisch-mechanische Interesse auf. Die Mechanik nennt er einmal »ein Paradies« (R. M., E. fol. 8 verso), und von ihr behauptet er: la scientia strumentale over machinale è nobilissima (R. § 1154), die Mechanik ist die edelste der Wissenschaften. Auf dem Blatt, welches vielleicht die allerfrüheste Skizze zum Abendmahl trägt, finden wir unmittelbar unter dieser eine geometrische Aufgabe gezeichnet und in Ziffern gelöst, und ein anderes Blatt, welches Studien zu den Aposteln und eine ergreifende Skizze zum Christus aufweist, zeigt mitten unter diesen Figuren den Entwurf zu einer Maschine mit erklärenden Anmerkungen (R. I, S. 334—5). Sind also Leonardo und Goethe zwei Männer, bei denen — zum Unterschied von Kant — das Auge das Lebensorgan bildet, so müssen doch zu dieser finestra dell'anima zwei sehr verschiedene Geister hinausblicken, zwei sehr verschiedene Arten des »Tätigsein« (um mit Aristoteles zu reden), und daher gewiss auch zwei sehr verschiedene Weltanschauungen. Wir werden vom Äusseren an-

98 LEONARDO

fangend bis ins Allerinnerste gelangen, wenn wir zunächst das Eine beachten: dass Goethe malen wollte und nicht konnte, während Leonardo einen solchen Gipfelpunkt bildnerischen Genies darstellt, dass einige Wenige ihn vielleicht erreichen, Keiner aber ihn überragt.
    Goethe's geringe Fähigkeit in Bezug auf die plastischen Künste würde weniger auffallen, sähen wir ihn nicht von klein auf mit solcher Leidenschaft gerade hierin Meisterschaft anstreben. Man weiss, dass er als Student in Leipzig mehr gemalt, als studiert hat; Oeser's Atelier, nicht die Hörsäle der juristischen Fakultät waren sein Aufenthalt. Und mit welcher rührenden Emsigkeit wurde dieser Kampf um ein Unmögliches fortgesetzt!

Doch unvermögend Streben, Nachgelalle,
Bracht' oft den Stift, den Pinsel bracht's zu Falle;
Auf neues Wagnis endlich blieb doch nur
Vom besten Wollen halb' und halbe Spur.

Schliesslich musste Goethe selber gestehen: »Es fehlte mir die eigentliche plastische Kraft«; und er fügt die köstlichen, selbstironisierenden Worte hinzu: »Meine Nachbildungen waren mehr ferne Ahnungen irgend einer Gestalt, und meine Figuren glichen den leichten Luftwesen in Dante's Purgatorio, die, keine Schatten werfend, vor dem Schatten wirklicher Körper sich entsetzen« (D. W. 20). Was dieser Mangel bedeutet, wusste Goethe genau; denn in einem Gespräche mit Eckermann (13. 12. 1826) führt er lobend Worte unseres Leonardo an: »Wenn in euerm Sohne nicht der Sinn steckt, dasjenige, was er zeichnet, durch kräftige Schattierung so herauszuheben, dass man es mit Händen greifen möchte, so hat er kein Talent.« Und wissen Sie, warum Goethe kein Talent zum Zeichnen hatte? warum seine Nachbildungen »nur ferne Ahnungen irgend einer Gestalt« waren? Weil ihm der Sinn für Geometrie abging; weil wir Menschen so konstruiert sind, dass wir keine Gestalt, welche die Natur uns bietet, genau aufzufassen vermögen, wenn wir nicht — bewusst oder unbewusst — das Netz unseres angeborenen Formenschemas davor gehalten und uns auf diese Weise das Unregelmässige, Unberechenbare, Niedagewesene durch die Beziehung auf ein Regelmässiges, Berechnetes, ewig Unveränderliches assimiliert haben. Das geschieht, ohne dass wir daran denken, jede Sekunde unseres Lebens; wir schematisieren unaufhörlich. Sie werden später von Kant lernen, in welchem Masse

99 LEONARDO

unser ganzes geistiges Dasein unter der Herrschaft des Schemas steht. »Dieser Schematismus unseres Verstandes in Ansehung der Erscheinungen,« schreibt er, »ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele.« Denn die Bilder, die wir von aussen empfangen, das heisst der Komplex unserer Sinneseindrücke, können nicht unmittelbar erfasst werden, sondern unser Geist — das »Tätigsein« des Aristoteles — muss ihnen erst, wie Kant mit einer glücklichen Trope sagt, »sein Monogramm« aufdrücken. »Nur mittelst des Schemas können die Bilder mit dem Begriffe verknüpft werden.« Sie sehen, es findet von aussen nach innen eine ähnliche Vermittlung wie von innen nach aussen statt. Unsere Ideen — Sie erinnern sich dessen von der Metamorphose her — konnten nur dadurch Sichtbarkeit erlangen, dass sie von der Sinnenwelt ein Symbol, z. B. das Blatt, sich borgten; diese Sinnenwelt aber — das ist die neue Erkenntnis — vermag es nicht, ins denkende Bewusstsein einzutreten, anders als vermittelt durch Verstandesschemen; und diese Schemen decken sich ebensowenig genau mit den Wahrnehmungen wie die Symbole sich mit den Ideen deckten (r. V. 180 ff.). Ich beabsichtige nun nicht, Ihnen in diesem Augenblick mit metaphysischen Erörterungen lästig zu fallen; im Gegenteil, ich wollte Sie nur darauf aufmerksam machen, dass uns der bildende Künstler dieses geheime Walten der »verborgenen Kunst« der Schematisierung am hellen lichten Tage zeigt und somit den Weg ebnet zu dem Verständnis eines der schwierigsten Teile von Kant's Erkenntniskritik. Denn was sonst unbewusst »in den Tiefen der Seele« vorgeht, das übt der grosse Maler bewusst und uns Allen sichtbar.
    Darum schrieb Dürer jene Worte, die Sie vorhin wahrscheinlich befremdeten: »Die Kunst der Messung ist der rechte Grund aller Malerei«; und der selbe Gedankengang liegt zu Grunde, wenn er auf der nächsten Seite schreibt: »Im äusseren Werke muss der   i n n e r l i c h e   Verstand angezeigt werden.« Und damit Sie genau erfahren, wie mächtig in einem solchen hervorragenden Gestalter das Geometrisch-schematische ausgebildet und wie emsig es am Werke ist, möchte ich Sie bitten, eine andere Schrift Dürer's, die Vier Bücher von menschlicher Proportion, zur Hand zu nehmen — nicht in einer modernen gekürzten Relation, sondern in dem ursprünglichen Kleinfolioband vom Jahre 1528, mit allen Tabellen und Tafeln, wie sie aus des Meisters Händen hervorgingen. Sie werden

100 LEONARDO

staunen über diese Welt der Zahlen und der geometrischen Figuren, in welcher Dürer lebte; Ihnen wird, glaube ich, dabei schwindlig werden. Durch Zahlenrechnung kann ja jede Komplikation erreicht werden, sie ergibt sich von selbst, ohne dass die Vorstellungskraft in Mitleidenschaft gezogen würde; es ist aber kaum fasslich, wie ein Mensch so ungeheuer verwickelte geometrische Gebilde als ein Anschauliches im Kopfe getragen haben kann, wie das doch bei Dürer offenbar der Fall war. In den ersten zwei Büchern werden Ihnen die vielen Zahlentabellen und die peinliche Akribie der Messungen imponieren. Aber nun betrachten Sie das dritte Buch! Hier lehrt uns Dürer, wie wir die nunmehr festgestellten Proportionen nach Belieben verändern können; so lässt er z. B. ein bestimmtes Weib mittlerer Proportionen, das er uns schon vorgeführt hatte, unendlich lang und hager, dann aber kurz und monströs dick werden; oder aber ein Teil des Körpers wird verändert, die andern bleiben, usw. Und dies alles mit beständiger Zugrundelegung geometrischer Schemen und mit Benützung von Instrumenten, die er »der Verkehrer«‚ »der Verfälscher« usw. nennt. Das vierte Buch ist fast noch interessanter; es zeigt an, »wie man die vorbeschriebenen Bilder biegen soll«‚ ist aber keine einfache Perspektivlehre in unserem Sinne, sondern eher das, was die Mathematiker Geometrie der Lage nennen, verbunden mit einer Projektionslehre. Sie brauchen nur die Figuren auf Folium Y4, Z und fg. anzusehen, um einen Begriff davon zu bekommen, was Dürer dem Kunstjünger zumutet.
    Ähnlich war nun Leonardo's Kopf organisiert, zwar weniger selbstquälerisch — sehen Sie nur seine Lehre von der Perspektive an, wie lichtvoll sie sich neben der Dürer's ausnimmt — doch immer und überall die mathematischen Verhältnisse beachtend, immer Berechnungen anstellend, immer das geometrische Schema zwischen dem Auge und dem Gegenstand ausbreitend. Vor 150 Jahren führte der Genfer Botaniker Charles Bonnet die sogenannte Phyllotaxie ein, d. h. die genaue Beobachtung der gegenseitigen Stellung der Blätter auf dem Stengel. Die verbreitetste Stellung nannte er den Quincunx: in diesem kommt immer das sechste Blatt über dem ersten zu stehen und zwar nach zweimäliger Umspannung des Stengels; jeder einzelne »Blattcyklus« besteht also aus fünf Blättern. Diese Entdeckung war das Ergebnis jahrelanger Studien eines geübten Fachmannes. Ein Vierteljahrtausend früher hatte aber Leonardo's Künst-

101 LEONARDO

lerauge den Quincunx beobachtet und mit peinlichster Sorgfalt nachgezeichnet, und zwar in seinem Buch von der Malerei. ¹) Sie sehen, wie mathematisch genau der Maler beobachtete! Und nicht bloss
QuincunxQuincunx
Leonardo - Sketch of treegenau, sondern schematisierend; denn in Wirklichkeit kommt diese 2/5-Stellung nur annähernd vor. Damit Sie aber auch den Geometer am Werke sehen, habe ich hier eine kleine Skizze aus Ravaisson-Mollien, Manuskript M, folio 78 verso, abgezeichnet. Notiert hat sich Leonardo dazu: »Alle Zweige besitzen Linien, welche nach dem Mittelpunkt des Baumes hinstreben.« Um ihn zu verstehen, dürfen Sie natürlich nur die jüngsten Zweige in Betracht ziehen und müssen sich vorstellen, wie dieser angebliche »Mittelpunkt« von Jahr zu Jahr hinaufrückt, zuerst schnell, dann langsam. Doch auch dann noch gehört zu einer derartigen Schematisierung viel Kühnheit. Auf anderen Blättern werden Sie sehen, dass Leonardo bemüht war, den menschlichen Kopf in ähnliche gesetzmässige Beziehungen zur Kreislinie zu bringen. Seine vergleichenden Schematisierungen verschiedener Menschenköpfe, einschliesslich der monströsen Missbildungen, sind so bekannt, dass ich nur darauf hinzuweisen brauche.
—————
    ¹) Siehe L. § 831, und überhaupt den ganzen sechsten Teil, De li alberi et verdure, in welchem man über manche der komplizierten Fragen in Bezug auf Verzweigungen, Inflorcscenzen, Homodromie und Heterodromie usw., welche die Botaniker des 19. Jahrhunderts beschäftigt haben, genaue Beobachtungen antreffen wird.

102 LEONARDO

    Das hier flüchtig Angedeutete mag genügen, um zu zeigen, welche besonderen Anlagen bei einem Manne am Werke sind, der das Erschaute nachzubilden fähig ist. Wo diese Anlagen fehlen, da gibt es keinen Maler, weil es dann kein Organ zur genauen Aufnahme von Gestalt gibt und aus jedem Versuch nur »ferne Ahnungen« hervorgehen können. Von solchen Wollenden und Nichtkönnenden sagt Leonardo: Multi sono gli uomini chi anno desiderio e amore al disegno ma non disposizione (R. M., G. fol. 25 recto); die disposizione besteht in der Fähigkeit zu schematisieren. Natürlich genügt die geometrische Anlage nicht, sie darf aber nicht fehlen. Wer das feste Schema vor's Auge hält, merkt jede Abweichung der Gestalt, wogegen ein Goethe — wie wir gesehen haben — eher geneigt war, das Unterscheidende gering anzuschlagen und überall das Verbindende zu erblicken. »Ich bin zur Identitätsschule geboren,« gesteht er; das ist keine Malerschule. Andrerseits ist es gewiss interessant zu entdecken, dass der Denker mit geschlossenen Augen, dessen grossartige schematische Vorstellungskraft die Theorie des Himmels ersann, hierin eine wahre Geistesverwandtschaft mit einem Dürer und einem Leonardo an den Tag legt. Wohl treibt die Mathematik auf der einen Seite ihre Wurzeln in die Logik und kann bei manchem ihrer Adepten eine rein abstrakt-logische Geistesübung bedeuten; doch das lebendige Wasser, das den Baum speist, ist die Anschauungskraft, und so kann es denn vorkommen, dass ein Kant in gewisser Beziehung einem Leonardo näher steht als Goethe. Hierauf komme ich im Interesse des Zusammenhanges erst später zurück, bitte Sie aber, hinfürder nicht zu vergessen, dass die schematisierende Kraft eine wahre Gestaltungskraft ist.
    Vorderhand müssen wir noch bei der Gegenüberstellung von Leonardo und Goethe verweilen. Ich möchte Ihnen zeigen, wie tief der Unterschied greift, den wir hier in dem schaffenden Auge beobachtet haben. Dazu werden uns Leonardo's Urteile über das Wesen der Kunst verhelfen. Nach ihm sind nämlich einzig die Sinne Vermittler der wahren Kunst, und wer — wie der Dichter
— lediglich durch Beschreibungen die sinnliche Vorstellung reizt, bedient sich einer untergeordneten, mittelbaren Kunstgattung. Stolz ruft Leonardo aus: Se'l pittore vol vedere bellezze che lo innamorino egli n'è signore di generarle. (L. § 13). Dass der Dichter ebenfalls Herr sei, das Schöne zu zeugen, bestimmt, ihn mit

103 LEONARDO

Liebe zu umfangen, das leugnet Leonardo. Denn il senso più nobile ist das Auge, und auf diesen edelsten Sinn folgt das Ohr, la musica si deve chiamare sorella minore della pittura (L. § 29); wogegen der Wortkünstler nur indirekt und uneigentlich Künstler ist, da er nur auf Umwegen und mit Umgehung der Sinneseindrücke Gestalten erzeugt; e per questo il poeta resta, inquanto alla figurazione delle cose corporee, molto indietro al pittore, e delle cose invisibili rimane indietro al musico (L. § 32). Der gewichtigste Einwurf aber, den Leonardo gegen den Dichter erhebt, ist, che non ha potestà in un medesimo tempo di dire diverse cose; nun sei es aber das Ziel der Kunst, die in der Menschenseele schlummernde Harmonie, die vieltönige, wachzurufen, und das müsse blitzähnlich, wie ein Hauch Gottes geschehen; denn armonia non s'ingenera se non in istanti, nei quali le proportionalità degli obietti si fan vedere, o'udire (L. § 27). Hier ist offenbar der plastische Künstler der Herr, denn er allein offenbart sein ganzes Werk in einem einzigen Augenblick, weswegen Leonardo seine Kunst una Deità nennt (L. § 23). Doch auch der Musiker gilt in jedem einzelnen Augenblicke eine vielgestaltige, vollkommene Harmonie; wogegen der Dichter in Worten genötigt ist, aus Stücken aufzubauen, l'una parte nasce dall' altra successivamente, e non nasce la succedente, se l'antecedente non muore (L. § 27). Es ist nicht meine Absicht, diese ästhetischen Lehren Leonardo's hier zu diskutieren; ich musste Ihnen nur zeigen‚ mit welcher leidenschaftlichen Einseitigkeit dieser hellblickende Mann dem Auge, und nebst den Auge überhaupt den unmittelbaren Sinneseindrücken, im Gegensatz zu aller Reflexion, ergeben ist. Die Berührung mit Richard Wagner ist offenbar und würde in einem anderen Zusammenhang zu fördernden Betrachtungen Anlass geben.
    Hier aber interessiert uns zunächst das Eine: Leonardo, der Mann, dessen Auge uns sofort an Goethe's Auge erinnert hatte, ist nicht nur ein Antipode Goethe's in Bezug auf wissenschaftliche Naturbetrachtung, sondern er ist nahe daran, diejenige Kunst, in welcher Goethe Unsterbliches schuf, gar nicht als wahre Kunst anzuerkennen. Goethe und Leonardo stehen — von dem Standpunkt aus gesehen, den wir augenblicklich einnehmen — so weit von einander, dass wir sie kaum zu einander in Beziehung bringen könnten, wenn nicht Kant Beiden die Hand reichte. Denn in der Tat, Kant, den wir vorhin Leonardo nahe verwandt fanden — so dass die Beiden,

104 LEONARDO

von dem fernen Goethe aus betrachtet, wie Brüder erschienen — rückt jetzt, vom Standpunkt der Ästhetik Leonardo's aus, dicht an Goethe heran. In diesem Stückweise-Aufbauen — una parte nasce dall' altra successivamente — hatten wir ja ein Kennzeichen der Anschauungsweise Kant's gefunden; Leonardo zeigt uns jetzt, dass es für jeden Gedankenkünstler bezeichnend ist, selbst auch für den Dichter. Und unwillkürlich rufen uns diese Worte una parte nasce dall' altra Goethe's Metamorphosenlehre in das Gedächtnis. Freilich schaut Goethe mit anderen Augen als Kant in die Natur hinein, doch aufbauen muss auch er, und um ihre Erscheinungen übersichtlich zu gestalten und seinen Gedächtnis einzuverleiben, kann er nicht umhin, das eine aus dem andern entstehen zu lassen; »Metamorphose« soll dies gerade besagen. Es wiegt also tatsächlich in der intellektuellen Persönlichkeit Goethe's, genau so wie in der Kant's, eine Anlage vor, die wir wohl mit Kant als »Verstand« im Gegensatz zur »Sinnlichkeit« bezeichnen dürfen, oder vielleicht noch besser als »Vernunft« (im Kantischen Sinne des »ganzen oberen Erkenntnisvermögens«) im Gegensatz zur Anschauungskraft überhaupt. Bei diesen beiden Männern, Goethe und Kant — aus wie verschiedenen Quellen sie ihre Eindrücke auch schöpfen mögen — bildet doch die Betonung der Idee, das Verweilen bei dem Theoretischen, einen gemeinsamen Zug. Mag auch der Weg, auf dem Goethe zu seinen Ideen gelangt, ein anderer sein als der, den Kant beschreitet, — ganz daheim, ganz Herr, ganz Schöpfer ist er nur auf dem Gebiete, welches Kant das »obere Vermögen« nennt im Gegensatz zu einem unteren Vermögen«‚ während Leonardo dieses angeblich untere Vermögen als das »obere« betrachtet und von keinem Wissen etwas hält, das nicht »aus der Sinneserfahrung geboren, durch die mathematische Darlegung seinen Weg genommen und im Experimente seinen Abschluss gefunden hat« (L. § 1 u. 33). Weswegen er uns zuruft: Non vi fidate degli autori che anno solo colla imaginatione voluto farsi interprete fra la natura all' uomo (R. M., I fol. 54 recto) und uns warnt, wir sollen uns lieber nicht abgeben mit quelle cose, di che la mente umana non è capace e non si possono dimostrare per nessuno esemplo naturale (R. § 1210). Für Leonardo existiert, wie Sie sehen, in Bezug auf die Natur, nichts als die strengste, Wirkung und Ursache verknüpfende Empirie; wogegen die Gestaltung durch Ideen, wie sie Goethe übte und wie sie Kant verteidigte,

105 LEONARDO

ihm müssige imaginatione dünkt, oder, wie er sie auch nennt, bugiarda scientia, eine Lügenwissenschaft (L. § 33).
   
Hier entdecken wir nun, wie tief der Unterschied zwischen Goethe und Leonardo greift, denn er betrifft nicht die Kunst allein, sondern erstreckt sich bis auf die ganze Art, die Natur zu betrachten. Wir sahen schon im vorigen Vortrag, dass Goethe mit   I d e e n   arbeitete, wo er   E r f a h r u n g e n   zu besitzen glaubte: da haben Sie gleich ein Beispiel des Vorwaltens der Vernunft, des »oberen Erkenntnisvermögens« im Gegensatz zur empirischen Anschauung. Denn — wie unsere Untersuchung der Metamorphosenlehre uns zeigte — Ideen sind wohl ein Geschautes, nicht aber ein empirisch Geschautes, mit anderen Worten, sie sind uns nicht durch blosse Erfahrung gegeben; wohl wurzeln sie in sinnlichen Eindrücken, doch ist das nur ihr Nährboden; die Luft, die sie umgibt, ist die der Vernunft, und das Tageslicht, in welchem wir sie erblicken, strahlt von innen, aus einem focus imaginarius.
    Ein Wort Kant's wird uns in diesem Augenblick gute Dienste leisten, denn es bezeichnet genau, was Goethe von Leonardo scheidet, und gönnt uns zugleich einen tiefen Einblick in Kant's eigene Art zu schauen; auf abstraktem Wege studiert, hätten wir seine Absicht vielleicht gar nicht verstanden; so aber, im Licht und Schatten Leonardo's und Goethe's, tritt sie plastisch hervor. Kant redet vom Wesen des Dichters. Nachdem er — im diametralen Gegensatz zu Leonardo — »der Dichtkunst unter allen Künsten den obersten Rang« angewiesen hat, rühmt er dem Dichter vornehmlich das Eine nach, dass er »ein freies, selbsttätiges und von der Naturbestimmung   u n a b h ä n g i g e s   V e r m ö g e n   fühlen lässt, die Natur, als Erscheinung, nach Ansichten zu betrachten und zu beurteilen, die sie nicht von selbst weder für den Sinn, noch den Verstand in der Erfahrung darbietet, und sie also zum Behuf und gleichsam   z u m   S c h e m a   d e s   Ü b e r s i n n l i c h e n   zu gebrauchen« (Ur. § 53). Also, der Dichter lehrt uns die Natur nach Ansichten betrachten, welche die unmittelbare Erfahrung nicht bietet, und er deckt in uns ein Vermögen auf, das Sinnliche   z u m   S c h e m a   d e s   Ü b e r s i n n l i c h e n   zu gebrauchen. Diese Definition des Dichters im allgemeinen passt genau auf Goethe's Verhältnis zur Natur. Bei seiner Betrachtungsweise findet ein beständiges Wechselspiel statt zwischen dem, was die Sinne bieten, und dem, wozu die Sinneserfahrung nur als Sprungbrett diente. Goethe ist ein guter, treuer, ja in

106 LEONARDO

einem gewissen Sinne und, wo es not tut, ein nüchterner Beobachter der Natur; doch ist es eine im edelsten Sinne des Wortes »dichterische« Sehnsucht — und damit will ich sagen, ein Sehnen und ein Vermögen zu gestalten — die ihn zu beobachten treibt; er will jenes »freie, selbsttätige und von der Naturbestimmung unabhängige Vermögen« ausüben, und ohne es selber zu wissen, fliegt er hinaus weit über die Grenzen der empirischen Erfahrung. Seine orphischen Urworte — deren letzte Zeile das berühmte

Ein Flügelschlag! und hinter uns Äonen! —

sind ursprünglich in der Morphologie erschienen, das herrliche
Athroismos gehört zur Knochenlehre, und hier wird uns, mitten unter den Knochenbildern und Tabellen, zugerufen:

Nimm vom Munde der Muse,
Dass du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewissheit.

Die Muse also soll auf dem Gebiete der Naturforschung unsere Schutzgöttin sein! Und zwar ist sich Goethe in gewissen Augenblicken seines Verfahrens vollkommen bewusst; denn unter seinen nachgelassenen Aufzeichnungen über Naturlehre finden wir folgende höchst bemerkenswerte: »Phantasie ist der Natur viel näher als die Sinnlichkeit; diese ist in der Natur, jene schwebt   ü b e r   ihr. Phantasie ist der Natur gewachsen, Sinnlichkeit wird von ihr beherrscht« (W. A., 2. Abt., 6, 361). Da sehen Sie das »freie, selbsttätige Vermögen«, von dem Kant sprach, am Werke; zugleich sehen Sie das genaue Gegenteil von Leonardo's Überzeugungen und Grundsätzen. Denn nach Leonardo ist »alles Wissen eitel und voller Irrtümer — vane e piene di errori — welches nicht aus der Sinneserfahrung geschöpft und durch das wissenschaftliche Experiment geprüft worden ist« (L. § 33). Leonardo ist ein so strenger Empiriker, dass er sogar dem Künstler zuruft, er dürfe kein höheres Ziel kennen, als gareggiare colla natura (R. § 662), wörtlich: mit der Natur zu konkurrieren. Wie verschieden die Augen Goethe's und die Leonardo's arbeiten, sehen wir aber nicht bloss an den Lehren, zu denen ihre Art zu schauen Anlass gibt, sondern auch an dem Erfolg ihrer Tätigkeit. Nicht allein darf Leonardo von sich sagen, in pictura posso fare a paragone di ogni aitro, e sia chi vuole, ¹) während Goethe nach jahrelangem Streben das Gegenteil gestehen muss,
—————

    ¹) Brief an Lodovico il Moro (R. II, 396).

107 LEONARDO

sondern Leonardo's wissenschaftliche Leistungen sind durchaus anderer Art als Goethe's. Goethe's Metamorphosenlehre, seine Farbenlehre, seine übrigen wissenschaftlichen Gedanken bin ich weit entfernt gering zu schätzen; vielmehr bin ich tief überzeugt, dass seine ganze Art, die Natur anzuschauen, für die Kultur des menschlichen Geistes eine Bedeutung besitzt, die wir jetzt erst zu ahnen beginnen. Goethe ist in mancher Beziehung kaum erst geboren. Diese Bedeutung ist aber eine kulturelle, nicht eine wissenschaftliche im eigentlichen, strengen Sinne dieses Wortes. Goethe wird uns lehren, »den freien Blick ins weite Feld der Natur zu öffnen«; den   f r e i e n   Blick, dass heisst, den Blick des bewussten menschlichen Schöpfers, der nicht mehr in dumpfem Gehorsam der trägen Materie zu Willen steht, sondern »der Natur gewachsen ist«, und das heisst zugleich, den Blick des Mannes, dessen Auge nicht mehr von den eigenen Zwangsvorstellungen geblendet wird, sondern — dank den Bestrebungen Kant's — mit der eigenen Freiheit auch die Freiheit der Natur gewonnen hat. Das alles — worauf ich noch heute zurückkomme, sobald unsere Betrachtungen genügend herangereift sind — können wir einsehen und müssen dennoch zugeben, Goethe habe die exakte Naturwissenschaft mehr angeregt und aufgestachelt als wirklich gefördert; wogegen der adleräugige und kluge Empiriker Leonardo, der schematisch erblickende und mechanisch denkende Mann, die Methode der Wissenserwerbung so genau kannte, dass er den Siegesgang unserer Naturforschung ahnend antizipierte. Wie Kant uns neulich zurief: »Die Erfahrung allein ist in Betracht der Natur der Quell der Wahrheit«. Das wusste Leonardo genau; gareggiare colla natura, das war nicht in der Kunst allein, sondern auch in der Wissenschaft sein Sinnspruch, seine Lust und die Ursache seines Erfolges. Dass die Erde sich dreht, ist keine symbolische Idee — wie Goethe's Metamorphosenlehre — sondern eine konkrete Theorie; dass das Blut vom Herzen durch die Adern gejagt wird, ist nicht — wie die Entdeckung des Zwischenkieferknochens — die Folgerung aus einer a priori Annahme, sondern eine durch mühsame Autopsie und Beobachtung entdeckte Tatsache. In Bezug auf reine Naturwissenschaft kann man, glaube ich, sagen, habe Leonardo Goethe fast ebenso übertroffen wie im Malen. Er kennt die einzig wahre Methode; das sieht man ihm gleich an; und damit ist alles gesagt. Beobachtung, Experiment, mathematische Berechnung: immer wie-

108 LEONARDO

der schärft er diese drei ein als die Grundlage alles wahren Wissens. Bedenkt man ausserdem, dass er der Ausbildung der instrumentalen Technik leidenschaftliches Interesse widmete (zur Beobachtung des Mondes hatte er sich schon hundert Jahre vor Galilei eine Art Teleskop erbaut), so muss man gestehen, er besass alle Eigenschaften, die den geborenen Naturforscher ausmachen.
    Indem wir das Unterscheidende zwischen Leonardo und Goethe immer schärfer herausarbeiteten, sind wir nun an dem kritischen Punkt angelangt, ich meine an dem Punkt, wo es sich lohnen wird, einen tiefen Schacht einzusenken, sicher, dass wir auf Edelmetall der Erkenntnis stossen. Wer die verschiedenartige Wertschätzung der Mathematik für die Wissenschaft bei Leonardo und bei Goethe wirklich bis auf den Grund versteht, hat viel gewonnen, nicht bloss für die Würdigung dieser beiden grossen Geister, sondern überhaupt für sein eigenes Gedankenleben. Und zugleich ist dieser Punkt einer der kritischen für das Verständnis des Kantschen Intellektes. Denn sahen wir vorhin Kant ganz, ganz nahe bei Goethe, so schnellt er zurück zu Leonardo, sobald nicht Kunst und Idee, sondern Wissenschaft und Mathematik betont werden. Hier herrscht nicht bloss — wie vorhin bei der Betrachtung des Schematisierens — Analogie der Anlagen zwischen Leonardo und Kant, sondern eine wahre enge Verwandtschaft in der ganzen Art, die Welt zu erschauen. Goethe dagegen steht abseits in grosser Ferne.
    Über Leonardo's Liebe zur Mathematik habe ich schon gesprochen; ich muss aber Ihre Geduld noch einige Augenblicke beanspruchen. Non mi legga, chi non è matematico, es wage keiner, mich zu lesen, der nicht mathematisch beanlagt ist! — dieser Kraftspruch könnte genügen. Was wir aber noch lernen müssen, ist, dass es sich bei Leonardo nicht lediglich um eine Liebhaberei, noch auch um ein dem bildenden Künstler unentbehrliches Werkzeug handelt, sondern um eine philosophische Einsicht in das Wesen des Menschengeistes. »Der Mann, welcher die Mathematik geringschätzt, nährt sich von Konfusion«, sagt Leonardo, chi biasima la somma certezza della matematica, si pasce di confusione e mai porrà silentio alle contraditioni delle soffistiche scientie, colle quali s'inpara uno eterno gridore (R. § 1157). Denn »in den mathematischen Wissenschaften ist die Wahrheit enthalten und die Möglichkeit zu wissen« (R. § 1210). Das ist ein sehr wichtiges Wort:   d i e   M ö g l i c h k e i t   z u

109 LEONARDO

w i s s e n;   Goethe hätte es nicht unterschrieben, Kant dagegen mit beiden Händen. Und weil ein tatsächliches »Wissen« an die Ausübung der mathematischen Denkweise geknüpft ist, darum stellt Leonardo das Dogma auf: Nessuna humana investigatione si po dimandare vera scientia, s'essa non passa per le matematiche dimostrationi (L. § 1). Denn das Kriterion einer vera scientia ist für Leonardo die unumstössliche Gewissheit, und Wissen im Sinne von Gewissheit gibt einzig die Mathematik. Daher folgt, dass: nessuna certezza è, dove non si puo applicare una delle scientie matematiche over che non sono unite con esse matematiche (R. M., G. fol. 96 verso). Also keine Forschung begründet echte Wissenschaft, wenn sie nicht den Weg der mathematischen Darlegung beschreiten kann und beschreitet: das ist die unerschütterliche Überzeugung Leonardo's. Und mit dieser klaren Erkenntnis von dem Verhältnis der Mathematik zum Wissen ist der Wundermann ebenso Kant vorausgeeilt, wie er mit seinen Entdeckungen Kopernikus und Harvey vorausgeeilt war. In einem seiner reifsten Werke, den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, schreibt nämlich Kant: »Ich behaupte, dass in jeder besonderen Naturlehre nur so viel   e i g e n t l i c h e   Wissenschaft angetroffen werden könne, als darin Mathematik anzutreffen ist«. Freilich hat Kant, der Denker, genauer analysiert als Leonardo. Im Zusammenhang seiner gesamten Weltanschauung hat er uns zwischen »eigentlicher« und »uneigentlicher« Wissenschaft unterscheiden gelehrt; er hat uns gezeigt, dass eine Wissenschaft, die lediglich auf empirischer Beobachtung ruht, wohl den Namen und die Würde einer »Wissenschaft« verdiene, insofern sie von der Erfahrung nicht abweiche, die entdeckten Tatsachen systematisch ordne und sie nach dem Verhältnis von Ursachen und Wirkungen aneinander gliedere, dass man sie aber eher »systematische Kunst« nennen sollte, (als Beispiel nennt er die Chemie seiner Zeit), weil zu der apodiktischen Gewissheit eines wirklichen Wissens etwas mehr gehört als empirische Erfahrung. Dieses Etwas — das, was Kant »den reinen Teil« nennt — ist gerade jene innere, menschliche Gesetzgebung, welche, insofern sie die Anschauung betrifft, Mathematik heisst. Einzig Mathematik gibt apodiktische Gewissheit; einzig apodiktische Gewissheit kann im strengen Sinne des Wortes »Wissen« genannt werden. Darum: je mehr Mathematik, um so mehr eigentliche Wissenschaft.
    Sie sehen, welche wahre, tiefgreifende Verwandtschaft zwischen

110 LEONARDO

der Anschauungsart dieser beiden — auf den ersten Blick uns so diametral entgegengesetzt dünkenden — Männer herrscht! Kant, der künstlerisch gänzlich Unbegabte, begreift doch die grundlegende Bedeutung von Gestalt und Mass für den Aufbau menschlichen Wissens und zeigt sich (in verschiedenen Werken und namentlich auch (in den soeben genannten Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft) als ein Talent ersten Ranges auf dem Gebiet dieser gesetzgebenden schematischen Anschauung; Leonardo, der Künstler, der Schöpfer des Abendmahles und der Mona Lisa, ist nichtsdestoweniger mit Leidenschaft der Mathematik und Mechanik ergeben; die Wirkung ihrer unumstösslichen Gewissheit auf den Geist vergleicht er mit der Wirkung des Lichtes auf das Auge (R. § 13) und meint mit der Übertreibung des heissblütigen Künstlergemütes, sie allein enthalte »die Möglichkeit zu wissen«.
    Es handelt sich um eine wirkliche Harmonie in den Anlagen der beiden Männer. Und zwar tut sie sich gerade an der Stelle kund, wo Goethe versagt; denn wir dürfen hier von einem Versagen sprechen, sowohl künstlerisch als philosophisch. Künstlerisch ist das Verhältnis insofern leicht zu überblicken, als Goethe selber bitter empfand, was ihm abging; es war ein Wollen und Nichtkönnen. Philosophisch war er sich dessen leider nicht so genau bewusst, und das ist für ihn und für uns die Veranlassung zu einem gewaltigen pascersi di confusione geworden. Dass Goethe die Mathematik »verachtet« habe, ist natürlich albernes Gefasel der auf allen Lebenszweigen piepsenden Mikrocephalen; ein einziger Satz von ihm genügt zur Abwehr: »Niemand kann die Mathematik höher schätzen als ich, da sie gerade das leistet, was mir zu bewirken völlig versagt worden«. ¹) Dass ihm auch hier etwas »versagt« war, hat er also doch empfunden, und wie hoch er das Versagte zu Zeiten einzuschätzen wusste, zeigt ein Satz mitten in der Farbenlehre (Didaktischer Teil § 724), wo jede Gereiztheit gegen die Rechenkünstler zu entschuldigen gewesen wäre, und wo Goethe dennoch die Mathematik für »eins der herrlichsten menschlichen Organe« erklärt. Trotzdem müssen wir zugeben, dass Goethe nicht allein die Fähigkeit zur Ausübung, sondern auch das volle Verständnis für das Wesen der Mathematik in ihren unentrinnbaren Beziehungen zum Menschengeist nicht besass. »Falsche Vorstellung, dass man ein Phänomen durch Kalkül abtun und be-
—————
  ¹) Über Mathematik und deren Missbrauch.

111 LEONARDO

seitigen könne«, ruft er z. B. ärgerlich aus. ¹) Ja, was soll das heissen, »abtun«, »beseitigen«? Erfassen, in der Gesetzmässigkeit seiner Bewegung dartun, zu einer Wissenschaft durchklären, genau so, wie Albrecht Dürer es für die äussere Gestalt des menschlichen Körpers getan und wie Leonardo es für den Mechanismus des Blutumlaufs im Innern versucht hat: das ist es, was die Mathematik leistet. »Das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben,« sagt Galilei. Goethe dagegen empfindet einen Widerspruch zwischen dem beobachteten Phänomen und dem mathematischen Schema. Dass er dies empfindet, verdankt er nun freilich der reinen Kraft seines Blickes; anstatt aber sich von Kant belehren zu lassen, es sei im Wesen des Menschengeistes begründet, wenn Bild und Schema nicht genau kongruieren; ²) anstatt mit Leonardo einzusehen, dass die mathematische Vorstellungsweise das notwendige Organ ist alles dessen, was Wissenschaft im Sinne eines exakten Wissens heissen kann, und dass das, was er — Goethe — erstrebt, nicht Wissenschaft ist, sondern etwas Anderes, nämlich erhöhte Anschauung — »die Welt des Auges«‚ von der wir im vorigen Vortrag hörten — und dass diese Welt im Gegensatz zur mechanischen Analyse ideelle Darstellung fordert, anstatt alles dessen arbeitet sich Goethe hartnäckig in die unglückliche Vorstellung hinein, es gebe eine unmathematische »Wissenschaft«‚ man müsse die Anwendung der Mathematik »beschränken«, sie innerhalb der Naturlehre auf ein geringes Gebiet zurückführen usw. Wissenschaft und Kunst, meint er, seien durch »falsche Anwendung der Mathematik« in »klägliche Abirrung geraten«. ³) Wenn man nun bedenkt, dass die antimathematischen Auslassungen Goethe's — deren man zahlreiche anführen kann — hauptsächlich auf die Optik zielen, und in Erwägung zieht, welche ruhmgekrönte Bahn die mathematische Optik seit Goethe's Zeit durchschritten und welcher weite Ausblick auf umfassende Erkenntnis sich in unseren Tagen durch Maxwell und Hertz gerade hier eröffnet hat; wenn man die heutige Bedeutung der Spektralanalyse für Astronomie, Chemie und Physik sich vergegenwärtigt und dann Goethe das Spektrum als nicht viel mehr denn eine Newtonsche Spielerei verlachen sieht, so muss man empfinden, der grosse Naturbeobachter
—————
    ¹) Ferneres über Mathematik und Mathematiker.
    ²
) Vgl. oben S. 99.

    ³) Aphorismen über Naturwissenschaft.


112 LEONARDO

und Dichter möge gewiss das Recht besitzen, die Natur nach seiner Weise zu betrachten, es gehe ihm aber das Verständnis für die mathematische Methode der exakten Wissenschaft ab. Und zwar fällt dies um so mehr auf, wenn wir dann bei Leonardo allerdings nur einige wenige, aber — 200 Jahre vor Newton — erstaunlich richtige Bemerkungen über die Spektralfarben finden, und wenn wir an Kant's Hochschätzung der Huyghensschen Undulationstheorie denken. Wir besitzen also schon heute den Experimentalbeweis, dass wir auf Goethe's Wege in den Wissenschaften — als reinen Wissenschaften — nicht weiter kommen, während wir auf dem von ihm perhorrescierten und von Kant als einzig richtig bezeichneten mathematischen Wege von einer theoretischen und praktischen Errungenschaft zur anderen fortgeschritten sind.

WESEN DER MATHEMATISCHEN METHODE

    Was ist nun das Wesen der mathematischen Methode? Diese Frage ist hier nicht zu umgehen, sonst könnten wir weder die extreme Anschauung Leonardo's, noch die extreme Anschauung
Goethe's gerecht beurteilen, noch auch würden wir es verstehen, warum Kant's philosophische Kritik ihm gestattet, beiden entgegengesetzten Ansichten gerecht zu werden. Die Frage will ich vorderhand in möglichst wenigen und möglichst einfachen Worten zu beantworten suchen, zwar mit Anlehnung an Kant, doch ohne ihn für meine freie, anschauliche Darlegung verantwortlich zu machen; Genaueres ergibt sich aus später anzustellenden Betrachtungen.
    Sobald wir denkend — ich meine hier denkend im Gegensatz zu rein passiv anschauend — sobald wir denkend der Natur gegenübertreten und jene »Einheit der Objekte« herstellen, ohne welche sie für uns überhaupt nicht Natur, sondern Chaos wäre, da bedeutet jede einzelne Verknüpfung — wir mögen sie anstellen, wie wir wollen — B e w e g u n g.   Denken Sie nur an allgemeinste Wahrnehmungen beliebiger Körper, die Sie, ohne weiter darüber zu philosophieren, bloss im anschauenden Bewusstsein denkend verknüpfen — etwa wie der Hirt seine grasende Herde betrachtet. Entweder ruhen die Objekte und dann muss unser Sinn sich bewegen, um sie wahrzunehmen, und wir erhalten   G e s t a l t,   oder unser Sinn ruht und die Objekte bewegen sich an ihm vorbei, und wir erhalten   Z a h l;   meist werden beide Arten der Verknüpfung zugleich stattfinden; und, wie Sie sehen, ob wir die Aufmerksamkeit auf das Nebeneinanderbestehen im Raume oder auf die Aufein-

113 LEONARDO

anderfolge in der Zeit richten, Bewegung liegt immer zu Grunde. Bewegung, sagt Kant, ist das, was Raum und Zeit vereinigt (r. V. 58), und gedachte Bewegung, d. h. Bewegung durch die Vernunft erfasst, ist Mathematik. Wenn wir die stillen geometrischen Figuren in unseren Schulbüchern betrachten, so vermeinen wir bisweilen, hier wäre das Sinnbild der Ruhe; doch werden wir im folgenden Vortrag sehen, wie der grosse Descartes die höhere Mathematik begründete, indem er uns lehrte, alle ruhende Gestalt in Bewegung aufzulösen, wodurch zugleich ein zweites gegeben ward, die Möglichkeit nämlich, jede Bewegung in sichtbare, bleibende Gestalt umzuwandeln. Genau aber wie diese »höhere Mathematik« aus der Verbindung der Geometrie und Zahlenlehre hervorgeht, so entsteht auch eine wirklich verständliche, logische »Natur« für uns erst durch weitere — und zwar bei näherer Betrachtung recht gewaltsame — Verknüpfungen von Raum und Zeit, aus welchen die Vorstellungen der Zugehörigkeit einer Wahrnehmung zu der andern, der Wechselwirkung zwischen den Erscheinungen, des ursächlichen Zusammenhanges hervorgehen. So bedeutet z. B. das Verhältnis von Ursache und Wirkung eine zwiefache Bewegung im Raum und in der Zeit. Unübertrefflich anschaulich finden Sie das im vierten Absatz von Schopenhauer's Hauptwerk dargestellt; ich verweise Sie darauf. ¹) Und wenn Sie nun weiter geforscht und gedacht haben werden, so werden Sie begreifen, wie Kant zu der Definition gelangt: »Materie ist das Bewegliche« und zu der Behauptung, der Raum könne durch nichts Anderes, als durch   B e w e g u n g   gefüllt werden (M. N., 2 Hp., L. 1). Und damit Sie nicht glauben, dass ich Sie auf den Nadelspitzen abstraktester Philosophie führe, sondern begreifen, dass es sich hier um die konkrete und notwendige Auffassung der Natur durch den menschlichen Verstand handelt, will ich Sie darauf aufmerksam machen, dass unsere moderne Physik, so antimetaphysisch sie sich in ihrem empirischen Wahn auch gebärdet, immer mehr den Kantischen Standpunkt als allein berechtigt einsehen lernt, und dass die lieben kleinen Billardkugeln
—————

    ¹) Wer lieber andere, konkretere Wege wandelt, um genau zu dem selben Ergebnis zu gelangen, dem empfehle ich die kleine Schrift Wilhelm Wundt's: Die physikalischen Axiome und ihre Beziehung zum Causalprinzip, 1866, wo mit ausserordentlicher Klarheit die historische Entstehung und unabweisliche Wahrheit des Grundaxioms: »alle Ursachen in der Natur sind Bewegungsursachen« dargelegt werden. Auch der Physiologe Adolf Fick setzt im § 13 seines Lehrbuchs der Anatomie und Physiologie der Sinnesorgane auseinander, der Raumsinn und der Zeitsinn bilden verbunden einen »Geschwindigkeitssinn«.

114 LEONARDO

von Atomen nur noch als ein Abgeleitetes und als ein Notbehelf für gröbere Geister bleiben, während Lord Kelvin und andere führende Geister unter den mathematischen Physikern von »Kraftcentren« sprechen und unter Atomen »wirbelnde Bewegung« verstehen. Lord Armstrong — ich nenne englische Forscher mit Absicht, weil keine anderen, auch nicht Italiener und Franzosen, dem Einfluss deutscher Metaphysik so fern stehen — Lord Armstrong schreibt in seinem Buche Electric movements in air and water, 1897: »Es gibt gar keinen Grund, die Materie als etwas Anderes denn Bewegung zu betrachten«. Selbst den hypothetischen Äther verwirft er als überflüssig und findet »die Annahme eines   l e e r e n   R a u m e s   und eines Kontinuums von Bewegungen, die zu einander in Wechselwirkung stehen«, vorzuziehen! ¹)
    Ich meine nun, schon dieses Wenige wird genügen, damit Sie Kant's apodiktische Behauptung begreifen und — weil Sie sie begreifen — unterschreiben: »Wissenschaft der Natur ist durchgängig eine entweder reine oder angewandte Bewegungslehre« (M. N. Vor.).

    Hierzu tritt nun aber eine zweite, entscheidende Erwägung, die nicht wie die erste physikalische Elemente enthält, sondern rein philosophisch ist. Die oberste Gesetzgebung dieser Wissenschaft der Bewegung wird nicht wahrgenommen als Tatsache der Natur, sondern wurzelt im Wesen der Vernunft. Wir selber sind es, wir Menschen, welche Materie nicht anders auffassen können —
nicht anders können, sobald wir es nämlich auf die logische, denkende, ein apodiktisches »Wissen« begründende Auffassung der Natur anlegen — wir selber sind es, welche Materie nicht anders
—————
    ¹) Empty space would do just as well, if we only chose to conceive a continuity of interacting motions. — Im Jahre 1896, bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Professorenjubiläums, sagte Lord Kelvin in einer Rede: »Ich kann die Überzeugung nicht unterdrücken‚ dass wir einer umfassenden Theorie der Materie entgegenreifen, in welcher   a l l e   i h r e   E i g e n s c h a f t e n   l e d i g l i c h   a l s   A t t r i b u t e   d e r   B e w e g u n g   werden erkannt werden«. (Dieses Citat, sowie dasjenige aus Armstrong's Buch, nach den jedenfalls zuverlässigen Berichten des englischen Fachblattes Nature.) Die Physiker gingen voran, doch jetzt folgen ihnen schon die Chemiker. Ostwald, einer der kompetentesten lebenden deutschen Chemiker in Bezug auf theoretische Fragen, definiert: »Die Materie ist nichts als eine räumlich unterscheidbar zusammenhängende Summe von Energiegrössen« (Studium zur Energetik II, Ber. u. Verh. d. k. sächs. Gesell. der Wissenschaften 1892), und in seinen Grundlinien der anorganischen Chemie, 1900, S. 19 ff., verwirft er die bisher üblichen Ausdrücke «Erhaltung der Substanz« oder »Erhaltung der Materie« und ersetzt sie durch den Begriff »Erhaltung des Gewichtes«. Denn, wie er sagt: »Unter Materie versteht mann ziemlich unbestimmter Weise ein Etwas, an dem alle Eigenschaften der Körper haften«; und dieses unbestimmte Etwas wird besser durch blosse Energiegrössen — das heisst teils wahrnehmbare, teils nur mögliche Bewegungen ausgedrückt.

115 LEONARDO

aufzufassen vermögen denn als Bewegung, und für welche infolgedessen jede vera scientia, jede absolute certezza auf reine oder angewandte Bewegungslehre hinauslaufen   m u s s.   Die Analyse der Bewegung bewirkt nun der menschliche Verstand durch das ihm eigene schematische Verfahren, das wir Mathematik nennen. Durch die Mathematik wird das Fremdartige, Aussermenschliche dem Menschengeist assimiliert und von ihm — wenn ich so sagen darf — »verdaut«; sehr vieles wird abgestossen; was bleibt, besitzt nunmehr menschlich fassliche Gestalt. Das meint Kant, wenn er sagt: »Die oberste Gesetzgebung der Natur muss in uns selbst, das ist in unserem Verstande, liegen« (P. § 36). Um es etwas roh, doch dem augenblicklichen Standpunkt unseres Studiums angemessen auszudrücken: die Tatsachen gibt die Natur, die Gesetze gibt der Menschenverstand. Wofür ich wieder Worte Kant's als Formulierung anführen kann: »Der menschliche Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor (a. a. O.). Im ersten Augenblick wird Ihnen diese Bemerkung vielleicht stark paradox vorkommen, doch es genügt ja, wenn Sie vorderhand nur diese beiden Dinge einigermassen deutlich auffassen: alle exakte Wissenschaft (im eigentlichen, strengen Sinne dieses Wortes) ist im letzten Grunde Bewegungslehre; alle Bewegungslehre ist Mathematik und insofern rein menschlich. Einem Gesetz des eigenen Seins entgehen wollen, heisst nicht weniger, als den Versuch unternehmen, aus der eigenen Haut zu kriechen. Wir loben also den Scharfsinn des grossen Leonardo, der das Grundgesetz aller exakten Forschung so richtig und energisch erfasst hatte, wogegen wenn ein Mann herkommt — und wäre es auch ein Goethe — und uns zuruft: Freunde, ich will Euch eine unmathematische Wissenschaft lehren! wir erkennen und bekennen müssen, der grosse Mann sei in tiefem Irrtum befangen. Und zwar ist sein Irrtum ein doppelter: erstens, insofern als seine (stillschweigend vorausgesetzte) Definition von »Wissenschaft« nicht zutreffend genannt werden kann; zweitens, weil er offenbar das Wesen der Mathematik und ihre gesetzgebende Funktion in Bezug auf alles, was kausale Verknüpfung — und das heisst gedachte Natur — ausmacht, nicht richtig erfasst.
    Eine ganz andere Frage ist die, ob das, was Goethe angestrebt hat, nämlich eine antimathematische, insofern auch a-logische und darum unwissenschaftliche Auffassung der Natur, nicht tiefe Berechtigung besitze. Auch diese Frage dürfen wir nicht unbeant-

116 LEONARDO

wortet lassen; denn sie besitzt entscheidende Wichtigkeit auch für das Verständnis Kant's. Um sie aber beantworten zu können, müssen wir, wie im vorigen Vortrag, einen Exkurs unternehmen, der uns den unentbehrlichen anschaulichen Stoff liefern soll. Wollten Sie sich ohne weiteres in Kant's abstrakt-analytischen Gedankengang vertiefen, es würde Ihnen vermutlich sehr schwer fallen, seinen Ausführungen über eine unmathematische Naturauffassung — »Natur als Darstellung« nennt er sie — ein lebendiges Verständnis entgegenzubringen; wogegen, von Goethe kommend, Sie Kant von vornherein verstehen und darum schwelgen werden in dem beispiellosen Tiefsinn des gewaltigsten aller Denker. Wir müssen also beherzt eine Untersuchung über das Verhältnis zwischen der exakten, mathematischen Wissenschaft, wie sie Leonardo einzig gelten liess, und Goethe's Naturauffassung hier unternehmen. In der Hauptsache wird dieser Exkurs auf eine vergleichende Gegenüberstellung der physikalischen Optik und Goethe's Farbenlehre hinauslaufen; doch gehen allgemeine Bemerkungen voran und verflechten sich in den Gang der Darstellung.

*
*   *
GOETHE'S WELT DES AUGES

    Was zunächst unsere Aufgabe erschwert, ist, dass Goethe selber kein theoretisches Bewusstsein seines Verfahrens — ja, wir dürfen
sagen, seines Zieles — besessen hat. Sein eigenes Wort: »der Mensch kommt nie so weit, wie wenn er nicht weiss, wohin der Weg geht«, gilt von ihm selber; denn indem er glaubte, bloss an der Naturforschung seiner Zeit mitzuarbeiten, begründete er in Wirklichkeit ein Neues. Das ist die nackte Wahrheit, die unbekannte Wahrheit, die in dem Lärm und Staub der Parvenü-Orgie unserer erfolgreichen mechanischen Wissenschaft spurlos — doch nicht auf immer — untergegangen scheint. Es gibt Momente in dem Schaffen grosser Geister, wo sie ein Höchstes leisten: das ist, wenn sie sich selber nicht ganz verstehen, wenn sie mit Leidenschaft für eine unmögliche Behauptung eintreten, sie, die wahrlich heller blicken als Andere und folgerichtiger denken als ihre Censoren; denn hier, gerade hier, wo sie sich mit sich selbst in manchen Widerspruch verwickeln, wirken sie wie eine unbewusste Naturmacht, zukünftigen Erkenntnissen den Weg bahnend; hier ballt sich der Geist zu einer die Zieralleen menschlicher Kleinkunst hinwegsäubernden Lawine, oder wie ein Vulkan sprengt er die überschwere Kruste, welche die Trägheit von Jahrtausenden um

117 LEONARDO

das frohe Feuerelement der Menschenseele abgelagert hatte. Ich bitte Sie, sehen Sie sich doch Goethe an — den herrlichen Mann! Halten Sie es für denkbar, dass er ein ganzes Leben mit seinen Lichtaugen in das Licht geschaut haben kann, ohne etwas Wahres zu erblicken? Doch weil ich weiss, dass ich hier zunächst überall auf Unglauben und Widerspruch stossen werde, will ich Worte eines bahnbrechenden exakten Naturforschers, des anerkanntermassen grössten Physiologen des 19. Jahrhunderts, Johannes Müller, anführen. Müller ist — was Louis Agassiz und Julius Robert von Mayer und Heinrich Hertz, sonst aber verschwindend wenige unserer berühmten Naturforscher waren — ein wirklich erhabener Geist von bleibender Bedeutung. Müller nun weist auf Goethe's Aufsatz über Die Skelette der Nagetiere hin und sagt: »Nichts Ähnliches ist aufzuweisen, was dieser aus dem Mittelpunkt der Organisation entworfenen Projektion gleichkäme. Irre ich nicht, so liegt in dieser Andeutung die Ahnung eines fernen Ideals der Naturgeschichte.« Sie hören diese Worte? Die   A h n u n g   e i n e s   f e r n e n   I d e a l s.   Und Müller, der exakte Naturforscher, schätzt die Erweckung dieser Ahnung so hoch, dass er auf der nächsten Seite das Urteil fällt, Goethe habe nicht allein als Künstler, sondern auch als Naturforscher »das Grösste erreicht«. ¹) Ich bitte, auch dieses Urteil — »das Grösste« — nie mehr zu vergessen. Denn wir Neueren sind unter dem Landregen pseudowissenschaftlicher Platitüden aufgewachsen; einzig Rudolf Virchow hat vor vierzig Jahren einmal den Naturforscher Goethe öffentlich in Schutz zu nehmen gewagt, gewiss ein gewichtiger Zeuge, dessen »exakte Nüchternheit« kein Mensch anzweifeln wird, der aber leider nicht befähigt war, den Schleier des Missverstandes wirklich zu heben; denn dazu hätte die philosophische Bildung gehört, die Virchow perhorreszierte, — weswegen seine guten Worte damals zwar viel Staub aufwirbelten, doch bald einflusslos verhallten. ²) Jedes zweibeinige Rädchen an der grossen Wissenschaftsmaschine glaubt sich heute berechtigt, über Goethe den Naturforscher mit den Achseln zu zucken; ich besitze zufällig den eigenhändigen Brief einer solchen »Berühmtheit«, die ihre Professorenwürde hoch genug taxiert, um sich über Goethe folgendes Urteil zu erlauben: seine »Auffassung der Natur« sei, »wie
—————
    ¹) Über die phantastischen Gesichtserscheinungen, 1826, § 186 und § 188 (letzterer fälschlich als 34 gedruckt).
    ²) Goethe als Naturforscher, 1861. Diese gediegene Schrift muss noch heute Jedem empfohlen werden, der Goethe studiert.


118 LEONARDO

sie ein gemütlicher Ästhetiker und Kuriositätensammler auf Spaziergängen gelegentlich heraussimuliert«. So wagt ein derartiger, durch die Zuchtrute seiner Lehrer und den Stachel des Hungers glücklich bis zum Doctor philosophiae und schliesslich bis zu dem drei Stufen hohen Professorenkatheder hinaufgetriebener Mittelmensch, von dessen Existenz man sich noch in zwei oder drei Auflagen unserer Konversationslexika wird überzeugen können, über den fürstlichen Intellekt eines Goethe zu reden, über das Götterauge, welches während mehr als ein halbes Jahrhundert nie aufgehört hat, die Natur denkend zu erschauen, über den Mann, von dem ein Johannes Müller urteilte, er habe als Naturforscher »das Grösste erreicht«!
    Doch genug davon; denn wollte ich mich in Empörung hineinreden — in die Empörung über den geistigen Verfall, den die beschränkte Empirie unserer tyrannischen, den übergelehrten Philistern als Beute verfallenen Wissenschaft veranlasst hat — so wäre ich nicht bald fertig. Die Reaktion hat schon begonnen; auch für Goethe den Naturforscher sind tüchtige Männer einer jüngeren Generation am Werke, und mehr als die Einzelnen wird die allgemeine Not, die unabweisliche kulturelle Notwendigkeit uns zwingen, den Weg einzuschlagen, den Goethe als »Ahnung eines fernen Ideals« uns wies, wollen wir nicht in völlige Barbarei verfallen. Schon hat uns ein führender Geist unter den lebenden antimetaphysischen Empirikern — der Mechaniker Ernst Mach — verraten, was zunächst vernichtet werden soll, und er hat's für die Ziele einer rein maschinellen Barbarei nicht schlecht getroffen: unsere Sprachen. ¹) Im Interesse der »Wissenschaft« sollen sie fallen, um einer abstrakten, internationalen Sprache Platz zu machen. Als Ideal schwebt dem gelehrten Professor die chinesische Schrift vor, da sie als reine »Begriffsschrift« allen Ballast an feineren Gefühlsbestimmungen entfernt. Dann soll noch das Grammatikalische und das Historische »beseitigt werden«! Wenn man ausserdem noch die Schriftzeichen vereinfacht und sie durch algebraische Formeln und chemische Symbole ergänzt, so ist alles beisammen, was Professor Mach von einer Sprache verlangt. Er hat auch ganz recht. Eine Wissenschaft, die sich lediglich mit abstrakten Gespenstern abgibt, berührt das wahre Leben an keiner einzigen Stelle. Goethe's Absicht, durch seine Farbenlehre nebenbei »die
—————
    ¹) Die Mechanik, Band 59 der Internationalen Wissenschaftlichen Bibliothek, 3. Auflage, 1897 S. 472 f.

119 LEONARDO

Sprache zu bereichern und so die Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern«, muss von diesem Standpunkt aus ein non plus ultra des Unsinns bedeuten Und wenn Mach zum Schluss die hoffnungsvolle Ansicht ausspricht, die englische Sprache befinde sich auf den besten Wege, dieses Ideal zu erreichen, so wollen wir das Körnchen Wahrheit nicht übersehen, das in diesen Breughelschen Höllentraum sich eingeschlichen hat, und uns zu derjenigen Schar gesellen, welche keine Erbschaft für heiliger hält als die Sprache. Je reicher, je unlogischer, je begriffswidriger die Sprache, um so mehr spiegelt sie wahre Natur. Die Männer, die uns die Sprache zu rauben gesonnen sind, haben uns schon — so weit es an ihnen lag — die Natur gestohlen; belehrte uns doch Lord Armstrong soeben, die Wissenschaft brauche nichts weiter als einen leeren Raum anzunehmen (siehe S. 114); wogegen derjenige Mann, dessen Genie in der souveränen und schöpferischen Beherrschung der Sprache wurzelte, mit seiner vielgeschmähten Naturlehre den einen einzigen Zweck verfolgte, uns neben seinen unsterblichen Dichtungen auch deren ewigen Brunnquell — die sichtbare, unerschöpflich gestaltenreiche Natur — zu schenken.
    Goethe selber hat nun — wie gesagt — ein kritisch-analytisches Bewusstsein seiner neuen Methode nicht besessen, und darum ist sein Urteil über das Verhältnis seiner Forschungsweise zu der eigentlich wissenschaftlichen ein schwankendes und kann leicht irreführen.

    Bisweilen sah er recht klar darin; so z. B. wenn er die Anziehung, welche Spinoza in seinen Jugendjahren auf ihn ausgeübt, aus dem antipodischen Gegensatze dieses Geistes zu ihm selber herleitet und hinzufügt: »Die mathematische Methode war   d a s   W i d e r s p i e l   meiner poetischen Sinnes- und Darstellungsweise« (D. W., 14). Dies gilt, wie Sie sehen, ganz allgemein; die »mathematische Methode«, die der jüdische Denker bevorzugte, empfindet Goethe als seiner eigenen »poetischen Sinnesweise« entgegengesetzt. Doch auch in Bezug auf die specielle Naturforschung lassen sich entscheidende Stellen anführen; ich wähle eine aus dem Jahre 1826, welche die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit der Mathematik besitzt. Goethe schreibt: »Das Recht, die Natur in ihren einfachsten, geheimsten Ursprüngen, so wie in ihren offenbarsten, am höchsten auffallenden Schöpfungen, auch ohne Mitwirkung der Mathematik, zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen, musste ich

120 LEONARDO

mir, meine Anlagen und Verhältinsse zu Rate ziehend, gar früh schon anmassen. Für mich habe ich es mein Leben durch behauptet. Was ich dabei geleistet, liegt vor Augen; wie es Andern frommt, wird sich ergeben«. ¹) Das ist doch vollendet klar, nicht wahr? »Meine Anlagen zu Rate ziehend«: das deutet auf jene Anlagen, welche, nach dem ersten Citat, »das Widerspiel« der mathematischen sind. Und Goethe fordert das Recht, die Natur diesen Anlagen gemäss zu betrachten, zu erforschen und zu erfassen. Betrachten, erforschen, erfassen: das bedeutet ein vollständiges Programm zu einer eigenen Naturlehre. Im weiteren Verlauf des Aufsatzes spricht Goethe tatsächlich davon, dass »ein neuer Standpunkt zu den neuen Ansichten berechtige«. Aus dieser Erkenntnis sind die zahlreichen Stellen zu verstehen, in denen Goethe, ohne alle Bitterkeit, erklärt, seine Art die Natur zu betrachten, »bleibe den Männern vom Fach unfasslich, eben weil sie anders denken«; in denen er von den ersten grossen deutschen Naturforscherversammlungen bekennt, sie brächten nichts, »was ihn auch nur etwas berühre, anrühre, anrege, keine neue Forderung, keine neue Gabe«, ihm, der doch »seit fünfzig Jahren leidenschaftlich den Naturbetrachtungen ergeben sei«; denn unter sämtlichen deutschen Naturforschern sei »keiner, der nur die mindeste Annäherung zu seiner Sinnesart hätte». ²) Und auch solche Stellen gehören hierher, wo Goethe in seinen letzten Jahren — wie z. B. in dem vorhin genannten Aufsatz über die Nagetiere — anstatt, wie gewöhnlich, seine Leistungen auf dem Gebiete der Morphologie in den hellen Farben des erfolgreichen Forschers zu schildern, plötzlich »als das lebhafteste fühlt, dass sein redliches Streben in Betrachtung der Natur nur Vorahnungen, nicht Vorarbeiten gewesen«. Das alles liesse an Deutlichkeit und Richtigkeit der Einsicht nichts zu wünschen übrig. Goethe ist sich in solchen Augenblicken so völlig bewusst, nicht Hand in Hand mit den Männern der eigentlichen »Wissenschaft« zu gehen, dass er für sich als ein »Recht« es fordert, nach seiner eigenen Weise forschen zu dürfen, und gesteht, diese Weise bleibe Jenen unfasslich, ja, dass er ahnt, es handle sich um einen »neuen Standpunkt«, um ein Zukünftiges, dessen Bedeutung ihm selber halb verschleiert bleibe. Und da möchte ich Ihnen gleich das Urteil eines der besten lebenden Kenner der betreffenden Werke Goethe's, des
—————
    ¹) Über Mathematik und deren Missbrauch.
    ²) Briefe an Zelter vom 11. 4. 1825, 10. 7. 1828, 1. 11. 1829.


121 LEONARDO

um Goethe's Schriften über die Natur so vielfach verdienten Dr. Rudolf Steiner, vorlegen. Steiner spricht speziell von der Farbenlehre, genau das selbe liesse sich aber von Goethe's Morphologie sagen. Er schreibt: »Die Farbenlehre Goethe's bewegt sich in einem Gebiete, welches die Begriffsbestimmungen der Physiker gar nicht berührt. Die Physik   k e n n t   einfach alle die Grundbegriffe der Goetheschen Farbenlehre nicht. Sie kann somit von ihrem Standpunkte aus diese Theorie gar nicht beurteilen. Goethe beginnt eben da, wo die Physik aufhört. Es zeugt von einer ganz oberflächlichen Auffassung der Sache, wenn man fortwährend von dem Verhältnis Goethe's zu Newton und der modernen Physik spricht und dabei gar nicht daran denkt, dass diese zwei völlig verschiedene Dinge sind«. ¹)
    Leider ist es nun Goethe selber, der mit äusserster Eindringlichkeit und Vehemenz über sein angebliches »Verhältnis zu Newton« gesprochen hat, und nicht zu Newton allein, sondern überhaupt zur exakten Naturwissenschaft. Haben Sie in dem vorhin angeführten feierlichen Bekenntnis jene fünf unschuldigen Worte bemerkt: »auch ohne Mitwirkung der Mathematik«? Da sprudelt noch heute die böse Quelle des Missverstehens. Es ist nicht »auch ohne«, sondern es ist im Gegensatz zur Mathematik, dass Goethe Natur betrachtet und erforscht und erfasst. Die mathematische Methode und Goethe's Methode können nebeneinander, nicht aber miteinander bestehen; ein Kompromiss zwischen ihnen ist unmöglich; sie können nicht das eine Mal »auch mit« und ein anderes Mal »auch ohne« einander wirken.

    Wie tief das Missverständnis bei Goethe drang, will ich Ihnen nur an einem — statt an hundert — Beispielen zeigen. Einen Monat nach jenem grundlegenden Bekenntnis, in dem nur ein geübtes Auge den Makel des »auch ohne« entdeckt, spricht er zu Eckermann: »Haben doch auch die Mathematiker nicht die Metamorphose der Pflanze erfunden! Ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht, und die Mathematiker haben es müssen gelten lassen« (G. 20. 12. 1826). Wenn diese Worte authentisch berichtet sind, so genügen sie zum Beweise, dass wir unseren eigenen Kräften trauen müssen, um hier klar zu sehen; Goethe, der Vor-
—————
    ¹) In Kürschner's Goethe-Ausgabe, Band 35, Vorrede S. 30. Der Satz: Goethe beginnt eben da, wo die Physik aufhört«, ist vielleicht nicht sehr glücklich gesprochen; weder führt die Physik zu Goethe, noch Goethe zur Physik; der lapsus calami liesse Unaufmerksame es vermuten.

122 LEONARDO

bote und Begründer, lässt uns in Bezug auf das klare Verständnis seiner Tat im Stiche. Mathematik und Metamorphose! Hier wäre der Platz gewesen, um zu zeigen, dass es sich um zwei ungleichartige und unvereinbare, einander nirgends berührende Verfahren handelt. Was Goethe's Idee von der Metamorphose ist, wissen Sie aus unserem ersten Vortrag; freilich umfasst auch sie, wie jede menschliche Erkenntnis, die Vorstellung der Bewegung; doch anstatt sich ihr wie ein Schiffer dem Strome anzuvertrauen, schwebt sie wie ein Aar in die Höhe, von wo aus gesehen der lebendig eilende Fluss zugleich Bewegung und Ruhe ist, Bewegung als inneres Daseinsgesetz, Ruhe als Gestalt. Die Mathematik — und in einem weiteren Sinne die gesamte eigentliche Wissenschaft, da diese überall dem einen Trieb gehorcht, Mathematik zu werden — die Mathematik besitzt keine andere Fähigkeit und Funktion als die Analyse des Werdens; selbst das Ruhende muss sie in Bewegung auflösen, sonst kann sie ihm nicht beikommen. Worauf Goethe's Bemühungen dagegen ausgehen, ist nicht analytisches Wissen, sondern intensivstes Erschauen — »die Welt des Auges« — und dessen Gesetz ist nicht das Werden, sondern das Sein. Daher jenes eigentümliche Durchdringen von Gleichzeitigem und Aufeinanderfolgendem, welches bei der Metamorphosenlehre manchmal verwirrend auf uns — und auch auf Goethe selber — wirkte. Denn während die Wissenschaft, deren ganzes Wesen auf dem Begriff von Ursache und Wirkung ruht, das Sein nur als einen fast imaginären Punkt zwischen Gewordensein und Werdenwerden gelten lässt, kann das Auge offenbar kein Werden anders wahrnehmen, denn als eingeschlossen im ewigen Sein. Goethe's Idee von einer »gleichzeitigen Umbildung« ist logisch und daher auch wissenschaftlich ein sinnloser Begriff, dem Auge aber erschliesst sie eine Welt. Auf diese Fragen kommen wir in den Vorträgen über Plato und Kant zurück, denn einzig Plato hat geahnt und einzig Kant hat gewusst, um was es sich hier handelt. Für den Augenblick mag das Gesagte genügen, Sie recht deutlich fühlen zu lassen, wie ungereimt Goethe's Apostrophe an die Mathematiker ist. Wie sollte ein Mathematiker — in seiner Eigenschaft als Mathematiker — die Metamorphose erfinden? Es müsste ein sehr schlechter Mathematiker gewesen sein. Ebensowenig treffen die Worte; »ich habe dieses ohne die Mathematik vollbracht«, den Nagel auf den Kopf, was wir doch sonst von Goethe gewohnt sind.

123 LEONARDO

Und was die Schlussbemerkung anbelangt: »Sie haben es müssen gelten lassen«, so beruht sie einfach auf Irrtum. Goethe's Metamorphosenlehre ist ebenso wie seine antimathematische Optik von der Wissenschaft abgelehnt worden. Freilich, es geschah nicht so einstimmig und energisch und von Beginn an, doch lediglich deswegen nicht, weil auf biologischem Gebiete die Komplikation eine weit grössere ist, wodurch endlosen Missverständnissen Raum gegönnt bleibt. Schlagen Sie aber irgend ein zuverlässiges heutiges Werk auf, z. B. die Geschichte der Botanik von Julius Sachs (Kap. 4), so werden Sie Goethe's Metamorphosenlehre unbedingt zurückgewiesen finden. Sachs zeigt, wie Goethe immerfort zwischen Tatsache und Idee hin und her geschwankt habe, und er deckt den Schaden auf, den seine Anhänger während langer Jahre stifteten, indem sie, anstatt den Gedanken der Metamorphose »im tieferen Sinne der idealistischen Philosophie« zu verwerten, ihn in die exakte Wissenschaft einführten, was nur geschehen konnte, indem man »die höchsten Abstraktionen mit der nachlässigsten und rohesten Empirie, zum Teil mit ganz unrichtigen Beobachtungen verband« (a. a. O., S. 174). Die Metamorphosenlehre hat die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts mindestens ebenso gehemmt als gefördert. In dieser Weise urteilt ein Naturforscher, dessen Recht mitzureden nicht in Frage gezogen werden kann. Mit dem »sie haben es müssen gelten lassen« hat es, wie Sie sehen, eine eigene Bewandtnis. Dass es aber in Bezug auf das Verhältnis zwischen Goethe's Metamorphosenlehre und der exakten Wissenschaft so viel Konfusion — bis heute herab — gegeben hat, kommt, wie ich vorhin bemerkte, von der Natur des Gegenstandes. Alle Wissenschaften streben nach der Mathematik, doch ist die Biologie — im Gegensatz zur Physik — von diesem Ziele noch fern. Und da kommt es auf eine Schulung des Sehens an, sonst wird das Material gar nicht erblickt; man beobachtet, aber man beachtet nicht. Vor Goethe schleppte sich darum die vergleichende Anatomie mühsam daher; Männer wie Caspar Friedrich Wolff starben unbekannt. Erst Goethe — um ihn herum aber manche andere wie Camper und Oken — regte die Phantasie mächtig an und trieb sie dadurch zur Beachtung des Erblickten. Einzig hierin liegt für die Wissenschaft die Bedeutung seiner Metamorphosenlehre. Goethe's ganze Naturkunde kann   e i n e   A n l e i t u n g   z u m   S e h e n   genannt werden. Und damit ist nichts Geringes gesagt, denn Phantastereien lehren nicht

124 LEONARDO

sehen, im Gegenteil, sie führen zu jenen falschen Beobachtungen, die Sachs vorhin tadelte; dagegen gibt es ein Etwas, das Goethe in einer glücklichen Stunde als »exakte sinnliche Phantasie« bezeichnete; ¹) diese Phantasie ist — wie das Wort es besagt — sinnlich, nicht abstrakt; sie beruht auf sehr genauem Sehen, und die unübertreffliche Genauigkeit mancher Beobachtungen Goethe's können Sie sich von Müller und Helmholtz, von Virchow und Gegenbaur, von Sachs und Ferdinand Cohn bezeugen lassen; nun muss aber zu dem exakten Sehen die exakte Phantasie kommen. Wissenschaftliche Hypothesen vergehen alle, Goethes Metamorphosenlehre und Farbenlehre werden nie vergehen, sie stehen so fest wie die Tatsachen, welche sie in der Vernunft widerspiegeln. Daher die Bedeutung von Goethe's Ideen für die Zoologie und die Botanik. Die Wissenschaft hat seine Gedanken gebraucht, wie sie den Augenspiegel gebraucht, um in die Tiefe zu sehen, um Tatsachen zu entdecken; doch lediglich als ein Werkzeug, nicht als ein Organ. Zwar führt die Evolutionshypothese ihren Ursprung gern auf Goethe zurück, doch ist das eine Naivetät des greisenhaften Kindes, das besser daran täte, sich bei Moses, Sanchuniathon, Thales und Empedokles nach Ahnen umzuschauen, da diese ehrwürdigen Männer ihm historisch bessere Dienste leisten und auch in Bezug auf Geisteskultur näher verwandt sind.

OPTIK UND FARBENLEHRE

    Um aber das Verhältnis zwischen Goethe's Naturanschauung durch exakte sinnliche   P h a n t a s i e   und der mathematisch-exakten   W i s s e n s c h a f t   der Natur restlos klarzulegen, müssen wir zu einem konkreten Beispiel greifen. Optik und Farbenlehre sollen uns dazu dienen. Natürlich kann ich Sie nicht in die Mysterien der Optik einführen, ebensowenig vermag es irgend ein Mensch, Goethe's Farbenlehre kürzer darzustellen, als er es selber getan hat. Dieses unsterbliche Werk ist lauter Anschauung und lautere Anschauung; jeder ungelehrteste Mensch kann es Absatz für Absatz durchstudieren und Schritt für Schritt das sehen, was Goethe gesehen hat. Hier ist Sehen und Verstehen das selbe. Man sollte meinen, Jeder würde danach greifen. Und da Helmholtz — den ich wohl als allverehrten Vertreter der mathematischen, antigoetheschen Wissenschaft hier anführen darf — ausdrücklich bestätigt: »Die Versuche, welche Goethe in seiner Farbenlehre angibt, sind genau beobachtet und
—————
    ¹) In dem Aufsatz über Ernst Stiedenroth's Psychologie.
 
125 LEONARDO

lebhaft beschrieben, über ihre Richtigkeit ist kein Streit«, ¹) so brauchte Niemand, der dieses verbotene Buch lesen wollte, auch nur um sein wissenschaftliches Seelenheil zu zittern. Genaue, richtige Beobachtungen, die sich ausserdem von einem ordentlichen Universitätsprofessor die Zensur, »lebhaft beschrieben« zu sein, verdient haben, könnten gewiss keinem Menschen schaden. Doch ich weiss, es nützt alles nichts; kein Mensch ist dazu zu bringen, die Farbenlehre zu lesen. Dieses herrliche Kind eines Halbgottes gleicht einer schlummernden Brünnhilde, die auf den neuen Tag wartet, der ihr den Wecker bringen wird. Es kann sich also für uns nur um einige wenige Grundbegriffe handeln; das wird aber genügen, damit Sie den Unterschied zwischen »Natur als Mathematik« und »Natur als Darstellung« mit Händen greifen und über die Berechtigung der letzteren, ihr Dasein neben ersterer zu behaupten, nie mehr in Zweifel geraten. Dabei werden Goethe, Leonardo, Kant, jeder in seiner Eigenart vor Ihren Augen aufsteigen.

DIE PHYSIKALISCHE OPTIK

    Da Helmholtzens Optik gerade zur Hand ist, schlagen wir sie auf, dort, wo die allgemeine Darstellung der physikalischen Optik beginnt. Den ersten Absatz bildet eine Definition des Lichtes, die
folgendermassen lautet: »Das Licht wird von der Mehrzahl der Physiker als eine eigentümliche Bewegungsform eines hypothetischen Mediums, des Lichtäthers, angesehen, und wir wollen uns dieser Ansicht, der Undulationstheorie, die sehr vollständig von allen Erscheinungen Rechenschaft gibt, anschliessen« (S. 30). Hier haben Sie die ganze Methode der mathematisch-mechanischen Wissenschaft in einer Nusschale. Das angebliche Wort des sterbenden Dichters — »Mehr Licht!« — wird gern bei jeder Gelegenheit und Ungelegenheit citiert; was hätten unsere empfindsamen Seelen dazu gesagt, wenn Goethe ausgerufen hätte: »Mehr eigentümliche Bewegungsform des hypothetischen Mediums!« Glauben Sie aber nicht, dass ich mit diesem schlechten Witz die optische Definition lächerlich machen will; kein geringerer als René Descartes hat die Anschauung begründet, das Licht   m ü s s e   als Bewegung aufgefasst werden, und zwar als Bewegung eines unsichtbaren, den Weltraum aus füllenden Mediums; durch diese Annahme ist die Optik die vollkommenste aller Wissenschaften geworden; ich wollte Sie nur aufmerksam machen, dass das erste Gesetz aller Wissenschaft —
—————
    ¹) Handbuch der physiologischen Optik, Ausg. von 1867, S. 268.

126 LEONARDO

sobald sie exakt werden will — die   V e r n i c h t u n g   d e s   A n s c h a u l i c h e n   fordert, oder wenn nicht geradezu des Anschaulichen kurzweg, so doch des tatsächlich Angeschauten zu Gunsten einer abstrakten, mathematisch brauchbaren, völlig unsinnlichen und schematischen Vorstellung. In diesem selben Werke (S. 268) macht Helmholtz in der Tat Goethe zum Vorwurf, er gehe »in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten darauf aus, das Gebiet der sinnlichen Anschauung nicht zu verlassen«. Bei der sinnlichen Anschauung zu verweilen, ist also, wissenschaftlich betrachtet, ein Fehler; denn, wie Helmholtz weiter ausführt: »Jede physikalische Erklärung muss zu den Kräften aufsteigen, und die können natürlich nie Objekt der sinnlichen Anschauung werden, sondern nur Objekte des begreifenden Verstandes.« Diese angeblichen »Kräfte« sind nun pure Gedankendinge; selbst die nüchternste antiphilosophische Wissenschaft gibt heute zu, dass sie nur in unseren Köpfen existieren; und gerade weil dem so ist, können sie die sinnliche Anschauung in ihrer Reinheit nicht gebrauchen, sondern müssen sie durch eine imaginäre Sinnlichkeit ersetzen. ¹) Was da noch angeschaut wird, ist, wie der genialste Physiker, Heinrich Hertz, zugibt, ein »Scheinbild«, von dem man nicht verlangen darf, dass es »irgend eine Übereinstimmung mit den Dingen habe«. ¹) Der erste Schritt führt also von der Anschauung hinweg in das Abstrakte; bis das gelungen ist, ist keine Wissenschaft exakt. Als ungelehrte, naiv denkende Menschen hätten Sie das Licht für die konkreteste aller Ihrer Wahrnehmungen gehalten. Hier erhalten Sie dafür eine Definition, welche jegliche Wahrnehmung bei Seite schiebt. Denn genau betrachtet, enthält sie nur zwei Aussagen, von denen die eine lautet: Licht ist »Lichtäther«, eine Leistung, die an das »ich bin ich« des Jahve gemahnt und vor das Forum der Logiker gehört, die zweite die Bestimmung hinzufügt: Licht ist Bewegung. Da nun vorhin die flüchtigste Überlegung genügt hat, uns zu belehren, dass die Auffassung der Natur als Bewegung eine unabweisliche Forderung der Menschenvernunft, das heisst, nicht ein Gesetz der Natur, sondern ein Gesetz unseres Gehirnes ist, und schon Leonardo, als scharfer Denker, die Richtigkeit dieses Grundsatzes erkannt hatte (R. § 1139), so
—————
    ¹) Auch Whewell, der Geschichtsschreiber der induktiven Wissenschaften, bekennt sich zu der Ansicht, dass es in den physikalischen Wissenschaften vor allem »auf die klare, sichere Beherrschung abstrakter Ideen« ankomme (History of the inductive sciences, ed. 1857, I, 282).
    ²) Prinzipien der Mechanik, Einleitung, S. 1 und 2.


127 LEONARDO

Lichtätherfolgt dass obige Definition tatsächlich gar nichts weiter enthält, als ganz allgemeines metaphysisches Postulat. Seither haben, wie Sie wissen, gewisse führende Physiker auch das hypothetische Mediumn, den Äther, für überflüssig erklärt: für diese ist Licht also gar nichts als abstrakte Bewegung im leeren Raum!
    Nun aber lesen Sie, bitte, in Helmholtz weiter. Jetzt kommt das Schema. Wie Kant scharfsinnig bemerkt hat: in der Physik »geht das subjektive Prinzip der Naturforschung vor dem objektiven vorher, die   Z u s a m m e n s e t z u n g   v o r   d e m   Z u s a m m e n g e s e t z t e n «,   wir »müssen das Mannigfaltige selbst hineinlegen«, denn wir können hier nichts anderes erforschen, »als was wir hineinlegen« (Üb. I, 262, 271, 293). Und in die Optik legen wir recht viel hinein. ¹)
    Dem Rate Helmholtzens folgend, versinnbildlichen wir uns mit Hilfe eines nassen Fadens, den wir oben mit den Fingern fassen, frei herunterhängen lassen und nun hin und her bewegen, die »eigentümliche Bewegungsform des hypothetischen Mediums«, so gut es gehen will. Doch — nebenbei gesagt — dass das Medium und seine Bewegungen rein hypothetisch sind, dass ihnen lediglich die Bedeutung eines Scheinbildes, d. h. eines denkbaren Schemas zukommt, davon ist in den Lehrbüchern nie mehr die Rede; die Lichtwellen werden als erfahrene Tatsachen behandelt. ²) Hier sehen Sie das Bild: der Strich AB ist der umubewegte Faden; so liegen die Lichtätherteilchen hintereinander in gerader Linie, solange sie nicht bewegt sind; und hier die punktierte Linie zeigt Ihnen, wie die sogenannten »Wellen« sich ausnehmen, sobald ein Atherteilchen oben bei A hin und her zu schaukeln anhebt. Und warum setzt sich das betreffende Teilchen in Bewegung?
—————
    ¹) Am Schlusse seines Lebens (gegen 1830) spricht Goethe die selbe Einsicht in seiner Weise aus: »Genau besehen findet sich immer, dass der Mensch dasjenige voraussetzt, was er gefunden hat, und dasjenige findet, was er voraussetzt. Der Naturforscher als Philosoph darf sich nicht schämen, sich in diesem Schaukelsystem hin und her zu bewegen und da, wo die wissenschaftliche Welt sich nicht versteht, sich selbst zu verständigen« (W. A. 2. Abt., 6, 351).
    ²) Die Behauptung, die sogenannten »Interferenzerscheinungen« bewiesen in concreto die tatsächliche Existenz der Ätherwellen, scheint mir eine arge Naivetät, denn sie beweisen weiter nichts, als dass die hypothetischen Annahmen des Un-


128 LEONARDO

Das ist wieder eine eigentümliche Sache. Helmholtz schreibt: »Ganz ähnlich der Bewegung der einzelnen Teile des Fadens würde die Bewegung einer Reihe von Ätherteilchen sein,   l ä n g s   w e l c h e r   sich ein Lichtstrahl fortpflanzt«. Hatten wir also oben eine Definition des Lichtes erhalten, welche gar nichts weiter als die abstrakte Annahme enthielt, Licht sei Bewegung, so wird hier plötzlich der   L i c h t s t r a h l   als hypostasiertes Wesen eingeführt, das sich »längs« der Teilchen des Lichtäthers fortpflanzt und dadurch ihre Bewegung veranlasst. Und während »Licht« nach der Definition eine Wellenbewegung ist, ist der »Lichtstrahl« nach der mathematischen Definition (siehe a. a. O., S. 33) »eine senkrechte Linie«. Das ist schon eine ziemliche Hexenküche. Nun stellen Sie sich vor, die Sonne steht im Mittag, die Welt ist von Licht durchtränkt: wie viel »Strahlen« mag es da geben? Mehr jedenfalls als um das Haupt einer byzantinischen Madonna. Sie lachen? Doch diesmal ist es kein Spass, sondern Ihr Glauben wird für folgende Proposition gefordert: »Wir können in solchen Fällen die Bewegung der Ätherteilchen innerhalb eines Strahls annähernd als ein   a b g e s c h l o s s e n e s   m e c h a n i s c h e s   G a n z e   ansehen, welches unabhängig von den Bewegungen der benachbarten Strahlen von statten geht«. Sie sehen, die Strahlen sind eine ganz materielle Vorstellung. Wie es möglich ist, dass ungezählte Strahlen, neben einander fortlaufend, die seitlichen Bewegungen der Ätherteilchen nicht aufheben, so dass es vor lauter Lichtstrahlen gar kein Licht gibt — das müssen Sie mit sich selber ausmachen, denn darauf hat die Physik keine Antwort. Hätten wir die Wellenbewegung allein oder die geradlinige Bewegung allein (welch letzteres bei Newton, der von einer Wellenbewegung nichts wusste, der Fall war und seiner ganzen Optik zu Grunde liegt), dann besässe unsere abstrakte Vorstellungskraft wenigstens ein mögliches Scheinbild; unsere mathematische Physik kann aber die beiden Vorstellungen nicht entbehren: Licht ist eine geradlinige Bewegung, es verbreitet sich nicht wie Schall nach allen Richtungen, und Licht ist trotzdem zugleich eine wellen-
—————
dulationsschemas für unser Wissen noch immer ausreichen. In Wirklichkeit ist die ganze Vorstellung der »Schwingungen«, wie sie noch in allen Lehrbüchern als sichere Tatsache vorgetragen wird, durch die elektromagnetische Lichttheorie überwunden und ersetzt. Wilhelm Ostwald spricht von ihr als von der »ohne Sang und Klang zu Grabe getragenen Schwingungstheorie« (Vortrag gehalten in der Naturforscherversammlung zu Lübeck 1896, S. 17), und Poincaré, einer der ersten lebenden mathematischen Physiker, sagt von der Hypothese der Schwingungen, sie sei »weder gewiss noch interessant« (La Science et l'Hypothèse, p. 191).

129 LEONARDO

förmige Bewegung; nur durch die conjunctio dieser zwei einander widersprechenden Begriffe können alle Phänomene mathematisch ohne Rest schematisiert werden. Der grosse Mathematiker d'Alembert macht darauf aufmerksam, dass die angebliche »Wolkenlosigkeit« der Mathematik in Wirklichkeit nur dort statthabe, wo sie das ganz Abstrakte behandle, dass aber, je reicher das Sinnenmaterial sei, auf welches wir sie anwendeten, um so dunkler die Vorstellungen würden, die wir ihren Operationen zu Grunde legten. ¹) Hier sehen Sie, wie wahr seine Worte sind. Die mathematische Physik ist praktisch, nützlich, fehlerlos, grossartig, verblüffend ...... ich will ihr gern alle lobenden Prädikate des Wörterbuches zuerkennen, nur das eine nicht, dass sie   k l a r   sei; wer mit d'Alembert denkend ihre Grundlagen untersucht, wird sie obscure finden. Wenn Goethe einem Freunde einige Begriffe über das Wesen des Lichtes beibringen wollte, stürmte er zuerst gegen die unglückliche Vorstellung der Strahlen an. »Von Strahlen ist gar die Rede nicht, sie sind eine   A b s t r a k t i o n,   die erfunden wurde, um das Phänomen in seiner grössten Einfalt allenfalls darzustellen, von welcher Abstraktion aber fort operiert, auf welcher weiter gebaut oder vielmehr aufgehäuft die Angelegenheit zuletzt ins Unbegreifliche gespielt worden« (Br. an Boisserée, 11. 1. 32). Doch lassen wir die angeblichen Strahlen bei Seite und kehren wir zu unseren Wellen zurück; und zwar wollen wir die Darstellung nur so weit verfolgen, bis wir das erste Mal einer wirklichen Wahrnehmung begegnen und also glauben können, dass wir aus den wolkigen Olymp hypothetischer Konstruktionen herabschweben und auf der festen empirischen Erde Fuss fassen sollen.
    Also ich bitte Sie um Ihre Aufmerksamkeit; jetzt wird — wie Kant uns lehrte — »die Zusammensetzung hineingelegt werden«. Je nachdem ich den nassen Faden mehr oder weniger stark bewege, wird die Schlangenlinie, die er in der Luft bildet, grössere oder kleinere Krümmungen aufweisen; in ähnlicher Weise werden in dem Lichtäther die stärker oder schwächer bewegten Ätherteilchen mehr oder weniger von ihrer ursprünglichen Lage abweichen, mit anderen Worten, die Wellen höher oder niedriger sein: diese wechselnde Wellenhöhe nennt man die   A m p l i t ü d e   der Wellenbewegung. Ausser der Höhe der Welle kommt aber ihre Länge in Betracht. Die Strecke vom a1 bis a2, von Wellenkamm zu
—————
    ¹) Discours préliminaire du traité de dynamique, erster Absatz.

130 LEONARDO

Wellenkamm, oder von b1 bis b2, von Wellental bis zu Wellental, kann verschieden lang sein: das nennt man die   W e l l e n l ä n g e.   Drittens kann die Bewegung jedes Ätherteilchens, welches hin und her schaukelnd gedacht wird, mit verschiedener Geschwindigkeit vor sich gehen: das nennt man   S c h w i n g u n g s d a u e r.   Zunächst halten Sie, bitte, in Ihrer Vorstellung dies fest: dass wir an solchen Wellen wechselnde Wellenhöhe, Wellenlänge und Schwingungsdauer annehmen sollen. Wir können aber ausserdem — da Gedanken, wie man zu sagen pflegt, zollfrei sind — auch verschiedene Richtungen der Bewegung annehmen. Denken Sie wieder an den nassen Faden. Ich kann die Hand in einer geraden Linie von rechts nach links und von links nach rechts bewegen, dann werden sich auch die einzelnen Teilchen des sich in Wellen krümmenden Fadens geradlinig hin und her bewegen, — ebenso verhält es sich mit den hypothetischen Ätherteilchen: im diesem Falle sagt man, das Licht sei »geradlinig polarisiert«. Ebenso aber wie ich meine Hand geradlinig von links nach rechts bewege, könnte ich sie geradlinig von vorn nach hinten hin und her bewegen; ich muss also mindestens zwei (und kann, wenn es not täte, beliebig viele geradlinige) Schwingungsrichtungen annehmen; im einfachsten Falle spricht man von zwei senkrecht gegeneinander polarisierten Wellenrichtungen. Ich könnte aber die Hand auch in einem Kreise oder in einer Ellipse bewegen; das einzelne Teilchen des Fadens würde dann von einer Wellenhöhe zur nächsten, beziehungsweise von einem Wellental zum folgenden statt einer geraden Linie eine Kreislinie oder eine Ellipse beschrieben haben; auch das wollen wir von den Lichtätherteilchen annehmen: in dem einen Falle spricht man von kreisförmig polarisiertem, in dem anderen Falle von elliptisch polarisiertem Lichte. Gut; bleiben wir dabei; es gibt noch etliche Komplikationen, doch für unsere augenblicklichen Zwecke wird das schon genügen. Wir können uns also Wellen von verschiedener Amplitüde (das heisst Wellenhöhe), Wellen von verschiedener Länge, Wellen von verschiedener Schwingungsdauer, ausserdem geradlinig polarisierte, senkrecht gegen einander polarisierte, kreisförmig polarisierte und elliptisch polarisierte Wellen vorstellen. Jetzt mache ich aber einen letzten, höchsten Anspruch an ihre Phantasie. Bitte, stellen Sie sich alle diese Verschiedenheiten zugleich vor, als mit-, in-, auf-, unter-, über- und durcheinander bestehend; hohe und niedrige Wellen, lange,

131 LEONARDO

kurze und mittellange, schnell und langsam schwingende in unendlichen Abstufung, einander allseitig durchdringend, dazu die Ätherteilchen in verschiedenen geraden Linien und auch kreisförmig und elliptisch durcheinanderwogend: wissen Sie, was Sie jetzt haben? Das   n a t ü r l i c h e   L i c h t   des Physikers! das Licht, wie die Sonne, die Kerze, das Streichholz es erzeugt. Auch dies ist kein Spass. Fragen Sie nur Helmholtz; er wird Ihnen Auskunft geben. »Das natürliche Licht«, schreibt er, »ist eine gleichmässige Mischung von allen Arten verschieden polarisierten Lichts«, ausserdem »enthält es Wellenzüge von einer unendlichen Menge kontinuierlich ineinander übergehender Werte der Schwingungsdauer«.
    Kant's Gebot, das Mannigfaltige selbst hineinzulegen, hätten wir, dünkt mich, redlich erfüllt, nicht wahr? Doch muss ich eine Bemerkung hier einschalten. Nichts wäre ungerechtfertigter, als über dieses Schema der Physiker zu lachen, vielmehr stimme ich aus voller Überzeugung Kant's Ansicht bei, dass derartige Geistesstrukturen »der Stolz der menschlichen Vernunft« sind. Die ungeheure Komplikation des Scheinbildes hat sich erst nach und nach eingestellt, als immer neue Phänomene bekannt wurden, die in das eine grosse Schema hineingefügt werden mussten; seit Helmholtzens Zeit sind neue hinzugekommen; so haben z. B. die Röntgenstrahlen zu der Vorstellung genötigt, dass die Schwingungen nicht allein senkrecht zu der Fortpflanzungsrichtung stattfinden, sondern auch parallel zu ihr, das heisst, als ob wir unseren nassen Faden nicht bloss geradlinig und kreislinig hin und her, sondern auch von oben nach unten und umgekehrt auf und ab bewegten, nicht bloss also in der Richtung des Fussbodens und der Decke, sondern auch in der Richtung der Zimmerwände. Immer Neues wird noch hinzukommen; schliesslich wird das Schema der Undulation vor zunehmender haarsträubender Verwickelung vollends unbrauchbar werden, und ein Genie wird uns mit einem neuen Bilde beschenken, mit einem Bilde, welches Licht, Wärme, chemische Wirksamkeit, Elektrizität, Magnetismus, alle zusammenfasst in ein einziges praktisches und zu neuen Entdeckungen anleitendes Schema. Die neue Theorie ist schon da, schon weit ausgebildet, nur die bildliche Vorstellung fehlt noch. ¹) Begeisterte Bewunderung gebührt
—————

    ¹) Über die Hypothese der Elektronen findet der gebildete Laie wissenschaftlich zuverlässigen Aufschluss in Lorentz: Sichtbare und unsichtbare Bewegungen, 1902, Kap. 6. Nach dieser Hypothese bleibt der Äther als Vermittler der Wir-

132 LEONARDO

den Männern, die, wie Demokrit und Descartes und Kant, solche zugleich schematische und schöpferische Scheinbilder dem Menschenhirn schenken, und fraglose Anerkennung jenen Männern der exakten Wissenschaft, die, wie Newton und Helmholtz, im Anschluss an die ihnen überlieferten genialen Gedanken durch Unermüdlichkeit, Beobachtungsgabe, Scharfsinn, Erfindungsreichtum, Geschick nicht allein den Schatz an Wissen bereichern, sondern der ganzen Menschheit praktische Dienste leisten von unvergänglichem Werte. Man braucht ja nur an den Augenspiegel zu denken! Die Geringschätzung der exakten Wissenschaft — wie wir ihr hier und da bei verschiedenartigen Schwärmern und Obskuranten begegnen — ist darum so empörend, weil sie handgreiflich nachweisbare Verdienste, welche jeder Laternenputzer wenn nicht verstehen so doch erblicken kann, in Abrede stellt, wogegen Geringschätzung der Philosophie und der Kunst durch Unbegabtheit oder schlechte Erziehung zu entschuldigen ist. Darüber also, nicht wahr, soll zwischen uns kein Missverständnis herrschen. Wogegen ich mich einzig verwahre, ist, dass eine unsichtbare Kirche, bedient von bornierten, arroganten und unduldsamen Kathederpfaffen, von Menschen, die unter dem Ehrentitel von »Gelehrten« ein durchaus unberechtigtes Ansehen geniessen — da Gelehrsamkeit und Urteilsfähigkeit in keinem notwendigen Zusammenhang stehen ¹) — dass, sage ich, diese naturentfremdete, fanatische Sippschaft meinen Verstand schon in der Kindheit erfasst, seine gesunde Anschauungskraft vernichtet, sein gesundes Denken in einen wissenschaftlichen Schraubstock einspannt und nun mit einer Tyrannei, welche das Inquisitionsgericht hinter sich lässt, meinen Glauben für unsinnige Dogmen erzwingt. An Gott brauche ich nicht zu glauben; dass ich ein sittlich starker, energischer, freier Mensch werde, daran liegt wenig oder gar nichts; aber an das hypothetische Medium und
—————
kungen, zu Grunde liegen aber Schwingungen der Elektronen, nicht des Äthers, so dass die Vorstellung tatsächlich eine ganz neue ist. Ich glaube aber, sie ist noch recht künstlich und roh und darum unzureichend.
    ¹) Kant macht in seiner unvergleichlich naiven Art darauf aufmerksam, dass gerade »stumpfe, eingeschränkte Köpfe«, denen es »an gehörigem Grade des Verstandes und eigenen Begriffen mangelt«‚ eine besondere Eignung dazu zeigen, als Fachgelehrte »ausgerüstet zu werden« (siehe reine Vernunft, S. 173 Anm.). Darum
sei es »nichts Ungewöhnliches, sehr gelehrte Männer anzutreffen, die den nie auszubessernden Mangel an Urteilskraft im Gebrauche ihrer Wissenschaft häufig blicken lassen«. Wie zwischen Priester und Priester, so sollten wir auch zwischen Gelehrten und Gelehrten zu unterscheiden lernen und Bewunderung und Vertrauen nur den einzelnen wirklich hervorragenden Geistern schenken.

133 LEONARDO

an die Wellen, die Strahlen sind, und an die Strahlen, die Wellen sind, und an die Amplitüden und Schwingungen und Polarisationen und sonstigen Popanz, sowie auch an die Abstammung des Menschen vom Affen und des Affen von der Seequalle soll und muss ich glauben, als ob das wirkliche Dinge wären, sonst bin ich geächtet. Heinrich Hertz giebt ein schlagendes Beispiel in Bezug auf unsere heutige Physik. Ein Stück Eisen liegt auf einem Tisch. Warum fliegt dieses Eisenstück nicht in die Luft, oder durchbohrt es nicht den Tisch, um zur Erde zu fahren, oder berstet es nicht in Millionen Atome auseinander? Gerade so wie vorhin beim Licht, setzt hier die Physik so unzählige sogenannte »Kräfte« voraus, die alle am Werke sind, das Stück Eisen hierher und dorthin zu zerren, dass ein Mathematiker viele Wochen zu rechnen hätte, ehe er es wissenschaftlich plausibel machte, dass das Stück Eisen wirklich ruhig auf dem Tische liegen bleibt. Hertz schreibt: »In Wahrheit aber sind alle Kräfte so gegeneinander abgeglichen, dass die Wirkung der gewaltigen Zurüstung null ist; dass trotz tausend vorhandenen Bewegungsursachen Bewegung nicht eintritt; dass das Eisen eben ruht. Wenn wir nun diese Vorstellungen unbefangen Denkenden vortragen, wer wird uns glauben? Wen werden wir überzeugen, dass wir noch von wirklichen Dingen reden und nicht von Gebilden einer ausschweifenden Einbildungskraft?« ¹) Die Einbildungskraft der Wissenschaft lassen wir uns schon gefallen, auch wenn sie ausschweifend wird; dass wir aber unsere Unbefangenheit, unser logisches Denken, unsere an der Quelle der Wahrnehmung gespeiste Phantasie dieser Göttin der Abstraktion auf den Altar legen sollen, dagegen müssen wir mit aller Gewalt Verwahrung einlegen, ehe es zu spät geworden ist, ehe uns diese wissenschaftliche Bildungsbarbarei völlig umnachtet hat.
    Doch wir hatten uns vorgenommen, dem Darstellungsgang der Physik so lange zu folgen, bis wir das erste Mal einer wirklichen, nicht einer bloss imaginären Wahrnehmung begegneten. Und richtig, hier unten an der Seite, wo von den Wellen und den Polarisationen die Rede ist, glänzt mir eine wohlbekannte Vorstellung entgegen, ich erblicke das Wort   F a r b e !   Und was lese ich? »Die auffallendste Eigentümlichkeit, durch welche sich Licht verschiedener Schwingungsdauer voneinander unterscheidet, ist die Farbe« ²)
—————
    ¹) Prinzipien der Mechanik, S. 15.
    ²
) Das Citat (a. a. O., S. 31) ist wörtlich genau; solche eigentümliche Konstruktionen wie »Licht unterscheidet sich von einander« sind bei Helmholtz nicht selten.

134 LEONARDO

Der unbefangen Denkende, auf welchen Heinrich Hertz sich berief, wird, glaube ich, zunächst stutzig werden. Farbe ist Schwingungsdauer? Er hat aber doch richtig gelesen; hier steht ja die Definition: »Wenn jedes Ätherteilchen bei der Lichtbewegung immer genau in derselben Zeit denselben Weg mit derselben Geschwindigkeit wiederholt durchläuft, nennt man das Licht einfach, einfarbig oder homogen«. Der Unbefangene wird immer mehr perplex. Denn er erinnert sich, dass für den Physiker Licht und Sichtbarkeit durchaus nicht gleichbedeutend sind; in jedem Strahl natürlichen Lichtes gibt es für den Physiker eine grosse Menge »ungesehenen Lichtes«, es gibt das Ultraviolette und es gibt das Infrarote (oder Ultrarote); das müssen also Welle für Welle Farben sein, Farben, die kein Menschenauge zu erblicken vermag. Was ist eine Farbe ausserhalb des Kreises Rot, Gelb, Grün, Blau? Was ist eine unsichtbare Farbe? Weder eine Wahrnehmung, noch eine irgendwie mögliche Vorstellung. Ausserdem ist, wie wir gesehen haben, die Physik gezwungen, vorauszusetzen, es gebe eine unbegrenzte Anzahl von kontinuierlich ineinander übergehenden Werten der Schwingungsdauer; dieser in etwas anderer Form schon von Newton erhobene Anspruch (der unendlich viele verschiedene materielle Lichtkörperchen annahm) kann von Niemandem, der die Elemente der mathematischen Physik innehat, abgewiesen werden; nun beträgt aber nach den Physikern die Schwingungszahl eines Ätherteilchens im tiefsten Rot 400 Billionen in der Sekunde, im hellsten Violett gegen 800 Billionen: nach der physikalischen Definition müsste es also innerhalb des sichtbaren Spektrums etwa 400 Billionen verschiedene Farben geben! In Wirklichkeit kommen wir sowohl in der Theorie wie in der Praxis mit der Annahme von vier Grundfarben vortrefflich aus, was schon Leonardo an verschiedenen Orten klar entwickelt hat; manche — und darunter auch Helmholtz — haben sogar geglaubt, nur drei reine Farben unterscheiden zu müssen. ¹) Ausserdem besteht gar kein Verhältnis zwischen den angenommenen Schwingungszahlen und der Reihenfolge der Farben: Sie gehen 100 Billionen Schwingungen hinauf und befinden sich noch immer im Rot; dagegen genügen einige lumpige Billiönchen, etwa zehn bis zwölf, um Sie aus dem schönsten Grün mitten in das dunkelste
—————
    ¹) Im besten Falle unterscheidet ein normales Auge innerhalb dieser kleinen Skala 160 bis 165 Nüancen (vgl. Arthur König: Ges. Abh. zur physiolog. Optik, 1903, S. 368).

135 LEONARDO

Blau zu führen. Schlimmer noch ist es, dass Sie glauben sollen, Rot und Violett, zwei Farben, die so unmerklich ineinander übergehen, dass keine Kunst eine Grenze zwischen ihnen ziehen kann, seien die extremsten Gegensätze, das eine durch die allerlangsamsten, das andere durch die allerschnellsten Schwingungen hervorgerufen. Dann wieder hat uns gerade die Spektralanalyse gelehrt, dass Flammen, welche genau die selbe Farbe für das Auge besitzen, aus Strahlen bestehen können, die ganz verschiedenen Stellen im Spektrum entstammen und also verschiedenen Schwingungszahlen (nach der physikalischen Annahme) entsprechen müssen. ¹)
    Hier könnte ich eine halbe Stunde weiterreden, denn sobald die mathematische Physik das Gebiet der Farben betritt, waten wir bis an den Mund im dicken Schlamm der Unmöglichkeiten und der unauflöslichen Widersprüche. Da ich aber heute nicht im stande bin, dies im einzelnen auszuführen und mir doch daran liegen muss, Sie Schritt für Schritt zu überzeugen, nicht meine Privatmeinung dränge sich hier auf, sondern unleugbare Tatsachen würden Ihnen vorgeführt, gestatten Sie mir, Ihnen ein vortreffliches Compendium der Physik vorzulegen, das ich in meiner Studienzeit besonders gern benützte; es ist umfassend, klar, streng wissenschaftlich. ²) Hier lesen Sie in der ersten Zeile der Seite 536: Unser Auge unterscheidet verschiedene Farben, die ihren   G r u n d   darin haben, dass die Anzahl der unser Auge in der Zeiteinheit treffenden Schwingungen eine verschiedene ist.« Das macht doch den Eindruck einer völlig konkreten, sicheren Tatsache, nicht wahr? Das Dogma geht voran, wie im Katechismus das Credo. Nun bringt aber der redliche Verfasser eine Reihe von Erwägungen, die zwar nicht als Einwürfe gemeint sind, denn dass die Farben Schwingungen sind, ist ein Dogma — Anathema dem, der die sakrosankten Schwingungen als ein blosses Schema für die Berechnung betrachten wollte! — Erwägungen aber, die den Verfasser zu einem Geständnis zwingen, welches Sie auf der selben Seite 536, letzte Zeile, finden: »Dadurch ist die Empfindung der Farben als ein rein physiologischer Vorgang zu betrachten, der physikalisch nicht weiter zu deuten ist.« Also in der ersten Zeile ist — kurz und bündig — der physikalische »Grund« für unser Farbensehen angegeben, und in der letzten Zeile wird eingestanden,
—————
    ¹) Vgl. Höfler: Psychologie, 1897, S. 115.
    ²) Von Adolf Wüllner, Ausgabe von 1879.


136 LEONARDO

man vermöge den Vorgang der Farbenempfindung physikalisch nicht zu deuten. Wenn wir die beiden Aussprüche zusammenreimen sollen, müssen wir wohl voraussetzen, der Physiker unterscheide zwischen Farbe und Farbenempfindung. In dem ersten Falle ist Farbe für ihn lediglich ein epithetum ornans für Schwingungsdauer, es besteht keinerlei Zusammenhang zwischen Farbe und Auge, die Farbe ist ein objektives physikalisches Phänomen; er redet auch ganz ruhig von »rotempfindenden« (nicht »rotempfundenen«) Strahlen«, als ob jede Wellenlänge eine eigene Livrée trüge; ¹) sobald aber seine Physik das Auge in Betracht zieht, stürzt das kunstvolle Gedankenphantom zusammen. Das Licht, ja, da stimmt noch alles, da können die Wellen und die Strahlen und die Polarisationen ihr Wesen treiben, bis sie gegen die menschliche Netzhaut anrennen; bei der Farbe aber muss der bisher allgewaltige Tausendkünstler verzichten, diese »Empfindung« vermag er physikalisch nicht zu deuten. Und nun kommt der Physiolog, den er selber herbeigerufen hatte, und — sobald dieser wie Johannes Müller ein wirklich philosophischer Geist ist — belehrt er den Physiker: »Mit Ausnahme der rein optisch mathematischen Bestimmungen über die Bewegung des Elementarischen,   b e r u h e n   d e i n e   L e h r e n   a u f   d e n   o f f e n b a r s t e n   W i d e r s p r ü c h e n;   Licht ist Sinnesenergie und Farbe ist die Affektion des Augennerven«. ²)
    Weiter brauchen wir nicht. Wir sind jetzt bis zu dem Kern vorgedrungen. Hätten Sie Kant schon studiert, ein einziges Wort genügte, und Sie würden die ganze Lage übersehen, wie man von hohem Bergesgipfel aus die Struktur eines Landes überblickt. Doch auch so wird es gehen, und Sie werden Kant — heute wie schon neulich — verstehen, bevor Sie ihn studiert haben.


DIE FARBE

    Schauen Sie, bitte, zu den Fenstern dieses Zimmers hinaus; was sehen Sie da? Das Grün der Wiesen, das Blau des Himmels, das Gelb des Kornes, das Weiss der Schneeberge und das Grau der Wolken. Alles Farben. Ihr ganzes Sehen besteht aus einen Sehen von Farben; der Begriff Licht ist ein abgezogener, er ist ein Sammelname für alle Farben. Denn wenn Sie auch die Lichtquellen in Betracht ziehen, wie die Sonne, die Sterne und alle Flammen und
—————
    ¹) Helmholtz: Vorträge und Reden, Ausg. v. 1884, I, 279.

    ²
) Vgl. Über die phantastischen Gesichtserscheinungen §§ S 7, 10, 11. Offenbar hat die Behauptung »Farbe ist Schwingungsdauer« nicht einmal so viel Wert für die Erkenntnis des Wesens der Farbe wie die bekannte Behauptung eines Blindgeborenen:
Rot stelle er sich als das Schmettern der Trompete vor.

137 LEONARDO

Lampen, die wir zur künstlichen Hervorbringung des Lichtes benützen, so sind das in Wirklichkeit »Farbenerzeuger«. Ein farbloses Licht wäre eine contradictio in adjecto. Auch ein weisses Licht existiert nicht. Erscheint uns eine Lichtquelle weiss, so handelt es sich immer nur um relative Helligkeit, oder aber es mangeln die Gegenstände zum Vergleiche. Die Öllampen der alten Strassenbeleuchtung erschienen dunkel orangerot, als die Gaslaternen sich ihnen zugesellten; die Gasflammen werden gelbrot, die Glühlampen rot, die Auerlichter — sonst so blendend weiss — blau, sobald starke Bogenlampen in der Nähe sind. ¹) Das vom Auge Wahrgenommene ist überall Farbe. Und auch Weiss und Schwarz — wenngleich der sorgsam Beobachtende genötigt ist, sie für ein Besonderes zu halten, das er den übrigen Farben nicht ohne weiteres gleichsetzen kann, und wenn auch die optische Analyse uns lehrt, dass keinerlei aktives Licht sie beherbergt — wird doch jeder unbefangen denkende Mensch als ein den Farben Verwandtes, als etwas Positives betrachten. Weiss ist genau ebenso sehr wie schwarz eine privatione de colori; physikalisch entsteht es durch jedes genaue Gemisch von zwei antagonistischen Farben, z. B. von Gelb und Blau oder von Rot und Grün, weil für das Auge der eine Eindruck den andern aufhebt. Ein absolut Farbloses vermögen wir uns nicht einmal in Gedanken vorzustellen: es wäre das Unsichtbare schlechtweg. Nun dürfen Sie nicht glauben, ich wäre bestrebt, das Licht für ein Hirngespinst zu erklären. Das wäre purer Sophismus. Aber geradeso, wie ich aus der Erfahrung der Töne mir den Begriff »Schall« konstruiere, der sich dann als konsequent bewährt, und unter das alle Phänomene, die der Gehörsinn wahrnimmt, praktisch und theoretisch zusammengefasst werden können, ebenso abstrahiere ich aus den Empfindungen meines Auges, welche allesamt — weil eben jegliche Affektion des Augennerven Farbe ist — keine andere Gestalt haben, noch jemals haben können als die der Farbe, den allgemeinen Begriff des »Lichtes«. Und wenn der Ausdruck »abstrahieren« Ihnen zu stark dünkt — ich entwickele ja kein System und lege meine Worte nicht auf die Goldwage — so wollen wir statt dessen »ableiten« sagen: der Begriff Licht ist ein aus den Wahrnehmungen der Farben abgeleiteter Gedanke. Und glauben
—————
    ¹) Das gilt auch von Stoffen. Der blendend weisse Mantel gewisser österreichischer Uniformen wird schmutzig hellgelb, sobald frischer Schnee den Boden bedeckt. Man vgl. Goethe: Farbenlehre, § 690.

138 LEONARDO

Sie nicht, das seien Tüfteleien; vielmehr handelt es sich um einen wirklichen Unterschied, um einen Unterschied, den die geringste Überlegung klar erfassen lässt, und der — klar gefasst — allein schon genügen würde, die ewige Konfusion zwischen der   m a t h e m a t i s c h e n   O p t i k   der Physiker und der auf genauer Beobachtung unserer Gesichtswahrnehmungen ruhenden   F a r b e n l e h r e   Goethe's unmöglich zu machen. Die Farben sind ein Fels, an dem keine noch so herkulische Kraft zu rütteln vermag; zu der Vorstellung des Roten und der des Blauen vermögen wir weder etwas hinzuzutun, noch etwas davon hinwegzunehmen; sie entziehen sich auch jeglicher Definition. Wie Descartes in seiner einfachen Sprache sagt: En vain nous définirions ce que c'est que le blanc pour le faire comprendre à celui qui ne verrait absolument rien, tandis que pour le connaître il ne faut qu'ouvrir les yeux et voir du blanc. ¹) Die Vorstellung »Farbe« besitzt eben gar kein begriffliches Element; es ist physiologisch gesprochen — reine Sinnesenergie, und — philosophisch gesprochen — Empfindung und empirische Anschauung. Dagegen ist Licht   e i n   B e g r i f f;   hier denkt der Verstand nach über das, was die Sinnlichkeit ihm an Stoff zugeführt hat; und darum ist der Umkreis dieses Begriffes ein unsicherer und schwankender; es liegt ja bei uns, ihn zu erweitern oder zu verengern. Wenn Sie, verehrte Freunde, gefragt würden, Sie würden Licht und Sichtbarkeit für gleichbedeutend halten, und Goethe's überraschende Behauptung: »das Licht und das Auge sind eins und dasselbe«, ²) würde Sie bald wie eine heilsame Wahrheit anmuten; doch unserer Physik ist, wie Sie gesehen haben, die Vorstellung eines unsichtbaren Lichtes — also eines nächtlichen Tages — geläufig, und die Wissenschaft befindet sich augenblicklich an einem Wendepunkt, wo zu dieser Begriffserweiterung eine neue allmählich hinzukommt, und nicht bloss unsichtbare Sichtbarkeit, sondern auch Licht, welches überhaupt nicht Licht ist, in den Kreis aufgenommen wird. Denn auf dem notwendigen Wege zu einer einzigen allgemeinen Bewegungslehre sind wir bereits so weit, die Erscheinungen des Lichtes mit denen der Elektrizität, des Magnetismus und anderer Molekularphänomene zu einer einheitlichen Vorstellung zusammenzufassen. So neu und modern ist ja dieser Gedanke nicht, wie die Herren Zeitungsschreiber, von denen die heutige Welt ihre
—————
    ¹) Recherche de la vérité par les lumières naturelles, éd. Cousin, XI, 370.
    ²) Farbenlehre, Einleitung.


139 LEONARDO

Bildung zu holen pflegt, sich einbilden. Fast liesse er sich in Plato's Timaos als Keim nachweisen, und jedenfalls schwebt er Descartes schon vor, wenn auch die elektrischen Phänomene damals zu wenig bekannt waren, um mehr als allgemeine Vorahnungen aufsteigen zu lassen. Herder macht in Kap. II des 5. Buches seiner Ideen mystische Andeutungen über die Identität von »Licht, Äther, Lebenswärme«, Andeutungen, die wissenschaftlich ohne Wert sind, jedoch zeigen, wie nahe der Gedanke lag. Kant aber schreibt schon in einer frühen Schrift (1763): »Man präsumiert mit grossem Grunde, dass die Ausdehnung der Körper durch die Wärme, das Licht, die elektrische Kraft, die Gewitter, vielleicht auch die magnetische Kraft vielerlei Erscheinungen einer und ebenderselben wirksamen Materie, die in allen Räumen ausgebreitetet ist, nämlich des Äthers sei....«. ¹) Und in seinem letzten, unvollendet gebliebenen Werke hatte er der heutigen Theorie durch die hypothetische Annahme seines »Wärme- oder Lichtstoffes« als eines »allgemein Beweglichen, primitive movens», schon sehr genau vorgearbeitet. ²) Heute ist diese Auflassung nicht mehr abzuweisen. Und ob wir dann das Licht als eine »eigentümliche Bewegungsform« der elektrischen Wellen, oder die Elektrizität als eine »eigentümliche Bewegungsform« des Lichtäthers ansprechen, das ist bonnet blanc, blanc bonnet und wird durch praktische Rücksichten oder Willkür entschieden. Der Begriff Licht wird entweder so ausgedehnt werden, dass die Sichtbarkeit nur eine Abart unter seinen vielen anderen ausmacht, oder so eingeschränkt, dass es selbst nur einen besonderen Fall innerhalb eines grösseren Komplexes molekularer Bewegungserscheinungen bildet. Wogegen Rot, Grün, Blau, Gelb, Orange, Violett, Braun, Schwarz, Weiss usw. in Ewigkeit bleiben, was sie seit Ewigkeit sind: einerseits ein völlig Objektives, eine von einem Verstande erfasste Wahrnehmung, welche kein Denken je erzeugen könnte, sondern einzig die tatsächliche Empfindung, verursacht durch den Gegenstand, — und zugleich doch insofern das ganz und gar Subjektive, als die Farbe (im Gegensatz zum Licht) ganz in meinem Auge liegt, und ein Ausdruck meines
—————
    ¹) Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes, 4, II.
    ²) Auch Goethe hat die Vermutung ausgesprochen, es dürfte »das selbe Ens sein«, das sich bald als Licht, bald als Magnetismus, bald als Elektrizität, bald »als Chemismus« zeigt; ich habe ihn nur darum im Text nicht citiert, weil der von Riemer mitgeteilte Wortlaut zweifelhaft erscheint (Briefe von und an Goethe etc.. S. 302).

140 LEONARDO

rein persönlichen Verhältnisses zu dem Gegenstand ist. Während also das »Licht« die Elastizität alles Gedachten besitzt, ist die »Farbe« ein unverrückbares Phänomen, fest eingekeilt zwischen Objekt und Subjekt, alle willkürliche Behandlung spröde abwehrend.
    Jetzt wissen Sie genau, warum unsere exakte Wissenschaft in der Untersuchung des   L i c h t e s   herrliche Erfolge erzielt, wogegen ihre Behandlung der   F a r b e n   zu einem solchen Gallimathias von Unmöglichkeiten und Widersprüchen geführt hat, dass heute keiner mehr aus noch ein weiss und diejenigen Fachmänner, die literarische Schulbildung besitzen, nach Goethe hinzuschauen beginnen, wie nach einem verlorenen Paradies. ¹) Der Begriff Licht ist von Anfang an ein abgeleiteter, abgezogener, ein Kind unseres Menschenhirns, frühzeitig von seiner Mutter, der Sinnenempfindung, losgerissen, und darum vermögen wir nach Belieben mit ihm zu schalten und zu walten. Nicht natürlich in dem Sinne, als könnten wir Erfahrungen erfinden oder ignorieren oder auf den Kopf stellen, doch in dem Sinne, dass wir den Erfahrungen von vorneherein den Weg weisen, den sie gehen sollen, um in das Arsenal unseres Wissens zu gelangen. Das ist jenes »Hineinlegen des Zusammengesetzten«, von dem Kant vorhin sprach. Die Änderungen, die das Schema sich von Zeit zu Zeit gefallen lassen muss, sind nur Anpassungen an Tatsachen, die sich den gewählten Weg nicht aufzwingen liessen. So ist Newton's Vorstellung von Licht als Bewegung eine andere als Descartes', Huyghens' wieder eine andere als Newton's, Young's eine andere als Huyghens', und jetzt gehen wir wiederum tiefgreifenden Änderungen entgegen. Und weder der philosophischeste Geist, noch das sehkräftigste Auge wirkt hier am erfolgreichsten, sondern derjenige Mann, der, wie Newton, mit ausserordentlicher mathematischer Kombinationsfähigkeit begabt, ausserdem noch den sicheren Instinkt für die   p r a k t i s c h e   Anpassung des Angeschauten an das Abstrakte, Rechnungsfähige besitzt. Schon John Locke hat die Bemerkung gemacht, Newton's Grösse bestehe in der »Auffindung von Zwischenvorstellungen.« ²) Newton ist als
—————
    ¹) Man sehe z. B. den schönen Vortrag des Ophthalmologen Jacob Stilling in den Strassburger Goethevorträgen, 1899, S. 147 fg. Stilling bemerkt mit Recht, dass, was jetzt in Bezug auf Farbentheorie als das Allerneueste gilt, eine Rückkehr zu Goethe bedeutet. Er sagt: »Goethe's Farbenlehre ist mehr als gerettet [wie schon Classen, Über den Einfluss Kant's auf die Theorie der Sinneswahrnehmung, 1886, S. 241, ausgerufen hatte]; der physiologische Teil enthält geradezu die Grundlagen der modernsten Anschauungen«.
   
²) Human Understanding IV, 7, § 11.

141 LEONARDO

Weltanschauer nicht wert, Descartes die Schuhriemen zu lösen: Descartes' genialer Gedanke eines Bewegung fortpflanzenden Mediums war für ihn zu hoch, Licht konnte er sich nicht anders vorstellen als wie einen Stoff, der von leuchtenden Körpern ausgestossen wird; und Newton's Auge war so kindlich unbeholfen, dass er 200 Jahre nach Leonardo die biblische Siebenzahl in Bezug auf die Farben festhalten zu müssen glaubte und in seinen Bemerkungen über die Farben der Schatten, über Kontrastfarben und dergleichen Irrtümer beging, die ihm jeder erste beste italienische Malerlehrling hätte nachweisen können. Und so ist denn schon längst seine Emissionstheorie, ebenso wie seine Farbenlehre den Weg alles handgreiflich Falschen (um nicht zu sagen Absurden) gegangen, mithin ist seine gesamte Vorstellung des Lichtes — sowohl das an ihr, was Gedanke, wie das, was Wahrnehmung war — gefallen. Und was blieb denn? Warum verehren wir Alle Newton als unsterblichen Forscher? Erstens blieben die Berechnungen eines der erstaunlichsten Zahlenvirtuosen der Weltgeschichte, eines namentlich kombinatorisch unvergleichlichen Geistes; denn Newton ist ein unfehlbarer Meister, sobald er innerhalb seines mathematischen Gebietes — des Gebietes der dem Menschenverstand eigenen Anschauung — bleibt; was links und rechts die Berechnungen einrahmte, der Gedanke, von dem sie ausgingen, und die Wahrnehmungen, auf deren Erklärung sie hinzielten, beides konnte falsch sein, die Berechnungen selbst waren nichtsdestoweniger richtig. Dazu kommt zweitens, dass Newton nicht allein Berechnungen anstellte, die nie umgestossen werden können, sondern dass sein Geist sich in allem bewährte, was zu dem Berechenbaren gehört, vorzüglich in der Erfindung und Anordnung von Experimenten, welche die Analyse von Bewegungen bezwecken. So sagte ihm z. B. das Phänomen der Farben — über das Leonardo so scharfsinnige Beobachtungen angestellt hatte — zunächst gar nichts; er verstand ja nicht einmal die Farben zu sehen; nie hätte ihn — wie Goethe — der Anblick einer meergrünen Schneelandschaft mit purpurnem Himmel auf den Weg der Erkenntnis geführt; alle die grossen Farbenerscheinungen der Natur — das Blau des Himmels, das Grün des Laubes, das Weiss des Schnees — sind ein Sinnbild der Ruhe; Newton betrachtete sie gar nicht erst. Dagegen bemerkte er bei der Beschäftigung mit optischen Gläsern, dass, wenn man eine Glasfläche gegen die andere drückt, Farbenerscheinungen

142 LEONARDO

auftreten. Hier stand Farbe in Beziehung zu Bewegung und zu messbarer Kraftäusserung; hier musste man sie anpacken, damit mathematische Physik daraus werde! Bei Newton handelt es sich um einen Blick, der praktisch und zugleich doch auch intuitiv ist, weswegen er — wenn auch als konträrer Gegensatz — recht gut mit dem Blick des künstlerischen Genies in Parallele gestellt werden kann. Neben dem, was Newton berechnete, blieb darum ein grosses zeugendes Prinzip für künftige Wissenschaft: das nämlich, was er schuf, — nicht die Theorie, sondern die praktischen Ideen, und das heisst die Herstellung einer Reihe von Berührungspunkten zwischen dem Mechanismus des Menschendenkens und dem Mechanismus der Natur, die erfinderische Tat eines abstrakten Künstlers. Diese Seite des Newtonschen Geistes, und diese allein ist es, welcher unbedingt das Prädikat »genial« zukommt, denn hier zeigt sich Intuition und kühne Verbindung des weit Auseinanderliegenden. Dieser Erkenntnis der unvergleichlichen Bedeutung Newton's hat Albrecht von Haller, der grosse Naturforscher, dichterischen Ausdruck gegeben, indem er von Newton sagt, er:

Find't die Natur im Werk und scheint sie selbst zu meistern. ¹)

Die Natur meistern: das ist nicht bloss das Ziel, sondern auch die Methode der exakten Wissenschaft. Sie schrickt vor keiner Gewalttat des Denkens zurück; so ruht z. B. Newton's Theorie der Gravitation auf zwei direkt unsinnigen Annahmen: dem leeren Raum und den Fernkräften; und sie schreitet über jede sinnliche Anschauung hinweg — wie wir das jetzt für die Farben gesehen haben; dafür baut sie sich ein Reich auf, ein eigenes, anschauungsbares Reich, das zugleich ganz abstrakt und ganz praktisch ist.

    Und jetzt halten wir auf einmal — durch diese Gegenüberstellung belehrt — die klare Erkenntnis dessen, was Goethe's Naturforschung erstrebte: ein Reich des rein Angeschauten und unbedingt Wahrhaftigen. Die beiden Methoden stehen einander diametral gegenüber. Sie heben sich nicht auf; sie brauchten sich nicht zu bekämpfen — wenn nicht unter uns die Leidenschaft die Stelle der Einsicht verträte; sie könnten sich mit Bewusstsein gegenseitig fördern, was bisher nur unwillkürlich hier und da geschah; vor allem wäre es nötig, dass alle Kulturmenschen das so klare Verhältnis auch klar erkennten.
—————
    ¹) Gedanken über Vernunft, Aberglauben und Unglauben.

143 LEONARDO

KANT UND DIE EXAKTE WISSENSCHAFT

    Doch ehe wir diese Ausführungen für das Verständnis Goethe's verwenden, womit wir uns wieder — neu gestärkt — Leonardo gegenüber finden werden, gestatten Sie mir noch ein Wort bitte. Denn es wäre schade, aus so redlicher Bemühung nicht allen Vorteil zu ziehen. Aus guten Gründen habe ich Kant in dieser Darlegung bisher nur gelegentlich erwähnt; doch in Wahrheit hat er mich geführt; ihm verdanken Sie die Erkenntnis, die Sie jetzt Ihr eigen nennen. Darüber Genaueres vorzubringen, würde zu viel rein Philosophisches bedingen; doch möchte ich ungern diese Betrachtung über exakte Wissenschaft schliessen, ohne wenigstens aphoristisch auf zweierlei hingedeutet zu haben: erstens wie richtig Kant das Wesen der Wissenschaft erfasste, und zweitens wie unwiderleglich die Wissenschaft selbst — ohne es zu wollen und zu wissen — für die Wahrheit seiner Weltanschauung zeugt.
    Sie wissen schon aus früher Gesagtem, wie sehr Kant der exakten, mathematischer Methode unterworfenen Wissenschaft ergeben war, wie ganz er mit Leonardo übereinstimmte, dass sie allein vera scientia, und dass nulla certezza zu finden sei, wo sie nicht souverän walte; Sie werden also nicht argwöhnen, er könnte sie herabwürdigen wollen. Alles, was wir jetzt über sie erfahren haben, fasst er nun in einen monumentalen Satz zusammen, und ich möchte Sie bitten, diesen Satz sich ein für alle Mal ins Gedächtnis einzuprägen, da er etwas besagt, was fast kein Mensch weiss und was zu wissen uns Allen not tut: »Physik ist die Naturforschung nicht   d u r c h   Erfahrung, sondern   f ü r   Erfahrung« (Üb. I, 266). Hiermit ist sowohl Wesen wie Wert der exakten Wissenschaft genau und ein für alle Mal ausgesprochen und begrenzt. Einen Kommentar halte ich nach dem, was vorangegangen ist, für überflüssig. Dass Kant recht hat, bezeugt Ihnen jetzt Ihr eigenes Wissen. Wenn aber die besten Köpfe unter uns darüber im Unklaren sind, wenn sie immerfort Methode und Materie verwechseln, wenn sie vermeinen, sie hätten »durch Erfahrung« festgestellt, die Farben seien »eine verschiedene Anzahl Ätherschwingungen«‚ während doch diese angeblichen Schwingungen mit allem, was drum und dran ist, nur eine Methode »für Erfahrung« bedeuten, das heisst, eine Methode, erfunden, um das Gebiet der Erfahrung zu erweitern, nicht aber eine Methode, um dem Erfahrenen selbst in seinem Wesen auch nur einen Zollbreit näher zu kommen: dann entsteht die bedauerliche Konfusion, die uns heute umgibt, und

144 LEONARDO

durch die dasjenige in uns, was man als das Unschuldige, das Weibliche, das Empfangende und Gebärende bezeichnen kann — nämlich die Anschauung — arg gefährdet wird.
    Mehr will ich jetzt hierüber nicht sagen. Wenngleich Kant hier nur von »Physik« spricht, so wissen Sie, dass alle Wissenschaft notwendigerweise zur Physik hinstrebt. Und so dringt diese Methode, nicht »durch«, sondern »für« Erfahrung zu forschen, bis in jene Wissenschaften, die noch Mühe haben, sich aus dem Erfahrungsstoff loszureissen. So besteht z. B. das Wesen und der Wert des Darwinismus darin, dass diese Lehre eine Methode   f ü r   Erfahrung aufdeckte. Darwin hat — ebenso wie Newton — nicht rein gesehen, und noch viel weniger hat er tief gedacht, er war wie jener ein praktischer, erfinderischer und der Natur gegenüber völlig rücksichtsloser Geist, und darum war der Erfolg seines Wirkens ein enormer Zuwachs an Erfahrungsstoff. ¹) In einer späteren Vorlesung hierüber mehr.

    Und jetzt noch ein zweites Wort über die Art, wie die ganze Geschichte unserer exakten Wissenschaften für Kant zeugt. Wir stehen hier nämlich schon auf metaphysischem Bergesgipfel; doch will ich den Nebel, welcher Jeden umgibt, der den Kantischen Gedanken noch nicht erfasst hat, nur ein wenig lüften, nur einen kleinen Strich des blauen Himmels zeigen und zur Erläuterung nicht Abstraktion, sondern die tatsächliche Geschichte unserer Wissenschaften heranziehen.
    Demokrit fasste das Qualitative als ein Quantitatives auf, deutsch gesprochen (wenn auch ein wenig ungenau), die Eigenschaft als Zahl. Das war ein Gewaltstreich, doch ein Gewaltstreich, durch den Wissenschaft möglich wurde. Newton nahm von ihm die beiden Hauptbegriffe auf: die Atome und den leeren Raum, zwei schlechthin undenkbare Vorstellungen. Sobald alles Zahl sein soll, muss auch alles — um Gestalt zu erhalten — Bewegung sein: daher diese beiden Annahmen. Diese Methode »für Erfahrung« zu forschen heisst man die   m e c h a n i s c h e.   Ihr stellt sich innerhalb des selben Rahmens eine andere entgegen, die   d y n a m i s c h e:   Descartes begründete sie, Kant bevorzugte sie, Faraday führte sie im
—————
    ¹) Wie rücksichtslos Darwin manchmal mit den Tatsachen umging, beginnt immer mehr eingesehen zu werden; ich verweise namentlich auf Albert Fleischmann's Buch Die Descendenztheorie, 1901. Ganz köstliche Beispiele, nicht bloss falscher Schlüsse, sondern grober faktischer Irrtümer findet man auch in André Sanson's: L'Espèce et la Race en biologie générale, 1900 (siehe z. B. S. 124).

145 LEONARDO

Gegensatz zu den Newtonschen Vorstellungen in die Physik ein, und Heinrich Hertz war im Begriff, sie ausführlich zu begründen, als der Tod ihn hinraffte. Sie ist die Methode der tiefer Denkenden unter den exakten Forschern, welche die Absurdität der mechanistischen Anschauungen verletzt. Bei dieser dynamischen Methode setzt man einen lückenlos gefüllten Raum voraus, in welchem nicht hypostasierte Fernkräfte, sondern Verschiebungen die Ursache aller Bewegungen sind, und da die Erfahrung nicht ausreicht, damit die Rechnung stimme, dichtet man unsichtbare Massen und ungesehene Bewegungen hinzu. ¹) Ausserhalb dieser beiden Methoden gibt es keine mögliche mathematische Naturdeutung. ²) Gemeinsam ist beiden die ausschliessliche Betonung der Bewegung. Was setzt Bewegung aber voraus? Raum und Zeit; weiter nichts. Den Raum für den »äusseren Sinn«, die Zeit für den »inneren Sinn«. Ja, doch noch ein Drittes; denn »Raum an sich selbst betrachtet, ist nichts Bewegliches«, und »die Zeit selbst verändert sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist«. Um also von Bewegung reden zu können, wird (ausser Raum und Zeit) »die Wahrnehmung von irgend einem Dasein und der Succession [Aufeinanderfolge] seiner Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert« (r. V. 58). Wenn wir nun die Geschichte unserer exakten Wissenschaften verfolgen — gleichviel ob Mechanismus oder Dynamismus zu Grunde gelegt wird — so entdecken wir, dass es ihr Grundsatz ist, ein   M i n i m u m   a n   E r f a h r u n g   aufzunehmen: Zeit und Raum, darin als Drittes eine Be-
—————
    ¹) Man vgl. namentlich Descartes: Principia philosophiae, 1644, Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft, 1786, und Hertz: Die Prinzipien der Mechanik in neuem Zusammenhange dargestellt, 1894. Im Grunde genommen steht Hertz genau auf dem selben Gedankenboden wie Descartes, nur mit der mathematischen Vertiefung und dem Zuwachs an Erfahrung, den zweieinhalb Jahrhunderte gebracht haben. Ich bin überzeugt, dass die mechanistische Auffassung, wie bisher, so hinfürder im öffentlichen Bewusstsein den Sieg über die dynamische davontragen wird; denn mittelmässige Geister empfinden die Absurdität ihrer Annahmen ebensowenig wie der Kongoneger es absurd findet zu glauben, dass der Medizinmann Regen herbeizaubert, und diese Methode besitzt den Vorteil, nach einigen wenigen Annahmen alle Vorstellung abgestreift zu haben und sich im abstrakten Gebiete der Mathematik nach Herzenslust ergehen zu können, wo jeder Durchschnittsmensch, der das Rechnen gelernt hat, mitzulaufen befähigt ist, ohne sich etwas Greifbares denken zu müssen. Dagegen wurzelt die dynamische Auffassung in geometrischen Vorstellungen; wie abstrakt das Vorgestellte auch sein mag, vorgestellt muss es doch werden, und das gerade — das selbsttätige Projizieren vor das innere Auge — ist eine Zumutung, der nur eine Minderheit entsprechen kann.
    ²) Die energetische durfte unerwähnt bleiben, da sie offenbar nur ein Zwischengebilde ist. Dass diejenigen Physiker, welche eine dritte Gruppe bilden, indem sie nur Raum und Bewegung, keine Masse annehmen, zu den Dynamikern gehören, ist klar.

146 LEONARDO

wegung; mehr können sie nicht brauchen. Sie streifen von der Erfahrung alles ab, was nicht auf Zeit und Raum Bezug hat und somit nicht in irgend ein Verhältnis zu Bewegung gebracht werden kann. Die Empfindung der roten Farbe, der blauen Farbe ist zwar Erfahrung, doch nicht die Erfahrung einer Aufeinanderfolge. Blau ist Blau, Blau ist nicht Rot. Und wenn ich mir auch eine Farbenskala konstruiere, so besitzt sie doch kaum einen grössern Wert als die Idee der Metamorphose der Wirbelknochen. Denn diese Vorstellung von Farbe und Farbenskala ist »unräumlich« und enthält keine irgend denkbare Beziehung zur Zeit, bietet also der Mathematik nicht den kleinsten Angriffspunkt. Der Physiker geht darum nicht von der Farbe, sondern vom Licht aus, und auch das packt er nur dort an, wo es ihm genehm ist. Die Zurückspiegelung der Umrisslinien, die Brechung der Bilder, wenn man sie z. B. im Wasser sieht: das ist sein Ausgangspunkt, und zwar weil es hier Winkel gibt, also etwas Messbares und Berechenbares. Die sogenannte Dioptrik, nämlich die Brechungslehre, ist der mathematischen Theorie der Farben um ein Jahrhundert vorangegangen: Kepler begründete erstere 1604, Newton's Versuche über »die Farben des Lichtes« erschien 1704. Es kam darauf an, irgend eine Beziehung zwischen Brechung und Farbe zu entdecken. Das Wesen des zu diesem Behufe von Newton eingeführten Verfahrens mit dem Prisma können Sie sich in folgender Weise sehr einfach und richtig vorstellen. Wenn Sie sich einen lichtdichten Kasten bauen und mit einer feinen Nadel ein Loch hineinstechen, so erhalten Sie, ohne irgend ein optisches Hilfsmittel anzuwenden, auf einer (in der richtigen Entfernung aufgestellten) photographischen Platte ein prächtig scharfes Bild der ganzen Landschaft. Fangen Sie nun in ähnlicher Weise einen sogenannten »Sonnenstrahl« auf, so erhalten Sie ein Bild der Sonne. Stellen Sie sich aber selber in diese camera obscura hinein, leiten Sie dieses Bild der Sonne durch ein Prisma (oder einen »Kant«, wie man jetzt häufig sagt) und fangen das gebrochene Licht auf einem Schirm auf, so erblicken Sie das Bild nicht mehr, denn es ist jetzt bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, sondern an seiner Stelle sehen Sie Farben, und zwar in bestimmter Reihenfolge. Dass uns dieses Experiment nicht sehr tief in das Wesen der Farbe — als Farbe — einführt, hat die Folge ergeben; Sie sahen vorhin, wie der Physiker kläglich versagt, sobald er jenen Punkt erreicht, wo Farbe wirklich besteht, nämlich das Auge;

147 LEONARDO

doch das kümmert ihn wenig; sein Grundsatz ist ja, wie wir sahen, das Minimum an Erfahrung zu berücksichtigen; er arbeitet nicht »durch« sie, sondern »für« sie; und jetzt hat er, was er braucht: die Farben, denen er sonst gar nicht beizukommen vermochte, sind in ein gesetzmässig bestimmtes, räumliches Nebeneinander, das heisst in eine geometrische Aufeinanderfolge, und das wiederum heisst in »geometrische Bewegung« gebracht; jetzt kann er also messen und zählen. ¹) »Der Mathematiker«, sagt Kant, »kann von jedem beliebigen Dato seine Konstruktion eines Begriffes anfangen, ohne sich darauf einzulassen, dieses Datum auch wiederum zu erklären« (M. N., 2. Hpt., 1. Lehrs.). ²) Nicht allein beachtet der Mathematiker alles Weitere gar nicht, sondern er schiebt es — und dadurch alles, wenn ich mich so ausdrücken darf, was Farbe zur Farbe macht — wissentlich und willentlich bei Seite; es stört ihn nur; Raum, Zeit, und darin Bewegung: mehr kann er nicht brauchen; Farbe ist für ihn Schwingungszahl, weiter nichts, und zwar nicht, weil er hiermit wirklich die Sache ergründet hätte, sondern weil er unfähig ist, dem wahren Wesen irgend eines Dinges mit wissenschaftlichen Methoden um einen Schritt näher zu treten.
    Anstatt nun mit Goethe hierüber in Zorn zu geraten, wollen wir das Verfahren und die Erfolge des exakten Forschers als ein Zeugnis für die Richtigkeit von Kant's Grundanschauungen über den Menschengeist betrachten lernen. Kant lehrt — wie Sie schon im vorigen Vortrag hörten — es gebe »zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden« (vgl. oben S. 37). Was die Sinnlichkeit uns gibt, nennen wir Anschauungen. Lassen wir heute den einen Stamm — Verstand
—————
    ¹) Es ist immerhin wert bemerkt zu werden, dass die von der Physik als Erklärung der prismatischen Farben vorausgesetzte ungleiche Geschwindigkeit der verschiedenen Wellenlängen (resp. »Farben«) einem unbestreitbaren Gesetze der Mechanik widerspricht, nach welchem die Fortpflanzungsgeschwindigkeit in keiner Weise von der Länge der Wellen abhängen   k a n n.   In allen grundlegenden Gedanken des sogenannten »exakten Wissens« begegnen wir solchen logischen Widersprüchen; die Wissenschaft geht darüber mit Recht zur Tagesordnung über; der Denker aber findet gerade hier den Anknüpfungspunkt zu wichtigsten Einsichten in das Wesen der menschlichen Erkenntnis.

    ²) Wäre der Geist der Erfindung nicht so kümmerlich unter uns entwickelt, und wirkte nicht jeder glückliche Einfall erstarrend auf die Geburt weiterer Einfälle, so liessen sich als Ausgangspunkte für eine mathematische Optik manche
andere Tatsachen ausser der prismatischen Brechung ersinnen; doch alle würden darin übereinstimmen, dass sie von Bewegungstheorien ausgingen und zu mathematischen Schemen hinführten.

148 LEONARDO

— beiseite; reden wir nur von der Sinnlichkeit, der Quelle unserer Anschauungen.
    Innerhalb der Sinnlichkeit müssen wir — dies ist der eine Grundstein des Kantischen Gebäudes — zwischen zwei Bestandteilen unterscheiden lernen: in jeder sinnlichen Anschauung ist ein Teil   e m p i r i s c h   und ein Teil   r e i n.   Das griechische Wort   E m p e i r a   besagt nichts weiter als »Erfahrung«; doch unsere feinere Analyse braucht das Wort Erfahrung in einem besonderen Sinne; lassen wir es darum bei »empirisch«. Der »empirische« Teil der Anschauung ist nun derjenige, den wir durch Empfindung empfangen; alles also, was Sie sehen, riechen, hören usw. ist — insofern Sie nur diesen Eindruck in Betracht ziehen — empirische Anschauung.
»Die Eindrücke der Sinne geben den ersten Anlass ... Erfahrung zu stande zu bringen« (r. V. 118). Ehe Sie aber einen Gegenstand, den die Sinnesempfindung ihnen gibt, als »Gegenstand« wahrnehmen können, müssen Sie etwas hinzutun, was ebenfalls Anschauung ist, nicht aber »empirische« Anschauung, nicht eine Empfindung Ihrer Sinne, heisst das, nicht ein von aussen empfangener Eindruck, sondern etwas, was Sie, Mensch, selber beisteuern, und was Kant, zum Unterschiede von der anderen Anschauung, »reine Anschauung« nennt. Diese »reine« sinnliche Anschauung ist die Vorstellung des   R a u m e s   (r. V. § 1). Wie Kant sagt: »Raum ist eine Vorstellung, welche uns als Form unserer sinnlichen Anschauung beiwohnt, ehe noch ein wirklicher Gegenstand unseren Sinn durch Empfindung bestimmt hat« (r. V. 1, 373). ¹)
    Auf metaphysische Erörterungen will ich mich nun grundsätzlich heute nicht einlassen; ich greife darum zu einem konkreten Argument. Sie wissen ja, dass die Naturwissenschaft der letzten hundert Jahre sich — leider — abseits von Kant entwickelt hat, zum grossen Teil in heftiger Opposition gegen alle Philosophie;
—————
    ¹) Aus Gründen, die erst gegen Ende des folgenden Vortrages entwickelt werden können, habe ich die Erwähnung der »Zeit« als zweiter Form der reinen sinnlichen Anschauung hier nicht für angebracht gehalten. — Schon jetzt will ich für aufmerksamere Leser einschalten, was erst viel später, gegen Ende des Buches, klar ausgeführt werden kann: dass nämlich der Begriff »reine Anschauung« nur eine wissenschaftliche Abstraktion ist (Cohen: Kant's Theorie der Erfahrung, 2. A, S. 320), oder besser ausgedrückt, eine methodologische Annahme, um die Vernunft begreiflich zu machen. In Wirklichkeit kann reine Anschauung allein und ohne Erfahrungsstoff ebenso wenig vorkommen wie eine sinnliche Empfindung, die nicht in der Form des Raumes wahrgenommen würde. Der Wert von Kant's Analysis zeigt sich in der Praxis und bewährt sich z. B. glänzend gleich hier, in der präzisen, leichtfasslichen Unterscheidung, die sie zwischen Goethe's Auffassung der Natur und derjenigen der mathematischen Wissenschaft ermöglicht.

149 LEONARDO

selbst ein Helmholtz hat sich zwar viel mit Kant beschäftigt, doch ihn in wesentlichen Punkten völlig missverstanden; ¹) ich bitte Sie nun, das Werk eines der rabiatesten Antimetaphysiker unseres Tages, zugleich eines hervorragenden und zuverlässigen Forschers zur Hand zu nehmen: Mach's Analyse der Empfindungen. Hier finden Sie, 2. Auflage, 1900, S. 93 (4. Aufl. S. 104), die Versicherung, die biologischen und psychologischen Forschungen des 19. Jahrhunderts hätten zu der Überzeugung geführt: »die Raumanschauung ist bei der Geburt vorhanden«. Da wir vorderhand auf diese Frage nicht tiefer eingehen wollen, mag dieses unverdächtige Zeugnis genügen; es kommt von einer Seite, wo man sich ein Jahrhundert lang abgemüht hat, das Gegenteil zu beweisen. Mach und seine Gesinnungsgenossen meinen es ja ganz anders als Kant; es gibt Tausendfüssler, die am Boden laufen, und es gibt Sonnenaare, die in den Lüften schweben, beide haben das Recht zu leben, und es wäre töricht zu verlangen, sie sollten die Welt aus dem selben Gesichtswinkel erblicken; doch die mühsam-redlich erworbene Einsicht: »die Raumanschauung ist bei der Geburt vorhanden«, spricht die selbe Tatsache aus wie Kant's unumstossbare metaphysische Erkenntnis: »die Vorstellung des Raumes wohnt uns als Form unserer sinnlichen Anschauung bei — und das heisst als die bedingende Möglichkeit aller Erfahrung — ehe noch ein wirklicher Gegenstand unseren Sinn durch Empfindung bestimmt hat«. Sie dürfen nicht in das lächerliche Missverstehen verfallen, als habe Kant gemeint, der Raum sei nicht »wirklich« vorhanden; im Gegenteil, er nennt ihn deswegen   r e i n e   A n s c h a u u n g,   weil der Raum die Grundbedingung ist, damit uns überhaupt Dinge »erscheinen», und somit gleichsam die Wurzel aller Anschauung ausmacht. Auch
—————
    ¹) Dies ist jedem Kenner offenbar; den Zweifelnden verweise ich auf Classen, der in seinen beiden Werken: Physiologie des Gesichtssinnes, 1876, und Über den Einfluss Kant's auf die Theorie der Sinneswahrnehmung, 1886, trotz der unbedingten Hochachtung für die unvergänglichen Verdienste Helmholtzens, dies an vielen Stellen nachweist; in letzterem Werke, S. 69, zeigt er, dass Helmholtz niemals gewusst hat, was der Ausdruck a priori bei Kant bedeutet: »er verwechselt die   F o r m e n   der Anschauung und des Denkens, ohne die wir nicht anschauen und nicht denken könnten, mit   a n g e b o r e n e n   K e n n t n i s s e n   und angeborenen Begriffen«. So ziemlich unsere ganze physiologische Psychologie — einschliesslich der berühmtesten Namen — steht auf dem selben Standpunkt kindlichen Unverständnisses, und die Worte F. A. Lange's über J. S. Mill gelten für sie alle noch: »Kant fangt da an, wo Mill aufhört: wo für Mill die Sache völlig erklärt ist, beginnt für Kant erst das eigentliche Problem« (Geschichte des Materialismus). Nachträglich verweise ich auf die mir leider erst spät bekannt gewordene Schrift von Ludwig Goldschmidt: Kant und Helmholtz, 1898; wer es ernst meint, wird hier endgültige Belehrung finden.

150 LEONARDO

müssen Sie wohl verstehen, dass uns mit dieser reinen Anschauung allein wenig gedient wäre; denn, sagt Kant: »Das Materielle oder Reale, dieses Etwas, was im Raume angeschaut werden soll, setzt notwendig Wahrnehmung voraus und kann unabhängig von dieser, welche die Wirklichkeit von etwas im Raume anzeigt, durch keine Einbildungskraft gedichtet und hervorgebracht werden« (r. V. I, 373). Ja, Kant gibt hier eine schöne Definition von Empfindung, indem er sagt: »sie ist dasjenige, was eine Wirklichkeit im Raume bezeichnet«. Wir schwimmen also nicht in Wolken herum, sondern wir bemühen uns um eine Erkenntnis, die jedem denkenden Menschen zugänglich ist, und ohne die er weder Goethe's Naturforschung, noch die exakte Wissenschaft in ihrem Wesen richtig auffassen kann. Und was wir erkennen, ist, dass in allem, was die Natur in so reicher Menge unseren Sinnen zuführt, wir schon innerhalb der sinnlichen Anschauung (und abgesehen von allem, was der Verstand dann noch hinzutut) zu unterscheiden haben zwischen einer »reinen Anschauung«, welche die   F o r m   ausmacht, und einer »empirischen Anschauung«, welche die   M a t e r i e   der Anschauung bildet. Man kann das Wort des Aristoteles, das ich am Beginn des Vortrags citierte, verwenden: auch innerhalb der sinnlichen Anschauung gibt es ein Erleiden und ein Tätigsein; die Vorstellung von Raum ist ein »Tätigsein« des Menschengeistes, sie ist die Bedingung, unter welcher das durch Empfindung (und das heisst »Erleiden«) Wahrgenommene überhaupt angeschaut werden kann.
    Nun kommt die Anwendung dieser Erwägungen. Alles, was Grösse, Gestalt und Zahl ist, gehört offenbar zu der Vorstellung »Raum«, und das heisst, wie Sie gesehen haben, zu dem Gebiet der reinen Anschauung, zu dem Gebiet der Form, zu dem Gebiet des notwendigen, rein menschlichen Tätigseins. Daher kommt die schlechthinnige Gewissheit der Mathematik. Es gibt Menschen, die kein Rot und andere, die kein Blau sehen; die empirische Anschauung, das heisst, die Fähigkeit Empfindungen aufzufassen, ist eben bei verschiedenen Individuen verschieden; es gibt aber keinen Menschen, für den die Summe der drei Winkel eines Dreiecks mehr oder weniger als zwei rechte Winkel ausmacht. Und wiederum, ich kann den Kegel in Gedanken konstruieren, das heisst anschauen, und aus dieser Anschauung alle seine mathematischen Eigenschaften herausentwickeln, ohne dass mir jemals die empi-

151 LEONARDO

rische Anschauung einen Kegel vorgeführt hätte; dagegen vermag ich nicht, dem Kegel eine Farbe oder einen Geruch beizulegen, die mir nicht vorher durch sinnliche Anschauung bekannt geworden sind (r. V. 743). Beschränke ich mich nun bei meiner Naturforschung, soviel irgend tunlich, auf den reinen Teil der Anschauung, mit   m ö g l i c h s t e r   N i c h t b e r ü c k s i c h t i g u n g   d e s   e m p i r i s c h e n   T e i l s,   so werde ich zwei ungeheure Vorteile geniessen: erstens ziehe ich nur das ganz Gewisse, allgemein Gültige in Betracht, das Formelle — wie Sie gesehen haben — im Gegensatz zum Materiellen; zweitens, da es mein eigenes, menschliches Gebiet ist, auf das ich mich möglichst beschränke, kann ich auf Grund weniger Erfahrungen ferneren Erfahrungen entgegeneilen, — geradeso wie ich die Eigenschaften des Kegels (d. h. seine   m a t h e m a t i s c h e n   Eigenschaften) im eigenen Kopf untersuchte. Die empirische Anschauung — also diejenige, welche mir von aussen zukommt — bringt mir Schritt für Schritt Neues, Unvorherzusehendes; dagegen ist der reine Teil der Anschauung auf gewisse bestimmte Wege despotisch angewiesen. Jede Entdeckungsreise, jedes in die Tiefsee gesenkte Fangnetz fördert neue Lebensgestalten zutage, nie geahnte, unvorhergesehene; alle Jahre entdeckt die Chemie neue Elemente; mit den neuen Teleskopen hat sich die Zahl der Probleme am Himmel nur vermehrt; dagegen sind Newton's Berechnungen heute, was sie gestern waren, und in zehntausend Jahren werden sie ebenso wahr sein; sie sind fester gemauert als die Pyramiden Ägyptens; sie sprechen das tyrannische Gesetz unseres eigenen Menschengeistes aus, das Gesetz, dem wir niemals entrinnen können, und mit dem wir »die Natur meistern«. Hier, auf dem Gebiete der reinen, so wenig wie irgend möglich mit empirischen Daten vermischten Anschauung, hier kann ich also   f ü r   E r f a h r u n g   arbeiten und kann dem Erfahrenen einen unbedingt sicheren, unumstösslichen Ausdruck verleihen. Denn: »Die empirische Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich; was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von jener«; hier — und nur hier — halten wir letztere fest in der Faust (r. V. 206). Das ist die somma certezza della matematica, die Leonardo so richtig eingesehen und als Ideal für alle wissenschaftliche Untersuchung aufgestellt hatte. Während auf anderen Feldern die Versuche, exakt zu forschen, Wandel und Wechsel unterworfen sind, so dass, sagt Kant,

152 LEONARDO

»sich nur flüchtige Schritte tun lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehält, macht hingegen ihr Gang in der Mathematik eine Heeresstrasse, welche noch die späteste Nachkommenschaft mit Zuversicht betreten kann (r. V. 754). Darum beschränkt sich exakte Wissenschaft — und exakt zu werden ist das Bestreben aller Wissenschaft — auf Grösse, Zahl, Gestalt, Bewegung; in ihrer höchsten Vollendung fordert sie, wie Sie gehört haben, einen leeren Raum und Zahlen, weiter nichts (vgl. S. 114); darum, wenn sie die Qualitäten, von welchen die empirische Anschauung meldet — wie z. B. die Farbe — nicht ganz abzustreifen vermag, biegt sie sie und bricht sie zu Bewegung um, getreu dem Grundsatz, den Kant formuliert hat: »Alles Reale der Gegenstände äusserer Sinne   m u s s   als bewegende Kraft angesehen werden« (M. N. 2. Hpt., allg. A.).
    Bei dieser kleinen Ausführung habe ich mich der Einfachheit wegen immerfort Kant's bedient, um das Wesen und den Gang unserer exakten Wissenschaft begreiflich zu machen; Sie brauchen aber jetzt nur die Sache umzudrehen; Sie brauchen nur die vorangegangenen Ausführungen über die physikalische Optik sich ins Gedächtnis zu rufen, und Sie werden begreifen, wie ich die Behauptung aufstellen konnte: unsere Wissenschaft zeuge für die Richtigkeit der Kantischen Analyse des Menschengeistes. Sie ist der Erfahrungsbeweis dafür, dass er richtig gesehen hat.


GOETHE'S FARBENLEHRE

    Nun habe ich so lange bei Leonardo's Göttin, der exakten Wissenschaft verweilt, dass nur für Goethe's unmathematische Auffassung fast keine Zeit bleibt. Doch muss ich dies für ein geringeres Übel halten; denn sobald Sie das Wesen der exakten Wissenschaft genau erfasst haben, ergibt sich fast von selbst das Wesen derjenigen Naturbetrachtung, welche gerade die empirische Anschauung, den Sinnesausdruck bevorzugt, während sie die sogenannte »reine Anschauung« als ein blosses Formprinzip möglichst beiseite schiebt und sie nur dort in Betracht zieht, wo sie das Empirische berührt und sich mit ihm vermählt, nämlich bei der Gestalt. »Zahl und Mass in ihrer Nacktheit«‚ schreibt Goethe, »heben die Form auf und verbannen den Geist der lebendigen Beschauung«. ¹) Rot ist 400 Billionen Schwingungen des hypothetischen Lichtäthers in der Sekunde: das dürfen wir wohl mit Goethe ein Verbannen des Geistes der lebendigen Beschauung nennen. In diesem Geiste — in dem dort verbannten Geiste der lebendigen Be-
—————
    ¹) Tibia und Fibula.

153 LEONARDO

schauung — wurzelt Goethe's Naturbetrachtung. Um den Kreis nicht zu durchbrechen, bleiben wir bei seiner Farbenlehre.
    Sie erinnern sich, wie der Physiker Helmholtz die Sache anpackte. Erst kam eine abstrakte Definition des Lichtes, dann eine reiche Fülle möglicher Konstruktionen des »Scheinbildes« (wie Hertz es nennt), zu allerletzt war von Farbe die Rede. Goethe dagegen geht von der Farbe aus. »Die ganze Natur«‚ sagt er, »offenbart sich durch die Farbe dem Sinne des Auges«. ¹) Er lehnt es ab, von dem Wesen des Lichtes zu sprechen: »Die Natur des Lichts wird wohl nie ein Sterblicher aussprechen, und sollte er es können, so wird er von Niemandem, so wenig wie das Licht, verstanden werden« (Br. 7. 10. 10). Noch umfassender heisst es im Vorwort zur Farbenlehre: »Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen eines Dinges auszudrücken. Wirkungen werden wir gewahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen umfasste wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Vergebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns entgegentreten. — Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über das Licht erwarten.«

    Nicht ein Wort möchte ich hinzusetzen: der Meister hat in diesen wenigen Worten alles gesagt. Mein sei nur die Bitte, dass Sie sich das schöne, teure Werk zum Freund erwählen und durch Goethe's Augen zu sehen lernen.

    Über die Farbenlehre selbst hätte ich gern noch manches Einzelne ausgeführt, doch es würde zu weit führen. Nur das Eine sei erwähnt: hat eine glänzende Entdeckungsbahn für den Wert der mathematischen Methode gezeugt, so hat ein Jahrhundert von Untersuchungen zu dem Ergebnis geführt, dass Goethe — und Goethe allein — die Farbenphänomene richtig beobachtet hat. In Bezug auf Farbenlehre ist Johannes Müller schon veraltet, Helmholtz, der kaum erst von uns geschieden ist, schon veraltet, Hering, der noch unter uns weilt, schon veraltet; ²) Goethe dagegen — wie uns ein jüngerer Fachmann vorhin versicherte — »enthält die Grundlagen der modernsten Anschauungen«; das wird auch nach
—————
    ¹) Farbenlehre, Einleitung.
    ²
) Man vgl. die Experimentaluntersuchungen von Shelford Bidwell in den Proceedings of the Royal Society, Bd. 60 fg.

154 LEONARDO

tausend Jahren gelten. Goethe sucht gar nicht eine Theorie — das heisst eine mathematische Formulierung — aufzufinden. Als sein Schwager Schlosser ihn fragt, inwiefern seine Farbenlehre sich mit der Schwingungshypothese »vereinigen lasse«‚ »musste ich leider bekennen, dass auf meinem Wege hiernach garnicht gefragt werde, sondern dass nur darum zu tun sei, unzählige Erfahrungen ins Enge zu bringen, sie zu ordnen, ihre Verwandtschaft, Stellung gegeneinander und nebeneinander aufzufinden, sich selbst und Anderen fasslich zu machen«. ¹) Wie Sie im Laufe unserer späteren Vorträge einsehen werden, entspricht diese Stellungnahme Goethe's genau Plato's und Kant's kritischer Methode des   B e g r e i f e n s,   im Gegensatz zu jedem naiven Versuch, Phänomene zu   e r k l ä r e n.   Goethe's Farbenlehre ist die fast fleckenlos reine Widerspiegelung empirischer Anschauungen, und dies ist ein bedeutend schwierigeres Unternehmen und erfordert viel mehr Schulung als der Gebrauch mathematischer Instrumente. Der Student kann schon im ersten Semester spektroskopische Untersuchungen anstellen — ich weiss es aus eigener Erfahrung; die Natur dagegen so rein zu erblicken, wie Goethe sie erblickte, dazu gehört Genie und Selbstzucht. Goethe selber bezeugte, er besitze »kein eigentlich scharfes Gesicht« (S. 55), Leonardo's Auge dagegen drang wie ein Dolch ins Innere der Erscheinungen; doch werden Sie, glaube ich, aus unseren theoretischen Bemühungen den Lohn ziehen, hinfürder zwischen einem   s c h a r f e n   und einem   r e i n e n   Blick zu unterscheiden: in jener Schematisierung des bildenden Künstlers, die uns am Beginn dieses Vortrages beschäftigte, waltet wohlbetrachtet ein ähnlicher despotischer Geist wie in der gewaltsamen Schematisierung des exakten Forschers; dass Goethe nicht malen konnte, rührt nicht allein von einem Gebrechen her, es kann auch als positive Eigenschaft eines makellos reinen Blickes aufgefasst werden. Und aus dieser seltensten Eigenschaft mag es wohl zu erklären sein, dass man nicht einmal Goethe zu lesen verstanden hat. Nach heute werden Sie in jedem Buche über Goethe — gleichviel ob von Freund oder Feind — die Behauptung antreffen, Goethe habe drei Grundfarben gelehrt — Rot, Gelb, Blau — das Grün habe er für eine Mischfarbe gehalten. Steht nun das betreffende Buch unter Helmholtzischem Einfluss, so werden Sie belehrt werden, Goethe habe sich geirrt, die drei Grundfarben seien Rot, Grün, Violett; ist das Buch ein
—————
    ¹) Belagerung von Mainz, gegen Schluss.

155 LEONARDO

neueres, so wird es Ihnen leicht beweisen, die Vorstellung von drei Farben sei überhaupt eine Absurdität, da alle Kontrasterscheinungen zeigten, dass die Farben in Paaren zusammengingen und wir somit als Hauptbegriffe auf jeden Fall zwei oder vier oder sechs oder irgend eine andere gerade Anzahl Farben anzunehmen hätten. Von diesen sind ohne Zweifel einerseits Rot-Grün, andererseits Blau-Gelb als zu Grunde liegend zu betrachten, was Leonardo zuerst deutlich erkannte. Wogegen die Leistung, »Grundfarben« aufzustellen, wie Helmholtz (in Anschluss an Young) es tat und dabei Gelb und Blau auszulassen, ein Nonplusultra anschauungsbarer Kombinationstechnik bedeutet. ¹) Nehmen Sie nun Goethe selber zur Hand, so werden Sie zu Ihrer Verwunderung entdecken, dass es ihm niemals eingefallen ist, drei Grundfarben zu lehren. Zwar stellt er fest, »die Maler und Pigmentisten« gingen von drei Farben aus, weil sie aus diesen alle übrigen gewinnen könnten; ²) er selber aber bestimmt eine   Z a h l   überhaupt nicht, sondern behauptet nur, die Farbe gehe von zwei extremen Punkten aus: »Zu-
—————
    ¹) Wie die Allerneuesten unter uns Modernen, nahm Leonardo noch Schwarz und Weiss hinzu (doch mit ausdrücklicher Beschränkung auf die Praxis). Die Hauptstelle lautet bei ihm:
I semplici colori sono sei, de' quali il primo è il bianco, benche alcuni filosofi non accettino il bianco ne 'l nero nel numero de colori, perche l'uno è causa de colori, e l'altro n'è privatione. Ma pure perche il pittore non po fare senza questi, noi li meteremo nel numero degli altri, e diremo il bianco in questo ordine essere il primo ne' simplici, e il giallo il secondo, e'l verde n'è'l terzo, l'azuro n'è'l quarto, e'l rosso n'è'l quinto, e'l nero n'è'l sesto (L. § 254). Diese Darstellung, sowie die Reihenfolge der eigentlichen Farben deckt sich ganz genau mit Goethe's Lehre. Und ebenso wie Goethe in seinem Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken § 1—16 (nur in Hempel's Ausgabe, Band XXXV, S. 49 fg. und W. A. 2. Abt., 5, 129 fg. enthalten) genau ausgeführt hat, inwiefern und warum Schwarz und Weiss nicht im eigentlichen Sinne als Farben betrachtet und in den Farbenkreis aufgenommen werden können, so hat auch Leonardo einen besonderen Abschnitt darüber Perche'l bianco non è colore ma è in potentia ricettiva d'ogni colore (R. M., F fol. 75 recto), wodurch das Weisse als seinem Wesen nach von aller echten Farbe unterschieden wird. Nimmt man nun die vielen anderen Stellen dazu, in denen Leonardo gelegentlich z. B. über Grün als autonome Farbe spricht, welches zwar in der Praxis aus einem Gemisch von gelben und blauen Pigmenten gewonnen wird, doch nur darum, weil diese Pigmente   s c h o n   Grünes enthalten! ferner über Rot, über Gelb, über Blau, so kann Niemand in Abrede stehlen, dass, wenn er auch für Maler schreibt und das Praktische demgemäss bevorzugt, er dennoch — in seiner Weise — den Begriff »Grundfarben« recht wohl hat und recht genau festhält. Professor Mach's Bemerkungen gegen ihn (in seiner Analyse der Empfindungen, 2. Ausg., 1900, S. 51) erweisen sich also als blosse Sophisterei; denn das einzige, was daran wahr sein mag, ist, dass Leonardo nicht in den selben Fehler wie er verfiel, das Weisse und das Schwarze den echten Farben für gleichwertig zu halten, — davor bewahrte ihn sein treues, wahres Auge. Mach wirft Leonardo besonders vor, er hätte   » z u m   V e r g n ü g e n «   beobachtet! Ist denn »der Winter des Missvergnügens« eine unerlässliche Gemütsverfassung für Beobachtung der Natur?
    ²) Nachträge zur Farbenlehre, § 4, Farbenlehre, § 705 usw.


156 LEONARDO

nächst am Licht entsteht uns eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zunächst an der Finsternis, die wir mit dem Worte blau bezeichnen«. ¹) Und insofern nun die Kulmination dieser beiden Extreme — durch das Orange hinauf auf der einen, durch das Violette hinauf auf der anderen Seite — das Rote ist, (der »Zenith«‚ wie es Goethe nennt), ²) und die Herabstimmung der selben Extreme durch das Gelbgrüne und das Blau-grüne hindurch einen äussersten Punkte erreicht (den »Nadir«, nennt es Goethe), der Grün heisst, — insofern darf man allerdings von vier Grundfarben reden, was Goethe manchmal tut. Man könnte also bei ihm von   z w e i,   oder auch von   v i e r,   nie und nimmer aber von   d r e i   Grundfarben reden. In Wirklichkeit ist für ihn die Farbe eine Einheit; darum deutet er zart an, das Rot »enthalte alle andern Farben«; ³) sie kann aber auch als Zweiheit aufgefasst werden, insofern es »nur zwei ganz reine Farben gibt«, Gelb und Blau. 4) Doch liegt, wie Sie wohl merken, ein allgemeiner Begriff von   G e s t a l t   hier zu Grunde, nicht aber die Vorstellung der Zahl. Und darum stehen — wenn ich nicht irre — unsere allermodernsten Physiologen mit ihrer rein mechanischen Auffassung der Farben Goethe nicht so nahe, wie sie selber wähnen; ihr Farbenkreuz


Rot

Gelb

Blau

Grün


hat uns zwar von dem unsinnigen Farbendreieck
—————
    ¹) Farbenlehre, didaktischer Teil, Einleitung, § 696 usw. Auch rein physiologisch betrachtet, hat Goethe recht. Arthur König's Untersuchungen haben gezeigt, dass die Empfindung   G r a u   durch die schwächste Zersetzung des Sehpurpurs verursacht wird; wird die Zersetzung etwas stärker, so entsteht die Empfindung   B l a u,   also »zunächst an der Finsternis« (siehe König: Ges. Abhandl. zur physiol. Optik, S. 354 fg.).

    ²) Farbenlehre, didaktischer Teil, § 523.
   
³) Farbenlehre, didaktischer Teil. § 793.
    4
) Einige allgemeine chromatische Sätze, W. A., 2. Abt., 5, 93.

157 LEONARDO



Rot



Rot



oder



Gelb
Blau
Grün
Violett

erlöst, und jede empirische Wahrheit bedeutet hier eine Annäherung an Goethe, doch ich fürchte, Goethe wird noch etwas warten müssen, ehe er »ganz modern« wird. Zwar hat er gesagt, seine Lehre zu verstehen, dazu »gehöre weiter nichts als ein reines Anschauen und ein gesunder Kopf« (G. 20. 16. 26); doch hat er auch ausdrücklich erklärt, seine Lehre sei »schwerer zu fassen als die Newtonsche«. ¹) Reines Anschauen gibt es eben unter uns so gut wie gar nicht; wir müssten es erst von Goethe lernen.

*     *
*

DIE ZWEI METHODEN

    Somit gelangen wir zu der Beantwortung der Frage, welche den Exkurs veranlasste: ob das, was Goethe — im ausgesprochenen Gegensatz zu Leonardo — angestrebt hat, nämlich eine antimathematische, insofern auch a-logische und darum nicht-wissenschaftliche Auffassung der Natur, nicht tiefe Berechtigung besitze? Jetzt steht diese Frage doch ganz anders vor Ihrem Geiste, nicht wahr? Sie enthält für Sie nichts Phrasenhaftes mehr. Sie haben mit Augen gesehen, wie mächtig und zugleich wie bettelarm die ganz reine Wissenschaft ist. »Der Mathematiker ist Meister über die Natur«, urteilt Kant mit Recht (r. V., 753); doch was weiss ein Meister von seinem Sklaven? Nichts als die Arbeit, die er ihn verrichten lässt. Goethe steht der Natur in einer anderen Gemütsverfassung gegenüber, darum auch in einer anderen Geistesverfassung. Nicht meistern will er die Natur, sondern sie innerlich besitzen; nicht sie soll für ihn arbeiten, sondern er für sie; er will sie wiedergebären und hierdurch sie sich aneignen; genau so wie wir vorhin die Farbe als ein zugleich ganz Subjektives und ganz Objektives erkannten, so will er eine Naturanschauung anbahnen, die ganz menschlich — sonst bliebe sie ja unbegriffen — doch zugleich reine Natur, oder sagen wir,   m ö g l i c h s t   reine Natur sei. Das Mathematisch-Physische ist, wie Sie gesehen haben, ein peinlich
—————
    ¹) Farbenlehre, Einleitung.

158 LEONARDO

abstraktes Wesen: denn indem es die empirische Anschauung nach Tunlichkeit beiseite schiebt, entkleidet es nicht bloss die Dinge ihres Wesens, sondern es beraubt mich Menschen aller unmittelbaren sinnlichen Empfindungen. Es bleiben nur Gespenster, die zwischen Objekt und Subjekt hin und her huschen. Dass Rot als 400 Billionen Schwingungen in der Sekunde aufgefasst werden kann, ist eine für die Wissenschaft und dadurch auch für die Praxis höchst wichtige Formel; für das Leben ist es völlig ohne Bedeutung. La meccanica è il paradiso war nicht Goethe's Überzeugung; »mechanische Formeln verwandeln das Lebendige in ein Totes«, sagt er; ¹) er wollte das Leben als ein Lebendiges auffassen lehren.
    Auch hier muss es natürlich eine Methode geben, sonst wäre keine Einheit und somit keine Anschauung zu erzielen. Jenes Wort über die Phantasie, das ich im heutigen Vortrag (S. 106) anführte —
sie stehe der Natur sehr nahe, sie sei ihr gewachsen — gibt Ihnen den Schlüssel. Die Verwandtschaft mit Kunst ist offenbar und sicher und tröstlich und ermutigend. Doch vergessen Sie nicht jenes andere Wort von der   » e x a k t e n   sinnlichen Phantasie«; vergessen Sie nicht, dass Goethe unvergleichlich genauer gesehen hat als Newton und Helmholtz. Es handelt sich nicht um Phantasterei, sondern um das, was Goethe »die produktive Einbildungskraft« nennt. ²) Ohne Einbildungskraft kommen wir Menschen überhaupt nicht fort; denken Sie nur an die Wellen und die Strahlen und die Polarisationen des hypothetischen Mediums. Während aber die mathematische Wissenschaft mit Schemen arbeitet, die lediglich im Interesse des Menschenhirns erfunden sind, sucht Goethe der Natur auf die Spur zu kommen und auf dem Wege des Symbols — nicht ihren   M e c h a n i s m u s,   sondern ihre   I d e e n   zu entdecken und darzustellen. Einmal spricht er es selber klipp und klar aus: »Meine Tendenz ist die Verkörperung der Ideen« (Br. 24. 4. 15).
    Sobald wir nun eine klare Vorstellung von Goethe's Ziel und Methode besitzen, begreifen wir, was Kant meint, wenn er uns auffordert, »die Erscheinungen nicht bloss als zur Natur in ihrem zwecklosen Mechanismus, sondern auch als zur Analogie mit der Kunst gehörig, zu beurteilen« (Ur. § 23). Doch ehe wir in diesem Zusammenhang von Kant sprechen — der in so eigentümlicher
—————
    ¹) Farbenlehre, didaktischer Teil, § 752.
    ²) Vorarbeiten zu einer Physiologie der Pflanzen, W. A., 2. Abt., 6, 302.


159 LEONARDO

Weise Hand in Hand zugleich mit Leonardo und mit Goethe geht — wird es zweckmässig sein, unsere Ergebnisse in Bezug auf die zwei Arten, Natur anzuschauen, kurz zu formulieren. Das Bedenkliche eines jeden solchen Unterfangens ist Ihnen nicht unbekannt, doch handelt es sich ja nicht um ein Gebäude, darin wir wohnen bleiben wollen, sondern nur um einen Meilenstein auf unserem Wege zu einer lebendigen Vorstellung der persönlichen Denkart Immanuel Kant's.
    Es gibt ein analytisches, auf mathematische Zergliederung von Bewegungen hinzielendes Schauen, und es gibt ein intuitives, auf phantasiemächtiges Nachschaffen der Natur gerichtetes Schauen. Beide besitzen nur dann Wert, wenn sie exakt sind. Der Stoff — sowohl äusserer als innerer — ist in beiden Fällen der selbe; doch bedingt die Richtung des Blickes einen tiefgreifenden Unterschied; der eine Mann erblickt das eine Ende, der andere das andere Ende des Spektrums nicht; daher Goethe's Unverständnis für das Wesen der Mathematik, daher Leonardo's einseitige Bevorzugung mechanischer Deutungen.
   
Zur eigentlichen exakten Wissenschaft führt die Analyse von Bewegungen. Das Prinzip der Wissenschaft ist die Herrschaft des Menschengeistes, der sein Gesetz der empirisch wahrgenommenen Natur auferlegt. Die Organe der Wissenschaft sind die Mathematik (soweit irgend mit Gewalt tunlich) für das Verknüpfen des Angeschauten, die Logik von Ursache und Wirkung für das Verknüpfen ausserhalb des Angeschauten. ¹) Alles aus dem Empfindungsstoff, was sich in das eine oder das andere dieser Schemata nicht einfügen lassen will, wird beiseite geschoben und ignoriert. Wissenschaft können wir darum als   s y s t e m a t i s c h e n   A n t h r o p o m o r p h i s m u s   bezeichnen. Hieraus ergeben sich zwei Folgerungen. Da der Anthropos selber ein Bestandteil der Natur ist, so ist es offenbar wahrscheinlich, dass er sich einen bedeutenden Teil der Naturphänomene nach dem ihm eigenen Schema wird assimilieren können; die Geschichte der Wissenschaften zeugt dafür. Was er sich nach dieser Methode assimiliert hat, ist ein unbedingtes Wissen; es kann jederzeit und von jedermann angewandt werden. Dieses Wissen ist der Wirklichkeit nicht adäquat; es ist nur ein Schema; es berührt kaum
—————
    ¹) Im weiteren Verstande des Wortes »Mathematik« gehört dies alles dazu. Unter »Universalmathematik« versteht man heute jegliche Art bestimmbarer Aufeinanderfolge, »ohne dass Zahlen oder Masse dabei notwendig in Betracht kommen« (siehe Whitehead: Universal Algebra. S. VI fg.; genaueres im Platovortrag).

160 LEONARDO

das Wesen der Dinge: doch es genügt für Theorie und für Praxis. Das wäre die erste Folgerung; nun beachten Sie aber, bitte, die zweite. Auf derartiger Grundlage kann ein lückenlos zusammenhängendes Gebäude als Natursystem errichtet werden, ohne dass der Menschengeist ein einziges Mal mit sich selbst in Widerspruch gerate, ohne also dass er das Grundgesetz seines Denkens — die logische Folgerichtigkeit — verletze, und es ist dennoch möglich, dass er von Anfang bis Ende, in jedem einzelnen Stadium, immer nur ein Bruchstück der Wahrheit erfasst habe. Zur Aufdeckung dieses das ganze Wesen der Welt fälschenden Irrtums — den error ex incomperto könnte man es nennen — bietet die Wissenschaft keinerlei Handhabe. Es ist darum ein Goethe vollkommen berechtigt zu fordern, man solle die Natur auch anders als mechanisch-logisch betrachten dürfen; er hat nur Unrecht, diese andere Betrachtungsweise »exakte Wissenschaft« zu nennen. ¹)
    Das Wesen des anderen Schauens ist schwerer zu bestimmen, gerade weil es reineres Schauen ist. Die charakteristische Gebärde ist hier die Hingabe an die Natur, das Hinausstreben aus dem Frondienst des Anthropomorphismus. Das Prinzip ist die Liebe, das Ziel, »der Natur ihre Gedanken nachzudenken«, das Organ sind die Sinne im Bunde mit der Phantasie. Das Gedachte kann hier eigentlich nicht gewusst werden; wie der indische Weise Bartrihari sagt: »es finden sich keine Worte für diese Wahrheit«; denken Sie nur an die Metamorphosenlehre; mit der Farbenlehre verhält es sich nicht anders. Doch muss man sich immer vor Augen halten, was unser sogenanntes »Wissen« bedeutet, und welche engen Schranken ihm gezogen sind; wohlbetrachtet ist, wie wir gesehen haben, das Wissen unserer Wissenschaft mehr eine   M e t h o d e,   die Natur zu durchforschen und zu meistern (für Erfahrung zu arbeiten) als wirkliche Erkenntnis. Bereichert werden unsere Mittel, unsere physischen Existenzbedingungen, unser Arsenal an Wissensstoff durch die Wissenschaft; doch bereichert wird unser Geist nur durch die innerliche Aufnahme und das Verarbeiten zu einem Eigenen. Und dieser Weg ist es, den Goethe einschlägt. Von seiner Farben-
—————
    ¹) Wie berechtigt er ist, zeigt uns folgende Äusserung des berühmten französischen Chemikers Berthelot: »C'est en vain que notre pensée s'efforce de représenter le monde par la superposition de lois simples, purement mathémathiques, qui dans la réalité ne se superposent que d'une façon incomplète et ne se combinent jamais absolument. Un tel à peu près n'est pas dans la nature; il est dans la représentation que nous nous en faisons. (Discours à l'Académie des Sciences du 22. 12. 1896.)

161 LEONARDO

lehre gesteht er: sie lasse sich nicht lehren, »es gelte ein Tun, kein Theoretisieren« (G. 12. 8. 27).
    Lassen Sie mich hier mein Bekenntnis aussprechen. Wie sehr ich der exakten Wissenschaft ergeben bin, wissen Sie; auf ihrem Gebiete eher als auf irgend einem andern wäre ich — wenn das Schicksal mich begünstigt hätte — befähigt gewesen, etwas zu leisten. Trotzdem bin ich tief überzeugt, je weiter die Entwickelung der echten Wissenschaften gedeiht, umso unentbehrlicher wird eine rein anschauliche — zur Analogie mit der Kunst gehörige — Auffassung der Natur werden, und zwar im Interesse der Kultur der Menschheit. Und wenn wir vom Standpunkt Leonardo's aus, d. h. vom Standpunkt des streng logisch verknüpfenden Verstandes aus diese Anschauungsart definieren wollen, so müssen wir sagen, sie sei   e i n e   k a u s a l i t ä t s l o s e   B e t r a c h t u n g   d e r   N a t u r.   Reine Anschauung meldet nichts von vorher und nachher, von Ursache und Wirkung. »Das Zurückführen der Wirkung auf die Ursache ist bloss ein historisches Verfahren«, schreibt Goethe. Seine Metamorphosenlehre ist nicht die Aufdeckung eines Vorganges, sondern die Darstellung einer Idee — Idee der Natur, Idee des Menschen, sie treffen hier zusammen; und in seinen Farbenstudien ist er so weit entfernt, eine neue Theorie an die Stelle der anderen setzen zu wollen, dass er es tadelt, wie die Menschen dazu neigen, lieber durch eine »Erklärung« die Phänomene »bei Seite zu bringen«‚ anstatt »durch eine innigere Teilnahme ..... das Einzelne kennen zu lernen und ein Ganzes zu   e r b a u e n «. ¹) Unsere ganze Erziehung macht aus uns aber immer mehr »historische« Wesen, im Gegensatz zu gegenwärtigen; und jene beiden Dinge: der Augenblick und der Blick der Augen sind nahe verwandt. Wer bei Betrachtung der Natur beschäftigt ist, eine sogenannte Wirkung auf eine sogenannte Ursache zurückzuführen, wandelt den Weg des Mathematikers; denn wie dieser die reinen Formen der Anschauung, so bevorzugt jener die reinen Formen des Verstandes zu Ungunsten der sinnlich gegebenen Erfahrung: er wird zwar scharf, doch nicht rein sehen; denn sein Sehen ist durch Denken, nämlich durch planmässiges Verknüpfen nach menschlichen Normen getrübt. Erfahrung ist, wie Kant sagt und wie Sie vorhin begreifen lernten, ein »Produkt des Verstandes aus Materialien der Sinnlichkeit« (P. § 34); das ist sie auf alle Fälle; doch begründet es einen ge-
—————
    ¹) Farbenlehre, Einleitung.

162 LEONARDO

waltigen Unterschied, ob das Element des Verstandes oder das der Sinnlichkeit bevorzugt wird; die exakte Wissenschaft tut das erstere, Goethe das zweite. Für Goethe käme es also auf die Ausbildung des nachschaffenden, sagen wir dreist, des »künstlerischen« Sehens an — was nur im Anschluss an das Genie geschehen kann — im Gegensatz zu der ausschliesslich zerlegenden und nach Ursachen spähenden begrifflichen Naturbetrachtung. Wer uns lehrte, diese unwillkürlich schematisierende Tätigkeit des Geistes — nicht auf immer, doch nach Belieben — zu Gunsten des Schauens und — wie Goethe uns soeben sagte — des »Auferbauens« zu unterdrücken, würde uns mit neuen Augen begaben. Wie jene mathematische Methode mit neuen Maschinen, so würde diese Methode der reinen Anschauung uns mit neuen Gedanken und Bildern bereichern. Reicher als je zuvor würde die Quelle der Phantasie fliessen, weil inzwischen die Wissenschaft das Gebiet des Sichtbaren erweitert hat. Folgen wir dagegen nicht dem Beispiel Goethe's, so wird unsere Civilisation sich in lauter Gleichungen verflüchtigen; Goethe hat den Weg zur Kultur gewiesen.

KANT ALS VERMITTLER

    Diesen Weg hat nicht Goethe allein, auch Kant hat ihn gewiesen. Wenn Sie nun lebendige Einsicht in die Tatsache bekommen könnten, dass Kant — dessen Auge von dem Leonardo's und Goethe's so offenbar sich unterscheidet — dennoch die antipodischen Anschauungen beider Männer in Bezug auf Naturbetrachtung teilt und somit zum harmonischen Ausgleich führt, so würde Ihre heutige Geduld reichlich belohnt sein. Inwiefern er mit Leonardo übereinstimmt, das wissen Sie schon, das ist nicht schwer zu fassen; die Übereinstimmung mit Goethe erfordert eine feinere Analyse, um wahrgenommen zu werden. Doch bildet sie einen so ausgesprochenen Zug in Kant's Wesen, dass wenige Worte genügen werden, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Näheres bringt ein späterer Vortrag.
    Wie es um die Grundvorstellungen der exakten Wissenschaften bestellt ist, wusste Kant genau. »Von Lichtstoff, Wärmstoff usw. kann man wohl sprechen, weil sie   b l o s s   D i c h t u n g e n   von Kräften sind ... welche bloss einen Verhältnisbegriff enthalten«, schreibt er (Üb. III, 598). Und der selbe Mann, der die Worte spricht:
»Es kann gar keine eigentliche Naturerkenntnis geben, ohne den Mechanismus zum Grunde der Naturforschung zu legen« — was er damit meint und wie er es meint, wissen Sie jetzt genau — der

163 LEONARDO

selbe Mann schreibt am selben Orte: »Dieses hindert nun die Maxime ... nicht, bei einigen Naturformen nach einem Prinzip zu spüren und über sie zu reflektieren, welches von der Erklärung nach dem Mechanismus der Natur   g a n z   v e r s c h i e d e n   i s t .....« (Ur. § 70). ¹) Freilich hat Kant an dieser Stelle nur ein einziges anderes »Prinzip« im Kopfe, nämlich das der Endursachen, doch in diesem Werke über die Urteilskraft kommen auch andere Prinzipien zur Sprache, die mittelbar zur Endursache gehören, so z. B. in den grossen Erörterungen über die Ideen von Gattung und Art, von Metamorphose und Persistenz der Gestalt usw. Endursache ist für Kant überhaupt — nach mehreren Stellen — mit Architektonik gleichbedeutend. Es handelt sich also ganz allgemein um »die Natur als Darstellung von Ideen« (wie es in der selben Schrift heisst), »eine Bemühung« — hatte Kant schon in der Kritik der reinen Vernunft geschrieben — »die Achtung und Nachfolge verdient« (S. 375). Ihre ganze Aufmerksamkeit möchte ich nun für folgenden Satz beanspruchen. Kant sagt: »Buchstäblich genommen und logisch betrachtet, können Ideen nicht dargestellt werden. Aber wenn wir unser empirisches Vorstellungsvermögen ... für die Anschauung der Natur erweitern, so tritt unausbleiblich die Vernunft hinzu ... und bringt die obzwar vergebliche Bestrebung des Gemüts hervor, die Vorstellung der Sinne diesen [Ideen] angemessen zu machen« (Ur., Anm. nach § 29). Dieser Satz ist wie gemünzt auf Goethe's Naturanschauung. Das empirische Vorstellungsvermögen zu erweitern, das wäre, wie Sie gesehen haben, deren Kernpunkt; gerade dieses Bestreben — die empirische Anschauung, den Anteil der Sinnlichkeit im Gegensatz zur einseitig bevorzugten reinen und so zu sagen abstrakten Anschauung, zu erweitern — scheidet Goethe's Methode grundsätzlich von der der Wissenschaft. Und Sie bemerken, wie fein unser lieber trockener Kant spricht: »buchstäblich genommen und logisch betrachtet« können die Ideen nicht dargestellt werden und »die Bestrebung bleibt vergeblich«; doch uns hindert Niemand, die Livree des Buchstabens und die Fronkette einer im letzten Grunde — wie gerade Kant es in seiner berühmten Darstellung des »Widerstreites der Vernunft« gezeigt hat — auf Absurditäten hinausführenden Logik abzustreifen. Die Idee »Art«
—————
    ¹) Ob das »sie« verschrieben ist oder sich auf Maxime oder auf Naturformen bezieht, vermag ich nicht zu sagen; nach Kehrbach scheint das Wort, so wie hier
  citiert, in allen Ausgaben zu stehen.

164 LEONARDO

kann, buchstäblich betrachtet, nicht vor die Sinne gebracht werden, und dennoch bildet sie die Grundlage aller Wissenschaft der Tiere und Pflanzen; die Idee »Metamorphose« hält einer logischen Untersuchung nicht Stich, und trotzdem erzeugt sie fort und fort die vergleichende Anatomie. Die Wissenschaft erweitert nur extensiv, dagegen erweitert eine Betrachtung nach der Art Goethe's »unser Vorstellungsvermögen für die Anschauung der Natur« intensiv.
    Nun wäre es freilich ungereimt, wollten wir bei einem Manne mit geschlossenen Augen, wie Kant, Ideen im selben Sinne wie bei Goethe am Werke zu finden erwarten. Einzig Beschreibungen vermittelten ihm lebhafte Vorstellungen, sonst erblickte er nichts. Eine unmittelbare Anschauung der Natur, von deren Erweiterung er hier spricht, gab es folglich für ihn — soweit die äussere Natur in Betracht kommt — überhaupt nicht. Ihr gegenüber konnte er weder mit Leonardo entdecken, noch mit Goethe erfinden; seine genialen Ideen in Bezug auf die umgebende Natur sind darum rein schematisch, rein mechanisch. Seine Theorie des Himmels ist ein gutes Beispiel von der Art, wie der Physiker »für« Erfahrung forscht. Es gibt aber auch eine innere Empirie, eine innere Natur. Und hier — hier, wo Kant ganz zu Hause ist — steht er in genau der selben Stellung, wie Goethe der umgebenden, äusseren Natur gegenübersteht. Es gibt nämlich eine Idee, die sich nur bei einem nach innen gerichteten Blick bis zu einer so leuchtenden Klarheit entwickeln konnte, dass sie zuletzt, dem heiligen Grale gleich, die innere Finsternis durchhellte, eine Idee, deren Gegenstück bei Goethe das ist, was er Gott-Natur nennt — die Idee der   F r e i h e i t.   Der Mann, der den Mechanismus der Natur nicht allein im Bau des Kosmos, sondern bis in die innersten Falten der menschlichen Geistestätigkeit verfolgt hatte, erkannte als das höchste Vermögen der menschlichen Persönlichkeit ihre sittliche Selbständigkeit. Das ist eine »Idee«, eine Idee, die nicht dargestellt, wohl aber erlebt werden kann, geradeso wie Goethe's Bestreben darauf ausging, die umgebende Natur zu »erleben«. Solange ich den Mechanismus der Naturforschung zu Grunde lege, kann ich und muss ich in mir selber nur eine Maschine erkennen, oder, wie Kant es ausspricht, »eine Natur, welcher der Wille unterworfen ist«; es muss gelingen, jede feinste Regung meines Denkens und Empfindens ebenso mechanisch zu deuten, wie das Wesen des Lichtes, selbst wenn ich dazu recht viele eigentümliche Bewegungsformen hypothetischer

165 LEONARDO

Medien vorauszusetzen gezwungen werden sollte. Wer das leugnet, arbeitet im Interesse des Obskurantismus und zeigt, dass er des Segens echter germanischer Wissenschaft nicht teilhaftig wurde; für ihn hat die ganze Entwickelung unseres Naturerkennens vom 15. bis zum 20. Jahrhundert nicht stattgefunden. Kann mir aber der Mechanismus genügen? Darf er es? Muss ich als denkendes und sittliches Wesen nicht empfinden, dass, wenn ich hierbei bleibe, ich mich selbst belüge? Zeugt nicht die eigenste Erfahrung eines jeden Augenblicks für Freiheit und Verantwortlichkeit? für die Wirklichkeit »einer Natur, welche einem Willen unterworfen ist«? (p. V.) Erinnern Sie sich, wie Goethe seinen unmechanischen Standpunkt dadurch bezeichnete, dass er das Licht nicht durch die Voraussetzung eines hypothetischen Wesens, sondern durch die treue Darstellung seiner Handlungen — seiner Taten und Leiden — zu ergründen sich vornahm? (S. 153). Ebenso weist Kant es zurück, dass man das Wesen und die Bedeutung des Menschseins aus dem Studium der Anatomie und »durch Vergleichung des Skeletts des Menschen mit dem von anderen Tiergattungen aufsuche«, vielmehr könnten sie »allein in seinen   H a n d l u n g e n   gefunden werden, dadurch er seinen Charakter offenbart«. ¹) Es sind, wie Sie sehen, fast buchstäblich Goethe's Worte über das Licht. Und was entdeckt Kant, wenn er — der Mechaniker und Analytiker — diese Handlungen prüft? »Die Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen von dem Mechanismus der ganzen Natur« (Gr.). Diese Einsicht aber bestimmt ihn, uns Menschen als höchstes Ziel eine Idee vorzuhalten — hier, weil sie auf Handlungen geht, die wir vollbringen sollen, heisst sie »Ideal« — die nicht aus angeblichen Offenbarungen passiv aufgenommen wird, die überhaupt nicht da ist und auf uns wartet — ebensowenig wie die Idee der Metamorphose — »die aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann«. Anstatt über die Freiheit theoretisch hin und her zu debattieren, sollen wir sie durch die Tat bewähren; durch sie sollen wir — der Natur zum Trotz — Ideale verwirklichen.
    Hier sehen Sie Kant selber das ausführen, was er in Bezug auf das Verhältnis des Menschen zur umgebenden Natur nur theoretisch erörtert hatte: nämlich die Darstellung der Natur in Ideen, im Gegensatz zu ihrer Erklärung als Mechanismus. Die Verwandtschaft mit Goethe, die freilich nicht auf der Oberfläche liegt,
—————
    ¹) Rezension über Herder's Ideen zur Philosophie der Geschichte.

166 LEONARDO

ist hier eine so innige und tiefe, dass ich kaum glaube, es sei möglich, den einen Mann ohne den andern zu verstehen. Ich glaube nicht, dass Sie eine völlig konkrete, phrasenlose Vorstellung dessen erhalten können, was Kant unter »Unabhängigkeit vom Mechanismus« und »Freiheit« versteht, wenn Sie sich nicht in Goethe's Naturbetrachtung versenken, und andrerseits bin ich überzeugt, dass unsere Vorstellung von Goethe's Art, die Natur zu betrachten, matt, unzulänglich, falsch bleibt, solange wir nicht die Einsicht gewonnen haben, dass es sich für ihn um etwas eben so Unmittelbares, eben so Erlebtes handelt, wie es für Kant die Freiheit des menschlichen Willens ist. Goethe will wie Kant eine Rettungstat ausführen, und die Methode ist bei beiden die selbe. Kant schreibt einmal: »Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt, oder im Überschwenglichen, ausser meinem Gesichtskreise, suchen und bloss vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.« Diese Worte erinnern Sie an Goethe's: »Natur hat weder Kern noch Schale, alles ist sie mit einem Male.« Für uns Menschen gibt es aber wohl eine Unterscheidung zwischen Kern und Schale, und die unabweisliche Tendenz unserer sonst so bewunderungswürdigen mechanischen Wissenschaft ist, alles zu Schale zu machen, sowohl den bestirnten Himmel wie das moralische Gesetz; wogegen Kant und Goethe darin übereintreffen, dass sie uns lehren, wie wir es anfangen sollen, um alles als Kern zu deuten, wobei — der Natur ihrer Gaben gemäss — der Eine den bestirnten Himmel, der Andere das moralische Gesetz vorzüglich ins Auge fasst.
    Das Wort Goethe's: »ich ging aus eigener Natur einen ähnlichen Weg als Kant« (S. 21), ist für uns immer bedeutungsvoller geworden. Ich möchte bestimmt hoffen, dass Sie vom Standpunkt Goethe's aus die merkwürdige Persönlichkeit Kant's — so reich an dem, was der oberflächliche Beobachter Widersprüche nennt — in ihrem organischen Zusammenhang deutlich zu erblicken beginnen. Wenn Sie jetzt die Kritik der reinen Vernunft lesen und in der Vorrede dem vielcitierten und fast immer missverstandenen Satz — »Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen«

167 LEONARDO

— begegnen, Sie werden ihn, glaube ich, verstehen, und zwar in dem Sinne, wie Kant ihn verstanden hat. Und das ist ein Prüfstein; denn kein Mann hat für das exakte Wissen eine glühendere Verehrung gehabt als Kant, und kein Mann hat in den Begriff Glauben so wenig Historie und so viel Kraft der lebendigen Tat gelegt wie er. Sie beide — Wissen und Glauben — richtig zu unterscheiden und doch wieder »unmittelbar zu verknüpfen«, das war seine auszeichnende Begabung.

LEONARDO, GOETHE, KANT


    Ich bin für heute zu Ende; zugleich verlasse ich das Gebiet dieser beiden ersten Vorträge; mit René Descartes und Giordano Bruno betreten wir das nächste Mal eine neue Höhe, und es wird
uns manches schon Berührte in anderem Lichte erscheinen. Gestatten Sie mir aber zum Schlusse einige kurze Worte noch über den grossen Künstler, der uns heute so vortreffliche Dienste geleistet hat. Denn den Antrieb, ja, die eigentliche Treibkraft zu den Betrachtungen, die uns einen so klaren, tiefen Einblick in Kant's innerstes Herz eröffneten, verdanken wir Leonardo. Näher können wir uns in diesen Vorträgen mit dem wunderbaren Manne leider nicht beschäftigen; doch wird jetzt eine flüchtigste Übersicht genügen, um manchen Zug der Verwandtschaft mit Goethe und Kant zu entdecken, und diese letzte Zusammenfassung wird gleichsam einen glänzenden, durchsichtigen, die Farben schützenden Firniss über das gewonnene Bild ausbreiten.
    Leonardo, der so genau mit Kant in seiner Wertschätzung der mathematischen und mechanischen Naturforschung übereinstimmte, hat uns Zeugnisse hinterlassen, dass auch er nichtsdestoweniger zwischen einer Natur, die einen Willen unterwirft, und einer Natur, die sich einem Willen unterwerfen muss, zu unterscheiden wusste. La necessità è maestra e tutrice della natura, schreibt er: das ist die Natur als Mechanismus; — an anderer Stelle jedoch schreibt er: il dono principal di natura è libertà: das ist die Natur als Idee. Und die Bewährung dieser Idee im Menschen erblickt er mit Kant in der signoria di se medesimo, das heisst in dem, was der deutsche Weise »die Freiheit von dem Mechanismus der ganzen Natur« nannte. Schon diese Übereinstimmung ist interessant; sie deutet darauf hin, dass, wer den Mechanismus als Prinzip der Naturerklärung versteht und, ohne dem Überschwenglichen das kleinste Schlupfloch zu lassen, durch das es sich einschmuggeln könnte, lückenlos durchführt, auf diesem Wege notwendigerweise zu einem

168 LEONARDO

gesunden Idealismus gelangt; die Begriffe Notwendigkeit und Freiheit schliessen sich nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen sich gegenseitig. ¹) In der Klarheit dieser Erkenntnis steht Leonardo Kant näher als Goethe; dieser war nicht genügend Mechanist, um ein reiner Idealist zu sein.
    Noch tiefer gehen wir jedoch in dieser Parallele, wenn wir das Verhältnis des schaffenden Künstlers Leonardo zum Menschen Leonardo in Betracht ziehen. Leonardo, der Theoretiker, ist ein scharfer, aber ungemein strenger, trockener Geist. Oft habe ich bei der nicht mühelosen Lektüre seiner Schriften an Kant denken müssen. Es ist der selbe Hass gegen das »Schwärmen«, das selbe Misstrauen gegen alles, was sich als Intuition und Genialität geben möchte. Seinen Schülern spricht er nie von anderen Dingen als Messungen und Berechnungen und technischen Griffen, und er wird nicht müde, ihnen »die spiegelhafte Nachahmung der Natur« einzuschärfen. Und jetzt, bitte ich Sie, wenden Sie die Augen von seinen Büchern auf seine Werke! Ist das die linienhafte Kopie einer mechanisch erblickten Gestalt? Ist es nicht vielmehr eine Offenbarung alles Unsichtbaren, Unsagbaren, Unausdenkbaren; seeking in an instant of vision to concentrate a thousand experiences? ²) Nie, ausser von Rembrandt vielleicht, ist Persönlichkeit so ergreifend veranschaulicht worden; das innerste Geheimnis der Seele ruht nur halbverschleiert auf den stillen Zügen; seine Frauenköpfe sind die lebendige Darstellung jenes Mysteriums, das Goethe das Ewigweibliche nannte; seine Christusgestalt bedeutet ein fünftes Evangelium. Auch auf gewissen landschaftlichen Federzeichnungen von seiner Hand ruht der selbe Zauber:


als ob da drinnen ganze Weltenräume wären,
Wald und Wiesen, Bäche, Seen,...
unerforschte Tiefen.

Und er, der Empiriker und Mechaniker, er wusste es wohl, was hier für Geheimnisse des Menschengeistes offenkundig werden. Von den Werken des Genies sagt er: questa non s'insegna, come fan le matematiche ... non si copia, come si fa le lettere .... questa sola si resta nobile, questa sola onora il suo autore e resta pretiosa e unica, e non partorisce mai figluoli eguali à se (L. § 8). Es nützt nichts, das
—————
    ¹) Vgl. Chamberlain: Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 775 fg., 884.
    ²) Walter Pater: Renaissance, (ch. Leonardo da Vinci, p. 106).


169 LEONARDO

Phänomen des Menschengeistes auf ein kleines herabwürdigen oder gar ableugnen zu wollen, wie wir es täglich um uns herum erfahren; man bereitet sich damit ein bettelarmes Leben. Rè delle bestie nennt zwar der unbarmherzige Realist die Menschen, und er lacht über die Mönche und »andere Lügner«, die von einer »Seele« Wunder erzählen, wo er, Anatom und Mechaniker, nur Nerven gefunden habe, die zu einem Gehirn führen: nun aber tritt er an die Leinwand und gestaltet darauf eine Idee — den Heiland, den rè degli uomini, wie ihn seine Phantasie erblickt hat — ein Werk, welches man nicht lernen und nicht nachbilden kann und welches niemals einen ihm ähnlichen Sohn gebiert. Und wir, wir nahen ehrfurchtsvoll und beglückt und für alle Zeiten bereichert. Wir bezweifeln nicht, dass zwischen dem grossen Techniker — dem Manne, der die Geometrie des Raumes und der Perspektive erforschte, der die Stellung jedes Blattes am Baume und jedes Muskels im Antlitz mit Zirkel und Richtscheit ausmass — und dem Gestalter unsterblicher Ideen ein geheimer Zusammenhang bestehe; doch verhält es sich hiermit wie mit Kant's Beispiel des bestirnten Himmels über mir und des moralischen Gesetzes in mir: verknüpft machen sie mein Dasein aus, doch stehen sie nicht zu einander in einem Verhältnis von Ursache und Wirkung.
    Es gibt eben zwei Welten, zwei Welten, die zu einander in Gegensatz, in Kontraposition stehen, sich gegenseitig zugleich voraussetzend und ausschliessend. Sie erinnern sich vielleicht einer wichtigen Einsicht, welche wir gleich am Anfang des heutigen Vortrages, bei dem ersten Vergleich zwischen Goethe und Leonardo gewannen:
dass nämlich diese zwei Welten von einander scharf geschieden sind; sie liegen wie durch einen breiten Fluss getrennt; an einer Stelle führt eine Brücke, an einer andern eine Fähre von einem Ufer zum andern, sonst aber gibt es keinen Übergang. Die Sinnenwelt vermag gar nicht anders als durch Verstandesschemen vermittelt in die denkende Vernunft einzutreten, und andererseits kann die Ideenwelt nur dadurch Sichtbarkeit erlangen, dass sie von der Sinnenwelt sich Symbole borgt. Das ist eine Grundtatsache des Menschengeistes, von jeher mehr oder weniger deutlich geahnt, von Kant für alle Zeiten dargetan. Jeder Versuch, diese unserer Natur — und das heisst der gesamten Natur — zu Grunde liegende Zwiefalt zu leugnen, opfert die eine Hälfte unseres Wesens der anderen. Der Mystiker (und zu ihm muss man Geister wie

170 LEONARDO

Schopenhauer rechnen) bestreitet entweder oder durchbricht an vielen Stellen das mechanische Gesetz: dadurch richtet er meinen Verstand zu Grunde; der wissenschaftliche Monist verfährt noch gewaltsamer; denn während jener nur das Abstrakt-Mathematische verwirft, leugnet dieser das Konkret-Sinnfällige und will einzig das mathematische Phantom gelten lassen. Den Ersten widerlegt der Gang der exakten Wissenschaft, den Zweiten straft jedes Genie Lügen. Und was ich Ihnen zu Gemüte führen möchte, ist, dass Goethe's schöpferische Ideen über die organische Natur und das Wesen der Farbe, und Kant's schöpferische Ideen über die Architektonik des Menschengeistes und über den Zusammenhang zwischen den zwei Naturen genau in der selben Weise zu betrachten und zu beurteilen sind wie ein aus reiner Schöpferkraft hervorgegangenes Kunstwerk des Leonardo. Dass echte Genies sich mit der exakten Wissenschaft befassen, haben wir jetzt zur Genüge gesehen; doch ungereimt ist es, von der Wissenschaft als solcher schöpferische Leistungen zu erwarten; was sie Geniales an den Tag fördert, sind Erfindungstaten der Natur, nicht eigene; dafür soll sie auch gelobt werden; doch ein Höheres ist es, wenn die Natur im Menschen zum Erfindungswerk übergeht und in einem Paroxysmus des Geistes Neues gebiert. Dieses aber mit dem Ellenmass zu messen, ist ein lächerliches Unterfangen. Hier kann uns nicht die Krückenlogik des tastenden Blinden, sondern einzig das freie offene Auge überzeugen; wie Schwingungszahl und Farbe, so stehen sich die beiden Methoden einander gegenüber, verknüpft, doch ewig fremd. Gewiss sind auch Goethe und Kant Techniker: auch hier besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang zwischen Erleiden und Tätigsein, zwischen Erfahrung und Idee, zwischen Empirie und Schöpferkraft, sowie was die unbewusste Methode des Lebens betrifft — zwischen Schema und Symbol, Technik und Phantasie. Kein Mensch steht dem Stümper ferner, kein Mensch ist fleissiger als das Genie. Zwölf Bände hat die Weimarer Ausgabe an Arbeiten Goethe's zur Naturforschung schon gebracht, und die Reihe ist nicht abgeschlossen; blättern Sie darin, wenn Sie erfahren wollen, wie unermüdlich, peinlich genau, nüchtern der grosse Mann die Natur studiert hat. Kant seinerseits hat seine Einsamkeit mit so grausigen Gräben und Wällen philosophischer Technik umgeben, dass viel Mut und Ausdauer dazu gehört, ins Innere einzudringen. Und ebenso wie ich Goethe, den Techniker, scharf zu kritisieren

171 LEONARDO

nicht unterlassen konnte, ebenso wird es Manchem vielleicht schwer fallen, sich durchweg zur Kantischen Technik zu bekennen. Genau aber wie Leonardo, der gewaltige Bildner, Ideen leibhaftig vor unseren Augen hinstellte, so taten es auch Goethe, der reine Erblicker der Natur, der Begründer (wie Johannes Müller uns versicherte) eines neuen Ideals der Naturgeschichte, und Kant, der erhabene Erleuchter der Nacht des Menscheninnern. Ihre Werke sind schöpferische Taten des Genies. Diese führen ganz anders als die mathematische Wissenschaft ins Innere der Natur ein. Denn, wie Goethe uns lehrt: »Der Weg der Natur ist derselbe, auf dem Ihr Roger Bacon, Homer und Shakespeare notwendig begegnen müsst« (G. 28. 2. 9). Dieser Weg, verehrte Freunde, ist es, den wir in diesen Vorträgen zu betreten suchen, der Weg, auf dem wir hoffen dürfen, der Natur selber, wie sie sich in ihren höchsten Geschöpfen offenbart, zu begegnen. Ist es mir heute nur ein wenig gelungen, diesen von Goethe gewiesenen Weg aufzufinden und einzuschlagen, so erblicken Sie in diesem Augenblick die drei Grossen — Leonardo, Goethe, Kant — neben einander, einen jeden in seiner völlig unterschiedenen Eigenart; dreimal erschauen Sie das Sonnenauge des Genies; dreifaches Licht überströmt Ihre Welt.

172

(Leere Seite)

Zurück zur Hauptseite / Back to main page
Voriges Kapitel / Previous chapter: Goethe
Nächstes Kapitel / Next chapter: Descartes

Last update / Letzte Änderung am 22 September 2005