Here under follows the transcription of the third chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

Descartes
DESCARTES
From the painting by Mignard, from the Castle Howard Collection, now in the National Gallery.

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Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768

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DRITTER VORTRAG

DESCARTES

(VERSTAND UND SINNLICHKEIT)

MIT EINEM EXKURS ÜBER DIE ANALYTISCHE GEOMETRIE
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L'EAU EST TOUJOURS SEMBLABLE
À L'EAU, MAIS ELLE A UN TOUT
AUTRE GOÛT LORSQU'ELLE EST
PUISÉE À SOURCE QUE LORSQU'ON
LA PUISE DANS UNE CRUCHE.
DESCARTES


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(Leere Seite)

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DER BLICK NACH INNEN

Die Tage sind verschieden, und ich gestehe, dass ich heute mit Zaudern und einem gewissen Misstrauen mich anschicke, unsere gemeinsamen betrachtungen fortzusetzen. Denn jetzt muss ich Gebiete mit Ihnen durchschreiten, die es nicht so leicht sein wird aufzuhellen, wie das der Fall war, solange das Auge eines Goethe und eines Leonardo uns voranleuchtete. Nachdem der Vergleich mit künstlerischen Weltanschauern uns manches Grundlegende aufgedeckt und Betrachtungen veranlasst hat, die zuletzt weit über die Persönlichkeit Kant's im engeren Sinne des Wortes hinausführten müssen wir jetzt Kehrt machen, wir müssen die Brennweite unserer Augenlinsen wieder auf die Nähe einstellen, wir müssen Weltanschauer zum Vergleich heranziehen, die uns zwar wiederum weit hinaus, aber auf einem anderen Wege, führen werden, Männer, deren intellektuelle Lebensatmosphäre nicht aus Schönheit und Kunst, sondern aus Forschen und Denken bestand. Heute soll uns Descartes, der kritisch-empirische, mathematische Denker, un nächsten Vortrag Bruno, der logisch-scholastische und schwärmerische Denker, beschäftigen.
    Sie dürfen mich nicht missverstehen. Es gibt keinen absoluten Künstler, keinen absoluten Mathematiker und erst recht keinen absoluten Philosophen; dieses Einreihen in Fächer kann bei jedem halbwegs bedeutenden Manne nie wirklich gelingen; Goethe und Leonardo — wir sahen es — waren beide grosse Naturforscher und Denker; ihrerseits besitzen Bruno und Descartes beide in hervorragendem Masse die künstlerische Gabe der Gestaltung; Bruno ist in seiner Art zu denken und zu reden ebensosehr Poet wie Plato es war, und Descartes, der gewaltige Denker, ist so ganz von dem Werte der Anschauung und der empirischen Naturerforschung durchdrungen, dass er die eigentliche Fachphilosophie heftig befeindet. Für uns aber handelt es sich hier und heute lediglich um das, was ich die charakteristische   G e b ä r d e   des Geistes nennen möchte. Diese Gebärde ist bei Goethe und Leonardo entschieden nach aussen gerichtet; bei beiden herrscht das Primat des Auges, und zwar des Auges als eines zugleich empfangenden und gebärenden Sinneswerkzeuges, Freilich fanden wir das Ergebnis bei beiden Männern sehr verschieden; denn hinter den gleichmässig lichtkräftigen Augen nehmen abweichend beanlagte Gehirne die Eindrücke auf und verarbeiten sie ein jedes in seiner Art. Bei Leonardo ist das Sehen präziser und (in dem weitesten Sinne des Wortes) »perspektivisch«

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richtiger; dies verdankt er der Befähigung, die wir im vorigen Vortrag kennen lernten, alles Erblickte auf das innere Anschauungsschema zurückzuführen; vor Goethe's Augen dagegen schwanken die Umrisse, er schematisiert ungenügend und mischt in alles Gesehene sein Denken; dies grade schenkt ihm aber die Gabe, bis in Tiefen der Natur hineinzuleuchten, wo ohne die Lampe des zeugenden Gedankens dunkle Nacht herrscht. Leonardo erblickt das Verhältnis der Dinge zu einander, Goethe ihr Verhältnis zum Menschengeist; in Leonardo's Verstand wiegt das männliche Element vor, in Goethe's finden sich unverkennbare weibliche Bestandteile; daher denn Leonardo's Denken scharf, mechanistisch, wissenschaftlich und leicht fasslich ist, Goethe's dagegen tiefer, schillernder und unausdenkbar, weil von nicht in Worte zu bändigenden Ahnungen trächtig. Darüber in einem späteren Vortrag Näheres; für den Augenblick genügt die Einsicht, dass diese bestimmte geistige Gebärde — der Blick nach aussen — Goethe und Leonardo gemeinsam ist. Zugleich unterscheidet diese Gebärde die beiden von Kant, und zwar trotzdem eine nähere Untersuchung uns so manche Berührungspunkte in der Art zu schauen zwischen ihm, dem Gedankenkünstler, und jenen beiden Künstlerweisen aufgedeckt hat. Nunmehr wollen wir zwei wesentlich anders geartete Männer behufs eines Vergleichs herbeirufen, Männer, deren angeborene geistige Gebärde nach innen weist. »Nach innen,« sage ich, weil diese Denker zuvörderst sich selbst — ihr eigenes Denken — befragen und erst hinterher die Natur; sie trauen dem Eindruck nicht, der von aussen kommt, nicht, heisst das, ehe sie, so weit sie es irgend vermögen, den Vorgang des Erkennens im Innern geprüft und zergliedert haben; dieser Gang ist demjenigen, den Goethe und Leonardo befolgen, genau entgegengesetzt. Ich nenne diese Gebärde den Blick nach innen. René Descartes und Giordano Bruno entsprechen, glaube ich, unserem Zwecke; keiner von beiden ist Kant so nahe verwandt, dass nicht starke Schlagschatten von ihnen auf ihn fielen, und andrerseits sind jene beiden grossen Weltanschauer voneinander in Bezug auf Beanlagung und Gemüt ebenso grundverschieden wie Leonardo und Goethe. Gemeinsam ist ihnen nur — dieses »nur« besagt aber sehr viel — die Gebärde des spezifischen Denkers. Gli beni de la mente non altronde che dall' istessa mente nostra riportiamo! ¹) ruft Bruno,
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    ¹) De l'infinito, universo e mondi, 5. Dialog (ed. Lagarde, p. 399). «Die Güter des Geistes ernten wir nirgends anderswoher ein, als aus diesem selben eigenen Geiste!«

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der »Goethe« unseres zweiten Philosophenpaares, aus, und Descartes, — der strenge Empiriker, der »Leonardo« spricht besonnen: Il n'est aucune question plus importante à résoudre que celle de savoir ce que c'est que la connaissance humaine, et jusqu'où elle s'étend, ... Rien ne me semble plus absurde que de discuter audacieusement sur les mystères de la nature sans avoir une seule fois cherché si l'esprit humain peut atteindre jusque là. ¹)
    Schon aus diesen wenigen Worten entnehmen Sie, mit wem wir es hier zu tun haben; zugleich springt die offenbare Verwandtschaft mit Kant's Zielen und Methoden und Überzeugungen in die Augen. Die Untersuchung des Wesens und der Grenzen menschlicher Erkenntnis bezeichnet genau den einen grossen Teil — den kritischen Teil — von Kant's Lebenswerk, und dass die eigentlichen »Güter« des Geistes nicht von aussen, sondern von innen erlangt werden müssen, fasst in wenige Worte zusammen, was Kant als seine positive, praktische, aufbauende Leistung betrachtete. Doch auch des Trennenden werden wir viel finden. Die Lebensschicksale des Seigneur du Perron und des Nolaners zeigen zur Genüge, dass diese zwei Männer in ihrer intellektuellen Beanlagung von Kant weit abweichen. Wir sahen im ersten Vortrag, wie tief in Kant's ganzer Art zu schauen und sich Vorstellungen anzueignen, jener Zug wurzelte, der ihn jede kleinste Reise ängstlich vermeiden liess; Bruno und Descartes dagegen ziehen ruhelos von Ort zu Ort und von Land zu Land, und zwar freiwillig. Bruno, die Apostelnatur, braucht neue Berührungen, neue Anregungen, neue Dispute; er muss Funken aus dem Leben schlagen, Flammen in den Herzen zünden; wo er hinkommt, gewinnt er glühende Liebe und unversöhnlichen Hass. Descartes, der verschlossene Weltmann, reist, um allein zu sein, geniesst in den Städten »die Einsamkeit der entlegensten Wüsten«, verzieht aus einem Ort, sobald man seine Gegenwart bemerkt, und sucht zugleich durch planmässige Beobachtung der verschieden gearteten Menschen und Völker und Religionen und Sitten sich der uns Allen eingewurzelten Vorurteile zu entledigen. Je ne fis autre chose que rouler ça et là dans le
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    ¹) Keine Frage erheischt dringender Beantwortung als die nach dem Wesen und den Grenzen der menschlichen Erkenntnis, .... Nichts dünkt mich lächerlicher, als kecklich über die Geheimnisse der Natur Erörterungen anzustellen, ohne ein einziges Mal nachgeforscht zu haben, ob der Menschengeist bis dahin zu reichen befähigt ist« (Règles pour la direction de l'esprit § 8, XI, 245). Wo nicht ausdrücklich anders angegeben, beziehen sich alle Citate auf Cousin's elfbändige französische Ausgabe der sämtlichen Schriften Descartes', 1824—1826.

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monde, tâchant d'y être spectateur plutôt qu'acteur en toutes les comédies qui s'y jouent. ¹) Eine so grundsätzlich verschiedene Lebensführung deutet auf Unterschiede im Wesen des Intellektes, die tief reichen; wir dürfen ohne weiteres voraussetzen: Bruno und Descartes haben doch anders »gesehen« als Kant. Das wird sich besonders deutlich bei Bruno zeigen, der trotz seiner rein philosophischen Geistesrichtung in mancher Beziehung geradezu der äusserste Antipode Kant's ist und uns namentlich als solcher gute Dienste leisten kann, wogegen bei Descartes das Nahverwandte uns bis in die innersten Geheimnisse von Kant's Art zu schauen führt, und wir hier das viele Trennende als für unseren Zweck unproduktiv werden beiseite lassen können.

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DESCARTES

    Unter den sehr grossen Denkern der Weltgeschichte wurde vielleicht keiner von den nachkommenden Geschlechtern so schmählich behandelt wie Descartes: er — ich meine er, der wirkliche Descartes — bleibt so gut wie unbekannt; was heute unter diesem Namen in unserer Vorstellung ein Schattendasein führt, ist eine gespenstische Karikatur. Von dein Manne, der mit verzweifelter Energie gekämpft hat, um sich und uns von allen philosophischen Phrasen rein zu säubern, dessen heisses Bestreben es war, die Philosophie aus den Netzschlingen einer ebenso arroganten als impotenten Logik frei zu reissen und ihr die Augen zu öffnen über die einzig produktive Wahrheitsgewalt reiner Anschauung, von dem Manne, der, im offenen, zornerfüllten Gegensatz zu den Lehren der Schulen, ausruft: Toute la science humaine consiste seulement à voir distinctement (XI, 280) von diesem Manne kennt die grosse Mehrzahl der Gebildeten weder die Persönlichkeit, noch das Leben, noch die Leistungen, sondern lediglich ein bis zur Phrase abgedroschenes Wort: cogito, ergo sum, ein pures Silbengeschelle, wenn man nicht weiss, woher es bei Descartes kam und wohin es ihn führte. Denken Sie sich, ein künftiges Geschichtswerk wisse von Bismarck nur das Eine zu berichten, dass er das Wort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt« gesprochen habe, als wäre diese sehr anfechtbare Phrase die Summe seines tatenreichen Lebens! Ähnlich steht die Sache, wenn wir von dem bahnbrechenden Mathe-
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    ¹) Discours de la Méthode 3. partie, I, 153.

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matiker, Physiker, Anatomen, Kosmologen, Philosophen, von dem Manne der wie kaum ein zweiter unsern Schatz an konstruktiven Vorstellungen bereichert hat, so dass Philosophie und Wissenschaft noch heute von seinen Anregungen zehren, nichts weiter als ein mehrdeutiges und fast immer missverstandenes Wort kennen. Doch nicht genug, dass man eine Weltanschauung, die auf breitester Grundlage einer umfassenden, anschaulichen Naturbetrachtung ruht, dergestalt auf den Kopf stellt, indem man sie zu einer logisch-psychologischen Nussknackerei herabsetzt, auch die Persönlichkeit selbst hat man uns geraubt. Ein Aristokrat war Descartes von Geburt, der Geistesanlage nach ein extremer Individualist. Nicht allein sondert er sich von seinen Mitmenschen ab, indem er seinen Aufenthalt in fremden Ländern wählt und eine Stadt verlässt, sobald er bekannt und in Beziehungen hineingelockt wird, nein, er umzirkt sich auch geistig mit einer hohen Mauer, auf dass die Lehren der zeitgenössischen Zunftleute nicht zu ihm dringen, und gräbt sogar zeitlich einen tiefen Graben um sich herum, damit die Weisheit der Alten in einiger Ferne bleibe. Die Nichtigkeiten der Fachphilosophen — les bagatelles d'école — zu verschmähen, ist für ihn das Kennzeichen einer »fürstlichen Gemütsart« (IX, 358), und von sich selbst bekennt er: »nicht die Argumente Anderer zu verstehen, sondern selber zu forschen, macht für mich das grosse Glück alles Studiums aus« (XI, 252). In einem ganz anderen Sinne als Schopenhauer ist Descartes ein grosser »Vereinzelter«; denn er ist es ohne Bitterkeit, ohne Eitelkeit, in stolzer und ruhevoller Selbstgenügsamkeit. Erst nach Jahren gelang es dem unaufhörlichen Drängen eines so geachteten Freundes wie des Pater Mersenne, ihn zu einer Veröffentlichung zu bestimmen, und bei diesem fragmentarischen Anfang wäre es geblieben, wenn nicht die Bitte aus dem Munde der hohen Freundin, der Pfalzgräfin Elisabeth, für einen so vollendeten Weltmann einem Befehle gleichgekommen wäre. Je ne recherche point les bonnes grâces de la populace (IX, 55), schreibt er mit stiller Verachtung in einem Privatbrief; der Begriff populace ist aber bei ihm ein umfassender; denn als Mersenne ihm die kritischen Ausstellungen der gelehrtesten Männer von Paris übermittelt, antwortet er: »Längst weiss ich, dass es Esel auf der Welt gibt, doch lege ich so wenig Wert auf ihr Urteil, dass ich betrübt wäre, auch nur eine Minute von meiner Musse und meiner Ruhe darauf verwenden zu müssen«

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(VIII, 538). Es lässt sich nun ohne weiteres voraussetzen, dass ein Forscher, der so resolut eigene Wege wandelt und jeder Berührung mit den offiziell anerkannten Magistern des Schuldenkens ausweicht, nicht leicht eine Weltanschauung entwickeln wird, geeignet, in eine strenge, schulmässige Form gebracht zu werden. Das Weltbild, das Descartes vor uns entrollt, ist kein aufgepfropftes Reis, wie wir gewohnt sind, deren in der Philosophie zu sehen, sondern ein aus dem Samen frischgezogener Baum. Plato knüpft an Sokrates, ausserdem noch an Pythagoras, Anaxagoras, Heraklit und Andere an; Aristoteles wächst aus Plato heraus; Bruno aus Plotin, Lucretius, Cusa; Locke, Berkeley, Spinoza, Leibniz aus unserem Descartes; Kant ebenfalls aus Descartes, ausserdem aus Leibniz, Locke, Rousseau, Hume..... und so für Alle; einzig Descartes steht allein. Und wiewohl er von der Wahrheit seiner Anschauungen überzeugt ist und von ihrem Siege eine Wiedergeburt der Wissenschaften erhofft, wacht er doch so eifersüchtig über seine Selbständigkeit, ist er so sehr darum besorgt, auch nach dem Tode in seiner stolzen Vereinsamung als ein Unantastbarer belassen zu werden, dass er im voraus erklärt, seine Methode sei nur für ihn, nicht für Andere — mon dessein n'est pas d'enseigner la méthode que chacun doit suivre pour bien conduire sa raison, mais seulement de faire voir en quelle sorte j'ai tâché de conduire la mienne (I, 124) — und dass er zu wiederholten Malen vor dem Paradoxon nicht zurückscheut, seiner Weltanschauung fehle jegliche Originalität, was er offenbar nur sagt, damit die guten Leute nicht auf den Gedanken verfallen, um seinen Namen herum eine »Schule« zu bilden. Als Schreckbild steigt vor seinen Augen die Vorstellung auf, es würden Menschen kommen, die sich einbildeten, in einem Tage das zu erfassen, was ihm als das Ergebnis zwanzigjährigen Studiums und Erziehens zum Schauen eigen sei, und darauf würden sie dann irgend eine haarsträubende »Philosophie« aufbauen, würden sich weiss machen, diese »Philosophie« ergebe sich aus seinen »Prinzipien«, und der Welt versichern, er — Descartes — sei ihr Urheber. ¹) Rührend ist es zu hören, wie er die Nachkommen anfleht: »Glaubt nie, dass die Dinge, von denen man euch versichert, sie machen meine Lehre aus, von mir stammen; schreibt mir nur das zu, was ihr aus meinem eigenen Munde vernehmt« (I, 201 u. III, 30). Und was er gewollt hat — gewollt
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    ¹) Vergl. Discours de la Méthode, gegen Schluss des letzten Teils.
 
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nämlich im Gegensatz zu der Bildung einer Schule — sagt er an der selben Stelle deutlich genug: ouvrir quelques fenêtres, nicht ein System aufrichten, sondern »die Fenster aufreissen und Licht hereinlassen«, Licht für alle Diejenigen, die Augen zum Sehen haben! Sie unterscheiden schon jetzt in grossen Zügen, wie dieser Geist beschaffen war, und was er — als er sich endlich überreden liess, öffentlich aufzutreten — bezwecken musste: selber eine freie Persönlichkeit, der es schwere Arbeit gekostet hatte, alle Binden von den eigenen Augen herunterzureissen, welche Erziehung, Herkommen, Schulweisheit, Kirchenlehre von Jugend auf darum gewunden hatten, will er freie Persönlichkeiten erziehen und zu diesem Zwecke nicht belehren — nicht, heisst das, im Sinne der Schulen — sondern nur anleiten, es so zu machen, wie er es gemacht hatte, nämlich die Augen zu öffnen und sich durch Anschauung selber zu belehren. Unter »Philosophie« versteht er buchstäblich »das Öffnen der Augen«, oculos aperire. ¹) Und weil dies das Grundprinzip von Descartes' Persönlichkeit und Lehre war, darum hält er nicht inne nach der Feststellung der grossen, allgemeinen, unumstösslichen Grundsätze, sondern lässt sich freien Lauf in der Ausmalung bis ins einzelne seiner oft bizarren, nur ihm persönlich angemessenen Vorstellungen. Schauen Sie doch seine Bildnisse an: den naiv erstaunten Blick hinaus auf die Welt und das verschmitzt ironische Lächeln über die Weisheit der Menschen! Bis in die Fingerspitzen ist dieser Mann Antischolastiker. Selbst jenes cogito, ergo sum (ich denke, daher bin ich) ist nicht — wenigstens für ihn ist es das nicht — ein logischer Schluss, sondern der sprachliche (und nur deswegen in logische Lumpen gekleidete) Ausdruck für eine unmittelbare Anschauung; und als die Zunftmänner mit ihm darüber tifteln wollen, fertigt er sie ab: »Mein Dasein folgere ich nicht aus einem Syllogismus, sondern ich   e r b l i c k e   es« (I, 427). ²)
    Gerade dieser Mann musste nun das Schicksal erleben — im Jenseits erleben — das Opfer der populace in einem Grade zu werden, wie nie ein anderer Denker. Kaum war er gestorben, und schon war die Gelehrtenwelt Europas in zwei Lager geschieden:
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    ¹) Vgl. das Vorwort zu den Principia.
   
²) Es beruht also auf Irrtum, wenn Kant Descartes wegen seines »vermeintlichen Schlusses« tadelt (r. V. 422 und I, 355). Dass der Fachmann dem Descartes bestreiten wird, dass hier Anschauung vorliegt, wo streng genommen nur von Wahrnehmung die Rede sein kann, brauchte ich in meinem Vortrag nicht zu berühren.

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in das der Cartesianer und das der Anticartesianer. Das stolze — und zugleich so kluge, ehrliche, trotz allein Argwohn liebenswürdige — Auge war geschlossen; jetzt wurde es anatomisch zerlegt und vordemonstriert. Die — wie üblich — von allerhand mittelmässigen und sich untereinander widersprechenden Geistern »vervollkommnete« Lehre des Descartes wurde zu einem System von scholastischen Definitionen und starren Dogmen umgebildet. Descartes hatte gemeint: was die Sucht nach Definitionen anbelangt, so überlassen wir sie den Herren Professoren; in sehr vielen Fällen dienen Definitionen lediglich dazu, das, was klar ist, dunkel zu machen; durch seine subtilen Unterscheidungen trübt der Fachmann das natürliche Licht des Verstandes und gelangt schliesslich dahin, aus dem, was jeder Bauer weiss, ein unlösbares Problem zu machen (vgl. XI, 369, 279 u. 299). Descartes war unermüdlich bestrebt gewesen, die Logik in die engen Schranken ihrer berechtigten Wirksamkeit zurückzuweisen, da — so sagt er — l'art syllogistique ne sert en rien à la découverte de la vérité (XI, 256, 295), wogegen die logische Kunst eine Haupthandhabe der Fachleute sei, um über die Dinge, von denen sie selber gar nichts wissen, wortreich zu reden (I, 140). ¹) Und jetzt, wenige Jahre nach seinem Tode, erhob sich ein ausführliches logisches System — die Logique de Port-Royal — angeblich auf seiner Lehre! Kurze Zeit nur währte es, und dieser sogenannte Cartesianismus stand im Mittelpunkte des Abendmahlstreites; Calvinisten und Jansenisten, die Leugner und die Vertreter der wirklichen Gegenwart von Christi Leib und Blut in dem Brot und Wein, beide beriefen sich auf Descartes; im Grabe stempelte man ihn zum Urheber der sog. philosophia eucharistica; seine erhaben einfachen, mit vornehmer Unumwundenheit verfassten Schriften mussten wie die arcana disciplinae der alten Mysterien herhalten, um im Streit über die abstraktesten Hirngespinste Beweise für und wider zu liefern. Und inzwischen griffen die Physiker die genial übereilte Hypothese von den kosmischen Wirbeln heraus und stritten für und wider, als ob Descartes' Naturdeutung und Persönlichkeit hiermit steh' und falle; während Freigeister und Frömmler — beide — sich des sog. Automatismus der Tiere bemächtigten, aus dem sie entgegengesetzte Schlüsse folgerten.
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    ¹) Vgl. auch I, 202: L'obscurité des distinctions et des principes dont ils se servent est cause qu'ils peuvent parler de toutes choses aussi hardiment que s'ils les savaient, et soutenir tout ce qu'ils en disent contre les plus subtils et les plus habiles, sans qu'on ait moyen de les convaincre.

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Über ein Jahrhundert hat das tolle Gebrüll der Cartesianer und Anticartesianer die Welt erfüllt; von Descartes, dem einsamen Forscher und Denker, war nicht mehr die Rede. Und als nun — zum nicht geringen Teil aus Samen, die er gesät hatte — eine neue Wissenschaft und eine neue Philosophie nach und nach emporgewachsen und erstarkt war, da schwemmte allgemeine Verachtung den öden Cartesianismus hinweg, mitsamt dem ebenso öden Anticartesianismus. Die grosse Persönlichkeit des Descartes war längst entschwunden. Einzig das unselige cogito, ergo sum wurde noch wie ein Wrack auf dem vielverschlingenden Ozean der Welthistorie umhergetrieben.
    Freilich, in den philosophischen Geschichtswerken wird Descartes in ehrenhafter Weise genannt; Schopenhauer's Wort: »der Vater der neueren Philosophie« ist allgemein nachgesprochen worden; doch handelt es sich um das, was die Bühnensprache un père noble nennt, eine geehrte, aber wenig beachtete Anstandsperson im Hintergrunde. Den ersten Band von Kuno Fischer's umfangreichem Werk über die neuere Philosophie kann ich Ihnen allerdings empfehlen; er bietet wenigstens eine ziemlich eingehende Lebensschilderung; aber auch hier tritt Descartes in den Verhältnissen der Behandlung gegen alle anderen Philosophen zurück, und wenn auch viel Stoff zu einer Darstellung der Persönlichkeit geliefert wird, diese Darstellung selbst, das Porträt des so ganz individuellen Geistes und die plastische Sichtbarmachung seiner besonderen Bedeutung fehlt. In den meisten anderen Handbüchern finden Sie über ihn nur ein Kapitel, betitelt »Descartes und seine Schule« oder gar »Der Cartesianismus«. Er, der gesagt hatte: die grossen Geister reden Unsinn, sobald ihre Jünger für sie sprechen, denn fast nie hat man es erlebt, dass ein Schüler dem Meister geglichen hätte (vgl. I, 202), er existiert beinahe nur noch als Eponym für eine Schule! Wozu noch eines kommt: wenige unserer Fachphilosophen sind gewappnet, den wahren Descartes überhaupt verstehen zu können. Denn Descartes, wie Sie schon bemerkt haben werden, ist viel mehr Weltanschauer als Philosoph in dem scholastischen und noch heute massgebenden Sinne des Wortes; wir könnten ihn geradezu einen Antiphilosophen nennen. Für ihn ist die Philosophie — er definiert sie buchstäblich so — ein Baum, »des Lebens goldner Baum«; in die dunkle Erde reichen die metaphysischen Wurzeln, und spöttisch bemerkt Descartes: an den

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Wurzeln pflegen keine Früchte zu wachsen; der mächtige Stamm ist die umfassend gedachte Physik (worunter er, siehe XI, 223, die allgemeinen Gesetze aller Bewegung versteht), und dieser Stamm verzweigt sich in die vielen empirischen Wissenszweige an deren Enden erst die Blumen blühen und der Früchte Segen reift. ¹) Sie brauchen nur Descartes' systematisches Hauptwerk, die Prinzipien der Philosophie, anzusehen: in der Ausgabe von Cousin erfordert der erste Teil, der alle psychologischen und metaphysischen Erörterungen enthält, 57 Seiten, die übrigen drei Teile — nämlich die Physik, die Kosmologie und die Geognosie — über 400 Seiten, wobei noch zu bemerken ist, dass Descartes sich entschuldigt, die Zoologie, die Botanik und die Menschenkunde noch nicht veröffentlichen zu können. Wohl stellt er, als Allererster, das Erkenntnisproblem in den Vordergrund, — eine Tatsache, die Fontenelle in die witzige Bemerkung gekleidet hat: Avant M. Descartes, on raisonnait plus commodément: les siècles passés sont bien heureux de n'avoir pas eu cet homme-là; ²) er wird dadurch der Erwecker echter metaphysischer Besinnung; doch er selber verweilt wenig dabei. Die Klarheit über sein inneres Wesen soll ihm als erste Stufe dienen, um Klarheit über das Wesen der sichtbaren Natur zu gewinnen. Metaphysik gilt ihm gleichsam als Sprungbrett zur Physik. Wer nicht befähigt ist, ihm auf naturwissenschaftlichen und mathematischen Boden zu folgen, kann ihm schwerlich gerecht werden. Die Verrichtungen seines Gehirns studiert er als einen Teil der Welt, der ihn unmittelbar betrifft und insofern grundlegend ist, nicht, durchaus nicht in dem Sinne eines fachmännischen Philosophen in der gewöhnlichen heutigen Auffassung des Wortes, dessen Beruf und Geschäft es ist, über alle Dinge abstrakt nachzudenken. Dem Fachwesen traut er überhaupt nicht; er bezeichnet es als une grande erreur und meint: il est plus facile d'apprendre toutes les sciences à la fois que d'en détacher une seule (Règle 1). Ein solcher Mann steht unseren philosophischen Fachleuten sehr fern; nicht bloss ferner als ihr Liebling Spinoza, der kein einziges Mal das Gebiet der Abstraktion verlässt, sondern ferner auch als ein Francis Bacon, der zwar ein Novum organon für die Erweiterung der Naturerkenntnis aufstellt, nie aber selber
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    ¹) Vgl. das Vorwort zu den Principia philosophiae.
   
²) Digression sur les Anciens et les Modernes; citiert nach Sainte-Beuve: Port-Royal, 4. éd., V 354.


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mathematischer und naturwissenschaftlicher Arbeit teilgenommen hat, und dessen erster Grundsatz es ist, auf jegliche Weltanschauung zu Gunsten einer angeblichen Empirie zu verzichten, ¹) ferner auch als ein Locke und ein Berkeley und ein Hume und ein Leibniz; denn bei allen diesen Männern bildet die ratiocinatio — das heisst, die Überlegung innerhalb der Vernunft und die Fortschreitung durch lauter Vernunftschlüsse — den Hauptinhalt ihrer Philosophie. Hier dagegen sehen wir einen Mann, dessen Hauptwerk (leider unvollendet geblieben und nur bruchstückweise bekannt) Le Monde ou Traité de la Lumière heissen sollte! Also die ganze, grosse Welt, das, was wir heute den Kosmos nennen würden, und darin vor allem das Medium, durch welches sie uns bekannt wird, nämlich das Licht: diese »zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen« (vgl. S. 119) war sein Ziel, und nur wer dieses Ziel im Auge behält, kann hoffen, sich die Persönlichkeit selbst und das, was sie von sich gibt, richtig vorzustellen. Wenn man bei diesem Manne die erkenntnistheoretische Besinnung, dazu die metaphysischen Erörterungen über Geist und Stoff, über das Wesen des Raumes usw., sowie die Versuche, das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele unwiderleglich darzutun, einseitig betont, so erhält man nicht allein ein schiefes Bild von ihm, sondern man ist gar nicht einmal im stande, seine besondere Art, auch diese rein spekulativen Fragen zu betrachten, richtig aufzufassen. Wer Descartes' Physik nicht studiert und in ihrem Wesen begreift, erblickt seine Metaphysik in falscher Perspektive; daher die Unzulänglichkeit aller Darstellungen des Descartes in philosophischen Büchern.
    Das selbe Missgeschick verfolgt ihn aber auch anderwärts; denn vonseiten der Mathematiker, Mechaniker, Physiker, Ana-
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    ¹) Es ist interessant zu bemerken, wie dieser geschworene Gegner jeder philosophischen Weltanschauung, dieser rabiate Vertreter einer rein utilitaristischen, handwerksmässigen »Wissenschaft«, unseren Fachphilosophen teuer geblieben ist. In jedem philosophischen Lehrbuch wird er noch immer als der Begründer einer neuen Epoche gerühmt; wogegen die Naturforscher schon längst nachgewiesen haben: erstens, dass Bacon's Methode   n i c h t   die Methode der exakten Naturerforschung ist, zweitens, dass die heutigen Methoden der Naturwissenschaft zu Bacon's Zeiten schon üblich waren und zu glänzenden Ergebnissen geführt hatten, über die aber — man denke an das Lebenswerk der Kopernikus, Galilei, Harvey, Gilbert usw. — sich Bacon lustig macht, völlig unfähig, das Wesen der Naturforschung auch nur zu begreifen. Man vergleiche hierüber namentlich die drei Arbeiten Justus Liebig's aus den Jahren 1863 und 1864 (in seinen Reden und Abhandlungen abgedruckt), die abschliessend sind, ein für alle Mal, gleichviel, ob es unseren Philosophielehrern passt oder nicht. Hübsch ist Goethe's Urteil über Francis Bacon: »das Haupt aller Philister und darum ihnen so auch zu Rechte« (G. 13. 10. 07).

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tomen usw. ergeht es ihm kaum besser, manchmal sogar schlechter, als vonseiten der Philosophen. Da wir nämlich unter der Herrschaft der äussersten Specialisierung leben, so fragt jeder einzelne Wissenschaftszweig nur nach den konkreten Leistungen innerhalb seines ausgestreckten Feldes und gibt uns davon Bericht, wogegen Descartes' eigentümliches Gebiet das Zwischengelände ist. Wie zwischen Metaphysik und Physik, so bewegt sich Descartes überall am liebsten auf den Grenzscheiden; dort erst — dort, wo geknüpft und geschieden wird, wo die spröden Tatsachen genötigt sind, behufs Verbindung mit anderen Tatsachenreihen geschmeidig und fügsam zu werden, dort, heisst das, wo alles entsteht, was wir »erklären« und »verstehen« nennen — dort erst fühlt sich Descartes wohl und heimisch. Darum — und nur darumwidmet er sich mit Leidenschaft dem Studium der Mathematik, der grossen Vermittlerin zwischen Anschauen und Denken, zwischen sichtbaren Dingen und unsichtbaren Gedanken. Aber auch sie, zu deren Förderung er Unsterbliches leistete, ist ihm »nur die Hülle, nicht das Wesen« (XI, 218); die reine Mathematik bloss um der Mathematik willen zu treiben, betrachtet er als zwecklose Zeitvergeudung und eilt, dass man ihm kaum folgen kann, durch die Lehren der Gestalten und der Örter, um zur Physik und Mechanik zu kommen; hier aber wieder ist es nicht das Detail der Phänomene, das ihn interessiert, sondern das   W e s e n   des Lichtes, die   U r s a c h e n   der Schwere, das   V e r h ä l t n i s   zwischen den mechanischen Gesetzen der Materie und den Tatsachen des Lebens, usw. Zerlegt er ein Gehirn, so beschreibt er es anatomisch zwar sehr genau, ¹) doch was ihn fesselt, ist, dass er einen sichtbaren Zusammenhang zwischen der morphologischen Gestalt und der Funktion des Gedächtnisses zu entdecken hofft (Brief an Mersenne, VI, 235). Dieses letzte Beispiel zeigt Ihnen besonders deutlich, wie hier theoretisierendes Denken und Bedürfnis nach konkreter Anschauung in diesem eigenartigen Manne Hand in Hand gingen. Und eine Folge war, dass Descartes innerhalb der einzelnen Wissenschaften weniger leistete, als man bei seinem Genie voraussetzen müsste. Sein Theoretisieren beeinträchtigte die Unbefangenheit seines Beobachtens, und zugleich beengte die peinliche Detailarbeit seiner Beobachtungen die Freiheit seines Theoretisierens. Daher kommt
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    ¹) Siehe z. B. in den Oeuvres Inédites, herausg. von Foucher de Careil, II, 171 suiv.

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es, dass selbst seine unleugbaren Leistungen auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften — sowohl gestaltende Gedanken wie auch die Aufdeckung von Tatsachen — meist erst in andren Händen, nicht in seinen eigenen, bis zum Ziele gelangten und darum auch unter anderen Namen gehen. Dass er z. B. die Luftschwere lehrte und experimentell untersuchte zu einer Zeit, als Pascal ein Knabe war und Galilei den horror vacui noch als unantastbares Dogma betrachtete, sowie auch, dass das berühmte Experiment des Puy-de-Dôme lediglich auf sein Drängen hin von dem ungläubigen Pascal unternommen wurde, ist zwar dokumentarisch nachweisbar, doch bleibt es unbeachtet; ¹) dass Descartes die Circulation des Blutes unabhängig von Harvey und die Fallgesetze unabhängig von Galilei entdeckte, interessiert die Specialisten nicht — für die Kenntnis der Persönlichkeit ist es aber von grösstem Interesse; dass er als Erster die mathematischen Gesetze der Lichtbrechung aufstellte, bestätigt Humboldt noch 1847 in seinem Kosmos (II, 506), in keinem späteren Werke habe ich die Tatsache erwähnt gefunden; in Geschichten der Medizin werden Sie unter »Auge« und »Gehirn« Descartes inmitten einleitender Namenlisten flüchtig genannt finden .... Wie Sie sehen, lauter Fragmente, lauter Unbedeutendes, oder gar nichts. Dass der anschauliche Gedanke von der Trägheit der Materie unserer gesamten Mechanik zu Grunde liegt, das weiss zwar Jeder, Wenige wissen aber, dass wir ihn Descartes verdanken, und Keiner zieht aus dieser Geistestat und ähnlichen — lieber als aus cogito, ergo sum — einen Schluss auf die Natur dieses Intellektes. ²) Ebensowenig denkt Einer daran, dass Descartes
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    ¹) Man vergl. die Briefe (1631) VI, 204s., (1638) VII, 436—7, (1642) VIII, 567 u. IX, 113; über Pascal X, 344, 351. Inzwischen erfahre ich, dass G. Monchamp in den Bulletins de l'Académie Royale de Belgique, classe des lettres, 1899, S. 632 bis 644, auf einen bisher ungedruckten Brief Descartes' vom 13. 12. 1647 aufmerksam gemacht hat, aus welchem unwiderleglich hervorgehe, der Gedanke der barometrischen Höhenmessung rühre von Descartes her, und Pascal's Versuch sei erst auf Descartes' Anregung hin erfolgt (vergl. Deutsche Literaturzeitung 2. 8. 1902, Kol. 1975).
   
²) Dass es Leute unter uns gibt, die, wie Mach (Die Mechanik, 3. Aufl., S. 248, 275 etc.) dem Descartes auch diesen Ruhm rauben möchten, obwohl selbst so beschränkte und verbissene Schmäher des grossen Denkers, wie Whewell (History of the inductive Sciences, 3d ed., II, 20 ff.) eine derartige Vergewaltigung geschichtlicher Tatsachen nicht gewagt hatten, verdient nur insofern Erwähnung, als es zeigt, wie wenig den Menschen die wahre Persönlichheit des Descartes, ihre unvergleichlichen Eigenschaften. sowie die Grenzen ihrer Begabung bekannt sind. Niemandem, der mit Descartes' Eigenart vertraut ist, wird es einfallen, seine Leistungen in der experimentalen Feststellung mechanischer Tatsachen mit denen Galilei's zu vergleichen; wenn aber Mach die Verdienste des Descartes aus der Welt zu schaffen glaubt mit dem Satze: »Descartes hat in seiner Weise die Galileischen Ideen ver-

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es ist, der eine ähnliche Revolution in der Physik wie Kopernikus in der Astronomie vorbereitete, indem er die unglaublich geniale, für seine Zeitgenossen völlig unbegreifliche, ihnen verrückt dünkende Überzeugung hegte:   L i c h t   i s t   B e w e g u n g,   und zwar nicht die trajektorische Bewegung eines geschleuderten Körpers (wie später Newton lehrte), sondern die Bewegung eines unwägbaren Stoffes, des Äthers, wodurch unser Augennerv in Schwingungen versetzt wird. Unter der vorübergehenden Herrschaft plumper Newtonischer Vorstellungen ward dieser Gedanke vergessen, und als man ihn, um den Tatsachen gerecht zu werden, wieder aufnehmen musste, da zog man es vor, bei Christian Huyghens anzuknüpfen, einem Sohn und Enkel der intimsten Freunde des Descartes, der unter den Augen des grossen Mannes aufgewachsen war, und der dessen genialen Äther- und Lichtgedanken nunmehr zu der mathematisch vollständig ausgearbeiteten Undulationstheorie weiter entwickelt hatte. So liegen, wie Sie sehen, konstruktive Gedanken des Descartes nicht allein unserer atomistischen Physik, sondern auch unserer Molekularphysik zu Grunde. Und trotz alledem erfahren wir auch in Geschichten der Naturwissenschaften herzlich wenig über ihn und bleibt seine Gestalt auch hier für unsere Augen. umnebelt und verzerrt.

DER ANGELPUNKT DES DENKENS

    Ich hoffe, Sie sind mir nicht gram, dass ich Ihnen so umständlich dartue, inwiefern und warum Descartes selten nach Verdienst gewürdigt und seine Persönlichkeit vielleicht nie richtig be-
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arbeitet«, so begeht er unbewusst eine historische Fälschung. Descartes' Buch Le Monde war im Anfang des Jahres 1633 schon druckfertig (siehe die Briefe an Mersenne vom März und April und vom 22. Juli 1633, VI, 224 s; 230, 236 s), und in ihm ist sowohl das sog. Trägheits- oder Beharrungsgesetz mit vollkommener Klarheit ausgesprochen, als première règle (IV, 254 s), wie auch die geradlinige Bewegung (troisième règle, p. 259 s), also das ganze sogenannte »erste Gesetz Newton's«. (Vergl. hierüber auch Clerk Maxwell: Matter and Motion, § XVI.) Auch jenes Gesetz von der   Q u a n t i t ä t   d e r   B e w e g u n g   (= Masse multipliziert mit Geschwindigkeit), welches ebenfalls noch heute eine so grosse Rolle in unserer Mechanik spielt, findet sich in diesem frühen Werk (seconde règle). Galilei's Discorsi e dimostrazioni erschienen aber erst 1638, und selbst sein Werk über das kopernikanische System (erschienen 1632) hat Descartes nachweisbar erst im August 1634, und zwar nur dieses einzige Mal, auf einen Tag geliehen, in Händen gehabt (siehe den Brief an Mersenne vom 14. August 1634, VI, 247). Nebenbei sei bemerkt, dass Descartes wenigstens das allgemeine Prinzip des Fallgesetzes ebenfalls unabhängig von Galilei fand; im Juni 1631 kannte er es noch nicht (VI. 185): doch arbeitete er damals daran, und er freut sich 1634, als er durch Galilei's Versuche seine inzwischen gemachten Annahmen experimental bestätigt findet (VI. 248). — Solchen Verirrungen verdienstvoller Männer wie Whewell und Mach gegenüber ist es trostreich zu sehen, wie jeder unzweifelhaft geniale Mensch — auch unter den Physikern und Mechanikern — Descartes' unvergängliche Bedeutung zu würdigen weiss, so Clerk Maxwell und Heinrich Hertz.

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urteilt wird Dieses negative Verfahren musste ich einschlagen, weil mir daran lag, das wenige zu zerstören, was Sie von ihm etwa wissen, das heisst, zu wissen vermeinen, um Platz für richtigere Ansichten zu schaffen. Unterdessen werden Sie, hoffe ich, doch einiges gelernt haben und sich dem leibhaftigen Descartes näher fühlen als vor einer halben Stunde. Und es läge mir viel daran, dass Sie genau wüssten, wie es in dem Kopfe dieses merkwürdigen Mannes ausgesehen hat; denn er — ich meine, dieser Kopf — bildet den Angelpunkt unserer Betrachtungen in diesen Vorträgen über Kant's Persönlichkeit, wie er — in mehr als einer Beziehung — den Angelpunkt des menschlichen Denkens überhaupt bildet. Ich sage absichtlich »Kopf«, nicht »System«, nicht »Metaphysik«, nicht »Entdeckungen«: das System des Descartes, d. h. seine Kosmologie, wie sie die Principia usw. entwickeln, ist ungeniessbar, — ungeniessbar nämlich, sobald wir es mit mühseliger Genauigkeit wie ein dogmatisches Bauwerk untersuchen und des Verfassers Mahnung ausser Acht lassen, seine systematischen Werke möglichst schnell zu lesen, comme une fable oder ainsi qu'un roman; ¹) seine Metaphysik — wenngleich sie den Ausgangspunkt alles späteren Denkens bildet — ist zugleich nüchtern und extravagant, ideenlos und hyperphantastisch; seine Entdeckungen hat er — mit einziger Ausnahme der Erklärung des Regenbogens ²) — nie in befriedigender Weise bis ans Ende verfolgt und ausgearbeitet, — einen Augenblick lässt er sich vom empirischen Detail ersticken, den nächsten schwingt er sich zu Hypothesen auf, die in dem Überreichtum an künstlich verschränkten Detailbestimmungen wenig geeignet sind, den regelrechten Gang der Forschung zu fördern. Rechten wollen wir nicht mit ihm darüber, sondern vielmehr mit Vauvenargues einsehen lernen, dass Descartes oft richtig erblickt und richtig erraten hat, auch dort wo er in der Kombination hypothetischer Ursachen übereilt vorging; gewöhnliche Geister sind vor dergleichen Verirrungen sicher: les esprits subalternes n'ont point d'erreur en leur privé nom, parce qu'ils sont incapables d'inventer, même en se trompant. ³) Descartes selber, der kluge Mann, wusste
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    ¹) I, 124, III, 21 und vgl. den Brief vom 15. April 1630, wo er sein Weltsystem so abzufassen hofft, qu'on le pourra lire en une après-dînée (VI, 101).
   
²) Dass diese Entdeckung sein unbestreitbares, eigenes Verdienst ist, hat selbst ein Whewell zugegeben und nachgewiesen (l. c. II, 280 fg.), entgegen den Versuchen, die schon seit Newton unternommen werden, auch diese Tat ihm zu Gunsten eines obskuren Fachmannes zu entreissen.
    ³) Réflexions et Maximes, Nr. 279.

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wohl, wie es darum stand, und hat dieser Einsicht häufig in den Worten Ausdruck gegeben: es genügt, wenn ich die Bahn freimache, ihr mögt das weitere tun. ¹) Darum, ich wiederhole es, ist an diesem Manne weniger das Werk als der Mann selber — oder wie ich vorhin sagte, der Kopf — wichtig. Wir Menschen sind ein recht albernes Geschlecht: gerade bei dem einen Philosophen unter allen, wo die Persönlichkeit selbst in der Eigenartigkeit ihres Intellektes und erst in zweiter Reihe die systematischen Lehren das treibende Moment und das bleibende Interesse bilden, gerade bei ihm haben wir uns die Persönlichkeit entschlüpfen lassen. Jedoch, neben dem geschichtlichen Weiterleben gibt es für einzelne Männer eine »namenlose« Unsterblichkeit; diese besitzt Descartes wie sonst kaum Einer; denn die Gedanken, die jener Kopf dachte und — noch mehr als die Gedanken — die Art und Weise, wie jener Kopf die Hauptprobleme des Daseins auffasste, dasjenige also, was ich die   A r t   z u   s c h a u e n   nennen würde, die Art die Augen nach aussen und nach innen zu gebrauchen, das alles hat unsere Philosophie und unsere Naturwissenschaft dermassen durchsetzt, durchdrungen, gestaltet, dass wir allesamt — gleichviel, welcher Schule wir angehören — auf dem Webstuhl des Descartes unsere Gedanken weben. Mit Recht bemerkt daher der Zoologe Thomas Henry Huxley — einer der wenigen philosophisch gründlich gebildeten Naturforscher des 19. Jahrhunderts: »In allen Gedanken, die charakteristisch modern sind, sei es auf dem Gebiete der Philosophie oder auf dem der Naturwissenschaft, finden wir, wenn auch nicht immer die Form, so doch den Geist des grossen Franzosen«; eine Einsicht für die einer der besten Kenner des Descartes, Graf Foucher de Careil, das Epigramm geprägt hat: on se croit nouveau, on est cartésien.
    Zunächst ist es die ganze Haltung des Geistes, nämlich die bedingungslos   f r a g e n d e,   welche Epoche machte. Descartes' intellektuelle Haltung ist eine »skeptische«‚ aber un echten, alten Sinne des Wortes. Denn das Verbum skeptomai hiess ursprünglich schauen, betrachten, untersuchen, später erwägen, überlegen; im Namen »Skeptiker« lag früher die Betonung auf dem Untersuchen und dem sorgfältigen Betrachten (quaesitores et consideratores, nennt Gellius die Skeptiker). Die instinktive Weisheit der sprachbildenden Mächte bringt also wohl die Wahrnehmung durch die Sinne mit der Notwendigkeit der genauen, sorgfältigen Untersuchung zusammen, nicht
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    ¹) Siehe z. B. I. 204, III, 31, IV, 264 usw.

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aber mit dem Begriffe des allzersetzenden Zweifels, wie er in der Verfallzeit griechischen Denkens aufkam und dem Worte Skepsis eine neue Bedeutung aufdrückte. Die Sterilität des philosophischen Skepticismus wird durch seine Beschränkung auf logische Funktionen bedingt; weder greift er hinaus in die empirische Natur, noch reicht er hinein in das sichere Selbstbewusstsein; sowohl die äussere Natur wie das innere Wesen hätte den Skeptiker gelehrt, dass dasjenige, was tatsächlich ist, nicht notwendigerweise vor dem logischen Forum besteht. Der antike Skeptizismus entsprang aus schalem Denken und führte zur Frivolität; wogegen der Skeptizismus des Descartes ein Erwachen des Menschen aus dogmatischem Schlummer zu unbefangen fragendem Aufblick bedeutet. Descartes zweifelte nicht, um zu zweifeln, sondern im Gegenteil, um die Wege eines möglichen Wissens ausfindig zu machen. Non que j'imitasse les sceptiques, ..... au contraire, tout mon dessein ne tendait qu'à m'assurer, et à rejeter la terre mouvante et le sable pour trouver le roc ou l'argile (I, 154). Die antiken Skeptiker, so überlegen sie sich auch vorkamen, blieben in Aberglauben verstrickt bis an den Hals; Descartes hingegen machte Ernst damit, d'entreprendre d'ôter une bonne fois toutes les opinions que j'avais reçues jusques alors en ma créance (I, 136). Wenn nun Descartes' Zweifeln sich damit begnügt hätte, uns bis auf jene Wahrnehmung zurückzuführen, die er in die Worte zu kleiden pflegte: cogito, ergo sum, oder dubito, ergo sum, oder sum, cogito, sum cogitans usw., wäre das schon etwas gewesen; Kant nennt ihn dafür »einen Wohltäter der menschlichen Vernunft«; in Wahrheit bedeutet aber dieses Ergebnis kritischer Besinnung nur die Sonnenwende des Descartesschen Denkens, es bildet den Punkt, wo die Bewegung ihre Richtung umkehrt, um vom Negativen zum Positiven überzugehen. Das cogito, ergo sum ist eine Grenzwahrnehmung, genau so, wie für Kant das »Ding an sich« ein Grenzbegriff ist, und nur Narren finden ein Vergnügen daran, gegen dergleichen Marksteine mit dem Kopf anzurennen. Descartes war kein solcher Narr. An dieser äussersten Grenzscheide, auf dem gesuchten »Felsen« errichtete er eine Kirche dem Gott, ohne den er nicht leben mochte; Gott zu beweisen, ist immer ein bedenkliches Unternehmen, er steht ja jenseits der scharfen Descartesschen Grenze; doch dieser nicht sehr religiös empfundene Gott des in einer Jesuitenschule erzogenen Descartes wird uns weniger als bewiesen aufgedrungen, denn als nötige Voraussetzung plausibel

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gemacht, und er hat das eine für sich, dass er ein Gott der Wahrheit ist: nur damit das, was da ist, wahr sei, braucht ihn Descartes, zu weiter nichts. ¹) Und nun wendet sich der kühne Forscher um zu konstruktiven Geistestaten! Jenem Grenzstein kehrt er den Rücken, in seiner Kirche kniet er nur selten zu kurzer Andacht; dagegen bereichert er die Welt mit Gedanken, die so lebensfrisch infolge ihrer Anschaulichkeit sind, dass sie allen Stürmen der Zeit getrotzt haben und auf Jahrtausende hinaus trotzen werden, und er bereichert sie mit Anschauungen, die so unerschöpflichen symbolischen Wahrheitsgehalt bergen, dass sie an älteste Überlieferungen unseres Geschlechtes gemahnen und in kommende Zeiten hinausweisen.
    Glauben Sie, bitte, nicht, dass ich hier hyperbolisch rede; meine Worte sind buchstäblich zu nehmen. Als Beispiele will ich einen von ihm in die Philosophie eingeführten Gedanken und eine von ihm in die Naturwissenschaft eingeführte Vorstellung nennen. Descartes' analytische Zurückführung der gesamten inneren und äusseren Menschenerfahrung auf die zwei Begriffe:   A u s d e h n u n g   und   D e n k e n   ist ein so einfach anschaulicher Gedanke, dass er nie aufhören kann, produktiv zu wirken; bis auf den heutigen Tag knüpfen alle Philosophen hier an; zwar benützen sie verschiedene Wolle und weben sie verschiedene Muster, doch auf Descartes' Webstuhl weben sie — wie schon gesagt — alle. Andrerseits ist eine Vorstellung wie diejenige des den gesamten Kosmos ausfüllenden unwägbaren Stoffes, des Äthers, so reich an symbolischer, gedankenhafter Gestaltungsfähigkeit, dass wir erst heute, im Lichte neuester Entdeckungen, ihre grosse Fruchtbarkeit zu würdigen beginnen. ²)

    In seiner Schrift Über die menschliche Unsterblichkeit bemerkt
Herder: »Unglaublich ist's, wie wenige eigentümliche Formen im Reich der Gedanken und Menschenwirkungen erscheinen, wenn man die Geschichte prüfend hinab verfolgt. Weit weniger Regenten
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    ¹) Ich rede hier nur von dem philosophischen Gott des Descartes; im übrigen verblieb unser Denker zeitlebens ein zwar antifanatischer, doch treuer Sohn der Kirche, der seine Väter angehört hatten.
    ²) Für die Kenntnis von Descartes' Ätherlehre welche er im bewussten, scharfen Widerspruch zur Atomistik aufstellt — genügt nicht die Kenntnis der Abschnitte, welche die Bewegung der Gestirne behandeln, wie das dritte Buch der Prinzipien oder das fünfte Kap. des Monde etc.; die wichtigsten Stellen sind diejenigen, welche das Wesen des Lichtes zum Gegenstand haben, also der ganze erste Abschnitt der Dioptrique und das 14. Kap. des Monde; viele wichtige Stellen enthalten auch die Briefe, z. B. VI, 56, 104, 204 fg; 278, 343 fg; 355; VII. 241, 289;
IX, 348, 351; siehe auch die 12. Règle, XI, 277.

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beherrschen die Welt der Wissenschaften ..... als Monarchen Länder beherrschen.« Da haben Sie in einer kurzen Formel Descartes' Verdienst: er ist Einer jener unglaublich Wenigen, welche »eigentümliche Formen im Reich der Gedanken« schaffen. Hier nun, wo wir eine Darstellung der Descartesschen Weltanschauung nicht unternehmen dürfen, da dies uns zu weit abführen würde, müssen wir auch von einer Aufzählung der eigentümlichen Formen, die er eingeführt hat, absehen; was wir dagegen scharf ins Auge zu fassen haben, ist die Art, wie dieser Mann — empfangend und schaffend — in die Welt hinausschaute; die Art, wie er zu den neuen, »eigentümlichen Formen im Reiche der Gedanken« kam. Zu dieser Aufgabe wenden wir uns jetzt.

DAS SICHTBARE UND DAS UNSICHTBARE

    Ich rühmte vorhin an Descartes' Gedanken ihre grosse Anschaulichkeit; zugleich nannte ich als Beispiel seine Erfindung des Äthers, also eines Gedankendinges, das — bei näherer Überlegung — jeder Anschauungsmöglichkeit trotzt. Eine genaue Analyse wird uns überzeugen, dass es in der Tat zweierlei Arten gibt, jenen Eindruck geistiger Befriedigung hervorzubringen, den wir im gewöhnlichen Leben kurzweg als »anschauliche Klarheit« bezeichnen; teils handelt es sich um ein Sehen, teils um ein Denken. Die schöpferische Macht des gestaltenden Blickes, hinausgerichtet auf die umgebende Welt, war bei Descartes von so seltener Grösse, dass ein nüchterner Zeitgenosse, der grosse Mathematiker Christian Huyghens, bei der Nachricht von seinem Tode in die Worte ausbrach:

Nature! prends le deuil, viens plaindre la première
Le grand Descartes, et montre ton désespoir;
Quand il perdit le jour, tu perdis la lumière,
Ce n'est qu'à ce flambeau que nous t'avons pu voir. ¹)

Besonders schön sind diese Verse, als solche, nicht; aus der Feder eines Huyghens jedoch gewinnen sie um so mehr Bedeutung als dieser Forscher zu den exaktesten aller Exakten gehörte. Und er behauptet, wie Sie hören: die sonnenbeleuchtete Welt war dunkel, ungesehen, bis Descartes eine Fackel über ihr anzündete, die Fackel des Gedankens. Wir Menschen erblicken eben die Natur verschwommen, solange nicht deutliche Begriffe in das Chaos der Wahrnehmungen Ordnung gebracht haben. Unser Auge sieht nicht klar, wenn nicht das denkende Hirn es — wie ein optisches Glas
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    ¹) Mitgeteilt von Foucher de Careil: Oeuvres inédites de Descartes, II, 236.

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— scharf auf die Gegenstände eingestellt hat. In einer anderen Strophe des selben Gedichtes gebraucht aber Huyghens eine Wendung, die das soeben Gesagte durch das genau Umgekehrte ergänzt: denn er behauptet von Descartes, dass er:

Faisait voir aux esprits ce qui se cache aux yeux.

Hiermit wird gesagt: Descartes schenkte Sichtbarkeit denjenigen Dingen, die unsere physischen Augen zwar nicht erblicken, unser Verstand aber notwendigerweise denken muss. Also, wie er dort den Dingen die Gedanken, so schenkte er hier den Gedanken die sinnfälligen Vorstellungen; mit anderen Worten, er verdinglichte sie. Dort war es ein Verdenklichen des undeutlich Geschauten, hier eine Veranschaulichung des undeutlich Gedachten.
    Wir wollen uns diese beiden Behauptungen Huyghens' sofort durch Beispiele erläutern. Der Anschauung kommt Descartes mit Gedanken zu Hilfe, wenn er z. B. alle sichtbaren Bewegungen der Körper am Himmel und auf Erden durch die Aufstellung einiger Grundbegriffe (Trägheit, Masse etc.) verständlich macht; selbst diese allereinfachsten Phänomene haben wir erst durch die Erfindung solcher ordnenden Begriffe richtig beobachten, richtig sehen lernen. Desgleichen gehört hierher seine Theorie, die Summe der Bewegung im Weltall sei ein für allemal unveränderlich, eine Lieblingsbehauptung des Descartes, durch welche erst in das chaotische Durcheinanderschwingen und -kreisen des Kosmos ein Ordnung schaffender Gedanke kommt, ein Gedanke, der — nur durch einen Zusatz ergänzt — die Grundlage der heutigen Lehre von der Erhaltung der Energie bildet, die unserer ganzen Physik zu Grunde liegt. ¹) Das
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    ¹) Heute lautet die Formel: Die Energie des Weltalls ist konstant. Und wenn man auch von einer Energie der Lage oder potentiellen Energie spricht und sie von der kinetischen Energie der Bewegung unterscheidet, so zeigt dies nur, dass Descartes' Vorstellung eine so unentbehrliche war, dass wir vor kleinen Sophismen nicht zurückschreckten und der Natur gleichsam einen Kredit bei einem Bankier eröffneten; indem wir nunmehr mit dem Soll und Haben dieses Conto corrente geschickt operieren, stimmt die Rechnung immer genau; mehr kann der Menschengeist nicht fordern. — Wenn ich auch entfernt davon bin, ein gelehrtes Buch schreiben zu wollen oder auch zu können, so möchte ich doch eine Bemerkung wie die obige gegen die vorauszusehenden Einwürfe in Schutz nehmen und tue dies durch den Hinweis auf das genialste physikalische Fachbuch neuerer Zeit, die Prinzipien der Mechanik von Heinrich Hertz. Hier lesen wir, § 607: Die kinetische und die potentielle Energie eines konservativen Systems unterscheiden sich von einander nicht durch ihre Natur, sondern nur durch den   f r e i w i l l i g e n   S t a n d p u n k t   unserer Auffassung, oder die unfreiwillige   B e s c h r ä n k u n g   u n s e r e r   K e n n t n i s   von den Massen des Systems. Dieselbe Energie, welche bei einem gewissen Stand unserer Auffas-

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gilt für die eine der beiden Behauptungen des Huyghens; jetzt die andere. Dem Denken kommt Descartes durch Veranschaulichung zu Hülfe, wenn er z. B. den schon genannten Äther erfindet. Dieses Gedankenbild weist uns an, das Licht als die Bewegung eines unendlich feinen, unwägbaren, unwahrnehmbaren Stoffes zu betrachten, der den ganzen Weltraum ausfüllt, eine Bewegung, welche der Augennerv uns verrät, ohne sie uns zu zeigen, da ja der Äther nicht ein Wahrnehmbares und also nicht ein Wirkliches, sondern ein Symbol für ein in Gedanken vorausgesetztes und undefinierbares Etwas ist. ¹) Ein anderes Beispiel wäre Descartes' Lehre: nicht das Auge, das Gehirn ist es, welches sieht; alle Sinneseindrücke sind in letzter Instanz unsichtbare Bewegungen unwahrnehmbarer kleinster Teile innerhalb des Hirnes. ²) Hier — beim hypothetischen Äther und bei den hypothetischen Molekularbewegungen der Hirnsubstanz — dient die also gewonnene Sichtbarlichkeit blosser Gedanken zu einem folgerichtigen Beobachten und Verknüpfen der Phänomene; wahre exakte Wissenschaft der Natur und des Menschen ist erst durch sie und ähnliche Symbole möglich geworden.
    Das sind, wie Sie sehen, zwei verschiedene geistige Gaben, die hier unserem Philosophen zugesprochen werden, Gaben, die nicht notwendigerweise zusammengehören, und die uns beide — wenn wir sie so rein und eigenmächtig ausgebildet wie hier erblicken — zunächst eigentümlich anmuten, wie ein nicht leicht zu Fassendes. Descartes wusste das Gesehene denkbar zu gestalten, und zugleich
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sung oder unserer Kenntnis als potentielle zu bezeichnen ist, ist bei verändertem Stand unserer Auffassung oder Kenntnis als kinetische anzusprechen.« Nun wird vielleicht der Fachmann einwerfen, diese Worte bezögen sich lediglich auf das, was die Mechanik »konservative Systeme« nennt, nicht auf »dissipative«‚ und streng genommen kämen in der Natur nur letztere vor. Da verweise ich aber auf § 665: »Übrigens steht der Unterschied zwischen konservativen und dissipativen Systemen und Kräften   n i c h t   i n   d e r   N a t u r,   sondern beruht lediglich auf der freiwilligen Beschränkung unserer Auffassung oder der unfreiwilligen Beschränktheit unserer Kenntnis der natürlichen Systeme. Werden alle Massen der Natur als sichtbare Massen betrachtet, so fällt jener Unterschied fort, und alle Kräfte der Natur können alsdann als konservative Kräfte bezeichnet werden.« Letztere Annahme liegt nun unserer heutigen energetischen Physik zu Grunde, und wenn es auch — laut obigem — mehr oder weniger bei uns liegt, was wir als kinetische und was wir als potentielle Energie betrachten wollen, das eine bleibt auf alle Fälle: dass wir immer unter dem einen Begriff »Energie« zweierlei verstehen müssen, und zwar »zwei gänzlich verschiedene Formen«, für welche es niemals gelingen kann, eine eindeutige Definition aufzustellen (siehe das angeführte Werk, S. 26 der Einleitung). Ungemeine Anschaulichkeit gewinnt die Vorstellung der potentiellen Energie durch Perrin's Bemerkung: L'énergie potentielle doit être repardée comme localisée dans l'éther (Les Principes, 1903, § 115).
    ¹) III, 506 fg., 525; IV, 313 fg.; V, 6 fg.: 271 fg.; VI, 345; VII, 241, 280 etc.

    ²) II, 356; III, 507 fg.; V. 64; IX. 337 fg. etc.

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besass er die Gewalt, das nur Gedachte in Sichtbares umzuformen: das ist die Tatsache, auf die uns Huyghens aufmerksam macht. Und hiermit trifft er in der Tat den Kern; darum soll uns seine Bemerkung als Leitfaden für die fernere Analyse dieses einzigartigen Intellektes dienen.
    Damit wir nun schnell und sicher in die Tiefe gelangen, möchte ich das Urteil Huyghens', das ich schon auf seinen einfachsten Gedankeninhalt zurückgeführt habe, in eine noch schlagendere, knappere und absichtlich paradoxe Formel bringen. Denn nicht Formeln, sondern nur Phrasen verhindern eine lebendige Einsicht; wogegen eine richtige Formel wie ein Knochengerüst dient, um welches die Organe der lebendigen Gestalt sich nach und nach ansetzen. Meine Formel lautet: Descartes' auszeichnende Gabe war,   d a s   S i c h t b a r e   u n s i c h t b a r   u n d   d a s   U n s i c h t b a r e   s i c h t b a r   z u   m a c h e n.

    Wenn Sie nämlich in der Welt Ihres eigenen sinnenden Bewusstseins kritische Umschau halten, werden Sie bald bemerken, dass der Grad der Anschaulichkeit der Vorstellungen, die es ausfüllen, ein sehr verschiedener ist, und ebenso der Grad ihrer Denkbarkeit. Und bald werden Sie gewahr werden, dass her ein recht verwickeltes Verhältnis von gegenseitigen Verschiebungen, von Geben und Nehmen stattfindet. Wir besitzen Gedanken, mit denen kaum der Schatten einer Anschauung verbunden ist; und wir besitzen Anschauungen, die nur jedes Minimum von Denken begleitet, das zum bewussten Anschauen vonnöten ist, — von solchen ist unser Tagesleben sogar angefüllt. Ohne mich hier nun auf Weiteres einzulassen, will ich Sie nur auf das Eine aufmerksam machen, dass ein Gedanke, den eine verschwommene, fast unfassbare Anschauung begleitet, also ein »unsichtbarer« Gedanke, wenig oder nichts auszurichten vermag, und dass umgekehrt reine Anschauung bald ins Ungeheuerliche, Ungeschmeidige, Unbildsame hinauswächst, wenn nicht das Denken sie zu erfassen und in ein Ungesehenes umzubilden versteht. Um konkrete Beispiele sind wir nicht verlegen, wir brauchen bloss an unsere beiden ersten Vorträge zu denken:
die unübersehbare Masse der durch reine Anschauung gegebenen Pflanzen- und Tiergestalten fasste Goethe in seine Idee der Metamorphose   d u r c h   einen Gedanken und   z u   einem Gedanken zusammen, dadurch hauchte er gleichsam der brutalen Beobachtung eine bildende Künstlerseele ein und förderte die Erforschung der Natur

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für alle Zeiten; Helmholtz aber — der Physiker, der uns mit Recht belehrte, die Kräfte, mit denen mathematische Wissenschaft zu tun hat, könnten nicht »Objekte der sinnlichen Anschauung«‚ sondern lediglich »Objekte des begreifenden Verstandes sein« (siehe S. 126) — Helmholtz muss nichtsdestoweniger in seiner Optik zu handgreiflichen   B i l d e r n   seine Zuflucht nehmen, erst zu dem nassen Faden, dann zu dem Strahle, der — gleich wie ein Matrose an einem Stricke sich entlang hisst — »längs der Ätherteilchen sich fortpflanzt«, und so weiter, von Bild zu Bild, denn ohne anschauliche Vorstellung liesse sich dieser Gedanke des »begreifenden Verstandes« — der Äther — nicht ausdenken und verwerten. Auf diese Weise verwandeln wir Menschen — halb unbewusst — immerfort das Sichtbare in Unsichtbares (um es besser zu sehen) und das Unsichtbare in Sichtbares (um es besser zu denken). Kant nun hat von seinem metaphysischen Gipfel aus das, was ich hier nur konkret und anschaulich anzudeuten bestrebt bin, in folgendes Kernwort zusammengefasst: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen, als seine Anschauungen sich verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu bringen« (r. V. 75). Kant redet hier von den allgemeinen, unbewusst vor sich gehenden, notwendigen Funktionen aller menschlichen Vernunft von dem Augenblick an, wo sie beim neugeborenen Kind in Tätigkeit tritt; doch lassen Sie diese Vernunft so weit ausreifen, dass sie sich eine Wissenschaft und eine Weltanschauung aufbauen will, und sie steht nun als bewusste Intelligenz genau dort, wo sie beim Erwachen unbewusst stand. Nur ist es ihr dann so bequem, ihr liegt es so nahe, der Mahnung Kant's nicht zu folgen, sondern mit leeren Gedanken und blinden Anschauungen zu operieren, dass drei Viertel aller Philosophie vom Anfang an bis auf den heutigen Tag sich nie mit anderen Dingen zu schaffen gemacht hat. Die schriften des heiligen Thomas von Aquin z. B. sind ein unerschöpfliches Arsenal von Vorstellungen, bei denen sich nicht das Geringste denken lässt, also »blinden Anschauungen«; und springen Sie über vom 13. zum 19. Jahrhundert, so finden Sie, dass das populärste aller neueren Systeme, das Schopenhauerische, einen (nach Kant's Auffassung) völlig leeren Gedanken als Grundstein benützt, denjenigen, den es den   W i l l e n   nennt und der — laut Definition — das Gegenteil einer

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Vorstellung ist, folglich etwas, was keinen irgendwie anschaulich zu begreifenden Inhalt hat. Alle derartigen Gedankenstrukturen sind Schwärmerei, nicht Erkenntnis; Kant hat es einmal sehr einfach formuliert: »Durch die blosse Anschauung ohne Begriff wird der Gegenstand zwar gegeben, aber nicht gedacht, durch den Begriff ohne korrespondierende Anschauung wird er gedacht, aber keiner gegeben; in beiden Fällen wird also   n i c h t   e r k a n n t «   (F.). Wie hingegen Anschauung und Gedanke, Sichtbares und Unsichtbares sich zur Auferbauung naturdeutender Weltanschauungen die Hand reichen, das können Sie am besten aus der Geschichte unserer Naturwissenschaften ersehen, deren Entwickelungsgang stets von diesem gegenseitigen Durchdringen bedingt war. Halten wir hier Umschau.
    Denken Sie sich in den Anfang des 17. Jahrhunderts. Kopernikus und Kepler haben den Lauf der Planeten un die Sonne in seinen Hauptzügen entwirrt, Galilei hat vom schiefen Turm zu Pisa aus den Fall der Körper exakt beobachtet — anstatt wie alle seine Vorgänger über diese Dinge nur logisch zu räsonnieren — und setzt seine Studien auf schiefen Ebenen fort, Descartes und Andere verfolgen mit Scharfsinn und Geduld den geheimnisvollen Gang des Lichtstrahles, seine Biegung, Brechung, Widerspiegelung, Gilbert veröffentlicht seine Beobachtungen über Magnetismus ..... von allen Seiten strömt Stoff hinzu, d. h. Anschauungsmaterial, und auf jedem einzelnen Gebiete sind die empirischen Forscher tätig, sich, so gut es ihnen gelingen will — wie Kant es fordert — »ihre Anschauungen verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu bringen«. Doch hier entdecken wir etwas, worüber wir uns vorderhand den Kopf nicht zu zerbrechen brauchen, sondern was wir einfach als Erfahrung hinnehmen wollen: dass nämlich das Denken nicht unmittelbar an die sinnliche Anschauung anzuknüpfen vermag, sondern sich erst seine eigene   g e d a n k e n a r t i g e   Anschauung dazu erschaffen muss, dasjenige, was wir ein »Symbol« nennen, wenn wir mehr die anschauliche Seite, und eine »Hypothese«, wenn wir mehr die gedankliche Seite hervorzuheben wünschen. Das Denken   m u s s   zusammenfassen, das ist seine Funktion; die reine Anschauung gibt jedoch nur vereinzeltes Einzelne. Darum kann das anschauliche Denken ohne Symbol nicht vor sich gehen; es vermag nicht, das Anschauungsmaterial ohne weiteres zu ergreifen, zu erfassen und sich einzuverleiben; ohne Symbol bleibt es leer.

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Ich kann also weder über die Bahnen der Gestirne, noch über den Fall der Körper, noch über das Wesen des Lichtes und des Magnetismus etwas denken, wenn ich nicht ausser dem empirischen Material und als Ergänzung dazu noch eine symbolische Vorstellung der betreffenden Vorgänge — mit anderen Worten ein Zwischending zwischen Anschauen und Denken — besitze. Wozu sich noch eine weitere Forderung meines Geistes gesellt: nicht nur müssen innerhalb der einzelnen Erscheinungsreihen die Erscheinungen (mittelst Symbole) mit einander verknüpft werden, sondern alle die verschiedenen Erscheinungsreihen, die ich durch empirische Anschauung kennen gelernt habe, müssen ausserdem als eine einzige umfassende Einheit begriffen werden können. Denn, wie Sie später von Kant lernen werden, das, was wir Natur nennen, ist »die Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen«, wie sie, mit innerer Notwendigkeit, von unserem Denken hergestellt wird (r. V. I, 126 fg.). Ich bin nicht frei, mehrere Naturen anzunehmen; die Gruppierung der Planeten um die Sonne und die Gruppierung der Eisenspäne um die Pole eines Magneten auf meinem Schreibtisch müssen als Wirkungen innerhalb eines einheitlichen Ganzen aufgefasst werden. Hier tritt nun der grosse Descartes schöpferisch auf: er schafft eine neue »eigentümliche Form im Reich der Gedanken«, er wandelt das Unsichtbare, welches unser Verstand fordert, ohne es wahrnehmen zu können, zu Sichtbarkeit um, er schenkt dem Gedanken Inhalt; dies gelingt ihm, indem er die anschauliche Hypothese eines raumerfüllenden Mediums, eines äusserst feinen, unsichtbaren, unwägbaren, flüssig beweglichen Stoffes, des Äthers — ein in seiner Phantasie geborenes Symbol — aufstellt. ¹) Auf ein-
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    ¹) Der von Descartes angenommene, von ihm manchmal »éther«‚ noch häufiger »matière subtile« genannte, den Weltraum erfüllende Stoff darf nicht mit den »Äther« der Alten und der Scholastiker — von Heraklit bis Giordano Bruno — verwechselt werden; bei Descartes — und erst bei ihm — handelt es sich um eine durchaus konkrete, wissenschaftliche Vorstellung, und sie entspricht genau der Kantischen Definition »einer allverbreiteten, alldurchdringenden und allbewegenden Materie«. Die wichtigsten Stellen in den Schriften Descartes', um seine Vorstellung des Äthers genau kennen zu lernen, sind: Traité de la Lumière, chap. II, XIII, XIV, La Dioptrique, 1. discours (diese Stelle besonders klar), Les Météores, 1. discours, Principia II, § 18 fg., III, von § 24 an, IV. Auch in den Briefen kommen viele erläuternde Bemerkungen vor; ich mache besonders auf Band VI, 278, 343 fg., VIII, 241, 289, IX, 348 fg. aufmerksam. — Für uns ist es interessant, an dieser Stelle zu bemerken, dass Lord Kelvin's allerneueste Ausführungen (in der British Association, Glasgow 1901) über die schlechthinnige Unwägbarkeit des Äthers genau mit Kant übereinstimmen, der gelehrt hatte, der Äther müsse notwendigerweise als »imponderabel, incoërcibel, incohäsibel und inexhaustibel« gedacht werden. »Es muss«, schreibt Kant, »eine Materie sein, durch welche die praktische Wägbarkeit

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mal treten alle die genannten Phänomene in das Bereich der Vorstellbarkeit ein und werden dadurch der konstruktiven Gedankenarbeit zugänglich: der Äther trägt und treibt die Gestirne in ihren Bahnen, der Äther liegt den Phänomenen der Schwerkraft als stossende Masse zu Grunde, einige Bewegungen des Äthers erzeugen das, was wir Erwärmung der Körper nennen, andere das Licht, andere die Elektrizität und den Magnetismus usw. Ich verweise Sie auf meinen vorigen Vortrag und glaube, dieses eine Beispiel zeigt Ihnen mit ausserordentlicher Deutlichkeit, was es heisst, Unsichtbares sichtbar zu machen, und Sie lernen zugleich, wie unentbehrlich dem Denken Anschauung ist, um überhaupt denken zu können. Descartes hatte sogar mit seiner Hypothese eine solche Fülle von Sichtbarkeit über die Geheimnisse der Natur ausgegossen, indem er

Faisait voir aux esprits ce qui se cache aux yeux,

dass die Augen der Menschen davon geblendet wurden. Weder war das angesammelte empirische Material damals ausreichend, noch war das Denken genügend geübt und verfeinert, um einem so grossartig einfachen Symbol für alle physikalischen Bewegungsvorgänge des Kosmos gewachsen zu sein. Ausserdem war Descartes bei der näheren Ausführung in einen von Goethe an ihm gerügten Fehler verfallen: »Er greift die unlösbaren Probleme mit einiger Hast an und kommt meistenteils von der Seite des compliciertesten Phänomens in die Sache«. ¹) Es ist viel Künstlich-
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möglich ist (Descartes!), ohne für sie ein Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit, ohne äusserlich coërcibel zu sein, — die Kohäsion, ohne innerlich zusammenzuhängen, — endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffs« (Üb. I, 122 fg.). Genau so weit ist Lord Kelvin noch nicht, die Imponderabilität nimmt noch seine volle Aufmerksamkeit gefangen, und er spricht: One cannot refuse to call ether matter, but it is not subject to the Newtonian law of gravitation. It is a distinct species of matter, which has inertia, rigidity, elasticity, compressibility, but not heaviness (siehe Nature vom 24. Oktober 1901 und auch Philosophical Magazine für August 1901). Doch diese Erkenntnis der notwendig absoluten Unwägbarkeit bedeutet einen wichtigen und entscheidenden Schritt; noch vor wenigen Jahren oder vielleicht auch bloss Monaten wäre man wegen einer solchen Behauptung ausgelacht worden; es hiess, der Äther sei nur ungeheuer leicht, und wer nach genauen Angaben lechzte, erhielt die beruhigende Antwort: »15 trillionenmal leichter als die atmosphärische Luft«; eine schlechtweg gewichtlose Materie wäre unseren Materialisten wie ein Nonsens vorgekommen. Jetzt haben aber die mathematischen Physiker gesprochen, und die übrigen von Kant geforderten Prädikate werden schon nachkommen; denn erst dann wird der Äther »Äther« sein, und ohne diesen Stoff, der kein Stoff ist, vermag das menschliche Gehirn den Stoff, der ein Stoff ist — mit anderen Worten, eine materielle Welt — gar nicht aufzubauen. Der Menschengeist ist eben, wie Kant uns schon lehrte (siehe S. 115), der Natur gegenüber Gesetzgeber.
   
¹) Geschichte der Farbenlehre, 4. Abt., Abschnitt Renatius Cartesius.

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keit und Gewaltsamkeit in seiner Anwendung des Äthergedankens. Die verblüffend einfache Gesamtvorstellung verdirbt er durch allerhand abenteuerliche Ausführungen im Einzelnen. Wir lernen hier eben, wie an jedem bedeutenden Manne, einsehen, inwiefern Grösse und Grenze zugleich gesetzt sind, bedingend-bedingt. Und so griff denn bald darauf der ungemein scharfsinnige und zugleich phantasielos nüchterne Isaac Newton auf scholastische Fiktionen von Fernkräften zurück und nahm die alte Vorstellung des Lichtes als eines besonderen Stoffes wieder auf; die Ideen Newton's verhalten sich zu denen des Descartes wie die eines Kindes zu denen eines Mannes; doch waren sie den damaligen Bedürfnissen empirischer Forschung genau entsprechend. Heute, wo sich neuer Stoff durch die Arbeit von Jahrhunderten angehäuft hat, kehren wir nach und nach zu Descartes und seinem symbolischen Gedanken zurück: für die Deutung des Lichtes ist es schon vor etwa hundert Jahren — mit der Einführung der in vorigen Vortrag besprochenen Undulationshypothese — geschehen; für die elektromagnetischen Phänomene vor einem halben Jahrhundert; physikalische Versuche, die Schwere als bedingt durch Bewegung des Äthers darzustellen — genau so wie Descartes es wollte — sind an der Tagesordnung; ¹) und der grosse, so früh der Welt entrissene Hertz war, als er starb, von dem Traum erfüllt, »die vermeintliche Wirkung der Fernkräfte auf Bewegungsvorgänge in einem raumerfüllenden Mittel zurückzuführen. ¹) Lord Kelvin — und in seinem Gefolge viele heutige Physiker (siehe S. 114) — geht noch weiter und lässt die verschiedenartigen Atome, welche die Chemie annimmt, nur verschiedene Wirbelbewegungen des einen einzigen Äthers sein; es gäbe also gar keine eigentliche Materie, sondern nur Äther; bei dieser exaktestem Forschung verschwindet das »Ding« ganz, es bleibt nur das Symbol. In einem Symbol von so derber Anschaulichkeit liegt eben unverwüstliche Lebenskraft.
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    ¹) Siehe Schlichting: Die Gravitation ist eine Folge der Bewegung des Äthers, 1892.
P. Gerber: Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Gravitation, 1902, V. Wellmann in den Astronomischen Nachrichten 1899, 148 und im Astrophysical Journal 1902. p. 282 fg. und vgl. F. Ebner in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1901, Nr. 288. Perrin (a. a. O. S. 24) meint von den neuesten Lehren von J. J. Thomson und Lorentz: on se trouve avoir expliqué l'attraction universelle comme un résidu d'actions électriques.
    ²) l. c., S. 49. Was Hertz will, entspricht buchstäblich genau der grossen Grundmaxime des Descartes Tous les corps qui sont au monde s'entretouchent
(III, 329).

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    So viel zur Verdeutlichung der Umwandlung aus Unsichtbarkeit in Sichtbarkeit. Jetzt brauchen wir ein zweites Beispiel, ein Beispiel von der Umwandlung aus Sichtbarkeit in Unsichtbarkeit. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, sagte uns Kant. Ebenso wie ich, ohne eine »gedachte« Anschauung zu besitzen, mit den Denken nicht vom Fleck kam, ebenso bleibe ich in der Anschauungsmasse hilflos stecken, wenn nicht Gedanken — wie Pferde den Karren — weiterziehen. Gut. Wie aber erhalte ich zu Anschauungen Begriffe? Auch hier wiederum geht die Sache nicht ohne Zwischenstufe; die Anschauung vermag nicht unmittelbar ein Begriff zu werden. Das Zwischengebilde ist in diesen Falle ein Schema. Wir Menschen vermögen es nicht, irgend etwas Erschautes oder sonst irgendwie sinnlich Wahrgenommenes in unser denkendes Bewusstsein aufzunehmen, wenn wir es nicht zuvor gedankenhaft schematisiert haben. Die Befähigung hierzu reicht bei verschiedenen Individuen sehr verschieden weit; doch wenn ein Mensch gar nicht unbewusst zu verallgemeinern, das heisst, die vielen Wahrnehmungen auf wenige Schemen zurückzuführen vermöchte, so würde er überhaupt nicht denken können; denn — wie Kant so treffend sagt — seine Anschauungen wären blind: er würde sehen, nicht aber erblicken. Wie die grossen Maler schematisieren, sahen wir in vorigen Vortrag; für ihren Zweck genügt ein noch fast rein anschauliches Schema; nur ein Minimum an Begrifflichem mischt sich herein. In etwas anderer Weise, doch genau den selben allgemeinen Gesetz der menschlichen Vernunft gehorsam, geht die Wissenschaft zu Werke. Während der Maler das Gesehene noch deutlicher sehen will und einzig zu diesem Behufe die Begriffe herbeiruft, will der Naturforscher das Gesehene deutlicher   d e n k e n,   er will es zu einen Gewussten umwandeln. Sobald nun bei diesem Verfahren der anschaulichen Besinnung das Anschauliche vorwiegt, so sprechen wir von einem Schema, wiegt dagegen das gedankliche Element vor, so reden wir von einer Theorie. Theorie und Schema gehören zueinander wie Hypothese und Symbol. Jetzt wissen wir genau, um was es sich handelt; um ein konkretes Beispiel zu erhalten, versetzen Sie sich, bitte, noch einmal in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück.
    Diesmal müssen wir das Gebiet enger begrenzen; wir wollen lediglich die Arbeiten über die sichtbaren Bewegungen wahrnehmbarer Körper in Betracht ziehen; denn nicht Hypothesen, sondern

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erschaute Tatsachen sollen uns beschäftigen. Denken wir also einzig daran, wie einige Männer damals beschäftigt waren, die Bewegungen der Himmelskörper zu beobachten, und wie andere — allen voran der unsterbliche Galilei — eifrig Versuche anstellten über die Bewegungen der Körper auf unserer Erde, das heisst also über den Fall, den Stoss, das Hinabrollen auf schiefen Ebenen, über die Bahn der Geschosse, über die Mitteilung von Bewegung durch einen Körper an den anderen, und dergleichen mehr. Die physikalischen Annahmen der Alten erwiesen sich als völlig falsch; die neuen, genau beobachteten Tatsachen häuften sich. Wie nun sie ordnen? wie »die Anschauungen verständlich machen«? wie die Vorgänge auf Erden mit denen am Himmel — den Fall des Apfels vom Baum mit dem Kreisen des Mondes um die Erde — einheitlich deuten? Genau so wie der Mensch vorhin vermittelst der anschaulichen Vorstellung des Äthers dem Denken zum Denken verholfen hatte, ebenso musste er jetzt trachten, seine Wahrnehmungen anschaulich und überschaubar zu machen; seinem blöden physischen Auge musste er den Star stechen; und das konnte nur durch Begriffe geschehen, durch die Zurückführung aller zahllosen Einzeltatsachen der Bewegungsvorgänge auf ein regelmässiges, künstlich ersonnenes, logisch fassbares Schema, welches nicht die empirische Beobachtung der Natur ihm gab, sondern welches er — der König im Turme, den wir in ersten Vortrag kennen lernten — autokratisch zwischen seinem Auge und der Natur aufstellte. Wiederum war es Descartes, der mit schöpferischer Erfindungskraft die Grundzüge unserer seitherigen Theorie der Bewegung schuf und damit zugleich unserer gesamten Mechanik.
    Alle Bewegungen sichtbarer Körper lassen sich bekanntlich auf drei Grundgesetze zurückführen, die wir gewöhnlich nach Newton benennen, weil dieser sie zuerst in knappen Worten formuliert und in allen ihren Konsequenzen entwickelt hat. ¹) Von diesen ist aber
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    ¹) Es ist vielleicht für das volle Verständnis dieser Ausführungen nicht überflüssig, die drei sogenannten »Newtonischen Gesetze« hier wörtlich nach den Principia mathematica philosophiae naturalis anzuführen. Das erste lautet: »Jeder Körper   b e h a r r t   in seinem Zustande der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, wenn er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, seinen Zustand zu ändern.« Das zweite: »Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden Kraft   p r o p o r t i o n a l   und findet nach der   R i c h t u n g   derjenigen geraden Linie statt, nach welcher jene Kraft wirkt.« Das dritte: »Der Wirkung ist die   G e g e n w i r k u n g   stets entgegengesetzt und gleich, das heisst, die gegenseitigen Wirkungen zweier Körper aufeinander sind stets gleich und nach entgegengesetzten Seiten gerichtet«.

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eingestandenermassen das dritte (das man bei Descartes nicht findet) in der Hauptsache eine formale Erweiterung des ersten, ¹) ausserdem sehr anfechtbar. ²) Es handelt sich also nicht um drei, sondern um zwei Grundgesetze, und diese zwei Gesetze hat nicht Newton ersonnen, sondern Descartes; Newton hat sie fast buchstäblich von Descartes übernommen, nur dass dieser das Schema noch nicht zu so vollendeter Künstlichkeit durchgearbeitet hatte. ³) Alles, was das sogenannte »erste Gesetz« Newton's enthält: dass Ruhe und Bewegung nur Zustände eines Körpers, nicht Gegensätze sind, dass jeder sich selbst überlassene Körper in seinem Zustand (sei es der Ruhe, sei es der Bewegung) ewig beharrt, dass der bewegte Körper, wenn nicht daran verhindert, sich in gerader Linie mit unveränderter Geschwindigkeit ewig fortbewegen wird — das alles steht wörtlich in Descartes. Und ich mache Sie darauf aufmerksam, dass nicht ein einziger der in diesem Gesetze ausgesprochenen Gedanken der Beobachtung entnommen ist, noch eines experimentellen Nachweises auch nur fähig wäre. 4) Auch das zweite Gesetz Newton's, das von dem Masse und der Richtung der Bewegung handelt, welche ein Körper dem anderen mitteilt, ist im Descartes lückenlos enthalten. Er also und kein Anderer hat die eigentlich
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    ¹) Siehe Clerk Maxwell: Matter and Motion, § 58.
    ²) Siehe Heinrich Hertz: Prinzipien der Mechanik, S. 6—7. und vergl. § 469 und § 470.
    ³) Man vergl. in Descartes' Principia Buch 2, § 37 fg. und ganz besonders Le Monde, Kapitel 7.
    4) Mach kommt bei der Besprechung des Trägheitsgesetzes zu dem Schluss, dass es trotz seiner »scheinbaren Einfachheit« sehr komplizierter Natur sei, indem es, so wähnt er, »auf unabgeschlossenen‚  ja sogar auf nie vollständig abschliessbaren Erfahrungen beruhe«. Diese Entdeckung flösst ihm keine geringe Sorge ein; denn wenn einmal das Trägheitsgesetz plötzlich nicht mehr stimmen sollte, da zerstöbe über Nacht die ganze Welt, oder zum mindesten die theoretische Mechanik und die zu ihrer Verkündigung angestellten Professoren, und so fordert er uns auf, »eine fortgesetzte Erfahrungskontrolle« an diesem Gesetz zu üben (Die Mechanik, 3. Aufl., S. 231—2). Wohin wir mit diesen Herren Anitmetaphysikern kommen‚ ersieht man aus diesem Beispiel; denn Iogischerweise müsste Professor Mach die Einsetzung einer ständigen internationalen Staatskommission (deren Sprache naturlich die chinesische sein würde, siehe S. 118) fordern welche »fortgesetzt zu kontrollieren« hätte, ob zweimal zwei immer noch vier mache. In Wirklichkeit beruht aber das Trägheitsgesetz auf gar keiner Erfahrung; vielmehr schafft es erst Erfahrung (siehe S. 143). Wie Poincaré (l. c., p. 119) sagt: l'expérience ne peut ni confirmer cette loi, ni la contredire. Geschichtlich ist es die spontane Erfindung eines Anschauungsgenies; vom physikalischen Standpunkt aus kann es niemals bewiesen werden, sondern — wie einer der genialsten Physiker unseres Jahrhunderts, Clerk Maxwell, gesagt hat — wir müssen es betrachten als »das einzige Schema einer folgerechten Lehre von der Verknüpfung zwischen Raum und Zeit, welches der Menschengeist bisher hat ersinnen können« (Matter and Motion, § XLI). Alle drei hier zu Grunde liegenden Begriffen — Stoff, Raum, Zeit — ist überhaupt nur auf metaphysischen Wege beizukommen.

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schöpferische Gedankentat vollbracht. Nur dass hier wieder, wie dort beim Äther, Descartes über die Schnur gehauen und — ähnlich wie Dürer bei seiner Proportionslehre — Überflüssiges und zuletzt auch Falsches hineingebracht hat, so dass der sichere Takt des klugen und praktischen Newton sehr vonnöten war, un den kostbaren Kern aus der Schlacke reinzuglühen. Doch, was uns hier einzig interessiert, ist, dass Descartes es verstanden hat, dasjenige, was unsere Sinne von Kindheit auf umfängt, dasjenige, worüber das gesamte Altertum nie zu klaren Begriffen vorgedrungen war, dasjenige, was die grossen Rechenkünstler und Experimentatoren des 15. und 16. Jahrhunderts nicht aus der Verhedderung der Anschauungsmasse auszulösen gewusst hatten — nämlich die Phänomene der sichtbaren Bewegung — durch die Einführung einiger weniger schematisch-theoretischer Begriffe zu entwirren und hierdurch der gedanklichen Verarbeitung zuzuführen. Auch hier wie Sie sehen, eine »neue Form im Reich der Gedanken«. Und hier wie dort ist der Wert einer derartigen Schöpfung für Wissenschaft und Weltanschauung unermesslich. Denn wie dort die symbolische Hypothese des Äthers dem Denken die Wege gebahnt hat, auf denen es nunmehr zu einer rationellen Kenntnis der Phänomene des Lichtes, der Elektrizität usw. an der Hand einer anschaulichen Vorstellung gelangen konnte, so hat her die Aufstellung einer schematischen Theorie der Bewegung, mit Zugrundelegung metaphysischer Begriffe, erlaubt, die überreiche Masse der geschauten Tatsachen in einige wenige Gedankenschemen einzureihen, wo sie in Formeln eingeschachtelt aufgehoben werden. Denn das gerade ist der Angelpunkt: indem das Sichtbare möglichst vollständig — wenn es irgend geht, ganz — in das Bereich des Unsichtbaren, des nur noch Gedachten übergeführt wird, erhält es eine Handlichkeit, eine Geschmeidigkeit, eine Beweglichkeit, die es sonst nicht besitzt. Unsere Anschauungen — rein als solche — sind schwerfällig, plump, unbeholfen; sie sind eben, wie Kant uns belehrte, blind und tappen im Dunkeln umher; hat aber der Mensch sie erst in begriffliche Schemen eingeordnet, so macht er damit, ws er will, zerlegt ein Ganzes in Teile, fügt nach Gutdünken Teile aneinander, kurz, verfährt nach Belieben; er ist ja Herr in seinem Turme.
    Jetzt haben wir, glaube ich, sowohl in Bezug auf das Verständnis der allgemeinen Beziehungen zwischen Denken und Anschauen — die in so eigentümlicher, zwiefacher Verstrickung zum Aufbau

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einer Weltanschauung mitwirken — bedeutende Fortschritte gemacht, wie auch in Bezug auf das Verständnis von Descartes' besonderer Befähigung, vermittelnd zwischen Denken und Anschauen zu wirken. Unsere Formel — Descartes' auszeichnende Gabe war, das Sichtbare unsichtbar und das Unsichtbare sichtbar zu machen — ist schon keine blosse Formel mehr, sondern eine Einsicht. Ich kann es aber dabei nicht bewenden lassen. Kant's Denken ist ein Gipfel des Menschengeistes; keiner wird ihn erreichen, der die Mühe des Steigens scheut. Es ist darum unerlässlich notwendig, dass Sie jetzt das Gebiet zwischen der wahrnehmenden Anschauung (oder Sinnlichkeit) und dem die Begriffe kombinierenden Verstande selbst betreten, denn sonst besitzen Sie nicht volle, sondern nur annähernde Klarheit.

SCHEMA UND SYMBOL

    Lassen Sie mich aber, gleichsam zwischen Klammern, eine kleine Bemerkung einschieben über Symbol, Schema, Hypothese und Theorie. Es handelt sich dabei nicht bloss um terminologische Klarheit, sondern um eine anschauliche Vorstellung, die Ihnen auch philosophisch von Nutzen sein wird.
    Das Symbol, im weiteren Sinne genommen, ist die Veranschaulichung des Gedachten; das Schema, in weiteren Sinne genommen, ist die Verdenklichung des Angeschauten; das Symbol verschafft denn Denken eine denkbare Anschauung, das Schema verschafft der Anschauung einen anschaulichen Gedanken. Innerhalb des Symbols kann man aber zwischen einer mehr rein anschaulichen und einer mehr gedankenhaften Auffassung der Veranschaulichung unterscheiden; aus ersterer ergibt sich das eigentliche Symbol, aus letzteren die Hypothese; in der selben Weise spaltet sich das Schema in das eigentliche Schema und in die Theorie. Hieraus ergibt sich die Berechtigung des Bildes, das ich jetzt an die Wand zeichne.

Schema

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    Der Vorteil dieses Bildes ist, dass es die gegenseitigen Verhältnisse dieser verschiedenen Begriffe — d. h., wenn ich mich so ausdrücken darf, ihre gegenseitige Lage in Gedankenraume — genau veranschaulicht. Sie sehen auf den ersten Blick, dass wenn Symbol und Hypothese einerseits, Schema und Theorie andererseits verwandt sind, Hypothese und Theorie, Symbol und Schema einander ebenfalls nahe liegen. Eine äusserst geringe Gedankenverschiebung genügt, um ein Symbol in eine Hypothese und eine Theorie in ein Schema zu verwandeln; es ist das eine Art Pendelbewegung, die unser Geist, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, den ganzen Tag vollführt. Aber auch die Grenze zwischen Symbol und Schema, sowie zwischen Hypothese und Theorie ist zwar fester gezogen, doch nicht unübersteiglich; eine kleine Änderung im Standpunkt genügt, um ein Symbol schematisch und ein Schema symbolisch zu färben, und in den Wissenschaften pflegen die Hypothesen ganz sachte, nach der Anciennetät, zu Theorien hinaufzurücken. Dagegen ist es für die überquer stehenden Paare — Symbol und Theorie, Hypothese und Schema — ein Ding der Unmöglichkeit, sich unmittelbar ineinander zu verwandeln. Was aber unmittelbar nicht geht, geht manchmal mittelbar, und so geschieht es in den Naturwissenschaften häufig, dass eine Hypothese nach und nach symbolischen Wert bekommt, dann schematisiert wird und endlich als vollgültige Theorie dasteht. Das in Wirklichkeit lediglich Gedachte und als solches ein klein wenig anschaulich Hypothesierte hat im Laufe der Zeit sich dermassen als Veranschaulichung eingebürgert, dass es als tatsächliche Anschauung aufgefasst und nunmehr »verdenklicht« wird, wodurch es die Gestalt eines Schemas und zuletzt einer vollausgewachsenen Theorie erhält. Dem Äther ergeht es z. B. immer wieder so, bis irgend eine neue Entdeckung uns plötzlich wieder einmal erinnert, diese Vorstellung besitze nur symbolisch-hypothetischen Wert; auf diese Weise narren wir Menschen uns oft, ohne es zu ahnen. Der umgekehrte Rundgang — von der Theorie über das Schema und das Symbol zur Hypothese — kommt wohl in der Wissenschaft kaum vor, dafür im gemeinen Leben täglich: das Angeschaute wird von der Wissenschaft verdenklicht, der Laie fasst aber den wissenschaftlichen, schematischen Gedanken als wirkliche Anschauung auf; hörten wir doch sogar einen Helmholtz von »Ätherteilchen« sprechen, »längs welcher« sich ein Strahl bewegt! (S. 128).

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    Diese Bemerkung bringe ich, wie gesagt, nur nebenbei. Sie sollen namentlich das Eine daraus entnehmen: welches ewige Hin- und Herschieben zwischen Denken und Anschauen innerhalb unseres Kopfes stattfindet. Vielleicht leistet uns ausserdem das kleine künstliche Schema später einmal gute Dienste.

DENKEN UND ANSCHAUEN

    Kehren wir zu Descartes zurück.
    Aus den beiden soeben behandelten Beispielen (Äther und Bewegungsgesetze) werden Sie vielleicht schon jetzt die Ahnung geschöpft haben, dass   D e n k e n   und   A n s c h a u e n   nicht nur vorübergehend von einander geschieden sind, sondern in Wahrheit voneinander geschieden bleiben. Völlige Verschmelzung findet zwischen beiden nie statt. Ja, die Verschmelzung wird gar nicht einmal angestrebt. Dem Denken genügt das sinnlich wahrgenommene Weltall nicht, es hat ihm nie genügt und kann ihm nie genügen; denn die Welt ist nicht gedankenhaft, sondern nur unser Hirn ist es; und so schafft sich das Denken einen eigenen Kosmos, eine eigene »verdenklichte« Anschauung und erfindet einmal die Atome, ein anderes Mal den Äther, den die heutige Physik einfach als »unwahrnehmbare Masse und unsichtbare Bewegung« bezeichnet. ¹) Und das Unwahrnehmbare nimmt das Denken doch wahr, weil es das will; und das Unsichtbare sieht das Denken, weil es sonst weder zu der Anschauung eine Brücke hinüberschlagen, noch zu den Träumen und Werken der Vernunft einen Weg bahnen könnte. Gewiss ist nun dieser Äther, dieses Atom ein Anschauliches, ja, es wird mit der eigentümlichem Intensität eines Traumbildes erblickt, und nur an diesem Angeschauten vermag das Denken sich emporzuranken; trotzdem ist der Äther ebenso wie das Atom von des Gedankens Blässe angekränkelt, und — wiederum wie ein Traumbild — während wir vorschreiten, weichen sie zurück und bleiben ewig unfassbar; sie sind eben nicht sinnliche Anschauung, sondern gedachte Anschauung; ein Symbol ist nicht ein Ding; wer Äther und Atom anschaulich weiter untersucht, stösst auf ein Unding. Analog verhält es sich mit unserm Anschauen, Die Schemen, die wir unseren Erfahrungen über die Bewegung dem Körper zu Grunde legen, haben den Zweck, diese Wahrnehmungen ins Reich des Begrifflichen überzuführen; hier soll, im Gegensatz zu dort, das Denken, wie ein starker Baum, die ungeheure, wurzellose
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    ¹) Helmholtz: Vorwort zu Hertz: Prinzipien der Mechanik, S. XXI.

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Schlingpflanze der »grenzunbewussten« Empirie tragen und nähren. Unser Ziel ist in diesem Falle, ein Erblicktes in eine Zahl umzuwandeln, das heisst, in ein nur noch Gedachtes: Farbe wird Schwingungszahl, und ein Blindgeborener kann ebenso gescheit darüber reden wie ein Tizian.
    Sollten Sie aber noch nicht überzeugt sein, dass hier innere Gesetze des Menschengeistes — metaphysische Grundtatsachen — gestaltend am Werke sind, sollten Sie vermeinen, dass man über Zeit und Raum und über die Bewegung im Raum und in der Zeit ohne Zuhilfenahme metaphysischer Erörterungen ins Reine kommen kann, so will ich vorderhand statt Argumente — denn für diese sind Sie noch nicht reif — eine Bitte an Sie richten: hier reiche ich Ihnen Sir Isaac Newton's Mathematische Prinzipien der Naturlehre hin; haben Sie die Güte, das Scholion zur 8. Definition nachzuschlagen. Der grundsätzliche Antimetaphysiker redet zu Ihnen, und zwar in einem Werke von unvergänglicher Bedeutung. Zu Beginn der betreffenden Ausführung sagt er nun mit verblüffender
  Arglosigkeit: »Zeit, Raum, Ort und Bewegung, als Allen wohlbekannt, erkläre ich nicht.« ¹) Ja! wenn es sich um die naive Anschauung dieser Dinge handelte, dann freilich brauchte der grösste Geist ebensowenig eine Erklärung von Zeit und Raum wie der beschränkteste Kuhhirt; ich bin der Ansicht, dass diese Forderung überhaupt sinnlos wäre; was an sich evident ist, gewinnt durch dialektische Erklärung nicht an Gehalt; in Gegenteil, aus dem Leben wird ein Wort. Descartes warnt: Il faut mettre au nombre des principales erreurs qui peuvent être commises dans les sciences l'opinion de ceux qui veulent définir ce qu'on ne peut que concevoir (XI, 370). Es handelt sich aber nicht um Zeit und Raum, wie sie Allen bekannt sind — Newton selber wird Sie gleich belehren, dass wir hiermit in der Wissenschaft keinen Schritt weiter kämensondern es handelt sich darum, Geschautes in Gedachtes zu übertragen und umgekehrt, und da geraten wir sehr bald in unentwirrbare Konfusion, solange nicht eine Kritik der menschlichen Vernunft uns aufgeklärt hat. Lesen Sie in dem Scholion Newton's nur weiter. Sie werden da von einem »absoluten Raum« (spatium absolutum) Dinge erfahren, die nicht minder erbaulich sind als die Eigenschaften des absolutum quid der Scholastiker. Dieser »abso-
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    ¹) Tempus, spatium‚ locum et motum‚ ut omnibus notissima, non definito. (Deutsch nach Wolfers citiert.)

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lute Raum« ist »ohne Beziehung auf irgend einen äusseren Gegenstand« (sine relatione ad externum quodvis); mit einem Ding aber, welches zu keinem Gegenstand in irgend einer Beziehung steht, liesse sich wenig anfangen; darum werden ausser diesen absoluten Raum noch »relative Räume« angenommen (in der Mehrzahl), und diese relativen Räume sind im absoluten Raume, dessen »Teile« sie ausmachen, beweglich! Ich glaube nicht, dass der Menschengeist jemals etwas so Monströses zu denken versucht hat, wie diese Mehrzahl der »Räume«‚ die sich durch einander »bewegen«. Freilich, diese Beweglichkeit der Raumteile ist nur eine vorübergehende Vorstellung, wie sie dem Geiste des vorhin genannten Kuhhirten zusagen mag, denn gleich darauf bemerkt Newton tiefsinnig: »Bewegt man die Raumteile von ihrem Ort fort, so werden sie (sozusagen) von sich selbst entfernt«; das geht denn doch nicht an; und so erhalten wir denn in Bezug auf diese relativen Räume die ergänzende Bestimmung: »die Räume sind die Orte ihrer selbst« (spatia sunt sui ipsorum loca). Und wenn Sie recht drinnenstecken in diesem völlig sinnlosen, empirischen Galimathias, werden Sie belehrt, dass Sie den eigentlichen Raum — diesen Raum, von dem es auf der Seite vorher hiess, er sei so allgemein bekannt, dass er keiner Erklärung bedürfe — doch nicht sehen, noch überhaupt befähigt sind,   » v e r m i t t e l s t   I h r e r   S i n n e   die Teile desselben voneinander zu unterscheiden,« und dass Sie darum — jetzt kommt das Köstlichste — darum, weil es sich um ein sinnlich nicht Wahrnehmbares, um ein Ununterscheidbares handelt, darum — quoniam — »wahrnehmbare Masse« (mensuras sensibiles) annehmen müssen. Also, mit der Wahrnehmung sollen Sie an das Unsichtbare herantreten, und messen sollen Sie dasjenige, dessen Teile Sie nicht zu unterscheiden vermögen! Die Ursache dieser Konfusion — die nur durch höchste kritische Besonnenheit und feinste Analyse aufgeklärt werden konnte — liegt darin, dass wir Menschen über das Verfahren unseres eigenen Geistes nicht Klarheit besitzen: wir verwechseln das bloss gedankliche Schema mit der wirklichen sinnlichen Wahrnehmung. Dort, beim Äther (denken Sie nur an die Undulations-Hypothese und an ihre Ohnmacht den Farben gegenüber) mischte sich das Gedankliche störend in die Anschauung, oder richtiger gesagt — denn der Äther ist ja nur, wie Sie sich erinnern, die Veranschaulichung eines Gedankens — der Menschengeist erwies sich als unfähig, aus eigenen

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Kräften reine Anschauung — mit anderen Worten, ein Symbol, welches der Natur gleichkäme — zu schaffen; hier, bei den Grundbegriffen der Dynamik, wie Newton sie entwickelt, erweist sich der selbe Geist unfähig, Gedanken in allen Stücken frei zu erfinden, d. h., seine sinnlichen Wahrnehmungen schlackenlos in Gedanken umzusetzen. Um unsere Anschauungen unter einige wenige Grundbegriffe zu bringen, erfanden wir das Trägheitsgesetz; diese Gedanken aber — ein absoluter Raum, eine endlose Zeit, die Gleichförmigkeit des Zustandes eines Körpers, der, laut Definition, allein wäre, also allem Vergleich entzogen.... das alles ist uns nicht aus Anschauung bekannt. Von der empirischen Anschauung borgen wir uns jenes Minimum an sinnlichen Vorstellungen, ohne welches unsere theoretischen Gedanken leer wären, jenes Minimum, ohne welches sich das Schema nicht zimmern liesse; es deckt sich aber die wirkliche Anschauung nie genau mit dieser theoretischen Schematisierung. Und daher hapert's, sobald wir in allzu naiver Weise ohne eine metaphysische Kritik der menschlichen Vernunft auszukommen suchen, trotzdem in der Praxis die Sache vortrefflich geht, und ein Newton ein ewig bewunderungswürdiges Gebäude aufrichtet, sobald wir ihm eine gewisse Reihe von ungeheuerlichen, ebenso undenkbaren wie unschaubaren Voraussetzungen zugegeben haben. ¹)
    Aus diesen Betrachtungen ersehen Sie, wie wichtig es ist, das kritische Gebiet zwischen Anschauen und Denken genau zu erforschen, und auch wie viele schwierigkeiten sich hier verwirrend dem Verständnisse entgegentürmen. Zum Glück gibt es eine Funktion unseres Geistes — eine einzige, die mathematische  —, welche es erlaubt, diese Sache bis zur vollendeten Deutlichkeit aufzuklären. Ich will erst eine allgemeine Erläuterung vorausschicken und sodann zu einer näheren Erörterung des Verhältnisses Descartes' zur Mathematik übergehen; so werden wir nach und nach volle Klarheit gewinnen, und die Anwendung auf Kant wird uns am schluss wie eine reife Frucht in den Schoss fallen.
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    ¹) Folgende Bemerkung steht nicht in unmittelbarer Verbindung mit dem Obigen und soll weder zur Aufklärung noch zur Bekräftigung dienen; ich glaube aber, schon hier wird mancher Leser die Bedeutung von Kant's metaphysischer Einsicht zu ahnen beginnen: »Wenn mann den Raum als Eigenschaft, die den Dingen an sich selbst zukommen soll, ansieht, da ist er mit allem, dem er zur Bedingung dient, ein   U n d i n g «   (r. V., 274). Nähere Aufklärung über die Konfusion, durch welche die Annahme eines »absoluten Raumes« und darin beweglicher »relativer Räume« entsteht, findet man M. N. 1, 1, 2.

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    Erlauben Sie, dass ich hier ein einfaches schema an die Wand zeichne; es geschieht lediglich als Anhaltspunkt und damit meine Worte einen wirklich fasslichen Sinn besitzen. Wenn wir den Umfang des Menschengeistes durch ein Viereck darstellen — ein Kreis wäre besser und eine Kugel natürlich noch besser, doch wähle ich mit Absicht eine möglichst krass schematische Form — so können wir, ganz allgemein gesprochen, behaupten: die eine Hälfte gehört der Sinnlichkeit, d. h. der Anschauung, den Wahrnehmungen, die andere dem Verstand, dem Denken, der Begriffsbildung an; das sind jene »zwei ganz heterogenen Stücke«‚ von denen Kant vorhin sprach. Genauere Überlegung jedoch — wie diejenige, zu welcher uns jetzt die Geschichte unserer Naturwissenschaften veranlasst hat — wird uns bald überzeugen, dass reines Anschauen und reines Denken sich nicht unmittelbar berühren, sondern dass zwischen beiden ein Gebiet liegt, welches den Übergang vom einen zu anderen vermittelt. Feste Grenzen gibt es in Wirklichkeit sicher nicht; es handelt sich ja nicht um eine Maschine, deren Räder sauber eins ins andere greifen, sondern um ein lebendes Gefüge, bei dem jedes einzelne Organ mit allen anderen Organen zusammen eine zugleich reale und ideelle Einheit bildet; während bei einer Uhr die Teile das erste sind und erst zuletzt die Uhr als Ganzes aus der Zusammensetzung der Teile entsteht, ist bei einen Lebewesen das Wesen selbst das erste, und das, was wir daran als Teile oder Organe zu unterscheiden belieben, bildet sich erst nach und nach und besitzt — dem Wesen gegenüber — immer nur bedingte Bedeutung, indem die Verteilung der Verrichtungen nicht — wie in der Uhr — nach einer unabänderlichen Schablone geschieht, sondern auch ein Organ für das andere eintreten kann. Jedoch, unserem augenblicklichen Zweck entspricht ein Schema, und ein Schema ist nur deutlich, wenn es »schematisch«‚ das heisst rücksichtslos eckig und geradlinig ist. Wir zeichnen also unser Viereck hin und lassen die eine Hälfte der »Sinnlichkeit« (wie Kant sie nennt) und mit ihr der Anschauung angehören, die andere Hälfte dem »Verstand« (wie Kant ihn meint) und seinem begrifflichen Denken. Nach der Mitte zu jedoch geht das rein begriffliche Denken in anschauliches Denken über, und ebenfalls nach der Mitte zu geht die rein sinnliche Anschauung in gedankenhafte Anschauung über. Dieses Grenzland will ich schraffieren.

213 DESCARTES

Schema

Es ist Ihnen schon gut bekannt. Sie haben vorhin gesehen, wie der Verstand bestrebt war, die angeschauten Wahrnehmungen bezüglich der Bewegung in sein Bereich zu bringen, und wie er zu diesem Behufe sie — nicht ohne Gewalt — auf das ihm angehörige Grenzgebiet des anschaulichen Denkens hinüberzog, mit Hilfe von Schemen; und früher hatten Sie gesehen, wie es der Sinnlichkeit gelang, wissenschaftliche Gedanken, welche unfruchtbar — und wohl betrachtet überhaupt »undenkbar« — blieben, weil sie jeder anschaulichen Grundlage entbehrten, durch die Erfindung eines sinnlichen, vollkommen anschaulichen Symbols — des Äthers — zu herrlichem Leben zu wecken. Die geringste Überlegung wird ja genügen, Ihnen zu zeigen, welches Hin und Her innerhalb des Menschengeistes stattfindet. Wird im unserem Bewegungsgesetzen z. B. nur das Theoretische und Arithmetische betont, wie das bei dem Zahlenkünstler Newton der Fall war, so verlieren diese Gesetze schliesslich jede Anschaulichkeit, sie entfernen sich von unserer Mittellinie bis an die Grenze des schraffierten Teiles, sie sind ganz Gedanke geworden; bei einem Descartes dagegen wog in diesen selben Bewegungsgesetzen die sinnliche Vorstellung vor, und neuerdings bei Hertz ebenfalls das Geometrisch-Anschauliche; dadurch verschiebt sich der Gedanke nach der Mittellinie, d. h. nach dem Symbol zu, und die Theorie wird verhältnismässig mehr schematisch als theoretisch. Ebenso verhält es sich mit unseren gedankenhaften Anschauungen. Sie können so völlig der Sinnlichkeit angehören, das heisst, so ganz am Rande dieses schraffierten Gebietes stehen, so fern also von der Ver-
 
214 DESCARTES

standeshälfte, dass der Begriff nicht im Stande ist, sie wirklich zu erfassen. Dafür ist Goethe's Metamorphose ein Beispiel. Descartes' Äther dagegen ist bedeutend mehr gedankenhaft, obwohl noch ganz konkret. Das Symbol des Äthers kann aber mit solcher Vehemenz von dem begrifflichen Teil unseres Wesens an sich gezogen werden, dass, wie Sie gesehen haben, zuletzt jede konkrete Vorstellung schwindet und der Äther sich verflüchtigt zu einer nur noch gedachten, jeder anschaulichen, stofflichen Grundlage entbehrenden Bewegung (siehe S. 114); hier ist also nicht nur die Mittellinie übersprungen und das Symbol Schema geworden, sondern dieses Schema selbst ist fast nur noch Gedanke. Die Physik des Lord Armstrong und das »Urtier« Goethe's empfehle ich Ihrem Sinnen als zwei äusserste und entgegengesetzte Endpunkte unseres Grenzlandes: in dem einen Falle hat eine Vorstellung (die Bewegung des Nichts im leeren Raum) alle Vorstellbarkeit so bis auf den letzten Rest abgestreift, dass sich dabei gar nichts mehr denken lässt, in dem andern hat ein Gedanke (der Urvater aller Individuen selber ohne alle Individualität) sich so vollkommen »versinnlicht«, dass nicht einmal jenes Minimum an begrifflicher Bestimmtheit geblieben ist, ohne welches keine Gestalt klar erkannt werden kann.

DIE MATHEMATIK

    Nach dieser Schematisierung und dieser Warnung vor dem Missbrauch des Schemas wenden wir uns jetzt zur Mathematik.
    Was die Mathematik charakterisiert, ist, dass sie dieses Grenzland — den auf meinem Bilde schraffierten Teil — einnimmt und ganz genau ausfüllt. Hier kann sogar kein Schema zu schroff sein. Eine jede der beiden Formen der Mathematik — auf der einen Seite die anschauliche Mathematik (die Geometrie oder Gestaltenlehre), auf der anderen die begriffliche Mathematik (die Arithmetik oder Zahlenlehre) — reicht nach innen zu haarscharf genau bis an die Mittellinie, d. h. also bis zu der Grenzscheide zwischen den beiden Gebieten des Verstandes und der Sinnlichkeit. Da aber die Mathematik auch nach aussen zu nur genau bis an die Grenzen dieses Zwischengebietes reicht und nicht darüber hinaus, so entsteht zwischen ihren beiden Teilen ein gegenseitiges Sichentsprechen, ein genauer Parallelismus, wie er sonst nirgends zwischen Anschauen und Denken statt hat. Das mathematisch Gedachte enthält nichts, was nicht auch angeschaut werden könnte, und das mathematisch Geschaute umfasst keine Gestalten, die nicht auch gedanklich zu ergreifen wären. Hier findet das unbewusste Hin- und Herschieben,

215 DESCARTES

von dem wir vorhin sprachen, nicht statt; jede mathematische Vorstellung, jede mathematische Begriffsbildung hat ihren bestimmten, unverrückbaren Platz. Die beiden mathematischen Geistesoperationsfelder decken sich nicht — Sie sehen ja auf unserem Bilde, wie ganz sie autonom sind — doch bilden sie zwei Pendants, ein jedes ist das Gegenstück des anderen. Andererseits aber bedingt die scharfe Scheidung der Mittellinie eine so schroffe Gegenüberstellung der beiden mathematischen Funktionen, wie sie sonst zwischen Anschauen und Begriffsbildung nicht vorkommt. Einen allmählichen Übergang — wie wir ihn vorhin für sonstige Schemen und Symbole fanden — gibt es hier nicht. Geometrie ist reiner Symbolismus; Zahlenlehre ist anschauungsbarer Schematismus, sie ist der Prototyp dessen, was Kant »Gedanken ohne Inhalt« nannte. ¹) Das Umschlagen des einen in das andere kann darum nur plötzlich bewerkstelligt werden und ist — wie ich Ihnen bald ausführlich zeigen werde — das Ergebnis einer rein inneren und gewaltsamen Geistesüberlegung. Selbst dort, wo beide Teile der Mittellinie recht nahe stehen — ein Beispiel folgt gleich — gibt es kein Mittel, Gestalt nach und nach in Zahl umzuwandeln; vielmehr muss die Übereinstimmung zwischen Gedanken und Anschauung unmittelbar erblickt werden. Wäre die Mathematik nicht ein rein menschenhaftes Denken und Anschauen, müssten wir sie, wie z. B. unsere Wahrnehmungen über die Bewegungen der Körper, aus der Erfahrung holen, dann freilich stünde es schlimm darum; denn die Natur als äussere Erfahrung bietet keinerlei Handhabe, um Gestalt und Zahl zueinander in Beziehung zu setzen. Doch zum Glück irren sich unsere empirischen Flachschädel und besitzen wir in der Geometrie unseren ureigensten Symbolismus und in der Algebra unseren ureigensten Schematismus, und darum — ich bitte Sie, merken Sie genau auf dieses Darum! — darum, weil Mathematik eine aus Menschen innewohnende Gedanken- und Anschauungsform ist, und weil sie jenes Grenzgebiet unseres Geistes genau ausfüllt, darum sind wir hier — und hier allein — befähigt, das
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    ¹) Reine »Zahlenlehre« ist — nota bene — nur diejenige, welche von den Zahlen abstrahiert, d. h. die Algebra oder Buchstabenrechnung; denn eine Zahl ist schon der Beginn einer Anschauung, wogegen die begriffliche Mathematik in ihrer Reinheit lediglich gedachte Grössenverhältnisse zum Gegenstand hat, nicht nur ohne alle Gestalt, sondern auch ohne alle Zahl. Eigentlich hätte ich hier   U n i v e r s a l a l g e b r a   sagen müssen; doch wollte ich lieber einiger Inkonsequenz in den Ausdrücken schuldig gefunden werden, als durch ungewohnte, fachmännische Worte abschrecken.

216 DESCARTES

Symbol in das Schema, und das Schema in das Symbol restlos umzusetzen. ¹)
    Diese Umwandlung will ich Ihnen an einen Beispiel veranschaulichen.

    Wenn ein Knabe seinen ersten Unterricht in der Buchstabenrechnung erhält, so muss der Unglückliche eine Reihe von Gleichungen auswendig lernen, bei denen er nicht das Geringste sich denken kann, und zwar nicht etwa, weil es nichts dabei zu denken gäbe, sondern im Gegenteil, weil dabei nur »gedacht« wird, da es sich um reine und insofern völlig »inhaltsleere« Begriffe handelt, bar jeglicher Anschauung. Die erste dieser Gleichungen lautet:

(a + b)² = a² + 2ab + b².

Das will sagen: a und b zusammengezählt und dann mit sich selbst multipliziert, ist gleich a mit sich selbst multipliziert, vermehrt um a maI b zwei Mal genommen, vermehrt um b mit sich selbst multipliziert. Das hört sich schauderhaft an, nicht wahr? Springen wir aber beherzt aus dem Schematismus in den Symbolismus unseres Geistes über, so werden wir die Wahrheit des Satzes, ohne einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, unmittelbar erblicken. Ich will es an die Wand zeichnen, und bitte nur um
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    ¹) Es war hier nicht der Ort, mich auf eine Polemik einzulassen, und übrigens ist es an jedem Orte schade um die auf verstockten Unverstand verschwendete Zeit. Kein denkender Mathematiker hat je an der Aprioritât der geometrischen Anschauung gezweifelt, und Descartes, der die philosophische Einsicht in das wahre Wesen der Mathematik als einer Grenzfunktion (aber Grenze nach innen‚ nicht nach aussen!) noch nicht besessen hat, spottet dennoch als glänzender mathematischer Kopf über die Torheit Derjenigen, welche vermeinen, die geometrische Evidenz sei ein Erzeugnis empirischer Erfahrung. Lorsque nous avons la première fois aperçu en notre enfance une figure triangulaire tracée sur le papier, cette figure n'a pu nous apprendre comme il fallait concevoir le triangle géométrique, parcequ'elle ne le représentait pas mieux qu'un mauvais crayon une image parfaite. Mais d'autant que l'idée véritable du triangle était déjà en nous, et que notre esprit la pouvait plus aisément concevoir que la figure moins simple on plus composée d'un triangle peint, de là vient qu'ayant vu cette figure composée nous ne l'avons pas conçue elle-même, mais plutôt le véritable triangle (II, 290). — Man vergleiche namentlich den Anfang der fünften Méditation und die Widerlegung der Einwürfe Gassendi's gegen sie. Tiefer noch geht ein Brief an Mersenne von 1. Juli 1641, in welchem Descartes ausführt, die Mathematik sei durchaus nicht »auf den Phantomen der Sinneswahrnehmungen aufgebaut«‚ sondern lediglich sur les notions claires et distinctes de notre esprit; ce que savent assez ceux qui ont tant soi peu approfondi celle science (VIII, 529). Der scharfsinnigste mathematische Analitiker unserer Tage, H. Poincaré, urteilt: On voit que l'expérience joue un rôle indispensable dans la genèse de la géometrie; mais ce serait une erreur d'en conclure que la géométrie est une science expérimentale, même en partie. Si elle était expérimentale, elle ne serait qu'approximative et provisoire. Et quelle approximation grossière! ... La notion de ces corps idéaux est tirée de toutes pièces de notre esprit, et l'expérience n'est qu'une occasion qui nous engage à l'en faire sortir. (La Science et l'Hypothèse, p. 90).

217 DESCARTES

das eine, dass Sie sich gar nichts dabei denken, sondern lediglich die Augen aufmachen. Wir nehmen eine Linie a und fügen in geradliniger Fortsetzung die Linie b daran,

Linie a+b

und jetzt errichten wir auf dieser Linie — die nunmehr die Linie »a und b« ist — ein gleichseitiges und rechtwinkeliges Viereck.

Viereck (a+b)2

Was Sie hier erblicken, ist (a + b)². Dass dieses Quadrat gleich ist dem Quadrat auf a, vermehrt um das Quadrat auf b, vermehrt um zwei Mal das Rechteck, welches aus der Länge a und der Breite b entsteht, ersehen Sie unmittelbar aus folgender Konstruk-


Viereck aa+2ab+bb

tion, die ich in unser Quadrat hineinbaue. So ist Algebra in Geometrie, das Zahlenschema in ein Gestaltensymbol umgewandelt worden. Und Sie brauchen dieses selbe einfache Beispiel nur um-

218 DESCARTES

zuwenden — d. h., sich das Quadrat und die darin ausgeführte Konstruktion als das Zuerstgegebene zu denken — um zu begreifen, dass es möglich sein muss, jede geometrische Konstruktion, das heisst also, jedes Spiel der gestaltenden Phantasie in einen rein begrifflichen, gänzlich anschauungsbaren, und das heisst in einen algebraischen Zahlenausdruck umzuwandeln.
    In dem soeben besprochenen Falle standen die mathematische   A n s c h a u u n g   und der mathematische   G e d a n k e   beide der trennenden Mittellinie sehr nahe; daher gelang es unschwer, den Begriff sinnlich, die Anschauung abstrakt aufzufassen; häufiger aber stehen sie ihr fern, und erst Descartes hat uns — durch seine Erfindung der »analytischen Geometrie« — gelehrt, wie wir es anfangen müssen, damit es durchwegs gelinge, das Schema zum Symbol, das Symbol zum Schema zu entdecken; eine Erfindung, durch welche er Begründer der sog. höheren Mathematik wurde. Und hierhin müssen wir ihm jetzt folgen, wollen wir das Verhältnis zwischen Denken und Anschauen ein für allemal ergründen, was für jedes Verständnis Kant's unentbehrlich ist. ¹)


DESCARTES UND DIE MATHEMATIK

    Nach dem ganzen Verlauf unserer bisherigen Betrachtungen werden Sie sich leicht vorstellen, welche eigentümliche Anziehung die Mathematik auf einen Mann von der Art des Descartes ausüben musste, auf einen Mann, dessen auszeichnende Gabe es war, Symbole und Schemen zu erfinden, mit andern Worten, das Sichtbare unsichtbar und das Unsichtbare sichtbar zu machen. Doch ist es wichtig — wollen wir Descartes' persönliche Art zu schauen verstehen — über seine Stellung zur Mathematik genau unterrichtet zu sein, und gerade darüber führen unsere Lehrbücher irre. Um also von Descartes' mathematischer Grosstat sprechen zu können, muss ich vor-
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    ¹) Eine kleine Bemerkung, damit keine Wortkonfusion das Verständnis erschwere. Die algebraischen Buchstaben pflegt man »Symbole« zu nennen, andrerseits nennt man gern gerade strenggeometrische Figuren »Schemen«‚ — ich habe es selber oben, als ich von den Malern sprach, getan. Doch hoffe ich, man wird nach allem Ausgeführten leicht verstehen, warum gerade in der Mathematik eine reine Nomenklatur schwer durchzuführen ist. Denn der Buchstabe ist ein Zeichen für einen Gedanken, der nur dadurch ein Etwas werden kann, dass ihm einst eine Anschauung untergelegt wird, und die geometrische Figur ist eine Anschauung, die, wie Kant so treffend sagt, »blind« bleibt, solange nicht Begriffe sich ihrer bemächtigen. Welchen Wert hätte z. B. die Evidenz dieser angeschauten Verhältnisse hier in dem Quadrat auf a + b, wenn ich sie nicht gedanklich schematisierte? Hier, in der Mathematik, sind die Verhältnisse so ganz reine und innere, dass, wenn ich meine Gedanken nicht symbolisiere und meine Anschauungen nicht schematisiere, mir gar keine Erkenntnis erwächst. Insofern lässt sich der Gebrauch der Worte Schema und Symbol, wie er in der Mathematik üblich ist, rechtfertigen; doch darf es nur mit kritischem Bewusstsein dieses Zusammenhanges geschehen.

219 DESCARTES

erst das allgemein, vielleicht ausnahmslos herrschende Missverständnis über Descartes' Auffassung der Mathematik und über die Stelle, die sie in seinem ganzen Denken einnimmt, zerstreuen. Nur auf diesem Wege können wir uns selber aus dem Dschungel undeutlicher Phrasen in die freie Hochebene klarer Einsichten durcharbeiten.
    Für unsere wissenschaftliche Erkenntnis der Natur spielt die Mathematik die Rolle jenes Werkzeuges, das die Elektrotechniker einen Kommutator oder Stromwender nennen. Sobald es uns gelungen ist, Phänomenen mathematisch beizukommen — und wäre es auch auf so gewaltsamem und widerspruchsvollem Wege, wie es von Newton in seiner Gravitationslehre geschieht — haben wir gewonnenes Spiel; wir wenden dann immerfort den Strom um, d. h. das Angeschaute in Begriffliches und das Begriffliche in Anschauung, genau so wie bei dem (a + b)²; das eine hilft dem anderen weiter, und wir gelangen auf diese Weise immer höher und höher, und zwar ohne jemals zu irren, weil wir eben nur innerhalb unseres eigenen Geistes operieren und somit Bilder und Gedanken stets gegeneinander zurechtrücken. Das hat nun gerade Descartes als Erster (nach Plato) eingesehen; er ja ist es, der uns mit dem Gedanken der analytischen Geometrie — mit dem wir uns sofort näher befassen werden — beschenkt hat; doch blieb er nicht in den rein mathematischen Vorstellungen befangen, sondern sein gewaltiger Geist griff weit über die Mathematik hinaus. Ist es absurd, mit Schopenhauer (S. 91) aus Descartes einen Geringschätzer der Mathematik machen zu wollen, so ist es kaum weniger missverständnisvoll und auch irreführend, wenn man die Bedeutung der Mathematik in seinem Denken und für seine Weltanschauung übertreibt. Das Bild des Äthers und der Gedanke des Trägheitsgesetzes genügen als Beweis, dass seine Ausbildung dieses mathematischen Wechselspiels ihm nur als Vorübung gedient hat. Und so will er es auch für Andere verstanden wissen, wie seine Règles pour la direction de l'esprit ausführlich dartun. Die Zahlen- und Gestaltenlehre   e n t h ä l t   nicht Wahrheiten, vielmehr ist sie in einer Beziehung vollkommen leer, das Leerste, was man sich denken kann; denn weder ist bei ihr die Anschauung durch Wahrnehmung von aussen gespeist, noch lässt ihre Begriffsgymnastik eine Bereicherung durch eigentliche Gedanken zu; die Mathematik ist lediglich ein System formeller Prinzipien der Anschauung und der Begriffsverknüp-
 
220 DESCARTES

fung. ¹) Über die berufsmässigen calculateurs und géomètres — die sich bei ihren Zahlen und Figuren beruhigen, ohne weiter zu suchen — spottet Descartes beständig und meint, ihre Beschäftigung sei, de s'occuper de bagatelles. Nun schlagen Sie aber, bitte, ein beliebiges philosophisches Geschichtswerk auf, Sie werden überall die Behauptung antreffen, Descartes habe erklärt, die Mathematik sei »Ursprung und Quelle aller Wahrheiten«. Nichts hat mehr dazu beigetragen, gute Köpfe unter uns von Descartes abzuwenden, als dieser angebliche Ausspruch. Denn was soll man sich bei einer so ungereimten Behauptung denken? Im besten Falle eine Art mystisch-pythagoreische Natursymbolik, — etwas, was in Wirklichkeit diesem Manne ferner lag als irgend einem andern. Und an der Authenticität der Stelle zweifelt kein Mensch, sonst würde sie nicht zwischen den obligaten Anführungsstrichen aus einem gelehrten deutschen Werk ins andere wandern. Und doch handelt es sich lediglich um einen Übersetzungsfehler! Der betreffende Satz steht (in der Gesamtausgabe von Cousin) Band XI, Seite 219, oben. Descartes hat soeben die Grundzüge seiner Methode dargelegt, welche er auf nur zwei Prinzipien zurückführt: zuerst und als unentbehrliche Grundlage die klare Anschauung des Gegenstandes (l'intuition), sodann, als zweites, die folgerichtige und lückenlose Ableitung der Sätze (la déduction); Sinnlichkeit und Verstand treten hier in ihrem ersten und elementarsten Verhältnis zueinander auf. ²) Doch soll uns ihr gegenseitig sich bedingendes Wechselspiel noch weite Wege führen, und so weist denn Descartes — als Beispiel und als einzig sichere Schulung für die Anwendung dieser ganz allgemein aufgefassten Methode — auf die Mathematik hin, die er als Übung in diesem Handinhandgehen der evidentesten Anschauung mit der striktesten Logik für unvergleichlich und unerlässlich hält. Und dann kommt der Satz, der zu obigem Missverständnis Anlass gegeben hat: ...je suis convaincu qu'elle est supérieure à tout autre moyen humain de connaître, parcequ'elle est l'origine et la source de toutes les vérités. Das Fürwort elle bezieht sich auf die   M e t h o d e — auf die grosse allgemeine Methode, die Methode der Stromwendung, die wir jetzt
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    ¹) Das nach jeder Richtung hin bedeutendste Werk der Neuzeit über die von Descartes so deutlich geschaute Wahrheit ist Hermann Grassmann's Ausdehnungslehre, die in zwei Bearbeitungen vorliegt, die eine von 1844 (neue Ausgabe 1894), die andere von 1862 (neue Ausgabe 1895).

    ²) Vgl. das XI, 278 dargelegte Wechselspiel zwischen der intuition évidente und der déduction nécessaire.


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kennen — nicht auf die Mathematik! Diese Methode der gegenseitigen Durchdringung von Anschauen und Denken sei die Quelle aller wahren Erkenntnis; diese   M e t h o d e !   beileibe nicht die Mathematik an und für sich, von der uns Descartes auf der nächsten Seite versichert, es gebe auf der Welt nichts Leereres, rien de plus vide. Auch rein grammatikalisch ist es ausgeschlossen, dass elle sich auf Mathematik beziehe, weil man französisch fast immer les mathématiques sagt, in der Mehrzahl, und auch hier ohne Ausnahme les mathématiques und elles (Mehrzahl) steht. Wie wenig Descartes geneigt war, die Mathematik als »Quelle aller Wahrheiten« zu betrachten, geht zur Genüge daraus hervor, dass er les nombres et les figures zu jenen Vorstellungen zählt, qui ne peuvent pas être estimées un pur néant, quoique peut-être elles n'aient aucune existence hors de ma pensée, und dass er an anderer Stelle von ihnen sagt: elles ne peuvent pas être considérées comme des substances, mais seulement comme des termes sous lesquels la substance est contenue. ¹) Aber so behandeln wir unsere grossen Männer; anstatt eine unendlich subtile, lebensvolle, folgenreiche Erkenntnis ehrfurchts- und liebevoll uns anzueignen, schreiben wir dem Genie irgend eine offenbare Unsinnigkeit zu, an der dann jeder Durchschnittsmensch mit solenner Selbstbefriedigung seine Kritik auslässt. ²) Ebensowenig ist die Behauptung wahr, Descartes habe gelehrt, die Philosophie solle eine »Universalmathematik« werden — eine Behauptung, der man ebenfalls allerorten begegnet. Vielmehr hat er darauf aufmerksam gemacht (wie schon Plato seinerzeit getan hatte), dass bei einer Reihe von Wissenschaften — Optik, Astronomie, Mechanik, Akustik (nennt er) — in letztem Grunde alles aufs Messen und Zählen hinauslaufe; und diese Erwägung veranlasst ihn zu der Behauptung, alle diese Wissenschaften bildeten, mit Geometrie und Zahlenlehre zusammen, une science mathématique en général (XI, 222) oder une science mathématique universelle (XI, 224).
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    ¹) Siehe Méditation V und Réponse à Gassendi (I, 310 und II, 289).
   
²) Nicht der geringste Zweifel kann ob der genauen Richtigkeit obiger Deutung bestehen, denn an anderem Orte (XI, 298) sagt Descartes: L'utilité des mathématiques est si grande pour acquérir une science plus haute, que je ne crains pas de dire que cette partie de notre méthode n'a pas été inventée pour résoudre des problèmes mathématiques, mais plutôt que les mathématiques ne doivent être apprises que pour s'exercer à la pratique de cette méthode. Die Mathematik   i s t   also nicht die Methode, sondern   d i e n t   der Methode. Selbst Goethe empfiehlt in seinem Aufsatz Der Versuch als Vermittler von Objekt zu Subjekt ebenfalls die Methode der Mathematik zur allgemeinen Nachahmung (W. A., II, 11, 33 fg.). Nebenbei gesagt hat Descartes die französische Übersetzung obengenannter Schrift selber revidiert.

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Diese Bezeichnung gilt aber nur als Gegensatz zu den anderen Wissenschaften, und weit entfernt, dass die Universalmathematik alles umfasse, sagt Descartes ausdrücklich: »Jetzt habe ich mich so viel mit ihr beschäftigt, dass ich mich hinfürder   h ö h e r e n   W i s s e n s c h a f t e n   widmen zu können glaube, ohne befürchten zu müssen, es geschehe voreilig« (XI, 224). Descartes hätte also Kant recht gegeben: »Die Philosophie bedient sich der Mathematik nur als Instrument«. Übrigens fasst er selber die Sache in eine bequeme und richtige Formel zusammen, indem er sagt (XI, 218): »In meiner Methode bildet die Mathematik die Hülle, nicht den Leib«.
    Es war unerlässlich, Sie, an Stelle der formell nichtssagenden und ausserdem irrigen Meinung, mit Descartes' wahrer Auffassung bekannt zu machen. Das ist jetzt geschehen. Und nur eines wäre in dieser Beziehung noch hervorzuheben: nämlich die starke Betonung der   A n s c h a u u n g   als Ursprung und Quelle aller Wahrheiten (denn das ist die richtige Fassung der Descartesschen Lehre). Es wäre allenfalls denkbar, dass ein Philosoph diese »mathematische Methode« aufgestellt, jedoch den Ausgangspunkt von der abstrakten Seite aus genommen hätte. Das tat Descartes nicht. Im Gegenteil, ebenso wie er in der Mathematik auf der Geometrie fusst, ebenso betont er überall und immer: das Anschauen (l'intuition, nennt er es) sei die einzige und unentbehrliche Grundlage aller Erkenntnis. An der Mathematik schätzt er vor allem, »dass sie die Phantasie übe in der richtigen Auffassung der Gestalten und Bewegungen und uns daran gewöhne, uns Erscheinungen deutlich vorzustellen«. ¹) Nicht die geringste Tat des Bahnbrechers ist diese Einführung des Prinzips der Anschauung in die Philosophie an Stelle der bis zu ihm allein herrschenden Methode der tyrannischen und sterilen Logik. Wenn Sie Descartes' Schriften lesen, wird es Ihnen bald auffallen, wie beständig die Ausdrücke voir clairement, concevoir fort clairement et fort distinctement, imaginer clairement, la conception évidente d'un esprit sain, usw. vorkommen; der Grundstein, auf welchem diese ganze Weltanschauung ruht, ist eben   d i e   k l a r e   V o r s t e l l u n g.   Daher ist nach Descartes die erste Fähigkeit des Menschen, welche methodisch entwickelt werden muss, la perspicacité en envisageant distinctement chaque chose, das heisst, »der durchdringende Blick beim deutlichen Erschauen jedes Dinges« (XI, 249). Ja! aber »Anschauungen ohne Begriffe sind blind«; erst Begriffe »machen
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    ¹) Brief an die Pfalzgräfin vom 18. Juni 1643, IX, 131.

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sie verständlich«. Daher folgt bei Descartes auf die Geometrie der intuition die Algebra der déduction, auf die perspicacité die sagacité à observer rigoureusement l'enchaînement des choses (XI, 254). Es ist für die Geometrie charakteristisch, dass man mit ihr allein nicht sehr weit kommt. Wohl enthält eine klar entworfene geometrische Konstruktion alle Verhältnisse, die später daraus abgezogen werden können, doch ist das Auge ungeschickt und umständlich, und je mehr es gelingt, das Geschaute in Gedachtes — in diesem Falle also Gestalten in Zahlensymbole umzuwandeln — um so reicher fliessen die Ergebnisse. Diese aus der mathematischen Übung geschöpfte Erfahrung wandte nun Descartes auf alle anderen Gebiete an und forderte, dass man zuerst mit voller Deutlichkeit erschaue und sodann mit lückenloser logischer Schärfe zergliedere. Ohne ein lichtkräftiges Erschauen der sinnlich gegebenen, empirischen Welt kein wirkliches Wissen, nichts als tolle Hirngespinste; ohne eine »algebraisch« gewandte Analyse des klar und wahr Gesehenen keime echte Wissenschaft, keine Weltanschauung. Es ist immer das selbe Prinzip: das Wechselspiel zwischen Verstand und Sinnlichkeit, zwischen Begriff und Anschauung, zwischen Schema und Symbol. Und grundlegend ist, wie Sie sehen, die Lehre, dass stets das Anschauen vorangeht und die logische Zergliederung ausschliesslich in zweiter Reihe zur Anwendung kommt. Reine Vernunfterkenntnisse und rein logische Argumente haben für Descartes keinen Wert, sie sind gegenstandslos. Im Gegensatz zu den Scholastikern, die ihn noch umgaben, und in Gegensatz zu den Scholastikern des 19. Jahrhunderts erklärt Descartes rundweg: »Die logischen Formen und Syllogismen sind von gar keinem Nutzen für die Entdeckung der Wahrheit« (XI, 295); »die Dialektik bildet eher ein Hindernis als eine Förderung« (XI, 217). Nur sekundär, nur bei der analytischen Erforschung des durch unmittelbares und experimentelles Anschauen Entdeckten spielen sie eine Rolle. ¹)
    Das ist, was Descartes unter seiner »mathematischen Methode« versteht! Im Grunde genommen ist seine Stellung zur Mathematik genau die selbe wie Plato's, der die Bedeutung der Mathematik als eines »Zwischengebildes« schon deutlich geahnt und ausgesprochen hat und darum der Übung in mathematischen Methoden
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    ¹) Gibbon hat in dieser Beziehung das richtige Wort gesprochen: Syllogism is more effectual for the detection of error than for the investigation of truth (Roman Empire, ch. 52).

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eine unvergleichliche Bedeutung für die Entwickelung des Erkenntnisvermögens zuschreibt, nichtsdestoweniger aber über die Fachmathematiker spottet: »Sie machen sich mit ihren Getue gar lächerlich, als richteten sie mit ihren komplizierten Berechnungen und barbarischen Benennungen etwas Wichtiges aus, wo doch die ganze Bedeutung der Mathematik lediglich darin beruht, dass sie als ein Bildungsmittel des philosophischen Denkens und als ein leitender Weg für die Erkenntnis dient«. ¹) Descartes war sich dieses geschichtlichen Zusammenhanges bewusst. Er meint, die alten Denker hätten unmöglich die Mathematik als ein philosophisches Werkzeug empfehlen können, wenn sie darunter lediglich die Rechnerei verstanden hätten, vielmehr glaube er, qu'ils reconnaissaient une certaine science mathématique différente de celle de notre âge (XI, 220), und gerade diese »andere Mathematik« nahm er jetzt wieder auf.
     Wie das zusammenhängt, dass Descartes zu gleicher Zeit lehrt, es gebe auf der Welt »nichts Leereres« als die Mathematik, und es solle trotzdem der Philosoph »lange bei ihrem Studium verweilen« (III, 23), — das ist, glaube ich, jetzt vollkommen verständlich dargelegt. Und da Sie nunmehr wissen, dass es sich für ihn bei der Beschäftigung mit Mathematik nicht um eine formelle Schrulle oder um das irgend ein pythagoreisches Hirngespinst handelt, sondern einerseits um das Primat der Anschauung vor dem Denken bei jeder Untersuchung der Natur und des Menschen, andrerseits um die bewusste Handhabung jener Methode, durch welche Anschauung und Abstraktion sich abwechselnd die Hand reichen, — da Sie also die tröstliche Gewissheit besitzen, dass nicht öde Philosophiererei, sondern wissenschaftliche und lebendige Weltanschauung hier am Werke sind, so hoffe ich, dass Sie den Mut haben werden, noch eine letzte, felsige Spitze mit mir zu erklettern, wo herbe und reine Gletscherluft uns umwehen wird. Ist Descartes auch sonst missverstanden und unbekannt, die eine Gerechtigkeit lässt ihm jedes Konversationslexikon widerfahren: er ist der Erfinder der analytischen Geometrie, womit er unsere gesamte Grössen- und Zahlenlehre umgestaltet und den Anstoss zu der Erfindung der sog. »höheren Mathematik« gegeben hat, auf welcher wiederum unsere heutige Physik, Mechanik und Astronomie ruhen. Es ist nun notwendig, dass Sie Descartes — der nicht als mathematischer Fachmann, sondern als Dilettant nach wenige Monaten
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    ¹) Republik, 7. Buch. 525—527.

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autodidaktischer Studien seine Erfindung machte — hier am Werke sehen; der Hass, den Sie mit mir aller Wortweisheit gewidmet haben, soll Sie stählen, nicht eher zu ruhen, als bis Sie die Frage, die unserer heutigen Betrachtung zu Grunde liegt, völlig konkret erfasst haben. Freilich müssen wir hierzu das spezielle Gebiet der Mathematik betreten, und das tut der Nichtmathematiker ungern; doch glaube ich, es wird gelingen, der Sache so beizukommen, dass, wer auch gar nichts von Mathematik weiss, genau einsehen lernt, worauf es hier ankommt. Und gewonnen wäre hiermit: erstens, die ganz genaue Vorstellung von Descartes' persönlicher Art zu schauen; zweitens, die nicht blos theoretische, sondern völlig konkrete, aus tatsächlicher Anschauung hervorgegangene Erkenntnis davon, dass jeder Übergang vom Denken zum Anschauen und umgekehrt, selbst dort, wo er — wie einzig in der Mathematik — mit absoluter Präzision geschieht, etwas Künstliches und Gewaltsames an sich hat, woraus sich ergibt, dass gedachte Anschauung immer mehr oder weniger nur ein Schema, und erschautes Denken immer mehr oder weniger nur ein Symbol bleibt; drittens und hauptsächlich: wir werden auf rein anschaulichem und darum völlig sicherem Wege bis zu dem sonst schwer zugänglichen und unaufhellbar dunklen Mittelpunkt der Kantischen Anschauung (dem Begriff des »Transscendentalen«) durchgedrungen sein, so dass Kant's Art, die Welt anzuschauen, uns nicht mehr so fremd anmuten und ausserdem ein vorteilhafter Standpunkt für ein späteres Studium seiner Philosophie gewonnen sein wird. Darum fordere ich Sie auf, mir während einer halben Stunde auf rein mathematisches Gebiet zu folgen. ¹)

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DIE ANALYSIS

    Damit Sie mit Lust in das Thema der analytischen Geometrie eindringen, welches das innerste Wesen der Mathematik betrifft, muss ich Ihnen vorher sagen, was diese Erfindung des Descartes bezweckte. Das müssen Sie wissen, sonst würden Sie in
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    ¹) In dem ursprünglichen Vortrag stand der folgende mathematische Exkurs am Anfang, als unentbehrliche Grundlage der ganzen Ausführung. Jetzt, bei der Bearbeitung, war ich bestrebt, ihn entbehrlich zu machen. Wer unüberwindliche Scheu vor dem »Grenzgebiet« empfindet, wer dem »geländerten Steig« doch nicht traut, obwohl er so angelegt ward, dass selbst der ganz Ungeübte ihn schwindelfrei betreten kann, der überschlage allenfalls das Folgende und knüpfe auf Seite 244 wieder an. Doch wird‚ wenn auch nicht im Gedankengang eine Lücke, so doch im Grade des Verständnisses ein fühlbarer Mangel die Folge sein.

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dem Verfahren nur Willkür erblicken, und das heisst dann nicht Verstehen, sondern Anstaunen.
    Mit Hilfe der anschaulichen Mathematik — nämlich der Geometrie — lassen sich wohl einfache Probleme, nicht aber verwickelte lösen; die menschliche Phantasie versagt bald den Dienst; ein ungemein verwickeltes System von Linien und Flächen und Körpern, die sich verschiedenartig durchdringen, können wir uns nicht vollendet klar vor Augen stellen; wir sind nicht imstande, verschieden gestaltete Körper unmittelbar miteinander zu vergleichen; wir vermögen es nicht zu sehen — mit Augen   z u   e r s e h e n — was dabei herauskommt. In ganz anderen Masse sind wir befähigt, mit der begrifflichen Mathematik, das heisst, mit den Zahlen oder Zahlensymbolen umzugehen; denn hier herrscht als oberster Gesetzgeber nicht die Anschauung, sondern die Logik, und das heisst, an Stelle einer einzigen, nur durch unmittelbare, gleichzeitige Verknüpfung zu entziffernden Gegenwart die zeitliche Aufeinanderfolge einer Gliederkette von Teileinsichten. Verfahren wir mit Zahlen logisch, so brauchen wir uns um den anschaulichen Sinn jeder einzelnen Rechenoperation nicht zu bekümmern, das Ergebnis nuss doch richtig sein. Darum sind die Menschen schon früh darauf verfallen, Linien und rechteckige Figuren auf Zahlen zurückzuführen, so z. B. das Verhältnis des Quadrats auf einer Seite eines rechtwinkligen Dreiecks zu den Quadraten auf den beiden anderen Seiten nicht anschaulich — durch aufgezeichnete Figuren — darzutun, sondern arithmetisch und algebraisch. Wie aber sollte man für kompliziertere Figuren, namentlich für Kurven, einen allgemein gültigen Zahlenausdruck gewinnen? Das war die Frage, welche Viele beschäftigte und Keiner zu lösen wusste.

    Hier trat nun Descartes als schöpferischer Genius auf. Er sah ein, dass, um eine gebogene Linie auf einen symbolischen Zahlenausdruck zurückzuführen, man zuvörderst durch Kraft der erfinderischen Anschauung diese bestimmte Kurve (Kreis, Ellipse, Schnecke usw.) in ein Verhältnis zu bestimmten   g e r a d e n   L i n i e n   bringen müsse. Diese geraden Linien erfinden, das war die zunächst zu lösende Aufgabe. Hatte man sie gelöst, hatte man Beziehungen der Bogenlinie zu geraden Linien entdeckt, so hatte man gewaltsam das Fliehende zum Stehen gebracht, die Kurve gleichsam zu einer Geraden gebrochen, und damit hatte man, was man suchte; denn
— wie Sie gleich sehen werden — gerade Linien lassen sich jeder-

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zeit als Zahlen (wirkliche oder symbolische) auffassen, und ein bestimmtes Verhältnis zwischen geraden Linien ist darum zugleich ein Zahlenverhältnis. Hiermit wird dann die erschaute Kurve ein ungesehener, logischer Zahlenausdruck und kann in jede Zahlenreihe behufs allerhand Berechnungen eingefügt werden. Das gelang dem Descartes. Mit naiven Unbewusstsein der Genialität des Geleisteten verkündet der allererste Satz seiner Géometrie: Tous les problèmes de géométrie se peuvent facilement réduire à tels termes, qu'il n'est besoin par après que de connaître la longueur de quelques lignes droites pour les construire (V, 313). Wie bei einem Taschenspieler die Geldstücke und Uhren verschwinden, so wurde unter Descartes' Händen das Sichtbare unsichtbar, das Geometrische arithmetisch. Sie werden aber sofort bemerken, dass mit dieser Leistung zugleich ihre Umkehrung notwendigerweise gegeben war. Denn man brauchte nur die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, und fortan erhielt man für jede nichtssagende Zahlenformel eine Gestalt! Hierin liegt der ganze Descartes eingeschlossen. Goethe meint, der Mensch könne von der Natur nichts Wertvolleres erringen, als

    wenn sie ihm offenbare,
Wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen.
Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

Seitdem Descartes lehrend durch das Menschenleben schritt, gibt es keine geometrische Gestalt, welche wir nicht zu Geist — nämlich zu einem zahlenmässigen Ausdruck, zu einer bloss gedachten Gleichung — »verrinnen zu lassen«‚ und kein »geisterzeugtes« Zahlengebilde, welches wir nicht zu einem Geschauten, »Festen«, umzugestalten vermöchten. Das ist das Wesen der analytischen Geometrie.
    Jetzt schreiten wir zur näheren Darlegung vor.
    Hoffentlich fürchten Sie sich nicht vor griechischen Wörtern? Und ebensowenig vor den Mathematikern? Beide sind zugänglich, sobald man nur in der richtigen Gemütsverfassung ihnen naht.
Griechisch wurde einst von Klarheit liebenden Menschen in einem sonnigen Lande gesprochen, von Menschen gesprochen, die das unermessliche Glück besassen, ihr Geistesleben nicht, wie wir, in tote Idiome einknebeln zu müssen, sondern bei denen der Gelehrte aus dem selben lebendig fliessenden Sprachquell wie der Hirt schöpfte und darum Allen verständlich blieb. Und was die Mathe-

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matik anbelangt, so liesse sich gerade diese Disziplin bei Anwendung der richtigen Methode selbst dem Unbegabtesten beibringen, wenigstens bis zu einem gewissen Grade, denn die mathematischen Vorstellungen sind uns Allen gemeinsam und ihrem Wesen nach elementar. Descartes rühmt bei aller »wahren Mathematik« als ihr sicheres Kennzeichen la facilité suprême (XI, 222).
    »Analysis« kommt von analyein, einem Wort, welches »auflösen« und auch »befreien« besagt; es bedeutet also das Auflösen einer einzelnen Wahrnehmung oder eines als einheitlich gefassten Begriffes in einfachere Bestandteile, das Befreien der Elemente aus einer Verbindung. Darum nennt man die Zerlegung irgend eines Körpers in nicht weiter zerlegbare Stoffe dessen chemische »Analyse«. In der Mathematik versteht man nun unter dem Worte »Analysis« ebenfalls die Auflösung eines Gegebenen in seine Bestandteile. Sie werden mich aber sofort mit der Frage unterbrechen: Mit welchem Recht kann man Zahlen oder Figuren in »Bestandteile« auflösen? Dass ich mir 70 als zehn mal sieben, oder als 58 plus 12, oder als 210 dividiert durch 3 denke, ist ein rein willkürlicher Vorgang innerhalb meines Kopfes. Die Zahl 70 oder 7000 oder 7 000 000 ist ebenso einfach und unzerlegbar wie 7 und wie 1. Freilich, aber auch ebenso zerlegbar — wie auch die Zahl 1 zerlegbar ist ad infinitum, sobald es mir Menschen gefällt, sie als ein Produkt anzusehen. Ein Gleiches gilt für Figuren; ein Kreis ist ein Kreis, eine Kugel eine Kugel, eine Pyramide eine Pyramide — ein jedes geradezu ein Sinnbild der Einheitlichkeit; doch liegt es bei mir, mir die Kugel als aus zusammengewachsenen Segmenten — wie bei der Orange — bestehend vorzustellen und sie dementsprechend auch auseinanderzunehmen; den Kreis kann ich mir als aus einer um einen ihrer Endpunkte rotierenden geraden Linie entstanden denken, oder ihn als eine Abart der Ellipse, oder als einen Schnitt durch einen Cylinder oder durch einen Kegel auffassen, oder als den Ort einer unendlichen Anzahl von kongruenten gleichschenkeligen Dreiecken mit dem selben Scheitelpunkt, und noch auf fünfzig andere Arten. So wird die strukturelle Einheit nach meinem Belieben in Vielheit aufgelöst. Ich befinde mich innerhalb des Gebietes reinmenschlicher Willkür. Eine tatsächliche, konkrete Analyse gibt es also hier nicht, wie es eine in der Chemie gibt, wo ich durch mechanische Eingriffe einen zusammengesetzten Körper in mehrere qualitativ verschiedene Bestandteile zerlege, noch

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auch gibt es eine der philosophischen »Analytik« vergleichbare Operation, bei welcher kompliziertere Vorstellungen und Begriffe auf die Elemente zurückgeführt werden, aus denen sie zusammengesetzt sind; sondern die mathematische Analysis ist die eigenmächtige Auflösung einer gegebenen Grösse in mehrere andere Grössen aus rein praktischen Gründen, um nämlich damit besser rechnen zu können, was erreicht wird, sobald die ursprüngliche räumliche Vorstellung auf einen raumlosen, unvorstellbaren, ziffermässigen Ausdruck zurückgeführt worden ist. Im weiteren Sinne gehört dann auch das umgekehrte Verfahren zur mathematischen Analysis: die Konstruktion eines Flächenbildes oder eines festen Körpers aus einem Zahlenverhältnis. Schon die späteren Griechen waren darauf verfallen, gewisse auf unmittelbarem Wege schwer oder gar nicht zu lösende geometrische Probleme auf diese Weise in das Gebiet des Berechenbaren überzuführen. Doch waren sie über das Zunächstliegende nicht hinausgekommen; denn es widersprach dem Genie dieses Volkes, das Sichtbare zu einem Unsichtbaren umzuwandeln. Im Gegensatz zum Griechen hat der arische Inder sein Bestes im logischen Begriffsrechnen (Arithmetik und Algebra) geleistet; ihm fehlte aber das gestaltungsmächtige, geometrische Auge. Erst der Germane besass zu diesem Doppelwerke die richtige Geistesanlage, und der eine Descartes stand so genau auf der Scheidelinie, dass er — ohne Mathematiker von Fach zu sein und nach nur kurzen Studien, rein instinktiv — das Tor sprengte, durch welches dann Hunderte und Tausende ihm nachstürzten. Car en mathématiques, sagt er im Schlusssatz seiner Géométrie, lorsqu'on a les deux ou trois premiers termes, il n'est pas malaisé de trouver les autres. Et j'espère que nos neveux me sauront gré, non seulement des choses que j'ai ici expliquées, mais aussi de celles que j'ai omises volontairement, afin de leur laisser le plaisir de les inventer (V, 428).
    Descartes ging, wie gesagt, völlig naiv zu Werke. Er war Anfang der Zwanziger und Offizier; um die Musse des Winterquartiers auszufüllen und namentlich, weil er gemerkt hatte, dass die Beschäftigung mit den mathematischen Wissenschaften von unvergleichlichem methodischen Werte ist — elles accoutument l'esprit à se repaître de vérités ¹) — unternahm er es, einen Überblick über diese Disziplin zu gewinnen. Das Zahlenwesen aber, das Herum-
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    ¹) Discours de la méthode, 2. partie.

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waten in endlosen Berechnungen, war ihm von jeher verhasst; pour ce qui est des nombres, je n'ai jamais prétendu d'y rien savoir, schreibt er an seinen mathematischen Seelsorger, den Père Mersenne (VII, 50); er gehört zu den Männern mit offenen Augen; Mathematik ist für ihn die Wissenschaft der Gestalten und der Bewegungen; seine Abneigung gegen die Arithmetik ist so gross, dass er in seinen Règles pour la direction de l'esprit alle ihre Operationen — Addition, Subtraktion, Division, Multiplikation, auch das Ausziehen der Wurzeln, usw. — nur geometrisch begründet und darstellt. Toutes ces opérations doivent être ramenées à l'examen de l'imagination et il faut les figurer aux yeux, pour ensuite en expliquer l'usage et la pratique. ¹) Nun merkte Descartes aber bald, dass die Mathematik, wie sie die Fachmänner lehrten, ein gar umständliches, schwerfälliges Ding sei, aus vielen getrennten Abteilungen zusammengesetzt; er verzweifelte daran, sie auf diesem Wege zu erlernen und zu einem lebendigen Wissen zu gestalten. Und doch, sagte er sich, handeln diese verschiedenen Zweige der Mathematik alle von einem und dem selben Dinge, nämlich von den Verhältnissen von Grössen zueinander; ihre Geometrie und ihre Arithmetik soll mir der Kuckuck hole, ich werde fortan einzig auf diese Grössenverhältnisse mein Augenmerk richten; je pensai qu'il valait mieux que j'examinasse seulement ces proportions en général (I, 143).
    Sie verstehen doch, was er mit dem Worte »Proportionen« meint, nicht wahr? Es kann sich um den Vergleich der absoluten Grösse zwischen gleich gestalteten Körpern handeln, das ist der einfachste Fall und stets ohne weiteres auf einen Zahlenunterschied, also auf Arithmetik zurückzuführen; der Vergleich kann aber auch — und dies schwebt dem Descartes besonders lebhaft vor — das Verhältnis   v e r s c h i e d e n e r   G e s t a l t e n   zu einander be-
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Leonardo's Verfahren, die Quadratwurzel zu ziehen    ¹) Règle 18, et suivantes. Hier zeigt sich nahe Verwandtschaft mit Leonardo da Vinci, der sich auch gern alle Operationen der Zahlenlehre Versinnbildlicht und lieber mit Gestalten als mit Zahlen umgeht. Hübsch ist Leonardo's Verfahren, die Quadratwurzel zu ziehen: teile eine beliebig lange Linie in so viele Teile ein, als die Zahl Einheiten enthält: füge eine Einheit hinzu; um diese (verlängerte) Linie als Durchmesser beschreibe einen Kreis; auf dem Endpunkt der unverlängerten Linie errichte eine Senkrechte, die bis zur Peripherie dieses Kreises reicht; die Länge dieser Linie gibt die gesuchte Quadratwurzel an. Siehe Ravaisson-Mollien: Les manuscrits de Léornard da Vinci de la Bibliothèque de l'institut, MS. A fol. 5 recto; und vgl. MS. K fol. 75 fg.

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treffen. In diesem Fall handelt sich's dann nicht darum, ob ein Ding gross oder klein ist, sondern um die in unserer Phantasie möglichen Gestalten, insofern eine jede von den anderen unterschieden ist, und ohne dass die absolute Grösse in Betracht gezogen würde. Der Kreis ist eine andere Gestalt als das Viereck, er ist auch eine andere Gestalt als die Ellipse oder die Schneckenlinie. Ebenso sind eine Kugel, ein Würfel, eine Pyramide verschiedene Gestalten. Menschlich gesprochen, liegt jeder dieser Gestalten ein besonderes Gesetz, oder wenn Sie wollen, ein Gedanke zu Grunde, und dieser Gedanke ist ein unverrückbares Verhältnis der räumlichen Ausdehnung nach den verschiedenen Richtungen hin. Goethe sagt von der Wahrnehmung der Naturgegenstände: »Es ist etwas unbekanntes Gesetzliches im Objekt, welches dem unbekannten Gesetzlichen im Subjekt entspricht«. ¹) Bei den geometrischen Gestalten liefern wir Menschen nun beides: Objekt und Subjekt, und daher ist das Gesetzliche hier zugleich von zwingender Strenge und von grenzenloser Elastizität. Eine Kugel von der Grösse des Planeten Jupiter gleicht — als Gedanke — auf ein Haar einer Billardkugel, weil die »Verhältnisse« der Gestalt die selben sind; der Vergleich zwischen beiden wird durch eine einfache arithmetische Proportionsgleichung erschöpfend ausgedrückt:

a : b = 1 : x

a (die Billardkugel) verhält sich zu b (Jupiter), wie 1 zu x (der gesuchten Zahl). Dagegen handelt es sich um eine ganz und gar andere Art des Vergleiches, wenn ich die Billardkugel und den Billardstock gegen einander halte und nicht etwa bloss die relative Masse der beiden feststellen will — wozu eine Wage genügen würde — sondern das eine Gestaltungsgesetz mit dem anderen Gestaltungsgesetz in ein vergleichbares Verhältnis bringen, dass heisst also, auf eine Verhältnisgleichung zurückführen will. Das alles — das Verhältnis von Gestalt zu Gestalt und von Grösse zu Grösse — sind die proportions, von denen Descartes spricht. Was er behauptet, ist, dass die verschiedenen Zweige der Mathematik im letzten Grunde ne considèrent autre chose que les diverses proportions qui s'y trouvent. Und weil ihm die Monotonie der blossen Zahlenlehre zuwider ist und ihn das rechnerische Beiwerk der Körperlehre langweilt, fragt er sich das Eine nur: wie kann ich verschiedene Gestalten unter-
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    ¹) Maximen und Reflexionen über Kunst.

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einander am einfachsten vergleichen? Die Antwort lautet: wenn ich sie auf ein Verhältnis von geraden Linien zueinander zurückführe; à cause que je ne trouvais rien de plus simple ni que je pusse plus distinctement représenter à mon imagination et à mes sens. Sie sehen also: das Vorstellbare, das deutlich Vorstellbare, Sinnfällige bleibt durchwegs die erste Forderung. Ja, aber, wenn ich viele Gestalten in dieser Weise analysiere, werde ich einen Wald von Linien erhalten; wie soll ich sie im Gedächtnis tragen? und wie soll ich diese Verhältnisse wiederum in ihrem gegenseitigen Verhältnis untersuchen? Dazu mussten die Linien auf einen ziffernmässigen Ausdruck zurückgeführt werden; il fallait que je les expliquasse par quelques chiffres, les plus courts qu'il serait possible. Und er schliesst: Je pensais que par ce moyen j'emprunterais tout le meilleur de la géométrie et de l'algèbre, et corrigerais tous les défauts de l'une par l'autre.

BEDEUTUNG DER LINIE

    Sie wissen jetzt, wie die Idee der analytischen Geometrie in dem Geiste des Descartes entstand, und in welcher Gestalt sie ihm selber vorschwebte. Sie besitzt durchaus nichts Abstruses, Gelehrtes, was uns Laien abschrecken könnte. Im Gegenteil, Descartes hat seine Methode geradezu aus Opposition gegen das fachmännische Gelehrtenwesen erfunden, und einem Freunde, der ihm allerhand kritische Angriffe auf seine Geometrie übermittelt, erwidert er: »J'aurais mauvaise opinion de mes pensées si je voyais que les doctes les approuvassent« (IX, 342). Ich glaube, Sie werden schon bemerkt haben, welches der Angelpunkt der ganze Methode ist, nicht wahr?   E s   i s t   d i e   A u f s t e l l u n g   d e r   L i n i e   a l s   e i n e s   Z w i s c h e n g l i e d e s   z w i s c h e n   G e s t a l t   u n d   Z a h l.   Und das heisst so viel als: es ist die Entdeckung desjenigen Punktes, wo innerhalb der Grössenlehre Sinnlichkeit und Verstand, Anschauen und Denken in einander übergehen, wo das Sichtbare unsichtbar wird und umgekehrt. In einer späten, leider unvollendet gebliebenen Schrift — den »Anweisungen zur Heranbildung des Geistes« — hat Descartes dieses sein mittleres Prinzip sehr deutlich ausgesprochen: par les lignes il faut représenter tantôt des grandeurs continues (d. h. Gestalten), tantôt la pluralité et le nombre; l'industrie humaine ne peut rien trouver de plus simple pour exposer toutes les différences des rapports (XI, 311); also‚ das Verhältnis zwischen den geraden Linien steht genau in der Mitte und deutet einerseits auf die sichtbare Gestalt, andrerseits auf das abstrakte Zahlenwesen.

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    Jetzt sind wir genügend vorbereitet, um zur konkreten Betrachtung der geometrischen Analysis überzugehen. Ich bitte nur dringend um das eine, dass Sie das Folgende als eine Reihe von   V o r s t e l l u n g e n   behandeln und es sich keinen Augenblick bei einem   G e d a n k e n   genügen lassen.
    Dass ich jede gerade Linie als eine Zahl auffassen kann, wenn ich will, ist doch augenscheinlich, nicht wahr? Verhalten sich z. B.

Rechtecke, Würfel

drei Gerade wie 5, 4 und 3 (gleichviel ob Ellen oder Fuss oder Meter oder Meilen oder Sonnenentfernungen), so kann ich sie einfach 5, 4 und 3 nennen und damit rechnen; jeder Maurermeister tut das täglich, und das ist schon geometrische Analysis, denn es ist die Umwandlung eines räumlichen Begriffes in eine raumlose Zahl. Mit seinen Zahlen für Linien geht der Maurermeister aber jetzt weiter. Bildet z. B. die Linie 5 die eine Seite des quadratisch zu erbauenden Hauses, und der Maurermeister will für seine Arbeiten die Grösse der Bodenfläche kennen, so braucht er sie nicht erst mit der Leine auszumessen, noch auf dem Papier zu konstruieren;

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denn die gesuchte Fläche ergibt sich aus der Zahl 5 mal 5. Diese Zahl, 5 mal 5, ist das, was die Zahlenkunst das Quadrat auf 5, oder 5 Quadrat, oder 5 hoch 2, oder 5 in der zweiten Potenz nennt. Und wäre das Haus ebenso hoch wie breit, so brauchte der Maurermeister nur 5 hoch 3, 5³, hinzuschreiben (d. h. 5 maI 5 mal 5), und er wüsste genau, einen wie grossen Raum der gesamte Würfel des Hauses einnähme. Sind die Seiten des Hauses ungleich, so hat er die eine mit der anderen zu multiplizieren, also a x b hinzuschreiben, dazu die Höhe, c, und mit diesem abc kann er nunmehr alle Kunststücke anstellen, welche ihm aus dem Studium der Zahlenlogik als statthaft bekannt sind, ohne Rücksicht auf das konkrete, zu erbauende Haus zu nehmen. Denn sobald ich statt der Linie oder der Fläche oder des Körpers die Zahl hingeschrieben habe, schwindet die erblickte Gestalt: a² ist einfach die Zahl a mit sich selbst multipliziert, b³ die Zahl b mit sich selbst und noch einmal mit dem Produkt multipliziert, abc die Multiplikation der Zahlen a, b und c mit einander; ¹) die Gestalt ist völlig aufgelöst, es bleiben nur die Masse. — Bis hierher ist die Sache sehr einfach. Wenn Sie aber Ihre Vorstellungskraft befragen, so wird sie Ihnen bald antworten, dass von allen Gestalten lediglich die Rechtecke sich in dieser einfachen Weise auf Linien zurückführen und folglich auch in Zahlen auflösen lassen, gleichviel, ob es ebene oder dreidimensionale (also feste) Rechtecke sind. Alle diese rechteckigen Gestalten können nämlich als aus der geradlinigen   B e w e g u n g   begrenzter gerader Linien entstanden gedacht werden, und diese geradlinige Bewegung lässt sich ebenso wie die gerade Linie ohne weiteres als Zahl ausdrücken. Sage ich a, so nenne ich die Linie; sage ich a², so nenne ich die Fläche, welche entsteht, wenn a an ihrer eigenen Länge sich entlang bewegt; sage ich a³, so nenne ich den Würfel, welcher entsteht, wenn diese Fläche sich an der Länge von a in die Höhe bewegt. Ähnlich verhält es sich mit den ungleichseitigen Rechtecken; diese können wir uns alle anschaulich vorstellen, als aus der Bewegung von zwei, resp. von drei verschieden langen Linien hervorgegangen. So ist ab die Bewegung von a an b entlang, und abc die Bewegung der Fläche ab an c entlang. Die Linie ist also begrifflich eine (bestimmte oder Symbolische) Zahl, und was in der Anschauung als Bewegung dieser Linie wahrgenommen wird, das ist für den Begriff die Multiplikation der Zahl: a² die Multiplikation
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    ¹) Vgl. hierzu Descartes: Géométrie, livre premier, V. 315.

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der Zahl mit sich selbst, ab die Multiplikation der einen Zahl mit einer anderen Zahl. Darum — nämlich, weil die rechteckigen Figuren ohne weiteres auf einzelne gerade Linien und einzelne geradlinige Bewegungen zurückgeführt werden können — ist es leicht, sie auf einen Zahlenausdruck zurückzuführen. Die Zahlen 5, 4, 3 oder die Buchstaben a, b, c entsprechen der Länge der zeugenden Linien, und das, was wir Exponenten nennen, jene kleinen Ziffern, die uns Descartes lehrte, rechts oben hinzuschreiben — denn es war seine Erfindung — zeigen die Bewegung der Linien an. Sobald Sie sich die Sache anschaulich vorstellen, verlieren diese algebraischen Ausdrücke alle abstrakte Schreckhaftigkeit. Die kleine ² — wie bei a² — deutet auf eine einfache Bewegung hin, aus welcher daher nur eine Fläche entsteht, also ein zweidimensionaler Raum (daher die 2); die kleine ³ deutet auf eine doppelte Bewegung und folglich auf einen festen Körper, das heisst, auf eine dreidimensionale Gestalt (daher die 3). Indem ich also rechteckige Figuren auf Längenmasse und Bewegungsangaben zurückführe — die Längenmasse als gewöhnliche Ziffern hinschreibe, die Bewegungsangaben als kleine Ziffern darüber (als Exponenten) anbringe — erhalte ich einen sehr einfachen Ausdruck, den ich je nach Belieben als eine sichtbare Gestalt oder als einen zahlenmässigen Begriff betrachten kann. Wie aber soll ich mit nicht-rechteckigen Gestalten verfahren? Ich bitte Sie noch einmal: befragen Sie Ihre gesunde, natürliche Vorstellungskraft. Wer nicht ein zweiter Descartes ist, wird schwerlich die Antwort finden.

DIE KRUMMLINIEN

    Um diese unumgänglichen mathematischen Exkurs nicht mehr als nötig in die Weite auszudehnen, wollen wir nur den einen Fall in Betracht ziehen, den nämlich der Kurven in einer Ebene, das
heisst also der Kurven, wie Sie sie auf einen Stück Papier ziehen oder ich sie hier an der Wand hinmalen kann, und die der Potenz nach den rechteckigen Flächen entsprechen. Wie sollen solche Krummlinien einer ähnlichen Auflösung in arithmetische Grössen zugänglich gemacht werden? Ohne die Vermittlung gerader Linien ist der Übergang von den Kurven zu den Zahlen undenkbar. Die Zahlen besitzen keine irgendwie geartete Analogie mit sichtbaren Dingen, ausser einerseits der umständlichen mit nebeneinander aufgestellten Gegenständen — eins zu eins zu eins zu eins — und andrerseits mit geraden Linien. Diese zweite Analogie ist nun nicht, wie Sie glauben könnten, aus der ersten abgeleitet, sondern

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entspringt aus dem Wesen der Zahl, welches ist: eine geradlinige Fortsetzung zu sein. Die Zahlen 5, 6, 7 sind identischen Wesens, nur ist 6 länger als 5 und kürzer als 7. ¹) Dagegen ist die Kurve eine Vorstellung, welcher der Zahlenbegriff nie beikommen kann; ihm fehlt dazu von Haus aus alle Biegsamkeit. Das Wesen der Kurve ist Gestalt; das Wesen der Zahl ist die Indifferenz in Bezug auf Gestalt. Daher kann nur die gerade Linie behilflich sein, Gestalt in Zahl aufzulösen. Denn die gerade Linie können wir wie folgt definieren: sie ist die einzige Linie, welche, selbst bis ins Unendliche verlängert, keine Gestalt erzeugt. Sie ist reine Grösse und reine Zahl. Wie soll ich nun gestaltete Grösse und durch Gestalt bedingte, gleichsam in Gestalt eingeschlossene Zahl zu reiner, ungestalteter Grösse und reiner, begrifflicher Zahl umbiegen? Auch hier kann es nur gelingen, wenn ich Gestalt auf Bewegung zurückführe; doch muss es auch hier die Bewegung gerader Linien sein.
    Nehmen Sie ein Lineal; lassen Sie an diesem Lineal einen

Lineal

Schlitten von einem Ende zum anderen hin- und hergleiten, der einen Bleistift trägt, und lassen Sie diese Bleistift (senkrecht zum Lineal, in der selben Fläche wie das Papier) in einer Hülse stecken, die nach Belieben ausgezogen und zusammengepresst werden kann. Wenn Sie nun das Lineal auf einem Bogen Papier unbeweglich festhalten, so können Sie mit der Spitze des Bleistiftes die verwickeltsten Kurven ziehen, indem Sie einerseits den ihn tragenden Schlitten am Lineal entlang verschieben, andrerseits die Entfernung der   B l e i s t i f t s p i t z e   vom Lineal verlängern und verkürzen. Die also erhaltene sichtbare Kurve dürfen Sie sich nun als durch Lineal
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    ¹) Man vgl. die Ausführungen in der 14. Regel der Règles pour la direction de l'esprit, XI, 304.

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und Bleistiftlänge erzeugt denken; sie ist es ja tatsächlich. Und somit drückt diese Kurve das wechselnde Verhältnis dreier geraden Linien zueinander aus, von denen die eine (das Lineal) unveränderlich lang blieb, während die beiden anderen (welche die Länge des Bleistiftes und die Lage des Schlittens auf dem Lineal ausdrücken) veränderlich waren. Das ist — wenn wir es zunächst rein mechanisch betrachte — das Verfahren des Descartes zur analytischen Zerlegung einer Kurve. Er selber ist mit Hilfe derartiger mechanischer Erwägungen und Instrumente auf seinen Gedanken gekommen. Sie sehen, wie dieser Mann immerfort und überall auf der Grenzscheide wandelt: das Problem als ein Ganzes betrifft die Umwandlung des Sichtbaren in das Unsichtbare und umgekehrt; seine Lösung gewinnt er durch ein beständiges Hin- und Herschieben der Vorstellungen von Ruhe und Bewegung. Denn die Kurve, die er »analysieren« will — der Kreis, die Ellipse, die Spirale, die Schnecke usw. — ist ja zunächst ein Gegebenes, ein Sinnbild des Vollendeten, Ewigen, Unbewegten. Nun überlegt er sich aber, wie er sie sich als aus der Bewegung gerader Linien entstanden denken könnte. So wird aus Ruhe Bewegung. Nun geht es aber wieder zurück aus der Bewegung in die Ruhe. Denn diese bewegten Linien dienen dazu, einen unbeweglichen Zahlenausdruck zu gewinnen!
    Ein konkretes Beispiel wird Ihnen sofort zeigen, wie Descartes für eine bestimmte Kurve die geraden Linien und aus den Linien einen Zahlenausdruck gewinnt. Ich wähle dazu die einfachste Kurve in einer Ebene, den Kreis.

    Mit Hilfe eines Bindfadens und eines Stückes blauer Kreide zeichne ich hier einen Kreis an die Wand. Wir haben in diesem Falle den Kreis durch die Umdrehung einer geraden Linie um den einen Endpunkt gewonnen; das kann aber für die Analysis nichts Brauchbares abgeben, da sie das Verhältnis   m e h r e r e r   Linien zu einander braucht. Darum wird Descartes das zeugende Gesetz dieser bestimmten Gestalt auf ein Verhältnis zwischen einer unveränderlichen geraden Linie von bestimmter Länge und zwei anderen, veränderlichen Linien zurückführen (denken Sie, bitte, nur an unser unbewegliches Lineal mit dem daran beweglichen Bleistift von variabler Länge). Nur dürfen Sie bei der jetzt folgenden Konstruktion nicht einen Augenblick wähnen, sie besässe irgend einen denkbaren Sinn draussen in der Natur, jenseits des Menschenhirns,

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oder ein Kreis entstände auf diese Art in der Praxis; Descartes entwirft sie lediglich, weil es ihm so gefällt, weil die Sache so gedacht werden   k a n n,   und weil sich aus diesem Gedanken allerhand unterhaltliche Folgerungen ergeben. Wie geht nun Descartes zu Werke? Er nimmt den Kreis als gegeben an und zieht darin zwei gerade Linien senkrecht zu einander, und das Kunststück ist fertig. Die eine Linie — und zwar die grundlegende — zieht er von dem Umkreis bis zum Mittelpunkt; der grösseren Anschaulichkeit wegen ziehe ich sie wagerecht; ich könnte sie aber ebensogut in jeder beliebigen anderen Lage wählen. Diese Linie wird stets R benannt, und zwar nach dem Anfangsbuchstaben des lateinische Wortes radius, welches Radspeiche bedeutet und später in die wissenschaftliche Sprache als Bezeichnung für de halben Durchmesser oder »Halbmesser« des Kreises aufgenommen wurde. Descartes durfte die Bezeichnung R umso eher beibehalten, als die französische Sprache den Halbdurchmesser rayon nennt, und der Deutsche braucht nur an die ursprüngliche Vorstellung der Radspeiche zu denken, damit das R den bitteren Beigeschmack des Schulstaubes verliere. Diese Linie R ist eine bestimmte, unveränderliche, bekannte mathematische Grösse. Ist der Kreis ein konkret vorhandener, wie dieser hier an der Wand, so kann ich den Halbmesser mit dem Centimetermasse messen; handelt es sich um die Gestalt des Kreises im allgemeinen, so kann ich zwar keine Länge in Ziffern angeben, die Linie R ist aber nichtsdestoweniger eine bekannte, unveränderliche Grösse, nämlich im   V e r h ä l t n i s   zu der jedesmaligen Kreislinie, deren Halbmesser sie darstellt. Gut. Auf dieser unveränderlichen Linie, und rechtwinkelig zu ihr, errichte ich nun eine zweite Linie, die ich (weil sie eine unbekannte Grösse ist) y nenne, und die ich mir als beweglich auf R vorstelle, das heisst also, die ich an R hin und her schieben kann, von einem Ende bis zum anderen, genau so, wie wir es vorhin mit unserem Bleistift machten. Diese zweite Linie ist aber nicht bloss beweglich, sondern auch von veränderlicher Länge. An jedem einzelnen Ort — das heisst also, an der ganzen Länge von R entlang — ist ihre Länge eine verschiedene; und zwar wird die organische Beziehung zwischen ihrer Länge und ihrem Ort durch die betreffende Kurve, also in diesem Falle durch die Kreislinie bestimmt, indem wir nämlich diese Linie y immer hinaufziehen bis zur Peripherie des Kreises, von der wir sie dort abgeschnitten sein lassen. Erhebt sich also diese

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bewegliche Linie an dem innersten Punkte von R, nämlich am Mittelpunkt des Kreises, so ist sie selber ein Halbmesser, und ihre Länge gleicht derjenigen der Linie R; das ist die Maximallänge, die sie erreichen kann; erhebt sie sich dagegen am äussersten Punkt von R, so wird sie im selben Augenblick von der Kreislinie abgeschnitten, ihre Länge ist folglich gleich Null; zwischen Null und der Länge eines Halbmessers gleich R kann die Linie y jedes denkbare Mass besitzen. Und überall — wie die blosse Betrachtung der Figur Ihnen zeigt — wird ihre Länge durch ihren Ort und ihr

Kreis

Ort durch ihre Länge bestimmt. Jetzt noch ein Drittes, und dann haben wir alles beisammen, was wir brauchen. Die Linie R ist, wie wir wissen, unveränderlich; fortan birgt sie aber ein veränderliches Element, nämlich den Punkt, von wo aus die bewegliche Linie y sich erhebt; Sie brauchen nur an den Schlitten zu denken in unseren mechanischen Beispiel. Ich will nun den Mittelpunkt des Kreises als Ausgangspunkt benützen und von dort aus die Strecke messen bis zu dem Punkt, wo die Linie y der Linie R begegnet, und diese Strecke will ich x nennen. Da y sich an R entlang bewegt, ist diese Strecke x offenbar veränderlich, und zwar wird ihr Wert — ein einziger Blick auf die Zeichnung belehrt Sie

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darüber — stets im umgekehrten Verhältnis zu dem von y ab- oder zunehmen. Steht y auf dem Mittelpunkt, dann schwindet x völlig, das heisst wird gleich Null; steht y am äussersten Ende des Radius, so ist x gleich R. x befindet sich, wie Sie sehen, im gleichen Fall wie y, sein Längenwert kann zwischen Null und der Länge gleich R jede Stufe einnehmen; dieser Wert wird aber ausserdem jederzeit notwendig durch den Wert von y bedingt. Wir besitzen also jetzt, in Folge dieser Konstruktion, drei Werte, von denen der eine, R, unveränderlich ist, und die beiden anderen, x und y, veränderlich sind. Was diese drei Werte in eine organische Beziehung zu einander bringt, ist: erstens, ihre bestimmte gegenseitige Lage im Raum, zweitens, ihr bestimmtes Verhältnis zum Mittelpunkt und zur Peripherie des Kreises, von welchen, wie Sie gesehen haben, sie begrenzt werden. Und da nun diese Werte zu dem Kreis in einem Verhältnis stehe, steht umgekehrt auch der Kreis zu ihnen in einem Verhältnis, und so werden sie uns dienen, für die Kurve einen Ausdruck in Linien — und das heisst in Zahlen — zu gewinnen. Nicht die Linien direkt aber können dazu dienen, sondern erst durch Vermittelung der Quadrate, die wir auf ihnen errichten, werden sie dazu brauchbar; der Kreis ist ja eine Fläche, der gesuchte Ausdruck muss darum zunächst ein Flächenausdruck sein. Sprach ich bisher nur von den Linien, so geschah das lediglich, um Ihre Vorstellungskraft nicht mehr als nötig zu beanspruchen. Jetzt aber müssen Sie in Gedanken auf R ein Quadrat errichten (welches natürlich eine unveränderliche Grösse sein wird), und auch unter x und y müssen Sie sich nicht bloss veränderliche Linien denken, sondern zu- und abnehmende Quadrate. Das von Descartes entdeckte Verhältnis zwischen den Quadraten ist nun folgendes: das Quadrat auf R — gleichviel, ob der Kreis gross oder klein ist und gleichviel, wo y steht — ist jederzeit gleich dem Quadrat auf y vermehrt um das Quadrat auf x. Dieses Verhältnis können wir in folgender sehr einfachen Weise aufschreiben:

R² = x² + y²

Jetzt erst, wo wir diese Gleichung besitzen, halten wir statt der Quadrate die Linien in der Hand; denn R, x und y sind Linien, und der Exponent 2 deutet, wie Sie sich erinnern, auf die Bewegung einer Linie an sich selbst entlang; jedes der drei Quadrate wird also durch diese Formel aufgelöst in eine Linie und eine Be-

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wegung; sowohl Linie als Bewegung aber können ohne weiteres als Zahl aufgefasst werden; folglich ist jene Darstellung eines erschauten geometrischen Verhältnisses zugleich (sobald wir es wollen) eine algebraische Gleichung, und das heisst ein rein zahlenmässiger Ausdruck. Als solcher gehört er zum Gebiet der proteusartigen abstrakten Mathematik, zu den »Gedanken ohne Inhalt«; er ist Begriff ohne Anschauung und gewinnt hierdurch an Biegsamkeit und logischer Vieldeutigkeit, was ihm an Sichtbarkeit abgeht. Diese algebraische Gleichung (R² = x² + y²) ist die   A n a l y s i s   derjenigen ebenen Kurve, welche wir »Kreis« nennen.
    Mit einem Beweis für die Richtigkeit der Behauptung

R² = x² + y²

werde ich mich nicht aufhalten; er ist geometrisch sehr leicht zu führen und ist schon im Euklid (mehr oder weniger verhüllt) zu finden; uns hier kommt es einzig auf die zu Grunde liegende Idee des Descartes an, auf die Idee der Auflösung der geschauten Mass- und Gestaltungsverhältnisse in ungeschaute, abstrakte — oder, wie der alte deutsche Ausdruck lautet, »abgezogene« — Zahlenverhältnisse. Wenn es Sie interessiert, können Sie sich ja den Beweis empirisch verschaffen, mit Hilfe von Zirkel und Millimetermass. Ebensowenig werde ich mich dabei aufhalten, dass man auch andere analytische Gleichungen für den Kreis konstruieren kann, und dass man für manche andere Kurven, sowie für die Analyse dreidimensionaler Körper eines bedeutend umständlicheren Verfahrens bedarf; das Prinzip bleibt ja das selbe. Noch auch beisst mich mein Gewissen, weil ich Sie nicht genau den selben Weg geführt habe, den Descartes ging, und weil ich die analytische Geometrie vollständig anders darzulegen gewagt habe, als gewöhnlich geschieht. Sie können ja Descartes lesen — wenn Sie es vermögen, denn leicht ist seine Géométrie (die er, um Entlehnungen vorzubeugen, absichtlich dunkel schrieb) ¹) nicht — oder Sie können zu jenem schönen Monumente deutschen Fleisses, Cantor's Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, greifen, wenn Sie das rein Mathematische in seiner geschichtlichen Entwickelung kennen lernen wollen. Weder hier, noch dort werden Sie meiner Darstellung begegnen; was ich gefehlt haben mag, sei durch diese Hinweise ausgeglichen. ²) Doch dass ich meinen eigenen Weg ging, geschah,
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    ¹) Brief vom 20. Februar 1639, VIII, 103.
    ²) In Cantor's Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, 2. Aufl., ist für Des-


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weil ich mein eigenes Ziel verfolge. Meine besondere Art, die Sache zu betrachten, wuchs aus unserem vorangegangenen Gedankengang heraus und führt uns jetzt wieder dahin zurück. Lassen Sie mich Ihnen also nur zum Abschluss dieses mathematischen Exkurses kurz sagen, dass diese algebraische Analysis der geometrischen Anschauungen fast der gesamten ungeheuren Entwickelung der modernen Mathematik — und mit ihr der gesamten Physik — zu Grunde liegt. Der geübte Mathematiker erblickt nämlich (mit seinem Verstande) in einem solchen Schema wie das von R² = x² + y² Dinge, die er sonst (in dem bloss angeschauten Symbol des Kreises) nicht gesehen hätte. Wohl ist die angeschaute Kurve verschwunden, doch dafür tritt jenes zeugende Gesetz der Gestalt (wie wir es vorhin nannten) vielleicht noch deutlicher, jedenfalls zu neuen Gedanken anregend, hervor. Die analytische Gleichung ist für den Mathematiker genau das, was ein Grundriss für einen Architekten ist; dem Laien unverständlich, enthüllt eine derartige Schematisierung dem Fachmann Dinge, die er in concreto niemals zu überblicken vermocht hätte; namentlich führt es ihn zur Aufdeckung von Verhältnissen zwischen den verschiedenen Gestalten, auf welche keine Kraft der Anschauung kommen könnte. Und er braucht nur für seine Kurve eine andere, geschickt gewählte algebraische Formel ausfindig zu machen, so hat er neben dem Grundriss den Aufriss. Jetzt vermag er es auch, die Eigenschaften von Gestalten zu untersuchen, die wegen ihrer grossen Kompliziertheit dem Auge unentwirrbar wären und vielleicht mechanisch gar nicht darzustellen sind; ja, dank dieser Methode ist er dahin gelangt, die Eigenschaften vierdimensionaler, sowie anderer gänzlich unvorstellbarer Gebilde zu untersuchen.
    Sie sehen, auf diesem Wege schreitet man zu der höchsten metaphysischen Vertiefung der Mathematik hin, zugleich aber, und im selben Masse, zur Veranschaulichung des Ungesehenen. Denn nunmehr können alle Gleichungen zu Gestalt umgewandelt werden; ¹) und mit Hilfe von zwei Linien, die dem R und dem y unseres Beispiels genau entsprechen, zaubert man heute öde, gänzlich
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cartes namentlich II, 749 fg., 796 fg., 812 fg., 856 fg., nachzuschlagen. Eine wirkliche Würdigung Descartes' ist hier weder zu erwarten, noch zu finden; innerhalb eines jeden Gebietes spricht der Fachmann mit einem gewissen Ingrimm von den Verdiensten des wunderlichen Gastes.
   
¹) Das heisst natürlich, alle solche, die nicht einen mehr als dreidimensionalen Raum voraussetzen.

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undurchsichtige Zahlenreihen (z. B. statistische Erhebungen) zu Kurven um, welche jedem Laien sofort verständliche Einsichten vermitteln und dem Mathematiker gestatten, in verborgene Gesetzmässigkeiten der Phänomene einzudringen.
    Mehr brauchen wir jetzt nicht. Lassen Sie mich einen Augenblick hier ruhen und eine allgemeine Betrachtung anschliessen.

DIE INFINITESIMALRECHNUNG


    Was die Dazwischenkunft des Descartes für die Mathematik im allgemeinen bedeutet hat, können wir, glaube ich, in eine Bemerkung zusammenfassen, die zugleich unmittelbar auf das hinweist, was wir selber mit diesem Exkurse bezweckt haben. Es liesse sich nämlich, wenn ich nicht irre, zeigen, dass die eigentümliche Duplizität der Infinitesimalrechnung — die sofort nach Descartes und als Folge seiner Anregung von Ferrat, Pascal, Barrow, Newton, Leibniz, den Brüdern Bernoulli, u. A. ins Leben gerufen wurde — darin beruht, dass sie mit einem Fuss in der Anschauung, mit dem anderen in der Abstraktion steht. Dem Grundgedanken der Infinitesimalrechnung überhaupt zu fassen (das heisst, wohlgemerkt, als »Gedanken« zu fassen), ist so unendlich schwer, um nicht zu sagen unmöglich, dass Carnot, einer der Berufensten, uns versichert, gar viele Fachmathematiker verständen die Bedeutung ihrer eigenen Berechnungen nicht; doch trostreich fügt er hinzu:
il est certaines idées primitives qui laissent toujours quelque nuage dans l'esprit, mais dont les premières conséquences, une fois tirées, ouvrent un champ vaste et facile à parcourir. ¹) Historisch ist die Infinitesimalrechnung aus der Betrachtung geometrischer Probleme hervorgegangen und aus dem glücklichen Einfall, diese als Bewegungserscheinungen aufzufassen; weit entfernt, eine Abstraktion zu sein, ist diese Rechnungsart undenkbar, sobald man nicht von der sinnlichen Anschauung ausgeht. Unendlich kleine Grössen sind Grössen, die das Auge nicht mehr erblickt, sondern nur der Begriff noch denkt; der Übergang von Sinnlichkeit zu Verstand findet hier materialiter statt; die Buchstabenrechnung setzt wie ein Mikroskop dort ein, wo der Gegenstand dem blossen Auge verschwindet, und vermittelt dem Gehirn »imaginäre Bilder« (vgl. S. 64 fg.). Dicht an der trennenden Mittellinie unseres Schemas (siehe S. 213) bewegen sich hier Anschauung und Abstraktion. Vor Descartes waren nun die Mathematiker immer nur gleichsam auf einem Beine gehüpft, nämlich entweder innerhalb der Anschauung
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    ¹) Réflexions sur la métaphysique du calcul infinitésimal, 4. éd. 1860, p. 7.

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oder innerhalb der Abstraktion; er lehrte sie, auf beiden Füssen rüstig vorwärts zu schreiten; da konnte der plötzliche Aufschwung der Mathematik nicht lange ausbleiben. Auch wir werden heute — innerhalb unseres bescheideneren Rahmens — einen ähnlichen Gewinn davontragen.

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DIE BEIDEN STÄMME ALLER ERKENNTNIS

    Wir sind mit dem aufbauenden Teil dieses Vortrags zu Ende.
    Wohl wäre es verlockend, dem Descartes noch weiter nachzugehen; das stolze, eckige, gewalttätige und zugleich aristokratisch reservierte und zartfühlende Wesen dieses Denkers flösst Hochachtung und Sympathie ein, und es wäre noch manches über ihn und sein Leben als Ergänzung und Berichtigung zu den bekannten Schilderungen vorzubringen; einiges wird sich vielleicht — jetzt, wo wir über das Grundlegende in seiner Anschauungsweise vollkommen genau unterrichtet sind — in dem weiteren Verlauf unserer Studien von selbst einflechten. ¹) Doch in diesem Augenblick obliegt uns eine andere Pflicht: nämlich das Facit unserer heutigen Bemühungen für die Erkenntnis von Kant's Geistesanlagen zu verwenden.
    Es ist beliebt, doch methodologisch falsch, vom Einfachsten auszugehen, — von dem, meine ich, was die Analyse als einfachste Bestandteile aufzeigt. Vielmehr muss bei Darlegungen und Erklärungen das Bekannteste als Ausgangspunkt dienen, gleichviel, ob es verwickelt oder einfach ist. Nur auf diese Weise bewahrt die unmittelbare Anschauung — sowie die ihr allein eigene Überzeugungskraft — ihre Rechte. Darum wählte ich zum Hauptthema unseres ersten Vortrages den Widerstreit zwischen Idee und Erfahrung. Hiermit packten wir allerdings das Anschauungsproblem bei dem verwickeltsten und schwierigsten Phänomen an, das es vielleicht aufweist. Der Vorteil war aber gerade, dass wir gleich das Ganze — und das heisst das Lebendige, das Wahre, das Sichere — ins Auge fassten, wie es uns Allen gemeinsam und wohlbekannt ist. Erfahrungen und Ideen haben wir Alle; und sind wir auch nicht gewohnt, sie zu analysieren, ein Wort genügt, und Jeder weiss, wovon die Rede ist; und waren auch Goethe's Anschauungen und Goethe's Ideen erhabener Art, sie sprachen nichtsdestoweniger unmittelbar zu unserem Verständnis, und das Anschauliche durfte fast den ganzen Vortrag ausfüllen. Nunmehr folgten wir aber dem Rate
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    ¹) Ich verweise auch auf meine Grundlagen des 19. Jahrhunderts, S. 908 fg.

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Goethe's, »aus dem Ganzen in die Teile zu streben«; im zweiten Vortrag fassten wir nach beiden Seiten hin das Problem bedeutend enger, indem wir uns vornehmlich mit dem Widerstreit zwischen der reinen Form aller Anschauung und dem empirischen Material der Anschauung befassten. Einfach und scheinbar leicht übersichtlich war das Verhältnis zwischen beiden beim plastischen Künstler, der das zugleich halbreine und halbsinnliche Schema seines Verstandes vor sein Auge hielt, um genauer zu sehen, das heisst, um das Gesehene genauer zu denken, genauer zu »begreifen«; bedeutend verwickelter wurde es — namentlich schwerer darzustellen und insofern auch schwerer richtig zu erfassen — sobald der Verstand die Erscheinung möglichst zu sich herüberzog, so dass das reine Schema der Sinnlichkeit zur Hauptsache wurde, während die empirische Erscheinung selber — oder wenigstens ihre Grundlage in der sinnlichen Wahrnehmung — fast bis zum Entschwinden verblasste. Unter Anlehnung an den Widerstreit zwischen der physikalischen Optik und Goethe's Farbenlehre versuchten wir, eine möglichst lichtstarke Aufklärung dieser Verhältnisse zu gewinnen. Heute tat sich ein neuer Konflikt vor uns auf: nicht mehr der zwischen reinem Anschauen und empirischem Anschauen, sondern der zwischen dem Anschauen überhaupt, als Funktion der Sinnlichkeit, und dem begrifflichen Denken überhaupt, als Funktion des Verstandes. Wohlbetrachtet ist dieser Widerstreit ungleich einfacher als der zwischen Idee und Erfahrung und wohl auch leichter in seinem Wesen zu erfassen, als der zwischen »rein« und »empirisch«; was ihn schwer zu entwirren macht, ist das verwickelte Ineinandergreifen der Teile. Hierüber nun klare Vorstellungen zu erlangen, schwebte mir heute als Hauptziel vor; kein Mann aus der gesamten Weltgeschichte konnte hierzu so vortreffliche Dienste leisten wie Descartes.
    Sie müssen nämlich wissen, dass wir jetzt, mit Descartes' Hilfe, eine Art zu schauen, eine Erkenntnis, eine Überzeugung, eine Ansicht, eine Methode...... nennen Sie es, wie Sie wollen, mir ist das hier völlig gleichgültig, kennen gelernt haben, die für Kant's Weltanschauung geradezu grundlegend ist. Und dieser Punkt ist gerade der, welcher unter allen als der dunkelste in seiner Philosophie betrachtet wird; er ist der pons asinorum, vor dem die grosse Mehrzahl der flüchtigen Wissbegierigen Kehrt macht, und nicht diese allein, nein! ich könnte Ihnen einen verdienten heutigen Kantforscher und -her-

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ausgeber nennen, der nur dadurch der für ihn unüberwindlichen Schwierigkeiten Herr wird, dass er rundweg erklärt, gerade dieser grundlegende Gedanke Kant's besitze »gar keinen wissenschaftlichen Wert«, und so verlohne es der Mühe nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was Kant wohl gemeint habe: die ganze »Schwierigkeit« sei ja von Kant nur »erfunden«! Guter Mut, halbe Arbeit: sagt das Sprichwort; so scheint auch der gelehrte Professor gedacht zu haben. Doch wir wollen die Sache aus einem anderen Winkel betrachten; zum Glück ist es auch nicht mein Amt, das berühmte und gefürchtete Kapitel aus der Kritik der reinen Vernunft — Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe — zu erläutern, sondern ich habe lediglich jene Grundlagen der Anschauung im allgemeinsten Umriss aufzuzeigen, die später im kunstvollen Zusammenhang des Systems die grösste Vertiefung und darum auch geheimnisvollste Darlegung finden. Unhappy is the speaking man, ruft Emerson aus; if I speak, I define, I confine, and am less: dieses »Unglück des Redenden« hat Kant kosten müssen; seine Gedanken hat er aber nicht »geringer« machen wollen, der herbe Genius der Wahrhaftigkeit verbot es ihm; und so wurden sie dunkel, dunkel wie die Kräfte, welche sich in dem werdenden Leben einer goldumsponnenen Chrysalide regen; wer nicht Augen und Herz zu Hilfe ruft, wird niemals diesen Denker verstehen und nie mit ihm — losgelöst aus der dunklen Puppenhülle — auf Flügeln einer neuen Erkenntnis emporfliegen. Doch, wie gesagt, unser Amt, hier und heute, ist ein weit bescheideneres, und — ich freue mich, Sie mit der Versicherung überraschen zu können — was uns zu tun oblag, ist schon alles geschehen, wir brauchen nur es noch einmal kurz und systematisch und mit besonderer Berücksichtigung Kant's durchzunehmen.
    Descartes ist namentlich darum für das Verständnis Kant's so wertvoll, weil er bei auffallender Verwandtschaft der allgemeinen geistigen Anlage wenig Geschick und noch weniger Neigung besitzt, sich mit der feinen Analyse abgezogener Begriffe zu beschäftigen; daher bleibt alles bei ihm so konkret anschaulich. Dass er eine Kritik des Menschengeistes als unentbehrliche Grundlage für alle Wissenschaft forderte, das belegte ich durch ein Citat gleich zu Beginn des heutigen Vortrags; auch lässt sich der Ausdruck »reine Vernunft« bei ihn öfters nachweisen; ¹) doch ist das, was
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    ¹
) L'entendement pur kommt in den Briefen öfters vor, so z. B. IX, 130, wo er

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seine Weltanschauung an eigentlicher Metaphysik enthält, mehr Versinnbildlichung als Kritik. Gewaltig und gewaltsam vereinfacht er, und dann stellt er die roh zugehauenen Blöcke hin, wie Denkmäler, dass er auch dieses Gebiet durchreist habe, und eilt weiter zu den ihn ganz einnehmenden naturwissenschaftlichen Untersuchungen hin. Doch gerade diese etwas roh zugehauenen Versinnbildlichungen metaphysischer Erkenntnisse haben eine unvergleichliche Gewalt auf späteres Denken ausgeübt, so z. B. die Unterscheidung aller Substanz in   d e n k e n d e   und   a u s g e d e h n t e.   Wie ein Alexander unter den Philosophen zerhieb er hiermit einen gordischen Knoten, den alle verzweifelten Versuche der Spiritualisten und Materialisten nie wieder haben knüpfen können.
    »Die Vernunft beweist ihr vornehmstes Geschäft darin, Sinnenwelt und Verstandeswelt von einander zu unterscheiden«, sagt Kant. Ihr vornehmstes Geschäft! — so grosses Gewicht legt er auf diese erste, elementare Verrichtung der kritischen Überlegung (G. I, 3. Ab.). Sinnlichkeit und Verstand sind, für ihn, die »beiden äussersten Enden« der menschlichen Erkenntnis (r. V. I. 124). Die kürzeste Formel lautet: »Die Sache der Sinne ist,   a n z u s c h a u e n,   die des Verstandes, zu   d e n k e n «   (P. § 22). Näher ausgeführt und genauer analysiert, heisst es: »Unsere Erkenntnis entspringt aus zwei Grundquellen des Gemüts, deren die erste ist, die Vorstellungen zu empfangen (die Receptivität der Eindrücke), die zweite das Vermögen, durch diese Vorstellungen einen Gegenstand zu erkennen (Spontaneität der Begriffe); durch die erstere wird uns ein Gegenstand   g e g e b e n;   durch die zweite wird dieser in Verhältnis auf jene Vorstellung (als blosse Bestimmung des Gemüts)   g e d a c h t «   (r. V. 74). Und auch das noch ist alles mehr ein Äusserliches, Vorläufiges, Vorbereitendes, ein Üben des Verständnisses am geistigen Laufstuhl; in die eigentliche Tiefe der Kantischen Anschauungsweise gelangt man erst dann, wenn der Philosoph zu dem Nachweis übergeht, dass das eine »Ende« der Erkenntnis (die Sinnlichkeit) ohne das andere »Ende« (den Verstand) nicht das Geringste vermag. Ohne dass die Sinnlichkeit Vorstellungen liefert, kann überhaupt kein Denken
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sogar die Kantische Anwendung der Einbildungskraft vorausahnt; den Ausdruck raison toute pure findet man im ersten Absatz des dritten Teiles der Principes, III, 180; zwar ist dieses Werk zuerst lateinisch erschienen, und der lateinische Text trägt nur das Wort ratio, doch erschien die französische Übertragung mehrere Jahre vor Descartes' Tod und wurde von ihm sorgfältig durchgesehen, ist also authentisch (vgl. z. B. den Brief an den Übersetzer, Abbé Picot, vom 17. Februar 1645, Jahreszahl bei Cousin als 1643 erdruckt).

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entstehen; und ohne dass das Denken seine Verrichtungen anhebt, kann keine Anschauung eines Gegenstandes stattfinden. Erfahrung — und mit diesem Worte sagen wir alles aus, was wir sind — Erfahrung ist also immer »ein Produkt« (P. § 34). Wenn Sie nun zur Kritik neigen, werden Sie mich hier mit dem Einwurf unterbrechen: ist Erfahrung immer ein Produkt, dann wäre es einfacher, sie nicht als aus zwei verschiedenen und getrennten Ursprüngen entstehend und zusammengesetzt zu denken, sondern vielmehr als eine ursprüngliche Einheit, welche erst die Analysis in zwei Bestandteile aufspaltet. Doch ist dieser Einwurf in Wirklichkeit sehr oberflächlich, und das einzige, was er bewirkt, ist, dass zugleich dem schalen Empirismus (der den Verstand aus der Sinnlichkeit entstehen lässt) und dem ziellosen Mysticismus (für den die Welt der Anschauung aus Vernunft oder Wille hervorspriesst) Tür und Tor neu geöffnet werden. Wogegen Kant ohne weiteres die Möglichkeit zugibt: »die beiden Stämme entspringen vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel« (r. V. 29), nun aber nicht an diesem Unbekannten und (weil ausserhalb der Erfahrung liegend) Unerkennbaren seine Kräfte vergeudet, ¹) sondern den Nachweis führt, dass uns keinerlei Organ oder Kraft eigen ist, durch welche wir jemals über die Erfahrung hinauskommen könnten, und dass in aller Erfahrung bei uns Menschen die zwei Stämme einmal da sind, immer als unterscheidbar nachweislich, und immer als vereint erfordert. ²)
    Kant ist der einzige   E r f a h r u n g s p h i l o s o p h — ich bitte, lassen Sie sich das ernstlich gesagt sein — Kant ist der alleinige strenge Erfahrungsphilosoph, den die Geschichte des menschlichen Denkens kennt. Das ist seine Grösse, und das auch bildet für die Meisten seine Unnahbarkeit. Mit Schopenhauer zu philosophieren, ist Genuss, um nicht zu sagen Schwelgerei; Kant dagegen mahnt mit unerbittlichem Ernst: »Dass aber der Verstand, der   d e n k e n   soll, an dessen statt   s c h w ä r m t,   das kann ihm niemals verziehen
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    ¹) Vgl. r. V. I, 393: »man kann diese Lücke unseres Wissens (betr. die berüchtigte Frage wegen der Gemeinschaft des Denkenden und Ausgedehnten) niemals ausfüllen«.
   
²) Besonders deutlich und elementar von Kant in seiner Anthropologie, § 7,
auseinandergesetzt: »In Ansehung des Zustandes der Vorstellungen ist mein Gemüt entweder   h a n d e l n d   und zeigt   V e r m ö g e n,   oder es ist   l e i d e n d   und besteht in   E m p f ä n g l i c h k e i t.   Ein Erkenntnis enthält beides verbunden in sich ..... Vorstellungen, in Ansehung deren sich das Gemüt leidend verhält, durch welche also das Subjekt afficiert wird ... gehören zum sinnlichen, diejenigen aber, welche ein blosses   T u n   (das Denken) enthalten, zum intellektueller Erkenntnisvermögen«.

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werden«. Auch mit Büchner, Haeckel und Konsorten zu philosophieren, scheint vielen — vermutlich »atavistisch« zurückgebildeten — Gehirnen Wohlbehagen zu erregen; doch findet Kant für die »Behauptungen des Materialismus und Naturalismus« ein einziges Prädikat angemessen, nämlich   » f r e c h «‚   und angewidert ruft er aus: »Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche!« (P. § 60). Auch darf Sie das vielmissbrauchte Wort »Idealismus« nicht irreführen. Erst in späteren Vorträgen werde ich über die Kantische Nomenklatur einzige Bemerkungen bringen; hier genüge das eine: als ein Rezensent der Kritik der reinen Vernunft Kant's Lehre als »ein System des höheren Idealismus« bezeichnet hatte, antwortete der Weise zugleich witzig und feierlich-schön: »Bei Leibe nicht der höhere! Hohe Türme und die ihnen ähnlichen metaphysisch grosse Männer, um welche beide gemeiniglich viel Wind ist, sind nicht für mich. Mein Platz ist das fruchtbare Bathos der Erfahrung«. ¹)
    Wollen Sie Kant's Art zu schauen kennen, wollen sie keinen grundlegenden Zug seiner intellektuelle Persönlichkeit übersehen, so dürfen Sie dieses berühmte Wort — mein Platz ist das fruchtbare Bathos der Erfahrung — nie aus dem Gedächtnis verlieren. Bei dieser Beschränkung ist zugleich ein zweiter grundlegender Charakterzug im Spiel: die unbedingte Wahrhaftigkeit. Genau die selbe wahrhaftigkeit, die in seinen moralischen Schriften so herb-erhabenen Ausdruck erhalten hat, gebietet hier, bei der nüchternen Kritik der menschlichen Vernunft. Und auch dies rückt uns Kant fern, macht ihm den Meisten von uns überhaupt unzugänglich. Wir wollen ja nicht Wahrheit, sondern Lüge; und die Lüge lauert auf uns allüberall unsichtbar, unbeachtet, wie die Bakterien und Mikroben, schleicht sie sich als »Suggestion« in unser Hirn ein, nistelt dort und nestelt das eine zum andern, bis wir — selbst wenn wir de Eindringling und seine Brut los würden — doch nicht sein Gewebe zerstören könnten, ohne unser eigenes Denken zu Grunde zu richten. Es gehört nicht bloss ungewöhnliche Gedankenschärfe, sondern noch ungewöhnlichere Gedankenredlichkeit und unbestechliche Wahrheitsliebe, ja, es gehört ein Leben strenger Selbstzucht dazu, sich in die Tatsache zu schicken, dass um unser Denken und Sein — ringsherum — eine eherne Mauer gezogen ist, und dass wir uns zu bescheiden haben, da wir weder
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    ¹) Bathos, die Tiefe, nicht Pathos, die Leidenschaft.

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Flügel besitzen, um den grenzenden Wall zu überfliegen, noch die Fähigkeit, durch unterirdische Gänge in ein Jenseits zu gelangen.
    Aus dieser strengen Beschränkung auf die Erfahrung ergibt sich nun sowohl die besondere Art Kant's anzuschauen, als auch die besondere Schwierigkeit, welche manche seiner Anschauungen dem Verständnis bieten. Ein Wort mehr nach dieser oder jener Richtung, — dem Gedanken (und das heisst bei Kant der Erfahrung) ein ganz kleiner Zwang angetan, sei es zur materialistischen Verdeutlichung, sei es zur idealistischen Verflüchtigung, und alle Schwierigkeit verschwände. Doch nie macht Kant ein Zugeständnis. »Mein Platz ist das fruchtbare Bathos der Erfahrung!« Ich glaube zu wissen, dass Kant der grösste aller Denker genannt werden darf; doch mit voller Gewissheit weiss ich, dass er der redlichste aller Menschen ist, und dass diese Erhabenheit des Charakters die Sonne bedeutet, unter deren Strahlen sein Gedankenwerk reift.

    Das alles muss Ihnen vertraut sein, wollen Sie Kant's Stellung gegenüber der Tatsache des zwiefachen Stammes aller menschlichen Erkenntnis verstehen und handgreiflich genau wissen, warum er die Welt so und nicht anders erschaut hat. Sein eisernes Gesetz fesselt ihn an die alleinige Erfahrung; weder will er jener »gemeinsamen Wurzel« nachgraben, die doch immer bloss hypothetisch bleiben würde und — nota bene — völlig unbegreiflich (da wir nur das verstehen können, was zur Erfahrung gehört), und noch weniger will er Träumereien und Dogmen sich hingeben. Darum erblickt er das Zwiefache — Sinnlichkeit und Verstand — als zwiefach; und darum lässt sich der Organismus der tatsächlichen Vereinigung beider innerhalb aller Erfahrung nur durch peinlich genaueste Beobachtung und Kritik der Erfahrungstatsachen des Geisteslebens entwirren. Kant ist nicht um die leichte Verständlichkeit, sondern nur um die makellose Wahrheit besorgt, besorgt, vor allem, niemals die Grenze der Erfahrung zu überschreiten. Doch der Lohn ist gross. Kant hat Recht: das Bathos der Erfahrung ist   f r u c h t b a r.   Was wir hier lernen, ist unerschöpflich, und es ist nicht bloss wahr, sondern nützlich. Kant's Weltanschauung unterscheidet sich in toto von aller üblichen Philosophiererei dadurch, dass sie sich Schritt für Schritt praktisch bewährt; sie strebt immer auf zwei Ziele hinaus: Naturwissenschaft und Sittenlehre. Was kann ich wissen? was soll ich tun? das sind die zwei grossen

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Fragen, welche den Königsberger Weisen beschäftigen. Und was ihn allein unter Allen charakterisiert, ist, dass er für die Beantwortung beider Fragen das Überschreiten der Erfahrungsgrenze verbietet. Daher sehen wir nicht bloss einen Goethe, sondern auch einen Johannes Müller sich an Kant anlehnen; und daher kehren heute nicht bloss unsere bedeutendsten, freiesten Philosophieprofessoren zu Kant zurück, sondern ebenfalls viele unserer führenden Naturforscher. Wenige besitzen die nötige Schulung, um Kant rein und vollständig zu erfassen; doch genügt die blosse Berührung des Bannerträgers herber, entsagungsvoller und zugleich energischer, tatenreicher Wahrheit, um alle Gedanken zu adeln.

SCHEMATIK UND SYMBOLIK

    Heute wollen wir uns nun mit dem Standpunkt eines Descartes bescheiden, der die letzten Fragen aller Philosophie mehr psychologisch als eigentlich metaphysisch ins Auge fasste. Dass Verstand
und Sinnlichkeit zweierlei sind, wurde uns durch praktische Beispiele aus der Geschichte der Wissenschaften ausführlich und deutlich bewusst. Und indem wir nun Descartes am Werke sahen — erst auf dem Gebiete der physikalischen wissenschaften (wo uns, wie Sie sich erinnern werden, einerseits der Äther, andrerseits die Bewegungsgesetze als Hauptbeispiele dienten), sodann innerhalb des engeren Feldes der Mathematik — entdeckten wir ein ziemlich verwickeltes Verhältnis, das uns sonst leicht unbekannt geblieben wäre. Wir entdeckten nämlich, dass zwischen jenen »beiden äussersten Enden der menschlichen Erkenntnis«‚ wie Kant sie nennt, ein verbindendes Zwischenland sich ausdehnt. Die Grenzen dieses Zwischenlandes nach aussen zu sind ziemlich verschwommen, dagegen bleibt die scheidende Grenze, die genau durch die Mitte führt und die zwei Hälften unseres Intellektes von einander trennt, klar und scharf, ja, haarscharf. Man muss seine Begriffe sinnlich machen, wurde uns gelehrt, sonst bleiben sie leer (S. 197): ja, aber was der Verstand erblickt, indem er seine Begriffe sinnlich macht, ist nicht das andere »äusserste Ende«‚ nicht die von der Sinnlichkeit »gegebene«, unverfälschte Anschauung, sondern nur eine sinnliche   S c h e m a t i k,   Schemen, welche im besten Falle bis an die scheidende Mittellinie reichen. Man muss seine Anschauungen unter Begriffe bringen, sonst sind sie blind (S. 197): gewiss, doch müssen die Begriffe zu diesem Behufe sehr wesentlich »versinnlicht« werden, und was entsteht, sind nicht reine Gedanken, sondern eine   S y m b o l i k.   Es ist also das durchaus kein einfacher Vorgang, wenn

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wir unsere Begriffe sinnlich machen und unsere Anschauungen unter Begriffe bringen.
    Hier steht ja unsere ultraschematische Zeichnung noch und kann uns wiederum Dienste leisten. Würden wir unser Augenmerk lediglich auf die allgemeine Zweiteilung richten — Verstand und Sinnlichkeit — so wären wir nicht wesentlich über Aristoteles hinausgelangt, der auch (in genauem Anschluss an Plato) das Gedankenwesen (Noetikon) vom Sinneswesen (Aisthetikon) unterschied, und der infolge dessen, wie Kant und wie Descartes, zugleich Antimaterialist und Antispiritualist war. Lebendiges Interesse gewinnt die Sache —
sowohl psychologisch als metaphysisch — erst durch die Ent-

Schema

deckung des Zwischengebietes und der verwickelten Vorgänge, welche, auf ihm sich abspielen. »Niemals wird ein Begriff auf einen Gegenstand unmittelbar, sondern auf irgend   e i n e   a n d e r e   V o r s t e l l u n g   von demselben bezogen« (r. V. 93): das war die eine grosse Entdeckung. Sie wird durch die zweite ergänzt: wenn uns auch alle sinnliche Wahrnehmung ein Mannigfaltiges zuführt, hiermit sind zunächst »keine Gegenstände einer empirischen Erkenntnis, mithin keine Erfahrung gegeben«, vielmehr kommt die Erfahrung erst durch die Mitwirkung einer Funktion des Verstandes zu stande, indem die verstandesmässige Einbildungskraft »das Mannigfaltige der Anschauung« mit der für alle Erfahrung unerlässlichen »Einheit« in Verbindung bringt« (r. V. I, 124). Da haben Sie Schema und Symbol. Und ich habe die Überzeugung, dass Sie jetzt ganz genau verstehen, um was es sich handelt, da Sie ja

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an Descartes' grossen Gedanken — der Trägheit einerseits und des Äthers andrerseits — gesehen haben, was ein Schema ist und was ein Symbol ist, wie ein jedes entsteht, was es bedeutet, wie es begrenzt wird.
    Ich möchte Sie nochmals an Goethe's köstliche Worte erinnern: »Alles Denken nützt zum Denken nichts« (S. 41). Wirkliche Gedanken kommen immer gleichsam von selbst: ihr Ursprung liegt eben in jenem dunklen Zwischenland, wo Anschauung und Begriff sich gatten. Und ebenso kommt es für das Verstehen der Gedanken eines Andern viel mehr auf die Hingebung des Geistes als auf seine Anspannung an. Selbst Kant warnt: »Einsicht kann nicht erzwungen und durch Anstrengung beschleunigt werden« (Br. I, 117). Wer die Stirn faltet und die Augenbrauen zusammenzieht, wird höchstens im Sinne des Mittelhochdeutsche »verstehen«, nämlich — nicht vom Fleck kommen, angenagelt bleiben, geistig vernagelt. Die Gebärde des echten Verstehenwollens ist das weit offene Auge, welches anzeigt, wie auch innerlich der Geist jeden Lichtstrahl gierig aufsaugt, in den einen Bestreben — zu   s e h e n.   Haben Sie erst selber gesehen,   w a s   der Andere sah und   w i e   er es sah, so werden sich seine Gedanken von selbst einstellen. Daher die Bitte, die ich schon einmal heute aussprach und die ich jetzt — wo wir uns anschicken, einen sehr entscheidenden Schritt zu tun — wiederholt an Sie richte: möglichst wenig zu denken und möglichst viel zu sehen. »Um begreiflich zu werden, muss man fürs Auge reden«, sagt Herder (Reisejournal).
    Sie erinnern sich, wie wir es anfangen mussten, um eine durchsichtige Vorstellung von dem Zwischengebiet — zwischen Sinnlichkeit und Verstand — zu erlangen? Der selbe Descartes verhalf uns dazu; wir brauchten ihn nur innerhalb der reinen Mathematik am Werke zu sehen. Ohne die Beihilfe der Mathematik hätten wir nie volle Deutlichkeit erlangt. Da es nämlich ohne Anschauung kein Denken gibt, und da die allermeisten Anschauungen empirischen Ursprungs (S. 148), d. h. durch Eindrücke von aussen veranlasst sind, welche unsere Sinnlichkeit aufnimmt, so ist in den häufigsten Fällen das Erfahrungsproblem von vorn herein sehr kompliziert — wie wir das bei der Metamorphose sahen, ohne dass wir damals irgendwie befähigt gewesen wären, der Sache auf den Grund zu kommen. Sie brauchen bloss unser Schema anzuschauen, um sich zu überzeugen, wie schwer es sein muss, die genaue geistige

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Topographie, d. h. den genauen Ort einer Vorstellung zu ermitteln, die zu uns eingedrungen ist, durch Anschauung gegeben, durch Begriffe gedacht — doch nur gedacht, wenn gegeben, und nur gegeben, wenn gedacht. Eine solche Vorstellung hat überhaupt meistens keinen bestimmten Ort; sie wird hin und her geschoben; der Kommutator des Zwischengebietes (S. 219) wendet plötzlich das eine in das andere um, und was z. B. bei Goethe reines, intensiv sinnliches Symbol gewesen war, wird bei Darwin zu einem vollendet künstlichen, abstrakt logischen Schema. Der Vorteil der Mathematik war nun, dass wir hier   r e i n e s   schematisches Denken und   r e i n e   symbolische Anschauung innerhalb unseres eigenen Geistes und ohne jegliche Beimengung von aussen fanden. Darum war hier die Topographie eine völlig bestimmte, und darum entsprachen sich hier mit mathematischer Genauigkeit — c'est le cas de le dire — Schema und Symbol. Das Wichtigste, was wir aus der analytischen Geometrie lernten, war, dass der von Plato, Aristoteles und Descartes vorausgesetzte, von Kant zuerst genau analysierte Dualismus unseres Geistes keine theoretische Annahme, sondern eine »mathematisch sichere« Tatsache ist. Jeder Monismus ist eine Lüge; nicht natürlich eine subjektive Lüge, auch nicht eine Lüge für Diejenigen, welche befähigt sind — oder sich dünken — alle Erfahrung zu überfliegen, doch eine objektive Lüge, eine Lüge, sobald der Monismus innerhalb der Erfahrung Geltung besitzen soll. Ein allmählicher Übergang aus Anschauung in Begriffe, oder umgekehrt aus Begriffen in Anschauung, eine Verschmelzung irgend welcher Art findet durchaus nicht statt. Bei der empirischen Erfahrung kann man noch zweifeln; die unübersichtlich verwickelten Verhältnisse gestatten viel Täuschung; doch die Mathematik belehrt uns eines Bessern. Zwar wollen wir keinen Augenblick bestreiten dass

Circle und R² = x² + y²

zwei sich genau entsprechende Ausdrücke sind; doch kein unbefangener Mensch wird umhin können, die Künstlichkeit und Willkür, ja, die Gewaltsamkeit einer derartigen Behauptung zu empfinden. Ihr gegenüber ist die Logik machtlos, denn jene Behauptung

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ist supralogisch; ihr gegenüber verliert die Anschauung ihre Rechte, da diese aufgehoben wird. Jene Behauptung besitzt nicht die Spur eines Sinnes ausserhalb des Bezuges, den ich, Mensch, hineinbringe. Dass ich sie wagen darf, beweist nicht, dass ihr ausserhalb meines Geistes irgend ein objektiver Sinn zukäme, sondern nur, dass es ein Subjekt gibt, welches befähigt ist, die beiden disparaten Teile seines geistigen Organismus in symmetrische Beziehung zu einander zu bringen. Und das gerade — dieses   H e r s t e l l e n   v o n   B e z i e h u n g e n,   d i e   w i r   n i c h t   a u s   d e r   E r f a h r u n g   e n t n o m m e n   h a b e n,   s o n d e r n   d u r c h   w e l c h e   w i r   e r s t   E r f a h r u n g   m ö g l i c h   m a c h e n,   indem wir die beiden Teile unseres Geistes verbinden, genau so wie wir hier durch die Beziehungen zwischen Gedankenrechnung und Anschauung höhere Mathematik erst möglich machen — das ist, was Kant mit dem gefürchteten, häufig gebrauchten, doch selten verstandenen Wort »transscendental« bezeichnet. ¹)
    Die mathematische Analysis hat uns hier als Beispiel gedient; doch bitte ich, hier sorgfältig zu unterscheiden. Es lag bei dem einzelnen genialen Mann, die Gleichung
R² = x² + y² aufzustellen und mit Sinn zu begaben; ein anderer Mann kann eine andere Gleichung zum selben Zwecke einführen. Was nicht bei uns lag, sondern ein Grundgesetz des Menschengeistes ausmacht, ist einzig die Tatsache: dass allein die gerade Linie dienen kann, um Gestalt in Zahl umzuwandeln, und umgekehrt. So waren wir denn bei unserem mathematischen Unternehmen in Wirklichkeit an ein transscendentales Prinzip gebunden, doch merkten wir es kaum. Jetzt wollen wir aber weiter gehen und den Boden betreten, wo unsere Willkürlichkeiten gar nicht mehr mitreden, sonder unerbittliche Gesetze unseres Geistes gestalten, die transscendentalen Gesetze unserer Vernunft.
    Auf unserer schematischen Zeichnung hier ist diesseits und jenseits des schraffierten Mittelgebietes die Fläche weiss geblieben; das wäre reine Sinnlichkeit und reiner Verstand. Was Kant nun erblickt, ist Folgendes: die Symbolik auf der einen und der Schematismus auf der andern Seite entstehen nicht erst in der Mittel-
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    ¹) Der Einfachheit wegen sagte ich hier »höhere Mathematik«, weil in der Tat das von mir herangezogene Beispiel mit der Begründung der höheren Mathematik historisch zusammenhängt; doch sobald man die Sache metaphysisch ergründet, sieht man ein, dass gar keine Mathematik ohne derartige transscendentale Beziehungen möglich ist: dass 2 mal 2 vier ist, wüssten wir ohne Anschauung nicht, und ebensowenig können wir es aus der blossen Anschauung wissen.

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region, beim Übergang und bei der Verbindung, sondern   a l l e   A n s c h a u u n g   ist von Hause aus symbolisch und   a l l e s   D e n k e n   geschieht von Hause aus nach einem Schema. Mag auch die »Kommutation«, mag auch die uns in eine neue Richtung entführende Weichenstellung nur im mittleren Gebiete stattfinden, das ist mehr nur eine psychologische Einsicht; metaphysisch grundlegend ist dagegen die Erkenntnis, dass unsere Vernunft überhaupt auf Schema und Symbol beschränkt ist. Das ist die transscendentale Grenzbestimmung alles dessen, was uns als »Erfahrung« bewusst wird; Erfahrung ist nie ein reines Gewahrwerden dessen was ausserhalb unseres Menschengeistes ist und vorgeht, sondern immer handelt es sich um ein schematisiertes und symbolisiertes Erfahren. Wer behauptet — und das tun fast alle Menschen, einschliesslich unserer angeblich empirischen Naturforscher — der Menschenverstand besitze unschematische Fähigkeiten, das heisst er sei, wenigstens zum Teil, losgebunden von dem Zwange bestimmter Denkformen, und die menschliche Anschauung könne ebenfalls Dinge wahrnehmen, wie sie an sich seien, nicht wie sie die Tyrannei unserer einäugig cyklopischen Sinnesform des Raumes menschenmässig umbilde, der stellt Behauptungen auf, welche alle Erfahrung — und zwar alle mögliche Erfahrung — überfliegen; er ist Dogmatiker. Kant dagegen weigert sich, diesen Flug durch die Luft zu machen; er bleibt — nüchtern, heroisch und entsagend — auf dem festen Boden des Tatsächlichen und sagt: alles menschliche Anschauen geschieht durch die Vermittlung eines bestimmten Symbols, dieses Symbol alles reinen Anschauens ist der Raum; alles menschliche Denken bewegt sich nur innerhalb eines ganz bestimmten, beschränkten, unumgänglichen Schemas, dieses Schema alles reinen Denkens ist die Tafel der Stammbegriffe des reinen Verstandes (auch »Kategorien« genannt. ¹) Dass die Verstandesbegriffe sich nicht auf einen einzigen Begriff zurückführen lassen (wie das Anschauen auf den Raum), das liegt
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    ¹) Das griechische Wort »Kategorie« ist in keiner Weise für das Verhältnis, das angezeigt werden soll, bezeichnend. Dagegen finden wir in Kant's handschriftlichen Vorarbeiten zu seiner Kritik dem vorzüglichen Ausdruck »Titel des Verstandes«. Er hatte sich notiert: »Jede Wahrnehmung muss unter einen   T i t e l   d e s   V e r s t a n d e s   gebracht werden, weil sie sonst gar keinen Begriff gibt und nichts dabei gedacht wird. Vermittelst dieser Begriffe bedienen wir uns der Erscheinungen, oder vielmehr, die Begriffe zeigen die Art an, wie wir uns der Erscheinungen als der Materie zum Denken bedienen« (N. I., 39 fg). Den Namen und die Erläuterung empfehle ich meinem ungelehrten Leser ganz besonders.

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— wie Sie gleich sehen werden — im Wesen unseres intellektuellen Mechanismus begründet; doch bilden sie ein einfaches, sich allseitig bedingendes, streng einheitliches Schema. Wir haben also auf der einen Seite die   e i n e   Vorstellung »Raum« als unentbehrliche, einzige Grundform jeglicher Sinnlichkeit, auf der andern Seite die   e i n e   Gruppe der wenigen, eine organische Einheit bildenden reinen Verstandesbegriffe.
    Lassen Sie mich nur schnell ein Wort einschränken und näher bestimmen, das ich soeben, um Ihren Vorstellungen eine Stütze zu gewähren, gebrauchte, wodurch aber später Missverständnisse entstehen könnten. Ich sagte: alle Anschauung ist von Hause aus symbolisch, alles Denken geschieht von Hause aus nach einem Schema; ich bitte das nicht streng, sondern nur analogisch aufzufassen. Sie haben ja gesehen, wie Symbol und Schema erst bei und aus dem gegenseitigen Durchdringen von Sinnlichkeit und Verstand entstehen; was aber nach Kant's Überzeugung der Raum ist, das können Sie sich zunächst am besten nach der Analogie mit einem Symbol, was die Tafel der reinen Verstandesbegriffe ist, zunächst am besten nach der Analogie mit einen Schema vorstellen. Und sobald der obige Vorbehalt ausgesprochen ist, dürfen Sie sich ohne Scheu das Eindringen in Kant's Vorstellungswelt durch folgende Formel erleichtern: alle verschiedenen Symbole lassen sich im letzten Grund auf   e i n   Symbol, alle verschiedenen Gedankenschemen lassen sich auf ein mehrgliedriges, aber doch   e i n z i g e s   und einheitliches Schema zurückführen. Und das sind eben der Raum und die Tafel der Stammbegriffe.

DER RAUM UND DIE STAMMBEGRIFFE

    So weit wären wir mit der étendue und pensée des Descartes schon gekommen. Sie müssen aber nicht nur lebhaft, sondern
auch richtig sehen. Und damit Sie sicher den selben Blick auf die Welt werfen wie Kant, will ich Ihnen nun zwei kurze Stellen vorlesen. Zuerst über den Raum. »Der Raum ist nichts anderes als nur die Form aller Erscheinungen äusserer Sinne, d. h. die subjektive   B e d i n g u n g   d e r   S i n n l i c h k e i t,   unter der allein uns äussere Anschauung möglich ist. Weil nun die Rezeptivität des Subjekts, von Gegenständen affiziert zu werden, notwendigerweise vor allen Anschauungen dieser Objekte vorhergeht (S. 148), so lässt sich verstehen, wie die Form aller Erscheinungen vor allen wirklichen   W a h r n e h m u n g e n .... im Gemüte gegeben sein könne, und wie sie als eine reine Anschauung, in der alle Gegenstände bestimmt

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werden müssen, Prinzipien der Verhältnisse derselben   v o r   a l l e r   E r f a h r u n g   enthalten können« (r. V. 42). Über die reinen Stammbegriffe des Verstandes ist es etwas schwerer, Worte zu finden, welche — ohne eine Kenntnis des Kantischen Systems vorauszusetzen — unmittelbar verständlich und doch vielsagend seien; folgende mögen vielleicht dem Zweck entsprechen: »So wie der Raum die Bedingung der Anschauung in einer möglichen Erfahrung enthält, so sind die Kategorien nichts anderes, als die   B e d i n g u n g e n   d e s   D e n k e n s   in einer möglichen Erfahrung; sie sind   G e d a n k e n f o r m e n,   die das Vermögen enthalten, das mannigfaltige in der Anschauung Gegebene in   E i n   Bewusstsein zu vereinigen; und da Erfahrung Erkenntnis durch verknüpfte Wahrnehmungen ist, so sind die Kategorien   B e d i n g u n g e n   d e r   M ö g l i c h k e i t   d e r   E r f a h r u n g «. ¹)
    Sind sie nur meiner Bitte gefolgt, Ihr Denken nicht zu einer engen Pforte zusammenzuziehen, sondern vielmehr sich der frem-
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    ¹) Zusammengesetzt (mit Auslassungen) aus r. V., S. 305—306 und 161. Eine wichtige Hauptstelle über Kant's Auffassung der Kategorien findet sich in der grossen Anmerkung der Vorrede zu den M. N.; Niemand, der Kant's Lehre verstehen will, darf diese Stelle unbeachtet lassen. Eine Aufzählung der sogenanntem Kategorien hielt ich im Vortrage für überflüssig und sogar störend, denn sie hätte mich auf rein metaphysisches Gebiet geführt, wogegen es mein Zweck war, bei der anschaulichen Vorstellung von Kant's Art zu denken zu verweilen. Am allerwenigsten brauchte ich mich um den Streit zu kümmern bezüglich der Anzahl der reinen Verstandesbegriffe. Ob Goethe das eine Mal eine einzige Grundfarbe. ein anderes Mal zwei oder auch drei und vier Grundfarben unterscheidet, ist von geringer Bedeutung; das Gestaltungsprinzip selbst ist das Entscheidende; der scheinbare Widerspruch in den Aussagen hilft, einen logisch nicht analysierbaren Gedanken — eine Idee — zu erfassen (vgl. S. 156). Dass Kant dagegen starr bei seiner Zwölfzahl der Stammbegriffe beharrte, hätte wohl in seinem Charakter begründet sein können und daher nicht mehr Bedeutung beansprucht als Goethe's wechselnde Angaben; es dürfte aber noch mehr aus der Richtigkeit und Bequemlichkeit seiner Methode herzuleiten sein. Dem Laien mag folgende Angabe reichlich genügen. Die logischen Urteile — die einem jeden unserer Gedanken zu Grunde liegen — lassen sich zu je dreien als solche über »Grösse«, über »Grad«, über »Verhältnis« und über »Wert« zusammenfassen. Kant hatte den einfachen Gedanken, dass einer jeden dieser zwölf Urteilsarten,   » s o f e r n   s i e   a u f   A n s c h a u u n g e n   a n g e w e n d e t   w e r d e n « (!)‚   eine besondere Form des begrifflichen Erkennens der Dinge entsprechen müsse, die mann zugleich als einen nicht weiter zerlegbaren Stammbegriff des »zusammendenkenden« Verstandes bezeichnen dürfe: der   G r o s s e   liegen die Begriffe der Einheit, Vielheit, Allheit zu Grunde, dem   G r a d e   die der Wirklichkeit, Abwesenheit, Begrenztheit, den   V e r h ä l t n i s b e z i e h u n g e n   die der Beharrlichkeit, Ursächlichkeit, Wechselwirkung, dem   W e r t e   die der Möglichkeit (und Unmöglichkeit), des Daseins (und Nichtseins), der Notwendigkeit (und Zufälligkeit). Von diesen zwölf Kategorien gehen die ersten sechs auf Gegenstände. die andern sechs auf Beziehungen; die ersten drei betreffen Gegenstände in der Anschauung (extensive), die zweiten betreffen Gegenstände in der Wahrnehmung (intensive), die drittem gelten den Beziehungen der Gegenstände zu einander (physisch), die viertem ihren Beziehungen zu uns (psychisch); folglich stellt die erste

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den Anschauungsart rückhaltslos offen hinzugeben, so wird es Ihnen sicher gelungen sein, bis hierher zu folgen. Von entscheidendster Wichtigkeit sind die zwei leicht zu behaltenden Erkenntnisse: der Raum ist die notwendige Form (das Symbol) aller Erscheinungen; die Vereinigung des Mannigfaltigen der Erscheinung in Ein Bewusstsein geschieht durch die Vermittelung eines unverrückbaren Gedankenschemas. Auch das Wenige, was jetzt noch hinzukommen muss, wird Ihnen keinerlei Schwierigkeit bereiten, wenn Sie nur keinen Augenblick von dem Grundsatz der anschaulichen Gedankenaufnahme abweichen.
    Kant glaubt, wie Sie seinen Worten entnommen haben, an eine   B e d i n g u n g   der Sinnlichkeit und an eine   B e d i n g u n g   des Denkens; aus dem Zusammenspiel dieser beiden »Bedingungen« entsteht die »Erfahrung«. Und zwar beruht diese Überzeugung Kant's nicht auf logischer Systemmacherei, sondern ganz im Gegenteil auf genauer, analytischer Beobachtung der geistigen Funktionen; seine Methode ist — wie er selber sagt — »derjenigen des Naturforschers nachgeahmt« (r. V., XVIII). Wichtig ist es nun zunächst, zu beachten, dass, wenn auch alle Sinnlichkeit einer einzigen Bedingung unterworfen ist — der räumlichen Ausdehnung — sie doch es ist, welche das Mannigfaltige der Natur vermittelt; wogegen es die Hauptfunktion des mehrgliedrigen Verstandes ist, dieses Mannigfaltige zur Einheit zu verbinden. Jenseits der Sinnlichkeit liegt nämlich — wir können zunächst nicht umhin, dies vorauszusetzen — die objektive   W e l t,   ein wahres Chaos der Vielfältigkeit; diesseits des Verstandes liegt.... nichts, wenn nicht eine Einheit, diejenige Einheit, welche Kant die   V e r n u n f t   nennt, und welche uns als das eigene Ich geläufig ist. Nach Kant findet also, wie Sie sehen, nach beiden Richtungen hin eine fortschreitende Verein-
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Gruppe drei reine, die zweite drei empirische, die dritte drei objektive, die vierte drei subjektive Stammbegriffe dar. Folgende Tafel kann vielleicht einige Dienste zur Veranschaulichung der grossen Linien des Schemas leisten:

Schema

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Schemafachung und Vereinheitlichung statt. Auch hier kann eine schematische Zeichnung der Verständigung vorläufige Dienste leisten. Denken Sie sich aussen, rings umher, die unbegrenzte objektive Welt. Aus ihr nimmt die Sinnlichkeit Eindrücke auf, und zwar unter dem streng vereinfachenden Gesetz, dass sie das chaotisch Vielfache durch die Auferzwingung einer einzigen Form — derjenigen der räumlichen Ausdehnung — zu einer (wenn ich so sagen darf) »einfachen Mannigfaltigkeit« beugt. Diese Mannigfaltigkeit führt nun der Verstand auf einige wenige, zu einander in Beziehung stehende Grundbegriffe zurück, und diese Grundbegriffe laufen zusammen in ein Bewusstsein ihrer Einheit, welches Vernunft heissen mag. So schachtelt sich ein Kreis in den andern ein.
    Zwei Dinge verdienen hierbei Ihre besondere Aufmerksamkeit: zuerst die eigentümliche vermittelnde Stellung und Funktion des Verstandes, sodann die besondere Beziehung des innersten Kreises (d. h. der Vernunft) zum äussersten Kreise (d. h. zur umgebenden Welt).
    Unmöglich kann die Anschauung mehr vereinfachen, als indem sie sämtliche Eindrücke unter die eine einzige Form der Ausdehnung bringt; der Verstand dagegen, wenn er in ähnlicher Weise vorginge, würde keine weitere Vereinfachung, sondern nur eine Widerspiegelung zu Stande bringen. Denn die lediglich formale Einheit gibt zwar Einheit der Vorstellung, kann jedoch jede Mannigfaltigkeit umschliessen; so bedeutet z. B. für den Mathematiker die Zahl 1 das »unendlich Grosse«‚ und der eine »Typus« des Zoologen kann unendlichen Gestaltenreichtum umschliessen. Lebendigen Sinn bekommt der Begriff »Einheit« erst durch die Vorstellung der   o r g a n i s c h e n   (im Gegensatz zur formalen) Verknüpfung; sobald das eine das andere bedingt und zugleich von ihm bedingt wird, bilden sie zusammen eine Einheit. Wirkliche, organische Einheit kann also gar nicht aus Einerleiheit, sondern nur aus Mehrfachem entstehen. Darum ist das Wesen des Denkens das Gliedern: das Aneinandergliedern, das Voneinandergliedern, das Zueinandergliedern. Sie können nicht denken, ohne Urteile zu fällen,

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und Sie können das einfachste Urteil nicht fällen — z. B. das Zimmer ist gross — wenn Sie nicht drei verschiedene Begriffe besitzen, das Subjekt, das Prädikat, die Copula — auf Deutsch: den Gegenstand, die Aussage, das Satzband. Jedes von diesen Dreien stammt von einem besonderen Stammbegriff her, nämlich: von Beharrlichkeit, Dasein, Vielheit. Die einleitende Vereinfachung, welche die Sinnlichkeit durchführt, ist eine gewaltsame, rohe, vergleichbar einer ersten Stoffzubereitung, z. B. der Appretur des Garns; nachher erst werden die Fäden zu einer organischen Einheit verwoben. Es   m u s s   also eine Mehrheit der Stammbegriffe geben, sonst wäre es unmöglich, in die Menge der durch die Anschauung gelieferten Eindrücke Ordnung, Zusammenhang, Einheit — und das erst heisst Sinn — hineinzubringen. »Verbindung«, schreibt Kant, liegt nicht in den Gegenständen und kann von ihnen nicht etwa durch Wahrnehmung entlehnt und in den Verstand dadurch allererst aufgenommen werden, sondern (Verbindung) ist allein eine Verrichtung des Verstandes, der selbst nichts weiter ist als   d a s   V e r m ö g e n   z u   v e r b i n d e n   und das Mannigfaltige gegebener Vorstellungen unter die Einheit zu bringen«. ¹) Nicht wahr, das Wort vergessen Sie nie mehr: unser Verstand ist ein Vermögen zu verbinden und Mannigfaltiges unter Einheit zu bringen! Sie begreifen also, hoffe ich, dass die Mehrheit der Begriffe der Einzelhaftigkeit der Anschauungsform gegenüber eine fortschreitende Vereinheitlichung bedeutet, und dass ohne diese »durchgängige Verknüpfung« gar keine Erkenntnis, sondern nur ein Chaos, oder wie Kant sagt: »eine Rhapsodie von Wahrnehmungen sein würde« (r. V. 195).

WELT UND ICH

    Der zweite Umstand, der gleich hier Ihre Beachtung verdient, ist der innige Zusammenhang zwischen dem innersten Kreis und
dem äussersten. Das Ich und die Welt stehen zu einander in Wechselbeziehung; ein jedes bedingt das andere; keines von beiden kann erfasst, beschaut und zergliedert werden, ausser insofern es sich im andern bespiegelt. Sinnlichkeit und Verstand schweben zwischen zwei Unbekannten: das eine unermesslich gross, das andere ohne jede Grösse, raumlos; das eine unausdenkbar reich an nie zu erschöpfender Gestaltenfülle, das andere völlig ungestaltet und darum ebenso unausdenkbar. Betrachtet man das Verhältnis vom anschaulichen Standpunkt aus, so muss man mit Kant sagen,
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    ¹) R. V., § 16, S. 134 fg. (mit Auslassung zweier technischer Ausdrücke, die ungelehrte Leser nur verwirrt hätten).

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die Welt sei der »Inbegriff aller Erscheinungen« (r. V. 391), das Ich dagegen »die ärmste Vorstellung unter allen«, ja, eine »an Inhalt gänzlich leere Vorstellung« (r. V. 408, 404). Geht man jedoch der Sache begrifflich nach, so entdeckt man, dass »Welt« überhaupt nur eine Idee ist, ein Bild im focus imaginarius, wie wir solche im ersten Vortrag kennen lernten, vom Ich hinausprojiciert ins Unerforschliche. ¹) So stehen sich denn diese beiden als Korrelate gegenüber: ohne Welt kein Ich, und ohne Ich keine Welt.
    Hier und heute kann ich mich natürlich auf eine eingehendere Besprechung dieses Themas nicht einlassen; verfolgen Sie nur die Anregung, es lohnt sich der Mühe; später werden Sie berauschend tiefsinnige Ausführungen bei Kant darüber finden. Mir lag augenblicklich vor allem daran, die Doppelgrenze der Erfahrung genau zu bezeichnen, weil das für Kant's Art zu schauen so besonders bezeichnend ist. Vorhin sprach ich von   e i n e r   Mauer, und sagte, Kant's Grundsatz sei, sich innerhalb dieser Erfahrungsgrenze zu bescheiden. Es gibt aber   z w e i   Mauern: eine Mauer nach innen und eine Mauer nach aussen, und es ist der Zwischenraum zwischen beiden, womit Kant sich bescheidet, als dem einzigen Raum der »Erfahrung«. Und auch hierüber müssen Sie eine genaue und greifbare Vorstellung besitzen, sonst unterliegen Sie morgen wieder den alleswissenden Dogmatikern und werden der moralischen und geistigen Grösse, sowie der wissenschaftlichen Sicherheit Kantischer Entsagung verlustig. Wie nichtig das Vorhaben ist, von einer Natur aus, die wir selber erschaffen, deren notwendige Gesetze die Gesetze unseres eigenen Verstandes sind, kurz, von einem focus imaginarius aus die grossen Rätsel des Daseins lösen zu wollen, liegt auf der Hand; doch nach Kant ist das entgegengesetzte Verfahren genau ebenso trüglich. Es gibt kein Erfahrungs-Ich, von dem man begrifflich — mit Fichte-Hegel — oder sinnlich — mit Schopenhauer — ausgehen könnte, um auf ihm ein dogmatisches Gebäude zu errichten; das Ich liegt jenseits, oder — wenn Sie wollen — diesseits der Erfahrung. Welche Kluft hier Weltanschauung von Weltanschauung scheidet, wird Ihnen, besser als lange Argumente, die Gegenüberstellung folgender zwei kurzer Formeln zeigen. Schopenhauer lehrt:

 Die Welt   I S T   M E I N E   Vorstellung,

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    ¹) Wie Schiller sagt: »Die Natur selbst ist eine Idee des Geistes, die nie in die Sinne fällt« (Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie).

263 DESCARTES

Kant lehrt:

M E I N E   W E L T   ist Vorstellung.

Der Unterschied ist gewaltig. Denn das eine ist ein ungeheures, wohlbetrachtet ein wahnwitziges Dogma, welches die Natur und das Ich als besondere Wesenheiten voraussetzt, und nun über das Verhältnis der einen zur anderen kategorische Behauptungen aufstellt: dagegen ist das andere die einfache Feststellung des Ergebnisses kritischer Besinnung innerhalb der Grenzen der Erfahrung, einer Besinnung, welche lehrt, dass wir weder nach innen noch nach aussen mit etwas Anderem als mit Symbolen und Schemen zu tun haben, so dass wir gar nichts über eine »Welt« aussagen können, ausser dass wir Menschen genötigt sind, uns eine vorzustellen. Zudem ergibt sich aus der Kantischen Lehre die vielsagende Umkehrung: Weltvorstellung bin ich; eine Tatsache, auf die Kant nie müde wird hinzuweisen, indem dies wirklich der Inhalt des sonst völlig leeren Ich ist. Wogegen aus Schopenhauer's Grundlehre sich nichts ergibt, ausser der Notwendigkeit, zum ersten Dogma ein zweites hinzuzudichten, was denn auch mit der Behauptung geschieht: ich bin Wille. ¹)

DIE ZEIT

    Jetzt aber und zum Schlusse müssen wir noch eine letzte Frage betrachten, welche sich ebenfalls vollkommen innerhalb des Descartesschen Rahmens und des im Laufe des heutigen Vortrages gewonnenen Vorstellungsmaterials bewegt. Zu diesem Behufe kehren wir in den Erfahrungsbezirk zurück und zu unserem alten Schema, das ich jetzt nur mit neuen Benennungen versehen will. Denn jetzt wollen wir die Sache »objektiv«, das ist gegenständlich, an-
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    ¹) Dies stimmt auch historisch; denn der Gedanke »die Welt ist meine Vorstellung« (aus unheilbarer Verkennung Kantischer Anschauungen entstanden) ist um mehrere Jahre älter als die Einführung des Willens als metaphysischen Grunddogmas. In den Skizzen aus früheren Jahren findet man erstere Lehre vollständig entwickelt: der Vorstellung wird aber nicht der Wille, sondern   d a s   B e w u s s t s e i n   beigeordnet. Aus diesem »Bewusstsein« entwickelt sich dann die Vorstellung eines gewöhnlichen und eines »besseren Bewusstseins«, zuerst dem »höheren Bewusstsein« Goethischer Terminologie sehr ähnlich; dieses zwiefache Bewusstsein führt nun auf eine »Duplizität des Willens«‚ eine Bejahung und eine Verneinung, und erst hieraus entwickelt sich der Einfall, den   W i l l e n   als das Primäre anzunehmen. — Im Zusammenhang mit den Ausführungen im Text ist namentlich folgendes Geständnis von Wert; Schopenhauer schreibt (Memorabilien, S. 724): »Aus dir solist du Natur verstehen, nicht dich aus der Natur. Das ist mein revolutionäres Prinzip.« Dieses Prinzip ist die buchstäbliche Wiederholung von Fichte's Unterfangen. Nach Kant ist dagegen, wie man gesehen hat, das eine ebenso falsch Wie das andere, ebenso zwecklos und ungereimt und unkritisch; Natur und Ich versteht man nicht   a u s   dem einen oder dem anderen, sondern nur   a n   einander. Jedenfalls beweist dieser eine kurze Satz, dass Schopenhauer kein echter Jünger Kant's ist.

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statt »subjektiv« betrachten. Verstand und Sinnlichkeit wurden vorhin als Funktionen des Menschengeistes aufgefasst; statt dessen wollen wir jetzt dasjenige in Betracht ziehen, was diesen Funktionen als Gegenstand (so zu sagen) entspricht. Wo »Sinnlichkeit« stand, schreiben wir jetzt »der Raum« hin; auf der Seite, wo »Verstand« geschrieben war, muss es jetzt »die reinen Stammbegriffe des Verstandes« heissen. Was aber müssen wir in das schraffierte Mittelgebiet einschreiben? Wir lernten aus der Geschichte der Wissenschaften und namentlich aus der analytischen Geometrie, dass kein Übergang von der einen Seite der trennenden Mittellinie auf die andere stattfindet, ausser gewaltsam, plötzlich und durch transscendentalen Eingriff. Hier wird das erst recht der Fall sein; denn handelte es sich bei der Mathematik schon um ganz reine — und das heisst, wie Sie wissen, ganz menschliche — Vorstellungen und Begriffe, so sind wir jetzt noch eine Stufe höher gestiegen: wir haben hier den Raum als die Urform aller möglichen Anschauung und die reinen Verstandesbegriffe (oder Kategorien) als die allumschliessenden Urformen alles Denkens. Was wird hier die Rolle übernehmen, welche die Mathematik für die Empirie spielte? Wo werden wir einen »transscendentalen Kommutator«‚ eine »transscendentale gerade Linie« finden?
    Ehe ich die Frage beantworte, will ich Sie noch auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen, weil sie zur Klarlegung des Problems beiträgt. Alle Menschen ohne Ausnahme finden es viel leichter, Kant's Lehre vom Raum zu verstehen, als seine Lehre von den reinen Stammbegriffen des Verstandes. Von den Lesern der reinen Vernunft kommen vielleicht neunzig vom Hundert nicht über den ersten Teil hinaus — der eben die Form des Anschauens (den Raum) behandelt. Das liegt nun nicht etwa daran, wie Sie glauben könnten, weil man das Anschauliche leichter versteht als das Abstrakte. Im Gegenteil; es kommt daher, dass der Mensch einer logischen Beweisführung leichter folgt, als dass er in eine eigenartige, ungewohnte Anschauungsweise sich hineinlebt. Vom Verstand aus wird der Raum betrachtet; er ist darum — wie unser erstes Schema uns zeigt — »gedankenhafte Anschauung«‚ oder, wenn Sie wollen, ein symbolischer Gedanke. Deswegen kann hier das Argument in fast rein logischer Form vorgetragen werden, mit erstens, zweitens, drittens; nichts bleibt unklar. Dagegen müssten wir den Kategorien, um sie recht zu verstehen, von der Seite der Sinnlichkeit

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aus beizukommen suchen, das heisst, sie zwar als Schemen betrachten, aber doch   a n s c h a u e n.   Reine Verstandesbegriffe kann man nicht wieder auf verstandesmässige Aussagen zurückführen, sind sie doch selber die einfachsten Elemente des Denkens; ein nur anschaulich zu Erfassendes entzieht sich aber jeder Definition. Den Raum kann man definieren, die einzelnen reinen Stammbegriffe des Verstandes dagegen nicht, nicht logisch. Der Name »Raum« sagt etwas ganz Bestimmtes aus; dagegen sind alle Namen für Stammbegriffe nur Notbehelfe, nur, wie es in der Dissertation heisst, cognitio symbolica (D. § 10). Der Name Substanz (oder Beharrlichkeit) z. B. ist blosser Hocuspocus, bis Sie begreifen lernen, dass hier »anschauliches Denken« vorliegt, ein prälogisches Denken, ein Denken auf jenem Mittelgebiet, wo aus dem Gatten mit Sinnlichkeit Begriffe erst hervorgehen. Genau das selbe gilt für Ursächlichkeit, Wirklichkeit usw. Hier, wo wir auf den zwei obersten Sprossen der beiden Leitern stehen, kann ich die eine nur erblicken, wenn ich mich auf die andere stelle. Das ist die eine grosse — vielleicht die grösste — Schwierigkeit, gegen die Kant anzukämpfen hat, und eine Hauptursache der viel beklagten »Dunkelheit« seiner Weltanschauung. Wären die Stammbegriffe unseres menschlichen Denkens abstrakte, für sich selbst bestehende Denkformen, so liesse sich allenfalls darüber reden; sie sind aber gar nichts ausserhalb ihres Bezuges auf die Sinnlichkeit; das wenigstens ist die Anschauung Kant's, und das macht, dass Niemand durch blosses Denken und ohne lebhafte Vorstellung damit zu verknüpfen, Kant's wahre Meinung über die Stammbegriffe zu erfassen vermag. Die Kategorien liefern uns »keine Erkenntnis von Dingen, als nur durch ihre mögliche Anwendung auf empirische Anschauung«‚ sagt er, und daher »können wir keine einzige Kategorie real definieren, d. i., die Möglichkeit ihres Objektes verständlich machen, ohne uns sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen herabzulassen, als auf welche als ihre einzigen Gegenstände sie folglich eingeschränkt sein müssen, weil, wenn man diese Bedingung wegnimmt, alle Bedeutung, d. i. Beziehung aufs Objekt wegfällt, und man durch kein Beispiel sich selbst fasslich machen kann, was unter dergleichen Begriffen denn eigentlich für ein Ding gemeint sei« (r. V. 147, 300).
    Auch hier wieder muss ich mich mit einer blossen Anregung begnügen. Doch wozu uns diese Erinnerung schon heute dienen soll, werden Sie gleich erfahren.

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    Wären nämlich die Stammbegriffe unseres Verstandes ohne alle Beziehung zur Sinnlichkeit, so wäre gar nicht einzusehen, wie die geforderte »Anwendung auf Anschauung« stattfinden sollte, und unsere Erkenntnis könnte auf keinen Fall eine »Erkenntnis von Dingen« sein: sie wäre höchstens eine Wolkenkuckucksheimerkenntnis oder — wie Kant sie nennt — eine »überfliegende«. Es wäre genau das selbe, als wenn es eine rein logische, keiner Übersetzung ins Anschauliche fähige Mathematik gäbe, eine Rechnung mit lauter unbekannten x, y, z, bei der natürlich alles genau stimmen würde, doch ohne das Geringste zu bedeuten. Und Ähnliches gilt — nur natürlich umgekehrt — für den Raum, von dem wir schon bei Newton gesehen haben, dass das Denken ihn zwar nicht leicht umfasst, doch sich gern mit ihm zu schaffen macht (S. 239 fg.). Und Sie verstehen mich, wenn ich jetzt behaupte: jene gesuchte »transscendentale gerade Linie«, welche uns dienen soll als Stromwender zwischen den Stammbegriffen des Denkens und der Stammgestalt des Anschauens, muss nicht nur — wie die Mathematik — zugleich Anschauung und Gedanke sein, sondern sie muss ihre Anschauungsseite dem Denken und ihre gedankliche Seite der Anschauung zuwenden.
    Diese Bedingungen erfüllt einzig   d i e   Z e i t.


Schema

    Die Zeit ist zugleich Begriff und Anschauung; Kant führt sie darum bisweilen als das eine, bisweilen als das andere ein. Er nennt sie »innere Anschauung« oder »Form der inneren Anschauung«; er nennt sie auch »Form des inneren Sinnes«. ¹) Wohin
—————
    ¹) R. V., 48, 54 etc. Der »innere Sinn« ist bei Kant (siehe 2. Antinomie) eine

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man auch schauen mag, sie ist immer ein »Inneres«, weil sie — genau so wie ihre empirische Verkörperung, die Mathematik — das innere, mittlere Gebiet ausfüllt. Und dennoch ist sie insofern ein Äusseres, als sie dazu dient, jede der beiden Grundfunktionen unserer Erkenntnis aus sich selber heraus und in die andere Form hinüberzuführen. »Der Begriff der Veränderung und mit ihm der Begriff der Bewegung (als Veränderung des Orts) ist nur durch und in der Zeitvorstellung möglich; wäre diese Vorstellung nicht (innere) Anschauung, könnte kein Begriff, welcher es auch sei, die Möglichkeit einer Veränderung begreiflich machen«. ¹) Nur in der Zeit kann es daher für uns eine Welt geben. Das ist die eine Seite der Sache. Andrerseits gibt uns aber gerade die Zeit die Vorstellung der Dauer und ist als solche »die Form des Anschauens unserer selbst und unseres inneren Zustandes«. »Denn«, sagt Kant, »die Zeit kann keine Bestimmung äusserer Erscheinungen sein; sie gehört weder zu einer Gestalt oder Lage usw., dagegen bestimmt sie das Verhältnis der Vorstellungen in unserem   i n n e r e n   Zustande«. ²) Ohne Zeit also kein Ich. Und nicht bloss kein Ich, sondern überhaupt gar kein Substanzbegriff, das heisst, gar keine Vorstellung irgend eines mitten in allem Wechsel beharrenden Gegenstandes (r. V. 226 fg.). Der Zeit verdanken wir also Bewegung und Beharren, Werden und Sein, Welt und Ich.
    Die Analogie mit Mathematik muss Ihnen sofort in die Augen springen. Und Sie sehen, dass wir auf unserem neuen Schema die Bezeichnungen auf die richtigen Seiten gesetzt haben: denn offenbar entspricht die Zeit als Dauer dem mathematischen Gestalten, der Geometrie, und die Zeit als eine hinfliessende Bewegung ist die Grundlage des Zahlenbegriffes. ³) Freilich, die Zeit als Dauer   i s t   nicht Gestalt, sie liefert aber den Stromwender, den springenden Punkt, an welchem durch transscendentale Vereinigung von Verstand und Sinnlichkeit — das heisst, von Raum und Begriff — die Vorstellung des Beharrenden entsteht. Desgleichen ist der logisch völlig unfassbare Begriff einer Veränderung des Ortes im Raum ohne eine ähnliche Mittelstellung der Zeit unmöglich.
—————
besondere Bezeichnung für das anschaulich betrachtete Ich; deutet also auf die Vernunftseite, nicht auf die Sinnlichkeitsseite des Verstandes.
    ¹) R. V., S. 48 (fragmentarisch).
    ²) R. V., S. 49—50. (Die eigentümliche Konstruktion mit »weder» und »dagegen« findet sich im Original).
    ³) Schon vor lange nannte William Rowan Hamilton die Algebra »die Wissenschaft der reinen Zeit« (the science of pure time).

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    Lassen Sie mich das Angedeutete näher ausführen. Denn die Funktion der Zeit muss für Sie restlos klar werden und kann es auch, wenn Sie bloss Schritt für Schritt Descartes' Analytische Geometrie zu Rate ziehen. Descartes wäre zu der Kritik des Menschengeistes, die Kant durchgeführt hat, unfähig gewesen, und doch hat er in der Praxis seines Denkens eine bestimmte Art zu schauen bekundet, welche mit der Kant's genau übereinstimmt. Und was für Descartes' Mathematik die gerade Linie, das ist für Kant's Analyse des Menschengeistes die Zeit. ¹) Sie erinnern sich: die gerade Linie ist insofern nicht Gestalt, als sie das einzige Sichtbare ist, das keinerlei Gestalt erzeugt, und sie ist insofern nicht Zahl, als jede gerade Linie jede beliebige Zahl darstellen kann, also dem Zahlbegriff gegenüber völlig indifferent bleibt: und dennoch liefert sie allein den Stützpunkt zur Umwendung von Gestaltenlehre in Zahlenlehre und umgekehrt. Genau ebenso verhält es sich mit der Zeit. Diese liegt ganz ausserhalb der eigentlichen Verstandesbegriffe; ebenso liegt sie aber auch ausserhalb aller Wahrnehmung. Die Zeit, sagten wir vorhin, ist zugleich Begriff und Anschauung; jetzt wollen wir genauer sprechen und sagen: die Zeit ist weder Anschauung noch Begriff, kann aber aus beiden nie entfernt werden; d. h. wir können ohne Zeit weder anschauen noch begreifen. Darum nennt Kant die Zeit »das beständige Correlatum alles Daseins« (r. V. 226). Den Raum erblicken wir mit Augen und Gedanken — weil er nämlich, im Gegensatz zu der Zeit, »kein Correlatum der Erscheinungen, sondern ihre Form selbst ist« (r. V. 460) — und selbst bei dem berühmten Streit, ob es einen leeren Raum geben könne oder nicht, (Descartes vertrat mit unbeirrbarer Genialität die Unmöglichkeit, Newton mit der ihm eigenen kindlichen Naivetät die Gewissheit dieses Gedankenmonstrums) liegt eine zum mindesten gedachte Anschauung unserem abstraktesten Wortgeklirr zu Grunde. Die Zeit dagegen bietet der   A n s c h a u u n g   keinerlei Handhabe; denn wo wir sie als Ausdehnung quasi-sichtbar auffassen, geschieht das
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    ¹) Nicht ohne Interesse ist folgende etymologische Tatsache. Das echt deutsche Wort für »gerade Linie« ist   » Z e i l e «   (mittelhochdeutsch zîl); und Zeile stammt aus der selben germanischen Wurzel t
î wie Zeit! Indogermanisch lautet diese Wurzel ; und da ist es von Bedeutung, dass die indische Göttin des unermesslichen Raumes A-diti hiess, also Zeit-lose; ohne Zeit kann kein Raum gemessen werden; das Unermessliche ist für ein metaphysisch beanlagtes Volk nicht das ungeheuer Grosse, sondern dasjenige, welches ausserhalb aller Messbarkeit — ausserhalb »Zeile« und »Zeit« — liegt. (Nach Kluge: Etymologisches Wörterbuch und Wilke: Deutsche Wortkunde.)

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durch eine Allegorie, indem wir nämlich in Gedanken eine Linie ziehen und sie analogisch auf die Zeit anwenden, — welche »äusserliche figürliche Vorstellung der Zeit« Kant ausführlich besprochen hat (r. V. 154 fg.). Ebensowenig vermag das   D e n k e n   die Zeit zu fassen; sie schlüpft ihm sozusagen immer wieder durch die Finger. Et confiteor tibi, Domine, adhuc ignorare me quid sit tempus, seufzt Augustinus. ¹) Schon die alten Griechen hatten eingesehen, Zeit könne es nur für den Denkenden geben, der ihre Stunden misst und zählt, und Descartes will wohl Dauer — nämlich als Beharrlichkeit — den Dingen zugesprochen wissen, urteilt aber über die Zeit: le temps n'est rien qu'une façon de penser. ²) Doch gerade dem Leben dieses Zeitzählenden entspricht die aus Bewegungen — Tages- und Jahreslängen — gewonnene Zahl nicht; für ihn kann eine Minute Jahre enthalten und können Jahre unbemerkt vorübergleiten wie ein kurzer Herbstmorgen; er misst die Zeit nicht nach der Länge, sondern nach dem Grade, das heisst nach dem Inhalt an Empfindungen. Eine Überbrückung ist hier unmöglich; unsere Doppelnatur tritt zu schroff hervor.
    Wenn Sie nun einst Kant's reine Vernunft studieren, so dürfen Sie sich nicht zu lange bei der vorangeschickten Sinnenlehre aufhalten, denn hier wird — leider — die Zeit ein erstes Mal so abgehandelt, als gehöre sie ohne weiteres zu Raum und zwar zu Raum allein — und das heisst also zu Sinnlichkeit; hieraus ist das allverbreitete — durch Schopenhauer bis in die weitesten Schichten der kaum Gebildeten hineingedrungene — Missverständnis entstanden, als seien Raum und Zeit zwei gleichwertige, mit einander parallele Anschauungsformen. Von der »Idealität von Raum und Zeit« zu reden, ist geradezu ein Gemeinplatz geworden; dabei handelt es sich aber um zwei vollständig verschiedene Dinge: der Raum ist die einzige Form alles reinen Anschauens (vgl. S. 148 fg.), die Zeit ist ein Mittelding zwischen Anschauung und Verstand, welches an und für sich weder angeschaut noch gedacht werden kann. Darum empfehle ich Ihnen, durch Kant's Werk weiter zu eilen, bis Sie dahin gelangen, wo dargetan werden soll, wie die Verbindung zwischen Verstand und Sinnlichkeit (d. h. zwischen den Stammbegriffen und der Raumvorstellung) zu Stande kommt. Hier werden Sie nun ein zweites Mal der Zeit begegnen, — diesmal aber nicht
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    ¹) Bekenntnisse, XI, 25.
    ²) Principes, 1. partie, § 57, p. 99. Tempus est nihil praeter modum cogitandi.


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als eine Zwillingsschwester des Raums eingeführt, sondern als dem Verstande genau ebenso nahe verwandt, und daher als »eine   v e r m i t t e l n d e   V o r s t e l l u n g,   einerseits intellektuell, andrerseits sinnlich«, einerseits »mit der Kategorie gleichartig, andrerseits mit der Erscheinung sofern gleichartig, als die Zeit in jeder empirischen Vorstellung des Mannigfaltigen enthalten ist«. Dann erst wird Ihnen Kant's Anschauung wirklich deutlich werden. Die Zeit ist eine vermittelnde Vorstellung, einerseits intellektuell, andrerseits sinnlich: was das heisst, verstehen Sie jetzt ganz genau und ausführlich; Sie brauchen nur an die analog vermittelnde Rolle der geraden Linie in der Mathematik zu denken; und welche Bedeutung solch ein Vermittler für unser ganzes Geistesleben besitzt, wird Ihnen klar, wenn Sie sich aus der im Anfang des Vortrags berührten Geschichte unserer Wissenschaften erinnern, dass nichts Beobachtetes gedacht werden konnte ohne Vermittelung eines Schemas, und kein Gedanke auferbauenden Wert zu gewinnen vermochte ohne Vermittelung eines Symbols; bei allen diesen Vermittelungen liegt die Zeit zu Grunde. Und wenn Sie nun den Titel dieses so ungeduldig erwarteten, weil unentbehrlichsten Kapitels der reinen Vernunft, bei dem man erst das Ziel erreicht — wenn Sie den Titel anschauen, werden Sie mit Erstaunen entdecken, dass diese lichtvolle Auflösung des Rätselhaften das berühmte, gefürchtete, als undurchdringlich dunkel verschrieene Kapitel ist, von dem ich zu Beginn dieser Ausführungen sprach, das Kapitel »Von dem Schematismus der reinen Verstandesbegriffe«. Und ich glaube, Sie werden sich mit mir fragen: wie mag's nur in dem Kopfe eines berufsmässigen, vom Staate besoldeten Kantauslegers ausschauen, der gerade dieses Kapitel für »ohne Wert« hält?! ¹)
    Doch, uns kann das gleich sein. Wenn Kant sich in dem betreffenden Kapitel fragt — und er tut es wörtlich: »Wie ist es möglich, dass reine Verstandesbegriffe auf Erscheinungen überhaupt angewandt werden können?« — so finden wir die Frage durchaus berechtigt, nicht wahr? »Es ist klar, dass es ein Drittes geben müsse«, sagt er. Ja, auch uns ist das klar. Und wenn er nun,
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    ¹) Siehe oben S. 246. Kein geringerer als Schopenhauer urteilt ebenfalls: »Aus diesem wunderlichen Hauptstück vom Schematismus der reinen Verstandesbegriffe hat kein Mensch je klug werden können«‚ und hilft sich darüber hinweg mit der Versicherung, die »Sache führe an das Komische heran« und Kant's Lehre vom Schematismus sei »eine ganz unerweisliche und bloss willkürliche Annahme« (Kritik der Kantischen Philosophie, Werke, II, 532 fg. der Brockhaus und I. 573 fg. der Reclam-Ausgabe).

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nach dem Nachweis, dass die Zeit dieses »Dritte« sei — einem Nachweis von siegreicher Überzeugungskraft — wenn er nun dartut, dass die Verbindung, welche zwischen dem Ersten und dem Zweiten innerhalb dieses Dritten stattfindet, kein Verschmelzen, sondern nichts mehr und nichts weniger als ein vermitteltes »Zueinander-Inbeziehungsetzen« ist, und wenn er diese Vermittelung ein   S c h e m a   nennt, und folglich die Beziehungen der Stammbegriffe des Verstandes zu der Beschaffenheit unserer Sinneseindrücke durch die Vermittelung eines »Schematismus des reinen Verstandes« stattfinden lässt: so ist uns das alles völlig klar und natürlich und erwartet; wir kannten es ja schon aus der Empirie und aus der Mathematik; neu ist uns höchstens, dass dieses Verhältnis überhaupt für alle menschliche Erkenntnis ohne Ausnahme grundlegend ist, indem das, was   E r f a h r u n g   genannt werden darf, erst aus ihm hervorgeht. Und nur Eines fehlt bei Kant — nach meiner sehr bescheidenen Meinung — zur vollen Deutlichkeit: ein Kapitel nämlich »Über den Symbolismus der reinen Sinnlichkeit«. Nicht etwa, um Kant's Unterscheidung zwischen Spontaneität und Receptivität, zwischen Funktion und Affektion, zwischen Tätigsein und Erleiden ¹) — als Charakteristik für Verstand und für Sinnlichkeit — zu verwischen, sondern weil uns unsere empirischen Wissenschaften, weil uns die Mathematik, und weil uns die Zeit selbst lehren — wie wir es soeben an der Hand Kantischer Ausführungen sahen — dass wir nicht bloss unsere Anschauungen »begreifen«, sondern auch unsere Gedanken »anschauen«, und dass beides — nicht bloss das eine — durch Vermittelung jenes »Dritten« geschieht. Weil Kant am Beginn seiner Kritik das Verhältnis der Zeit zum Raum einseitig betont, ist der Leser überrascht, wenn er sie plötzlich in ein genau ebenso nahes Verhältnis zu den Verstandesbegriffen gebracht findet und als »ein Drittes« bezeichnen hört; und jetzt wird die erste Einseitigkeit durch eine zweite ergänzt, indem jetzt einzig die   s c h e m a t i s c h e   Vermittelung der Zeit betont wird, also nur die Art, wie (um mit Kant zu reden) »die Sinnlichkeit den Verstand realisiert«, nicht auch die Art, wie der Verstand die Sinnlichkeit realisiert, mit anderen Worten ihre symbolisierende Tätigkeit. ²) Dass wir jedoch Kant's Anschauung genau geschildert haben, kann nicht bezweifelt werden; die ganze Kritik der reinen Vernunft
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    ¹) Siehe S. 89 und 150 und 247.
    ²) Kant selber wendet das Wort »Symbol« in einer Bedeutung an, die an


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und die der Urteilskraft zeugt dafür; gewiss mag Kant für seine abweichende Darlegung gute metaphysische Gründe gehabt haben, und hat sie auch gehabt, die jedoch für uns hier nicht in Betracht kamen. Uns kam es nur auf die Art zu schauen an, und von den vielen Belegen, die Ihnen heute vorgeführt wurden, brauche ich nur an jenen ersten zu erinnern, der für die ganze Untersuchung des Descartes das Leitwort abgab: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen, als seine Anschauungen sich verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu bringen« (S. 197). Seine Anschauungen unter Begriffe bringen, heisst Schematisieren; seine Begriffe sinnlich machen, heisst Symbolisieren. Beides darf nur durch   e i n e   und die selbe Vermittelung, d. h. durch ein einziges, wesentlich einheitliches, wenn auch in zwei Farben schillerndes Element geschehen, sonst käme keine Einheit der Erkenntnis zu Stande — jene transscendentale Einheit, welche aus der Verknüpfung von Schema und Symbol in einem Bewusstsein entsteht. Die Zeit ist dieser Stromwender. Gerade dort, wo die scheidende Mittellinie trennt, da findet auch die beiderseitige »Kommutation« statt, die Umwandlung des einen in das andere. Wir sahen es in der Mathematik, wir sahen es in den empirischen Wissenschaften, wir werden es in jedem einzelnen unserer Gedanken wahrnehmen, sobald wir aufmerksam geworden sind und die unablässige Vermittelung der proteusartigen Zeit einsehen gelernt haben.
    Halten Sie, bitte, das Eine fest, dass für Kant die Zeit, wie die Mathematik, ein rein formales Prinzip ist. Weil sie das ist und weil ihr besonderes Amt das Verknüpfen ist, darum ist sie überall gegenwärtig, in jedem Gedanken und in jeder Anschauung. Um meine Begriffe sinnlich zu machen, bedarf ich der Zeit, um meine Anschauungen verständlich zu machen, bedarf ich wiederum der Zeit; Beispiele: der Äther ist kaum etwas mehr als der verschwindend wenig versinnlichte Gedanke der Beharrlichkeit: die Beobachtungen über Bewegung lehren, der selbe Punkt könne an zwei Orten sein, was für den reinen Verstand sinnlos wäre, wenn nicht das Ziehen einer Zeitlinie es denkbar machte. Dennoch ist die Zeit nirgends als ein für sich Bestehendes zu erfassen, weder im
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Allegorie gemahnt, wie das ja früher üblich war (siehe Ur. § 39): andere Stellen p. V., Schluss des 2. Hptst. und fg., ed. Hartenstein 1868, VIII, 541).

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Denken noch in der Anschauung. Gedanke und Anschauung können ohne die Zeit nicht sein, doch ist Zeit gar nichts ausserhalb ihrer Beziehung zu Gedanke und Anschauung; ihr Wesen ist es, die   G r u n d b e z i e h u n g   a l l e r   B e z i e h u n g e n   z u   s e i n,   dasjenige, wodurch überhaupt Beziehungen entstehen und bestehen. Überall, wie Sie sehen, die strenge Analogie mit Mathematik und daher für uns die verhältnismässig leichte Beherrschung des sonst so schwierigen, weil unfassbaren Gegenstandes.
    Wollen Sie sehr kurz zusammenfassen, was die zwiefache Zeit für unsere Erkenntnis leistet, so können Sie sagen: indem die Zeit als Dauer die Unterjochung der sinnlichen Mannigfaltigkeit unter die Verstandesbegriffe vermittelt, gibt sie ihr   E i n h e i t;   indem die Zeit als Bewegung die Einheit des inneren Sinnes (d. h. die Einheit der Vernunft) mit der Sinnlichkeit in Verbindung setzt, schenkt sie jener   M a n n i g f a l t i g k e i t. ¹)   Zwei Beispiele: Kant hat gezeigt, wie jeder einzelne unserer Stammbegriffe — die Grösse, der Grad, die Ursächlichkeit, die Wechselwirkung, die Wirklichkeit, die Notwendigkeit usw. — durch die Vermittelung eines   z e i t l i c h e n   Schemas den Anschauungstoff ergreift und zur Einheit zusammenzieht; ²) andrerseits hat Kant aber auch gezeigt, dass jede Affektion der Sinne nur als   B e w e g u n g   geschaut werden könne, woher er die Definition ableitet: »Die Grundbestimmung eines Etwas, das ein Gegenstand äusserer Sinne sein soll, muss Bewegung sein« (M. N. Vorr.), und Bewegung erfordert ebenfalls Zeit als Correlatum und kann nur durch deren Vermittelung dem Gedanken Mannigfaltigkeit schenken. Und nun erst wird der Knoten fest gebunden, indem der Verstand die Bewegung zu sich herüberzieht und völlig schematisiert, während die Anschauung die Ursächlichkeit, die Wechselwirkung, die Notwendigkeit und andere reine Stammbegriffe so völlig mit den Wahrnehmungen amalgamiert, dass sie sie mit den Augen zu erblicken wähnt!

DAS ICH

    Auch wir wollen einen tüchtigen Knoten schlagen, als Beschluss dieses langen und mühereichen Vortrages. Sie erinnern sich, wie wir als Begriffsbestimmung für Descartes' besondere Veranlagung die Formel aufgestellt hatten: er wusste das Unsichtbare sichtbar und das Sichtbare unsichtbar zu machen. Inwiefern diese Formel auf Kant anwendbar ist, wissen Sie jetzt zu genau, als dass eine
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    ¹) Man vgl. die schematische Figur S. 266.
    ²) Das oft genannte Kapitel »Von dem Schematismus« in der Reinen Vernunft.


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Erläuterung noch vonnöten wäre. In so schroffer Vereinfachung besagt das Wort, wenn man es auf die reiche Gedankenwelt Kant's überträgt, wenig; doch kann es immerhin als Paradoxon auch hierfür gewisse Dienste leisten. Dass der unsichtbare Begriff nichts vermag bis der tatsächliche, sichtbare Gegenstand ihm von der Anschauung geliefert worden ist, und dass andrerseits diese Anschauung blind bleibt, wenn nicht Begriffe dieses Sichtbare ins Unsichtbare der Gedankenwelt übersetzen — dies, und dazu die Lehre, dass die Zeit es ist, welche das Hin und Her der Umwandlungen schematisch und symbolisch besorgt: das zusammen macht den Kern der Anschauung Kant's in Bezug auf die menschliche Erkenntnis aus. Nun bildet, wie Sie sich erinnern, die Beschränkung auf Erfahrung einen unablöslichen Teil dieser Kantischen Anschauung; was wir erblicken, sind ja nur zwiefach — durch Sinnesform und Verstandesschematismus — bedingte Erscheinungen, ja, wenn wir »das Dritte«‚ die Zeit, hinzunehmen, dreifach bedingte Erscheinungen; über die Dinge, wie sie an sich sein mögen, besitzen wir nicht den Ansatz oder die Möglichkeit zu einer Meinung, und ein ebensolches Rätsel bleibt das Individuum sich selber. Doch können wir nicht verhindern, dass aus dieser unserer Erfahrung, und mögen wir sie noch so streng in ihre Doppelmauer einschliessen, zwei gewaltige Ideen entwachsen: die Welt und das Ich. Schon vorhin sprachen wir einige Worte darüber (S. 261 fg.). Hier will ich dem damals Gesagten nur hinzufügen, dass Welt und Ich gleichsam die zwei Enden des Knotens, den ich meine, sind: das Sichtbare und das Unsichtbare katexochen. Die Welt — das sichtbare Ende — ist ja nichts Anderes als jene dreifach bedingte Erscheinung in ihrer höchsten, allumfassenden Potenz, das Symbol aller Symbole; nehme ich das Ich — das unsichtbare Ende — dem sie erscheint, hinweg, so bleibt gar nichts, nichts, heisst das, was irgend einen Sinn für uns Menschen besässe; denn nur das Ich kann die Idee der Welt hervorbringen. Doch das Umgekehrte gilt im selben Masse. Das Ich kann weder gedacht noch geschaut werden, ausser in der Widerspiegelung der Welt; nehme ich die Welt weg — das »Aussen« — so schwindet das »Innen« — das Ich; was bleibt, ist ein leeres Schema aller Schemen, das heisst ein Nichts. Auch hier findet also ein Wechselspiel statt, und wir können einen Knoten schlagen, indem wir das Innerste nach aussen, das Äusserste nach innen umbiegen. Nichts hindert uns, das Ich

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als die unsichtbare Welt, die Welt als das sichtbare Ich aufzufassen. Dass wir gewohnt sind, die Sinnlichkeit als das Äussere, den Verstand als das Innere zu betrachten, ist schliesslich nichts weiter als eine Konvention, als ein oberflächlicher Analogieschluss aus den Verhältnissen zwischen Sinnesorganen und Gehirn im Leibe der Wirbeltiere. Die Zeichnung auf S. 260 könnten wir ebensogut umgekehrt entwerfen: die Vernunft (oder das Ich) der allumfassende Kreis, die Welt zu innerst.
    So verwickeln sich die Verhältnisse, sobald man sich nicht innerhalb des Gebietes der Erfahrung beschränkt! Doch diese Beschränkung ist nicht allezeit möglich. Man kann nicht über Ich und Welt, über Seele und Gott einfach zur Tagesordnung übergehen. Und so schwang sich mancher eitle Schwätzer und auch mancher edle Mann — und unter letzteren keiner kühner als Giordano Bruno — hoch hinauf auf Flügeln einer dichtenden Erkenntnis, um ausserhalb der Erfahrungsgrenzen zugleich das Welträtsel und das Rätsel des eigenen Seins zu lösen. In welchem andern Geiste Kant bei solchen Fragen zu Werke ging, das ahnen Sie nach unserem heutigen Tage gewiss schon ziemlich deutlich und ahnen daher, dass er auch zu anderen Ergebnissen gelangen musste; mit voller Deutlichkeit wird sich das, hoffe ich, aus dem Vergleich mit Bruno ergeben. Bei Bruno, wie bei Descartes, haben wir es mit einem spezifischen Denker zu tun, doch ist seine Haltung dem gegebenen Stoff gegenüber eine fast genau entgegengesetzte: denn während Descartes Erkenntniskritik gleichsam nur als Grenzdisziplin betreibt, um sich fortan sicher und frei der empirischen Beobachtung und der hypothetischen und theoretischen Deutung der konkreten Natur widmen zu können, lebt Bruno einzig und allein in den luftigen Gebieten der Abstraktion und Spekulation und traut der menschlichen Vernunft und ihren logischen Schlussfolgerungen jedes Wissen und jedes Können zu. Daher wird er in eine wesentlich andere Beziehung zu Kant treten müssen. Bei Descartes liessen wir — um unsere Untersuchung zu fördern — hauptsächlich die Ähnlichkeit mit Kant hervortreten, wogegen die Abweichungen von ihm unberücksichtigt bleiben durften; bei Giordano Bruno werden wir umgekehrt die hellsten Lichtwirkungen aus den Gegensätzlichkeiten gewinnen. Und so soll denn auf den heutigen Tag der Empirie und der Erfahrungskritik ein Tag der Dialektik und der Träume folgen.

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