Here
under follows the transcription of the third chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
DESCARTES
From the painting
by Mignard,
from the Castle Howard Collection, now in the National Gallery.
INHALTSÜBERSICHT
|
173
DRITTER VORTRAG
DESCARTES
(VERSTAND UND SINNLICHKEIT)
MIT EINEM EXKURS ÜBER DIE
ANALYTISCHE
GEOMETRIE
———
L'EAU
EST TOUJOURS SEMBLABLE
À L'EAU, MAIS ELLE A UN TOUT
AUTRE GOÛT LORSQU'ELLE EST
PUISÉE À SOURCE QUE
LORSQU'ON
LA PUISE DANS UNE CRUCHE.
DESCARTES
174
(Leere
Seite)
175
DER
BLICK NACH INNEN
Die Tage sind
verschieden, und
ich gestehe, dass ich heute mit Zaudern und einem gewissen
Misstrauen
mich anschicke, unsere gemeinsamen betrachtungen fortzusetzen. Denn
jetzt
muss ich Gebiete mit Ihnen durchschreiten, die es nicht so leicht sein
wird aufzuhellen, wie das der Fall war, solange das Auge eines Goethe
und
eines Leonardo uns voranleuchtete. Nachdem der Vergleich mit
künstlerischen
Weltanschauern uns manches Grundlegende aufgedeckt und Betrachtungen
veranlasst
hat, die zuletzt weit über die Persönlichkeit Kant's im
engeren
Sinne des Wortes hinausführten müssen wir jetzt Kehrt machen,
wir müssen die Brennweite unserer Augenlinsen wieder auf die
Nähe
einstellen, wir müssen Weltanschauer zum Vergleich heranziehen,
die uns zwar wiederum weit hinaus, aber auf einem anderen Wege,
führen
werden, Männer, deren intellektuelle Lebensatmosphäre nicht
aus
Schönheit und Kunst, sondern aus Forschen und Denken bestand.
Heute
soll uns Descartes, der kritisch-empirische, mathematische Denker, un
nächsten
Vortrag Bruno, der logisch-scholastische und schwärmerische
Denker,
beschäftigen.
Sie dürfen mich nicht
missverstehen.
Es gibt keinen absoluten Künstler, keinen absoluten Mathematiker
und
erst recht keinen absoluten Philosophen; dieses Einreihen in
Fächer
kann bei jedem halbwegs bedeutenden Manne nie wirklich gelingen;
Goethe
und Leonardo — wir sahen es — waren beide grosse Naturforscher und
Denker;
ihrerseits besitzen Bruno und Descartes beide in hervorragendem Masse
die
künstlerische Gabe der Gestaltung; Bruno ist in seiner Art zu
denken
und zu reden ebensosehr Poet wie Plato es war, und Descartes, der
gewaltige
Denker, ist so ganz von dem Werte der Anschauung und der empirischen
Naturerforschung
durchdrungen, dass er die eigentliche Fachphilosophie heftig befeindet.
Für uns aber handelt es sich hier und heute lediglich um das, was
ich die charakteristische G e b ä r d e des
Geistes nennen möchte.
Diese Gebärde ist bei Goethe und Leonardo entschieden nach aussen
gerichtet; bei beiden herrscht das Primat des Auges, und zwar des Auges
als eines zugleich empfangenden und gebärenden Sinneswerkzeuges,
Freilich
fanden wir das Ergebnis bei beiden Männern sehr verschieden; denn
hinter den gleichmässig lichtkräftigen Augen nehmen
abweichend
beanlagte Gehirne die Eindrücke auf und verarbeiten sie ein jedes
in seiner Art. Bei Leonardo ist das Sehen präziser und (in dem
weitesten
Sinne des Wortes) »perspektivisch«
176 DESCARTES
richtiger; dies verdankt er der
Befähigung,
die wir im vorigen Vortrag kennen lernten, alles Erblickte auf das
innere
Anschauungsschema zurückzuführen; vor Goethe's Augen dagegen
schwanken die Umrisse, er schematisiert ungenügend und mischt in
alles
Gesehene sein Denken; dies grade schenkt ihm aber die Gabe, bis in
Tiefen
der Natur hineinzuleuchten, wo ohne die Lampe des zeugenden Gedankens
dunkle
Nacht herrscht. Leonardo erblickt das Verhältnis der Dinge zu
einander,
Goethe ihr Verhältnis zum Menschengeist; in Leonardo's Verstand
wiegt
das männliche Element vor, in Goethe's finden sich unverkennbare
weibliche
Bestandteile; daher denn Leonardo's Denken scharf, mechanistisch,
wissenschaftlich
und leicht fasslich ist, Goethe's dagegen tiefer, schillernder und
unausdenkbar,
weil von nicht in Worte zu bändigenden Ahnungen trächtig.
Darüber
in einem späteren Vortrag Näheres; für den Augenblick
genügt
die Einsicht, dass diese bestimmte geistige Gebärde — der Blick
nach
aussen — Goethe und Leonardo gemeinsam ist. Zugleich unterscheidet
diese
Gebärde die beiden von Kant, und zwar trotzdem eine nähere
Untersuchung
uns so manche Berührungspunkte in der Art zu schauen zwischen ihm,
dem Gedankenkünstler, und jenen beiden Künstlerweisen
aufgedeckt
hat. Nunmehr wollen wir zwei wesentlich anders geartete Männer
behufs
eines Vergleichs herbeirufen, Männer, deren angeborene geistige
Gebärde
nach innen weist. »Nach innen,« sage ich, weil diese Denker
zuvörderst
sich selbst — ihr eigenes Denken — befragen und erst hinterher die
Natur;
sie trauen dem Eindruck nicht, der von aussen kommt, nicht, heisst das,
ehe sie, so weit sie es irgend vermögen, den Vorgang des Erkennens
im Innern geprüft und zergliedert haben; dieser Gang ist
demjenigen,
den Goethe und Leonardo befolgen, genau entgegengesetzt. Ich nenne
diese
Gebärde den Blick nach innen. René Descartes und Giordano
Bruno
entsprechen, glaube ich, unserem Zwecke; keiner von beiden ist Kant so
nahe verwandt, dass nicht starke Schlagschatten von ihnen auf ihn
fielen,
und andrerseits sind jene beiden grossen Weltanschauer voneinander in
Bezug auf Beanlagung und Gemüt ebenso grundverschieden wie
Leonardo
und Goethe. Gemeinsam ist ihnen nur — dieses »nur« besagt
aber sehr viel
— die Gebärde des spezifischen Denkers. Gli beni de la mente non
altronde
che dall' istessa mente nostra riportiamo! ¹) ruft Bruno,
—————
¹)
De
l'infinito, universo e mondi,
5. Dialog (ed.
Lagarde, p. 399).
«Die Güter des Geistes
ernten
wir nirgends anderswoher ein, als aus diesem selben eigenen
Geiste!«
177 DESCARTES
der
»Goethe« unseres
zweiten
Philosophenpaares,
aus, und Descartes, — der strenge Empiriker, der »Leonardo«
spricht
besonnen: Il n'est aucune
question
plus importante à résoudre que celle de savoir ce que
c'est
que la connaissance humaine, et jusqu'où elle s'étend,
... Rien ne me semble plus absurde que de discuter audacieusement sur
les
mystères de la nature sans avoir une seule fois
cherché si
l'esprit humain peut atteindre jusque là. ¹)
Schon aus diesen
wenigen Worten
entnehmen Sie, mit wem wir es hier zu tun haben; zugleich springt die
offenbare Verwandtschaft mit Kant's Zielen und Methoden und
Überzeugungen
in die Augen. Die Untersuchung des Wesens und der Grenzen menschlicher
Erkenntnis bezeichnet genau den einen grossen Teil — den kritischen
Teil
— von Kant's Lebenswerk, und dass die eigentlichen
»Güter«
des
Geistes nicht von aussen, sondern von innen erlangt werden müssen,
fasst in wenige Worte zusammen, was Kant als seine positive,
praktische,
aufbauende Leistung betrachtete. Doch auch des Trennenden werden wir
viel
finden. Die Lebensschicksale des Seigneur du Perron und des Nolaners
zeigen
zur Genüge, dass diese zwei Männer in ihrer intellektuellen
Beanlagung
von Kant weit abweichen. Wir sahen im ersten Vortrag, wie tief in
Kant's
ganzer Art zu schauen und sich Vorstellungen anzueignen, jener Zug
wurzelte,
der ihn jede kleinste Reise ängstlich vermeiden liess; Bruno und
Descartes
dagegen ziehen ruhelos von Ort zu Ort und von Land zu Land, und zwar
freiwillig.
Bruno, die Apostelnatur, braucht neue Berührungen, neue
Anregungen,
neue Dispute; er muss Funken aus dem Leben schlagen, Flammen in den
Herzen
zünden; wo er hinkommt, gewinnt er glühende Liebe und
unversöhnlichen
Hass. Descartes, der verschlossene Weltmann, reist, um allein zu sein,
geniesst in den Städten »die Einsamkeit der entlegensten
Wüsten«, verzieht aus einem Ort, sobald man seine Gegenwart
bemerkt, und sucht
zugleich durch planmässige Beobachtung der verschieden gearteten
Menschen
und Völker und Religionen und Sitten sich der uns Allen
eingewurzelten
Vorurteile zu entledigen. Je ne fis
autre chose que rouler ça et
là dans le
—————
¹) Keine
Frage erheischt
dringender
Beantwortung als die nach dem Wesen und den Grenzen der menschlichen
Erkenntnis, ....
Nichts dünkt mich lächerlicher, als kecklich über die
Geheimnisse
der Natur Erörterungen anzustellen, ohne ein einziges Mal
nachgeforscht
zu haben, ob der Menschengeist bis dahin zu reichen befähigt
ist«
(Règles pour la direction de
l'esprit § 8, XI, 245). Wo nicht
ausdrücklich
anders angegeben, beziehen sich alle Citate auf Cousin's
elfbändige
französische Ausgabe der sämtlichen Schriften Descartes',
1824—1826.
178
DESCARTES
monde, tâchant d'y être
spectateur
plutôt qu'acteur en toutes les comédies qui s'y jouent.
¹)
Eine so grundsätzlich verschiedene Lebensführung deutet auf
Unterschiede
im Wesen des Intellektes, die tief reichen; wir dürfen ohne
weiteres
voraussetzen: Bruno und Descartes haben doch anders
»gesehen« als
Kant.
Das wird sich besonders deutlich bei Bruno zeigen, der trotz seiner
rein
philosophischen Geistesrichtung in mancher Beziehung geradezu der
äusserste
Antipode Kant's ist und uns namentlich als solcher gute Dienste leisten
kann, wogegen bei Descartes das Nahverwandte uns bis in die innersten
Geheimnisse
von Kant's Art zu schauen führt, und wir hier das viele Trennende
als für unseren Zweck unproduktiv werden beiseite lassen
können.
—————
DESCARTES
Unter den sehr grossen Denkern
der Weltgeschichte wurde vielleicht keiner von den nachkommenden
Geschlechtern
so schmählich behandelt wie Descartes: er — ich meine er, der
wirkliche
Descartes — bleibt so gut wie unbekannt; was heute unter diesem Namen
in
unserer Vorstellung ein Schattendasein führt, ist eine
gespenstische
Karikatur. Von dein Manne, der mit verzweifelter Energie gekämpft
hat, um sich und uns von allen philosophischen Phrasen rein zu
säubern,
dessen heisses Bestreben es war, die Philosophie aus den Netzschlingen
einer ebenso arroganten als impotenten Logik frei zu reissen und ihr
die
Augen zu öffnen über die einzig produktive Wahrheitsgewalt
reiner
Anschauung, von dem Manne, der, im offenen, zornerfüllten
Gegensatz
zu den Lehren der Schulen, ausruft: Toute
la science humaine consiste
seulement à voir distinctement (XI, 280) von diesem Manne
kennt
die grosse Mehrzahl der Gebildeten weder die Persönlichkeit, noch
das Leben, noch die Leistungen, sondern lediglich ein bis zur Phrase
abgedroschenes
Wort: cogito, ergo sum, ein
pures Silbengeschelle, wenn man nicht
weiss,
woher es bei Descartes kam und wohin es ihn führte. Denken Sie
sich,
ein künftiges Geschichtswerk wisse von Bismarck nur das Eine zu
berichten,
dass er das Wort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst
nichts
in
der Welt« gesprochen habe, als wäre diese sehr anfechtbare
Phrase
die
Summe seines tatenreichen Lebens! Ähnlich steht die Sache, wenn
wir
von dem bahnbrechenden Mathe-
—————
¹) Discours de la
Méthode 3. partie, I, 153.
179 DESCARTES
matiker,
Physiker, Anatomen,
Kosmologen,
Philosophen, von dem Manne der wie kaum ein zweiter unsern Schatz an
konstruktiven Vorstellungen bereichert hat, so dass Philosophie und
Wissenschaft
noch
heute von seinen Anregungen zehren, nichts weiter als ein mehrdeutiges
und fast immer missverstandenes Wort kennen. Doch nicht genug, dass man
eine Weltanschauung, die auf breitester Grundlage einer umfassenden,
anschaulichen
Naturbetrachtung ruht, dergestalt auf den Kopf stellt, indem man sie zu
einer logisch-psychologischen Nussknackerei herabsetzt, auch die
Persönlichkeit
selbst hat man uns geraubt. Ein Aristokrat war Descartes von Geburt,
der
Geistesanlage nach ein extremer Individualist. Nicht allein sondert er
sich von seinen Mitmenschen ab, indem er seinen Aufenthalt in fremden
Ländern
wählt und eine Stadt verlässt, sobald er bekannt und in
Beziehungen
hineingelockt wird, nein, er umzirkt sich auch geistig mit einer hohen
Mauer, auf dass die Lehren der zeitgenössischen Zunftleute nicht
zu
ihm dringen, und gräbt sogar zeitlich einen tiefen Graben um sich
herum, damit die Weisheit der Alten in einiger Ferne bleibe. Die
Nichtigkeiten der Fachphilosophen — les
bagatelles d'école — zu
verschmähen,
ist für ihn das Kennzeichen einer »fürstlichen
Gemütsart«
(IX, 358), und von sich selbst bekennt er: »nicht die Argumente
Anderer
zu verstehen, sondern selber zu forschen, macht für mich das
grosse
Glück alles Studiums aus« (XI, 252). In einem ganz anderen
Sinne
als
Schopenhauer ist Descartes ein grosser »Vereinzelter«; denn
er ist
es
ohne Bitterkeit, ohne Eitelkeit, in stolzer und ruhevoller
Selbstgenügsamkeit.
Erst nach Jahren gelang es dem unaufhörlichen Drängen eines
so geachteten Freundes wie des Pater Mersenne, ihn zu einer
Veröffentlichung
zu bestimmen, und bei diesem fragmentarischen Anfang wäre es
geblieben,
wenn nicht die Bitte aus dem Munde der hohen Freundin, der
Pfalzgräfin
Elisabeth, für einen so vollendeten Weltmann einem Befehle
gleichgekommen
wäre. Je ne recherche point les
bonnes grâces de la
populace
(IX, 55), schreibt er mit stiller Verachtung in einem Privatbrief; der
Begriff populace ist aber bei
ihm ein umfassender; denn als Mersenne
ihm die kritischen Ausstellungen der gelehrtesten Männer von
Paris
übermittelt,
antwortet er: »Längst weiss ich, dass es Esel auf der Welt
gibt,
doch
lege ich so wenig Wert auf ihr Urteil, dass ich betrübt wäre,
auch nur eine Minute von meiner Musse und meiner Ruhe darauf verwenden
zu müssen«
180 DESCARTES
(VIII,
538). Es lässt sich nun
ohne
weiteres voraussetzen, dass ein Forscher, der so resolut eigene Wege
wandelt
und jeder Berührung mit den offiziell anerkannten Magistern des
Schuldenkens
ausweicht, nicht leicht eine Weltanschauung entwickeln wird, geeignet,
in eine strenge, schulmässige Form gebracht zu werden. Das
Weltbild,
das
Descartes vor uns entrollt, ist kein aufgepfropftes Reis, wie wir
gewohnt
sind, deren in der Philosophie zu sehen, sondern ein aus dem Samen
frischgezogener
Baum. Plato knüpft an Sokrates, ausserdem noch an Pythagoras,
Anaxagoras,
Heraklit und Andere an; Aristoteles wächst aus Plato heraus; Bruno
aus Plotin, Lucretius, Cusa; Locke, Berkeley, Spinoza, Leibniz aus
unserem
Descartes; Kant ebenfalls aus Descartes, ausserdem aus Leibniz, Locke,
Rousseau, Hume..... und so
für
Alle; einzig Descartes steht allein. Und wiewohl er von der Wahrheit
seiner
Anschauungen überzeugt ist und von ihrem Siege eine Wiedergeburt
der
Wissenschaften erhofft, wacht er doch so eifersüchtig über
seine
Selbständigkeit, ist er so sehr darum besorgt, auch nach dem Tode
in seiner stolzen Vereinsamung als ein Unantastbarer belassen zu
werden,
dass er im voraus erklärt, seine Methode sei nur für ihn,
nicht
für Andere — mon dessein n'est
pas d'enseigner la méthode
que chacun doit suivre pour bien conduire sa raison, mais seulement de
faire voir en quelle sorte j'ai tâché de conduire la
mienne
(I, 124) — und dass er zu wiederholten Malen vor dem Paradoxon nicht
zurückscheut,
seiner Weltanschauung fehle jegliche Originalität, was er offenbar
nur sagt, damit die guten Leute nicht auf den Gedanken verfallen, um
seinen
Namen herum eine »Schule« zu bilden. Als Schreckbild steigt
vor seinen
Augen
die Vorstellung auf, es würden Menschen kommen, die sich
einbildeten,
in einem Tage das zu erfassen, was ihm als das Ergebnis
zwanzigjährigen
Studiums und Erziehens zum Schauen eigen sei, und darauf würden
sie
dann irgend eine haarsträubende »Philosophie«
aufbauen,
würden
sich weiss machen, diese »Philosophie« ergebe sich aus
seinen
»Prinzipien«,
und der Welt versichern, er — Descartes — sei ihr Urheber. ¹) Rührend ist
es zu hören, wie er die Nachkommen anfleht: »Glaubt nie,
dass die
Dinge,
von denen man euch versichert, sie machen meine Lehre aus, von mir
stammen;
schreibt mir nur das zu, was ihr aus meinem eigenen Munde
vernehmt«
(I, 201 u. III, 30). Und was er gewollt hat — gewollt
—————
¹) Vergl.
Discours de la
Méthode,
gegen Schluss des letzten Teils.
181 DESCARTES
nämlich
im Gegensatz zu der
Bildung
einer Schule — sagt er an der selben Stelle deutlich genug: ouvrir
quelques
fenêtres, nicht ein System aufrichten, sondern »die
Fenster
aufreissen
und Licht hereinlassen«, Licht für alle Diejenigen, die
Augen
zum Sehen haben! Sie unterscheiden schon jetzt in grossen Zügen,
wie
dieser Geist beschaffen war, und was er — als er sich endlich
überreden
liess, öffentlich aufzutreten — bezwecken musste: selber eine
freie
Persönlichkeit, der es schwere Arbeit gekostet hatte, alle Binden
von den eigenen Augen herunterzureissen, welche Erziehung, Herkommen,
Schulweisheit,
Kirchenlehre von Jugend auf darum gewunden hatten, will er freie
Persönlichkeiten
erziehen und zu diesem Zwecke nicht belehren — nicht, heisst das, im
Sinne
der Schulen — sondern nur anleiten, es so zu machen, wie er es gemacht
hatte, nämlich die Augen zu öffnen und sich durch Anschauung
selber zu belehren. Unter »Philosophie« versteht er
buchstäblich »das Öffnen der Augen«, oculos
aperire. ¹) Und weil dies das
Grundprinzip
von Descartes' Persönlichkeit und Lehre war, darum hält er
nicht
inne nach der Feststellung der grossen, allgemeinen,
unumstösslichen
Grundsätze, sondern lässt sich freien Lauf in der Ausmalung
bis
ins einzelne seiner oft bizarren, nur ihm persönlich angemessenen
Vorstellungen. Schauen Sie doch seine Bildnisse an: den naiv erstaunten
Blick hinaus auf die Welt und das verschmitzt ironische Lächeln
über
die Weisheit der Menschen! Bis in die Fingerspitzen ist dieser Mann
Antischolastiker.
Selbst jenes cogito, ergo sum
(ich denke, daher bin ich) ist nicht —
wenigstens
für ihn ist es das nicht — ein logischer Schluss, sondern der
sprachliche
(und nur deswegen in logische Lumpen gekleidete) Ausdruck für
eine
unmittelbare Anschauung; und als die Zunftmänner mit ihm
darüber
tifteln wollen, fertigt er sie ab: »Mein Dasein folgere ich nicht
aus einem
Syllogismus, sondern ich e r b l i c k e es«
(I, 427). ²)
Gerade dieser Mann musste nun
das Schicksal erleben — im Jenseits erleben — das Opfer der populace in
einem Grade zu werden, wie nie ein anderer Denker. Kaum war er
gestorben,
und schon war die Gelehrtenwelt Europas in zwei Lager geschieden:
—————
¹) Vgl. das Vorwort zu den
Principia.
²)
Es beruht also auf Irrtum,
wenn Kant Descartes wegen seines »vermeintlichen
Schlusses«
tadelt
(r. V. 422 und I, 355). Dass
der Fachmann dem
Descartes bestreiten
wird,
dass hier Anschauung vorliegt, wo streng genommen nur von Wahrnehmung
die
Rede sein kann, brauchte ich in meinem Vortrag nicht zu berühren.
182
DESCARTES
in
das der Cartesianer und das der
Anticartesianer.
Das stolze — und zugleich so
kluge, ehrliche, trotz
allein Argwohn liebenswürdige — Auge war geschlossen; jetzt wurde
es anatomisch zerlegt und vordemonstriert. Die — wie üblich — von
allerhand
mittelmässigen und sich untereinander widersprechenden Geistern »vervollkommnete« Lehre des
Descartes
wurde zu einem System von scholastischen Definitionen und starren
Dogmen
umgebildet. Descartes hatte gemeint: was die Sucht nach Definitionen
anbelangt,
so überlassen wir sie den Herren Professoren; in sehr vielen
Fällen
dienen Definitionen lediglich dazu, das, was klar ist, dunkel zu
machen;
durch seine subtilen Unterscheidungen trübt der Fachmann das
natürliche
Licht des Verstandes und gelangt schliesslich dahin, aus dem, was
jeder
Bauer weiss, ein unlösbares Problem zu machen (vgl. XI, 369, 279
u.
299). Descartes war unermüdlich bestrebt gewesen, die Logik in die
engen Schranken ihrer berechtigten Wirksamkeit zurückzuweisen, da
— so sagt er — l'art syllogistique
ne sert en rien à la
découverte
de la vérité (XI, 256, 295), wogegen die logische
Kunst
eine
Haupthandhabe der Fachleute sei, um über die Dinge, von denen sie
selber gar nichts wissen, wortreich zu reden (I, 140). ¹) Und
jetzt,
wenige
Jahre nach seinem Tode, erhob sich ein ausführliches logisches
System
— die Logique de Port-Royal —
angeblich auf seiner Lehre! Kurze Zeit
nur
währte es, und dieser sogenannte Cartesianismus stand im
Mittelpunkte des Abendmahlstreites; Calvinisten und Jansenisten, die
Leugner und
die
Vertreter der wirklichen Gegenwart von Christi Leib und Blut in dem
Brot
und Wein, beide beriefen sich auf Descartes; im Grabe stempelte man ihn
zum Urheber der sog. philosophia
eucharistica; seine erhaben
einfachen,
mit vornehmer Unumwundenheit verfassten Schriften mussten wie die
arcana
disciplinae der alten Mysterien herhalten, um im Streit
über die
abstraktesten
Hirngespinste Beweise für und wider zu liefern. Und inzwischen
griffen
die Physiker die genial übereilte Hypothese von den kosmischen
Wirbeln
heraus und stritten für und wider, als ob Descartes' Naturdeutung
und Persönlichkeit hiermit steh' und falle; während
Freigeister
und Frömmler — beide — sich des sog. Automatismus der Tiere
bemächtigten,
aus dem sie entgegengesetzte Schlüsse folgerten.
—————
¹)
Vgl. auch I, 202:
L'obscurité
des distinctions et des principes dont ils se servent est cause qu'ils
peuvent parler de toutes choses aussi hardiment que s'ils les savaient,
et soutenir tout ce qu'ils en disent contre les plus subtils et les
plus
habiles, sans qu'on ait moyen de les convaincre.
183 DESCARTES
Über
ein Jahrhundert hat das
tolle
Gebrüll der Cartesianer und Anticartesianer die Welt erfüllt;
von Descartes, dem einsamen Forscher und Denker, war nicht mehr die
Rede.
Und als nun — zum nicht geringen Teil aus Samen, die er gesät
hatte
— eine neue Wissenschaft und eine neue Philosophie nach und nach
emporgewachsen
und erstarkt war, da schwemmte allgemeine Verachtung den öden
Cartesianismus
hinweg, mitsamt dem ebenso öden Anticartesianismus. Die grosse
Persönlichkeit
des Descartes war längst entschwunden. Einzig das unselige cogito,
ergo sum wurde noch wie ein Wrack auf dem vielverschlingenden
Ozean der
Welthistorie umhergetrieben.
Freilich, in den
philosophischen
Geschichtswerken wird Descartes in ehrenhafter Weise genannt;
Schopenhauer's
Wort: »der Vater der neueren Philosophie« ist allgemein
nachgesprochen
worden; doch handelt es sich um das, was die Bühnensprache un
père
noble nennt, eine geehrte, aber wenig beachtete Anstandsperson
im
Hintergrunde.
Den ersten Band von Kuno Fischer's umfangreichem Werk über die
neuere
Philosophie kann ich Ihnen allerdings empfehlen; er bietet wenigstens
eine ziemlich eingehende Lebensschilderung; aber auch hier tritt
Descartes
in den Verhältnissen der Behandlung gegen alle anderen Philosophen
zurück, und wenn auch viel Stoff zu einer Darstellung der
Persönlichkeit
geliefert wird, diese Darstellung selbst, das Porträt des so ganz
individuellen Geistes und die plastische Sichtbarmachung seiner
besonderen
Bedeutung fehlt. In den meisten anderen Handbüchern finden Sie
über
ihn nur ein Kapitel, betitelt »Descartes und seine Schule«
oder
gar
»Der Cartesianismus«. Er, der gesagt hatte: die grossen
Geister
reden
Unsinn, sobald ihre Jünger für sie sprechen, denn fast nie
hat
man es erlebt, dass ein Schüler dem Meister geglichen hätte
(vgl. I, 202), er existiert beinahe nur noch als Eponym für eine
Schule!
Wozu noch eines kommt: wenige unserer Fachphilosophen sind gewappnet,
den
wahren Descartes überhaupt verstehen zu können. Denn
Descartes,
wie Sie schon bemerkt haben werden, ist viel mehr Weltanschauer als
Philosoph
in dem scholastischen und noch heute massgebenden Sinne des Wortes;
wir könnten ihn geradezu einen Antiphilosophen nennen. Für
ihn
ist die Philosophie — er definiert sie buchstäblich so — ein Baum,
»des
Lebens goldner Baum«; in die dunkle Erde reichen die
metaphysischen
Wurzeln, und spöttisch bemerkt Descartes: an den
184 DESCARTES
Wurzeln
pflegen keine Früchte zu
wachsen; der mächtige Stamm ist die umfassend gedachte Physik
(worunter
er, siehe XI, 223, die allgemeinen Gesetze aller Bewegung versteht),
und
dieser Stamm verzweigt sich in die vielen empirischen Wissenszweige an
deren Enden erst die Blumen blühen und der Früchte Segen
reift. ¹)
Sie brauchen nur Descartes' systematisches Hauptwerk, die Prinzipien
der
Philosophie, anzusehen: in der Ausgabe von Cousin erfordert der
erste
Teil,
der alle psychologischen und metaphysischen Erörterungen
enthält,
57 Seiten, die übrigen drei Teile — nämlich die Physik, die
Kosmologie
und die Geognosie — über 400 Seiten, wobei noch zu bemerken ist,
dass
Descartes sich entschuldigt, die Zoologie, die Botanik und die
Menschenkunde
noch nicht veröffentlichen zu können. Wohl stellt er, als
Allererster,
das Erkenntnisproblem in den Vordergrund, — eine Tatsache, die
Fontenelle
in die witzige Bemerkung gekleidet hat: Avant M. Descartes, on
raisonnait
plus commodément: les siècles passés sont bien
heureux
de n'avoir pas eu cet homme-là; ²) er wird dadurch
der
Erwecker
echter metaphysischer Besinnung; doch er selber verweilt wenig dabei.
Die
Klarheit über sein inneres Wesen soll ihm als erste Stufe dienen,
um Klarheit über das Wesen der sichtbaren Natur zu gewinnen.
Metaphysik
gilt ihm gleichsam als Sprungbrett zur Physik. Wer nicht befähigt
ist, ihm auf naturwissenschaftlichen und mathematischen Boden zu
folgen,
kann ihm schwerlich gerecht werden. Die Verrichtungen seines Gehirns
studiert
er als einen Teil der Welt, der ihn unmittelbar betrifft und insofern
grundlegend
ist, nicht, durchaus nicht in dem Sinne eines fachmännischen
Philosophen
in der gewöhnlichen heutigen Auffassung des Wortes, dessen Beruf
und
Geschäft es ist, über alle Dinge abstrakt nachzudenken. Dem
Fachwesen
traut er überhaupt nicht; er bezeichnet es als une grande erreur
und
meint: il est plus facile
d'apprendre toutes les sciences à la
fois
que d'en détacher une seule (Règle 1). Ein solcher Mann
steht
unseren philosophischen Fachleuten sehr fern; nicht bloss ferner als
ihr
Liebling Spinoza, der kein einziges Mal das Gebiet der Abstraktion
verlässt,
sondern ferner auch als ein Francis Bacon, der zwar ein Novum organon
für
die Erweiterung der Naturerkenntnis aufstellt, nie aber selber
—————
¹) Vgl. das Vorwort zu den
Principia
philosophiae.
²) Digression
sur les Anciens
et les Modernes; citiert nach Sainte-Beuve: Port-Royal, 4. éd.,
V 354.
185 DESCARTES
mathematischer
und
naturwissenschaftlicher
Arbeit teilgenommen hat, und dessen erster Grundsatz es ist, auf
jegliche
Weltanschauung zu Gunsten einer angeblichen Empirie zu verzichten,
¹)
ferner
auch als ein Locke und ein Berkeley und ein Hume und ein Leibniz; denn
bei allen diesen Männern bildet die ratiocinatio — das heisst, die
Überlegung
innerhalb der Vernunft und die Fortschreitung durch lauter
Vernunftschlüsse
— den Hauptinhalt ihrer Philosophie. Hier dagegen sehen wir einen Mann,
dessen Hauptwerk (leider unvollendet geblieben und nur
bruchstückweise
bekannt) Le Monde ou Traité
de la Lumière heissen sollte!
Also die ganze, grosse Welt, das, was wir heute den Kosmos nennen
würden,
und darin vor allem das Medium, durch welches sie uns bekannt wird,
nämlich
das Licht: diese »zu betrachten, zu erforschen, zu
erfassen« (vgl. S.
119)
war sein Ziel, und nur wer dieses Ziel im Auge behält, kann
hoffen,
sich die Persönlichkeit selbst und das, was sie von sich gibt,
richtig
vorzustellen. Wenn man bei diesem Manne die erkenntnistheoretische
Besinnung,
dazu die metaphysischen Erörterungen über Geist und Stoff,
über
das Wesen des Raumes usw., sowie die Versuche, das Dasein Gottes und
die
Unsterblichkeit der Seele unwiderleglich darzutun, einseitig betont, so
erhält man nicht allein ein schiefes Bild von ihm, sondern man ist
gar nicht einmal im stande, seine besondere Art, auch diese rein
spekulativen
Fragen zu betrachten, richtig aufzufassen. Wer Descartes' Physik nicht
studiert und in ihrem Wesen begreift, erblickt seine Metaphysik in
falscher
Perspektive; daher die Unzulänglichkeit aller Darstellungen des
Descartes
in philosophischen Büchern.
Das selbe Missgeschick verfolgt
ihn aber auch anderwärts; denn vonseiten der Mathematiker,
Mechaniker,
Physiker, Ana-
—————
¹) Es ist
interessant zu bemerken,
wie dieser geschworene Gegner jeder philosophischen Weltanschauung,
dieser
rabiate Vertreter einer rein utilitaristischen, handwerksmässigen
»Wissenschaft«, unseren Fachphilosophen teuer geblieben
ist. In
jedem
philosophischen Lehrbuch wird er noch immer als der Begründer
einer
neuen Epoche gerühmt; wogegen die Naturforscher schon längst
nachgewiesen haben: erstens, dass Bacon's Methode n i c h t
die Methode der
exakten Naturerforschung ist, zweitens, dass die heutigen Methoden der
Naturwissenschaft zu Bacon's Zeiten schon üblich waren und zu
glänzenden
Ergebnissen geführt hatten, über die aber — man denke an das
Lebenswerk
der Kopernikus, Galilei, Harvey, Gilbert usw. — sich Bacon lustig
macht,
völlig unfähig, das Wesen der Naturforschung auch nur zu
begreifen. Man vergleiche hierüber namentlich die drei Arbeiten
Justus
Liebig's aus den Jahren 1863 und 1864 (in seinen Reden und Abhandlungen
abgedruckt), die abschliessend sind, ein für alle Mal, gleichviel,
ob es unseren Philosophielehrern passt oder nicht. Hübsch ist
Goethe's
Urteil über Francis Bacon: »das Haupt aller Philister und
darum ihnen
so
auch zu Rechte« (G. 13. 10. 07).
186 DESCARTES
tomen
usw. ergeht es ihm kaum besser,
manchmal sogar schlechter, als vonseiten der Philosophen. Da wir
nämlich
unter der Herrschaft der äussersten Specialisierung leben, so
fragt
jeder einzelne Wissenschaftszweig nur nach den konkreten Leistungen
innerhalb
seines ausgestreckten Feldes und gibt uns davon Bericht, wogegen
Descartes'
eigentümliches Gebiet das Zwischengelände ist. Wie zwischen
Metaphysik
und Physik, so bewegt sich Descartes überall am liebsten auf den
Grenzscheiden;
dort erst — dort, wo geknüpft und geschieden wird, wo die
spröden
Tatsachen genötigt sind, behufs Verbindung mit anderen
Tatsachenreihen
geschmeidig und fügsam zu werden, dort, heisst das, wo alles
entsteht,
was wir »erklären« und »verstehen« nennen
— dort erst
fühlt
sich Descartes wohl und heimisch. Darum — und nur darum — widmet er sich mit Leidenschaft dem
Studium der Mathematik, der grossen Vermittlerin zwischen Anschauen
und
Denken, zwischen sichtbaren Dingen und unsichtbaren Gedanken. Aber auch
sie, zu deren Förderung er Unsterbliches leistete, ist ihm
»nur die
Hülle, nicht das Wesen« (XI, 218); die reine Mathematik
bloss
um der Mathematik willen zu treiben, betrachtet er als zwecklose
Zeitvergeudung
und eilt, dass man ihm kaum folgen kann, durch die Lehren der Gestalten
und der Örter, um zur Physik und Mechanik zu kommen; hier aber
wieder
ist es nicht das Detail der Phänomene, das ihn interessiert,
sondern
das W e s e n des Lichtes, die U r s a c
h e n der Schwere, das V e r h ä l t n i s
zwischen
den mechanischen Gesetzen der Materie und den Tatsachen des Lebens,
usw.
Zerlegt er ein Gehirn, so beschreibt er es anatomisch zwar sehr
genau, ¹)
doch was ihn fesselt, ist, dass er einen sichtbaren Zusammenhang
zwischen
der morphologischen Gestalt und der Funktion des Gedächtnisses zu
entdecken hofft (Brief an Mersenne,
VI, 235). Dieses letzte Beispiel
zeigt
Ihnen besonders deutlich, wie hier theoretisierendes Denken und
Bedürfnis
nach konkreter Anschauung in diesem eigenartigen Manne Hand in Hand
gingen.
Und eine Folge war, dass Descartes innerhalb der einzelnen
Wissenschaften
weniger leistete, als man bei seinem Genie voraussetzen müsste.
Sein
Theoretisieren beeinträchtigte die Unbefangenheit seines
Beobachtens,
und zugleich beengte die peinliche Detailarbeit seiner Beobachtungen
die
Freiheit seines Theoretisierens. Daher kommt
—————
¹) Siehe
z. B.
in
den Oeuvres Inédites,
herausg. von Foucher de Careil, II, 171
suiv.
187 DESCARTES
es,
dass selbst seine unleugbaren
Leistungen
auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften — sowohl gestaltende
Gedanken
wie auch die Aufdeckung von Tatsachen — meist erst in andren
Händen,
nicht in seinen eigenen, bis zum Ziele gelangten und darum auch unter
anderen
Namen gehen. Dass er z. B. die Luftschwere lehrte und experimentell
untersuchte
zu einer Zeit, als Pascal ein Knabe war und Galilei den horror vacui
noch
als unantastbares Dogma betrachtete, sowie auch, dass das berühmte
Experiment des Puy-de-Dôme lediglich auf sein Drängen hin
von
dem ungläubigen Pascal unternommen wurde, ist zwar dokumentarisch
nachweisbar, doch bleibt es unbeachtet; ¹) dass Descartes die
Circulation
des Blutes unabhängig von Harvey und die Fallgesetze
unabhängig
von Galilei entdeckte, interessiert die Specialisten nicht — für
die
Kenntnis der Persönlichkeit ist es aber von grösstem
Interesse;
dass er als Erster die mathematischen Gesetze der Lichtbrechung
aufstellte,
bestätigt Humboldt noch 1847 in seinem Kosmos (II, 506), in keinem
späteren Werke habe ich die Tatsache erwähnt gefunden; in
Geschichten
der Medizin werden Sie unter »Auge« und
»Gehirn« Descartes
inmitten
einleitender Namenlisten flüchtig genannt finden .... Wie Sie
sehen,
lauter Fragmente, lauter Unbedeutendes, oder gar nichts. Dass der
anschauliche
Gedanke von der Trägheit der Materie unserer gesamten Mechanik zu
Grunde liegt, das weiss zwar Jeder, Wenige wissen aber, dass wir ihn
Descartes
verdanken, und Keiner zieht aus dieser Geistestat und ähnlichen
— lieber als aus cogito, ergo sum —
einen Schluss auf die Natur dieses Intellektes. ²) Ebensowenig
denkt
Einer
daran, dass Descartes
—————
¹) Man
vergl. die Briefe (1631)
VI, 204s., (1638) VII, 436—7, (1642) VIII, 567 u. IX, 113; über
Pascal
X, 344, 351. Inzwischen erfahre ich, dass G. Monchamp in den Bulletins
de l'Académie Royale de Belgique, classe des lettres,
1899, S.
632
bis 644, auf einen bisher ungedruckten Brief Descartes' vom 13. 12.
1647
aufmerksam gemacht hat, aus welchem unwiderleglich hervorgehe, der
Gedanke
der barometrischen Höhenmessung rühre von Descartes her, und
Pascal's Versuch sei erst auf Descartes' Anregung hin erfolgt (vergl.
Deutsche
Literaturzeitung 2. 8. 1902, Kol. 1975).
²)
Dass es Leute unter uns gibt,
die, wie Mach (Die Mechanik,
3. Aufl., S. 248, 275 etc.) dem Descartes
auch diesen Ruhm rauben möchten, obwohl selbst so beschränkte
und verbissene Schmäher des grossen Denkers, wie Whewell (History
of the inductive Sciences, 3d ed.,
II, 20 ff.) eine derartige
Vergewaltigung
geschichtlicher Tatsachen nicht gewagt hatten, verdient nur insofern
Erwähnung,
als es zeigt, wie wenig den Menschen die wahre Persönlichheit des
Descartes,
ihre unvergleichlichen Eigenschaften. sowie die Grenzen ihrer Begabung
bekannt sind. Niemandem, der mit Descartes' Eigenart vertraut ist, wird
es einfallen, seine Leistungen in der experimentalen Feststellung
mechanischer
Tatsachen mit denen Galilei's zu vergleichen; wenn aber Mach die
Verdienste
des Descartes aus der Welt zu schaffen glaubt mit dem Satze:
»Descartes
hat in seiner Weise die Galileischen Ideen ver-
188 DESCARTES
es
ist, der eine ähnliche
Revolution
in der Physik wie Kopernikus in der Astronomie vorbereitete, indem er
die
unglaublich geniale, für seine Zeitgenossen völlig
unbegreifliche,
ihnen verrückt dünkende Überzeugung hegte: L
i c h t i s t
B e w e g u n g,
und zwar nicht die trajektorische Bewegung eines geschleuderten
Körpers
(wie später Newton lehrte), sondern die Bewegung eines
unwägbaren
Stoffes, des Äthers, wodurch unser Augennerv in Schwingungen
versetzt
wird. Unter der vorübergehenden Herrschaft plumper Newtonischer
Vorstellungen
ward dieser Gedanke vergessen, und als man ihn, um den Tatsachen
gerecht
zu werden, wieder aufnehmen musste, da zog man es vor, bei Christian
Huyghens
anzuknüpfen, einem Sohn und Enkel der intimsten Freunde des
Descartes,
der unter den Augen des grossen Mannes aufgewachsen war, und der dessen
genialen Äther- und Lichtgedanken nunmehr zu der mathematisch
vollständig
ausgearbeiteten Undulationstheorie weiter entwickelt hatte. So liegen,
wie Sie sehen, konstruktive Gedanken des Descartes nicht allein unserer
atomistischen Physik, sondern auch unserer Molekularphysik zu Grunde.
Und
trotz alledem erfahren wir auch in Geschichten der Naturwissenschaften
herzlich wenig über ihn und bleibt seine Gestalt auch hier
für
unsere Augen. umnebelt und verzerrt.
DER ANGELPUNKT DES DENKENS
Ich hoffe, Sie
sind mir nicht
gram, dass ich Ihnen so umständlich
dartue, inwiefern
und warum Descartes selten nach Verdienst gewürdigt und seine
Persönlichkeit
vielleicht nie richtig be-
—————
arbeitet«, so begeht er
unbewusst eine
historische
Fälschung. Descartes' Buch Le
Monde war im Anfang des Jahres 1633
schon druckfertig (siehe die Briefe an Mersenne vom März und April
und vom 22. Juli 1633, VI, 224 s; 230, 236 s), und in ihm ist sowohl
das
sog. Trägheits- oder Beharrungsgesetz mit vollkommener Klarheit
ausgesprochen,
als première règle
(IV, 254 s), wie auch die geradlinige Bewegung
(troisième règle,
p. 259 s), also das ganze sogenannte
»erste
Gesetz Newton's«.
(Vergl. hierüber auch Clerk
Maxwell:
Matter and Motion, §
XVI.) Auch jenes Gesetz von der
Q u a n t i t ä t
d e r B e w e g u n g (= Masse multipliziert mit
Geschwindigkeit), welches
ebenfalls
noch heute eine so grosse Rolle in unserer Mechanik spielt, findet sich
in diesem frühen Werk (seconde
règle). Galilei's Discorsi
e
dimostrazioni erschienen aber erst 1638, und selbst sein Werk
über
das kopernikanische System (erschienen 1632) hat Descartes nachweisbar
erst im August 1634, und zwar nur dieses einzige Mal, auf einen Tag
geliehen,
in Händen gehabt (siehe den Brief an Mersenne vom 14. August 1634,
VI, 247). Nebenbei sei bemerkt, dass Descartes wenigstens das
allgemeine
Prinzip des Fallgesetzes ebenfalls unabhängig von Galilei fand; im
Juni 1631 kannte er es noch nicht (VI. 185): doch arbeitete er damals
daran,
und er freut sich 1634, als er durch Galilei's Versuche seine
inzwischen
gemachten Annahmen experimental bestätigt findet (VI. 248).
— Solchen
Verirrungen verdienstvoller Männer wie Whewell und Mach
gegenüber
ist es trostreich zu sehen, wie jeder unzweifelhaft geniale Mensch —
auch
unter den Physikern und Mechanikern — Descartes' unvergängliche
Bedeutung
zu würdigen weiss, so Clerk Maxwell und Heinrich Hertz.
189
DESCARTES
urteilt
wird Dieses negative
Verfahren
musste ich einschlagen, weil mir daran lag, das wenige zu
zerstören,
was Sie von ihm etwa wissen, das heisst, zu wissen vermeinen, um Platz
für richtigere Ansichten zu schaffen. Unterdessen werden Sie,
hoffe
ich, doch einiges gelernt haben und sich dem leibhaftigen Descartes
näher
fühlen als vor einer halben Stunde. Und es läge mir viel
daran,
dass Sie genau wüssten, wie es in dem Kopfe dieses
merkwürdigen
Mannes ausgesehen hat; denn er — ich meine, dieser Kopf — bildet den
Angelpunkt
unserer Betrachtungen in diesen Vorträgen über Kant's
Persönlichkeit,
wie er — in mehr als einer Beziehung — den
Angelpunkt des menschlichen
Denkens
überhaupt bildet. Ich sage absichtlich »Kopf«, nicht
»System«, nicht
»Metaphysik«,
nicht »Entdeckungen«: das System des Descartes, d. h. seine
Kosmologie,
wie sie die Principia usw.
entwickeln, ist ungeniessbar, — ungeniessbar
nämlich,
sobald wir es mit mühseliger Genauigkeit wie ein dogmatisches
Bauwerk
untersuchen und des Verfassers Mahnung ausser Acht lassen, seine
systematischen
Werke möglichst schnell zu lesen, comme une fable oder ainsi qu'un
roman; ¹) seine Metaphysik — wenngleich sie den
Ausgangspunkt alles
späteren
Denkens bildet — ist zugleich nüchtern und extravagant, ideenlos
und
hyperphantastisch; seine Entdeckungen hat er — mit einziger Ausnahme
der
Erklärung des Regenbogens ²) — nie in befriedigender Weise
bis ans
Ende
verfolgt und ausgearbeitet, — einen Augenblick lässt er sich vom
empirischen
Detail ersticken, den nächsten schwingt er sich zu Hypothesen auf,
die in dem Überreichtum an künstlich verschränkten
Detailbestimmungen
wenig geeignet sind, den regelrechten Gang der Forschung zu
fördern.
Rechten wollen wir nicht mit ihm darüber, sondern vielmehr mit
Vauvenargues
einsehen lernen, dass Descartes oft richtig erblickt und richtig
erraten
hat, auch dort wo er in der Kombination hypothetischer Ursachen
übereilt
vorging; gewöhnliche Geister sind vor dergleichen Verirrungen
sicher:
les esprits subalternes n'ont point
d'erreur en leur privé nom,
parce qu'ils sont incapables d'inventer, même en se trompant.
³)
Descartes
selber, der kluge Mann, wusste
—————
¹) I, 124, III, 21
und vgl. den
Brief vom 15. April 1630, wo er sein Weltsystem so abzufassen hofft,
qu'on
le pourra lire en une après-dînée (VI, 101).
²) Dass diese Entdeckung sein
unbestreitbares, eigenes Verdienst ist, hat selbst ein Whewell
zugegeben
und nachgewiesen (l. c. II, 280 fg.), entgegen den Versuchen, die schon
seit Newton unternommen werden, auch diese Tat ihm zu Gunsten eines
obskuren
Fachmannes zu entreissen.
³) Réflexions et Maximes, Nr.
279.
190 DESCARTES
wohl,
wie es darum stand, und hat
dieser
Einsicht häufig in den Worten Ausdruck gegeben: es
genügt,
wenn ich die Bahn freimache, ihr mögt das weitere tun. ¹)
Darum,
ich
wiederhole es, ist an diesem Manne weniger das Werk als der Mann
selber
— oder wie ich vorhin sagte, der Kopf — wichtig. Wir Menschen sind ein
recht albernes Geschlecht: gerade bei dem einen Philosophen unter
allen,
wo die Persönlichkeit selbst in der Eigenartigkeit ihres
Intellektes
und erst in zweiter Reihe die systematischen Lehren das treibende
Moment
und das bleibende Interesse bilden, gerade bei ihm haben wir uns die
Persönlichkeit
entschlüpfen lassen. Jedoch, neben dem geschichtlichen
Weiterleben
gibt es für einzelne Männer eine »namenlose«
Unsterblichkeit; diese besitzt Descartes wie sonst kaum Einer; denn die
Gedanken, die
jener
Kopf dachte und — noch mehr als die Gedanken — die Art und Weise, wie
jener
Kopf die Hauptprobleme des Daseins auffasste, dasjenige also, was ich
die
A r t z u s c h a u e n nennen
würde, die Art die Augen nach aussen und
nach
innen zu gebrauchen, das alles hat unsere Philosophie und unsere
Naturwissenschaft
dermassen durchsetzt, durchdrungen, gestaltet, dass wir allesamt
— gleichviel,
welcher Schule wir angehören — auf dem Webstuhl des Descartes
unsere
Gedanken weben. Mit Recht bemerkt daher der Zoologe Thomas Henry Huxley
— einer der wenigen
philosophisch
gründlich
gebildeten Naturforscher des 19. Jahrhunderts: »In allen
Gedanken,
die
charakteristisch modern sind, sei es auf dem Gebiete der Philosophie
oder
auf dem der Naturwissenschaft, finden wir, wenn auch nicht immer die
Form,
so doch den Geist des grossen Franzosen«; eine Einsicht für
die einer der besten Kenner des Descartes, Graf Foucher de Careil, das
Epigramm geprägt hat: on se
croit nouveau, on est cartésien.
Zunächst ist es die ganze
Haltung des Geistes, nämlich die bedingungslos f r a g
e n d e, welche
Epoche
machte. Descartes' intellektuelle Haltung ist eine
»skeptische«‚ aber un
echten, alten Sinne des Wortes. Denn das Verbum skeptomai hiess
ursprünglich
schauen, betrachten, untersuchen, später erwägen,
überlegen; im Namen »Skeptiker« lag früher die
Betonung auf dem
Untersuchen
und dem sorgfältigen Betrachten (quaesitores
et consideratores,
nennt
Gellius die Skeptiker). Die instinktive Weisheit der sprachbildenden
Mächte
bringt also wohl die Wahrnehmung durch die Sinne mit der Notwendigkeit
der genauen, sorgfältigen Untersuchung zusammen, nicht
—————
¹) Siehe
z. B. I. 204, III, 31, IV, 264 usw.
191
DESCARTES
aber
mit dem Begriffe des
allzersetzenden
Zweifels, wie er in der Verfallzeit griechischen Denkens aufkam und
dem
Worte Skepsis eine neue Bedeutung aufdrückte. Die Sterilität
des philosophischen Skepticismus wird durch seine Beschränkung auf
logische Funktionen bedingt; weder greift er hinaus in die empirische
Natur,
noch reicht er hinein in das sichere Selbstbewusstsein; sowohl die
äussere
Natur wie das innere Wesen hätte den Skeptiker gelehrt, dass
dasjenige,
was tatsächlich ist, nicht notwendigerweise vor dem logischen
Forum
besteht. Der antike Skeptizismus entsprang aus schalem Denken und
führte
zur Frivolität; wogegen der Skeptizismus des Descartes ein
Erwachen
des Menschen aus dogmatischem Schlummer zu unbefangen fragendem
Aufblick
bedeutet. Descartes zweifelte nicht, um zu zweifeln, sondern im
Gegenteil,
um die Wege eines möglichen Wissens ausfindig zu machen. Non que
j'imitasse les sceptiques, ..... au
contraire, tout mon dessein ne tendait qu'à m'assurer, et
à
rejeter la terre mouvante et le sable pour trouver le roc ou l'argile
(I,
154). Die antiken Skeptiker, so überlegen sie sich auch vorkamen,
blieben in Aberglauben verstrickt bis an den Hals; Descartes hingegen
machte
Ernst damit, d'entreprendre
d'ôter une bonne fois toutes les
opinions
que j'avais reçues jusques alors en ma créance (I,
136).
Wenn nun Descartes' Zweifeln sich damit begnügt hätte, uns
bis
auf jene Wahrnehmung zurückzuführen, die er in die Worte zu
kleiden
pflegte: cogito, ergo sum,
oder dubito, ergo sum, oder sum, cogito,
sum cogitans usw., wäre das schon etwas gewesen; Kant nennt
ihn
dafür
»einen Wohltäter der menschlichen Vernunft«; in
Wahrheit
bedeutet
aber dieses Ergebnis kritischer Besinnung nur die Sonnenwende des
Descartesschen
Denkens, es bildet den Punkt, wo die Bewegung ihre Richtung umkehrt, um
vom Negativen zum Positiven überzugehen. Das cogito, ergo sum ist
eine Grenzwahrnehmung, genau so, wie für Kant das »Ding an
sich« ein
Grenzbegriff ist, und nur Narren finden ein Vergnügen daran, gegen
dergleichen Marksteine mit dem Kopf anzurennen. Descartes war kein
solcher
Narr. An dieser äussersten Grenzscheide, auf dem gesuchten
»Felsen«
errichtete er eine Kirche dem Gott, ohne den er nicht leben mochte;
Gott
zu beweisen, ist immer ein bedenkliches Unternehmen, er steht ja
jenseits
der scharfen Descartesschen Grenze; doch dieser nicht sehr
religiös
empfundene Gott des in einer Jesuitenschule erzogenen Descartes wird
uns
weniger als bewiesen aufgedrungen, denn als nötige Voraussetzung
plausibel
192
DESCARTES
gemacht,
und er hat
das eine für sich, dass er ein Gott der Wahrheit ist: nur damit
das,
was da ist, wahr sei, braucht ihn Descartes, zu weiter nichts. ¹)
Und nun
wendet sich der kühne Forscher um zu konstruktiven Geistestaten!
Jenem
Grenzstein kehrt er den Rücken, in seiner Kirche kniet er nur
selten
zu kurzer Andacht; dagegen bereichert er die Welt mit Gedanken, die so
lebensfrisch infolge ihrer Anschaulichkeit sind, dass sie allen
Stürmen
der Zeit getrotzt haben und auf Jahrtausende hinaus trotzen werden, und
er bereichert sie mit Anschauungen, die so unerschöpflichen
symbolischen Wahrheitsgehalt bergen, dass sie an älteste
Überlieferungen
unseres
Geschlechtes gemahnen und in kommende Zeiten hinausweisen.
Glauben Sie, bitte, nicht, dass
ich hier hyperbolisch rede; meine Worte sind buchstäblich zu
nehmen.
Als Beispiele will ich einen von ihm in die Philosophie
eingeführten
Gedanken und eine von ihm in die Naturwissenschaft eingeführte
Vorstellung
nennen. Descartes' analytische Zurückführung der gesamten
inneren
und äusseren Menschenerfahrung auf die zwei Begriffe:
A u s d e h n u n g
und
D e n k e n ist ein so einfach anschaulicher Gedanke, dass er
nie
aufhören
kann, produktiv zu wirken; bis auf den heutigen Tag knüpfen alle
Philosophen
hier an; zwar benützen sie verschiedene Wolle und weben sie
verschiedene
Muster, doch auf Descartes' Webstuhl weben sie — wie schon gesagt —
alle.
Andrerseits ist eine Vorstellung wie diejenige des den gesamten Kosmos
ausfüllenden unwägbaren Stoffes, des Äthers, so reich an
symbolischer, gedankenhafter Gestaltungsfähigkeit, dass wir erst
heute,
im Lichte neuester Entdeckungen, ihre grosse Fruchtbarkeit zu
würdigen
beginnen. ²)
In seiner Schrift Über
die
menschliche
Unsterblichkeit bemerkt Herder:
»Unglaublich ist's, wie
wenige
eigentümliche Formen im Reich der Gedanken und Menschenwirkungen
erscheinen,
wenn man die Geschichte prüfend hinab verfolgt. Weit weniger
Regenten
—————
¹) Ich
rede hier nur von dem
philosophischen
Gott des Descartes; im übrigen verblieb unser Denker zeitlebens
ein
zwar antifanatischer, doch treuer Sohn der Kirche, der seine Väter
angehört hatten.
²) Für die
Kenntnis von
Descartes' Ätherlehre welche er im bewussten, scharfen
Widerspruch zur Atomistik
aufstellt — genügt nicht die Kenntnis der Abschnitte, welche die
Bewegung
der Gestirne behandeln, wie das dritte Buch der Prinzipien oder das
fünfte
Kap. des Monde etc.; die
wichtigsten Stellen sind diejenigen, welche
das
Wesen des Lichtes zum Gegenstand haben, also der ganze erste Abschnitt
der Dioptrique und das 14.
Kap. des Monde; viele
wichtige Stellen
enthalten
auch die Briefe, z. B. VI, 56, 104, 204 fg; 278, 343 fg; 355; VII.
241,
289; IX, 348,
351; siehe auch die 12.
Règle,
XI, 277.
193 DESCARTES
beherrschen
die Welt der
Wissenschaften
..... als Monarchen Länder
beherrschen.« Da
haben
Sie in einer kurzen Formel Descartes' Verdienst: er ist Einer jener
unglaublich
Wenigen, welche »eigentümliche Formen im Reich der
Gedanken«
schaffen. Hier nun, wo wir eine Darstellung der Descartesschen
Weltanschauung
nicht unternehmen dürfen, da dies uns zu weit abführen
würde,
müssen wir auch von einer Aufzählung der eigentümlichen
Formen, die er eingeführt hat, absehen; was wir dagegen scharf ins
Auge zu fassen haben, ist die Art, wie dieser Mann — empfangend und
schaffend
— in die Welt hinausschaute; die Art, wie er zu den neuen,
»eigentümlichen
Formen im Reiche der Gedanken« kam. Zu dieser Aufgabe wenden wir
uns jetzt.
DAS SICHTBARE UND DAS UNSICHTBARE
Ich rühmte vorhin an
Descartes'
Gedanken ihre grosse Anschaulichkeit; zugleich nannte ich
als
Beispiel seine Erfindung des Äthers, also eines Gedankendinges,
das — bei näherer Überlegung — jeder
Anschauungsmöglichkeit
trotzt. Eine genaue Analyse wird uns überzeugen, dass es in der
Tat
zweierlei Arten gibt, jenen Eindruck geistiger Befriedigung
hervorzubringen,
den wir im gewöhnlichen Leben kurzweg als »anschauliche
Klarheit«
bezeichnen; teils handelt es sich um ein Sehen, teils um ein Denken.
Die
schöpferische Macht des gestaltenden Blickes, hinausgerichtet auf
die umgebende Welt, war bei Descartes von so seltener Grösse, dass
ein nüchterner Zeitgenosse, der grosse Mathematiker Christian
Huyghens,
bei der Nachricht von seinem Tode in die Worte ausbrach:
Nature! prends le deuil, viens
plaindre la première
Le grand
Descartes, et montre ton
désespoir;
Quand il
perdit le jour, tu perdis la
lumière,
Ce n'est
qu'à ce flambeau que
nous t'avons pu voir. ¹)
Besonders schön sind diese
Verse,
als solche, nicht; aus der Feder eines Huyghens jedoch gewinnen sie um
so mehr Bedeutung als dieser Forscher zu den exaktesten aller Exakten
gehörte.
Und er behauptet, wie Sie hören: die sonnenbeleuchtete Welt war
dunkel, ungesehen, bis Descartes eine Fackel über ihr
anzündete,
die Fackel des Gedankens. Wir Menschen erblicken eben die Natur
verschwommen,
solange nicht deutliche Begriffe in das Chaos der Wahrnehmungen
Ordnung
gebracht haben. Unser Auge sieht nicht klar, wenn nicht das denkende
Hirn
es — wie ein optisches Glas
—————
¹)
Mitgeteilt von Foucher de
Careil:
Oeuvres inédites de Descartes,
II, 236.
194
DESCARTES
—
scharf auf die Gegenstände
eingestellt
hat. In einer anderen Strophe des selben Gedichtes gebraucht aber
Huyghens
eine Wendung, die das soeben Gesagte durch das genau Umgekehrte
ergänzt: denn er behauptet
von Descartes, dass
er:
Faisait voir aux esprits ce qui se
cache
aux yeux.
Hiermit wird gesagt: Descartes
schenkte
Sichtbarkeit denjenigen Dingen, die unsere physischen Augen zwar nicht
erblicken, unser Verstand aber notwendigerweise denken muss. Also, wie
er dort den Dingen die Gedanken, so schenkte er hier den Gedanken die
sinnfälligen
Vorstellungen; mit anderen Worten, er verdinglichte sie. Dort war es
ein
Verdenklichen des undeutlich Geschauten, hier eine Veranschaulichung
des
undeutlich Gedachten.
Wir wollen uns diese
beiden
Behauptungen
Huyghens' sofort durch Beispiele erläutern. Der Anschauung kommt
Descartes
mit Gedanken zu Hilfe, wenn er z. B. alle sichtbaren Bewegungen der
Körper
am Himmel und auf Erden durch die Aufstellung einiger Grundbegriffe
(Trägheit,
Masse etc.) verständlich macht; selbst diese allereinfachsten
Phänomene
haben wir erst durch die Erfindung solcher ordnenden Begriffe richtig
beobachten,
richtig sehen lernen. Desgleichen gehört hierher seine Theorie,
die
Summe der Bewegung im Weltall sei ein für allemal
unveränderlich,
eine Lieblingsbehauptung des Descartes, durch welche erst in das
chaotische
Durcheinanderschwingen und -kreisen des Kosmos ein Ordnung schaffender
Gedanke kommt, ein Gedanke, der — nur durch einen Zusatz ergänzt —
die
Grundlage der heutigen Lehre von der Erhaltung der Energie bildet, die
unserer ganzen Physik zu Grunde liegt. ¹) Das
—————
¹)
Heute lautet die Formel: Die
Energie des Weltalls ist konstant. Und wenn man auch von einer Energie
der Lage oder potentiellen Energie spricht und sie von der kinetischen
Energie der Bewegung unterscheidet, so zeigt dies nur, dass Descartes'
Vorstellung eine so unentbehrliche war, dass wir vor kleinen Sophismen
nicht zurückschreckten und der Natur gleichsam einen Kredit bei
einem
Bankier eröffneten; indem wir nunmehr mit dem Soll und Haben
dieses Conto
corrente geschickt operieren, stimmt die Rechnung immer genau;
mehr
kann
der Menschengeist nicht fordern. — Wenn ich auch entfernt davon bin,
ein
gelehrtes Buch schreiben zu wollen oder auch zu können, so
möchte
ich doch eine Bemerkung wie die obige gegen die vorauszusehenden
Einwürfe
in Schutz nehmen und tue dies durch den Hinweis auf das genialste
physikalische
Fachbuch neuerer Zeit, die Prinzipien
der Mechanik von Heinrich Hertz.
Hier lesen wir, § 607: Die kinetische und die potentielle Energie
eines konservativen Systems unterscheiden sich von einander nicht
durch
ihre Natur, sondern nur durch den f r e i w i l l i g e
n S t a n d p u n k t unserer
Auffassung,
oder die unfreiwillige B e s c h r ä n k u n
g u n s e r e r K e n n t n i s von
den
Massen
des Systems. Dieselbe Energie, welche bei einem gewissen Stand unserer
Auffas-
195
DESCARTES
gilt für
die eine der beiden
Behauptungen
des Huyghens; jetzt die andere. Dem Denken kommt Descartes durch
Veranschaulichung
zu Hülfe, wenn er z. B. den schon genannten Äther erfindet.
Dieses
Gedankenbild weist uns an, das Licht als die Bewegung eines unendlich
feinen,
unwägbaren, unwahrnehmbaren Stoffes zu betrachten, der den ganzen
Weltraum ausfüllt, eine Bewegung, welche der Augennerv uns verrät, ohne sie uns zu
zeigen,
da ja der Äther nicht ein Wahrnehmbares und also nicht ein
Wirkliches,
sondern
ein Symbol für ein in Gedanken vorausgesetztes und undefinierbares
Etwas ist. ¹) Ein anderes Beispiel wäre Descartes' Lehre:
nicht
das
Auge, das Gehirn ist es, welches sieht; alle Sinneseindrücke sind
in letzter Instanz unsichtbare Bewegungen unwahrnehmbarer kleinster
Teile
innerhalb des Hirnes. ²) Hier — beim hypothetischen Äther und
bei
den hypothetischen Molekularbewegungen der Hirnsubstanz — dient die also gewonnene Sichtbarlichkeit
blosser Gedanken zu einem folgerichtigen Beobachten und
Verknüpfen
der Phänomene; wahre exakte Wissenschaft der Natur und des
Menschen
ist erst durch sie und ähnliche Symbole möglich geworden.
Das sind, wie Sie
sehen, zwei
verschiedene geistige Gaben, die hier unserem Philosophen zugesprochen
werden, Gaben, die nicht notwendigerweise zusammengehören, und
die
uns beide — wenn wir sie so rein und eigenmächtig ausgebildet wie
hier erblicken — zunächst
eigentümlich anmuten,
wie ein nicht leicht zu Fassendes. Descartes wusste das Gesehene
denkbar
zu gestalten, und zugleich
—————
sung oder unserer Kenntnis als
potentielle
zu bezeichnen ist, ist bei verändertem Stand unserer Auffassung
oder
Kenntnis als kinetische anzusprechen.« Nun wird vielleicht der
Fachmann
einwerfen, diese Worte bezögen sich lediglich auf das, was die
Mechanik
»konservative Systeme« nennt, nicht auf
»dissipative«‚ und streng
genommen
kämen in der Natur nur letztere vor. Da verweise ich aber auf
§
665: Ȇbrigens steht
der Unterschied
zwischen konservativen und dissipativen Systemen und
Kräften n i c h t
i n d e r N a t u r, sondern beruht
lediglich auf der freiwilligen
Beschränkung
unserer Auffassung oder der unfreiwilligen Beschränktheit
unserer
Kenntnis der natürlichen Systeme. Werden alle Massen der Natur als
sichtbare Massen betrachtet, so fällt jener Unterschied fort,
und
alle Kräfte der Natur können alsdann als konservative
Kräfte
bezeichnet werden.« Letztere Annahme liegt nun unserer heutigen
energetischen Physik zu Grunde, und wenn es auch — laut obigem — mehr
oder
weniger bei uns liegt, was wir als kinetische und was wir als
potentielle
Energie betrachten wollen, das eine bleibt auf alle Fälle: dass
wir
immer unter dem einen Begriff »Energie« zweierlei verstehen
müssen,
und zwar »zwei gänzlich verschiedene Formen«, für
welche
es niemals gelingen kann, eine eindeutige Definition aufzustellen
(siehe
das angeführte Werk, S. 26 der Einleitung). Ungemeine
Anschaulichkeit
gewinnt die Vorstellung der potentiellen Energie durch Perrin's
Bemerkung:
L'énergie potentielle doit
être repardée comme
localisée
dans l'éther (Les
Principes, 1903, § 115).
¹) III, 506 fg., 525; IV, 313 fg.; V,
6 fg.: 271 fg.; VI, 345; VII, 241, 280 etc.
²) II, 356; III, 507 fg.; V. 64; IX.
337
fg. etc.
196
DESCARTES
besass
er die Gewalt, das nur
Gedachte
in Sichtbares umzuformen: das
ist die Tatsache, auf die uns
Huyghens
aufmerksam macht. Und hiermit trifft er in der Tat den Kern; darum soll
uns seine Bemerkung als Leitfaden für die fernere Analyse dieses
einzigartigen
Intellektes dienen.
Damit wir nun schnell und sicher
in die Tiefe gelangen, möchte ich das Urteil Huyghens', das ich
schon
auf seinen einfachsten Gedankeninhalt zurückgeführt habe, in
eine noch schlagendere, knappere und absichtlich paradoxe Formel
bringen.
Denn nicht Formeln, sondern nur Phrasen verhindern eine lebendige
Einsicht;
wogegen eine richtige Formel wie ein Knochengerüst dient, um
welches
die Organe der lebendigen Gestalt sich nach und nach ansetzen. Meine
Formel
lautet: Descartes' auszeichnende Gabe war, d a
s S i c h t b a r e u n s i c h t b a
r u n d
d a s U n s i c h t b a r e s i c h t b a
r z u m a c h e n.
Wenn Sie nämlich in der Welt
Ihres eigenen sinnenden Bewusstseins kritische Umschau halten, werden
Sie
bald bemerken, dass der Grad der Anschaulichkeit der Vorstellungen,
die
es ausfüllen, ein sehr verschiedener ist, und ebenso der Grad
ihrer Denkbarkeit. Und bald werden Sie gewahr werden, dass her ein
recht
verwickeltes
Verhältnis von gegenseitigen Verschiebungen, von Geben und Nehmen
stattfindet.
Wir besitzen Gedanken, mit denen kaum der Schatten einer Anschauung
verbunden
ist; und wir besitzen Anschauungen, die nur jedes Minimum von Denken
begleitet, das zum bewussten Anschauen vonnöten ist, — von solchen
ist unser Tagesleben sogar angefüllt. Ohne mich hier nun auf
Weiteres
einzulassen, will ich Sie nur auf das Eine aufmerksam machen, dass ein
Gedanke, den eine verschwommene, fast unfassbare Anschauung begleitet,
also ein »unsichtbarer« Gedanke, wenig oder nichts
auszurichten
vermag,
und dass umgekehrt reine Anschauung bald ins Ungeheuerliche,
Ungeschmeidige,
Unbildsame hinauswächst, wenn nicht das Denken sie zu erfassen
und
in ein Ungesehenes umzubilden versteht. Um konkrete Beispiele sind
wir nicht verlegen, wir brauchen bloss an unsere beiden ersten
Vorträge
zu denken: die
unübersehbare Masse der durch
reine Anschauung gegebenen Pflanzen- und Tiergestalten fasste Goethe
in
seine Idee der Metamorphose d u r c h einen Gedanken
und z u einem Gedanken
zusammen, dadurch hauchte er gleichsam der brutalen Beobachtung
eine
bildende Künstlerseele ein und förderte die Erforschung der
Natur
197
DESCARTES
für
alle Zeiten; Helmholtz aber
— der Physiker, der uns mit Recht belehrte, die Kräfte, mit denen
mathematische
Wissenschaft zu tun hat, könnten nicht »Objekte der
sinnlichen
Anschauung«‚ sondern lediglich »Objekte des begreifenden
Verstandes sein«
(siehe S. 126) — Helmholtz muss
nichtsdestoweniger
in seiner Optik zu handgreiflichen B i l d e r n
seine Zuflucht nehmen, erst
zu dem nassen Faden, dann zu dem Strahle, der — gleich wie ein Matrose
an
einem Stricke sich entlang hisst — »längs der
Ätherteilchen sich
fortpflanzt«, und so weiter, von Bild zu Bild, denn ohne
anschauliche
Vorstellung liesse sich dieser Gedanke des »begreifenden
Verstandes« —
der
Äther — nicht ausdenken und verwerten. Auf diese Weise verwandeln
wir Menschen — halb unbewusst — immerfort das Sichtbare in Unsichtbares
(um
es besser zu sehen) und das Unsichtbare in Sichtbares (um es besser zu
denken).
Kant nun hat von seinem metaphysischen Gipfel aus das, was ich hier nur
konkret und anschaulich anzudeuten bestrebt bin, in folgendes Kernwort
zusammengefasst: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen
ohne
Begriffe
sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu
machen, d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen,
als
seine Anschauungen sich verständlich zu machen, d. i. sie unter
Begriffe
zu bringen« (r. V. 75).
Kant redet hier von den allgemeinen, unbewusst
vor sich gehenden, notwendigen Funktionen aller menschlichen Vernunft
von dem Augenblick an, wo sie beim neugeborenen Kind in Tätigkeit
tritt;
doch lassen Sie diese Vernunft so weit ausreifen, dass sie sich eine
Wissenschaft
und eine Weltanschauung aufbauen will, und sie steht nun als bewusste
Intelligenz
genau dort, wo sie beim Erwachen unbewusst stand. Nur ist es ihr dann
so
bequem, ihr liegt es so nahe, der Mahnung Kant's nicht zu folgen,
sondern
mit leeren Gedanken und blinden Anschauungen zu operieren, dass drei
Viertel
aller Philosophie vom Anfang an bis auf den heutigen Tag sich nie mit
anderen Dingen zu schaffen gemacht hat. Die schriften des heiligen
Thomas
von Aquin z. B. sind ein unerschöpfliches Arsenal von
Vorstellungen,
bei denen sich nicht das Geringste denken lässt, also
»blinden
Anschauungen«;
und springen Sie über vom 13. zum 19. Jahrhundert, so finden Sie, dass
das populärste aller neueren Systeme, das Schopenhauerische, einen
(nach Kant's Auffassung) völlig leeren Gedanken als Grundstein
benützt,
denjenigen, den es den W i l l e n nennt und der —
laut Definition — das
Gegenteil
einer
198
DESCARTES
Vorstellung
ist, folglich etwas, was
keinen irgendwie anschaulich zu begreifenden Inhalt hat. Alle
derartigen
Gedankenstrukturen sind Schwärmerei, nicht Erkenntnis; Kant hat
es
einmal sehr einfach formuliert: »Durch die blosse Anschauung ohne
Begriff
wird der Gegenstand zwar gegeben, aber nicht gedacht, durch den Begriff
ohne korrespondierende Anschauung wird er gedacht, aber keiner gegeben;
in beiden Fällen wird also n i c h t e r k
a n n t « (F.).
Wie hingegen
Anschauung
und Gedanke, Sichtbares und Unsichtbares sich zur Auferbauung
naturdeutender
Weltanschauungen die Hand reichen, das können Sie am besten aus
der
Geschichte unserer Naturwissenschaften ersehen, deren Entwickelungsgang
stets von diesem gegenseitigen Durchdringen bedingt war. Halten wir
hier
Umschau.
Denken Sie sich in
den Anfang
des 17. Jahrhunderts. Kopernikus und Kepler haben den Lauf der Planeten
un die Sonne in seinen Hauptzügen entwirrt, Galilei hat vom
schiefen
Turm zu Pisa aus den Fall der Körper exakt beobachtet — anstatt
wie
alle seine Vorgänger über diese Dinge nur logisch zu
räsonnieren
— und setzt seine Studien auf schiefen Ebenen fort, Descartes und
Andere
verfolgen mit Scharfsinn und Geduld den geheimnisvollen Gang des
Lichtstrahles,
seine Biegung, Brechung, Widerspiegelung, Gilbert veröffentlicht
seine
Beobachtungen über
Magnetismus .....
von allen Seiten strömt Stoff hinzu, d. h. Anschauungsmaterial,
und
auf jedem einzelnen Gebiete sind die empirischen Forscher tätig,
sich,
so gut es ihnen gelingen will — wie Kant es fordert — »ihre
Anschauungen
verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu
bringen«.
Doch
hier entdecken wir etwas, worüber wir uns vorderhand den Kopf
nicht
zu zerbrechen brauchen, sondern was wir einfach als Erfahrung hinnehmen
wollen: dass nämlich das Denken nicht unmittelbar an die
sinnliche
Anschauung anzuknüpfen vermag, sondern sich erst seine
eigene
g e d a n k e n a r t i g e
Anschauung dazu erschaffen muss, dasjenige, was wir ein
»Symbol« nennen, wenn wir mehr die anschauliche Seite, und
eine
»Hypothese«,
wenn wir mehr die gedankliche Seite hervorzuheben wünschen. Das
Denken
m u s s zusammenfassen, das ist seine Funktion; die reine
Anschauung gibt
jedoch nur vereinzeltes Einzelne. Darum kann das anschauliche Denken
ohne
Symbol nicht vor sich gehen; es vermag nicht, das Anschauungsmaterial
ohne
weiteres zu ergreifen, zu erfassen und sich einzuverleiben; ohne Symbol
bleibt es leer.
199
DESCARTES
Ich
kann also weder über die
Bahnen
der Gestirne, noch über den Fall der Körper, noch über
das
Wesen des Lichtes und des Magnetismus etwas denken, wenn ich nicht
ausser
dem empirischen Material und als Ergänzung dazu noch eine
symbolische
Vorstellung der betreffenden Vorgänge — mit anderen Worten ein
Zwischending
zwischen Anschauen und Denken — besitze. Wozu sich noch eine weitere
Forderung
meines Geistes gesellt: nicht nur müssen innerhalb der einzelnen
Erscheinungsreihen
die Erscheinungen (mittelst Symbole) mit einander verknüpft
werden,
sondern alle die verschiedenen Erscheinungsreihen, die ich durch
empirische
Anschauung kennen gelernt habe, müssen ausserdem als eine einzige
umfassende Einheit begriffen werden können. Denn, wie Sie
später
von Kant lernen werden, das, was wir Natur nennen, ist »die
Einheit
des
Mannigfaltigen der Erscheinungen«, wie sie, mit innerer
Notwendigkeit, von
unserem Denken hergestellt wird (r.
V. I, 126 fg.). Ich bin nicht frei, mehrere Naturen anzunehmen;
die Gruppierung der Planeten um die Sonne
und
die Gruppierung der Eisenspäne um die Pole eines Magneten auf
meinem
Schreibtisch müssen als Wirkungen innerhalb eines einheitlichen
Ganzen
aufgefasst werden. Hier tritt nun der grosse Descartes
schöpferisch
auf: er schafft eine neue »eigentümliche Form im Reich der
Gedanken«,
er wandelt das Unsichtbare, welches unser Verstand fordert, ohne es
wahrnehmen
zu können, zu Sichtbarkeit um, er schenkt dem Gedanken Inhalt;
dies
gelingt ihm, indem er die anschauliche Hypothese eines
raumerfüllenden
Mediums, eines äusserst feinen, unsichtbaren, unwägbaren,
flüssig
beweglichen Stoffes, des Äthers — ein in seiner Phantasie
geborenes
Symbol — aufstellt. ¹) Auf ein-
—————
¹) Der von Descartes
angenommene,
von ihm manchmal »éther«‚
noch häufiger
»matière
subtile«
genannte, den Weltraum erfüllende Stoff darf nicht mit den
»Äther«
der
Alten und der Scholastiker — von Heraklit bis Giordano Bruno — verwechselt werden; bei Descartes —
und erst bei ihm — handelt es sich um eine durchaus konkrete,
wissenschaftliche
Vorstellung, und sie entspricht genau der Kantischen Definition
»einer
allverbreiteten, alldurchdringenden und allbewegenden Materie«.
Die
wichtigsten
Stellen in den Schriften Descartes', um seine Vorstellung des
Äthers
genau
kennen zu lernen, sind: Traité
de la Lumière, chap. II,
XIII, XIV, La Dioptrique, 1. discours
(diese Stelle besonders klar),
Les
Météores, 1. discours, Principia II, § 18
fg., III,
von
§ 24 an, IV. Auch in den Briefen kommen viele erläuternde
Bemerkungen
vor; ich mache besonders auf Band VI, 278, 343 fg., VIII, 241, 289, IX,
348
fg. aufmerksam. — Für uns ist es interessant, an dieser Stelle zu
bemerken,
dass Lord Kelvin's allerneueste Ausführungen (in der British
Association,
Glasgow 1901) über die schlechthinnige Unwägbarkeit des
Äthers
genau mit Kant übereinstimmen, der gelehrt hatte, der Äther
müsse
notwendigerweise als »imponderabel, incoërcibel,
incohäsibel
und inexhaustibel« gedacht werden. »Es muss«,
schreibt Kant,
»eine
Materie
sein, durch welche die praktische Wägbarkeit
200
DESCARTES
mal
treten alle die genannten
Phänomene
in das Bereich der Vorstellbarkeit ein und werden dadurch der
konstruktiven
Gedankenarbeit zugänglich: der Äther trägt und treibt
die
Gestirne in ihren Bahnen, der Äther liegt den Phänomenen der
Schwerkraft als stossende Masse zu Grunde, einige Bewegungen des
Äthers
erzeugen das, was wir Erwärmung der Körper nennen, andere das
Licht, andere die Elektrizität und den Magnetismus usw. Ich
verweise
Sie auf meinen vorigen Vortrag und glaube, dieses eine Beispiel zeigt
Ihnen
mit ausserordentlicher Deutlichkeit, was es heisst, Unsichtbares
sichtbar
zu machen, und Sie lernen zugleich, wie unentbehrlich dem Denken
Anschauung
ist, um überhaupt denken zu können. Descartes hatte sogar mit
seiner Hypothese eine solche Fülle von Sichtbarkeit über die
Geheimnisse der Natur ausgegossen, indem er
Faisait voir aux esprits ce qui se
cache
aux yeux,
dass die Augen der Menschen davon
geblendet
wurden. Weder war das angesammelte empirische Material damals
ausreichend,
noch war das Denken genügend geübt und verfeinert, um einem
so grossartig einfachen Symbol für alle physikalischen
Bewegungsvorgänge
des Kosmos gewachsen zu sein. Ausserdem war Descartes bei der
näheren
Ausführung in einen von Goethe an ihm gerügten Fehler
verfallen:
»Er greift die unlösbaren Probleme mit einiger Hast an und
kommt
meistenteils von der Seite des compliciertesten Phänomens in die
Sache«. ¹) Es ist viel Künstlich-
—————
möglich ist
(Descartes!), ohne
für sie ein Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit, ohne äusserlich coërcibel
zu sein, — die Kohäsion, ohne innerlich zusammenzuhängen,
— endlich
die Erfüllung aller Räume der Körper ohne
Erschöpfung
oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffs« (Üb. I,
122 fg.). Genau so weit ist Lord Kelvin noch nicht, die
Imponderabilität nimmt noch seine volle Aufmerksamkeit gefangen,
und er spricht: One
cannot
refuse to call ether matter, but it is not subject to the Newtonian
law of gravitation. It is a distinct species of matter, which
has
inertia, rigidity, elasticity, compressibility, but not heaviness
(siehe
Nature vom 24. Oktober 1901
und auch Philosophical Magazine
für
August
1901). Doch diese Erkenntnis der notwendig absoluten Unwägbarkeit
bedeutet
einen wichtigen und entscheidenden Schritt; noch vor wenigen Jahren
oder
vielleicht auch bloss Monaten wäre man wegen einer solchen
Behauptung
ausgelacht worden; es hiess, der Äther sei nur ungeheuer leicht,
und
wer
nach genauen Angaben lechzte, erhielt die beruhigende Antwort:
»15
trillionenmal
leichter als die atmosphärische Luft«; eine schlechtweg
gewichtlose
Materie
wäre unseren Materialisten wie ein Nonsens vorgekommen. Jetzt
haben
aber die mathematischen Physiker gesprochen, und die übrigen von
Kant
geforderten Prädikate werden schon nachkommen; denn erst dann wird
der Äther »Äther« sein, und ohne diesen Stoff,
der kein Stoff
ist,
vermag das menschliche Gehirn den Stoff, der ein Stoff ist — mit anderen Worten, eine materielle
Welt — gar nicht aufzubauen. Der Menschengeist ist eben, wie Kant uns
schon lehrte (siehe S. 115),
der Natur gegenüber
Gesetzgeber.
¹)
Geschichte der Farbenlehre,
4. Abt., Abschnitt Renatius
Cartesius.
201
DESCARTES
keit
und Gewaltsamkeit in seiner
Anwendung
des Äthergedankens. Die verblüffend einfache
Gesamtvorstellung
verdirbt er durch allerhand abenteuerliche Ausführungen im
Einzelnen.
Wir lernen hier eben, wie an jedem bedeutenden Manne, einsehen,
inwiefern
Grösse und Grenze zugleich gesetzt sind, bedingend-bedingt. Und so
griff denn bald darauf der ungemein scharfsinnige und zugleich
phantasielos
nüchterne Isaac Newton auf scholastische Fiktionen von
Fernkräften
zurück und nahm die alte Vorstellung des Lichtes als eines
besonderen Stoffes wieder auf; die Ideen Newton's verhalten sich zu
denen des
Descartes
wie die eines Kindes zu denen eines Mannes; doch waren sie den
damaligen
Bedürfnissen empirischer Forschung genau entsprechend. Heute, wo
sich neuer Stoff durch die Arbeit von Jahrhunderten angehäuft hat,
kehren wir nach und nach zu Descartes und seinem symbolischen Gedanken
zurück:
für die Deutung des Lichtes ist es schon vor etwa hundert Jahren
— mit der Einführung der in vorigen Vortrag besprochenen
Undulationshypothese
— geschehen; für die elektromagnetischen Phänomene vor einem
halben Jahrhundert; physikalische Versuche, die Schwere als bedingt
durch
Bewegung
des Äthers darzustellen — genau so wie Descartes es wollte — sind
an
der
Tagesordnung; ¹) und der grosse, so früh der Welt entrissene
Hertz
war,
als er starb, von dem Traum erfüllt, »die vermeintliche
Wirkung der
Fernkräfte auf Bewegungsvorgänge in einem
raumerfüllenden
Mittel zurückzuführen. ¹) Lord Kelvin — und in seinem
Gefolge
viele heutige Physiker (siehe S.
114) — geht noch weiter und lässt
die verschiedenartigen Atome, welche die Chemie annimmt, nur
verschiedene
Wirbelbewegungen des einen einzigen Äthers sein; es gäbe also
gar
keine eigentliche Materie, sondern nur Äther; bei dieser
exaktestem
Forschung verschwindet das »Ding« ganz, es bleibt nur das
Symbol. In einem
Symbol von so derber Anschaulichkeit liegt eben unverwüstliche
Lebenskraft.
—————
¹) Siehe Schlichting: Die
Gravitation
ist eine Folge der Bewegung des Äthers, 1892. P. Gerber: Die
Fortpflanzungsgeschwindigkeit
der Gravitation, 1902, V. Wellmann in den Astronomischen
Nachrichten
1899, 148 und im Astrophysical
Journal 1902. p. 282
fg. und vgl.
F.
Ebner in der Beilage zur Allgemeinen
Zeitung 1901, Nr. 288. Perrin (a.
a. O. S. 24) meint von den neuesten Lehren von J. J. Thomson und
Lorentz:
on se trouve avoir expliqué
l'attraction universelle comme un
résidu
d'actions électriques.
²) l. c., S.
49. Was Hertz will, entspricht buchstäblich genau der grossen
Grundmaxime des
Descartes
Tous les corps qui sont au monde
s'entretouchent (III,
329).
202
DESCARTES
So viel zur Verdeutlichung der
Umwandlung aus Unsichtbarkeit in Sichtbarkeit. Jetzt brauchen wir ein
zweites
Beispiel, ein Beispiel von der Umwandlung aus Sichtbarkeit in
Unsichtbarkeit.
Anschauungen ohne Begriffe sind blind, sagte uns Kant. Ebenso wie ich,
ohne eine »gedachte« Anschauung zu besitzen, mit den Denken
nicht
vom Fleck kam, ebenso bleibe ich in der Anschauungsmasse hilflos
stecken,
wenn nicht Gedanken — wie Pferde den Karren — weiterziehen. Gut. Wie
aber
erhalte
ich zu Anschauungen Begriffe? Auch hier wiederum geht die Sache nicht
ohne
Zwischenstufe; die Anschauung vermag nicht unmittelbar ein Begriff zu
werden.
Das Zwischengebilde ist in diesen Falle ein Schema. Wir Menschen
vermögen
es nicht, irgend etwas Erschautes oder sonst irgendwie sinnlich
Wahrgenommenes
in unser denkendes Bewusstsein aufzunehmen, wenn wir es nicht zuvor
gedankenhaft
schematisiert haben. Die Befähigung hierzu reicht bei
verschiedenen
Individuen sehr verschieden weit; doch wenn ein Mensch gar nicht
unbewusst
zu verallgemeinern, das heisst, die vielen Wahrnehmungen auf wenige
Schemen
zurückzuführen vermöchte, so würde er
überhaupt nicht denken können; denn — wie Kant so treffend
sagt — seine
Anschauungen
wären blind: er würde sehen, nicht aber erblicken. Wie die
grossen
Maler schematisieren, sahen wir in vorigen Vortrag; für ihren
Zweck
genügt ein noch fast rein anschauliches Schema; nur ein Minimum
an Begrifflichem mischt sich herein. In etwas anderer Weise, doch
genau
den selben allgemeinen Gesetz der menschlichen Vernunft gehorsam, geht
die Wissenschaft zu Werke. Während der Maler das Gesehene noch
deutlicher
sehen will und einzig zu diesem Behufe die Begriffe herbeiruft, will
der
Naturforscher das Gesehene deutlicher d e n k e n,
er will es zu einen
Gewussten
umwandeln. Sobald nun bei diesem Verfahren der anschaulichen Besinnung
das Anschauliche vorwiegt, so sprechen wir von einem Schema, wiegt
dagegen
das gedankliche Element vor, so reden wir von einer Theorie. Theorie
und
Schema gehören zueinander wie Hypothese und Symbol. Jetzt wissen
wir
genau, um was es sich handelt; um ein konkretes Beispiel zu erhalten,
versetzen Sie sich, bitte, noch einmal in den Anfang des 17.
Jahrhunderts
zurück.
Diesmal müssen
wir das Gebiet
enger begrenzen; wir wollen lediglich die Arbeiten über die
sichtbaren
Bewegungen wahrnehmbarer Körper in Betracht ziehen; denn nicht
Hypothesen,
sondern
203
DESCARTES
erschaute
Tatsachen sollen uns
beschäftigen.
Denken wir also einzig daran, wie einige Männer damals
beschäftigt
waren, die Bewegungen der Himmelskörper zu beobachten, und wie
andere
— allen voran der unsterbliche Galilei — eifrig Versuche anstellten
über
die Bewegungen der Körper auf unserer Erde, das heisst also
über
den Fall, den Stoss, das Hinabrollen auf schiefen Ebenen, über die
Bahn der Geschosse, über die Mitteilung von Bewegung durch einen
Körper an den anderen, und dergleichen mehr. Die physikalischen
Annahmen
der Alten erwiesen sich als völlig falsch; die neuen, genau
beobachteten
Tatsachen häuften sich. Wie nun sie ordnen? wie »die
Anschauungen
verständlich machen«? wie die Vorgänge auf Erden mit
denen
am Himmel — den Fall des Apfels vom Baum mit dem Kreisen des Mondes um
die Erde — einheitlich deuten? Genau so wie der Mensch vorhin
vermittelst
der anschaulichen Vorstellung des Äthers dem Denken zum Denken
verholfen
hatte, ebenso musste er jetzt trachten, seine Wahrnehmungen
anschaulich
und überschaubar zu machen; seinem blöden physischen Auge
musste
er den Star stechen; und das konnte nur durch Begriffe geschehen, durch
die Zurückführung aller zahllosen Einzeltatsachen der
Bewegungsvorgänge
auf ein regelmässiges, künstlich ersonnenes, logisch
fassbares Schema,
welches nicht die empirische Beobachtung der Natur ihm gab, sondern
welches
er — der König im Turme, den wir in ersten Vortrag kennen
lernten —
autokratisch zwischen seinem Auge und der Natur aufstellte. Wiederum
war
es Descartes, der mit schöpferischer Erfindungskraft die
Grundzüge
unserer seitherigen Theorie der Bewegung schuf und damit zugleich
unserer
gesamten Mechanik.
Alle Bewegungen
sichtbarer
Körper
lassen sich bekanntlich auf drei Grundgesetze zurückführen,
die
wir gewöhnlich nach Newton benennen, weil dieser sie zuerst in
knappen
Worten formuliert und in allen ihren Konsequenzen entwickelt hat.
¹)
Von
diesen ist aber
—————
¹) Es ist vielleicht für
das
volle Verständnis dieser Ausführungen nicht
überflüssig,
die drei sogenannten »Newtonischen Gesetze« hier
wörtlich nach den Principia
mathematica philosophiae naturalis anzuführen. Das
erste lautet: »Jeder Körper b e h a r r t
in seinem Zustande der
Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, wenn er nicht
durch
einwirkende Kräfte gezwungen wird, seinen Zustand zu
ändern.« Das
zweite: »Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der
bewegenden
Kraft p r o p o r t i o n a l und findet nach
der R i c h t u n g derjenigen geraden
Linie
statt, nach welcher jene Kraft wirkt.« Das dritte: »Der
Wirkung ist die
G e g e n w i r k u n g stets entgegengesetzt und gleich, das
heisst, die
gegenseitigen
Wirkungen zweier Körper aufeinander sind stets gleich und nach
entgegengesetzten
Seiten gerichtet«.
204
DESCARTES
eingestandenermassen
das dritte (das
man bei Descartes nicht findet) in der Hauptsache eine formale
Erweiterung
des ersten, ¹) ausserdem sehr anfechtbar. ²) Es handelt sich
also
nicht um
drei, sondern um zwei Grundgesetze, und diese zwei Gesetze hat nicht
Newton
ersonnen, sondern Descartes; Newton hat sie fast buchstäblich von
Descartes übernommen, nur dass dieser das Schema noch nicht zu so
vollendeter Künstlichkeit durchgearbeitet hatte. ³) Alles,
was das
sogenannte
»erste Gesetz« Newton's enthält: dass Ruhe und
Bewegung nur
Zustände
eines Körpers, nicht Gegensätze sind, dass jeder sich selbst
überlassene Körper in seinem Zustand (sei es der Ruhe, sei es
der Bewegung) ewig beharrt, dass der bewegte Körper, wenn nicht
daran
verhindert, sich in gerader Linie mit unveränderter
Geschwindigkeit
ewig fortbewegen wird — das alles steht wörtlich in Descartes. Und
ich mache Sie darauf aufmerksam, dass nicht ein einziger der in diesem
Gesetze ausgesprochenen Gedanken der Beobachtung entnommen ist, noch
eines experimentellen Nachweises auch nur fähig wäre. 4) Auch
das
zweite Gesetz Newton's, das von dem Masse und der Richtung der Bewegung
handelt, welche ein Körper dem anderen mitteilt, ist im Descartes
lückenlos enthalten. Er also und kein Anderer hat die eigentlich
—————
¹) Siehe Clerk Maxwell: Matter
and Motion, § 58.
²) Siehe
Heinrich Hertz:
Prinzipien
der Mechanik, S. 6—7. und vergl. § 469 und § 470.
³) Man
vergl. in Descartes'
Principia Buch 2, § 37
fg. und ganz besonders Le Monde,
Kapitel 7.
4)
Mach kommt bei der
Besprechung
des Trägheitsgesetzes zu dem Schluss, dass es trotz seiner
»scheinbaren
Einfachheit« sehr komplizierter Natur sei, indem es, so
wähnt er,
»auf unabgeschlossenen‚ ja sogar auf nie vollständig
abschliessbaren Erfahrungen beruhe«. Diese Entdeckung flösst
ihm keine geringe
Sorge ein; denn wenn einmal das Trägheitsgesetz
plötzlich
nicht mehr stimmen sollte, da zerstöbe über Nacht die
ganze
Welt, oder zum mindesten die theoretische Mechanik und die zu ihrer
Verkündigung
angestellten Professoren, und so fordert er uns auf, »eine
fortgesetzte
Erfahrungskontrolle« an diesem Gesetz zu üben (Die Mechanik,
3. Aufl., S. 231—2). Wohin wir mit diesen Herren Anitmetaphysikern
kommen‚ ersieht man aus diesem Beispiel; denn Iogischerweise
müsste
Professor
Mach die Einsetzung einer ständigen internationalen
Staatskommission
(deren Sprache naturlich die chinesische sein würde, siehe S.
118) fordern welche »fortgesetzt zu kontrollieren«
hätte,
ob
zweimal zwei immer noch vier mache. In Wirklichkeit beruht
aber das Trägheitsgesetz auf gar keiner Erfahrung; vielmehr
schafft
es
erst Erfahrung (siehe S. 143).
Wie Poincaré (l. c., p. 119)
sagt:
l'expérience ne peut ni
confirmer cette loi, ni la contredire.
Geschichtlich
ist es die spontane Erfindung eines Anschauungsgenies; vom
physikalischen
Standpunkt aus kann es niemals bewiesen werden, sondern — wie einer der
genialsten Physiker unseres Jahrhunderts, Clerk Maxwell, gesagt hat
— wir müssen es betrachten als »das einzige Schema einer
folgerechten
Lehre von der Verknüpfung zwischen Raum und Zeit, welches der
Menschengeist
bisher hat ersinnen können« (Matter and Motion, § XLI).
Alle drei hier zu Grunde liegenden Begriffen — Stoff, Raum, Zeit — ist
überhaupt
nur auf metaphysischen Wege beizukommen.
205
DESCARTES
schöpferische
Gedankentat
vollbracht.
Nur dass hier wieder, wie dort beim Äther, Descartes über die
Schnur gehauen und — ähnlich wie Dürer bei seiner
Proportionslehre
— Überflüssiges und zuletzt auch Falsches hineingebracht hat,
so dass der sichere Takt des klugen und praktischen Newton sehr
vonnöten
war, un den kostbaren Kern aus der Schlacke reinzuglühen. Doch,
was
uns hier einzig interessiert, ist, dass Descartes es verstanden hat,
dasjenige,
was unsere Sinne von Kindheit auf umfängt, dasjenige, worüber
das gesamte Altertum nie zu klaren Begriffen vorgedrungen war,
dasjenige,
was die grossen Rechenkünstler und Experimentatoren des 15. und
16.
Jahrhunderts nicht aus der Verhedderung der Anschauungsmasse
auszulösen
gewusst hatten — nämlich die Phänomene der sichtbaren
Bewegung
— durch die Einführung einiger weniger schematisch-theoretischer
Begriffe
zu entwirren und hierdurch der gedanklichen Verarbeitung
zuzuführen.
Auch hier wie Sie sehen, eine »neue Form im Reich der
Gedanken«.
Und hier
wie dort ist der Wert einer derartigen Schöpfung für
Wissenschaft
und Weltanschauung unermesslich. Denn wie dort die symbolische
Hypothese
des Äthers dem Denken die Wege gebahnt hat, auf denen es nunmehr
zu einer rationellen Kenntnis der Phänomene des Lichtes, der
Elektrizität
usw. an der Hand einer anschaulichen Vorstellung gelangen konnte, so
hat her die Aufstellung einer schematischen Theorie der Bewegung, mit
Zugrundelegung metaphysischer Begriffe, erlaubt, die überreiche
Masse der
geschauten
Tatsachen in einige wenige Gedankenschemen einzureihen, wo sie in
Formeln
eingeschachtelt aufgehoben werden. Denn das gerade ist der Angelpunkt:
indem das Sichtbare möglichst vollständig — wenn es irgend
geht,
ganz — in das Bereich des Unsichtbaren, des nur noch Gedachten
übergeführt
wird, erhält es eine Handlichkeit, eine Geschmeidigkeit, eine
Beweglichkeit, die es sonst nicht besitzt. Unsere Anschauungen — rein
als
solche — sind
schwerfällig,
plump, unbeholfen; sie sind eben, wie Kant uns belehrte, blind und
tappen
im Dunkeln umher; hat aber der Mensch sie erst in begriffliche
Schemen
eingeordnet, so macht er damit, ws er will, zerlegt ein Ganzes in
Teile,
fügt nach Gutdünken Teile aneinander, kurz, verfährt
nach
Belieben; er ist ja Herr in seinem Turme.
Jetzt haben wir,
glaube ich,
sowohl
in Bezug auf das Verständnis der allgemeinen Beziehungen zwischen
Denken und Anschauen
— die in so eigentümlicher,
zwiefacher
Verstrickung zum Aufbau
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DESCARTES
einer Weltanschauung mitwirken —
bedeutende
Fortschritte gemacht, wie auch in Bezug auf das Verständnis von
Descartes'
besonderer Befähigung, vermittelnd zwischen Denken und Anschauen
zu wirken. Unsere Formel — Descartes' auszeichnende Gabe war, das
Sichtbare
unsichtbar und das Unsichtbare sichtbar zu machen — ist schon keine blosse Formel
mehr, sondern eine Einsicht. Ich kann es aber dabei nicht bewenden
lassen.
Kant's Denken ist ein Gipfel des Menschengeistes; keiner wird ihn
erreichen,
der die Mühe des Steigens scheut. Es ist darum unerlässlich
notwendig,
dass Sie jetzt das Gebiet zwischen der wahrnehmenden Anschauung (oder
Sinnlichkeit)
und dem die Begriffe kombinierenden Verstande selbst betreten, denn
sonst
besitzen Sie nicht volle, sondern nur annähernde Klarheit.
SCHEMA UND SYMBOL
Lassen Sie
mich aber, gleichsam
zwischen Klammern, eine kleine
Bemerkung einschieben über
Symbol, Schema, Hypothese und Theorie. Es handelt sich dabei nicht
bloss
um terminologische Klarheit, sondern um eine anschauliche Vorstellung,
die
Ihnen auch philosophisch von Nutzen sein wird.
Das Symbol, im
weiteren Sinne
genommen, ist die Veranschaulichung des Gedachten; das Schema, in
weiteren
Sinne genommen, ist die Verdenklichung des Angeschauten; das Symbol
verschafft
denn Denken eine denkbare Anschauung, das Schema verschafft der
Anschauung
einen anschaulichen Gedanken. Innerhalb des Symbols kann man aber
zwischen
einer mehr rein anschaulichen und einer mehr gedankenhaften Auffassung
der Veranschaulichung unterscheiden; aus ersterer ergibt sich das
eigentliche
Symbol, aus letzteren die Hypothese; in der selben Weise spaltet sich
das Schema in das eigentliche Schema und in die Theorie. Hieraus
ergibt
sich die Berechtigung des Bildes, das ich jetzt an die Wand zeichne.
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DESCARTES
Der Vorteil dieses Bildes ist,
dass es die gegenseitigen Verhältnisse dieser verschiedenen
Begriffe
— d. h., wenn ich mich so ausdrücken darf, ihre gegenseitige Lage
in Gedankenraume — genau veranschaulicht. Sie sehen auf den ersten
Blick,
dass wenn Symbol und Hypothese einerseits, Schema und Theorie
andererseits
verwandt sind, Hypothese und Theorie, Symbol und Schema einander
ebenfalls
nahe liegen. Eine äusserst geringe Gedankenverschiebung
genügt,
um ein Symbol in eine Hypothese und eine Theorie in ein Schema zu
verwandeln;
es ist das eine Art Pendelbewegung, die unser Geist, ohne sich
Rechenschaft
darüber zu geben, den ganzen Tag vollführt. Aber auch die
Grenze
zwischen Symbol und Schema, sowie zwischen Hypothese und Theorie ist
zwar
fester gezogen, doch nicht unübersteiglich; eine kleine
Änderung
im Standpunkt genügt, um ein Symbol schematisch und ein Schema
symbolisch
zu färben, und in den Wissenschaften pflegen die Hypothesen ganz
sachte,
nach der Anciennetät, zu Theorien hinaufzurücken. Dagegen ist