Here under follows the transcription of the third chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

Descartes
DESCARTES
From the painting by Mignard, from the Castle Howard Collection, now in the National Gallery.

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Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768

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DRITTER VORTRAG

DESCARTES

(VERSTAND UND SINNLICHKEIT)

MIT EINEM EXKURS ÜBER DIE ANALYTISCHE GEOMETRIE
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L'EAU EST TOUJOURS SEMBLABLE
À L'EAU, MAIS ELLE A UN TOUT
AUTRE GOÛT LORSQU'ELLE EST
PUISÉE À SOURCE QUE LORSQU'ON
LA PUISE DANS UNE CRUCHE.
DESCARTES


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(Leere Seite)

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DER BLICK NACH INNEN

Die Tage sind verschieden, und ich gestehe, dass ich heute mit Zaudern und einem gewissen Misstrauen mich anschicke, unsere gemeinsamen betrachtungen fortzusetzen. Denn jetzt muss ich Gebiete mit Ihnen durchschreiten, die es nicht so leicht sein wird aufzuhellen, wie das der Fall war, solange das Auge eines Goethe und eines Leonardo uns voranleuchtete. Nachdem der Vergleich mit künstlerischen Weltanschauern uns manches Grundlegende aufgedeckt und Betrachtungen veranlasst hat, die zuletzt weit über die Persönlichkeit Kant's im engeren Sinne des Wortes hinausführten müssen wir jetzt Kehrt machen, wir müssen die Brennweite unserer Augenlinsen wieder auf die Nähe einstellen, wir müssen Weltanschauer zum Vergleich heranziehen, die uns zwar wiederum weit hinaus, aber auf einem anderen Wege, führen werden, Männer, deren intellektuelle Lebensatmosphäre nicht aus Schönheit und Kunst, sondern aus Forschen und Denken bestand. Heute soll uns Descartes, der kritisch-empirische, mathematische Denker, un nächsten Vortrag Bruno, der logisch-scholastische und schwärmerische Denker, beschäftigen.
    Sie dürfen mich nicht missverstehen. Es gibt keinen absoluten Künstler, keinen absoluten Mathematiker und erst recht keinen absoluten Philosophen; dieses Einreihen in Fächer kann bei jedem halbwegs bedeutenden Manne nie wirklich gelingen; Goethe und Leonardo — wir sahen es — waren beide grosse Naturforscher und Denker; ihrerseits besitzen Bruno und Descartes beide in hervorragendem Masse die künstlerische Gabe der Gestaltung; Bruno ist in seiner Art zu denken und zu reden ebensosehr Poet wie Plato es war, und Descartes, der gewaltige Denker, ist so ganz von dem Werte der Anschauung und der empirischen Naturerforschung durchdrungen, dass er die eigentliche Fachphilosophie heftig befeindet. Für uns aber handelt es sich hier und heute lediglich um das, was ich die charakteristische   G e b ä r d e   des Geistes nennen möchte. Diese Gebärde ist bei Goethe und Leonardo entschieden nach aussen gerichtet; bei beiden herrscht das Primat des Auges, und zwar des Auges als eines zugleich empfangenden und gebärenden Sinneswerkzeuges, Freilich fanden wir das Ergebnis bei beiden Männern sehr verschieden; denn hinter den gleichmässig lichtkräftigen Augen nehmen abweichend beanlagte Gehirne die Eindrücke auf und verarbeiten sie ein jedes in seiner Art. Bei Leonardo ist das Sehen präziser und (in dem weitesten Sinne des Wortes) »perspektivisch«

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richtiger; dies verdankt er der Befähigung, die wir im vorigen Vortrag kennen lernten, alles Erblickte auf das innere Anschauungsschema zurückzuführen; vor Goethe's Augen dagegen schwanken die Umrisse, er schematisiert ungenügend und mischt in alles Gesehene sein Denken; dies grade schenkt ihm aber die Gabe, bis in Tiefen der Natur hineinzuleuchten, wo ohne die Lampe des zeugenden Gedankens dunkle Nacht herrscht. Leonardo erblickt das Verhältnis der Dinge zu einander, Goethe ihr Verhältnis zum Menschengeist; in Leonardo's Verstand wiegt das männliche Element vor, in Goethe's finden sich unverkennbare weibliche Bestandteile; daher denn Leonardo's Denken scharf, mechanistisch, wissenschaftlich und leicht fasslich ist, Goethe's dagegen tiefer, schillernder und unausdenkbar, weil von nicht in Worte zu bändigenden Ahnungen trächtig. Darüber in einem späteren Vortrag Näheres; für den Augenblick genügt die Einsicht, dass diese bestimmte geistige Gebärde — der Blick nach aussen — Goethe und Leonardo gemeinsam ist. Zugleich unterscheidet diese Gebärde die beiden von Kant, und zwar trotzdem eine nähere Untersuchung uns so manche Berührungspunkte in der Art zu schauen zwischen ihm, dem Gedankenkünstler, und jenen beiden Künstlerweisen aufgedeckt hat. Nunmehr wollen wir zwei wesentlich anders geartete Männer behufs eines Vergleichs herbeirufen, Männer, deren angeborene geistige Gebärde nach innen weist. »Nach innen,« sage ich, weil diese Denker zuvörderst sich selbst — ihr eigenes Denken — befragen und erst hinterher die Natur; sie trauen dem Eindruck nicht, der von aussen kommt, nicht, heisst das, ehe sie, so weit sie es irgend vermögen, den Vorgang des Erkennens im Innern geprüft und zergliedert haben; dieser Gang ist demjenigen, den Goethe und Leonardo befolgen, genau entgegengesetzt. Ich nenne diese Gebärde den Blick nach innen. René Descartes und Giordano Bruno entsprechen, glaube ich, unserem Zwecke; keiner von beiden ist Kant so nahe verwandt, dass nicht starke Schlagschatten von ihnen auf ihn fielen, und andrerseits sind jene beiden grossen Weltanschauer voneinander in Bezug auf Beanlagung und Gemüt ebenso grundverschieden wie Leonardo und Goethe. Gemeinsam ist ihnen nur — dieses »nur« besagt aber sehr viel — die Gebärde des spezifischen Denkers. Gli beni de la mente non altronde che dall' istessa mente nostra riportiamo! ¹) ruft Bruno,
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    ¹) De l'infinito, universo e mondi, 5. Dialog (ed. Lagarde, p. 399). «Die Güter des Geistes ernten wir nirgends anderswoher ein, als aus diesem selben eigenen Geiste!«

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der »Goethe« unseres zweiten Philosophenpaares, aus, und Descartes, — der strenge Empiriker, der »Leonardo« spricht besonnen: Il n'est aucune question plus importante à résoudre que celle de savoir ce que c'est que la connaissance humaine, et jusqu'où elle s'étend, ... Rien ne me semble plus absurde que de discuter audacieusement sur les mystères de la nature sans avoir une seule fois cherché si l'esprit humain peut atteindre jusque là. ¹)
    Schon aus diesen wenigen Worten entnehmen Sie, mit wem wir es hier zu tun haben; zugleich springt die offenbare Verwandtschaft mit Kant's Zielen und Methoden und Überzeugungen in die Augen. Die Untersuchung des Wesens und der Grenzen menschlicher Erkenntnis bezeichnet genau den einen grossen Teil — den kritischen Teil — von Kant's Lebenswerk, und dass die eigentlichen »Güter« des Geistes nicht von aussen, sondern von innen erlangt werden müssen, fasst in wenige Worte zusammen, was Kant als seine positive, praktische, aufbauende Leistung betrachtete. Doch auch des Trennenden werden wir viel finden. Die Lebensschicksale des Seigneur du Perron und des Nolaners zeigen zur Genüge, dass diese zwei Männer in ihrer intellektuellen Beanlagung von Kant weit abweichen. Wir sahen im ersten Vortrag, wie tief in Kant's ganzer Art zu schauen und sich Vorstellungen anzueignen, jener Zug wurzelte, der ihn jede kleinste Reise ängstlich vermeiden liess; Bruno und Descartes dagegen ziehen ruhelos von Ort zu Ort und von Land zu Land, und zwar freiwillig. Bruno, die Apostelnatur, braucht neue Berührungen, neue Anregungen, neue Dispute; er muss Funken aus dem Leben schlagen, Flammen in den Herzen zünden; wo er hinkommt, gewinnt er glühende Liebe und unversöhnlichen Hass. Descartes, der verschlossene Weltmann, reist, um allein zu sein, geniesst in den Städten »die Einsamkeit der entlegensten Wüsten«, verzieht aus einem Ort, sobald man seine Gegenwart bemerkt, und sucht zugleich durch planmässige Beobachtung der verschieden gearteten Menschen und Völker und Religionen und Sitten sich der uns Allen eingewurzelten Vorurteile zu entledigen. Je ne fis autre chose que rouler ça et là dans le
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    ¹) Keine Frage erheischt dringender Beantwortung als die nach dem Wesen und den Grenzen der menschlichen Erkenntnis, .... Nichts dünkt mich lächerlicher, als kecklich über die Geheimnisse der Natur Erörterungen anzustellen, ohne ein einziges Mal nachgeforscht zu haben, ob der Menschengeist bis dahin zu reichen befähigt ist« (Règles pour la direction de l'esprit § 8, XI, 245). Wo nicht ausdrücklich anders angegeben, beziehen sich alle Citate auf Cousin's elfbändige französische Ausgabe der sämtlichen Schriften Descartes', 1824—1826.

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monde, tâchant d'y être spectateur plutôt qu'acteur en toutes les comédies qui s'y jouent. ¹) Eine so grundsätzlich verschiedene Lebensführung deutet auf Unterschiede im Wesen des Intellektes, die tief reichen; wir dürfen ohne weiteres voraussetzen: Bruno und Descartes haben doch anders »gesehen« als Kant. Das wird sich besonders deutlich bei Bruno zeigen, der trotz seiner rein philosophischen Geistesrichtung in mancher Beziehung geradezu der äusserste Antipode Kant's ist und uns namentlich als solcher gute Dienste leisten kann, wogegen bei Descartes das Nahverwandte uns bis in die innersten Geheimnisse von Kant's Art zu schauen führt, und wir hier das viele Trennende als für unseren Zweck unproduktiv werden beiseite lassen können.

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DESCARTES

    Unter den sehr grossen Denkern der Weltgeschichte wurde vielleicht keiner von den nachkommenden Geschlechtern so schmählich behandelt wie Descartes: er — ich meine er, der wirkliche Descartes — bleibt so gut wie unbekannt; was heute unter diesem Namen in unserer Vorstellung ein Schattendasein führt, ist eine gespenstische Karikatur. Von dein Manne, der mit verzweifelter Energie gekämpft hat, um sich und uns von allen philosophischen Phrasen rein zu säubern, dessen heisses Bestreben es war, die Philosophie aus den Netzschlingen einer ebenso arroganten als impotenten Logik frei zu reissen und ihr die Augen zu öffnen über die einzig produktive Wahrheitsgewalt reiner Anschauung, von dem Manne, der, im offenen, zornerfüllten Gegensatz zu den Lehren der Schulen, ausruft: Toute la science humaine consiste seulement à voir distinctement (XI, 280) von diesem Manne kennt die grosse Mehrzahl der Gebildeten weder die Persönlichkeit, noch das Leben, noch die Leistungen, sondern lediglich ein bis zur Phrase abgedroschenes Wort: cogito, ergo sum, ein pures Silbengeschelle, wenn man nicht weiss, woher es bei Descartes kam und wohin es ihn führte. Denken Sie sich, ein künftiges Geschichtswerk wisse von Bismarck nur das Eine zu berichten, dass er das Wort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt« gesprochen habe, als wäre diese sehr anfechtbare Phrase die Summe seines tatenreichen Lebens! Ähnlich steht die Sache, wenn wir von dem bahnbrechenden Mathe-
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    ¹) Discours de la Méthode 3. partie, I, 153.

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matiker, Physiker, Anatomen, Kosmologen, Philosophen, von dem Manne der wie kaum ein zweiter unsern Schatz an konstruktiven Vorstellungen bereichert hat, so dass Philosophie und Wissenschaft noch heute von seinen Anregungen zehren, nichts weiter als ein mehrdeutiges und fast immer missverstandenes Wort kennen. Doch nicht genug, dass man eine Weltanschauung, die auf breitester Grundlage einer umfassenden, anschaulichen Naturbetrachtung ruht, dergestalt auf den Kopf stellt, indem man sie zu einer logisch-psychologischen Nussknackerei herabsetzt, auch die Persönlichkeit selbst hat man uns geraubt. Ein Aristokrat war Descartes von Geburt, der Geistesanlage nach ein extremer Individualist. Nicht allein sondert er sich von seinen Mitmenschen ab, indem er seinen Aufenthalt in fremden Ländern wählt und eine Stadt verlässt, sobald er bekannt und in Beziehungen hineingelockt wird, nein, er umzirkt sich auch geistig mit einer hohen Mauer, auf dass die Lehren der zeitgenössischen Zunftleute nicht zu ihm dringen, und gräbt sogar zeitlich einen tiefen Graben um sich herum, damit die Weisheit der Alten in einiger Ferne bleibe. Die Nichtigkeiten der Fachphilosophen — les bagatelles d'école — zu verschmähen, ist für ihn das Kennzeichen einer »fürstlichen Gemütsart« (IX, 358), und von sich selbst bekennt er: »nicht die Argumente Anderer zu verstehen, sondern selber zu forschen, macht für mich das grosse Glück alles Studiums aus« (XI, 252). In einem ganz anderen Sinne als Schopenhauer ist Descartes ein grosser »Vereinzelter«; denn er ist es ohne Bitterkeit, ohne Eitelkeit, in stolzer und ruhevoller Selbstgenügsamkeit. Erst nach Jahren gelang es dem unaufhörlichen Drängen eines so geachteten Freundes wie des Pater Mersenne, ihn zu einer Veröffentlichung zu bestimmen, und bei diesem fragmentarischen Anfang wäre es geblieben, wenn nicht die Bitte aus dem Munde der hohen Freundin, der Pfalzgräfin Elisabeth, für einen so vollendeten Weltmann einem Befehle gleichgekommen wäre. Je ne recherche point les bonnes grâces de la populace (IX, 55), schreibt er mit stiller Verachtung in einem Privatbrief; der Begriff populace ist aber bei ihm ein umfassender; denn als Mersenne ihm die kritischen Ausstellungen der gelehrtesten Männer von Paris übermittelt, antwortet er: »Längst weiss ich, dass es Esel auf der Welt gibt, doch lege ich so wenig Wert auf ihr Urteil, dass ich betrübt wäre, auch nur eine Minute von meiner Musse und meiner Ruhe darauf verwenden zu müssen«

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(VIII, 538). Es lässt sich nun ohne weiteres voraussetzen, dass ein Forscher, der so resolut eigene Wege wandelt und jeder Berührung mit den offiziell anerkannten Magistern des Schuldenkens ausweicht, nicht leicht eine Weltanschauung entwickeln wird, geeignet, in eine strenge, schulmässige Form gebracht zu werden. Das Weltbild, das Descartes vor uns entrollt, ist kein aufgepfropftes Reis, wie wir gewohnt sind, deren in der Philosophie zu sehen, sondern ein aus dem Samen frischgezogener Baum. Plato knüpft an Sokrates, ausserdem noch an Pythagoras, Anaxagoras, Heraklit und Andere an; Aristoteles wächst aus Plato heraus; Bruno aus Plotin, Lucretius, Cusa; Locke, Berkeley, Spinoza, Leibniz aus unserem Descartes; Kant ebenfalls aus Descartes, ausserdem aus Leibniz, Locke, Rousseau, Hume..... und so für Alle; einzig Descartes steht allein. Und wiewohl er von der Wahrheit seiner Anschauungen überzeugt ist und von ihrem Siege eine Wiedergeburt der Wissenschaften erhofft, wacht er doch so eifersüchtig über seine Selbständigkeit, ist er so sehr darum besorgt, auch nach dem Tode in seiner stolzen Vereinsamung als ein Unantastbarer belassen zu werden, dass er im voraus erklärt, seine Methode sei nur für ihn, nicht für Andere — mon dessein n'est pas d'enseigner la méthode que chacun doit suivre pour bien conduire sa raison, mais seulement de faire voir en quelle sorte j'ai tâché de conduire la mienne (I, 124) — und dass er zu wiederholten Malen vor dem Paradoxon nicht zurückscheut, seiner Weltanschauung fehle jegliche Originalität, was er offenbar nur sagt, damit die guten Leute nicht auf den Gedanken verfallen, um seinen Namen herum eine »Schule« zu bilden. Als Schreckbild steigt vor seinen Augen die Vorstellung auf, es würden Menschen kommen, die sich einbildeten, in einem Tage das zu erfassen, was ihm als das Ergebnis zwanzigjährigen Studiums und Erziehens zum Schauen eigen sei, und darauf würden sie dann irgend eine haarsträubende »Philosophie« aufbauen, würden sich weiss machen, diese »Philosophie« ergebe sich aus seinen »Prinzipien«, und der Welt versichern, er — Descartes — sei ihr Urheber. ¹) Rührend ist es zu hören, wie er die Nachkommen anfleht: »Glaubt nie, dass die Dinge, von denen man euch versichert, sie machen meine Lehre aus, von mir stammen; schreibt mir nur das zu, was ihr aus meinem eigenen Munde vernehmt« (I, 201 u. III, 30). Und was er gewollt hat — gewollt
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    ¹) Vergl. Discours de la Méthode, gegen Schluss des letzten Teils.
 
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nämlich im Gegensatz zu der Bildung einer Schule — sagt er an der selben Stelle deutlich genug: ouvrir quelques fenêtres, nicht ein System aufrichten, sondern »die Fenster aufreissen und Licht hereinlassen«, Licht für alle Diejenigen, die Augen zum Sehen haben! Sie unterscheiden schon jetzt in grossen Zügen, wie dieser Geist beschaffen war, und was er — als er sich endlich überreden liess, öffentlich aufzutreten — bezwecken musste: selber eine freie Persönlichkeit, der es schwere Arbeit gekostet hatte, alle Binden von den eigenen Augen herunterzureissen, welche Erziehung, Herkommen, Schulweisheit, Kirchenlehre von Jugend auf darum gewunden hatten, will er freie Persönlichkeiten erziehen und zu diesem Zwecke nicht belehren — nicht, heisst das, im Sinne der Schulen — sondern nur anleiten, es so zu machen, wie er es gemacht hatte, nämlich die Augen zu öffnen und sich durch Anschauung selber zu belehren. Unter »Philosophie« versteht er buchstäblich »das Öffnen der Augen«, oculos aperire. ¹) Und weil dies das Grundprinzip von Descartes' Persönlichkeit und Lehre war, darum hält er nicht inne nach der Feststellung der grossen, allgemeinen, unumstösslichen Grundsätze, sondern lässt sich freien Lauf in der Ausmalung bis ins einzelne seiner oft bizarren, nur ihm persönlich angemessenen Vorstellungen. Schauen Sie doch seine Bildnisse an: den naiv erstaunten Blick hinaus auf die Welt und das verschmitzt ironische Lächeln über die Weisheit der Menschen! Bis in die Fingerspitzen ist dieser Mann Antischolastiker. Selbst jenes cogito, ergo sum (ich denke, daher bin ich) ist nicht — wenigstens für ihn ist es das nicht — ein logischer Schluss, sondern der sprachliche (und nur deswegen in logische Lumpen gekleidete) Ausdruck für eine unmittelbare Anschauung; und als die Zunftmänner mit ihm darüber tifteln wollen, fertigt er sie ab: »Mein Dasein folgere ich nicht aus einem Syllogismus, sondern ich   e r b l i c k e   es« (I, 427). ²)
    Gerade dieser Mann musste nun das Schicksal erleben — im Jenseits erleben — das Opfer der populace in einem Grade zu werden, wie nie ein anderer Denker. Kaum war er gestorben, und schon war die Gelehrtenwelt Europas in zwei Lager geschieden:
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    ¹) Vgl. das Vorwort zu den Principia.
   
²) Es beruht also auf Irrtum, wenn Kant Descartes wegen seines »vermeintlichen Schlusses« tadelt (r. V. 422 und I, 355). Dass der Fachmann dem Descartes bestreiten wird, dass hier Anschauung vorliegt, wo streng genommen nur von Wahrnehmung die Rede sein kann, brauchte ich in meinem Vortrag nicht zu berühren.

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in das der Cartesianer und das der Anticartesianer. Das stolze — und zugleich so kluge, ehrliche, trotz allein Argwohn liebenswürdige — Auge war geschlossen; jetzt wurde es anatomisch zerlegt und vordemonstriert. Die — wie üblich — von allerhand mittelmässigen und sich untereinander widersprechenden Geistern »vervollkommnete« Lehre des Descartes wurde zu einem System von scholastischen Definitionen und starren Dogmen umgebildet. Descartes hatte gemeint: was die Sucht nach Definitionen anbelangt, so überlassen wir sie den Herren Professoren; in sehr vielen Fällen dienen Definitionen lediglich dazu, das, was klar ist, dunkel zu machen; durch seine subtilen Unterscheidungen trübt der Fachmann das natürliche Licht des Verstandes und gelangt schliesslich dahin, aus dem, was jeder Bauer weiss, ein unlösbares Problem zu machen (vgl. XI, 369, 279 u. 299). Descartes war unermüdlich bestrebt gewesen, die Logik in die engen Schranken ihrer berechtigten Wirksamkeit zurückzuweisen, da — so sagt er — l'art syllogistique ne sert en rien à la découverte de la vérité (XI, 256, 295), wogegen die logische Kunst eine Haupthandhabe der Fachleute sei, um über die Dinge, von denen sie selber gar nichts wissen, wortreich zu reden (I, 140). ¹) Und jetzt, wenige Jahre nach seinem Tode, erhob sich ein ausführliches logisches System — die Logique de Port-Royal — angeblich auf seiner Lehre! Kurze Zeit nur währte es, und dieser sogenannte Cartesianismus stand im Mittelpunkte des Abendmahlstreites; Calvinisten und Jansenisten, die Leugner und die Vertreter der wirklichen Gegenwart von Christi Leib und Blut in dem Brot und Wein, beide beriefen sich auf Descartes; im Grabe stempelte man ihn zum Urheber der sog. philosophia eucharistica; seine erhaben einfachen, mit vornehmer Unumwundenheit verfassten Schriften mussten wie die arcana disciplinae der alten Mysterien herhalten, um im Streit über die abstraktesten Hirngespinste Beweise für und wider zu liefern. Und inzwischen griffen die Physiker die genial übereilte Hypothese von den kosmischen Wirbeln heraus und stritten für und wider, als ob Descartes' Naturdeutung und Persönlichkeit hiermit steh' und falle; während Freigeister und Frömmler — beide — sich des sog. Automatismus der Tiere bemächtigten, aus dem sie entgegengesetzte Schlüsse folgerten.
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    ¹) Vgl. auch I, 202: L'obscurité des distinctions et des principes dont ils se servent est cause qu'ils peuvent parler de toutes choses aussi hardiment que s'ils les savaient, et soutenir tout ce qu'ils en disent contre les plus subtils et les plus habiles, sans qu'on ait moyen de les convaincre.

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Über ein Jahrhundert hat das tolle Gebrüll der Cartesianer und Anticartesianer die Welt erfüllt; von Descartes, dem einsamen Forscher und Denker, war nicht mehr die Rede. Und als nun — zum nicht geringen Teil aus Samen, die er gesät hatte — eine neue Wissenschaft und eine neue Philosophie nach und nach emporgewachsen und erstarkt war, da schwemmte allgemeine Verachtung den öden Cartesianismus hinweg, mitsamt dem ebenso öden Anticartesianismus. Die grosse Persönlichkeit des Descartes war längst entschwunden. Einzig das unselige cogito, ergo sum wurde noch wie ein Wrack auf dem vielverschlingenden Ozean der Welthistorie umhergetrieben.
    Freilich, in den philosophischen Geschichtswerken wird Descartes in ehrenhafter Weise genannt; Schopenhauer's Wort: »der Vater der neueren Philosophie« ist allgemein nachgesprochen worden; doch handelt es sich um das, was die Bühnensprache un père noble nennt, eine geehrte, aber wenig beachtete Anstandsperson im Hintergrunde. Den ersten Band von Kuno Fischer's umfangreichem Werk über die neuere Philosophie kann ich Ihnen allerdings empfehlen; er bietet wenigstens eine ziemlich eingehende Lebensschilderung; aber auch hier tritt Descartes in den Verhältnissen der Behandlung gegen alle anderen Philosophen zurück, und wenn auch viel Stoff zu einer Darstellung der Persönlichkeit geliefert wird, diese Darstellung selbst, das Porträt des so ganz individuellen Geistes und die plastische Sichtbarmachung seiner besonderen Bedeutung fehlt. In den meisten anderen Handbüchern finden Sie über ihn nur ein Kapitel, betitelt »Descartes und seine Schule« oder gar »Der Cartesianismus«. Er, der gesagt hatte: die grossen Geister reden Unsinn, sobald ihre Jünger für sie sprechen, denn fast nie hat man es erlebt, dass ein Schüler dem Meister geglichen hätte (vgl. I, 202), er existiert beinahe nur noch als Eponym für eine Schule! Wozu noch eines kommt: wenige unserer Fachphilosophen sind gewappnet, den wahren Descartes überhaupt verstehen zu können. Denn Descartes, wie Sie schon bemerkt haben werden, ist viel mehr Weltanschauer als Philosoph in dem scholastischen und noch heute massgebenden Sinne des Wortes; wir könnten ihn geradezu einen Antiphilosophen nennen. Für ihn ist die Philosophie — er definiert sie buchstäblich so — ein Baum, »des Lebens goldner Baum«; in die dunkle Erde reichen die metaphysischen Wurzeln, und spöttisch bemerkt Descartes: an den

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Wurzeln pflegen keine Früchte zu wachsen; der mächtige Stamm ist die umfassend gedachte Physik (worunter er, siehe XI, 223, die allgemeinen Gesetze aller Bewegung versteht), und dieser Stamm verzweigt sich in die vielen empirischen Wissenszweige an deren Enden erst die Blumen blühen und der Früchte Segen reift. ¹) Sie brauchen nur Descartes' systematisches Hauptwerk, die Prinzipien der Philosophie, anzusehen: in der Ausgabe von Cousin erfordert der erste Teil, der alle psychologischen und metaphysischen Erörterungen enthält, 57 Seiten, die übrigen drei Teile — nämlich die Physik, die Kosmologie und die Geognosie — über 400 Seiten, wobei noch zu bemerken ist, dass Descartes sich entschuldigt, die Zoologie, die Botanik und die Menschenkunde noch nicht veröffentlichen zu können. Wohl stellt er, als Allererster, das Erkenntnisproblem in den Vordergrund, — eine Tatsache, die Fontenelle in die witzige Bemerkung gekleidet hat: Avant M. Descartes, on raisonnait plus commodément: les siècles passés sont bien heureux de n'avoir pas eu cet homme-là; ²) er wird dadurch der Erwecker echter metaphysischer Besinnung; doch er selber verweilt wenig dabei. Die Klarheit über sein inneres Wesen soll ihm als erste Stufe dienen, um Klarheit über das Wesen der sichtbaren Natur zu gewinnen. Metaphysik gilt ihm gleichsam als Sprungbrett zur Physik. Wer nicht befähigt ist, ihm auf naturwissenschaftlichen und mathematischen Boden zu folgen, kann ihm schwerlich gerecht werden. Die Verrichtungen seines Gehirns studiert er als einen Teil der Welt, der ihn unmittelbar betrifft und insofern grundlegend ist, nicht, durchaus nicht in dem Sinne eines fachmännischen Philosophen in der gewöhnlichen heutigen Auffassung des Wortes, dessen Beruf und Geschäft es ist, über alle Dinge abstrakt nachzudenken. Dem Fachwesen traut er überhaupt nicht; er bezeichnet es als une grande erreur und meint: il est plus facile d'apprendre toutes les sciences à la fois que d'en détacher une seule (Règle 1). Ein solcher Mann steht unseren philosophischen Fachleuten sehr fern; nicht bloss ferner als ihr Liebling Spinoza, der kein einziges Mal das Gebiet der Abstraktion verlässt, sondern ferner auch als ein Francis Bacon, der zwar ein Novum organon für die Erweiterung der Naturerkenntnis aufstellt, nie aber selber
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    ¹) Vgl. das Vorwort zu den Principia philosophiae.
   
²) Digression sur les Anciens et les Modernes; citiert nach Sainte-Beuve: Port-Royal, 4. éd., V 354.


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mathematischer und naturwissenschaftlicher Arbeit teilgenommen hat, und dessen erster Grundsatz es ist, auf jegliche Weltanschauung zu Gunsten einer angeblichen Empirie zu verzichten, ¹) ferner auch als ein Locke und ein Berkeley und ein Hume und ein Leibniz; denn bei allen diesen Männern bildet die ratiocinatio — das heisst, die Überlegung innerhalb der Vernunft und die Fortschreitung durch lauter Vernunftschlüsse — den Hauptinhalt ihrer Philosophie. Hier dagegen sehen wir einen Mann, dessen Hauptwerk (leider unvollendet geblieben und nur bruchstückweise bekannt) Le Monde ou Traité de la Lumière heissen sollte! Also die ganze, grosse Welt, das, was wir heute den Kosmos nennen würden, und darin vor allem das Medium, durch welches sie uns bekannt wird, nämlich das Licht: diese »zu betrachten, zu erforschen, zu erfassen« (vgl. S. 119) war sein Ziel, und nur wer dieses Ziel im Auge behält, kann hoffen, sich die Persönlichkeit selbst und das, was sie von sich gibt, richtig vorzustellen. Wenn man bei diesem Manne die erkenntnistheoretische Besinnung, dazu die metaphysischen Erörterungen über Geist und Stoff, über das Wesen des Raumes usw., sowie die Versuche, das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele unwiderleglich darzutun, einseitig betont, so erhält man nicht allein ein schiefes Bild von ihm, sondern man ist gar nicht einmal im stande, seine besondere Art, auch diese rein spekulativen Fragen zu betrachten, richtig aufzufassen. Wer Descartes' Physik nicht studiert und in ihrem Wesen begreift, erblickt seine Metaphysik in falscher Perspektive; daher die Unzulänglichkeit aller Darstellungen des Descartes in philosophischen Büchern.
    Das selbe Missgeschick verfolgt ihn aber auch anderwärts; denn vonseiten der Mathematiker, Mechaniker, Physiker, Ana-
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    ¹) Es ist interessant zu bemerken, wie dieser geschworene Gegner jeder philosophischen Weltanschauung, dieser rabiate Vertreter einer rein utilitaristischen, handwerksmässigen »Wissenschaft«, unseren Fachphilosophen teuer geblieben ist. In jedem philosophischen Lehrbuch wird er noch immer als der Begründer einer neuen Epoche gerühmt; wogegen die Naturforscher schon längst nachgewiesen haben: erstens, dass Bacon's Methode   n i c h t   die Methode der exakten Naturerforschung ist, zweitens, dass die heutigen Methoden der Naturwissenschaft zu Bacon's Zeiten schon üblich waren und zu glänzenden Ergebnissen geführt hatten, über die aber — man denke an das Lebenswerk der Kopernikus, Galilei, Harvey, Gilbert usw. — sich Bacon lustig macht, völlig unfähig, das Wesen der Naturforschung auch nur zu begreifen. Man vergleiche hierüber namentlich die drei Arbeiten Justus Liebig's aus den Jahren 1863 und 1864 (in seinen Reden und Abhandlungen abgedruckt), die abschliessend sind, ein für alle Mal, gleichviel, ob es unseren Philosophielehrern passt oder nicht. Hübsch ist Goethe's Urteil über Francis Bacon: »das Haupt aller Philister und darum ihnen so auch zu Rechte« (G. 13. 10. 07).

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tomen usw. ergeht es ihm kaum besser, manchmal sogar schlechter, als vonseiten der Philosophen. Da wir nämlich unter der Herrschaft der äussersten Specialisierung leben, so fragt jeder einzelne Wissenschaftszweig nur nach den konkreten Leistungen innerhalb seines ausgestreckten Feldes und gibt uns davon Bericht, wogegen Descartes' eigentümliches Gebiet das Zwischengelände ist. Wie zwischen Metaphysik und Physik, so bewegt sich Descartes überall am liebsten auf den Grenzscheiden; dort erst — dort, wo geknüpft und geschieden wird, wo die spröden Tatsachen genötigt sind, behufs Verbindung mit anderen Tatsachenreihen geschmeidig und fügsam zu werden, dort, heisst das, wo alles entsteht, was wir »erklären« und »verstehen« nennen — dort erst fühlt sich Descartes wohl und heimisch. Darum — und nur darumwidmet er sich mit Leidenschaft dem Studium der Mathematik, der grossen Vermittlerin zwischen Anschauen und Denken, zwischen sichtbaren Dingen und unsichtbaren Gedanken. Aber auch sie, zu deren Förderung er Unsterbliches leistete, ist ihm »nur die Hülle, nicht das Wesen« (XI, 218); die reine Mathematik bloss um der Mathematik willen zu treiben, betrachtet er als zwecklose Zeitvergeudung und eilt, dass man ihm kaum folgen kann, durch die Lehren der Gestalten und der Örter, um zur Physik und Mechanik zu kommen; hier aber wieder ist es nicht das Detail der Phänomene, das ihn interessiert, sondern das   W e s e n   des Lichtes, die   U r s a c h e n   der Schwere, das   V e r h ä l t n i s   zwischen den mechanischen Gesetzen der Materie und den Tatsachen des Lebens, usw. Zerlegt er ein Gehirn, so beschreibt er es anatomisch zwar sehr genau, ¹) doch was ihn fesselt, ist, dass er einen sichtbaren Zusammenhang zwischen der morphologischen Gestalt und der Funktion des Gedächtnisses zu entdecken hofft (Brief an Mersenne, VI, 235). Dieses letzte Beispiel zeigt Ihnen besonders deutlich, wie hier theoretisierendes Denken und Bedürfnis nach konkreter Anschauung in diesem eigenartigen Manne Hand in Hand gingen. Und eine Folge war, dass Descartes innerhalb der einzelnen Wissenschaften weniger leistete, als man bei seinem Genie voraussetzen müsste. Sein Theoretisieren beeinträchtigte die Unbefangenheit seines Beobachtens, und zugleich beengte die peinliche Detailarbeit seiner Beobachtungen die Freiheit seines Theoretisierens. Daher kommt
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    ¹) Siehe z. B. in den Oeuvres Inédites, herausg. von Foucher de Careil, II, 171 suiv.

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es, dass selbst seine unleugbaren Leistungen auf dem Gebiete der exakten Wissenschaften — sowohl gestaltende Gedanken wie auch die Aufdeckung von Tatsachen — meist erst in andren Händen, nicht in seinen eigenen, bis zum Ziele gelangten und darum auch unter anderen Namen gehen. Dass er z. B. die Luftschwere lehrte und experimentell untersuchte zu einer Zeit, als Pascal ein Knabe war und Galilei den horror vacui noch als unantastbares Dogma betrachtete, sowie auch, dass das berühmte Experiment des Puy-de-Dôme lediglich auf sein Drängen hin von dem ungläubigen Pascal unternommen wurde, ist zwar dokumentarisch nachweisbar, doch bleibt es unbeachtet; ¹) dass Descartes die Circulation des Blutes unabhängig von Harvey und die Fallgesetze unabhängig von Galilei entdeckte, interessiert die Specialisten nicht — für die Kenntnis der Persönlichkeit ist es aber von grösstem Interesse; dass er als Erster die mathematischen Gesetze der Lichtbrechung aufstellte, bestätigt Humboldt noch 1847 in seinem Kosmos (II, 506), in keinem späteren Werke habe ich die Tatsache erwähnt gefunden; in Geschichten der Medizin werden Sie unter »Auge« und »Gehirn« Descartes inmitten einleitender Namenlisten flüchtig genannt finden .... Wie Sie sehen, lauter Fragmente, lauter Unbedeutendes, oder gar nichts. Dass der anschauliche Gedanke von der Trägheit der Materie unserer gesamten Mechanik zu Grunde liegt, das weiss zwar Jeder, Wenige wissen aber, dass wir ihn Descartes verdanken, und Keiner zieht aus dieser Geistestat und ähnlichen — lieber als aus cogito, ergo sum — einen Schluss auf die Natur dieses Intellektes. ²) Ebensowenig denkt Einer daran, dass Descartes
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    ¹) Man vergl. die Briefe (1631) VI, 204s., (1638) VII, 436—7, (1642) VIII, 567 u. IX, 113; über Pascal X, 344, 351. Inzwischen erfahre ich, dass G. Monchamp in den Bulletins de l'Académie Royale de Belgique, classe des lettres, 1899, S. 632 bis 644, auf einen bisher ungedruckten Brief Descartes' vom 13. 12. 1647 aufmerksam gemacht hat, aus welchem unwiderleglich hervorgehe, der Gedanke der barometrischen Höhenmessung rühre von Descartes her, und Pascal's Versuch sei erst auf Descartes' Anregung hin erfolgt (vergl. Deutsche Literaturzeitung 2. 8. 1902, Kol. 1975).
   
²) Dass es Leute unter uns gibt, die, wie Mach (Die Mechanik, 3. Aufl., S. 248, 275 etc.) dem Descartes auch diesen Ruhm rauben möchten, obwohl selbst so beschränkte und verbissene Schmäher des grossen Denkers, wie Whewell (History of the inductive Sciences, 3d ed., II, 20 ff.) eine derartige Vergewaltigung geschichtlicher Tatsachen nicht gewagt hatten, verdient nur insofern Erwähnung, als es zeigt, wie wenig den Menschen die wahre Persönlichheit des Descartes, ihre unvergleichlichen Eigenschaften. sowie die Grenzen ihrer Begabung bekannt sind. Niemandem, der mit Descartes' Eigenart vertraut ist, wird es einfallen, seine Leistungen in der experimentalen Feststellung mechanischer Tatsachen mit denen Galilei's zu vergleichen; wenn aber Mach die Verdienste des Descartes aus der Welt zu schaffen glaubt mit dem Satze: »Descartes hat in seiner Weise die Galileischen Ideen ver-

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es ist, der eine ähnliche Revolution in der Physik wie Kopernikus in der Astronomie vorbereitete, indem er die unglaublich geniale, für seine Zeitgenossen völlig unbegreifliche, ihnen verrückt dünkende Überzeugung hegte:   L i c h t   i s t   B e w e g u n g,   und zwar nicht die trajektorische Bewegung eines geschleuderten Körpers (wie später Newton lehrte), sondern die Bewegung eines unwägbaren Stoffes, des Äthers, wodurch unser Augennerv in Schwingungen versetzt wird. Unter der vorübergehenden Herrschaft plumper Newtonischer Vorstellungen ward dieser Gedanke vergessen, und als man ihn, um den Tatsachen gerecht zu werden, wieder aufnehmen musste, da zog man es vor, bei Christian Huyghens anzuknüpfen, einem Sohn und Enkel der intimsten Freunde des Descartes, der unter den Augen des grossen Mannes aufgewachsen war, und der dessen genialen Äther- und Lichtgedanken nunmehr zu der mathematisch vollständig ausgearbeiteten Undulationstheorie weiter entwickelt hatte. So liegen, wie Sie sehen, konstruktive Gedanken des Descartes nicht allein unserer atomistischen Physik, sondern auch unserer Molekularphysik zu Grunde. Und trotz alledem erfahren wir auch in Geschichten der Naturwissenschaften herzlich wenig über ihn und bleibt seine Gestalt auch hier für unsere Augen. umnebelt und verzerrt.

DER ANGELPUNKT DES DENKENS

    Ich hoffe, Sie sind mir nicht gram, dass ich Ihnen so umständlich dartue, inwiefern und warum Descartes selten nach Verdienst gewürdigt und seine Persönlichkeit vielleicht nie richtig be-
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arbeitet«, so begeht er unbewusst eine historische Fälschung. Descartes' Buch Le Monde war im Anfang des Jahres 1633 schon druckfertig (siehe die Briefe an Mersenne vom März und April und vom 22. Juli 1633, VI, 224 s; 230, 236 s), und in ihm ist sowohl das sog. Trägheits- oder Beharrungsgesetz mit vollkommener Klarheit ausgesprochen, als première règle (IV, 254 s), wie auch die geradlinige Bewegung (troisième règle, p. 259 s), also das ganze sogenannte »erste Gesetz Newton's«. (Vergl. hierüber auch Clerk Maxwell: Matter and Motion, § XVI.) Auch jenes Gesetz von der   Q u a n t i t ä t   d e r   B e w e g u n g   (= Masse multipliziert mit Geschwindigkeit), welches ebenfalls noch heute eine so grosse Rolle in unserer Mechanik spielt, findet sich in diesem frühen Werk (seconde règle). Galilei's Discorsi e dimostrazioni erschienen aber erst 1638, und selbst sein Werk über das kopernikanische System (erschienen 1632) hat Descartes nachweisbar erst im August 1634, und zwar nur dieses einzige Mal, auf einen Tag geliehen, in Händen gehabt (siehe den Brief an Mersenne vom 14. August 1634, VI, 247). Nebenbei sei bemerkt, dass Descartes wenigstens das allgemeine Prinzip des Fallgesetzes ebenfalls unabhängig von Galilei fand; im Juni 1631 kannte er es noch nicht (VI. 185): doch arbeitete er damals daran, und er freut sich 1634, als er durch Galilei's Versuche seine inzwischen gemachten Annahmen experimental bestätigt findet (VI. 248). — Solchen Verirrungen verdienstvoller Männer wie Whewell und Mach gegenüber ist es trostreich zu sehen, wie jeder unzweifelhaft geniale Mensch — auch unter den Physikern und Mechanikern — Descartes' unvergängliche Bedeutung zu würdigen weiss, so Clerk Maxwell und Heinrich Hertz.

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urteilt wird Dieses negative Verfahren musste ich einschlagen, weil mir daran lag, das wenige zu zerstören, was Sie von ihm etwa wissen, das heisst, zu wissen vermeinen, um Platz für richtigere Ansichten zu schaffen. Unterdessen werden Sie, hoffe ich, doch einiges gelernt haben und sich dem leibhaftigen Descartes näher fühlen als vor einer halben Stunde. Und es läge mir viel daran, dass Sie genau wüssten, wie es in dem Kopfe dieses merkwürdigen Mannes ausgesehen hat; denn er — ich meine, dieser Kopf — bildet den Angelpunkt unserer Betrachtungen in diesen Vorträgen über Kant's Persönlichkeit, wie er — in mehr als einer Beziehung — den Angelpunkt des menschlichen Denkens überhaupt bildet. Ich sage absichtlich »Kopf«, nicht »System«, nicht »Metaphysik«, nicht »Entdeckungen«: das System des Descartes, d. h. seine Kosmologie, wie sie die Principia usw. entwickeln, ist ungeniessbar, — ungeniessbar nämlich, sobald wir es mit mühseliger Genauigkeit wie ein dogmatisches Bauwerk untersuchen und des Verfassers Mahnung ausser Acht lassen, seine systematischen Werke möglichst schnell zu lesen, comme une fable oder ainsi qu'un roman; ¹) seine Metaphysik — wenngleich sie den Ausgangspunkt alles späteren Denkens bildet — ist zugleich nüchtern und extravagant, ideenlos und hyperphantastisch; seine Entdeckungen hat er — mit einziger Ausnahme der Erklärung des Regenbogens ²) — nie in befriedigender Weise bis ans Ende verfolgt und ausgearbeitet, — einen Augenblick lässt er sich vom empirischen Detail ersticken, den nächsten schwingt er sich zu Hypothesen auf, die in dem Überreichtum an künstlich verschränkten Detailbestimmungen wenig geeignet sind, den regelrechten Gang der Forschung zu fördern. Rechten wollen wir nicht mit ihm darüber, sondern vielmehr mit Vauvenargues einsehen lernen, dass Descartes oft richtig erblickt und richtig erraten hat, auch dort wo er in der Kombination hypothetischer Ursachen übereilt vorging; gewöhnliche Geister sind vor dergleichen Verirrungen sicher: les esprits subalternes n'ont point d'erreur en leur privé nom, parce qu'ils sont incapables d'inventer, même en se trompant. ³) Descartes selber, der kluge Mann, wusste
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    ¹) I, 124, III, 21 und vgl. den Brief vom 15. April 1630, wo er sein Weltsystem so abzufassen hofft, qu'on le pourra lire en une après-dînée (VI, 101).
   
²) Dass diese Entdeckung sein unbestreitbares, eigenes Verdienst ist, hat selbst ein Whewell zugegeben und nachgewiesen (l. c. II, 280 fg.), entgegen den Versuchen, die schon seit Newton unternommen werden, auch diese Tat ihm zu Gunsten eines obskuren Fachmannes zu entreissen.
    ³) Réflexions et Maximes, Nr. 279.

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wohl, wie es darum stand, und hat dieser Einsicht häufig in den Worten Ausdruck gegeben: es genügt, wenn ich die Bahn freimache, ihr mögt das weitere tun. ¹) Darum, ich wiederhole es, ist an diesem Manne weniger das Werk als der Mann selber — oder wie ich vorhin sagte, der Kopf — wichtig. Wir Menschen sind ein recht albernes Geschlecht: gerade bei dem einen Philosophen unter allen, wo die Persönlichkeit selbst in der Eigenartigkeit ihres Intellektes und erst in zweiter Reihe die systematischen Lehren das treibende Moment und das bleibende Interesse bilden, gerade bei ihm haben wir uns die Persönlichkeit entschlüpfen lassen. Jedoch, neben dem geschichtlichen Weiterleben gibt es für einzelne Männer eine »namenlose« Unsterblichkeit; diese besitzt Descartes wie sonst kaum Einer; denn die Gedanken, die jener Kopf dachte und — noch mehr als die Gedanken — die Art und Weise, wie jener Kopf die Hauptprobleme des Daseins auffasste, dasjenige also, was ich die   A r t   z u   s c h a u e n   nennen würde, die Art die Augen nach aussen und nach innen zu gebrauchen, das alles hat unsere Philosophie und unsere Naturwissenschaft dermassen durchsetzt, durchdrungen, gestaltet, dass wir allesamt — gleichviel, welcher Schule wir angehören — auf dem Webstuhl des Descartes unsere Gedanken weben. Mit Recht bemerkt daher der Zoologe Thomas Henry Huxley — einer der wenigen philosophisch gründlich gebildeten Naturforscher des 19. Jahrhunderts: »In allen Gedanken, die charakteristisch modern sind, sei es auf dem Gebiete der Philosophie oder auf dem der Naturwissenschaft, finden wir, wenn auch nicht immer die Form, so doch den Geist des grossen Franzosen«; eine Einsicht für die einer der besten Kenner des Descartes, Graf Foucher de Careil, das Epigramm geprägt hat: on se croit nouveau, on est cartésien.
    Zunächst ist es die ganze Haltung des Geistes, nämlich die bedingungslos   f r a g e n d e,   welche Epoche machte. Descartes' intellektuelle Haltung ist eine »skeptische«‚ aber un echten, alten Sinne des Wortes. Denn das Verbum skeptomai hiess ursprünglich schauen, betrachten, untersuchen, später erwägen, überlegen; im Namen »Skeptiker« lag früher die Betonung auf dem Untersuchen und dem sorgfältigen Betrachten (quaesitores et consideratores, nennt Gellius die Skeptiker). Die instinktive Weisheit der sprachbildenden Mächte bringt also wohl die Wahrnehmung durch die Sinne mit der Notwendigkeit der genauen, sorgfältigen Untersuchung zusammen, nicht
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    ¹) Siehe z. B. I. 204, III, 31, IV, 264 usw.

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aber mit dem Begriffe des allzersetzenden Zweifels, wie er in der Verfallzeit griechischen Denkens aufkam und dem Worte Skepsis eine neue Bedeutung aufdrückte. Die Sterilität des philosophischen Skepticismus wird durch seine Beschränkung auf logische Funktionen bedingt; weder greift er hinaus in die empirische Natur, noch reicht er hinein in das sichere Selbstbewusstsein; sowohl die äussere Natur wie das innere Wesen hätte den Skeptiker gelehrt, dass dasjenige, was tatsächlich ist, nicht notwendigerweise vor dem logischen Forum besteht. Der antike Skeptizismus entsprang aus schalem Denken und führte zur Frivolität; wogegen der Skeptizismus des Descartes ein Erwachen des Menschen aus dogmatischem Schlummer zu unbefangen fragendem Aufblick bedeutet. Descartes zweifelte nicht, um zu zweifeln, sondern im Gegenteil, um die Wege eines möglichen Wissens ausfindig zu machen. Non que j'imitasse les sceptiques, ..... au contraire, tout mon dessein ne tendait qu'à m'assurer, et à rejeter la terre mouvante et le sable pour trouver le roc ou l'argile (I, 154). Die antiken Skeptiker, so überlegen sie sich auch vorkamen, blieben in Aberglauben verstrickt bis an den Hals; Descartes hingegen machte Ernst damit, d'entreprendre d'ôter une bonne fois toutes les opinions que j'avais reçues jusques alors en ma créance (I, 136). Wenn nun Descartes' Zweifeln sich damit begnügt hätte, uns bis auf jene Wahrnehmung zurückzuführen, die er in die Worte zu kleiden pflegte: cogito, ergo sum, oder dubito, ergo sum, oder sum, cogito, sum cogitans usw., wäre das schon etwas gewesen; Kant nennt ihn dafür »einen Wohltäter der menschlichen Vernunft«; in Wahrheit bedeutet aber dieses Ergebnis kritischer Besinnung nur die Sonnenwende des Descartesschen Denkens, es bildet den Punkt, wo die Bewegung ihre Richtung umkehrt, um vom Negativen zum Positiven überzugehen. Das cogito, ergo sum ist eine Grenzwahrnehmung, genau so, wie für Kant das »Ding an sich« ein Grenzbegriff ist, und nur Narren finden ein Vergnügen daran, gegen dergleichen Marksteine mit dem Kopf anzurennen. Descartes war kein solcher Narr. An dieser äussersten Grenzscheide, auf dem gesuchten »Felsen« errichtete er eine Kirche dem Gott, ohne den er nicht leben mochte; Gott zu beweisen, ist immer ein bedenkliches Unternehmen, er steht ja jenseits der scharfen Descartesschen Grenze; doch dieser nicht sehr religiös empfundene Gott des in einer Jesuitenschule erzogenen Descartes wird uns weniger als bewiesen aufgedrungen, denn als nötige Voraussetzung plausibel

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gemacht, und er hat das eine für sich, dass er ein Gott der Wahrheit ist: nur damit das, was da ist, wahr sei, braucht ihn Descartes, zu weiter nichts. ¹) Und nun wendet sich der kühne Forscher um zu konstruktiven Geistestaten! Jenem Grenzstein kehrt er den Rücken, in seiner Kirche kniet er nur selten zu kurzer Andacht; dagegen bereichert er die Welt mit Gedanken, die so lebensfrisch infolge ihrer Anschaulichkeit sind, dass sie allen Stürmen der Zeit getrotzt haben und auf Jahrtausende hinaus trotzen werden, und er bereichert sie mit Anschauungen, die so unerschöpflichen symbolischen Wahrheitsgehalt bergen, dass sie an älteste Überlieferungen unseres Geschlechtes gemahnen und in kommende Zeiten hinausweisen.
    Glauben Sie, bitte, nicht, dass ich hier hyperbolisch rede; meine Worte sind buchstäblich zu nehmen. Als Beispiele will ich einen von ihm in die Philosophie eingeführten Gedanken und eine von ihm in die Naturwissenschaft eingeführte Vorstellung nennen. Descartes' analytische Zurückführung der gesamten inneren und äusseren Menschenerfahrung auf die zwei Begriffe:   A u s d e h n u n g   und   D e n k e n   ist ein so einfach anschaulicher Gedanke, dass er nie aufhören kann, produktiv zu wirken; bis auf den heutigen Tag knüpfen alle Philosophen hier an; zwar benützen sie verschiedene Wolle und weben sie verschiedene Muster, doch auf Descartes' Webstuhl weben sie — wie schon gesagt — alle. Andrerseits ist eine Vorstellung wie diejenige des den gesamten Kosmos ausfüllenden unwägbaren Stoffes, des Äthers, so reich an symbolischer, gedankenhafter Gestaltungsfähigkeit, dass wir erst heute, im Lichte neuester Entdeckungen, ihre grosse Fruchtbarkeit zu würdigen beginnen. ²)

    In seiner Schrift Über die menschliche Unsterblichkeit bemerkt
Herder: »Unglaublich ist's, wie wenige eigentümliche Formen im Reich der Gedanken und Menschenwirkungen erscheinen, wenn man die Geschichte prüfend hinab verfolgt. Weit weniger Regenten
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    ¹) Ich rede hier nur von dem philosophischen Gott des Descartes; im übrigen verblieb unser Denker zeitlebens ein zwar antifanatischer, doch treuer Sohn der Kirche, der seine Väter angehört hatten.
    ²) Für die Kenntnis von Descartes' Ätherlehre welche er im bewussten, scharfen Widerspruch zur Atomistik aufstellt — genügt nicht die Kenntnis der Abschnitte, welche die Bewegung der Gestirne behandeln, wie das dritte Buch der Prinzipien oder das fünfte Kap. des Monde etc.; die wichtigsten Stellen sind diejenigen, welche das Wesen des Lichtes zum Gegenstand haben, also der ganze erste Abschnitt der Dioptrique und das 14. Kap. des Monde; viele wichtige Stellen enthalten auch die Briefe, z. B. VI, 56, 104, 204 fg; 278, 343 fg; 355; VII. 241, 289;
IX, 348, 351; siehe auch die 12. Règle, XI, 277.

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beherrschen die Welt der Wissenschaften ..... als Monarchen Länder beherrschen.« Da haben Sie in einer kurzen Formel Descartes' Verdienst: er ist Einer jener unglaublich Wenigen, welche »eigentümliche Formen im Reich der Gedanken« schaffen. Hier nun, wo wir eine Darstellung der Descartesschen Weltanschauung nicht unternehmen dürfen, da dies uns zu weit abführen würde, müssen wir auch von einer Aufzählung der eigentümlichen Formen, die er eingeführt hat, absehen; was wir dagegen scharf ins Auge zu fassen haben, ist die Art, wie dieser Mann — empfangend und schaffend — in die Welt hinausschaute; die Art, wie er zu den neuen, »eigentümlichen Formen im Reiche der Gedanken« kam. Zu dieser Aufgabe wenden wir uns jetzt.

DAS SICHTBARE UND DAS UNSICHTBARE

    Ich rühmte vorhin an Descartes' Gedanken ihre grosse Anschaulichkeit; zugleich nannte ich als Beispiel seine Erfindung des Äthers, also eines Gedankendinges, das — bei näherer Überlegung — jeder Anschauungsmöglichkeit trotzt. Eine genaue Analyse wird uns überzeugen, dass es in der Tat zweierlei Arten gibt, jenen Eindruck geistiger Befriedigung hervorzubringen, den wir im gewöhnlichen Leben kurzweg als »anschauliche Klarheit« bezeichnen; teils handelt es sich um ein Sehen, teils um ein Denken. Die schöpferische Macht des gestaltenden Blickes, hinausgerichtet auf die umgebende Welt, war bei Descartes von so seltener Grösse, dass ein nüchterner Zeitgenosse, der grosse Mathematiker Christian Huyghens, bei der Nachricht von seinem Tode in die Worte ausbrach:

Nature! prends le deuil, viens plaindre la première
Le grand Descartes, et montre ton désespoir;
Quand il perdit le jour, tu perdis la lumière,
Ce n'est qu'à ce flambeau que nous t'avons pu voir. ¹)

Besonders schön sind diese Verse, als solche, nicht; aus der Feder eines Huyghens jedoch gewinnen sie um so mehr Bedeutung als dieser Forscher zu den exaktesten aller Exakten gehörte. Und er behauptet, wie Sie hören: die sonnenbeleuchtete Welt war dunkel, ungesehen, bis Descartes eine Fackel über ihr anzündete, die Fackel des Gedankens. Wir Menschen erblicken eben die Natur verschwommen, solange nicht deutliche Begriffe in das Chaos der Wahrnehmungen Ordnung gebracht haben. Unser Auge sieht nicht klar, wenn nicht das denkende Hirn es — wie ein optisches Glas
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    ¹) Mitgeteilt von Foucher de Careil: Oeuvres inédites de Descartes, II, 236.

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— scharf auf die Gegenstände eingestellt hat. In einer anderen Strophe des selben Gedichtes gebraucht aber Huyghens eine Wendung, die das soeben Gesagte durch das genau Umgekehrte ergänzt: denn er behauptet von Descartes, dass er:

Faisait voir aux esprits ce qui se cache aux yeux.

Hiermit wird gesagt: Descartes schenkte Sichtbarkeit denjenigen Dingen, die unsere physischen Augen zwar nicht erblicken, unser Verstand aber notwendigerweise denken muss. Also, wie er dort den Dingen die Gedanken, so schenkte er hier den Gedanken die sinnfälligen Vorstellungen; mit anderen Worten, er verdinglichte sie. Dort war es ein Verdenklichen des undeutlich Geschauten, hier eine Veranschaulichung des undeutlich Gedachten.
    Wir wollen uns diese beiden Behauptungen Huyghens' sofort durch Beispiele erläutern. Der Anschauung kommt Descartes mit Gedanken zu Hilfe, wenn er z. B. alle sichtbaren Bewegungen der Körper am Himmel und auf Erden durch die Aufstellung einiger Grundbegriffe (Trägheit, Masse etc.) verständlich macht; selbst diese allereinfachsten Phänomene haben wir erst durch die Erfindung solcher ordnenden Begriffe richtig beobachten, richtig sehen lernen. Desgleichen gehört hierher seine Theorie, die Summe der Bewegung im Weltall sei ein für allemal unveränderlich, eine Lieblingsbehauptung des Descartes, durch welche erst in das chaotische Durcheinanderschwingen und -kreisen des Kosmos ein Ordnung schaffender Gedanke kommt, ein Gedanke, der — nur durch einen Zusatz ergänzt — die Grundlage der heutigen Lehre von der Erhaltung der Energie bildet, die unserer ganzen Physik zu Grunde liegt. ¹) Das
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    ¹) Heute lautet die Formel: Die Energie des Weltalls ist konstant. Und wenn man auch von einer Energie der Lage oder potentiellen Energie spricht und sie von der kinetischen Energie der Bewegung unterscheidet, so zeigt dies nur, dass Descartes' Vorstellung eine so unentbehrliche war, dass wir vor kleinen Sophismen nicht zurückschreckten und der Natur gleichsam einen Kredit bei einem Bankier eröffneten; indem wir nunmehr mit dem Soll und Haben dieses Conto corrente geschickt operieren, stimmt die Rechnung immer genau; mehr kann der Menschengeist nicht fordern. — Wenn ich auch entfernt davon bin, ein gelehrtes Buch schreiben zu wollen oder auch zu können, so möchte ich doch eine Bemerkung wie die obige gegen die vorauszusehenden Einwürfe in Schutz nehmen und tue dies durch den Hinweis auf das genialste physikalische Fachbuch neuerer Zeit, die Prinzipien der Mechanik von Heinrich Hertz. Hier lesen wir, § 607: Die kinetische und die potentielle Energie eines konservativen Systems unterscheiden sich von einander nicht durch ihre Natur, sondern nur durch den   f r e i w i l l i g e n   S t a n d p u n k t   unserer Auffassung, oder die unfreiwillige   B e s c h r ä n k u n g   u n s e r e r   K e n n t n i s   von den Massen des Systems. Dieselbe Energie, welche bei einem gewissen Stand unserer Auffas-

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gilt für die eine der beiden Behauptungen des Huyghens; jetzt die andere. Dem Denken kommt Descartes durch Veranschaulichung zu Hülfe, wenn er z. B. den schon genannten Äther erfindet. Dieses Gedankenbild weist uns an, das Licht als die Bewegung eines unendlich feinen, unwägbaren, unwahrnehmbaren Stoffes zu betrachten, der den ganzen Weltraum ausfüllt, eine Bewegung, welche der Augennerv uns verrät, ohne sie uns zu zeigen, da ja der Äther nicht ein Wahrnehmbares und also nicht ein Wirkliches, sondern ein Symbol für ein in Gedanken vorausgesetztes und undefinierbares Etwas ist. ¹) Ein anderes Beispiel wäre Descartes' Lehre: nicht das Auge, das Gehirn ist es, welches sieht; alle Sinneseindrücke sind in letzter Instanz unsichtbare Bewegungen unwahrnehmbarer kleinster Teile innerhalb des Hirnes. ²) Hier — beim hypothetischen Äther und bei den hypothetischen Molekularbewegungen der Hirnsubstanz — dient die also gewonnene Sichtbarlichkeit blosser Gedanken zu einem folgerichtigen Beobachten und Verknüpfen der Phänomene; wahre exakte Wissenschaft der Natur und des Menschen ist erst durch sie und ähnliche Symbole möglich geworden.
    Das sind, wie Sie sehen, zwei verschiedene geistige Gaben, die hier unserem Philosophen zugesprochen werden, Gaben, die nicht notwendigerweise zusammengehören, und die uns beide — wenn wir sie so rein und eigenmächtig ausgebildet wie hier erblicken — zunächst eigentümlich anmuten, wie ein nicht leicht zu Fassendes. Descartes wusste das Gesehene denkbar zu gestalten, und zugleich
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sung oder unserer Kenntnis als potentielle zu bezeichnen ist, ist bei verändertem Stand unserer Auffassung oder Kenntnis als kinetische anzusprechen.« Nun wird vielleicht der Fachmann einwerfen, diese Worte bezögen sich lediglich auf das, was die Mechanik »konservative Systeme« nennt, nicht auf »dissipative«‚ und streng genommen kämen in der Natur nur letztere vor. Da verweise ich aber auf § 665: »Übrigens steht der Unterschied zwischen konservativen und dissipativen Systemen und Kräften   n i c h t   i n   d e r   N a t u r,   sondern beruht lediglich auf der freiwilligen Beschränkung unserer Auffassung oder der unfreiwilligen Beschränktheit unserer Kenntnis der natürlichen Systeme. Werden alle Massen der Natur als sichtbare Massen betrachtet, so fällt jener Unterschied fort, und alle Kräfte der Natur können alsdann als konservative Kräfte bezeichnet werden.« Letztere Annahme liegt nun unserer heutigen energetischen Physik zu Grunde, und wenn es auch — laut obigem — mehr oder weniger bei uns liegt, was wir als kinetische und was wir als potentielle Energie betrachten wollen, das eine bleibt auf alle Fälle: dass wir immer unter dem einen Begriff »Energie« zweierlei verstehen müssen, und zwar »zwei gänzlich verschiedene Formen«, für welche es niemals gelingen kann, eine eindeutige Definition aufzustellen (siehe das angeführte Werk, S. 26 der Einleitung). Ungemeine Anschaulichkeit gewinnt die Vorstellung der potentiellen Energie durch Perrin's Bemerkung: L'énergie potentielle doit être repardée comme localisée dans l'éther (Les Principes, 1903, § 115).
    ¹) III, 506 fg., 525; IV, 313 fg.; V, 6 fg.: 271 fg.; VI, 345; VII, 241, 280 etc.

    ²) II, 356; III, 507 fg.; V. 64; IX. 337 fg. etc.

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besass er die Gewalt, das nur Gedachte in Sichtbares umzuformen: das ist die Tatsache, auf die uns Huyghens aufmerksam macht. Und hiermit trifft er in der Tat den Kern; darum soll uns seine Bemerkung als Leitfaden für die fernere Analyse dieses einzigartigen Intellektes dienen.
    Damit wir nun schnell und sicher in die Tiefe gelangen, möchte ich das Urteil Huyghens', das ich schon auf seinen einfachsten Gedankeninhalt zurückgeführt habe, in eine noch schlagendere, knappere und absichtlich paradoxe Formel bringen. Denn nicht Formeln, sondern nur Phrasen verhindern eine lebendige Einsicht; wogegen eine richtige Formel wie ein Knochengerüst dient, um welches die Organe der lebendigen Gestalt sich nach und nach ansetzen. Meine Formel lautet: Descartes' auszeichnende Gabe war,   d a s   S i c h t b a r e   u n s i c h t b a r   u n d   d a s   U n s i c h t b a r e   s i c h t b a r   z u   m a c h e n.

    Wenn Sie nämlich in der Welt Ihres eigenen sinnenden Bewusstseins kritische Umschau halten, werden Sie bald bemerken, dass der Grad der Anschaulichkeit der Vorstellungen, die es ausfüllen, ein sehr verschiedener ist, und ebenso der Grad ihrer Denkbarkeit. Und bald werden Sie gewahr werden, dass her ein recht verwickeltes Verhältnis von gegenseitigen Verschiebungen, von Geben und Nehmen stattfindet. Wir besitzen Gedanken, mit denen kaum der Schatten einer Anschauung verbunden ist; und wir besitzen Anschauungen, die nur jedes Minimum von Denken begleitet, das zum bewussten Anschauen vonnöten ist, — von solchen ist unser Tagesleben sogar angefüllt. Ohne mich hier nun auf Weiteres einzulassen, will ich Sie nur auf das Eine aufmerksam machen, dass ein Gedanke, den eine verschwommene, fast unfassbare Anschauung begleitet, also ein »unsichtbarer« Gedanke, wenig oder nichts auszurichten vermag, und dass umgekehrt reine Anschauung bald ins Ungeheuerliche, Ungeschmeidige, Unbildsame hinauswächst, wenn nicht das Denken sie zu erfassen und in ein Ungesehenes umzubilden versteht. Um konkrete Beispiele sind wir nicht verlegen, wir brauchen bloss an unsere beiden ersten Vorträge zu denken:
die unübersehbare Masse der durch reine Anschauung gegebenen Pflanzen- und Tiergestalten fasste Goethe in seine Idee der Metamorphose   d u r c h   einen Gedanken und   z u   einem Gedanken zusammen, dadurch hauchte er gleichsam der brutalen Beobachtung eine bildende Künstlerseele ein und förderte die Erforschung der Natur

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für alle Zeiten; Helmholtz aber — der Physiker, der uns mit Recht belehrte, die Kräfte, mit denen mathematische Wissenschaft zu tun hat, könnten nicht »Objekte der sinnlichen Anschauung«‚ sondern lediglich »Objekte des begreifenden Verstandes sein« (siehe S. 126) — Helmholtz muss nichtsdestoweniger in seiner Optik zu handgreiflichen   B i l d e r n   seine Zuflucht nehmen, erst zu dem nassen Faden, dann zu dem Strahle, der — gleich wie ein Matrose an einem Stricke sich entlang hisst — »längs der Ätherteilchen sich fortpflanzt«, und so weiter, von Bild zu Bild, denn ohne anschauliche Vorstellung liesse sich dieser Gedanke des »begreifenden Verstandes« — der Äther — nicht ausdenken und verwerten. Auf diese Weise verwandeln wir Menschen — halb unbewusst — immerfort das Sichtbare in Unsichtbares (um es besser zu sehen) und das Unsichtbare in Sichtbares (um es besser zu denken). Kant nun hat von seinem metaphysischen Gipfel aus das, was ich hier nur konkret und anschaulich anzudeuten bestrebt bin, in folgendes Kernwort zusammengefasst: »Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen, d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen, als seine Anschauungen sich verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu bringen« (r. V. 75). Kant redet hier von den allgemeinen, unbewusst vor sich gehenden, notwendigen Funktionen aller menschlichen Vernunft von dem Augenblick an, wo sie beim neugeborenen Kind in Tätigkeit tritt; doch lassen Sie diese Vernunft so weit ausreifen, dass sie sich eine Wissenschaft und eine Weltanschauung aufbauen will, und sie steht nun als bewusste Intelligenz genau dort, wo sie beim Erwachen unbewusst stand. Nur ist es ihr dann so bequem, ihr liegt es so nahe, der Mahnung Kant's nicht zu folgen, sondern mit leeren Gedanken und blinden Anschauungen zu operieren, dass drei Viertel aller Philosophie vom Anfang an bis auf den heutigen Tag sich nie mit anderen Dingen zu schaffen gemacht hat. Die schriften des heiligen Thomas von Aquin z. B. sind ein unerschöpfliches Arsenal von Vorstellungen, bei denen sich nicht das Geringste denken lässt, also »blinden Anschauungen«; und springen Sie über vom 13. zum 19. Jahrhundert, so finden Sie, dass das populärste aller neueren Systeme, das Schopenhauerische, einen (nach Kant's Auffassung) völlig leeren Gedanken als Grundstein benützt, denjenigen, den es den   W i l l e n   nennt und der — laut Definition — das Gegenteil einer

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Vorstellung ist, folglich etwas, was keinen irgendwie anschaulich zu begreifenden Inhalt hat. Alle derartigen Gedankenstrukturen sind Schwärmerei, nicht Erkenntnis; Kant hat es einmal sehr einfach formuliert: »Durch die blosse Anschauung ohne Begriff wird der Gegenstand zwar gegeben, aber nicht gedacht, durch den Begriff ohne korrespondierende Anschauung wird er gedacht, aber keiner gegeben; in beiden Fällen wird also   n i c h t   e r k a n n t «   (F.). Wie hingegen Anschauung und Gedanke, Sichtbares und Unsichtbares sich zur Auferbauung naturdeutender Weltanschauungen die Hand reichen, das können Sie am besten aus der Geschichte unserer Naturwissenschaften ersehen, deren Entwickelungsgang stets von diesem gegenseitigen Durchdringen bedingt war. Halten wir hier Umschau.
    Denken Sie sich in den Anfang des 17. Jahrhunderts. Kopernikus und Kepler haben den Lauf der Planeten un die Sonne in seinen Hauptzügen entwirrt, Galilei hat vom schiefen Turm zu Pisa aus den Fall der Körper exakt beobachtet — anstatt wie alle seine Vorgänger über diese Dinge nur logisch zu räsonnieren — und setzt seine Studien auf schiefen Ebenen fort, Descartes und Andere verfolgen mit Scharfsinn und Geduld den geheimnisvollen Gang des Lichtstrahles, seine Biegung, Brechung, Widerspiegelung, Gilbert veröffentlicht seine Beobachtungen über Magnetismus ..... von allen Seiten strömt Stoff hinzu, d. h. Anschauungsmaterial, und auf jedem einzelnen Gebiete sind die empirischen Forscher tätig, sich, so gut es ihnen gelingen will — wie Kant es fordert — »ihre Anschauungen verständlich zu machen, d. i. sie unter Begriffe zu bringen«. Doch hier entdecken wir etwas, worüber wir uns vorderhand den Kopf nicht zu zerbrechen brauchen, sondern was wir einfach als Erfahrung hinnehmen wollen: dass nämlich das Denken nicht unmittelbar an die sinnliche Anschauung anzuknüpfen vermag, sondern sich erst seine eigene   g e d a n k e n a r t i g e   Anschauung dazu erschaffen muss, dasjenige, was wir ein »Symbol« nennen, wenn wir mehr die anschauliche Seite, und eine »Hypothese«, wenn wir mehr die gedankliche Seite hervorzuheben wünschen. Das Denken   m u s s   zusammenfassen, das ist seine Funktion; die reine Anschauung gibt jedoch nur vereinzeltes Einzelne. Darum kann das anschauliche Denken ohne Symbol nicht vor sich gehen; es vermag nicht, das Anschauungsmaterial ohne weiteres zu ergreifen, zu erfassen und sich einzuverleiben; ohne Symbol bleibt es leer.

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Ich kann also weder über die Bahnen der Gestirne, noch über den Fall der Körper, noch über das Wesen des Lichtes und des Magnetismus etwas denken, wenn ich nicht ausser dem empirischen Material und als Ergänzung dazu noch eine symbolische Vorstellung der betreffenden Vorgänge — mit anderen Worten ein Zwischending zwischen Anschauen und Denken — besitze. Wozu sich noch eine weitere Forderung meines Geistes gesellt: nicht nur müssen innerhalb der einzelnen Erscheinungsreihen die Erscheinungen (mittelst Symbole) mit einander verknüpft werden, sondern alle die verschiedenen Erscheinungsreihen, die ich durch empirische Anschauung kennen gelernt habe, müssen ausserdem als eine einzige umfassende Einheit begriffen werden können. Denn, wie Sie später von Kant lernen werden, das, was wir Natur nennen, ist »die Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen«, wie sie, mit innerer Notwendigkeit, von unserem Denken hergestellt wird (r. V. I, 126 fg.). Ich bin nicht frei, mehrere Naturen anzunehmen; die Gruppierung der Planeten um die Sonne und die Gruppierung der Eisenspäne um die Pole eines Magneten auf meinem Schreibtisch müssen als Wirkungen innerhalb eines einheitlichen Ganzen aufgefasst werden. Hier tritt nun der grosse Descartes schöpferisch auf: er schafft eine neue »eigentümliche Form im Reich der Gedanken«, er wandelt das Unsichtbare, welches unser Verstand fordert, ohne es wahrnehmen zu können, zu Sichtbarkeit um, er schenkt dem Gedanken Inhalt; dies gelingt ihm, indem er die anschauliche Hypothese eines raumerfüllenden Mediums, eines äusserst feinen, unsichtbaren, unwägbaren, flüssig beweglichen Stoffes, des Äthers — ein in seiner Phantasie geborenes Symbol — aufstellt. ¹) Auf ein-
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    ¹) Der von Descartes angenommene, von ihm manchmal »éther«‚ noch häufiger »matière subtile« genannte, den Weltraum erfüllende Stoff darf nicht mit den »Äther« der Alten und der Scholastiker — von Heraklit bis Giordano Bruno — verwechselt werden; bei Descartes — und erst bei ihm — handelt es sich um eine durchaus konkrete, wissenschaftliche Vorstellung, und sie entspricht genau der Kantischen Definition »einer allverbreiteten, alldurchdringenden und allbewegenden Materie«. Die wichtigsten Stellen in den Schriften Descartes', um seine Vorstellung des Äthers genau kennen zu lernen, sind: Traité de la Lumière, chap. II, XIII, XIV, La Dioptrique, 1. discours (diese Stelle besonders klar), Les Météores, 1. discours, Principia II, § 18 fg., III, von § 24 an, IV. Auch in den Briefen kommen viele erläuternde Bemerkungen vor; ich mache besonders auf Band VI, 278, 343 fg., VIII, 241, 289, IX, 348 fg. aufmerksam. — Für uns ist es interessant, an dieser Stelle zu bemerken, dass Lord Kelvin's allerneueste Ausführungen (in der British Association, Glasgow 1901) über die schlechthinnige Unwägbarkeit des Äthers genau mit Kant übereinstimmen, der gelehrt hatte, der Äther müsse notwendigerweise als »imponderabel, incoërcibel, incohäsibel und inexhaustibel« gedacht werden. »Es muss«, schreibt Kant, »eine Materie sein, durch welche die praktische Wägbarkeit

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mal treten alle die genannten Phänomene in das Bereich der Vorstellbarkeit ein und werden dadurch der konstruktiven Gedankenarbeit zugänglich: der Äther trägt und treibt die Gestirne in ihren Bahnen, der Äther liegt den Phänomenen der Schwerkraft als stossende Masse zu Grunde, einige Bewegungen des Äthers erzeugen das, was wir Erwärmung der Körper nennen, andere das Licht, andere die Elektrizität und den Magnetismus usw. Ich verweise Sie auf meinen vorigen Vortrag und glaube, dieses eine Beispiel zeigt Ihnen mit ausserordentlicher Deutlichkeit, was es heisst, Unsichtbares sichtbar zu machen, und Sie lernen zugleich, wie unentbehrlich dem Denken Anschauung ist, um überhaupt denken zu können. Descartes hatte sogar mit seiner Hypothese eine solche Fülle von Sichtbarkeit über die Geheimnisse der Natur ausgegossen, indem er

Faisait voir aux esprits ce qui se cache aux yeux,

dass die Augen der Menschen davon geblendet wurden. Weder war das angesammelte empirische Material damals ausreichend, noch war das Denken genügend geübt und verfeinert, um einem so grossartig einfachen Symbol für alle physikalischen Bewegungsvorgänge des Kosmos gewachsen zu sein. Ausserdem war Descartes bei der näheren Ausführung in einen von Goethe an ihm gerügten Fehler verfallen: »Er greift die unlösbaren Probleme mit einiger Hast an und kommt meistenteils von der Seite des compliciertesten Phänomens in die Sache«. ¹) Es ist viel Künstlich-
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möglich ist (Descartes!), ohne für sie ein Gewicht zu haben, — die Sperrbarkeit, ohne äusserlich coërcibel zu sein, — die Kohäsion, ohne innerlich zusammenzuhängen, — endlich die Erfüllung aller Räume der Körper ohne Erschöpfung oder Verminderung dieses alldurchdringenden Stoffs« (Üb. I, 122 fg.). Genau so weit ist Lord Kelvin noch nicht, die Imponderabilität nimmt noch seine volle Aufmerksamkeit gefangen, und er spricht: One cannot refuse to call ether matter, but it is not subject to the Newtonian law of gravitation. It is a distinct species of matter, which has inertia, rigidity, elasticity, compressibility, but not heaviness (siehe Nature vom 24. Oktober 1901 und auch Philosophical Magazine für August 1901). Doch diese Erkenntnis der notwendig absoluten Unwägbarkeit bedeutet einen wichtigen und entscheidenden Schritt; noch vor wenigen Jahren oder vielleicht auch bloss Monaten wäre man wegen einer solchen Behauptung ausgelacht worden; es hiess, der Äther sei nur ungeheuer leicht, und wer nach genauen Angaben lechzte, erhielt die beruhigende Antwort: »15 trillionenmal leichter als die atmosphärische Luft«; eine schlechtweg gewichtlose Materie wäre unseren Materialisten wie ein Nonsens vorgekommen. Jetzt haben aber die mathematischen Physiker gesprochen, und die übrigen von Kant geforderten Prädikate werden schon nachkommen; denn erst dann wird der Äther »Äther« sein, und ohne diesen Stoff, der kein Stoff ist, vermag das menschliche Gehirn den Stoff, der ein Stoff ist — mit anderen Worten, eine materielle Welt — gar nicht aufzubauen. Der Menschengeist ist eben, wie Kant uns schon lehrte (siehe S. 115), der Natur gegenüber Gesetzgeber.
   
¹) Geschichte der Farbenlehre, 4. Abt., Abschnitt Renatius Cartesius.

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keit und Gewaltsamkeit in seiner Anwendung des Äthergedankens. Die verblüffend einfache Gesamtvorstellung verdirbt er durch allerhand abenteuerliche Ausführungen im Einzelnen. Wir lernen hier eben, wie an jedem bedeutenden Manne, einsehen, inwiefern Grösse und Grenze zugleich gesetzt sind, bedingend-bedingt. Und so griff denn bald darauf der ungemein scharfsinnige und zugleich phantasielos nüchterne Isaac Newton auf scholastische Fiktionen von Fernkräften zurück und nahm die alte Vorstellung des Lichtes als eines besonderen Stoffes wieder auf; die Ideen Newton's verhalten sich zu denen des Descartes wie die eines Kindes zu denen eines Mannes; doch waren sie den damaligen Bedürfnissen empirischer Forschung genau entsprechend. Heute, wo sich neuer Stoff durch die Arbeit von Jahrhunderten angehäuft hat, kehren wir nach und nach zu Descartes und seinem symbolischen Gedanken zurück: für die Deutung des Lichtes ist es schon vor etwa hundert Jahren — mit der Einführung der in vorigen Vortrag besprochenen Undulationshypothese — geschehen; für die elektromagnetischen Phänomene vor einem halben Jahrhundert; physikalische Versuche, die Schwere als bedingt durch Bewegung des Äthers darzustellen — genau so wie Descartes es wollte — sind an der Tagesordnung; ¹) und der grosse, so früh der Welt entrissene Hertz war, als er starb, von dem Traum erfüllt, »die vermeintliche Wirkung der Fernkräfte auf Bewegungsvorgänge in einem raumerfüllenden Mittel zurückzuführen. ¹) Lord Kelvin — und in seinem Gefolge viele heutige Physiker (siehe S. 114) — geht noch weiter und lässt die verschiedenartigen Atome, welche die Chemie annimmt, nur verschiedene Wirbelbewegungen des einen einzigen Äthers sein; es gäbe also gar keine eigentliche Materie, sondern nur Äther; bei dieser exaktestem Forschung verschwindet das »Ding« ganz, es bleibt nur das Symbol. In einem Symbol von so derber Anschaulichkeit liegt eben unverwüstliche Lebenskraft.
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    ¹) Siehe Schlichting: Die Gravitation ist eine Folge der Bewegung des Äthers, 1892.
P. Gerber: Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Gravitation, 1902, V. Wellmann in den Astronomischen Nachrichten 1899, 148 und im Astrophysical Journal 1902. p. 282 fg. und vgl. F. Ebner in der Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1901, Nr. 288. Perrin (a. a. O. S. 24) meint von den neuesten Lehren von J. J. Thomson und Lorentz: on se trouve avoir expliqué l'attraction universelle comme un résidu d'actions électriques.
    ²) l. c., S. 49. Was Hertz will, entspricht buchstäblich genau der grossen Grundmaxime des Descartes Tous les corps qui sont au monde s'entretouchent
(III, 329).

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    So viel zur Verdeutlichung der Umwandlung aus Unsichtbarkeit in Sichtbarkeit. Jetzt brauchen wir ein zweites Beispiel, ein Beispiel von der Umwandlung aus Sichtbarkeit in Unsichtbarkeit. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, sagte uns Kant. Ebenso wie ich, ohne eine »gedachte« Anschauung zu besitzen, mit den Denken nicht vom Fleck kam, ebenso bleibe ich in der Anschauungsmasse hilflos stecken, wenn nicht Gedanken — wie Pferde den Karren — weiterziehen. Gut. Wie aber erhalte ich zu Anschauungen Begriffe? Auch hier wiederum geht die Sache nicht ohne Zwischenstufe; die Anschauung vermag nicht unmittelbar ein Begriff zu werden. Das Zwischengebilde ist in diesen Falle ein Schema. Wir Menschen vermögen es nicht, irgend etwas Erschautes oder sonst irgendwie sinnlich Wahrgenommenes in unser denkendes Bewusstsein aufzunehmen, wenn wir es nicht zuvor gedankenhaft schematisiert haben. Die Befähigung hierzu reicht bei verschiedenen Individuen sehr verschieden weit; doch wenn ein Mensch gar nicht unbewusst zu verallgemeinern, das heisst, die vielen Wahrnehmungen auf wenige Schemen zurückzuführen vermöchte, so würde er überhaupt nicht denken können; denn — wie Kant so treffend sagt — seine Anschauungen wären blind: er würde sehen, nicht aber erblicken. Wie die grossen Maler schematisieren, sahen wir in vorigen Vortrag; für ihren Zweck genügt ein noch fast rein anschauliches Schema; nur ein Minimum an Begrifflichem mischt sich herein. In etwas anderer Weise, doch genau den selben allgemeinen Gesetz der menschlichen Vernunft gehorsam, geht die Wissenschaft zu Werke. Während der Maler das Gesehene noch deutlicher sehen will und einzig zu diesem Behufe die Begriffe herbeiruft, will der Naturforscher das Gesehene deutlicher   d e n k e n,   er will es zu einen Gewussten umwandeln. Sobald nun bei diesem Verfahren der anschaulichen Besinnung das Anschauliche vorwiegt, so sprechen wir von einem Schema, wiegt dagegen das gedankliche Element vor, so reden wir von einer Theorie. Theorie und Schema gehören zueinander wie Hypothese und Symbol. Jetzt wissen wir genau, um was es sich handelt; um ein konkretes Beispiel zu erhalten, versetzen Sie sich, bitte, noch einmal in den Anfang des 17. Jahrhunderts zurück.
    Diesmal müssen wir das Gebiet enger begrenzen; wir wollen lediglich die Arbeiten über die sichtbaren Bewegungen wahrnehmbarer Körper in Betracht ziehen; denn nicht Hypothesen, sondern

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erschaute Tatsachen sollen uns beschäftigen. Denken wir also einzig daran, wie einige Männer damals beschäftigt waren, die Bewegungen der Himmelskörper zu beobachten, und wie andere — allen voran der unsterbliche Galilei — eifrig Versuche anstellten über die Bewegungen der Körper auf unserer Erde, das heisst also über den Fall, den Stoss, das Hinabrollen auf schiefen Ebenen, über die Bahn der Geschosse, über die Mitteilung von Bewegung durch einen Körper an den anderen, und dergleichen mehr. Die physikalischen Annahmen der Alten erwiesen sich als völlig falsch; die neuen, genau beobachteten Tatsachen häuften sich. Wie nun sie ordnen? wie »die Anschauungen verständlich machen«? wie die Vorgänge auf Erden mit denen am Himmel — den Fall des Apfels vom Baum mit dem Kreisen des Mondes um die Erde — einheitlich deuten? Genau so wie der Mensch vorhin vermittelst der anschaulichen Vorstellung des Äthers dem Denken zum Denken verholfen hatte, ebenso musste er jetzt trachten, seine Wahrnehmungen anschaulich und überschaubar zu machen; seinem blöden physischen Auge musste er den Star stechen; und das konnte nur durch Begriffe geschehen, durch die Zurückführung aller zahllosen Einzeltatsachen der Bewegungsvorgänge auf ein regelmässiges, künstlich ersonnenes, logisch fassbares Schema, welches nicht die empirische Beobachtung der Natur ihm gab, sondern welches er — der König im Turme, den wir in ersten Vortrag kennen lernten — autokratisch zwischen seinem Auge und der Natur aufstellte. Wiederum war es Descartes, der mit schöpferischer Erfindungskraft die Grundzüge unserer seitherigen Theorie der Bewegung schuf und damit zugleich unserer gesamten Mechanik.
    Alle Bewegungen sichtbarer Körper lassen sich bekanntlich auf drei Grundgesetze zurückführen, die wir gewöhnlich nach Newton benennen, weil dieser sie zuerst in knappen Worten formuliert und in allen ihren Konsequenzen entwickelt hat. ¹) Von diesen ist aber
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    ¹) Es ist vielleicht für das volle Verständnis dieser Ausführungen nicht überflüssig, die drei sogenannten »Newtonischen Gesetze« hier wörtlich nach den Principia mathematica philosophiae naturalis anzuführen. Das erste lautet: »Jeder Körper   b e h a r r t   in seinem Zustande der Ruhe oder der gleichförmigen geradlinigen Bewegung, wenn er nicht durch einwirkende Kräfte gezwungen wird, seinen Zustand zu ändern.« Das zweite: »Die Änderung der Bewegung ist der Einwirkung der bewegenden Kraft   p r o p o r t i o n a l   und findet nach der   R i c h t u n g   derjenigen geraden Linie statt, nach welcher jene Kraft wirkt.« Das dritte: »Der Wirkung ist die   G e g e n w i r k u n g   stets entgegengesetzt und gleich, das heisst, die gegenseitigen Wirkungen zweier Körper aufeinander sind stets gleich und nach entgegengesetzten Seiten gerichtet«.

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eingestandenermassen das dritte (das man bei Descartes nicht findet) in der Hauptsache eine formale Erweiterung des ersten, ¹) ausserdem sehr anfechtbar. ²) Es handelt sich also nicht um drei, sondern um zwei Grundgesetze, und diese zwei Gesetze hat nicht Newton ersonnen, sondern Descartes; Newton hat sie fast buchstäblich von Descartes übernommen, nur dass dieser das Schema noch nicht zu so vollendeter Künstlichkeit durchgearbeitet hatte. ³) Alles, was das sogenannte »erste Gesetz« Newton's enthält: dass Ruhe und Bewegung nur Zustände eines Körpers, nicht Gegensätze sind, dass jeder sich selbst überlassene Körper in seinem Zustand (sei es der Ruhe, sei es der Bewegung) ewig beharrt, dass der bewegte Körper, wenn nicht daran verhindert, sich in gerader Linie mit unveränderter Geschwindigkeit ewig fortbewegen wird — das alles steht wörtlich in Descartes. Und ich mache Sie darauf aufmerksam, dass nicht ein einziger der in diesem Gesetze ausgesprochenen Gedanken der Beobachtung entnommen ist, noch eines experimentellen Nachweises auch nur fähig wäre. 4) Auch das zweite Gesetz Newton's, das von dem Masse und der Richtung der Bewegung handelt, welche ein Körper dem anderen mitteilt, ist im Descartes lückenlos enthalten. Er also und kein Anderer hat die eigentlich
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    ¹) Siehe Clerk Maxwell: Matter and Motion, § 58.
    ²) Siehe Heinrich Hertz: Prinzipien der Mechanik, S. 6—7. und vergl. § 469 und § 470.
    ³) Man vergl. in Descartes' Principia Buch 2, § 37 fg. und ganz besonders Le Monde, Kapitel 7.
    4) Mach kommt bei der Besprechung des Trägheitsgesetzes zu dem Schluss, dass es trotz seiner »scheinbaren Einfachheit« sehr komplizierter Natur sei, indem es, so wähnt er, »auf unabgeschlossenen‚  ja sogar auf nie vollständig abschliessbaren Erfahrungen beruhe«. Diese Entdeckung flösst ihm keine geringe Sorge ein; denn wenn einmal das Trägheitsgesetz plötzlich nicht mehr stimmen sollte, da zerstöbe über Nacht die ganze Welt, oder zum mindesten die theoretische Mechanik und die zu ihrer Verkündigung angestellten Professoren, und so fordert er uns auf, »eine fortgesetzte Erfahrungskontrolle« an diesem Gesetz zu üben (Die Mechanik, 3. Aufl., S. 231—2). Wohin wir mit diesen Herren Anitmetaphysikern kommen‚ ersieht man aus diesem Beispiel; denn Iogischerweise müsste Professor Mach die Einsetzung einer ständigen internationalen Staatskommission (deren Sprache naturlich die chinesische sein würde, siehe S. 118) fordern welche »fortgesetzt zu kontrollieren« hätte, ob zweimal zwei immer noch vier mache. In Wirklichkeit beruht aber das Trägheitsgesetz auf gar keiner Erfahrung; vielmehr schafft es erst Erfahrung (siehe S. 143). Wie Poincaré (l. c., p. 119) sagt: l'expérience ne peut ni confirmer cette loi, ni la contredire. Geschichtlich ist es die spontane Erfindung eines Anschauungsgenies; vom physikalischen Standpunkt aus kann es niemals bewiesen werden, sondern — wie einer der genialsten Physiker unseres Jahrhunderts, Clerk Maxwell, gesagt hat — wir müssen es betrachten als »das einzige Schema einer folgerechten Lehre von der Verknüpfung zwischen Raum und Zeit, welches der Menschengeist bisher hat ersinnen können« (Matter and Motion, § XLI). Alle drei hier zu Grunde liegenden Begriffen — Stoff, Raum, Zeit — ist überhaupt nur auf metaphysischen Wege beizukommen.

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schöpferische Gedankentat vollbracht. Nur dass hier wieder, wie dort beim Äther, Descartes über die Schnur gehauen und — ähnlich wie Dürer bei seiner Proportionslehre — Überflüssiges und zuletzt auch Falsches hineingebracht hat, so dass der sichere Takt des klugen und praktischen Newton sehr vonnöten war, un den kostbaren Kern aus der Schlacke reinzuglühen. Doch, was uns hier einzig interessiert, ist, dass Descartes es verstanden hat, dasjenige, was unsere Sinne von Kindheit auf umfängt, dasjenige, worüber das gesamte Altertum nie zu klaren Begriffen vorgedrungen war, dasjenige, was die grossen Rechenkünstler und Experimentatoren des 15. und 16. Jahrhunderts nicht aus der Verhedderung der Anschauungsmasse auszulösen gewusst hatten — nämlich die Phänomene der sichtbaren Bewegung — durch die Einführung einiger weniger schematisch-theoretischer Begriffe zu entwirren und hierdurch der gedanklichen Verarbeitung zuzuführen. Auch hier wie Sie sehen, eine »neue Form im Reich der Gedanken«. Und hier wie dort ist der Wert einer derartigen Schöpfung für Wissenschaft und Weltanschauung unermesslich. Denn wie dort die symbolische Hypothese des Äthers dem Denken die Wege gebahnt hat, auf denen es nunmehr zu einer rationellen Kenntnis der Phänomene des Lichtes, der Elektrizität usw. an der Hand einer anschaulichen Vorstellung gelangen konnte, so hat her die Aufstellung einer schematischen Theorie der Bewegung, mit Zugrundelegung metaphysischer Begriffe, erlaubt, die überreiche Masse der geschauten Tatsachen in einige wenige Gedankenschemen einzureihen, wo sie in Formeln eingeschachtelt aufgehoben werden. Denn das gerade ist der Angelpunkt: indem das Sichtbare möglichst vollständig — wenn es irgend geht, ganz — in das Bereich des Unsichtbaren, des nur noch Gedachten übergeführt wird, erhält es eine Handlichkeit, eine Geschmeidigkeit, eine Beweglichkeit, die es sonst nicht besitzt. Unsere Anschauungen — rein als solche — sind schwerfällig, plump, unbeholfen; sie sind eben, wie Kant uns belehrte, blind und tappen im Dunkeln umher; hat aber der Mensch sie erst in begriffliche Schemen eingeordnet, so macht er damit, ws er will, zerlegt ein Ganzes in Teile, fügt nach Gutdünken Teile aneinander, kurz, verfährt nach Belieben; er ist ja Herr in seinem Turme.
    Jetzt haben wir, glaube ich, sowohl in Bezug auf das Verständnis der allgemeinen Beziehungen zwischen Denken und Anschauen — die in so eigentümlicher, zwiefacher Verstrickung zum Aufbau

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einer Weltanschauung mitwirken — bedeutende Fortschritte gemacht, wie auch in Bezug auf das Verständnis von Descartes' besonderer Befähigung, vermittelnd zwischen Denken und Anschauen zu wirken. Unsere Formel — Descartes' auszeichnende Gabe war, das Sichtbare unsichtbar und das Unsichtbare sichtbar zu machen — ist schon keine blosse Formel mehr, sondern eine Einsicht. Ich kann es aber dabei nicht bewenden lassen. Kant's Denken ist ein Gipfel des Menschengeistes; keiner wird ihn erreichen, der die Mühe des Steigens scheut. Es ist darum unerlässlich notwendig, dass Sie jetzt das Gebiet zwischen der wahrnehmenden Anschauung (oder Sinnlichkeit) und dem die Begriffe kombinierenden Verstande selbst betreten, denn sonst besitzen Sie nicht volle, sondern nur annähernde Klarheit.

SCHEMA UND SYMBOL

    Lassen Sie mich aber, gleichsam zwischen Klammern, eine kleine Bemerkung einschieben über Symbol, Schema, Hypothese und Theorie. Es handelt sich dabei nicht bloss um terminologische Klarheit, sondern um eine anschauliche Vorstellung, die Ihnen auch philosophisch von Nutzen sein wird.
    Das Symbol, im weiteren Sinne genommen, ist die Veranschaulichung des Gedachten; das Schema, in weiteren Sinne genommen, ist die Verdenklichung des Angeschauten; das Symbol verschafft denn Denken eine denkbare Anschauung, das Schema verschafft der Anschauung einen anschaulichen Gedanken. Innerhalb des Symbols kann man aber zwischen einer mehr rein anschaulichen und einer mehr gedankenhaften Auffassung der Veranschaulichung unterscheiden; aus ersterer ergibt sich das eigentliche Symbol, aus letzteren die Hypothese; in der selben Weise spaltet sich das Schema in das eigentliche Schema und in die Theorie. Hieraus ergibt sich die Berechtigung des Bildes, das ich jetzt an die Wand zeichne.

Schema

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    Der Vorteil dieses Bildes ist, dass es die gegenseitigen Verhältnisse dieser verschiedenen Begriffe — d. h., wenn ich mich so ausdrücken darf, ihre gegenseitige Lage in Gedankenraume — genau veranschaulicht. Sie sehen auf den ersten Blick, dass wenn Symbol und Hypothese einerseits, Schema und Theorie andererseits verwandt sind, Hypothese und Theorie, Symbol und Schema einander ebenfalls nahe liegen. Eine äusserst geringe Gedankenverschiebung genügt, um ein Symbol in eine Hypothese und eine Theorie in ein Schema zu verwandeln; es ist das eine Art Pendelbewegung, die unser Geist, ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, den ganzen Tag vollführt. Aber auch die Grenze zwischen Symbol und Schema, sowie zwischen Hypothese und Theorie ist zwar fester gezogen, doch nicht unübersteiglich; eine kleine Änderung im Standpunkt genügt, um ein Symbol schematisch und ein Schema symbolisch zu färben, und in den Wissenschaften pflegen die Hypothesen ganz sachte, nach der Anciennetät, zu Theorien hinaufzurücken. Dagegen ist