Here
under follows the transcription of the fourth chapter of Houston
Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
Bruno
From an old
Engraving
INHALTSÜBERSICHT
|
277
VIERTER
VORTRAG
BRUNO
(KRITIK UND DOGMATISMUS)
MIT EINEM EXKURS ÜBER DIE
GESCHICHTE
DER PHILOSOPHIE
—————
AUF
DER GRENZE ZWISCHEN EWIG-
KEIT UND
ZEITLICHKEIT, ZWISCHEN
URBILD UND EINZELGESCHÖPF, ZWI-
SCHEN
VERSTANDESWELT UND SIN-
NENWELT, ÜBERALL AN DEM WE-
SEN BEIDER
TEILNEHMEND
UND
GLEICHSAM DIE LÜCKE AUSFÜLLEND
ZWISCHEN DEN SICH FLIEHENDEN
ENDEN: SO — AUFGERICHTET AM
HORIZONTE DER NATUR — STEHT
D E R M E N S C H.
278
(Leere
Seite)
279 BRUNO
DIE TRAUMGESTALTEN
Meinen letzten Vortrag beschloss
ich
mit der Hindeutung auf einen Tag der Träume. Dies mag
Sie vielleicht befremdet haben, denn Giordano Bruno — geboren
1548, also fünf Jahre nach der Veröffentlichung von
Kopernikus'
Werk über die Bewegungen der Himmelskörper — ist der erste
grosse
Denker, der die neue Deutung des kosmischen Weltalls, die neue
Vorstellung
ungezählter Planeten, kreisend um unzählbare Sternensonnen,
erfasst
und sich angeeignet hat, und zwar mit solcher Leidenschaftlichkeit,
dass
er bei jeder Gedankenreihe seiner vielseitigen Unternehmungen hier
anknüpft.
In einem gewissen Sinne könnte man also nicht ohne Recht
behaupten,
er sei der einzige E r w a c h t e gewesen inmitten
einer Welt, die noch den
mehr
oder weniger christlich ausgeschmückten und wissenschaftlich
zugestutzten
altägyptischen Traum weiterträumte — eines Himmels oben,
einer
Erde in der Mitte und einer Hölle zuunterst. Und doch war er der
Träumer,
und war Mancher, der ihm gegenüber auf dem Glauben an die
stillstehende
Erde beharrte, ein nüchterner Realist. ¹) Was wir hier zu
unterscheiden
haben, ist, wer schaut vorwiegend auf die empirisch gegebene Welt
hinaus,
in dem Bestreben, ihre konkreten, anschaulichen Phänomene
möglichst
deutlich zu erfassen? und wer schaut vorwiegend in sein eigenes Innere
hinein und richtet die Frage nach dem Wesen der Welt an seine Vernunft?
Für den ersten Fall können wir als Beispiel Descartes,
für
den zweiten Bruno nennen. Beide mögen ja träumen, der erste
vielleicht
mehr als der zweite; denn die Träume werden von der Phantasie
genährt
und diese wiederum von der Natur; wessen Sinn lebhaft nach aussen
gerichtet
ist, der wird einen reichen inneren Vorrat an Vorstellungen besitzen
und
damit einen Grundstock zu kühnen Träumen; doch knüpfen
derartige
Träume an die Wirklichkeit an, wogegen der eigentliche
»Träumer«
— im üblichen, populären Sinne des Wortes — weniger mit der
Wirklichkeit
beschäftigt ist als mit seinen eigenen Gedanken über sie, und
diese Gedanken als die wirklichste Wirklichkeit auffasst. Gerade dies
ist
nun für Bruno charakteristisch. Während ein Descartes sein
eigenes
Denken ähnlich betrachtet wie irgend ein sinnfällig gegebenes
Phänomen der Natur und gehirnanatomische Studien fleissig betreibt
in der Hoff-
—————
¹) So z. B. Francis Bacon von
Verulam, der in dem ersten Kapitel des vierten Buches des De augmentis
Scientiarum die Kopernikanischen Annahmen als mit den principiis
naturalis
philosophiae recte positis unvereinbar abweist.
Ausführlicher in der
Descriptio globi intellectualis,
Kapitel 6.
280 BRUNO
nung,
besondere »Organe« des
Gedächtnisses,
des Urteilens usw. aufzufinden, ist ein Bruno eher geneigt, dem
Sinnenzeugnis
überhaupt zu misstrauen — il
senso non è principio di
certezza
— und die Wahrheit nur in der Vernunft zu vermuten und sie aus dem
Feuer
des dialektischen Wortstreites hervorgehen zu lassen. ¹) Dieser
letzteren
Sinnesart — der ganz eigentlich s c h o l a s t i s c h e n
— sind wir in unseren
Vorträgen
noch nicht begegnet; denn weder Goethe, noch Leonardo, noch Descartes
haben
etwas von ihr an sich; und ich glaube, wir werden über das
Unterscheidende
der intellektuellen Persönlichkeit Kant's manches Neue lernen,
wenn
wir diese scholastische Art zu sehen und zu denken der seinigen
gegenüberstellen.
Denn dass Kant ein spezifischer Denker war, ein Mann, der, wie Bruno,
den
grössten Teil und die besten Kräfte seines Lebens der
Forschung
durch Gedanken widmete, und dass er insofern auch ein Scholastiker
genannt
werden könnte und somit zu der selben Gruppe wie Bruno zu
gehören
scheint, das ist sicher; und trotzdem steht Bruno Kant weit ferner, als
Goethe und Leonardo und Descartes ihm stehen. Hier kommt es also auf
eine
Analyse an, und unserem Grundsatz gemäss muss diese Analyse auf
anschaulichem,
nicht auf abstraktem Wege geschehen; wir müssen immerfort etwas
dabei
mit Augen sehen; sonst wären wir nicht sicher, ob wir noch
wirklich
Gedanken denken oder bloss Worte verknüpfen; wo keine
Vorstellungen
zu Grunde liegen, geht uns Laien der geistige Atem aus. Wir müssen
uns aber wohl überlegen, wie wir es anfangen wollen,
scholastischer
Denkart eine anschauliche Seite abzugewinnen. Hier dürfen wir uns
noch weniger als früher vor einem Umweg scheuen, wenn er uns nur
zu
diesem wünschenswerten Ergebnis führt. Ich glaube nun, jenes
Wort vom Träumer und jene vorläufig nur kurz angedeutete
Unterscheidung
zwischen den Träumen eines Descartes und den Träumen eines
Bruno
ist geeignet, uns den richtigen Weg zu weisen.
An jeglicher Weltanschauung haben
nämlich unwillkürlich erdichtete Traumgestalten bestimmenden
Anteil; ohne sie kommt
—————
¹) Siehe De l'infinito
Einleitung
und ersten Dialog, wo es von der Wahrheit heisst, nur eine picciola
parte,
ein kleinster Teil, könne aus der Sinneswahrnehmung hergeleitet
werden,
hingegen wohne sie lebendig im Geiste (nella
mente in propria et vivo
forma),
offenbare sich in den Syllogismen der Vernunft (nell' intelletto per
modo
di principio o di conclusione) und betätige sich im
Wettstreit
der
Gedanken (nella ragione per modo di
argumentatione e discorso). — Wo
nicht
anders bemerkt, sind die italienischen Schriften Bruno's stets nach der
einzig authentischen Ausgabe von Paul de Lagarde (Göttingen 1888)
citiert.
281 BRUNO
keine
zu Stande. Diesen Gestalten
sind
durch die angeborene Art des Intellektes jedes einzelnen Denkers
gewisse
allgemeine Formen von vornherein eigen; und wenn auch die
möglichen
individuellen Kombinationen unerschöpflich an Zahl und
Verschiedenartigkeit
sind, so dass es gewiss lächerlich wäre, die einzelne
Persönlichkeit
und ihre Gedanken durch die Einreihung in ein Schema irgendwie
genügend
charakterisieren zu wollen, so ist es doch tunlich — wenn der Blick nur
zugleich umfassend und scharf die Phänomene betrachtet — die
möglichen
Grundformen der Weltanschauungen auf einige wenige
zurückzuführen,
genau in der selben Weise, wie wir befähigt sind, mehr als eine
Million
verschiedener Tiergestalten in acht oder neun klar definierbare Typen
übersichtlich
zusammenzufassen. Ich glaube sogar, dass eine derartige,
naturwissenschaftlich
gedachte, systematisch klassifizierende Untersuchung der möglichen
Hauptrichtungen aller menschlichen Weltanschauungen eine unentbehrliche
Ergänzung wäre zu jeder Geschichte der Philosophie; denn
während
das Wesen alles Historischen die Hervorhebung des zeitlich Bedingten
ist,
macht die Betonung des notwendig Ewigen das Wesen wahrer Wissenschaft
aus.
Mit Ihrer Erlaubnis will ich also
den analytischen Exkurs, der uns über abstrakte Dinge einen
anschaulichen
Überblick gewähren soll, gleich hier zu Beginn des Vortrages
einschieben. Einen Tag der Träume hatte ich Ihnen versprochen;
viele
Träume sollen an Ihnen vorüberziehen, und Sie dürfen
nicht
ungeduldig werden, wenn wir manchmal weit abzuirren scheinen: das Ziel
werde ich keinen Augenblick aus den Augen verlieren. Und sind wir
erst
so weit, dass wir die verschiedenen mythischen Träume — oder
vielmehr
Traumesarten — sicher von einander zu unterscheiden verstehen, dann
wird
die Gegenüberstellung von Kant und Bruno — die bei uns doch nicht
eine Darstellung von Lehren, sondern ein genaues Erfassen
persönlicher
geistiger Anlagen bezweckt — leicht, schnell und sicher zu
bewerkstelligen
sein, und sie wird uns dann — so hoffe ich — einen sehr grossen Dienst
leisten, indem sie uns mit vollkommener Deutlichkeit und Schärfe
zwischen
Dogmatik und Kritik zu unterscheiden lehrt. Hinfürder werden Sie
dann
wissen, inwiefern Kant (und ausser ihm einzig Plato) auf einem andern
Boden
steht als sämtliche andere Philosophen; es wird sein, als
träten
Sie aus einer Welt in eine andere
282 BRUNO
hinüber,
und diese „andere“ ist
eben die Welt, wie Kant sie erschaute.
*
*
*
DER URMYTHOS ALLER
MYTHEN
Im Schlaftraume findet eine
Vermengung
des am Tage mit Augen Erschauten und des im eigenen Denken frei
Erfundenen
statt;
jedes dieser beiden Elemente ist an
das andere unzertrennlich geknüpft; ohne die Verschmelzung beider
käme kein Traum zu Stande. Was hier in der passiven Gehirnfunktion
des schlafenden Menschen stattfindet, kehrt auf allen Stufen der
geistigen
Tätigkeit wieder; alles Gedankenleben ist — wie wir es im vorigen
Vortrag ausführlich nachweisen konnten — e i n P r o d
u k t, das heisst
ein
Ergebnis aus mindestens Zweierlei; und zwar kann man hier immer — wie
schon
Aristoteles uns einsehen lehrte (siehe S. 89) — zwischen einem
»Tätigsein«
und einem »Erleiden« unterscheiden. Nirgends aber tritt
dies
so
deutlich wieder hervor, wie in jenem dem Traum des Schlafenden
entgegengesetzten
Extrem, nämlich in der vollbewussten, schöpferischen
Weltanschauung
bedeutender Geister. Und was wir dort Traum nannten, dürfen wir
hier
als M y t h o s bezeichnen: Traum und Mythos sind
tief innerlich verwandt,
wie
Sie das im weiteren Verlauf unseres heutigen Vortrags noch genauer
einzusehen
öfters Gelegenheit haben werden. Aus der Erdichtung von Mythen
leitet
Aristoteles mit Recht alles Philosophieren her und urteilt, dass der
Philo-Mythos
notwendig ein Philo-Sophos sein müsse, das heisst, dass, wer die
Welt
in mythischer Weise erschaut, über die Welt in philosophischer
Weise
nachzudenken befähigt sein werde. ¹) Für Aristoteles
bedeutet
das freilich nur eine Art Vorstufe, und er glaubt sich selber dem
Mythos
völlig entwachsen und bei der positiven, endgültigen Wahrheit
angekommen doch heute lächelt ein Jeder über diese
Naivetät
des grossen Mannes, dessen Naturansichten von nachweisbaren
Irrtümern
wimmeln, so dass Naturwissenschaft erst möglich wurde, als seine
verhängnisvolle Autorität gebrochen worden war. Wer sich
hoch
genug emporschwingt, wird einsehen, dass Aristoteles einfach einen
Mythos
durch einen anderen ersetzte, sowie später die Aristotelischen
Mythen
wieder durch andere, neue verdrängt wurden, weil eben keine
Weltanschauung
— und mag sie sich noch so empirisch geben — ohne Mythen auskommt, und
zwar Mythen nicht bloss
—————
¹) Siehe
das 2.
Kapitel des 1. Buches der Metaphysik.
283 BRUNO
als
Notbehelf und
Lückenbüsser
hier und dort, sondern als ein Grundelement, welches das Ganze
durchsetzt.
Nicht Alle besitzen wir Aristoteles' Scharfsinn und erblicken wir die
Philosophie
aus dem traumverwandten Mythos herauswachsen ‚ doch Alle neigen wir zu
der aristotelischen Naivetät und glauben, das Mythische sei
nunmehr
durch die Wissenschaft überwunden, wogegen in Wahrheit infolge der
Erforschung der Natur die Zahl der Mythen nur zugenommen hat.
Einzig der sogenannte »positive
Geist« mag mit wenigen Dichtungen auskommen und rühmt sich
dessen;
was ihn aber auszeichnet, ist nicht — wie er sich einbildet — dass er
in
lauter »Wirklichkeit« lebt, sondern im Gegenteil, dass er
mit einem
Minimum
an Wirklichkeit auskommt; er bleibt auf dem Indifferenzgebiet stehen,
mitten
inne zwischen Empirie und Vernunft, Anschauen und Denken, Träumen
und Dichten, so dass sich in ihm alle Eindrücke und alle geistigen
Triebe gegenseitig neutralisieren und aus allem, was uns Menschen
verschwenderisch
geschenkt worden ist, als summa
summarum »Null«
hervorgeht.
Abgesehen von dieser pseudovegetativen Füllung eines Bauchs und
eines
Portemonnaies, genannt Positivist, sind wir Alle auf Mythen angewiesen,
heute wie vor Jahrtausenden. Und zwar darum, weil die Duplicität,
die Zwiefachheit, ein Grundphänomen des Menschenwesens ist, und
weil
wir die Kluft zwischen Anschauung und Verstand, zwischen Natur und Ich
nicht anders zu überbrücken vermögen als durch mehr oder
weniger bewusst erdichtete oder erträumte Mythen. Ich stelle das
jetzt
ohne jede weitere Erläuterung hin, weil Sie ja schon im vorigen
Vortrag
gesehen haben, dass wir immerfort genötigt sind, unsere
Anschauungen
zu schematisieren und unsere Gedanken zu symbolisieren — sonst
besässen
wir weder Anschauungen noch Gedanken. Es ist ein gewaltsames und
sozusagen
»künstliches« Tun, was unserem ganzen Gedankenleben zu
Grunde liegt.
Einstweilen genügt es, Sie auf die überall bestehende Kluft
und
auf ihre Überbrückung durch Traumvorstellungen des Menschen
aufmerksam gemacht zu haben. Diese Überbrückung, wenn sie im
grossartigsten,
umfassendsten Sinne, behufs Erschaffung eines einheitlichen Weltbildes,
stattfindet, ist ein Mythos.
Der Mythos — dieser bewusste,
wachende Traum — hat nun, genau so wie der Traum des Schlafenden, immer
eine doppelte
284 BRUNO
Wurzelung:
einerseits wächst er
aus dem Erschauen der Natur heraus, andrerseits entstammt er dem
Nachdenken
des Menschen über das eigene Ich. Der Mythos ist also nicht bloss
Bild, sondern auch Gedanke: er enthält ein sinnliches und ein
unsinnliches
Element. Wie sehr Aristoteles mit seiner Gleichung
Philomythos-Philosophos
recht hat, wie nachweisbar wahr es ist, dass Philosophie sich aus
Mythologie
entwickelt, können wir mit voller Deutlichkeit erblicken, wenn wir
bis zu den altarischen Indern zurückgreifen. Der weite Himmelsdom,
die Sonne in ihrem täglichen Lauf, das Morgenrot, der Mond, die
Sterne,
die Winde, die Wolken, der Blitz, der zur Erde befruchtend
hinabfallende
Regen, das vom häuslichen Herd himmelwärts aufsteigende
Feuer,
kurz, das mit Augen Erblickte in seinen einfachsten Linien bildet den
Grund
— den ganzen Grund — der reichen Mythen, die wir in dem Rigveda
antreffen.
Nun aber werden diese treu beobachteten äusseren
Naturvorgänge
dadurch zu Gedanken und Religion, dass sie auf den Menschen und der
Mensch
auf sie bezogen werden. Was die Augen draussen erschauen, wird als
Widerspiegelung
dessen, was drinnen erlebt wird, aufgefasst, und der innere Vorgang
scheint
wiederum eine Widerspiegelung des äusseren zu sein. So findet ein
beständiges Hin und Her statt. Die unbewusst vollzogene,
völlig
naive Voraussetzung ist, dass das Kosmische und das Menschliche
gleichartig
seien, dass sie sich gegenseitig durchdrängen, dass der
Makrokosmos
ohne weiteres von dem Mikrokosmos gedeutet und verstanden werden
könne;
»nichts ist drinnen, nichts ist draussen: denn was innen, das
ist
aussen«; die Natur ist menschenartig und der Mensch ist
»naturartig«.
Der Gedanke an eine Unterscheidung existiert noch gar nicht. Und so
betet
denn der altarische Hirt in jenen Zeiten, wo er in dem Hochgebirge
lebte
und noch nichts besass, was einer abstrakten Philosophie glich, zu den
Göttern des ersten Frühlichtes — den ritterlichen
Açvinen,
Vorläufern des hellenischen Dioskurenpaares — nicht allein um
Hilfe
gegen die Gefahren der Nacht, sondern auch um Wissen, um Erkenntnis; es
ist nicht anders möglich, als dass, wer die Schatten der drohenden
Nacht überwindet, der morgendliche Vorbote der Sonne, zugleich ein
Überwinder der Nacht des Unwissens, ein Spender geistiger
Erleuchtung
sei. Nicht bloss heisst es in einem solchen Gebet: »Weckt frohen
Mut uns!« — was auch der gedankenärmste Mensch vom frischen
Morgenhauch erwarten könnte — sondern
285 BRUNO
es
heisst zugleich: »Und
bringet
uns Erkenntnis!« ¹) Ebenso wird zum Sonnengott Savitar
gebetet,
er möge nicht nur das »begehrenswerte L i c h t
« dem
Menschen
spenden, sondern er möge auch »das D e n k e n
fördern«. ²) Wenn die Sonne aufgeht, werde ich weise;
ich brauche ja nur die
Augen
aufzumachen und alles auf mich zu deuten; ich finde mich erklärt
in
der umgebenden Natur und die Natur erklärt in mir. Wie es im
Rigveda
heisst: »Im Herzen schuf Varuna den Willen, am Himmel die
Sonne«;
gleicher Art sind beide.
Was hier
vorliegt, ist genau das
selbe wie das, was wir heute in unserer abstrakten und
umständlichen
Gedankenverknüpfung »die Lehre von der Identität von
Denken
und Sein« nennen, die namentlich durch Fichte, Schelling und
Hegel
wieder zu hohen Ehren kam, doch auch die versteckte Grundlage der
Schopenhauerschen
Lehre bildet und unter unseren Zeitgenossen sich nicht minder deutlich
in so weit abweichenden Geistern wie Dühring und Wundt kundgibt.
Was
bei metaphysisch beanlagten, doch primitiven Völkern völlig
naiv
vorausgesetzt wird, weil selbst der Gedanke an die Möglichkeit
einer
Unterscheidung zwischen Welt und Mensch, zwischen Angeschautem und
Gedachtem
nicht aufkommt und gar nicht verstanden werden könnte, wird von
diesen
Philosophen als Doktrin wieder eingeführt. Giordano Bruno z. B.
(der
sich hierin, wie in den meisten Dingen, eng an Plotin anschliesst)
lehrt
ausdrücklich, dass die »Stufenleiter« der menschlichen
»Gemütsbewegungen« (affetti)
genau der
»Stufenleiter«
der Natur entspreche und somit »alle Arten des Seins
widerspiegele«
(mostra tutte le specie de lo ente).
³)
Grundlegend für unsere
heutigen
Ausführungen ist nun die Einsicht, dass diese Gleichsetzung
zwischen
Angeschautem und Ge-
—————
¹) Vgl. Rigveda 10, 39, Strophe
2, nach Geldner und Kaegi.
²) Rigveda
3, 62, 10. Das an den
beiden betreffenden Orten gebrauchte Substantivum dhî heisst allerdings
nicht einfach Erkennen oder Denken, sondern ein andächtiges
Erkennen,
ein frommes Denken, auch Kontemplation, Versenkung in heilige Gedanken,
»Einsicht, Weisheit und Andacht noch als Eins gedacht«.
Doch
dass der oben dargelegte Zusammenhang zu Recht besteht, kann nicht
bezweifelt
werden; Agni, der eigentliche L i c h t g o t t (als
Feuer auf Erden, als Blitz
in den Wolken, als Sonne am Himmel) wird kurzweg medhâkâra, d. i.
»der
Weisheit Wirkende« genannt (Rigveda
10, 91, 8). Überall also die
Gleichstellung von Licht und Wissen. (Nach mündlichen und
brieflichen
Mitteilungen von Professor Leopold von Schroeder. Für den Nachweis
der sicheren genetischen Zusammengehörigkeit des indischen Agni
und
des hellenischen Apollon verweise ich auf des selben Gelehrten leider
bisher
zu wenig beachtete Studie Apollon-Agni
in der Zeitschrift für
vergleichende
Sprachforschung, N. F. IX, 3 und 4.)
³) De
gl'heroici furori,
gegen Ende des 4. Dialogs des 1. Teiles; ed. Lagarde S. 664.
286 BRUNO
dachtem
und (erweitert) zwischen
Natur
und Vernunft — eine Gleichsetzung, die, wie Sie sehen, seit den
ältesten
Zeiten, von denen wir Nachricht besitzen, bis zum heutigen Tage herab
eine
so grosse Bedeutung für die Weltanschauung der Indoeuropäer
besitzt
— d e r U r m y t h o s a l l e r M
y t h e n i s t. In Wirklichkeit gähnt hier
eine
Kluft;
Sie haben es in jedem unserer Vorträge gesehen; und zwar
gähnt
sie nicht bloss zwischen Welt und Mensch — als zwei getrennte
Wesenheiten
gedacht — und zwischen Anschauen und Denken — als zwei verschiedene
Funktionen
aufgefasst — sondern sie setzt sich gleichsam in Seitenrissen fort in
das
Anschauen und in das Denken hinein und bewirkt, dass wir weder die Welt
rein anzuschauen oder aber rein zu denken, noch unser eigenes Selbst
völlig
als Subjekt oder völlig als Objekt zu betrachten vermögen.
Das
ist die grundlegende Tatsache unseres gesamten geistigen Lebens, wie
sie
durch Immanuel Kant ein für allemal festgestellt worden ist. Der
noch
völlig naive Mensch aber merkte von diesem Tatbestand nichts und
warf
von einer Seite der Kluft zur anderen eine Brücke hinüber,
die
nicht weniger sinnfällig und farbenprächtig war, aber auch
nicht
mehr objektive Wirklichkeit und Tragkraft besass als der Regenbogen,
auf
dem die Germanengötter in Walhall einzogen. Über diese selbe
Brücke wandeln die Menschen noch heute hin und her, wenn auch die
einen sich den Riesen Schopenhauer, die andern den Zwerg Büchner,
die meisten aber irgend einen der zahlreichen dii minores zum
Führer
auf dem Wolkenpfad erküren. Aus genügender perspektivischer
Entfernung
erblickt, wird sich der Unterschied zwischen den naiven Annahmen eines
altarischen, nachsinnenden Hirten und den äusserst
gekünstelten
eines Hegel in einen Gradunterschied auflösen; eine
völlig n
e u e Lösung des ewigen Rätsels ist nur die kritische
Lösung.
Weil nun jener Urmythos in
Wirklichkeit
eine Dichtung, eine gewaltsame Annahme war, so war es unmöglich,
sich
dabei zu beruhigen. Wie im Schlafe der Traum Träume gebiert, so
mussten
auch aus dem einen Mythos andere geboren werden, sonst schwand die
luftige
Brücke dahin und der Abgrund gähnte zu Füssen. Und so
beobachten
wir denn zunächst, dass der Stamm des primitivsten, allumfassenden
Mythos sich in zwei Hauptzweige gabelt, je nachdem die Neigung
vorwaltet,
das Gedachte oder aber das Angeschaute vorzüglich zu betonen;
anschaulich
gesprochen, können wir sagen: je nachdem d e r
M e n s c h als Epitome
und
Inbegriff
287 BRUNO
der
Welt, oder im Gegenteil d i e W e l t
als Auseinanderfaltung und sichtbarliche Darlegung des Menschen die
Aufmerksamkeit
vorherrschend beschäftigt. In letzterem Falle — dort also, wo dem
Erschauten der Vorrang vor dem Gedachten zugestanden war — gelangte man
im Verlaufe der Zeit zu einer künstlerischen Weltanschauung, wie
in
Griechenland, wo selbst die abstrakten Denker überall an
Sichtbarkeit
und Vorstellbarkeit anknüpfen, überall gestaltend auftreten
(denken
Sie nur an Demokrit, der einer abstrakten Weltmechanik zulieb die
sinnfälligen
Atome erfindet, und an Aristoteles, der die unbewussten logischen
Funktionen
unseres Intellektes in übersichtliche Schemen bringt); in ersterem
Falle — das heisst dort, wo man geneigt war, einseitig das Denken zu
betonen — gelangte man nach und
nach dazu, die
aussermenschliche Natur, die sichtbare Welt, von der man im
ursprünglichen
Mythos ausgegangen war, gar nicht mehr zu sehen, sie womöglich
ganz
zu leugnen, auch alles Anschauliche im menschlichen Denken immer mehr
herabzusetzen,
wie im Indien der brahmanischen Blütezeit, wo dann zuletzt nur
noch
das reine, vorstellungsbare Denken übrig bleibt, das Ich in
höchster
Potenz, das allumfassende, unindividuelle »Selbst«
(Paramâtman). ¹)
Hellenen und Indoarier haben höchst wahrscheinlich gemeinsame
Vorahnen
und gelangen dennoch zu so verschiedenen Zielpunkten! Sie sehen also,
wie
die Richtung des mythischen Denkens und die Richtung der
Kulturentwickelung
Hand in Hand gehen.
Wir
müssen aber bei dieser
ersten Gabelung des ursprünglichen Mythos der Identität von
Denken
und Schauen in zwei wesentlich verschiedene Richtungen noch einen
Augenblick
verweilen; denn wir werden bald eine bunte Reihe höchst
verwickelter
Gedankenkomplexe zu betrachten haben, und anschaulich werden diese nur
bleiben, wenn wir das mythische Element gleich von Anfang an klar ins
Auge
gefasst haben. Wir kennen jetzt den grossen Urmythos, und wir haben
soeben
gesehen, wie aus diesem einen Mythos zweierlei so verschiedene Arten,
die
Welt anzuschauen, hervorgehen können, dass nahe verwandte
Völker
zuletzt an entgegengesetzten Enden der Geistesskala ankommen. Wir
können
aber diese selben zwei Hauptzweige in den Seelen unserer Denker bis zum
heutigen Tage nachweisen und dadurch das anschaulich
—————
¹) Vgl.
Deussen:
Das
System des Vedânta, S. 128 und Çankara:
Die
Sûtra's des
Vedânta (in Deussen's Ausgabe) S. 40.
288 BRUNO
Mythische
dort erblicken lernen, wo
man
die äusserste Abstraktion am Werke wähnt.
Sprach ich bisher von
einer
Gegenüberstellung
von Mensch und Welt, von Denken und Anschauen, so tat ich das, weil
diese
Fassung uns heute am nächsten liegt. Diese Begriffe sind aber
für
einfache Völker zu kompliziert und zu abstrakt; die erste
Unterscheidung,
die selbst bei den allerprimitivsten Völkern nachweisbar ist
(diese
Tatsache steht jetzt ethnologisch fest), ist die zwischen
dem B e s e e l t e n
und dem N i c h t b e s e e l t e n. Und da die
Vorstellung einer
»Seele«
überall mit der des »Atmens« zusammenhängt, das
Atmen
aber das wichtigste Symptom des »Lebens« ist, so
verschmilzt
mit der Unterscheidung zwischen einem Beseelten und einem Unbeseelten
auch
die zwischen einem B e l e b t e n und einem U
n b e l e b t e n. Ich, der Mensch, der
Denkende, bin beseelt und belebt; der Stein hier, in meiner Hand, das
Angeschaute,
das Stück Natur, scheint unbeseelt und unbelebt. Aus jenem
Urmythos
aber, welcher die Gleichsetzung zwischen Mensch und Natur zur Grundlage
aller Weltanschauung gemacht hatte, ergaben sich bei eingehenderem
Nachsinnen
zwei entgegengesetzte Schlussfolgerungen; denn die einen sagten: Ich
lebe
und bin beseelt, folglich lebt alles und ist alles beseelt; wogegen die
anderen schlossen: die Welt um mich herum ist ein lebloser, seelenloser
Mechanismus, folglich das Ich auch. Derartige extreme Lehren wollen wir
zunächst an einigen wenigen Beispielen näher kennen lernen;
das
wird uns in die Werkstatt einführen, wo Weltanschauungen
geschmiedet
werden.
Die Gruppe der älteren
hellenischen
Denker — wie sehr auch ihre Auffassungen von einander abweichen —
pflegt
man unter dem Namen Hylozoisten zusammenzufassen, und das heisst:
Leute,
welche allen Stoff, also unseren gesamten Kosmos für belebt
halten.
Diese Anschauung ist aber nie ausgestorben, sondern war zu allen Zeiten
und ist auch heute noch beliebt. Der vielcitierte Spruch des Thales,
alles
sei voll von Göttern, ¹) findet die fast buchstäblich
genau
entsprechende
Formulierung zwei und ein viertel Jahrtausende später bei unserem
Bruno, wenn er im Spaccio (S.
529) spricht: la natura, come devi
sapere,
non é altro che Dio nelle cose, die Natur, müsst ihr
wissen,
ist nichts Anderes als Gott in den Dingen. Bruno, der Träumer, der
Mann, dessen Blick ganz nach
—————
¹) Nach
Zeller:
Philosophie der Griechen 5 A.,
I, 1, 191 soll der von
Aristoteles angeführte
Satz: Θαλῆς ωήθη πάντα πλήρη θεῶν εἰναι, ohne Zweifel
authentisch
sein.
289 BRUNO
innen
gerichtet ist und der darum
überall
ein »Innen« zu entdecken wähnt, Bruno kann sich gar
nicht
vorstellen, dass nicht auch die Steine Sinne und Seele besitzen sollten
(non est, crede, lapis sine anima et
sine, in suo genere, sensu I²,
158). ¹)
Und im neunzehnten Jahrhundert lebte ein bedeutender exakter
Naturforscher,
Fechner, der zwar von »den Phantastereien der Mythik und
Mystik«
nichts wissen zu wollen vorgab, selber jedoch das Universum als einen
»Kosmorganismus« auffasste und die Gestirne als lebendige
»Zwischenstufen«
zwischen den sie bewohnenden Geschöpfen und dem
»psychophysischen
Allwesen«,
Gott. ²) Sie sehen, wie der Mythos: »ich lebe, folglich lebt
alles«
das verschiedenstgeartete Denken, vom rein scholastischen bis zum rein
naturwissenschaftlichen, gestalten kann. Doch schöpfen ebenso
bedeutende
Forscher und Denker, und zwar ebenfalls seit jeher, aus genau dieser
selben
instinktiven Gleichsetzung von Denken und Schauen eine entgegengesetzte
Anschauung, nämlich die Anschauung: nichts ist belebt, in der
körperlichen
Natur sind nirgends Götter. Solche Männer richten eben ihre
Aufmerksamkeit
hauptsächlich auf die Natur und achten daher mehr auf die Mechanik
des Geschehens; für sie schrumpft infolge dessen die Anteilnahme
der
Seele immer mehr zusammen. Denken Sie, bitte, nur an die
Naturauffassung
unserer heutigen exakten Wissenschaft und an die Schwingungen des
Äthers,
wie wir sie im Leonardo-Vortrag
kennen lernten; das Lebendige im Licht,
dasjenige, was für unsere Menschenseele im Lichte unmittelbare
Bedeutung
besitzt — die Farbe — schwand vor unseren Augen völlig hin; Farbe
war
zuletzt nur ein überflüssiger, sehr ungenauer Name für
eine
Zahl; und dann kamen die am weitesten fortgeschrittenen Physiker und
sagten:
wir brauchen euren ganzen sichtbaren Kosmos überhaupt nicht, uns
genügt
ein leerer Raum mit Energie darin (siehe S. 114). Der Mann nun, der die
Vorstellung der Schwingungen als Allererster aufbrachte, Descartes,
hatte
schon die Konsequenz besessen, fast bis ins Innerste
—————
¹) Die
lateinischen Schriften
Bruno's
sind stets nach der Ausgabe von Fiorentino und Tocco citiert.
²)
Siehe Die Tagesansicht
gegenüber
der Nachtansicht, 1879, S. 16 fg., 64 fg. usw. und vgl. die
vortreffliche
Darstellung von Fechner's Leben und Lehren durch Kurd Lasswitz,
1896, S. 104, 132 fg., 144 fg. usw. Der Ausdruck
»Tagesansicht«
soll die Überzeugung ausdrücken, dass alles belebt und
»göttlich
beseelt« sei, alles ein lebendiger »Hauch Gottes« (S.
16),
wogegen die »Nachtansichst« die rein mechanische ist, wie
sie die
Naturwissenschaft
meistens bekennt; es gemahnt an Augustinus' Unterscheidung zwischen
einer
cognitio matutina und einer cognitio vespertina.
290 BRUNO
zu
dringen und — durch Aufstellung
seiner
bekannten Automatentheorie — nicht allein das Leben der Steine und
Gestirne,
sondern auch das Leben der Lebendigen aufzuheben. Der Tierleib (und a
fortiori
die Pflanzengestalt) ist nach ihm eine Maschine; je ne reconnais
aucune
différence entre les machines que font les artisans et les
divers
corps que la nature seule compose (III, 519); sämtliche
Bewegungen
können erklärt werden en
même façon que le
mouvement
d'une montre est produit par la seule force de son ressort et la figure
de ses roues (Les passions de
l'âme, XVI); und so gelangt
Descartes
zu der festen Überzeugung, dass mit einziger Ausnahme des Menschen
alle Tiere Automaten, das heisst bewusstlos sind, keine irgendwie
geartete
anima und keinen sensus besitzen, kurz, dass sie
leblos sind. Descartes
geht aber noch weiter, oder wenigstens neigt er dazu, noch weiter zu
gehen.
In seinen Passions de l'âme
schränkt er auch die
Menschenseele
auf die Willenstaten und auf jene Empfindungen ein, die im Willen
Wiederhall
finden, und nicht lange vor seinem Tode gesteht er einem besonders
drängenden
Korrespondenten, dass er den ganzen sinnlichen Verstand (l'imaginer) und
die Empfindung (le sentir) nur
insofern zur »lebendigen« Seele
zählt,
als sie mit dem Körper verbunden sind (VIII, 574); das
r e i n e
D e n k e n
bleibt also allein als ein eigentlich Lebendiges, Seelenhaftes
übrig,
e i n D e n k e n, d a s w e d e
r v o r s t e l l t, n o c h e m p f i n
d e t. ¹) Das ist kaum
mehr
als
ein unvorstellbares Phantom, eine blosse Ehrenrettung des Begriffes
»Seele«.
Was nun hier in dem so heiss und unablässig nach
wahrer A n s c h a u u n g
ringenden Manne vorging, wäre schwer zu deuten, schwer wenigstens
als das zu deuten, was es ist, nämlich als die blosse Umkehrung
des
naiv mythologischen Hylozoismus, wenn uns nicht wieder aus Indien,
durch
die Ausbildung genau der selben Auffassung — nämlich der Betonung
des Seins im Gegensatz zum Denken, der Natur im Gegensatz zum Menschen
— durchgeführt aber bis in ihre letzten Konsequenzen, volle
Deutlichkeit
geschenkt würde. Ein Denker, namens Kapila, der etwa zwei und
einhalb
Jahrtausende vor Descartes gelebt haben mag und also ein
ungefährer
Zeitgenosse des Thales war, lehrte als »abschliessende,
geläuterte,
irrtumslose, absolute Erkenntnis« die Einsicht: I c
h b i n n i c h t.
Nicht
bloss ist nicht alles
—————
¹)
Besonders deutliche und
dogmatisch
präzise Stellen (ausser dem bekannten in den Passions, in den
Principia
und in den Méditations
und Réponses) finden
sich in den
Briefen,
z. B. VIII, 299, 518 fg., 575 usw.
291 BRUNO
voll
von Göttern, nicht bloss
leben
weder Steine noch Tiere, nein, auch der Mensch lebt nicht, auch ich,
der
ich dies denke, lebe nicht. »Mit jenen Worten — ich bin
nicht«,
schreibt ein indischer Kommentator, »sind sowohl die inneren
Vorgänge
— d. h. die Entscheidung des Urteilsorgans, der Wahn des
Subjektivierungsorgans,
die Feststellung des inneren Sinnes und die Wahrnehmungen der
übrigen
Sinne — als auch die äusseren Funktionen des Körpers dem
Selbst
abgesprochen«. ¹) Wenn aber sowohl die »inneren«
Vorgänge
als
die »äusseren« dem Leben abgesprochen werden, so
bleibt dann
nur die Urmaterie, als »Wurzelgrundform« (so nennt sie
Kapila) alles
dessen, was erscheint, und mein eigener Körper mitsamt den
Gedanken
meines Gehirns und den Gefühlen seines Nervensystems ist ein
mechanischer
Automat. Kapila war eben ein freierer Mann als Descartes, er lebte
nicht
unter der Tyrannei christlichen Glaubenszwanges, und so hatte er den
mechanistischen
Gedanken bis in seine letzten Konsequenzen verfolgen dürfen und
sich
gesagt: auch das, was den Menschen am meisten auszeichnet, die
Fähigkeit,
logisch zu schliessen, Urteile zu bilden, ist doch an ein materielles
Organ
gebunden, und dieses Organ (das Gehirn) ist, »weil es der Materie
angehört,
ungeistig, und deshalb ist auch die in demselben vor sich gehende
Feststellung
(nämlich die Schlussfolgerungen) ebenso ungeistig wie ein Topf und
andere Objekte«. Das Leben wird nur vorgetäuscht, indem
»der
ungeistige innere Körper scheinbar geistig und ebenso die am
Handeln
unbeteiligte Seele scheinbar handelnd« wahrgenommen wird. ²)
Diese
Seele — die am Handeln
unbeteiligte — ist
das schlackenlos reine S e l b s t, bei dem
»jegliche Täterschaft
ausgeschlossen ist«‚ das »unbedingt und absolut isoliert
(das
heisst,
von der Materie geschieden) ist«, und — sobald der
»Subjektivierungswahn«,
wie Kapila es nennt, zerstreut ist — »unbeweglich und zufrieden
auf
die Materie blickt«. ³) Das entspricht ziemlich genau der
Vorstellung
Descartes' von der pure intellection
(II, 257), von dem moi
(buchstäblich
das »Selbst« der Inder!) qui
est entièrement
distinct
du corps, 4) von einer Seele (lieber
sagt Descartes aber »Geist«),
die etwas ganz anderes ist als die sinnliche Phantasie (l'imagination
purement
cor-
—————
¹) Vgl.
Vâcaspatimiçra's:
Mondschein der Sâmkhya-Wahrheit,
in deutscher Übersetzung von
Richard
Garbe, 1891, S. 104 fg.
²)
a. a. O., S. 30.
³) a. a. O., hauptsächlich
S. 106 fg.
4)
Discours de la Méthode,
4.
partie, I, 158.
292 BRUNO
porelle, XI, 266). Vielleicht
wundern
Sie sich, hier dem Ausdruck Seele oder Geist überhaupt noch zu
begegnen?
Doch urteilen Sie nicht zu schnell. Ich erinnerte Sie vorhin an den
leeren
Raum unserer Physiker; hier haben Sie dessen genau entsprechendes
Gegenstück: die leere
Seele, das leere Ich. Jene
Vorstellung des leeren Raumes mit nur Bewegung darin ist doch kein
Spass,
keine Extravaganz tollgewordener Gedankendrescher, sondern im Gegenteil
eine theoretische Annahme, zu der höchst nüchterne, positive,
antimystische Naturforscher getrieben werden; ebensowenig ist diese
leere
Seele des Kapila und des Descartes ein unmotiviertes Gedankengebild,
vielmehr
ergibt sie sich mit unentrinnbarer Notwendigkeit aus jenem ersten,
unbewussten
Gewaltakt, aus der mythischen Gleichsetzung von Mensch und Natur, von
Denken
und Schauen — sobald man den einen der beiden Wege, die von dort aus
abzweigen,
bis ans Ende verfolgt. ¹)
Schon diese Beispiele
genügen,
um Ihnen zu zeigen, wie der naive Urmythos zu allen Zeiten, und sogar
bei
den vermeintlich neuesten Ergebnissen des menschlichen Denkens, tief
hineinreicht
bis ins Innerste unserer Weltanschauungen. Ob Gestaltung oder
Vernichtung
aller Gestalt, ob die Neigung, den Stoff zu beseelen oder die Neigung,
das Seelische zu verstofflichen, vorherrschen soll: diese grundlegenden
Anschauungen lassen sich beide auf traumhafte, mythische
Voraussetzungen
zurückführen. Jetzt ist aber, glaube ich, unser Blick
für
das dem vorgeblich losgelösten, selbständig aufbauenden
Denken
überall zu Grunde liegende Anschauliche so weit geschärft,
dass
wir auch im einzelnen zu verfolgen vermögen, inwiefern selbst
anscheinend
völlig abstrakte Gedankenreihen immer auf Naturmythen
zurückgehen.
Zunächst müssen wir uns an einem zusammenhängenden,
konkreten
Beispiel belehren, und zwar wird es sich empfehlen, uns auf
Griechenland
zu beschränken, da dessen Philosophie allgemein bekannt ist und
doch
aus genügender Ferne perspektivisch überblickt wird; ich muss
mich natürlich aphoristischer Kürze befleissigen. Besitzen
wir
aber erst eine klare Vorstellung der Entwickelung von Thales bis
Aristoteles
in ihren Hauptlinien, so werden wir, hoffe ich, genügend
gestärkt
sein, um eine völlig anschauliche Vorstellung aller auf Grundlage
des Mythos überhaupt möglichen Weltanschauungen zu
—————
¹)
Über die methodische
Tragweite
einer konsequenten Scheidung des »Vernunftwesens« von den
»Dingen
der Natur«, vgl. r. V.
708 fg.
293 BRUNO
gewinnen,
so dass einzig die
eigentlich
k r i t i s c h e — jeglicher Dogmenbildung entgegengesetzte —
Auffassung des
Weltproblems übrig bleiben wird, wie sie Plato geahnt und Kant in
voller Deutlichkeit entwickelt hat.
VON THALES BIS ARISTOTELES
Thales, der — wie Sie vorhin
hörten
— die Welt voll sein liess des Göttlichen, gebraucht dennoch
die
Gottheit nicht wie die Juden als deus
ex machina zur Erschaffung
der
Welt; vielmehr ist es sein
Gemüt, aus dem er den
Glauben
an Götter schöpft, mit denen er dann die Natur
bevölkert.
Sobald er aber nicht in sich hinein, sondern in die Natur hinausschaut,
sieht er, wie Homer, alles nach den unabänderlichen Gesetzen der
mechanischen
Notwendigkeit geschehen; und er meint, die Welt müsse sich aus
einem
Urelement oder Urstoff (στοιχειον) »entwickelt« haben, und
dieser
allem Sichtbaren zu Grunde liegende Urstoff sei das Wasser. Woher nimmt
er diese Vorstellung? Schon Aristoteles erblickt ihren Ursprung in dem
uralten hellenischen Mythos von Okeanos und seiner Gemahlin Tethys, den
Urhebern aller Dinge (Metaphysik
I, 3), und jetzt sind wir in der Lage,
noch weiter zurückzuweisen, nämlich auf den
Schöpfungsmythos
des Rigveda (X, 129), nach
welchem ebenfalls aus der »lichtlosen
Wasserflut« sich die Erde mit ihrem Leben und Lieben
(kâma)
»entwickelt«. Ungefähr das, nur mit ein bisschen
anderen
Worten, sagt die heutige Naturwissenschaft.
Eine bewusste Unterscheidung
zwischen
Mensch, Gott und Welt ist also hier nicht vorhanden; die Identität
des Beseelten und Unbeseelten kommt noch ganz naiv zum Ausdruck; alles
ist beseelt, alles ist voller Götter, und zugleich ist alles rein
stofflich und entwickelt sich mechanisch aus der Materie.
Bedeutend
verwickelter wird die
Weltanschauung — weil eben schon etwas mehr Logik darin liegt und etwas
weniger Anschauung — bei dem ersten hellenischen Denker, der von Thales
merklich abweicht. Theoretisch ist Heraklit ebenso monistisch und
ebenso
hylozoistisch wie Thales; doch, verfolgt man seinen Gedankengang, so
sieht
man, dass er als Mittelpunkt den Menschen nimmt und unter ihm die Welt,
über ihm das Göttliche unterscheidet. Heraklit ist eben mehr
Denker als Naturbeobachter, doch dürfen Sie das ja nicht (mit
unseren
Handbüchern) als einen Fortschritt deuten; es handelt sich einfach
um eine persönliche
294 BRUNO
Anlage.
Gerade Heraklit greift auf
die
uralte, allen Indoeuropäern gemeinsame mythische Vorstellung,
nämlich
auf den Odem, den Lebenshauch, als Grundprinzip des Alls zurück.
Das
indische Wort prâna
bedeutet genau so wie Heraklit's griechisches
Synonym πνευμα (Pneuma) zunächst Wind, Luft, sodann
Odem, daher
aber auch Leben, und schliesslich (als der unsichtbare Teil des Lebens
aufgefasst) Geist oder Seele. Auch das Hagion Pneuma oder der Heilige
Geist
der christlichen Mythologie ist der geradlinige Nachkomme des heiligen
Prâna der Veden. Sie sehen, wie diese Beiden —
Thales und Heraklit — in
schlichtester mythischer Einfachheit einander gegenüber stehen.
Der
Eine schaut hinaus auf die Natur und sagt: »dort muss es ein
Grundelement
geben — das Wasser«; der Andere schaut hinein in sich und sagt:
»hier
muss es ein Grundelement geben — den Lebensodem«. Das ist genau
die
selbe Gegenüberstellung, wie sie Sie vorhin zwischen Descartes und
Bruno sahen.
Nun aber müssen
wir weiter
gehen und sehen, wie sich bei Heraklit aus dieser Einheit Zweierlei
entwickelt,
nämlich die Welt und das Überweltliche.
Das Grundelement, der
Menschenodem
— das unsichtbare Lebensprinzip — verdichtet sich für ihn nach
unten
zu in eine sichtbare Welt, und andrerseits erhebt und läutert es
sich
nach oben zu bis zu einem Gottesbegriff; für beides knüpft
wiederum
Heraklit an mythische Vorstellungen an. Als materiellen Träger
des
Lebenshauches und insofern Schöpfer des wahrnehmbaren Alls preist
er
nämlich das Feuer, daher denn bei ihm das Urwesen πνευμα και
πυρ — Lebenshauch u n d Feuer
— heisst. Auch das ist ein urarischer
Mythos,
aus hundert Naturbeobachtungen, gefolgt von Gleichsetzungen zwischen
Denken
und Schauen, entnommen: das Feuer am Himmel als Tageslicht und
-wärme,
das Feuer im Blitz, das Feuer auf dem Herde und als Verzehrer des
Opfers,
dazu die Wärme des lebendigen Körpers im Gegensatz zu der
Kälte
des toten, die Glut des hervorquellenden Blutes und die heissen
Eingeweide
des frischgeschlachteten Opfertieres, — braucht es denn mehr, um zu
schliessen,
dass Feuer und Leben eins seien? Kein Wunder, dass die alten indischen
Bücher diese selbe Gleichsetzung — Pneuma kai Pyr —
ausdrücklich
lehren: »Jenes Feuer, das dieses Weltall ist, das ist auch der
Prâna,
der Lebensodem«. ¹)
—————
¹) Çatapatha-Brâhmana 10,
3. 3,
6.
295 BRUNO
Und jetzt die Gottesvorstellung
des Heraklit. Sie ist ungemein fein. Heraklit ist, wie Sie gesehen
haben,
grundsätzlicher Monist; sein Pneuma
kai Pyr besagt: das Wesen des
unsichtbaren Ich (der Lebensodem) und das Wesen der sichtbaren Welt
(das
Feuer) ist ein und das selbe. Diese »Harmonie« zwischen dem
Unsichtbaren
und dem Sichtbaren, zwischen dem Gedachten und dem Angeschauten, ist
identisch,
einerseits mit dem, was ich in den scheinbaren Zufälligkeiten
meines
Lebens als »Schicksal« empfinde, andrerseits mit der
unverbrüchlichen
göttlichen »Notwendigkeit« des Geschehens, die ich in
der
Natur
erblicke; schaue ich hinaus auf die Natur (das Feuer), so nenne ich
jene
allgemeine Harmonie »Weltordnung« (Kosmos), denke ich
darüber
nach im Ich (im Lebensodem), so nenne ich's »Logos«, das
»Wort«,
das vom Anfang ist. ¹) Für den sinnenden Philosophen nun sind
diese
verschiedenen Namen — Harmonie, Schicksal, Notwendigkeit, Weltordnung,
Logos, — alle nur verschiedene
Bezeichnungen
für das eine Göttliche; steht aber der Mensch auf dem
Standpunkt
— nicht des Nachsinnens — sondern des praktischen und politischen
Lebens,
so soll er dieses Göttliche unter der Vorstellung des
»Zeus«
verehren.
—————
¹) J. J.
Weber hat schon vor
Jahren
gezeigt, dass dieser Begriff des Logos
— der so unvermittelt im
Heraklit
auftritt,
um dann im Neoplatonismus und in der Gnostik eine grosse Rolle zu
spielen
und im Christentum Aufnahme zu finden, wo er überall den Eindruck
eines Fremden, Unverstandenen, »ohne Vorstufen«
Auftretenden
macht
— unzweifelhaft aus Indien zu uns gelangt ist; denn dieser Gedanke der
Vâc als des
schöpferischen Prinzipes, das »von Anfang
war« und »bei Gott war« und »durch welches alle
Dinge
gemacht
sind« (Ev. Johannes I, 1
fg.), ist so charakteristisch indisch,
dass
er vom Rigveda an bis zum heutigen Tag dort immer heimisch gewesen ist
und inmitten vielfach wechselnder Vorstellungen beharrte. Was dieser
Logos
— der Genosse des Schöpfers und zugleich der Schöpfer selber,
der heilige Geist, der »Himmel und Erde durchdringt« und
der
»wie der Wind dahinbraust«, von welchem Niemand weiss, von
wannen er
kommt und wohin er fährt (Rigveda
10, 125) — was er überhaupt
bedeutet,
wird niemals ein Mensch aus der christlichen Dogmengeschichte
erfahren;
dazu gehört die genaue Kenntnis des indischen Geistes. Das
Historische
sehr vereinfachend, doch darum nicht minder buchstäblich wahr,
wäre
die Behauptung, dass gerade in diesem Begriff des Vâc-Logos
die
grossartige,
aber verhängnisvoll einseitige Tendenz des indoarischen Geistes
sich
kundtut, das Denken dem Schauen gegenüber zu betonen, das Wort
dem Ding, das Subjekt dem Objekt — und ins Praktische übersetzt:
die
Rede der Tat. Der erhabene Gedanke des welterschaffenden Worthauches
löste
nach und nach die Welt selbst ganz auf, indem er die naiv mythologische
Gleichsetzung von Denken und Sein ausschliesslich im Sinne des Denkens
interpretierte. Gewaltsam versuchte im vergangenen Jahrhundert ein
Ähnliches
durchzuführen Hegel. (Über die Vâc vgl. Weber's Aufsatz:
Indische
Studien IX, 473 fg. und Deussen: Allgemeine
Geschichte der Philosophie I¹, 146 fg. Vgl. auch Max
Müller's Ansicht, dass auch Brahman
ursprünglich
»das Wort« hiess: Three
Lectures on the Vedânta Philosophy,
1894, p. 147 fg. — Ein schwaches Echo der Vâc-Logos-Mythe aus grosser
Ferne
ist in dem sehr spät — erst nach dem Exil — redigierten ersten
Kapitel
der Genesis aufbewahrt: »Gott s p r a c h: es
werde« usw.)
296 BRUNO
Darum
spricht Heraklit das tiefe,
einfache
und nur deswegen vielumstrittene, weil vielfach missverstandene Wort:
»Das
Eine, das allein Wissende, mag nicht und zugleich mag es wohl mit dem
Namen
Zeus angerufen werden«. ¹)
So dachten die besten
Männer
Griechenlands über Gott und Welt etwa 500 Jahre vor Christi
Geburt;
es war eine hohe und herrliche Anschauung, harmonisch schwebend
zwischen
der mit Augen erblickten Natur und dem unsichtbaren Ich, und voll
reicher
Gedankenanregungen. Nun aber tat sich der grosse Riss auf. Bisher waren
(in Griechenland) ohne weiteres das Ich und die Welt für identisch
gehalten worden; nicht etwa, als hätte man über diese
Identität
dogmatisiert, sondern sie war als eine offenbare Tatsache betrachtet
und
nicht erst in Frage gezogen worden. Man konnte mit Thales den Nachdruck
auf das geschaute Naturelement oder man konnte mit Heraklit den
Nachdruck
auf das atmende Denken legen; doch dass es zweierlei gebe oder geben
könne,
darauf war man noch nicht verfallen. Jetzt kam die Überlegung, und
durch sie rückten Natur und Ich auseinander. Die verzweifelten und
vor keiner Sophisterei zurückschreckenden Versuche der Eleaten,
die
mathematische Einheit alles Seienden als Dogma durchzusetzen, sind
für
uns hauptsächlich als ein Symptom der stattgefundenen und nie mehr
in befriedigender Weise rückgängig zu machenden Entzweiung
interessant.
Und wie das Ich und die Natur, so traten jetzt auch Gott und die Welt
auseinander;
darum mussten neue
—————
¹) Vgl.
Zeller: Philosophie der
Griechen I, 665 fg., doch ohne dem verdienten Gelehrten die
Verantwortung
für meine Auffassung und Darstellung aufzubürden. Die letzte
Stelle: εν το
σοφον μουνον λέγεσθαι ουκ εθέλει και
εθέλει Ζηυος ουνομα, wird von den verschiedenen gelehrten
Darstellern
des Heraklit verschieden interpungiert und verschieden gedeutet, doch
stimmen für dasjenige, was ich in meinem Vortrag einzig betonen
wollte,
Pfleiderer, Bernays, Schuster, Lassalle, Schleiermacher
und neuerdings
auch Patrick (The fragments of the
work of Heraclitus of Ephesus,
Baltimore,
1889, S. 100 und 120) und Diels (Die
Fragmente der Vorsokratiker, 1903,
S. 72) mit Zeller vollkommen überein, und einzig
Teichmüller
weicht ab (Neue Studien zur
Geschichte der Begriffe, 1876, I, 127),
indem
er liest: »Die Weisheit, Zeus genannt, will allein Eins heissen
und
will
es auch nicht«, — eine wenig sinnreiche Deutung, wogegen die
andere
sich von selbst in die Weltanschauung des Ephesers fügt. —
Nebenbei
und weil es in Bezug auf heutige Vorstellungen von Interesse ist, will
ich bemerken, dass eine andere wissenschaftliche Hauptlehre
Heraklit's
— dass überall der Kampf das herrschende und bildende Prinzip sei
(πολεμος πατηρ
παντων) —
unzweifelhaft der iranischen
Mythologie
unmittelbar entlehnt ist. Mit besonderer Kraft der Anschauung gestaltet
bald darauf Empedokles diese Lehre um zu der von der Liebe und dem Hass
als den zwei Grundkräften aller Bewegung. Genau die selben
Mythen,
nur auf ein reicheres Material angewandt, kleiden wir heute in die
Worte: »Kampf ums Dasein« und »Anziehung und
Abstossung«.
297 BRUNO
Begriffe
geschmiedet, neue
Weltanschauungen
aufgebaut werden. Trotzdem verlor die angeschaute Natur ihre
traumerregende
Kraft über unsere Phantasie nicht, und die zu Grunde liegenden
Mythen
beharrten — wie Sie gleich sehen werden — mit geringen, nur
äusserlichen
Veränderungen. Von jetzt an bedarf es aber der Aufmerksamkeit, um
das mythische Element als ein solches aus dem Gemenge zu entwirren.
Wie Sie ohne Zweifel wissen, war
es Anaxagoras, der mit seinem Nus
einen neuen Gottesbegriff schuf. Nus
wird gewöhnlich — doch eingestandenermassen unbefriedigend (Zeller
I², 990 Anm.) — mit »denkendes Wesen« oder kürzer
»Vernunft«
übersetzt; es entspricht, wenn ich die Erläuterungen der
Fachgelehrten
richtig verstehe, mehr dem Lateinischen mens, dem Englischen mind; die
Franzosen übersetzen intelligence.
Eigentlich kommt es auf die
genaue
Wortübersetzung wenig an; was Sie verstehen müssen, ist, dass
der Nus die Inthronisierung
des Ich auf Kosten der Natur, und das
heisst,
die Inthronisierung der logischen Überlegung auf Kosten des
Schauens
und Beobachtens bedeutet. Wie die Logik die Gedanken des Menschen
ordnet,
in eben der selben Weise ordnet die Vernunft die Welt; »im Anfang
war alles ein Durcheinander (migma);
da kam der Nus und schuf die
Weltordnung«.
Sie sehen, dass der uralte Mythos des Chaos für diesen neuen
Vernunftglauben
gleichsam die Grundlage abgibt, nur dass jetzt der Rationalismus die
Alleinherrschaft
antritt, und nicht Naturkräfte, sondern aussernatürliche
Verstandeskräfte
die Welt hervorbringen. Daher nennt Anaxagoras mit Recht seinen
Nus αυτοκρατης,
einen Selbstherrscher. — Sehr merkwürdig ist es nun, wahrzunehmen,
wie fern dieser neue Gott sofort wegrückt. Thales hatte
Götter
überall gesehen, Heraklit hatte das Göttliche auf Schritt und
Tritt empfunden; jetzt dagegen schwindet die ewig unsichtbare Gottheit
bis an die Grenze des Weltalls; sie ist lediglich der
»Ordner«,
der »erste Beweger«, fast nur noch ein Gedanke; und zwar
nicht
etwa
ein mystisch-natursymbolischer Gedanke wie Vâc-Logos, sondern ein
abstrakt-konkreter: selber nur noch stoffloses, ungestaltetes Denken,
nicht
eine sinnfällige Gestalt, für die Welt aber lediglich eine
mechanische,
nicht eine innere Notwendigkeit.
Sie werden gleich sehen, wie ich
das meine.
Sie erinnern
sich, dass Descartes
und Kapila, indem sie die Seele restlos von der Materie ausschieden,
sozusagen
eine reinere, völlig
298 BRUNO
mechanische
Natur gewonnen hatten.
Ähnlich
geht es hier zu. Indem Anaxagoras einen ausser- und überweltlichen
Gott schafft, entgöttlicht er die Natur und fasst sie mehr rein
mechanisch
auf als seine Vorgänger; das ist der springende Punkt. Für
Anaxagoras
selber hatte die Erfindung des Nus
nicht viel mehr Bedeutung als das
cogito
ergo sum für Descartes (S. 178 fg.). Unsere
Fachphilosophen aber,
denen
alles Abstrakte ein Höheres dünkt, haben sich einen
Anaxagoras
zurechtgelegt, dem der wirkliche wenig entspricht; sie lobpreisen wie
Tempelpriester den Erfinder eines »höheren, rein geistigen
Gottesbegriffes«
und merken gar nicht, dass Anaxagoras es lediglich auf rationelle
Naturwissenschaft
abgesehen hat und den g e d a c h t e n Gott nur
braucht, um die unmittelbar w
a h r g e n o m m e n e n Götter loszuwerden. Denn sein
Augenmerk
bleibt
auf die Welt, nicht auf Gott gerichtet; sein Denken ist durchaus
mechanistisch.
Er gesteht selber naiv, er greife nur dann zu seinem Gott, wenn er ohne
ihn durchaus nicht weiter zu kommen wisse. Insofern er sich die
Entstehung
einer Ordnung nicht denken kann ohne ordnende Vernunft, braucht er ihn
»abstrakt«; doch verweilt er bei dieser rationalistischen
Überlegung
nicht, sondern eilt hin zur anschaulichen Welt, wo er ihn diesmal
»konkret«
braucht, weil er nämlich nicht weiss, wie er sich ohne ihn die
Verursachung
und Aufrechterhaltung der ersten, allumfassenden Drehbewegung
erklären
soll; sonst aber braucht er seinen Gott-Nus überhaupt gar nicht.
Hier findet also ein
sehr
bedeutungsvoller
Schritt statt, weg von der völlig naiven Identifizierung von
Denken
und Schauen. Wie eng aber trotzdem auch hier Denken und Schauen
zusammenhängen,
hat Wilhelm Dilthey in seiner Einleitung
in die Geisteswissenschaften
(I,
201 fg.) gezeigt. Anaxagoras war, wie vor ihm Thales, ein
leidenschaftlicher
Sterngucker. Gefragt, weswegen der Mensch das Sein dem Nichtsein
vorziehen
solle, antwortete er: des Sternenhimmels wegen. Es handelte sich aber
für
ihn nicht bloss um eine Gemütsstimmung. Vielmehr hat er bedeutend
richtigere Vorstellungen der kosmischen Verhältnisse als
Aristoteles
besessen. So wusste er z. B., dass der Mond gross ist, und hielt ihn
für
bewohnt; er wusste, dass sein Licht widergespiegeltes Sonnenlicht ist,
und wusste, dass die Sonne der Erde ferner steht als der Mond und
grösser
als dieser ist. Vor allem aber fesselten am Sternenhimmel zwei
Tatsachen
seine sinnende Betrachtung: er erblickte
299 BRUNO
—
wie seit undenklichen Zeiten seine
seefahrenden Landsleute — den unbeweglichen Stern am Nordpol des
Firmaments,
und er beobachtete sodann, dass die diesem nahegelegenen Sterne sich in
sehr kleinen Kreisen um ihn drehen, die weiteren in immer
grösseren
Kreisen, und so gelangte er zu der Vorstellung, dass sich die ganze
Himmelskugel
um eine einzige A c h s e drehe. Das war schon eine
Beobachtung von
grundlegender
Bedeutung. Ausserdem aber besass Anaxagoras einen gesunden
physikalischen
Instinkt, wie ihn nur die Anschauung und niemals das Denken geben kann:
die Schwerkraft war ihm bekannt, und da er Sonne, Mond und Sterne nicht
— wie später Aristoteles — an konzentrische Sphären
annagelte,
sondern für selbständige, im Raume schwebende Körper
hielt,
so folgerte er, sie müssten notwendig auf die Erde herabfallen,
wenn
nicht die selbe Zentrifugalkraft, welche die Urelemente einst
auseinander
getrieben habe, sie beständig im Kreise herumschwänge,
»wie
man
einen Stein in der Schleuder schwingt«. Sie sehen, welche Summe
echt
wissenschaftlicher, mechanischer Naturanschauung hier am Werke ist.
Hören
Sie weiter. »Der nördliche Endpunkt (der Himmelsachse) ist
der kosmische Punkt«, berichtet
Dilthey, »von welchem aus der
Nus (des Anaxagoras) die
Drehungsbewegung in der Materie begann, und
von
welchem aus sie noch gegenwärtig bewirkt wird. Der Nus fing mit
dem Kleinen an; die Stelle, an welcher das geschah, war der
Pol; .... von ihm aus hat sich dann die Drehung immer weiter verbreitet
und wird
sich
verbreiten, und von ihm aus wurde mit der Drehung zugleich die
Scheidung
der Massenteilchen bewirkt«. Wenn man das Wissen jener Zeit
bedenkt,
so lässt sich diese Vorstellung als wissenschaftliche
Gedankenleistung
recht gut mit der sogenannten Kant-Laplaceschen Hypothese in Parallele
stellen; die zu Grunde liegenden Beobachtungen sind gering an Zahl und
nicht ganz genau, doch die ahnungsvolle Erfassung des Tatbestandes ist
hervorragend. Für unser heutiges Thema ist aber namentlich das
eine
interessant, dass der Gott des Anaxagoras und die Einheit dieses Gottes
nicht auf metaphysischem Wege abgeleitet wird (wie bei Bruno und allen
Monisten), sondern dass dieser Weltanschauer sie auf induktivem Wege
aus
dem Bedürfnis nach einem ersten Beweger der Weltmaschine und aus
der
Beobachtung jener soeben genannten einheitlichen Achse des
Sternenhimmels
schliesst.
Sie sehen, der
grosse Riss, von
dem ich vorhin sprach, war hier
300 BRUNO
noch
verhältnismässig wenig
tief. Diese göttliche Vernunft, deren ordnende Tätigkeit nur
darin besteht, fleissig eine allgemeine Zentrifugalbewegung zu
unterhalten,
wo dann alles übrige von selbst sich macht, ist kaum mehr als eine
hypostasierte Grundkraft der Natur. Und doch, der Schritt, der hier
geschehen
war, war ein gewaltiger. Indem man das Göttliche aus der Welt
ausgeschieden
und es ihr gegenübergestellt hatte, als einen Geist ohne
Körper
im Unterschied von den Körpern ohne Geist, war erstens die
Methode
der Analyse eingeführt, das heisst, der Zerlegung, und zweitens
die
Tendenz angebahnt, den Menschengeist als dem Nus verwandt anzusehen, so
dass aus ihm selber, unmittelbar, höhere Weisheit zu
schöpfen
sei als aus der treuen Beobachtung der Natur. Die Analyse hebt
zunächst
den Mythos auf; denn dieser ist seinem ganzen Wesen nach ein
Aneinanderknüpfen,
jene ist ein Voneinanderlösen. Die rationalistische Betonung der
Logik,
als sei diese das Grundgesetz der Natur, hebt ebenfalls den Mythos auf
und ersetzt ihn durch Syllogismen. Da nun aber ohne
überbrückenden
Mythos, ohne Zuhilfenahme irgend einer Traumgestalt, keine Einheit und
somit keine Weltanschauung sich gewinnen lässt, so war die Folge,
nicht etwa, dass die Mythen wirklich verschwanden, sondern dass sie
fortan
zugleich verstohlener und gewaltsamer eingeführt wurden. So hatten
z. B. die alten Inder ausdrücklich erklärt, ihre Berichte
über
die Weltschöpfung seien nur bildlich zu nehmen, nur als ein
Versuch,
Unwissbares symbolisch zu gestalten; ¹) diese Leute — auf die wir
vermeinen
herabblicken zu dürfen — wussten also genau, dass ihre Mythen
Mythen
waren, sie forderten für sie nicht jenen stupiden Glauben, den man
heute von uns in Religion und Wissenschaft verlangt. In ähnlicher
Weise finden wir die hellenischen Mythen in beständigem Flusse,
bis
der grosse Bruch geschehen ist; von dann an herrscht die Vernunft,
glaubt
sich gottverwandt, sieht die Natur zu ihren Füssen und wähnt
sich wissend; was sie sagt, ist daher Dogma, und für ihre
Träume
wird der Glaube gefordert. An Sokrates und Aristoteles wollen wir uns
diesen
Vorgang deutlich machen, wobei herauskommen wird, dass die Menschen
auf
diesem Wege in höherem Masse als ihre Ahnen Sklaven ihrer
mythischen
Vorstellungen wurden. Was wir »Fortschritt« nennen — ein
Wort,
an dem sich kindisch unüberlegte Gemüter bis zur Roheit
berauschen
— wird immer teuer bezahlt.
—————
¹) Vgl. Rigveda
X.
129.
301 BRUNO
Es gibt im Phaidon,
gegen
Schluss
(96 fg.), eine Stelle, die auf mich den Eindruck einer wirklich
historischen
Berichterstattung über wahrscheinlich häufig gefallene
Bemerkungen
des Sokrates macht; gleich darauf setzt Plato wieder ein mit seiner
Ideenlehre;
doch der naive Einwurf rührt von dem wirklichen Sokrates her.
Dieser
führt aus: er habe in seiner Jugend eifrig Naturkunde betrieben;
seine
Hoffnung aber, hierbei »die Ursachen der Dinge zu
entdecken«
und zu erfahren, »ob Tiere aus Fäulnis
entständen«, wie
ihr Wachstum vor sich gehe usw., sei betrogen worden; er habe entdeckt,
dass er selber »zu derlei Untersuchungen keine Eignung
besitze«;
hernach aber habe er sich durch die Einsicht getröstet, dass
»das
wahre Wesen der Dinge in unseren menschlichen Gedanken darüber
liege«
und dass man sich wohl hüten müsse, sich mit dem Anblick der
Dinge selbst »die Augen zu verderben!« ¹) Und so habe
er
zu den Schriften des Anaxagoras gegriffen, weil ihm erzählt worden
sei, dieser Philosoph habe die »Vernunft« als ordnendes
Gesetz
aller Dinge aufgestellt, weswegen er, Sokrates, gehofft habe, bei ihm
die
Lösung sämtlicher Naturfragen zu finden. Denn wolle der
Mensch
z. B. erfahren, ob die Erde flach sei oder rund, so »zieme es ihm
nicht«, dies durch Erforschung des Tatbestandes festzustellen,
sondern
er dürfe lediglich sich fragen: welches ist das
Vernünftigere,
welches ist für die Menschheit das Bessere? dieses müsse
notwendigerweise
stattfinden, da ja Vernunft (der Nus)
die Welt organisiert habe. Ebenso
sei die Frage, ob die Erde unbeweglich in der Weltmitte liege, oder ob
— wie die Pythagoreer schon längst lehrten — sie sich im Raume um
einen Mittelpunkt bewege, lediglich durch die vernunftgemässe
Erwägung
der Zweckmässigkeit zu beantworten. »Ist es besser, dass die
Erde in der Mitte stehe?« — so, sagt Sokrates, müsse man
fragen.
»Wenn Anaxagoras mir dies deutlich machte, war ich entschlossen,
nie mehr irgend einer anderen Beweisführung mein Gehör zu
schenken.«
Und nun erfährt Sokrates eine grosse Enttäuschung. Denn
für
Anaxagoras ist, wie Sie soeben erfuhren, der Nus (der Natur
gegenüber)
lediglich eine erste Bewegungsursache; im übrigen herrschen bei
ihm
echt wissenschaftlich aufgefasste physische Gesetze. »Und so fiel
ich von meiner wunderbaren Hoffnung ganz herunter«, klagt
Sokrates,
»als ich sah, dass der Mann mit der
—————
¹) Irgendwo
erzählt
auch Xenophon, Sokrates »habe es vermieden, spazieren zu gehen,
da
man von
Bäumen und Gegenden nichts lernen könne.«
302 BRUNO
Vernunft
gar nichts anfängt,
sondern
allerlei vorbringt über Luft und Äther und Wasser und
ähnliche
wunderbare Dinge«. Das ist der historische Wendepunkt. So kehrte
der
Mensch — bis die germanische Renaissance im XIII. Jahrhundert anbrach —
der
Natur den Rücken. Sokrates hätte es reichlich verdient, zum
Kirchenvater
erhoben zu werden! Wohl trat mit Epikur-Lucretius eine Reaktion ein,
welche
wenigstens lehrte, die Natur zu lieben, und die neoplatonischen
Monisten
verherrlichten sie als die lebendige Gottheit; doch niemand liess sich
mehr herbei, sie zu befragen, sie zu beobachten, sie mit liebevoll
tastendem,
gehorsamem Sinne im Denken nachzugestalten und ihr auf diesem Wege ihre
Geheimnisse zu entlocken.
Und nun trat der Mann
auf, den
Sokrates ersehnt, aber nicht gefunden hatte, der Mann der alles
»mit
der
Vernunft anfängt« und der auf alle Fragen die apodiktische
Antwort,
»wie es sein müsse«, gibt, ohne erst nachzusehen, wie
es in
Wirklichkeit
ist. Aristoteles beweist, dass die Erde eine vollkommene Sphäre
sein
müsse, nicht etwa, weil er einigen schon zu seiner Zeit
vorhandenen
Beobachtungen über die Sonnenhöhe in verschiedenen Breiten
Wert
beigelegt hätte, sondern weil diese Gestalt die vollkommenste sei
und daher der Erde ohne Zweifel zukomme, wozu er noch den weiteren
köstlichen
Grund nennt, dass die Kugelgestalt denjenigen Körpern eigen sei,
denen
schlechthin jegliche Bewegung fehle (Vom
Himmel II, 11). Ebenso
zwingend
beweist er, dass die Erde stillstehe, und zwar in der Mitte der Welt,
und
dass es kein zweites Gestirn gebe, noch geben könne, sondern nur
an
konzentrischen Hohlsphären befestigte Leuchtkörper, die sich
um die Erde drehten usw. Nun müssen Sie aber wissen, dass
Philolaus
schon hundert Jahre vor Aristoteles die Achsendrehung der Erde und ihre
Bewegung um einen unbekannten Mittelpunkt gelehrt hatte, und dass den
Kundigeren
schon zu Aristoteles' Lebzeiten bekannt war, dieser Mittelpunkt sei die
Sonne, wenngleich der mathematische Beweis des heliozentrischen
Systems
erst etwa siebzig Jahre nach seinem Tode (von Aristarch von Samos)
gegeben
ward; ¹) erst wenn Sie sich das überlegen, werden Sie
begreifen,
welchen
verhängnisvollen Einfluss die durch Anaxagoras vorbereitete,
durch
Sokrates geforderte, durch Aristoteles durchgeführte Suprematie
des
Denkens über das
—————
¹) Vgl.
Schiaparelli:
Die Vorläufer des Kopernikus im
Altertum, in deutscher Übersetzung
in der Altpreussischen Monatsschrift,
Jahrgang 1876, erschienen.
303 BRUNO
Schauen
auf den Kulturgang der
europäischen
Menschheit ausgeübt hat. Fortan nützten empirische Beweise
nichts,
gar nichts; was Sokrates gepredigt hatte — nie mehr irgend einer
anderen
Beweisführung als der logisch-rationalen Gehör zu schenken —
war zum eisernen Gesetz für die gebildete Welt geworden; ratio
locuta
est, die Vernunft hat gesprochen; das Zeitalter der
Geistestyrannei war
angegangen, die Herrschaft der blinden Vernunft, der augenlosen. Und
wie
der Weltvorstellung, so erging es natürlich auch der
Gottesvorstellung;
dogmatisch wurde sie festgestellt; wie Cicero in seinem
geschichtsphilosophischen
Rückblick berichtet: Mentem
volebant rerum esse judicem, solam
censebant
idoneam, cui crederetur, »die Vernunft, so behaupteten
sie, sei
aller Dinge Richter, sie allein sei geeignet, Vertrauen
einzuflössen«. ¹) Jetzt bekam der Nus des Anaxagoras
einen erhabeneren
Königssitz
und andere Machtbefugnisse als bei seinem bescheidenen Ursprung;
haarscharf
bestimmte Aristoteles in allen Einzelheiten, was und wie und wo und
wozu
der Weltgeist sei; und so ward der Nus
für die europäische
Menschheit
Gott und blieb — nachdem er sich den jüdischen Jahve assimiliert
hatte
— gesetzgebend für alle christliche Theologie bis auf den heutigen
Tag hinab. Erst Kant hat Nus-Jahve
auf immer gestürzt — was die
Welt
noch nicht weiss, doch nach und nach erfahren wird.
Was uns nun in dem Zusammenhang
dieser Ausführungen besonders interessieren muss, ist, dass,
trotzdem
Aristoteles bei der Betrachtung von Gott und Welt so abstrakt und
rationalistisch
zu Werke geht, auch er die zu Grunde liegenden Vorstellungen und somit
auch alles, was an seinen Begriffen Kraft der Gestaltung und
Lebensenergie
besitzt, aus dem angesammelten Anschauungsmaterial und aus einer rein
mythischen
Gleichsetzung von Denken und Schauen gewinnt. Dass sein Nus im Nus des
Anaxagoras wurzelt, gesteht er selber, und das ist schon eine
mittelbare
Anknüpfung an die Natur. Auch für Aristoteles ist Gott vor
allem
»der unbewegte erste Beweger«; auch für ihn ist Gott
zunächst
und zuvörderst der Umdreher des Fixsternhimmels. Nun aber sieht
Aristoteles als schärferer
Analytiker
etwas ein, woran Anaxagoras — der mehr
physikalische Betrachter — nicht
gedacht hatte: dass es nämlich
schwer ist, diesen extramundanen
körperlosen Geist mit der Welt des Stoffes in Verbindung zu
bringen;
es bedarf hier gewisser
—————
¹) Academica II, lib. 1., §
8.
304 BRUNO
Zwischenstufen,
um die erste und
äusserste
Bewegung nach innen zu vermitteln. Und so schaut Aristoteles hinaus auf
den Himmel, oder vielmehr er schaut in die Bücher der Astronomen
hinein,
und sieht: richtig, die Bewegung der Gestirne ist nicht einheitlich;
zwischen
den Fixsternen hindurch laufen Sonne, Mond und Planeten, und zwar
letztere
mit allerhand Vorwärts- und Rückwärtsschieben,
Stillstehen
und dergleichen. Neben der umfassenden Bewegung des Fixsternhimmels —
die
Anaxagoras einzig in Betracht gezogen hatte — gibt es also noch andere
ewige Bewegungen, die ebenfalls nur unbeweglichen Geistern — wenn auch
vom obersten Nus gezeugten —
werden zugeschrieben werden können;
offenbar
muss es ebenso viele solche G e i s t e r geben, als
am Himmel verschiedene
Bewegungen
sichtbar sind, und diese greifen ineinander vom obersten und
äussersten
bis zum untersten und innersten. Die Vernunftmethode aber, mit ihrer
Neigung
zu harmonischen Strukturen, erlaubt Aristoteles, noch weiter zu gehen.
So viele Bewegungen und Bewegung verursachende G e i s t e
r es gibt, aus
ebenso
vielen S u b s t a n z e n — nicht mehr und nicht weniger —
muss die Welt aufgebaut sein;
auch muss
man ebenso viele Z w e c k e als in der Natur
wirkend unterscheiden
können. ¹)
Sie sehen, ein wie unendlich kunstvolles — und zugleich
künstliches, naturfremdes —
Gebäude hier unter dem Vorwand
von »Vernunft« aufgeführt wird. Nun aber kam es darauf
an zu bestimmen: wie viele solche Bewegungen, Geister, Substanzen und
Zwecke
gibt es? Die Beantwortung dieser Frage fiel verwickelter aus, als Sie
im
ersten Augenblick vermuten möchten. Sie würden sich sagen: 5
Wandelsterne kannten die Griechen, dazu Sonne und Mond, — also werden
wir
wohl mit der Annahme von sieben »Bewegungen, Geistern, Substanzen
und Zwecken« auskommen, dazu als achte Sphäre der
Fixsternhimmel
des Nus. Aber weit gefehlt!
Einfache Lösungen liebt die
Vernünftelei
nicht. Die wahrheitsvolle Anschauung des Anaxagoras und vieler
Zeitgenossen,
dass jedes einzelne Gestirn im Raume
—————
¹) Siehe
namentlich Metaphysik
XII, 8. Thomas Von Aquin schliesst sich diesem Gedankengang
buchstäblich
an. Auch für ihn ist Gott zunächst und zuvörderst der
erste
Beweger: Oportet primum movens esse
et hoc dicimus Deum; das ist
der
Nus des Anaxagoras, weiter
nichts. Ausserdem schliesst er aber mit
Aristoteles,
dass jeder einzelne mit eigener Bewegung begabte Himmelskörper von
einem besonderen «Geist« (hier angelus genannt) bewegt
werde,
und dass, so viele Bewegungen es am Himmel gebe, so viele müsse
es
— durch jene verursacht — auf Erden geben: omnis motus inferiorum a
motibus
corporum caelestium causatur, et ex virtute caelestium corporum haec
inferiora
formas et species consequentur (vgl. Compendium, cap. 3 fg., 126 fg.
usw.).
305 BRUNO
schwebt,
war von Aristoteles als
vernunftwidrig
von vornherein verworfen worden. E s k a n
n nur eine Erde geben, und sie
m u s s
im Mittelpunkt des Alls unbeweglich ruhen: das ist Dogma, denn das
fordert
die Vernunft. Aus diesem Vernunftpostulat ergab sich aber die
Notwendigkeit,
die alte Märe des Anaximander von den Himmelssphären und den
an ihnen befestigten (resp. als Löcher aus ihnen
herausgeschnittenen)
Leuchtkörpern, wieder hervorzuholen. Da aber die wandelnden
Himmelskörper
scheinbar ungemein komplizierte Bewegungen zwischen den Fixsternen
ausführen
und es nichtsdestoweniger ein Dogma war, dass alle Bewegungen am Himmel
sich in vollkommenen Kreisen vollzögen, ¹) so werden Sie
verstehen,
dass, um die Phänomene auf diesem Wege zu deuten, man mehr
Sphären
als Gestirne annehmen musste. Um die Bewegungen eines jeden
Wandelgestirns
zwischen den Fixsternen zu erklären, mussten mehrere
ineinandergeschachtelte,
nach verschiedenen Richtungen bewegte Sphären angenommen werden.
Darum
lautete die Frage nicht: Wie viele verschieden bewegte Wandelgestirne
erblicken
wir? sondern: Wie viele unsichtbare Sphären müssen wir
annehmen,
um die beobachteten Bewegungen der sichtbaren Wandelgestirne zu
erklären?
Schon für die relativ einfachen Bewegungen der Sonne zwischen den
Fixsternen fand man sich genötigt, mindestens vier Sphären
anzunehmen,
für die anderen Wandelgestirne entsprechend mehr; so kam man —
abgesehen
von der äussersten allumfassenden Fixsternsphäre — auf
dreiunddreissig
Sphären, »in denen sich die Gestirne eigentlich
bewegen«.
Doch auch das reichte nicht hin, um die Bewegungen der Planeten nach
den
dogmatisch unwandelbaren Voraussetzungen mathematisch zu erklären;
es mussten noch zweiundzwanzig »Hilfssphären«
angenommen
werden, zum »Aufrollen (wie Aristoteles sich ausdrückt) der
anderen
Sphären«. ²) Denken Sie sich die Plateforme roulante
der
Pariser
Jahrhundertausstellung in einem vollkommenen Kreise aufgestellt und auf
dieser regelmässig und gleichmässig sich drehenden Plattform
eine grosse Anzahl von ein für allemal festgenagelten
Glühlampen
— das wäre der Fixsternhimmel. Nun aber
—————
¹)
»Die Kreislinie ist die
ursprünglichste, denn (!) sie ist die einfachste und
vollkommenste«
(Aristoteles: Physik, VIII,
9).
²) Genau
genommen sind die
Hilfssphären, die sogenannten Epicyklen folgendermassen
vorzustellen: ein
Wandelstern
läuft an einem kleineren Kreise herum, der (ideelle) Mittelpunkt
dieses
kleineren Kreises bewegt sich inzwischen an der Peripherie eines
grösseren
(ideellen) Kreises entlang, der Mittelpunkt dieses grösseren
Kreises
wieder an einem noch grösseren Kreise usw.
306 BRUNO
stellen
Sie sich vor, dass auf dieser
weiten Drehscheibe sieben verschieden grosse Räder (nicht
Bicyklen,
sondern Monocyklen) verschieden schnell herumlaufen; an jedem Rade ist
aber noch ein Rad befestigt, und zwar in irgend einem besonderen
abweichenden
Winkel und mit eigener Richtung und Schnelligkeit; an diesem Rade sitzt
wieder eines und so weiter; und erst auf dem letzten ist je ein
leuchtender
und von diesem ganzen Radmechanismus Ihnen einzig sichtbarer
Körper
angebracht; Sie aber stehen in der Mitte und betrachten die Bewegungen
der vielen unabänderlich regelmässig um Sie herumkreisenden
und
der sieben durch diese hindurch unregelmässig sich bewegenden
Leuchtkörper:
so machen Sie sich eine ungefähre Vorstellung der Sphären,
wie
sie Aristoteles sich dachte, nur dass es sich bei ihm um Hohl-Kugeln
handelt,
nicht wie in diesem Vergleich um einfache Kreise.
Fünfundfünfzig
solcher teils ineinandergeschachtelter, teils aneinander befestigter
und
verschieden bewegter Kugeln — dazu noch eine äusserste
sechsundfünfzigste
— denkt sich Aristoteles. Und aus dieser streng logischen Deduktion
schliesst
er, dass genau ebensoviele »geistige Potenzen« — also
sechsundfünfzig
— am Werke sind, Bewegung erzeugend, ebensoviele
»Substanzen«
die Welt aufbauend, ebensoviele »Zwecke« bei allem
Geschehen
den Ausschlag gebend!
Sie werden nun bemerkt haben,
dass selbst bei diesem uns heute geradezu toll dünkenden
rationalistischen
Hirngespinst die Naturbeobachtung dennoch gestaltend mitwirkt und wir
immerfort
das Denken und das Schauen in eine unmittelbare Beziehung zueinander
gesetzt
finden nach genau der selben naiven Voraussetzung einer Identität
zwischen beiden, die wir bei den indoarischen Hirten beobachtet hatten.
Wollten diese weise werden, sie wandten sich an die Sonne; will
Aristoteles
die Zahl der wirkenden Zwecke erforschen, er befragt die Sterne. Und
gerade
durch Aristoteles kommt eine der urältesten Vorstellungen aller
indoeuropäischen
Mythologie — mit wissenschaftlichem Flittertand schön aufgeputzt —
wieder zu hohen Ehren: V a r u n a nämlich,
griechisch Uranos, d. h.
»der
Umfassende«, der eigentliche »Himmelsgott«, in den —
wie der Rigveda sich
ausdrückt (VII, 87) — »die Himmel
hineingesetzt
sind«, — buchstäblich wie bei Aristoteles die Sphären
alle
in der äussersten Himmelssphäre innerlich befestigt sind.
Nicht
der Gott allein aber ist unbewusst dem Mythos entlehnt, auch die dem
Gott
entgegengesetzte Vorstellung der Sub-
307 BRUNO
stanz,
der Materie. N u s - G o t t, das
einzige
völlig reingeistige Wesen, ruht ausserhalb der Welt, jenseits des
Fixsternhimmels; die U r s u b s t a n z dagegen
(υλη πρα'τη), also der
völlig
geist-bare Stoff, lagert zu allerinnerst. So stehen sich nunmehr die
beiden
Endpunkte — Gott und die Welt — in voller logischer Klarheit
gegenüber;
zwischen ihnen vermitteln die sechsundfünfzig Stufen, die nach
aussen
hin zunehmend geistiger, abnehmend stofflicher, nach innen zu abnehmend
geistiger, zunehmend stofflicher Beschaffenheit sind. Nus-Gott, der
reine
Geist, ist stofflos und unbeweglich, sein Sein ist nur ein Denken, und
zwar denkt er nicht Gedanken, denn das wäre Vergängliches,
sondern
»sein Denken ist ein Denken des Denkens« (Met. XII, 9);
prote
Hyle aber, die Ursubstanz, ist so ganz nur Stoff, dass sie keine
Gestalten
hat oder hervorbringt — denn das wären schon Gedanken — sondern
nur
die unerschöpfliche Möglichkeit (δυναμις) zu
Gestaltungen
enthält; wie jenes Denken keine Gedanken, sondern nur das Denken
denken
konnte, so kann dieses Dinghafte keine Dinge, sondern nur das Unding
sein;
in Nachahmung der aristotelischen Sprache könnte man von der
Ursubstanz
sagen: ihr Sein ist ein Sein des Seins. Unmöglich ist es, die
völlig
bedeutungsleere, scholastische Abstraktion weiter zu treiben. Ebenso
aber
wie jener Gott sich bei näherem Zuschauen als der alte Varuna des
allen Ariern gemeinsamen, heute noch jedem Kinde als
»Himmelsvater«
geläufigen Mythos erwies, ebenso verfolgen wir leicht die prote
Hyle
des Aristoteles auf die mythologischen Vorstellungen zurück, aus
denen
dieser angeblich rein logische Begriff hervorwuchs. Bei den arischen
Indern
heisst diese Ursubstanz asad;
sie wird von ihnen als »das
nichtseiende
Seiende« definiert, und mit diesen drei Worten knapp und klar das
ausgesprochen, worauf Aristoteles Seiten und Seiten sinnloser Dialektik
verschwendet. Und geht man diesem asad
nach, so gerät man auf die
uns vertraute, uralte Vorstellung des C h a o s, als
einer noch durch kein
Denken geordneten — oder richtiger gesprochen, noch innerhalb keiner
Gedanken
entwirrten — Welt. Uranos und Chaos sind also die Anschauungen, aus
denen
diese scheinbar reinen Abstraktionen das bisschen Lebenssaft ziehen,
ohne
welches selbst Schatten nicht ins Dasein treten können. ¹)
Als
Begriffsbildungen
—————
¹)
Für Varuna vgl. Leopold
von Schroeder: Indiens Literatur und
Kultur, S.
49 fg. und des selben Gelehrten noch
nicht veröffentlichte Werk über Arische Religion.
Varuna
ist eine uralte Vorstellung der Arier, die in den ältesten Hymnen
des Rigveda schon im
Entschwinden begriffen ist, um konkreteren
Gottesvorstel-
308 BRUNO
aber sind Nus und Protehyle,
oder
Gott und Welt, eigentlich nichts weiter als die versuchte reine
Scheidung
von Denken und Schauen, mit anderen Worten, als die Zerlegung der
Urmythe
aller Mythen in ihre Bestandteile. Wobei aber, weil von der
Menschennatur
hiermit etwas Unmögliches gefordert wird — wie wir im vorigen
Vortrag
gesehen haben und bald wieder von einem neuen Standpunkt aus dartun
werden
— das paradoxe Ergebnis eintritt, dass das rein Gedachte (Gott) dem
Denken
nicht den geringsten Anhaltspunkt mehr bietet und nur noch an der
sichtbaren
Umdrehung des Sternenhimmels w a h r g e n o m m e n
werden kann, wogegen das rein
Geschaute (die Ursubstanz) für das Auge unwahrnehmbar wird und nur
als vorstellungsbarer B e g r i f f eine Art
Scheinexistenz führt.
TAFEL DER MÖGLICHEN WELTANSCHAUUNGEN
Somit hätten
wir die zweite
Etappe auf dem Wege, den dieser Exkurs uns führen soll,
zurückgelegt.
Zuerst hatten wir — an Bruno und
Fechner einerseits, an
Descartes und Kapila andrerseits — gesehen, wie die traumgeborene
Identifikation
von Denken und Schauen dazu
führen kann,
entweder die gesamte Natur — auch jedes Gestirn und jedes Gestein — zu
beleben und zu beseelen, oder aber dazu, selbst die lebenden Wesen als
mechanische Automaten zu betrachten und sogar vom eigenen Ich
auszusagen:
ich bin nicht. Jetzt haben wir eine der möglichen
Entwickelungsarten
des Urmythos in einer Reihe aufeinander folgender Denker ins Auge
gefasst
und gesehen, wie in Griechenland, im Laufe von etwa 250 Jahren, die
Unterscheidung
zwischen Denken und Schauen —
den beiden Wurzeln unseres
menschlichen
Wesens und darum auch unseres Sinnens — immer klarer empfunden und
schärfer
ausgearbeitet wurde, bis zuletzt auch hier die logische Konsequenz ein
vollkommenes Paradoxon erzeugte und das rein Gedachte (Gott) nur noch
geschaut,
das rein Geschaute (der Weltenstoff) nur noch gedacht werden konnte.
Wie
ich schon hervorhob, das Traumhafte an unserem Sinnen ist es — im
Gegensatz
zu einer wahrhaft kritischen Überlegung — was in letzter Reihe zu
derartigen widerspruchsvollen Ergebnissen führt; man kann die
Regenbogenbrücke
bewundern und besingen, man darf
—————
lungen
Platz zu
machen. Für asad vgl.
Deussen: Allgemeine Geschichte der
Philosophie
I¹, 198, 202.
309 BRUNO
aber
nicht hoffen, sie werde uns
Menschen
über den gähnenden Abgrund hinüberführen. Und ich
glaube,
Sie werden ohne weiteres zugeben, dass der Nus und die Protehyle des
Aristoteles
mindestens ebenso traumhafte Gebilde sind wie die auf Erden wandelnden
Götter und das welterzeugende Urwasser des Thales, oder wie der
Pneuma-Logos
und das Feuer des Heraklit.
Jetzt will ich Sie
auffordern,
sich mit mir an eine dritte und umfassendere Betrachtung zu wagen. Ich
glaube Ihnen überzeugend dartun zu können, dass das bestimmte
Verhältnis von Schauen und Denken zueinander, die Art und Weise,
wie
jene ursprüngliche, traumhafte Gleichsetzung in jedem einzelnen
Kopfe
stattfindet — oder um bei unserem Bilde zu bleiben, die Art, wie die
mythische
Regenbogenbrücke sich für einen Jeden gestaltet und nach
seinen
Gehirnanlagen gestalten m u s s — ich glaube, sage ich,
Ihnen zeigen zu
können,
dass dies für die Art des Schauens eines jeden Menschen
ausschlaggebend
ist. Die möglichen Formen der Weltanschauung liegen gleichsam
präformiert,
d. h. »vorgebildet« da; sie sind durch die Natur des
menschlichen
Intellektes gegeben; wer das Persönliche bis auf den Grund
analysiert,
gerät auf ein Überpersönliches. Und genau so wie in den
biologischen Wissenschaften die Kenntnis der »Art« das
Studium
des Individuums fördert, ebenso wird uns die Kenntnis der für
uns Menschen ü b e r h a u p t m ö g l i c
h e n A r t e n d e r W e l t a n s
c h a u u n g —
im
Gegensatz zur ewigen Historie mit ihren ewig schiefen Urteilen — bei
der
genauen Erforschung des Individuellen sehr zu statten kommen.
Sie dürfen nämlich nicht
etwa glauben, das, was Sie soeben in Hellas erblickten — der Fortgang
aus
Konkretem zu Abstraktem und aus naivem Monismus zu überlegtem
Dualismus
— sei eine notwendige Entwickelung. Derlei Auffassungen, die uns aus
der
Zeit Hegel's, und neuerdings unter dem Einfluss des grassierenden
Darwinismus,
so fest anhaften, wie dumme Gänsefedern einem mit Teer
Bestrichenen,
verhindern jedes wahre Verständnis. Wir sprechen das Zauberwort
»Entwickelung«
aus, rücken dadurch das Phänomen in grenzenlose Entfernung,
und
wenn wir es dann nicht mehr erblicken, vermeinen wir, wir hätten
es »erklärt«. Was sich »entwickelt«, ist
immer
das
Nebensächliche, wogegen wir hier gerade auf das Wesentliche kommen
möchten. Der Fortgang der sogenannten »Entwickelung«
kann
bei der allmählichen Umgestaltung der Weltanschauung eines Volkes
ganz gut ein genau umgekehrter sein.
310 BRUNO
Unter
uns Neueren bemerken wir beides
gleichzeitig: einen Fortgang zu immer Abstrakterem (Hegel und die
Neoscholastik)
und einen Fortgang zu immer Konkreterem (Descartes und die
Naturforscher);
und auch in Griechenland, im selben Augenblick, als Sokrates die
Alleinherrschaft
der Logik vorbereitete, begründete Demokrit den wissenschaftlichen
empirischen Materialismus. Niemals kann es wahres Verständnis der
Phänomene geben, wenn das Wechselnde an ihnen anstatt des
Bleibenden,
Ewigen zu Grunde gelegt wird. Darum müssen wir jetzt —
gestärkt
durch das historische Beispiel hellenischer Gedankentaten — weiter
gehen,
genauer analysieren, und versuchen, bis auf den ewigen,
überpersönlichen
Grund zu kommen, aus dem — als notwendig bleibendem Boden alles
menschlichen
Denkens und Schauens — die verschieden gearteten und doch wiederum so
unzerstörbaren
und untereinander so eigentümlich vielfach verketteten
Weltanschauungen
hervorgehen. Überall in der Natur kann man — wenn man nur
unbefangen
und zugleich scharf blickt — grosse, einfache Verhältnisse
entdecken;
das gilt auch für unser Gehirn; sind diese Verhältnisse erst
klar erkannt und deutlich formuliert, so dringt man um so besser in die
zahllosen, ewig neuen Erscheinungen des Persönlichen ein.
Darum will ich Ihnen jetzt ein
Schema vorschlagen, ein Schema der möglichen Arten des Schauens
und
Denkens und ihrer möglichen Kombinationen; Sie werden sehen, wie
genau
unsere verschiedenen philosophischen Systeme bedingt sind durch diese
angeborenen
Anlagen, also durch das, was wir in diesen Vorträgen bisher
kurzweg
»die Art zu schauen« genannt haben.
Wie ich über Schemen denke,
wissen Sie aus früheren Vorträgen. Ein Schema muss
schematisch
sein, nie darf es sich an die Stelle der lebendigen Einsicht schieben,
immer soll es dieser nur dienen. Eine gewisse Summe lebendiger Einsicht
besitzen Sie aber schon und das Übrige wird sich nach und nach
einfinden,
bis das knöcherne Schema ebenso mit blühendem Fleisch
bekleidet
wird, wie uns das bei Descartes gelang.
Ich schlage Ihnen also eine
zwiefache Dichogamie vor, eine Doppelgabelung. Zunächst gabelt
sich der
ursprüngliche,
naive Mythos der völligen Identität zwischen Denken und
Schauen
in zwei Hauptäste, je nachdem das Schwergewicht auf das Denken
oder
auf das Schauen gelegt wird; das haben wir schon an meh-
311 BRUNO
reren
Beispielen hinreichend
erläutert;
sodann gabeln sich das Denken
und das Schauen, jedes wieder
in zwei Äste, wie gleich näher erklärt werden soll,
sobald
wir
uns über die erste grosse Zweiteilung hinreichend verständigt
haben.
Die Analyse ergibt also zuerst
die Unterscheidung zwischen Männern, die vorwiegend schauen, und
solchen,
die vorwiegend denken. Der Einfachheit halber spreche ich es so aus;
der
Gegensatz kann ja enger oder weiter gefasst werden, und er wird
hierdurch
nicht unwesentlich verschoben, so dass er nicht bloss verschieden
grosse,
sondern überhaupt verschiedene Gebiete umfasst; doch das ficht uns
hier nicht an; eine jede der verschiedenen möglichen
Gegenüberstellungen
ist ein genaues Symbol der anderen; stets bleibt der Gegensatz klar und
scharf; es ist der zwischen Verstand und Sinnlichkeit (siehe vorigen
Vortrag),
zwischen Vernunft und Empirie, zwischen dem unsichtbaren Ich und der
sichtbaren
Welt, zwischen Ratiocination und Beobachtung, zwischen dem Abstrakten
und
dem Konkreten; Denken und Schauen fasst alle diese Kontraste zusammen.
Ich glaube nicht, dass Sie ein einziges Mal in Zweifel geraten — oder
wenigstens
nicht, dass Sie in Zweifel beharren — werden, wenn Sie bestimmen
sollen,
zu welcher dieser beiden Klassen ein hervorragender Geist gehört.
Die Gegenüberstellung des »Schauers« Anaxagoras und
des
»Denkers« Sokrates war vorhin belehrend; ebenso stehen sich
Demokrit
und Aristoteles gegenüber, Descartes und Duns Scotus. Bei den
Indern
allen, auch bei denen, die als Atomisten auftreten, wiegt das Denken
vor,
wogegen bei einem Goethe das Schauen in fast ebenso excessivem
312 BRUNO
Masse
ausschlaggebend ist. In dieser
Beziehung steht Goethe auf dem selben Boden wie die alten hellenischen
Hylozoisten, auf dem Boden, den Kant für die Erforschung der Natur
einzig gelten lässt; wogegen ein Bruno das Denken noch weit mehr
als
Aristoteles bevorzugt, und in dieser Beziehung mit den Indern und
Plotin
und Hegel zu den einseitig D e n k e n d e n
gerechnet werden muss. Diejenigen
hervorragenden Geister nun, bei denen das Denken merklich vorwiegt,
verdienen
wohl in einem engeren Sinne des Wortes die Bezeichnung von
»Philosophen«
und geniessen auch die ausgesprochene Vorliebe unserer
Schulmänner;
wogegen diejenigen, bei denen das Schauen vorwiegt, nicht immer zu den
Philosophen gerechnet worden sind, doch sicherlich
»Weltanschauer«
(vgl. S. 17) sind, und zwar
häufig in hervorragenderem Masse als
jene
anderen.
Nur muss ich
allerdings eine
Verwahrung
gegen Missverständnisse einlegen: die Unterscheidung zwischen
Denkern
und Schauern — wie gut sie sich
auch bewährt
— deutet doch nur auf ein Mehr oder Minder, besser gesagt auf eine
vorwiegende
Richtung des Gemütes. Wie Verstand und Sinnlichkeit, und
Sinnlichkeit
und Verstand untrennbar verwachsen sind, so dass von beiden keins sein
kann, wenn nicht das andere ist (siehe S. 247 fg.), ebenso wurzelt
alles
Denken im Schauen (Sie haben es ja soeben bei den allerabstraktesten
Gedanken
gesehen), und kein Schauen kann ohne Gedankenverbindungen statthaben.
Es
mag also ein Philosoph noch so sehr ein spezifischer
»Denker«
sein oder ein Weltanschauer sich noch so leidenschaftlich des
möglichst
reinen »Schauens« befleissigen, jener Denker muss doch
zugleich,
Schritt
für Schritt, etwas schauen, und seien es auch nur
Schattengestalten,
und dieser Schauer kann nie dazu gelangen, das, was er erschaut, vom
gedanklichen
Element ganz zu säubern, sonst hätte — wie wir aus dem
vorigen
Vortrag wissen — der eine lauter »leere Gedanken«, der
andere
lauter
»blinde Anschauungen« (S. 197). Selbst der Verfasser
der
Brihadâranyaka-Upanishad
kann nur in Bildern reden, und Goethe muss, so gut es geht, seine
Anschauung
von Urformen als Gedanken wiederzugeben suchen. Bei jeder
Persönlichkeit
haben wir also beides — ein Denken und ein Schauen; und hier, wo wir
nur
Meisterintelligenzen in Betracht ziehen, können wir erwarten,
immer
beides hochentwickelt zu finden; unsere Unterscheidung soll nur das
Vorwalten
des einen Elementes vor dem anderen zum Aus-
313 BRUNO
druck
bringen. Gerade dieses
Vorwalten
ist aber eine grundlegende Tatsache — vielleicht die wichtigste von
allen
— in der intellektuellen Persönlichkeit.
Doch
führt die alleinige
Kenntnis dieser Tatsache trotzdem nicht in das genauere
Verständnis
der einzelnen Individualität ein, da der durch das Vorwalten des
Schauens
oder des Denkens bezeichnete Begriffskreis ein weiter ist und sehr
verschieden
geartete Intelligenzen umfasst. So kommen z. B. Aristoteles und die
Inder
als spezifische Denker zusammen, und sind doch grundverschieden,
während
andrerseits der extreme Denker Bruno und der gestaltungsmächtige
Schauer
Demokrit in gewissen Hauptlehren genau zusammenstimmen. Wir müssen
also unsere Analyse weiterführen, wobei wir nun entdecken werden,
nicht bloss, dass jeder der beiden Hauptäste — das Denken und das
Schauen — sich noch einmal spaltet, sondern dass die besondere Art des
Intellektes ganz besonders durch die B e z i e h u n g e n
zwischen dem Denken
und
dem Schauen bestimmt wird. Gerade beim spezifischen Denker ist es
wichtig
zu wissen, wie sein »Schauen« beschaffen ist, und beim
spezifischen
Schauer, in welchen Geleisen sein »Denken« sich bewegt. Mit
Hilfe unseres einfachen Schemas werden Sie bald in diese
Verhältnisse
einen klaren Einblick gewinnen.
Aus einer sehr einfachen
Beobachtung
ergibt sich nämlich — wie bemerkt — die neuerliche Gabelung eines
jeden unserer beiden Hauptäste (Denken und Schauen) in je zwei
Nebenäste.
Dürfte ich mich bildlich ausdrücken, ich würde sagen:
das
Denken kann nach innen oder aber es kann nach aussen gewendet sein; das
Schauen kann ebenfalls in einer von diesen zwei Richtungen — nach innen
oder nach aussen — orientiert sein. Das Denken kann sich auf sich
selbst
zurückwenden, der Natur den Rücken kehren und gleichsam nur
das
Ich erblicken, oder — da »erblicken« hier unmöglich
ist
— darüber nachsinnen; oder aber das Denken kann der Anschauung
zugewendet
sein und bei aller Abstraktion — doch an der Natur sich in die
Höhe
winden. Für ersteren Fall — für das nach innen gerichtete
Denken
— ist die indische Vedântalehre, in der zuletzt alles, auch
Brahman
(das allumfassende Göttliche) in das Ich (Atman) aufgeht,
charakteristisch;
ein hervorragendes Beispiel des zweiten Falles — des nach aussen
gerichteten
Denkens — bietet Aristoteles,
der seine Substanzbegriffe, wie Sie vorhin sahen, nach exakten Beobachtungen
der Gestirnbewegungen ge-
314 BRUNO
staltet.
Beim Schauen findet eine
ähnliche
Unterscheidung statt, und zwar in höchst auffälliger Weise.
So
ist z. B. Demokrit's Schauen ganz nach innen — und das heisst, auf das
Denken
zugekehrt; wohl ist dieser Weise ein charakteristischer Schauer, der
von
der Natur ausgeht, nicht vom Denken, ja er vergewaltigt sogar das
Denken,
wo es sein muss; trotzdem sind aber seine Atome, sein leerer Raum,
seine
mechanische Deutung der Seele durchaus »gedankliche
Anschauungen«; das macht ihren Wert und ihren Unwert aus; darum
sind sie so
praktisch
für die methodologische Verwertung und so unzulässig, sobald
sie rein anschaulich aufgefasst werden. Hingegen schaut Descartes' Auge
nach der anderen Richtung, »nach aussen«, hinweg vom
Denken.
Es ist sehr leicht, über Descartes' Häkchen, seine Vortices
usw.
zu lachen, ihm unzulängliches Denken und Gewaltsamkeit der
Kombination
in seinen symbolischen Bildern (vgl. S. 189) vorzuwerfen; dieser
Mann
musste
aber alles tatsächlich s c h a u e n, er kannte
keine Ruhe, bis er mit
Augen
ein zusammenhängendes Ganzes überblickte, er konnte nicht
denken,
wenn er nicht sah.
Wir
können also ein Denken
nach innen, ein Denken nach aussen, ein Schauen nach innen, ein Schauen
nach aussen unterscheiden.
Damit sich diese
Unterscheidung
auch praktisch bewähre, will ich Sie gleich darauf aufmerksam
machen,
dass die durch sie gekennzeichneten geistigen Haltungen, sobald sie mit
einiger Konse-
315 BRUNO
quenz
auftreten, zu bestimmten
Auffassungen,
das heisst zu bestimmten Philosophemen führen müssen — m
ü s
s e n, es gibt keinen Ausweg; und diese philosophischen
Meinungen
können
uns dann wiederum in zweifelhaften Fällen als Symptome für
die
Auffindung der inneren Richtung eines bestimmten Denkers wichtige
Dienste
leisten und eine unfehlbare Diagnose ermöglichen. Das nach innen — also auf das Ich — gerichtete Denken
wird immer zu einem mehr oder weniger klar formulierten M o
n i s m u s
führen;
das Ich ist, wenn auch vielleicht nicht eine Einheitlichkeit (was ja
von
gewissen Psychologen bestritten wird), doch unstreitig eine organische
Einheit, die einzige sogar, die wir aus Erfahrung kennen; wessen Denken
auf das Ich gerichtet ist, der wird nicht immer bis zum Atman
gelangen,
doch immer zu irgend einer Abart des Alleins. Das nach aussen
gerichtete
Denken ist ebenso notwendig p l u r a l i s t i s c h;
denn die Natur ist
Mannigfaltigkeit.
Sie brauchen nur an die sechsundfünfzig Substanzen des Aristoteles
zu denken; jedem nach innen zu denkenden Menschen — einem
Çankara,
einem Parmenides, einem Plotin, einem Bruno, einem Hegel — ist eine
derartige
Vorstellung, ebenso wie die ganze Argumentation, die zu ihr
hinführt,
ein Greuel; braucht ein solcher Zahlen, so wendet er diese
pythagoreisch
an, als zauberkräftige Symbole für Gedanken, die der Natur
das
Gesetz geben, nicht aber von ihr empfangen. Von dem Schauen ist zu
sagen,
dass das nach innen — also dem Denken zu — gewendete Schauen mit
ebensolcher
zwingenden Notwendigkeit zum Atomismus führt, und das nach aussen
— vom Denken hinweg — gewendete Schauen zu der Vorstellung eines
Organismus,
d. h. eines lückenlos ausgefüllten, nicht in diskrete Teile
zerfallenden
Weltganzen. Wohl zeigt uns, wie vorhin bemerkt, die Natur
Mannigfaltigkeit, doch zugleich Lückenlosigkeit; die Vorstellung
der Atome hebt
beides
auf. Der berechnende Mensch also (ein Newton) und der Grieche, der vom
Räsonnieren nicht lassen kann (ein Demokrit), wird immer wieder
Atome
und leeren Raum annehmen; damit lernt er und lehrt er die Natur
beherrschen;
der Mann aber mit den auf die lebendige Natur offenen Augen, der Mann,
der beim Anschauen dem Denken resolut und misstrauisch den Rücken
kehrt (ein Descartes, ein Goethe), wird sich mit Fernkräften und
Zerstückelungen
nie befreunden, für ihn muss es ein Ganzes geben, dessen
Mannigfaltigkeit
nicht mechanische, sondern organische Einheit ist.
316 BRUNO
Erlauben
Sie, dass ich Ihnen
das
Gesagte an die Wand schreibe; es prägt sich so besser ein:
| Denken |
{
|
nach innen — Monismus
(Allbeseeltheit)
|
nach aussen — Pluralismus
(Dualismus von
Leib und Seele) |
|
|
|
| Schauen |
{
|
nach innen — Atomismus
(Mechanismus)
|
nach aussen — Organicismus
¹)
(Dynamismus). |
Und ich
füge noch gleich zur
weiteren
Erläuterung unserer Tafel hinzu: dass der Monismus immer
früher
oder später zu der Annahme der Allbeseeltheit der Natur
führt,
wogegen der Pluralismus seine erste und wichtigste Scheidung gleich bei
der Trennung von Leib und Seele durchsetzt; dass die Atomenvorstellung
die rein mechanistische Deutung der Phänomene (das heisst durch
Druck
und Stoss) notwendig erfordert, wogegen die organicistische Auffassung
zu jener Deutung hinführt, die Kant die dynamische nannte und die
im letzten Grunde alles Geschehen durch die »Figur«, das
heisst
durch die Gestalt, umfassend gedacht also durch die Gestaltung des
Universums
als eines Ganzen, bedingt sein lässt. ²) Vom Standpunkt des
Schauens
aus betrachtet, ist eben das Ich — und auf das Ich zielt die
»Richtung
nach innen« — das völlig Gestaltlose, dagegen die Natur das
unbedingt
Gestaltete; daher löst der Atomismus (welcher aus dem Schauen nach
innen entsteht) jede Gestalt auf, wogegen der Organicismus (aus dem
Schauen
nach aussen geboren) von der Tatsache der Gestalt ausgeht.
Damit Sie sich bei
dieser letzten
Unterscheidung — die dem nicht naturwissenschaftlich Gebildeten
zunächst
einige Schwierigkeit verursachen mag — doch sofort etwas Greifbares
vorstellen,
verweise ich Sie auf das folgende, zwar verwickelte, aber für Sie
vielleicht fassbare und jedenfalls anregende Beispiel: Darwin, der
—————
¹) Man wird bemerken, dass ich
das Wort O r g a n i c i s m u s als Bezeichnung
für eine philosophische
Auffassung
der sichtbaren Welt einführe, da mir daran liegen musste, wie das
Organ dem Atom, ebenso auch dem Atomismus als Anschauung die
entgegengesetzte
Anschauung mit einem einzigen, ähnlich gebildeten Worte
gegenüberzustellen.
²)
Wertvoll ist die Art der
Unterscheidung
zwischen »mechanisch« und »dynamisch« in den Briefen Kant's,
III, 33.
317 BRUNO
Demokrit
der organischen
Wissenschaft,
ein Mann, dessen Schauen (wie das Newton's) durchaus nach innen
gerichtet
ist, der die Natur darum nicht rein erblickt, aber ungemein praktisch
und
logisch brauchbar auffasst, Darwin ist ein Atomist auf dem Gebiete des
Organischen. Für ihn steht jedes Wesen, jedes Individuum gleichsam
allein da; alle Organismen variieren ins Unendliche, nach allen
Richtungen
hin, und nur der Zufall einer allerhand Hemmnisse und Förderungen
in sich einschliessenden Umgebung verursacht eine zeitweilige
trügerische
Permanenz der Gestalten. Haben z. B. unsere Falter einen sehr langen
Rüssel,
so kommt das daher, dass diejenigen mit kürzerem Rüssel aus
den
von ihnen vorzüglich besuchten Blumen mit hohen
trichterförmigen
Blüten (Lilium, Paradisia,
Crocus, Dianthus usw.) keinen Honig zu
ziehen vermögen und folglich aussterben, oder aber — an andere
Blumen
sich anpassend — sich zu einer anderen Art ausbilden. So züchtet,
lehrt Darwin, die Blume den langen Rüssel heran (Origin of
Species,
ch. 4). Und sein Schüler, Hermann Müller, sagt das selbe in
anderer
Form, wenn er schreibt (Alpenblumen,
1881, S. 509): »Die Falter
haben
von ihren langen dünnen Rüsseln den Vorteil ... sich
Blumenformen
haben züchten zu können«. Ob nun der Falter die Blume
züchtet,
oder die Blume den Falter, gleichviel, wenn Sie nur einsehen lernen,
wie
a t o m i s t i s c h in dieser Auffassung jedes einzelne
Lebensindividuum neben
jedem anderen steht. ¹) Darum gebraucht Darwin gern den Ausdruck,
»eine
Art wird fabriziert« ²) und meint, es sei unwahrscheinlich,
dass ein derartiges Fabrikat oder irgend eines seiner Teile
»plötzlich
vollkommen entstehe«. ³) Hingegen würde eine organische
Auffassung
der Lebensformen die Gestalt als das Primäre hinstellen; ein
Unterschied
—————
¹) Heute
haben die Darwinianer
ihre logischen Ansprüche noch weiter herabgesetzt. In seinen
Vorträgen
über Descendenztheorie, 1902, lehrt August Weismann, Band
I, Seite
213, dass die Blumen mit trichterförmigen Blüten sich die
Insekten
mit langen Saugrüsseln herangezüchtet haben, und Band I,
Seite
217 lehrt er, die betreffenden Blumen seien »von den Insekten
hervorgerufen«; und Seite 221 lehrt er beides zugleich:
»Man kann also wohl
sagen,
dass die Blumen, indem sie nach dieser oder jener Richtung
abänderten,
sich bestimmte Besucherkreise gezüchtet haben, aber auch
umgekehrt,
dass bestimmte Insektengruppen sich bestimmte Blumen gezüchtet
haben«.
Ja, freilich, »sagen« kann man, was man Lust hat; es ist
bonnet
blanc, blanc bonnet, oder wie der englische Volksmund
unehrerbietig
sich
ausdrückt: you pays your penny
and you takes your choice.
²) Z. B. Origin
of Species,
chapter
2, letzter § vor dem Summary:
»a number of species are now
manufacturing .....
many of the species already manufactured...«.
³) a. a. O.,
erster §.
318 BRUNO
zwischen
Vollkommenheit und
Unvollkommenheit
wäre für sie menschliche Fiktion; nie würde sie
zugeben, dass
die Natur durch Übung morgen leisten kann, was sie heute zu
leisten
nicht vermag; vielmehr wäre das gesamte Leben der Erde für
sie
ein organisiertes Ganzes, in welchem jeder Teil zu jedem Teile in
Beziehung
steht, und in welchem weder die Blume den Falter züchtet, noch der
Falter die Blume, sondern beide zugleich aus der Figur und der Bewegung
des Ganzen entstehen. Ebenso wie, sobald ein Organ eines lebenden
Wesens
Veränderungen erleidet, entfernte Organe durch sogenannte
»Correlation«
in Mitleidenschaft gezogen werden, ¹) ebenso würde nach einer
derartigen
organischen Auffassung eine Correlation zwischen allen verschiedenen
Lebewesen,
das heisst also, eine Correlation innerhalb der Gesamterscheinung des
Lebens
stattfinden. Diese Anschauung besitzen wir heute leider für das
Reich
des Lebens überhaupt nicht; lange kann sie aber nicht mehr
ausbleiben,
und herrliche Früchte wird sie tragen. Inzwischen hat Descartes,
wie
Sie im vorigen Vortrag sahen, durch seine Symbolik des Äthers und
seinen Schematismus der Bewegungsgesetze mit der O r g a n
i s i e r u n g d e s
R a u m e s
angefangen, Kant und Laplace mit der O r g a n i s i e r u
n g d e r S t e r n e n w e l t, und
neuerdings hat Hertz mit seiner Einführung von sogenannten
»ungesehenen
Massen« und »ungesehenen Bewegungen« in die
mathematische
Physik eine O r g a n i s i e r u n g d e
r K r ä f t e angebahnt, während
Lothar
Meyer und Mendelejew durch ihre Untersuchungen über das sogenannte
»periodische System der Elemente« die O r g a n
i s i e r u n g d e s
S t o f f e s
in Angriff nahmen.
Soviel nur zur
vorläufigen
Verständigung über die Bedeutung dieser Begriffe
»Atomismus«
und »Organicismus« als Benennungen bestimmter
Anschauungsrichtungen.
Aber über noch einen Punkt
muss ich einige aufklärende Worte sagen, ehe wir den wichtigen
Gegenstand
der Beziehungen zwischen dem bestimmten Schauen und dem bestimmten
Denken
in Betracht ziehen. Es wird Ihnen gewiss aufgefallen sein, und
vielleicht
wird
—————
¹) Dieses Naturgesetz alles
Lebenden,
von Goethe geahnt und in seinem Gedichte Athroismos als »aller
Bildung
Schlüssel« bezeichnet, wurde zuerst von Cuvier in seinem
Discours
sur les Révolutions de la surface du globe (p. 25 fg. der
Ausgabe
von 1825) mit voller Deutlichkeit formuliert: »tout être
organisé
forme un ensemble, un système unique et clos, dont les parties
se
correspondent mutuellement et concourent à la même action
définitive
par une réaction réciproque. Aucune de ces parties ne
peut
changer sans que les autres changent aussi; et par conséquent
chacune
d'elles, prise séparément, indique et donne toutes les
autres.«
319 BRUNO
es
Sie ein wenig verwirren, dass das
nach innen gewendete Denken mit dem nach aussen gewendeten Schauen in
einer
gewissen Beziehung zusammentrifft, und ebenso das nach aussen gewendete
Denken mit dem nach innen gewendeten Schauen. Denn diese beiden
letzteren
— das Denken nach aussen und das Schauen nach innen — führen zu
einer
Mehrzahl (Pluralismus und Atomismus) und die beiden ersteren — Denken
nach
innen und Schauen nach aussen — führen in letzter Instanz zu einer
streng einheitlichen Vorstellung (Monismus einerseits, Organicismus
andrerseits).
Ich meine nun, wir können uns das recht gut erläutern, indem
wir bei unserem Bilde von innen und aussen bleiben und uns sagen: das nach innen gerichtete Denken ist
ein reineres Denken, das heisst ein vom Schauen weniger abhängiges
Denken, das nach aussen gerichtete Schauen ist ein reineres, von
gedankenhaften
Elementen weniger durchsetztes Schauen; das Gegenteil gilt von dem nach
aussen gerichteten Denken und von dem nach innen gerichteten Schauen;
daher
die Verwandtschaft zwischen den scheinbaren Gegensätzen. Wessen
Denken
rein auf die Introspektion seines Selbst, seines Atman gerichtet ist,
der
erblickt — wie wir vorhin schon einsehen lernten — streng genommen
keine
Einzahl, wohl aber die organische Einheit kat'exochen, dasjenige,
wodurch
überhaupt alles vereinigt wird, das Ich, dessen ganzes Tun in der
beständigen Herstellung von Einheit besteht, weswegen wir es
die
o r g a n i s i e r e n d e
E i n h e i t nennen können; wessen Blick dagegen rein auf
der Natur
ruht,
der nimmt zunächst freilich nur Vielheit wahr; bleibt aber dieser
Blick treu an der Natur haften, so entdeckt der Schauende wohl nicht
eine
innere, jedoch eine äussere Einheit — die o r g a n i
s i e r t e E i n h e i t,
von
der wir soeben sprachen. Die organisierende Einheit ist jenes von Kant
»Einheit der Apperception« genannte unfassbare innere
Etwas,
durch welches alle Wahrnehmungen und alle Gedanken in einen einzigen
Mittelpunkt
zusammengezogen werden, — nur der müssige Wortsplitterer wird es
uns
verwehren, diesen metaphysischen und doch alle Wirklichkeit bewirkenden
Mittelpunkt »Ich« zu nennen. Die organisierte Einheit ist
jene
»Natur«, welche gar nicht für uns existieren
könnte,
wenn nicht alles zu allem in Bezug stünde und somit eine einzige
lückenlos
zusammenhängende Gestalt ausmachte. Es braucht eine intensive
Verinnerlichung
des Denkens, um die organisierende Einheit so zu erleben wie die Inder;
es würde eine leidenschaft-
320 BRUNO
liche
Hingabe an die Natur erfordern,
wie sie Goethe erstrebt hat, um die organisierte Einheit überall
unmittelbar gewahr zu werden.
Dorthin führen nun jene
beiden Wege — das nach innen gerichtete Denken und das nach aussen
gerichtete
Schauen — und darum besitzen sie ein gemeinsames Merkmal, nämlich
die Einheitlichkeit. Wogegen dasjenige Denken, welches (wie bei
Aristoteles)
der Anschauung zugewandt ist und doch nicht die reine Kraft echten
Schauens
besitzt, notwendigerweise in der Mannigfaltigkeit und Vielzahl befangen
bleibt, und dasjenige Schauen, welches (wie bei Demokrit) sich dem
Denken
zukehrt, notwendig geneigt sein muss, die Vielzahl, die es in der Hand
hält, gedankenmässig zu individualisieren, das heisst,
A-tome,
»Unteilbare«, In-dividuen zu schaffen, die alle
unveränderlich
nebeneinanderstehen und nur mechanisch zueinander in Beziehung treten
können.
Jetzt kommen wir zu der
wichtigsten
Anwendung unseres Schemas, nämlich zu der Untersuchung der
verschiedenen
Verbindungen, die zwischen Denken und Schauen in einem Menschenhirne
möglich
sind.
Es kann vorkommen, dass der nach
aussen Denkende auch nach aussen schaut — wie das z. B. bei Aristoteles
der Fall ist — oder aber es kann vorkommen, dass der nach aussen
Denkende
nach innen schaut — wie Newton und die Mehrzahl unserer Naturforscher;
und ebenso kann sich ein Denken nach innen sowohl mit einem Schauen
nach
innen wie mit einem Schauen nach aussen verbinden. Hierdurch entsteht
nun
reiche Mannigfaltigkeit; denn einerseits bilden alle spezifischen
Denker
eine Gruppe verwandter Männer im Gegensatz zu den spezifischen
Weltanschauern;
andrerseits aber sind die Anschauer, die (wie Goethe) ein nach innen
gerichtetes
Denken besitzen, denjenigen spezifischen Denkern, deren Denken (wie das
Bruno's) ebenfalls nach innen gerichtet ist, in mancher Beziehung
näher
verwandt als diese den Denkern nach aussen. So ist z. B. ein Bruno,
insofern
er extremer Denker ist, dem »Denker« Aristoteles gewiss
näher
verwandt als dem leidenschaftlichen »Schauer« Goethe;
andrerseits
lässt es sich aber zeigen, dass Bruno in gewissen Beziehungen
einem
Goethe viel näher steht als einem Aristoteles, ja, dass er ihm
wirklich
blutsverwandt ist; und das kommt daher, dass Goethe's Denken, genau so
wie Bruno's, nach innen gerichtet ist, dasjenige des Aristoteles
dagegen
nach aussen. Das wird Ihnen alles durch die systematische Besprechung
321 BRUNO
einer Reihe von Beispielen vollkommen
klar werden. Doch lassen Sie mich, ehe ich dazu übergehe, noch ein
letztes Wort über unser graphisches Schema hinzufügen; denn
auch
hier hilft die Anschauung dem Denken gar sehr.
Hier in der Mitte
hatten wir
die
»gemeinsame Wurzel« (wie Kant sie nennt); aus ihr liessen
wir
links das Schauen, rechts das Denken abzweigen. Ich meine nun, um
unsere
Figur richtig zu entwerfen, müssen wir dasjenige Denken, welches
das
Schauen flieht und auf sich selbst sich zurückbiegt, nach unten
zu,
nach der gemeinsamen Wurzel zurückstrebend, zeichnen. Ebenso
müssen
wir mit dem nach aussen gerichteten Schauen verfahren. Darin kommt auch
zum Ausdruck, dass gerade diese beiden extremen Richtungen in gewissen
wichtigen Beziehungen — wie schon kurz angedeutet wurde — einander
entgegenstreben.
Dagegen müssen das nach aussen gerichtete Denken und das nach
innen
gerichtete Schauen so aufgezeichnet werden, dass sie sich von der
gemeinsamen
Wurzel sichtbarlich entfernen und nun ihrerseits zusammenneigen.
Hierdurch
ist nun unmittelbar veranschaulicht, was sonst schwer fassbar zu machen
wäre: inwiefern nämlich das innere Denken und das
äussere
Schauen, obwohl einander fern, doch symmetrisch gegeneinander
stehen
und in einem gewissen Sinne die gleiche Richtungstendenz verfolgen,
desgleichen
für das innere Schauen und das äussere Denken. Aus einem
solchen
graphischen Schema lässt sich aber — sobald es richtig entworfen
ist
— noch manches
322 BRUNO
Andere unmittelbar entnehmen.
So
zeigt Ihnen das unsrige z. B. ohne weiteres, dass aus der Verbindung
von
nach innen gerichtetem Denken und nach aussen gerichtetem Schauen
vermutlich
ungewöhnlich weite und harmonische Persönlichkeiten
hervorgehen
müssen, denn es ist dies offenbar die umfassendste aller
möglichen
Anlagen; aus der Verbindung von nach aussen gerichtetem Denken und nach
innen gerichtetem Schauen werden ebenfalls harmonische und starke, aber
wahrscheinlich in gewissen Beziehungen eigentümlich
beschränkte
Intelligenzen sich ergeben; wogegen die beiden möglichen
Querverbindungen
— in denen entweder beide Teile nach aussen oder beide Teile nach innen
gerichtet sind — zwar sehr reiche, aber widerspruchsvollere Naturen
versprechen,
da hier in dem selben Kopfe auseinanderstrebende Tendenzen vereinigt
sind.
Den praktischen Nutzen dieser
Betrachtungsweise werden Sie einsehen, wenn ich jetzt einige Beispiele
namhaft mache; und zwar will ich zuerst eine trockene Liste hier an die
Wand schreiben, damit Sie die verschiedenen Namen vor Augen behalten,
während
ich sodann einige erläuternde Bemerkungen hinzufüge.
Zunächst
schreibe ich die verschiedenen möglichen Kombinationen
untereinander
und setze dann links die Namen von Weltanschauern, bei denen das
Schauen,
rechts die Namen solcher, bei denen das Denken vorwiegt, als Beispiele
hin.
| Goethe |
{
|
Denken nach innen
Schauen nach aussen
|
}
|
Schopenhauer |
| Demokrit |
{
|
Denken nach innen
Schauen nach innen
|
} |
Bruno |
| Descartes |
{ |
Denken nach aussen
Schauen nach aussen
|
} |
Aristoteles |
| Newton |
{ |
Denken nach aussen
Schauen nach innen
|
} |
? |
DENKEN NACH INNEN, SCHAUEN
NACH AUSSEN
Sie sehen, wir haben hier oben —
wo ich als Beispiele Goethe und Schopenhauer genannt habe —
den denkbar weitesten Intellekt:
das Denken nach innen, das Schauen
nach aussen gerichtet. ¹) Hier unten dagegen steht die denkbar
engste
intellektuelle Anlage: das Denken
vom Denken hinweg auf das
Schauen zu, und das Schauen vom Schauen hinweg auf das Denken zu
gewendet,
also zu gleicher
—————
¹) Das
sind die
Männer, die Goethe »die Umfassenden« nennt (W. A. 6,
302).
323 BRUNO
Zeit
unreines Denken und unreines
Schauen;
ob je ein Meisterdenker diese Anlage besessen hat, möchte ich
bezweifeln,
ich weiss jedenfalls keinen zu nennen; dagegen ist dies der Boden, auf
dem Newton und fast unsere gesamte Naturwissenschaft steht; ich halte
diese
Position für die stärkste, die der Durchschnittsmensch
einnehmen
kann. Dazwischen habe ich die beiden intellektuellen Anlagen
verzeichnet,
aus denen der grösste Teil alles dessen hervorgegangen ist, was im
schulmässigen Sinne des Wortes gewöhnlich
»Philosophie«
genannt wird: Denken und Schauen, beide nach innen, oder Denken und
Schauen,
beide nach aussen; wir werden im weiteren Verlaufe sehen, worin die
Stärke
dieser Anlagen für das Gedankenwerk begründet liegt. Jetzt
wollen
wir jeden der genannten grossen Geister von dem Standpunkt unseres
Schemas
aus näher betrachten.
Dass Goethe vorwiegend Auge war,
haben wir im ersten Vortrag gesehen; selten hat die Welt ein so reines
Auge, das heisst ein so ganz nach aussen gerichtetes erlebt. Darum ist
es das Verhältnis der Dinge zueinander und ihre Verbindung zu
einem
organisierten Ganzen, was er überall erblickt. »Eine innere
und u r s p r ü n g l i c h e G e m e i n
s c h a f t a l l e r O r g a n i s a t i o
n liegt zum
Grunde«
(W. A. II. 8, 253): das ist
sein Glaubensbekenntnis; es ist, wie Sie
sehen,
die Lehre des Organicismus — wie ich sie nannte — in ihrer Vollendung, »die
Gemeinschaft
aller Organisation«. Anders kann das reine Schauen gar nicht
urteilen;
und lächerlich ist es zu behaupten, der Mann, der sein Lebenlang
den
Atomisten Newton so leidenschaftlich bekämpfte, würde, wenn
er heute lebte, dem Atomisten Darwin zujubeln. Auch seine Farbenlehre
ist
— wie schon im zweiten Vortrag gezeigt (S. 156) — ein Gestalten, und
das
heisst nichts anderes als ein Versuch, der O r g a n i s a
t i o n der Natur
nachzugehen,
anstatt — wie unsere wissenschaftliche Optik — die Natur in eine Mechanik kleinster
Teilchen aufzulösen. Das also ist Goethe's Schauen. Goethe's
Denken
dagegen ist nach innen orientiert. Daher die mystischen Neigungen
seiner
Jugend und das Missverständnis der Spinozaschwärmerei; daher
die Fähigkeit, im Nachempfinden religiöser Ekstase ganz zu
erblinden:
»Meine Seele hat nur Fühlhörner und keine Augen; sie
tastet
nur und sieht nicht«; ¹) daher die Behauptung: »Ich
bin zur
Identitätsschule geboren« (Br.
15. 1. 13), d. h. also zu
der
Schule, die jede gesonderte
—————
¹) Bekenntnisse
einer schönen
Seele.
324 BRUNO
Individualität
leugnen muss, im
Gegensatz zu des Dichters eigenem Worte: »höchstes
Glück
ist nur die Persönlichkeit«; daher die Allbeseeltheit, die
immer
wieder bei ihm aus allen Ecken und Enden hervorlugt — »die Natur
ist bis ins Innerste göttlich lebendig« (Br. 14. 8. 12) —
eine
Geistesanlage, die ihn manchmal vorübergehend auf
naturphilosophische
Irrwege hinauslockt; daher die abstrakt-scholastische Lehre: »Das
Leben ist die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst«.
¹)
Diese umfassende Anlage — Denken
nach innen, Schauen nach aussen — ist, glaube ich, eine ziemlich
seltene;
von den berühmten Denkern (wenn ich vorderhand, aus später zu
erörternden Gründen, von Plato und Kant absehe) dürfte
Schopenhauer
der bekannteste sein; als ausgesprochener Antiatomist und ebenso
ausgesprochener
Monist gehört er ohne Frage hierher. Wäre Schopenhauer nur
ein
Verkünder des mystischen All-Eins — umgetauft »Wille«
— so hätte er es nicht vermocht, im genauen Gegensatz zu den von
ihm
so vielfach angerufenen Indern, anstatt gestaltloser, stammelnder
Versuche,
das Unsagbare zu sagen, die glänzendsten Schriften zu verfassen,
die
je aus der Feder eines Philosophen geflossen sind. Das tat der Blick
nach
aussen, der Blick, der ihn einem Goethe verwandt zeigt. Denn die
Anschauung
allein liefert unserer Phantasie das Material; nun bringt es aber die
Natur
der Sache mit sich, dass der reine und namentlich der intensiv
innerliche
Denker meistens sehr wenig schaut und fast nur dialektisiert; Sie sehen
das bei den Indern, deren philosophische Schriften, je weiter sie von
dem
Rigveda sich entfernen, umso ärmer an Anschaulichkeit sind, Sie
sehen
es bei Aristoteles, der sich jeden Augenblick in Hirngespinste
verliert,
bei denen sich kein Mensch etwas denken kann, weil kaum ein Schatten
der
Anschaulichkeit bleibt; die Anschauer sind es, die der Philosophie ihr
Material liefern, und auch hier haben Sie gleich ein Beispiel zur Hand;
denn heisst Descartes »Vater der neueren Philosophie« (S.
183),
so verdient er diesen Namen weniger der metaphysischen Denkarbeit
wegen,
die er geleistet, als weil er uns ein so enormes Anschauungsmaterial
verschafft
hat. Schopenhauer nun ist gewissermassen ein mit Augen begabter
Brahmane;
leidenschaftliches Interesse und tiefes Verständnis bekundet er
sein
Lebenlang für die organischen Wissenschaften (die unorganischen
lagen
ihm ihres abstrakteren Wesens wegen fern),
—————
¹)
Zur
Morphologie,
Verfolg, Abschnitt »Aphoristisches«.
325 BRUNO
so
dass er befähigt ist, nicht
nur
— wie die Inder — den Organismus als die Objektivierung des Willens
aufzufassen,
sondern — was die Inder nicht konnten — diesem Organismus in vielen
Einzelheiten
seiner Erscheinung nachzugehen. Darum lebt unter seiner Behandlung die
abstruseste Weltanschauung, die Menschen je erfunden, von neuem auf und
wird so hinreissend unterhaltend, dass selbst unsere frivolsten
Weltkinder
diese Bände lesen. Und gerade weil er, bei seinem nach aussen
gerichteten
Schauen, zugleich ein spezifischer Denker erster Grösse ist,
verfällt
er nicht in Goethe's Fehler, in den abstrakten Monaden sein Heil zu
suchen,
sondern erklärt vielmehr diesen Gedanken für »eine
monströse
Identifikation zweier Undinge« (Werke
V, 27).
Ein besonderes
Kennzeichen dieser
seltenen — aus der eigentümlichen Verquickung von innerem Denken
und
äusserem Schauen hervorgegangenen — Geistesart ist das
unvermittelte
Nebeneinanderbestehen scheinbarer Gegensätze, sowohl im Denken wie
im Charakter; das trifft für Goethe ebenso wie für
Schopenhauer
zu: bei Goethe z. B. poetische Ekstase und dicht daneben die Vertiefung
in vergleichende Knochenkunde, bei Schopenhauer physiologischer
Scharfsinn
in der Analyse der Lebensphänomene und zugleich der Glaube an
Magie
und Spiritismus.
DENKEN NACH INNEN, SCHAUEN NACH INNEN
Die
Verwandtschaft, welche unsere
Tafel zwischen Demokrit und Bruno offenbart, ist feineren
Beobachtern
hin und wieder aufgefallen, doch glaube ich nicht, dass sie
bisher
je auf ihren Ursprung zurückverfolgt wurde. So glaubt z. B.
Windelband
in Bruno »die Keime« zu zwei entgegengesetzten
»Richtungen«
schon von Jugend an zu entdecken und meint, die eine sei in der einen
Lebenshälfte,
die andere in der anderen mehr »hervorgetreten«; ¹)
eine an
und für sich richtige Bemerkung, die sich vorteilhaft von den
Versuchen
unterscheidet, das Widerspruchsvolle in Bruno's Anschauungen gewaltsam
aus der Welt zu schaffen, sowie von der üblichen Phrase einer
»Entwickelung«,
durch welche der ursprüngliche Monist nach und nach, ganz sachte,
ein Atomist geworden sei. Windelband hat hier schärfer gesehen als
die meisten seiner Kollegen. Doch rätselhaft bleibt dem Leser, wie
es möglich sei, dass scheinbar Entgegengesetztes in dem Kopfe
eines
grossen Denkers
—————
¹) Geschichte der neueren
Philosophie,
2. Aufl. I, 77. In den Heroici furori
(Einleitung) warnt Bruno gegen
eine
allzu intensive Versenkung in den Einheitsgedanken auf Kosten der
Vielheit;
blind werde man, sagt er: da troppo
alta contemplatione de
l'unitá,
che ne fura alla moltitudine (S. 617).
326 BRUNO
zu
gleicher Zeit keimen könne.
In
Wahrheit besteht kein Gegensatz zwischen Monismus und Atomismus,
wenigstens
kein organischer, sondern höchstens — was ich meinesteils
dahingestellt
sein lasse — ein logischer. Monismus (Allbeseeltheit) ist ein Gedanke,
Atomismus (Mechanismus) ist eine Anschauung (wenn auch eine
gedankenhafte
Anschauung). Und jene zwei genialen Männer — Demokrit und Bruno — genügen zum
Beweise,
dass ein Schauen nach innen sehr gut neben einem Denken nach innen,
und
i n f o l g e d e s s e n auch Monismus zugleich mit
Atomismus bestehen kann; es
ist
durchaus keine unharmonische Anlage, wenngleich, wie unsere graphische
Figur Ihnen zeigt, ziemlich schroffe Übergänge zu erwarten
sind.
Fassen wir
zunächst Bruno
ins Auge.
Unmöglich
kann die
Allbeseeltheit
weiter bis in ihre letzten Konsequenzen durchgedacht sein als von ihm.
Sono tutte le cose animate ... sia
pur cosa quanto piccola et minima
si vogla, há in se parte di sustanza sprirituale ... perche
spirto
si trova in tutte le cose et non é minimo corpusculo che non
contegna
cotal portione in se, che non inamini (De la causa, S. 236); dass die
Sterne
sich in ihren Bahnen drehen, ist nicht die Folge physischer Ursachen,
sondern
geschieht, weil diese piu divini
animali dell'universo (De
l'infinito
S.
395) sich drehen w o l l e n (vult animae vis moveri); ihre
Bewegung ist das
Symptom ihres Lebens.
Hic etenim effectus vitae est, vitae
hoc quoque signum
(De
Immenso I, 5). ¹)
Und sein Monismus ist ebenso
unbedingt;
denn diese Seelen sind nicht viele Seelen, sondern eine Seele: Anima
ubique
est una (l. c. VII, 18); l'anima del mondo ...
é tutto in tutto; onde al fine (dato che sieno innumerabili
individui) ogni cosa é uno, et il conoscere questa unitá
é il scopo e termine di lutte le philosophie e contemplationi
naturali
(De la causa, S. 272). Und
dennoch, sobald Bruno — und zwar von Jugend
an (man vergesse nicht, dass er mit zweiundvierzig Jahren unseren Augen
entschwindet) — sobald
—————
¹) In La
cena de la ceneri p.
163 führt Bruno aus, die Gestirne bewegten sich aus einem
»innewohnenden
Prinzip, welches die eigene Seele ist«, und diese Seele sei nicht
bloss eine »empfindende«, sondern eine
»intellektuelle«,
mehr
noch als die Menschenseele. Muovensi
dumque la terra et gli altri
astri
secondo le proprie differenze locali dal principio intrinseco che
é
l'anima propria. Credete (disse Nundinio) che sii sensitiva questa
anima?
Non solo sensitiva, rispose il Nolano, ma ancho intellettiva; non solo
intellettiva come la nostra, ma forse ancho piu.
327 BRUNO
Bruno
mehr schaut als denkt, ist er
Atomist,
und zwar weil er nicht anders kann, weil nämlich sein Schauen gar
niemals sich rein auf die Phänomene der Natur richtet, sondern
immer
ein gedankenhaftes Schauen ist und gedankenhaftes Schauen ebenso
notwendig
zum Atomismus hinführt wie anschauungsbares Denken den Monismus
hervorbringt.
Und so erklärt er denn in der ihm eigenen dogmatischen
Schärfe,
dass, wer keine Atome annehme, gar keine Grösse begreiflich machen
könne; wo es keine unteilbare Einheit gebe, gebe es überhaupt
nichts; ¹) alle Naturforschung gehe vom Atom aus, bestehe aus
Betrachtungen
über das Atom und ende in der Wissenschaft des Atoms. ²) Sie
sehen
also: Bruno ist zugleich dogmatischer Monist und dogmatischer Atomist.
Die Stellung
Demokrit's ist nun
genau entsprechend. Über Demokrit's Atomismus brauche ich keine
Worte
zu verlieren; er ist ja als Erfinder oder zum wenigsten als Vollender
der
Lehre von den Atomen allbekannt; noch brauche ich zu betonen,
wie
viel realistischer und konkreter und geschauter die Atome bei ihm sich
geben als bei Bruno; seine Geistesanlage bringt das mit sich.
—————
¹) Articuli
adversus
mathematicos,
membrum 3., § 36 (I³, p. 26). Sehr merkwürdig ist es, wie er das
All-Eins
zur Begründung der unzählbaren Einheiten verwendet. Non
igitur falsa, sed altior quam a triviali Peripaticorum sensu
perceptibilis,
fuit illa Xenophanis et Parmenidis sententia; E n
s unum, immobile,
quod in rei veritate idem et principium et principiatum; sicut
substantialiter praeter unitatem nihil est numerus; quod non est unum,
nihil est; ergo
unum
est ens, unum est verum, multitudo vero relinquitur ut accidens, ut
vanitas,
ut non ens: ita intelliges ubi monadis vocem audies: s u
m q u o d e s. Ut
ergo praeter monadem nihil est, praeter atomos et puncta nullum est
quantum, ita et praeter minimi proportionem et definitionem nulla est
mensura,
nullus est geometra et nulla consequenter philosophia.
Wahrlich,
eine beneidenswerte Kunst der Dialektik! Zuerst wird angenommen, nur
der
absoluten Einheit komme Sein zu, die Vielheit sei eitel Einbildung, sei
das Nichts; und daraus wird dann mit »ergo« gefolgert, dass
es
praeter
atomos (Atome, Mehrzahl) nichts geben könne. Hier von
Widerspruch
zu sprechen, ist leicht, interessanter ist es wahrzunehmen, dass ein
solcher
Gedankengang uns den Punkt mathematisch genau aufdeckt, wo die
Diagonale
von dem nach innen gerichteten Denken zu dem ebenfalls nach innen
gerichteten
und darum zu seinem Denken sozusagen unsymmetrischen Schauen den Geist
Bruno's durchquert.
²) Si ergo
contemplatio naturae
vestigia persequitur, a minimo incipiat, et in minimo speculando
consistat,
et in minimum contemplando desinat oportet (De triplici minimo I, 4,
Anm.,
ed. Tocco I³ p. 149). Bruno wendet allerlei Bezeichnungen für
das
Atom an, je nachdem er es ins Auge fasst: monas (Monade, d. h. Einheit)
nennt er es, wenn er es als Seelisches betrachtet, Minimum (ein
Kleinstes),
wenn er die physikalische Mindestmenge bezeichnen will, Punctum (der
Punkt),
wenn es sich um geometrische Anschauung, Unum (Eins), wenn es sich um
arithmetische
Berechnung
handelt.....
Doch die Unterscheidung ist nicht sehr scharf durchgeführt und der
Begriff Atomos (oder Atomus, wie Bruno schreibt) ist
jedem der
übrigen
synonym, wie es die vielcitierte Stelle, De Minimo I, 2: Minimum
substantia
rerum est .... hinc monas, hinc atomus bezeugt.
328 BRUNO
da
er ja vom Schauen ausgeht, wogegen
Bruno scholastischer Dialektiker war und blieb. Dem spezifischen
Schauen
des Demokrit werden unsere
Geschichtswerke gerecht;
von seinem Denken kann man das selbe nicht sagen; vielmehr herrscht in
Bezug auf seine Seelenlehre viel Unverständnis, wie mir scheinen
will,
und zwar, weil wir unter der Herrschaft des
aristotelisch-religiösen
Dualismus es verlernt haben, völlig andersgearteten
Vorstellungskomplexen
überhaupt gerecht zu werden. Wenn wir heutige Menschen das Wort
»Seele«
hören, denken wir uns ein von aller Leibeserscheinung völlig
Getrenntes: die Psyche des
Aristoteles, dazu die jeglicher Ausdehnung
entgegengesetzte
Pensée des Descartes.
Wie sollte nun irgend ein echter Monismus
innerhalb dieses gedanklichen Schemas rein zum Ausdruck kommen? Wenn
darum
Demokrit sagt, auch die Seele bestehe aus Atomen, so muss er sich von
Professor
Zeller belehren lassen, das sei dann keine Seele, »sondern nur
Seelenstoff«;
woran dann die fernere tiefsinnige Bemerkung geknüpft wird:
»das
Geistige ist ihm nicht die Macht über den gesammten Stoff, sondern
nur ein Teil des Stoffes (a. a. O., S. 909). Auf diesen Einwurf
würde
Demokrit gewiss ein heftiger Anfall seines sprichwörtlichen
Lachens
überkommen, und er würde antworten: »Verehrtester
Geheimrat,
alle Achtung vor Ihrer ungeheuren Gelehrsamkeit, doch da ich, wie meine
Vorgänger die Brahmanen, wie meine Zeitgenossen die Eleaten, wie
meine Nachfolger Plotin, Bruno, Hegel und noch viele andere, es
richtiger
und mir zuträglicher fand, die Welt aus einem einzigen Prinzip als
aus zweien oder mehr zu erklären, was blieb mir — wie jedem
anderen
Monisten — übrig, als entweder die Materie als Geist, oder aber
den
Geist als Materie aufzufassen? und letzteres lag mir, der ich von der
Anschauung
ausging, näher«. Uns genügt dieser eine Einwurf
Zeller's
zur Gewinnung einer Einsicht, die hell wie der Tag vor Augen liegt, und
die doch in dem aufgewirbelten Wüstenstaub gelehrter Diskussionen
Niemand erblickt: nämlich, dass Demokrit grundsätzlicher
Monist
war — nicht natürlich mit der dogmatischen Schärfe eines
Bruno,
doch ebenso deutlich, da er jeglichen Dualismus verwarf. Aristoteles
hat
das auch sehr gut eingesehen, indem er mit Bezug auf ihn sagt:
»Jeder,
der eine einzige Substanz annimmt, nimmt auch eine einzige Seele an,
nicht
mehrere«. ¹) Die Worte Seele und Materie verlieren ihre
absolute
Bedeutung,
sobald
—————
¹) De Anima, I. Buch, 2. Kap.
gegen Schluss.
329 BRUNO
nur
das Eine angenommen wird; zu
dieser
Einsicht sollte ein Minimum an philosophischen Kenntnissen
genügen.
Ebenso verhält es sich mit Demokrit's Gottesvorstellung.
Schwegler
erzählt uns in seinem leider noch immer vielgebrauchten Handbuch,
dem Demokrit sei »die Einheit, das geistige Band des Universums,
verloren gegangen«, und er versetzt ihn strafweise um hundert
Jahre
zurück, hinter Xenophanes! Der böse Mann war Atheist, so
steht's
überall, auch bei Zeller. In Wirklichkeit lehrte er aber die
Allbeseeltheit
und eine ähnliche Gott-Natur wie Bruno und wie Goethe. Er meinte,
alle Weltgebilde bestünden zur Hälfte aus Seele (animus,
Lucrez
III, 373); er pflegte den Menschenleib ein »Zelt« zu nennen
(σχηνος) und somit anzudeuten, dass nur auf einer Reise darin
übernachtet
wird. Und verwarf er auch energisch den ausserweltlichen Nus des
Anaxagoras,
so meinte er doch, das Göttliche »wohne allen Dingen
inne«. ¹)
Diesen Vergleich zwischen Bruno
und Demokrit halte ich für besonders aufklärend. Demokrit —
der
Naturforscher — atomisiert alles, auch die Seele; Bruno — der Abstrakte
— sieht sich trotz seiner All-Einslehre genötigt, Atome
anzunehmen,
er beseelt sie aber, ebenso wie er früher die Steine beseelt
hatte,
und wird hierdurch der Wiederbeleber der neoplatonischen Monaden. Diese
zwei Geistestaten — die Atomisierung der Welt, einschliesslich des
Seelischen,
durch Demokrit und die Beseelung der Atome (dadurch aber auch ihre
Zurückführung
auf eine einzige Urmonade, Gott) durch Bruno — entspringen einer nahe
verwandten
Geistesanlage: dem Schauen nach innen verbunden mit dem Denken nach
innen;
nur dass in dem einen Fall der Weltanschauende vorzüglich
»schaut«,
in dem anderen vorzüglich »denkt«. Diese Anlage ist,
glaube
ich, nicht gerade selten, nur scheint sie nicht leicht Ergebnisse
allerersten
Ranges zutage zu fördern; im 19. Jahrhundert wäre von den
Schauenden
dieser Art Fechner und von den abstrakteren Denkern Lotze zu nennen.
Wohl
spricht Fechner von einem »Kosmorganismus« usw., doch das
ist
ganz anders gemeint als bei Kant und Goethe; die Einheit ist bei ihm
ein
Gedanke, nicht eine Anschauung; in der Anschauung ist er dogmatischer
Atomist
und baut sein ganzes Weltbild auf der Annahme von Fernkräften
auf. ²) Bei Lotze haben wir, wie bei Bruno, den extrem
—————
¹) ...
censet imagines
divinitate
praeditas inesse universitati rerum.... (Cicero: De natura
Deorum 1, 43.)
²) Man vgl.
seine Atomenlehre.
330 BRUNO
mechanistischen
Atomismus verbunden
mit
der Monadenlehre und der Allbeseeltheit: »alles Reale ist
geistig«.
DENKEN NACH AUSSEN, SCHAUEN NACH AUSSEN
Von noch grösserer Bedeutung
für die Geschichte des menschlichen
Denkens hat sich die andere
einseitige Beanlagung erwiesen:
Denken nach aussen, Schauen
nach aussen. Die Gleichungen
zwischen Schauen und Denken, welche
auf diesem Boden vor sich gehen, scheinen auf alle Fälle reich und
lebenskräftig zu sein. Denn ein Schauer nach aussen, wie
Descartes,
den wir als hervorragenden Vertreter dieser Richtung auf unserer Tafel
genannt haben, speist die Phantasie mit ewig neuer, ausser-menschlicher
Nahrung, statt sich bei dem öden Einerlei der gestaltlosen Atome
zu
beruhigen, und das nach aussen gerichtete Denken, welches sich dem
Schauen
beigesellt, sublimiert nicht gleich alles wieder — wie das bei dem nach
innen gerichteten Denken z. B. bei Goethe der Fall ist — ins
gestaltlose
Ureins weg, sondern befestigt es, künstlich vielleicht, gewaltsam
meistens, doch praktisch. Wiegt andrerseits bei einem solchen Manne
nicht
das Schauen, sondern das Denken vor, wie bei unserem Beispiel
Aristoteles,
so sehen wir auch diesen Mann ein offenes Auge für die Tatsachen
der
Natur bewahren; er mag die Tatsachen durch seine
Vernunftvoraussetzungen
vergewaltigen, — wenigstens lehnt er sich an sie an; und weil sein Auge
vorzüglich das Organische erblickt, wird er auch in seinem Denken
organisieren, gestalten. In beiden Fällen haben wir feste,
grossgezeichnete,
vielleicht oft dogmatische, aber zusammenhängende Weltanschauungen
zu erwarten.
Dass
Aristoteles' Denken nach
aussen gerichtet ist, brauche ich nicht erst darzutun; er ist der
Pluralist
par excellence; überall
zergliedert er. Doch wenn ich sage, er
»zergliedert«,
so will ich damit zugleich andeuten, dass er nicht zerstückelt.
Beachten
Sie, bitte, dass schon der blosse Gedanke des Atomismus ein
Zerstören
der Gestalt bedeutet; die Atome sind nicht eine Analyse des Seienden,
sondern
dessen Auflösung; darum harmoniert der abstrakte Monist so leicht
mit dieser uns als konkret naturwissenschaftlich angepriesenen Ansicht
und lehrt dann mit Bruno: ogni
volto, ogni faccia é vanitá,
é
come nulla (S. 280), jedes Antlitz, jede Eigengestalt ist ein
eitles
Nichts.
Ganz anders Aristoteles. Für ihn ist gerade die Gestalt
(μορφη)
dasjenige, wodurch ein Ding aus der Nacht des Nichtseins (στερησις) in
das Tageslicht des Seins (εντελεχεια) tritt. Seine ganze Leistung auf
dem Gebiete des reinen Denkens (die
331 BRUNO
Logik,
die Kategorien usw.) ist ein
Auseinandernehmen
behufs Wiederzusammensetzens. Dass aber sein Blick auf die Natur
ebenfalls
rein nach aussen gerichtet ist, können Sie mit Sicherheit schon
aus
dem einen Symptom entnehmen, dass er ein erklärter Antiatomist
ist.
Aristoteles' Position ist hier die ganz genaue Umkehrung derjenigen
Bruno's.
Bruno behauptet: der Kosmos ist unbegrenzt, ist ein absolut
Unendliches, ¹)
dagegen nach unten zu muss es eine Grenze geben, denn wären keine
Atome, so wäre überhaupt nichts. Aristoteles dagegen lehrt:
nach
oben zu gibt es lauter Individuen und das heisst Gestaltetes, und das
wiederum
heisst lauter bestimmt Begrenztes, und so muss denn auch die
Sternenwelt
Grenzen haben, sonst wäre sie das Formlose und das heisst das
Nichts; ²)
nach unten zu dagegen ist alles ein Kontinuum (συνεχης) und daher
unbegrenzt
teilbar. ³) Diese zwei Grundvorstellungen des Aristoteles — das
Individuum,
das Kontinuum — entspringen (um bei unserer Formel zu bleiben) der ganz
reinen Anschauung »nach aussen«: sie bilden die genauen
Gegensätze
des All-Eins und des Atoms, welche aus dem gedankenhaften Schauen, dem
Schauen »nach innen«, geboren werden.
In der selben
Gruppe wie
Aristoteles,
jedoch mit vorwiegender Betonung des Schauens, finden wir auf unserer
Tafel
Descartes. Bei Descartes wird wohl Niemand in Frage stellen, dass sein
Schauen nach aussen gerichtet ist; wie ich vorhin sagte: er organisiert
den Raum; das ist das Ziel seiner Principia.
Wie Aristoteles ist auch
er
ein Todfeind der Atome, des leeren Raumes und der Fernkräfte, das
heisst also, ein Vertreter des organicistisch-dynamischen Standpunktes
im Gegensatz zum atomistisch-mechanischen. 4)
Und hier müssen
Sie sich hüten, über einen Stein des Anstosses
—————
¹) Siehe die ganze Schrift De
l'infinito;
z. B. S. 389: Cotal spacio lo diciamo
infinito, perche non é
raggione,
convenienza, possibilitá, senso ò natura che debba
finirlo; in
esso sono infiniti mondi etc.
²) Interessant ist die Stelle
Metaphysik V, 17, wo
Aristoteles Grenze und Gestalt als Synonyme
aufstellt:
»Grenze heisst die Form dessen, was Grösse hat« (nach
der Übersetzung von Bonitz, S. 108).
³) Siehe namentlich Physik III,
7. Bruno's entgegengesetzte Anschauung findet bündigen
Ausdruck in
folgendem
Ausspruch: principium et fundamentum
errorum omnium, tum in physica tum
in mathesi, est resolutio continui in infinitum (De triplici minimo
et
mensura I, 6, ed Tocco I³, 153).
4)
Über die Atome und den leeren
Raum eine einzige Stelle statt vieler: ma philosophie ne réfute
rien autre chose que cette philosophie creuse et subtile
composée
de vide et d'atomes, qu'on a coutume d'attribuer à Democrite et
à Epicure, ou quelques autres qui lui ressemblent, et qui ne une
regardent point du tout (Bf. vom 27. 11. 1637, VI, 338). Hierzu
vergleiche
man namentlich § 202 des vierten Teiles
332 BRUNO
zu
stürzen; denn Sie haben oben
gehört (S. 290), dass Descartes alle lebenden
Wesen als
»Maschinen«
auffasst, und nun erfahren wir, er sei ein geschworener Gegner der
mechanischen
Weltdeutung. Sie müssen eben genau wissen, was Descartes unter
»Maschine«
versteht. Gerade weil bei Descartes nicht das Schauen allein, sondern
auch
das Denken rein nach aussen gewendet ist, ist er der schroffste
Dualist,
der je gelebt hat; Aristoteles erreicht ihn in dieser Beziehung nicht.
Dieses Schauen nun, verbunden mit diesem Denken, führt ihn
notwendig
dazu, den sogenannten Geist — prana,
vâc, pneuma, psyche, nus,
logos
usw. — von der konkreten Natur völlig auszuscheiden. Der Monist
schmuggelt
wohlbetrachtet immer ein zweites herein, der strenge Dualist dagegen — Kapila in Indien, Descartes in Europa
— erhält eine fast vollkommen »reine Natur« (wenn ich
mich so ausdrücken darf) und kann darum weit konsequenter
einheitlich
und — wenn Sie wollen —
»monistisch« ihr
gegenüber
verfahren als der eigentliche Monist, der stets etwas vom Janus bifrons
an sich hat. Daher ist nun Descartes' Wissenschaft der Natur eine durch
und durch materialistische, wie alle exakte Wissenschaft sein sollte;
sie
ist echte Wissenschaft, wie wir sie im zweiten Vortrag und im
Gegensatze
zu Goethe's Naturanschauung kennen lernten. Und diese Wissenschaft kann
nicht anders als nach Kant's Maxime vorgehen: »Ich s
o l l jederzeit
über alle Formen in der materiellen Natur nach dem Prinzip des
blossen
Mechanismus der Natur reflektieren, und mithin diesem, so weit ich
kann,
nachforschen, weil, ohne ihn zum Grunde der Naturforschung zu legen, es
gar keine eigentliche Naturerkenntnis geben kann« (Ur. §
70).
Daher aber manches Missverständnis; denn wir beachten zu wenig,
dass
der Begriff Mechanismus in zwei verschiedenen Bedeutungen vorkommt. Wer
Atome und leeren Raum annimmt, glaubt, dass durch das (gleichviel ob
notwendige
oder zufällige) Zusammentreffen der Atome vorübergehend
Gestalten
zustande kommen, die folglich nur eine Erscheinung der zu Grunde
liegenden
Bewegungen kleinster Teile und daher auch von nebensächlicher
Bedeutung
sind, was für unsere ganze atomistische Wissenschaft bezeichnend
ist;
wer dagegen den vollen Raum annimmt, erklärt alle Bewegung in ihm
als durch Gestalt bedingt
—————
der Principia. Was die
»Kräfte«
anbelangt so wird Descartes nie müde, seinen Spott auszugiessen über Diejenigen,
welche »den Körpern auf diese Weise kleine Seelen zuschreiben« und z. B.
»die Schwerkraft den Dingen etwa in ähnlicher Weise beilegen wie das Denken dem
Menschen«
(vgl. z. B. IX, 104, 133).
333 BRUNO
und
gefordert. Der Unterschied
entspricht
ziemlich genau demjenigen, den man in der Physik zwischen Kinetik und
Kinematik
statuiert. Die Kinetik untersucht die Bewegung
verursachenden
K r ä f t e
mit Berücksichtigung der Körpermassen usw. und ist ihrem
Wesen
nach arithmetisch; die Kinematik untersucht die
gegenseitigen L a g e n
verschiedener
Teile — mit anderen Worten, die Gestalt eines Ganzen — und die aus
dieser
sich notwendig ergebenden Bewegungen, ist also ihrem Wesen nach
geometrisch.
Aus diesem Vergleich erhellt deutlich, inwiefern die eine Auffassung
von
Maschine abstrakt, die andere konkret ist, die eine ein blosser
Gedanke,
die andere eine Anschauung. Spricht also ein Descartes mit Bezug auf
lebendige
Wesen von »Maschinen«, so will er damit andeuten, dass er
für
die Erklärung der Vorgänge der Natur keiner Seele, keines
geistigen
Prinzips bedarf, sondern letztere auf ein völlig getrenntes Gebiet
beschränkt, womit er aber nicht den Spiritualisten allein, sondern
vor allem den wissenschaftlichen Monisten, der überall
»Seele«
hereinmischt, grundsätzlich abweist. Wir müssen unbedingt
zugeben,
dass Descartes' Maschinen noch »maschineller« sind als die
eines Demokrit oder eines De la Mettrie oder eines Ludwig
Büchner;
zugleich aber müssen wir betonen, dass der Begriff ein anderer
ist.
Hier scheidet sich, trotz einer vielfach gemeinsamen Terminologie,
Weltanschauung
von Weltanschauung. Und das Kriterion ist in diesem Falle ein sehr
einfaches,
wenn es auch genaue Kenntnis eines Denkers erfordert, um es sicher
anzuwenden;
um Maschine von Maschine zu unterscheiden, braucht man sich nur zu
fragen:
ist für diesen Philosophen der Organismus eine Maschine? oder ist
ihm die Maschine ein Organismus?
Soviel über Descartes'
Schauen.
Dass auch sein Denken nach aussen gerichtet ist, beweist zur
Genüge
sein Dualismus. Freilich, die schroffe Einseitigkeit, die man ihm
zuschreibt,
hat er nicht besessen; die Möglichkeit einer »gemeinsamen
Wurzel«
hat er ebenso wie Kant zugegeben; ¹) er sah aber den ungeheuren
Vorteil
ein, den sowohl Anschauung wie Denken von der reinlichen Scheidung
davontragen
würden. Konsequente materialistische Wissenschaft
—————
¹) Man vgl. die 4.
Méditation
(éd. Cousin I, 303), wo er über diese Frage sagt: je suis entièrement
indifférent
à le nier ou à l'assurer, ou bien même à
m'abstenir
d'en donner aucun jugement. Und wenn
Jemand den Einwurf machte, das sei nur ein vorläufiges
Zugeständnis,
das in der 6. Méditation
vollinhaltlich zu Gunsten des absoluten
Dualismus zurückgenommen werde, ich würde ihn auf den
schönen
Brief, Band VIII, S. 568 fg. verweisen, wo der selbe Gedanke mehrere
Jahre
später durchgeführt wird.
334 BRUNO
ist
ohne Dualismus unmöglich;
ohne
ihn schwindet das Ich hin, und somit verlieren wir den letzten
Stützpunkt
— das si fallor, sum des
Augustin, das cogito, ergo sum
des Descartes —
um überhaupt von einer Welt und einem Erkennen der Welt
wissenschaftlich
reden zu können. Wogegen nach Descartes' klarer Scheidung zwischen
dem Gedachten und dem Ausgedehnten die Gleichung zwischen Denken und
Schauen
nie mehr mit naiver Unverfrorenheit geschehen konnte; ¹) die
Naturwissenschaft
war durch die Tat dieses herrlichen Mannes von dem Sokratischen
Vernunft-
und Zweckmässigkeitseinschlag fortan frei, und dem Denken —
losgelöst
aus dem Frondienst einer ungeheuerlichen Natursymbolik — war jetzt der
Weg zum Kriticismus gewiesen. ²)
Ehe wir die Betrachtung über
diese interessante Geistesanlage beschliessen, noch eine Bemerkung. Der
ungeheuere Einfluss eines Aristoteles und eines Descartes auf das
Denken
und Forschen der europäischen Menschheit liegt offen zutage; und
doch
wurden gerade sie zu allen Zeiten und zwar vielfach von den besten
Köpfen
leidenschaftlich bekämpft. Um vollständig zu erwachen,
mussten
Philosophie und Naturforschung Aristoteles energisch abschütteln,
Alle richteten sich gegen ihn auf — die Monisten und die Dualisten, die
Mechanisten und die Dynamisten; wie es dem Descartes von allen Seiten
erging,
habe ich Ihnen im vorigen Vortrag ge-
—————
¹) Haeckel's Weltbild bedeutet
einen Rückfall in unverfälschte Mythologie plumpester Art;
plump
nämlich, weil sie nicht intuitiv, aus Kraft der Anschauung,
sondern
räsonnierend zu Werke geht, und weil — im Unterschied von den
Mythologien
kindlicher Naturvölker — ihre haarsträubend kühnen
Gleichnisse
ebensowenig mit der Anschauung wie mit der Logik übereinstimmen.
Das
ist weder Dichtung, noch Wissenschaft, noch Philosophie, sondern ein
totgeborener
Bastard aus allen dreien.
²) Gegen die Behauptung,
Descartes'
Denken sei rein nach aussen gerichtet gewesen, könnte allenfalls
ein
hyperkritischer Buchstabenreiter den Einwurf richten, er habe
öfters
von der U n e n d l i c h k e i t in einem
Sinne gesprochen, der mehr an Bruno als
an Aristoteles gemahnt. Doch wer Descartes wirklich kennt, weiss, dass
er das Unendliche lediglich als eine notwendige Eigenschaft Gottes
vertritt — also rein theologisch
— in der
Wissenschaft
dagegen genau die selbe Unterscheidung aufstellt, die später Kant
so meisterhaft ausführte und kritisch verwertete, zwischen einem
Infinitum (Unendlichen) und
einem Indefinitum
(Nichtbeendeten). Bruno
verdankt
seine so schwärmerisch vorgetragene Lehre vom Unendlichen dem
Kardinal
Cusa, und gerade gegen Cusa wendet sich Descartes und stellt ihm seine
eigene abweichende Anschauung entgegen: Je ne dis pas que le monde soit
infini, mais indéfini seulement; en quoi il y a une
différence
assez remarquable: car pour dire qu'une chose est infinie, on doit
avoir
quelque raison qui la fasse connaître telle, ce qu'on ne peut
avoir
que de Dieu seul; mais pour dire qu'elle est indéfinie, il
suffit
de n'avoir point de raison par laquelle on puisse prouver qu'elle ait
des
bornes (Brief vom 6. 6. 1647, X, 46. Man vergleiche auch die Oeuvres
inédites
I, 67).
335 BRUNO
schildert.
Ich glaube, dies
hängt
folgendermassen Zusammen. Es liegt etwas Gewaltsames in dieser Anlage,
die Natur rein als Natur und das Denken auch als Natur aufzufassen. Ich
weiss nicht, ob Sie mich verstehen werden, wenn ich sage, dass durch
diese
Richtung des Denkens der Weg zu den I d e e n
versperrt ist, zu jenen
Ideen,
von denen unser erster Vortrag (und teilweise auch unser zweiter) unter
Anlehnung an Goethe handelte, und die, wie Kant sagt, aus dem focus
imaginarius
zurückgestrahlt werden (vergl. S.
65). Gerade diese Ideen sind
aber
das eigentlich Gebärende des Denkens in Bezug auf Natur; hier wird
der wahre Mythos geboren, der Mythos, welcher reine, unausdenkbare
Wahrheit
(wie Goethe's Metamorphose und Kant's Freiheit) ausspricht; wogegen das
stramm nach aussen gerichtete Denken mehr analysiert als beobachtet und
mehr organisiert als belebt. Goethe — der grosse Erschauer — hat das
mit
voller Klarheit erblickt, ohne dass er es in einen systematischen
Zusammenhang
gebracht hätte. Bei Aristoteles — dem »baumeisterlichen
Mann«,
wie er ihn mit einem einzigen Worte charakterisiert — beklagt er, dass
»der Begriff ohne Vermittelung zur Empirie hinzutritt«;
¹) ich glaube, Sie wissen nunmehr genau, warum es bei einem Denker
von
diesen
Anlagen nicht anders sein konnte: von einem äusseren Denken zu
einem
äusseren Schauen führt nur ein kühner Sprung. Welche
Mühe
sich Aristoteles gab, zwischen Gott und Welt zu vermitteln, haben Sie
gesehen;
der Erfolg war gering. Und von Descartes, der im Gegensatz zu
Aristoteles
von der Empirie ausgeht, urteilt Goethe, dass es ihm nicht recht habe
glücken
wollen, die Verbindung mit den Begriffen zu finden: »Es scheint
ihm
an Einbildungskraft und an Erhebung zu fehlen. Er findet keine
geistigen,
lebendigen Symbole, um sich und Anderen schwer auszusprechende
Erscheinungen
anzunähern. Er bedient sich, um das Unfassliche, ja das
Unbegreifliche
zu erklären, der krudesten sinnlichen Gleichnisse«. ²)
Das trifft genau zu, und zwar aus genau dem selben Grunde wie bei
Aristoteles,
nur dass der eine an dem einen Ufer, der andere an dem andern steht.
Und
darum kommen wir alle in die Lage — als Denker und als Forscher — uns
gerade
gegen diese Männer (mit dem Denken und Schauen beide nach aussen
gerichtet)
aufzulehnen. Baumeister sind sie, aber krud und gewalttätig gehen
sie mit dem Material um; ihnen fehlt
—————
¹) Geschichte der Farbenlehre,
I. Abt., 2. Abschn. und II. Abt., 2. Abschn.
²) Geschichte
der
Farbenlehre,
Abschnitt Renatus Cartesius.
336 BRUNO
die
Schärfe und Konsequenz der
Gruppe
Demokrit-Bruno (Denken und Schauen nach innen) sowie die ahnungsvolle,
zarte Intuitionskraft der Gruppe Goethe-Schopenhauer (Denken nach
innen,
Schauen nach aussen), ebenso auch die kompakte, logische
Abgeschlossenheit
der Gruppe Newton (Denken nach aussen, Schauen nach innen), zu der wir
jetzt gelangen. Doch endgültig überwinden und beiseite
schieben
lassen sie sich nicht; denn wir können weder die Organisierung des
Denkens noch die Organisierung des Angeschauten entbehren, und Keiner
ist
dazu so befähigt wie gerade diese Männer.
DENKEN NACH AUSSEN, SCHAUEN NACH INNEN
Noch eine
Kombination bleibt
zu nennen: die des Denkens nach aussen im Bunde mit dem Schauen
nach
innen. Es ist diese Anlage die
eigentlich
»naturwissenschaftliche«;
die aus ihr sich ergebende Anschauungsweise besitzt unter den
Naturforschern fast dogmatische
Geltung, und bisher ist
die
Wissenschaft bei dieser tyrannisch auferlegten Beschränkung gut
gefahren;
wer sich empörte, ist unterlegen. Wie hier die beiderseitige
Beschränkung
das Prinzip des geistigen Lebens ist, habe ich schon hervorgehoben; es
ergibt sich auch aus unserem graphischen Schema. Das Denken reflektiert
in diesem Falle gar nicht über sich, sondern wendet sich nur an
das
Angeschaute; das Schauen aber nimmt von der wahrgenommenen Natur einzig
das in Betracht, was dem Denken sich bequem fügt, an allem
Übrigen
geht es mit geschlossenen Augen vorbei. Wie Goethe von den
Naturforschern
treffend sagt: »Bei
solchen Leuten geht alles
rasch nach innen« (G.,
18. 5. 24).
Wie hier geschaut und wie hier
gedacht wird, haben wir im zweiten Vortrag, an dem Beispiel der
physikalischen
Optik, ausführlich studiert. Es ist Anthropomorphismus in der
denkbar
höchsten Potenz; denn nur über dasjenige wird gedacht, was
durch
die Sinne ins Gehirn kann — die ganze Welt des Unsichtbaren bleibt
unbeachtet;
und nur in derjenigen Weise wird »erschaut«, in der die
mechanisch
kombinierende Logik des Menschenhirns es will — die ganze Welt des
wahrhaft
Sichtbaren bleibt ebenfalls unbeachtet. Auf der Nadelspitze des
Anthropos
und seiner besonderen Interessen ruht hier alle Weisheit. Doch bitte
ich
zu bemerken, welche grosse Kraft gerade hierin liegt. In einem Denken,
welches ganz auf das Schauen gerichtet ist, kann es gar keine
»leere
Gedanken« geben; in einem Schauen, welches ganz auf das Denken
gerichtet
ist, sind »blinde Anschauungen« ausgeschlossen. Hier hat
alles
337 BRUNO
Hand
und Fuss, alles klappt; es ist
die
Gemütsrichtung der Praxis.
Was
zunächst das
spezifische
D e n k e n der Naturforscher anbelangt, so ist zu
beachten, dass
diese
sich in den meisten Fällen mit einem Minimum begnügen. Auf
die
eigentümliche Beschränkung in Newton's Denken habe ich schon
früher aufmerksam gemacht und zugleich gezeigt, wie vorteilhaft
diese
Beschränkung für das Werk war, das er zu vollbringen hatte
(S.
141 und 211). Über
die Unfähigkeit mancher bedeutendster
Naturforscher
— wir können ruhig sagen der grossen Mehrzahl — philosophische
Gedanken,
ja, auch nur die blosse Fragestellung, die aller Philosophie zu Grunde
liegt, zu begreifen, wäre viel zu sagen; es ist ein trauriges
Kapitel,
denn infolge dieser Unzulänglichkeit hat die sehr berechtigte
Achtung,
welche berühmte Naturforscher unter uns geniessen, zugleich zu
einer
weitverbreiteten philosophischen Verblödung geführt, die
wiederum
eine grosse Gefahr für den allgemeinen Stand der Kultur bedeutet.
Dass selbst ein Helmholtz
sich völlig unfähig erwies, das
Ziel und
die Methoden von Kant's kritischer Untersuchung des Menschengeistes
wirklich
zu verstehen, erwähnte ich schon früher und verwies Sie auf
Classen's
unwiderlegliche Ausführungen (S.
149). Was müssten wir erst
von
Lord Kelvin (William Thomson) — den schon vor Jahren einmal
Zöllner
in dieser Beziehung aufs Korn nahm (siehe dessen Natur der Kometen, 3.
Aufl.) — und von all den
englischen sogenannten
»natural philosophers« in Bausch und Bogen sagen? Lieber
will
ich Sie auf ein allerneuestes Beispiel hinweisen, auf den Chemiker
Wilhelm
Ostwald: denn es ist unerlässlich, dass Sie die unheilbare
Beschränktheit
dieser Gedankenrichtung genau erkennen lernen.
Jeder Freund
der Wissenschaft
ehrt den Namen Ostwald. Aus dem Chaos der Chemie hat Ostwald es
verstanden,
ein übersichtliches Gebäude zu gestalten, und sein kleines
Buch,
Wissenschaftliche Grundlagen der
analytischen Chemie (3. Aufl. 1901)
ist
das Entzücken Aller, die — wie ich selber — ihr chemisches Wissen
im Laboratorium aus tausend unzusammenhängenden Bruchstücken,
ohne Spur eines »geistigen Bandes« aufbauen mussten. Dieser
Gelehrte
— dessen methodologische Begabung so hervorragt — ist nun neuerdings
zur
Philosophie übergegangen. Von seinen Vorlesungen über
Naturphilosophie,
in denen er seine eigene Weltanschauung entwickelt, will ich nichts
sagen;
das würde zu weit führen; doch
338 BRUNO
jetzt
gibt er eine Zeitschrift
heraus,
Annalen der Naturphilosophie,
und gleich die erste Nummer schmückt
eine eigene kritische Arbeit über Kant. Was hier geboten wird,
übersteigt
alle Vorstellung. Hören Sie nur folgenden Satz: »Auf Kant's
Hauptfrage: wie sind synthetische Urteile a priori möglich?
antworten
wir: Urteile a priori sind
überhaupt nicht möglich und alles
Wissen stammt aus der Erfahrung«. ¹) Stossen Sie sich,
bitte, an
dem Ausdruck »synthetische Urteile a priori« nicht; es
handelt
sich um etwas, was der gehörig Vorbereitete unschwer fassen kann
und
wofür Kant — seiner
Gewohnheit gemäss — einen
scholastischen Ausdruck gebraucht hat; der ganze Schluss unseres
Descartes-Vortrags
hat Ihnen gezeigt, dass, damit wir Gegenstände überhaupt
wahrnehmen,
eine F o r m der Wahrnehmung gegeben sein
müsse, ebenso für das
Denken, so dass — wie Kant sagt — es auch »Bedingungen der
Erfahrung«
geben müsse (vgl. S. 258);
hierauf bezieht sich der einigermassen
kratzborstige Ausdruck »synthetische Urteile a priori«. Bisweilen
setzt Kant dafür das bezeichnendere Wort
»Erweiterungsurteile«,
womit angedeutet wird, dass wir stets zur Wahrnehmung etwas
hinzufügen,
was nicht in der Wahrnehmung enthalten war, ehe die sogenannte
Erfahrung
zu stande kommt. Für den Augenblick genügt jedoch die
Bemerkung,
dass die eine einzige Frage, aus welcher die ganze Kritik der reinen
Vernunft
hervorgeht, die ist: wie ist Erfahrung überhaupt möglich?
Dass
alles Wissen nur aus der Erfahrung stamme, das ist die
unerschütterliche
Überzeugung, für die Kant sein ganzes Leben hingegeben hat;
gegen
eine Welt theologischer Voreingenommenheit und
aristotelisch-scholastischer
Vernunftdogmen hat er diese Einsicht durchgesetzt, und aufgeräumt
hat er zugleich mit den unzulänglichen, auf halbem Wege
gebliebenen,
weil metaphysisch unzureichenden Versuchen der Descartes, Locke und
Hume;
er, der Erste — und bisher der Einzige — ist es, e
r a l l e i n, der gelehrt
und bewiesen hat: alles Wissen stammt aus der Erfahrung; er ist es, der
den lume interno und den divino sole intellettuale unseres
Bruno
²)
und
seiner modernen Parteigänger ein für allemal seines
trügerischen
Glanzes beraubt und an Stelle aller angeblichen inneren Erleuchtung den
Satz begründet hat: »Alle Erkenntnis von Dingen aus blossem
reinen Verstande oder reiner Vernunft ist nichts als
—————
¹) Erster
Band, erstes Heft genannter Zeitschrift. S. 52.
²) Vgl. Lo
spaccio S. 407
und an vielen anderen Orten.
339 BRUNO
lauter
Schein, und n u r i n d e
r
E r f a h r u n g
i s t W a h r h e i t« (P. Anh.). Es kommt aber hier darauf
an, genau zu
unterscheiden.
Denn versteht man unter Erfahrung nur die rein empirische Erfahrung,
nur
das Zeugnis der Sinne, ohne jede geistige Zutat, dann liegt es auf der
Hand, dass wir es hiermit allein nicht einmal bis zur deutlichen
Wahrnehmung
irgend eines Dinges bringen. Über die also verstandene Erfahrung
sagt
Kant auf der allerersten Seite der r.
V.: »Wenn aber gleich alle
unsere Erkenntnis m i t der Erfahrung anhebt, so
entspringt sie darum
doch
nicht eben alle a u s der Erfahrung. Denn es
könnte wohl sein, dass
selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei,
was
wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes
Erkenntnisvermögen
(durch sinnliche Eindrücke bloss veranlasst) aus sich selbst
hergibt,
welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als
bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung
desselben
geschickt gemacht hat«.
Ich verweise
Sie auf unseren
ersten
Vortrag (S. 75 fg.) wo ich
ausführlich hierüber berichtete
und
Ihnen zeigte, dass man die Kritik
der reinen Vernunft ebensogut Die
Vorschule
der Erfahrung betiteln könnte. Und nun kommt unser wackerer
Chemiker
und glaubt, g e g e n Kant beteuern zu müssen:
alles Wissen stammt aus
der Erfahrung! Das ist ja gerade, was bewiesen werden muss, und was nur
durch eine systematische, metaphysische Analyse der Erfahrung — eine
Zerlegung
jeder scheinbar einfachen Erfahrung in ihre Bestandteile und genaue
kritische
Zurückverfolgung jedes Bestandteiles auf seinen Ursprung, das
heisst
also, durch eine lückenlos vollständige Darstellung des
Vorganges
unserer menschlichen Erkenntnis — unwiderleglich dargetan werden kann.
»Das Schwerste von der ganzen Kritik ist die Analysis der
Erfahrung
überhaupt
und die Prinzipien der Möglichkeit der letzteren«, schreibt
Kant an seinen Schüler Beck (20.
1. 1792). Dazu — zu dieser einzig
aus einer Analyse der Erfahrung zu gewinnenden Beweisführung, dass
tatsächlich alles Wissen o h n e A u s n a
h m e aus der Erfahrung stamme —
schrieb Kant seine Kritiken. Und in ihnen zeigte er — er zeigte es mit
mathematischer Präzision — dass, was Erfahrung heisst,
überhaupt
nicht zu stande kommen könnte, wenn nicht unser Geist zur
Fällung
bestimmter Urteile organisiert wäre, durch welche erst Einheit
zwischen
den unzähligen sich kreuzenden Wahrnehmungen hergestellt wird (das
eben sind die
340 BRUNO
Urteile
a priori); woraus er aber
zugleich
folgerte, dass diese Urteile selbst lediglich auf Wahrnehmungen
Anwendung
finden und ausserhalb des Gebietes der Erfahrung gar keine irgendwie
geartete
Bedeutung besitzen. So dass er mit apodiktischer Gewissheit behauptet:
»Fangen wir nicht von Erfahrung an, oder gehen wir nicht nach
Gesetzen
des empirischen Zusammenhanges der Erscheinungen fort, so machen wir
uns
vergeblich Staat, das Dasein irgend eines Dinges erraten oder
erforschen
zu wollen« (r. V. 274).
Das gerade war der Schlag, durch den er
allen Obskurantismus ein für allemal fällte —
religiösen
Obskurantismus und wissenschaftlichen Obskurantismus. Denn solange
nicht
dargetan ist, dass die unverrückbaren Grenzen unseres Wissens und
Denkens in unserer eigenen Menschennatur gegeben sind (Vgl. S. 249 und
262), bleibt der
Schwärmerei und dem Dogmatisieren Tür und
Tor
offen. Hier, wie Kant sagt, muss das »nihil ulterius an die
herkulischen
Säulen geheftet werden, die die Natur selbst aufgestellt hat, um
die
Fahrt unserer Vernunft nur soweit, als die stetig fortlaufenden
Küsten
der Erfahrung reichen, fortzusetzen« (r. V. I, 395). Jetzt aber
entsteht
eine neue Abart der unausrottbaren Dunkelmänner; aus den
Klöstern
sind sie in die Laboratorien geflüchtet; und von dort aus wollen
sie
die kostbarste Errungenschaft unserer ganzen Kultur — und zwar
angeblich
im Namen der Wissenschaft —
vernichten und Kritik durch
neuerlichen
Dogmatismus ersetzen, durch den Dogmatismus einer kritiklosen,
antimetaphysischen,
köhlermässigen, retortenhaften »Erfahrung«.
Witzig
hatte schon Kant gespottet: »verschiedene Naturlehrer neuerer
Zeiten ... glauben den Aal der
Wissenschaft beim
Schwanze zu erwischen« (Tr.
II,
Anf.); zu ihnen gehört
Ostwald.
Vor genau vierzig Jahren ist jener vortreffliche — und wahrhaftig
streng
empirisch denkende — Mann, dem
wir alle so viel verdanken,
Friedrich Albert Lange, genau der selben Beschränktheit des
Auffassungsvermögens
bei John Stuart Mill entgegengetreten; er zeigte, dass Mill
überhaupt
nie verstanden hat, wovon Kant sprach, da »Kant da anfängt,
wo Mill aufhört«, und bemerkt sehr richtig, für Mill
sei
die Sache völlig erklärt, wo für Kant das eigentliche
Problem
— wie ist Erfahrung überhaupt möglich? — erst beginnt.
¹)
Aber
es hat nichts genützt; dieses unreine Denken, verbunden mit
unreinem
Schauen, erzeugt
—————
¹) Geschichte des
Materialismus, 2. Buch, Abschnitt 1, S. 376 der Ausgabe von 1881.
341 BRUNO
—
namentlich bei systematisch
einseitiger
Ausbildung — eine so eigenartige Beschränkung, dass diese Leute
zuletzt
tatsächlich unfähig werden, einen wirklichen Gedanken zu
erfassen.
Sie können ja in Ostwald's Aufsatz weiterlesen; selbst wer nur
einen
Schimmer von Kant's Ziel und Leistung hat, traut seinen Augen nicht und
schwankt zwischen hellem Auflachen und empörtem Zorn.
Ich habe den
Aufsatz mehrmals
sorgfältig studiert, um festzustellen, ob an irgend einem Orte
Ostwald
vielleicht irgend einen Gedanken Kant's — ich will nicht sagen gefasst,
das wäre zu viel verlangt — aber seinem richtigen Sinne nach
annähernd
g e a h n t habe; ob er jemals gemerkt habe, wovon Kant
eigentlich spricht;
doch das Ergebnis war negativ. Und so etwas wird geschrieben, gedruckt,
gelesen; und wer auf der Höhe seiner Zeit stehen will, muss darauf
abonnieren! Eine tiefbetrübende Erscheinung! An und für sich
würde es gar nichts schaden, wenn unsere Chemiker (wie Ostwald),
unsere
Zoologen (wie Haeckel) unfähig sind, auch nur die ersten
Grundfragen
aller Philosophie zu verstehen; ihr eigenes Gebiet ist gross genug, und
wie Kant vor hundertundzwanzig Jahren einem damaligen
»Ostwald«
liebenswürdig entgegnete: »Es ist eben nicht nötig,
dass
Jedermann Metaphysik studiere«; ¹) doch namentlich in einem
Lande
wie Deutschland, wo berühmte Fachgelehrte einen so enormen
Einfluss
besitzen, wächst der blutige Dilettantismus dieser Leute, die
plötzlich
ihre Retorten und Mikroskope verlassen, um über Nacht
Weltanschauungen
zu entwickeln, manchmal zu einer kulturellen Gefahr heran. So auch
hier.
Kant war ein Pionier der Freiheit; sein kritisches Lebenswerk ist ein
so
furchtbarer Zerstörer alles Aberglaubens und aller historischen
Dogmatik,
dass selbst Rom vor diesem einen Manne zittert. Jetzt aber ist unsere
Freiheit
— die innere Freiheit, die Befreiung aus vieltausendjährigen
Wahnvorstellungen
— wieder arg bedroht; der Feind rüstet auf der ganzen Linie; und
wie
sollen wir bestehen — wir Germanen, die wir nicht bloss die
Oberfläche
des ganzen Erdgestirns unserem Handel unterwerfen, sondern uns endlich
zu neuen, unägyptischen und unjüdischen, freier Männer
würdigen
Idealen aufschwingen wollen — wie sollen wir bestehen, wenn wir den
unerschöpflich
wahrheitsträchtigen religiösen Fabel-
—————
¹) Prolegomena,
Schluss der
Vorrede.
Man muss den ganzen Absatz lesen, über die
»Gemächlichkeit
oder
Blödsichtigkeit« derjenigen, welche »in Fragen der
Metaphysik
dreist entscheiden«, ohne dass sie die »echten kritischen
Grundsätze«
nur verstanden hätten.
342 BRUNO
bildern
der Altzeit und den
grandiosen
Gedankenstrukturen der Kirchenphilosophen nichts weiter
entgegenzusetzen
haben als das armselige Stammeln der Ostwald und Haeckel?
Soviel
über das Denken der
Naturforscher. Dass viele nicht so denken wie die etwas vorlauten
Wortführer,
dass namentlich manche unserer gediegensten Forscher sich zu Kant
bekennen,
wissen Sie; einer unserer tüchtigsten praktischen Zoologen warf,
als
er Ostwald's vorhin genannten Aufsatz gelesen hatte, das Heft in seinen
Papierkorb mit dem Zornesruf: »Philosophische Roheit!« Doch
auffallend ist es, dass tiefer denkende Naturforscher selten und wenig
das Ohr der Mehrzahl ihrer Kollegen und dadurch auch des grossen
Publikums
besitzen. Ein Descartes wirkt auf Philosophie mehr anregend als auf
Naturforschung,
und ein Heinrich Hertz bleibt seinen Kollegen wegen der Annahme
»ungesehener
Bewegungen« höchst verdächtig. Das hängt, glaube
ich,
mit
jener allgemeinen Disposition zusammen, die Sie jetzt kennen gelernt
haben,
und die für das, was man »exakte Forschung« nennt,
einzig
förderlich ist. Die beste Anlage für diese Forschung ist eben
ein abstraktes Sehen, verbunden mit einem konkreten Denken; dass sie
die
allerungünstigste für jegliche Philosophie sein muss, liegt
auf
der Hand. Sie wissen, was die Elektriker einen
»Kurzschluss«
nennen? Anstatt die ganze vorgesehene Bahn zurückzulegen — und z.
B. die Lampen in einem Hause anzuzünden — springt der Strom von
einem
Zweig der Leitung auf den andern hinüber und kehrt somit
unverrichteter
Dinge an seinen Ursprungsort zurück: sobald der typische Naturforscher
über
das ihm abgesteckte Gebiet hinaus will, entsteht bei ihm ein solcher
Kurzschluss;
er dringt weder nach der Seite des Denkens noch nach der des Schauens
wirklich
in den Gegenstand ein, sondern kreist ahnungslos herum und herum
innerhalb
des engsten Horizontes, der dem Menschengeiste gesteckt werden kann.
Denker
von der Art eines Ostwald und eines Haeckel können wir, glaube ich
— sobald sie den Boden ihrer unbestrittenen und uneingeschränkt
bewunderungswerten
naturwissenschaftlichen Meisterschaft verlassen, um Metaphysik zu
treiben — vortrefflich
definieren, indem wir
sie »Kurzschlussphilosophen« nennen.
Über das
Schauen bei dieser
Geistesanlage ist es kaum nötig, Näheres auszuführen,
weil
der Gegenstand in unserem zweiten Vortrag ausführlich behandelt
wurde.
Aus jenem Vortrag ist es uns
343 BRUNO
möglich,
eine mathematisch
genaue
Definition dieses Schauens nach innen zu geben: es ist dasjenige
Schauen,
welches möglichst nur die reine F o r m der
Anschauung
berücksichtigt, wogegen es den eigentlich empirischen Teil der
Anschauung so wenig wie
irgend tunlich in Betracht zieht (vgl. S. 151). Auch hier also
möglichste
Beschränkung auf das nur Menschliche und grundsätzliche
Ausserachtlassung
der aussermenschlichen Natur. Allerdings gibt es noch Wissenschaften,
bei
denen die Beschreibung eine vorwiegende Rolle spielt, weil das Material
erst zusammengetragen werden muss, doch die notwendige Tendenz aller
exakten
Wissenschaft ist — wie dort gezeigt — die Ausscheidung des
Empirischen;
nur dadurch kann sie »exakt« werden. Welche
eigentümliche
Kraft in dieser Verbindung abstrakten Schauens mit konkretem Denken
liegt,
habe ich vorhin hervorgehoben und Sie hatten es auch schon an dem
Beispiel
der wissenschaftlichen Optik gesehen. Hier stossen Denken und Schauen
unmittelbar
an einander an und verweben sich dermassen in einander, dass der
durchschnittliche
Naturforscher völlig unfähig ist, zwischen dem bloss
Gedachten
und dem wirklich Gesehenen in seinen Vorstellungen zu unterscheiden.
Ob es nun
spezifische D e n k e r geben
könne, die zu dieser Gruppe gehörten, erscheint mir
zweifelhaft;
ich suche in meinem Gedächtnis und weiss keinen zu nennen. Nur auf
dem Boden der Naturwissenschaft, nur vom Schauen aus, kann diese
Geistesanlage
es bis zur Würde grosser Geistestaten bringen, wie z. B. bei
Newton:
der spezifische Denker dagegen müsste vermutlich gleich ersticken.
VERWAHRUNGEN
Wir sind mit der
analytischen
Durcharbeitung
unseres Schemas zu Ende; lassen Sie mich einiges zur
allgemeinen
Orientierung noch hinzufügen.
Zunächst das eine: ich habe
bei diesem Schema nur die Indoeuropäer im Sinne gehabt, und zwar
nur
diejenigen Denker unter ihnen, die sich zu einer Weltanschauung erheben.
Ein Mann wie
Spinoza zum Beispiel
ist uns vollkommen fremd, und zwar schon aus dem einen Grunde: ihm
fehlt
alles Mythische. Während die Inder gelehrt hatten, selbst
Götter
könnten das Geheimnis des Daseins nicht ergründen, und
Aristoteles
— der so positive Geist — alle Philosophie vom
»Sichverwundern«
den An-
344 BRUNO
fang
nehmen und in zahlreiche
Aporien,
d. h. unlösbare Fragen ausgehen lässt, kennt Spinoza gar kein
Mysterium, er verwundert sich über nichts und sagt
ausdrücklich,
keine Frage übersteige die menschliche Fassungskraft, und alles
lasse
sich auf das allerbequemste erklären (commodissime explicari).
Was hier fehlt, ist jener Springbrunnen der Natur, aus dem nicht nur
alle
Mythologie, sondern auch alle Wissenschaft und alle Weltanschauung
fliesst:
die Phantasie. Die Mythen, sagt Renan, »verwandeln sich unter den
Händen der Semiten zu flacher historischer
Berichterstattung«; ¹)
genau das selbe geschieht hier. Spinoza ist der traumlose Mann.
Schlagen
wir Descartes' Korrespondenz auf; viel hören wir da von seinen
herrlichen
Träumen, »die ihn in Wälder, Gärten und
Zauberschlösser
führen, wo er alle Freuden erlebt, die Dichter nur je
ersonnen«;
er berichtet auch, wie bei ihm »die Träume des Tages sich
unmerklich
beim Erwachen mit den Träumen der Nacht
verschmelzen«. ²)
Wogegen
der Mann, dem die Nacht nichts offenbart, nicht fähig ist
einzusehen,
dass die Morgensonne dem nächtigen Geheimnis des eigenen Ich noch
die tausend unlösbaren Geheimnisse des Nichtich hinzugesellt. Der
traumlose Mann kann unmöglich die traumvollen Männer
verstehen.
Um so bedenklicher ist es, wenn Jener alles, was an ihm Mark und Bein
ist,
aus diesen zieht, wie das bei Spinoza der Fall ist. Denn von den zwei
Hauptwerken
des Spinoza heisst das eine Darlegung
der Prinzipien der Philosophie
des
Descartes und das andere — die Ethik — trägt zwar Bruno's Namen nicht,
zieht aber alle fundamentalen Grundsätze aus ihm, und zwar
nachgewiesenermassen
aus der genauen Bekanntschaft mit seinen Hauptschriften. ³)
Descartes
und Bruno — die zwei diametral entgegengesetzten Geister — unter ein
Dach
bringen, ist freilich eine Leistung; doch gelingen konnte sie nur einem
Manne, der beiden völlig fremd gegenüberstand, der ihre
lebendige
Persönlichkeit gar nicht, sondern nur gewisse formelle Momente in
dem Gefüge ihres Denkens erfasste. Wie wenig
—————
¹) Histoire du peuple
d'Israël,
13. éd., I. 49.
²) Vgl. den
Brief an Louis de
Balzac vom März 1631, VI, 199.
³) Dieser
Zusammenhang war
lange ungeahnt, weil Bruno's Schriften nirgends zu haben waren; noch
gegen
1810 klagte Goethe, sie seien nicht aufzutreiben (VIII, 189 fg.); lange
Zeit
hindurch scheint er nur das gekannt zu haben, was in Bayle s
Dictionnaire
citiert ist, also ins ganzen sechs kurze Stellen (vgl. Schöll:
Briefe
und Aufsätze von Goethe,
S. 101). Erst 1830 erschien, von Richard Wagner's Onkel, Adolf Wagner,
besorgt, eine Ausgabe der italienischen Schriften; die lateinischen
liegen
seit kaum zehn Jahren vollständig vor.
345 BRUNO
wirkliches
Verständnis für
unsere Weltanschauer hier vorhanden ist, beweist schon der blosse Titel
des Werkes über Descartes, wo es heisst, seine
»Prinzipien« seien more
geometrico demonstrata, also
geometrisch dargelegt
oder
bewiesen. Nun wissen Sie aber aus unserem vorigen Vortrag, dass
Descartes,
wenn er auch ein grosser Mathematiker war, nichtsdestoweniger in der
Mathematik
»nur die Hülle der (philosophischen) Methode«
(l'enveloppe
de cette méthode) erblickte, nicht die Methode selbst
(XI, 219),
und dass er — wie Plato — ihr für die Philosophie nur die
Bedeutung
einer Vorübung des Verstandes zuerkannte, eines
»Bildungsmittels
des philosophischen Denkens und eines leitenden Weges für die
Erkenntnis«; ¹)
Sie wissen auch, was er von Definitionen und Syllogismen hielt, qui
embarrassent
en pensant conduire, und die nur gut seien (XI, 369 fg.), das
Klare
dunkel
zu machen und den Weg zur wahren Einsicht zu versperren (vgl. S. 182).
Und nun kommt Einer und unternimmt es, uns Descartes mundrecht zu
machen,
indem er jeden Abschnitt mit einer Reihe von Definitionen, Axiomen und
Korollarien beginnt und dann auf streng syllogistischem Wege von einem
Satz zum anderen schreitet. Und wir blauäugigen, blonden,
blöden
homines europaei stehen da mit
offenem Munde, staunen den klugen,
ahnungslosen
Juden an und klatschen ihm für seine Verhunzung einer grossartigen
Weltanschauung Beifall! ²)
Hier wäre noch viel
hinzuzufügen,
es würde uns aber von unserem Thema weit abführen; nur um das
eine muss ich bitten; dass Sie sich nämlich durch die unwandelbare
Vorliebe unserer Fachphilosophen für Spinoza nicht irremachen
lassen.
Gerade das Schlechte an ihm, das der lebendigen Anschauung entfremdete,
alle Widersprüche, die die Wahrheit bietet, gewalttätig
tilgende
Logisch-Systematische ist es, was sie anzieht. Sehen Sie doch einen
—————
¹) Republik, 7. Buch,
525—527.
²) Höchst bezeichnend
für Spinoza's Verständnis ist auch die Tatsache, dass er nur
Teil 1 und 2 der Prinzipien
abhandelt, also den ganzen monde
visible
auslässt,
dasjenige, worauf es dem Descartes ankam. Kant, der sich wenig mit
Philosophen
befasst, hat doch einmal in einer Anmerkung seinem Unmut über
Spinoza's »über alle Grenzen gehende Anmassung«
Ausdruck gegeben und
die Ungeheuerlichkeit seiner mathematischen Methode hervorgehoben.
Für
Kant ist Spinoza's Philosophie der reine Typus einer Denkart, die in
allem
und jedem echter wissenschaftlicher Kritik der Erkenntnis widerspricht
(vgl. Was heisst sich im Denken
orientieren?). Spinoza scheint
überhaupt der einzige Mensch zu sein, gegen den der massvolle,
stets
zur Anerkennung fremder Verdienste geneigte Kant zeitlebens eine
unüberwindliche
Antipathie gefühlt hat (man vgl. Prof. Friedrich Heman's
Arbeit
über Kant und Spinoza in
den Kantstudien, Band V,
namentlich S.
291).
346 BRUNO
Descartes
an, wie herrlich er sein
Leben
lebt! Heute jagt er mit Wallenstein über die Ebenen Böhmens
dahin,
morgen schreibt er eine Abhandlung über Akustik, übermorgen
eine
Komödie, heute konstruiert er ein Teleskop, um die Himmelstiefen
zu
durchforschen, morgen seziert er Tiere, um das Geheimnis des
Blutumlaufs
zu ergründen, übermorgen stellt er Experimente an über
Luftschwere
und Lichtbrechung, den einen Tag erfindet er den Äther, den
zweiten
die analytische Geometrie, den dritten das Schema der bewegten
Körper;
das ist ein Leben des Lebens, eine ununterbrochene Wechselwirkung
zwischen
Mensch und Natur. Dagegen sitzt der »edle« Baruch von der
Wiege
bis zum Grabe in seinem Hinterstübchen, denkt nach über das,
was er bei Descartes und Bruno gelesen hat, und kombiniert sich (mit
unvergleichlichem
Geschick) ein Gewebe von Syllogismen daraus. Die Folge ist, dass neun
Zehntel
von dem, was Descartes geleistet hat, von unseren philosophischen
Schulmännern
unbeachtet bleibt; denn sie verstehen es nicht, es gehört nicht zu
ihrem »Fach«; was aber den ferneren Nachteil hat, dass sie
darum auch das zehnte Zehntel in falscher Perspektive erblicken;
wogegen
ihnen aus dem Lebenswerk eines Spinoza nicht ein einziges I-Tüpfel
verloren geht. Wir aber wollen daraus den Schluss ziehen, dass hier ein
Mann von einem anderen Geschlechte vor uns steht, eine Art
Ideal-Rabbiner; ¹)
wogegen unsere eigenen grossen Denker alle — ohne Ausnahme — Männer der Tat waren: Plato,
Aristoteles, Demokrit, die Brahmanen (denen es verboten war, sich der
Meditation
ganz zu widmen, ehe sie Grossvater geworden), Bruno, Leibniz, Bacon,
Hume;
alle schaffen und bauen mit Augen und Hand und sind Herren der
Vernunft,
nicht ihre Knechte. Nur ein äusserlichster Schein wäre
fähig,
bei Kant hierüber zu täuschen; denn auch für ihn war
Naturwissenschaft,
Erd- und Völkerkunde, Politik, Kriegskunst die Hauptnahrung eines
jeden Tages, und in seiner Erforschung der inneren Natur glich er mehr
einem Galilei als einem Spinoza, und förderte darum mehr Wahrheit
als widerspruchslose Systematik zutage.
—————
¹) Der
englische Philosoph
Jowett,
der berühmte Übersetzer Plato's, hat sehr richtig bemerkt:
»Die
Lehre Spinoza's kann im ganzen als jüdische Religionslehre ins
Abstrakte
übertragen beschrieben werden« (The Dialogues of Plato, 3.
ed.,
II, 21). Auch J. Freudenthal, der neueste Biograph Spinoza's, stellt
fest,
dass die Eindrucke der spezifisch jüdischen Religionsphilosophie
in
seinem Geiste unauslöschlich haften blieben (nach einem Bericht
über
Spinoza, sein Leben und seine Lehre,
1904, in der Beilage zur
Münchener
Allgemeinen Zeitung 26. 7. 1904).
347 BRUNO
Auch innerhalb unserer
eigenen
Völkergruppe müssen wir aber — wie gesagt — wohl zu unterscheiden wissen
zwischen den Männern, die eine eigene Weltanschauung
entwickeln,
und solchen, die nur als sogenannte »Philosophen« sich mit
der Technik und Historik des Denkens befassen; auf letztere findet
unser
Schema keine Anwendung. So gesteht z. B. John Stuart Mill selber
ausdrücklich,
er habe immer gewusst, dass er als original
thinker — das heisst als
schöpferischer
Denker — kaum die bescheidenste Begabung besitze, sondern nur für
»abstrakte Wissenschaft«, sowie für die kritische
Analyse
der Gedanken Anderer befähigt sei. Über dreissig Jahre war er
alt — so erzählt er uns — als er zum ersten Mal in seinem Leben zu
begreifen anfing, dass Kunst und Poesie Kulturelemente sind! Dieser
durchaus
edle und hochgesinnte Mann war eben systematisch zu einem Blinden
erzogen
worden; und wir hier, wir wissen jetzt ganz genau, warum unter diesen
Bedingungen
selbst der begabteste Mensch kein original
thinker werden kann. ¹) Mill
ist ein Logiker ersten Ranges, ein bedeutender politischer Ökonom
und Soziolog; ein Weltanschauer ist er nicht. Mit ihm und
seinesgleichen
befassen wir uns in diesen Vorträgen nicht.
Nach diesen für das
Verständnis
des Ganzen notwendigen Verwahrungen gegen das uns physisch und darum
auch
intellektuell Fremde, sowie gegen das uns zwar Verwandte, doch unserem
Thema nicht Angehörige, lassen Sie mich noch einige allgemeine
Bemerkungen
hinzufügen, die unsere schematischen Bemühungen gleichsam
zusammenfassen
und beschliessen sollen.
ZUSAMMENFASSENDES
Den
grundsätzlichen
Unterschied
zwischen dem typischen D e n k e r und dem
typischen A n s c h a u e r
können
Sie unnachahmlich klar
fassen, wenn Sie die beiden
Landsmänner
und Zeitgenossen, Sokrates und Demokrit, einander
gegenüberstellen.
Sokrates sagt: um die Natur zu erklären, darf man ausschliesslich
nach Vernunftgründen fragen; Demokrit sagt: um die Vernunft zu
erklären,
darf man ausschliesslich nach Naturvorgängen fragen.
Das betrifft
die Grundsätze.
Wollen Sie nun die beiden Kategorien von Männern am Werke
erblicken,
so brauchen Sie nur einen Demokrit, als Schauer — trotzdem sein Schauen
nach innen gerichtet ist — einem Aristoteles, als Denker,
gegenüberzustellen —
trotzdem dessen Denken nach aussen
gerichtet ist. Bei Demo-
—————
¹) Man vgl. die
Autobiography,
ed. 1873, S. 242 und 144.
348 BRUNO
krit
sind alle Vorstellungen einfach,
handgreiflich, unzerstörbar: der
leere Raum, die Atome, jede
Sinneswahrnehmung
ein Tasten, alle Veränderung Verbindung oder Trennung, alles
Geschehen
notwendig, Bewegungsursachen die einzigen, usw.; wie viel Abstraktion
bei
Demokrit auch mitspielt, es ist doch immer eine in Anschauung wurzelnde
Abstraktion. Bei Aristoteles dagegen sind die Vorstellungen entweder so
unendlich verwickelt (wie für die aus den Bewegungen der Sterne
mühevoll
abgeleiteten Substanzen), dass kein Mensch auf Erden sie fassen kann,
oder
aber sie entfernen sich so sehr von aller Anschaulichkeit, dass fast
nackte
Logik übrig bleibt, wie z. B. bei seinem höchsten Endzweck,
auf
den alles hinstrebt und dessen Dasein aus reinem Denken besteht, nicht
aber aus einem Denken von Gedanken — das wäre schon zu farbig — sondern aus einem Denken des Denkens;
desgleichen mit seinen tiefsinnigen Vorstellungen über
Möglichkeit,
Wirklichkeit, Verwirklichung usw. So unterscheiden sich Anschauer und
Denker.
Und auch folgendes ist interessant: der Anschauer Demokrit kümmert
sich nicht darum, ob das Denken mitkann oder nicht; ein leerer Raum,
eine
unteilbare Grösse, ein stofflicher Geist ist nicht denkbar; wer
wähnt,
er d e n k e sich hierbei wirklich etwas,
täuscht sich; das sind
lauter
Anschauungen, entstanden aus Analogie mit dem, was der Mensch in der
Natur
erblickt — nämlich mit dem Luftraum, den sehr kleinen
Massenteilchen
und der Tierwelt; dagegen ist beim spezifischen Denker die Vernunft
»Autokrat«
(S. 297), und er wird lieber eine nachweisbar
falsche Annahme machen
als
eine undenkbare. Bei der Herstellung der unerlässlichen Gleichung
zwischen Denken und Schauen ist eben der Beobachter der Natur eher
geneigt,
das Denken zu vergewaltigen als das Schauen; bei dem Denker
verhält
es sich umgekehrt: stimmt die Sache logisch, so mag sie im übrigen
ein Unding sein. Ohne Gewaltsamkeit geht es bei beiden nie; warum,
haben
Sie im vorigen Vortrag erfahren.
In dem soeben
genannten Falle
stellten wir dem Denker nach aussen den Schauer nach innen entgegen;
noch
paradoxer ist das Verhältnis eines nach innen Denkenden einem nach
aussen Schauenden gegenüber.
Die reinen
Denker, die
Männer,
die wie Bruno den dialektischen Beweis für die Unendlichkeit der
Welt
höher schätzen als das Zeugnis des Teleskops, und die lieber
die Nächte durchwachen, um das Dasein der Atome logisch zu
erschleichen,
als dass sie
349 BRUNO
mit
Hilfe dieser Hypothese der Atome
— a working hypothesis, wie
der Engländer so richtig sagt — etwas
für die empirische Wissenschaft leisteten, diese Männer haben
meistens trotzdem ein eigentümlich lebhaftes Gefühl für
die Natur;
sie schwärmen für sie, sie sind verliebt in sie, sie beten
sie
an. Von den Mystikern ist es Ihnen hinreichend bekannt; doch auch
Bruno,
der nicht zu den religiösen Mystikern gezählt werden kann,
sagt
von der Natur:
Est animal sanctum, sacrum et
venerabile,
mundus. ¹)
Mit Wonne saugen diese Männer
das
Weltbild ein, in seinen grossen, sowie auch in seinen kleinen und
kleinsten
Offenbarungen. Plotin lässt einen Vernünftler die Natur
befragen,
warum sie schaffe; sie antwortet: »weil ich eine schaulustige
Natur
bin«. ²) Solche Männer stehen gleichsam auf einem hohen
Berge,
der anschaulichen Welt gegenüber, und erblicken und
überblicken
sie darum manchmal ausserordentlich deutlich. »Die Welt ist ein
Universaltropus
des Geistes, ein symbolisches Bild desselben«, sagt einer von
ihnen,
Novalis; ²) erinnert das nicht an die aufgehende Sonne der Inder,
in
deren
Widerglanz man geistige Erleuchtung zu finden sicher war? Darum sind
solche
Intelligenzen für die Erkenntnis auch der äusseren Welt oft
sehr
kostbar; manchmal sind wohl bei ihnen die gegenseitigen Lagen der Dinge
und der Richtungen verwechselt, weil sie alles in der camera oscura
ihres
Geistes erblicken, doch ist in dieser camera
alles farbenreich, scharf
umrissen und wahrheitstrunken wie ein Traum. Daher z. B. die schier
unglaubliche
Intuition des Kosmos bei Bruno, mit der er nicht bloss Kopernikus
hinter
sich liess, sondern die später geborenen Galilei und Kepler
überholte.
Beachten Sie also wohl, dass der extreme Denker manchmal die
anschauliche
Welt besser sieht und uns ein besseres Bild von ihr gibt als der
Naturforscher,
der — wie jeder gewesene studiosus
philosophiae bezeugen kann —
häufig
gar nichts sieht, nichts als sein Mikroskop und seine Reagentien und
Formeln
und Zahlen und beschränkten Theorien. — Wie sehr aber auch das
Umgekehrte
gilt, wie oft, meine ich, es vorkommt, dass der nach aussen Schauende
einen
klaren Blick in die innersten Geheimnisse des Denkens wirft, wird Ihnen
nicht entgangen sein. Der antimystische Geist, der kühn auf die
Eroberung
der Natur ausgeht,
—————
¹) De Immenso et
Innumerabilibus,
lib. V. cap. 12, Vers. 1 (Band I², S 154).
²) 3. Enneade, Buch 8, Kap. 4.
³) Schriften,
5. Aufl., 1837,
III, 249.
350 BRUNO
sieht
sich nämlich bald
genötigt,
mit einer höchst störenden Beigabe abzurechnen, mit dem Ich
nämlich,
das ihm wie der Zopf in Chamisso's Tragischer
Geschichte immer und
überall,
er mag sich drehen, wie er will, »hinten hängt«.
Nolens
volens, er muss Metaphysik treiben; anders kommt er nicht zu
Rande und
kann nicht ungestört an die Arbeit gehen. Und so erleben wir denn
die merkwürdige Tatsache, dass es die Gegner des reinen Denkens
und
aller schulmässigen Philosophie sind, welche unser ganzes modernes
Denken befruchten und ihm die Wege weisen. Descartes empfindet geradezu
Antipathie für alles eigentliche Philosophieren; »nur wenige
Stunden im Jahre widme ich den Fragen der blossen Vernunft«,
berichtet
er von sich (IX, 132); er tut es nur hastig und übelgelaunt, um
sie
los zu werden; den gelehrten Studien und Übungen der
Fachphilosophen
misstraut er durchaus: les formes et
syllogismes ne servent de rien
pour
découvrir la vérité des choses (XI, 295);
die
Fachmänner
sind nach ihm »infolge ihrer philosophischen Studien weniger
fähig,
gesunde Vernunfteinsichten zu gewinnen, als hätten sie sich mit
solchen
Dingen niemals abgegeben«; »je weniger ein Mensch von
sogenannter
Philosophie gelernt hat, umso geeigneter ist er, die wahre zu
verstehen«,
»je mehr er in alter Philosophie sich abmüht, umso
untauglicher
wird er gemeiniglich sein, Wahrheit zu erfassen«. ¹) Die
Methoden,
in denen ein Bruno schwelgt — diese Atmosphäre der Abstraktion und
Dialektik und Wortklauberei, die noch heute alle Schulphilosophie
umgibt
— sind ihm in der Seele zuwider; nous
ne reconnaissons aucun des
êtres
philosophiques qui ne tombent pas réellement sous l'imagination
(XI. 299); weg damit! nichts will er davon wissen! was nicht angeschaut
werden kann, ist eitel Wortgeschelle! Ein Mann wie Descartes treibt
Metaphysik
lediglich, um sie los zu werden, lediglich um n i c h t
Metaphysiker zu
werden.
Und doch ist es gerade er, der unserer Metaphysik eine neue Richtung
gibt,
er, der so tief in das Denkproblem hineingeleuchtet hat, wie Bruno —
der
Dialektiker — in die Nacht des uns umgebenden Kosmos.
So viel
über die vorwiegend
Denkenden und die vorwiegend
—————
¹) Diese aus dem Vorwort zu den
Principia entnommenen
Äusserungen lauten im lateinischen Urtext:
Facile
enim observatu
est in Magistellis, ipsos per eam (nämlich die philosophia vulgaris)
rectae
rationis minus reddi capaces, quam forent si eam nunquam
attigissent
.... Unde concluendum est, eos qui quamminimum didicerunt illorum
omnium
quae hactenus nomine Philosophiae insiquiri solent, ad veram
percipiendam
quammaxime esse idoneos ...... quo plus in ea desudarunt, tanto solere
ad
verum percipiendum ineptiores esse.
351 BRUNO
Schauenden
in ihrem Gegensatz zu
einander.
Bezüglich der Art, wie die Gleichung zwischen Denken und Schauen
in
jedem einzelnen Kopfe vollzogen wird, je nach der Kombination, die bei
ihm vorwaltet, möchte ich Sie auf Folgendes besonders aufmerksam
machen.
Die
eigentliche Gestaltung geht
immer von dem nach aussen gerichteten Teile aus. Wo darum beide Teile
nach innen gerichtet sind, findet eine Auflösung aller Gestalt
statt.
Bei Demokrit — da er ein Schauer ist — geschah das konkret, er
zertrümmerte
die Gestalt und setzte dafür die körperlich gedachten Atome;
bei Bruno — dem Denker — geschah es auf abstraktem Wege, er löste
alles in eine Einheit auf, von der er zugeben musste: non é
figurato,
ne figurabile, non é terminato, ne terminabile; non é
forma,
perche non informa ne figura altro etc. ¹) Wo dagegen beide
Teile
nach
aussen gerichtet sind, fanden wir gleichsam einen Überschuss an
Gestaltungsbedürfnis.
Die gestaltende Macht des Aristoteles ist grossartig und zugleich
verhängnisvoll;
ein schwankender Umriss ist ihm unerträglich, ein Ding, von dem es
heissen könnte, non é
terminato ne terminabile wäre
für
ihn ein Ungeheuer; darum ist er der Fürst der Schemen: er
gestaltet
das Abstrakte, er gestaltet das Konkrete, er systematisiert das
Wissbare,
für das Unwissbare errichtet er Dogmen. Sehr ähnlich geht
Descartes
zu Werke, nur dass bei ihm das Schauen vorwiegt, so dass er sich vor
Probleme
gestellt findet, die Aristoteles nicht ahnte; doch das Prinzip ist das
selbe: er muss alles umfassen, alles gestalten, von dem Verhältnis
zwischen Gott und Mensch und zwischen Ausdehnung und Denken, bis zu der
Gestalt der Ätherteilchen und dem Mechanismus der
Lichtfortpflanzung.
Solche Männer schaffen wirklich Gesamtbilder, da ihre
Gestaltungskraft
beide Welten umfasst. Für Newton hingegen und die ihm sich
zugesellenden
Naturforscher ist es charakteristisch, dass — trotzdem sie sich viel darauf
einbilden,
streng empirisch zu Werke zu gehen — es das D e n k e
n ist, welches
bei
ihnen einzig gestaltend wirkt, und zwar weil dieses allein bei ihnen
nach
aussen gerichtet ist; wogegen ihr Schauen, als ein nach innen
Gerichtetes,
für Gestalt blind ist; weswegen unsere exakte Wissenschaft ihrem
Wesen
nach d i e g e d a n k e n h a f t e G e
s t a l t u n g d e s
—————
¹) De la causa, S. 277.
»Es
ist nicht gestaltet noch gestaltbar, nicht begrenzt noch begrenzbar;
noch
kann man es eine Form nennen, denn es formt und gestaltet auch nichts
andres.«
352 BRUNO
a
n s c h a u l i c h G e s t a l t l o s e n
genannt
werden
kann. Sie ist ein Denken über Phänomene, nicht ein wahres
Erschauen
der Phänomene. Sie beobachtet viel, aber nur mit Zuhilfenahme von
Instrumenten, die das menschenmässige Denken erfunden, und nur
unter
Zugrundelegung von Theorien, die geeignet sind, alles Erschaute sofort
in Gedanken umzuwandeln. Erst zerstückelt sie das Phänomen,
atomisiert
es, und dann baut sie es wieder auf — in Gedanken. Daher durften wir
mit
Recht in einem früheren Vortrag (S. 159) die Wissenschaft
als
s y s t e m a t i s c h e n
A n t h r o p o m o r p h i s m u s bezeichnen. Wie
lächerlich ist die oft
gehörte
Behauptung, unsere Vorfahren seien »naive Anthropomorphen«
gewesen: wer hinausschaut in die
freie Natur
und sich mit ihr eins fühlt —
denken Sie nur an Homer! — ist weit
weniger anthropomorph, als wer sich einredet, Farbe sei
Schwingungsdauer.
Doch diese berechtigte Kritik soll uns nicht der Einsicht
verschliessen,
dass gar keine Geistesrichtung so stark ist wie dieses
»Sichzusammenballen«
des Menschen auf das mittlere — sowohl der reinen Natur wie dem reinen
Ich gleich ferne — Gebiet, wo jeder Gedanke konkret und jede Anschauung
abstrakt ist. Den genauesten Gegensatz hierzu bietet Goethe, bei dem
das
gestaltende Prinzip, da das Denken sich nach innen wendet, in dem nach
aussen gerichteten Schauen wurzelt; daher der eigentümliche Drang
und das Vermögen, Ideen klar gestaltet hinauszuprojizieren in die
Welt des Auges. Da nämlich Ideen gleichsam aus einer
Widerspiegelung
der Natur in der Vernunft entstehen — dank dem unvermeidlichen
Bestreben
der letzteren, «Einheit in die besonderen Erkenntnisse zu
bringen«
(r. V. 675), also Einheit in
die Mannigfaltigkeit — so liegt es auf der
Hand, dass gerade ein Denken nach innen, welches stets nach Einheit
strebt,
verbunden mit einem Schauen nach aussen, welches die Mannigfaltigkeit
rein
erblickt, zum Operieren mit Ideen führen m u s s.
Wenn wir den Streit
über Idee und Erfahrung zwischen Goethe und Schiller jetzt noch
einmal
vornehmen wollten, wir würden zu bedeutend genaueren Ergebnissen
gelangen.
Etwas anders als bei Goethe gestaltet sich die Sache bei Schopenhauer,
weil er vom abstrakten Denken ausgeht; während also bei Goethe das
Denken die angeschaute Natur widerspiegelt, spiegelt bei Schopenhauer
die
Natur den Gedanken wider. Doch gerade dieses Verhältnis tut Wunder
für die Mitteilung von Gedanken, geboren in den allerdunkelsten
Tiefen
einer halbunbewussten (weil bildlosen)
353 BRUNO
und
völlig gestaltungsbaren
Vernunft;
und wenn auch Schopenhauer's Idee des Willens nie wirklich fassbar
wird,
vielmehr immer nur wie ein Schattenbild auf den Dingen liegt, so ergeht
es ihm nicht viel anders damit als Goethe mit seiner Metamorphose, die
auch zwischen Anschauung und Gedanken hin und her schwebt. Im Gegensatz
zu der Newtonischen Anlage, welche die ganze Natur dem Menschengeiste
einverleibt,
hat diese Anlage die Tendenz, den Menschengeist über die ganze
Natur
auszubreiten. Hierin wurzelt Sympathie und Antagonismus der beiden
Richtungen;
ein Goethe und ein Schopenhauer fühlen sich von der empirischen
Wissenschaft
leidenschaftlich angezogen und zugleich leidenschaftlich abgestossen;
der
Wissenschaft ergeht's mit ihnen genau ebenso. Wir aber, die wir bei
dieser
Betrachtung über allen Parteien schweben wollen, erkennen in
beiden
Empfindungen — der Liebe und dem Hass — die Symptome einer gewissen
nicht
wegzuleugnenden Verwandtschaft zwischen der Goethegruppe und der
Newtongruppe;
les extrêmes se touchent;
wogegen die
Aristoteles-Descartesrichtung
und die Bruno-Demokritrichtung ihnen beiden fernliegen und wiederum
untereinander
verwandt sind. Hierüber kann eine gewisse Neigung der Goethegruppe
zur Brunogruppe und der Newtongruppe zur Descartesgruppe nicht
täuschen,
denn es bleibt immer bei einem halben Verständnis.
Diese letzte
Bemerkung ist sehr
wichtig — wichtig nämlich für die klare Entwirrung der
mannigfaltigen
sich kreuzenden philosophischen Systeme. In dem Zusammenhang unseres
heutigen
Vortrags entnehmen wir ihr aber namentlich eine Belehrung, die diesen
Exkurs
bedeutungsvoll abschliessen soll, eine Belehrung über die
Entstehung
unserer mythischen Vorstellungen.
Wir wissen,
dass überall
bei der Gleichung zwischen Denken und Sein Mythen entstehen, indem nur
eine aus der traumschweren Phantasie geborene Regenbogenbrücke
fähig
ist, die getrennten Ufer mit einander zu verbinden; jetzt aber, wo
unser
Blick durch eingehende Zerlegung geschärft ist, bemerken wir, dass
diese Mythenbildung bei den zu unterscheidenden vier Hauptanlagen des
Menschengeistes sehr verschiedene Wege einschlägt. Wirklich
erfinderisch
in Bezug auf neue Mythen sind nur jene Anlagen, bei denen Schauen und
Denken
entweder beide nach aussen oder beide nach innen gerichtet sind; die
beiden
anderen Anlagen, die nach unserer graphischen Figur hier mit der
Doppelgabelung
(S. 321)
354 BRUNO
einheitlicher
und insofern
harmonischer
schienen — Denken nach innen, Schauen nach aussen, und Denken nach
aussen,
Schauen nach innen — sind allerdings in Bezug auf völlig
harmonische,
befriedigende und darum dauerhafte Gestaltungskraft den anderen
überlegen;
die einen sind zu ideellen, die anderen zu mathematischen Strukturen
besonders
befähigt; doch an wirklicher Erfindung sind sie arm. Ein einziger
Blick auf unser erstes Übersichtsschema (S. 316)
wird Sie davon
überzeugen.
Sie sehen da die zwei grossen Urmythen des Denkens: Monismus und
Pluralismus,
und die zwei grossen Urmythen des Schauens: Atomismus und
Organicismus;
Sie sehen die aus diesen Grundanschauungen sich ergebenden Hauptlehren
der Allbeseeltheit, des Dualismus von Leib und Seele, der mechanischen
Druck- und Stossbewegung, der dynamischen aus der Gestalt sich
ergebenden
Bewegung; und nun überlegen Sie sich, bitte, von wem diese Mythen
erfunden sind. Ausschliesslich von Männern, die zur Gruppe
Aristoteles
oder zur Gruppe Bruno gehören. Der Monismus und der Atomismus sind
beide aus Indien — dem Lande der ganz nach innen Gewandten — zu uns gekommen; den Pluralismus
und den Organicismus verdanken wir zunächst dem Volke der nach
aussen
schauenden und denkenden Griechen. Auch für die systematische
Weiterentwickelung
gilt dies: ohne Bruno, Aristoteles, Demokrit, Descartes besässen
wir
diese Begriffe nicht in solcher Deutlichkeit, und sie alle — wie Sie jetzt wissen — sind energisch
»gleichgerichtete« Geister, sei es nach innen, sei es nach
aussen. Dagegen bemächtigen sich die beiden anderen Gruppen dieser
Mythen und — indem sie Dinge mit einander vereinigen, die
ursprünglich
gar nicht zueinander gehörten — erhalten sie gleichsam ein reiches
Baumaterial, mit dem sie dann die kühnsten und künstlichsten
Gebäude errichten können. Darum aber — ich meine, weil man in
diesen Fällen die Mythen nicht entstehen, sondern nur gebrauchen
sieht
— bemerkt man hier häufig den mythischen Ursprung nicht. Unsere
heutige
Naturwissenschaft ist die grösste Verbraucherin von Mythen, die es
je gegeben hat; die Religionen sind im Vergleich sehr bescheiden;
unbekümmert
um Ursprung und Zusammenhang, wirft sie alle Träume durcheinander,
sobald sie nur der Vorstellung und dem Denken helfen: die Atome und der
leere Raum müssen bei ihr gemeinschaftlich mit dem
raumfüllenden
Äther und den dynamischen Grundsätzen hausen; in der Praxis
des
Forschers herrscht
355 BRUNO
ausnahmslos
die dualistische
Vorstellung
von Kraft und Stoff, in der Theorie wird Monismus gepredigt.
Ähnliches,
nur weniger offen zutage liegend, bemerken wir bei der Goethegruppe. So
ist es z. B. der eigenartige Charakter des Schopenhauerischen Systems,
zu gleicher Zeit dogmatischer Monismus und dogmatischer Dualismus zu
sein;
womit ich nicht etwa diesem grossartig konsequenten Denker Mangel an
Folgerichtigkeit
vorwerfen und ihm den üblichen Popanz der Fachmänner — die
angeblichen
»Widersprüche« —
vorhalten will, sondern nur darauf
aufmerksam mache, dass er ohne diese beiden, aus zwei widerstreitenden
Anschauungsarten hervorgegangenen Mythen seine eigene Gedankenwelt
nicht
zu gestalten und so fabelhaft plastisch auszustatten vermocht
hätte.
Goethe macht es genau ebenso mit dem Organicismus und dem Atomismus;
seine
Naturanschauung schillert in beiden Farben. Er hat die organicistische
Vorstellung, wie ich sie Ihnen vorhin erläuterte (S.
316 fg.), so
ganz in sich aufgenommen, dass er lehrt, wir sollten in der gesamten
organischen
Welt einen einzigen »Zusammenhang von vielen Elementen«
erkennen,
und voraussagt: »Wir werden zuletzt die ganze tierische Welt nur
als e i n grosses Element ansehen, wo ein Geschlecht
auf dem andern und
durch
das andere, wo nicht entsteht, doch sich erhält«; zugleich
aber
gebraucht er die entgegengesetzte Vorstellung der Monaden, d. h. der
organischen
Atome, und definiert das Leben rein maschinell als »die
rotierende
Bewegung der Monas um sich selbst«. ¹) Und was an dieser
Stelle
unwidersprechlich
gezeigt werden kann, greift überall bei ihm durch, bis ins
Einzelne.
Sie erinnern sich, wie unser Studium der Metamorphosenlehre Goethe's im
ersten Vortrag uns das Gleichzeitige und das Aufeinanderfolgende, die
Ruhe
und die Bewegung, die Einheit und die Vielheit als zugleich gedacht,
zugleich
vorgestellt gezeigt hatte (S. 57 fg.);
das rührt alles daher, dass
ein Mann, dessen Wesen zugleich nach innen und nach aussen gekehrt ist,
zweierlei Mythen zu seiner Weltanschauung heranzieht, zweierlei
Gleichungen
zwischen Denken und Schauen. Wie die Naturforscher aus der
doppelseitigen
Anlage mehr Kraft, so erhalten Männer von der Art Goethe's und
Schopenhauer's
durch den Reichtum und die Verschiedenartigkeit des mythischen
Elements,
über das sie verfügen, mehr Zartheit und Angemessenheit als
die
Männer der bei-
—————
¹)
Vgl. den Versuch einer
allgemeinen
Vergleichungslehre, W. A., II, 7, 223 und Aphoristisches zur
Morphologie
daselbst 6, 216.
356 BRUNO
den
einseitig gerichteten Gruppen.
Doch
— ich wiederhole es — nur diese letzteren, nur die ganz nach innen oder
ganz nach aussen gerichteten Männer sind die Erfinder von Mythen,
und selbst ein Goethe hat zwar die Idee von der Metamorphose aufstellen
können, weil sowohl das Wort und das Bild der
»Metamorphose«
wie auch die wissenschaftliche Tatsache der vergleichenden Anatomie um
ihn herum bestanden und somit nur noch die Idee — als Idee — sich ihrer
zu bemächtigen hatte; dagegen ist es ihm nie gelungen, die Idee,
die
ihn bei seinen vierzigjährigen Studien über die Farbenlehre
leitete,
in ein begrifflich fassbares Bild zu bringen, und darum bleibt das
anschauliche
Ziel unbekannt und die Welt vernimmt nur die abstrakte Vokabel
»Farbenlehre«;
an Gestaltungskraft fehlt es wahrlich nicht, wohl aber an der
kühnen
Gewaltsamkeit eines echten Mythenbildners.
Wie viel
wäre noch
hinzuzufügen!
Doch schon habe ich länger bei diesem Exkurs verweilt, als ich's
eigentlich
verantworten kann; ich freue mich, wenn er Ihnen manche Anregung
gewährt
hat, die über unser Thema hinausragt. Lassen Sie mich als
Beschluss
Sie an jenen wundervollen Vers der Kâthaka-Upanishad
erinnern:
Einen
ewigen Denker gibt's; nicht-ewige
Gedanken denkt er. ¹)
Wir Weltkinder des zwanzigsten
Jahrhunderts würden den Weisheitsspruch umdichten und sagen:
»Zahlreiche
vergängliche Denker gibt's; die ewigen Gedanken denken sie«.
Die besonderen Geistes- und Gemütsanlagen bestimmter
Rassenmischungen,
die klimatische und gesellschaftliche Umgebung, die eigentümliche
Kristallisationsgestalt der jeweiligen Religionsformen, namentlich aber
die Beschaffenheit des positiven Wissens — von dem in erster Reihe die
Art der Wechselwirkung zwischen Natur und Ich abhängt — alles dies
und noch mehr macht, dass die selben Gedankenvorstellungen immer wieder
neu und verschiedenartig aufgeputzt in die Erscheinung treten; wir
dürfen
uns auch dieses Neuen von Herzen freuen; das gerade ist es, was dem
Leben
Farbe gibt; doch müssen wir wohl beachten, dass im Reiche der
Gedanken,
wie im Reiche der Geschöpfe, das, was man Entwickelung nennen kann
— das,
—————
¹) Ich
citiere nach Max
Müller's
englischem Text: There is one
eternal Thinker, thinking non-eternal
thoughts
(The Upanishads II, 19).
Über die völlig abweichende Deutung,
welche
die indischen Kommentatoren geben und auch Deussen an der betreffenden
Upanishadstelle (5. Vâlli, Strophe 13) annimmt (siehe Sechzig
Upanishad's
des Veda, S. 283), vergleiche Max Müller's
Erläuterungen zum
gleichlautenden Vers der Svetâsvatara-Upanishad,
im selben Band
S.
264, Anm. 4.
357 BRUNO
was
einem Hegel und einem Darwin
einzig
bedeutend erschien — nur eine Oberflächenerscheinung ist und zum
grossen
Teil die Wahnvorstellung kurzlebiger Menschen; zu Grunde liegt das
Ewige,
Beharrende, Unverrückbare. Wenn Sie nun diese Ausführungen
über
die »ewigen Gedanken« erfasst haben — nicht aber in der
trügerischen
Vereinfachung jedes bloss Gedachten, sondern mit der reichen
Vielseitigkeit
wahrer Anschauung, welche alles Ergänzende, Widersprechende,
Supralogische
einschliesst — dann halten Sie nunmehr die ersten Elemente in der Hand,
aus denen ein Verständnis unserer gesamten indoeuropäischen
Philosophie sich ergibt, vom Rigveda bis zum heutigen Tag.
Und jetzt, wo
der Weg für
unsere heutigen Ausführungen über die Unterscheidung zwischen
Kritik und Dogmatismus nicht bloss freigelegt, sondern zum grossen Teil
schon zurückgelegt ist, muss ich den Strich ziehen und zu der
Gegenüberstellung
unserer beiden Helden — des Dogmatikers Bruno und des Kritikers Kant —
schreiten.
*
*
*
BRUNO UND KANT
Zwei grosse Weltanschauer — das
wird Ihnen aufgefallen sein —
habe ich in diesem Exkurs über die
Geschichte der Philosophie nicht
genannt: Plato und Kant. Sie
dürfen
nicht daraus den Schluss ziehen, diese Denker liessen sich nicht mit
voller
Sicherheit in unser Schema einreihen; sie stehen aber auf einer Stufe
höherer
Besonnenheit als alle anderen Philosophen; infolgedessen entwachsen sie
gleichsam den Schranken des Persönlichen, und es entsteht statt
des
üblichen menschlichen Flächenbildes eine vollkommen
plastische,
losgelöste Gestalt, um die wir ringsherum gehen, die wir von
verschiedenen
Seiten betrachten und in verschiedenen, zueinander symmetrischen, doch
voneinander wesentlich abweichenden Aspekten erblicken können, und
zwar darum können, weil diese Männer selber die Kraft
besassen,
das angeborene, nur eine Richtung zulassende Schwergewicht der
intellektuellen
Anlage zu überwinden, die Matrize, in welche ein jeder Mensch von
der Natur gegossen wird, zu zerbrechen und sich somit aus ihrer
erstarrenden
Umfassung zu befreien. In dieser Beziehung — nämlich in Betreff
der
geistigen Freiheit der Person — ist Aristoteles (und mögen seine
Leistungen
noch so bedeutend und unvergänglich sein) ein genau ebenso grosser
Abfall nach Plato,
358 BRUNO
wie
Hegel nach Kant. Was nach solchen
Männern kommt — ihr Werk angeblich fortsetzend und ergänzend
— verschleiert gerade das Unvergleichliche an der Persönlichkeit
und
entrückt es unseren Augen; alles, was an Aristoteles (als
philosophischem
Denker) Lebensstoff ist, stammt von Plato, das erkennen heute alle
fähige
Historiker an; doch der wahre Plato schwindet unter seinen Händen
hin; ebenso ergeht es Kant durch Fichte, Schelling, Hegel und — darüber dürfen Sie sich
trotz aller Bewunderung keiner Täuschung hingeben — ja, auch durch
Schopenhauer; ein Jeder ergreift den Seitenanblick, der seinem Wesen
zusagt,
und arbeitet ihn zu einem neuerlichen Flächenbilde aus. Diese
Flächenbilder
wäre es nun leicht, ohne weiteres in unser Schema einzureihen; wer
aber das Einzigartige an diesen beiden Männern — Plato und Kant —
die eigentlich nur miteinander verglichen werden können, erkennt,
wird nicht so schnell bei der Hand sein. So ist z. B. Kant zu gleicher
Zeit Mechanist und Dynamist, Atomist und Organicist; ¹) nicht aber
materialiter,
wie wir das bei den Naturforschern fanden (S. 354 fg.),
die
Widersprechendes
unvermittelt nebeneinanderstellen, sondern weil alle diese Begriffe bei
höchster kritischer Besonnenheit ihre absolute Bedeutung
verlieren.
Hier gehört darum eine genauere kritische Überlegung dazu, um
die »physische« Anlage (sozusagen) von der durch
besonnenste
Freiheit des Urteils gewonnenen, plastisch vielseitigen
Überzeugung
unterscheiden zu lernen.
Im Interesse
der Klarheit will
ich Ihnen gleich hier sagen, dass sowohl Plato wie Kant von Natur der
Goethe-Schopenhauer-Gruppe
angehören — Denken nach innen, Schauen nach aussen — doch werden
Sie
erst nach und nach, im Laufe der folgenden Ausführungen, genau
verstehen
lernen, was hiermit und mit den vorangeschickten Bemerkungen gesagt
sein
soll. Mit Plato werden wir uns im folgenden Vortrag befassen; heute
wollen
wir uns an Bruno halten behufs einer nur vorläufigen
Aufklärung
des schwierigen — eben weil
völlig plastischen
— Geländes.
Leider
stört hier wieder
von vornherein ein Vorurteil unser Vergleichungswerk; denn wir pflegen
uns sowohl von Bruno, wie von Kant eine falsche Vorstellung zu machen.
Bruno ist nämlich nicht der Vorverkünder einer neuen
Wissenschaft,
der Märtyrer
—————
¹) Besonders deutlich
auseinandergelegt
in der ersten Auflage der Kritik der
reinen Vernunft, erster Absatz der
Seite 370.
359 BRUNO
der Aufklärung, als welcher er
uns
geschildert wird, vielmehr ist er durch und durch Scholastiker; Kant
aber,
weit entfernt, der abstruse, auf dialektischen Nadelspitzen sich
mühsam
bis zu einem unfassbar abstrakten »Ding an sich«
hinschleppende
Philosophieprofessor zu sein, ist vielmehr ein Mann, der ganz
Anschauung,
ganz Beobachtung, ganz Naturforscher ist, nur dass sein Schauen
vornehmlich
auf das Ich, seine Beobachtung auf die Zerlegung des Seelenlebens, sein
Forschen auf das innere Wesen des Menschen gerichtet ist. Bruno's
Philosophie,
ja! sie ist ganz abstrakt; die Beobachtung der Natur — innerer oder
äusserer
— ist ihr unbekannt, ihre Argumente sind ausschliesslich dialektische;
Kant's Ziel ist dagegen von Anfang an — um ein häufig von ihm
gebrauchtes
Wort anzuwenden — die Befreiung von dem »Vernünfteln und
Übervernünfteln«. Bruno ist der typische
Bücherwurm und Schulmann, der alle
»Autoritäten« für und wider jedes Argument an den
Fingerspitzen hat und dessen Gedächtnis im Citieren so fabelhaft
ist,
dass es seine Zeitgenossen für Zauberei hielten; wogegen Kant
äusserst
selten und flüchtig einen Philosophen nennt. Von den Dialektikern
nach Bruno's Art urteilt Kant: »Die Athletik der Gelehrten ist
eine
Kunst, die sonsten wohl sehr nützlich sein mag, nicht viel (aber)
zum Vorteil der Wahrheit beiträgt«; ¹) und als Jemand
lobend
das Wort »Dialektik« auf seine Kritik der reinen Vernunft
angewandt
hatte, erwidert er entrüstet: »Meine kritischen
Untersuchungen
sind doch darauf angelegt, die unvermeidliche Dialektik, womit die
allerwärts
dogmatisch geführte reine Vernunft sich selbst verfängt und
verwickelt,
aufzulösen und auf immer zu vertilgen«. ²)
Sie sehen,
welche Gegensätze
hier einander gegenüberstehen. Und ich hätte noch sehr viel
hinzuzufügen;
denn der Bruno, den Sie überall finden, der Bruno, für den
unsere
Journalisten antichristlicher Richtung sich begeistern zu müssen
glauben,
der Bruno, den die Fortschrittsapostel als »den Morgenstern der
Religion
der Wissenschaft« feiern, der Bruno, dem man ein Standbild in Rom
errichtet hat und den die hasserfüllten Päpstlichen am
liebsten
noch einmal ins Leben zurückrufen möchten, um ihn noch einmal
und gründlicher zu verbrennen — dieser allbekannte konventionelle
Bruno hat mit dem wirklichen Manne dieses Namens nicht
—————
¹) Die falsche
Spitzfindigkeit
der vier syllogistischen Figuren, § 5.
²) Was
heisst: sich im Denken
orientieren?
360 BRUNO
viel
mehr als den blossen Namen
gemeinsam.
Und auch der andere Bruno, den Eugen Dühring und sein Schüler
Heinrich von Stein uns geschenkt haben — der Phantast und Dichter —
entspringt
mehr ihrer eigenen Phantasie und Dichtung als einer objektiven
Würdigung
des Vorläufers Spinoza's und Schelling's. Es ist mir nicht
möglich,
hier näher darauf einzugehen; wollen Sie aber erfahren, wie Bruno
philosophierte, so bitte ich, seine lateinischen Schriften
aufzuschlagen,
wo Sie wollen; oder wenn Ihnen das zu beschwerlich fällt,
betrachten
Sie z. B. in den verhältnismässig weniger schulmässigen
italienischen die Auseinandersetzung über die Wahrheit in dem
Beginn
des zweiten Dialogs des Spaccio
della Bestia trionfante. ¹) Nach dieser
Probe werden Sie leicht begreifen, dass für diesen Mann
die L o g i k
die Wissenschaft aller Wissenschaften sein musste, der modus sciendi
kurzweg,
und dass ihm als Bildungsideal nur dreierlei
Unterrichtsgegenstände
vorschwebten: die Grammatik (für das concipere), die Rhetorik
(für
das enuntiare) und die
Dialektik (zum argumentari).
²) Doch die
Zeit
drängt,
und von dem vielen, was ich über diesen Gegenstand hätte
sagen
mögen, will ich nur eins kurz erwähnen, weil es indirekt zu
unserem
Thema gehört. Sie dürfen nämlich nicht glauben, dass
Bruno's
Begeisterung für die Kopernikanische Kosmologie eine Folge
fleissiger
astronomischer Beobachtungen oder etwa eines durchdringenden Blickes
für
die Wirklichkeit war, wie wir ihn bei Leonardo bewunderten, der doch
hundert
Jahre früher als Bruno lebte; vielmehr gehörte die
Unendlichkeit
des Raumes zu den l o g i s c h e n P o s t u l
a t e n der Vernunft, die Bruno gegen
Aristoteles
mit Argumenten wie das folgende ver-
—————
¹) Da der
Ungelehrte, im
Gegensatz
zum Gelehrten, für jede Behauptung seine Beweise anführen
muss,
setze ich die betreffende Stelle her: La
veritá é quella entitá che non é
inferiore á cosa alchuna; perche se vuoi fengere qualche cosa
avanti la
veritá, bisogna che stimi quella essere altro che veritá,
et se la
fingi
altro che veritá, necesseriamente la intenderai non haver
veritá in se
et essere senza veritá, non essere vera; onde consequentemente
é
falsa, é cosa de niente, é nulla, é non ente.
Lascio
che niente puó essere prima che la veritá, se non
é vero
che quello sia primo et sopra la veritá, et cotal vero Essere
non
puó
essere se non per la veritá. Cossi non puó essere altro
insieme
con la veritá et essere
quel medesimo senza veritá; per cio
che se per
la veritá non
é vero, non é ente, é falso, é
nulla.
Parimente
non puó essere cosa appressa
la veritade; perche
se é dopo lei, é senza lei, se
é
senza lei, non é vero, perche non há la veritá in se; sará dumque
falso, sará dumque
niente. Dumque la veritá liá la veritá avanti tutte
le
cose, é con tutte le cose, é dopo tutte le
cose etc. Diese Worte
spricht Sophia,
die
verkörperte Weisheit; ich glaube, die eine Stelle
genügt,
um die »Modernität« dieses Geistes zu
charakterisieren: man braucht
nur etwa Descartes'
Règles
pour la direction de l'esprit daneben zu halten, damit man
begreife,
worin
der Unterschied liegt.
²) Siehe die Summa terminorum
metaphysicorum an verschiedenen Stellen.
361 BRUNO
focht:
da die menschliche Phantasie
ein
Ende nicht denken kann, muss die Natur unendlich sein, denn sonst
könnte
sie diese Phantasie nicht enthalten! ¹) Und Kopernikus ist
deswegen
für Bruno so leidenschaftlich willkommen, so wahr, so siegreich,
weil
nunmehr dieses den Neoplatonikern entnommene Postulat der Vernunft
plötzlich
tatsächlichen Boden gewinnt. Für Galilei bedeutet die
Kopernikanische
Tat die Entfesselung des Geistes zum Aufbau einer
neuen Mechanik und Kosmologie, für
Bruno bedeutet sie die Materialisierung eines abstrakten Gedankens,
zugleich
den Sieg des Prinzips der Auflösung aller Gestalt — das er
verfocht
— gegenüber dem von Aristoteles verteidigten Grundsatz der
all-organisierenden
Gestalt (vgl. S. 331).
Und nun lassen
Sie mich zu diesen
wenigen Worten über Bruno einige ebenso eilige über Kant's
Verhältnis
zur Schulweisheit hinzufügen, als Ergänzung des vorhin
Gesagten.
Kant's
verhältnismässig
geringe Beachtung der Schriften der Philosophen ist schon mehr als
einem
Forscher aufgefallen. In der ganzen Kritik
der reinen Vernunft werden
kaum
zwanzig Namen genannt und zumeist flüchtig; einzig Plato, Hume und
Leibniz werden ein oder zwei Mal ein wenig eingehender in Betracht
gezogen;
in der Kritik der Urteilskraft
werden nicht zehn Philosophen
erwähnt,
und zwar die meisten ein einziges Mal in einem einzigen Satz. ²)
Besonders
bezeichnend ist es ausserdem, dass Kant einzig die allerbedeutendsten
Denker
der Menschheit berücksichtigt, die anderen gar nicht. »Der
gelehrte
Pöbel weiss nichts, er versteht nichts, aber er redet von allem,
und was er redet, darauf pocht er«: so urteilt Kant. ³)
Während
Bruno nicht allein Thomas von Aquin's Werke »wie die eigene Seele
zu lieben« versichert 4) und jeden
Scholastiker alter und neuer
Zeit
auswendig weiss, sondern es nicht verschmäht, sich auf die
trübsten
apokryphen Quellen mystischer Afterphilosophiererei und Theosophisterei
— einen Apollonius, einen Hermes Trismegistus — zu berufen und dem
spanischen
Narren und Gaukler, Ramon Lull, der mit Hilfe von Drehscheiben
Erkenntnis
mechanisch zu erlangen vorgab, die Hälfte
—————
¹) Vgl. Acrotismus,
Art. XXI,
I¹, 117 fg.
²) Ich
verweise auf die
Namenregister
in Vorländer's Ausgaben dieser beiden Werke. (Nota bene: eine
Hauptstelle
über Hume in der Kritik der
reinen Vernunft ist unter
»Skeptiker«
gebucht und mit dem Druckfehler S. 781 statt 786.)
³)
Versuch, den Begriff der negativen
Grössen in die Weltweisheit einzuführen 3. Abschnitt, § 4
4)
Domenico Berti: Vita
di Giordano
Bruno da Nola, 1868, p. 362 seg.
362 BRUNO
seines
Lebens widmet und ihn als
omniscium
propemodumque divinum, allwissend und fast göttlich,
preist,
erfahren
wir von Kant, dass er die bändereichen Elukubrationen der
Fachphilosophen
»mit Widerwillen, ja mit einigem Hasse ansähe« (Br. 8.
4. 66), und sein langjähriger Amanuensis Jachmann
berichtet: »Kant ... fand alles in sich selbst und verlor
darüber die
Fähigkeit,
etwas in einem Andern zu finden. Gerade zu der Zeit der höchsten
Reife
und Kraft seines Verstandes, als er die kritische Philosophie
bearbeitete,
war ihm nichts schwerer, als sich in das System eines Andern
hineinzudenken.
Selbst die Schriften seiner Gegner konnte er nur mit der
äussersten
Mühe fassen, weil es ihm unmöglich war, sich auch nur auf
einige
Zeit aus seinem originellen Gedankensystem herauszusetzen«.
¹)
Des
braven Jachmann Kommentar ist hinfällig, doch um so wertvoller ist
sein naiv aufrichtiges Zeugnis. Kant hat einfach zu keiner Zeit seines
Lebens der eigentlichen Schulphilosophie Interesse abgewinnen
können.
Er, der bis in sein hohes Alter jedes Reisebuch las, er, der alles, was
die Naturwissenschaften betraf, mit erregtester Aufmerksamkeit
verfolgte,
er konnte die Schriften seiner gelehrten Herren Fachkollegen »nur
mit der äussersten Mühe fassen«, und da er — wenn er
sich
hin und wieder diese äusserste Mühe gab — doch nicht
»die
Fähigkeit besass, etwas darin zu finden«, so liess er sie am
liebsten ungelesen liegen. Beschwichtigende Erklärungen sind hier
nicht am Platze; ein heutiger Kant würde genau ebenso verfahren.
Wir
aber lernen hierdurch einsehen, wie wenig man berechtigt ist, Kant
kurzweg
zu den schulmässigen Philosophen zu rechnen; es verrückt
durchaus
das Bild seiner intellektuellen Persönlichkeit. Nur wer Kant aus
dem
richtigen Gesichtswinkel erblickt, versteht, warum er an seinem
Lebensende
sich genötigt sah, gegen die Fachphilosophen zu Felde zu ziehen,
die
ihre »eigenen Grillen« in seine kritische Weltanschauung
schon
damals hineinzutragen begannen, und gegen »die Schulmetaphysik,
die mit Vernunft rast«, und gegen die
Universitätsprofessoren,
deren Beschäftigung darin bestehe: »die einfachste Sache von
der Welt geflissentlich zu der schwierigsten zu machen«; diesen
»fruchtlosen
Spitzfindigkeiten« gegenüber betont Kant, dass s
e i n e
Philosophie
»aus dem Standpunkte des gemeinen Verstandes zu verstehen
sei«,
und fordert einzig und allein, dass dieser gemeine Verstand sich zu dem
kritischen Geschäft »hinlänglich kultiviere«.
—————
¹)
Originalausgabe,
1804, S. 23, Ausgabe von Alfons Hoffmann, 1902, S. 17.
363 BRUNO
Kant
fasst eben die metaphysische
Analyse
unseres Denkens als eine grundlegende Kulturarbeit allgemeinster
Bedeutung
auf, »für alle künftigen Zeitalter zu den höchsten
Zwecken der Menschheit unentbehrlich«, was einen Gegensatz zu
ihrer
Auffassung als abstruse gelehrte Fachdisziplin bedeutet. ¹) Daher
denn
seine
Behauptung: »Der p r a k t i s c h e Philosoph
ist der eigentliche
Philosoph«
(Logik, III); daher der so
rührende Ruf — mitten in der Kritik
der
reinen Vernunft — nach »denjenigen, denen Philosophie
am H e r z e n
l i e g t,
welches mehr gesagt ist, als man gemeiniglich antrifft« (S. 376).
DAS ANSCHAULICHE BEI KANT
Das hier über Kant's
Verhältnis
zu den Schulmännern Ausgeführte ist zugleich ein
Symptom
einer tiefer liegenden Eigenschaft der Persönlichkeit:
ihres
Bedürfnisses nach Anschauung. Wer das noch nicht eingesehen hat, kennt Kant
nicht. Einmal spricht er von einem Wassertropfen und seinem wimmelnden
Leben kleinster Geschlechter und fährt dann fort: »Erhebe
ich
von da mein Auge in die Höhe, um den unermesslichen Raum von
Welten
wie von Stäubchen wimmeln zu sehen, so kann keine menschliche
Sprache
das Gefühl ausdrücken, was ein solcher Gedanke erregt, und
alle
subtile metaphysische Zergliederung weicht sehr weit der Erhabenheit
und
Würde, die einer solchen A n s c h a u u n g
eigen ist«. ²) Diese
Erhabenheit
und Würde der Anschauung zieht sich durch Kant's ganzes Lebenswerk
als der rote Faden, an dem allein es ihm gelang, an dem allein es auch
uns gelingen kann, durch die überwuchernde Gedankenwelt einen
sicheren
Weg zu finden. Auch auf dem Gebiete der praktischen Philosophie, das,
wie
Sie soeben gehört haben, Kant am meisten am Herzen lag und wo ihm
vielfach (mit rücksichtsloser Heftigkeit namentlich von
Schopenhauer)
das theoretische, abstrakte Wesen zum Vorwurf gemacht wird, lehrt er:
»Das
Gute hat eine unwiderstehliche Gewalt, w e n n
e s a n g e s c h a u t
w i r d«. ³)
Wo Kant sehr schwer zu verstehen wird, rührt das in Wirklichkeit
nicht
— wie bei anderen Philosophen —
daher, dass die Abstraktion zu subtil
wird, um irgend eine Vorstellung damit zu verknüpfen, sondern im
Gegenteil
daher, dass
—————
¹) Siehe
Vorrede und Anhang der
Prolegomena (1783), Was heisst: sich im Denken orientieren?
(1786),
Über
eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der Vernunft durch eine
ältere
entbehrlich gemacht werden soll (1790), Von einem neuerdings erhobenen
vornehmen Ton in der Philosophie (1796), Erklärung in Beziehung
auf
Fichte's Wissenschaftslehre (1799), Briefe usw.
²) Der
einzige mögliche
Beweisgrund
usw., 2. Abt., 5. Betrachtg., § 2.
³) Reicke: Kantiana, S.
164.
364 BRUNO
Kant
Verhältnisse des
Menscheninnern,
die er mit vollendeter Deutlichkeit — mit jener Deutlichkeit, die wir
im
ersten Vortrage kennen lernten (S.
32 fg.) — erblickt, nur äusserst
mühsam auf dem — in diesem Falle einzig möglichen — Wege der
rein begrifflichen Schilderung mitzuteilen vermag. Daher die vielen
Wiederholungen,
die für Kant's Schriften bezeichnend sind und die den
Anfänger
oft irreführen, da er glaubt, jetzt komme ein Neues, wogegen Kant
noch immer bemüht ist, durch neue Gedankengefüge und neue
Wörter
die selbe anschauliche Erkenntnis uns so lange mitzuteilen, bis wir
sie
e r f a h r e n und e r b l i c k e n,
anstatt sie bloss zu denken. Meines Wissens hat
noch kein Philosophielehrer auf diese grundlegende und für das
Verständnis
des Kantischen Stils massgebende Tatsache aufmerksam gemacht. Jeder
Mensch,
der eine gewisse technische Ausbildung genossen hat, kann rein logische
Gedankenkombinationen verstehen und selber — wenn ihn danach
gelüstet — ausführen;
Sie haben aber im
vorigen Vortrag gesehen, wie ungeheuer schwer es ist, die durch
höchste
Anschauungskraft gewonnene Überzeugung mitzuteilen, dass die
elementaren
Verstandesbegriffe, die Urformen alles Urteilens, nur von der
Anschauungsseite
aus »ersehen«, nicht aber durch Worte definiert werden
können — und zwar gerade
darum nicht, weil
sie selber die Urbegriffe sind (S. 265). Ebenso schwer ist die
Mitteilung
von Kant's Freiheitsbegriff. Hier soll die unmittelbare innere
Erfahrung
eines Jeden in ihrem Zusammenhang mit dem unerbittlichen, Alle
vereinigenden
Naturganzen aufgezeigt werden; es versagt aber die Sprache der Logik,
denn
eine solche Einsicht übersteigt das beschränkte Gebiet ihrer
Kompetenz und u m f a s s t es. Ähnlich
verhält es sich mit dem
»Ding
an sich«, mit der Idealität von Zeit und Raum, mit der
Gottesvorstellung
als »regulativem Prinzip der Vernunft« usw. Sie dürfen
ja nicht glauben, es handle sich hier um irgend eine mystische
Erleuchtung,
gar um eine »intellektuelle Anschauung«, wie sie Schelling,
oder eine »übersinnliche Anschauung«, wie sie Hegel
lehrt;
Kant verabscheut alle derartigen Vorstellungen. »Ich bitte mir
Ihre
Meinung aus, aber wo möglich in der Sprache der Menschen. Denn ich
armer Erdensohn bin zu der Göttersprache der anschauenden Vernunft
gar nicht organisiert. Was man mir aus den gemeinen Begriffen nach
logischer
Regel vorbuchstabieren kann, das erreiche ich noch wohl«. So
schreibt
Kant an Hamann (6. 4. 1774).
Vielmehr liegt, wie gesagt, die Schwierig-
365 BRUNO
keit
darin begründet, dass
unsere
Worte sich zunächst auf Begriffe beziehen, und dass Begriffe nur
mittelbar
Anschauungen zu wecken vermögen. Ein ganzes Buch über die
weisse
Farbe und ihre Eigenschaften sagt mir nicht, was Weiss ist; um es zu
erfahren,
muss ich die Augen öffnen und Weiss erblicken; dieses Beispiel
gebraucht
Descartes; genau ebenso verhält es sich mit den von Kant
erblickten
Tatsachen des Menscheninnern; ehe man sie erblickt hat, ist es nicht
nur
schwer, sondern unmöglich, Kant zu verstehen. Wer darum bei diesem
Manne nur das Wort, nicht die Anschauung, nur das logische Gefüge,
nicht die diesem Gefüge zu Grunde liegenden Tatsachen erfasst, hat
wenig oder nichts davon. ¹) Sie dagegen, verehrte Freunde, werden
in
Hinkunft
genau wissen, was das zu bedeuten hat, wenn Kant von denen, die
Philosophie
studieren wollen, als Grundlage fordert — nicht in erster Reihe
logische
und dialektische Studien, noch geschichtliche Kenntnisse, sondern —
eine
»Übung in Erfahrungsurteilen« und
»Achtsamkeit«
auf »die verglichenen Empfindungen der Sinne«; mit anderen
Worten: eine Schulung des inneren und äusseren Schauens. ²)
Und
Sie werden verstehen, warum uns Kant ausdrücklich gegen »die
Lehren der Philosophen« und gegen »die Definitionen, die so
oft trügen«, warnt, wogegen »die echte Methode der
Metaphysik
mit derjenigen im Grunde einerlei ist, die Newton in die
Naturwissenschaft
einführte«‚ die Methode nämlich der »sicheren
Erfahrungen«,
hier allerdings »innere Erfahrung«, aber nicht minder
»unmittelbar
augenscheinlich«. ³) Ich glaube auch, Sie werden schon jetzt
zu
begreifen
beginnen, warum man von diesem Manne, dessen Denken so ganz nach innen
gerichtet und so übermässig, so allverschlingend entwickelt
war,
dass seine physischen Augen wenig Kraft mehr übrig hatten, um in
die
Welt hinauszublicken (vgl. den ersten Vortrag, S. 31 fg.), warum, sage
ich,
man von ihm sagen darf und muss, sein Schauen sei doch — wie bei
Aristoteles,
Descartes und Goethe — nach
aussen gerichtet gewesen, nicht
nach innen. Auch im dunkelsten Innern, was er erblickte, war
überall O r g a n i s a t i o n. Sie werden
auch verstehen, was das bedeutet, wenn Kant in
einem nachgelassenen Fragment behauptet: »Ich bin selbst aus
Neigung
—————
¹) Vgl. hierzu die
Bemerkungen
in der Vorrede zu diesen Vorträgen, S. 5.
²) Nachricht von der Einrichtung
der Vorlesungen in dem Winterhalbjahr 1765 bis 1766.
³) Untersuchung über die
Deutlichkeit der Grundsätze usw., Einleitung und Zweite
Betrachtung.
366 BRUNO
ein
Forscher«, ¹) und wenn er
an
den Anatomen Sömmerring schreibt, wie dieser mit der
»Zergliederung
des Sichtbaren am Menschen«, so sei er, Kant, »mit
der
Z e r g l i e d e r u n g
d e s U n s i c h t b a r e n an demselben
beschäftigt« (Br. 10. 8. 95).
Dass von Kant's 65 Schriften fast die Hälfte — nämlich 29 —
nicht
philosophischen Inhalts ist, und dass er in der Periode seiner
fortschreitenden
Entwickelung (bis zum vierzigsten Jahre) nur sechs Schriften
veröffentlicht
hat, die metaphysische Themata behandeln, gegen dreizehn, die Physik,
Mathematik,
Geognosis, Meteorologie, Astronomie und Anthropologie zum Gegenstand
haben,
ist für die Kenntnis der Persönlichkeit gewiss von Wert. Das
ist der diametrale Gegensatz zu Bruno, bei dem selbst die glorreichste
Anschauungstatsache — der unbegrenzte Sternenhimmel — nur
logisch-dialektischer
Gedankensystematik dient; wogegen es bei Kant die Gedanken selbst sind,
die auf Anschauung beruhen und die gerade darum mühsam nach
begrifflichem
Ausdrucke zu ringen haben. ²)
Hiermit hängt Kant's strenge
Einschränkung der Bedeutung reiner Logik zusammen. Bruno — wie Sie
vorhin hörten — hielt sie für die Wissenschaft aller
Wissenschaften,
für die eigentliche Quelle des Erkennens. Sein Ideal von absoluter
Erkenntnis ist das, was eine von aller Berührung mit der
Sinnenwelt
gereinigte Vernunft (intellectus purus)
durch blosse Introspektion, das
heisst Selbstbeschauung (omnia in se
ipsa videndo) gewahrt, wogegen
sie
nichts ausserhalb ihrer selbst anschaut (non extra se
speculando). ³)
Und wenn er auch eine derartige völlig reine Erkenntnis nur Gott
zuschreibt,
so hat das nicht viel zu bedeuten, da es im Grunde genommen für
Bruno
nur eine einzige Monade gibt und jede Intelligenz in diese eine,
allumfassende
stufenweise übergeht, ihr also wesensverwandt ist. 4)
So dass
schliesslich
die Definition der Wahrheit doch lautet: »Sie ist das
Verstandesgesetz
widergespiegelt von den Dingen«, veritas est ipsa lex
intelligentiae
observata in rebus. 5)
—————
¹) In Hartenstein's 1868er
Ausgabe
VIII, 624.
²) Charakteristisch ist es,
dass
Kant in seinem Kurzen Abriss einer
Geschichte der Philosophie (Logik
IV),
als er zu Descartes gelangt, das cogito
ergo sum und andere
Tüfteleien,
die noch heute unsere Handbücher ausfüllen, gar nicht
erwähnt,
sondern lediglich das eine hervorhebt, Descartes habe »viel dazu
beigetragen, dem Denken D e u t l i c h k e i t zu
geben, durch sein aufgestelltes
Kriterium der Wahrheit, das er in die K l a r h e i t
und E v i d e n z der
Erkenntnis
setzte«.
³) Vgl. z. B. Summa
terminorum
metaphysicorum, ed. Tocco I4, p. 113
fg.
4) Siehe a. a. O. weiter,
und
namentlich
De imaginum, signorum et idearum
compositione, praefatio, II³, 90.
5) Summa
terminorum metaphysicorum, ed. Tocco I4,
104.
367 BRUNO
Ganz
genau die selbe Grundauffassung
erkühnte Hegel zu der ungeheuerlichen Definition: »Die Logik
ist die Wissenschaft von Gott«. Dahingegen Kant ein für
allemal
gezeigt hat, dass Logik nur eine formale Wissenschaft ist, jene
Begriffsverknüpfungen
betreffend, die wir im vorigen Vortrag als eine notwendige Funktion des
Menschengeistes kennen lernten. »Weil aber die blosse
F o r m der
Erkenntnis«,
sagt er, »so sehr sie auch mit logischen Gesetzen
übereinstimmen
mag, noch lange nicht hinreicht, materielle (objektive) Wahrheit der
Erkenntnis
darum auszumachen, so kann sich niemand bloss mit der Logik wagen,
über
Gegenstände zu urteilen und irgend e t w a
s z u b e h a u p t e n, o h n
e v o n
i h n e n
v o r h e r g e g r ü n d e t e E r k u n
d i g u n g a u s s e r d e r L o g
i k e i n g e z o g e n z u
h a b e n,
um hernach bloss die Benutzung und Verknüpfung derselben in einem
zusammenhängenden Ganzen nach logischen Gesetzen zu
versuchen«.
Um ein anschauliches Bild zu gebrauchen: mit Hilfe von Schmelztiegel, Hammer
und Ciselierfeile kann sich der Mensch Goldornamente nach Lust
verfertigen;
doch das Gold selbst wächst draussen in der Natur und wird mit Axt
und Spaten an das Licht des Tages gefördert. Und so schreibt Kant
denn weiter: »Nun kann man es als eine sichere und
brauchbare
W a r n u n g
anmerken: dass die allgemeine Logik, als Organon betrachtet,
jederzeit
e i n e L o g i k d e s S c h e i n
s (d. i. dialektisch) sei. Denn da sie uns gar
nichts
über den Inhalt der Erkenntnis lehrt, sondern nur bloss die
formalen
Bedingungen der Übereinstimmung mit dem Verstande, welche
übrigens
in Ansehung der Gegenstände gänzlich gleichgültig sind:
so muss die Zumutung, sich derselben als eines Werkzeugs (Organon) zu
gebrauchen,
um seine Kenntnisse wenigstens dem Vorgeben nach auszubreiten und zu
erweitern,
auf nichts als G e s c h w ä t z i g k e i t
hinauslaufen, alles, was man will,
mit einigem Schein zu behaupten oder auch nach Belieben
anzufechten«
(r. V. 85 fg.).
Sie sehen, wie
klar und scharf
sich Kant von allen Scholastikern, von allen Rationalisten (im wahren
Sinne
dieses Wortes) — Sokrates, Bruno, Hegel — unterscheidet, wie anders er
Bedeutung und Begrenzung der Menschenvernunft als diese Männer
erblickt
und beurteilt. Und Sie werden nie mehr geneigt sein, ihn wegen einer
gewissen
äusseren Anlehnung in der Sprache jenen Philosophen beizugesellen,
von denen er in Wirklichkeit durch seine ganze Art zu schauen, durch
Grundsätze,
Methoden und Ziel völlig geschieden ist.
368 BRUNO
BRUNO'S
WELTANSCHAUUNG
Soviel nur vorläufig zur
orientierenden Gegenüberstellung von Kant und Bruno in
einer
richtigeren Beleuchtung als die der landläufigen
Vorstellungen.
Jetzt wollen wir Bruno's Weltanschauung in ihren Hauptlinien kurz in Betracht
ziehen, um auf diesem Wege in unserer Kenntnis der Kantischen
intellektuellen
Persönlichkeit noch weiter gefördert zu werden.
Sie
dürfen nicht glauben,
Bruno sei ein besonders erfinderischer Geist gewesen. Fast alle seine
Lehren
sind direkt dem Deutschen Nikolaus Krebs aus Kues an der Mosel (besser
bekannt unter dem romanisierten Namen eines Kardinals von Cusa)
entnommen
— darunter auch die von der Unendlichkeit des Raumes und den
unzähligen
bewohnten Welten, sowie die andere von der Endlichkeit der Teilbarkeit,
d. h. von den Atomen, auch die von der philosophischen Bedeutung der
Zahlen,
von der Stufenleiter der Dinge und Wesen, von der Identität der
Gegensätze,
von der Einfaltung (zum Gedanken) und Entfaltung (zum Stoff) usw. Auch
diejenige Anschauung, die sich bei ihm am originellsten gibt, die Lehre
von den Monaden, ist ein alter Besitz der Neuplatoniker, und sogar der
Ausdruck, Gott sei »die Monade der Monaden« (monadum monas)
kommt bei Synesius von Kyrene, tausend Jahre vor Bruno, vor. ¹)
—————
¹) Bruno's Zusammenhang mit den
Neoplatonikern ist ein so enger, dass er in seinen besten Schriften
manchmal
dem Plotin Seite für Seite und Bild für Bild folgt, wovon man
sich mit Hilfe der Anmerkungen zu Lasson's deutscher Ausgabe des De la
causa leicht überzeugen kann; siehe auch
Bartholmèss: Jordano
Bruno II, 320: Lorsqu'on compare Bruno avec les néo-platoniciens
d'Alexandrie, il faut renoncer à citer, parce qu'il faudrait
noter
chaque page. Zunächst aber knüpft Bruno mit seiner
Lehre von
der Unendlichkeit des Raumes, der Bewegung der Erde und den zahllosen
bewohnten
Welten an Lukrez an und an den Hauptlehrer seiner Jugendjahre,
Kardinal
Nicolaus von Cusa (gestorben 1464, neun Jahre vor der Geburt des
Kopernikus);
worüber man dessen De docta
ignorantia Buch 2. Kap. 12 und
die zusammenfassende Schrift von F. J. Clemens: Giordano Bruno und
Nicolaus
von Cusa, 1847, S. 142 fg. vergleichen wolle. Bei dieser
Gelegenheit
muss
ich darauf aufmerksam machen, dass zu Bruno's Lebzeiten die Werke des
Kopernikus
noch nicht auf dem Index standen und Cusa's Werke hohes Ansehen
genossen;
somit glaube ich, dass Bruno als Häretiker, als Pantheist und als
Verteidiger der Magie, nicht als Philosoph und Naturforscher von der
Inquisition
verdammt worden ist. In den vor kurzem bekannt gewordenen Opera inedita
des Bruno behandeln zwei Schriften ausführlich die Magie und die
Astrologie;
es sind dies De magia et Theses de
magia und De magia
mathematica. Doch auch in den längst bekannten Werken,
sowohl in den
italienischen
(siehe namentlich De la causa
p. 204, 237 und Lo Spaccio p.
530, 532)
wie
auch in den lateinischen (siehe namentlich Sigillus sigillorum p. 165
und
197—199) finden sich Stellen genug, die Bruno's Glauben an die Magie,
der
eng mit seiner ganzen Auffassung der Natur zusammenhängt,
bezeugen. In
dem De imaginum, signorum et idearum
compositione (ed. Tocco II³‚ 90)
lesen wir: Ille qui in se videt
omnia, quique est omnia
idem .....
Tunc ut possibile esset intelligere omnia, non esset etiam diffcile
omnia
facere. Im Sigillus sigillorum
lehrt er die transfusio virtutis ab
una
potentia in
369 BRUNO
Im
Grunde genommen ist Bruno's
Weltanschauung einfach, betrübend einfach; ein einziger Gedanke
tritt
immer wieder von allen Seiten auf: der der All-Einheit. Eigentlich
dürften
wir bei ihm — wenigstens wenn wir von dem Panlogiker die logische
Konsequenz
übernehmen wollten — zwischen Natur und Ich und zwischen beiden
und
Gott gar nicht unterscheiden. Den Ausspruch, die Natur sei »Gott
in den Dingen«, habe ich schon früher citiert (S. 288);
ebenso
verschmilzt das Ich mit Gott und mit Natur; wie Gott »die Natur
der
Natur«, so ist er auch das Ich des Ichs, »die Seele der
Seelen,
das Leben der Leben, uns innerlicher, näher, eigener als wir
selber
uns sein können«; ist doch der Weisheit letzter Schluss,
dass
es »nur ein Wesen, ein einziges selbes Ding gibt«. ¹)
Was
wir
also unterscheiden könnten als Gott, Welt und Ich, ist nur eine
Art
Bewegung oder Pulsation innerhalb des All-Einen: von Gott herab zur
Natur
und zum Ich, und wieder hinauf von dem Ich durch die Natur zu Gott. Influit Deus per naturam in rationem;
ratio attollitur per naturam in
Deum. ²)
Streng genommen können wir nur
—————
aliam
(II²‚ 176). Hier ist es
interessant,
daran zu erinnern, dass Roger Bacon drei Jahrhunderte früher eine
Schrift De nullitate magiae
verfasst hatte. Dass Bruno ein
»Stern«
war, wird Niemand, der ihn kennt, in Abrede stellen; aus solchen
Zügen
lernt man aber zwischen Morgensternen und Abendsternen unterscheiden. —
Nicht unwichtig ist es, in diesem Zusammenhang zu bemerken, dass Bruno,
wenn er auch kein kirchlich einwandfreier Katholik war, noch weit
weniger
Sympathie für die Reformation und ihre Lehren bekundete. In dem
grossen
Streite über Glauben und gute Werke steht er auf Seite des Papstes
gegen Luther und nennt des Letzteren Auffassung una vana,
bovina
et asina fiducia, einen nichtigen, ochsenmässigen und
eselhaften
Glauben!
Und die Reformation in Bausch und Bogen belegt er mit dem Kosenamen
macchia
del mondo, Schandfleck der Erde, und erfleht von Gott: che le dissipe,
disperda et annulle et spinga con qualsivolga forza, braccio et
industria
sino à la memoria del nome di tanto pestifero germe, dass
er
die
Reformierten zerstreue, zerstöre, vertreibe und vernichte,
gleichviel
welche Gewaltmittel, welche Waffen, welche List dies erfordern
möge,
bis selbst die Erinnerung an den blossen Namen eines so
pestilentialischen
Geschlechtes ausgelöscht sei (La
Spaccio, 2. Dialogo, 1. parte, p.
462—468). Wie man sieht, diese »Religion der Wissenschaft«
verspricht eine eigentümliche Toleranz.
¹) ...si Dio non é la
natura istessa, certo é la natura de la natura ... (Italienische Schriften, p.
533);
Dio é vicino, con se, et dentro
di se, piu ch'egli medesimo esser
non si possa; come quello ch'é anima de le anime, vita de le
vite
(p. 700); abbiamo dottrina di non
cercar la divinitá rimossa da noi, se
l'abbiamo appresso di noi, anzi di dentro piu che noi medesimi
siamo dentro
a noi
(p. 128) .... tutti sono
principalmente, realmente et finalmente uno
ente,
una cosa medesima (p. 483).
Diese Citate sind,
das erste und letzte aus dem Spaccio
de la bestia trionfante (3.
Dialog, 2. Teil und 2. Dialog, 2. Teil, das zweite aus den De
gl'heroici
furori (2. Teil I, 4), das dritte aus der Cena delle ceneri (I. Dialog).
²)
»Durch die Natur
ergiesst sich Gott in die Vernunft; die Vernunft steigt an der Natur
hinauf
zu Gott« (De triplici minimo
I³, 136). Vgl. De la causa,
principio et uno p. 283: ... é
una et medesima scala, per la quale la natura descende alla produttion
de le cose, et l'intelletto ascende alla cognition di quelle; l'uno et
l'altra da l'unitá procede all'unitá.....
370 BRUNO
sagen,
es gibt eine einzige
unterschiedslose
Einheit; wir können sie Gottheit nennen, als »absolute
Einheit
ohne jegliche Artbildung«, unitá
assoluta, senza specie alchuna
(S.
284); wir können aber den Begriff Gott auslassen und sagen, die
Natur
ist das All und ist ihr eigener Schöpfer, natura ipsa est
fabrifactor
(De imm. VIII, 10, 11); oder
aber wir brauchen weder von Gott noch von
Natur zu reden, sondern bloss das unbewegliche Unendliche des Weltalls
— infinito immobile —
anzunehmen, in welchem keine Unterschiede
statthaben,
wo der mathematische Punkt das selbe ist, wie der ganze Körper,
der
Mittelpunkt das selbe wie der Kreis, das Begrenzte das selbe wie das
Unbegrenzte,
das Grosse wie das Kleine (S. 279), das Ganze wie der Teil, das Licht
wie
die Finsternis, der Hass wie die Liebe, das Ungestaltete wie das
Gestaltete
(S. 206 fg.); hier besteht darum kein Unterschied zwischen einem
Menschen
und einer Ameise, einer Ameise und einem Stern oder der Sonne (S. 278);
die Seele einer Blume, einer Auster, einer Fliege, eines Menschen sind
der Art und der Gattung nach gleichen Wesens; ¹) in diesem
Gott-Kosmos-Ich
ist die Grenze zugleich keine Grenze, die Gestalt keine Gestalt, der
Stoff
kein Stoff, die Seele keine Seele, und selbst der Irrtum ist
»latente
Wahrheit« (De umbris id.
II¹, 29); denn alles ist zugleich
alles,
ohne Unterscheidung, da alles nur ein Einziges ist; ²) hier
genügt
ein einziger Name, um alles zu nennen, hier denkt nur eine einzige
Vernunft
und nur ein einziger Wille begehrt. ³) Die Gegensätze —
sobald man
sie von diesem Standpunkt aus durchschaut — sind keine, vielmehr
schmelzen
sie wie Zwillinge zusammen; quae in
se ipsis diversa sunt atque
contraria,
in ipso simplicissimo principio sunt unum et idem; 4)
alle Dinge
bestehen
ja aus scheinbaren Gegensätzen, tutte
le cose constano de
contrarii; 5)
wer aber Erkenntnis besitzt, für den verwischen sich die
Unterschiede,
sie laufen zusammen in die coincidentia
oppositorum. Faltet sich das
Eine,
Unterschiedslose gleichsam auseinander, so entsteht das All mit seinen
ungezählten Geschöpfen;
—————
¹) L'anima de l'huomo é medesima
in essenza specifica et generica con quella de le mosche,
ostreche
marine et piante (Cabala del cavallo Pegaseo, S. 585).
²) Siehe
den ganzen Anfang des
5. Dialogs des De la causa,
wo das in allen italienischen und
lateinischen
Schriften hundertmal Wiederholte zusammengefasst und mit grossartigem
Schwunge
vorgetragen wird.
³) Nomen unum omnia significans,
Ratio una omnia considerans, omnia unus desiderans Appetitus (De
monade, cap.
2).
4)
Summa terminorum
metaphysicorum I4, 117.
5) De
gl'heroici furori (1. T.,
2. Dial., S. 634).
371 BRUNO
faltet
sich das All zusammen, so
steht
wieder das unterschiedslose Eine da. ¹) Somit ist die
E n t s t e h u n g eines
Dinges
die Ausdehnung eines unwahrnehmbaren, nur durch den Gedanken zu
erfassenden
Mittelpunktes, sein D a s e i n ist das andauernde
Bestehen der also
entstandenen
Kugel, sein T o d ist ihr Einschrumpfen auf den
anfänglichen
Mittelpunkt. ²)
Lassen Sie
mich im Vorbeigehen
eine kurze Bemerkung einschalten. Diese Lehre des All-Eins ist so alt
wie
das indo-europäische Menschengeschlecht und darum gewiss
ehrwürdig. Ganz rein und daher auch wirklich verständlich und
sympathisch
finden
Sie sie aber nur im brahmanischen Indien; weniger befriedigend, doch
noch
immer schön, manchmal hinreissend, bei unseren europäischen
Mystikern.
Um annehmbar zu sein, muss sie eben auf religiösem Boden stehen:
der
religiöse Mythos umgibt sie dann mit Bildern, und der moralische
Zweck
der tatsächlichen Vereinigung des Menschen mit Gott leiht ihr eine
erhabene Würde; wo sie dagegen — wie teilweise schon bei Plotin
und
ausgesprochenermassen bei Bruno — nicht supralogisch, sondern
rationalistisch,
nicht als Eingebung, sondern als Argument sich gibt, wo sie nicht die
intensive
Erhebung des Individuums, sondern den unwiderleglichen dialektischen
Nachweis
empirischer Wahrheiten erstrebt, ist die All-Einslehre schier
unerträglich.
Einer elenden logischen Zwickmühle zuliebe vernichtet sie Gestalt,
Persönlichkeit, analytische Wissenschaft. Dass solche Dinge sich
wieder
unter uns regen und schwache Köpfe betören, ist sehr
bedauerlich.
In der Religion können wir den Mysticismus nicht entbehren, denn
durch
ihn erst wird der Mythos lebendige Erfahrung; für die Philosophie
ist er Gift.
Ohne nun in
diesem Augenblick
weiter auf das Grundsätzliche einzugehen, mache ich Sie darauf
aufmerksam,
dass der schwächste Punkt in Bruno's Weltanschauung die mangelnde
Betonung des I c h ist. Denn nur aus dem
Gesichtswinkel der absoluten
Subjektivität
besitzt die All-Einslehre wirklich Berechtigung. »Es ist kein
Beweis
möglich für das Vorhandensein einer Zweiheit, und nur der
zweitlose
Atman (das Selbst) ist beweisbar«; so lehrten die
—————
¹) ... l'unitá é
uno infinito implicito et l'infinito é la unitá explicita (Lo spaccio
p. 454, und an vielen anderen
Stellen).
²) Nativitas est expansio centri,
vita consistentia sphaerae, mors contractio in centrum
(De triplici
minimo I, 3, Anmerk., ed. Tocco I³‚ 143).
372 BRUNO
Brahmanen,
¹) und selbst wer auf dem
Standpunkt
der plattesten empirischen Wissenschaft steht, ist nicht in der Lage,
das
Gegenteil zwingend nachzuweisen. Daraus folgt aber dann ohne weiteres: »Hier, inwendig im Herzen, liegt
der Herr des Weltalls«, und: »unsere Seele ist diese
Welt«. ²) Gott und die Welt im Ich vereint und in einander
überfliessend:
das ist ein konsequenter Standpunkt, und da er auf sicheren — wenn auch
einseitig aufgefassten — Tatsachen ruht, so ist er auch ergebnisreich.
Wogegen die durch Definition und Argument gefolgerte Gleichsetzung von
Natur und Gott, mit bloss untergeordneter Herbeiziehung des Ich als
»Vernunft«
oder »denkender Substanz«, als eines schwebenden Wesens,
das
überall im Wege steht und von dem darum möglichst wenig die
Rede
sein muss, offenbar eine Anschauung ist, deren Wurzeln wenig tief
reichen;
denn woher kommen alle diese Argumente, wenn nicht vom Ich? Bruno steht
genau dort, wo die Priester stehen; diese haben aber das Dogma als
Grundlage
und die praktische Bewährung als Ziel; wogegen wer ähnlich
subjektiv-rationalistisch
zu Werke geht, das Glaubensdogma aber durch das Vernunftdogma ersetzt
und
als Ziel sich die Erkenntnis der absoluten Wahrheit stellt, in der Luft
schwebt. In dem einen Fall — bei den echten Mystikern — haben wir ein
Erlebnis
vor uns, in dem andern — bei den Dialektikern — ein Hirngespinst. Der
durch
Bruno aufgebrachte und von Spinoza »geometrisch« dargetane
Deus sive Natura ist ein
scholastisch erschlichenes, aus Aberglauben
und
»Logik des Scheins« zusammengeschweisstes Begriffsphantom.
Gott erblickt man nicht in der Natur, kann man nicht aus ihr
herausdemonstrieren;
nur wer ihn im Herzen trägt, wird auch draussen seine Spuren zu
entdecken
vermögen. Das wussten unsere tiefsinnigen deutschen Mystiker und
sagten
darum: »swer Got schouwen sol, der muoz blint sîn«.
³)
In Wahrheit wird aber der Gott Bruno's weder in der Natur noch im
Herzen
erblickt; diese »Monade der Monaden«, aus welcher
»jene
andere Monade hervorgeht, welche die Natur heisst«, ist bloss ein
abstrakter Gedanke. 4) Alle Versuche, ihn
uns als Ens, Unum, Verum,
Fatum,
—————
¹)
Nrisinha-uttara-tâpanîya-Upanishad
9. khanda (Deussen: Sechzig
Upanishad's des Veda, 1897, S. 797).
²)
Brihadâranyaka-Upanishad
4, 4, 22 (a. a. O., S. 479).
³) Meister Eckhart, Predigt 98
(ed. Pfeiffer, S. 316).
4) ...
dalla monade che é
la divinitade, procede questa monade che é la natura,
l'universo,
il mondo, dove si contempla et specchia come il sole nella luna (De gl'heroici furori, 2. Teil, Ende
des 2. Dialogs, S. 724).
373 BRUNO
Ratio, Ordo und als die
»Grundlage«
aller jener Dinge zu preisen, die wir zunächst für
Naturgeschöpfe
halten, verschlagen wenig. ¹) Wogegen der Gott der echten Mystiker
aus
unmittelbarer
Erfahrung hervorgeht und der Gott des nach aussen schauenden Descartes
zwar ein ebenso dialektisch erschlichener wie der Bruno's ist, doch aus
der Überlegung und in der Absicht gewonnen, diesen Begriff in den
Dienst der empirischen Forschung zu stellen, so dass es hier, wenn
jemals,
mit Recht heissen darf: der Zweck heiligt die Mittel. ²)
Hier muss ich
mich auf diese
kurzen
Bemerkungen beschränken; ebensowenig wie ich Descartes'
Philosophie
vor Ihnen entwickeln konnte, ebensowenig kann ich dem Gedankenkomplex
Bruno's
auch nur entfernt gerecht werden; mir muss es genügen, wenn Sie
die
Art und Weise, wie dieser Mann in die Welt und in sich hinaus- und
hineinschaut,
in den allgemeinen Zügen deutlich und richtig erfassen.
Dagegen
erfordert der
augenblickliche
Zweck, dass ich Sie noch einmal kurz an jene zwei Grundsäulen des
Brunonischen Denkens erinnere, die mit dem All-Eins Gott-Natur zusammen
das ganze Gebäude tragen: die U n e n d l i c h k e i
t nach oben zu, die
B e g r e n z t h e i t
nach unten zu (vgl. S. 327 und 331);
sie erst vollenden das Bild und
lassen
die entgegengesetzte Anschauungsart Kant's klar hervortreten. Was schon
in unserem Exkurs darüber ausgeführt wurde, braucht nicht
wiederholt
zu werden; ich verweise Sie darauf und will Sie bloss bitten zu
bemerken,
wie hier wieder, genau so wie bei den Vorstellungen von Gott und Welt,
scholastische und theologische Begriffe — nicht Anschauungen —
massgebend
sind. Gott muss darum unendlich sein, weil sein Begriff jede Begrenzung
ausschliesst: Io dico Dio tutto
infinito perche da se esclude ogni
termine
(S. 315). Weil aber Gott unendlich ist,
—————
¹) Vgl. De Immenso, liber VIII,
cap. 10 (I²‚ 314: De
triplici minimo Th. 1., Gesang 4., Vers 18—19;
und
Summa terminorum metaphysicorum
I4, 73: Deus
est substantia
universalis .... Sicut enim Natura est unicuique fundamentum entitatis,
ita profundis naturae uniuscuiusque fundamentum est Deus.
²) Einmal treffen wir Bruno auf
Descartesschem Wege: evidens est,
Deum non decipere nec decipi ...
ita ... absque ulla haesitatione evidenz esse censendum est, quidquid
ille
proponit credendum esse verum etc. (I4,
100). Nur zieht er keinen
erkenntnistheoretisch
verwertbaren Schluss daraus, sondern nur das abstrakte Axiom: die
Natur,
welche entweder Gott selber sei oder die in den Dingen offenbarte
göttliche
Kraft (aut Deus ipse, aut divina
virtus in rebus ipsis manifestata),
werde
niemals im Widerspruche mit dem Wort und Willen Gottes befunden werden
(non opponitur verbo Dei etc.),
womit wir wieder bei dem angelangt
sind,
was Kant »Geschwätzigkeit« nennt.
374 BRUNO
muss
auch die Welt unendlich sein,
»denn«
es wäre einer unendlichen göttlichen Gewalt
»unwürdig«,
eine endliche Welt zu erschaffen: Io
stimavo cosa indegna della divina
bontà
e posseontia che possendo produr oltra questo mondo un altri e altri
infiniti,
producesse un mondo finito (Berti p. 353). Das sind rein
theologische
Argumente,
die nur dann zwingend sind, wenn der Gott, den sie beweisen sollen,
erst
vorausgesetzt wird. Scholastisch dialektisch sind dagegen diejenigen,
aus
denen die Begrenztheit nach unten zu — das heisst, der Begriff des
Atoms
— unwiderleglich dargetan werden soll. Zunächst ist es die
pythagoreische
Zahlensymbolik, die als ausschlaggebend auftritt: »Die Eins ist
die
Substanz der Zahlen«, dasjenige, heisst das, woraus Zahlen
entstehen
und bestehen, und daher ist »die Eins zugleich das Wesen aller
Dinge«:
unitas est substantia numeri et
essentia omnis. Nun bedeutet aber die
Eins die kleinste Zahl; und was wir beim Rechnen Einheit nennen, das
können
wir — nimmt Bruno an — in Bezug auf Stoffe ein Mindestmass oder Minimum
nennen; so dass, ebenso wie wir die arithmetische Einheit numeri
substantia
nennen dürfen, wir auch das stoffliche Minimum — das Atom — als
rerum
substantia, als das Wesen der Dinge aufzufassen haben. ¹)
Gemütlich
populär drückt sich Bruno im Spaccio aus: le cose grandi son
composte de le picciole, e le picciole de le picciolissime, e queste de
gl'individui e minimi (S. 455). Würde die Teilbarkeit nicht
aufhören,
gäbe es nach unten zu eine ebensolche Unbegrenztheit wie nach oben
zu, so könnte überhaupt nichts entstehen: si Minimum non
subsistit,
nihil subsistat oportet (l. c., § 2); ohne begrenzte
unteilbare
Minimaleinheiten,
keine Welt. Hier ist das Argument rein dialektisch; darum ist es auch
bedeutend
stärker als das erste, und Bruno gesteht selber, er könne
eher
die Unendlichkeit der Welt preisgeben als die Endlichkeit der Atome:
potius
ratio et natura potest absolvere minimum a maximo, quam maximum a
minimo. ²)
—————
¹) Articuli adversos
mathematicos,
membr. 3, art. 1, § 4, § 23. Wogegen Kant (r. V. 440) erinnert:
»Das
Einfache (d. h. also das Unteilbare) ist nicht mehr Materie«;
folglich
kann es auch kein Element abgeben zum Aufbau der sichtbaren Welt.
²) De triplici minimo,
Anmerkungen
zu I, 6 (I³‚ S. 151—154). Für Bruno's Minimumlehre ist
namentlich
dieses Werk (vor allem das erste Buch De
minimi existentia und das
dritte
Inventio minimi) und De Monade numero et figura zu
studieren;
ausserdem
die vorhin genannten Articuli
adversos mathematicos. Die lichtvollsten
Aufklärungen über diese Frage der u n e n d l i c
h e n T e i l b a r k e i t —
eine
Frage, die natürlich nur metaphysische Beantwortung zulässt —
findet der Leser bei Kant M. N.,
2. Hptst., 4. Lehrsatz, Anmerkung 2.
375 BRUNO
So
hausen also dogmatische
Unendlichkeit
und dogmatische Endlichkeit nebeneinander, und wiederum ist es das Ich
— die grosse erste Tatsache alles Erkennens — welches zu kurz kommt
oder
vielmehr völlig unbeachtet bleibt, eingepfercht zwischen beseelten
Atomen (Monaden genannt) und einer Weltseele (l'intelletto universale,
l'anima del mondo, S. 231). Und um diese in Wahrheit aus zwei
auseinanderstrebenden
Teilen bestehende Anschauung gewaltsam zur Einheit zu bannen,
geschieht
wieder, was bei Gott und Natur geschehen war: Bruno erklärt
kurzweg:
das Maximum und das Minimum sind identisch; il massimo et il minimo
convegnono
in uno essere (S. 286); maximum
nihil est aliud quam minimum
(I³,
139). Folgender Versuch einer logischen Ableitung des Satzes, dass das
Kleinste und das unbegrenzt Grosse sich gleich sind, verdient, Ihnen
vorgelegt
zu werden als Beispiel der Denkart solcher Männer. »Aller
Körper
Kraft wird durch die Kugelgestalt ausgemacht, die Kraft der Kugel
wurzelt
im Kreise, die Kraft des Kreises in seinem Mittelpunkt: daraus folgt,
dass
die Kraft aller sichtbaren Dinge im Unsichtbaren ruht. Ein Minimum der
Menge nach ist ein Maximum der Kraft nach, wie die Gewalt des ganzen
Feuers
aus der Kraft des einzelnen Funkens spriesst. Daher ruht im Minimum —
wenngleich
es verborgen bleibt vor den Augen Aller, selbst der Weisen, vielleicht
sogar der Götter — die ganze Kraft; und so ist denn das Minimum
selber
aller Dinge Maximum«. ¹)
Sie sehen, wie
recht Kant hatte,
als er sagte, die Logik als ein Organon gebraucht — d. h. als ein
Werkzeug
zur Gewinnung neuer Erkenntnis — laufe darauf hinaus, alles, was man
will,
mit einigem Schein zu behaupten. Zugleich aber sehen Sie, wie
mächtig
jene Uranlagen des bestimmten Individuums, die wir in dem Exkurs kennen
lernten, auf dessen Denken wirken, es mit Naturnotwendigkeit in
bestimmte
Bahnen lenkend. Wir sind nicht frei in der Wahl der uns zusagenden
Mythen.
Denken nach innen führt zum Monismus, zur All-Einheit, damit auch
zur Aufhebung aller Grenzen, das heisst, zur Unendlichkeit; Schauen
nach
innen führt — ob wir wollen oder nicht — zum Atomismus, zur An-
—————
¹) Omnium corporum vis est in sphaera,
omnis sphaerae vis est in circulo, omnis circuli vis in centro, vis
omnis
visibilium
est
in invisibili. Minimum quantitate
est virtute maximum, sicut potentia totius ignis in virtute
scintillae
ignis sita est. In minimo ergo, quod est absconditum ab oculis omnium,
etiam sapientum et fortasse Deorum, vis omnis est; ideo ipsum est
maximum
omnium (Articuli
adversos
mathematicos, M. 3., § 26, ed. Tocco I³, 24).
376 BRUNO
nahme
unteilbarer Minima. Wer, wie
Bruno,
die beiden Dinge gewaltsam verbindet und unerschrocken verkündet
minimum
est maximum (l. c. § 27), das Begrenzte ist unbegrenzt,
bezeugt
hiermit
eine grosse Kraft innerer Wahrhaftigkeit; ein solcher Geist war
würdig,
den Scheiterhaufen zu besteigen. Zugleich werden Sie, glaube ich, von
nun an ohne jeden gelehrten Kommentar Kant's Ausspruch verstehen:
»die
Atomistik ist an sich selbst widersprechend«. ¹)
KANT'S KRITISCHE ANSCHAUUNG
Jetzt haben wir alles
zusammen,
was wir brauchen, um Kant's Anschauungsweise,
im Gegensatz zu
der Bruno's, schnell, leicht und sicher begreifen zu lernen.
Was Kant's Art
ins
Menscheninnere
zu schauen charakterisiert, kann in ein einziges Wort zusammengefasst
werden:
es ist K r i t i k. Nur müssen Sie genau
wissen, was hier unter Kritik
zu verstehen ist; denn das Wort wird in zwei verschiedenen Bedeutungen
gebraucht. »Ich verstehe hierunter nicht eine Kritik der
Bücher
und Systeme, sondern die des Vernunftvermögens
überhaupt«,
schreibt Kant am Anfang des Vorworts zur ersten Auflage seiner Kritik
der
reinen Vernunft. Der Unterschied ist der selbe wie der zwischen
der
Kritik
eines Geschichtswerkes und der sogenannten »historischen
Kritik«
des diesem Werke zu Grunde liegenden Materials; in dem einen Falle wird
die Darstellung eines bestimmten Autors, werden seine Meinungen,
Auffassungen,
Folgerungen beurteilt und censiert, in dem andern werden die Zeugnisse
selber, auf welche alle voneinander noch so abweichenden Darstellungen
zurückgehen — Inschriften, Bücher, Briefe, Staatsdokumente
usw.
— auf ihren Ursprung, ihre Bedeutung, ihre Zuverlässigkeit, ihren
Wert geprüft. In letzterem Sinne versteht Kant das Wort
»Kritik«.
Es ist eine Prüfung, nicht der Meinungen über die Vernunft,
oder
etwa der Lehren, die aus der Vernunft hervorgegangen sind, es ist nicht
eine Prüfung der Meinungen über die Erfahrung, über die
Urteilskraft, über die Moral usw., sondern es ist eine
Prüfung
des Menscheninnern durch direkte Zerlegung und Beobachtung, genau so
wie
ein Arzt mit Skalpel und Sonde die Beschaffenheit des Leibesinnern
prüft.
In einer vielcitierten Stelle schreibt Kant: »Der erste Schritt
in
Sachen der reinen Vernunft, der das Kindesalter derselben auszeichnet,
ist d o g m a t i s c h. Der ... zweite
Schritt ist
—————
¹) Üb. 1,
125.
Man vgl. Çankara's
Ausführungen in den Sûtra's
des
Vedânta II,
1, 29.
377 BRUNO
s
k e p t i s c h
und zeugt von
Vorsichtigkeit
der durch Erfahrung gewitzigten Urteilskraft. Nun ist aber noch ein
dritter
Schritt nötig, der nur der gereiften und männlichen
Urteilskraft
zukommt, ... nämlich nicht die facta
der Vernunft, sondern die
Vernunft
selbst nach ihrem ganzen Vermögen ... der Schätzung zu
unterwerfen,
welches nicht die Censur, sondern K r i t i k d
e r V e r n u n f t
ist .....« (r. V., 789).
Mir liegt viel daran,
dass Sie
sich eine ganz genaue Vorstellung dieser kritischen Anlage und Methode
Kant's machen, denn Kant ist ja — neben Plato — der einzige kritische
Weltanschauer
aller Zeiten; wie sollten Sie also seiner intellektuellen
Persönlichkeit
gerecht werden, wenn dieser individuellste Zug Ihnen nicht deutlich vor
Augen stünde? Zu diesem Behufe muss ich nun zu einem Bilde
greifen;
an das Bild wird sich nach und nach systematische Erkenntnis
anschliessen.
Bei dem Bilde schwebt mir eine unvergessliche Jugenderinnerung vor, aus
der Zeit, wo ich zuerst Kant's Namen hörte; das wird es plastisch
zu gestalten helfen.
Gesetzt, ein
Mann wäre in
den tief eingeschnittenen Tälern am Fusse der Seealpen geboren und
ein Schicksalsschluss fesselte ihn und seine Mitbürger an diese
Gegend,
so dass nie ein Einwohner bis hinaus an die Ufer des
Mittelländischen
Meeres gelangt wäre. Die Berge, müssen Sie wissen, sind hier
reihenweise so voreinander gelagert, dass man sehr hoch steigen muss —
bis an den ewigen Schnee der höchsten Gipfel — ehe man das Meer
erblickt.
Dieser Mann fragt sich nun — wie so mancher vor ihm und um ihn herum
sich
gefragt hat — woher das Wasser komme, welches die Wolken in so
unerschöpflicher
Fülle an die Berge abgeben, dass selbst während des langen,
trockenen,
heissen Sommers von oben her — aus dem Schnee und Eis — der Bach
ununterbrochen
Kühle spendend zu Tale stürzt. Allerhand Hypothesen sind
hierüber
unter den Talbewohnern im Umlauf. Der Pfarrer lehrt, der liebe Gott
erschaffe
in seiner Barmherzigkeit alle Tage von neuem Wasserwolken — besonders
wenn
die Menschen fleissig in die Kirche gingen. Der Apotheker hat sich eine
höchst verwickelte »wissenschaftliche« Theorie
zurechtgelegt
über eine katalytische Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff
in
dem niedrigen Druck höchster Luftregionen unter dem Einfluss der
Sonnenstrahlen.
Der Schullehrer sucht fleissig nach Erklärungen in den klassischen
Autoren; doch da er das Meer nie gesehen hat, fasst er den
»Ozean«
378 BRUNO
im
alten Sinne des Okeanos potamos
als
einen Fluss mit Nebenflüssen auf und gelangt dabei mit dem Lehrer
des Nachbardorfes in eine Fehde über Suffixe, worüber beide
das
eigentliche Problem aus den Augen verlieren. Der Dorfphilosoph lehrt,
jede
Untersuchung der Frage bleibe rohempirisch und ziellos, solange nicht
ausgemacht
sei, ob das Wasser als Substanz — Hypokeimenon
— oder als Attribut —
Symbebekos
— aufgefasst werden müsse, was aber die Erledigung der schwierigen
Vorfrage
voraussetze, ob Substanz überhaupt ein ens per se subsistens oder
ein blosser foetus imaginationis
sei. Inzwischen klettert unser Freund
fleissig am Berg hinan, lässt sich durch Misserfolg und
Übermüdung
nicht verdriessen, und schliesslich — dank seiner in langer Übung
gewonnenen, vorzüglichen Methode des Bergsteigens — gelangt er
fast
bis auf die höchste Spitze. Nur zwei oder drei hatten es schon vor
ihm so weit gebracht; diese Vereinzelten aber, ganz hingegeben dem
Suchen
nach Ursachen, die ihnen plausibel schienen, hatten mit den Augen an
den
Felsen gehangen und mit den Händen den Schnee wegzuschaufeln
gesucht,
um zu sehen, ob etwas darunter sei. Sie meinten nämlich,
fänden
sie eine Quelle, die aus dem Felsen hervorbräche, so würde
alles
erklärt sein. Es waren eben Empiriker. Er aber denkt anders, und
als
er so hoch hinauf gelangt ist, wie ihn seine Kräfte nur tragen
können,
w e n d e t e r s i c h u m.
Dem Bach und dem Gletscher dreht er den Rücken
und schaut hinweg über die Reihen der vorgelagerten Gebirge, und
dort,
weiter entfernt als er je seinen Gedanken hinauszuschweifen erlaubt
hätte,
doch über allen Zweifel erhaben, — dort, im goldenen Widerglanz
der
Mittagssonne, liegt das unermessliche Meer! Zu ihm hin sieht er von
allen
Seiten die Flüsse eilen, und aus seinen Wellen sieht er den
Wasserdampf
hinansteigen, sich zu Wolken verdichten und mit dem Abendwinde auf das
Gebirge zu schweben.
So etwa steht
Kant unter uns
denkenden
Menschen da. Und wenn auch jedes Bild hinkt, das eine stimmt hier ganz
genau, und ich möchte es Ihnen auf diese Weise für immer
eingeprägt
haben: es kommt bei Kant auf ein
innerliches
S i c h u m w e n d e n und damit in Zusammenhang auf
das E r b l i c k e n eines vorher
nicht
Geahnten an. Wer ebenso hoch steigt und sich dann n i c h t
umwendet, dem
wird
nicht die Offenbarung einer völlig neuen Tatsache zuteil werden;
wer
aber sich umwendet, ehe er eine bestimmte Höhe in der
Befähigung
zu geistigen Überlegungen erreicht hat,
379 BRUNO
wird
sich getäuscht finden; denn
er wird oben wesentlich das selbe erblicken wie unten. Bemerken Sie
auch
dieses: keine dialektische Kunst — und wäre sie noch so subtil
gewesen
— und keine Macht der Phantasie hätte das Meer entdeckt; wogegen
es
ohne Logik und ohne Phantasie erblickt wird, sobald der Mensch nur den
richtigen S t a n d p u n k t einnimmt, von wo aus
es von selbst ins Auge
fällt.
Kant ist ein Entdecker — genau so wie Kolumbus oder wie sein eigener
Liebling,
Kapitän Cook. Und es ist absurd zu glauben, was diese
unerhörte,
nur einmal dagewesene kritische Anschauungskraft entdeckt und
aufgedeckt
hat, könne von jedem beliebigen Menschen angezweifelt werden,
bloss
aus dem Grunde, weil dieser nicht befähigt ist — und sich dazu
nicht
befähigt hat — es zu
erblicken. Sie glauben doch
nicht, unser Freund, der das Meer mit Augen gesehen hat, wird sich vom
Professor im Tale überzeugen lassen, es könne nicht
existieren;
in diesem Sinne müssen Sie Kant's Worte auffassen, wenn er von
seinen
kritischen Ergebnissen sagt: »Widerlegt zu werden, ist in diesem
Falle keine Gefahr, wohl aber nicht verstanden zu werden« (r. V.
XLIII).
Nicht bloss
für die Tat
selbst,
auch für das Ergebnis der Kantschen Kritik lässt sich aus
unserem
Bilde ein leicht fassbarer Ausdruck gewinnen, nach dem wir sonst lange
hätten suchen können. Denn kein Ergebnis dieser Entdeckungen
ist wichtiger als die der strengen und verhältnismässig engen
Begrenzung der Kompetenz unserer Vernunft — jener Begrenzung, die wir
im
vorigen Vortrag (S. 262) als
eine Doppelmauer flüchtig kennen
lernten.
Indem unser Freund dort oben, wo der Bach dem Gletscher entquillt, den
Ozean erblickt, hat er nunmehr den ganzen Kreislauf des Wassers vor
sich,
und hiermit ist der Horizont seines Wissens über diesen Gegenstand
zwar faktisch erweitert, doch ideell ein für allemal abgegrenzt.
Solange
er den Kreislauf selbst nicht kannte
— dieses Geben und Nehmen, dieses Hin
und Her zwischen nahen Grenzen — waren seiner philosophischen und
mythologischen
Phantasie keine Schranken gezogen, und die Tendenz dieser war
notwendig,
sich nach rückwärts und nach vorwärts ins Endlose zu
verlieren;
woher sollte denn das unerschöpfliche Wasser kommen? wohin sollte
es gehen? Jetzt mit einem Male war das ganze Problem gelöst, oder
vielmehr als gar nicht existierend aufgezeigt. Das Wasser ging dorthin,
woher es kam, und kam dorther, wohin es gegangen war; nicht quoll es
aus
einem geheimnisvollen
380 BRUNO
Erdinnern
hervor, noch floss es in
ein
grenzenloses Jenseits hinaus. Hiermit war aber zugleich alle Hoffnung
auf
eine absolute »Erklärung«, wie sie den naiven Menschen
vorgeschwebt hatte, ein für allemal abgeschnitten. Zwar konnte man
noch immer mit dem alten Philosophen, sich fragen, ob das Wasser
Attribut
oder Substanz, und ob die Substanz ein ens per se subsistens oder ein
foetus
imaginationis sei; es hatte aber diese dialektische
Erwägung
keinen
Bezug mehr auf das Wasserproblem, sondern war als rein metaphysische
Spekulation
entlarvt. Fortan konnte man sich mit der praktischen Detailforschung
und
Ausnutzung des aufgefundenen Kreislaufs befassen; alles andere aber —
die
Ideen des Pfarrers und des Apothekers und des Schullehrers und was es
dergleichen
noch geben mag — war ein für allemal weggefegt; es war nicht mehr
bloss müssig, sondern nachweisbar falsch.
Ein zweites
Bild zur
Ergänzung.
Vor vier
Jahrhunderten war unsere
planetarische Erde unbegrenzt; Jeder war frei, sie sich zu denken, wie
er wollte: und über ihr war im Himmel für die Seligen und
unter
ihr in der Hölle für die Verdammten Platz soviel man nur
wollte.
Kolumbus und seine Nachfolger kamen, und da ward die Erde eine nach
allen
Richtungen hin durchmessene Kugel, auf der, wenn man nach Westen weiter
fährt, man von Osten her zum Abgangsort heimkehrt, ein
Gefängnis,
aus dem es kein Entrinnen gibt. Noch die Leute des Magalhães
hatten
gefürchtet, an den »Rand« der Welt zu gelangen und
»hinunter
zu fallen«; jetzt wusste man, dass wir — wenigstens für die Dauer dieses
Lebens — an unser Planetenstäubchen angekettet sind und dass jedes
»Fallen« ein Zurückfallen auf die Erde ist. Und dann
kam
Kopernikus und nahm auch ringsherum allen Raum für unsere
Träume
weg; für Gott, »der im Himmel ist«, gab es keinen
Platz
mehr, keinen Platz mehr für die ewigen Feuer der Hölle. Es
gab
überhaupt — sobald der Raum als unbegrenzt erkannt war — kein Oben
und kein Unten, kein Hier und kein Dort mehr. Was nun Kant's Kritik der
Vernunft für das menschliche Denken leistet, ist durchaus analog.
Sie befreit, und zugleich begrenzt sie. »Das Zeitalter lässt
sich nicht länger durch Scheinwissen hinhalten«: so tritt
Kant
seine Entdeckungsreise an; wirkliches Wissen an Stelle von Scheinwissen
will er uns erobern; das Ergebnis ist aber, dass unsere Vernunft gleich
unserer Erde wie eine freischwebende Kugel ringsherum ab-
381 BRUNO
gegrenzt
und auf sich selbst
angewiesen
ist. Auch hier gibt es keinen »Rand«, von wo aus man in ein
Jenseitiges hinauf oder hinabgelangt; vielmehr führt jeder Weg,
den
unsere Gedanken betreten, nur ringsherum auf dieser kleinen
Vernunftsphäre;
einzig auf dem Ozean der Erfahrung können wir sie umschiffen, und
dringen wir kühn weiter und immer weiter, so gelangen wir wieder
dorthin,
von wo wir die Reise angetreten hatten. Wir sind, wie erdgeboren, so
auch
erdgebannt. Unsere Vernunft vermag darum, wie Kant sagt, »niemals
über das Feld möglicher Erfahrung hinauszukommen« und
darf
es niemals unternehmen, diesem ihr angewiesenen Gebiete zu entfliegen,
da ausserhalb seiner »für uns nichts als leerer Raum
ist«. ¹)
So geht Hand
in Hand mit der
Kopernikanischen
Erweiterung die Kopernikanische Begrenzung. Da wir auf Erfahrung
beschränkt
sind, fallen alle sie überfliegenden Behauptungen auf einmal und
für
immer. So vernichtet z. B. Kant alle angeblichen »Beweise«
für das Dasein Gottes bis in die letzte Wurzel; Gott ist ein
praktisches
Postulat, etwas, was man glaubt, nicht etwas, was man wissen oder
irgendwie
denken kann. Und andrerseits zeigt Kant, den vielen Dogmen der
Naturwissenschaft
gegenüber — die, wie Sie im ersten und zweiten Vortrag sahen, an
allen
Ecken und Enden die Erfahrung überschreiten — dass jegliche
Körperlehre
»mit dem Leeren und darum Unbegreiflichen endigt« und der
Vernunft
darum auf diesem Gebiete »nichts übrig bleibt, als von den
Gegenständen
auf sich selbst zurückzukehren, um anstatt der letzten Grenze der
Dinge, die letzte Grenze ihres eigenen, sich selbst überlassenen
Vermögens
zu erforschen und zu bestimmen« (M. N.,
letzter Absatz). Und was nun
gar die Vernunftkünstler nach Art des Bruno und — wenn wir
aufrichtig
sein wollen — aller Schulphilosophen von Aristoteles bis Hegel
anbelangt,
wie sie gegeneinander mit ihren Armeen von Definitionen und Syllogismen
zu Felde ziehen und uns haarscharf beweisen, dass Gott mit der Natur
identisch
oder aber von ihr wesensverschieden sei, dass es Atome gebe oder aber
keine
geben könne, dass die Welt unendlich sein müsse oder
notwendigerweise
endlich sei, usw., ad inf.,
so urteilt Kant vom Standpunkt der Kritik
aus: »So gibt's dem-
—————
¹) r.
V. I, V und II, 730.
Den
Vergleich unserer Vernunft mit einer Sphäre (im Gegensatz zu der
sonst
angenommenen »unbestimmbar weit ausgebreiteten Ebene«) hat
Kant selbst flüchtig angedeutet, a. a. O., S. 790.
382 BRUNO
nach
keine eigentliche Polemik im
Felde
der reinen Vernunft. Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem
Schatten
herumbalgen; denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für
ihre
dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten
liesse.
Sie haben gut kämpfen: die Schatten, die sie zerhauen, wachsen,
wie
die Helden in Walhalla, in einem Augenblicke wiederum zusammen, um sich
aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können«.
¹)
Sie sehen,
glaube ich, schon
deutlich,
was den Blick, den das Kantsche Auge auf die Welt wirft, von dem Blick
unseres typischen Scholastikers und Vernunftfanatikers Bruno
unterscheidet:
aus dem einen entsteht Kritik, aus dem anderen Dogmatik. Die Tatsache,
dass Kant mit seinen Gedanken höher hinauf gelangte als Bruno,
würde
nur einen relativen Unterschied ausmachen, die Tatsache aber, dass er
jene
höhere Besonnenheit besass, die ich zu Anfang dieses Abschnittes
erwähnte
und die ich in unserem Vergleiche als ein Sichumwenden zu
veranschaulichen
suchte, begründet einen grundsätzlichen Unterschied.
Hierdurch
wird er mehr als ein Weltanschauer, er wird ein wissenschaftlicher
Entdecker;
sein Blick hat allen Begabteren eine Offenbarung gebracht, aus der eine
völlig neue Auffassung des Menschenlebens und seiner Ideale
hervorgeht.
Wir wollen
aber noch einen
weiteren
Schritt machen, ehe wir diesen Vortrag schliessen. Das, was ich vorhin
über Bruno's Auffassung von Ich, Natur und Gott ausführte,
verbunden
mit den vorangegangenen Betrachtungen über Mythologie und
über
hellenische Philosophie, das alles zugleich in Beziehung auf unsere
früheren
Vorträge, erlaubt uns jetzt einen tieferen und genaueren Einblick
in die Persönlichkeit Kant's zu gewinnen. Sie wissen ja, was mich
fesselt: ich darf Kant's Philosophie nicht als bekannt voraussetzen,
ich
darf auch nicht mit schulmässigen Begriffen operieren. Deswegen
drang
meine Charakterisierung von Kant's kritischer Methode so wenig ins
Einzelne
ein, blieb sie fast nur die Veranschaulichung einer intellektuellen
Gebärde
(siehe S. 175);
Näheres über Kant's Methode kann erst der
letzte
Vortrag bringen.
—————
¹) r. V. 784. Etwa tausend Jahre
früher hatte Çankara, der Geistesverwandte Plato's und
Kant's,
geschrieben:
»Bei den Erkenntnissen aus Reflexion nun lehrt der Eine so und
der
Andere so, und es ist allgemein bekannt, wie sehr sie sich
widersprechen.
Denn was der eine Denker als die vollkommene Erkenntnis aufstellt, das
wird von einem andern wieder niedergerissen, und was dieser aufstellt,
das reisst wiederum ein anderer nieder, wie das ja allbekannt
ist«
(Die Sûtra's des Vedânta,
von Paul Deussen übersetzt,
S. 277).
383 BRUNO
Doch
ich glaube, wir besitzen jetzt
anschauliches
Material genug, um einen beherzten Sprung in das tiefste Wasser zu
wagen,
ohne befürchten zu müssen, wir werden in lauter Abstraktionen
ertrinken; die vielen konkreten Vorstellungen werden uns schon aufbojen.
Kant legt
grosses Gewicht darauf,
dass er die Unmöglichkeit, ausserhalb der Erfahrung etwas zu
wissen,
»nicht etwa nur vermutet, sondern bewiesen habe.« Wissen
Sie
nun, wie es möglich war, diesen Beweis zwingend zu machen? Durch
die
Kritik der Erfahrung selbst. Durch den Nachweis, unsere Erfahrung sei
aus
verschiedenen, sich gegenseitig bedingenden Bestandteilen
zusammengesetzt,
so dass weder das, was wir als »Welt« erschauen, noch das,
was wir als »Ich« denken, ein Einfaches sei, und somit —
wenn
ich mich trivial ausdrücken darf — das Anschauen dem Denken und
das
Denken dem Anschauen (jedes also dem anderen) den Blick in ein Jenseits
unserer beschränkten irdischen Erfahrung verbaue und verbiete. Der
Dogmatiker ahnt das nicht. Wenn ich mit Anaxagoras von der Beobachtung
des Sternenhimmels ausgehe, um auf Gott als dessen Beweger zu
schliessen,
so schreite ich von dem in der Natur Wahrgenommenen durch Vermittelung
eines blossen Gedankenschlusses zu einem Unwahrnehmbaren. Genau ebenso
verhält es sich mit dem Gott des Aristoteles und seinen
fünfundfünfzig
himmlischen Geistern und Substanzen oder Zwecken: die peinlich genaue
Beobachtung
empirischer Tatsachen liegt zu Grunde, der Denker schreitet aber
über
diese Tatsachen hinaus von einer logischen Schlussfolgerung zur
anderen,
bis sein Bedürfnis nach Zusammenhang und Abschluss befriedigt ist.
Ein Bruno nun — der uns hier ebenfalls nur als Typus der ganzen zweiten
Armee von Denkern gilt, von Yâdjnavalkya an bis Schopenhauer —
geht
anders zu Werke; denn während Anaxagoras und Aristoteles auf dem
Wege des Anschauens n a c h a u s s e n
schreiten und Gott zu
alleräusserst
als einen alle Bewegung mechanisch Bewirkenden gewahren, schreitet
Bruno
gleich von vornherein auf dem Wege des Gedankens n a c
h i n n e n zu und
findet
Gott in allen Dingen als das Allerinnerste, der aus diesem Innersten
heraus,
nicht von aussen her, sie bewegt. Da
noi si chiama artefice interno,
perche
forma la materia et la figura da dentro; Baumeister von innen
nennen
wir
ihn, weil er Stoff und Gestalt von innen aus bildet (De la causa
S. 231);
motor ab internis ist Gott, Be-
384 BRUNO
weger
aus dem Innern (De immenso,
VIII,
10). ¹) In ähnlicher Weise nannten die Inder Gott
»den
inneren
Lenker«. Hier wird also die Welt erst verständlich, wenn man
Gott am Werke sieht; dort wurde Gott aus dem Verständnis der Welt
erschlossen. Doch Sie bemerken gewiss, dass diesen zwei
entgegengesetzten
Denkarten — mit der Richtung nach aussen und der Richtung nach innen —
und den zwei sich aus ihnen ergebenden Gottesmythen — Gott zu
äusserst
und Gott zu innerst — eine Grundannahme gemeinsam ist: beide setzen nämlich jene
Identität
von Denken und Sein (oder Denken und Schauen) voraus, von der wir am
Beginn
des Vortrags sprachen und die wir dort als die Grundmythe alles
Philosophierens
erkennen lernten (S. 285 fg.); denn bestünde
diese Identität
nicht, so hätten diese Denker nicht das Recht, auf dem Wege der
blossen
logischen Überlegung aus dem Gesehenen auf das Ungesehene, aus der
Wahrnehmung von Bewegungen auf die Notwendigkeit eines Bewegers zu
schliessen.
Und diese gemeinsame Grundlage aller verschiedenen Doktrinen ist es,
die
Kant durch seine Kritik der Erfahrung zertrümmert, nachdem Plato
zwei
Jahrtausende früher, doch ohne verstanden zu werden, ihre
Unhaltbarkeit
schon ahnungsvoll angedeutet hatte. Kant's Kritik weist nämlich
nach,
dass unser Denken und unser Schauen derart aufeinander angewiesen und
miteinander
verwoben sind, dass keines von beiden einen einzigen Schritt ohne das
andere
wagen darf. »Verstand und Sinnlichkeit können bei uns
(Menschen)
nur in Verbindung Gegenstände bestimmen. Wenn wir sie trennen, so
haben wir Anschauungen ohne Begriffe oder Begriffe ohne Anschauungen;
in
beiden Fällen aber Vorstellungen, die wir auf keinen bestimmten
Gegenstand
beziehen können« (r. V.
314).
Zwischen dem Sternenzelt und
dem unsichtbaren Gott, der es erschaffen haben und umdrehen soll, liegt
eine bloss logische Gedankenkette ohne jegliche anschauliche Grundlage;
zwischen der Atman-Pneuma-Seele in meinem lebendigen Bewusstsein und
dem
Gott, der »innen« in allen Dingen wohnen und sie beseelen
soll,
liegt eine blosse Analogie des Anschauungsmaterials, eine luftige
Regenbogenbrücke,
hinüberführend vom Bekannten zum Unbekannten. Beides ist
gleich
unzulässig, die Vernunft hintergeht sich selber. Denn ein Denken
ausserhalb des durch Anschau-
—————
¹) Eine
andere bemerkenswerte
Stelle
lautet: Non est Deus vel
intelligentia exterior circumrotans et
circumducens;
dignius enim illi — debet esse internum principium motus ... (De
Immenso,
V., 12, Anm., ed. Fiorentino I², 158).
385 BRUNO
ung
abgesteckten Erfahrungsgebietes
(wie
der Gott »über'm Sternenzelt«) ist ein »blosses
Spiel mit Vorstellungen« (r. V.
195), und das vorgebliche Erschauen
eines
nicht Wahrnehmbaren (wie des inneren Gottes) ist eine alle
Einbildungskraft
übersteigende Dichtung (S. 373), eine »blosse Grille«
(S. 333). Der Kritiker erlaubt also nicht, was sowohl Monist wie
Dualist
sich herausnehmen: jenes komplexe Ganze, auf welches sich unsere
Erfahrung
bezieht — die Ich-Natur, oder
das Natur-Ich
(Sie können es nennen, wie Sie wollen) — zu zerspalten, und wo der
eine Teil nicht mitkann, mit dem anderen allein weiterzudringen.
Gedanken,
wenn auch dem Ich entsprungen, beziehen sich nur auf Anschauungen in
der
Natur, Anschauungen, wenn auch der Natur entlehnt, existieren nicht,
wenn
sie nicht für das Ich begrifflich erreichbar sind. Im Gegensatz
also
zu der Voraussetzung zweier völlig getrennter, dafür aber
völlig
gleichwertiger Bestandteile — Denken und Schauen, Ich und Welt — weist
die Kritik nach, dass beide Teile organisch aufeinander angewiesen sind
— etwa wie Nervensystem und Herz: ohne
Nervenfunktion keine
Herztätigkeit,
ohne Herztätigkeit keine Nervenfunktion — so dass man keinen
Schritt
mit dem einen ohne den anderen machen kann. Hierdurch fällt die
Urmythe
aller Mythologie und aller vorkritischen Philosophie.
Bemerken Sie,
wie hier ein
zweites,
mehr nach innen gelegenes Verhältnis gegenseitigen Bedingens und
Bedingtseins
vorliegt? Ohne gegebene unabänderliche, unentrinnbare
F o r m e n des
Denkens
und des Schauens keine irgendwie mögliche Erfahrung empirischer
Dinge;
andrerseits aber, ohne empirische Wahrnehmung — und das heisst, ohne
ein
G e g e b e n e s, ohne »eine Materie zur Erkenntnis aus
den
Sinnen« (r.
V.
118), ausserhalb des wahrnehmenden Ich — kein Schauen, und ohne
empirisches
Anschauen kein Denken, also wiederum keine Erfahrung. Jeder der beiden
Teile ist zugleich bedingt und bedingend; und weil dem so ist, kann ich
Mensch niemals zu einem Unbedingten oder Bedingnislosen oder Absoluten
gelangen, es fehlt jede Möglichkeit, einen Ansatzpunkt hierzu zu
gewinnen. Das D i n g kann ich niemals rein als
solches und von allen
menschlichen
Anschauungs- und Gedankenformen entblösst begreifen; denn was ich
mir als Ding vorstelle, ist durch und durch mit unausscheidbarem
Beisatz
aus meinem eigenen Innern verquickt — so sehr, dass, wenn ich
versuche,
alles Subjektive (also die Sinneseindrücke und die Gedankenkate-
386 BRUNO
gorien)
abzustreifen, ich zuletzt
nicht
etwa bei der Vorstellung eines Dinges, sondern bei einem blossen
abstrakten
Begriff ankomme, dem der »Substanz«, dem Schatten eines
Schattengedankens,
und auch diesen muss ich dann fahren lassen, da er schliesslich nur ein
unentbehrlicher formaler Begriff, nicht eine wirkliche Wahrnehmung ist;
das I c h aber, mitsamt seinen angeborenen Gesetzen
des Schauens und des
Denkens, kann ich ebensowenig jemals rein als solches erfassen; denn es
ist so durch und durch »dinglich« — die Form der
Sinnlichkeit,
alle
die möglichen Begriffsreihen, die Zeit als Vermittler zwischen den
beiden — diese ganze verwickelte intellektuelle Organisation ist so
ausschliesslich
auf Gegenstände einer konkreten Erfahrung gemünzt, dass, wenn
ich jegliches Körperliche aufzuheben und mich auf mein blosses
Ichbewusstsein
zu besinnen suche, ich zuletzt nicht bei einem Gedanken, sondern bei
einer
blossen — und zwar ärmsten, weil gänzlich leeren,
begriffslosen
und
vorstellungslosen — Wahrnehmung anlange. ¹) Daraus ergibt sich uns
eine
zwiefache Einsicht. Erstens:
»wenn ich das denkende
Subjekt wegnehme, muss die ganze Körperwelt wegfallen« ;
zweitens:
»wenn ich die sinnlich wahrgenommene Körperwelt wegnehme,
entschwindet
das denkende Ich«. Ich bin also recht wohl imstande, mein eigenes
Denken und mein eigenes Schauen als zwei verschiedene Funktionen
meines
Erkennens in Gedanken analytisch von einander zu scheiden (etwa wie
oben
Herz und Hirn); ich bin aber nicht — nicht einmal in Gedanken —
imstande,
ein reines, von aller Empirie losgelöstes Ich von einer reinen,
völlig
objektiven Körperwelt zu isolieren, denn es blieben dann nur
Phantome,
leere Worte ohne Inhalt. Und Sie verstehen gewiss schon jetzt, dass
diese
eine einzige kritische Einsicht genügt, um alle die
Weltanschauungen,
welche dennoch diese Scheidung ihren Strukturen zu Grunde legen, als
»Grillen«
aufzudecken, wie Kant sagt, oder, wie wir lieber sagen wollen, als
interessante,
aber gewaltsame Mythenbildungen. Denn ob ich nun mit den Denkern
unserer
Brunogruppe die Körperwelt durch die Ichwelt aufzuzehren versuche,
alles beseele, alle Individualität leugne, alle Gestalt vernichte,
bis ich mit Plotin (8, 3, 4) sage: »die Natur ist Seele«,
und
mit Bruno: »sie ist eine einzige Gottmonade«; oder ob ich,
wie Demokrit, die Ichwelt zur Körperwelt hinüberziehe und mit
Kapila verkünde: »ich bin nicht!«; oder ob ich, mit
Ari-
—————
¹) M. N., III,
Anmerk.
zu Lehrsatz 2. Und vgl. r. V.,
404,
408 usw.
387 BRUNO
stoteles,
die beiden rein voneinander
zu scheiden unternehme: auf der einen Seite der Ich-verwandte
Nus-Schöpfer,
auf der anderen die meinem Leibe verwandte Körperwelt ¹)
......
gleichviel, ich weiss jetzt, dass jeder dieser Versuche ein
Unmögliches
unternimmt, denn jeder setzt einen Archimedesschen Punkt voraus, der in
Wirklichkeit nicht existiert. Bei Kant erst kommt der Mensch zum
Bewusstsein
über sein eigenes Mythenbilden. Kant's kritisches Werk ist der
Kopernikanische
Wendepunkt in der Geschichte unseres geistigen Lebens.
»ERSCHEINUNGEN«, NICHT
»DINGE«
Hiermit fällt aber nicht
allein die mehr oder weniger bewusst geträumte oder gedachte
philosophische Mythe, sondern es fällt auch die völlig unbewusste
Voraussetzung
unseres täglichen Lebens, das naive Urdogma aller Dogmen: dass
nämlich
unsere Wahrnehmungen sich auf D i n g e
bezögen. Nach der soeben
dargelegten
Auffassung Kant's verhalten sich vielmehr Denken und Anschauen wie
zwei
einander gegenüber aufgestellte Spiegel, von denen ein jeder dem
andern
die Bilder zurückwirft, die er von jenem empfangen hat, und keiner
von beiden jemals beurteilen kann, ob das in ihm sich gestaltende Bild
— das er ja doch immer nur im andern Spiegel, gegenüber, erblicken
kann — einem ausserhalb vorhandenen, konkreten Gegenstand genau
entspricht.
Diese Erkenntnis, von welcher wir behaupten dürfen, sie gehe aus
Kant's Art die Welt anzuschauen als mittlere hervor, hat der Weise
selber
in ein einziges Wort zusammengefasst, dessen Sinn Ihnen klar und
geläufig
werden muss: in das Wort »Erscheinung«. Erst wenn dieses
eine
Wort für Sie eine lebendige Vorstellung geworden ist, wissen Sie
genau, wie Kant's Auge die Welt erblickte. Lassen Sie mich das
hierüber
zu Sagende in eine Formel zusammenfassen.
Was wir im gewöhnlichen Leben Dinge
nennen, sind Erscheinungen. Was wir etwa hinter den Erscheinungen
vermuten,
sind Gedankendinge, das heisst, leere Begriffe, bei denen sich nichts
denken
lässt, weil sich dabei nichts Anschauliches vorstellen lässt,
also ein Nichts. Das Ich von den Dingen loszutrennen, ist
unmöglich;
auch das Ich ist also Erscheinung, und auch was wir hinter ihm suchen,
ist ein Gedanken-
—————
¹)
»Die Seele kann mit
dem Leibe nicht vermischt sein ...« (De anima 3, 4).
388 BRUNO
ding, genauer gesprochen, eine blinde
Vorstellung, ein Nichts.
Ich bitte, über diese Worte
so
lange nachzudenken, bis Sie ihren Sinn rein anschaulich erfasst haben
und
somit begreifen, dass alles, was uns umgibt, und alles, was wir selber
sind und worin wir leben und weben, buchstäblich
»Gleichnisse« sind — wie der Dichter sagt — und
»Erscheinungen«
(nicht
Dinge an sich) — wie der Philosoph sich ausdrücken muss.
Von dem Ding
wissen wir also
nichts,
sondern nur von E r s c h e i n u n g e n. Und aus
der mehrfach berührten
Gegenüberstellung
von Körperwelt und Ichwelt wissen Sie, dass sich beide genau
entsprechen
und darum, was von der einen gilt, auch auf die andere anwendbar ist;
meiner
werde ich nur bewusst, indem ich anderer »Dinge« bewusst
werde,
ich bin selbst also eben so sehr »Erscheinung« wie sie. Wie
wenig aber diese ganze Erkenntnis auf »blossen Schein«
hinausläuft,
können Sie aus folgender Auseinandersetzung Kant's entnehmen:
»Der
Satz aller echten Idealisten, von der eleatischen Schule an bis zum
Bischof
Berkeley, ist in dieser Formel enthalten: alle Erkenntnis durch Sinne
und
Erfahrung ist nichts, als lauter Schein, und nur in den Ideen des
reinen
Verstandes und (der reinen) Vernunft ist Wahrheit. Der Grundsatz, der
meinen
Idealismus durchgängig regiert und bestimmt, ist dagegen: alle
Erkenntnis
von Dingen aus blossem reinen Verstande oder reiner Vernunft ist
nichts,
als lauter Schein, und n u r i n d
e r E r f a h r u n g i s t W a h r
h e i t«. ¹)
Dieses letzte Citat
habe ich mit
Überlegung ausgesucht; ich sah nämlich voraus, Sie
würden
mir einwerfen, das alles sei eine vielleicht einwandfreie, doch recht
überflüssige
Subtilität; denn wenn alles, was wir sonst Dinge nennen, wir
selber
dazu gerechnet, zwar »Erscheinungen«, nicht aber Schein,
sondern
felsenfeste Wirklichkeit sind, so bleibe schliesslich alles beim Alten,
nämlich
—————
¹) P., Anhang. Die
elementarste
Unterscheidung zwischen Ding und Erscheinung, für Ungelehrte
berechnet,
findet der Leser in G., 3.
Abschn., 3. Titel; er schlage auch
Anthropologie
§ 7 nach. Der Leser, der aus dem vorigem Vortrag Interesse
für
Descartes geschöpft hat, lese auch, behufs Vergleichung mit Kant,
dessen ganze dritte Méditation.
Die eine Hälfte der
kritischen
Einsicht besitzt Descartes vollkommen: Or la principale erreur et la
plus ordinaire qui s'y puisse rencontrer consiste en ce que je juge que
les idées qui sont en moi sont semblables ou conformes à
des choses qui soint hors de moi ....; da ihm aber
die
ergänzende Kritik des Ich als ebenfalls »Erscheinung«
fehlt,
verfällt er wieder in Abstraktheiten und Dogmatismus.
389 BRUNO
beim
allergesündesten,
populärsten
Realismus. In letzterer Beziehung würde Ihnen Kant in der Tat
nicht
unrecht geben: »Was die Dinge an sich sein mögen«,
sagt
er, »weiss ich nicht und brauche es auch nicht zu wissen, weil
mir
doch niemals ein Ding anders als in der Erscheinung vorkommen
kann«
(r. V. 333). Er lehrt ja auch
ausdrücklich »die
Realität,
d. i. objektive Gültigkeit des Raumes in Ansehung alles dessen,
was
äusserlich als Gegenstand uns vorkommen kann« (r. V. 44).
Schon
dies aber — die fortan unbestreitbare objektive Gültigkeit des
Raumes
— ist ein wertvolles Ergebnis der Kritik; denn gerade die objektive
Gültigkeit
des Raumes und der Dinge in ihm ist häufig genug von den
Philosophen
bedroht worden; Kant ficht hier für die unbedingte,
unbeschränkte,
gesetzmässige Geltung aller Wissenschaft der Natur und
überhaupt
für das, was wir in einem edlen Sinn des Wortes common sense
nennen
können. Doch die Spitze dieser kritischen Analyse der menschlichen
Vernunft ist — wie Sie sehen — nach einer anderen Richtung gewendet. Um
der objektiven Erfahrung, der Wissenschaft, dem common sense den Thron
dauernd zu sichern, müssen sie nicht nur auf den Thron erhoben,
sondern
es müssen auch ihre immer von neuem hervorspriessenden Widersacher
von Grund aus vertilgt werden, und namentlich hierzu dient die
Erkenntnis,
dass wir nur mit E r s c h e i n u n g e n zu tun
haben. Denn aus blossen
Erscheinungen
können wir unmöglich zu absoluten Einsichten gelangen. Das
ist
das grosse Ergebnis der Kritik, ein Ergebnis, das unsere ganze
Auffassung
des Menschenwesens von Grund und Boden aus umgestalten müsste,
wenn
es nur je gelänge, es hinauszutragen unter alle Gebildeten. Kant
zeigt
mit einer geradezu erdrückenden Fülle von Beweisen, dass,
sobald
unsere Vernunft das Gebiet der Erfahrung — auf das sowohl unser Denken
wie unser Anschauen einzig eingerichtet ist — überfliegt oder
überfliegen
will oder zu überfliegen vorgibt (das kommt alles auf eins
heraus),
sie sich in Unsinnigkeiten und Widersprüche verwickelt, und dass
nur
die Gewaltsamkeit unerweisbarer und in Wahrheit sinnloser Dogmen sie
aus
dem unabwendbaren Bankrott scheinbar rettet. Und Kant zeigt — was noch
kein Mensch geahnt hatte — w a r u m das geschieht
und w i e das zugeht, und
immer wieder lautet der Schlussreim: der Fehler ist, dass wir blosse
Erscheinungen
für Dinge halten, und dass wir blosse Begriffe, die einzig auf
Erscheinungen
gemünzt sind, für Vernunfteinsichten
390 BRUNO
halten
und so anwenden, als reiche
ihre
Gültigkeit über alle Erfahrung hinaus. Die grössten
Philosophen
widersprechen sich und haben mit ihren sich widersprechenden
Behauptungen
die einen ebenso recht und ebenso unrecht wie die anderen. Wenn Sie
unseren
heutigen historischen Exkurs im Sinne tragen und ihn jetzt durch die
kritische
Besinnung Kant's ergänzen, wissen Sie genau, wie das
zusammenhängt.
Die verschiedenen möglichen Grundauffassungen der Menschen sind
ewig
und ewig berechtigt; doch verschwunden ist der Wahn eines Kampfes um
die
Vorherrschaft, verschwunden das Trugbild einer angeblichen Entwickelung
durch Irrtum zur Wahrheit. Heruntergemäht auf alle Zeiten hat Kant
die Dogmen alle: den Idealismus, den Realismus, den Materialismus, den
Skepticismus, den Monismus, den Dualismus, den Pantheismus, den
Solipsismus,
den Theismus, den Atheismus ..... alle
»Ismen«,
die es je gab und gibt und geben wird! Weggefegt ist die
»Geschwätzigkeit« von Jahrtausenden! Denn ringsherum
sind wir von blossen
Erscheinungen
umgeben; Goethe's »alles Vergängliche ist nur ein
Gleichnis«
ist
die Quintessenz dessen, was der Dichter bei Kant gelernt hatte. Wir
sind
nicht befähigt, an die Dinge zu gelangen; nichts können wir
über
sie ausmachen; wir wissen nicht, ob die Körperwelt eine Einheit
oder
eine Vielheit, ob sie veränderlich oder unveränderlich, ob
sie
zeitlich oder ausserzeitlich, ob sie endlich oder unendlich ist; wir
wissen
nicht, ob das seelische Ich und die materielle Natur einem gemeinsamen
Substratum angehören, oder zweierlei sind; wir können also
gar
nichts darüber entscheiden, oh Denken und Ausdehnung verschiedenen
Wesen angehören oder nur verschiedene Beziehungen eines einzigen
sind;
wir besitzen kein Organ, keine Fähigkeit, um jemals an die
Betrachtung
solcher Fragen — ausser in der Verblendung unkritischer Ignoranz — auch
nur heranzutreten. ¹) Wohl dürfen wir behaupten, es sei
»ein
Geheiss unserer Urteilskraft, nach dem Prinzipe der Angemessenheit der
Natur zu unserem (menschlichen) Erkenntnisvermögen zu verfahren
(Ur.,
Einl. VI); wir können aber nicht ausmachen, wie weit diese
Angemessenheit
in Wirklichkeit reicht. Daher darf Kant am Schlusse seines kritischen
Hauptwerkes
die stolzen, schlichten Worte sprechen: »Der grösste und
vielleicht
einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also wohl nur
negativ, da sie nämlich nicht als Organon zur Erweiterung,
—————
¹) Man
vgl. N., I, 209, Br., I.
129, r. V., 533, idem I, 359
usw.
391 BRUNO
sondern
als Disziplin zur
Grenzbestimmung
dient und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat,
Irrtümer zu verhüten« (r.
V., 823). Kant's Tat ist die
endgültige Vernichtung jeglichen die Erfahrung überfliegenden
Dogmas für alle Zeiten: sowohl aller religiösen Dogmen wie
auch
aller philosophischen und aller naturwissenschaftlichen.
DIE ANTIDOGMATIK
Alles Nähere und
endgültig
Überzeugende werden Sie durch die Vertiefung in Kant's Werke
ergänzen.
Mir muss es genügen, wenn ich Ihnen deutlich gezeigt habe,
wie
scharf und aufklärend und rein
wissenschaftlich beobachtend —
im Gegensatz zu aller philosophischen Spintisiererei — dieses Auge in
das
innerste Gewebe, alles auflichtend, eindrang. Das ist jenes
individuelle
Moment, dessen Verständnis wir hier zu erstreben haben. Es kommt
bei Kant auf Tatsachen an, auf Tatsachen, die man s e h e n
muss, mit Augen
sehen, nicht auf Definitionen und terminologische Spitzfindigkeiten und
syllogistische Beweisführungen. Kant spricht es unverblümt
aus: »Als Doktrin scheint Philosophie gar nicht nötig oder
vielmehr
übel
angebracht zu sein, weil man nach allen bisherigen Versuchen damit doch
wenig oder gar kein Land gewonnen hat« (r. V., 174). Und ich
glaube,
Sie werden schon jetzt über den Abgrund, ja, über den
verschlingenden
Schlund von Missverständnis (um kein härteres Wort zu
gebrauchen)
staunen, wenn Sie Kant's berühmtesten Schüler, Fichte, aus
der
Lehre des Meisters sein bekanntes Entweder-Oder als Ergebnis ziehen und
somit die Reaktion der Dogmatiker und der Philosophieprofessoren gegen
die kritische Befreiungstat sofort, noch bei Kant's Lebzeiten, anbahnen
sehen. Denn Fichte schreibt an Kant selber (1. 1. 1798), man dürfe
nicht der »Scholastik den Abschied geben«; das
»Absolute«
führt er wieder in die Philosophie ein, und aus Kant's Kritik
folgert
er: entweder also muss das Ich aus der Welt (oder, wie er es
ausdrückt,
aus dem Nicht-Ich), oder umgekehrt, die Welt aus dem Ich zu
erklären
sein; und sodann erwählt er letzteres und erbaut jenes
monströse
System, von dem sich Kant feierlich und öffentlich lossagte, und
das
er mit seinem gewohnten Glück bezeichnet als »eine Art von
Gespenst, was, wenn man es gehascht zu haben glaubt, man keinen
Gegenstand,
sondern immer nur sich selbst und zwar hievon auch nur die Hand, die
danach hascht,
392 BRUNO
vor
sich findet«. ¹) Das war
der
Weg, den die deutsche Universitätsphilosophie bis zum heutigen
Tage
wandeln sollte, als hätte Kant nie gelebt! Und damit Kant dem
lebendigen
Bewusstsein der studierenden Jugend und der fern von allen Kathedern
schaffenden
und suchenden, praktisch-tätigen Menschen völlig entschwinde,
konstruierte man jene Reihe »klassischer Heroen«, die Sie
in
jedem deutschen Buche finden: Kant, Fichte, Schelling, Hegel,
Schleiermacher,
Herbart; als ob irgend ein einziger Zug innerer Verwandtschaft Kant mit
irgend einem dieser Männer verbände, und als ob sein
antidogmatisches,
auf die ewige Vernichtung aller Schulweisheit gerichtetes Lebenswerk
irgend
etwas gemeinsam hätte mit den Leistungen dieser gewiss
tüchtigen,
zum Teil auch genialen Männer, die aber alle ebenso gut tausend
Jahre
vor Kant hätten leben können, da seine Tat an ihnen spurlos
vorüberging.
Manche werden hier noch einen Namen nennen wollen. Schopenhauer, werden
sie sagen, sei der Fortsetzer Kant's; doch hat gerade Schopenhauer mehr
als die Anderen getan und infolge seiner glänzenden Gaben mehr als
die Anderen gewirkt, um den eigentlichen kritischen und
methodisch-wissenschaftlichen
Gedanken Kant's völlig zu verschütten. Von Kant's Kritik zu
Schopenhauer's
Dogmatik führt kein Steg hinüber.
Sie dagegen,
meine verehrten
Freunde,
haben, wenn ich nicht irre, schon vollkommen begriffen, dass, nachdem
die
Kantsche Kritik uns über die Metaphysik unseres Innern
aufgeklärt
hat, es unzulässig ist, von der Welt und dem Ich zu sprechen, als
wären das z w e i unterschiedliche und
unterscheidbare
»Dinge«,
die es möglich wäre, mit solch einem Fichteschen
Entweder-Oder
von Ich und Welt, oder (wie Schopenhauer das selbe ausdrückt) von
Wille und Vorstellung, einander gegenüberzustellen. Die
Unterscheidung
zwischen Welt und Ich ist eine notwendige Methode, nicht aber die
Feststellung
einer Tatsache. ²) Sie hätten aber nur halb verstanden, wenn
Sie nicht begriffen, dass es gleichfalls unmöglich ist, dogmatisch
auf die E i n h e i t jener beiden zu schliessen —
wie dies sowohl Fichte wie
Schopenhauer tun. Was hier zu Grunde liegt, ist diesseits von Einheit
und
Vielheit; denn was wir als Welt und als Ich uns vorstellen, sind
einfach
zwei Ideen, und zwar die
—————
¹) Br.
an Tieftrunk vom 5.
April
1798.
²)
Die ausschlaggebende Bedeutung
des Begriffes der »Methode« für Kant's Denken und
System
kommt erst im letzten Vortrag ausführlich zur Sprache.
393 BRUNO
Grundideen,
die alle weiteren
umfassen. ¹)
Und da, wie wir gesehen haben, es nicht möglich ist,
Körperwelt
und Ichwelt voneinander rein zu scheiden, sondern alle Elemente beider
umeinander verschlungen sind, so können wir behaupten, diese zwei
Ideen strahlen aus Einem Punkte, aus einem einzigen focus imaginarius,
wie wir ihn im ersten Vortrag kennen lernten (S. 65 fg). So fügt
denn
genauere Analyse wieder zusammen, was Analyse zerlegt hatte. Doch hat,
wie Sie sehen, diese Einheit Kant's mit der Deduktion aus einem
dogmatisch
angenommenen »einheitlichen Prinzip« nichts gemeinsam, und
sie ist der konträre Gegensatz der All-Einheit, die wir heute
durch
Bruno verkünden hörten. Denn in letzterer — trotz ihres
ganzen
Aufputzes logisch-dialektischer Argumente — entdeckten wir schliesslich
nichts weniger aber auch nichts mehr als eine grossartige, jedoch
gewaltsame
Mythenbildung, als einen der verschiedenen Träume, die wir
Menschen
träumen können, wenn wir unserer Vernunft und unserer
Phantasie
die Zügel schiessen lassen. Wogegen die Einheit, die Kant
aufdeckt,
ein Ergebnis der kritisch besonnenen Analyse der Erfahrung ist.
Ich glaube,
der Zweck, den ich
mir in diesem Vortrag gesetzt hatte, ist erreicht; ich habe Sie aus
einer
Welt in eine andere hinübergeführt, aus der Welt des Dogmas
in
die Welt der kritischen Erfahrungsanalyse und des
wissenschaftlich-methodischen
Denkens. Und wenn Sie jetzt an unsere schematische Übersicht
zurückdenken,
werden Sie gewiss mir beistimmen, wenn ich meine Behauptung wiederhole,
Kant gehöre zu der Goethe-Schopenhauer-Gruppe, mit dem Denken nach
innen und dem Schauen nach aussen gerichtet. Doch während die
anderen
alle — mit Ausnahme von Plato — in ihrer eingeborenen Art und Richtung
und Einseitigkeit beharren, überwindet — wie Sie jetzt gesehen
haben
— Kant diese uns allen gleichsam schon im Ei mitgegebene individuelle
Dogmatik
durch seine wissenschaftliche und in einem gewissen Sinne
»antiphilosophische«
Kritik der Menschenvernunft. Er entwächst völlig den Fesseln,
die seinen Vorgängern und Nachfolgern anhaften. Diese höchste
Besonnenheit erfordert aber zugleich hohen moralischen Mut, denn — wie
Sie in unseren beiden letzten Vorträgen sehen werden —
jeder
Schritt hier bedeutet Entsagung: Entsagung auf vorgebliches Wissen,
Entsagung
auf vieltausendjährigen Wahn-
—————
¹) Vgl.
die
Vorbereitung
auf diese Erkenntnis und das Citat aus Schiller am Schlusse des vorigen
Vortrags, S. 262 und 274.
394 BRUNO
glauben,
Entsagung auf eine erhoffte
Hilfe von aussen. Und sie erfordert grosse Charaktereigenschaften:
unbestechliche
Wahrheitsliebe, innerlichste Glaubenskraft und rücksichtslose
Pflichtenerfüllung;
ohne diese dürfte es schwer möglich sein, auch nur
vorübergehend
Kant's Standpunkt einzunehmen und die Welt so zu erblicken, wie er sie
sah: denn es handelt sich hier mehr noch um eine Tat als um einen
Gedanken.
Doch der Lohn bleibt nicht aus. Zwischen Natur und Persönlichkeit,
zwischen die erkannte Notwendigkeit und die erlebte Freiheit, zwischen
Müssen und Sollen, zwischen Welt und Gott als das unbekannte
»sie
Vereinigende«, als nodus et
vinculum mundi, als Kreuzungs- und
Verknüpfungspunkt
des Alls gestellt, so, aufgerichtet zwischen ewig sich fliehenden
Horizonten,
steht die erkennende Vernunft, wie sie Kant's kritisches Auge erblickt;
an Stoff zum Forschen, zum Dichten und zum Träumen, vor allem aber
zum Handeln und zum bewussten Ausgestalten seines Selbst kann es dem
Menschen
nicht fehlen. Kant's ganzes Denken wurzelt im Praktischen und zielt
aufs
Praktische; das werden wir in den letzten zwei Vorträgen immer
klarer
einsehen lernen. Im Interesse der praktischen Ziele des freien Menschen
musste die Dogmatik vernichtet werden. Zu höchsten Schicksalen
reif:
das ist der Mensch, wie ihn Kant gewollt hat.
ÜBERGANG
In den beiden
letzten
Vorträgen werden wir uns innerhalb dieser neuen Weltanschauung
Kant's
bewegen; zwar auch hier wieder nur zum Studium der Persönlichkeit
und ihrer Eigenart, nicht der systematischen Einzelheiten, doch
wesentlich
freier infolge der nunmehr gewonnenen Höhe. Plato wird uns
bedeutende
Dienste leisten in dem Bestreben, durch Kant's Auge die Natur erblicken
zu lernen; diese beiden Männer stehen sich sehr nahe, und die noch
unschulmässige, erhabene Kindlichkeit des einen wird es uns
erleichtern,
die aus Jahrtausenden abstruser Vernunftarbeit sich herauswindende,
scholastisch
verkleidete Anschauungsweise des anderen zu verstehen. Auf den Blick in
die Natur wird dann als letztes der Blick in das Menscheninnere folgen;
hier kann uns einzig Kant leiten.
End
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Juni 2006