Here under follows the transcription of the fifth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

Plato. Three Greek gems in the British Museum.

PLATO
Three Greek Gems in the British Museum
 
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Lord Redesdale's Translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768
395


FÜNFTER VORTRAG

PLATO

(WISSEN UND WÄHNEN)

MIT EINEM EXKURS ÜBER DAS WESEN DES LEBENS

VON DEN GÖTTERN EIN GESCHENK AN DAS
GESCHLECHT DER MENSCHEN: SO SCHÄTZE
ICH DIE GABE, IM VIELEN DAS EINE ZU
ERBLICKEN! EINEN NEUEN PROMETHEUS
SANDTEN HIERMIT DIE UNSTERBLICHEN ZU
UNS HERAB, UND JETZT ERST ZÜNDETEN
SIE UNS EIN HELLODERNDES LICHT. DOCH
DIE GELEHRTEN MÄNNER UNSERER ZEIT
GEHEN ENTWEDER ÜBEREILT ZU WERKE,
ODER SIE VERSÄUMEN SICH AM WEGE; DAS
EINE UND DAS VIELE SETZEN SIE AUFS GE-
RATEWOHL, UND VON DER EINHEIT SCHREI-
TEN SIE UNMITTELBAR IN DIE VIELHEIT
ÜBER, OHNE DER ZWISCHENSTUFEN ZU
ACHTEN. WIR ABER WOLLEN DAS INDIVI-
DUUM — DAS AUS DEM EINEN UND DEM
VIELEN ENTSTEHT UND SOWOHL DAS BE-
STIMMTE WIE DAS UNBESTIMMTE VON GE-
BURT HER IN SICH TRÄGT — NICHT EHER
IN DAS GRENZENLOSE VERSCHWIMMEN LAS-
SEN, BEVOR WIR NICHT ALLE JENE VOR-
STELLUNGSREIHEN ÜBERBLICKT HABEN,
DIE ZWISCHEN DEM EINEN UND DEM VIE-
LEN VERMITTELN.                      PLATO


396

(Leere Seite)

397 PLATO

PLAN DES VORTRAGS

Heute laufen die Fäden, die wir in den vorangegangenen Vorträgen gesponnen haben, zusammen: ohne den Goethevortrag Vortrags
vorauszusetzen, könnte ich nicht hoffen, in anschaulicher Weise von den »Ideen« zu reden; ohne den Leonardovortrag, in dem Sie genau zwischen rein und empirisch und demzufolge auch zwischen mathematischer Wissenschaft der Natur und künstlerischer Intuition der Natur unterscheiden lernten, könnte ich vor lauter Wegräumen fest eingewurzelter Missverständnisse kaum bis zu der Betrachtung des wahren Plato gelangen; der Descartesvortrag ist für unser heutiges Vorhaben geradezu grundlegend, weil Sie dort die Bedeutung der dualistischen Betrachtungsweise für jede Kritik des Menschengeistes kennen lernten und davon zugleich eine plastische Vorstellung gewannen; der Brunovortrag schliesslich hat uns ein für allemal gelehrt, was Dogmatik und was Kritik ist, wir wissen also, wo wir Plato zu suchen haben, und wo nicht.
    Gegen Schluss des Vortrages — wenn wir Plato erst genauer kennen — werden wir auf diese Helden unserer früheren Vorträge zurückkommen; augenblicklich will ich es bei diesen kurzen Andeutungen belassen und Sie nur noch auf ein besonderes Verhältnis zwischen den verschiedenen Vorträgen aufmerksam machen, damit Sie das Unterscheidende unseres heutigen Zieles gleich von Beginn an genau erfassen.
    Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass wir von den bisher zu unserem Vergleichungswerke (siehe S. 13 fg.) herangezogenen Persönlichkeiten in sehr verschiedener Weise Gebrauch gemacht haben. Im Goethevortrag war es die Persönlichkeit selber mit ihren physischen, bis in die Gehirnwindungen sich erstreckenden Anlagen, die wir dem Königsberger Weisen und seinen individuellen Anlagen gegenüberstellten; Leonardo dagegen besass für unser Vorhaben mehr allgemeine als individuelle Bedeutung und diente uns zur genaueren Bestimmung dessen, was Kant mit Goethe gemeinsam hat, sowie dessen, worin seine Art zu schauen abweichend angelegt ist; bei Descartes war es wiederum die Persönlichkeit, die uns fesselte, nicht so sehr aber — wie bei Goethe — als Kontrast oder Gegenstück zu der Kant's, als deshalb, weil sie uns den Zugang zu schwer erreichbaren Tiefen des Kantischen Denkens eröffnete, wogegen uns Bruno hauptsächlich als scharf ausgeprägter Typus einer zahlreichen Gattung von Denkern diente, die zu Kant in anti-

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podischem Gegensatz stehen. Heute schieben wir nun die Linse ein, durch welche diese verschiedenen Strahlen zusammengefasst und scharf auf den Brennpunkt unseres Interesses — Immanuel Kant — gerichtet werden. Denn in Plato begegnen wir zum ersten Male einem Manne, dessen Geistesanlage — dessen angeborene und durch ein ganzes Leben unausgesetzten Denkens bis zur Vollendung ausgebildete »Art zu schauen« — mit derjenigen Kant's fast genau übereinstimmt. Hätten wir Plato früher vorgenommen, wir hätten ihn nicht richtig verstanden; alles, was wir inzwischen für Kant getan haben, kommt auch ihm zugute; wollten wir ihn aber jetzt auslassen, so müsste ich daran verzweifeln, dem plastischen Bilde der intellektuellen Persönlichkeit Kant's, das schon jetzt in allgemeinen Zügen vor Ihren Augen stehen dürfte, auch die unerlässliche   S c h ä r f e   des Umrisses zu verleihen. Hierzu eignet sich einzig Plato. In Bezug auf die grosse mittlere Tatsache, nämlich auf das Erwachen des Menschengeistes zur kritischen Besinnung über sich selbst, sind beide Männer identisch; Kant steht zu Plato in ähnlicher Beziehung wie Kopernikus zu Aristarch; dabei verhalten sie sich aber zueinander — wie Sie gleich näher erfahren werden — wie zwei Gegenstücke, zwei Pendants. Wohl ist es das Selbe, aber von entgegengesetzten Seiten angesehen, wie Avers und Revers einer getriebenen Metallplatte. Wo Kant eine letzte, nur Wenigen erreichbare Abstraktion mühsam entwickelt, setzt Plato kühn ein handgreiflich fassbares Bild; während für Kant alle Kritik der Vernunft zu Negation und Grenzbestimmung führt, stellt sie Plato grundsätzlich in der Form einer bejahenden und grenzunbewussten Erkenntnis auf. Freilich ist Plato gerade deswegen zu allen Zeiten noch mehr als Kant missverstanden worden; doch die organische Unfähigkeit vieler, auch begabter Menschen, Plato zu verstehen, braucht uns hier nicht zu bekümmern, und Sie erraten gewiss, wie aufklärend es wirken muss, eine uns gewöhnlichen Menschen so fernliegende Anschauungsart wie die kritische — allem Herkömmlichen liegt sie ebenso fern und noch ferner als die Vorstellung, dass sich die Erde bewege — Sie ahnen gewiss, sage ich, wie aufklärend es wirken muss, diese Geistesanlage und ihre Erzeugnisse von zwei Seiten betrachten zu können, einmal von der Bildseite und ein anderes Mal von der Arbeits- oder Schlagseite (wie der Handwerker sich ausdrückt). Jeder Schritt, den wir in das Verständnis Plato's tun, kommt dem Verständnis

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Kant's unmittelbar zugut; zur Richtigstellung werden wir nur in dem bezeichneten Sinne später einiges gleichsam »umzulegen« haben, was aber geringe Mühe kosten wird; schwierig ist einzig die Erfassung des mittleren schöpferischen Gedankens, der Plato und Kant gemeinsam ist, und der ihrer persönlichen Art zu schauen entspringt; es wird uns bei Plato eher als bei Kant gelingen.
    Soviel zur vorläufigen Verständigung.

PLATO UND KANT

    Es wird sich hier, wie im Goethevortrag, empfehlen, den Vergleich von aussen in Angriff zu nehmen. Das Äussere ist bei grossen Menschen dem Inneren angemessen, und in ihrem Schicksal spiegelt sich — genauer als bei anderen — ihr Charakter. Was ich oben als die Neigung des einen Mannes zum Bejahenden, des anderen zum Verneinenden andeutete, wurzelt schon in der physischen Gestalt. Kant ist ein kleiner und äusserst schmächtiger Mann mit eingefallener Brust, der es gewiss nur seiner Mässigkeit und einer fast ängstlichen Besorgtheit verdankt, wenn er bei leidlicher Gesundheit ein hohes Alter erreicht; Plato dagegen, der in Wirklichkeit Aristokles heisst, erhält in der Ringschule den Beinamen Platon wegen seiner ungewöhnlichen Grösse und Kraft. Dass dieser Spitzname aus den Hallen des Gymnasiums dem Manne fürs ganze Leben fest anhaftet und seinen eigenen Namen verdrängt, bezeugt, wie einstimmig die Welt in ihm einen seltenen, prächtigen Körperbau bewunderte. Nicht bloss gross und kräftig war er; selbst seine Feinde — und deren hatte er viele — rühmen ihm Schönheit, Ebenmass, Hoheit nach. Dass ein Grieche von so kraftvollem Körperbau wiederholt in den öffentlichen Kampfspielen auftrat und sich mehr als einmal den Siegerkranz errang, wird Sie nicht wundernehmen, wenn es auch wenig zu unseren heutigen Vorstellungen von dem Werdegang eines Philosophen stimmt. An mehreren Feldzügen soll er als Reiter teilgenommen und selber die Pferde und Knechte gestellt haben. Denn zu den körperlichen Vorzügen kam bei Plato die Gunst der Geburt. Kant, der Sohn eines unvermögenden Sattlermeisters in einer kleinen Provinzstadt, verbringt zwei Drittel seines Lebens in grosser Dürftigkeit; schon als Student ist er genötigt, durch Erteilung von Unterricht sein Brot zu verdienen, und nur durch die mühsam-aufopferungsvolle Sparsamkeit der tagtäglichen Selbstverleugnung gelingt es ihm,

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gegen Lebensschluss ein bescheidenes, die Unabhängigkeit sicherndes Vermögen sein eigen zu nennen. Plato dagegen entstammt dem grossen und reichbegüterten alten Adel der ersten Kulturstadt der damaligen Welt und darf sowohl väterlicher- wie mütterlicherseits seinen Stammbaum auf Könige zurückführen; von diesen hohen Ahnen erbt er ausgedehnte Güter, die von redlichen Sklaven verwaltet werden; die Sorge um das tägliche Brot ist ihm unbekannt, und unbekannt ist ihm die geschäftliche oder berufsmässige Verpflichtung; nie in seinem Leben ist er auch nur einen Tag gebunden; er reist, wohin es ihn gelüstet, und kehrt heim, wenn es ihm angenehm ist; bedürfnislos, was leibliche Genüsse betrifft, weil es ihm beliebt, die Bedürfnislosigkeit als eine philosophische Lebensmaxime zu ergreifen, doch nicht asketisch — er selber lehrt, man dürfe die »Leibesbegehr« (το επιθυμητικον) weder hungern lassen noch übersättigen (Staat 571 E), — auch versagt er es sich nicht, bequem und von schönen und seltenen Kunstwerken und Pergamenten umgeben zu leben; den Unterricht erteilt er im eigenen Haus und Garten an solche, die die »Weisheit lieben« (Philosophen), doch »den Musen zulieb«, das heisst, ohne jede Honorierung. Kant, wie Sie sich aus unserem ersten Vortrag erinnern, hat Königsberg und dessen nächste Umgebung nie verlassen; Plato hat Egypten, Nordafrika und Italien bereist und weilte zu verschiedenen Malen in Sizilien, als Gast des Fürsten von Syrakus. Last but not least: von der Wiege bis zum Grabe, statt der grauen Ostsee das blaue Mittelländische Meer, die Sonne, die üppige, duftende Vegetation, — alles, was die Sinne anregen und befruchten kann. Und während Kant gegen Ende seines Lebens in eine Art Marasmus verfiel, aller öffentlichen Tätigkeit entsagen musste, die Wohnung nicht mehr verliess, zuletzt die vollkommene Beherrschung der Sprache verlor, hören wir von Plato (der, wie Kant, genau achtzig Jahre alt wurde), dass er bis zum letzten Tage lehrte und schrieb; scribens est mortuus, berichtet Cicero; und die übereinstimmenden Zeugnisse der Zeitgenossen melden, er sei auf einem frohen Hochzeitsmahle, das er durch seine Gegenwart beehrte, unerwartet plötzlich, doch sanft und lächelnd entschlafen.
    Welch ein verschiedenes Schicksal ward den beiden kritischen Denkern zuteil! Plato's so andersgearteter Physis und Tyche entsprachen natürlich ein anderes Temperament und vielfach andere Gaben. Besonders bemerkenswert ist in dieser Beziehung — und

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als Kontrast zu Kant — die leidenschaftliche Herzensbegehr und der poetische Hochflug.

DIE LIEBE

    Sie dürfen nicht glauben, ein Mann von der Begabung eines Kant, ein Mann, aus dessen »vom himmlischen Äther gebildeten Auge« ein »Feuerstrahl hervorleuchtete« (vgl. S. 4), habe nicht Leidenschaft und Liebe im Herzen getragen. Frauen hatten ihn gern; ein Misogyn war er nicht: noch als Greis erbat er sich die hübschen Mädchen zu Tischnachbarinnen. ¹) Vielleicht hätten wir noch manches in dieser Beziehung erfahren, wenn nicht sein keusches Zartgefühl ihn gerade dieses Thema ängstlich hätte vermeiden lassen; nicht einmal den vertrautesten Freunden gegenüber hat er je von Liebe gesprochen. Doch findet der aufmerksame Leser in seinen Schriften einige Stellen, die tiefen Einblick in ein liebereiches und liebebedürftiges, aber fast überempfindsames Herz gewähren. Folgendes z. B. kann nur ureigene Erfahrung ihn gelehrt haben: »Ein sehr verfeinerter Geschmack dient zwar dazu, einer ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem sie solche nur auf sehr wenige Gegenstände einschränkt, sie sittsam und anständig zu machen; allein sie verfehlt gemeiniglich die grosse Endabsicht in der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als diese gemeiniglich leistet, so pflegt sie die Person von so delikater Empfindung sehr selten glücklich zu machen ..... Daher entspringt der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf die eheliche Verbindung ....« Auch folgende Stelle ist in diesem Zusammenhange bemerkenswert: »Man schätzt manchen viel zu hoch, als dass man ihn lieben könne. Er flösst Bewunderung ein; aber er ist zu weit über uns, als dass wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern getrauen«. ²) Auch hier, wie Sie sehen, ein Vorwiegen des Negativen: was Kant am deutlichsten empfindet, ist das Unerreichbare in der Liebe, nur für ihre »feinen Bezauberungen« hat er Sinn, wogegen er sonst in ihr nicht viel mehr als ein »einfältiges und grobes Gefühl« zu entdecken vermag. Aus diesem zögernden, gedankenschweren, überzarten Temperament geht aber das Fehlen jener schöpferischen Kräfte hervor, die mit der schöpferischen Liebeskraft eines Wesens sind. Als alter Professor hat Kant wohl auf verstorbene Kollegen ein paar unbeholfene,
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    ¹) Siehe Jachmann, Ende des 8. Briefes.
    ²) Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, Abschnitt III gegen Ende und II ganz am Anfang. Für »sie« muss man an vier Stellen des ersten Citats jedenfalls »er« lesen.


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lederne Verse gemacht, weil es die Sitte erheischte; er hätte selbst nicht gewollt, dass solche Gelegenheitslappalien der Vergessenheit, in die sie am Tage ihres Entstehens verfielen, jetzt entrissen würden; doch irgend etwas, was rein künstlerische Triebe, Neigungen, ja, selbst nur Interessen verriete, entdeckt man bei ihm nirgends. Nicht etwa, als bedauerte ich, dass dieser grosse Denker uns nicht ausser seinen philosophischen Schriften auch schlechte Epen oder Schäfergesänge hinterlassen hat; vielmehr handelt es sich mir lediglich um die Analyse eines Intellektes; und ich glaube mit Sicherheit behaupten zu dürfen, dass, wenn einem Menschen sowohl die sinnliche Leidenschaftlichkeit, wie auch jede Spur einer Begabung für irgend eine Kunst — sei es Wortkunst, Tonkunst oder bildende Kunst, gleichviel — abgeht, ich glaube, sage ich, mit Sicherheit behaupten zu dürfen, dass ein solcher Mensch auch auf scheinbar fernabliegenden Gebieten gewisse charakteristische Lücken in der Schaffenskraft aufweisen wird. Als Gewährsmann soll mir Plato dienen, der »die Zeugungskraft der Seele« mit der »Zeugungskraft des Leibes« für wesensgleich hält (Gastmahl 208 E — 209 A), und der darum »den Wahn der Liebe« als die reichste Glücksgabe (ευτυχια) der Götter an die Menschen preist (Phaidros 245 B) und davor warnt, durch schöne Reden uns irremachen und überzeugen zu lassen, der nüchtern-mässige Mann sei in allen Fällen dem begeistert-verzückten vorzuziehen; vielmehr sei der Wahn (μανια) göttlichen Ursprungs, dagegen die blosse Verständigkeit (σωφροσυνη) eine Menschentugend (id. 244 D). »Wer vermeint, durch Kunst allein Künstler werden zu können, ohne dass der Musen Wahn (μανια Μουσων) ihn erfasst habe, der bleibt ewig draussen vor dem Tore, und das Werk dieses Verständigen ist ein Schattengebilde neben dem des vom Wahne Hingerissenen«. ¹) Wahn der Liebe, Wahn der Musen: beide machen nach Plato die hohe Schule des   S c h a u e n s   aus, und damit auch der Erkenntnis; denn diese besteht im wesentlichen aus einem »Zusammenschauen der zerstreuten Eindrücke in Eine sichtbare Gestalt«. ²) Mit Recht hat denn auch der englische Gelehrte und feinsinnige Dichterliterat, Walter Pater, auf die Liebesleidenschaft als den Mittelpunkt von Plato's Charakter hingewiesen. Plato is by nature and be-
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    ¹) Nach Phaidros 245 A.
    ²)
Εις μιαν τε ιδεαν συνορωντα αχειν τα πολλαχη διεσπαρμενα....
(Phaidr. 265 D).

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fore all things, from first to last, unalterably a lover ... and as love must of necessity deal above all with visible persons, this discipline of love (τα ερωτικα, as he says) involved an exquisite culture of the senses. ¹) Dass die Liebe mit dem Sehen zusammenhänge, führt Plato wiederholt aus — im Gastmahl, im Phaidros und auch anderwärts — und hieraus leiten sich zwei bewundernswerte Eigenschaften ab, die unter allen philosophischen Schriften einzig den platonischen eignen: nämlich als erste, dass Plato allen Gedanken Persönlichkeit einhaucht und mit ihnen verfährt wie mit vertrauten Einzelwesen, und als zweite, dass seine Kunst, die zartesten Töne und die letzten Schatten der Dinge zu erblicken, sowie die damit zusammenhängende Meisterschaft, das flüchtig Gesehene in Worten zu einem Bilde zu bannen, ihn befähigt, auch das Unsichtbare, das, was selbst dem Gedanken kaum mehr erreichbar ist, als ein Gesehenes zu behandeln, es so hinzustellen, dass wir glauben, unsere Augen müssten es, wenn nicht heute, so doch morgen erblicken. ²) Die Liebe — und zwar die Liebe, die mit der Mania Mouson (dem Kunstwahn) eins ist — gilt Plato als die unerlässliche Vorstufe zu aller höheren Weisheit: der Mensch muss erst   e i n e   sichtbare Gestalt als schön erkennen und in Liebe zu ihr entbrennen, dann eine andere und wieder eine andere, bis das einzelne Schöne als ein verhältnismässig Unvollkommenes in seinen Augen verblasst, um so »gleichsam von Stufe zu Stufe« (ωσπερ επαναβαθμοις) immer höher zu steigen, bis das Herz weit und stark genug geworden ist, alle schönen Gestalten mit Liebe zu umfassen; aus dieser künstlerischen Glut der Anschauung entsteht erst ein wirkliches Wissen (μαθημα) von den Dingen, und aus diesem die Erkenntnis dessen, was das Schöne an sich ist (αυτο ο εστι καλον); und hat erst der Mensch diese hohe Stufe erklommen, dann ergreift ein Gott seine Hand und führt ihn dorthin, wo »er etwas von der Wahrheit erblickt«, wo er »des wahren Wesens des Seins« ahnend gewahr wird, als stiege die Erinnerung daran aus einem alten, längst entschwundenen Traume
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    ¹) »Von Natur ist Plato vor allem ein von Liebe Besessener; er ist es von der Wiege bis zum Grabe, unabänderlich; und da die Liebe sich notwendigerweise zunächst auf sichtbare Gestalten richtet, so führte diese 'Liebesschule' (τα ερωτικα, wie er sie selber nennt) zu einer exquisiten Ausbildung der Sinne« (Plato and Platonism, 1901, S. 134). — Für den Ausdruck τα του καλου ερωτικα vgl. Republik 403 C.
    ²) In Paters genanntem Werke ist das ganze Kapitel The Genius of Plato zu vergleichen.


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auf. »Hier erst, o teurer Sokrates, hier wird das Leben lebenswert!«. ¹)
    Sie sehen, in welche andere Anschauungssphäre wir geraten sind. Freilich hat Plato — der als Dithyrambiker und Tragödiendichter begonnen hatte — sehr früh alle Erzeugnisse seiner Muse vernichtet; denn jung schon begegnete er Sokrates, und nun wurde die angeborene Leidenschaftlichkeit und Kunstbegeisterung in andere Bahnen gelenkt; der sieggekrönte Athlet, der Bühnendichter, der seine erste Trilogie dem Preisgericht schon eingereicht hatte, erfuhr seine wahre Bestimmung: er sollte für Jahrtausende denken, er sollte der grosse Lehrer der Selbstbesinnung werden. Doch die Glut blieb; sie allein befähigte ihn ja, mit so leidenschaftlicher Entschiedenheit den Jugendträumen zu entsagen und den Mannesberuf zu ergreifen; und das Feuer, das er nicht mehr an geliebte Einzelwesen verschwendete, und der Musenwahn, von dem er sich nicht mehr zu Gebilden der Phantasie hinreissen liess, sie sind in sein philosophisches Lebenswerk unverstümmelt übergegangen, und sie sind es, die in dieses Werk den Samen der Unsterblichkeit eingepflanzt haben.

DIONYSO-PLATO

    So werden Sie es denn begreiflich finden, dass, während uns Neueren, infolge der christlichen Missverständnisse vieler Jahrhunderte und infolge des leblosen Schematisierens unserer Fachlehrer, Plato als eine Art Verächter der Sinne, als ein weltflüchtiger Asket und als der Erfinder einer naturwidrigen, negativen, »platonisch« missnannten Gattung der Liebe erscheint, das Altertum ihm im Gegenteil eine sonderbare und einzige Ehrung zugedacht hat: die Identifizierung mit Dionysos (Bakchus), dem Gott des Weines, des Rausches, der Zeugungskraft und des Wachstums. Ein ideales Bildnis — halb hergebrachte Gottesgestalt, halb Porträt des Philosophen — bekannt unter dem Namen Dionysoplato, war als Statue, Gemme und Siegel in allen Ländern verbreitet, wohin hellenische Kultur gedrungen war. Heinrich von
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    ¹) Gastmahl 210—211 und vgl. Phaidros 247 fg. Bemerkenswert ist es, wie im Gastmahl die Liebe in der ganzen Natur, auf allen Stufen verherrlicht wird, von der Harmonie der toten Elemente und Kräfte, die Eryximachos, der Arzt, preist, bis zu den Ahnungen letzter Erkenntniswahrheiten in Liebe und Zeugung, wie sie Sokrates der Diotima in den Mund legt. (Die bei Diederichs erschienene Verdeutschung dieses unsterblichen Meisterwerkes durch Rudolf Kassner sei bei dieser Gelegenheit allen Ungelehrten warm empfohlen. Trotz einiger bedenklichen Gewaltsamkeiten ist diese Übersetzung so lebendig und künstlerisch schön, dass sie mehr als andere geeignet scheint, Liebe und Verständnis einzuflössen.)

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Stein hat darüber schöne Worte geschrieben: »O ihr glückseligen Hellenen, dass es euch möglich war, dem Weltenwesen einen solchen Menschen abzugewinnen, diesen, höchster Erkenntnis vollen, lächelnden Blick auf den Dingen ruhen zu lassen! Der griechische Künstler nun bildete, um all dies auszudrücken, einen schönen, trunkenen Mann; von edlem Wein begeistert, halb müde, halb sinnend, senkt er Haupt und Blick ..... Der Bildner bildete den Trunkenen schön, und hatte ihn zugleich erhaben-weise gebildet ...«. ¹) Dass Plato in seinen philosophischen Schriften zu verschiedenen Malen den Wein verherrlicht hat, dass er noch als hochbetagter Greis ihn als einen »Balsam« preist, den Dionysos den Menschen »gegen die Bitterkeit der Jahre geschenkt habe, damit die Alten ihre Tränen vergässen und die verlorene Jugend wiedergewönnen« (Gesetze 666 und 672) — das würde nicht hinreichen, eine so auffallende Vorstellung wie diese Gleichsetzung Plato-Dionysos im Volksbewusstsein zu erwecken; denn der Wein ist auch von vielen Anderen gepriesen worden, und zwar in Liedern, die überall gesungen wurden, wogegen das Gastmahl und die Gesetze nur einer Minderzahl unerschrockener Denker bekannt gewesen sein können. Vielmehr wurzeln solche Dinge immer in dem unmittelbaren Eindruck, den die lebendige Persönlichkeit hervorbringt, und in dem sicheren Instinkte der unpersönlichen Menge gerade für das Wesentliche an grossen Persönlichkeiten, sowie in ihrem Talent, dieses ihr Gefühl in ein Bild zu verdichten.
    Was Plato besonders charakterisiert, ist also seine   Z e u g u n g s k r a f t.   Aristoteles widerspricht seinem Meister fast Wort für Wort; und doch ist der ganze Aristoteles — das heisst, jeder einzelne schöpferische Gedanke des Aristoteles — im Plato enthalten und aus Plato geholt: das kann heute unwiderleglich gezeigt werden; dass die lange Reihe der antiaristotelischen Neoplatoniker ebenfalls alle in Plato leben und weben und fast lediglich aus einzelnen abgerissenen Fäden des Plato ihre Systeme entwickeln, braucht nicht erst dargetan zu werden. Weit bedeutender betätigt sich aber diese Zeugungskraft dort, wo sie seit mehr als zweitausend Jahren
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    ¹) Die Entstehung der neueren Ästhetik, 1886, S. 357. Stein wusste nicht, dass ein Typus »Dionysoplato« tatsächlich existiert hat und weitverbreitet gewesen ist; ihn interessierte das Paradoxon, dass man einen trunkenen Dionysos für ein Bildnis Plato's hatte halten können; jetzt haben aber egyptische Urkunden aus der Zeit Kaiser Hadrian's gezeigt, dass der Διονυσοπλατων eine bekannte Figur war, entsprungen aus einer weitverbreiteten Vorstellung (vgl. die Beilage zur Münchener Allgemeinen Zeitung vom 26. 2. 1903).

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unerkannt, ohne Autornamen, am Werke ist. Denn Plato ist nicht bloss der Urquell fast aller europäischen Philosophie der verschiedensten Richtungen; er ist nicht nur derjenige, durch den »Methode« im Denken und Forschen überhaupt erst möglich wurde, und der Erfinder einer so weit über das Aristotelische Schema hinausreichenden Auffassung der Logik und Mathematik (und ihrer gegenseitigen Beziehungen), dass wir erst jetzt, im Lichte einer höheren Mathematik, seine Ahnungen recht zu verstehen beginnen; ¹) er ist nicht bloss ein so gewaltiger Erfinder im Sprachlichen, dass wir noch heute ohne die von ihm zuerst ausgeprägten Begriffe: Idee, System, Theorie, Hypothese, Methode, Problem, Phantasie, Diagnose, Analogie, Kriterium, Anomalie und hundert andere gar nicht auskommen könnten (der vielen vortrefflichen, leider nicht aus der griechischen Sprache ins Deutsche übergegangenen Worte nicht zu gedenken); ²) sondern Plato (und nicht Aristoteles) ist auch der wahre Urheber echter Wissenschaft der Natur: er lehrte uns   s e h e n,   er lehrte uns die Gestalten zu Gattungen zusammenfassen und in Arten auseinanderhalten — nicht etwa, dass er die tatsächliche Ausführung in Angriff genommen hätte, doch der Gedanke selbst des Zusammenfassens und des Sonderns ist von ihm, ist seine »Erfindung«; und diese Erfindung konnte nur Einer machen, der überhaupt das   E r f i n d e n   im Menschengeist auf Schritt und Tritt als die eigentliche Funktion dieses Organismus entdeckt hatte.
    Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen; nur Wenige ahnen, was wir alles der Zeugungskraft des Plato verdanken; etwas genauer werden wir am Ende dieses Vortrages darüber unterrichtet sein. Und das ist es — diese grosse, namenlose, selten mit Händen zu greifende, doch überall den Geist befruchtende, dem paragraphos-rubrizierenden Verfahren widerstrebende, aber allerorten, in und zwischen den Zeilen beredt oder verschwiegen waltende   E r f i n d u n g s -   u n d   Z e u g u n g s k r a f t — das ist es, was dem Volk eingab, in Plato eine Dionysische Natur zu erkennen und zu verehren. Wir Spätgeborene besitzen nur die Schriften, Jene hatten den Mann selbst erlebt. »Einfältig«, sagt Plato, ist es, zu glauben, »man könne in   S c h r i f t e n   etwas Deutliches und Sicheres hinterlassen oder es aus Schriften aufnehmen; nur das lebendige Wort
—————
    ¹) Näheres hierüber gegen Schluss des Vortrages.
    ²) Vgl. hierzu Eucken: Geschichte der philosophischen Terminologie, 1879, S. 16 fg.


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ist beseelt, das geschriebene ist dessen blosses Schattenbild« (Phaidros 275 C, 276 A). Wie mag erst Plato's lebendige Gegenwart zeugend gewirkt haben! »Die Liebe, o Sokrates, ist nicht, wie du wähnst, bloss die Liebe zu einer schönen Gestalt, sondern  d i e   L i e b e   i s t   v o r   a l l e m   d i e   L i e b e   z u   e i n e r   a u s   d e m   S c h ö n e n   n e u   z u   e r z e u g e n d e n   G e s t a l t !   Denn das sterbliche Wesen beherbergt ein unsterbliches Teil: die Kraft zu zeugen; und so geht denn alle Liebe auf Unsterblichkeit. Die Einen, um unsterblich zu sein, erzeugen Kinder; Andere, deren Zeugungskraft ihren Sitz mehr in der Seele als im Leibe hat, erzeugen Werke des Geistes und werden hierdurch Schöpfer von Gedanken, Dichtungen und von jeglicher Kunst, die aus Erfindung entspringt« (nach Gastmahl 206—209). Sie sehen, wie positiv und produktiv hier alles ist: die Liebe zum Schönen ist der Weg zur Weisheit; das Zeugen im Schönen ist der Weg zur Unsterblichkeit; Werke des Geistes sind nur solche, die aus Liebe und Kraft »erzeugt« werden, nur solche, in denen schöpferische Erfindung gestaltet hat.
    Der Gegensatz zu Immanuel Kant liegt auf der Hand; es wäre schmerzlich, ihn durch nähere Ausführung noch härter hervortreten zu lassen. Doch ergeht es uns hier wieder wie bei der Gegenüberstellung Kant's und Goethe's. Zuerst schien auch dort alles sehr einfach und scharf: Goethe ganz Auge, Kant gar nicht Auge, bei Goethe alles anschaulich, bei Kant alles abstrakt; dann stellte es sich aber heraus, dieser erste Eindruck sei — trotzdem er auf unbestreitbaren Wahrheiten beruht — doch ein oberflächlicher. Die Methode der Vereinfachung in Ehren! doch die menschliche Seele pflegt ein sehr verwickeltes Gebilde zu sein, und gerade die in der Tiefe, halb verborgen liegenden Züge sind es — die Züge, die der flüchtig Hinschauende nicht erblickt — die der Persönlichkeit ihren besonderen, ihr allein eigenen Charakter verleihen. Wir lernten damals, wie Sie sich erinnern, einsehen, dass Kant eine hervorragende, wenn auch sehr eigenartige Kraft der Anschauung besitzt, und es stellte sich das Unerwartete heraus, dass seine theoretischen Ansichten bezüglich der Natur von handgreiflicher Anschaulichkeit sind, wogegen die Goethe's zwischen Erblicktem und Erdachtem in der Schwebe bleiben (vgl. namentlich S. 84). Später hatten wir dann öfters Gelegenheit, die grosse Bedeutung der Anschauung bei Kant — auch innerhalb seiner Erkenntniskritik — zu betonen; wir lernten ihn sogar als einen erklärten Feind alles rein abstrakten, von

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der Anschauung abgekehrten Denkens kennen. Ebenso dürfen Sie nun Plato, den Schönheitstrunkenen, den von dionysischem Zeugungswahn Ergriffenen, nicht lediglich als Kontrast und Gegensatz zu Kant betrachten. Dass er in manchen Dingen Kant sehr nahe steht, habe ich schon hervorgehoben und will ich gleich näher ausführen; ich glaube aber, Sie werden bedeutend gefördert werden, wenn Sie auch hier — wo Plato als der Antipode Kant's erscheint — gerade durch Plato die Anregung empfangen, nach Zügen in Kant zu forschen, die ihnen sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Schon hier bietet sich die Gelegenheit, Plato als Vergrösserungsglas zu gebrauchen. Wohl wird nimmermehr selbst die bitterste Satire einen Vergleich zwischen Kant und Dionysos anstellen; aber fragen wir uns ehrlich: hat es je einen modernen Deutschen gegeben, für den wir ihn hätten in Anspruch nehmen können? Selbst die allbeliebte Redefigur Goethe - Apoll entbehrt nicht eines lächerlichen Beigeschmackes. Dort, wo zwischen zwei Kulturen ein für allemal eine Grenzlinie gezogen ist, gewinnen wir nichts durch deren willkürliche Verwischung. Dagegen ist Kant, wenn auch nicht, wie Plato, ein Aristokrat und Sklavenbesitzer, sondern ein einfacher Sattlerssohn, geradezu ein Muster der zartesten, stolzesten, taktvollsten Vornehmheit; in dieser Wahrhaftigkeit, in diesem unantastbaren Stolz, der selbst dem zürnenden König gegenüber nicht versagt, in dieser Keuschheit des Lebens und des Denkens, in dieser Strenge gegen sich selbst, in dieser Genügsamkeit des einzig nach innerer Freiheit geizenden Mannes steigt ein neues Ideal vor uns auf; an uns ist es, einen solchen Mann ebenso geziemend — und das heisst, mit einem ebenso überraschend kühnen Blick durch die Hülle in das Wesen — zu verherrlichen, wie die Griechen ihren Plato. Schon in Kleinigkeiten — oder vielmehr besonders in Kleinigkeiten, weil diese allein am leitenden Willen sozusagen vorbeigleiten können — verriet sich die sonst verhaltene Leidenschaftlichkeit von Kant's Wesen. Lesen Sie die Berichte der Zeitgenossen — namentlich Wasianski's unvergleichliches kleines Buch — mit Sorgfalt: Kant konnte die Menschen, die wenig assen und tranken, nicht leiden, er lud sie nicht wieder zu Tisch ein; er war von einer unbeschreiblichen Ungeduld, wenn der Diener das Geforderte nicht im Nu brachte; bei einem Auftrag an einen Freund genügte ihm kein blosses Ja, sondern es musste heissen: »Ja, auf der Stelle!« wofür Kant sich aber dann

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mit einem »O, das ist herrlich!« zu bedanken pflegte; er liebte nur rauschende Kriegsmusik und war ungehalten, als man einst zu einer Trauerfeier klagende Weisen gewählt hatte, denn er meinte, bei solchen Gelegenheiten sollten heldenhafte Klänge die Vollendung und den Sieg über den Tod verkünden; in der hilflosen Schwäche seines hohen Alters ward er einmal, als er allein in seiner Stube sass, von einem Diebe überrascht, fuhr aber mit einem solchen Ungestüm auf ihn los, dass der Dieb die Flucht ergriff. Kant war nicht etwa verschlossen und grüblerisch, sondern heiter und gesprächig; Schiller nennt ihn mit Recht »einen heiteren und jovialischen Geist« (Br. an Goethe 22. 12. 98). Ein sehr unverdächtiger Zeuge, sein erbitterter Gegner, Herder, der von 1762 bis 1764 sein Schüler gewesen war, berichtet: »... Kant hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings ... seine offene, zum Denken gebauete Stirn war der Sitz der Heiterkeit, und die gedankenreichste, angenehmste Rede floss von seinem gesprächigen Munde. Scherz, Witz und Laune standen ihm zu Gebot ... sein öffentlicher Vortrag war wie ein unterhaltender Umgang«. ¹) Ein Mann, der Kant zwanzig Jahre später kannte, Jachmann, sagt, er sei manchmal in Gesellschaft so hinreissend unterhaltend und witzig gewesen, dass seine Worte »wie Blitze am heiteren Himmel gespielt« hätten; und derjenige Mann, der wohl von allen am längsten und intimsten mit Kant verkehrt hat, Motherby, ein englischer Kaufmann von nüchterner Sinnesart, erzählt, Kant habe in kleinem Kreise oft so gesprochen, als sei er »von einer himmlischen Kraft begeistert«, und er habe durch diese Macht des gesprochenen Wortes »alle Herzen auf immer an sich gefesselt«. Sie sehen, es steckt hinter dem Kant, wie ihn sich die heutige Welt vorstellt und wie er sich selber in seinen Schriften gibt, ein anderer Kant, den wir alle viel zu wenig bisher beachtet haben; denken Sie sich Kant durch einen Zufall des Schicksals in anderer Umgebung und anderen Glücksverhältnissen geboren (denen Plato's irgendwie vergleichbar), sein Charakter wäre viel freier und unbefangener in die Erscheinung getreten. Ich halte solche Züge, wie Kant's vielbesprochene, übertrieben pedantische Pünktlichkeit, für eine Reaktion des Willens gegen das Temperament: der   Z w a n g   ist ja der hervorstechende
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    ¹) Briefe zu Beförderung der Humanität, Nr. 79; nach der ursprünglichen, später von Herder veränderten Fassung (Sämtliche Werke, Ausg. von Suphan, XVIII, 324).

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Charakter unserer heutigen gesellschaftlichen Civilisation; wer ein mächtiges Bedürfnis nach innerer Freiheit empfindet, wird oft zu dem isolierenden Mittel einer eisernen Selbstbeherrschung, eines krampfhaften Sichzusammenballens greifen; er wird dem Zwang durch Zwang begegnen. Auch die Glut der Begeisterung — jenen »Wahn«, der, wie wir sahen, für Plato die Vorstufe jeder wahren Erkenntnis bedeutet — werden wir bei genauerem Zusehen an Kant entdecken, wenn er sich in seinen Schriften auch noch so sehr dagegen wehrt und immer wieder sein Misstrauen gegen jegliche »Schwärmerey« äussert. So erzählt z. B. Wasianski folgende Geschichte. In einem kühlen, an Insekten armen Sommer hatte Kant zu öfteren Malen junge, unflügge Schwalben zerschmettert am Boden liegen sehen; erstaunt über dieses wiederholte Vorkommnis, beobachtete er genau und entdeckte, dass es die Elternvögel waren, die, da die Nahrungsmenge für die ganze Brut nicht hinreichte, einige Kleine dem Tode weihten und hierdurch den übrigen die genügende Körperkraft sicherten. »Voll Verwunderung sagte Kant: 'Da stand mein Verstand stille, da war nichts dabei zu tun, als hinzufallen und anzubeten'; dies sagte er aber auf eine unbeschreibliche und noch viel weniger nachzuahmende Art. Die hohe Andacht, die auf seinem ehrwürdigen Gesichte glühte, der Ton der Stimme, das Falten seiner Hände, der   E n t h u s i a s m u s,   der diese Worte begleitete, alles war einzig.« ¹) Sie sehen, das ist keine nüchternmechanische Naturbetrachtung; und was die Auffassung des moralischen Wesens des Menschen anbelangt, so hat Kant in seinem vierzigsten Jahre, in einer leider wenig beachteten Schrift, Versuch über die Krankheiten des Kopfes, erklärt: »Niemals ist ohne Enthusiasmus in der Welt etwas Grosses ausgerichtet worden«. Sobald Sie Ihr Gehör dafür geschärft haben, werden Sie bei Kant an manchen Orten das Rauschen jener »Flügel« vernehmen, ohne die, nach Plato, Keiner sich bis zur wahren Weisheitsliebe hinaufzuschwingen vermag; und auf Niemanden mehr als auf Kant sind die Worte anwendbar, die Plato an der selben Stelle hinzufügt: »Die Menge merkt nicht, dass der Philosoph begeistert ist«. ²)

STIL UND SPRACHE

    Hier ist nun der Ort, auch über Kant's Stil und Sprache einige Worte zu sagen.
    Kant ist nicht, wie Plato, ein Dichter; seinen Ausgang nimmt
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    ¹) Auflage von 1804, S. 193; Ausgabe von Hoffmann, 1902, S. 410.
    ²) Phaidros 249 C und D.


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er nicht von Dithyramben und Tragödien, und das Dramatische und Pittoreske, das Plato bis zuletzt auszeichnet, fehlt ihm zu allen Zeiten. Nur sehr selten erhebt sich seine Sprache zu ergreifenden Tönen und oratorischem Glanz; es geschieht fast nur, wo von   P f l i c h t   die Rede ist; hier fühlt man die leidenschaftliche Bewegung des Herzens, sonst selten. Näher zu den persönlichen Vorzügen des Kantischen Stiles führt uns die Betrachtung seiner Vergleiche: diese sind meistens originell und besitzen eine so eigentümliche Kraft der Anschaulichkeit, dass sie sehr entlegene Gedankengegenden mit Licht überfluten; Sie brauchen nur an den focus imaginarius in unserem ersten Vortrag (S. 65 fg.) zu denken und an die Weltkugel in dem vierten (S. 381); ähnlich glücklich gewählte Bilder tauchen bei ihm alle Augenblicke auf. Doch was die hervorragende Eigenschaft dieses Stiles ausmacht, ist die   K l a r h e i t.   Ich weiss, manche hochgelahrte Männer und manche empfindsame Seelen werden über die Behauptung, Kant schreibe ausnehmend klar, mit den Achseln zucken; doch mir genügt zur Bestätigung meines eigenen Gefühls das Urteil Goethe's; »Nichts ist so klar wie Kant«, sagte er zu Cousin, und Schopenhauer gegenüber sprach er: »Wenn ich eine Seite in Kant lese, wird mir zu Mute, als träte ich in ein helles Zimmer«. ¹) Hier handelt es sich um etwas höchst Eigentümliches; ich bin aber verlegen, wie ich es anders schildern soll als durch diesen blossen Hinweis auf Goethe's Wort: ein helles Zimmer. Goethe sagt nicht »ein schön gebautes Zimmer«, oder »ein geschmücktes Zimmer«, er sagt ein   h e l l e s   Zimmer. ein Zimmer. in dem man gut sieht. Kant's Stil ist nämlich reines, weisses Licht, ohne Farbe, — und als solcher spiegelt er die Persönlichkeit getreu wieder; le style est l'homme même. Ein Schopenhauer hat alle Farben auf seiner Palette: seine Weltanschauung ist ein Gemälde; Kant dagegen stellt sich genau das selbe Ziel wie etwa der Verfasser eines Handbuches der Physik: die Phänomene schlicht und wortkarg hinzustellen, sie zu analysieren, die Gesetzlichkeiten aufzudecken, den systematischen Zusammenhang nachzuweisen. Was hat der gelernte Physiker vor dem ungebildeten Laien voraus? Wesentlich, dass er die Vorgänge in der Natur besser beobachtet und richtiger sieht; er sieht mehr, er sieht schärfer, und indem er Zusammenhänge überschaut, die ein anderer
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    ¹) Vgl. Biedermann: Goethe's Gespräche, III, 290 und IX, 113. (vgl. auch oben, Vorrede, S. 6.)

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nicht ahnt, gelangt er zu etwas, was man wohl ein »gesteigertes Sehen« nennen darf. Genau das selbe ist Kant's Methode und Kant's Ziel. Das Oratorische flösst ihm Misstrauen ein: die Beredsamkeit, meint Kant, ist »eine Kunst, durch den schönen Schein zu hintergehen«; sie vermindert »die Freiheit der Beurteilung«; ¹) ebenso warnt er, es sei unzulässig, »allenthalben Anschauung an die Stelle der ordentlichen Reflexion des Verstandes und der Vernunft zu setzen«, hierdurch gerate man in »Schwärmerei«, und selbst vom Genie ausgeübt, fehle dieser Methode »die Trockenheit und Wachsamkeit und Kaltblütigkeit der Urteilskraft (Ref. I, 13). Da haben Sie das mit gutem Bedacht erwählte stilistische Programm: trocken, wachsam, kaltblütig. Es ist genau wie vorhin im Leben: das Sichselbstbeherrschen, das Sichzusammenballen. Ein solches Programm bedeutet den grundsätzlichen Verzicht auf die künstlerische Formgebung; die Mania des Plato mag im Herzen des Denkers hausen, doch mitreden darf sie nicht. Jedoch, in den Händen des Genies ergeben sich aus diesen stilistischen Grundsätzen — nebst grossen, unableugbaren Mängeln — zwei grosse Eigenschaften: übersichtliche Architektonik des Ganzen, scharfe, fraglose Eindeutigkeit im Einzelnen; und aus diesen zwei Eigenschaften entsteht jene ungewöhnliche und eigenartige Klarheit, die Goethe für Kant's Schriften charakteristisch fand, und jene »lebendige Ausdrucksweise«, die Jakob Grimm an ihnen rühmt (Einleitung zum deutschen Wörterbuch). Hier greifen die Eigenschaften des Stils über die Sprache hinaus. Bekämpfen, hassen, anathematisieren, missverstehen konnte man Kant's Weltanschauung, nicht aber sich ihrer zwingenden architektonischen Allgewalt entziehen; heute philosophieren alle Kulturmenschen — auch die, die keine Silbe Deutsch verstehen — in den Begriffen, die Kant geprägt oder umgeprägt, und in den Schemen, die er geschaffen hat. Und Sie werden wohl zugeben, dass eine solche architektonische Kraft eine schöpferische ist, und sogar eine der poetischen — wenigstens wie die Griechen das Wort Poietes verstanden — nahverwandte; sie gehört zu dem, was Plato, wie wir vorhin hörten, »ein Erzeugen von Gedanken, Dichtungen und jeglicher Kunst, die aus Erfindung entspringt«. nannte. In der Kunst der Architektonik überragt Kant den griechischen Erkenntniskritiker gewaltig; hier ist Er der Dichter, und zwar einer der grössten.
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    ¹) Vgl. für den genauen Text, Ur. § 53.

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    Zu einem grossartigen Bau gehören aber fein zugehauene Quadern, und die Klarheit, von der Goethe spricht, wäre nicht zustande gekommen, wenn nicht Kant — in seiner Weise — auch ein Meister des Wortes gewesen wäre. Ich sage absichtlich des   W o r t e s,   nicht des Satzes; denn der Satz ist bei Kant meistens ungefüge und nicht selten unschön; im Gebrauch der Worte dagegen ist Kant ein ebenso grosser Künstler wie in der Disposition des Ganzen. Hier treffen Kant und Plato wieder zusammen; beide gehören zu den ganz grossen, epochemachenden Sprachbeherrschern. In seiner Geschichte der philosophischen Terminologie (S. 141) sagt Eucken: »Es ist hier (bei Kant) ein so wesentlich Neues geschaffen, dass alles Folgende an das hier Geleistete anknüpfen muss.« Hier lohnt es sich, Plato und Kant am Werke zu beobachten.
    Plato denkt viel nach über das Wesen der Sprache; zwar will er sich nicht bei dem Mythos eines göttlichen Ursprunges beruhigen, denn das, meint er, wäre eine ähnliche Ausflucht wie der deus ex machina der Tragödiendichter; doch heilig und unergründlich bleibe dieses Werkzeug des Denkens (vgl. Kratylos, 425 fg.). Das eine Mal warnt er uns gegen »den üblichen Gebrauch der Worte, wie Sie die Leute einmal so und einmal anders anwenden und auf diese Weise vielfältigste Verwirrung schaffen«; wenige Seiten darauf aber warnt er nicht minder eindringlich gegen »die spitzfindige Bestimmung der Wortbedeutungen«, denn wer so handle, sei dem Worte »knechtisch untertan« (
ανελευθερος), wogegen in der Behandlung der Sprache eine »edle« Freiheit am Platze sei (Theaitetos 168 C und 184 C). Er erfindet denn auch nicht Worte aus freien Stücken, er haucht aber bekannten, vielgebrauchten Worten neues Leben ein; es ist dies ein symbolisches Verfahren, und das heisst, ein aus dem Geiste der Sprache geborenes Verfahren, da alle Sprache von Hause aus symbolisch ist. Ein Kreis spannt sich um den anderen, ohne aber, dass der Mittelpunkt verrückt würde. So wird z. B. bei Plato aus Hypo-thesis, einem Wort, das bis zu ihm einfach ein Unter-gelegtes, ein Tragstück, eine Stütze, ein Postament bedeutet hatte, jetzt diejenige Annahme, von welcher der nachsinnende Geist ausgeht, sei es, um die sichtbaren Phänomene der Natur aneinander zu gliedern, sei es, um hinaufzusteigen, bis er jenseits der Natur ein transscendentes — oder, wie Kant verdeutscht, »die Erfahrung Überfliegendes« — Unbedingtes, das heisst keiner weiteren Voraussetzung Bedürftiges findet, das »Anhypothetische«, wie Plato

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es nennt (Rep. VI, 511). Hierdurch wird aber, wie Sie sehen, eine neuentdeckte Tatsache des Geistes mitgeteilt; schon in diesem einen Worte liegt eine ganze philosophische Weltanschauung implicite inbegriffen; denn in Hellas war es noch keinem Denker beigefallen, dass wir Menschen weder »hinunter« zur Natur, noch »hinauf« zu den Vernunftbegriffen gelangen können, ohne erst eine Voraussetzung zu machen, ein Tragstück unterzulegen, das uns dann, wie Plato sagt, »als Stufe und Sprungbrett« dient (id.). Wir stehen hier schon mitten in einer tiefgründigen Kritik der Erkenntnis; wie tief, können Sie daraus entnehmen, dass Plato auch die   I d e e n   als »Hypothesen« aufstellt, die der Mensch erst »jedesmal zu Grunde lege« — υποθεμενος εκαστοτε λογον — damit er einen Stützpunkt besitze, von wo aus seine Gedanken hinauf- und hinabschweifen können (Phaidon 100 A und 101 D). So plastisch sind die Worte bei Plato, so unerschöpflich reich an Anregung! Von jedem der von ihm in bescheidener Anlehnung an die Umgangssprache eingeführten philosophischen Ausdrücke strahlen, sozusagen, Gedanken nach allen Richtungen aus, und wer die wichtigsten dieser Ausdrücke lebendig in sich aufgenommen hat — das heisst also in jener »edlen Freiheit« durchaus persönlicher und vielseitiger Wesen — der besitzt eigentlich den ganzen Plato; die Worte sind nicht stumme Wegweiser, sondern sie sind der Weg selbst, vom Genie aus dem Urwald ausgehauen. Wollen Sie aber, zur Ergänzung der hier gewonnenen Einsicht, das Entgegengesetzte erfahren, also die Verarmung der Worte an Inhalt, so brauchen Sie nur zu Aristoteles zu greifen, bei dem z. B. »Hypothesis« einfach eine unsichere Annahme heisst, im Gegensatz zu einer sicheren! Die durch kritische Besinnung entdeckte   T a t s a c h e,   dass jeder menschliche Gedankenaufbau — betreffe er die empirische Welt oder die Welt der reinen Gedanken, gleichviel — auf »Tragstücken« ruhe, die wir selber erst »zu Grunde legen«, diese Tatsache ist verloren, ist den Augen entschwunden; Aristoteles, dieser bewunderungswürdige, aber durchaus unkritische Kopf — von dem der beste lebende Kenner hat behaupten dürfen, er habe Plato »in jeder einzelnen Aufstellung missverstehen   m ü s s e n « ¹)   hat nie gewusst noch ge-
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    ¹) Natorp: Plato's Ideenlehre, S. 370. Das Beste, was ich über Aristoteles kenne, steht in Schopenhauer's Fragmente zur Geschichte der Philosophie, § 5:
»Als Grundcharakter des Aristoteles liesse sich angeben der allergrösste Scharfsinn, verbunden mit Umsicht, Beobachtungsgabe, Vielseitigkeit und Mangel an Tiefsinn. Seine Weltansicht ist flach, wenn auch scharfsinnig durchgearbeitet«.


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ahnt, was »Hypothesis« für Plato bedeutete; wissen kann es ja nur, wer, wie der Bergsteiger unseres letzten Vortrages, hoch genug gestiegen ist und dann sich umgedreht hat; und so sind unter seinen Händen alle diese herrlichen Worte zu Abstraktionen verblasst und sind auch zumeist in dieser Gestalt auf uns gekommen. — Kant nun ist ein würdiger Nachfolger Plato's; eine unendliche Sorgfalt wendet er den Worten zu; er haucht ihnen neues Leben ein und ist namentlich auch bemüht, philosophisch schon früher ausgeprägte Gebilde zu retten, die »sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung verlieren«, wo es dann »leichtlich geschieht«, dass »auch der Gedanke verloren gehe, den sie allein hätten aufbehalten können« (r. V. 269). Kant empfindet lebhaft die Vorzüge seiner Muttersprache: »Die deutsche Sprache ist unter den gelehrten lebenden die einzige, welche eine Reinigkeit hat, die ihr eigentümlich ist. Alle fremden Worte sind in ihr auf immer kenntlich ... deswegen belohnt es der Mühe, darauf acht zu haben ... fremde Wörter verraten entweder Armut, welche doch verborgen werden muss, oder Nachlässigkeit ...« (Ref. II, 9 fg.). Doch steht Kant unter dem Gesetze jenes Verhängnisses, unter dem wir alle stehen und von dem ein Plato in seinem sonnigen Griechenland nichts wusste:   u m   v e r s t a n d e n   z u   w e r d e n,   musste er in seinen metaphysischen Schriften zwei Drittel der Kunstausdrücke für seine neuen Gedanken toten Sprachen entlehnen, musste er seine klaren deutschen Gedanken, wie er selber klagt, »in barbarischen Ausdrücken« einhergehen lassen (Br. 7. 8. 83) — sonst hätten die deutschen Gelehrten weder seinen Sinn erraten, noch seine Bücher überhaupt gelesen. So teuer bezahlen die Völker ihre Fehler! In einem Briefentwurf aus seinem siebzigsten Lebensjahre beklagt Kant G. Chr. Lichtenberg gegenüber, dass er »die scholastische Geschmacklosigkeit nicht habe umgehen können«, und verspricht, »bei den nächsten Arbeiten dieser Art darauf Bedacht zu nehmen, jenen Benennungen andere, der gemeinen Fassungskraft näherliegende beizugesellen«. ¹) Es waren aber damals schon alle Kritiken erschienen; und weil wir sprachlich verrohte Menschen die Zartheit und Genauigkeit in Kant's Auswahl und Anwendung der Worte für sein kritisches Gedankengebäude nicht genügend beachteten, so musste der Meister selber klagen: »Mancher (meiner) Nachbeter braucht Worte, mit denen er keinen Sinn verbindet .... sie lassen
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    ¹) In Hartenstein's Gesamtausgabe, 1867, VIII, 794.

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mich oft ein Kauderwälsch reden, das ich selbst nicht verstehe« (a. a. O.). Um also Kant's Wortkunst richtig zu beurteilen, müssen wir bedenken, dass er die Last griechischer und lateinischer Worte überkam, und dass vor ihm überhaupt noch garnicht in deutscher Sprache philosophiert worden war. Doch umso grösser ist Kant's Verdienst; denn wenn er sich auch seine Kunstausdrücke zum grossen Teile aus dem Arsenal der Scholastik — nicht, wie Plato, aus der lebendigen Sprache des Volkes — geholt hat, so hat er nichtsdestoweniger: 1. überall, wo es ihm ohne Nachteil für sein Vorhaben tunlich schien (so namentlich in der Kritik der praktischen Vernunft und der Urteilskraft) deutsche Ausdrücke geprägt; 2. hat er den abgenutzten, fadenscheinigen Vokabeln der Scholastiker so viel gestaltende Lebenskraft eingehaucht, dass manche von ihnen seitdem in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen sind; 3. hat er überall peinlich genaue Be- und Umschreibungen der scholastischen Wörter gegeben und an ungezählten Orten deutsche Worte zum gleichwertigen Gebrauch neben den Fremdwörtern vorgeschlagen. Dass die deutsche Sprache die Sprache der höchsten Gedanken des Menschengeschlechtes wurde, ist in erster Reihe sein Verdienst. ¹)
    So hätten wir denn die Vergleichung der wichtigeren äusseren Merkmale Plato's und Kant's zu Ende geführt. Von der physischen Gestalt, den Schicksalswegen und den Temperamenten gingen wir aus und sind nach und nach bis zu einem Vergleich des Stiles und der Wortbehandlung gelangt. Das alles kann in einem gewissen Sinne als zur äusseren Erscheinung des Menschen gehörig betrachtet werden; es macht das aus, was wir zunächst an ihm gewahr werden, und bildet den Untergrund — die Hypothesis hätte vielleicht Plato gesagt — zu der Vorstellung, die wir uns von seinem Innern machen. Ehe wir nun zu dem Denken — zu der Art zu schauen — übergehen, müssen wir den Vergleich zwischen den beiden Männern durch einen Blick ins Allerinnerste ergänzen. Es wird dies gleichsam das »Was« ihrer Persönlichkeit im Verhältnis zu dem »Wie« sein, das wir soeben in Betracht gezogen haben;
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    ¹) Köstliche Proben seiner feinsinnigen Wortbestimmungen und -unterscheidungen findet man in vielen Schriften, so z. B. in dem vorhin genannten Versuch über die Krankheiten des Kopfes (Torheit, Narrheit, dumm, stumpf, einfältig, albern usw.), besonders zahlreich in den Beobachtungen über das Gefühl des Schonen usw. und in der Anthropologie, sowie in den von Benno Erdmann herausgegebenen Reflexionen.

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wogegen das theoretische Denken zwischen beiden hin- und herschwebt.

DAS GEMEINSAME ZIEL

    Hier wird uns eine einzige Betrachtung genügen; sie trifft den Kern; mehr brauchen wir nicht. Sobald wir uns nämlich dem innersten Wesen dieser beiden Männer zuwenden, wird eine Tatsache notwendig unsere Aufmerksamkeit fesseln: Kant und Plato treffen nicht bloss in dem   E r g e b n i s   ihres Denkens zusammen, sondern was sie beide zur Erforschung des Menschengeistes aufruft, das   Z i e l,   auf das sie zustreben, ist für beide genau das selbe; nicht die Befriedigung spekulativer Neugier, nicht die Lösung abstrakter Fachfragen hat den einen aus der Dichtkunst und den anderen aus der Mathematik in die Philosophie hineingetrieben, sondern, was sie ganz erfüllt, ist ein moralisches und praktisches Ziel. Auch hier wieder fällt dieses positive Element auf den ersten Blick stärker bei Plato als bei Kant in die Augen, doch genügt ein Mindestmass von Scharfsinn und Kenntnis, um einzusehen, wie richtunggebend das praktische Ziel auch für Kant von Anfang an war und blieb.
    Plato's Lehrer, Sokrates, hatte grundsätzlich aller Wissenschaft und aller Fachphilosophie den Rücken gekehrt, um einzig die praktisch-sittlichen Interessen des Menschen in Erwägung zu ziehen; diesem Ausgangspunkt bleibt Plato innerlich bis ans Ende treu. Ich erinnere mich, wie der geistvolle Franzose, der mich zuerst in hellenische Philosophie einführte, mir einzuschärfen pflegte: »Plato ist gar kein Philosoph im eigentlichen Sinne des Wortes; er ist Ethiker und Politiker«. Dass diese Auffassung der Irrtum eines metaphysisch unbefähigten Mannes war, musste ich bald erkennen; doch welche richtige Einsicht hinter dem Irrtum steckt, habe ich erst im Laufe der Jahre begreifen gelernt. »Die Erkenntnis des Guten und Bösen« (
επιστημη αγαθου τε και κακου) stellt Plato in einem seiner allerersten Dialoge als diejenige Erkenntnis hin, ohne welche »alle anderen zusammengenommen« völlig wertlos seien (Charmides 174 C, D); und nicht bloss sind Plato's umfangreichste Werke — Die Republik und Die Gesetze — eingestandenermassen praktisch-politischen und sozialen Fragen gewidmet, wogegen in ihnen Metaphysik und Erkenntniskritik nur episodenweise zur Sprache kommt, sondern in fast jeder einzelnen Schrift, gleichviel welches

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ihr Thema sein mag, gipfelt die Untersuchung in der Frage nach dem unbedingt Guten, wobei das Schöne und das Wahre als fast — aber nicht ganz — ebenbürtig genannt zu werden pflegen. ¹) Schiller's Wort:

Was wir als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn,

ist ein Echo aus Plato; doch das Schöne ist für Plato nichts Anderes als die »Gestalt« des Guten, wie es künstlerischen Augen sich von aussen darstellt. Sie haben ja schon gehört, wie nach Plato das Schöne zur Erkenntnis führen soll, also auch zum Guten; nur insofern das gelingt, ist das Schöne zu preisen. ²) Das Wahre aber — nach einer merkwürdigen Stelle im Philebos (64 B) — ist als ein gleichsam nur Sekundäres dem Guten »beigemischt« (
μιξομεν); das eigentlich »Wahre«, in dem Sinne wie es alle Welt versteht — nämlich als eine objektiv empirische Wahrheit — vermögen wir überhaupt nicht zu erreichen; das lehrt die Erkenntniskritik. Die naive Voraussetzung der Menge und des Aristoteles, dass »ein Wissen bei einem jeden Gegenstande stattfinde, sobald wir sein Wesenswas erkannt haben«, ³) ist insofern sinnlos, als uns die Kritik belehrt hat, dass wir niemals von irgend einem Gegenstande das Wesenswas zu erkennen vermögen; Wahrheit ist der Weisheit zwar »verwandt« (οικειοτης Rep. 485 C), sie umfasst sie aber nicht; vielmehr ist es einzig »die Idee des Guten« (του αγαθου ιδεα), die über die Schranken der zwischen Verstand und Sinnlichkeit hin- und herpendelnden Erscheinung (Timäos 52 A) hinausweist und hiermit »ein höchstes Wissen« (μεγιοτον μαθημα) vermittelt (Rep. 505 A). 4) Charakteristisch für diese Richtung auf das Praktische ist, dass Plato »die Unedlen und die Feigen« von vornherein vom philo-
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    ¹) Hierzu ist namentlich Philebos 65 A zu vergleichen.
    ²) »Das Gute ist schön (Lysis 216 D, Gastmahl 201 B und noch vielerorten). Hierzu ist auch Die Republik, Buch III zu vergleichen.
    ³) Metaphysik VII, 6, 1031 b, nach Bonitz.
    4) Die »Idee des Guten« ist bei Plato kein rein ethischer Begriff, vielmehr bildet diese Idee — immer deutlicher, je reifer sein Denken wird — den Mittelpunkt seiner Metaphysik und bedeutet das letzte, höchste Gesetz des Denkens, den Punkt, woraus das Denken, damit es überhaupt Denken sei —
αυτος ο λογος
— entspriessen muss; doch sind das Tiefen der metaphysischen Besinnung, die hier nicht berührt werden konnten. Ich verweise auf Natorp, a. a. O., S. 183—196, obwohl diese bewunderungswürdigen Ausführungen über das Gute 1. als letztes ethisches, 2. als letztes logisches, 3. als letztes kosmisches Prinzip mir noch nicht den allertiefsten Grund zu erreichen scheinen. Häufig bedeutet bei Plato »das Gute», was wir heute »Zwecktätigkeit« nennen würden.

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sophischen Unterricht ausschliesst (Rep. 486 B); sie vermögen nicht zu lernen; ohne sittlichen Adel keine Weisheit. Und so werden Sie nicht erstaunen, wenn er in einer seiner reifsten Schriften, dem Sophisten, seine Weltanschauung »die Wissenschaft freier Menschen« (των ελευθερων επιστημη 253 C) nennt; was uns nun wieder auf Kant zurückführt, der — gerade an einer Stelle, wo er von Plato redet — die prächtige Begriffsbestimmung gibt: »Das Praktische ist das, was auf Freiheit beruht« (r. V. 371).
    Bezüglich Kant's wird unser Urteil durch zwei Umstände irregeführt: erstens hat seine Kritik der Vernunft und der Urteilskraft revolutionärer gewirkt und dadurch eine tiefere Bewegung in den Geistern hervorgerufen, als seine Schriften über praktische und ethische und religiöse Fragen; hieran hat sich aber dann die lächerliche Märe geknüpft, der Heinrich Heine, der witzige Müssiggänger, Weltverbreitung verschafft hat, die Märe, dass Kant erst als Greis, erschrocken über seine eigene kritische Tat, zur Rettung der hergebrachten Ideale geeilt sei, und zwar im Interesse der ungebildeten Menge. So werden unsere einsamen Grossen behandelt, seitdem »das neue jüdische Zeitalter« — wie Viktor Hehn es nennt ¹) — angebrochen ist. Dies hätte wenig zu bedeuten, ein still abwehrendes: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!« würde genügen, wenn erst die zu ersehnende reinliche Scheidung der Geister stattgefunden hätte; so aber vergeht kein Jahr, ohne dass wir in irgend einem Buche oder Aufsatz irgend einer Variation dieser blasphematorischen Dummheit begegnen; und wenn auch die Vernünftigeren unter uns gut wissen, die Sache könne sich nicht so verhalten, etwas davon bleibt ihnen dennoch in ihrer Vorstellung von Kant kleben. Die Wirklichkeit sieht aber so anders aus wie nur möglich. »Philosophie ist wirklich nichts Anderes als eine   p r a k t i s c h e   Menschenkenntnis; ... die Philosophie ist die Wissenschaft der Angemessenheit aller Erkenntnisse mit der   B e s t i m m u n g   des Menschen«: so schrieb Kant, während er an seiner Kritik der reinen Vernunft arbeitete (Ref. II, 22), und in diesem Buche selbst bezeichnet er als sein Ziel: »den Boden zu majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufest zu machen« (r. V. 376). Kant ist von Hause aus Mathematiker, Logiker und Moralist; sein Hauptinteresse war eigentlich das, was er unter dem von ihm sehr umfassend gedachten Begriffe »Anthropologie« verstand, eine Disziplin, die er
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    ¹) Gedanken über Goethe, 3. Aufl., S. 161.

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bezeichnenderweise nicht durch die Sache, sondern durch das Ziel definiert: »die Quellen aller Wissenschaften, die der Sitten, der Geschicklichkeit, des Umganges, der Methode Menschen zu bilden und zu regieren — mithin   a l l e s   P r a k t i s c h e n   zu eröffnen« (Br. I, 138). Auch diese Worte schrieb er während der Vorarbeiten zu der Kritik der reinen Vernunft. Und wenn Sie nun das Entstehen dieses Werkes aufmerksam verfolgen (was heute mit Hilfe der von der Berliner Akademie herausgegebenen Briefe Kant's Jedem möglich gemacht ist), werden Sie entdecken, dass das, was uns heute — und zwar mit Recht — als das Hauptwerk Kant's erscheint, ursprünglich nur als ein Nebensächliches geplant war. Die Natur im ganzen und die Menschennatur im besonderen: das ist es, worauf Kant von Anfang an steuert, wogegen er fast nur Absprechendes über die Metaphysik zu sagen hat. Die früheste mir erinnerliche datierte Erwähnung desjenigen Vorhabens, aus dem im Laufe von etwa sechzehn Jahren die Kritik der reinen Vernunft herauswachsen sollte, findet sich in dem ersten Brief Kant's An den Mathematiker und Philosophen Lambert vom 31. Dezember 1765. Hier teilt Kant mit, dass er schon »verschiedene Jahre hindurch seine philosophischen Erwägungen auf alle erdenkliche Seiten gekehrt habe«; Ziel dieser Bestrebungen sei eine »eigentümliche Methode der Metaphysik«; diese Metaphysik scheint Kant sich (nach anderen Briefen) in zwei Teilen gedacht zu haben: eine Metaphysik der Natur und eine Metaphysik der Sitten — also wieder die Natur und (in der Natur) der Mensch. Nun aber, sagt Kant, fühle er sich in dieser seiner Absicht aufgehalten und gezwungen, »von seinem ersten Vorsatze so ferne abzugehen«, als er dieses sein »eigentümliches Verfahren« nicht zeigen könne, ehe er »einige   k l e i n e r e   A u s a r b e i t u n g e n   vorangeschickt« habe, wodurch zugleich vermieden werde, dass »die Hauptschrift durch gar zu weitläuftige und doch unzulängliche Beispiele allzusehr gedehnet werde«. Von diesen »kleineren Ausarbeitungen« nennt Kant nur zwei: »die metaphysischen Anfangsgründe der Weltweisheit und die metaphysischen Anfangsgründe der praktischen Weltweisheit«. Das ist der Keim zu allen den grossen Kritiken, deren Vollendung von jenem Tage an noch genau fünfundzwanzig Jahre erfordert hat. Die dem geplanten Hauptwerk voranzuschickenden »kleineren Ausarbeitungen« wurden die grossen Hauptwerke von Kant's Leben, wogegen von dem geplanten Hauptwerk — der Metaphysik der Natur — nur die Anfangs-

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gründe, sowie einige Bogen mit abgerissenen Notizen auf uns gekommen sind. Es wird Ihnen auffallen, dass Kant schon zu dieser frühen Zeit das Thema »praktische Weltweisheit« genau so benennt wie später, wogegen weder der Begriff »Kritik« noch der Begriff »reine Vernunft« ihm aufgegangen ist, sondern beide noch in der unschuldigen Vorstellung von »Anfangsgründen« ungesehen schlummern. Bis Kant so weit kam, das Problem der Erkenntniskritik auch nur scharf zu fassen, hat es noch ziemlich lange gedauert und ungeheurer Anstrengungen bedurft. 1770 erschien die lateinisch verfasste Schrift Über die Beschaffenheit und die Grundzüge der Sinnenwelt und der Verstandeswelt, die gewöhnlich einfach als »die Dissertation« citiert wird; ¹) hier ist eigentlich das kritische Problem schon zur Hälfte aufgestellt und gelöst, und § 8 wird ausdrücklich gesagt, dass aller Metaphysik eine Wissenschaft »vorangehen« müsse, »die zwischen der Erkenntnis durch Sinnlichkeit und der Erkenntnis durch Verstand zu unterscheiden lehre«. Und doch bedeutet diese entscheidende Tat noch immer nur das Erklimmen einer weiteren Vorstufe, noch immer erblickt Kant das Ziel nicht deutlich. Ein Jahr später, also Sommer 1771, sagt Kant, er arbeite an einem Werke unter dem Titel: Die Grenzen der Sinnlichkeit und der Vernunft; wiederum soll aber dieses Werk nur nebenbei die kritische Auseinandersetzung bringen, denn es soll ausserdem die ganze »Geschmackslehre, Metaphysik und Moral« abhandeln. ³) Sie sehen, wie schwer und à son corps défendant Kant sich entschliesst, sein praktisches Ziel auch nur für kurze Zeit aus den Augen zu lassen; die Idee, ein ganzes Buch — geschweige denn drei oder vier Bücher — dem »kritischen Geschäft« (wie er es später oft nannte) ausschliesslich zu widmen, will ihm noch immer nicht in den Sinn. Im folgenden Jahre endlich kommt zum erstenmal die ganz klare Erkenntnis des Problems, und zugleich stellt sich der Ausdruck ein (aber noch nicht als Titel gemeint): »eine Kritik der reinen Vernunft«; wiederum jedoch von der Versicherung gefolgt, dies sei nur ein »erster Teil« des geplanten Werkes, auf den dann »die reinen Prinzipien der Sittlichkeit« folgen sollten. Diesen ersten
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    ¹) De mundi sensibilis atque intelligibilis forma et principiis wird gewöhnlich übersetzt: »Über die Form und die Prinzipien der sinnlichen und der Verstandeswelt«; ich glaube, obige Verdeutschung trifft den Sinn genauer.
    ²) Briefe, I, 117. Der ausführliche Plan zu dem genannten Werk steht S. 124, und daraus ersieht man, dass die »Phaenomologie« (sic), welche jedenfalls allein die kritische Auseinandersetzung enthielt. nur als ein einleitender Teil des Ganzen gedacht war.


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Teil hoffte Kant damals »binnen etwa drei Monathen« fertig zu haben; doch fast zwei ganze Jahre später (Ende 1773) muss er melden, er sei noch immer dabei, »seinen dornigten und harten Boden eben und zur allgemeinen Bearbeitung frei zu machen«; und mit einem hörbaren Seufzer setzt er hinzu: »Ich werde froh sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie werde zu Ende gebracht haben, welche eigentlich eine Kritik der reinen Vernunft ist; alsdann gehe ich zur Metaphysik, die nur zwei Teile hat: die Metaphysik der Natur und die Metaphysik der Sitten, wovon ich die letztere zuerst herausgeben werde und mich darauf zum voraus freue« (Br. I, 126, 137 fg.). Die Kritik empfindet er, wie Sie sehen, als eine ihm aufgezwungene Aufgabe, die er froh wäre, los zu sein; auf die praktisch aufbauende Sittenlehre freut er sich dagegen. Von diesem Augenblick an dauerte es noch acht Jahre, bis die Kritik der reinen Vernunft, und siebzehn Jahre, bis auch die übrigen Kritiken — die ja alle als Teile dazu gehören (vgl. Ur. VI u. XXV) — vollendet waren; das war Pflichterfüllung, wie Kant sie verstand. »Ich bleibe nunmehr halsstarrig bei meinem Vorsatz, mich durch keinen Autorkitzel verleiten zu lassen, in einem leichteren und beliebteren Felde Ruhm zu suchen«. Und warum nun diese Halsstarrigkeit, wenn das kritische Geschäft ihm im Herzen minder zusagt als das praktische? Der selbe Brief bringt die Antwort: »Es leuchtet mir eine Hoffnung entgegen, die ich niemand ausser Ihnen ohne Besorgnis, der grössesten Eitelkeit verdächtig zu werden, eröffne, nämlich der Philosophie dadurch auf eine dauerhafte Art eine andere und   f ü r   R e l i g i o n   u n d   S i t t e n   w e i t   v o r t e i l h a f t e r e   W e n d u n g   z u   g e b e n «   (Bf. 71). Noch einmal — vier Jahre nach diesem Briefe und vier Jahre vor Vollendung der r. V. — klagt er: »Was ich die Kritik der reinen Vernunft nenne, liegt als ein Stein im Wege, mit dessen Wegschaffung ich jetzt allein beschäftigt bin, und diesen Winter damit völlig fertig zu werden hoffe« (Br. 28. 8. 77). Zehn Jahre später, als er auf seine Kritik der reinen Vernunft als auf eine vollendete Tat zurückblicken konnte, fasste er diese Tat in die Worte zusammen: »Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen«.
    Diese kleine historische Abschweifung schlägt über den Rahmen dieser Vorträge hinaus; doch wie könnten Sie von Kant's intellektueller Persönlichkeit eine richtige Vorstellung besitzen, wenn Ihnen deren Mittelpunkt — der treibende Wille — unbekannt bliebe?

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Gerade die eben hervorgehobene Tatsache eröffnet psychologisch nach allen Richtungen hin unerwartete Ausblicke. Sie erinnern sich vielleicht, dass wir im Brunovortrag (S. 349) ein paradoxes Verhältnis entdeckten: die Mystiker, ganz in die Kontemplation des eigenen Ich versenkt, erblicken bisweilen die äussere Welt, von der sie sich scheinbar abgewendet haben, mit der übernatürlichen Deutlichkeit einer Vision und werden hierdurch Pfadfinder der empirischen Wissenschaft; ¹) wogegen Genies, die (wie Descartes) von Schulphilosophie nichts wissen wollen und sich mit Leidenschaft der objektiv-wissenschaftlichen Betrachtung der Natur ergeben, manchmal gerade als Erneuerer und Befruchter des metaphysischen Denkens wirken. Ein genau ähnliches Verhältnis findet bei Plato und Kant statt und ist für ihr ganzes Leben und Denken bezeichnend; wer achtlos daran vorübergeht, wird niemals diese Persönlichkeiten in ihrem tiefsten Wesen erfassen. Beide sind Moralisten und Soziologen (wenn auch bei Plato der Politiker, bei Kant der Anthropolog vorwiegt); beide sind entschiedene Antimetaphysiker und werden nie müde, die Fruchtlosigkeit der Bemühungen aller berufsmässigen und systematisierenden Philosophen zu betonen und zu bespötteln; beide finden sich durch ihre praktischen Ziele genötigt, sich mit Metaphysik zu beschäftigen und greifen — gerade weil sie praktische Männer sind — sofort durch bis auf die analytische Kritik des menschlichen Erkenntnisvermögens überhaupt; es ist dies für sie zunächst eine nebensächliche, vorübergehende, fast lästige, aber für ihr Ziel unerlässliche Beschäftigung; nunmehr hat sie der Dämon und lasst sie nie wieder los, denn jetzt sind sie wissend und das heisst vereinsamt; kein Mensch versteht sie mehr, und doch — ihre Ethik, ihre Soziologie, ihre Gotteslehre, das, worauf es ihnen ankommt, das, wofür sie auszogen und was sie nun erjagt haben — sie können es Anderen nicht verkünden, wenn es ihnen nicht vorher gelungen ist, die kritische Einsicht, auf der ihre ganze Weltanschauung jetzt ruht, mitzuteilen; dazu muss sie immer deutlicher ausgearbeitet, in immer neuer Weise dargestellt oder an anderen Verhältnissen exemplifiziert werden; so wird die Nebensache nach und nach zum Hauptlebenswerk: beide werden sie — wenn ich mich so ausdrücken darf — in den Dienst einer Vorsehung unbewusst   g e n ö t i g t;   sie sterben, ohne das geleistet zu haben, was sie eigentlich hatten leisten wollen, und haben dabei
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    ¹) Vgl. auch meine Grundlagen, S. 887 fg.

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das vollbracht, was aus dem gesamten Menschengeschlecht nur sie allein zu vollbringen fähig waren.
    Für den Augenblick mag das genügen. Auf Kant als Ethiker kommen wir erst im nächsten Vortrag; hier galt es nur, den Vergleich mit Plato zu benützen, um diese mittlere Tatsache des Lebens und Denkens ein für allemal festzustellen.

PLATO'S METHODE

    Jetzt wollen wir uns beherzt an das Schwierigste heranwagen, an jene besondere Art, das Verhältnis zwischen den Dingen und uns zu erblicken, aus welcher der so schwer in Worte zu fassende »kritische Gedanke« hervorgeht. Hier dürfen wir, wie gleich anfangs bemerkt wurde, eine nicht unbedeutende Förderung aus der Tatsache erwarten, dass der dichterische Plato mehr geneigt ist, der kritischen Erkenntnis positiven Ausdruck zu verleihen, sie als eine Befreiung aus dem Nebel des »Verschwommenen« (
συγκεχυμενον Rep. 524 C) ans Tageslicht zu betrachten — weswegen Kant diesen Denker einer »Taube« vergleicht, die »im freien Fluge die Luft teilt« — wogegen Kant selber, der bedächtige Nordländer, dessen Augen in der hyperboräischen Nacht schärfer geworden sind, das Hauptverdienst der Kritik in der negativen Leistung, nämlich in der einfürallemaligen »Begrenzung« der Vernunft und als Folge hiervon in der »Abhaltung von Irrtümern« erblickt, weswegen er sie nicht mit dem frei emporschwebenden Vogel, sondern nüchtern mit .... ich getraue mich kaum, es auszusprechen — mit der »Polizey« vergleicht! ¹) Meine Absicht ist nun, zunächst Plato allein in Betracht zu ziehen, auf Kant hingegen nur hin und wieder zur Erläuterung hinzuweisen; bald werden wir dann, um Plato wirklich zu verstehen und nicht bloss Worte zu kauen, einen Streifzug auf anschauliches Material — wie in den früheren Vorträgen — unternehmen müssen, wozu die Erscheinung des Lebens als beste Versinnbildlichung des ewig unlösbaren Widerstreites in unserem Geiste zwischen Sein und Werden dienen soll; gestärkt durch diese Berührung mit der Empirie, wollen wir dann Plato den Helden unserer früheren Tage — Goethe, Leonardo, Descartes, Bruno — kurz gegenüberstellen und so unseren Weg zu Kant wieder zurücknehmen.
    »Der echte Weisheitliebende ist der, welcher schaulustig (
φι-
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    ¹) Vgl. r. V., 2. Vorrede XXV, 9, 789, 823, 879. und Ref. II, 40.

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λοθεαμων) nach der Wahrheit ist« (Rep. 475 E).   S c h a u l u s t i g   nach der Wahrheit: in diesen Worten liegt ein Bekenntnis und ein Programm; es ist das Bekenntnis einer Individualität, die, um zu wissen, sehen muss, die also auch für die abstrakten Gedanken immer und überall nach anschaulicher Formgebung suchen wird; es ist zugleich Programm; denn wenn dort, wo nicht geschaut wird, dennoch geschaut werden soll, muss   g e d i c h t e t   werden. Bekenntnis und Programm zeugen für eine vorwiegend bejahende Natur; der Vorteil ist hier die Anschaulichkeit, der Nachteil ist, dass die ganze Weltanschauung — wie scharf auch das kritische Denken arbeiten mag — in einem System ineinandergreifender Allegorien sich darstellt; die grosse Mehrzahl der Menschen hält sich nun an die Allegorie, merkt wenig von dem umgebenden, unendlich zarten Gedankengewebe, von der lächelnden Selbstironisierung des Dichters und seinen immer wiederholten Vorbehalten, sondern nimmt das Bild, welches die Erkenntnis vermitteln soll, für die Erkenntnis selbst, woraus die ungeheuerlichsten Dogmengebäude entstehen (wie bei den Neoplatonikern), während die nüchtern Verständigen (mit Aristoteles an der Spitze) Plato als Schwärmer verspotten. Und doch hat Plato an hundert Stellen das Allegorische und Dichterische seiner Darstellung betont. So z. B. wird die berühmte Allegorie (auf die wir bald zurückkommen) von den in der Höhle angeketteten Männern im 7. Buche der Republik von Plato ausdrücklich als »Bild« bezeichnet (εικων, 517 A); im Phaidon nennt er seine Darstellung »die zweitbeste Fahrt«, da eben die direkte Darstellung nicht möglich sei (99); an anderen Orten redet er von »Traumbildern, wie sie ihm häufig vorschweben« (Kratylos 439 C), und von Reden, von denen »er nicht wisse, habe er sie wachend oder träumend gehört« (Philebos 20 B). Das alles betrifft aber bloss das äusserliche, grobe Gemäuer des Baues; auf dem Wege zum Verständnis Plato's ist man erst dann, wenn man einsehen gelernt hat, dass nicht nur diese offenkundigen Allegorien Gleichnisse sind, sondern dass bei diesem Philosophen ein Gleichnis im anderen liegt und wiederum in diesem zweiten ein drittes, und so weiter bis hinein ins feinste Detail der Architektur; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil — wie soeben angedeutet — für kritische Gedanken kein anderer   b e j a h e n d e r   Ausdruck möglich ist als ein Gleichnis. Es ist also wenig geleistet, wenn man die grossen berühmten Allegorien vom Seelenwagen

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und von den Höhlenbewohnern und von der Insel Atlantis und von den meuterischen Matrosen usw. als Allegorien erkennt; selbst ein Aristoteles hat so viel Einsicht besessen; vielmehr muss man das Verständnis gewinnen, dass auch alle Hauptbegriffe oder vielmehr Hauptvorstellungen Plato's, wie die der »Idee«, der »Erinnerung«, der »Teilnahme« usw. ebenfalls Gleichnisse sind, und zwar in einem weit feineren Sinne: eine jede solche Vorstellung ist der bildliche Ausdruck für einen Gedanken. Plato — von seinem Genius getrieben — hat unter ungeheuerster Gedankenanspannung den Weg von innen nach aussen zurückgelegt; was er aufstellt, sind Gesichte, sind Schöpfungen des metaphysischen Künstlers, uns auffordernd, jetzt den umgekehrten Weg zurückzulegen und somit an die unaussprechbaren Gedanken zu gelangen. Und darum geht es nicht an, irgendwo auf halbem Wege, wo es einem gerade zusagt, innezuhalten — wie man das bei aller echten Symbolik könnte — und zu sagen: hier will ich bleiben, höher kann ich nicht. Das Symbol ist die Sache selbst, eine kosmische Tatsache, weiter oder enger gefasst, jenachdem; das Gleichnis dagegen weist uns von sich hinweg auf ein Anderes. Bei Plato muss man also das Bildliche als solches ganz durchschauen, bis auf den Gedankenkern, oder man hat den Denker rettungslos missverstanden und weiss von ihm nicht mehr als von einem geschlossenen Buche, dessen Lederband und Goldschnitt man bewundert, ohne den Inhalt zu kennen. Ganz bildlos ist Plato nie, selbst nicht in einer so abstrakt-dialektischen Untersuchung wie der Parmenides; denn schon die Dialogenform und ihre Inszenierung genügt, um jede seiner Untersuchungen mit Poesie zu umgeben; und wenn wir auch weiter nichts mit Augen sähen als die sich Unterredenden, so wäre das immer noch ein »Anschauen«: wir sollen die Gedanken an den Gesichtern ablesen; so hat es Plato gewollt. Hiermit erst berühren wir den lebenden Mittelpunkt der platonischen Darstellungsmethode: es handelt sich ihm um ein Unaussprechliches. Die Gabe, in Bildern zu reden, hat ihm der Himmel gegeben, doch die Nötigung, es zu tun, liegt in der Sache selbst. Was aber Worte nicht aussprechen können, können auch Bilder nicht aussprechen; sie sind nicht Darlegungen, sondern Hinweise, etwa wie man mit einem Tauben durch Gebärden und Mienenspiel spricht. Manchmal jedoch versagt jedes sinnliche Bild, und nun setzt Plato dieses selbe Verfahren der gleichnismässigen

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Suggestionierung auf unsinnlichem Felde fort; das hört sich sehr paradox an, bringt Ihnen aber hoffentlich zum Bewusstsein, dass die kritische Analyse der Erkenntnis, positiv vorgetragen, immer nur »uneigentlich« spricht, immer nur anregt und hinweist, auch dort, wo sie sich nicht offenkundig allegorisch, sondern logisch-dialektisch gibt. Die Dialektik Plato's kann nicht richtig verstehen, wer sie von seiner Allegorie scheidet; es gibt keine scharfe Trennungslinie; immer ist es eine Aufforderung zu einer Tat, die der Leser vollbringen soll; bis dieser sie vollbracht, das heisst, bis er den Weg zurückgelegt hat, hat er Plato nicht verstanden. Sie erinnern sich, wie Plato vom »Zeugen in der Seele« sprach und wie das Altertum in ihm einen dem Dionysos verwandten Geist verehrte; Zeugen dünkt mich ein wesentlich Anderes als Beweisen; nun denn: Plato's Schaffen — gleichviel, ob in Gleichnissen oder in Worten — bezweckt ein   Z e u g e n;   das ist in Bezug auf seine Darstellungsmethode des Geheimnisses letztes Wort.
    Mit dieser Methode nun — dem Nichtbeweisenwollen und dem Nichtsystematisierenwollen — hängt die für Plato so charakteristische Zurückhaltung und fast schüchterne Bescheidenheit zusammen. Er weiss ja, dass er das, was er meint, nicht in Worten aussprechen kann; daher der Ausdruck von der »zweitbesten Fahrt«, den Sie vorhin hörten und der in hundert Varianten wiederkehrt. Als Meno den Sokrates mit seiner bewundernden Zustimmung unterbricht, fällt dieser ihm ins Wort: »Ich selber bin nicht sicher, nur Richtiges gesagt zu haben« (Menon 86); und im Phaidon meint er: »Kein vernünftiger Mensch wird behaupten wollen, was ich soeben gesagt habe, entspreche genau der Wahrheit« (114 D). Mitten in einer tiefsinnigen erkenntnistheoretischen Untersuchung unterbricht er sich: »Ein grosser Mann wäre vonnöten, um hier zu entscheiden; meinen Kräften traue ich es nicht zu«; ¹) und ein anderes Mal sieht man förmlich, wie er sich die Hände vor die Augen hält, indem er ausruft: »Es mag sich so verhalten, doch lieber fliehe ich rasch von hinnen, aus Furcht, in bodenloses Geschwätz zu versinken« (Parmenides 130 D). Plato ist eben ein Entdecker, genau im selben Sinne wie Columbus und wie Kant; er ist sich dessen bewusst; er besitzt keine Karte des neuen Landes; jeder Schritt ist eine Überraschung und jeder Schritt erfordert Vorsicht. Daher ein Prüfendes, bisweilen fast Furchtsames in der Durch-
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    ¹) Zusammengezogen aus Charmides 169 A.

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suchung des jungfräulichen Gebietes und gleich darauf Übereilung und Verwegenheit, wie sie nur dem Unerfahrenen eigen sind. Auch hier wieder ist Plato der grosse Künstler; nicht nur die Gesprächsform ist bei ihm dramatisch — das ist schliesslich doch wieder eine Allegorie — vielmehr spielt sich das wirkliche Drama in seinem eigenen Gemüte ab, und mit vollendeter Kunst lässt er uns seine Peripetien erleben. Darum reicht aber keine schematische, keine systematische und keine rein gelehrte Methode hin, um Plato richtig zu verstehen; dazu gehört künstlerischer Geschmack und Zartsinn, ein reges und freies Geistesleben.
    Gewiss begreifen Sie, wie wichtig diese Bemerkungen für unsern Zweck sind; nicht nur ist Plato's Art zu schauen hiermit schon zum Teil beschrieben, sondern wir wissen jetzt, in welcher Weise wir unsere Untersuchung fortzusetzen haben. Denn wir wissen, Plato's Werke stellen das leidenschaftsvolle Lebensdrama eines dem Denken gewidmeten Geistes dar, und in einem Leben stehen nicht, wie in einem System, die Dinge nebeneinander, sondern sie entwickeln sich auseinander. Hier tritt das Symbol wieder in seine Rechte. Von seinem frühesten Jugendwerke bis zu der grossen Schrift seines Greisenalters — Die Gesetze — erblicken wir immer genau den selben Plato; er entwickelt sich, doch er ändert sich nicht; ein geistesverwandter Seher könnte in fast jedem beliebigen Dialog die Grundzüge der platonischen Weltanschauung entdecken; und doch ist die Behauptung, Plato sei nie fertig, er überhole das früher Gesagte und bringe immer Neues, ebenso wahr; dem scharfsinnigsten Methodiker könnte es nie gelingen, diese Weltanschauung in eine Formel oder in irgend ein System von Formeln zu bannen. So sehr ist dieses Denken ein Erleben. Hier wäre es also umsonst, nach einfürallemaligen Gedankengliederungen und Wortdefinitionen zu suchen, da hier vom ersten Tag bis zum letzten gesucht wird und ein Abschluss nie stattfindet. Ein Denken dieser Art fliesst aus jedem Behälter über, weil sich in seiner fast fleckenlosen Reinheit die Natur widerspiegelt, und diese auf allen Seiten über das Menschenhirn hinausragt. Ein Anaxagoras ist grosser als sein Werk; sein Nus (S. 297 fg.) ist ein Kompromiss zwischen seinem Ahnen und seinem Wollen, zwischen seiner Wahrheitsliebe und seinem Bedürfnis nach logischem Abschluss; auch ein Aristoteles ist grösser als sein Werk und ist darum fähig, es so willkürlich bestimmt zu gestalten; er watet förmlich in Kompromissen,

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d. h. in Gedanken und Definitionen, an die weder er noch ein Anderer jemals wirklich geglaubt hat. Plato dagegen ist ohne alle Lüge; die tiefste kritische Besonnenheit geht bei ihm mit stolzer Unschuld Hand in Hand; »ich staune ob meiner eigenen Weisheit und muss immer wieder daran zweifeln« (Krat. 428 D); darum trägt ihn sein Werk wie der Ozean das Schiff. Was wir also — ich meine wir hier, die wir weder eine Geschichte des platonischen Denkens, noch eine Ergründung seiner Philosophie, sondern nur die plastische Vorstellung der grenzenden Umrisslinien bezwecken — was wir zu suchen haben und worüber wir uns volle Klarheit verschaffen müssen, ist einerseits die bleibende Symbolik des Gedankenlebens, und sind andererseits die wechselnden Allegorien des Lebensgedankens.

PLATO'S SYMBOLIK

    Fassen wir zunächst die grossen, dauernden und darum symbolischen Wert besitzenden Lebensgebärden ins Auge, so bemerken wir, dass zwei von ihnen uns schon bekannt sind, nämlich erstens die Sorge um das moralische Wohl der Menschheit als Grund und Ausgangspunkt zu allem Denken Plato's, zweitens die Anlage, alles mit Augen erblicken zu müssen, eine Anlage, aus der seine Darstellungsart sich herleitet. Eine dritte kommt hinzu. Denn sobald wir das spezifische Denken als solches in Betracht ziehen, ist gewiss die kritische   F r a g e s t e l l u n g   an und für sich und abgesehen von ihrem Ergebnis das Alles-Entscheidende. Welcher Art ist nun diese Fragestellung, durch welche Kritik begründet wird?
    Sie dürfen keinen Augenblick Kritik mit Skepsis verwechseln. Die berühmtesten Skeptiker Griechenlands waren Plato's Zeitgenossen; er betrachtet sie als gefährliche Feinde; sie bringen alles ins Schwanken und vernichten, wie wahre Sittlichkeit, so auch wahre Wissenschaft; sie sind das frivole Element in der Philosophie, und Plato findet keinen würdigeren Vergleich für sie als den mit »bissigen Kötern« (Rep. 439 B). Ebensowenig dürfen Sie Kritik mit Sensualismus verquicken. Der Sensualist ist ein Kutscher ohne Pferde, der auf der Strasse steht, mit der Peitsche knallt und glaubt, das Peitschenknallen bringe ihn von der Stelle. Dass die Wahrnehmungen durch die Sinne vermittelt werden und somit unsere Vorstellungen der Dinge von dem Sinnenmechanismus abhängen, ist eine richtige und uralte Beobachtung; doch betrifft sie nur die anatomische Psychologie, keineswegs die metaphysische Besinnung. Plato fertigt den sensualistischen Einwurf in seiner

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schlichten Weise ab, indem er bemerkt: »Womit sehen wir? womit hören wir? Doch nicht   m i t   den Augen und   m i t   den Ohren, sondern   v e r m i t t e l s t   der Augen und   v e r m i t t e l s t   der Ohren.... Arg wäre es, mein Sohn, wenn alle diese Wahrnehmungen, wie die Krieger im Bauche des hölzernen Pferdes vor Troja, nebeneinanderlägen und nicht alle in eine bestimmte ideelle Einheit (μια ιδεα) zusammenliefen, man heisse sie Seele (Bewusstsein) oder wie man sonst beliebe; und diese Einheit ist es, welche vermittelst jener Werkzeuge (wörtlich: Organe) das Wahrnehmbare wahrnimmt«. ¹) So weist er zurück auf den Mittelpunkt der erkenntniskritischen Frage: was ist jene »Einheit«, ohne welche die zahllosen Wahrnehmungen nimmermehr zur Auferbauung der Einen Erfahrung beisteuern könnten? »Man heisse sie, wie man will« — Psyche, d. h. Atem, Lebensodem, Lebenskraft, Herz, Seele, Bewusstsein — Plato streitet nie um Worte (vgl. Rep. 533 E); »es ist immer besser, sich über die Sache selbst zu verständigen, als über den Namen, den wir ihr beilegen«, meint er (Sophist 218 C); doch diese Sache selbst, diese ideelle Einheit, was ist sie? was wissen wir von ihr? »Platt auf dem Rücken mag Einer liegen, damit er die Sterne umso besser beobachte, er schaut trotzdem immer noch abwärts, nicht aufwärts; nur dann ist die Seele nach oben gerichtet, wenn sie sich fragt, was das Sein, was das Nichtsichtbare ist«. ²) Wie wollen wir über Natur und Ich, über die Entstehung der Dinge, über Einheit und Vielheit, über Sein und Werden, wie namentlich wollen wir über die Tugend und die Pflicht etwas ausmachen, wenn wir uns nie gefragt haben, was überhaupt Erfahrung ist?
    Wir dürfen behaupten, dass — abgesehen von den zahlreichen rein praktisch-politischen und pädagogischen Ausführungen — Plato's Werke alle, vom ersten bis zum