Here
under follows the transcription of the fifth chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
PLATO
Three
Greek Gems in the British
Museum
INHALTSÜBERSICHT
|
395
FÜNFTER
VORTRAG
PLATO
(WISSEN
UND WÄHNEN)
MIT EINEM EXKURS ÜBER DAS WESEN
DES LEBENS
VON
DEN GÖTTERN EIN GESCHENK AN
DAS
GESCHLECHT DER MENSCHEN: SO SCHÄTZE
ICH DIE GABE, IM VIELEN DAS EINE ZU
ERBLICKEN! EINEN NEUEN PROMETHEUS
SANDTEN HIERMIT DIE UNSTERBLICHEN ZU
UNS HERAB, UND JETZT ERST ZÜNDETEN
SIE UNS EIN HELLODERNDES LICHT. DOCH
DIE GELEHRTEN MÄNNER UNSERER ZEIT
GEHEN ENTWEDER ÜBEREILT ZU WERKE,
ODER SIE VERSÄUMEN SICH AM WEGE; DAS
EINE UND DAS VIELE SETZEN SIE AUFS
GE-
RATEWOHL,
UND VON DER EINHEIT SCHREI-
TEN SIE UNMITTELBAR IN DIE VIELHEIT
ÜBER, OHNE DER ZWISCHENSTUFEN ZU
ACHTEN. WIR ABER WOLLEN DAS INDIVI-
DUUM
— DAS AUS DEM EINEN UND DEM
VIELEN ENTSTEHT UND SOWOHL DAS BE-
STIMMTE
WIE DAS UNBESTIMMTE VON GE-
BURT HER IN SICH TRÄGT — NICHT EHER
IN DAS GRENZENLOSE VERSCHWIMMEN LAS-
SEN,
BEVOR WIR NICHT ALLE JENE VOR-
STELLUNGSREIHEN ÜBERBLICKT HABEN,
DIE ZWISCHEN DEM EINEN UND DEM VIE-
LEN VERMITTELN.
PLATO
396
(Leere
Seite)
397 PLATO
PLAN DES VORTRAGS
Heute laufen die Fäden, die wir in den
vorangegangenen Vorträgen gesponnen haben, zusammen: ohne den
Goethevortrag
Vortrags vorauszusetzen, könnte ich nicht hoffen, in
anschaulicher Weise
von den »Ideen« zu reden; ohne den Leonardovortrag, in dem
Sie genau zwischen rein und empirisch und demzufolge auch zwischen
mathematischer Wissenschaft der Natur und künstlerischer Intuition
der Natur unterscheiden lernten, könnte ich vor lauter
Wegräumen fest eingewurzelter Missverständnisse kaum bis zu
der Betrachtung des wahren Plato gelangen; der Descartesvortrag ist
für unser heutiges Vorhaben geradezu grundlegend, weil Sie dort
die Bedeutung der dualistischen Betrachtungsweise für jede Kritik
des Menschengeistes kennen lernten und davon zugleich eine plastische
Vorstellung gewannen; der Brunovortrag schliesslich hat uns ein
für allemal gelehrt, was Dogmatik und was Kritik ist, wir wissen
also, wo wir Plato zu suchen haben, und wo nicht.
Gegen Schluss des Vortrages — wenn wir Plato erst
genauer kennen — werden wir auf diese Helden unserer früheren
Vorträge zurückkommen; augenblicklich will ich es bei diesen
kurzen Andeutungen belassen und Sie nur noch auf ein besonderes
Verhältnis zwischen den verschiedenen Vorträgen aufmerksam
machen, damit Sie das Unterscheidende unseres heutigen Zieles gleich
von Beginn an genau erfassen.
Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass wir von den
bisher zu unserem Vergleichungswerke (siehe S. 13 fg.) herangezogenen
Persönlichkeiten in sehr verschiedener Weise Gebrauch gemacht
haben. Im Goethevortrag war es die Persönlichkeit selber mit ihren
physischen, bis in die Gehirnwindungen sich erstreckenden Anlagen, die
wir dem Königsberger Weisen und seinen individuellen Anlagen
gegenüberstellten; Leonardo dagegen besass für unser Vorhaben
mehr allgemeine als individuelle Bedeutung und diente uns zur genaueren
Bestimmung dessen, was Kant mit Goethe gemeinsam hat, sowie dessen,
worin seine Art zu schauen abweichend angelegt ist; bei Descartes war
es wiederum die Persönlichkeit, die uns fesselte, nicht so sehr
aber — wie bei Goethe — als Kontrast oder Gegenstück zu der
Kant's, als deshalb, weil sie uns den Zugang zu schwer erreichbaren
Tiefen des Kantischen Denkens eröffnete, wogegen uns Bruno
hauptsächlich als scharf ausgeprägter Typus einer zahlreichen
Gattung von Denkern diente, die zu Kant in anti-
398 PLATO
podischem
Gegensatz stehen. Heute schieben wir nun die Linse ein, durch
welche diese verschiedenen Strahlen zusammengefasst und scharf auf den
Brennpunkt unseres Interesses — Immanuel Kant — gerichtet werden. Denn
in Plato begegnen wir zum ersten Male einem Manne, dessen Geistesanlage
— dessen angeborene und durch ein ganzes Leben unausgesetzten Denkens
bis zur Vollendung ausgebildete »Art zu schauen« — mit
derjenigen Kant's fast genau übereinstimmt. Hätten wir Plato
früher vorgenommen, wir hätten ihn nicht richtig verstanden;
alles, was wir inzwischen für Kant getan haben, kommt auch ihm
zugute; wollten wir ihn aber jetzt auslassen, so müsste ich daran
verzweifeln, dem plastischen Bilde der intellektuellen
Persönlichkeit Kant's, das schon jetzt in allgemeinen Zügen
vor Ihren Augen stehen dürfte, auch die
unerlässliche
S c h ä r f e des Umrisses zu verleihen. Hierzu eignet sich
einzig
Plato. In Bezug auf die grosse mittlere Tatsache, nämlich auf das
Erwachen des Menschengeistes zur kritischen Besinnung über sich
selbst, sind beide Männer identisch; Kant steht zu Plato in
ähnlicher Beziehung wie Kopernikus zu Aristarch; dabei verhalten
sie sich aber zueinander — wie Sie gleich näher erfahren werden —
wie zwei Gegenstücke, zwei Pendants. Wohl ist es das Selbe, aber
von entgegengesetzten Seiten angesehen, wie Avers und Revers einer
getriebenen Metallplatte. Wo Kant eine letzte, nur Wenigen erreichbare
Abstraktion mühsam entwickelt, setzt Plato kühn ein
handgreiflich fassbares Bild; während für Kant alle Kritik
der Vernunft zu Negation und Grenzbestimmung führt, stellt sie
Plato
grundsätzlich in der Form einer bejahenden und grenzunbewussten
Erkenntnis auf. Freilich ist Plato gerade deswegen zu allen Zeiten noch
mehr als Kant missverstanden worden; doch die organische
Unfähigkeit vieler, auch begabter Menschen, Plato zu verstehen,
braucht uns hier nicht zu bekümmern, und Sie erraten gewiss, wie
aufklärend es wirken muss, eine uns gewöhnlichen Menschen so
fernliegende Anschauungsart wie die kritische — allem
Herkömmlichen liegt sie ebenso fern und noch ferner als die
Vorstellung, dass sich die Erde bewege — Sie ahnen gewiss, sage ich,
wie aufklärend es wirken muss, diese Geistesanlage und ihre
Erzeugnisse von zwei Seiten betrachten zu können, einmal von der
Bildseite und ein anderes Mal von der Arbeits- oder Schlagseite (wie
der Handwerker sich ausdrückt). Jeder Schritt, den wir in das
Verständnis Plato's tun, kommt dem Verständnis
399 PLATO
Kant's
unmittelbar zugut; zur Richtigstellung werden wir nur in dem
bezeichneten Sinne später einiges gleichsam
»umzulegen« haben, was aber geringe Mühe kosten wird;
schwierig ist
einzig die Erfassung des mittleren schöpferischen Gedankens, der
Plato und Kant gemeinsam ist, und der ihrer persönlichen Art zu
schauen entspringt; es wird uns bei Plato eher als bei Kant gelingen.
Soviel zur vorläufigen Verständigung.
PLATO UND KANT
Es wird sich hier, wie im Goethevortrag, empfehlen,
den Vergleich von aussen in Angriff zu nehmen. Das Äussere
ist bei grossen Menschen dem Inneren angemessen, und in ihrem
Schicksal spiegelt sich — genauer als bei anderen — ihr Charakter. Was
ich oben als die Neigung des einen Mannes zum Bejahenden, des anderen
zum Verneinenden andeutete, wurzelt schon in der physischen Gestalt.
Kant ist ein kleiner und äusserst schmächtiger Mann mit
eingefallener Brust, der es gewiss nur seiner Mässigkeit und einer
fast ängstlichen Besorgtheit verdankt, wenn er bei leidlicher
Gesundheit ein hohes Alter erreicht; Plato dagegen, der in Wirklichkeit
Aristokles heisst, erhält in der Ringschule den Beinamen Platon
wegen seiner ungewöhnlichen Grösse und Kraft. Dass dieser
Spitzname aus den Hallen des Gymnasiums dem Manne fürs ganze Leben
fest anhaftet und seinen eigenen Namen verdrängt, bezeugt, wie
einstimmig die Welt in ihm einen seltenen, prächtigen
Körperbau bewunderte. Nicht bloss gross und kräftig war er;
selbst seine Feinde — und deren hatte er viele — rühmen ihm
Schönheit, Ebenmass, Hoheit nach. Dass ein Grieche von so
kraftvollem Körperbau wiederholt in den öffentlichen
Kampfspielen auftrat und sich mehr als einmal den Siegerkranz errang,
wird Sie nicht wundernehmen, wenn es auch wenig zu unseren heutigen
Vorstellungen von dem Werdegang eines Philosophen stimmt. An mehreren
Feldzügen soll er als Reiter teilgenommen und selber die Pferde
und Knechte gestellt haben. Denn zu den körperlichen Vorzügen
kam bei Plato die Gunst der Geburt. Kant, der Sohn eines
unvermögenden Sattlermeisters in einer kleinen Provinzstadt,
verbringt
zwei Drittel seines Lebens in grosser Dürftigkeit; schon als
Student ist er genötigt, durch Erteilung von Unterricht sein Brot
zu verdienen, und nur durch die mühsam-aufopferungsvolle
Sparsamkeit der tagtäglichen Selbstverleugnung gelingt es ihm,
400 PLATO
gegen
Lebensschluss ein bescheidenes, die Unabhängigkeit
sicherndes Vermögen sein eigen zu nennen. Plato dagegen entstammt
dem grossen und reichbegüterten alten Adel der ersten Kulturstadt
der damaligen Welt und darf sowohl väterlicher- wie
mütterlicherseits seinen Stammbaum auf Könige
zurückführen; von diesen hohen Ahnen erbt er ausgedehnte
Güter, die von redlichen Sklaven verwaltet werden; die Sorge um
das tägliche Brot ist ihm unbekannt, und unbekannt ist ihm die
geschäftliche oder berufsmässige Verpflichtung; nie in seinem
Leben ist er auch nur einen Tag gebunden; er reist, wohin es ihn
gelüstet, und kehrt heim, wenn es ihm angenehm ist;
bedürfnislos, was leibliche Genüsse betrifft, weil es ihm
beliebt, die Bedürfnislosigkeit als eine philosophische
Lebensmaxime zu ergreifen, doch nicht asketisch — er selber lehrt, man
dürfe die »Leibesbegehr« (το επιθυμητικον) weder hungern
lassen noch übersättigen (Staat
571 E), — auch versagt er es
sich nicht, bequem und von schönen und seltenen Kunstwerken und
Pergamenten umgeben zu leben; den Unterricht erteilt er im eigenen
Haus und Garten an solche, die die »Weisheit lieben«
(Philosophen), doch »den Musen zulieb«, das heisst, ohne
jede Honorierung. Kant, wie Sie sich aus unserem ersten Vortrag
erinnern, hat Königsberg und dessen nächste Umgebung nie
verlassen; Plato hat Egypten, Nordafrika und Italien bereist und weilte
zu verschiedenen Malen in Sizilien, als Gast des Fürsten von
Syrakus. Last but not least:
von der Wiege bis zum Grabe, statt der
grauen Ostsee das blaue Mittelländische Meer, die Sonne, die
üppige, duftende Vegetation, — alles, was die Sinne anregen und
befruchten kann. Und während Kant gegen Ende seines Lebens in eine
Art Marasmus verfiel, aller öffentlichen Tätigkeit entsagen
musste, die Wohnung nicht mehr verliess, zuletzt die vollkommene
Beherrschung der Sprache verlor, hören wir von Plato (der, wie
Kant, genau achtzig Jahre alt wurde), dass er bis zum letzten Tage
lehrte und schrieb; scribens est
mortuus, berichtet Cicero; und die
übereinstimmenden Zeugnisse der Zeitgenossen melden, er sei auf
einem frohen Hochzeitsmahle, das er durch seine Gegenwart beehrte,
unerwartet plötzlich, doch sanft und lächelnd entschlafen.
Welch ein verschiedenes Schicksal ward den beiden
kritischen Denkern zuteil! Plato's so andersgearteter Physis und Tyche
entsprachen natürlich ein anderes
Temperament und vielfach andere Gaben. Besonders bemerkenswert ist in
dieser Beziehung — und
401 PLATO
als
Kontrast zu Kant — die leidenschaftliche Herzensbegehr und der
poetische Hochflug.
DIE LIEBE
Sie dürfen nicht glauben, ein Mann von der
Begabung eines Kant, ein Mann, aus dessen »vom himmlischen
Äther gebildeten Auge« ein »Feuerstrahl
hervorleuchtete« (vgl. S. 4),
habe nicht Leidenschaft und Liebe
im Herzen getragen. Frauen hatten ihn gern; ein Misogyn war er nicht:
noch als Greis erbat er sich die hübschen Mädchen zu
Tischnachbarinnen. ¹) Vielleicht hätten wir noch manches in
dieser
Beziehung erfahren, wenn nicht sein keusches Zartgefühl ihn gerade
dieses Thema ängstlich hätte vermeiden lassen; nicht einmal
den vertrautesten Freunden gegenüber hat er je von Liebe
gesprochen. Doch findet der aufmerksame Leser in seinen Schriften
einige Stellen, die tiefen Einblick in ein liebereiches und
liebebedürftiges, aber fast überempfindsames Herz
gewähren. Folgendes z. B. kann nur ureigene Erfahrung ihn gelehrt
haben: »Ein sehr verfeinerter Geschmack dient zwar dazu, einer
ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem sie solche
nur auf sehr wenige Gegenstände einschränkt, sie sittsam und
anständig zu machen; allein sie verfehlt gemeiniglich die grosse
Endabsicht in der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als
diese gemeiniglich leistet, so pflegt sie die Person von so delikater
Empfindung sehr selten glücklich zu machen ..... Daher entspringt
der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf die eheliche
Verbindung ....« Auch folgende Stelle ist in diesem Zusammenhange
bemerkenswert: »Man schätzt manchen viel zu hoch, als dass
man ihn
lieben könne. Er flösst Bewunderung ein; aber er ist zu weit
über uns, als dass wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm
zu nähern getrauen«. ²) Auch hier, wie Sie sehen, ein
Vorwiegen des Negativen: was Kant am deutlichsten empfindet, ist das
Unerreichbare in der Liebe, nur für ihre »feinen
Bezauberungen« hat er Sinn, wogegen er sonst in ihr nicht viel
mehr als ein »einfältiges und grobes Gefühl« zu
entdecken vermag. Aus diesem zögernden, gedankenschweren,
überzarten Temperament geht aber das Fehlen jener
schöpferischen Kräfte hervor, die mit der schöpferischen
Liebeskraft eines Wesens sind. Als alter Professor hat Kant wohl auf
verstorbene Kollegen ein paar unbeholfene,
—————
¹) Siehe Jachmann, Ende des 8. Briefes.
²) Beobachtungen
über
das
Gefühl des Schönen und Erhabenen, Abschnitt III gegen
Ende
und II ganz am Anfang. Für »sie« muss man an vier
Stellen des ersten Citats jedenfalls »er« lesen.
402 PLATO
lederne
Verse gemacht, weil es die Sitte erheischte; er hätte
selbst nicht gewollt, dass solche Gelegenheitslappalien der
Vergessenheit, in die sie am Tage ihres Entstehens verfielen, jetzt
entrissen würden; doch irgend etwas, was rein künstlerische
Triebe, Neigungen, ja, selbst nur Interessen verriete, entdeckt man bei
ihm nirgends. Nicht etwa, als bedauerte ich, dass dieser grosse Denker
uns nicht ausser seinen philosophischen Schriften auch schlechte Epen
oder Schäfergesänge hinterlassen hat; vielmehr handelt es
sich mir lediglich um die Analyse eines Intellektes; und ich glaube mit
Sicherheit behaupten zu dürfen, dass, wenn einem Menschen sowohl
die sinnliche Leidenschaftlichkeit, wie auch jede Spur einer Begabung
für irgend eine Kunst — sei es Wortkunst, Tonkunst oder bildende
Kunst, gleichviel — abgeht, ich glaube, sage ich, mit Sicherheit
behaupten zu dürfen, dass ein solcher Mensch auch auf scheinbar
fernabliegenden Gebieten gewisse charakteristische Lücken in der
Schaffenskraft aufweisen wird. Als Gewährsmann soll mir Plato
dienen, der »die Zeugungskraft der Seele« mit der
»Zeugungskraft des Leibes« für wesensgleich hält
(Gastmahl 208 E — 209 A), und
der darum »den Wahn der Liebe«
als die reichste Glücksgabe (ευτυχια) der
Götter an die
Menschen preist (Phaidros 245
B)
und davor warnt, durch schöne
Reden uns irremachen und überzeugen zu lassen, der
nüchtern-mässige Mann sei in allen Fällen dem
begeistert-verzückten vorzuziehen; vielmehr sei der Wahn (μανια)
göttlichen Ursprungs, dagegen die blosse Verständigkeit
(σωφροσυνη) eine Menschentugend (id. 244 D). »Wer
vermeint, durch
Kunst allein Künstler werden zu können, ohne dass der Musen
Wahn (μανια Μουσων)
ihn erfasst habe, der bleibt ewig draussen
vor dem Tore, und das Werk dieses Verständigen ist ein
Schattengebilde neben dem des vom Wahne Hingerissenen«. ¹)
Wahn
der Liebe, Wahn der Musen: beide machen nach Plato die hohe Schule
des
S c h a u e n s aus, und damit auch der Erkenntnis; denn diese
besteht im
wesentlichen aus einem »Zusammenschauen der zerstreuten
Eindrücke in Eine sichtbare Gestalt«. ²) Mit Recht hat
denn
auch der
englische Gelehrte und feinsinnige Dichterliterat, Walter Pater, auf
die Liebesleidenschaft als den Mittelpunkt von Plato's Charakter
hingewiesen. Plato is by nature and
be-
—————
¹) Nach Phaidros 245 A.
²) Εις μιαν τε ιδεαν συνορωντα
αχειν τα
πολλαχη διεσπαρμενα....
(Phaidr. 265 D).
403 PLATO
fore all things, from first to
last,
unalterably
a lover ... and as love must of necessity deal above all with visible
persons,
this discipline of love (τα ερωτικα, as he
says)
involved an exquisite culture of the
senses. ¹) Dass die Liebe mit dem
Sehen zusammenhänge, führt Plato wiederholt aus — im
Gastmahl, im Phaidros und auch anderwärts —
und hieraus leiten
sich zwei bewundernswerte Eigenschaften ab, die unter allen
philosophischen Schriften einzig den platonischen eignen: nämlich
als erste, dass Plato allen Gedanken Persönlichkeit einhaucht und
mit ihnen verfährt wie mit vertrauten Einzelwesen, und als zweite,
dass seine Kunst, die zartesten Töne und die letzten Schatten der
Dinge zu erblicken, sowie die damit zusammenhängende
Meisterschaft, das flüchtig Gesehene in Worten zu einem Bilde zu
bannen, ihn befähigt, auch das Unsichtbare, das, was selbst dem
Gedanken kaum mehr erreichbar ist, als ein Gesehenes zu behandeln, es
so hinzustellen, dass wir glauben, unsere Augen müssten es, wenn
nicht heute, so doch morgen erblicken. ²) Die Liebe — und zwar die
Liebe, die mit der Mania Mouson
(dem Kunstwahn) eins ist — gilt
Plato als die unerlässliche Vorstufe zu aller höheren
Weisheit: der Mensch muss erst e i n e sichtbare
Gestalt als schön
erkennen und in Liebe zu ihr entbrennen, dann eine andere und wieder
eine andere, bis das einzelne Schöne als ein
verhältnismässig Unvollkommenes in seinen Augen verblasst, um
so »gleichsam von Stufe zu Stufe« (ωσπερ
επαναβαθμοις)
immer höher zu steigen, bis das Herz weit und stark genug geworden
ist, alle schönen Gestalten mit Liebe zu umfassen; aus dieser
künstlerischen Glut der Anschauung entsteht erst ein wirkliches
Wissen (μαθημα) von den Dingen, und aus diesem die
Erkenntnis
dessen, was das Schöne an sich ist (αυτο ο εστι καλον); und hat erst der Mensch diese hohe Stufe
erklommen, dann
ergreift ein Gott seine Hand und führt ihn dorthin, wo »er
etwas von der Wahrheit erblickt«, wo er »des wahren Wesens
des Seins« ahnend gewahr wird, als stiege die Erinnerung daran
aus einem alten, längst entschwundenen Traume
—————
¹)
»Von Natur ist Plato vor
allem ein von Liebe Besessener; er ist es von der Wiege bis zum Grabe,
unabänderlich; und da die Liebe sich notwendigerweise
zunächst auf sichtbare Gestalten richtet, so führte diese
'Liebesschule' (τα ερωτικα, wie er sie selber nennt) zu einer
exquisiten Ausbildung der Sinne«
(Plato and Platonism, 1901, S.
134). — Für den Ausdruck τα
του καλου ερωτικα vgl. Republik 403 C.
²) In Paters genanntem Werke ist
das ganze Kapitel The Genius of Plato
zu vergleichen.
404 PLATO
auf.
»Hier erst, o teurer Sokrates, hier wird das Leben
lebenswert!«. ¹)
Sie sehen, in welche andere Anschauungssphäre
wir geraten sind. Freilich hat Plato — der als Dithyrambiker und
Tragödiendichter begonnen hatte — sehr früh alle Erzeugnisse
seiner Muse vernichtet; denn jung schon begegnete er Sokrates, und nun
wurde die angeborene Leidenschaftlichkeit und Kunstbegeisterung in
andere Bahnen gelenkt; der sieggekrönte Athlet, der
Bühnendichter, der seine erste Trilogie dem Preisgericht schon
eingereicht hatte, erfuhr seine wahre Bestimmung: er sollte für
Jahrtausende denken, er sollte der grosse Lehrer der Selbstbesinnung
werden. Doch die Glut blieb; sie allein befähigte ihn ja, mit so
leidenschaftlicher Entschiedenheit den Jugendträumen zu entsagen
und den Mannesberuf zu ergreifen; und das Feuer, das er nicht mehr an
geliebte Einzelwesen verschwendete, und der Musenwahn, von dem er sich
nicht mehr zu Gebilden der Phantasie hinreissen liess, sie sind in sein
philosophisches Lebenswerk unverstümmelt übergegangen, und
sie sind es, die in dieses Werk den Samen der Unsterblichkeit
eingepflanzt haben.
DIONYSO-PLATO
So werden Sie es denn begreiflich finden, dass,
während
uns Neueren, infolge der christlichen Missverständnisse
vieler Jahrhunderte und infolge des leblosen Schematisierens unserer
Fachlehrer, Plato als eine Art Verächter der Sinne, als ein
weltflüchtiger Asket und als der Erfinder einer naturwidrigen,
negativen, »platonisch« missnannten Gattung der Liebe
erscheint, das Altertum ihm im Gegenteil eine sonderbare und einzige
Ehrung zugedacht hat: die Identifizierung mit Dionysos (Bakchus), dem
Gott des Weines, des Rausches, der Zeugungskraft und des Wachstums. Ein
ideales Bildnis — halb hergebrachte Gottesgestalt, halb Porträt
des Philosophen — bekannt unter dem Namen Dionysoplato, war als
Statue, Gemme und Siegel in allen Ländern verbreitet, wohin
hellenische Kultur gedrungen war. Heinrich von
—————
¹) Gastmahl 210—211 und vgl.
Phaidros 247 fg. Bemerkenswert
ist es, wie im Gastmahl die
Liebe
in der ganzen Natur, auf allen Stufen verherrlicht wird, von der
Harmonie der toten Elemente und Kräfte, die Eryximachos, der Arzt,
preist, bis zu den Ahnungen letzter Erkenntniswahrheiten in Liebe und
Zeugung, wie sie Sokrates der Diotima in den Mund legt. (Die bei
Diederichs erschienene Verdeutschung dieses unsterblichen Meisterwerkes
durch Rudolf Kassner sei bei dieser Gelegenheit allen Ungelehrten warm
empfohlen. Trotz einiger bedenklichen Gewaltsamkeiten ist diese
Übersetzung so lebendig und künstlerisch schön, dass sie
mehr als andere geeignet scheint, Liebe und Verständnis
einzuflössen.)
405 PLATO
Stein
hat darüber schöne Worte geschrieben: »O ihr
glückseligen Hellenen, dass es euch möglich war, dem
Weltenwesen einen solchen Menschen abzugewinnen, diesen, höchster
Erkenntnis vollen, lächelnden Blick auf den Dingen ruhen zu
lassen! Der griechische Künstler nun bildete, um all dies
auszudrücken, einen schönen, trunkenen Mann; von edlem Wein
begeistert, halb müde, halb sinnend, senkt er Haupt und
Blick ..... Der Bildner bildete den
Trunkenen schön, und hatte ihn zugleich erhaben-weise gebildet
...«. ¹) Dass Plato in seinen philosophischen Schriften zu
verschiedenen Malen den Wein verherrlicht hat, dass er noch als
hochbetagter Greis ihn als einen »Balsam« preist, den
Dionysos den Menschen »gegen die Bitterkeit der Jahre geschenkt
habe, damit die Alten ihre Tränen vergässen und die verlorene
Jugend wiedergewönnen« (Gesetze
666 und 672) — das
würde nicht hinreichen, eine so auffallende Vorstellung wie diese
Gleichsetzung Plato-Dionysos im Volksbewusstsein zu erwecken; denn
der Wein ist auch von vielen Anderen gepriesen worden, und zwar in
Liedern, die überall gesungen wurden, wogegen das Gastmahl und die
Gesetze nur einer Minderzahl
unerschrockener Denker bekannt gewesen
sein können. Vielmehr wurzeln solche Dinge immer in dem
unmittelbaren Eindruck, den die lebendige Persönlichkeit
hervorbringt, und in dem sicheren Instinkte der unpersönlichen
Menge gerade für das Wesentliche an grossen Persönlichkeiten,
sowie in ihrem Talent, dieses ihr Gefühl in ein Bild zu verdichten.
Was Plato besonders charakterisiert, ist also
seine
Z e u g u n g s k r a f t. Aristoteles widerspricht seinem
Meister fast Wort
für Wort; und doch ist der ganze Aristoteles — das heisst, jeder
einzelne schöpferische Gedanke des Aristoteles — im Plato
enthalten und aus Plato geholt: das kann heute unwiderleglich gezeigt
werden; dass die lange Reihe der antiaristotelischen Neoplatoniker
ebenfalls alle in Plato leben und weben und fast lediglich aus
einzelnen abgerissenen Fäden des Plato ihre Systeme entwickeln,
braucht nicht erst dargetan zu werden. Weit bedeutender betätigt
sich aber diese Zeugungskraft dort, wo sie seit mehr als zweitausend
Jahren
—————
¹) Die Entstehung der neueren
Ästhetik, 1886, S. 357. Stein wusste nicht, dass ein Typus
»Dionysoplato« tatsächlich existiert hat und
weitverbreitet gewesen ist; ihn interessierte das Paradoxon, dass man
einen trunkenen Dionysos für ein Bildnis Plato's hatte halten
können; jetzt haben aber egyptische Urkunden aus der Zeit Kaiser
Hadrian's gezeigt, dass der Διονυσοπλατων eine bekannte Figur war,
entsprungen aus einer weitverbreiteten Vorstellung (vgl. die Beilage
zur Münchener Allgemeinen Zeitung vom 26. 2. 1903).
406 PLATO
unerkannt,
ohne Autornamen, am Werke ist. Denn Plato ist nicht bloss
der Urquell fast aller europäischen Philosophie der
verschiedensten Richtungen; er ist nicht nur derjenige, durch den
»Methode« im Denken und Forschen überhaupt erst
möglich wurde, und der Erfinder einer so weit über das
Aristotelische Schema hinausreichenden Auffassung der Logik und
Mathematik (und ihrer gegenseitigen Beziehungen), dass wir erst jetzt,
im Lichte einer höheren Mathematik, seine Ahnungen recht zu
verstehen beginnen; ¹) er ist nicht bloss ein so gewaltiger
Erfinder im
Sprachlichen, dass wir noch heute ohne die von ihm zuerst
ausgeprägten Begriffe: Idee, System, Theorie, Hypothese, Methode,
Problem, Phantasie, Diagnose, Analogie, Kriterium, Anomalie und hundert
andere gar nicht auskommen könnten (der vielen vortrefflichen,
leider nicht aus der griechischen Sprache ins Deutsche
übergegangenen Worte nicht zu gedenken); ²) sondern Plato
(und
nicht Aristoteles) ist auch der wahre Urheber echter Wissenschaft der
Natur: er lehrte uns s e h e n, er lehrte uns die
Gestalten zu Gattungen
zusammenfassen und in Arten auseinanderhalten — nicht etwa, dass er die
tatsächliche Ausführung in Angriff genommen hätte, doch
der Gedanke selbst des Zusammenfassens und des Sonderns ist von ihm,
ist seine »Erfindung«; und diese Erfindung konnte nur Einer
machen, der überhaupt das E r f i n d e n im
Menschengeist auf Schritt
und Tritt als die eigentliche Funktion dieses Organismus entdeckt hatte.
Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen; nur
Wenige ahnen, was wir alles der Zeugungskraft des Plato verdanken;
etwas genauer werden wir am Ende dieses Vortrages darüber
unterrichtet sein. Und das ist es — diese grosse, namenlose, selten mit
Händen zu greifende, doch überall den Geist befruchtende, dem
paragraphos-rubrizierenden Verfahren widerstrebende, aber allerorten,
in und zwischen den Zeilen beredt oder verschwiegen
waltende
E r f i n d u n g s - u n d Z e u g u n g s k r a f
t — das ist es, was dem Volk eingab, in
Plato eine Dionysische Natur zu erkennen und zu verehren. Wir
Spätgeborene besitzen nur die Schriften, Jene hatten den Mann
selbst erlebt. »Einfältig«, sagt Plato, ist es, zu
glauben, »man könne in S c h r i f t e n
etwas Deutliches und
Sicheres hinterlassen oder es aus Schriften aufnehmen; nur das
lebendige Wort
—————
¹)
Näheres
hierüber
gegen Schluss des Vortrages.
²) Vgl. hierzu Eucken: Geschichte der
philosophischen
Terminologie, 1879, S. 16 fg.
407 PLATO
ist
beseelt, das geschriebene ist dessen blosses
Schattenbild« (Phaidros
275 C,
276 A). Wie mag erst Plato's
lebendige Gegenwart
zeugend gewirkt haben! »Die Liebe, o Sokrates, ist nicht, wie du
wähnst, bloss die Liebe zu einer schönen Gestalt,
sondern d i e
L i e b e i s t v o r a l l e
m d i e L i e b e z u e
i n e r a u s d e m S c h ö n
e n n e u z u
e r z e u g e n d e n G e s t a l t ! Denn das
sterbliche Wesen beherbergt ein
unsterbliches Teil: die Kraft zu zeugen; und so geht denn alle Liebe
auf Unsterblichkeit. Die Einen, um unsterblich zu sein, erzeugen
Kinder; Andere, deren Zeugungskraft ihren Sitz mehr in der Seele als im
Leibe hat, erzeugen Werke des Geistes und werden hierdurch
Schöpfer von Gedanken, Dichtungen und von jeglicher Kunst, die
aus Erfindung entspringt« (nach Gastmahl
206—209). Sie sehen, wie
positiv und produktiv hier alles ist: die Liebe zum Schönen ist
der Weg zur Weisheit; das Zeugen im Schönen ist der Weg zur
Unsterblichkeit; Werke des Geistes sind nur solche, die aus Liebe und
Kraft »erzeugt« werden, nur solche, in denen
schöpferische Erfindung gestaltet hat.
Der Gegensatz zu Immanuel Kant liegt auf der Hand;
es wäre schmerzlich, ihn durch nähere Ausführung noch
härter hervortreten zu lassen. Doch ergeht es uns hier wieder wie
bei der Gegenüberstellung Kant's und Goethe's. Zuerst schien auch
dort alles sehr einfach und scharf: Goethe ganz Auge, Kant gar nicht
Auge, bei Goethe alles anschaulich, bei Kant alles abstrakt; dann
stellte es sich aber heraus, dieser erste Eindruck sei — trotzdem er
auf unbestreitbaren Wahrheiten beruht — doch ein oberflächlicher.
Die Methode der Vereinfachung in Ehren! doch die menschliche Seele
pflegt ein sehr verwickeltes Gebilde zu sein, und gerade die in der
Tiefe, halb verborgen liegenden Züge sind es — die Züge, die
der flüchtig Hinschauende nicht erblickt — die der
Persönlichkeit ihren besonderen, ihr allein eigenen Charakter
verleihen. Wir lernten damals, wie Sie sich erinnern, einsehen, dass
Kant eine hervorragende, wenn auch sehr eigenartige Kraft der
Anschauung besitzt, und es stellte sich das Unerwartete heraus, dass
seine theoretischen Ansichten bezüglich der Natur von
handgreiflicher Anschaulichkeit sind, wogegen die Goethe's zwischen
Erblicktem und Erdachtem in der Schwebe bleiben (vgl. namentlich S.
84). Später hatten wir dann öfters Gelegenheit, die
grosse
Bedeutung der Anschauung bei Kant — auch innerhalb seiner
Erkenntniskritik — zu betonen; wir lernten ihn
sogar als einen erklärten Feind alles rein abstrakten, von
408 PLATO
der
Anschauung abgekehrten Denkens kennen. Ebenso dürfen Sie nun
Plato, den Schönheitstrunkenen, den von dionysischem Zeugungswahn
Ergriffenen, nicht lediglich als Kontrast und Gegensatz zu Kant
betrachten. Dass er in manchen Dingen Kant sehr nahe steht, habe ich
schon hervorgehoben und will ich gleich näher ausführen; ich
glaube aber, Sie werden bedeutend gefördert werden, wenn Sie auch
hier — wo Plato als der Antipode Kant's erscheint — gerade durch Plato
die Anregung empfangen, nach Zügen in Kant zu forschen, die ihnen
sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Schon hier bietet sich
die Gelegenheit, Plato als Vergrösserungsglas zu gebrauchen. Wohl
wird nimmermehr selbst die bitterste Satire einen Vergleich zwischen
Kant und Dionysos anstellen; aber fragen wir uns ehrlich: hat es je
einen modernen Deutschen gegeben, für den wir ihn hätten in
Anspruch nehmen können? Selbst die allbeliebte Redefigur Goethe -
Apoll entbehrt nicht eines lächerlichen Beigeschmackes. Dort, wo
zwischen zwei Kulturen ein für allemal eine Grenzlinie gezogen
ist, gewinnen wir nichts durch deren willkürliche Verwischung.
Dagegen ist Kant, wenn auch nicht, wie Plato, ein Aristokrat und
Sklavenbesitzer, sondern ein einfacher Sattlerssohn, geradezu ein
Muster der zartesten, stolzesten, taktvollsten Vornehmheit; in dieser
Wahrhaftigkeit, in diesem unantastbaren Stolz, der selbst dem
zürnenden König gegenüber nicht versagt, in dieser
Keuschheit des Lebens und des Denkens, in dieser Strenge gegen sich
selbst, in dieser Genügsamkeit des einzig nach innerer Freiheit
geizenden Mannes steigt ein neues Ideal vor uns auf; an uns ist es,
einen solchen Mann ebenso geziemend — und das heisst, mit einem ebenso
überraschend kühnen Blick durch die Hülle in das Wesen —
zu verherrlichen, wie die Griechen ihren Plato. Schon in Kleinigkeiten
— oder vielmehr besonders in Kleinigkeiten, weil diese allein am
leitenden Willen sozusagen vorbeigleiten können — verriet sich die
sonst verhaltene Leidenschaftlichkeit von Kant's Wesen. Lesen Sie die
Berichte der Zeitgenossen — namentlich Wasianski's unvergleichliches
kleines Buch — mit Sorgfalt: Kant konnte die Menschen, die wenig assen
und tranken, nicht leiden, er lud sie nicht wieder zu Tisch ein; er war
von einer unbeschreiblichen Ungeduld, wenn der Diener das Geforderte
nicht im Nu brachte; bei einem Auftrag an einen Freund genügte ihm
kein blosses Ja, sondern es musste heissen: »Ja, auf der
Stelle!« wofür Kant sich aber dann
409 PLATO
mit
einem »O, das ist herrlich!« zu bedanken pflegte; er
liebte nur rauschende Kriegsmusik und war ungehalten, als man einst zu
einer Trauerfeier klagende Weisen gewählt hatte, denn er meinte,
bei solchen Gelegenheiten sollten heldenhafte Klänge die
Vollendung und den Sieg über den Tod verkünden; in der
hilflosen Schwäche seines hohen Alters ward er einmal, als er
allein in seiner Stube sass, von einem Diebe überrascht, fuhr aber
mit einem solchen Ungestüm auf ihn los, dass der Dieb die
Flucht ergriff. Kant war nicht etwa verschlossen und grüblerisch,
sondern heiter und gesprächig; Schiller nennt ihn mit Recht
»einen heiteren und jovialischen Geist« (Br. an Goethe 22.
12. 98). Ein sehr unverdächtiger Zeuge, sein erbitterter
Gegner,
Herder, der von 1762 bis 1764 sein Schüler gewesen war, berichtet:
»... Kant hatte die fröhliche Munterkeit eines
Jünglings ... seine offene, zum Denken gebauete Stirn war der Sitz
der Heiterkeit, und die gedankenreichste, angenehmste Rede floss von
seinem gesprächigen Munde. Scherz, Witz und Laune standen ihm zu
Gebot ... sein öffentlicher Vortrag war wie ein unterhaltender
Umgang«. ¹) Ein Mann, der Kant zwanzig Jahre später
kannte,
Jachmann, sagt, er sei manchmal in Gesellschaft so hinreissend
unterhaltend und witzig gewesen, dass seine Worte »wie Blitze am
heiteren Himmel gespielt« hätten; und derjenige Mann, der
wohl von allen am längsten und intimsten mit Kant verkehrt hat,
Motherby, ein englischer Kaufmann von nüchterner Sinnesart,
erzählt, Kant habe in kleinem Kreise oft so gesprochen, als sei er
»von einer himmlischen Kraft begeistert«, und er habe
durch diese Macht des gesprochenen Wortes »alle Herzen auf immer
an sich gefesselt«. Sie sehen, es steckt hinter dem Kant, wie
ihn sich die heutige Welt vorstellt und wie er sich selber in seinen
Schriften gibt, ein anderer Kant, den wir alle viel zu wenig bisher
beachtet haben; denken Sie sich Kant durch einen Zufall des Schicksals
in anderer Umgebung und anderen Glücksverhältnissen geboren
(denen Plato's irgendwie vergleichbar), sein Charakter wäre viel
freier und unbefangener in die Erscheinung getreten. Ich halte solche
Züge, wie Kant's vielbesprochene, übertrieben pedantische
Pünktlichkeit, für eine Reaktion des Willens gegen das
Temperament: der Z w a n g ist ja der hervorstechende
—————
¹) Briefe
zu Beförderung der
Humanität, Nr. 79; nach der ursprünglichen,
später von
Herder veränderten Fassung (Sämtliche Werke, Ausg. von
Suphan, XVIII, 324).
410 PLATO
Charakter
unserer heutigen gesellschaftlichen Civilisation; wer ein
mächtiges Bedürfnis nach innerer Freiheit empfindet, wird
oft zu dem isolierenden Mittel einer eisernen Selbstbeherrschung, eines
krampfhaften Sichzusammenballens greifen; er wird dem Zwang durch Zwang
begegnen. Auch die Glut der Begeisterung — jenen »Wahn«,
der, wie wir sahen, für Plato die Vorstufe jeder wahren Erkenntnis
bedeutet — werden wir bei genauerem Zusehen an Kant entdecken, wenn er
sich in seinen Schriften auch noch so sehr dagegen wehrt und immer
wieder sein Misstrauen gegen jegliche »Schwärmerey«
äussert. So erzählt z. B. Wasianski folgende Geschichte. In
einem kühlen, an Insekten armen Sommer hatte Kant zu öfteren
Malen junge, unflügge Schwalben zerschmettert am Boden liegen
sehen; erstaunt über dieses wiederholte Vorkommnis, beobachtete er
genau und entdeckte, dass es die Elternvögel waren, die, da die
Nahrungsmenge für die ganze Brut nicht hinreichte, einige Kleine
dem Tode weihten und hierdurch den übrigen die genügende
Körperkraft sicherten. »Voll Verwunderung sagte Kant: 'Da
stand mein Verstand stille, da war nichts dabei zu tun, als
hinzufallen und anzubeten'; dies sagte er aber auf eine
unbeschreibliche und noch viel weniger nachzuahmende Art. Die hohe
Andacht, die auf seinem ehrwürdigen Gesichte glühte, der Ton
der Stimme, das Falten seiner Hände, der E n t h u s i
a s m u s, der diese
Worte begleitete, alles war einzig.« ¹) Sie sehen, das ist
keine nüchternmechanische Naturbetrachtung; und was die
Auffassung des moralischen Wesens des Menschen anbelangt, so hat Kant
in seinem vierzigsten Jahre, in einer leider wenig beachteten Schrift,
Versuch über die Krankheiten des
Kopfes, erklärt:
»Niemals ist ohne Enthusiasmus in der Welt etwas Grosses
ausgerichtet worden«. Sobald Sie Ihr Gehör dafür
geschärft haben, werden Sie bei Kant an manchen Orten das Rauschen
jener »Flügel« vernehmen, ohne die, nach Plato, Keiner
sich bis zur wahren Weisheitsliebe hinaufzuschwingen vermag; und auf
Niemanden mehr als auf Kant sind die Worte anwendbar, die Plato an der
selben Stelle hinzufügt: »Die Menge merkt nicht, dass der
Philosoph begeistert ist«.
²)
STIL UND SPRACHE
Hier ist nun der Ort, auch über Kant's Stil und
Sprache
einige Worte zu sagen.
Kant ist nicht, wie Plato, ein Dichter; seinen
Ausgang nimmt
—————
¹) Auflage
von 1804, S. 193; Ausgabe von Hoffmann, 1902, S. 410.
²) Phaidros
249 C
und D.
411 PLATO
er
nicht von Dithyramben und Tragödien, und das Dramatische und
Pittoreske, das Plato bis zuletzt auszeichnet, fehlt ihm zu allen
Zeiten. Nur sehr selten erhebt sich seine Sprache zu ergreifenden
Tönen und oratorischem Glanz; es geschieht fast nur, wo
von
P f l i c h t die Rede ist; hier fühlt man die
leidenschaftliche
Bewegung des Herzens, sonst selten. Näher zu den persönlichen
Vorzügen des Kantischen Stiles führt uns die Betrachtung
seiner Vergleiche: diese sind meistens originell und besitzen eine so
eigentümliche Kraft der Anschaulichkeit, dass sie sehr entlegene
Gedankengegenden mit Licht überfluten; Sie brauchen nur an den
focus imaginarius in unserem
ersten Vortrag (S. 65 fg.) zu
denken und
an die Weltkugel in dem vierten (S.
381); ähnlich glücklich
gewählte Bilder tauchen bei ihm alle Augenblicke auf. Doch was die
hervorragende Eigenschaft dieses Stiles ausmacht, ist die K
l a r h e i t. Ich
weiss, manche hochgelahrte Männer und manche empfindsame Seelen
werden über die Behauptung, Kant schreibe ausnehmend klar, mit den
Achseln zucken; doch mir genügt zur Bestätigung meines
eigenen Gefühls das Urteil Goethe's; »Nichts ist so klar wie
Kant«, sagte er zu Cousin, und Schopenhauer gegenüber sprach
er: »Wenn ich eine Seite in Kant lese, wird mir zu Mute, als
träte
ich in ein helles Zimmer«. ¹) Hier handelt es sich um etwas
höchst Eigentümliches; ich bin aber verlegen, wie ich es
anders schildern soll als durch diesen blossen Hinweis auf Goethe's
Wort: ein helles Zimmer. Goethe sagt nicht »ein schön
gebautes
Zimmer«, oder »ein geschmücktes Zimmer«, er sagt
ein h e l l e s Zimmer. ein Zimmer. in dem man gut
sieht. Kant's Stil ist
nämlich reines, weisses Licht, ohne Farbe, — und als solcher
spiegelt er die Persönlichkeit getreu wieder; le style est l'homme
même. Ein Schopenhauer hat alle Farben auf seiner Palette:
seine
Weltanschauung ist ein Gemälde; Kant dagegen stellt sich genau das
selbe Ziel wie etwa der Verfasser eines Handbuches der Physik: die
Phänomene schlicht und wortkarg hinzustellen, sie zu analysieren,
die Gesetzlichkeiten aufzudecken, den systematischen Zusammenhang
nachzuweisen. Was hat der gelernte Physiker vor dem ungebildeten Laien
voraus? Wesentlich, dass er die Vorgänge in der Natur besser
beobachtet und richtiger sieht; er sieht mehr, er sieht schärfer,
und indem er Zusammenhänge überschaut, die ein anderer
—————
¹)
Vgl. Biedermann: Goethe's
Gespräche, III, 290 und IX, 113. (vgl.
auch oben, Vorrede, S. 6.)
412 PLATO
nicht
ahnt, gelangt er zu etwas, was man wohl ein »gesteigertes
Sehen« nennen darf. Genau das selbe ist Kant's Methode und Kant's
Ziel. Das Oratorische flösst ihm Misstrauen ein: die Beredsamkeit,
meint Kant, ist »eine Kunst, durch den schönen Schein zu
hintergehen«; sie vermindert »die Freiheit der
Beurteilung«;
¹) ebenso warnt er, es sei unzulässig, »allenthalben
Anschauung an die Stelle der ordentlichen Reflexion des Verstandes
und der Vernunft zu setzen«, hierdurch gerate man in
»Schwärmerei«, und selbst vom Genie ausgeübt,
fehle
dieser Methode »die Trockenheit und Wachsamkeit und
Kaltblütigkeit der Urteilskraft (Ref.
I, 13). Da haben Sie das
mit gutem Bedacht erwählte stilistische Programm: trocken,
wachsam, kaltblütig. Es ist genau wie vorhin im Leben: das
Sichselbstbeherrschen, das Sichzusammenballen. Ein solches Programm
bedeutet den grundsätzlichen Verzicht auf die künstlerische
Formgebung; die Mania des
Plato mag im Herzen des Denkers hausen, doch
mitreden darf sie nicht. Jedoch, in den Händen des Genies ergeben
sich aus diesen stilistischen Grundsätzen — nebst grossen,
unableugbaren Mängeln — zwei grosse Eigenschaften:
übersichtliche Architektonik des Ganzen, scharfe, fraglose
Eindeutigkeit im Einzelnen; und aus diesen zwei Eigenschaften entsteht
jene ungewöhnliche und eigenartige Klarheit, die Goethe für
Kant's Schriften charakteristisch fand, und jene »lebendige
Ausdrucksweise«, die Jakob Grimm an ihnen rühmt (Einleitung
zum deutschen Wörterbuch). Hier greifen die Eigenschaften
des
Stils über die Sprache hinaus. Bekämpfen, hassen,
anathematisieren, missverstehen konnte man Kant's Weltanschauung, nicht
aber sich ihrer zwingenden architektonischen Allgewalt entziehen;
heute philosophieren alle Kulturmenschen — auch die, die keine Silbe
Deutsch verstehen — in den Begriffen, die Kant geprägt oder
umgeprägt, und in den Schemen, die er geschaffen hat. Und Sie
werden wohl zugeben, dass eine solche architektonische Kraft eine
schöpferische ist, und sogar eine der poetischen — wenigstens wie
die Griechen das Wort Poietes
verstanden — nahverwandte; sie
gehört zu dem, was Plato, wie wir vorhin hörten, »ein
Erzeugen von Gedanken, Dichtungen und jeglicher Kunst, die aus
Erfindung entspringt«. nannte. In der Kunst der Architektonik
überragt Kant den griechischen Erkenntniskritiker gewaltig; hier
ist Er der Dichter, und zwar einer der grössten.
—————
¹) Vgl.
für den genauen Text,
Ur. § 53.
413 PLATO
Zu einem grossartigen Bau gehören aber fein
zugehauene Quadern, und die Klarheit, von der Goethe spricht, wäre
nicht zustande gekommen, wenn nicht Kant — in seiner Weise — auch ein
Meister des Wortes gewesen wäre. Ich sage absichtlich
des W o r t e s,
nicht des Satzes; denn der Satz ist bei Kant meistens ungefüge und
nicht selten unschön; im Gebrauch der Worte dagegen ist Kant ein
ebenso grosser Künstler wie in der Disposition des Ganzen. Hier
treffen Kant und Plato wieder zusammen; beide gehören zu den ganz
grossen, epochemachenden Sprachbeherrschern. In seiner Geschichte der
philosophischen Terminologie (S. 141) sagt Eucken: »Es ist
hier (bei Kant) ein so wesentlich Neues geschaffen, dass
alles Folgende an das hier Geleistete anknüpfen muss.« Hier
lohnt es sich, Plato und Kant am Werke zu beobachten.
Plato denkt viel nach über das Wesen der
Sprache; zwar will er sich nicht bei dem Mythos eines göttlichen
Ursprunges beruhigen, denn das, meint er, wäre eine ähnliche
Ausflucht wie der deus ex machina
der Tragödiendichter; doch
heilig und unergründlich bleibe dieses Werkzeug des Denkens (vgl.
Kratylos, 425 fg.). Das eine
Mal warnt er uns gegen »den üblichen Gebrauch der Worte, wie
Sie die
Leute einmal so und einmal anders anwenden und auf diese Weise
vielfältigste Verwirrung schaffen«; wenige Seiten darauf
aber warnt er nicht minder eindringlich gegen »die spitzfindige
Bestimmung der Wortbedeutungen«, denn wer so handle, sei dem
Worte »knechtisch untertan« (ανελευθερος), wogegen in der
Behandlung der Sprache eine »edle« Freiheit am Platze sei
(Theaitetos 168 C und 184 C).
Er erfindet denn auch nicht
Worte aus
freien Stücken, er haucht aber bekannten, vielgebrauchten Worten
neues
Leben ein; es ist dies ein symbolisches Verfahren, und das heisst, ein
aus dem Geiste der Sprache geborenes Verfahren, da alle Sprache von
Hause aus symbolisch ist. Ein Kreis spannt sich um den anderen, ohne
aber, dass der Mittelpunkt verrückt würde. So wird z. B. bei
Plato aus Hypo-thesis, einem
Wort, das bis zu ihm einfach ein
Unter-gelegtes, ein Tragstück, eine Stütze, ein Postament
bedeutet hatte, jetzt diejenige Annahme, von welcher der nachsinnende
Geist ausgeht, sei es, um die sichtbaren Phänomene der Natur
aneinander zu gliedern, sei es, um hinaufzusteigen, bis er jenseits der
Natur ein transscendentes — oder, wie Kant verdeutscht, »die
Erfahrung Überfliegendes« — Unbedingtes, das heisst keiner
weiteren Voraussetzung Bedürftiges findet, das
»Anhypothetische«, wie Plato
414 PLATO
es
nennt (Rep. VI, 511).
Hierdurch wird aber, wie Sie sehen, eine
neuentdeckte Tatsache des Geistes mitgeteilt; schon in diesem einen
Worte liegt eine ganze philosophische Weltanschauung implicite
inbegriffen; denn in Hellas war es noch keinem Denker beigefallen,
dass wir Menschen weder »hinunter« zur Natur, noch
»hinauf« zu den Vernunftbegriffen gelangen können,
ohne erst eine Voraussetzung zu machen, ein Tragstück
unterzulegen, das uns dann, wie Plato sagt, »als Stufe und
Sprungbrett« dient (id.).
Wir stehen hier schon mitten in einer
tiefgründigen Kritik der Erkenntnis; wie tief, können Sie
daraus entnehmen, dass Plato auch die I d e e n als
»Hypothesen« aufstellt, die der Mensch erst »jedesmal
zu Grunde lege« — υποθεμενος
εκαστοτε λογον — damit er einen
Stützpunkt besitze, von wo aus seine Gedanken hinauf- und
hinabschweifen können (Phaidon
100 A und 101 D). So
plastisch sind
die Worte bei Plato, so unerschöpflich reich an Anregung! Von
jedem der von ihm in bescheidener Anlehnung an die Umgangssprache
eingeführten philosophischen Ausdrücke strahlen, sozusagen,
Gedanken nach allen Richtungen aus, und wer die wichtigsten dieser
Ausdrücke lebendig in sich aufgenommen hat — das heisst also in
jener »edlen Freiheit« durchaus persönlicher und
vielseitiger Wesen — der besitzt eigentlich den ganzen Plato; die Worte
sind nicht stumme Wegweiser, sondern sie sind der Weg selbst, vom Genie
aus dem Urwald ausgehauen. Wollen Sie aber, zur Ergänzung der hier
gewonnenen Einsicht, das Entgegengesetzte erfahren, also die Verarmung
der Worte an Inhalt, so brauchen Sie nur zu Aristoteles zu greifen, bei
dem z. B. »Hypothesis« einfach eine unsichere Annahme
heisst, im Gegensatz zu einer sicheren! Die durch kritische Besinnung
entdeckte T a t s a c h e, dass jeder menschliche
Gedankenaufbau — betreffe
er die empirische Welt oder die Welt der reinen Gedanken, gleichviel —
auf »Tragstücken« ruhe, die wir selber erst »zu
Grunde legen«, diese Tatsache ist verloren, ist den Augen
entschwunden; Aristoteles, dieser bewunderungswürdige, aber
durchaus unkritische Kopf — von dem der beste lebende Kenner hat
behaupten dürfen, er habe Plato »in jeder einzelnen
Aufstellung missverstehen m ü s s e n « ¹)
hat nie gewusst noch ge-
—————
¹)
Natorp: Plato's Ideenlehre,
S.
370. Das Beste, was ich über Aristoteles kenne, steht in
Schopenhauer's Fragmente zur
Geschichte der Philosophie, § 5:
»Als Grundcharakter des Aristoteles liesse sich angeben der
allergrösste Scharfsinn, verbunden mit Umsicht, Beobachtungsgabe,
Vielseitigkeit und Mangel an Tiefsinn. Seine Weltansicht ist flach,
wenn auch scharfsinnig durchgearbeitet«.
415 PLATO
ahnt,
was »Hypothesis« für Plato bedeutete; wissen
kann es ja nur, wer, wie der Bergsteiger unseres letzten Vortrages,
hoch genug gestiegen ist und dann sich umgedreht hat; und so sind unter
seinen Händen alle diese herrlichen Worte zu Abstraktionen
verblasst und sind auch zumeist in dieser Gestalt auf uns gekommen. —
Kant nun ist ein würdiger Nachfolger Plato's; eine unendliche
Sorgfalt wendet er den Worten zu; er haucht ihnen neues Leben ein und
ist namentlich auch bemüht, philosophisch schon früher
ausgeprägte Gebilde zu retten, die »sich unter dem Haufen
anderer von sehr abweichender Bedeutung verlieren«, wo es dann
»leichtlich geschieht«, dass »auch der Gedanke
verloren gehe, den sie allein hätten aufbehalten
können« (r. V.
269).
Kant empfindet lebhaft die Vorzüge
seiner Muttersprache: »Die deutsche Sprache ist unter den
gelehrten lebenden die einzige, welche eine Reinigkeit hat, die ihr
eigentümlich ist. Alle fremden Worte sind in ihr auf immer
kenntlich ... deswegen belohnt es der Mühe, darauf acht zu haben
... fremde Wörter verraten entweder Armut, welche doch verborgen
werden muss, oder Nachlässigkeit ...« (Ref. II, 9 fg.).
Doch steht Kant unter dem Gesetze jenes Verhängnisses, unter dem
wir alle stehen und von dem ein Plato in seinem sonnigen Griechenland
nichts wusste: u m v e r s t a n d e
n z u w e r d e n, musste er in seinen
metaphysischen Schriften zwei Drittel der Kunstausdrücke für
seine neuen Gedanken toten Sprachen entlehnen, musste er seine
klaren deutschen Gedanken, wie er selber klagt, »in barbarischen
Ausdrücken« einhergehen lassen (Br. 7. 8. 83) — sonst
hätten die deutschen Gelehrten weder seinen Sinn erraten, noch
seine Bücher überhaupt gelesen. So teuer bezahlen die
Völker ihre Fehler! In einem Briefentwurf aus seinem siebzigsten
Lebensjahre beklagt Kant G. Chr. Lichtenberg gegenüber, dass er
»die scholastische Geschmacklosigkeit nicht habe umgehen
können«, und verspricht, »bei den nächsten
Arbeiten dieser Art darauf Bedacht zu nehmen, jenen Benennungen andere,
der gemeinen Fassungskraft näherliegende beizugesellen«.
¹) Es waren aber damals schon alle Kritiken erschienen; und weil
wir sprachlich verrohte Menschen die Zartheit und Genauigkeit in Kant's
Auswahl und Anwendung der Worte für sein kritisches
Gedankengebäude nicht genügend beachteten, so musste der
Meister selber klagen: »Mancher (meiner) Nachbeter braucht Worte,
mit denen er keinen Sinn verbindet .... sie lassen
—————
¹) In
Hartenstein's Gesamtausgabe,
1867, VIII, 794.
416 PLATO
mich
oft ein Kauderwälsch reden, das ich selbst nicht
verstehe« (a. a. O.). Um also Kant's Wortkunst richtig zu
beurteilen, müssen wir bedenken, dass er die Last griechischer und
lateinischer Worte überkam, und dass vor ihm überhaupt noch
garnicht in deutscher Sprache philosophiert worden war. Doch umso
grösser ist Kant's Verdienst; denn wenn er sich auch seine
Kunstausdrücke zum grossen Teile aus dem Arsenal der Scholastik —
nicht, wie Plato, aus der lebendigen Sprache des Volkes — geholt hat,
so hat er nichtsdestoweniger: 1. überall, wo es ihm ohne Nachteil
für sein Vorhaben tunlich schien (so namentlich in der Kritik der
praktischen Vernunft und der Urteilskraft)
deutsche Ausdrücke
geprägt; 2. hat er den abgenutzten, fadenscheinigen Vokabeln der
Scholastiker so viel gestaltende Lebenskraft eingehaucht, dass manche
von ihnen seitdem in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen
sind; 3. hat er überall peinlich genaue Be- und Umschreibungen der
scholastischen Wörter gegeben und an ungezählten Orten
deutsche Worte zum gleichwertigen Gebrauch neben den Fremdwörtern
vorgeschlagen. Dass die deutsche Sprache die Sprache der höchsten
Gedanken des Menschengeschlechtes wurde, ist in erster Reihe sein
Verdienst. ¹)
So hätten wir denn die Vergleichung der
wichtigeren äusseren Merkmale Plato's und Kant's zu Ende
geführt. Von der physischen Gestalt, den Schicksalswegen und den
Temperamenten gingen wir aus und sind nach und nach bis zu einem
Vergleich des Stiles und der Wortbehandlung gelangt. Das alles kann in
einem gewissen Sinne als zur äusseren Erscheinung des Menschen
gehörig betrachtet werden; es macht das aus, was wir zunächst
an ihm gewahr werden, und bildet den Untergrund — die Hypothesis
hätte vielleicht Plato gesagt — zu der Vorstellung, die wir uns
von seinem Innern machen. Ehe wir nun zu dem Denken — zu der Art zu
schauen — übergehen, müssen wir den Vergleich zwischen den
beiden Männern durch einen Blick ins Allerinnerste ergänzen.
Es wird dies gleichsam das »Was« ihrer Persönlichkeit
im Verhältnis zu dem »Wie« sein, das wir soeben in
Betracht gezogen haben;
—————
¹)
Köstliche Proben seiner feinsinnigen
Wortbestimmungen und -unterscheidungen findet man in vielen Schriften,
so z. B. in dem vorhin genannten Versuch
über die Krankheiten des
Kopfes (Torheit, Narrheit, dumm, stumpf, einfältig, albern
usw.),
besonders zahlreich in den Beobachtungen
über das Gefühl
des Schonen usw. und in der Anthropologie,
sowie in den von Benno
Erdmann herausgegebenen Reflexionen.
417 PLATO
wogegen
das theoretische Denken zwischen beiden hin- und herschwebt.
DAS GEMEINSAME ZIEL
Hier wird uns eine einzige Betrachtung genügen;
sie trifft den Kern; mehr brauchen wir nicht. Sobald wir uns
nämlich dem innersten Wesen dieser beiden Männer zuwenden,
wird eine Tatsache
notwendig unsere Aufmerksamkeit fesseln: Kant und Plato treffen nicht
bloss in dem E r g e b n i s ihres Denkens zusammen,
sondern was sie beide zur
Erforschung des Menschengeistes aufruft, das Z i e l,
auf das sie
zustreben, ist für beide genau das selbe; nicht die Befriedigung
spekulativer Neugier, nicht die Lösung abstrakter Fachfragen hat
den einen aus der Dichtkunst und den anderen aus der Mathematik in die
Philosophie hineingetrieben, sondern, was sie ganz erfüllt, ist
ein moralisches und praktisches Ziel. Auch hier wieder fällt
dieses positive Element auf den ersten Blick stärker bei Plato als
bei Kant in die Augen, doch genügt ein Mindestmass von Scharfsinn
und Kenntnis, um einzusehen, wie richtunggebend das praktische Ziel
auch für Kant von Anfang an war und blieb.
Plato's Lehrer, Sokrates, hatte grundsätzlich
aller Wissenschaft und aller Fachphilosophie den Rücken gekehrt,
um einzig die praktisch-sittlichen Interessen des Menschen in
Erwägung zu ziehen; diesem Ausgangspunkt bleibt Plato innerlich
bis ans Ende treu. Ich erinnere mich, wie der geistvolle Franzose, der
mich zuerst in hellenische Philosophie einführte, mir
einzuschärfen pflegte: »Plato ist gar kein Philosoph im
eigentlichen Sinne des Wortes; er ist Ethiker und Politiker«.
Dass diese Auffassung der Irrtum eines metaphysisch unbefähigten
Mannes war, musste ich bald erkennen; doch welche richtige Einsicht
hinter dem Irrtum steckt, habe ich erst im Laufe der Jahre begreifen
gelernt. »Die Erkenntnis des Guten und Bösen«
(επιστημη
αγαθου τε και κακου) stellt Plato
in einem seiner
allerersten Dialoge als diejenige Erkenntnis hin, ohne welche
»alle anderen zusammengenommen« völlig wertlos seien
(Charmides 174 C, D); und
nicht bloss sind Plato's umfangreichste Werke
— Die Republik und Die Gesetze — eingestandenermassen
praktisch-politischen und sozialen Fragen gewidmet, wogegen in ihnen
Metaphysik und Erkenntniskritik nur episodenweise zur Sprache kommt,
sondern in fast jeder einzelnen Schrift, gleichviel welches
418 PLATO
ihr
Thema sein mag, gipfelt die Untersuchung in der Frage nach dem
unbedingt Guten, wobei das Schöne und das Wahre als fast — aber
nicht ganz — ebenbürtig genannt zu werden pflegen. ¹)
Schiller's Wort:
Was wir
als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn,
ist ein Echo aus Plato; doch das Schöne ist für Plato nichts
Anderes als die »Gestalt« des Guten, wie es
künstlerischen Augen sich von aussen darstellt. Sie haben ja schon
gehört, wie nach Plato das Schöne zur Erkenntnis führen
soll, also auch zum Guten; nur insofern das gelingt, ist das
Schöne zu preisen. ²) Das Wahre aber — nach einer
merkwürdigen Stelle im Philebos
(64 B) — ist als ein
gleichsam nur Sekundäres dem Guten »beigemischt«
(μιξομεν); das eigentlich »Wahre«, in dem
Sinne wie
es alle Welt versteht — nämlich als eine objektiv empirische
Wahrheit — vermögen wir überhaupt nicht zu erreichen; das
lehrt die Erkenntniskritik. Die naive Voraussetzung der Menge und des
Aristoteles, dass »ein Wissen bei einem jeden Gegenstande
stattfinde, sobald wir sein Wesenswas erkannt haben«, ³) ist
insofern sinnlos, als uns die Kritik belehrt hat, dass wir niemals von
irgend einem Gegenstande das Wesenswas zu erkennen vermögen;
Wahrheit ist der Weisheit zwar »verwandt« (οικειοτης
Rep. 485 C), sie umfasst sie
aber nicht; vielmehr ist es einzig
»die Idee des Guten« (του
αγαθου
ιδεα), die
über die Schranken der zwischen Verstand und Sinnlichkeit hin- und
herpendelnden Erscheinung (Timäos
52 A) hinausweist und hiermit
»ein höchstes Wissen« (μεγιοτον μαθημα) vermittelt
(Rep. 505 A). 4)
Charakteristisch für diese Richtung auf das
Praktische ist, dass Plato »die Unedlen und die Feigen« von
vornherein vom philo-
—————
¹) Hierzu
ist namentlich Philebos
65 A zu vergleichen.
²) »Das Gute ist schön
(Lysis 216 D, Gastmahl 201 B
und noch vielerorten). Hierzu ist auch Die
Republik, Buch III zu vergleichen.
³) Metaphysik
VII, 6, 1031 b, nach
Bonitz.
4) Die »Idee des
Guten« ist
bei Plato kein rein ethischer Begriff, vielmehr bildet diese Idee —
immer deutlicher, je reifer sein Denken wird — den Mittelpunkt seiner
Metaphysik und bedeutet das letzte, höchste Gesetz des Denkens,
den Punkt, woraus das Denken, damit es überhaupt Denken sei — αυτος ο λογος — entspriessen muss; doch sind das
Tiefen der
metaphysischen Besinnung, die hier nicht berührt werden
konnten. Ich verweise auf Natorp, a. a. O., S. 183—196, obwohl diese
bewunderungswürdigen Ausführungen über das Gute 1. als
letztes ethisches, 2. als letztes logisches, 3. als letztes kosmisches
Prinzip mir noch nicht den allertiefsten Grund zu erreichen scheinen.
Häufig bedeutet bei Plato »das Gute», was wir heute
»Zwecktätigkeit« nennen würden.
419 PLATO
sophischen
Unterricht ausschliesst (Rep.
486 B);
sie vermögen nicht
zu lernen; ohne sittlichen Adel keine Weisheit. Und so werden Sie nicht
erstaunen, wenn er in einer seiner reifsten Schriften, dem Sophisten,
seine Weltanschauung »die Wissenschaft freier Menschen«
(των ελευθερων επιστημη 253 C)
nennt; was uns nun wieder auf Kant
zurückführt, der — gerade an einer Stelle, wo er von Plato
redet — die prächtige Begriffsbestimmung gibt: »Das
Praktische ist das, was auf Freiheit beruht« (r. V. 371).
Bezüglich Kant's wird unser Urteil durch zwei
Umstände irregeführt: erstens hat seine Kritik der Vernunft
und der Urteilskraft revolutionärer gewirkt und dadurch eine
tiefere Bewegung in den Geistern hervorgerufen, als seine Schriften
über praktische und ethische und religiöse Fragen; hieran hat
sich aber dann die lächerliche Märe geknüpft, der
Heinrich Heine, der witzige Müssiggänger, Weltverbreitung
verschafft hat, die Märe, dass Kant erst als Greis, erschrocken
über seine eigene kritische Tat, zur Rettung der hergebrachten
Ideale geeilt sei, und zwar im Interesse der ungebildeten Menge. So
werden unsere einsamen Grossen behandelt, seitdem »das neue
jüdische Zeitalter« — wie Viktor Hehn es nennt ¹) —
angebrochen ist. Dies hätte wenig zu bedeuten, ein still
abwehrendes: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht
mir!« würde genügen, wenn erst die zu ersehnende
reinliche Scheidung der Geister stattgefunden hätte; so aber
vergeht kein Jahr, ohne dass wir in irgend einem Buche oder Aufsatz
irgend einer Variation dieser blasphematorischen Dummheit begegnen; und
wenn auch die Vernünftigeren unter uns gut wissen, die Sache
könne sich nicht so verhalten, etwas davon bleibt ihnen dennoch in
ihrer Vorstellung von Kant kleben. Die Wirklichkeit sieht aber so
anders aus wie nur möglich. »Philosophie ist wirklich nichts
Anderes als eine p r a k t i s c h e
Menschenkenntnis; ... die Philosophie ist
die Wissenschaft der Angemessenheit aller Erkenntnisse mit
der
B e s t i m m u n g des Menschen«: so schrieb Kant,
während er an
seiner Kritik der reinen Vernunft
arbeitete (Ref. II, 22), und
in
diesem Buche selbst bezeichnet er als sein Ziel: »den Boden zu
majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufest zu
machen« (r. V. 376).
Kant ist von Hause aus Mathematiker, Logiker
und Moralist; sein Hauptinteresse war eigentlich das, was er unter dem
von ihm sehr umfassend gedachten Begriffe »Anthropologie«
verstand, eine Disziplin, die er
—————
¹) Gedanken über
Goethe, 3. Aufl., S. 161.
420 PLATO
bezeichnenderweise
nicht durch die Sache, sondern durch das Ziel
definiert: »die Quellen aller Wissenschaften, die der Sitten, der
Geschicklichkeit, des Umganges, der Methode Menschen zu bilden und zu
regieren — mithin a l l e s P r a k t i s c h e
n zu eröffnen« (Br.
I,
138). Auch diese Worte schrieb er während der Vorarbeiten
zu der
Kritik der reinen Vernunft.
Und wenn Sie nun das Entstehen dieses
Werkes aufmerksam verfolgen (was heute mit Hilfe der von der Berliner
Akademie herausgegebenen Briefe Kant's Jedem möglich gemacht ist),
werden Sie entdecken, dass das, was uns heute — und zwar mit Recht —
als das Hauptwerk Kant's erscheint, ursprünglich nur als ein
Nebensächliches geplant war. Die Natur im ganzen und die
Menschennatur im besonderen: das ist es, worauf Kant von Anfang an
steuert, wogegen er fast nur Absprechendes über die Metaphysik zu
sagen hat. Die früheste mir erinnerliche datierte Erwähnung
desjenigen Vorhabens, aus dem im Laufe von etwa sechzehn Jahren die
Kritik der reinen Vernunft
herauswachsen sollte, findet sich in dem
ersten Brief Kant's An den Mathematiker und Philosophen Lambert vom 31.
Dezember 1765. Hier teilt Kant mit, dass er schon »verschiedene
Jahre hindurch seine philosophischen Erwägungen auf alle
erdenkliche Seiten gekehrt habe«; Ziel dieser Bestrebungen sei
eine »eigentümliche Methode der Metaphysik«; diese
Metaphysik scheint Kant sich (nach anderen Briefen) in zwei Teilen
gedacht zu haben: eine Metaphysik der Natur und eine Metaphysik der
Sitten — also wieder die Natur und (in der Natur) der Mensch. Nun aber,
sagt Kant, fühle er sich in dieser seiner Absicht aufgehalten und
gezwungen, »von seinem ersten Vorsatze so ferne abzugehen«,
als er dieses sein »eigentümliches Verfahren« nicht
zeigen könne, ehe er »einige k l e i n e r
e A u s a r b e i t u n g e n
vorangeschickt« habe, wodurch zugleich vermieden werde, dass
»die Hauptschrift durch gar zu weitläuftige und doch
unzulängliche Beispiele allzusehr gedehnet werde«. Von
diesen »kleineren Ausarbeitungen« nennt Kant nur zwei:
»die metaphysischen
Anfangsgründe der Weltweisheit und die
metaphysischen Anfangsgründe der
praktischen Weltweisheit«. Das
ist der Keim zu allen den grossen Kritiken, deren Vollendung von jenem
Tage an noch genau fünfundzwanzig Jahre erfordert hat. Die dem
geplanten Hauptwerk voranzuschickenden »kleineren
Ausarbeitungen« wurden die grossen Hauptwerke von Kant's Leben,
wogegen von dem geplanten Hauptwerk — der Metaphysik der Natur — nur
die Anfangs-
421 PLATO
gründe, sowie einige Bogen mit
abgerissenen Notizen auf uns
gekommen sind. Es wird Ihnen auffallen, dass Kant schon zu dieser
frühen Zeit das Thema »praktische Weltweisheit« genau
so benennt wie später, wogegen weder der Begriff
»Kritik« noch der Begriff »reine Vernunft« ihm
aufgegangen ist, sondern beide noch in der unschuldigen Vorstellung von
»Anfangsgründen« ungesehen schlummern. Bis Kant so
weit kam, das Problem der Erkenntniskritik auch nur scharf zu fassen,
hat es noch ziemlich lange gedauert und ungeheurer Anstrengungen
bedurft. 1770 erschien die lateinisch verfasste Schrift Über die
Beschaffenheit und die Grundzüge der Sinnenwelt und der
Verstandeswelt, die gewöhnlich einfach als »die
Dissertation« citiert wird; ¹) hier ist eigentlich das
kritische Problem
schon
zur Hälfte aufgestellt und gelöst, und § 8 wird
ausdrücklich gesagt, dass aller Metaphysik eine Wissenschaft
»vorangehen« müsse, »die zwischen der Erkenntnis
durch Sinnlichkeit und der Erkenntnis durch Verstand zu unterscheiden
lehre«. Und doch bedeutet diese entscheidende Tat noch immer nur
das Erklimmen einer weiteren Vorstufe, noch immer erblickt Kant das
Ziel nicht deutlich. Ein Jahr später, also Sommer 1771, sagt Kant,
er arbeite an einem Werke unter dem Titel: Die Grenzen der Sinnlichkeit
und der Vernunft; wiederum soll aber dieses Werk nur nebenbei
die
kritische Auseinandersetzung bringen, denn es soll ausserdem die ganze
»Geschmackslehre, Metaphysik und Moral« abhandeln. ³)
Sie
sehen, wie schwer und à son
corps défendant Kant sich
entschliesst, sein praktisches Ziel auch nur für kurze Zeit aus
den Augen zu lassen; die Idee, ein ganzes Buch — geschweige denn drei
oder vier Bücher — dem »kritischen Geschäft« (wie
er es später oft
nannte) ausschliesslich zu widmen, will ihm noch immer nicht in den
Sinn. Im folgenden Jahre endlich kommt zum erstenmal die ganz klare
Erkenntnis des Problems, und zugleich stellt sich der Ausdruck ein
(aber noch nicht als Titel gemeint): »eine Kritik der reinen
Vernunft«; wiederum jedoch von der Versicherung gefolgt, dies sei
nur ein »erster Teil« des geplanten Werkes, auf den dann
»die reinen Prinzipien der Sittlichkeit« folgen sollten.
Diesen ersten
—————
¹) De mundi sensibilis atque
intelligibilis forma et principiis wird gewöhnlich
übersetzt:
Ȇber die Form und die Prinzipien der sinnlichen und der
Verstandeswelt«; ich glaube, obige Verdeutschung trifft den Sinn
genauer.
²) Briefe,
I, 117. Der
ausführliche Plan zu dem genannten Werk steht S. 124, und daraus
ersieht man, dass die »Phaenomologie« (sic), welche
jedenfalls
allein die kritische Auseinandersetzung enthielt. nur als ein
einleitender Teil des Ganzen gedacht war.
422 PLATO
Teil
hoffte Kant damals »binnen etwa drei Monathen« fertig
zu haben; doch fast zwei ganze Jahre später (Ende 1773) muss er
melden, er sei noch immer dabei, »seinen dornigten und harten
Boden eben und zur allgemeinen Bearbeitung frei zu machen«; und
mit einem hörbaren Seufzer setzt er hinzu: »Ich werde froh
sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie werde zu Ende gebracht
haben, welche eigentlich eine Kritik der reinen Vernunft ist; alsdann
gehe ich zur Metaphysik, die nur zwei Teile hat: die Metaphysik der
Natur und die Metaphysik der Sitten, wovon ich die letztere zuerst
herausgeben werde und mich darauf zum voraus freue« (Br. I, 126,
137 fg.). Die Kritik empfindet er, wie Sie sehen, als eine ihm
aufgezwungene Aufgabe, die er froh wäre, los zu sein; auf die
praktisch aufbauende Sittenlehre freut er sich dagegen. Von diesem
Augenblick an dauerte es noch acht Jahre, bis die Kritik der reinen
Vernunft, und siebzehn Jahre, bis auch die übrigen Kritiken
— die
ja alle als Teile dazu gehören (vgl. Ur. VI u. XXV) — vollendet
waren; das war Pflichterfüllung, wie Kant sie verstand. »Ich
bleibe nunmehr halsstarrig bei meinem Vorsatz, mich durch keinen
Autorkitzel verleiten zu lassen, in einem leichteren und beliebteren
Felde Ruhm zu suchen«. Und warum nun diese Halsstarrigkeit, wenn
das kritische Geschäft ihm im Herzen minder zusagt als das
praktische? Der selbe Brief bringt die Antwort: »Es leuchtet mir
eine Hoffnung entgegen, die ich niemand ausser
Ihnen ohne Besorgnis, der grössesten Eitelkeit verdächtig zu
werden, eröffne, nämlich der Philosophie dadurch auf eine
dauerhafte Art eine andere und f ü r R e l i g i o
n u n d S i t t e n w e i
t
v o r t e i l h a f t e r e W e n d u n g z
u g e b e n «
(Bf. 71). Noch einmal —
vier
Jahre nach diesem Briefe und vier Jahre vor Vollendung der r. V. —
klagt er: »Was ich die Kritik
der reinen Vernunft nenne, liegt als ein
Stein im Wege, mit dessen Wegschaffung ich jetzt allein
beschäftigt bin, und diesen Winter damit völlig fertig zu
werden hoffe« (Br. 28. 8. 77).
Zehn Jahre später, als er auf
seine Kritik der reinen Vernunft
als auf eine vollendete Tat
zurückblicken konnte, fasste er diese Tat in die Worte zusammen:
»Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu
bekommen«.
Diese kleine historische Abschweifung schlägt
über den Rahmen dieser Vorträge hinaus; doch wie könnten
Sie von Kant's intellektueller Persönlichkeit eine richtige
Vorstellung besitzen, wenn Ihnen deren Mittelpunkt — der treibende
Wille — unbekannt bliebe?
423 PLATO
Gerade
die eben hervorgehobene Tatsache eröffnet psychologisch
nach allen Richtungen hin unerwartete Ausblicke. Sie erinnern sich
vielleicht, dass wir im Brunovortrag (S.
349) ein paradoxes
Verhältnis entdeckten: die Mystiker, ganz in die Kontemplation des
eigenen Ich versenkt, erblicken bisweilen die äussere Welt, von
der sie sich scheinbar abgewendet haben, mit der
übernatürlichen Deutlichkeit einer Vision und werden
hierdurch Pfadfinder der empirischen Wissenschaft; ¹) wogegen
Genies, die (wie Descartes) von Schulphilosophie nichts wissen wollen
und sich mit Leidenschaft der objektiv-wissenschaftlichen Betrachtung
der Natur ergeben, manchmal gerade als Erneuerer und Befruchter des
metaphysischen Denkens wirken. Ein genau ähnliches Verhältnis
findet bei Plato und Kant statt und ist für ihr ganzes Leben und
Denken bezeichnend; wer achtlos daran vorübergeht, wird niemals
diese Persönlichkeiten in ihrem tiefsten Wesen erfassen. Beide
sind Moralisten und Soziologen (wenn auch bei Plato der Politiker, bei
Kant der Anthropolog vorwiegt); beide sind entschiedene
Antimetaphysiker und werden nie müde, die Fruchtlosigkeit der
Bemühungen aller berufsmässigen und systematisierenden
Philosophen zu betonen und zu bespötteln; beide finden sich durch
ihre praktischen Ziele genötigt, sich mit Metaphysik zu
beschäftigen und greifen — gerade weil sie praktische Männer
sind — sofort durch bis auf die analytische Kritik des menschlichen
Erkenntnisvermögens überhaupt; es ist dies für sie
zunächst eine nebensächliche, vorübergehende, fast
lästige, aber für ihr Ziel unerlässliche
Beschäftigung; nunmehr hat sie der Dämon und lasst sie nie
wieder los, denn jetzt sind sie wissend und das heisst vereinsamt; kein
Mensch versteht sie mehr, und doch — ihre Ethik, ihre Soziologie, ihre
Gotteslehre, das, worauf es ihnen
ankommt, das, wofür sie auszogen und was sie nun erjagt haben —
sie können es Anderen nicht verkünden, wenn es ihnen nicht
vorher gelungen ist, die kritische Einsicht, auf der ihre ganze
Weltanschauung jetzt ruht, mitzuteilen; dazu muss sie immer deutlicher
ausgearbeitet, in immer neuer Weise dargestellt oder an anderen
Verhältnissen exemplifiziert werden; so wird die Nebensache nach
und nach zum Hauptlebenswerk: beide werden sie — wenn ich mich so
ausdrücken darf — in den Dienst einer Vorsehung
unbewusst
g e n ö t i g t; sie sterben, ohne das geleistet zu haben,
was sie
eigentlich hatten leisten wollen, und haben dabei
—————
¹) Vgl.
auch meine Grundlagen, S. 887 fg.
424 PLATO
das
vollbracht, was aus dem gesamten Menschengeschlecht nur sie allein
zu vollbringen fähig waren.
Für den Augenblick mag das genügen. Auf
Kant als Ethiker kommen wir erst im nächsten Vortrag; hier galt
es nur, den Vergleich mit Plato zu benützen, um diese mittlere
Tatsache des Lebens und Denkens ein für allemal festzustellen.
PLATO'S METHODE
Jetzt wollen wir uns beherzt an das Schwierigste
heranwagen,
an jene besondere Art, das Verhältnis zwischen den Dingen
und uns zu erblicken, aus welcher der so schwer in Worte zu fassende
»kritische Gedanke« hervorgeht. Hier dürfen wir, wie
gleich anfangs bemerkt wurde, eine nicht unbedeutende Förderung
aus der Tatsache erwarten, dass der dichterische Plato mehr geneigt
ist, der kritischen Erkenntnis positiven Ausdruck zu verleihen, sie als
eine Befreiung aus dem Nebel des »Verschwommenen«
(συγκεχυμενον Rep.
524 C)
ans Tageslicht zu betrachten — weswegen
Kant diesen Denker einer »Taube« vergleicht, die »im
freien Fluge die Luft teilt« — wogegen Kant selber, der
bedächtige Nordländer, dessen Augen in der
hyperboräischen Nacht schärfer geworden sind, das
Hauptverdienst der Kritik in der negativen Leistung, nämlich in
der einfürallemaligen »Begrenzung« der Vernunft und
als Folge hiervon in der »Abhaltung von Irrtümern«
erblickt, weswegen er sie nicht mit dem frei emporschwebenden Vogel,
sondern nüchtern mit .... ich getraue mich kaum, es auszusprechen
— mit der
»Polizey« vergleicht! ¹) Meine Absicht ist nun,
zunächst Plato allein in Betracht zu ziehen, auf Kant hingegen nur
hin und wieder zur Erläuterung hinzuweisen; bald werden wir dann,
um Plato wirklich zu verstehen und nicht bloss Worte zu kauen, einen
Streifzug auf anschauliches Material — wie in den früheren
Vorträgen — unternehmen müssen, wozu die Erscheinung des
Lebens als beste Versinnbildlichung des ewig unlösbaren
Widerstreites in unserem Geiste zwischen Sein und Werden dienen soll;
gestärkt durch diese Berührung mit der Empirie, wollen wir
dann Plato den Helden unserer früheren Tage — Goethe, Leonardo,
Descartes, Bruno — kurz gegenüberstellen und so unseren Weg zu
Kant wieder zurücknehmen.
»Der echte Weisheitliebende ist der, welcher
schaulustig (φι-
—————
¹)
Vgl. r.
V., 2. Vorrede XXV, 9, 789, 823, 879. und Ref. II, 40.
425 PLATO
λοθεαμων) nach der Wahrheit ist« (Rep. 475 E). S c h a u
l u s t i g
nach der Wahrheit: in diesen Worten liegt ein Bekenntnis und ein
Programm; es ist das Bekenntnis einer Individualität, die, um zu
wissen, sehen muss, die also auch für die abstrakten Gedanken
immer und überall nach anschaulicher Formgebung suchen wird; es
ist zugleich Programm; denn wenn dort, wo nicht geschaut wird, dennoch
geschaut werden soll, muss g e d i c h t e t werden.
Bekenntnis und Programm
zeugen für eine vorwiegend bejahende Natur; der Vorteil ist hier
die Anschaulichkeit, der Nachteil ist, dass die ganze Weltanschauung —
wie scharf auch das kritische Denken arbeiten mag — in einem System
ineinandergreifender Allegorien sich darstellt; die grosse Mehrzahl der
Menschen hält sich nun an die Allegorie, merkt wenig von dem
umgebenden, unendlich zarten Gedankengewebe, von der lächelnden
Selbstironisierung des Dichters und seinen immer wiederholten
Vorbehalten, sondern nimmt das Bild, welches die Erkenntnis vermitteln
soll, für die Erkenntnis selbst, woraus die ungeheuerlichsten
Dogmengebäude entstehen (wie bei den Neoplatonikern), während
die nüchtern Verständigen (mit Aristoteles an der Spitze)
Plato als Schwärmer verspotten. Und doch hat Plato an hundert
Stellen das Allegorische und Dichterische seiner Darstellung betont. So
z. B. wird die berühmte Allegorie (auf die wir bald
zurückkommen) von den in der Höhle angeketteten Männern
im 7. Buche der Republik von
Plato ausdrücklich als
»Bild« bezeichnet (εικων, 517 A); im Phaidon nennt er seine
Darstellung »die zweitbeste Fahrt«, da eben die direkte
Darstellung nicht möglich sei (99); an anderen Orten redet er von
»Traumbildern, wie sie ihm häufig vorschweben«
(Kratylos 439 C), und von
Reden, von denen »er nicht wisse, habe
er sie wachend oder träumend gehört« (Philebos 20 B).
Das alles betrifft aber bloss das äusserliche, grobe Gemäuer
des Baues; auf dem Wege zum Verständnis Plato's ist man erst
dann, wenn man einsehen gelernt hat, dass nicht nur diese offenkundigen
Allegorien Gleichnisse sind, sondern dass bei diesem Philosophen ein
Gleichnis im anderen liegt und wiederum in diesem zweiten ein drittes,
und so weiter bis hinein ins feinste Detail der Architektur; und zwar
aus dem einfachen Grunde, weil — wie soeben angedeutet — für
kritische Gedanken kein anderer b e j a h e n d e r
Ausdruck möglich ist
als ein Gleichnis. Es ist also wenig geleistet, wenn man die grossen
berühmten Allegorien vom Seelenwagen
426 PLATO
und
von den Höhlenbewohnern und von der Insel Atlantis und von den
meuterischen Matrosen usw. als Allegorien erkennt; selbst ein
Aristoteles hat so viel Einsicht besessen; vielmehr muss man das
Verständnis gewinnen, dass auch alle Hauptbegriffe oder vielmehr
Hauptvorstellungen Plato's, wie die der »Idee«, der
»Erinnerung«, der »Teilnahme« usw. ebenfalls
Gleichnisse sind, und zwar in einem weit feineren Sinne: eine jede
solche Vorstellung ist der bildliche Ausdruck für einen Gedanken.
Plato — von seinem Genius getrieben — hat unter ungeheuerster
Gedankenanspannung den Weg von innen nach aussen zurückgelegt; was
er aufstellt, sind Gesichte, sind Schöpfungen des metaphysischen
Künstlers, uns auffordernd, jetzt den umgekehrten Weg
zurückzulegen und somit an die unaussprechbaren Gedanken zu
gelangen. Und darum geht es nicht an, irgendwo auf halbem Wege, wo es
einem gerade zusagt, innezuhalten — wie man das bei aller echten
Symbolik könnte — und zu sagen: hier will ich bleiben, höher
kann ich nicht. Das Symbol ist die Sache selbst, eine kosmische
Tatsache, weiter oder enger gefasst, jenachdem; das Gleichnis dagegen
weist uns von sich hinweg auf ein Anderes. Bei Plato muss man also das
Bildliche als solches ganz durchschauen, bis auf den Gedankenkern, oder
man hat den Denker rettungslos missverstanden und weiss von ihm nicht
mehr als von einem geschlossenen Buche, dessen Lederband und
Goldschnitt man bewundert, ohne den Inhalt zu kennen. Ganz bildlos ist
Plato nie, selbst nicht in einer so abstrakt-dialektischen Untersuchung
wie der Parmenides; denn
schon die Dialogenform und ihre Inszenierung
genügt, um jede seiner Untersuchungen mit Poesie zu umgeben; und
wenn wir auch weiter nichts mit Augen sähen als die sich
Unterredenden, so wäre das immer noch ein »Anschauen«:
wir sollen die Gedanken an den Gesichtern ablesen; so hat es Plato
gewollt. Hiermit erst berühren wir den lebenden Mittelpunkt der
platonischen Darstellungsmethode: es handelt sich ihm um ein
Unaussprechliches. Die Gabe, in Bildern zu reden, hat ihm der Himmel
gegeben, doch die Nötigung, es zu tun, liegt in der Sache selbst.
Was aber Worte nicht aussprechen können, können auch Bilder
nicht aussprechen; sie sind nicht Darlegungen, sondern Hinweise, etwa
wie man mit einem Tauben durch Gebärden und Mienenspiel spricht.
Manchmal jedoch versagt jedes sinnliche Bild, und nun setzt Plato
dieses selbe Verfahren der gleichnismässigen
427 PLATO
Suggestionierung
auf unsinnlichem Felde fort; das hört sich sehr
paradox an, bringt Ihnen aber hoffentlich zum Bewusstsein, dass die
kritische Analyse der Erkenntnis, positiv vorgetragen, immer nur
»uneigentlich« spricht, immer nur anregt und hinweist, auch
dort, wo sie sich nicht offenkundig allegorisch, sondern
logisch-dialektisch gibt. Die Dialektik Plato's kann nicht richtig
verstehen, wer sie von seiner Allegorie scheidet; es gibt keine scharfe
Trennungslinie; immer ist es eine Aufforderung zu einer Tat, die der
Leser vollbringen soll; bis dieser sie vollbracht, das heisst, bis er
den Weg zurückgelegt hat, hat er Plato nicht verstanden. Sie
erinnern sich, wie Plato vom »Zeugen in der Seele« sprach
und wie das Altertum in ihm einen dem Dionysos verwandten Geist
verehrte; Zeugen dünkt mich ein wesentlich Anderes als Beweisen;
nun denn: Plato's Schaffen — gleichviel, ob in Gleichnissen oder in
Worten — bezweckt ein Z e u g e n; das ist in Bezug
auf seine
Darstellungsmethode des Geheimnisses letztes Wort.
Mit dieser Methode nun — dem Nichtbeweisenwollen und
dem Nichtsystematisierenwollen — hängt die für Plato so
charakteristische Zurückhaltung und fast schüchterne
Bescheidenheit zusammen. Er weiss ja, dass er das, was er meint, nicht
in Worten aussprechen kann; daher der Ausdruck von der
»zweitbesten Fahrt«, den Sie vorhin hörten und der in
hundert Varianten wiederkehrt. Als Meno den Sokrates mit seiner
bewundernden Zustimmung unterbricht, fällt dieser ihm ins Wort:
»Ich selber bin nicht sicher, nur Richtiges gesagt zu
haben« (Menon 86); und
im Phaidon meint er:
»Kein
vernünftiger Mensch wird behaupten wollen, was ich soeben gesagt
habe, entspreche genau der Wahrheit« (114 D). Mitten in einer
tiefsinnigen erkenntnistheoretischen Untersuchung unterbricht er sich:
»Ein grosser Mann wäre vonnöten, um hier zu
entscheiden; meinen Kräften traue ich es nicht zu«; ¹)
und
ein anderes Mal sieht man förmlich, wie er sich die Hände vor
die Augen hält, indem er ausruft: »Es mag sich so verhalten,
doch lieber fliehe ich rasch von hinnen, aus Furcht, in bodenloses
Geschwätz zu versinken« (Parmenides
130 D). Plato ist eben
ein Entdecker, genau im selben Sinne wie Columbus und wie Kant; er ist
sich dessen bewusst; er besitzt keine Karte des neuen Landes; jeder
Schritt ist eine Überraschung und jeder Schritt erfordert
Vorsicht. Daher ein Prüfendes, bisweilen fast Furchtsames in der
Durch-
—————
¹)
Zusammengezogen aus Charmides
169 A.
428 PLATO
suchung
des jungfräulichen Gebietes und gleich darauf
Übereilung und Verwegenheit, wie sie nur dem Unerfahrenen eigen
sind. Auch hier wieder ist Plato der grosse Künstler; nicht nur
die Gesprächsform ist bei ihm dramatisch — das ist schliesslich
doch wieder eine Allegorie — vielmehr spielt sich das wirkliche Drama
in seinem eigenen Gemüte ab, und mit vollendeter Kunst lässt
er uns seine Peripetien erleben. Darum reicht aber keine
schematische, keine systematische und keine rein gelehrte Methode hin,
um Plato richtig zu verstehen; dazu gehört künstlerischer
Geschmack und Zartsinn, ein reges und freies Geistesleben.
Gewiss begreifen Sie, wie wichtig diese Bemerkungen
für unsern Zweck sind; nicht nur ist Plato's Art zu schauen
hiermit schon zum Teil beschrieben, sondern wir wissen jetzt, in
welcher Weise wir unsere Untersuchung fortzusetzen haben. Denn wir
wissen, Plato's Werke stellen das leidenschaftsvolle Lebensdrama eines
dem Denken gewidmeten Geistes dar, und in einem Leben stehen nicht, wie
in einem System, die Dinge nebeneinander, sondern sie entwickeln
sich auseinander. Hier tritt das Symbol wieder in seine Rechte. Von
seinem frühesten Jugendwerke bis zu der grossen Schrift seines
Greisenalters — Die Gesetze —
erblicken wir immer genau den selben
Plato; er entwickelt sich, doch er ändert sich nicht; ein
geistesverwandter Seher könnte in fast jedem beliebigen Dialog die
Grundzüge der platonischen Weltanschauung entdecken; und doch ist
die Behauptung, Plato sei nie fertig, er überhole das früher
Gesagte und bringe immer Neues, ebenso wahr; dem scharfsinnigsten
Methodiker könnte es nie gelingen, diese Weltanschauung in eine
Formel oder in irgend ein System von Formeln zu bannen. So sehr ist
dieses Denken ein Erleben. Hier wäre es also umsonst, nach
einfürallemaligen Gedankengliederungen und Wortdefinitionen zu
suchen, da hier vom ersten Tag bis zum letzten gesucht wird und ein
Abschluss nie stattfindet. Ein Denken dieser Art fliesst aus jedem
Behälter über, weil sich in seiner fast fleckenlosen Reinheit
die Natur widerspiegelt, und diese auf allen Seiten über das
Menschenhirn hinausragt. Ein Anaxagoras ist grosser als sein Werk;
sein Nus (S. 297 fg.) ist ein Kompromiss
zwischen seinem Ahnen und
seinem Wollen, zwischen seiner Wahrheitsliebe und seinem Bedürfnis
nach logischem Abschluss; auch ein Aristoteles ist grösser als
sein Werk und ist darum fähig, es so willkürlich bestimmt zu
gestalten; er watet förmlich in Kompromissen,
429 PLATO
d.
h. in Gedanken und Definitionen, an die weder er noch ein Anderer
jemals wirklich geglaubt hat. Plato dagegen ist ohne alle Lüge;
die tiefste kritische Besonnenheit geht bei ihm mit stolzer Unschuld
Hand in Hand; »ich staune ob meiner eigenen Weisheit und muss
immer wieder daran zweifeln« (Krat.
428 D); darum trägt ihn
sein Werk wie der Ozean das Schiff. Was wir also — ich meine wir hier,
die wir weder eine Geschichte des platonischen Denkens, noch eine
Ergründung seiner Philosophie, sondern nur die plastische
Vorstellung der grenzenden Umrisslinien bezwecken — was wir zu suchen
haben und worüber wir uns volle Klarheit
verschaffen müssen, ist einerseits die bleibende Symbolik des
Gedankenlebens, und sind andererseits die wechselnden Allegorien des
Lebensgedankens.
PLATO'S SYMBOLIK
Fassen wir zunächst die grossen, dauernden und
darum symbolischen Wert besitzenden Lebensgebärden ins Auge, so
bemerken wir, dass zwei von ihnen uns schon bekannt sind,
nämlich erstens die Sorge um das moralische Wohl der Menschheit
als Grund und Ausgangspunkt zu allem Denken Plato's, zweitens die
Anlage, alles mit Augen erblicken zu müssen, eine Anlage, aus der
seine Darstellungsart sich herleitet. Eine dritte kommt hinzu. Denn
sobald wir das spezifische Denken als solches in Betracht ziehen, ist
gewiss die kritische F r a g e s t e l l u n g an
und für sich und abgesehen
von ihrem Ergebnis das Alles-Entscheidende. Welcher Art ist nun diese
Fragestellung, durch welche Kritik begründet wird?
Sie dürfen keinen Augenblick Kritik mit Skepsis
verwechseln. Die berühmtesten Skeptiker Griechenlands waren
Plato's Zeitgenossen; er betrachtet sie als gefährliche Feinde;
sie bringen alles ins Schwanken und vernichten, wie wahre Sittlichkeit,
so auch wahre Wissenschaft; sie sind das frivole Element in der
Philosophie, und Plato findet keinen würdigeren Vergleich für
sie als den mit »bissigen Kötern« (Rep. 439 B).
Ebensowenig dürfen Sie Kritik mit Sensualismus verquicken. Der
Sensualist ist ein Kutscher ohne Pferde, der auf der Strasse steht, mit
der Peitsche knallt und glaubt, das Peitschenknallen bringe ihn von der
Stelle. Dass die Wahrnehmungen durch die Sinne vermittelt werden und
somit unsere Vorstellungen der Dinge von dem Sinnenmechanismus
abhängen, ist eine richtige und uralte Beobachtung; doch betrifft
sie nur die anatomische Psychologie, keineswegs die metaphysische
Besinnung. Plato fertigt den sensualistischen Einwurf in seiner
430 PLATO
schlichten
Weise ab, indem er bemerkt: »Womit sehen wir? womit
hören wir? Doch nicht m i t den Augen
und m i t den Ohren, sondern
v e r m i t t e l s t der Augen und v e r m i t t e l s t der Ohren.... Arg wäre es, mein Sohn,
wenn alle diese Wahrnehmungen, wie die
Krieger im Bauche des hölzernen Pferdes vor Troja,
nebeneinanderlägen und nicht alle in eine bestimmte ideelle
Einheit (μια ιδεα) zusammenliefen, man heisse sie Seele
(Bewusstsein) oder wie man sonst beliebe; und diese Einheit ist es,
welche vermittelst jener Werkzeuge (wörtlich: Organe) das
Wahrnehmbare wahrnimmt«. ¹) So weist er zurück auf den
Mittelpunkt der erkenntniskritischen Frage: was ist jene
»Einheit«, ohne welche die zahllosen Wahrnehmungen
nimmermehr zur Auferbauung der Einen Erfahrung beisteuern könnten?
»Man heisse sie, wie man will« — Psyche, d. h. Atem, Lebensodem,
Lebenskraft, Herz, Seele, Bewusstsein
— Plato streitet nie um Worte (vgl. Rep.
533 E); »es ist immer
besser, sich über die Sache selbst zu verständigen, als
über
den Namen, den wir ihr beilegen«, meint er (Sophist 218 C); doch
diese Sache selbst, diese ideelle Einheit, was ist sie? was wissen wir
von ihr? »Platt auf dem Rücken mag Einer liegen, damit er
die Sterne umso besser beobachte, er schaut trotzdem immer noch
abwärts, nicht aufwärts; nur dann ist die Seele nach oben
gerichtet, wenn sie sich fragt, was das Sein, was das Nichtsichtbare
ist«. ²) Wie wollen wir über Natur und Ich, über
die
Entstehung der Dinge, über Einheit und Vielheit, über Sein
und Werden, wie namentlich wollen wir über die Tugend und die
Pflicht etwas ausmachen, wenn wir uns nie gefragt haben, was
überhaupt Erfahrung ist?
Wir dürfen behaupten, dass — abgesehen von den
zahlreichen rein praktisch-politischen und pädagogischen
Ausführungen — Plato's Werke alle, vom ersten bis zum