Here
under follows the transcription of the fifth chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
PLATO
Three
Greek Gems in the British
Museum
INHALTSÜBERSICHT
|
395
FÜNFTER
VORTRAG
PLATO
(WISSEN
UND WÄHNEN)
MIT EINEM EXKURS ÜBER DAS WESEN
DES LEBENS
VON
DEN GÖTTERN EIN GESCHENK AN
DAS
GESCHLECHT DER MENSCHEN: SO SCHÄTZE
ICH DIE GABE, IM VIELEN DAS EINE ZU
ERBLICKEN! EINEN NEUEN PROMETHEUS
SANDTEN HIERMIT DIE UNSTERBLICHEN ZU
UNS HERAB, UND JETZT ERST ZÜNDETEN
SIE UNS EIN HELLODERNDES LICHT. DOCH
DIE GELEHRTEN MÄNNER UNSERER ZEIT
GEHEN ENTWEDER ÜBEREILT ZU WERKE,
ODER SIE VERSÄUMEN SICH AM WEGE; DAS
EINE UND DAS VIELE SETZEN SIE AUFS
GE-
RATEWOHL,
UND VON DER EINHEIT SCHREI-
TEN SIE UNMITTELBAR IN DIE VIELHEIT
ÜBER, OHNE DER ZWISCHENSTUFEN ZU
ACHTEN. WIR ABER WOLLEN DAS INDIVI-
DUUM
— DAS AUS DEM EINEN UND DEM
VIELEN ENTSTEHT UND SOWOHL DAS BE-
STIMMTE
WIE DAS UNBESTIMMTE VON GE-
BURT HER IN SICH TRÄGT — NICHT EHER
IN DAS GRENZENLOSE VERSCHWIMMEN LAS-
SEN,
BEVOR WIR NICHT ALLE JENE VOR-
STELLUNGSREIHEN ÜBERBLICKT HABEN,
DIE ZWISCHEN DEM EINEN UND DEM VIE-
LEN VERMITTELN.
PLATO
396
(Leere
Seite)
397 PLATO
PLAN DES VORTRAGS
Heute laufen die Fäden, die wir in den
vorangegangenen Vorträgen gesponnen haben, zusammen: ohne den
Goethevortrag
Vortrags vorauszusetzen, könnte ich nicht hoffen, in
anschaulicher Weise
von den »Ideen« zu reden; ohne den Leonardovortrag, in dem
Sie genau zwischen rein und empirisch und demzufolge auch zwischen
mathematischer Wissenschaft der Natur und künstlerischer Intuition
der Natur unterscheiden lernten, könnte ich vor lauter
Wegräumen fest eingewurzelter Missverständnisse kaum bis zu
der Betrachtung des wahren Plato gelangen; der Descartesvortrag ist
für unser heutiges Vorhaben geradezu grundlegend, weil Sie dort
die Bedeutung der dualistischen Betrachtungsweise für jede Kritik
des Menschengeistes kennen lernten und davon zugleich eine plastische
Vorstellung gewannen; der Brunovortrag schliesslich hat uns ein
für allemal gelehrt, was Dogmatik und was Kritik ist, wir wissen
also, wo wir Plato zu suchen haben, und wo nicht.
Gegen Schluss des Vortrages — wenn wir Plato erst
genauer kennen — werden wir auf diese Helden unserer früheren
Vorträge zurückkommen; augenblicklich will ich es bei diesen
kurzen Andeutungen belassen und Sie nur noch auf ein besonderes
Verhältnis zwischen den verschiedenen Vorträgen aufmerksam
machen, damit Sie das Unterscheidende unseres heutigen Zieles gleich
von Beginn an genau erfassen.
Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass wir von den
bisher zu unserem Vergleichungswerke (siehe S. 13 fg.) herangezogenen
Persönlichkeiten in sehr verschiedener Weise Gebrauch gemacht
haben. Im Goethevortrag war es die Persönlichkeit selber mit ihren
physischen, bis in die Gehirnwindungen sich erstreckenden Anlagen, die
wir dem Königsberger Weisen und seinen individuellen Anlagen
gegenüberstellten; Leonardo dagegen besass für unser Vorhaben
mehr allgemeine als individuelle Bedeutung und diente uns zur genaueren
Bestimmung dessen, was Kant mit Goethe gemeinsam hat, sowie dessen,
worin seine Art zu schauen abweichend angelegt ist; bei Descartes war
es wiederum die Persönlichkeit, die uns fesselte, nicht so sehr
aber — wie bei Goethe — als Kontrast oder Gegenstück zu der
Kant's, als deshalb, weil sie uns den Zugang zu schwer erreichbaren
Tiefen des Kantischen Denkens eröffnete, wogegen uns Bruno
hauptsächlich als scharf ausgeprägter Typus einer zahlreichen
Gattung von Denkern diente, die zu Kant in anti-
398 PLATO
podischem
Gegensatz stehen. Heute schieben wir nun die Linse ein, durch
welche diese verschiedenen Strahlen zusammengefasst und scharf auf den
Brennpunkt unseres Interesses — Immanuel Kant — gerichtet werden. Denn
in Plato begegnen wir zum ersten Male einem Manne, dessen Geistesanlage
— dessen angeborene und durch ein ganzes Leben unausgesetzten Denkens
bis zur Vollendung ausgebildete »Art zu schauen« — mit
derjenigen Kant's fast genau übereinstimmt. Hätten wir Plato
früher vorgenommen, wir hätten ihn nicht richtig verstanden;
alles, was wir inzwischen für Kant getan haben, kommt auch ihm
zugute; wollten wir ihn aber jetzt auslassen, so müsste ich daran
verzweifeln, dem plastischen Bilde der intellektuellen
Persönlichkeit Kant's, das schon jetzt in allgemeinen Zügen
vor Ihren Augen stehen dürfte, auch die
unerlässliche
S c h ä r f e des Umrisses zu verleihen. Hierzu eignet sich
einzig
Plato. In Bezug auf die grosse mittlere Tatsache, nämlich auf das
Erwachen des Menschengeistes zur kritischen Besinnung über sich
selbst, sind beide Männer identisch; Kant steht zu Plato in
ähnlicher Beziehung wie Kopernikus zu Aristarch; dabei verhalten
sie sich aber zueinander — wie Sie gleich näher erfahren werden —
wie zwei Gegenstücke, zwei Pendants. Wohl ist es das Selbe, aber
von entgegengesetzten Seiten angesehen, wie Avers und Revers einer
getriebenen Metallplatte. Wo Kant eine letzte, nur Wenigen erreichbare
Abstraktion mühsam entwickelt, setzt Plato kühn ein
handgreiflich fassbares Bild; während für Kant alle Kritik
der Vernunft zu Negation und Grenzbestimmung führt, stellt sie
Plato
grundsätzlich in der Form einer bejahenden und grenzunbewussten
Erkenntnis auf. Freilich ist Plato gerade deswegen zu allen Zeiten noch
mehr als Kant missverstanden worden; doch die organische
Unfähigkeit vieler, auch begabter Menschen, Plato zu verstehen,
braucht uns hier nicht zu bekümmern, und Sie erraten gewiss, wie
aufklärend es wirken muss, eine uns gewöhnlichen Menschen so
fernliegende Anschauungsart wie die kritische — allem
Herkömmlichen liegt sie ebenso fern und noch ferner als die
Vorstellung, dass sich die Erde bewege — Sie ahnen gewiss, sage ich,
wie aufklärend es wirken muss, diese Geistesanlage und ihre
Erzeugnisse von zwei Seiten betrachten zu können, einmal von der
Bildseite und ein anderes Mal von der Arbeits- oder Schlagseite (wie
der Handwerker sich ausdrückt). Jeder Schritt, den wir in das
Verständnis Plato's tun, kommt dem Verständnis
399 PLATO
Kant's
unmittelbar zugut; zur Richtigstellung werden wir nur in dem
bezeichneten Sinne später einiges gleichsam
»umzulegen« haben, was aber geringe Mühe kosten wird;
schwierig ist
einzig die Erfassung des mittleren schöpferischen Gedankens, der
Plato und Kant gemeinsam ist, und der ihrer persönlichen Art zu
schauen entspringt; es wird uns bei Plato eher als bei Kant gelingen.
Soviel zur vorläufigen Verständigung.
PLATO UND KANT
Es wird sich hier, wie im Goethevortrag, empfehlen,
den Vergleich von aussen in Angriff zu nehmen. Das Äussere
ist bei grossen Menschen dem Inneren angemessen, und in ihrem
Schicksal spiegelt sich — genauer als bei anderen — ihr Charakter. Was
ich oben als die Neigung des einen Mannes zum Bejahenden, des anderen
zum Verneinenden andeutete, wurzelt schon in der physischen Gestalt.
Kant ist ein kleiner und äusserst schmächtiger Mann mit
eingefallener Brust, der es gewiss nur seiner Mässigkeit und einer
fast ängstlichen Besorgtheit verdankt, wenn er bei leidlicher
Gesundheit ein hohes Alter erreicht; Plato dagegen, der in Wirklichkeit
Aristokles heisst, erhält in der Ringschule den Beinamen Platon
wegen seiner ungewöhnlichen Grösse und Kraft. Dass dieser
Spitzname aus den Hallen des Gymnasiums dem Manne fürs ganze Leben
fest anhaftet und seinen eigenen Namen verdrängt, bezeugt, wie
einstimmig die Welt in ihm einen seltenen, prächtigen
Körperbau bewunderte. Nicht bloss gross und kräftig war er;
selbst seine Feinde — und deren hatte er viele — rühmen ihm
Schönheit, Ebenmass, Hoheit nach. Dass ein Grieche von so
kraftvollem Körperbau wiederholt in den öffentlichen
Kampfspielen auftrat und sich mehr als einmal den Siegerkranz errang,
wird Sie nicht wundernehmen, wenn es auch wenig zu unseren heutigen
Vorstellungen von dem Werdegang eines Philosophen stimmt. An mehreren
Feldzügen soll er als Reiter teilgenommen und selber die Pferde
und Knechte gestellt haben. Denn zu den körperlichen Vorzügen
kam bei Plato die Gunst der Geburt. Kant, der Sohn eines
unvermögenden Sattlermeisters in einer kleinen Provinzstadt,
verbringt
zwei Drittel seines Lebens in grosser Dürftigkeit; schon als
Student ist er genötigt, durch Erteilung von Unterricht sein Brot
zu verdienen, und nur durch die mühsam-aufopferungsvolle
Sparsamkeit der tagtäglichen Selbstverleugnung gelingt es ihm,
400 PLATO
gegen
Lebensschluss ein bescheidenes, die Unabhängigkeit
sicherndes Vermögen sein eigen zu nennen. Plato dagegen entstammt
dem grossen und reichbegüterten alten Adel der ersten Kulturstadt
der damaligen Welt und darf sowohl väterlicher- wie
mütterlicherseits seinen Stammbaum auf Könige
zurückführen; von diesen hohen Ahnen erbt er ausgedehnte
Güter, die von redlichen Sklaven verwaltet werden; die Sorge um
das tägliche Brot ist ihm unbekannt, und unbekannt ist ihm die
geschäftliche oder berufsmässige Verpflichtung; nie in seinem
Leben ist er auch nur einen Tag gebunden; er reist, wohin es ihn
gelüstet, und kehrt heim, wenn es ihm angenehm ist;
bedürfnislos, was leibliche Genüsse betrifft, weil es ihm
beliebt, die Bedürfnislosigkeit als eine philosophische
Lebensmaxime zu ergreifen, doch nicht asketisch — er selber lehrt, man
dürfe die »Leibesbegehr« (το επιθυμητικον) weder hungern
lassen noch übersättigen (Staat
571 E), — auch versagt er es
sich nicht, bequem und von schönen und seltenen Kunstwerken und
Pergamenten umgeben zu leben; den Unterricht erteilt er im eigenen
Haus und Garten an solche, die die »Weisheit lieben«
(Philosophen), doch »den Musen zulieb«, das heisst, ohne
jede Honorierung. Kant, wie Sie sich aus unserem ersten Vortrag
erinnern, hat Königsberg und dessen nächste Umgebung nie
verlassen; Plato hat Egypten, Nordafrika und Italien bereist und weilte
zu verschiedenen Malen in Sizilien, als Gast des Fürsten von
Syrakus. Last but not least:
von der Wiege bis zum Grabe, statt der
grauen Ostsee das blaue Mittelländische Meer, die Sonne, die
üppige, duftende Vegetation, — alles, was die Sinne anregen und
befruchten kann. Und während Kant gegen Ende seines Lebens in eine
Art Marasmus verfiel, aller öffentlichen Tätigkeit entsagen
musste, die Wohnung nicht mehr verliess, zuletzt die vollkommene
Beherrschung der Sprache verlor, hören wir von Plato (der, wie
Kant, genau achtzig Jahre alt wurde), dass er bis zum letzten Tage
lehrte und schrieb; scribens est
mortuus, berichtet Cicero; und die
übereinstimmenden Zeugnisse der Zeitgenossen melden, er sei auf
einem frohen Hochzeitsmahle, das er durch seine Gegenwart beehrte,
unerwartet plötzlich, doch sanft und lächelnd entschlafen.
Welch ein verschiedenes Schicksal ward den beiden
kritischen Denkern zuteil! Plato's so andersgearteter Physis und Tyche
entsprachen natürlich ein anderes
Temperament und vielfach andere Gaben. Besonders bemerkenswert ist in
dieser Beziehung — und
401 PLATO
als
Kontrast zu Kant — die leidenschaftliche Herzensbegehr und der
poetische Hochflug.
DIE LIEBE
Sie dürfen nicht glauben, ein Mann von der
Begabung eines Kant, ein Mann, aus dessen »vom himmlischen
Äther gebildeten Auge« ein »Feuerstrahl
hervorleuchtete« (vgl. S. 4),
habe nicht Leidenschaft und Liebe
im Herzen getragen. Frauen hatten ihn gern; ein Misogyn war er nicht:
noch als Greis erbat er sich die hübschen Mädchen zu
Tischnachbarinnen. ¹) Vielleicht hätten wir noch manches in
dieser
Beziehung erfahren, wenn nicht sein keusches Zartgefühl ihn gerade
dieses Thema ängstlich hätte vermeiden lassen; nicht einmal
den vertrautesten Freunden gegenüber hat er je von Liebe
gesprochen. Doch findet der aufmerksame Leser in seinen Schriften
einige Stellen, die tiefen Einblick in ein liebereiches und
liebebedürftiges, aber fast überempfindsames Herz
gewähren. Folgendes z. B. kann nur ureigene Erfahrung ihn gelehrt
haben: »Ein sehr verfeinerter Geschmack dient zwar dazu, einer
ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem sie solche
nur auf sehr wenige Gegenstände einschränkt, sie sittsam und
anständig zu machen; allein sie verfehlt gemeiniglich die grosse
Endabsicht in der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als
diese gemeiniglich leistet, so pflegt sie die Person von so delikater
Empfindung sehr selten glücklich zu machen ..... Daher entspringt
der Aufschub und endlich die völlige Entsagung auf die eheliche
Verbindung ....« Auch folgende Stelle ist in diesem Zusammenhange
bemerkenswert: »Man schätzt manchen viel zu hoch, als dass
man ihn
lieben könne. Er flösst Bewunderung ein; aber er ist zu weit
über uns, als dass wir mit der Vertraulichkeit der Liebe uns ihm
zu nähern getrauen«. ²) Auch hier, wie Sie sehen, ein
Vorwiegen des Negativen: was Kant am deutlichsten empfindet, ist das
Unerreichbare in der Liebe, nur für ihre »feinen
Bezauberungen« hat er Sinn, wogegen er sonst in ihr nicht viel
mehr als ein »einfältiges und grobes Gefühl« zu
entdecken vermag. Aus diesem zögernden, gedankenschweren,
überzarten Temperament geht aber das Fehlen jener
schöpferischen Kräfte hervor, die mit der schöpferischen
Liebeskraft eines Wesens sind. Als alter Professor hat Kant wohl auf
verstorbene Kollegen ein paar unbeholfene,
—————
¹) Siehe Jachmann, Ende des 8. Briefes.
²) Beobachtungen
über
das
Gefühl des Schönen und Erhabenen, Abschnitt III gegen
Ende
und II ganz am Anfang. Für »sie« muss man an vier
Stellen des ersten Citats jedenfalls »er« lesen.
402 PLATO
lederne
Verse gemacht, weil es die Sitte erheischte; er hätte
selbst nicht gewollt, dass solche Gelegenheitslappalien der
Vergessenheit, in die sie am Tage ihres Entstehens verfielen, jetzt
entrissen würden; doch irgend etwas, was rein künstlerische
Triebe, Neigungen, ja, selbst nur Interessen verriete, entdeckt man bei
ihm nirgends. Nicht etwa, als bedauerte ich, dass dieser grosse Denker
uns nicht ausser seinen philosophischen Schriften auch schlechte Epen
oder Schäfergesänge hinterlassen hat; vielmehr handelt es
sich mir lediglich um die Analyse eines Intellektes; und ich glaube mit
Sicherheit behaupten zu dürfen, dass, wenn einem Menschen sowohl
die sinnliche Leidenschaftlichkeit, wie auch jede Spur einer Begabung
für irgend eine Kunst — sei es Wortkunst, Tonkunst oder bildende
Kunst, gleichviel — abgeht, ich glaube, sage ich, mit Sicherheit
behaupten zu dürfen, dass ein solcher Mensch auch auf scheinbar
fernabliegenden Gebieten gewisse charakteristische Lücken in der
Schaffenskraft aufweisen wird. Als Gewährsmann soll mir Plato
dienen, der »die Zeugungskraft der Seele« mit der
»Zeugungskraft des Leibes« für wesensgleich hält
(Gastmahl 208 E — 209 A), und
der darum »den Wahn der Liebe«
als die reichste Glücksgabe (ευτυχια) der
Götter an die
Menschen preist (Phaidros 245
B)
und davor warnt, durch schöne
Reden uns irremachen und überzeugen zu lassen, der
nüchtern-mässige Mann sei in allen Fällen dem
begeistert-verzückten vorzuziehen; vielmehr sei der Wahn (μανια)
göttlichen Ursprungs, dagegen die blosse Verständigkeit
(σωφροσυνη) eine Menschentugend (id. 244 D). »Wer
vermeint, durch
Kunst allein Künstler werden zu können, ohne dass der Musen
Wahn (μανια Μουσων)
ihn erfasst habe, der bleibt ewig draussen
vor dem Tore, und das Werk dieses Verständigen ist ein
Schattengebilde neben dem des vom Wahne Hingerissenen«. ¹)
Wahn
der Liebe, Wahn der Musen: beide machen nach Plato die hohe Schule
des
S c h a u e n s aus, und damit auch der Erkenntnis; denn diese
besteht im
wesentlichen aus einem »Zusammenschauen der zerstreuten
Eindrücke in Eine sichtbare Gestalt«. ²) Mit Recht hat
denn
auch der
englische Gelehrte und feinsinnige Dichterliterat, Walter Pater, auf
die Liebesleidenschaft als den Mittelpunkt von Plato's Charakter
hingewiesen. Plato is by nature and
be-
—————
¹) Nach Phaidros 245 A.
²) Εις μιαν τε ιδεαν συνορωντα
αχειν τα
πολλαχη διεσπαρμενα....
(Phaidr. 265 D).
403 PLATO
fore all things, from first to
last,
unalterably
a lover ... and as love must of necessity deal above all with visible
persons,
this discipline of love (τα ερωτικα, as he
says)
involved an exquisite culture of the
senses. ¹) Dass die Liebe mit dem
Sehen zusammenhänge, führt Plato wiederholt aus — im
Gastmahl, im Phaidros und auch anderwärts —
und hieraus leiten
sich zwei bewundernswerte Eigenschaften ab, die unter allen
philosophischen Schriften einzig den platonischen eignen: nämlich
als erste, dass Plato allen Gedanken Persönlichkeit einhaucht und
mit ihnen verfährt wie mit vertrauten Einzelwesen, und als zweite,
dass seine Kunst, die zartesten Töne und die letzten Schatten der
Dinge zu erblicken, sowie die damit zusammenhängende
Meisterschaft, das flüchtig Gesehene in Worten zu einem Bilde zu
bannen, ihn befähigt, auch das Unsichtbare, das, was selbst dem
Gedanken kaum mehr erreichbar ist, als ein Gesehenes zu behandeln, es
so hinzustellen, dass wir glauben, unsere Augen müssten es, wenn
nicht heute, so doch morgen erblicken. ²) Die Liebe — und zwar die
Liebe, die mit der Mania Mouson
(dem Kunstwahn) eins ist — gilt
Plato als die unerlässliche Vorstufe zu aller höheren
Weisheit: der Mensch muss erst e i n e sichtbare
Gestalt als schön
erkennen und in Liebe zu ihr entbrennen, dann eine andere und wieder
eine andere, bis das einzelne Schöne als ein
verhältnismässig Unvollkommenes in seinen Augen verblasst, um
so »gleichsam von Stufe zu Stufe« (ωσπερ
επαναβαθμοις)
immer höher zu steigen, bis das Herz weit und stark genug geworden
ist, alle schönen Gestalten mit Liebe zu umfassen; aus dieser
künstlerischen Glut der Anschauung entsteht erst ein wirkliches
Wissen (μαθημα) von den Dingen, und aus diesem die
Erkenntnis
dessen, was das Schöne an sich ist (αυτο ο εστι καλον); und hat erst der Mensch diese hohe Stufe
erklommen, dann
ergreift ein Gott seine Hand und führt ihn dorthin, wo »er
etwas von der Wahrheit erblickt«, wo er »des wahren Wesens
des Seins« ahnend gewahr wird, als stiege die Erinnerung daran
aus einem alten, längst entschwundenen Traume
—————
¹)
»Von Natur ist Plato vor
allem ein von Liebe Besessener; er ist es von der Wiege bis zum Grabe,
unabänderlich; und da die Liebe sich notwendigerweise
zunächst auf sichtbare Gestalten richtet, so führte diese
'Liebesschule' (τα ερωτικα, wie er sie selber nennt) zu einer
exquisiten Ausbildung der Sinne«
(Plato and Platonism, 1901, S.
134). — Für den Ausdruck τα
του καλου ερωτικα vgl. Republik 403 C.
²) In Paters genanntem Werke ist
das ganze Kapitel The Genius of Plato
zu vergleichen.
404 PLATO
auf.
»Hier erst, o teurer Sokrates, hier wird das Leben
lebenswert!«. ¹)
Sie sehen, in welche andere Anschauungssphäre
wir geraten sind. Freilich hat Plato — der als Dithyrambiker und
Tragödiendichter begonnen hatte — sehr früh alle Erzeugnisse
seiner Muse vernichtet; denn jung schon begegnete er Sokrates, und nun
wurde die angeborene Leidenschaftlichkeit und Kunstbegeisterung in
andere Bahnen gelenkt; der sieggekrönte Athlet, der
Bühnendichter, der seine erste Trilogie dem Preisgericht schon
eingereicht hatte, erfuhr seine wahre Bestimmung: er sollte für
Jahrtausende denken, er sollte der grosse Lehrer der Selbstbesinnung
werden. Doch die Glut blieb; sie allein befähigte ihn ja, mit so
leidenschaftlicher Entschiedenheit den Jugendträumen zu entsagen
und den Mannesberuf zu ergreifen; und das Feuer, das er nicht mehr an
geliebte Einzelwesen verschwendete, und der Musenwahn, von dem er sich
nicht mehr zu Gebilden der Phantasie hinreissen liess, sie sind in sein
philosophisches Lebenswerk unverstümmelt übergegangen, und
sie sind es, die in dieses Werk den Samen der Unsterblichkeit
eingepflanzt haben.
DIONYSO-PLATO
So werden Sie es denn begreiflich finden, dass,
während
uns Neueren, infolge der christlichen Missverständnisse
vieler Jahrhunderte und infolge des leblosen Schematisierens unserer
Fachlehrer, Plato als eine Art Verächter der Sinne, als ein
weltflüchtiger Asket und als der Erfinder einer naturwidrigen,
negativen, »platonisch« missnannten Gattung der Liebe
erscheint, das Altertum ihm im Gegenteil eine sonderbare und einzige
Ehrung zugedacht hat: die Identifizierung mit Dionysos (Bakchus), dem
Gott des Weines, des Rausches, der Zeugungskraft und des Wachstums. Ein
ideales Bildnis — halb hergebrachte Gottesgestalt, halb Porträt
des Philosophen — bekannt unter dem Namen Dionysoplato, war als
Statue, Gemme und Siegel in allen Ländern verbreitet, wohin
hellenische Kultur gedrungen war. Heinrich von
—————
¹) Gastmahl 210—211 und vgl.
Phaidros 247 fg. Bemerkenswert
ist es, wie im Gastmahl die
Liebe
in der ganzen Natur, auf allen Stufen verherrlicht wird, von der
Harmonie der toten Elemente und Kräfte, die Eryximachos, der Arzt,
preist, bis zu den Ahnungen letzter Erkenntniswahrheiten in Liebe und
Zeugung, wie sie Sokrates der Diotima in den Mund legt. (Die bei
Diederichs erschienene Verdeutschung dieses unsterblichen Meisterwerkes
durch Rudolf Kassner sei bei dieser Gelegenheit allen Ungelehrten warm
empfohlen. Trotz einiger bedenklichen Gewaltsamkeiten ist diese
Übersetzung so lebendig und künstlerisch schön, dass sie
mehr als andere geeignet scheint, Liebe und Verständnis
einzuflössen.)
405 PLATO
Stein
hat darüber schöne Worte geschrieben: »O ihr
glückseligen Hellenen, dass es euch möglich war, dem
Weltenwesen einen solchen Menschen abzugewinnen, diesen, höchster
Erkenntnis vollen, lächelnden Blick auf den Dingen ruhen zu
lassen! Der griechische Künstler nun bildete, um all dies
auszudrücken, einen schönen, trunkenen Mann; von edlem Wein
begeistert, halb müde, halb sinnend, senkt er Haupt und
Blick ..... Der Bildner bildete den
Trunkenen schön, und hatte ihn zugleich erhaben-weise gebildet
...«. ¹) Dass Plato in seinen philosophischen Schriften zu
verschiedenen Malen den Wein verherrlicht hat, dass er noch als
hochbetagter Greis ihn als einen »Balsam« preist, den
Dionysos den Menschen »gegen die Bitterkeit der Jahre geschenkt
habe, damit die Alten ihre Tränen vergässen und die verlorene
Jugend wiedergewönnen« (Gesetze
666 und 672) — das
würde nicht hinreichen, eine so auffallende Vorstellung wie diese
Gleichsetzung Plato-Dionysos im Volksbewusstsein zu erwecken; denn
der Wein ist auch von vielen Anderen gepriesen worden, und zwar in
Liedern, die überall gesungen wurden, wogegen das Gastmahl und die
Gesetze nur einer Minderzahl
unerschrockener Denker bekannt gewesen
sein können. Vielmehr wurzeln solche Dinge immer in dem
unmittelbaren Eindruck, den die lebendige Persönlichkeit
hervorbringt, und in dem sicheren Instinkte der unpersönlichen
Menge gerade für das Wesentliche an grossen Persönlichkeiten,
sowie in ihrem Talent, dieses ihr Gefühl in ein Bild zu verdichten.
Was Plato besonders charakterisiert, ist also
seine
Z e u g u n g s k r a f t. Aristoteles widerspricht seinem
Meister fast Wort
für Wort; und doch ist der ganze Aristoteles — das heisst, jeder
einzelne schöpferische Gedanke des Aristoteles — im Plato
enthalten und aus Plato geholt: das kann heute unwiderleglich gezeigt
werden; dass die lange Reihe der antiaristotelischen Neoplatoniker
ebenfalls alle in Plato leben und weben und fast lediglich aus
einzelnen abgerissenen Fäden des Plato ihre Systeme entwickeln,
braucht nicht erst dargetan zu werden. Weit bedeutender betätigt
sich aber diese Zeugungskraft dort, wo sie seit mehr als zweitausend
Jahren
—————
¹) Die Entstehung der neueren
Ästhetik, 1886, S. 357. Stein wusste nicht, dass ein Typus
»Dionysoplato« tatsächlich existiert hat und
weitverbreitet gewesen ist; ihn interessierte das Paradoxon, dass man
einen trunkenen Dionysos für ein Bildnis Plato's hatte halten
können; jetzt haben aber egyptische Urkunden aus der Zeit Kaiser
Hadrian's gezeigt, dass der Διονυσοπλατων eine bekannte Figur war,
entsprungen aus einer weitverbreiteten Vorstellung (vgl. die Beilage
zur Münchener Allgemeinen Zeitung vom 26. 2. 1903).
406 PLATO
unerkannt,
ohne Autornamen, am Werke ist. Denn Plato ist nicht bloss
der Urquell fast aller europäischen Philosophie der
verschiedensten Richtungen; er ist nicht nur derjenige, durch den
»Methode« im Denken und Forschen überhaupt erst
möglich wurde, und der Erfinder einer so weit über das
Aristotelische Schema hinausreichenden Auffassung der Logik und
Mathematik (und ihrer gegenseitigen Beziehungen), dass wir erst jetzt,
im Lichte einer höheren Mathematik, seine Ahnungen recht zu
verstehen beginnen; ¹) er ist nicht bloss ein so gewaltiger
Erfinder im
Sprachlichen, dass wir noch heute ohne die von ihm zuerst
ausgeprägten Begriffe: Idee, System, Theorie, Hypothese, Methode,
Problem, Phantasie, Diagnose, Analogie, Kriterium, Anomalie und hundert
andere gar nicht auskommen könnten (der vielen vortrefflichen,
leider nicht aus der griechischen Sprache ins Deutsche
übergegangenen Worte nicht zu gedenken); ²) sondern Plato
(und
nicht Aristoteles) ist auch der wahre Urheber echter Wissenschaft der
Natur: er lehrte uns s e h e n, er lehrte uns die
Gestalten zu Gattungen
zusammenfassen und in Arten auseinanderhalten — nicht etwa, dass er die
tatsächliche Ausführung in Angriff genommen hätte, doch
der Gedanke selbst des Zusammenfassens und des Sonderns ist von ihm,
ist seine »Erfindung«; und diese Erfindung konnte nur Einer
machen, der überhaupt das E r f i n d e n im
Menschengeist auf Schritt
und Tritt als die eigentliche Funktion dieses Organismus entdeckt hatte.
Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht sagen; nur
Wenige ahnen, was wir alles der Zeugungskraft des Plato verdanken;
etwas genauer werden wir am Ende dieses Vortrages darüber
unterrichtet sein. Und das ist es — diese grosse, namenlose, selten mit
Händen zu greifende, doch überall den Geist befruchtende, dem
paragraphos-rubrizierenden Verfahren widerstrebende, aber allerorten,
in und zwischen den Zeilen beredt oder verschwiegen
waltende
E r f i n d u n g s - u n d Z e u g u n g s k r a f
t — das ist es, was dem Volk eingab, in
Plato eine Dionysische Natur zu erkennen und zu verehren. Wir
Spätgeborene besitzen nur die Schriften, Jene hatten den Mann
selbst erlebt. »Einfältig«, sagt Plato, ist es, zu
glauben, »man könne in S c h r i f t e n
etwas Deutliches und
Sicheres hinterlassen oder es aus Schriften aufnehmen; nur das
lebendige Wort
—————
¹)
Näheres
hierüber
gegen Schluss des Vortrages.
²) Vgl. hierzu Eucken: Geschichte der
philosophischen
Terminologie, 1879, S. 16 fg.
407 PLATO
ist
beseelt, das geschriebene ist dessen blosses
Schattenbild« (Phaidros
275 C,
276 A). Wie mag erst Plato's
lebendige Gegenwart
zeugend gewirkt haben! »Die Liebe, o Sokrates, ist nicht, wie du
wähnst, bloss die Liebe zu einer schönen Gestalt,
sondern d i e
L i e b e i s t v o r a l l e
m d i e L i e b e z u e
i n e r a u s d e m S c h ö n
e n n e u z u
e r z e u g e n d e n G e s t a l t ! Denn das
sterbliche Wesen beherbergt ein
unsterbliches Teil: die Kraft zu zeugen; und so geht denn alle Liebe
auf Unsterblichkeit. Die Einen, um unsterblich zu sein, erzeugen
Kinder; Andere, deren Zeugungskraft ihren Sitz mehr in der Seele als im
Leibe hat, erzeugen Werke des Geistes und werden hierdurch
Schöpfer von Gedanken, Dichtungen und von jeglicher Kunst, die
aus Erfindung entspringt« (nach Gastmahl
206—209). Sie sehen, wie
positiv und produktiv hier alles ist: die Liebe zum Schönen ist
der Weg zur Weisheit; das Zeugen im Schönen ist der Weg zur
Unsterblichkeit; Werke des Geistes sind nur solche, die aus Liebe und
Kraft »erzeugt« werden, nur solche, in denen
schöpferische Erfindung gestaltet hat.
Der Gegensatz zu Immanuel Kant liegt auf der Hand;
es wäre schmerzlich, ihn durch nähere Ausführung noch
härter hervortreten zu lassen. Doch ergeht es uns hier wieder wie
bei der Gegenüberstellung Kant's und Goethe's. Zuerst schien auch
dort alles sehr einfach und scharf: Goethe ganz Auge, Kant gar nicht
Auge, bei Goethe alles anschaulich, bei Kant alles abstrakt; dann
stellte es sich aber heraus, dieser erste Eindruck sei — trotzdem er
auf unbestreitbaren Wahrheiten beruht — doch ein oberflächlicher.
Die Methode der Vereinfachung in Ehren! doch die menschliche Seele
pflegt ein sehr verwickeltes Gebilde zu sein, und gerade die in der
Tiefe, halb verborgen liegenden Züge sind es — die Züge, die
der flüchtig Hinschauende nicht erblickt — die der
Persönlichkeit ihren besonderen, ihr allein eigenen Charakter
verleihen. Wir lernten damals, wie Sie sich erinnern, einsehen, dass
Kant eine hervorragende, wenn auch sehr eigenartige Kraft der
Anschauung besitzt, und es stellte sich das Unerwartete heraus, dass
seine theoretischen Ansichten bezüglich der Natur von
handgreiflicher Anschaulichkeit sind, wogegen die Goethe's zwischen
Erblicktem und Erdachtem in der Schwebe bleiben (vgl. namentlich S.
84). Später hatten wir dann öfters Gelegenheit, die
grosse
Bedeutung der Anschauung bei Kant — auch innerhalb seiner
Erkenntniskritik — zu betonen; wir lernten ihn
sogar als einen erklärten Feind alles rein abstrakten, von
408 PLATO
der
Anschauung abgekehrten Denkens kennen. Ebenso dürfen Sie nun
Plato, den Schönheitstrunkenen, den von dionysischem Zeugungswahn
Ergriffenen, nicht lediglich als Kontrast und Gegensatz zu Kant
betrachten. Dass er in manchen Dingen Kant sehr nahe steht, habe ich
schon hervorgehoben und will ich gleich näher ausführen; ich
glaube aber, Sie werden bedeutend gefördert werden, wenn Sie auch
hier — wo Plato als der Antipode Kant's erscheint — gerade durch Plato
die Anregung empfangen, nach Zügen in Kant zu forschen, die ihnen
sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Schon hier bietet sich
die Gelegenheit, Plato als Vergrösserungsglas zu gebrauchen. Wohl
wird nimmermehr selbst die bitterste Satire einen Vergleich zwischen
Kant und Dionysos anstellen; aber fragen wir uns ehrlich: hat es je
einen modernen Deutschen gegeben, für den wir ihn hätten in
Anspruch nehmen können? Selbst die allbeliebte Redefigur Goethe -
Apoll entbehrt nicht eines lächerlichen Beigeschmackes. Dort, wo
zwischen zwei Kulturen ein für allemal eine Grenzlinie gezogen
ist, gewinnen wir nichts durch deren willkürliche Verwischung.
Dagegen ist Kant, wenn auch nicht, wie Plato, ein Aristokrat und
Sklavenbesitzer, sondern ein einfacher Sattlerssohn, geradezu ein
Muster der zartesten, stolzesten, taktvollsten Vornehmheit; in dieser
Wahrhaftigkeit, in diesem unantastbaren Stolz, der selbst dem
zürnenden König gegenüber nicht versagt, in dieser
Keuschheit des Lebens und des Denkens, in dieser Strenge gegen sich
selbst, in dieser Genügsamkeit des einzig nach innerer Freiheit
geizenden Mannes steigt ein neues Ideal vor uns auf; an uns ist es,
einen solchen Mann ebenso geziemend — und das heisst, mit einem ebenso
überraschend kühnen Blick durch die Hülle in das Wesen —
zu verherrlichen, wie die Griechen ihren Plato. Schon in Kleinigkeiten
— oder vielmehr besonders in Kleinigkeiten, weil diese allein am
leitenden Willen sozusagen vorbeigleiten können — verriet sich die
sonst verhaltene Leidenschaftlichkeit von Kant's Wesen. Lesen Sie die
Berichte der Zeitgenossen — namentlich Wasianski's unvergleichliches
kleines Buch — mit Sorgfalt: Kant konnte die Menschen, die wenig assen
und tranken, nicht leiden, er lud sie nicht wieder zu Tisch ein; er war
von einer unbeschreiblichen Ungeduld, wenn der Diener das Geforderte
nicht im Nu brachte; bei einem Auftrag an einen Freund genügte ihm
kein blosses Ja, sondern es musste heissen: »Ja, auf der
Stelle!« wofür Kant sich aber dann
409 PLATO
mit
einem »O, das ist herrlich!« zu bedanken pflegte; er
liebte nur rauschende Kriegsmusik und war ungehalten, als man einst zu
einer Trauerfeier klagende Weisen gewählt hatte, denn er meinte,
bei solchen Gelegenheiten sollten heldenhafte Klänge die
Vollendung und den Sieg über den Tod verkünden; in der
hilflosen Schwäche seines hohen Alters ward er einmal, als er
allein in seiner Stube sass, von einem Diebe überrascht, fuhr aber
mit einem solchen Ungestüm auf ihn los, dass der Dieb die
Flucht ergriff. Kant war nicht etwa verschlossen und grüblerisch,
sondern heiter und gesprächig; Schiller nennt ihn mit Recht
»einen heiteren und jovialischen Geist« (Br. an Goethe 22.
12. 98). Ein sehr unverdächtiger Zeuge, sein
erbitterter
Gegner,
Herder, der von 1762 bis 1764 sein Schüler gewesen war, berichtet:
»... Kant hatte die fröhliche Munterkeit eines
Jünglings ... seine offene, zum Denken gebauete Stirn war der Sitz
der Heiterkeit, und die gedankenreichste, angenehmste Rede floss von
seinem gesprächigen Munde. Scherz, Witz und Laune standen ihm zu
Gebot ... sein öffentlicher Vortrag war wie ein unterhaltender
Umgang«. ¹) Ein Mann, der Kant zwanzig Jahre später
kannte,
Jachmann, sagt, er sei manchmal in Gesellschaft so hinreissend
unterhaltend und witzig gewesen, dass seine Worte »wie Blitze am
heiteren Himmel gespielt« hätten; und derjenige Mann, der
wohl von allen am längsten und intimsten mit Kant verkehrt hat,
Motherby, ein englischer Kaufmann von nüchterner Sinnesart,
erzählt, Kant habe in kleinem Kreise oft so gesprochen, als sei er
»von einer himmlischen Kraft begeistert«, und er habe
durch diese Macht des gesprochenen Wortes »alle Herzen auf immer
an sich gefesselt«. Sie sehen, es steckt hinter dem Kant, wie
ihn sich die heutige Welt vorstellt und wie er sich selber in seinen
Schriften gibt, ein anderer Kant, den wir alle viel zu wenig bisher
beachtet haben; denken Sie sich Kant durch einen Zufall des Schicksals
in anderer Umgebung und anderen Glücksverhältnissen geboren
(denen Plato's irgendwie vergleichbar), sein Charakter wäre viel
freier und unbefangener in die Erscheinung getreten. Ich halte solche
Züge, wie Kant's vielbesprochene, übertrieben pedantische
Pünktlichkeit, für eine Reaktion des Willens gegen das
Temperament: der Z w a n g ist ja der hervorstechende
—————
¹) Briefe
zu Beförderung der
Humanität, Nr. 79; nach der ursprünglichen,
später von
Herder veränderten Fassung (Sämtliche Werke, Ausg. von
Suphan, XVIII, 324).
410 PLATO
Charakter
unserer heutigen gesellschaftlichen Civilisation; wer ein
mächtiges Bedürfnis nach innerer Freiheit empfindet, wird
oft zu dem isolierenden Mittel einer eisernen Selbstbeherrschung, eines
krampfhaften Sichzusammenballens greifen; er wird dem Zwang durch Zwang
begegnen. Auch die Glut der Begeisterung — jenen »Wahn«,
der, wie wir sahen, für Plato die Vorstufe jeder wahren Erkenntnis
bedeutet — werden wir bei genauerem Zusehen an Kant entdecken, wenn er
sich in seinen Schriften auch noch so sehr dagegen wehrt und immer
wieder sein Misstrauen gegen jegliche »Schwärmerey«
äussert. So erzählt z. B. Wasianski folgende Geschichte. In
einem kühlen, an Insekten armen Sommer hatte Kant zu öfteren
Malen junge, unflügge Schwalben zerschmettert am Boden liegen
sehen; erstaunt über dieses wiederholte Vorkommnis, beobachtete er
genau und entdeckte, dass es die Elternvögel waren, die, da die
Nahrungsmenge für die ganze Brut nicht hinreichte, einige Kleine
dem Tode weihten und hierdurch den übrigen die genügende
Körperkraft sicherten. »Voll Verwunderung sagte Kant: 'Da
stand mein Verstand stille, da war nichts dabei zu tun, als
hinzufallen und anzubeten'; dies sagte er aber auf eine
unbeschreibliche und noch viel weniger nachzuahmende Art. Die hohe
Andacht, die auf seinem ehrwürdigen Gesichte glühte, der Ton
der Stimme, das Falten seiner Hände, der E n t h u s i
a s m u s, der diese
Worte begleitete, alles war einzig.« ¹) Sie sehen, das ist
keine nüchternmechanische Naturbetrachtung; und was die
Auffassung des moralischen Wesens des Menschen anbelangt, so hat Kant
in seinem vierzigsten Jahre, in einer leider wenig beachteten Schrift,
Versuch über die Krankheiten des
Kopfes, erklärt:
»Niemals ist ohne Enthusiasmus in der Welt etwas Grosses
ausgerichtet worden«. Sobald Sie Ihr Gehör dafür
geschärft haben, werden Sie bei Kant an manchen Orten das Rauschen
jener »Flügel« vernehmen, ohne die, nach Plato, Keiner
sich bis zur wahren Weisheitsliebe hinaufzuschwingen vermag; und auf
Niemanden mehr als auf Kant sind die Worte anwendbar, die Plato an der
selben Stelle hinzufügt: »Die Menge merkt nicht, dass der
Philosoph begeistert ist«.
²)
STIL UND SPRACHE
Hier ist nun der Ort, auch über Kant's Stil und
Sprache
einige Worte zu sagen.
Kant ist nicht, wie Plato, ein Dichter; seinen
Ausgang nimmt
—————
¹) Auflage
von 1804, S. 193; Ausgabe von Hoffmann, 1902, S. 410.
²) Phaidros
249 C
und D.
411 PLATO
er
nicht von Dithyramben und Tragödien, und das Dramatische und
Pittoreske, das Plato bis zuletzt auszeichnet, fehlt ihm zu allen
Zeiten. Nur sehr selten erhebt sich seine Sprache zu ergreifenden
Tönen und oratorischem Glanz; es geschieht fast nur, wo
von
P f l i c h t die Rede ist; hier fühlt man die
leidenschaftliche
Bewegung des Herzens, sonst selten. Näher zu den persönlichen
Vorzügen des Kantischen Stiles führt uns die Betrachtung
seiner Vergleiche: diese sind meistens originell und besitzen eine so
eigentümliche Kraft der Anschaulichkeit, dass sie sehr entlegene
Gedankengegenden mit Licht überfluten; Sie brauchen nur an den
focus imaginarius in unserem
ersten Vortrag (S. 65 fg.) zu
denken und
an die Weltkugel in dem vierten (S.
381); ähnlich glücklich
gewählte Bilder tauchen bei ihm alle Augenblicke auf. Doch was die
hervorragende Eigenschaft dieses Stiles ausmacht, ist die K
l a r h e i t. Ich
weiss, manche hochgelahrte Männer und manche empfindsame Seelen
werden über die Behauptung, Kant schreibe ausnehmend klar, mit den
Achseln zucken; doch mir genügt zur Bestätigung meines
eigenen Gefühls das Urteil Goethe's; »Nichts ist so klar wie
Kant«, sagte er zu Cousin, und Schopenhauer gegenüber sprach
er: »Wenn ich eine Seite in Kant lese, wird mir zu Mute, als
träte
ich in ein helles Zimmer«. ¹) Hier handelt es sich um etwas
höchst Eigentümliches; ich bin aber verlegen, wie ich es
anders schildern soll als durch diesen blossen Hinweis auf Goethe's
Wort: ein helles Zimmer. Goethe sagt nicht »ein schön
gebautes
Zimmer«, oder »ein geschmücktes Zimmer«, er sagt
ein h e l l e s Zimmer. ein Zimmer. in dem man gut
sieht. Kant's Stil ist
nämlich reines, weisses Licht, ohne Farbe, — und als solcher
spiegelt er die Persönlichkeit getreu wieder; le style est l'homme
même. Ein Schopenhauer hat alle Farben auf seiner Palette:
seine
Weltanschauung ist ein Gemälde; Kant dagegen stellt sich genau das
selbe Ziel wie etwa der Verfasser eines Handbuches der Physik: die
Phänomene schlicht und wortkarg hinzustellen, sie zu analysieren,
die Gesetzlichkeiten aufzudecken, den systematischen Zusammenhang
nachzuweisen. Was hat der gelernte Physiker vor dem ungebildeten Laien
voraus? Wesentlich, dass er die Vorgänge in der Natur besser
beobachtet und richtiger sieht; er sieht mehr, er sieht schärfer,
und indem er Zusammenhänge überschaut, die ein anderer
—————
¹)
Vgl. Biedermann: Goethe's
Gespräche, III, 290 und IX, 113. (vgl.
auch oben, Vorrede, S. 6.)
412 PLATO
nicht
ahnt, gelangt er zu etwas, was man wohl ein »gesteigertes
Sehen« nennen darf. Genau das selbe ist Kant's Methode und Kant's
Ziel. Das Oratorische flösst ihm Misstrauen ein: die Beredsamkeit,
meint Kant, ist »eine Kunst, durch den schönen Schein zu
hintergehen«; sie vermindert »die Freiheit der
Beurteilung«;
¹) ebenso warnt er, es sei unzulässig, »allenthalben
Anschauung an die Stelle der ordentlichen Reflexion des Verstandes
und der Vernunft zu setzen«, hierdurch gerate man in
»Schwärmerei«, und selbst vom Genie ausgeübt,
fehle
dieser Methode »die Trockenheit und Wachsamkeit und
Kaltblütigkeit der Urteilskraft (Ref.
I, 13). Da haben Sie das
mit gutem Bedacht erwählte stilistische Programm: trocken,
wachsam, kaltblütig. Es ist genau wie vorhin im Leben: das
Sichselbstbeherrschen, das Sichzusammenballen. Ein solches Programm
bedeutet den grundsätzlichen Verzicht auf die künstlerische
Formgebung; die Mania des
Plato mag im Herzen des Denkers hausen, doch
mitreden darf sie nicht. Jedoch, in den Händen des Genies ergeben
sich aus diesen stilistischen Grundsätzen — nebst grossen,
unableugbaren Mängeln — zwei grosse Eigenschaften:
übersichtliche Architektonik des Ganzen, scharfe, fraglose
Eindeutigkeit im Einzelnen; und aus diesen zwei Eigenschaften entsteht
jene ungewöhnliche und eigenartige Klarheit, die Goethe für
Kant's Schriften charakteristisch fand, und jene »lebendige
Ausdrucksweise«, die Jakob Grimm an ihnen rühmt (Einleitung
zum deutschen Wörterbuch). Hier greifen die Eigenschaften
des
Stils über die Sprache hinaus. Bekämpfen, hassen,
anathematisieren, missverstehen konnte man Kant's Weltanschauung, nicht
aber sich ihrer zwingenden architektonischen Allgewalt entziehen;
heute philosophieren alle Kulturmenschen — auch die, die keine Silbe
Deutsch verstehen — in den Begriffen, die Kant geprägt oder
umgeprägt, und in den Schemen, die er geschaffen hat. Und Sie
werden wohl zugeben, dass eine solche architektonische Kraft eine
schöpferische ist, und sogar eine der poetischen — wenigstens wie
die Griechen das Wort Poietes
verstanden — nahverwandte; sie
gehört zu dem, was Plato, wie wir vorhin hörten, »ein
Erzeugen von Gedanken, Dichtungen und jeglicher Kunst, die aus
Erfindung entspringt«. nannte. In der Kunst der Architektonik
überragt Kant den griechischen Erkenntniskritiker gewaltig; hier
ist Er der Dichter, und zwar einer der grössten.
—————
¹) Vgl.
für den genauen Text,
Ur. § 53.
413 PLATO
Zu einem grossartigen Bau gehören aber fein
zugehauene Quadern, und die Klarheit, von der Goethe spricht, wäre
nicht zustande gekommen, wenn nicht Kant — in seiner Weise — auch ein
Meister des Wortes gewesen wäre. Ich sage absichtlich
des W o r t e s,
nicht des Satzes; denn der Satz ist bei Kant meistens ungefüge und
nicht selten unschön; im Gebrauch der Worte dagegen ist Kant ein
ebenso grosser Künstler wie in der Disposition des Ganzen. Hier
treffen Kant und Plato wieder zusammen; beide gehören zu den ganz
grossen, epochemachenden Sprachbeherrschern. In seiner Geschichte der
philosophischen Terminologie (S. 141) sagt Eucken: »Es ist
hier (bei Kant) ein so wesentlich Neues geschaffen, dass
alles Folgende an das hier Geleistete anknüpfen muss.« Hier
lohnt es sich, Plato und Kant am Werke zu beobachten.
Plato denkt viel nach über das Wesen der
Sprache; zwar will er sich nicht bei dem Mythos eines göttlichen
Ursprunges beruhigen, denn das, meint er, wäre eine ähnliche
Ausflucht wie der deus ex machina
der Tragödiendichter; doch
heilig und unergründlich bleibe dieses Werkzeug des Denkens (vgl.
Kratylos, 425 fg.). Das eine
Mal warnt er uns gegen »den üblichen Gebrauch der Worte, wie
Sie die
Leute einmal so und einmal anders anwenden und auf diese Weise
vielfältigste Verwirrung schaffen«; wenige Seiten darauf
aber warnt er nicht minder eindringlich gegen »die spitzfindige
Bestimmung der Wortbedeutungen«, denn wer so handle, sei dem
Worte »knechtisch untertan« (ανελευθερος), wogegen in der
Behandlung der Sprache eine »edle« Freiheit am Platze sei
(Theaitetos 168 C und 184 C).
Er erfindet denn auch nicht
Worte aus
freien Stücken, er haucht aber bekannten, vielgebrauchten Worten
neues
Leben ein; es ist dies ein symbolisches Verfahren, und das heisst, ein
aus dem Geiste der Sprache geborenes Verfahren, da alle Sprache von
Hause aus symbolisch ist. Ein Kreis spannt sich um den anderen, ohne
aber, dass der Mittelpunkt verrückt würde. So wird z. B. bei
Plato aus Hypo-thesis, einem
Wort, das bis zu ihm einfach ein
Unter-gelegtes, ein Tragstück, eine Stütze, ein Postament
bedeutet hatte, jetzt diejenige Annahme, von welcher der nachsinnende
Geist ausgeht, sei es, um die sichtbaren Phänomene der Natur
aneinander zu gliedern, sei es, um hinaufzusteigen, bis er jenseits der
Natur ein transscendentes — oder, wie Kant verdeutscht, »die
Erfahrung Überfliegendes« — Unbedingtes, das heisst keiner
weiteren Voraussetzung Bedürftiges findet, das
»Anhypothetische«, wie Plato
414 PLATO
es
nennt (Rep. VI, 511).
Hierdurch wird aber, wie Sie sehen, eine
neuentdeckte Tatsache des Geistes mitgeteilt; schon in diesem einen
Worte liegt eine ganze philosophische Weltanschauung implicite
inbegriffen; denn in Hellas war es noch keinem Denker beigefallen,
dass wir Menschen weder »hinunter« zur Natur, noch
»hinauf« zu den Vernunftbegriffen gelangen können,
ohne erst eine Voraussetzung zu machen, ein Tragstück
unterzulegen, das uns dann, wie Plato sagt, »als Stufe und
Sprungbrett« dient (id.).
Wir stehen hier schon mitten in einer
tiefgründigen Kritik der Erkenntnis; wie tief, können Sie
daraus entnehmen, dass Plato auch die I d e e n als
»Hypothesen« aufstellt, die der Mensch erst »jedesmal
zu Grunde lege« — υποθεμενος
εκαστοτε λογον — damit er einen
Stützpunkt besitze, von wo aus seine Gedanken hinauf- und
hinabschweifen können (Phaidon
100 A und 101 D). So
plastisch sind
die Worte bei Plato, so unerschöpflich reich an Anregung! Von
jedem der von ihm in bescheidener Anlehnung an die Umgangssprache
eingeführten philosophischen Ausdrücke strahlen, sozusagen,
Gedanken nach allen Richtungen aus, und wer die wichtigsten dieser
Ausdrücke lebendig in sich aufgenommen hat — das heisst also in
jener »edlen Freiheit« durchaus persönlicher und
vielseitiger Wesen — der besitzt eigentlich den ganzen Plato; die Worte
sind nicht stumme Wegweiser, sondern sie sind der Weg selbst, vom Genie
aus dem Urwald ausgehauen. Wollen Sie aber, zur Ergänzung der hier
gewonnenen Einsicht, das Entgegengesetzte erfahren, also die Verarmung
der Worte an Inhalt, so brauchen Sie nur zu Aristoteles zu greifen, bei
dem z. B. »Hypothesis« einfach eine unsichere Annahme
heisst, im Gegensatz zu einer sicheren! Die durch kritische Besinnung
entdeckte T a t s a c h e, dass jeder menschliche
Gedankenaufbau — betreffe
er die empirische Welt oder die Welt der reinen Gedanken, gleichviel —
auf »Tragstücken« ruhe, die wir selber erst »zu
Grunde legen«, diese Tatsache ist verloren, ist den Augen
entschwunden; Aristoteles, dieser bewunderungswürdige, aber
durchaus unkritische Kopf — von dem der beste lebende Kenner hat
behaupten dürfen, er habe Plato »in jeder einzelnen
Aufstellung missverstehen m ü s s e n « ¹)
hat nie gewusst noch ge-
—————
¹)
Natorp: Plato's Ideenlehre,
S.
370. Das Beste, was ich über Aristoteles kenne, steht in
Schopenhauer's Fragmente zur
Geschichte der Philosophie, § 5:
»Als Grundcharakter des Aristoteles liesse sich angeben der
allergrösste Scharfsinn, verbunden mit Umsicht, Beobachtungsgabe,
Vielseitigkeit und Mangel an Tiefsinn. Seine Weltansicht ist flach,
wenn auch scharfsinnig durchgearbeitet«.
415 PLATO
ahnt,
was »Hypothesis« für Plato bedeutete; wissen
kann es ja nur, wer, wie der Bergsteiger unseres letzten Vortrages,
hoch genug gestiegen ist und dann sich umgedreht hat; und so sind unter
seinen Händen alle diese herrlichen Worte zu Abstraktionen
verblasst und sind auch zumeist in dieser Gestalt auf uns gekommen. —
Kant nun ist ein würdiger Nachfolger Plato's; eine unendliche
Sorgfalt wendet er den Worten zu; er haucht ihnen neues Leben ein und
ist namentlich auch bemüht, philosophisch schon früher
ausgeprägte Gebilde zu retten, die »sich unter dem Haufen
anderer von sehr abweichender Bedeutung verlieren«, wo es dann
»leichtlich geschieht«, dass »auch der Gedanke
verloren gehe, den sie allein hätten aufbehalten
können« (r. V.
269).
Kant empfindet lebhaft die Vorzüge
seiner Muttersprache: »Die deutsche Sprache ist unter den
gelehrten lebenden die einzige, welche eine Reinigkeit hat, die ihr
eigentümlich ist. Alle fremden Worte sind in ihr auf immer
kenntlich ... deswegen belohnt es der Mühe, darauf acht zu haben
... fremde Wörter verraten entweder Armut, welche doch verborgen
werden muss, oder Nachlässigkeit ...« (Ref. II, 9 fg.).
Doch steht Kant unter dem Gesetze jenes Verhängnisses, unter dem
wir alle stehen und von dem ein Plato in seinem sonnigen Griechenland
nichts wusste: u m v e r s t a n d e
n z u w e r d e n, musste er in seinen
metaphysischen Schriften zwei Drittel der Kunstausdrücke für
seine neuen Gedanken toten Sprachen entlehnen, musste er seine
klaren deutschen Gedanken, wie er selber klagt, »in barbarischen
Ausdrücken« einhergehen lassen (Br. 7. 8. 83) — sonst
hätten die deutschen Gelehrten weder seinen Sinn erraten, noch
seine Bücher überhaupt gelesen. So teuer bezahlen die
Völker ihre Fehler! In einem Briefentwurf aus seinem siebzigsten
Lebensjahre beklagt Kant G. Chr. Lichtenberg gegenüber, dass er
»die scholastische Geschmacklosigkeit nicht habe umgehen
können«, und verspricht, »bei den nächsten
Arbeiten dieser Art darauf Bedacht zu nehmen, jenen Benennungen andere,
der gemeinen Fassungskraft näherliegende beizugesellen«.
¹) Es waren aber damals schon alle Kritiken erschienen; und weil
wir sprachlich verrohte Menschen die Zartheit und Genauigkeit in Kant's
Auswahl und Anwendung der Worte für sein kritisches
Gedankengebäude nicht genügend beachteten, so musste der
Meister selber klagen: »Mancher (meiner) Nachbeter braucht Worte,
mit denen er keinen Sinn verbindet .... sie lassen
—————
¹) In
Hartenstein's Gesamtausgabe,
1867, VIII, 794.
416 PLATO
mich
oft ein Kauderwälsch reden, das ich selbst nicht
verstehe« (a. a. O.). Um also Kant's Wortkunst richtig zu
beurteilen, müssen wir bedenken, dass er die Last griechischer und
lateinischer Worte überkam, und dass vor ihm überhaupt noch
garnicht in deutscher Sprache philosophiert worden war. Doch umso
grösser ist Kant's Verdienst; denn wenn er sich auch seine
Kunstausdrücke zum grossen Teile aus dem Arsenal der Scholastik —
nicht, wie Plato, aus der lebendigen Sprache des Volkes — geholt hat,
so hat er nichtsdestoweniger: 1. überall, wo es ihm ohne Nachteil
für sein Vorhaben tunlich schien (so namentlich in der Kritik der
praktischen Vernunft und der Urteilskraft)
deutsche Ausdrücke
geprägt; 2. hat er den abgenutzten, fadenscheinigen Vokabeln der
Scholastiker so viel gestaltende Lebenskraft eingehaucht, dass manche
von ihnen seitdem in den allgemeinen Sprachschatz übergegangen
sind; 3. hat er überall peinlich genaue Be- und Umschreibungen der
scholastischen Wörter gegeben und an ungezählten Orten
deutsche Worte zum gleichwertigen Gebrauch neben den Fremdwörtern
vorgeschlagen. Dass die deutsche Sprache die Sprache der höchsten
Gedanken des Menschengeschlechtes wurde, ist in erster Reihe sein
Verdienst. ¹)
So hätten wir denn die Vergleichung der
wichtigeren äusseren Merkmale Plato's und Kant's zu Ende
geführt. Von der physischen Gestalt, den Schicksalswegen und den
Temperamenten gingen wir aus und sind nach und nach bis zu einem
Vergleich des Stiles und der Wortbehandlung gelangt. Das alles kann in
einem gewissen Sinne als zur äusseren Erscheinung des Menschen
gehörig betrachtet werden; es macht das aus, was wir zunächst
an ihm gewahr werden, und bildet den Untergrund — die Hypothesis
hätte vielleicht Plato gesagt — zu der Vorstellung, die wir uns
von seinem Innern machen. Ehe wir nun zu dem Denken — zu der Art zu
schauen — übergehen, müssen wir den Vergleich zwischen den
beiden Männern durch einen Blick ins Allerinnerste ergänzen.
Es wird dies gleichsam das »Was« ihrer Persönlichkeit
im Verhältnis zu dem »Wie« sein, das wir soeben in
Betracht gezogen haben;
—————
¹)
Köstliche Proben seiner feinsinnigen
Wortbestimmungen und -unterscheidungen findet man in vielen Schriften,
so z. B. in dem vorhin genannten Versuch
über die Krankheiten des
Kopfes (Torheit, Narrheit, dumm, stumpf, einfältig, albern
usw.),
besonders zahlreich in den Beobachtungen
über das Gefühl
des Schonen usw. und in der Anthropologie,
sowie in den von Benno
Erdmann herausgegebenen Reflexionen.
417 PLATO
wogegen
das theoretische Denken zwischen beiden hin- und herschwebt.
DAS GEMEINSAME ZIEL
Hier wird uns eine einzige Betrachtung genügen;
sie trifft den Kern; mehr brauchen wir nicht. Sobald wir uns
nämlich dem innersten Wesen dieser beiden Männer zuwenden,
wird eine Tatsache
notwendig unsere Aufmerksamkeit fesseln: Kant und Plato treffen nicht
bloss in dem E r g e b n i s ihres Denkens zusammen,
sondern was sie beide zur
Erforschung des Menschengeistes aufruft, das Z i e l,
auf das sie
zustreben, ist für beide genau das selbe; nicht die Befriedigung
spekulativer Neugier, nicht die Lösung abstrakter Fachfragen hat
den einen aus der Dichtkunst und den anderen aus der Mathematik in die
Philosophie hineingetrieben, sondern, was sie ganz erfüllt, ist
ein moralisches und praktisches Ziel. Auch hier wieder fällt
dieses positive Element auf den ersten Blick stärker bei Plato als
bei Kant in die Augen, doch genügt ein Mindestmass von Scharfsinn
und Kenntnis, um einzusehen, wie richtunggebend das praktische Ziel
auch für Kant von Anfang an war und blieb.
Plato's Lehrer, Sokrates, hatte grundsätzlich
aller Wissenschaft und aller Fachphilosophie den Rücken gekehrt,
um einzig die praktisch-sittlichen Interessen des Menschen in
Erwägung zu ziehen; diesem Ausgangspunkt bleibt Plato innerlich
bis ans Ende treu. Ich erinnere mich, wie der geistvolle Franzose, der
mich zuerst in hellenische Philosophie einführte, mir
einzuschärfen pflegte: »Plato ist gar kein Philosoph im
eigentlichen Sinne des Wortes; er ist Ethiker und Politiker«.
Dass diese Auffassung der Irrtum eines metaphysisch unbefähigten
Mannes war, musste ich bald erkennen; doch welche richtige Einsicht
hinter dem Irrtum steckt, habe ich erst im Laufe der Jahre begreifen
gelernt. »Die Erkenntnis des Guten und Bösen«
(επιστημη
αγαθου τε και κακου) stellt Plato
in einem seiner
allerersten Dialoge als diejenige Erkenntnis hin, ohne welche
»alle anderen zusammengenommen« völlig wertlos seien
(Charmides 174 C, D); und
nicht bloss sind Plato's umfangreichste Werke
— Die Republik und Die Gesetze — eingestandenermassen
praktisch-politischen und sozialen Fragen gewidmet, wogegen in ihnen
Metaphysik und Erkenntniskritik nur episodenweise zur Sprache kommt,
sondern in fast jeder einzelnen Schrift, gleichviel welches
418 PLATO
ihr
Thema sein mag, gipfelt die Untersuchung in der Frage nach dem
unbedingt Guten, wobei das Schöne und das Wahre als fast — aber
nicht ganz — ebenbürtig genannt zu werden pflegen. ¹)
Schiller's Wort:
Was wir
als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn,
ist ein Echo aus Plato; doch das Schöne ist für Plato nichts
Anderes als die »Gestalt« des Guten, wie es
künstlerischen Augen sich von aussen darstellt. Sie haben ja schon
gehört, wie nach Plato das Schöne zur Erkenntnis führen
soll, also auch zum Guten; nur insofern das gelingt, ist das
Schöne zu preisen. ²) Das Wahre aber — nach einer
merkwürdigen Stelle im Philebos
(64 B) — ist als ein
gleichsam nur Sekundäres dem Guten »beigemischt«
(μιξομεν); das eigentlich »Wahre«, in dem
Sinne wie
es alle Welt versteht — nämlich als eine objektiv empirische
Wahrheit — vermögen wir überhaupt nicht zu erreichen; das
lehrt die Erkenntniskritik. Die naive Voraussetzung der Menge und des
Aristoteles, dass »ein Wissen bei einem jeden Gegenstande
stattfinde, sobald wir sein Wesenswas erkannt haben«, ³) ist
insofern sinnlos, als uns die Kritik belehrt hat, dass wir niemals von
irgend einem Gegenstande das Wesenswas zu erkennen vermögen;
Wahrheit ist der Weisheit zwar »verwandt« (οικειοτης
Rep. 485 C), sie umfasst sie
aber nicht; vielmehr ist es einzig
»die Idee des Guten« (του
αγαθου
ιδεα), die
über die Schranken der zwischen Verstand und Sinnlichkeit hin- und
herpendelnden Erscheinung (Timäos
52 A) hinausweist und hiermit
»ein höchstes Wissen« (μεγιοτον μαθημα) vermittelt
(Rep. 505 A). 4)
Charakteristisch für diese Richtung auf das
Praktische ist, dass Plato »die Unedlen und die Feigen« von
vornherein vom philo-
—————
¹) Hierzu
ist namentlich Philebos
65 A zu vergleichen.
²) »Das Gute ist schön
(Lysis 216 D, Gastmahl 201 B
und noch vielerorten). Hierzu ist auch Die
Republik, Buch III zu vergleichen.
³) Metaphysik
VII, 6, 1031 b, nach
Bonitz.
4) Die »Idee des
Guten« ist
bei Plato kein rein ethischer Begriff, vielmehr bildet diese Idee —
immer deutlicher, je reifer sein Denken wird — den Mittelpunkt seiner
Metaphysik und bedeutet das letzte, höchste Gesetz des Denkens,
den Punkt, woraus das Denken, damit es überhaupt Denken sei — αυτος ο λογος — entspriessen muss; doch sind das
Tiefen der
metaphysischen Besinnung, die hier nicht berührt werden
konnten. Ich verweise auf Natorp, a. a. O., S. 183—196, obwohl diese
bewunderungswürdigen Ausführungen über das Gute 1. als
letztes ethisches, 2. als letztes logisches, 3. als letztes kosmisches
Prinzip mir noch nicht den allertiefsten Grund zu erreichen scheinen.
Häufig bedeutet bei Plato »das Gute», was wir heute
»Zwecktätigkeit« nennen würden.
419 PLATO
sophischen
Unterricht ausschliesst (Rep.
486 B);
sie vermögen nicht
zu lernen; ohne sittlichen Adel keine Weisheit. Und so werden Sie nicht
erstaunen, wenn er in einer seiner reifsten Schriften, dem Sophisten,
seine Weltanschauung »die Wissenschaft freier Menschen«
(των ελευθερων επιστημη 253 C)
nennt; was uns nun wieder auf Kant
zurückführt, der — gerade an einer Stelle, wo er von Plato
redet — die prächtige Begriffsbestimmung gibt: »Das
Praktische ist das, was auf Freiheit beruht« (r. V. 371).
Bezüglich Kant's wird unser Urteil durch zwei
Umstände irregeführt: erstens hat seine Kritik der Vernunft
und der Urteilskraft revolutionärer gewirkt und dadurch eine
tiefere Bewegung in den Geistern hervorgerufen, als seine Schriften
über praktische und ethische und religiöse Fragen; hieran hat
sich aber dann die lächerliche Märe geknüpft, der
Heinrich Heine, der witzige Müssiggänger, Weltverbreitung
verschafft hat, die Märe, dass Kant erst als Greis, erschrocken
über seine eigene kritische Tat, zur Rettung der hergebrachten
Ideale geeilt sei, und zwar im Interesse der ungebildeten Menge. So
werden unsere einsamen Grossen behandelt, seitdem »das neue
jüdische Zeitalter« — wie Viktor Hehn es nennt ¹) —
angebrochen ist. Dies hätte wenig zu bedeuten, ein still
abwehrendes: »Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht
mir!« würde genügen, wenn erst die zu ersehnende
reinliche Scheidung der Geister stattgefunden hätte; so aber
vergeht kein Jahr, ohne dass wir in irgend einem Buche oder Aufsatz
irgend einer Variation dieser blasphematorischen Dummheit begegnen; und
wenn auch die Vernünftigeren unter uns gut wissen, die Sache
könne sich nicht so verhalten, etwas davon bleibt ihnen dennoch in
ihrer Vorstellung von Kant kleben. Die Wirklichkeit sieht aber so
anders aus wie nur möglich. »Philosophie ist wirklich nichts
Anderes als eine p r a k t i s c h e
Menschenkenntnis; ... die Philosophie ist
die Wissenschaft der Angemessenheit aller Erkenntnisse mit
der
B e s t i m m u n g des Menschen«: so schrieb Kant,
während er an
seiner Kritik der reinen Vernunft
arbeitete (Ref. II, 22), und
in
diesem Buche selbst bezeichnet er als sein Ziel: »den Boden zu
majestätischen sittlichen Gebäuden eben und baufest zu
machen« (r. V. 376).
Kant ist von Hause aus Mathematiker, Logiker
und Moralist; sein Hauptinteresse war eigentlich das, was er unter dem
von ihm sehr umfassend gedachten Begriffe »Anthropologie«
verstand, eine Disziplin, die er
—————
¹) Gedanken über
Goethe, 3. Aufl., S. 161.
420 PLATO
bezeichnenderweise
nicht durch die Sache, sondern durch das Ziel
definiert: »die Quellen aller Wissenschaften, die der Sitten, der
Geschicklichkeit, des Umganges, der Methode Menschen zu bilden und zu
regieren — mithin a l l e s P r a k t i s c h e
n zu eröffnen« (Br.
I,
138). Auch diese Worte schrieb er während der Vorarbeiten
zu der
Kritik der reinen Vernunft.
Und wenn Sie nun das Entstehen dieses
Werkes aufmerksam verfolgen (was heute mit Hilfe der von der Berliner
Akademie herausgegebenen Briefe Kant's Jedem möglich gemacht ist),
werden Sie entdecken, dass das, was uns heute — und zwar mit Recht —
als das Hauptwerk Kant's erscheint, ursprünglich nur als ein
Nebensächliches geplant war. Die Natur im ganzen und die
Menschennatur im besonderen: das ist es, worauf Kant von Anfang an
steuert, wogegen er fast nur Absprechendes über die Metaphysik zu
sagen hat. Die früheste mir erinnerliche datierte Erwähnung
desjenigen Vorhabens, aus dem im Laufe von etwa sechzehn Jahren die
Kritik der reinen Vernunft
herauswachsen sollte, findet sich in dem
ersten Brief Kant's An den Mathematiker und Philosophen Lambert vom 31.
Dezember 1765. Hier teilt Kant mit, dass er schon »verschiedene
Jahre hindurch seine philosophischen Erwägungen auf alle
erdenkliche Seiten gekehrt habe«; Ziel dieser Bestrebungen sei
eine »eigentümliche Methode der Metaphysik«; diese
Metaphysik scheint Kant sich (nach anderen Briefen) in zwei Teilen
gedacht zu haben: eine Metaphysik der Natur und eine Metaphysik der
Sitten — also wieder die Natur und (in der Natur) der Mensch. Nun aber,
sagt Kant, fühle er sich in dieser seiner Absicht aufgehalten und
gezwungen, »von seinem ersten Vorsatze so ferne abzugehen«,
als er dieses sein »eigentümliches Verfahren« nicht
zeigen könne, ehe er »einige k l e i n e r
e A u s a r b e i t u n g e n
vorangeschickt« habe, wodurch zugleich vermieden werde, dass
»die Hauptschrift durch gar zu weitläuftige und doch
unzulängliche Beispiele allzusehr gedehnet werde«. Von
diesen »kleineren Ausarbeitungen« nennt Kant nur zwei:
»die metaphysischen
Anfangsgründe der Weltweisheit und die
metaphysischen Anfangsgründe der
praktischen Weltweisheit«. Das
ist der Keim zu allen den grossen Kritiken, deren Vollendung von jenem
Tage an noch genau fünfundzwanzig Jahre erfordert hat. Die dem
geplanten Hauptwerk voranzuschickenden »kleineren
Ausarbeitungen« wurden die grossen Hauptwerke von Kant's Leben,
wogegen von dem geplanten Hauptwerk — der Metaphysik der Natur — nur
die Anfangs-
421 PLATO
gründe, sowie einige Bogen mit
abgerissenen Notizen auf uns
gekommen sind. Es wird Ihnen auffallen, dass Kant schon zu dieser
frühen Zeit das Thema »praktische Weltweisheit« genau
so benennt wie später, wogegen weder der Begriff
»Kritik« noch der Begriff »reine Vernunft« ihm
aufgegangen ist, sondern beide noch in der unschuldigen Vorstellung von
»Anfangsgründen« ungesehen schlummern. Bis Kant so
weit kam, das Problem der Erkenntniskritik auch nur scharf zu fassen,
hat es noch ziemlich lange gedauert und ungeheurer Anstrengungen
bedurft. 1770 erschien die lateinisch verfasste Schrift Über die
Beschaffenheit und die Grundzüge der Sinnenwelt und der
Verstandeswelt, die gewöhnlich einfach als »die
Dissertation« citiert wird; ¹) hier ist eigentlich das
kritische Problem
schon
zur Hälfte aufgestellt und gelöst, und § 8 wird
ausdrücklich gesagt, dass aller Metaphysik eine Wissenschaft
»vorangehen« müsse, »die zwischen der Erkenntnis
durch Sinnlichkeit und der Erkenntnis durch Verstand zu unterscheiden
lehre«. Und doch bedeutet diese entscheidende Tat noch immer nur
das Erklimmen einer weiteren Vorstufe, noch immer erblickt Kant das
Ziel nicht deutlich. Ein Jahr später, also Sommer 1771, sagt Kant,
er arbeite an einem Werke unter dem Titel: Die Grenzen der Sinnlichkeit
und der Vernunft; wiederum soll aber dieses Werk nur nebenbei
die
kritische Auseinandersetzung bringen, denn es soll ausserdem die ganze
»Geschmackslehre, Metaphysik und Moral« abhandeln. ³)
Sie
sehen, wie schwer und à son
corps défendant Kant sich
entschliesst, sein praktisches Ziel auch nur für kurze Zeit aus
den Augen zu lassen; die Idee, ein ganzes Buch — geschweige denn drei
oder vier Bücher — dem »kritischen Geschäft« (wie
er es später oft
nannte) ausschliesslich zu widmen, will ihm noch immer nicht in den
Sinn. Im folgenden Jahre endlich kommt zum erstenmal die ganz klare
Erkenntnis des Problems, und zugleich stellt sich der Ausdruck ein
(aber noch nicht als Titel gemeint): »eine Kritik der reinen
Vernunft«; wiederum jedoch von der Versicherung gefolgt, dies sei
nur ein »erster Teil« des geplanten Werkes, auf den dann
»die reinen Prinzipien der Sittlichkeit« folgen sollten.
Diesen ersten
—————
¹) De mundi sensibilis atque
intelligibilis forma et principiis wird gewöhnlich
übersetzt:
Ȇber die Form und die Prinzipien der sinnlichen und der
Verstandeswelt«; ich glaube, obige Verdeutschung trifft den Sinn
genauer.
²) Briefe,
I, 117. Der
ausführliche Plan zu dem genannten Werk steht S. 124, und daraus
ersieht man, dass die »Phaenomologie« (sic), welche
jedenfalls
allein die kritische Auseinandersetzung enthielt. nur als ein
einleitender Teil des Ganzen gedacht war.
422 PLATO
Teil
hoffte Kant damals »binnen etwa drei Monathen« fertig
zu haben; doch fast zwei ganze Jahre später (Ende 1773) muss er
melden, er sei noch immer dabei, »seinen dornigten und harten
Boden eben und zur allgemeinen Bearbeitung frei zu machen«; und
mit einem hörbaren Seufzer setzt er hinzu: »Ich werde froh
sein, wenn ich meine Transscendentalphilosophie werde zu Ende gebracht
haben, welche eigentlich eine Kritik der reinen Vernunft ist; alsdann
gehe ich zur Metaphysik, die nur zwei Teile hat: die Metaphysik der
Natur und die Metaphysik der Sitten, wovon ich die letztere zuerst
herausgeben werde und mich darauf zum voraus freue« (Br. I, 126,
137 fg.). Die Kritik empfindet er, wie Sie sehen, als eine ihm
aufgezwungene Aufgabe, die er froh wäre, los zu sein; auf die
praktisch aufbauende Sittenlehre freut er sich dagegen. Von diesem
Augenblick an dauerte es noch acht Jahre, bis die Kritik der reinen
Vernunft, und siebzehn Jahre, bis auch die übrigen Kritiken
— die
ja alle als Teile dazu gehören (vgl. Ur. VI u. XXV) — vollendet
waren; das war Pflichterfüllung, wie Kant sie verstand. »Ich
bleibe nunmehr halsstarrig bei meinem Vorsatz, mich durch keinen
Autorkitzel verleiten zu lassen, in einem leichteren und beliebteren
Felde Ruhm zu suchen«. Und warum nun diese Halsstarrigkeit, wenn
das kritische Geschäft ihm im Herzen minder zusagt als das
praktische? Der selbe Brief bringt die Antwort: »Es leuchtet mir
eine Hoffnung entgegen, die ich niemand ausser
Ihnen ohne Besorgnis, der grössesten Eitelkeit verdächtig zu
werden, eröffne, nämlich der Philosophie dadurch auf eine
dauerhafte Art eine andere und f ü r R e l i g i o
n u n d S i t t e n w e i
t
v o r t e i l h a f t e r e W e n d u n g z
u g e b e n «
(Bf. 71). Noch einmal —
vier
Jahre nach diesem Briefe und vier Jahre vor Vollendung der r. V. —
klagt er: »Was ich die Kritik
der reinen Vernunft nenne, liegt als ein
Stein im Wege, mit dessen Wegschaffung ich jetzt allein
beschäftigt bin, und diesen Winter damit völlig fertig zu
werden hoffe« (Br. 28. 8. 77).
Zehn Jahre später, als er auf
seine Kritik der reinen Vernunft
als auf eine vollendete Tat
zurückblicken konnte, fasste er diese Tat in die Worte zusammen:
»Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu
bekommen«.
Diese kleine historische Abschweifung schlägt
über den Rahmen dieser Vorträge hinaus; doch wie könnten
Sie von Kant's intellektueller Persönlichkeit eine richtige
Vorstellung besitzen, wenn Ihnen deren Mittelpunkt — der treibende
Wille — unbekannt bliebe?
423 PLATO
Gerade
die eben hervorgehobene Tatsache eröffnet psychologisch
nach allen Richtungen hin unerwartete Ausblicke. Sie erinnern sich
vielleicht, dass wir im Brunovortrag (S.
349) ein paradoxes
Verhältnis entdeckten: die Mystiker, ganz in die Kontemplation des
eigenen Ich versenkt, erblicken bisweilen die äussere Welt, von
der sie sich scheinbar abgewendet haben, mit der
übernatürlichen Deutlichkeit einer Vision und werden
hierdurch Pfadfinder der empirischen Wissenschaft; ¹) wogegen
Genies, die (wie Descartes) von Schulphilosophie nichts wissen wollen
und sich mit Leidenschaft der objektiv-wissenschaftlichen Betrachtung
der Natur ergeben, manchmal gerade als Erneuerer und Befruchter des
metaphysischen Denkens wirken. Ein genau ähnliches Verhältnis
findet bei Plato und Kant statt und ist für ihr ganzes Leben und
Denken bezeichnend; wer achtlos daran vorübergeht, wird niemals
diese Persönlichkeiten in ihrem tiefsten Wesen erfassen. Beide
sind Moralisten und Soziologen (wenn auch bei Plato der Politiker, bei
Kant der Anthropolog vorwiegt); beide sind entschiedene
Antimetaphysiker und werden nie müde, die Fruchtlosigkeit der
Bemühungen aller berufsmässigen und systematisierenden
Philosophen zu betonen und zu bespötteln; beide finden sich durch
ihre praktischen Ziele genötigt, sich mit Metaphysik zu
beschäftigen und greifen — gerade weil sie praktische Männer
sind — sofort durch bis auf die analytische Kritik des menschlichen
Erkenntnisvermögens überhaupt; es ist dies für sie
zunächst eine nebensächliche, vorübergehende, fast
lästige, aber für ihr Ziel unerlässliche
Beschäftigung; nunmehr hat sie der Dämon und lasst sie nie
wieder los, denn jetzt sind sie wissend und das heisst vereinsamt; kein
Mensch versteht sie mehr, und doch — ihre Ethik, ihre Soziologie, ihre
Gotteslehre, das, worauf es ihnen
ankommt, das, wofür sie auszogen und was sie nun erjagt haben —
sie können es Anderen nicht verkünden, wenn es ihnen nicht
vorher gelungen ist, die kritische Einsicht, auf der ihre ganze
Weltanschauung jetzt ruht, mitzuteilen; dazu muss sie immer deutlicher
ausgearbeitet, in immer neuer Weise dargestellt oder an anderen
Verhältnissen exemplifiziert werden; so wird die Nebensache nach
und nach zum Hauptlebenswerk: beide werden sie — wenn ich mich so
ausdrücken darf — in den Dienst einer Vorsehung
unbewusst
g e n ö t i g t; sie sterben, ohne das geleistet zu haben,
was sie
eigentlich hatten leisten wollen, und haben dabei
—————
¹) Vgl.
auch meine Grundlagen, S. 887 fg.
424 PLATO
das
vollbracht, was aus dem gesamten Menschengeschlecht nur sie allein
zu vollbringen fähig waren.
Für den Augenblick mag das genügen. Auf
Kant als Ethiker kommen wir erst im nächsten Vortrag; hier galt
es nur, den Vergleich mit Plato zu benützen, um diese mittlere
Tatsache des Lebens und Denkens ein für allemal festzustellen.
PLATO'S METHODE
Jetzt wollen wir uns beherzt an das Schwierigste
heranwagen,
an jene besondere Art, das Verhältnis zwischen den Dingen
und uns zu erblicken, aus welcher der so schwer in Worte zu fassende
»kritische Gedanke« hervorgeht. Hier dürfen wir, wie
gleich anfangs bemerkt wurde, eine nicht unbedeutende Förderung
aus der Tatsache erwarten, dass der dichterische Plato mehr geneigt
ist, der kritischen Erkenntnis positiven Ausdruck zu verleihen, sie als
eine Befreiung aus dem Nebel des »Verschwommenen«
(συγκεχυμενον Rep.
524 C)
ans Tageslicht zu betrachten — weswegen
Kant diesen Denker einer »Taube« vergleicht, die »im
freien Fluge die Luft teilt« — wogegen Kant selber, der
bedächtige Nordländer, dessen Augen in der
hyperboräischen Nacht schärfer geworden sind, das
Hauptverdienst der Kritik in der negativen Leistung, nämlich in
der einfürallemaligen »Begrenzung« der Vernunft und
als Folge hiervon in der »Abhaltung von Irrtümern«
erblickt, weswegen er sie nicht mit dem frei emporschwebenden Vogel,
sondern nüchtern mit .... ich getraue mich kaum, es auszusprechen
— mit der
»Polizey« vergleicht! ¹) Meine Absicht ist nun,
zunächst Plato allein in Betracht zu ziehen, auf Kant hingegen nur
hin und wieder zur Erläuterung hinzuweisen; bald werden wir dann,
um Plato wirklich zu verstehen und nicht bloss Worte zu kauen, einen
Streifzug auf anschauliches Material — wie in den früheren
Vorträgen — unternehmen müssen, wozu die Erscheinung des
Lebens als beste Versinnbildlichung des ewig unlösbaren
Widerstreites in unserem Geiste zwischen Sein und Werden dienen soll;
gestärkt durch diese Berührung mit der Empirie, wollen wir
dann Plato den Helden unserer früheren Tage — Goethe, Leonardo,
Descartes, Bruno — kurz gegenüberstellen und so unseren Weg zu
Kant wieder zurücknehmen.
»Der echte Weisheitliebende ist der, welcher
schaulustig (φι-
—————
¹)
Vgl. r.
V., 2. Vorrede XXV, 9, 789, 823, 879. und Ref. II, 40.
425 PLATO
λοθεαμων) nach der Wahrheit ist« (Rep. 475 E). S c h a u
l u s t i g
nach der Wahrheit: in diesen Worten liegt ein Bekenntnis und ein
Programm; es ist das Bekenntnis einer Individualität, die, um zu
wissen, sehen muss, die also auch für die abstrakten Gedanken
immer und überall nach anschaulicher Formgebung suchen wird; es
ist zugleich Programm; denn wenn dort, wo nicht geschaut wird, dennoch
geschaut werden soll, muss g e d i c h t e t werden.
Bekenntnis und Programm
zeugen für eine vorwiegend bejahende Natur; der Vorteil ist hier
die Anschaulichkeit, der Nachteil ist, dass die ganze Weltanschauung —
wie scharf auch das kritische Denken arbeiten mag — in einem System
ineinandergreifender Allegorien sich darstellt; die grosse Mehrzahl der
Menschen hält sich nun an die Allegorie, merkt wenig von dem
umgebenden, unendlich zarten Gedankengewebe, von der lächelnden
Selbstironisierung des Dichters und seinen immer wiederholten
Vorbehalten, sondern nimmt das Bild, welches die Erkenntnis vermitteln
soll, für die Erkenntnis selbst, woraus die ungeheuerlichsten
Dogmengebäude entstehen (wie bei den Neoplatonikern), während
die nüchtern Verständigen (mit Aristoteles an der Spitze)
Plato als Schwärmer verspotten. Und doch hat Plato an hundert
Stellen das Allegorische und Dichterische seiner Darstellung betont. So
z. B. wird die berühmte Allegorie (auf die wir bald
zurückkommen) von den in der Höhle angeketteten Männern
im 7. Buche der Republik von
Plato ausdrücklich als
»Bild« bezeichnet (εικων, 517 A); im Phaidon nennt er seine
Darstellung »die zweitbeste Fahrt«, da eben die direkte
Darstellung nicht möglich sei (99); an anderen Orten redet er von
»Traumbildern, wie sie ihm häufig vorschweben«
(Kratylos 439 C), und von
Reden, von denen »er nicht wisse, habe
er sie wachend oder träumend gehört« (Philebos 20 B).
Das alles betrifft aber bloss das äusserliche, grobe Gemäuer
des Baues; auf dem Wege zum Verständnis Plato's ist man erst
dann, wenn man einsehen gelernt hat, dass nicht nur diese offenkundigen
Allegorien Gleichnisse sind, sondern dass bei diesem Philosophen ein
Gleichnis im anderen liegt und wiederum in diesem zweiten ein drittes,
und so weiter bis hinein ins feinste Detail der Architektur; und zwar
aus dem einfachen Grunde, weil — wie soeben angedeutet — für
kritische Gedanken kein anderer b e j a h e n d e r
Ausdruck möglich ist
als ein Gleichnis. Es ist also wenig geleistet, wenn man die grossen
berühmten Allegorien vom Seelenwagen
426 PLATO
und
von den Höhlenbewohnern und von der Insel Atlantis und von den
meuterischen Matrosen usw. als Allegorien erkennt; selbst ein
Aristoteles hat so viel Einsicht besessen; vielmehr muss man das
Verständnis gewinnen, dass auch alle Hauptbegriffe oder vielmehr
Hauptvorstellungen Plato's, wie die der »Idee«, der
»Erinnerung«, der »Teilnahme« usw. ebenfalls
Gleichnisse sind, und zwar in einem weit feineren Sinne: eine jede
solche Vorstellung ist der bildliche Ausdruck für einen Gedanken.
Plato — von seinem Genius getrieben — hat unter ungeheuerster
Gedankenanspannung den Weg von innen nach aussen zurückgelegt; was
er aufstellt, sind Gesichte, sind Schöpfungen des metaphysischen
Künstlers, uns auffordernd, jetzt den umgekehrten Weg
zurückzulegen und somit an die unaussprechbaren Gedanken zu
gelangen. Und darum geht es nicht an, irgendwo auf halbem Wege, wo es
einem gerade zusagt, innezuhalten — wie man das bei aller echten
Symbolik könnte — und zu sagen: hier will ich bleiben, höher
kann ich nicht. Das Symbol ist die Sache selbst, eine kosmische
Tatsache, weiter oder enger gefasst, jenachdem; das Gleichnis dagegen
weist uns von sich hinweg auf ein Anderes. Bei Plato muss man also das
Bildliche als solches ganz durchschauen, bis auf den Gedankenkern, oder
man hat den Denker rettungslos missverstanden und weiss von ihm nicht
mehr als von einem geschlossenen Buche, dessen Lederband und
Goldschnitt man bewundert, ohne den Inhalt zu kennen. Ganz bildlos ist
Plato nie, selbst nicht in einer so abstrakt-dialektischen Untersuchung
wie der Parmenides; denn
schon die Dialogenform und ihre Inszenierung
genügt, um jede seiner Untersuchungen mit Poesie zu umgeben; und
wenn wir auch weiter nichts mit Augen sähen als die sich
Unterredenden, so wäre das immer noch ein »Anschauen«:
wir sollen die Gedanken an den Gesichtern ablesen; so hat es Plato
gewollt. Hiermit erst berühren wir den lebenden Mittelpunkt der
platonischen Darstellungsmethode: es handelt sich ihm um ein
Unaussprechliches. Die Gabe, in Bildern zu reden, hat ihm der Himmel
gegeben, doch die Nötigung, es zu tun, liegt in der Sache selbst.
Was aber Worte nicht aussprechen können, können auch Bilder
nicht aussprechen; sie sind nicht Darlegungen, sondern Hinweise, etwa
wie man mit einem Tauben durch Gebärden und Mienenspiel spricht.
Manchmal jedoch versagt jedes sinnliche Bild, und nun setzt Plato
dieses selbe Verfahren der gleichnismässigen
427 PLATO
Suggestionierung
auf unsinnlichem Felde fort; das hört sich sehr
paradox an, bringt Ihnen aber hoffentlich zum Bewusstsein, dass die
kritische Analyse der Erkenntnis, positiv vorgetragen, immer nur
»uneigentlich« spricht, immer nur anregt und hinweist, auch
dort, wo sie sich nicht offenkundig allegorisch, sondern
logisch-dialektisch gibt. Die Dialektik Plato's kann nicht richtig
verstehen, wer sie von seiner Allegorie scheidet; es gibt keine scharfe
Trennungslinie; immer ist es eine Aufforderung zu einer Tat, die der
Leser vollbringen soll; bis dieser sie vollbracht, das heisst, bis er
den Weg zurückgelegt hat, hat er Plato nicht verstanden. Sie
erinnern sich, wie Plato vom »Zeugen in der Seele« sprach
und wie das Altertum in ihm einen dem Dionysos verwandten Geist
verehrte; Zeugen dünkt mich ein wesentlich Anderes als Beweisen;
nun denn: Plato's Schaffen — gleichviel, ob in Gleichnissen oder in
Worten — bezweckt ein Z e u g e n; das ist in Bezug
auf seine
Darstellungsmethode des Geheimnisses letztes Wort.
Mit dieser Methode nun — dem Nichtbeweisenwollen und
dem Nichtsystematisierenwollen — hängt die für Plato so
charakteristische Zurückhaltung und fast schüchterne
Bescheidenheit zusammen. Er weiss ja, dass er das, was er meint, nicht
in Worten aussprechen kann; daher der Ausdruck von der
»zweitbesten Fahrt«, den Sie vorhin hörten und der in
hundert Varianten wiederkehrt. Als Meno den Sokrates mit seiner
bewundernden Zustimmung unterbricht, fällt dieser ihm ins Wort:
»Ich selber bin nicht sicher, nur Richtiges gesagt zu
haben« (Menon 86); und
im Phaidon meint er:
»Kein
vernünftiger Mensch wird behaupten wollen, was ich soeben gesagt
habe, entspreche genau der Wahrheit« (114 D). Mitten in einer
tiefsinnigen erkenntnistheoretischen Untersuchung unterbricht er sich:
»Ein grosser Mann wäre vonnöten, um hier zu
entscheiden; meinen Kräften traue ich es nicht zu«; ¹)
und
ein anderes Mal sieht man förmlich, wie er sich die Hände vor
die Augen hält, indem er ausruft: »Es mag sich so verhalten,
doch lieber fliehe ich rasch von hinnen, aus Furcht, in bodenloses
Geschwätz zu versinken« (Parmenides
130 D). Plato ist eben
ein Entdecker, genau im selben Sinne wie Columbus und wie Kant; er ist
sich dessen bewusst; er besitzt keine Karte des neuen Landes; jeder
Schritt ist eine Überraschung und jeder Schritt erfordert
Vorsicht. Daher ein Prüfendes, bisweilen fast Furchtsames in der
Durch-
—————
¹)
Zusammengezogen aus Charmides
169 A.
428 PLATO
suchung
des jungfräulichen Gebietes und gleich darauf
Übereilung und Verwegenheit, wie sie nur dem Unerfahrenen eigen
sind. Auch hier wieder ist Plato der grosse Künstler; nicht nur
die Gesprächsform ist bei ihm dramatisch — das ist schliesslich
doch wieder eine Allegorie — vielmehr spielt sich das wirkliche Drama
in seinem eigenen Gemüte ab, und mit vollendeter Kunst lässt
er uns seine Peripetien erleben. Darum reicht aber keine
schematische, keine systematische und keine rein gelehrte Methode hin,
um Plato richtig zu verstehen; dazu gehört künstlerischer
Geschmack und Zartsinn, ein reges und freies Geistesleben.
Gewiss begreifen Sie, wie wichtig diese Bemerkungen
für unsern Zweck sind; nicht nur ist Plato's Art zu schauen
hiermit schon zum Teil beschrieben, sondern wir wissen jetzt, in
welcher Weise wir unsere Untersuchung fortzusetzen haben. Denn wir
wissen, Plato's Werke stellen das leidenschaftsvolle Lebensdrama eines
dem Denken gewidmeten Geistes dar, und in einem Leben stehen nicht, wie
in einem System, die Dinge nebeneinander, sondern sie entwickeln
sich auseinander. Hier tritt das Symbol wieder in seine Rechte. Von
seinem frühesten Jugendwerke bis zu der grossen Schrift seines
Greisenalters — Die Gesetze —
erblicken wir immer genau den selben
Plato; er entwickelt sich, doch er ändert sich nicht; ein
geistesverwandter Seher könnte in fast jedem beliebigen Dialog die
Grundzüge der platonischen Weltanschauung entdecken; und doch ist
die Behauptung, Plato sei nie fertig, er überhole das früher
Gesagte und bringe immer Neues, ebenso wahr; dem scharfsinnigsten
Methodiker könnte es nie gelingen, diese Weltanschauung in eine
Formel oder in irgend ein System von Formeln zu bannen. So sehr ist
dieses Denken ein Erleben. Hier wäre es also umsonst, nach
einfürallemaligen Gedankengliederungen und Wortdefinitionen zu
suchen, da hier vom ersten Tag bis zum letzten gesucht wird und ein
Abschluss nie stattfindet. Ein Denken dieser Art fliesst aus jedem
Behälter über, weil sich in seiner fast fleckenlosen Reinheit
die Natur widerspiegelt, und diese auf allen Seiten über das
Menschenhirn hinausragt. Ein Anaxagoras ist grosser als sein Werk;
sein Nus (S. 297 fg.) ist ein Kompromiss
zwischen seinem Ahnen und
seinem Wollen, zwischen seiner Wahrheitsliebe und seinem Bedürfnis
nach logischem Abschluss; auch ein Aristoteles ist grösser als
sein Werk und ist darum fähig, es so willkürlich bestimmt zu
gestalten; er watet förmlich in Kompromissen,
429 PLATO
d.
h. in Gedanken und Definitionen, an die weder er noch ein Anderer
jemals wirklich geglaubt hat. Plato dagegen ist ohne alle Lüge;
die tiefste kritische Besonnenheit geht bei ihm mit stolzer Unschuld
Hand in Hand; »ich staune ob meiner eigenen Weisheit und muss
immer wieder daran zweifeln« (Krat.
428 D); darum trägt ihn
sein Werk wie der Ozean das Schiff. Was wir also — ich meine wir hier,
die wir weder eine Geschichte des platonischen Denkens, noch eine
Ergründung seiner Philosophie, sondern nur die plastische
Vorstellung der grenzenden Umrisslinien bezwecken — was wir zu suchen
haben und worüber wir uns volle Klarheit
verschaffen müssen, ist einerseits die bleibende Symbolik des
Gedankenlebens, und sind andererseits die wechselnden Allegorien des
Lebensgedankens.
PLATO'S SYMBOLIK
Fassen wir zunächst die grossen, dauernden und
darum symbolischen Wert besitzenden Lebensgebärden ins Auge, so
bemerken wir, dass zwei von ihnen uns schon bekannt sind,
nämlich erstens die Sorge um das moralische Wohl der Menschheit
als Grund und Ausgangspunkt zu allem Denken Plato's, zweitens die
Anlage, alles mit Augen erblicken zu müssen, eine Anlage, aus der
seine Darstellungsart sich herleitet. Eine dritte kommt hinzu. Denn
sobald wir das spezifische Denken als solches in Betracht ziehen, ist
gewiss die kritische F r a g e s t e l l u n g an
und für sich und abgesehen
von ihrem Ergebnis das Alles-Entscheidende. Welcher Art ist nun diese
Fragestellung, durch welche Kritik begründet wird?
Sie dürfen keinen Augenblick Kritik mit Skepsis
verwechseln. Die berühmtesten Skeptiker Griechenlands waren
Plato's Zeitgenossen; er betrachtet sie als gefährliche Feinde;
sie bringen alles ins Schwanken und vernichten, wie wahre Sittlichkeit,
so auch wahre Wissenschaft; sie sind das frivole Element in der
Philosophie, und Plato findet keinen würdigeren Vergleich für
sie als den mit »bissigen Kötern« (Rep. 439 B).
Ebensowenig dürfen Sie Kritik mit Sensualismus verquicken. Der
Sensualist ist ein Kutscher ohne Pferde, der auf der Strasse steht, mit
der Peitsche knallt und glaubt, das Peitschenknallen bringe ihn von der
Stelle. Dass die Wahrnehmungen durch die Sinne vermittelt werden und
somit unsere Vorstellungen der Dinge von dem Sinnenmechanismus
abhängen, ist eine richtige und uralte Beobachtung; doch betrifft
sie nur die anatomische Psychologie, keineswegs die metaphysische
Besinnung. Plato fertigt den sensualistischen Einwurf in seiner
430 PLATO
schlichten
Weise ab, indem er bemerkt: »Womit sehen wir? womit
hören wir? Doch nicht m i t den Augen
und m i t den Ohren, sondern
v e r m i t t e l s t der Augen und v e r m i t t e l s t der Ohren.... Arg wäre es, mein Sohn,
wenn alle diese Wahrnehmungen, wie die
Krieger im Bauche des hölzernen Pferdes vor Troja,
nebeneinanderlägen und nicht alle in eine bestimmte ideelle
Einheit (μια ιδεα) zusammenliefen, man heisse sie Seele
(Bewusstsein) oder wie man sonst beliebe; und diese Einheit ist es,
welche vermittelst jener Werkzeuge (wörtlich: Organe) das
Wahrnehmbare wahrnimmt«. ¹) So weist er zurück auf den
Mittelpunkt der erkenntniskritischen Frage: was ist jene
»Einheit«, ohne welche die zahllosen Wahrnehmungen
nimmermehr zur Auferbauung der Einen Erfahrung beisteuern könnten?
»Man heisse sie, wie man will« — Psyche, d. h. Atem, Lebensodem,
Lebenskraft, Herz, Seele, Bewusstsein
— Plato streitet nie um Worte (vgl. Rep.
533 E); »es ist immer
besser, sich über die Sache selbst zu verständigen, als
über
den Namen, den wir ihr beilegen«, meint er (Sophist 218 C); doch
diese Sache selbst, diese ideelle Einheit, was ist sie? was wissen wir
von ihr? »Platt auf dem Rücken mag Einer liegen, damit er
die Sterne umso besser beobachte, er schaut trotzdem immer noch
abwärts, nicht aufwärts; nur dann ist die Seele nach oben
gerichtet, wenn sie sich fragt, was das Sein, was das Nichtsichtbare
ist«. ²) Wie wollen wir über Natur und Ich, über
die
Entstehung der Dinge, über Einheit und Vielheit, über Sein
und Werden, wie namentlich wollen wir über die Tugend und die
Pflicht etwas ausmachen, wenn wir uns nie gefragt haben, was
überhaupt Erfahrung ist?
Wir dürfen behaupten, dass — abgesehen von den
zahlreichen rein praktisch-politischen und pädagogischen
Ausführungen — Plato's Werke alle, vom ersten bis zum letzten,
sich auf die Beantwortung dieser Frage — was ist Erfahrung? — beziehen;
und auch seine praktischen Ansichten hängen mit diesem Kernpunkt
seines metaphysischen Denkens so eng zusammen, dass wir die tiefsten
erkenntnis-kritischen Untersuchungen mitten in einem Werke wie Die
Republik antreffen. Und in der ihm eigenen Weise, alles und
—————
¹) Theaitetos 184 C, D.; und vgl.
Natorp a. a. O., S. 108. Genau das selbe lesen wir in der
Kaushîtaki-Upanishad
III, 8:
»Nicht nach der Gestalt soll
man fragen, sondern den erkennen, der da sieht; nicht nach dem Tone
soll man fragen, sondern den erkennen, der da hört«
(Deussen's
Übersetzung S. 50).
²) Zusammengezogen nach Rep. 529.
431 PLATO
jedes
anschaulich aufzufassen, hat Plato selber die
Gemütsstimmung, aus welcher diese Fragestellung hervorgeht,
als körperliche Gebärde empfunden: als ein S i c
h u m w e n d e n.
»Die meisten Menschen ahnen gar nicht, dass sie das Wesen der
Dinge
nicht kennen« (Phaidros
237);
aus diesem Zustande naiven
Unbewusstseins können sie aber nicht nach und nach, durch eine
Verabreichung von Bruchstücken kritischer Einsicht geweckt werden,
ebensowenig wie ein Mann, der in einem dunklen Verliess sitzt, sein
Auge
allein hinauf ins Licht schicken kann, wenn nicht der ganze Leib
mitgeht; vielmehr muss »die ganze Seele« erfasst und
aus der einen Richtung in die andere herumgedreht werden, was Plato
»die Kunst des Umwendens« (τεχνη της
περιαγωγης)
nennt (Staat 518 C, D). Es
kommt darauf an, dass wir, anstatt die Dinge — die
sogenannten, angeblichen »Dinge« — zu befragen, erst
die E r k e n n t n i s der Dinge, die Art, wie
diese Erkenntnis zustande kommt,
untersuchen; der Blick muss nach innen, statt nach aussen gerichtet
werden. »Lächerlich kommt es mir vor, nach anderen Dingen zu
schauen, solange ich in Bezug auf mich selbst unwissend bin; darum
lasse ich jene sein und schaue forschend in mich selbst, ob ich
etwa in mir ein noch verschlungener gebildetes und noch rasenderes
Untier entdecke, als den Drachen Typhon, oder ob vielleicht
das Wesen des Menschen zahmer und schlichter ist, zugleich
göttlicherer Art und doch weniger hochfliegend« (Phaidros 230 A).
Über diese entscheidende Lebensgebärde — die eigentlich, wie
Sie
sehen, eine Tat ist, nämlich eine Änderung der R
i c h t u n g, in der
der Geist fortzuschreiten gewohnt ist — müsste ich noch viel
hinzufügen, wenn sie nicht schon bei der Gegenüberstellung
Kant's und Bruno's ausführlich behandelt worden wäre (S. 376 bis
382); das Gleichnis des Bergsteigers werden Sie, glaube ich, nicht
vergessen haben; alles, was
dort für Kant gesagt wurde, gilt mathematisch genau für
Plato; der Standpunkt beider Männer ist in dieser Beziehung
identisch. Und wie Kant alle »ismen« verwarf, weil es
»keine eigentliche Polemik im Felde der reinen Vernunft
gibt« (vgl. S. 382),
ebenso verwirft Plato alle Systeme und
Dogmen, die er um sich sah, weil sie eben alle aus Unkritik
hervorgehen, und weil sich dem Blicke des Geistes, der sich umgewendet
hat, alle diese stolzen Strukturen der Philosophen als wesenlose
Schatten erweisen. Kant vergleicht die Philosophen ironisch mit den
Helden des Walhalls, die sich heute gegenseitig zerhauen und morgen
wieder zusammenwachsen;
432 PLATO
Plato
lacht ganz ähnlich über »das ungeheure
Schlachtgetümmel« der verschiedenen Schulen (Sophist 246 C), und er
bezeichnet die Lehren der Monisten, der Dualisten und der zwischen den
beiden zu vermitteln Suchenden als »Kindermärchen«.
Nachdem er sie alle ad absurdum
geführt hat, zieht er auch die
beiden möglichen Versuche, den gordischen Knoten dogmatisch zu
zerhauen, in Betracht, nämlich die »zahmen« Lehren des
absoluten Idealismus und die »gewaltsamen«, ihrer
angeborenen Beschränktheit wegen »schwer, vielleicht
unmöglich zu überwindenden« Anschauungen der
Materialisten, und weist nach, dass im Lichte der kritischen Besinnung
beide Auffassungen sinnlos sind (Sophist
242 und 246 fg.).
¹) Den
vollendeten Typus des Nichtkritikers, den absoluten Gegensatz also zu
seiner eigenen Denkart hat er nicht oder kaum am Werke erlebt; es war
Aristoteles, der buchstäblich das tat, was Plato verhöhnt
hatte, und »platt auf dem Rücken lag«, um aus den
Bewegungen der Gestirne zu entnehmen, wie viele Geister, Substanzen und
Zwecke die Welt gestalten (siehe S.
304 fg.).
Das also sind die drei geistigen Gebärden, die
Plato's Denken zu allen Zeiten seines Lebens charakterisieren; wer sie
nicht beachtet und begreift, kann nie und nirgends diesen Denker
richtig verstehen; es sind: 1. der praktisch-sittliche Drang als
Triebfeder des Wissens, 2. das Mit-Augen-Erschauen als Methode des
Wissens, 3. die innere Umwendung als Bedingung des Wissens. Eine
feinere Analyse würde mehr ergeben; für unseren Zweck
genügt das Gesagte.
PLATO'S ALLEGORIEN
Bedeutend schwieriger gestaltet sich die Sache,
sobald wir von
diesen allgemeinsten, dauernden Eigenschaften des Denkens zu
den Gedanken selbst und ihrer allegorischen Darstellung übergehen;
denn die dichterische Methode Plato's bewirkt, dass ein und der selbe
Gedanke in sehr verschiedenen Gestalten auftritt; insofern ist sein
Denken schwieriger zu fassen — ich meine in Formeln zu fassen — als das
irgend eines anderen Philosophen der Weltgeschichte. Was wir aber
soeben über die drei richtunggebenden, dauernden Geistesanlagen
ermittelt haben, wird uns hier zu statten kommen; die Symbole sollen
uns helfen, die grundlegenden Allegorien aus der Menge zu entwirren.
Denn es leuchtet ohne wei-
—————
¹)
Bezeichnend ist es, dass gerade
dieser Stelle wegen — wegen desjenigen Gedankens, den im Laufe von
Jahrtausenden nur der eine Mann denken konnte — die Authentizität
des Sophist von Fachgelehrten
öfters in Frage gestellt wurde und
noch wird. »Vaste Gelehrte können sehr borniert sein«,
bemerkt Kant.
433 PLATO
teres
ein, dass sich um jede einzelne dieser drei treibenden
Kräfte (wenn ich sie so nennen darf) eine Hauptgruppe
untereinander verwandter Allegorien ansetzen wird, wie Eisenfeile um
die Pole eines Magneten. Haben wir erst diese dem Denken Plato's am
nächsten liegenden Bilder in ihrer Bedeutung erkannt, dann wird es
leichter sein, weiter zu finden.
Was nun die praktisch-sittliche Triebfeder als erste
Lebensgebärde anbelangt, so ist es klar, dass ihr das Ziel selbst
alles platonischen Denkens entsprechen muss, nicht also die kritische
Ermittelung, sondern das sittliche Ergebnis, und dass infolgedessen
hier die Allegorie im gewöhnlicheren, plumperen Sinne des Wortes
naheliegt. Und in der Tat, die umfangreichsten Gespräche sind der
Ausmalung idealer gesellschaftlicher Einrichtungen gewidmet, die als
Muster (Paradigma) gelten
sollen, und von denen Plato ausdrücklich
sagt, ob sie in der Ausführung möglich seien oder nicht, sei
nebensächlich, es gelte die Aufstellung eines
»Beispiels« oder, wie wir heute sagen würden, eines
»Ideals« (Rep.
472, 473);
wieder, wie Sie sehen, das
Anschauliche als Leitstern für die Erfassung von Gedanken. Doch
haben wir hier keine Veranlassung, auf das Ethisch-Politische
näher einzugehen.
Anders verhält es sich mit dem Erschauen als
Methode und mit der Umwendung als Bedingung des Wissens; hier liegen
die Dinge nicht so durchsichtig, umso nötiger daher ist
Aufhellung; denn um diese zwei bleibenden Richtungen des Denkens bilden
sich die zwei grossen Allegoriengruppen, in denen Plato's ganzes
kritisches Denken Gestalt erhält. Wir wollen erst die eine, dann
die andere Gruppe betrachten.
DIE IDEE
Jener reiche Komplex von Vorstellungen, für den
Plato selber kein einzelnes Wort besass, aus dem aber die
folgenden Jahrhunderte (unter Aristoteles' Leitung) sich den Begriff
»platonische Ideenlehre« schmiedeten, ist in Wirklichkeit
nichts Anderes als die grosse, vielgestaltige Allegorie, die
entstehen
m u s s t e, sobald das Mit-Augen-Erschauen die Methode des
Denkens bildete
und infolgedessen Erkenntniskritik eine positiv-anschauliche
Gestaltung erhalten sollte.
Die wirkliche Kenntnis dessen, was man unter
»Idee« zu verstehen hat, wäre Anfang und Ende einer
genauen Kenntnis der Weltanschauung Plato's; hier kann ich nur einige
Winke geben. Und da ist es zunächst sehr wichtig zu bemerken, dass
er selber
434 PLATO
zwar
den Gedanken gedacht und ihn in unzähligen Farben und Formen
in die Sichtbarkeit hinauszuprojizieren sich bemüht hat, dass er
aber das Wort, den Namen, die Etikette und damit zugleich die schroffe
Abgrenzung und Verdinglichung nie gekannt hat, — womit ich sagen will,
dass niemals ein bestimmtes Wort für Plato die systematische
Bedeutung besessen hat, die wir dem Wort »Idee« beilegen.
Ursprung des Missverständnisses ist wieder Aristoteles, der in dem
berüchtigten 6. Kapitel des 1. Buches seiner Metaphysik das Muster
eines aus Unverstand und Schmälerungssucht zusammengewobenen
Berichtes über Plato's angebliche »Ideenlehre« gegeben
hat und diese Lehre aus der konfusesten Zusammenkleisterung der schon
nicht sehr deutlichen Gedanken anderer Philosophen hervorgehen
lässt; hier stellt er die Behauptung auf: die Definitionen
(ορισμοί) der Dinge habe Plato »Ideen des
Seienden« (των
οντων ιδεας) genannt. Was man
sich
hierbei denken soll, bleibt umso unfasslicher, als aus der weiteren
Darstellung hervorgeht, für Plato habe es kein Wissen von
sinnlichen Dingen gegeben; es bleiben also »Definitionen«,
aus Gott weiss welcher Eingebung erhalten, als Wesen des Seins; und das
ist die Ideenlehre! Und so hören wir denn den guten, redlichen
Seneca — dessen popularisierende Philosophie und Morallehre bis vor
kurzem einen so bestimmenden Einfluss auf die Vorstellungen aller
gebildeten Europäer ausgeübt hat — auf die Frage des Lucilius
antworten: »Was Ideen seien, fragst du? Sie sind ein
d e m P l a t o
e i g e n t ü m l i c h e s G e r ä t e,
das er Ideen genannt hat,
usw.«. ¹) Von Seneca bis zu Eduard Zeller in unseren Tagen,
fast
überall werden sie ähnliches Unfassliche über dieses
»eigentümliche Geräte« des Plato, die Ideenlehre,
vernehmen; den leidlich verständigen Leuten gilt darum Plato als
der Prototyp des Wolkentreters. Wenn Sie nun statt der Berichte die
eigenen Schriften Plato's zur Hand nehmen, die ein gütiges
Schicksal uns so vollständig und unverdorben erhalten hat, wie nur
wenige Werke des Altertums, so werden Sie sich wundern, diesem
»Geräte Plato's« nirgends zu begegnen, nirgends
nämlich in der Art, wie Sie es nach der Behauptung des Aristoteles
und aller Geschichtsbücher der Philosophie erwarten mussten. Schon
allein sprachlich liegt die Sache anders als man uns glauben machen
möchte. Denn wenn Sie sich nach dem ent-
—————
¹)
Quae
sunt, interrogas? Propria Platonis supellex est, Ideas vocat... (Epistola LVIII).
435 PLATO
sprechenden
Wort im Griechischen umtun, werden Sie
entdecken, dass es dort für unser heutiges Wort »Idee«
zwei verschiedene Worte gibt: Eidos
und Idea. Beide Worte
gebraucht
Plato viel, und zwar so, dass sie bisweilen genau zusammenfallen und
unterschiedslos das eine für das andere gesetzt werden, wie z. B.
am Anfang des 10. Buches der Republik,
wo der Sinn so vollkommen
identisch ist, dass bei der Wiederholung des selben Satzes das eine Mal
ιδεα, das andere Mal ειδος
steht, und beide Worte immerfort
durch Idee oder Begriff oder Vorstellung oder Gestalt je nach Belieben
übersetzt werden können. Dass sich aber Fälle finden, wo
Eidos und Idea gleich gut angewandt werden
können, beweist nicht,
dass beide Worte vertauschbar sind, und sie sind es in der Tat für
Plato nicht; seit Hermann Cohen's grundlegender Arbeit Die platonische
Ideenlehre, 1866, steht das ausser Zweifel, ¹) und dies
hätte
eigentlich seit jeher jedem auch ungelehrten Menschen auffallen
müssen, da es nicht selten vorkommt, dass Eidos und Idea im selben
Satz einander entgegengesetzt werden. ²) Wie Sie im weiteren
Verlauf
des Vortrages immer deutlicher einsehen werden, liegt hier der
eigentliche Kern des Gedankens. Wie bei jeder erblickten Gestalt immer
ein Doppeltes zu unterscheiden ist: der ausgeschlossene und der
eingeschlossene Raum, die eine unfassbare Grenzlinie voneinander
trennt, ebenso drückt die Idee immer eine zugleich verbindende und
gegensätzliche Beziehung zwischen zweierlei aus und schaut darum
nach zwei Richtungen. Damit Sie sich nicht mit unverstandenen
Wortschallen plagen, will ich gleich einschieben, dass Plato — im
grossen und ganzen — mit Eidos
die begriffliche und mit Idea
die
anschauliche Seite des gleichen Vorstellungskomplexes betont; Eidos
ist mehr gedacht als geschaut, Idea
ist mehr geschaut als gedacht; auf
der Mittellinie treffen sie zusammen und bedeuten genau das selbe; sie
können sich aber bis zur Gegensätzlichkeit voneinander
entfernen. Dieses Verhältnis ist genau analog dem zwischen
»Vernunftbegriff« und »Idee« bei Kant, das wir
im
ersten Vortrag kennen lernten (S. 72).
Ich kann Ihnen übrigens ein
anschauliches Beispiel geben: Eidos
gebraucht Plato manchmal (zugleich
mit Genos) für das, was
wir heute im Tierreich
»Gattung« nennen, Idea
häufig für
»Art«; der Begriff »Art« knüpft
—————
¹) Siehe Zeitschrift für
Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft, Band IV, S.
403—464.
(Die Ausführungen, auf die ich mich oben berufe, stehen S. 434 fg).
²) Siehe als Beispiele Theaitetos
213 E und Sophist 235 D.
436 PLATO
an
die unmittelbar wahrgenommenen Individuen an, ist also — wenigstens
theoretisch — reine Anschauung, nur mit der Beigabe einer begrifflichen
Analyse des Erblickten, »Gattung« dagegen ist ein aus
mehreren Arten abgezogener Begriff, ist also ganz Gedanke, obwohl ein
aus Anschauung gewonnener Gedanke; in der Praxis der Naturforschung ist
es aber durchaus nicht leicht, Gattung und Art auseinanderzuhalten; was
der eine Zoolog oder Botaniker für eine Art, also für den
Sammelbegriff tatsächlich mit Augen erblickter Individuen
hält, hält ein anderer für eine Gattung, also für
einen abgezogenen Begriff, dem kein wahrnehmbares Wesen unmittelbar
entspricht. Genau so verhält sich Eidos zu Idea bei Plato; und da
er ein lebendiger, wechselnder Mensch ist, der von der Zwangsjacke
aristotelischer Spintisiererei nichts weiss, kann es vorkommen, dass er
für die selbe Sache das eine Mal Eidos,
das andere Mal Idea sagt;
es genügt ja, dass das Auge auf Näheres oder Ferneres
eingestellt sei. ¹) Wie roh muss aber ein Denken sein, welches von
diesem ganzen feinen Gedankenorganismus mit den beiden fast synonymen
und nichtsdestoweniger einander oft entgegengesetzten Begriffsbildungen
nichts merkt und einfach erklärt: »Plato nennt die
Definitionen der Dinge Ideen«, Punktum! Es ist ein wahrer
Abgrund. Es kommt aber noch mehr.
Denn wie ich gleich anfangs bemerkte, Plato hat wohl
den Gedanken gedacht, nicht aber ihn methodisch eingeführt und
technisch ausgebildet; was man »Ideenlehre« bei ihm nennen
kann, ist nicht eine systematische Doktrin, sondern ein lebendiger
Bestandteil seiner ganzen Art zu denken; und während wir ruhig
theoretisieren über »das dem Plato eigentümliche
Geräte«, ist es in Wirklichkeit in der Mehrzahl der
Fälle nicht möglich, Eidos
und Idea, wie Plato diese
Worte
anwendet, mit »Idee« zu übersetzen; während
umgekehrt wir nicht selten versucht sind, »Idee« zu setzen,
wo er andere Worte gebraucht. Plato knüpft mit Eidos und Idea an
die in Griechenland übliche Bedeutung an: »sichtbare
—————
¹) Es
kann auch vorkommen, dass er
(wie z. B. Phaidros 265) die Idea-Art als die Gesamtmasse eines
deutlich Erschauten auffasst und daraus erst die Eide-Gattungen
ausscheiden lässt, was einige in der Betrachtung der Natur
wenig geübte Philologen veranlasst hat, Idea mit Gattung und Eidos
mit Art zu übersetzen, weil sie nicht begriffen, dass die Art
allerdings logisch der Gattung unterordnet ist, in Wirklichkeit aber,
wie Plato hier richtig sagt, erst »das überall Zerstreute zu
einer
Einheit Zusammengefasst werden muss«, ehe die Trennung nach
Gattungen beginnen kann; die Gattungen entstehen bei aller
Naturforschung aus den (wenn auch noch nicht ganz deutlich
abgegrenzten) Arten, nicht umgekehrt.
437 PLATO
Gestalt,
Erscheinung, Form«; woraus erst übertragen sich die
Auffassung »Beschaffenheit« oder gar »Wesen«
ergibt. Darum muss denn auch Eidos-Idea
mit allerhand Worten und
manchmal mit ganzen Sätzen übersetzt werden, soll der moderne
Leser eine ungefähre Vorstellung des Sinnes erhalten. Bei den
besten Übersetzern finden wir: Gestalt, Grundgestalt, Anschauung,
Begriff, Art, Eigenart, Eigenschaft, Gesetz, Einheit, Gattung, Wesen,
Anlage, Musterbild, Sicht und noch viele andere; häufig sind
Umschreibungen, z. B. »Art und Gestalt«, »eine
gewisse Einheit«, »durchgängige Grundform« usw.;
und wo der eine Übersetzer »Grundform« schreibt,
schreibt der zweite »Begriff« und der dritte
»Einheit« und der vierte »Idee«.
Was ich Ihnen — und wenn es sein müsste, mit
Hammerschlägen — ein für allemal einprägen möchte,
ist also, dass dieses Wort »Idee« bei Plato nicht — wie z.
B. später bei Kant — ein bestimmt definierter Begriff ist, dass es
darum nie rein technisch aufgefasst werden darf, sondern dass wir darin
eine A l l e g o r i e unter anderen zu erblicken
haben, und wenn auch
allerdings die mittlere, doch gerade darum eine ziemlich nach allen
Seiten schillernde, und jedenfalls von dem unermesslichen Gedanken, der
zu Grunde liegt, wie ein Boot auf dem Meere getragene. Gedanken
müssen mit Augen erschaut werden: das ist Plato's Methode; Idee
heisst erkennendes S e h e n; und darum spielen die
beiden Worte Eidos und
Idea, welche beide in sehr
vielen Fällen am allerbesten mit
G e d a n k e n g e s t a l t verdeutscht werden könnten,
immerhin eine
bedeutende Rolle in Plato's Sprache, wenn auch nicht eine so
vorwiegende, wie man zu behaupten beliebt. ¹)
Da wir nun nicht die Macht besitzen, die Gewohnheit
von Jahrtausenden zu brechen, und da wir uns ausserdem so
gründlich gegen den Missbrauch des Wortes verwahrt haben, wollen
auch wir jetzt kurzweg von I d e e reden und
darunter bequemerweise die
Allegorien für den ganzen Inbegriff von kritischen Einsichten
—————
¹) Eidos und Idea stammen beide
von dem selben Worte ειδω (resp. von eidenai
und idein) ab,
welches die zwei Bedeutungen S e h e n
und W i s s e n trägt. Diese
Doppelbedeutung ist schon der gemeinsamen indogermanischen Wurzel wid
eigen, »der vermutlich von Anfang an die Vorstellung des
erkennenden,
findenden Sehens anhaftet«; im Sanskrit vêda und im
Deutschen »wissen« ist das ursprüngliche Element des
Sehens sehr verblasst, im Griechischen dagegen wiegt das Sehen vor.
(Vgl. Curtius: Grundzüge der
griechischen Etymologie I¹, 82 und
Kluge: Etymol. Wörterbuch der
deutschen Sprache unter
»Wissen«). Man sieht, wie von Anfang an diesem Worte eine
zwiefache, verbindende und unterscheidende, kurz eine
»kritische«
Bedeutung innewohnt.
438 PLATO
zusammenfassen,
die sich um den Mittelpunkt der platonischen
Erkenntnislehre bilden; das ewige Missverständnis, als sei die
Idee selbst die Lehre, als habe Plato ein Dogma aufgestellt über
»Ideen«, unbegreifliche abstrakte Wesenheiten, eine Welt
neben der Welt, ist bei uns hoffentlich nicht mehr zu befürchten.
Und so können wir denn beherzt an die genaue Bestimmung dessen
gehen, was wir bei Plato unter »Idee« zu verstehen haben.
Den Raum als Form der Sinnlichkeit, die Verstandesbegriffe oder
Kategorien, die vermittelnde Zeit, die aus diesen allen gefolgerten
»Grundsätze«, wie sie Kant nennt (Grösse, Grad,
Beharrlichkeit usw.), die Vernunft mit ihren Vernunftbegriffen und
Ideen (im engeren Sinne des Wortes), ja, selbst die Ideale — so die
Vorstellung des Wahren und des Schönen — alle diese sehr
verschiedenen Vorstellungen belegt Plato gelegentlich mit dem Namen
Eidos oder Idea, wie auch mit anderen Namen,
die in ähnlicher
Weise Gattung, Art, geschaute Einheit usw. bedeuten; sie alle sind
»Ideen« im Sinne der platonischen Allegorie. Nicht sie aber
allein, sondern auch — und eigentlich müsste ich sagen, sondern
zuvörderst — das unübersehbare Heer der Vorstellungen, die
auch heute noch in der populären Sprache häufig als
»Ideen« bezeichnet werden: nämlich alle nomina
appellativa, collectiva und materialia,
d. h. alle Gattungsnamen,
Sammelnamen, Stoffnamen, Eigenschaftsnamen usw. Nicht bloss also das Wo
und das Wann und das Warum, nicht bloss die Unterscheidung zwischen
Gross und Klein, zwischen Begrenzt und Unbegrenzt, nicht bloss Ich,
Natur und Gott, nicht bloss Wahrheit und Schönheit,
Weltschöpfung, Evolution, Atome, Äther sind Ideen, sondern
Ideen sind auch Mensch, Hund, Blau, Bett, Flöte usw. ad inf.
Die Definition muss lauten: I d e
e i s t a l l e s, w o d u r c
h
E i n h e i t g e s c h a f f e n w i r d.
Plato selber gibt selten Definitionen; einmal
schreibt er aber: »Sobald wir irgendwo eine Vielheit zu einer
Einheit
zusammenfassen, die wir mit einem Namen belegen, haben wir ein Eidos«
(Republik 596 A). Die
Sinnlichkeit — »das Sichtbare« (το ορατον), wie Plato es nennt — schafft Vielheit; der
Verstand — Plato
sagt »das Unsichtbare« (το αορατον) oder
»das
Geschlecht und Gebiet des Denkbaren« (το
νοητου γενος τε και τοπος Rep.
509 D)
— schafft in dieser ufer- und
gestaltenlosen Vielheit Einheiten; das geschieht durch Vermittelung der
Ideen. Eine reiche, eine vielleicht unendliche Stufenfolge von solchen
Einheit-bewirkenden Ideen er-
439 PLATO
blickt
Plato, die ganz unten, bei den einfachsten Wahrnehmungen
anfängt, um in immer weiteren und weiteren Kreisen immer
grössere Mannigfaltigkeit zur Einheit zu binden, bis endlich ganz
oben die eine allumfassende Idee des Guten — das heisst der
Zweckbegriff als Gedankengestalt — alles, was ist, war und sein wird zu
einer einzigen Einheit abschliessend verbindet. Später schufen aus
dieser Stufenleiter die Neoplatoniker und theologischen Gnostiker
allerhand wunderbare und wenig erquickliche Phantasiegebilde, eine
ganze abstrakte Mythologie; bei Plato aber kann man sie gar nicht zu
schlicht und handgreiflich auffassen. Im Gegensatze zu der
oberflächlichen historischen Schablone müssen Sie einsehen
lernen, dass Plato durchaus Beobachter und Empiriker ist; er ist es
nicht im Sinne eines Newton, doch er ist es in einem Sinne, der dem
Leonardo's verwandt ist (worüber Näheres später); das
Auge ist sein Organ: und so war es denn seine Sache, überall das
»Zusammenschauen« (Phaidros
265 D), das Schauen des
»Einen im Vielen« als die Grundlage unseres Geisteslebens
nachzuweisen; und das konnten für ihn nicht v e r s c
h i e d e n e
Vermögen sein (wie sie es für den negativen Kritiker und
Analytiker Kant waren), sondern für ihn war alles, was Einheit
schafft, ein und das selbe Vermögen auf verschiedenen Stufen der
Anwendung. Wo immer Gedanken das Fliehende zum Stehen bringen, das
Ungestaltete gestalten, da ist Ideenbildung. Ohne diese
Einheit-schaffenden Ideen gäbe es überhaupt kein Erkennen,
kein Wissen, keine Erfahrung (γνωσις), sondern nur die
beziehungslose Heraklitische Verwandlung (vgl. Kratylos 440), den
ewigen Fluss blinder Wahrnehmungen. Sie verstehen aber Plato noch
nicht, sondern befinden sich vielmehr auf gnostischen Irrwegen, solange
Sie nicht eingesehen haben, dass für ihn die Ideen ebenso sehr den
Beruf haben zu trennen wie zusammenzufügen; beides besitzt gleiche
Würde; die Diairesis
(das Auseinandernehmen) ist genau ebenso
wichtig wie die Synagoge (das
Zusammenfügen) (Phaidros
265 fg.).
Alles, was Einheit schafft, ist Idee, sagte ich; ja, aber, was aus
einer grösseren allgemeineren Einheit kleinere, fester umzirkte
schafft, schafft dadurch ebenfalls Einheiten; Idea = die Art besitzt
als Einheit nicht mindere Bedeutung als Eidos = die Gattung; eher
wäre das Gegenteil wahr. Wenn der Menschengeist auf absolute
Einheit hindrängte und nicht Ideen auf verschiedenen Stufen sich
bildete und somit immer wieder jede einzelne Einheit in viele Einheiten
zer-
440 PLATO
teilte,
dann »träte das Anaxagoreische Chaos ein«
(Phaidon 72 C). Sie sehen, wie
weit wir von Bruno, Plotin, Spinoza und
dem ganzen Geschlecht der Monisten sind; weit entfernt, dass er vor der
absoluten Einheit auf den Knien läge, urteilt Plato, sie wäre
noch schlimmer als gar keine Einheit! Nicht darauf allein, sagt er im
Philebos, kommt es an, zu
wissen, dass es einerseits Einheit,
andererseits unbegrenzte Vielheit gibt, sondern was es zu bestimmen
gilt, ist »die Zahl des Wievielen«; erst wenn wir die
letzterreichbaren Einheiten besitzen, dürfen wir die Masse der
unzählbaren Einzelnen »an das Unbegrenzte preisgeben«
(vgl. 16 D, E). Und genauer
noch spricht er es im Sophisten
aus, wie er
sich diese Organisierung teils in steigenden Stufen, teils in
auseinanderstrebenden Ästen denkt: »Wer gehörig zu
trennen versteht, wird auch mit genügender Schärfe in dem in
Einzelerscheinungen zerstreuten Vielfachen eine einzige Idee [oder
ideelle Einheit, μιαν ιδεαν] wahrnehmen; dann aber wird er
bemerken, dass viele solche verschiedene Einheiten wiederum ringsumher
umgürtet sind zu einer neuen Idee, und dass manche dieser Ideen
[höherer Ordnung] noch einmal zu einer Einheit zusammengeschlossen
sind, wogegen manche andere [aus dieser neuen Einheit] völlig
abgesondert bleiben«. ¹) Sie bemerken, dass diese
Stufenleiter
nicht etwa eine systematisch-logische ist, sondern dass Plato hier wie
immer den Weg der empirischen Erfahrung geht, nämlich von der
Anschauung aus. Das »in Einzelerscheinungen zerstreute
Vielfache« wird durch Ideen zu einer Reihe von Einheiten
verdichtet: so z. B. zu »Mensch«, »Hund«,
»Eiche«, »Palme«, »Eisen«,
»Gold«; bei genauerer Überlegung — Plato würde
sagen, bei kräftigerem Zusammenschauen — entdecke ich, dass viele
dieser ideellen Einheiten wiederum zu neuen Einheiten
»umgürtet« werden können: hier Mensch und Hund
zu »Tier«, Eiche und Palme zu »Pflanze«, Eisen
und Gold zu »Metall«; und wiederum können Tier und
Pflanze zu einer einzigen Idee vereint werden: »lebendes
Wesen«; wogegen die Idee Metall »völlig abgesondert
bleibt«. So wird durch Ideen geeint und durch Ideen geschieden,
und beides bedeutet »Einheit schaffen«, das eine nicht
minder als das andere. Ausserdem können wir aber auf jeder
beliebigen Stufe verharren; was vorhin Idea war, können wir jetzt
als Eidos auffassen; denn
—————
¹) 253 D.
Die Worte in eckigen
Klammern sind Ergänzungen zur Verdeutlichung des unzweifelhaften
Sinnes, den aus den Übersetzungen Schleiermacher's
und Hieronymus
Müller's alle Weisen Griechenlands vereint nicht herauslesen
könnten.
441 PLATO
jede
Idee, sie mag auf welcher Stufe auch immer stehen, ist ein Ganzes.
Um dieses Ganze, diese ideelle Einheit zu erhalten, hatten wir
zunächst »das überallhin Zerstreute zusammenschauend zu
einer Idee herbeiführen« müssen; jetzt aber, wollen wir
dieses Ganze richtig analysieren, d. h. in Ideen zerlegen, so
müssen wir »die Natur des Ganzen« (του ολου φυρις)
erst richtig erfasst haben (Phaidros
265 fg.). Die grösseren
Einheiten bauen wir also aus den kleineren auf, die kleineren aber
erhalten wir aus dem genauen Erschauen der grösseren; gleichviel,
— wenn nur Einheiten geschaffen werden, denn darauf allein kommt es
an. ¹)
So schwebt die Idee auf und ab, als ein
geschäftiges Wesen, überall nicht abstrakte, sondern
anschauliche Gestalten abgrenzend, nicht logische Definitionen, sondern
organische Einheiten schaffend. Ideen haben heisst: einen, trennen,
aneinandergliedern, voneinandergliedern; und ich bilde mir ein, Sie
fangen an, recht gut zu begreifen, inwiefern Plato berechtigt ist,
hier, auf dem »Gebiete des Unsichtbaren«, doch von Schauen
zu reden und zu behaupten, auf die Erhaltung und Ausbildung dieses
inneren Schauens, dieses »Seelensinnes« (οργανον τι ψυχης) komme
mehr an, »als auf den Besitz von zehntausend Augen« (Rep. 527 D,
E). Was vermöchte denn das Auge, wenn nicht der Verstand
das bloss
mechanisch Erblickte zu Gedankengestalten
»zusammenschaute«? Das erst ist ja »sehen«. Das
Auge »erblickt« freilich, aber »nur konfus«;
deutlich
wird das Gesehene erst durch die Mitwirkung des darauf gerichteten
Denkens (Rep. VII, 524). Und
dieses Sehen ist es nun, was das ganze Geistesgebäude Plato's
durchdringt; seine Weltanschauung ist ein
S c h a u e n in höchster Potenz. Dazu dann die
anschauliche Anordnung
der Ideen, die übersichtliche Ausgestaltung aller ihrer
Verhältnisse zueinander; eine lebendige Architektonik, eher einem
organischen Wesen als einem künstlichen Bau zu vergleichen.
Ausserdem fusst aber, wie Sie soeben wieder gesehen haben, Plato
überall auf dem konkret Erblickten; ungern entfernt er sich von
ihm, und immer wieder knüpft er dort an, so dass er selbst die
höchsten Ideale aus der Betrachtung des tatsächlich mit Augen
Erschauten herleitet, so z. B. die Erkenntnis der Idee des unbedingt
Schönen mit der Betrachtung einzelner schönen Körper
anheben lässt (vgl. oben S. 403). Der Logiker
wird einwerfen,
dieses
—————
¹) Der im
Denken geübtere
Leser schlage betreffs der Unterscheidung zwischen Gattung und Art
(Eidos, Idea) r. V. 680 fg. — namentlich 682 —
nach.
442 PLATO
Verfahren
setze den Begriff der Schönheit voraus usw.; ¹) doch
das
kann uns hier gleichgültig sein; uns interessiert einzig, wie
Plato verfuhr; dass diese Ideenlehre — wenn es schon eine geben soll —
eine Allegorie ist, gibt Plato selber zu; es kommt nur darauf an zu
wissen, ob sie Wahrheit, und vielleicht unaussprechbare, supralogische,
kritische Wahrheit vermittelt.
Das Vermögen, Ideen zu bilden, wie es Plato
versteht, bedeutet weder mehr noch weniger als überhaupt
die
M ö g l i c h k e i t z u w i s s e n.
Auf die kritische Frage, wie ist Erfahrung
möglich, antwortet er: nur durch die »Bindung« des
Unbegrenzten (Vielen) durch das »Begrenzende« wird
»das S e i n erzeugt« (Philebos 26), oder — was genau das
selbe ist — »wird die E r k e n n t n i s
erzeugt« (Menon 98 A).
Diese Bindung geschieht durch die Bildung von Ideen. Jener
»Seelensinn« (Organon
Psyches), der uns zur geistigen Schau
verhilft, ist also das Organ des Wissens. Und weil alles an der Art
liegt, wie die Begrenzung durchgeführt wird, lehrt Plato:
»nur wem Ebenmass und Anmut eigen sind, nur der wird sich
zwanglos zu den wahren Ideen hinleiten lassen« (Rep. 486 D).
²)
Wie griechisch und edel, zugleich wie wahr für alle Zeiten ist
diese Lehre: nur durch beschränkende Gestaltung entsteht
Erfahrung! Sie bildet den Kern von Plato's Denken; dies ist derjenige
Gedanke, der im Laufe der Weltgeschichte nur das eine Mal
hervorgebracht werden konnte und sonst auf immer verloren gewesen
wäre.
Dagegen bleibt für Plato die nähere
logische Bestimmung dessen, was Ideen sind, verhältnismässig
gleichgültig; darin bewährt er sich als echter metaphysischer
Erkenntniskritiker; denn sobald ich hinter das Urphänomen
zurückgehe, hinter das erste Phänomen, das der Erfahrung
gegeben ist und durch das Erfahrung erst entsteht, muss ich Dogmatiker
werden und habe aufgehört, Kritiker zu sein. Nun liegt es aber in
Plato's Natur, bejahen, behaupten, aufbauen zu müssen, und so
führt er hier mit lächelnder Selbstironie das eine Mal einen
Einfall, das andere Mal einen anderen ein; »es genügt ja in
Bezug auf Ursprünge, wenn das, was ich sage, nicht
unwahrscheinlicher ist als das, was Andere erzählen; vergessen wir
—————
¹) Diesen
Einwurf hat Plato
natürlich vorausgesehen und Phaidon
100 darauf geantwortet; nach
ihm — genau so wie nach Kant — können wir im Reiche der Gedanken
überhaupt nur das finden, was wir voraussetzen.
²) In dem Worte εμμετρια (Ebenmass) liegt der Begriff μετρον, das Metrum der
gebundenen Sprache, der poetische Rhythmus, inbegriffen, was man nicht
übersehen darf, will man die ganze Schönheit des Satzes
verstehen.
443 PLATO
nicht,
dass wir alle Menschen sind« (Timäos
29 C). Am
häufigsten gebraucht Plato, wie wir wissen, in Bezug auf die
Entstehung der Ideen die Allegorie des Erschauens; manchmal aber
spricht er von Erdenken oder von Erdichten (Gastm. 205 B), oder von
Erfinden (l. c. 208, 209),
auch von »prophetischem Ahnen«
(μαντευομαι Phil.
64 A)
und von Traumbildern; ganz allegorisch wird
er, wenn er die Ideen als »ewige Muster«, als
»Urbilder« anspricht; dagegen gelangt er bis zu einer fast
Kantischen, negativ verfahrenden Kritik, wenn er sie als
»Gesetz«, als »Einheit«, oder gar als
»Hypothesen«, als »mögliche
Voraussetzungen« bezeichnet, aus denen eine zusammenhängende
Weltanschauung sich ableiten lasse, und die man darum »zu Grunde
legen dürfe«, ohne sich »durch die Furcht vor dem
eigenen Schatten« abschrecken zu lassen (Phaidon 100 fg. und vgl.
oben S. 427); auch ist es bemerkenswert, dass er
die Ideen hin und
wieder als blosse »Namengeber« (Eponymoi, Parm. 131 A)
bezeichnet, dagegen an anderen Tagen »träumt«, sie
könnten wohl »etwas An-und-für-sich-seiendes
sein« (Krat. 439 C). Es
findet, wie Sie sehen, in Bezug auf das
Wesen von Eidos-Idea ein
ähnliches Aufundabschweben statt wie in
Bezug auf die A n w e n d u n g; was Manchem unter
uns das Wichtigste
dünkt, ist für Plato nebensächlich; so wunderbar
organisch sein Denken ist, so wenig ist es systematisch. Und hat er
denn so sehr unrecht, seinem Gemüte hier die Zügel schiessen
zu lassen? Kommt es nicht ungefähr auf eins heraus, ob er sich die
Ideen auf dem Wege von Schlussfolgerungen (Syllogismen) aus den
Sinneseindrücken entstanden denkt (Theaitetos 186 D), oder ob er
zuerst die Ideen sein und aus ihnen als Nachahmung die sinnlich
wahrnehmbaren Dinge entstehen lässt (Timäos 29 A)?
Entscheidend für ihn ist einzig und allein die genaue Bestimmung
desjenigen Punktes, wo das Sein — und das heisst das Bewusstsein, und
das heisst das Denken, und das heisst die Welt — erzeugt wird, und
dieser Punkt ist, wie gesagt, der, wo »gebunden«, wo
»begrenzt« wird. Alles was ist, ist Beziehung: das ist die
kritische Entdeckung Plato's. »Von einem S e i n
kurzweg
darf man weder sprechen noch erlauben, dass Andere davon sprechen;
sondern ein Sein gibt es nur für, durch und in Beziehung auf
Etwas. Weder ist ein Bewirkendes ohne ein Leidendes, noch ein
Leidendes, ehe es mit einem Wirkenden zusammentrifft. Erst das
Zusammentreffen beider erzeugt die Wahrnehmungen und das Wahrgenommene
und macht, dass auf der einen Seite ein irgend-
444 PLATO
wie
beschaffenes D i n g und auf der anderen ein das
Ding W a h r n e h m e n d e r
erstehe«. ¹) Die Erzeugung zum Sein — γενεσις εις ουσιαν: das ist der einzige Punkt, den unser
Dionysos-Plato
scharf ins Auge fasst.
Wollte ich nun hier weiter ins Einzelne gehen, so
hiesse das eine Darlegung der ganzen platonischen Weltanschauung
unternehmen, ein zwar verlockendes, aber verantwortungsvolles
Unternehmen, das auf keinen Fall hierher gehört. Manches wird noch
im weiteren Verlaufe sich hier und dort einfügen; im übrigen
hoffe ich, mit dem Gesagten zu der Charakterisierung von Plato's
persönlicher Art zu schauen etwas beigetragen zu haben. Jetzt aber
müssen wir die letzte Allegoriengruppe ins Auge fassen. Die Idee
entsprach der Gebärde des Mit-Augen-Erschauens als M e
t h o d e des
Wissens; die nächste Gruppe entspricht der Gebärde des
Sichumwendens als B e d i n g u n g des Wissens (S.
432). Jetzt, wo wir die
Ideen kennen, wird sich das recht heikle Thema, die Quelle so
unausrottbarer Missverständnisse, hoffentlich
verhältnismässig leicht bewältigen lassen.
DAS SICH-UMWENDEN
Ich wende mich um; wozu? Um etwas zu erblicken, was
ich
vorher nicht sah. Was liegt nun näher, als diese
rein kritisch gemeinte Umkehr — nämlich die Richtung des Blickes
nach innen
statt nach aussen, die kritische Fragestellung statt der naiven
empirischen Annahme — was liegt, sage ich, näher als diese
Gebärde des Umwendens auch zur anschaulichen Illustration der
Ideenlehre zu verwenden? Und so entsteht — um mit der einfachsten
Allegorie anzufangen — die Erzählung von den in einer Höhle
angebundenen Männern, die dem Tageslicht den Rücken kehren
und nur die Schatten der draussen sich bewegenden Dinge an der Wand
erblicken. Diese Parabel besagt: ein bloss sinnlich wahrgenommener,
noch nicht zu der Gedankengestalt einer Idee verdichteter Gegenstand
ist nichts weiter als ein vorbeihuschendes Schattengebilde; ein Hund z.
B., den ich lediglich w a h r n e h m e, ist bloss
ein gelber oder schwarzer
oder scheckiger Fleck von unregelmässigen Umrissen; ins
eigentliche Dasein tritt er erst durch die Idee »Hund«;
jetzt erst ist er ein bestimmtes Etwas; erst der Gedanke
—————
¹) Theaitetos,
zusammengestellt,
aber wörtlich, aus den drei zueinander gehörigen Stellen
157 A, 160 B C und 182 B. Zur weiteren Ergründung dieses leitenden
Gedankens aller Kritik vergleiche man Kant's Unterscheidung zwischen
einem »bestimmenden« und einem »bestimmbaren«
Selbst (r. V.
407 fg. und I, 402).
445 PLATO
»erzeugt
zum Sein«. ¹) Was ist aber, im Gegensatz zu
der
durch Mitwirkung des Verstandes entstandenen Idee »Hund«,
jenes unideelle Etwas, der Hund selber? Der blosse Schatten ist es
nicht, das wäre zu wenig gesagt; die Idee ist es auch nicht, denn
diese bezieht sich nicht auf ein bestimmtes Individuum, sondern auf den
Hund überhaupt; jenes Etwas ist E r s c h e i n u n g.
Wie Plato mit
kritischem Scharfsinn erkannt hat: wo Verstand (δοξα)
und
Sinnlichkeit (αισθησις) sich berühren, da entsteht die
Erscheinung
(Timäos 52 A); und dieses
ganze Bild von der Höhle kann
insofern als die vortrefflichste, populärste Darstellung dessen
gelten, was alle Kritik unter »Erscheinung« versteht (vgl.
S. 387 fg.). ²) Die
Wahrnehmung regt das Denken zum Ideenbilden an, und
erst vermittelst der Idee gewinnt die Erscheinung Gestalt — und zwar
mehr oder weniger, je nach der Ausbildungsstufe von Eidos-Idea (wie wir
gleich sehen werden). Plato will aber seine Allegorie noch weiter
ausnützen; die atheniensische Jugend, die er ins kritische Denken
einführt, soll zu noch tieferen Erkenntnissen angeregt werden; es
geschieht mit einigem Ungestüm. Ihr verlangt nach Dingen? ruft
Plato. Nun gut, die Ideen, das sind die Dinge! Wenn man jene
angefesselten Höhlenbewohner losbände und sie ins Sonnenlicht
hinaustreten liesse, dann würden sie die Dinge selbst mit Augen
erblicken. Das Bild ist überkühn; hier redet der Dionysos; es
ist eine Eingebung des Rausches, und man sieht förmlich, wie der
Trunkene redet und lächelt, wie er eigensinnig dabei beharrt und
doch genau weiss, dass es sich nur um einen Umweg handelt, der zu
neuen, vertieften Einsichten hinleiten wird. Und wahr ist ja das kecke
Paradoxon: das Dingsein der Dinge erfolgt nur aus ihrem Ideesein; ohne
dieses blieben sie blosse Schatten. Dieses Paradoxon soll den in Worten
so schwer zu fassenden Mittelpunkt aller Erkenntniskritik
veranschaulichen. Sie haben ja vorhin gehört: von
einem S e i n
kurzweg darf man nicht sprechen; die Welt und das sie im Bewusstsein
tragende Ich entstehen immer erst beim Zusammentreffen von zweierlei;
dort nannte es Plato Wahrnehmung und Wahrnehmbares — das war die
psychologische Auffassung; jetzt wieder hiess es Verstand und
Sinnlichkeit — das war meta-
—————
¹) Das
Beispiel des Hundes gibt Kant r. V.,
180.
²) Plato ist selber nie dazu gekommen, den
Begriff »Erscheinung« scharf zu fassen, doch deutet er ihn
gelegentlich als Phantasia an
oder umschreibt ihn mit einem Zeitwort
und sagt: wir nennen es »es erscheint« (φαινεται ο
λεγομεν, Soph.
264 B).
446 PLATO
physisch
gesprochen; an anderen Orten sagt er Göttliches und
Sterbliches — das ist eine Übertragung ins Mythische (Gastm.
202 E); oder er redet von Erkenntnis und Erkenntnislosigkeit —
das ist
der logische Ausdruck (Gastm.
202 A).
Alle diese verschiedenen Formeln —
und es mag noch mehr geben — besagen das selbe: sie besagen, dass das
Ich ein ewig Unfassbares ist, das als Punkt ohne
Grösse und ohne Dauer, immer neu erzeugt und allerzeugend,
zwischen zwei Welten schwebt. Jede Allegorie für diese Erkenntnis
wird notwendigerweise einen Menschen (das Ich) hinstellen,
der v o r sich
die eine Welt und h i n t e r sich die andere hat,
wie das ja hier bei den
in der Höhle Angeketteten sich findet. Schaue ich nach vorn und
nach hinten hinaus bis in die tiefsten Fernen, so finde ich vorn blosse
beziehungslose Schatten, hinten ein unbezeichenbares Etwas, den
Schatten eines Gesetzes, einer Notwendigkeit, einer
Gestaltungsfähigkeit; verlasse ich diese ewig unbestimmbaren
Fernen, um den Vordergrund beider Welten ins Auge zu fassen, so sehe
ich v o r mir die Welt der
Erscheinungen, h i n t e r mir die Welt der Ideen.
Ebensowenig aber, wie die Erscheinungen wirklich »vor« mir
sind — wollte ich auf sie zustürzen, ich würde mit der Nase
gegen die Höhlenwand anrennen, weiter nichts, — ebensowenig sind
die Ideen wirklich »hinter« mir; vielmehr lehrt Plato:
»die
Ideen sind Gedanken, von denen nicht anzunehmen ist, sie würden
irgendwo anders geboren als in den Seelen« (Parm. 132 B). Die
allegorische Anwendung dieses Bildes hätte also auch nicht den
Arglosesten unter den Unbegabten zu einer materialistischen Auffassung
von Plato's Ideenlehre verleiten dürfen. Denn das gerade ist das
Charakteristische, dass der Mensch sich nicht — nicht in diesem
materiellen Verstande — umdrehen k a n n; täte
er
es, er wäre nicht mehr Mensch. Wesen der Erkenntnis ist, zwischen
zwei Welten zu stehen; Erkennen ist (allegorisch gesprochen)
vermitteln. »Mitteninne zwischen beiden ist es also die
ausfüllende Ergänzung (συμπληροι), wodurch das Ganze in
sich selbst verknüpft ist«; so spricht Plato (Gastm. 202 E);
reine Ideen, Ideen, die sich nicht auf Wahrnehmungen bezögen,
wären ein Nichts; weswegen Plato an anderer Stelle sagt:
»Ohne Sehen oder Berühren oder irgend eine andere
Wahrnehmung —
denn diese alle gelten mir gleich — keine Erkenntnis« (Phaidon
75 A). Der subjektivistische Idealismus ist hierdurch unbedingt
verworfen, im kritischen Idealismus geniesst er kein Hausrecht; denn
jene Alle-
447 PLATO
gorie
soll, ich wiederhole es, gerade das Mitteninnesein der Seele, des
Ich, des Weltträgers, zwischen dem, was wir als Objekt und dem,
was wir als Subjekt empfinden, veranschaulichen. Das Umwenden aber,
welches noch draufgepfropft wird, die Schilderung, als würde der
Losgebundene dann die Ideen als die wahren Dinge erkennen, entsteht aus
dem Bedürfnis, jener kritischen Lebensgebärde eines
Wegwendens von der gemeinen, gedankenlos empirischen Annahme
plastischen Ausdruck zu schenken, zugleich auch, um kräftig zu
betonen, dass ohne Gedankengestalt nichts erkannt werden könne,
und dass diese folglich überall zu Grunde liege.
DIE TEILNAHME
Mit dieser Allegorie hängt nun eine weitere
allegorische Redensart zusammen, die aber in mancher Hinsicht
fast symbolischen Wert besitzt, und über die seit
zweitausenddreihundert Jahren viel Tinte geflossen ist: die
»Teilnahme«, die Methexis.
An
jener Höhlenwand können sich keine Schattenbilder zeigen,
wenn nicht hinten Gegenstände sich vorbei bewegen; das
flüchtige Schattenbild i s t also nicht der
Gegenstand, es hat aber
an ihm T e i l, es ist durch ihn genau b
e d i n g t. Ebensowenig entsteht eine
Erscheinung ohne Idee. Ein Hund ist kein Hund, bis die Idee
»Hund« ihn dazu gestempelt hat. Ohne irgend eine
Ideenbildung wäre er garnichts; eine sehr vage, allgemeine Idee
würde ihn als ein »Bewegtes« am Horizonte unseres
Geistes
auftauchen lassen; eine einigermassen bestimmtere etwa als ein
»lebendes Wesen« ; eine noch bestimmtere als ein
»Tier«; werden Wahrnehmung und Idee noch genauer
aufeinander eingestellt, so entsteht das »vierfüssige
Tier«, dann der »Hund«, dann der »Spitz«
oder
der »Dachs« usw.; und aus dem oben geschilderten
umgekehrten Vorgang der Vergleichung unter den Ideen entsteht — wieder
vom Besonderen zum Allgemeinen hinaufsteigend — nach und nach das
»Raubtier«, das
»Säugetier«, das »Wirbeltier« usw. So
schwebt die Ideenbildung auf und ab, und an allen diesen Ideen hat das
einzelne Individuum T e i l. Dieses einzelne
Individuum hat aber auch an
zahllosen anderen Ideen Teil, so z. B. an Grösse, Zahl, Ort,
Güte usw. Ich glaube, jeder schlichte, gerade Verstand muss diese
allegorische Redeweise Plato's, die Behauptung nämlich, der
individuelle Gegenstand »entstehe durch Teilnahme an so und so
vielen Ideen«, belehrend und anregend finden; und dennoch wird
unter den Philosophen seit Aristoteles darüber hin- und
herdebattiert, wie denn diese Teilnahme zu denken sei: ob durch eine
mystische Emanation aus den Ideen,
448 PLATO
oder
durch Abgabe von Teilchen, oder als eine Art von Beschattung, und
was es sonst für Narrheiten noch geben mag; und die konfusen
Köpfe beten Gott weiss was für eine astrale Geheimlehre an,
während die verständigen sich mit Aristoteles von all dem
Unsinn wegwenden. Zu Grunde liegt aber bei Allen das hoffnungslose
Missverstehen des erkenntnis-kritischen Standpunktes, den Plato und
Kant bei ihrer Art, die Welt anzuschauen, einnehmen; denn alle diese
vermeintlichen Schwierigkeiten existieren nur unter der Voraussetzung
einer Welt empirischer Dinge, in welcher zufällig hin und wieder
gedacht wird; ist aber Erscheinung nur in Beziehung zum Denken und
Gedanke nur in Bezug auf Erscheinung möglich, ist das Ich
gleichsam der Indifferenzpunkt genau »mitteninne« zwischen
den beiden Welten, so hat diese Teilnahme, diese μεθεξις,
durchaus nichts
Mystisches oder wenigstens nichts Mysteriöses an sich, sie
erfordert keine prästabilierte Harmonie noch sonstigen
Hokuspokus, sondern die Teilnahme ist schlichtorganisch, nämlich
bedingend-bedingt zu denken. Auf »Dinge« in jener konkreten
Auffassung reicht unser Denken überhaupt nicht hin, sondern nur
auf »Erscheinungen«; selbständige, hypostasierte Ideen
wären aber genau ebenso »dinglich«, wie es die von uns
Allen so naiv hypostasierten »Dinge« sind; es wären
Gespensterdinge, mehr nicht; dagegen lässt sich sehr gut
begreifen, inwiefern man sagen könne, die E r s c h e
i n u n g »nehme
Teil an den Ideen«; sie entstehen ja beide zugleich, sie sind im
Mittelpunkt vereint, »verknüpft«, wie Plato vorhin
sagte; ihr ganzes Dasein besteht aus und in Teilnahme aneinander; denn
wer Teilnahme sagt, sagt Gegenseitigkeit. Wie wir bei dem Beispiel des
Hundes sahen, wächst die Idee mit der Genauigkeit, und das heisst
mit dem Reichtum der Erscheinungswelt; weswegen Plato Jedem, der weise
werden will, die Pflege der Erfahrung (Empeiria)
ans Herz legt (Rep.
539 E). Methexis-Teilnahme
findet also nach beiden Richtungen statt.
DIE ERINNERUNG
Die Nachteile dieser gar sehr handgreiflichen
Allegorie lagen
dennoch bedrohlich nahe; dem absichtlichen und unabsichtlichen
Missverstehen waren Tür und Tor geöffnet; wir sehen es ja,
und wahrscheinlich hat es Plato selber erlebt. Und so griff er denn
wieder zu einer anderen, ebenso berühmt gewordenen Allegorie, die
genau das selbe, aber viel feiner ausdrückt, — was allerdings
nicht verhindert hat, dass sie von unseren Banausen womöglich noch
schlimmer zugerichtet worden ist. Das Umwenden, sowie
449 PLATO
die
ganze damit zusammenhängende Vorstellung von vorn und hinten
lässt nämlich zwei Auffassungen zu, und nur zwei: ich kann
mich im Raume umwenden, und ich kann mich in der Zeit umwenden; dem
Hinten entspricht ein »Früher« und dem Vorn ein
»Später«; die Vergangenheit liegt uns im Rücken,
die zukunftsreiche Gegenwart streckt sich vor den Augen aus. Und so
finden wir denn neben der Allegorie der Teilnahme (Methexis) die
Allegorie der »Erinnerung« (Anamnesis). In einem
früheren Leben hatten wir »Gott nachwandelnd die Wahrheit
erblickt« (Phaidros
249);
an den dunkel wahrgenommenen
Erscheinungen erwacht jetzt nach und nach die Erinnerung an das
früher ungetrübt Erschaute. Nach dieser Vorstellung liegen,
wie Sie sehen, die Ideen nicht hinter mir im Raume, sondern hinter mir
in der Zeit; in dem einen Falle denken wir sub specie spatii, in dem
anderen sub specie temporis.
Dies letztere ist unendlich viel zarter,
weil Raum die Form der Sinnlichkeit ist und weiter nichts, wogegen
Zeit, wie Sie wissen (siehe S.
266 fg.), gerade auf der Grenzscheide
liegt zwischen Sinnlichkeit und Verstand und ebensosehr zum einen wie
zum anderen gehört; dadurch entspricht aber die Zeit genau jenem
Indifferenzpunkt des Ich, sie ist der »innere Sinn«, wie
Kant sie nennt. Wir haben zwei Ichs, das eine im Raume (die
Erscheinung), das andere raumlos (die Idee), zwischen beiden vermittelt
die Zeit; Idee und Erscheinung rücken hier so nahe aneinander wie
nur irgend möglich; was sie noch trennt, ist eine
Infinitesimalgrösse, das heisst eine beliebig klein zu denkende,
jedoch nie ganz zu tilgende. Daher ist diese Allegorie — berühmt
aus dem Phaidros und dem Menon, auch sonst aber an vielen
Orten von
Plato gelegentlich erwähnt — geradezu unausdenkbar reich an
Anregungen. Schon die Vorstellung, dass wir die Ideen »geschaut
haben müssen« (Phaidr.
249
E), gleichviel wann und wo, hat
etwas Sonniges an sich; jenes Auge der Seele, von dem wir vorhin
hörten, dünkt uns durch diese Schau auf immer geweiht; und
der eine Grundsatz der Kritik, nämlich die Lehre von der
Anschauung als dem, worauf »alles Denken, es sei geradezu oder im
Umschweife, sich bezieht« (r.
V., erster §) findet hierdurch
poetischen Ausdruck. Dann ist in diesem Bilde auch für die
allmähliche Verfeinerung und Ausgestaltung der Ideenwelt im Geiste
des Einzelnen oder während einer Kulturepoche ein bildlicher
Ausdruck gefunden, was dort unmöglich war; denn der Schatten an
der Wand blieb der Schatten an der Wand, wogegen die
450 PLATO
Erinnerung
(wie in Menon an dem Beispiel
des Sklaven veranschaulicht
wird, der Geometrie versteht, ohne sie gelernt zu haben) täglich
an Deutlichkeit zunehmen kann. Besonderen Wert gewinnt ferner diese
Allegorie für die Erkenntniskritik aus der Tatsache, dass gerade
die Erinnerung bei der Bildung von Ideen grundlegend ist; wie sollte
ich zu der Idee »Hund« gelangen, wenn nicht das
Gedächtnis mir das Material der Wahrnehmungen aufspeicherte?
¹) Ausserdem führt diese Allegorie zu dem Begriff der
Unsterblichkeit und damit — wenn ich so sagen darf — über die Zeit
hinaus bis jenseit der Zeit, und lehrt dadurch, an die Zeit als an eine
blosse Form des Denkens und Schauens zu denken. Kurz, der Dichter im
Denker hat hier einen seiner grössten Triumphe gefeiert.
Hier auf die Missdeutungen einzugehen, die diese
Allegorie der Anamnesis bis
zum heutigen Tage herab erfahren hat, sehe
ich mich nicht veranlasst. Plato selber bemerkt im Menon (86) zur
Anamnesis: »Einstehen
will ich für das Gesagte nicht«;
und nach der schönen Allegorie von dem früheren Leben im
Phaidros — der Hauptquelle
für die Lehre der Anamnesis
— entschuldigt
er sich noch ausdrücklich, dass er »des Phaidros
wegen« (der eines blumenreichen Rhetors Schüler war) seine
Rede »dichterisch ausgeschmückt habe« (257 A). Nur
eines muss noch kurz erwähnt werden: die Bedeutung der sogenannten
»angeborenen Ideen« (des a
priori späterer Philosophen
und auch Kant's) innerhalb der Anamnesis-Allegorie.
Hier muss ein
für allemal dem rohen Missverstand der Riegel vorgeschoben werden.
DAS APRIORI
Plato schreibt: Das geben wir zu, dass wir die Ideen
bei
keiner anderen Gelegenheit kennen gelernt haben, noch imstande sind,
sie kennen zu lernen, als veranlasst durch das Sehen oder Berühren
oder irgend eine andere Wahrnehmung; wir bemerken aber, dass das
sinnlich Wahrgenommene [das »Wahrgenommene« bedeutet hier
in Gegensatz zur »Wahrnehmung« das, was wir heute
»Erscheinung« nennen] zwar nach diesen Ideen strebt, nie
aber sie ganz erreicht; vielmehr bleibt das Wahrgenommene immer hinter
der vorgestellten Gedankengestalt zurück; wir können also
jene Ideen nicht »aus« der Wahrnehmung entnommen haben,
sondern es muss in jeder Erfahrung Elemente geben, »die wir
bekommen haben, ehe wir geboren wurden«. ²) Da haben Sie das
verhängnisvolle »An-
—————
¹) Vgl. hierzu Plato im Theaitetos 193 fg.
²) Freie, aber dem Sinne nach streng genaue
Paraphrase nach Phaidon 75.
451 PLATO
geborene«,
das a priori, mit dem
Jahrhunderte verdummt worden
sind; woraus dann ein a posteriori
der geringzuschätzenden
»blossen Erfahrung« gefolgert wurde. Plato selber hat es
aber
anders gemeint; dafür war er ja Erkenntniskritiker. Jenes
»ehe wir geboren wurden« kann für ihn keine
buchstäblich zu nehmende z e i t l i c h e
Bestimmung bedeuten; die
Unmöglichkeit liegt auf der Hand, da er selber die Zeit
ausdrücklich als eine der blossen Erscheinung der Dinge anhaftende
Form lehrt. »Die Zeit«, sagt Plato, »ist mit dem
Himmel (d. h. mit der Welt der Erscheinung) geboren und schwindet
ebenfalls mit ihm hin; sagen wir von einer Sache, sie ist gewesen, sie
entsteht, sie wird sein, so drücken wir uns ungenau aus, denn die
Zeit ist nur das rhythmisch bewegte Gleichnis (εικων =
Anschauungsform
bei Kant) eines Zeitlosen« (Timäos
37, 38). Das »ehe
wir geboren wurden« — mit dem unseligen Wechselbalg »a
priori« — kann also selber nur ein Gleichnis sein, da es
ein
»Ehedem« nur uneigentlich gibt. Und spricht Plato von
angeborenen Ideen und eignet sich später Kant (leider) den
irreführenden Ausdruck a priori
an, so müssen wir verstehen,
dass damit niemals eine zeitliche Bestimmung, eine historische Aussage
über die Entstehung der Erkenntnis beabsichtigt ist. Diese
wäre im Rahmen des kritischen Denkens sinnlos. Vielmehr haben wir
gesehen, dass die beiden möglichen Allegorien dieser Gruppe — das
Vorn und Hinten in der Zeit und das Vorn und Hinten im Raume — sich
genau entsprechen; um den Sinn von a
priori und a posteriori,
wie die
Kritik diese Begriffe lehrt, richtig zu verstehen, werden wir darum gut
tun, sie uns nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich
vorzustellen: dann heisst a priori
das, was uns im Rücken liegt,
und a posteriori das, was vor
uns sich bewegt. Diese Worte sollen
eigentlich nichts weiter als eine topographische Unterscheidung zum
Ausdruck bringen, und die Topographie zeitlich aufgefasst ist
Chronologie. Sie erinnern sich, dass, nach Plato's grosser Entdeckung,
Erkenntnis — also die Welt und das Ich — in einer Indifferenzzone
zwischen Zweierlei gezeugt wird und selber zeugt:
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
so aber, dass immer Zweierlei — Welt und Ich, Objekt und Subjekt usw. —
gegeben ist, gleichviel, ob man die Erkenntnis als zeugend oder als
gezeugt auffassen will. Das a priori
und a posteriori bezieht sich
nun
auf nichts weiter als auf die zwei Seiten
452 PLATO
dieser
Gleichung, um sie voneinander zu unterscheiden. In der
Vorstellung »Idee« denken wir diese Einheit als
z e u g e n d,
nämlich in dem Moment des Zerspaltens nach zwei entgegengesetzten
Richtungen, also aktiv; in der Vorstellung des a priori und a
posteriori wird die Einheit als aus Zweierlei g e z
e u g t, also passiv,
vorgestellt. Ob Sie dann früher und später, oder hinten und
vorn, oder, wenn es Ihnen besser gefällt, rechts und links, oder
auch oben und unten sagen, das ist vollkommen gleichgültig. Es ist
im Grunde genommen das selbe Verhältnis, das ich im vorigen
Vortrag als »nach innen« und »nach aussen« zur
Schematisierung der philosophischen Systeme gebrauchte. Am besten aber
behält man das Bild der beiden Ufer mit dem Fluss dazwischen vor
Augen; a priori heisst dann
»hüben«, a
posteriori
»drüben«. Wir Menschen fussen von Natur auf dem Ufer
des Unsichtbaren und schauen gleichsam hinüber auf das Sichtbare,
wie auf ein Jenseitiges, und erblicken es gerade deswegen so deutlich.
Natürlich empfinden wir aber alles, was auf unserem Ufer heimisch
ist, uns näher — näher im Raume, näher in der Zeit — als
das drüben Gelegene. Ein umgekehrtes Verhältnis kann man sich
ja, wenn nicht gerade vorstellen, so doch wenigstens ausrechnen:
für ein solches Wesen, das von Natur auf dem anderen Ufer
stünde, wäre »Gedankengestalt« was für uns
»das Sichtbare« ist, ein Flüchtiges, schwer zu
Erhaschendes. Es trüge alle möglichen Wahrnehmungen im Kopfe,
geradeso wie wir alle möglichen Ideen in nuce im Kopfe haben, und
es hinge von seinem Genie und seiner methodischen Ausbildung ab, ob es
mehr oder weniger zahlreiche hervorbrächte; es würde sie auch
— bei näherer Überlegung — als sein Werk, seinen Besitz, sein
a
priori empfinden, wogegen die Kategorien, die Grundbegriffe und
das
ganze Heer von Ideen (im platonischen Sinne), die für uns
sozusagen das Schema, die uns angemessene Architektonik der Erkenntnis
ausmachen, für dieses Wesen das a
posteriori, das nach und nach,
bruchstückweise Entstehende und nie vollendet Vorzulegende
wäre. Ein solcher Intellekt, der die Gedanken und die Naturgesetze
und die Gestaltungsideen in den Wahrnehmungen eingeschlossen und
gleichsam eingewickelt fände, würde danach jagen wie wir nach
seltenen Pflanzen und Tieren und sie in Gedankenmuseen und
Naturgesetzherbarien und Ideenabgüssen aufheben, um sie nicht
wieder zu verlieren. Er müsste die Gedanken in Spiritus tun und
die Ideen ausstopfen lassen, da bei ihm
453 PLATO
nur
die Wahrnehmungen ewig, die Gedanken dagegen vergänglich und
schnell verwesend wären. Doch ich halte mich nur deswegen einen
Augenblick bei der Ausmalung dieser Gedankenposse auf, weil sie
vielleicht dazu dienen kann, Ihnen die Relativität der
Vorstellungen a priori und a posteriori zu Gemüte zu
führen.
Würden wir uns die Erkenntnis (das Welt-Ich) als ein Absolutes
vorstellen, ich meine, wären wir Menschen dazu befähigt, eine
solche Vorstellung wirklich zu erfassen, so verlören jene
Ausdrücke sogar alle, ja auch ihre allegorische Bedeutung; wie
aber die Dinge einmal stehen, wo alles, was ist, für uns
Menschen
B e z i e h u n g ist, dienen a
priori und a posteriori
zu einer
tatsächlichen (nicht bloss logischen) Unterscheidung, zu einer
Unterscheidung, die, weil sie innerhalb der Erkenntnis liegt, nur eines
uneigentlichen, bildlichen Ausdruckes fähig ist, wofür uns
der Raum die farbigere, die Zeit die feinere Allegorie bietet.
Ich hoffe, diese Andeutungen werden genügt
haben, Sie ein für allemal über das leidige a priori — was es
ist und was es nicht ist — zu orientieren; bei Kant kehrt der zu Grunde
liegende Gedanke in vertiefter Gestalt wieder und bildet eigentlich die
Grundlage seiner ganzen Kritik der Vernunft; doch nennt er jedes
materiell aufgefasste a priori
eine philosophia pigrorum,
»Philosophie der Faulen« (D.,
coroll. zu sect. III);
solange Sie
damit den Schatten eines buchstäblich zu verstehenden
Angeborenseins oder Früherseins verbinden, ist an ein
Verständnis für Kant's Art, die Welt zu erschauen, nicht zu
denken.
ÜBERGANG
Somit wären unsere Untersuchungen über die
bleibenden und darum symbolischen Wert besitzenden
Gedankengebärden Plato's und über die mit ihnen organisch
verbundenen Hauptallegorien
seiner Darstellung beschlossen. Einiges Nähere über die Art
und Weise, wie Plato zwischen den verschiedenen Bestandteilen der
Erkenntnis unterschieden, wie weit, heisst das, er seine Analyse des
Menschengeistes getrieben hat, wird sich erst später ergeben, wenn
der bald zu unternehmende Exkurs uns reichlich mit anschaulichem
Material versehen hat. Dahin wollen wir jetzt eilen. Plato selber hat
ja nie volle kritische Klarheit über diese Analyse besessen, und
so lernen wir das Persönliche seines Denkens besser verstehen,
wenn wir es am Werke belauschen, als wenn wir die
454 PLATO
sogenannten
»Ergebnisse« künstlich herausdestillieren.
Hiermit wäre unser nächstfolgendes Ziel bezeichnet.
DER WIDERSTREIT IN DER VERNUNFT
Für diesen Plato am Werke, wie wir ihn zu
erblicken
suchen, ist ohne jede Frage das Eine, das in allen Dialogen
immer Wiederkehrende vorzugsweise bezeichnend: eine bestimmte Tatsache
— das heisst
also das aus genauer Beobachtung erfolgende Gewahrwerden einer
bestimmten Tatsache — ist es nämlich, was Plato zum kritischen
Denken überhaupt veranlasst und ihm jene Gebärde des
Sichumwendens abgenötigt hat. Immer wieder und wieder richtet sich
diese eine Tatsache fragend und mahnend vor ihm auf. Aus dem Staunen
hierüber erwächst seine Methode und, im weiteren Verlaufe,
seine Philosophie. Er entdeckt nämlich, dass jede einfache und
grundlegende Frage allgemeinen Inhaltes, sobald sie mit voller
Redlichkeit weit genug zurückverfolgt wird, in dem Versuche ein
Letztes, Endgültiges darüber zu ermitteln, eine zwiefache
Antwort, zwei sich direkt widersprechende Lösungen zulässt;
jede von beiden scheint die andere auszuschliessen, und doch
vermögen wir Menschen es nicht, mit der einen Antwort allein
auszukommen, sondern wir halten, je nach dem Standpunkt, auf den wir
uns für den Augenblick stellen, das eine Mal das Eine, das andere
Mal das Andere für wahr; es ist ein beständiges Hin- und
Herpendeln, und zwar aus einem Extrem ins andere — etwa wie eine Wage
mit labilem Gleichgewicht — da jede vermittelnde Lösung
ausgeschlossen ist. So z. B. urteilt unsere Vernunft: die Welt muss
einen Anfang in der Zeit gehabt haben — denn jede Wirkung setzt eine
Ursache voraus, und gäbe es nicht erste Ursachen, so könnte
die Welt heute nicht bestehen; ebensosehr muss aber unsere Vernunft dem
entgegengesetzten, streng logisch nachweisbaren Satze recht geben: die
Welt kann keinen Anfang in der Zeit gehabt haben, denn wie könnte
eine »erste« Ursache ohne vorhergehende Ursache entstanden
sein? In der selben Weise lässt sich nachweisen, es müsse
letzte unteilbare Einheiten geben, sonst käme keine Welt zustande
(vgl. Bruno in unserem vorigen Vortrag), und doch wird sich auf der
ganzen Erde kein Mensch finden, der von irgend einem noch so kleinen
Partikelchen Materie leugnen würde, man könne es noch weiter
teilen. Kant nun, der in seiner unvergleichlichen Weise diese
Verhältnisse endgültig aufgeklärt hat, nennt dieses
Phänomen des Menschengeistes dessen »Antithetik«, d.
h. den Widerstreit der Behauptungen, oder — noch
455 PLATO
häufiger
— die »Antinomie« der Vernunft, d. h. den
Widerstreit zwischen den Gesetzen des Denkens. Und er sagt
darüber: »...von selbst und zwar unvermeidlich gerät
die Vernunft in diese
Antithetik, und wird dadurch zwar vor dem Schlummer einer eingebildeten
Überzeugung, den ein bloss einseitiger Schein hervorbringt,
verwahrt, aber zugleich in Versuchung gebracht, sich entweder einer
skeptischen Hoffnungslosigkeit zu überlassen, oder einen
dogmatischen Trotz anzunehmen und den Kopf steif auf gewisse
Behauptungen zu setzen, ohne den Gründen des Gegenteils
Gehör und Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; beides ist der Tod
einer gesunden Philosophie...« (r.
V. 434). Doch, richtig
verstanden ist diese Antinomie »die wohltätigste Verirrung,
in die die menschliche Vernunft je hat geraten können, indem sie
uns zuletzt antreibt, den Schlüssel zu suchen, aus diesem
Labyrinthe herauszukommen, der, wenn er gefunden worden, noch das
entdeckt, was man nicht suchte und doch bedarf...« (pr. V., 2.
B., 1. Hpt.). Für Kant, genau so wie für Plato, war es
diese
Tatsache — diese natürliche A n t i n o m i e
der menschlichen Vernunft —
die ihn überhaupt zur Kritik der Erkenntnis antrieb und ihm dabei
den Weg wies; in einem Brief des Jahres 1798 schreibt er:
»....die
Antinomie der reinen Vernunft .... war es, welche mich aus dem
dogmatischen Schlummer zuerst aufweckte und zur Kritik der Vernunft
selbst hintrieb, um das (sic)
Skandal des scheinbaren Widerspruchs der
Vernunft mit ihr selbst zu heben« (Br. III, 255). Und an uns Alle
richtet er die Mahnung: »Ich wünsche daher, dass der
kritische Leser sich mit dieser Antinomie hauptsächlich
beschäftige, weil die Natur selbst sie aufgestellt zu haben
scheint, um die Vernunft in ihren dreisten Anmassungen stutzig zu
machen und zur Selbstprüfung zu nötigen« (Prol. §
52 b). ¹) Plato ist es, wie gesagt, ebenso wie Kant
ergangen; ohne
einen
technischen Ausdruck dafür zu besitzen, spricht er doch
überall von dieser natürlichen Antinomie, und einmal
führt er sogar eine bisher wenig beachtete Bezeichnung für
sie ein, die die Gegensätzlichkeit seiner bejahenden Methode im
Verhältnis zu Kant's verneinender um ein fast rührendes
Beispiel bereichert. Anstatt den Widerstreit als einen
»Skandal« zu empfinden und für ihn einen
widerborstigen ab-
—————
¹) Eine weitere, sehr schöne
Stelle über die allgemeine Bedeutung der Antinomie für das
kritische Denken findet der Leser in dem ersten Absatz der Anm. II zu
§ 57 der Urteilskraft.
456 PLATO
strakten
terminus technicus
einzuführen, preist ihn Plato vielmehr
als dasjenige Element unseres Geisteslebens, welches zum kritischen
Nachdenken anregt, anreizt, auffordert (παρακαλεω),
und nennt ihn
einmal fast mit dem selben Namen wie die Christen später ihren
Heiligen Geist, nämlich den Parakletikos,
den Rufenden und
Helfenden, der zugleich aufstachelt und tröstet. Denn ohne die
Antinomie der Vernunft, meint er, würden wir die enggrenzende
empirische Mauer nie auch nur bemerken; sie ist es, die uns erst
aufmerksam macht, dass die blosse Wahrnehmung und Ideenbildung in
Wirklichkeit »nichts Gesundes ausrichten«. Nur dort, wo
jede Behauptung die gegenteilige »herausfordert«,
können wir sicher sein, das Problem des Verhältnisses
zwischen Sinnlichkeit und Verstand (Sichtbarem und Unsichtbarem) an der
Wurzel zu erfassen (Republik
523 fg.).
Was ist nun diese den Kritiker anregende, den naiven
Menschen in Verzweiflung bringende und den Dogmatiker zur Gewaltsamkeit
reizende Antinomie unseres Denkens? Auf welcher Eigenschaft des
Erkenntnisvermögens beruht dieser merkwürdige, nie zu
schlichtende innere Widerstreit? Einzig Plato und Kant können die
Frage beantworten, weil sie allein naturwissenschaftlich beobachtet
haben, statt zu spintisieren. Kant hat die erforderliche Analyse der
Erkenntnis weit genauer ausgearbeitet, als Plato, bei dem sie naiv und
einfach blieb; doch halte ich Plato's Auffassung für um so
geeigneter, die von diesem Standpunkt aus sich auftuenden grundlegenden
Wahrheiten anschaulich mitzuteilen. Kant ist ausserdem, dort wo er die
Antinomie speziell abhandelt, selber in der Hitze seines Kampfes gegen
die Panlogiker ziemlich tief in die Sophistereien der Jahrhunderte
hineingeraten; so will es mich wenigstens dünken; hier pfropft
sich bei ihm eine Negation auf die andere, bis man nicht mehr weiss, wo
Einem der Kopf steht; Plato dagegen erblickt die Sache gross und
einfach; folgen wir also zunächst Diesem.
Für Plato handelt es sich bei aller Antinomie
der Vernunft einfach um einen Widerstreit zwischen Unsichtbarem und
Sichtbarem: was Einheit schafft, ist das unsichtbare Ich (der
Verstand), was
Vielheit schafft, ist die sichtbare Welt (die Sinnlichkeit). Ohne die
Vielheit gäbe es freilich nichts — »dem Menschen wohnt von
Natur weder Wissen (επιστημη) noch Wähnen (δοξα)
bei«
(Menon 98 D) — ohne
ununterbrochene Vereinheitlichung gäbe es aber
457 PLATO
keine
Erkenntnis, also ebenfalls nichts. ¹) Wir
haben
ja schon gesehen, wie das Denken, indem es Ideen schafft, eine Welt
erschafft. Schon hier empfindet Plato einen Kampf; die Dinge
widerstreben; sie wollen nicht »idealisiert« werden; nie
auch erreicht ein einzelnes Wesen die Vollendung der Idee, wie sie der
Mensch selbstherrlich entwirft. Darum unterscheidet unser Aristokrat
zwischen einem »Höheren« und einem
»Tieferen«, einem »Echten« und einem
»Unechten«, einem »Edlen« und einem
»Unedlen«, ja — wenn ihn die Begeisterung (die Mania)
erfasst hat — zwischen einem »Wahren« und einem
»Erlogenen«, zwischen einem »Etwas« und einem
»Nichts«: das eine ist die Idee, das andere ist das
Wahrgenommene, und das heisst das Eikon
(Rep. 509 E), der Schatten an
der Wand. Diese selbe Gemütsrichtung herrscht nun weiter. Alles,
was Einheit schafft, stammt nach Plato vom Gedanken, vom Unsichtbaren,
vom Ich und ist daher das Edle; alles, was Vielheit schafft, kommt von
den Sinnen, von der Sichtbarkeit, von dem Nicht-Ich, es ist das Unedle
und der Feind. Das G e s e t z: das ist es, was
Plato überall zu
entdecken und nachzuweisen, zu erschaffen und aufzuzwingen sucht; und
das Gesetz ist nicht bloss Werk, sondern auch Wesen des Ich. ²)
Die
einfachsten Ideen — die Ideen der wahrgenommenen Dinge — sind schon
»Gesetze«; durch sie werden ungezählte
Einzelgegenstände (d. h. -wahrnehmungen) gezwungen, sich
bestimmten
Gedankengestalten unterzuordnen, sich ihnen einzureihen. Dass diese
Gedankengestalten nach Plato »Hypothesen« sind,
—————
¹) Ein heutiger Zoolog streng
empirischer Richtung schreibt: »Verschiedene Sinnesorgane,
über den gleichen Gegenstand befragt, geben ... durchaus
inkommensurable Antworten. Es setzt sich auch in der Tat, wenn wir
näher zusehen, das gesamte Erscheinungsmaterial unserer
Sinnlichkeit aus lauter heterogenen und gänzlich unvergleichbaren
Empfindungen zusammen, die erst durch die Apperception [das Ich]
zu einem
einheitlichen Gegenstande geformt werden« (J.
von Uexküll: Im Kampf
um die Tierseele, S. A. aus Ergebnisse
der Physiologie, II. Abt.,
1902). Ich citiere das nicht als Argument oder Rechtfertigung, sondern
lediglich als psychologisch-empirische Stütze für den im
kritischen Denken noch Ungeübten.
²) In Bezug hierauf ist namentlich
das für das Verständnis Plato's epochemachende Werk Paul
Natorp's: Plato's Ideenlehre, eine
Einführung in den Idealismus,
1903, zu vergleichen. Hier ist Endgültiges geleistet, weil zu der
für eine kritische Bearbeitung des Stoffes unerlässlichen
philologischen Akribie die vollkommen sichere Auffassung des
metaphysischen Hauptgedankens, zu dem alles hinführt und aus dem
alles ausstrahlt, hinzukommt. Zwar hat mich das während der
Ausführung dieses Vortrages erschienene Werk zu irgend einer
Änderung meiner Darstellung nicht veranlasst, doch fühle ich
mich
dermassen durch die Kenntnis dieses Buches bereichert, dass ein
gelegentlicher Hinweis nicht genügen könnte, um das Mass
meiner Verbindlichkeit zum Ausdruck zu bringen; vielmehr bitte ich
Jeden, dem es um die wahre Kenntnis Plato's zu tun ist, selber aus
dieser Quelle zu schöpfen.
458 PLATO
haben
wir schon gesehen (S. 443); umso stolzer steht der
Mensch da;
nicht einmal eine einfache Gegenstandsidee, wie Hund oder Tier, ist
ihm, in der Gestalt, in der sie in seinem Geiste lebt, von der Natur
gegeben; vielmehr macht er sie selber und kann sie nach Belieben weiter
und enger fassen, nach unten zu zerspalten, nach oben hin in
umfassendere Ideen einschmelzen. Alles mit dem einen Zweck, das
Sichtbare zu bannen und es zu einem Gedachten zu läutern.
»Aus welcher Ursache auch etwas aus dem Nichtsein in das Sein
übertritt, gleichviel, ein dichterisches Erschaffen findet dabei
alleweil statt« (Gastmahl
205 B).
Denn Erkenntnis ist nicht etwas
Fertiges, vielmehr ist sie ein Mehr und ein Weniger; sie wächst,
je methodischer und vollkommener das System der Vereinheitlichungen
durchgeführt ist. So z. B. (Menon
98 A) verflattern auch
»richtige Vorstellungen« bald in Nichts, solange sie nicht
»festgebunden« sind durch »die vernunftgemässe
Erfassung von Ursache und Wirkung« (αιτιας
λογισμω);
hierdurch erst entsteht »wahre Erkenntnis«; mit anderen
Worten: das wahrgenommene Sichtbare wäre keine Einheit, keine
Natur, wenn nicht die Vernunft mit ihrem Gesetze der Kausalität
die einzelnen Erscheinungen aneinander »festbände«;
und dieses Gesetz ist a priori,
ist Anamnesis (wie Plato an
der selben
Stelle hinzufügt), denn Kausalität erst macht Erfahrung
möglich. Und wie wir — von unserem Ufer des Denkbaren, des Topos
Noetou aus — die Ursächlichkeit setzen, so setzen wir auch
die
Zeit; innerhalb ihrer wirkt die Ursache, in ihr werden alle
Erscheinungen in eine einzige Reihe eingeklemmt, aus der sie garnicht
herauszuspringen vermögen, sie »bindet«, sie
»vereinheitlicht«. Ebenso setzen wir den Raum, dessen
Bedeutung, um sämtliche Wahrnehmungen der Sinnlichkeit auf eine
einzige Einheit zurückzuführen, uns im Descartesvortrag
deutlich wurde (S. 256 fg.),
und von dem Plato bemerkt: »diese
Idee des (Raumes) ist es weder möglich, sinnlich wahrzunehmen,
noch folgerecht zu denken; mit einer Art Zwittervermögen unseres
Geistes — halb Sinnlichkeit, halb Verstand — stellen wir wie
Traumbefangene
sie uns vor«. ¹) Und so setzen wir Menschen nun — ohne von
dieser,
unserer instinktiven Methode ein kritisches Bewusstsein zu besitzen
— eine »Idee« nach der anderen, und binden so die Flucht
der Erscheinungen immer fester zu einer Einheit. Nur auf diesem
—————
¹)
Dies
ist der buchstäblich genaue Sinn des absichtlich dunkel gehaltenen
Satzes, Timäos 52 B.
459 PLATO
Wege
wird aus Wahrnehmung Wissen, und nur auf diesem Wege wird nach und
nach — bei methodischer Anwendung — aus Wissen
Wissenschaft.
W i s s e n s c h a f t bedeutet etymologisch »gestaltetes
Wissen«; an
ihr sieht man, wohin es der Mensch bei konsequenter Ideenbildung
bringen kann. Alle sogenannten Naturgesetze sind Ideen, d. h.
Gedankengestalten, durch die ein Vielfaches zu einer Einheit gebunden
wird; zu Grunde liegen natürlich Wahrnehmungen, wie bei der Idee
»Hund« auch Wahrnehmungen zu Grunde lagen; doch das Gesetz
als Gesetz ist ein Gedanke, ist ein Glied in einem unendlich
künstlichen Gedankenaufbau. Auf diesem Wege nun geraten wir in die
Antinomie der Vernunft und werden wir — wie Plato mit schlichter
Grösse gesteht — »unfähig, Wahres auszusagen«
(Timäos 52 C). Denn eine
jede dieser Vereinheitlichungen ist ein
Gewaltakt. Freilich, ihn ausüben zu wollen und zu können, ist
ein prometheisches Geschenk der Götter; was den Menschen zum
Menschen macht, ist, dass er Ideen bildet. Ein Poietes ist der Mensch,
ein »Macher«, ein Dichter, ein Schöpfer von
Gedankengestalten. Auch Dichtungen aber stimmen
nie ganz; irgendwo hapert's auch im genialsten Kunstwerk; denn Kunst
ist intensive Einheitsbestrebung, und Einheit ist ein Gedanke, nicht
eine empirisch mögliche Erscheinung. Wie viel mehr muss das hier
der Fall sein, wo nicht Kunst, sondern der blinde Drang nach Verstehen,
Können, Herrschen das ganze Menschengeschlecht nach bestimmten
vorgezeichneten Richtungen gewaltsam unüberlegt immer weiter und
weiter treibt! Wie harmlos und wie fraglos einwandfrei scheint es,
alle jene uns wohlbekannten, zwar sehr verschieden gestalteten, doch
durch bestimmte Züge einander unverkennbar ähnelnden
vierfüssigen Haustiere zu der Idee »Hund« zusammen
zufassen; und doch will uns eine modernste Wissenschaft belehren, dass
es unter lebenden Wesen überhaupt gar keine Arten gebe, sondern
lauter Individuen nebeneinander; wodurch jedenfalls Plato, der
ausdrücklich gelehrt hatte, alle Ideen — auch die scheinbar bloss
appellativen — seien in Wirklichkeit nicht ein durch Wahrnehmung
Gegebenes, sondern ein vom Menschengeist ausgeübtes
»Erzeugen zum Sein«, glänzend gerechtfertigt scheint.
Zu Grunde liegt hier jene Urantinomie (wenn ich mich so ausdrücken
darf), die Plato am meisten beschäftigt hat und von der wir vorhin
den Ausgang nahmen: wie ist es möglich, dass Einheit und Vielheit
nebeneinander bestehen? Einheit nämlich nicht als Glied der
460 PLATO
Zahlenreihe,
sondern als Gegensatz zur Kategorie der Grösse und
Zahl. Ohne Wahrnehmungen — also ohne Vielheit und Zahl — keine
Erkenntnis, keine Welt, kein Ich; ohne organisch
unzerstückbare Einheiten und Einheit ebenfalls keine Erkenntnis,
keine Welt, kein Ich. Wer soll diesen Widerstreit schlichten? Und doch,
sagt Plato, ist aus dieser Setzung, »dass Eines Vieles und Vieles
Eines sei ... jede Entdeckung hervorgegangen, die irgend einen Bezug
auf Wissenschaft (τεχνη) hat« (Philebos 14 und 16). Und wo wir
auch hinschauen, finden wir ähnliche unlösbare
Widersprüche: die Idee des Raumes schenkt zwar Einheit, doch
zugleich nach oben unbegrenzte Ausdehnung und nach unten unbegrenzte
Teilbarkeit; die Idee der Zeit setzen wir und sind dann, um endlosen
Widersinnigkeiten zu entrinnen, gezwungen einzugestehen, ein
Früher und ein Später gebe es im eigentlichen Sinne nicht (S.
451); die Idee der Ursächlichkeit hatte uns den
unvergleichlichen
Dienst geleistet, die flüchtigen Vorstellungen aneinander — also
zu
einer Einheit — fest zu binden; jetzt verstrickt sie uns aber in den
ewigen Regressus, wo wir zwischen der Notwendigkeit eines Anfangs und
der Unmöglichkeit eines Anfangs hin und her geworfen werden, ohne
je eine Lösung finden zu können. Und so weiter.
Kant's Sache ist es nun, eine theoretische
Aufklärung dieser Verhältnisse zu suchen und zu finden.
Für ihn handelt es sich um einen nur »scheinbaren
Widerstreit«, und zwar entspringt dieser Widerstreit aus der
mangelnden Unterscheidung zwischen unseren verschiedenen
Erkenntnisarten und (als Folge hiervon) auch zwischen unseren
verschiedenen Erkenntnissen. Wir verwechseln nicht nur Verstand und
Sinnlichkeit, sondern auch Erfahrung und Idee, Ding an sich und Ding,
wie es uns erscheint. Er weist nach, dass einige Antithesen (so z. B.
der Widerstreit der Meinungen bez. einer endlosen Teilbarkeit der
Materie) darauf beruhen, dass beide entgegengesetzte Behauptungen
falsch sind, indem wir das, was für die E r s c h e i
n u n g e n (die wir
ausschliesslich kennen) gilt, stillschweigend auf reale D i
n g e
übertragen, als wüssten wir etwas von einer Natur ausserhalb
der menschlichen Erfahrung und ihrer einengenden Gesetze, wogegen bei
anderen Antinomien der Widerspruch nur ein logischer ist, nicht ein
realer, indem ein Gesetz, das für das Sichtbare gilt, nicht
notwendigerweise auch für das Denkbare zu gelten braucht, und
umgekehrt, so dass zwei entgegengesetzte Behauptungen zu gleicher Zeit
wahr sein können,
461 PLATO
—
z. B. wenn die Antinomie uns die Wahl zwischen Freiheit und
Notwendigkeit aufzwingen will, während uns die Erfahrung lehrt,
dass beide tatsächlich nebeneinander bestehen.
Auf Kant und seine Lösung der Antinomie der
Vernunft kommen wir noch zurück; vorderhand wollte ich Sie bloss
im Vorübergehn auf die Möglichkeit einer kritischen
Lösung aufmerksam machen. ¹) Für den Augenblick aber
bleiben wir bei Plato. Dieser fasst die Sache anders auf, ganz schlicht
und ganz praktisch. Er nimmt einfach die Widersprüche als gegeben
und unlösbar an und fragt: zu welcher Seite schlage ich mich? Und
da lautet die Antwort durchwegs: zu derjenigen Seite, die auferbaut,
die Zusammenhänge schafft, die Gesetze ausarbeitet, zu der Seite,
die Wissen gibt und zunehmende Wissenschaft verspricht, kurz, zu der
ideenbildenden Seite, zu der Seite, »die im Vielen das Eine zu
erblicken strebt« (Gesetze
965 B),
möge die Sinnlichkeit
sich damit abfinden, wie sie kann. Ihm ist's um die Tat zu tun, um
jenes »Gestalten«, welches für ihn im griechischen
Worte Idea als dessen Seele
eingeschlossen lag; dazu soll die Kritik
ihm dienen. Dass hierbei die Bedeutung des Sichtbaren von ihm oft
unterschätzt wird, soll nicht geleugnet werden; unser Exkurs wird
uns genauen Aufschluss hierüber geben und uns so die Achillesferse
der Platonischen Anschauung erkennen lehren. Doch vergessen wir nicht:
Plato kämpfte gegen ein Volk von Denkern, die in voller
Naivetät »empirisch« vorzugehen glaubten, wenn sie in
die Natur hinausguckten und darüber ohne weiteres urteilten
(Heraklit), oder wenn sie in sich hineinschauten und ihren logischen
Sinn ebenso naiv befragten, um darnach ebenfalls unbedingte Urteile zu
fällen (Parmenides); eine kritische Einsicht in die Art, wie die
menschliche Erkenntnis entsteht, und wie sie nach und nach zur
Wissenschaft der Natur wird und zur grundsätzlichen Veredelung des
Ich führen könnte, besass vor ihm, neben ihm und nach ihm
kein Mensch; bei uns heute steht es ja auch nicht wesentlich besser; so
wurde er in die einseitige Betonung desjenigen hineingedrängt, was
er als das Entscheidende für Menschenwissen und Menschenwürde
erkannt hatte. Und was Sie einsehen lernen müssen, ist, dass, wenn
auch Plato einseitig vorging, er es nicht als mystischer
Schwärmer, als Begründer Gott weiss welches konfusen
Wolkenkuckucksheims unwahrnehmbarer
—————
¹) Eine neue und interessante Darstellung der
ewigen
Antinomienfrage findet man in Renouvier: Les Dilemmes de la
Métaphysique pure (1901).
462 PLATO
»Ideen«
tat, sondern als der einzige Mann, der das Wesen
unseres Wissens begriff und als der wahre Begründer aller echten,
bewussten Wissenschaft, — Wissenschaft im Gegensatz zu roher Empirie,
zu Logisiererei, zu Aberglauben und zu der in Aristoteles schon
aufdämmernden Scholastik, kurz, als ein Mann, den wir auch heute
als Erretter vor dem drohenden Geisteschaos zu bewillkommnen allen
Grund hätten.
SEIN UND WERDEN
Jetzt haben wir den Mittelpunkt erreicht; jetzt
sehen wir
schon Plato am Werke; hier gilt es darum, ihn genau zu
verstehen. Wir müssen die Antinomie in unserem eigenen Denken und
Schauen blosslegen, sie bei uns selbst am Werke zeigen, an uns
erfahren,
was Plato an sich erfuhr, und daraus begreifen lernen, warum er im
Interesse von Kultur und Wissenschaft die eine Richtung der anderen
vorziehen musste; wobei sich aber zeigen wird, dass die genauere
Kritik Kant's die Einseitigkeit in Plato's Art zu schauen aufgedeckt
und überwunden hat. Ich glaube, am besten packen wir die Frage an
einem Punkte an, wo die unvermeidliche Logik, die auf unserem Ufer der
Unsichtbarkeit herrscht, wenigstens in einem Lichtmeer von
Anschauungsmaterial schwimmt. Die eine grosse Antithese zwischen
Einheit und Vielheit tritt nämlich in sehr verschiedenen Formen
auf, und ich wüsste in dieser Beziehung keine zweckentsprechendere
Antinomie als die zwischen Sein und Werden. Nur ein Werden, einen
ewigen Fluss gibt es: so hatte Heraklit gelehrt; nur ein Sein, ein ewig
Unbewegtes gibt es: so lautete die Lösung des Parmenides; im
Widerhall dieser beiden Hauptschulen (von denen jede die eine der
beiden antinomischen Thesen zum Dogma erhoben hatte) wuchs Plato auf
und gelangte zu der Einsicht: »wie die Kinder, denen man zwischen
zwei Leckerbissen zu wählen gibt, beides begehren, so muss der
Weise von dem All beides aussagen — es ist unbewegt und bewegt«,
d. h. es i s t und es w i r d (Sophist 249 D). ¹) Das hatte
ihm die
Kritik der
Erkenntnis gelehrt. Doch hinzufügen glaubte er zu dürfen: ein
Wissen gibt es nur vom Unbewegten (nämlich von unseren bleibenden
Gedankengestalten, nicht von den flüchtigen Wahrnehmungen), und
echte W i s s e n s c h a f t gibt es infolgedessen
nur vom Sein, nicht vom Werden
(vgl. Philebos 59). Da haben
Sie des Mittelpunktes Kern.
—————
¹) Ganz
genau das selbe sagt Kant (aber
bezeichnender Weise negativ statt positiv ausgedrückt) in einem
Briefe des Jahres 1772: »Die Dinge der Welt sind weder
veränderlich noch unveränderlich« (Briefe I, 129).
463 PLATO
Nun könnten wir allerdings diese Antinomie von
Sein und Werden allgemein fassen und den ganzen Kosmos in Betracht
ziehen; auf diesem Wege aber würden wir bald in brunonische
Abstraktionen geraten; dagegen gibt es ein Gebiet, wo beides — das Sein
und das Werden — im Brennpunkt erscheint, wo das Sein
»Dasein« und wo das Werden nicht (wie bei den chemischen
Stoffgemengen und den physikalischen Kräften) eine blosse
Umwandlung aus x in y, oder blosse Zunahme oder Abnahme, sondern ein
In-die-Erscheinung-Treten von etwas, was noch nicht da war, und ein auf
immer Aus-der-Erscheinung-Entschwinden bedeutet: ich rede vom Leben.
Ein wirkliches W e r d e n gibt es garnicht
ausserhalb des Lebens, sondern
lediglich Umlagerungen; wenn aber aus dem Kind ein Mann wird, wenn das
Wesen, das heute als Raupe kriecht, morgen als Schmetterling fliegt, so
ist das ein »Werden« in des Wortes wahrer Bedeutung. Wer
hierüber ein wenig nachdenkt, wird bald einsehen, dass ebenso auch
von S e i n — im eigentlichen Sinne — nur in Bezug auf
Leben geredet werden
kann: nur das, was wird, »ist«. Die Anwendung beider Worte
auf Lebloses geschieht unüberlegt und besitzt nur allegorischen
Wert; zu Grunde liegt dabei die Vorstellung der Kinder und Wilden, dass
alles belebt sei. Nicht bloss wurzelt diese Antinomie in unserem
eigenen Selbst; das könnte man schliesslich von jeder behaupten;
sondern wir erleben sie Tag für Tag; denn ein Jeder von uns
fühlt sich unverändert beharren — wäre das nicht der
Fall,
er würde sich selber nicht erkennen, er wäre kein Ich — und
ein Jeder von uns erfährt es täglich, dass sein Sein ein
Werden ist; hier halten wir, wie Sie sehen, die Grundantinomie aller
Antinomien. Also wollen wir die Antinomie zwischen Werden und Sein nur
im Brennpunkt des Lebens in Betracht ziehen und zu diesem Behufe hier
einen Exkurs über das Wesen des Lebens einschalten, in der
Hoffnung, daraus über Plato's Art zu schauen — und infolgedessen
auch über die Kant's — nicht unbedeutende Belehrung zu
schöpfen.
*
*
*
DAS PROBLEM
Hier nun müssen wir, wie die Alten es zu tun
pflegten, die Musen um ihren Beistand anflehen. Erschreckend leicht
ist es, über die grossen Probleme der Natur zügellos
zu phantasieren; von jeher war das Brauch und ist es heute mehr denn
je; wir wollen
464 PLATO
jene
S o p h r o s y n e, d. i. Besonnenheit, die der dionysische
Philosoph
nicht müde wird zu predigen — es ist die Besonnenheit des
Begeisterten — uns zur Schutzgöttin erwählen. Hier greifen
wir in brennende Tagesfragen hinein; doch wer den Winken Plato's und
Kant's folgt, muss bald zu der Einsicht gelangen, dass heute die ganze
Frage nach dem L e b e n falsch gestellt ist, und
dass darum die mit der
Leidenschaftlichkeit eines schlechten Gewissens geführten Debatten
über darwinistische Zuchtwahl und lamarckische Vererbung
erworbener Eigenschaften usw. usw. allesamt an dem wahren Problem
achtlos vorübergehen. Die heutige Biologie steht dort, wo der
grosse Ptolemäus als Astronom und Albertus Magnus als Chemiker
standen; sie erstrebt ein Unmögliches; und fördert sie auch
— wie jene es taten — viele Tatsachen zutage, so bleibt es dennoch
unmöglich, dort, wo nicht deutliche und richtige Vorstellungen des
Gegenstandes selbst zu Grunde liegen, klare, der Wahrheit angemessene
Erkenntnisse hervorzubringen. Wenn es uns nun gelingen wollte, Plato
nachstrebend, einige solche grundlegende Erkenntnisse zu erobern, so
hätten wir sowohl für das Verständnis Plato's wie
für das Verständnis des Lebensproblems viel gewonnen. Nur
muss die Darlegung notgedrungen im theoretischen Geleise verbleiben;
das ergibt sich aus unserem Vorhaben und auch aus der mir gezogenen
engen Zeitgrenze; eine an dem unübersehbar reichen Stoffe
ausgeführte Darlegung der neuen, platonischen Lebenslehre, wie sie
mir vorschwebt, würde in knappster Fassung zwei starke Bände
erfordern. Sie sollen nur wissen, dass ich schon seit etwa zwanzig
Jahren über das Problem nachsinne und Material sammle, so dass die
heutige Kürze nicht etwa Leichtfertigkeit bedeutet. Auch sollen
Sie nicht argwöhnen, ich wolle Metaphysik an die Stelle von
Beobachtung setzen; im Gegenteil, was mir als Ziel vorschwebt, ist die
Befreiung der Anschauung, jener »Welt des Auges«, von der
in unserem ersten Vortrag die Rede war; ich glaube, unser Denken —
unser Denken in Bezug auf das Leben — wird reicher sein, wenn wir eine
unbefangenere und darum reinere und wahrheitsvollere Anschauung
besitzen. Plato lehrt uns aber, dass die Augen des Körpers nur
durch »das Auge der Seele« (S. 430, 441) sehen lernen. Die
Ideen strecken wir wie Fühlhörner aus; sie sind — wie Plato
sie nennt — »Hinüberführende«, das heisst, sie
sind gleichsam Nachen, die uns von dem Ufer des Landes, wo nur gedacht
wird, auf dasjenige
465 PLATO
hinübertragen,
wo das Schauen waltet. Es kommt darum bei unserem
Naturerkennen viel darauf an, wie unsere Weltanschauung beschaffen ist:
sie kann jede unbefangene Anschauung von vornherein verkrüppeln,
sie kann sie beschwingen. Wir müssen eben w i s s e n,
dass wir
Schöpfer sind, und dass wir einer ewig schöpferischen Natur —
als ihre Kinder — gegenüberstehen. Unser Sein ist ein Werden; auch
unser Verstehen muss eine Bewegung sein, ein Entgegengehen, eine
Willenstat. Hier, wie überall, treffen zwei Dinge zusammen, und
erst wo sie aneinander aufschlagen, entsteht der Lichtfunke; eine
reine, blosse Empirie ist unmöglich; schon der Gedanke daran ist
unsinnig. Nicht aus Beobachtungen allein, sondern aus
schöpferischen — und wenn ich so sagen darf willkürlichen —
Ideen, vermehrt, gestützt, ausgebildet an Beobachtungen, entstand
unsere Mechanik, und zwar gingen die Ideen voran und die Beobachtungen
kamen hinten nach, und in ihnen bewährten sich die Ideen; aus
schöpferischen Ideen — und wieder um recht gewaltsamen — entstand
in
gleicher Weise unsere heutige Energetik; wogegen unsere Biologen
wähnen, mit Zugrundelegung rein empirischer Theorien, wie der
darwinischen, auszukommen, ohne jemals das Lebensproblem selbst mit
kühner menschlicher Selbstherrlichkeit erfasst und gestaltet zu
haben, wie Galilei es für den Stoff und Robert Mayer
für die
Energie tat.
STOFF UND KRAFT
Die scharfe Scheidung zwischen Stoff und Kraft liegt
unserer ganzen germanischen Wissenschaft zu Grunde. ¹)
Descartes
ist der erste, der sie systematisch durchgeführt hat, indem
er nicht nur die Trägheit des Stoffes und die
Unveränderlichkeit und Unzer-
—————
¹) Ich
bemerke ein für
allemal, dass ich in den folgenden Ausführungen im allgemeinen
»Kraft« gesagt habe, wo nach heutigem exakten
wissenschaftlichen Brauche »Energie« das richtigere Wort
gewesen wäre. Ich tat es, weil erfahrungsgemäss ein
Fremdwort, wie Energie, den Laien abschreckt oder ihn an irgend einen
zaubermächtigen Popanz denken lässt; durch den Gebrauch eines
Fremdwortes wird sofort ein Begriff abstrakt, wohingegen ich
möglichste Anschaulichkeit jedes Begriffes erstrebe. Und da Robert
Mayer das Wort Energie (meines Wissens) niemals gebraucht hat und
Helmholtz
sich nie veranlasst gesehen hat, den Titel seiner
berühmten Abhandlung Über
die Erhaltung der Kraft zu
ändern, vielmehr den selben Titel (aus dem Jahre 1847) in
Vorträgen aus seinen späteren Jahren wiederholt hat, so
trotze ich
getrost der sonst durchaus berechtigten wissenschaftlichen
Gepflogenheit. Genau genommen ist jede einzelne Kraft die Wirkung und
Folge der abstrakt gedachten allgemeinen Energie (vgl. Helfenstein: Die
Energie und ihre Formen). Handgreiflicher wäre wohl die
Formel:
bei dem Begriff der K r a f t operiert der Mensch
mit den erdichteten
Atomen, bei dem Begriff der E n e r g i e
(wenigstens in seiner heutigen
Fassung) sieht er von dieser Fiktion ab.
466 PLATO
störbarkeit
der gesamten Bewegungssumme (d. h. der gesamten
Kraftsumme) im Kosmos lehrt, sondern immer wieder mit Nachdruck warnt,
man dürfe nur ja nicht die Kräfte als »kleine
Seelen« den bewegten Körpern zuschreiben. Doch fiel es
ausserordentlich schwer, derartige konstruktive Gedanken den Menschen
beizubringen; nur der praktische Erfolg auf beschränkterem Felde
besass zunächst Überzeugungskraft; hier liegt Galilei's
unsterbliches Verdienst. Seinen Arbeiten, die Grundsätze der
reinen Mechanik betreffend, gelang es nach und nach, den Begriff von
der Trägheit des Stoffes, d. h. von seinem neutralen Beharren in
jedem Zustande — sei es der Ruhe, sei es der Bewegung —
einzubürgern; doch recht langsam und unvollkommen, denn »die
kleinen Seelen« blieben, und solange das der Fall war, war jene
unbedingte Trägheit des Stoffes mehr eine mathematische Fiktion
als eine wirkliche Erkenntnis; die praktische Anwendung hatte man von
Galilei übernommen, nicht aber seinen Gedanken nachgedacht.
Freilich sagte Newton, man solle nicht etwa die von ihm
eingeführte und bedauerlich anthropomorphisch ersonnene
Vorstellung der »Anziehungskraft« für eine physische
Ursache halten, vielmehr diene sie lediglich als ein Ausdruck für
mathematische Beziehungen; doch selbst die Physiker achteten bis vor
kurzem nicht darauf, und noch heute dürfte den meisten Laien, wenn
sie von der Anziehungskraft der Erde oder der Sonne reden hören,
eine geheime, in die Ferne ausstrahlende Macht dieser Körper
vorschweben, als wenn sie unsichtbare Fangarme ausstreckten und damit
alles an sich rissen. ¹) Es sind erst sechzig Jahre her, dass
jenes
grosse Genie, Robert
Mayer, die von Descartes und Galilei vorgeahnte
Idee der »Kraft« wieder aufnahm, um sie von allem Konfusen
und Mystischen zu säubern und wissenschaftlich klare,
zahlenmässig fassbare Vorstellungen für sie zu gewinnen; und
noch in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts — als
doch schon ein Joule in
England und ein Helmholtz
in Deutschland den
neu gewiesenen Weg betreten hatten — wurde Mayer (der von Beruf nicht
Phy-
—————
¹) Newton
schreibt Principia I,
Definitio 8: ... has vires (attractionem, impulsum, propensionem) non
physice, sed mathematice considero. Unde caveat lector, ne per
hujusmodi voces cogitet me speciem vel modum actionis, caussamve, aut
rationem physicam alicubi definire, vel centris vires vere et physice
tribuere, si forte aut »centra trahere«, aut »vires
centrorum esse« dixero. In den Optics (Query 31) schreibt er:
What I call attraction may be
performed by impulse or by some other means
unknown to me. I use that word here to signify only in general any
force by which bodies tend towards one another, whatsoever be the cause.
467 PLATO
siker,
sondern Arzt war) von den meisten Fachleuten als
»zudringlicher Dilettant« abgewiesen und musste von ihnen
so arge Beschimpfungen über sich ergehen lassen, dass er vor
Aufregung und Empörung in Delirium verfiel und zum Fenster
hinaussprang. »Verwirrung« bringe er in die Physik: so
meinten die Leute, die genau zweihundert Jahre Zeit gehabt hatten, um
die Ankunft einer rationellen Theorie der Kraft verständnisvoll zu
erwarten; seine Lehre von der Umwandlung von Bewegung in Wärme und
umgekehrt sei »vollkommen unwissenschaftlich«; seine
»vermeintliche Entdeckung« — das Gesetz: e
s g i b t i n
W a h r h e i t n u r e i n e e i n
z i g e K r a f t, s i e i s
t e i n e k o n s t a n t e G r ö s
s e —
sei unhaltbar usw. ¹) So langsam pflegen Ideen Wurzel zu fassen —
und
zwar gerade darum, weil sie »Ideen« im Sinne Plato's sind,
weil sie nicht draussen fertig vorliegen, als »Dinge«, nach
denen wir nur die Hand auszustrecken brauchten, sondern vielmehr der
Menschengeist sie erst »erzeugen« muss. Und doch war erst
durch diese Idee echte physikalische und chemische Wissenschaft
möglich geworden; eine richtig ersonnene, neue Idee schenkt neue
Anschauung, das heisst neue Erfahrung in früher ungeahnter
Fülle. Das ganze stolze Gebäude unserer heutigen
Physikochemie ruht auf der Idee Robert Mayer's,
wie er sie in einigen
wenigen kurzen Arbeiten niedergelegt hat, und zwar in so
durchsichtiger, schlichter Form abgefasst, dass jeder gebildete Mann
diese Aufsätze mit Genuss lesen kann, und es zu tun nicht
unterlassen sollte. ²)
—————
¹) Siehe
Weyhrauch's vortreffliche Ausgabe: Die
Mechanik der Wärme im gesammelten Schriften von Robert Mayer,
dritte ergänzte und mit historisch-litterarischen Mitteilungen
versehene Auflage, 1893, S. 231 fg.
²) Kein Mann hat für die Ausgestaltung der
modernen Wissenschaft mehr getan als Robert Mayer; es wäre aber zu
wünschen, dass jeder Naturforscher und Laie, anstatt aus
Lehrbüchern ein zugleich mystisches und materialistisches Dogma
von der »Erhaltung der Kraft« sich als Glaubenssatz
einzuprägen, dieses grosse Genie in seinen eigenen Werken
verfolgen wollte; dann würde er deutlich gewahr werden, wie hier
schöpferisches Denken zu Grunde liegt. In dem frühesten
hierher gehörigen Aufsatz: Bemerkungen
über die Kräfte
der unbelebten Natur, 1842, sagt Mayer, es sei unmöglich zu
beweisen, dass Wärme sich in Bewegung und Bewegung sich in
Wärme umwandle; »er ziehe aber die Annahme, Wärme
entstehe
aus Bewegung, der Annahme einer Ursache ohne Wirkung und einer Wirkung
ohne Ursache vor«. Er »zieht die Annahme vor«! Hier
haben wir ein klassisch-klares Beispiel der I d e e
a l s H y p o t h e s e zur
Erklärung der Erscheinungen, wie Plato sie lehrte und Aristoteles
sie perhorrescierte. Und in seiner zweiten hierher gehörigen
Arbeit: Die organische Bewegung in
ihrem zusammenhange mit dem
Stoffwechsel, 1845, als Mayer gegen seine Gegner erhärten
will, es
sei unmöglich, dass eine Bewegung bei ihrem Verschwinden zu Null
werde, vielmehr musse sie sich notwendigerweise in eine andere,
gleiche, unzerstörliche Kraft umgewandelt haben, »beruft er
sich« auf »die Denkgesetze« als auf eine
»unbedingt entscheidende« Instanz. Also d i
e I d e e a l s G e s e t z
— was ja der zu Grunde liegende
468 PLATO
Dass einzelne Forscher, deren ganzes Denken der
Lösung bestimmter Probleme gewidmet ist, solche grundlegende
Gedanken wie die heute endgültig durchgeführte Unterscheidung
zwischen Stoff und Kraft — strenger gesprochen, zwischen
»Masse« und »Energie« — noch weiter
subtilisieren, und gewisse Physiker z. B. die Kraft als aus kleinsten
Teilchen bestehend auffassen, von denen jedes im Raume seinen
bestimmten, unveränderlichen Ort hat, wo es zwar immerfort seine
Bewegungsart verwandelt, doch ohne die angewiesenen Grenzen seiner
Vibration zu verlassen — was einfach einer Materialisierung, einer
Verstofflichung der Kraft gleichkommt, wogegen andere und zahlreichere
den umgekehrten Weg einschlagen und es vorziehen, von Atomen und Stoff
überhaupt abzusehen, das heisst, sie in Kraft aufzulösen: das
braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Wer heute Kraft
verdinglicht, tut es nur zu einem besonderen Zwecke: er will die
Verwandlung von Bewegung in Wärme, von Wärme in
Elektrizität, von dieser in Licht oder in chemische Kraft usw.
greifbar veranschaulichen; und wer umgekehrt die angeschaute Welt in
einen leeren Raum mit Kraftcentren auflöst (S. 114), tut es nur
auf dem Papier, seinen Berechnungen zulieb; die Scheidung in Stoff und
in Kraft bleibt uns unverlierbar gewonnen und ist immer klarer und
klarer ausgearbeitet worden. ¹) Würden wir im Ernst den Stoff
als
träg und undurchdringlich, als das passive »Nichts«,
als das jeglicher Bestimmung Bare — το
μη ον — wofür es schon
Plato erkannte, aufgeben, — würden wir im Ernste darauf
verzichten, die Kräfte als »unzerstörliche,
wandelbare« Erscheinungen einer einzigen Kraft (wie Mayer in
seiner ersten Veröffentlichung von 1842 sagt) zu betrachten, —
würden wir die genauere Definition, die Helmholtz
1862 gab:
»Die Summe der wirkungsfähigen Kraftmengen im Naturganzen
bleibt bei allen Veränderungen in der Natur ewig und
unverändert die selbe«, irgend einem Wahne zulieb
preisgeben — unsere ganze Wissenschaft wäre vernichtet, und mehr
als sie, nämlich eine unermesslich reiche
Anschauungsfähigkeit. ²)
—————
Gedanke der ganzen platonischen
Philosophie ist! Dieses eine Beispiel
kann für alle wissenschaftliche Gestaltung stehen. Die Bedeutung
der vorangegangenen Idee für Galilei ist aus verschiedenen Stellen
seiner Discorsi ebenso
deutlich zu entnehmen.
¹) Wer hier zu tieferen Erwägungen hinab —
oder hinauf — steigen will, dem sei vor allem die Einleitung zu den
Principien der Mechanik von
Heinrich Hertz empfohlen.
²) Helmholtz ist citiert nach der
Gesamtausgabe der Vorträge und
Reden, 4. Aufl.,
469 PLATO
DAS
LEBEN
Was uns noch fehlt, ist die Einsicht, dass
das L e b e n
ein Drittes ist, dass das Leben weder Stoff noch Kraft, noch
auch ein Erzeugnis von Stoff plus Kraft ist. Eine Rettung aus dem
Chaos, in das
wir — bei der ungeheuren Menge der empirischen Arbeit — täglich
tiefer hineingeraten, ist einzig aus
der Einsicht möglich, dass die heutige Lehre, das Leben müsse
aus Stoff und Kraft und den diese beherrschenden Gesetzen erklärt
werden, genau ebenso unsinnig ist, wie die Voraussetzung früherer
Jahrhunderte: die Kräfte hingen den Stoffteilchen »wie
kleine Seelen« an. Dass wir zu der Vorstellung
»Kraft« nur durch Beobachtungen am »Stoff«
gelangt sind, wird Niemand leugnen wollen; wir haben ja soeben gesehen,
dass eine reinliche Scheidung zwischen Kraft und Stoff das Werk erst
der allerletzten Jahre gewesen ist; diese Scheidung war im Interesse
der exakten Wissenschaft gefordert und hat zugleich anregend auf unsere
ganze Weltanschauung gewirkt. Ebenso liegt es im Interesse der exakten
Forschung und auch unseres ganzen Denkens, die Idee »Leben«
als
eine selbständige Idee — neben »Kraft« und neben
»Stoff« — einzuführen.
Lichtenberg nennt irgendwo die
mathematisch-mechanische Geistesrichtung »die Seele der
unorganischen
Natur«; das ist eine sehr feine Bemerkung. Um die Seele der
organischen Natur zu erfassen, werden wir vermutlich der möglichst
reinen Anschauung einen bedeutenderen Platz einräumen müssen.
Stoff und Kraft sind ja von Hause aus Abstraktionen; zunächst sind
sie Gedanken, dann erst finden wir sie in der Erfahrung; Leben dagegen
ist einerseits persönliche Erfahrung, andererseits unmittelbare
Anschauung. Darum glaube ich, dass das Leben sich uns erst in jener
»Welt des Auges« erschliessen wird, von der Goethe sprach
(siehe
Vortr. 1, S. 41, 75). Das mir Menschen unmittelbar
Gegebene ist das Leben, nicht
das Leblose. Mein Sinnen über die Natur, mein Sinnen über
mich selbst, mein Sinnen über das Leben — das alles ist ja Leben.
Vom Leben aus trete ich an die Natur heran. Es ist darum unlogisch,
illusorisch, unwissenschaftlich, unser ganzes Streben dar-
—————
I, 227. Diese Worte werden dort
durch den Zusatz
erläutert: »Alle Veränderung in der Natur besteht
darin, dass die Arbeitskraft ihre Form und ihren Ort wechselt, ohne
dass ihre Quantität verändert wird. Das Weltall besitzt ein
für allemal einen Schatz von Arbeitskraft, der durch keinen
Wechsel der Erscheinungen verändert, vermehrt oder vermindert
werden kann, und der alle in ihm vorgehende Veränderung
unterhält.« — Das ist noch recht populär gedacht
und ausgedrückt; doch ich meine, bei einer Formel, die einem
Helmholtz
genügend schien, können wir Laien uns getrost
beruhigen.
470 PLATO
auf
zu richten, das Leben aus dem Leblosen zu verstehen. ¹) Das
Stoffliche am Leben ist Chemie, das Energetische am Leben ist Physik;
es gibt aber noch das Leben des Lebens, dasjenige, welches Stoff und
Kraft bannt, und dies ist G e s t a l t. Geradeso
wie ein
»Verstehen« von Stoff-Energie in einem Erfassen von
Bewegungsverhältnissen besteht, ebenso wird ein
»Verstehen« von Leben ein Erfassen von
Gestaltverhältnissen sein. Es gibt (wenn ich mich so
ausdrücken darf) viel mehr im Leben zu s e h e n
als im Leblosen, und
das Gesehene steht ausserdem auf einer höheren Stufe in Bezug auf
Würde oder Bedeutung oder Inhalt oder wie Sie es sonst nennen
wollen. Wenn — wie wir im zweiten Vortrag sahen — das Denken das Licht
als Licht auslöschte und nur noch gedachte, imaginäre
Bewegungsschemen an seine Stelle setzte, so bedeutete das eine Methode,
Kraft und Stoff zu verstehen; sobald aber der angebliche Strahl das
Auge berührte, d. h. sobald das Leben rief: es werde Lieht! — denn
was wäre ein ungesehenes Licht? — da versagte die physikalische
»Erklärung«, und zwar nicht, weil sie schlecht
wäre, sondern weil Leben ein Anderes ist als Stoff und Kraft und
darum hier andere Grundgesetze zur Anwendung kommen.
Lassen Sie mich gleich im voraus einem
möglichen Missverständnis vorbeugen. Wie Kraft
nur i m S t o f f
erfahren wird, ebenso wird Leben nur i m S t o f f
und a n d e r K r a f t
erfahren. Wo wir in der Natur für die Erscheinungen der Kraft
keine stoffliche Unterlage wahrnehmen können, erdichten wir sie
und sprechen von Äther: daran tun wir recht; wo wir für die
Erscheinungen des Lebens mit Stoff und Kraft nicht ausreichen — und
jedes
philosophisch ernst zu nehmende Werk der letzten Jahre über
Physiologie und Biologie der Tiere und der Pflanzen wird Ihnen zeigen,
dass wir an allen Ecken und Enden nicht ausreichen — da müssen
wir, so behaupte ich, Stoff und Kraft erdichten (wenigstens sobald wir
—————
¹) Hierzu
ist namentlich die kleine Schrift Die
Biologie als selbständige Grundwissenschaft von Hans
Driesch
(1893), dem erfolgreichen zoologischen Experimentator, zu vergleichen,
in welcher er dartut, die landläufige Vorstellung einer
physikalisch-chemischen Deutung des Lebens sei eine blosse Phrase.
»Aber Phrasen sind immer eine bequemere Handhabe als
Denken« (S. 48). Der bekannte Physiker Prof. Tait erklärt
das Bestreben, das Leben aus Stoff und Kraft abzuleiten, für
»einfach unwissenschaftlich« und zeigt, dass man hierbei
(wenn auch unbewusst) entweder Newton's Bewegungsgesetze für
falsch erkläre und hierdurch die ganze Mechanik der Natur
vernichte, oder aber dem Ausdruck »Stoff« eine Bedeutung
beilege, die exakte Physik unmöglich mache (Vortrag, abgedruckt in
der Contemporary Review, vol.
31, Jan. 1878, p. 298 fg).
471 PLATO
exakte
Wissenschaft treiben wollen). Gewisse neuere Naturforscher — gerade
unter denen, die rein blicken und nicht bei Phrasen sich
beruhigen können — lehren, eine wirklich ausreichende mechanische
Deutung des Lebens sei unmöglich, und es müsse die
Vorstellung der »Lebenskraft« in irgend einer Form wieder
eingeführt werden; sie nennen sich »Vitalisten« oder
»Neovitalisten«; einige wollen sogar den Begriff
»Seele« in die wissenschaftliche Biologie einführen;
ich glaube aber, hier mangelt eine philosophische Einsicht: nicht in
den Erscheinungen, vielmehr in uns selbst liegt das Gesetz
begründet, wonach wir die Natur mechanisch deuten m
ü s s e n; von
diesem Gesetz dürfen wir nie einen Schritt abweichen. Gewiss
werden Physik und Chemie zu einer Darstellung der Lebensphänomene
nie ausreichen; diese Behauptung besitzt schon jetzt axiomatische
Bedeutung. Doch Leben ist Gestalt, und der Gestalt kann man immer
mechanisch beikommen; der geniale amerikanische Zoolog, Edward Drinker
Cope, hat — wenn auch unbewusst — schon bedeutende Ansätze dazu
gemacht oder wenigstens Winke gegeben. ¹) Jedes Abweichen von
diesem
Grundsatz der unerlässlichen mechanischen Deutung scheint mir
unbedingt verwerflich. Materialismus, Mechanismus, als letzte
Vollendung die Zurückführung aller Phänomene auf
mathematisch formulierbare Gleichungen: hierin, meine ich, liegt das
Wesen, die Berechtigung und die Methode unserer exakten Wissenschaft
eingeschlossen. ²) Und darum ist mir der Ausdruck
»Lebenskraft« womöglich noch verhasster als dem
beschränktesten antimetaphysischen Empiriker; er schafft nur
Verwirrung. Warum nicht lieber gleich von »Lebens- S t o f
f«
reden — jenem unglücklichen Begriff aus den Niederungen des
syro-semitischen Völkerchaos, der sich noch immer im
pseudo-christlichen Abendmahl behauptet und uns in Bezug auf
religiöse Kultur zu Genossen der Australneger herabdrückt?
Der Idee »Lebenskraft« entspräche eine Idee
»Kraftstoff«, eine konfuse Vorstellung, nach welcher dem
Stoffe okkulte Eigenschaften zukämen, wodurch dann alles
vernichtet würde, was von Descartes und Galilei bis zu Mayer und
Helmholtz
geleistet worden ist. Der Weg der Zukunft führt in der
genau entgegengesetzten Richtung, nämlich zur endgültigen
—————
¹) Origin of the fittest (1886), The primary
factors of organic evolution (1896).
²) Im Übrigen ist hier auf den ganzen
zweiten
Vortrag zu verweisen. Siehe auch meine Grundlagen, Kap. 9, Abschnitte
»Wissenschaft«
und »Weltanschauung«.
472 PLATO
Trennung
der Idee »Kraft« von der Idee »Stoff«
und der Idee »Leben« von den Ideen »Kraft« und
»Stoff«.
Doch vielleicht unterbrechen Ihre Gedanken mich
schon jetzt mit dem Einwurf: das, was ich als Idee einzuführen
wünsche — das Leben als Naturerscheinung sui generis — sei etwas
Unbestimmtes, Unfassbares, Rätselhaftes, ein neues Problem, ein
Wort mehr zur weiteren Verwirrung der Begriffe..... Der Einwurf
wäre
unberechtigt; genau so unberechtigt wie seinerzeit die ähnlichen
Einwürfe gegen Mayer. Eine
überflüssige Vermehrung der
Gegenstandsbegriffe und -benennungen (wie sie viele Naturforscher
belieben) verwirrt wohl das Verständnis, denn die Dinge erstarren
dadurch sofort zu Wörtern und scheiden aus dem lebendigen
Zusammenhang; doch eine neue, umfassende Grundidee dort
einzuführen, wo in Ermangelung ihrer die Wahrnehmungen sich
chaotisch anhäufen, kann nur klärend wirken, und das
Verständnis einer wahren Idee wird immer erst aus ihrer Anwendung
gewonnen, nicht aus ihrer versuchten Definition. Nichts auf der Welt
ist weniger fasslich als die Idee »Stoff«, sobald man die
naive Anschauung verlässt, um darüber tiefer nachzudenken;
»den dunklen Klumpen, den wir unwillkürlich hinzudenken,
suchen wir vergebens ausserhalb unseres Denkens«, meint Ernst
Mach»; ¹) und hundertfünfzig Jahre vor ihm hatte
Helvétius, der grundsätzliche Materialist, gesagt: les
hommes sont, si j'ose le dire, les créateurs de la
matière; ²) zuletzt bleibt nur eine vage Vorstellung
der
Ausdehnung, so dass Plato in seinem Timäos
den Stoff mit dem Raum
identifiziert — mit jenem Raume, den man eigentlich weder denken noch
anschauen kann (siehe S. 458). ³) Und was
»Kraft«
anbetrifft, so weist Heinrich Hertz die Forderung nach einer Definition
dieses Begriffes mit den Worten ab: »Können wir das Wesen
irgend eines Dinges durch unsere Vorstellungen, durch unsere Worte
erschöpfend wiedergeben? Gewiss nicht.« Schlagen Sie in
irgend einem Lehrbuch nach, Sie werden Definitionen von Kraft und
Energie finden; Sie werden sie aber nicht verstehen; 4)
treiben Sie
einige Monate Physik, und Sie werden wissen, was Kraft ist, und
begreifen,
—————
¹) Populär-wissenschaftliche Vorlesungen,
2. Aufl., S. 225.
²) De
l'Esprit, Discours I, chap 4.
³) Ähnlich Descartes an vielen Orten, z.
B.
Principia II, § 16.
4) Jean Perrin behauptet,
alle bisherigen
Definitionen der so viel gefeierten »Energie« liefen auf
weiter
nichts hinaus als auf die Behauptung: quelque
chose demeure constant,
irgend etwas beharrt unverändert (Traité
de chimie
physique, t. I, Les Principes, 1903).
473 PLATO
warum
eine solche aus Anschauung geschöpfte und auf Anschauung
gemünzte, dennoch aber abstrakte Idee in keine logische
Begriffsbestimmung eingezwängt werden kann. Hertz setzt nun an der
besagten Stelle des weiteren auseinander, es komme bei allen Ideen —
»Zeichen« nennt er sie — nur darauf an, ob sie zur
Verdeutlichung
der Beziehungen zwischen unseren Wahrnehmungen beitragen oder nicht, ob
sie Widersprüche hervorrufen, oder vielmehr Widersprüche
tilgen und Verknüpfungen erleichtern. ¹) Reden wir — der
heutigen
Gepflogenheit gemäss — von Stoff und Kraft, so betrachten wir eine
Gleichung mit zwei Unbekannten; reden wir von Stoff, Kraft und Leben,
so hat die Gleichung drei Unbekannte; jeder Mathematiker wird Ihnen
sagen, welche Hilfe das für die Rechnung bedeutet, wenn
undurchsichtige, komplexe Ausdrücke in elementare Bestandteile
aufgebrochen werden können. Und Sie werden bald sehen, dass, wenn
auch »Leben« ebensowenig logisch definierbar ist, wie
irgend eine andere Grundidee, diese Idee doch anschaulicher und dadurch
auch fasslicher ist als die des Stoffes und der Kraft.
Zu allererst möchte ich Sie eindringlich davon
überzeugen, dass Leben nicht Stoff und auch nicht Kraft ist. Das
Schwierige bei einem solchen Unternehmen ist, dass alles so einfach
liegt, zu einfach, um darüber gut reden zu können; zu
Argument und Rhetorik fehlt hier der Spielraum; eigentlich handelt es
sich um eine Aufforderung, die Augen zu öffnen, weiter nichts, und
das hält dann der Zuhörer für kindisch oder für
hochmütig. Denn Sie werden mir sagen, Sie wüssten auch ohne
meine Belehrung, was Leben sei, Sie pflegten nicht Belebtes und
Unbelebtes, Organisches und Unorganisches zu verwechseln. Ich gestehe
Ihnen aber in aller Demut, dass ich die Richtigkeit dieser Behauptung
bezweifle; ich glaube, wir verwechseln allesamt immerfort das Leben mit
dem, was nicht lebt, geradeso wie wir jahrhundertelang immerfort Kraft
und Stoff miteinander vermengt haben. Es ist auch nicht anders
möglich, solange wir nicht volle Klarheit über das
grundsätzlich Unterscheidende besitzen. Plato, ja, der hatte
alles, was lebt, zu einer Einheit zusammengefasst und gesagt:
»Die Pflanze erweckt zwar besondere Ideen und Wahrnehmungen und
bildet gleichsam
—————
¹) Die Prinzipien der Mechanik,
Einleitung, S. 9. Das ist vollendet platonisch gedacht. »Setzen
heisst Beziehen«: so fasst Natorp Plato's Lehre im Parmenides zusammen
(a. a. O., S. 265).
474 PLATO
eine
andere Art Tier (ωσθ' ετερον ξωον) ..... doch dem
Wesen nach ist die Pflanze genau ebenso ein lebendes Wesen wie das
Tier« (Timäos 77);
und diese Gesamtheit des Lebens stellt er
dem Nicht-Lebenden gegenüber. Das war aber das göttliche
Genie dieses einen Mannes; Niemand hatte ihn verstanden; und kaum war
er tot, so lehrte Aristoteles, es gebe »einen allmählichen
Übergang von dem Nicht-Lebenden zu dem Lebenden, so dass es
verborgen bleibe, wo das eine anfange und das andere
aufhöre«. Das »Geschlecht der Pflanzen« befinde
sich »mitteninne« zwischen Leben und Nicht-Leben und bilde
eine Stufenreihe, von solchen Pflanzen an, die kaum ein wenig Leben
besässen, bis zu solchen, die fast so viel Leben wie ein Tier
hätten (Tiergeschichte
VIII, 1, 2). Dass dies alles — sowohl im
ganzen wie im einzelnen — grundfalsch, geradezu unsinnig ist, bedarf
heute keines Nachweises: die geringste einzellige Alge ist genau
ebensosehr »Leben«, ebenso völlig von der
unorganischen Materie verschieden wie der Mensch, und das bescheidenste
einzellige Aufgusstierchen ist ebenso rührig wie der Elefant und
in mancher Beziehung noch verwickelter gebaut; ausserdem gehen die
Pflanzen nicht allmählich in die Tiere über, vielmehr treffen
beide unten zusammen, so dass Plato ganz recht hatte, sie als die
beiden Zweige einer Einheit aufzufassen. Doch trotz aller Belehrungen
einer genaueren Naturkenntnis wuchert in uns Allen, und zumal in
unserer Wissenschaft, der aristotelische Irrtum, die aristotelische
Blindheit weiter. Vor nur wenigen Jahrhunderten versuchten die
Gelehrten fleissig, in Retorten Homunculi zu brauen; und noch heute, wo
doch die glänzendsten Versuche des vorigen Jahrhunderts
endgültig gezeigt haben, dass nicht die winzigste
Lebenserscheinung, z. B. ein Bakterium, anders ins Dasein treten kann,
als von einem ebensolchen Bakterium hervorgebracht, dass Leben niemals
aus dem Nicht-Lebenden, sondern einzig aus dem Leben entsteht, — noch
heute bleibt die spontane Generation (also das Entstehen von Etwas aus
Nichts) ein Axiom unserer Wissenschaft; man rückt sie zeitlich und
manchmal auch räumlich fern, doch das Dogma bleibt; und
wohlbetrachtet ist unsere ganze Methode, das Leben aus Stoff und
Kraft zu »erklären«, nichts weiter als verkappte
»spontane Generation«, als verkapptes Beharren in der
aristotelischen Irrlehre eines allmählichen Übergangs vom
Unorganischen zum Organischen. ¹)
—————
¹) Man
schlage z. B. C. von
Nägeli: Mechanisch-physiologische
Theorie der Ab-
475 PLATO
Und
das ist weder mehr noch weniger als höhere Alchymie. Solange
solche Gedanken unter uns überhaupt möglich sind, solange
umfängt uns noch der Geist des Mittelalters, solange haben wir
noch nicht hinausgefunden aus den modrigen Grüften des
Scholasticismus in die freie Natur. ¹)
Auf manches jetzt flüchtig Gestreifte kommen
wir noch zurück; für den Augenblick muss es mir genügen,
wenn ich Ihnen einiges Misstrauen zu Ihrem eigenen Urteil
eingeflösst und vielleicht in Ihnen die Ahnung erweckt habe, dass
es sich um ein Zurückfinden ins Einfache handelt — was immer
dankenswert und meistens schwer ist. Jetzt wollen wir uns an einem
anschaulichen Beispiel überzeugen, dass die dem Leben zu Grunde
liegenden Ideen andere sind als die, welche Kraft und Stoff zu Grunde
liegen, wo-
—————
stammungslehre
1884, S. 83, auf: »Die Entstehung des
Organischen aus dem Unorganischen ist in erster Linie nicht eine Frage
der Erfahrung und des Experiments, sondern eine aus dem Gesetze der
Erhaltung von Kraft und Stoff folgende Tatsache.« T a
t s a c h e als
Gegensatz zur E r f a h r u n g, noch dazu im Munde
eines berufsmässigen
Naturforschers, ist gut; anders haben die vielgeschmähten
Mönche des Mittelalters auch nicht argumentiert. — Ganz
ähnlich
urteilt Max Verworn: Allgemeine
Physiologie, 3. Aufl., 1901, S. 125,
über die Annahme, Leben sei mit Stoff nicht identisch; dies sei,
meint er, »ein Stück Mystik«‚ und er fügt mit
profunder
Weisheit hinzu: »Wissenschaft und Mystik schliessen sich
gegenseitig aus.« Wenn aber die Annahme, die uns
zugänglichste
aller Erscheinungen — das Leben — sei eine Idee für sich,
»Mystik« ist, so muss die Annahme der völlig
undefinierbaren Begriffe »Stoff« und »Kraft«
zum mindesten »Religion« sein. In eine so völlige
Unfähigkeit zu denken und zu sehen hat sich unsere heutige
Wissenschaft verrannt! (Vgl. S. 337
fg.).
¹) Es kommt darauf an zu
verstehen, dass nicht bloss ein lebendes Wesen einzig aus einem
lebenden Wesen entsteht, sondern dass innerhalb jedes einzelnen
lebenden Körpers alle lebendigen Bestandteile — alles also, was
Wachstum und Nahrung und überhaupt Lebensfunktionen bewirkt — zwar
unter Inanspruchnahme von Stoff und Kraft ihr Werk verrichten,
selber aber nur durch bestimmt gestaltete Lebenselemente erzeugt
werden, die wiederum einzig aus ebensolchen Elementen entstanden waren.
Nirgends, auch innerhalb des Körpers, findet eine
»alchymistische« Umwandlung von Unorganischem in
Organisches
statt. Das hat schon am 6. Juni 1890 in der Wiener Akademie der
Wissenschaften Julius
Wiesner, ein Forscher, dessen streng empirische
Richtung bekannt ist, erklärt, indem er das Ergebnis aller exakten
Forschungen folgendermassen zusammenfasste: »Eine spontane
Erzeugung
organisierter Substanz aus toter Materie existiert nicht«,
»die fortschreitende Wissenschaft hat a l l
e A n g a b e n ü b e r e i n
e
s o l c h e A r t d e s E n t s t e
h e n s i n n e r h a l b d e s O r
g a n i s m u s w i d e r l e g t«;
vielmehr entsteht »erfahrungsgemäss alles Organisierte aus
Organisiertem«. Echte Beobachtungswissenschaft vertreibt also die
spontane Generation auch aus diesem, ihrem letzten Schlupfwinkel.
(Näheres in Wiesner's 1893 erschienenem Werk: Die
Elementarstruktur und das Wachstum der lebenden Substanz).
Endlich hat
vor kurzem einer der bedeutendsten lebenden Physiker und Kosmologen,
Svante Arrhenius, die Einsicht und den Mut gehabt zu schreiben:
»... die Frage nach der Entstehung der ersten Lebewesen steht
meines Erachtens auf der gleichen Stufe wie die nach der
Entstehung der Materie. Man muss sich allmählich daran
gewöhnen zu denken, dass Lebewesen die Ewigkeit überstanden
haben, also k e i n e n U r s p r u n
g i n d e r Z e i t b e
s i t z e n ...« (Die
Umschau 13. 6. 1903, S. 485).
476 PLATO
raus
ohne weiteres folgt, dass die Idee des Lebens eine autonome sein
muss.
STOFF, KRAFT, LEBEN
Zwei Vergleiche treffen Sie überall an: in dem
einen werden Lebensgestalten mit Krystallen in Parallele
gestellt, in dem anderen redet man von einem »Kreislauf des
Lebens«, wobei dann die Vorstellung der kreisenden Gestirne sich
einstellt; in dem ersten Falle wird, wie Sie sehen, Leben mit Stoff, in
dem zweiten Leben mit Kraft für wesensverwandt erklärt. Das
erste Bild (das der Krystalle) wird nicht etwa bloss als Bild, sondern
als annähernder Ausdruck des Tatbestandes aufgefasst, so dass Sie
es in fast allen Lehrbüchern finden, und dass ein Forscher von der
grossen Bedeutung eines Nägeli es als Grundlage einer ganzen
Theorie des Lebens benutzt hat; ¹) das zweite Bild aber (das der
kreisenden Gestirne), das schon Humboldt gern anwandte und Moleschott
populär gemacht hat, wird überhaupt nicht als Bild, sondern
als exakte Veranschaulichung des Tatbestandes betrachtet. Und doch sind
beide Vergleiche grundfalsch; in beiden findet sich weder Homologie
noch Analogie noch irgend etwas ausser einem täuschenden,
irreführenden Schein. Wohl hat ein Krystall eine Form, eine
bestimmte, durch Gesetze der Mechanik bedingte Form; ²) diese Form
ist
aber nicht »Gestalt« in dem einzig wahren Sinne dieses
Wortes; denn Gestalt bedeutet die Einheit eines Mannigfaltigen, wogegen
es das Wesen des Krystalls ist, dass jedes kleinste Partikelchen jedem
andern Partikelchen, sowie auch dem Ganzen identisch ist. ³) Wo
aber
jeder Teil jedem Teil und jeder Teil dem Ganzen identisch ist, da gibt
es überhaupt keine sich gegenseitig bedingenden
»Teile», und wo es keine Teile in diesem Sinne gibt, da
gibt es auch kein »Ganzes«, nichts, was man (im richtigen
Verstande des Wortes) »Einheit« nennen kann. Mit Recht sagt
Plato (Parm. 157):
»Nicht bei einer Vielfachheit kann man von
Teilen reden, sondern dort nur, wo eine ideell erfassbare Einheit aus
dem Zusammentreffen alles Vielen zu einem einzigen Ganzen geworden ist;
hievon erst kann man sagen, der Teil sei ein Teil.« Beim Kry-
—————
¹)
Ausserdem sind einige —
freilich von der ernsten Wissenschaft nicht sehr ernst genommene —
Fachmänner gerade jetzt beschäftigt, den Übergang aus
Krystallisation in Leben ad oculos
darzutun! Man hat schon die Krystalle
»Junge« gebären sehen; die Ankunft des Homunculus kann
nicht
mehr lange auf sich warten lassen.
²) Alle möglichen
Krystallformen finden ihren erschöpfenden mathematischen Ausdruck
in der einen Formel des Bravaisschen Gesetzes.
³) Vgl. Tschermak: Lehrbuch
der Mineralogie, § 11.
477 PLATO
stall
dagegen handelt es sich um eine äussere Ab- und
Anlagerung; der Begriff eines »Ganzen« fehlt notwendig, da
es keine Einheit gibt, die erst aus Teilen entstünde, noch Teile,
die, vom Ganzen getrennt, Bruchstücke wären. In einem
Krystall kommen wohl Richtungen zum Ausdruck, die Grenzen aber sind
zufällig. Ein Quarzkrystall, ein Feldspatkrystall kann so klein
sein, dass nur die stärksten Vergrösserungen des Mikroskops
ihn entdecken; von beiden sind aber Exemplare bekannt, die mehrere
Meter an Länge und an Breite messen; zwischen den ersteren und den
letzteren besteht gar kein Unterschied. Ein Quarzkrystall könnte
eine Meile lang sein, er könnte die Sonnenentfernung von 150
Millionen Kilometer an Länge erreichen, wenn er auf einem
genügend grossen Himmelskörper entstünde. Obwohl
nämlich für uns die Vorstellung Raum an den Gedanken von
Stoff anknüpft, ist der Stoff selber dem Raum gegenüber
völlig indifferent; Begrenzung — und mit ihr Gestalt — schafft
hier wie überall nur das Leben;
ausserhalb des Lebens steht, wenn ich so sagen darf, stets der ganze
Stoff und die ganze Kraft zur Verfügung, und das heisst ein
Unbegrenztes. Ob ein Krystall gross oder klein, regelmässig oder
unregelmässig wird, hängt vom Zufall ab, nämlich von
äusseren Bedingungen; eine Figur, die sich nicht selbst begrenzt,
ist zufällig. Ebenso indifferent ist ein Krystall der Zeit
gegenüber; er wird durch äussere Ursachen, früher oder
später, in fünf Minuten oder in fünf Billionen Jahren
zerstört; an und für sich ist er ewig, oder richtiger
gesprochen, zeitlos — nur aber, weil die Trägheit das Grundgesetz
alles Stoffes ist. Und hier lassen Sie mich gleich und noch ehe ich die
Gegensätzlichkeit des Lebens hervorhebe, zum zweiten Bilde
hinüberspringen; Sie müssen nämlich wissen, dass jene
beiden Bilder, die uns so verschieden schienen, wesentlich identisch
sind. Wie im Krystall Stoff ausgeschieden und fixiert ist, so ist in
einem Planetensystem Kraft ausgeschieden und fixiert. Hier ist der
Proteus festgebannt. In der regelmässigen Abwechslung der sich
gegenseitig bedingenden »Energie der Bewegung« und
»Energie
der Lage« kreisen die Planeten um ihre Sonne und bewegen sich die
Sonnen gegeneinander; nur der Zusammenbruch des Systems könnte die
gebannte Kraft freigeben. Genau wie der Krystall ist also auch das
Sternensystem ein S t a r r e s. Ebenso ist es auch
ein Z e i t l o s e s. Denn was
seinem Wesen nach unvergänglich ist (und höchstens durch
äussere Perturbationen zerstört
478 PLATO
werden
kann) hat keine Dauer. Auf einer Kreislinie ist es
unmöglich, zwischen zwei Punkten irgend einen Wertunterschied zu
entdecken; Dauer besitzt nur, was Anfang und Ende hat. So ist denn das
Kreisende das Symbol des Leblosen; denn das Beharrende des Starren ist
eben die ewig in sich selbst zurückkehrende Bewegung. Darum geht
es nach den Hypothesen unserer Physiker in den einzelnen Molekeln, aus
denen die Krystalle zufällig aufgebaut werden, genau ebenso zu
wie in einem Planetensystem; ein anderes Symbol für das
Nichtlebende sind wir nicht vermögend zu erfinden. ¹)
Schon diese wenigen Erwägungen sollten wohl
überzeugen, dass Leben etwas Anderes ist als Stoff und als Kraft.
Beim Krystall ist die bestimmte Form Wirkung, nicht Ursache; die
Existenz des betreffenden Stoffes hängt in keiner Weise von der
Ausbildung in krystallinischer Form ab, sondern bleibt ihr
gegenüber völlig indifferent. Basalt ist genau ebenso
vollkommen »Basalt«, ob amorph oder hexaedrisch; Wasser
kann zu Eis erstarren und zu Gas verdampfen: es bleibt der selbe
chemische Körper, und ich kann es jeden Augenblick wieder zu
flüssigem Wasser zurückverwandeln; alle diese Vorgänge
haben mit einem wirklichen Werden und Vergehen — mit Geburt und Tod der
Lebensgestalt — nicht die entfernteste Analogie. Ein Atom Sauerstoff
schwebt jetzt mit Stickstoff, Argon, Kohlensäure und Wasserdampf
oberhalb der Erde, als Bestandteil der Luft; eingeatmet, tritt es ins
Blut, kreist vielleicht umher als Bestandteil eines
Blutkörperchens, wird vom Organismus in rascher Folge in allerhand
verschiedenen, komplizierten Umwandlungsprodukten verwendet, gelangt in
die Leber und von dort in die Niere, tritt heraus als Teil des
Wassermoleküls H20, wird in der Erde von
Silicium zu einem Stein
gebunden usw. Und während nun diese unbedingte Trägheit das
Wesen alles Stoffes ist, ist das Wesen der Kraft die beständige
Umwandlung, ohne
—————
¹) Dies
gilt sogar von den
einzelnen Atomen, aus denen die Molekeln zusammengesetzt sind.
Professor Sir Oliver Lodge vertritt in einem Vortrag vom 5. 2. 1903 die
Ansicht, dass jedes Atom Natron aus 30 000 »Elektronen«
bestehe, die so winzige Dimensionen besässen, dass sie voneinander
— im Verhältnis zu ihrer Grösse — ebenso entfernt seien wie
die Planeten von der Sonne und die Sonnen voneinander. »Unsere
Atomistik gleicht täglich mehr der Astronomie«, sagt der
gelehrte Elektrophysiker; »man beginnt sich zu fragen, ob
absolute Grösse überhaupt etwas zu bedeuten habe.... und ob
unser ganzes Sonnensystem nicht ein Atom sei...«
(Stenographischer Bericht in Nature
vom 12. 3. 1903). Ausserhalb des
Lebens ist eben »absolute Grösse«, wie auch jede
andere Gestaltsbestimmung, völlig bedeutungslos.
479 PLATO
aber
dass man im eigentlichen Sinne von einer Änderung sprechen
könnte, ausser in der Richtung und dem momentanen Umfang der
anfang- und endlosen Bewegung, da ja die Rückverwandlung
ununterbrochen vor sich geht; die Metamorphosen der Kraft sind denen
eines Wandelglases (Kaleidoskops), nicht denen einer Gestalt zu
vergleichen; was in dem einen Augenblick als Fallkraft wirkt, wirkt im
nächsten als Wärme, verwandelt sich in Elektrizität,
blitzt auf als Licht, verteilt sich wieder als
Wärme..... Kraft ist eben ein
Proteus; was einzig an ihm beharrt, ist die Bewegung, die wandelbare
Bewegung. So stürmt denn dieser Proteus auch in die lebende
Gestalt von aussen hinein, wandelt sich innerhalb ihrer in allerhand
verschiedene Bewegungen, und stürmt wieder hinaus;
unverändert geblieben ist die Lebensgestalt — solange sie lebt;
denn lebt sie nicht mehr, dann hat sie der grosse Vernichter aller
Gestalt, die Kraft —
Was zur
Verzweiflung mich beängstigen
könnte,
Zwecklose Kraft unbändiger Elemente
— bald zertrümmert, zerstiebt, in das Nichts
aufgelöst.
Zusammengefasst: Stoff
verhält sich jeder Gestalt gegenüber völlig indifferent;
Kraft zerstört Gestalt. ¹)
Nun ist es ein Gesetz unseres Denkens, dass wir eine
Idee nur klar erfassen können, wenn wir das Beharrende an ihr,
»das notwendige Sein ihres Werdens« (wie Plato in seiner
unmittelbaren Art sich ausdrückt, Staatsmann 283 D) bestimmen. Und
so hat denn unsere exakte Wissenschaft mit Recht bestimmt, dass der
Idee »Stoff« ein einziges Beharrendes, ein einziges Sein,
oder sagen wir — denn hier ist das Wort am Platze — ein einziger
Begriff zu Grunde liege: der der Trägheit. Alle anderen
sogenannten »Eigenschaften« des Stoffes, die Sie noch in
den Lehrbüchern des 19. Jahrhunderts finden, sind aus den heutigen
verschwunden; aus der Trägheit können sie alle abgeleitet
werden. Und Sie sehen, ich vermeide es ängstlich, hier Metaphysik
zu treiben; Kant hätte uns hundert Jahre früher als die
Physik gelehrt, dass der Kategorie des Stoffes einzig die Vorstellung
der Trägheit entspricht; ²) doch wir
—————
¹)
»Die Elemente«,
sagt Goethe, »sind als kolossale Gegner zu betrachten, mit denen
wir ewig zu kämpfen haben« (W.
A. II, 12, 102).
²) Man vgl. namentlich M.
N., III. Lehrsatz 3. Hier zeigt Kant sehr deutlich, dass
»auf dem
Gesetz der Trägheit (neben dem der Beharrlichkeit) die
Möglichkeit einer eigentlichen Naturwissenschaft ganz und gar
beruhe«, und dass, sobald man
480 PLATO
wollen
hier vorderhand bei der möglichst empirischen Anschauung
verbleiben, und da erkennen wir im Gefolge unserer antimetaphysischen
Naturwissenschaft: das Beharrende im Stoff, das, was das Wesen dieser
Idee ausmacht, i s t d i e T r ä g h e i
t. ¹) In ähnlicher Weise
ist
bestimmt worden, dass das Wesen der Kraft die Bewegung sei, und zwar
Bewegung mit Betonung des Nebensinnes der Wandelbarkeit;
Kraft i s t d a s
b e w e g l i c h e W a n d e l b a r e. ²) Sagen
wir nun mit der exakten
Wissenschaft:
Stoff ist Trägheit, Kraft ist Wandelbarkeit, und fragen wir uns in
ähnlicher Weise, was ist im Leben das Sein des Werdens, das
Beharrende, das Wesen? — so kann die Antwort nicht zweifelhaft
sein:
L e b e n i s t G e s t a l t.
Weder im Stoff noch in der Kraft fanden wir etwas,
was nur irgend eine Analogie mit wahrer Gestalt hätte; denn die
»Gestalt« des Stoffes in des Krystalles »ewigem
Schweignis«
war nur der Ausdruck gewisser mechanischer Richtungslinien, abgesehen
hiervon war sie zufällig, vorübergehend und bedeutungslos:
und wenn wir an der Kraft in einem gewissen Sinne verschiedene
Gestalten voneinander unterscheiden, z. B. Licht von Wärme,
Elektrizität von Licht, so ist diese relative
»Gestaltung« eine Tat des allgestaltenden Lebens. Sowohl
Licht wie Wärme sind — wenn man sie als Kraftäusserungen
betrachtet — nur Bewegung, weiter nichts, ein Unbegrenztes, Formloses;
wir Lebende, wir, die wir abgegrenzte Einheiten sind, treten in
bestimmte Beziehungen zu einer »Umgebung« und gestalten
diese, indem wir Grenzen ziehen; diese Beziehungen sind je nach dem
Grade der Organisation des leben-
—————
sich einen Schritt davon
entferne, man in Hylozoismus (belebte Materie)
verfalle und »daher auch in den Tod aller
Naturphilosophie«. Die
Lehren eines Ernst Haeckel fordern von uns nicht weniger als den
Verzicht auf alle exakte physikalische Wissenschaft; das sollten ihre
Adepten bedenken.
¹) Über die strenge
Notwendigkeit solcher Zurückführungen der Ideen (platonisch
gesprochen) auf einheitliche Begriffe, vgl. unseres hervorragenden
zeitgenössischen Mathematikers Poincaré: La Science et
l'Hypothèse, 1902, p. 202—203: Dans l'histoire du
développement de la physique, on distingue deux tendances
inverses ... unité ... et la
variété ... Si c'est la première qui l'emporte, la
science est possible. Diese ganze Unterscheidung zwischen der
variété, die die
Beobachtung gibt, und der unité,
die der Geist erstreben muss, um Wissen (und Wissenschaft) zu erzielen,
entspricht buchstäblich genau Plato's Unterscheidung und
Auseinanderableitung von δοξα und διανοια.
²) Besonders klar bei Heinrich
Hertz, der die Kraft definiert als »das nur gedachte Mittelglied
zwischen zwei Bewegungen« (Einleitung,
S. 34). Man merkt, Hertz
würde lieber schlechtweg »Bewegung« statt
»Kraft« sagen; es kommt aber noch die Vorstellung der
Umwandlung aus einer Bewegung in die andere hinzu, d. h. also die
Vorstellung, dass die Bewegung selbst wiederum beweglich ist, und sie
ist zu wesentlich, um nicht durch ein besonderes Wort angedeutet werden
zu müssen.
481 PLATO
den
Wesens mehr oder weniger zahlreich, mehr oder weniger weit
ausgebildet, darauf kommt's nicht an; wesentlich ist nur das Eine:
wir s i n d Gestalt und, weil wir das
sind, g e s t a l t e n wir alles, wozu wir
in Beziehung treten, mit der selben Notwendigkeit, mit der wir uns
nähren und die Nahrung verdauen und assimilieren. Stoff und Kraft
gegenüber besitzen, wie wir sahen, nicht einmal Raum und Zeit,
also nicht einmal die ersten Elemente zu jeder grenzenden Gestaltung,
einen irgendwie fassbaren Sinn. Alles Leben dagegen hat notwendigen
Anfang und notwendiges Ende im Raum und notwendigen Anfang und
notwendiges Ende in der Zeit. Das Leben des Individuums bildet offenbar
keinen Kreis, es führt nicht zurück zum Anfangspunkt; die
gerade Linie — die Linie, die von einem Ort zu einem anderen,
entfernten Orte führt — das ist das Symbol des Lebens. Auf der
Kreislinie ist jeder Punkt dem anderen gleich, auf ihr ist alle
Bewegung darum nur hypothetisch, da in Wirklichkeit kein Punkt vom
anderen unterschieden werden kann und man folglich nie vom Flecke
kommt; auf der Lebenslinie dagegen ist jeder Punkt von allen
vorangegangenen und nachfolgenden inhaltlich verschieden und einzig
die Gestalt beharrt. Raum kann es nicht für eine homogene Masse
geben, sondern nur für ein Ganzes, dessen Teile verschiedene Orte
in Bezug aufeinander einnehmen; in der Unterscheidung zwischen rechts
und links wurzelt die Vorstellung des Raumes. ¹) Zeit gibt es nur
dort,
wo der eine Augenblick von dem anderen unterschieden werden kann; Zeit
ist Vergänglichkeit, und besteht nur durch das Leben, in dem Leben
und für das Leben. Darum hatte der indische Weise recht mit seiner
Behauptung: »Ich bin nicht in der Zeit, sondern bin die Zeit
selbst«. ²) Darum dürfen wir aber auch sagen: nur das
Leben »i s t« wirklich, denn nur das
Leben besitzt Dauer und
Dasein. Nun haben wir aber gesehen, dass das Beharrende am Leben die
Gestalt ist; dieses Vergängliche, Begrenzte, Zeit- und
Raumschaffende ist zugleich ein Unvergängliches; denn die zu
Grunde gegangene Gestalt ist inzwischen, durch Sprossung oder Zeugung,
neu entstanden; und so schenkt uns denn das Leben mit dem Begriff der
Zeit zugleich den Begriff der Ewigkeit, und zwar beides nicht als Ab-
—————
¹)
Hierüber im folgenden Vortrag
Näheres.
²) Sechzig
Upanishad's des Veda, übersetzt
von Paul Deussen, S. 851. Dagegen ist Kuno Fischer's Deutung:
»Das Subjekt ist nicht in der Zeit, sondern diese ist in
ihm« offenbar falsch; die Zeit ist eine F o r
m des Erkennens, nicht
etwas, was in irgend etwas Anderem »enthalten« sein kann.
482 PLATO
straktion,
sondern als Anschauung, das heisst als unmittelbare
Erfahrung.
Wie beim Stoff aus der Trägheit, so
können wir beim Leben aus diesem Grundbegriff »Leben ist
Gestalt« alles Weitere, was uns die Beobachtung bietet,
angliedernd ableiten.
Was zunächst das Verhältnis zu Stoff und
zu Kraft anbelangt, so ist es — ich wiederhole es — eine handgreifliche
Tatsache, dass, geradeso wie Kraft nur im Stoff, Lebensgestalt nur im
Stoff und nur durch Vermittelung der Kraft sich äussern kann.
Damit ist aber noch lange nicht gesagt, dass Lebensgestalt durch die
zwei jeglicher Gestaltung feindlichen Prinzipien Stoff und Kraft
»erzeugt« werde, wie unser heutiges Kathederpfaffen-Credo
es will. Das, was wir abstrakt »Leben« und konkret
»Gestalt« nennen, bannt Stoff und Kraft (die beiden, die
voneinander wohl in Gedanken, in der Erfahrung aber garnicht zu trennen
sind) in seinen Dienst; doch weit entfernt, ein Erzeugnis von
Stoff-Kraft zu sein, ist Leben ein unablässiger Kampf gegen sie.
Leben ist nicht träg, sondern gegenwirkend; Leben ist nicht
wandelbar, sondern im Gegenteil eine in aller Bewegung, trotz aller
Bewegung und gegen alle Bewegung beharrende, sich soweit irgend
möglich behauptende Gestalt. Doch auf die Dauer vermag kein
Lebensindividuum wider die feindlichen Mächte — Stoff und Kraft —
zu bestehen; die zum Aufbau der Gestalt gebannten Elemente des Stoffes
und der Kraft gleiten ihm, sozusagen, immer wieder durch die Finger;
zuletzt unterliegt es. Und was bleibt? Die neuen Individuen bestehen
weder aus den selben Stoffpartikelchen — diese sind überallhin in
den Raum verweht — noch aus den nämlichen Bewegungen der
Kräfte — die Zeit hat sie verschlungen: was geblieben ist, ist die
Gestalt. Diese ist das Wesen des Lebens; um das zu begreifen,
genügt es, die Augen zu öffnen. ¹)
Und damit Sie nicht etwa glauben, dass ich weiss
Gott was für eine mystische Naturphilosophie treibe, wo ich doch
in Wirklichkeit g e g e n die jetzt verkappt
herrschende arbeite, will ich
hier einen der anerkannt bedeutendsten Zoologen unserer Zeit, den
leider zu früh verstorbenen Edward Drinker Cope, anführen.
Cope war ein unverfälscht empirischer Forscher und ein Fanatiker
der Descendenzhypothese; Niemand wird ihn der Mystik, nicht einmal
—————
¹)
Dies
ahnte wohl Kant als er schrieb: »Das Principium des Lebens
scheint immaterieller Natur zu sein« (Tr. I, 1).
483 PLATO
der
Metaphysik verdächtigen. Er hatte aber enorm viel gesehen,
mehr vielleicht als irgend ein lebender Fachgenosse, und er dachte als
freier Amerikaner über das Gesehene unbefangen nach. Dieser Mann
kommt nun zu dem Schluss, alle Naturkräfte verhielten sich zum
Leben antagonistisch, so dass ein Entstehen des Lebens aus Kraft und
Stoff absolut unmöglich, ja eigentlich ein sinnloser Gedanke sei.
»Mit grösserer Wahrscheinlichkeit können wir
voraussetzen«, sagt er, »das Tote sei eine Folge des
Lebens, als das Lebende ein Erzeugnis des Nicht-Lebenden«.
¹)
Besonders interessant ist auch die Unterscheidung, die er
durchführt, zwischen dem gewöhnlichen
»Chemismus«, welcher im lebenden Körper nur
zerstörend, ausscheidend, reduzierend wirkt, und dem
»Antichemismus« (wie er es nennt) des Lebens, welcher zwar
»die unorganischen Kräfte in seinen Dienst zwingt«,
sie aber zu einer ihrer gewöhnlichen Wirksamkeit entgegengesetzten
nötigt. Das ist reine, unverfälschte Anschauung, nicht
angekränkelt von des Gedankens Blässe. ²)
EINHEIT SETZT VIELHEIT
Auch eine andere Erwägung, die vorhin kurz
berührt wurde, lehrt Lebensgestalt unterscheiden. Wir sahen, dass
der Krystall nicht eigentlich eine Einheit, sondern nur eine Einzelheit
ist, und
zwar darum, weil nur das eine »Einheit« genannt werden
kann, was aus Teilen zusammengesetzt ist, jeder »Teil« aber
des Krystalls ein Ganzes ist. Ist es nun das Wesen des Lebens, Gestalt
zu sein, so ist es das Wesen der Gestalt, eine Einheit zu sein, und das
besagt zugleich, aus Teilen zu bestehen, aus Teilen, die zueinander und
zum Ganzen in gegenseitig sich bedingenden Beziehungen stehen.
Öffnen Sie nur die Augen; jedes lebende Wesen, gross und klein,
kann Ihnen als Beispiel und Beweis dienen. Nur aber
—————
¹) The primary factors of
organic evolution, 1896, p. 482 fg. It is more probable that death is a
consequence of lift, rather than that the living is a product of the
non-living.
²) Auch Alfred Wallace, der
Mitbegründer der Selektionslehre, urteilt über die
Lebensphänomene: There is in
all this something
quite beyond and apart from chemical changes ... (Darwinism, ed.
1889, p. 474 fg.). Sehr beachtenswert für die wissenschaftliche
Vertiefung der hier nur kurz berührten Frage scheint mir die
Broschüre des Professors der physiologischen Chemie, R.
Neumeister: Betrachtungen über
das Wesen der
Lebenserscheinungen, ein Beitrag zum Begriff des Protoplasmas,
1903.
Die streng sachliche Polemik gegen die konfusen — und in Wirklichkeit
sträflich dilettantenhaften — Vorstellungen Ostwald's und
Verworn's
wirkt äusserst wohltuend. In ein paradoxes Kernwort hat der
geniale Otto Weininger das hier zu Sagende zusammengezogen: »Mit
der Chemie ist wahrhaftig nur den E x k r e m e n t e n
des Lebendigen
beizukommen« (Geschlecht und
Charakter, 2. Aufl., S. 429 fg.).
484 PLATO
lebende
Wesen. Wenn Sie wollen, können wir das in die Formel eines
logischen Schlusses fassen: Das Wesen aller Gestalt ist, ein
einheitliches Ganzes zu sein; ein einheitliches Ganzes besteht aus
gegenseitig sich bedingenden Teilen; gegenseitig sich bedingende Teile
gibt es nur im Leben; nur Leben ist — im wahren Sinne des Wortes —
Gestalt.
Man darf nicht etwa einwerfen, ein Krystall weise
verschiedene Flächen, Kanten, Winkel auf, und diese seien seine
»Teile«; denn sie bedingen sich so wenig gegenseitig, dass
ein einigermassen vollständiger Krystall kaum je anders als
künstlich hervorgebracht werden kann — abgesehen davon, dass, wie
Sie gesehen haben, diese ganze Formgebung für den betreffenden
Stoff und dessen Eigenschaften ohne Bedeutung ist. Ähnlich
gegenstandslos wäre der Einwurf, in einem Planetensystem
»bedängen« sich die verschiedenen kreisenden
Körper. Eher könnte dem ungenügend Unterrichteten der
Einwurf berechtigt scheinen, es gebe »ganz einfache«
lebende Wesen; diese bestünden aus einer einzigen Zelle und
besässen somit keine diskreten, sich gegenseitig bedingenden
Teile, nichts, was wir als »Organe« zu bezeichnen pflegen.
Derartige Behauptungen finden Sie selbst in sehr ernsten
wissenschaftlichen Werken; unsere Descendenztheoretiker m u
s s t e n
durchaus einfache lebende Wesen für die Bedürfnisse ihres
Dogmengebäudes haben; nichts macht so blind wie der Fanatismus
vorgefasster Meinungen; es musste eine lückenlose Stufenleiter der
Wesen à la Giordano
Bruno hergestellt werden, und so durfte das
Übergangsglied aus dem Unbelebten zum Leben nicht fehlen. Und als
der berüchtigte Bathybius
Haeckelii — die angeblich völlig
gestaltlose lebende Materie — sich als ein blosser in Flaschen mit
Seewasser durch Alkoholzuguss entstandener Niederschlag entpuppt hatte,
mussten die sogenannten einzelligen Wesen herhalten. Nun ist aber
erstens das Wort »Zelle« nicht viel mehr als ein Wort; la
cellule, c'est la bouteille à l'encre des naturalistes,
rief
neulich irgend ein lustiger Naturforscher, und sehr mit Recht; ¹)
aber
wie dem auch sei — denn hier können wir auf derartige Fragen nicht
eingehen — von Tag zu Tag lernen wir immer mehr einsehen, wie
—————
¹)
Über die
Notwendigkeit,
die Tyrannei der Zellenlehre und »die falschen Generalisationen
zellulärer Erscheinungen« zu überwinden, sprach vor
kurzem der Zoolog Professor Rud. Burckhardt sehr beachtenswerte Worte
(Zur Geschichte der biologischen
Systematik, 1903, S. A. aus Verh. der
nat. Gesell. in Basel, XVI, 393. Man sehe auch Frédéric
Houssay: Nature et Sciences
naturelles, 1904, ch. II).
485 PLATO
Vieles
und Verschiedenes in einer sogenannten Zelle Platz hat, und
darauf allein kommt's an. Der Gang der biologischen Wissenschaft ist
die Aufdeckung, dass die für einfach gehaltenen Lebensgestalten
unendlich verwickelt sind. Wie hatte man den bewunderungswürdigen
Ehrenberg ausgelacht, weil er in Aufgusstierchen (Infusorien) die
verschiedensten Organe — Magen und Darm und Herz und Nieren — zu
entdecken gemeint hatte; ¹) denn mittlerweile war der sehr
brauchbare,
wenn auch gewiss überschätzte Begriff der Zelle aus der
Botanik in die Zoologie aufgenommen worden, und Siebold und
Kölliker hatten nachgewiesen, dass diese mikroskopisch kleinen
Tiere aus einer einzigen Zelle bestehen. ²) Inzwischen sind aber
wiederum Jahre vorübergegangen, Jahre, in denen die Methoden der
Untersuchung und die optischen Instrumente immer weiter vervollkommnet
wurden, und es hat sich dabei herausgestellt, dass das Aufgusstierchen,
dieses morphologisch allerdings als eine einzige Zelle zu betrachtende
Wesen, trotzdem aus vielen verschiedenen und durchaus spezifizierten
Teilen besteht, so dass Ehrenberg eigentlich in der Hauptsache richtig
gesehen und nur in den einzelnen Deutungen geirrt hatte. Dieses
einzellige Wesen hat zwei sogenannte »Vakuolen«, die
ähnlich
pulsieren wie ein Herz; während die eine anschwillt, zieht sich
die andere zusammen und die dadurch in Umlauf gesetzte Flüssigkeit
bewegt sich
Aufgusstierchen
(stark vergrössert).
(so ist wenigstens in optisch
günstigen Fällen beobachtet
worden) durch »gefässartige Zwischenräume«;
³)
diese Einrichtung ist also unserem eigenen Herzen mit seinen zwei
Kammern nicht unähnlich. Des weiteren hat das Aufgusstierchen
einen Mund, und zwar häufig mit mehrfacher, sehr komplizierter,
lippenartiger Umgebung, aus beweglichen Membranen und regelmässig
gereihten
—————
¹) Vgl. Zur Erkenntnis grosser
Organisation ins kleinen Raume, 1536, und Die Infusionstierchen als
vollkommene Organismen, 1838.
²) Betreffs der
»Einzelligkeit« der Protozoen sind Franz Leydig's
Ausführungen aus dem Jahre 1864 (Vom
Bau des tierischen
Körpers, S. 15 fg.) noch immer sehr lesens- und
beachtenswert.
³) Vgl. Claus: Zoologie, 6. Aufl.,
1897, S. 235.
486 PLATO
Flimmerhaaren
zusammengesetzt; es hat einen ausgesprochenen
Schlund; ¹)
die eingesogenen Nahrungsstoffe wandeln bestimmte Wege durch den
Körper, und die nicht assimilierten Bestandteile werden zu einem
After ausgestossen usw. usw. Ausserdem ist die Vermehrung an
höchst verwickelte Einrichtungen geknüpft, die erst bei der
Konjugation (d. h. Verschmelzung) zweier Individuen (bei denen man in
gewissen Fällen schon äusserlich zwischen männlichen und
weiblichen unterscheiden kann) in die Erscheinung treten; über den
Verlauf dieser Konjugation muss der bekannte Darwinianer Weismann
gestehen: »Es ist also im wesentlichen der selbe Vorgang, den
wir bei den höheren Tieren und Pflanzen als Befruchtung kennen
gelernt haben«, nur dass er sich bedeutend verwickelter
abspielt. ²) Ganz neuerdings ist es nun einem jungen Forscher von
erstaunlichem Geschick, Hermann Nikolaus Maier, gelungen, durch diese
winzigen Wesen Längs- und Querschnitte zu führen, wodurch
noch der feinere Bau der Wimperhaare und der beweglichen Membranen in
seiner ganzen Komplikation aufgedeckt, der Besitz besonderer
Tastborsten — also Sinnesorgane — nachgewiesen ist usw. ³)
Dies alles nur beiläufig und damit Sie sich
eine annähernde Vorstellung davon machen, wie hochgradig
differenziert eine Lebensgestalt sein kann, die mikroskopisch klein
ist, und die wir infolge sehr anthropomorphistischer Auffassungen als
»einfach« zu betrachten gewohnt sind. 4)
Vielleicht aber verweist Sie irgend einer unserer
Naturscholastiker auf noch einfachere Wesen; gewöhnlich
müssen die sogenannten Amöben herhalten, nackte,
schleimartige Bildungen, die ihren äusseren Umriss jeden
Augenblick ändern, indem sie Pseudopodien,
d. h. Scheinfüsse
ohne alle Regelmässigkeit ausstrecken und einziehen, wodurch sie
sich sowohl Nahrung einverleiben wie auch sich fortbewegen. Nun aber
sollten uns, meine ich, unsere Erfahrungen an den Aufgusstierchen sehr
vorsichtig machen; denn dass wir
—————
¹) Der
Pharynx besonders
schön zu sehen in dem Archiv
für Protistenkunde, 1903, II, Tafel 3, Figuren 6c und 8c.
²) Vorträge
über
Descendenztheorie, 1902, I, 353.
³) Siehe Über
den feineren
Bau der Wimperapparate der Infusorien, im vorgenannten Archiv,
II,
73 fg.
4) Wer die Hefte des Archivs
für Protistenkunde aufmerksam durchblättert, wird die
Belehrung davon tragen, dass das oben Ausgeführte nicht bloss
für die Infusorien gilt, sondern für alle einzellige Wesen,
sobald sie genauerer Untersuchung unterworfen werden. (Siehe z. B.
für die Gregarinen —
bisher als ein non plus ultra an Einfachheit
betrachtet — Jahrgang 1904, Band III, Heft 3, S. 340 fg.)
487 PLATO
Menschen
— und das heisst in diesem Falle ein vereinzelter Professor X.
oder Professor Y. — an einem kleinen lebenden Protoplasmaklümpchen
keine Unterscheidung in Teile unter dem Mikroskop wahrnehmen, beweist
noch lange nicht, dass es keine darin gibt. Und auch hier will ich
gleich statt mit theoretischen Argumenten mit Tatsachen dienen. Erstens
besitzen wohl alle Amöben eine kontraktile Vakuole, und das
heisst ein Organ, welches ein gewisses Kreisen der flüssigen
Bestandteile bewirkt; zweitens sind die Teilungsvorgänge bei der
Vermehrung, überall wo man sie bisher hat beobachten können,
höchst verwickelt und weisen somit auf eine innere
Differenzierung, wenn diese auch unseren Augen verborgen bleibt;
drittens bilden die meisten derjenigen Amöben, die zu den Tieren
gerechnet zu werden pflegen, komplizierte, spezifisch verschiedene und
konstante Schalen: in der Schale tritt die uns sonst verborgene Gestalt
in die Erscheinung. Betrachten wir aber diejenigen Amöben, die so
tief stehen — wie man sich auszudrücken pflegt — dass man sie
weder zu den Tieren noch zu den Pflanzen rechnen mag, die sogenannten
Myxamöben oder Schleimpilze. Bis vor fünfzig Jahren hatte
man diese an faulendem Holz, in verwesenden Blatthaufen und
Ähnlichem
kriechenden Schleimmassen für ein kaum organisiertes
Zwischengebilde zwischen Stoff und Leben gehalten; nun kam aber — mit
De Bary, Cienkowski u. a. — die exakte Untersuchung mit der
Züchtung unter dem Mikroskop; vor ihr schwand die vermeintliche
Einfachheit hin. Eine jede solche Schleimmasse — das angeblich
einfachste einzellige, nicht einmal mit einer Zellhaut versehene, kaum
zum Leben zu rechnende Gebilde — enthält, wie man jetzt entdeckte,
viele Zellkerne; es erwies sich auch, dass dieses Gebilde in der Tat
aus dem Zusammentritt vieler Individuen entsteht (also gleichsam durch
Staatenbildung) und unter gewissen Bedingungen wieder in ebensoviele
Individuen zerfällt. Jedes dieser Individuen hat aber eine
ereignisvolle Entwickelung hinter sich; denn ursprünglich war aus
einer festumhäuteten, charakteristisch gezeichneten Spore (oder
Keim) ein Geissel-tragender Schwärmer hervorgebrochen — ein
schlauchförmiges kleines Wesen mit einem langen, beweglichen
Ruderhaare an dem dünneren Ende — und war im Wasser (wenige
Tropfen genügten ihm zu weiten Reisen) mit schaukelartigen
Bewegungen herumgeschwommen; dann hatte sich diese Schwärmzelle
durch Zweiteilung in zwei ebensolche begeisselte Schwärmer
geteilt, ein
488 PLATO
Vorgang,
der sich in den meisten Fällen mehrmals wiederholt hatte,
so dass — da es von Anfang an viele Sporen gegeben hatte — zuletzt eine
grosse Masse solcher Schwärmzellen herumschwamm;
nun hatten aber, ähnlich wie die Kaulquappe ihren Schwanz
einbüsst, wenn sie ans Land kriecht und Frosch wird, alle diese
Zellen ihre Geissel abgeworfen und hinaus aufs Trockene zu kriechen
begonnen, als scheinbar gestaltlose nackte Protoplasmaklümpchen,
bis dann zahlreiche solche Klümpchen sich begegnet und zu einer
der schleimigen Massen verschmolzen waren, von deren Beobachtung wir
ausgingen. Diese Masse ist nun nicht etwa durch zufällige
Koalescenz entstanden; vielmehr hat sie die wichtigste Funktion zu
erfüllen: dieser Zusammentritt vieler kleiner Einheiten zu einer
neuen grösseren Einheit hat nämlich für die Erhaltung
der Gestalt zu sorgen. Die Masse kommt zur Ruhe; tiefgreifende
Verwandlungen finden im Innern statt; hier und dort schwillt ein Knoten
hervor, erhebt sich immer höher auf einem Stiel, rundet sich zu
einem mit einer festen Haut versehenen Sporenbehälter ab, in
welchem (durch Teilung der vorhandenen Kerne) zahlreiche Sporen
entstehen. Diese Sporenbehälter sind nun aussen verschieden
gezeichnet und gefärbt, je nach der bestimmten Art, manchmal auch
wie inkrustriert; innen aber entwickeln sie, ausser den Sporen (aus
denen später jene begeisselten Schwärmer hervorbrechen
werden), ein Geflecht haardünner Röhrchen (Capillitium
genannt), die bisweilen frei stehen, bisweilen zu einem Netze verbunden
sind, das sich dann, wenn der Behälter aufbricht, weit
hinausbläht. Die Wand dieser Röhrchen ist mit allerhand
zierlichen Verdickungsleisten versehen, die gerade oder quer oder
schraubenartig laufen, oder auch in verschiedenen Richtungen
übereinander gelagert sind; diesem komplizierten Apparate fallen
wichtige Funktionen zu bei der Beschützung und Ausstreuung der
Sporen. Nun beachten Sie, bitte, Folgendes: die herumkriechenden,
scheinbar völlig gestaltlosen Schleimmassen der Myxomyceten sind
gar nicht voneinander zu unterscheiden — oder höchstens für
den sehr genauen Kenner an gewissen, ihm allein sichtbaren
Eigentümlichkeiten; man wäre zunächst geneigt zu sagen:
hier ist ein Leben ohne bestimmte Gestalt; und hätte sich nicht in
diesem Falle die Möglichkeit künstlicher Kultur geboten, die
Wahnbetörten hätten leichtes Spiel gehabt; die Gestalt der
nun entdeckten Sporangien aber, die Gestalt der Sporen, und namentlich
der kompli-
489 PLATO
zierte
Bau der Capillitiumröhrchen — alles Charaktere von
absoluter Konstanz — gestatten die Unterscheidung nach Gruppen,
Entwickelungsstadien
von Urtieren aus der Klasse der Myxomyceten.
1. Schwärmsporen. Die
unterste schlüpft
eben aus ihrer Sporenhülle. — 2. Amöbenartige, nackte Zellen,
aus den Schwärmsporen durch Einziehen der Geissel entstanden, ca.
400 mal vergrössert. — 3. Bewegliches Plasmanetz, entstanden durch
Verschmelzung zahlreicher amöbiner Zellen. — 4. Eine einzelne
Spiralfaser aus dem Capillitium, ca. 1200mal vergrössert.
(Nach Haeckel, Kunstformen der Natur.)
Gattungen und Arten mit genau der selben Sicherheit wie bei irgend
welchen anderen Tieren oder Pflanzen; woraus wir denn die Belehrung
entnehmen, dass auch jene nackte, scheinbar form-
490 PLATO
lose
Schleimmasse in Wirklichkeit durch und durch Gestalt war, nur dass
unsere Menschenaugen sie nicht zu erblicken und unsere Menschenmethoden
sie nicht unmittelbar nachzuweisen verstehen. ¹) Auch werden Sie,
glaube
ich, nicht der Meinung sein, der soeben beschriebene Lebenslauf eines
angeblich einfachsten Wesens sei besonders »einfach«;
vielmehr ist er für unsere Begriffe beinahe unfasslich verwickelt.
Ich hoffe, diese Andeutungen über die auf dem
Wege der Anschauung gewonnenen Tatsachenkenntnisse werden es Ihnen
recht deutlich gemacht haben, was Plato meint, wenn er sagt, nicht bei
einem Vielfachen, sondern nur bei einem ideell als Einheit erfassbaren
Ganzen könne man von »Teilen« reden (S.
476), und wenn
ich im Anschluss hieran behaupte: Leben ist Gestalt, Gestalt ist eine
ideell erfassbare Einheit, Leben m u s s darum aus
Teilen bestehen, es
kann nicht ein Einfaches, eine Eins sein, dieser Gedanke ist unsinnig
und alle Anschauung widerlegt ihn. Nehmen Sie nur ein klassisches Werk
der modernen exakten Zellforschung zur Hand, Edmund B. Wilson's The Cell in Development and Inheritance
(2. verb. Auflage 1900) — dem die
Worte des Plinius als Motto vorangestellt sind: Natura nusquam magis
est tota quam in Minimis — und Sie werden sehen, dass nicht
bloss die
Zelle aus Teilen besteht, sondern jeder Teil der Zelle wiederum aus
Teilen; je vollkommener die Untersuchungsmethoden wurden, umsomehr
deckte sich die ursprünglich für ein »einfaches
Element« gehaltene Zelle als eine ganze Welt von
»Teilen« auf, die alle einander gegenseitig bedingen.
Zugleich endeckte man, dass Gestalt bis in die mikroskopischen
Einzelheiten herrscht, so dass z. B. ein Kern nur aus einem Kern, ein
Stärkebildner nur aus einem Stärkebildner, ein
Farbenträger nur aus einem Farbenträger, ein Centrosom nur
aus einem Centrosom entsteht usw. Diese Tatsache wird von keinem
Forscher mehr geleugnet; selbst Weismann, der Vertreter des
dogmatischen Darwinismus, nimmt so viele spezifisch verschiedene
»Biophoren« an, als ein Gewebe histologisch verschiedene
Bestandteile aufweist, nur dass er nicht — wie de Vries u. A. — diese
Verschiedenheit in der Gestalt erblicken
will, sondern darin, dass diese Biophoren »die ganze
—————
¹) Man
vgl. namentlich De Bary:
Die Mycetozoen (Myxomyceten)
in seinem Werk Vergleichende
Morphologie
und Biologie der Pilze, 1884, S. 453 fg. Kurze Schilderungen
findet man
in jedem Lehrbuch der Botanik.
491 PLATO
Werde-Bedeutung
der Zelle normieren«, Descendenztheorie,
1902, I, 418. ¹)
Hierauf musste ich grossen Nachdruck legen, weil
alles auf die richtige Erfassung der Grundgedanken ankommt; an solchen
Punkten wie an dem jetzt in Betracht gezogenen ist es, dass Denken und
Anschauen sich mathematisch genau decken, und nur an solchen Punkten
können wir von einem wahren V e r s t ä n d n i s
sprechen; ²) gleich
tritt die Notwendigkeit ein, uns nach links und nach rechts zu
entfernen; wie schlimm ist es also um uns bestellt, wenn derartige
Stützpunkte schwanken! Wir denken dann nicht rein und schauen
nicht rein. Denken und Anschauen sind überhaupt viel enger
verschwistert, als man gewöhnlich wähnt; ein jedes sollte im
Interesse des anderen sorgfältig gepflegt werden. In diesem Falle,
mit der Betrachtung über Einheit und Teile, dienen wir genau
ebensosehr der Naturerkenntnis wie der Philosophie. Betreffs der
Naturerkenntnis haben Sie soeben Manches gesehen, mehr soll noch
folgen; für das Verständnis Plato's haben wir aber jetzt die
grosse Grundantinomie des Einen und Vielen in ihrer tiefsten Wurzel
erfasst. Denn wir haben — nicht durch abstraktes Räsonnieren,
sondern durch klarste Anschauung — einsehen gelernt, dass es Einheit
tatsächlich nur gibt, wo sie aus Teilen zusammengesetzt wird, dass
also: d i e I d e e d e
r E i n h e i t d i e I d e
e d e r V i e l h e i t s e t z t.
Das ist
für uns hinfürder kein halbverstandener und jeden Tag von
einem anderen Philosophen anzuzweifelnder Satz, sondern eine sichere
Erfahrung; wer sie anzweifelt, ist nicht wert, dass man mit ihm
streite. Zugleich aber verstehen wir jetzt, dass diese Antinomie — wie
alle Antinomien — nur im Leben und nur für das Leben wirklich Sinn
hat; ausserhalb seiner fanden wir Raum und Zeit, also auch Zahl ohne
Bedeutung — wir sahen es am Krystall und am Planetensystem; im Leben
aber, genau so wie hier das Sein ein Werden ist und das Werden ein
Sein, ist notwendigerweise die Einheit eine Vielheit, und bildet die
Vielheit — wie die Schwärmzellen der Myxomycete — eine Einheit.
MECHANISCH UND ORGANISCH
Verweilen wir aber nicht beim Abstrakten; solche
Dinge wollen blitzartig ergriffen werden; eilen wir zurück zur
Anschauung der Natur, um aus unserer Grundeinsicht »Leben ist
Gestalt« noch
—————
¹)
»Die Werde-Bedeutung der Zelle
normieren...«! Ist das nicht vollendet mittelalterliche
Scholastik?
Heiliger Crispin, bete für uns!
²) Vgl. auch Vortrag I, S. 58.
492 PLATO
eine
weitere wichtige Begriffsbestimmung abzuleiten, die zu einer
näheren Abgrenzung der Lebensgestalt von allem, was auch
ausserhalb des Lebens bestimmte Formen annimmt, dienen wird. Wir reden
nämlich von »mechanisch« und von
»organisch« und wissen, fürchte ich, meistens so wenig
genau, was wir meinen, dass zuletzt eine unentwirrbare Konfusion
entsteht. Auf der einen Seite wird eine »mechanische
Naturdeutung« anathematisiert, neuerdings sogar von manchen
Naturforschern, als sei eine unmechanische Wissenschaft noch
»Wissenschaft«; auf der anderen wird behauptet, schon die
blosse Unterscheidung zwischen »organisierten« und
»nichtorganisierten« Körpern sei »Mystik«
— was für die gläubigeren unter unseren Naturforschern
ungefähr das selbe bedeutet wie eine Denunziation wegen
häretischer Glaubenssätze bei der Sacra congregatio
inquisitionis für einen Franziskanermönch. Es
wäre
wirklich Zeit, dass irgend Einer in diesem Augiasstall der
Begriffsverwirrung aufräumte!
Was die mechanische Naturdeutung anbetrifft, so ist
zu bemerken, dass hiermit eine M e t h o d e, nicht
eine Tatsache
ausgedrückt wird. Für die alleinige Berechtigung der
mechanischen Betrachtungsweise innerhalb dessen, was Wissenschaft zu
heissen verdient, verweise ich Sie auf den ganzen Leonardovortrag und
auf meine Grundlagen des 19.
Jahrhunderts; ausserdem erinnere ich an
das von Kant ausgesprochene Gesetz: »Ich s o l l
jederzeit über
die Ereignisse in der materiellen Natur nach dem Prinzip des blossen
Mechanismus der Natur reflektieren, und mithin diesem, so weit ich
kann, nachforschen, weil, ohne ihn zum Grunde der Nachforschung zu
legen, es gar keine eigentliche Naturerkenntnis geben
kann«. ¹)
Wir müssen uns aber in der Anwendung dieses unzweifelhaft einzig
richtigen Grundsatzes vor einem Denkfehler hüten, der dem
wissenschaftlichen Gebrauch des Wortes von Anfang an anhaftet und der
von keinem Geringeren herrührt als von Descartes, der als Erster
den Begriff »mechanisch« in Philosophie
—————
¹) Kritik der Urteilskraft,
S. 315. Ernst Mach's entgegengesetzte Auffassung (siehe Die Mechanik,
Kap. 5, § 1) halte ich für blosse Silbenstecherei; diese
Antimetaphysiker sind alle durch und durch Scholastiker und
unterscheiden sich von Occam und Duns nur durch die behandelten
Gegenstände und die dazu gehörige Terminologie. Dass Kant
»Mechanik« nicht im engeren Sinne des Technikers nimmt,
sondern
im weiteren Sinne alles dessen, was Bewegung ist oder als Bewegung
gedeutet werden kann, oder — wenn man da auch noch Kümmelspalterei
treiben will — im Sinne alles dessen, was in irgend einer Weise einen
zahlenmässigen Ausdruck zulässt, liegt auf der Hand.
493 PLATO
und
Wissenschaft einführte. ¹) Sie wissen, welchen harten
Kampf er
gegen sich und seine Zeit zu kämpfen hatte, um rationelle
Naturwissenschaft zu begründen; man sprach nicht nur den lebenden
Wesen '»Seelen« zu, aus denen alles, was sie waren und
taten, ohne weiteres »erklärt« wurde, sondern — wie
Sie vorhin hörten — auch den nicht lebenden Körpern wurden
(mehr oder weniger bewusst), sobald sie bewegt waren, »kleine
Seelen« angedichtet, insofern nämlich, als die von ihnen
ausgeführten Bewegungen irgend einem dem Körper selbst
innewohnenden Prinzip zugeschrieben wurden. Ich bitte, das sehr genau
zu beachten: der naive Ausgangspunkt aller Menschen ist die
Voraussetzung, dass alles (in höherem oder geringerem Grade)
belebt sei, — eine Voraussetzung, die ganz natürlich ist, da wir
selber vom Leben aus an die Natur herantreten, und die Sie täglich
bei Kindern, bei Wilden und bei Tieren beobachten können. Bei
einer solchen Voraussetzung ist Wissenschaft unmöglich. Daher
Descartes' Kampf gegen die Seele. Den Stoff entseelte er ein für
allemal, indem er die Trägheit als sein Wesen nachwies; die Tiere
hatten für ihn keine Seele (kein Bewusstsein) mehr, sondern
sollten Automaten sein; den Menschen entseelte er durch seinen scharfen
Dualismus so weit wie nur irgend tunlich (siehe S. 290). Diese Tat ist
und bleibt bewundernswert: eine der grössten, die je ein Mensch
vollbrachte. Doch Eines blieb in der Hitze des Kampfes
unberücksichtigt; es wurde sogar mit leidenschaftlichem Eigensinn
ignoriert: nämlich, der Unterschied zwischen Leben und
Stoff-Kraft. Descartes begnügt sich nicht damit, die organischen
Wesen — um die Notwendigkeit mechanischer Auffassung einzuschärfen
— mit Automaten zu vergleichen, sondern er pocht darauf, dass es
tatsächlich »gar keinen Unterschied zwischen beiden«
gebe. Hier schleicht sich der Irrtum ein, der bald darauf in der
Philosophie verhängnisvoll wurde und es heute noch in der
Naturwissenschaft ist. Ein blosses Wort narrt uns. Denn das
künstliche Werk, das wir einen Automaten nennen (d. h. einen
Selbstbeweger), ist in Wirklichkeit ein Heteromat; weder tritt es in
Bewegung, noch bleibt es darin, wenn nicht ein Anderer immer wieder
eingreift. Keine Maschine bewegt sich, wenn ich, Mensch, sie nicht
treibe. Wohl scheint auf den ersten Blick die Maschine unserer obigen
Definition (S. 484) eines »ein-
—————
¹)
Vgl. den Brunovortrag, S. 332 fg.
Die folgenden Ausführungen sind
eine Ergänzung des dort Gesagten.
494 PLATO
heitlichen
Ganzen« zu entsprechen; das ist aber eine
Täuschung; denn nach jener Definition sollten die Teile
»sich gegenseitig bedingen«, in einer Maschine aber
bedingen »sich« die verschiedenen Teile gegenseitig nicht,
sondern ich Mensch bedinge sie. Erst mache ich die »Teile«,
und sind sie vollendet, so füge ich sie zusammen zu einem Ganzen:
wogegen das Leben in jedem Augenblick ein Ganzes ist, eine Einheit, die
ihre eigene Gestalt sozusagen »ausstrahlt«, wie die
Amöbe ihre Pseudopodien ausstreckt. Bei der Uhr z. B. verfolge ich
Mensch die eine bestimmte Absicht, einen Zeiger auf einem Zifferblatt
herum und herumzuführen; das kann ich auf fünfzig
verschiedene Weisen erreichen; einheitlich ist hierbei nur meine
Absicht, mein Gedanke; die Räder dagegen sind das, was Plato eine
»Vielfachheit« nennt, eine Vielfachheit, die sich im besten
Falle mit dem vorhin betrachteten Planetensystem vergleichen liesse —
gebannte Kraft, die aber hier nur in Tätigkeit tritt, wenn ich sie
alle acht Tage durch Aufziehen neu schaffe — im übrigen aber
blosser Stahl ist, Stoff, träger Stoff. Es existiert also gar
keine wirkliche Analogie zwischen einer Maschine und einem lebenden
Wesen. Darum sind alle die Allegorien und Betrachtungen, die hieran
geknüpft zu werden pflegen — gleichviel ob im frommen Sinne oder
im materialistischen — gegenstandslos; es fehlt dabei jede Einsicht in
das Wesen des Lebens.
Hier leistet nun das Wort »organisch«
gute Dienste, wenn wir nur verstehen wollen, was damit ausgesprochen
wird; damit sieht's aber schlimm aus, wie mit den meisten Begriffen in
der heutigen Biologie. Professor Verworn z. B., dessen Allgemeine
Physiologie mit Recht viel gebraucht wird, leugnet schlankweg,
dass
»Organisches« sich durch irgend eine Eigenschaft von
»Unorganischem« unterscheide. Ein »zusammengesetztes
Gestein« habe, meint er (S. 125), genau so wie eine lebendige
Zelle, einen »mehr oder weniger komplizierten Aufbau«, und
er — der Professor — könne »im Reagensglas« gerade so
gut wie das lebende Wesen »komplizierte chemisch-physikalische
Gemische« herstellen. Soll man auf solche Argumente antworten?
¹)
Das Gestein und eine Zelle! Das
—————
¹) Hier,
bei diesem konfusen
Gebrauch des Wortes »kompliziert«, wäre es
angebracht, die Bemerkung Goethe's anzuführen: »in
der mineralogischen Welt ist das Einfachste das Herrlichste, und in der
organischen ist es das Komplizierteste. Man sieht also, dass beide
Welten ganz verschiedene Tendenzen haben, und dass von der einen zur
anderen keineswegs ein stufenartiges Fortschreiten stattfindet«
(Gespräch mit Eckermann vom 23. 2. 1831).
495 PLATO
Gestein,
das von Centimeter zu Centimeter verschieden ist, wo nicht ein
einziges Element zu irgend einem anderen in notwendiger Beziehung
steht; das absolut Gestaltlose! Das Gestein, das nicht einmal im
Krystall eine Analogie mit Gestalt — im wirklichen Sinne dieses Wortes
— aufweist! Und was das Reagensglas und die in ihm zu erwirkenden
Wunder betrifft, so hat Professor Cope schon oben mit seinem
Antichemismus geantwortet; im besten Falle kann es dem verehrten
Gelehrten gelingen, einen Bathybius
Verwornii hervorzuzaubern. Ich
musste nur diese Dinge anführen, damit Sie — die Sie Laien sind —
wissen, wie es in Bezug auf das Verständnis der Grundbegriffe des
Lebens in den Köpfen vieler wirklich verdienstvoller
Fachmänner aussieht; Sie könnten sonst leicht glauben, ich
kämpfte gegen Windmühlen. Und doch besagt
»organisch« — wie das Wort von Herder und Kant im Gegensatz
zu mechanisch eingeführt wurde — etwas sehr Entscheidendes und
sehr Klares, wenn man auch nirgends eine scharfe Definition findet,
weil eben die Einsicht in die Autonomie der Lebenserscheinungen bis
heute noch fehlt. ¹) Die Definition muss lauten:
»Organisch«
heissen diejenigen bestimmt geformten Erscheinungen, bei denen Gestalt
Ursache, nicht Wirkung ist. ²)
GESTALT UND ZWECK
Noch einmal: Sie dürfen nicht glauben, ich
triebe hiermit jenes »Stück Mystik«, vor dem
wir soeben eindringlich gewarnt wurden. Ganz im Gegenteil: diese
Definition des Organischen bezieht sich lediglich auf die Anschauung;
sie leitet sich aus reiner Anschauung her
und zielt wieder darauf hin. Betrachte ich das Leben mit den Augen
allein und ganz ohne darüber zu philosophieren, so ist das, was
ich sehe, Gestalt; ob ich ein Säugetier oder ein Aufgusstierchen,
ob ich ein Wesen als Ganzes betrachte, wie es dem unbewaffneten Auge
sich darbietet, oder jeden seiner elementaren Teile mikroskopisch
analysiere, überall sehe ich Gestalt als das Gesetz des Lebens,
beharrende, sich gegen Kraft und Stoff behauptende, sich ewig neu
gebärende Gestalt. Dass jeder einzelne Lebensvorgang mechanisch
gedeutet werden m u s s, das ist bei mir Dogma; doch
Plato lehrt mich
unterscheiden »zwischen dem, was Ursache
—————
¹)
Früher bedeuteten
organisch und mechanisch wesentlich das selbe (vgl. Eucken:
Grundbegriffe der Gegenwart,
S. 156). Im Theaitetos (S.
185) gebraucht
Plato das Wort Organon
für »Sinneswerkzeug«; einen
besonderen philosophischen Begriff hat er meines “Wissens nicht daran
geknüpft.
²) Der grosse Buffon bemerkt:
c'est l'organisation qui fait
proprement notre existence; la
matière, considérée sous ce point de vue, en est
moins le sujet que l'accessoire (I, 426).
496 PLATO
ist,
und jenem anderen, ohne welches die Ursache nicht Ursache sein
könnte« (Phaidon
99). Betrachtete ich dagegen hier diese
Frage des »Organischen« nicht anschaulich, sondern
verstandesmässig — also vom entgegengesetzten Flussufer aus — so
würde die Antwort betreffs jenes anderen, das hinter der
mechanischen Ursache liegt, anders ausfallen, denn dann wäre es
der Z w e c k b e g r i f f. Zweck und Gestalt
entsprechen sich wie Denken und
Anschauen. Für ein reines Schauen ist der abstrakte Begriff
»Zweck« sinnlos, weil völlig unsinnlich; ein reines
Denken aber kann sich Gestalt nur geometrisch vorstellen, und das
heisst nur schematisch, und kann darum die Verhältnisse eines
Planetensystems oder eines Krystalls fassen, nicht aber Gestalt als
Gesetz und Ursache; denn da Lebensgestalt nicht starr ist, kann sie
immer nur uneigentlich auf irgend ein Schema zurückgeführt
werden, nur aus subjektivem Bedürfnis (vgl. Leonardovortrag S. 98
fg.), nicht als objektive Erkenntnis. Und so ist denn
der G e d a n k e d e r
Z w e c k m ä s s i g k e i t d i e A n s c h a
u u n g d e r L e b e n s g e s t a l
t i n s B e g r i f f l i c h e
ü b e r t r a g e n; oder, wenn Sie das Abstrakte statt des
Konkreten als
Ausgangspunkt betrachten, dann können Sie sagen: d i
e G e s t a l t a l s
G e s e t z d e s L e b e n s i s
t d e r Z w e c k g e d a n k e, w
i e e r s i c h d e r A
n s c h a u u n g
d a r s t e l l t.
Hier befinden wir uns auf einmal wieder mitten in
Plato und Kant; denn diese — von uns Menschen instinktiv
ausgeführte — Gleichsetzung zweier Ideen, die logisch garnicht
miteinander verglichen werden können (weil die eine in der
Anschauung und die andere im Denken fusst), ist das, was
Kant
t r a n s s c e n d e n t a l nennt, und die Aufdeckung
dieses Verhältnisses als
eines Grundphänomens des Menschengeistes ist eine Hauptleistung
der Erkenntniskritik, wie sie Plato begründete und Kant
vollendete. ¹) Sie erinnern sich, hoffe ich, an unser erstes
Beispiel einer transscendentalen Geistesoperation, im dritten Vortrag
(S. 254 fg.); sie bestand in
der Behauptung, dass
und R²
= x² + y²
—————
¹) Über die Zweckmässigkeit als »transscendentales
Prinzip«, vgl. Ur. 361.
497 PLATO
das
selbe seien. Dort spielte sich das Ganze auf dem Zwischengebiet
zwischen Denken und Anschauen ab, da wo die Mathematik auf der einen
Seite gedankenhaftes Anschauen, auf der anderen anschauliches Denken
ist. Wie wir zu dieser gewaltsamen Gleichsetzung zweier Vorstellungen
kommen, die in Wirklichkeit kein gemeinsames Mass besitzen, wurde dort
ausführlich erörtert und das gleichsam Künstliche und
Gewaltsame daran klar erkannt. Hier nun liegt genau der selbe Vorgang
vor, nur dass der Sprung von weit jenseits des Mittelgeländes
gemacht wird, aus dem Gebiet des Sichtbaren (um Plato's Ausdruck zu
gebrauchen) in das des Unsichtbaren und zurück; das Zwischengebiet
wird gleichsam übersprungen, weswegen der Vorgang selbst
geheimnisvoller bleibt und seine Gewaltsamkeit zunächst garnicht
in die Augen sticht, indem wir uns der Gleichsetzung und dessen, was
sie bedeutet, nicht klar bewusst werden. Logisch lässt sich nicht
zeigen, warum organische Gestalt und Zweckbegriff das selbe
ausdrücken. Diese transscendentalen Verrichtungen unseres Geistes
liegen jenseits der Logik; die Logik wird erst durch sie möglich;
denn wäre es nicht eine Grundeigenschaft unseres Geistes,
Anschauung und Verstand zueinander in Beziehung zu setzen, so käme
überhaupt kein Denken zustande, sondern wir hätten (siehe S.
197 fg.) nur »leere Gedanken und blinde Anschauungen«.
Dieses Beziehen bildet eben das Urphänomen unseres Geistes; es ist
der Punkt, wo die Psyche entsteht; hinter dieses Urphänomen kann
nur der Dogmatiker, nicht der Kritiker zurückgehen. Beklagenswert
ist es aber, dass wir uns kaum je bewusst werden, wie schöpferisch
der Menschengeist hier verfährt; denn die transscendentale
Beziehung wird zur Gewohnheit und wird als gegeben betrachtet, wogegen
sie in Wirklichkeit eine Methode ist, eine Methode, Erfahrung zu
sammeln, und es somit an uns läge, genau so wie wir die
höhere Mathematik durch geniale Erfindungen von Ideen und
Beziehungen und durch bewusste Verfeinerungen der Methoden erschaffen
und damit eine neue Welt erobert haben, so auch unserem ganzen Denken
und — denn das eine geht gar nicht ohne das andere — auch unserem
ganzen Anschauen durch die Erfassung neuer Ideen und die klare
Ausarbeitung bisher unbeachteter transscendentaler Beziehungen zwischen
Denken und Anschauen einen unberechenbaren Aufschwung zu verleihen.
498 PLATO
STOFF,
KRAFT, LEBEN
Lassen Sie mich hier, ehe wir unsere Betrachtungen
fortsetzen,
eine kurze Formel einschieben; auch Formeln sind ein Starres, ein
Auskrystallisiertes, ich weiss es; doch bedürfen wir ihrer zur
Festhaltung unserer Ergebnisse; wie die Alten Gedenksteine errichteten,
so müssen wir Neueren hin und wieder Worte aufrichten, die uns als
Merk- und Wegzeichen dienen. Das wollen wir jetzt für die
reinliche Unterscheidung zwischen Stoff, Kraft und Leben tun.
Treten wir rein abstrakt an die Betrachtung, so
reden wir einfach von S t o f f, K r a f
t und L e b e n. Hier ist nichts
hinzuzufügen; in dem Wort liegt alles; denn das Abstrakte deckt
sich mit der Summe des Konkreten und lässt keine weitere
Spezifikation zu.
Sucht der Verstand für die sinnliche Erfahrung
einen rein verstandesmässigen Ausdruck, so schreibt er dem
Stoff
T r ä g h e i t, der Kraft W a n d e l b a r k
e i t, dem Leben Z w e c k t ä t i g k e i t
als Wesen zu.
Wollen wir dagegen einen zwar
verstandesmässigen, doch möglichst sinnfälligen Ausdruck
für die selbe Erkenntnis gewinnen, so sprechen wir beim Stoff
von
M a s s e, bei der Kraft von B e w e g u n g,
beim Leben von G e s t a l t; die
Wissenschaft aber statuiert ein Beharren der Masse, ein Beharren der
Bewegung, ein Beharren der Gestalt.
DIE EVOLUTIONSLEHREN
Bei der Betrachtung der Natur und insbesondere des
Lebens ist es nun von ausschlaggebender Bedeutung,
über diese Verhältnisse klare Begriffe zu besitzen. Sonst
gerät man in den Sumpf, in dem unsere heutige biologische
Forschung steckt. Denn erstens wird die schlichte, unableugbare
Tatsache, dass Leben — gedanklich aufgefasst — Zweckbetätigung
ist, mit der mittelalterlichen Lehre der causa finalis, d. h. des
bewussten, planvollen, menschenmässigen »Zieles« als
philosophischer Erklärung der ganzen Natur — jener Lehre, von der
Kant mit Recht sagt, sie hebe die Natureinheit auf — verwechselt,
obwohl beide gar nichts miteinander zu tun haben; des weiteren wird
jener Zweckbegriff, durch den — wie durch den Begriff der Trägheit
beim Stoff — eine weiter nicht zu analysierende Grundtatsache des
Lebens ausgesprochen wird, mit dem Zweckbegriff der Maschine
zusammengeworfen, obwohl die beiden — wie wir gesehen haben — sich
geradezu widersprechen; schliesslich ahnen die Meisten nicht, dass, wer
bei Betrachtung des Lebens von Zweck spricht, genau das selbe sagt, als
spräche er von Gestalt, und bedenken nicht, dass in vielen
Fällen die abstraktere
499 PLATO
Fassung
vorzuziehen ist, da erfahrungsgemäss das Denken sicherer
und schneller mit Begriffen operiert als mit Anschauungen. Die
Zweckmässigkeit kann ebensowenig aus der Vorstellung eines
Lebewesens ausgeschieden werden, wie der Raum aus der eines Dinges
überhaupt. Anatomie, Physiologie und Biologie ohne den
beständigen Gebrauch des Begriffes wozu? warum? zu welchem Zwecke?
betreiben zu wollen, würde so weit führen wie eine Mathematik
ohne Zahlen. Kant hat die berühmte Definition gegeben und
unwiderleglich begründet: »ein organisiertes Produkt der
Natur ist das, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel
ist« (Ur. § 66) —
kurz, alles zwecktätig (denn durch das Wort
»Mittel« wird das gegenseitige Sichbedingen der Teilzwecke
ausgesprochen). Und in der Tat ist, trotz des vielen Ereiferns gegen
den Popanz »Teleologie«, das Suchen nach dem Zweck das Um
und Auf aller Tier- und Pflanzenlehre. Zunächst freilich
untersuchen wir die Gestaltverhältnisse; Wissenschaft nennen wir
aber dieses Wissen um die Gestalt erst, wenn wir ein Warum angeben,
wenn wir nachweisen können, zu welchem Zweck der eine Teil in die
anderen eingreift, wie das Ganze als Einheit sich bewährt, warum
unter veränderter Umgebung bestimmte Änderungen im
Körper stattfinden, usw. Ich kann das hier nicht
ausführen;
Sie brauchen aber nur jedes beliebige zoologische und botanische Buch
aufzuschlagen. Eine Flosse z. B. »verstehe« ich
wissenschaftlich nicht, solange ich ihren »Zweck«, d. h.
ihre Funktion als Organ zur Fortbewegung im Wasser nicht kenne, und
solange ich über ihre »Korrelation« mit den
übrigen Teilen, das heisst über das Verhältnis ihrer
Unterordnung unter den Zweck des ideell einheitlichen Ganzen nicht
Rechenschaft zu geben weiss; oder wiederum: die komplizierten, auf
mathematische Formeln reduzierbaren Stellungen der Blätter am
Sprosse waren längst bekannt, doch wir »verstehen«
diese
erblickte Gestalttatsache erst, seit Julius Wiesner
gezeigt hat, diese
an verschiedenen Pflanzen sehr verschiedenen Blattstellungen
entsprächen genau einem und dem selben Lebenszweck — nämlich
der erforderten durchschnittlichen Belichtung. ¹) Plato hat eben
auch
hier den Nagel auf den Kopf getroffen, indem er von dem Zweckbegriff
(του αγαθου ιδεα) sagt, er sei es, »der dem Erkenn-
—————
¹) Vgl. Über die Bez. der
Stellungsverh. der Laubblätter zur Beleuchtung (Berichte der deutschen
botanischen Gesellschaft 1902) und namentlich Zur Biologie der Blattstellung
(Biologisches Centralblatt,
1903. Bd. XXIII, 209 fg.).
500 PLATO
baren
W a h r h e i t m i t t e i l t « (Rep. 508 E). Und so durfte denn ein
empirischer Forscher, Professor Minot, in der Eröffnungsrede der
amerikanischen Naturforscherversammlung des Jahres 1902 behaupten: das
biologische Wissen ist in letzter Instanz immer mehr ein Wissen um das
Warum als um das Wie. ¹)
Auf welche Irrwege wir geraten, sobald wir diese
Einsicht nicht besitzen, hat der selbe Forscher in der nämlichen
Rede gezeigt, indem er darauf hinwies, wie gefährlich die heutige
Mode sei, von allen Organen, deren »Zweck« wir nicht
einsehen, als von »rudimentären Organen« zu sprechen,
die lediglich »Zeugnisse« eines früheren
Entwickelungsstadiums darstellen und jetzt als »nutzlose
Überbleibsel« mitgeschleppt werden sollen; es ist dies eine
krass anthropomorphische »negative Teleologie«, weiter
nichts. Immer mehr, sagt Minot, stelle sich die Haltlosigkeit dieser
darwinistischen Konstruktion heraus, indem von einem angeblich
nutzlosen Organ nach dem anderen die für den Gesamtkörper
unentbehrliche Funktion entdeckt werde, so dass man sich fragen
dürfe, ob das Leben überhaupt ein nutzloses Organ kenne.
Dieses Zeugnis eines kenntnisreichen und vorsichtig urteilenden
Fachmannes verdient Beachtung in einer Zeit, wo der darwinistische
Taumel so verheerend wirkt, dass Professor Wiedersheim im Menschen
allein 107 nutzlose rudimentäre Organe zählt! ²) Unser
teurer,
grosser Herder hatte gewähnt: »auf die erhabene
Göttergestalt (des Menschen) und Hauptschönheit der Erde
scheinen auch alle Formen der Tierbildung zu konvergieren«
(Ideen, 1. T., III, 6); heute
möchte man zu einem Buche Der
Mensch
als organische Rumpelkammer raten.
In jenem »Warum«, von dem Professor
Minot spricht, und das beim Anblick des Lebens sich unwillkürlich
überall aufdrängt, liegt jedoch eine ungeheure Gefahr, eine
Gefahr für die unbefangene Anschauung. Es liegt nämlich nahe,
dieses »Warum«, das jede Lebensbetrachtung in uns weckt, in
eine historische Frage umzuwandeln, wodurch wir in jenen »ewigen
Regressus« verfallen, vor dem die altindischen Weisen als vor dem
Bankrott jedweder Erkenntnis eindringlich warnen. Sie haben im 2.
Vortrag gesehen, wie sehr es zum Wesen aller physikalischen
Wissenschaften gehört, das Anschauliche durch Umsetzung ins
Abstrakte zu vernichten; auf
—————
¹) Die
Rede steht in extenso in
Nature vom 24. 7. 1902.
²) Siehe Der
Bau des Menschen als
Zeugnis für seine Vergangenheit 3. Aufl. 1902. S. 217 fg.
501 PLATO
dem
Gebiete des Lebens geschieht das nun in der Weise, dass der
Zweckgedanke — der in Wirklichkeit ein Wechselbegriff der Anschauung
der Gestalt ist — historisch umgedeutet wird, wodurch dann auch die
Gestalt ihren ewigen Gesetzeswert einbüsst und nur mehr
zufällige, flüchtige Bedeutung zu besitzen scheint. Welche
Gefahr unserer gesamten Kultur vonseiten der Naturwissenschaft droht,
sobald wir sie — wie heute — einseitig überschätzen und die
notwendige Beschränkung ihrer Geltung nicht bedenken, das konnten
Sie damals zugleich einsehen; noch grössere Gefahr droht aller
Kultur und auch aller Wissenschaft, sobald die Phänomene des
Lebens einseitig historisch aufgefasst werden. Denn hier, beim Leben,
liegt die Sache auch wissenschaftlich anders: Stoff und Kraft sind
Abstraktionen, darum — im letzten Grunde — erfordert bei ihnen jede
genaue Erfassung einen abstrakten Ausdruck, um »exakt« sein
zu können; das Leben dagegen ist konkret gegeben, deswegen
erheischt nicht nur das Interesse der Kultur, sondern auch das
Interesse der exakten Wissenschaft, dass der möglichst reinen
Anschauung der Vorrang überlassen bleibe. Nun ist aber, wie
gesagt, die Historie das Seitenstück der Abstraktion; sie ist die
einzige Form, welche Abstraktion dem Leben gegenüber annehmen
kann; sie vernichtet, sobald sie das Übergewicht gewinnt, alle
unbefangene Anschauung. In der sehr berechtigten Angst vor der
Charybdis der Teleologie, auf welche die eine Auffassung der Historie
unfehlbar hinsteuert, stürzen wir uns auf die Scylla der Evolution
und vergessen, dass alle Geschichte in ihrem tiefsten Grunde nur eine
Methode sein sollte, das Wesen des beharrenden Aussergeschichtlichen zu
erfassen.
Evolutionshypothesen sind so alt wie die Welt; man
darf wohl behaupten, jedes unzivilisierte Volk glaubt an die spontane
Generation (d. h. daran, dass Leben aus Leblosem ohne weiteres
entsteht) und glaubt, dass eine Lebensgestalt aus der anderen
hervorgeht. Der über die Welt so weit verbreitete Totemismus (die
religiöse Verehrung bestimmter Tiere) beruht immer auf dem Glauben
an eine Blutsverwandtschaft zwischen Mensch und Tier; manchmal wird die
Abstammung ausdrücklich gelehrt. ¹) Die alten Ägypter,
die
diese primitive Glaubensstufe schon längst hinter sich
—————
¹) Diesen
Hinweis verdanke ich
Herrn Professor Leopold von Schroeder in seinen Vorträgen an der
Wiener Universität Über
altarische Religion, die noch nicht
im Drucke erschienen sind.
502 PLATO
hatten,
setzten nichtsdestoweniger ohne weiteres voraus, dass in der
von der Sonne durchglühten feuchten Erde spontane Generation des
Lebens stattfinde, gefolgt von fortschreitender Entwickelung; ¹)
ähnlich die alten Babylonier. Und so hören wir noch knappe
zwei Jahrhunderte vor Plato einen Mann von der relativ hohen
wissenschaftlichen Kultur eines Anaximander den Genuss der Fische
verbieten, »weil der Fisch dem Menschen zugleich Vater und Mutter
ist«. Dieser Philosoph trägt schon eine ausführliche
wissenschaftliche Evolutionslehre vor: das Leben entstand nach ihm
zuerst im Wasser und hat sich nach und nach im »Kampf ums
Dasein« und durch »Anpassung« an wechselnde
Bedingungen »entwickelt«; im Laufe der Zeit seien dann
einzelne
Tiere ans Land gestiegen, wo sie den neuen Lebensumständen
gemäss tiefgehende Umwandlungen erlitten, usw., usw. ²)
Origenes
und andere unter den ersten Begründern des Christentums waren von
der Evolution der Gestalten auseinander überzeugt. Diese
phantastischen Lehren hatten für den Durchschnittsverstand etwas
so Plausibles und Vertrauenerweckendes, dass sie nie verschwanden.
Feiner gestalteten sie sich in den Köpfen der wenigen bedeutenden
Denker; doch auch hier herrschen in allen Jahrhunderten
Entwickelungsgedanken vor. Dass ein Paracelsus oder ein Nikolaus von
Cusa die stetige Reihenfolge der Lebewesen, die sie wahrzunehmen
glauben, als explicatio oder evolutio eines einheitlichen
Schöpfungsgedankens auffassen, ist freilich eine mystische
Deutung, doch sie bedingt eine empirische Evolutionstheorie. Ganz
modern gefärbt tritt diese Theorie bei Männern auf, die, wie
Leibniz und Diderot, die Ansicht vertreten, die Landtiere seien nach
dem Rückzug der Meere allmählich aus Wassertieren
hervorgegangen; feiner ist Herder's Auffassung der Transformation; rein
naturwissenschaftlich sind die Descendenzlehren von Maupertuis, Erasmus
Darwin, De Maillet, Bonnet u. A. Wie Kant richtig sagt: die Annahme
einer spontanen Generation einfacher Wesen, gefolgt von
zunehmend vollkommenerer Organisationsbildung, liegt so nahe, sie ist
so naiv menschenmässig, »dass wenige, selbst von den
scharfsinnigen Naturforschern sein mögen, denen eine Hypothese von
solcher Art nicht bisweilen durch den Kopf gegangen
—————
¹) Vgl.
Maspero: Les peuples
de
l'Orient classique I, 155.
²) Siehe, ausser den
geschichtlichen Handbüchern, Teichmüller: Studien zur
Geschichte der Begriffe, 1874, S. 63 fg.
503 PLATO
wäre«
(Ur. § 80, Anm.). ¹)
So hören wir denn
Voltaire die Lauge seines Spottes über die Leute ausgiessen, die
um ihn herum lehrten, »der Mensch sei ursprünglich
Meerschwein
(Delphin) gewesen«. ²) Ich kann Ihnen natürlich hier
und
heute nicht einmal die kürzeste Skizze der Geschichte des
Evolutionsgedankens geben; ich mache Sie nur darauf aufmerksam, dass er
nicht — wie gewöhnlich behauptet wird — eine letzte, höchste
Errungenschaft des Menschengeistes ist, sondern im Gegenteil ein
nächstliegender Einfall, auf den seit jeher alle Menschen geraten
sind. Dass das Leben aus dem Leblosen entstehe und immerfort in der
Vervollkommnung begriffen sei — mit anderen Worten, die fortgesetzte
Erschaffung von Etwas aus Nichts — finden wir ebenso glaubwürdig
wie
unsere Urahnen die Erschaffung der Welt aus Nichts und das Gebot an die
Sonne, sich schneller oder langsamer zu bewegen. ³) Dagegen ist
der Gang
echter exakter Wissenschaft in der genau entgegengesetzten Richtung
erfolgt; Pasteur — dieses wahre Genie unter dem ungezählten
Gewimmel platter Naturforscher — hat den Weg gewiesen. Immer ferner und
ferner musste die spontane Generation zurück verlegt werden. Noch
Descartes — so allgemein und unbestritten war die Annahme — bezweifelt
nicht, dass Ratten (also hochorganisierte Wirbeltiere!) aus dem
Kehricht spontan entständen; heute wissen wir, nicht die winzigste
Bakterie kann anders als aus einer Bakterie entstehen, ja, selbst jeder
gestaltete lnhaltskörper einer Zelle entsteht einzig und allein
aus einem ebensolchen Körper — also alles, was Gestalt ist, aus
Gestalt, nie aus Stoff und Kraft. Die Entstehung von Etwas aus Nichts
ist — exakte Anschauung bestätigt es — eine ebenso
unwissenschaftliche Annahme auf dem Gebiete des Lebens wie auf denen
des Stoffes und der Kraft. Ebenso wird ganz gewiss exakte Anschauung —
nach richtiger, objektiver Methode geleitet — beweisen, dass jede
Änderung der Lebensgestalt in Wirklichkeit ein Beharren der Ge-
—————
¹)
Nichtsdestoweniger nennt Kant
an anderem Orte die gewöhnliche evolutionistische Auffassung, wie
sie heute wissenschaftliches Credo geworden ist: »die gemeine,
seichte
Vorstellungsart« (R. VI,
369).
²) Sur un
Écrit anonyme,
19. 4. 1772.
³) Einer der kundigsten und
konsequentesten der heutigen Verfechter des Darwinismus, Prof. Ludwig
Plate, sagt in seinem vortrefflichen apologetischen Buche Über die
Bedeutung des Darwinschen Selektionsprinzips (2. Aufl., 1903, S.
227): »Das Wesen der Selektion ... ist darin zu sehen, dass durch
eine
Sonderung erhaltungsfähiger und erhaltungsunfähiger
Körper eine V e r v o l l k o m m n u n g,
ein F o r t s c h r i t t erzielt wird.«
Also buchstäblich: eine fortgesetzte Erschaffung des Mehr aus dem
Weniger, des Etwas aus dem Nichts.
504 PLATO
stalt
ist — ein Gedanke, den ich heute nur so als Paradoxon hinwerfe,
da mir die Zeit fehlt, ihn näher auszuführen. ¹) Dass
Änderungen in dem Gesamtbild des Lebens ebenso ununterbrochen
stattfinden, wie in dem Leben jedes einzelnen Lebenden, ist zu keiner
Zeit bezweifelt worden; auch Linnaeus vermutet, alle Arten einer
Gattung seien miteinander genetisch verwandt; ²) hier liegt nicht
der
Kern der Frage. Vielmehr dreht sich die Frage darum: ob die Lebewesen
atomistisch nebeneinander herlaufen, oder ob nicht
alle zu allen mittelbar oder unmittelbar in Beziehung stehen, — ob im
Leben ein beständiger Zuwachs — ein Entstehen von Etwas aus Nichts
— stattfindet (was die Grundannahme jeglicher Evolutionslehre ist),
oder ob nicht im Gegenteil das Leben als Ganzes eine konstante
Grösse bildet, innerhalb welcher zwar beständig
Verschiebungen stattfinden, doch in der Art, dass jeder Zuwachs an
Grösse, Komplikation usw. innerhalb einer Gruppe eine
entsprechende Veränderung an anderem Orte bedingt, und dass jede
Anpassung an veränderte Bedingungen (Stoff und Kraft) immer und
ausnahmslos die möglichst vollkommene Beharrung der Gestalt
bedeutet. Ich behaupte nun: um wirklich exakt wissenschaftlich denken
zu können, m ü s s e n wir
voraussetzen — und das heisst, wir
m ü s s e n die Idee fassen und zum Gesetz des Denkens
erheben — das gesamte Leben der Erde bilde eine Einheit, und zwar so,
dass die
Gestaltungssumme (wenn ich mich so ausdrücken darf) stets
unverändert bleibt. Man rühmt dem grossen Cuvier nach, er als
Erster habe aus einem einzigen Knochen ein ganzes, unbekanntes Tier
aufzubauen gewusst; die Wissenschaft muss so weit kommen, aus einigen
wenigen Pflanzen- oder Tierresten die Fauna und Flora einer ganzen
Epoche wiederherstellen zu können; das muss das Ziel der Biologie
sein. ³)
—————
¹)
Hierbei verweise ich auf
Lessing's sonst kaum begreifbaren Gedanken, die Perfectibilität
sei »eine Beschaffenheit, welche allein das Beharren
ermöglicht« (XII, 148).
Ein allererstes Erfordernis
wäre natürlich die wissenschaftliche Feststellung dessen, was
für die Natur »ähnlich« ist und was nicht; heute
staunen wir in der kindlichen Unschuld des naivsten Anthropomorphismus
gewisse Änderungen — z. B. an Darwin's Tauben — als ein Wunder an,
obwohl die Natur selber uns lehrt, dass dies für sie nichts zu
bedeuten hat, und übersehen dabei, dass es Änderungen gibt,
die
wir Menschen als minimal ansehen, die Natur jedoch nicht in Äonen
zu
bewirken vermag. Darum sind wir zur Stunde völlig unfähig,
etwas wissenschaftlich Rationelles über Beharren und Änderung
der Lebensgestalten aufzustellen; es fehlen die nötigen
Vorarbeiten; und diese fehlen, weil wir das Problem selbst noch gar
nicht erblicken.
²) Siehe weiter unten.
³) Plato hat diese Idee der
E i n h e i t d e s L e b e n s
schon deutlich besessen
505 PLATO
Soviel nur zur Verständigung über die
Richtung, in die ein Denken und Schauen nach den Grundsätzen
Plato's, Kant's und Goethe's uns in Bezug auf das Lebensproblem weist.
Sehen wir aber nun, wohin eine Naturforschung führt, die vom Wesen
des Lebens als Gestalt nichts wissen will. Von dem Zusammenhang
zwischen Zweckgedanken und Gestaltsanschauung ahnt sie nichts, und das
»Warum«, von dem uns Professor Minot als Wesen aller
Biologie sprach, wähnt sie h i s t o r i s c h
beantworten zu können,
indem sie nämlich in ihrer extremsten Verirrung »die
Entstehung der Zweckmässigkeit« zu erklären unternimmt,
in ihrer milderen — heutzutage aber den ganzen Unterricht und die
gesamte Wissenschaft
vergiftenden — Form zwar von letzten Fragen mehr oder weniger absieht,
jede einzelne Gestalt aber immer durch das Werden aus anderen
»erklärt«, wobei ein ungeheures Gebäude von
Hypothesen errichtet und jede Möglichkeit, unbefangen zu schauen,
täglich geringer wird. Sie werden sehen, welche Förderung wir
aus dieser Betrachtung für das Verständnis Plato's und Kant's
schöpfen.
Wie wahnwitzig der Gedanke ist, die
Zweckmässigkeit lebender Körper »erklären«,
d. h. zeigen zu wollen, auf welchem Wege es ihnen gelungen sei, sich
nach und nach zweckmässig zu organisieren, das leuchtet ohne
weiteres ein, sobald man weiss, dass Zweckgedanke nichts Anderes ist
als Lebensgestalt ins Begriffliche übertragen. Jenes Vorhaben ist
buchstäblich genau das selbe, wie wenn Jemand sagen wollte: ich
werde euch dartun, auf welche Weise der Stoff nach und nach träge
wurde, und wie es kam, dass die Kraft eines Tages in Bewegung geriet.
Der Gedanke selbst ist völlig sinnlos. Und doch ist es dies, was
der Darwinismus (in seinen verschiedenen Abarten) unternimmt, und
wofür er so hoch gepriesen wird. Darwin selber besitzt freilich
eine eigentümliche Gabe, sich um die allen seinen Theorien zu
Grunde
—————
und spricht davon, dass alle
Tiere untereinander in Wechselbeziehung
stünden (Tim. 30 D fg.).
Ob diese Einheit in der mathematischen
Formel einer Differentialgleichung begrifflichen Ausdruck finden wird,
mag fraglich erscheinen, doch glaube ich, dass die Unentbehrlichkeit
einer derartigen Formel sicherlich früher oder später zu
ihrer Entdeckung führen wird. Es handelt sich hierbei um das, was
Kant eine r e g u l a t i v e Idee nennt, im
Gegensatz zu den k o n s t i t u t i v e n
Ideen, das heisst um eine Idee, die dem forschenden Menschengeiste eine
Richtung anweist und ihn hiermit von Entdeckung zu Entdeckung
führt, nicht um eine, die die massive Geltung einer Tatsache
beansprucht und dadurch das Denken dauernd festnagelt (vgl. r. V. 715
und Ur. an zahlreichen
Stellen).
506 PLATO
liegenden
Gedanken herumzudrücken, ohne sie je offen und
ausführlich und unzweideutig zu erörtern. So müsste sich
z. B. jeder Mensch höchlich verwundern — wenn nicht das Denken so
sehr aus der Mode gekommen wäre — in einem Buche, das den Titel
führt Über den Ursprung
der Arten, keine einzige
Auseinandersetzung über den Begriff einer »Art«
anzutreffen. Was sind denn das für Dinge, diese Arten, über
deren »Ursprung« ich belehrt werden soll? Wie komme ich,
Mensch, zu dem Begriffe einer Tier- oder Pflanzenart? Ist er etwas
Einfaches und Selbstverständliches, etwas, was wir seit jeher
besessen haben? ist das Wort eindeutig? hat ihm zu allen Zeiten der
selbe Sinn zu Grunde gelegen? Die geringsten historischen Kenntnisse
belehren, dass dem nicht so ist. Jahrtausende hat man um diesen Begriff
gerungen und ist die Wissenschaft des Lebens nicht von der Stelle
gekommen, weil man ihn nicht besass. Erst vor kurzem haben ihn die
kenntnisreichsten und genialsten Naturforscher geschaffen. Im letzten
Grunde geht diese schöpferische Tat auf Plato zurück; denn er
ist es, dem wir den Ursprung jener beiden ineinandergreifenden Ideen
»Gattung« und »Art« (Eidos und Idea)
verdanken, durch welche erst eine Wissenschaft der Lebensgestalten
möglich wurde; doch die systematische Anwendung und Ausbildung lag
noch unendlich fern. ¹) Aristoteles fasst ganze Klassen zusammen —
z. B.
die Vögel oder die Fische — und nennt sie je einen Genos; doch der unendlich feine
Gedanke
Plato's, dass hier immer Z w e i e r l e i im
Verhältnis zueinander
bestimmt werden müsse, eine nach oben und nach unten zu
verschiebbare Dichogamie der Einheit und der Vielfachheit, des
Allgemeinen und des Besonderen, ist — wie die meisten
schöpferischen Gedanken Plato's — spurlos an seinem
anschauungsärmeren Denken vorübergegangen. Jahrhunderte
heisser Arbeit — einer Arbeit, die hauptsächlich in massenhaftem
Ansammeln und intensiver
Anschauung bestand — gingen vorüber, ehe, in der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts, einzelne ausserordentliche
Männer — unter denen ich in erster Reihe John Ray nennen will —
das Wesen des
Problems erfassten und im Pflanzen- und Tierreiche eine systematische
Sonderung und Gliederung anbahnten. Ohne ihre Bemühungen
hätten wir nur Chaos, nicht Wissenschaft gehabt.
—————
¹) Doch
begannen die Versuche
einer »Einteilung der Arten« (διαιρεσις ειδων, Phil.
20 C) schon zu Plato's Lebzeiten und
innerhalb seiner Schule, so zwingend war der Gedanke durch seine Lehren
nahegelegt. (Vgl. Natorp: a. a. O., S. 302).
507 PLATO
Hierbei
stellte sich aber bald die Notwendigkeit ein, nicht allein nach
oben hin (Eidos) umfassende
Gruppen, sondern zugleich nach unten zu
(Idea) letzte Einheiten
möglichst genau zu bestimmen, selbst um
den Preis einiger Gewaltsamkeit. ¹) In dieser neuen Phase der
Entwickelung unseres anschauenden Denkens aus Verwirrung zu
Verständnis, als es darauf ankam, uns aus dem täglich
bedrohlicher werdenden »Labyrinthe der Mannigfaltigkeit«,
wie Kant es nennt, ²) zu retten, erwarb sich Linnaeus das
grösste
Verdienst, das vielleicht irgend ein einzelner Mensch sich jemals um
die praktische Kenntnis der Lebensorganismen erworben hat; und zwar
weniger durch grosse Tiefe oder schöpferische Beanlagung als durch
seltene Schärfe des Blickes, gepaart mit seltener Schärfe des
Verstandes; Linnaeus ist ein Phänomen des praktischen
Urteilsvermögens. ³) Art und Gattung, wie diese Worte von der
heutigen Wissenschaft gebraucht werden, sind Begriffe, die erst seit
Linnaeus existieren, also erst seit der zweiten Hälfte des 18.
Jahrhunderts. 4) Das enorme Wissen und die
für alle künftigen
Zeiten epochemachenden Arbeiten und Gedanken Cuvier's befestigten sie
dann und verliehen ihnen jene gesetzmässige Geltung, ohne die
nichts ausgerichtet worden wäre. Bedingt ist die unerhörte
Entwickelung unserer Zoologie und Botanik durch diese
schöpferische Tat; denn das Hauptverdienst des Begriffes einer
»Art«, wie er von Linnaeus und Cuvier festgestellt wurde,
besteht darin, dass er unsere Anschauungskraft unendlich schärfte.
Es ist aber in einem anderen Sinne des Wortes
»unerhört«, ein Buch — was sage ich? eine
—————
¹) Nägeli macht in seiner
Entstehung und Begründung der
naturhistorischen Art, S. 4, darauf
aufmerksam, dass die allerersten Begründer der Systematik —
Männer wie Caesalpin und Tournefort — das Hauptgewicht auf
die
G a t t u n g legten, die A r t
dagegen nebensächlich behandelten; erst
nach und nach machte sich die Notwendigkeit einer genauen Bestimmung
des Begriffes »Art« geltend. Die ganze Frage des
Verhältnisses zwischen Individuum, Art, Gattung, Typus usw.,
namentlich in Bezug auf die relative Anschauungsmenge und auf den Grad
der Abstraktion, konnte hier nicht einmal angedeutet, geschweige
aufgerollt werden, Reicht meine Lebensfrist, so hoffe ich dies
später in einer ausführlichen Lebenslehre zu tun.
²) Über Philosophie
überhaupt.
³) Treffend nennt ihn Johannes
Spix in seiner noch heute lesenswerten Geschichte und Beurteilung aller
Systeme in der Zoologie (1811) den »klugen
Künstler«
und meint: »mit ihm wird Tag über die gesamte
Naturgeschichte« (S. 92 und XVII). Und Spix ist nichts weniger
als ein Anhänger der Systematik des grossen Schweden; er redet nur
von seinen Verdiensten um die Feststellung der Idee einer
»Art«. Auch Yves Delage, ein überzeugter Evolutionist
unserer Tage, spricht von den unvergleichlichen Verdiensten des
Linnaeus und meint, kein heutiger Naturforscher wäre imstande, ein
Ähnliches zu leisten
(Hérédité,
p. 2).
4)
Die wichtigsten Schriften des
Linnaeus erschienen zwischen 1735 und 1775.
508 PLATO
Reihe
von Büchern — über den Ursprung der Arten zu schreiben,
ohne je diesen Begriff einer »Art« zu prüfen, ohne ihn
ein einziges Mal historisch zu verfolgen; denn was Darwin als
Historical Sketch seinem
Hauptwerke voranschickt, ist ein wahrer Spott.
Darwin spricht vom ersten Satz an von »Arten«, als ob das
Dinge wären, die so herumliefen wie Kunz und Peter und Heinz,
Dinge, die jedes Kind erblicken könnte, wenn es nur die Augen
aufmacht. Und nun kommt das Köstliche: im Ursprung der Arten wird
Satz für Satz von »Art« in dem Sinne gesprochen, der
seit Linnaeus dem Worte zukommt, so dass das ganze Buch von A bis Z
diesen Artbegriff voraussetzt und ohne ihn vorauszusetzen garnicht
hätte ins Dasein treten können; Zweck des Buches aber ist der
Nachweis, dass es »Arten« in dem Sinne, wie die
Linnäische Naturwissenschaft den Begriff bestimmt, in der Natur
nicht gebe. Somit müsste das Buch eigentlich heissen: Über
den Ursprung jener Arten, die es nicht gibt. ¹) Nun
hätte
jeder
philosophische Forscher seit jeher — auch Newton — Darwin belehren
können, dass empirische, exakte Wissenschaft über
U r s p r ü n g e von Naturerscheinungen niemals etwas
ausmacht; schon der
ehrwürdige Roger Bacon im 13. Jahrhundert, der Weckrufer
germanischer Wissenschaft, spricht die denkwürdigen Worte: causas
non oportet investigare. Wäre Darwin — der unvergleichliche
Beobachter empirischer Einzelheiten, der verehrungswürdige Mensch
— auch nur ein klein wenig Denker gewesen, so hätte er einsehen
müssen, dass »Art« überhaupt keine unmittelbare
Naturerscheinung ist, sondern eine sehr langsam gewordene Idee, deren
eigentlicher »Ursprung« im Menschenkopf liegt und nirgends
anders, da sie eine jener Hypothesen bedeutet — »Stufe und
Sprungbrett«, wie Plato sich ausdrückt (S.
414) — die der
Mensch aufstellt, um mit der Natur in Fühlung zu treten, um sie
besser »sehen«. und infolgedessen auch besser
»denken« zu können. ²)
Dies nur flüchtig, damit Sie begreifen, welcher
Mangel an Besinnung die Grundgedanken Darwin's und seiner Nachfolger
verunstaltet. Und wenn Sie nun weiter untersuchen, werden Sie ein-
—————
¹)
Wogegen die richtig gestellte
Grundfrage aller Systematik lauten würde: Wie kommt es, dass es in
der
Natur konstante Arten gibt, trotzdem dieser Begriff der
»Art« eine menschliche Erfindung ist?
²) Den Leser möchte ich hier
auf folgendes Verhältnis kurz aufmerksam machen: die A
r t ist ein abgezogener Begriff (l'espèce est un mot
abstrait, sagt Buffon, ch. l'Âne),
die G e s t a l t dagegen ist eine
empirische Anschauung; »Erhaltung der Art« ist darum ein
metaphysischer Gedanke, »Beharrlichkeit der Gestalt« ist
eine Idee.
509 PLATO
sehen,
dass die heutigen Evolutionisten vollkommen recht haben, wenn
sie das, was Darwin selber nie buchstäblich aussprach, logisch
deduzieren indem sie Wesen und Verdienst der Evolutionslehre in der
»mechanischen Erklärung der Zweckmässigkeit«
erblicken; wodurch aber nichts weiter geleistet ist, als die Aufdeckung
der unentwirrbaren Konfusion, die dem ganzen Gedankengang zu Grunde
liegt. ¹) Durch Auswahl dessen, was zweckmässig war, und
Ausmerzung dessen, was unzweckmässig war, soll die Natur nach und
nach, im Laufe von Jahrbillionen, die lebenden Wesen so weit gebracht
haben, wie wir sie heute sehen, nämlich dass die Teile zueinander
und zum Ganzen passen. Was das heisst, ein unzweckmässiges
Lebewesen, eine ungestaltete Gestalt, — wie jene angebliche Urmutter
aller heutigen Lebensformen auch nur eine Viertelsekunde hat leben,
geschweige denn sich ernähren, wachsen und sich vermehren
können, wenn sie nicht vollkommen zweckmässig organisiert war
— das erklärt man uns nicht; das Gehirn wird eben in dieser Schule
als das hundertundachte rudimentäre Organ des Menschen
behandelt. ²)
Diese allgemeine Betrachtung der zu Grunde liegenden
Sophismen genügt aber nicht; wir müssen dieses
evolutionistische Denken an einem konkreten Beispiel am Werke
beobachten. Nehmen Sie eins der besten anatomischen Handbücher,
die es überhaupt gibt, ein wahres Monument deutschen Fleisses und
deutscher Tüchtigkeit und Gründlichkeit, Gegenbaur's
Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere mit Berücksichtigung der
Wirbellosen (1898 bis 1901) zur Hand; dieses Werk ist
unbestritten das
erste in seinem Fache und — bis auf die zu Grunde liegende Theorie —
aller Bewunderung würdig; schlechte Bücher würden nichts
beweisen, wir müssen sehen, wie weit es mit den guten gekommen
ist. Doch bitte ich, vorher, zur Orientierung über die Methoden
exakter Wissenschaft, einen Blick auf die Vorrede zur Mechanik des
grossen Physikers Kirchhoff zu werfen. Hier haben wir es mit den am
leichtesten exakt zu erforschenden Phänomenen der Natur zu tun;
wie stellt sich nun ein Meister dieses Faches seine Aufgabe vor?
Kirchhoff sagt: »Ich stelle es als die Aufgabe der
—————
¹) Die
neueste Formulierung
lautet: »So hat unsere Zeit das grosse Rätsel gelöst,
wie das Zweckmässige entstehen kann ohne die Mitwirkung
zwecktätiger Kräfte« (Weismann: Descendenztheorie,
1902, II, 441).
²) Der scharfsinnige David Hume
fragt: I would fain know, how an
animal could subsist, unless its parts
were so adjusted (Natural
Religion, 1. Aufl., p. 153.).
510 PLATO
Mechanik
hin, die in der Natur vor sich gehenden Bewegungen zu
b e s c h r e i b e n, und zwar vollständig und auf die
einfachste Weise zu
beschreiben. Ich will damit sagen, dass es sich nur darum handeln soll,
anzugeben, welches die Erscheinungen sind, die stattfinden, nicht aber
darum, ihre U r s a c h e n zu ermitteln«.
¹) Sie sehen, welche
bewunderungswürdige Selbstbeherrschung hier das Denken, zu Gunsten
der Anschauung, in seine Schranken weist; Sie sehen auch, dass der
moderne Physiker — er, der die hohe Schule der wahren Exaktheit
durchgemacht hat — die Worte Roger Bacon's causas non oportet
investigare fast buchstäblich wiederholt, wobei er mit
Goethe
zusammentrifft, der uns so oft und eindringlich warnt: »Lebhafte
Frage nach der Ursache ist von grosser Schädlichkeit«.
Ähnlich fasste jener unsterbliche Mann mit einem der
grössten bisher je beobachteten Gehirne, Georges Cuvier, der
Begründer der vergleichenden Anatomie, Ziel und Methode seiner
Wissenschaft auf. Den Descendenzphantastikern gegenüber, die um
ihn herum eifrig bemüht waren, eine Wissenschaft der
sorgfältigen Unterscheidung nicht aufkommen zu lassen, nennt er
sich mit Stolz un naturaliste
ordinaire und definiert diesen als einen
Naturforscher, für den la seule
règle raisonnable die
Beobachtung des tatsächlich Erschaubaren und die Vermeidung der
hypothèses sans preuves
ist. ²) Ähnlich dachte jenes
Geschlecht grosser biologischer Forscher, dem wir einen Karl
Ernst von Baer, einen Lacaze Duthiers, einen Milne Edwards, einen
Augustin Pyrame De Candolle, einen Louis Agassiz, einen Richard Owen
verdanken. Doch heute haben wir's dank dem erlösenden
Descendenzdogma in der Kenntnis des Lebens so herrlich weit gebracht,
dass wir alle solche ängstliche Besonnenheiten haben fahren
lassen. »Denken wir uns einen einfachsten Organismus« ...
so beginnt heute das grösste und beste Handbuch der vergleichenden
Anatomie, das vorhin genannte Gegenbaur's. Also erst der Gedanke,
später die Beobachtung. Wie wir Menschen beurteilen sollen, was
für die Natur das »einfachste« ist, wird nicht
mitgeteilt; es wird garnicht danach gefragt. Dass grosse Vorsicht in
Bezug auf angeblich »einfache« Wesen am Platze ist, haben
Sie vorhin gesehen; wirklich höchst einfach organisierte Wesen
sind zur Stunde nur als Rückbildungen aus hoch-
—————
¹) Die
gesperrt gedruckten Worte
sind im Original durch andere Lettern hervorgehoben.
²) Siehe die Séance
de
l'Académie des Sciences vom 22. 3. 1830 und vgl. Discours sur
les révolutions de la surface du globe.
511 PLATO
organisierten
infolge parasitärer Lebensweise (soweit man
schliessen darf) bekannt. In der Natur geht also häufig das
Komplizierte dem Einfachen voran; es ist nicht unmöglich, dass das
durchwegs der Fall sei. In den untersten paläozoischen Schichten,
in denen überhaupt Versteinerungen gefunden werden, ist — wie man
heute weiss — eine ebenso reiche und ebenso hoch organisierte Fauna
vertreten wie heute auf dem Boden des Ozeans, und zwar eine in Bezug
auf die Zusammensetzung wesentlich gleiche; Brooks, der bekannte
Professor der Zoologie an der John Hopkins Universität in
Baltimore und ein überzeugter Darwinianer, ist als ehrlicher Mann
gezwungen zu gestehen: »Weit entfernt, in diesen Formen die
einfachen, unspezialisierten Vorfahren der heutigen Tiere zu finden,
erblicken wir eine, zoologisch gesprochen, intensiv moderne (intensely
modern) Fauna, die g e n a u d e
r g l e i c h e n Naturordnung angehört wie
die heute herrschende«. ¹) Sie sehen also, für diesen
»einfachsten Organismus« Professor Gegenbaur's gibt uns die
allerälteste bekannte Fauna genau ebensowenige Anhaltspunkte wie
die allerjüngste; er gehört vollkommen der Phantasie an. Und
nun wird uns haarscharf genau erzählt, wie es mit diesem
einfachsten Organismus — diesem reinen Phantasiegebilde, das weder im
Denken noch im Anschauen wurzelt — zugegangen sein m ü s s
e ! Zwar
gibt Gegenbaur auf S. 4 einmal zu, ein anderer Vorgang als der von ihm
für dieses Urwesen und Unwesen erdachte »solle nicht als
ausgeschlossen gelten«; doch dann wären Bedingungen
vorauszusetzen, »welche viel weniger klar liegen«, also weg
damit! Die Natur wird doch nicht etwa anders vorgegangen sein, als ein
ordentlicher Universitätsprofessor im Jahre 1898 für
»klar« hielt? Und so geht's denn sans peur ni reproche
weiter, und wir erfahren in kurzen Zügen: erstens, auf welchem
Wege dieser »einfachste Organismus« — der, obwohl er ein
Organismus war, doch keine »Organe« besass! — dazu kam,
nach und nach welche zu erhalten, sodann, wie die verschiedenen Wesen
sich auseinander »entwickelten«. ²) Das eine wird
ausdrücklich als »Geschichte der Organe«, das andere
als »Stammesgeschichte« bezeichnet. Denn Sie
—————
¹) The Foundations of Zoology,
1899, p. 216. Allein an Tieren sind aus dem Silur mehr als 10 000 Arten
bekannt.
²) Unwillkürlich denkt man
hier an Goethe's Satyros:
Vernehmt,
wie im Unding
Alles durcheinander ging;
Wie ins Unding das Urding erquoll
usw., usw.
512 PLATO
müssen
wissen, die Natur — die arme, ungeschickte Stümperin —
der nur ganz zufällig, ein einziges Mal, ein lebendes Wesen, ein
»indifferenter« Urkeim — sie wusste selbst nicht wie —
unter den Fingern entstanden war, bedurfte langer und fleissiger
Übung, um das Leben zu einer lebensfähigen (c'est le cas de
le dire) Erfindung auszugestalten. Zum Glück fand sich ein
»grosses organbildendes Prinzip« ein, und dank diesem
entstand nach und nach ein Organismus; der Bachelierus im Malade
imaginaire soll doch nicht umsonst auf die Frage, warum Opium
schlafen
mache, die unsterbliche Antwort gegeben haben: quia est in eo vertus
dormitiva. Doch da es ihr noch immer nur so von ungefähr
gelingt,
ein neues Individuum zustande zu bringen, und damit sie nur ja nicht
den roten Faden des Werdens verliere, wiederholt die erfindungsarme
Natur bei jedem Individuum die ganze Vergangenheit; sie rekapituliert
wie ein Kind vor der Stunde, und das nennen unsere Forscher die
Palingenese oder
»Wiedergeburt« — so dass neben
Molière auch die altindische Mythologie nicht ganz umsonst sich
abgemüht haben soll. Doch wie die Kinder hat auch die Natur gar
oft ein schlechtes Gedächtnis; sie sagt die Lektion falsch her;
dadurch entsteht die sogenannte Cenogenese,
das heisst, die
»gefälschte Stammesgeschichte«, vor der der arglose
Beobachter auf der Hut sein muss ²) .....
—————
¹) Es ist
vielleicht nicht ohne
Wert, den Leser darauf aufmerksam zu machen, dass das mit so grossem
Pomp als Ernst Haeckel's Erfindung überallhin verkündete
»biogenetische Grundgesetz« — die angebliche Wiederholung
der Stammesgeschichte in der Entwickelung des Individuums — eine sehr
alte Idee ist, die schon von den meisten Naturphilosophen des 18.
Jahrhunderts als Glaubenssatz gepredigt wurde. Bonnet gebraucht im
Jahre 1768 das selbe Wort Palingénésie
wie heute
Gegenbaur; in diesem Falle ist also die »Vererbung« —
nämlich der Gedanken — sehr deutlich. Erasmus Darwin, Schelling,
Kielmeyer u. A. sprechen den selben Gedanken mit voller Deutlichkeit
aus; Diderot, der in seinen Pensées
sur l'interprétation
de la Nature, ch. 58 (1754 erschienen) die ganze Evolutionslehre
vorträgt, deutet ihn wenigstens an. Inzwischen und abseits von
diesem Aufklärungsdogmatismus entstand die wahre Wissenschaft. Der
Begründer der wissenschaftlichen Embryologie, Karl Ernst von Baer,
ist der Entdecker aller jener Tatsachenreihen, die der spekulative
Haeckel zu seinem angeblichen »Gesetz« umgeprägt hat,
wobei die unentbehrliche Ergänzung der paläontologischen
Tatsachen und Gedanken fast ausschliesslich das Verdienst eines der
grössten Genies ist, die je die Glut eines ausserordentlichen
Geistes ganz in den Dienst der Naturbeobachtung stellte — Louis
Agassiz. Nur dass diese beiden Männer (von dessen der eine erst
1876, der andere erst 1873 starb) die Berechtigung der phantastischen
Folgerungen bestritten und nicht müde wurden, darauf hinzuweisen
dass ausser der Ungeheuerlichkeit der hypothetischen Annahmen eine zwar
unbewusste, aber nicht weniger gründliche F ä l s
c h u n g d e r
T a t s a c h e n Schritt für Schritt durchgeführt
werde. (Vgl.
hierzu namentlich den heute mehr denn je lesenswerten Aufsatz Karl
Ernst von Baer's Über Darwin's
Lehre, im 2. Bande seiner
gesammelten Reden und Aufsätze.) Dem Laien, der einsehen lernen
will, in welcher Weise Haeckel in seinen berühmten
Stammbäumen die Tatsachen teils verschweigt, teils umdichtet,
513 PLATO
Und
so geht die Mythenbildung lustig weiter. Quand on prend du galon,
on n'en saurait trop prendre. Für uns hier ist das
Beachtenswerte,
dass alle diese Phantasien G e d a n k e n
sind, nicht Anschauungen: Ritter
Denken baut sich ein kühnes Schloss im Geschmack des
Mittelalters auf, und nun muss die Dame Anschauung damit fürlieb
nehmen und sich, so gut es gehen will, einrichten; kurz, das Denken
meistert die Anschauung. Und der Zweckbegriff, der so feierlich zur
Türe hinausgeworfen worden war, kehrt natürlich sofort
wieder, doch in einer mephistophelischen Vermummung, so dass er
schalten kann, ohne die zarten Gewissen unserer Historiker des Lebens
zu beunruhigen. Dank einer »inhärierenden
Veränderlichkeit« nämlich »passt sich der
Organismus den
Bedingungen, welche auf ihn einwirken, an« (S. 4). Was sagen Sie
zu dieser Maske? Glauben Sie mit der »inhärierenden
Veränderlichkeit« viel gewonnen zu haben? mehr als mit der
einfachen Einsicht: das Wesen des Lebens — begrifflich aufgefasst — ist
Zwecktätigkeit? Und dabei geschieht noch das Unglück, dass
als Wesen des Lebens die V e r ä n d e r l i c h k e i
t aufgestellt wird,
wogegen sein Wesen die B e h a r r l i c h k e i
t d e r G e s t a l t ist! Doch
jener
verschminkte Kobold kommt nicht allein. Die unbegrenzte
Veränderlichkeit würde nur die M ö g l i c h
k e i t der Anpassung
erklären, nicht deren Ursache sein; »die Ursache der
Anpassung«, schreibt Gegenbaur, »ist zunächst in
dem
V o r t e i l e zu suchen, welcher durch die betreffende
Veränderung dem
Organismus zu teil wird« (S. 4). Sie sehen, wie ungeheuer
anthropomorphisch das gedacht ist; der Vorteil als
»Beweggrund« — z. B. des Kaufmanns — ist uns wohl bekannt;
doch der Vorteil als
»Ursache der Anpassung« (nicht etwa als
»Folge« der Anpassung, was allenfalls einen
vernünftigen Sinn gäbe) ist ein haarsträubender Gedanke,
der der Natur gegenüber als eine elende Totgeburt bezeichnet
werden muss.
So hat die Antiwissenschaft, die Phantasterei ihren
Einzug in unsere Zeit gehalten. Und wie geschah das? Es war die
unver-
—————
ist der Abschnitt 7 des 3.
Kapitels von Louis Agassiz: De
l'espèce et de la classification en zoologie, auch
englisch als
Essay on classification
erschienen, sehr zu empfehlen. Von ebenso
grossem Interesse ist das klassische kleine Werk von Milne Edwards (dem
letzten aus dem Geschlechte der grossen Zoologen, gestorben 1885):
Introduction à la Zoologie
générale, wo im
sechsten Kapitel eine Übersicht aller hierher gehörigen
embryologischen Tatsachen gegeben und die leichtfertige, unter der
Gewalt einer den Verstand lahmlegenden Suggestion bewirkte Verdrehung
der Wahrheit nachgewiesen wird, auf der das ganze Haeckelsche
Gebäude ruht. Interessante Berichtigungen und Ergänzungen
findet man aus letzterer Zeit in Karl Camillo Schneider's Histologie,
S. 182.
514 PLATO
meidliche
Folge davon, dass man die Natur aus dem W e r d e n
heraus statt
aus dem S e i n hat verstehen wollen, wodurch man
veranlasst wurde, jede
Frage zurückzuverlegen, immer weiter und weiter zurück, bis
dahin, wo der Phantasie und dem Hokuspokus Tür und Tor
geöffnet sind. Im Grunde genommen ist dieses
Immerweiterzurückverlegen identisch mit Goethe's Art über
Urtiere, Urpflanzen, Urochsen usw. zu spekulieren; nur fehlt sowohl das
Korrektiv der Goetheschen Besonnenheit, wie der Segen der Goetheschen
Phantasiegewalt. ¹) Dürfte man sich nicht sagen, dass diese
Verirrung nur der letzte, verspätete Ausläufer der Romantik
und der Hegelei, im Bunde mit flachstem englischen Utilitarismus ist,
und dass keine hundert Jahre vergehen werden, bis man darüber
ähnlich urteilen wird wie heute über die Alchymie — jene von
den gescheitesten Gelehrten während Jahrhunderte als plausibel
verfochtene Lehre, die von der Individualität der Dinge so gar
keine Ahnung hatte; — dürften wir nicht auf ein Geschlecht
schöpferisch grosser deutscher Biologen hoffen (etwa wie Lessing
auf eine Blüte deutscher Dichtkunst inmitten der
Fremdländerei unentwegt gehofft hat); — erlebten wir nicht um uns
herum an einzelnen Forschern — wenigstens in Deutschland — ein
energisches Abschütteln dieser
»englischen Krankheit«, wie sie der Zoolog Friedrich Dreyer
treffend genannt hat: man könnte alle Hoffnung auf eine Zukunft
für Wissenschaft und Kultur verlieren. ²) Darwin empfiehlt
uns im
—————
¹)
Das
I m m e r w e i t e r z u r ü c k v e r l e g e n ist ein
charakterisches Symptom unserer heutigen Geisteskrankheit. So sollte z.
B. der Mensch vom Affen
abstammen; dass dies anatomisch unmöglich ist, steht heute aus
tausend Gründen fest; ausserdem gehören die ältesten
bekannten Affenskelette sogenannten
»menschenähnlichen«
Affen an, wogegen die sogenannten »niederen« Affen erst
später auftreten (siehe Schwalbe in der Naturforscherversammlung,
1903); so lautet denn jetzt die Formel: der Mensch stammt zwar nicht
vom Affen ab, doch Mensch und Affe stammen
von einem gemeinsamen, unbekannten Vorfahren. Wer aber Gegenbaur zur
Hand nimmt, wird Ähnliches auf jeder zweiten Seite finden. Immer
und immer wieder werden wir angewiesen, »die Wurzel tiefer
hinabgehend anzunehmen«. So zum Beispiel ist es unmöglich,
eine »Verknüpfung« der Säugetiere mit den
Reptilien aufzuzeigen; Gegenbaur, der es besser wissen muss als irgend
ein anderer Zeitgenosse, sagt es; doch wegen derlei Kleinigkeiten, auch
wenn sie Schritt für Schritt warnend wiederkehren, gibt man eine
schöne logische Historie, die alles so hübsch
»klar« macht, nicht hin; wir brauchen ja nur
»Urzustände der Reptilien, die uns unbekannt sind«,
anzunehmen (siehe I, 67). Und so geht's Seite für Seite. Und wie
hier, so in allen unseren heutigen Handbüchern. — Selbst
berufsmässigen Darwinianern, sobald sie sich einige Freiheit des
Denkens bewahrt haben, wird die Sache mit der Zeit zu bunt; eine
scharfe Kritik Gegenbaur's mit dem Nachweis einiger der
Widersprüche, in die er sich bei der Manie, immer und überall
Evolution nachweisen zu wollen, verwickelt, findet man in Nature, 30.
4. 1903, aus der Feder des Zoologen H. Gadow.
²) Siehe Dreyer: Peneroplis, eine
Studie zur biologischen Morphologie und zur Spe-
515 PLATO
vorletzten
Absatz des Origin seine
Theorie namentlich deswegen zur
Annahme, weil sie auch der Menschheit einen endlosen »Fortschritt
der körperlichen und geistigen Gaben in der Richtung auf steigende
Vollkommenheit« zu verheisse. Ich dagegen dächte, wir
könnten uns billig mit den Gaben eines Plato, eines Descartes,
eines Leonardo, eines Goethe, eines Kant begnügen und auf den
versprochenen Fortschritt verzichten, wenn man uns nur ein wenig Musse,
ein wenig Luft, ein wenig Sammlung liesse, um der Gegenwart gewahr zu
werden, um uns in ihr zurecht zu finden, um all das
Ewigkeitsträchtige, das in uns schlummert und angehäuft um
uns herum liegt, einzuheimsen, zu beschauen, zu pflegen, grosszuziehen!
statt dass wir Wahnbetörte aus einer bestialischen Urvergangenheit
— wie sie wohl Wilden in ihren dunklen Höhlen als schreckendes
Traumgebilde aufsteigen mag, die es aber in Wirklichkeit ausserhalb
unseres kranken Hirnes nie gegeben hat — ohne Rast noch Ruhe, mit
weitausgestreckten, begierigen Händen hinüberjagen in eine
phantastische Zukunft, wo die blind kürende »natürliche
Zuchtwahl« uns zu dem gemacht haben werde, was wir unfähig
waren, aus uns selber zu machen. Zwar sind die Schädel mancher
ältesten prähistorischen Menschen geräumiger als die des
heutigen durchschnittlichen Europäers, und ihnen entsprach ein
grösseres Gehirn und ohne Frage demzufolge eine grössere
Intelligenz; doch »Fortschritt muss sein!« und
wissenschaftlicher Aberglauben macht es sich zum Ehrenpunkt, dem
religiösen nicht nachzustehen. ¹) O, wie gross ist das Wort,
das
Plato dem Sokrates
—————
ciesfrage,
1898, S. 107. Es verdient besondere Beachtung, dass gerade
ein Mann wie Dreyer, der an 25 000 Exemplaren der betreffenden
mikroskopischen Radiolarie (Wurzelfüssier) die sehr weite
Veränderlichkeit der Form beobachtet und beschrieben hat, dennoch
»die zähe Elastizität«, mit der jede
Lebensgestalt sich behauptet, für das grundlegende Phänomen
des Lebens hält (S. 119). Ebenso erging es Louis Agassiz, der sich
der Arbeit unterzog, 27 000 Exemplare einer Schnecke genau miteinander
zu vergleichen, und zwar mit dem Ergebnis, dass es in der ganzen Zahl
nicht zwei einander vollkommen gleiche Individuen gab, zugleich aber
mit dem weiteren sicheren Ergebnis, dass die linnäische Auffassung
der »Art« unerschütterlich zu Recht bestehe (De
l'espèce, p. 380). Hier muss aber, um
Missverständnisse zu
verhüten, bemerkt werden, dass die Frage nach der dauernden
Veränderung der Gestalten und der Umwandlung der linnäischen
sogenannten »Arten« offen bleibt, wenn man auch die
sinnwidrigen Dogmen der Selektions- und Descendenztheoretiker ein
für allemal verwirft. Das ganze Wesen dieser Umwandlungen wird man
erst zu verstehen beginnen, wenn das Descendenzdogma überwunden
ist. In diesem Buche konnte ich meine Gedanken hierüber nicht
einmal andeuten.
¹) Vgl. z. B. Johannes
Ranke: Der Mensch, 2. Aufl.,
II, 471—483. Auch Broca urteilt über
gewisse Rassen der Steinzeit, »sie hätten durch einige
Züge die höchsten und edelsten Stufen menschlicher Bildung
erreicht« (citiert im Archiv
für Anthropologie 1904, I, Heft
4, S. 185). Nicht ganz uninteressant ist vielleicht in dieser
516 PLATO
in
den Mund legt: »Ich meine nichts zu gewinnen, wenn ich warte!
Alles liegt in jedem Augenblick gegeben; an uns ist's, es zu erfassen.
Das war's, was Plato die Lehre vom Sein nannte im Gegensatz zu der
Lehre vom Werden. Weisheit im Sinne des Wissens und Weisheit im Sinne
des Handelns glaubte er aus ihr zu schöpfen.
SEIN UND WERDEN
Nun wollen wir aber aus unseren Betrachtungen den
philosophischen Gewinn ziehen. Denn bei allen diesen Fragen handelt es
sich im letzten Grund um die Antinomie des Seins und des Werdens,
der Ruhe und der Bewegung; und Plato's Standpunkt ist so klar und
einfach und darum auch so belehrend wie nur möglich: ohne Beharren
(Sein) keine Erkenntnis, ohne Bewegung (Werden) keine
Wahrnehmung. ¹) Darin liegt, wie Sie bemerken, durchaus nichts
Mystisches; es ist schlichte Kritik des Erkenntnisbestandes. Sein und
Werden stehen für Plato nicht als zwei abstrakte Kategorien da,
harrend, dass man sie diesem und jenem zuerkenne oder abspreche.
»Von Sein und Werden kann man n u r i
n B e z i e h u n g a u f e t w a
s
sprechen; dass es aber ein Sein und ein Werden im absoluten Sinne gebe,
das dürfen wir weder behaupten, noch Anderen zu behaupten
gestatten« (Theait. 160
B, C).
An und für sich wissen wir
über ein Sein nicht ein Tüttelchen mehr als über ein
Nichtsein (Sophist 243 C);
»alle wahrnehmbaren Dinge sind im
Werden begriffen« (Timäos
28 C). Wir verstehen Plato also
genau, sobald wir einsehen, dass für ihn jedes Ding aus der
Zusammenkunft und dem gegenseitigen Durchdringen von Sein und Werden
entsteht. ²) Alle Erkenntnis ist eben ein Zwiefaches (siehe S. 443
fg.);
und spotten sollen wir über die Philosophen, die sich
unaufhörlich bekriegen, indem die einen sagen: alles ist, nichts
wird, und die anderen: alles wird, nichts ist (Sophist 246 und 249).
Zwar werden wir uns der Antinomien erst spät bewusst, erst infolge
eindringender Analyse, doch in Wahrheit liegen sie jeder Erkenntnis zu
Grunde. Darum hat die kritische Unterscheidung so grossen Wert: denn
wenn, wie Heraklit es will, »alle Dinge sich verwandeln und
nichts beharrt, dann ist jede Erkenntnis unmöglich; denn das
Er-
—————
Beziehung die Tatsache, dass
Cuvier und Agassiz ganz
ungewöhnlich grosse Schädel besassen und auffallend
geistvolle Physiognomien, wogegen weder Lamarck
noch Darwin in einer oder der anderen Beziehung das Mittelmass
übertrafen.
¹) Eine gute Zusammenstellung der
hierher gehörigen Stellen findet man bei Auffahrt: Die platonische Ideenlehre, 1883,
S. 35 fg.
²) Hierzu ist
Theaitetos, 182 fg. und
Timäos,
27 fg. zu vergleichen.
517 PLATO
kennen
muss notwendig an ein Beharrendes und an einen beharrenden
Erkennenden anknüpfen; ist alles in ewigem Fluss, so kann es weder
ein Erkennendes noch ein Erkanntes geben« (nach Kratylos 440).
Heraklit sagt nämlich: »In den selben Fluss kannst du nicht
zweimal steigen«; beharrt aber nichts, so ist auch der
betreffende »Du« in einem zweiten Augenblick nicht mehr
vorhanden, und schon der Gedanke »der selbe Fluss« ist
undenkbar. »Wenn alle Dinge sich verwandeln und nichts beharrt,
so ist es nicht möglich zu behaupten, es gebe von irgend etwas
ein
W i s s e n « (Kratylos,
440). Das, was wir Sein nennen, hat eben
Gemeinschaft mit dem Denken, und das, was wir Werden nennen, mit dem
Wahrnehmen (Sophist 248 A);
Funktion des Denkens (des Ich) aber ist es,
das Chaos des veränderlich Werdenden zu Gestalt zu bannen, zu
Ruhe, zu Sein, zu Ewigkeit; dadurch erst entsteht Erkenntnis, und darum
»verhält sich das Sein zum Werden wie die Wahrheit zum
Wähnen« (Timäos
29 C).
Wie flüchtig diese Skizze auch ist, ich glaube,
sie wird genügen, damit Sie den Gedankengang Plato's erfassen, und
damit Sie auch verstehen, wie er dazu kommt, die Evolutionslehre (die
er Homer zuschreibt, Theaitetos
152 E) als Naturauffassung für
»ganz genau das selbe« wie den Sophismus als
philosophisches und den Sensualismus als psychologisches System zu
erklären. Zwar ist er, wie Sie sehen, weit entfernt, das Werden,
die Verwandlung zu leugnen; auch von den Tieren und Pflanzen setzt er
mit dem sicheren Instinkt des Genies voraus, »dass sie zahllose
Umwandlungen erlebt haben müssen« (Gesetze, 782); Wissen und
Wissenschaft aber kann es nach ihm nur vom Beharrenden geben; und
folglich müssen wir Menschen auf jedem Gebiete — um zu wissen —
das Beharrende, oder (wie er sich manchmal ausdrückt) die Ideen zu
ergreifen suchen; an uns liegt es, so lange zu suchen, bis wir
etwas finden, was als ein Beharrendes die Grundlage zu wahrer
Erkenntnis abzugeben geeignet ist. Die bisherige Geschichte der
Wissenschaft hat Plato's Auffassung glänzend gerechtfertigt; denn
die Bestimmung des Beharrenden, nur ideell Erfassbaren (wir sagen
gewöhnlich »der Gesetze«) in der Erscheinungen Flucht
ist Wesen und Inhalt unserer Mechanik, unserer Astronomie, unserer
Physik, unserer Chemie, ja, auch unserer wissenschaftlichen Philologie
¹)
—————
¹) Hierzu
vgl.
man r. V., 226 fg., wo Kant
nachweist, dass ohne den Begriff
518 PLATO
Gilt aber nun unsere Betrachtung dem L e b e n, so
entsteht ein besonderes Verhältnis, das meines Wissens weder von
Plato noch von Kant hervorgehoben worden ist. Der unentbehrlichen
Anschaulichkeit wegen muss ich wieder ein wenig ausholen, darf aber um
Ihre besondere Aufmerksamkeit bitten, denn jetzt gilt es das wichtigste
Ergebnis unserer heutigen Bemühungen zu gewinnen.
Schauen Sie, bitte, zuerst irgend ein Unorganisches
an — sagen wir einen Krystall oder ein durch gebannte Fallkraft stabil
gewordenes Planetensystem; ich spreche augenblicklich von reiner
Anschauung, ohne Gedankendeduktionen: in diesem beharrenden Sein
erblicken wir keine Spur eines Werdens; dass hier Änderungen
vorgehen, muss uns vordoziert und vordemonstriert werden, damit wir's
glauben; häufig ist die Annahme nichts weiter als die Verfolgung
unserer hypothetischen Gedankenstrukturen bis ins Absurde. ¹) Wird
jedoch das Gleichgewicht gestört, tritt infolgedessen ein sinnlich
wahrnehmbares Werden ein, dann haben wir — soweit die blosse Anschauung
in Betracht kommt — ein reines Werden ohne Sein vor Augen, weil hier
jede Vorstellung eines Beharrenden, »an dem« etwas
wechsele, uns fehlt; wohl erdichten wir ein Beharrendes, nämlich
die »Substanz«; wir tun es, um »wissen« zu
können, doch wir erschauen es nicht, es ist ein blosses
Gedankending. Bricht das Planetensystem zusammen, so sind die
früher gebundenen Kräfte in andere Bewegungsformen
umgewandelt, und ist der Krystall durch chemische Einwirkung
aufgelöst und in einen anderen Körper verwandelt, so
existiert er einfach nicht mehr. Was die Anschauung uns ausserhalb des
Lebens gibt, ist also entweder Sein oder Werden, nicht beides zugleich;
das Sein ist hier kein Werden, noch das Werden ein Sein. Zu dieser
ersten Erwägung gesellt sich eine zweite, und sie erst gibt uns
volle Klarheit über unser eigenes instinktives Verfahren. Selbst
die höhere mathematische Physik, die den Begriff
»Stoff« in Bewegung auflöst, führt ihn sofort
wieder ein, sobald sie ihr Gewissen durch den Vorbehalt beruhigt hat;
in Wirklichkeit kann der Menschengeist die Vorstellung Stoff nicht eine
Sekunde entbehren. Und zwar ist das, glaube ich, folgendermassen zu
deuten: die zu Grunde liegende Antinomie — die Tatsache nämlich,
dass
—————
des B e h a r r l i c
h e n es gar keine Vorstellung der Zeit geben könnte,
noch auch der Veränderung. »Nur das Beharrliche wird
verändert.«
¹) Siehe das von Heinrich Hertz
angeführte Beispiel, S. 133.
519 PLATO
jegliche
Erkenntnis aus zwei disparaten Bestandteilen entsteht —
gewinnt durch diese Unterscheidung in Stoff und in Kraft klaren
Ausdruck; unter Stoff denken wir uns das Beharrende, das Sein des
Leblosen (wenn wir auch genötigt sind, dieses Beharrende sehr weit
zurückzuverlegen, in die sogenannten »Elemente«, also
jenseits alles sinnlich Wahrnehmbaren), unter Kraft denken wir uns das
Wandelbare, das Werden; auf diese Weise zerlegen wir jene
Grundantinomie von Bewegung und Ruhe, Wandel und Beharren, Werden und
Sein in ihre zwei Teile und lassen jeden zu seinem Recht kommen. Das
ist jederzeit instinktiv geschehen, doch ward vollendete Klarheit erst
durch die reinliche wissenschaftliche Scheidung in Stoff als
Trägheit und Kraft als Wandelbarkeit erreicht.
Beim Leben liegt nun das Verhältnis wesentlich
anders; denn die reine Anschauung gibt uns nicht entweder Sein oder
Werden, sondern immer und ausnahmslos beides zugleich. Das Sein eines
lebendigen Wesens ist ein Werden. Wir reden wohl von »Gott«
als von einem Wesen, welches ist, ohne zu w e r d e n,
welches, heisst das,
als reines Sein besteht; doch Kant wird uns im nächsten Vortrag
zeigen, dass alle unsere Aussagen über Gott weder gedacht noch
vorgestellt werden können; es sind Thesen ohne Inhalt. Die
Anschauung nach aussen, sowie jene unzweideutigste aller Erfahrungen,
die Erfahrung an dem eigenen Selbst, zeigen uns, dass das Sein immer
ein Werden bedingt. Pflanze und Tier wird gezeugt, entwickelt sich aus
dem Keime, wächst und vergeht. Das Werden zeigt sich aber nicht
allein im Individuum, sondern in allen Lebenserscheinungen. Die
aufeinander folgenden Geschlechter z. B. gleichen sich nicht genau,
denn es gehört zum Wesen der Gestalt, elastisch zu sein, so
kämpft sie gegen Stoff-Kraft an, so erhält sie sich. Die
»Umformung« bestimmter Lebensgebilde ist nicht etwa eine
Entdeckung unserer Descendenztheoretiker, jedem Forscher ist sie zu
allen Zeiten bekannt gewesen; Buffon spricht von dem mouvement de flux
continuel und hat die Experimente mit den Tauben, die die
Grundlage zu
Darwin's Theorie abgeben, vorweggenommen, und zwar mit dem selben
(materiellen) Ergebnis einer gemeinsamen Abstammung von der wilden
Felstaube; ¹) Linnaeus hat sehr interessante Beobachtungen und
Betrachtungen
—————
¹) Darwin
verweist an einer
Stelle
hierauf, hat aber leider Buffon nie selber gelesen, sondern citiert ihn
immer nur aus zweiter Hand, sonst wäre er wohl über manche
seiner
eigenen Schlussfolgerungen stutzig geworden.
520 PLATO
darüber
und sagt, er »gebe es zwar nicht für
ausgemachte Wahrheit«, doch halte er die Hypothese für
wahrscheinlich, »dass alle Arten einer Gattung im Anfange eine
einzige Art gebildet hätten«; ¹) Cuvier hat ausgedehnte
Untersuchungen über die Variabilität beim Hunde gemacht und
ist der Entdecker der Tatsache, dass jede geologische Epoche durch eine
besondere Fauna und Flora ausgezeichnet ist; Agassiz ist der Entdecker
der scheinbar »progressiven« Ausbildung in der Reihenfolge
verwandter Gestalten; und auch die Reihe der jetzt lebenden Wesen
»von der Monade bis zum Menschen« (wie Milne Edwards im
Jahre 1851 schrieb), wenn man sie alle gleichsam nebeneinander
aufstellt, erweckt die Vorstellung eines unmittelbar erblickten
Werdens; kurz, jeder Kenner hat zu allen Zeiten mit Goethe gestanden:
»Wir glauben an die ewige Mobilität aller Formen in der
Erscheinung«. ²) Zugleich aber und in noch weit höherem
Grade überzeugt uns nicht bloss der Gedanke, sondern zeigt uns die
unmittelbare Anschauung, dass das Werden hier ein Beharren, ein Sein
ist. Evolution — wenn man das irreführende Wort beibehalten will —
gibt es wohl, jedoch nur als Prinzip des Beharrens. Bei allem
Unorganischen ist das, was wir als beharrend auffassen, nur ein
Begriff, eine sinnlich nicht fassbare Abstraktion; wogegen das Leben
uns die G e s t a l t zeigt: die Gestalt, die im
Leben des Individuums, trotz
der im Kampfe gegen Stoff und Kraft hervorgebrachten Änderungen
und Verunstaltungen, bis zum Tode beharrt, die Gestalt, die — wiederum
trotz der individuellen Abweichungen — von Geschlecht zu Geschlecht
ewig sich selbst von neuem zeugend beharrt, die Gestalt, die in den
Phänomenen der Regeneration mit geradezu ans Wunderbare
streifendem Eigensinn sich behauptet, ³) die Gestalt, die in
Grundformen, Grundtypen, sowohl in den Hauptlinien des ganzen Planes,
wie in den Einzelheiten des Baues, selbst entfernte Wesen durch behar-
—————
¹) Die
Stelle steht in den Amoen.
acad. VI, 296 (1763): Suspicio
est, guam diu fovi neque jam pro
veritate indubia venditare audeo: sed per modum hypotheseos propono:
quod scilicet omnes species ejusdem generis ab initio unam
constituerint speciem .... (Citiert nach Von Baer, Reden III, 256
Anm., wo die Stelle ausführlich mitgeteilt ist). Weitere hierher
gehörige Stellen findet man in Leydig's Horae zoologicae, 1902, S.
219 fg. So sagt z. B. Linnaeus von zwei Arten des Nachtpfauenauges, die
noch heute als getrennte Arten gelten: una ex altera orta.
²) Die
Faultiere. Auch Plato glaubt an
»endlose Zeiten«, mit »unaufhörlicher
Änderung« der Gestalten (siehe Gesetze 676 und vergleiche
die oben mitgeteilte Stelle).
³) Siehe namentlich Wolff's
Experimente über die Regeneration der Augenlinse und vgl. dazu K.
C. Schneider's Vitalismus, S.
18.
521 PLATO
rende
Formen,
Beziehungen, Zahlen miteinander verbindet und zu Einheiten
verknüpft, Einheiten, die seit den ältesten bekannten
Versteinerungen der paläozoischen Zeit bis heute fest und
unverrückbar beharren. ¹) Das Sein ist hier das Primäre;
das
Werden das Sekundäre. Das Beharren — nicht nur einzelner Arten
fast ohne jede Veränderung seit den ältesten
paläozoischen Schichten bis heute, was allerdings begreiflicher
Weise eine Ausnahme ist — sondern (wie soeben angedeutet) das Beharren
genau der selben strukturellen Anlagen bis in jede Einzelheit hinab,
trotz aller kosmischen und tellurischen Umwälzungen im Laufe
ungezählter Jahrmillionen: das ist die grosse grundlegende
Tatsache, die Tatsache aller Tatsachen, die uns die reine Anschauung in
Bezug auf das Leben schenkt. ²) Leben ist Gestalt, beharrende
Gestalt.
Ein Beispiel. Der Schädel der Säugetiere ist im Lichte einer
vergleichend anatomischen Betrachtung gleichsam eine Vereinfachung des
Schädels der Fische und Amphibien; Zahl und gegenseitige Lage
zeigen, dass genau die selben Knochen — oder, wie Plato gesagt
hätte, die selben »Teile« der Einheit — vorhanden
sind, was namentlich
—————
¹) Schon
in den paläozoischen Formationen
sind sämtliche heutige Typen (einschliesslich der Wirbeltiere)
vertreten; es fehlen nur Zeugnisse für die einfachsten und, wie
man sie zu nennen pflegt, »untersten« Wesen, die sich aber
nicht zur Aufbewahrung in dieser Form eignen, so dass aus ihrem Fehlen
nichts geschlossen werden kann; andere Bautypen als die heute noch
lebenden sind nicht gefunden worden.
²) Das Beharren seit den
ältesten Zeiten bis heute gilt nicht nur für einige immer
citierte Muscheln — Lingula,
Terebratula usw. — sondern für eine
durch neue Entdeckungen stets wachsende Zahl von Tieren von hoher
anatomischer Kompliziertheit. Allerdings ist die Beharrlichkeit der
genannten Muschelarten umso bemerkenswerter, als gerade die
Muschelschalen durch sehr geringe Änderungen in dem Salzgehalt,
dem
Kohlensäuregehalt, dem Kalkgehalt und der sonstigen
Zusammensetzung des Wassers ausserordentlich schnell ihre Gestalt
verändern, so dass man fast voraussetzen möchte, die
paläozoischen Meere seien den heutigen wesentlich identisch
gewesen; dennoch ist das Beharren verwickelterer Wesen von noch
grösserem Interesse. So finden sich z. B. mehrere verschiedene
Skorpione schon im Silur; und im Carbon (Steinkohlenzeit) gibt es
zahlreiche Spinnentiere der verschiedenen Ordnungen. Nach dem Bericht
von Prof. Anton Fritsch in der Sitzung der Wiener Akademie vom 7. 12.
1903 sind heute aus paläozoischen Schichten 63 Arten Arachniden
bekannt, zu 38 Gattungen und 11 verschiedenen Familien gehörig. Im
Londoner South Kensington Museum
sah ich im Jahre 1900 eine jetzt
lebende, in Sierra Leone kurz vorher entdeckte Spinnenart,
Cryptostemma afzelii, die nach
dem Urteil der Spezialforscher fast
genau identisch ist mit einer Art aus der nordamerikanischen
Steinkohle, Poliochera punctata.
Wer eine Ahnung hat von der grossen
inneren Komplikation dieser mit vollkommen ausgebildetem Nervensystem,
Zirkulationsapparat, mit äusserst differenzierten
Geschlechtsorganen usw. versehenen Tiere, wird — namentlich bei den
heute herrschenden Ansichten — sich höchlich wundern müssen,
eine solche Gestalt durch die unermesslichen Zeiten, die uns von der
Steinkohlenformation trennen, unverändert beharren zu sehen. Hat
sie
aber nicht beharrt, sondern ist von neuem entstanden, so stürzt
diese eine Tatsache alle Evolutionshypothesen ein für allemal.
522 PLATO
aus
der Entwickelung des Keimes hervorgeht; nur verwachsen bei der
gedrungeneren Anlage der abgerundeteren Säugetier-Kapsel die
zuerst getrennt auftretenden Verknöcherungspunkte zu einer
geringeren Anzahl unterschiedlicher Knochen; doch bleibt, wie gesagt,
die Homologie sicher und sichtbar, und den Studierenden des ersten
Semesters wird gewöhnlich ein Lachsschädel zur Grundlegung in
der Kenntnis des Cranium
ausführlich vordemonstriert. ¹)
Fische und
Amphibien werden nun in den paläozoischen Schichten zahlreich
gefunden; nehmen Sie also irgend einen der tadellos erhaltenen
Amphibienschädel, z. B. den in Albert Gaudry's
Paléontologie Philosophique,
1896, S. 8 sehr deutlich
abgebildeten von Actinodon Frossardi,
einem so archaischen Tier, dass
die ganze Ordnung, dem es angehört, nicht einmal mehr in den
sekundären, geschweige in den tertiären Schichten vorkommt.
Sie werden finden, dass dieser Schädel ganz genau die selben
Knochen hat wie alle heutigen Wirbeltierschädel, weder mehr noch
weniger, und dass alle gegenseitigen Verhältnisse so klar sind,
dass
Schädel eines Reptils (Actinodon
Frossardi), aus der Primärzeit. (1/3 Grösse).
die Homologie zwischen den
Schädelknochen dieses
Tieres, das vor vielleicht einer
Milliarde Jahre in den Sümpfen der Steinkohlenzeit-Wälder
lebte, und den
Knochen, die in diesem Augenblicke unsere menschlichen Gehirne
einkapseln, völlig durchsichtig ist. Da haben Sie die beiden
Scheitelbeine, die beiden Schläfen- und Nasenbeine, die beiden
getrennten (im Menschen vor der Geburt verwachsenen) Stirnbeine, das
Hinterhauptbein usw. — alles, wie Sie es noch heute an jeder einzigen
der nach vielen Tausenden zählenden Arten der Wirbeltiere
erblicken. Nicht der Unterschied der Elemente, nicht die vielfache
Umgestaltung der Erdoberfläche, sowie der klimatischen
Verhältnisse, nicht die tiefgreifende Verschiebung des gesamten
pflanzlichen und tierischen Lebensbildes, nicht der Tag für Tag
wirkende Umwandlungstrieb, von dessen Taten unsere Ohren heute
—————
¹)
Eine
ganz vortreffliche Abbildung findet der wissbegierige Laie in
Fleischmann's Lehrbuch der Zoologie,
1898, Tafel III.
523 PLATO
bis
zum Taubwerden widerhallen, nicht die Anpassungserscheinungen, mit
denen das Leben über alle Hindernisse zu siegen pflegt, — nichts
hat es vermocht, auch nur ein Tüttelchen an diesem
Wirbeltierschädel zu ändern, ein kleines, ganz neues
Knöchelchen in die gegebene Gestalt einzuzwängen oder irgend
einen Knochen nicht bloss zu reduzieren, sondern auszutilgen; so wie er
in den ältesten bekannten Exemplaren auftritt, so ist dieser
Schädel noch heute. Ich wählte den Schädel als Beispiel,
weil uns Menschen der Kopf mit Recht das Wichtigste dünkt und ich
somit ein
Rechter
Vorderfuss eines Reptils
(Callibrachion Gaudryi)
aus der Primärzeit.
1/4 Grösse. |
Rechter Vorderfuss der Warn-
Eidechse (Tupinambis) aus
der Gegenwart.
(Natürliche Grösse.)
|
(Nach
Gaudry,
Paléontologie philosophique.)
argumentum ad
hominem gewann; doch das selbe gilt für den ganzen
Körper, und es gilt für alle anderen Bautypen genau so wie
für den der Wirbeltiere. Für den Laien sind vielleicht die
Verhältnisse eines Endgliedmasses am übersichtlichsten; und
da wir Gaudry aufgeschlagen haben, so zeige ich Ihnen hier (von der
selben Seite des Buches) das Knochengerüst von zwei rechten
Vorderfüssen, von denen der links einem Reptil angehört, das
nur in paläozoischen Schichten vorkommt, und dessen ganze
Organisation es einer Gruppe zuweist, deren letzte Vertreter im Anfange
der mesozoischen Zeit, noch vor dem Jura, ausstarben, während der
rechts die Fussknochen einer heutigen Warneidechse darstellt. So hat
sich in den
524 PLATO
ungezählten Milliarden von Reptilien,
die seit den
paläozoischen Zeiten bis heute gelebt haben, »Gestalt«
erhalten, — auch dort erhalten, wo, wie im freien Endgliede, die
Wirkung von aussen ein Maximum erreichen muss, und wo man zunächst
wähnen möchte, Zahl und Stellung der Bestandteile würden
ins Unendliche abändern. Damit Sie aber aus diesem kurzen
Anschauungsunterricht recht eindringlich die Lehre schöpfen, dass
das Leben, wenn auch eine plastische Gewalt — wie wäre es denn
sonst Gestalt? — nicht so viele Änderungen wie möglich
schafft, nicht also zu Bewegung und Werden neigt, sondern im Gegenteil
mit unbeschreiblicher Hartnäckigkeit beharrt, als das einzige
konservative Prinzip der ganzen
Natur, als die denkbar grösste Ruhe, als die Sichtbarwerdung des
Seinsbegriffes,
so zeige ich Ihnen hier noch (aus Gegenbaur's Anatomie) das Skelett
der rechten Hand des heutigen Menschen, damit Sie es mit den
Reptilfüssen vergleichen. Welchen verschiedenen Funktionen
Menschenhand und Reptilienfuss zu genügen haben, wissen Sie ohne
weitere Erläuterungen; jetzt betrachten Sie, bitte, mit welchem
Mindestmass an Änderungen das Leben die selbe Gestalt festgehalten
hat.
Sobald wir also das Leben ins Auge fassen,
können wir Plato nicht folgen, wenn er behauptet, nur das Denken
habe Gemeinschaft mit dem Sein, das
Wahrnehmen dagegen mit dem Werden. Hier ist eine Lücke, ja mehr,
ein wirklicher Irrtum; und unsere Bemühungen werden nicht umsonst
gewesen sein, wenn es uns gelungen ist, das jetzt zu empfinden; nicht
weil uns daran läge, Plato zu meistern, sondern weil wir hier den
Übergang zu den tiefsten kritischen Gedanken Kant's finden.
Mit Augen erblickten wir es — und hätte ich
heute die Zeit dazu, ich könnte es Ihnen noch ganz anders
überzeugend und überwältigend dartun: im Leben beharrt
die Gestalt; nicht also das abstrakte Denken, vielmehr die sinnliche
Wahrnehmung ist es, die uns das Sein (im Gegensatz zum Werden) lehrt —
lehrt nämlich, sobald wir sie auf das Leben richten und sie bis
zur vollen Unbefangenheit von allen Gedankenphantomen reinigen. Hier ist
525 PLATO
es
ja,. hier, bei der Anschauung der Lebensgestalt, dass der Begriff
eines S e i n s (der sonst, wie wir sahen, sinnlos
wäre) entsteht; und
versuchen wir dieses Angeschaute begrifflich zu erfassen, so entdecken
wir, dass es nur als Zweckmässigkeit gedacht werden kann. Der
Zweckmässigkeitsbegriff ist die Methode zur begrifflichen Analyse
der erblickten Gestalt.
Niemand ist entfernter als ich, den Standpunkt des
grossen Agassiz zu teilen, wenn er in seinem Buche Über die Art
aus dem Anblick der Lebensformen auf Logik, auf »abstrakte
Begriffe« (S. 24), auf Intelligenz im menschlichen Sinne des
Wortes (wenn auch noch so gesteigert) und in letzter Reihe auf Gott
schliesst; Keiner, der die kritische Schule Plato's und Kant's
durchgemacht hat, kann in einen derartigen Anthropomorphismus
verfallen. Uns kommt es auf Erkenntniskritik an: wir wollen uns von
unserem eigenen Intellekte nicht narren lassen; und da ist es gewiss
von weittragender Bedeutung, genau festzustellen, warum die Betrachtung
von Lebensgestalt immer mit Notwendigkeit auf die Vorstellung eines
Denkens führt und was das zu bedeuten hat. ¹) Das ist jetzt
geschehen. Und damit sind wir an einen Punkt gelangt, wo die beiden
Hälften unseres Denkens — Verstand und Sinnlichkeit — sich nicht
nur begegnen, sondern in ein so nahes organisches
Verhältnis zueinander rücken, dass jede die andere zwingend
voraussetzt und bedingt, weil sie nur in ihr und durch sie Ausdruck
gewinnen und sich selbst verstehen kann, weil jede, sozusagen, sich nur
im Auge der anderen widergespiegelt erblickt. Bei der Betrachtung der
Lebensgestalt — und hier allein — denke ich genau, was ich erblicke,
und
sehe ich meinen Gedanken mit Augen. Denn Gestalt — jenes von Plato
definierte »einheitliche Ganze, das aus Teilen besteht« —
obwohl erblickt, obwohl (wie jedes neuentdeckte Tier bezeugt)
unerfindbar, entsteht (als »Gestalt«) erst in dem
Augenblick, wo sie gedacht, d. h. wo sie begrifflich als ein
einheitliches System zweckdienlicher Teile festgehalten und zu
—————
¹)
Schlagen Sie welches
zoologisch-anatomische Buch Sie wollen auf, es mag noch so sehr die
materialistische Terminologie bevorzugen, Sie werden überall dem
Worte »Gedanke« begegnen, oder aber dessen Umschreibungen
durch »Typus«, »Bauplan« und dergleichen. Typus ist
aus dem Griechischen entnommen und bedeutet »Modell«
(»der
Typus ist das geheime und unbezwingliche V o r b i l d
«, sagt Goethe),
Plan ist französisch und
bedeutet »Aufriss«; bei beiden
Wörtern wird also ein verschärftes, genau kombinierendes
Denken vorausgesetzt, wenn auch die Einführung der
Fremdwörter das zu Grunde liegende D e n k e n
für den
Unaufmerksamen etwas verhüllt.
526 PLATO
anderen
Gestalten in bestimmte Beziehungen gebracht wird; und
Zweckmässigkeit — obwohl ein reiner Gedanke — ist so ganz und gar
aus Anschauung gewoben, dass es schwer bis zur Unmöglichkeit ist,
diesen Begriff in Worte zu fassen. So reichen sich hier Verstand und
Sinnlichkeit die Hand, so genau bedingen sich das Hüben und das
Drüben.
DAS TRANSSCENDENTALE
Sie sehen, dieser Punkt ist noch kritischer als der,
von dem
Plato und Kant ihren Ausgang nahmen und der zu diesem Exkurs die
Veranlassung gab. Dort handelte es sich um »den
Widerstreit der Vernunft« (wie Kant es nannte), d. h. um zwei
einander scheinbar direkt widersprechende Behauptungen, die beide
falsch und beide wahr sein können (S. 460 fg.);
hier dagegen
handelt es sich um zwei völlig disparate, auf den ersten Blick gar
nicht zueinander in Beziehung zu bringende Ideen, die als identisch
erkannt werden müssen, weil sie die Erkenntnis einer und der
selben Tatsache sind, das eine Mal in dem Elemente der Sinnlichkeit,
das andere Mal in dem Elemente des Verstandes. In beiden Fällen
handelt es sich um das Transscendentale, das heisst also, wie wir schon
wissen (S. 255), um jene
Beziehungen, die das Urphänomen unseres
Geistes ausmachen: das eine ist ein transscendentaler
»Widerstreit«, das andere eine transscendentale
»Verknüpfung«. Bei der Antinomie sage ich vom selben
Subjekte zwei entgegengesetzte Prädikate aus, z. B. die
Teilbarkeit des Stoffes ist begrenzt, die Teilbarkeit ist unbegrenzt,
oder die Welt hat einen Anfang, die Welt hat keinen Anfang; bei der
transscendentalen Verknüpfung sage ich von zwei verschiedenen
Subjekten aus, dass sie identisch sind, z. B.
ist identisch mit R²
= x² + y²,
oder Lebensgestalt ist identisch mit Zweckbegriff oder (wie Kant es
Ihnen lehren wird) Idealität ist identisch mit Realität. Dort
— bei
der Antinomie — liegt eine Konfusion vor, die durch unsere unbewusste
Verwechslung verschiedener Erkenntnisarten entsteht; diese Konfusion
macht auf transscendentale Verhältnisse aufmerksam, deckt sie aber
nicht rein auf. Hier dagegen — bei der Gegenüberstellung
527 PLATO
von
Lebensgestalt und Zweckgedanke — erblicken wir das r e i
n
T r a n s s c e n d e n t a l e. Die Antinomie — der
transscendentale Widerstreit — ist
ein logischer Gedankenkonflikt, in den wir durch unsere kritiklose
Unbedachtsamkeit hineingeraten; die transscendentale Verknüpfung
als Ursprung jeglicher Erkenntnis ist ein Phänomen, über
dessen Dasein wir uns — ohne die Belehrung durch Plato und Kant —
niemals bewusst werden. Die Auflösung des antinomischen
Widerstreites ist Sache derjenigen logischen Überlegung, welche
sich des transscendentalen Unterschiedes unserer beiden Erkenntnisarten
(Verstand und Sinnlichkeit) bewusst ist (vgl. S. 460);
die
Erklärung der transscendentalen Identität heterogener Ideen
kann dagegen durch keine Logik geleistet werden, denn sie liegt
diesseits von Denken und Schauen. Die Schwierigkeit entsteht ja hier
erst dadurch, dass wir ein Nicht-Messbares messen wollen; die hier
vorliegende Tatsache ist für unseren Verstand inkommensurabel. Wir
verstehen sie nicht, a b e r wir leben sie; und
vielleicht könnte ich sagen: Wir verstehen sie nicht,
w e i l wir sie leben, weil dieses instinktive, unbewusste
Bilden von
logisch nicht deutbaren Gleichungen zwischen Anschauungen und Begriffen
das Wesen unseres menschlichen Intellektes ausmacht.
Alle Ausführungen dieses Exkurses haben den
einen Zweck verfolgt, Sie anschaulich begreifen zu machen, was das
Antinomische (oder negativ Transscendentale) und was, im Gegensatz
hierzu, das positiv Transscendentale ist, und inwiefern diese beiden
entgegengesetzten Erscheinungen aus dem selben Punkte entspringen; erst
wenn Sie das verstanden haben, haben Sie den Gedanken Plato's und
Kant's nachzudenken begonnen. Die Antinomie der Vernunft dient als
Reiz, als Sporn; doch Erkenntnis tritt erst dann ein, wenn
wir begriffen haben, dass das Geistesleben des Menschen aus einem
einzigen festen Geflecht transscendental verknüpfter
Gleichsetzungen zwischen Anschauungsideen und Verstandesideen (und das
heisst, in der Phraseologie unseres dritten Vortrags, zwischen Symbolen
und Schemen) besteht.
Um diese Einsicht noch etwas fester zu gestalten,
müssen wir einen letzten Blick auf Plato's Auffassung werfen.
Wie verhält es sich mit jenem Irrtum in Plato's
Kritik, der sich aus unserer Untersuchung des Lebens zu ergeben schien?
Wie ist er entstanden? Plato hat seine Analyse nicht weit genug
getrieben. Von manchen Beurteilern wird er deswegen über Kant
528 PLATO
gestellt;
er sei einfacher und grösser. Alle Gedanken sind aber
Versucher; auch der Gedanke der Einfachheit kann verführen; das
Zuwenig ist genau ebensosehr Übertreibung wie das Zuviel. Plato
hat sehr scharf zwischen den beiden Stämmen unserer Erkenntnis
(Verstand und Sinnlichkeit) unterschieden (S. 438, 456); dagegen hat
er nicht genügend erkannt, wie eng sie zueinander gehören,
wie genau sie sich gegenseitig bedingen. Wie Linnaeus, so hatte auch er
in der scharfen Scheidung zwischen den von ihm in ihrer
Individualität erkannten Ideen seine Hauptlebensaufgabe zu
erblicken; und so neigte er dazu, die Trennung zwischen Verstand und
Sinnlichkeit fast als eine absolute zu betrachten. Daraus ist eine
verhängnisvolle Verwechslung und Vermischung des positiv
Transscendentalen mit dein negativ Transscendentalen oder
Antinomischen erfolgt, was zu nicht geringer Verwirrung und
Einseitigkeit Anlass gegeben hat. Denn indem Plato (vgl. S. 456 fg.)
dem
Ich vor der Natur, der Einheit vor der Vielheit, dem Denken vor dem
Wahrnehmen so sehr den Vorzug gibt, zerreisst er einerseits jene
tausend und abertausend Fäden, die das Hüben und Drüben
verbinden, und führt dadurch eine Verarmung des Geistes herbei
(etwas, was manchmal schmerzlich bei ihm auffällt); und
andererseits begibt er sich hiermit auf sehr gefährlichen Boden,
wo weniger Besonnene als er noch unermessliches Unheil anstiften
sollten, indem sie nach und nach dazu kamen, die Anschauung
gänzlich zu verschmähen. Das ist jene Einseitigkeit, von der
ich in einem früheren Teil des Vortrags sprach (S.
461). Und nun
glaubt Plato, einzig im Denken »Verwandtschaft mit dem
Sein« zu finden und übersieht dabei, dass das Denken zwar
die grossen beharrenden Ideen gibt, zugleich aber der Anarchist ist,
der Auflöser, der Beweger. Die heutige Umwandlung der organischen
Wissenschaft in ein Kartenhaus von Historie ist nichts weiter als ein
Gedankenwerk; mit Zugrundelegung reiner Anschauung mache ich mich
anheischig, das gesamte Material, das als Beweis für das
ungeheuerliche Dogma der Abstammung aller lebenden Wesen von einem
einzigen Urkeim zusammengebracht worden ist, zu einem anderen,
schöneren, harmonischeren, der unausdenkbaren Natur angemesseneren
Gebäude umzugestalten. ¹) Nicht der
—————
¹) On my theory, unity of
type is explained by unity of descent (Origin of Species VI, letzter
Absatz); »die Überzeugung von der g e m e i n s
c h a f t l i c h e n
A b s t a m m u n g
der Organismen ist zur allgemein anerkannten Grundlage der Forschung
und der Spekulation geworden (Hugo de Vries: Die Mutationstheorie,
1903, II, 664). Es lässt sich nachweisen, dass, sobald die
Evolutionslehre dieses Dogma
529 PLATO
Verstand,
die Anschauung ist es, wodurch die Idee des Seins, des
Beharrens geweckt wird; Sie haben es ja soeben gesehen. Und denken Sie,
bitte, an Goethe's Metamorphosenlehre, an seine Farbenlehre
zurück: waren diese Ideen nicht aus intensivster Anschauung
geboren? und zielten sie nicht auf Einheit, Beharren, Sein? also auf
das »Wesen«, wie Plato es versteht? Gerade diese Erinnerung
gibt uns aber den richtigen Hinweis. Denn Sie erinnern sich aus unserem
ersten Vortrag — und ich brauche nicht darauf zurückzukommen —
dass alle diese konstruktiven Ideen Goethe's doch aus einem
Bedürfnis der Vernunft und durch die Tätigkeit der Vernunft
entstanden und nicht unmittelbar aus der Natur geschöpft wurden
(S. 62 fg.), oder, wie Schiller
sich ausdrückte, dass sie
»Ideen und nicht Erfahrung« waren. Es handelte sich also
wohl um Anschauung, nicht aber um Anschauung allein, sondern um
Anschauung plus Verstand.
Ähnlich ergeht es jetzt wieder, wo
»Gestalt« eine Idee ist, in der ein Ganzes als aus Teilen
zweckmässig zusammengestellt gedacht werden muss, um erblickt zu
werden; nur liegen hier die Verhältnisse klarer und reiner, so
dass wir mehr sehen und zugleich mehr denken, als es bei Goethe's Ideen
der Fall war.
Jetzt sind wir am Ziel; jetzt sind wir
befähigt, Kant zu verstehen, wenn er lehrt, »die Erfahrung
selbst wäre ohne transscendentale Verknüpfungen
unmöglich«. Die Anschauung — als Organ der Sinnlichkeit
betrachtet — gibt zunächst Vielfachheit und Bewegung, nicht
Einheit und Beharren, darin hat Plato unbedingt recht; vom Denken gilt
aber Ähnliches: es bricht auf, scheidet, trennt, vervielfacht,
bewegt; Plato selber führt die Dialektik als ein System des
Teilens und Wiederteilens ein (Staatsmann
262). Das Fassen, Festhalten,
Vernieten ... gleichviel, wie Sie's nennen wollen — ich würde
sagen: das Bannen zum Sein — geschieht
—————
antasten liesse — gegen welches
sämtliche Glaubenssätze der
römischen Kirche zusammengenommen in Bezug auf den sacrificio
dell' intelletto ein wahres Kinderspiel sind — der ganze
babylonische
Turm der historischen Abstammung zusammenstürzen würde; denn
sobald eine Mehrheit von Urkeimen zugegeben wird, folgt ohne weiteres
bei der sehr geringen Zahl der Grundtypen, dass Ähnlichkeit der
Organisation n i c h t auf gemeinsame Abstammung
schliessen lässt.
Vortreffliche Bemerkungen hierüber hat schon vor mehr als zwanzig
Jahren der bahnbrechende Botaniker Johannes von Hanstein in seinem
kleinen
Werk Das Protoplasma, S. 303
fg. gebracht. Auch Goethe verwirft mit
sicherem Instinkt jegliche derartige Annahme, »da die Natur sich
immer reichlich, ja verschwenderisch erweise«; sogar das
menschliche
Geschlecht, meint er, sei gewiss nicht gemeinsamer, einheitlicher
Abstammung (Gespräch vom 6. 10.
1828).
530 PLATO
also
weder durch das Denken, noch durch das Schauen allein, sondern
vielmehr durch das Zusammentreten, Zusammenfügen,
Ineinanderflechten b e i d e r. Die transscendentale
Verknüpfung ist
überall
am Werke; erst durch sie kommen Anschauungen und Begriffe zum Stehen —
was durch das Wort »Ver-stand« ausgedrückt
wird. ¹) Die
Vorstellung und der Gedanke »Sein«, »Einheit«,
»Beharren«, sowie das ganze Heer der Ideen, aus welchem
sich unsere Erkenntnis und unser Wissen und nach und nach unsere
Wissenschaft aufbaut, alle wurzeln sie in einem transscendentalen
Vorgang. Unser Intellekt ist in Wirklichkeit ein Gewebe; wer ihn
genauer untersucht, wird überall Kette und Einschlag finden. Er
wird aber auch etwas Anderes entdecken, nämlich, dass das Gewebe
an verschiedenen Orten verschieden fest gewoben ist. Das Maximum an
Festigkeit trifft er dort an, wo — wie bei Gestalt und
Zweckmässigkeit — der Gedanke und die Anschauung gar nicht
voneinander losgelöst werden können, weil jedes ohne das
andere unaussprechbar bleibt. Sehr locker dagegen ist der Zusammenhang
bei den Sätzen der analytischen Geometrie; in einem gewissen Sinne
ist hier alles künstlich; eine derartige Gleichung drückt nur
ein Bruchstück aus, es ist nur eine Umrisszeichnung; fünfzig
andere sind ebenso berechtigt und ebenso willkürlich; hier
verständigen sich eben nur Schema und Symbol, beide inhaltlos,
rein formeller Natur, nicht Verstand und Sinnlichkeit, noch weniger Ich
und Welt. Zwischen diesen beiden Arten transscendentaler
Verknüpfung — der ganz festen und der ganz lockeren — ist eine
unendliche Skala
möglich und wahrscheinlich auch tatsächlich vorhanden. Eine
genauere Analyse liegt ausserhalb unseres heutigen Vorhabens, doch
scheint das Hauptgesetz zu sein: von je weiter her die beiden
Fäden kommen, das heisst, je reiner und ausschliesslicher sie dem
Elemente, sei es der Sinnlichkeit, sei es des Verstandes,
angehören, um so fester wird das Gewebe, um so schwerer wird es —
bis zur Unmöglichkeit — Kette und Einschlag voneinander zu
trennen. Das Gefährliche für die Erkenntniskritik — und
dadurch für Wissenschaft, Weltanschauung und Kultur — ist, dass
wir Menschen das Gewebe gewöhnlich nur dort, wo es sehr locker
gewoben ist, nicht aber dort, wo die Fäden sich fest umeinander
schlingen, als ein solches erkennen; und doch wird mit der Erkenntnis
»Leben ist
—————
¹)
Auch
das entsprechende griechische Wort episteme
stammt von der Wurzel sta =
stehen.
531 PLATO
Zwecktätigkeit,
Leben ist Gestalt, Gestalt und Zwecktätigkeit
sind identisch« etwas nicht bloss ungleich Inhaltreicheres und
darum an Wahrheitsgehalt Bedeutenderes, sondern auch Einfacheres
ausgesprochen als mit dem Satz: »Der Kreis
ist
, der Kreis ist R²
= x² + y²,
und R²
= x² + y² sind
identisch«. Gerade die
einfachen Gedanken denkt eben der Mensch am schwersten.
Die
einfachen Gedanken zu denken, war des grossen Plato Hauptbestreben; es
war auch der Grund, weshalb er von fast Allen
missverstanden wurde. Möchte dieser Exkurs, in dem ich bestrebt
war, Sie an der Hand Plato's und mit Zugrundelegung seines einfacheren
Denkens immer tiefer und tiefer in die weit subtilere, architektonisch
feiner ausgebaute Weltanschauung Kant's einzuführen, diesen Zweck
erfüllt haben.
*
*
*
RÜCKBLICK
Jetzt haben wir aber, glaube ich, so viel gewonnen,
wie wir es aus diesem Vortrag erwarten konnten, und heute wie
an den früheren Tagen widerstrebt es mir, eine Übersicht und
Zusammenfassung zu geben; mitten in einem Vortrag bringe ich gern
Formeln an, weil sie — wenn richtig gewählt — Werkzeuge abgeben,
mit denen man sich den Weg durch Dickichte durchhaut; doch mein Ziel
ist die lebendige Persönlichkeit, und diese muss nach und nach aus
tausend zerstreuten Zügen entstehen; um ihr Bild zu gestalten,
muss man möglichst nicht von ihr zu sprechen scheinen. Lassen Sie
mich also nur kurz, als Abschluss des jetzigen und als Vorbereitung auf
unseren nächsten und letzten Vortrag, an den Anfang unserer
heutigen Ausführungen anknüpfen.
Ich hatte Ihnen gesagt, die in den vorangegangenen
Vorträgen gesponnenen Fäden würden heute zusammenlaufen;
Sie haben jetzt gesehen, in welchem Masse das zutraf; Schritt für
Schritt habe ich mich entweder ausdrücklich oder stillschweigend
auf die Errungenschaften unserer Goethe-, Leonardo- und
Descartesvorträge bezogen, und ohne den Brunovortrag
vorauszusetzen, wäre ich in lauter vor-
532 PLATO
beugenden
Verwahrungen erstickt. Mit einigen Worten möchte ich die
wichtigsten dieser Beziehungen noch besonders hervorheben.
Zunächst das Allgemeine.
In den zwei ersten Vorträgen erblickten wir
Männer, die die Welt vorwiegend künstlerisch-konkret, in dem
dritten und vierten Männer, die sie vorwiegend
philosophisch-gedankenhaft betrachteten. Bei Goethe wog das
Subjektiv-Erfinderische, bei Leonardo das Objektiv-Nachbildende vor;
bei Descartes strebte eine reiche Welt der Anschauung und der Symbolik
nach Übertragung in präzise Gedankenformeln und -systeme, in
Bruno's Geist herrschte jener stolze Autokrat, die abstrakte Vernunft,
die die Einen für Gottesgabe, die Anderen für Teufelsbetrug
halten. Bei Plato finden wir nun beide Richtungen — die konkrete und
die gedankenhafte — vereint, und zwar mit unmittelbaren Beziehungen zu
allen diesen Varianten. Wie Goethe erstrebt auch Plato die
eigenmächtige Gestaltung des Sichtbaren durch Erschaffung von
Ideen, wie Leonardo preist er die Bewältigung der
Naturphänomene durch exakte mathematische Behandlung und
unterscheidet darum feiner als Goethe zwischen Sein und Werden, Ruhe
und Bewegung, gleich Descartes wandelt er mit Vorliebe und scharf
analysierend auf dem Grenzgebiet zwischen Verstand und Sinnlichkeit,
zwischen Schema und Symbol, und wie Bruno neigt er dazu, der Vernunft
gegenüber die Anschauung zu unterschätzen, und liebt er die
dialektischen Turniere.
GOETHE
Betrachten wir
das Verhältnis zu Goethe etwas näher.
Nach dem Schema
unseres vorigen Vortrages
gehört Plato ohne Frage zu der selben Gruppe wie Goethe:
»Denken nach innen, Schauen nach aussen«; es ist das, wie
wir sahen (S. 352), diejenige Anlage, die vor allen anderen zur
Ideenbildung prädestiniert ist. Jetzt erst verstehen wir auch ganz
genau, warum: weil jede Ideenbildung auf einem transscendentalen
Vorgang beruht und umso Festeres webt, je reiner die beiden
Bestandteile sind; dafür, dass sie rein seien, bürgt aber
einzig die Geistesanlage, bei der das Denken dem Denken und das Schauen
dem Schauen zugekehrt ist, keine andere. Man braucht nur einen
Aristoteles oder einen Descartes an der Arbeit zu sehen, um den
Unterschied gewahr zu werden. Zugleich stellt aber diese Anlage eine
besonders günstige Konjunktur für die Kritik der menschlichen
Erkenntnis dar; denn eine solche Persönlichkeit empfindet in sich
selber deutlich die Kluft zwischen den beiden Hälften unseres
Intellektes. Ist sie nun vor-
533 PLATO
wiegend
Denker — wie bei Plato der Fall — so ist es begreiflich, dass
die Analyse des Geistes ihr Lebenswerk wird; jene Allegorie von der
Höhle, d. h. des Menschen, der sich mitteninne zwischen zwei
Welten empfindet, könnte als die denkbar beste Allegorie für
Plato's eigene Persönlichkeit gelten. Wogegen wenn bei einer
Persönlichkeit von dieser Geistesanlage die Anschauung vorwaltet,
also die Richtung auf das, was wir in einem früheren Teil des
Vortrags als das a posteriori
kennen lernten (S. 452) — die Richtung
nach vorn, in die Zukunft — wir dann, wie bei Goethe, etwas erleben,
was eine »umgekehrte Kritik« zu heissen verdient. Ein so
unvergleichlich lichtstarkes, zugleich aber gedankenhaftes Erschauen
der Gestalten — Sie erinnern sich ja, das reine Denken schenkt
zehntausend Augen (S. 441) — zerlegt die
unregelmässige,
chaotischbunte Natur in eine Anzahl genau sich entsprechender und
bedingender Bestandteile, richtet sie aber dann künstlerisch, wie
einen von Göttern zum eigenen, ewigen Heim erbauten Tempel, wieder
auf. Wir müssen uns darüber klar sein, dass Goethe's
»Welt des Auges« eine Kulturwelt ist, das heisst eine von
Menschen nach ihrem höchsten Bedürfnis geschaffene und
gestaltete Welt. Es handelt sich nicht um passive, sondern um aktive
Anschauung. Goethe ist einer der grössten Denker, die je gelebt
haben — nur ist sein Denken ganz konkret, ganz von der Sichtbarkeit,
von dem Topos horatou
aufgesogen und zu Gestalt verwandelt; »mein
Denken ist ein Anschauen«, sagt er selber. ¹) Plato schafft,
wie
der hellenische Bildhauer, mit Bewusstsein T y p e n,
denn nur durch
Monumentalisierung wird ihm auch das Einzelne sichtbar, das sonst nur
als verschwommene Wahrnehmung an seinem Auge vorüberginge; Goethe
dagegen erblickt in jedem Einzelnen ein Ganzes, ein Gesetz — und das
heisst, einen Gedanken; wohl braucht auch
er »Typen« — das wird bei jedem ideenbildenden Menschen der
Fall
sein — doch sucht er draussen in der Natur nach ihnen und meint von
seiner Urpflanze, »eine solche muss es doch geben«
(Palermo, 17. 4. 87). Plato
also denkt seine Anschauungen, wogegen
Goethe seine Gedanken so leibhaftig mit Augen sieht, dass es der
rücksichtslosen Energie Schiller's bedarf, um ihn zu dem
Bewusstsein aufzurütteln, dass das, was er für Erfahrungen
hält, Ideen sind. Zusammenfassen lässt sich diese Einsicht in
die Worte: bei Plato werden die Gestalten zu Gedanken, bei Goethe die
Gedanken
—————
¹) Ich
bitte hierzu Vortrag II, S. 104
fg. zu vergleichen.
534 PLATO
zu
Gestalten. Doch wichtiger als der Besitz einer solchen Formel ist
die Einsicht in jenen transscendentalen Zusammenhang, dank welchem
Plato's Gedanken nicht abstrakt sind, sondern alle in Anschauung
wurzeln, während, was Goethe erblickt, nicht der armselige
empirische Einzelfall ist, sondern das Gesetz, die Idee, oder — wie wir
das Wort früher verdeutscht haben (S.
437) — die Gedankengestalt. Und daher jenes den Beiden gemeinsame
Missverständnis, das nur so übermässig begabten
Männern begegnen konnte: denn glaubte Goethe, die Metamorphose mit
den Augen zu sehen, sie zu »erfahren«, so glaubte Plato —
wenigstens an manchen Tagen — die Ideen mit Händen (Händen
der Vernunft) zu fassen, und im Vergleich mit ihnen verblasste dann die
mit Augen erschaute Welt zu einem Nichts.
LEONARDO
Mit Leonardo's Art zu schauen verbindet Plato
Vieles. Was
zunächst in die Augen fällt, ist die Hochschätzung der
Mathematik, die bei Plato, je älter er wurde, umsomehr gestiegen
zu sein scheint, so dass er zuletzt meinte, ohne mathematische
Kenntnisse sei ein Wesen »unfähig, ein Gott, ein Halbgott,
oder ein Held für die Menschheit zu werden« (Gesetze 818).
Leonardo, wie Sie sich erinnern, lehrte, in der Mathematik liege
»die Möglichkeit zu wissen« eingeschlossen (S. 108);
nach Plato »leitet sie zur Wahrheit« und »reinigt sie
jenes seelische Werkzeug, durch das die Wahrheit erblickt wird«;
allerdings unter der Voraussetzung, dass sie nicht als eine triviale
Mess- und Zählkunst getrieben werde, sondern so, dass man
»den Wert des Zählens für die Vernunft selbst« zu
begreifen lerne. ¹) Über dieses tiefere Wesen der Mathematik
hat
nun Plato, der — soweit bekannt — sich als praktischer Rechner nicht
ausgezeichnet hat, so profunde Betrachtungen angestellt, dass man Jetzt
erst, nach und nach, zu begreifen beginnt, welche erstaunliche Kraft
der schöpferischen Intuition in diesen Gedanken lag. Denn
Plato spricht von einer Mathematik, in welcher die einzelnen
Grössen untereinander nicht addierbar und auch jede für sich
nicht teilbar wären — was Aristoteles für das non plus ultra
der Unsinnigkeit erklärte; Plato aber hatte hiermit nicht allein
die Möglichkeit der Algebra deutlich geahnt, in welcher jede Zahl
(durch einen
Buchstaben dargestellt) während der ganzen Rechnung ein
unantastbares Individuelles bleibt, sondern nach mehreren Stellen
scheint er noch weiter gezielt zu haben, nämlich auf jene
Mathematik, die
—————
¹) Siehe Republik 525 B und C, 527 B und D-E.
535 PLATO
Leibniz
später forderte, und die erst heute zu entstehen beginnt,
die Mathematik, die sich nicht auf Grössenverhältnisse
beschränkt, sondern die gesamte Logik umschliesst, alles, heisst
das, was in irgend einer gesetzmässigen Ordnung oder Folge gedacht
oder beobachtet wird. ¹) Eine nähere Betrachtung dieses
schwierigen
Gegenstandes gehört nicht hierher; ich verweise dafür auf
Natorp's Werk S. 419 fg. (namentlich 433). Mir kam es nur darauf an,
die hohe Wertschätzung der Mathematik seitens dieses Denkers und
seine ungewöhnlich tiefe Auffassung ihres Wesens hervorzuheben;
die Verwandtschaft mit Leonardo einerseits und Kant andererseits liegt
auf der Hand.
Ein weiteres wichtiges Symptom der Verwandtschaft
mit Leonardo erblicke ich in einem nicht immer, aber oft sich
bekundenden wunderbaren und unerklärlichen Instinkte
für die Bedeutung der Naturdinge. So ist es z. B. auffallend, dass
Plato das Gehirn als Organ des Denkens erkannte (Timäos 73 fg.),
wogegen Aristoteles den populären Irrtum wieder aufnahm und zum
»wissenschaftlichen« Dogma erhob, wonach das Herz der Sitz
der Sinnesempfindungen sowohl wie der Intelligenz sei. Freilich ist
Plato nicht der Erste, der das Richtige erkannt hat, ²) und
unwahrscheinlich ist es, dass er durch direkte Beobachtung zu seiner
Ansicht gekommen sei; doch bemerkenswert bleibt es in hohem Grade, als
Illustration für die Art seiner Begabung, dass Plato — der
Idealist — instinktiv das Richtige erwählte, wogegen Aristoteles —
der
Zootom und Empiriker — für die rohen Irrtümer des
oberflächlich beobachtenden Volkes eintrat. Finden Sie nicht, dass
eine einzige solche Tatsache uns gleichsam einen Schleier von den Augen
wegreisst und uns lehrt, was der B l i c k des
Genies auch für die
Kenntnis des Empirischen zu bedeuten hat? Und wie Leonardo und Plato,
so ist auch Kant in dieser Beziehung seiner Zeit vor-
—————
¹) Hierzu
ist namentlich
Whitehead: Universal Algebra,
1898, zu vergleichen: Mathematics in
its widest signification is the development of all types
of formal, necessary, deductive reasoning ... The ideal of mathematics
should be to erect a calculus to facilitate reasoning in connection
with every province of thought, or of external experience, in which the
succession of thoughts, or of events can be definitely ascertained and
precisely stated. So that all serious thought which is not philosophy,
or inductive reasoning, or imaginative literature, shall be mathematics
developed by means of a calculus ... Such Algebras are mathematical
sciences, which are not essentially concerned with number or
quantity .... (p. VI—VIII).
²) Eine interessante
geschichtliche Übersicht der verschiedenen Lehren des Altertums
findet
man in der kleinen Schrift von Th. Ziehen: Gehirn und Seelenleben,
1902, S. 5 fg.
536 PLATO
ausgeeilt,
so dass heute der vortreffliche Zoolog Gustav Wolff ausrufen
muss: »Kant hatte eine weit tiefere Einsicht in das Wesen
biologischer Vorgänge, als die heute noch herrschende
Biologie«. ¹) Das wird die Zeit bewähren.
Noch tiefer greifen wir, wenn wir von unserem
jetzigen Standpunkt aus auf das Ende des Leonardovortrags
zurückblicken, wo wir den grossen Mann zwischen einer Natur als
Mechanismus und einer Natur als Idee, zwischen Notwendigkeit und
Freiheit unterscheiden sahen (S.
167 fg.); denn jetzt verstehen wir,
dass es sich auch bei ihm — wenn auch ohne kritisches Bewusstsein davon
— um die Anerkennung eines transscendentalen Verhältnisses
handelt. In Leonardo's ganzer Persönlichkeit gewinnt jene ohne die
Kritik nie zu begreifende Übereinstimmung völlig
ungleichartiger (heterogener) Ideen — die wir vorhin an
»Gestalt« und »Zweckbegriff« studierten —
lebendigen, ergreifend überzeugenden Ausdruck. Der
Rechenkünstler, der Mechaniker, der unerbittlich strenge Nachahmer
der Natur, der seinen Schülern einschärft, sie sollten jeden
»Schmutzfleck« an einer Mauer studieren und abmalen, ist
zugleich der Schöpfer der Mona Lisa, des Christus! Man begreift
zunächst gar nicht, wie das zusammengehen und -bestehen konnte;
man redet von Widersprüchen und dergleichen; verstanden aber hat
man erst, wenn man einsieht, dass der ganze Komplex von Anlagen, durch
die Leonardo ein pedantischer Messkünstler, ein Erfinder von
Maschinen, ein unerbittlich strenger Lehrmeister ward, aus genau
den
s e l b e n Grundideen entspringt, durch deren klare Erfassung
er
befähigt war, unaussprechlichen Gefühlen ewigen Ausdruck zu
verleihen. Nicht Widersprüche liegen hier vor, und ein Jeder
empfindet, dass der Begriff »Vielseitigkeit« für ein
so merkwürdiges Phänomen nicht hinreicht. Nein, es handelt
sich um das Hüben und Drüben, das wir in dem heutigen Vortrag
kennen lernten (S. 452); es handelt sich um jenes
aus Kette und
Einschlag gewirkte Gewebe; indem die Elemente aus den beiden Welten —
wiewohl ihrem Wesen nach gänzlich verschieden — im Mittelpunkt des
Bewusstseins genau zusammentreffen, entsteht erst Leben. Überall,
bei jedem einzelnen Menschen, wenn wir genau beobachten wollten,
müsste uns dieses transscendentale Phänomen auffallen, und
überall würde es uns zunächst gewaltsam und
willkürlich vorkommen, wie die algebraische Gleichung für den
Kreis,
—————
¹) Mechanismus und Vitalismus,
1902, S. 14.
537 PLATO
wie
der Zweckgedanke für die erblickte Gestalt, und wie die
vielrädrige Maschine auf dem Blatte mit Leonardo's erstem Entwurf
zum Christuskopf; überall würden wir aber bei tieferer
Überlegung entdecken, dass gerade in dieser Identität des
Verschiedenen das Wesen der betreffenden Persönlichkeit wurzelt.
Selten jedoch gewinnt dieses Verhältnis einen so monumentalen
Ausdruck wie in Leonardo, und darum möchte ich diese grosse
Persönlichkeit Ihrem Studium besonders empfehlen. Namentlich mache
ich Sie auf die Bemerkung im zweiten Vortrag aufmerksam, dass Goethe
deswegen kein so vollendeter Idealist wie Leonardo sein konnte, weil er
kein so folgerichtiger Mechanist war.
DESCARTES
Grundlegend bei der Betrachtung der Beziehungen
zwischen Descartes' Art zu schauen und derjenigen Plato's ist
natürlich die schroffe Unterscheidung zwischen dem
»Ausgedehnten« und
dem »Denkenden«, wie Descartes es nennt, oder dem
»Sichtbaren« und »Denkbaren«, wie Plato sich
ausdrückt. Hiermit ist eigentlich alles Weitere gegeben. Und da
ich nun dem Ende entgegeneile und mir sagen darf, dass Sie in dem
heutigen Vortrag fast ununterbrochen die Anlehnung an den
Descartesvortrag gefühlt haben werden, will ich mich hier auf eine
einzige Betrachtung beschränken. Schon in der scharfen
Unterscheidung zwischen Verstand und Sinnlichkeit zeigt sich die
gemeinsame Anlage zum Schematisieren. Bei Descartes haben wir sie im
einzelnen nachgewiesen und als eine Art Leitfaden benützt, um
selber Schemen zu entwerfen. Plato hat nun eine besondere Vorliebe
für solche geometrische Schemen, wie ich mehrere im
Descartesvortrag entwarf. Gern nimmt er z. B. eine Linie und teilt sie
in zwei gleich lange Teile: der eine ist das Denkbare, der andere das
Sichtbare; jeden dieser Teile teilt er nun wieder in je zwei
Stücke. Diese Vierteilung kehrt immer wieder und wäre
eindeutig genug, wenn nicht Plato in seiner lebendigen Art jedesmal die
Sache aus einem etwas anderen Standpunkt angesehen und sich keine
pedantische Sorge um die Terminologie gemacht hätte; infolgedessen
kommt es manchmal vor, dass die selben Worte für wechselnde
Bedeutungskreise oder verschiedene Worte für die selben stehen.
Doch der grosse allgemeine Sinn ist klar, und mehr brauchen wir hier ja
nicht. Diese Schemen sind so belehrend, dass ich Sie bitte, dem
trockenen Gegenstand zwei Minuten Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie müssen sich also eine senkrecht stehende
Linie denken;
538 PLATO
diese
teilen Sie in zwei gleichlange Stücke: das untere ist
das
W ä h n e n (πιστις), das obere das Wissen (επιστημη).
Jetzt teilen Sie jede Halblinie noch einmal, und so haben Sie schon die
vier Stücke. Doch hier wird die Sache etwas schwerer, weil Plato
ein viel zu wahrhaftiger Mann ist, um an einem toten scholastischen
Schema, wie die, mit denen Bruno seine lateinischen Schriften
anfüllt, Genüge zu finden. So bleibt ihm denn die zweite
Teilung problematischer als die erste; fraglich ist
namentlich, w o
hier der Teilungsstrich zu stehen kommt, ob in der Mitte, oder
höher, oder tiefer; die Grenze schwebt. Ausserdem erblickt er in
jeder Halblinie — im Wissen und im Wähnen — nur je einen der Teile
sehr deutlich, wogegen der andere Teil auch begrifflich schwankend
bleibt. Also, nicht wahr? zunächst haben wir die ganze menschliche
Erkenntnis als eine senkrechte Linie vor uns und sehen deutlich, dass
diese Linie aus zwei verschiedenen, trennbaren Teilen besteht;
innerhalb jeder dieser Halblinien ahnen wir wieder eine Teilung, doch
ohne die Grenzen und die Bedeutung dieser Unterabteilungen im ersten
Augenblicke deutlich angeben zu können. Jetzt blicken wir
schärfer hin. Von jeder der beiden Halblinien — dem Wissen und dem
Wähnen — gewinnt der untere Teil zuerst festere Gestalt. Der
untere Teil des Wähnens ist die r e i n s
i n n l i c h e W a h r n e h m u n g
(αισθησις αλογος), der untere Teil des Wissens ist
dasjenige Denken, welches der Sinnlichkeit zugekehrt ist, dennoch
aber
r e i n e s D e n k e n bleibt, alles also, was die
Verstandesbegriffe
(Ursächlichkeit, Grösse, Art usw.), sowie die Logik und die
Mathematik umfasst (Plato nennt es διανοια,
was eigentlich
»Durchdenken« bedeutet, also das durch die sinnliche
Wahrnehmung aufgeweckte, angeregte Denken). Das ist das primär
Gegebene, der gemeinsame Besitz aller Menschen. Sekundär entsteht
aber nun der obere Teil jeder dieser Halblinien, dessen Ausdehnung
individuell verschieden ist; hier kommt es auf die Kraft der
Anschauung, auf die Kraft des Denkens und auf das Verhältnis
beider zueinander an. Denn aus dem gegenseitigen Durchdringen von
reinem Verstand und sinnlicher Wahrnehmung bilden sich auf notwendigem,
unkritischem Wege Annahmen oder Hypothesen,
d. h.
»Voraussetzungen« (über welche die Menge sich unklar
bleibt), und von diesen Hypothesen aus gelangen dann die
Verstandeskräftigeren sowohl »hinunter« in die obere
Hälfte der unteren Linie, wie auch »hinauf« in die
obere Hälfte der oberen
539 PLATO
Linie.
¹) Es gibt eben ausser dem naiven Wähnen ein
höheres, gestaltendes Wähnen, das, was wir heute empirische
Wissenschaft nennen, und es gibt neben dem naiven, bloss logischen
Denken ein höheres, ideenbildendes Denken, dasjenige, welches
Kultur gebiert. Gilt unser Betrachten der wahrgenommenen Natur, so
setzen wir in echt menschlicher Naivetät jene aus Verstand und
Sinnlichkeit hervorgegangenen Hypothesen als
»Uranfänge« (αρχας) und gelangen nun von Stufe zu
Stufe hinab in das zwischen reinem Verstand und reiner Sinnlichkeit
liegende Gebiet, in das Gebiet der Empirie oder des W i s s
e n s w a h n s
(δοξα), wie es Plato nennt, und dieses Gebiet
macht eben die
obere Hälfte der unteren Halblinie aus. Fussen wir dagegen auf
Sinnlichkeit, Wissenschaft und Denken wie auf »Vorstufen«,
und benützen jene Hypothesen nur als »Sprungbrett«
(επιβασις), so gelangen wir hinauf zu der
ideenbildenden Vernunft
(νοησις).
Hier zeichne ich die Linie hin, wie Plato sie selber
beschreibt; doch mache ich Sie noch einmal darauf aufmerksam, dass wir n i c h t eine
Progression von unten nach oben (eine
»Evolution«) zu denken haben, sondern dass zuerst die erste
und die dritte Stufe gegeben sind, aus diesen beiden dann die zweite
entsteht und schliesslich, mit Zugrundelegung aller drei, die oberste.
Die Doxa (oder Wissenschaft)
entspricht — ihrer relativen Lage und Funktion nach — der Noesis (Vernunft). Wohl
muss man von einem höheren Standpunkt aus ihr Wissen ein
Wähnen nennen; denn das Wesen der Empirie ist, ein
»Zwischengebilde« zu sein; womit Plato genau das selbe
aussagt, was wir im vorigen Vortrag erkennen lernten:
Wissenschaft ist weder reines Schauen, noch reines Denken. Doch ihr Amt
ist nicht darum von geringerer Würde. Denn alle uns als
»Erscheinung« (εικασια) vorschwebenden Dinge sind »in
der Mitte stehend« (επαμφοτεριζω), alle »irren sie
umher« (πλανητον) im Zwischengebiet zwischen Sein und Nichtsein,
»herumgeworfen wie im Sturme« (Rep. 479 D); und einzig die
Doxa — diese von Urannahmen
des Verstandes ausgehende empirisch-gedankenmässige
—————
¹) Man
vergleiche das S. 413
Gesagte.
540 PLATO
Wissenschaft
— ist befähigt, die Erscheinungen
»aufzufangen«, »festzubannen« und dem
Menschengeiste zu »erobern« (αλισκομαι).
Sie sehen, wie genau diese Auffassung der
Wissenschaft derjenigen Descartes' und Kant's entspricht. Und wenn wir
nun einerseits immer wieder von der Doxa
als von einem
»Zwischenliegenden« hören; andererseits aber manche
Stellen finden, wo zwischen Dianoia
und Doxa (Denken und
Wissenswahn) so wenig scharf unterschieden wird, dass auch die Dianoia
— wenigstens in einem unteren Grenzteile — ins Schwanken kommt und
ebenfalls als ein Zwischengebilde aufgefasst wird, ¹) so werden
wir,
glaube ich, den Eindruck gewinnen, dass Plato die Vorstellung eines
zwischen den beiden Hälften unserer Erkenntnis vermittelnden
»Zwischengebietes« sehr nahe lag, und dass er einem
schematischen Bilde, wie wir es im Descartesvortrag zu entwerfen
versucht haben (S. 213 und 266), seine Zustimmung nicht
versagt haben
würde. Ich wenigstens meine, dass das Bild, das ich hier an die
Wand zeichne, der Absicht Plato's entspricht:
