Here under follows the transcription of the sixth chapter of Houston Stewart Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1905.

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Lord Redesdale's translation into English: Immanuel Kant
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INHALTSÜBERSICHT



Seite
Vorrede 3
Erster Vortrag. GOETHE 9
Zweiter Vortrag. LEONARDO 87
Dritter Vortrag. DESCARTES 178
Vierter Vortrag. BRUNO 277
Fünfter Vortrag. PLATO 395
Sechster Vortrag. KANT 551
Berichtigungen, Register 768

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SECHSTER VORTRAG

KANT

(WISSENSCHAFT UND RELIGION)


MIT EINEM EXKURS ÜBER DAS DING AN SICH.

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WAS DAS LEBEN FÜR UNS FÜR EINEN
WERT HABE, WENN DIESER BLOSS NACH
DEM GESCHÄTZT WIRD, WAS MAN GE-
NIESST, IST LEICHT ZU ENTSCHEIDEN:
ER SINKT UNTER NULL. ES BLEIBT ALSO
WOHL NICHTS ÜBRIG ALS DER WERT,
DEN WIR UNSEREM LEBEN SELBST GE-
BEN DURCH DAS, WAS WIR NICHT ALLEIN
TUN, SONDERN SO UNABHÄNGIG VON
DER NATUR ZWECKMÄSSIG TUN, DASS
SELBST DIE EXISTENZ DER NATUR NUR
UNTER DIESER BEDINGUNG ZWECK SEIN
KANN.                               IMMANUEL KANT

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(Leere Seite)

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DAS VERKNÜPFEN

Heute will ich ohne Präambel gleich in das Innerste unseres Gegenstandes hineingreifen; die vorangegangenen Vorträge haben uns dazu genügend vorbereitet; nunmehr sind wir befähigt, einen letzten, entscheidenden Gang durch die Werkstatt des Kantischen Denkens zu tun, ohne befürchten zu müssen, wir könnten halbverstandene Worte und blasse Begriffe statt Anschauungen mitnehmen.

    Vom Beginn unserer Vorträge an sind wir auf die Einsicht losgesteuert, alle menschliche Erkenntnis entstehe aus   V e r k n ü p f u n g e n.   Schon der erste Vortrag deckte das eigentümlich verwickelte Verhältnis zwischen Idee und Erfahrung auf: die Idee nicht Erfahrung und doch zur Erfahrung unentbehrlich, die Erfahrung nicht Idee und doch einziger Quell aller Ideen; im zweiten sahen wir Begriff und Anschauung infolge der einseitigen Methode unserer heutigen Naturwissenschaft in einen fast unentwirrbaren Konflikt geraten; der dritte wandte sich der konstruktiven Kritik zu und ihrer für alle Erfahrung der Natur grundlegenden Unterscheidung zwischen Verstand und Sinnlichkeit, von denen keins ohne das andere etwas leisten kann, — hier begannen wir die Verknüpfung von Zweierlei als Grundbedingung jeglichen Denkens schon deutlich zu erkennen: theoretisch weiter ausgebaut wurde diese Einsicht im vierten Vortrag, wo wir jene zwei ungleichartigen Elemente in den verschiedenen Denkern verschieden entwickelt und verschieden betont fanden und ausserdem den Irrtum alles Monismus bis in seine Wurzel verfolgten; doch vollkommen klar konnte die Sache erst unter der Leitung eines wahrhaft kritischen Denkers wie Plato werden. Ein grossartiges und vollendet plastisches Beispiel dieser Verknüpfungen, die das Grundgewebe unseres ganzen Denkens ausmachen, fanden wir hier in der Erscheinung des Lebens, das von der anschaulichen (sinnlichen) Seite aus betrachtet einheitlicher Organismus, und das heisst   G e s t a l t,   ist, dagegen von der begrifflichen (verstandesmässigen) Seite aufgefasst, als organische Einheit, und das heisst   Z w e c k g e d a n k e,   sich darstellt; und zwar so, dass keine dieser beiden Vorstellungen ohne die andere einen denkbaren Sinn hätte.
    Auf diese Beziehungen — die uns Kant als »transscendentale« zu bezeichnen lehrte — kommen wir bald zurück. Was ich aber gleich anfangs sagen will — weil ich hoffen darf, nunmehr damit etwas Inhaltreiches zu sagen — ist, dass dieses »Verknüpfen«, mit anderen Worten, diese Auffassung, nach welcher Erfahrung, Ge-

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danke, Erkenntnis, Leben, Wahrheit immer erst durch das Zusammentreffen von Zweierlei entstehen, nicht nur für Kant's theoretisches Denken, nicht nur für seine Philosophie im engeren, fachmässigen Sinne des Wortes charakteristisch ist, sondern überhaupt für seine ganze intellektuelle Persönlichkeit, für das, was er war, und für das, was er wollte. Schon in einer verhältnismässig frühen Schrift, Von dem ersten Grunde des Unterschiedes der Gegenden im Raume, stellt er die tiefsinnigsten Betrachtungen über das Wesen von »rechts« und »links« an; genau besehen, enthalten diese — auf den ersten Blick rein mathematischen — Gedanken den Keim zur ganzen Kritik. Die Klarheit seines Geistes, sein beständiges Bemühen, Grenzen zu ziehen, Worte, Begriffe, Gedanken, Wissenschaften und Unterabteilungen von Wissenschaften, geistige Vermögen, Ideen, Systeme auf das Sorgfältigste voneinander zu sondern, damit nur ja keine Verwechselungen der Kompetenz, kein Ineinanderübergreifen mit darauf folgender Konfusion stattfänden, das alles lässt sich in letzter Reihe auf die zu Grunde liegende, angeborene, gebieterische und erst nach und nach zu gedanklicher Reife entwickelte Empfindung für das Zwiefache in einer jeden Geistestätigkeit zurückführen. Was Plato uns in seinem Theaitetos (182 B) lehrte, dass nichts denkbar sei, was kurzweg als Einheit bezeichnet werden könnte, da jedes Etwas und jeder Gedanke erst aus dem   Z u s a m m e n t r e f f e n   (συγγιγνομαι) von Zweierlei entstehe (vgl. oben S. 443 fg.), dies ist bei Kant Anfang und Ende: es ist sowohl der Grundinstinkt, der ihn nach und nach zum scharfsinnigsten Analytiker aller Zeiten heranwachsen lässt, wie auch die Grundeinsicht, die immer festere Gestalt gewinnt, je reifer und vollendeter seine Weltanschauung wird, so dass die grossartige Synthese, die in seinen drei Kritiken — reine Vernunft 1781, praktische Vernunft 1788, Urteilskraft 1790 — in steigendem Masse bewirkt wird, nicht in einem Verschmelzen, sondern in einem Verknüpfen besteht.
    Diese Tatsache wiederholt sich bei Kant überall, gleichviel welche Stufe seines Denkens und seines Lebens wir in Betracht ziehen. Suchen wir aber nach ihrem allgemeinsten, umfassendsten Ausdruck, so finden wir ihn in der scharfen Scheidung zwischen Theoretischem und Praktischem. Wenn ich gesagt hätte »zwischen Theorie und Praxis«, so würden Sie mich leicht missverstehen, denn diese Worte haben für uns eine ziemlich frivole Bedeutung: die Theorie sagt, wie wir's machen sollten, die Praxis zeigt, wie

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wir's in Wirklichkeit machen; Kant meint es anders. Kant versteht unter »Theorie« theoretische Philosophie, und unter dieser die kritische Analyse der menschlichen Erkenntnis; was hier erkannt wird, ist Natur; dass wir über die Natur nicht blosse, zusammenhanglose Rhapsodien, sondern exakte, objektiv sichere Erkenntnis besitzen, das wird durch die Existenz einer exakten Wissenschaft der Natur bewiesen; Kant fragt nicht mit den berufsmässigen Spintisierern: gibt es eine positive Wissenschaft? kann es eine geben? usw., sondern er sagt: »dass es eine gibt, ist — seit Galilei und Newton — evident«; und nun fragt er sich, was aus dieser Tatsache in Bezug auf unsere menschliche Geistesorganisation gefolgert werden muss; in letzter Instanz fusst also das Theoretische (wie Kant es auffasst) auf der Tatsache der Naturwissenschaft, zielt aber auf die Feststellung des Wertes, der genauen Bedeutung und der Grenzen einer wissenschaftlichen Erkenntnislehre. Unter praktischer Philosophie versteht Kant nicht das Technische, nicht die Geschicklichkeitsregeln, sondern vielmehr eine Untersuchung der Handlungen des Menschen, — des Menschen, betrachtet als autonome Persönlichkeit, das heisst als unabhängig von jener Natur, deren unwandelbare Gesetze die Wissenschaft untersucht, und als eigenen Gesetzen unterworfen; wie dort die Tatsache der Wissenschaft, so dient hier die gegebene, unbestreitbare Tatsache der moralischen Persönlichkeit als Grundlage; auch hier muss es Gesetzlichkeit geben; gäbe es keine, so wäre der Begriff einer Persönlichkeit inhaltlos; er könnte gar nicht erfasst werden; er wäre eine blosse Rhapsodie; die Person wäre keine Erfahrung, was sie doch ist; diese Gesetzmässigkeit muss aber offenbar eine andere sein als die der Natur; wir nennen sie Freiheit; ihre Gesetze sind Gebote, sittliche Gebote; und fassen wir das System dieser Freiheitsgebote eben so methodisch und klar ins Auge wie dort die Gesetzmässigkeit der Natur, so erreichen wir eine genaue Bestimmung dessen, was Kant »Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft« nennt. Es stehen also — innerhalb dessen, was der Mensch erfährt oder erlebt, oder wie Sie es sonst zu nennen belieben — Natur und Freiheit als die zwei Grundtatsachen einander gegenüber; das Theoretische sucht eine Antwort auf die Frage: Was ist Naturerkenntnis? das Praktische eine Antwort auf die Frage: Was ist Freiheit? Ebensowenig wie dort die eingehende und womöglich lückenlose Kritik des Theoretischen selber eine Wissen-

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schaft der Natur ist, da sie vielmehr nur das Wesen und die Befugnisse der Erkenntnis durch eine genaue Analyse feststellt, ebensowenig ist die vollständige Kritik des Praktischen schon Religion, sie bestimmt aber in ähnlicher Weise das Gebiet und die Grenzen aller echten Religion und zeigt dadurch genau und ein für allemal, wo Aberglaube und Superstition beginnen.
    So haben wir denn aus dieser einen Betrachtung schon vier fundamentale Gegenüberstellungen gewonnen: Gesetze und Gebote — als die gegebenen Tatsachen; Natur und Freiheit — als Ideen, unter denen wir die Tatsachen einheitlich zusammenfassen; theoretische Vernunft und praktische Vernunft — als Methoden oder Geisteswerkzeuge, diese Tatsachen denkend zu erforschen; Wissenschaft und Religion — als Systeme in denen die Summe unseres Wissens und Wähnens über eine jede der beiden Tatsachenreihen gegliedert vorgestellt wird. Ein Unterschied muss allerdings im Vorübergehen bemerkt werden. Von den beiden Methoden — d. h. von der theoretischen Vernunft und der praktischen Vernunft — kann man sagen, dass sie aus einem nachweisbar einheitlichen Stamme sich nach zwei entgegengesetzten Richtungen verzweigen; wie Kant schreibt: »Es ist doch immer nur eine und die selbe Vernunft, die, es sei in theoretischer oder praktischer Absicht ... urteilt« (pr. V., 2. B., 2. H., III). Die bleibenden Erfahrungstatsachen dagegen — die Naturgesetze und die Sittengebote, sowie die zusammenfassenden Ideen — Natur und Freiheit — und infolgedessen auch die wechselnden Gesamtvorstellungen — Wissenschaft und Religion — sind und bleiben absolute Gegensätze, zwischen denen, wie Kant sagt, »eine unübersehbare Kluft befestigt ist, so dass von dem ersteren zum anderen ... kein Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene Welten wären«. ¹) Trotz dieser »unübersehbaren Kluft« sind aber Natur und Freiheit unzertrennlich verknüpft, und zwar in der Persönlichkeit eines jeden Menschen; diese Verknüpfung gerade macht den Menschen zum Menschen; sie hat für das Wesen der Persönlichkeit genau die selbe Bedeutung wie die Verknüpfung von Gestalt und Zweckgedanke für das Wesen des Lebens; es ist eine transscendentale Verknüpfung; durch sie entsteht erst die Sache; keines von beiden Entgegengesetzten hat ohne das andere Dasein; Natur ist nicht ohne Freiheit, und Freiheit nicht ohne
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    ¹) Kritik der Urteilskraft, Einleitung II, S. XIX. Vgl. auch S. LIII.

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Natur; insofern bildet diese Zweiheit eine Einheit. Es ist (wir sahen es im vorigen Vortrag) eine grobe Täuschung, wenn wir glauben, wir wären fähig, organische Gestalt anzuschauen, ohne dass zugleich — gleichviel ob bewusst oder unbewusst — der Zweckgedanke sich in dieser Gestalt »verwirklicht«, und umgekehrt; und es ist in ähnlicher Weise die Täuschung eines durch Kritik noch nicht aufgeklärten Geistes, wenn wir vermeinen, wir vermöchten uns Freiheit vorzustellen, wenn nicht Natur gleichsam den Hintergrund bildete, von dem sie sich abhebt, oder dass Natur mit ihrem Grundgesetz der Ursache und Wirkung einen Sinn besässe, wenn nicht die persönliche Erfahrung der Freiheit uns lehrte, diesen Gedanken der Kausalität zu denken. Diese Einheit des Zweierlei ist aber keine logische Einheit; sie ist nicht die Zurückführung von Natur und Freiheit, von Wissenschaft und Religion auf einen und den selben Gedanken; mit anderen Worten, sie ist nicht die erkünstelte, vernünftelte Einheit der Monisten, sondern sie ist organische Einheit, das heisst — wie wir jetzt wissen — eine Einheit, deren Wesen es ist, Vielheit zu sein (S. 476 und 483 fg.). Wohl betont Kant zu öfteren Malen, dieses ganze System von festeren und lockeren Verknüpfungen, aus denen unsere Geistestätigkeit hervorgeht (S. 530), könne möglicherweise »einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen« (vgl. oben S. 248); als echter Kritiker kann er diese Möglichkeit nicht von vornherein ausschliessen; doch besitzt die betreffende Erwägung für ihn gar keinen theoretischen oder praktischen Wert, denn es lässt sich damit, sobald man nicht dichtet oder schwärmt oder dogmatisiert, nicht das Geringste anfangen.
    Sie werden es begreiflich finden, dass man eine derartige Philosophie die »kritische« nennt; das griechische Stammwort bedeutet ja unterscheiden, sondern, sichten. Sie brauchen bloss die Augen zu öffnen und Umschau zu halten: überall werden Sie den Mangel an klarer Scheidung der Begriffe und Gebiete gewahren. Auf allen Seiten wogt der Kampf zwischen Religion und Wissenschaft; Niemand kennt die Grenzen, weder die Gelehrten noch die Ungelehrten, weder die Naturforscher noch die Theologen; nur Wenige ahnen, dass es welche gibt. Der römische Papst behauptet, die wahre Wissenschaft, vera scientia, sei ein Besitz der Kirche; ¹)
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    ¹) So z. B. Leo XIII. in der Encyclika De studiis scripturae sacrae vom Jahre 1893, aber an hundert anderen Orten zu allen Zeiten.

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und im selben Augenblick bemühen sich hochmoderne Psychologen und ethische Vereine, einen empirisch-logischen »Ersatz für Religion« zustande zu bringen. Das vollendetste und leider noch immer wirksame Beispiel der rettungslosen Konfusion der Gebiete gab Spinoza mit seiner berühmten Formel: Deus sive Natura, Gott-Natur; ¹) hier werden Religion und Wissenschaft derartig durcheinander geschoben, dass eine Unterscheidung der Gebiete gar nicht mehr möglich ist, und somit erleben wir denn eine »geometrische Sittenlehre« und eine Natur, die »aus Gott begriffen werden muss«, ²) also wissenschaftliche Religion und religiose Wissenschaft. Wenn je das Wort vom hölzernen Eisen am Platze war, dann hier; doch »der Pöbel der Vernünftler«, wie sich Kant respektlos ausdrückt (r. V. 697), findet seine dauernde Freude daran, und der »immanente Monismus« (wie dieser Hokuspokus sich nennt) blüht noch üppig in hundert Abarten unter uns Enkeln Kant's. Der genannten Weltanschauung ist diejenige Kant's genau entgegengesetzt. Kant weigert sich, einen einzigen Schritt über das Feld möglicher Erfahrung hinaus zu tun; was von jenseits zu kommen vorgibt, verschmäht er als »Märchen aus dem Schlaraffenlande der Metaphysik« (Tr. II, 1); die Erfahrung aber — das heisst, die exakte Beobachtung des Erfahrenen — ist es, die uns zeigt, dass in unserem Geiste jede scheinbare Einheit aus dem Zusammentreffen (Syngignomai) von Zweierlei entsteht.
    Und fassen wir nun — was gewiss zweckmässig ist — die Ergebnisse dieser Methode zunächst einmal so allgemein und auch so allgemein verständlich wie möglich ins Auge, so ist, wie gesagt, Kant's umfassendste Einteilung diejenige in Natur und Freiheit. ³) Es gibt Natur, d. h. eine Welt, in der nie und nirgends Freiheit vorkommt, eine Welt, die durch den blossen Gedanken an Freiheit aufgehoben würde, und in der infolgedessen auch keine Sittlichkeit, keine Verantwortlichkeit, kein Mitleid Platz noch Sinn hat, da in ihr alles rein mechanisch, nach lückenlosen Gesetzen, in der ewig unabänderlichen Reihenfolge notwendiger Wechselwirkung vor sich geht; und es gibt Freiheit, d. h. eine Welt, in der nicht das, was ist, sondern das, was sein soll (ein Begriff, der in der Natur völlig sinnlos wäre), das Gesetz ist, woraus dann eine
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    ¹) Siehe z. B. Ethica IV, praef.
    ²) Ethica I, prop. 15 u. 18: omnia quae sunt per Deum concipi debent.
    ³) Das heisst, dies ist das objektive Ergebnis, dem subjektiv die theoretische
Vernunft und die praktische Vernunft entsprechen; siehe oben.

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ganz andere Ordnung entsteht, in der die Begriffe Pflicht, Verdienst, Güte, Würde, Heiligkeit usw. Bedeutung gewinnen, und in der Gebote und sittliche Ideen den Gesetzen und Naturideen der erstgenannten Welt entsprechen.
    Lassen Sie mich das Ergebnis dessen, was wir jetzt in fliegender Eile vorweggenommen haben — also diese Reihe der grossen, allgemeinen, sich genau entsprechenden Gegenüberstellungen, nur noch um das Unentbehrlichste ergänzt — gleich hier an der Wand in einem Schema anschaulich machen. Vom Ich nehmen wir notwendig den Ausgang, und, wie weit auch die sich fliehenden Gedankenreihen auseinander streben mögen, das Ich fasst doch in seinem Wissen und Wähnen alles zusammen, was für uns existiert. Es bleibt sich dabei gleich, ob wir die Sache methodisch bei der Unterscheidung zwischen theoretischer und praktischer Vernunft beginnen und von da an zu dem immer Verwickelteren hinaufsteigen, bis wir auf der einen Seite zu Wissenschaft, auf der anderen zu Religion gelangen; oder aber, ob wir die grossen Synthesen — Wissenschaft und Religion — als das Gegebene zum Ausgangspunkte nehmen und nun die Reihe der Bedingungen immer weiter auseinanderbreiten, bis wir die letzten elementarsten Verzweigungen in den verschiedenen Betätigungen der Vernunft finden. In Wirklichkeit ist Kant diesen letzteren Weg gegangen; er ist eben ein wissenschaftlich empirischer Beobachter, nicht ein Spekulierer; bei der Darstellung aber hat er den umgekehrten Weg — den er den »schulmässigen« nennt — verfolgt.

Schema

    Diese Tafel spricht, glaube ich, für sich; wem die Welt dieses kritisch-analytischen Denkens fremd ist, der dürfte Stoff genug zum

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Nachsinnen darin finden. Nur einige Worte der Erläuterung, um möglichen Missverständnissen vorzubeugen.
    Jeder einzelne Ausdruck ist dem gegenüberstehenden auf der selben Höhe genau entsprechend, gleichwertig und entgegengesetzt; die Divergenz nimmt aber von unten nach oben zu. Praktische Vernunft ist mit theoretischer Vernunft nahe verwandt, man kann keine von beiden ohne die andere vollkommen abhandeln; auch Gebote und Gesetze stehen sich (scheinbar) nahe genug, um von Ungeschulten manchmal verwechselt zu werden (wir sagen »Sittengesetz« ebenso geläufig wie »Sittengebot«); am deutlichsten ist vielleicht für jeden Menschen die Unterscheidung zwischen Persönlichkeit und Erkenntnis. Dass Freiheit und Natur noch ferner voneinander stehen, ist zwar eine Tatsache, die jeder erblicken kann, sobald er die Augen öffnen gelernt hat — sonst könnte es ihm einfallen, die Erde zöge den Mond aus Pflichtgefühl an, und dass ein redlicher Mann anvertrautes Gut nicht veruntreut, sei eine Wirkung der Schiefe der Ekliptik; für gewöhnlich ist aber hier die Konfusion der Gebiete unentwirrbar, und zwar einfach, weil wir nicht Kritik genug besitzen, um zwischen den grundverschiedenen Betätigungen unserer Vernunft (dem vorhandenen Erfahrungsstoff gegenüber) zu unterscheiden; wer nicht die Analyse bis zur klaren Unterscheidung der Elemente verfolgt hat, wird bei Komplexen nie richtig urteilen. Es ist nicht verwunderlich, wenn wir dann bei Wissenschaft und Religion — deren Trennung (sobald wir das unverfälschte Wesen einer jeden scharf ins Auge fassen} so vollendet ist, dass sie wirklich nur insofern zueinander in Bezug gesetzt werden können, als sie in dem Bewusstsein eines einheitlichen Wesens vereinigt vorkommen — es ist, sage ich, dann nicht verwunderlich, wenn wir die scheidende Kluft zwischen beiden dennoch nicht deutlich gewahren; hier steht ausserdem jede geistige Beschränktheit, jeder Aberglaube, jede sittliche Gemeinheit, dazu die unermessliche Interessengemeinschaft der Religionsausbeuter aller Konfessionen der Erde als geschlossene Phalanx gegen alle Versuche, endlich und endgültig Klarheit zu schaffen. So viel über die Entgegensetzungen. Was aber die Reihenfolge der Begriffe von unten nach oben anbetrifft, wo auf beiden Seiten meines Schemas der eine gleichsam aus dem anderen herauszuwachsen scheint, so soll damit nicht etwa eine logische Sequenz angedeutet werden; es handelt sich weder um Grund und Folge, noch um Ursache und

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Wirkung; eher könnte man an konzentrisch sich erweiternde Kreise denken. Doch führt dieser Vergleich nur annähernd auf die richtige Spur; denn die Sprossen dieser Leiter sind voneinander nicht nur im Umfange, sondern auch im Werte verschieden: Religion und Wissenschaft sind   S y s t e m e,   künstlich-künstlerische Gebäude, in denen unser Wissen und unser Wähnen zu einem übersichtlichen Ganzen geordnet stehen; Freiheit und Natur sind   I d e e n,   in denen und durch die unsere Vernunft sich Tatsachen anschaulich vorstellt; Persönlichkeit und Erkenntnis sind   B e g r i f f e   (der erste symbolisch, der zweite schematisch), in denen (um mich allegorisch auszudrücken) der Übergang vermittelt wird zwischen Innen und Aussen, zwischen Vernunft und Empirie (siehe den Descartes-Vortrag, von S. 256 an); Gebote und Gesetze sind die gegebenen   T a t s a c h e n, ¹)   wie sie die ordnende Vernunft zunächst erfasst, sie sind ihr Material; theoretische und praktische Vernunft sind   M e t h o d e n   des Bewusstseins. ²) Es handelt sich also in aufsteigender Reihe, sowohl rechts wie links, um Methoden, Tatsachen, Begriffe, Ideen, Systeme; jede Stufe entspricht einer anderen Funktion unseres Geistes. Mein Schema soll, wie Sie sehen, lediglich gewisse Verhältnisse gegenseitiger Lagerungen im Gedankenraume veranschaulichen. Derartige Schemata soll man ähnlich wie Vergleiche betrachten; von einem Vergleich verlangt man, dass er einen Gedankengang aufhelle, nicht, dass er das Denken ersetze; es ist eine suggestive Wirkung, die man erwartet, nicht eine abbildliche Darlegung; das selbe gilt hier.

KANT UND DIE KULTUR

    Jetzt wollen wir aber einen Augenblick Atem schöpfen. Ich habe Sie sofort zu Beginn dieses Vortrages vor die ganz einfachen die Ideen dieser Weltanschauung — dieser Art, die Welt anzuschauen — hinstellen wollen; das ganz Einfache ist immer zugleich das ganz Grosse; es ist auch das allgemein Verständliche. So meint es jedenfalls Kant, wenn er die denkwürdigen Worte spricht: »Die wahre Weisheit ist die Begleiterin der Einfalt«, und hinzufügt: »sie macht gemeiniglich die grossen Zurüstungen der Gelehrsamkeit entbehrlich, und ihre Zwecke bedürfen nicht solche Mittel, die nimmermehr in aller Menschen Gewalt sein können« (Tr. II, 3). Es ist unmöglich, dass Immanuel Kant's kritisches Werk in seinen tech-
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    ¹) Für die erweiterte Definition des Begriffes »Tatsache«, siehe Ur. § 91, S. 456.
    ²) »Bewusstsein« nach Kant's Definition: »das Bewusstsein ist das einzige, was alle Vorstellungen zu Gedanken macht« (r. V. 350).

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nischen Einzelheiten Gemeingut werde, Kant wusste es wohl und schrieb: »Meine Methode ist nicht sehr geschickt dazu, den Leser an sich zu halten und ihm zu gefallen ..... Allein der menschliche Verstand fehlt hier durch Subtilitäten, und muss dadurch widerlegt werden« (Ref. II, 6). Kant wird also nur subtil, weil er die Subtilitäten der Vernünftler ein für allemal wegfegen will, und die Feinheiten seiner Beweisführung dienen ihm mehr als unentbehrliche Abwehr falscher Argumente, denn als Grundfeste seines eigenen Gedankengebäudes. Auch wir müssen uns fragen: was meinen wir eigentlich damit, wenn wir die Behauptung aufstellen, Kant müsse ein Kulturfaktor werden? In der Hauptsache kann es sich jedenfalls nur um jene Weisheit handeln, die »die grossen Zurüstungen der Gelehrsamkeit entbehrlich macht«. Einfluss auf weite Kreise können nur einfache Vorstellungen gewinnen. Der Kant, der die transscendentalen Verrichtungen des Menschengeistes aufdeckt, bleibt einer winzigen Minderzahl zugänglich; der Kant dagegen, dem es gelänge, alle führenden Intellekte der Welt aus den nächtigen Superstitionen der Jahrtausende zu erlösen und zu dem Tagesglauben zu überwinden, dass Religion und Wissenschaft zwei völlig getrennte Gebiete sind, ein jedes innerhalb seiner Grenzen autonom und autokratisch, — dieser Kant wäre der Begründer einer neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit; er hätte die Tyrannei der Kirchen auf immer gebrochen und die ebenso gefährlichen Phantastereien der »Naturphilosophen« ein für allemal weggefegt. Jetzt erst wäre der Menschengeist frei. »Die Freiheit zu retten« ist ja Kant's höchstes Ziel. ¹) Sehen wir aber von der politischen Freiheit ab und betrachten nur die Freiheit unserer Menschenvernunft, so gewahren wir, dass diese uns immer von zwei Seiten zugleich geraubt wird, nämlich vonseiten der theoretischen und vonseiten der praktischen Vernunft aus: der Wissenschaftspfaffe lässt dem Menschen, wie Kant witzig spottet, nur »die Freiheit eines aufgezogenen Bratenwenders« (pr. V. I, Schluss); welche Freiheit der Religionspfaffe ihm lässt, ist sattsam bekannt. Wozu noch ein Wichtigeres kommt: denn Kant weist nach, dass jener naive Naturforscher, der ahnungslos im Gebiete der praktischen Vernunft und der Sittengebote pfuscht, der uns Wundermärchen von Tierseelen, von darwinistischer Sittlichkeit usw. erzählt, nicht allein auf dem Gebiete der Freiheit Unheil stiftet,
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    ¹) Siehe z. B. r. V. S. 564.

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sondern dass er zugleich die Betrachtung der empirischen Natur von Grund aus verdirbt, während sein Widerpart, der Theologe, der so genau über die Erschaffung der Welt, über den Zweck der Schöpfung usw. unterrichtet ist, hierdurch nicht bloss heillose Konfusion in der Wissenschaft der Natur anrichtet, sondern im selben Momente die wahren Fundamente echter Religion untergräbt. Diejenige 'Wissenschaft dagegen, die Kant anstrebt, ist eine   r e i n e   Wissenschaft, eine lückenlos mechanische, wogegen unsere antimetaphysischen Empiriker immer und immer wieder (man braucht heute nur Mach, Haeckel, Ostwald usw. zu lesen) in ein Gebiet jenseits der Mechanik hinüberschweifen, in das, was Kant treffend »eine eingebildete Wissenschaft« nennt (r. V. I, 395); und diejenige Religion, die Kant will, ist eine   r e i n e   Religion, d. h. eine von aller Historie und von jedem Dogmenglauben gereinigte. Aus der Vermengung der Gebiete entsteht erst das Dogma, das wissenschaftliche sowohl wie das religiöse. Schweift bloss die theoretische oder bloss die praktische Vernunft aus, so richtet das kein unheilbares Übel an; auf diesem Wege entstehen die »Ideen« (im engeren, kantischen Sinne des Wortes), und diese sind für die systematische Ausgestaltung, sowohl der Wissenschaft wie der Religion, unentbehrlich. Gerade weil kein Gewebe des Zweierlei in diesen echten Ideen entsteht — oder wenigstens der Schein davon bei der geringsten Prüfung verschwindet — schmelzen sie wie Nebelbilder hin, sobald man sie schärfer ins Auge fasst; sie dienen viel und schaden wenig; denken Sie als Beispiele an den Äther und an die Vorstellung der Gnade. Wenn dagegen der Geist auf beiden Gebieten zugleich ausschweift — indem er (unter den Decknamen »Seele«, »Plan«, »Unbewusstes«, usw.) ein wenig Freiheit in die Wissenschaft einschmuggelt, oder aber die Natur (mit allen Theologen und Theosophen) in die Kompetenz der Religion einbezieht — da entsteht in der Tat ein schwer zu zerstörendes Scheingewebe, und dieses ist die Geburtsstätte des Dogmas. Dies erst ist das, was ich, um es zwar allegorisch, aber richtig und kräftig zum Ausdruck zu bringen, die   G e d a n k e n s ü n d e   nennen möchte; es ist die Sünde gegen unser eigenes Wesen, gegen den Geist, der uns heilig sein sollte; zugleich ist es die Erbsünde in dem Denken unseres Geschlechtes. Kant will uns nun aus dieser Sünde, aus dieser Nacht des Dogmatismus erlösen; dazu dient die »reine« Unterscheidung der Gebiete. Durch sie wird nicht etwa die Ein-

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heit unseres Wesens zerstört, vielmehr handelt es sich um wahre, bewusste Kultur der menschlichen Individualität. Kultur definiert Kant als, »die Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu beliebigen Zwecken überhaupt, folglich in seiner Freiheit« (Ur. § 83). Um aber diese unsere Freiheit ausbauen und ausnützen zu können, müssen wir über zweierlei belehrt sein: 1. über die Grenzen unseres Könnens, 2. über diejenigen Richtungen, die uns unbegrenzt offenstehen. Wir müssen einerseits lernen, »alle unsere spekulativen Ansprüche bloss auf das Feld möglicher Erfahrung einzuschränken« (r. V., I, 395); auf der anderen Seite müssen wir einsehen lernen, dass — wie Kant sich ausdrückt — »Freiheit Menschenwerk ist«, dass hier alles von uns abhängt, d. h. von unseren Einsichten und Absichten, und dass es also auf uns Menschen ankäme, uns aus einer Tiergattung in eine »sittliche Gattung« zu erheben, indem wir die bisher »gleichsam planlos fortgehende Kultur« nunmehr bewusst planvoll in die Hand nähmen (vgl. Kant: Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte). Der Mensch soll Schöpfer werden — dort, wo er es kann, nämlich innerhalb des Reiches der Freiheit. Das »Erkenne dich selbst« des Hellenen taucht hier in neuer, exakterer Gestalt auf. Denn bewusster, planvoller Schöpfer kann der Mensch sich selbst gegenüber nur werden, wenn er die selbe Methode ergreift, die sich ihm der Natur gegenüber so erfolgreich erwiesen hat: die genaue Analyse seines verwickelten Wesens, die genaue Scheidung des Praktischen vom Theoretischen, der Freiheit von der Natur, die Exaktheit in der Erkenntnis seines Selbst muss zu Grunde liegen. Dies würde nicht nur eine tiefgreifende Umbildung seiner wissenschaftlichen und religiösen Ideen herbeiführen, sondern würde, hiermit im Gefolge, umgestaltend auf alle menschlichen Verhältnisse wirken. Kant, der Bescheidene, spricht es mit aller Bestimmtheit aus: seine Weltanschauung steuert auf eine Revolution hin, gegen welche die bisherigen, rein politischen, zu geringfügigen Episoden schrumpfen; er will Ideale verwirklichen, nicht aber durch Schwärmerei und philosophische Phantasterei, sondern durch die nüchtern-bewusste, aus dem Hinterstübchen des stillen Denkers mit unwiderstehlicher Kraft langsam, aber sicher bewirkte Änderung in der Richtung des menschlichen Denkens und Wollens. Er macht sich keine Illusionen: »Ich zweifle sehr, dass ich derjenige sein werde, der diese Änderung hervorbringt; das menschliche Gemüt ist von der Art, dass

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ausser den Gründen, die es erleuchten sollen, noch Zeit dazu gehört, um ihm Kraft und Fortgang zu geben« (Ref. II, 18); doch gleichviel, auf diese Weise wird früher oder später dasjenige »Reich, was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann ..... zustande gebracht werden« (Gr. II, 1). Dies alles bedeutet eine vollkommene Umbildung aller jener Vorstellungen und Gepflogenheiten in Wissenschaft, Religion, Sitte, Recht, Gesellschaft, die uns noch so geschwisterlich eng mit den Urbabyloniern von vor 6000 Jahren verwandt zeigen; es bedeutet eine »Umwertung aller Werte«‚ wie sie die dem frivolen Modejargon unserer Tage Huldigenden sich nie haben träumen lassen, ein Wachsen des Menschen, eine Kräftigung über das hinaus, was er bisher gewesen ist, nicht durch die tollhäuslerische Entfesselung seines blinden »Willens zur Macht«, sondern umgekehrt, durch die feinere Ausgestaltung seines Selbstbewusstseins, durch die klarere Erfassung seiner geistigen Organisation und damit (was das selbe ist) der Organisation der Welt seiner Erfahrung, mit anderen Worten, durch die noch genauere Bändigung der dumm-tiermässigen Instinkte seines Willens im Dienste einer vollkommen selbstbeherrschten, bewusst-schöpferischen Vernunft.
    Diesen Gedanken halte ich für die grosse Kulturtat Kant's; er ist es, der uns alle angeht; er ist es, den wir alle genügend in uns aufnehmen können, um von ihm belehrt zu werden; er bildet auch ohne Frage den lebendigen Mittelpunkt in Kant's Art, die Welt zu erschauen; von hier nahm er seinen Ausgang; hierher führte ihn der mühsame Weg seiner fast fünfzigjährigen kritischen Arbeit zurück. Und gerade hierüber werden Sie in den Berichten der Fachphilosophen wenig oder gar keine Belehrung finden. Wie viele unter ihnen haben Kant's praktische Lebensabsicht wirklich erfasst? Wie viele sehen so gross, wie er sah? Wie viele wissen, was er meint, wenn er — der grimme Gegner aller Schulmetaphysik, des »durchlöcherten Fasses der Danaiden«, wie sie eine seiner letzten Schriften sarkastisch nennt (F.) — wenn er trotzdem sagt: »Ich bin überzeugt, dass das wahre und dauerhafte Wohl des menschlichen Geschlechtes auf Metaphysik ankomme« (Br. 8. 4. 1766)? Wenn Sie es jetzt wissen, wenn Sie wenigstens ahnen, wie hier Metaphysik zur Befreiung des Menschengeschlechtes, zur Befreiung der Freiheit, und zu nichts Anderem dienen soll, so besitzen Sie einen Vorsprung, der Sie trösten kann, falls

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Sie in mancher subtilen Schulfrage Kant nicht zu folgen vermöchten.
    Es ist gut, den Eindruck eines gewaltigen Ganzen hin und wieder als Einheit auf sich wirken zu lassen, ohne sich beim Einzelnen aufzuhalten. Blieb Ihnen Manches in diesem Eingang vielleicht unklar, so lassen Sie sich das nicht anfechten; Kant selber, der peinlich Gewissenhafte, sagt: »Sehr oft schwächt die Auseinandersetzung eines Gedankens die Wirkung, welche derselbe, da er noch im Ganzen und Grossen vorhanden, wenngleich dunkel und unentwickelt hervorbrachte«. ¹) Es kommt also darauf an, sich nicht zu sehr zu beeilen, vielmehr bei dem allgemeinen — gross, wenn auch dunkel erfassten — Gedanken zu verweilen; das ist ein Gesetz unserer Psyche; man muss Kräfte sammeln wie eine Maschine Feuerung; auch Goethe, unser Aller Meister, lehrt, man solle die grossen Probleme zunächst »mit erhöhtem leidenschaftlichem Sinn zu erfassen trachten«; es ist fraglich, ob eine neue Anschauung ohne eine derartige Trieb- oder Anziehungskraft überhaupt erfasst werden kann. Kant im einzelnen zu folgen, wäre das Werk eines ganzen Lebens; nichts möchte ich sagen, was diese Einsicht schwächte; nicht will ich Sie in dem Wahne wiegen, Kant sei leicht zu verstehen; wohl aber möchte ich Sie mit der Sehnsucht, ihn zu verstehen, unverlierbar begaben. Von hier aus mag dann der weitere Weg angetreten werden, je nach Fähigkeit und Lust eines Jeden. Der Engländer drückt es pittoresk und genau aus; er sagt von solchen grossen, halb verstandenen Gedanken: they grow upon one, sie wachsen von selbst über uns empor und schliessen sich um uns zusammen; es ist wie bei Parsifal's Gang zum Gralstempel: der Tor tut nur wenige Schritte entgegen — »ich schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit« — und schon umgibt ihn der heilige Dom. In ähnlicher Weise habe ich Sie heute sofort mitten in die Welt Kant's hineinversetzen wollen; ich hoffe, die Atmosphäre dieser Welt soll einen gewissen Zauber ausüben, und es werden uns infolgedessen auch die sonst fast unerreichbaren Gedanken nicht mehr so fremd anmuten.

DIE NEUE RICHTUNG

    Denn der Zweck dieser Vorträge erlaubt mir nicht, hier zu verweilen, wie ich so gerne möchte. Nicht Kant's Werk, sondern
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    ¹) Sieben kleine Aufsätze, Ausg. v. Rosenkranz & Schubert, IX¹), 269; Ausg. von Hartenstein 1867, IV, 505.

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etwas ganz Anderes: eine   E i n f ü h r u n g   in sein Werk durch Vertrautwerden mit seiner besonderen Art zu denken, habe ich Ihnen zu geben versprochen. Wir müssen also wieder zurück in die Tiefen der Persönlichkeit.
    Höchst charakteristisch ist ein Geständnis Kant's (gerade aus der Zeit, als der kritische Gedanke sein Sinnen täglich mehr zu erfüllen begann): »Vor meinen Augen erheben sich öfters Alpen, wo Andere einen ebenen und gemächlichen Fusssteig vor sich sehen, den sie fortwandern oder zu wandern glauben« (Tr. I, 1). Man wird Kant gewiss nie verstehen, wenn man nicht die selben Schwierigkeiten empfindet, die er empfand. Er sieht Berge, wo Andere eben fortwandeln; daraus schliessen wir, sein Denken schlage eine neue, eine bisher unbegangene Richtung ein. Wenn man aber Kant studiert und beurteilt, ohne sich über die Richtung seines Denkens klar geworden zu sein, dann missversteht man ihn nicht bloss, sondern das Missverständnis wächst mit mathematischer Notwendigkeit, wie die Entfernung zweier auseinanderstrebender Linien; je mehr man über ihn nachdenkt, desto mehr missversteht man ihn dann; das ist die Geschichte von 99 unter 100 Kant-Auslegern. Dass Sie die richtige Richtung einschlagen — die ungewohnte, allen unseren angeerbten und eingefleischten Denkgewohnheiten entgegengesetzte — ist also das erste Erfordernis. Sobald Sie es tun, steigen vor Ihren Augen jene Alpen auf, von denen Kant spricht, und nunmehr müssen auch Sie die schroffen Wände erklimmen; denn oben auf dem Gipfel ist der Standpunkt Kant's. Wem Kant's Philosophie ohne weiteres einleuchtend dünkt — sei es, um ihr beizupflichten oder um sie zu bekämpfen — der versteht sie sicher nicht; wer dagegen die Hindernisse erblickt, die Kant erblickte, wandelt auf dem Wege zu den neuen, von ihm aufgedeckten Erkenntnissen; früher oder später findet in seinem Geiste jene Revolution statt, von der wir vorhin sprachen. Es handelt sich, wie Sie sehen, um etwas sehr Einfaches — darum aber fast Unmögliches. Die Kritik der reinen Vernunft hat Kant in 5 Monaten geschrieben; 25 Jahre hatte er aber gerungen, bis er (in seiner Dissertation des Jahres 1770) die Richtung bestimmt erkannt, und weitere 12 Jahre ununterbrochenen Denkens hat es ihm gekostet, ehe er den Standpunkt endgültig erobert hatte. ¹) Daher der Eigensinn, mit dem ich Sie immer wieder und immer wieder auf
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    ¹) Siehe z. B. Briefe I, 255, 316, 323.

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die selben oder auf sehr ähnliche Betrachtungen zurückführe; denn im Grunde genommen beschränkt sich mein Amt darauf, Ihrem Geiste eine einzige Bewegung aufzuzwingen: Sie sollen, wie der Bergsteiger in unserem Bruno-Vortrag, es lernen, sich umzukehren, Ihrem Denken die neue Richtung zu geben; sobald Sie das tun, erblicken Sie die Probleme unseres Denkens und Seins in einem neuen Zusammenhange; dann sind Sie auch für Kant's Werk reif und bedürfen meiner nicht mehr.

METHODISCHE ERINNERUNG

    Knüpfen wir bei Plato an; auf diese Weise bekommen wir sicher plastische Elemente in die Hand.
    In unserer Vorliebe für einfache Formeln fanden wir im vorigen Vortrag folgende: Plato geht positiv, bejahend vor, Kant negativ, verneinend. Das ist, was jeder Mensch gewahr werden muss, der nur mit einiger Aufmerksamkeit hinschaut. Wir wissen aber seit dem Goethe-Vortrag und haben es inzwischen wiederholt bestätigt gefunden: eine derartige einfache Beobachtung hat für die Erkenntnis der Persönlichkeit nur darum Wert, weil — und nur insofern als — sie in die Tiefe führt. Wert erhält eine Tatsache erst durch den Gebrauch, den wir von ihr machen. Hier müssen wir uns also darüber klar werden: warum greifen wir die grossen einfachen Verhältnisse heraus und verwenden wir sie zur Erforschung der Persönlichkeit? Die Erwägung hierüber zeigt Folgendes. Die aus tausend Indizien aufgebauten Analysen von Personen, wie sie Literaten und Romanschreiber gerne zum Besten geben, sind eine illusorische Arbeit, ein Spiel; denn das Mysterium des Lebens ist die Einheitlichkeit des Individuums. Wer die Vielfältigkeit der tausendfach bedingten Äusserungen vor mir ausbreitet, ist blosser Berichterstatter, im besten Falle Seelenphotograph; was er gibt, ist Historie; es ist Wissen, nicht Wissenschaft. »Das Wissen«, sagt Goethe, »beruht auf der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die Wissenschaft auf der Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden«; ¹) mit anderen Worten: gestaltetes Wissen entsteht dadurch, dass wir — wie Plato es uns lehrte — im Vielen das Eine erblicken. Darum ist man gewiss auf dem rechten Wege, wenn man nach den einfachen Erkentnissen sucht und die Subtilitäten ausser acht lässt. Wir sahen im vorigen Vortrag: im Leben bedeutet Einheit Gestalt. Jede, auch die bescheidenste Lebensgestalt ist ein Symbol des Unendlichen; denn die Beziehungen, die hier vorliegen, sind unaus-
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    ¹) Über Naturwissenschaft im Allgemeinen, W. A., 2. Abt.. Xl, 161.

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denkbar mannigfaltige und haben weder Anfang noch Ende; begrenzt aber und unbedingt einheitlich ist die Gestalt selbst, denn das ist ihr Wesen; sie ist Einheit katexochen; sie allein kann daher wirklich erfasst werden — wobei ausserdem unsere Sinnlichkeit sich der Natur kongenialer erweist als unser Verstand. Ist aber (anschaulich betrachtet) das Wesen des Lebens Gestalt, so muss notwendigerweise der tiefste Grund des Denkens auch Gestalt sein, da das Denken eine Erscheinung des Lebens ist. Und ebenso wie im Reiche der Sichtbarkeit Lebensgestalt Lebensgestalt gebiert, und zwar unter so sicheren (wenn auch unausdenkbaren) Gesetzen allseitig-gegenseitigen Bedingens, dass dem Kundigen ein einziger Knochen genügt, um die ganze Gestalt wieder herzustellen, ebenso muss auch die Gestalt des Denkens die Gedanken hervorbringen, und der richtige Erforscher des Menscheninnern wird gerade die einfachsten Züge zu erfassen trachten, weil aus ihnen allein er die Grundlinien dieser psychischen Gestalt festzustellen hoffen darf — womit dann für die Kenntnis der Persönlichkeit das Mögliche gewonnen ist. Diese einfachen Erkenntnisse nützen aber nur, wenn mit ihrer Hilfe wirklich »Gestalt« auferbaut wird. Zum Auferbauen von Figuren im Raume genügt nicht eine einzelne Linie, vielmehr ist ein System von sich schneidenden Linien vonnöten; ebenso bedarf es auch hier eines methodisch gewählten Systems von etlichen einfachen und richtigen, sich gegenseitig ergänzenden Erkenntnissen; sonst entsteht nur ein Flächenbild. So erwies sich uns z. B. die — sonst richtige — Beobachtung: Goethe ganz Auge, Kant gar nicht Auge, als geradezu irreführend, wenn sie nicht durch eine Reihe von anderen Beobachtungen ergänzt wurde, die gleichsam senkrecht auf diese zuerst erblickte zu stehen kamen. Derartige einfache Erkenntnisse teilen sich gegenseitig Inhalt mit; einzeln genommen, ist keine Wahrheit inhaltsvoll; wer sich auf die vereinzelte Wahrheit beschränkt, ist ein unanfechtbarer Phrasenmacher; hat man aber die wahrheitsgemässen Erkenntnisse richtig gewählt und beobachtet nun genau die Punkte, wo sie sich schneiden, so erhält man nach und nach den Umriss der gesuchten Gestalt. Darum wollen wir jene Aussage über den bejahenden Plato und den verneinenden Kant jetzt durch zwei sie senkrecht schneidende ergänzen.

KANT EIN GESTALTER

    Wer nämlich auf dem Gebiete des kritischen DeNkens bejaht, schafft notwendigerweise lauter   G l e i c h n i s s e:   Sie sahen es bei

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Plato und erkannten, welch unvergänglicher Lebenswert in solchen Dichtungen geborgen liegt, zugleich aber, zu welchen nie endenden Missverständnissen sie bei Gegnern und Adepten führen; wer dagegen hier verneint, grenzt infolgedessen ab, und indem er das tut, erhält er festumschriebene   G e s t a l t e n:   Sie begreifen also hoffentlich, in welchem zwar bedingten, dennoch aber durchaus positiv reellen Sinne Kant, der angeblich Verneinende und Phantasiearme, trotzdem von diesen beiden Männern der Gestalter zu nennen ist. Denken ist für Kant Auferbauen. Er sagt: »Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach   a r c h i t e k t o n i s c h «   (r. V. 502); die bei ihm selber so über alle gewöhnlichen Masse entwickelte Vernunft war denn auch die eines grossen Baumeisters. Das wäre die eine Beobachtung; hinzufügen wollen wir gleich eine zweite, ergänzende. Weil Plato in so hohem Grade ein »Schauer« ist, ein Mann, der alles mit Augen zu erfassen trachtet, darum tritt gerade bei ihm das Logische — dort, wo er davon Gebrauch macht — hart und gewalttätig hervor, wie ein Fremdes, Künstliches — denken Sie nur an die vielen dialektischen Zungenstreite, an die logischen Beweise für die Unsterblichkeit der Seele und allerhand dergleichen, wobei zuletzt doch immer alles in der Schwebe, ohne feste Umrisse bleibt, und erinnern Sie sich, wie der geborene Poet und dionysisch trunkene Gestaltenseher sich mit der Askesis einer gewaltsam gewollten Kunstgeringschätzung züchtigt und in seinem Zukunftsstaat Poesie und Musik an Pädagogik und Pedanterei ausliefert; wogegen Kant, der Denker und Logiker, zu dessen farblosem Leben die Kunst keinen Eingang gewann, trotzdem tiefer als irgend ein Mensch das Wesen des Schönen und das Wesen der schöpferischen Kunst ergründet und eine eigentümliche — nur ihm eigene — Gabe besitzt, abstraktestem Denken diejenige Anschaulichkeit zu verleihen, die hier allein möglich ist: nämlich die schematische. Kant ist also nicht nur mittelbar, infolge verneinender Abgrenzungen, Gestalter, sondern er ist auch künstlerischer Gestalter von Schemen.

BEDEUTUNG DER FORM FÜR KANT

    Diese Bemerkung halte ich für eine der wichtigsten, die behufs Einführung in Kant's Werk gemacht werden können; aus ihr ergibt sich ein Hauptthema unserer heutigen Betrachtungen: die Bedeutung der Form in Kant's Philosophie. ¹) Denn haben wir oben
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    ¹) Von einem mehr äusserlichen Gesichtspunkt aus wurde dieses Thema schon im vorigen Vortrag in Betracht gezogen (siehe S. 411 fg.).

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die Richtung als ein erstes Erfordernis für jedes Verstehen dieser Weltanschauung erkannt, so muss ich ergänzend sagen: wir verlieren bei Kant die Richtung gewöhnlich, noch ehe wir die eigentliche Reise angetreten haben. Als Kant kurz vor seinem Tode sein Lebenswerk überblickte, nannte er seine Transscendentalphilosophie »die Wissenschaft der Formen«; ¹) dagegen ist es — auch bei den sogenannten Kantianern — gäng und gäbe geworden, die Form bei Kant preiszugeben, zugunsten des Inhalts, und zwar gewöhnlich nur eines Teiles des Inhalts, einiger sogenannter »Grundgedanken«, wie sie gerade Diesem oder Jenem passen.
    Belege finden Sie überall. Ich schlage hier eines der heute von Studenten und Gebildeten aller Kreise am meisten gelesenen Bücher über Kant auf und finde das »System Kant's« als »starr und formalistisch« verworfen; in ihm sei das Meiste »zufällig und verfehlt«; ²) dagegen sollen »die grossen Grundgedanken dauernden Wert besitzen«. Und einer der bekanntesten berufsmässigen »Kantianer« versicherte bei seinem Festvortrag zum hundertjährigen Todestage: »Die Form des Kantischen Systems mag zerfallen können — was liegt an der Form!« Es wird also ohne weiteres vorausgesetzt, es sei tunlich, die Gedanken Kant's aus der ihnen eigenen Gestalt loszulösen; man scheint sich gar nicht erst zu fragen, ob die angeblichen »Grundgedanken«, die dann übrig bleiben, noch immer Gedanken Kant's sein können. Diese Art, Form und Inhalt als zwei getrennte Wesenheiten zu betrachten, mit denen man einzeln nach Belieben verfahren könne, diese Auffassung, als sei jemals und irgendwo die Form ein Nebensächliches, ist ein Erbe aus den unfruchtbarsten scholastischen Epochen des Mittelalters. Es wäre Zeit, uns von Gustave Flaubert belehren zu lassen: L'idée n'existe qu'en vertu de sa forme; einzig Kraft seiner Gestalt besteht der Gedanke. ³) Hier aber gar, wo wir den gewaltigsten und geduldigsten Gestalter auf dem Gebiete des Denkens, der je gelebt, vor uns haben, sollten wir uns recht ernstlich überlegen, ob nicht gerade in diesem verpönten »System«, in der bis ins Einzelne durchgedachten Organisation die grösste Kraft seines Lebens-
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    ¹) Üb. III, 393. Ungekürzt lautet die Stelle: »Die Transscendentalphilosophie ist die Wissenschaft der Formen, sich selbst zu einem Ganzen der Weltanschauung und des Denkens synthetisch zu machen« (mit der Variante: »sich selbst nach einem Prinzip zum Objekt zu machen«).
    ²) Das Wort »zufällig« ist hier unbezahlbar!
    ³) Lettres I, 157.

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werkes liege. Dem aufmerksam Beobachtenden muss es zudem auffallen, dass auch bei begeisterten Anhängern, sobald sie Kant's Form preisgegeben haben, der Inhalt nach und nach ebenfalls in die Brüche geht. Das war von Fichte an bei allen der Fall; man bewunderte Kant, wähnte aber, die »Form«, das »System«, die »Schemen« seines Denkens als geringfügige Nebensache betrachten zu dürfen; bald stellte es sich jedoch heraus, dass jene hochbelobigten »Grundgedanken« völlig unkantisch aufgefasst worden waren, und die Entfernung von Kant nahm mit jedem Tage zu. Sehen Sie nur Schopenhauer an.
    Mit Ehrfurcht spricht Schopenhauer in der Einleitung zu seinem Hauptwerk von dem »grossen Kant«, und am Schlusse sagt er von sich, er habe »bloss Kant's Sache durchgeführt«; es macht also den Eindruck, als ob er sich mit Kant völlig identifiziere. Eines gibt er aber von vornherein preis: die Form. Fast auf jeder Seite seiner Kritik der Kantischen Philosophie, seiner Erläuterungen und auch an anderen Orten spottet er über »Kant's Liebe zur architektonischen Symmetrie«, er vergleicht sie (im wegwerfenden Sinne) mit gotischen Kirchenbauten, nennt sie »Spielerei«, behauptet, sie »führe an das Komische heran« usw. Über jene Scheidung in theoretische und praktische Vernunft z. B. — deren Bedeutung sich aus unserer Skizze heute am Eingange ergeben hat und die den bedingenden Grundgedanken von Kant's ganzem System ausmacht — witzelt Schopenhauer: »Gemäss der Liebe zur architektonischen Symmetrie musste die theoretische Vernunft auch einen Pendant haben«; einen tieferen Zusammenhang erblickt er nicht. Und wie der allgemeine Umriss des Baues, so wird nach und nach jeder einzelne Zug der Gestalt, die Kant seiner Weltanschauung gegeben hatte, von Schopenhauer erst verhöhnt, dann verworfen; nichts findet Gnade: weder die Unterscheidung zwischen Vernunft und Verstand im Sinne Kant's, noch seine Auffassung des Verhältnisses zwischen Verstand und Sinnlichkeit (Schopenhauer nennt sie »ein Unding«, was sie, sobald man ihren Sinn so vollständig verfehlt, wie Schopenhauer es tut, auch ist), noch die Bedeutung, die er der »Idee« vindiziert, noch die Antinomie der Vernunft in dem Ihnen bekannten Sinne, noch die Grundgesetze unseres Urteilens (die der Architektonik der Kritik der reinen Vernunft zu Grunde liegen), noch die Kategorien, noch die entscheidende Rolle des zeitlichen Schematismus, noch die Unterscheidung von Ding und Er-

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scheinung, noch die Analyse des Ich, noch der kategorische Imperativ, — nichts, gar nichts; vom ganzen Bau bleibt nicht ein Stein auf dem anderen stehen. Und dennoch bekennt sich Schopenhauer noch in später Lebenszeit ausdrücklich als »Kantianer« ¹) und hält sich, wie gesagt, für den gradlinigen Fortsetzer Kant's. Nun lässt sich allerdings unwiderleglich nachweisen, Schopenhauer habe keinen einzigen der grundlegenden Gedanken Kant's im Sinne Kant's erfasst; da er den kritischen Standpunkt nie begriff, sondern Kant's Kritik rein psychologisch nimmt und als eine Analyse der »Gehirnfunktion« rühmt, ²) ist das nicht zu verwundern; es wäre sehr zu wünschen, dass einmal jemand die Sache zusammenhängend, kurz und systematisch darlegte. ³) Indirekt kann ich aber auch hier den mathematisch sicheren Beweis erbringen, dass Kant von Schopenhauer gänzlich unverstanden blieb. Kant's intellektuelle Persönlichkeit ist Ihnen jetzt ziemlich genau bekannt; insofern besitzen Sie also einen zuverlässigen Prüfstein; hören Sie nun, wie Schopenhauer urteilt. Aus seinen Schriften könnte man das gehässigste Pamphlet gegen Kant zusammenstellen, das je geschrieben wurde. Von Kant's Denken sagt er, es sei: undeutlich, unbestimmt, unrichtig, unlogisch, unverschämt, unverantwortlich vernachlässigt, pedantisch, sophistisch, inkonsequent, barock, naiv, grotesk, widerspruchsvoll usw., und von einzelnen Gedanken wird behauptet, sie würden »aller Wahrheit zum Trotz aufgestellt«, sie seien erschlichen, blosse Wortspiele, monströse Zwitter usw. ad. inf.  Wobei Schopenhauer uns noch versichert, er »halte sich alle Hochachtung gegenwärtig, die man Kant übrigens schuldig sei«, um sich nicht »in harten Ausdrücken zu äussern«! Der Vorwurf, den er am häufigsten gegen Kant, den Denker, erhebt, ist der eines »Mangels an hinlänglichem Besinnen«; einmal heisst es sogar: »unglaublicher Mangel an Besinnung«. Immanuel Kant und Mangel
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    ¹) Parerga I, Fragmente zur Geschichte der Philosophie, § 3.
    ²) In beiden Bänden seines Hauptwerkes und in den Parerga wiederholt.
    ³) Inzwischen findet man interessante Ausführungen in den Schriften von Classen, Stadler, Cohen und Anderen. Namentlich in dem 10. Kap. seines Buches über Kant's Theorie der Erfahrung, betitelt »Schopenhauer's Einwürfe gegen die transscendentale Deduktion«, hat Cohen ein strenges Gericht gehalten und schliesst mit folgenden beherzigenswerten Worten: »Bei dem Ansehen, welches Schopenhauer als Kenner und Anhänger der Kantischen Philosophie geniesst, habe ich es für geboten erachtet, die Kritik desselben im einzelnen durchzugehen; damit die bestechende Sicherheit, mit der jene ungegründeten Urteile ausgesprochen werden, zuerst verdächtig werde und alsdann bei genauerem Vergleichen jenes herzprüfende Zurechtweisen erkannt werde als das, was es ist: ein hartnäckiges Meistern an Worten, deren Sinn dem Richter nicht aufgegangen war«.

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an Besinnung ist ein köstlicher Einfall! Dazu von einem Manne, der anfangs der Zwanziger mit seiner Weltanschauung fix und fertig war und nie mehr einen Schritt weiter machte, als Vorwurf gegen einen Mann erhoben, der fast sechzig Jahre alt ward, ehe er sein Gedankensystem für reif genug erachtete, um die erste seiner grundlegenden Schriften der Öffentlichkeit zu übergeben. »Es ist zum Erstaunen«, schreibt Schopenhauer, »wie Kant, ohne sich weiter zu besinnen, seinen Weg verfolgt, seiner Symmetrie nachgehend, nach ihr Alles ordnend, ohne jemals einen der so behandelten Gegenstände für sich in Betracht zu nehmen«. ¹) Man mag über Kant's Weltanschauung urteilen, wie man will, man mag sie als verfehlt verwerfen, jeder Kenner seiner Schriften und seines Lebens wird nichtsdestoweniger zugeben, diese Behauptung Schopenhauer's sei einfach grotesk; »zum Erstaunen« ist hier einzig die bis zur Blindheit gelangte Verblendung und die Flüchtigkeit Schopenhauer's. Von hier aus versteigt er sich aber weiter durch eine an Verunglimpfungen reiche Skala bis zum Vorwurf der moralischen Feigheit, der Lügenhaftigkeit, der Fahnenflucht. So sind denn auch Sie, trotzdem Sie in Kant's theoretischen Lehren noch nicht bewandert sind, dennoch befähigt, das Urteil mit absoluter Gewissheit zu fällen: Schopenhauer's Auffassung von Kant muss von Grund aus falsch sein; denn ein Mann, der aus dem Studium der Werke zu einem so lächerlichen Zerrbilde der Persönlichkeit gelangt, kann unmöglich diese Werke richtig verstanden haben. In der Tat sind alle die Inkonsequenzen, die Widersprüche, die Widersinnigkeiten und zuletzt Unredlichkeiten, in die Kant sich nach Schopenhauer's Meinung verstrickt, lediglich unvermeidliche Konsequenzen seines eigenen halsstarrigen Missverstehens. Und da entsteht nun die Frage: wie ward es möglich, dass ein so glänzend begabter Denker wie Schopenhauer, der sich gern »den Scharfsinnigsten der Scharfsinnigen« nennen liess, ²) sich so heillos verirren konnte? Freilich haben Einseitigkeit und grosse Leidenschaftlichkeit dem bewundernswerten Manne noch manchen anderen
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    ¹) Sämtliche Werke: Frauenstädt's Ausg. II, 510; Griesebach's Ausg. I, 551. Dass Schopenhauer auch einmal die wahren Worte schrieb: »Kant besass einen Grad von klarer, ganz eigentümlicher Besonnenheit, wie solche niemals irgend einem andern Sterblichen zuteil geworden ist« (Über die Universitäts-Philosophie), verdient betont zu werden. Doch wie sich das mit der wiederholten Behauptung eines »unglaublichen Mangels an Besinnung« reimt, wird auf immer unausgemacht bleiben.
    ²) Memorabilien S. 671.

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Streich gespielt, doch hier reichen sie zur Erklärung nicht hin. Kant hat er während seines ganzen Lebens studiert und gleichwohl sein Werk und seine Persönlichkeit so völlig missverstanden: wie war das möglich? Ich antworte: nur dadurch, dass — und nur deswegen weil — er sich für berechtigt hielt, überall die Gestalt des Kantischen Denkens von dem Gedanken selbst zu trennen, weil er die Architektonik Kant's für eine müssige Beigabe, für eine Schrulle, ja, für eine blosse Verführerin und Verderberin hielt.
    Aus den verschiedensten philosophischen Lagern werden Ihnen — mit mehr Höflichkeit und weniger Geist ausgedrückt — ähnliche Urteile wie bei Schopenhauer entgegentönen. Fast jeder Fachmann wird Ihnen sagen; »Kant's Form, Kant's System sind nebensächlich; lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen über die Zweiteilung in reine Vernunft und praktische Vernunft, dazwischen als »Drittes« die Urteilskraft, über die Kategorientafel und den Schematismus und das Ding an sich und die transscendentalen Ideen und die Autonomie der sittlichen Persönlichkeit usw.; das sind lauter pedantische Schrullen, die sich historisch erklären lassen; heute haben sie keinen Wert mehr, wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts sind darüber weit hinaus; halten Sie sich an die grossen, neuen, weltbewegenden Gedanken; das Übrige gehört ins alte Eisen«. Wogegen ich Ihnen sage: wenn Sie nicht die Architektonik des Kantischen Denkens liebevoll zu erfassen trachten, so werden Sie überhaupt nie wissen, was Kant gedacht hat. Man wächst ebensowenig über einen Kant hinaus, wie man über einen Homer, einen Leonardo, einen Plato hinauswächst; man kann Gott danken, wenn man in treuer Arbeit die Befähigung erwirbt, solche Männer überhaupt zu verstehen und seine armselige Gymnasiasten- und Hochschülerweisheit mit dem reichen Gedankenleben der Heroen zu befruchten. »Recht« gegen Andere hat der Mann mit der stärkeren Faust; über ihn wächst man mit verbesserten Lyditbomben und dergleichen hinaus; dagegen ist der Mann mit dem stärkeren Kopf ein kosmisches Phänomen, genau so wie die Sonne oder der Sirius; er ist er; er hat — als Persönlichkeit betrachtet — weder recht noch unrecht; wollen wir ihn begreifen, so müssen wir ihn zunächst als ein Sein, nicht als ein Werden ins Auge fassen; er ist ewig; ob er uns nützt oder nicht, wird sich zeigen; doch die historische Pest unserer

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Tage rafft ihn hin, ehe wir Musse hatten, ihn, wie er wirklich war, auch nur zu erblicken.
    In dem, was ich Ihnen da sage und zu sagen im Begriff bin, schwimme ich fast allein gegen den Strom; doch das tut nichts, Sie können mir vertrauen; ich weiss, dass ich recht habe; Stärkere als ich werden früher oder später der Wahrheit den Sieg verschaffen. Zwar bin ich kein Fachmann, doch besitze ich statt dessen den grossen Vorzug, mich mein Lebenlang mit Kant beschäftigt zu haben, ohne dass er mir zu irgend etwas Anderem als zu dem allmählichen Aufbau meiner persönlichen Weltanschauung verhelfen sollte. Weder musste ich — wie unsere Privatdozenten — als kaum flügge gewordener Fünfundzwanzigjähriger die völlig ausgereifte Lehre des Sechzigjährigen so gut und so schlecht es ging vortragen, mir dadurch auf immer das Verständnis verrammelnd, noch trat ich ihm mit einem eigenen »System« entgegen, dessen Berechtigung ich durch Angriffe auf das seine zu erweisen gehabt hätte; ich war nicht genötigt, mich zu einer Partei zu schlagen; ich brauchte nicht zu schmähen, was ich nicht verstand, und nicht zu vertreten, was meinem Denken nicht eingehen wollte. Es gibt Dinge in Kant, die ich noch bis heute nicht verstehe; doch da mich noch zehn Jahre von dem Alter Kant's trennen, als er die Reine Vernunft, und zwanzig Jahre von seinem Alter, als er die Urteilskraft schrieb, und da mir immer wieder und wieder, je öfter ich in den Wunderbüchern lese, und je mehr ich über diese Weltanschauung nachdenke, neue Lichter plötzlich aufgehen, so hoffe ich, wenn ich lebe, ihrem Verständnis nach und nach näherzukommen. Ganz wird es mir nie gelingen, ich weiss es; ich bin für die Abstraktion nicht genügend begabt und bin ausserdem durch Geschmacksrichtungen und Willensimpulse von dem grossen Kant zu verschieden, als dass mir nicht Manches unerreichbar bleiben sollte. — Auf Grund nun der also geschaffenen Erfahrung kann ich es als meine langsam gewordene und im Laufe der Zeit immer fester begründete Überzeugung aussprechen: dass man weder DEN Gedanken Kant's noch DIE Gedanken Kant's verstehen kann, sobald man sie aus der Architektonik, in die er sie fügte, abzubröckeln, aus der Schematik, in der er ihnen Gestalt und allseitige Beziehungen verlieh, loszureissen unternimmt. Der Schematismus der kantischen Weltanschauung ist gleichsam eine erweiterte Sprache; er ist die anschauliche und zugleich präzise Verdolmetschung von

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Gedanken, die sonst gar nicht zum Ausdruck gelangen könnten. Und darum kann man mit nur nebensächlichen Einschränkungen behaupten:   b e i   K a n t   i s t   d i e   F o r m   d e r   G e d a n k e.
    Auch dies mache ich mich anheischig, näher zu begründen, ohne in das Technische überzugreifen, das in diesen Vorträgen keinen Platz finden darf.

KANT'S ZEUGNIS

    Zunächst das eine: auf Kant's eigenes Zeugnis lege ich mehr Wert als die Fachleute es tun. Denn bei derlei Dingen kommt es nicht auf Gelehrsamkeit an und noch weniger auf Majoritätsvotum, sondern einzig und allein auf Einsicht und Urteil; in beiden ragte Kant weit über alle Männer hervor, die seither über Philosophie das Wort ergriffen haben. Da Kant ausserdem (im Unterschied von Schopenhauer) ein Muster an Bescheidenheit und Besonnenheit und vorsichtiger Reserve war, so hat es ohne Frage etwas zu bedeuten, wenn er wiederholt betont, er habe zwar an seiner Darstellung Manches auszusetzen, auch müsse man entschuldigen, wenn er, um erst »das Ganze zustande zu bringen« einige Teile »in einer gewissen Rohigkeit gelassen habe«, — wenn er aber trotzdem von seinem System als Ganzem sagt, er sei überzeugt, es werde sich »in dieser Unveränderlichkeit auch fernerhin behaupten«. ¹) 1787 schreibt er an Reinhold: »Ich darf, ohne mich des Eigendünkels schuldig zu machen, wohl versichern, dass ich, je länger ich auf meiner Bahn fortgehe, desto unbesorgter werde, es könne jemals ein Widerspruch, oder sogar eine Alliance (dergleichen jetzt nicht ungewöhnlich ist) meinem System erheblichen Abbruch tun. Dies ist eine innigliche Überzeugung, die mir daher erwächst, dass ich im Fortgange zu anderen Unternehmungen nicht allein es immer mit sich selbst einstimmig befinde, sondern auch, wenn ich bisweilen die Methode der Untersuchung über einen Gegenstand nicht recht anzustellen weiss, nur nach jener allgemeinen Verzeichnung der Elemente der Erkenntnis und der dazugehörigen Gemütskräfte zurücksehen darf, um Aufschlüsse zu bekommen, deren ich nicht gewärtig war« (Br. I, 488). Als Kant diese Worte schrieb, stand er auf der höchsten Höhe seiner Leistungsfähigkeit: die Prolegomena lagen schon seit mehreren Jahren vor, die zweite, teilweise umgearbeitete Auflage der reinen Vernunft war zu Beginn des Jahres erschienen, die Kritik der praktischen Vernunft hatte Kant vor sechs Monaten im Manuskript beendet, an der Kritik der Urteilskraft hatte er — wie er in diesem
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    ¹) Briefe I, 317; r. V., Vorwort zur 2. Aufl., XXXVIII.

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Briefe meldet — zu arbeiten begonnen. ¹) Und aus einem solchen Augenblick bezeugt uns der Denker selbst, in welcher genauesten Wechselwirkung sein ganzes Denken mit der architektonischen Form seiner Weltanschauung steht! Und dennoch auch dieses gewiss gewichtige Urteil sollen Sie nicht als autoritativ auffassen; Kant könnte in dieser Beziehung das Opfer einer Täuschung, einer Autosuggestion gewesen sein; es wäre zwar gerade bei ihm unerwartet, doch immerhin möglich. Darum will ich Ihnen jetzt die positiven Argumente vorführen, die uns bestimmen müssen, uns Kant's Urteil anzuschliessen. Zu unseren beiden vorhin gewonnenen grundlegenden Erkenntnissen über Kant als Gestalter und Kant als Künstler in Schemen werden bei dieser Gelegenheit mehrere ergänzende hinzukommen.
    Zunächst sind hier ausgesprochene Anlagen des Individuums zu nennen, die wir teilweise schon kennen.

DIE ANSCHAUUNG SEIN AUSGANGSPUNKT

    Was Kant, den Mathematiker und Physiker, auf erkenntniskritische Untersuchungen führte, das waren zunächst rein anschauliche Probleme, für die es logisch keinen entsprechenden Ausdruck gibt. Ich erwähnte vorhin, dass eine der ersten seiner Schriften, die erkenntniskritisches Gebiet berühren, der Frage nach dem »Grund des Unterschiedes der Gegenden im Raume« gewidmet ist. Das ist höchst charakteristisch; Sie sehen, wie das Anschauliche, das Element alles Gestaltens vorangeht. Wie verhält sich rechts zu links: in dieser Frage wurzelt das Lebenswerk Kant's. Dem reinen Logiker konnte die Frage nie auch nur aufstossen; rechts und links sind für ihn identisch; nur wer von reiner Anschauung ausgeht und von hier aus die Verbindung mit reinem Verstande sucht, entdeckt, dass überhaupt ein Problem vorliegt, und zwar ein auf empirischem Wege unlösbares. Darum führt diese scheinbar sehr einfache Frage einen Kant in die Tiefen der Erkenntniskritik; und schon hier weist er die empiristische Annahme, als entstehe der Begriff Raum aus der Erfahrung der Materie ein für allemal als unmöglich und unsinnig nach. Schon fünf Jahre früher treffen wir Kant auf ähnlichen Wegen: die Schrift, betitelt Versuch, den Begriff der negativen Grössen in die Weltweisheit einzuführen, aus dem Jahre 1763, ist eine der belehrend-
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    ¹) In allen Büchern findet man 1788 als Erscheinungsdatum für die Kritik der praktischen Vernunft genannt, vermutlich weil dieses Jahr auf dem Titelblatt steht. Doch hat Kant das Buch in den letzten Tagen des Juni 1787 beendet, und der Verleger verschickt schon in den ersten Tagen des Dezember Exemplare. (Vgl. Briefe I, 467, 483, 487.)

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sten, die wir für das Studium der intellektuellen Persönlichkeit Kant's besitzen. Hier lebt der Denker noch ganz in den Vorstellungen der Mathematik und Physik; gerade in dieser Schrift befinden sich bemerkenswerte Andeutungen über das Wesen der Elektrizität als Bewegungsform des Äthers, und hier zum ersten Male definiert Kant die Undurchdringlichkeit der Körper als »negative Anziehung«. Doch er zielt auf etwas Anderes, und dieses »Andere« ist die Einführung derjenigen Probleme in die philosophische Betrachtung, die aus der Natur unserer sinnlichen Anschauung entstehen, wogegen sie der abstrakten Logik verborgen bleiben, und zwar verborgen bleiben, ohne dass der Logiker es merkt, da ihm hierzu das Organ fehlt. Rechts und links war ein Beispiel, die Vorstellung der negativen Grössen ist ein zweites. Die direkte Entgegensetzung + a - a bedeutet, rein logisch betrachtet, dass ich von dem selben Ding zugleich ja und nein aussage; das Ergebnis ist ein Widerspruch, ein Unsinn, es ist, als hätte ich gar nichts gesagt. Für den Physiker und Mathematiker liegt die Sache ganz anders. + und - sind für ihn das Eine so positiv wie das Andere; zu Grunde liegt die Anschauung des Raumes: + ist die Bewegung nach einer Richtung, - die Bewegung nach der entgegengesetzten Richtung; handelt es sich aber um blosse Zahlen, also um unräumliche Mathematik, so findet die Bewegung zwar nicht mehr tatsächlich, doch figürlich — nämlich in meinem eigenen Denken — statt, ¹) und beim Rechnen werden alle Minuszeichen addiert, geradeso wie alle Pluszeichen, weil sie der selben »Bewegungsrichtung« angehören und es ist eine pure Konvention, welchen von beiden Grössenkomplexen ich mit + und welchen ich mit - bezeichnen will. Wenn ein Körper völlig bewegungslos bleibt, weil vier Pferde ihn nach links und vier genau ebenso starke ihn zugleich nach rechts ziehen, so ist, rein logisch betrachtet, in Bezug auf seinen Bewegungszustand nichts weiter zu erkennen, als dass der Körper ruht; physikalisch dagegen ist seine Bewegung zwar ebenfalls gleich Null, doch bedeutet 0 hier nicht
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    ¹) Negative Zahlen entstehen nämlich erst »durch die Projektion in den Raum und Auffassung als Linie«. Während die reine Zahl der Zeit homolog ist und darum nur Eine Richtung mit Ausschluss aller Umkehrung zulässt — denn in der Zeit ist es unmöglich, aus der Gegenwart in die Vergangenheit aufzusteigen, und einzig die Richtung in die Zukunft bleibt offen — kann ich im Raume ebensogut von rechts nach links wie umgekehrt fortschreiten, und die eine Richtung bezeichne ich dann durch +‚ die andere durch -. (Vgl. Couturat: De l'infini mathématique, 1896, p. 353 fg.)

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jenes Nichts des Widerspruchs, sondern die Ruhe als Folge, als Ergebnis, als tatsächliche Summe aus zwei entgegengesetzten Bewegungen. Dieses triviale Beispiel möge genügen, damit Sie sicher verstehen, wovon die Rede ist. Sie sehen, es kommt hier nicht darauf an, durch Veranschaulichung ein abstrakt Erkanntes zugänglich zu machen, sondern umgekehrt: die Anschauung und was sich ihr angliedert (darunter namentlich das Wechselspiel zwischen Schema und Symbol, das wir aus dem dritten Vortrag als das Wesen der Mathematik kennen) soll erst die Probleme aufdecken und der Vernunft den Weg zum Denken weisen. So geht überall bei Kant der Gestalter voran; aus der Anschauung entstehen für ihn die erkenntniskritischen Probleme. Und genau so wie dort, bei rechts und links, so führt ihn hier die Unterscheidung der Richtungen — das heisst   r e a l e r   Entgegensetzungen im Unterschied von   l o g i s c h e n — zu tiefsten ethischen und kritischen Gedanken: in dieser Schrift über die »negativen Grössen« taucht die erste (mir bekannte) Andeutung des kategorischen Imperativs auf; in dieser Schrift wird das System der reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) deutlich vorherverkündet. Und zwar beides als unmittelbares Ergebnis des von dem Schema der Richtungen — mathematisch gesprochen, der Entgegensetzung von »positiv« und »negativ« — angeregten Denkens. »Untugend« meint z. B. Kant, kann nicht »lediglich eine Verneinung« sein, denn dann wäre sie ein Nichts; vielmehr ist sie etwas Positives, Reales, nämlich »negative Tugend«, eine Tugend mit umgekehrtem Richtungszeichen, »nicht bloss ein Mangel«. Hierdurch wird aber sichtbar, dass Tugend selbst nichts ist, wenn sie nicht ein Positives, Reales ist, eine Bewegung mit bestimmter Richtung. Wenn also z. B. ein Mensch eine gute Tat nicht vollführt, die zu vollführen seine Pflicht gewesen wäre, dann ist diese Unterlassung nicht ein blosses Zero = nichts, sondern es ist das Ergebnis eines Kampfes zwischen zwei Kräften mit einander entgegengesetzten Richtungen; die Vernunft befahl kategorisch »Tu' es!«, wogegen der Trieb zur Lust, zur Selbsterhaltung usw. riet »Tu' es nicht!«; aus der Zusammenzählung der verschiedenen + und - Faktoren ergab sich die Richtung, bez. das Verharren in Ruhe. Ebenso entsteht hier für Kant die Frage nach der Bedeutung der Ursächlichkeit für unser Erkennen. Denn der erwähnten Unterscheidung zwischen einer bloss logischen und einer realen (nach dem Schema der Richtung vorgestellten) Entgegensetzung

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entspricht die vollkommen deutliche Unterscheidung zwischen einem   l o g i s c h e n   Grund und einem   r e a l e n   Grund, das heisst, einer wirklichen Ursache. Wenn ich aus A logisch B folgere, so ist das immer nur die genauere Auseinanderlegung des schon als gegeben gedachten grösseren Begriffskreises A; diese Zergliederung des Gegebenen ist die Funktion der Logik; wogegen ich beim realen Grunde aus dem Dasein von A folgere, dass X auch sein müsse, obwohl Beide nicht einerlei, sondern verschieden sind. Wenn ich sage: dieser Körper ruht, also bewegt er sich nicht — so ist das eine logische Folgerung; in dem Begriff »ruhender Körper« liegt eingeschlossen, dass der betreffende Körper sich nicht bewege. Wenn ich aber sage: dieser Körper bleibt zwischen Erde und Mond bewegungslos schweben, weil er sich in demjenigen Punkt befindet, wo die Anziehungskräfte der beiden Gestirnmassen sich genau ausgleichen, so ist das keine logische Folgerung, sondern ich setze reale und entgegengesetzte Bewegungstendenzen als wirkende Ursachen voraus, um daraus die Ruhe zu erklären. Und da entsteht die erkenntniskritische Fundamentalfrage, die Kant schon hier aufwirft: »Wie soll ich es verstehen, dass, weil Etwas ist, etwas Anderes sei?« Und sofort — obwohl diesen Betrachtungen nur zwei oder drei kurze Druckseiten gewidmet sind — steigt er sehr hoch und stellt die Gottesfrage auf. Von Anaxagoras an mit seinem Nus (vgl. S. 297 fg.) bis zu Descartes und Leibniz hatten die Denker »logisch« auf das Dasein Gottes schliessen zu können vermeint; wogegen Kant aus der genannten einfachen Erwägung deduziert: »logisch« geschlossen kann in diesem Falle nur werden, wenn Gott und Welt identisch sind; soll aber Gott als   U r s a c h e   der Welt gedacht werden, dann ist der göttliche Wille Etwas und die existierende Welt ist etwas Anderes, und man sieht, dass durch die Annahme eines Gottschöpfers nicht das Geringste erklärt wird, denn wir stehen wieder vor der Frage: was soll das heissen, dass, weil A ist, darum X sein müsse? »Das ist etwas, welches ich mir gerne möchte deutlich machen lassen«, sagt Kant. ¹) Und nun deutet er in wenigen Worten an, er habe über diese Beziehungen, die ausserhalb der Logik liegen, und die darum auch gar nicht einer »Erklärung« im üblichen Sinne dieses Begriffes fähig sind, nachgedacht und werde »das Resultat dieser Betrachtungen dereinst ausführlich darlegen«;
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    ¹) Vertieft und präzisiert, aber wesentlich das gleiche Argument brachte Kant 20 Jahre später in der r. V. (S. 663 fg.).

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vorderhand teilt er nur das Eine als Ergebnis mit: dass man nämlich bis zu etwas vordringen müsse, was jenseits des Urteils liegt, und das könnten nur Begriffe sein, und so werde man denn finden, dass alle unsere Erkenntnis »sich in einfachen und unauflöslichen Begriffen der Realgründe endigt.« Diese »unauflöslichen Begriffe« sind das, was Kant später reine Verstandesbegriffe oder Kategorien benannt hat. ¹)
    Wiederum bitte ich Sie, sich nicht dadurch stören zu lassen, wenn Ihnen Dieses oder Jenes in diesen Ausführungen nicht sofort bis auf den Grund verständlich sein sollte; uns kommt es in diesem Augenblick nur auf allgemeine Erkenntnisse bezüglich der Persönlichkeit an, auf weiter nichts. Wer diese beiden kleinen Schriften über rechts und links und über negative Grössen nebeneinanderhält und aufmerksam betrachtet, wird in ihnen das Programm der kantischen Erkenntniskritik schon mit ziemlich deutlichen Umrissen vorgezeichnet sehen; vor allem aber wird er den Weg blossgelegt finden, den Kant, der Denker, gegangen ist. ²) Es ist der Weg eines Mannes, der von der Anschauung, der von der empirisch gegebenen Realität ausgeht; es ist der Weg eines Mannes, dessen Geist durchtränkt ist von der streng notwendigen Aneinandergliederung, von der stets übersichtlichen Schematisierung aller Mathematik und mathematischen Physik; es ist der Weg eines Mannes, der namentlich das Wesen des Raumes mit seltenem Scharfsinn erfasste. Nun ist aber in den Verhältnissen des Raumes die Form die Sache: wer hier die Form erblickt, besitzt — wenn auch nicht die gesamte Erkenntnis, die diese einschliesst, denn sie ist unerschöpflich — so doch alle Elemente der betreffenden Erkenntnis. Dieser Standpunkt ergab sich bei Kant aus Instinkt und Schule; es war geniale Anlage, methodisch grossgezogen. Und beachten Sie wohl, dass dieser Weg Kant allein unter allen Philosophen eigen ist. Einzig Descartes und Leibniz weisen Analogien auf. Doch Descartes verweilt nicht bei der Untersuchung der Erkenntnis; vielmehr findet er sich hastig und gewaltsam mit ihr ab, um sich dann möglichst ungeteilt den kosmischen, physikalischen und physio-
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    ¹) Ein Jahr früher, 1762, hatte Kant schon auf den grundlegenden Begriff der synthetischen Urteile hingewiesen, die er hier »unerweisliche Urteile« nennt, und von denen er sagt: »Die menschliche Erkenntnis ist voll solcher unerweislicher Urteile« (Von der falschen Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren, § 6, gegen Schluss).
    ²) Manche andere der frühen Schriften könnte zur Bestätigung herangezogen werden; ich unterliess es, weil für meine Zwecke das Gesagte genügte.


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logischen Problemen zu widmen, wogegen Kant von Kosmologie und Physik, die beide inzwischen zu gewaltigen Systemen erwachsen waren, den Ausgang nimmt, um bald bei dem Problem unseres Erkennens anzukommen und ihm hinfürder alle Kräfte zu weihen. Und was Leibniz betrifft, so ist dieser der abstrakte Mathematiker im Gegensatz zum Physiker, und das ist ein gewaltiger Unterschied; Leibniz gehört zu denjenigen Mathematikern, die — um an die Vorstellungen unseres Descartesvortrages anzuknüpfen — alles von der Seite des Verstandes aus betrachten, dabei die sinnliche Anschauung als ein untergeordnetes Element möglichst geringschätzen. So bildet z. B. der sogenannte »Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden« eine Säule der Leibnizschen Weltanschauung: zwei Kreise, die einander in jeder Beziehung gleich sind, sind — für den, der die Welt rein begrifflich in Betracht zieht — nicht zwei Kreise, sondern ein und der selbe Kreis, wiederholt vorgestellt; ebenso bei jeder Gleichheit; hieraus wird gefolgert, es könne unmöglich zwei gleiche Wesenheiten in der Natur geben, und diese Folgerung dient wiederum als eine Hauptstütze für die Monadenlehre, — eine Weltanschauung, deren unvergänglicher Wert gerade darin besteht, dass sie das Weltbild des abstrakten Mathematikers rein widerspiegelt. Nun tritt aber der schlichte, überall von der Erfahrung — und das heisst von dem in der Anschauung Gegebenen — ausgehende Kant dazwischen und ruft: Halt! Das ist alles Abstraktion und würde nur Geltung haben, wenn wir Menschen reine Verstandeswesen wären; die Sinnlichkeit besitzt aber genau die selbe Würde wie der Verstand; nun gibt uns die Sinnlichkeit den Raum, und 2 oder 200 oder 2000 begrifflich »nichtzuunterscheidende« Wesen sind völlig deutlich von einander geschieden, sobald sie der Raum von einander trennt.
    Für die Kenntnis von Kant's Intellekt ist diese Bemerkung ungeheuer wichtig. Denn sehr häufig wird Kant ein »Intellektualist« oder »Rationalist« genannt, d. h. ein Mensch, für den der unsinnliche Verstand in allen Dingen die letzte Instanz bildet; und hier sehen Sie, wie falsch und einseitig ein solches Urteil ist, und dass Kant ebensogut Sensualist zu nennen wäre; in Wirklichkeit ist er keins von beiden, sondern ein völlig objektiver Kritiker der Erkenntnis. Gerade diese absolute Objektivität macht ihn für uns Alle so schwer zu verstehen; jeder Ausleger Kant's zieht ihn auf die eine oder die andere Seite hinüber.

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    Kant geht also seinen Weg wirklich ganz allein; er ist sich dessen auch bewusst; so z. B. gesteht er in der vorhin angeführten Schrift über den Begriff der negativen Grössen: »Ich begreife gemeiniglich dasjenige am wenigsten, was alle Menschen leicht zu verstehen glauben«; es stellen sich ihm eben von Beginn an alle Probleme anders dar. Von Kosmologie und Physik den Ausgang nehmend, bleibt es ihm organisch unmöglich, die uns gegebene Anschauungsform — nämlich den Raum — aus den Augen zu lassen; vielmehr entstehen für ihn alle Erkenntnisprobleme aus und an der Anschauung. Der Raum, einerseits dem subjektiven Verstande so nahe verschwistert — wie die Mathematik zur Genüge beweist — ist doch andrerseits, wie Plato ihn im Timäos (52 D) nennt, »die Amme alles Werdens«, die Bedingung, die Form der objektiven Dinge. Hier fasst Kant Fuss, um in der Folge nach beiden Seiten hin weiter zu forschen. Darum ist es verständnislos, wenn unsere Fachlehrer die Schriften, in denen Kant die Eigenschaften des Raumes untersucht, »vorkritische« nennen, weil
— sagen sie — hier die Analyse den Verstand noch nicht eingehend untersucht habe. Vielmehr gewinnen wir aus den vorangehenden Erwägungen eine für die genaue Beurteilung dieses Intellektes und seines Werkes höchst wichtige, ja geradezu entscheidende Einsicht:   m i t   d e r   K r i t i k   d e s   R a u m e s   b e g i n n t   f ü r   K a n t   d a s   k r i t i s c h e   W e r k;   dies ist der Ausgangspunkt, wie er auch später, in der vollendeten Darstellung, den Anfang bildet. Eine andere aber und fast ebenso wichtige Einsicht, die wir hier gewinnen, ist, dass der geometrische Instinkt und die mathematische Schulung die schematische Konstruktion nicht bloss zu einer gleichgültigen Gewohnheit, sondern zu der grundlegenden   M e t h o d e   dieses Denkens machen mussten. Und so sehen wir bei Kant von allein Anfang an die konkrete Anschauung, das geometrisch geübte Auge, den Gedanken den Weg weisen, so dass die Architektonik, das Schema der Gedanken, notwendigerweise organisch mit den Gedanken selbst verwachsen mussten und eine Herausschälung dieser Gedanken aus ihrem Schema gerade bei Kant gewiss nie gelingen kann.
    Doch ich bin mit der Bedeutung der Form bei Kant noch nicht fertig. Die Sache ist für das genaue Verständnis der intellektuellen Persönlichkeit zu wichtig, als dass ich nicht alle Argumente anführen sollte.

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ARCHITEKT UND KÜNSTLER

    Wir haben schon vorhin gesehen, warum und inwiefern man Kant Plato gegenüber als Gestalter bezeichnen kann; auch das gehört hierher; denn ist Kant von Haus aus in hervorragendem
Masse ein Gestalter von Gedanken, so kann diese Gestaltung unmöglich geringfügigen Wert besitzen. Das Gesagte will ich nicht wiederholen; ich möchte Sie aber auf das   A r c h i t e k t o n i s c h e   bei Kant in noch eindringlicherer Weise aufmerksam machen.
    Sie erinnern sich der Anekdote über die Westminster-Brücke in unserem ersten Vortrag (S. 33); seitdem sahen wir öfter, wie sehr das Auferbauen für Kant's Denken charakteristisch ist. In der Kritik der reinen Vernunft setzt er denn auch ausdrücklich Architektonik = Wissenschaft. Nicht die Einheit kurzweg, sondern die   s y s t e m a t i s c h e   E i n h e i t   »mache gemeine Erkenntnis allererst zur Wissenschaft«, und darum sei »Architektonik die Lehre des Scientifischen in unserer Erkenntnis überhaupt« (r. V. 860). Diejenigen unter uns, die nur das Künstliche an einem solchen Aufbau erblicken, erkennen den Wert nicht, der sich daraus ergibt, dass in einer solchen bis ins Feinste ausgeführten Architektonik alles zu allem in Beziehungen engster Interdependenz steht; gleichviel was man in einem derartigen Bau in Betracht zieht, jede Einzelheit ist durch zahlreiche andere Einzelheiten so eng bedingt und wirkt zugleich so genau bedingend zurück, dass es hoffnungslos ist, hier und dort grössere und kleinere Teile abbröckeln und für sich beurteilen zu wollen. Wohl mag viel Künstliches daran sein; ich glaube es gern; diese Künstlichkeit ist aber Kunst, Kunst des Genies; hier erblicken wir das, was Goethe »Höchste Kunst: Magie der Weisen« nennt. Wo auch immer dergleichen Wirkungen hervortreten, hängen sie von unfassbaren, undefinierbaren Verhältnissen, von Imponderabilien ab; eine einzige ungeschickte Berührung, und des Werkes Kraft — die »Magie der Weisen« — ist hin. Erzeugnisse der Natur zerlegen wir, zerschlagen wir, zerschneiden wir, zerpflücken wir, um sie besser zu verstehen, ein Kunstwerk nicht, denn dieses ist entweder eine Einheit oder gar nichts. Wahrlich, wie ikonoklastische Mönche sind unsere Philosophen und Professoren über das Kunstwerk des Kantischen Gedankengebäudes hergefallen!
    Bezüglich dieser peinlich genauen Architektonik Kant's ist es nun von grossem Wert, dass wir ihn einmal am Werke erblicken können, nämlich in den Konvoluten von Skizzen zu seinen geplanten letz-

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ten, ungeschrieben gebliebenen Abhandlungen. Jeder einzelne Kerngedanke kehrt hier Dutzende und Dutzende von Malen wieder, der Satz wird um und um gedreht, in allen möglichen, bisweilen kaum bemerkbaren Variationen versucht, — so mühsam werden die Steine, jeder einzeln, behauen, bis sie sich genau ineinander und somit auch in den Gesamtplan des Baumeisters einfügen. Zwar schreiben unsere Historiker der Philosophie diese Verfassung des Manuskripts einfach dem hohen Alter Kant's und der beginnenden Auflösung seiner geistigen Fähigkeiten zu; doch heisst das, sich die Analyse von Persönlichkeit gar zu bequem machen; denn selbst wenn die Behauptung zum Teil zutrifft und einige Züge bis ins Krankhafte verzerrt sein mögen, bleibt doch die Art zu arbeiten nicht weniger charakteristisch. Und bedenkt man einerseits die elf Jahre, welche Kant auf Skizzen zu der Kritik der reinen Vernunft verwandte, die er dann in fünf Monaten schrieb, und andrerseits die wunderbare Tiefe und Produktivität der Gedanken in diesen nachgelassenen Bruchstücken, die jetzt erst von den Fachleuten gewürdigt zu werden beginnen, so kann man sicher schliessen, diese Blätter seien für Kant's Art zu arbeiten typisch. ¹) Weit entfernt, lediglich Krankhaftes darin zu erblicken, finde ich in diesen Arbeitsbogen Kant's eine starke Familienähnlichkeit mit den Skizzenheften jenes anderen grossen Architekten — Beethoven. Auch hier ein krauses Durcheinander und endlose Wiederholung; jahrelang kehren die selben scheinbar einfachen Motive immer wieder und wieder, bis sie genau die Gestalt gewonnen haben, die dem Sinne des Meisters und den Beziehungen eines seinem geistigen Auge vorschwebenden Ganzen entsprechen. Diese Tatsache ist geeignet, das Verständnis zu schärfen für die formale Bedeutung des Kantischen Schaffens; wäre der Mann nicht Künstler, so würde er sich dieser qualvollen Arbeit in der Art Beethoven's nicht hingeben. Denn eine bloss logische Unanfechtbarkeit oder eine mathematisch präzise Gliederung ist verhältnismässig leicht zu bewirken; liegt die Sache noch so verwickelt, sie wird mit der Sicherheit eines Rechenexempels entwirrt und gesetzmässig konstruiert. Wogegen es bei jedem künstlerischen Schaffen auf Einheit in dem Sinne an-
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    ¹) Ein junger Naturforscher und Philosoph, Hermann von Keyserling, schrieb mir neulich: »In Kant's Übergang steckt schon unsere ganze moderne Physik.« Und in der Festnummer der Kantstudien zum 12 Februar 1904 tritt F. Heman energisch für die Anerkennung der grossen Bedeutung dieser von oberflächlichen Historikern in Verruf gebrachten Fragmente ein.

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kommt, wie wir sie im vorigen Vortrag als Wesen des Lebens kennen lernten; nur wo diese Einheit herrscht, verdient ein Schaffen das Epitheton »schöpferisch«; hier soll aus Teilen eine unteilbare ideelle Einheit entstehen; und weil diese Einheit aus Teilen besteht, darum sind die Teile nicht »Teile« im Sinne von Stücken, sondern   O r g a n e,   das heisst wiederum Einheiten; so liegt hier Kreis in Kreis — ins Unendliche. Dies ist das Ideal, das dem Künstler vorschwebt, dies ist die Not, die ihm ein Gesetz aufzwingt. Sie müssen sich also bei der Einschätzung der Bedeutung der Form für das kantische Denken nicht bloss sagen: dieser Denker nimmt seinen Ausgang von der Anschauung her, und seine Methode ist die des mathematisch-physikalischen Schemas, sondern Sie müssen hinzufügen: er ist ein architektonischer, und das heisst ein künstlerischer Schöpfer und will demgemäss   o r g a n i s c h e,   nicht bloss logische Einheit schaffen.
    Aus dieser Erwägung ergibt sich aber eine weitere, die nicht unerwähnt bleiben darf.

ORGANISCH AUFBAUENDER

    Ich sagte: »organische, nicht bloss logische Einheit«; und in der Tat, das sind zwei verschiedene Dinge; Sie wissen das schon, und ich brauche mich nicht bei dem Nachweise aufzuhalten; ein einziges Beispiel möge genügen. Logisch darf und kann ich nicht sagen: die Einheit ist eine Vielheit; das Prädikat höbe hier das Subjekt auf; der Satz wäre ein Typus des absolut Sinnlosen. Im Leben dagegen, wie im vorigen Vortrag gezeigt wurde, »ist notwendigerweise die Einheit eine Vielheit und bildet die Vielheit eine Einheit« (S. 491). Es herrscht also im Leben — und darum auch in der Kunst — eine andere Gesetzgebung als die bloss logische; man darf sie nicht »unlogisch« nennen, das wäre verständnislos; sie umfasst aber eine ungleich weitere Welt, eine reicher gestaltete; Sie haben es heute von neuem schon mehrfach bemerkt. Nun kommen aber die ausschliesslich logisch geschulten Fachmänner und entdecken in Kant Dutzende von »Widersprüchen«; wenn nur ein Zehntel der behaupteten Widersprüche im wahren, erweiterten Sinne des Wortes wirklich »Widersprüche« wären, das heisst Verstösse nicht allein gegen die engen Regeln der blossen Logik, sondern gegen die organischen Bedingungen alles Lebens, so müsste Kant ein ganz ausnehmend dummer Mensch gewesen sein, und Schopenhauer's Vorwurf eines chronischen Mangels an Besinnung wäre noch eine Schmeichelei. In Wirklichkeit liegt hier boden-

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loses Unverständnis zu Grunde, und zwar nicht bloss in Bezug auf Kant. Versuchen wir, einige klare Begriffe über diese Verhältnisse zu gewinnen.
    Wir haben gelernt: Leben ist Gestalt, und Gestalt ist Einheit (S. 484); wir haben später gelernt: ist das Wesen des Lebens Gestalt, so muss notwendigerweise der tiefste Grund des Denkens ebenfalls Gestalt sein (S. 569); auch das Denken eines Individuums muss also zunächst und zuvörderst ein Einheitliches sein und wird nur durch äussere Umstände zersplittert und aus der Bahn gelenkt, so dass es sich selbst aufzuheben scheint. Zwar sind die kindischen Lehren von vor 50 Jahren, nach denen der Gedanke als ein Stoff aufgefasst werden sollte, ¹) längst unter dem Hohngelächter aller wissenschaftlich Urteilsfähigen zu Grabe getragen worden; doch ist die heute vielfach beliebte Deutung, wonach das Denken eine Bewegung, also etwas Energetisches wäre, offenbar nur die Wiederholung genau der selben These in verschleierter Form; es ist immer der selbe Fehler, das Leben als ein Ergebnis aus Stoff und Kraft zu betrachten, wogegen, wie wir gesehen haben, hiermit gar nichts gesagt ist, da das Leben das ursprünglichere und das einzige konkret gegebene Phänomen ist, während Stoff und Kraft sich immer mehr zu Abstraktionen verflüchtigen, je fester wir sie ins Auge zu fassen trachten. Ist dagegen Leben Gestalt und Denken ein Ergebnis von Gestalt, so ist das, was wir »Seele« zu nennen gewohnt sind, nichts Anderes — allegorisch gesprochen — als die Innenseite der Lebensgestalt. Wie erstaunt waren unsere braven Empiriker, als die positive Forschung immer klarer dartat, nicht allein das Gewicht des Hirnes stehe, wie sie ohne weiteres vorausgesetzt hatten, in einem unmittelbaren Verhältnis zur Denkkraft des Individuums, sondern auch seine verhältnismässige Kompliziertheit, die Zahl und der Formenreichtum seiner Oberflächenfalten usw.  Auch dieser Tatsache kann natürlich nur symbolischer Wert beigelegt werden; sie zeigt aber, dass die Auffassung des Denkens als einer unmittelbaren Manifestation der Gestalt nicht so sinnlos ist, wie sie Manchem zuerst erscheinen mag, der — in die Staubwolke falscher, antimetaphysischer Empirie gehüllt — auf der grossen Heeresstrasse einhergeht. Und weil nun jede Lebenserscheinung durch die Gestalt des Lebewesens bestimmt und infolgedessen notwendigerweise zu einer organischen Einheit
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    ¹) Karl Vogt verglich das Denken einem Sekret, wie die Galle und der Speichel!

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verbunden ist, in der alle Teile aufeinander hinweisen — sich gegenseitig bedingen, zusammen erst ein Ganzes ausmachen — darum bildet auch das Denken an seinem Ursprungsort, also im Innern der Person, notwendig eine Einheit. Bei fast allen Menschen bleiben aber die meisten Gedanken in der Schwebe und gewinnen nie feste Prägung; wohl kommen sie von Gestalt her, sie reichen aber nicht bis zu Gestalt hin; they fall short, lautet der pittoreske englische Ausdruck, das heisst, sie erreichen das Ziel nicht, die Kugel trifft weder ins Schwarze noch ins Weisse, noch daneben, sondern verbohrt sich diesseits der Scheibe in den Boden. Oder aber solche Menschen wollen es gewaltsam durchsetzen und besitzen nicht das unerlässliche Mass an Gestaltungskraft. Die Arbeit des Nach-aussen-Werfens (projicere, wie der Lateiner schön sagt) und Wiederaufrichtens dessen, was innen lebt, unterliegt sehr bedeutenden Schwierigkeiten. Die eine Schwierigkeit ist die der Sprache; wirklichen Gedanken sind die Worte nie völlig adäquat. Cusanus, ein klarer Denker, ermahnt uns: oportet supra verborum vim intellectum efferre, um mich zu verstehen, muss der Leser sich über die begrenzte Bedeutung der Worte hinaus zu einer höheren Auffassung emporheben; ¹) und Goethe meint: »einem höheren Menschen reicht seine ihm überlieferte Sprache nicht hin ... er kommt fast überall zu kurz« (G. VIII, 96). Darum ist die Handhabung der Sprache eine Kunst; nicht Jeder versteht sie auszuüben. Und dies ist doch erst die Schwierigkeit niedrigerer Ordnung, die blosse Sprödigkeit des Baustoffes; nun kommt aber der Bau selbst, die Architektonik; auch der »höhere Mensch« wird sie nur nach vielen Jahren hingebender Arbeit und nur innerhalb gewisser, ihm durch seine Persönlichkeit gesteckter Grenzen in seine Gewalt bekommen. In allen gewöhnlichen Fällen stammen die vielbeklagten Widersprüche im Denken einfach daher, dass die betreffende Persönlichkeit diesem Werke der Gestaltung nicht gewachsen war; nicht ihrem Denken, sondern der   D a r s t e l l u n g   ihres Denkens fehlt die Einheit; an uns ist es, aus dem chaotischen Material die Einheit herzustellen. Dagegen ist es das Ausserordentliche bei Kant, dass ihm eine fast vollkommene Projektion von innen nach aussen gelingt. In jeder Projektion ist allerdings viel Künstliches, wenn auch Regelhaftes; es ist ein Gemisch von Übereinkommen und Gesetz; ausserdem gehört Übung dazu, die Zeichnung, die auf einer Fläche steht,
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    ¹) De docta ignorantia I, 2.

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körperlich zu deuten; schliesslich mag sich der Geometer manchmal geirrt haben: alles das will ich bei Kant zugeben; dennoch bleibt bestehen: dass bei ihm jeder einzelne Gedanke seinen mathematisch genau bestimmten Platz und damit auch seine bestimmte Funktion erhält. Gedanken sind nicht Steine; der Denker kann nicht einen Dom vor unseren Augen aufrichten und sagen: das ist meine Weltanschauung; er kann uns nur den Plan — Grundriss und Aufriss — geben; gerade diese aber sind viel heikler als Gebäude aus Stein und Mörtel; letzteren schadet eine Abbröckelung wenig oder nichts, selbst aus Trümmern lässt sich die Gestalt in Gedanken aufbauen; wogegen, wer an einer architektonischen Zeichnung auch nur ein wenig rührt, sämtliche Verhältnisse verschiebt, sodass die ursprüngliche Gestalt, der Gedanke des Architekten, nicht mehr erraten werden kann. In dieser Weise verdirbt man uns Kant von Grund aus; bald weiss Keiner mehr, wovon bei ihm die Rede war. Gedankenbrocken von hundert Menschen laufen heute unter Kant's Namen umher, sodass ein Sachkenner kürzlich klagen musste: »Kant's ganze Philosophie wird dargestellt, als hätte sie ihren Ursprung nicht in   e i n e m   grossen Denker, sondern in   v i e l e n   kleinen«. ¹)
    In diesem Zusammenhang ist es vielleicht angebracht, eine Bemerkung allgemeiner Bedeutung einzuschieben: wir müssen nämlich überhaupt und überall zwischen Widersprüchen und Widersprüchen unterscheiden. Es gibt Widersprüche, die rein logischer Natur sind, sie ergeben einen Widersinn, ein Nichts, eine Gedankenleere; und es gibt Verhältnisse, die die Logik geneigt ist, als Widersprüche zu deuten, weil sie ihre Fassungskraft übersteigen, die aber in Wirklichkeit die schlichte Behauptung der Lebenstatsache sind. Diese Widersprüche finden sich notwendig in jedem Denken, treten aber umso »monumentaler« auf, je hervorragender der Denker ist; denn gerade in ihnen bewährt sich der Organismus als Organismus und das heisst als Einheit. In meinem Werk über Richard Wagner habe ich für diese Erscheinung den Ausdruck »plastische Widersprüche« gebraucht. ²) Es gibt im Denken — wir sahen es vorhin — eine rechte Seite und eine linke, und ebensowenig wie es möglich ist, den linken Handschuh auf die rechte Hand zu
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    ¹) Hägerström: Kant's Ethik, 1903, S. 827.
    ²) Die betreffende Ausführung steht in der illustr. Ausg., S. 116 fg., in der Text-Ausg. S. 158 fg.


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ziehen, ebensowenig kann man bei einem echten und aufrichtigen Denker die Einheit in etwas Anderem zu finden erwarten als in der organischen Zusammengehörigkeit, in der gegenseitigen Entsprechung, in dem Aufeinanderangewiesensein der Teile. Auch hier bewährt sich das Wort Plato's: ein Wissen gibt es nur, wenn man im Vielen das Eine erblickt. Und sicher ist, dass wir eine intellektuelle Persönlichkeit — die Persönlichkeit, heisst das, als denkendes Wesen — erst dann verstanden haben, wenn wir sie ebenso einheitlich und in ihrer Organisation notwendig selbstbedingt empfinden, wie sie sich ihrer selbst — inmitten aller inneren Widerstreite — als einer Einheit bewusst war. Einem Manne aber von der Begabung eines Kant, ausgestattet wie kaum je ein Sterblicher mit allen Mitteln zur architektonischen, gegliederten Ausführung einer supralogischen (die Logik in sich begreifenden) Weltanschauung, und der dieser einen Aufgabe ein ganzes Leben peinlichst genauer, wissenschaftlicher Arbeit fast ungeteilt widmet, — einem solchen Manne überall, wo wir ihn nicht gleich verstehen und die organischen Beziehungen seines alle Gebiete des Gemüts umfassenden Gedankenwerkes nicht mühelos einsehen, einfach »Widersprüche« vorzuwerfen, ist nicht bloss verständnislos und kindisch, sondern vor allem frech.
    Kant den Gestalter haben wir nunmehr als einen von exakter Anschauung erfüllten Physiker, als geometrisch geübten Meister in Schemen, als architektonisch Aufbauenden, als magiemächtigen Künstler, als organisch Schaffenden erkennen gelernt. In jeder einzelnen Beziehung mag Kant von manchen Anderen übertroffen werden; was seine Persönlichkeit ausmacht und ihr ungewöhnliche Bedeutung verleiht, ist die Verschmelzung dieser verschiedenen Abarten der gestaltenden Fähigkeit zu einer Einheit; denn die Gaben, die wir jetzt analytisch auseinandergerissen haben, sind natürlich bei ihm nur verschiedene Erscheinungen, Aspekte, Seiten des einen einheitlichen Phänomens. Alles bisher Gesagte fasst nun diese Anlagen subjektiv als Anlagen ins Auge; gehen wir aber zum Objektiven über und fragen: wie stellt sich der also ausgestattete Intellekt zur Welt? da erfahren wir Neues, und was wir erfahren ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Erkenntnis der Eigenart und des Wertes des formalen Elements im kantischen System. Hier berühren wir auch den Punkt, wo die Hoffnung auf ein Hinauswachsen über das von Kant Geleistete entspringt, da hier die Anknüpfung mit der Natur aufgedeckt wird.

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NATÜRLICHE SYSTEMATIK

    Sobald wir Kant den Systematiker objektiv am Werke betrachten, wird es nötig, zwischen Systematik und Systematik zu unterscheiden. Systeme hat es in der Philosophie viele gegeben, ja man kann sagen, von Thales bis Schopenhauer und weiter hinunter bis zum heutigen Tage ist es das Ideal der meisten Denker gewesen, ein »System« zu errichten. Das griechische Wort »System« bedeutet ursprünglich eine als einheitlich aufgefasste willkürliche Anzahl von Personen oder Dingen, z. B. ein Priester-Kollegium oder einen Truppenkörper; nach und nach erhielt es einen theoretischen Sinn und bezeichnete nunmehr die Einheit einer aus mehr oder weniger zahlreichen Thesen zusammengesetzten Lehre; das Willkürliche und Konventionelle, das dem Wort in der ersten Bedeutung eigen gewesen war, ging aber auf die zweite Bedeutung über und haftet ihm noch heute an. Bei »System« denken wir zunächst an die Selbstherrlichkeit eines Geistes, der die Dinge so zurechtrückt wie sie ihm passen; es scheint uns das Gegenteil von Natur zu sein. Und nun gar in der Philosophie! Wenn irgendwo, so sehen wir hier die Willkür am Werke; hier steht Behauptung gegen Behauptung, und nirgends entdecken wir die Spur eines regelrechten Fortganges, wie ihn — trotz allen Widerstreits der Meinungen — die anderen Wissenschaften zeigen. In unserem Bruno-Vortrage war von dieser philosophischen Systemmacherei ausführlich die Rede. Aristoteles, der die Sterne fragt, wie viele Himmelssphären es gebe, um daraus die Zahl der in der Welt vorhandenen »Substanzen«, sowie der gestaltenden »geistigen Potenzen« und der »Zwecke« mit dogmatischer Sicherheit zu folgern, ist das Muster des Systematikers; ein zweites extremes Beispiel bietet Spinoza, der ein ganzes philosophisches System »nach Art der Geometrie« aufbaut mit Definitionen, Axiomen, Korollarien etc., was sich natürlich sehr folgerichtig ausnimmt, ebenso folgerichtig wie Euklid's Elemente, wobei nur das Eine übersehen wird, nämlich dass alle mathematischen Definitionen ohne Ausnahme lediglich Worterklärungen sind, diese Worte aber stets die sinnliche Anschauung der Verhältnisse voraussetzen und sich auf sie beziehen, wogegen sämtliche Definitionen Spinoza's Anschauungsbares betreffen, also gerade more geometrico ohne Wert sind. ¹) Was uns nun in diesem Zusammenhang besonders auffallen muss, ist, dass Plato, der Grosse und Wahr-

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    ¹) Diese Inkongruität in der Grundvoraussetzung Spinoza's richtet von vornherein über alle daraus gezogenen vermeintlichen Folgerungen.

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haftige, kein philosophisches System, nicht einmal den Ansatz zu einem System hinterlassen hat, ja dass er die Systeme alle miteinander verspottet (vgl. S. 432), und ferner, dass Kant in ähnlicher Weise nicht müde wird, vor »den Systemen der faulen Vernunft«, wie er sie nennt, zu warnen; er, der in seinen Schriften andere Philosophen sonst wenig beachtet, bekämpft energisch die zu seiner Zeit in Ansehen stehenden Systeme von Descartes, Spinoza, Berkeley, Leibniz, Wolff. In einem gewissen Sinne muss also die kritische Weltanschauung eine grundsätzliche Gegnerin aller Systematik sein. Dies ist, was Schiller so feinsinnig als die »Unduldsamkeit« der Kantischen Philosophie hochpreist: »Dies macht ihr in meinen Augen Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die Willkür vertragen kann«. ¹) Und dennoch sagt uns Kant selber in seiner Kritik der reinen Vernunft, er erstrebe »ein vollständiges   S y s t e m   der Transscendental-Philosophie«, und am Schlusse seines Lebens wehrt er Fichte's Behauptung, er (Kant) habe »bloss eine Propädeutik, nicht ein System« geben wollen, energisch ab, versichert, er habe vielmehr »das vollendete Ganze« gegeben, und »das   S y s t e m   der Kritik ruhe auf einer völlig gesicherten Grundlage, auf immer befestigt«. Also kein System und zugleich doch ein System; wie sollen wir das verstehen?
    Ein Wort genügt zur Aufklärung: Kant versteht hier unter System »natürliches System«, genau im Sinne unserer modernen Naturwissenschaft und genau im Gegensatz zu allen gewesenen und noch zu gebärenden künstlichen Systemen der faulen Vernunft.
    In den Wissenschaften des Lebens versteht man heute unter »System« nicht den Versuch, eine künstliche Ordnung (aus praktischen und Bequemlichkeits-Rücksichten), noch eine logische oder mathematische Ordnung (wie der Herr Anthropos sich denkt, dass sie hätte sein sollen), am allerwenigsten eine auf willkürliche Annahmen gegründete Ordnung zu schaffen, sondern den Versuch, der Natur auf die Spur zu kommen, die Beziehungen zwischen ihren Erscheinungen — und mögen diese in ihrem Wesen noch so geheimnisvoll verbleiben — möglichst genau festzustellen, kurz ihren wahren Organismus, das heisst, den in ihr herrschenden notwendigen Zusammenhang, »die Einheit ihrer Vielheit«, aufzudecken. Hierüber habe ich mich in meinen Grundlagen ziemlich ausführlich und mit Zugrundelegung eines reichen empirischen
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    ¹) Brief an Goethe vom 28. 10. 1794.

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Beispielmaterials geäussert; ich will mich nicht wiederholen und verweise Sie darauf (S. 789 fg.). Peinlichst genaue, exakt gehorsame Beobachtung der Natur, gepaart mit kühner schöpferischer Gestaltungskraft: das sind die zwei Gaben, die wir in unseren grossen biologischen Systematikern vereint am Werke finden. Unentbehrlich zu Leistungen auf dem Gebiete der   n a t ü r l i c h e n   Systematik ist eine bedeutende, der künstlerischen Empfänglichkeit nahverwandte Befähigung, — sonst wird Gestalt in der Natur nicht erblickt; und ebenso unerlässlich ist eine nicht gewöhnliche schöpferische Kraft, sonst wird das Erblickte und Geahnte nicht als menschenmässig erkennbare Gestalt wieder hinausprojiziert. Es handelt sich also bei aller natürlichen Systematik um etwas ungemein Zartes, um »eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele«, wie bei aller produktiven Schematisierung (r. V. 180); einmal entdeckt, kann allerdings die Systematik auch von mittelmässigen Geistern benützt und im einzelnen sogar ausgebaut werden; die Natur selbst führt uns dann weiter; doch die Begründer der Systeme waren immer Köpfe allerersten Ranges. Jener plastische Widerspruch, von dem ich vorhin sprach, muss in dem Geiste eines Systematikers besonders kräftig ausgebildet sein und das ganze Gemüt durchdringen; denn der Systematiker muss zugleich entdecken und erfinden, gehorchen und gebieten, empfangen und erzeugen; um ein etwas krasses Bild zu gebrauchen: er muss genau auf der Grenzscheide zwischen Mann und Weib stehen. Sie dürfen nämlich nicht übersehen, dass es sich immer nur um Symbolik handeln kann, wenn auch um eine exakte Symbolik. Goethe's Wort ist allbekannt: »Natürlich System, ein widersprechender Ausdruck; die Natur hat kein System«; ¹) das System ist aber das Werkzeug des Verständnisses für uns Menschen; dies macht seine unvergleichliche Bedeutung aus. Durch Vermittlung des Teleskops erschauen wir das unendlich Ferne, mit Hilfe des Mikroskops erforschen wir das unendlich Kleine; dank der Systematik gewinnen wir Einblick in gewisse unserem Hirn inkommensurable Beziehungen der Natur. Für die Erweiterung des physischen Sinnes genügt ein physikalisches Instrument, zur Erweiterung des Gedankenhorizonts und Schärfung der Anschauung taugt einzig die Erfindung einer besonderen   M e t h o d e   zu schauen und zu denken: diese Methode ist das natürliche System. Und Sie dürfen natürlich das Wort Syste-
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    ¹) Problem und Erwiderung.

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matik nicht bloss in dem Sinne einer Aneinandergliederung von Tieren und Pflanzen auffassen; vielmehr durchdringt Systematik jede Wissenschaft des Lebens: ein Bichat, der die Gewebe des Körpers in ein System bringt, ¹) ein Wilson, der die unübersehbare Masse der das Zellenleben betreffenden Tatsachen systematisch gliedert, ein Mendelejew, der das »periodische System« der chemischen Elemente aufstellt, ein Haüy, der die Gestalten der Krystalle auf ein System zurückführt... alle diese Männer leisten der Wissenschaft einen genau ebenso grossen Dienst wie ein Cuvier, der die Grundzüge eines Systems der Tiergestalten zeichnet. Sehen Sie genau zu, Sie werden entdecken, dass in den Wissenschaften der Natur ununterbrochen systematisiert wird, überall, auf allen Stufen. In allen Verzweigungen der Forschung bedeutet die Systematik das Gesetz, und das heisst das eigentlich Wissenschaftliche; sie ist die Wissenschaft selbst; denn Wissenschaft besagt »gestaltetes Wissen«, und Systematik bedeutet nur eine Abschattierung dieses Begriffes, nämlich: die Gestalt unseres gestalteten Wissens, also die Form als vom Inhalt getrennt betrachtet, die symbolische Gestalt, unter der wir — als Methode — Wissen sammeln und ordnen. In den unorganischen Wissenschaften sieht man täglich deutlicher ein, dass unsere menschlichen Vorstellungen nur »Zeichen« sind; materiell aufgefasst und konsequent weiter verfolgt, führen sie uns auf Sinnloses; in diesen Vorträgen kam das schon mehrmals zur Sprache; in den organischen Wissenschaften wird dieser Tatbestand nur dadurch verdeckt, dass wir hier in der Lage sind, jedes Problem in Gedanken immer weiter zurückzuschieben. Die heutige Entwickelungslehre ist — moralisch betrachtet — der Zustand grundsätzlicher Feigheit des Denkens: ein kleinmütiges Geschlecht fürchtet sich, der Ewigkeit ins Auge zu schauen. Wogegen alle Systematik der Natur zeitlos dasteht, als Symbolik unvergänglicher Gesetze.
    Will nun Kant die spekulative Philosophie durch eine Philosophie als Wissenschaft ersetzt wissen — »eine ganz neue Wissenschaft«, sagt er, »von welcher Niemand auch nur den Gedanken vorher gefasst hatte, wovon selbst die blosse Idee unbekannt war« (P., Vorr.) — so gilt ihm als Axiom, dass alle Wissenschaft erst durch Gestaltung entsteht, und dass die Form — nämlich die Architektonik — bei echter Wissenschaft niemals ein Nebensächliches sein kann, da
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    ¹) Vgl. Grundlagen, S. 730 fg.

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erst   d u r c h   s i e   Wissenschaft zu Wissenschaft gemacht wird. Darum wundert es uns nicht, wenn er von seiner eigenen Wissenschaft der Vernunft berichtet: »die ursprüngliche Idee ist architektonisch« (r. V. 875), und wenn er als Erfolg dieser Methode rühmt, sie habe die »Artikulation der Vernunft« und ihre organische Einheit aufgedeckt. Sie sehen, das ist das genaue und ausführliche Programm aller natürlichen Systematik exakter Wissenschaften der Natur: die Einheit unter einer architektonischen Idee, nicht aber unter einer menschenmässig zufälligen, plausiblen, bequemen, ingeniösen Idee, sondern unter der in der Natur waltenden und durch möglichst genaue schöpferische Nacherschaffung entdeckten Idee.
    Dieser Unterschied zwischen beiden Auffassungen von Systematik ist ein gewaltiger; jedem Naturforscher — darum auch Kant — ist er genau bekannt. Doch während wir in den biologischen Wissenschaften die scholastischen Systeme seit bald zwei Jahrhunderten aufgegeben haben, und zwar weil wir sie als zwecklose Spielereien erkannten, die jede Möglichkeit eines Fortschrittes im Wissen ausschliessen, leben wir in Bezug auf die Philosophie noch heute mitten im Scholastizismus. Hier herrschen noch die künstlichen Systeme an Stelle der natürlichen; noch immer beschäftigen uns Spinoza's »geometrische Prinzipien«, Hegel's »absolutes Wissen«, Schopenhauer's »immanenter Dogmatismus«, und wir überhören Kant's Stimme, oder deuten sie scholastisch um. Kant lehrt, unsere Vernunft sei, wie alles Lebende, eine vollkommene »Organisation«, sie »enthalte einen wahren Gliederbau, worin alles Organ ist, nämlich alles um eines willen und ein jedes Einzelne um aller willen«; er sagt: »Jedes Teiles Gültigkeit und Gebrauch hängt von dem Verhältnis ab, darin er gegen die übrigen in der Vernunft selbst steht, und, wie beim Gliederbau eines organisierten Körpers, kann der Zweck jedes Gliedes nur aus dem vollständigen Begriff des Ganzen abgeleitet werden« (r. V. 861 fg.. P., XIX fg.); und er erblickt demgemäss die Aufgabe der Philosophie nicht in der Aufstellung mehr oder weniger glänzender, logisch untadelhafter Weltdeutungen, sondern in der Befolgung einer »dem Naturforscher nachgeahmten Methode«, d. h. in der Entdeckung und Erschaffung einer natürlichen Systematik der Vernunft. Er lebte der Überzeugung, er habe dieses System. entdeckt, d. h. architektonisch nacherschaffen. Dass »an seiner Darstellung noch viel zu tun sei«, denn sie sei »nicht lichtvoll«, gibt er ausdrücklich zu (r. V., XXXVIII fg.); er macht sich selbst aller-

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hand Vorwürfe in Bezug auf »Deutlichkeit des Vortrages«, »Mangel an Eleganz« usw., und in späten Jahren, nach Vollendung aller seiner Kritiken, spricht er den sehnlichen Wunsch aus — »um die Mitteilung seiner Grundsätze zu befördern« — einem »dichterischen, die den reinen Verstandesbegriffen korrespondierende Darstellung in Gewalt habenden Kopf« zu begegnen, einem Manne, der »die scholastische Genauigkeit in Bestimmung der Begriffe mit der Popularität einer blühenden Einbildungskraft vereinigen könne« (Br. II, 417); er überschätzt sich also nicht, vielmehr weiss er genau, wo seine Kraft ihre Grenze findet, und dass er nicht, »wie Hume alle Verschönerung in seiner Gewalt habe« (Ref. II, 7). Wovon er dagegen sich unerschütterlich versichert hält, das ist, dass sein   S y s t e m   richtig sei und sich dauernd behaupten werde. Er stützt sich hierbei als echter Naturforscher auf das »Experiment«. Kein natürliches System kann auf logischem Wege als richtig erwiesen werden, vielmehr muss es sich in der Erfahrung bewähren; ist erst die vereinheitlichende »Idee« eines Organismus der Natur annähernd richtig erkannt, so zeigt sich das an allen Ecken und Enden; jeder Naturforscher weiss, was ich meine; der Mensch ist gleichsam zum Vertrauten des Aussermenschlichen geworden. ¹) Nun ist die Philosophie natürlich ebensowenig wie irgend eine andere Wissenschaft als Wissenschaft »in concreto gegeben«, vielmehr ist sie — wie alle anderen — »eine blosse Idee von einer möglichen Wissenschaft«, der man »sich zu nähern sucht«, und dieses Suchen führt in dem Masse zum Ziele, als »es gelingt, das Nachbild, so weit als es Menschen vergönnt ist, dem Urbilde gleich zu machen« (r. V., 866); ob diese Kongruenz nun wirklich stattfindet oder nicht, kann nur die experimentelle Praxis, nicht das Argument zeigen; und auf diese »Evidenz« beruft sich Kant, um sich als Entdecker des wirklichen Natursystems der Vernunft einzuschätzen. Hören sie ihn: »Diese dem Naturforscher nachgebildete Methode besteht darin: die Elemente der reinen Vernunft in dem zu suchen, was sich durch ein Experiment bestätigen oder widerlegen lässt«. Und worin kann hier, wie in aller andern Systematik, das Experiment bestehen? Einzig in dem Versuch, ob sich die Gliederung als organisch bewährt (siehe S. 491 fg.), ob alle Teile zum Ganzen und alle Teile zu allen Teilen in notwendigen Beziehungen stehen. Darum schreibt Kant weiter: »Nicht Eigendünkel, sondern
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    ¹) Siehe Grundlagen, S. 793.

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bloss die Evidenz, welche das Experiment der Gleichheit des Resultats im Ausgange von den mindesten Elementen bis zum Ganzen der reinen Vernunft und im Rückgange vom Ganzen (denn auch dieses ist für sich durch die Endabsicht derselben im Praktischen gegeben) zu jedem Teile bewirkt, indem der Versuch, auch nur den kleinsten Teil abzuändern, sofort Widersprüche, nicht bloss des Systems, sondern der allgemeinen Menschenvernunft herbeiführt, berechtigt mich zu diesem Vertrauen« (r. V., XXXVIII). Und der bescheidene Mann fügt einige Zeilen weiter hinzu: »Widerlegt zu werden ist in diesem Falle keine Gefahr, wohl aber, nicht verstanden zu werden«.

ZUSAMMENFASSUNG

    Jetzt wissen Sie genau, sowohl welche Gaben als Gestalter Kant besass, wie auch welchen Wert er auf die Gestaltung seiner Weltanschauung legte. Nie werden Sie Kant's Lebenswerk verstehen, wenn Sie nicht vor allem erkannt haben: 1. dass er ein Gestalter war; 2. dass sein allgemeines Ziel die Einführung echter Wissenschaft der Natur an Stelle der Scholastik in die Philosophie war; 3. dass Wissenschaft für ihn architektonische Systematik bedeutete;
4. dass sein näheres Ziel demnach in der Aufdeckung des natürlichen Organismus der Vernunft bestand; 5. dass er der Meinung war, man könne den Organismus der Natur einzig durch Nachbildung, das heisst durch natürliche Systematik ergründen; 6. dass infolgedessen die Form, der Schematismus seines Denkens, das heisst sein »System«, in seinen Augen die notwendigste und schwierigste Aufgabe, zugleich auch seine grösste und dauerndste Leistung bildete.
    Eine Verwahrung muss ich hier zum Schlusse in aller Kürze einlegen.
    Dass Kant seine Darstellungsart nicht für die einzig mögliche hielt, das haben wir vorhin aus seinem eigenen Munde gehört. Da nach der kritischen Weltanschauung Plato's und Kant's aller Erfahrung   B e z i e h u n g e n   zu Grunde liegen, so ist die Möglichkeit verschiedener Standpunkte eigentlich von vornherein gegeben. Auch in der Zoologie und Botanik wäre es erfrischend, wenn nicht jede Formgebung so schnell erstarrte, sondern die Symbolik der sogenannten »natürlichen Systeme« in verschiedenen Gestalten sich versuchte; doch kaum ist einem schöpferischen Kopfe eine Nachbildung der Natur gelungen, schon ist sie ein Dogma, und jetzt darf nicht weiter gebildet werden; wird aber gar das Dogma

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historisch aufgefasst — wie in der Phase, die uns heute bedrückt — dann hat die gestaltende Schöpferkraft den Todesstoss bekommen. Kant lag dergleichen fern. »Indessen ist meine Meinung nicht, irgend jemandem eine blosse Befolgung meiner Sätze zuzumuten«, schreibt er in dem vorletzten Absatz seiner Prolegomena. Was in der allgemeinen Biologie ein Missbrauch nüchterner Alltagsköpfe ist, wäre in Bezug auf den lebenden Mittelpunkt unserer Persönlichkeit eine wahre Sünde. »Der Jüngling denkt, er werde   P h i l o s o p h i e   l e r n e n,   welches aber unmöglich ist, denn er soll jetzt   p h i l o s o p h i e r e n   l e r n e n «,   so beginnt der Lehrer in jüngeren Jahren seinen philosophischen Unterricht; ¹) und in der Kritik der reinen Vernunft wiederholt er : »Man kann ..... niemals Philosophie (es sei denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft, höchstens nur   p h i l o s o p h i e r e n   lernen« (S. 865). Sie sehen, welche Toleranz hier herrscht, und ich hoffe, die köstliche Ironie des »höchstens nur« entgeht Ihnen nicht. Um aber die Bedeutung dieses Wortes »Philosophieren, nicht Philosophie« genau wie es gemeint ist aufzufassen, müssen wir es durch die Umkehrung des genialsten aller Kant-Schüler ergänzen. Schiller schreibt nämlich: »Nur die Philosophie kann das Philosophieren unschädlich machen«. ²) Auch diese Formel verstehen wir jetzt; sie besagt: die kritische, den Methoden echter Wissenschaft der Natur nachgebildete Philosophie raubt uns nicht die Freiheit des persönlichen Ausdrucks, sie macht aber dem willkürlichen Philosophieren und der künstlichen Systemmacherei der Fachleute den Garaus, und nur sie besitzt die Mittel dazu.

GEDANKENSTIL

    Die Bedeutung der Form für das Denken Kant's haben wir nunmehr subjektiv und objektiv in Erwägung gezogen und sind überall zu klaren Ergebnissen gelangt. Jetzt würde es verlockend sein, diese Form selbst näher zu untersuchen; doch hiesse dies, das Werk als solches in Betracht ziehen, was ausserhalb unseres Vorhabens liegt. Und so stecke ich mir denn ein anderes Ziel. Die Bedeutung der Form für Kant halte ich als Grundthema dieses Vortrages fest; ist doch diese Einsicht vielleicht das Einzige, jedenfalls bei weitem das Wichtigste, was ich Ihnen noch mit auf den
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    ¹) Nachricht von der Einrichtung der Vorlesungen im Winterhalbjahre 1765/66; die gesperrt gedruckten Worte sind auch im ursprünglichen Texte gesperrt.
    ²) Brief an Goethe vom 9. 7. 1796.

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Weg zu geben vermag. Was uns also hier noch erübrigt, wäre eine Vertiefung in das ganz Persönliche an der Form und das ist, was im weitesten Sinne des Wortes »Stil« genannt zu werden verdient: nicht eine Betrachtung der sprachlichen und grammatikalischen Eigentümlichkeiten, sondern des Gedankenstiles. Alles bisher Ausgeführte behält hierfür seine Geltung; es kommt aber noch ein Unsagbares hinzu, das Zarteste, Letzte; darstellen kann man es wohl kaum, vielleicht aber kann man es so aufzeigen, dass es den bisher Unaufmerksamen in die Augen fällt. »Stil«, sagt ein Meister unter Kennern, Walter Pater, »ist dasjenige an einem Werke, was keinem anderen Manne hätte gelingen können, noch jemals, versuche man es noch so emsig, von neuem gelingen wird«. Wahrlich, wenn wir Einsicht in den Stil des Kantischen Denkens gewinnen könnten, wir wären in Tiefen der Persönlichkeit eingedrungen.
    Zu diesem Behufe ist nun zunächst an die allgemeinsten Ergebnisse unserer Analyse anzuknüpfen.
    Kant wollte Wissenschaft an Stelle von Spekulation; Wissenschaft ist organische Architektonik; Architektonik ist ein getreues Nachbilden der Natur innerhalb der Verhältnisse und Möglichkeiten des Menschengeistes: durch diesen Kettenschluss stellten wir fest, Kant strebe eine natürliche Systematik als Formgebung für seine Gedanken an. Ahle natürliche Systematik besitzt nun bestimmte Eigentümlichkeiten, die wir als stilistische bezeichnen dürfen; bei dem geborenen Natursystematiker sind sie ebensowohl Ursache als Wirkung; ohne diese Anlage würde er nie den reinen Kontakt mit der Natur gewinnen, ohne die innige, anhaltende Berührung mit der Natur würde sein Geist eine so sehr von der gewöhnlichen abweichende Richtung nicht erhalten. Wer innerhalb des Menschenmässigen sich beschränkt, hat es leicht, harmonisch und abgeschlossen zu sein; wer dagegen die Natur zum Reden zwingen will, verzichtet von vornherein auf Vollendung, denn es kann nie gleichmässig gelingen: charakteristische Deformationen werden nicht zu vermeiden sein; neben Offenbarungen des Aussermenschlichen werden die üblichen menschlichen Willkürlichkeiten (die nicht ganz zu umgehen sind) sich unerträglich hart ausnehmen und zu beständigen Umbildungen Anlass geben. Eine künstliche Systematik ist eine ruhende Betrachtung, eine natürliche Systematik ist eine Bewegung in der Richtung auf Wahrheit zu; »Philosophie«,

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definiert der Natursystematiker Kant, »ist für den Menschen Bestrebung zur Weisheit, die jederzeit unvollendet ist« (Üg. III., 313). Das Eine ist Besitz, das Andere ist ein Ringen um Besitz. Dass dieser besondere Charakter den Stil des Denkens bis hinein in die Einzelheiten des Satzgefüges durchdringen muss, liegt auf der Hand; es erklärt Vieles, was Kant so tief von anderen Philosophen unterscheidet. Eine zweite Beobachtung schliesst sich fast wie ein Teil von ihr an diese erste an. Alle natürliche Systematik ist reich an befremdenden Überraschungen; die Rechnung geht niemals glatt auf; die Symmetrie ist immer starrer, als ein Mann von Geschmack erwartet hätte; dennoch bleiben manche Trennungslinien verschwommen, während andere übermässig schroff sind; Abteilungen, die sich dem Range nach entsprechen sollen, entsprechen sich sehr oft der Würde nach gar nicht; ausserdem fehlen nie gewisse schwankende, schillernde, mehrdeutige, vagierende Elemente, die man als Elemente nicht entbehren kann und doch nicht unterzubringen weiss. Denken Sie nur an die Systematik der Tiere und Pflanzen. Ein allbekanntes Beispiel: wie grossartig einfach ist die Gliederung aller blühenden Pflanzen in Monokotyledonen und Dikotyledonen; dabei schweben aber die Gymnospermen (Koniferen usw.) dazwischen oder davor oder dahinter, und jeder Botaniker deutet sich das Verhältnis anders. Ein weiteres Beispiel: wie leuchtend klar auch die Einteilung in Phanerogamen (blühende Pflanzen) und Kryptogamen (blütenlose Pflanzen) sein mag — so dass man sie fast für ebenso selbstverständlich halten möchte wie die des sprachlichen Ausdrucks in Poesie und Prosa, die dem bourgeois gentilhomme so stolze Augenblicke bereitete — wer tiefer geht als dieser unsterbliche Philister, entdeckt zu seinem Erstaunen, dass gerade bei den hochorganisierten unter den blühenden Pflanzen die Homologieen — namentlich vom Standpunkte des Fortpflanzungssystems und des Generationswechsels aus betrachtet — mit den Strukturverhältnissen der Kryptogamen auffallend deutliche sind; gerade das, was wir voneinander ganz fern, ganz geschieden wähnten, berührt sich wieder eigentümlich nahe. So bricht das Alogische in jeder natürlichen Systematik immer wieder hervor: will man einen, so streben klargeschiedene Gruppen auseinander; will man endgültig trennen, so fliessen sie gewaltsam zur Einheit zusammen. Das alles sind Dinge, die niemals in einem künstlichen System vorkommen könnten; sie über-

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treffen das bloss logische Denken, wie denn jede Anschauung unausdenkbar ist; dagegen werden Sie viel Derartiges in Kant's System finden. So z. B. die zweideutige Stellung der Zeit, auf die wir schon im Descartes-Vortrag aufmerksam wurden: vom Standpunkt der Sinnlichkeit aus betrachtet, ist die Zeit für Kant ein »Zweites« (neben Raum), vom Standpunkt des Verstandes aus ist sie ein »Drittes«, ein Schema nämlich für die Verknüpfung von Begriff und Anschauung. Gewisse stiefmütterlich mit Gehirn versehene, wenn auch in allen Graden promovierte Menschen halten derlei für »Widersprüche« und danken dem Himmel, dass sie bei ihnen nie vorkommen könnten; in Wirklichkeit liegt einfach natürliche Systematik vor; es ist der Versuch, wahr zu sein; es ist die der Natur nachgestaltende Genialität. Desgleichen die Berührungen entfernter Pole: Freiheit und Natur sollen nach Kant's System Gegensätze sein, und doch ist — gerade im Rahmen dieses Systems — keine von beiden zu begreifen, wenn die andere nicht vorausgesetzt wird. Kant ist ein grosser Denker, ich halte aber sein System für grösser als ihn; bei echter Natursystematik ist das immer der Fall.

EINFACHHEIT

    Eines der unzähligen wunderbaren Worte Goethe's über die Natur fasst Vieles, was hier zu bedenken ist, in eine kurze Formel: »Alles
ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist«. In diesem Satze ist alle natürliche Systematik geschildert und damit zugleich der Stil des kantischen Denkens und Gestaltens. Lernten wir in unseren Schulen die Natur kennen, statt aller der Firlefanzereien, mit denen unser Geist von früh an verkünstelt und naturentfremdet und historisch überlastet wird, dann wüsste ein Jeder, was heute ein einzelner Goethe weiss und in die Wüste hinausruft: unser Denken ist nicht einfach genug, um die grossen Verhältnisse zu fassen; diese sind   » e i n f a c h e r,   a l s   m a n   d e n k e n   k a n n «.   Die Erziehung zum Einfachen: das wäre wohl das würdigste aller pädagogischen Programme, die je aufgestellt wurden. Zu seiner Bewältigung — und gleichsam als Leitfaden zu ihm hin — käme die Kunst des Genies in Betracht; alles Andere, alles werden wir dem Genie eher nachmachen können, als seine Einfachheit. Beethoven's Kunst, Themen in Bruchstücke zu zerlegen oder aus Fragmenten aufzubauen, hat Schule gemacht, aber die kindlich schlichte Melodie des Liedes an die Freude hat kein Seitenstück bekommen; Wagner's Instrumentationstechnik be-

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herrscht heute jeder Kapellmeister, doch Motive aus Tönen des einfachen Dreiklangs zu erfinden, die nunmehr in alle Ewigkeit dastehen, als hätte sie die Natur geboren: das ist keinem Zweiten gelungen. Und gerade diese Einfachheit tritt bei Kant in grossartigster Gestalt zutage. Sie haben es ja am Anfang des heutigen Vortrages gesehen; das Schema hier auf der Tafel zeugt noch dafür (S. 559); Sie haben es aber auch sonst in allen Vorträgen schon bemerken können. Denn in der Tat, die Einfachheit der allgemeinen Disposition, die im ersten Augenblick geradezu befremdend wirkt, findet sich im ganzen Gefüge des Systems wieder. Die erste und für Viele unter uns unüberwindliche Schwierigkeit des kantischen Denkens ist, dass es »einfacher ist, als man denken kann«. Es will uns nicht gelingen, so einfach zu denken; wir verstehen die Aufforderung dazu gar nicht. Das Werk fast aller Kommentatoren besteht darin: das, was Kant ganz schlicht, ganz redlich, ganz unmittelbar dachte, zu subtilisieren, zu komplizieren, zu raffinieren. Alle jene Grundbegriffe des kantischen Systems, von denen wir so viel hören, und die wie so viele Popanze wirken: die Idealität des Raumes, das Ding an sich, die Tafel der Kategorien, die intelligible Freiheit, der kategorische Imperativ usw. sind allerdings das Ergebnis eines sehr   t i e f e n   Denkens und insofern gewiss nicht leicht nachzudenken, sie sind aber nicht abstrus, impenetrabel, dädalisch, sondern vielmehr fast ebenso erhaben einfach wie die uns umgebende Natur. Kant meint, die Begleiterin wahrer Weisheit sei die Einfalt (S. 561); es ist aber nicht leicht, Einfalt zu besitzen, viel leichter ist es, Gedankenakrobat zu werden; zur Einfachheit gehört eben Grösse; diese Forderung zieht den Charakter in Mitleidenschaft; das Wort »es sei denn, dass ihr werdet wie die Kinder« gilt nicht für das Himmelreich allein, sondern für das Reich alles geistig Grossen.
    Diese Einfachheit ist vielleicht die wichtigste Eigenschaft des kantischen Gedanken-Stils, zugleich am schwersten zu würdigen. Und man werfe nicht ein, sie dringe nicht bis zur Sprache durch; das wäre kleinlich und missverständnisvoll. Denn selbst rein schriftstellerisch betrachtet, ist das erste Kriterium des Stils die allgemeine Anlage, nicht das Detail der sprachlichen Form. Die Sprache kann in einem gewissen Masse angedrillt oder durch Nachahmung beeinflusst sein, wogegen Architektonik nicht gelernt werden kann, am allerwenigsten jene Architektonik, die ein ganzes Leben umspannt

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und es fast wie ein Kunstwerk erscheinen lässt. Kant's kritisches Lebenswerk — als Ganzes betrachtet — ist von majestätischer Einfachheit in der Disposition: die drei Kritiken, die eine der Natur, die andere der Freiheit, die dritte jenem »Dritten« (der Urteilskraft) gewidmet, ohne welches keine Einheit entstünde (s. Plato-Vortrag S. 545 fg.); um sie herum die erläuternden Ausführungen. ¹) Zieht man die Werke aus der Jugendperiode dazu, so gewinnt man den Eindruck eines vollkommenen Kreises, der zuerst enger gezogen ist und sich nach und nach symmetrisch erweitert. Wiederum ist die Anlage eines jeden einzelnen Buches ausserordentlich einfach und übersichtlich; so einfach und übersichtlich, dass man hier schon über das angeblich »Schematische« zu lächeln pflegt, ohne zu merken, wie genau dieses Schema in der allgemeinen Disposition der neuen Wissenschaft vorgestaltet liegt. Und so weiter hinunter bis in die Unterabteilungen der Teile. Zuletzt bekundet sich das Einfache in den einzelnen Worten. Das Wort wird bei Kant ganz Gestalt, er entkleidet es nach und nach alles Phrasenhaften: praktische Vernunft und theoretische Vernunft, Ding und Erscheinung, Erläuterungsurteile und Erweiterungsurteile, ²) Verstand und Sinnlichkeit, Freiheit und Natur, Wissenschaft und Religion, Pflicht und Neigung, Würde und Preis..... alle diese Worte werden bei Kant unausdenkbar beziehungsreich durch den systematischen Zusammenhang, in den er sie gebracht hat, und zugleich unlösbar mit einander verkettet, ein jedes allen anderen Sinn und Erläuterung zuspiegelnd. Sie wirken dadurch wie Symbole, und erst wenn dieser Punkt erreicht ist, weisen Worte über sich selbst hinaus. Vielleicht ist für den Schreibenden nichts so schwer wie gerade dies: dem Worte Bedeutungsfülle zu verleihen, Leben, Bewegung; nicht Wenige sind Meister des Satzes (was die eigentliche eloquentia ausmacht), doch dem Worte Inhalt zu geben, die vorhandene, gemeine, überall gültige Münze so umzuformen und auszuschmieden, dass sie hinfürder das Gepräge des einen
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    ¹) Um die reine Vernunft die Dissertation, die Prolegomena, die Streitschrift gegen Eberhard, die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft, der (unvollendet gebliebene) Übergang von der Metaphysik zur Physik; um die praktische Vernunft die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, die Anfangsgründe der Rechtslehre und die der Tugendlehre, die Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft und die nur aus Skizzen bekannte Schrift Gott, die Welt und der Mensch; um die Urteilskraft die Schriften Über den Gebrauch der teleologischen Prinzipien, Über Philosophie überhaupt und — mehr indirekt — noch mehrere andere.
    ²) Kant's Verdeutschung von analytisch und synthetisch (siehe r. V., 11).

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Mannes trage, dass sie — denken Sie an Plato's »Idee« und »Hypothese« — den Gedanken bedeute, der noch nie gedacht worden war, das unvergängliche Geschenk des Einen, welches überlebt, wenn auch sein Werk untergeht und sein Name vergessen wird, — das vor allen anderen Dingen scheint mir »höchste Kunst: Magie der Weisen« zu erfordern. Ist die Systematik, wie Kant sie versteht, ein Ringen nach der Weisheit, so muss in diejenigen Worte, die hier — wo es sich um Gedanken handelt — den Inhalt des Systems verkörpern, auch ein Ringen kommen. Bei Kant, genau so wie bei Plato, hat manches Wort einen gleichsam dehnbaren Begriffskreis mit unverrückbarem Mittelpunkt, etwa wie die Iris unseres Auges, die sich je nach der Lichtmenge erweitert und zusammenzieht — so z. B. bei »Natur« und »Ding«; in anderen Fällen aber verschiebt sich die Bedeutung wie die Töne einer Skala, bei denen in der Oktave der genau gleiche Ton, wenn auch in höherer Lage, erreicht wird, dazwischen aber andere, verwandte, organisch mit dem ersten und letzten verbundene Töne zu Gehör kommen, so dass das Wort eigentlich mehr eine ganze Tonart als einen einzelnen Ton bezeichnet — so z. B. bei »Empfindung«, »Erfahrung« u. a. ¹) Hier lebt eben das Wort und sucht und tastet; es ist ein Organ, nicht ein Werkzeug, wie die scholastischen Begriffe; umso näher lag aber die Gefahr des Verschwommenen; es gehörte eine geniale Macht der Veranschaulichung, es gehörte jene vielverspottete kunstgemässe »Architektonik« dazu, um trotzdem klar zu gestalten; es gelang; und heute sehen wir die Nomenklatur Kant's sich selbst allen denen aufdrängen, die sonst von diesem Denker wenig wissen und nichts verstehen. Ein spezieller Sachkenner sagte uns schon neulich, Kant habe sprachlich so umwälzend und zugleich bestimmend gewirkt, dass »alles Frühere als veraltet gelten müsse«; ²) fügen wir hinzu: alles Spätere erst recht. Immer wieder und immer mehr werden die einzelnen Ausdrücke Kant's umstritten; über das Ding an sich allein gibt es schon eine ganze Bibliothek; hier hält der Riese die Liliputaner fest in der Faust; gerade das letzte Element des Systems, das tragende Wort, das Einfachste, erweist sich als unüberwindlich.
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    ¹) Sehr charakteristisch kommt diese Tatsache zum Vorschein bei einer Definition von Erfahrung in den nachgelassenen Papieren: »Erfahrung ist das Ganze der Reihe des empirischen Bewusstseins in   b e s t ä n d i g e r   A n n ä h e r u n g «   (Üg. III, 605).
    ²) Vgl. Plato-Vortrag S. 413.

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VERSCHRÄNKTHEIT

    Jener Satz Goethe's hat aber eine zweite Hälfte. Es heisst nicht bloss: »Alles ist einfacher, als man denken kann«, sondern
noch: »zugleich verschränkter, als zu begreifen ist«. Die Feinheit der Schattierung im Wortausdruck müssen Sie genau beachten. »Verschränkt« ist hier Gegensatz zu »einfach«, doch gemäss einer bemerkenswerten, für Goethe's Denken bezeichnenden Auffassung. Die Worte mit »Schranke« spielen nämlich eine besondere Rolle in seiner Sprache. Die Schranke ist nach ihm für den Menschen unentbehrlich, durch sie kommt in sein Tun die Einheit, das Einfache; »in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister«; wogegen der Schrankenlose der leidenschaftliche Stümper ist, den Goethe hasst. Bei der Natur liegen die Verhältnisse anders, und zwar, weil hier nicht Freiheit, sondern Notwendigkeit gestaltet; darum sind die Begriffe Beschränkung und Schrankenlosigkeit unanwendbar; die Natur ist nach jeder Richtung hin unbeschränkt. ¹) Goethe will aber von seinem Begriffe nicht lassen; vielmehr will er mit ihm die Brücke bauen, die von einer Welt zur anderen führt; und so entdeckt er auch richtig, dass in der Natur die entsprechende Entgegenstellung — statt der des Beschränkten und Schrankenlosen — die des »Einfachen« und des »Verschränkten« ist. Einfachheit trifft man in der Natur überall an; ²) zugleich ist aber alles dermassen mit einander verflochten und zwar in dem weiteren Sinne des »Verschränktseins«, d. h. des gegenseitigen Ineinandergreifens, des gegenseitigen Bedingens und Bedingtwerdens, dass ein nie zu entwirrendes Gewebe daraus entsteht. Sie sehen, wie der Begriff der »Schranke« wieder zu seinem Rechte kommt; ist die Natur nicht be-schränkt, so ist doch alles in ihr ver-schränkt.
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    ¹) Eine den Scholastikern als lex parsimoniae naturae geläufige Vorstellung wird in letzter Zeit von unseren antimetaphysischen Empirikern unter verschiedenen Namen als neue Entdeckung gepriesen. Wahrlich ein manchesterlicher Gedanke! Auch die »Ökonomie des Denkens«, von der Avenarius, Mach und Andere heute viel Wesens machen, scheint mir ein zwar nicht ganz falscher, doch oberflächlicher, sehr »ökonomischer« Gedanke zu sein, Scholastik nicht Natur. Übrigens hat Kant diese naheliegende Konstruktion schon im voraus widerlegt (siehe r. V. 681).
    ²) Eine Verwahrung gegen mögliche Missdeutungen lege ich hier ein und berufe mich dafür auf Heinrich Hertz: »Freilich können wir von der Natur nicht a priori Einfachheit fordern, noch auch urteilen, was in ihrem Sinne einfach sei.
Aber den Bildern, welche wir uns von ihr machen, können wir als unseren eigenen Schöpfungen Vorschriften machen« (Prinzipien der Mechanik, Einleitung, S. 28). Es kommt jedoch für uns hier nicht darauf an, was man fordert, sondern was man findet; Hertz hatte die abstrakten Annahmen der mathematischen Physiker im Sinne; auch in jener Natur aber, die man mit Augen sieht, erblickt sowohl der Forscher wie der Poet zugleich Verschwendung und Einfachheit als die Grundzüge des »Stiles« der Natur.

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In Goethe's Satz finden wir aber noch eine weitere Entgegensetzung: es wird zwischen Denken und Begreifen unterschieden; wichtig ist es, genau zu verstehen, was hiermit gesagt sein soll. Das Einfache in der Natur, lehrt Goethe, können wir überhaupt nicht denken, es übersteigt — gerade an Einfachheit — alles, wozu wir armes kompliziertes Gewürme durch die vielverschlungenen Windungen im raumengen Hirnkasten uns jemals durchringen können; das Verschränkte in der Natur sind wir dagegen imstande zu denken, nicht aber zu »begreifen«, d. h. wir können es nie auf einmal erfassen, nie in einem Be-griff umspannen; wohl erblicken wir die einzelnen Teile und sind fähig, sie uns gedanklich zu deuten, unfähig aber sind wir, die »architektonische Idee des Ganzen«, auf die Kant so grossen Wert legt (siehe S. 596), in unsere Gewalt zu bekommen. Dass Goethe unter »begreifen« wirklich das meint, was ich hier andeute, geht aus einer beachtenswerten Stelle in den Annalen hervor (1801), wo er von einem Besuch der Reitbahn in Göttingen berichtet: »Warum denn auch eine Reitbahn so wohltätig auf den Verstand wirkt, ist, dass man hier vielleicht einzig in der Welt die zweckmässige Beschränkung der Tat, die Verbannung aller Willkür, ja des Zufalls mit Augen schaut und mit dem Geiste begreift«. Man begreift eben das, was man überschaut, denn dann besitzt man die Idee des Ganzen; von der Natur dagegen heisst es: alles ist verschränkter, als zu begreifen ist. Daraus ergibt sich aber eine unerwartete Folgerung: ein nicht »verschränktes«, ein ganz einfaches und übersichtliches System wird nie ein wirklich natürliches System sein. Es waltet ein eigentümlicher Unterschied vor zwischen der Einfachheit, die wir in der Natur entdecken, und der künstlichen Einfachheit des willkürlich systematisierenden, »zweckmässig beschränkenden« Menschen; jene Natureinfachheit ist (wie die Vorstellung der Metamorphose uns lehrte) eine Idee; erst durch die ergänzende Idee der Verschränktheit wird sie plastisch und tritt ins Dasein; hier liegt ein transscendentales Verhältnis vor; wogegen die andere, künstliche Einfachheit der willkürlich erdachten, logischen Systeme gleich kurzerhand und mit naiver Einseitigkeit Tatsachen ergreift und menschenmässig umgestaltet. Das Pferd — die verkörperte Ungebundenheit der fortstürmenden Bewegung — eingesperrt in die Reitbahn: das ist fürwahr ein prächtiges Sinnbild der menschlichen Einfachheit im Gegensatze zur Einfachheit der

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Natur. So gewinnt z. B. ein kluges Kind über das künstliche Pflanzensystem des Linnaeus in einer einzigen Stunde Überblick; wogegen das von John Ray und den Jussieus aufgestellte, seitdem unaufhörlich weiter ausgebaute natürliche System jahrelanges eingehendes Studium und namentlich eine grosse Übung im Anschauen erfordert, ehe es wirklich überblickt und insofern besessen wird. Und je tiefer ein derartiges natürliches System erforscht und erfasst wird, umso fester verschränken sich alle Teile ineinander; das Naturmässige, Menschenfremde, Organische daran tritt eben immer deutlicher zu Tage, und in einem Organismus wird jeder Teil von allen bedingt, so dass die Isolierung des Einfachen immer weniger gelingt. Und was Sie nun von Goethe hier lernen — von dem das Einfache, Klassische, Übersichtliche, Beschränkte stets preisenden Goethe — ist dies: je natürlicher ein System ist, d. h. in je höherem Grade es der Natur gerecht wird, um so verschränkter wird es sein und demgemäss um so schwerer zu »begreifen«.
    Für das Verständnis des Stiles des kantischen Denkens und Schreibens ist diese Bemerkung äusserst wichtig. Denn entdecken wir in aller natürlichen Systematik (und d. h. in aller Wissenschaft) das Verschränkte als den zweiten, nie fehlenden Zug neben der Einfachheit, so tritt es vielleicht doch nirgends so unmittelbar in die Erscheinung wie gerade bei Kant. Dahin gehört die viel und immer missbräuchlich angeführte Stelle in einem Brief an Beck, wo Kant, 1794, also noch in der Fülle seiner geistigen Kräfte, eine äusserst subtile Erläuterung einiger seiner Grundgedanken mit den Worten beschliesst: »Ich bemerke, indem ich dieses hinschreibe, dass ich mich nicht einmal selbst hinreichend verstehe« (Bf. II, 496); daraus ziehen philosophische Kommentatoren allerhand hämische Schlussfolgerungen, und doch wird jeder schöpferische Mathematiker und jeder Natursystematiker von Bedeutung in der Lage sein, dieses Wort nachzusprechen. Wer den Zusammenhang eingesehen hat, der wird nicht anders als lächeln können, wenn er allenthalben unserem Philosophen aus dieser bewundernswerten Eigenschaft der Verschränktheit seines Denkens und Systems einen Vorwurf machen hört. Wie kommt es aber, dass Kant's System noch verschränkter ist als das z. B. der Zoologie? Ich glaube, der Gegenstand, den er behandelt, bringt es mit sich; das, was er unter »reiner Vernunft« versteht, ist, wie er selber sagt, »eine so abgesonderte, in sich selbst so durchgängig ver-

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knüpfte Sphäre« (P., Vorr.), dass es hier eher als sonst irgendwo möglich war, der Architektonik der Natur — soweit es unserer Symbolik gelingen kann — erschöpfend beizukommen. Ausserdem besteht die ganze Tätigkeit dieser Vernunft gerade im Systematisieren; was auch die Vernunft in Betracht ziehen mag, jederzeit bezweckt ihre Tätigkeit »ein nach notwendigen Gesetzen zusammenhängendes System« (r. V. 673); eine jede Idee, die »im Vielen das Eine erblickt«, schafft schon ein System. Es ist also von vornherein wahrscheinlich, dass — wenn nur richtig ins Werk gesetzt — eine Untersuchung der reinen Vernunft in der Aufdeckung architektonischer Natursystematik weiter kommen wird als auf irgend einem anderen Gebiete. Dass das Ergebnis in diesem Falle in hohem Masse an jenen beiden entgegengesetzten Eigenschaften — plastischen Widersprüchen — der Einfachheit und der Verschränktheit teilhaben muss, ist für uns nunmehr ebenso fraglos wie bedeutungsvoll. Und schauen wir etwa von hier aus auf den schlichten Menschen hin, wie er in seinem lieben Königsberg von 1724 bis 1804 leibte und lebte, so scheinen uns diese beiden Prädikate — einfach und verschränkt — nicht nur für sein Denken und Gestalten, sondern für sein ganzes Wesen bezeichnend.

KANT'S STOFF

    Über die Verschränktheit werde ich noch Einiges zu sagen haben; das kann aber nur im Zusammenhange mit einer anderen Frage geschehen, zu der ich jetzt übergehen muss, und die ich wiederum als Stilfrage aufzufassen beabsichtige. Die letzten Ausführungen drängten immer mehr die Frage nach dem   G e g e n s t a n d   auf. Um was handelt es sich bei Kant? Eine Wissenschaft will er; gut; was für eine Wissenschaft? eine Wissenschaft wovon? Die Formfrage hat sich hier in eine Stofffrage verwandelt. Wenn ich aber vorhin ein näheres Eingehen auf die Form abwies, weil dies einer Darstellung der Philosophie Kant's gleichgekommen wäre, so muss ich hier ebenfalls sagen: eine vollständige Beantwortung der stofflichen Frage würde nicht weniger erfordern als die lückenlose Entwickelung des ganzen Systems. Ich glaube jedoch, im Laufe dieser Vorträge müssen Sie doch nach und nach schon nahe an das Verständnis von Kant's Ziel gelangt sein; vom Leonardovortrag ab haben wir jedesmal irgend etwas zu dessen genauerer Bestimmung gewonnen; namentlich aber im Platovortrag traten wir dicht heran. Sobald Sie begriffen haben, was transscendentale Beziehungen sind, kann Sie der »Stoff« der neuen Wissenschaft nicht mehr

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als ein ganz Fremdes anmuten. Dass derartige Beziehungen allem, was wir Erfahrung nennen, zu Grunde liegen, ist Kant's (ohne genauere Kenntnis Plato's gemachte)   E n t d e c k u n g;   die Erforschung des architektonischen Zusammenhanges dieser Beziehungen führt zu seinem   S y s t e m;   die daraus gefolgerten Schlüsse über Wesen, Bereich und Begrenzung von Wissenschaft und Religion bilden das, was man als seine positive Lehre bezeichnen kann. Heute möchte ich nun, wie gesagt, auch diese Frage als eine Stilfrage auffassen; ich möchte versuchen, aus den uns reichlich vorliegenden Kenntnissen über die intellektuellen Anlagen der Persönlichkeit Kant's, wenn nicht eine technische, wissenschaftliche Antwort auf die Stofffrage, so doch eine genaue Vorahnung der Antwort zu gewinnen, ein Verständnis für den allgemeinen Stil des Denkens, der zu der Absteckung eines so besonderen Gebietes führte. Denn es ist wohl nicht paradox, wenn ich behaupte, auch der Stoff, den sich ein Mann zur Behandlung wählt, gehöre — zum mindesten als Symptom — zum   S t i l   seines Denkens und Schaffens; der Stoff, das Gebiet, im Gegensatz zu den Theorien und Tatsachen. Hier ist Buffon's so allgemein falsch citiertes Wort am Platze: Les connaissances, les faits et les découvertes sont hors de l'homme, le style est l'homme même. Und schön ist das, was der heute so sehr unterschätzte Mann hinzufügt: »Alle die intellektuellen Schönheiten des Stiles, alle die vielfachen Beziehungen, die den Stil ausmachen, sind an sich schon nützliche Wahrheiten, vielleicht sogar von grösserem Werte für den Menschengeist als diejenigen Wahrheiten, die in dem behandelten Gegenstande zu entdecken sein mögen«. ¹) Wir werfen die Stofffrage auf und scheinen damit zum Unpersönlichen überzugehen, in Wirklichkeit aber erlauschen wir dabei die innersten Geheimnisse der Persönlichkeit.

»TRANSSCENDENTAL«

    Dass Kant dem philosophischen Denken ein neues Gebiet erschlossen zu haben meinte, wissen wir, und gleich der erste Abschnitt der Einleitung zur Kritik der reinen Vernunft trägt in der ersten Auflage die Überschrift: Idee der Transscendental-Philosophie; hier haben wir also den Namen der »neuen Wissenschaft, von welcher niemand auch nur den Gedanken vorher gefasst hatte«. Später hat Kant in Bezug auf die Benennung eine Zeitlang geschwankt, weil der Ausdruck »transscendental« sofort zu allerhand
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    ¹) Discours de réception à l'Académie française.

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Missverständnissen Anlass gegeben hatte; er versuchte dafür die Bezeichnungen »kritischer Idealismus« und »formaler Idealismus« einzuführen; doch bald kehrte er zu dem alten Wort zurück, das namentlich infolge der Titel der Unterabteilungen der reinen Vernunft transscendentale Ästhetik, transscendentale Dialektik usw. — unter den Philosophierenden schon gebräuchlich geworden war, und pflegte in seinen letzten Jahren nie anders als kurzweg von Transscendentalphilosophie zu reden. Dass der Name nicht glücklich gewählt ist, wird wohl Jeder zugeben müssen; doch schliesslich, sobald die Sache einem genau bekannt ist, kommt es auf den Namen nicht an; die Silbe trans erlaubt wenigstens an ein Hinüber und Herüber zu denken, und das scandere — ersteigen, erklettern — kann zur Anzeige dienen, dass die beiden Dinge, die zusammentreten sollen, durch eine hohe Mauer voneinander getrennt sind. Das Wort »transscendental« muss uns so geläufig und unentbehrlich werden, dass wir über das Wort als solches gar nicht mehr nachdenken.

DAS ABGRENZEN

    Zunächst muss gesagt werden: Kant's Transscendentalphilosophie ist eine Wissenschaft der Grenzen.
    Wir haben schon früher gesehen, wie die Abgrenzung von Wortbedeutungen zu Kant's liebsten Beschäftigungen gehörte (S. 416); die genaue Abgrenzung der Wissenschaften einander gegenüber bildet nach ihm eine der wichtigsten Aufgaben aller Philosophie. Schon fünfzehn Jahre vor der Kritik der reinen Vernunft, zu einer Zeit, wo er für den Begriff des Transscendentalen noch kein Wort besass, träumt er von einer Wissenschaft »von den Grenzen der menschlichen Vernunft« und meint: «Da ein kleines Land jederzeit viel Grenze hat, überhaupt auch mehr daran liegt, seine Besitzungen wohl zu kennen und zu behaupten, als blindlings auf Eroberungen auszugehen, so ist dieser Nutzen der erwähnten Wissenschaft der unbekannteste und zugleich der wichtigste« (Tr., 2. T., 2. Hptst.); und als er dann die erste seiner Kritiken beendet hat, bezeichnet er seine Philosophie als eine »Disziplin zur Grenzbestimmung« (r. V., 823). Und in der Tat, als Methode oder Stil betrachtet, besteht das Grundgewebe sowohl der Kritik der reinen Vernunft wie auch der anderen Kritiken aus einem System von Grenzbestimmungen. Die Grenze wird gezogen zwischen Sinnlichkeit und Verstand, zwischen Anschauung und Empfindung, zwischen Anschauung und Erscheinung, zwischen reiner Anschauung und empirischer

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Anschauung, zwischen Verstand und Vernunft, zwischen praktischer Vernunft und theoretischer Vernunft, zwischen reinem Verstand, reiner Vernunft und reiner Urteilskraft, zwischen Erläuterungsurteilen und Erweiterungsurteilen, zwischen bestimmender und reflektierender Urteilskraft, zwischen konstitutiven und regulativen Prinzipien, oder wieder zwischen transscendental und transscendent, zwischen transscendental und empirisch, zwischen transscendent und immanent usw., usw. Und Sie dürfen nicht etwa einwerfen, das selbe komme bei allen Philosophen vor, es handle sich um Definitionen; denn das gerade ist für Kant's Gedankenstil charakteristisch, dass er selten und immer nur versuchsweise und nur mit vorläufiger Geltung definiert (vgl. S. 68 fg.); das Ganze bleibt in lebendigem Fortschritt, Fortschritt der Ausführung nämlich. Kant nimmt das Gegebene als gegeben an — z. B. die Tatsache, dass die Physik eine exakte Wissenschaft ist — er räsonniert nicht abstrakt darüber, sondern sucht es vorerst durch genaue Abgrenzung von anderem Gegebenen scharf zu trennen. Ist das gelungen, dann untersucht er, ob das Betreffende nicht aus Teilen bestehe, und diese Teile werden wieder gegeneinander abgegrenzt. Auf diese Weise entsteht nach und nach ein immer deutlicheres Bild. Die Art der Arbeit erinnert an die eines Kartographen, der erst die allgemeinsten Umrisse zeichnet, die Küstenlinien, welche Wasser und Land gegeneinander abgrenzen, dann aber nach und nach die Flüsse und Berge, die die Länder voneinander scheiden, einträgt und zuletzt die einzelnen Länder durch Andeutung ihrer näheren Struktur in Teile gliedert. Verfährt Kant gewiss nicht in dem Sinne anschaulich, dass er sich durch Bilder mitteilte — er tut es bisweilen und dann immer sehr glücklich, leider aber selten — so beruht doch, wie Sie sehen, sein Gedankenstil in einem tieferen Sinne auf Anschauung, da er immer und überall mittels Abgrenzung fortschreitet. Hierdurch bewährt sich Kant als Geometer und Architekt;. ein Mann mit anderen Anlagen hätte das nicht leisten können. Damit wäre aber nicht genug gesagt. Denn haben wir vorhin von der Bedeutung der Form für Kant gesprochen, so ist hier von etwas Anderem die Rede, nämlich von der notwendigen Form des bestimmten Stoffes: die Erkenntnis der transscendentalen Verhältnisse ist an ein fortwährendes unzweideutiges Unterscheiden mit scharfer Abgrenzung der Bereiche gebunden; hier verschmilzt das Gesetz des Stoffes mit dem Instinkt dieses Individuums. Wie aber werden

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im Reiche der Gedanken, wo der Kartograph keinen Stift in der Hand führt, Grenzlinien gezogen? Durch Verneinungen. Daher das bemerkenswerte Wort Kant's: »Die Negationen sind die transscendentale Form« (Nachlass I, 238).
    Soviel vorläufig über das Formale an diesem Stoffe, mit anderen Worten, über die stilistisch betrachtet notwendige Form des Stoffes; nun aber wollen wir nach der »transscendentalen Materie« des Stoffes fragen, wie Kant sie am selben Orte nennt.

DIE BEWEGUNG

    Das Erste und Grundlegende, das wir hier festzustellen haben, ist: was auch das Transscendentale sonst sein mag, es ist jedenfalls Bewegung. Ein interessanter Satz Friedrich Hebbel's, in welchem Falsches und Richtiges verwoben ist, gibt uns vielleicht die Anregung zu einer genaueren Auffassung des hiermit Angedeuteten.
    Der Dichter schreibt: »Wo alle Grenzen sich durchschneiden, alle Widersprüche sich berühren, da ist der Punkt, wo das Leben entspringt«. ¹) »Widersprüche« ist — wenigstens für unseren Zweck — ungenau gesprochen; man kann nicht behaupten, Sinnlichkeit und Verstand, oder »empirisch« und »rein«, oder Gestalt und Zwecktätigkeit widersprächen sich, ebensowenig wie man wird behaupten wollen, rechts und links oder Männliches und Weibliches seien Widersprüche; sie sind vielmehr Entgegensetzungen, absolute, unreduzierbare Entgegensetzungen, d. h. Vorstellungen und Dinge, die man nie auf einen gemeinsamen Begriff zurückführen kann. Was nun Kant bei seiner graphischen, grenzziehenden Untersuchung der Vernunft entdeckte, war, dass auf allen Stufen der Erkenntnis — vom ersten Dämmern des Bewusstseins bis zu den umfassendsten Anschauungen und den subtilsten Gedanken — immer zwei in besagter Weise entgegengesetzte Elemente am Werke sind, und dass — wie der Dichter es ausspricht — wo deren »Grenzen sich durchschneiden«, der Punkt ist, wo das Leben entspringt. Diese sich ergänzenden Entgegensetzungen — wie wir schon aus dem Plato-Vortrag wissen (S. 451) — kann man ebensogut als gezeugt wie als zeugend auffassen; hier »entspringt das Leben«; man kann nicht weiter zurück; es zu wollen, wäre an und für sich schon sinnlos, denn auch die Zeit »entspringt« erst hier. Wollte ich (wie Andere es getan haben) den Vergleich der zwei Steine heranziehen, die man gegeneinander schlägt, um den
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    ¹) Tagebücher, unverkürzte Ausg. III, 112.

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Funken zu wecken, das Bild wäre zwiefach falsch: denn erstens sind die zwei Steine völlig gleichwertig, und zweitens handelt es sich bei dem Funkenschlagen einfach um Ursache und Wirkung, wogegen bei der transscendentalen Berührung zwei mit einander inkommensurable Elemente zusammenkommen und ein jedes erst durch das andere, in dem anderen, für das andere, infolge des anderen Sinn und Bedeutung erhält. Erst in seinen letzten Lebenstagen hat Kant für dieses Verhältnis eine knappe Formel gefunden, indem er von den beiden überall nachweisbaren transscendentalen, durch Verknüpfung Erkenntnis erzeugenden Elementen sagt: »wechselseitig als Grund und Folge im Gegenverhältnisse stehend, machen sie ein Ganzes aus«. ¹) Damit jenes Bild stimmte, müsste also ein jeder der beiden Steine Grund des anderen Steines sein. Womit drastisch vergegenwärtigt wird, wie wenig irgend ein aus der Empirie entnommenes Beispiel von Ursache und Wirkung auf transscendentale Verhältnisse passt, wo Jedes nur insofern Grund eines Anderen ist, als es zugleich dessen Folge ist, also »wechselseitig im Gegenverhältnisse«. Der Zweckgedanke ist nicht Grund der Lebensgestalt, noch die Lebensgestalt Grund des Zweckgedankens, doch »ein Ganzes« — hier also das Leben — entsteht in unserem Bewusstsein nur, insofern die Gestalt als Zweck gedacht und der Zweck als Gestalt erschaut wird. Sie sehen, hier passt ebensowenig der Begriff der Ursache aus Notwendigkeit (wie wir ihn aus der empirischen Natur kennen), als der Begriff der Ursache aus Freiheit (wie ihn die sittliche Welt als sichere Tatsache zeigt); es handelt sich um ein anderes Gebiet, um das Gebiet, wo Bewusstsein erst gezeugt wird und selber zeugt; wie Kant sagt: »transscendentale Fragen lassen nur transscendentale Antworten zu« (r. V. 665); jedes Bild verfehlt hier den Zweck. Doch wenn auch das Bild der gegeneinander schlagenden Steine unzutreffend ist, das Eine daran ist nichtsdestoweniger richtig: was auch das Transscendentale sonst sein mag, es ist, wie gesagt, jedenfalls   B e w e g u n g.   In dieser Be-
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    ¹) Üg. III, 405. Im Text ist speziell von Mathematik und Philosophie die Rede, die zusammen die Möglichkeit einer exakten mechanischen Wissenschaft der Natur, wie sie Newton verstand, ausmachen, indem sie — das eine als Inbegriff der reinen Anschauung, das andere als Inbegriff des reinen Denkens — sich wechselseitig bedingen; doch das Gesagte ist von unbeschränkter Anwendung. (Das irrige »ausmacht« habe ich in »ausmachen« verbessert.) Auf der vorangehenden Seite des selben Bogens schreibt Kant: »Den 22. April trat in mein 79stes Jahr«; sodass diese wichtige Formulierung mit Sicherheit datiert werden kann als entstanden zwischen dem 22. April 1802 und dem 22. April 1803.

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ziehung sind die Zeitworte in Hebbel's Satz alle drei vortrefflich am Platze: berühren, durchschneiden, entspringen. Sie erinnern sich an die Stelle im Theaitetos (156 fg), wo Plato mit genialer Intuition lehrt, alle Wahrnehmung sei Bewegung, und zwar »eine Bewegung von Zweierlei«, und erst durch das Zusammentreten Beider werde zugleich ein Wahrnehmender und ein Wahrgenommenes erzeugt. ¹) Der selbe Gedanke wird von Kant weitergedacht und zu einer erschöpfenden Analyse des ganzen Menschengeistes durchgeführt; von der Wahrnehmung aus dringt er in alle Tiefen ein und findet überall »Bewegung von Zweierlei« und überall Berühren, Durchschneiden, Entspringen. Kant hat sich meines Wissens nie klipp und klar hierüber ausgesprochen, wie ich es hier tue, doch die Sache findet sich natürlich bei ihm auf Schritt und Tritt; denn ist es der eine Charakter dieses Stoffes, dass immer wieder — im Grossen und Grössten, wie im Kleinen und Kleinsten — unterschieden und abgegrenzt werden muss, so ist der zweite Charakter der, dass die Erzeugung ins Sein, wie Plato es nennt, (die genesis eis ousian) im Brennpunkt einer   B e w e g u n g   stattfindet — einer Bewegung, die uns je nach dem Standpunkt der Beobachtung als ein Aufeinanderzufliegen oder aber als ein Auseinanderfortstieben erscheint. Hören Sie einige Aussprüche Kant's. Die Einheit des Bewusstseins — jener unverrückbare Mittelpunkt der kantischen Denkweise — ist sozusagen fortgesetzte Bewegung, denn hier wird beständig   » v e r k n ü p f t «;   diese Einheit entsteht und besteht lediglich in der Einheitlichkeit der   » H a n d l u n g e n «   (siehe r. V. 138), d. i. »existiert als Intelligenz, die sich lediglich ihres   V e r b i n d u n g s v e r m ö g e n s   bewusst ist« (r. V. 178); auch das Denken wird von Kant mit Vorliebe als   » H a n d l u n g «   bezeichnet (siehe z. B. r. V. 67): das Denken   » b e z i e h t   sich auf Anschauungen« (r. V. § 1), also es bewegt sich auf sie zu; das Denken ist »die   H a n d l u n g,   gegebene Anschauung auf einen Gegenstand zu beziehen« (r. V. 304); der Verstand wird definiert als »ein Vermögen zu   v e r b i n d e n «   (r. V. 135), seine Synthesis ist »nichts Anderes als die Einheit der   H a n d l u n g «   (r. V. 153); »der Verstand ist eine   T ä t i g k e i t «   (Ref. II, 147); der Verstand   » k o m m t   zur Sinnlichkeit«, die Sinnlichkeit   » k o m m t   zum Verstande« (a. a. O.), d. h. sie bewegen sich aufeinander zu; die Empfindung ist eine   W i r k u n g   (r. V. 34), also eine Bewegung, und dasjenige in der Erkennt-
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    ¹) Vgl. den vorigen Vortrag S. 443.

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nis, was nicht Empfindung ist, »müssen   H a n d l u n g e n   sein, die vor der Erfahrung vorausgehen und wodurch dieselbe möglich sei« (Ref. II, 147) ... Ich citiere das erste Beste, was ich beim Blättern finde; die Tatsache, dass hier immer zweierlei sich wechselseitig bedingt, genügt zur Einsicht, dass überall und ausnahmslos sich bei Kant die Vorstellung der Bewegung finden müsse; entweder wird tatsächlich verknüpft und verbunden — und das ist der Fall in allen konstruktiven Teilen seiner Werke — oder aber das, was im Augenblick behandelt wird, setzt ein Anderes, Entgegengesetztes voraus, und man versteht Kant schlecht oder vielmehr gar nicht, wenn man dieses Andere nicht beständig im Sinne hält und sich selber bewegt, sich umdreht, um es nicht aus den Augen zu verlieren; so z. B., wenn man bei der Kritik der Natur, die — objektiv betrachtet — den Gegenstand der Kritik der reinen Vernunft ausmacht (subjektiv handelt es sich um eine Kritik der theoretischen Vernunft) die Freiheit ausser acht lässt, oder bei der Kritik der Freiheit (subjektiv aufgefasst eine Kritik der praktischen Vernunft) die Natur und ihre Gesetze vergisst. Der Punkt genau mitteninne zwischen beiden, wo die Erzeugung zum Sein stattfindet, ist ein punctum evanescens, ein beständig Entstehendes und beständig Entschwindendes, ein ebenso Unfassbares wie das eigene Ich; selbst einem Kant gelang es nur auf der höchsten Höhe seiner Meisterschaft, zeitweilig genau auf diesem Mittelpunkt zu verharren, gleichsam in der Schwebe — und so entstand das vielleicht merkwürdigste und an Anregung reichste seiner Werke: die Kritik der Urteilskraft.
    Was ich hier andeute — denn es handelt sich lediglich um kurze Andeutungen, deren Ausbau Ihrem Nachsinnen überlassen bleibt — scheint mir von grosser Wichtigkeit für das Verständnis der Person und ihres Werkes. Wie Sie sehen, ist diese Weltanschauung von Haus aus eine »dynamische«; der Stoff selbst — dessen Stil wir hier untersuchen — wird als Bewegung aufgefasst und gedeutet. Nur ein geborener und technisch ausgebildeter Physiker konnte hierauf verfallen, nur ein Mann, dem die Methoden und die mit diesen zusammenhängende Denkweise der modernen exakten Wissenschaft — im Gegensatz zu aller rein logischen Spekulation — in Fleisch und Blut übergegangen waren. Ich habe in diesen Vorträgen schon wiederholt auf die eigentümliche Gewaltsamkeit in den heutigen naturwissenschaftlichen Vorstellungen hingewie-

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sen; Newton erschien uns fast wie ein Kolonist im far-west, der mit der Axt Lichtungen schafft (S. 141 fg.); die Vorstellung, dass die Körper sich »anziehen«, gar noch ergänzt durch die unumgängliche zweite, dass sie sich »abstossen«, hat für jeden zugleich denkenden und naiv redlichen Menschen zunächst etwas Ungeheuerliches. Es gehört eine ganze Erziehung dazu, ehe wir uns in derlei Annahmen hineinleben; auch der systematischen Erziehung gelänge es nicht, wenn Kosmologen und Physiker und Chemiker nicht auf die   E r g e b n i s s e   dieser Denkmethoden hinweisen könnten; in Wirklichkeit sind es auch nur diese Ergebnisse, die uns zum Kapitulieren bringen. Und spreche ich von Anziehung, so geschieht das nur, um die Sache von ihrer anschaulichsten, allegorischen Seite zu zeigen. Anziehung und Abstossung sind Worte, Bilder; entscheidend ist nur das Eine: seit Galilei und Descartes liegt die Symbolik der   B e w e g u n g   aller Wissenschaft der Natur zu Grunde, und d. h. die Dynamik, die Vorstellung der Kraft; man fragt nicht mehr wie früher: wie wird die Ruhe gestört? woher entsteht die Bewegung? welcher Gott dreht von aussen oder von innen? Sondern Ruhe ist nur noch eine Phase der Bewegung und kann überhaupt nur uneigentlich und in Bezug auf das Verhältnis zwischen gewissen gleich bewegten Körpern angenommen werden; das Gegebene ist Bewegung, absolute Ruhe wäre das Nichts; das perpetuum mobile ist heute die Grundhypothese, das perpetuum immobile das Undenkbare; »alles Reale ist bewegende Kraft«, spricht Kant den Physikern nach, »einzig Bewegung erfüllt einen Raum«; Stoff ist jetzt Bewegung, und die sogenannte Undurchdringlichkeit der Materie ist strahlende Centrifugalkraft. Kant's Grundannahme über das Wesen der Erkenntnis schliesst sich also, wie Sie sehen, an die Annahmen aller exakten Wissenschaft an.

DAS BEZIEHEN EIN LETZTES

    Hier drängt sich aber eine weitere Erwägung unabweisbar auf. Die Bewegung eines einzigen und alleinigen Körpers ist ebenso undenkbar wie unvorstellbar; Bewegung ist Beziehung; ein Körper kann sich nur in Bezug auf andere bewegen; der Begriff der Bewegung schliesst den Begriff der Vielheit ein. Jeglicher Monismus ist also ausgeschlossen. Ein Logiker — wie Plotin oder Hegel — oder ein Mathematiker — wie Spinoza — kann Monist sein, und wir erleben heute den Spass, dass ein hervorragender Zoolog den denkfaulen Massen einen »wissenschaftlichen Monismus« als neue Religion predigt; ein Physiker und Kosmolog kann nicht Monist sein,

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Bruno's unità assoluta, che non si muove ist für ihn der Inbegriff des Undings; denn nach seiner Vorstellungsweise sind Einheit und Ruhe nur Umschreibungen des Nichts; schon das Gleichgewicht der Kräfte nennt der Physiker »den Tod«. ¹) In diesem Zusammenhange werden Sie, glaube ich, leicht verstehen, was Kant meint, wenn er kurzweg erklärt: Der transscendentale Idealist ist ein Dualist. ²)
    Lassen Sie mich diese für den Stil seines Denkens und Schaffens entscheidenden Tatsachen in drei kurze Sätze zusammenfassen:
    1. Für Kant liegt bei allen Phänomenen des Bewusstseins   B e w e g u n g   zu Grunde,
    2. Bewegung besteht aus   B e z i e h u n g e n   zwischen Verschiedenem,
    3. für Kant sind Beziehungen ein   L e t z t e s,   über das hinaus gehen zu wollen sinnlos wäre.
    Hieraus folgt nun, dass alles, was bei Kant in irgend einem Sinn »Erklärung« oder »Deutung« oder »Theorie« genannt werden kann, in der Aufdeckung von Beziehungen zwischen Mehrerlei bestehen muss und wird und in nichts Anderem, ebenso wie auch die Architektonik seiner gesamten Weltanschauung notwendigerweise die Gestalt eines möglichst vollendeten Systems gegenseitig sich bedingender Beziehungen aufweisen muss.
    Hierdurch unterscheidet sich nun meines Erachtens Kant von allen Philosophen der Welt (soweit sie mir bekannt sind); einzig Plato steht auf dem selben Boden, hat aber kein System hinterlassen. Denn entweder verzichten die Menschen auf alle Philosophie, oder Philosophie bedeutet für sie das Suchen nach einem letzten Prinzip, d. h. nach einem letzten — oder ersten — Grund, in welchem alles Übrige wie eingefaltet liegt. Ich schlage zwei vortreffliche moderne Lehrbücher auf, ein deutsches und ein französisches; der Deutsche sagt: »Philosophie ist das Erkennen des absoluten Grundes des Daseins«, der Franzose schreibt: La philosophie est l'effort ... pour expliquer le monde par une cause des causes ou cause première. Und hören Sie noch Deussen, der vielleicht wie kaum ein Zweiter mit dem Denken aller Kulturvölker
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    ¹) Siehe Perrin: Traité de chimie physique I, 179.
    ²) r. V., I., S. 370 lesen wir: »Der transscendentale Idealist   k a n n ... ein empirischer Realist, mithin, wie man ihn nennt, ein Dualist sein«; S. 371 steht dann: »Also ist der transscendentale Idealist ein empirischer Realist ... «; folglich ist obiger Satz ein buchstäblich genauer Ausdruck des kantischen Gedankens.

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der Welt bekannt ist: »...die auffallende und allen durchgeführten philosophischen Systemen gemeinsame Eigentümlichkeit (ist), dass sie es für nötig finden, ein   P r i n z i p   aufzustellen, aus dem sie dann in mannigfacher Weise bemüht sind, das Dasein der Welt und ihrer Erscheinungen zu begreifen«. ¹) Wenn man von jenen Denkern absieht, die wie Hume grundsätzlich auf Weltanschauung verzichten, von den echten Skeptikern also, deren Philosophie darin besteht, keine zu haben, so stimmen die angeführten Definitionen der Philosophie von den ältesten Zeiten bis zum heutigen Tage und umfassen ebensosehr unsere neuesten Empiriker und Materialisten, wie die Spiritualisten und Metaphysiker. Ein Naturforscher-Philosoph wie Wilhelm Wundt mag sich noch so sehr durch Ausgangspunkt, Methode und Ziel von einem Schopenhauer unterscheiden, die Willenslehre, die er in seinem System der Philosophie vorträgt, ist nicht eine Spur weniger »absolut«, weniger »letztes Prinzip«, weniger Dogma als die in der »Welt als Wille und Vorstellung«. ²) Und so durchweg. Die Denkart der Physik ist selbst unseren fachmässigen Naturforschern — wieviel mehr unseren Fachphilosophen — noch völlig fremd, wenigstens sobald sie philosophieren. Wogegen Kant nicht bloss äusserlich mit den kosmologischen Physikern zusammengeht, sondern auch innerlich genau mit ihnen übereinstimmt; er sucht nicht nach einem »absoluten Grund« oder »letzten Prinzip«, sondern begnügt sich, die letzt auffindbaren   B e z i e h u n g e n   aufzudecken und in ihrem Verhältnis zueinander begreiflich darzustellen. Darum steht er wie ein Fremder unter uns, angestaunt, aber unverstanden.

DIE EXCENTRICITÄT

    Hier nun, nachdem wir diese allgemeinen Einsichten gewonnen haben, ist es an der Zeit, einen Schritt weiter zu tun und eine nähere Begriffsbestimmung des Stoffes, dem Kant sein Denken widmet, zu versuchen. Diese Begriffsbestimmung unterliegt aber einer Schwierigkeit, auf die ich Sie im voraus in aller Kürze aufmerksam machen muss; ich komme bald noch einmal und ausführ-
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    ¹) Allgemeine Geschichte der Philosophie I¹, 3.
    ²) Die Sache wird nicht etwa anders dadurch, dass der selbe Mann, der uns in seinem System lehrt: »Es gibt schlechterdings nichts ausser dem Menschen noch in ihm, was er voll und ganz (!) sein Eigen nennen könnte, ausgenommen seinen Willen« (2. A., S. 377), uns in seiner Physiologischen Psychologie versichert, der »abstrakte Wille« sei »ein blosses Wort«, er »zerstiebe bei der Analyse in Nichts«. Ist denn »Gravitation« etwas Anderes als ein Wort, ein Symbol? Will es etwas Anderes sein? Verwahrt sich nicht Newton ausdrücklich gegen jede materielle Auffassung (siehe S. 466)? und bedeutet das Wort deswegen nichts?

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licher darauf zurück. In seinen nachgelassenen Papieren gebraucht Kant einmal ein überraschendes Bild: die Transscendentalphilosophie sei ein auf dem Prinzip der   E x c e n t r i c i t ä t   begründetes System (Üg. III, 405). Sie wissen vermutlich — denn jeder Mensch sollte solche Dinge wissen — dass in der Mechanik die sog. excentrische Scheibe eine Einrichtung ist, mittels derer kreisende Bewegung in geradlinige umgewandelt wird, und umgekehrt; in jeder Werkstatt der Welt können Sie das Prinzip der Excentricität durch Anschauung kennen lernen. Je mehr Sie nun über die transscendentale Methode nachdenken, und je tiefer Sie infolgedessen in ihr Wesen eindringen, umso mehr werden Sie die Angemessenheit dieses Bildes bewundern. Im Transscendentalen wird ununterbrochen »umgewandelt«. Nicht allein ist also — wie wir schon gesehen haben — immer Vielheit, immer Beziehung, immer Bewegung an diesem Stoffe zu verzeichnen, sondern auch immer   U m w a n d l u n g   aus einer Bewegungsform in die andere; nur diesen Augenblick der Umwandlung fasst die Transscendentalphilosophie ins Auge. Den Gegenstand z. B. betrachtet sie nur in dem Augenblick, wo die Vernunft ihn aufnimmt, also subjektiv, das Subjekt dagegen analysiert sie vermittelst des von ihm gestalteten Gegenstandes, also objektiv; die Sinnlichkeit ist für sie Funktion des Verstandes, der Verstand Funktion der Sinnlichkeit; die Idee macht Erfahrung möglich, einzig in der Erfahrung wurzelt die Idee; usw. Sie werden leicht verstehen, dass, wo eine derartige Excentricität das Prinzip bildet, eine eindeutige Definition, die dem Gedanken gerecht würde, unmöglich ist. »Es ist schwer«, sagt Kant, »sich über die Prinzipien dieser Art auch nur zu verstehen, weil sie die Methode zu denken   v o r   der Bestimmung des Objekts betreffen, und einander widerstreitende Ansprüche der Vernunft den Gesichtspunkt zweideutig machen, aus dem man seinen Gegenstand zu betrachten hat«. Wir müssen also nacheinander von verschiedenen Seiten herantreten, und werden sowohl eine einseitig subjektive, wie eine einseitig objektive Definition des transscendentalen Stoffes versuchen müssen; die eine wird ebenso berechtigt sein wie die andere. Damit wird aber auch noch nicht genug geleistet sein, da wir das Objektiv-Subjektive entweder theoretisch oder aber praktisch auffassen können.

WAS IST PHILOSOPHIE?

    Um nun sicher zu gehen, wollen wir vorerst die Sache vom umfassendsten Standpunkt in Betracht ziehen und uns ein letztes Mal

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fragen: was bezweckt Kant mit der Philosophie überhaupt? Hierauf besitzen wir eine knappgehaltene Antwort aus seinem eigenen Munde.
    Kant sagt: »Philosophie ist die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft, und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft« (r. V. 867). Über diese Worte müssen wir einen Augenblick nachdenken, damit wir ihren Sinn ganz genau erfassen.
    Die »wesentlichen Zwecke«! Hiermit geschieht der selbe Sprung aus der Spekulation ins Praktische, den unsere Wissenschaft der Natur im XV. und XVI. Jahrhundert tat. Die Hellenen — und ewig verehrungswürdig bleiben sie dafür — hatten den Kosmos als ein Kunstwerk aufgefasst; jede Erklärung musste darum menschlich sein, harmonisch, logisch, einleuchtend, vernünftig; der Germane erwachte zu dem Bewusstsein: auf diesem Wege kommen wir nicht weiter, wir schränken die Natur in die Grenzen unseres Menschtums ein und finden nur uns selber wieder; setzen wir uns ein anderes Ziel: die Natur beherrschen! Wer herrschen will, verzichtet, schränkt sich selber ein, dafür aber wächst er an dem Beherrschten empor. Mephistopheles sagt mit Recht: wer sechs Hengste zahlen kann, rennt zu als hätt' er vierundzwanzig Beine; das ist die Allegorie für das hier Gemeinte; ich verzichte aufs Gehen und komme um so schneller vorwärts. Nichts führt so weit, so unberechenbar weit über uns selbst hinaus wie ein methodisch richtig erfasster Zweckgedanke. Der Mensch, der zuallererst ein Pferd einritt, ist gewiss für einen Narren gehalten worden; dic unermesslichen Folgen dieses Gedankens für das Menschengeschlecht konnte Keiner ahnen. Die Begründer unserer exakten Wissenschaft gingen ähnlich vor. Freilich mussten auch sie wieder gestalten; Wissenschaft bedeutet nicht bloss etymologisch, sondern ist auch wirklich »gestaltetes Wissen«; anstatt aber — wenn Sie mir den Ausdruck erlauben — anstatt, wie die Hellenen, der Natur vorzugestalten, gestalten sie ihr nach. Von der sogenannten höheren Mathematik, die zu diesem Zwecke jetzt erfunden ward, sagt der bedeutende Mathematiker Carnot, sie sei »voller rätselhafter Annahmen« (énigmes), die der Mathematiker selber nicht recht verstehe, und gerade diese Annahmen seien es, denen sie ihre überlegenen Leistungen verdanke, ¹) und Berkeley, der Philosoph, findet
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    ¹) Réflexions sur la métaphysique du calcul infinitésimal, 4. éd., p. 27.

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diese ganze Mathematik darum shocking to good sense, d. h. sie verletze den gesunden Menschenverstand. Auf die heutige Vorstellung des Äthers als énigme und als shocking to good sense habe ich Sie in diesen Vorträgen öfter hingewiesen (z. B. S. 199 fg.). Was war nun der Leitstern bei so unerhörten Leistungen? Man behielt die »wesentlichen Zwecke« im Auge; ihnen, d. h. der Erreichung dieser Zwecke ward alles geopfert, auch, wenn es sein musste, der sog. gesunde Menschenverstand — der Hochnasige, der Philister, der Pharisäer — und auch, wenn es nicht anders ging, die Durchsichtigkeit und (dies wohl immer) die Abgeschlossenheit, ohne die kein Grieche am Gedankenwerke Freude gefunden hätte. Diesen selben entscheidenden Schritt tut nun Kant: »Philosophie ist die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf die   w e s e n t l i c h e n   Z w e c k e   der menschlichen Vernunft«.
    Jetzt, wo der Hauptpunkt, auf den es ankommt, klar erfasst ist, wollen wir den ganzen Satz analysieren. »Philosophie ist die   W i s s e n s c h a f t ... «: Aristoteles hatte die Philosophie als »Lehre vom Göttlichen« (θεολογικη) aufgefasst, denn ihr Zweck bestehe darin, »letzte Prinzipien« aufzufinden, und das letzte Prinzip — der »erste Beweger« — sei Gott; mehr oder weniger im Ausdruck modifiziert, aber dem Ziel nach identisch ist bis heute — bis Spencer, Mach, Haeckel, Hartmann usw. — die Definition dessen, was die Menschen als Philosophie erstreben; selbst Descartes — der Einzige — schrieb Principia und vermeinte, die Welt objektiv erklärt zu haben. Kant dagegen sagt: Philosophie ist »Wissenschaft«, d. h. sie ist nicht Erklärung aus Prinzipien, nicht »Luftbaumeisterei« (Tr., 1. T., 3. Hptst.) mit dem Ungewussten oder Unbewussten, sondern systematische Gestaltung des Gegebenen, des Gewussten. ¹) Sie ist »Wissenschaft von der Beziehung...«: also weit entfernt, auf Beziehungsloses, Erstes, Unbedingtes hinzusteuern, ist sie schon ihrer Grundlage nach eine Erforschung von Verhältnissen zwischen Verschiedenerlei. »Von der Beziehung aller Erkenntnis...«: nicht also — merken Sie das wohl! — ist von einem
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    ¹) Gegen eine »Philosophie des Unbewussten« hat Kant im voraus energisch Einsprache erhoben. Eine längere Ausführung beschliesst er mit den Worten: «Also ist der Begriff von dem Vermögen eines Wesens, aus sich selbst zweckmässig, aber ohne Zweck und Absicht, die in ihr oder in ihrer Ursache lägen, zu wirken, als eine besondere Grundkraft, von der die Erfahrung kein Beispiel gibt, völlig erdichtet und leer, das ist ohne die mindeste Gewährleistung, dass ihr überhaupt irgend ein Objekt korrespondieren könne« (Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien).

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»Wesen der Erkenntnis« die Rede, ebensowenig wie bei Newton von dem Wesen der Bewegung im Raume; die Erkenntnis ist da, sie ist Tatsache, und wenn wir sie untersuchen, so geschieht es nicht wie bei unseren Schulphilosophen der Spekulation wegen, um alles hübsch plausibel und logisch elegant hinzustellen, sondern um die Beziehung dieser Erkenntnis auf etwas Anderes wissenschaftlich festzustellen. Und worauf? »Auf die wesentlichen   Z w e c k e   der menschlichen Vernunft...«. Wie nütze ich meinen menschlichen Schatz an Erkenntnissen aus, theoretisch und praktisch? Wie mache ich es, damit ich nicht schwärme und dilettiere und entweder unsicher hin und her wanke oder starrsinnig verbohrt an einem Flecke bleibe? Meine Zwecke deuten nach allen Richtungen über mich ins Unendliche hinaus; die Geschichte zeigt mir ein Chaos voll dunkler Bestrebungen. Kant antwortet: höre auf mit den »Märchen aus dem Schlaraffenlande der Metaphysik« (Tr., 2. T., 1. Hptst.); höre auf mit dem Dogmatisieren der Theologen und der Materialisten; höre auf mit den Kindereien aus Physiologie und Psychologie, die hier nichts zu suchen haben; mache es, wie Physik und Kosmologie es gemacht haben; lass den Zweck — nicht die Erkenntnis — massgebend sein; sobald die Erkenntnis als Mittel aufgefasst wird, wird sie biegsam, wie die Mathematik biegsam geworden ist, und rankt sich an Aufgaben empor, die aus eigener Kraft zu umfassen sie die Befähigung nicht besitzt. Natur und Freiheit, beide führen hinaus ins ewig Unergründliche; gestalte so, dass die Beziehung aller Erkenntnis auf die Zwecke der Vernunft — Beherrschung der Natur und bewusste, beherrschende Ausbildung der Persönlichkeit — in einen systematischen, einheitlichen, architektonischen Zusammenhang gebracht werde, d. h. mache daraus eine Wissenschaft.
    Und jetzt die zweite Hälfte des köstlichen Glaubensbekenntnisses: »nicht Vernunftkünstler, sondern Gesetzgeber der Vernunft«! Mit diesen Worten wird die soeben bezeichnete Auffassung der Aufgabe, die Auffassung des zu behandelnden Stoffes noch genauer bestimmt und vor Missdeutung geschützt. Das »nicht Vernunftkünstler« bedeutet bei Kant: man soll nicht nach einem »absoluten Grunde«, nach einer cause des causes, nach einem »Prinzip« suchen; das alles ist überflüssig, ist Zeitverlust, es ist »eine an blossen Begriffen klaubende Vernünftelei«, gleichviel (Kant fügt das ausdrücklich hinzu) ob es Logiker, Mathematiker oder Naturkundige unter-

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nehmen; denn auch der Naturforscher wird »nur Vernunftkünstler«, sobald er diesen Weg wandelt (a. a. O.). Und trotzdem soll der Mensch »Gesetzgeber der Vernunft« sein? Dieses Wort kann nur verstehen, wer weiss, in welchem Masse gesetzgebend der Menschengeist in Mathematik und Physik vorgegangen ist, um die einzigen ganz exakten Wissenschaften zu begründen und auszubauen — denn so meint es Kant. Hier deutet der Denker in die tiefsten Geheimnisse des menschlichen Erkennens und seines Verhältnisses zu Natur und Freiheit. Goethe, der ungern den Ursprüngen nachging, sprach — wie Sie sich erinnern — von einer »exakten sinnlichen Phantasie«, die er in dem Werdegang unserer Naturwissenschaften am Werke erblicke; Kant, der Zerleger unserer Vernunft, entdeckte gleichsam als ihren Mittelpunkt oder als das Blut des Ganzen eine Funktion, die er die »produktive Einbildungskraft« nennt. ¹) Während Goethe nur ein letztes Ergebnis ins Auge fasste, hatte Kant hiermit einen Vorgang aufgedeckt, ohne welchen überhaupt keine Erkenntnis stattfinden kann. Um mich nun nicht über die Grenzen verleiten zu lassen, die mir hier gesteckt sind, will ich nur das Eine bemerken: »produktiv«, d. h. erzeugend, schöpferisch, gesetzgebend muss diese Einbildungskraft darum sein, weil es ohne Einheit keine Erfahrung, keine Erkenntnis gibt; diese Einheit muss aber der Erkennende selber »produzieren«, selber schaffen; woher sollte er sie sonst erhalten? gegeben ist sie ihm von aussen nicht. Sie sehen, hier ergreifen wir wieder die starke Hand Dionyso-Plato's: im Vielen das Eine erblicken, das ist das mehr als Prometheische Geschenk der Götter an das Geschlecht der Menschen; dadurch sind wir Menschen, d. h. haben wir Vernunft. »Erfinden«, »Dichten« ... so spricht Plato, der Poet; »produktive Einbildungskraft«, sagt Kant, der Analytiker. Jegliche Erkenntnis, also alles Wissen — auch das einfachste — setzt eine schöpferische Tat voraus. Und was ist denn Wissenschaft, wenn nicht ein Wissen des Wissens? ein Wissen auf höherer Stufe? also die Kunst, eine noch grössere Mannigfaltigkeit zu vereinheitlichen? Einer der ersten lebenden Mathematiker, Poincaré, sagt von der exakten Wissenschaft: »ihr wahres, ihr einziges Ziel ist Einheit«. Und die Denkmethoden der Physiker beschreibt er als »ein Biegen
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    ¹) Vgl. namentlich r. V., I, 118 fg. Die II. A. besagt genau das selbe, nur stark gekürzt, weil Kant mit Recht sorgfältig vermeiden wollte, das psychologische Gebiet zu betreten, was in der I. A. hin und wieder geschehen war.

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und Beugen der Natur, bis sie den Ansprüchen des Menschengeistes (also diesen Ansprüchen nach Einheit] sich fügt«. ¹) Das ist, was Kant unter »Gesetzgeber« versteht. Der Philosoph — und das heisst für Kant der denkende Mensch, oder vielmehr die denkende Menschheit in ihrer Gesamtheit — soll Gesetzgeber der Vernunft werden, statt wie bisher Vernunftkünstler zu sein. Bisher hat die Vernunft in Selbstherrlichkeit dagelegen und sich kunstgerecht in den Schwanz gebissen; jetzt soll sie   d i e n e n,   »wesentlichen Zwecken« dienen, den Zwecken meiner Persönlichkeit; ich Mensch, ich befehle es. Und wie ich bewusst und entschlossen und ohne des Hohnes und des Besserwissens der Schulmänner zu achten, eine Mathematik mir erfand, nicht als Selbstzweck, sondern um damit den unfassbaren Phänomenen der Natur so gut wie möglich, so nah wie tunlich beizukommen — so bin ich entschlossen, jetzt »alle Erkenntnis« in ähnlicher Weise frei und zielbewusst zu verwenden; denn ich bin Gesetzgeber, und anstatt dass meine Zwecke sich nach meiner Erkenntnis richten, soll hinfürder meine Erkenntnis nach meinen Zwecken gerichtet werden. Dazu bedarf es — bei dem grösseren Unternehmen nicht weniger als bei dem beschränkteren — einer Wissenschaft; diese Wissenschaft nenne ich Philosophie, und ich verstehe darunter: »systematische Einheit des Mannigfaltigen und vermittelst derselben die Ermöglichung des grösstmöglichen Vernunftgebrauches«. ²)
    Das also ist Kant's allgemeine Auffassung des zu behandelnden Stoffes. Der gewaltige Unterschied zwischen der Einheit, die Kant hier verlangt — der systematischen, wissenschaftlichen, auf die menschlichen Zwecke gerichteten, die praktische, grösstmögliche Ausnützung der Vernunft erstrebenden Einheit — und der Einheit aller Vernunftkünstler in ihren sogenannten »philosophischen Systemen« steht Ihnen gewiss nunmehr klar vor der Seele. Es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen: es handelt sich um eine völlig verschiedene Sache, der Stoff ist ein anderer. Diesen Stoff gewählt und den anderen verworfen zu haben, das nenne ich Gedankenstil; er deckt das Allerpersönlichste in dieser Persönlichkeit auf. Sie erkennen aber zugleich, wie gebieterisch dieser neue Stoff seine neue Form erheischte, ebenso gebieterisch, wie die neue Kosmologie zur notwendigen Voraussetzung eine neue Mathematik und Physik
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    ¹) Vgl. La Science et l'Hypothèse, 1902, p. 207 und 197.
    ²) r. V. an vielen Orten; hier unter besonderer Anlehnung an S. 706.

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hatte. Hier kann man wirklich in einem gewissen Sinne behaupten: die Form ist der Stoff. Was ist denn unsere ganze moderne Physik, wenn nicht eine Form? wenn nicht eine Gestaltung, durch welche das Mannigfaltige — und wenn auch mit Anwendung manchen Biegens und Beugens — vereinheitlicht und dadurch »gewusst« wird? Und nur durch diese gesetzgeberisch eingeführte Form hat sich dann der Horizont nach und nach erweitert, indem immer neue Tatsachen, die ohne die neue Form für unsere Erkenntnis gar nicht wissbar gewesen waren, nunmehr — dank ihr — sich uns entdeckten. Genau die selbe Bedeutung legt Kant   s e i n e r   Form bei; sie ist für den Stoff, den er uns erschliessen will, das unerlässliche Werkzeug; durch sie erst wird die Philosophie »Wissenschaft«, und nur echte Wissenschaft, nicht Spekulation, ist befähigt, ein Gesetzgeber zu werden und die wesentlichen Zwecke des Menschen zu fördern.
    So viel über das Allgemeine. Sobald wir aber Kant's Stoff näher und so zu sagen technisch ins Auge fassen, wird die gesuchte Begriffsbestimmung schwieriger. Hier müssen wir vorsichtig — Schritt für Schritt — vorgehen, sonst werden unsere Vorstellungen undeutlich, und wir verstehen nicht wirklich, sondern waten in Worten umher.

VERNUNFT UND NATUR

    Subjektiv betrachtet ist Kant's Stoff die Vernunft, objektiv betrachtet ist es die Natur.

    Diese Aussage wäre an und für sich einfach genug; nur müssen Sie begreifen lernen, dass Kant die Vernunft in der Natur und die Natur in der Vernunft aufdeckt und systematisch untersucht. Somit erweist es sich, dass die transscendentale Methode in Wirklichkeit völlig ausserhalb dieser uns geläufigen Unterscheidung in »subjektiv« und »objektiv« liegt, ja so ganz ausserhalb, dass jede fortgesetzt einseitige Betonung des einen oder des anderen Standpunktes die besondere Art dieser Weltanschauung bis zur Unkenntlichkeit fälscht. Dies pflegt namentlich nach einer Richtung hin zu geschehen: Kant's Philosophie wird von den Meisten als   R a t i o n a l i s m u s   aufgefasst, also als reine Vernunftlehre; und nur diese Auffassung erklärt es, wenn man noch immer Fichte, Schelling, Hegel — also die ganze Entwickelung zum Panlogismus, zur Lehre der All-Vernunft als einziger Wirklichkeit — für eine unmittelbare Fortsetzung und Weiterbildung Kant's auszugeben wagt. Dies ist grundfalsch. Denn der Begriff des Trans-

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scendentalen stellt als Erstes fest — wie wir es jetzt oft und gründlich erörtert haben — dass überall, auf allen Stufen des Bewusstseins,   z w e i e r l e i   zusammentrifft und zusammentreffen muss, sowie, dass jeder Versuch, hinter der Zweiheit eine Einheit nachzuweisen, zwecklos ist, weil der Grundlage entbehrend. Eine isolierte Vernunft ist darum von Kant's Standpunkt aus ein monströser Gedanke, und der — Fichte und seinen Nachfolgern gemeinsame — Grundsatz: »die logische Wahrheit ist die reale«, ist geradezu eine Verhöhnung von Kant's Kritik. Vielmehr lehrt Kant, die Logik sei eine rein formale und völlig inhaltsleere Disziplin, die höchstens »Titel zu möglichen Methoden« (r. V. 736) geben kann, die aber »uns gar nichts über den Inhalt der Erkenntnis lehrt« (r. V. 86); darum sei ihr Gebrauch jenseits des physisch Gegebenen »sophistisches Blendwerk« und »grundlose Anmassung« (r. V. 88). Wie anders geht er selber zu Werke! Als er die Bedeutung der Organisation der Vernunft kritisch untersuchen will, wendet er sich an die Natur: dies ist schon an und für sich das einfachste und herrlichste Beispiel der transscendentalen Methode. Er richtet den Blick auf die Natur und fragt sich: »welche Grundsätze befolgt der Mensch in seinem Urteilen dort, wo er eine exakte Kenntnis der Vorgänge der Natur erzielt hat?« Es ist dies, wie Sie sehen, genau das Experimentalverfahren aller empirischen Forschung. Die exakte Naturwissenschaft ist da, sie ist Tatsache, sie bewährt sich als solche seit mehreren Jahrhunderten; welche Urteile setzt sie nun voraus? das heisst, wie hat sich der Verstand verhalten, als er diese so weitreichende Übereinstimmung mit den Phänomenen der Natur bewerkstelligte? Wollte ich, um die Vernunft zu erforschen, die Vernunft allein befragen, ich besässe gar kein objektives Kriterium, vielmehr befände ich mich dort wo die Scholastiker von ehedem und heute sich befinden, ich wäre Vernunftkünstler, nicht Gesetzgeber der Vernunft; in der exakten Naturwissenschaft dagegen wird meine Vernunft immerfort am Zaume geführt, sie kann weder nach rechts noch nach links weit abweichen; hier herrscht Gesetz; darum befrage ich die exakte Wissenschaft. Bei dieser so schlicht und gewissenhaft empirisch getanen Frage entdeckte nun Kant eine grundlegende transscendentale Tatsache, für die er einen sehr einfachen Namen einführte: »Der Verstand ist das   V e r m ö g e n   d e r   R e g e l n «;   ¹) womit gesagt sein soll: um exakte Wissenschaft der Natur
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    ¹) Kritik der reinen Vernunft an vielen Orten, namentlich aber I., 126 fg.

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zu gewinnen, kann die Vernunft nicht nach Belieben herumschwärmen, sondern es gibt gewisse Regeln, nach denen wir Erfahrungen verknüpfen und über das Erfahrene nachdenken müssen, die allem »Wissen« über die Natur, und, auf einer höheren Kulturstufe, allem wissenschaftlichen Begreifen der Natur zu Grunde liegen; es sind dies die transscendentalen Verstandesurteile; nur vermittelst dieses einen, ganz bestimmten, aus genau ineinandergreifenden Bestandteilen zusammengesetzten Systems von Verstandesregeln wird die Mannigfaltigkeit zur Einheit gebracht. ¹) (Ein   S y s t e m   muss es sein, sonst wäre keine Einheit möglich). Darum heisst der Verstand auch das »Vermögen der Einheit der Erscheinungen vermittelst der Regeln« (r. V. 359). Erst auf diesem Wege empirischer Naturerforschung entdeckte dann Kant die Bedeutung des hergebrachten Schemas der formalen Logik; dieses Schema der formalen Logik ist nämlich ein Ergebnis des unbewusst befolgten natürlichen Systems der transscendentalen Verstandesurteile. Jetzt, wo er diese Entdeckung gemacht hatte, konnte Kant auch dieses von Aristoteles überlieferte logische Schema systematisch ausbauen und ergänzen; und so gelangte er schliesslich von den Grund u r t e i l e n   (oder »Regeln«) zu der Entdeckung und Aufzählung der Grund b e g r i f f e,   das heisst zu seiner Tafel der reinen Verstandesbegriffe (auch Kategorieen genannt). ²) So ruht denn das scheinbar ganz Abstrakte, ganz Subjektive in Kant's System, seine weitest gehende Analyse des Mechanismus der Vernunft, in Wirklichkeit auf einer Analyse der Natur, wie sie uns die exakte Wissenschaft zeigt. Zugleich aber entdecken wir als grundlegend für die wissenschaftliche Erkenntnis der Natur eine bestimmte Organisation der Vernunft.
    Auf das Einzelne kann ich hier nicht eingehen; was wir bei unserer Erforschung der Persönlichkeit zu beachten haben, ist nur dieses: als Kant die Vernunft kritisch analysieren wollte, befragte er die Natur; als er die systematisierte Natur — d. h. die Wissenschaft — verstehen wollte, zerlegte er die Vernunft; das ist transscendentale Methode; wer anders vorgeht, kennt den Stoff nicht, der hier
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    ¹) Allgemein und gekürzt gefasst, lauten diese aller exakten Wissenschaft zu Grunde liegenden Verstandesurteile: 1. alle Anschauungen sind extensive Grössen; 2. alle Empfindungen besitzen intensive Grösse, das ist, einen Grad; 3. Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer notwendigen Verknüpfung der Wahrnehmungen möglich.
    ²) Diese Genesis der Kategorientafel unwiderleglich nachgewiesen zu haben, ist eines der grossen Verdienste Hermann Cohen's. Über die Kategorien vgl. den dritten Vortrag, S. 257 fg.

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zur Untersuchung vorliegt. Wo es nicht Zweierlei gibt, gibt es überhaupt kein Denken; alles Denken ist Beziehen, und jedes »Verstehen« ist ein Beziehen, welches das Rückbeziehen gestattet. Jene transscendentalen Verstandesurteile und die durch ihre Vermittlung entdeckten Grundbegriffe sind natürlich ebensowenig Ursache der Natur wie Wirkung der Natur. Wohl sagt Kant: »Der Verstand ist die Gesetzgebung für die Natur, das ist, ohne Verstand würde es überall nicht Natur, das ist synthetische Einheit des Mannigfaltigen der Erscheinungen nach Regeln geben« (r. V., I. 126 fg.); der Nachdruck liegt aber hier auf »Gesetzgebung« und »Regeln«; was lebt, muss organisieren (siehe S. 480 fg.), und was wir Naturgesetze nennen, sind Formen, die das Denken der Natur aufzwingt, um sie zu verstehen. Doch das Umgekehrte gilt genau ebenso: wer kann denn zeigen, dass es nicht Natur sei, welche »Vernunft zuerst möglich macht«, wirft Kant gelegentlich ein (r. V. 654); und über die Naturphilosophen, die »mit Begriffen a priori in der Natur herum pfuschen« hält er strenges Gericht und sagt, von ihren Schritten werde »die Zeit nicht die mindeste Spur aufbehalten« (r. V. 753 fg.). Weit entfernt also, auf Panlogismus, auf eine Verherrlichung der blossen, losgelösten Vernunft, auf den absoluten Geist, auf die wahnwitzige Behauptung: »das Vernünftige ist das Wirkliche« zu führen, schliesst Kant's Standpunkt dergleichen von vornherein aus. Der »eigentlich uns vorgesetzte Lehrer«, sagt Kant, ist die empirische Erfahrung; wie sehr auch die Vernunftspekulationen »unter dem Titel und dem Pompe von Wissenschaft auftreten«, sie besitzen keinen Wert, sobald »das Substratum der Anschauung« fehlt (r. V. 498 fg.). Jene bezeichneten Verstandesregeln sind eben nichts weniger, aber auch nichts mehr als ein Ausdruck für transscendentale Verhältnisse: wohl geben sie der Natur das Gesetz, sie erhalten es aber zugleich von ihr in einem anderen Sinne; Subjekt und Objekt bedingen sich gegenseitig:   d a s   S u b j e k t   s t e u e r t   d a s   O b j e k t i v e   b e i,   n ä m l i c h   d a s   G e s e t z,   d a s   O b j e k t   g i b t   a b e r   d a s   S u b j e k t i v e,   n ä m l i c h   d i e   E m p f i n d u n g.   Dies ist jene Einsicht, deren glückliche Formulierung wir schon vorhin heranzogen: »wechselseitig als Grund und Folge im Gegenverhältnisse stehend, machen sie ein Ganzes aus« (vgl. oben S. 614 fg.).
    Aus allen diesen Erwägungen geht hervor, dass wir Kant's Stoff höchst mangelhaft und irreführend bestimmen, wenn wir einzig das

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Rationale und Subjektive darin erblicken und ihn mit der Auffassung des philosophischen Stoffes bei Hegel, Fichte, Schopenhauer, Spinoza, Bruno in eine Reihe stellen; vielmehr ist Kant's transscendentale Methode, seine Auffassung des Gebietes der wissenschaftlichen Philosophie weder subjektiv noch objektiv, weder Vernunft noch Natur; sie ist diesseits von Beiden; sie erblickt das Objekt nur im Subjekt und das Subjekt nur im Objekt. Nun ist es uns Menschen allerdings unmöglich, uns dauernd auf dem Gleichgewichtspunkt zu halten; um uns zu verständigen müssen wir entweder zu subjektiver oder zu objektiver Ausdrucksweise greifen, und darum lässt sich auch Kant's System sowohl objektiv (empiristisch) wie subjektiv (rationalistisch) verstehen. Die schematische Tafel, die ich am Anfange des Vortrages hier an der Wand entwarf (S. 559), zeigt Ihnen gleichsam einen Plan oder Aufriss der Weltweisheit vom subjektiven Standpunkte aus entworfen; die Vernunft, das Ich ist hier zugleich Wurzel und Krone. Dieser Plan fordert aber vom Standpunkt des kantischen Denkens, wie Sie jetzt verstehen, als Ergänzung einen objektiven Widerpart, der nicht gar so schwer zu entwerfen sein dürfte. Hier muss natürlich die Welt, nicht das Ich, das Allumfassende sein. Ich glaube, der Plan würde etwa folgendermassen ausfallen müssen:

Schema

Mir schwebt dabei die selbe Disposition vor wie bei der ersten Tafel: zuunterst die Methoden, dann die Tatsachen, die von diesen Methoden erfasst werden können, dann die Begriffe, dann die Ideen, zuletzt die allgemeinsten Vorstellungen; diesmal aber vom Standpunkt des Objektes aus. Interessant ist bei dieser Fassung, dass man »Ding« und »Ich« sofort als das erkennt, was sie objektiv

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betrachtet sind: nämlich als Methoden. Denkt man sich die Welt als ein Vorangehendes, das »die Vernunft erst möglich macht« — und transscendental ist dies natürlich ebenso zulässig und ebenso unzulässig wie die entgegengesetzte Annahme und bedeutet nichts weiter als einen bildlichen Ausdruck — so ist das Ich die »Methode«, welche die Welt befolgt, um zu Vernunft zu gelangen. Wissenschaft und Religion sind hier — im Gegensatz zur anderen Tafel — ausgeschlossen, weil einzig die Vernunft vereinheitlicht; um das zu können muss sie aber voraussetzen, dass sie die Welt — wenigstens in einem gewissen Sinne — umfasse und ihr Gesetze auferlegen dürfe, nicht wie hier, dass sie nur ein Bruchstück der Welt sei. Der konsequente Materialismus schliesst, wie man sieht, nicht nur alle Religion, sondern auch alle Wissenschaft aus; denn die Welt (Natur im umfassendsten Sinne) ist ihrem Wesen nach Mannigfaltigkeit und kann nur auf der einen Seite zu Naturbeschreibung ins Unendliche, auf der anderen zu Geschichte ins Nie-endende führen; Naturbeschreibung ist aber ebensowenig wie Geschichte »Wissenschaft«. Die Vernunft ist hier als eine Vielheit von Monaden aufzufassen, die Natur nicht in der Bedeutung unserer ersten Tafel als »einfach«, wie das ein Newton, um Wissenschaft zustande zu bringen, musste, (Principia, Buch III, Regel 1), sondern als eine Unendlichkeit von Dingen, aus deren Bewegungen zwar der formelle Begriff einer Mechanik, nie aber eine gesetzmässige Erkenntnis sich ergeben kann; Gesetz — auch was wir als Naturgesetz zu bezeichnen pflegen — hat nur innerhalb des menschlichen Gemütes Sinn; der Verstand giebt das Gesetz, ebenso wie die Vernunft die Idee gibt; das wusste Plato, das beweist Kant.....
    Lassen wir das alles; es sind Spitzfindigkeiten; ich habe mit dieser zweiten Tafel wie mit der ersten nichts weiter vorgehabt, als ihre Gedanken ein wenig aus der durch vieltausendjährige Gewohnheiten hervorgerufenen Erstarrung aufzustöbern. Jetzt dürften Sie das Objektiv-Subjektive in Kant's Auffassung deutlich genug einsehen, um eine subjektive und eine objektive Definition des transscendentalen Stoffes zu verstehen, ohne von deren notwendiger Einseitigkeit irregeführt zu werden.

SUBJEKTIVE DEFINITION

    Bei der subjektiven Begriffsbestimmung brauche ich mich nicht lange aufzuhalten; sie ist Ihnen schon geläufig und lautet in ihrer knappsten Formulierung: das Transscendentale betrifft die »Möglichkeit der Erkenntnis« (r. V. 80), also die Möglichkeit der Ver-

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nunft überhaupt. »Möglichkeit« heisst hier, wie Sie bereits hinreichend belehrt sind, nicht eine »Erklärung« im Sinne von Ursache und Wirkung, sondern ein »Begreifen« durch systematische Einsicht in die organische Zusammengehörigkeit. Vielleicht ist es zweckmässig, dieser knappen Definition in einem absichtlich formalistisch und schulmässig gehaltenen Satze etwas ausführlicheren Ausdruck zu verleihen: die Transscendentalphilosophie bezweckt die architektonische Vereinheitlichung in ein klar gegliedertes, naturgetreues, gesetzgebendes System aller durch kritische Analyse entdeckten transscendentalen Beziehungen, deren Verknüpfung die menschliche Vernunft (als Inbegriff aller Erkenntnis) ausmacht.

OBJEKTIVE DEFINITION

    Nun aber die objektive Begriffsbestimmung des transscendentalen Stoffes. Auch sie finden wir bei Kant, und zwar in der selben ihm eigenen schlichten Gradheit des Ausdrucks. In den Prolegomena, § 36, schreibt er: der höchste Punkt, den transscendentale Philosophie nur immer berühren mag, ist die Frage: wie ist Natur selbst möglich? Und in einer kleinen, anregungsreichen, aber ausser von Fachmännern selten gelesenen Schrift aus dem Jahre 1788, Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philosophie, finden wir den selben Gedanken zu einer ganz knappen Formel zusammengezogen: »...die Möglichkeit einer Natur überhaupt, das ist die Transscendentalphilosophie,...«; also kurzweg: Transscendentalphilosophie ist die Lehre von den Bedingungen der Möglichkeit einer Natur überhaupt. Dies ist, wie Sie sehen, die buchstäblich genaue Umwendung — und dadurch Ergänzung — der subjektiven Definition, nach welcher »transscendental« die »Möglichkeit der Erkenntnis« bezeichnet. Die Wendung ist überraschend kühn, doch trifft sie den Nagel auf den Kopf. ¹) Die Transscendental-Philosophie
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    ¹) Natur ist hier in dem weiteren Sinne einer alles umfassenden »Welt« gemeint, wie wir den Begriff soeben in unserer Tafel verwendeten, wo er dann ein Gegenstück bildet zu dem Begriff »Ich« als allumfassende Vernunft gedacht (siehe dritter Vortrag, S. 273 fg.). »Natur« kann aber auch, wie Sie soeben gesehen haben, das Materielle bedeuten im Gegensatze zu dem spezifisch Logischen, oder auch — was durchaus nicht das selbe ist — »Natur« kann eine Idee der theoretischen Vernunft sein, ein Inbegriff aller Gesetze, im Gegensatze zu »Freiheit«. Nur Pedanten können gegen diese Verschiebbarkeit gewisser Ausdrücke wettern; denn nicht nur ist sie historisch begründet, sondern die eine Bedeutung führt in die andere über; das Wort wird hierdurch — wie schon oben bemerkt — zum Organ; es bewegt sich und zwingt uns mitzugehen. Ähnliches gilt von dem Wort »Vernunft«. Vernunft, wenn sie die theoretische und praktische Vernunft umfasst, ist der dem Begriff »Welt« transscendental entgegengesetzte Begriff; er umschliesst dann alles, er ist die Noesis Plato's, der Erzeuger von Wissenschaft und Religion. In der Kritik der reinen Vernunft aber ist fast immer nur von theoretischer Ver-

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fragt nicht   k a u s a l   nach der Möglichkeit einer Natur, sie sucht nicht nach einer Ursache — noch weniger nach einem »absoluten Grunde«, nach einer cause des causes usw.; ganz im Gegenteil gesteht sie ein, sie wisse zunächst gar nicht, was sie sich überhaupt unter dem Begriff einer »Ursache« denken solle (siehe oben S. 581); sondern, wie Kant mit verblüffender Einfachheit sagt: die Möglichkeit der Natur »ist« die Transscendentalphilosophie. Mit anderen Worten: dass die Natur möglich ist, kann nicht in Frage gezogen werden; wenn schon die Wissenschaft uns als unanfechtbare Tatsache galt, so wird kein Mensch, der bei Troste ist, das Dasein der Natur bezweifeln; wie verhält es sich nun mit dieser Möglichkeit? Dass es nicht blosse Empfindungen und Reaktionen auf sie gibt, sondern Eine als einheitlich gedachte und als einheitlich sich bewährende Natur: das ist und bleibt das Grundrätsel (neben dem Rätsel der einheitlichen Vernunft). »Erklären« kann man es natürlich nicht; Wissenschaft lehrt nur begreifen; wie aber machen wir diese Möglichkeit begreiflich? wie gestalten wir diese Erkenntnis zu einer exakten Wissenschaft? Diese Frage ist die transscendentale Frage, objektiv aufgefasst. Um nur ein Beispiel zu geben: Hume hatte gezeigt, den Begriff der Ursache (und Wirkung) könne das Ich unmöglich der Erfahrung der Natur entlehnen, und schloss daraus, dieser Begriff bestehe als solcher nicht zu Recht; hier wird, wie Sie sehen, die Erfahrung als ein gewisses Etwas vorausgesetzt und das Ich als ein gewisses anderes Etwas, das über die Erfahrung nachdenkt und sich darüber richtige und falsche Begriffe macht. Kant geht anders zu Werke. Er sagt: »Im transscendentalen Erkenntnis ... ist die Richtschnur die   m ö g l i c h e   E r f a h r u n g.   Der Beweis zeigt nämlich nicht, dass der gegebene Begriff (z. B.
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nunft im spezielleren Sinne die Rede, und hier stellt sich das Verhältnis wesentlich anders. Hier bezeichnet Vernunft manchmal den Gegensatz des gesamten Rationalen (des reinen Denkens) zu dem »Empirischen« (z. B. r. V. 863) und umfasst infolgedessen nicht bloss den Verstand, sondern bisweilen sogar das Formale an der Sinnlichkeit; häufiger aber bedeutet Vernunft den Gegensatz zu der komplexen Einheit Verstand-Sinnlichkeit; das ist in diesem Werke der Sinn, der überall vorauszusetzen ist, wo nicht andere Bestimmungen ausdrücklich vorliegen; manchmal fällt jedoch die Sinnlichkeit vorübergehend aus dem Gesichtskreis und es handelt sich nur um die Unterscheidung zwischen dem Begriffe bildenden Verstand und der Ideen erzeugenden Vernunft. Wer in dem Lebenswerke eines Kant — wie gar mancher sogenannte »Gelehrte« — nur gelegentlich blättert, mag freilich durch solche Dinge leicht irregeführt werden, wer sich aber darein versenkt, wird bald bemerken, wie weise es ist, das Wort nicht zu einem algebraischen Zeichen herabzuwürdigen — wie das Professor Mach als Ideal vorschwebt (S. 118) — sondern seine Bedeutung in organischer Beziehung zu der Bedeutung der ganzen jeweiligen Umgebung plastisch lebendig zu erhalten.

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von dem, was geschieht) geradezu auf einen anderen Begriff (den einer Ursache) führe; denn dergleichen Übergang wäre ein Sprung, der sich gar nicht verantworten liesse;...« Bis hierher, wie Sie sehen, geht Kant mit Hume; er fährt aber fort: »sondern er [nämlich der transscendentale Beweis] zeigt, dass die Erfahrung selbst, mithin das Objekt der Erfahrung, ohne eine solche Verknüpfung unmöglich wäre« (r. V. 811). Allerdings wird der Begriff von Ursache und Wirkung (Kausalität) nicht aus der Erfahrung entnommen, er gehört aber zu dem Bestande jener vorhin genannten Verstandesregeln, ohne die keine Erfahrung stattfinden würde und darum auch keine Möglichkeit der Natur gegeben wäre; nun findet aber die Erfahrung statt, und die Natur ist da: folglich besteht der Begriff »Ursache« zu Recht. Plato hatte es in seiner allegorischen Weise ausgedrückt: »Die Ursache ist der Vernunft verwandt« (Philebos 31 A); Kant fasst es in eine praktisch brauchbare Formel zusammen: »die transscendentale Wahrheit geht vor aller empirischen vorher und macht sie möglich« (r. V. 185); »die Möglichkeit der Erfahrung überhaupt ist zugleich das allgemeine Gesetz der Natur« (P. § 36). Hierin eben besteht »die Möglichkeit einer Natur«. Das ist die kopernikanische Umkehrung, die der Begriff des Transscendentalen im Denken bewirkt.
    Alle Philosophen, sagt Kant, sind an dem Versuche, den Satz des zureichenden Grundes (Wirkung = Ursache) zu beweisen, gescheitert; man kann eben nicht über das hinausgehen, was eine Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung ausmacht — wenigstens nicht in einer Philosophie als Wissenschaft. Wenn ohne eine bestimmte Verknüpfung »das Objekt der Erfahrung unmöglich ist«, so ist es leeres Wortgedresche, diese Verknüpfung für unnötig oder fraglich auszugeben; das Objekt der Erfahrung ist da, folglich muss die Verknüpfung da sein. Das muss uns aber und kann uns auch genügen; »was notwendig das Dasein der Dinge ausmacht, gehört zur Transscendentalphilosophie« (Üg. III, 314); weiter erstreckt sich ihr Gebiet nicht. Die in diesem Sinne durchgeführte Untersuchung ist Transscendentalphilosophie, objektiv aufgefasst.
    Von den verschiedenen möglichen Definitionen des von Kant behandelten Stoffes haben wir somit zwei besonders wichtige herausgegriffen: die Möglichkeit der Vernunft, die Möglichkeit der Natur; hierbei wollen wir es bewenden lassen; eine dritte: die Möglichkeit der Freiheit, werde ich erst später in einem anderen

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Zusammenhange in Betracht ziehen. Als abschliessende Ergänzung muss ich jetzt einige verneinende Bestimmungen hinzufügen; um gewissen schier unausrottbaren Missverständnissen zu entgehen, ist es nämlich unerlässlich, nicht bloss zu wissen, was das Transscendentale ist, sondern auch was es nicht ist; denn Kant's Gedankenstil werden Sie noch immer missdeuten, wenn Sie die so scharf gezogenen Grenzen des Transscendentalen nicht kennen.

NICHT TRANSSCENDENT

    Zunächst ganz kurz zwei Verneinungen, die fast nicht in den Rahmen dieser Vorträge gehören, da sie die Terminologie, also die Technik des Systems betreffen, die ich aber nichtsdestoweniger erwähnen will, um Ihnen Schwierigkeiten bei Ihrem späteren Studium zu ersparen.
    »Transscendental« ist nicht »transscendent«. Den Unterschied zwischen transscendent und transscendental können wir leicht in eine Allegorie fassen: das Transscendentale ist das Gebiet diesseits aller Erfahrung, das Transscendente ist das Gebiet jenseits aller Erfahrung; das Transscendentale sucht die Bedingungen festzustellen, unter denen die Erfahrung stattfindet, Erfahrung ist ihr Endziel; dagegen nimmt das Transscendente von der Erfahrung aus seinen Flug, um in dem, was jenseits der Erfahrung liegt, Aufschluss über Wesen und Bedeutung dieser unserer Erfahrung zu erlangen. Darum übersetzt Kant transscendent durch »überfliegend« und »überschwänglich«. Beim Studium von Kant's Werken ist es sehr wichtig, sich diese Unterscheidung der zwei ähnlichen Ausdrücke vor Augen zu halten, und zwar um so wichtiger, als Kant selber uns hier mit Erläuterungen wenig entgegenkommt, woraus manche arge Konfusion entstehen kann. So sind z. B. alle unsere Ideen (in dem Sinne, den Kant dem Worte beilegt) und unsere Vernunftbegriffe (vergl. S. 72 fg.) ihrem Ursprunge nach transscendent, sie »übersteigen die Grenze aller Erfahrung«, und Kant sagt ausdrücklich, ihr objektiver Gebrauch sei »jederzeit transscendent« (r. V. 383 fg.); dennoch nennt er selber diese Ideen, die jederzeit transscendent gebraucht werden, fast immer »transscendentale Ideen«! Das hängt folgendermassen zusammen: die Ideen entstehen zwar alle (ja, wir können hier das Heer der platonischen dazunehmen) jenseits der Erfahrung, sie entstammen aus dem Bedürfnis der Vernunft nach immer weiterer und weiterer Vereinigung; durch sie wird aber dann — Sie brauchen immer wieder nur an die Idee

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der Metamorphose zu denken und können, wenn Sie wollen, die der Entwickelung dazunehmen — durch sie wird aber dann weitere Erfahrung gesammelt; insofern kommt also das Transscendente hinüber auf die diesseitige transscendentale Seite; denn ist es auch selbst erst aus der Erfahrung entsprungen, und zwar als ein mutwilliges Überfliegen des Gegebenen, so dient es doch jetzt als Stütze und Hebel für eine erst zu gewinnende Erfahrung. Der Streit zwischen Schiller und Goethe über Idee und Erfahrung genügt zur Aufklärung der ganzen Sachlage. So würde Plato z. B. sagen, der Begriff »Hund« ist eine Idee, eine transscendente Idee, nicht eine Erfahrung im eigentlichen Sinne dieses Begriffs, und er hätte recht; könnten wir Menschen aber derartige Ideen nicht fassen, wären wir dazu nicht beanlagt, so bliebe unsere »Erfahrung« ein recht armseliges Ding; die Idee dient also der Erfahrung; das Transscendente ergänzt das Transscendentale. Trotzdem — oder vielmehr gerade deswegen — ist es von ungeheurer Wichtigkeit, hier genau zu unterscheiden. Denn unsere reinen Verstandesbegriffe (Kategorien) und Verstandesurteile (siehe S. 628), dazu der Raum als Form unserer Anschauung, die Zeit als Schema für die Vereinigung von Verstand und Sinnlichkeit..... das alles sind nicht transscendente, sondern rein transscendentale Bedingungen alles Erkennens, aller Erfahrung; sie gehen der Erfahrung als ihre conditio sine qua non voran und besitzen darum nicht bloss Objektivität und Notwendigkeit, sondern sie   s i n d   kurzweg »das« Objektive und »das« Notwendige; ihr Wert ist ein konstruktiver (wie Kant es nennt), sie erst bauen Erfahrung und mit ihr Erkenntnis auf. Wogegen den Ideen und Vernunftbegriffen nie ein anderer als ein regulativer Wert (wie Kant es nennt) zukommen kann; sie weisen einen Weg, sie helfen dem Verständnis nach, sie sind subjektive Methode, nicht objektive Denkweise und Dingnotwendigkeit. Wenn wir das nicht wissen, laufen wir alle Tage Gefahr, die blosse Idee sich objektivieren und transscendentalen Gesetzeswert (statt bloss transscendenten Anleitungswert) beanspruchen zu sehen. »Denn wir haben es«, sagt Kant, »mit einer   n a t ü r l i c h e n   und   u n v e r m e i d l i c h e n   I l l u s i o n   zu tun, die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht und sie als objektive unterschiebt..... die der menschlichen Vernunft unhintertreiblich anhängt und selbst, nachdem wir ihr Blendwerk aufgedeckt haben, dennoch nicht aufhören wird, ihr vorzugaukeln und sie unablässig in augenblickliche Verirrungen

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zu stossen, die jederzeit gehoben zu werden bedürfen« (r. V. 354). Das ist genau, was wir heute mit der Entwickelungslehre erleben, einer prächtigen, vielverheissenden, regulativen Idee, geeignet wie wenige, ungezählte Tatsachen ans Tageslicht zu fördern, die sich aber auf einmal als objektiven Tatbestand gibt, Gesetze erlässt, dogmatischen Wert beansprucht, Religionen stürzt und gründet, und unseren Verstand dermassen umnachtet, dass wir, ohne es auch nur zu bemerken, aller Logik und aller Anschauung hohnsprechen. Einzig Kant's Transscendentalkritik — mit der genauen Unterscheidung zwischen transscendent und transscendental — ist fähig, aus dieser Gefahr zu retten und Kulturmenschen aus uns zu machen, Menschen, heisst das, die sich selbst kennen und nicht von ihren eigenen guten Einfällen zu Narren gehalten werden.

NICHT METAPHYSIK

    Eine zweite terminologische Unterscheidung: transscendental ist nicht »metaphysisch«, und folglich ist auch Transscendentalphilosophie nicht Metaphysik. Seit Aristoteles bezeichnet Metaphysik die Philosophie der Theologie; auch Kant fasst sie so auf und sagt, sie habe »zum eigentlichen Zwecke ihrer Nachforschung nur drei Ideen: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit« (r. V. 395 und vgl. S. 7). ¹) Kant empfindet nun, wie wir es häufig im Laufe dieser Vorträge bemerkt haben, einen besonderen Widerwillen gegen alle Schulmetaphysik, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie über Dinge, die jenseits der Erfahrung liegen, disputiert und dogmatisiert, ohne dass sie sich jemals über den Wert ihrer rein logischen, in keiner Anschauung wurzelnden Behauptungen ausweisen könnte. »Einen finsteren Ozean«, nennt er sie, »ohne Ufer und ohne Leuchttürme«. ²) Die Metaphysik ist gleichsam das Gegenstück zur empirischen Psychologie; erst   d u r c h   die Transscendentalphilosophie kann sie eine Wissenschaft werden; die Transscendentalphilosophie »muss notwendig vorhergehen« (P. § 5); statt dessen bauen die Metaphysiker an ihren Luftschlössern seit Jahrtausenden lustig weiter und reissen sie sich gegenseitig um, ohne sich im geringsten um die Unterscheidung zwischen transscendent und transscendental, die wir soeben kennen lernten, noch um den Gegensatz dieser beiden zu der empirischen Erfahrung zu kümmern. Da die Meta-
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    ¹) Auch in der Ur. § 91 sagt Kant: »Gott, Freiheit und Seelenunsterblichkeit sind diejenigen Aufgaben, zu deren Auflösung alle Zurüstungen der Metaphysik, als ihrem letzten und alleinigen Zwecke, abzielen«.
    ²) Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes, Vorrede.


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physik ganz im Jenseits haust, ganz im transscendenten Gebiete, so kann sie, solange keine transscendentale Kritik vorangeht, behaupten, was sie will. »Zu kindischen Bestrebungen verleitet, hascht die Metaphysik nach Seifenblasen« (P. § 13, Anm. III). — Nun hat aber Kant es trotz alledem bis ins hohe Alter nicht vermocht, von dem altgewohnten Worte ganz zu lassen, und so gebraucht er es denn häufig als Name für das ganze, als vollendet gedachte   S y s t e m   der Transscendentalphilosophie; die »Kritik« wäre dann der negative, vorbereitende Teil, die »Metaphysik« die fertige, positiv vorgetragene, doktrinale, systematische Darlegung. Insofern wäre also eine Metaphysik als Wissenschaft doch möglich, sobald nämlich Kritik und Transscendentalphilosophie vorgearbeitet haben und wir im klaren Bewusstsein aller Grenzen daran gehen, »die ganze philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhange« auszubreiten (r. V. 869). Kant schwebt hierbei vor, dass eine endgültige Beantwortung der obgenannten, von jeher als »metaphysisch« geltenden Fragen nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit erst durch die Transscendentalphilosophie und ihre klare Systematik möglich geworden sei: durch die Unterscheidung in theoretische und praktische Vernunft sind Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ein für allemal aus der Wissenschaft der Natur entfernt; Transscendentes kann nicht empirisch bewiesen werden und besitzt immer nur regulativen Wert; es kann also gezeigt werden, dass Gott nur die Vorstellung eines »notwendigen, aber unbeweisbaren idealischen Wesens« sei, usw. Insofern beantwortet Transscendentalphilosophie die Frage der Metaphysik und kann selber darum in einem gewissen Sinne als »Metaphysik« bezeichnet werden. Doch ist es bemerkenswert, dass Kant im Laufe der Zeit das alte Schulwort immer weniger gebraucht, und am Schlusse seines Lebens das ihm selber erst nach und nach in der ganzen Tragweite seiner Bedeutung bewusst gewordene Wort Transscendentalphilosophie mit Recht fast ausschliesslich anwendet. ¹)
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    ¹) Ich hatte natürlich hier die Unterscheidung zwischen metaphysisch und transscendental nur ganz allgemein anzudeuten. Der Versuch einer genaueren Darlegung würde in die subtilsten Gedankengänge Kant's geführt haben, namentlich insofern Kant auch bei den grundlegenden Betrachtungen über das Apriori zwischen rein formalen »transscendentalen« und mehr den Inhalt betreffenden »metaphysischen« Erörterungen unterscheidet. Ich verweise für die Aufklärung dieser schwierigen Verhältnisse auf Cohen als den besten Führer. Auch Cohen gibt zu, Kant's Darstellung »leide an dem Grundmangel«, dass sie transscendental und metaphysisch »nicht sicher und durchgängig« voneinander sondere (vgl. Kant's Be-

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NICHT ERKLÄREN, SONDERN BEGREIFEN

    Jetzt aber eine wichtigere verneinende Bestimmung. Sie betrifft eine Frage, die wir heute schon öfters berührt haben, die ich aber doch nicht umhin kann, noch einmal endgültig in Betracht zu ziehen; denn hier heisst es tief eingewurzelte Wahnvorstellungen aus der Kindheit des Menschendenkens von Grund aus vertilgen.

    Um diese Grenze ein für allemal fest zu ziehen, führe ich folgende Worte Kant's an: »Der Transscendentalphilosoph gibt sich keineswegs dafür aus, die Möglichkeit der Dinge zu   e r k l ä r e n,   sondern begnügt sich, die Kenntnisse festzusetzen, aus welchen die Möglichkeit der Möglichkeit der Erfahrung   b e g r i f f e n   wird«. Ist Kant's Stoff — wie wir vorhin sahen — die Möglichkeit, und zwar nicht bloss die Möglichkeit der Vernunft, die Möglichkeit der Natur und die Möglichkeit der Freiheit, sondern überhaupt »die Möglichkeit« kurzweg oder, wie er es hier mit der Naivetät des Genies ausspricht, »die Möglichkeit der Möglichkeit«, so handelt es sich für ihn keineswegs darum, nach sogenannten »Ursprüngen« und dergleichen zu forschen — denn das hätte für ihn keinen Sinn — sondern diese Möglichkeit soll »begriffen werden«, weiter nichts (vgl. S. 607). Der angebliche »Ursprung« ist stets noch unerklärlicher als das, was er erklären soll: Jehovah, der die Welt aus Nichts erschafft, Haeckel's Urzelle, aus der durch Zuchtwahl das Reich der Organismen entsteht, sind weit grössere Wunder, als die Erscheinungen, denen sie zur Erklärung dienen sollen. Was dagegen Begreifen bedeutet, haben Sie vorhin von Goethe erfahren, und Sie lernten des weiteren einsehen, dass wir nur das begreifen, was aus Teilen besteht, und zwar aus Teilen, deren Beziehungen zueinander uns deutlich sind; denn das Begreifen ist seinem Wesen nach, wie vorhin bemerkt, ein Beziehen und Rückbeziehen; wir müssen also diese Möglichkeit, von der die Transscendentalphilosophie handelt, in Teile aufbrechen, das heisst analysieren. Dies wiederum kann hier nur durch kunstgemässe Annahmen, das heisst durch Hypothesen geschehen, weil die philosophischen Fragen erst bei letzten Dingen entstehen, wo wir keine Teile mehr in der Hand haben; doch wir haben das Beispiel der mathematischen Analysis vor uns, die — wie wir erst vorhin neuerdings sahen — von ungeheuerlich gewaltsamen Annahmen ausgeht. »Als Erstes nehme ich an, das Gesuchte sei schon gefunden«: so tritt Descartes als Erfinder
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gründung der Ethik, 1877, S. 24 fg. und Kant's Theorie der Erfahrung, 1885, S. 253 fg., sowie auch 74, 99 fg., 368, 583 usw.).

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jener Methode des mathematischen Denkens auf, ohne die wir den Siegeslauf exakter Wissenschaft nie hätten erleben können. Kopernikus bezeichnet selber seine Lehre als »eine mögliche Annahme, welche die Ableitung der beobachteten Bewegungen vereinfache«; also auch er will nicht »erklären«, sondern das »Begreifen« erleichtern, weiter nichts; und wie glänzend seine Idee sich auch bewährt hat, das rein Hypothetische und die vorzüglich methodische Bedeutung des Ganzen zeigt sich daran, dass immer wieder einzelne Männer der exakten Wissenschaft, die über Geist und Musse verfügen, die heliozentrische Welttheorie in Frage ziehen oder wenigstens ihre Unbeweisbarkeit haarscharf dartun. ¹) »Ob ich sage: die Erde dreht sich, oder ob ich sage: es ist bequemer, sich die Sache so vorzustellen, als ob sich die Erde drehte — das kommt auf ein und das selbe hinaus«, bezeugt der Mathematiker Poincaré. ²) Kant geht nun in der Tat genau in dieser Weise zu Werke: die von ihm vorgeschlagene, der kopernikanischen »analogische Umänderung der Denkart« stellt er zunächst ausdrücklich »nur als Hypothese auf«, und zwar mit der Begründung, deren Richtigkeit Sie jetzt verstehen: »die ersten Versuche einer solchen Umänderung sind allemal hypothetisch« (r. V. XXII, Anm.). Freilich behauptet er, seine anfänglich gemachte Hypothese — nämlich als Erstes die Annahme, alles, was wir als Dinge wahrnehmen, seien nicht Dinge an sich, sondern ein Ergebnis aus Zweierlei: Sinnlichkeit + Verstand, sodann aber die Lehre über alle anderen transscendentalen Verknüpfungen, aus denen Erkenntnis und mit ihr Welt und Ich entstehen — diese Hypothese, behauptet er, werde im weiteren Verlaufe seines kritischen Werkes als sichere Wahrheit »apodiktisch bewiesen«; dieses »bewiesen« gilt aber nur im selben Sinne wie für die Grundhypothesen der kosmologischen Physik. Kopernikus wagte es, die Bewegungen der Himmelskörper »auf eine widersinnige Art« zu deuten; das Ergebnis — das praktische Ergebnis: Galilei, Newton und der ganze Ausbau der Kosmologie bis heute — hat ihn glänzend gerechtfertigt; denn ohne seine widersinnige Annahme hätten die grundlegenden Ideen unserer heutigen Physik und Astronomie nie gedacht werden können. So und nicht anders meint es auch Kant: die Art von Wahrheit, die er für sein
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    ¹) Man sehe z. B. die sehr interessante Broschüre von Prof. Wenzel Hofman: Bewegung und Trägheit, Wien, 1904.
    ²) La Science et l'Hypothèse, 1902, p. 141.

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System der Vernunft in Anspruch nimmt, ist keine andere als die, welche man dem kopernikanischen System des Himmels zugestehen muss; nicht erklären, sondern begreifen wird bezweckt; und begreifen heisst Hypothesen aufstellen, die sich bewähren, die objektiv und subjektiv gleichmässig stichhalten, Hypothesen, aus denen fruchtbare Ideen hervorgehen, und die zu einem architektonischen System von allseitigen Beziehungen führen. Insofern kann man von der Transscendentalphilosophie sagen, was man von aller theoretischen Wissenschaft sagen kann: sie sei vor allem eine Methode. ¹) In jenen letzten Gedanken Kant's, aus denen ich so manches goldene Wort geschöpft habe, finden wir auch folgendes: »Transscendentalphilosophie ist nicht Erkenntnisart irgend eines Objekts der Philosophie, sondern nur eine gewisse Methode oder formales Prinzip zu philosophieren«. Wie bewusst erfinderisch sich Kant diese Methode denkt, geht aus dem darauffolgenden Satze hervor, in welchem er ihren Zweck dahin präzisiert: »sich selbst das Objekt der Vernunft in Begriffen zu schaffen« (Üg. III, 374). Also, begreifen dadurch, dass der Mensch sich selbst Begriffe schafft!
    Es ist nicht anders möglich, hier muss Plato vor Ihnen erstehen, denn das ist ja der Kern seiner Weltanschauung. Nicht ein konfuser Mystizismus von idolenhaften Ideen, die weiss Gott in welchem Wolkenkuckucksheim thronen, sondern dieser Gedanke, dass der Mensch Schöpfer sei, dass er sich selbst das Objekt — aus dem ihm gegebenen Materiale — schaffe, dass er vom ersten Dämmern des Bewusstseins an sich als Erfinder betätige und als ein Geber von Gesetzen: das ist Plato's Weltanschauung; das gerade ist die Idee als »Hypothese« und die Idee als »Methode« und die Idee als »Gesetz«. Und wenn man fragt: hat sich diese Hypothese bewährt? hat sie sich z. B. so fruchtbar erwiesen, wie die des Kopernikus? so antworten wir: die gesamte Wissenschaft ist aus ihr hervorgegangen; Kopernikus selber ist der glänzendste Zeuge für ihren Wert. Einzig die Philosophie blieb diesem fruchtbarsten aller Gedanken, der je von einem Menschen gedacht wurde, verschlossen, bis Kant kam und ihn systematisch ausbaute. Doch ausser diesen Zweien — Plato und Kant — sehe ich Niemanden, der bisher in Fragen der Vernunft den Bann des   E r k l ä r e n w o l l e n s   gebrochen hätte und zu der exakten wissenschaftlichen Methode des   B e g r e i f e n s   übergegangen wäre.
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    ¹) Vgl. den ganzen Leonardo-Vortrag.

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    Diese wichtigste aller grenzenden Verneinungen haben Sie jetzt hoffentlich deutlich erfasst: Kant erklärt nicht, er macht nicht einmal den Versuch dazu; sondern er begnügt sich, ein hypothetisches System aufzustellen, durch welches die Erkenntnis und die Pflicht — und mit ihnen zugleich die Natur und die Freiheit — als ein gesetzmässiges Ganzes begreiflich werden.

NICHT PSYCHOLOGIE

    Wohlbetrachtet sind alle übrigen Verneinungen in dieser einen enthalten und ich könnte nur jede weitere Mühe in dieser Beziehung sparen; doch gibt es ein so allverbreitetes Missverständnis, ein Missverständnis, das so verheerend in Bezug auf jedes richtige Erfassen des kantischen Denkens wirkt, dass ich nicht umhin kann, ihm mit aller Energie und mit der nötigen Ausführlichkeit entgegenzutreten.
    K a n t 's   T r a n s s c e n d e n t a l p h i l o s o p h i e   i s t   n i e   u n d   n i r g e n d s   P s y c h o l o g i e.
    Gerade in dieser Beziehung wird am meisten gesündigt; denn nicht nur sind neun Zehntel aller modernen Philosophie bloss aufgeputzte Psychologie, sondern man darf ruhig behaupten: fast sämtliche Fachphilosophen fassen Kant's Lehren entweder krass psychologisch oder mehr oder weniger geschickt verschleiert psychologisch auf. Und das geschieht, trotzdem Kant in allen seinen kritischen Werken die psychologische Methode, das heisst den Wahn, als könne eine angebliche »Seelenlehre« für wissenschaftliche Philosophie grundlegend sein, zurückgewiesen hat. Selbst in der Anthropologie (der Menschenkunde) hält Kant die Erscheinung der menschlichen Natur an und für sich und ihre Gesetze für weit interessanter als die Versuche, sie zu erklären; »die subtile Untersuchung über die Art, wie die Organe des Körpers mit den Gedanken in Verbindung stehen, ist in meinen Augen auf ewig vergeblich«, sagt er (Br. I, 138).
    Ein griechisches Wort tut manchmal Wunder. Psyche, die liebliche Gattin des Eros, ist wohl die einzige Gestalt der antiken Mythologie, die noch unter uns am Leben ist; ich bezweifle aber sehr, ob der Staat zahlreiche Professoren lebenslänglich besolden und die Kosten für alljährliche Kongresse mit Festessen usw. tragen würde, wenn man von »Seelenlehre« spräche, wogegen »Psychologie« sich vielverheissend ausnimmt. Im 20. Jahrhundert eine blühende Wissenschaft der Seele! Mit Recht urteilt Schopenhauer, es sollte, nachdem die Welt Kant's Kritik erlebt hat, hinfürder

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verboten sein, »von der Seele als einer gegebenen Realität, einer wohlbekannten und gut akkreditierten Person zu reden«; ¹) trotzdem redet unsere heutige Philosophie fast von nichts Anderem und hat davon den Vorteil, sich ein unerschöpfliches Feld zu nie endenden sterilen Diskussionen zu schaffen. An Stelle der logischen Scholastik des Mittelalters ist jetzt eine ebenso fette Milchkuh der Scheinwissenschaft getreten: die psychologische Scholastik. Denn wie Kant sagt: »Man muss gestehen, dass es mit psychologischen Erklärungen in Vergleichung mit den physischen sehr kümmerlich bestellt sei, dass sie ohne Ende hypothetisch sind und man zu drei verschiedenen Erklärungsgründen gar leicht einen vierten, ebenso scheinbaren erdenken kann, und dass daher eine Menge vorgeblicher Psychologen dieser Art, welche von jeder Gemütsaffektion oder -Bewegung .... die Ursachen anzugeben wissen und diesen ihren Witz auch wohl Philosophie nennen, die gewöhnlichste Naturbegebenheit in der körperlichen Welt wissenschaftlich zu erklären, nicht allein keine Kenntnis, sondern auch vielleicht nicht einmal die Fähigkeit dazu blicken lassen«. ²) Jedes Wort stimmt heute wie dazumal. Charakteristisch für alles, was je Seelenlehre geheissen, ist, dass es nie und unter keiner Bedingung Wissenschaft sein noch werden kann, wenn es gleich, wie Kant am selben Orte zugibt, zum blossen »Stoffsammeln« auf dem zweideutigen Gebiet zwischen verschiedenen echten Wissenschaften auch weiterhin dienen mag. Die Psyche ist eine Allegorie, und von einer Allegorie kann es unmöglich eine Wissenschaft geben.
    Dem Begriff »Seele« wohnt von jeher Zweideutigkeit bei. Ursprünglich bedeutete dieses Wort den Atem, den Lebenshauch, daher dann die Lebenskraft — und welch eine unglückselige Vorstellung diese ist, sahen wir im vorigen Vortrag (S. 471). Später wurde es der allegorische Träger des Unsterblichkeitsgedankens und tut als solcher noch heute gute Dienste. Wo aber die Seele — und gar noch mit der Anmassung, eine besondere wissenschaftliche Disziplin ihr eigen zu nennen — sich zwischen die Physiologie des Nervensystems und die Wissenschaft der Erkenntnis einschiebt, da schafft sie eine schier heillose Verwirrung und führt zuletzt zu dem Chaos, in dem wir uns heute befinden, wo Physiker über »die
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    ¹) Welt als Wille und Vorstellung, II, Kap. 46.
    ²) Über Philosophie überhaupt, im vorletzten Abschnitt.


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Seele der Pflanzen« Bücher schreiben und Gehirnanatomen Lehrbücher der Seelenkunde verfassen; ¹) während die berufsmässigen »Seelenlehrer« neugeborene Küchlein befragen, ob der Raumsinn »angeboren« oder »erworben« sei (S. 149), und je nachdem das Küchlein nach Körnern pickt oder nicht pickt, sich für oder gegen »Kant's Lehre« entscheiden und demgemäss verkünden, diese sei »von der modernen Wissenschaft überwunden«, oder aber »zum Teil gut fundiert, wenn auch mangelhaft und unwissenschaftlich entwickelt«. Das Küchlein wird sodann bis ins mesozoische Zeitalter zurückverfolgt und von dort phylogenetisch weiter bis in eine erträumte urproto-proto-paläozoische Epoche, damit man sich das »Entstehen« und die »Vererbung« des »Raumsinnes« ebenso deutlich vorstelle wie die Zubereitung eines Apfelstrudels. Auf solchen Grundlagen werden dann Logik und Erkenntnislehre, womöglich noch Moral errichtet! Der Volksmund spricht von »auf den Hund kommen«; unsere heutige Philosophie hat's noch weiter gebracht. Es sind fast zwei Jahrhunderte her, seit der Schalk, der mehr Geist im kleinen Finger hatte als ein ganzer Psychologenkongress, Vater Shandy sich fragen liess: ob wir mit den Begriffen der Zeit und des Raumes geboren sind? oder ob wir sie nach und nach am Lebensweg auflesen? und ob wir dann schon im Kleidchen damit beginnen? oder erst, wenn wir in Höschen gesteckt werden? Heute hätte er wohl kaum mehr den Mut zu spassen; vielmehr würde er, glaube ich, den Worten Ferdinand Jakob Schmidt's Beifall spenden, der in diesen Tagen schrieb: »Man könnte Tränen der schmerzlichsten Erbitterung vergiessen, wenn man sieht, dass die herrschende Richtung der gegenwärtigen Philosophie trotz jener klassischen Erhebung des deutschen Denkens wieder in einen Empirismus der allerseichtesten Art zurückgesunken ist, der unsere ganze Geistesernte zu vernichten droht. Man würde laut auflachen, wenn jemand die Differential- und Integralrechnung aus der Beobachtung und induktiven Verallgemeinerung empirischer Naturerscheinungen ableiten wollte, aber das gilt heute gleichwohl als ausgemachte Weisheit, dass die reinen Denkbestimmungen, welche
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    ¹) Wundt's grossen Leistungen wird man erst gerecht, wenn man die missverständliche Benennung seines Hauptwerkes berichtigt; denn in Wirklichkeit handelt es sich nicht um die gedankliche Monstrosität einer »physiologischen Psychologie«, sondern um eine »psychologische Physiologie«, das heisst um eine wissenschaftlich-anatomische Physiologie, welche die Phänomene der sogenannten Seele als fortlaufenden Kommentar eingehend berücksichtigt.

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noch allgemeiner sind als die der Mathematik, aus psychologischen Wahrnehmungsprozessen induziert werden sollen. Dieser psychologische Empirismus ist in Wahrheit der Totengräber aller geistigen Kulturerrungenschaften.....«. ¹) Wohin empirische Psychologie in Wahrheit gehört, hat Kant gewusst und gesagt: zur empirischen Anthropologie, das heisst zur Beschreibung des Menschen (Ur. 443), und insofern auch in einem weiteren Sinne zur empirischen, beschreibenden Naturlehre überhaupt (r. V. 876), nicht aber und nie zur exakten Wissenschaft im echten, gesetzgebenden, systematischen Sinne dieses Wortes. Man kann allenfalls von einer »Naturbeschreibung der Seele« sprechen, nicht aber von einer »Seelenwissenschaft« (M. N., Vorr.).
    Die berühmte Vexierfrage, ob uns gewisse Begriffe oder Ideen oder Verstandesformen »angeboren«, oder ob sie alle erst im Laufe des Lebens »erworben« seien — eine Frage die übrigens bedenklich an das bekannte Dilemma erinnert, ob das Huhn vor dem Ei oder das Ei vor dem Huhn da war — berührt die Transscendentalphilosophie in keiner Weise; vielmehr untersucht diese die Vernunft genau in der selben Weise, wie die Physik den Fall der Körper untersucht. Wie es dazu gekommen ist, dass es Körper gibt und warum sie gegeneinander fallen, ist der Physik gleichgültig; ebenso irrelevant ist für die Transscendentalphilosophie die Frage, woher die Vernunft und ihr Korrelat die Welt kommen; wahre Wissenschaft betrifft das Sein, das Ewige, das Allgemeine; jede Frage nach Ursprüngen ist unwissenschaftlich, ist negermässig. Doch ist es immerhin bemerkenswert, dass Kant, sobald er sich durch vernünftige oder unvernünftige Fragen veranlasst fand, das Gebiet seiner exakten Wissenschaft zeitweilig zu verlassen und das Gebiet der beschreibenden, empirischen Anthropologie zu betreten, sich auch über diese Frage unumwunden aussprach. »Die Kritik«, sagt er, «erlaubt schlechterdings keine anerschaffenen oder angeborenen Vorstellungen; alle insgesamt, sie mögen zur Anschauung oder zu Verstandesbegriffen gehören, nimmt sie als   e r w o r b e n   an«. ²) Auch von dem Raumbegriff, den Kant angeblich als »angeboren« lehren soll, was allen unseren Psychologen und den meisten unserer Philosophen, ja selbst einem Helmholtz schon so viele Kopf-
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    ¹) Preussische Jahrbücher, Februar, 1904, S. 354.
    ²) Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft durch eine ältere entbehrlich gemacht werden soll, Abschnitt 1.


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schmerzen verursacht hat, sagt Kant ohne Umschweife: »Der Begriff vom Raume darf und kann nicht vorausgesetzt werden; denn Begriffe werden nicht angeboren, sondern nur erworben« (1789, Br. II, 79); und an anderem Orte: »wenn nicht ausgedehnte Wesen wahrgenommen werden, kann man sich keinen Raum vorstellen« (r. V. 349). Schon in der Dissertation des Jahres 1770 (Schluss des § 15) zeigt Kant, dass die Frage, ob die Begriffe des Raumes und der Zeit angeboren (connati) oder nach der Geburt erworben (acquisiti) seien, für die Kritik keine Bedeutung besitze; dennoch spricht er sich für das »erworben« aus, und zwar aus der praktischen, bestechend einfachen Erwägung, weil die Auffassung, als könnten Begriffe angeboren sein, »der Philosophie der Faulen den Weg bahne« (quia viam sternit philosophiae pigrorum). Anderes war von dem schlichten, gesunden, in Naturforschung geübten, alle Haarspaltereien der Philosophen in ironischer Überlegenheit belächelnden Verstande des grossen Denkers nicht zu erwarten.
    Soviel zur ersten allgemeinen Orientierung. Diese psychologische Konfusion ist aber ein so arger Stein des Anstosses, über den die Mehrzahl zu Falle kommt, dass ich es dabei nicht bewenden lassen kann. Wir müssen Kant's persönliches Verhältnis und das Verhältnis seiner Transscendentalphilosophie zur Psychologie noch genauer feststellen. Hier sind nun zwei Dinge vor allem bezeichnend; das eine betrifft die objektive, das andere die subjektive Auffassung der Psychologie. 1. Sobald die sogenannten »psychologischen« Fragen in das Gebiet der wirklichen Empirie einschlagen, betont Kant — im Gegensatz zu aller angeblichen Seelenkunde — die mechanistische Physiologie allein; 2. sobald die Psychologie zur Vernunft in Beziehung tritt, hält er unbeirrbar fest daran, dass Wissenschaft ein systematisches Begreifen, nicht ein Erklären durch Ausfindigmachen vorgeblicher Ursachen ist.
    Wie konsequent bis ans äusserste Ende Kant streng mechanistisch denkt, können Sie aus seinen beiden Briefen an den Anatomen Soemmering vom 10. August und 17. September 1795 entnehmen, mit der Beilage Über den Sitz der Seele. Kant weist hier nach, diese Frage nach dem Sitz einer Seele sei »nicht allein unauflöslich, sondern auch an sich widersprechend«, da sie den Raum voraussetzt; er ermahnt uns: »die physiologische Aufgabe nicht mit der Metaphysik zu bemengen«, vielmehr »nur mit der Materie« uns einzulassen, und entwickelt nun in kurzen Strichen eine em-

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pirische Hypothese über die Art, wie die durch die verschiedenen Sinne vermittelten Eindrücke zu einer Einheit verbunden werden (Associationsgesetz), eine rein materialistisch-physikalische Hypothese, die bis auf letzte atomistische Bestandteile der Materie zurückgeht, das »Spiel der Empfindungen« mit dem Zersetzen und Wiederauferbauen von chemischen Stoffen in Zusammenhang bringt und somit »die Einheit des Aggregats ... durch die Gehirnstruktur begreiflich zu machen« sucht. Auf die Hypothese selbst will ich nicht mehr Wert legen, als es Kant selber tat — wenn auch ein so bedeutender Anatom wie Soemmering sie als »meisterhaft« bezeichnet — die   R i c h t u n g   des Denkens ist es, die uns hier interessiert. Empirisch kann das Gehirn nicht als das Organ einer angeblichen Seele betrachtet werden, sondern lediglich als ein Vermittler von Bewegungsreizen nach innen hin und nach aussen zu und vor allem als der »Vereiniger aller Sinnenvorstellungen« (sowohl empfangender wie schaffender); ist dieser Mechanismus systematisch begriffen, so besitzen wir alles Wissen darüber, das wir zu besitzen fähig sind; alles Weitere ist Ammenmärchen oder wissenschaftlich aufgeputzter Aberglaube. Für die Physiologie ist der Mensch ein Stück Natur; organische Einheit schafft hier nicht Persönlichkeit — denn diese ist rein sittlich, ist Freiheit oder gar nichts, und als solche für die Natur bar aller Bedeutung — sondern die Hirntätigkeit schafft nur In-dividualität, das ist Unteilbarkeit, und auch diese nur relativ und komparativ, von der einzelnen Zelle an bis zum vielgliedrigen Organismus. In diesem Organismus gibt es nun allerhand Einheit-schaffende Systeme, die mehr oder weniger ausgebildet sein können: so z. B. (in vielen Fällen) einen inneren oder äusseren Knochenbau, ein Zirkulationssystem (oder mehrere), ein mehr oder weniger einheitliches System zur Aufnahme und Verarbeitung der Nahrung usw. Was am durchgreifendsten vereinheitlicht, ist aber das Nervensystem; hierin vor allem unterscheidet sich das Tierreich vom Pflanzenreich (obwohl auch in diesem entfernte Analoga entdeckt worden sind), ¹) und darum durfte der grosse Cuvier behaupten: Le système nerveux est, au fond, tout l'animal, das Nervensystem macht das ganze Tier aus. ²) Je mehr nun dieses vereinheitlichende
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    ¹) Haberlandt: Sinnesorgane im Pflanzenreich, 1901.
    ²) Annales, 1812, tome XIX, p. 76. Bekanntlich liegen seiner berühmten Klassifikation die Verhältnisse des Nervensystems zu Grunde.

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System par excellence sich selber wiederum zentralisiert, umsomehr Bedeutung gewinnt das Organ dieser höheren Vereinheitlichung, das wir dann als Gehirn zu bezeichnen pflegen; nicht etwa, als ob diese mechanisch-organische Zentralisation und Individualisierung irgendwo lückenlos durchgeführt wäre, — auch beim Menschen bleibt das sogenannte sympathische Nervensystem sehr unabhängig und eine vollendete Kenntnis der Hirnfunktionen (sowie der davon abhängigen) würde die Kenntnis der Bewegungen des Menschenkörpers nicht erschöpfen; doch immerhin kann man Cuvier's tout l'animal hier in weitem Masse gerechtfertigt finden; das Gehirn ist gleichsam die Quintessenz des ganzen Körpers. Nun beachten Sie aber folgendes: je weiter das Einheit-schaffende Nervensystem ausgebildet ist, um so reicher differenziert es sich; die neuerliche Komplikation nimmt im Verhältnis zur wachsenden Vereinheitlichung zu; je abgeschlossener das Individuum, umso mannigfaltiger gestalten sich seine Beziehungen zu der ausserhalb seiner befindlichen Welt:

»O, dass der Sinnen doch so viele sind!
Verwirrung bringen sie ins Glück herein«,

klagt Goethe. Sobald nun spezifisch   v e r s c h i e d e n e   Sinneseindrücke — z. B. Hören, Sehen, Tasten — zu einer einheitlichen Erfahrung verschmelzen, setzt dies eine Gehirnfunktion voraus, die als Analogon eines   D e n k e n s   vorgestellt werden muss. Besteht also die eine Aufgabe einer empirischen Gehirnlehre darin, die vereinheitlichenden Funktionen des Nervensystems in den Beziehungen zu den anderen Geweben darzulegen, so erwächst ihr eine zweite Aufgabe aus der Nötigung, eine mechanische Vermittlung für die Einheitlichkeit »des unendlich Mannigfaltigen aller sinnlichen Vorstellungen« — also für die neuerliche Vereinheitlichung der eigenen Mannigfaltigkeit — aufzuzeigen. So fasst Kant das der Aufklärung durch die empirische Forschung harrende Problem auf, »die physiologische Aufgabe«, wie er sie nennt; von Seele ist keine Rede, auch nicht von Vernunft, denn keine von diesen beiden ist eine »Materie«, die unter Seziermesser und Lupe zum Vorschein käme und somit zu einer wissenschaftlichen Deutung des Tatbestandes brauchbar wäre.
    Wie segensreich würde sich das in der Naturwissenschaft fühlbar machen, wenn viele Forscher solche konsequente Materialisten

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und Mechanisten wären wie Kant! Dazu gehört aber philosophisch-kritische Schulung. Und so erleben wir denn heute, trotz der weit fortgeschrittenen Aufklärung der anatomischen Verhältnisse infolge verbesserter Untersuchungsmethoden, eine geradezu babylonische Verwirrung auf dem Gebiete der Gehirnforschung. Das Associationsproblem steht wieder im Vordergrunde des Interesses; seit Kant's Nachweis, dass Denken Vereinigen ist, kann es nicht anders sein; von Kant wissen aber die Anatomen nichts und ahnen darum nicht, in welcher bestimmten Beschränkung dieses Problem ihrer Kompetenz unterliegt; vielmehr suchen sie die Dinge, von denen die so hoch in Ansehen stehende »Seelenwissenschaft« ihnen erzählt hat, im Gehirn zu finden, ganz buchstäblich genau in der gleichen Weise wie Descartes vor 250 Jahren Kälber schlachtete, um das Organ des Gedächtnisses ausfindig zu machen. Und während jedes Lehrbuch den grossen Franzosen verspottet, weil er einmal, ganz nebenbei, als Hypothese, die Zirbeldrüse ein wichtiges Verbindungsorgan zwischen Gehirn und Seele nannte, ¹) wimmelt es bei uns von »ideogenen Centren«, von »Assoziationsfasern«, von »Erinnerungsorten« und tausend anderen sinnlosen Worten, dass Einem die Schamröte ins Gesicht steigt, Zeitgenosse solcher rohen Verirrungen zu sein, anstatt dass der empirische Forscher sich Kant's goldenes Wort ins Herz schriebe: »wir haben es nur mit der Materie zu tun«. Ja, die ganze Biologie ist von dieser Krankheit angesteckt und dadurch stark ins Wanken gekommen; Bücher über die Tierseele schiessen wie die Pilze aus der Erde, und Ernst Haeckel hat seine neue Kirche mit einer ganzen Seelennomenklatur der angeblichen »Psychogenie« ausgestattet, von der Cytopsyche der Archezoën an bis zu der Coenopsyche des Zellenvereins, der Histopsyche der Gewebe, der Neuropsyche, die einen eigenen »Seelenapparat« schon besitzt usw. Dazwischen dann ge-
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    ¹) Überall liest man, Descartes habe die Zirbeldrüse für den Sitz der Seele erklärt. Es wäre wohl an der Zeit, auch dieser von oberflächlichen, faulen und dummen Pygmäen erzeugten und durch die Jahrhunderte kolportierten Konfusion den Garaus zu machen. Descartes ist so entfernt davon, die Zirbeldrüse »den Sitz der Seele« zu nennen, dass er ausdrücklich sagt: il est besoin de savoir que l'âme est véritablement jointe à tout le corps, et qu'on ne peut pas proprement dire qu'elle soit en quelqu'une de ses parties à l'exclusion des autres (Les Passions de l'Âme, art. XXX). Das ist wirklich unzweideutig genug. In den articles 31, 32 und 34 entwickelt allerdings Descartes die Hypothese, dass der Zirbeldrüse, als einzigem unpaarigen Organ des Gehirns, wahrscheinlich besondere Funktionen der Vereinheitlichung zufallen, so dass in ihr vielleicht (il me semble) die Seele exerce ses fonctions plus particulièrement que dans les autres parties.

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lehrte Exkurse darüber, ob die Infusorien schon die Ich-Vorstellung besitzen und dergleichen Tiefsinnigkeiten mehr. Professor Verworn geht noch weiter und belehrt uns nicht allein über die Entwickelung des psychischen Lebens im Protistenreich, sondern auch über Molekular-Psychologie. ¹) Und das soll empirische Wissenschaft sein! In dem dümmsten Buch eines frommen Mönches aus dem angeblich dunklen Mittelalter steckt mehr gesunder Verstand, mehr Sinn, mehr Urteil, mehr Lebensernst. Eine »Wissenschaft« von der Seele der Aufgusstierchen! Eine Wissenschaft von der Seele unbelebter, rein hypothetischer Molekeln! Genügt das nicht zum Beweise, dass solche Männer, mögen sie noch so geschickt mit Skalpell und Mikrotom und Mikroskop umgehen, und mögen sie noch so sehr unsere bewundernde Anerkennung für ihre rein zoologischen Arbeiten verdienen, jedenfalls keine Ahnung haben, was der Begriff »Wissenschaft« überhaupt bedeutet? So rächt sich der Mangel an philosophischer Schulung. Und so warnte denn kürzlich einer der wenigen in Kant wohlbewanderten und befestigten Zoologen, es sei kein Aufblühen der Biologie zu erwarten, solange die Forscher diese psychologischen Verirrungen nicht als »wertlose und haltlose Spekulationen« erkennen und »unbeirrt um die Sirenentöne der Seelenlehre ihre Untersuchungen auf die Gegenstände der Erfahrung beschränken«. ²) Was ist aber Erfahrung? Ein so hervorragender Forscher wie Haeckel glaubt allen Ernstes, er besitze »Erfahrung« von der Seele der Foraminiferen im Silur, während in Wirklichkeit selbst seine eigene »Seele« einerseits Idee und andrerseits Allegorie ist. Ohne Kant weiss kein Mensch, was Erfahrung ist und was nicht, weiss kein Mensch, bis wohin Empirie reicht, und wo dagegen das Denken transscendent wird. Das mit Exaktheit festzustellen, war das Lebenswerk des grossen Mannes; wer achtlos daran vorübergeht, ist ein Barbar und wäre er sämtlicher Akademien der Erde Mitglied.
    Das wäre der eine Punkt: ist von Biologie die Rede, so kommt für Kant einzig die mechanistische Physiologie in Betracht; nicht einmal   f r a g e n   darf ich, ob es eine Seele »geistiger Natur« gibt, denn »diese Frage hätte gar keinen Sinn« (r. V. 712). Jetzt aber der zweite Standpunkt. Jener betraf die Natur, ihre Bewegungen
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    ¹) Siehe Psycho-physiologische Protistenstudien, 1889.
    ²) J. v. Uexküll: Im Kampf um die Tierseele, 1902, S. 24.


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und ihre Gesetze, dieser betrifft die Vernunft und den systematischen Zusammenhang ihrer Teile.
    Unter dem Skalpell entdeckte ich eine Vernunft nicht; die Vernunft war es aber, die mich zum Skalpell hatte greifen lassen; sie ging hier — und geht überall — voran; sie ist das Primäre, das zuerst Gegebene. Hier setzt sich nun unsere Seelenwissenschaft ein sehr stolzes Ziel: sie unternimmt es, die Vernunft zu »erklären«; sie unternimmt es, das Erkennen als aus dem Erkannten entstanden darzutun; das eben ist ihre »Erklärung«; wir sollen das wankende Werden des logischen Denkens und der Erkenntnis und des Sittengebotes in Gehirnwindungen, Assoziationsfasern, ideogenen Centren, Erinnerungsorten usw. mit Augen erblicken und vermittelst psychologischer Beobachtungen an Individuen und Völkern verfolgen. Dass sie hierbei die Vernunft voraussetzen muss, liegt auf der Hand; namentlich muss sie alle die notwendigen Urteile und Begriffe voraussetzen, ohne die es überhaupt keine Erfahrung und keine Natur gäbe; womit sollte sie sonst ihre Untersuchungen führen? Sie setzt auch mit der bestechenden Naivetät der Kinder und der Wilden ein Objekt (das Gehirn) und ein Subjekt (die Psyche), sie setzt den Gegenstand und dessen Wahrnehmung, die Welt und das Ich als konkret gegeben voraus — selbst auch da, wo sie im weiteren Verlauf ihrer Untersuchungen bisweilen dahin gelangt, das Eine oder das Andere über Bord zu werfen. Ob bei dieser Methode (ausser den vielen unschätzbaren Beobachtungen, die zur beschreibenden Anthropologie gehören) etwas von Bedeutung für die Philosophie herauskommen kann, mag dahingestellt bleiben: sicher ist, dass Kant einen diametral entgegengesetzten Weg geht. Der Weg der Psychologie ist — und ist notwendig — ganz subjektiv; schon der Name bürgt dafür; Kant's Weg ist dagegen streng objektiv und darum — hier, wo das Ich so laut mitspricht — schwerer zu gehen; alle unsere Instinkte widersetzen sich dieser Richtung, die er uns führen will, alle treiben uns der vorgeblichen Seelenkunde in die Arme. Es wiederholt sich hier der Kampf, den konstruktive Wissenschaft jedesmal gegen den sogenannten gesunden Menschenverstand auszufechten hatte, das heisst gegen die Unfähigkeit der Menschen, den praktischen Wert theoretischer Ideen einzusehen.
    Lassen Sie mich das näher ausführen; wir wollen den bodenlosen Unverstand der Psychologen loben, wenn er uns den Weg

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weist zum vollkommen klaren Verständnis des transscendentalen Standpunktes.
    Um Kant's transscendentale Methode in ihrer Eigenart zu begreifen, kann ein Vergleich mit Newton gute Dienste tun. Sie erinnern sich, in welcher genialen Weise Newton es verstand, einem Phänomen dasjenige abzugewinnen, was es zur Erfassung und Bearbeitung durch theoretische Wissenschaft zugänglich macht. ¹) Farbe z. B. bleibt für geometrische und arithmetische Mass- und Zahlbehandlung ewig unerreichbar; Farbe und Zahl, Farbe und Raumbemessung sind inkommensurabel. Indem Newton aber das Sonnenlicht prismatisch brach, erhielt er die Farben in einem bestimmten räumlichen Verhältnis zueinander; jetzt konnten Zirkel und Ziffern heran, und bald war der völlig unbrauchbare Begriff der Farbe beseitigt und durch den der Bewegung ersetzt — gleichviel, ob diese Bewegung als die von geschleuderten Stoffteilchen oder (abstrakter und darum für die Wissenschaft praktischer) als Schwingungen eines hypothetischen, gedanklich unfassbaren Äthers vorgestellt wurde; denn es kommt einzig darauf an, dass die Begriffe Zeit, Raum und Bewegung zur Anwendung kommen, und alles, was sich ihnen nicht eingliedern kann, beseitigt werde, unbekümmert darum, ob das Beseitigte auch das eigentliche Wesen der Sache ausmacht. Ein ähnlich genialer Instinkt hat Kant geleitet; nur galt sein Sinnen einem anderen Reiche. Ihn verdross es, unser Wissen über unsere eigene Vernunft so ratlos umherschwanken zu sehen, weder nach aussen klar abgegrenzt, noch nach innen übersichtlich gegliedert, daher jeder Phantasterei, jedem individuellen Fürwahrhalten, jeder interessierten Dogmenbildung, jeder psychologischen Pfuscherei wehrlos preisgegeben. Und warum dieser Zustand? Weil es kein objektives Kriterium gab; weil die Einen auf einer Logik fussten, deren Kompetenzsphäre sie nicht erst festgestellt hatten, und nun die abenteuerlichsten Gedankengebäude errichteten, jedoch ohne je Einigkeit herbeizuführen, da Logik nur Methode ist, nicht Ziel und nicht Stoff und nicht Grenze, und somit Behauptung und Gegenbehauptung durch alle Jahrhunderte mit gleichem Rechte gegeneinander platzten, — während die Anderen sich der Psychologie ergaben und durch Beobachtungen über das Werden und Entstehen der Empfindungen, Impulse, Erkenntnisse usw. das Wesen der vorausgesetzten »Seele« zu bestimmen hofften. Der Logiker war gewöhn-
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    ¹) Siehe den Leonardo-Vortrag, S. 141 fg.

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lich ein schärferer Denker, der Psychologe — insofern er Sensualist war — ein besserer Beobachter; jeder von Beiden hatte in einem gewissen Sinn und Mass gegen den Andern recht, keiner von Beiden konnte zu einem Ergebnis gelangen (noch wird er es je können), das an Bestimmtheit, Unanfechtbarkeit und Fruchtbarkeit denen der exakten Wissenschaft an Wert gleich oder auch nur nahe käme. Kant ging nun wie Newton zu Werke. Wie dieser die Farben beiseite geschoben hatte, um von ihnen nur das zu behalten, was für seine systematische Absicht brauchbar war, wodurch es ihm dann gelang, dem rein subjektiven Eindruck einen rein objektiven Ausdruck abzugewinnen, ebenso schob Kant die ganze sogenannte »empirische Psychologie« beiseite, alle die Beobachtungen über »Seelenvermögen«, über Sinnesentfaltung, über Werden und Wachsen der Geisteskräfte, über angeborene und erworbene Fähigkeiten, und was es noch alles derartiges gibt; denn er begriff (und ein solcher Instinkt macht die Genialität eines Mannes aus), dass auf diesem Wege — so naheliegend und verlockend er auch ist — wir nie aus dem grenzenlos Subjektiven, nie aus der beschreibenden Anthropologie herauskommen. Und so wählte er sich einen   a n d e r e n   S t o f f,   mit anderen Worten, er bereitete sich — genau so wie Newton es getan hatte — aus dem selben Tatsachenkomplex ein anderes Problem, ein Problem, wie es sein muss, um objektive, wissenschaftliche und das heisst, wie wir wissen, systematische Auflösung zu gestatten. Das, wenn irgend etwas, ist Gedankenstil; darum gehört es hierher; wie Buffon uns belehrte (S. 610): in solche stilistische Methoden Einsicht zu gewinnen, ist für die Bildung des Geistes von noch grösserem Werte als die Kenntnis der abgehandelten Tatsachen.
    Kant fasst einmal das Besondere seines Stoffes in eine kurze Formel zusammen: »hier ist nicht von dem Entstehen der Erfahrung die Rede, sondern von dem, was in ihr liegt« (P., § 21a). Ich bitte, dieses Wort nie zu vergessen; für die genaue Bezeichnung dessen, was Kant's kritisches Werk bezweckt, ist es wohl das wichtigste, das er je gesprochen, und zwar fiel es schon als Abwehr des scheinbar unüberwindlichen Missverständnisses, das ihm gleich entgegengetreten war und heute noch üppig blüht. Von zehn Philosophieprofessoren, die über Kant lesen, stellen ihn neun so dar, als habe er sich vorgenommen zu »erklären«,   w i e   Erfahrung »entsteht«; wogegen er nur »begreiflich« machen will,   w a s

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in der Erfahrung »liegt«, — begreiflich im selben Sinne, wie die Kosmologen durch ein System die Bewegungen der Gestirne begreiflich machen, ohne wahnwitzig genug zu sein, sie erklären zu wollen. Das Wie ist subjektiv, das Was ist objektiv. Und fragen Sie: was ist dieses, »was in der Erfahrung liegt?«, so antwortet Ihnen Kant: die Vernunft. Unter anderem muss jedenfalls in der Erfahrung auch die Vernunft liegen. Was aber die »Welt« anbetrifft, insofern diese als Gegensatz zu »Vernunft« aufgefasst werden soll, so sagt Kant: »Man muss den Stoff der Welt so   a n n e h m e n,   wie er sein muss, wenn wir von ihm durch Erfahrung belehrt werden wollen...« (r. V., 500 Anm.). Wenn ich in den Spiegel hineinschaue, ist es nicht anders möglich, als dass ich aus dem Spiegel auch hinausschaue; ohne Spiegel kann ich nur Bruchstücke von mir erblicken und die Hauptsache — das Antlitz, die Augen — gar nicht; im Spiegel sehe ich sie deutlich und muss nur achtgeben auf die Vertauschung der Seiten und auf die etwaigen Verzerrungen infolge der vielleicht nicht vollkommen ebenen Reflexionsfläche. In der Welt erblicken wir also — unter anderem — die Vernunft, und zwar in objektiver Beleuchtung. Um das Notwendige, Gesetzliche, immer und überall Gegenwärtige in der Menschenvernunft auszumitteln, dürfen wir nicht die angebliche »Seele«, sondern müssen wir im Gegenteil die Natur befragen, die Wissenschaft der Natur; hier — und nicht in der Psyche des Einzelnen — muss das Objektive des Subjekts zu finden sein, sonst gäbe es für uns gar keine Dinge, sonst könnten wir uns untereinander über nichts verständigen. Dasjenige, was den Gegenstand mir und dir und uns allen gemeinsam macht, das ist es, was notwendigerweise unser aller Vernunft gemeinsam sein muss, das ist das Notwendige, das Gesetzmässige, es ist »Vernunft« kurzweg und nicht die Vernunft des Einen oder des Anderen, und das allein ist diejenige Vernunft, die in eine Wissenschaft gebracht werden kann. Sie sehen, was ich meine, wenn ich behaupte: wie Newton die Farben, so schiebt Kant alles subjektiv Psychologische beiseite. Er leugnet es nicht, er leugnet auch nicht, dass es Interesse bieten kenn; ihn aber und alle objektive Erkenntnistheorie und alle Transscendentalphilosophie geht es gar nichts an. Vielmehr kommt es darauf an, dasjenige in unserem Erkennen ausfindig zu machen und genau zu be- und umschreiben, was »ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts« (r. V., 142) notwendigerweise Gültigkeit besitzt: dies bildet den Kernpunkt aller wis-

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senschaftlichen Kritik der Vernunft; auf diesem Weg allein kann eine objektive Erforschung der Vernunft gelingen; dagegen das Herumexperimentieren am einzelnen Subjekte und das Erklärenwollen aus Ursprüngen vulgärer, unwissenschaftlicher Anthropomorphismus ist.
    Der Transscendentalphilosoph geht also von den grossen, objektiv gegebenen Tatsachen aus: auf der einen Seite von der Tatsache der Freiheit, die auf den »Zustand des Subjekts« keinerlei Rücksicht nimmt, sondern vielmehr für Alle zu kategorischen Geboten führt, auf der anderen von der Tatsache der exakten Naturwissenschaft, der ebenfalls apodiktische Gewissheit zukommt. Diese zwei Behauptungen — dass die Freiheit eine Tatsache und die exakte Wissenschaft eine Tatsache sei — sind allerdings hypothetisch; sie bilden die Grundannahmen des kantischen Systems und bedeuten für dieses System das selbe, was die sogenannten Bewegungsgesetze für Newton's Kosmologie bedeuten; wer sie nicht zugibt, wer behauptet, exakte Wissenschaft sei eine Sache des individuellen Gutdünkens, und der Mensch sei ohne Freiheit (und folglich ohne Sittengebot), mit einem solchen lässt sich Kant in keine Diskussion ein.
    Was meinen wir nun, wenn wir behaupten: die Ergebnisse der exakten Wissenschaft gelten mit Notwendigkeit für Alle »ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts«? Wir wollen damit sagen, diese Ergebnisse seien ein Ausdruck der objektiven Wahrheit. Und was ist objektive Wahrheit? Nach Kant: »die Übereinstimmung der Erkenntnis mit dem Objekt« (r. V. 236). Wie will man aber irgend ein Kriterium dieser Übereinstimmung finden? In der individuellen Vernunft oder auch in sämtlichen Tatsachen, die die Psychologie zutage fördert, fände man es nie; dort herrscht grenzenlose Empirie, und darum sind es — sobald Erkenntniskritik getrieben werden soll — »eitle Versuche, womit sich nur derjenige beschäftigen kann, welcher die ganz eigentümliche Natur dieser [transscendentalen] Erkenntnisse nicht begriffen hat« (r. V., 119). Dagegen bietet die Tatsache der exakten Wissenschaft — das heisst die Tatsache,   d a s s   e s   e i n e   e x a k t e   W i s s e n s c h a f t   g i b t — eine Gewähr; hier ist ein Kriterium gefunden; der Einzelne sieht vieles falsch, seine Sinne täuschen ihn beständig und sein Verstand urteilt häufig schief; trotzdem bestätigt die Natur täglich, dass in der exakten Wissenschaft die Erkenntnis mit dem Objekt — wenig-

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stens in denjenigen Beziehungen, die Wissenschaft in Betracht zu ziehen vermag — übereinstimmt. Vorläufig kann die Frage nach der Art der Übereinstimmung zwischen Erkenntnis und Objekt, die in der exakten Wissenschaft stattfindet, unbeantwortet bleiben — sie mag eine buchstäbliche sein oder eine symbolische; es könnte auch sein, dass Erkenntnis und Objekt in irgend einem Sinne ineinander verflochten sind; unbestritten bleibt ausserdem, dass Wissenschaft nur durch planmässige Ausserachtlassung eines grossen Teils des Stoffes überhaupt zustande kommt. Wir vergessen auch nicht, dass die Annahmen, von denen ausgegangen wurde, vielfach gegen den gewöhnlichen Menschenverstand verstossen — nicht das heliocentrische System allein, vielmehr ist die ganze exakte Wissenschaft »kopernikanisch« — und wurde auch einerseits die Natur peinlich genau beobachtet, so war andererseits diese Beobachtung immer eine gewaltsam einseitige; das Ergebnis hat jedoch, wie gesagt, gezeigt, dass hier die Erkenntnis dem Objekt jedenfalls in gewissen Beziehungen unendlich nahe kommt, was aus der glorreichen und scheinbar unbegrenzten Bahn der Entdeckungen hervorgeht, die sich seit dem Augenblick auftat, wo von Descartes und Galilei diese Methode erfunden worden war, sowie namentlich auch daraus, dass Ungekanntes, nie Erfahrenes jetzt sehr häufig mit absoluter Sicherheit vorhergesagt wird. Das steht einzig da. Während die Logik seit Aristoteles der Natur gegenüber immer kläglich versagt hat, ist es der abstrakten, einseitigen, mathematischen Wissenschaft gelungen, in geheimnisvolle, doch unleugbar organische Beziehungen zu ihr zu treten. Sie haben es im Laufe dieser Vorträge oft gesehen: der Natur nahe zu kommen, objektiv nahe, das ist das leidenschaftliche Bestreben unserer neuen germanischen Wissenschaft von Anfang an gewesen; dafür war sie immer bereit, jedes Opfer zu bringen; durch sie ist die von Kant als Kriterium der objektiven Wahrheit gesuchte Übereinstimmung gefunden worden.
    In welcher Weise Kant behufs Analyse der Vernunft die Natur befragte, und wie er auf diesem Wege dahin gelangte, das System der Grundurteile und der Grundbegriffe festzustellen, die alle exakte Wissenschaft voraussetzt, ist vorhin in anderem Zusammenhange kurz angedeutet worden (S. 627 fg.). Was Plato vom Ich aus — also subjektiv und, wie wir es früher nannten, bejahend — entdeckt hatte, nämlich dass das Verknüpfen zur Einheit das Wesen aller

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Vernunft ausmacht, das selbe entdeckte jetzt Kant vom Gegenstand aus, objektiv, und zwar durch möglichst weitgehende Ausscheidung oder Verneinung. Wenn Sie über sich selbst nachdenken und sich dann Ihrer als eines Individuums, einer Einheit, einer Person bewusst werden, so ist das die subjektive Einheit des Selbstbewusstseins; sie ist zwar sehr überzeugend, doch nichtsdestoweniger in einem gewissen Sinne fraglich und anfechtbar, weil nur empirisch und folglich »zufällig«; diese empirische Einheit — so dogmatisch sicher sie uns scheint — wird in der Tat öfters von der Wissenschaft als eine nur relative dargetan, Verdoppelungen der Persönlichkeit sind nicht gerade selten, und manche andere Phänomene unseres Wesens spielen sich jenseits aller bewussten Einheit ab; dies ficht Kant nicht an, vielmehr schreibt er: »Die Einheit des Bewusstseins in dem, was empirisch ist, ist in Ansehung dessen, was gegeben ist, nicht notwendig und allgemein geltend« (r. V., 140). Nunmehr aber ist eine andere Einheit, eine   o b j e k t i v e   Einheit des Selbstbewusstseins aufgezeigt: das ist diejenige Einheit, durch welche nicht das Ich, sondern der   G e g e n s t a n d   als eine Einheit begriffen wird. Es gäbe kein Erkennen, wenn nicht der Erfahrungsstoff zu geschiedenen Einheiten, d. h. zu Gegenständen verknüpft würde; je bewusster und ausgebildeter das Denken, umso fester werden diese Einheiten umschrieben; die kosmische Physik z. B. fasst die ganze Masse eines Gestirnes in einen mathematischen Punkt zusammen. Blicke ich jedoch umher, so sehe ich nichts weniger als scharf geschiedene Punkte, vielmehr sehe ich nur endlose, grenzenlose, unentwirrbar verflochtene Mannigfaltigkeit. Wie fasse ich es, dass mein Denken dennoch das Chaos der Wahrnehmungen zu Einheiten verknüpft, bis zuletzt, als Inbegriff aller dieser Gegenstände, eine »Natur« in unverbrüchlicher Einheit vor meinem Denken steht (denn die Einheit der Natur ist die Grundannahme aller exakten Wissenschaft)? Plato antwortet: der erste Schritt, den die Vernunft behufs des Erkennens tut, ist schon ein theoretischer, ein eigenmächtiger: die Vernunft schafft Einheiten; das sind die Ideen. Kant widerspricht dem nicht, er zeigt aber, dass eine andere Auffassung geradeso berechtigt ist und Plato's Lehre in höchst bedeutsamer Weise ergänzt: objektiv betrachtet, ist es der Gegenstand, »der Einheit notwendig macht«, und diese Einheit, die der Gegenstand fordert, »kann nichts Anderes sein als die formale Einheit des Bewusstseins...« (r. V., I., 105). Wollte ich mich bei der Formel begnügen: die

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Vernunft gibt das Gesetz, sie erfindet, sie erdichtet, so würde ich bald in bodenlosen Subjektivismus zu versinken drohen; darum sucht Kant die Gewähr und das unverbrüchliche Gesetz nicht bloss drinnen in dem Ich, sondern auch draussen in dem Gegenstande, das heisst, die Vorstellungen der Vernunft haben für ihn nur insofern »objektive Gültigkeit«, als sie der Gegenstand notwendig fordert, damit er als Gegenstand erkannt werde. Wohl beansprucht auch Kant das Erfinden, die Hypothese als Ausgangspunkt; wir sahen es öfter und erst vorhin wieder (S. 640); wie sollte er es nicht, da er doch das Beispiel der exakten Wissenschaft vor sich hatte und genau wusste: Wissenschaft ist Systematik, Systematik ist Architektonik, Architektonik ist schöpferisches Gestalten (S. 598)? Ebenso aber wie die kosmologische Physik das sichere Kriterium für ihre Architektonik in den Tatsachen der Natur findet und immerwährend aus ihnen entnimmt, ob sie auf dem rechten Wege ist oder nicht, ebenso hat Kant, der systematische Erkenntniskritiker, seinen Gesetzgeber, und dieser Gesetzgeber ist das Gegenständliche, das Gegenstandmässige im Gegensatz zum Ichmässigen. Dasjenige in der Vernunft, was die Erfahrung des Gegenstandes   a l s   G e g e n s t a n d   möglich macht, dasjenige also, dank welchem überhaupt Dinge geschaut und gedacht werden, die in Beziehung zueinander stehen und infolgedessen eine Natur, nicht ein Chaos ergeben: das besitzt für alle Vernunft objektive, notwendige Gültigkeit, »ohne Unterschied des Zustandes des Subjekts«. Der Einzelne mag eine einheitliche Seele besitzen oder es sich nur einbilden; die »Vernunft« aber, deren Kritik Kant gibt, ist nicht die Vernunft Dieses und Jenes, sondern die Vernunft kurzweg, als ewige oder vielmehr zeitlose Tatsache. Findet nun in der exakten Wissenschaft eine bedeutende Ausscheidung und Vereinfachung des Stoffes statt, wodurch sowohl die Natur wie die Vernunft betroffen werden, so dürfen wir nunmehr sagen: was sie ausscheidet, haben wir als subjektiv, als ichmässig zu erkennen, was dagegen der Gegenstand — und das heisst die Natur — fordert, um in exakter Weise erkannt zu werden, das besitzt objektive Gültigkeit, auch für die Vernunft. »Objektiv« und »subjektiv«, Worte, die sonst eine schwankende, allegorische Bedeutung tragen, erhalten hierdurch einen wissenschaftlich bestimmten Sinn, und zwar läuft die Trennungslinie nicht mehr zwischen einem angeblichen Subjekt und einem angeblichen Objekt, sondern die Unterscheidung wird dort gemacht, wo sie uns nützt: nämlich einer-

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seits innerhalb des Erkennens und andererseits innerhalb des Gegenstandes; die Vernunft und die Natur, beide besitzen objektive und subjektive Bestandteile.
    Transscendental heisst nun diese Einsicht: dass der Gegenstand die Vernunft in dem selben Masse bedingt, wie die Vernunft den Gegenstand; mit anderen Worten, es ist die Einsicht, dass Erkennen und Dingsein an dem selben Punkt entstehen und unauflöslich miteinander verknüpft sind, sodass jedes von beiden von dem andern Bestimmungen erhält. Wenn ich sage: alles Denken ist Beziehen, so habe ich im selben Atem gesagt: alles Dingsein ist Beziehen, und umgekehrt. Dabei sind aber beileibe nicht Denken und Dingsein identisch; von diesem Standpunkt ist das sogar völlig sinnlos, da für ihn erst im Verknüpfen von Zweierlei etwas entsteht. Goethe, der vortreffliche Jünger Kant's, hat es einmal ebenso naiv wie tiefsinnig ausgesprochen: »Alles, was im Subjekt ist, ist im Objekt, und noch etwas mehr. Alles, was im Objekt ist, ist im Subjekt, und noch etwas mehr«. ¹) Die Worte Objekt und Subjekt könnten zu psychologischen Missdeutungen Anlass geben; setzen Sie aber dafür Welt und Vernunft, und sagen Sie: Alles, was in der Vernunft ist, ist in der Welt, und noch etwas mehr; alles, was in der Welt ist, ist in der Vernunft, und noch etwas mehr: so haben Sie in Goethe's Satz einen philosophisch-objektiven Ausdruck für das betreffende transscendentale Verhältnis. In der Vernunft spiegelt sich die Welt und wird zu einer Natur gestaltet, doch es bleibt Stoff genug ungestaltet übrig — um exakte Wissenschaft zu erhalten, mussten wir ihn ausscheiden; in der Welt spiegelt sich die Vernunft und wird ihrer selbst als Ich bewusst, doch Kant's Analyse hat gezeigt, welch ein bedeutender Teil unseres Weltbildes von der Vernunft beigesteuert wird, ohne dass er eine andere Beglaubigung für sich aufweisen könnte, als das Bedürfnis dieser Vernunft. Dazu dann noch die Freiheit. Diese Einsichten sind transscendentale.
    Bei dieser Verneinung: Kant's Philosophie ist nicht Psychologie, habe ich verweilen und eine möglichst vollständige Aufklä-
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    ¹) W. A., 2. Abt., 11, 162. In diesem bedeutungsvollem Spruche heisst es dann weiter: »Wir sind auf doppelte Weise verloren oder geborgen. Dem Objekt sein Mehr zuzugestehen und auf unser subjektives Mehr zu verzichten. Das Subjekt mit seinem Mehr zu erhöhen und jenes Mehr nicht anerkennen.« Dieser eine Spruch genügt zum Beweise, wie fern Goethe von Spinoza und wie nah er Kant stand.

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rung erstreben müssen; denn sie betrifft den springenden Punkt seines ganzen Denkens und bleibt nichtsdestoweniger fast durchweg unbeachtet oder unverstanden; wer aber hier Kant missdeutet, muss ihn notwendigerweise von A bis Z missverstehen. ¹)

DEFINITION DES TRANSSCENDENTALEN

    Eine letzte zusammenfassende Definition.

    Transscendentalphilosophie ist die durch kritische Beobachtung, gepaart mit hypothetischer Architektonik, gewonnene Gesamtvorstellung des ganzen verwickelten Systems dieser sich gegenseitig bedingenden Verknüpfungen. Sie betrifft nicht besondere Menschen und besondere Dinge; sie ist nicht biologisch; sie ist nicht historisch; sie ist etwas ganz Anderes als Logik (vgl. namentlich r. V. 61 unten); ebensowenig ist sie spekulativ und dogmatisch; am allerwenigsten ist sie psychologisch. Sondern sie stellt lediglich die objektiven Bedingungen wissenschaftlich fest, ohne welche es keine Welt und keine Vernunft und folglich auch kein Erkennen geben würde. Und indem sie das tut, richtet sie überall die rechten Grenzpfeiler auf und reisst die falschen, hergekommenen nieder.

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ÜBERGANG ZUM PRAKTISCHEN

    Ich hatte es unternommen, Kant's Stoff als eine Stilfrage zu untersuchen; insofern die theoretische Vernunft in Betracht kommt,
glaube ich, diesem Vorhaben nunmehr genügt zu haben; durch positive Inhaltsbestimmungen, ergänzt durch negative Abgrenzungen, ist das Gebiet der Transscendentalphilosophie immer genauer charakterisiert worden. Dieser Charakter des Stoffes ist ein Ergebnis von Kant's Persönlichkeit. Jetzt bleibt uns eine letzte Aufgabe:
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    ¹) Anmerken muss ich, dass Kant eine »rationale Psychologie als exakte Disziplin anerkennt und hochstellt, sobald sie das wahnwitzige, einzig in philosophisChem Unverständnis wurzelnde Unternehmen, Erkenntniskritik und -systematik zu begründen, aufgibt und zur Einsicht reift, dass, gerade umgekehrt, sie selbst auf Erkenntniskritik fussen muss. Denn wie Kant bemerkt: es ist lächerlich zu glaubens man könne über die Entstehung der Erfahrung etwas ausmachen, ehe man festgestellt hat, was Erfahrung ist. Was wäre Astronomie ohne eine vorausgegangene Theorie der Bewegungsgesetze? Liegt aber eine kritische Analyse und transscendentale Systematik der Vernunft vor, dann kann sich Psychologie nützlich machen, indem sie betreffs der verschiedenen Bestandteile »wo nicht das Prinzipium ihrer Möglichkeit, doch die Gelegenheitsursachen ihrer Erzeugung in der Erfahrung aufsucht.....« (vgl. P., § 21a und r. V. § 13, S. 116 fg.). Ein vortreffliches Werk zur Einführung in die also verstandene Psychologie ist das kleine Buch von Paul Natorp: Einleitung in die Psychologie nach kritischer Methode, Freiburg bei Mohr, 1888; es sei hiermit bestens empfohlen.

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die Untersuchung des Stoffes auf die praktische Vernunft auszudehnen; das heisst, eine Antwort auf die Frage zu suchen: wie gestaltet Kant seinen Stoff, um über Freiheit, Sittengebot, Gott, Religion zu endgültigen, wissenschaftlichen Ergebnissen zu gelangen?
    Dass das Praktische — nicht das Theoretische — von Anfang an Kant's Ziel bildete, wie es schon Plato's Ziel gewesen war, wissen Sie; das allein genügt, um ihn von fast allen Philosophen zu unterscheiden; Sie wissen aber auch, dass es gerade dieser leidenschaftliche Trieb, der Menschheit praktisch zu dienen, war, der ihn zwang, den grösseren Teil seines Lebens der theoretischen und systematischen Erkenntniskritik zu widmen (vgl. S. 423 fg.). Dieses Gesetz, das Kant zwang, bindet auch mich in diesen Vorträgen. Kant hatte ein volksmässiger Lehrer sein wollen; in seinem stillen, selbstbeherrschten Wesen — ich kann nicht sagen: verbarg sich, denn jede Verstellung lag ihm fern, aber lebte unbemerkt ein kühner revolutionärer Geist; als er sein kritisches Werk in Angriff nimmt, fasst er seinen philosophischen Zweck in die Worte zusammen: »Zur Abschaffung alles Pedantischen in Dingen, welche die Natur der Seele, die Zukunft und den Ursprung aller Dinge betreffen, ist es ganz eigentlich abgezielt« (Ref. II, 6); die Abschaffung des Pedantischen, die Entfesselung des bewusst freien, vernünftigen, praktischen Denkens! das ist, was er wollte. Und nun — gerade dieser Befreiung wegen — musste er sich in eine so tiefgründige Kritik der menschlichen Vernunft einlassen, er musste mit so »pedantischer« Genauigkeit darauf achten, kein einziges Schlupfloch offen zu lassen für den bösen Geist unseres Geschlechtes, den Zurauner des Dogmas, der rings umher uns auflauert, dass er selber den Pedanten, den Kümmelspaltern, der Zunft zum Opfer fiel, und das heisst dem Unverstand, dem Missverstand, der Verzerrung, der Karikatur, während die lebendigen Menschen, die er bei seiner Lebensarbeit im Sinne gehabt hatte, von ihm nur das Eine erfuhren: dass er der schwerste, unzugänglichste, inkonsequenteste aller Denker sei, den jeder Fachmann verschieden deute. Erst solche Dinge verleihen dem Begriffe Schicksal einen höheren Inhalt. Scheitern, nicht an der Unzulänglichkeit, sondern an dem Besten, was man kann: das bildet die Tragödie dieses edlen Lebens. Denn was dann zu uns Laien noch hinüberdrang — die Formel des kategorischen Imperativs und etwa noch die

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dunkle Kunde, Kant habe eine offizielle Ehrenrettung von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit in seinen alten Tagen unternommen — ist teils Phrase, teils die ekelerregende Trivialisierung grosser Lebensgedanken. Es ist und bleibt in alle Ewigkeit unmöglich, ein einziges Wort von Kant's Sittenlehre zu verstehen — das heisst also von seiner Kritik der praktischen Vernunft — wenn man nicht die Grundgedanken seiner Transscendentalphilosophie sich zu eigen gemacht hat, was nur das Studium der Kritik der theoretischen Vernunft vermitteln kann. Man darf ruhig behaupten, unter dem kategorischen Imperativ Kant's stellen sich die meisten Menschen nichts weiter als eine Art Korporalmoral vor: parieren und nicht mucksen; Schopenhauer's schaler und von völligem Missverständnis zeugender Spott über das hölzerne Eisen, das hölzerne Bein usw. sprach demgemäss Tausenden aus dem Herzen. So bleiben wir denn von Kant abgeschnitten, geschieden; wir loben ihn bei Centenarien, wissen aber von dem, was seine Persönlichkeit ausmachte — von seiner Weltanschauung — wenig oder nichts. Um diesen Bann zu brechen, war auch ich gezwungen, in diesen Vorträgen allen Nachdruck auf das Theoretische und die Kritik der Natur zu legen; hier liegt der Schlüssel zum Verständnis; hätte ich lediglich die Persönlichkeit im Auge gehabt, ich hätte einen anderen und leichteren Weg eingeschlagen; die Kenntnis der Persönlichkeit sollte aber als Einführung in das Werk dienen. Hat die kopernikanische Umwendung erst stattgefunden, haben Sie den Gedanken des Transscendentalen wirklich gefasst, dann werden Sie spielend leicht die Freiheits-, Sitten-, Religions- und Gotteslehre Kant's begreifen, und er selber wird Sie besser führen, als irgend ein Anderer es könnte. Was ich also jetzt zum endgültigen Abschluss unserer gemeinsamen Bemühungen vorbringe, will nichts weiter als ein rascher Überblick sein. Für mich persönlich hat Kant's Schule die grösste Kraft im Leben bedeutet: Entsagung, die nicht Kleinmut ist, Religion von Superstition endgültig reingewaschen, Wissenschaft, deren Prärogative unverbrüchlich festgesetzt sind, die aber bescheiden grenzbewusst bleibt; es ist die hohe Schule der innerlichen Freiheit; hier fallen von den Augen die Schuppen des allgegenwärtigen Aberglaubens ab — Aberglauben der Historie, der Kirchen, der Philosophien, der aufgeblasenen Parvenü-Naturlehre; man erhält Raum zum Atmen, Ruhe zum Nachsinnen, man lernt sich selbst befehlen, man verlernt das Fürchten;

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endlich ein Philosoph, der Einem nichts vorschwindelt, nichts Unbeweisbares beweisen will, zugleich aber nicht den empirischen Sumpf für das freie offene Meer hält; hier ist natürliche Systematik, bewusste Kunst des Begreifens und damit zugleich abgerundete, allseitig ausgebildete Weltanschauung; hier ist gut leben. »Alles, auch das Erhabenste, verkleinert sich unter den Händen der Menschen«, sagt Kant (Rel., XII); ihm selbst ist das Seltenste gelungen, nichts hat er verkleinert: weder Wissenschaft, noch Religion, noch Kunst, weder Gesetz, noch Gebot, weder Natur noch Freiheit. Zog er auch überall Grenzen, er riss zugleich überall Schranken nieder; die Grenze schützt vor der Nacht der Konfusion, die Befreiung weist hinaus ins Unbeschränkte; so wuchs denn alles unter seinen Händen und gewann Gestalt. Doch kann man derlei nicht mitteilen; es muss erarbeitet, erkämpft, erlebt werden. Nur bis hieher, bis zu der äusseren Schwelle, kann ein Anderer helfend die Hand reichen.
    Ehe wir nun von der praktischen Vernunft und der Freiheit reden, müssen wir einem recht kritischen Zwischengebiete einige Aufmerksamkeit schenken. Wie unser letztes Schema (S. 630) Ihnen gezeigt hat, stehen sich vom objektiven Standpunkt aus betrachtet — und das ist der Standpunkt, den jeder naive Mensch zunächst einnimmt — das Ding und das Ich gegenüber; wer von der theoretischen Vernunft zur Betrachtung der praktischen übergeht, schaltet zugleich um vom Ding zum Ich. Freilich haben wir jetzt ausführlich erfahren, dass ein jedes von diesen beiden das Korrelat des anderen ist (r. V., I., 250), das heisst, dass das eine zum anderen in Wechselbeziehung steht; doch lehrt die Transscendentalphilosophie, dass man nie alles mit einem Blick umfassen kann; man   m u s s   einseitig sein, sonst kommt man nicht vom Fleck; die exakte Wissenschaft ist das glorreichste Beispiel erfolgreicher Einseitigkeit; der Weltweise jedoch soll — im Unterschied von allen Anderen — sich seiner Einseitigkeit bewusst sein, er soll sich selber in der Gewalt haben. Dazu wird es nun unerlässlich sein, uns zu fragen, wie sich Kant das Ding und das Ich vorstellte. Auch hier wieder habe ich natürlich keine technische Darlegung im Sinne, sondern nur eine Andeutung des Stiles dieses Denkens; wer dem Stil verständnislos gegenübersteht, wird an diesem kritischen Punkte Kant's Gedanken nie fassen, und mag er noch so gelehrt und so scharfsinnig sein; wer dagegen

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mit dem Stil vertraut ist, wird bei Kant alles selbstverständlich finden.
    Es bildet dieser Exkurs einen unerlässlichen Übergang zwischen den beiden Teilen des Vortrags. Allerdings betrifft der Exkurs diesmal eine abstrakte Erwägung, weil wir Kant allein im Auge haben und darum kein rein anschauliches Material vorfinden; doch wird es mein Bestreben sein, dem allerabgezogensten, fremdesten Gedanken des grossen Weltanschauers einen möglichst anschaulichen Ausdruck — in diesem Falle also ein klares, leicht fassliches, sowohl dem Gedächtnis wie dem weiteren Nachdenken angemessenes Schema — abzuringen. Zugleich gewinnen wir hierdurch als Beitrag zu unserem Studium der Persönlichkeit die wertvolle Ergänzung eines tiefen Einblicks in ihre Gedankenwerkstätte.

DAS DING AN SICH

    Unter den technischen Ausdrücken Kant's geniesst ohne Frage in sich das Ding-an-sich die grösste Popularität; man findet ihn nicht selten
im Kladderadatsch. Ein Verständnis dagegen für das, was Kant mit dem Worte sagen will, trifft man fast nirgends; es kann auch unmöglich verstanden werden, solange der Begriff des Transscendentalen nicht völlig klar erfasst wurde.
    Zunächst müssen Sie sich hier wieder, wie überall bei Kant, alles so einfach wie möglich vorstellen; Kant besitzt die Einfalt der Männer, die eine grosse praktische Aufgabe vor sich sehen. »Die Existenz der Sachen zu bezweifeln, ist mir niemals in den Sinn gekommen« (P. § 13, A. III) sagt er: wie meilenweit sind wir da von den üblichen Subtilitäten der Schulen! Alle die bekannten Vexierfragen der Sensualisten, der Idealisten, der Sophisten: wie wir denn von Sinneseindrücken auf Dinge schliessen, und wenn schon, wie wir diese Dinge erkennen wollen, interessieren Kant nicht; die Sachen sind da, sie anzuzweifeln ist eine Beschäftigung für Männer mit sträflich viel Musse, ein Spiel für die philosophische Kinderstube. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um lauter psychologische Mätzchen oder aber um Wortstreite; die »Erscheinung« ist ja das »Ding«, das Ding, das wir kennen und einzig kennen können; die Einteilung in Erscheinungen und Dinge an sich »kann in   p o s i t i v e r   Bedeutung gar nicht zugelassen werden«, schreibt Kant (r. V., 311); sie findet nur in der Kritik der Erkenntnis, behufs systematischer Gliederung, statt. Kant gerät darüber in Zorn und nennt es »einen Skandal der Philosophie und allgemeinen

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Menschenvernunft, das Dasein der Dinge ausser uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unseren inneren Sinn her haben) bloss auf   G l a u b e n   annehmen zu müssen, und, wenn es jemand einfällt, es zu bezweifeln, ihm keinen genugtuenden Beweis entgegenstellen zu können « (r. V., XXXIX); dann tut er zwingend dar: »Das Bewusstsein meines eigenen Daseins ist zugleich ein unmittelbares Bewusstsein des Daseins anderer Dinge ausser mir« (r. V., 276). Wenn also die Denker aller Schulen einig sind, es sei für den Menschen unmöglich, Dinge, wie sie an sich selbst sind, unmittelbar wahrzunehmen — und hierin geht ein Condillac mit einem Shaftesbury, ein Locke mit einem Fichte — so ist für Kant charakteristisch, dass er das also aufgestellte Problem für müssig hält, müssig wenigstens für die grundlegende transscendentale Betrachtung. Er sagt: »Ich habe in Absicht auf die Wirklichkeit äusserer Gegenstände ebenso wenig nötig zu schliessen, als in Ansehung der Wirklichkeit des Gegenstandes meines inneren Sinnes (meiner Gedanken)«, und er »gesteht der Materie als Erscheinung eine Wirklichkeit zu, die nicht geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird« (r. V. I, 371). Darum darf Kant von seinem System behaupten: »In Ansehung aller nur möglichen Erfahrung bleibt Alles eben so, wie wenn ich diesen Abfall von der gemeinen Meinung gar nicht unternommen hätte« (P., § 13).

DING UND ICH

    Das also halten Sie fest, nicht wahr? die konkrete Frage: ob es Dinge gibt und wie sie »in Wirklichkeit« (wie man so sagt) beschaffen sind, ficht uns nichts an, und mit dem bekannten Herrn, der ironisch einwirft: na, legen Sie sich nur quer über die Eisenbahnschienen, Sie werden schon merken, dass es Dinge gibt, — lassen wir uns nicht weiter ein, da wir von dieser gemeinen Meinung nicht abgefallen sind und die Existenz der Körper nicht nur zugeben, sondern noch weiter gehen, indem wir sie — wenn wir sie etwa nicht sollten beweisen können — postulieren würden. Vielmehr liegt die Schwierigkeit an anderem Orte; erst die Transscendentalphilosophie hat sie aufgedeckt.
    Denn die Transscendentalphilosophie hat gezeigt, wie Sie jetzt wissen — und wie Sie später von Kant in aller Ausführlichkeit erfahren werden — dass Erkennen und Erkanntes zu fest miteinander verwoben sind, um je voneinander rein geschieden werden zu können. Hierbei sind die Sinnesqualitäten das Geringste. Dass

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Farbe, Geschmack, Geruch usw. von dem Ding abfallen und als subjektive physiologische Eindrücke des Ich nachgewiesen werden, hat umsoweniger zu bedeuten, als es sich eben nur um subjektive Eindrücke handelt, die ohnehin von Mensch zu Mensch verschieden sein können. Kant's Kritik zeigt uns aber das   O b j e k t i v e   an den Dingen so genau von der Vernunft bedingt — ebenso genau nämlich, wie das Objektive an der Vernunft von den Dingen — dass, losgelöst aus dem Gesetz des Ich, so wenig von dem Ding übrig bleibt wie von dem Ich, losgelöst aus dem Gesetz des Dinges. Ding und Ich lassen sich in Wirklichkeit gar nicht voneinander scheiden: das Ich ohne Stoff zu Erkenntnissen ware ein völlig leerer Begriff, das Ding ohne Gestaltung in der architektonischen Einheit eines Bewusstseins könnte — als Ding — nicht existieren; was bleibt, ist die blinde Vorstellung eines Undinges. Und da haben wir allen Grund, uns zu fragen, was das bedeutet, wenn ein Philosoph kommt und von einem Ding »an sich« spricht, welches nicht als Korrelat zu einem Ich »an sich«, sondern selbständig, losgelöst aus aller Erkenntnis und dennoch als »Ding« Dasein besitzen soll. Das geschieht in aller Stille und Unschuld, und, haben wir es erst zugelassen, so hat jedes Dogma Wurzel geschlagen. Denn hier ist der kritische Punkt für jede Weltanschauung; hier fasst sowohl der dogmatische Materialismus wie der dogmatische Spiritualismus Fuss, und sowohl der sensualistische Skeptizismus eines Hume wie der logische Rationalismus eines Fichte. Genau hier scheidet sich nun die transscendentale Kritik von jeder anderen Philosophie; darum ist Kant hier stets zur Stelle und kommt er immer wieder auf das Ding »an sich« und das Ich »an sich« zurück, denn er weiss, dass wer ihn hier verstanden hat, ihn in allem verstehen wird, wogegen wer ihn hier missversteht, seine Weltanschauung nach keiner Richtung hin wirklich verstehen kann.
    Grundlegend ist, wie Sie sehen, folgende Einsicht: niemals kann es für Kant ein einfaches Problem geben: was sind die Dinge an sich? oder (abstrakter gefasst): was ist »das« Ding an sich? Das Ding kann der Transscendentalist nur dann in Betracht ziehen, wenn er das Ich dazunimmt. Damit sind die meisten gelehrten Arbeiten über Kant's Ding an sich schon aus ihrem blossen Titel gerichtet. Dazu die berühmte Frage, ob Kant   e i n   Ding »an sich« oder eine   M e h r z a h l   von Dingen »an sich« annimmt; so offenbar

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sinnlos diese Frage auch ist, sie beschäftigt noch heute achtbare Männer. Im allgemeinen ist es nicht bloss praktischer, sondern sogar philosophisch korrekter, von Dingen (in der Mehrzahl) zu reden; sobald aber von der transscendentalen Verknüpfung die Rede ist, ist es einfacher, die ganze Natur als ein Ding zu bezeichnen, gerade so wie die Erkenntniskritik von »Vernunft« in der Einzahl spricht, nicht von einer Anzahl einzelner »Vernünfte«. So gebraucht denn Kant Einzahl oder Mehrzahl je nach dem Zusammenhang der Gedanken; zum Überfluss beruhigt er einmal einen unverständigen Frager mit der Auskunft: ob Einzahl oder Mehrzahl »bleibt unausgemacht« (N. I, 209). Was soll Zahl bedeuten ausserhalb des Raumes, der Zeit und der Kategorien der Grösse? Wesentlich ist, wie gesagt, lediglich dies: das Ding kann nicht vom Ich getrennt abgehandelt werden. Ein von der Vernunft losgelöstes Ding »an sich«, also mit deutlicherer Benennung, ein Ding »für keine Vernunft«, ist ein Ungedanke noch mehr als ein Unding; denn einzig der Verstand und die Vernunft schaffen Einheit im Mannigfaltigen; sie allein erschaffen also »Dinge«; nicht, weil es nichts ausserhalb der Vernunft gäbe, wohl aber, weil einzig die Vernunft   g e s t a l t e t.   Selbst der antimetaphysische Wissenschaftler Clifford — freilich einer der geistvollsten Menschen des vergangenen Jahrhunderts — muss zugeben: The universe consists entirely of mind-stuff, die Welt besteht lediglich aus »Verstandes-Stoff«. »Gegenstand« ist ein Begriff, nicht eine Wahrnehmung; »das Objekt, darauf Anschauungen bezogen werden, liegt nur im Verstande« (N. I, 133). Das selbe gilt umgekehrt von dem Ich. In dem selben Absatz der Prolegomena, in dem Kant die »Wirklichkeit der Körper« und das »Dasein meiner Seele (= Ich)« behauptet, sagt er: »die Frage, ob die Körper ... ausser meinen Gedanken   a l s   K ö r p e r   existieren, kann ohne alles Bedenken in der Natur verneint werden«, und fügt das selbe bezüglich des Ich als »Seele im Sinne der empirischen Psychologie« hinzu, dessen Existenz in der Zeit »ebensowohl verneint werden muss« (§ 49). ¹) Ob wir nun hier ein Ding oder die Natur und ob wir ein Ich oder die
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    ¹) Bei Kant ist stets auf jedes Wort genau zu achten, so hier auf die nähere Bestimmung »in der Natur«. Soll »Körper« nur ein vager Ausdruck für das Chaos, für das μη ον des Plato sein, dann kann seine Existenz ausser meinen Gedanken bejaht werden; bedeutet aber »Körper« den Bestandteil einer einheitlichen Natur, so muss er verneint werden, da Natur eine Idee der Vernunft ist, eine regulative, architektonische Idee.

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Vernunft (als Kollektiv) sagen, das bleibt sich gleich: Ding-Natur kann nicht ohne Ich-Vernunft sein und umgekehrt. Darum lehnt Kant diese Frage nach Dingen an sich (sobald sie empirisch gemeint ist) in allen Tonarten ab: »was die Dinge an sich sein mögen, weiss ich nicht, und brauche es auch nicht zu wissen« (r. V. 332); »das transscendentale Objekt [=Ding an sich] ist ein blosses Etwas, wovon wir nicht einmal verstehen würden, was es sei, wenn es uns auch jemand sagen könnte« (r. V., 333); »wir werden es uns nicht einmal einfallen lassen, über die Gegenstände unserer Sinne nach demjenigen, was sie an sich selbst, das ist ohne alle Beziehung auf die Sinne sein mögen, Erkundigung anzustellen« (r. V., I, 380), usw. ad infinitum.
    Sie sehen, wie einfach Kant's Auffassung dieser heiklen Frage sich gestaltet: empirisch betrachtet gibt es Dinge und gibt es Ichs; sobald man aber tiefer darüber nachdenkt, bemerkt man, dass es unmöglich ist, Ding und Ich zu trennen; Dinge gibt es nur für mich, nicht an sich, Ichs gibt es nur im Verhältnis zu Dingen, nicht an sich.
    Als Erstes merken wir uns also: die Frage nach dem Ding und nach dem Ich ist bei Kant nicht subtil, sondern schlicht und gemeinverständlich anzufassen. Sie erinnern sich jedoch an Goethe's Wort: in der Natur ist alles einfacher, als man denken kann, zugleich aber verschränkter, als zu begreifen ist; das gilt auch für jeden Meistergeist und seine Gedanken, denn ein solcher ist der Natur innig verwandt. Und so hätten wir zu wenig geleistet, wenn wir uns betreffs des Ding-Ichproblems bei dieser grandios einfachen, grundlegenden Anschauung beruhigen wollten; jetzt kommt das Verschränkte, das System, das hier, beim menschlichen Erkennen, ebenso unerlässlich ist wie beim Studium der Natur. Jetzt erst werden die Schutzwälle wider die Spintisierer und Dogmatiker errichtet; wir hörten es ja: gegen Subtilität kann nur Subtilität aufkommen (S. 562).
    Wollten wir es nämlich bei der Erkenntnis bewenden lassen, dass Ding und Ich untrennbar verflochten sind, gleich wäre der Monist bei der Hand, der Vernichter aller Gestalten, der Apostel des Chaos. Dadurch gerade ging Plato's herrliche, aber missverstandene Gedankenwelt unter, und Kant lebte noch, als schon der eifrigste seiner Schüler, Fichte, lehrte, das Nicht-Ich (wie er das Ding nannte) sei »schlechthin Nichts«; bis dann schliesslich die

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empirischen Monisten die Sache von dem dümmeren Ende anfassten und umgekehrt behaupteten, nur das Ding habe Dasein. Doch nicht der Monist allein, auch die Denker anderer Richtungen bekämen zu ihren verschiedenen un- und antikritischen Strukturen freies Feld; denn dass wir Alle — von Sancho Pansa an bis zu Isaac Newton — in der Praxis immerfort zwischen Ding und Ich unterscheiden und unterscheiden müssen, liegt auf der Hand, und die Gefahr bedroht uns darum täglich, dass wir — wie Bruno, wie Locke, wie Schopenhauer, wie Helmholtz, wie Alle — von einer grundfalschen Voraussetzung den Ausgang nehmen und die Unterscheidung infolge dessen falsch treffen, wenn nicht die transscendentale Kritik eine genaue, lückenlose Auseinandersetzung über die möglichen Vorstellungen des Ding und des Ich gegeben und die Grenzen einer jeden genau bestimmt hat. Das tut nun Kant.
    Was ich vorhin halb als Spass andeutete, das tut er wirklich:
er postuliert das Ding »an sich« und das Ich »an sich«. Real sind sie freilich nicht voneinander zu scheiden: das Ding ist zugleich ein Gedanke und das Ich zugleich ein Gegenstand; ¹) doch was tut das? alle exakte Wissenschaft ist ideal. Was wir brauchen, ist eine Methode: eine Methode zu denken, zu wissen, zu leben, und das heisst, Denken, Wissen, Leben zu gestalten. »Die Transscendentalphilosophie«‚ sagt Kant, »geht VOR der Behauptung der gedachten Dinge voraus« (Üg. III, 314); sie hat somit in einem gewissen Sinne freie Hand; und nun kommt das Neue, das Kopernikanische: sie beweist nicht das Dasein von Dingen, der Versuch, das zu tun, ist für sie sinnlos, aber sie stellt die Dinge (oder, allgemeiner gesprochen, »das« Ding)   a l s   H y p o t h e s e   auf! Mit aller nur möglichen Deutlichkeit erklärt Kant: »Das Ding an sich ist nicht ein ausser der Vorstellung gegebener Gegenstand, sondern bloss die Position eines Gedankendinges...« (Üg. III, 555). Dieses Wort — bloss die Position eines Gedankendinges — bitte ich Ihrem Gedächtnis einzuprägen; es wiegt die ganze Bibliothek über das Ding an sich auf. Genau so wie der gemeine Mann die Begriffe Ding und Ich nicht entbehren kann, so auch bedarf ihrer das transscendentale System; nur gibt sich Kant Rechenschaft über sein Verfahren, wogegen der Andere es völlig unbewusst anwendet;
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    ¹) Das hatte sich der wackere Mann, der uns aufforderte, uns quer über die Schienen zu strecken, nicht überlegt, dass Gedanken so hart und Gegenstände so weich sein können!

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Kant's Auffassung geht genau parallel der »gemeinen Meinung« und ist insofern unschulmässig und populär, jedoch hebt sie sie empor auf die Stufe vollendeter Besonnenheit. Das sagt Kant selber, wenn er in seiner Erklärung gegen Fichte's Wissenschaftslehre schreibt, seine Transscendentalphilosophie sei »bloss aus dem Standpunkte des gemeinen, nur zu solchen abstrakten Untersuchungen hinlänglich kultivierten Verstandes zu betrachten.« Der Unterschied ist nun dieser: der gemeine Mann (und mit ihm mancher Philosophieprofessor — und wäre es auch nur, um Kant die Ansicht unterzuschieben und ihn dafür zu rügen) glaubt, er müsse Dinge an sich annehmen, um daraus die Existenz der Erscheinungen als Wirkung einer Ursache zu erklären; ¹) Kant dagegen, wie Sie wissen, hält alles Erklären für Geschwätz; wie die exakte Wissenschaft bezweckt auch er nur ein Begreifen; und begreiflich wird etwas nur durch den systematischen Zusammenhang, nicht durch die Fiktion einer Ursache. Das Ding »an sich« und das Ich »an sich« sind für Kant's kritisches System der Vernunft das selbe, was der Äther, das Atom, die Energie usw. für unsere Physik. Alle diese Vorstellungen sind eingestandenermassen (ausser natürlich für jene Lohnkutscher der Wissenschaft, die nicht eingeweiht zu werden brauchen) unausdenkbar und sogar widerspruchsvoll; in ihrer Annahme liegt eine Gewaltsamkeit; die alten Religionslehrer hätten gesagt: Erkennenwollen ist Frevel; sie aber sind die Waffen, mit denen wir gesiegt haben. So spotten z. B. denkende Physiker mit Recht über jene deutschen schwärmenden Empiriker — wohl die possierlichste Sorte von Schwärmern, die je die Welt gesehen hat — die zur »verschleierten Göttin« sich die angebliche Energie erwählt haben und aus dem Munde dieser hypostasierten Personifikation blosser Verhältnisse zwischen Verhältnissen eine sogenannte »Weltanschauung« anbetend empfangen; nichtsdestoweniger preisen diese denkenden Physiker im selben Atem die Grosstat Robert Mayer's und unterscheiden dann mit aller Genauigkeit zwischen kinetischer Energie und potentieller Energie usw.; in seinem System kann eben auch der denkende Physiker diesen Begriff der Energie
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    ¹) Zur Widerlegung dieser immer wieder auftauchenden und — insofern Kant damit getroffen werden soll — unsinnigen Behauptung genügt unter vielen Stellen die eine, r. V. 663 fg.: »Der Grundsatz, von dem, was geschieht ... als Wirkung auf eine Ursache zu schliessen, ist ein Prinzip der Naturerkenntnis, aber nicht der spekulativen ..... der Begriff einer Ursache verliert ebenso wie der des Zufälligen in solchem bloss spekulativen Gebrauche alle Bedeutung, deren objektive Realität sich in concreto begreiflich machen liesse.«

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unmöglich entbehren, er will nur nicht, dass die Mythe zum Credo werde; was würden wir zu einem Mathematiker sagen, der der Wurzel aus minus eins einen Altar errichten wollte! ¹) Kant's Lehre vom Ding an sich und Ich an sich ist in striktester Analogie zu dieser hypothetischen Methode der exakten Wissenschaft aufzufassen; Sie haben es eben aus seinem Munde gehört:   n i c h t   e i n   G e g e n s t a n d,   s o n d e r n   d i e   P o s i t i o n   e i n e s   G e d a n k e n d i n g e s.
    Aller Irrtum über Kant wurzelt in der Unkenntnis dieser ersten, anfänglichen, grundlegenden Tatsache. Da steht es, schwarz auf weiss, an hundert Stellen; da steht es — wenn man mit Kant's Augen zu sehen gelernt hat — in jedem Satze aller Kritiken; und doch sieht man es nicht. So hält ein Schopenhauer z. B. Kant's Ding an sich für ein tatsächlich vorhandenes »Ding«, für eine Sache, einen Gegenstand, den er dann in seinem eigenen Busen entdeckt und aufzeigt und zur materiellen Grundlage einer ganzen Weltanschauung macht; während Andere in schwerfälligen Büchern nachweisen, Kant's Ding an sich sei nicht logisch konsequent — als ob etwa der stahlstarre Aether, der die Körper nichtsdestoweniger ohne Reibung durchlässt, den Forderungen einer formellen Logik besser entspräche! Und wiederum Andere glauben, eine grosse Entdeckung zu machen, wenn sie zeigen, Kant's Ding an sich habe an einer Stelle seiner Schriften einen gewissen Sinn und an einer anderen einen anderen, obgleich er doch selber bemüht war darzutun, die Hypothese eines Dinges setze notwendig   v e r s c h i e d e n e   Auffassungen des Dinges voraus, genau so wie es keinen brauchbaren Begriff der Energie gibt, wenn wir nicht verschiedene Standpunkte zugeben, von denen aus die Energie in wesentlich verschiedener, auch mathematisch abweichender Bedeutung erblickt wird, nur dass die eine Energie zur anderen in einem System der Wechselwirkung steht, so dass diese Mehrheit wieder als Einheit aufgefasst werden kann.
    Nachdem Sie nun gründlich erfasst haben, inwiefern ein Ding »an sich« und ein Ich »an sich« nur Methoden des Denkens sind, nur Annahmen, Hypothesen, oder wie Plato es so pittoresk ausdrückt, »Sprungbretter zum Wissen« (S. 414), müssen Sie noch flüchtig in die notwendigerweise verschränkte Systematik eines solchen hypothetischen Dings und Ichs eingeweiht werden; sonst
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    ¹) Siehe vor allem Jean Perrin: Traité de chimie physique, I, 1903, p. XIII et 108 fg.

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sind Sie gegen die Irrlehrer nicht genügend gewappnet. Werden Sie mir, bitte, nicht etwa hier untreu; die Art meines Vorhabens wird mir gestatten, alles anschaulich zu entwickeln, wenn Sie mir nur ein wenig Aufmerksamkeit schenken wollen.
    Zwischen Ding und Ich besteht eine so genaue Wechselwirkung, dass von vornherein zu erwarten steht, auch in dem hypothetisch vom Ich geschiedenen Ding und in dem vom Ding geschiedenen Ich werden die symmetrischen Verhältnisse sich genau entsprechen. Das ist auch der Fall. Nur ist es immer leichter, vom Ding zu sprechen, und zwar aus einem Grunde, den ich im vorigen Vortrag mit der Allegorie von hüben und drüben fassbar zu machen suchte (S. 452). Dieses vom Ich geschieden gedachte Ding steht uns in der gedanklichen Perspektive ferner und ist darum deutlicher zu erblicken als das Ich, bei dem, seiner grossen Nähe wegen, alle Linien fast parallel laufen, das heisst ins Unendliche weisen und darum kein Bild abgeben. In ähnlicher Weise ist es viel leichter, sich über die fast ganz anschauliche Fiktion »Atom« zu verständigen, als über die fast ganz gedankenmässige Fiktion »Äther«. Das ist der wahre Grund, weswegen alle Welt von dem Ding an sich redet, selten aber Jemand von dessen unerlässlichem Korrelat, dem Ich an sich. Mit diesem Vorbehalt wollen auch wir zunächst vom Ding sprechen und das Ich vorläufig unbeachtet lassen.

DAS DING

    Wiederum entnehme ich aus Kant's allerletzten Aufzeichnungen ein wichtiges Wort: »die Transscendentalphilosophie ist oder vielmehr sie   m a c h t   ein System objektiv und zugleich subjektiv« (Üg. III, 370). Was dieses Objektiv-Subjektive und Subjektiv-Objektive bedeutet, wissen Sie jetzt genau, da wir es eingehend besprochen haben (S. 626 fg. und 657 fg.); es gilt aber nicht allein für das transscendentale System im Ganzen, sondern wiederholt sich überall, auf jeder Stufe; was Sie auch transscendental in Betracht ziehen mögen, es wird sich in ein Objektives und ein Subjektives zerspalten. Scheiden wir nun das Ding von dem Ich und betrachten zunächst, als das Objektive von beiden, das Ding »an sich«, so tritt nichtsdestoweniger diese selbe Gegenüberstellung sofort wieder ein und zwar jetzt innerhalb des Dinges. Mit mathematischer Bestimmtheit — als handle es sich um ein optisches Spiegelungsphänomen — stehen   z w e i   Dinge an sich da: ein objektiv gefärbtes und ein subjektiv gefärbtes. Das objektiv gefärbte ist das eigentliche, das »dingliche« Ding an sich, das subjektiv ge-

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färbte ist das sogenannte »Gedankending« (mit dem griechischen Namen, Noumenon). Fassen wir aber jetzt jedes von diesen beiden mit Ausserachtlassung des anderen fest ins Auge, so löst es sich wiederum in zwei Hälften auf, von denen die eine im Verhältnis zur anderen objektiv, die andere im Verhältnis zur ersteren subjektiv ist, und wir haben nunmehr vier verschiedene Dinge an sich.
    Ich wiederhole also, um sicher zu sein, dass die Sache klar vor Ihren Augen steht: sobald wir   e i n   Ding an sich supponiert haben, findet es sich, dass wir   z w e i   deutlich unterscheidbaren Auffassungen Raum geben müssen, und denken wir nun tiefer darüber nach und folgen dabei dem Leitfaden, den uns das transscendentale System an die Hand gibt, so finden wir uns — der vollkommenen Klarheit zuliebe — veranlasst, in jeder einzelnen Hälfte wiederum zwei Bestandteile sorgfältig voneinander zu sondern.
    Die Zweiteilung in dingliches Ding und Gedankending ist von weit grösserem Belang als die sehr subtile Vierteilung; zunächst ziehen wir sie allein in Betracht. Sie ergibt sich ohne weiteres aus der Grundhypothese der Transscendentalphilosophie, nach welcher zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis angenommen werden müssen — Sinnlichkeit und Verstand — ohne deren Zusammenwirkung es überhaupt zu keinem Erkennen kommt. In jedem Erkennen steckt beides: Sinnlichkeit und Verstand. Will ich nun zu einem eindeutigen Ding »an sich«, zu einem ausserhalb meiner Erkenntnis liegenden Ding gelangen, so habe ich zwischen zwei Wegen zu wählen: dem der Sinnlichkeit und dem des Verstandes; täte ich das nicht, ich bliebe innerhalb des bedingten menschlichen Erkennens befangen.
    Hier ist aber der Ort, über die erkenntniskritische Grundhypothese Kant's einige Worte zur genaueren Erläuterung zu sagen, sonst bleiben seine Auseinandersetzungen über das Ding an sich Ihnen undeutlich.

SINNLICHKEIT UND VERSTAND

    Kant behauptet — wie Sie schon seit unserem ersten Vortrag genau (S. 37) wissen — das Wesen der Vernunft könne nicht verstanden werden, solange wir nicht zwei »Stämme« des Erkennens annehmen, wogegen alles systematisch darstellbar und begreiflich werde, sobald wir diese Hypothese aufstellen. Da aber Kant im weiteren Verfolg alle Mühe auf den Nachweis verwendet, dass der Verstand ohne die Sinnlichkeit nichts ausrichten könne, ja, dass er geradezu undenkbar, ein leerer Begriff sei, und die Sinnlichkeit ohne den

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Verstand ein ebenso blindes Nichts bleibe, so liegt der hypothetische, methodische Charakter der Zweiteilung auf der Hand. Nicht etwa als handle es sich um eine pure Erfindung, um ein willkürliches Kartengebäude; das ist hier ebensowenig der Fall wie bei der Annahme von Materie und Aether, ja, noch weniger; Kant's Unterscheidung bewährt sich objektiv von Schritt zu Schritt und ist eigentlich bloss der philosophische Ausdruck für das, was jeder Mensch instinktiv sich denkt; was aber daran künstlich und gewaltsam ist, das ist die klare Trennung, dieser Schnitt mit dem Messer, nach welchem nunmehr das, was organisch eins ist, als zwei erscheint; das gerade ist Architektonik, ist Gestalten des Wissens, ist Methode des Forschens; Klarheit ist Menschenwerk, und nicht umsonst sagt die Sprache: »sich« klarmachen. Aus der transscendentalen Verknüpfung von Verstand und Sinnlichkeit entsteht Erkenntnis: das ist Kant's Hypothese.
    Sie müssen aber auch genau wissen, was diese Worte »Sinnlichkeit« und »Verstand« für Kant bedeuten. Unter dem Ausdruck »Sinnlichkeit« dürfen Sie sich bei ihm nicht die Tätigkeit unserer Sinne vorstellen: das Fühlen, Sehen, Riechen, Hören. Niemals deutet bei Kant das Wort »Sinnlichkeit« hierauf; denn bei ihm handelt es sich, wie wir jetzt hoffentlich in alle Ewigkeit wissen, nicht um Physiologie und Psychologie, sondern um die objektive Vernunft, dort untersucht, wo zuerst Bewusstsein entsteht, noch   » v o r   der Behauptung der Dinge«; wir wollen ja erst feststellen, was Erscheinung ist, was Denken, was Erkennen, was Idee usw.; die Transscendentalphilosophie ist der Versuch, auf diese Fragen eine Antwort nach der Methode der exakten Wissenschaft zu geben; unmöglich können also die Funktionen eines empirisch vorhandenen Körpers in Betracht kommen. Vielmehr ist die alleinzige Form der Sinnlichkeit auf transscendentalem Gebiete der Raum (wozu unter gewissen Ihnen bekannten Beschränkungen noch die Zeit kommt). Ob eine Vernunft durch einen Sinn oder durch fünf Sinne oder durch fünfzig verschiedene Sinne Vorstellungen empfängt, ist hierbei grundsätzlich einerlei; denn dies gehört zum Subjektiven. In dem Worte Sinnlichkeit — wie Kant es anwendet — liegt etwas Allegorisches; die Allegorie ist feiner, zarter als Plato's entsprechende vom »Gebiet des Sichtbaren«, doch ist es immerhin noch eine; wo Kant im Ausdruck präzis sein will, sagt er nicht Sinnlichkeit, sondern Receptivität. Receptivität besagt bei

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ihm, dass in jedem Erkennen ein Empfangen festzustellen ist; erst am Objekt erwacht das Subjekt. Um Verständnis zu wecken, nennt er das Sinnlichkeit, womit besagt ist: wir sollen uns dieses transscendental zu verstehende Empfangen   n a c h   A n a l o g i e   d e s   E m p f a n g e n s   v o n   E i n d r ü c k e n   d u r c h   d i e   K ö r p e r s i n n e   v o r s t e l l e n. — Und genau den gleichen Vorbehalt muss ich für den Ausdruck Verstand machen. In Kant's System wird der Verstand »rein« gedacht, das heisst unvermischt mit Sinnlichkeit. Natürlich ist das eine Abstraktion, die Position eines Gedankendinges; doch nicht mehr abstrakt als die Position eines von der Materie getrennt zu betrachtenden Aethers, und einer entsprechend vom Aether geschiedenen Materie. In exakter Wissenschaft muss man so verfahren; dies gerade macht wissenschaftliche Methode aus. Darum dürfen Sie aber nicht einen Augenblick an unsern mit Sinnlichkeit durchtränkten Verstand im üblichen Sinne des Wortes denken; vielmehr ist wiederum das Wort »Verstand« ein blosser Wegweiser; wo Kant sehr genau reden will, sagt er Spontaneität; in jedem Erkennen findet nicht bloss ein Empfangen, sondern auch ein Hervorbringen statt; erst am Subjekt entsteht das Objekt. Das ist also der genaue Sinn des vorhin ausgesprochenen Satzes: aus der transscendentalen Verknüpfung von Verstand und Sinnlichkeit entsteht Erkenntnis.
    Fast müsste ich mich schämen, Sie noch im jetzigen Stadium unseres gemeinsamen Studienganges auf etwas so Selbstverständliches mit breiter Emphase aufmerksam zu machen; doch wenn Sie Umschau halten, werden Sie erstaunt sein, fast überall — auch bei den renommiertesten Kantauslegern — Verstand und Sinnlichkeit nicht transscendental, sondern empirisch und psychologisch aufgefasst zu finden; damit wird aber Kant's Philosophie zu einem unerträglich konfusen Galimathias; sie ganz hinauszufegen, ist dann noch das Beste, was geschehen kann. An der Spitze dieser so gründlich Missverstehenden steht kein Geringerer als Schopenhauer. Zu wiederholten Malen sagt er von Kant's Philosophie, sie sei »eine Kritik der Gehirnfunktionen« — von allem Falschen, was über Kant gesagt worden ist, wohl das Falscheste, dafür verlockend wie alles Plausible, leicht Fassliche. Das Transscendentale geht   » v o r «   der Behauptung der Dinge, wogegen die Erscheinung, die ich Gehirn nenne, schon ein Produkt ist: ein Produkt aus Verstand und Sinnlichkeit, und darum unmöglich die Grundlage zu einer Kritik

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der Erkenntnis abgeben kann; »in einer Erscheinung ist alles selbst wiederum Erscheinung«, sagt Kant. Noch schlagender, geradezu gigantisch, tritt der Grundirrtum dieser Auffassung zutage, wenn Schopenhauer immer wiederholt, der Raum (die Form der Sinnlichkeit) sei »nur subjektiv«, »hänge nur dem Subjekte an« usw., so dass er zuletzt die Formel aufstellt: »der Raum ist doch nur im Kopfe«. ¹) Diese Deutung, die Schopenhauer von Fichte übernimmt und fälschlich Kant zuschreibt, widerspricht in Wirklichkeit aller Transscendentalkritik; denn das Wesentliche an dieser Philosophie ist, wie Sie jetzt gründlich belehrt sind, dass sie alles zugleich objektiv und subjektiv auffasst. Was soll das heissen, dass es erst einen Kopf gibt und dann — infolge der Tätigkeit dieses Kopfes — einen Raum? Was sollen wir uns unter einem Kopfe vorstellen, der nicht im Raume wäre? Wir tragen nicht den Raum im Kopfe, sondern vielmehr wir stellen uns Köpfe vor, weil die Form der Anschauung die räumliche ist. In seiner Streitschrift gegen Eberhard (1. Absch., Anfang von c) citiert Kant dessen Worte: »Raum und Zeit haben zugleich subjektive und objektive Gründe« mit der Bemerkung: »dieses sind gerade meine eigenen Behauptungen .... die Kritik behauptet dieses buchstäblich und wiederholentlich«. Wohl sagt Kant bisweilen vom Raum (und von der Zeit), er sei »eine subjektive Bedingung« oder eine »subjektive Beschaffenheit der Sinnlichkeit«; lassen Sie sich aber diesen Zusatz: »der Sinnlichkeit« nicht entgehen (z. B. r. V. 42); damit wird wiederum innerhalb der Sinnlichkeit, das heisst, wie Sie gesehen haben, der Receptivitât, zwischen dem mehr subjektiven Teil der Receptivität, nämlich der Bedingung des »Affiziertwerdens«, und dem mehr objektiven, nämlich der Gestaltung des Eindrucks, unterschieden; ²) die Sinnlichkeit selbst ist genau ebenso objektiv (und ebenso subjektiv) wie der Verstand, und Kant wird nicht müde, die »objektive Realität« des Raumes hervorzuheben. Dieses organische Aufbrechen in zwei Bestandteile, die ‚wir als objektiv und
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    ¹) Parerga: Über Philosophie § 30.
    ²) Vgl. r. V. 42 und an anderen Orten (namentlich 751). Diese äusserst subtile und darum von Kant — der hierin immer lieber zu wenig als zu viel tat — in seinen Hauptwerken kaum angedeutete Unterscheidung hat er in der Streitschrift Über eine Entdeckung usw. näher ausgeführt (kurz vor Schluss des ersten Abschnitts). Schopenhauer achtet so wenig auf den genauen Wortlaut bei Kant, dass er nicht selten bei Anführungen Worte auslässt und zwar wichtige Worte, die er für nebensächlich hält, wodurch unbeabsichtigte Fälschungen entstehen. Jedem Leser der Schopenhauerischen Kritik von Kant's Philosophie ist dringend zu raten, sämtliche Citate Wort für Wort nachzuprüfen.

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subjektiv unterscheiden, findet, wie gesagt, auf jeder Stufe statt, geradeso wie wir vom grössten Phänomenenkomplex bis in den kleinsten erreichbaren Vorgang der Natur negative und positive Elektrizität in Wechselwirkung nachweisen können. Was Kant sagt, ist nicht, was Schopenhauer daraus macht, dass nämlich das Objekt ein »Gehirnphänomen« sei, ¹) sondern, dass die Objekte   » a l s   E r s c h e i n u n g e n   nur in uns existieren können« (r. V. 59). Die Worte »als Erscheinungen« dürfen nicht übersehen werden; Objekt und Subjekt werden stets und überall von Kant, behufs Systematik der Erkenntnis, hypothetisch vorausgesetzt; er betont aber — und darin besteht die Berechtigung und der Wert des Namens »Kritik« — dass das Objekt in Wirklichkeit dem Subjekt lediglich als Erscheinung gegenüberstehe und das Subjekt dem Objekt lediglich als Gesetz (Plato sagt Idee). ²) Spricht man gewöhnlich von Erscheinung und Ding als Gegensätzen, und taten wir das selber in unserem Bruno-Vortrag (S. 387 fg.), so müssen Sie jetzt begreifen, dass dies nur aus Rücksicht für den noch nicht kritisch Geschulten geschieht; er soll einsehen lernen, dass diese zwei Begriffe verschiedenen Erkenntnisarten angehören; die Erscheinung ist das empirisch Gegebene, das Ding ist eine (bis auf Plato und Kant unbewusst gemachte) transscendentale Annahme; wer unterscheiden gelernt hat, erblickt dann als Gegensatz — oder vielmehr Gegenstück — des Dinges nicht die Erscheinung, sondern das Ich, und als Gegenstück der Erscheinung nicht das Ding, sondern das Gesetz. Erscheinung — auch diejenige Erscheinung, die wir Gehirn nennen — kann es nur geben, insofern Gesetzlichkeit im Verbinden, also objektive Vernunft vorausgesetzt wird. Wenn also Schopenhauer jenes Wort von dem Raum im Kopfe als eine Art Epitome von »des grossen Kant's grosser Lehre« gibt, so irrt er gewaltig; in Wirklichkeit stellt er damit Kant's Lehre   a u f   d e n   K o p f,   weiter nichts. Die grosse Verbreitung — gerade unter Ungelehrten — und der verführerische Reiz eines so bequemen, weil unkritischen Denkens machte diesen kleinen Abstecher nötig.
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    ¹) Siehe namentlich den Anfang des 1. Kap. des 2. Bandes der Welt als Wille und Vorstellung. Hier ist jeder Satz, fast jedes Wort, eine Absage an den kritischen, formalen, systematischen Idealismus Plato's und Kant's, kurz an die echte Transscendentalphilosophie. zu Gunsten einer zugleich materialistischen und mystischen Dogmatik.
    ²) Betreffs der Vorstellung »Gesetz« siehe namentlich r. V., I., 126 fg.

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ZWEI ARTEN DES »DING«

    Wir kehren zu unserem Ding »an sich« zurück und verstehen »Ding« genau, was damit gesagt wird, wenn die Kritik behauptet, um zu
diesem hypothetischen Dinge zu gelangen, gebe es nicht einen Weg, sondern zwei verschiedene und gleich berechtigte Wege: den des Verstandes und den der Sinnlichkeit. Die Erscheinung — das heisst das Ding »für mich« — ist aus Verstand und Sinnlichkeit, aus Spontaneität und Receptivität gewoben, beide weisen aufeinander hin und sind aufeinander angewiesen wie Licht und Auge; wer davon träumt, aus den Maschen dieses Gewebes herauszukommen und zu einem eindeutigen Dinge nicht »für mich«, sondern »an sich« hinzugelangen, muss also eine Wahl treffen.
    Der naive Mensch wird zunächst immer antworten: Ich wähle den Weg der Sinnlichkeit, er allein kann zum Ding hinführen. Doch wird die Zuversicht nicht lange anhalten. Denn erstens sind alle Sinneseindrücke als physiologisch subjektiv abzustreifen: Sehen, Betasten usw., und es bleibt nur der »dunkle Klumpen« im Raume, ¹) durch keinen einzigen Sinn mehr, sondern nur durch die allgemeine Form aller Sinnlichkeit als räumlich ausgedehnt vorgestellt. ²) Nun fallen aber (da wir den Weg der Sinnlichkeit gewählt haben) auch alle Verstandesbestimmungen hinweg: also alles, was eine Grösse, einen Grad, eine Wechselwirkung, einen Wert andeutet und bestimmt; denn das alles sind   B e g r i f f e;   die »Bestimmung« eines Dinges ist nicht ein bloss empfangener Eindruck, sondern erfolgt aus Vergleichen und Urteilen; dies gerade ist die Funktion der Spontaneität (allegorisch Verstand genannt). Also ist das Ding »an sich«, zu dem wir auf diesem Wege zu gelangen glaubten, eine äusserst konfuse Vorstellung, weder gross noch klein, weder Einheit noch Mehrheit, weder stark noch schwach, es steht zu nichts in einem Verhältnis.... wir können es bestenfalls Chaos nennen. Wir lernen hier einsehen, dass es der Verstand ist — nicht die Sinnlichkeit — dem wir in der Hauptsache die Vorstellung »Ding« verdanken; ohne Verstand gelangen wir zu einem wahren Unding, das vollkommen ausserhalb jeder möglichen Erfahrung steht. Das Urteil über dieses Unding ist Ihnen seit dem Descartesvortrag vertraut:   A n s c h a u u n g e n   o h n e   B e g r i f f e   s i n d   b l i n d.   Dennoch wird uns dieses Unding als blosser Grenzbegriff noch bedeutende Dienste leisten.
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    ¹) Ein guter Ausdruck, den Mach einmal gebraucht (siehe S. 472).
    ²) Durch eine solche Überlegung lernt man begreifen, was Plato meint, wenn er Raum = Materie setzt (Timäos).

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    Wenn wir jetzt den anderen Weg einschlagen, so hat es allerdings zunächst den Anschein, als kämen wir beträchtlich weiter. Das Gedankending (Noumenon) ist wenigstens ein logischer, zusammenhängender Gedanke; infolgedessen ist es ein Bestimmtes, nicht ein Chaotisches; es lässt sich darüber reden, wogegen beim anderen Ding nichts weiter als eine stumme und sozusagen »abstrakte« Empfindung übrig blieb; darum schlagen so ziemlich alle Denker der verschiedensten Schulen, wenn sie zu einem Ding »an sich« gelangen wollen, schliesslich diesen Weg des Gedankendings ein; die meisten beruhigen sich auch dabei. Man spricht dann von intellektueller oder intellektualer Anschauung und weiss seit Aristoteles Wunderdinge darüber zu erzählen; namentlich Hegel hat auf das »übersinnliche Anschauen« grosse Stücke gehalten. Hier lernen wir nun den Wert der rein objektiven und systematischen Methode Kant's kennen. Denn zwei Drittel der Kritik der reinen Vernunft gelten dem lückenlosen Nachweise, dass die Spontaneität als Bestandteil des Erkennens ohne die Mitwirkung der Receptivität ebenso vollkommen bedeutungslos ist, wie die Sinnlichkeit ohne den Verstand. Eine nähere Ausführung hierüber würde Kenntnisse erfordern, die ich leider nicht voraussetzen darf; gerade hier treibt die Illusion tiefe Wurzeln, und es bedarf des genauen Studiums der Hauptwerke des grossen Denkers, um sie völlig auszurotten; nur einen Satz will ich anführen; denn er bildet einen Eckstein des kritischen Gebäudes und wird Ihnen, wenn auch nur halb verstanden, viel Stoff zum fruchtbaren Nachdenken geben. An der betreffenden Stelle, nachdem Kant ausführlich gezeigt hat, den Begriffen des Verstandes komme abseits von der Anwendung auf gegebene — »gegebene«! — sinnliche Eindrücke keinerlei Bedeutung zu, schliesst er mit den Worten: »die Sinnlichkeit realisiert den Verstand, indem sie ihn zugleich restringiert« (r. V. 187); auf Deutsch: erst die Sinnlichkeit »verwirklicht« den Verstand, indem sie aber zugleich seine »Beschränkung« auf das sinnlich Gegebene dartut. Der Rationalismus und die Panlogik, die wir im Brunovortrag kennen lernten, sind dadurch als gegenstandslos erwiesen. Gelingt es Ihnen durch angestrengte Aufmerksamkeit, den Verstand ebenso »rein« sich zu denken, wie vorhin die Sinnlichkeit, das heisst also ohne jegliche Anwendung auf Erscheinung, so werden Sie entdecken, dass Ihnen nichts weiter übrig bleibt, als »eine blosse logische Form ohne Inhalt« (r. V. 346). Zeigte sich uns das

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dingliche Ding als ein Chaos, so ist das Gedankending ein gespensterhaftes Schema, weiter nichts. Auch dessen Charakterisierung kennen wir seit dem Descartesvortrag:   G e d a n k e n   o h n e   I n h a l t   s i n d   l e e r.
    So sind wir denn zu einer für uns hier wohl hinreichenden und jedenfalls in Anbetracht des abstrakten Gegenstandes möglichst anschaulichen Vorstellung gelangt: von den beiden Hauptarten des Dinges »an sich« ist die eine blinde Anschauung ohne Begriff, die andere leerer Gedanke ohne Inhalt; die erste ist das dingliche Ding, die zweite das Gedankending.

WERT DIESER VORSTELLUNG

    Vielleicht sind Sie enttäuscht, so wenig dabei herauskommen zu sehen? Und doch ist dieses Wenige wertvoll. Denn in der vollkommen klaren und erschöpfenden Kritik aller irgend möglichen Vorstellungen über angebliche Dinge »an sich« liegt die einzig sichere Abwehr aller Dogmatik. So z. B. — um nur ein einziges, aber eindrucksvolles Beispiel zu nennen — fällt hiermit jedes Dogma einer Schöpfung, wie dasjenige, das aus dem Judentum ins Christentum übergegangen ist; es erweist sich als sinnlos (sobald es nämlich materiell aufgefasst wird); denn da wir weder auf dem Wege des Verstandes, noch auf dem Wege der Sinnlichkeit zu »Dingen« gelangen, sondern auf der einen Seite nur zu einem Ungedanken und auf der anderen nur zu einem Unding, so kann alles, was man »Entstehen« nennt, nie etwas Anderes sein als Veränderung in der Erscheinung, niemals Ursprung eines Dinges; das angebliche »Nichts«, aus dem Gott die Welt gezogen haben soll, verliert mit seinem Korrelat, dem Ding, alle positive Bedeutung. Kant meint: wollte man auch nur die Möglichkeit eines Schöpfungsaktes zulassen, alle Erfahrung — Erfahrung im wissenschaftlichen, objektiven Sinne — wäre aufgehoben (vgl. r. V., S. 251 fg.). Ausserdem ist aber das Ding an sich auch innerhalb des kritischen Systems von grosser Bedeutung; denn es dient in seinen verschiedenen Abarten nach allen Seiten hin zur beinahe anschaulichen Abgrenzung, wo sonst alles rein abstrakt bliebe. So ist z. B. das Gedankending, wie Kant wiederholentlich hervorhebt, zwar nur von negativem Gebrauche, in dieser Eigenschaft hat es aber den grossen Nutzen, die »Anmassung der Sinnlichkeit einzuschränken«. Sie sahen ja vorhin, wie jämmerlich die so sichere, selbstbewusste Sinnlichkeit scheiterte, als sie eigenen Kräften vertraute; in der Vorstellung des Gedankendings verkörpern wir gleichsam alle die

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weitläufigen kritischen Erwägungen, welche die Nichtigkeit der gemeinen Annahme eines sinnlichen Dinges »an sich« dartun, und darum, wenn das Gedankending auch nur negativ dient, dürfen wir doch mit Kant sagen: »Es ist gleichwohl nicht willkürlich erdichtet, sondern hängt mit der Einschränkung der Sinnlichkeit zusammen« (r. V. 311). In der gleichen Weise hängt das dingliche Ding mit der Einschränkung des Verstandes zusammen. Es sind gleichsam zwei mahnende Sinnbilder: stehen wir im Schatten des einen, so erblicken wir gegenüber die warnende Gestalt des anderen.
    Die Bedeutung dieses »Grenzbegriffs«, wie Kant das Ding »an sich« nennt, reicht aber noch weiter. Namentlich dient er dazu, die Empirie überhaupt einzuschränken. Denn, wie Kant sich pittoresk ausdrückt, diese Untersuchung des Begriffes eines Dinges »an sich«, mit ihrem negativen Ergebnis, schafft sozusagen »einen leeren Raum« um das Empirische rings herum (r. V., 315). Der so weit verbreitete Wahngedanke, die empirische Erfahrung sei potentiell unbegrenzt und die Welt der Erscheinungen umschliesse insofern den ganzen Inhalt unseres Lebens und Erkennens, dazu die naive Voraussetzung der meisten Naturforscher, wenn man die Untersuchung der Natur nur weit genug führte, so würde man Aufklärung über das   W e s e n   der Dinge erlangen: das alles ist hiermit auf immer zerstört. Die Grenze der Empirie ist mit mathematischer Exaktheit gezogen; wer sie überschreitet, gelangt in den leeren Raum des »Ding an sich«. Was wir Fortschritt der Wissenschaft nennen, ist nicht ein Hinausrücken der Grenzen des Empirischen, sondern nur weitere Zerlegung der Erscheinung (Natur) durch methodisch genauere Ausbildung der Receptivität und der Spontaneität; was hier geleistet wird, ist notwendig immer zugleich subjektiv und objektiv, und je objektiver desto subjektiver; kein Weg führt hinaus; exakte Wissenschaft (siehe den Leonardovortrag) führt zuletzt auf mathematische Gleichungen ohne Hintergrund, auf Bewegung im leeren Raum; näher ans Ding an sich heran kann Keiner gehen; wer die Kritik studiert hat, erkennt schon hier den Grenzpfeiler, das leere Gedankending: Begriff ohne Anschauung.

BEDEUTUNG DER »GRENZE«

    Zugleich gewinnt ein anderer Begriff ausschlaggebende systematische Bedeutung: die Grenze selbst. Das Ding an sich mag von nur negativem Gebrauche sein, die Grenze, die es zu ziehen gelehrt hat, besitzt dagegen positiven Wert. Sie ist der Ort (wenn ich mich

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so ausdrücken darf) jenes geheimnisvollen »Dritten«, auf das wir schon im Platovortrag öfters aufmerksam wurden (siehe namentlich S. 545 fg.). Sie werden später von Kant lernen, dass es auch zwischen Verstand und Sinnlichkeit (Spontaneität und Receptivität) ein Drittes gibt, den organischen Mittelpunkt der Erkenntnis, den Punkt, wo verknüpft wird, wo alle Erscheinung immer im Entstehen und immer im Vergehen ist; Kant nennt es die   t r a n s s c e n d e n t a l e   E i n b i l d u n g s k r a f t   und zeigt, wie sie zugleich spontan und receptiv ist. ¹) Leichter für Sie zu fassen ist die Einsicht, dass alle Ideen nur auf der mathematisch genauen Grenze zwischen der Erscheinung und dem leeren Raum des hypothetischen Dinges an sich ihren berechtigten »Ort« haben. Hier schwebt z. B. die Idee der Metamorphose, die uns im ersten Vortrag beschäftigte; hier sollte auch — nach Kant — für den philosophisch gebildeten Menschen die Idee »Gott« schweben bleiben, »nur gerade auf der Grenze alles erlaubten Vernunftgebrauchs«. Weit entfernt, müssig zu sein, sind im Gegenteil die Ideen — wie Plato es verständnislosen Menschen gelehrt hatte — eigentlich das einzige ganz Lebendige in jenem Erkennen, welches unser Dasein ausmacht; das Ding an sich ist ein leerer Raum, und auch die bunte Welt der Erscheinung löst sich für Diejenigen, die am genauesten empirisch hinschauen — nämlich für die exakten Physiker — gleichfalls in einen leeren Raum auf; zwischen beiden aber, genau auf der Grenze (das ist Plato's »Teilnahme«, μεθεξις in kantischer Beleuchtung!) blitzen die Ideen empor. Und nun brauchen wir die genaue Bestimmung der Grenze, damit wir weder in die öde Lüge der dummen, platten und frevelhaften Empiromanie verfallen, die dem Einzigen, was Zusammenhang und Sinn in die Erfahrung bringt — den Ideen — allen Wert, alle Bedeutung, alle Wahrheit abspricht, noch in den aberwitzigen, dreisten und nicht selten verbrecherischen — weil auf Gewissensraub berechneten — Pfaffenwahn, gewisse Ideen seien eine Offenbarung aus dem Jenseits und erklärten also das, was innerhalb der Natur vorgeht, durch das, was ausserhalb ihrer stattfindet. Der systematisch genaue Begriff der Grenze, das heisst die verschiedenen mahnenden Sinnbilder des Dinges an sich, lehren uns: »einerseits Erfahrungserkenntnis nicht unbegrenzt auszudehnen, so dass gar nichts mehr als bloss Welt von uns zu er-
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    ¹) Vgl. oben S. 624 und siehe ausser vielen anderen Stellen, namentlich § 24 der r. V.


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kennen übrig bliebe, und andrerseits dennoch nicht über die Grenze der Erfahrung hinauszugehen, und von Dingen ausserhalb derselben als Dingen an sich selbst urteilen zu wollen« (P. § 57). Man würde Kant's Stoff, dessen Stil zu bestimmen ich bemüht bin, sehr genau bezeichnen, wenn man ihn ein System der Grenzbestimmungen, und seine Lehre, wenn man sie eine Lehre von der unvergleichlichen Bedeutung der Grenzgebilde nennen wollte (vgl. S. 611 fg.).

SCHEMA DES DINGES AN SICH

    Hoffentlich genügen diese flüchtigen Andeutungen, damit Sie die entscheidende Wichtigkeit des Begriffes eines Dinges »an sich« innerhalb des kantischen Systems begreifen. Und bis jetzt habe ich nur von der theoretischen Vernunft gesprochen; bald werden wir sehen, dass das Ding an sich — und zwar ganz in dem selben Sinne der blossen Position eines Gedankendinges oder eines »problematischen Begriffes« (wie Kant es häufig nennt) — auch auf der Grenzmark zwischen theoretischer und praktischer Vernunft unentbehrliche Dienste leistet. Zum Abschluss aber dieser Betrachtung, zugleich als Ruhepunkt zwischen der zuletzt erklommenen Höhe und der noch zu erklimmenden, will ich ein kleines Schema des Dinges an sich, das mir gute Dienste geleistet hat, Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen. Ich lege diesem Schema nicht mehr Wert bei als allen übrigen, die ich in diesen Vorträgen zum Besten gab; es handelt sich mir einerseits um praktische Mnemotechnik, andererseits um eine Veranschaulichung abstrakter Verhältnisse, die zu häufigem, immer vertiefterem Denken anregen soll.
    Vielleicht erinnern Sie sich an ein Schema, das ich in unserem Descartesvortrag zur Veranschaulichung der ziemlich verwickelten Verhältnisse zwischen Symbol, Hypothese, Schema und Theorie vorschlug. Wir hatten Symbol und Hypothese sehr nahe verwandt gefunden: beide die Veranschaulichung des Gedachten bezweckend, das Symbol aber mehr sinnlich, die Hypothese mehr verstandesmässig; Schema und Theorie galten dagegen der Verdenklichung des Angeschauten, das Schema wiederum mehr als anschaulicher, die Theorie mehr als abstrakter Gedanke. Aus diesen Erwägungen ergab sich nun des weiteren eine Verwandtschaft zwischen Symbol und Schema einerseits, die beide der anschaulichen, und Hypothese und Theorie andererseits, die beide der abstrakten Seite angehören. Und so entstand folgende Figur:

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Schema

Eine geringe, kaum merkliche Änderung in der Gedankenrichtung genügt, um augenblicklich Hypothese in Symbol (und umgekehrt) und Schema in Theorie (und umgekehrt) umzuwandeln; doch auch von Schema zu Symbol (und umgekehrt) oder von Hypothese zu Theorie (und umgekehrt) ist ein Übergang möglich und findet nicht selten so allmählich statt, dass der Geist es nicht merkt; dagegen lassen sich die überqueren Paare — Symbol und Theorie, Schema und Hypothese — nicht unmittelbar ineinander umwandeln. ¹)
    Ein ähnliches Schema möchte ich Ihnen für die Arten des Dinges »an sich« vorschlagen. Solche Vorstellungen wie die des »Ding-an-sich« müssen, wie die des Transscendentalen, uns vollkommen vertraut werden, und dadurch alles Fremde und Abschreckende verlieren; sie müssen im Kopfe dauernd Wohnung nehmen, dann finden wir sie in unseren täglichen Gedanken wieder, und dann erst begreifen wir sie recht; hierzu soll mein Schema beitragen.
    Den Unterschied zwischen Gedankending und dinglichem Ding kennen Sie schon; ein jedes von beiden bricht nun — wie schon früher erwähnt — bei näherer Untersuchung in zweierlei auf, gemäss der Unterscheidung, die ich vorhin kurz berührte (S. 673). Bei dem dinglichen (oder eigentlichen) Ding an sich kann man die Versinnlichung der Erscheinung auf die Weise versuchen, dass man sich möglichst gar nicht zu denken bestrebt und den »dunk-

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len Klumpen«, der dann noch dem Empfinden zu entsprechen scheint, als Ding »an sich« deutet. Um auf diesem Wege bis zum Ziele zu gelangen, müsste unsere Sinnlichkeit eine andere sein als sie ist; sie müsste imstande sein, ohne Begriffe, also durch blosse Kraft der Anschauung, zu erkennen, da jede Spur Verstandesspontaneität ein subjektives, undingliches Element hineintrüge; wir wollen diese Auffassung als »positives« Ding an sich bezeichnen, da in ihr die Sinnlichkeit ihr Äusserstes tut, um sich gegen den Verstand zu behaupten. ¹) Feiner ersonnen ist jene Versinnlichung, die Kant den »transscendentalen Gegenstand« zu benennen pflegt; hier wird vorausgesetzt, unsere jetzige Sinnlichkeit würde schon zur Erfassung des Dinges an sich hinreichen, wenn nur unser Verstand anders beschaffen und der Sinnlichkeit harmonischer angepasst wäre; was hier vorschwebt, ist also ein »Etwas«, aber ein Etwas, auf das keine einzige für uns denkbare Bestimmung des Verstandes passt, folglich — wie Kant definiert — »der gänzlich unbestimmte Gedanke von Etwas überhaupt«; darum verdient diese Auffassung den Namen eines »negativen« Dinges an sich. ²) So viel über die Zweiteilung des dinglichen Dinges. Noch leichter ist die Zweiteilung des Gedankendinges (von Kant Noumenon genannt) zu begreifen. Man kann sich sagen: das Ding an sich bleibt deswegen für uns ein Gedankending, weil es Objekt einer   a n d e r e n   sinnlichen Anschauung als die unserige ist, in welcher also nicht der Raum, sondern irgend eine andere, uns notwendig unvorstellbare Form die Dinge gestaltet; diese Vorstellung nennt Kant das Gedankending »im negativen Verstande«; das Wort »negativ« bringt die Verneinung unserer Sinnlichkeit als das Bezeichnende zum Ausdruck. Man kann aber auch behaupten (und das ist ja gerade, was Hegel
z. B. tut): es gibt »nichtsinnliche« Anschauung, das heisst es gibt einen Verstand, der so beschaffen ist, dass er ohne jede Vermittelung einer Receptivitât, durch das blosse Denken, durch die blosse Spontaneität die Dinge erschaut; einen derartigen Verstand schreibt Aristoteles Gott zu; diese Auffassung nennt Kant das Gedankending »im positiven Verstande«, weil es von der Bejahung einer nichtsinnlichen Anschauung ausgeht. Sie sehen also, dass das positive Gedankending und das positive dingliche Ding ein-
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    ¹) Schopenhauer's Wille als Ding an sich und »Wurzel des Intellekts« steht genau an diesem Punkte.
    ²) Dieser für Kant's System sehr wichtige Begriff ist besonders deutlich r. V. 522 fg. entwickelt.

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ander genau entgegengesetzt sind, denn das eine will durch Verstand ohne Sinnlichkeit, das andere durch Sinnlichkeit ohne Verstand bis auf den Grund kommen; das eine ist extrem subjektiv, das andere extrem objektiv. Dagegen stehen die beiden negativen Auffassungen auf einem Mittelgebiet: das objektive dingliche Ding nimmt hier ein subjektives Element auf und sucht das Ding gedanklich zu erfassen — wenn auch mit Hilfe eines reicher ausgestatteten Verstandes, während das subjektive Gedankending nach Objektivität trachtet und das Ziel zu erreichen hoffen würde, wenn nur unsere Sinnlichkeit ein wenig anders beschaffen wäre als sie ist.
    Das sind die vier Richtungen, in denen es der Vernunft möglich ist, nach einem Ding an sich zu forschen. Wollte ich Ihnen das alles aber nur so erzählen, ich glaube, es würde sich herzlich wenig davon einprägen; zeichne ich es dagegen jetzt an die Wand und mache Sie auf die Analogie (denn um mehr handelt es sich nicht) mit Symbol, Hypothese, Schema und Theorie aufmerksam, so darf ich hoffen, Sie werden das Gesagte verstehen und darin eine Handhabe zu weiterem Nachdenken finden. Hier haben Sie mein Schema des »Ding an sich«.

Schema "Ding an sich"

    Eine derartige Figur bietet viele Vorzüge. So begreifen Sie z. B. auf den ersten Blick, dass ein völlig abstraktes Gedankending positiv gefärbt sein wird, eines dagegen, das an Anschauung festhält und dennoch diese Anschauung nicht schildern, kann not-

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wendig einen negativen Anstrich bekommt; das Abstrakte lehnt hier an das Anschauliche an, das es dennoch verneint. Das Umgekehrte gilt natürlich für das dingliche Ding; denn Kant's »transscendentaler Gegenstand« (auf meiner Tafel das negative Ding an sich) entsteht aus der Voraussetzung, dass aus den selben »sinnlichen Datis« ein anderer Verstand als der von der »jetzigen Einrichtung« durch die Erscheinung hindurch das wahre Ding ergreifen würde (r. V., I., 250); wie dort unsere Sinnlichkeit, wird also hier unser Verstand verneint und das negative dingliche Ding ist das genaue Gegenstück des negativen Gedankendinges. Dagegen zeigt sich dieses negative dingliche Ding mit dem positiven Gedankending insofern verwandt, als beide die Voraussetzung eines anderen Verstandes, als der unsere ist, machen, wogegen dem positiven dinglichen Ding und dem negativen Gedankending die Voraussetzung einer anderen Sinnlichkeit als die unsere gemeinsam ist. Ein einziger Blick belehrt Sie auch, dass die beiden positiven und die beiden negativen Vorstellungen, da sie zueinander überquer stehen, unverwandt und ohne unmittelbare Verbindung sind. Alles das kommt durch das einfache Schema zur Anschauung und noch vieles mehr, was ich zum Ausdenken Ihnen überlassen will. Dagegen gerät der nicht vorbereitete Leser bei Kant leicht in Verwirrung; ein Kapitel wie das über Phänomena und Noumena ist zur wahren Eselsbrücke geworden. Denn Kant, der seit Jahren in diesen Vorstellungen lebte, hat nicht daran gedacht, wie fremd sie Anderen sein würden. So z. B. wenn er vom Ding an sich im allgemeinen spricht, unterscheidet er nicht zwischen dinglichem Ding und Gedankending; plötzlich aber wird der Vorstellungskreis näher ins Auge gefasst, und da lesen wir vom Ding an sich: »es kann nicht Noumenon heissen«. Oder aber er bemerkt, das Ding an sich sei nur »von negativem Gebrauche«; das gilt ganz allgemein, wie Sie gesehen haben; gleich darauf spricht er aber von der »negativen« und der »positiven« Auffassung des Gedankendinges, was sich auf die Unterscheidung nicht bloss innerhalb des Dinges an sich, sondern speziell innerhalb des Noumenon bezieht. Usw. Darum bleibt diese Frage des »Ding an sich« den Meisten undurchdringlich dunkel; nicht einmal die für Kant besonders wichtige Gegenüberstellung des transscendentalen Gegenstandes (negatives Ding an sich) und des negativen Gedankendinges kommt zur beabsichtigten Geltung, was für ein volles Verständnis uner-

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lässlich ist, da in der theoretischen Vernunft diese beiden Auffassungen die massgebenden sind, wogegen die positiven Fiktionen erst in der praktischen Vernunft wirkliche Bedeutung erlangen. Kurz, ich glaube, dieses Schema wird sich Ihnen als nützlich erweisen.

DAS ICH AN SICH

    Jetzt wären wir reif für die Betrachtung des »Ich an sich«. Doch würde es Ihre Geduld auf eine harte Probe stellen, wenn ich alles, was ich soeben über das Ding »an sich« ausgeführt habe, nunmehr für dessen Gegenbild, das Ich »an sich«, wiederholen wollte. Es genüge, dass alles für das Ding Gesagte mutatis mutandis auf das Ich »an sich« Anwendung findet; die Erscheinung als Ding aufgefasst steht zur Erscheinung als Ich aufgefasst »im Gegenverhältnis« (r. V. 236); der ganze Unterschied besteht darin, dass der objektive Standpunkt nun in den subjektiven umschlägt, wodurch (wegen des Ihnen bekannten Verhältnisses von hüben und drüben) alles schwerer in Gedanken und darum auch in Worte zu fassen ist. Deswegen wohl spricht Kant meistens — nicht immer — auch hier einfach von Ding an sich und begreift unter diesem allgemeinen Ausdruck auch das Ich an sich. Am Leitfaden des Dinges wird es Ihnen leicht, auch ohne meine Hilfe, gelingen, die nötigen Ergebnisse über das Ich an sich zu gewinnen, und da sie Schritt für Schritt den beim Ding an sich gewonnenen entsprechen, werden Sie zuletzt bei einem genau entsprechenden Schema ankommen, in welchem Sie nur Ich für Ding und Gedankenich für Gedankending einzutragen brauchen. ¹)
    Die angebliche Einfachheit und Unteilbarkeit des empirischen Ich, aus der dann dessen Beharrlichkeit, Stofflosigkeit und Unsterblichkeit abgeleitet werden, zeigt Kant als einen Trugschluss auf. Die Frage, ob einfach oder mehrfach? ist für das Ich an sich ebenso unzulässig, weil sinnlos, wie für das Ding an sich. »Es bringt nur das Selbstbewusstsein es so mit sich, dass, weil das Subjekt, welches denkt, zugleich sein eigenes Objekt ist, es sich selber nicht teilen kann (obgleich die ihm inhärierenden Bestimmungen); denn in Ansehung seiner selbst ist jeder Gegenstand absolute Einheit. Nichtsdestoweniger, wenn dieses Subjekt äusserlich, als ein Gegenstand der Anschauung, betrachtet wird, so würde es
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    ¹) Auch dem technischen Ausdruck »transscendentales Subjekt« begegnet man bei Kant; er bezeichnet das negative Ich an sich und bildet das genaue Gegenstück zum transscendentalen Objekt. So z. B. r. V. 404 und I, 355.

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doch wohl Zusammensetzung in der Erscheinung an sich zeigen« (r. V. 471). Ebensowenig kann die Beharrlichkeit des Ich empirisch dargetan werden: »Das Wesen, das sich selbst allein die Zeit und sich in der Zeit vorstellt, kann sich nicht als beharrlich erkennen« (Ref. II, 379). Und doch wird sich kein Mensch die Einheitlichkeit und die Beharrlichkeit seines Selbst ernstlich abstreiten lassen, noch werden gewisse pathologische Erfahrungen diese Überzeugung erschüttern. Wie verhält es sich mit dieser Einheitlichkeit? Die Beantwortung dieser Frage bildet eine der folgenschwersten Entdeckungen, die wir Kant's Kritik verdanken:   d i e   E i n h e i t   d e s   I c h   i s t   n i c h t   e i n e   e m p i r i s c h   w a h r g e n o m m e n e   u n d   b e w e i s b a r e,   s o n d e r n   e i n e   t r a n s s c e n d e n t a l e   T a t s a c h e.   Sie gehört zu jenen Bedingungen der Verknüpfung, die vor der Erfahrung vorhergehen und sie erst möglich machen (wie Raum und Zeit und die reinen Begriffe). Die absolute Einheit des Ich besagt — rein theoretisch betrachtet — nichts Anderes als die vollendete Einheitlichkeit des Systems der Vernunft, und diese ist das nachweisbare Korrelat oder Gegenstück zu der Einheit der wahrgenommenen »Dinge«. Der Begriff eines Dinges setzt ein Ich voraus, und umgekehrt. Diese beiden — die Einheit des Ich und die Einheit des Dinges (auf jeder Stufe, vom einzelnen Ding bis zum allgemeinen Inbegriff aller Dinge, das heisst bis zum Begriff der Natur) — bilden die erste grosse Transscendentalverknüpfung innerhalb der theoretischen Vernunft, die jeder möglichen weiteren Erkenntnis zu Grunde liegt; sie kann nicht bewiesen werden, da sie die Voraussetzung für jedes objektive Wissen ist; darum auch hat sie zwar unbedingten, aber doch nur formalen (gestaltenden), nicht materialen Geltungswert.
    Dies kann ich nun nicht so ausführen, wie ich möchte, und vielleicht werden Sie noch nicht überzeugt sein; doch gleichviel; hier wollen wir nur Kant und seine Auffassung des zu behandelnden Stoffes verstehen. Und da ist es unerlässlich, dass Sie sich das Gesagte gehörig einprägen; denn nur dann werden Sie den entscheidenden Grundgedanken der ganzen kantischen Sitten-, Freiheits- und Religionslehre verstehen: dass nämlich das Ich als Ich an sich nicht ein Etwas ist, das man mit Händen fassen, ein Etwas, wonach man jagen und das man erhaschen könnte, sondern lediglich und allein die Position eines Gedankendinges, analog dem Zweckgedanken. Während Fichte meint, das Ding an sich

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wende zwar nicht vorgestellt, wohl aber gefühlt, ¹) und Schopenhauer mit fast den selben Worten lehrt, ein Jeder besitze unmittelbar »ein Gefühl« seines »Wesens an sich« und, hierdurch angeregt, entstehe eine Reflexion, die »hinüberführe zum Ding an sich«, ²) sagt uns Kant: »Das Ding an sich ist nur ein Gedankending ohne Wirklichkeit, das Ding an sich ist nicht ein gegebener Gegenstand«. ³)
    Mit einem einzigen Satz versetzt uns diese Überlegung mitten in Kant's System der praktischen Vernunft, wie Sie sofort begreifen werden.

NATUR UND FREIHEIT

    Sie haben gesehen, dass das »Ding« und das »Ich« nicht bloss eine unwillkürlich sich jedem Menschen — auch dem »gemeinen Verstande«, wie Kant zu sagen pflegt — aufdrängende Vorstellung, sondern zugleich — zum hypothetischen Ding an sich geläutert — ein höchst wichtiger theoretischer Gedanke ist (etwa nach Analogie des Begriffes irrationaler Zahlen in der Mathematik aufzufassen); es ist — wie Kant einmal treffend sagt — nicht ein gegebener Gegenstand, sondern eine   A u f g a b e   (r. V. 344); es verleiht gleichsam dem Objekt Subjektivität und dem Subjekt Objektivität und dient nach allen Seiten als Schranke; ausserdem benützen wir es zur genauen Bestimmung des »Ortes« der Ideen. Zugleich aber zeigte Ihnen Kant, dass dieser systematisch unentbehrliche Gedanke ein blosses Luftgebilde, »die Position eines Gedankendinges« ist, welches also von keinem Menschen zu dogmatischen Zwecken missbraucht werden darf; dazu gerade geschah die subtile Unterscheidung in Ding und Noumenon und die weitere, noch subtilere,
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    ¹) Über den Begriff der Wissenschaftslehre, Anm. auf der ersten Seite der Vorrede. Der genaue Text lautet: »Der Streit dürfte durch eine künftige Wissenschaftslehre wohl dahin entschieden werden, dass unsere Erkenntnis zwar nicht unmittelbar durch die Vorstellung, aber wohl mittelbar durch das Gefühl mit dem Dinge an sich Zusammenhänge; dass die Dinge allerdings bloss als Erscheinungen vorgestellt, dass sie aber als Dinge an sich gefühlt werden«. (Die kursiv gedruckten Worte sind im Original kursiv.)
    ²) Welt als Wille und Vorstellung, I. Bd., § 21. »Wenn nun, durch alle diese Betrachtungen, auch in abstracto, mithin deutlich und sicher, die Erkenntnis geworden ist, welche in concreto Jeder unmittelbar, das heisst als Gefühl besitzt, dass nämlich das Wesen an sich seiner eigenen Erscheinung ... sein Wille ist ..... usw. Diese Anwendung der Reflexion ist es allein, welche uns nicht mehr bei der Erscheinung stehen bleiben lässt, sondern hinüber führt zum Ding an sich.« Man lese den ganzen Absatz; jedes Wort ist allen Grundgedanken der Kritik ein Schlag ins Gesicht.
    ³) Übergang III, 554 und 555. Bei allen diesen Äusserungen ist, wie man sieht, »Ding an sich« = »Ich an sich«. Vgl. auch die Stelle r. V. 430: »sich als Noumenon zu erkennen ist unmöglich, indem .....«

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in je eine positive und eine negative Auffassung. Gleichviel wie man sich diese Vorstellung des Ding-Ich zurechtlegt, sobald man sie konsequent bis ans Ende verfolgt, kommt man bei einem Unding oder bei einem Ungedanken an: davon sollten Sie überzeugt werden. Für die theoretische Vernunft ist also dieses Ding-Ich, wie wir soeben abschliessend hörten, »ein Gedankending ohne Wirklichkeit«. Jetzt vollzieht aber Kant die grosse transscendentale Umschaltung und sagt:   w a s   f ü r   d i e   t h e o r e t i s c h e   V e r n u n f t   o h n e   W i r k l i c h k e i t   i s t,   k a n n   f ü r   d i e   p r a k t i s c h e   V e r n u n f t   d i e   g a n z e   W i r k l i c h k e i t   s e i n.   So fügen sich die beiden Bestandteile ineinander und machen ein Ganzes der Vernunft aus.
    Wir wissen, dass — transscendental betrachtet — Zweck und Gestalt vereinigt Leben oder, um einen weiteren Kreis zu ziehen, Verstand und Sinnlichkeit Erfahrung überhaupt ausmachen; nach der Analogie dieser Tatsache, nur noch umfassender gedacht, müssen Sie sich praktische Vernunft und theoretische Vernunft — Freiheit und Natur — als vereint das ausmachend denken, was Kant gewöhnlich das menschliche »Gemüt« nennt. Wer diese Verknüpfung leugnet, ist gezwungen, entweder die Freiheit oder die Natur aufzuopfern, eine andere Wahl hat er nicht; denn sie nicht als Gegensätze anerkennen, sie miteinander »versöhnen« wollen, heisst — nach Kant — sich selbst und Andere belügen. Die gewöhnlichere Form dieses Selbstbetruges ist die, in welcher wir den »gemeinen Verstand« und mit ihm alle Kirchen und alle negativen Pfaffen (das heisst Materialisten) befangen finden, weil bei ihnen allen das Denken bis zur Einsicht in diese Spaltung unseres Wesens nicht gereift ist; die konsequente Kirchenlehre, wie sie z. B. Rom noch heute allen Gläubigen zur Pflicht macht, hebt die Natur auf; denn ihre unverbrüchlichen Gesetze werden alle Augenblicke durch sogenannte »Wunder« vernichtet; infolgedessen ist hier alle Empirie eigentlich nur Allegorie, wogegen wir die Allegorie des Religionsglaubens für Empirie halten sollen; die genaue Umkehrung dieser naiven Kirchenauffassung ist der materialismus communis der Büchner, Haeckel e tutti quanti, welche die Persönlichkeit und die Freiheit zum Opfer bringen. Raffinierter ist der Selbstbetrug der ernsten Denker, wofür Schopenhauer das klassische Beispiel liefert, indem er (wie Sie soeben hörten) Kant's Ding an sich — also das vollendete Unding und den vollendeten Ungedanken — im eigenen Busen entdeckt und als Wesen der Natur einführt. Wohl ist, wie der indische Weise

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