Here
under follows the transcription of the sixth chapter of Houston Stewart
Chamberlain's Immanuel Kant, German edition, published by F.
Bruckmann
A.-G., Munich 1905.
INHALTSÜBERSICHT
|
551
SECHSTER VORTRAG
KANT
(WISSENSCHAFT UND
RELIGION)
MIT EINEM EXKURS
ÜBER DAS DING AN SICH.
—————
WAS DAS LEBEN FÜR
UNS FÜR EINEN
WERT HABE, WENN
DIESER
BLOSS NACH
DEM GESCHÄTZT
WIRD,
WAS MAN GE-
NIESST, IST LEICHT
ZU ENTSCHEIDEN:
ER SINKT UNTER
NULL. ES
BLEIBT ALSO
WOHL NICHTS
ÜBRIG
ALS DER WERT,
DEN WIR UNSEREM
LEBEN
SELBST GE-
BEN DURCH DAS, WAS
WIR NICHT ALLEIN
TUN, SONDERN SO
UNABHÄNGIG VON
DER NATUR
ZWECKMÄSSIG TUN, DASS
SELBST DIE
EXISTENZ DER
NATUR NUR
UNTER DIESER
BEDINGUNG
ZWECK SEIN
KANN.
IMMANUEL KANT
552
(Leere
Seite)
553 KANT
DAS VERKNÜPFEN
Heute will ich ohne
Präambel gleich in das Innerste unseres Gegenstandes
hineingreifen; die vorangegangenen Vorträge haben uns
dazu genügend vorbereitet; nunmehr sind wir befähigt, einen
letzten, entscheidenden Gang durch die Werkstatt des Kantischen Denkens
zu tun, ohne befürchten zu müssen, wir könnten
halbverstandene Worte und blasse Begriffe statt Anschauungen mitnehmen.
Vom
Beginn unserer Vorträge an sind wir auf die Einsicht losgesteuert,
alle menschliche Erkenntnis entstehe aus V e r k n ü p
f u n g e n. Schon
der erste Vortrag deckte das eigentümlich verwickelte
Verhältnis zwischen Idee und Erfahrung auf: die Idee nicht
Erfahrung und doch zur Erfahrung unentbehrlich, die Erfahrung nicht
Idee und doch einziger Quell aller Ideen; im zweiten sahen wir Begriff
und Anschauung infolge der einseitigen Methode unserer heutigen
Naturwissenschaft in einen fast unentwirrbaren Konflikt geraten; der
dritte wandte sich der konstruktiven Kritik zu und ihrer für alle
Erfahrung der Natur grundlegenden Unterscheidung zwischen Verstand und
Sinnlichkeit, von denen keins ohne das andere etwas leisten kann, —
hier begannen wir die Verknüpfung von Zweierlei als Grundbedingung
jeglichen Denkens schon deutlich zu erkennen: theoretisch weiter
ausgebaut wurde diese Einsicht im vierten Vortrag, wo wir jene zwei
ungleichartigen Elemente in den verschiedenen Denkern verschieden
entwickelt und verschieden betont fanden und ausserdem den Irrtum alles
Monismus bis in seine Wurzel verfolgten; doch vollkommen klar konnte
die Sache erst unter der Leitung eines wahrhaft kritischen Denkers wie
Plato werden. Ein grossartiges und vollendet plastisches Beispiel
dieser Verknüpfungen, die das Grundgewebe unseres ganzen Denkens
ausmachen, fanden wir hier in der Erscheinung des Lebens, das von der
anschaulichen (sinnlichen) Seite aus betrachtet einheitlicher
Organismus, und das heisst G e s t a l t, ist,
dagegen von der begrifflichen
(verstandesmässigen) Seite aufgefasst, als organische Einheit, und
das heisst Z w e c k g e d a n k e, sich darstellt;
und zwar so, dass keine dieser
beiden Vorstellungen ohne die andere einen denkbaren Sinn hätte.
Auf
diese Beziehungen — die uns Kant als »transscendentale« zu
bezeichnen lehrte — kommen wir bald zurück. Was ich aber gleich
anfangs sagen will — weil ich hoffen darf, nunmehr damit etwas
Inhaltreiches zu sagen — ist, dass dieses
»Verknüpfen«, mit anderen Worten, diese Auffassung,
nach welcher Erfahrung, Ge-
554 KANT
danke, Erkenntnis, Leben,
Wahrheit immer erst durch das Zusammentreffen von Zweierlei entstehen,
nicht nur für Kant's theoretisches Denken, nicht nur für
seine Philosophie im engeren, fachmässigen Sinne des Wortes
charakteristisch ist, sondern überhaupt für seine ganze
intellektuelle Persönlichkeit, für das, was er war, und
für das, was er wollte. Schon in einer verhältnismässig
frühen Schrift, Von dem ersten
Grunde des Unterschiedes der
Gegenden im Raume, stellt er die tiefsinnigsten Betrachtungen
über
das Wesen von »rechts« und »links« an; genau
besehen, enthalten diese — auf den ersten Blick rein mathematischen —
Gedanken den Keim zur ganzen Kritik. Die Klarheit seines Geistes, sein
beständiges Bemühen, Grenzen zu ziehen, Worte, Begriffe,
Gedanken, Wissenschaften und Unterabteilungen von Wissenschaften,
geistige Vermögen, Ideen, Systeme auf das Sorgfältigste
voneinander zu sondern, damit nur ja keine Verwechselungen der
Kompetenz, kein Ineinanderübergreifen mit darauf folgender
Konfusion stattfänden, das alles lässt sich in letzter Reihe
auf die zu Grunde liegende, angeborene, gebieterische und erst nach und
nach zu gedanklicher Reife entwickelte Empfindung für das
Zwiefache in einer jeden Geistestätigkeit zurückführen.
Was Plato uns in seinem Theaitetos
(182 B) lehrte, dass nichts denkbar
sei, was kurzweg als Einheit bezeichnet werden könnte, da jedes
Etwas und jeder Gedanke erst aus dem Z u s a m m e n t r e
f f e n (συγγιγνομαι) von
Zweierlei entstehe (vgl. oben S.
443 fg.), dies ist bei Kant Anfang und
Ende: es ist sowohl der Grundinstinkt, der ihn nach und nach zum
scharfsinnigsten Analytiker aller Zeiten heranwachsen lässt, wie
auch die Grundeinsicht, die immer festere Gestalt gewinnt, je reifer
und vollendeter seine Weltanschauung wird, so dass die grossartige
Synthese, die in seinen drei Kritiken — reine Vernunft 1781, praktische
Vernunft 1788, Urteilskraft
1790 — in steigendem Masse bewirkt wird,
nicht in einem Verschmelzen, sondern in einem Verknüpfen besteht.
Diese
Tatsache wiederholt sich bei Kant überall, gleichviel welche Stufe
seines Denkens und seines Lebens wir in Betracht ziehen. Suchen wir
aber nach ihrem allgemeinsten, umfassendsten Ausdruck, so finden wir
ihn in der scharfen Scheidung zwischen Theoretischem und Praktischem.
Wenn ich gesagt hätte »zwischen Theorie und Praxis«,
so würden Sie mich leicht missverstehen, denn diese Worte haben
für uns eine ziemlich frivole Bedeutung: die Theorie sagt, wie
wir's machen sollten, die Praxis zeigt, wie
555 KANT
wir's in Wirklichkeit
machen; Kant meint es anders. Kant versteht unter »Theorie«
theoretische Philosophie, und unter dieser die kritische Analyse der
menschlichen Erkenntnis; was hier erkannt wird, ist Natur; dass wir
über die Natur nicht blosse, zusammenhanglose Rhapsodien, sondern
exakte, objektiv sichere Erkenntnis besitzen, das wird durch die
Existenz einer exakten Wissenschaft der Natur bewiesen; Kant fragt
nicht mit den berufsmässigen Spintisierern: gibt es eine positive
Wissenschaft? kann es eine geben? usw., sondern er sagt: »dass es
eine gibt, ist — seit Galilei und Newton — evident«; und nun
fragt er sich, was aus dieser Tatsache in Bezug auf unsere menschliche
Geistesorganisation gefolgert werden muss; in letzter Instanz fusst
also das Theoretische (wie Kant es auffasst) auf der Tatsache der
Naturwissenschaft, zielt aber auf die Feststellung des Wertes, der
genauen Bedeutung und der Grenzen einer wissenschaftlichen
Erkenntnislehre. Unter praktischer Philosophie versteht Kant nicht das
Technische, nicht die Geschicklichkeitsregeln, sondern vielmehr eine
Untersuchung der Handlungen des Menschen, — des Menschen, betrachtet
als autonome Persönlichkeit, das heisst als unabhängig von
jener Natur, deren unwandelbare Gesetze die Wissenschaft untersucht,
und als eigenen Gesetzen unterworfen; wie dort die Tatsache der
Wissenschaft, so dient hier die gegebene, unbestreitbare Tatsache der
moralischen Persönlichkeit als Grundlage; auch hier muss es
Gesetzlichkeit geben; gäbe es keine, so wäre der Begriff
einer Persönlichkeit inhaltlos; er könnte gar nicht erfasst
werden; er wäre eine blosse Rhapsodie; die Person wäre keine
Erfahrung, was sie doch ist; diese Gesetzmässigkeit muss aber
offenbar eine andere sein als die der Natur; wir nennen sie Freiheit;
ihre Gesetze sind Gebote, sittliche Gebote; und fassen wir das System
dieser Freiheitsgebote eben so methodisch und klar ins Auge wie dort
die Gesetzmässigkeit der Natur, so erreichen wir eine genaue
Bestimmung dessen, was Kant »Religion innerhalb der Grenzen der
blossen Vernunft« nennt. Es stehen also — innerhalb dessen, was
der Mensch erfährt oder erlebt, oder wie Sie es sonst zu nennen
belieben — Natur und Freiheit als die zwei Grundtatsachen einander
gegenüber; das Theoretische sucht eine Antwort auf die Frage: Was
ist Naturerkenntnis? das Praktische eine Antwort auf die Frage: Was ist Freiheit? Ebensowenig
wie dort die eingehende und womöglich lückenlose Kritik des
Theoretischen selber eine Wissen-
556 KANT
schaft der Natur ist, da
sie vielmehr nur das Wesen und die Befugnisse der Erkenntnis durch eine
genaue Analyse feststellt, ebensowenig ist die vollständige Kritik
des Praktischen schon Religion, sie bestimmt aber in ähnlicher
Weise das Gebiet und die Grenzen aller echten Religion und zeigt
dadurch genau und ein für allemal, wo Aberglaube und Superstition
beginnen.
So
haben wir denn aus dieser einen Betrachtung schon vier fundamentale
Gegenüberstellungen gewonnen: Gesetze und Gebote — als die gegebenen
Tatsachen; Natur und Freiheit — als Ideen, unter denen wir die
Tatsachen einheitlich zusammenfassen; theoretische Vernunft und
praktische Vernunft — als Methoden oder Geisteswerkzeuge, diese
Tatsachen denkend zu erforschen; Wissenschaft und Religion — als
Systeme in denen die Summe unseres Wissens und Wähnens über
eine jede der beiden Tatsachenreihen gegliedert vorgestellt wird. Ein
Unterschied muss allerdings im Vorübergehen bemerkt werden. Von
den beiden Methoden — d. h. von der theoretischen Vernunft und der
praktischen Vernunft — kann man sagen, dass sie aus einem nachweisbar
einheitlichen Stamme sich nach zwei entgegengesetzten Richtungen
verzweigen; wie Kant schreibt: »Es ist doch immer nur eine und
die selbe Vernunft, die, es sei in theoretischer oder praktischer
Absicht ... urteilt« (pr. V.,
2. B., 2. H., III). Die
bleibenden Erfahrungstatsachen dagegen — die Naturgesetze und die
Sittengebote, sowie die zusammenfassenden Ideen — Natur und Freiheit —
und infolgedessen auch die wechselnden Gesamtvorstellungen —
Wissenschaft und Religion — sind und bleiben absolute Gegensätze,
zwischen denen, wie Kant sagt, »eine unübersehbare Kluft
befestigt ist, so dass von dem ersteren zum anderen ... kein
Übergang möglich ist, gleich als ob es so viel verschiedene
Welten wären«. ¹) Trotz dieser
»unübersehbaren
Kluft« sind aber Natur und Freiheit unzertrennlich
verknüpft, und zwar in der Persönlichkeit eines jeden
Menschen; diese Verknüpfung gerade macht den Menschen zum
Menschen; sie hat für das Wesen der Persönlichkeit genau die
selbe Bedeutung wie die Verknüpfung von Gestalt und Zweckgedanke
für das Wesen des Lebens; es ist eine transscendentale
Verknüpfung; durch sie entsteht erst die Sache; keines von beiden
Entgegengesetzten hat ohne das andere Dasein; Natur ist nicht ohne
Freiheit, und Freiheit nicht ohne
—————
¹) Kritik der Urteilskraft,
Einleitung II, S. XIX. Vgl. auch S.
LIII.
557 KANT
Natur; insofern bildet
diese Zweiheit eine Einheit. Es ist (wir sahen es im vorigen Vortrag)
eine grobe Täuschung, wenn wir glauben, wir wären fähig,
organische Gestalt anzuschauen, ohne dass zugleich — gleichviel ob
bewusst oder unbewusst — der Zweckgedanke sich in dieser Gestalt
»verwirklicht«, und umgekehrt; und es ist in ähnlicher
Weise die Täuschung eines durch Kritik noch nicht
aufgeklärten Geistes, wenn wir vermeinen, wir vermöchten uns
Freiheit vorzustellen, wenn nicht Natur gleichsam den Hintergrund
bildete, von dem sie sich abhebt, oder dass Natur mit ihrem Grundgesetz
der Ursache und Wirkung einen Sinn besässe, wenn nicht die
persönliche Erfahrung der Freiheit uns lehrte, diesen Gedanken der
Kausalität zu denken. Diese Einheit des Zweierlei ist aber keine
logische Einheit; sie ist nicht die Zurückführung von Natur
und Freiheit, von Wissenschaft und Religion auf einen und den selben
Gedanken; mit anderen Worten, sie ist nicht die erkünstelte,
vernünftelte Einheit der Monisten, sondern sie ist organische
Einheit, das heisst — wie wir jetzt wissen — eine Einheit, deren Wesen
es ist, Vielheit zu sein (S. 476
und 483 fg.). Wohl betont Kant
zu
öfteren Malen, dieses ganze System von festeren und lockeren
Verknüpfungen, aus denen unsere Geistestätigkeit hervorgeht
(S. 530), könne
möglicherweise »einer
gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen«
(vgl. oben S. 248); als
echter Kritiker kann er diese Möglichkeit
nicht von vornherein ausschliessen; doch besitzt die betreffende
Erwägung für ihn gar keinen theoretischen oder praktischen
Wert, denn es lässt sich damit, sobald man nicht dichtet oder
schwärmt oder dogmatisiert, nicht das Geringste anfangen.
Sie
werden es begreiflich finden, dass man eine derartige Philosophie die
»kritische« nennt; das griechische Stammwort bedeutet ja
unterscheiden, sondern, sichten. Sie brauchen bloss die Augen zu
öffnen und Umschau zu halten: überall werden Sie den Mangel
an klarer Scheidung der Begriffe und Gebiete gewahren. Auf allen Seiten
wogt der Kampf zwischen Religion und Wissenschaft; Niemand kennt die
Grenzen, weder die Gelehrten noch die Ungelehrten, weder die
Naturforscher noch die Theologen; nur Wenige ahnen, dass es welche
gibt. Der römische Papst behauptet, die wahre Wissenschaft, vera
scientia, sei ein Besitz der Kirche; ¹)
—————
¹) So z. B. Leo XIII.
in
der Encyclika De studiis scripturae
sacrae vom Jahre 1893, aber an
hundert anderen Orten zu allen Zeiten.
558 KANT
und im selben Augenblick
bemühen sich hochmoderne Psychologen und ethische Vereine, einen
empirisch-logischen »Ersatz für Religion« zustande zu
bringen. Das vollendetste und leider noch immer wirksame Beispiel der
rettungslosen Konfusion der Gebiete gab Spinoza mit seiner
berühmten Formel: Deus sive
Natura, Gott-Natur; ¹) hier werden
Religion und Wissenschaft derartig durcheinander geschoben, dass eine
Unterscheidung der Gebiete gar nicht mehr möglich ist, und somit
erleben wir denn eine »geometrische Sittenlehre« und eine
Natur, die »aus Gott begriffen werden muss«, ²) also
wissenschaftliche Religion und religiose Wissenschaft. Wenn je das Wort
vom hölzernen Eisen am Platze war, dann hier; doch »der
Pöbel der Vernünftler«, wie sich Kant respektlos
ausdrückt (r. V. 697),
findet seine dauernde Freude daran, und der
»immanente Monismus« (wie dieser Hokuspokus sich nennt)
blüht noch üppig in hundert Abarten unter uns Enkeln Kant's.
Der genannten Weltanschauung ist diejenige Kant's genau
entgegengesetzt. Kant weigert sich, einen einzigen Schritt über
das Feld möglicher Erfahrung hinaus zu tun; was von jenseits zu
kommen vorgibt, verschmäht er als »Märchen aus dem
Schlaraffenlande der Metaphysik« (Tr. II, 1); die Erfahrung aber
— das heisst, die exakte Beobachtung des Erfahrenen — ist es, die uns zeigt,
dass in unserem Geiste jede scheinbare Einheit aus dem Zusammentreffen
(Syngignomai) von Zweierlei
entsteht.
Und
fassen wir nun — was gewiss zweckmässig ist — die Ergebnisse
dieser Methode zunächst einmal so allgemein und auch so allgemein
verständlich wie möglich ins Auge, so ist, wie gesagt, Kant's
umfassendste Einteilung diejenige in Natur und Freiheit. ³) Es
gibt
Natur, d. h. eine Welt, in der nie und nirgends Freiheit vorkommt, eine
Welt, die durch den blossen Gedanken an Freiheit aufgehoben würde,
und in der infolgedessen auch keine Sittlichkeit, keine
Verantwortlichkeit, kein Mitleid Platz noch Sinn hat, da in ihr alles
rein mechanisch, nach lückenlosen Gesetzen, in der ewig
unabänderlichen Reihenfolge notwendiger Wechselwirkung vor sich
geht; und es gibt Freiheit, d. h. eine Welt, in der nicht das, was ist,
sondern das, was sein soll (ein Begriff, der in der Natur völlig
sinnlos wäre), das Gesetz ist, woraus dann eine
—————
¹)
Siehe z. B. Ethica IV, praef.
²)
Ethica I, prop. 15 u. 18: omnia quae sunt per Deum concipi debent.
³) Das heisst, dies ist das objektive Ergebnis, dem
subjektiv die theoretische
Vernunft und die
praktische Vernunft entsprechen; siehe oben.
559 KANT
ganz andere Ordnung
entsteht, in der die Begriffe Pflicht, Verdienst, Güte,
Würde, Heiligkeit usw. Bedeutung gewinnen, und in der Gebote und
sittliche Ideen den Gesetzen und Naturideen der erstgenannten Welt
entsprechen.
Lassen
Sie mich das Ergebnis dessen, was wir jetzt in fliegender Eile
vorweggenommen haben — also diese Reihe der grossen, allgemeinen, sich
genau entsprechenden Gegenüberstellungen, nur noch um das
Unentbehrlichste ergänzt — gleich hier an der Wand in einem Schema
anschaulich machen. Vom Ich nehmen wir notwendig den Ausgang, und, wie
weit auch die sich fliehenden Gedankenreihen auseinander streben
mögen, das Ich fasst doch in seinem Wissen und Wähnen alles
zusammen, was für uns existiert. Es bleibt sich dabei gleich, ob
wir die Sache methodisch bei der Unterscheidung zwischen theoretischer
und praktischer Vernunft beginnen und von da an zu dem immer
Verwickelteren hinaufsteigen, bis wir auf der einen Seite zu
Wissenschaft, auf der anderen zu Religion gelangen; oder aber, ob wir
die grossen Synthesen — Wissenschaft und Religion — als das Gegebene
zum Ausgangspunkte nehmen und nun die Reihe der Bedingungen immer
weiter auseinanderbreiten, bis wir die letzten elementarsten
Verzweigungen in den verschiedenen Betätigungen der Vernunft
finden. In Wirklichkeit ist Kant diesen letzteren Weg gegangen; er ist
eben ein wissenschaftlich empirischer Beobachter, nicht ein
Spekulierer; bei der Darstellung aber hat er den umgekehrten Weg — den
er den »schulmässigen« nennt — verfolgt.
Diese
Tafel spricht, glaube ich, für sich; wem die Welt dieses
kritisch-analytischen Denkens fremd ist, der dürfte Stoff genug zum
560 KANT
Nachsinnen darin finden.
Nur einige Worte der Erläuterung, um möglichen
Missverständnissen vorzubeugen.
Jeder
einzelne Ausdruck ist dem gegenüberstehenden auf der selben
Höhe genau entsprechend, gleichwertig und entgegengesetzt; die
Divergenz nimmt aber von unten nach oben zu. Praktische Vernunft ist
mit theoretischer Vernunft nahe verwandt, man kann keine von beiden
ohne die andere vollkommen abhandeln; auch Gebote und Gesetze stehen
sich (scheinbar) nahe genug, um von Ungeschulten manchmal verwechselt
zu werden (wir sagen »Sittengesetz« ebenso geläufig
wie »Sittengebot«); am deutlichsten ist vielleicht für
jeden Menschen die Unterscheidung zwischen Persönlichkeit und
Erkenntnis. Dass Freiheit und Natur noch ferner voneinander stehen, ist
zwar eine Tatsache, die jeder erblicken kann, sobald er die Augen
öffnen gelernt hat — sonst könnte es ihm einfallen, die Erde
zöge den Mond aus Pflichtgefühl an, und dass ein redlicher
Mann anvertrautes Gut nicht veruntreut, sei eine Wirkung der Schiefe
der Ekliptik; für gewöhnlich ist aber hier die Konfusion der
Gebiete unentwirrbar, und zwar einfach, weil wir nicht Kritik genug
besitzen, um zwischen den grundverschiedenen Betätigungen unserer
Vernunft (dem vorhandenen Erfahrungsstoff gegenüber) zu
unterscheiden; wer nicht die Analyse bis zur klaren Unterscheidung der
Elemente verfolgt hat, wird bei Komplexen nie richtig urteilen. Es ist
nicht verwunderlich, wenn wir dann bei Wissenschaft und Religion —
deren Trennung (sobald wir das unverfälschte Wesen einer jeden
scharf ins Auge fassen} so vollendet ist, dass sie wirklich nur
insofern zueinander in Bezug gesetzt werden können, als sie in
dem Bewusstsein eines einheitlichen Wesens vereinigt vorkommen — es
ist, sage ich, dann nicht verwunderlich, wenn wir die scheidende Kluft
zwischen beiden dennoch nicht deutlich gewahren; hier steht ausserdem
jede geistige Beschränktheit, jeder Aberglaube, jede sittliche
Gemeinheit, dazu die unermessliche Interessengemeinschaft der
Religionsausbeuter aller Konfessionen der Erde als geschlossene Phalanx
gegen alle Versuche, endlich und endgültig Klarheit zu schaffen.
So viel über die Entgegensetzungen. Was aber die Reihenfolge der
Begriffe von unten nach oben anbetrifft, wo auf beiden Seiten meines
Schemas der eine gleichsam aus dem anderen herauszuwachsen scheint, so
soll damit nicht etwa eine logische Sequenz angedeutet werden; es
handelt sich weder um Grund und Folge, noch um Ursache und
561 KANT
Wirkung; eher könnte
man an konzentrisch sich erweiternde Kreise denken. Doch führt
dieser Vergleich nur annähernd auf die richtige Spur; denn die
Sprossen dieser Leiter sind voneinander nicht nur im Umfange, sondern
auch im Werte verschieden: Religion und Wissenschaft sind S
y s t e m e, künstlich-künstlerische
Gebäude, in denen unser Wissen
und unser Wähnen zu einem übersichtlichen Ganzen geordnet
stehen; Freiheit und Natur sind I d e e n, in denen
und durch die unsere
Vernunft sich Tatsachen anschaulich vorstellt; Persönlichkeit und
Erkenntnis sind B e g r i f f e (der erste
symbolisch, der zweite
schematisch), in denen (um mich allegorisch auszudrücken) der
Übergang vermittelt wird zwischen Innen und Aussen, zwischen
Vernunft und Empirie (siehe den Descartes-Vortrag, von S. 256 an);
Gebote und Gesetze sind die gegebenen T a t s a c h e n,
¹) wie sie die
ordnende
Vernunft zunächst erfasst, sie sind ihr Material; theoretische und
praktische Vernunft sind M e t h o d e n des
Bewusstseins. ²) Es handelt sich
also in aufsteigender Reihe, sowohl rechts wie links, um Methoden,
Tatsachen, Begriffe, Ideen, Systeme; jede Stufe entspricht einer
anderen Funktion unseres Geistes. Mein Schema soll, wie Sie sehen,
lediglich gewisse Verhältnisse gegenseitiger Lagerungen im
Gedankenraume veranschaulichen. Derartige Schemata soll man
ähnlich wie Vergleiche betrachten; von einem Vergleich verlangt
man, dass er einen Gedankengang aufhelle, nicht, dass er das Denken
ersetze; es ist eine suggestive Wirkung, die man erwartet, nicht eine
abbildliche Darlegung; das selbe gilt hier.
KANT UND DIE KULTUR
Jetzt
wollen wir aber einen Augenblick Atem schöpfen. Ich habe Sie
sofort zu Beginn dieses Vortrages vor die ganz einfachen die Ideen
dieser Weltanschauung — dieser Art, die Welt anzuschauen — hinstellen wollen; das
ganz Einfache ist immer zugleich das ganz Grosse; es ist auch das
allgemein Verständliche. So meint es jedenfalls Kant, wenn er die
denkwürdigen Worte spricht: »Die wahre Weisheit ist die
Begleiterin der Einfalt«, und hinzufügt: »sie macht
gemeiniglich die grossen Zurüstungen der Gelehrsamkeit
entbehrlich, und ihre Zwecke bedürfen nicht solche Mittel, die
nimmermehr in aller Menschen Gewalt sein können« (Tr. II,
3). Es ist unmöglich, dass Immanuel Kant's kritisches Werk in
seinen tech-
—————
¹) Für die erweiterte Definition des Begriffes
»Tatsache«, siehe Ur.
§ 91, S. 456.
²) »Bewusstsein« nach Kant's
Definition:
»das Bewusstsein ist das einzige, was alle Vorstellungen zu
Gedanken macht« (r. V.
350).
562 KANT
nischen Einzelheiten
Gemeingut werde, Kant wusste es wohl und schrieb: »Meine Methode
ist nicht sehr geschickt dazu, den Leser an sich zu halten und ihm zu
gefallen ..... Allein der menschliche
Verstand fehlt hier durch Subtilitäten, und muss dadurch widerlegt
werden« (Ref. II, 6).
Kant wird also nur subtil, weil er die
Subtilitäten der Vernünftler ein für allemal wegfegen
will, und die Feinheiten seiner Beweisführung dienen ihm mehr als
unentbehrliche Abwehr falscher Argumente, denn als Grundfeste seines
eigenen Gedankengebäudes. Auch wir müssen uns fragen: was
meinen wir eigentlich damit, wenn wir die Behauptung aufstellen, Kant
müsse ein Kulturfaktor werden? In der Hauptsache kann es sich
jedenfalls nur um jene Weisheit handeln, die »die grossen
Zurüstungen der Gelehrsamkeit entbehrlich macht«. Einfluss
auf weite Kreise können nur einfache Vorstellungen gewinnen. Der
Kant, der die transscendentalen Verrichtungen des Menschengeistes
aufdeckt, bleibt einer winzigen Minderzahl zugänglich; der Kant
dagegen, dem es gelänge, alle führenden Intellekte der Welt
aus
den nächtigen Superstitionen der Jahrtausende zu erlösen und
zu dem Tagesglauben zu überwinden, dass Religion und Wissenschaft
zwei völlig getrennte Gebiete sind, ein jedes innerhalb seiner
Grenzen autonom und autokratisch, — dieser Kant wäre der
Begründer einer neuen Epoche in der Geschichte der Menschheit; er
hätte die Tyrannei der Kirchen auf immer gebrochen und die ebenso
gefährlichen Phantastereien der »Naturphilosophen« ein
für allemal weggefegt. Jetzt erst wäre der Menschengeist
frei. »Die Freiheit zu retten« ist ja Kant's höchstes
Ziel. ¹) Sehen wir aber von der politischen Freiheit ab und
betrachten
nur die Freiheit unserer Menschenvernunft, so gewahren wir, dass diese
uns immer von zwei Seiten zugleich geraubt wird, nämlich
vonseiten der theoretischen und vonseiten der praktischen Vernunft aus:
der Wissenschaftspfaffe lässt dem Menschen, wie Kant witzig
spottet, nur »die Freiheit eines aufgezogenen
Bratenwenders« (pr. V.
I, Schluss);
welche Freiheit der Religionspfaffe ihm
lässt, ist sattsam bekannt. Wozu noch ein Wichtigeres kommt: denn
Kant weist nach, dass jener naive Naturforscher, der ahnungslos im
Gebiete der praktischen Vernunft und der Sittengebote pfuscht, der uns
Wundermärchen von Tierseelen, von darwinistischer Sittlichkeit
usw. erzählt, nicht allein auf dem Gebiete der Freiheit Unheil
stiftet,
—————
¹) Siehe z. B. r.
V. S. 564.
563 KANT
sondern dass er zugleich
die Betrachtung der empirischen Natur von Grund aus verdirbt,
während sein Widerpart, der Theologe, der so genau über die
Erschaffung der Welt, über den Zweck der Schöpfung usw.
unterrichtet ist, hierdurch nicht bloss heillose Konfusion in der
Wissenschaft der Natur anrichtet, sondern im selben Momente die wahren
Fundamente echter Religion untergräbt. Diejenige 'Wissenschaft
dagegen, die Kant anstrebt, ist eine r e i n e
Wissenschaft, eine
lückenlos mechanische, wogegen unsere antimetaphysischen Empiriker
immer und immer wieder (man braucht heute nur Mach, Haeckel, Ostwald
usw. zu lesen) in ein Gebiet jenseits der Mechanik
hinüberschweifen, in das, was Kant treffend »eine
eingebildete Wissenschaft« nennt (r. V.
I, 395); und diejenige Religion,
die Kant will, ist eine r e i n e Religion, d. h.
eine von aller Historie
und von jedem Dogmenglauben gereinigte. Aus der Vermengung der Gebiete
entsteht erst das Dogma, das wissenschaftliche sowohl wie das
religiöse. Schweift bloss die theoretische oder bloss die
praktische Vernunft aus, so richtet das kein unheilbares Übel an;
auf diesem Wege entstehen die »Ideen« (im engeren,
kantischen
Sinne des Wortes), und diese sind für die systematische
Ausgestaltung, sowohl der Wissenschaft wie der Religion, unentbehrlich.
Gerade weil kein Gewebe des Zweierlei in diesen echten Ideen entsteht —
oder wenigstens der Schein davon bei der geringsten Prüfung
verschwindet — schmelzen sie wie Nebelbilder hin, sobald man sie
schärfer ins Auge fasst; sie dienen viel und schaden wenig; denken
Sie als Beispiele an den Äther und an die Vorstellung der Gnade.
Wenn dagegen der Geist auf beiden Gebieten zugleich ausschweift — indem
er (unter den Decknamen »Seele«, »Plan«,
»Unbewusstes«, usw.) ein wenig Freiheit in die Wissenschaft
einschmuggelt, oder aber die Natur (mit allen Theologen und Theosophen)
in die Kompetenz der Religion einbezieht — da entsteht in der Tat ein
schwer zu zerstörendes Scheingewebe, und dieses ist die
Geburtsstätte des Dogmas. Dies erst ist das, was ich, um es zwar
allegorisch, aber richtig und kräftig zum Ausdruck zu bringen,
die G e d a n k e n s ü n d e nennen
möchte; es ist die Sünde gegen
unser eigenes Wesen, gegen den Geist, der uns heilig sein sollte;
zugleich ist es die Erbsünde in dem Denken unseres Geschlechtes.
Kant will uns nun aus dieser Sünde, aus dieser Nacht des
Dogmatismus erlösen; dazu dient die »reine«
Unterscheidung
der Gebiete. Durch sie wird nicht etwa die Ein-
564 KANT
heit unseres Wesens
zerstört, vielmehr handelt es sich um wahre, bewusste Kultur der
menschlichen Individualität. Kultur definiert Kant als, »die
Hervorbringung der Tauglichkeit eines vernünftigen Wesens zu
beliebigen Zwecken überhaupt, folglich in seiner Freiheit«
(Ur. § 83). Um aber diese
unsere Freiheit ausbauen und
ausnützen zu können, müssen wir über zweierlei
belehrt sein: 1.
über die Grenzen
unseres Könnens, 2. über diejenigen Richtungen, die uns
unbegrenzt offenstehen. Wir müssen einerseits lernen, »alle
unsere spekulativen Ansprüche bloss auf das Feld möglicher
Erfahrung einzuschränken« (r.
V., I, 395); auf der anderen
Seite müssen wir einsehen lernen, dass — wie Kant sich
ausdrückt —
»Freiheit
Menschenwerk ist«, dass hier alles von uns abhängt, d. h.
von unseren Einsichten und Absichten, und dass es also auf uns Menschen
ankäme, uns aus einer Tiergattung in eine »sittliche
Gattung« zu erheben, indem wir die bisher »gleichsam
planlos fortgehende Kultur« nunmehr bewusst planvoll in die Hand
nähmen (vgl. Kant: Mutmasslicher
Anfang der Menschengeschichte).
Der Mensch soll Schöpfer werden — dort, wo er es kann,
nämlich innerhalb des Reiches der Freiheit. Das »Erkenne
dich selbst« des Hellenen taucht hier in neuer, exakterer Gestalt
auf. Denn bewusster, planvoller Schöpfer kann der Mensch sich
selbst gegenüber nur werden, wenn er die selbe Methode ergreift,
die sich ihm der Natur gegenüber so erfolgreich erwiesen hat: die
genaue Analyse seines verwickelten Wesens, die genaue Scheidung des
Praktischen vom Theoretischen, der Freiheit von der Natur, die
Exaktheit in der Erkenntnis seines Selbst muss zu Grunde liegen. Dies
würde nicht nur eine tiefgreifende Umbildung seiner
wissenschaftlichen und religiösen Ideen herbeiführen, sondern
würde, hiermit im Gefolge, umgestaltend auf alle menschlichen
Verhältnisse wirken. Kant, der Bescheidene, spricht es mit aller
Bestimmtheit aus: seine Weltanschauung steuert auf eine Revolution hin,
gegen welche die bisherigen, rein politischen, zu geringfügigen
Episoden schrumpfen; er will Ideale verwirklichen, nicht aber durch
Schwärmerei und philosophische Phantasterei, sondern durch die
nüchtern-bewusste, aus dem Hinterstübchen des stillen Denkers
mit unwiderstehlicher Kraft langsam, aber sicher bewirkte Änderung
in der Richtung des menschlichen Denkens und Wollens. Er macht sich
keine Illusionen: »Ich zweifle sehr, dass ich derjenige sein
werde, der diese Änderung hervorbringt; das menschliche Gemüt
ist von der Art, dass
565 KANT
ausser den Gründen,
die es erleuchten sollen, noch Zeit dazu gehört, um ihm Kraft und
Fortgang zu geben« (Ref.
II, 18); doch gleichviel, auf diese
Weise wird früher oder später dasjenige »Reich, was
nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden
kann ..... zustande gebracht werden« (Gr. II,
1). Dies alles bedeutet eine vollkommene Umbildung aller jener
Vorstellungen und Gepflogenheiten in Wissenschaft, Religion, Sitte,
Recht, Gesellschaft, die uns noch so geschwisterlich eng mit den
Urbabyloniern von vor 6000 Jahren verwandt zeigen; es bedeutet eine
»Umwertung aller Werte«‚ wie sie die dem frivolen
Modejargon unserer Tage Huldigenden sich nie haben träumen lassen,
ein Wachsen des Menschen, eine Kräftigung über das hinaus,
was er bisher gewesen ist, nicht durch die tollhäuslerische
Entfesselung seines blinden »Willens zur Macht«, sondern
umgekehrt, durch die feinere Ausgestaltung seines Selbstbewusstseins,
durch die klarere Erfassung seiner geistigen Organisation und damit
(was das selbe ist) der Organisation der Welt seiner Erfahrung, mit
anderen Worten, durch die noch genauere Bändigung der
dumm-tiermässigen Instinkte seines Willens im Dienste einer
vollkommen
selbstbeherrschten, bewusst-schöpferischen Vernunft.
Diesen
Gedanken halte ich für die grosse Kulturtat Kant's; er ist es, der
uns alle angeht; er ist es, den wir alle genügend in uns aufnehmen
können, um von ihm belehrt zu werden; er bildet auch ohne Frage
den lebendigen Mittelpunkt in Kant's Art, die Welt zu erschauen; von
hier nahm er seinen Ausgang; hierher führte ihn der mühsame
Weg seiner fast fünfzigjährigen kritischen Arbeit
zurück. Und gerade hierüber werden Sie in den Berichten der
Fachphilosophen wenig oder gar keine Belehrung finden. Wie viele unter
ihnen haben Kant's praktische Lebensabsicht wirklich erfasst? Wie viele
sehen so gross, wie er sah? Wie viele wissen, was er meint, wenn er —
der grimme Gegner aller Schulmetaphysik, des
»durchlöcherten Fasses der Danaiden«, wie sie eine
seiner letzten Schriften sarkastisch nennt (F.) — wenn er trotzdem sagt: »Ich bin
überzeugt, dass das wahre und dauerhafte Wohl des menschlichen
Geschlechtes auf Metaphysik ankomme« (Br. 8. 4. 1766)? Wenn Sie
es jetzt wissen, wenn Sie wenigstens ahnen, wie hier Metaphysik zur
Befreiung des Menschengeschlechtes, zur Befreiung der Freiheit, und zu
nichts Anderem dienen soll, so besitzen Sie einen Vorsprung, der Sie
trösten kann, falls
566 KANT
Sie in mancher subtilen
Schulfrage Kant nicht zu folgen vermöchten.
Es ist
gut, den Eindruck eines gewaltigen Ganzen hin und wieder als Einheit
auf sich wirken zu lassen, ohne sich beim Einzelnen aufzuhalten. Blieb
Ihnen Manches in diesem Eingang vielleicht unklar, so lassen Sie sich
das nicht anfechten; Kant selber, der peinlich Gewissenhafte, sagt:
»Sehr oft schwächt die Auseinandersetzung eines Gedankens
die Wirkung, welche derselbe, da er noch im Ganzen und Grossen
vorhanden, wenngleich dunkel und unentwickelt hervorbrachte«.
¹)
Es kommt also darauf an, sich nicht zu sehr zu beeilen, vielmehr bei
dem allgemeinen — gross, wenn auch dunkel erfassten — Gedanken zu
verweilen; das ist ein Gesetz unserer Psyche; man muss Kräfte
sammeln wie eine Maschine Feuerung; auch Goethe, unser Aller Meister,
lehrt, man solle die grossen Probleme zunächst »mit
erhöhtem leidenschaftlichem Sinn zu erfassen trachten«; es
ist fraglich, ob eine neue Anschauung ohne eine derartige Trieb- oder
Anziehungskraft überhaupt erfasst werden kann. Kant im einzelnen
zu folgen, wäre das Werk eines ganzen Lebens; nichts möchte
ich sagen, was diese Einsicht schwächte; nicht will ich Sie in dem
Wahne wiegen, Kant sei leicht zu verstehen; wohl aber möchte ich
Sie mit der Sehnsucht, ihn zu verstehen, unverlierbar begaben. Von hier
aus mag dann der weitere Weg angetreten werden, je nach Fähigkeit
und Lust eines Jeden. Der Engländer drückt es pittoresk und
genau aus; er sagt von solchen grossen, halb verstandenen Gedanken:
they grow upon one, sie
wachsen von selbst über uns empor und
schliessen sich um uns zusammen; es ist wie bei Parsifal's Gang zum
Gralstempel: der Tor tut nur wenige Schritte entgegen — »ich
schreite kaum, doch wähn' ich mich schon weit« — und schon
umgibt ihn
der heilige Dom. In ähnlicher Weise habe ich Sie heute sofort
mitten in die Welt Kant's hineinversetzen wollen; ich hoffe, die
Atmosphäre dieser Welt soll einen gewissen Zauber ausüben,
und es werden uns infolgedessen auch die sonst fast unerreichbaren
Gedanken nicht mehr so fremd anmuten.
DIE NEUE RICHTUNG
Denn
der Zweck dieser
Vorträge erlaubt mir nicht, hier zu verweilen, wie ich so gerne
möchte. Nicht Kant's Werk, sondern
—————
¹) Sieben kleine Aufsätze,
Ausg. v. Rosenkranz & Schubert, IX¹), 269; Ausg. von
Hartenstein
1867, IV, 505.
567 KANT
etwas ganz Anderes:
eine
E i n f ü h r u n g in sein Werk durch Vertrautwerden mit
seiner besonderen
Art zu denken, habe ich Ihnen zu geben versprochen. Wir müssen
also wieder zurück in die Tiefen der Persönlichkeit.
Höchst charakteristisch ist ein Geständnis Kant's (gerade aus
der Zeit, als der kritische Gedanke sein Sinnen täglich mehr zu
erfüllen begann): »Vor meinen Augen erheben sich öfters
Alpen, wo Andere einen ebenen und gemächlichen Fusssteig
vor sich sehen, den sie fortwandern oder zu wandern glauben« (Tr.
I, 1). Man wird Kant gewiss nie verstehen, wenn man nicht die selben
Schwierigkeiten empfindet, die er empfand. Er sieht Berge, wo Andere
eben fortwandeln; daraus schliessen wir, sein Denken schlage eine neue,
eine bisher unbegangene Richtung ein. Wenn man aber Kant studiert und
beurteilt, ohne sich über die Richtung seines Denkens klar
geworden zu sein, dann missversteht man ihn nicht bloss, sondern das
Missverständnis wächst mit mathematischer Notwendigkeit, wie
die Entfernung zweier auseinanderstrebender Linien; je mehr man
über ihn nachdenkt, desto mehr missversteht man ihn dann; das ist
die Geschichte von 99 unter 100 Kant-Auslegern. Dass Sie die richtige
Richtung einschlagen — die ungewohnte, allen unseren angeerbten und
eingefleischten Denkgewohnheiten entgegengesetzte — ist also das erste
Erfordernis. Sobald Sie es tun, steigen vor Ihren Augen jene Alpen auf,
von denen Kant spricht, und nunmehr müssen auch Sie die schroffen
Wände erklimmen; denn oben auf dem Gipfel ist der Standpunkt
Kant's. Wem Kant's Philosophie ohne weiteres einleuchtend dünkt —
sei es, um ihr beizupflichten oder um sie zu bekämpfen — der
versteht sie sicher nicht; wer dagegen die Hindernisse erblickt, die
Kant erblickte, wandelt auf dem Wege zu den neuen, von ihm
aufgedeckten Erkenntnissen; früher oder später findet in
seinem Geiste jene Revolution statt, von der wir vorhin sprachen. Es
handelt sich, wie Sie sehen, um etwas sehr Einfaches — darum aber fast
Unmögliches. Die Kritik der
reinen Vernunft hat Kant in 5 Monaten
geschrieben; 25 Jahre hatte er aber gerungen, bis er (in seiner
Dissertation des Jahres 1770)
die Richtung bestimmt erkannt, und
weitere 12 Jahre ununterbrochenen Denkens hat es ihm gekostet, ehe er
den Standpunkt endgültig erobert hatte. ¹) Daher der
Eigensinn, mit
dem ich Sie immer wieder und immer wieder auf
—————
¹) Siehe z. B. Briefe I,
255, 316, 323.
568 KANT
die selben oder auf sehr
ähnliche Betrachtungen zurückführe; denn im Grunde
genommen beschränkt sich mein Amt darauf, Ihrem Geiste eine
einzige Bewegung aufzuzwingen: Sie sollen, wie der Bergsteiger in
unserem Bruno-Vortrag, es lernen, sich umzukehren, Ihrem Denken die
neue Richtung zu geben; sobald Sie das tun, erblicken Sie die Probleme
unseres Denkens und Seins in einem neuen Zusammenhange; dann sind Sie
auch für Kant's Werk reif und bedürfen meiner nicht mehr.
METHODISCHE ERINNERUNG
Knüpfen wir bei Plato an; auf diese Weise bekommen wir sicher
plastische Elemente in die Hand.
In
unserer Vorliebe für einfache Formeln fanden wir im vorigen
Vortrag folgende: Plato geht positiv, bejahend vor, Kant negativ,
verneinend. Das ist, was jeder Mensch gewahr werden muss, der nur mit
einiger Aufmerksamkeit hinschaut. Wir wissen aber seit dem
Goethe-Vortrag und haben es inzwischen wiederholt bestätigt
gefunden: eine derartige einfache Beobachtung hat für die
Erkenntnis der Persönlichkeit nur darum Wert, weil — und nur
insofern als — sie in die Tiefe führt. Wert erhält eine
Tatsache erst durch den Gebrauch, den wir von ihr machen. Hier
müssen wir uns also darüber klar werden: warum greifen wir
die grossen einfachen Verhältnisse heraus und verwenden wir sie
zur Erforschung der Persönlichkeit? Die Erwägung
hierüber zeigt Folgendes. Die aus tausend Indizien aufgebauten
Analysen von Personen, wie sie Literaten und Romanschreiber gerne zum
Besten geben, sind eine illusorische Arbeit, ein Spiel; denn das
Mysterium des Lebens ist die Einheitlichkeit des Individuums. Wer die
Vielfältigkeit der tausendfach bedingten Äusserungen vor mir
ausbreitet, ist blosser Berichterstatter, im besten Falle
Seelenphotograph; was er gibt, ist Historie; es ist Wissen, nicht
Wissenschaft. »Das Wissen«, sagt Goethe, »beruht auf
der Kenntnis des zu Unterscheidenden, die Wissenschaft auf der
Anerkennung des nicht zu Unterscheidenden«; ¹) mit anderen
Worten: gestaltetes Wissen entsteht dadurch, dass wir — wie Plato es uns lehrte
— im Vielen das Eine erblicken. Darum ist man gewiss auf dem rechten
Wege, wenn man nach den einfachen Erkentnissen sucht und die
Subtilitäten ausser acht lässt. Wir sahen im vorigen Vortrag:
im Leben bedeutet Einheit Gestalt. Jede, auch die bescheidenste
Lebensgestalt ist ein Symbol des Unendlichen; denn die Beziehungen, die
hier vorliegen, sind unaus-
—————
¹) Über Naturwissenschaft
im Allgemeinen, W. A., 2. Abt.. Xl, 161.
569 KANT
denkbar mannigfaltige und
haben weder Anfang noch Ende; begrenzt aber und unbedingt einheitlich
ist die Gestalt selbst, denn das ist ihr Wesen; sie ist Einheit
katexochen; sie allein kann
daher wirklich erfasst werden — wobei
ausserdem unsere Sinnlichkeit sich der Natur kongenialer erweist als
unser Verstand. Ist aber (anschaulich betrachtet) das Wesen des Lebens
Gestalt, so muss notwendigerweise der tiefste Grund des Denkens auch
Gestalt sein, da das Denken eine Erscheinung des Lebens ist. Und ebenso
wie im Reiche der Sichtbarkeit Lebensgestalt Lebensgestalt gebiert, und
zwar unter so sicheren (wenn auch unausdenkbaren) Gesetzen
allseitig-gegenseitigen Bedingens, dass dem Kundigen ein einziger
Knochen genügt, um die ganze Gestalt wieder herzustellen, ebenso
muss auch die Gestalt des Denkens die Gedanken hervorbringen, und der
richtige Erforscher des Menscheninnern wird gerade die einfachsten
Züge zu erfassen trachten, weil aus ihnen allein er die
Grundlinien dieser psychischen Gestalt festzustellen hoffen darf —
womit dann für die Kenntnis der Persönlichkeit das
Mögliche gewonnen ist. Diese einfachen Erkenntnisse nützen
aber nur, wenn mit ihrer Hilfe wirklich »Gestalt« auferbaut
wird. Zum Auferbauen von Figuren im Raume genügt nicht eine
einzelne Linie, vielmehr ist ein System von sich schneidenden Linien
vonnöten; ebenso bedarf es auch hier eines methodisch
gewählten Systems von etlichen einfachen und richtigen, sich
gegenseitig ergänzenden Erkenntnissen; sonst entsteht nur ein
Flächenbild. So erwies sich uns z. B. die — sonst richtige —
Beobachtung: Goethe ganz Auge, Kant gar nicht Auge, als geradezu
irreführend, wenn sie nicht durch eine Reihe von anderen
Beobachtungen ergänzt wurde, die gleichsam senkrecht auf diese
zuerst erblickte zu stehen kamen. Derartige einfache Erkenntnisse
teilen sich gegenseitig Inhalt mit; einzeln genommen, ist keine
Wahrheit inhaltsvoll; wer sich auf die vereinzelte Wahrheit
beschränkt, ist ein unanfechtbarer Phrasenmacher; hat man aber die
wahrheitsgemässen Erkenntnisse richtig gewählt und beobachtet
nun genau die Punkte, wo sie sich schneiden, so erhält man nach
und nach den Umriss der gesuchten Gestalt. Darum wollen wir jene
Aussage über den bejahenden Plato und den verneinenden Kant jetzt
durch zwei sie senkrecht schneidende ergänzen.
KANT EIN GESTALTER
Wer
nämlich auf dem Gebiete des kritischen DeNkens bejaht, schafft
notwendigerweise lauter G l e i c h n i s s e: Sie
sahen es bei
570 KANT
Plato und erkannten,
welch unvergänglicher Lebenswert in solchen Dichtungen geborgen
liegt, zugleich aber, zu welchen nie endenden Missverständnissen
sie bei Gegnern und Adepten führen; wer dagegen hier verneint,
grenzt infolgedessen ab, und indem er das tut, erhält er
festumschriebene G e s t a l t e n: Sie
begreifen also hoffentlich, in welchem
zwar bedingten, dennoch aber durchaus positiv reellen Sinne Kant, der
angeblich Verneinende und Phantasiearme, trotzdem von diesen beiden
Männern der Gestalter zu nennen ist. Denken ist für Kant
Auferbauen. Er sagt: »Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur
nach a r c h i t e k t o n i s c h « (r. V.
502); die bei ihm
selber so
über alle gewöhnlichen Masse entwickelte Vernunft war denn
auch die eines grossen Baumeisters. Das wäre die eine Beobachtung;
hinzufügen wollen wir gleich eine zweite, ergänzende. Weil
Plato in so hohem Grade ein »Schauer« ist, ein Mann, der
alles mit Augen zu erfassen trachtet, darum tritt gerade bei ihm das
Logische — dort, wo er davon Gebrauch macht — hart und gewalttätig
hervor, wie ein Fremdes, Künstliches — denken Sie nur an die
vielen dialektischen Zungenstreite, an die logischen Beweise für
die Unsterblichkeit der Seele und allerhand dergleichen, wobei zuletzt
doch immer alles in der Schwebe, ohne feste Umrisse bleibt, und
erinnern Sie sich, wie der geborene Poet und dionysisch trunkene
Gestaltenseher sich mit der Askesis einer gewaltsam gewollten
Kunstgeringschätzung züchtigt und in seinem Zukunftsstaat
Poesie und Musik an Pädagogik und Pedanterei ausliefert; wogegen
Kant, der Denker und Logiker, zu dessen farblosem Leben die Kunst
keinen Eingang gewann, trotzdem tiefer als irgend ein Mensch das Wesen
des Schönen und das Wesen der schöpferischen Kunst
ergründet und eine eigentümliche — nur ihm eigene — Gabe
besitzt, abstraktestem Denken diejenige Anschaulichkeit zu verleihen,
die hier allein möglich ist: nämlich die schematische. Kant
ist also nicht nur mittelbar, infolge verneinender Abgrenzungen,
Gestalter, sondern er ist auch künstlerischer Gestalter von
Schemen.
BEDEUTUNG DER FORM FÜR KANT
Diese Bemerkung
halte ich für eine der wichtigsten, die behufs Einführung in
Kant's Werk gemacht werden können; aus ihr
ergibt sich ein Hauptthema unserer heutigen Betrachtungen: die
Bedeutung der Form in Kant's Philosophie. ¹) Denn haben wir oben
—————
¹) Von einem mehr
äusserlichen
Gesichtspunkt aus wurde dieses Thema schon im vorigen Vortrag in
Betracht gezogen (siehe S. 411 fg.).
571 KANT
die Richtung als ein
erstes Erfordernis für jedes Verstehen dieser Weltanschauung
erkannt, so muss ich ergänzend sagen: wir verlieren bei Kant die
Richtung gewöhnlich, noch ehe wir die eigentliche Reise angetreten
haben. Als Kant kurz vor seinem Tode sein Lebenswerk überblickte,
nannte er seine Transscendentalphilosophie »die Wissenschaft der
Formen«; ¹) dagegen ist es — auch bei den sogenannten
Kantianern
— gäng und gäbe geworden, die Form bei Kant preiszugeben,
zugunsten des Inhalts, und zwar gewöhnlich nur eines Teiles des
Inhalts, einiger sogenannter »Grundgedanken«, wie sie
gerade Diesem oder Jenem passen.
Belege
finden Sie überall. Ich schlage hier eines der heute von Studenten
und Gebildeten aller Kreise am meisten gelesenen Bücher über
Kant auf und finde das »System Kant's« als »starr und
formalistisch« verworfen; in ihm sei das Meiste
»zufällig und verfehlt«; ²) dagegen sollen
»die
grossen Grundgedanken dauernden Wert besitzen«. Und einer der
bekanntesten berufsmässigen »Kantianer« versicherte
bei seinem Festvortrag zum hundertjährigen Todestage: »Die
Form des Kantischen Systems mag zerfallen können — was liegt an der
Form!« Es wird also ohne weiteres vorausgesetzt, es sei tunlich,
die
Gedanken Kant's aus der ihnen eigenen Gestalt loszulösen; man
scheint sich gar nicht erst zu fragen, ob die angeblichen
»Grundgedanken«, die dann übrig bleiben, noch immer
Gedanken Kant's sein können. Diese Art, Form und Inhalt als zwei
getrennte Wesenheiten zu betrachten, mit denen man einzeln nach
Belieben verfahren könne, diese Auffassung, als sei jemals und
irgendwo die Form ein Nebensächliches, ist ein Erbe aus den
unfruchtbarsten scholastischen Epochen des Mittelalters. Es wäre
Zeit, uns von Gustave Flaubert belehren zu lassen: L'idée
n'existe qu'en vertu de sa forme; einzig Kraft seiner Gestalt
besteht
der Gedanke. ³) Hier aber gar, wo wir den gewaltigsten und
geduldigsten
Gestalter auf dem Gebiete des Denkens, der je gelebt, vor uns haben,
sollten wir uns recht ernstlich überlegen, ob nicht gerade in
diesem verpönten »System«, in der bis ins Einzelne
durchgedachten Organisation die grösste Kraft seines Lebens-
—————
¹) Üb. III, 393.
Ungekürzt lautet die
Stelle: »Die Transscendentalphilosophie ist die Wissenschaft der
Formen, sich selbst zu einem Ganzen der Weltanschauung und des Denkens
synthetisch zu machen« (mit der Variante: »sich selbst nach
einem Prinzip zum Objekt zu machen«).
²) Das Wort »zufällig« ist hier unbezahlbar!
³)
Lettres I, 157.
572 KANT
werkes liege. Dem
aufmerksam Beobachtenden muss es zudem auffallen, dass auch bei
begeisterten Anhängern, sobald sie Kant's Form preisgegeben haben,
der Inhalt nach und nach ebenfalls in die Brüche geht. Das war von
Fichte an bei allen der Fall; man bewunderte Kant, wähnte aber,
die »Form«, das »System«, die
»Schemen« seines Denkens als geringfügige Nebensache
betrachten zu dürfen; bald stellte es sich jedoch heraus, dass
jene hochbelobigten »Grundgedanken« völlig unkantisch
aufgefasst worden waren, und die Entfernung von Kant nahm mit jedem
Tage zu. Sehen Sie nur Schopenhauer an.
Mit
Ehrfurcht spricht Schopenhauer in der Einleitung zu seinem Hauptwerk
von dem »grossen Kant«, und am Schlusse sagt er von sich,
er habe »bloss Kant's Sache durchgeführt«; es macht
also den Eindruck, als ob er sich mit Kant völlig identifiziere.
Eines gibt er aber von vornherein preis: die Form. Fast auf
jeder Seite seiner Kritik der
Kantischen Philosophie, seiner
Erläuterungen und auch an
anderen Orten spottet er über
»Kant's Liebe zur architektonischen Symmetrie«, er
vergleicht sie (im wegwerfenden Sinne) mit gotischen Kirchenbauten,
nennt sie »Spielerei«, behauptet, sie »führe an
das Komische heran« usw. Über jene Scheidung in theoretische
und
praktische Vernunft z. B. — deren Bedeutung sich aus unserer Skizze
heute am Eingange ergeben hat und die den bedingenden Grundgedanken von
Kant's ganzem System ausmacht — witzelt Schopenhauer:
»Gemäss der Liebe zur architektonischen Symmetrie musste die
theoretische Vernunft auch einen Pendant
haben«; einen tieferen
Zusammenhang erblickt er nicht. Und wie der allgemeine Umriss des
Baues, so wird nach und nach jeder einzelne Zug der Gestalt, die Kant
seiner Weltanschauung gegeben hatte, von Schopenhauer erst
verhöhnt, dann verworfen; nichts findet Gnade: weder die
Unterscheidung zwischen Vernunft und Verstand im Sinne Kant's, noch
seine Auffassung des Verhältnisses zwischen Verstand und
Sinnlichkeit (Schopenhauer nennt sie »ein Unding«, was sie,
sobald man ihren Sinn so vollständig verfehlt, wie Schopenhauer es
tut, auch ist), noch die Bedeutung, die er der »Idee«
vindiziert, noch die Antinomie der Vernunft in dem Ihnen bekannten
Sinne, noch die Grundgesetze unseres Urteilens (die der Architektonik
der Kritik der reinen Vernunft
zu Grunde liegen), noch die Kategorien,
noch die entscheidende Rolle des zeitlichen Schematismus, noch die
Unterscheidung von Ding und Er-
573 KANT
scheinung, noch die
Analyse des Ich, noch der kategorische Imperativ, — nichts, gar nichts;
vom ganzen Bau bleibt nicht ein Stein auf dem anderen stehen. Und
dennoch bekennt sich Schopenhauer noch in später Lebenszeit
ausdrücklich als »Kantianer« ¹) und hält
sich, wie
gesagt, für den gradlinigen Fortsetzer Kant's. Nun lässt sich
allerdings unwiderleglich nachweisen, Schopenhauer habe keinen einzigen
der grundlegenden Gedanken Kant's im Sinne Kant's erfasst; da er den
kritischen Standpunkt nie begriff, sondern Kant's Kritik rein
psychologisch nimmt und als eine Analyse der
»Gehirnfunktion« rühmt, ²) ist das nicht zu
verwundern;
es wäre sehr zu wünschen, dass einmal jemand die Sache
zusammenhängend, kurz und systematisch darlegte. ³) Indirekt
kann
ich aber auch hier den mathematisch sicheren Beweis erbringen, dass
Kant von Schopenhauer gänzlich unverstanden blieb. Kant's
intellektuelle Persönlichkeit ist Ihnen jetzt ziemlich genau
bekannt; insofern besitzen Sie also einen zuverlässigen
Prüfstein; hören Sie nun, wie Schopenhauer urteilt. Aus
seinen Schriften könnte man das gehässigste Pamphlet gegen
Kant zusammenstellen, das je geschrieben wurde. Von Kant's Denken sagt
er, es sei: undeutlich, unbestimmt, unrichtig, unlogisch,
unverschämt, unverantwortlich vernachlässigt, pedantisch,
sophistisch, inkonsequent, barock, naiv, grotesk, widerspruchsvoll
usw., und von einzelnen Gedanken wird behauptet, sie würden
»aller Wahrheit zum Trotz aufgestellt«, sie seien
erschlichen, blosse Wortspiele, monströse Zwitter usw. ad.
inf.
Wobei Schopenhauer uns noch versichert, er »halte sich alle
Hochachtung gegenwärtig, die man Kant übrigens schuldig
sei«, um sich nicht »in harten Ausdrücken zu
äussern«! Der Vorwurf, den er am häufigsten gegen Kant,
den Denker, erhebt, ist der eines »Mangels an hinlänglichem
Besinnen«; einmal heisst es sogar: »unglaublicher
Mangel an Besinnung«. Immanuel Kant und Mangel
—————
¹) Parerga I, Fragmente
zur Geschichte der
Philosophie, § 3.
²) In beiden Bänden seines Hauptwerkes und in
den Parerga wiederholt.
³) Inzwischen findet man interessante
Ausführungen in den Schriften von Classen, Stadler, Cohen und
Anderen. Namentlich in dem 10. Kap. seines Buches über Kant's
Theorie der Erfahrung,
betitelt »Schopenhauer's Einwürfe
gegen die transscendentale Deduktion«, hat Cohen ein strenges
Gericht gehalten und schliesst mit folgenden beherzigenswerten Worten:
»Bei dem Ansehen, welches Schopenhauer als Kenner und
Anhänger der Kantischen Philosophie geniesst, habe ich es für
geboten erachtet, die Kritik desselben im einzelnen durchzugehen; damit
die bestechende Sicherheit, mit der jene ungegründeten Urteile
ausgesprochen werden, zuerst verdächtig werde und alsdann bei
genauerem Vergleichen jenes herzprüfende Zurechtweisen erkannt
werde als das, was es ist: ein hartnäckiges Meistern an Worten,
deren Sinn dem Richter nicht aufgegangen war«.
574 KANT
an Besinnung ist ein
köstlicher Einfall! Dazu von einem Manne, der anfangs der
Zwanziger mit seiner Weltanschauung fix und fertig war und nie mehr
einen Schritt weiter machte, als Vorwurf gegen einen Mann erhoben, der
fast sechzig Jahre alt ward, ehe er sein Gedankensystem für reif
genug erachtete, um die erste seiner grundlegenden Schriften der
Öffentlichkeit zu übergeben. »Es ist zum
Erstaunen«,
schreibt Schopenhauer, »wie Kant, ohne sich weiter zu besinnen,
seinen Weg verfolgt, seiner Symmetrie nachgehend, nach ihr Alles
ordnend, ohne jemals einen der so behandelten Gegenstände für
sich in Betracht zu nehmen«. ¹) Man mag über Kant's
Weltanschauung urteilen, wie man will, man mag sie als verfehlt
verwerfen, jeder Kenner seiner Schriften und seines Lebens wird
nichtsdestoweniger zugeben, diese Behauptung Schopenhauer's sei einfach
grotesk; »zum Erstaunen« ist hier einzig die bis zur
Blindheit gelangte Verblendung und die Flüchtigkeit
Schopenhauer's. Von hier aus versteigt er sich aber weiter durch eine
an Verunglimpfungen reiche Skala bis zum Vorwurf der moralischen
Feigheit, der Lügenhaftigkeit, der Fahnenflucht. So sind denn auch
Sie, trotzdem Sie in Kant's theoretischen Lehren noch nicht bewandert
sind, dennoch befähigt, das Urteil mit absoluter Gewissheit zu
fällen: Schopenhauer's Auffassung von Kant muss von Grund aus
falsch sein; denn ein Mann, der aus dem Studium der Werke zu einem so
lächerlichen Zerrbilde der Persönlichkeit gelangt, kann
unmöglich diese Werke richtig verstanden haben. In der Tat sind
alle die Inkonsequenzen, die Widersprüche, die Widersinnigkeiten
und zuletzt Unredlichkeiten, in die Kant sich nach Schopenhauer's
Meinung verstrickt, lediglich unvermeidliche Konsequenzen seines
eigenen halsstarrigen Missverstehens. Und da entsteht nun die Frage:
wie ward es möglich, dass ein so glänzend begabter Denker wie
Schopenhauer, der sich gern »den Scharfsinnigsten der
Scharfsinnigen« nennen liess, ²) sich so heillos verirren
konnte?
Freilich haben Einseitigkeit und grosse Leidenschaftlichkeit dem
bewundernswerten Manne noch manchen anderen
—————
¹) Sämtliche Werke:
Frauenstädt's Ausg. II,
510; Griesebach's Ausg. I, 551. Dass Schopenhauer auch einmal die
wahren Worte schrieb: »Kant besass einen Grad von klarer, ganz
eigentümlicher Besonnenheit, wie solche niemals irgend einem
andern
Sterblichen zuteil geworden ist« (Über die
Universitäts-Philosophie), verdient betont zu werden. Doch
wie
sich das mit der wiederholten Behauptung eines »unglaublichen
Mangels an Besinnung« reimt, wird auf immer unausgemacht bleiben.
²)
Memorabilien S. 671.
575 KANT
Streich gespielt, doch
hier reichen sie zur Erklärung nicht hin. Kant hat er während
seines ganzen Lebens studiert und gleichwohl sein Werk und seine
Persönlichkeit so völlig missverstanden: wie war das möglich?
Ich antworte: nur dadurch, dass — und nur deswegen weil — er
sich für berechtigt hielt, überall die Gestalt des Kantischen
Denkens von dem Gedanken selbst zu trennen, weil er die Architektonik
Kant's für eine müssige Beigabe, für eine Schrulle, ja,
für eine blosse Verführerin und Verderberin hielt.
Aus
den verschiedensten philosophischen Lagern werden Ihnen — mit
mehr Höflichkeit und weniger Geist ausgedrückt — ähnliche
Urteile wie bei Schopenhauer entgegentönen. Fast jeder
Fachmann wird Ihnen sagen; »Kant's Form, Kant's System sind
nebensächlich; lassen Sie sich keine grauen Haare wachsen über die
Zweiteilung in reine Vernunft und praktische Vernunft, dazwischen als
»Drittes« die Urteilskraft, über die
Kategorientafel und
den Schematismus und das Ding an sich und die transscendentalen
Ideen und die Autonomie der sittlichen Persönlichkeit usw.; das
sind lauter pedantische Schrullen, die sich historisch erklären
lassen; heute haben sie keinen Wert mehr, wir Menschen des
zwanzigsten Jahrhunderts sind darüber weit hinaus; halten Sie sich an die
grossen, neuen, weltbewegenden Gedanken; das Übrige gehört ins alte
Eisen«. Wogegen ich Ihnen sage: wenn Sie nicht die Architektonik des
Kantischen Denkens liebevoll zu erfassen
trachten, so werden Sie überhaupt nie wissen, was Kant gedacht hat.
Man wächst ebensowenig über einen Kant hinaus, wie man
über einen Homer, einen Leonardo, einen Plato hinauswächst; man
kann Gott danken, wenn man in treuer Arbeit die Befähigung erwirbt, solche
Männer überhaupt zu verstehen
und seine
armselige Gymnasiasten- und Hochschülerweisheit mit dem
reichen Gedankenleben der Heroen zu befruchten. »Recht«
gegen Andere
hat der Mann mit der stärkeren Faust; über ihn wächst man
mit verbesserten Lyditbomben und dergleichen hinaus; dagegen
ist der Mann mit dem stärkeren Kopf ein kosmisches Phänomen, genau so wie die Sonne
oder der Sirius; er ist er; er hat —
als Persönlichkeit betrachtet — weder recht noch unrecht; wollen
wir ihn begreifen, so müssen wir ihn zunächst als ein Sein, nicht
als ein Werden ins Auge fassen; er ist ewig; ob er uns nützt oder
nicht, wird sich zeigen; doch die historische Pest unserer
576 KANT
Tage rafft ihn hin, ehe
wir Musse hatten, ihn, wie er wirklich war, auch nur zu erblicken.
In
dem, was ich Ihnen da sage und zu sagen im Begriff bin, schwimme ich
fast allein gegen den Strom; doch das tut nichts, Sie können mir
vertrauen; ich weiss, dass ich recht habe; Stärkere als ich werden
früher oder später der Wahrheit den Sieg verschaffen. Zwar
bin ich kein Fachmann, doch besitze ich statt dessen den grossen
Vorzug, mich mein Lebenlang mit Kant beschäftigt zu haben, ohne
dass er mir zu irgend etwas Anderem als zu dem allmählichen Aufbau
meiner persönlichen Weltanschauung verhelfen sollte. Weder musste
ich — wie unsere Privatdozenten — als kaum flügge
gewordener Fünfundzwanzigjähriger die völlig ausgereifte
Lehre des Sechzigjährigen so gut und so schlecht es ging
vortragen, mir dadurch auf immer das Verständnis verrammelnd, noch
trat ich ihm mit einem eigenen »System« entgegen, dessen
Berechtigung ich durch Angriffe auf das seine zu erweisen gehabt
hätte; ich war nicht genötigt, mich zu einer Partei zu
schlagen; ich brauchte nicht zu schmähen, was ich nicht verstand,
und nicht zu vertreten, was meinem Denken nicht eingehen wollte. Es
gibt Dinge in Kant, die ich noch bis heute nicht verstehe; doch da mich
noch zehn Jahre von dem Alter Kant's trennen, als er die Reine
Vernunft, und zwanzig Jahre von seinem Alter, als er die Urteilskraft
schrieb, und da mir immer wieder und wieder, je öfter ich in den
Wunderbüchern lese, und je mehr ich über diese Weltanschauung
nachdenke, neue Lichter plötzlich aufgehen, so hoffe ich, wenn ich
lebe, ihrem Verständnis nach und nach näherzukommen. Ganz
wird es mir nie gelingen, ich weiss es; ich bin für die
Abstraktion nicht genügend begabt und bin ausserdem durch
Geschmacksrichtungen und Willensimpulse von dem grossen Kant zu
verschieden, als dass mir nicht Manches unerreichbar bleiben sollte. —
Auf Grund nun der also geschaffenen Erfahrung kann ich es als meine
langsam gewordene und im Laufe der Zeit immer fester begründete
Überzeugung aussprechen: dass man weder DEN Gedanken Kant's noch
DIE Gedanken Kant's verstehen kann, sobald man sie aus der
Architektonik, in die er sie fügte, abzubröckeln, aus der
Schematik, in der er ihnen Gestalt und allseitige Beziehungen verlieh,
loszureissen unternimmt. Der Schematismus der kantischen Weltanschauung
ist gleichsam eine erweiterte Sprache; er ist die anschauliche und
zugleich präzise Verdolmetschung von
577 KANT
Gedanken, die sonst gar
nicht zum Ausdruck gelangen könnten. Und darum kann man mit nur
nebensächlichen Einschränkungen behaupten: b e
i K a n t i s t d i e
F o r m d e r G e d a n k e.
Auch
dies mache ich mich anheischig, näher zu begründen, ohne in
das Technische überzugreifen, das in diesen Vorträgen keinen
Platz finden darf.
KANT'S ZEUGNIS
Zunächst das eine: auf Kant's eigenes Zeugnis lege ich mehr Wert
als die Fachleute es tun. Denn bei derlei Dingen kommt es nicht auf
Gelehrsamkeit an und noch weniger auf Majoritätsvotum,
sondern einzig und allein auf Einsicht und Urteil; in beiden ragte Kant
weit über alle Männer hervor, die seither über
Philosophie das Wort ergriffen haben. Da Kant ausserdem (im Unterschied
von Schopenhauer) ein Muster an Bescheidenheit und Besonnenheit und
vorsichtiger Reserve war, so hat es ohne Frage etwas zu bedeuten, wenn
er wiederholt betont, er habe zwar an seiner Darstellung Manches
auszusetzen, auch müsse man entschuldigen, wenn er, um erst
»das Ganze zustande zu bringen« einige Teile »in
einer gewissen Rohigkeit gelassen habe«, — wenn er aber trotzdem
von seinem System als Ganzem sagt, er sei überzeugt, es werde sich
»in dieser Unveränderlichkeit auch fernerhin
behaupten«. ¹) 1787 schreibt er an Reinhold: »Ich
darf,
ohne
mich des Eigendünkels schuldig zu machen, wohl versichern, dass
ich, je länger ich auf meiner Bahn fortgehe, desto unbesorgter
werde, es könne jemals ein Widerspruch, oder sogar eine Alliance
(dergleichen jetzt nicht ungewöhnlich ist) meinem System
erheblichen Abbruch tun. Dies ist eine innigliche Überzeugung, die
mir daher erwächst, dass ich im Fortgange zu anderen
Unternehmungen nicht allein es immer mit sich selbst einstimmig
befinde, sondern auch, wenn ich bisweilen die Methode der Untersuchung
über einen Gegenstand nicht recht anzustellen weiss, nur nach
jener allgemeinen Verzeichnung der Elemente der Erkenntnis und der
dazugehörigen Gemütskräfte zurücksehen darf, um
Aufschlüsse zu bekommen, deren ich nicht gewärtig war«
(Br. I, 488). Als Kant diese
Worte schrieb, stand er auf der
höchsten Höhe seiner Leistungsfähigkeit: die
Prolegomena lagen schon seit
mehreren Jahren vor, die zweite,
teilweise umgearbeitete Auflage der reinen
Vernunft war zu Beginn des
Jahres erschienen, die Kritik der
praktischen Vernunft hatte Kant vor
sechs Monaten im Manuskript beendet, an der Kritik der Urteilskraft
hatte er — wie er in diesem
—————
¹) Briefe I, 317; r.
V., Vorwort zur 2. Aufl.,
XXXVIII.
578 KANT
Briefe meldet — zu
arbeiten begonnen. ¹) Und aus einem solchen Augenblick bezeugt uns
der
Denker selbst, in welcher genauesten Wechselwirkung sein ganzes Denken
mit der architektonischen Form seiner Weltanschauung steht! Und dennoch
auch dieses gewiss gewichtige Urteil sollen Sie nicht als autoritativ
auffassen; Kant könnte in dieser Beziehung das Opfer einer
Täuschung, einer Autosuggestion gewesen sein; es wäre zwar
gerade bei ihm unerwartet, doch immerhin möglich. Darum will ich
Ihnen jetzt die positiven Argumente vorführen, die uns bestimmen
müssen, uns Kant's Urteil anzuschliessen. Zu unseren beiden vorhin
gewonnenen grundlegenden Erkenntnissen über Kant als Gestalter und
Kant als Künstler in Schemen werden bei dieser Gelegenheit mehrere
ergänzende hinzukommen.
Zunächst sind hier ausgesprochene Anlagen des Individuums zu
nennen, die wir teilweise schon kennen.
DIE ANSCHAUUNG SEIN AUSGANGSPUNKT
Was
Kant, den Mathematiker und Physiker, auf erkenntniskritische
Untersuchungen führte, das waren zunächst rein anschauliche
Probleme, für die es logisch keinen entsprechenden
Ausdruck gibt. Ich erwähnte
vorhin,
dass eine der ersten seiner Schriften, die erkenntniskritisches Gebiet
berühren, der Frage nach dem »Grund des Unterschiedes der
Gegenden im Raume« gewidmet ist. Das ist höchst
charakteristisch; Sie sehen, wie das Anschauliche, das Element alles
Gestaltens vorangeht. Wie verhält sich rechts zu links: in dieser
Frage wurzelt das Lebenswerk Kant's. Dem reinen Logiker konnte die
Frage nie auch nur aufstossen; rechts und links sind für ihn
identisch; nur wer von reiner Anschauung ausgeht und von hier aus die
Verbindung mit reinem Verstande sucht, entdeckt, dass überhaupt
ein Problem vorliegt, und zwar ein auf empirischem Wege
unlösbares. Darum führt diese scheinbar sehr einfache Frage
einen Kant in die Tiefen der Erkenntniskritik; und schon hier weist er
die empiristische Annahme, als entstehe der Begriff Raum aus der
Erfahrung der Materie ein für allemal als unmöglich und
unsinnig nach. Schon fünf Jahre früher treffen wir Kant auf
ähnlichen Wegen: die Schrift, betitelt Versuch, den Begriff der
negativen Grössen in die Weltweisheit einzuführen, aus
dem
Jahre 1763, ist eine der belehrend-
—————
¹) In
allen Büchern findet man 1788 als Erscheinungsdatum für die
Kritik der praktischen Vernunft
genannt, vermutlich weil dieses Jahr auf dem Titelblatt steht. Doch hat Kant das Buch in
den letzten Tagen des Juni 1787 beendet, und der Verleger verschickt schon
in den ersten Tagen des Dezember Exemplare. (Vgl. Briefe I, 467, 483, 487.)
579 KANT
sten, die wir für
das Studium der intellektuellen Persönlichkeit Kant's besitzen.
Hier lebt der Denker noch ganz in den Vorstellungen der Mathematik und
Physik; gerade in dieser Schrift befinden sich bemerkenswerte
Andeutungen über das Wesen der Elektrizität als Bewegungsform
des Äthers, und hier zum ersten Male definiert Kant die
Undurchdringlichkeit der Körper als »negative
Anziehung«. Doch er zielt auf etwas Anderes, und dieses
»Andere« ist die Einführung derjenigen Probleme in die
philosophische Betrachtung, die aus der Natur unserer sinnlichen
Anschauung entstehen, wogegen sie der abstrakten Logik verborgen
bleiben, und zwar verborgen bleiben, ohne dass der Logiker es merkt, da
ihm hierzu das Organ fehlt. Rechts und links war ein Beispiel, die
Vorstellung der negativen Grössen ist ein zweites. Die direkte
Entgegensetzung + a - a bedeutet, rein logisch
betrachtet, dass ich von
dem selben Ding zugleich ja und nein aussage; das Ergebnis ist ein
Widerspruch, ein Unsinn, es ist, als hätte ich gar nichts gesagt.
Für den Physiker und Mathematiker liegt die Sache ganz anders. +
und - sind für ihn das Eine so positiv wie das Andere; zu Grunde
liegt die Anschauung des Raumes: + ist die Bewegung nach einer
Richtung, - die Bewegung nach der entgegengesetzten Richtung; handelt
es sich aber um blosse Zahlen, also um unräumliche Mathematik, so
findet die Bewegung zwar nicht mehr tatsächlich, doch
figürlich — nämlich in meinem eigenen Denken — statt, ¹)
und
beim Rechnen werden alle Minuszeichen addiert, geradeso wie alle
Pluszeichen, weil sie der selben »Bewegungsrichtung«
angehören und es ist eine pure Konvention, welchen von beiden
Grössenkomplexen ich mit + und welchen ich mit - bezeichnen will.
Wenn ein Körper völlig bewegungslos bleibt, weil vier Pferde
ihn nach links und vier genau ebenso starke ihn zugleich nach rechts
ziehen, so ist, rein logisch betrachtet, in Bezug auf seinen
Bewegungszustand nichts weiter zu erkennen, als dass der Körper
ruht; physikalisch dagegen ist seine Bewegung zwar ebenfalls gleich
Null, doch bedeutet 0 hier
nicht
—————
¹) Negative Zahlen entstehen nämlich erst
»durch die Projektion in den Raum und Auffassung als
Linie«. Während die reine Zahl der Zeit homolog ist und
darum nur Eine Richtung mit Ausschluss aller Umkehrung zulässt —
denn in der Zeit ist es unmöglich, aus der Gegenwart in die
Vergangenheit aufzusteigen, und einzig die Richtung in die Zukunft
bleibt offen — kann ich im Raume ebensogut von rechts nach links wie
umgekehrt fortschreiten, und die eine Richtung bezeichne ich dann durch
+‚ die andere durch -. (Vgl. Couturat: De l'infini mathématique,
1896, p. 353 fg.)
580 KANT
jenes Nichts des
Widerspruchs, sondern die Ruhe als Folge, als Ergebnis, als
tatsächliche Summe aus zwei entgegengesetzten Bewegungen. Dieses
triviale Beispiel möge genügen, damit Sie sicher verstehen,
wovon die Rede ist. Sie sehen, es kommt hier nicht darauf an, durch
Veranschaulichung ein abstrakt Erkanntes zugänglich zu machen,
sondern umgekehrt: die Anschauung und was sich ihr angliedert (darunter
namentlich das Wechselspiel zwischen Schema und Symbol, das wir aus dem
dritten Vortrag als das Wesen der Mathematik kennen) soll erst die
Probleme aufdecken und der Vernunft den Weg zum Denken weisen. So geht
überall bei Kant der Gestalter voran; aus der Anschauung entstehen
für ihn die erkenntniskritischen Probleme. Und genau so wie dort,
bei rechts und links, so führt ihn hier die Unterscheidung der
Richtungen — das heisst r e a l e r
Entgegensetzungen im Unterschied von
l o g i s c h e n — zu tiefsten ethischen und kritischen Gedanken: in dieser Schrift
über die »negativen Grössen« taucht die erste
(mir bekannte) Andeutung des kategorischen Imperativs auf; in dieser
Schrift wird das System der reinen Verstandesbegriffe (Kategorien)
deutlich vorherverkündet. Und zwar beides als unmittelbares
Ergebnis des von dem Schema der Richtungen — mathematisch gesprochen,
der Entgegensetzung von »positiv« und »negativ«
— angeregten Denkens. »Untugend« meint z. B. Kant, kann
nicht »lediglich eine Verneinung« sein, denn dann wäre
sie ein Nichts; vielmehr ist sie etwas Positives, Reales, nämlich
»negative Tugend«, eine Tugend mit umgekehrtem
Richtungszeichen, »nicht bloss ein Mangel«. Hierdurch wird
aber sichtbar, dass Tugend selbst nichts ist, wenn sie nicht ein
Positives, Reales ist, eine Bewegung mit bestimmter Richtung. Wenn also
z. B. ein Mensch eine gute Tat nicht vollführt, die zu
vollführen seine Pflicht gewesen wäre, dann ist diese
Unterlassung nicht ein blosses Zero = nichts, sondern es ist das
Ergebnis eines Kampfes zwischen zwei Kräften mit einander
entgegengesetzten Richtungen; die Vernunft befahl kategorisch
»Tu' es!«, wogegen der Trieb zur Lust, zur Selbsterhaltung
usw. riet »Tu' es nicht!«; aus der Zusammenzählung der
verschiedenen + und - Faktoren ergab sich die Richtung, bez. das
Verharren in Ruhe. Ebenso entsteht hier für Kant die Frage nach
der Bedeutung der Ursächlichkeit für unser Erkennen. Denn der
erwähnten Unterscheidung zwischen einer bloss logischen und einer
realen (nach dem Schema der Richtung vorgestellten) Entgegensetzung
581 KANT
entspricht die vollkommen
deutliche Unterscheidung zwischen einem l o g i s c h e n
Grund und einem
r e a l e n Grund, das heisst, einer wirklichen Ursache. Wenn
ich aus A
logisch B folgere, so ist das immer nur die genauere Auseinanderlegung
des schon als gegeben gedachten grösseren Begriffskreises A; diese
Zergliederung des Gegebenen ist die Funktion der Logik; wogegen ich
beim realen Grunde aus dem Dasein von A folgere, dass X auch sein
müsse, obwohl Beide nicht einerlei, sondern verschieden sind. Wenn
ich sage: dieser Körper ruht, also bewegt er sich nicht — so ist
das eine logische Folgerung; in dem Begriff »ruhender
Körper« liegt eingeschlossen, dass der betreffende
Körper sich nicht bewege. Wenn ich aber sage: dieser Körper
bleibt zwischen Erde und Mond bewegungslos schweben, weil er sich in
demjenigen Punkt befindet, wo die Anziehungskräfte der beiden
Gestirnmassen sich genau ausgleichen, so ist das keine logische
Folgerung, sondern ich setze reale und entgegengesetzte
Bewegungstendenzen als wirkende Ursachen voraus, um daraus die Ruhe zu
erklären. Und da entsteht die erkenntniskritische
Fundamentalfrage, die Kant schon hier aufwirft: »Wie soll ich es
verstehen, dass, weil Etwas ist, etwas Anderes sei?« Und sofort —
obwohl diesen Betrachtungen nur zwei oder drei kurze Druckseiten
gewidmet sind — steigt er sehr hoch und stellt die Gottesfrage auf. Von
Anaxagoras an mit seinem Nus
(vgl. S. 297 fg.) bis zu
Descartes und
Leibniz hatten die Denker »logisch« auf das Dasein Gottes
schliessen zu können vermeint; wogegen Kant aus der genannten
einfachen Erwägung deduziert: »logisch« geschlossen
kann in diesem Falle nur werden, wenn Gott und Welt identisch sind;
soll aber Gott als U r s a c h e der Welt gedacht
werden, dann ist der
göttliche Wille Etwas und die existierende Welt ist etwas Anderes,
und man sieht, dass durch die Annahme eines Gottschöpfers nicht
das Geringste erklärt wird, denn wir stehen wieder vor der Frage:
was soll das heissen, dass, weil A ist, darum X sein müsse?
»Das ist etwas, welches ich mir gerne möchte deutlich machen
lassen«, sagt Kant. ¹) Und nun deutet er in wenigen Worten
an, er
habe über diese Beziehungen, die ausserhalb der Logik liegen, und
die darum auch gar nicht einer »Erklärung« im
üblichen Sinne dieses Begriffes fähig sind, nachgedacht und
werde »das Resultat dieser Betrachtungen dereinst
ausführlich darlegen«;
—————
¹) Vertieft und präzisiert, aber wesentlich das
gleiche Argument brachte Kant 20 Jahre später in
der r. V. (S. 663 fg.).
582 KANT
vorderhand teilt er nur
das Eine als Ergebnis mit: dass man nämlich bis zu etwas
vordringen müsse, was jenseits des Urteils liegt, und das
könnten nur Begriffe sein, und so werde man denn finden, dass alle
unsere Erkenntnis »sich in einfachen und unauflöslichen
Begriffen der Realgründe endigt.« Diese
»unauflöslichen Begriffe« sind das, was Kant
später reine Verstandesbegriffe oder Kategorien benannt hat.
¹)
Wiederum bitte ich Sie, sich nicht dadurch stören zu lassen, wenn
Ihnen Dieses oder Jenes in diesen Ausführungen nicht sofort bis
auf den Grund verständlich sein sollte; uns kommt es in diesem
Augenblick nur auf allgemeine Erkenntnisse bezüglich der
Persönlichkeit an, auf weiter nichts. Wer diese beiden kleinen
Schriften über rechts und links und über negative
Grössen nebeneinanderhält und aufmerksam betrachtet, wird in
ihnen das Programm der kantischen Erkenntniskritik schon mit ziemlich
deutlichen Umrissen vorgezeichnet sehen; vor allem aber wird er den Weg
blossgelegt finden, den Kant, der Denker, gegangen ist. ²) Es ist
der
Weg eines Mannes, der von der Anschauung, der von der empirisch
gegebenen Realität ausgeht; es ist der Weg eines Mannes, dessen
Geist durchtränkt ist von der streng notwendigen
Aneinandergliederung, von der stets übersichtlichen
Schematisierung aller Mathematik und mathematischen Physik; es ist der
Weg eines Mannes, der namentlich das Wesen des Raumes mit seltenem
Scharfsinn erfasste. Nun ist aber in den Verhältnissen des Raumes
die Form die Sache: wer hier die Form erblickt, besitzt — wenn auch
nicht die gesamte Erkenntnis, die diese einschliesst, denn sie ist
unerschöpflich — so doch alle Elemente der betreffenden
Erkenntnis. Dieser Standpunkt ergab sich bei Kant aus Instinkt und
Schule; es war geniale Anlage, methodisch grossgezogen. Und beachten
Sie wohl, dass dieser Weg Kant allein unter allen Philosophen eigen
ist. Einzig Descartes und Leibniz weisen Analogien auf. Doch Descartes
verweilt nicht bei der Untersuchung der Erkenntnis; vielmehr findet er
sich hastig und gewaltsam mit ihr ab, um sich dann möglichst
ungeteilt den kosmischen, physikalischen und physio-
—————
¹) Ein Jahr früher, 1762, hatte Kant schon auf
den grundlegenden Begriff der synthetischen
Urteile hingewiesen, die er
hier »unerweisliche Urteile« nennt, und von denen er sagt:
»Die menschliche Erkenntnis ist voll solcher unerweislicher
Urteile« (Von der falschen
Spitzfindigkeit der vier
syllogistischen Figuren, § 6, gegen Schluss).
²) Manche andere der frühen Schriften
könnte zur Bestätigung herangezogen werden; ich unterliess
es, weil für meine Zwecke das Gesagte genügte.
583 KANT
logischen Problemen zu
widmen, wogegen Kant von Kosmologie und Physik, die beide inzwischen zu
gewaltigen Systemen erwachsen waren, den Ausgang nimmt, um bald bei dem
Problem unseres Erkennens anzukommen und ihm hinfürder alle
Kräfte zu weihen. Und was Leibniz betrifft, so ist dieser der
abstrakte Mathematiker im Gegensatz zum Physiker, und das ist ein
gewaltiger Unterschied; Leibniz gehört zu denjenigen
Mathematikern, die — um an die Vorstellungen unseres Descartesvortrages
anzuknüpfen — alles von der Seite des Verstandes aus betrachten,
dabei die sinnliche Anschauung als ein untergeordnetes Element
möglichst geringschätzen. So bildet z. B. der sogenannte
»Grundsatz des Nichtzuunterscheidenden« eine Säule der
Leibnizschen Weltanschauung: zwei Kreise, die einander
in jeder Beziehung gleich sind, sind — für den, der die Welt rein
begrifflich in Betracht zieht — nicht zwei Kreise, sondern ein und der
selbe Kreis, wiederholt vorgestellt; ebenso bei jeder Gleichheit;
hieraus wird gefolgert, es könne unmöglich zwei gleiche
Wesenheiten in der Natur geben, und diese Folgerung dient wiederum als
eine Hauptstütze für die Monadenlehre, — eine Weltanschauung,
deren unvergänglicher Wert gerade darin besteht, dass sie das
Weltbild des abstrakten Mathematikers rein widerspiegelt. Nun tritt
aber der schlichte, überall von der Erfahrung — und das heisst von dem
in der Anschauung Gegebenen — ausgehende Kant dazwischen und ruft:
Halt! Das ist alles Abstraktion und würde nur Geltung haben, wenn
wir Menschen reine Verstandeswesen wären; die Sinnlichkeit besitzt
aber genau die selbe Würde wie der Verstand; nun gibt uns die
Sinnlichkeit den Raum, und 2 oder 200 oder 2000 begrifflich
»nichtzuunterscheidende« Wesen sind völlig deutlich
von einander geschieden, sobald sie der Raum von einander trennt.
Für die Kenntnis von Kant's Intellekt ist diese Bemerkung
ungeheuer wichtig. Denn sehr häufig wird Kant ein
»Intellektualist« oder »Rationalist« genannt,
d. h. ein Mensch, für den der unsinnliche Verstand in allen Dingen
die letzte Instanz bildet; und hier sehen Sie, wie falsch und einseitig
ein solches Urteil ist, und dass Kant ebensogut Sensualist zu nennen
wäre; in Wirklichkeit ist er keins von beiden, sondern ein
völlig objektiver Kritiker der Erkenntnis. Gerade diese absolute
Objektivität macht ihn für uns Alle so schwer zu verstehen;
jeder Ausleger Kant's zieht ihn auf die eine oder die andere Seite
hinüber.
584 KANT
Kant
geht also seinen Weg wirklich ganz allein; er ist sich dessen auch
bewusst; so z. B. gesteht er in der vorhin angeführten Schrift
über den Begriff der negativen Grössen: »Ich begreife
gemeiniglich dasjenige am wenigsten, was alle Menschen leicht zu
verstehen glauben«; es stellen sich ihm eben von Beginn an alle
Probleme anders dar. Von Kosmologie und Physik den Ausgang nehmend,
bleibt es ihm organisch unmöglich, die uns gegebene
Anschauungsform —
nämlich den Raum — aus den Augen zu lassen; vielmehr entstehen
für ihn alle Erkenntnisprobleme aus und an der Anschauung. Der
Raum, einerseits dem subjektiven Verstande so nahe verschwistert — wie
die Mathematik zur Genüge beweist — ist doch andrerseits, wie
Plato ihn im Timäos (52 D) nennt, »die Amme alles
Werdens«, die Bedingung, die Form der objektiven Dinge. Hier
fasst Kant Fuss, um in der Folge nach beiden Seiten hin weiter zu
forschen. Darum ist es verständnislos, wenn unsere Fachlehrer die
Schriften, in denen Kant die Eigenschaften des Raumes untersucht,
»vorkritische« nennen, weil
— sagen sie — hier die
Analyse den Verstand noch nicht eingehend untersucht habe. Vielmehr
gewinnen wir aus den vorangehenden Erwägungen eine für die
genaue Beurteilung dieses Intellektes und seines Werkes höchst
wichtige, ja geradezu entscheidende Einsicht: m i
t d e r K r i t i k d e
s R a u m e s
b e g i n n t f ü r K a n t d
a s k r i t i s c h e W e r k; dies ist
der Ausgangspunkt,
wie er auch später, in der vollendeten Darstellung, den Anfang
bildet. Eine andere aber und fast ebenso wichtige Einsicht, die wir
hier gewinnen, ist, dass der geometrische Instinkt und die
mathematische Schulung die schematische Konstruktion nicht bloss zu
einer gleichgültigen Gewohnheit, sondern zu der
grundlegenden
M e t h o d e dieses Denkens machen mussten. Und so sehen wir
bei Kant von
allein Anfang an die konkrete Anschauung, das geometrisch geübte
Auge, den Gedanken den Weg weisen, so dass die Architektonik, das
Schema der Gedanken, notwendigerweise organisch mit den Gedanken selbst
verwachsen mussten und eine Herausschälung dieser Gedanken aus
ihrem Schema gerade bei Kant gewiss nie gelingen kann.
Doch
ich bin mit der Bedeutung der Form bei Kant noch nicht fertig. Die
Sache ist für das genaue Verständnis der intellektuellen
Persönlichkeit zu wichtig, als dass ich nicht alle Argumente
anführen sollte.
585 KANT
ARCHITEKT UND KÜNSTLER
Wir
haben schon vorhin gesehen, warum und inwiefern man Kant Plato
gegenüber als Gestalter bezeichnen kann; auch das gehört
hierher; denn ist Kant von Haus aus in hervorragendem Masse ein Gestalter von
Gedanken, so kann diese Gestaltung unmöglich geringfügigen
Wert besitzen. Das Gesagte will ich nicht wiederholen; ich möchte
Sie aber auf das A r c h i t e k t o n i s c h e bei
Kant in noch eindringlicherer
Weise aufmerksam machen.
Sie
erinnern sich der Anekdote über die Westminster-Brücke in
unserem ersten Vortrag (S. 33);
seitdem sahen wir öfter, wie sehr
das Auferbauen für Kant's Denken charakteristisch ist. In der
Kritik der reinen Vernunft
setzt er denn auch ausdrücklich
Architektonik = Wissenschaft. Nicht die Einheit kurzweg, sondern
die
s y s t e m a t i s c h e E i n h e i t »mache
gemeine Erkenntnis allererst zur
Wissenschaft«, und darum sei »Architektonik die Lehre des
Scientifischen in unserer Erkenntnis überhaupt« (r. V. 860).
Diejenigen unter uns, die nur das Künstliche an einem solchen
Aufbau erblicken, erkennen den Wert nicht, der sich daraus ergibt, dass
in einer solchen bis ins Feinste ausgeführten Architektonik alles
zu allem in Beziehungen engster Interdependenz steht; gleichviel was
man in einem derartigen Bau in Betracht zieht, jede Einzelheit ist
durch zahlreiche andere Einzelheiten so eng bedingt und wirkt zugleich
so genau bedingend zurück, dass es hoffnungslos ist, hier und dort
grössere und kleinere Teile abbröckeln und für sich
beurteilen zu wollen. Wohl mag viel Künstliches daran sein; ich
glaube es gern; diese Künstlichkeit ist aber Kunst, Kunst des
Genies; hier erblicken wir das, was Goethe »Höchste Kunst:
Magie der Weisen« nennt. Wo auch immer dergleichen Wirkungen
hervortreten, hängen sie von unfassbaren, undefinierbaren
Verhältnissen, von Imponderabilien ab; eine einzige ungeschickte
Berührung, und des Werkes Kraft — die »Magie der
Weisen« — ist hin. Erzeugnisse der Natur zerlegen wir,
zerschlagen wir, zerschneiden wir, zerpflücken wir, um sie besser
zu verstehen, ein Kunstwerk nicht, denn dieses ist entweder eine
Einheit oder gar nichts. Wahrlich, wie ikonoklastische Mönche sind
unsere Philosophen und Professoren über das Kunstwerk des
Kantischen Gedankengebäudes hergefallen!
Bezüglich dieser peinlich genauen Architektonik Kant's ist es nun
von grossem Wert, dass wir ihn einmal am Werke erblicken können,
nämlich in den Konvoluten von Skizzen zu seinen geplanten letz-
586 KANT
ten, ungeschrieben
gebliebenen Abhandlungen. Jeder einzelne Kerngedanke kehrt hier
Dutzende und Dutzende von Malen wieder, der Satz wird um und um
gedreht, in allen möglichen, bisweilen kaum bemerkbaren
Variationen versucht, — so