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Houston Stewart Chamberlain
Demokratie und Freiheit EN: Here under follows the transcription of Demokratie und Freiheit, (Democracy and Freedom), war essay by Houston Stewart Chamberlain, published by Hugo Bruckmann, Munich 1917. A slightly modified version of the essay Demokratie was republished in 1918, under the title Der demokratische Wahn. N.B.: Notes with asterisks *), **) etc. are original, made by Chamberlain, enumerated notes ¹), ²) etc. are made by me. NL: Hieronder volgt de transcriptie van Demokratie und Freiheit, oorlogsessay van Houston Stewart Chamberlain, verschenen bij uitgeverij Hugo Bruckmann, München 1917. Een licht gewijzigde versie van het essay Demokratie werd opnieuw uitgegeven in 1918, onder de titel Der demokratische Wahn. N.B.: Noten met asterisken *), **) etc. zijn de originele, gemaakt door Chamberlain, de genummerde ¹), ²) etc. zijn van mij.
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Demokratie und Freiheit “Die Freiheit zu retten!“ (Kant) 1917 verlegt bei Hugo Bruckmann in München II Alle Rechte vorbehalten. III „M a n n m i t d e m L ö w e n h e r z e n“ aus ernster Stunde, im Glauben an Deutschlands Bestimmung IV
(Leere Seite) 1 Vorbemerkung
Der Ausdruck „politische Freiheit“ gibt leicht zu Mißverständnissen Anlaß; denn das Wesen des Staates besteht in der Beschränkung der Willkür des Einzelnen; insofern widersprechen sich die zwei Wörter „politische“ und „Freiheit“. Reine Freiheit liegt ganz und gar außerhalb des Gebietes der Politik und bildet in einem gewissen Sinne einen Gegensatz zu ihr. Von der Politik eines Staates kurzweg Freiheit fordern — wie die französischen Revolutionäre es taten — heißt infolgedessen weder mehr noch weniger als Unsinniges reden. Das wahre Problem hat Wilhelm von Humboldt richtig aufgedeckt: Freiheit und Staat stehen einander gegenüber, und nur unter der Bedingung, daß er ihr Grenzen ziehe, vermag der Staat die Freiheit zu schützen; das Interesse der Freiheit kann nicht mehr verlangen, als daß der Staat keine überflüssigen Beschränkungen einführe, d. h. also nicht mehr als die Sicherheit seines Fortbestandes erfordert. Dieser kritische Punkt wird nun genau bestimmt durch die innere geistige Beschaffenheit der Bürger: in je höherem Maße sie wahrhaft freie Männer sind, mit um so weniger Beschränkungen ihrer Freiheit wird der Staat auskommen; wogegen innerlich unfreie Menschen — und mögen sie noch so laut allerhand „Freiheitsrechte“ fordern und erlangen — stets werden tyrannisch regiert werden, weil der Staat sonst auseinanderstöbe; beherrscht sie nicht der eine Tyrann, so tut es der 2 VORBEMERKUNG andere. Der Mensch wird eben nicht dadurch frei, daß man ihm politische Rechte verleiht; vielmehr dürfen ihm vom Staate politische Rechte nur verliehen werden, wenn er sich innerlich zur Freiheit durchgerungen hat; sonst werden diese angeblichen Rechte immer nur zum Mißbrauch durch andere dienen. Es ist darum praktisch von großer Wichtigkeit, genaue Begriffe über das Wesen der Freiheit zu besitzen; und nicht weniger wichtig ist es, zu untersuchen, inwiefern staatliche Gebilde, welche von der Meinung des Tages als besonders „frei“ gepriesen werden, in Wirklichkeit dem Einzelnen Freiheit gewähren und also die etwas zweideutige Bezeichnung als „politisch frei“ verdienen, oder nicht verdienen? Hierüber eingehend nachzudenken und dem Denken durch Beobachten und fleißiges Forschen Stoff und feste Grundlage zu verschaffen, dazu mußte sich der Verfasser dieser Flugschrift — ebenso wie zahllose Zeitgenossen — schon seit Jahren veranlaßt fühlen; schwerlich aber hätte er zu diesen Fragen öffentlich das Wort ergriffen, wenn nicht die Ereignisse der letzten Zeit — Begebenheiten und Unterlassungen — Deutschland plötzlich an den Rand des Abgrundes gebracht hätten. Da wird es für Jeden, der eine Überzeugung in sich trägt, Pflicht, sie auszusprechen. 3 Freiheit
Freiheit ist die leise
Parole heimlich
Verschworener, das laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden, ja, das Losungswort der Despotie selbst. (G o e t h e.) Wer von Freiheit des Menschenwillens spricht, regt eine philosophische, wer von politischer Freiheit, regt eine praktische Frage an; doch stehen die beiden Fragen in enger Wechselwirkung: denn, wenn der Grundbegriff der Freiheit sich gedanklich als sinnlos erweisen sollte, dann entbehrt die praktische Forderung alles Inhalts; gelang es dagegen erhabenen Denkern, „die Freiheit zu retten“ (wie Kant sich ausdrückt), so ist es auch für den Politiker von entscheidender Wichtigkeit, wenigstens eine ungefähre Vorstellung davon zu besitzen, was „Freiheit“ eigentlich bedeutet. Die Natur weiß von Freiheit nichts, vielmehr nur von unerbittlichem Notzwang. Kraft stößt gegen Kraft: die stärkere setzt sich durch, die schwächere weicht. Von dem Kampf der Elemente an bis zu den verwickelten Betätigungen hochorganisierter Lebewesen — für Freiheit läßt die Natur kein Schlupfloch offen; auch dem menschlichen Willen gewährt sie keine Freiheit. Die großen Denker unserer naturforschenden Zeit sind seit vier Jahrhunderten — von Luther bis Schopenhauer — hierüber einig; jedoch auch früher, in einem umnachteten Jahrhundert, wie dem fünften, schreibt ein Augustinus, die ganze Schärfe seines Geistes (acies 4 FREIHEIT mentis) genüge nicht, ihm die Freiheit seines Willens glaubhaft zu machen. Nur folgerichtig verfahren Männer, die diese Einsicht besitzen, wenn sie auch auf politischem Gebiete den Begriff der Freiheit und mit ihm den Ausspruch auf Freiheit als unsinnig abweisen; einzig die Erhebung des Geistes zu einer philosophischen oder religiösen Einsicht vermag es, „die Freiheit zu retten“; wer in Natur und in „Stoff und Kraft“ befangen bleibt, muß die Freiheit — wenn er redlich ist — fahren lassen. Hobbes, der bedeutendste politische Theoretiker Englands, hat beides getan: er hat mit unwiderleglicher Schärfe die Unmöglichkeit der Freiheit des Willens innerhalb alles Naturgeschehens nachgewiesen und als erster hat er die vollkommene Lehre des Gewaltstaates aufgestellt (Macht geht vor Recht). Hiermit hat aber Hobbes nichts weiter getan, als mit seltener Geisteskraft die schon längst bestehenden Methoden der regierenden Kreise Englands diesen im Spiegel als ewige Richtschnur vorzuhalten, der sie auch bis heute gefolgt sind, wo Admiral Fisher so erfrischend offen gesteht: „Im Kriege achte ich keinen Vertrag und kenne nur ein Ziel — den Feind vernichten; nachher mögen sich die Diplomaten untereinander verständigen.“ Unter Freiheit versteht der Engländer einzig und allein die Freiheit, für sich und die Seinen zu tun, was in ihrem Interesse steht. Diderot erzählt, er sei einem „genialen Engländer“ begegnet, der ihn mit Begeisterung auf die folgenden Verse Corneilles hingewiesen habe, als auf den vollendeten Ausdruck dessen, was der Engländer unter politischer Freiheit verstehe: La
liberté n'est rien quand tout le monde est libre,
Mais il est beau de l'être, et voir tout l'univers Soupirer sous le joug et gémir dans les fers. 5 FREIHEIT „Freiheit bedeutet gar nichts, wenn alle Menschen frei sind; herrlich aber ist es, selber frei zu sein und zuzusehen, wie die ganze Menschheit unter dem Joche seufzt und in Ketten stöhnt.“ Das war das englische Freiheitsideal im 18. Jahrhundert! Im Jahre 1899 schreibt der Schwede Steffen, einer der genauesten Kenner des heutigen Englands: der Engländer versteht unter Freiheit „die Freiheit zu handeln g e m ä ß d e r M a c h t, über die er gerade verfügt“. Das war das englische Freiheitsideal im 19. Jahrhundert. Dasjenige des 20. enthüllt uns der Engländer Cramb in seinem am Vorabend des Krieges erschienenen Buche „Deutschland und England“, in welchem er als Englands Wahlspruch die Worte Virgils anführt: parcere subjectis et debellare superbos (den sich Unterwerfenden Gnade erweisen, die hochmütig Widerstrebenden vernichten). Irland war ein emsiges, wohlhabendes Land; England fand ein Interesse daran, dessen Industrie zu vernichten, dessen Landwirtschaft herabzusetzen, dessen Selbstverwaltung aufzuheben; so geschah es denn: den treuen Lesern der Frankfurter Zeitung und des Berliner Tageblatt empfehle ich nun, an einem Morgen, anstatt des üblichen Leitartikels über die Herrlichkeit der freien englischen parlamentarischen Regierung, zur Abwechslung den Brief Carlyles an Emerson vom 13. August 1849, geschrieben gleich nach der Rückkehr von einer Studienreise durch Irland, zu lesen, in welchem Carlyle dem englischen Parlament empfiehlt, es möge die elenden verhungernden Irländer schwarz anstreichen lassen und aus ihnen durch Gesetzesbeschluß Neger machen, um sie dann nach Brasilien als Sklaven zu verkaufen — da würde den Ärmsten ein erträglicheres Schicksal zuteil werden, denn als „freie Bürger Großbritanniens“! In Indien sterben noch heute jährlich mehrere Millionen Menschen den gräßlichsten 6 FREIHEIT Hungertod — nicht weil das gesegnete Land ungenügende Nahrung erzeugt, sondern weil es für England vorteilhaft ist, den Ertrag des reichen Bodens auszuführen; mögen sie nur sterben; wer die Macht hat, hat das Recht: die gefühlvolle Miß Harriet Martineau weiß in ihrer „Geschichte der britischen Herrschaft in Indien“ nur einen Nachteil zu vermelden — es werden nämlich die abendlichen Lustfahrten der englischen Beamten und Offiziere durch den Leichengeruch der allerorten umherliegenden Verhungerten beeinträchtigt, bisweilen unmöglich gemacht! Und noch etwas über die viel gerühmte „Freiheit der Meere“. Ende des 18. Jahrhunderts, also vor noch nicht 150 Jahren, wurde der wackere Kolberger Seemann Nettelbeck im Angesicht Dovers von sieben englischen Freibeuterschiffen überfallen, sein Schiff ausgeraubt und er sowie die Besatzung bis aufs Hemd entblößt: solange die Piraten nicht englische Schiffe überfielen, ließ die englische Regierung sie gewähren... So sieht die Freiheit aus, die englischer Auffassung und englischen parlamentarischen Regierungsmethoden entspricht! Unbegreiflich bleibt nur, daß unsere deutschen Demokraten nach wie vor — unbelehrt und, wie es scheint, unbelehrbar — England als Ursprung und Hort aller politischen Freiheit betrachten und bewundern und kein höheres Ziel kennen, als Deutschland zu „verengländern“. Wüßten die deutschen Arbeiter die Wahrheit, sie würden sicher anders urteilen; sie werden aber irregeführt, ebenso wie die freisinnigen Bürgerkreise es durch weit verbreitete Zeitungen werden, die im Herzen Deutschlands die Interessen englischer Finanzkreise vertreten. Dagegen ist der englische Standpunkt, wie schon gesagt, durchaus folgerichtig. Sind Freiheit und Menschenwürde bloße Wortschalle ohne Inhalt, so reiße eine entschlossene Regierung ohne Bedenken die Macht 7 FREIHEIT sich, dann — ja dann! — bedeutet Freiheit etwas, nämlich: E n g l a n d s W i l l k ü r; oder man übersetzt diesen Gedanken in die Sprache des alten Testaments und sagt, wie Lord Roseberry, der „liberale“ Minister und Schwiegersohn Lord Rothschilds, zu den Studenten in Glasgow: „Gott hat England dazu bestellt, über die Welt zu herrschen.“ Nicht folgerichtig und darum zu einem Lügengewebe innerer Widersprüche führend ist dagegen der Standpunkt der französischen Revolutionäre und ihrer heutigen Nachkommen in Deutschland: denn diese Leute sind womöglich noch reinere Materialisten als Hobbes und weisen mit Verachtung alles von sich, was Philosophie oder Religion heißt, und nichtsdestoweniger schwärmen sie für angebliche „Menschenrechte“ — als ob innerhalb einer bloßen Natur der Begriff „Recht“ irgend einen Sinn besäße — und stellten als ersten Anspruch den auf „Freiheit“ auf, der — wie schon längst erwiesen — der reine contradiktorische Gegensatz des Begriffes „Natur“ bildet. Unschwer kann man das Entstehen dieses Wirrwarrs im Frankreich des 18. Jahrhunderts verfolgen, wo zuerst philosophische, später politische Rücksichten vorherrschen. Pierre Bayle ist noch sattelfest, weil den heraufziehenden politischen Umwälzungen fern genug: er leugnet alle Möglichkeiten der Freiheit. Schon bei Voltaire fällt das unsichere Schwanken auf: denn, hat er auch in versteckten philosophischen Schriften die Unmöglichkeit der Freiheit des Willens eingestanden, so hat er sie in den im ganzen damaligen Europa überallhin verbreiteten, glänzenden Versen seiner „Reden über den Menschen“ behauptet und gepriesen, zugleich die Denker mit Spott überschüttet; dazwischen blitzt dann plötzlich (siehe den Brief an Friedrich vom 23. Jan. 1738) die richtige Einsicht auf: „sans Dieu 8 FREIHEIT point de liberté“ — ohne Gott keine Freiheit; in deutsches Denken übertragen: Freiheit ist ein Gedanke, ist ein Ideal, ein Leitstern, nicht eine Tatsache der Natur. Hin und her pendelt ebenfalls die große Enzyklopädie; die gefährliche Inkonsequenz, die darin liegt, die Freiheit des menschlichen Willens zu leugnen und dennoch ein angeborenes Recht auf politische Freiheit zu lehren, empfinden die scharfsinnigen Verfasser: als Denker möchten sie sich nicht bloßstellen, als Politiker ihrem Programm nicht untreu werden; die Wolke einer zwiefachen Unaufrichtigkeit lastet verdunkelnd auf dem ganzen Abschnitt. Am allerauffallendsten benimmt sich Condillac, der in seinem „Traité des Passions“ mit unerreichter Folgerichtigkeit die ausschließlich sinnliche Natur des Menschenverstandes verficht und den Menschen mit einem beweglichen Steinbilbnis vergleicht, nichtsdestoweniger aber diesem Werke eine „Dissertation sur la Liberté“ anhängt, um durch allerhand sophistische Kunststücke aus der lückenlosen Naturmechanik die Freiheit taschenspielerartig herauszuwickeln. Dies bedeutet, die Herrschaft der Phrase einführen, d. h. die Herrschaft inhaltsloser Worte, unter welcher die ganze Revolution gestanden hat, unter welcher Frankreich sich noch heute chaotisch weiterwälzt, und unter welcher alle Nationen der Welt aus den Fugen zu springen drohen. So standen sich und stehen sich denn zwei Richtungen gegenüber: die e n g l i s c h e leugnet die Freiheit, indem sie darunter nur ein angeborenes Vorrecht der angelsächsischen Völker, alle anderen Völker zu unterdrücken, versteht — im übrigen aber mit diesem Begriff lediglich zur Betörung der leichtgläubigen Massen und der fremden Nationen spielt (denn zu den erlaubten Mitteln des „Macht geht vor Recht“ gehört in erster Reihe die klugersonnene, langanhaltende, nie 9 FREIHEIT sich verratende Lüge, unterstützt von jener meisterlichen Kunst der Heuchelei, die englische Autoren darum so unvergleichlich zu schildern wissen); wogegen die f r a n z ö s i s c h e Richtung sich an einem Worte berauscht, indem sie zwar edleren Beweggründen folgt, die vielgerühmte Klarheit ihrer Begriffe aber auf Kosten einer sündhaften Seichtigkeit des Denkens erkauft, die im Leben zu blutigen Welttragödien und zur Vernichtung unwiederbringlicher Güter geführt hat. Die englische Richtung bedeutet eine geistig weit tiefere und folgerichtigere Erfassung, und — da der Geist bei uns Menschen stets in irgend einer Form den Untergrund aller Taten bildet — so folgt mit Notwendigkeit, daß die den englisch redenden Ländern gemeinsame „Philosophie der Freiheit“ ungleich bedeutendere und fester gegründete politische Erfolge erzielen mußte, als die lärmende, blendende, schwatzhafte des französischen Revolutionsideales. Freilich, wie Carlyle vor schon siebzig Jahren schrieb: „Der letzte Schimmer des Göttlichen ist von England gewichen; Überzeugung und Wahrhaftigkeit kennt man in diesem Lande nicht mehr; gewichen ist das alles der modernen Herrschaft des Nicht-Gottes, den die Menschen Teufel nennen“ („Cromwells Briefe“, Kap. I der Einl.); aber es ist ein grimmiger, gewaltiger Teufel, der als solcher Achtung einflößt, wenn nicht gar Bewunderung. Wohingegen das Revolutionsideal Tatkraft einzig im kopflosen Zerstören alles vom Menschen mühsam Errungenen entwickelt, dagegen sich ohne jegliche Befähigung zu aufbauenden, schöpferischen Leistungen erweist; überall schafft es nur Chaos und in diesem Chaos schalten die Unredlichen, Unsauberen, die Verbrechernaturen, die überall vorhanden sind, sonst aber in dunklen Niederungen ihr Wesen treiben, während sie hier die Macht an sich reißen und wie Hyänen vom Blute des Volkes sich vollsaugen. Anatole 10 FREIHEIT France schreibt in „Le lys rouge“: „Die Revolution hat Frankreich den Geldmännern ausgeliefert, die das Land seit hundert Jahren auffressen; diese sind jetzt die Herren und Gebieter. Was man die Regierung nennt, ist ein Pack armer Teufel, die im Solde der Finanzleute stehen. In diesem durch und durch vergifteten Frankreich genügt es, daß ein Mensch sich der Armen annehme, damit er als Verräter am Staate verdächtigt werde.“ Für den englischen Grundsatz ist es äußerst bezeichnend, daß er immer und überall an der historisch gegebenen Form festhält, mag auch der Inhalt völlig verändert worden sein: die Kirche, das Königtum, der Adel, die uralten Gerichtsgewohnheiten — alles bleibt unangetastet, als Beweis des unfehlbaren politischen Instinktes, der den klugen, folgerichtig denkenden Menschen belehrt, daß, um Neues zu bauen, Altes vorhanden sein muß, sowie auch, daß organisch gewachsene Formen eine Tragfähigkeit besitzen, welche neuerfundenen im besten Falle erst nach Jahrhunderten eigen sein könnte. Nebenbei gesagt, ist es in dieser Beziehung von Interesse, zu gewahren, wie viel Altmodisches aus dem England der alten, königsstarken Zeit noch heute in den politischen Einrichtungen der Vereinigten Staaten besteht — worüber weiter unten Näheres. Diese Weisheit ist bekanntlich dem französischen Freiheitsideal völlig fremd. Außer diesen zwei grundverschiedenen Auffassungen von Freiheit, gibt es noch eine dritte: die deutsche. Die englische Richtung leugnet die Freiheit; die französische behauptet die Existenz der Freiheit als eines angeborenen Menschenrechtes, das nur durch böse „Aristokraten“ der Mehrzahl geraubt worden und durch Gesetzeserlaß wieder herzustellen sei; der Deutsche erkennt in der Freiheit ein höchstes, heiligstes Gut — das eigentliche Menschwerden; dieses Gut muß erst inner- 11 FREIHEIT lich — durch Kultur der Seele — erworben werden, von wo aus es sich dann mit der unwiderstehlichen Kraft alles organisch Gewachsenen nach außen Bahn bricht. Auf diese deutsche Auffassung der Freiheit komme ich gleich des Näheren zurück; vorher will ich aber aufmerksam machen, daß die wirklich tiefen und wirklich kenntnisreichen Geister Europas stets erkannt haben, Deutschland sei die eigentliche Heimat der Freiheit. Auf Tacitus berufe ich mich nicht, weit, seit er seine „Germania“ schrieb, sich Deutschland um und um gestaltet hat und die anderen Nationen Europas erst entstanden sind. Kommen wir also zu neueren Zeiten und hören wir z. B. John Milton, den unsterblichen Dichter, den großen Gelehrten, den erfahrenen, unerschrockenen Politiker! Milton war bekanntlich Republikaner, was zu seiner Zeit nicht wenig heißen wollte, denn die Monarchie dünkte selbst den Freigeistern so unentbehrlich, daß die Männer, die den König zum Tode verurteilt hatten, ihrem Führer Cromwell die Krone aufs Haupt setzen wollten; nicht stimmte Milton ihnen zu: er war und blieb (auch nach der Restauration und unter täglicher Gefahr ermordet zu werden) ein offener Gegner der monarchischen Staatseinrichtung und schrieb nicht allein eine große Abhandlung „Verteidigung der Freiheit“, sondern die Mehrzahl seiner Schriften gilt mittelbar oder unmittelbar dem gleichen Thema, so z. B. der Abschaffung der staatlichen Druckerlaubnis, der Einführung der Möglichkeit der Ehescheidung usw. Man kann also Milton einen Spezialisten nennen in der Kenntnis dessen, was „Freiheit“ zu heißen verdient. Dieser Mann nun — der gereist war und die Nationen Europas aus eigener Anschauung kannte, später, als politischer Sekretär Cromwells, auch Fühlung mit ihren Regierungen gewonnen hatte — dieser unverdächtige Zeuge rühmt 12 FREIHEIT als besonderes Zeichen des deutschen Volkes unter allen Völkern Europas das angeborene Gefühl für Freiheit; und man beachte, daß dieses Urteil in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts gefällt wird, also in einem Augenblick tiefster Ebbe deutscher Geschichte. In seiner zweiten „Defensio pro populo anglicano“ — die Verteidigung des englischen Volkes gegen die Anklage, durch die gesetzliche Hinrichtung Karls I. Vatermord begangen zu haben — stellt er sich vor, die erregten Völker Europas stünden versammelt um ihn herum und lauschten seiner Rede; für jedes hat er ein bezeichnends Wort: die Italiener sind zugleich schlau und großmütig (er hatte in Italien großartige Männer der Renaissance kennen gelernt), die Spanier voll ruhigem majestätischem Mut, die Franzosen von munterem, lebhaftem Ungestüm; von den Deutschen heißt es: „Hier gewahre ich den festen, mannhaften Heldenmut der Deutschen, welche Knechtung verschmähen.“ Eine einzige solche Stimme wiegt Tausende und, wenn es sein muß, Millionen blöder Urteile auf, wie sie heute wieder um unsere Ohren sausen, als wüßte gerade Deutschland von Freiheit nichts und müßte sich von seinen Nachbarn belehren lassen, wo Deutschland vielmehr seit jeher der Hort — auf der ganzen Welt der einzige Hort — echter Freiheit ist. Milton gehört unstreitig zu den größten Intelligenzen, welche die Menschheit erzeugt hat; er sah den Dingen auf den Grund; außerdem besaß er, wie gesagt, reiche, vergleichende Erfahrung — und da findet er als den bezeichnendsten unterscheidenden Zug des Deutschen diesen einen: d a ß e r s i c h n i c h t k n e c h t e n l ä ß t. Ohne Zweifel meint Milton damit die innere Freiheit, die Freiheit der Persönlichkeit: eine solche war zu seiner Zeit, ebenso wenig wie am heutigen Tage, außerhalb Deutschlands ähnlich entwickelt zu finden; und keine politische Freiheit hat Wert 13 FREIHEIT und ist überhaupt mehr als ein Schein, wenn nicht aus dieser inneren Freiheit geboren. Hier könnte ich eine Reihe beachtenswerter Urteile ähnlicher Art anschließen, doch würde es zu weit führen, zudem kommt es mehr auf das Gewicht, als auf die Zahl der Stimmen an; so überspringe ich denn zwei Jahrhunderte und greife aus den Zeugenschaften, die ich ausgesucht hatte, ein kleines aber gewichtiges Werk heraus, das reifste Buch des berühmten englischen Denkers, Nationalökonomen und Sozialpolitikers John Stuart Mill: „On Liberty“, d. h. „Über Freiheit“, zuerst erschienen 1859. Mill gehörte nach seinen Grundsätzen zu den gemäßigten Sozialisten, nach seinen politischen Methoden zu der Richtung, die in Deutschland durch den linken Flügel der Fortschrittspartei vertreten wird; im Parlament pflegte er neben John Bright, dem latenten Republikaner, zu sitzen. In dem ersten Satze seines Freiheitsbuches erklärt er, die philosophische Frage nach der Freiheit des Willens unberührt zu lassen und nur „die staatliche und soziale (gesellschaftliche) Freiheit“ untersuchen zu wollen, Es handelt sich also für ihn lediglich um die praktische Frage: wie es sich mit den Forderungen des Staates, sowie mit den Geboten der Allgemeinheit vereinigen lasse, dem Einzelnen nach allen Seiten hin die größtmögliche Freiheit zu gewähren und unantastbar zu erhalten? Indem Mill feststellt, der Menschheit höchstes Werk sei die Steigerung des Wesens „Mensch“ zu immer größerer Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Ausgeglichenheit, zeigt er, daß dies nur durch das Schaffen von Bedingungen gelingen kann, die jedem Einzelnen die denkbar freieste Entwickelung im Sinne seiner persönlichen Anlagen sichern, „da der Menschen Natur nicht einer Maschine gleicht, der man nach bestimmtem Muster Arbeit vorschreibt, sondern einem Baume, der nach den in 14 FREIHEIT seinem Innern waltenden lebendigen Kräften wachsen und sich nach allen Seiten ausbreiten will und soll“. Die heute meist gedankenlos gebrauchte Phrase „Freie Bahn allen Tüchtigen“ (für manche Menschen gleichbedeutend mit der Aussicht: den unverschämtesten Strebern der größte Erfolg) findet in diesem schönen Versuch des edel-strebenden, praktischen Denkers den Brunnquell zu der so nötigen Besinnung über die tausend Fragen, die von allen Seiten aufspringen: wie sollen wir es bewirken, daß dem Tüchtigen freie Bahn offen stehe? Von Kindheit auf verschwört sich alles gegen den durch hervorstechende Tüchtigkeit Ausgezeichneten und diese Verschwörung pflegt jeden seiner Schritte zu begleiten. Ein Beispiel statt vieler: als am 2. August 1914 der Bescheid erging, „für Hindenburg keine Verwendung“, konnte man da von „freie Bahn a l l e n Tüchtigen“ reden? Und so gelangt denn Mill im Laufe seiner redlichen, alle Bedingungen unseres heutigen Lebens umfassenden Betrachtungen zu der Einsicht, daß es auf der Welt keine schwierigere Aufgabe gibt, als diejenige, F r e i h e i t ü b e r h a u p t z u e r m ö g l i c h e n. Man kann dies geradezu das Problem des Menschwerdens im höheren Sinne nennen. Es handelt sich um gar zarte Dinge, denen eine Wahlrede schwerlich gerecht werden kann. Hierher gehört z. B. die tiefe Bemerkung Goethes: die Despotie rufe in allen Volksklassen große Charaktere hervor; hierher auch die historisch nachweisbare Tatsache, daß jede Regierung einer Demokratie den hervorragend Tüchtigen den Weg versperrt und stets auf allen Gebieten die Mittelmäßigkeit großzieht. Wer aufrichtig an der Befreiung der Menschen arbeiten will, darf sich keiner politischen Partei verschreiben; die Politik ist die Feindin der Freiheit. Man kann behaupten: die Tendenz jeder Vergesellschaftung — was sie sich auch für Namen beilegen mag — 15 FREIHEIT geht dahin, die Freiheit des Einzelnen einzuschränken; und zwar erfolgt dies — wie Mill zeigt — nicht allein aus der ordnenden, organisierenden, leitenden Tätigkeit der Regierung, vielmehr in noch schärferer Weise durch den Zwang der Umgebung, durch „die Despotie der Gewohnheit“ (wie er sich ausdrückt), durch das grimmige Wesen der sich wild bekämpfenden Interessengemeinschaften usw., die alle den Einzelnen gleich nach der Geburt mit Polypenarmen umfassen und ihn — gleichviel, welchem Stande er angehören mag — bis zum Grabe nicht wieder locker lassen. Diese letztere Freiheitsbedrohung hat nicht etwa im Fortlauf der Zeiten abgenommen, sondern erhebt sich heute gefahrvoller als früher. Im billigen Buche, in der ungefesselten Zeitung, in dem unbeschränkten Versammlungs- und Rederecht, im Kino usw. sind gewaltige Mittel entstanden, mit denen Männer, die ein Interesse daran haben, Millionen ihrer Mitbürger falsche Gedanken einimpfen und sie mit Vorurteilen und Haß anfüllen können, um hierdurch ihr Vertrauen zu gewinnen und sie aus der Bahn, die ihr eigenes Urteil sie sonst geführt hätte, hinauszuwerfen, unwürdigen Zielen entgegen. Über die ungeheure Macht der nackten Lüge hat uns der große Krieg ausreichend belehrt; die Lüge aber ist die ärgste Vernichterin der Freiheit, denn sie vergewaltigt des Menschen Selbstdenken und Selbstbestimmen und zwingt ihn zu Taten, die seinem freien Entschlusse nicht entspringen. Nur einen Teil dessen, was wir Heutigen aus Erfahrung kennen, hat Mill erlebt; doch dem Denker gilt ein Teil für das Ganze, und gerade in England herrscht seit lange die despotische Freiheitsbeschränkung des Einzelnen durch die Vorurteile und Gebräuche der Gesamtheit so, daß er Gelegenheit genug hatte, sie zu studieren; auch Tocquevilles Urteil über die Vereinigten Staaten, daß es kein Land der 16 FREIHEIT Welt gebe, wo die Öffentlichkeit so tyrannisch die abweichende Meinungsäußerung Einzelner verbiete, hat Mill erlebt. Auf diesem Wege der Erfahrung gelangt er nun zu der Einsicht, daß die Grundlage jeder wahren Freiheit die F r e i h e i t d e s G e i s t e s ist. Nur wer frei „ist“, kann frei „handeln“. Nicht von außen her — durch Rechtserteilungen usw. — kann Freiheit geweckt und geschenkt werden, sondern nur dann kann sie Bestand haben — ja, nur dann kann sie mehr als ein bloßes Wort sein — wenn der einzelne Mensch — also jeder einzelne Mensch — in dem lebengebenden Mittelpunkt seines Wesens, d. h. in seinem Hirne und in jener Gesamterscheinung seines Denkens und Empfindens, die wir „Geist“ nennen, frei ist — und heißt das wiederum: wenn er in ungetrübter Eigenart, ungefesselt, ungegängelt, unbehindert, furchtlos und wahrhaftig dasteht. Dies setzt nun zwei Dinge voraus: erstens eine ausgesprochene innere Anlage, die nicht allen Menschen gemeinsam ist, zweitens Umstände, die diese Anlage nicht ersticken, sondern wenigstens einigermaßen begünstigen. Und nun kommt das bemerkenswerte Urteil, auf das ich in diesem Absatz hinsteuere. John Stuart Mill, der Engländer, urteilt nämlich: „Nur in Deutschland versteht man, was Freiheit des Geistes ist.“ N u r i n D e u t s c h l a n d! Und noch einmal, indem er auf Wilhelm von Humboldts verwandte Auffassung der Beziehung zwischen geistiger Freiheit und politischer Freiheit hinweist, bemerkt er: „Außerhalb Deutschlands werden wenige Menschen imstande sein, die Lehre Humboldts auch nur zu verstehen,“ Mit anderen Worten: D e u t s c h l a n d i s t d i e H e i m a t w a h r e r F r e i h e i t, j a , d e r e n e i n z i g e H e i m a t. Zur vollen Entfaltung dieser Freiheit, zum Heranreifen des edelsten Menschendaseins, in welchem Unfreiheit gar nicht denkbar sein würde 17 FREIHEIT — was unerreichbar bleibt, solange Lüge, Gold, Gemeinheit, Phrasenpolitik, wie heute, fast unbeschränkt herrschen — der Weg biß dahin erfordert noch Jahrhunderte. Dieser Weg kann aber nie zurückgelegt werden, wenn er nicht einmal eingeschlagen wird; einschlagen können ihn nur Menschen, welche verstehen, worauf es ankommt; daß unsere westlichen Nachbarn nicht in Betracht zu ziehen sind, zeigte uns der Anfang des Aufsatzes; nach Mills Urteil sind die Deutschen allein hierzu befähigt; an ihnen also ist es, die Freiheit des Geistes, die bei ihnen seit Jahrhunderten blüht und kämpft, die in ihrer Wissenschaft, in ihrer Literatur, in ihrer Geschichte und ihrem Charakter wie bei keinem anderen Volke der Welt Ausdruck gefunden hat, planmäßig zur Entfaltung zu bringen, bis sie das ganze Leben des Staates und der Gesellschaft durchdringt. Die erste große Befreiungstat der Weltgeschichte hat ein deutscher Bauernsohn bewirkt: wer Augen zum sehen hat, kann aus dieser einen Tatsache die ganze Bedeutung des Deutschtums für die Freiheit entnehmen. Denn, ist auch Luther der geistig stärkste Mann (darum auch der freieste), der je gelebt hat, was hätte ihm seine innere Kraft genützt, wenn nicht sein Ruf sofort in tausend und abertausend Herzen Widerhall, Tatenfreude, Todesverachtung geweckt hätte? Luthers öffentliche Wirksamkeit beginnt erst 1517 und schon im Februar 1521 muß der Nuntius Alexander nach Rom berichten: „Neun Zehntel aller Deutschen sind für Luther und das übrige Zehntel ist wenigstens gegen Rom.“ Deutschland allein hat bei der Reformation dieses Schauspiel geboten: eine verheißungsvolle Offenbarung der im ganzen Volke schlummernden Freiheit des Geistes. Das Dogmatische und Konfessionelle lasse ich hier vollkommen beiseite und kann es um so eher, als ich mich niemals 18 FREIHEIT zur Lutherschen Kirchengemeinschaft (im engeren Sinne des Wortes) bekannt habe: um so deutlicher erblicke ich diesen deutschen Mann als den größten Mann der Weltgeschichte, sein Wirken als den ersten Wendepunkt auf dem Wege zur Freiheit — denn Luther hat die Binde von den Augen gelöst, die uns Menschen seit urältesten vorgeschichtlichen Zeiten in furchtsamer Dumpfheit gefangen hielt. Weltgeschichtlich betrachtet ist nämlich Luthers Hauptwerk, daß er den Glauben an eine Kaste von Männern und Frauen, die durch ihren Beruf und ihre Lebensführung Gott näher stehen als andere, vernichtet hat: dadurch ist der seit dem frühesten Aufdämmern einer primitiven Kultur bis zum heutigen Tage überall Aberwitz züchtende, Unheil wirkende Medizinmann und Priester, der gutes und böses Wetter zu schaffen vorgibt, die Früchte wachsen läßt, oder sie, wenn er und sein Gott zürnen, verdörrt, der ewiges Heil und ewige Qualen nach Gutdünken austeilt — dieser Fluch der Menschheit und Verderber jeder Freiheitsbewegung ist auf immer abgeschafft, und wir treten endlich aus Nacht und Dämmerung in den Morgen ein. *) Meint Mill, „nur in Deutschland versteht man, was Freiheit des Geistes ist“, so können wir ergänzen: wir haben es von Luther gelernt. Gleichviel zu welcher Kirche wir uns bekennen — oder ob vielleicht zu gar keiner — wir alle sind durch den deutschen Bauernsohn befreit, ja, die ganze Welt, vom Nordkap bis zum Vorgebirg der guten Hoffnung, von Wittenberg rings umher, bis die Geisteswelle wieder im sächsischen Städtchen anbrandet; nur bedarf die Tätigkeit eines solchen Willens eines Jahrtausends, um sich auszuwirken. „Das Reich Christi ist ein Reich der Freiheit und die Freiheit selbst“: das ist das im Herzen Deutschlands errichtete Bekenntnis, ein Fels, ————— * Chamberlain, Martin Luther in „Deutsches Wesen“, München 1916. 19 FREIHEIT an dem die Mächte der Finsternis zerschellen müssen und werden und gegen welches die französische Revolutionsphrase „Freiheit, Gleichheit oder der Tod“ als ein inhaltloses Gebrüll besinnungsbarer Haufen erkannt wird. Wahre Befreiung kommt nur von Deutschland. Keine Tatsache verdient nun mehr Beachtung als folgende: Luther, der Befreier, hat u. a. zwei Schriften verfaßt, deren eine den Titel trägt: „Vom unfreien Willen“ (De servo arbitrio), während die andere heißt: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Die zwei Behauptungen, wie Luther selber sagt, „laufen stracks wider einander“ — und dennoch sind beide wahr. Hierin offenbart sich Luthers geistiger Tiefblick und seine unbedingte Wahrhaftigkeit. Wie ich gleich anfangs bemerkte: ein unwiderlegliches, gar nicht anzuzweifelndes Ergebnis der wissenschaftlichen Betrachtung der Natur ist es, daß innerhalb des Naturgeschehens Freiheit unmöglich ist; Natur und Notwendigkeit sind Wechselbegriffe. Luther, der Theolog, sieht dies zwei Jahrhunderte früher als die Naturforscher und Philosophen und ist so großartig „frei“, daß er auf keine Ausflüchte sich einläßt, sondern auch die angebliche Freiheit des menschlichen Willens ohne Vorbehalt preisgibt. Er empfindet ganz genau und sagt es: „Hier liegt der Angelpunkt, auf dem sich die Sache dreht.“ Erasmus, erschrocken über die auch seinem wissenschaftlichen Denken aufdämmernde Einsicht, außerdem von der Kirche dazu angetrieben, hatte, unter Anwendung tausend theologischer Sophistereien, die Freiheit des Willens in einem Buche „De libero arbitrio“ zu retten gesucht. Ihm erwidert Luther, bei einer solchen „ewigen Angelegenheit“ entscheide die Wahrheit allein und „man müsse es auf den Tod ankommen lassen, wenn auch die ganze Welt darob nicht nur Kampf und Unruhe erleben, son- 20 FREIHEIT dern auch in ein einziges Chaos zusammenstürzen und ganz vernichtet werden sollte“. Nicht ein Tüttelchen läßt er sich abhandeln: „So steht gar fest und bleibt unüberwindlich der Satz, daß alles aus Notwendigkeit geschieht. Und hier gibt es kein Dunkel oder Rätsel.“ Ebenso sein wie drei Jahrhunderte später Schopenhauer in seiner berühmten Schrift „Über die Freiheit des Willens“, versteht Luther zu unterscheiden zwischen Notwendigkeit (necessitas) und Zwang (coactus); gezwungen wird der Menschenwille nicht, seine eigene Richtung aber wird ihm von der Natur mit unausweichlicher Notwendigkeit vorgeschrieben. „Was wir tun, tun wir mit Willen und gern, entsprechend der Natur des Willens, der kein Wille wäre, wenn er genötigt würde; denn Nötigung ist vielmehr sozusagen ein Nichtwille.“ Diese Tat — die bedingungslose Preisgabe jeder Naturfreiheit — ist die grundlegende: durch die rücksichtslose Aufdeckung dessen, was die Freiheit n i c h t ist, entdeckt Luther, was die Freiheit ist. Naiv war es von Mill gewesen, zu erklären, er lasse die Frage nach der Freiheit des Willens beiseite und wolle dem praktischen Leben allein sein Augenmerk widmen; das ist echt englischer Empirismus, bei dem man nicht allein nie auf den Grund, sondern — wohl betrachtet — nie überhaupt zu einer klaren, entscheidenden Einsicht gelangt, geeignet eine Richtung zu bestimmen. Der Beweis, daß der menschliche Wille innerhalb des Naturgeschehens nicht freier als ein geworfener Stein ist, besitzt darum so entscheidenden Wert, nicht weil damit gezeigt wäre, wir Menschen seien automatisch bewegliche Statuen, wie sie sich Condillac vorstellte, sondern vielmehr, weil dadurch der Beweis erbracht ist — der strickte wissenschaftliche Beweis — daß es außer dem Geschehen innerhalb der mechanischen Natur noch ein anderes Geschehen gibt: wie Luther sagt, „neben 21 FREIHEIT dem Sein der Natur, ein Sein der Gnade“, oder wie Kant sich ausdrückt: man muß zwischen „Natur“ und „Freiheit“ unterscheiden. Luther und Kant stimmen genau miteinander überein: Luther bewegt sich aber innerhalb jener Gleichnisreihen, welche wir Religion nennen und durch welche tiefste, in Worte kaum faßbare Weisheit anschaulich gegenwärtig vor Augen gestellt wird (als erblicke man in einem Spiegel klare, jedoch geheimnisvolle Gestalten, sagt der Apostel); wogegen Kant als wissenschaftlicher Erforscher der Vernunft über den Tatsachenbefund trocken genau berichtet. Luther wird wohl den Einen, Kant den Anderen zugänglicher sein; Beide aber erfordern keine Gelehrsamkeit, weil Beide nicht technische Fachstudien treiben, sondern als leidenschaftlich das Wohl der Menschheit suchende Menschen reden, die auf dem allen gemeinsamen Boden des breiten gesunden Menschenverstandes stehen. „Es wird der subtilsten Philosophie ebenso unmöglich wie der gemeinsten Menschenvernunft, die Freiheit weg zu vernünfteln,“ spricht Kant. Was die Freiheit immer wieder gefährdet, ist die mangelnde Besinnung über die zwei Teile unseres menschlichen Wesens — benenne man sie wie man wolle. Und doch liegt die Sache klar vor jedes Menschen Augen: denn jeder weiß zwischen M ü s s e n und S o l l e n zu unterscheiden und das geringste Nachdenken wird ihn überzeugen, daß hiermit zwei verschiedene Welten bezeichnet sind. Kant schreibt — und jeder, der sich nicht selbst das Zeugnis ein geborener Idiot zu sein ausstellen will, kann nicht anders als ihn verstehen: „Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung mit Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommt. Der Verstand kann von dieser (nämlich von der Natur) nur erkennen, was da ist; oder gewesen ist, oder sein wird. Es 22 FREIHEIT ist unmöglich, daß etwas darin anders s e i n s o l l, als es in allen diesen Zeitverhältnissen in der Tat ist, ja, das Sollen, wenn man bloß den Lauf der Natur vor Augen hat, hat ganz und gar keine Bedeutung. Wir können gar nicht fragen: was in der Natur geschehen s o l l; ebenso wenig als: was für Eigenschaften ein Zirkel haben s o l l, sondern (nur) was darin geschieht, oder welche Eigenschaften der letztere hat.“ Das Müssen ist das Reich der Natur, das Sollen das Reich der Freiheit. Und zwar verhält sich die Sache so, daß wir aus der jedem Menschen unmittelbar bewußten Tatsache des S o l l e n s die Vorstellung folgern, das Gesollte auch zu k ö n n e n; diese Vorstellung heißt Freiheit. Da nun der Natur ein Sollen völlig unbekannt, und wenn genannt, dann von ihr sofort als überaus unsinnig verworfen werden muß, so folgt, daß Freiheit (wie Kant sagt) „die Unabhängigkeit von dem Mechanismus der ganzen Natur ist“. Von Luther bin ich unversehens zu Kant gelangt, und für meinen gegenwärtigen Zweck genügt es, wenn ich die beiden Bedeutendsten angeführt habe; indem sie sich gegenseitig ergänzen, geben sie erschöpfend Auskunft über die Entdeckung des Wesens der Freiheit durch das deutsche Denken. Luther und Kant, beide waren Männer des praktischen Lebens: bei Luther liegt dies auf der Hand, beim stillen Kant, im hohen Norden abgeschieden seinem Gedankenwerke treu hingegeben, fällt es weniger in die Augen; wer den Mann kennt, weiß aber, daß er mit verzehrender Leidenschaft dem Ziele lebte, der Menschheit den Dienst zu leisten, den zu leisten er sich bestimmt wußte. Mit Schaudern blickt Kant — der in Geschichte und Menschenkunde alles zu seiner Zeit Bekannte erforscht hatte — um sich herum über den ganzen Erdball und sagt sich: dieser heutige Mensch ist noch kein „Mensch“, vielmehr ein unglücklich beanlagtes Tier, das mit 23 FREIHEIT blinder Naturnotwendigkeit in ein zunehmendes Elend hineinrennt; das Leben Kants gilt dem erhabenen Ziele, uns Menschen endlich zu „Menschen“ zu machen. „Ich lehre, was man sein muß, um ein Mensch zu sein“: diese seine Worte bezeichnen den Mittelpunkt seines Lebens und Strebens. Vor keiner Folge der durch ihn gewonnenen Erkenntnisse schreckt er zurück und arbeitet auf eine so gründliche Umwandlung unserer ganzen gesellschaftlichen Ordnung hin, bis hinein in das innerste Gewebe unseres Denkens und Fühlens und Wollens, daß — neben ihm gehalten — die französischen Revolutionäre und die heutigen Sozialisten zahm und zaghaft erscheinen. Kant hat das Wort von dem „glänzenden Elend“ unserer Zivilisation geprägt und das Urteil gefällt: „Bei dem jetzigen Zustande der Menschen kann man sagen, daß das Glück der Staaten zugleich mit dem Elende der Menschen wachse.“ Zur Beleuchtung seiner sozialen Auffassung führe ich hier einen einzigen Satz an: „Der Mensch muß entweder selbst arbeiten, oder Andere für ihn; und diese Arbeit wird Anderen soviel von ihrer Glückseligkeit rauben, als er seine eigene über das Mittelmaß steigern will.“ Mögen echte Jünger Kants die Formen des heutigen politischen Lebens noch so sehr beklagen, sie können nicht anders denn „sozialistisch“ und von Grund aus „umstürzlerisch“ empfinden; handelt es sich doch um Neugeburt, ja, wie soeben angedeutet, eigentlich erst um die wahre Geburt der Menschheit. Soviel nur flüchtig, um dem möglichen Irrtum vorzubeugen, als habe Kant der praktischen Gestaltung des Lebens wenig Aufmerksamkeit gewidmet, oder sei gar ein unfreiheitlicher, überkommenen Formen verpflichteter Mann gewesen. Die Entdeckung, daß die Freiheit nicht der Natur angehört, sondern einer anderen, inneren Welt, ist von so 24 FREIHEIT entscheidender, weit ausgreifender Bedeutung, daß jeder, der diese Entdeckung zu erfassen beginnt, lange zu tun haben wird, ehe er die Folgen nur einigermaßen übersieht. Hier und heute nur in Kürze das Notwendigste. Zunächst das Eine. Weil die Vorstellung „Freiheit“ einzig aus der Tatsache des „Sollens“ hervorgeht, besteht eine untrennbar enge, lebendige Wechselwirkung zwischen Freiheit und Pflicht. Wer die Pflicht leugnet, leugnet die Freiheit und wer von Freiheit nichts wissen mag, vernichtet die Vorstellung der Pflicht. Ein Sklave hat keine Pflicht; bei ihm handelt es sich um müssen, nicht um sollen: um keine Schläge zu kriegen, tut er, was man ihn heißt. Denken wir uns, ein Mensch wäre völlig vereinsamt — sagen wir Robinson Crusoe auf seiner Insel — so kann er erst dann „frei“ genannt werden, wenn er sich einer Pflicht gegen sich selbst bewußt wird. Daher das geheimnisvolle Wort Carlyles: „Gehorsam macht frei!“ Wer obige Ausführungen gelesen hat, wird diesen Ausspruch sofort verstehen; in seiner Seherart hat der schottische Weise hier das Wesen der Freiheit in drei Worte zusammengefaßt. Und jeder sieht ein, daß wir auf diesem Wege immer mehr ins praktische Leben geraten. Redensarten wie „Naturfreiheit“, wie „Recht auf Freiheit“ usw. sind leer, weil in sich widersprechend: Natur ist der Gegensatz von Freiheit und man könnte höchstens von einer P f l i c h t zur Freiheit reden. Denn Freiheit ist zunächst eine innere Angelegenheit des Einzelnen, welchem Freiheit — weil sie ihre Wurzeln nur drinnen im Geiste, nicht draußen in der Natur hat — nicht von außen, als Recht, verliehen werden kann, sondern nur von innen, als Gegenstück zur bewußten Pflichterfüllung, von ihm selber erworben werden muß. Wahre Freiheit entspringt einer Kultur des Geistes und ist auf keinem anderen 25 FREIHEIT Wege zu erreichen. „Britannia rules the waves“ ist nicht Freiheit und ebensowenig hat das Feldgeschrei „liberté, égalité ou la mort“ damit zu tun: vielmehr sind solche Dinge dem Heulen des Wolfes als Naturlaute nächst verwandt. Das Freiwerden nannte Luther (in Anschluß an den Apostel) „ein neues Mensch-, ein neues Adamwerden“; Kant nennt das Freiwerden einfach „Menschwerden“: das ist die deutsche Freiheitslehre, und die großen Männer, auf die ich mich hier berufe, haben sie nicht aus dem kleinen Finger gesogen, sondern aus der Jahrhunderte und Jahrtausende alten Erfahrung des deutschen Volkes, in welchem — mehr als anderswo — es seit jeher viele freie Männer gegeben hat. Und jetzt noch ein W o r t, das sich zwar aus romanischem Sprachschatz herleitet, im Deutschen aber zu einer Bedeutung gelangt ist, wie sonst nirgendswo, so daß es heute zu den unübersetzbaren gehört. Es handelt sich um das Wort „Persönlichkeit“ (im Gegensatz zu „Person“). Vereinzelt kommt dieses Wort schon bei den alten deutschen Mystikern vor; heute aber trägt es das Gepräge, das Kant ihm aufgedrückt hat, der darunter jenen Menschen versteht, der in die Freiheit eingetreten ist, wodurch „er über sich selbst als einen Teil der Sinnenwelt erhoben und an eine Ordnung der Dinge angeknüpft ist, die nur der Verstand denken kann“. Pflicht und Freiheit sind die zwei Wurzeln, aus denen P e r s ö n l i c h k e i t geboren wird. Bei diesen höher entwickelten Menschenwesen „ist die Person, als zur Sinnenwelt gehörig, ihrer eigenen Persönlichkeit unterworfen“. Der für die Freiheit bezeichnende Gehorsam beginnt innerhalb des eigenen Selbst: zur Freiheit gehört Selbstbeherrschung. Aus diesen verschiedenen Einsichten — die nicht träumender Philosophen Lehren, sondern unumstößliche wissenschaft- 26 FREIHEIT liche Entdeckungen sind — ergibt sich: daß Freiheit durch die geistige Erziehung und Ausbildung geeigneter Menschen gewonnen wird. Das alte germanische Leben ergab eine vorzügliche Schule dazu, deren Nachwirkungen noch heute unter uns fühlbar sind, Und man versteht, daß, um einem ganzen Volke Freiheit zu schenken — echte deutsche Freiheit, wie sie Luther und Kant und alle großen Deutschen verstanden haben — es einer bewußten, methodischen Fortbildung des Geistes auf dem instinktiv schon beschrittenen Wege bedarf; man stelle sich wie man will, die wirklich vorhandene „politische Freiheit“ ist durch das Maß der inneren Freiheit bedingt und kann nie größer sein als diese ist. Da nützen alle schönen Reden, auch alle gut gemeinten Gesetze nichts: nur Männer, die zu Persönlichkeiten gereift sind, können frei sein; die anderen geraten durch politischen Wechsel aus einer Abhängigkeit in die andere — und Staatsmänner, die sich ihrer Verantwortlichkeit bewußt sind, können sich nur die eine Frage vorlegen: welche Form der Abhängigkeit den Weg zur Veredelung, den Weg zur inneren Befreiung führt? Alles andere ist Beschränktheit oder unredliches Schwatzen. Nunmehr sind wir reif, einen Gedanken Fichtes zu verstehen, den ich für einen der bedeutendsten halte, die er je ausgesprochen, und der zur Klärung der jetzigen politischen Lage in Deutschland wie geschaffen ist, wo eine so arge Verwirrung der Begriffe weite Kreise — namentlich auch Regierungskreise — ergriffen hat, daß man den Schiffbruch deutschen Wesens — und damit auch deutscher Kraft und deutscher Zukunft — befürchten muß. An der betreffenden Stelle seiner „Staatslehre“ vergleicht Fichte die sozialpolitische Entwicklung und die daraus erfolgende Eigenart Frankreichs und Deutschlands. Er zeigt, 27 FREIHEIT daß die wunderbare Einheit Frankreichs durch den Willen der Gesamtheit — nicht von bedeutenden einzelnen — bewirkt wurde. „Die Gesellschaft in Frankreich entspringt nicht aus der Voraussetzung der Persönlichkeit und Freiheit, sondern aus der des bloßen Zusammenlebens: nicht wie Einer für sich, sondern wie Mehrere beisammen sein können. Die Gesellschaft nicht aus den Einzelnen, sondern die Einzelnen nur i n der Gesellschaft; diese die Hauptsache, und die Einzelnen nur dazu da, daß sie dieselbe bilden. Für sich der Einzelne gar nichts ...“ Und weiter heißt es: „Kurz, alle Bildung der Einzelnen ging aus von der Volkseinheit, keineswegs ging umgekehrt die Volkseinheit aus von der Bildung der Persönlichkeit. Ich glaube hierin einen durchgreifenden, Licht über die ganze Geschichte verbreitenden Gedanken auszusprechen,“ In der Einschätzung des Wertes seines Gedankens hat Fichte durchaus recht. Auf diesem Wege gelangt er zu folgender grundlegender Erkenntnis: „Die Franzosen können sich zum Gedanken der Freiheit und des Rechtsreiches nie erheben, weil sie den des persönlichen Wertes, des rein schöpferischen, durch ihr Denksystem übersprungen haben; sie können auch durchaus nicht begreifen, daß irgend ein anderer Mensch oder Volk so etwas wolle und denke.“ Daher das völlige Fiasko ihrer Revolution und das jämmerliche Scheitern aller seitherigen Versuche, „D i e p e r s ö n l i c h k e i t ü b e r s p r i n g e n d, h a b e n s i e d i e F r e i h e i t g e w o l l t“: das hieß ein Unmögliches wollen, weil, wie wir oben einsehen lernten, die Voraussetzung echter Freiheit pflichtbewußte Persönlichkeit ist. Dieses Wort, und was alles damit besagt wird, sollte sich heute jeder Deutsche in das sinnende Gedächtnis eingraben: die Persönlichkeit überspringend, haben sie die Freiheit gewollt! Geraten wir auf denselben Irrweg, so sind wir rettungslos verloren. — Nun 28 FREIHEIT aber skizziert Fichte Deutschlands geschichtliche Entwicklung und zeigt, in welcher Weise gerade die staatliche Zersplitterung hier zur Ausbildung der Familie und des auf sich selbst gestellten Einzelnen (der Persönlichkeit) führte; des weiteren, daß die Mehrzahl der unabhängig von einander sich entwickelnden Landesteile die Stärkung der Eigenart in jedem einzelnen Teil zur Folge hatte — im Gegensatz zu dem öden Einerlei Frankreichs; er zeigt auch, welchen Wert es besitze, daß die Idee des D e u t s c h t u m s von innen heraus, „nicht unmittelbar praktisch, sondern historisch“ emporwuchs. S o s e i e n d e n n d i e D e u t s c h e n d a z u a u s e r l e s e n , e r s t f r e i e P e r s ö n l i c h k e i t e n z u w e r d e n u n d d a n n — a l s s o l c h e — d a s v o l l k o m m e n e R e i c h z u e r r i ch t e n. Dieser Weg — das genaue Gegenstück zu dem französischen — ist der einzige, der zum Erfolg führen kann. „Hierzu sind die Deutschen meines Erachtens in dem ewigen Weltplane berufen. In ihnen soll das Reich ausgehen von der ausgebildeten, persönlichen, individuellen Freiheit; nicht umgekehrt. Von der Persönlichkeit, gebildet fürs Erste vor allem Staate vorher, gebildet sodann in den einzelnen Staaten, in die sie dermalen zerfallen sind und welche, als bloßes Mittel zum höheren Zwecke, sodann wegfallen müssen. und so wird von ihnen aus erst dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch nie in der Welt erschienen ist, in aller der Begeisterung für Freiheit des Bürgers, die wir in der alten Welt erblicken, ohne Aufopferung der Mehrzahl der Menschen als Sklaven, ohne welche die alten Staaten nicht bestehen konnten: für Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt. Nur von den Deutschen, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da sind, und langsam demselben 29 FREIHEIT entgegenreifen — ein anderes Element ist für diese Entwicklung in der Menschheit nicht da.“ Mit wunderbarer Tiefe des Blickes und in vollendeter Klarheit hat hier Fichte sowohl die weltgeschichtliche Bestimmung des Deutschen Reiches uns vor Augen gestellt, wie auch den einzigen Weg, der zur Erfüllung dieser Bestimmung führt. Wer dem Volke andere Wege weist, frevelt an Deutschland und an der Menschheit. 30 Demokratie
Ich würde es für
ein erhebliches Un-
glück und für eine wesentliche Ver- minderung der Sicherheit der Zukunft ansehen, wenn wir auch in Deutsch- land in den Wirbel dieses franzö- sischen Kreislaufes gerieten. (B i s m a r c k.) Als genüge es nicht, Deutschland in einen Kampf auf Leben und Tod gegen eine ganze Welt haßerfüllter, mörderischer Neidinge zu verwickeln, läßt nun die Vorsehung einen Wirbelwind politischen Wahnsinns über das geprüfte Volk niedergehen! Die ernstesten Leute sind davon ergriffen, gehen zu Marat und Robespierre in die Schule, reden von „Freiheit und Gleichheit“, von „Forderungen der Zeit“, vom „Aufmarsch der Arbeiter“, von „Neuorientierung“, von „freie Bahn allen Tüchtigen“... und wie die billigen Phrasen alle heißen, schwärmen dabei von einem demokratischen Scheinkönigtum, von „Ministerverantwortung nach dem Beispiele Englands“, und liebäugeln mit den Republiken diesseits und jenseits des Wassers. Und bei all diesem Eifer wird die Stimmung im ganzen Lande immer schwüler und gedrückter. Ich — der ich die herrlichen Jahre 1870/71 aus nächster Nähe betrachten und davon bestimmende Eindrücke fürs ganze Leben schöpfen durfte — hätte es nie für möglich gehalten, daß ich vor meinem Ende eine soweit verbreitete Reichsverdrossenheit, eine so allgemeine Verbitterung und einen solchen Hoffnungsbankerott erleben würde, noch dazu in 31 DEMOKRATIE einem Augenblick, geeignet wie kein zweiter, Einigung, Begeisterung, Hoffnung in überschwenglichen Maßen zu gebären. Schon jahrelang stand Deutschland unter dem Schatten der kommenden Katastrophe, noch mehr aber unter dem Schatten eines alles wahrhaft Deutsche durchseuchenden undeutschen, unheimlichen Wesens, das immer herrschbewußter auftrat und von Berlin aus sich wie ein fressendes Gift überallhin ergoß. Dazu eine Aufeinanderfolge schwacher, gedankenarmer, kurzsichtiger Staatsmänner. So hart der Ausbruch des frevelhaft heraufbeschworenen Krieges das friedfertige, fleißige Volk auch traf, das sich über Nacht vor die Gefahr völliger vernichtung durch brutale Übermacht gestellt fand, man muß gestehen: moralisch wirkte diese Schicksalswendung wie eine Erlösung. Auf einmal kam das Deutsche in Deutschland wieder zu Ehren und das Undeutsche verkroch sich; so grimmig-schlagbereit auch die Begeisterung war, Begeisterung ist immer Freude; Tag und Nacht erscholl ganz Deutschland von Gesang; es war ein allgemeines Sichwiederfinden, eine Wiederverbrüderung aller infolge überflüssiger politischer Stänkereien künstlich von einander Geschiedengewesenen; des Kaisers Wort hatte ausnahmslos bei allen Widerhall gefunden und aus dieser Einigkeit von Volk und Monarch entquoll eine geradezu unüberwindliche Macht. Nur durch politische Ränke waren Deutschlands Feinde in den Krieg getrieben, durch Lügen zum Haß aufgepeitscht worden; bei Deutschland allein gab es und konnte es eine wahre Volkserhebung geben — geboren aus Schuldlosigkeit und Empörung. Was hätte ein Staatsmann — selbst ein kleiner — aus diesem gewaltigen Ausbruch für politisches Kapital geschlagen! Gar vieles Faule im Staatskörper konnte mit einem einzigen Besenstrich hinausgekehrt, Neues aus der allgemeinen Stimmung herausgelockt werden. Statt 32 DEMOKRATIE dessen geschah, was in einem mit Wachslichtern festlich beleuchteten Saal geschieht, wenn der Majordomus mit seinem Löschhütchen herumgeht und eine Flamme nach der andern erstickt — nur daß es hier schon während des Festes geschah. Man hört viel von einer „großen Zeit“ reden; die Taten der Helden zu Land und zu Wasser verdienen eine solche Bezeichnung; politisch aber wird man, fürchte ich, von einer „Zeit der verpaßten Gelegenheiten“ reden. Aus ihr nun ist die oben genannte schwüle Stimmung entstanden und aus dieser die Verirrung des Urteils — sorgfältig unterhalten und verbreitet durch die bestimmten Kreise, die an der Demokratisierung Deutschlands — koste es, was es wolle — ein Interesse haben, d. h. von den internationalen Finanzleuten aus der englisch-französischen Verwandtschaft, die hinter dem Berliner Tageblatt, der Frankfurter Zeitung usw. stehen. Vor einigen Monaten erhielt ich auf einen meiner Kriegsaufsätze von einem Mann, den zu verehren ich besondere Veranlassung habe, da er zugleich gelehrter Fachmann und Mann des praktischen Lebens ist, einen zustimmenden Brief, dessen Wärme mir wohltun mußte; nur in einem Punkte hatte ich ihn enttäuscht: in meiner Kritik des Reichstags und überhaupt des Parlamentarismus; auf meine gewichtigen Argumente ging er mit keiner Silbe ein, sondern begnügte sich mit dem Einwurf, den er für unwiderleglich zu halten schien: „Man kann doch nicht gegen den Strom der Zeit schwimmen, noch die politische Uhr zurückstellen.“ Wie weit muß es mit der systematisch betriebenen Betörung gediehen sein, wenn ein Mann der Wissenschaft solchen bildlichen Redensarten bestimmenden Wert für das Urteil beilegt! Wo stünden wir mit unserer Landwirtschaft und unseren Städteanlagen, wenn wir unsere Flüsse nicht eindämmten und nach Bedarf umleiteten, sondern sie frei „strömen“ 33 DEMOKRATIE ließen? Und welcher vernünftige Mensch stellt seine Uhr nicht zurück, wenn sie vorläuft? Am meisten aber wundert einen sowohl in diesem Falle, wie überhaupt im heutigen Deutschland, (einschließlich der Regierung,) die Unkenntnis in bezug auf die wirklichen Weltvorgänge — eine Unkenntnis, die ich mir nur daraus zu erklären weiß, daß jene obengenannte Zeitungsgruppe, die sich einen besonderen Ruf für „Wohlinformiertheit“ zu erringen gewußt hat, ihre feinste kunst im Unterdrücken aller Nachrichten bewährt, deren Kenntnis ihr unerwünscht ist, so daß der treugläubige deutsche Michel, der sich außerordentlich genau unterrichtet wähnt, oft von den wichtigsten Vorgängen (namentlich auf geistigem Gebiete) nicht das geringste weiß. In Wirklichkeit weht seit einigen Jahren ein starker antidemokratischer Wind über die ganze westliche Welt — soweit vernünftige, redliche, unselbstsüchtige Männer zu Worte kommen; wo nur die Demokratie einigermaßen ungehemmt ans Ruder kommt, erweist sie sich als völlig unfähig; auch die Schäden des Parlamentarismus können den Voreingenommsten auf die Dauer nicht verborgen bleiben; und jetzt — gerade in dem Augenblick, wo die Andern sich, so gut es gehen will, aus den verderblichen Folgen der revolutionären Irrlehren zu retten suchen, wo England immer mehr der oligarchischen Diktatur verfällt, wo Frankreich die Mehrheitstyrannei durch Einführung der Verhältniswahl zu mildern sucht, wo die Vereinigten Staaten ihrem Präsidenten noch größere Diktaturbefugnisse verleihen, als er sie ohnehin schon besitzt, — gerade in diesem Augenblick läßt sich das ahnungslose Deutschland betören und will aus lauter Angst, nicht auf der „Höhe der Zeit“ zu stehen, oder gar an der Achtung seiner Feinde etwas einzubüßen, den Weg in die Hölle antreten und damit aufhören, das einzige Land der Welt zu 34 DEMOKRATIE sein, wo Freiheit eine Heimat hat und einer herrlichen Blüte entgegenging! Der holländische Gelehrte Valkenier Kips ¹) — wie alle seine Landsleute ein durch und durch freier Mann — schrieb dieser Tage: „Preußen-Deutschland ist heute fast noch der einzige Staat, der von der englischen Krankheit frei geblieben ist; es herrschen dort noch Ordnung und Freiheit, Gemeinsinn und Volkskraft. Beabsichtigt ist nun, Preußen soll nach englischem Muster demokratisiert werden, damit der Rocher von Bronze untergraben wird, auf dem die deutsche Kraft und das deutsche Schaffen beruhen. Eine gellende Lache würde über die ganze Welt schallen, wenn, nach siegreichem Kriege, die Deutschen selbst mit der Demokratisierung Preußens den Anfang machen sollten. Da würde das Wort vom deutschen Michel bewahrheitet werden, der nur kraftvolle Hiebe austeilen kann, aber sich immer wieder von jeder gleisnerischen List übertölpeln läßt.“ Das ist das richtige Wort: übertölpeln! Dieser Ausländer und Neutrale macht hiermit auf die Tatsache aufmerksam, daß in Deutschland eine V e r s c h w ö r u n g am Werke ist, eine in der Hauptsache von Deutschlands Feinden angestellte Verschwörung, die in den schon bezeichneten internationalen Bestandteilen der Nation und der Presse willige Handlanger findet. Werfen wir einen Blick auf die uns zur Nachahmung empfohlenen Länder und Einrichtungen. Über England ist so viel geschrieben worden, namentlich während des Krieges, und zwar nicht allein von Literaten und Politikern, sondern von den vorzüglichsten unter den deutschen Geschichtsforschern von Fach, daß man verzweifeln möchte, wenn man dieselben Irrtümer immer und immer wiederholen hört. Es genüge, wenn ich hier nur einige Punkte aphoristisch wiederhole. 1. England war zu keiner Zeit eine Demokratie und ist es auch heute nicht. Emerson, ————— ¹) Chamberlain meant: J. H. Valckenier Kips. Dutch professor and state-theorist. He was the author of “Der deutsche Staatsgedanke“, published in 1916, which might well be regarded as a contribution to german war propaganda. Later he became an adherent of Hitler's fascist movement. 35 DEMOKRATIE der Amerikaner, hat richtig geurteilt: „Die gesamte Geschichte Englands ist die einer Aristokratie mit offenen Türen — offen dem mutigen und erfolgreichen Manne.“ 2. Ein Kastengeist, wie ihn der Deutsche nie gekannt hat und sich ihn gar nicht vorzustellen vermag — also Ungleichheit in der stärksten Potenz —‚ liegt dem Leben Englands zugrunde und ist die Quelle dessen, was dort „Freiheit“ heißt — nämlich der politischen Kraft, die jedem einzelnen Engländer unbedingten Schutz gewährt. „Es gibt kein Land, das — seiner bürgerlichen Freiheiten ungeachtet — der Demokratie so fern stünde, wie England“: so urteilt Fontane nach längerem Aufenthalt unter dem Inselvolke. 3. Unter „Freiheit“ versteht der Engländer die Machtstellung seiner Nation; ihr opfert er alle Weltverbrüderungsideen — wie sie dem Deutschen immer nahe liegen, ihr opfert er die eigene geistige Freiheit, d. h., wie wir oben sahen, die Wurzel aller wahren Freiheit des einzelnen und des Staatsgebildes. 4. England besitzt noch heute weder das allgemeine noch das geheime Wahlrecht, und denkt nicht daran, sie einzuführen; nur 63 vom Hundert der dem Alter nach wahlfähigen Männer sind heute in England wahlberechtigt. 5. Außerdem hat infolge eines sicheren politischen Instinktes, im gleichen Schritt mit der allmählichen Erweiterung des Wahlrechtes eine ebenso allmählich zunehmende Beschränkung der Machtbefugnisse des Parlaments stattgefunden; dafür ist das Kabinett immer mächtiger geworden, und den Premierminister kann man heute mit dem großen englischen Staatsrechtslehrer Seeley, einen zwar absetzbaren, aber „absoluten König“ nennen. Formell unterliegt er dem Votum des Parlaments, doch stürzt sich die regierende Partei selbst, wenn sie gegen ihn stimmt, und daß keine Überraschungen vorkommen, dafür sorgt eine drakonische Disziplin. Nicht allein werden von 36 DEMOKRATIE Jahr zu Jahr die Rechte der Mitglieder gekürzt, das gleiche geschieht mit den Rechten der Wähler: „In meiner Jugend,“ schreibt Herbert Spencer, „hatte jeder Wähler bei der Bestimmung des Kandidaten seines Wahlbezirkes das Recht mitzureden; heute ist das abgeschafft, oligarchische Zentralkomitees bestimmen von London aus die Kandidaten, und die Wähler haben sich diesem Befehle blind zu fügen.“ Gustav Steffen, der Schwede, der sein ganzes Leben dem Studium des heutigen Englands gewidmet hat, schreibt 1915: „Der Einfluß des Parlaments (auf die Regierung), obgleich er nach der volkstümlichen Theorie über englischen Parlamentarismus entscheidend sein sollte, i s t i n d e r P r a x i s g l e i c h N u l l.“ Das mögen unsere demokratischen Freiheitsapostel sich gesagt sein lassen: in England ist der Einfluß des Parlaments auf die Politik der Regierung gleich Null! 6. Der Historiker Arnold Oskar Meyer (Kiel) schreibt in seiner — der größten Verbreitung werten — Flugschrift „Deutsche Freiheit und englischer Parlamentarismus“ (S. 22): „In Deutschland besteht zwischen Monarch, Ministerium und Volksvertretung ein Gleichgewicht der Macht und des Einflusses, das sich trotz der unvermeidlichen Reibungen doch immer aufs neue bewährt hat, weil es einen Mißbrauch der Macht von vornherein ausschließt. Das deutsche System kennt weder monarchischen, noch ministeriellen, noch parlamentarischen Absolutismus; es erfüllt in anderer Weise und in tieferem Sinn, als die englische Verfassung es je getan hat, Montesquieus Forderung von der Teilung der Gewalt, als Bürgschaft der Freiheit.“ 7. Noch eine Tatsache darf bei der kürzesten Übersicht nicht übergangen werden: dieses englische Parlament erweist sich heute immer unfähiger, seinem eigentlichen Amt im Leben der Nation — nämlich eine gesetzeberatende und -beschließende Korporation zu sein — gerecht 37 DEMOKRATIE zu werden. Die Parteiinteressen fesseln die Herren Volksvertreter, für ihre Pflichten sind sie nicht zu haben. In der Einleitung zu einem wissenschaftlichen Buche, das 1912 in London erschien, „Analyse des Regierungssystems des Britischen Weltreiches“, zeigt der Verfasser, der seit vierzig Jahren als höherer Beamter den Parlamentssitzungen beiwohnte, daß es in dieser Beziehung von Tag zu Tag schlimmer wird. Wer die fünfzig Seiten liest, wird entdecken, daß in diesem vielberühmten Parlamentssystem manches heute auf eine Karikatur hinausläuft. So stehen z. B. dringend benötigte hygienische Gesetze seit dreißig Jahren auf dem Programm, ohne vor lauter „politischen“ Debatten jemals zur Erledigung zu kommen; gesetzliche Begriffe, deren genaue Bestimmung durch das Parlament für den Richter unerläßlich wäre, harren gar seit hundert Jahren dieser Bestimmung, und inzwischen gehen Laster und Verbrechen frei umher! Um die Staatsmaschine nicht ganz ins Stocken geraten zu lassen, bringt die Regierung statt neuer, dringend benötigter Gesetze kleine Zusatz- und Änderungsanträge zu veralteten Gesetzen ein, die dann unbemerkt durchrutschen, was aber ein arges Flickwerk unzusammengehöriger Bestandteile zur Folge hat usw. „The incompetence of Parliament“, sagt unser Sachkenner, „is more than a curiosity, it is a disaster“; die Untauglichkeit des Parlaments ist mehr als eine bloße Wunderlichkeit, sie bedeutet eine Katastrophe. Ich füge hinzu: dahin führt unvermeidlich jede rein parlamentarische Regierung. 8. Und nun als letztes, höre man das Urteil des freisinnigen Denkers Herbert Spencer — dessen Fähigkeit, englischen Verhältnissen auf den Grund zu sehen, niemand wird in Abrede stellen können. Kurz vor seinem Tode spricht er sich folgendermaßen aus: „Der durchschnittliche Charakter des Engländers eignet 38 DEMOKRATIE sich für wahrhaft freiheitliche Staatseinrichtungen nicht, vielmehr eignet er sich nur für eine despotische Regierung, hin und wieder durch ein wenig Freiheit gemildert. Was Freiheit eigentlich bedeutet, verstehen (in England) sehr wenige.“ (Facts and Comments, 1902, S. 102.) Wahrlich, Deutschland, das Vaterland der Freiheit, hat nicht die geringste Veranlassung, zu England in die Schule zu gehen; es wäre zugleich Torheit und Verbrechen! Noch phantastischer sind die Behauptungen über die Vereinigten Staaten, die in Deutschland immer von neuem in Reden und Aufsätzen unserer Demokraten auftauchen, wenn auch freilich etwas blasser, da in Wirklichkeit nicht ein Mann in tausend bei uns von der undurchsichtig verwickelten Staatsverfassung und den widerspruchsreichen Lebenserscheinungen in Amerika irgendwelche deutliche, geschweige richtige Vorstellung besitzt. Das Dorado demokratischer Freiheit und Gleichheit, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die einzige Nation, innerhalb welcher ein jeder seines Glückes Schmied sein kann usw. — das alles hört sich verlockend an, die Wahrheit sieht aber ganz anders aus. Im Laufe des Krieges habe ich in dem abgelegenen fränkischen Städtchen, wo ich daheim bin, drei Besuche aus den Vereinigten Staaten zu verschiedenen Zeiten empfangen, drei Männer verschieden an Alter, an Bildungs- und Lebensgang, der eine aus Newyork, der zweite aus einem Zentralstaat, der dritte aus Kalifornien: ein Senator, ein Journalist, ein Dichter. Alle drei waren angelsächsischer Herkunft, alle drei begabt, alle drei eifrige amerikanische Patrioten, alle drei gute Kenner Englands — und nun standen sie alle drei unter dem sie fast überwältigenden Eindruck des Mannessinnes, der Organisationskunst, der ungebundenen geistigen Freiheit bei voller Selbstbeherrschung, die sie in Deutsch- 39 DEMOKRATIE land vorfanden, was ihnen um so mehr auffiel, als sie über Paris und London gereist waren und dort genau entgegengesetzte Eindrücke gewonnen hatten. Mir war nun von besonderem Interesse, jeden von ihnen über sein eigenes Vaterland auszuforschen: keiner machte ein Hehl aus dem Unfertigen, gleichsam Improvisierten, nur provisorischen Wert Besitzenden ihrer politischen und sozialen Einrichtungen. Der eine sagte mir ohne Umschweife: „Unser Land ist ein teuflischer Hexenkessel, in dem alle Widersprüche der Welt, alle Gier, aller Neid, alle Gelüste brauen und brodeln, ein wilder Kampf millionenfacher Egoismen unwissender, ideen- und idealloser Menschen ohne Tradition, ohne einigende Sitten, ohne alle Aufopferungsfähigkeit, ein atomistisches Chaos, dem keine wahre nationale Kraft zukommt.“ Als ich aber diese Worte in einem Kriegsaufsatz druckte, wurden sie mir von der Zensur gestrichen: die Deutschen durften nicht erfahren, daß denkende Amerikaner in dieser Weise über das Land urteilen, das unsere Herren Demokraten uns als Ideal vorhalten! Man fragt sich, wem diese Rücksicht galt? Den Männern, die Amerika betrügen? Oder den Männern, die Deutschland betrügen? Auf einen andern unverdächtigen Zeugen möchte ich meine Leser aufmerksam machen, auf den bekannten englischen Sozialisten H. G. Wells, einen „self-made man“, der sich vom Kurzwarenhandlungsgehilfen zu einem der angesehensten Schriftsteller unserer Zeit hinauf gearbeitet hat. Überzeugt, jenseits des Wassers, in der großen internationalen Demokratie das Land seiner Träume zu finden, schifft Wells in gehobener Stimmung nach den Vereinigten Staaten hinüber. Trotz aller Voreingenommenheit und trotz des sichtbaren Bestrebens, alles irgend Preisenswerte ins hellste Licht zu stellen, wirkt sein Bericht — von Diederichs unter dem 40 DEMOKRATIE Titel „Die Zukunft in Amerika“ 1911 in deutscher Übersetzung herausgegeben — geradezu vernichtend. In begeisterter Erwartung, seine Idealregierung am Werke zu sehen, hält sich Wells längere Zeit in Washington auf, wohnt den Senats- und den Kammersitzungen bei, staunt über die Tatsache, daß kein Mensch den Rednern zuhört, selbst der Vorsitzende nicht — was mir recht gut gefällt, denn es ist immerhin erfreulich, wenn die parlamentarische Komödie von den Akteurs selber nicht tragisch genommen wird — und gelangt schließlich zu folgendem Urteil: „Das Endergebnis von diesem allem: ein Gesetzgebungsapparat, der keine Gesetze macht; eine Regierung, die unvermögend ist zu regieren; eine nur zum Schein verantwortliche Verwaltung, die der Korruption Tür und Tor offen läßt, und vielleicht selbst einem Sturmanlauf der öffentlichen Meinung, des Volkswillens gegenüber durch das Zwei-Parteien-System unangreifbar verbarrikadiert ist. Die nackte Wahrheit ist eben die, daß der Kongreß in seiner gegenwärtigen Verfassung d i e s c h w ä c h s t e, u n z u l ä n g l i c h s t e u n d u n w i r k s a m s t e Z e n t r a l r e g i e r u n g a l l e r z i v i l i s i e r t e n L ä n d e r im Westen Rußlands darstellt.“ Das ist, dächte ich, deutlich geredet! Noch schlimmer sind die sozialen Eindrücke, die Wells gewinnt: die unbedingte Schutzlosigkeit der Arbeiterbevölkerung, die wie Sklavenvieh behandelt wird und ohne alle staatliche Fürsorge dahinlebt; die Fabriken in denen sechsjährige Knaben zwölfstündige Arbeitsschicht leisten — sie sterben alle jung, aber das tut nichts, Europa sorgt für Ersatz; die Korruption der gesamten Presse, die den Mund voll nimmt über Freiheit und Demokratie, den Kapitalisten aber zur Verfügung steht, um die öffentliche Meinung in der befohlenen Richtung irrezuführen, zu lügen, zu fälschen, zu verschweigen, kurz, um jede verlangte Infamie 41 DEMOKRATIE zu begehen... Am härtesten fühlt sich der rechtliche Europäer getroffen, als er es erlebt, nicht allein, daß die Richter käuflich sind, sondern daß die ganze Bevölkerung — auch die Herren und Damen aus allen Kreisen, die ihn so charmant bewirten und unter denen er jene seltene, unwiderstehlich anziehende Erscheinung, den gebildeten Amerikaner, kennen lernt — völlig herzlos jede Rechtsbeugung gut heißen, sobald sie einem praktischen Zwecke dient. Einen jungen englischen Sozialisten besucht Wells, der — unschuldig verurteilt — in einem scheußlichen Gefängnis bei ungenügender Nahrung fünf Jahre absitzt; Wells will alles in Bewegung setzen; doch was soll er machen, als er von dem Richter, der den Mann seinerzeit verurteilte, erfährt, er wisse ganz gut, der Mann sei unschuldig, und von dem Staatssekretär, er habe einen belastenden Polizeileumund, angeblich aus England, durch Siegel und Unterschrift die amtliche Bestätigung verliehen, wissend, daß er in Newyork fabriziert sei! Dazu die Infamien der Presse, die den braven englischen Sozialisten als Gewohnheitsverbrecher hinstellen, seine unbescholtene Gattin als Dirne verleumden, wofür sie landesverwiesen wird! Das Allerschlimmste jedoch — noch schlimmer als die Käuflichkeit des Richters und die Niedertracht des Staatssekretärs — ist, wie gesagt, das meist stillschweigende, gern ausweichende, aber wenn hart gedrängt auch offen zugegebene Einverständnis aller Kreise mit diesem amtlichen, öffentlichen Verbrechen gegen Ehre und Freiheit eines unsträflichen Menschen, weil es — so versichert man Wells — im Interesse des ungehinderten geschäftlichen Lebens geschieht. Ein italienischer Anarchist, der — bei Gelegenheit der selben Unruhen — die Arbeiter zu Brand und Plünderung angeeifert hatte, kam straflos davon — wenn die Kerle einmal von Worten zu Taten übergehen sollten, werden sie einfach zusammen- 42 DEMOKRATIE geschossen; der Engländer dagegen hatte einen gesetzlich erlaubten Streik nach gesetzlichen Normen und mit Vermeidung aller Gewalttaten organisieren wollen, und das hätte ewige Störungen und bedeutende Geldverluste verursachen können; deswegen mußte der Schuldlose durch gekaufte Falschzeugen und bezahlten Falschspruch unschädlich gemacht werden. So sieht die Justizpflege in einer demokratischen Republik aus, wo alle Richter und Beamte entweder unmittelbar oder mittelbar vom Volke gewählt werden! Ein einziges solches Beispiel sollte, weiß Gott, genügen, die Deutschen den unermeßlichen Wert empfinden zu lassen dessen, was sie in jahrhundertelangem Ringen sich innerlich und äußerlich als heiliges Gut erworben haben — il y a des juges à Berlin! — und ihnen die Augen zu öffnen über den Abgrund, in den man sie hineinstürzen will. Was nun die Verfassungsfrage — also die sogenannte „politische Freiheit“ — in den Vereinigten Staaten anbetrifft, so würde es bei der unglaublichen Verwickeltheit dieser Verhältnisse in Amerika — namentlich auch bei der großen Zahl der „Fiktionen“, d. h. der Fälle, in denen eine Verfassungsbestimmung durch die Praxis umgangen wird, oder ein Recht, obwohl scheinbar noch bestehend, tatsächlich in andere Hände geraten ist — sehr weit führen, wollten wir hier des Näheren darauf eingehen. Vor einigen Jahren habe ich mich fleißig damit befaßt und möchte mir doch nicht getrauen, heute eine Prüfung zu bestehen. Jeder der 38 Staaten hat seine eigene Verfassung, seine eigene unterschiedene „Erklärung der Menschenrechte“, seine eigene Gesetzgebung; die undurchdringliche Verwickeltheit geht aber erst recht bei der Organisation der zentralen Bundesregierung an, die aus einem so allseitigen Mißtrauen entstanden zu sein scheint, daß jedes — einem Einzelnen oder einer Körperschaft — ver- 43 DEMOKRATIE liehene Amt und Recht durch ein Gegenamt und Gegenrecht matt gesetzt wird, bis man nicht mehr versteht, wie es möglich ist, daß die Maschine arbeite — und in der Tat, sie tut es nur dank den Umwegen, die jene vorhin genannten „Fiktionen“ eröffnen. Ein Mann, dessen Name im Laufe des Krieges zu nicht sehr beneidenswertem Ruhme gelangt ist, und dem niemand die Voreingenommenheit für die Vereinigten Staaten abstreiten wird, Herr Woodrow Wilson, faßte vor Jahren in seinem Werke „Congressional Government“ sein Urteil über die Regierung seines Vaterlandes dahin zusammen: „Die Macht verzettelt, und nirgendwo verantwortliche Männer.“ Die Literatur über Verfassung und Regierung der Vereinigten Staaten ist unübersehbar. Von amerikanischen Büchern kann ich namentlich James Bryce: „The American Commonwealth“ empfehlen, und außerdem John W. Burgess: „Political Science and Comparative Constitutional Law“, ein Werk, das um so mehr Aufklärung über amerikanische Verhältnisse bringt, als es die anderen Hauptweltstaaten eingehend beleuchtet, wodurch wir — gleichsam durch doppelte Wiederspiegelung im Urteil des gelehrten Verfassers — den kennzeichnenden amerikanischen Standpunkt um so genauer erfassen lernen. Deutsche Leser werden aber noch schneller zum Ziel gelangen, wenn sie das vortreffliche Werk von Wilhelm Hasbach: „Die moderne Demokratie; eine politische Beschreibung“ (1912 bei Fischer in Jena) zur Hand nehmen — ein Buch, das zwar keine leichte, unterhaltende Lektüre nach Art des Wells bietet, dafür aber echt deutsche, wissenschaftlich gründliche Belehrung, wie sie in einem entscheidenden Augenblick, wie dem gegenwärtigen, jedem Deutschen not tut. In dem Versuch der alten amerikanischen Kolonisten, einen Staat von Grund aus neu aufzubauen, wird man viel zu bewundern finden; 44 DEMOKRATIE namentlich die Anfänge bieten entschieden heroische Züge; es war die Zeit, wo die besten Männer, die „Väter“, noch am Ruder standen; rührend wirkt die angelsächsische Naivität, sowie der fromm-gottesfürchtige Grundzug — so himmelhoch erhaben über den bestialischen Höllenpfuhl der französischen Revolution. Dieses zäh weiterlebende Erbe „altmodischer“, urgesunder Ideen ist es, was einzig und allein noch heute das tolle internationale Babel vielsprachiger Dollarjäger vor Anarchie bewahrt. Um nur zwei solche Erbstücke aus der großen alten Zeit zu nennen: die „Väter“ haben dem Präsidenten der Republik in allen Punkten die Rechte verliehen, die der damals regierende, sehr absolutistisch gesinnte Georg III. von England für sich forderte; kein König der heutigen Welt besitzt die Machtbefugnisse des amerikanischen Präsidenten; die Staatsrechtslehrer von drüben verfehlen auch nicht auf das Wahlkönigtum der alten Deutschen zu verweisen und sich mit seiner Wiedererweckung zu brüsten: der König wird auf vier Jahre bzw. auf acht gewählt (nach der ursprünglichen Absicht war die Wiederwahl unbegrenzt und damit die Möglichkeit eines lebenslänglichen Königs gegeben). Dieser ungekrönte König, der sich seine Minister nach freiem Gutdünken wählt — Minister, die keinen Sitz in den Volksvertretungen haben und d e m P r ä s i d e n t e n g a n z a l l e i n v e r a n t w o r t l i c h s i n d, von den Reichstagsqualen deutscher Kanzler und Staatssekretäre also gar nichts wissen und sich vor keinen feindseligen Abstimmungen zu fürchten brauchen — dieser König gewährt dem fast grotesken Bau, dessen Unzulänglichkeit Herr Wilson uns soeben bezeugte, eine bedeutende Stabilität. Ein zweites kommt hinzu: die ungeheure Schwierigkeit, das Kleinste an der Verfassung zu ändern. Während die Schweiz z. B. — seitdem das 45 DEMOKRATIE Volk das Recht der unmittelbaren Initiative an sich gerissen hat — sich innerhalb 14 Jahre 59 Verfassungsänderungen leistete, ein Zustand, bei dem jeder nicht durch äußeren Druck zusammengehaltene Staat offenbar in kurzer Frist auseinandersprengen müßte, kann in den Vereinigten Staaten keine Verfassungsänderung zur Sprache kommen, wenn nicht zuvörderst Senat und Abgeordnetenhaus, beide, durch Zweidrittelmajorität sie vorgeschlagen haben, worauf sie aber dann in jedem einzelnen Staate von dessen beiden Häusern beraten und von mindestens dreiviertel der Staaten angenommen sein muß, so daß im ganzen 78 verschiedene Vertretungen — jede für sich — sie erst behandeln und mindestens 58 sie bejahen müssen, dazu noch die zwei Häuser des Kongresses, ehe die Änderung Gesetzeskraft erlangen kann — wobei dem Präsidenten sein unbedingtes Vetorecht bei aller Gesetzgebung (wovon häufig Gebrauch gemacht wird) ungeschmälert bleibt. Zu alledem kommt noch ein eigener Verfassungsgerichtshof, der darüber wacht, daß keine Änderung — und wäre sie auch von sämtlichen Kammern angenommen — sofern sie den ursprünglich beschlossenen, feierlich erklärten Grundsätzen dieses Staatswesens zuwiderläuft, Gesetzeskraft erhalte. Wenn man uns auf die „große Republik jenseits des Wassers“ verweist und von uns altmodischen Europäern huldigende Bewunderung fordert, so sollte man derartige Tatsachen — die in Deutschland kaum ein Mann in hunderttausend ahnt — nicht verschweigen. Überkönigliche Gewalt einem einzelnen Bürger auf Jahre verliehen, keine Spur der sonst so gepriesenen Ministerverantwortlichkeit, eine unkristallisierte Verfassung: das sind gewiß vortreffliche, staatserhaltende (wenn auch etwas roh erdachte) Einrichtungen, die aber mit derjenigen „Demokratie“, die man uns 46 DEMOKRATIE als Menschheitsideal vorhält, nicht das Geringste gemein haben. Weit schlimmer nun steht es um diese Verfassung, sobald wir das politische Leben betrachten, nicht wie es sich die edlen frommen „Väter“ ausgedacht hatten, sondern wie es in Wirklichkeit geworden ist. Was diese Wirklichkeit auszeichnet, ist eine auf allen Gebieten herrschende K o r r u p t i o n, wie sie bei keinem Volk zu keiner Zeit je erlebt wurde. Brooks, in seinem Buche „Corruption in American Politics and Life“ (Newyork, 1910, S. 52) schreibt: „Mag die Demokratie noch so wohltätig gewirkt haben, so kann nicht geleugnet werden, daß sie der Korruption Tür und Tor in einer Weise geöffnet hat, wie sich das weder die antike noch die mittelalterliche Welt jemals hat träumen lassen.“ Wer dieses mit echt amerikanischer Unumwundenheit geschriebene Buch liest, wird aus dem Staunen nicht herauskommen: erstens, über die Art, wie diese Korruption das gesamte öffentliche Leben durchdringt, bis in jeden Winkel von Handel, Gewerbe, Fabrikation, Bergwesen, Finanz usw. — überall die Verderbtheit, überall das Walten der Bestechenden und der Bestochenen, überall der Sieg des Unredlichen über den Redlichen; zweitens aber — und vielleicht noch mehr — über die Art, wie der gelehrte Professor der politischen Wissenschaften an der Universität Cincinnati — genau so wie oben die öffentliche Stimmung bei dem unschuldig Verurteilten — jede Korruption zu entschuldigen, zu erklären, wegzudeuteln weiß, um uns schließlich zu überreden, auf diesem Wege der allgemeinen, aber nur vorübergehend herrschenden Korruption werde man zuletzt bei einem Idealstaate anlangen! Man denke hier an die Lehre der Freiheit zurück, die ich im ersten Teil dieses Aufsatzes zu umreißen versuchte und frage sich, wo — in Deutschland 47 DEMOKRATIE oder in den Vereinigten Staaten, in der Monarchie oder in der Demokratie — Entwicklung zu edlen, menschenwürdigen Verhältnissen zu erwarten stehe? Was speziell die Freiheit in Amerika betrifft, so mache ich auf das in diesem selben Buche angeführte Bekenntnis eines der hervorragendsten amerikanischen Journalisten aufmerksam, das dieser bei einem Bankett des Newyorker Pressevereins zum besten gab, als er auf den Trinkspruch „die unabhängige Presse“ zu erwidern hatte. Er sagte u. a.: „Eine unabhängige Presse existiert in Amerika nicht — es sei denn möglicherweise in einigen ländlichen Städten; Ihr wißt es, und ich weiß es. Kein einziger von Euch wagt es, eine Meinung ehrlich auszusprechen; und wenn Ihr es tätet, so wißt Ihr im voraus, daß es niemals gedruckt werden würde. Mir zahlt man 150 Dollar wöchentlich dafür, daß ich in der Zeitung niemals sage, was ich wirklich denke. Ihr alle befindet Euch in der selben Lage. Der Mann, der toll genug wäre, seine Meinung ehrlich herauszusagen, würde sich bald auf der Straße finden, auf der Jagd nach einer neuen Stellung. Das Geschäft eines Newyorker Journalisten besteht gerade darin, die Wahrheit zu verdrehen, zu lügen, was das Zeug nur hält, zu fälschen, zu beschmutzen, Tag und Nacht zu den Füßen des süßen Mammons zu knien, und um sein tägliches Brot sein Vaterland und seine Rasse zu verraten. Ihr wißt es und ich weiß es. Welche Torheit darum, auf eine u n a b h ä n g i g e P r e s s e zu trinken! Wir sind Werkzeuge und Vasallen der in den Kulissen waltenden Reichen. Wir sind Hampelmännchen; jene ziehen am Faden und wir tanzen. Unsere Muße, unsere Begabung, unser Leben, alles wofür Gott uns geschaffen hatte, ist das Eigentum anderer Männer: wir sind geistige Prostituierte!“ Man denkt an das sprichwort: in vino veritas. Das Furchtbare ist, daß nicht 48 DEMOKRATIE die Presse allein, sondern alle Kräfte des Landes Sklaven der Überreichen sind. Selbst der König-Präsident ist ein Hampelmännchen in ihrer Hand; und zwar weil — wie Plato schon vor 2500 Jahren aufmerksam machte — jede Demokratie mit Naturnotwendigkeit eine Oligarchie wird, d. h. die Herrschaft von Wenigen, und jede Oligarchie eine Plutokratie: eine Demokratie gründen, heißt ein Land der Tyrannei der Geldmänner — der Korruption und der Prostituierung — schutzlos ausliefern. In den Vereinigten Staaten geschieht denn, was in allen Demokratien geschieht: jeder halbwegs anständige Mann zieht sich vom öffentlichen Leben zurück. Nach den Statistiken der letzten zwanzig Jahre nimmt an den Wahlen meistens nur etwa fünf vom Hundert teil, oft nur ein vom Hundert, niemals mehr als zehn vom Hundert. Dabei kostet den Amerikanern die Wahl eines Präsidenten, da ja die meisten Stimmen gekauft werden müssen, mehr als die Zivillisten sämtlicher Monarchen Deutschlands zusammengezählt — die Wahl allein, ohne den Gehalt zu rechnen. Was für eine Art Menschen unter diesen Bedingungen diejenigen sind, die wir dann als politische Männer kennen lernen und in Deutschland so übermäßig zu feiern pflegen, läßt sich denken: die Auswahl der Nation gewiß nicht. Eine ergötzliche Liste teilt Hasbach mit: von den 723 Delegierten des Grafschaftskonventes Chicagos nach der Wahl des Jahres 1896 waren 7 des Totschlages gerichtlich überwiesen, 10 weitere hatten ebenfalls wegen Totschlag vor Gericht gestanden, 36 waren bestrafte Einbrecher, 3 Taschendiebe, 7 Spielhöllenbesitzer, 2 Bordellwirte, 265 Schankwirte. Bei einer solchen tragikomischen Aufzählung denkt man an die prophetischen Worte eines der besten unter den „Vätern“ zurück, Dennies, der schon 1803 ausrief: „Nie schafft eine Demokratie erträgliche Zustände.... auch bei uns wird 49 DEMOKRATIE sie letzten Endes Bürgerkrieg, Verwüstung, Anarchie heraufführen. Keinen weisen Mann gibt es, der die Unzulänglichkeit dieser Regierungsform nicht einsähe, keinen guten Mann, dem vor den elendiglichen Zuständen, die sie verursacht, nicht schauderte, und keinen tapferen Mann, der gegen eine solche Bedrohung das Schwert nicht zöge.“ In einer Flugschrift muß man fliegen; darum sage ich hier kein Wort mehr über die politischen Zustände Amerikas; vielleicht genügen diese „flüchtigen“ Andeutungen, einige deutsche Männer nachdenklich zu stimmen und sie zu einer Nachprüfung ihrer demokratischen Neigungen zu veranlassen. In Frankreich ist die heutige Lage von besonderem Interesse für die Kenntnis demokratischer Zustände; auch hier könnten die Deutschen viel lernen; sie bleiben aber blind und taub und lassen sich noch immer von den Phrasenmachern zum besten halten. Im Gegensatz nämlich zu den Amerikanern, welche korrupte Justiz, korrupte Politik, korruptes wirtschaftliches Leben noch immer — wie wir sahen — aus mißverstandener Vaterlandsliebe entschuldigen zu müssen meinen, sind sich schon seit Jahren die intelligenten und rechtlichen Franzosen aller Parteien darüber einig, daß ihre sogenannte „Demokratie“ eine Regierung durch Ausbeuter bedeutet. Republikaner sind heute alle Franzosen; es bleibt ihnen nichts anderes übrig, da ein Königtum sich nicht improvisieren läßt, und ein Cäsarentum Elemente rücksichtsloser Kraft erfordert, die Frankreich nicht mehr enthält; sie erkennen aber, wohin sie geraten sind, sprechen es offen aus, und suchen Mittel und Wege, aus diesem Elend herauszukommen. Eine ganze Literatur ist hierüber entstanden, die einstens als ein Denkmal dastehen wird der Erbärmlichkeit demokratischer Regierungsformen und der unerschrockenen Redlichkeit der denkenden Franzosen unserer Zeit. 50 DEMOKRATIE In einem Punkt sind die Männer verschiedener Richtung einig: das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ist ein Fluch, an dem jedes Land z u g r u n d e g e h e n m u ß. Paul Bourget — der berühmte Dichter — urteilt: „Die Frage nach dem besten Wahlrecht unter den zahlreichen möglichen ist so unendlich verwickelt und schwierig, daß man sie wohl nie mit Sicherheit wird beantworten können; nur Eines ist gewiß und durch die Praxis erwiesen: das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ist das schlechteste aller erdenkbaren Wahlrechte und führt notwendig zur Anarchie.“ * Von Bourget, der mehr rechts steht, gehen wir hinüber zu Francis Delaisi, der auf der äußersten Linken der Sozialisten voranschreitet. Dieser urteilt: „Das allgemeine direkte Wahlrecht ist eine Komödie; es führt zur Diktatur der Unfähigen; diese Maschine zur Fabrikation von Wählern fabriziert in Wirklichkeit Sklaven; innerhalb unserer Gesellschaftsordnung bedeutet dieses Wahlrecht den Todeskeim“ (vergl. das nachstehend genannte Buch, S. 167, 201, 203). Selbst die „radikal-soziale“ Gruppe — augenblicklich die ausschlaggebende an Zahl und Einfluß — setzt sich für die Abschaffung der Mehrheitswahl ein, an deren Stelle die Verhältniswahl (sog. Proportionalwahl) treten soll. Und jetzt soll das Königreich Preußen — „dem Zuge der Zeit“ gehorsam folgend — dasjenige Wahlrecht einführen, welches die französische Republik nach ausreichender Erprobung als verderbenbringend verwirft: difficile est satiram non scribere! Die Empörung ist es, die das Lachen nicht aufkommen läßt: dem bestregierten Lande der Welt — dessen Geschichte für die innere VortreffIichkeit seiner Einrichtungen zeugt — will man den Spott und die Schande antun, ihm den fortgeworfe- ————— * Diese Ausführung bringe ich aus dem Gedächtnis; ich stehe für genaue Wiedergabe des Sinnes, nicht aber für den Wortlaut, ein. 51 DEMOKRATIE nen Theatermantel gallischer Schwätzer als unerläßlichen Schmuck umzuhängen! Die Leute, die das fordern, sind selber aus dem schlechtesten aller denkbaren Wahlrechte hervorgegangen und geben uns hier den Vorgeschmack der „Diktatur der Unfähigen“. Da ich nun aus der reichen französischen Literatur, die mir zur Verfügung steht, auswählen muß und mir Leser denke, die ebenfalls darauf angewiesen sind, mit ihrer Zeit sparsam umzugehen, möchte ich die Aufmerksamkeit zunächst auf ein einziges, kleines, überaus vortreffliches Buch richten, geeignet eine ganze Bibliothek zu ersetzen. Der Name des soeben flüchtig genannten Francis Delaisi ist im Laufe des Krieges durch das prophetische Büchlein aus dem Jahre 1912 — „La Guerre qui vient“, der kommende Krieg — weit und breit bekannt geworden. Als ich zum ersten Male darauf aufmerksam machte, war es auch französisch nicht mehr zu bekommen; ein französischer Neudruck wurde veranlaßt, dem bald eine deutsche Übersetzung folgte. Ein so kenntnisreicher, richtig urteilender und unerschrockener Mann ist geeignet, Vertrauen einzuflößen. Zwei Jahre früher — also bereits 1910 — hatte er nun ein anderes Buch veröffentlicht — das soeben angeführte —‚ das ein mindestens ebenso großes Interesse bietet und dabei dieselben Eigenschaften der Kürze, der Genauigkeit, der rücksichtslosen Offenheit aufweist; man bekommt nicht Theorien und allgemeine Behauptungen zu hören, sondern Tatsachen, Namen und Zahlen. Das Buch heißt: „La Democratie et les Financiers“, die Demokratie und die Geldmänner; eine Übersetzung ins Deutsche wäre überaus wünschenswert. Außer bei Hasbach, erinnere ich mich nicht, es in Deutschland angeführt gesehen zu haben — wenn auch der vielbemerkte Aufsatz eines deutschen Gelehrten in einer wissen- 52 DEMOKRATIE schaftlichen Fachschrift, über die heutigen Zustände Frankreichs, es offenbar fleißig benutzt und hin und wieder sogar abgeschrieben hat. Delaisi ist Sozialist und zwar der fortgeschrittensten Gruppe; jedenfalls also über allen Verdacht erhaben, als stünde er unter dem Einfluße konservativer, agrarischer, junkerhafter Vorstellungen. Als freier Mann, der eine tiefgreifende Umbildung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse erstrebt, beobachtet er die demokratische Regierungsform am Werke, studiert sie und urteilt über sie. Zunächst ist es von bedeutendem Interesse, aus diesem Munde zu hören, was schon andere denkende Politiker längst hervorgehoben haben: daß nämlich das Wort „Sozialdemokrat“ eine contradictio in adjecto enthält, indem die Begriffe Sozialismus und Demokratie einander widersprechen. Zum Glück denkt sich der deutsche „Genosse“ bei keinem der beiden Fremdworte etwas. Doch dies nur nebenbei. Auf 205 kleinen Seiten behandelt der Verfasser erschöpfend den ganzen Aufbau der heutigen französischen Regierung und das Ineinandergreifen aller Teile der komplizierten Maschine, von dem einundzwanzigjährigen Wähler an, dem man einredet, er sei „le peuple souverain“ — das souveräne Volk, bis zu dem so entscheidend wichtigen Staatsrat (conseil d'Etat) und der cour de cassation — zwei aus den fähigsten Juristen bestehenden Körperschaften, die im stillen wirken, von der Volksvertretung unabhängig sind und dafür sorgen, daß wenigstens die unsinnigsten Gesetze, die die politischen Dilettanten der Kammer beschlossen haben, nicht zur Ausführung gelangen, oder aber derartig umgemodelt und der Vernunft angenähert, daß die Urheber sie nicht erkennen würden. Die lächerliche Idee, daß jeder junge Mann von einundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren fähig sein soll, über politische Fragen und über politische Männer 53 DEMOKRATIE zu urteilen, verspottet Delaisi, wie sie es verdient: diese unsinnige Annahme bildet das unheilbare Grundübel jeder Demokratie. Wir leben in einer Zeit, wo auf jedem Gebiet Fachausbildung, Facherfahrung gefordert werden; unsere Zeit ist eine wissenschaftliche und das heißt eine Zeit, in welcher nicht Gefühl und Leidenschaft und Ahnungen und Überzeugungen den Ausschlag geben, sondern genaues Wissen, erprobte Methoden, zielsicheres Handeln. Und nun soll auf einmal bei den schwierigsten aller Verhältnisse, bei Entschlüssen von unabsehbarer Tragweite, jeder dumme Bursche als Teil des „souveränen Volks“ mitstimmen! Es ist dies eine so haarsträubend und frevelhaft dumme Forderung, daß der Pariser Sozialist in dieselbe Empörung darüber gerät, wie nur irgendeiner der viel geschmähten ostelbischen Junker. In der Politik, wie überall, brauchen wir erstens fähige Männer, zweitens Fachmänner: das allgemeine Wahlrecht gibt uns weder die einen noch die anderen. Gelänge es einem Volke, eine derartige Höhe der Kultur zu erreichen, daß man von sämtlichen Männern reifen Alters sagen könnte, sie seien innerlich freie Persönlichkeiten, dann würde das allgemeine Wahlrecht wenigstens ein wahres Abbild des Wertes der Nation geben; wie die Verhältnisse aber liegen, läuft das Ganze — wie uns Delaisi vorhin sagte — auf „eine Fabrikation von Sklaven“ hinaus; denn die große Mehrzahl der Wähler ist nicht allein unfähig, über die vorliegenden politischen Fragen ein selbständiges Urteil zu fällen, sondern ebenso unfähig, den geistigen Wert und die sittliche Zuverlässigkeit der Stimmwerber zu beurteilen. Die Unmoralität des ganzen Systems liegt darin begründet, daß gerade diejenigen Männer, die so laut die Befreiung des Volkes fordern, in Wirklichkeit auf dessen Versklavung abzielen. Die Schilderung der Volksvertreter fällt bei Delaisi ergötzlich 54 DEMOKRATIE aus. „Ärzte, ländliche Rechtsanwälte, Professoren, Journalisten, kluge Leute, die sich zu helfen wissen — im übrigen gänzlich unerfahren im praktischen Leben, ohne Kenntnis der Verwaltung und ohne jede Vorstellung dessen, was das allgemeine Interesse der Nation fordert. Man sehe nur zu, wie sie alle aus der Kammer herauslaufen, sobald eine Frage zur Behandlung kommt, die nicht geeignet ist, auf die nächsten Wahlen zu wirken; von eintausend Deputierten und Senatoren gibt es nur etwa einhundertundfünfzig, die sich mit Fleiß in die Staatsangelegenheiten einarbeiten.“ Denn auch die 168 Rechtsanwälte, die als Mitglieder der Kammer und des Senats sich manchmal sehr bemerkbar machen, haben für gewöhnlich ganz andere Dinge im Kopfe und benutzen ihr Mandat als Sprungbrett zu Privatgeschäften. Wer nun ein wirkliches Interesse an dieser auf zwei so morschen Grundpfeilern — unfähige Wähler, unfähige Parlamentarier — aufgebauten Regierungsform hat, das sind die F i n a n z l e u t e! Der größte Teil des Buches gilt der genauen Auseinandersetzung über die Art, „wie es dem Großkapitalismus gelungen ist, aus der Demokratie das wunderbarste, biegsamste und mächtigste Werkzeug zur Ausbeutung der Gesamtheit zu gestalten... Man bildet sich meistens ein, die Finanzleute seien Gegner der Demokratie: ein Grundirrtum! Vielmehr sind sie deren Leiter und deren treueste Förderer, ja, man kann ruhig sagen: s i e s i n d d i e E r f i n d e r d e r D e m o k r a t i e! Denn diese bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethoden verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen jede etwaige Empörung des Volkes“. Delaisi zeigt, daß die Finanzleute die fortgeschrittensten Demokraten sogar vorziehen, weil diese am besten geeignet sind, jede Bewegung der arbeitenden Klassen hintanzuhalten. Im übrigen sind 55 DEMOKRATIE ihnen alle Schattierungen recht, solange sie sich nur zur demokratischen Fahne bekennen: in den französischen Kammern unterstützen sie bei den Wahlen und durch sonstige Zuwendungen Parlamentarier aus allen Gruppen, von der rechten Seite an bis zu den aufrührerischsten unter den Sozialisten; auch Jaurès' Zeitung erhielt eine bedeutende Subvention, deren genaue Ziffer der Verfasser angibt. Man sieht: die Parteien an und für sich — wie überhaupt alles, was einer Überzeugung ähnlich sieht — sind diesen Männern vollkommen gleichgültig; ihnen kommt es einzig darauf an, Leute zu gewinnen und fest in der Hand zu halten, die ihren Geldinteressen dienen: das ist Zweck und Ziel der „Demokratie“. Einer der interessantesten Abschnitte des Buches ist der, in welchem Delaisi uns die genaue Liste der 55 Männer gibt, die in Wirklichkeit Frankreich — ich will nicht sagen „regieren“ — aber beherrschen und ausbeuten. Nur zwei oder drei von ihnen sind Deputierte oder Senatoren und halten sich als solche sehr still; sonst aber sind sie alle selbst dem größeren französischen Publikum — dem „souveränen Volk“ — völlig unbekannt, und in Deutschland dürfte kaum ein Mensch einen einzigen dieser Namen gehört haben, außer dem des Rothschild und allenfalls dem des Josef Reinach. Diese 55 Männer stehen als Bankdirektoren, als Aufsichtsräte der Bergwerke, der Eisenbahnen, der Dampfschiffgesellschaften, der großen industriellen und kommerziellen Unternehmungen, der kolonialen Gesellschaften usw. an der Spitze sämtlicher Geldinteressen des Landes und haben es — dank der demokratischen Regierungsform — verstanden, die ganze politische Maschine Frankreichs in ihre Hand zu bekommen. Diese fünfundfünfzig machen und stürzen die Ministerien, sie bestimmen, wer Präsident der Republik sein soll, ihre Agenten führen die Wahlen, die Zeitungen gehorchen ihrem 56 DEMOKRATIE Winke, in Sitzungen — die meistens bei Herrn Aynard von der Banque de France stattfinden — wird beraten, welche politischen Fragen aufs Tapet gebracht, welche als gefährlich erstickt werden sollen usw. In Kammer und Senat unterhalten sie ungefähr einhundert sogenannte „députés d'affaires“ (Geschäftsabgeordnete), die entweder als Anwälte oder Ingenieure oder Direktoren mit ihren großen Unternehmungen in Verbindung stehen, für deren Interessen sie im Parlamente sorgen sollen. Auch in diesem Falle gibt uns der Verfasser alle Namen, nennt ihre Parteiangehörigkeit und gibt die Liste ihrer geschäftlichen Beziehungen. Zum Unterschiede von den anderen Volksvertretern sind diese hundert Geschäftsabgeordnete wenigstens erfahrene Geschäftsleute oder Techniker, was ihnen ein bedeutendes Übergewicht verschafft. Nun aber stehen alle die genannten Gesellschaften — welcher Art sie auch seien — beständig erwartungsvoll an der Staatskrippe; als Volksvertreter sollen die Geschäftsabgeordneten das Volk gegen Ausbeutung schützen, als Vertreter jener Unternehmungen sollen sie möglichst glänzende Verträge abschließen: „Auf welche Seite soll sich der arme Mann schlagen? Das Volk zahlt ihm jährlich 3000 Francs Diäten, die Aktionäre 30 000. Die Frage stellen, heißt sie beantworten.“ Eine besondere Stellung im Parlament nehmen heute die erfolgreichen Rechtsanwälte ein, deren Spezialität es ist, die Banken und die großen Aktiengesellschaften vor Gericht zu vertreten; denn es hat sich als praktisch erwiesen, diesen Männern Sitze im Parlament zu verschaffen, wo sie auf alle Fälle nützlich und oft als Minister gut zu gebrauchen sind. So verdient z. B. der Sozialist Millerand — der bis vor kurzem Kriegsminister war — 300 000 Francs jährlich als Vertreter von Versicherungsgesellschaften. Auf diesem Wege ist auch Raimond Poincaré zum Präsidenten 57 DEMOKRATIE der Republik geworden; er ist der Auserwählte der Hochfinanz; Mitglied der Akademie wurde er, weil er zwei „Unsterbliche“ vor Verurteilung wegen verbotener Trustbildungen gerettet hatte. Das Kapitel „Wie man die Wahlen macht“ empfehle ich besonderer Beachtung, wenn auch diese Dinge immerhin bekannter sind, als manche andere. Unerwartet wird den meisten sein, daß die Hochfinanz die zwei einzigen großen außerpolitischen Organisationen des Landes — die katholische Kirche und das Freimaurertum — ebenfalls für ihre Ziele zu verwenden weiß. Zu diesem Zwecke nimmt die eine Gruppe mit dem Credit Lyonnais an der Spitze an allen Werken katholischer Wohltätigkeit und Propaganda freigebig teil, wogegen die eigentliche „banque juive“ sich den Freimaurerlogen unentbehrlich zu machen weiß. Namentlich wenn Neuwahlen zu erwarten sind, lieben es die genannten Drahtzieher, irgendeine Frage aufwerfen zu lassen, über die jene beiden mächtigen Interessengruppen sich in die Haare geraten; bald tobt es dann im ganzen Lande über irgendeine religiöse oder soziale Frage; auf beiden Seiten schüren die Zeitungen tüchtig an... der Zweck ist erreicht: die finanziellen Operationen bedenklicher Art oder die für den Staat ruinösen Verträge — gegen die einzelne redliche Hitzköpfe zu wettern begonnen hatten — sind vergessen; die spanische Wand steht wieder schützend aufrecht und die beliebten demokratischen Matadore können alle Tage den Mund voll nehmen über „Freiheit“, „Fortschritt“ und über die Herrlichkeit des „souveränen Volkes“. Von allergrößtem Interesse sind die mitgeteilten genauen Einzelheiten über die französische demokratische Presse. Wie Delaisi bemerkt, die Presse ist für das Volk nicht allein ein Organ der Mitteilung über alles, was in der Welt vorgeht, sondern auch das einzige organ der Kontrolle über die von ihm 58 DEMOKRATIE angeblich abhängige Regierung, über die Verwendung seiner Gelder und über das Verhalten seiner eigenen Volksvertreter; wenn es nun sich herausstellt, daß gerade die großen demokratischen Blätter — diejenigen, welche die große Mehrheit der Wähler in der Hand haben — selber von der Ausbeutung des Budgetes leben, so kann man sich denken, wie es mit den Nachrichten und mit der Kontrolle steht: „wenn die Hirten Wölfe sind, so werden die Schafe gefressen“, Delaisi gibt alle Namen, alle Zahlen, erzählt das Werden des „Petit Journal“, des „Petit Parisien“, des „Journal“, des „Matin“ usw. Überall liegt kapitalistisches Interesse zugrunde und überall ist es die Zeitung, die die Partei führt, nicht die Partei die Zeitung. Delaisi schildert die Art, in welcher diese Presse Ereignisse von großer Bedeutung vollkommen zu unterdrücken weiß, wie sie Verbrechen gegen das öffentliche Wohl durch Verschweigen aus der Welt schafft... und schließt: „Es sind ungefähr zwanzig Männer, die allabendlich zusammentreten und darüber Beschluß fassen, was das französische Volk am nächsten Morgen wissen und nicht wissen soll.... Und das souveräne Volk, das alles zu wissen und alles zu kontrollieren glaubt, weiß in Wirklichkeit rein gar nichts und kontrolliert gar nichts.“ Diese Zustände sind uns in Deutschland doch nur teilweise bekannt; einen Vorgeschmack davon gibt uns aber ein Teil unserer Presse: ich habe zwei liebe Freunde, von denen der eine nur das Berliner Tageblatt, der zweite nur die Frankfurter Zeitung liest, beide Blätter für den Reichtum ihrer Information mit Recht berühmt — und immer von neuem habe ich Gelegenheit zu staunen, was alles meine Freunde n i c h t wissen, so klug und so systematisch wird auf allen Gebieten — Politik, Finanz, Geschäft, Kunst, Literatur, 59 DEMOKRATIE Theater, Wissenschaft — das „Totschweigen“ betrieben; man denke nur daran, daß z. B. die „Frankfurter Zeitung“ einen Teil des Briefes Hindenburgs an den Reichskanzler unterdrückte! In Deutschland fruchtete das wenig, weil wir noch Freiheit genießen und andere Zeitungen die verlangte „Verbesserung“ unterließen; in einem durch-demokratisierten Lande, wie Frankreich, wäre der Zweck erreicht worden, denn gegen diese organisierte Tyrannei, welche „Demokratie“ heißt, kommt keine Gewalt auf. Und wer glaubt denn im Ernst, daß steinreiche Organe der Hochfinanz — wie die beiden genannten deutschen Blätter — aus wirklicher Liebe zum deutschen Volke und aus Liebe zu wahrer Freiheit die demokratische Regierungsform fordern? Genau dieselbe Versklavung wie in Frankreich soll ins Werk gesetzt werden: erst das Volk betören, dann es ausbeuten — alles zu Ehren Gott Mammons. Ein tüchtiger Anfang ist ja schon gemacht; die bloße Verbreitung solcher, der internationalen Finanz dienenden Zeitungen beweist es, sowie ihr verhängnisvoll großer Einfluß, vor dem, bis hoch in Regierungskreise hinauf, mancher redliche deutsche Mann zittert und — wenn notgedrungen — zu Kreuz kriecht. Die Gefahr erblicken, heißt schon, sie halb überwinden: Freiheitsdrang, Deutschbewußtsein und — zur vorläufigen Säuberung — starke Empörung müssen das übrige tun. Möge Delaisis Schilderung manchem Schlummernden die Augen aufreißen! Vor Schluß seiner Schrift kommt der Franzose noch auf das zurück, was den französischen Staat — trotz der Herrschaft demokratischer Korruption und demokratischen Verrats — an den Interessen der Nation — noch zusammenhält: es ist das redliche Beamtentum und jenes letzte Erbe aus der Zeit des Königtums — der „conseil d'Etat“. Als Sozialist ist er natürlich ein erklärter Gegner dieser Einrichtungen 60 DEMOKRATIE in ihrer jetzigen Gestalt, doch als redlicher Mann, der parteipolitische Schlagworte verachtet, erkennt er ihre großen Eigenschaften an und erkennt namentlich den Sitz ihrer Kraft in der Tatsache, daß diese Männer ehrlich, unselbstsüchtig und fachmännisch tüchtig sind. Seine Hoffnung für die Zukunft beruht einzig und allein auf Verständigungen und Organisationen, die außerhalb der demokratischen Regierung und ihrer unfähigen Volksvertretungen ins Leben gerufen werden — wozu jetzt schon der Anfang gemacht ist. „D e n P a r l a m e n t a r i s m u s“, schreibt er, „k a n n m a n s c h o n h e u t e a l s t o t b e t r a c h t e n. Damit will ich nicht sagen, daß die Abstimmerei bald aufhören wird. Die Wissenschaft lehrt uns, daß manche Organe, die keinem Zweck mehr dienen und manchmal sogar Gefahren mit sich bringen, nichtsdestoweniger vom Körper weiter geschleppt werden. Es kann sein, daß der Parlamentarismus noch lange lebt, ruht er doch auf zwei unvergänglichen Tatsachen des Menschengemütes: der Faulheit und der Unwissenheit. Schon jetzt aber geschieht alles, was für das Leben der Nation Wert hat, sowohl im Guten wie im Üblen, außerhalb seiner.“ Als willkommene Ergänzung zu Delaisi möchte ich ein zweites kleines Buch warm empfehlen, das der Akademiker Emile Faguet nicht lange vor dem Kriege unter dem Titel „Le Culte de l'Incompétence“ herausgegeben hat — was wir etwa übersetzen können: die Anbetung der Unzulänglichkeit, oder die Religion der Unfähigen. Der gelehrte Verfasser, wenngleich Republikaner, wird wohl persönlich bedeutend weiter „rechts“ stehen, als der extreme Sozialist; hier aber abstrahiert er von seinen subjektiven Neigungen und, indem er einen Blick auf Napoleon, Montesquieu, Macchiavelli, Aristoteles zurückwirft, stellt er sich die rein wissen- 61 DEMOKRATIE schaftliche Frage: welches ist der fundamentale Grundsatz unserer heutigen Demokraten und ihres allgemeinen Wahlrechts? Er antwortet: „Es bedurfte keiner großen Studien, um mich zu überzeugen, daß dies die A n b e t u n g d e r U n z u l ä n g l i c h k e i t sei.“ Das Unzulängliche durchdringt den gesamten Staatsorganismus von unten nach oben, so das man die Formel des Grundsatzes auch verneinend fassen kann: „Demokratisch ist eine Regierung, in welcher Verdienst keine Anerkennung findet.“ Der Jüngling, der nichts weiß, noch nichts erfahren hat, dem man im praktischen Leben nicht das kleinste Amt anvertrauen würde, nimmt schon durch seinen Wahlzettel an der Gesetzgebung des Landes teil, durch welche das Schicksal eines Volkes auf Jahrhunderte hinaus bestimmt wird; er — der Gute — weiß weder woher diese Dinge kommen, noch wohin sie gehen, die Tragweite eines Gesetzes zu beurteilen, ist er vollkommen unfähig; er versucht es auch gar nicht; vielmehr, wird er durch ganz andere Beweggründe bestimmt: kurz, seine Unzulänglichkeit ist vollkommen und darum ist er nach dem Grundsatz dieser Regierungsform der ideale Wähler. Soweit es geht, erwählt er auch den idealen Volksvertreter — nämlich den „Politiker von Fach“. Und was ist das für ein Mensch? „Rein persönliche Überzeugungen hat er gar keine, seine Bildung ist sehr unvollkommen, er teilt die verbreiteten Meinungen und die Leidenschaften der großen Menge und hat schließlich keinen anderen Beruf und Zeitvertreib als Politik zu machen; wird ihm die politische Laufbahn versperrt, so stirbt er Hungers. Das ist genau der Volksvertreter, den die Demokratie braucht.“ Der Arme hat übrigens durchaus keine Sinekure; denn er hängt von seinen Wählern ab, denen er tausend Dienste zu leisten hat und muß sich auch in der Kammer bemerkbar machen, wo immerfort Dinge 62 DEMOKRATIE verhandelt werden, von denen er nichts versteht. „Dieses Mädchen für alles ist derartig überbeschäftigt, daß es nichts gründlich anpacken kann. Das Kammermitglied kann nichts studieren, über nichts nachdenken, in nichts sich vertiefen, ja — wenn ich die reine Wahrheit sagen darf — er ist unfähig überhaupt, irgend etwas zu wissen. Vielleicht hat er Kenntnisse und Fähigkeiten besessen, als er zuerst ins politische Leben eintrat; wenige Jahre genügen und sie sind alle wie weggeblasen: die geforderte Inkompetenz ist erreicht. Von dem Augenblick an, entleert aller eigenen Persönlichkeit, ist er nichts weiter als Politiker, d. h. als ein Mann, der den sogenannten Volkswillen vertritt und an nichts anderes mehr denken kann.“ Besonders interessant ist die Schilderung der Art, wie ein Minister entsteht. Faguet sagt: „Es handelt sich hier um zwiefache Unzulänglichkeit.“ Denn hier steht ein Mann den bedeutendsten Interessen des Landes vor und besitzt dazu weder die Kenntnisse noch die Erfahrung. So waren z. B. die letzten drei Kriegsminister in Frankreich: ein Tierarzt, ein Börsenmakler, ein Rechtsanwalt. Keiner von ihnen hat die Muße, sich in die ihm gänzlich unbekannten Geschäfte einzuarbeiten und so walten sie denn mit alleiniger Berücksichtigung der politischen Parteiinteressen, mit Außerachtlassung jeder sachlichen Rücksicht. Hier legt Faguet den Finger auf die unheilbare Wunde, nämlich auf die immer und überall ausschlaggebende Bedeutung rein p o l i t i s c h e r Rücksichten. Die Kammer enthält vielleicht einen höchst hervorragenden Fachmann auf dem Gebiete der Heeresorganisation: in das Kabinett kann er nicht aufgenommen werden, weil er keiner der das Ministerium unterstützenden Gruppen angehört. In allem geht das Interesse der politischen Partei voran; in allem steht das Interesse der Nation hintenan. Weit und 63 DEMOKRATIE breit wirkt dieses System, über die Grenzen der Kammer hinaus, über das ganze Land. Denn überall wird gefragt: nicht, was kannst du?, sondern, welcher Partei gehörst du an? „Homer spricht, wen Zeus zum Sklaven machte, dem raubte er die H ä l f t e seiner Seele. Demos aber, indem er den Menschen zum politischen Menschen machte, hat ihm die g a n z e Seele geraubt.“ Wie man sieht, schreibt Faguet als Gelehrter und als Weiser und von einer gewissen ironisierenden Höhe herab; nichtsdestoweniger bringt er eine ganze Reihe ergänzender Tatsachen zu jenen Delaisis und zwar ausführlich belegt. Als Beispiel führe ich das Gesetz vom Jahre 1905 an, betreffend die Friedensrichter. Diese französischen Friedensrichter bildeten in meiner Kindheit eine hochangesehene Körperschaft, die das allgemeine Vertrauen genoß; es waren vielleicht keine großen Juristen, dafür aber erfahrene, zuverlässige Männer, von der Justizverwaltung mit besonderer Berücksichtigung ihres Charakters ausgesucht. Ich hatte persönlich wiederholt Gelegenheit, sie am Werke zu sehen und weiß, wie viel Gutes sie schufen. Mit einem Schlag ist das durch ein Gesetz des Jahres 1905 verändert worden: es genügt, Dorf-Bürgermeister oder dessen Stellvertreter gewesen zu sein, um Anspruch auf das Amt eines Friedensrichters zu haben. Die meisten dieser Leute können in Frankreich kaum lesen und schreiben; gefordert wird von ihnen nur, daß sie die Fähigkeit besitzen, ihren Namen zu unterzeichnen — alles Sonstige pflegt der Dorfschullehrer zu besorgen. Es bedarf keiner Versicherung, daß diese Männer von Recht und Gesetz nicht das Geringste wissen. Außerdem — da sie meistens Bürgermeister bleiben und immer politische Wahlagenten sind — so läßt sich denken, mit welcher Art von Unparteilichkeit sie ihres Amtes walten. 64 DEMOKRATIE Faguet sagt: „Da diese Männer von allen auffindbaren die unfähigsten sind zu diesem Amte, kam es ihnen nach dem demokratischen Grundsatz zu; mit Recht hat man es ihnen gegeben.“ Vier Jahre darauf klagt der Justizminister in der Kammer über die entsetzliche Unordnung, die durch das neue Gesetz schon entstanden war: jetzt wolle Jeder Friedensrichter werden und die Deputierten bestürmten ihn ohne Unterlaß im Interesse ihrer Parteigänger; für 180 zu vergebende Richterstellen lägen 9000 Bewerbungen vor, von denen 5500 „politisch“ unterstützt seien. Der Minister las bei dieser Gelegenheit die Eingabe eines Staatsanwaltes vor, der über die eingerissenen Rechtszustände bitter klagt und sagt: „Alle diese Leute halten es für selbstverständlich, daß Verdienste bei den Wahlen, wenn die Betreffenden sonst auch nicht die geringste Eignung besitzen, genügen müssen, ihnen das Amt eines Friedensrichters zu sichern.“ Worauf Faguet ausruft: „Herr Staatsanwalt, Sie sind ein schlechter Demokrat! Das gerade bildet den Geist dieser Regierungsart, daß auf Befähigung nicht gesehen wird — es sei denn, um sich zu vergewissern, daß sie nicht vorhanden ist. Verlangt man denn vom Wähler irgend die geringste Befähigung in bezug auf Gesetzgebung und Regierungskunst?“ Aus den zwei so verschiedenen Büchern von Delaisi und Faguet — die ich um ein Dutzend weitere ergänzen könnte — lernen wir einsehen, daß die Grundformel einer demokratischen Regierung lautet: „Freie Bahn allen Untüchtigen!“ Von selbst ergibt sich die Ergänzung: „Herunter mit allen Tüchtigen!“ Das gilt nicht für Frankreich allein, sondern für jedes Land, in welchem demokratische Grundsätze die Oberhand gewinnen. Zuletzt fügt sich Jeder stumm darein und glaubt einem Naturgesetz zu gehorchen. Ich schlage z. B. die vortreffliche Geschichte der Vereinigten Staaten 65 DEMOKRATIE von Goldwin Smith auf; an der betreffenden Stelle ist von Henry Clay die Rede, eine große Hoffnung Amerikas in den vierziger Jahren, ein Mann, der infolge seiner seltenen Begabung und seiner alle Herzen gewinnenden Persönlichkeit vielleicht einzig fähig gewesen wäre, die schon damals heraufziehende Gefahr des Bürgerkrieges beizeiten abzuwenden; er genoß allgemeine Beliebtheit und hatte seinem Vaterland bereits manchen bedeutenden Dienst geleistet; die ganze Nation wartete voll Hoffnung auf seine baldige Präsidentenschaft. Bei zwei aufeinanderfolgenden Präsidentenwahlen bekamen jedoch die politischen Drahtzieher im letzten Augenblick Angst vor einer so machtvollen Persönlichkeit und verstanden es, eine Nullität einzuschieben und ihr durch den Sklavengehorsam der Wähler den Sieg zu verschaffen. Clay verschwand aus dem öffentlichen Leben. Smith geht nun über diese, für die ganze fernere Geschichte des Volkes so tief beklagenswerte und in ihrem Zusammenhange so empörende Tatsache, mit folgendem Satze hinweg: „Ohne Frage, man hat in diesem Falle die Mittelmäßigkeit der hervorragenden Begabung vorgezogen; doch ist dies das Gesetz aller Demokratien.“ Wohnt nicht diesem Worte — das der Verfasser ohne alle tiefere Absicht, als eine Selbstverständlichkeit fallen läßt — die Bedeutung eines tragisch-ernsten Mahnrufes inne? Denn selbst wenn das, was wir in Frankreich und in den Vereinigten Staaten erlebten, nicht überall zuträfe — daß nämlich die Vampyre der Finanz sowie aller materiellen Ausbeutung und moralischer Verrottung diese Regierung der Unfähigen zu ihren Zwecken gebrauchen und damit das Volk unfehlbar zugrunde richten — so liegt es doch auf der Hand, daß eine Staats- und Regierungsform, die überall das Mittelmäßige bevorzugt und das Tüchtige zurückstellt, die denkbar rückständigste Lösung des schwierigen politischen 66 DEMOKRATIE Problems sein muß, einzig geeignet, uns nach und nach in die Barbarei zurückzudrängen. Der oben empfohlene Historiker Bryce bezeugt ausdrücklich: „Die besten Männer der Vereinigten Staaten lassen sich auf Politik nicht ein, denn sie gelangen doch weder zu Amt noch Einfluß;“ und er widmet ein ganzes Kapitel der Frage: „Warum wir in den Vereinigten Staaten niemals bedeutende Männer zu Präsidenten wählen.“ Wer dieses Kapitel liest, dem wird ein Licht darüber aufgehen, warum der Ochsenhirt Roosevelt und der als beschränkt und langweilig bekannte Professor Wilson für würdig gehalten wurden, als ungekrönte Könige — von den drahtziehenden Finanzleuten klug geleitet — den Geschicken des Landes vorzustehen! Auch eine andere Erscheinung der Demokratie, die eng mit der zuletzt besprochenen zusammenhängt, darf nicht unerwähnt bleiben: wo rein demokratische Grundsätze sich durchgesetzt haben, hört jeder Fortschritt auf und stockt zuletzt das Staatsleben. Hasbach lehrt uns, hierüber exakte Beobachtungen anzustellen, indem wir die verschiedenen Verfassungen der verschiedenen Kantone der Schweiz am Werke beobachten. Überall, wo ein Überbleibsel aristokratischer Einrichtungen sich erhalten hat — und sei es auch nur aus alter, unentwurzelbarer Sitte — da herrscht regeres Leben, Fortschritt, Armenfürsorge usw.; je vollendeter demokratisch ein Kanton seine Einrichtungen gestaltet hat, um so rückständiger zeigt er sich im ganzen staatlichen Leben. Dort z. B., wo neue Gesetze, nach ihrer Annahme durch die betreffende Vertretung, dem Volke zur Bestätigung vorgelegt werden müssen, werden sie von diesem fast immer kurzweg verworfen; zwar ist es der von ihnen selbst erwählte Kantonsrat, der die Gesetze nach eingehenden Studien und Beratungen beschlossen hat; doch das macht den Wählern wenig Eindruck; 67 DEMOKRATIE die Biederen begreifen nicht, was die Neuerungen sollen und lehnen grundsätzlich jede Mehrausgabe ab. Das Beispiel eines Kantons wird gegeben, wo die dringend notwendigsten Beschlüsse alle dem gleichen Schicksal verfallen: Schulgesetz, Lehrlingsschutzgesetz, Gesetz betreffs Verbesserung des Bankwesens, Gesetz zur Förderung der Viehzucht, Eisenbahnbauten — alle einstimmig, oder mit erdrückender Majorität vom Rate angenommen — alle werden, wie der Schweizer sagt: „bachab geschickt“ (S. 139). Übrigens sind es nicht nur einzelne Kantönli, die auf diese Weise die Beschlüsse ihrer eigenen Vertreter verneinen, vielmehr hat auch das gesamte schweizer Volk eine ganze Reihe wichtigster Gesetze — das Unterrichtswesen, die Justiz usw. betreffend — nach abgeschlossener Arbeit verworfen. Man findet eine Liste in dem vortrefflichen Buche „Popular Government“ des englischen Rechtsgelehrten Maine, 1909, S. 96. Maine erzählt von der „bittern Enttäuschung“ der verdienten Schweizer Männer, deren jahrelange Arbeit durch diese Unvernunft zerstört wird und fügt hinzu: „Eine gewisse politische Schule ist der Überzeugung verpflichtet, daß, sobald die Demokratie jeden Widerstand besiegt hat, diese Regierungsform dann sich als eine echt fortschrittliche bewährt; es gibt keine größere Täuschung. Weder Erfahrung noch Theorie bieten die geringste Stütze für eine solche Auffassung. Alles was England berühmt und groß gemacht hat, war das Werk von Minderheiten, bisweilen sogar von sehr kleinen. Hätten wir etwa schon seit vier Jahrhunderten ein bedeutend erweitertes Wahlrecht (wie heute) besessen, nie hätten wir die Reformation durchgeführt, noch die Stuart-Dynastie verjagt, noch religiöse Toleranz gewonnen, ja nicht einmal die Kalenderreform. Ein demokratisches Parlament hätte die Dreschmaschine, den mechanischen Webstuhl, die Spinnmaschine, höchst wahrscheinlich 68 DEMOKRATIE auch die Lokomotive verboten. Wir dürfen sagen, das allmähliche Eindringen der Massen in die regierende Gewalt ist von schwärzester Vorbedeutung für alle Gesetzgebung, welche wissenschaftliche Kenntnisse und Anspannung des Geistes beim Entwerfen, sowie persönliche Verzichtleistung in der Anwendung fordert.“ Also urteilt ein durchaus freier, politisch erfahrener Engländer über die politische Weisheit der Masse, sobald sie unbehindert — d. h. rein demokratisch — zu Worte kommt. Ist nun die Demokratie nicht der Staat des Fortschrittes, so ist sie ebenso wenig der Staat der Freiheit und der Gleichheit; vielmehr ist sie recht eigentlich unter allen möglichen Staatsformen, die der Unfreiheit und der Ungleichheit. Der Unfreiheit schon deswegen, weil unter den verschiedenen Arten der Tyrannei — die den meisten Regierungsformen nahe liegen — die bleiern schwerste die Tyrannei einer Mehrzahl ist. Von Plato und Aristoteles an bis zum heutigen Tage hat jeder Denker in dieser Beziehung das gleiche Urteil gefällt. Gegen jegliche andere Tyrannei ist Auflehnung möglich; im schlimmsten Falle befreit Dolch oder Revolver ein unterdrücktes Volk; hier aber findet die Unterdrückung durch eine anonyme, unfaßbare Masse, die sich als angeblichen „Volkswillen“ gibt, und die Drahtzieher stehen verborgen dahinter. Wie kann man von Freiheit reden, dort, wo das Verdienst dem Unverdienst gleichgestellt wird? Das freie Tun des Einzelnen können Beamte und Richter nur schützen, wenn sie unabhängig und stark dastehen; wo sie aber von dem Volke gewählt oder von Parteipolitikern ernannt und entlassen werden, verlieren sie die Fähigkeit, dem Recht zu dienen: wir sahen das in den Vereinigten Staaten. Daß in den Demokratien die Gleichheit nicht erreicht wird — vielmehr eine Ungleichheit, so schreiend wie sonst nirgends, 69 DEMOKRATIE das zeigt uns Frankreich, wo eine Handvoll reicher Männer das Land nach Belieben regiert, das zeigt uns Amerika, wo die Vermögen immer ungeheurer werden und de Multimillionäre über allem Gesetze stehen. Als vor einigen Jahren über Rockefeller eine Strafe von 20 000 000 Dollar wegen Gesetzesübertretung verhängt worden war, verdiente er hieran innerhalb acht Tagen, durch Sinken der Petroleum-Anteilscheine, die er billig aufkaufte, über hundert Millionen. Ich empfehle den Anhängern des französischen Revolutionsideals das Buch des englischen Juristen Stephens „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, in welchem dieser Gelehrte überzeugend nachweist, daß wo Freiheit wirklich besteht, Gleichheit eo ipso ausgeschlossen ist, wo aber Gleichheit besteht, dies nur auf Kosten der Freiheit ermöglicht werden kann. Buchstäbliche Gleichheit kommt nur unter einem Despoten vor; in den türkischen Ländern, die ich vor dreißig Jahren bereiste, lernte ich zum ersten und einzigen Male wirkliche Gleichheit kennen: keine großen Vermögen und kein einziger Fall absoluter Armut; alle Menschen untereinander wie Brüder. Was die Demokratie leistet, ist also folgendes: auf Kosten der Freiheit schafft sie Gleichheit, und aus dieser gewaltsam hergestellten Gleichheit erhebt sich auf dunklen Schleichwegen eine weit ärgere Ungleichheit, als sie unter irgendeiner anderen Regierungsform besteht. In Wirklichkeit handelt es sich bei Freiheit und Gleichheit — wie wir aus dem ersten Teil dieses Aufsatzes wissen — um ganz andere Dinge, um Fragen der inneren geistigen Kultur und des Ausreifens zum „Menschen“ im Sinne der deutschen Denker. Kein politisches System vermag es, Freiheit zu schenken; ein starker, organisch aufgebauter Staat, in welchem es ein Oben und ein Unten und eine reiche Mannigfaltigkeit sich gegenseitig bedingender — nicht be- 70 DEMOKRATIE kämpfender, sondern gegenseitig sich unterstützender — Teile gibt, schafft die Bedingungen für wahre Freiheit und für wahre Gleichheit. Rechte ohne Verantwortung (wie das allgemeine Wahlrecht sie schenkt) untergraben die sittliche Voraussetzung alles gemeinschaftlichen Lebens; und — wie der berühmte englische Staatsrechtslehrer Seeley bemerkt —: „Eine Monarchie ohne Verantwortung ist ein Ding der Unmöglichkeit, dagegen ist eine verantwortungslose Oligarchie, und in noch höherem Grade eine verantwortungslose Demokratie, nicht nur möglich, sondern die Regel“ („Political Science“, 8. Vortrag). Hier wird es nun nötig, den Stier bei den Hörnern zu packen, indem wir es klipp und klar aussprechen: der P a r l a m e n t a r i s m u s selbst ist das Grundübel unserer Zeit. Wissenschaftlich betrachtet ist er ein Ungeheuer: allen wissenschaftlichen Erfordernissen — der genauen Sachkenntnis, der leidenschaftslosen Erwägung, der streng folgerechten Methodik usw. — schlägt er ins Gesicht; völkisch betrachtet, ist er ein Wahnsinn: kein Mensch auf Erden besitzt ein „Recht“ auf Wahlzettel, und kein Mensch auf Erden wird um ein Tüttelchen besser, weiser, glücklicher dadurch, daß ihm dieses Recht verliehen wird. Die umfassendste Intelligenz, die je gelebt hat, Goethe, urteilte: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt... Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel.“ Ebenso urteilt jeder Mensch auf der ganzen Erde, dem man den Kopf nicht durch Phrasen verdreht und nicht durch grausige Suggestion — wie die französische Revolution sie ausübte — um seinen Verstand gebracht hat. Man rede nicht von England! Das englische Parlament hatte nicht und nie — hat auch heute nicht — irgendeine Ähnlichkeit mit 71 DEMOKRATIE den aus den französischen Revolutionsidealen hervorgegangenen Parlamenten — zu denen das deutsche gehört. Das englische Parlament war (wie schon bemerkt) immer eine Aristokratie und ist es auch heute noch; und was die berühmten „zwei Parteien“ betrifft, so sind es gar keine Parteien in dem Sinne Frankreichs und Deutschlands, vielmehr handelt es sich lediglich um eine — nach sportsmäßiger Analogie zu denkende — Organisierung der zum Regierungswerk bereiten und dazu aus Tradition oder aus Ehrgeiz bestimmten Männer in zwei Gruppen, damit das Hin und Her eines jeden Spiels entstehe und alle Spieler die Gelegenheit bekommen, sich einmal auf dieser und einmal auf jener Seite zu betätigen, und immer wieder nach angemessener Pause die Wonne der Gewalt (power) zu kosten. Im Grunde wollen beide Parteien genau das Selbe; nirgends trennt sie ein entscheidender Grundsatz; darum finden auch Übergänge aus einer Partei in die andere nach praktischen Rücksichten ohne weiteres statt: so gehörte z. B. Gladstone zu der konservativen Partei, ehe er Führer der Liberalen wurde, wohingegen Disraeli die liberale Partei, der er anfänglich angehört hatte, verließ, weil sie zu viele Männer von Bedeutung enthielt, während dem „Gegenspiel“ ein Mann von seiner Begabung fehlte. Auch in den Vereinigten Staaten lebt diese Tradition weiter, und kein Amerikaner kann einen andern Grund dafür angeben, daß er dem Rufe „Republikaner“ oder „Demokrat“ gehorcht, als weil diese oder jene seine „Freunde“ sind, d. h. die Männer, von denen er Beförderung oder Protektion zu erwarten hat. Unter solchen Bedingungen ist eine parlamentarische Regierung möglich; unmöglich ist sie dort, wo Parteibildung im Sinne Deutschlands und Frankreichs besteht, wo Religionen und Fragen, die die Grundlagen des Staates betreffen, die Volksvertreter von einander trennen; hier wird 72 DEMOKRATIE der Parlamentarismus zu einem Unding: er vereitelt jede folgerechte Regierungskunst und führt zu einer zunehmenden Vergiftung des ganzen öffentlichen Lebens. Ein Reich, das eine Zentrumspartei und eine Sozialistenpartei enthält, kann nicht nach englischem Muster parlamentarisch regiert werden: das ist klar wie die Sonne am Himmel. Deutschland — zu hohen Dingen befähigt und berufen — ist heute auf Irrwege geraten und zu einem Sklaven des Revolutionsideals herabgesunken; und doch ist dieses Ideal, vor dem sich fast alle verneigen, so grundfalsch, so unglaublich albern, daß künftige Geschlechter nicht begreifen werden, wie es möglich war, selbst die Vernünftigen unter uns so lange zu narren. Herbert Spencer, der in dieser Flugschrift wiederholt genannte englische Denker, in politischer und religiöser Beziehung ein unbegrenzt freisinniger Geist, urteilt am Schlusse seines Lebens: „Der verhängnisvollste Aberglaube unserer Gegenwart ist der Wahn von dem Gottesgnadentum der Volksvertretungen.“ Es liegt doch auf der Hand, daß der Demos, das Volk, nur in sehr kleinen Staaten tatsächlich regieren konnte, wie in Athen und dem frühen Rom. Aristoteles lehrt: ein Staat könne nicht 100 000 Menschen umfassen und noch „Staat“ heißen. Jeder weiß aber, was auch dort der Demos geleistet hat: alle Größe Athens — politisch, wissenschaftlich, künstlerisch — ward unter der fördernden Herrschaft Einzelner erzielt, alle Engherzigkeit, alle Irrnis, der schnelle Niedergang des Staates ist das Werk des Volkes, das aus gutgemeintem, törichtem Idealismus zu Mitwirkung und Entscheidung in Fragen berufen wurde, für die es keine Zuständigkeit besaß, noch je besitzen wird. Wer darüber Genaueres erfahren will, der greife zu Julius Schvarcz' mehrbändigem „Die Demokratie“ (1877—1898) oder zu Croi- 73 DEMOKRATIE set's „Les Démocraties antiques“; auch der erste Band von Burckhardts „Griechischer Kulturgeschichte“ belehrt reichlich über das Chaotische, das aus den demokratischen Verfassungen sich ergab. Dazu kommt aber eine entscheidend wichtige Erwägung: in Athen wie im alten Rom, und wie noch heute im Referendum der Schweiz, beteiligte sich das Volk in corpore an den politischen Handlungen; das ist in großen Staaten unmöglich; und so entstand die moderne Erfindung der angeblichen „Volksvertretung“, von der das glückliche Altertum nichts gewußt hat. Das regierende „Volk“ ist bei uns nicht das Volk, sondern eine Gruppe von Herren X‚ Y und Z, die von dem „Volke“ zu seinen „Vertretern“ auserwählt worden sind. Nun läßt sich freilich vorstellen, daß in manchen sein Dasein unmittelbar betreffenden Fragen das Volk in seiner Gesamtheit ein — wenn auch nicht weitblickendes und fein erwägendes — doch sachkundiges, kluges Urteil besitzen mag; die Abstimmung eines ganzen Volkes, Mann für Mann, in einer Frage, die Jeden betrifft und die Jeder versteht, wird oftmals ebenso überwältigend richtig ausfallen, wie die stille Abstimmung des deutschen Volkes bei Ausbruch des Krieges, der uns umgibt. Daß aber die allgemeine Menge zu jenem allerschwierigsten Werke — zu der Beurteilung des Charakters und der Begabung und des Urteilsvermögens einzelner Männer, zu der feinen vergleichenden Psychologie befähigt sein sollte, die die Wahl eines „Vertreters“ voraussetzt, ist eine geradezu haarsträubende Annahme. Darum führt Demokratie notwendig zu Demagogie; die beiden Worte sind in der Praxis sinnverwandt. Es läßt sich mit wissenschaftlicher Bestimmtheit vorausberechnen, daß, bei allgemeinem Wahlrecht, auf einen sachkundigen und innerlich redlichen Vaterlandsfreund fünf Schwätzer und ebensoviele Geschäftspolitiker wer- 74 DEMOKRATIE den gewählt werden. Schon die Tatsache, daß die Wählerstimmen durch R e d e n gewonnen werden müssen, deutet auf bedenklichste Verirrung des Urteils. Swift — einer der scharfsinnigsten Menschen — stellt auf Grund lebenslanger Beobachtung fest, daß — von vereinzelten genialen Begabungen abgesehen — die sogenannte Redegabe stets auf engen Ideenkreis, gepaart mit Armut des Sprachschatzes, schließen läßt. Aristophanes hat Worte für die erfolgreichen Volksredner seiner Zeit, die hier nicht wiederholt werden können. Das sind die Leute, die jetzt unsere Parlamente bevölkern! Die Wissenschaft weiß von einer „Auslese der Tüchtigsten“; wir betreiben die Auslese der Enghirnigen und Hohlredenden. Während die allertüchtigsten Männer des ganzen Volkes — die weisesten und stärksten, darum auch oft die schweigsamsten — gerade gut genug wären, das Staatsschiff zu steuern, suchen wir uns die Schnattermäuler dazu aus. Das Wort „Parla — ment“ bedeutet ja auf Deutsch „Schwatzbude“. Wenn es möglich wäre, die Kraftmenge, die jährlich in unserem Erdteil auf politische Reden verschwendet wird, zu sammeln, sie würde genügen, sämtliche elektrischen Anlagen Europas dauernd in Gang zu halten. Und diese stundenlang währenden Parlamentsergüsse wirken auf weite Schichten verheerend, denn sie werden durch Kurzschrift festgehalten, als redeten die Götter, und gedruckt, als wären sie wert, gelesen zu werden; und nun sitzen Tausende, denen weitere Ausbildung des Verstandes und Erhebung der Seele so not täte, und verlieren jede freie Stunde an diesen öden Lesestoff. Damit ist aber nicht entfernt genug über den Parlamentarismus als Regierungsorgan gesagt; vielmehr kommen weitere Erwägungen in Betracht, die noch nachdenklicher stimmen müssen, da sie unabänderliche Grundtatsachen des 75 DEMOKRATIE menschlichen Gemütes betreffen. Zur Not könnte man sich von einem sehr gebildeten Volk — sagen wir dem künftigen deutschen — vorstellen, es käme einmal so weit, sich nicht durch Worte und Programme nasführen zu lassen, sondern es würde in der Mehrzahl wirklich tüchtige, dem Staatswohl ergebene Abgeordnete wählen. Das geschieht — wie der Bauer sagt — in der Woche mit den vier Sonntagen; doch gleichviel, setzen wir es voraus. Wir können es um so eher, als die verschiedenen deutschen „Dinge“ der Gegenwart gottlob noch lange nicht durchdemokratisiert sind und infolgedessen eine achtungswerte Summe von Talent und gutem Willen aufweisen. Zwei Unüberwindlichkeiten haften nichts destoweniger jedem Parlament an und wäre es aus der Auslese des Volkes zusammengesetzt: die Ma j o r i t ä t und die M a s s e n p s y c h o s e. Ich wünschte, jeder Deutsche wäre gesetzlich verpflichtet, Goethes unsterbliches Urteil auswendig zu lernen: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Wo, in der gesamten Weltgeschichte, hat man gesehen, daß das bessere Urteil, die weisere Vorsicht bei der Mehrzahl zu finden gewesen wäre? Dieses heute von allen Menschen als unbestreitbares Dogma angenommene politische System halte ich für die roheste Lösung des verwickelten, schwierigen politischen Problems, die jemals versucht wurde: bei jeglicher anderen Regierungsform besteht wenigstens die Möglichkeit, wenn nicht gar die Wahrscheinlichkeit, daß öfters klug und manchmal hervorragend regiert wird, bei dem System des allgemeinen und gleichen Wahlrechts mit parlamentarischen Majoritätsbeschlüssen ist es 76 DEMOKRATIE mathematisch sicher, daß — im besten Falle — so schlecht regiert wird, wie gerade noch möglich, wenn die ganze Staatsmaschine nicht auseinanderstieben soll. Was bedeutet die Lobpreisung Schillers, wenn wir auf des großen Mannes Wort nicht hören: Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat m u ß u n t e r g e h n, früh oder spät, Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. In Deutschland merkt man das noch nicht mit aller Deutlichkeit, weil die parlamentarische Regierung noch wohltätigen Beschränkungen unterliegt: der Bundesrat zum Teil ähnlich wirkt wie in Frankreich der Conseil d'Etat, und der Reichskanzler nur dem Kaiser verantwortlich ist; ähnlich lagen schon die Verhältnisse beim alten Bundesreichstag, sonst gäbe es schon längst kein Deutschland mehr — die Volksvertreter haben getan was sie konnten, es durch Unverstand zu vernichten, der König und seine Minister haben das Reich geschaffen; und ebenso ist seit dem Jahre 1870 alles Größte, was Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute ist, im unaufhörlichen Kampfe gegen die Volksvertretung — und zwar arg verstümmelt — gewonnen worden. Auch in England hält eine große aristokratische Tradition und namentlich die diktatorische Gewalt des geheimen Komitees der kleinen regierenden Gruppe die Katastrophe noch ab. Sonst aber braucht man nur um sich zu blicken, wie wir es oben taten, um zu sehen, wohin wir alle auf diesem Wege geraten, und um sich betrübt zu fragen, welcher Teufelsgeist den Deutschen eine Binde vor die Augen hält, daß sie blind ins Verderben laufen. Mau wettert gegen Ausländerei und hält es für Vaterlandsverrat, wenn Männer ihre Beinkleider aus London und Frauen ihre Hüte aus Paris kommen lassen: die verderblichste Aus- 77 DEMOKRATIE länderei ist aber der Glaube an die unanfechtbare Würde und die ausschlaggebende Bedeutung der aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretungen: an der aus Frankreich eingeführten, jedem echt deutschen Empfinden zuwiderlaufenden Demokratie wird Deutschland noch zu Grunde gehen, wenn nicht beizeiten die nötige Aufklärung Platz greift und durch diese bewirkt eine vollkommene Umwandlung in der öffentlichen Meinung. Jetzt aber noch die Bemerkung betreffend die besondere Geistesverfassung und Geisteserkrankung — von der Wissenschaft „Massenpsychose“ genannt — aller lange gemeinschaftlich tagenden zahlreichen Versammlungen. Sie bildet darum von allen Bemerkungen die wichtigste, weil sie auf jedes Parlament sich bezieht, gleichviel, ob dieses aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht oder aus einem anderen: sie ist schon öfters in einer oder der anderen Form laut geworden, doch unterliegen die Menschen zeitweise, wie der Erblindung, so auch der Vertaubung. Gustave le Bon, der bekannte Sozialpolitiker und Naturforscher, staunte, als er zum erstenmal die Geschichte der französischen Revolution aufmerksam studierte, bei der Entdeckung, daß die Mitglieder der verschiedenen Revolutionsparlamente stets anders abstimmten, als sie gesprochen hatten und somit von Schritt zu Schritt Entscheidungen trafen, die ihren Überzeugungen widersprachen. „Les assemblées révolutionnaires votaient sans cesse des mesures contraires aux opinions de chacun de leurs membres.“ Manchmal freilich taten sie, was sie nicht wollten, was sie ausdrücklich für schlecht und verhängnisvoll erkannt hatten, einfach aus Feigheit, weil draußen die rohesten Elemente der Pariser Bevölkerung lärmten und drohten und sich ein Vergnügen daraus machten, umsichtige, „unverletzliche“ Vertreter an die Straßenlaternen aufzuhängen; 78 DEMOKRATIE doch gilt das durchaus nicht für alle Fälle; auch sonst besteht ein merkwürdiger Abstand zwischen den schriftlichen und mündlichen Äußerungen der Mitglieder und dem, wozu diese selben Mitglieder sich in der Gemeinsamkeit der Beratschlagung dann hinreißen lassen. Le Bon gelangt zu der Überzeugung, daß das, was er in einem anderen bekannten Werk als Massenseele (Psychologie des foules) untersucht hat, in allen solchen Versammlungen am Werke ist und das bedeutet: Herabsetzung der Besonnenheit des Einzelnen, Steigerung seiner Leidenschaftlichkeit, hypnotische Wirkung und infolgedessen Übergewicht brutaler Kraftnaturen über die feiner organisierten, klügeren Hirne. Parlamente wie die altenglischen, wie die früheren Etats généraux in Frankreich, wie noch heute der preußische Landtag, lassen diese Tatsache nicht so klar zu Tage treten, einerseits weil sehr starke Interessengruppen und tatsächliche Verhältnisse mehr als Parteien und politische Schlagworte vertreten sind, andrerseits weil ihr Machtbereich umschränkt ist; je „absoluter“ aber das Parlament wird, teils durch die Allgemeinheit des Wahlrechtes, teils durch die Ausdehnung seiner Befugnisse, teils durch die Erwählung völlig losgelöster Vertreter (wie Rechtsanwälte oder Berufspolitiker, die weder im Grundbesitz noch in irgendeinem Gewerbe oder Handwerk wurzeln), um so stärker tritt dieses psychologische Gesetz in die Erscheinung; es ist ein Naturgesetz und läßt sich darum auf keine Weise umgehen. Sperren wir 400 tüchtige Männer in einen Saal ein mit der Aufgabe, Gelder zu bewilligen, Gesetze zu beratschlagen, auswärtige Politik zu beurteilen usw., so erlaubt uns die wissenschaftliche Beobachtung mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen: die durchschnittliche Urteilskraft dieser vierhundert wird bedeutend herabgesetzt und die Neigung zur Unbesonnenheit gesteigert sein; außerdem werden die weniger 79 DEMOKRATIE edlen Elemente — die weniger freidenkenden, die weniger zartfühlenden — die Oberhand gewinnen. Wer fleißig suchte, würde gewiß von allen Seiten Belege beibringen. Ich erinnere an Schillers Distichon: „Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig Sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus.“ Ein allerwertvollstes Zeugnis fiel mir vor kurzem in einem Brief Bismarcks an Motley auf, aus dem Jahre 1863; er spricht vom preußischen Abgeordnetenhaus und nennt die Mitglieder zuerst einfach „dumm“; sofort aber zieht er dieses ihm in der Leidenschaft entschlüpfte Wort zurück: „Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet regelrechte deutsche Universitätsbildung,“ und so gelangt er zu der Einsicht: „Sie werden kindisch, sobald sie in corpore zusammentreten; m a s s e n w e i s e d u m m, e i n z e l n v e r s t ä n d i g.“ Der deutsche Staatsmann urteilt also ohne vorgefaßte Theorie, aus praktischer Erfahrung buchstäblich genau ebenso wie der französische Psychologe aus dem Studium der Geschichte; mit beiden stimmt der große Dichter überein: das sollte doch genügen, jeden denkenden Menschen aufmerksam und nachdenklich zu stimmen! Noch einen vierten Kronzeugen rufe ich, um wiederum aus einem anderen menschlichen Gesichtswinkel ein Urteil zu hören. Honoré de Balzac, der gewaltige Dichter-Seher, dessen Bedeutung immer mehr zur Anerkennung gelangt, je zahlreichere unter seinen Zeitgenossen in dem Nebel der Vergessenheit versinken, schreibt (in „Les Paysans“) von der französischen Kammer seiner Zeit: „Neuf cent intelligences, si grandes quelles puissent être, se rapetissent en se faisant foule;“ die Verstandeskraft von neunhundert Männern, die, einzeln genommen, von großer Bedeutung 80 DEMOKRATIE sein mögen, schrumpft zusammen, sobald sie zu einer Massenversammlung vereint tagen. Kein Mensch auf der Welt ist fähig, die hier angeführten Tatsachen zu widerlegen; ewige Naturgesetze hören nicht auf zu wirken, weil man sie verkennt oder mißachtet oder verspottet, Hiermit ist aber die parlamentarische Regierungsform — insofern ein aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenes Parlament die ausschlaggebende politische Macht in einem Lande bilden soll — ein für allemal gerichtet. Alles, was wir darüber zu hören bekommen, ist Phrase. Unmöglich kann dieser Weg der Weg der Zukunft sein; wir müssen uns gewöhnen, die Abschaffung dieses Erbstückes der französischen Revolution als unvermeidlich zu betrachten und nach anderen Richtungen zu sehen. Ein Wahngedanke ist es, daß die falsche Richtung uns als unabweisbare Notwendigkeit — als „Forderung der Zeit“ — aufgezwungen sei. Ebensowenig wie Delaisi, glaube ich, daß es gelingt, von heute auf morgen diese Krankheit zu beseitigen; doch geschieht schon viel, wenn nur die Menschen die Wahrheit einsehen lernen und den Parlamenten nicht mehr die heutige Verehrung und die übermäßige Aufmerksamkeit schenken, wenn — wie Herbert Spencer es vorhin verlangte — der Glaube an das Gottesgnadentum der Volksvertretungen verblaßt. Es muß alles geschehen, um diese Körper nicht zu noch größerem Einfluß emporwachsen zu lassen; alles, um sie auf ein erträgliches Mindestmaß zurückzudämmen und um geeigneteren — stillen, tüchtigen, viel Arbeit in wenig Zeit leistenden, außerhalb des Parteiwesens stehenden — Ratkörpern Befugnisse zu übertragen und in ihrer Wirksamkeit zu stärken. In dem Bundesrat besitzt das Deutsche Reich einen Senat, der noch ausgebaut werden könnte; in der immer weiteren Vermannigfaltigung der gerade in Deutsch- 81 DEMOKRATIE land herrlich aufblühenden Selbstverwaltung ist die Möglichkeit gegeben, dem Parlamentarismus und dem von ihm untrennbaren fluchwürdigen Parteiwesen immer mehr das Wasser abzugraben. Der Staatsmann, der den Mut hat, diesen Weg zu beschreiten, wird bald entdecken, daß, wenn er auf der einen Seite die Wut der Berufsparlamentarier weckt, er auf der anderen die gesamte Nation hinter sich hat. Zuletzt wird er auf diesem Wege die Genugtuung erleben, den Parlamentarismus selbst zu regenerieren und dadurch brauchbar zu machen, indem die Bestimmung getroffen wird, daß nur Männer, die in irgendeinem — noch so bescheidenen — Amt der Selbstverwaltung stehen oder gestanden haben, das Recht besitzen, Wähler und Gewählte zu sein. Das ist die wahre Lösung, dahin zeigt die Uhr! Nicht dahin, wo die blinden Heutigen wähnen, welche heimkehrende Helden mit Wahlzetteln zu beglücken glauben — wahrlich Steine statt Brot. Heute gehört noch Tollkühnheit dazu, so etwas auszusprechen; doch der Tag ist nicht mehr fern, wo man auf den heutigen demokratischen Wirrtraum wie auf eine überstandene Wahnsinnserkrankung zurückblicken wird. * *
* Zum Beschluß greife ich auf das entscheidende Ergebnis des vorangeschickten theoretischen Teiles zurück: die in einem Staatswesen wirklich vorhandene „politische Freiheit“ ist durch das Maß der vorhandenen inneren geistigen Freiheit der Bürger bedingt und kann nie größer als diese sein. Darum urteilt der große Cromwell: „Forms of government are of little account“, wenig haben die verschiedenen Regierungsformen zu bedeuten. Da nützen alle schönen Reden, auch alle gut gemeinten Gesetze nichts: nur Männer, die zu Persönlichkeiten gereift sind, können frei sein; die anderen geraten durch politischen Wechsel aus einer Abhängigkeit in 82 DEMOKRATIE die andere (vgl. oben S. 26). So flüchtig unser Rundblick auch ausfallen mußte, er hat genügt, uns zu überzeugen, daß herzlich wenig wirkliche Freiheit in den so marktschreierisch laut angepriesenen demokratischen Ländern vorhanden ist: Lizenz, ja, d. h. Zügellosigkeit, gibt es dort viel und sie hat sich auch bei uns in Deutschland, als Vorbote kommender demokratischer Segnungen, eingeschlichen; doch Freiheit fanden wir spottwenig — keinen Schutz der Schuldlosen, jedem politischen und geschäftlichen Betrug Tür und Tor offen (also keinen Schutz den Redlichen), jeder aufstrebenden Begabung die Flügelsehnen durchschnitten (keinen Schutz dem Talente), die gewaltsam künstliche Herstellung einer Geistes- und Gemütseinöde durch Herunterreißen des gesamten Staatslebens auf die tiefste auffindbare Mehrheitsebene: ein erschreckendes Schauspiel! Die Menschheit auf dem Wege zu der fürchterlichsten aller möglichen Barbareien — der zivilisierten! Um uns aus diesem unausbleiblichen Schiffbruch des Menschenwesens zu retten, gilt es, das Wesen der Freiheit zu erfassen und die innere Freiheit — d. h. die Freiheit der Persönlichkeit — im Kreise unseres dazu ausersehenen Vaterlandes immer weiter zu verbreiten. Die Politik hat noch nie einen Menschen frei gemacht und zwar weil das ein Ding der Unmöglichkeit ist; freie Männer aber bilden mit Notwendigkeit einen freien Staat. Wie Fichte uns belehrte (vgl. oben S. 28): die Franzosen sind gescheitert, weit sie „die Persönlichkeit überspringend, die Freiheit wollten“; die Deutschen dürfen nicht aufhören, umgekehrt zu verfahren: „In ihnen soll das Reich ausgehen von der ausgebildeten, persönlichen, individuellen Freiheit; nicht umgekehrt.“ Dieses noch nie dagewesene „Reich des Rechts“, meint Fichte, kann „nur von den Deutschen errichtet werden, die seit Jahrtausenden für diesen großen Zweck da sind und langsam 83 DEMOKRATIE demselben entgegenreifen; ein anderes Element ist für diese Entwickelung in der Menschheit nicht da“. Auf der einen Seite winkt eine stolze, würdige, ja, eine erhabene Zukunft; auf der anderen droht ein Ende mit Schande. B a y r e u t h 11. Mai 1917. —————
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Münchner Buchgewerbehaus M. Müller & Sohn
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Letzte Änderung am / Last update: 11. Juli 2005 |