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Der demokratische Wahn Zeugnisse aus England / Frankreich / den Vereinigten Staaten / Deutschland (Gekürzte Ausgabe der Schrift: Demokratie und Freiheit) ————— 1918 verlegt bei Hugo Bruckmann in München 2 V o r b e m e r k u n g Auf vielfachen Wunsch und mit Zustimmung des Verfassers wird hier eine gekürzte Ausgabe der im Juni 1917 erschienenen Schrift Demokratie und Freiheit geboten, wobei der an und für sich wichtige Abschnitt über Begriff und Wesen der Freiheit — eine Frage, die ziemlich hohe Anforderungen an das philosophische Denken stellt — fortgelassen wurde, während die Ausführungen über den praktischen Erfolg sogenannter demokratischer Einrichtungen in den Staaten des Westens ungekürzt gebracht werden — somit alles Dasjenige, was zu den brennenden Interessen der gegenwärtigen Stunde gehört. Möge die so gekürzte und billigere Ausgabe zur Aufklärung in dem so folgenschweren Kampfe um die Verfassungsreform dienen. D e r V e r l a g.
3 Ich würde es für
ein erhebliches Un-
glück und für eine wesentliche Ver- minderung der Sicherheit der Zukunft ansehen, wenn wir auch in Deutsch- land in den Wirbel dieses franzö- sischen Kreislaufes gerieten. (B i s m a r c k.) Als genüge es nicht, Deutschland in einen Kampf auf Leben und Tod gegen eine ganze Welt haßerfüllter, mörderischer Neidinge zu verwickeln, läßt nun die Vorsehung einen Wirbelwind politischen Wahnsinns über das geprüfte Volk niedergehen! Die ernstesten Leute sind davon ergriffen, gehen zu Marat und Robespierre in die Schule, reden von „Freiheit und Gleichheit“, von „Forderungen der Zeit“, vom „Aufmarsch der Arbeiter“, von „Neuorientierung“, von „freie Bahn allen Tüchtigen“... und wie die billigen Phrasen alle heißen, schwärmen dabei von einem demokratischen Scheinkönigtum, von „Ministerverantwortung nach dem Beispiele Englands“, und liebäugeln mit den Republiken diesseits und jenseits des Wassers. Und bei all diesem Eifer wird die Stimmung im ganzen Lande immer schwüler und gedrückter. Ich — der ich die herrlichen Jahre 1870/71 aus nächster Nähe betrachten und davon bestimmende Eindrücke fürs ganze Leben schöpfen durfte — hätte es nie für möglich gehalten, daß ich vor meinem Ende eine soweit verbreitete Reichsverdrossenheit, eine so allgemeine Verbitterung und einen solchen Hoffnungsbankerott erleben würde, noch dazu in 4 einem Augenblick, geeignet wie kein zweiter, Einigung, Begeisterung, Hoffnung in überschwenglichen Maßen zu gebären. Schon jahrelang stand Deutschland unter dem Schatten der kommenden Katastrophe, noch mehr aber unter dem Schatten eines alles wahrhaft Deutsche durchseuchenden undeutschen, unheimlichen Wesens, das immer herrschbewußter auftrat und von Berlin aus sich wie ein fressendes Gift überallhin ergoß. Dazu eine Aufeinanderfolge schwacher, gedankenarmer, kurzsichtiger Staatsmänner. So hart der Ausbruch des frevelhaft heraufbeschworenen Krieges das friedfertige, fleißige Volk auch traf, das sich über Nacht vor die Gefahr völliger vernichtung durch brutale Übermacht gestellt fand, man muß gestehen: moralisch wirkte diese Schicksalswendung wie eine Erlösung. Auf einmal kam das Deutsche in Deutschland wieder zu Ehren und das Undeutsche verkroch sich; so grimmig-schlagbereit auch die Begeisterung war, Begeisterung ist immer Freude; Tag und Nacht erscholl ganz Deutschland von Gesang; es war ein allgemeines Sichwiederfinden, eine Wiederverbrüderung aller infolge überflüssiger politischer Stänkereien künstlich von einander Geschiedengewesenen; des Kaisers Wort hatte ausnahmslos bei allen Widerhall gefunden und aus dieser Einigkeit von Volk und Monarch entquoll eine geradezu unüberwindliche Macht. Nur durch politische Ränke waren Deutschlands Feinde in den Krieg getrieben, durch Lügen zum Haß aufgepeitscht worden; bei Deutschland allein gab es und konnte es eine wahre Volkserhebung geben — geboren aus Schuldlosigkeit und Empörung. Was hätte ein Staatsmann — selbst ein kleiner — aus diesem gewaltigen Ausbruch für politisches Kapital geschlagen! Gar vieles Faule im Staatskörper konnte mit einem einzigen Besenstrich hinausgekehrt, Neues aus der allgemeinen Stimmung herausgelockt werden. Statt 5 dessen geschah, was in einem mit Wachslichtern festlich beleuchteten Saal geschieht, wenn der Majordomus mit seinem Löschhütchen herumgeht und eine Flamme nach der andern erstickt — nur daß es hier schon während des Festes geschah. Man hört viel von einer „großen Zeit“ reden; die Taten der Helden zu Land und zu Wasser verdienen eine solche Bezeichnung; politisch aber wird man, fürchte ich, von einer „Zeit der verpaßten Gelegenheiten“ reden. Aus ihr nun ist die oben genannte schwüle Stimmung entstanden und aus dieser die Verirrung des Urteils — sorgfältig unterhalten und verbreitet durch die bestimmten Kreise, die an der Demokratisierung Deutschlands — koste es, was es wolle — ein Interesse haben, d. h. von den internationalen Finanzleuten aus der englisch-französischen Verwandtschaft, die hinter dem Berliner Tageblatt, der Frankfurter Zeitung usw. stehen. Vor einigen Monaten erhielt ich auf einen meiner Kriegsaufsätze von einem Mann, den zu verehren ich besondere Veranlassung habe, da er zugleich gelehrter Fachmann und Mann des praktischen Lebens ist, einen zustimmenden Brief, dessen Wärme mir wohltun mußte; nur in einem Punkte hatte ich ihn enttäuscht: in meiner Kritik des Reichstags und überhaupt des Parlamentarismus; auf meine gewichtigen Argumente ging er mit keiner Silbe ein, sondern begnügte sich mit dem Einwurf, den er für unwiderleglich zu halten schien: „Man kann doch nicht gegen den Strom der Zeit schwimmen, noch die politische Uhr zurückstellen.“ Wie weit muß es mit der systematisch betriebenen Betörung gediehen sein, wenn ein Mann der Wissenschaft solchen bildlichen Redensarten bestimmenden Wert für das Urteil beilegt! Wo stünden wir mit unserer Landwirtschaft und unseren Städteanlagen, wenn wir unsere Flüsse nicht eindämmten und nach Bedarf umleiteten, sondern sie frei „strömen“ 6 ließen? Und welcher vernünftige Mensch stellt seine Uhr nicht zurück, wenn sie vorläuft? Am meisten aber wundert einen sowohl in diesem Falle, wie überhaupt im heutigen Deutschland, (einschließlich der Regierung,) die Unkenntnis in bezug auf die wirklichen Weltvorgänge — eine Unkenntnis, die ich mir nur daraus zu erklären weiß, daß jene obengenannte Zeitungsgruppe, die sich einen besonderen Ruf für „Wohlinformiertheit“ zu erringen gewußt hat, ihre feinste kunst im Unterdrücken aller Nachrichten bewährt, deren Kenntnis ihr unerwünscht ist, so daß der treugläubige deutsche Michel, der sich außerordentlich genau unterrichtet wähnt, oft von den wichtigsten Vorgängen (namentlich auf geistigem Gebiete) nicht das geringste weiß. In Wirklichkeit weht seit einigen Jahren ein starker antidemokratischer Wind über die ganze westliche Welt — soweit vernünftige, redliche, unselbstsüchtige Männer zu Worte kommen; wo nur die Demokratie einigermaßen ungehemmt ans Ruder kommt, erweist sie sich als völlig unfähig; auch die Schäden des Parlamentarismus können den Voreingenommensten [Voreingenommsten] auf die Dauer nicht verborgen bleiben; und jetzt — gerade in dem Augenblick, wo die Andern sich, so gut es gehen will, aus den verderblichen Folgen der revolutionären Irrlehren zu retten suchen, wo England immer mehr der oligarchischen Diktatur verfällt, wo Frankreich die Mehrheitstyrannei durch Einführung der Verhältniswahl zu mildern sucht, wo die Vereinigten Staaten ihrem Präsidenten noch größere Diktaturbefugnisse verleihen, als er sie ohnehin schon besitzt, — gerade in diesem Augenblick läßt sich das ahnungslose Deutschland betören und will aus lauter Angst, nicht auf der „Höhe der Zeit“ zu stehen, oder gar an der Achtung seiner Feinde etwas einzubüßen, den Weg in die Hölle antreten und damit aufhören, das einzige Land der Welt zu 7 sein, wo Freiheit eine Heimat hat und einer herrlichen Blüte entgegenging! Der holländische Gelehrte Valkenier Kips ¹) — wie alle seine Landsleute ein durch und durch freier Mann — schrieb dieser Tage: „Preußen-Deutschland ist heute fast noch der einzige Staat, der von der englischen Krankheit frei geblieben ist; es herrschen dort noch Ordnung und Freiheit, Gemeinsinn und Volkskraft. Beabsichtigt ist nun, Preußen soll nach englischem Muster demokratisiert werden, damit der Rocher von Bronze untergraben wird, auf dem die deutsche Kraft und das deutsche Schaffen beruhen. Eine gellende Lache würde über die ganze Welt schallen, wenn, nach siegreichem Kriege, die Deutschen selbst mit der Demokratisierung Preußens den Anfang machen sollten. Da würde das Wort vom deutschen Michel bewahrheitet werden, der nur kraftvolle Hiebe austeilen kann, aber sich immer wieder von jeder gleisnerischen List übertölpeln läßt.“ Das ist das richtige Wort: übertölpeln! Dieser Ausländer und Neutrale macht hiermit auf die Tatsache aufmerksam, daß in Deutschland eine V e r s c h w ö r u n g am Werke ist, eine in der Hauptsache von Deutschlands Feinden angestellte Verschwörung, die in den schon bezeichneten internationalen Bestandteilen der Nation und der Presse willige Handlanger findet. Werfen wir einen Blick auf die uns zur Nachahmung empfohlenen Länder und Einrichtungen. Über England ist so viel geschrieben worden, namentlich während des Krieges, und zwar nicht allein von Literaten und Politikern, sondern von den vorzüglichsten unter den deutschen Geschichtsforschern von Fach, daß man verzweifeln möchte, wenn man dieselben Irrtümer immer und immer wiederholen hört. Es genüge, wenn ich hier nur einige Punkte aphoristisch wiederhole. 1. England war zu keiner Zeit eine Demokratie und ist es auch heute nicht. Emerson, ————— ¹) Chamberlain meant: J. H. Valckenier Kips. Dutch professor and state-theorist. He was the author of “Der deutsche Staatsgedanke“, published in 1916, which might well be regarded as a contribution to German war propaganda. Later he became an adherent of Hitler's fascist movement. 8 der Amerikaner, hat richtig geurteilt: „Die gesamte Geschichte Englands ist die einer Aristokratie mit offenen Türen — offen dem mutigen und erfolgreichen Manne.“ 2. Ein Kastengeist, wie ihn der Deutsche nie gekannt hat und sich ihn gar nicht vorzustellen vermag — also Ungleichheit in der stärksten Potenz —‚ liegt dem Leben Englands zugrunde und ist die Quelle dessen, was dort „Freiheit“ heißt — nämlich der politischen Kraft, die jedem einzelnen Engländer unbedingten Schutz gewährt. „Es gibt kein Land, das — seiner bürgerlichen Freiheiten ungeachtet — der Demokratie so fern stünde, wie England“: so urteilt Fontane nach längerem Aufenthalt unter dem Inselvolke. 3. Unter „Freiheit“ versteht der Engländer die Machtstellung seiner Nation; ihr opfert er alle Weltverbrüderungsideen — wie sie dem Deutschen immer nahe liegen, ihr opfert er die eigene geistige Freiheit, das heißt, [d. h., wie wir oben sahen], die Wurzel aller wahren Freiheit des einzelnen und des Staatsgebildes. 4. England besitzt noch heute weder das allgemeine noch das geheime Wahlrecht, und denkt nicht daran, sie einzuführen; nur 63 vom Hundert der dem Alter nach wahlfähigen Männer sind heute in England wahlberechtigt. 5. Außerdem hat infolge eines sicheren politischen Instinktes, im gleichen Schritt mit der allmählichen Erweiterung des Wahlrechtes eine ebenso allmählich zunehmende Beschränkung der Machtbefugnisse des Parlaments stattgefunden; dafür ist das Kabinett immer mächtiger geworden, und den Premierminister kann man heute mit dem großen englischen Staatsrechtslehrer Seeley, einen zwar absetzbaren, aber „absoluten König“ nennen. Formell unterliegt er dem Votum des Parlaments, doch stürzt sich die regierende Partei selbst, wenn sie gegen ihn stimmt, und daß keine Überraschungen vorkommen, dafür sorgt eine drakonische Disziplin. Nicht allein werden von 9 Jahr zu Jahr die Rechte der Mitglieder gekürzt, das gleiche geschieht mit den Rechten der Wähler: „In meiner Jugend,“ schreibt Herbert Spencer, „hatte jeder Wähler bei der Bestimmung des Kandidaten seines Wahlbezirkes das Recht mitzureden; heute ist das abgeschafft, oligarchische Zentralkomitees bestimmen von London aus die Kandidaten, und die Wähler haben sich diesem Befehle blind zu fügen.“ Gustav Steffen, der Schwede, der sein ganzes Leben dem Studium des heutigen Englands gewidmet hat, schreibt 1915: „Der Einfluß des Parlaments (auf die Regierung), obgleich er nach der volkstümlichen Theorie über englischen Parlamentarismus entscheidend sein sollte, i s t i n d e r P r a x i s g l e i c h N u l l.“ Das mögen unsere demokratischen Freiheitsapostel sich gesagt sein lassen: in England ist der Einfluß des Parlaments auf die Politik der Regierung gleich Null! 6. Der Historiker Arnold Oskar Meyer (Kiel) schreibt in seiner — der größten Verbreitung werten — Flugschrift „Deutsche Freiheit und englischer Parlamentarismus“ (S. 22): „In Deutschland besteht zwischen Monarch, Ministerium und Volksvertretung ein Gleichgewicht der Macht und des Einflusses, das sich trotz der unvermeidlichen Reibungen doch immer aufs neue bewährt hat, weil es einen Mißbrauch der Macht von vornherein ausschließt. Das deutsche System kennt weder monarchischen, noch ministeriellen, noch parlamentarischen Absolutismus; es erfüllt in anderer Weise und in tieferem Sinn, als die englische Verfassung es je getan hat, Montesquieus Forderung von der Teilung der Gewalt, als Bürgschaft der Freiheit.“ 7. Noch eine Tatsache darf bei der kürzesten Übersicht nicht übergangen werden: dieses englische Parlament erweist sich heute immer unfähiger, seinem eigentlichen Amt im Leben der Nation — nämlich eine gesetzeberatende und -beschließende Korporation zu sein — gerecht 10 zu werden. Die Parteiinteressen fesseln die Herren Volksvertreter, für ihre Pflichten sind sie nicht zu haben. In der Einleitung zu einem wissenschaftlichen Buche, das 1912 in London erschien, „Analyse des Regierungssystems des Britischen Weltreiches“, zeigt der Verfasser, der seit vierzig Jahren als höherer Beamter den Parlamentssitzungen beiwohnte, daß es in dieser Beziehung von Tag zu Tag schlimmer wird. Wer die fünfzig Seiten liest, wird entdecken, daß in diesem vielberühmten Parlamentssystem manches heute auf eine Karikatur hinausläuft. So stehen z. B. dringend benötigte hygienische Gesetze seit dreißig Jahren auf dem Programm, ohne vor lauter „politischen“ Debatten jemals zur Erledigung zu kommen; gesetzliche Begriffe, deren genaue Bestimmung durch das Parlament für den Richter unerläßlich wäre, harren gar seit hundert Jahren dieser Bestimmung, und inzwischen gehen Laster und Verbrechen frei umher! Um die Staatsmaschine nicht ganz ins Stocken geraten zu lassen, bringt die Regierung statt neuer, dringend benötigter Gesetze kleine Zusatz- und Änderungsanträge zu veralteten Gesetzen ein, die dann unbemerkt durchrutschen, was aber ein arges Flickwerk unzusammengehöriger Bestandteile zur Folge hat usw. „The incompetence of Parliament“, sagt unser Sachkenner, „is more than a curiosity, it is a disaster“; die Untauglichkeit des Parlaments ist mehr als eine bloße Wunderlichkeit, sie bedeutet eine Katastrophe. Ich füge hinzu: dahin führt unvermeidlich jede rein parlamentarische Regierung. 8. Und nun als letztes, höre man das Urteil des freisinnigen Denkers Herbert Spencer — dessen Fähigkeit, englischen Verhältnissen auf den Grund zu sehen, niemand wird in Abrede stellen können. Kurz vor seinem Tode spricht er sich folgendermaßen aus: „Der durchschnittliche Charakter des Engländers eignet 11 sich für wahrhaft freiheitliche Staatseinrichtungen nicht, vielmehr eignet er sich nur für eine despotische Regierung, hin und wieder durch ein wenig Freiheit gemildert. Was Freiheit eigentlich bedeutet, verstehen (in England) sehr wenige.“ (Facts and Comments, 1902, S. 102.) Wahrlich, Deutschland, das Vaterland der Freiheit, hat nicht die geringste Veranlassung, zu England in die Schule zu gehen; es wäre zugleich Torheit und Verbrechen! Noch phantastischer sind die Behauptungen über die Vereinigten Staaten, die in Deutschland immer von neuem in Reden und Aufsätzen unserer Demokraten auftauchen, wenn auch freilich etwas blasser, da in Wirklichkeit nicht ein Mann in tausend bei uns von der undurchsichtig verwickelten Staatsverfassung und den widerspruchsreichen Lebenserscheinungen in Amerika irgendwelche deutliche, geschweige richtige Vorstellung besitzt. Das Dorado demokratischer Freiheit und Gleichheit, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, die einzige Nation, innerhalb welcher ein jeder seines Glückes Schmied sein kann usw. — das alles hört sich verlockend an, die Wahrheit sieht aber ganz anders aus. Im Laufe des Krieges habe ich in dem abgelegenen fränkischen Städtchen, wo ich daheim bin, drei Besuche aus den Vereinigten Staaten zu verschiedenen Zeiten empfangen, drei Männer verschieden an Alter, an Bildungs- und Lebensgang, der eine aus Newyork, der zweite aus einem Zentralstaat, der dritte aus Kalifornien: ein Senator, ein Journalist, ein Dichter. Alle drei waren angelsächsischer Herkunft, alle drei begabt, alle drei eifrige amerikanische Patrioten, alle drei gute Kenner Englands — und nun standen sie alle drei unter dem sie fast überwältigenden Eindruck des Mannessinnes, der Organisationskunst, der ungebundenen geistigen Freiheit bei voller Selbstbeherrschung, die sie in Deutsch- 12 land vorfanden, was ihnen um so mehr auffiel, als sie über Paris und London gereist waren und dort genau entgegengesetzte Eindrücke gewonnen hatten. Mir war nun von besonderem Interesse, jeden von ihnen über sein eigenes Vaterland auszuforschen: keiner machte ein Hehl aus dem Unfertigen, gleichsam Improvisierten, nur provisorischen Wert Besitzenden ihrer politischen und sozialen Einrichtungen. Der eine sagte mir ohne Umschweife: „Unser Land ist ein teuflischer Hexenkessel, in dem alle Widersprüche der Welt, alle Gier, aller Neid, alle Gelüste brauen und brodeln, ein wilder Kampf millionenfacher Egoismen unwissender, ideen- und idealloser Menschen ohne Tradition, ohne einigende Sitten, ohne alle Aufopferungsfähigkeit, ein atomistisches Chaos, dem keine wahre nationale Kraft zukommt.“ Als ich aber diese Worte in einem Kriegsaufsatz druckte, wurden sie mir von der Zensur gestrichen: die Deutschen durften nicht erfahren, daß denkende Amerikaner in dieser Weise über das Land urteilen, das unsere Herren Demokraten uns als Ideal vorhalten! Man fragt sich, wem diese Rücksicht galt? Den Männern, die Amerika betrügen? Oder den Männern, die Deutschland betrügen? Auf einen andern unverdächtigen Zeugen möchte ich meine Leser aufmerksam machen, auf den bekannten englischen Sozialisten H. G. Wells, einen „self-made man“, der sich vom Kurzwarenhandlungsgehilfen zu einem der angesehensten Schriftsteller unserer Zeit hinauf gearbeitet hat. Überzeugt, jenseits des Wassers, in der großen internationalen Demokratie das Land seiner Träume zu finden, schifft Wells in gehobener Stimmung nach den Vereinigten Staaten hinüber. Trotz aller Voreingenommenheit und trotz des sichtbaren Bestrebens, alles irgend Preisenswerte ins hellste Licht zu stellen, wirkt sein Bericht — von Diederichs unter dem 13 Titel „Die Zukunft in Amerika“ 1911 in deutscher Übersetzung herausgegeben — geradezu vernichtend. In begeisterter Erwartung, seine Idealregierung am Werke zu sehen, hält sich Wells längere Zeit in Washington auf, wohnt den Senats- und den Kammersitzungen bei, staunt über die Tatsache, daß kein Mensch den Rednern zuhört, selbst der Vorsitzende nicht — was mir recht gut gefällt, denn es ist immerhin erfreulich, wenn die parlamentarische Komödie von den Akteurs selber nicht tragisch genommen wird — und gelangt schließlich zu folgendem Urteil: „Das Endergebnis von diesem allem: ein Gesetzgebungsapparat, der keine Gesetze macht; eine Regierung, die unvermögend ist zu regieren; eine nur zum Schein verantwortliche Verwaltung, die der Korruption Tür und Tor offen läßt, und vielleicht selbst einem Sturmanlauf der öffentlichen Meinung, des Volkswillens gegenüber durch das Zwei-Parteien-System unangreifbar verbarrikadiert ist. Die nackte Wahrheit ist eben die, daß der Kongreß in seiner gegenwärtigen Verfassung d i e s c h w ä c h s t e, u n z u l ä n g l i c h s t e u n d u n w i r k s a m s t e Z e n t r a l r e g i e r u n g a l l e r z i v i l i s i e r t e n L ä n d e r im Westen Rußlands darstellt.“ Das ist, dächte ich, deutlich geredet! Noch schlimmer sind die sozialen Eindrücke, die Wells gewinnt: die unbedingte Schutzlosigkeit der Arbeiterbevölkerung, die wie Sklavenvieh behandelt wird und ohne alle staatliche Fürsorge dahinlebt; die Fabriken in denen sechsjährige Knaben zwölfstündige Arbeitsschicht leisten — sie sterben alle jung, aber das tut nichts, Europa sorgt für Ersatz; die Korruption der gesamten Presse, die den Mund voll nimmt über Freiheit und Demokratie, den Kapitalisten aber zur Verfügung steht, um die öffentliche Meinung in der befohlenen Richtung irrezuführen, zu lügen, zu fälschen, zu verschweigen, kurz, um jede verlangte Infamie 14 zu begehen... Am härtesten fühlt sich der rechtliche Europäer getroffen, als er es erlebt, nicht allein, daß die Richter käuflich sind, sondern daß die ganze Bevölkerung — auch die Herren und Damen aus allen Kreisen, die ihn so charmant bewirten und unter denen er jene seltene, unwiderstehlich anziehende Erscheinung, den gebildeten Amerikaner, kennen lernt — völlig herzlos jede Rechtsbeugung gut heißen, sobald sie einem praktischen Zwecke dient. Einen jungen englischen Sozialisten besucht Wells, der — unschuldig verurteilt — in einem scheußlichen Gefängnis bei ungenügender Nahrung fünf Jahre absitzt; Wells will alles in Bewegung setzen; doch was soll er machen, als er von dem Richter, der den Mann seinerzeit verurteilte, erfährt, er wisse ganz gut, der Mann sei unschuldig, und von dem Staatssekretär, er habe einen belastenden Polizeileumund, angeblich aus England, durch Siegel und Unterschrift die amtliche Bestätigung verliehen, wissend, daß er in Newyork fabriziert sei! Dazu die Infamien der Presse, die den braven englischen Sozialisten als Gewohnheitsverbrecher hinstellen, seine unbescholtene Gattin als Dirne verleumden, wofür sie landesverwiesen wird! Das Allerschlimmste jedoch — noch schlimmer als die Käuflichkeit des Richters und die Niedertracht des Staatssekretärs — ist, wie gesagt, das meist stillschweigende, gern ausweichende, aber — wenn hart zugesetzt wird [wenn hart gedrängt] — auch offen zugegebene Einverständnis aller Kreise mit diesem amtlichen, öffentlichen Verbrechen gegen Ehre und Freiheit eines unsträflichen Menschen, weil es — so versichert man Wells — im Interesse des ungehinderten geschäftlichen Lebens geschieht. Ein italienischer Anarchist, der — bei Gelegenheit der selben Unruhen — die Arbeiter zu Brand und Plünderung angeeifert hatte, kam straflos davon — wenn die Kerle einmal von Worten zu Taten übergehen sollten, werden sie einfach zusammen- 15 geschossen; der Engländer dagegen hatte einen gesetzlich erlaubten Streik nach gesetzlichen Normen und mit Vermeidung aller Gewalttaten organisieren wollen, und das hätte arge [ewige] Störungen und bedeutende Geldverluste verursachen können; deswegen mußte der Schuldlose durch gekaufte Falschzeugen und bezahlten Falschspruch unschädlich gemacht werden. So sieht die Justizpflege in einer demokratischen Republik aus, wo alle Richter und Beamte entweder unmittelbar oder mittelbar vom Volke gewählt werden! Ein einziges solches Beispiel sollte, weiß Gott, genügen, die Deutschen den unermeßlichen Wert empfinden zu lassen dessen, was sie in jahrhundertelangem Ringen sich innerlich und äußerlich als heiliges Gut erworben haben — il y a des juges à Berlin! — und ihnen die Augen zu öffnen über den Abgrund, in den man sie hineinstürzen will. Was nun die Verfassungsfrage — also die sogenannte „politische Freiheit“ — in den Vereinigten Staaten anbetrifft, so würde es bei der unglaublichen Verwickeltheit dieser Verhältnisse in Amerika — namentlich auch bei der großen Zahl der „Fiktionen“, d. h. der Fälle, in denen eine Verfassungsbestimmung durch die Praxis umgangen wird, oder ein Recht, obwohl scheinbar noch bestehend, tatsächlich in andere Hände geraten ist — sehr weit führen, wollten wir hier des Näheren darauf eingehen. Vor einigen Jahren habe ich mich fleißig damit befaßt und möchte mir doch nicht getrauen, heute eine Prüfung zu bestehen. Jeder der 38 Staaten hat seine eigene Verfassung, seine eigene unterschiedene „Erklärung der Menschenrechte“, seine eigene Gesetzgebung; die undurchdringliche Verwickeltheit geht aber erst recht bei der Organisation der zentralen Bundesregierung an, die aus einem so allseitigen Mißtrauen entstanden zu sein scheint, daß jedes — einem Einzelnen oder einer Körperschaft — ver- 16 liehene Amt und Recht durch ein Gegenamt und Gegenrecht matt gesetzt wird, bis man nicht mehr versteht, wie es möglich ist, daß die Maschine arbeite — und in der Tat, sie tut es nur dank den Umwegen, die jene vorhin genannten „Fiktionen“ eröffnen. Ein Mann, dessen Name im Laufe des Krieges zu nicht sehr beneidenswertem Ruhme gelangt ist, und dem niemand die Voreingenommenheit für die Vereinigten Staaten abstreiten wird, Herr Woodrow Wilson, faßte vor Jahren in seinem Werke „Congressional Government“ sein Urteil über die Regierung seines Vaterlandes dahin zusammen: „Die Macht verzettelt, und nirgendwo verantwortliche Männer.“ Die Literatur über Verfassung und Regierung der Vereinigten Staaten ist unübersehbar. Von amerikanischen Büchern kann ich namentlich James Bryce: „The American Commonwealth“ empfehlen, und außerdem John W. Burgess: „Political Science and Comparative Constitutional Law“, ein Werk, das um so mehr Aufklärung über amerikanische Verhältnisse bringt, als es die anderen Hauptweltstaaten eingehend beleuchtet, wodurch wir — gleichsam durch doppelte Wiederspiegelung im Urteil des gelehrten Verfassers — den kennzeichnenden amerikanischen Standpunkt um so genauer erfassen lernen. Deutsche Leser werden aber noch schneller zum Ziel gelangen, wenn sie das vortreffliche Werk von Wilhelm Hasbach: „Die moderne Demokratie; eine politische Beschreibung“ (1912 bei Fischer in Jena) zur Hand nehmen — ein Buch, das zwar keine leichte, unterhaltende Lektüre nach Art des Wells bietet, dafür aber echt deutsche, wissenschaftlich gründliche Belehrung, wie sie in einem entscheidenden Augenblick, wie dem gegenwärtigen, jedem Deutschen not tut. In dem Versuch der alten amerikanischen Kolonisten, einen Staat von Grund aus neu aufzubauen, wird man viel zu bewundern finden; 17 namentlich die Anfänge bieten entschieden heroische Züge; es war die Zeit, wo die besten Männer, die „Väter“, noch am Ruder standen; rührend wirkt die angelsächsische Naivität, sowie der fromm-gottesfürchtige Grundzug — so himmelhoch erhaben über den bestialischen Höllenpfuhl der französischen Revolution. Dieses zäh weiterlebende Erbe „altmodischer“, urgesunder Ideen ist es, was einzig und allein noch heute das tolle internationale Babel vielsprachiger Dollarjäger vor Anarchie bewahrt. Um nur zwei solche Erbstücke aus der großen alten Zeit zu nennen: die „Väter“ haben dem Präsidenten der Republik in allen Punkten die Rechte verliehen, die der damals regierende, sehr absolutistisch gesinnte Georg III. von England für sich forderte; kein König der heutigen Welt besitzt die Machtbefugnisse des amerikanischen Präsidenten; die Staatsrechtslehrer von drüben verfehlen auch nicht auf das Wahlkönigtum der alten Deutschen zu verweisen und sich mit seiner Wiedererweckung zu brüsten: der König wird auf vier Jahre bzw. auf acht gewählt (nach der ursprünglichen Absicht war die Wiederwahl unbegrenzt und damit die Möglichkeit eines lebenslänglichen Königs gegeben). Dieser ungekrönte König, der sich seine Minister nach freiem Gutdünken wählt — Minister, die keinen Sitz in den Volksvertretungen haben und d e m P r ä s i d e n t e n g a n z a l l e i n v e r a n t w o r t l i c h s i n d, von den Reichstagsqualen deutscher Kanzler und Staatssekretäre also gar nichts wissen und sich vor keinen feindseligen Abstimmungen zu fürchten brauchen — dieser König gewährt dem fast grotesken Bau, dessen Unzulänglichkeit Herr Wilson uns soeben bezeugte, eine bedeutende Stabilität. Ein zweites kommt hinzu: die ungeheure Schwierigkeit, das Kleinste an der Verfassung zu ändern. Während die Schweiz z. B. — seitdem das 18 Volk das Recht der unmittelbaren Initiative an sich gerissen hat — sich innerhalb 14 Jahre 59 Verfassungsänderungen leistete, ein Zustand, bei dem jeder nicht durch äußeren Druck zusammengehaltene Staat offenbar in kurzer Frist auseinanderstieben [auseinandersprengen] müßte, kann in den Vereinigten Staaten keine Verfassungsänderung zur Sprache kommen, wenn nicht zuvörderst Senat und Abgeordnetenhaus, beide, durch Zweidrittelmajorität sie vorgeschlagen haben, worauf sie aber dann in jedem einzelnen Staate von dessen beiden Häusern beraten und von mindestens dreiviertel der Staaten angenommen sein muß, so daß im ganzen 78 verschiedene Vertretungen — jede für sich — sie erst behandeln und mindestens 58 sie bejahen müssen, dazu noch die zwei Häuser des Kongresses, ehe die Änderung Gesetzeskraft erlangen kann — wobei dem Präsidenten sein unbedingtes Vetorecht bei aller Gesetzgebung (wovon häufig Gebrauch gemacht wird) ungeschmälert bleibt. Zu alledem kommt noch ein eigener Verfassungsgerichtshof, der darüber wacht, daß keine Änderung — und wäre sie auch von sämtlichen Kammern angenommen — sofern sie den ursprünglich beschlossenen, feierlich erklärten Grundsätzen dieses Staatswesens zuwiderläuft, Gesetzeskraft erhalte. Wenn man uns auf die „große Republik jenseits des Wassers“ verweist und von uns altmodischen Europäern huldigende Bewunderung fordert, so sollte man derartige Tatsachen — die in Deutschland kaum ein Mann in hunderttausend ahnt — nicht verschweigen. Überkönigliche Gewalt einem einzelnen Bürger auf Jahre verliehen, keine Spur der sonst so gepriesenen Ministerverantwortlichkeit, eine unkristallisierte Verfassung: das sind gewiß vortreffliche, staatserhaltende (wenn auch etwas roh erdachte) Einrichtungen, die aber mit derjenigen „Demokratie“, die man uns 19 als Menschheitsideal vorhält, nicht das Geringste gemein haben. Weit schlimmer nun steht es um diese Verfassung, sobald wir das politische Leben betrachten, nicht wie es sich die edlen frommen „Väter“ ausgedacht hatten, sondern wie es in Wirklichkeit geworden ist. Was diese Wirklichkeit auszeichnet, ist eine auf allen Gebieten herrschende K o r r u p t i o n, wie sie bei keinem Volk zu keiner Zeit je erlebt wurde. Brooks, in seinem Buche „Corruption in American Politics and Life“ (Newyork, 1910, S. 52) schreibt: „Mag die Demokratie noch so wohltätig gewirkt haben, so kann nicht geleugnet werden, daß sie der Korruption Tür und Tor in einer Weise geöffnet hat, wie sich das weder die antike noch die mittelalterliche Welt jemals hat träumen lassen.“ Wer dieses mit echt amerikanischer Unumwundenheit geschriebene Buch liest, wird aus dem Staunen nicht herauskommen: erstens, über die Art, wie diese Korruption das gesamte öffentliche Leben durchdringt, bis in jeden Winkel von Handel, Gewerbe, Fabrikation, Bergwesen, Finanz usw. — überall die Verderbtheit, überall das Walten der Bestechenden und der Bestochenen, überall der Sieg des Unredlichen über den Redlichen; zweitens aber — und vielleicht noch mehr — über die Art, wie der gelehrte Professor der politischen Wissenschaften an der Universität Cincinnati — genau so wie oben die öffentliche Stimmung bei dem unschuldig Verurteilten — jede Korruption zu entschuldigen, zu erklären, wegzudeuteln weiß, um uns schließlich zu überreden, auf diesem Wege der allgemeinen, aber nur vorübergehend herrschenden Korruption werde man zuletzt bei einem Idealstaate anlangen! Man denke hier an die Lehre der Freiheit zurück, die ich im ersten Teil dieses Aufsatzes zu umreißen versuchte und frage sich, wo — in Deutschland 20 oder in den Vereinigten Staaten, in der Monarchie oder in der Demokratie — Entwicklung zu edlen, menschenwürdigen Verhältnissen zu erwarten stehe? Was speziell die Freiheit in Amerika betrifft, so mache ich auf das in diesem selben Buche angeführte Bekenntnis eines der hervorragendsten amerikanischen Journalisten aufmerksam, das dieser bei einem Bankett des Newyorker Pressevereins zum besten gab, als er auf den Trinkspruch „die unabhängige Presse“ zu erwidern hatte. Er sagte u. a.: „Eine unabhängige Presse existiert in Amerika nicht — es sei denn möglicherweise in einigen ländlichen Städten; Ihr wißt es, und ich weiß es. Kein einziger von Euch wagt es, eine Meinung ehrlich auszusprechen; und wenn Ihr es tätet, so wißt Ihr im voraus, daß es niemals gedruckt werden würde. Mir zahlt man 150 Dollar wöchentlich dafür, daß ich in der Zeitung niemals sage, was ich wirklich denke. Ihr alle befindet Euch in der selben Lage. Der Mann, der toll genug wäre, seine Meinung ehrlich herauszusagen, würde sich bald auf der Straße finden, auf der Jagd nach einer neuen Stellung. Das Geschäft eines Newyorker Journalisten besteht gerade darin, die Wahrheit zu verdrehen, zu lügen, was das Zeug nur hält, zu fälschen, zu beschmutzen, Tag und Nacht zu den Füßen des süßen Mammons zu knien, und um sein tägliches Brot sein Vaterland und seine Rasse zu verraten. Ihr wißt es und ich weiß es. Welche Torheit darum, auf eine u n a b h ä n g i g e P r e s s e zu trinken! Wir sind Werkzeuge und Vasallen der in den Kulissen waltenden Reichen. Wir sind Hampelmännchen; jene ziehen am Faden und wir tanzen. Unsere Muße, unsere Begabung, unser Leben, alles wofür Gott uns geschaffen hatte, ist das Eigentum anderer Männer: wir sind geistige Prostituierte!“ Man denkt an das sprichwort: in vino veritas. Das Furchtbare ist, daß nicht 21 die Presse allein, sondern alle Kräfte des Landes Sklaven der Überreichen sind. Selbst der König-Präsident ist ein Hampelmännchen in ihrer Hand; und zwar weil — wie Plato schon vor 2500 Jahren aufmerksam machte — jede Demokratie mit Naturnotwendigkeit eine Oligarchie wird, d. h. die Herrschaft von Wenigen, und jede Oligarchie eine Plutokratie: eine Demokratie gründen, heißt ein Land der Tyrannei der Geldmänner — der Korruption und der Prostituierung — schutzlos ausliefern. In den Vereinigten Staaten geschieht denn, was in allen Demokratien geschieht: jeder halbwegs anständige Mann zieht sich vom öffentlichen Leben zurück. Nach den Statistiken der letzten zwanzig Jahre nimmt an den Wahlen meistens nur etwa fünf vom Hundert teil, oft nur ein vom Hundert, niemals mehr als zehn vom Hundert. Dabei kostet den Amerikanern die Wahl eines Präsidenten, da ja die meisten Stimmen gekauft werden müssen, mehr als die Zivillisten sämtlicher Monarchen Deutschlands zusammengezählt — die Wahl allein, ohne den Gehalt zu rechnen. Was für eine Art Menschen unter diesen Bedingungen diejenigen sind, die wir dann als politische Männer kennen lernen und in Deutschland so übermäßig zu feiern pflegen, läßt sich denken: die Auswahl der Nation gewiß nicht. Eine ergötzliche Liste teilt Hasbach mit: von den 723 Delegierten des Grafschaftskonventes Chicagos nach der Wahl des Jahres 1896 waren 7 des Totschlages gerichtlich überwiesen, 10 weitere hatten ebenfalls wegen Totschlages [Totschlag] vor Gericht gestanden, 36 waren bestrafte Einbrecher, 3 Taschendiebe, 7 Spielhöllenbesitzer, 2 Bordellwirte, 265 Schankwirte. Bei einer solchen tragikomischen Aufzählung denkt man an die prophetischen Worte eines der besten unter den „Vätern“ zurück, Dennies, der schon 1803 ausrief: „Nie schafft eine Demokratie erträgliche Zustände.... auch bei uns wird 22 sie letzten Endes Bürgerkrieg, Verwüstung, Anarchie heraufführen. Keinen weisen Mann gibt es, der die Unzulänglichkeit dieser Regierungsform nicht einsähe, keinen guten Mann, dem vor den elendiglichen Zuständen, die sie verursacht, nicht schauderte, und keinen tapferen Mann, der gegen eine solche Bedrohung das Schwert nicht zöge.“ In einer Flugschrift muß man fliegen; darum sage ich hier kein Wort mehr über die politischen Zustände Amerikas; vielleicht genügen diese „flüchtigen“ Andeutungen, einige deutsche Männer nachdenklich zu stimmen und sie zu einer Nachprüfung ihrer demokratischen Neigungen zu veranlassen. In Frankreich ist die heutige Lage von besonderem Interesse für die Kenntnis demokratischer Zustände; auch hier könnten die Deutschen viel lernen; sie bleiben aber blind und taub und lassen sich noch immer von den Phrasenmachern zum besten halten. Im Gegensatz nämlich zu den Amerikanern, welche korrupte Justiz, korrupte Politik, korruptes wirtschaftliches Leben noch immer — wie wir sahen — aus mißverstandener Vaterlandsliebe entschuldigen zu müssen meinen, sind sich schon seit Jahren die intelligenten und rechtlichen Franzosen aller Parteien darüber einig, daß ihre sogenannte „Demokratie“ eine Regierung durch Ausbeuter bedeutet. Republikaner sind heute alle Franzosen; es bleibt ihnen nichts anderes übrig, da ein Königtum sich nicht improvisieren läßt, und ein Cäsarentum Elemente rücksichtsloser Kraft erfordert, die Frankreich nicht mehr enthält; sie erkennen aber, wohin sie geraten sind, sprechen es offen aus, und suchen Mittel und Wege, aus diesem Elend herauszukommen. Eine ganze Literatur ist hierüber entstanden, die einstens als ein Denkmal dastehen wird der Erbärmlichkeit demokratischer Regierungsformen und der unerschrockenen Redlichkeit der denkenden Franzosen unserer Zeit. 23 In einem Punkt sind die Männer verschiedener Richtung einig: das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ist ein Fluch, an dem jedes Land z u g r u n d e g e h e n m u ß. Paul Bourget — der berühmte Dichter — urteilt: „Die Frage nach dem besten Wahlrecht unter den zahlreichen möglichen ist so unendlich verwickelt und schwierig, daß man sie wohl nie mit Sicherheit wird beantworten können; nur Eines ist gewiß und durch die Praxis erwiesen: das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ist das schlechteste aller erdenkbaren Wahlrechte und führt notwendig zur Anarchie.“ * Von Bourget, der mehr rechts steht, gehen wir hinüber zu Francis Delaisi, der auf der äußersten Linken der Sozialisten voranschreitet. Dieser urteilt: „Das allgemeine direkte Wahlrecht ist eine Komödie; es führt zur Diktatur der Unfähigen; diese Maschine zur Fabrikation von Wählern fabriziert in Wirklichkeit Sklaven; innerhalb unserer Gesellschaftsordnung bedeutet dieses Wahlrecht den Todeskeim“ (vergl. das nachstehend genannte Buch, S. 167, 201, 203). Selbst die „radikal-soziale“ Gruppe — augenblicklich die ausschlaggebende an Zahl und Einfluß — setzt sich für die Abschaffung der Mehrheitswahl ein, an deren Stelle die Verhältniswahl (sog. Proportionalwahl) treten soll. Und jetzt soll das Königreich Preußen — „dem Zuge der Zeit“ gehorsam folgend — dasjenige Wahlrecht einführen, welches die französische Republik nach ausreichender Erprobung als verderbenbringend verwirft: difficile est satiram non scribere! Die Empörung ist es, die das Lachen nicht aufkommen läßt: dem bestregierten Lande der Welt — dessen Geschichte für die innere VortreffIichkeit seiner Einrichtungen zeugt — will man den Spott und die Schande antun, ihm den fortgeworfe- ————— * Diese Ausführung bringe ich aus dem Gedächtnis; ich stehe für genaue Wiedergabe des Sinnes, nicht aber für den Wortlaut, ein. 24 nen Theatermantel gallischer Schwätzer als unerläßlichen Schmuck umzuhängen! Die Leute, die das fordern, sind selber aus dem schlechtesten aller denkbaren Wahlrechte hervorgegangen und geben uns hier den Vorgeschmack der „Diktatur der Unfähigen“. Da ich nun aus der reichen französischen Literatur, die mir zur Verfügung steht, auswählen muß und mir Leser denke, die ebenfalls darauf angewiesen sind, mit ihrer Zeit sparsam umzugehen, möchte ich die Aufmerksamkeit zunächst auf ein einziges, kleines, überaus vortreffliches Buch richten, geeignet eine ganze Bibliothek zu ersetzen. Der Name des soeben flüchtig genannten Francis Delaisi ist im Laufe des Krieges durch das prophetische Büchlein aus dem Jahre 1912 — „La Guerre qui vient“, der kommende Krieg — weit und breit bekannt geworden. Als ich zum ersten Male darauf aufmerksam machte, war es auch französisch nicht mehr zu bekommen; ein französischer Neudruck wurde veranlaßt, dem bald eine deutsche Übersetzung folgte. Ein so kenntnisreicher, richtig urteilender und unerschrockener Mann ist geeignet, Vertrauen einzuflößen. Zwei Jahre früher — also bereits 1910 — hatte er nun ein anderes Buch veröffentlicht — das soeben angeführte —‚ das ein mindestens ebenso großes Interesse bietet und dabei dieselben Eigenschaften der Kürze, der Genauigkeit, der rücksichtslosen Offenheit aufweist; man bekommt nicht Theorien und allgemeine Behauptungen zu hören, sondern Tatsachen, Namen und Zahlen. Das Buch heißt: „La Democratie et les Financiers“, die Demokratie und die Geldmänner; eine Übersetzung ins Deutsche wäre überaus wünschenswert. Außer bei Hasbach, erinnere ich mich nicht, es in Deutschland angeführt gesehen zu haben — wenn auch in einer wissenschaftlichen Zeitschrift ein deutscher Gelehrter in dem viel- 25 bemerkten Aufsatz [der vielbemerkte Aufsatz eines deutschen Gelehrten in einer wissenschaftlichen Fachschrift,] über die heutigen Zustände Frankreichs, es offenbar fleißig benutzt und hin und wieder sogar abgeschrieben hat. Delaisi ist Sozialist und zwar der fortgeschrittensten Gruppe; jedenfalls also über allen Verdacht erhaben, als stünde er unter dem Einfluße konservativer, agrarischer, junkerhafter Vorstellungen. Als freier Mann, der eine tiefgreifende Umbildung unserer gesellschaftlichen Verhältnisse erstrebt, beobachtet er die demokratische Regierungsform am Werke, studiert sie und urteilt über sie. Zunächst ist es von bedeutendem Interesse, aus diesem Munde zu hören, was schon andere denkende Politiker längst hervorgehoben haben: daß nämlich das Wort „Sozialdemokrat“ eine contradictio in adjecto enthält, indem die Begriffe Sozialismus und Demokratie einander widersprechen. Zum Glück denkt sich der deutsche „Genosse“ bei keinem der beiden Fremdworte etwas. Doch dies nur nebenbei. Auf 205 kleinen Seiten behandelt der Verfasser erschöpfend den ganzen Aufbau der heutigen französischen Regierung und das Ineinandergreifen aller Teile der komplizierten Maschine, von dem einundzwanzigjährigen Wähler an, dem man einredet, er sei „le peuple souverain“ — das souveräne Volk, bis zu dem so entscheidend wichtigen Staatsrat (conseil d'Etat) und der cour de cassation — zwei aus den fähigsten Juristen bestehenden Körperschaften, die im stillen wirken, von der Volksvertretung unabhängig sind und dafür sorgen, daß wenigstens die unsinnigsten Gesetze, die die politischen Dilettanten der Kammer beschlossen haben, nicht zur Ausführung gelangen, oder aber derartig umgemodelt und der Vernunft angenähert, daß die Urheber sie nicht erkennen würden. Die lächerliche Idee, daß jeder junge Mann von einundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren fähig sein soll, über politische Fragen und über politische Männer 26 zu urteilen, verspottet Delaisi, wie sie es verdient: diese unsinnige Annahme bildet das unheilbare Grundübel jeder Demokratie. Wir leben in einer Zeit, wo auf jedem Gebiet Fachausbildung, Facherfahrung gefordert werden; unsere Zeit ist eine wissenschaftliche und das heißt eine Zeit, in welcher nicht Gefühl und Leidenschaft und Ahnungen und Überzeugungen den Ausschlag geben, sondern genaues Wissen, erprobte Methoden, zielsicheres Handeln. Und nun soll auf einmal bei den schwierigsten aller Verhältnisse, bei Entschlüssen von unabsehbarer Tragweite, jeder dumme Bursche als Teil des „souveränen Volks“ mitstimmen! Es ist dies eine so haarsträubend und frevelhaft dumme Forderung, daß der Pariser Sozialist in dieselbe Empörung darüber gerät, wie nur irgendeiner der viel geschmähten ostelbischen Junker. In der Politik, wie überall, brauchen wir erstens fähige Männer, zweitens Fachmänner: das allgemeine Wahlrecht gibt uns weder die einen noch die anderen. Gelänge es einem Volke, eine derartige Höhe der Kultur zu erreichen, daß man von sämtlichen Männern reifen Alters sagen könnte, sie seien innerlich freie Persönlichkeiten, dann würde das allgemeine Wahlrecht wenigstens ein wahres Abbild des Wertes der Nation geben; wie die Verhältnisse aber liegen, läuft das Ganze — wie uns Delaisi vorhin sagte — auf „eine Fabrikation von Sklaven“ hinaus; denn die große Mehrzahl der Wähler ist nicht allein unfähig, über die vorliegenden politischen Fragen ein selbständiges Urteil zu fällen, sondern ebenso unfähig, den geistigen Wert und die sittliche Zuverlässigkeit der Stimmwerber zu beurteilen. Die Unmoralität des ganzen Systems liegt darin begründet, daß gerade diejenigen Männer, die so laut die Befreiung des Volkes fordern, in Wirklichkeit auf dessen Versklavung abzielen. Die Schilderung der Volksvertreter fällt bei Delaisi ergötzlich 27 aus. „Ärzte, ländliche Rechtsanwälte, Professoren, Journalisten, kluge Leute, die sich zu helfen wissen — im übrigen gänzlich unerfahren im praktischen Leben, ohne Kenntnis der Verwaltung und ohne jede Vorstellung dessen, was das allgemeine Interesse der Nation fordert. Man sehe nur zu, wie sie alle aus der Kammer herauslaufen, sobald eine Frage zur Behandlung kommt, die nicht geeignet ist, auf die nächsten Wahlen zu wirken; von eintausend Deputierten und Senatoren gibt es nur etwa einhundertundfünfzig, die sich mit Fleiß in die Staatsangelegenheiten einarbeiten.“ Denn auch die 168 Rechtsanwälte, die als Mitglieder der Kammer und des Senats sich manchmal sehr bemerkbar machen, haben für gewöhnlich ganz andere Dinge im Kopfe und benutzen ihr Mandat als Sprungbrett zu Privatgeschäften. Wer nun ein wirkliches Interesse an dieser auf zwei so morschen Grundpfeilern — unfähige Wähler, unfähige Parlamentarier — aufgebauten Regierungsform hat, das sind die F i n a n z l e u t e! Der größte Teil des Buches gilt der genauen Auseinandersetzung über die Art, „wie es dem Großkapitalismus gelungen ist, aus der Demokratie das wunderbarste, biegsamste und mächtigste Werkzeug zur Ausbeutung der Gesamtheit zu gestalten... Man bildet sich meistens ein, die Finanzleute seien Gegner der Demokratie: ein Grundirrtum! Vielmehr sind sie deren Leiter und deren treueste Förderer, ja, man kann ruhig sagen: s i e s i n d d i e E r f i n d e r d e r D e m o k r a t i e! Denn diese bildet die spanische Wand, hinter der sie ihre Ausbeutungsmethoden verbergen, und in ihr finden sie das beste Verteidigungsmittel gegen jede etwaige Empörung des Volkes“. Delaisi zeigt, daß die Finanzleute die fortgeschrittensten Demokraten sogar vorziehen, weil diese am besten geeignet sind, jede Bewegung der arbeitenden Klassen hintanzuhalten. Im übrigen sind 28 ihnen alle Schattierungen recht, solange sie sich nur zur demokratischen Fahne bekennen: in den französischen Kammern unterstützen sie bei den Wahlen und durch sonstige Zuwendungen Parlamentarier aus allen Gruppen, von der rechten Seite an bis zu den aufrührerischsten unter den Sozialisten; auch Jaurès' Zeitung erhielt eine bedeutende Subvention, deren genaue Ziffer der Verfasser angibt. Man sieht: die Parteien an und für sich — wie überhaupt alles, was einer Überzeugung ähnlich sieht — sind diesen Männern vollkommen gleichgültig; ihnen kommt es einzig darauf an, Leute zu gewinnen und fest in der Hand zu halten, die ihren Geldinteressen dienen: das ist Zweck und Ziel der „Demokratie“. Einer der interessantesten Abschnitte des Buches ist der, in welchem Delaisi uns die genaue Liste der 55 Männer gibt, die in Wirklichkeit Frankreich — ich will nicht sagen „regieren“ — aber beherrschen und ausbeuten. Nur zwei oder drei von ihnen sind Deputierte oder Senatoren und halten sich als solche sehr still; sonst aber sind sie alle selbst dem größeren französischen Publikum — dem „souveränen Volk“ — völlig unbekannt, und in Deutschland dürfte kaum ein Mensch einen einzigen dieser Namen gehört haben, außer dem des Rothschild und allenfalls dem des Josef Reinach. Diese 55 Männer stehen als Bankdirektoren, als Aufsichtsräte der Bergwerke, der Eisenbahnen, der Dampfschiffgesellschaften, der großen industriellen und kommerziellen Unternehmungen, der kolonialen Gesellschaften usw. an der Spitze sämtlicher Geldinteressen des Landes und haben es — dank der demokratischen Regierungsform — verstanden, die ganze politische Maschine Frankreichs in ihre Hand zu bekommen. Diese fünfundfünfzig machen und stürzen die Ministerien, sie bestimmen, wer Präsident der Republik sein soll, ihre Agenten führen die Wahlen, die Zeitungen gehorchen ihrem 29 Winke, in Sitzungen — die meistens bei Herrn Aynard von der Banque de France stattfinden — wird beraten, welche politischen Fragen aufs Tapet gebracht, welche als gefährlich erstickt werden sollen usw. In Kammer und Senat unterhalten sie ungefähr einhundert sogenannte „députés d'affaires“ (Geschäftsabgeordnete), die entweder als Anwälte oder Ingenieure oder Direktoren mit ihren großen Unternehmungen in Verbindung stehen, für deren Interessen sie im Parlamente sorgen sollen. Auch in diesem Falle gibt uns der Verfasser alle Namen, nennt ihre Parteiangehörigkeit und gibt die Liste ihrer geschäftlichen Beziehungen. Zum Unterschiede von den anderen Volksvertretern sind diese hundert Geschäftsabgeordnete wenigstens erfahrene Geschäftsleute oder Techniker, was ihnen ein bedeutendes Übergewicht verschafft. Nun aber stehen alle die genannten Gesellschaften — welcher Art sie auch seien — beständig erwartungsvoll an der Staatskrippe; als Volksvertreter sollen die Geschäftsabgeordneten das Volk gegen Ausbeutung schützen, als Vertreter jener Unternehmungen sollen sie möglichst glänzende Verträge abschließen: „Auf welche Seite soll sich der arme Mann schlagen? Das Volk zahlt ihm jährlich 3000 Francs Diäten, die Aktionäre 30 000. Die Frage stellen, heißt sie beantworten.“ Eine besondere Stellung im Parlament nehmen heute die erfolgreichen Rechtsanwälte ein, deren Spezialität es ist, die Banken und die großen Aktiengesellschaften vor Gericht zu vertreten; denn es hat sich als praktisch erwiesen, diesen Männern Sitze im Parlament zu verschaffen, wo sie auf alle Fälle nützlich und oft als Minister gut zu gebrauchen sind. So verdient z. B. der Sozialist Millerand — der bis vor kurzem Kriegsminister war — 300 000 Francs jährlich als Vertreter von Versicherungsgesellschaften. Auf diesem Wege ist auch Raimond Poincaré zum Präsidenten 30 der Republik geworden; er ist der Auserwählte der Hochfinanz; Mitglied der Akademie wurde er, weil er zwei „Unsterbliche“ vor Verurteilung wegen verbotener Trustbildungen gerettet hatte. Das Kapitel „Wie man die Wahlen macht“ empfehle ich besonderer Beachtung, wenn auch diese Dinge immerhin bekannter sind, als manche andere. Unerwartet wird den meisten sein, daß die Hochfinanz die zwei einzigen großen außerpolitischen Organisationen des Landes — die katholische Kirche und das Freimaurertum — ebenfalls für ihre Ziele zu verwenden weiß. Zu diesem Zwecke nimmt die eine Gruppe mit dem Credit Lyonnais an der Spitze an allen Werken katholischer Wohltätigkeit und Propaganda freigebig teil, wogegen die eigentliche „banque juive“ sich den Freimaurerlogen unentbehrlich zu machen weiß. Namentlich wenn Neuwahlen zu erwarten sind, lieben es die genannten Drahtzieher, irgendeine Frage aufwerfen zu lassen, über die jene beiden mächtigen Interessengruppen sich in die Haare geraten; bald tobt es dann im ganzen Lande über irgendeine religiöse oder soziale Frage; auf beiden Seiten schüren die Zeitungen tüchtig an... der Zweck ist erreicht: die finanziellen Operationen bedenklicher Art oder die für den Staat ruinösen Verträge — gegen die einzelne redliche Hitzköpfe zu wettern begonnen hatten — sind vergessen; die spanische Wand steht wieder schützend aufrecht und die beliebten demokratischen Matadore können alle Tage den Mund voll nehmen über „Freiheit“, „Fortschritt“ und über die Herrlichkeit des „souveränen Volkes“. Von allergrößtem Interesse sind die mitgeteilten genauen Einzelheiten über die französische demokratische Presse. Wie Delaisi bemerkt, die Presse ist für das Volk nicht allein ein Organ der Mitteilung über alles, was in der Welt vorgeht, sondern auch das einzige organ der Kontrolle über die von ihm 31 angeblich abhängige Regierung, über die Verwendung seiner Gelder und über das Verhalten seiner eigenen Volksvertreter; wenn es nun sich herausstellt, daß gerade die großen demokratischen Blätter — diejenigen, welche die große Mehrheit der Wähler in der Hand haben — selber von der Ausbeutung des Budgets [Budgetes] leben, so kann man sich denken, wie es mit den Nachrichten und mit der Kontrolle steht: „wenn die Hirten Wölfe sind, so werden die Schafe gefressen“, Delaisi gibt alle Namen, alle Zahlen, erzählt das Werden des „Petit Journal“, des „Petit Parisien“, des „Journal“, des „Matin“ usw. Überall liegt kapitalistisches Interesse zugrunde und überall ist es die Zeitung, die die Partei führt, nicht die Partei die Zeitung. Delaisi schildert die Art, in welcher diese Presse Ereignisse von großer Bedeutung vollkommen zu unterdrücken weiß, wie sie Verbrechen gegen das öffentliche Wohl durch Verschweigen aus der Welt schafft... und schließt: „Es sind ungefähr zwanzig Männer, die allabendlich zusammentreten und darüber Beschluß fassen, was das französische Volk am nächsten Morgen wissen und nicht wissen soll.... Und das souveräne Volk, das alles zu wissen und alles zu kontrollieren glaubt, weiß in Wirklichkeit rein gar nichts und kontrolliert gar nichts.“ Diese Zustände sind uns in Deutschland doch nur teilweise bekannt; einen Vorgeschmack davon gibt uns aber ein Teil unserer Presse: ich habe zwei liebe Freunde, von denen der eine nur das Berliner Tageblatt, der zweite nur die Frankfurter Zeitung liest, beide Blätter für den Reichtum ihrer Information mit Recht berühmt — und immer von neuem habe ich Gelegenheit zu staunen, was alles meine Freunde n i c h t wissen, so klug und so systematisch wird auf allen Gebieten — Politik, Finanz, Geschäft, Kunst, Literatur, 32 Theater, Wissenschaft — das „Totschweigen“ betrieben; man denke nur daran, daß z. B. die „Frankfurter Zeitung“ einen Teil des Briefes Hindenburgs an den Reichskanzler unterdrückte! In Deutschland fruchtete das wenig, weil wir noch Freiheit genießen und andere Zeitungen die verlangte „Verbesserung“ unterließen; in einem durch-demokratisierten Lande, wie Frankreich, wäre der Zweck erreicht worden, denn gegen diese organisierte Tyrannei, welche „Demokratie“ heißt, kommt keine Gewalt auf. Und wer glaubt denn im Ernst, daß steinreiche Organe der Hochfinanz — wie die beiden genannten deutschen Blätter — aus wirklicher Liebe zum deutschen Volke und aus Liebe zu wahrer Freiheit die demokratische Regierungsform fordern? Genau dieselbe Versklavung wie in Frankreich soll ins Werk gesetzt werden: erst das Volk betören, dann es ausbeuten — alles zu Ehren Gott Mammons. Ein tüchtiger Anfang ist ja schon gemacht; die bloße Verbreitung solcher, der internationalen Finanz dienenden Zeitungen beweist es, sowie ihr verhängnisvoll großer Einfluß, vor dem, bis hoch in Regierungskreise hinauf, mancher redliche deutsche Mann zittert und — wenn stark bedrängt [notgedrungen] — zu Kreuz kriecht. Die Gefahr erblicken, heißt schon, sie halb überwinden: Freiheitsdrang, Deutschbewußtsein und — zur vorläufigen Säuberung — starke Empörung müssen das übrige tun. Möge Delaisis Schilderung manchem Schlummernden die Augen aufreißen! Vor Schluß seiner Schrift kommt der Franzose noch auf das zurück, was den französischen Staat — trotz der Herrschaft demokratischer Korruption und demokratischen Verrats an den Interessen der Nation — noch zusammenhält: es ist das redliche Beamtentum und jenes letzte Erbe aus der Zeit des Königtums — der „conseil d'Etat“. Als Sozialist ist er natürlich ein erklärter Gegner dieser Einrichtungen 33 in ihrer jetzigen Gestalt, doch als redlicher Mann, der parteipolitische Schlagworte verachtet, erkennt er ihre großen Eigenschaften an und erkennt namentlich den Sitz ihrer Kraft in der Tatsache, daß diese Männer ehrlich, unselbstsüchtig und fachmännisch tüchtig sind. Seine Hoffnung für die Zukunft beruht einzig und allein auf Verständigungen und Organisationen, die außerhalb der demokratischen Regierung und ihrer unfähigen Volksvertretungen ins Leben gerufen werden — wozu jetzt schon der Anfang gemacht ist. „D e n P a r l a m e n t a r i s m u s“, schreibt er, „k a n n m a n s c h o n h e u t e a l s t o t b e t r a c h t e n. Damit will ich nicht sagen, daß die Abstimmerei bald aufhören wird. Die Wissenschaft lehrt uns, daß manche Organe, die keinem Zweck mehr dienen und manchmal sogar Gefahren mit sich bringen, nichtsdestoweniger vom Körper weiter geschleppt werden. Es kann sein, daß der Parlamentarismus noch lange lebt, ruht er doch auf zwei unvergänglichen Tatsachen des Menschengemütes: der Faulheit und der Unwissenheit. Schon jetzt aber geschieht alles, was für das Leben der Nation Wert hat, sowohl im Guten wie im Üblen, außerhalb seiner.“ Als willkommene Ergänzung zu Delaisi möchte ich ein zweites kleines Buch warm empfehlen, das der Akademiker Emile Faguet nicht lange vor dem Kriege unter dem Titel „Le Culte de l'Incompétence“ herausgegeben hat — was wir etwa übersetzen können: die Anbetung der Unzulänglichkeit, oder die Religion der Unfähigen. Der gelehrte Verfasser, wenngleich Republikaner, wird wohl persönlich bedeutend weiter „rechts“ stehen, als der extreme Sozialist; hier aber abstrahiert er von seinen subjektiven Neigungen und, indem er einen Blick auf Napoleon, Montesquieu, Macchiavelli, Aristoteles zurückwirft, stellt er sich die rein wissen- 34 schaftliche Frage: welches ist der fundamentale Grundsatz unserer heutigen Demokraten und ihres allgemeinen Wahlrechts? Er antwortet: „Es bedurfte keiner großen Studien, um mich zu überzeugen, daß dies die A n b e t u n g d e r U n z u l ä n g l i c h k e i t sei.“ Das Unzulängliche durchdringt den gesamten Staatsorganismus von unten nach oben, so das man die Formel des Grundsatzes auch verneinend fassen kann: „Demokratisch ist eine Regierung, in welcher Verdienst keine Anerkennung findet.“ Der Jüngling, der nichts weiß, noch nichts erfahren hat, dem man im praktischen Leben nicht das kleinste Amt anvertrauen würde, nimmt schon durch seinen Wahlzettel an der Gesetzgebung des Landes teil, durch welche das Schicksal eines Volkes auf Jahrhunderte hinaus bestimmt wird; er — der Gute — weiß weder woher diese Dinge kommen, noch wohin sie gehen, die Tragweite eines Gesetzes zu beurteilen, ist er vollkommen unfähig; er versucht es auch gar nicht; vielmehr, wird er durch ganz andere Beweggründe bestimmt: kurz, seine Unzulänglichkeit ist vollkommen und darum ist er nach dem Grundsatz dieser Regierungsform der ideale Wähler. Soweit es geht, erwählt er auch den idealen Volksvertreter — nämlich den „Politiker von Fach“. Und was ist das für ein Mensch? „Rein persönliche Überzeugungen hat er gar keine, seine Bildung ist sehr unvollkommen, er teilt die verbreiteten Meinungen und die Leidenschaften der großen Menge und hat schließlich keinen anderen Beruf und Zeitvertreib als Politik zu machen; wird ihm die politische Laufbahn versperrt, so stirbt er Hungers. Das ist genau der Volksvertreter, den die Demokratie braucht.“ Der Arme hat übrigens durchaus keine Sinekure; denn er hängt von seinen Wählern ab, denen er tausend Dienste zu leisten hat und muß sich auch in der Kammer bemerkbar machen, wo immerfort Dinge 35 verhandelt werden, von denen er nichts versteht. „Dieses Mädchen für alles ist derartig überbeschäftigt, daß es nichts gründlich anpacken kann. Das Kammermitglied kann nichts studieren, über nichts nachdenken, in nichts sich vertiefen, ja — wenn ich die reine Wahrheit sagen darf — er ist unfähig überhaupt, irgend etwas zu wissen. Vielleicht hat er Kenntnisse und Fähigkeiten besessen, als er zuerst ins politische Leben eintrat; wenige Jahre genügen und sie sind alle wie weggeblasen: die geforderte Inkompetenz ist erreicht. Von dem Augenblick an, entleert aller eigenen Persönlichkeit, ist er nichts weiter als Politiker, d. h. als ein Mann, der den sogenannten Volkswillen vertritt und an nichts anderes mehr denken kann.“ Besonders interessant ist die Schilderung der Art, wie ein Minister entsteht. Faguet sagt: „Es handelt sich hier um zwiefache Unzulänglichkeit.“ Denn hier steht ein Mann den bedeutendsten Interessen des Landes vor und besitzt dazu weder die Kenntnisse noch die Erfahrung. So waren z. B. die letzten drei Kriegsminister in Frankreich: ein Tierarzt, ein Börsenmakler, ein Rechtsanwalt. Keiner von ihnen hat die Muße, sich in die ihm gänzlich unbekannten Geschäfte einzuarbeiten und so walten sie denn mit alleiniger Berücksichtigung der politischen Parteiinteressen, mit Außerachtlassung jeder sachlichen Rücksicht. Hier legt Faguet den Finger auf die unheilbare Wunde, nämlich auf die immer und überall ausschlaggebende Bedeutung rein p o l i t i s c h e r Rücksichten. Die Kammer enthält vielleicht einen höchst hervorragenden Fachmann auf dem Gebiete der Heeresorganisation: in das Kabinett kann er nicht aufgenommen werden, weil er keiner der das Ministerium unterstützenden Gruppen angehört. In allem geht das Interesse der politischen Partei voran; in allem steht das Interesse der Nation hintenan. Weit und 36 breit wirkt dieses System, über die Grenzen der Kammer hinaus, über das ganze Land. Denn überall wird gefragt: nicht, was kannst du?, sondern, welcher Partei gehörst du an? „Homer spricht, wen Zeus zum Sklaven machte, dem raubte er die H ä l f t e seiner Seele. Demos aber, indem er den Menschen zum politischen Menschen machte, hat ihm die g a n z e Seele geraubt.“ Wie man sieht, schreibt Faguet als Gelehrter und als Weiser und von einer gewissen ironisierenden Höhe herab; nichtsdestoweniger bringt er eine ganze Reihe ergänzender Tatsachen zu jenen Delaisis und zwar ausführlich belegt. Als Beispiel führe ich das Gesetz vom Jahre 1905 an, betreffend die Friedensrichter. Diese französischen Friedensrichter bildeten in meiner Kindheit eine hochangesehene Körperschaft, die das allgemeine Vertrauen genoß; es waren vielleicht keine großen Juristen, dafür aber erfahrene, zuverlässige Männer, von der Justizverwaltung mit besonderer Berücksichtigung ihres Charakters ausgesucht. Ich hatte persönlich wiederholt Gelegenheit, sie am Werke zu sehen und weiß, wie viel Gutes sie schufen. Mit einem Schlag ist das durch ein Gesetz des Jahres 1905 verändert worden: es genügt, Dorf-Bürgermeister oder dessen Stellvertreter gewesen zu sein, um Anspruch auf das Amt eines Friedensrichters zu haben. In Frankreich können die meisten dieser Leute kaum lesen und schreiben [Die meisten dieser Leute können in Frankreich kaum lesen und schreiben]; gefordert wird von ihnen nur, daß sie die Fähigkeit besitzen, ihren Namen zu unterzeichnen — alles Sonstige pflegt der Dorfschullehrer zu besorgen. Es bedarf keiner Versicherung, daß diese Männer von Recht und Gesetz nicht das Geringste wissen. Außerdem — da sie meistens Bürgermeister bleiben und immer politische Wahlagenten sind — so läßt sich denken, mit welcher Art von Unparteilichkeit sie ihres Amtes walten. 37 Faguet sagt: „Da diese Männer von allen auffindbaren die unfähigsten sind zu diesem Amte, kam es ihnen nach dem demokratischen Grundsatz zu; mit Recht hat man es ihnen gegeben.“ Vier Jahre darauf klagt der Justizminister in der Kammer über die entsetzliche Unordnung, die durch das neue Gesetz schon entstanden war: jetzt wolle Jeder Friedensrichter werden und die Deputierten bestürmten ihn ohne Unterlaß im Interesse ihrer Parteigänger; für 180 zu vergebende Richterstellen lägen 9000 Bewerbungen vor, von denen 5500 „politisch“ unterstützt seien. Der Minister las bei dieser Gelegenheit die Eingabe eines Staatsanwaltes vor, der über die eingerissenen Rechtszustände bitter klagt und sagt: „Alle diese Leute halten es für selbstverständlich, daß Verdienste bei den Wahlen, wenn die Betreffenden sonst auch nicht die geringste Eignung besitzen, genügen müssen, ihnen das Amt eines Friedensrichters zu sichern.“ Worauf Faguet ausruft: „Herr Staatsanwalt, Sie sind ein schlechter Demokrat! Das gerade bildet den Geist dieser Regierungsart, daß auf Befähigung nicht gesehen wird — es sei denn, um sich zu vergewissern, daß sie nicht vorhanden ist. Verlangt man denn vom Wähler irgend die geringste Befähigung in bezug auf Gesetzgebung und Regierungskunst?“ Aus den zwei so verschiedenen Büchern von Delaisi und Faguet — die ich um ein Dutzend weitere ergänzen könnte — lernen wir einsehen, daß die Grundformel einer demokratischen Regierung lautet: „Freie Bahn allen Untüchtigen!“ Von selbst ergibt sich die Ergänzung: „Herunter mit allen Tüchtigen!“ Das gilt nicht für Frankreich allein, sondern für jedes Land, in welchem demokratische Grundsätze die Oberhand gewinnen. Zuletzt fügt sich Jeder stumm darein und glaubt einem Naturgesetz zu gehorchen. Ich schlage z. B. die vortreffliche Geschichte der Vereinigten Staaten 38 von Goldwin Smith auf; an der betreffenden Stelle ist von Henry Clay die Rede, eine große Hoffnung Amerikas in den vierziger Jahren, einem Manne [ein Mann], der infolge seiner seltenen Begabung und seiner alle Herzen gewinnenden Persönlichkeit vielleicht einzig fähig gewesen wäre, die schon damals heraufziehende Gefahr des Bürgerkrieges beizeiten abzuwenden; er genoß allgemeine Beliebtheit und hatte seinem Vaterland bereits manchen bedeutenden Dienst geleistet; die ganze Nation wartete voll Hoffnung auf seine baldige Präsidentenschaft. Bei zwei aufeinanderfolgenden Präsidentenwahlen bekamen jedoch die politischen Drahtzieher im letzten Augenblick Angst vor einer so machtvollen Persönlichkeit und verstanden es, eine Nullität einzuschieben und ihr durch den Sklavengehorsam der Wähler den Sieg zu verschaffen. Clay verschwand aus dem öffentlichen Leben. Smith geht nun über diese, für die ganze fernere Geschichte des Volkes so tief beklagenswerte und in ihrem Zusammenhange so empörende Tatsache, mit folgendem Satze hinweg: „Ohne Frage, man hat in diesem Falle die Mittelmäßigkeit der hervorragenden Begabung vorgezogen; doch ist dies das Gesetz aller Demokratien.“ Wohnt nicht diesem Worte — das der Verfasser ohne alle tiefere Absicht, als eine Selbstverständlichkeit fallen läßt — die Bedeutung eines tragisch-ernsten Mahnrufes inne? Denn selbst wenn das, was wir in Frankreich und in den Vereinigten Staaten erlebten, nicht überall zuträfe — daß nämlich die Vampyre der Finanz sowie aller materiellen Ausbeutung und moralischen [moralischer] Verrottung diese Regierung der Unfähigen zu ihren Zwecken gebrauchen und damit das Volk unfehlbar zugrunde richten — so liegt es doch auf der Hand, daß eine Staats- und Regierungsform, die überall das Mittelmäßige bevorzugt und das Tüchtige zurückstellt, die denkbar rückständigste Lösung des schwierigen politischen 39 Problems sein muß, einzig geeignet, uns nach und nach in die Barbarei zurückzudrängen. Der oben empfohlene Historiker Bryce bezeugt ausdrücklich: „Die besten Männer der Vereinigten Staaten lassen sich auf Politik nicht ein, denn sie gelangen doch weder zu Amt noch Einfluß;“ und er widmet ein ganzes Kapitel der Frage: „Warum wir in den Vereinigten Staaten niemals bedeutende Männer zu Präsidenten wählen.“ Wer dieses Kapitel liest, dem wird ein Licht darüber aufgehen, warum der Ochsenhirt Roosevelt und der als beschränkt und langweilig bekannte Professor Wilson für würdig gehalten wurden, als ungekrönte Könige — von den drahtziehenden Finanzleuten klug geleitet — den Geschicken des Landes vorzustehen! Auch eine andere Erscheinung der Demokratie, die eng mit der zuletzt besprochenen zusammenhängt, darf nicht unerwähnt bleiben: wo rein demokratische Grundsätze sich durchgesetzt haben, hört jeder Fortschritt auf und stockt zuletzt das Staatsleben. Hasbach lehrt uns, hierüber exakte Beobachtungen anzustellen, indem wir die verschiedenen Verfassungen der verschiedenen Kantone der Schweiz am Werke beobachten. Überall, wo ein Überbleibsel aristokratischer Einrichtungen sich erhalten hat — und sei es auch nur aus alter, unentwurzelbarer Sitte — da herrscht regeres Leben, Fortschritt, Armenfürsorge usw.; je vollendeter demokratisch ein Kanton seine Einrichtungen gestaltet hat, um so rückständiger zeigt er sich im ganzen staatlichen Leben. Dort z. B., wo neue Gesetze, nach ihrer Annahme durch die betreffende Vertretung, dem Volke zur Bestätigung vorgelegt werden müssen, werden sie von diesem fast immer kurzweg verworfen; zwar ist es der von ihnen selbst erwählte Kantonsrat, der die Gesetze nach eingehenden Studien und Beratungen beschlossen hat; doch das macht den Wählern wenig Eindruck; 40 die Biederen begreifen nicht, was die Neuerungen sollen und lehnen grundsätzlich jede Mehrausgabe ab. Das Beispiel eines Kantons wird gegeben, wo die dringend notwendigsten Beschlüsse alle dem gleichen Schicksal verfallen: Schulgesetz, Lehrlingsschutzgesetz, Gesetz betreffs Verbesserung des Bankwesens, Gesetz zur Förderung der Viehzucht, Eisenbahnbauten — alle einstimmig, oder mit erdrückender Majorität vom Rate angenommen — alle werden, wie der Schweizer sagt: „bachab geschickt“ (S. 139). Übrigens sind es nicht nur einzelne Kantönli, die auf diese Weise die Beschlüsse ihrer eigenen Vertreter verneinen, vielmehr hat auch das gesamte schweizer Volk eine ganze Reihe wichtigster Gesetze — das Unterrichtswesen, die Justiz usw. betreffend — nach abgeschlossener Arbeit verworfen. Man findet eine Liste in dem vortrefflichen Buche „Popular Government“ des englischen Rechtsgelehrten Maine, 1909, S. 96. Maine erzählt von der „bittern Enttäuschung“ der verdienten Schweizer Männer, deren jahrelange Arbeit durch diese Unvernunft zerstört wird und fügt hinzu: „Eine gewisse politische Schule ist der Überzeugung verpflichtet, daß, sobald die Demokratie jeden Widerstand besiegt hat, diese Regierungsform dann sich als eine echt fortschrittliche bewährt; es gibt keine größere Täuschung. Weder Erfahrung noch Theorie bieten die geringste Stütze für eine solche Auffassung. Alles was England berühmt und groß gemacht hat, war das Werk von Minderheiten, bisweilen sogar von sehr kleinen. Hätten wir etwa schon seit vier Jahrhunderten ein bedeutend erweitertes Wahlrecht (wie heute) besessen, nie hätten wir die Reformation durchgeführt, noch die Stuart-Dynastie verjagt, noch religiöse Toleranz gewonnen, ja nicht einmal die Kalenderreform. Ein demokratisches Parlament hätte die Dreschmaschine, den mechanischen Webstuhl, die Spinnmaschine, höchst wahrscheinlich 41 auch die Lokomotive verboten. Wir dürfen sagen, das allmähliche Eindringen der Massen in die regierende Gewalt ist von schwärzester Vorbedeutung für alle Gesetzgebung, welche wissenschaftliche Kenntnisse und Anspannung des Geistes beim Entwerfen, sowie persönliche Verzichtleistung in der Anwendung fordert.“ Also urteilt ein durchaus freier, politisch erfahrener Engländer über die politische Weisheit der Masse, sobald sie unbehindert — d. h. rein demokratisch — zu Worte kommt. Ist nun die Demokratie nicht der Staat des Fortschrittes, so ist sie ebenso wenig der Staat der Freiheit und der Gleichheit; vielmehr ist sie recht eigentlich unter allen möglichen Staatsformen, die der Unfreiheit und der Ungleichheit. Der Unfreiheit schon deswegen, weil unter den verschiedenen Arten der Tyrannei — die den meisten Regierungsformen nahe liegen — die bleiern schwerste die Tyrannei einer Mehrzahl ist. Von Plato und Aristoteles an bis zum heutigen Tage hat jeder Denker in dieser Beziehung das gleiche Urteil gefällt. Gegen jegliche andere Tyrannei ist Auflehnung möglich; im schlimmsten Falle befreit Dolch oder Revolver ein unterdrücktes Volk; hier aber findet die Unterdrückung durch eine anonyme, unfaßbare Masse statt, die sich als angeblichen „Volkswillen“ gibt, und die Drahtzieher stehen verborgen dahinter. Wie kann man von Freiheit reden, dort, wo das Verdienst dem Unverdienst gleichgestellt wird? Das freie Tun des Einzelnen können Beamte und Richter nur schützen, wenn sie unabhängig und stark dastehen; wo sie aber von dem Volke gewählt oder von Parteipolitikern ernannt und entlassen werden, verlieren sie die Fähigkeit, dem Recht zu dienen: wir sahen das in den Vereinigten Staaten. Daß in den Demokratien die Gleichheit nicht erreicht wird — vielmehr eine Ungleichheit, so schreiend wie sonst nirgends, 42 das zeigt uns Frankreich, wo eine Handvoll reicher Männer das Land nach Belieben regiert, das zeigt uns Amerika, wo die Vermögen immer ungeheurer werden und de Multimillionäre über allem Gesetze stehen. Als vor einigen Jahren über Rockefeller eine Strafe von 20 000 000 Dollar wegen Gesetzesübertretung verhängt worden war, verdiente er hieran innerhalb acht Tagen, durch Sinken der Petroleum-Anteilscheine, die er billig aufkaufte, über hundert Millionen. Ich empfehle den Anhängern des französischen Revolutionsideals das Buch des englischen Juristen Stephens „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, in welchem dieser Gelehrte überzeugend nachweist, daß wo Freiheit wirklich besteht, Gleichheit eo ipso ausgeschlossen ist, wo aber Gleichheit besteht, dies nur auf Kosten der Freiheit ermöglicht werden kann. Buchstäbliche Gleichheit kommt nur unter einem Despoten vor; in den türkischen Ländern, die ich vor dreißig Jahren bereiste, lernte ich zum ersten und einzigen Male wirkliche Gleichheit kennen: keine großen Vermögen und kein einziger Fall absoluter Armut; alle Menschen untereinander wie Brüder. Was die Demokratie leistet, ist also folgendes: auf Kosten der Freiheit schafft sie Gleichheit, und aus dieser gewaltsam hergestellten Gleichheit erhebt sich auf dunklen Schleichwegen eine weit ärgere Ungleichheit, als [sie] unter irgendeiner anderen Regierungsform besteht. In Wirklichkeit handelt es sich bei Freiheit und Gleichheit [— wie wir aus dem ersten Teil dieses Aufsatzes wissen —] um ganz andere Dinge, um Fragen der inneren geistigen Kultur und des Ausreifens zum „Menschen“ im Sinne der deutschen Denker. Kein politisches System vermag es, Freiheit zu schenken; ein starker, organisch aufgebauter Staat, in welchem es ein Oben und ein Unten und eine reiche Mannigfaltigkeit sich gegenseitig bedingender — nicht be- 43 kämpfender, sondern gegenseitig sich unterstützender — Teile gibt, schafft die Bedingungen für wahre Freiheit und für wahre Gleichheit. Rechte ohne Verantwortung (wie das allgemeine Wahlrecht sie schenkt) untergraben die sittliche Voraussetzung alles gemeinschaftlichen Lebens; und — wie der berühmte englische Staatsrechtslehrer Seeley bemerkt —: „Eine Monarchie ohne Verantwortung ist ein Ding der Unmöglichkeit, dagegen ist eine verantwortungslose Oligarchie, und in noch höherem Grade eine verantwortungslose Demokratie, nicht nur möglich, sondern die Regel“ („Political Science“, 8. Vortrag). Hier wird es nun nötig, den Stier bei den Hörnern zu packen, indem wir es klipp und klar aussprechen: der P a r l a m e n t a r i s m u s selbst ist das Grundübel unserer Zeit. Wissenschaftlich betrachtet ist er ein Ungeheuer: allen wissenschaftlichen Erfordernissen — der genauen Sachkenntnis, der leidenschaftslosen Erwägung, der streng folgerechten Methodik usw. — schlägt er ins Gesicht; völkisch betrachtet, ist er ein Wahnsinn: kein Mensch auf Erden besitzt ein „Recht“ auf Wahlzettel, und kein Mensch auf Erden wird um ein Tüttelchen besser, weiser, glücklicher dadurch, daß ihm dieses Recht verliehen wird. Die umfassendste Intelligenz, die je gelebt hat, Goethe, urteilte: „Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt... Wenn nur Ordnung gehalten wird, so ist es ganz einerlei, durch welche Mittel.“ Ebenso urteilt jeder Mensch auf der ganzen Erde, dem man den Kopf nicht durch Phrasen verdreht und nicht durch grausige Suggestion — wie die französische Revolution sie ausübte — um seinen Verstand gebracht hat. Man rede nicht von England! Das englische Parlament hatte nicht und nie — hat auch heute nicht — irgendeine Ähnlichkeit mit 44 den aus den französischen Revolutionsidealen hervorgegangenen Parlamenten — zu denen das deutsche gehört. Das englische Parlament war (wie schon bemerkt) immer eine Aristokratie und ist es auch heute noch; und was die berühmten „zwei Parteien“ betrifft, so sind es gar keine Parteien in dem Sinne Frankreichs und Deutschlands, vielmehr handelt es sich lediglich um eine — nach sportsmäßiger Analogie zu denkende — Organisierung der zum Regierungswerk bereiten und dazu aus Tradition oder aus Ehrgeiz bestimmten Männer in zwei Gruppen, damit das Hin und Her eines jeden Spiels entstehe und alle Spieler die Gelegenheit bekommen, sich einmal auf dieser und einmal auf jener Seite zu betätigen, und immer wieder nach angemessener Pause die Wonne der Gewalt (power) zu kosten. Im Grunde wollen beide Parteien genau das Selbe; nirgends trennt sie ein entscheidender Grundsatz; darum finden auch Übergänge aus einer Partei in die andere nach praktischen Rücksichten ohne weiteres statt: so gehörte z. B. Gladstone zu der konservativen Partei, ehe er Führer der Liberalen wurde, wohingegen Disraeli die liberale Partei, der er anfänglich angehört hatte, verließ, weil sie zu viele Männer von Bedeutung enthielt, während dem „Gegenspiel“ ein Mann von seiner Begabung fehlte. Auch in den Vereinigten Staaten lebt diese Tradition weiter, und kein Amerikaner kann einen andern Grund dafür angeben, daß er dem Rufe „Republikaner“ oder „Demokrat“ gehorcht, als weil diese oder jene seine „Freunde“ sind, d. h. die Männer, von denen er Beförderung oder Protektion zu erwarten hat. Unter solchen Bedingungen ist eine parlamentarische Regierung möglich; unmöglich ist sie dort, wo Parteibildung im Sinne Deutschlands und Frankreichs besteht, wo Religionen und Fragen, die die Grundlagen des Staates betreffen, die Volksvertreter von einander trennen; hier wird 45 der Parlamentarismus zu einem Unding: er vereitelt jede folgerechte Regierungskunst und führt zu einer zunehmenden Vergiftung des ganzen öffentlichen Lebens. Ein Reich, das eine Zentrumspartei und eine Sozialistenpartei enthält, kann nicht nach englischem Muster parlamentarisch regiert werden: das ist klar wie die Sonne am Himmel. Deutschland — zu hohen Dingen befähigt und berufen — ist heute auf Irrwege geraten und zu einem Sklaven des Revolutionsideals herabgesunken; und doch ist dieses Ideal, vor dem sich fast alle verneigen, so grundfalsch, so unglaublich albern, daß künftige Geschlechter nicht begreifen werden, wie es möglich war, selbst die Vernünftigen unter uns so lange zu narren. Herbert Spencer, der in dieser Flugschrift wiederholt genannte englische Denker, in politischer und religiöser Beziehung ein unbegrenzt freisinniger Geist, urteilt am Schlusse seines Lebens: „Der verhängnisvollste Aberglaube unserer Gegenwart ist der Wahn von dem Gottesgnadentum der Volksvertretungen.“ Es liegt doch auf der Hand, daß der Demos, das Volk, nur in sehr kleinen Staaten tatsächlich regieren konnte, wie in Athen und dem frühen Rom. Aristoteles lehrt: ein Staat könne nicht 100 000 Menschen umfassen und noch „Staat“ heißen. Jeder weiß aber, was auch dort der Demos geleistet hat: alle Größe Athens — politisch, wissenschaftlich, künstlerisch — ward unter der fördernden Herrschaft Einzelner erzielt, alle Engherzigkeit, alle Irrnis, der schnelle Niedergang des Staates ist das Werk des Volkes, das aus gutgemeintem, törichtem Idealismus zu Mitwirkung und Entscheidung in Fragen berufen wurde, für die es keine Zuständigkeit besaß, noch je besitzen wird. Wer darüber Genaueres erfahren will, der greife zu Julius Schvarcz' mehrbändigem „Die Demokratie“ (1877—1898) oder zu Croi- 46 set's „Les Démocraties antiques“; auch der erste Band von Burckhardts „Griechischer Kulturgeschichte“ belehrt reichlich über das Chaotische, das aus den demokratischen Verfassungen sich ergab. Dazu kommt aber eine entscheidend wichtige Erwägung: in Athen wie im alten Rom, und wie noch heute im Referendum der Schweiz, beteiligte sich das Volk in corpore an den politischen Handlungen; das ist in großen Staaten unmöglich; und so entstand die moderne Erfindung der angeblichen „Volksvertretung“, von der das glückliche Altertum nichts gewußt hat. Das regierende „Volk“ ist bei uns nicht das Volk, sondern eine Gruppe von Herren X‚ Y und Z, die von dem „Volke“ zu seinen „Vertretern“ auserwählt worden sind. Nun läßt sich freilich vorstellen, daß in manchen sein Dasein unmittelbar betreffenden Fragen das Volk in seiner Gesamtheit ein — wenn auch nicht weitblickendes und fein erwägendes — doch sachkundiges, kluges Urteil besitzen mag; die Abstimmung eines ganzen Volkes, Mann für Mann, in einer Frage, die Jeden betrifft und die Jeder versteht, wird oftmals ebenso überwältigend richtig ausfallen, wie die stille Abstimmung des deutschen Volkes bei Ausbruch des Krieges, der uns umgibt. Daß aber die allgemeine Menge zu jenem allerschwierigsten Werke — zu der Beurteilung des Charakters und der Begabung und des Urteilsvermögens einzelner Männer, zu der feinen vergleichenden Psychologie befähigt sein sollte, die die Wahl eines „Vertreters“ voraussetzt, ist eine geradezu haarsträubende Annahme. Darum führt Demokratie notwendig zu Demagogie; die beiden Worte sind in der Praxis sinnverwandt. Es läßt sich mit wissenschaftlicher Bestimmtheit vorausberechnen, daß, bei allgemeinem Wahlrecht, auf einen sachkundigen und innerlich redlichen Vaterlandsfreund fünf Schwätzer und ebensoviele Geschäftspolitiker wer- 47 den gewählt werden. Schon die Tatsache, daß die Wählerstimmen durch R e d e n gewonnen werden müssen, deutet auf bedenklichste Verirrung des Urteils. Swift — einer der scharfsinnigsten Menschen — stellt auf Grund lebenslanger Beobachtung fest, daß — von vereinzelten genialen Begabungen abgesehen — die sogenannte Redegabe stets auf engen Ideenkreis, gepaart mit Armut des Sprachschatzes, schließen läßt. Aristophanes hat Worte für die erfolgreichen Volksredner seiner Zeit, die hier nicht wiederholt werden können. Das sind die Leute, die jetzt unsere Parlamente bevölkern! Die Wissenschaft weiß von einer „Auslese der Tüchtigsten“; wir betreiben die Auslese der Enghirnigen und Hohlredenden. Während die allertüchtigsten Männer des ganzen Volkes — die weisesten und stärksten, darum auch oft die schweigsamsten — gerade gut genug wären, das Staatsschiff zu steuern, suchen wir uns die Schnattermäuler dazu aus. Das Wort „Parla — ment“ bedeutet ja auf Deutsch „Schwatzbude“. Wenn es möglich wäre, die Kraftmenge, die jährlich in unserem Erdteil auf politische Reden verschwendet wird, zu sammeln, sie würde genügen, sämtliche elektrischen Anlagen Europas dauernd in Gang zu halten. Und diese stundenlang währenden Parlamentsergüsse wirken auf weite Schichten verheerend, denn sie werden durch Kurzschrift festgehalten, als redeten die Götter, und gedruckt, als wären sie wert, gelesen zu werden; und nun sitzen Tausende, denen weitere Ausbildung des Verstandes und Erhebung der Seele so not täte, und verlieren jede freie Stunde an diesen öden Lesestoff. Damit ist aber nicht entfernt genug über den Parlamentarismus als Regierungsorgan gesagt; vielmehr kommen weitere Erwägungen in Betracht, die noch nachdenklicher stimmen müssen, da sie unabänderliche Grundtatsachen des 48 menschlichen Gemütes betreffen. Zur Not könnte man sich von einem sehr gebildeten Volk — sagen wir dem künftigen deutschen — vorstellen, es käme einmal so weit, sich nicht durch Worte und Programme nasführen zu lassen, sondern es würde in der Mehrzahl wirklich tüchtige, dem Staatswohl ergebene Abgeordnete wählen. Das geschieht — wie der Bauer sagt — in der Woche mit den vier Sonntagen; doch gleichviel, setzen wir es voraus. Wir können es um so eher, als die verschiedenen deutschen „Dinge“ der Gegenwart gottlob noch lange nicht durchdemokratisiert sind und infolgedessen eine achtungswerte Summe von Talent und gutem Willen aufweisen. Zwei Unüberwindlichkeiten haften nichts destoweniger jedem Parlament an und wäre es aus der Auslese des Volkes zusammengesetzt: die Ma j o r i t ä t und die M a s s e n p s y c h o s e. Ich wünschte, jeder Deutsche wäre gesetzlich verpflichtet, Goethes unsterbliches Urteil auswendig zu lernen: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Wo, in der gesamten Weltgeschichte, hat man gesehen, daß das bessere Urteil, die weisere Vorsicht bei der Mehrzahl zu finden gewesen wäre? Dieses heute von allen Menschen als unbestreitbares Dogma angenommene politische System halte ich für die roheste Lösung des verwickelten, schwierigen politischen Problems, die jemals versucht wurde: bei jeglicher anderen Regierungsform besteht wenigstens die Möglichkeit, wenn nicht gar die Wahrscheinlichkeit, daß öfters klug und manchmal hervorragend regiert wird, bei dem System des allgemeinen und gleichen Wahlrechts mit parlamentarischen Majoritätsbeschlüssen ist es 49 mathematisch sicher, daß — im besten Falle — so schlecht regiert wird, wie gerade noch möglich, wenn die ganze Staatsmaschine nicht auseinanderstieben soll. Was bedeutet die Lobpreisung Schillers, wenn wir auf des großen Mannes Wort nicht hören: Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen. Der Staat m u ß u n t e r g e h n, früh oder spät, Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet. In Deutschland merkt man das noch nicht mit aller Deutlichkeit, weil die parlamentarische Regierung noch wohltätigen Beschränkungen unterliegt: der Bundesrat zum Teil ähnlich wirkt wie in Frankreich der Conseil d'Etat, und der Reichskanzler nur dem Kaiser verantwortlich ist; ähnlich lagen schon die Verhältnisse beim alten Bundesreichstag, sonst gäbe es schon längst kein Deutschland mehr — die Volksvertreter haben getan was sie konnten, es durch Unverstand zu vernichten, der König und seine Minister haben das Reich geschaffen; und ebenso ist seit dem Jahre 1870 alles Größte, was Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute ist, im unaufhörlichen Kampfe gegen die Volksvertretung — und zwar arg verstümmelt — gewonnen worden. Auch in England hält eine große aristokratische Tradition und namentlich die diktatorische Gewalt des geheimen Komitees der kleinen regierenden Gruppe die Katastrophe noch ab. Sonst aber braucht man nur um sich zu blicken, wie wir es oben taten, um zu sehen, wohin wir alle auf diesem Wege geraten, und um sich betrübt zu fragen, welcher Teufelsgeist den Deutschen eine Binde vor die Augen hält, daß sie blind ins Verderben laufen. Mau wettert gegen Ausländerei und hält es für Vaterlandsverrat, wenn Männer ihre Beinkleider aus London und Frauen ihre Hüte aus Paris kommen lassen: die verderblichste Aus- 50 länderei ist aber der Glaube an die unanfechtbare Würde und die ausschlaggebende Bedeutung der aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretungen: an der aus Frankreich eingeführten, jedem echt deutschen Empfinden zuwiderlaufenden Demokratie wird Deutschland noch zu Grunde gehen, wenn nicht beizeiten die nötige Aufklärung Platz greift und durch diese bewirkt eine vollkommene Umwandlung in der öffentlichen Meinung. Jetzt aber noch die Bemerkung betreffend die besondere Geistesverfassung und Geisteserkrankung — von der Wissenschaft „Massenpsychose“ genannt — aller lange gemeinschaftlich tagenden zahlreichen Versammlungen. Sie bildet darum von allen Bemerkungen die wichtigste, weil sie auf jedes Parlament sich bezieht, gleichviel, ob dieses aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht oder aus einem anderen: sie ist schon öfters in einer oder der anderen Form laut geworden, doch unterliegen die Menschen zeitweise, wie der Erblindung, so auch der Vertaubung. Gustave le Bon, der bekannte Sozialpolitiker und Naturforscher, staunte, als er zum erstenmal die Geschichte der französischen Revolution aufmerksam studierte, bei der Entdeckung, daß die Mitglieder der verschiedenen Revolutionsparlamente stets anders abstimmten, als sie gesprochen hatten und somit von Schritt zu Schritt Entscheidungen trafen, die ihren Überzeugungen widersprachen. „Les assemblées révolutionnaires votaient sans cesse des mesures contraires aux opinions de chacun de leurs membres.“ Manchmal freilich taten sie, was sie nicht wollten, was sie ausdrücklich für schlecht und verhängnisvoll erkannt hatten, einfach aus Feigheit, weil draußen die rohesten Elemente der Pariser Bevölkerung lärmten und drohten und sich ein Vergnügen daraus machten, unvorsichtige [umsichtige], „unverletzliche“ Vertreter an die Straßenlaternen aufzuhängen; 51 doch gilt das durchaus nicht für alle Fälle; auch sonst besteht ein merkwürdiger Abstand zwischen den schriftlichen und mündlichen Äußerungen der Mitglieder und dem, wozu diese selben Mitglieder sich in der Gemeinsamkeit der Beratschlagung dann hinreißen lassen. Le Bon gelangt zu der Überzeugung, daß das, was er in einem anderen bekannten Werk als Massenseele (Psychologie des foules) untersucht hat, in allen solchen Versammlungen am Werke ist und das bedeutet: Herabsetzung der Besonnenheit des Einzelnen, Steigerung seiner Leidenschaftlichkeit, hypnotische Wirkung und infolgedessen Übergewicht brutaler Kraftnaturen über die feiner organisierten, klügeren Hirne. Parlamente wie die altenglischen, wie die früheren Etats généraux in Frankreich, wie noch heute der preußische Landtag, lassen diese Tatsache nicht so klar zu Tage treten, einerseits weil sehr starke Interessengruppen und tatsächliche Verhältnisse mehr als Parteien und politische Schlagworte vertreten sind, andrerseits weil ihr Machtbereich umschränkt ist; je „absoluter“ aber das Parlament wird, teils durch die Allgemeinheit des Wahlrechtes, teils durch die Ausdehnung seiner Befugnisse, teils durch die Erwählung völlig losgelöster Vertreter (wie Rechtsanwälte oder Berufspolitiker, die weder im Grundbesitz noch in irgendeinem Gewerbe oder Handwerk wurzeln), um so stärker tritt dieses psychologische Gesetz in die Erscheinung; es ist ein Naturgesetz und läßt sich darum auf keine Weise umgehen. Sperren wir 400 tüchtige Männer in einen Saal ein mit der Aufgabe, Gelder zu bewilligen, Gesetze zu beratschlagen, auswärtige Politik zu beurteilen usw., so erlaubt uns die wissenschaftliche Beobachtung mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen: die durchschnittliche Urteilskraft dieser vierhundert wird bedeutend herabgesetzt und die Neigung zur Unbesonnenheit gesteigert sein; außerdem werden die weniger 52 edlen Elemente — die weniger freidenkenden, die weniger zartfühlenden — die Oberhand gewinnen. Wer fleißig suchte, würde gewiß von allen Seiten Belege beibringen. Ich erinnere an Schillers Distichon: „Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig Sind sie in corpore, gleich wird ein Dummkopf daraus.“ Ein allerwertvollstes Zeugnis fiel mir vor kurzem in einem Brief Bismarcks an Motley auf, aus dem Jahre 1863; er spricht vom preußischen Abgeordnetenhaus und nennt die Mitglieder zuerst einfach „dumm“; sofort aber zieht er dieses ihm in der Leidenschaft entschlüpfte Wort zurück: „Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet regelrechte deutsche Universitätsbildung,“ und so gelangt er zu der Einsicht: „Sie werden kindisch, sobald sie in corpore zusammentreten; m a s s e n w e i s e d u m m, e i n z e l n v e r s t ä n d i g.“ Der deutsche Staatsmann urteilt also ohne vorgefaßte Theorie, aus praktischer Erfahrung buchstäblich genau ebenso wie der französische Psychologe aus dem Studium der Geschichte; mit beiden stimmt der große Dichter überein: das sollte doch genügen, jeden denkenden Menschen aufmerksam und nachdenklich zu stimmen! Noch einen vierten Kronzeugen rufe ich, um wiederum aus einem anderen menschlichen Gesichtswinkel ein Urteil zu hören. Honoré de Balzac, der gewaltige Dichter-Seher, dessen Bedeutung immer mehr zur Anerkennung gelangt, je zahlreichere unter seinen Zeitgenossen in dem Nebel der Vergessenheit versinken, schreibt (in „Les Paysans“) von der französischen Kammer seiner Zeit: „Neuf cent intelligences, si grandes quelles puissent être, se rapetissent en se faisant foule;“ die Verstandeskraft von neunhundert Männern, die, einzeln genommen, von großer Bedeutung 53 sein mögen, schrumpft zusammen, sobald sie zu einer Massenversammlung vereint tagen. Der große französische Denker und Künstler, Gustave Flaubert, ein geborner Republikaner und geistig einer der freiesten Menschen, die je gelebt haben, schreibt in einem Briefe an George Sand vom 8. September 1871: „Le suffrage universel est la honte de l'esprit humain. Tel qu'il est constitué, un seul élément prévaut au détriment de tous les autres: le nombre domine l'esprit, l'instruction, la race et même l'argent, qui vaut mieux que le nombre.“ — Das allgemeine gleiche Wahlrecht ist die Schande des Menschengeistes; in seiner jetzigen Gestalt wiegt ein einziges Element auf Kosten aller anderen vor: die Zahl ist Herr über den Geist, über die Bildung, über die Rasse, und selbst über das Geld, welches immerhin höher zu bewerten ist als die Zahl. Kein Mensch auf der Welt ist fähig, die hier angeführten Tatsachen zu widerlegen; ewige Naturgesetze hören nicht auf zu wirken, weil man sie verkennt oder mißachtet oder verspottet, Hiermit ist aber die parlamentarische Regierungsform — insofern ein aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenes Parlament die ausschlaggebende politische Macht in einem Lande bilden soll — ein für allemal gerichtet. Alles, was wir darüber zu hören bekommen, ist Phrase. Unmöglich kann dieser Weg der Weg der Zukunft sein; wir müssen uns gewöhnen, die Abschaffung dieses Erbstückes der französischen Revolution als unvermeidlich zu betrachten und nach anderen Richtungen zu sehen. Ein Wahngedanke ist es, daß die falsche Richtung uns als unabweisbare Notwendigkeit — als „Forderung der Zeit“ — aufgezwungen sei. Ebensowenig wie Delaisi, glaube ich, daß es gelingt, von heute auf morgen diese Krankheit zu beseitigen; 54 doch geschieht schon viel, wenn nur die Menschen die Wahrheit einsehen lernen und den Parlamenten nicht mehr die heutige Verehrung und die übermäßige Aufmerksamkeit schenken, wenn — wie Herbert Spencer es vorhin verlangte — der Glaube an das Gottesgnadentum der Volksvertretungen verblaßt. Es muß alles geschehen, um dies |