Hereunder follows the transcription of Hammer oder Amboß, (Hammer or Anvil), war essay by Houston Stewart Chamberlain, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1916.

Hieronder volgt de transcriptie van Hammer oder Amboß, (Hamer of Aambeeld), oorlogsessay van Houston Stewart Chamberlain, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1916.
 

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H. S. Chamberlain's war essays 1914 — 1918
Kriegsaufsätze, 1e serie oorlogsessays / 1st series war essays
Neue Kriegsaufsätze, 2e serie oorlogsessays / 2nd series war essays
Hammer oder Amboß, 3e serie oorlogessays / 3rd series war essays
Die Zuversicht, oorlogsessay / war essay
Politische Ideale, ideeën voor een toekomstige duitse staat / ideas for a future German state
Ideal und Macht, oorlogsessay / war essay
Der Wille zum Sieg, oorlogsessays / war essays
Demokratie und Freiheit, oorlogsessay / war essay
Der demokratische Wahn, oorlogsessay / war essay
The one and the other Germany, my translation of Das eine und das andere Deutschland
Ravings of a Renegade, translation of the Kriegsaufsätze

 
Houston Stewart Chamberlain

Hammer
oder
Amboß

 

Dritte Reihe der Kriegsaufsätze


Du mußt steigen oder sinken,
Du mußt herrschen und gewinnen,
Oder dienen und verlieren,
Leiden oder triumphieren,
Amboß oder Hammer sein.
(Goethe.)

 


München 1916 / Verlag von F. Bruckmann A.-G. 


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Druck von F. Bruckmann A.-G., München


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Inhaltsübersicht
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Seite
Hammer oder Amboß 7
Der hundertjährige Krieg 29
Des Weltkriegs letzte Phase 38
Deutschlands Kriegsziel 49

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(Leere Seite)

7

Hammer oder Amboß
In der auswärtigen Politik gibt es
Momente, die nicht wiederkommen.
(Bismarck, 3. 2. 66.)

    Gerade die einfachen Tatsachen — diejenigen, welche weitausgedehnten Zusammenhängen gleichsam als Element zugrunde liegen — werden von den meisten Menschen selten fest und klar erfaßt. Das gilt auf allen Gebieten; erst recht aber auf dem der Politik. Es ist zum Verzweifeln. Denn der größte Teil aller unauflösbaren Verwirrung und alles kräfteraubenden Haders, der unser gemeinsames Leben verhäßlicht und verzettelt, wurzelt in diesem Mangel und wäre bei einiger Besinnung leicht zu heben. Möchten immerhin die Meinungen über Ziele und Methoden aus einander strahlen; das würde nur befruchtend wirken; wenn aber die grundlegenden Tatsachen — die in unser Aller Bewußtsein, wie Tag und Nacht, außerhalb alles „Meinens“ und „Dafürhaltens“, in massiger, handgreiflicher Bestimmtheit dastehen sollten — wenn sie uns so nebelhaft verschwommen vor Augen stehen, daß wir sie heute so und morgen anders erblicken und jeder Leitartikler es in der Hand hat, unsere Auffassung nach seinem Sinne umzuwandeln: dann wankt uns der Boden unter den Füßen, dann ist es ein reiner Zufall, ob wir uns zu dieser oder jener Überzeugung bekennen. Ein Beispiel: Wenn etwas klar wie die Sonne sein sollte — außerhalb alles Wähnens und Wägens, alles Parteiwesens und alles wissenschaftlichen Streites —‚ so ist es die Tatsache, daß das Deutsche Reich nur auf sich selbst zu hoffen hat, auf eigene Kraft, eigenen Geist, eigenen Fleiß, eigene

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Zucht, eigene Opferfreudigkeit, eigenen zielbewußten Aufbau, eigene folgerichtige, starke Politik, eigenes Unterordnen aller persönlichen Wünsche und Schrullen Einzelner unter das eine gemeinsame Ziel, auf die grundsätzliche Entwickelung echt deutscher Eigenart und die ebenso planmäßige Ausrottung des am deutschen Holze fressenden Wurmes undeutschen Wesens; das Heil kann ihm unmöglich von außen kommen, vielmehr nur aus dem keimkräftigen Hervorsprießen der im Innern erwachten, doch zur Stunde noch teilweise gehemmten Fähigkeiten. Daß dieses machtvolle Deutschland alles Deutsche außerhalb des Reiches und auch alles stammverwandte Germanentum — ohne Gewalt, rein durch Schwergewicht — nach und nach um sich sammeln, daß es weiterhin zum Herz und Hirn eines großen mitteleuropäischen und auch über Europa hinausreichenden Friedens- und Arbeitsbundes werden muß und wird: diese Idee folgt aus der ersten mit so zwingender Notwendigkeit, daß sie schon oft angedeutet wurde; ich brauche hier nur die Namen Friedrich List, Paul de Lagarde und Constantin Frantz zu nennen, mit denen wir dreiviertel Jahrhundert zurückreichen. Der heutige Weltkrieg rückt uns nun die alte Idee wieder unmittelbar vor die Augen. Ich selber zog Tag für Tag heute vor einem Jahre den Schlußstrich unter einen Aufsatz „Deutscher Friede“, in welchem ich ausführte: wie auch die Grenzregelungsfragen ausfallen möchten, es sei jedenfalls ein   V e r b a n d — nicht ein bloßer Bund — mit den nächstbenachbarten Staaten anzustreben, dem aber wieder ein Bund engbefreundeter, schutzgewährender und schutzgenießender Staaten nach allen Seiten sich anschließen müßte, vom Eismeer bis zum Per-

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sischen Meerbusen. In München hatte die Censur nichts einzuwenden; in Berlin wurden diese Ausführungen als staatsgefährlich gestrichen! .....   Inzwischen ist von einer dort mehr begünstigten Seite der schöpferische Gedanke List's und Lagarde's als Wechselbalg in die Welt gesetzt und damit der Mitteleuropa-Rummel in die Wege geleitet worden; diesem ist es gelungen, die Begriffe vollkommen zu verwirren. List's Bündnispläne ruhten auf einer vorangehenden politischen und volkswirtschaftlichen Stärkung Deutschlands, Lagarde's „Erbverbrüderung“ nicht weniger; jetzt aber lehrt man's anders. Die selben Leute, die uns vor wenigen Jahren überreden wollten, der Demos und der König könnten zugleich herrschen, lehren jetzt, Deutschland brauche sich bloß in ein allgemeines „Mitteleuropa“ aufzulösen — und alle Übel würden mit einem Male geheilt sein. Der „grundlegende Entschluß“ bestehe darin, „Mitteleuropa zu wollen“. Nein, bei Gott, nein! Das heißt ja den Karren vor die Pferde spannen! Der grundlegende Entschluß ist: Deutschland zu wollen, das neue, straff organisierte, zweckmäßig schnell und sicher handelnde Deutschland; dann kommt Mitteleuropa von selbst, und dann bleibt auch Mitteleuropa bestehen — was sonst ausgeschlossen ist. Wohin diese Fahrt steuert, ist klar: Schwächung des deutschen Nationalgefühls, Schwächung der monarchischen Staatsgrundlage. In eine keimende Organisation nimmt man das Chaos auf und erwartet als Ergebnis vollendete Gestalt! Da sieht man, wohin wir Menschen kommen, sobald wir die Grundtatsachen des Lebens — was Goethe Die „Urphänomene aller Politik“ genannt haben würde — nicht klar ins Auge fassen. Täten wir es, wir wüßten

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Alle, daß nicht Schwäche stärkt; außerdem trügen wir Alle Bismarck's Wort im Gedächtnis: „Befreite Völker sind nicht dankbar, sondern anspruchsvoll“; schließlich würde Keiner von uns einen Augenblick an dem Ursatz zweifeln, daß ein Staat um so sicherer und gewaltiger nach außen wirkt, je mehr er zusammengefaßt und abschließend innig in Bezug auf sich selbst gebildet und ausgebaut ist. Je stärker ein Staat, desto stärker und desto dauerhafter werden die Verbände und die Bündnisse werden, die er eingeht; zu glauben aber, aus dem Bündnis von Schwäche mit Schwäche könne Kraft entstehen, zu glauben, eine G.m.b.H. „Mitteleuropa“ bedeute einen lebensfähigen politischen Gedanken, ist dermaßen haarsträubend, daß die Schmiede des Deutschen Reiches — ein Friedrich und ein Stein und ein Bismarck — sich gewiß im Grabe umgedreht haben. Auf diesem Wege würde ein siegreiches Deutschland sich eigenhändig sein Grab schaufeln. Und solche Ungedanken hält ein bedeutender und einflußreicher Teil der deutschen Öffentlichkeit für erörterungswert und vielversprechend!
    Dies nur als Beispiel, damit es unmittelbar in die Augen springe, wie verheerend der Mangel an richtigen, klar erfaßten Grundbegriffen wirken kann. Ein ähnlicher Irrtum herrscht augenblicklich in weiten Kreisen in Bezug auf den Krieg und könnte ebenfalls verhängnisvolle Folgen
heraufbeschwören.
    Ein Blick auf die Weltgeschichte zeigt, daß verhältnismäßig wenige Kriege um das Dasein einer Nation geführt werden: so war zum Beispiel weder 64 noch 66 noch 70 auf einer oder der anderen Seite von derartigen Zerstörungszielen die Rede. Man kriegt um Grenzen, um Besitztümer, um Rechte und Vorteile, um Grundsätze und

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um Glaubenssätze; Sehr selten nahm sich ein Staat vor, den andern von der Erdoberfläche auszutilgen: das klassische Beispiel haben wir an den Vernichtungskriegen Roms gegen Karthago. Karthago kämpfte um sein Dasein — und verlor es. Es liegt nun auf der Hand, daß ein derartiger Krieg sich in seinem innersten Wesen von sonstigen Kriegen unterscheidet. Eine im Kampf der Interessen erlittene Niederlage erstickt nicht die Hoffnung auf bessere Zeiten; es kann sogar vorkommen, daß aus Verlust Gewinn erblüht; wohingegen verlorenes Dasein ein Ende auf immerdar bedeutet. In Folge dessen ist die sittliche Grundlage, auf welcher der Krieg steht, in beiden Fällen grundverschieden. Ein Streit um Interessen und Rechte kann — und wird auch meistens — von beiden Seiten mit guten Argumenten, mit wahren — wenn auch vielleicht Leidenschaftlich verirrten — Überzeugungen begründet werden; im Gegensatz hierzu ist der Wille, einem Andern das Lebenslicht auszulöschen, auf alle Fälle unsittlich, und er wächst geradezu ins Gotteslästerliche, wenn der Befehdete geistig und moralisch hoch steht, höher vielleicht als sein Gegner; daher ist die Gegenwehr hier berechtigt — ja, wenn die Not groß wird, verpflichtet — zu Mitteln zu greifen, die in einem redlich geführten Kampfe, in einer bloßen gegenseitigen Krafterprobung verpönt sein würden. Überfällt mich ein Mann, um mich zu morden, so wird mich kein Gericht der Welt verdammen, wenn ich ihm in meiner Notwehr mit allen Werkzeugen, deren ich gerade habhaft werden kann, zu Leibe gehe — und sollte er auch dabei zerfleischt und zerstümmelt werden. Die   r a t i o   b e l l i   — wie Cäsar sich ausdrückt —‚ das heißt, die ganze Auffassung, Beschaffenheit, Aufgabe, Anlage und Ausführung

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— kurz, das Gesetz — eines Krieges ändert sich, sobald es sich um einen Krieg handelt, der um das Dasein der Nation geführt wird. Darum stiftet es heillose Verwirrung, wenn wir einerseits vernehmen, Deutschland befinde sich in einem Kriege um seine Existenz — und wir hören's nicht von Schwätzern, sondern von Kaiser und Kanzler, von allen Männern, die Einblick in die Verhältnisse haben —‚ und wenn wir nun trotzdem immer wieder und wieder in weitverbreiteten und insofern einflußreichen Zeitungen, in Zeitungen, die offenkundig heute die Gunst der Regierung genießen, Stimmen durch's ganze Reich erschallen hören, die uns von „Englands   b o n a   f i d e s“   Wunder zu erzählen wissen, von der Notwendigkeit, künftige gute Beziehungen mit den Feinden von heute im Auge zu behalten, Stimmen, die keine Gelegenheit versäumen, von kräftigen Kampfmitteln abzureden, Angst vor möglichen „Verwickelungen“ mit Neutralen einzuflößen, Warten und Wägen und Weilen und Wähnen zu empfehlen. Da ist es nicht anders möglich, als daß jeder denkende brave Mann verwirrt wird und sich an die Stirn greift: Ja, zum Henker! Kämpfe ich um mein Leben, oder kämpfe ich nicht um mein Leben? Geht's um Deutschlands Dasein oder geht's nicht darum? Einem Manne, der mich Friedfertigen zu morden trachtet, kann ich doch nicht   b o n a   f i d e s   zugestehen, viel weniger habe ich Zeit, über die künftig mit ihm zu pflegenden „guten Beziehungen“ nachzudenken; das liegt doch auf der Hand. Soll ich Kaiser und Königen, Kanzler und Generälen trauen oder mich hinkünftig von Berliner Tageblatt und Frankfurter Zeitung beraten lassen, trotzdem die Befolgung der von ihnen seit jeher vertretenen politischen Richtung dahin geführt hätte, daß

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Deutschland nach sechs Monaten das Schwert auf Gnade und Ungnade hätte strecken müssen? Die   r a t i o   b e l l i   ist eine verschiedene, je nach dem Deutschland — und mit ihm sein Verbündeter Österreich-Ungarn — um das Dasein kämpft oder nicht. Folglich darf nicht die mindeste Unklarheit herrschen, und die ganze Nation muß eine deutliche Antwort auf die Frage bekommen: kämpft Deutschland um sein Dasein? Oder kämpft es nicht um sein Dasein?
    Ich nannte soeben Österreich-Ungarn: dieses bildet in der Tat den einen Lebenspunkt; denn selbst der in politischen Dingen Unerfahrenste wird einsehen, daß Deutschland als Großmacht ohne Österreich nicht bestehen kann. Hier liegt nun die Sache sehr einfach; denn seit fünfzig Jahren und mehr machen die russischen Staatsmänner kein Geheimnis daraus, daß die Vernichtung Österreich-Ungarns ein unverrückbares Ziel ihrer Politik ist. Eine Denkschrift des Jahres 1864, von Gortschakow dem Zaren Alexander II. überreicht, zählt unter den wichtigsten „Zukunftsaufgaben“ des russischen Staates „die Sprengung des österreichischen Staatsverbandes“ auf; das stand so fest, daß der heutige Serbische Minister des Innern schon 1909 erklärte: „Freundschaft und Frieden mit Österreich ist nur dann möglich, wenn es darauf verzichtet, eine Großmacht zu sein, wenn es sich entschließt, die Rolle einer östlichen Schweiz zu übernehmen“ ¹). Auch ist der Vernichtungs-
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    ¹) Diese zwei Zitate entnehme ich einem der allerempfehlenswertesten Bücher unserer bücherreichen Zeit: „Zum geschichtlichen Verständnis des großen Krieges“ (Berlin, bei Karl Siegismund, 1916, Preis 2 Mark). Der Abschnitt „Rußland und der Krieg“, von Prof. Dr. Uebersberger-Wien, bringt eine musterhafte Darstellung und trotz der Kürze überreiches Material.

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krieg nicht etwa zufällig im Sommer 1914 ausgebrochen; der Zeitpunkt war schon lange festgesetzt. Ein in Rußland interessierter Deutscher erzählte mir dieser Tage, er habe März 1914 seine sämtlichen russischen Werte verkauft, da es dort männiglich bekannt war, daß der Vernichtungskrieg gegen Österreich im Sommer ausbrechen würde. Und jetzt erfahre ich, daß ein russischer Diplomat, Brantschaninow, in einem von ihm am 23. März 1914 aus London geschriebenen und unverzüglich in seiner Zeitschrift   g e d r u c k t e n   Brief die bezeichnende Frechheit hatte, zu melden, Grey habe endlich das bindende Versprechen gegeben, an Rußlands Seite den Vernichtungskrieg zu kämpfen; die letzten Skrupel der englischen Regierung hätten die unlösbaren einheimischen Wirren zerstreut: „Ist es nicht seltsam zu denken,“ schreibt der Russe, „daß Europa wegen der irländischen Frage in eineinhalb bis zwei Monaten einem allgemeinen Kriege entgegengeht?“ Wir haben also hier alle Kennzeichen, die nur irgend ein Jurist verlangen kann, des lange überlegten, lange beschlossenen, mit vollkommener Absichtlichkeit zu der genau bestimmten Stunde ausgeführten Mordüberfalls. Der Versuch, Österreich-Ungarn eine Schuld am Kriege zuzuschieben, ist ebenso lächerlich wie unredlich, da die Vernichtung dieser Monarchie, wie man sieht, beschlossene Sache war. Hier ist für Beschönigungs- und Beschwichtigungsversuche unserer international gesinnten Deutschen kein Zoll breit Raum: Rußland hat als Mörder gehandelt; ihm gegenüber ist jede Vergeltung gerechtfertigt.
    Verwickelter liegt die Frage bei England, weil Englands Politik unvergleichlich klüger, verschlagener, geheimnisvoller geführt wird. Englische Politik versteht es,

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die Leidenschaften wachzurufen, anzufachen, auszunutzen; sie ist aber selbst nie leidenschaftlich, immer berechnet. Daß England die Vernichtung Österreich-Ungarns nicht gewollt hat, kann als sicher angenommen werden; es mußte aber seine Zustimmung dazu geben, um den Vernichtungsschlag gegen Deutschland ausführen zu können, dessen Gelingen ohne Rußlands Beistand aussichtslos gewesen wäre. Aber auch die Vernichtung Deutschlands, die es im Sinne hatte, ist schwerlich so zu denken, wie einzelne englische und namentlich französische Heißsporne sich die Sache vorstellten, nach denen es ein „Deutschland“ nach diesem Kriege überhaupt nicht mehr auf der Karte Europas geben sollte. Dazu ist die englische Politik viel zu klug. Ebenso wie sie in den vergangenen Jahrhunderten die deutschen Fürsten und Soldaten für ihre Pläne nicht entbehren konnte, ebenso hätte sie diese auch in Zukunft nicht entbehren können. Ein zu Übergewalt herangewachsenes Rußland, vermehrt um ein in grenzenloser Frechheit erstarktes Südslawentum, hätten eine unruhige, bedrohliche Weltlage geschaffen. Der ganze Spektakel um den angeblichen deutschen „Militarismus“ gehört zu jenen heuchlerischen Unredlichkeiten, mit denen englische Politik stets gearbeitet hat. England weiß genau, daß Deutschland seine Armee einzig zu Verteidigungszwecken hält, daß es von allen Nationen der Welt die friedfertigste ist und froh sein kann, wenn es sich der bösen Nachbarn im Westen und Osten erwehrt; dieser Armee hat sich England gefreut, und wäre es jetzt siegreich gewesen, es hätte nicht daran gedacht, sie beträchtlich zu schwächen, sondern sich vielmehr beeilt, sie drohend gegen Rußland und Frankreich auszuspielen. „Preußischer Militarismus“ ist lediglich „Pflanz“

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(wie der Wiener sagt) bei den Leitern der englischen Politik, Sand in die Augen der dummen, gaffenden Menge. Insofern kann man auch nicht behaupten, England habe Deutschland in dem selben Sinne vernichten wollen, wie Rußland Österreich-Ungarn; und diese Zweideutigkeit ist es, welche die oben genannten Patrioten „vom langen, krummen Horne“ (Faust, zweiter Teil) benutzen, um Nachsicht, Langmut, ja, sympathisches Entgegenkommen gegen England von den Deutschen zu fordern. Wer genauer zusieht, wird anders urteilen.
    Georg Christoph Lichtenberg, der subtile Denker und unvergleichliche Humorist, wirft einmal die launige Frage hin: gesetzt, ein Gelehrter gewänne magische Kräfte und benützte sie, sich selber in einen Ochsen zu verwandeln: wäre das als Selbstmord zu betrachten? Und wäre der Ochs straffällig? An diese beißende Satire auf unausrottbare Eigenschaften gewisser Deutscher — damals waren es Gelehrte, jetzt findet man sie in anderen Ständen — mußte man in den letzten Jahren öfters denken. Heute habe ich eine andere Anwendung im Sinne. Ist die Selbsterniedrigung gleich Selbstmord zu achten, so kann auch das Erniedrigen eines Andern derart geplant sein, daß es einem Mord gleichkommt: das ist's, was England an Deutschland vorhat. Töten will es nicht, aber das innere Lebenslicht auslöschen; der Nation den Ehrgeiz abgewöhnen — und mit ihm die Ehre; ihr den Flügelschlag des Wollens brechen — und damit die Würde rauben. Die Niederlande und Spanien liegen schon da; Frankreich genießt noch als Vasall eine Scheingröße: alle drei hingeopfert für die Interessen der herzlosen, geistlosen — aber verstandeskräftigen — Großkaufleute, die England regieren. Wer

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nun so „genaturt“ ist, daß ihm Ehre und Würde Begriffe ohne Inhalt sind, empfindet deren Verlust wenig; ihm geht's wie dem jungen französischen Mädchen phönizischer Herkunft, die entführt worden war, und ihrer Mutter schrieb: „Console-toi, Maman, rien n'est perdu fors l'honneur“; er kann den Tag garnicht erwarten, wo die Herren Grey und Dernburg sich auf einem Friedensbankett in der Stadt, die durch Börne's Geburt Unsterblichkeit gewann, öffentlich die Hände reichen. Wem nur ein einziger Tropfen germanischen Blutes in den Adern kreist, fühlt anders: Tod ist ihm tausend Mal lieber als ein Leben ohne Ehre und ohne Würde. Er weiß auch, daß das kein bloßer überkommener Kehrreim aus alter überspannter Ritterzeit ist, sondern daß ihm damit tatsächlich die eigentliche Lebenskraft unterbunden wäre; er gliche fortan dem Adler, dem ein Pfeil „der Schwinge Sennkraft abgeschnitten“. Liebenswürdige Engländer haben ja erklärt, sie wollten der ganzen Welt einen Dienst leisten, indem sie die Deutschen wieder zurückverwandeln in ein Volk von Denkern und Dichtern! Damit steht's aber faul; denn Denker und Dichter entsprießen stets den Zeitläuften allgemeinen Aufschwungs: Plato folgt unmittelbar auf Perikles, und Kant widmet sein erstes bedeutendes Werk Friedrich dem Großen, Shakespeare dichtet für Elisabeth, und Wagner schöpft aus den Siegen des „großen“ Krieges den Lebensmut, sein gigantisches Ringwerk wieder aufzunehmen und zu vollenden. Wollte man mir etwa das Deutschland der letzten dreißig Jahre einwerfen, ich würde erwidern: wie wunderbar auch die Säfte und die Kräfte sich regten, wie bewundernswert auf allen Gebieten die tausendfältigen Leistungen waren — politisch stand Deutschland nicht groß

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da, vielmehr, wie Schopenhauer es boshaft ausdrückt, einigermaßen „domestikenhaft“, oder sagen wir mit einem hübscheren Bilde „aschenbrödelmäßig“, dazu in einen geradewegs Brechreiz erregenden Kultus für alles Ausländische verfallen: es genügte, daß Herr Bergson aus Lodz nach Paris auswanderte, damit die tüchtigsten deutschen Philosophen im Schatten unbeachtet blieben; die scheußlichsten französischen Bilder erzielten in Deutschland zehnmal höhere Preise als in Frankreich; ein Herr Dalkes blühte als Chordirektor unbekannt in einer französischen Provinzstadt, da betritt er als Dalcroze Deutschland, und alle Herzen und Börsen tun sich ihm auf; in den deutschen Opernhäusern galt aus Goethe's herrlichem „Talisman“ der erste Vers allein:

Gottes ist der Orient!

Nicht der angebliche Militarismus hat auf die Denker und Dichter gedrückt, vielmehr der Mangel an freudig bejahender, einmütiger innerer Politik und an Kraftbewußtsein und Geschick nach außen; ein Geist der Kleinlichkeit, der Nörgelei, des Parteihaders, dazu der Unsicherheit, des Mißtrauens wirkte atem- und freudeerstickend. Wer in diesen Jahren begünstigt war, viele Deutsche gut zu kennen, wer die Fülle der Begabung, des Wissens, der Energie, des schöpferischen Willens einigermaßen überblickte und diese geistigen Kräfte auf den verschiedensten Gebieten am Werke beobachtete — in der gelehrten und künstlerischen Welt, in Industrie und Erfindung und Handel, in Landwirtschaft und Seeschiffahrt —‚ wer es beobachtete, wie bis zum letzten Geschäftsreisenden herab jeder Deutsche seinen Mann stellte bei der friedlichen Welteroberung, die — ohne staatliche Leitung, ohne staat-

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liche Unterstützung, ohne nennenswerte staatliche Förderung — allüberall emsig am Werke war, ein solcher mußte manchmal den Eindruck erhalten, als wären für Politik und Staatsdienst nur die minder Begabten, die anderweitig Unbrauchbaren übrig geblieben. Jedenfalls herrschte ein merklicher Abstand zwischen der gewaltigen Leistung des Volkes als Gesamtvoll (wobei ich die Schöpfungen des Kaisers als zur selben Summe gehörig mitzählen möchte) und der politischen Weltstellung des Deutschen Reiches. Wäre die Lage nicht so bitter-ernst, man könnte aber den Witz lachen, daß die Engländer dem deutschen Michel wieder zu Denkern und Dichtern verhelfen wollen; man kann aber nicht lachen, denn es geht ans Leben — auch an das Leben jenes deutschen Denkens und Dichtens, desgleichen die ganze übrige Welt nicht aufweisen kann und ohne das es für uns Deutschgeborene und Deutscherkorene nicht länger wert wäre, Mensch zu sein.
    Wer näher zuschaut, wird nämlich entdecken, daß dieser Witz ein böser, schlangenlistiger Witz ist, voll Gift und Hohn. Denn „Denker und Dichter“ bedeuten hier in Wirklichkeit nichts anderes, als überhaupt das   d e u t s c h e   I d e a l,   und dieses viel verspottete Ideal ist die wahre Quelle aller deutschen Kraft, auch dort, wo der Deutsche sich rein praktischen Dingen widmet, wie Schiffahrt, Industrie und Finanz. Der Deutsche ist groß, weil er träumt. Schritt für Schritt, in seiner Geschichte, sehen wir den Traum am Werke — er träumt vom römischen Reich, er träumt von Religion und von Reformation, er wandelt die Menschheit um und um durch seinen Traum vom Buchdruck und seinen Traum von der ewig im Raume wandelnden Erde, er träumt von den letzten Geheimnissen

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des Daseins, er träumt von einem deutschen Vaterland, als es noch keine Spur eines Solchen gibt, er träumt die Johannespassion und Faust und Parsifal .... und weil er immer träumt, darum steht er in seinen höchsten Leistungen immer eine Stufe oder mehrere Stufen höher als der begabteste Nichtdeutsche. Sobald er auf Höhen sich bewegt, weist das, was er leistet, immer auf ein noch Höheres hin. Des Franzosen Meisterschaft entsteht aus der nüchtern vernünftigen Beschränkung; des Engländers Herrschgewalt aus der einseitigen Ausbildung des Willens; der Russe wirkt allein durch das tote Gewicht der Masse; dagegen muß der Deutsche erst das Wahnbild im Geiste erfassen, dann erst wagt er, und sobald er wagt, gewinnt er. Darauf nun hat's der Engländer heute abgesehen: dem Deutschen die Flugkraft des Träumens zu lähmen; das genügt, denn damit ist Lichtenberg's Verwandlung vollbracht. Nicht etwa, daß der Engländer sich das ähnlich ausdächte, wie ich es hier dargestellt habe, sondern weil unfehlbarer Instinkt, gepaart mit großem Verstand, die Völker, wie die Einzelnen, stets das Richtige treffen läßt; das „Richtige“, insofern die Welt für sie einzig in einem Bezug auf ihre persönlichen Interessen besteht, — wogegen der Deutsche zu weit blickt und zu mitempfindend fühlt, um auf diesem Wege die gleiche Sicherheit zu gewinnen. Wir wissen aus den Reden englischer Staatsmänner und aus den unaufhörlich wiederholten Versicherungen leitender englischen Blätter: die Absicht Englands, sein seit Jahren verfolgtes und nunmehr — wie es wähnt — der Vollendung nahes Ziel ist, den Deutschen den Horizont ein für allemal einzuschränken, so daß sie nie mehr über ihre Grenzen hinauslugen können, sondern sich begnügen

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müssen, sich daheim redlich zu nähren und im Übrigen Gewehr bei Fuß dazustehen, zur Dämpfung französischen Übermutes und zur Abwehr Slawischer Übermacht — im Interesse Englands, versteht sich.
    Vom englischen Standpunkt aus gesehen, läßt sich die Lage kurz und markig ausdrücken:   H a m m e r   o d e r   A m b o ß!   Die Deutschen denken anders, ja, so ganz anders, daß Manche außer Stande sind, den englischen Standpunkt überhaupt zu begreifen ¹). Wir alle können bezeugen, daß es gar keinen Menschen — nicht einen — in Deutschland gab, der Krieg wollte, geschweige eine Partei. Deutschlands Flügel entfalteten sich so herrlich! Es brauchte nur Frieden und Wohlwollen, und es erreichte in der Welt ganz von selbst den Platz, der ihm in Folge seiner Leistungen zukam. Einer jener oben genannten Herren vom langen, krummen Horne hat mich neulich abgekanzelt, weil ich vor zwei Jahren einen Aufsatz schrieb „Deutschland als führender Weltstaat“; er gerät da in ein furchtbares Schlottern; es solle nur ja Niemand glauben, Deutschland geize nach Eroberung und Besitz .... Wie muß der arme Mann erschrecken, wenn er je einer Aufführung von „Faust“ beiwohnt und den deutschen Gelehrten, Denker und Dichter seinen letzten, erhabensten Traum mit dem energischen Entschluß einleiten hört:

Herrschaft gewinn' ich, Eigentum!

So gänzlich unfähig sind jene Leute, unser Denken zu verstehen. Für sie ist „führender Weltstaat“ so viel wie Totschlagen und in Ketten werfen; daß es ein anderes Ideal
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    ¹) Ein schlagendes Beispiel lernt man in dem nunmehr berühmten Bericht Sir Edward Goschen's an Sir Edward Grey vom 8. August 1914 kennen.

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gibt, ein deutsches, blieb ihnen unbekannt. Genau ebenso ergeht's den Engländern. Für England ist alle Politik lediglich eine Machtfrage: wer die Macht hat, gebraucht sie, um die Anderen zu unterdrücken. Dagegen wollte Faust — und will heute Deutschland mit ihm — Herrschaft gewinnen, um „auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehn“. Diese Herrschaft konnte ein richtig geleitetes Deutschland ohne jeden Krieg erreichen. Aber gerade diese Herrschaft — die Herrschaft der Freiheit, der wahren Freiheit im Gegensatz zu der erlogenen — galt es für England im Keime zu zertreten. Denn sonst wäre die Herrschaft des brutalen Besitzes zu Ende gewesen. Man gebe sich doch keiner Täuschung hin: die Feinde Deutschlands sind wahre Barbaren — wie denn jede ihrer Beschimpfungen auf sie selber zurückprallt als ein unwillkürlich herausgeplatztes Bekenntnis. Mit welcher erschreckenden Geschwindigkeit innerhalb der letzten zwanzig Jahre sich die Gemütsbarbarei bei ihnen entwickelt hat, zeigt die Reihe ihrer Untaten vom Morde Weddigen's bis zu der Hinschlachtung der wehrlosen Matrosen im Wasser und zu der Nichterrettung der ertrinkenden Männer vom „L. 19“; so grausam sind keine nackten Wilden. Ebenso „botokudisch“ sind ihre politischen Begriffe; für sie lautet die Formel der Weltpolitik: entweder du unterdrückst mich, oder ich unterdrücke dich.
    Daß dieser Standpunkt dem — in weiten, einflußreichen Teilen seiner Bevölkerung — geistig und moralisch so viel höher stehenden Deutschen unsympathisch, unerträglich, ja, sündhaft vorkommt, das ist natürlich; aber zum Verzweifeln ist es, daß noch große Massen von Deutschen garnicht einsehen wollen, daß die Sache in der Tat so liegt. Denn

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bei allen Streitfällen der Welt gibt der niedrigere Standpunkt den Ausschlag; es ist auch nicht anders möglich, da der niedriger Stehende den höher Stehenden nicht begreift, vielmehr mit Notwendigkeit ihn falsch beurteilt. Deutschland hat nichts weniger im Sinne gehabt, als einen Vernichtungskrieg gegen England einzuleiten; wenn aber England die systematische Vernichtung Deutschlands — das heißt, des größeren Deutschlands Bismarck's — mit kaltem Blut seit langen Jahren plant und nunmehr durchzuführen entschlossen ist, da hat Deutschland keine Wahl:
die einzige Wehr ist hier die Gegenwehr, und Thor's Hammer muß zermalmend das Haupt des bösen Feindes treffen — wo und wie er's nur immer vermag. Rücksichten kann es da nicht geben.
    Ich wünschte, jeder Deutsche, der im Jahre hundert Mark übrig hat, wäre verpflichtet, Mitglied der „Gesellschaft zur Förderung des Instituts für Seeverkehr und Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kaiser-Wilhelm-Stiftung“ zu werden. Dieses Institut ist wieder eine von jenen „traumgeborenen“ herrlichen deutschen Schöpfungen, in welchen die reine, vollkommen objektive und vollkommen selbstlose Wissenschaft der Größe Deutschlands dient — ich meine der Größe des von uns erstrebten und von England und dem Berliner Tageblatt abgelehnten Deutschland. Bei dem Durchblättern der meisterhaft redigierten „Kriegswirtschaftlichen Nachrichten“ würde dem neuen Mitglied der Atem stecken! Aus ihnen zu zitieren, muß ich mir leider versagen, da sie „vertraulich“ mitgeteilt werden; es genüge aber zu melden, daß Einem eine neue Welt enthüllt wird, die aus den Zeitungen kaum irgend zum Bewußtsein kommt: eine Welt des bis ins Feinste aus-

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gegliederten, alles irgend Erreichbare in seinen Dienst einbeziehenden Neides und Hasses, dessen entschlossener Wille es ist, auf der ganzen Weltoberfläche (außerhalb der eng gezogenen Reichsgrenzen) alles Deutsche zu zerstören und auszurotten, und zwar so gründlich, daß an ein Wiederaufkommen nie mehr soll gedacht werden können. Und die Engländer verfolgen bekanntlich hartnäckig, was sie sich einmal vorgenommen. Schon vor dem Kriege hatte diese Bewegung begonnen, und ebenso wie die Bibliotheken ihre Schätze nicht mehr nach Deutschland liehen, ebenso wurden deutsche Geschäftsleute überall drangsaliert und beeinträchtigt, wo England oder Frankreich Einfluß besitzen — im Gegensatz zu der deutschen Art, jeden Ausländer zu bevorzugen, zu beschützen, zu fördern; den eigentlichen Boden zu dieser Hyänenarbeit hat aber erst der Krieg geschaffen; jetzt bedarf's keiner Vorsicht und Rücksicht mehr; und überblickt man — dank jenen „Kriegswirtschaftlichen Nachrichten“ — die Ameisentätigkeit, die in England vom Handelsminister und Board of Trade an bis in die letzten Verzweigungen des überseeischen Beamtentums am Werke ist, sieht man, wie Handelskammern, Börsen, neu gegründete Vereine, Zeitungen, alle sich die Hand reichen, bis ein engmaschiges Netz die ganze Welt umgibt — alles dem einen Wort gehorchend: Tod den Deutschen! so erhält man den Eindruck — und es ist ein richtiger Eindruck —‚ daß den Engländern die Waffentaten Nebensache sind, wichtige Nebensache, aber immerhin Nebensache; die Hauptsache — auch für die Regierung, ja, namentlich für die Regierung — ist die gründliche Vernichtung des deutschen Wohlstandes und seiner Grundlage, nämlich des deutschen Unternehmungsgeistes. Der Lügen-

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feldzug, über den wir diesseits des Rheins im Namen der Menschheit erröten, gehört als wichtiger Bestandteil zu der diabolischen Verschwörung. Zu Grunde liegt nicht Leidenschaft, sondern kalte Berechnung. Der Engländer weiß genau, daß er lügt, wenn er die Ehre des deutschen Heeres und Volkes schamlos verunglimpft; er betrachtet aber die Lüge als erlaubte Kriegslist. Es kommt darauf an, den vorzüglichen Ruf des Deutschen als eines redlichen, fleißigen, zuverlässigen, anständigen, gutherzigen Menschen auf der ganzen Erde zu untergraben, so daß es künftig genügt zu sagen, „ich bin ein Deutscher“, damit Jeder den Rücken kehre .... Gerade während ich diese Worte schreibe, bringt mir die Post eine neue Probe. Die vornehme englische konservative Zeitung Standard veröffentlichte unlängst angebliche Auszüge aus drei Predigten deutscher evangelischer Pastoren — wilde, blutdürstige, unchristliche, abscheuliche Worte, wie sie kein deutscher Geistlicher je gesprochen hat; obwohl nun die Personen- und Ortsnamen nachweislich alle drei nicht stimmen konnten, da es an den betreffenden Orten Pastoren der genannten Namen überhaupt nicht gibt, so merkte man doch, daß hinter diesen zur Überzeugung des sonst vielleicht doch skeptischen Lesers scheinbar gewissenhaft genauen Angaben irgend etwas stecken müsse; der Engländer lügt weit vorsichtiger und überlegter als sein französischer Kollege. Und richtig, es ist deutscher Emsigkeit gelungen, die Quellen zu jenen angeblichen Übersetzungen ausfindig zu machen, woraus nun des Weiteren hervorgeht, daß der Urheber dieser niederträchtigen Fälschungen jedenfalls ein Theolog sein muß, gewohnt, sich in deutschen Kirchenzeitungen zurecht zu finden; dieser kann natürlich deutsch,

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hat sehr wahrscheinlich in Deutschland studiert, und nun benutzt er den ihm vorliegenden deutschen Text, um Fälschungen herzustellen, die den trügerischen Schein der Authentizität an sich tragen. So rief zum Beispiel ein Feldprediger seine Soldatengemeinde an: „Du, mein Männervolk in Wehr und Waffen, Du bist gekreuzigte Menschheit!“ — daraus macht der biedere Engländer: „Der Deutschen gottgegebene Aufgabe ist es, die Menschheit zu kreuzigen“. Ich stelle mir lebhaft vor, wie der listige Pfaffe über diesen gottlosen Witz bei sich gelacht haben mag. Inzwischen ist er aber in alle fünf Weltteile hinausgekabelt worden, und die grenzenlos ungebildeten, zum großen Teil aber frommen Einwohner der englischen Kolonieen verabscheuen fortan jeden deutschen Geistlichen. Ja, der lügengewandte „clergyman“ kann noch weitere Erfolge aufweisen. Der Temps, den die engsten Beziehungen mit England verknüpfen, hat die angeblichen Predigten von dem Standard übernommen, und daraufhin hat die Synode der evangelischen Kirche in Paris amtlich ihrer Entrüstung über die allem Christentume hohnsprechenden Lehren Ausdruck verlieben und sich von den deutschen Glaubensgenossen feierlich auf ewig geschieden! Und dies wiederum hat den französischen Unterrichtsminister veranlaßt, die Lesung dieser angeblichen deutschen Predigtauszüge in allen Gymnasien Frankreichs anzuordnen, damit Haß, Verachtung, Abscheu schon bei den Kindern großgezogen werde!   A u c h   i n   d i e s e m   F a l l e:   E n g l a n d   d e r   r a s t l o s e   U r h e b e r!
    Ich mute nun Deutschland nicht zu, mit ähnlichen Mitteln den Feind zu bekämpfen: weder die Waffe giftiger Verleumdung noch die grundsätzliche Zerstörung fremden

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Besitzes, fremder Geistesarbeit (den Diebstahl aller Patente nach englischem Muster) und fremder, durch jahrelangen Fleiß erworbenen Stellung; kein Volk, das Sinn für Ehre und Würde besitzt, begeht derartige Frevel. Noch viel weniger halte ich es für nötig oder auch nur ersprießlich, Verleumdungen zu widerlegen. Nur eine Antwort gibt's Zuschlagen! Aber dieses Zuschlagen tut Not. Während die Deutschen seit mehr als einem Jahr aus einem Gewirre von Skrupeln über ein angebliches Völkerrecht nicht herauskommen (als sei etwa der oben beschriebene Feldzug Englands ein „rechtlich“ wohlbegründeter!) und lieber Zehntausende seiner Söhne opfert, als daß es von den Waffen, die es besitzt, einen irgendwie bedenklichen Gebrauch machte, um den falschen, unbarmherzigen Feind zu zermalmen, arbeitet England Tag und Nacht daran, Deutschland moralisch und materiell auf dem ganzen Erdenrund für immer auszurotten. Zwar töten will es Deutschland nicht; das erkennt es als unmöglich und auch als unzweckmäßig an; aber morden will es Deutschland. Und es könnte für alle Zukunft — für die ganze Zukunft des Menschengeschlechts — verhängnisvoll werden, wenn weite Schichten des deutschen Volkes noch länger blind blieben für die Eigenart der Lage, die sich tatsächlich, in Folge des Verhaltens Englands, zu einem unausweichlichen „Hammer oder Amboß“ ausgebildet hat. Keiner, der die Lage zu überblicken vermag, kann zweifeln: der Kampf geht um das Dasein! Was England in diesem Kriege nicht erreicht, wird es in einem zweiten, und wenn es not tut, in einem dritten und vierten erstreben; es läßt sicher nicht nach, und Friede wird seinem Ziele ebenso willkommen und dienlich sein wie Krieg: es sei denn, Deutschland ge-

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wänne die Oberhand und gebrauchte sie rücksichtslos energisch. England hat es so gewollt, Deutschland hat keine Wahl. Damit ist die hier gültige   r a t i o   b e l l i   gegeben: wer nicht bloß Interessen versicht, sondern um sein Dasein kämpft, dem ist jede Betätigung seiner Kraft gestattet — und geboten.

*

    Das sind die Einsichten und Eindrücke, aus denen die folgenden drei Aufsätze im Laufe der letzten Monate entstanden. An Deutschlands völkisch-militärischer Fähigkeit, jeden Sieg zu erringen, kann kein Wissender zweifeln; wohl aber an seiner Befähigung, die Absichten des Feindes zu durchschauen; hierin liegt eine fast unermeßliche Gefahr. Darum mußte ich schreiben.

    Bayreuth, 17. Februar 1916.







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Der hundertjährige Krieg

Gleichwohl müssen wir   a l s o   lieben unsere
Feinde,   a l s o   gnädig sein, daß die Liebe und
Gnade nicht falsch sei und wir samt dem Feinde
zum Teufel fahren.    (Luther.)


    Neulich erhielt ich in unserem stillen Bayreuth den Besuch eines amerikanischen Schriftstellers. Da der Mann als Neutraler überall offene Grenzen findet und in der Tat innerhalb der letzten Wochen von Paris bis Gallipoli und von Rom bis Petersburg und London gewandert war und überall nicht nur Armeen und Flotten, sondern auch Völker und Regierungen beobachtet und mit Politikern und Staatsmännern gesprochen hatte, so waren es für mich interessante Stunden: er redete, ich schwieg; was hätte ich denn aus meinem oberfränkischen Winkel zu erzählen gehabt? Doch auf einmal wurden die Rollen vertauscht: er schwieg und ich redete. Der freundliche Amerikaner hatte soeben von der Sehnsucht seiner Landsleute nach Frieden gesprochen: ein Dutzend Menschen nur machten mit Kriegslieferungen ein Bombengeschäft (in diesem Falle ist das Wort am Platze!), das ganze Volk leide aber mehr als man glaube; es hasse überhaupt allen Krieg und begreife nicht, daß es im vermaledeiten alten Europa niemals zur Ruhe kommen wolle; auch in London habe er kürzlich Wünsche und sogar Pläne zu einer dauernden Verständigung unter allen Völkern Europas mit Ausschluß aller Möglichkeit eines künftigen Krieges vorgefunden ... ich schwieg, ganz Ohr. Plötzlich fragt er mich: „Wie lange glauben Sie, daß der Krieg noch dauern kann?“ Ich, nach kurzem Besinnen: „Ein Jahrhundert; vielleicht zwei

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Jahrhunderte!“ Entsetzt sprang er vom Stuhle auf: „Was, ein Jahrhundert! Sie spaßen wohl?“ Nun kam das Wort an mich.
    Wie lange der Waffengang, der jetzt die Welt in Atem hält, noch dauern wird? Das weiß ich nicht; darüber habe ich gar keine Meinung; Bierbankstrategik ist nicht meine Sache; ich hoffe nur eins: daß kein Mensch lebt, fähig die deutsche Heeresleitung zu verhindern, „ganze Arbeit“ zu machen. Doch mit dem Frieden wird der Krieg nicht zu Ende sein. Das deutsche Wort „Krieg“ entspricht in Wirklichkeit nicht dem „war“ und der „guerre“ der Engländer und Franzosen; vielmehr deutet es auf Widerspruch, auf Widerwirken überhaupt, auf   „e i g e n s i n n i g e s   B e h a r r e n;   noch im Mittelalter sagte man statt eigensinnig „einkriege“; und von diesem also verstandenen „Krieg“ rede ich, wenn ich sage, wir haben nunmehr sicher auf Jahrhunderte hinaus damit zu rechnen. Der Krieg zwischen England und Deutschland — lange gefürchtet, inständig abgewehrt, frevelhaft herbeigeführt — ist nun doch zum Ausbruch gelangt; jetzt müssen wir uns stählen, denn er wird lange dauern, und er wird im Frieden nicht minder bitter als im Kriege geführt werden. Mit Russen und Italienern wird der Deutsche auf die eine oder die andere Weise bald fertig; selbst wenn sie sich als wesensfremd nicht verstehen, verständigen werden sie sich können, sobald sie es wollen, und das heißt, sobald es im allseitigen Interesse liegt; Frankreich wird zwar nie Ruhe geben, doch können Klugheit und Kraft vereinigt zum einzigen möglichen Ziele führen: diesen berufsmäßigen Krakeeler zu bändigen. Mit England dagegen steht's anders: weil die Völker verwandt sind, darum

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wächst die Entfremdung zuletzt zu einer unüberbrückbaren heran. Angeborene Unterschiede können Anfeindungen veranlassen, nicht aber eigentliche Bitterkeit; dagegen Unterscheidungen, die erst im Laufe der Jahrhunderte nach und nach entstehen, zuletzt zu einer derartigen Entfremdung führen, daß es fast unmöglich wird, die Saat der Feindschaft — des „Krieges“ — auszurotten, da sie alle Morgen von neuem gesät wird. Solche Dinge wollen in der Tiefe erfaßt werden, mit heiligem Ernst, doch ohne Gefühlsseligkeit wie irgend einem anderen Naturphänomen, so müssen wir auch diesem mit entschlossener Ruhe und Wahrhaftigkeit ins Antlitz schauen. Diesen Krieg zwischen England und Deutschland wird weder Feldmarschall Hindenburg noch Herr von Bethmann-Hollweg zu einem friedlichen Ende auskämpfen; und dieser Krieg ist es — der lange, lange Krieg —‚ der mein Sinnen erfüllt und mein Gemüt zum Sterben traurig stimmt. Denn mir ist, als läge alles so klar vor meinen Augen ausgebreitet wie etwa die Mondlandschaft von meiner geliebten Sternkuppel aus; aber kein Mensch versteht Einen, keiner will auch nur zuhören; sobald nicht militärisch gedacht wird, wird politisch gedacht, im besten Falle weltwirtschaftlich; was aber wirklich vorliegt, was uns trennt und auf einander hetzt, ist im Grunde genommen   s e e l i s c h,   und es gäbe nur eine Möglichkeit für wirkliche Heilung: die Einsicht in diese inneren Zustände des Geistes, die Mensch und Mensch und zuletzt Volk und Volk einander entfremden; denn nur diese Einsicht könnte zur Umkehr führen.
    Ich hielt inne, denn es fiel mir ein, daß ein Amerikaner wohl am allerwenigsten für solche Betrachtungen zugänglich sein möchte; doch ich täuschte mich; mein neuer Freund

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war nun seinerseits „ganz Ohr“ geworden und nickte mir heftig zu, ich solle fortfahren.
    E s   h a n d e l t   s i c h   u m   e i n e n   K r i e g   z w i s c h e n   z w e i   W e l t a n s c h a u u n g e n!   Nein, lächeln Sie nicht. Ich weiß recht gut, der große Friedrich schreibt seinem Freunde Voltaire: „Wenn unter tausend Mann ein einziger wirklich denkt, so ist das ein selten günstiger Fall“; heute steht die Sache so, daß vielleicht ein Deutscher unter fünftausend denkt und von fünfzigtaufend Engländern kaum Einer; doch tut das nichts zur Sache. Daß eine Weltanschauung von innen nach außen — als Schöpfung — ausstrahlt, das ist überhaupt ein seltener Fall; von außen nach innen dagegen findet es überall unbemerkt statt. Von klein auf saugen wir alle, wie die Luft, so auch Gewohnheiten, Meinungen, Überzeugungen, Haß und Liebe, Irrtümer und Wahrheiten auf, ein ganzes Weltbild — enger oder weiter, je nach Begabung und Bildung — aber bestimmt und bestimmend. Vielleicht ist die englische Weltanschauung gerade darum so fest und unverrückbar, so einheitlich und tyrannisch ausgeprägt, weil der Engländer durchschnittlich weit weniger gebildet als der Deutsche ist und auch — infolge gerade seiner Weltanschauung! — weniger zum Nachdenken aufgelegt; so nimmt er sie denn als gegeben hin, ist von Allem, was sie lehrt, ebenso überzeugt wie von Sonne und Mond, so daß keine irdische, auch keine himmlische Gewalt sie aus seinem Kopf heraus kriegt. Und jetzt stoßen die englische und die deutsche Weltanschauung auf einander wie zwei harte Schädel. Hier hätte ich viel zu sagen, doch ich eile, nicht blos um Ihre Geduld zu schonen, sondern auch damit Ihr Blick sofort die rechte Richtung bekommt: der Kernpunkt der

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englischen Weltanschauung ist die auf den höchsten Gipfel gesteigerte Entwicklung des Willens; den — nicht so leicht zu beschreibenden — Kernpunkt der deutschen Weltanschauung will ich andeuten als die Hingabe an kunstgemäßes Wissen und Handeln; die Vorherrschaft des Willens zeugt energisch-tüchtige, aber unwissende, undisziplinierte Individuen, das Kunstgemäße fordert und fördert hervorragende Geisteskraft Einzelner und gehorsame Eingliederung Aller. Diese Denkrichtungen bestimmen nun das ganze Leben und darum auch sämtliche Lebenserscheinungen der betreffenden Völker, seien sie sozialer, wirtschaftlicher, politischer, wissenschaftlicher, militärischer oder religiöser Art; und indem sie, wie das in dem Wesen alles Naturgeschehens liegt, immer an Stärke zunehmen, da sich bei jedem konsequent beibehaltenen Verfahren Erfolg zu Erfolg häuft und ein Umwenden immer schwerer bis zur Unmöglichkeit wird, so geschieht es, daß Völker, die früher einander näherstanden, sich ferner und ferner rücken, bis sie sich nicht verstehen und auch nicht mehr verständigen können. Sind sie nun geographisch, wirtschaftlich, moralisch auf einander angewiesen, so ist der „Krieg“ da, und zwar ein Krieg, der fast mit Notwendigkeit dahin führt, daß das eine Volk das andere unterwerfen muß, oder, wenn nicht gerade „unterwerfen“, so doch ihm obsiegen; auf gleichem Fuße neben und mit einander leben, ist hinfürder nicht angängig. Die Engländer sind sich dieser Sachlage schon seit Jahren bewußt; für sie ist der Deutsche „der Feind“, und zwar, weil er das kann, was sie nicht können und darum — so ahnen sie — ihnen die Weltherrschaft, wenn nicht wegreißen, so doch ablaufen wird; die völlige Vernichtung deutscher Eigenart und Blüte bildet nicht allein

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die diplomatische Absicht einzelner verschlagener Staatsmänner, sondern wird von ganz England heute als eine Notwendigkeit betrachtet, an der es mit bulldoggartiger Beharrlichkeit festhalten wird — bis das Ziel erreicht ist. Das ist eine Tatsache, mit ihr haben wir zu rechnen. Glauben Sie wirklich, daß diplomatische Abmachungen, Verträge, Schiedsgerichte usw. einer derartig tief im Naturinnern begründeten Lage gewachsen sein können? Mit nichten! Ich meinerseits halte es für weit besser, man sieht die Wahrheit ein und verkündet sie offen; wie Luther lehrt, „Wahrheit“ bezieht sich nicht allein auf Worte, sondern auch auf Leben; man soll nicht Lügen leben. Gestehen wir es freimütig: Ja! Es handelt sich um einen Krieg zwischen zwei Lebensidealen; dieser Krieg   m u ß   ausgefochten werden — im Krieg und im Frieden, mit Feuerwaffen und mit Geisteswaffen; wie in jedem Kriege, wird die Macht die schließlich Entscheidung bringen; selbst der gemessene Goethe singt, Friede stehe nicht zu erwarten:

    Bis eins dem andern Übermacht betätigte.

Haß ist dazu nicht nötig, er trübt nur den Blick; derjenige Deutsche, der alles Vorzügliche einsieht und anerkennt, was auf dem englischen Wege erreicht wurde, steht weiser und stärker da als derjenige, der wüst verständnislos schimpft und herunterreißt. In dieser Beziehung finde ich die sonst so anerkennenswerte Haltung der deutschen Presse nicht ganz einwandfrei: ein schwerverwundeter deutscher Offizier, der bis zur Genesung und Austausch in einem englischen Lazarett lag, schilderte ausführlich die hingebend liebevolle Pflege, die er dort genoß, sowie die unzähligen

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Freundlichkeiten, die ihm erwiesen wurden, — meines Wissens hat kein deutsches Blatt das Manuskript zum Druck angenommen; ein deutscher Kavallerieoffizier, der, verwundet vorübergehend in englische Gefangenschaft geriet, erzählte mir den rührenden Zug, daß beim Vorstürmen ein englischer Soldat sich den Mantel auszog, um ihn über den im eisigkalten Regen Liegenden auszubreiten; genau ebenso hätten auch andere Engländer gehandelt. Wie viel weiser wäre es, wenn unserer Öffentlichkeit auch solche Dinge mitgeteilt würden: denn aus ihnen ersieht man, daß bestialische Grausamkeit nicht im englischen Volkscharakter liegt, vielmehr eine Folge des teuflischen Lügenfeldzugs der auf Deutschlands moralische Vernichtung hinarbeitenden leitenden Kreise ist. Doch gleichviel; jener Krieg, von dem ich rede, bleibt nichts desto weniger bestehen; ja, die Bekanntschaft mit solchen Zügen angeborenen Edelsinnes läßt ihn um so deutlicher erblicken: denn ihm liegt nicht Boshaftigkeit zugrunde, sondern die beiderseitige Überzeugung, daß es ums Leben geht. Wir verrücken den Augenpunkt, indem wir immer nur die Perfidie König Eduard's — der dem angeerbten Preußenhaß Luft macht —‚ die Niedertracht englischer Staatsmänner und der von ihnen besoldeten Presse sowie andere Übelstände des Augenblicks betonen; der Kern des Streites liegt viel tiefer. Feindliche Brüder stehen sich gegenüber: das ist die entsetzliche Wahrheit. Alle Liebe oder wenigstens Brüderlichkeit, nie getrübt durch Streit und Kampf, ist nach und nach in Verständnislosigkeit, in Abneigung, vielerorten in Haß umgeschlagen.
    Ihre Auffassung vernichtet ja jede Hoffnung, warf der Amerikaner hier ein.

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    Allerdings glaube ich nicht, daß kleine Mittel großen Vorgängen in den Seelentiefen ganzer Völker gewachsen sind. Die Katastrophe, deren Zeugen wir heute sind, bereitet sich seit zwei Jahrhunderten vor; töricht ist der Gedanke, sie könnte in zwei Jahren überwunden sein. Die Hauptsache ist: des Deutschen Selbstbewußtsein, das Bewußtsein seiner besonderen Art muß erstarken; in dieser Beziehung ist der Engländer ihm ungeheuer weit voraus. Der Deutsche muß erst die klare Einsicht bekommen: worin seine Kraft besteht; er muß es wollen: diese Kraft vermehren, vervielfachen; dazu muß er sein Reich politisch und wirtschaftlich ausgestalten, seine Fähigkeiten vermannigfaltigend, seine Einheit strammer fassend. Weicht Deutschland zurück, läßt es sich diplomatisch betören, so ist es verloren und auf immer vernichtet: dann herrscht die pax britannica — und diese kann freilich sehr bald da sein, schon morgen, das englische Ideal ist reif. Wird sich Deutschland seiner Aufgabe bewußt — und das muß aus dem Volk herauskommen, von solchen Dingen wissen Regierungen nichts — wächst es dementsprechend zu unwiderstehlicher Gewalt heran, zu einer ganz neuen, friedlichen, auf moralischer und geistiger Überlegenheit beruhenden Weltbeherrschung, so genießen wir die pax germanica, den echten „deutschen Frieden“. Dieser deutsche Friede wird nicht von selbst kommen; er muß erobert werden, erobert durch Fausteskraft und Willenskraft, durch Weisheit und Arbeit — erobert gegen alle, vor allem aber gegen England. Erst gestern erhielt ich von einem Engländer einen Brief: „Sie haben gut reden, wenn wir Engländer nicht Weltbeherrscher sind, so sind wir garnichts.“ Dem Psychiater sind die unausrottbaren „fixen Ideen“

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sonst normal gesunder Hirne vertraut; sein Argument der Welt, nicht einmal die handgreifliche Voraugenführung der Falschheit dieser Vorstellungen nützt etwas; hier sitzt der „Wahn“ im „Sinne“ festgewurzelt: genau ebenso verhält es sich mit dem englischen Volk. Es lebt dem Wahne: wer an seiner Weltherrschaft rühre, vernichte es; dieser Wahn zwingt dem friedfertigen deutschen Nachbarn die Ergreifung von Gewaltmitteln auf; denn einzig die Gewalt wird England eines Besseren belehren. Ist Deutschland erst so bewußt, so stark, so unnachsichtig und so unnachgiebig, wie es werden muß und leider noch immer nicht ist, hält es die Gewalt in der Hand, dann — aber erst dann — wird es seinem eingeborenen Drange folgen dürfen, und auch Englands Eigenart, wie jeder anderen, Gerechtigkeit widerfahren lassen und Spielraum gönnen. Dann erst ist der Krieg zu Ende und genießt die Welt der Menschen wahren Frieden.
    Finden Sie es wirklich übertrieben, wenn ich die Spanne Zeit bis zu jenem segensreichen Augenblick auf mindestens ein Jahrhundert bemesse?

Bayreuth, am 6. September 1915.



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Des Weltkrieges letzte Phase

Gewöhnlich geht's am Ende scharf.
(Goethe.)


    Die letzte Phase des Weltkrieges ist noch nicht angebrochen, wenn auch der Aufmerksame ihren Schatten schon stündlich herannahen sieht. Ob wir uns heute in der vorletzten oder vorvorletzten befinden, entzieht sich meinem unbelehrten Urteil; was aber die letzte Phase bezeichnen wird, weiß ich genau, wie jeder es wissen kann: denn die Ereignisse dieser Welt — mögen sie noch so kraus und verworren um uns stürmen — unterliegen ebenso bestimmt wie die kreisenden Gestirne gewissen logisch-geometrischen Gesetzen. Wirklich ausgefochten wird dieser Krieg nicht eher sein, als bis er seinen notwendigen logischen Schluß gefunden hat, das heißt, bis der Endpunkt zum Anfangspunkt zurückkehrt. Diesen Endpunkt — des Weltkrieges letzte Phase — zu finden, dazu bedarf es nach dem Gesagten keiner seltenen Sehergabe. Heute weiß jeder Deutsche auf dem ganzen Erdenrunde, wo der Anfangspunkt des furchtbaren Krieges liegt, wo er ausgebrütet, beschlossen, in jahrelanger unterirdischer Arbeit vorbereitet und bis zur Unvermeidlichkeit einer nach allen Seiten ausplatzenden Reife in Glühhitze herangetrieben wurde: in England. Von England geht der Krieg aus; einzig in England kann der Krieg enden. Wir werden gut tun, diese unabweisbare Tatsache fest ins Auge zu fassen, die ebenso axiomatisch unumstößlich dasteht wie ein Naturgesetz. Nur dann verstehen wir den Zusammenhang des schon Geschehenen und Erreichten mit dem, was noch wird geschehen und erreicht werden müssen.

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Über die Tatsache der Schuld Englands hätte ich kaum nötig‚ mich hier näher auszulassen: sie ist ausführlich bewveisbar und bewiesen. Im Interesse der richtigen Beurteilung der unumgänglichen „letzten Phase“ sind aber einige kurze Bemerkungen erforderlich, und zwar um so mehr, als bei der Überfülle des Stoffes manche zuletzt den Wald vor Bäumen nicht sehen. Noch einmal möchte ich zu diesem Behuf auf die vielgenannten „Berichte der belgischen Vertreter in Berlin, London und Paris an den Minister des Äußern in Brüssel, 1905—1914“ eindrücklich hinweisen. Hier reden poIitisch neutrale Männer, deren persönliche Sympathien, ihrer Sprache und Bildung zufolge, französisch gerichtet sein müssen; sie wissen aber, was in den Geheimgängen der Politik vor sich geht, und sind verpflichtet, darüber wahrheitsgetreu zu berichten. Alle bezeugen das gleiche: Englands König und Englands Regierung, später dann Englands Presse verfolgen alle diese Jahre hindurch — gleichviel, was für Wendungen die sonstige Weltpolitik auch durchmacht — das eine Ziel: die Vernichtung des Deutschen Reiches vorzubereiten. Diesem Ziel zulieb opfern sie Vorurteile und Abneigungen, opfern sie eigene Interessen und altbewährte politische Grundsätze, wecken sie Feindschaften, vernichten sie friedliche Bestrebungen anderer Staatsmänner, treiben sie bis zur höchsten Meisterschaft die satanische Kunst der Verdrehung, der Verleumdung und der Lüge. Wer es nicht aus anderen Quellen schon weiß, wird hier von den Belgiern eine entscheidende Tatsache erfahren: französische Staatsmänner haben im Laufe dieser Zeit mehr als einmal die Gewinnung dauernd guter Beziehungen zu Deutschland erstrebt, mehr als einmal war auch Rußland hierzu ge-

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neigt; immer trat England dazwischen als Mörder jedes Friedensgedankens. Genau die selben moralischen Grundsätze, die wir alle jetzt schaudernd bei dem Ermeucheln des ritterlichen Weddigen, bei dem feigen Verrat des „Baralong“ am Werke erleben, sie wirkten unerkannt seit Jahren im Stillen, bis das Gift die ganze Welt durchseucht hatte. Auch Frankreichs Schuld und Rußlands Vergehen treten uns in diesen Berichten klar vor Augen; immerhin aber lassen sich für Frankreichs wütende Gegnerschaft historisch begreifliche Gründe angeben, auch Rußlands brutale Besitzgier wird psycho-pathologisch und außerdem als Ablenkung innerer Zerstörungskräfte zu deuten sein; wogegen England einzig und allein aus Handelsneid zum Krieg gegen Deutschland schürte. Auf jeder zweiten Seite dieser belgischen Berichte wird man diese Tatsache besonders hervorgehoben sehen; sie besitzt entscheidende Wichtigkeit, denn sie allein hat den Weltkrieg unvermeidlich gemacht. Ein Wort des Botschafters Goschen an Baron Beyens aus dem Sommer 1912 wiegt ganze Bände auf: „Was die Wiederherstellung des früheren guten Einvernehmens (zwischen Deutschland und England) so schwierig macht, ist der Umstand, daß zwischen den beiden Völkern kein tatsächlicher Grund (aucun motif concret) zur Gereiztheit oder Entfremdung besteht.“ Das ist ein köstliches Geständnis! Ein der englischen Regierung ganz engverbundener Mann, früherer Staatsminister, dann Vertreter auf dem kritischen Posten, Berlin — gibt einem Dritten gegenüber im Vertrauen zu, die Feindseligkeit zwischen England und Deutschland entbehre jedes tatsächlichen Grundes. Nun ging aber diese Feindseligkeit — wie die belgischen Berichte zeigen — einzig von England aus, nie

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von Deutschland, dessen ganze Politik sowie dessen Interessen den dauernden Frieden nach allen Seiten erstrebten; folglich gesteht der englische Staatsmann: für die aufreizende feindselige Tätigkeit Englands alle diese Jahre hindurch gegen Deutschland „bestehe kein tatsächlicher Grund“, mit anderen Worten: England hat die vorgegebenen Gründe erfunden und erlogen, weil es entschlossen war, Deutschland — den friedliebenden Wettbewerber — auf alle Fälle zu vernichten! Politische Spannungen kann Klugheit und namentlich guter Wille lösen; geschichtliche Feindschaft kann weise Lenkung in geschichtliche Freundschaft wandeln; vor Eifersucht, Neid und Mißgunst aber gibt es keine Rettung, denn hier hat man's mit dem Geist des unbedingt Bösen zu tun. Einer jener Stillen, auf dessen Stimme die Besonnenen unter uns gerne lauschen, Otto Lang in Wien (namentlich um die Anbahnung der künftigen wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland verdient) bemerkte kürzlich hierzu: „In England betrachtete man die wirtschaftliche Regsamkeit des Deutschen Reiches als eine Unbill, die da England widerfährt, weil man dort überhaupt nicht darauf eingerichtet war, sich im Wettbewerb wirtschaftlich zu behaupten, sondern alles auf den Gedanken eingestellt ist, durch Machtmittel zur See oder von finanzieller Art abseits und unabhängig vom rein wirtschaftlichen Wettbewerb sich die Suprematie zu sichern. Weil England in der Macht die Grundlage seiner wirtschaftlichen Erfolge sah und sie im Wege der Macht behaupten wollte, hat es, obzwar es unmittelbar von der wirtschaftlichen Entfaltung des Deutschen Reiches bei weitem nicht so eingeengt war wie Österreich-Ungarn, in geradezu ruchloser Weise diesen Krieg angezettelt.“

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    Ich meine, wer das Wort Eduard Goschen's und das Urteil Otto Lang's neben einander hält, dem wird die rätselvolle, düsterdrohende Zeitspanne zwischen 1905 und 1914 plötzlich taghell erleuchtet erscheinen. Daß Deutschlands Erfolge auf dem Boden des Friedens errungen wurden, das gerade flößte England Haß ein und machte den Krieg unvermeidlich. Seit 1870 haben England, Rußland und Frankreich sich viele Tausende von Quadratmeilen einverleibt: die Politik der „Macht vor Recht“ und zugleich — wie uns Otto Lang aufmerksam macht — der „Macht vor Arbeit“! Hätte Deutschland den selben Weg eingeschlagen, man hätte sich verständigen können, ebensogut wie man sich mit Rußland und mit Frankreich notgedrungen und unter tausend unausgesprochenen Vorbehalten und tückischen Hoffnungen verständigt hat: es ist die Politik des Herrschens durch Raub und Gewalt, des allmählichen Unterdrückens aller Nationen zugunsten von drei oder vier riesigen politischen „Trusts“. Inzwischen schlug aber Deutschland einen anderen Weg ein. Deutschland war unsagbar fleißig in Schulen und Hochschulen; Deutschland erarbeitete, erfand, entdeckte; Deutschland organisierte und gestaltete; Deutschland befleißigte sich, durch Fürsorge und durch Bildung den geistigen und sittlichen Stand des gesamten Volkes nach und nach zu heben — wobei auch namentlich der Heeresdienst hoch einzuschätzen war; infolgedessen stieg die mittlere Leistungsfähigkeit bedeutend — und zwar nicht in dem mechanischen, nervenzerrüttenden amerikanischen Sinne, sondern von innen heraus; Deutschlands Erfolge beruhen auf einem wirklichen — und darum auch steigerungsfähigen — Können. Dieses Können bedurfte keiner Raubzüge; Frieden und offene Türen genügten, um ihm

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Spielraum und dadurch dem ganzen Gemeinwesen blühendes Gedeihen zu sichern. Friedliche Welteroberung: vor diesem Gespenst erschraken die regierenden Zehntausend Englands. Aus den Vereinigten Staaten erhalte ich ein Buch zugesandt, von John William Burgeß, dem bekannten Lehrer des Völkerrechts, einem Amerikaner von angelsächsischer Herkunft: „The European War of 1914, its Causes, Purposes and probable Results“ (Chicago, Mac Clurg u. Co., 1915), und finde darin eine Unterhaltung, die der Rechtsgelehrte im Jahre 1887 mit einem erfahren, im praktischen Leben stehenden Engländer führte. Unumwunden gibt letzterer dem amerikanischen Professor zu, das ungeheuere britische Weltreich werde von einer kleinen Minderzahl zu ihrem eigenen Gunsten despotisch regiert. Als nun Burgeß ihn fragt, wie dieses der Welt durch Gewalt aufgedrungene Raubsystem weiterblühen solle, wenn einmal ein Wettbewerber entstünde, der durch wissenschaftliche Schulung und methodische Überlegenheit in Handel und Industrie Tüchtigeres leiste als die Engländer, und der ihnen somit auf friedlichem Wege den Rang abliefe, antwortet der Gefragte ohne Zögern: „Wir werden diesen Wettbewerber durch physische Gewalt vernichten müssen.“ Man sieht, die regierende Minderheit des englischen Volkes denkt nicht einen Augenblick daran, selbst tüchtiger zu werden und durch friedliche Leistungen obzusiegen, vielmehr kennt sie ein einziges Argument: physische Gewalt.
    Hiermit haben wir für die Beurteilung der vorauszusehenden letzten Phase des Weltkrieges viel gewonnen. Denn „England“ ist ein elastischer Begriff; unter dem Worte „England“ kann man ein außerordentlich tüchtiges, reich begabtes und — nach menschlichen Maßen gemessen

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— gutes, braves, anständiges Volk verstehen; es kommt also darauf an, zu wissen, welches „England“ Deutschland zu bekriegen hat, welches „England“ dauernd unschädlich gemacht werden muß. In dem genannten Büchlein schildert Burgeß die Kreise, die heute England nach ihrer Willkür beherrschen: einzelne große Grundbesitzer der Stadt London, Eisenbähnkönige, „gegrafte“ Fabrikanten, Reeder-Lords, Milliardär-Bankiers und mächtige Ein- und Ausfuhr-Handelsherren; diese zehntausend Mann (mit Familien und Anhang etwa hunderttausend Köpfe) schwelgen in unermeßlichem Reichtum, in Glanz und Luxus, während Millionen bettelarmer Analphabeten in Elend und Verbrechen verkommen. Diese Zehntausend sind die Leute, die den Krieg gegen Deutschland angezettelt haben; in dem Börsenkönig Edward VII. — einem seit früher Jugend dem Laster und infolgedessen auch den Geldmächten verfallenen Mann — fanden sie die ersehnte Stütze; zur Verführung und Aufhetzung des Volkes verschrieben sie sich Journalisten aus Köln und Frankfurt. Im Laufe der letzten fünfzig Jahre hat in diesen Kreisen — rückwirkend über den Ozean — eine beklagenswerte Amerikanisierung Englands stattgefunden; der europäische geschichtliche Sinn, die Überlieferungen der Jahrhunderte sind verloren; alle Bildung ist in Acht getan, und man staunt über die starrende Ignoranz selbst hochgestellter Männer (Kitchener zum Beispiel weiß von deutscher Geschichte, dessen bin ich überzeugt, nicht mehr als sein Hund); Geld allein besitzt in diesen führenden Kreisen Wert und verleiht Ansehen. Wie Burgeß sagt, das ganze vielgerühmte Kolonialreich Englands wird heute einzig vom Standpunkt der Ausbeutung im Interesse dieser einen Klasse brutaler, jeder idealen Regung unzu-

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gänglicher Geldmenschen betrachtet und verwaltet. Den alten englischen Piraten floß doch kühnes Wikingerblut durch dIe Adern; die oft schlauen und harten Staatsmänner des 18. und 19. Jahrhunderts waren wahre Patrioten und Menschen von anerkennenswerter — bisweilen von erstaunlich großer — Kultur; die heutigen Machthaber kennen nur ein Lebensziel: durch Gewalt Gold. Auch die vorhin angerufene „physische Gewalt“ wird nicht etwa durch eigene Kraft betätigt, sondern durch Geld und durch Tyrannei gekauft und aufgetrieben. Diese Leute sind die Feinde nicht nur Deutschlands, sondern aller Kulturideale, für die Deutschland steht: Bildung, Gesittung, Fleiß, Wissenschaft, Schutz der Schwachen, Organisation des Staatslebens, Würde jedes Einzelnen usw. Gegen diese Tyrannen und grundschlechten Menschen muß die letzte Phase des Weltkrieges gerichtet sein: dieses „England“ gilt es, vernichtend zu treffen.
    Wer nun ein Ziel will, muß logischerweise die Mittel wollen, die zu diesem Ziele führen; wer die Ursachen des Krieges vernichten will, muß die Menschen zugrunde richten wollen, die den Krieg veranlaßt haben, die ihn heute hartnäckig weiterführen, und die ihn morgen, nach einem verfrühten Frieden, wieder und immer wieder anschüren würden. Keiner von ihnen geht aufs Schlachtfeld hinaus; dort sind sie nicht anzutreffen, noch kann die Quelle ihrer Macht dort getroffen werden. Was schert sie's, wenn einige hunderttausend Inder und Neger hingeschlachtet werden? Was schert sie's, wenn die Blüte Frankreichs und Hunderttausende tapferer Italiener und Russen dahinsinken? Wenn Städte, Dörfer, Waldungen, Bergwerke der Vernichtung anheimfallen? Was schert sie's, wenn die Überreste eines

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mißleiteten normännischen und skotischen Kleinadels und die besten sächsischen Elemente des englischen Volkes in altem Heldentum das Leben für eine schlechte Sache aufopfern? Danach fragen sie nicht; vielmehr wissen sie aus jeder Zerstörung für sich Vorteil einzuheimsen. Die ihrer Knechtschaft verfallene Riesenflotte fliegt nicht wie zu Nelson's Zeiten zu kühnen Entscheidungsschlachten aus; sie dient nur zur Tyrannisierung aller kleineren Völker und zieht ihre Polypenarme ein, sobald ihr Gefahr droht; sie ist die Erpressungswaffe in der Hand kluger Kaufleute. So kann Deutschland die halbe Welt besiegen und hat damit gegen dieses „England“ fast nichts ausgerichtet: die Flotte ist da, das Geld ist da, der Herd alles Hasses ist da, die Ausbeuter des englischen Weltreiches sind da, unangetastet. Vor wenigen Tagen verhöhnte der englische Kriegsminister die Leistungen Deutschlands, das auf die eigenen Kräfte angewiesen sei, wogegen im Laufe des nächsten Jahres England zehn Millionen fremde Soldaten werde einkleiden und bewaffnen können: Geld ist vorhanden, der Handel blüht, die Städte, wo der Schweiß der Ungezählten sich den Wenigen zu Gold wandelt, stehen unversehrt, erhalten die Rohstoffe, führen die Fabrikate aus, beschlagnahmen die Nahrungszufuhr auch der neutralen Staaten. Was kümmert sie's, was in Polen, Serbien, selbst in Ägypten vor sich geht? Die große Maschine stockt nicht. Vom Meere schützend umgeben, fühlen sich die Gewaltherrscher sicher. Noch sicherer als das Wasser umgeben sie angebliche Völkerrechte. Fällt auf London eine Bombe, so schreien sie auf: Völkerrechtsbruch, London ist eine unbefestigte Stadt! Ja, alle Städte Englands sind unbefestigt, alle! Gegen wen sollte denn England Festungen errich-

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ten? Es kann ja kein Feind landen. Nur einzelne Häfen zeigen Festungswerke, und zwar einzig nach dem Meere zu. Und deswegen soll es verboten sein, England anzugreifen? Die Waffen Englands sind das Geld und was Geld herbeischafft: und diese Waffen sollen heilig, unantastbar gesprochen sein? Das wäre doch ein Hohn auf alle Vernunft! Zu Anfang des Krieges erklärten die Engländer unverhohlen, sie beabsichtigten, in Deutschland jede einzelne Fabrik des ganzen Landes in Grund und Boden zu zerstören, alle Reichtumsquellen soweit möglich für immer zu vernichten ¹); und doch bot Deutschland einem ehrlichen, „völkerrechtlich“ erlaubten Angriff Grenzen genug und  Festungen genug, und die Männer alter Stände des Volkes ohne Ausnahme stellten sich dem Feinde. Und jene Teufelsbrut da drüben sollte gefeit sein? Diesen grundbösen, fluchwürdigen Gesellen, den steinherzigen Urhebern des ganzen unermeßlichen Jammers, den Mördern der Familienväter und den Witwensöhne von hüben und von drüben sollte man wegen angeblicher „Rechte“ kein Haar krümmen dürfen? Das kann nicht sein und das wird nicht sein. Deutschland kämpft um sein Dasein und hätte, im Fall es unterläge, nicht die geringste Schonung zu erwarten; wie England die Rechte selbst neutraler Länder mit Füßen tritt, sehen wir jetzt an Griechenland. Gewiß soll Deutschland die Praktiken jener Bande sich nicht zum Muster nehmen; doch schonungslos muß es sie selber treffen, wo und wie sie zu treffen ist, ohne Rücksicht auf irgendein Gesetz außer dem großen Naturgesetz der Selbsterhaltung. Daß Unschuldige mitleiden müssen, das bringt der Krieg mit sich, das bringt die Sünde mit sich. Der Reichs-
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    ¹) Vergl. Chamberlain: Neue Kriegsaufsätze, S. 50 ff.

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kanzler gab die wohltuende Versicherung, die Zeit der Sentimentalitäten sei vorbei; die sentimentalen Menschen sind die grausamen, wogegen die unerbittlich starken in ihrer Unerbittlichkeit die Schonung des wahrhaft Schonungswerten und die dauernde Errettung heiliger Güter bewirken. Die Höhlen des Mamons müssen ausgeräuchert werden! Dadurch allein kann es gelingen, auch das Werkzeug zur Knechtung aller Völker der Welt — die Riesenflotte — unschädlich zu machen; dadurch allein kann Deutschland, und mit ihm die wahre Kultur der Menschheit, von dem ewigen Alp befreit und einer Zukunft des Friedens und der Freiheit entgegengeführt werden; erlöst aus fluchbeladenen Händen, wird auch das echte, alte, edle England von neuem aufblühen.
    Durch welche Mittel das geschehen wird, das weiß ich nicht; daß aber Deutschland diese Mittel besitzt sowie die Macht, sie anzuwenden, dessen bin ich vollkommen überzeugt; und daß ein Tag kommen muß und kommen wird, wo die Oberste Heeres- und Marineleitung zum Gebrauch dieser Macht den Befehl gibt, das lehrt mich der unausweichbare Zwang der gegebenen Umstände. Dämmert eine mal dieser Tag, so wissen wir: des Weltkrieges letzte Phase ist angebrochen, der große Weltfriede naht.

    Bayreuth, 25. November 1915.




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Deutschlands Kriegsziel

Hoffentlich dauert der Krieg so lange,
bis alles sich unserm Willen fügt.
(Hindenburg.)

    Verboten ist es, von   d e n   Kriegszielen öffentlich zu sprechen; um so mehr müssen wir es als ein Gebot empfinden,   d a s   Kriegsziel klar und fest ins Auge zu fassen. Denn jenes notwendige Verbot führt den Nachteil mit sich, Millionen, die lediglich auf die Zeitungen angewiesen sind, von aller Kenntnis des zu Erstrebenden abzuschneiden, so daß zuletzt für sie nur die Gegenüberstellung Krieg und Nicht-Krieg bleibt, was mit der Zeit ein Nachlassen der Spannkraft veranlaßt. Was diese lebendig hält, ist das bewußte Erstreben bestimmt erkannter Endabsichten; fehlt die Vorstellung des Zielpunktes, so stellt sich bei jeder Reise leicht Ermüdung ein. Fragen wir uns also: was ist Deutschlands Kriegsziel?
    Die Antwort kann nicht zweifelhaft sein: des Krieges Ziel ist für Deutschland der   F r i e d e.   Seit vielen Jahren hütete Deutschland den Frieden und ließ sich im Interesse seiner Erhaltung fast mehr als billig von seinen neidgeschwollenen Nachbarn gefallen. Kaiser und Fürsten wollten den Frieden und bewiesen es durch ihre Taten; Handel, Landwirtschaft, Industrie blühten auf im Frieden und verlangten nur offene Türen, denn mehr war ihnen zum Gedeihen nicht vonnöten; Wissenschaft, Technik, Kunst wurden mit unvergleichlichem Eifer gepflegt und können nur im Frieden sich entfalten. Es liegt überhaupt im Wesen der deutschen Heeresverfassung, daß dieses Heer nicht zu Angriffszwecken gebraucht werden kann; der stärkste Mann vermöchte es nicht, sie zu einem Raubunternehmen in Bewegung zu

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setzen — das bezeugt der allerstärkste, Bismarck. Der Überfall auf Deutschland ist also ein Überfall auf den Hüter des Friedens; ausgeführt wurde er von drei Nationen, die beständig, auf der ganzen, ihnen erreichbaren Erdoberfläche Krieg schüren und Krieg führen — England, Rußland, Frankreich — den geschworenen Feinden des Friedens. Seit drei Jahrhunderten befolgt England grundsätzlich die Politik des Raubens, und es wirkte erfrischend, als neulich ein Offizier und Fachgelehrter für Kriegsgeschichte unumwunden aussprach: „Wir Engländer suchen zwar immer nach plausiblen Vorwänden zu unseren Kriegen, in Wirklichkeit aber führen wir sie stets nur um des Handels willen.“ Das moskowitische Rußland ist ein Oger, der seit ungefähr ebensolange unersättlich um sich frißt und alle Völker zu Sklaven herabdrückt. Frankreich ist unter der Leitung seiner regierenden Finanzleute zu einem Gauner und „Apachen“ geworden, der zum Anstand nicht mehr zurückzufinden weiß. Man darf also gegen obige Beantwortung nicht etwa einwenden, das Ziel aller Kriegführenden sei der Friede; das ist nicht der Fall; es gibt Völker, die im Frieden immer üppiger blühen — Deutschland steht heute an ihrer Spitze; und es gibt Völker, die ohne Krieg ihr Auskommen nicht finden, in denen jener Urinstinkt des barbarischen Menschen noch überwiegt.
    Aus diesen Erwägungen folgt, daß Deutschland den Frieden wird   a u f z w i n g e n   müssen,   s e i n e n   Frieden. Wie der Baumeister nach einem wohldurchdachten Plane die harten, widerstrebenden Rohstoffe in die Gestalt zwingt, in welcher sie einem hohen Zwecke dauernd dienen, so muß Deutschland den Feinden des Friedens Bedingungen aufnötigen, durch welche der europäischen Welt auf

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lange hinaus ein würdiger, allem Tüchtigen und Hochstrebenden fördersame Friede gesichert wird.
    Ob das in vollem Maße jetzt gelingen kann, weiß ich nicht; ich bezweifle es; die Grundlage aber dazu kann und muß gelegt werden, und dies wiederum erfordert, daß das Ziel erblickt und als Willensbeschluß erfaßt wird. Geschieht es jetzt nicht, so ist es für alle Zeiten zu spät; hemmen überkommene Menschlichkeitsphrasen die Entfaltung der Waffengewalt, geben diplomatische Tüfteleien den Ausschlag, so ist nichts geschehen; Blut und Tränen flossen dann umsonst, und das siegreiche Deutschland hat die Schlacht verloren — die Schlacht um die Gestaltung der Zukunft des Menschentums auf Erden. Hegel spricht einmal von der „Ohnmacht des Sieges“, weil ein Sieg, der nichts Neues schafft, aus dessen blutigem Zoll kein neues Leben entsprießt, in der Tat das reine Nichts ist. Dagegen kennt der selbe deutsche Denker ein „Heroenrecht“: dieses ist das schöpferische Recht, das Blut und Gewalt entsühnt, weil es Schlechtes zerstört und Besseres an die Stelle setzt. Der Tod der deutschen Helden kann nur dann als entsühnt und mehr als das — als notwendig und segensreich — betrachtet werden, wenn er dazu dient, solches   H e l d e n r e c h t   durchzusetzen und dauernd zu befestigen — das Recht auf den deutschen Frieden.
    In einem früheren Kriegsaufsatz machte ich auf den Unterschied zwischen   p a x   (paix, peace, pace) und   F r i e d e   aufmerksam: pax bedeutet einen juristischen Vertrag — also eine vorübergehende, kündbare Abmachung, Friede einen währenden Zustand — die Herrschaft der Liebe und der Schonung ¹). Die Feinde Deutschlands be-
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    ¹) Siehe Aufsatz „Deutscher Friede“ in Neue Kriegsaufs., S. 86 ff.

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sitzen nicht einmal den Begriff des Friedens! Im letzten Grunde ist es Deutschlands Kriegsziel, ihnen diesen Begriff beizubringen. Dazu müssen sie in eine strenge Lehre genommen werden. Wie vorhin angedeutet: einzig durch Raub sind England, Frankreich und Rußland in den letzten fünfzig Jahren gewachsen; diese Völker wissen gar nicht, daß es ein anderes Wachstum — ein Wachstum aus innerer Kraft und Tüchtigkeit — gibt. Haarsträubend ungereimt ist es, wenn diese Räuberstaaten die einzige Großmacht Europas, die niemals geraubt hat, als „Militär- und Erobererstaat“ brandmarken und verfolgen. Wer wissen will, was Deutschland unter „Kolonisieren“ versteht — welche edle, menschenbildende Aufgabe —‚ dem empfehle ich die kurz zusammenfassende Darstellung „Die deutsche Kolonialpolitik“ von Staatssekretär Dr. Solf in dem unentbehrlichen Sammelwerk „Deutschtand und der Weltkrieg“ (Teubner, 1915). Dr. Solf ergeht sich nicht in vielen Worten; er befleißigt sich wissenschaftlicher Objektivität und eines fast nüchternen Stils; um so beredter sprechen die Tatsachen. Zum erstenmal, seit die schauervolle Geschichte europäischer, überseeischer Eroberungen im sechzehnten Jahrhundert begann, versucht ein Staat, anstatt rücksichtslos auszubeuten, anstatt gierig für sich und die Seinen den Reichtum fremder Erde an sich zu reißen, sich sittlicher Verpflichtungen gegen die Ureinwohner bewußt zu werden, sie als Gottes Geschöpfe zu hegen und einer sittlichen und geistigen Entwicklung entgegenzuführen. Außerdem aber: Deutschland allein faßt die koloniale Aufgabe im Sinne eines gemeinsamen europäischen Auftrags auf und führt die vielgenannte, aber nie befolgte Politik der „offenen Türe“ wirklich durch, indem es keine wie immer

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geartete Begünstigung des eigenen Handels kennt. Bei allen anderen Kolonialmächten — bei England und Frankreich und Spanien und Portugal (nur bei Holland nicht) — genießt das Mutterland allein Zollfreiheit oder Zollbevorzugungen, die 30 bis 90 Prozent betragen; Deutschland kennt diese Unterscheidung nicht. Ebenso genießen Ausländer und ausländische Unternehmungen in deutschen Kolonien genau den gleichen Schutz, die gleiche Förderung wie Deutsche; wogegen Frankreich es durch ewige Schikanen und durch Rechtsverweigerungen Ausländern fast unmöglich macht, Handel auf den von ihm verwalteten Gebieten zu treiben, und England soeben das gesamte Vermögen der in Hinterindien seit vielen Jahren ansässigen deutschen Kaufleute konfisziert und — um alle Ansprüche und Wiederanknüpfungen nach Friedensschluß unmöglich zu machen — die Bücher und Korrespondenzen zerstört hat. Der zuständigste deutsche Fachmann bezeichnet diesen Vorgang richtig mit dem Wort:   S t r a s s e n r a u b.   Wie Rußland die Deutschen — sogar diejenigen russischer Nationalität — behandelt, wissen wir. Und nach Solf nehme man noch eine Schrift zur Hand: Geheimrat Schrameiers „Kiautschou, ein Rückblick“ (Berlin, 1915). Was hier erstrebt, angebahnt, zum Teil sogar in der kurzen Zeit geleistet worden ist, das wirkt geradezu erhebend. Jeder sollte sich darüber unterrichten; man wirft einen Blick in eine künftige, bessere Welt. Ein japanischer Staatsmann berichtete vor kurzem: „Die Art, wie die Deutschen Kiautschou verwalten, ist einfach ideal; hier können wir viel lernen.“ Man warnt in Deutschland unablässig vor Selbstüberschätzung; fördersamer wäre es, man würde das von Deutschland Geleistete schätzen lernen, denn

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daran fehlt es allgemein. Es ist ein Deutschland im Werden — ja, schon am Werke —‚ das die Meisten gar nicht kennen. Welch grundguter Geist da waltet — trotz der gemeinen Elemente, trotz des international gerichteten Geldpöbels, trotz der ungeschickten Polterer und auch trotz der widerwärtigen Pharisäer, deren tugendhafte Augenverdrehungen sie überall nur das Schlechte, nie den reinen Willen, nie die tüchtige, vorbildliche Tat erblicken lassen —‚ das zeigen uns die deutschen Kolonien, das zeigt uns vor allem jenes unvergängliche Ruhmesblatt in der Regierung Wilhelms II.: Kiautschou. Hier erfahren wir, was Deutschland unter „Frieden“ versteht; dagegen ein vergleichender Blick auf Hongkong — von England seinem schmählichen Opiumhandel zulieb gewaltsam blutig geraubt und inzwischen zur verruchtesten Lasterhöhle des fernen Ostens herangewachsen — uns belehrt, daß das in Kiautschou schon halb verwirklichte deutsche Ideal der englischen Politik ganz und gar unbekannt ist.
    Da nun Deutschland den Frieden aufzwingen muß, da es einzig durch Gewalt sein den Gegnern unbekanntes Kriegsziel erreichen kann, so fragt es sich: wie sind die Widerstände beschaffen, die diesem „Willen zum Guten“ entgegenstehen? Die Beantwortung dieser Frage fällt dreifältig aus, weil jedem einzelnen der drei Gegner gegenüber (Italien zähle ich nicht) die politische Lage ein andere ist.
    Bei Frankreich liegen die Dinge am einfachsten. Wenn die Franzosen nicht wahnsinnig wären, wenn sie sich nicht zu Knechten Englands und Rußlands mißbrauchen ließen, ich wüßte nicht, welche Veranlassung zu einem Streit mit ihnen entstehen könnte. Nun sind sie aber wahnsinnig,

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folglich muß man sie als Wahnsinnige behandeln. Deutschland muß gegen ihre Tobsuchtsanfälle ein für allemal gesichert werden, auch dagegen, daß sie seine Friedensauen mit Millionen wilder Neger überschwemmen: die Macht ist da, sie muß gebraucht werden; der Diplomat darf nicht, wie 1870, dem Generalstab widersprechen.
    Ungleich bedrohlicher färbt siech der Horizont, sobald wir die Augen nach Rußland wenden. Hier haben wir es mit blind zerstörenden Naturgewalten zu tun; Argumente und Verträge nützen ebensowenig wie gegen Wasserfluten und Gewitterschläge. In der Schweiz ist es durch die Anlage sogenannter „Bannwälder“ gelungen, blühende Täler vor periodisch wiederkehrender Verwüstung dauernd zu Schützen; das moskowitische Tatarenreich ist eine ebensolche ewig drohende, brutale Gefahr; in den wenigen Tagen, wo diese Horden im gesitteten, keinen Widerstand leistenden Ostpreußen hausten, haben sie Besitz im Werte von mehr als eine Milliarde Mark sinnlos mutwillig zerstört; was sie an den guten Menschen verbrachen, gemahnt an die schlimmsten Tage bestialischer Hauknechte des Mittelalters. Hier fordert nicht allein das Friedensziel, sondern schon die Sorge um die Existenz eines gesitteten Europas überhaupt die Errichtung eines Deutschland und seine Bundesgenossen für alle Zeiten schirmenden Bannwaldes — von Norden bis Süden. Im übrigen verweise ich auf Paul Rohrbach's „Rußland und wir“, das jeder Deutsche lesen und wieder lesen muß. Wenn nicht jetzt das Nötige geschieht, ist Deutschland in hundert, vielleicht schon in fünfzig Jahren rettungslos verloren.
    Über England ins Klare zu kommen, ist für den Deutschen nicht leicht. Die Unwissenheit des englischen Volkes läßt sich

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mit der russischen vergleichen; namentlich aber spottet die Unbildung der „gebildeten“ Stände aller Beschreibung; dagegen ist — im genauen Gegensatz zu Rußland — der Charakter außerordentlich entwickelt: das kecke Selbstvertrauen, die Luft zu selbständigem Handeln, die Anlage, durch bloße Willenskraft sich Gehorsam zu erzwingen. Der Engländer besitzt die wunderbare Kunst, auch aus dem, was ihn beschränkt, Kraft zu schöpfen; daher das Abgerundete, Aufsichselbstgestellte. Wohin bei Mißleitung und Mißbrauch dieser Gaben ein Volk kommt, sehen wir jetzt; doch die Kraft selbst ist einmal da, sie betätigt sich auf der ganzen Erdoberfläche. Ein einziges Mittel gibt es, sie in Schranken zu weisen: ihr gegenüber muß sich eine andere Willenskraft aufrichten, eine gewaltige Kraft, gegen welche die englische überall anrennt und sich die Knochen bricht. Jede tatsächliche Leistung nötigt dem Engländer unbedingte Hochachtung ab; da er aber rein geistige Leistungen nicht zu erkennen vermag, so müssen es handgreifliche sein. Die Leistungen Deutschlands in Technik, Industrie und Handel hat England so hoch einzuschätzen gewußt, daß es kein Heil für sich sah außer in der völligen Vernichtung des Nachbarn. Indem ich Verständnis für einen bitteren Scherz voraussetze, will ich sagen: England bekriegt Deutschland aus Hochachtung. Die Franzosen befeuert einzig Rachsucht; die stupide Ländergier der Moskowiter verschluckt jede Beute mit gleichem Appetit; die Engländer dagegen hetzt der Neid: sie wittern den Rivalen und fürchten ihn. Nicht mit Unrecht war der Engländer gewohnt, sich als Herr der Welt zu fühlen. Dieses Gefühl beruhte nicht — jedenfalls nicht in erster Reihe — auf der Anzahl der mittelbar und unmittelbar angegliederten

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Geviertmeilen und der fast an die halbe Milliarde reichenden Menschenschar, die sich zur englischen Oberhoheit bekennt, vielmehr auf dem Bewußtsein der inneren Kraft, der Kraft des Willens, die einem kleinen Inselvolk die Unterjochung eines Drittels der gesamten Menschheit möglich gemacht hat. Im Verhältnis zum Reich ist selbst die englische Flotte klein. Diese Herrschaft Britanniens ist auf innerer Grundfeste aufgebaut gewesen: auf Stoßkraft und Haltekraft des Wollens, auf Fleiß, auf kühnem Wagegeist, auf rücksichtsloser Folgerichtigkeit. Der Engländer ist vor keiner Grausamkeit, vor keiner Unmoralität zurückgeschreckt, ist aber auch selber vor keinem Wagnis, vor keinem Tode erschrocken umgekehrt; es gab nichts, was er nicht wagte; Jünglinge von einigen zwanzig Jahren haben — als bestellte „Berater“ asiatischer Fürsten — allein unter Millionen „Farbiger“, von Haß und Mordsucht rings umgeben, ganze Reiche verwaltet, umgestaltet, und nach und nach unter englische Herrschaft gebracht... Dies nur als Andeutung und Beispiel. Über diese englische Weltherrschaft mag man denken wie man will — ich meinerseits halte sie für grundunsittlich und darum verderblich, außerdem aber überhaupt für veraltet und daher der Zukunft, in die wir im zwanzigsten Jahrhundert eintreten, nicht angemessen noch gewachsen — immerhin ist folgendes sicher: über eine so unerhörte Entwicklung der kosmischen Gewalt, genannt „Mensch“, vermag einzig eine noch mächtigere Entwicklung der selben Gewalt zu siegen, und das wird nur eine sein können, bei der das charakteristische Organ des Menschen — der Geist — nach allen Seiten tiefere Wurzeln geschlagen hat und in Folge dessen sich üppiger entfaltet. Ohne Willen läßt sich bei uns Men-

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schen nichts machen; einem ebenso starken Willen wie dem seinen, gepaart mit reiferem Geiste, muß der Engländer notwendig unterliegen.
    Damit glaube ich das Kriegsziel, was England betrifft, in seiner Tiefe erfaßt und deutlich genug bezeichnet zu haben.
    Hier erleben wir aber traurige Dinge, geeignet, das Vertrauen auf die Zukunft des Deutschtums zu erschüttern; denn gerade am Willen, am Glauben, an dem Bewußtsein, daß der Geist weitaus die gewaltigste Gewalt auf Erden ist, fehlt es in Deutschland vielfach. Ich schlage z. B. eine Flugschrift von Franz von Liszt auf aus der Reihe „Zwischen Krieg und Frieden“ und finde da die These, Deutschland sei keine Weltmacht und könne es nie werden, sondern müsse sich damit abfinden, für alle Zeiten bescheiden hinter England, Rußland und den Vereinigten Staaten einherzumarschieren. Es heißt da wörtlich: „Wir werden gut tun, uns diese Tatsache immer und immer wieder vor Augen zu halten!“ Da soll mir nur einer sagen, wozu Deutschland eigentlich Krieg führt und Hunderttausende seiner Söhne aufopfert! Um den Preis eines solchen Bekenntnisses schließt England gleich morgen den Frieden, nimmt Deutschland unter seine schützenden Flügel und kehrt sich ohne Zaudern gegen Rußland und Frankreich. Wenn Deutschland sich nicht bewußt ist, von Gott eine Weltmission überkommen zu haben, wenn Deutschland so wenig Vertrauen auf die unüberwindliche Macht seiner Organisations- und Leistungsfähigkeit setzt, wenn es sich nicht getraut, mehr und anderes zu leisten als das kleine, weltbeherrschende Inselvölkchen geleistet hat, wenn es mit Franz von Liszt — und unter Mißachtung

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aller Lehren der Weltgeschichte — die Bedeutung der Völker nach Geviertkilometern und Kopfzahl einschätzt, da freilich ist nichts zu wollen, nichts zu hoffen, und es war eine verbrecherische Torheit, den Krieg aufzunehmen, anstatt sich von vornherein den „Weltmächten“ England und Rußland gehorsam unterzuordnen, wobei die von einem ordentlichen Universitätsprofessor keck und großschnauzig regierte dritte Weltmacht ohne Zweifel ihre Vermittelung gern angeboten hätte. Mit solchen Kläglichkeiten wird man freilich nicht weit kommen. Zwischen Deutschland und England steht heute die Sache so: entweder du oder ich. Sagt der Deutsche „du“, so ist's aus mit dem Deutschtum — für immer; England kennt keine Rücksichten. In Wirklichkeit besitzt aber Deutschland die Mittel, „ich“ zu sagen und „ich“ durchzusetzen; dies ist sein Kriegsziel. Nicht im entferntesten denke ich hierbei an eine zu erstrebende Zertrümmerung des britischen Weltreiches und dergleichen; selbst wenn Deutschland zu dergleichen Unternehmungen gewappnet wäre, so lägen sie weder in seinem praktischen Interesse noch in der Richtung seiner Ideale; davon ist gar keine Rede. Was aber geschehen muß, ist die siegreiche Behauptung von Deutschlands Willen gegen Englands Willen; Englands Arroganz muß gebrochen werden, gedemütigt; England muß anerkennen, das Deutschland ihm überlegen ist. Dies kann nicht mittelbar, sondern muß unmittelbar geschehen; und ich weiß: es ist möglich, und der Sieg ist sicher. Von dem Augenblick an wird ein Umschwung auf der ganzen Welt stattfinden, und Deutschland wird sehr schnell — vielleicht in weniger als einem Jahrhundert — die ausschlaggebende Weltmacht werden, Hüter und Hort des Weltfriedens.

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Niemand darf fragen, wie lange der Krieg dauern wird; es geht ja um alle Zukunft. Doch soviel ist sicher: je rücksichtsloser, um so kürzer wird er sein, um so menschlicher. Der Engländer war nie zaghaft; ist es der Deutsche heute, so ist er verloren; bleibt er blind für das, was auf dem Spiele steht, so unterliegt er. Dahingegen die rücksichtslose Entfaltung aller vorhandenen Machtmittel, das unumwundene Bekenntnis zu dem spezifisch deutschen, unenglischen und antienglischen Staats- und Lebensideal, dessen rücksichtsloses Durchsetzen auf allen Gebieten mit der Zeit auch die Engländer gewinnen und sie zu Freunden Deutschlands umschaffen wird. In Folge der augenblicklichen Weltlage und aller politisch-sozialen Verhältnisse ist das noch stark vertretene germanische Element in England unterdrückt, irregeführt, mundtot gemacht; siegt das deutsche Ideal, so findet auch dort gewiß eine Umwälzung statt. Was uns allen als Kriegsziel hier vorschweben sollte, hat Goethe buchstäblich genau bezeichnet:

Und gedächte jeder wie ich, so stünde die Macht auf
Gegen die Macht, und wir freuten uns alle des Friedens.

*

    Als ich vorhin einem Freunde vorstehende Ausführungen über Deutschlands dreifältiges Kriegsziel in der Skizze vorgelesen hatte, rief er aus: „Sie haben recht! Wo aber erblicken Sie den deutschen Staatsmann, der einer solchen Aufgabe gewachsen wäre?“ Da stand ich schweigend auf, holte den abgegriffenen 63. Band der Erlanger Lutherausgabe vom Bücherbrett herunter, schlug die mir wohl-

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vertraute Seite 356 auf und las: „Aber es gehört dazu ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz habe, unerschrocken die Wahrheit zu schreiben...“ Nicht allein die Wahrheit zu „schreiben“ und zu reden, zu allermeist sie in die Tat umzusetzen, dazu gehört freilich ein trefflicher Mann, der ein Löwenherz hat. Wie viele solche Männer Deutschland besitzt, hat uns der Krieg von neuem offenbart: in den feindlichen Armeen ist nicht ein einziger Mann von Bedeutung sichtbar geworden; im deutschen Heere dagegen stand an jedem Orte, wo die Gelegenheit seiner bedurfte, sofort der rechte Held da; nur wenige hatten glänzende Stellen bekleidet, doch sobald die Not rief, traten sie aus dem Schatten schlichter Pflichterfüllung und vollbrachten unsterbliche Taten. Ebenso sind die Staatsmänner gewiß vorhanden; es muß nur erst die Not allgemein empfunden werden. Das oberste Kriegsziel wird erreicht sein, sobald Deutschlands Not den trefflichen Mann geschaffen haben wird, den unerschrockenen und unerschreckbaren, mit dem Löwenherz.

    B a y r e u t h,   6. Januar 1916.

 
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Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 20 Juli 2004