Hereunder follow the transcriptions of the Neue Kriegsaufsätze (New war essays) by Houston Stewart Chamberlain, 5th. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1915.

Hieronder volgen de transcripties van de Neue Kriegsaufsätze van Houston Stewart Chamberlain, 5e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1915.

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H. S. Chamberlain's war essays 1914 — 1918
Kriegsaufsätze, 1e serie oorlogsessays / 1st series war essays
Neue Kriegsaufsätze, 2e serie oorlogsessays / 2nd series war essays
Hammer oder Amboß, 3e serie oorlogessays / 3rd series war essays
Die Zuversicht, oorlogsessay / war essay
Politische Ideale, ideeën voor een toekomstige duitse staat / ideas for a future german state
Ideal und Macht, oorlogsessay / war essay
Der Wille zum Sieg, oorlogsessays / war essays
Demokratie und Freiheit, oorlogsessay / war essay
Der demokratische Wahn, oorlogsessay / war essay
The one and the other Germany, my translation of Das eine und das andere Deutschland
Ravings of a Renegade, translation of the Kriegsaufsätze

 
Neue Kriegsaufsaetze


 
Houston Stewart Chamberlain

Neue Kriegsaufsätze


Ich lernte diese Welt verachten:
Nun bin ich erst, sie zu erobern wert.
(Goethe)


Fünfte Auflage

München 1915
Verlag von F. Bruckmann A.-G.

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F. Bruckmann A.-G., München

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Den Freunden der ersten Reihe „Kriegsaufsätze“ überreiche ich hiermit eine zweite Reihe. In ihr wende ich mich dem gegenwärtigen Krieg zu: der erste Aufsatz behandelt die vorangehenden Jahre, der zweite die Umstände, die den Krieg unvermeidlich machten, der dritte die zu erhoffende Zukunft. In dem ersten habe ich namentlich eigene Erinnerungen und Erfahrungen verwertet. In dem zweiten war ich bestrebt, eine sowohl methodisch wie inhaltlich unanfechtbare und ausreichende Antwort auf die Schuldfrage zu geben: es ist durchaus nötig, daß jeder denkende Mensch hierüber ausführliche, entscheidende Klarheit besitze; Phrasen mögen anderswo genügen, in Deutschland genügen sie nicht. Der dritte Aufsatz behandelt nur das Grundsätzliche; das Einzelne zu erörtern hätte zu weit geführt; einstweilen ist das eben das Wichtigste: zu wissen, was jetzt zu wollen ist.
    Auf die erste Reihe meiner „Kriegsaufsätze“ habe ich Hunderte von Briefen erhalten; in einer auffallend großen Anzahl wird mir der Vorwurf gemacht — oder wird wenigstens die Sorge laut: ich hätte zu günstig über Deutschland geurteilt, ich hätte die Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht berücksichtigt und namentlich die Krebsschäden außeracht gelassen, die an der gesunden deutschen Volkskraft fressen und das öffentliche Leben vergiften. Diesen verehrten unbekannten Freunden antworte ich, daß die Behandlung dieser Fragen nicht die Aufgabe von „Kriegsaufsätzen“ sein konnte, und daß außerdem, wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht — wo nach einem alten Weisen immer das Beste für die Besten verborgen liegt — mich weder für einen seichten Optimisten, noch für einen Schmeichler

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halten wird. Wer könnte standhalten, wer möchte weiterleben, wenn ihm die Hoffnung verwehrt würde? Und Hoffnung unterscheidet sich von Phantasterei. Mein Hoffen fußt auf Wirklichkeiten und bildet ein Sprungbrett für den Willen.

    B a y r e u t h,   den 12. Februar 1915
H. S. C.

     P. S. — Den Anordnungen der Censur gehorsam, habe ich einiges im Aufsatz „Wer hat den Krieg verschuldet?“ gestrichen und im Aufsatz „Deutscher Friede“ alle Ausführungen über die, über kurz oder lang zu erhoffenden Umgestaltungen politischer Natur ausgelassen. Der feinfühlige Leser wird in Folge dessen auf einzelne harte Übergänge stoßen, was ich zu entschuldigen bitte.

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Inhaltsübersicht

Grundstimmungen in England und in Frankreich S. 7
Wer hat den Krieg verschuldet? S. 30
Deutscher Friede S. 86

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Leere Seite.

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Grundstimmungen in England und in Frankreich 

Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen,
Der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt.
(Goethe)

Der Besitz eines klaren Urteils ist in diesen Zeiten kaum weniger vonnöten als der Besitz eines scharfen Schwertes. Dort wie hier kommt es namentlich darauf an, das Heft fest in der Hand zu halten und sich ebensowenig zu falschen Gedanken wie zu ungewollten Schlachten hinreißen zu lassen. Ein vortreffliches französisches Sprichwort lehrt: Il ne faut pas chercher midi à quatorze heures, man suche nicht die Mittagsstunde um vierzehn Uhr, man verwirre nicht das Einfache durch labyrinthische Einbildungen. In der Politik geschieht das viel, in Augenblicken wie der jetzige mehr denn je. Und zwar geschieht das um so leichter, als wir Menschen einfache Grundtatsachen auf allen Gebieten selten deutlich gewahr werden. Immer fällt es uns leichter, das Vorüberziehende, das Wechselnde ins Auge zu fassen als das Beharrende; was Dauer hat, bleibt unbemerkt. Dieses Beharrende — so z. B. die allgemeine Seelenstimmung eines in bestimmten Verhältnissen lebenden Volkes — wird sich bei näherer Untersuchung meistens als natürlicher, handgreiflicher herausstellen als man gewöhnlich annimmt, zugleich aber an individuellen Besonderheiten und Abweichungen reicher, als es sich in unseren künstlichen Zurechtlegungen ausnimmt. Goethe sprach es aus: „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist.“
    Diese Erwägung veranlaßt folgenden Versuch. Denn es ist sicherlich für die Deutschen nicht unwichtig, daß sie sich richtige — nicht falsche — Vorstellungen über die Gefühle machen, welche — als dauernd wirksame Grundstimmungen — die Möglichkeit des jetzigen Krieges erst schufen. Die in Deutschland herrschende Grundstimmung war unerschütterliche Friedensliebe, aufrichtige Freundschaft für

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


England, lebhafter Wunsch, mit Frankreich in offenen, guten Beziehungen zu leben. Es läßt sich unwiderleglich nachweisen, daß diese Gefühle alle Schichten der ganzen Nation beseelten, so daß bis zum letzten Augenblick kein Mensch an die Möglichkeit des Krieges glauben wollte und daß namentlich Englands Waffenergreifung von einem Ende des Landes bis zum anderen einen Schrei des Erstaunens hervorrief, gefolgt von der Empörung, die wie ein Sturmwind das unbegreiflich zähe Vertrauen und die unvergoltene Liebe wohl auf immer wegfegte. In England und in Frankreich herrschten schon seit Jahren Deutschland gegenüber ganz anders geartete Gefühle; welcher Art nun waren sie? Nach meiner Überzeugung besitzt die Beantwortung dieser Frage Wert für den Augenblick und vielleicht noch größeren Wert für die Zukunft: man lernt den Stoff kennen, an dem sich Staatskunft zu üben haben wird.
    Das eine sei vorangeschickt: mit dem Wort „Haß“ dringt man nicht tief in die Erkenntnis ein; wir sollten uns nie bei Schablonen beruhigen. Zwischen Haß und Liebe ist für gar viel noch Platz. Und wenn auch unstreitig in diesem Augenblick mancher verblendete Engländer von wildem Haß gegen Deutschland glüht und auch einzelne Franzosen sich auf diese Temperatur hinaufgeschwatzt haben mögen, während die Deutschen selber Haßgedichte singen, so bleibt es nichtsdestoweniger gewiß, daß diese Stimmung   n i c h t   die vorwaltende und auch nicht die gestaltende ist, darum auch nicht diejenige, auf die es ankommt, daß man sie kenne. Treitschke bemerkt, der deutschen Gutmütigkeit sei der Haß schwer faßlich; der Verfasser des „Haßliebes gegen England“ kämpft als wackerer Deutscher mit, entstammt aber einem Volke, das — im Gegensatz zum deutschen — von jeher den Haß als eine Haupteigenschaft großgezogen hat, und demselben Volke entstammt die gesamte Redaktion der „Times“, der „Daily Mail“, des „Matin“; solche Dinge darf man nicht übersehen. Der germanische Deutsche ist nicht allein zu gutmütig, er ist namentlich den Gefühlen und Erwägungen der Gerechtigkeit und der Billigkeit

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


viel zu sehr zugetan, um in alttestamentarischem Hasse sich wohlzufühlen; der Engländer ist zu hochmütig, um zu hassen, der Franzose zu leichtfertig. Wir wollen also eine feinere Analyse versuchen.
    Als erstes halte man das eine fest: es besteht keine Spur einer geistigen Verwandtschaft zwischen Engländern und Franzosen; kämpfen sie auch heute neben einander, kein Gedanke, keine Gefühlsregung ist ihnen gemeinsam. Viele französische Gefangene sagten zu ihren deutschen Kameraden: „Wir würden lieber mit euch gegen die Engländer kämpfen als Seite an Seite mit diesen bougres d'Anglais!“ — das ist die echte Stimme des Volkes. Vielleicht vermag es kein Mensch, der nicht, wie ich, in beiden Ländern zu Hause ist, die Sternenweite zu ermessen, die diese zwei Völker von einander scheidet; Dutzende von Malen habe ich die Fahrt hin und her über den schmalen Wasserstreifen gemacht, und immer von neuem fühlte ich mich fast verwirrt durch dieses traumhafte Anlanden auf einem anderen Planeten. Angeborene, unüberwindliche Antipathie scheidet auf allen Gebieten Franzosen und Engländer; einzig die Tatsache, daß sie unfähig sind, sich zu verständigen, läßt den Schein eines Einverständnisses aufkommen: da kein Franzose englisch und kaum hie und da ein Engländer französisch fließend zu reden vermag, sind sie nicht in der Lage, sich mitzuteilen, wie sehr sie sich verabscheuen. Der physische Widerwille, den der Franzose dem Engländer einflößt, fand neulich drastischen Ausdruck in dem Tagebuch eines in Nordfrankreich gefallenen englischen Leutnants, der von den teuren Verbündeten notiert: „Ich glaube, die französischen Offiziere waschen sich im ganzen Leben nicht.“ Geistig gilt das gleiche: nie hat ein Franzose begriffen, daß man Shakespeare für einen bedeutenden Dichter hält; überhaupt bleibt die ganze große englische Litteratur für die Franzosen ungeboren; für Faust und Werther, für Kant und Schopenhauer und Nietzsche, für alle unsterblichen deutschen Tondichter ist Interesse und vielfach Begeisterung in weiten Kreisen rege, englisches Denken und Dichten dünkt ihnen Barbarei. Daher ist denn die «entente cordiale» eine der

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


lächerlichsten Possen, die je innerhalb der harten Welt der Wirklichkeit aufgeführt wurden: jeder der beiden Teile betrügt den andern und sich selbst. Kurz nachdem diese sogenannte «entente» eingeleitet worden war, führte mich die Rückreise von einem kurzen Besuch in England durch Paris; ein französischer Jugendfreund benutzte die Gelegenheit, mich mit einem der glänzendsten Forscher und Erfinder Frankreichs zusammenzubringen, zugleich einem leidenschaftlichen Patrioten und energischen Politiker; der vierte bei Tisch war ein angesehener konservativer Journalist; die drei Franzosen taten sich in meiner Gegenwart nicht den geringsten Zwang an, sie wußten, wie unbefangen ich über England urteile, und betrachteten mich infolge meiner Beherrschung ihrer Sprache und Aussprache als halben Franzosen. Was da über die «entente cordiale» gespottet wurde, läßt sich in der Kürze nicht wiedergeben; Witz sprühte auf Witz wie ein Raketenfeuerwerk. Die Geringschätzung der Engländer als dummer, plumper, geistloser Menschen fand hundertfachen Ausdruck; ich erinnere mich, wie jener bedeutende Mann in seinem Übermut den Engländern die Menschenwürde überhaupt absprechen wollte, indem er ausführte, sie seien aus einer Kreuzung zwischen Hund und Pferd hervorgegangen! „Die Engländer,“ meinte er, „werden von nun an im Schweiße ihres Angesichts Französisch radebrechen lernen müssen; unsere Bücher und Bilder, unsere Musik werden drüben rasenden Absatz finden, unsere Schauspieler werden in London vor vollen Häusern gastieren — zwar wird kein Mensch sie verstehen, doch Jedem wird's Ehrenpunkt sein zu tun, als ob er verstünde. Ich habe neulich Mounet Sully vorgeschlagen, er solle im ersten Akt von „Oedipe Roi“ den Monolog aus dem vierten Akt von „Hernani“ sprechen: ich wette, kein Engländer merkt es!“ Und so ging es weiter, mit dem beständigen Kehrreim: «Si les Anglais sont assez bêtes, tant mieux pour nous»; um so besser für uns, wenn die Engländer so dumm sind. Einige Jahre nachher ging ich wieder zu später Nachtstunde mit demselben Bekannten durch die Straßen von Paris; un-

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versehens kamen wir an den Platz, wo ein Denkmal für Eduard VII., den Schöpfer der „entente“, geplant war; da bekam der Franzose einen so krampfartigen Lachanfall, daß er sich die Seiten halten mußte: «Sont-ils assez idiots, nos gouvernants! Mais voyons donc, ce n'est pas au roi du baccara, c'est à Liane de Pougy qu'il fallait dresser un monument!» So vernichtend sarkastisch urteilte er über den König, so unverfroren gestand er (mit dem Namen der bekannten Halbweltdame) die Gemeinheit der Lockmittel, die hinter der Verbrüderung von England und Frankreich steckten. Und bei alledem ist das Bemerkenswerte, daß der witzige Franzose, der die dummen Engländer zur Ausführung seiner „Revanche“ gegen Deutschland zu benutzen glaubte, in Wirklichkeit der Gefoppte war: nicht hatte Frankreich England zum Narren, vielmehr war es England, das Frankreich für seine eigenen Interessen opferte.
    Hier tut sich der große Unterschied zwischen Engländern und Franzosen auf: die klugen Franzosen wußten alle, daß es sich um eine politische Komödie handelte; die Engländer dagegen folgten treu gehorsam ihren Führern, ernst und überzeugt. Keinen Menschen hörte ich damals in England über die «entente cordiale» lachen oder sah ich auch nur lächeln; mit gefurchten Brauen saß alles da, ein Lexikon rechts und eine Grammatik links, und versuchte La Reine Pédauque von Anatole France (das war daß vorgeschriebene Buch) zu lesen und — was noch mehr Mühe macht — es humorvoll zu finden (was ebenfalls befohlen war). Die greise Sarah Bernhard riß die betörten Briten durch jugendliche Anmut hin, und wenn Camille Rostand ein Stück schrieb, in dessen gähnende Langeweile selbst die unverschämteste Reklame die Pariser nicht hineinzutreiben vermochte, man brachte es einfach nach London hinüber, und, gehorsam der ausgegebenen Parole, strömte alles hin und klatschte Beifall. Zugleich erfolgte allerorten die Entlassung der Lehrer der deutschen Sprache, selbst an den Kriegsschulen. Dieser Maßregel — vielleicht bisher von seinem Politiker beachtet — müssen wir eine

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


so große Bedeutung zumessen, daß ich ihr einen eigenen Absatz widmen will.
    Im Laufe der Jahre hatte sich nämlich in England ein wachsendes Interesse für die deutsche Sprache verbreitet. Als ich Anfang der neunziger Jahre England nach längerer Unterbrechung besuchte, staunte ich, vielen Männern und noch zahlreicheren Frauen zu begegnen, die das Deutsche recht leidlich verstanden, auch manches gelesen hatten, und zwar in Kreisen, die aller Gelehrsamkeit fernstanden. Ursprünglich von Männern wie Carlyle und Huxley angebahnt, dann von wissenschaftlichen Forschern verschiedener Richtungen gefördert, hatte die Bewegung zuletzt weitere Kreise ergriffen. Gleich nach der «entente» erfolgte der große Schnitt: der Staat ging voran und entließ, wo es nur irgend anging, die Lehrer der deutschen Sprache; auf die großen Schulen — die fast alle unabhängig sind — wurde im gleichen Sinne nachdrücklich eingewirkt; zuletzt folgten die Privaten nach, wie das in England — dem Lande der Einförmigkeit — stets der Fall. Als ich 1908 einem verwandten Offizier sagte: „Wenn ihr Krieg gegen Deutschland führen wollt, dann ist es von euch unpraktisch, daß ihr nicht gerade erst recht Deutsch lernt“, widersprach der Betreffende: „Doch nicht! Die Hauptsache ist, daß sich unsere Offiziere mit unseren Verbündeten, den Franzosen, verständigen können; die deutschen Offiziere sprechen ohnehin alle Französisch.“ Man sieht also: erkennen wir in dieser ganzen von Eduard VII. und seinen Kreaturen ins Werk gesetzten Bewegung einen verhängnisvollen, verbrecherischen Wahn, so war doch, wie bei Hamlet's Wahnsinn, „viel Methode drin“; man darf sagen: im Gegensatz zu den Franzosen, die sich leichtsinnig auf Abenteuer einließen, gingen die Engländer mit schlauester Überlegung an eine Sache, bei der ihnen „blutig ernst“ war; und nichts konnte dem Zwecke, den wir heute erreicht sehen, förderlicher sein als dieses grundsätzlich durchgeführte Zerschneiden des vermittels der Sprache wachsenden Verständnisses für deutsche Art. Diese Bewegung mußte

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


erstickt werden; dann erst konnte der Feldzug der Verleumdung gegen Deutschland, vor dem wir heute schaudernd stehen als vor einem der gemeinsten Verbrechen der Weltgeschichte, mit Erfolg unternommen werden. Hierbei kam die uns Menschen angeborne Trägheit dem Plan zustatten. Zu der Fühlungnahme mit dem heutigen Frankreich genügt nämlich eine geringe Geistesarbeit: man beginnt nicht bei Montaigne und Pascal, geschweige bei Ronsard und Du Bellay, selbst Voltaire und Rousseau werben übersprungen, und der große Balzac bleibt terra incognita, bestenfalls setzt die Litteratur bei Zola's „Nana“ ein, umfaßt möglichst viel Maupassant und reicht bis Anatole France. Wie hoffnungslos muß dagegen das Unternehmen dünken, einen Menschen in das Heiligtum des deutschen Denkens, Fühlens und Lebens einzuführen, der kein Deutsch versteht! Ich habe es an einem der ersten lebenden Staatsmänner Englands erfahren: sein Französisch, noch so unzulänglich, hat doch genügt, ihm mit Menschen und Ideen Fühlung zu vermitteln; von deutschem Empfinden und Denken versteht er weniger als der Mann im Mond, schreibt und redet zwar darüber und urteilt von der Höhe seines eingebildeten kurulischen Stuhles mit ergötzlichem Ernst, aber alles falsch, unergründet, mißverstanden. Das Beste am Deutschtum ruht eben verborgen — in Tiefen und auf Höhen; alles Beste am Franzosentum fällt ins Auge. Hierbei ist nun ein doppeltes „überqueres“ Verhältnis zu beachten, sonst sieht man nicht auf den Grund
    Auf der einen Seite muß man nämlich behaupten: in Frankreich ist es das einzelne Individuum — der erfindungsreiche Forscher, der scharfsinnige Kritiker, der glänzende Redner — das lebhafte Teilnahme weckt, wogegen die Gesamtheit der Nation in einer geradezu bedrückenden Unbildung, Nüchternheit, Beschränktheit dahinlebt; umgekehrt pflegt die deutsche Zelebrität unerträglich zu sein, während unser Interesse durch die hohe Bedeutung der Kollektivleistungen gefesselt wird, womit nicht bloß die allgemeine Bildung und die Organisationsgabe bezeugt wird, sondern das eifrige, ge-

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


wissenhafte und kluge Ineinanderwirken zahlreicher Kräfte, die, einzeln genommen, derartige übermäßige Leistungen nicht hätten erwarten lassen, — dazu dann die ergänzende Erscheinung des regen Geisteslebens in tausend Städten, sowie die ganze Atmosphäre, die die einzelnen umgibt und vereinigt: die Familie, die Poesie, die Musik, die weitverbreitete geistige Kultur. Offenbar muß es weit leichter fallen, in das eine als in das andere Einblick zu erhalten: selbst bei hohen Ansprüchen wird man die Leistungen der tüchtigen Minderzahl Frankreichs halb übersehen; das Geheimnis des verschlungenen deutschen Lebens wird nie ein Fremder ohne hingebende Mühewaltung und ohne die tausend Fühltaster der Liebe ergründen. Hiermit haben wir aber nur die eine Hälfte des wahren Sachverhalts hervorgehoben; bei der Betrachtung eines Lebendigen gibt es zu jeder Erkenntnis eine ergänzende, umkehrende; das ist auch hier der Fall. Wohl ist das Leben in Frankreich als Gesamterscheinung nüchtern und geistesarm, und das eine Paris nur sozusagen eine chronische Fiebererscheinung, der im ganzen großen Lande nirgends etwas entspricht; nimmt man aber aus der öden französischen Gesamtheit den einzelnen Bürger oder Bauern ohne Wahl heraus, man wird sich fast immer vorzüglich mit ihm unterhalten: zwar bewegt sich sein Geist innerhalb enger, unübersteigbarer Grenzen, jedoch behend; seine im Verhältnis zur deutschen beschränkte Sprache deckt genau seine Bedürfnisse, er handhabt sie meisterlich; jeder von uns weiß, wieviel Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit eine ähnliche Probe in Deutschland zutage fördert. Und dabei kann man ohne Übertreibung das heutige Frankreich das „genielose“ Land nennen, namentlich ist poetisches Genie dort ein Ding der Unmöglichkeit; wogegen Deutschland die Heimat des Genies ist: hier liegt Genie vielerorten latent, blüht im Verborgenen und schießt hier und da gewaltig empor. Man hat vielleicht bisher nicht genug beachtet — dies nebenbei gesagt —‚ daß ein sogenanntes „Genie“ nur dort möglich ist, wo Genialität in der Luft liegt; ein Genie ist ein großer Geber, aber auch ein gro-

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


ßer Nehmer, erfordert daher selber viele Nehmer und viele Geber. Genialität ohne Talent (in Deutschland weit verbreitet) bleibt sprachlos; Talent ohne eine Spur von Genie (in Frankreich allerorten anzutreffen) bewegt sich frei wie ein Vogel, unbelastet von Idealen. Jeder begreift, inwiefern auch diese zweite Hälfte der Einsicht Frankreich für einen Fremden weit zugänglicher erscheinen läßt als Deutschland. Fast in jedem einzelnen Franzosen kann man die Vorzüge des ganzen Volkes kennen lernen. Als ich das letzte Mal in Boulogne landete, erfuhr ich zu meinem Leidwesen, ich müsse volle dreiviertel Stunden auf den Zug nach Paris warten; in meiner Verzweiflung rede ich den berußten Heizer der Lokomotive an und selten habe ich mich besser unterhalten; ich habe es bedauert, als das «en voiture, s'il-vous-plaît» erscholl. Der Mann wußte nur von Frankreich und von französischen Verhältnissen; wie genau aber kannte er sie! Wie unbeirrbar urteilte er über die regierenden Abenteurer! Er sprach das reinste Französisch, voll Witz, Pointe, Apropos; er wäre vollkommen fähig gewesen, von seiner Lokomotive weg auf die Tribüne im Palais Bourbon zu steigen und glänzend in die Debatte einzugreifen; auch in den Manieren besteht kein Unterschied zwischen dem Heizer und dem Präsidenten der Republik: Höflichkeit, Einfachheit und Sicherheit, Gleichheit zwischen Mensch und Mensch; nichts von dem mittelalterlichen Firlefanz deutscher Rangordnungen und Feierlichkeiten. Dadurch wird Frankreich zum angenehmsten Land der ganzen Welt; darum ist Gesellschaft — sonst eine Last — dort ein Vergnügen. Man versteht, daß der Engländer, der einmal drei Monate Ferien dazu verwendet, in Frankreich unter Franzosen zu leben (eine neuerdings verbreitete Sitte), zurückkehrt mit einer ziemlich ausreichenden Vorstellung dieses Volkes. Des Franzosen Seele hat nicht gerade viel zu zeigen, doch verbirgt sie nichts; der Eindruck ist darum abgerundet und abgeschlossen. Wogegen der Engländer, der — unvorbereitet — drei Monate in Deutschland zubringt (wie das früher vielfach geschah), einen einseitigen, zufälligen und verwor-

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


renen Eindruck mitnehmen wird. Den typischen Deutschen — wenn man von einem solchen überhaupt reden kann — trifft er nicht auf dem Eisenbahnsteig; und, hat er das Glück, bei ihm eingeführt zu werden, dieser Deutsche bringt vielleicht — wie mancher allervortrefflichste, den ich kenne — den ganzen Abend kaum drei Worte über die Lippen. Oder aber er wird so erbarmungslos gründlich, daß dem armen Engländer ein Mühlrad im Kopfe herumgeht. Oder das Gefühl strömt über, und der Engländer entflieht. Kurz, hier herrscht nicht der Typus, sondern die Person, und fast jeder Deutsche von Bedeutung fordert, daß der andere seine Seele nach ihm hinauf- oder hinabstimme; das erschwert den Umgang.
    Man begreift, welche besonders tief einschneidenden Folgen das Verbot, die deutsche Sprache zu lernen, für die Beziehungen zwischen England und Deutschland nach sich ziehen mußte.
    Gebe ich jetzt zur näheren Betrachtung der in England seit Jahren herrschenden Grundstimmung gegen Deutschland über, so muß ich gleich betonen: jenes Verbot der deutschen Sprache hat keine neue Situation geschaffen, es hat nur die schon bestehende und fast unvermeidlich zu einem Verhängnis heranwachsende verschärft, verbittert und lawinenartig an zerstörender Kraft gesteigert. Denn die große mittlere Tatsache, die absolut einfache Tatsache, für die es ebenso leicht ist, eine Million Belege beizubringen wie einen einzigen Beleg, die Tatsache, auf die allein es ankommt und die man sich durch kein diplomatisches Gewäsche je sollte verdunkeln ober abschwächen lassen, ist diese: schon feit Jahren ist die Vernichtung des unter Preußens Führung stehenden Deutschen Reiches der eingestandene oder uneingestandene Wunsch und die immer fester werdende Absicht aller politisierenden Engländer — und jeder gebildete Engländer politisiert von früh bis abend. Die Entwickelung, die Eduard VII. mit Hilfe der von ihm gekauften Presse und einer Reihe klug ersonnener Maßregeln herbeiführte, besteht lediglich darin, daß aus dem mehr oder weniger unbewußten Traum — dem man aller-

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dings eine andere Richtung hätte geben können — über Nacht die bestimmte Absicht, der Entschluß und Schließlich die Handlung ward. Jetzt fand die alte Rivalität, die von 1814 bis 1870 und bis 1900 bei vielen Gelegenheiten sich verraten hatte, Wort und Gestalt.
    Da ich hier nicht von hoher Politik, sondern von allgemein verbreiteten Stimmungen rede, so erlaube man mir, Belege aus dem alltäglichen Leben zu wählen. Von eigenen Erlebnissen habe ich schon öfters gesprochen; um den Kreis zu erweitern, ziehe ich heute die Erfahrungen anderer heran. Gerade heute früh z. B. erhalte ich einen Brief von einer deutschen Dame, die vor acht Jahren mehrere Monate in einer englischen Familie in England zubrachte. Sie habe sich, erzählt sie, in freundlichster Umgebung dort wohl gefühlt; nur habe der Hausherr — ein sonst zartfühlender und ritterlicher Mann — oftmals beim Frühstück, während er seine Zeitungen durchflog, zwischen den Zähnen gemurmelt: „We must soon make up our minds to crush Germany, es ist an der Zeit, daß wir uns entschließen, Deutschland zu zertreten!“ Immer stellte es sich dann heraus, daß irgendeine neue Leistung Deutschlands gemeldet war: ein bedeutender Zuwachs der Ein- und Ausfuhr oder eine neue chemische Erfindung oder ein neues Passagierdampfschiff, größer als die größten englischen... Die Antwort darauf aus dem Munde eines sonst harmlosen Privatmannes: crush Germany! Drei weitere Briefe von Damen, die innerhalb der letzten zehn Jahre in England weilten, erhielt ich mit fast buchstäblich dem gleichen Inhalt; die eine hatte im äußersten Norden zwei Jahre gelebt, eine andere in London, die dritte an der Südwestküste. — Von besonderem Werte ist der Brief eines Schweizer Gastwirtes, der, wie er sagt, „als Wirt und noch dazu Schweizer keine Politik treiben darf“, der aber Ohren zum Hören hat; ein solcher Mann, dessen Haus europäischen Ruf genießt, ist in der Lage, großen Reichtum an Erfahrung anzusammeln; er sieht und hört Menschen aus allen Ländern und Gesellschaftskreisen; meine „Kriegsaufsätze“ regten ihn an, mir zu bezeugen, daß auch er niemals einem

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einzigen auf Krieg lüsternen Deutschen begegnet sei, daß er dagegen seit zehn Jahren und mehr alle Engländer und auch alle Engländerinnen Tag für Tag in der Halle seines Gasthauses von der Notwendigkeit und Unabweisbarkeit eines Krieges Englands gegen Deutschland reden hörte, der zur vollkommenen Vernichtung des Deutschen Reiches führen müsse. Er legt mir sogar Briefe seiner Gäste an ihn bei, welche die deutschfeindliche Gesinnung bezeugen. Einzig ein paar Irländer kennt er, die aufrichtige Sympathie für ein politisch starkes Deutschland bekunden, während sie von den Engländern als von einer „Verbrecherbande“ reden. Also auch dieser „neutrale“ Beobachter bezeugt: schon seit Jahren stehen alle Engländer unter der fixen Idee eines Vernichtungskrieges gegen Deutschland. — Besonderen Wert besitzen die Mitteilungen eines hochbejahrten deutschen Freundes und Gönners, eines allverehrten Kunstmäzens. Während der letzten vierzig Jahre hat er, wie wenige, die Gelegenheit besessen, andauernd herzlichen Verkehr mit vornehmen englischen Familien zu pflegen: sein Zeugnis deckt sich genau mit dem der vier Damen und des Gastwirtes sowie mit dem meinigen. Einer der höchsten Offiziere der englischen Armee, Träger eines alten gräflichen Namens, seinem deutschen Freunde übrigens wärmstens zugetan, sagte diesem vor etlichen Jahren: „Mein Bester, es geht einmal nicht anders, we must cripple Germany, before she gets too strong for us, wir müssen unbedingt Deutschland zum Krüppel machen, ehe es uns an Stärke überholt hat.“ Ein anderer Adliger drückte sich vor drei Jahren noch drastischer aus: „We must throttle Germany, es ist unsere Pflicht, Deutschland zu erdrosseln.“ — Diese kleine Auswahl aus verschiedenen Lebensstellungen mag für heute genügen, jene große, grundlegende Tatsache vor Augen zu führen, von der man in allen Blau- und Weiß- und Gelbbüchern der Welt kein Sterbenswörtchen erfahren wird: es handelt sich um eine allgemeine Seelenstimmung der Engländer; diese Stimmung erweist sich uns als zugleich verblüffend einfach und haarsträubend zynisch; andrerseits darf man

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


nicht ihre unermeßliche Naivität übersehen, denn das ist der rettende Zug daran. Nur so läßt es sich erklären, daß England fast auf alle Deutschen, die es kennen lernten, eine große Anziehung ausübte. Auf meinen Aufsatz „England“ habe ich Dutzende von Briefen erhalten: Reeder, Großkaufleute, Kleinkaufleute, Gelehrte, Künstler, Vergnügungsreisende... alle sagen dasselbe, sie seien „so gern in England gewesen“, sie hätten sich dort „innig wohl gefühlt“. Ein deutscher Offizier, der erst am Vorabend des Krieges von dort zurückberufen wurde, schreibt mir aus dem Schützengraben: „Ich habe mich in England gar nicht als Fremder gefühlt, so gastlich bin ich drüben aufgenommen worden.“ Es handelt sich, wie man sieht, nicht um Haß, durchaus nicht, sondern um die Hypnose einer Notwendigkeit. Jener gräfliche Offizier liebt seinen deutschen Freund, bewundert Deutschland, verehrt den Kaiser; er sagt sich aber, wenn England nicht Deutschland kleinschlägt, schlägt Deutschland England klein. Daß Deutschland an Krieg nicht dachte, am allerwenigsten an Krieg gegen England, mit dem als dem ihm nächst verwandten Volke es sich berufen glaubte, edelste germanische Kultur über die Welt zu verbreiten, das ist nie irgend Jemandem gelungen einem Engländer beizubringen. Denn die politische Theorie Englands lautet seit zwei Jahrhunderten: wir Inselvolk haben nur so lange Macht, als wir Allmacht besitzen. Natürlich ist „Allmacht“ nur ein Ideal, ein zu Erstrebendes, doch es wird unablässig erstrebt; es findet in der tatsächlichen Beherrschung aller Meere ein bedeutendes Pfand; und was noch fehlen mag, wird durch kluge Verbindungen und systematisch herbeigeführte Schwächung anderer, auch durch wirksame Vortäuschung und Renommiererei möglichst wettgemacht; die Hauptsache ist, daß jedem Engländer von Kindesbeinen an beigebracht wird, sein Vaterland sei von Gottes Gnaden zur Weltherrschaft berufen, und daher sei auch jedes von England an anderen Ländern verübte Unrecht — jeder Verrat, jeder Raub, jeder Vertragsbruch — in Wirklichkeit die Ausübung eines Rechtes. Es läßt sich auch viel da-

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


für anführen, daß ein Volk, das keinen Landbau mehr hat und dessen Industrie bedenklich gegen andere zurückzubleiben beginnt, daß ein Volk, das also immer mehr aus Handel und Finanz allein sich zu bereichern angewiesen ist, diesen Handel und diese Finanz monopolisieren muß, um überhaupt noch leben zu können. Sieht dieses Volk einen Nachbar, dessen Landbau blüht, dessen Industrie die seinige an Leistungsfähigkeit schnell überflügelt, dessen Schiffahrt ihn unabhängig macht, und dessen Finanzkraft, wissenschaftlich verwaltet, von Jahr zu Jahr zunimmt, zum erfolgreichen Mitbewerber heranwachsen, so kann ihm schon bange werden. Freilich, es gäbe einen Ausweg: es dem Rivalen an Bildung, an Fleiß, an Unternehmungssinn gleichtun; wahrscheinlich sagt aber ein unbeirrbarer Instinkt dem Engländer, daß er dessen nicht fähig ist. Was bleibt ihm dann? Die rohe Gewalt: zertreten, vernichten, verkrüppeln, erdrosseln. Und weiß er sich allein hierzu nicht stark genug, nun, so ruft er die Völker zusammen, mit denen er durch Handel und Finanz verbunden ist, oder denen er als Tyrann gebietet: die Russen, die Franzosen, die Serben, die Portugiesen, die Kanadier und Afrikaner und Australier, die Neger, die Araber, die Hindus, die Japaner; und hetzt sie alle auf den gefürchteten Deutschen.
    Ist eine solche Grundstimmung und die aus ihr mit mathematischer Notwendigkeit erwachsende Folge nicht ungleich interessanter als ein Blaubuch?
    Bis jetzt scheint der Deutsche unfähig, sich vorzustellen, welche naive, leidenschaftslose Ruhe den Engländer bei diesem Gedankengang beseelt. Von Haß gegen Deutschland — ich wiederhole es — war vor dem Kriege keine Rede, oder höchstens in den sehr ungebildeten Kreisen, die sich ihre Weisheit aus dem Skandalblättchen „Daily Mail“ holen. Der Engländer erblickt ein einfaches Problem: du oder ich; und wie im bürgerlichen Leben so auch hier zieht er den Rock aus und ruft: Come on, let's fight for it! komm' nur her, der Kampf soll entscheiden! Das ist die zugrunde liegende Stim-

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Grundstimmungen in England und in Frankreich


mung, die Stimmung des ehrlichen Volkes von oben bis unten — nur zeitweilig verdunkelt durch die Preßkanaille. Die Gedanken des deutschen Kriegers, der für Herd und Heim und Eigenart kämpft, sind dem gemieteten Söldner fremd, ebenso aber auch dem hinter ihm stehenden Volke: für sie alle handelt es sich um eine reine Machtfrage; der Unterlegene wird sich unterwerfen müssen. Ich erlebte es einmal, daß in einen sehr großen Hühnerhof, wo vier befiederte Paschas der Bewältigung eines so zahlreichen Serails nicht mehr vollauf gewachsen waren, zwei kräftige junge Hähne neu eingeführt wurden; den ganzen Tag über wurde gekämpft, am Abend liefen alle sechs Hähne von Kopf bis Fuß blutüberströmt herum; am folgenden Morgen aber sah ich sie friedlich nebeneinander picken, und der Verwalter versicherte mir, der Kampf sei für immer beendet: der stärkste Hahn habe sich die Hennen ausgewählt, die ihm gefielen, dann der zweitstärkste desgleichen, und so weiter; dem sechsten fiel das Los zu, sich mit den Resten ein gemütliches Leben einzurichten, wozu er sich in philosophischer Fassung anschickte. Genau nach diesem Muster hat sich der Engländer den Kampf mit Deutschland gedacht: We must crush Germany enthält als Korollar: Or we must let Germany crush us. Dr. Karl Peters wurde dieser Tage befragt, ob die Engländer, wenn sie von den Deutschen besiegt würden, „die Niederlage lange nachtragen würden?“ Er antwortete: „Im Gegenteil! Im englischen Sportleben gilt das Gesetz, daß mit dem Shakehands die Gehässigkeit der untereinander ringenden Parteien zu Ende ist.“ Darum ist der Engländer ebenso erstaunt über die Empörung der Deutschen gegen ihn, die sich jetzt kundtut, wie der Deutsche erstaunt war über die Kriegserklärung der Engländer: das gegenseitige Sichmißverstehen ist vollkommen.
    So hoch man auch in mancher Beziehung die Kultur Englands einzuschätzen geneigt sein mag, und ohne Frage erreicht sie nach gewissen Richtungen hin eine Höhe, die noch kein anderes Volk zu erklimmen vermocht hat, hier — in der Politik — ist Denken und

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Fühlen der Engländer fast so primitiv wie das eines Kongonegers: die rohe Macht der Faust entscheidet, welcher von zwei Nachbarn dem andern als Sklave dienen soll. Der „Reichsbote“ veröffentlichte neulich den Brief eines angesehenen britischen Missionars an seine deutschen Freunde, in welchem er diese seiner christlichen Bruderliebe versichert, den Vernichtungskrieg gegen das Deutsche Reich aber als so unumgänglich hinstellt, daß selbst die Quakers — so erzählt er — die sonst grundsätzlich keine Feuerwaffe in die Hand nehmen, sich jetzt freiwillig zur Armee melden. Was mich wieder veranlaßt, aus meiner Sammlung von Briefen auf die „Kriegsaufsätze“ denjenigen eines begabtesten deutschen Künstlers herauszusuchen, der England und dessen Kolonien gut kennt, der sie liebt und dem Erfahrungen aus allen fünf Weltteilen Stoff zum vergleichenden Urteil bieten; er schreibt: „Man trifft in England — auch in gebildetsten Kreisen — viele Menschen, die ein Gemisch von Scharfsinn, Dummheit und Naivität verraten, desgleichen ich in keinem Lande der Welt gefunden habe; mir gelang es nie, festzustellen, wo die eine dieser Eigenschaften aufhörte und wo die andere anfing.“ Das ist ja die auszeichnende Eigenschaft der primitiven, wilden Völker: zugleich klug, dumm und naiv zu sein. Alle drei Ingredienzien sind nun an jener Grundstimmung der Engländer in Bezug auf Deutschland beteiligt: wer sie richtig beurteilen will, muß in ihr meisterlichen Verstand, gottverlassene Beschränktheit und uferlose Naivetät gewahren.
    Allerdings, auf diese naive Grundstimmung pfropft sich das Truggebäude der heuchlerischen Lügenpolitik und die von ihr inszenierte niederträchtige Preßhetze; diese könnten aber kaum ihre heutige Entfaltung und Herrschaft erreicht haben, wenn sie nicht den breiten Boden bereitet vorgefunden hätten, und ihn bereitete die allgemeine Grundstimmung, von der allein ich heute rede. Analog verhält sich's in Frankreich: auch dort benutzt und bearbeitet eine skrupellose Regierung die seit Geschlechtern vorhandene Grundstim-

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mung, nur ist diese in Frankreich weit verwickelter als in England und nichts weniger als naiv.
    Nach einem richtigen Instinkt handelt der Deutsche, wenn er die „Revanche“, den „Revanchegedanken“ sagt; kein deutsches Wort gibt den Gedanken- und Gefühlsinhalt des französischen Begriffs „Revanche“ genau wieder. Revanche ist nicht Rache. Hinter jeder, auch abgeleiteten Bedeutung von Rache (sagt Grimm) birgt sich die Vorstellung des Verfolgens, des Verjagens; die göttlich gerechte Vergeltung für begangene Untat liegt als Vorstellung zugrunde. Gegen die elementare Gewalt dieser mächtigen Seelenstimmung, die für uns Germanen in „Kriemhildens Rache“ ewigen Ausdruck gefunden hat, erscheint die «revanche» als ein blasser, blutloser, künstlich gezüchteter, jurisprudentischer Gedanke. Das Wort geht auf lateinische Rechtsbegriffe zurück; »vindicare« heißt eigentlich „einen Wunsch aussprechen“, dann „einen Anspruch erheben“; und sowohl in «revanche» wie in «revendiquer» findet man noch heute bei allen Anwendungen ein juristisch bedingtes Geben und Nehmen, ein rechtlich zu begründendes Verlangen. Ich frage den Gastwirt: „Kann ich meine Lieblingsspeise bekommen?“ Er antwortet: „Ich bedaure, mais en revanche je puis vous offrir...“, aber als Entgelt, als Entschädigung für das, was Ihrem berechtigten Anspruch abgeht, biete ich Ihnen an... Hier bewegen wir uns doch tausend Meilen entfernt von jeder Vorstellung der Rache! Auch von Haß weiß «la revanche» wenig oder nichts; dazu ist sie viel zu anämisch. So versteht man, daß die gebräuchlichste Anwendung des Wortes sich auf das Spielen bezieht: ich gewinne eine Schachpartie, der Gegner fordert von mir als sein Recht «de lui donner la revanche», ihm die Gelegenheit zu geben, nun seinerseits mich zu besiegen. Hier entdeckt man die genaue Bedeutung des Wortes: zugrunde liegt die eitle Vorstellung, der Sieg des Gegners sei Zufall, bei nochmaliger Kraftprobe werde er unterliegen. In der Phantasie hat der Franzose unbedingt von vornherein, und ehe noch der erste Zug geschehen

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ist, gesiegt; trifft das nun nicht ein, so liegt entweder Falschspiel des Gegners oder momentanes Versehen oder Tücke des Schicksals vor; er ist nicht wirklich besiegt, es tauscht der Schein, die «revanche» wird schon den Gegner eines Besseren belehren. Niemals — weder im Spiel noch in der Wirklichkeit — wird der Franzose loyal zugeben: ich bin der Unterlegene. Auf die Stirnseite seines Schlosses in Versailles ließ der Franzosenkönig in Riesenbuchstaben einmeißeln: «A toutes les gloires de la France» ; wogegen der Deutsche ausrief: „Die Tat ist alles, nichts der Ruhm!“ Zur Tat gehört (gegebenenfalls) die Rache, zur Gloire gehört die Revanche: es sind zwei getrennte Welten.
    Zur Vergegenwärtigung der Art, wie die Franzosen so etwas machen, wie sie die Hirne der Kinder von klein auf auf Gloire und Revanche modeln, will ich dem Leser eine Erinnerung aus meiner eigenen Kindheit erzählen. Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war ich Schüler im Lycée (Gymnasium) von Versailles. Am letzten Vormittag vor den großen Sommerferien gab es keinen Unterricht, sondern der Klassenlehrer hielt einen großen Vortrag, und zwar jedes Jahr und in allen Klassen war es derselbe Vortrag: die Schlacht bei Waterloo! Diese Schlacht — dies war die These — sei eine der größten Ruhmestaten der französischen Waffen und eigentlich einem Siege gleich zu achten. Mir klingt noch in den Ohren die endlose Liste der Völker, die dort gegen den großen Kaiser verbunden standen: «Les Anglais, les Ecossais, les Gallois, les Irlandais, les Prussiens, les Hannovriens, les Brunsvickois, les Hesses, les Saxons, les Néerlandais...»; minutenlang ging das so weiter; wir Buben glaubten, alle Völker der Erde aufmarschieren zu sehen; es folgte die oratorische Frage: «Et vis-à-vis de ces multitude?» Kunstpause; dann kurz, energisch: «Les Français!» Ein Mann gegen tausend: so standen sie vor unseren Augen. Mußten sie auch unterliegen, das war keine Niederlage; wie man früher von den Spartanern In den Thermopylen redete, so werden künftige Jahr-

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hunderte von den Franzosen bei Waterloo sprechen. Wer es nicht erlebt hat, wird sich kaum vorstellen, auf welchen Siedepunkt der Begeisterung französische Beredsamkeit die Gemüter hinaufzuschrauben vermag. Nun wurde aber diese ewig rühmenswerte Waffentat von den Gegnern doch als Niederlage Frankreichs gedeutet und bewertet, und so folgte unmittelbar auf die Belehrung über «la gloire» die ergänzende über «la revanche». Dazumal sprach man von «la revanche pour Waterloo», und zwar sollte diese nicht übel ausfallen. Eine riesige Wandkarte wurde aufgerollt, und an ihr demonstrierte der Lehrer, der Rhein bilde die natürliche Grenze Frankreichs von Basel bis zur Mündung; so hätten's die römischen Kaiser gehalten, und so habe es der große Napoleon wieder hergestellt; Frankreich dürfe nie nachlassen, bis es sich diese Grenze wieder erobert habe. Dieser Revanchegedanke sei das heilige Vermächtnis an die heranwachsende Generation. — So weit unser Schulvortrag. Man glaube aber nicht etwa, diese Forderung der «frontière du Rhin» sei nur in den Schulen, etwa auf Befehl von oben, gelehrt worden; vielmehr hörte ich immer und überall davon reden; kein Franzose lebte, der nicht die Revanche für Waterloo und die Rheingrenze beständig im Munde geführt hätte. Ende der sechziger Jahre traf ich häufig mit einem französischen Genieoffizier zusammen, der die Ecole Polytechnique absolviert hatte, also eine vorzügliche Bildung besaß, außerdem als Erfinder auf dem Gebiete der Feuerwaffen bedeutenden Ruf genoß; dieser hervorragende Mann war von der Idee der Rheingrenze derartig besessen, daß er tagtäglich, wovon auch die Rede sein mochte, es immer wieder verstand, auf sein Lieblingsthema überzulenken. Der Rhein, sagte er, sei die natürliche, die eigentliche, die notwendige Grenze Frankreichs. Von Haß gegen die Deutschen, ja selbst von Abneigung war bei ihm gar keine Rede; aber da sie nicht freiwillig diese Grenze herausgäben, so bliebe nichts übrig, als sie ihnen im Kriege zu entreißen. So war denn auch dieses gelehrte und sonst human empfindende Hirn von drei fixen Ideen wie

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hypnotisiert: la gloire de la France, la revanche pour Waterloo, la frontière naturelle du Rhin. Und wie er, so dachte die ganze Armee. Ich hatte die üble Gewohnheit, meine freien Stunden in den Kasernen zuzubringen — altes Soldatenblut; meine Privatfreundschaften reichten allerdings in den meisten Fällen nur bis zum Feldwebel, mit diesen trieb ich mich in den Pferdeställen herum oder saß mit ihnen in der Kantine und lernte sie so gut kennen: Krieg mit Deutschland, Revanche, Eroberung der Rheingrenze bildeten das beständige Gespräch; und warf hin und wieder ein vorsichtiger Mann ein, das deutsche Heer übertreffe das französische bedeutend an Zahl, so hörte ich immer wieder behaupten: ein Franzose genüge für vier Deutsche; dieses Verhältnis stand ganz fest und gehörte zum militärischen Credo.
    Man sieht, wie eigenartig die französische Grundstimmung beschaffen ist. Während die englische ganz nach außen gerichtet ist — auf die Zerstörung des Nebenbuhlers —‚ sieht die französische nur sich selbst, die eigene «gloire», die eigene „natürliche Grenze“; der eine ist antideutsch aus Neid und Berechnung, der andere aus gekränkter Eitelkeit. Der Franzose haßt den Deutschen nicht; meistens hat er ihn gern und staunt ihn an wie ein seltenes Tier im zoologischen Garten — so unbegreiflich gebildet, so mit Idealen belastet. Jeder deutsche Jüngling, der in Paris studiert hat, wird hundert hübsche Züge zu erzählen wissen. Wenn der Franzose überhaupt reist — was selten vorkommt —‚ dann ist Deutschland sein liebstes Ziel; ich kenne Pariser, die mit fast jedem Dorf in Bayern Vertraut sind; sie suchen sich die abgelegensten Orte aus, um sich von dem Wirrwarr zu erholen, und rufen bewundernd aus: «Quel bon pays! quelles bonnes gens!» Die Franzosen sind nicht, wie die Engländer, unerbittliche Politiker, und ihre Auffassung von Handel und Gewerbe ist der englischen entgegengesetzt: Fleiß statt Kühnheit, Sparsamkeit statt Spekulation, sichere Beschränktheit statt Beherrschung des Weltmarktes. Aus der französischen Presse lernt man den echten Franzosen nicht

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kennen: Zeitungen wie der „Matin“ stehen ebenso wie die „Nowoje Wremja“ unter der Botmäßigkeit der „Times“, es ist alles ein großes Finanzunternehmen; neun Zehntel der Pariser Journalisten stammen aus Frankfurt am Main oder aus Polen; die berühmte alte französische Journalistenschule ist so gut wie entschwunden; Leute wie Sainte-Beuve, Jules Janin, Scherer, Prévost-Paradol usw. könnten heute nicht mehr durchbringen; die wenigen echten, die noch ihr Dasein fristen—wie Clémenceau, Drumont, Barrès — vermögen es nur als politische Hitzköpfe und halbe Narren. Man urteile darum nie über die Franzosen nach ihren Zeitungen. Was diese Zeitungen aber bearbeiten, das ist jene geschilderte Grundstimmung; wie Sir Edward Grey mit seinen Engländern — dank der ihrigen — macht, was er will, so Delcaffé und Poincaré mit den betörten Franzosen.
    Oft bedauere ich es, daß bedeutende Ereignisse die Erinnerung an das unmittelbar Vorangegangene gewöhnlich auslöschen; dadurch wird Geschichte schon im Augenblick ihres Entstehens gefälscht. Überall und immer hört man heute — bei Feind und bei Freund — von dem Kriege des Jahres 1870 wie von einem Anfang reden: die Deutschen haben sich Elsaß und Deutsch-Lothringen erobert, und das soll der Anfang einer Spannung gewesen sein, die schließlich in den heutigen Krieg mündete. So liegen aber in Wirklichkeit die Dinge nicht. Vielmehr hatten die Franzosen vor 1870 einen Revanchekrieg gegen Deutschland und die Einverleibung aller deutschen Lande westlich des Rheins fest beschlossen. Es ist nicht wahr, daß Napoleon III. die Feindschaft aus dynastischen Gründen aufgestachelt habe, vielmehr hat er — ich glaube, gegen seine bessere Einsicht — sich in der Not die allgemein vorhandene und drängende Stimmung zunutze gemacht; mehr nicht. Und nun frage man sich, was das heißt, wenn heute von so vielen Seiten Deutschland als der Störenfried hingestellt wird, weil es die gut deutschen Lande Elsaß und Lothringen, ihm vor nicht gar langer Zeit gewaltsam entrissen, sich wieder an-

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eignete, während die Franzosen eingestandenermaßen die Absicht hatten, nicht allein Elsaß und Lothringen zu behalten, sondern sich die ganze Rheinpfalz und zwei Drittel der Rheinprovinz einzuverleiben? Wie hätte es da mit dem „Nationalitätsprinzip“ und mit dem so viel berufenen „freien Selbstbestimmungsrecht der Einwohner“ ausgesehen? Hat man schon gemerkt, daß Speyer, Worms, Mainz, Trier, Koblenz, Bonn, Köln, Krefeld usw. französische Städte sind? Sie alle, nebst einem hübschen Stück Holland und ganz Belgien wollte Frankreich seiner „natürlichen Grenze“ zulieb, auf einen Happen hinunterschlucken; ich habe auch nie anders in meiner Kindheit gehört, als daß Belgien nur zeitweilig von Frankreich getrennt sei und ihm demnächst wieder zufallen werde. Das alles wäre — wenn Frankreich 1870 den Sieg davongetragen hätte — ohne irgendein Bedenken, ohne irgendeine Frage, ja, ohne auch nur mit den Augenwimpern zu zucken, geschehen, und alle Welt hätte es in Ordnung gefunden, alle die weisen Moralisatoren und Menschenrechtler an der Themse, an der Seine, an der Tiber, am Genfer See usw. Schwätzer sind sie alle, ignorante und lügenvolle Schwätzer, Erfinder von phrasenreichen Unwahrheiten, systematische Irreführer der öffentlichen Meinung, Geschichtsfälscher. Bei diesem ganzen Getue, das leider bis ins Herz von Deutschland hinein seine Wirkung ausgeübt hat — bei diesem ganzen Getue ist nur Neid und Haß und Tücke am Werke: weil der Deutsche sich stark erwies, darum soll seine Kraft zernagt werden, weil des Deutschen Sache eine gerechte war, darum soll seine Ehre beschmutzt werden, weil der Deutsche aufrichtig und maßvoll handelte, darum soll er als listiger Räuber und Zertreter der Menschenrechte dargestellt werben.
    Man sieht, wie wertvoll das genauere Studium der allgemein verbreiteten Grundstimmungen der verschiedenen Völker ist: ihre Kenntnis beleuchtet die Vergangenheit und die Gegenwart, sie beleuchtet aber auch die Zukunft: Staatsmänner, Regierungen, sogar Regierungsformen wechseln, die Grundstimmungen dagegen sind durch

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den Charakter und die Denkgewohnheiten des betreffenden Volkes veranlaßt, und wenn sie sich überhaupt ändern, so geschieht das nur unter dem anhaltenden Drucke großer Wandlungen, äußerst langsam. Darum wird der weise Staatsmann — derjenige, der weiter blickt als bis auf die Nase der anderen Exzellenz — sie bei allen Entschlüssen in Rechnung setzen. Auch für uns alle ist es wichtig, hier anstatt Worte Erkenntnis zu besitzen: wir werden nicht mehr erstaunt sein, wenn Franzosen und Engländer nach der Logik ihres Wesens handeln; wir werden zugleich billiger urteilen und schärfer handeln. Zu diesen zwei Richtungen des Gemütes anzuregen, war die Absicht und die Hoffnung dieses Aufsatzes.

    B a y r e u t h,   21. Dezember 1914.
 
 
 
 
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Wer hat den Krieg verschuldet?
Murió la verdad!
Es starb die Wahrheit!
(Gemälde von Goya)

Ein mir nahe verwandter Mann, ein Engländer, schrieb mir auf meinen Aufsatz „Deutsche Friedensliebe“ und fragte mich, wie ich es mir herausnehmen könne, so bestimmt über die Entstehung des Krieges zu urteilen? Die Dinge lägen so ungemein verwickelt, undurchsichtig, zum großen Teil noch unbekannt, daß vielleicht in ganz Europa kein Mensch lebe, der fähig sei, den Knäuel aufzudröseln und die Wahrheit den Blicken freizulegen. Dieser Vorwurf hat mir in einem gewissen Sinne Freude gemacht; denn ich entnahm daraus, daß es doch Engländer gibt, die den Worten Asquith's und Grey's, Ssasonow's und Viviani's nicht unbedingt Glauben schenken, noch dem elenden Machmerk der Oxforder Historiker, das nur geeignet ist, Mißtrauen gegen alle englische Wissenschaft einzuflößen; sie sagen sich: jetzt, wo alle Leidenschaften entfesselt sind, jetzt, wo es gilt den Opfermut der Völker anzuschüren, jetzt wird uns Keiner reine Wahrheit einschenken, Jeder — auch bei uns — verhüllt gewiß vieles und erfindet manches; wir wollen also warten, wollen mit dem Urteil zurückhalten; später, nach dem Kriege, wird die Geschichte allmählich dahinterkommen und unerbittlich die Verantwortlichkeiten feststellen. Ein philosophischer, nornenmäßiger Standpunkt! Nur möglich aber, wo eine Söldnerarmee für Geld überall kämpft, wohin sie geschickt wird, oder wo (wie in Rußland) ein Tyrann befiehlt und arme Völker gehorchen, die nicht wissen, warum und gegen wen sie die Waffen führen, unmöglich dagegen dort, wo Krieg nicht geführt werden kann, ohne ein Volksheer zusammenzurufen. Keine Großmacht der Welt besitzt so viele Kautelen gegen frevelhafte oder leichtsinnige Kriegspolitik wie Deutschland. Es ist schon oft dargelegt worden, daß Kaiser und Bundesrat zwar nach dem Wortlaut der Verfassung das Recht besitzen, Krieg

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zu erklären, dieses Recht aber ohne die einmütige, begeisterte Zustimmung des ganzen Volkes nie auszuüben vermöchten.¹) Es erhebt sich da eine Schranke hinter der anderen, so daß man wohl sagen kann: wenn Deutschland vierundvierzig Jahre lang den Frieden bewahrt hat, bewahrt trotz der unaufhörlichen Provokationen Frankreichs, trotz der Beleidigungen Englands und trotz der Bedrohungen Rußlands, so muß das Verdienst an dieser segensreichen Langmut nicht allein dem erklärten und bewährten Friedenswillen der beiden Wilhelm und ihres Volkes zugeschrieben werden, sondern auch der ungeheueren Schwierigkeit, das Deutsche Reich, wie es mit seiner jetzigen Verfassung dasteht, in den Krieg zu reißen. Nicht allein ist ein leichtfertiger Krieg unmöglich, auch ein vielleicht berechtigter, kluger — wie zu einem solchen die Jahre 1905, 1908 und 1911 Veranlassung genug geboten hätten — kann von Deutschland nicht unternommen werden, wenn nicht das ganze Volk in allen seinen Schichten von der unabwendbaren Notwendigkeit des Krieges durchdrungen ist. Selten — vielleicht nie — bringen die Ausländer den Einfluß der deutschen Bundesfürsten in Rechnung; wir wissen, wie hoch er zu veranschlagen ist: ein vereinzelter Monarch kann leichtfertig veranlagt, nicht aber kann es ein Aeropag von Fürsten sein; diese Herren wissen auch alles, was im Verborgenen geschieht, ihre Gesandten in Berlin erhalten sie und ihre Regierungen auf dem Laufenden; wie sollte der König von Preußen als Bundespräsident einen Krieg erklären und durchhalten können, wenn die Könige von Bayern, Württemberg, Sachsen, die Großherzoge von Baden, Hessen, Oldenburg, Sachsen-Weimar usw. die Überzeugung besäßen, er sei ungerechtfertigt, abwendbar, verhängnisvoll? Auf dem Papier mag es gehen, in der Praxis ginge es nicht. Dann kommt aber der Reichstag, und was für einer! Die ganze Welt kennt kein so störri-
—————
    ¹) Man vergl. Bismarck's Rede im Reichstag am 6. Februar 1888: „Es muß ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist.“

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sches Parlament, in welchem jede Regierung nicht, wie überall sonst, eine Oppositionspartei, sondern lauter Oppositionsparteien vor sich findet und nur mühsam von Kompromiß zu Kompromiß vorwärts kommen kann; und dieser Reichstag muß die Kriegsgelder bewilligen, dieser Reichstag, durch den man mit Mühe und Not das Friedensbudget des Kriegsministeriums durchdrückt und dessen Knauserigkeit in diesen Wochen schon Tausenden von braven Männern das Leben gekostet hat infolge der hartnäckigen Verweigerung der geforderten Gebirgsbatterien! In England folgt das ganze Parlament — Regierungspartei und Opposition — in allen auswärtigen Angelegenheiten blinden Auges dem allmächtigen Staatssekretär; einzelne Freischärler stellen zwar hin und wieder Fragen, doch werden diese ausweichend beantwortet oder gar nicht; Englands auswärtige Politik wird von einer Handvoll Männer ohne jede Einmischung geleitet und ist darum so unerbittlich folgerichtig; die berühmten Blaubücher werden ad usum delphini zusammengestellt und wo es nottut (wie wir jetzt wieder gesehen haben) fabriziert; sie werden namentlich von unverheirateten “Misses“ eifrig studiert; in Wirklichkeit kennt kein Mensch, außer den wenigen zu ewigem Schweigen verbundenen Eingeweihten, das Vergangene, Gegenwärtige und Künftige des großbritannischen Auswärtigen Amtes; ich kritisiere nicht, ich konstatiere eine Tatsache; und findet Jemand diesen blinden Gehorsam eines ganzen Volkes gegen den despotischen Willen einer im Verborgenen waltenden Handvoll Männer großartig und kraftspendend, ich widerspreche ihm nicht, mache aber aufmerksam, daß auf diesem Wege ein ganzes Volk mitschuldig werden kann — und in der Tat geworden ist und heute mehr denn je — an Unheil und Verbrechen. In Rußland herrscht nur Einer — mag er stark oder schwach sein — und alles Blut fällt auf sein Haupt; in England erkämpft sich ein Volk politische Freiheit und schenkt dann die Gewalt, nicht etwa nach dem weisen Muster Roms einem für bestimmte Zeit ernannten verantwortlichen Diktator, sondern einem

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scheinbar konstitutionellen, in Wahrheit absoluten Ministerium. Hier steckt die Quelle aller Heuchelei und Lüge der englischen Politik seit zweieinhalb Jahrhunderten: denn was Burke laut sagte (siehe Kriegsaufsätze erste Reihe S. 65), das wissen mehr oder weniger genau alle; sie wissen, daß ununterbrochen Intrigue, Verrat, Lüge, Mord geübt wird, sie wußten, daß England am Sklavenhandel reich wurde, sie wissen, daß heute Hunderttausende von Menschen — ganze Völker — am Opium seelisch und physisch elendiglich zugrunde gehen — am Opium, das ihnen von der englischen Regierung   a u f g e z w u n g e n   wird, wenn nötig durch Krieg — aber alles schweigt, Niemand weiß nichts, Fragen, welche die allgemeine Politik des Reiches betreffen, dürfen nicht erörtert werden; im Parlament wird erbittert über Arbeiterversicherungen und Wirtshauskonzessionen und Irlands Verwaltung und Budgeteinzelheiten gekämpft; alle großen Lebensfragen des Weltimperiums bleiben aus dem Spiel; Krieg erklärt die Regierung heute oder morgen, fragt keinen Menschen, kennt den ererbten Gehorsam und sorgt höchstens für irgend eine Parole, die dann einstimmig — wie jetzt die niederträchtige Lüge über Belgiens Neutralität — aufgenommen wird zur ein für allemaligen Zudeckung aller heimlich begangenen Sünden. Da hat's denn der philosophisch Veranlagte leicht zu sagen: ich warte zwanzig Jahre und werde dann erfahren, ob Sir Edward Grey ein tückischer Lügner war und Bethmann Hollweg ein ehrlicher Mann, oder ob sich's umgekehrt verhielt; in Deutschland geht das nicht: hier will und muß Jeder von allem Anfang an wissen, woran er ist; denn hier greift ein Krieg jeder Familie des ganzen Landes ins Herz; in ganz Deutschland gibt es nicht einen Mann, nicht eine Frau, die nicht unmittelbar betroffen wären; schon hat manche Mutter alle Söhne verloren; gestern traf ich einen Verwundeten, der neun Brüder im Felde stehen hat! Solche Dinge sind dem Engländer unbekannt. Heute früh wird mir ein Brief aus der Grafschaft Suffolk mitgeteilt: nachdem der Schreiber seine Galle über

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die böse deutsche Regierung ausgegossen hat, die diesen Krieg „leichtfertig vom Zaune gebrochen habe, trotz der Bemühungen Englands, den Frieden zu erhalten“, fährt er fort: „Gottlob, wir merken bei uns auf dem Lande eigentlich gar nichts vom Kriege, und nur die Verlustlisten in den Zeitungen stimmen traurig.“ Weder Herr noch Bauer, weder Kaufmann noch Arzt, noch Anwalt, noch Beamter denkt daran, sich am Kriege zu beteiligen, oder seine Söhne dafür hinzugeben; die berühmten Armeen Kitchener's bestehen ausschließlich aus Arbeitslosen und Lungerern, die für schweres Geld ihr Leben auf beschränkte Zeit der Gefahr aussetzen; keinem „anständigen Menschen“ fällt es im Traume ein, sich werben zu lassen. Welche Himmelsferne trennt hier zwei der Rasse nach so vielfach verwandte Völker! Die Geschichte ist es, die sie auseinander geführt hat, bis sie sich nicht mehr verstehen können. Das eine weiß seit Jahrhunderten nicht mehr, was es heißt, sein Vaterland verteidigen, das andere lebt seit jeher von Feinden rings umgeben; für das eine ist darum Krieg immer Willkür, für das andere immer Not; schließlich wurde dem einen der Krieg ein Rechenexempel und man lobt ober tadelt ihn, je nachdem die Bilanz in Pfund Sterling auf die Seite Haben oder auf die Seite Soll zu stehen kommt, dem anderen ist — wie Treitschke sagt — kein Krieg hinfürder möglich, wenn er ihn nicht als „sittliche Notwendigkeit“ empfindet, mit anderen Worten als heilige Pflicht.
    Jetzt halte ich, was ich suchte: warum der Deutsche nicht warten kann wie der Engländer, sondern sofort erfahren muß, was es mit dem Krieg auf sich hat. Des Deutschen Mannes Freiheit ist ein lebendiges Wesen, das, wie das Hirn den Schädel, verborgen die ganze Gestalt ausfüllt, und dieser Mann — so gehorsam, weil so stark — weigert sich, Kriegsdienst zu leisten, wenn der Krieg nicht notwendig und zwar „sittlich notwendig“ ist, d. h. wenn es dem deutschen Volke nicht an Ehre und Seele geht. Kein anderer Krieg ist in Deutschland hinfürder möglich als ein heiliger Krieg. Säße

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wirklich einmal ein Attila auf dem deutschen Kaiserthron, weder Fürst noch Bauer würde seinen Gelüsten zu Willen sein; Ernst Moritz Arndt, gewiß ein Alldeutscher reinsten Wassers, ermahnt uns: „Sprecht den großen Grundsatz aus und lehrt ihn eure Kinder und Kindeskinder, daß ihr nie fremde Völker erobern wollt.“ Mag wohl die deutsche Reichspolitik im Frieden vieles geheimhalten müssen — wie sollte ohne Geheimnis weitreichende Staatsmannskunst möglich sein? — sobald der Krieg droht, bleibt der Regierung nichts übrig: sie muß rücksichtslos offen sein, sie muß alles bekennen — auch ihre Schwächen und Fehler, sonst stockt die ganze Staatsmaschine. Es verlassen nicht Millionen von Bürgern ihren Beruf, sie strömen nicht über alle Meere der Heimat zu, es opfern nicht alle Frauen einer Nation ihre Gatten, alle Kinder ihre Väter, alle Eltern ihre Söhne, ohne zu wissen warum, ohne die Gewißheit zu besitzen, daß sie es moralisch dürfen und müssen, daß dieses höchste Opfer Gott dem Allmächtigen als Erfüllung heiligster Pflicht gebracht wird. Außer den Eingereihten stellten sich in Deutschland zwei Millionen Männer freiwillig; glaubt man, das täten sie, wenn sich nicht Jeder in seinem innersten Wesen bedroht wüßte, und wenn nicht Jeder begründetes Vertrauen in die unbedingte Wahrhaftigkeit ihrer Fürsten und der Reichsregierung besäße? Die beiden Reden des edlen Reichskanzlers sind, weil sie die ungeschminkte Wahrheit künden, in ihrer unoratorischen Schlichtheit unvergängliche Dokumente; selbst das — sonst vielleicht anfechtbare — Bekenntnis einer „Schuld“ Belgien gegenüber wirkt, rein moralisch betrachtet, großartig: lieber die Sache kraßer hinstellen denn sie ist, als irgend etwas beschönigen.
    Der skeptischen These meines englischen Verwandten entgegen nagele ich nun zwei Thesen an die Thore der Öffentlichkeit auf, eine weitere und eine engere.   I n   a l l e n   w e s e n t l i c h e n   F r a g e n   u n s e r e s   M e n s c h e n l e b e n s   i s t   d i e   W a h r h e i t   i m m e r   n a h e   u n d   a u f f i n d b a r:   «il n'est question que d'avoir bonne vue», wie der große Pascal sagt, es kommt einzig darauf an, daß man gute Augen

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besitze — und unter „guten Augen“ haben wir nicht bloß scharfe Augen zu verstehen, sondern — wie der französische Text es zeigt — solche, die ein ebenmäßiges, unverzerrtes, vom Mittelpunkt bis zum Rand klares Gesichtsfeld geben, — der Blick muß rein sein. Das ist die erste, die allgemeinere These. Die besondere lautet:   w a s   d i e   f e r n e r e   u n d   n ä h e r e   V e r u r s a c h u n g   d e s   j e t z i g e n   K r i e g e s   b e t r i f f t ,   s o   w i s s e n   w i r   a u s f ü h r l i c h   u n d   g e n a u   a l l e s ,   w a s   u n s   z u   w i s s e n   n o t t u t,   besitzen wir als Eigentum diejenige Wahrheit, auf die es ankommt, und können sie von allen Seiten betrachten und studieren. Mit der Zeit wird gewiß noch Manches hinzukommen, nicht aber bloß neue Tatsachen, auch neue Zweifel und Fragen — alle Geschichte ist uferlos; wer aber will, wer richtig zu wollen versteht, wer die guten Augen besitzt, die Pascal verlangt, wie Gott sie uns in den Kopf setzte und jeder brave Mann sie unbewußt sein eigen nennt, wenn er sie nur nicht durch die hundert Brillen der Lüge, des Klatsches, des Vorurteils, der Ruhelosigkeit verdunkelt — der weiß schon heute, wer den Krieg verschuldet hat und wer nicht, er ist in der Lage, die weiteren und die näheren Kreise sich mit unbeirrbarer Deutlichkeit aufzuzeichnen.
    Über die allgemeine These — die von der Nähe und Auffindbarkeit der Wahrheit — darf ich mich nicht weit auslassen; nicht etwa, weil sie zu philosophisch sei — denn Pascal, der rein germanische Lothringer, stellt sie gerade gegen alle Schulweisheit auf, als die echte Lehre, deren Jedermann zum Leben bedarf, als die Lehre, die uns hilft edel zu leben und würdig zu sterben — es würde uns aber heute zu weit fuhren. Vielleicht sagt ein Bild mehr als viele Worte: man redet von der „verschleierten Wahrheit“; das ist handgreiflich, das gab auch der bildenden Kunst ein schönes Motiv zur Darstellung eines sonst schwer auszusprechenden Gemütszustandes; in Wirklichkeit steht die Wahrheit strahlend unverhüllt da, der Schleier liegt auf unseren Augen, und wir brauchen den Star nur zu entfernen, so erblicken wir die Wahrheit, und der Wahn ent-

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schwindet. Und noch eine Tatsache gibt es, die der große Mathematiker und Denker uns beibringen möchte: in allen Lebensfragen kommt es auf ein richtiges Maß an; auch die Wahrheit hat ihr Maß. Hiermit wird gesagt: der Grad der Wahrheit — also die Deutlichkeit, die Reinheit, die Gewißheit, die Überzeugungskraft der Wahrheit — steigt nicht etwa immerfort höher und höher im Verhältnis zu dem zunehmenden Material, zu den immer zahlreicheren Erforschungen usw., so daß der Mensch in Folge dessen immer sicherer urteilt, immer weiter an Weisheit zunimmt: vielmehr gibt es hier wie überall das, was man in der Wissenschaft ein „Optimum“ nennt, einen Punkt der höchsten Sättigung; darüber hinaus wird bei zunehmendem Wissen unser Urteil zunehmend trüber. Wie Pascal sich kühn ausdrückt: „Zu viel Wahrheit lähmt den Verstand.“ Es ist genau der gleiche Gedanke, dem wir in verschiedener Fassung häufig bei unserem Goethe begegnen: „Was   f r u c h t b a r   ist, allein ist wahr.“ Nun denn, die Art und die Menge der Wahrheit, die wir in Deutschland schon heute über die Verursachung des Krieges besitzen, reicht vollkommen aus zu einem ausführlichen und abschließenden Urteil. An dieser grundlegenden Wahrheit wird die Zeit und ihr Schwarm fähiger und unfähiger, redlicher und unredlicher Zeugen nichts ändern; wir werden mehr wissen, nicht aber mehr erfahren; wir stehen dem „Optimum“ schon nahe. Halten wir um Gottes willen fest, was wir jetzt besitzen, und lassen wir uns nicht rauben, was wir alle erlebten und erleben und wofür Jeder einstehen kann, und versuchen wir Schiller's Wort in seiner Tiefe zu würdigen:
Wir, wir leben, und der Lebende hat recht!
    So viel nur über die weitere These; jetzt die besondere.
    Wahrscheinlich hat es in den letzten Jahrhunderten keinen Krieg gegeben, dessen ganzes Entstehen so vollkommen und ausführlich deutlich vor Augen läge, wie das bei dem des Jahres 1914 der Fall ist. Ich will nicht hier Zahlen und Daten aus Nachschlagebüchern und Spezialschriften abschreiben, die Jedermann zur Ver-

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fügung stehen; nur die großen Linien möchte ich — zusammenfassend— zu ziehen versuchen.
    Wir wollen drei Kreise unterscheiden: den großen, umfassenden der seit Jahren bestehenden, allgemeinen und allbestimmenden, dauernd wirkenden und fast mit Naturnotwendigkeit zu einem Kriege führenden Ursachen — moralische und materielle, alles halbunbewußt; den mittleren, in welchem mit abgefeimter List und Tücke der Knoten geschürzt wurde zu dem Kriege gegen Deutschland, ohne aber daß dessen genauere Veranlassung und Datum vorauszusehen gewesen wären; den innersten Kreis bilden die Vorgänge, die unmittelbar zum Ausbruch des Krieges am 1. August 1914 führten. Es ist notwendig, diese drei Kreise zu unterscheiden: erstens, weil sie zueinander in einem gewissen Maße — von außen nach innen — in dem Verhältnis von Ursache zu Wirkung stehen, zweitens, weil die Art und der Grad der von uns zu erkennenden „Wahrheit“ in den drei Fällen verschieden sind, was bei Nichtauseinanderhalten manche Verwirrung verursacht, drittens, weil der äußere Kreis sich aus fremdartigen Bestandteilen zusammensetzt, die zwar von unserem Mittelpunkt aus gesehen zu einem Ganzen sich verbinden, nicht aber notwendigerweise zu dem schon mehr gleichartigen Mittelkreis sich hätten verdichten müssen oder gar zu der für ein nüchternes Urteil monströs erscheinenden Vereinheitlichung dreier so auseinanderstrebender Gebilde wie England, Rußland und Frankreich in dem innersten Kreis.
    Ich wüßte garnicht, was die Zukunft uns über den großen äußeren Kreis Neues von Belang bringen könnte — höchstens fleißige Zusammenstellungen von Belegen. Eine Tatsache, so sicher wie daß die Sonne am Himmel steht, ist es, daß die politisch maßgebenden Kreise in Frankreich, in Rußland und in England seit Jahren den Krieg gegen Deutschland planten und vorbereiteten: erstens, durch systematische Bearbeitung der öffentlichen Meinung, zweitens, durch unaufhörliche Vermehrung der Streitkräfte und des Kriegs-

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materials, drittens, diplomatisch. Damit ist schon alles gesagt: denn wenn drei Völker seit Jahren den Krieg als Traum, als Wunsch, als Hoffnung hegen, so muß der Wille, der Entschluß und die Tat sich mit der Zeit einstellen; das geschieht unabweislich.
    Der älteste, hartnäckigste Sünder ist Frankreich: seit genau einem Jahrhundert träumt es unabläßlich von Revanchekrieg gegen Deutschland. Ich habe in einem Aufsatz neulich von meinen Kindheitserinnerungen aus den sechziger Jahren erzählt und von der Art, wie schon den achtjährigen Buben in Frankreich damals die Revanche für Waterloo und die Eroberung der „Rheingrenze“ gepredigt wurde (S. 25); nach 1870 ist das noch schlimmer geworden; denn die Franzosen hatten vorgehabt, die Deutschen um schöne Länder und blühende Städte zu berauben, und nun war ihnen statt dessen das schon Geraubte abgenommen worden. Eine dreistere Lüge ist undenkbar als diejenige, welche in diesen Tagen die Herren Poincaré und Viviani zum besten gaben: Frankreich hätte stets friedliche Gesinnungen gehegt und auch jetzt wieder bis zum letzten Augenblick für die Bewahrung des Friedens gewirkt. Was die dauernde Gesinnung anbetrifft, so braucht man nur darauf hinzuweisen, daß in Frankreich jahraus jahrein von Politikern, von verantwortlichen Staatsmännern, von Bischöfen, von Generälen Hetzreden gegen Deutschland gehalten wurden; das dauert ohne Unterbrechung seit vierzig Jahren, so daß schon Gambetta zur Vorsicht mahnte: «n'en parlez jamais, pensez-y toujours», redet nie davon, denkt stets daran. Wer sich vorstellen will, wie beständig Frankreich Deutschland mit Krieg bedroht hat, dem empfehle ich, Bismarck's große Rede vom 6. Februar 1888 aufmerksam zu studieren; ein Jahr früher hatte er in einer Rede am 11. Januar die beiden grundwahren Bemerkungen gemacht: „Wenn die Franzosen so lange mit uns Frieden halten wollen, bis wir sie angreifen, — wenn wir dessen sicher wären, dann wäre der Friede ja für immer gesichert“; im weiteren Verlauf der Rede heißt es aber: „Sobald die Franzosen glauben zu siegen, fangen sie den Krieg an;

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das ist meine feste, unumstößliche Überzeugung.“ Diese Überzeugung hat jeder wirkliche und aufrichtige Kenner der Verhältnisse geteilt. Zwischen 1815 und 1870 hat es wenige Jahre gegeben und gar kein Jahr seit 1870, wo nicht die französische Regierung, die französische Armee und die politisch leitenden Kreise Frankreichs den Revanchekrieg gegen Deutschland mit leidenschaftlichem «élan» unternommen hatten, wenn nur die entfernteste Aussicht auf Erfolg am Horizonte aufgetaucht wäre. Daß die Mehrzahl der Franzosen jedem Kriege abgeneigt sind, tut nichts zur Sache; diese Mehrzahl ermangelt allen moralischen Mutes; es sind liebenswürdige, aber unmännliche Seelen, «terre à terre», wie der französische Ausdruck lautet, die jedem noch so unlauteren Starken unterliegen; und dann: das Land, das die schönsten, ja wirklich unnachahmlichen Phrasen hervorbringt, unterliegt ihnen zugleich; darum sitzen die hohlsten Schwätzerköpfe obenan. Einer war kein Schwätzer, war vielmehr ein Feuergeist, er durchschaute die Intriguen Englands und Rußlands, den Mißbrauch Frankreichs zu fremden Zwecken, wünschte gute Nachbarschaft mit Deutschland: Jules Jaurès; den ließ die Regierung durch einen gedungenen Mörder gleich zu Beginn des Krieges erschießen, denn er war der einzige Franzose, der den Mut besaß zu sagen, was viele Tausende denken. Wer sich eine lebhafte Vorstellung von der Stimmung in Frankreich während der letzten Jahre machen will, wird gut tun, sich einige der Schriftchen anzusehen, die dort in allen Schaufenstern ausgestellt waren, wie auch in den Buchhandlungen Belgiens und der Schweiz. Ein verhältnismäßig gut geschriebenes, vom militärischen Standpunkt nicht uninteressantes trägt den Titel: «Le Partage de l'Allemagne; l'échéance de demain», die Aufteilung Deutschlands, ein Blick auf den morgigen Zahltag; es erschien 1912; der Verfasser nennt sich Oberstleutnant R. de D. und schreibt aufs Widmungsblatt: „Allen Franzosen diese prophetische Vision einer Zukunft voll sicherer Hoffnung.“ Eine farbige Karte Mitteleuropas ziert den Umschlag: das Deutsche Reich ist verschwun-

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den, einzig ein kleines Königreich Thüringen, das nach Norden Braunschweig umfaßt und im Osten an Magdeburg und Leipzig dicht herangeht, erinnert an die mehr als tausendjährige ruhmvolle Vergangenheit. Dieses arme kleine Reich — „neutralisiert“ unter Garantie aller Mächte und ohne Armee — liegt umklammert von fünf formidablen Grenznachbarn: Frankreich, England (!)‚ Dänemark, Rußland, Österreich. Frankreich hat sich weit über den Rhein hinaus das ganze Württemberg, ein Stück Bayern, Hessen und den südlichen Teil der Rheinprovinz einverleibt, so daß Würzburg, Frankfurt, Köln die hohe Ehre genießen, hinfürder der «grande nation» anzugehören; England hat's auf Wilhelmshafen abgesehen und sich dazu ein merkwürdiges, flaschenförmiges „Hinterland“ ausgesucht, bestehend aus Oldenburg, dem westlichen Teil von Hannover, und Westfalen bis hinunter an die neue Grenze Frankreichs, während sich im Südwesten ein Aachen und Düsseldorf umfassendes Belgien anschließt; Dänemark hat sich nicht durch Bescheidenheit ausgezeichnet, denn es steckte sich nicht nur Kiel ein, sondern Bremen und Hamburg dazu, sowie den größten Teil Hannovers und ein Stückchen Mecklenburg, bis Wismar; Magdeburg bildet den Winkel, wo Rußland, Dänemark und Thüringen zusammenstoßen, von dort nach Norden bildet die Elbe Rußlands Grenze bis Dömitz, von wo die Linie gerade hinauf nach Wismar geht, im Süden umfaßt Rußland Provinz und Königreich Sachsen und grenzt an Österreich, das zwar preußisch Schlesien nicht wieder erhalten hat, dafür aber ganz Bayern, bis auf das Stück, das Frankreich sich abschnitt. Daß Österreich-Ungarn seinem Bundesgenossen untreu wurde, wird ohne weiteres, wie man sieht, vorausgesetzt. An noch manchen derartigen Phantasien berauschten sich die Franzosen jahraus, jahrein. So liegt z. B. eine Karte vor mir (aus einer ebenfalls vor längerer Zeit erschienenen Schrift, betitelt «La Fin de la Prusse et le démembrement de l'Allemagne»‚ das Ende Preußens und die Zerstückelung Deutschlands), auf der ein riesiges Polen und ein gewaltiges Hannover sich

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fast ganz Mitteleuropa unter einander geteilt haben, so daß nur ein winziges Bayern, wohl dem Münchner Bier zu Ehren, die Stadt der Wittelsbacher umgibt, während ein „neutralisierter Rheinstaat“ das Wenige administrativ zusammenfaßt, was von weiland dem Deutschen Reiche übrig bleibt. Allen verschiedenen Entwürfen ist ohne Ausnahme gemeinsam, daß Wort und Begriff „Deutschland“ von der Karte Europas getilgt ist, und allen gemeinsam ist jene bodenlose Ignoranz der Franzosen, deren Tiefe noch keine Sonde ermessen konnte: so folgt z. B. Wilhelm I. „seinem Vater“ auf dem Thron, und Schlesien wird „im Jahre 1866“ von Preußen annektiert! Man werfe nicht ein, es handle sich um Erzeugnisse ohne Wert; das Werkchen des Oberstleutnants z. B. ist der ernste Versuch eines Fachmannes, und hier liegt vor mir der „Figaro“ vom 28. November 1914, in welchem über einen Vortrag berichtet wird, den am 27. November ein «membre de l'Institut», namens Charles Lallemand, im großen Saale der Geographischen Gesellschaft von Paris vor über 1000 Zuhörern aus den Kreisen der Wissenschaft, der Politik und der Finanz hielt, und in dem dieser Fachgelehrte unter brausendem Beifall erklärte: „Das barbarische Deutsche Reich werden wir jetzt vollkommen zerstören, indem wir es zersplittern“; Preußen verschwindet natürlich in der Umarmung Rußlands; Frankreich und Belgien schneiden sich aus Süd- und Westdeutschland gehörige Stücke heraus, England besetzt die Häfen; was übrig bleibt wird dann in fünf Reiche geteilt:
Hannover, Westfalen, Sachsen, Württemberg, Bayern. — Einem möglichen Einwurfe will ich kurz begegnen. In einigen dieser französischen Schriften wird auf ein deutsches Pamphlet „Frankreichs Ende“ verwiesen; was aber verschwiegen wird, das ist, daß dessen Urheber, Herr Adolf Sommerfeld, Verfasser des „Tagebuch eines Obereunuchen“, sein Schriftchen ausdrücklich als satyrische Entgegnung — ein Alpdrucktraum — auf des Majors de Civrieux „Untergang des Deutschen Reiches“ gibt; mag man nun verschiedener Meinung sein, über die Opportunität eines solchen leicht hingeworfenen, witzigen

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Pasquills, jedenfalls hat es keinen einzigen Zug gemein mit den genannten kriegerischen Schriften der Franzosen und mit den zitierten „wissenschaftlichen Zerstückelungsabsichten“ ihrer Geographischen Gesellschaft. — Das ist die Stimmung, welche im französischen Volke seit Jahren am Werke war und offiziell nach Kräften gestärkt und verbreitet wurde. Dazu betrachte man dann die Kriegsrüstungen! Die Bevölkerung Deutschlands übertrifft diejenige Frankreichs um rund 70%; die stehende Armee Frankreichs übertrifft aber diejenige Deutschland um 12%; mit anderen Worten: Frankreichs bewaffnete Macht ist um 82% stärker als sie sein würde, wenn sie sich nach den als „militaristisch“ verschrienen Verhältnissen in Deutschland richtete! Damit aber nicht genug, hat eine hinterlistige Gesetzgebung bei dem Übergang aus der zweijährigen in die dreijährige Dienstzeit dafür gesorgt, daß in den drei Jahren 1914, 1915, 1916 die sämtlichen aktiven Truppenteile schon im Frieden Kriegsstärke besitzen, ja, mehr als das, so daß sie „einen erheblichen Teil ihrer Mannschaften als Stämme für die aufzustellenden Truppen der Reservearmee abgeben könnten.“ Schon sechs Monate vor Ausbruch des Krieges wies Oberstleutnant Frobenius in seiner vorzüglichen Schrift „Des Deutschen Reiches Schicksalsstunde“ auf diesen bedrohlichen Umstand hin, der Frankreichs Absicht, in allernächster Zukunft Krieg gegen Deutschland zu führen, zur Evidenz bewies.
    So viel über unseren „äußeren Kreis der großen, allgemeinen, dauernd wirkenden und mit Naturnotwendigkeit zum Krieg führenden Ursachen“, soweit Frankreich in Betracht kommt: Frankreich wollte den Krieg und Frankreich bereitete den Krieg — seit Jahren.
    Sobald man von Rußland redet, muß natürlich der Augenpunkt verschoben werden; denn von den 180 Millionen Einwohnern dieses Reiches wissen gewiß 100 Millionen nicht, wo und was Deutschland ist, und von den übrigen wird es schwerlich fünf Millionen geben, vielleicht nicht einmal halb so viel, die sich um die auswärtige Politik des Reiches bekümmern. Ist jedes Volk — sobald man unter „Volk“

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die Gesamtheit versteht — friedliebend, so gilt das vom russischen Volke, nach allem was ich gehört habe, in noch höherem Maße; auch der gebildete und insofern politisierende Russe ist der humanste, toleranteste, friedfertigste Mensch, dem man begegnen kann; er pflegt (soweit meine Erfahrung reicht) große Fehler zu haben, diese Fehler richten sich aber nach innen, gegen sich selbst, nicht gegen den Anderen. Reden wir also auch hier von allgemeinen, mit Notwendigkeit zum Krieg führenden Ursachen, so haben wir in allererster Reihe eine Art physische, brutale, blinde Kraft zu verstehen, welche dieses ungeheuere, gestaltlose Reich treibt, sich nach allen Richtungen immer weiter auszudehnen. Fällt bei der englischen Politik die unerbittliche Logik und bei der französischen die Dialektik auf, so gleicht das politische Rußland einem aus einem Vulkan ausgespieenen Felsblock, der keine andere Logik kennt, als die elementare des Gravitationsgesetzes; der Block stürmt weiter.¹) Ebenso wie dem einzelnen vornehmen Russen die Selbstbeherrschung, die Selbstzucht häufig fehlt, ebenso fehlen sie dem Staate. Man sollte glauben, ein so ungeheuer großer, ein so fruchtbarer, ein so metallreicher Staat, gesegnet mit einem gesunden, normal sich vermehrenden Volke, müßte schon längst den nötigenden Trieb empfunden haben, sich zu sammeln, sich fest abzugrenzen, sich innerlich zu gestatten, auszubilden, zu entwickeln, Freiheit und geistigen Inhalt und Würde dem Leben des Einzelnen zu schenken... aber keine Spur davon, oder kaum eine Spur, nur einzelne Stimmen in der Wüste, die ergreifend wirken, weil sie nicht als Morgenfanfare einen kommenden Tag kühn und übermütig einführen, sondern als Abendröte nach einem sonnenlosen Tage, schmerzvoll und überweise die dunkle Nacht ankündigen; weiter rollen soll die ungestaltete Masse, ohne Ruhe, ohne Heil; Genie nie im Bejahen, nur im Verneinen, Kraft nur zum Bösetun, während der Gute sich beugt und duldet; selbst das Christentum, seines vorwärtstreibenden
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    ¹) Schon Bismarck wendet auf Rußland das Wort Ovid's an:   r u d i s   i n d i g e s t a q u e   m o l e s.

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Lebenselementes beraubt, ein Prinzip des Beharrens, ein bloßer Ankerpunkt, auf daß der auf dem rollenden Koloß Geschundene, Verprügelte, Ausgehungerte seiner endlichen Erlösung im gesegneten Tode sicher entgegensehe. Man findet in verschiedenen Werken der letzten Jahre Eingehendes über Rußland; ich kann darauf verweisen; noch nie aber sah ich die grundlegende Tatsache betont: wenn der russische Staat niemals innehält, um sich selber auszugestalten, wenn er also den ganz genauen Gegensatz zum alten Rom darstellt, das sich selber vollkommen fertig organisierte und jeden einzelnen seiner Bürger zum bewußten, fähigen, energischen Vertreter des Staatsgedankens ausbildete, um dann erst die Welt seiner Organisation zu unterwerfen, wenn Rußland, sage ich, als ein nur gewaltsam zusammengehaltenes, physiognomieloses, von unwissendem, willenlosem Menschenvieh bevölkertes Chaos heranwächst, so geschieht das nicht, weil es noch nicht seine angeblichen „natürlichen Grenzen“ erreicht hat, sondern einfach weil es nicht die geringste Gestaltungskraft besitzt und darum auch niemals irgendwelche Grenzen als solche erkennen und anerkennen wird; sobald der blinde Drang zur Ausdehnung aufhört, wird Rußland tot sein. — An die eingeborene Abneigung zwischen Slaven und Germanen, von der auch Kjellén in seinem vortrefflichen Büchlein „Die Großmächte der Gegenwart“ spricht, glaube ich nicht; die Geschichte und meine eigenen Erfahrungen, beide sprechen dagegen. Im Gebiete des heutigen deutschen Reiches haben sich Germanen und Slaven zu herrlich begabten und tatkräftigen Stämmen vermischt; wie gut vertragen sich Polen und Deutsche, sobald nicht Politik störend eingreift oder Priester der Liebe nicht aufhetzend Haß säen! In Bosnien habe ich mich von der ungemischt rein slavischen Bevölkerung stark angezogen gefühlt, und mit den tapferen Kroaten sympathisiert jeder von uns, der sie kennen lernt. Freilich sind die Russen schon längst keine reinen Slaven mehr; sie sind durch und durch mongolisiert und tatarisiert; doch ist die Rassenfrage hier eine bloße Zeitungsparole und ein diplomatischer Vor-

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wand: der Koloß will sich — wie nach Nordwesten, Osten, Südosten — auch nach Südwesten ausdehnen und alles verschlucken; bei dem einen heißt es „weil du mir Feind bist“, bei dem anderen „weil du mir Freund bist“.
    Es handelt sich also bei Rußland um ein blindes „Muß“; dieses Muß richtet sich in diesem Augenblick nicht unmittelbar gegen Deutschland, wohl aber gegen Österreich-Ungarn, welches Deutschland seiner eigenen Existenz wegen nicht preisgeben darf. Österreich-Ungarn soll den russischen Anforderungen weichen, was die Verzichtleistung auf etwa ein Drittel seines Besitzstandes voraussetzt. Die Kriegsvorbereitungen hierzu seitens Rußlands umfassen eine Friedensarmee von anderthalb Millionen Mann. Da hingegen weder Deutschland noch Österreich irgend eine nur denkbare Veranlassung hat, jemals Krieg mit Rußland zu suchen. Die Expansionslust und die damit zusammenhängende, nach Bedarf geschürte Animosität bestehen ausschließlich auf seiten des unaufhörlich aggressiven Rußlands.
    Nicht ganz leicht ist es, den großen äußeren Kreis der zum Kriege disponierenden Ursachen klar und genau zu schildern, sobald England in Betracht gezogen wird.¹) England als Gesamtvolk ist durchaus unkriegerisch; bis zum heutigen Tage läßt es Söldner seine Schlachten schlagen und Offizier sein ist bei ihm eine Art vornehmer Sport, ein Suchen nach Gefahr und ein Kampf gegen Hindernisse — nicht Verteidigung des Vaterlandes und des Herds, nicht Heranbildung der Jungmannschaft; außerhalb der Kasernen trägt der englische Soldat stets einen Spazierstock und der Offizier Zivilanzug. Oben schon führte ich einen Brief an, in welchem ein Engländer auf dem Lande schreibt, man merke dort vom Kriege nichts. Seitdem ich jenen Satz zu Papier brachte, sind mir mehrere Briefe ähnlichen Inhalts mitgeteilt worden, auch Aufsätze aus ländlichen Zeitungen, in denen die Bevölkerung erst aufmerksam gemacht wird, England
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    ¹) Ich verweise hier auf den Aufsatz „Grundstimmungen“, S. 17 fg.

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befinde sich in einem Kriege, es fühle gar keinen Haß gegen Deutschland, es sei aber in Europa “a horrible mess“ — eine furchtbare Unordnung — entstanden; “our mood is a thoroughly businesslike one; we do not care for the job, but we mean to do it carefully, so that it will not have to be done over again“: wir betrachten die Sache rein als Geschäft; zwar gefällt es uns nicht besonders, doch wollen wir es gewissenhaft ausführen, damit wir nicht in die Lage kommen, wieder von vorn anfangen zu müssen. Wer das gewaltige Schauspiel erlebt hat, Deutschlands Erhebung gegen eine Welt von Feinden im August 1914, unter dem Gesang „Ein' feste Burg ist unser Gott“, kann sich nur schwer in diese Stimmung eines englischen Provinzstädtchens im Dezember 1914 hineinleben. Die Engländer sind eben gewohnt, daß ihre Regierung immer irgendwo Krieg führt, oftmals an mehreren Orten zugleich; sie bezahlen die Leute, die diese Strapazen ertragen, und kümmern sich weiter nicht viel darum. Dazu kommt die Gewohnheit des Siegens: man schlägt sich nicht und siegt nichtsdestoweniger überall, so daß man ein Viertel der festen Erdoberfläche sich unterwirft. So lese ich z. B. in einer Zeitschrift aus dem September 1914: “All we have to do is to possess our souls in patience until the war is over, when these good things will fall into our laps without trouble or exertion to ourselves“ — das einzige, was uns obliegt, ist, uns in Geduld zu fassen, bis dieser Krieg vorbei ist, wo dann diese begehrenswerten Dinge (nämlich der Handel und die Industrie Deutschlands) uns ohne daß wir uns darum bemühen und abplagen, in den Schoß fallen werden. So sind's die Engländer gewöhnt, und solche Erfahrungen erzeugen auf die Dauer eine eigenartige Stimmung, für die der gründliche Kenner von Land und Leuten, der Schwede Gustav Steffen, die Worte findet: „Die Engländer sind notwendigerweise das sich am meisten selbst bewundernde und Ausländer verachtende Volk auf Erden.“ Den Vorstellungskreis des englischen Begriffs “foreigner“ vermittelt übrigens das deutsche Wort Ausländer keineswegs; in diesem „außer-

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halb des Forums“ liegt ein unnachahmliches Geringschätzen; der Engländer allein ist Mensch, alle übrigen sind “foreigners“. Ebenso besitzt der Engländer für die ganze Oberfläche unserer Erdkugel, sobald weder von England noch von dessen Kolonien die Rede ist, das eine allumfassende Wort “abroad“ — etwa „im Weiten“; ob Kamschatka oder Neapel, es ist alles eins, es ist “abroad“. Dadurch entsteht nun etwas sehr Wichtiges und in diesem Augenblick Beachtenswertes: die foreigners kommen alle auf eine Reihe zu stehen! Der Japaner steht dem Engländer genau ebenso nahe wie der Deutsche und der Deutsche genau ebenso fern wie der Japaner. Kein Mensch der Welt hat so wenig Begriff von „Rasse“ wie der Engländer; ihm gilt einzig die politische Nation. Der Japaner spannt seine ganze Energie auf die zu erstrebende Weltherrschaft der gelben Rasse, der Russe schwärmt für alle Völker, welche slawische Sprachen reden, als wären sie Blutsverwandte, der Franzose erdichtet sich eine „lateinische“ Rasse, die ihn mit Spanien und Portugal und Italien verbände, die Schwarzen sind mit der Bildung einer Weltliga beschäftigt; der Engländer dagegen bleibt solchen Erwägungen völlig verschlossen: der Name “Dutchman“ (Duitschmann, die englische Bezeichnung für Holländer) hat sowohl im Klang wie in der Zusammensetzung etwas Verächtliches; nicht viel besser steht es um “German“; und für Germanen gibt es im Englischen überhaupt gar kein Wort, denn das neuerdings aufgefrischte “Teuton“ und “teutonic“ versteht kein Mensch außer einigen Gelehrten, und jeder ist empört, wenn er erfährt, dieser Begriff solle Engländer, Deutsche, Holländer usw. unter einen Hut bringen. Dies alles mußte ich vorausschicken, damit man das merkwürdige Gemisch von Leidenschaftslosigkeit und Leidenschaft verstehe, das in allen internationalen Fragen England stets ausgezeichnet hat und jetzt wieder auszeichnet, und das den Fremden verwirrt. Hier handelt sich's nicht um blinden, unwiderstehlichen Ausweitungsdrang, wie bei Rußland, nicht um Revanche, wie bei Frankreich, nicht um Rassenziele, wie bei Japan, nicht um die alles

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hinopfernde Vaterlandsliebe eines geistig und sittlich freien Volkes, wie bei Deutschland; England haßt Niemanden und liebt in Wirklichkeit Niemanden — wie sollte man eine   “f o r e i g n   n a t i o n“   lieben? — aber es lebt einzig von Industrie, Handel und Finanz, und das führt notwendig von Krieg zu Krieg; wer im Wege steht, muß zermalmt werden, ob sich's um China handelt oder um Deutschland, das bleibt sich gleich, Monopol muß sein; “our mood is a thoroughly business-like one“.
    Hier muß ich nun — um nicht in Fragen von dieser weltgeschichtlichen Bedeutung leere Behauptungen aufzustellen — Belege geben, Beweise, daß auch der heutige Krieg für England in Wirklichkeit nichts weiter ist als ein Handelskrieg, genau ebenso wie die Kriege um die „spanische Erbfolge“ und gegen Napoleon für England reine Handelskriege waren; wie Seeley sagt: „Für England ist der Krieg durchaus eine Industrie, ein Mittel, um reich zu werden, das blühendste Geschäft, die glänzendste Geldanlage“ (“Expansion of England“, 6. Vortrag). Daß dieser Standpunkt der allgemeine, dauernde, die Politik von außen bestimmende ist, beweisen die Stimmen, die ich aus unserem „äußeren Kreis“ jetzt anführen will.
    Kaum war in den ersten Tagen des August Englands Kriegserklärung ergangen, und schon hatte im englischen Handelsministerium die Abteilung für auswärtige Handelsnachrichten, “the commercial Intelligence branch of the Board of Trade“, ein besonderes Büro begründet “for the capture of German trade“ — für das Abfangen (eigentlich „für das Kapern“) des deutschen Handels. Alle englischen Zeitungen aus jener Zeit enthalten eine Anzeige dieses Regierungsbüros, in welcher gebeten wird, ihm Muster und Kataloge deutscher und österreichischer Waren zukommen zu lassen, die im Wettstreit mit englischen Waren stehen; “the Board of Trade purposes to hold an exhibition of samples of this nature“, das Handelsamt beabsichtigt eine Ausstellung dieser (Deutschen) Muster zu veranstalten. Ja, in den Londoner Zeitungen vom 11. September lese ich: „Der

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britische Botschafter in Rom, Sir Rennell Rodd, drahtet an das Handelsamt: Wie ich erfahre, wäre der jetzige Augenblick ein äußerst günstiger für kompetente Geschäftsagenten, wenn diese sich nach Mailand begeben wollten, um die Bestellungen abzufangen für Waren, die Italien bisher von Deutschland bezog“; es folgt eine Liste der empfehlenswertesten Artikel! Man sieht, wozu sich ein persönlicher Vertreter der kaiserlichen und königlichen britischen Majestät beim Quirinal herabläßt; dieser große Krieg, den jeder Deutsche als einen „heiligen“ empfindet, empfindet jeder Engländer vom König bis zum Schuhputzer als einen kommerziellen. Man richte sich da nicht bloß nach den politischen Hetzblättern wie „Times“ und „Daily Mail“, vielmehr greife man zu gediegenen kaufmännischen und industriellen Zeitschriften, bei denen man Verstand, Vorsicht, Urteil erwarten darf; man wird staunen. Da liegen vor mir z. B. mehrere Nummern der auf schwerem Papier prachtvoll gedruckten, ältesten, vornehmsten technischen Ingenieurzeitschrift Englands, “The Engineer“, deren Schreiber und Leser bisher in regem Verkehr mit Deutschland standen, um so mehr, als manche in Deutschland studiert hatten und dem Verein deutscher Ingenieure selber angehörten oder von diesem Auszeichnungen erhalten hatten; ich nehme die Ausgabe vom 25. September 1914, Band 118, Nr. 3065 zur Hand, schlage die Seite 295 auf und lese folgendes: “Now, there is one way by which the end in view (of securing the trade hitherto carried on by Germany) can be attained. It is a ruthless way, but eminently simple. It is the deliberate and   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   of the plant and equipment of German industry in general, and in that   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   the great iron and steel works of the fatherland should share. The occupation of German territory by the allied troops should be accompanied by the destruction of all the large industries within the sphere of occupation. It is held that if it were known and felt here and in France that such a scheme of   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   was to be carried

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out on German territory, capital would be at once stimulated in steady streams in aid of the home industries, which would profit enormously by the course taken.“ Zu Deutsch: „Nun denn, ein Mittel gibt es, durch das wir das Ziel, das wir uns vorgesetzt haben — uns des bisherigen deutschen Handels zu bemächtigen — erreichen können. Mitleidslos grausam ist das Mittel freilich, doch hervorragend einfach. Wir meinen die wohlüberlegte und   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g   aller Gebäude und der gesamten maschinellen Ausstattung der deutschen Industrie, eine   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g,  die auch die großen Eisen- und Stahlwerke des „Vaterlandes“ (in England beliebte ironische Bezeichnung Deutschlands) treffen müßte. Die Besetzung deutschen Bodens durch die Armeen Der Alliierten müßte benutzt werden, um alle größeren Industrieanlagen innerhalb des besetzten Gebietes zu zerstören. Man ist der Ansicht, daß wenn man hier (in England) und in Frankreich wüßte und überzeugt wäre, daß ein solcher Plan einer   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g   auf deutschem Boden zur Ausführung kommen werde, das Kapital dadurch sofort angeregt wurde, in starken Strömen den heimischen Unternehmungen zuzufließen, welche aus diesem Verfahren einen unermeßlichen Vorteil ziehen müßten.“ Ich glaube, daß ist, was Nietzsche „jenseits von gut und böse“ nennt; jedenfalls sagt es uns genau, was die Engländer — als Volk und abgesehen von aller diplomatischen Kasuistik — mit diesem Krieg bezwecken, und das ist viel wert. Allerdings fügt der Schreiber hinzu, er persönlich wolle sich diesem Vorschlag der organisierten Zerstörung, obwohl er „den Beifall der meisten genieße“, nicht „too rigidly associate“, nicht unbedingt anschließen; die Sache bedürfe noch reiflicher Erwägung; man dürfe übrigens hoffen, daß auch ohne die beabsichtigte Zerstörung regelrecht zu „organisieren“, der Krieg die Gelegenheit bieten werde, ungeheuer vieles in Deutschland unter dem Vorwand von Kriegsoperationen vollständig zu zerstören! In einer anderen Nummer des “Engineer“ fällt demselben Schreiber plötzlich ein, „da zu hoffen

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stehe, Frankreich und Belgien würden sich bedeutende Teile Deutschlands annektieren, so müßten wenigstens diese Teile verschont bleiben“ — was ihn melancholisch stimmt und zu dem Stoßseufzer veranlaßt: „Unseren Freunden, die uns geholfen haben, müssen wir natürlich einen Anteil am Gewinne lassen“: ein höchst bemerkenswertes Geständnis; denn die Diplomaten wollten uns glauben machen, England habe aus Edelmut den bedrohten Ländern Frankreich und Belgien beigestanden, wogegen hier in aller Naivität die uns allen bekannte Wahrheit herausschlüpft, daß England den Krieg gegen Deutschland, um dessen Handel zu „zerstören“, schon lange „organisiert“ hatte und Frankreich und Belgien ihm hierbei bloß „helfen“ sollten. Auch der Lügenfeldzug gegen Deutschland, der in seiner verbrecherischen Scheußlichkeit uns allen den Atem raubte, gewinnt erst dann seine Erklärung, wenn man ihn als eine kaufmännisch erdachte List begreifen lernt, wozu dieselbe Zeitschrift “The Engineer“ in der Nummer vom 11. September, S. 251, einen Fingerzeig gibt; denn da lesen wir, Deutschland werde seinen ganzen Handel im „lateinischen Amerika“ (also Südamerika) verlieren “on account of the unspeakable barbarities which have been practised during this unhappy war upon innocent women and little children, for which the warm-hearted Southerner entertains an almost religious veneration,“ „wegen der unaussprechlichen Schandtaten, die während dieses unseligen Krieges (von Deutschen) geübt wurden an unschuldigen Frauen und kleinen Kindern, für welche der warmherzige Südländer eine fast religiöse Verehrung hegt“. Man weiß ja, daß die Berichte nach Argentinien, Paraguay usw. das, was man in Europa zu lügen wagte, noch überboten; jetzt erfahren wir, was mit dieser „organisierten Zerstörung“ des guten Rufes der Deutschen bezweckt war, und das früher angeführte Wort “our mood is a thoroughly business-like one“ erhält eine eigentümliche Beleuchtung: auch das Lügen gehört eben zum „Geschäft“. — Ich könnte die Beispiele vermehren, denn bekannte und unbekannte Freunde haben mir viel Ma-

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terial zugeschickt; alles ist im selben Ton: “Economist“, “Financial News“, “The Coal Trade“, “The Ironmonger“ usw., das Meiste noch gröber und schändlicher; ich beschränke mich mit Absicht auf das „vornehmste“ Organ der gebildetsten Kreise unter Englands Technikern.
    Damit wird nun, glaube ich, jener äußere Kreis der mit Naturnotwendigkeit zum Kriege führenden Ursachen deutlich faßlich: in Wirklichkeit ist die englische Gesamtheit moralisch verantwortlich für die Räuberpolitik, die England seit drei Jahrhunderten verfolgt; denn diese Politik ergibt sich mit Notwendigkeit aus der Einstellung des gesamten Lebens auf brutalen Gelderwerb, unter Preisgabe des Landbaus und unter Verzichtleistung auf alle höhere Bildung und alles ideale Streben, zugleich unter Verzichtleistung auf alle und jede Sittlichkeit und Menschlichkeit, sobald die Interessen des Geldbeutels in Frage kommen. Nur werden in jedem einzelnen Falle weite Schichten der Nation, ohne geradezu zu lügen, ihre Unschuld beteuern können. Es findet nämlich bei den Engländern innerhalb des Hirnes eine eigentümliche Teilung statt: wie sie Soldaten bezahlen, die ihre Schlachten zu schlagen haben, ebenso bezahlen sie Minister, um ihre auswärtige Politik rücksichtslos zu führen, sie selbst aber — wie schon ausgeführt — wissen wenig von dem, was da vorgeht, und glauben grundsätzlich ohne weiteres, was man ihnen zu erzählen für gut findet. Es ist eine Art mehr oder minder unbewußten Sichselbstbelügens. Bismarck macht schon darauf aufmerksam, indem er die Zuverlässigkeit und Wahrheitsliebe des einzelnen Engländers betont, zugleich aber die unerhörte Perfidie und Heuchelei ihrer Politik, welche „alle Mittel anwende, die der einzelne Engländer verabscheue“ (Poschinger: „Tischgespräche“). So weiß z. B. der durchschnittliche Engländer (und das heißt alle bis auf etwa fünfhundert) nichts von dem infamen Raub der spanischen Kolonien, nichts von den Schandtaten, die Warren Hastings in Indien geschehen ließ, nichts von den Greueltaten der Kolonisation Nordamerikas, nichts von dem schandbaren Bombardieren Kopenhagens

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inmitten des Friedens und dem Wegführen der gesamten dänischen Flotte; er weiß nicht, daß die entsetzlichen Dum-Dum-Geschosse ursprünglich zur sicheren Vertilgung der edlen Gebirgsrassen der indischen Nordwestgrenze erfunden wurden (siehe Encyclopaedia Britannica), er weiß nichts von Lord Kitchener's satanischem Versuch, durch die Tötung von 30.000 Frauen und Kindern das Burenvolk auszu