Hereunder follow the transcriptions of the Neue Kriegsaufsätze (New war essays) by Houston Stewart Chamberlain, 5th. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1915.

Hieronder volgen de transcripties van de Neue Kriegsaufsätze van Houston Stewart Chamberlain, 5e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1915.

Zurück zur Hauptseite / Terug naar startpagina / Back to main page



H. S. Chamberlain's war essays 1914 — 1918
Kriegsaufsätze, 1e serie oorlogsessays / 1st series war essays
Neue Kriegsaufsätze, 2e serie oorlogsessays / 2nd series war essays
Hammer oder Amboß, 3e serie oorlogessays / 3rd series war essays
Die Zuversicht, oorlogsessay / war essay
Politische Ideale, ideeën voor een toekomstige duitse staat / ideas for a future german state
Ideal und Macht, oorlogsessay / war essay
Der Wille zum Sieg, oorlogsessays / war essays
Demokratie und Freiheit, oorlogsessay / war essay
Der demokratische Wahn, oorlogsessay / war essay
The one and the other Germany, my translation of Das eine und das andere Deutschland
Ravings of a Renegade, translation of the Kriegsaufsätze

 
Neue Kriegsaufsaetze


 
Houston Stewart Chamberlain

Neue Kriegsaufsätze


Ich lernte diese Welt verachten:
Nun bin ich erst, sie zu erobern wert.
(Goethe)


Fünfte Auflage

München 1915
Verlag von F. Bruckmann A.-G.

2


F. Bruckmann A.-G., München

3

Den Freunden der ersten Reihe „Kriegsaufsätze“ überreiche ich hiermit eine zweite Reihe. In ihr wende ich mich dem gegenwärtigen Krieg zu: der erste Aufsatz behandelt die vorangehenden Jahre, der zweite die Umstände, die den Krieg unvermeidlich machten, der dritte die zu erhoffende Zukunft. In dem ersten habe ich namentlich eigene Erinnerungen und Erfahrungen verwertet. In dem zweiten war ich bestrebt, eine sowohl methodisch wie inhaltlich unanfechtbare und ausreichende Antwort auf die Schuldfrage zu geben: es ist durchaus nötig, daß jeder denkende Mensch hierüber ausführliche, entscheidende Klarheit besitze; Phrasen mögen anderswo genügen, in Deutschland genügen sie nicht. Der dritte Aufsatz behandelt nur das Grundsätzliche; das Einzelne zu erörtern hätte zu weit geführt; einstweilen ist das eben das Wichtigste: zu wissen, was jetzt zu wollen ist.
    Auf die erste Reihe meiner „Kriegsaufsätze“ habe ich Hunderte von Briefen erhalten; in einer auffallend großen Anzahl wird mir der Vorwurf gemacht — oder wird wenigstens die Sorge laut: ich hätte zu günstig über Deutschland geurteilt, ich hätte die Schwächen und Unzulänglichkeiten nicht berücksichtigt und namentlich die Krebsschäden außeracht gelassen, die an der gesunden deutschen Volkskraft fressen und das öffentliche Leben vergiften. Diesen verehrten unbekannten Freunden antworte ich, daß die Behandlung dieser Fragen nicht die Aufgabe von „Kriegsaufsätzen“ sein konnte, und daß außerdem, wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht — wo nach einem alten Weisen immer das Beste für die Besten verborgen liegt — mich weder für einen seichten Optimisten, noch für einen Schmeichler

4


halten wird. Wer könnte standhalten, wer möchte weiterleben, wenn ihm die Hoffnung verwehrt würde? Und Hoffnung unterscheidet sich von Phantasterei. Mein Hoffen fußt auf Wirklichkeiten und bildet ein Sprungbrett für den Willen.

    B a y r e u t h,   den 12. Februar 1915
H. S. C.

     P. S. — Den Anordnungen der Censur gehorsam, habe ich einiges im Aufsatz „Wer hat den Krieg verschuldet?“ gestrichen und im Aufsatz „Deutscher Friede“ alle Ausführungen über die, über kurz oder lang zu erhoffenden Umgestaltungen politischer Natur ausgelassen. Der feinfühlige Leser wird in Folge dessen auf einzelne harte Übergänge stoßen, was ich zu entschuldigen bitte.

5


Inhaltsübersicht

Grundstimmungen in England und in Frankreich S. 7
Wer hat den Krieg verschuldet? S. 30
Deutscher Friede S. 86

6


Leere Seite.

7


Grundstimmungen in England und in Frankreich 

Unmöglich ist's, den Tag dem Tag zu zeigen,
Der nur Verworrnes im Verworrnen spiegelt.
(Goethe)

Der Besitz eines klaren Urteils ist in diesen Zeiten kaum weniger vonnöten als der Besitz eines scharfen Schwertes. Dort wie hier kommt es namentlich darauf an, das Heft fest in der Hand zu halten und sich ebensowenig zu falschen Gedanken wie zu ungewollten Schlachten hinreißen zu lassen. Ein vortreffliches französisches Sprichwort lehrt: Il ne faut pas chercher midi à quatorze heures, man suche nicht die Mittagsstunde um vierzehn Uhr, man verwirre nicht das Einfache durch labyrinthische Einbildungen. In der Politik geschieht das viel, in Augenblicken wie der jetzige mehr denn je. Und zwar geschieht das um so leichter, als wir Menschen einfache Grundtatsachen auf allen Gebieten selten deutlich gewahr werden. Immer fällt es uns leichter, das Vorüberziehende, das Wechselnde ins Auge zu fassen als das Beharrende; was Dauer hat, bleibt unbemerkt. Dieses Beharrende — so z. B. die allgemeine Seelenstimmung eines in bestimmten Verhältnissen lebenden Volkes — wird sich bei näherer Untersuchung meistens als natürlicher, handgreiflicher herausstellen als man gewöhnlich annimmt, zugleich aber an individuellen Besonderheiten und Abweichungen reicher, als es sich in unseren künstlichen Zurechtlegungen ausnimmt. Goethe sprach es aus: „Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist.“
    Diese Erwägung veranlaßt folgenden Versuch. Denn es ist sicherlich für die Deutschen nicht unwichtig, daß sie sich richtige — nicht falsche — Vorstellungen über die Gefühle machen, welche — als dauernd wirksame Grundstimmungen — die Möglichkeit des jetzigen Krieges erst schufen. Die in Deutschland herrschende Grundstimmung war unerschütterliche Friedensliebe, aufrichtige Freundschaft für

8
Grundstimmungen in England und in Frankreich


England, lebhafter Wunsch, mit Frankreich in offenen, guten Beziehungen zu leben. Es läßt sich unwiderleglich nachweisen, daß diese Gefühle alle Schichten der ganzen Nation beseelten, so daß bis zum letzten Augenblick kein Mensch an die Möglichkeit des Krieges glauben wollte und daß namentlich Englands Waffenergreifung von einem Ende des Landes bis zum anderen einen Schrei des Erstaunens hervorrief, gefolgt von der Empörung, die wie ein Sturmwind das unbegreiflich zähe Vertrauen und die unvergoltene Liebe wohl auf immer wegfegte. In England und in Frankreich herrschten schon seit Jahren Deutschland gegenüber ganz anders geartete Gefühle; welcher Art nun waren sie? Nach meiner Überzeugung besitzt die Beantwortung dieser Frage Wert für den Augenblick und vielleicht noch größeren Wert für die Zukunft: man lernt den Stoff kennen, an dem sich Staatskunft zu üben haben wird.
    Das eine sei vorangeschickt: mit dem Wort „Haß“ dringt man nicht tief in die Erkenntnis ein; wir sollten uns nie bei Schablonen beruhigen. Zwischen Haß und Liebe ist für gar viel noch Platz. Und wenn auch unstreitig in diesem Augenblick mancher verblendete Engländer von wildem Haß gegen Deutschland glüht und auch einzelne Franzosen sich auf diese Temperatur hinaufgeschwatzt haben mögen, während die Deutschen selber Haßgedichte singen, so bleibt es nichtsdestoweniger gewiß, daß diese Stimmung   n i c h t   die vorwaltende und auch nicht die gestaltende ist, darum auch nicht diejenige, auf die es ankommt, daß man sie kenne. Treitschke bemerkt, der deutschen Gutmütigkeit sei der Haß schwer faßlich; der Verfasser des „Haßliebes gegen England“ kämpft als wackerer Deutscher mit, entstammt aber einem Volke, das — im Gegensatz zum deutschen — von jeher den Haß als eine Haupteigenschaft großgezogen hat, und demselben Volke entstammt die gesamte Redaktion der „Times“, der „Daily Mail“, des „Matin“; solche Dinge darf man nicht übersehen. Der germanische Deutsche ist nicht allein zu gutmütig, er ist namentlich den Gefühlen und Erwägungen der Gerechtigkeit und der Billigkeit

9
Grundstimmungen in England und in Frankreich


viel zu sehr zugetan, um in alttestamentarischem Hasse sich wohlzufühlen; der Engländer ist zu hochmütig, um zu hassen, der Franzose zu leichtfertig. Wir wollen also eine feinere Analyse versuchen.
    Als erstes halte man das eine fest: es besteht keine Spur einer geistigen Verwandtschaft zwischen Engländern und Franzosen; kämpfen sie auch heute neben einander, kein Gedanke, keine Gefühlsregung ist ihnen gemeinsam. Viele französische Gefangene sagten zu ihren deutschen Kameraden: „Wir würden lieber mit euch gegen die Engländer kämpfen als Seite an Seite mit diesen bougres d'Anglais!“ — das ist die echte Stimme des Volkes. Vielleicht vermag es kein Mensch, der nicht, wie ich, in beiden Ländern zu Hause ist, die Sternenweite zu ermessen, die diese zwei Völker von einander scheidet; Dutzende von Malen habe ich die Fahrt hin und her über den schmalen Wasserstreifen gemacht, und immer von neuem fühlte ich mich fast verwirrt durch dieses traumhafte Anlanden auf einem anderen Planeten. Angeborene, unüberwindliche Antipathie scheidet auf allen Gebieten Franzosen und Engländer; einzig die Tatsache, daß sie unfähig sind, sich zu verständigen, läßt den Schein eines Einverständnisses aufkommen: da kein Franzose englisch und kaum hie und da ein Engländer französisch fließend zu reden vermag, sind sie nicht in der Lage, sich mitzuteilen, wie sehr sie sich verabscheuen. Der physische Widerwille, den der Franzose dem Engländer einflößt, fand neulich drastischen Ausdruck in dem Tagebuch eines in Nordfrankreich gefallenen englischen Leutnants, der von den teuren Verbündeten notiert: „Ich glaube, die französischen Offiziere waschen sich im ganzen Leben nicht.“ Geistig gilt das gleiche: nie hat ein Franzose begriffen, daß man Shakespeare für einen bedeutenden Dichter hält; überhaupt bleibt die ganze große englische Litteratur für die Franzosen ungeboren; für Faust und Werther, für Kant und Schopenhauer und Nietzsche, für alle unsterblichen deutschen Tondichter ist Interesse und vielfach Begeisterung in weiten Kreisen rege, englisches Denken und Dichten dünkt ihnen Barbarei. Daher ist denn die «entente cordiale» eine der

10
Grundstimmungen in England und in Frankreich


lächerlichsten Possen, die je innerhalb der harten Welt der Wirklichkeit aufgeführt wurden: jeder der beiden Teile betrügt den andern und sich selbst. Kurz nachdem diese sogenannte «entente» eingeleitet worden war, führte mich die Rückreise von einem kurzen Besuch in England durch Paris; ein französischer Jugendfreund benutzte die Gelegenheit, mich mit einem der glänzendsten Forscher und Erfinder Frankreichs zusammenzubringen, zugleich einem leidenschaftlichen Patrioten und energischen Politiker; der vierte bei Tisch war ein angesehener konservativer Journalist; die drei Franzosen taten sich in meiner Gegenwart nicht den geringsten Zwang an, sie wußten, wie unbefangen ich über England urteile, und betrachteten mich infolge meiner Beherrschung ihrer Sprache und Aussprache als halben Franzosen. Was da über die «entente cordiale» gespottet wurde, läßt sich in der Kürze nicht wiedergeben; Witz sprühte auf Witz wie ein Raketenfeuerwerk. Die Geringschätzung der Engländer als dummer, plumper, geistloser Menschen fand hundertfachen Ausdruck; ich erinnere mich, wie jener bedeutende Mann in seinem Übermut den Engländern die Menschenwürde überhaupt absprechen wollte, indem er ausführte, sie seien aus einer Kreuzung zwischen Hund und Pferd hervorgegangen! „Die Engländer,“ meinte er, „werden von nun an im Schweiße ihres Angesichts Französisch radebrechen lernen müssen; unsere Bücher und Bilder, unsere Musik werden drüben rasenden Absatz finden, unsere Schauspieler werden in London vor vollen Häusern gastieren — zwar wird kein Mensch sie verstehen, doch Jedem wird's Ehrenpunkt sein zu tun, als ob er verstünde. Ich habe neulich Mounet Sully vorgeschlagen, er solle im ersten Akt von „Oedipe Roi“ den Monolog aus dem vierten Akt von „Hernani“ sprechen: ich wette, kein Engländer merkt es!“ Und so ging es weiter, mit dem beständigen Kehrreim: «Si les Anglais sont assez bêtes, tant mieux pour nous»; um so besser für uns, wenn die Engländer so dumm sind. Einige Jahre nachher ging ich wieder zu später Nachtstunde mit demselben Bekannten durch die Straßen von Paris; un-

11 Grundstimmungen in England und in Frankreich

versehens kamen wir an den Platz, wo ein Denkmal für Eduard VII., den Schöpfer der „entente“, geplant war; da bekam der Franzose einen so krampfartigen Lachanfall, daß er sich die Seiten halten mußte: «Sont-ils assez idiots, nos gouvernants! Mais voyons donc, ce n'est pas au roi du baccara, c'est à Liane de Pougy qu'il fallait dresser un monument!» So vernichtend sarkastisch urteilte er über den König, so unverfroren gestand er (mit dem Namen der bekannten Halbweltdame) die Gemeinheit der Lockmittel, die hinter der Verbrüderung von England und Frankreich steckten. Und bei alledem ist das Bemerkenswerte, daß der witzige Franzose, der die dummen Engländer zur Ausführung seiner „Revanche“ gegen Deutschland zu benutzen glaubte, in Wirklichkeit der Gefoppte war: nicht hatte Frankreich England zum Narren, vielmehr war es England, das Frankreich für seine eigenen Interessen opferte.
    Hier tut sich der große Unterschied zwischen Engländern und Franzosen auf: die klugen Franzosen wußten alle, daß es sich um eine politische Komödie handelte; die Engländer dagegen folgten treu gehorsam ihren Führern, ernst und überzeugt. Keinen Menschen hörte ich damals in England über die «entente cordiale» lachen oder sah ich auch nur lächeln; mit gefurchten Brauen saß alles da, ein Lexikon rechts und eine Grammatik links, und versuchte La Reine Pédauque von Anatole France (das war daß vorgeschriebene Buch) zu lesen und — was noch mehr Mühe macht — es humorvoll zu finden (was ebenfalls befohlen war). Die greise Sarah Bernhard riß die betörten Briten durch jugendliche Anmut hin, und wenn Camille Rostand ein Stück schrieb, in dessen gähnende Langeweile selbst die unverschämteste Reklame die Pariser nicht hineinzutreiben vermochte, man brachte es einfach nach London hinüber, und, gehorsam der ausgegebenen Parole, strömte alles hin und klatschte Beifall. Zugleich erfolgte allerorten die Entlassung der Lehrer der deutschen Sprache, selbst an den Kriegsschulen. Dieser Maßregel — vielleicht bisher von seinem Politiker beachtet — müssen wir eine

12
Grundstimmungen in England und in Frankreich


so große Bedeutung zumessen, daß ich ihr einen eigenen Absatz widmen will.
    Im Laufe der Jahre hatte sich nämlich in England ein wachsendes Interesse für die deutsche Sprache verbreitet. Als ich Anfang der neunziger Jahre England nach längerer Unterbrechung besuchte, staunte ich, vielen Männern und noch zahlreicheren Frauen zu begegnen, die das Deutsche recht leidlich verstanden, auch manches gelesen hatten, und zwar in Kreisen, die aller Gelehrsamkeit fernstanden. Ursprünglich von Männern wie Carlyle und Huxley angebahnt, dann von wissenschaftlichen Forschern verschiedener Richtungen gefördert, hatte die Bewegung zuletzt weitere Kreise ergriffen. Gleich nach der «entente» erfolgte der große Schnitt: der Staat ging voran und entließ, wo es nur irgend anging, die Lehrer der deutschen Sprache; auf die großen Schulen — die fast alle unabhängig sind — wurde im gleichen Sinne nachdrücklich eingewirkt; zuletzt folgten die Privaten nach, wie das in England — dem Lande der Einförmigkeit — stets der Fall. Als ich 1908 einem verwandten Offizier sagte: „Wenn ihr Krieg gegen Deutschland führen wollt, dann ist es von euch unpraktisch, daß ihr nicht gerade erst recht Deutsch lernt“, widersprach der Betreffende: „Doch nicht! Die Hauptsache ist, daß sich unsere Offiziere mit unseren Verbündeten, den Franzosen, verständigen können; die deutschen Offiziere sprechen ohnehin alle Französisch.“ Man sieht also: erkennen wir in dieser ganzen von Eduard VII. und seinen Kreaturen ins Werk gesetzten Bewegung einen verhängnisvollen, verbrecherischen Wahn, so war doch, wie bei Hamlet's Wahnsinn, „viel Methode drin“; man darf sagen: im Gegensatz zu den Franzosen, die sich leichtsinnig auf Abenteuer einließen, gingen die Engländer mit schlauester Überlegung an eine Sache, bei der ihnen „blutig ernst“ war; und nichts konnte dem Zwecke, den wir heute erreicht sehen, förderlicher sein als dieses grundsätzlich durchgeführte Zerschneiden des vermittels der Sprache wachsenden Verständnisses für deutsche Art. Diese Bewegung mußte

13
Grundstimmungen in England und in Frankreich


erstickt werden; dann erst konnte der Feldzug der Verleumdung gegen Deutschland, vor dem wir heute schaudernd stehen als vor einem der gemeinsten Verbrechen der Weltgeschichte, mit Erfolg unternommen werden. Hierbei kam die uns Menschen angeborne Trägheit dem Plan zustatten. Zu der Fühlungnahme mit dem heutigen Frankreich genügt nämlich eine geringe Geistesarbeit: man beginnt nicht bei Montaigne und Pascal, geschweige bei Ronsard und Du Bellay, selbst Voltaire und Rousseau werben übersprungen, und der große Balzac bleibt terra incognita, bestenfalls setzt die Litteratur bei Zola's „Nana“ ein, umfaßt möglichst viel Maupassant und reicht bis Anatole France. Wie hoffnungslos muß dagegen das Unternehmen dünken, einen Menschen in das Heiligtum des deutschen Denkens, Fühlens und Lebens einzuführen, der kein Deutsch versteht! Ich habe es an einem der ersten lebenden Staatsmänner Englands erfahren: sein Französisch, noch so unzulänglich, hat doch genügt, ihm mit Menschen und Ideen Fühlung zu vermitteln; von deutschem Empfinden und Denken versteht er weniger als der Mann im Mond, schreibt und redet zwar darüber und urteilt von der Höhe seines eingebildeten kurulischen Stuhles mit ergötzlichem Ernst, aber alles falsch, unergründet, mißverstanden. Das Beste am Deutschtum ruht eben verborgen — in Tiefen und auf Höhen; alles Beste am Franzosentum fällt ins Auge. Hierbei ist nun ein doppeltes „überqueres“ Verhältnis zu beachten, sonst sieht man nicht auf den Grund
    Auf der einen Seite muß man nämlich behaupten: in Frankreich ist es das einzelne Individuum — der erfindungsreiche Forscher, der scharfsinnige Kritiker, der glänzende Redner — das lebhafte Teilnahme weckt, wogegen die Gesamtheit der Nation in einer geradezu bedrückenden Unbildung, Nüchternheit, Beschränktheit dahinlebt; umgekehrt pflegt die deutsche Zelebrität unerträglich zu sein, während unser Interesse durch die hohe Bedeutung der Kollektivleistungen gefesselt wird, womit nicht bloß die allgemeine Bildung und die Organisationsgabe bezeugt wird, sondern das eifrige, ge-

14
Grundstimmungen in England und in Frankreich


wissenhafte und kluge Ineinanderwirken zahlreicher Kräfte, die, einzeln genommen, derartige übermäßige Leistungen nicht hätten erwarten lassen, — dazu dann die ergänzende Erscheinung des regen Geisteslebens in tausend Städten, sowie die ganze Atmosphäre, die die einzelnen umgibt und vereinigt: die Familie, die Poesie, die Musik, die weitverbreitete geistige Kultur. Offenbar muß es weit leichter fallen, in das eine als in das andere Einblick zu erhalten: selbst bei hohen Ansprüchen wird man die Leistungen der tüchtigen Minderzahl Frankreichs halb übersehen; das Geheimnis des verschlungenen deutschen Lebens wird nie ein Fremder ohne hingebende Mühewaltung und ohne die tausend Fühltaster der Liebe ergründen. Hiermit haben wir aber nur die eine Hälfte des wahren Sachverhalts hervorgehoben; bei der Betrachtung eines Lebendigen gibt es zu jeder Erkenntnis eine ergänzende, umkehrende; das ist auch hier der Fall. Wohl ist das Leben in Frankreich als Gesamterscheinung nüchtern und geistesarm, und das eine Paris nur sozusagen eine chronische Fiebererscheinung, der im ganzen großen Lande nirgends etwas entspricht; nimmt man aber aus der öden französischen Gesamtheit den einzelnen Bürger oder Bauern ohne Wahl heraus, man wird sich fast immer vorzüglich mit ihm unterhalten: zwar bewegt sich sein Geist innerhalb enger, unübersteigbarer Grenzen, jedoch behend; seine im Verhältnis zur deutschen beschränkte Sprache deckt genau seine Bedürfnisse, er handhabt sie meisterlich; jeder von uns weiß, wieviel Schwerfälligkeit und Unbeholfenheit eine ähnliche Probe in Deutschland zutage fördert. Und dabei kann man ohne Übertreibung das heutige Frankreich das „genielose“ Land nennen, namentlich ist poetisches Genie dort ein Ding der Unmöglichkeit; wogegen Deutschland die Heimat des Genies ist: hier liegt Genie vielerorten latent, blüht im Verborgenen und schießt hier und da gewaltig empor. Man hat vielleicht bisher nicht genug beachtet — dies nebenbei gesagt —‚ daß ein sogenanntes „Genie“ nur dort möglich ist, wo Genialität in der Luft liegt; ein Genie ist ein großer Geber, aber auch ein gro-

15
Grundstimmungen in England und in Frankreich


ßer Nehmer, erfordert daher selber viele Nehmer und viele Geber. Genialität ohne Talent (in Deutschland weit verbreitet) bleibt sprachlos; Talent ohne eine Spur von Genie (in Frankreich allerorten anzutreffen) bewegt sich frei wie ein Vogel, unbelastet von Idealen. Jeder begreift, inwiefern auch diese zweite Hälfte der Einsicht Frankreich für einen Fremden weit zugänglicher erscheinen läßt als Deutschland. Fast in jedem einzelnen Franzosen kann man die Vorzüge des ganzen Volkes kennen lernen. Als ich das letzte Mal in Boulogne landete, erfuhr ich zu meinem Leidwesen, ich müsse volle dreiviertel Stunden auf den Zug nach Paris warten; in meiner Verzweiflung rede ich den berußten Heizer der Lokomotive an und selten habe ich mich besser unterhalten; ich habe es bedauert, als das «en voiture, s'il-vous-plaît» erscholl. Der Mann wußte nur von Frankreich und von französischen Verhältnissen; wie genau aber kannte er sie! Wie unbeirrbar urteilte er über die regierenden Abenteurer! Er sprach das reinste Französisch, voll Witz, Pointe, Apropos; er wäre vollkommen fähig gewesen, von seiner Lokomotive weg auf die Tribüne im Palais Bourbon zu steigen und glänzend in die Debatte einzugreifen; auch in den Manieren besteht kein Unterschied zwischen dem Heizer und dem Präsidenten der Republik: Höflichkeit, Einfachheit und Sicherheit, Gleichheit zwischen Mensch und Mensch; nichts von dem mittelalterlichen Firlefanz deutscher Rangordnungen und Feierlichkeiten. Dadurch wird Frankreich zum angenehmsten Land der ganzen Welt; darum ist Gesellschaft — sonst eine Last — dort ein Vergnügen. Man versteht, daß der Engländer, der einmal drei Monate Ferien dazu verwendet, in Frankreich unter Franzosen zu leben (eine neuerdings verbreitete Sitte), zurückkehrt mit einer ziemlich ausreichenden Vorstellung dieses Volkes. Des Franzosen Seele hat nicht gerade viel zu zeigen, doch verbirgt sie nichts; der Eindruck ist darum abgerundet und abgeschlossen. Wogegen der Engländer, der — unvorbereitet — drei Monate in Deutschland zubringt (wie das früher vielfach geschah), einen einseitigen, zufälligen und verwor-

16
Grundstimmungen in England und in Frankreich


renen Eindruck mitnehmen wird. Den typischen Deutschen — wenn man von einem solchen überhaupt reden kann — trifft er nicht auf dem Eisenbahnsteig; und, hat er das Glück, bei ihm eingeführt zu werden, dieser Deutsche bringt vielleicht — wie mancher allervortrefflichste, den ich kenne — den ganzen Abend kaum drei Worte über die Lippen. Oder aber er wird so erbarmungslos gründlich, daß dem armen Engländer ein Mühlrad im Kopfe herumgeht. Oder das Gefühl strömt über, und der Engländer entflieht. Kurz, hier herrscht nicht der Typus, sondern die Person, und fast jeder Deutsche von Bedeutung fordert, daß der andere seine Seele nach ihm hinauf- oder hinabstimme; das erschwert den Umgang.
    Man begreift, welche besonders tief einschneidenden Folgen das Verbot, die deutsche Sprache zu lernen, für die Beziehungen zwischen England und Deutschland nach sich ziehen mußte.
    Gebe ich jetzt zur näheren Betrachtung der in England seit Jahren herrschenden Grundstimmung gegen Deutschland über, so muß ich gleich betonen: jenes Verbot der deutschen Sprache hat keine neue Situation geschaffen, es hat nur die schon bestehende und fast unvermeidlich zu einem Verhängnis heranwachsende verschärft, verbittert und lawinenartig an zerstörender Kraft gesteigert. Denn die große mittlere Tatsache, die absolut einfache Tatsache, für die es ebenso leicht ist, eine Million Belege beizubringen wie einen einzigen Beleg, die Tatsache, auf die allein es ankommt und die man sich durch kein diplomatisches Gewäsche je sollte verdunkeln ober abschwächen lassen, ist diese: schon feit Jahren ist die Vernichtung des unter Preußens Führung stehenden Deutschen Reiches der eingestandene oder uneingestandene Wunsch und die immer fester werdende Absicht aller politisierenden Engländer — und jeder gebildete Engländer politisiert von früh bis abend. Die Entwickelung, die Eduard VII. mit Hilfe der von ihm gekauften Presse und einer Reihe klug ersonnener Maßregeln herbeiführte, besteht lediglich darin, daß aus dem mehr oder weniger unbewußten Traum — dem man aller-

17 Grundstimmungen in England und in Frankreich

dings eine andere Richtung hätte geben können — über Nacht die bestimmte Absicht, der Entschluß und Schließlich die Handlung ward. Jetzt fand die alte Rivalität, die von 1814 bis 1870 und bis 1900 bei vielen Gelegenheiten sich verraten hatte, Wort und Gestalt.
    Da ich hier nicht von hoher Politik, sondern von allgemein verbreiteten Stimmungen rede, so erlaube man mir, Belege aus dem alltäglichen Leben zu wählen. Von eigenen Erlebnissen habe ich schon öfters gesprochen; um den Kreis zu erweitern, ziehe ich heute die Erfahrungen anderer heran. Gerade heute früh z. B. erhalte ich einen Brief von einer deutschen Dame, die vor acht Jahren mehrere Monate in einer englischen Familie in England zubrachte. Sie habe sich, erzählt sie, in freundlichster Umgebung dort wohl gefühlt; nur habe der Hausherr — ein sonst zartfühlender und ritterlicher Mann — oftmals beim Frühstück, während er seine Zeitungen durchflog, zwischen den Zähnen gemurmelt: „We must soon make up our minds to crush Germany, es ist an der Zeit, daß wir uns entschließen, Deutschland zu zertreten!“ Immer stellte es sich dann heraus, daß irgendeine neue Leistung Deutschlands gemeldet war: ein bedeutender Zuwachs der Ein- und Ausfuhr oder eine neue chemische Erfindung oder ein neues Passagierdampfschiff, größer als die größten englischen... Die Antwort darauf aus dem Munde eines sonst harmlosen Privatmannes: crush Germany! Drei weitere Briefe von Damen, die innerhalb der letzten zehn Jahre in England weilten, erhielt ich mit fast buchstäblich dem gleichen Inhalt; die eine hatte im äußersten Norden zwei Jahre gelebt, eine andere in London, die dritte an der Südwestküste. — Von besonderem Werte ist der Brief eines Schweizer Gastwirtes, der, wie er sagt, „als Wirt und noch dazu Schweizer keine Politik treiben darf“, der aber Ohren zum Hören hat; ein solcher Mann, dessen Haus europäischen Ruf genießt, ist in der Lage, großen Reichtum an Erfahrung anzusammeln; er sieht und hört Menschen aus allen Ländern und Gesellschaftskreisen; meine „Kriegsaufsätze“ regten ihn an, mir zu bezeugen, daß auch er niemals einem

18 Grundstimmungen in England und in Frankreich

einzigen auf Krieg lüsternen Deutschen begegnet sei, daß er dagegen seit zehn Jahren und mehr alle Engländer und auch alle Engländerinnen Tag für Tag in der Halle seines Gasthauses von der Notwendigkeit und Unabweisbarkeit eines Krieges Englands gegen Deutschland reden hörte, der zur vollkommenen Vernichtung des Deutschen Reiches führen müsse. Er legt mir sogar Briefe seiner Gäste an ihn bei, welche die deutschfeindliche Gesinnung bezeugen. Einzig ein paar Irländer kennt er, die aufrichtige Sympathie für ein politisch starkes Deutschland bekunden, während sie von den Engländern als von einer „Verbrecherbande“ reden. Also auch dieser „neutrale“ Beobachter bezeugt: schon seit Jahren stehen alle Engländer unter der fixen Idee eines Vernichtungskrieges gegen Deutschland. — Besonderen Wert besitzen die Mitteilungen eines hochbejahrten deutschen Freundes und Gönners, eines allverehrten Kunstmäzens. Während der letzten vierzig Jahre hat er, wie wenige, die Gelegenheit besessen, andauernd herzlichen Verkehr mit vornehmen englischen Familien zu pflegen: sein Zeugnis deckt sich genau mit dem der vier Damen und des Gastwirtes sowie mit dem meinigen. Einer der höchsten Offiziere der englischen Armee, Träger eines alten gräflichen Namens, seinem deutschen Freunde übrigens wärmstens zugetan, sagte diesem vor etlichen Jahren: „Mein Bester, es geht einmal nicht anders, we must cripple Germany, before she gets too strong for us, wir müssen unbedingt Deutschland zum Krüppel machen, ehe es uns an Stärke überholt hat.“ Ein anderer Adliger drückte sich vor drei Jahren noch drastischer aus: „We must throttle Germany, es ist unsere Pflicht, Deutschland zu erdrosseln.“ — Diese kleine Auswahl aus verschiedenen Lebensstellungen mag für heute genügen, jene große, grundlegende Tatsache vor Augen zu führen, von der man in allen Blau- und Weiß- und Gelbbüchern der Welt kein Sterbenswörtchen erfahren wird: es handelt sich um eine allgemeine Seelenstimmung der Engländer; diese Stimmung erweist sich uns als zugleich verblüffend einfach und haarsträubend zynisch; andrerseits darf man

19
Grundstimmungen in England und in Frankreich


nicht ihre unermeßliche Naivität übersehen, denn das ist der rettende Zug daran. Nur so läßt es sich erklären, daß England fast auf alle Deutschen, die es kennen lernten, eine große Anziehung ausübte. Auf meinen Aufsatz „England“ habe ich Dutzende von Briefen erhalten: Reeder, Großkaufleute, Kleinkaufleute, Gelehrte, Künstler, Vergnügungsreisende... alle sagen dasselbe, sie seien „so gern in England gewesen“, sie hätten sich dort „innig wohl gefühlt“. Ein deutscher Offizier, der erst am Vorabend des Krieges von dort zurückberufen wurde, schreibt mir aus dem Schützengraben: „Ich habe mich in England gar nicht als Fremder gefühlt, so gastlich bin ich drüben aufgenommen worden.“ Es handelt sich, wie man sieht, nicht um Haß, durchaus nicht, sondern um die Hypnose einer Notwendigkeit. Jener gräfliche Offizier liebt seinen deutschen Freund, bewundert Deutschland, verehrt den Kaiser; er sagt sich aber, wenn England nicht Deutschland kleinschlägt, schlägt Deutschland England klein. Daß Deutschland an Krieg nicht dachte, am allerwenigsten an Krieg gegen England, mit dem als dem ihm nächst verwandten Volke es sich berufen glaubte, edelste germanische Kultur über die Welt zu verbreiten, das ist nie irgend Jemandem gelungen einem Engländer beizubringen. Denn die politische Theorie Englands lautet seit zwei Jahrhunderten: wir Inselvolk haben nur so lange Macht, als wir Allmacht besitzen. Natürlich ist „Allmacht“ nur ein Ideal, ein zu Erstrebendes, doch es wird unablässig erstrebt; es findet in der tatsächlichen Beherrschung aller Meere ein bedeutendes Pfand; und was noch fehlen mag, wird durch kluge Verbindungen und systematisch herbeigeführte Schwächung anderer, auch durch wirksame Vortäuschung und Renommiererei möglichst wettgemacht; die Hauptsache ist, daß jedem Engländer von Kindesbeinen an beigebracht wird, sein Vaterland sei von Gottes Gnaden zur Weltherrschaft berufen, und daher sei auch jedes von England an anderen Ländern verübte Unrecht — jeder Verrat, jeder Raub, jeder Vertragsbruch — in Wirklichkeit die Ausübung eines Rechtes. Es läßt sich auch viel da-

20
Grundstimmungen in England und in Frankreich


für anführen, daß ein Volk, das keinen Landbau mehr hat und dessen Industrie bedenklich gegen andere zurückzubleiben beginnt, daß ein Volk, das also immer mehr aus Handel und Finanz allein sich zu bereichern angewiesen ist, diesen Handel und diese Finanz monopolisieren muß, um überhaupt noch leben zu können. Sieht dieses Volk einen Nachbar, dessen Landbau blüht, dessen Industrie die seinige an Leistungsfähigkeit schnell überflügelt, dessen Schiffahrt ihn unabhängig macht, und dessen Finanzkraft, wissenschaftlich verwaltet, von Jahr zu Jahr zunimmt, zum erfolgreichen Mitbewerber heranwachsen, so kann ihm schon bange werden. Freilich, es gäbe einen Ausweg: es dem Rivalen an Bildung, an Fleiß, an Unternehmungssinn gleichtun; wahrscheinlich sagt aber ein unbeirrbarer Instinkt dem Engländer, daß er dessen nicht fähig ist. Was bleibt ihm dann? Die rohe Gewalt: zertreten, vernichten, verkrüppeln, erdrosseln. Und weiß er sich allein hierzu nicht stark genug, nun, so ruft er die Völker zusammen, mit denen er durch Handel und Finanz verbunden ist, oder denen er als Tyrann gebietet: die Russen, die Franzosen, die Serben, die Portugiesen, die Kanadier und Afrikaner und Australier, die Neger, die Araber, die Hindus, die Japaner; und hetzt sie alle auf den gefürchteten Deutschen.
    Ist eine solche Grundstimmung und die aus ihr mit mathematischer Notwendigkeit erwachsende Folge nicht ungleich interessanter als ein Blaubuch?
    Bis jetzt scheint der Deutsche unfähig, sich vorzustellen, welche naive, leidenschaftslose Ruhe den Engländer bei diesem Gedankengang beseelt. Von Haß gegen Deutschland — ich wiederhole es — war vor dem Kriege keine Rede, oder höchstens in den sehr ungebildeten Kreisen, die sich ihre Weisheit aus dem Skandalblättchen „Daily Mail“ holen. Der Engländer erblickt ein einfaches Problem: du oder ich; und wie im bürgerlichen Leben so auch hier zieht er den Rock aus und ruft: Come on, let's fight for it! komm' nur her, der Kampf soll entscheiden! Das ist die zugrunde liegende Stim-

21
Grundstimmungen in England und in Frankreich


mung, die Stimmung des ehrlichen Volkes von oben bis unten — nur zeitweilig verdunkelt durch die Preßkanaille. Die Gedanken des deutschen Kriegers, der für Herd und Heim und Eigenart kämpft, sind dem gemieteten Söldner fremd, ebenso aber auch dem hinter ihm stehenden Volke: für sie alle handelt es sich um eine reine Machtfrage; der Unterlegene wird sich unterwerfen müssen. Ich erlebte es einmal, daß in einen sehr großen Hühnerhof, wo vier befiederte Paschas der Bewältigung eines so zahlreichen Serails nicht mehr vollauf gewachsen waren, zwei kräftige junge Hähne neu eingeführt wurden; den ganzen Tag über wurde gekämpft, am Abend liefen alle sechs Hähne von Kopf bis Fuß blutüberströmt herum; am folgenden Morgen aber sah ich sie friedlich nebeneinander picken, und der Verwalter versicherte mir, der Kampf sei für immer beendet: der stärkste Hahn habe sich die Hennen ausgewählt, die ihm gefielen, dann der zweitstärkste desgleichen, und so weiter; dem sechsten fiel das Los zu, sich mit den Resten ein gemütliches Leben einzurichten, wozu er sich in philosophischer Fassung anschickte. Genau nach diesem Muster hat sich der Engländer den Kampf mit Deutschland gedacht: We must crush Germany enthält als Korollar: Or we must let Germany crush us. Dr. Karl Peters wurde dieser Tage befragt, ob die Engländer, wenn sie von den Deutschen besiegt würden, „die Niederlage lange nachtragen würden?“ Er antwortete: „Im Gegenteil! Im englischen Sportleben gilt das Gesetz, daß mit dem Shakehands die Gehässigkeit der untereinander ringenden Parteien zu Ende ist.“ Darum ist der Engländer ebenso erstaunt über die Empörung der Deutschen gegen ihn, die sich jetzt kundtut, wie der Deutsche erstaunt war über die Kriegserklärung der Engländer: das gegenseitige Sichmißverstehen ist vollkommen.
    So hoch man auch in mancher Beziehung die Kultur Englands einzuschätzen geneigt sein mag, und ohne Frage erreicht sie nach gewissen Richtungen hin eine Höhe, die noch kein anderes Volk zu erklimmen vermocht hat, hier — in der Politik — ist Denken und

22
Grundstimmungen in England und in Frankreich


Fühlen der Engländer fast so primitiv wie das eines Kongonegers: die rohe Macht der Faust entscheidet, welcher von zwei Nachbarn dem andern als Sklave dienen soll. Der „Reichsbote“ veröffentlichte neulich den Brief eines angesehenen britischen Missionars an seine deutschen Freunde, in welchem er diese seiner christlichen Bruderliebe versichert, den Vernichtungskrieg gegen das Deutsche Reich aber als so unumgänglich hinstellt, daß selbst die Quakers — so erzählt er — die sonst grundsätzlich keine Feuerwaffe in die Hand nehmen, sich jetzt freiwillig zur Armee melden. Was mich wieder veranlaßt, aus meiner Sammlung von Briefen auf die „Kriegsaufsätze“ denjenigen eines begabtesten deutschen Künstlers herauszusuchen, der England und dessen Kolonien gut kennt, der sie liebt und dem Erfahrungen aus allen fünf Weltteilen Stoff zum vergleichenden Urteil bieten; er schreibt: „Man trifft in England — auch in gebildetsten Kreisen — viele Menschen, die ein Gemisch von Scharfsinn, Dummheit und Naivität verraten, desgleichen ich in keinem Lande der Welt gefunden habe; mir gelang es nie, festzustellen, wo die eine dieser Eigenschaften aufhörte und wo die andere anfing.“ Das ist ja die auszeichnende Eigenschaft der primitiven, wilden Völker: zugleich klug, dumm und naiv zu sein. Alle drei Ingredienzien sind nun an jener Grundstimmung der Engländer in Bezug auf Deutschland beteiligt: wer sie richtig beurteilen will, muß in ihr meisterlichen Verstand, gottverlassene Beschränktheit und uferlose Naivetät gewahren.
    Allerdings, auf diese naive Grundstimmung pfropft sich das Truggebäude der heuchlerischen Lügenpolitik und die von ihr inszenierte niederträchtige Preßhetze; diese könnten aber kaum ihre heutige Entfaltung und Herrschaft erreicht haben, wenn sie nicht den breiten Boden bereitet vorgefunden hätten, und ihn bereitete die allgemeine Grundstimmung, von der allein ich heute rede. Analog verhält sich's in Frankreich: auch dort benutzt und bearbeitet eine skrupellose Regierung die seit Geschlechtern vorhandene Grundstim-

23
Grundstimmungen in England und in Frankreich


mung, nur ist diese in Frankreich weit verwickelter als in England und nichts weniger als naiv.
    Nach einem richtigen Instinkt handelt der Deutsche, wenn er die „Revanche“, den „Revanchegedanken“ sagt; kein deutsches Wort gibt den Gedanken- und Gefühlsinhalt des französischen Begriffs „Revanche“ genau wieder. Revanche ist nicht Rache. Hinter jeder, auch abgeleiteten Bedeutung von Rache (sagt Grimm) birgt sich die Vorstellung des Verfolgens, des Verjagens; die göttlich gerechte Vergeltung für begangene Untat liegt als Vorstellung zugrunde. Gegen die elementare Gewalt dieser mächtigen Seelenstimmung, die für uns Germanen in „Kriemhildens Rache“ ewigen Ausdruck gefunden hat, erscheint die «revanche» als ein blasser, blutloser, künstlich gezüchteter, jurisprudentischer Gedanke. Das Wort geht auf lateinische Rechtsbegriffe zurück; »vindicare« heißt eigentlich „einen Wunsch aussprechen“, dann „einen Anspruch erheben“; und sowohl in «revanche» wie in «revendiquer» findet man noch heute bei allen Anwendungen ein juristisch bedingtes Geben und Nehmen, ein rechtlich zu begründendes Verlangen. Ich frage den Gastwirt: „Kann ich meine Lieblingsspeise bekommen?“ Er antwortet: „Ich bedaure, mais en revanche je puis vous offrir...“, aber als Entgelt, als Entschädigung für das, was Ihrem berechtigten Anspruch abgeht, biete ich Ihnen an... Hier bewegen wir uns doch tausend Meilen entfernt von jeder Vorstellung der Rache! Auch von Haß weiß «la revanche» wenig oder nichts; dazu ist sie viel zu anämisch. So versteht man, daß die gebräuchlichste Anwendung des Wortes sich auf das Spielen bezieht: ich gewinne eine Schachpartie, der Gegner fordert von mir als sein Recht «de lui donner la revanche», ihm die Gelegenheit zu geben, nun seinerseits mich zu besiegen. Hier entdeckt man die genaue Bedeutung des Wortes: zugrunde liegt die eitle Vorstellung, der Sieg des Gegners sei Zufall, bei nochmaliger Kraftprobe werde er unterliegen. In der Phantasie hat der Franzose unbedingt von vornherein, und ehe noch der erste Zug geschehen

24
Grundstimmungen in England und in Frankreich


ist, gesiegt; trifft das nun nicht ein, so liegt entweder Falschspiel des Gegners oder momentanes Versehen oder Tücke des Schicksals vor; er ist nicht wirklich besiegt, es tauscht der Schein, die «revanche» wird schon den Gegner eines Besseren belehren. Niemals — weder im Spiel noch in der Wirklichkeit — wird der Franzose loyal zugeben: ich bin der Unterlegene. Auf die Stirnseite seines Schlosses in Versailles ließ der Franzosenkönig in Riesenbuchstaben einmeißeln: «A toutes les gloires de la France» ; wogegen der Deutsche ausrief: „Die Tat ist alles, nichts der Ruhm!“ Zur Tat gehört (gegebenenfalls) die Rache, zur Gloire gehört die Revanche: es sind zwei getrennte Welten.
    Zur Vergegenwärtigung der Art, wie die Franzosen so etwas machen, wie sie die Hirne der Kinder von klein auf auf Gloire und Revanche modeln, will ich dem Leser eine Erinnerung aus meiner eigenen Kindheit erzählen. Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war ich Schüler im Lycée (Gymnasium) von Versailles. Am letzten Vormittag vor den großen Sommerferien gab es keinen Unterricht, sondern der Klassenlehrer hielt einen großen Vortrag, und zwar jedes Jahr und in allen Klassen war es derselbe Vortrag: die Schlacht bei Waterloo! Diese Schlacht — dies war die These — sei eine der größten Ruhmestaten der französischen Waffen und eigentlich einem Siege gleich zu achten. Mir klingt noch in den Ohren die endlose Liste der Völker, die dort gegen den großen Kaiser verbunden standen: «Les Anglais, les Ecossais, les Gallois, les Irlandais, les Prussiens, les Hannovriens, les Brunsvickois, les Hesses, les Saxons, les Néerlandais...»; minutenlang ging das so weiter; wir Buben glaubten, alle Völker der Erde aufmarschieren zu sehen; es folgte die oratorische Frage: «Et vis-à-vis de ces multitude?» Kunstpause; dann kurz, energisch: «Les Français!» Ein Mann gegen tausend: so standen sie vor unseren Augen. Mußten sie auch unterliegen, das war keine Niederlage; wie man früher von den Spartanern In den Thermopylen redete, so werden künftige Jahr-

25 Grundstimmungen in England und in Frankreich

hunderte von den Franzosen bei Waterloo sprechen. Wer es nicht erlebt hat, wird sich kaum vorstellen, auf welchen Siedepunkt der Begeisterung französische Beredsamkeit die Gemüter hinaufzuschrauben vermag. Nun wurde aber diese ewig rühmenswerte Waffentat von den Gegnern doch als Niederlage Frankreichs gedeutet und bewertet, und so folgte unmittelbar auf die Belehrung über «la gloire» die ergänzende über «la revanche». Dazumal sprach man von «la revanche pour Waterloo», und zwar sollte diese nicht übel ausfallen. Eine riesige Wandkarte wurde aufgerollt, und an ihr demonstrierte der Lehrer, der Rhein bilde die natürliche Grenze Frankreichs von Basel bis zur Mündung; so hätten's die römischen Kaiser gehalten, und so habe es der große Napoleon wieder hergestellt; Frankreich dürfe nie nachlassen, bis es sich diese Grenze wieder erobert habe. Dieser Revanchegedanke sei das heilige Vermächtnis an die heranwachsende Generation. — So weit unser Schulvortrag. Man glaube aber nicht etwa, diese Forderung der «frontière du Rhin» sei nur in den Schulen, etwa auf Befehl von oben, gelehrt worden; vielmehr hörte ich immer und überall davon reden; kein Franzose lebte, der nicht die Revanche für Waterloo und die Rheingrenze beständig im Munde geführt hätte. Ende der sechziger Jahre traf ich häufig mit einem französischen Genieoffizier zusammen, der die Ecole Polytechnique absolviert hatte, also eine vorzügliche Bildung besaß, außerdem als Erfinder auf dem Gebiete der Feuerwaffen bedeutenden Ruf genoß; dieser hervorragende Mann war von der Idee der Rheingrenze derartig besessen, daß er tagtäglich, wovon auch die Rede sein mochte, es immer wieder verstand, auf sein Lieblingsthema überzulenken. Der Rhein, sagte er, sei die natürliche, die eigentliche, die notwendige Grenze Frankreichs. Von Haß gegen die Deutschen, ja selbst von Abneigung war bei ihm gar keine Rede; aber da sie nicht freiwillig diese Grenze herausgäben, so bliebe nichts übrig, als sie ihnen im Kriege zu entreißen. So war denn auch dieses gelehrte und sonst human empfindende Hirn von drei fixen Ideen wie

26
Grundstimmungen in England und in Frankreich


hypnotisiert: la gloire de la France, la revanche pour Waterloo, la frontière naturelle du Rhin. Und wie er, so dachte die ganze Armee. Ich hatte die üble Gewohnheit, meine freien Stunden in den Kasernen zuzubringen — altes Soldatenblut; meine Privatfreundschaften reichten allerdings in den meisten Fällen nur bis zum Feldwebel, mit diesen trieb ich mich in den Pferdeställen herum oder saß mit ihnen in der Kantine und lernte sie so gut kennen: Krieg mit Deutschland, Revanche, Eroberung der Rheingrenze bildeten das beständige Gespräch; und warf hin und wieder ein vorsichtiger Mann ein, das deutsche Heer übertreffe das französische bedeutend an Zahl, so hörte ich immer wieder behaupten: ein Franzose genüge für vier Deutsche; dieses Verhältnis stand ganz fest und gehörte zum militärischen Credo.
    Man sieht, wie eigenartig die französische Grundstimmung beschaffen ist. Während die englische ganz nach außen gerichtet ist — auf die Zerstörung des Nebenbuhlers —‚ sieht die französische nur sich selbst, die eigene «gloire», die eigene „natürliche Grenze“; der eine ist antideutsch aus Neid und Berechnung, der andere aus gekränkter Eitelkeit. Der Franzose haßt den Deutschen nicht; meistens hat er ihn gern und staunt ihn an wie ein seltenes Tier im zoologischen Garten — so unbegreiflich gebildet, so mit Idealen belastet. Jeder deutsche Jüngling, der in Paris studiert hat, wird hundert hübsche Züge zu erzählen wissen. Wenn der Franzose überhaupt reist — was selten vorkommt —‚ dann ist Deutschland sein liebstes Ziel; ich kenne Pariser, die mit fast jedem Dorf in Bayern Vertraut sind; sie suchen sich die abgelegensten Orte aus, um sich von dem Wirrwarr zu erholen, und rufen bewundernd aus: «Quel bon pays! quelles bonnes gens!» Die Franzosen sind nicht, wie die Engländer, unerbittliche Politiker, und ihre Auffassung von Handel und Gewerbe ist der englischen entgegengesetzt: Fleiß statt Kühnheit, Sparsamkeit statt Spekulation, sichere Beschränktheit statt Beherrschung des Weltmarktes. Aus der französischen Presse lernt man den echten Franzosen nicht

27
Grundstimmungen in England und in Frankreich


kennen: Zeitungen wie der „Matin“ stehen ebenso wie die „Nowoje Wremja“ unter der Botmäßigkeit der „Times“, es ist alles ein großes Finanzunternehmen; neun Zehntel der Pariser Journalisten stammen aus Frankfurt am Main oder aus Polen; die berühmte alte französische Journalistenschule ist so gut wie entschwunden; Leute wie Sainte-Beuve, Jules Janin, Scherer, Prévost-Paradol usw. könnten heute nicht mehr durchbringen; die wenigen echten, die noch ihr Dasein fristen—wie Clémenceau, Drumont, Barrès — vermögen es nur als politische Hitzköpfe und halbe Narren. Man urteile darum nie über die Franzosen nach ihren Zeitungen. Was diese Zeitungen aber bearbeiten, das ist jene geschilderte Grundstimmung; wie Sir Edward Grey mit seinen Engländern — dank der ihrigen — macht, was er will, so Delcassé und Poincaré mit den betörten Franzosen.
    Oft bedauere ich es, daß bedeutende Ereignisse die Erinnerung an das unmittelbar Vorangegangene gewöhnlich auslöschen; dadurch wird Geschichte schon im Augenblick ihres Entstehens gefälscht. Überall und immer hört man heute — bei Feind und bei Freund — von dem Kriege des Jahres 1870 wie von einem Anfang reden: die Deutschen haben sich Elsaß und Deutsch-Lothringen erobert, und das soll der Anfang einer Spannung gewesen sein, die schließlich in den heutigen Krieg mündete. So liegen aber in Wirklichkeit die Dinge nicht. Vielmehr hatten die Franzosen vor 1870 einen Revanchekrieg gegen Deutschland und die Einverleibung aller deutschen Lande westlich des Rheins fest beschlossen. Es ist nicht wahr, daß Napoleon III. die Feindschaft aus dynastischen Gründen aufgestachelt habe, vielmehr hat er — ich glaube, gegen seine bessere Einsicht — sich in der Not die allgemein vorhandene und drängende Stimmung zunutze gemacht; mehr nicht. Und nun frage man sich, was das heißt, wenn heute von so vielen Seiten Deutschland als der Störenfried hingestellt wird, weil es die gut deutschen Lande Elsaß und Lothringen, ihm vor nicht gar langer Zeit gewaltsam entrissen, sich wieder an-

28
Grundstimmungen in England und in Frankreich


eignete, während die Franzosen eingestandenermaßen die Absicht hatten, nicht allein Elsaß und Lothringen zu behalten, sondern sich die ganze Rheinpfalz und zwei Drittel der Rheinprovinz einzuverleiben? Wie hätte es da mit dem „Nationalitätsprinzip“ und mit dem so viel berufenen „freien Selbstbestimmungsrecht der Einwohner“ ausgesehen? Hat man schon gemerkt, daß Speyer, Worms, Mainz, Trier, Koblenz, Bonn, Köln, Krefeld usw. französische Städte sind? Sie alle, nebst einem hübschen Stück Holland und ganz Belgien wollte Frankreich seiner „natürlichen Grenze“ zulieb, auf einen Happen hinunterschlucken; ich habe auch nie anders in meiner Kindheit gehört, als daß Belgien nur zeitweilig von Frankreich getrennt sei und ihm demnächst wieder zufallen werde. Das alles wäre — wenn Frankreich 1870 den Sieg davongetragen hätte — ohne irgendein Bedenken, ohne irgendeine Frage, ja, ohne auch nur mit den Augenwimpern zu zucken, geschehen, und alle Welt hätte es in Ordnung gefunden, alle die weisen Moralisatoren und Menschenrechtler an der Themse, an der Seine, an der Tiber, am Genfer See usw. Schwätzer sind sie alle, ignorante und lügenvolle Schwätzer, Erfinder von phrasenreichen Unwahrheiten, systematische Irreführer der öffentlichen Meinung, Geschichtsfälscher. Bei diesem ganzen Getue, das leider bis ins Herz von Deutschland hinein seine Wirkung ausgeübt hat — bei diesem ganzen Getue ist nur Neid und Haß und Tücke am Werke: weil der Deutsche sich stark erwies, darum soll seine Kraft zernagt werden, weil des Deutschen Sache eine gerechte war, darum soll seine Ehre beschmutzt werden, weil der Deutsche aufrichtig und maßvoll handelte, darum soll er als listiger Räuber und Zertreter der Menschenrechte dargestellt werben.
    Man sieht, wie wertvoll das genauere Studium der allgemein verbreiteten Grundstimmungen der verschiedenen Völker ist: ihre Kenntnis beleuchtet die Vergangenheit und die Gegenwart, sie beleuchtet aber auch die Zukunft: Staatsmänner, Regierungen, sogar Regierungsformen wechseln, die Grundstimmungen dagegen sind durch

29
Grundstimmungen in England und in Frankreich


den Charakter und die Denkgewohnheiten des betreffenden Volkes veranlaßt, und wenn sie sich überhaupt ändern, so geschieht das nur unter dem anhaltenden Drucke großer Wandlungen, äußerst langsam. Darum wird der weise Staatsmann — derjenige, der weiter blickt als bis auf die Nase der anderen Exzellenz — sie bei allen Entschlüssen in Rechnung setzen. Auch für uns alle ist es wichtig, hier anstatt Worte Erkenntnis zu besitzen: wir werden nicht mehr erstaunt sein, wenn Franzosen und Engländer nach der Logik ihres Wesens handeln; wir werden zugleich billiger urteilen und schärfer handeln. Zu diesen zwei Richtungen des Gemütes anzuregen, war die Absicht und die Hoffnung dieses Aufsatzes.

    B a y r e u t h,   21. Dezember 1914.
 
 
 
 
30

Wer hat den Krieg verschuldet?
Murió la verdad!
Es starb die Wahrheit!
(Gemälde von Goya)

Ein mir nahe verwandter Mann, ein Engländer, schrieb mir auf meinen Aufsatz „Deutsche Friedensliebe“ und fragte mich, wie ich es mir herausnehmen könne, so bestimmt über die Entstehung des Krieges zu urteilen? Die Dinge lägen so ungemein verwickelt, undurchsichtig, zum großen Teil noch unbekannt, daß vielleicht in ganz Europa kein Mensch lebe, der fähig sei, den Knäuel aufzudröseln und die Wahrheit den Blicken freizulegen. Dieser Vorwurf hat mir in einem gewissen Sinne Freude gemacht; denn ich entnahm daraus, daß es doch Engländer gibt, die den Worten Asquith's und Grey's, Ssasonow's und Viviani's nicht unbedingt Glauben schenken, noch dem elenden Machmerk der Oxforder Historiker, das nur geeignet ist, Mißtrauen gegen alle englische Wissenschaft einzuflößen; sie sagen sich: jetzt, wo alle Leidenschaften entfesselt sind, jetzt, wo es gilt den Opfermut der Völker anzuschüren, jetzt wird uns Keiner reine Wahrheit einschenken, Jeder — auch bei uns — verhüllt gewiß vieles und erfindet manches; wir wollen also warten, wollen mit dem Urteil zurückhalten; später, nach dem Kriege, wird die Geschichte allmählich dahinterkommen und unerbittlich die Verantwortlichkeiten feststellen. Ein philosophischer, nornenmäßiger Standpunkt! Nur möglich aber, wo eine Söldnerarmee für Geld überall kämpft, wohin sie geschickt wird, oder wo (wie in Rußland) ein Tyrann befiehlt und arme Völker gehorchen, die nicht wissen, warum und gegen wen sie die Waffen führen, unmöglich dagegen dort, wo Krieg nicht geführt werden kann, ohne ein Volksheer zusammenzurufen. Keine Großmacht der Welt besitzt so viele Kautelen gegen frevelhafte oder leichtsinnige Kriegspolitik wie Deutschland. Es ist schon oft dargelegt worden, daß Kaiser und Bundesrat zwar nach dem Wortlaut der Verfassung das Recht besitzen, Krieg

31
Wer hat den Krieg verschuldet?


zu erklären, dieses Recht aber ohne die einmütige, begeisterte Zustimmung des ganzen Volkes nie auszuüben vermöchten.¹) Es erhebt sich da eine Schranke hinter der anderen, so daß man wohl sagen kann: wenn Deutschland vierundvierzig Jahre lang den Frieden bewahrt hat, bewahrt trotz der unaufhörlichen Provokationen Frankreichs, trotz der Beleidigungen Englands und trotz der Bedrohungen Rußlands, so muß das Verdienst an dieser segensreichen Langmut nicht allein dem erklärten und bewährten Friedenswillen der beiden Wilhelm und ihres Volkes zugeschrieben werden, sondern auch der ungeheueren Schwierigkeit, das Deutsche Reich, wie es mit seiner jetzigen Verfassung dasteht, in den Krieg zu reißen. Nicht allein ist ein leichtfertiger Krieg unmöglich, auch ein vielleicht berechtigter, kluger — wie zu einem solchen die Jahre 1905, 1908 und 1911 Veranlassung genug geboten hätten — kann von Deutschland nicht unternommen werden, wenn nicht das ganze Volk in allen seinen Schichten von der unabwendbaren Notwendigkeit des Krieges durchdrungen ist. Selten — vielleicht nie — bringen die Ausländer den Einfluß der deutschen Bundesfürsten in Rechnung; wir wissen, wie hoch er zu veranschlagen ist: ein vereinzelter Monarch kann leichtfertig veranlagt, nicht aber kann es ein Aeropag von Fürsten sein; diese Herren wissen auch alles, was im Verborgenen geschieht, ihre Gesandten in Berlin erhalten sie und ihre Regierungen auf dem Laufenden; wie sollte der König von Preußen als Bundespräsident einen Krieg erklären und durchhalten können, wenn die Könige von Bayern, Württemberg, Sachsen, die Großherzoge von Baden, Hessen, Oldenburg, Sachsen-Weimar usw. die Überzeugung besäßen, er sei ungerechtfertigt, abwendbar, verhängnisvoll? Auf dem Papier mag es gehen, in der Praxis ginge es nicht. Dann kommt aber der Reichstag, und was für einer! Die ganze Welt kennt kein so störri-
—————
    ¹) Man vergl. Bismarck's Rede im Reichstag am 6. Februar 1888: „Es muß ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen, alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation einverstanden ist.“

32
Wer hat den Krieg verschuldet?


sches Parlament, in welchem jede Regierung nicht, wie überall sonst, eine Oppositionspartei, sondern lauter Oppositionsparteien vor sich findet und nur mühsam von Kompromiß zu Kompromiß vorwärts kommen kann; und dieser Reichstag muß die Kriegsgelder bewilligen, dieser Reichstag, durch den man mit Mühe und Not das Friedensbudget des Kriegsministeriums durchdrückt und dessen Knauserigkeit in diesen Wochen schon Tausenden von braven Männern das Leben gekostet hat infolge der hartnäckigen Verweigerung der geforderten Gebirgsbatterien! In England folgt das ganze Parlament — Regierungspartei und Opposition — in allen auswärtigen Angelegenheiten blinden Auges dem allmächtigen Staatssekretär; einzelne Freischärler stellen zwar hin und wieder Fragen, doch werden diese ausweichend beantwortet oder gar nicht; Englands auswärtige Politik wird von einer Handvoll Männer ohne jede Einmischung geleitet und ist darum so unerbittlich folgerichtig; die berühmten Blaubücher werden ad usum delphini zusammengestellt und wo es nottut (wie wir jetzt wieder gesehen haben) fabriziert; sie werden namentlich von unverheirateten “Misses“ eifrig studiert; in Wirklichkeit kennt kein Mensch, außer den wenigen zu ewigem Schweigen verbundenen Eingeweihten, das Vergangene, Gegenwärtige und Künftige des großbritannischen Auswärtigen Amtes; ich kritisiere nicht, ich konstatiere eine Tatsache; und findet Jemand diesen blinden Gehorsam eines ganzen Volkes gegen den despotischen Willen einer im Verborgenen waltenden Handvoll Männer großartig und kraftspendend, ich widerspreche ihm nicht, mache aber aufmerksam, daß auf diesem Wege ein ganzes Volk mitschuldig werden kann — und in der Tat geworden ist und heute mehr denn je — an Unheil und Verbrechen. In Rußland herrscht nur Einer — mag er stark oder schwach sein — und alles Blut fällt auf sein Haupt; in England erkämpft sich ein Volk politische Freiheit und schenkt dann die Gewalt, nicht etwa nach dem weisen Muster Roms einem für bestimmte Zeit ernannten verantwortlichen Diktator, sondern einem

33
Wer hat den Krieg verschuldet?


scheinbar konstitutionellen, in Wahrheit absoluten Ministerium. Hier steckt die Quelle aller Heuchelei und Lüge der englischen Politik seit zweieinhalb Jahrhunderten: denn was Burke laut sagte (siehe Kriegsaufsätze erste Reihe S. 65), das wissen mehr oder weniger genau alle; sie wissen, daß ununterbrochen Intrigue, Verrat, Lüge, Mord geübt wird, sie wußten, daß England am Sklavenhandel reich wurde, sie wissen, daß heute Hunderttausende von Menschen — ganze Völker — am Opium seelisch und physisch elendiglich zugrunde gehen — am Opium, das ihnen von der englischen Regierung   a u f g e z w u n g e n   wird, wenn nötig durch Krieg — aber alles schweigt, Niemand weiß nichts, Fragen, welche die allgemeine Politik des Reiches betreffen, dürfen nicht erörtert werden; im Parlament wird erbittert über Arbeiterversicherungen und Wirtshauskonzessionen und Irlands Verwaltung und Budgeteinzelheiten gekämpft; alle großen Lebensfragen des Weltimperiums bleiben aus dem Spiel; Krieg erklärt die Regierung heute oder morgen, fragt keinen Menschen, kennt den ererbten Gehorsam und sorgt höchstens für irgend eine Parole, die dann einstimmig — wie jetzt die niederträchtige Lüge über Belgiens Neutralität — aufgenommen wird zur ein für allemaligen Zudeckung aller heimlich begangenen Sünden. Da hat's denn der philosophisch Veranlagte leicht zu sagen: ich warte zwanzig Jahre und werde dann erfahren, ob Sir Edward Grey ein tückischer Lügner war und Bethmann Hollweg ein ehrlicher Mann, oder ob sich's umgekehrt verhielt; in Deutschland geht das nicht: hier will und muß Jeder von allem Anfang an wissen, woran er ist; denn hier greift ein Krieg jeder Familie des ganzen Landes ins Herz; in ganz Deutschland gibt es nicht einen Mann, nicht eine Frau, die nicht unmittelbar betroffen wären; schon hat manche Mutter alle Söhne verloren; gestern traf ich einen Verwundeten, der neun Brüder im Felde stehen hat! Solche Dinge sind dem Engländer unbekannt. Heute früh wird mir ein Brief aus der Grafschaft Suffolk mitgeteilt: nachdem der Schreiber seine Galle über

34
Wer hat den Krieg verschuldet?


die böse deutsche Regierung ausgegossen hat, die diesen Krieg „leichtfertig vom Zaune gebrochen habe, trotz der Bemühungen Englands, den Frieden zu erhalten“, fährt er fort: „Gottlob, wir merken bei uns auf dem Lande eigentlich gar nichts vom Kriege, und nur die Verlustlisten in den Zeitungen stimmen traurig.“ Weder Herr noch Bauer, weder Kaufmann noch Arzt, noch Anwalt, noch Beamter denkt daran, sich am Kriege zu beteiligen, oder seine Söhne dafür hinzugeben; die berühmten Armeen Kitchener's bestehen ausschließlich aus Arbeitslosen und Lungerern, die für schweres Geld ihr Leben auf beschränkte Zeit der Gefahr aussetzen; keinem „anständigen Menschen“ fällt es im Traume ein, sich werben zu lassen. Welche Himmelsferne trennt hier zwei der Rasse nach so vielfach verwandte Völker! Die Geschichte ist es, die sie auseinander geführt hat, bis sie sich nicht mehr verstehen können. Das eine weiß seit Jahrhunderten nicht mehr, was es heißt, sein Vaterland verteidigen, das andere lebt seit jeher von Feinden rings umgeben; für das eine ist darum Krieg immer Willkür, für das andere immer Not; schließlich wurde dem einen der Krieg ein Rechenexempel und man lobt ober tadelt ihn, je nachdem die Bilanz in Pfund Sterling auf die Seite Haben oder auf die Seite Soll zu stehen kommt, dem anderen ist — wie Treitschke sagt — kein Krieg hinfürder möglich, wenn er ihn nicht als „sittliche Notwendigkeit“ empfindet, mit anderen Worten als heilige Pflicht.
    Jetzt halte ich, was ich suchte: warum der Deutsche nicht warten kann wie der Engländer, sondern sofort erfahren muß, was es mit dem Krieg auf sich hat. Des Deutschen Mannes Freiheit ist ein lebendiges Wesen, das, wie das Hirn den Schädel, verborgen die ganze Gestalt ausfüllt, und dieser Mann — so gehorsam, weil so stark — weigert sich, Kriegsdienst zu leisten, wenn der Krieg nicht notwendig und zwar „sittlich notwendig“ ist, d. h. wenn es dem deutschen Volke nicht an Ehre und Seele geht. Kein anderer Krieg ist in Deutschland hinfürder möglich als ein heiliger Krieg. Säße

35
Wer hat den Krieg verschuldet?


wirklich einmal ein Attila auf dem deutschen Kaiserthron, weder Fürst noch Bauer würde seinen Gelüsten zu Willen sein; Ernst Moritz Arndt, gewiß ein Alldeutscher reinsten Wassers, ermahnt uns: „Sprecht den großen Grundsatz aus und lehrt ihn eure Kinder und Kindeskinder, daß ihr nie fremde Völker erobern wollt.“ Mag wohl die deutsche Reichspolitik im Frieden vieles geheimhalten müssen — wie sollte ohne Geheimnis weitreichende Staatsmannskunst möglich sein? — sobald der Krieg droht, bleibt der Regierung nichts übrig: sie muß rücksichtslos offen sein, sie muß alles bekennen — auch ihre Schwächen und Fehler, sonst stockt die ganze Staatsmaschine. Es verlassen nicht Millionen von Bürgern ihren Beruf, sie strömen nicht über alle Meere der Heimat zu, es opfern nicht alle Frauen einer Nation ihre Gatten, alle Kinder ihre Väter, alle Eltern ihre Söhne, ohne zu wissen warum, ohne die Gewißheit zu besitzen, daß sie es moralisch dürfen und müssen, daß dieses höchste Opfer Gott dem Allmächtigen als Erfüllung heiligster Pflicht gebracht wird. Außer den Eingereihten stellten sich in Deutschland zwei Millionen Männer freiwillig; glaubt man, das täten sie, wenn sich nicht Jeder in seinem innersten Wesen bedroht wüßte, und wenn nicht Jeder begründetes Vertrauen in die unbedingte Wahrhaftigkeit ihrer Fürsten und der Reichsregierung besäße? Die beiden Reden des edlen Reichskanzlers sind, weil sie die ungeschminkte Wahrheit künden, in ihrer unoratorischen Schlichtheit unvergängliche Dokumente; selbst das — sonst vielleicht anfechtbare — Bekenntnis einer „Schuld“ Belgien gegenüber wirkt, rein moralisch betrachtet, großartig: lieber die Sache kraßer hinstellen denn sie ist, als irgend etwas beschönigen.
    Der skeptischen These meines englischen Verwandten entgegen nagele ich nun zwei Thesen an die Thore der Öffentlichkeit auf, eine weitere und eine engere.   I n   a l l e n   w e s e n t l i c h e n   F r a g e n   u n s e r e s   M e n s c h e n l e b e n s   i s t   d i e   W a h r h e i t   i m m e r   n a h e   u n d   a u f f i n d b a r:   «il n'est question que d'avoir bonne vue», wie der große Pascal sagt, es kommt einzig darauf an, daß man gute Augen

36 Wer hat den Krieg verschuldet?

besitze — und unter „guten Augen“ haben wir nicht bloß scharfe Augen zu verstehen, sondern — wie der französische Text es zeigt — solche, die ein ebenmäßiges, unverzerrtes, vom Mittelpunkt bis zum Rand klares Gesichtsfeld geben, — der Blick muß rein sein. Das ist die erste, die allgemeinere These. Die besondere lautet:   w a s   d i e   f e r n e r e   u n d   n ä h e r e   V e r u r s a c h u n g   d e s   j e t z i g e n   K r i e g e s   b e t r i f f t ,   s o   w i s s e n   w i r   a u s f ü h r l i c h   u n d   g e n a u   a l l e s ,   w a s   u n s   z u   w i s s e n   n o t t u t,   besitzen wir als Eigentum diejenige Wahrheit, auf die es ankommt, und können sie von allen Seiten betrachten und studieren. Mit der Zeit wird gewiß noch Manches hinzukommen, nicht aber bloß neue Tatsachen, auch neue Zweifel und Fragen — alle Geschichte ist uferlos; wer aber will, wer richtig zu wollen versteht, wer die guten Augen besitzt, die Pascal verlangt, wie Gott sie uns in den Kopf setzte und jeder brave Mann sie unbewußt sein eigen nennt, wenn er sie nur nicht durch die hundert Brillen der Lüge, des Klatsches, des Vorurteils, der Ruhelosigkeit verdunkelt — der weiß schon heute, wer den Krieg verschuldet hat und wer nicht, er ist in der Lage, die weiteren und die näheren Kreise sich mit unbeirrbarer Deutlichkeit aufzuzeichnen.
    Über die allgemeine These — die von der Nähe und Auffindbarkeit der Wahrheit — darf ich mich nicht weit auslassen; nicht etwa, weil sie zu philosophisch sei — denn Pascal, der rein germanische Lothringer, stellt sie gerade gegen alle Schulweisheit auf, als die echte Lehre, deren Jedermann zum Leben bedarf, als die Lehre, die uns hilft edel zu leben und würdig zu sterben — es würde uns aber heute zu weit fuhren. Vielleicht sagt ein Bild mehr als viele Worte: man redet von der „verschleierten Wahrheit“; das ist handgreiflich, das gab auch der bildenden Kunst ein schönes Motiv zur Darstellung eines sonst schwer auszusprechenden Gemütszustandes; in Wirklichkeit steht die Wahrheit strahlend unverhüllt da, der Schleier liegt auf unseren Augen, und wir brauchen den Star nur zu entfernen, so erblicken wir die Wahrheit, und der Wahn ent-

37
Wer hat den Krieg verschuldet?


schwindet. Und noch eine Tatsache gibt es, die der große Mathematiker und Denker uns beibringen möchte: in allen Lebensfragen kommt es auf ein richtiges Maß an; auch die Wahrheit hat ihr Maß. Hiermit wird gesagt: der Grad der Wahrheit — also die Deutlichkeit, die Reinheit, die Gewißheit, die Überzeugungskraft der Wahrheit — steigt nicht etwa immerfort höher und höher im Verhältnis zu dem zunehmenden Material, zu den immer zahlreicheren Erforschungen usw., so daß der Mensch in Folge dessen immer sicherer urteilt, immer weiter an Weisheit zunimmt: vielmehr gibt es hier wie überall das, was man in der Wissenschaft ein „Optimum“ nennt, einen Punkt der höchsten Sättigung; darüber hinaus wird bei zunehmendem Wissen unser Urteil zunehmend trüber. Wie Pascal sich kühn ausdrückt: „Zu viel Wahrheit lähmt den Verstand.“ Es ist genau der gleiche Gedanke, dem wir in verschiedener Fassung häufig bei unserem Goethe begegnen: „Was   f r u c h t b a r   ist, allein ist wahr.“ Nun denn, die Art und die Menge der Wahrheit, die wir in Deutschland schon heute über die Verursachung des Krieges besitzen, reicht vollkommen aus zu einem ausführlichen und abschließenden Urteil. An dieser grundlegenden Wahrheit wird die Zeit und ihr Schwarm fähiger und unfähiger, redlicher und unredlicher Zeugen nichts ändern; wir werden mehr wissen, nicht aber mehr erfahren; wir stehen dem „Optimum“ schon nahe. Halten wir um Gottes willen fest, was wir jetzt besitzen, und lassen wir uns nicht rauben, was wir alle erlebten und erleben und wofür Jeder einstehen kann, und versuchen wir Schiller's Wort in seiner Tiefe zu würdigen:
Wir, wir leben, und der Lebende hat recht!
    So viel nur über die weitere These; jetzt die besondere.
    Wahrscheinlich hat es in den letzten Jahrhunderten keinen Krieg gegeben, dessen ganzes Entstehen so vollkommen und ausführlich deutlich vor Augen läge, wie das bei dem des Jahres 1914 der Fall ist. Ich will nicht hier Zahlen und Daten aus Nachschlagebüchern und Spezialschriften abschreiben, die Jedermann zur Ver-

38
Wer hat den Krieg verschuldet?


fügung stehen; nur die großen Linien möchte ich — zusammenfassend— zu ziehen versuchen.
    Wir wollen drei Kreise unterscheiden: den großen, umfassenden der seit Jahren bestehenden, allgemeinen und allbestimmenden, dauernd wirkenden und fast mit Naturnotwendigkeit zu einem Kriege führenden Ursachen — moralische und materielle, alles halbunbewußt; den mittleren, in welchem mit abgefeimter List und Tücke der Knoten geschürzt wurde zu dem Kriege gegen Deutschland, ohne aber daß dessen genauere Veranlassung und Datum vorauszusehen gewesen wären; den innersten Kreis bilden die Vorgänge, die unmittelbar zum Ausbruch des Krieges am 1. August 1914 führten. Es ist notwendig, diese drei Kreise zu unterscheiden: erstens, weil sie zueinander in einem gewissen Maße — von außen nach innen — in dem Verhältnis von Ursache zu Wirkung stehen, zweitens, weil die Art und der Grad der von uns zu erkennenden „Wahrheit“ in den drei Fällen verschieden sind, was bei Nichtauseinanderhalten manche Verwirrung verursacht, drittens, weil der äußere Kreis sich aus fremdartigen Bestandteilen zusammensetzt, die zwar von unserem Mittelpunkt aus gesehen zu einem Ganzen sich verbinden, nicht aber notwendigerweise zu dem schon mehr gleichartigen Mittelkreis sich hätten verdichten müssen oder gar zu der für ein nüchternes Urteil monströs erscheinenden Vereinheitlichung dreier so auseinanderstrebender Gebilde wie England, Rußland und Frankreich in dem innersten Kreis.
    Ich wüßte garnicht, was die Zukunft uns über den großen äußeren Kreis Neues von Belang bringen könnte — höchstens fleißige Zusammenstellungen von Belegen. Eine Tatsache, so sicher wie daß die Sonne am Himmel steht, ist es, daß die politisch maßgebenden Kreise in Frankreich, in Rußland und in England seit Jahren den Krieg gegen Deutschland planten und vorbereiteten: erstens, durch systematische Bearbeitung der öffentlichen Meinung, zweitens, durch unaufhörliche Vermehrung der Streitkräfte und des Kriegs-

39
Wer hat den Krieg verschuldet?


materials, drittens, diplomatisch. Damit ist schon alles gesagt: denn wenn drei Völker seit Jahren den Krieg als Traum, als Wunsch, als Hoffnung hegen, so muß der Wille, der Entschluß und die Tat sich mit der Zeit einstellen; das geschieht unabweislich.
    Der älteste, hartnäckigste Sünder ist Frankreich: seit genau einem Jahrhundert träumt es unabläßlich von Revanchekrieg gegen Deutschland. Ich habe in einem Aufsatz neulich von meinen Kindheitserinnerungen aus den sechziger Jahren erzählt und von der Art, wie schon den achtjährigen Buben in Frankreich damals die Revanche für Waterloo und die Eroberung der „Rheingrenze“ gepredigt wurde (S. 25); nach 1870 ist das noch schlimmer geworden; denn die Franzosen hatten vorgehabt, die Deutschen um schöne Länder und blühende Städte zu berauben, und nun war ihnen statt dessen das schon Geraubte abgenommen worden. Eine dreistere Lüge ist undenkbar als diejenige, welche in diesen Tagen die Herren Poincaré und Viviani zum besten gaben: Frankreich hätte stets friedliche Gesinnungen gehegt und auch jetzt wieder bis zum letzten Augenblick für die Bewahrung des Friedens gewirkt. Was die dauernde Gesinnung anbetrifft, so braucht man nur darauf hinzuweisen, daß in Frankreich jahraus jahrein von Politikern, von verantwortlichen Staatsmännern, von Bischöfen, von Generälen Hetzreden gegen Deutschland gehalten wurden; das dauert ohne Unterbrechung seit vierzig Jahren, so daß schon Gambetta zur Vorsicht mahnte: «n'en parlez jamais, pensez-y toujours», redet nie davon, denkt stets daran. Wer sich vorstellen will, wie beständig Frankreich Deutschland mit Krieg bedroht hat, dem empfehle ich, Bismarck's große Rede vom 6. Februar 1888 aufmerksam zu studieren; ein Jahr früher hatte er in einer Rede am 11. Januar die beiden grundwahren Bemerkungen gemacht: „Wenn die Franzosen so lange mit uns Frieden halten wollen, bis wir sie angreifen, — wenn wir dessen sicher wären, dann wäre der Friede ja für immer gesichert“; im weiteren Verlauf der Rede heißt es aber: „Sobald die Franzosen glauben zu siegen, fangen sie den Krieg an;

40
Wer hat den Krieg verschuldet?


das ist meine feste, unumstößliche Überzeugung.“ Diese Überzeugung hat jeder wirkliche und aufrichtige Kenner der Verhältnisse geteilt. Zwischen 1815 und 1870 hat es wenige Jahre gegeben und gar kein Jahr seit 1870, wo nicht die französische Regierung, die französische Armee und die politisch leitenden Kreise Frankreichs den Revanchekrieg gegen Deutschland mit leidenschaftlichem «élan» unternommen hatten, wenn nur die entfernteste Aussicht auf Erfolg am Horizonte aufgetaucht wäre. Daß die Mehrzahl der Franzosen jedem Kriege abgeneigt sind, tut nichts zur Sache; diese Mehrzahl ermangelt allen moralischen Mutes; es sind liebenswürdige, aber unmännliche Seelen, «terre à terre», wie der französische Ausdruck lautet, die jedem noch so unlauteren Starken unterliegen; und dann: das Land, das die schönsten, ja wirklich unnachahmlichen Phrasen hervorbringt, unterliegt ihnen zugleich; darum sitzen die hohlsten Schwätzerköpfe obenan. Einer war kein Schwätzer, war vielmehr ein Feuergeist, er durchschaute die Intriguen Englands und Rußlands, den Mißbrauch Frankreichs zu fremden Zwecken, wünschte gute Nachbarschaft mit Deutschland: Jules Jaurès; den ließ die Regierung durch einen gedungenen Mörder gleich zu Beginn des Krieges erschießen, denn er war der einzige Franzose, der den Mut besaß zu sagen, was viele Tausende denken. Wer sich eine lebhafte Vorstellung von der Stimmung in Frankreich während der letzten Jahre machen will, wird gut tun, sich einige der Schriftchen anzusehen, die dort in allen Schaufenstern ausgestellt waren, wie auch in den Buchhandlungen Belgiens und der Schweiz. Ein verhältnismäßig gut geschriebenes, vom militärischen Standpunkt nicht uninteressantes trägt den Titel: «Le Partage de l'Allemagne; l'échéance de demain», die Aufteilung Deutschlands, ein Blick auf den morgigen Zahltag; es erschien 1912; der Verfasser nennt sich Oberstleutnant R. de D. und schreibt aufs Widmungsblatt: „Allen Franzosen diese prophetische Vision einer Zukunft voll sicherer Hoffnung.“ Eine farbige Karte Mitteleuropas ziert den Umschlag: das Deutsche Reich ist verschwun-

41
Wer hat den Krieg verschuldet?


den, einzig ein kleines Königreich Thüringen, das nach Norden Braunschweig umfaßt und im Osten an Magdeburg und Leipzig dicht herangeht, erinnert an die mehr als tausendjährige ruhmvolle Vergangenheit. Dieses arme kleine Reich — „neutralisiert“ unter Garantie aller Mächte und ohne Armee — liegt umklammert von fünf formidablen Grenznachbarn: Frankreich, England (!)‚ Dänemark, Rußland, Österreich. Frankreich hat sich weit über den Rhein hinaus das ganze Württemberg, ein Stück Bayern, Hessen und den südlichen Teil der Rheinprovinz einverleibt, so daß Würzburg, Frankfurt, Köln die hohe Ehre genießen, hinfürder der «grande nation» anzugehören; England hat's auf Wilhelmshafen abgesehen und sich dazu ein merkwürdiges, flaschenförmiges „Hinterland“ ausgesucht, bestehend aus Oldenburg, dem westlichen Teil von Hannover, und Westfalen bis hinunter an die neue Grenze Frankreichs, während sich im Südwesten ein Aachen und Düsseldorf umfassendes Belgien anschließt; Dänemark hat sich nicht durch Bescheidenheit ausgezeichnet, denn es steckte sich nicht nur Kiel ein, sondern Bremen und Hamburg dazu, sowie den größten Teil Hannovers und ein Stückchen Mecklenburg, bis Wismar; Magdeburg bildet den Winkel, wo Rußland, Dänemark und Thüringen zusammenstoßen, von dort nach Norden bildet die Elbe Rußlands Grenze bis Dömitz, von wo die Linie gerade hinauf nach Wismar geht, im Süden umfaßt Rußland Provinz und Königreich Sachsen und grenzt an Österreich, das zwar preußisch Schlesien nicht wieder erhalten hat, dafür aber ganz Bayern, bis auf das Stück, das Frankreich sich abschnitt. Daß Österreich-Ungarn seinem Bundesgenossen untreu wurde, wird ohne weiteres, wie man sieht, vorausgesetzt. An noch manchen derartigen Phantasien berauschten sich die Franzosen jahraus, jahrein. So liegt z. B. eine Karte vor mir (aus einer ebenfalls vor längerer Zeit erschienenen Schrift, betitelt «La Fin de la Prusse et le démembrement de l'Allemagne»‚ das Ende Preußens und die Zerstückelung Deutschlands), auf der ein riesiges Polen und ein gewaltiges Hannover sich

42
Wer hat den Krieg verschuldet?


fast ganz Mitteleuropa unter einander geteilt haben, so daß nur ein winziges Bayern, wohl dem Münchner Bier zu Ehren, die Stadt der Wittelsbacher umgibt, während ein „neutralisierter Rheinstaat“ das Wenige administrativ zusammenfaßt, was von weiland dem Deutschen Reiche übrig bleibt. Allen verschiedenen Entwürfen ist ohne Ausnahme gemeinsam, daß Wort und Begriff „Deutschland“ von der Karte Europas getilgt ist, und allen gemeinsam ist jene bodenlose Ignoranz der Franzosen, deren Tiefe noch keine Sonde ermessen konnte: so folgt z. B. Wilhelm I. „seinem Vater“ auf dem Thron, und Schlesien wird „im Jahre 1866“ von Preußen annektiert! Man werfe nicht ein, es handle sich um Erzeugnisse ohne Wert; das Werkchen des Oberstleutnants z. B. ist der ernste Versuch eines Fachmannes, und hier liegt vor mir der „Figaro“ vom 28. November 1914, in welchem über einen Vortrag berichtet wird, den am 27. November ein «membre de l'Institut», namens Charles Lallemand, im großen Saale der Geographischen Gesellschaft von Paris vor über 1000 Zuhörern aus den Kreisen der Wissenschaft, der Politik und der Finanz hielt, und in dem dieser Fachgelehrte unter brausendem Beifall erklärte: „Das barbarische Deutsche Reich werden wir jetzt vollkommen zerstören, indem wir es zersplittern“; Preußen verschwindet natürlich in der Umarmung Rußlands; Frankreich und Belgien schneiden sich aus Süd- und Westdeutschland gehörige Stücke heraus, England besetzt die Häfen; was übrig bleibt wird dann in fünf Reiche geteilt: Hannover, Westfalen, Sachsen, Württemberg, Bayern. — Einem möglichen Einwurfe will ich kurz begegnen. In einigen dieser französischen Schriften wird auf ein deutsches Pamphlet „Frankreichs Ende“ verwiesen; was aber verschwiegen wird, das ist, daß dessen Urheber, Herr Adolf Sommerfeld, Verfasser des „Tagebuch eines Obereunuchen“, sein Schriftchen ausdrücklich als satyrische Entgegnung — ein Alpdrucktraum — auf des Majors de Civrieux „Untergang des Deutschen Reiches“ gibt; mag man nun verschiedener Meinung sein, über die Opportunität eines solchen leicht hingeworfenen, witzigen

43
Wer hat den Krieg verschuldet?


Pasquills, jedenfalls hat es keinen einzigen Zug gemein mit den genannten kriegerischen Schriften der Franzosen und mit den zitierten „wissenschaftlichen Zerstückelungsabsichten“ ihrer Geographischen Gesellschaft. — Das ist die Stimmung, welche im französischen Volke seit Jahren am Werke war und offiziell nach Kräften gestärkt und verbreitet wurde. Dazu betrachte man dann die Kriegsrüstungen! Die Bevölkerung Deutschlands übertrifft diejenige Frankreichs um rund 70%; die stehende Armee Frankreichs übertrifft aber diejenige Deutschland um 12%; mit anderen Worten: Frankreichs bewaffnete Macht ist um 82% stärker als sie sein würde, wenn sie sich nach den als „militaristisch“ verschrienen Verhältnissen in Deutschland richtete! Damit aber nicht genug, hat eine hinterlistige Gesetzgebung bei dem Übergang aus der zweijährigen in die dreijährige Dienstzeit dafür gesorgt, daß in den drei Jahren 1914, 1915, 1916 die sämtlichen aktiven Truppenteile schon im Frieden Kriegsstärke besitzen, ja, mehr als das, so daß sie „einen erheblichen Teil ihrer Mannschaften als Stämme für die aufzustellenden Truppen der Reservearmee abgeben könnten.“ Schon sechs Monate vor Ausbruch des Krieges wies Oberstleutnant Frobenius in seiner vorzüglichen Schrift „Des Deutschen Reiches Schicksalsstunde“ auf diesen bedrohlichen Umstand hin, der Frankreichs Absicht, in allernächster Zukunft Krieg gegen Deutschland zu führen, zur Evidenz bewies.
    So viel über unseren „äußeren Kreis der großen, allgemeinen, dauernd wirkenden und mit Naturnotwendigkeit zum Krieg führenden Ursachen“, soweit Frankreich in Betracht kommt: Frankreich wollte den Krieg und Frankreich bereitete den Krieg — seit Jahren.
    Sobald man von Rußland redet, muß natürlich der Augenpunkt verschoben werden; denn von den 180 Millionen Einwohnern dieses Reiches wissen gewiß 100 Millionen nicht, wo und was Deutschland ist, und von den übrigen wird es schwerlich fünf Millionen geben, vielleicht nicht einmal halb so viel, die sich um die auswärtige Politik des Reiches bekümmern. Ist jedes Volk — sobald man unter „Volk“

44
Wer hat den Krieg verschuldet?


die Gesamtheit versteht — friedliebend, so gilt das vom russischen Volke, nach allem was ich gehört habe, in noch höherem Maße; auch der gebildete und insofern politisierende Russe ist der humanste, toleranteste, friedfertigste Mensch, dem man begegnen kann; er pflegt (soweit meine Erfahrung reicht) große Fehler zu haben, diese Fehler richten sich aber nach innen, gegen sich selbst, nicht gegen den Anderen. Reden wir also auch hier von allgemeinen, mit Notwendigkeit zum Krieg führenden Ursachen, so haben wir in allererster Reihe eine Art physische, brutale, blinde Kraft zu verstehen, welche dieses ungeheuere, gestaltlose Reich treibt, sich nach allen Richtungen immer weiter auszudehnen. Fällt bei der englischen Politik die unerbittliche Logik und bei der französischen die Dialektik auf, so gleicht das politische Rußland einem aus einem Vulkan ausgespieenen Felsblock, der keine andere Logik kennt, als die elementare des Gravitationsgesetzes; der Block stürmt weiter.¹) Ebenso wie dem einzelnen vornehmen Russen die Selbstbeherrschung, die Selbstzucht häufig fehlt, ebenso fehlen sie dem Staate. Man sollte glauben, ein so ungeheuer großer, ein so fruchtbarer, ein so metallreicher Staat, gesegnet mit einem gesunden, normal sich vermehrenden Volke, müßte schon längst den nötigenden Trieb empfunden haben, sich zu sammeln, sich fest abzugrenzen, sich innerlich zu gestatten, auszubilden, zu entwickeln, Freiheit und geistigen Inhalt und Würde dem Leben des Einzelnen zu schenken... aber keine Spur davon, oder kaum eine Spur, nur einzelne Stimmen in der Wüste, die ergreifend wirken, weil sie nicht als Morgenfanfare einen kommenden Tag kühn und übermütig einführen, sondern als Abendröte nach einem sonnenlosen Tage, schmerzvoll und überweise die dunkle Nacht ankündigen; weiter rollen soll die ungestaltete Masse, ohne Ruhe, ohne Heil; Genie nie im Bejahen, nur im Verneinen, Kraft nur zum Bösetun, während der Gute sich beugt und duldet; selbst das Christentum, seines vorwärtstreibenden
—————
    ¹) Schon Bismarck wendet auf Rußland das Wort Ovid's an:   r u d i s   i n d i g e s t a q u e   m o l e s.

45
Wer hat den Krieg verschuldet?


Lebenselementes beraubt, ein Prinzip des Beharrens, ein bloßer Ankerpunkt, auf daß der auf dem rollenden Koloß Geschundene, Verprügelte, Ausgehungerte seiner endlichen Erlösung im gesegneten Tode sicher entgegensehe. Man findet in verschiedenen Werken der letzten Jahre Eingehendes über Rußland; ich kann darauf verweisen; noch nie aber sah ich die grundlegende Tatsache betont: wenn der russische Staat niemals innehält, um sich selber auszugestalten, wenn er also den ganz genauen Gegensatz zum alten Rom darstellt, das sich selber vollkommen fertig organisierte und jeden einzelnen seiner Bürger zum bewußten, fähigen, energischen Vertreter des Staatsgedankens ausbildete, um dann erst die Welt seiner Organisation zu unterwerfen, wenn Rußland, sage ich, als ein nur gewaltsam zusammengehaltenes, physiognomieloses, von unwissendem, willenlosem Menschenvieh bevölkertes Chaos heranwächst, so geschieht das nicht, weil es noch nicht seine angeblichen „natürlichen Grenzen“ erreicht hat, sondern einfach weil es nicht die geringste Gestaltungskraft besitzt und darum auch niemals irgendwelche Grenzen als solche erkennen und anerkennen wird; sobald der blinde Drang zur Ausdehnung aufhört, wird Rußland tot sein. — An die eingeborene Abneigung zwischen Slaven und Germanen, von der auch Kjellén in seinem vortrefflichen Büchlein „Die Großmächte der Gegenwart“ spricht, glaube ich nicht; die Geschichte und meine eigenen Erfahrungen, beide sprechen dagegen. Im Gebiete des heutigen deutschen Reiches haben sich Germanen und Slaven zu herrlich begabten und tatkräftigen Stämmen vermischt; wie gut vertragen sich Polen und Deutsche, sobald nicht Politik störend eingreift oder Priester der Liebe nicht aufhetzend Haß säen! In Bosnien habe ich mich von der ungemischt rein slavischen Bevölkerung stark angezogen gefühlt, und mit den tapferen Kroaten sympathisiert jeder von uns, der sie kennen lernt. Freilich sind die Russen schon längst keine reinen Slaven mehr; sie sind durch und durch mongolisiert und tatarisiert; doch ist die Rassenfrage hier eine bloße Zeitungsparole und ein diplomatischer Vor-

46
Wer hat den Krieg verschuldet?


wand: der Koloß will sich — wie nach Nordwesten, Osten, Südosten — auch nach Südwesten ausdehnen und alles verschlucken; bei dem einen heißt es „weil du mir Feind bist“, bei dem anderen „weil du mir Freund bist“.
    Es handelt sich also bei Rußland um ein blindes „Muß“; dieses Muß richtet sich in diesem Augenblick nicht unmittelbar gegen Deutschland, wohl aber gegen Österreich-Ungarn, welches Deutschland seiner eigenen Existenz wegen nicht preisgeben darf. Österreich-Ungarn soll den russischen Anforderungen weichen, was die Verzichtleistung auf etwa ein Drittel seines Besitzstandes voraussetzt. Die Kriegsvorbereitungen hierzu seitens Rußlands umfassen eine Friedensarmee von anderthalb Millionen Mann. Da hingegen weder Deutschland noch Österreich irgend eine nur denkbare Veranlassung hat, jemals Krieg mit Rußland zu suchen. Die Expansionslust und die damit zusammenhängende, nach Bedarf geschürte Animosität bestehen ausschließlich auf seiten des unaufhörlich aggressiven Rußlands.
    Nicht ganz leicht ist es, den großen äußeren Kreis der zum Kriege disponierenden Ursachen klar und genau zu schildern, sobald England in Betracht gezogen wird.¹) England als Gesamtvolk ist durchaus unkriegerisch; bis zum heutigen Tage läßt es Söldner seine Schlachten schlagen und Offizier sein ist bei ihm eine Art vornehmer Sport, ein Suchen nach Gefahr und ein Kampf gegen Hindernisse — nicht Verteidigung des Vaterlandes und des Herds, nicht Heranbildung der Jungmannschaft; außerhalb der Kasernen trägt der englische Soldat stets einen Spazierstock und der Offizier Zivilanzug. Oben schon führte ich einen Brief an, in welchem ein Engländer auf dem Lande schreibt, man merke dort vom Kriege nichts. Seitdem ich jenen Satz zu Papier brachte, sind mir mehrere Briefe ähnlichen Inhalts mitgeteilt worden, auch Aufsätze aus ländlichen Zeitungen, in denen die Bevölkerung erst aufmerksam gemacht wird, England
—————
    ¹) Ich verweise hier auf den Aufsatz „Grundstimmungen“, S. 17 fg.

47
Wer hat den Krieg verschuldet?


befinde sich in einem Kriege, es fühle gar keinen Haß gegen Deutschland, es sei aber in Europa “a horrible mess“ — eine furchtbare Unordnung — entstanden; “our mood is a thoroughly businesslike one; we do not care for the job, but we mean to do it carefully, so that it will not have to be done over again“: wir betrachten die Sache rein als Geschäft; zwar gefällt es uns nicht besonders, doch wollen wir es gewissenhaft ausführen, damit wir nicht in die Lage kommen, wieder von vorn anfangen zu müssen. Wer das gewaltige Schauspiel erlebt hat, Deutschlands Erhebung gegen eine Welt von Feinden im August 1914, unter dem Gesang „Ein' feste Burg ist unser Gott“, kann sich nur schwer in diese Stimmung eines englischen Provinzstädtchens im Dezember 1914 hineinleben. Die Engländer sind eben gewohnt, daß ihre Regierung immer irgendwo Krieg führt, oftmals an mehreren Orten zugleich; sie bezahlen die Leute, die diese Strapazen ertragen, und kümmern sich weiter nicht viel darum. Dazu kommt die Gewohnheit des Siegens: man schlägt sich nicht und siegt nichtsdestoweniger überall, so daß man ein Viertel der festen Erdoberfläche sich unterwirft. So lese ich z. B. in einer Zeitschrift aus dem September 1914: “All we have to do is to possess our souls in patience until the war is over, when these good things will fall into our laps without trouble or exertion to ourselves“ — das einzige, was uns obliegt, ist, uns in Geduld zu fassen, bis dieser Krieg vorbei ist, wo dann diese begehrenswerten Dinge (nämlich der Handel und die Industrie Deutschlands) uns ohne daß wir uns darum bemühen und abplagen, in den Schoß fallen werden. So sind's die Engländer gewöhnt, und solche Erfahrungen erzeugen auf die Dauer eine eigenartige Stimmung, für die der gründliche Kenner von Land und Leuten, der Schwede Gustav Steffen, die Worte findet: „Die Engländer sind notwendigerweise das sich am meisten selbst bewundernde und Ausländer verachtende Volk auf Erden.“ Den Vorstellungskreis des englischen Begriffs “foreigner“ vermittelt übrigens das deutsche Wort Ausländer keineswegs; in diesem „außer-

48
Wer hat den Krieg verschuldet?


halb des Forums“ liegt ein unnachahmliches Geringschätzen; der Engländer allein ist Mensch, alle übrigen sind “foreigners“. Ebenso besitzt der Engländer für die ganze Oberfläche unserer Erdkugel, sobald weder von England noch von dessen Kolonien die Rede ist, das eine allumfassende Wort “abroad“ — etwa „im Weiten“; ob Kamschatka oder Neapel, es ist alles eins, es ist “abroad“. Dadurch entsteht nun etwas sehr Wichtiges und in diesem Augenblick Beachtenswertes: die foreigners kommen alle auf eine Reihe zu stehen! Der Japaner steht dem Engländer genau ebenso nahe wie der Deutsche und der Deutsche genau ebenso fern wie der Japaner. Kein Mensch der Welt hat so wenig Begriff von „Rasse“ wie der Engländer; ihm gilt einzig die politische Nation. Der Japaner spannt seine ganze Energie auf die zu erstrebende Weltherrschaft der gelben Rasse, der Russe schwärmt für alle Völker, welche slawische Sprachen reden, als wären sie Blutsverwandte, der Franzose erdichtet sich eine „lateinische“ Rasse, die ihn mit Spanien und Portugal und Italien verbände, die Schwarzen sind mit der Bildung einer Weltliga beschäftigt; der Engländer dagegen bleibt solchen Erwägungen völlig verschlossen: der Name “Dutchman“ (Duitschmann, die englische Bezeichnung für Holländer) hat sowohl im Klang wie in der Zusammensetzung etwas Verächtliches; nicht viel besser steht es um “German“; und für Germanen gibt es im Englischen überhaupt gar kein Wort, denn das neuerdings aufgefrischte “Teuton“ und “teutonic“ versteht kein Mensch außer einigen Gelehrten, und jeder ist empört, wenn er erfährt, dieser Begriff solle Engländer, Deutsche, Holländer usw. unter einen Hut bringen. Dies alles mußte ich vorausschicken, damit man das merkwürdige Gemisch von Leidenschaftslosigkeit und Leidenschaft verstehe, das in allen internationalen Fragen England stets ausgezeichnet hat und jetzt wieder auszeichnet, und das den Fremden verwirrt. Hier handelt sich's nicht um blinden, unwiderstehlichen Ausweitungsdrang, wie bei Rußland, nicht um Revanche, wie bei Frankreich, nicht um Rassenziele, wie bei Japan, nicht um die alles

49
Wer hat den Krieg verschuldet?


hinopfernde Vaterlandsliebe eines geistig und sittlich freien Volkes, wie bei Deutschland; England haßt Niemanden und liebt in Wirklichkeit Niemanden — wie sollte man eine   “f o r e i g n   n a t i o n“   lieben? — aber es lebt einzig von Industrie, Handel und Finanz, und das führt notwendig von Krieg zu Krieg; wer im Wege steht, muß zermalmt werden, ob sich's um China handelt oder um Deutschland, das bleibt sich gleich, Monopol muß sein; “our mood is a thoroughly business-like one“.
    Hier muß ich nun — um nicht in Fragen von dieser weltgeschichtlichen Bedeutung leere Behauptungen aufzustellen — Belege geben, Beweise, daß auch der heutige Krieg für England in Wirklichkeit nichts weiter ist als ein Handelskrieg, genau ebenso wie die Kriege um die „spanische Erbfolge“ und gegen Napoleon für England reine Handelskriege waren; wie Seeley sagt: „Für England ist der Krieg durchaus eine Industrie, ein Mittel, um reich zu werden, das blühendste Geschäft, die glänzendste Geldanlage“ (“Expansion of England“, 6. Vortrag). Daß dieser Standpunkt der allgemeine, dauernde, die Politik von außen bestimmende ist, beweisen die Stimmen, die ich aus unserem „äußeren Kreis“ jetzt anführen will.
    Kaum war in den ersten Tagen des August Englands Kriegserklärung ergangen, und schon hatte im englischen Handelsministerium die Abteilung für auswärtige Handelsnachrichten, “the commercial Intelligence branch of the Board of Trade“, ein besonderes Büro begründet “for the capture of German trade“ — für das Abfangen (eigentlich „für das Kapern“) des deutschen Handels. Alle englischen Zeitungen aus jener Zeit enthalten eine Anzeige dieses Regierungsbüros, in welcher gebeten wird, ihm Muster und Kataloge deutscher und österreichischer Waren zukommen zu lassen, die im Wettstreit mit englischen Waren stehen; “the Board of Trade purposes to hold an exhibition of samples of this nature“, das Handelsamt beabsichtigt eine Ausstellung dieser (Deutschen) Muster zu veranstalten. Ja, in den Londoner Zeitungen vom 11. September lese ich: „Der

50
Wer hat den Krieg verschuldet?


britische Botschafter in Rom, Sir Rennell Rodd, drahtet an das Handelsamt: Wie ich erfahre, wäre der jetzige Augenblick ein äußerst günstiger für kompetente Geschäftsagenten, wenn diese sich nach Mailand begeben wollten, um die Bestellungen abzufangen für Waren, die Italien bisher von Deutschland bezog“; es folgt eine Liste der empfehlenswertesten Artikel! Man sieht, wozu sich ein persönlicher Vertreter der kaiserlichen und königlichen britischen Majestät beim Quirinal herabläßt; dieser große Krieg, den jeder Deutsche als einen „heiligen“ empfindet, empfindet jeder Engländer vom König bis zum Schuhputzer als einen kommerziellen. Man richte sich da nicht bloß nach den politischen Hetzblättern wie „Times“ und „Daily Mail“, vielmehr greife man zu gediegenen kaufmännischen und industriellen Zeitschriften, bei denen man Verstand, Vorsicht, Urteil erwarten darf; man wird staunen. Da liegen vor mir z. B. mehrere Nummern der auf schwerem Papier prachtvoll gedruckten, ältesten, vornehmsten technischen Ingenieurzeitschrift Englands, “The Engineer“, deren Schreiber und Leser bisher in regem Verkehr mit Deutschland standen, um so mehr, als manche in Deutschland studiert hatten und dem Verein deutscher Ingenieure selber angehörten oder von diesem Auszeichnungen erhalten hatten; ich nehme die Ausgabe vom 25. September 1914, Band 118, Nr. 3065 zur Hand, schlage die Seite 295 auf und lese folgendes: “Now, there is one way by which the end in view (of securing the trade hitherto carried on by Germany) can be attained. It is a ruthless way, but eminently simple. It is the deliberate and   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   of the plant and equipment of German industry in general, and in that   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   the great iron and steel works of the fatherland should share. The occupation of German territory by the allied troops should be accompanied by the destruction of all the large industries within the sphere of occupation. It is held that if it were known and felt here and in France that such a scheme of   o r g a n i s e d   d e s t r u c t i o n   was to be carried

51 Wer hat den Krieg verschuldet?

out on German territory, capital would be at once stimulated in steady streams in aid of the home industries, which would profit enormously by the course taken.“ Zu Deutsch: „Nun denn, ein Mittel gibt es, durch das wir das Ziel, das wir uns vorgesetzt haben — uns des bisherigen deutschen Handels zu bemächtigen — erreichen können. Mitleidslos grausam ist das Mittel freilich, doch hervorragend einfach. Wir meinen die wohlüberlegte und   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g   aller Gebäude und der gesamten maschinellen Ausstattung der deutschen Industrie, eine   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g,  die auch die großen Eisen- und Stahlwerke des „Vaterlandes“ (in England beliebte ironische Bezeichnung Deutschlands) treffen müßte. Die Besetzung deutschen Bodens durch die Armeen Der Alliierten müßte benutzt werden, um alle größeren Industrieanlagen innerhalb des besetzten Gebietes zu zerstören. Man ist der Ansicht, daß wenn man hier (in England) und in Frankreich wüßte und überzeugt wäre, daß ein solcher Plan einer   o r g a n i s i e r t e   Z e r s t ö r u n g   auf deutschem Boden zur Ausführung kommen werde, das Kapital dadurch sofort angeregt wurde, in starken Strömen den heimischen Unternehmungen zuzufließen, welche aus diesem Verfahren einen unermeßlichen Vorteil ziehen müßten.“ Ich glaube, daß ist, was Nietzsche „jenseits von gut und böse“ nennt; jedenfalls sagt es uns genau, was die Engländer — als Volk und abgesehen von aller diplomatischen Kasuistik — mit diesem Krieg bezwecken, und das ist viel wert. Allerdings fügt der Schreiber hinzu, er persönlich wolle sich diesem Vorschlag der organisierten Zerstörung, obwohl er „den Beifall der meisten genieße“, nicht „too rigidly associate“, nicht unbedingt anschließen; die Sache bedürfe noch reiflicher Erwägung; man dürfe übrigens hoffen, daß auch ohne die beabsichtigte Zerstörung regelrecht zu „organisieren“, der Krieg die Gelegenheit bieten werde, ungeheuer vieles in Deutschland unter dem Vorwand von Kriegsoperationen vollständig zu zerstören! In einer anderen Nummer des “Engineer“ fällt demselben Schreiber plötzlich ein, „da zu hoffen

52
Wer hat den Krieg verschuldet?


stehe, Frankreich und Belgien würden sich bedeutende Teile Deutschlands annektieren, so müßten wenigstens diese Teile verschont bleiben“ — was ihn melancholisch stimmt und zu dem Stoßseufzer veranlaßt: „Unseren Freunden, die uns geholfen haben, müssen wir natürlich einen Anteil am Gewinne lassen“: ein höchst bemerkenswertes Geständnis; denn die Diplomaten wollten uns glauben machen, England habe aus Edelmut den bedrohten Ländern Frankreich und Belgien beigestanden, wogegen hier in aller Naivität die uns allen bekannte Wahrheit herausschlüpft, daß England den Krieg gegen Deutschland, um dessen Handel zu „zerstören“, schon lange „organisiert“ hatte und Frankreich und Belgien ihm hierbei bloß „helfen“ sollten. Auch der Lügenfeldzug gegen Deutschland, der in seiner verbrecherischen Scheußlichkeit uns allen den Atem raubte, gewinnt erst dann seine Erklärung, wenn man ihn als eine kaufmännisch erdachte List begreifen lernt, wozu dieselbe Zeitschrift “The Engineer“ in der Nummer vom 11. September, S. 251, einen Fingerzeig gibt; denn da lesen wir, Deutschland werde seinen ganzen Handel im „lateinischen Amerika“ (also Südamerika) verlieren “on account of the unspeakable barbarities which have been practised during this unhappy war upon innocent women and little children, for which the warm-hearted Southerner entertains an almost religious veneration,“ „wegen der unaussprechlichen Schandtaten, die während dieses unseligen Krieges (von Deutschen) geübt wurden an unschuldigen Frauen und kleinen Kindern, für welche der warmherzige Südländer eine fast religiöse Verehrung hegt“. Man weiß ja, daß die Berichte nach Argentinien, Paraguay usw. das, was man in Europa zu lügen wagte, noch überboten; jetzt erfahren wir, was mit dieser „organisierten Zerstörung“ des guten Rufes der Deutschen bezweckt war, und das früher angeführte Wort “our mood is a thoroughly business-like one“ erhält eine eigentümliche Beleuchtung: auch das Lügen gehört eben zum „Geschäft“. — Ich könnte die Beispiele vermehren, denn bekannte und unbekannte Freunde haben mir viel Ma-

53 Wer hat den Krieg verschuldet?

terial zugeschickt; alles ist im selben Ton: “Economist“, “Financial News“, “The Coal Trade“, “The Ironmonger“ usw., das Meiste noch gröber und schändlicher; ich beschränke mich mit Absicht auf das „vornehmste“ Organ der gebildetsten Kreise unter Englands Technikern.
    Damit wird nun, glaube ich, jener äußere Kreis der mit Naturnotwendigkeit zum Kriege führenden Ursachen deutlich faßlich: in Wirklichkeit ist die englische Gesamtheit moralisch verantwortlich für die Räuberpolitik, die England seit drei Jahrhunderten verfolgt; denn diese Politik ergibt sich mit Notwendigkeit aus der Einstellung des gesamten Lebens auf brutalen Gelderwerb, unter Preisgabe des Landbaus und unter Verzichtleistung auf alle höhere Bildung und alles ideale Streben, zugleich unter Verzichtleistung auf alle und jede Sittlichkeit und Menschlichkeit, sobald die Interessen des Geldbeutels in Frage kommen. Nur werden in jedem einzelnen Falle weite Schichten der Nation, ohne geradezu zu lügen, ihre Unschuld beteuern können. Es findet nämlich bei den Engländern innerhalb des Hirnes eine eigentümliche Teilung statt: wie sie Soldaten bezahlen, die ihre Schlachten zu schlagen haben, ebenso bezahlen sie Minister, um ihre auswärtige Politik rücksichtslos zu führen, sie selbst aber — wie schon ausgeführt — wissen wenig von dem, was da vorgeht, und glauben grundsätzlich ohne weiteres, was man ihnen zu erzählen für gut findet. Es ist eine Art mehr oder minder unbewußten Sichselbstbelügens. Bismarck macht schon darauf aufmerksam, indem er die Zuverlässigkeit und Wahrheitsliebe des einzelnen Engländers betont, zugleich aber die unerhörte Perfidie und Heuchelei ihrer Politik, welche „alle Mittel anwende, die der einzelne Engländer verabscheue“ (Poschinger: „Tischgespräche“). So weiß z. B. der durchschnittliche Engländer (und das heißt alle bis auf etwa fünfhundert) nichts von dem infamen Raub der spanischen Kolonien, nichts von den Schandtaten, die Warren Hastings in Indien geschehen ließ, nichts von den Greueltaten der Kolonisation Nordamerikas, nichts von dem schandbaren Bombardieren Kopenhagens

54
Wer hat den Krieg verschuldet?


inmitten des Friedens und dem Wegführen der gesamten dänischen Flotte; er weiß nicht, daß die entsetzlichen Dum-Dum-Geschosse ursprünglich zur sicheren Vertilgung der edlen Gebirgsrassen der indischen Nordwestgrenze erfunden wurden (siehe Encyclopaedia Britannica), er weiß nichts von Lord Kitchener's satanischem Versuch, durch die Tötung von 30.000 Frauen und Kindern das Burenvolk auszurotten, — ja, die ganze Geschichte des feigen und gänzlich unmotivierten Überfalls der beiden Burenrepubliken, zum einzigen Zwecke, die Goldbergwerke zu rauben, bleibt bis zum heutigen Tage den Engländern unklar, sie fragen lieber nicht danach; erreicht ihr Ohr etwas von den gemeinen Missetaten, die jeden Söldnerkrieg entehren (siehe z. B. für den Burenkrieg J. M. Robertson's “Wrecking the Empire“, 1901, London bei Grant Richards), so beruhigen sie sich mit Wellington's berühmter Definition des Kriegsrechtes: „Das Kriegsrecht ist einfach der Wille des kommandierenden Generals“, — was ungefähr dem Worte des jetzigen Großadmirals der englischen Flotte die Wage hält: „Im Kriege existieren für mich keine Verträge; ich kenne nur ein Ziel: den Feind vernichten.“ Wie eisern zwingend dieses System wirkt, davon macht man sich im freien Deutschland kaum einen Begriff. Ich kenne einen hohen und hochgebildeten englischen Beamten, der — in einem fernen Weltteil — ein schreiendes Unrecht entdeckt, das zwar dem britischen Säckel viel einträgt, das betreffende Volk aber zugrunde richtet; er untersucht die Sache gründlich, berät sich mit den Notablen des Landes und setzt dann eine Denkschrift auf an die betreffende Oberbehörde in London. Was ist die Antwort? Eine kurze Verordnung, die ihn um etliche Jahre Pensionsberechtigung, in eine niedrigere Klasse zurückversetzt; zugleich von einem ihm wohlwollenden Sektionsvorstand ein Zettel privatissimum: „My dear fellow, what an ass you are! Can't you take your pay and hold your tongue? — Mein Bester, bist du ein Kapitalesel! Kannst du nicht dein Gehalt einstecken und das Maul halten?“ So geschehen im 20. Jahrhundert.

55
Wer hat den Krieg verschuldet?


    Ich mußte hierbei ein wenig verweilen, denn aus dieser Zweiteilung des Gehirns und der damit zusammenhängenden Unwissenheit folgt die Leichtigkeit, mit der das englische Volk irregeführt wird. Die Staatsmänner Englands bereiten mit unerbittlicher Folgerichtigkeit seit Jahren diesen Krieg vor, und in allen Kreisen, die den leitenden irgendwie nahestehen, war schon lange von dem unausbleiblichen Vernichtungskampf gegen Deutschland die Rede (siehe meinen Aufsatz „Grundstimmungen“); nichtsdestoweniger war das Volk als Ganzes nicht davon unterrichtet, und manche gewichtigen Einflüsse suchten entgegenzuwirken; sobald aber die herrschende Clique den Krieg beschlossen hatte, war es ihr ein Leichtes, die ganze Nation über die wahren Vorgänge vollkommen irrezuführen und die erdichtete Veranlassung des belgischen Neutralitätsbruches vorzuschieben, dazu noch andere Lügen, und hierdurch nun die Gegner ihrer Politik und die Gleichgiltigen zu leidenschaftlicher Teilnahme hinzureißen. Daß die Gesamtheit der Nation in diesem Augenblick lügt und heuchelt, ist sicher nicht anzunehmen, sie weiß es nicht besser, und die drakonische Zensur verhindert jedes Einsickern der Wahrheit nach England; so kehrten z. B. dieser Tage vier offene Postkarten, die an verschiedene englische Adressen aus einem neutralen Lande geschickt waren mit der einzigen Zeile „Verschaffen Sie sich die New-York Times vom 26. Dezember“, alle vier zurück, mit dem englischen Stempel „return, Censor“, „zurück, Censuramt“. Doch gleichviel, was der Einzelne weiß und nicht weiß, für das System ist und bleibt die Nation verantwortlich, da ihre Söldnerkriegführung jeder moralischen Grundlage entbehrt und jeder Krieg ihr recht ist unter der einen Bedingung, daß sie Geld dabei verdient. Und so kann sie höchstens mit Gunther in Wagner's „Ring“ ausrufen:
Betrüger ich — und betrogen!
Verräter ich — und verraten!
    Von Deutschland zu reden, ist in diesem Zusammenhang eigentlich überflüssig. Selbst wer die Existenz einer „Kriegspartei“ sich er-

56
Wer hat den Krieg verschuldet?


dichtet, wagt nicht zu behaupten, sie habe sich über eine kleine Hof- und Soldatengruppe hinaus ausgedehnt. Kein Land hat so viel von jedem Krieg zu befürchten wie Deutschland. Deutschland hätte zwar Grund genug, Rachegefühle gegen Frankreich zu hegen, tut es aber nicht und hatte gar keine Veranlassung, eine Erweiterung seiner Grenzen zu wünschen. Einen Handelskrieg braucht es um so weniger, als Industrie und Handel bei ihm auf friedlichem Wege durch Fleiß, Geschick, Unternehmungsgeist von Jahr zu Jahr aufblühten. Wir finden also im „äußeren Kreis“ drei kriegslüsterne Völker gegen ein friedliebendes verbunden.
    Wir gelangen zu dem „Mittleren Kreis“, in welchem der Knoten geschürzt wurde zu dem Kriege gegen Deutschland. Es genügt, daß ich ihn nenne und als ein von dem äußeren und auch von dem inneren Kreis unterschiedenes Gewebe der Beachtung empfehle; die Tatsachen sind einem Jeden bekannt und in letzter Zeit in Schriften und Zeitungen bis zum Überdruß häufig dargelegt worden. Die drei mehr oder weniger ihrer Kriegslüsternheit Bewußten treten zueinander in nähere Beziehungen, was notwendig zur Folge bat, daß ihre Kriegslüsternheit wächst und genauere Hoffnungsgestalt zu gewinnen beginnt. Es ist dies ein bemerkenswerter Vorgang: denn das republikanisch-sozialistische Frankreich haßte den tyrannischen Zarismus und feierte die Nihilisten und die polnischen Aufwiegler, die Paris zur Zufluchts- und zur Vorbereitungstätte auserkoren hatten; England und Rußland stießen überall mit den Köpfen aneinander; England und Frankreich hatten nicht umsonst jahrhundertelang Krieg gegeneinander geführt und nicht umsonst hatte England das mit Küsten und Häfen begünstigste Land Europas zu einer Seemacht dritten Ranges gewalttätig herabgedrückt. Was die drei zusammengeführt hat, ist nicht Liebe, ist auch nicht irgend ein positiver Plan, sondern lediglich Neid und Haß gegen das neuentstehende, kräftig wachsende Deutschland; die bloße Tatsache einer intimeren Annäherung zwischen diesen drei antagonistischen Reichen ist schon

57 Wer hat den Krieg verschuldet?

der Vorbote eines unausbleiblichen Überfalls. Frankreich geht voran; das sollte man nie vergessen, und Hueppe tat sehr recht daran, neulich — gewissen Abschwächungsversuchen gegenüber — die Dinge wieder an ihren Platz zu stellen: der ewige Friedensstörer ist Frankreich, der nie einen Tag, nie eine Stunde von seinen verbrecherischen Revanchegelüsten abgelassen hat. Als darum Rußland — das zunächst nichts gegen Deutschland im Schilde führte — Geld für seine anderweitigen Expansionspläne und für die Entwicklung seiner Industrie brauchte, war Frankreich sofort bereit, es ihm vorzustrecken, doch die Bedingung lautete: nicht bloß nach Osten und nicht bloß nach Süden sollt ihr euch ausdehnen, sondern auch nach Westen, wir helfen euch nur, wenn ihr uns helft. So kam die «Alliance francorusse» 1893 zustande. Ob ein wirklicher Bündnisvertrag damals schon bestand, weiß ich nicht, aber so hieß die Sache im Volksmund; und obwohl der Übermut und das kecke Revanchegelüst bei diesem unverhofften politischen Wandel sofort in die Höhe schossen, fand der kluge, scharfe Sinn der Franzosen die Sache «tellement incongrue» (so vernunftwidrig), daß ich im Herbst 1893 die Stadt Paris voller unbezahlbarer Karikaturen fand, die den ganzen erlogenen Verbrüderungsrummel mit Hohn übergossen. Vor mehr als 20 Jahren wurde also die böse Saat gesäet; doch fehlte noch der Dritte im Bunde, ohne dessen Mitwirkung nicht viel zu hoffen war. Man braucht nämlich in keine diplomatischen Geheimnisse eingeweiht zu sein, um zu begreifen, daß es in Englands Hand lag, die ganze Entwicklung, die zu der jetzigen Katastrophe geführt hat, zu verhindern; England brauchte kein Bündnis mit Deutschland einzugehen, nichts gegen Frankreich zu unternehmen, es brauchte nur zu verstehen zu geben: wenn ihr frivol genug seid, euren Eitelkeitskrieg zu entfachen, blokkieren wir eure sämtlichen Häfen — und ein Friede ohne Ende war für Westeuropa gewonnen. Mir sagte vor wenigen Tagen ein hoher deutscher Offizier, wenn England im jetzigen Kriege auch nur neutral geblieben wäre, der Krieg wäre vor Ende 1914 beendet gewesen. Anstatt

58
Wer hat den Krieg verschuldet?


nun diese hohe Mission der ganzen Welt zum Heil auszuführen, tat England das genaue Gegenteil und wirkte — wie so oft schon in der Geschichte Europas — als der eigentliche Kriegsschürer. Unter dem verhängnisvollen Einfluß eines Monarchen (in dessen Adern kein Tropfen englisches Blut floß) ward die Annäherung zwischen England und Frankreich bewirkt, und zwar indem sofort das Handelspolitische des Unternehmens betont wurde und die aggressive Absicht gegen Deutschland. Die Sache mußte geschickt eingefädelt werden. Zur Zeit des Krieges gegen die Buren hatten nämlich die Franzosen ihre Parteinahme für das tapfere kleine Volk noch temperamentvoller als die Deutschen zur Schau getragen; ihr alteingesessener Haß gegen England hatte sich gehörig Luft gemacht; in Paris wurden im Jahre 1900 Engländer häufig auf der Straße angespuckt; mehr als einmal, wenn halbwüchsige Burschen mir Schmähworte nachriefen, machte ich den Versuch und herrschte sie auf deutsch an: „Ja, Donnerwetter, für wen haltet ihr mich denn?“ worauf stets ein höflicher Gruß erfolgte: «Ah, pardon monsieur, nous croyions que vous étiez Anglais». Im Ausstellungsgebäude mußte die Büste der Königin Viktoria, der unaufhörlichen Beschimpfungen wegen, entfernt werden, wogegen die des Präsidenten Krüger, mit Lorbeeren gekrönt, inmitten eines Gartens stets frischer Kränze stand, daneben ein langes Pult mit mehreren Foliobänden zum Einzeichnen von Sympathiekundgebungen für die Buren und von Entrüstungsworten über das perfide Albion; Tausende schrieben sich ein, und wer eine Blütenlese aus diesen spontanen Herzensergüssen heute herausgäbe, würde sich verdient machen. Eduard VII. wird König (1901); was er will, weiß er von Anfang an; wie es zu erreichen ist, weiß er auch; konnte nur Gold Rußland und Frankreich zueinander führen, so kann es auch nie eine andere wahre Sympathie zwischen England und Frankreich geben als gemeinsame Handelsinteressen: die „Seele“ des gegen Deutschland gerichteten Dreibundes ist nicht irgend ein auferbauender Staatsgedanke, irgend ein Zivilisationsideal, sondern

59
Wer hat den Krieg verschuldet?


lediglich die Geldbörse. König Eduard kannte seine Leute. Zuerst ließ er die Handelskammern und die Börsen manövrieren: es waren Kreise, in denen er sich besonders heimisch fühlte. Man sollte nie vergessen, daß nicht Diplomaten, sondern Finanz- und Kaufleute den Weg zur «entente cordiale» angebahnt haben: von Anfang an ist dieser Bund eine Art Syndikatsbilbung, mit dem Ziel, den unbequemen Geschäftskonkurrenten hinauszuwerfen. Wie Karl Peters in seinem Buche „England und die Engländer“ sagt: „Nicht von Downing Street (dem Auswärtigen Amte), sondern von Throgmorton Street (der Bank von England) aus wird die angelsächsische Welt beherrscht.“ Erst als die bekannten Kundgebungen aller größeren Handelskammern Englands und Frankreichs Stimmung gemacht hatten, reiste König Eduard im Mai 1903 nach Paris und brachte den Toast aus auf „die Annäherung zwischen Frankreich und England“; und als dann im Juli des gleichen Jahres Präsident Loubet den Besuch in London erwiderte, hatte die englische Regierung die zarte Rücksicht, seine Anwesenheit durch die Beschlußfassung über den neu zu schaffenden Kriegshafen an der Nordsee zu feiern — die neue, gegen Deutschland gerichtete Schlachtschiffstation. Der Deutsche pflegt zu sagen: „Es ist klar wie Kloßbrühe.“ So viel liegt also offen zu Tage: diese Liebe zwischen England und Frankreich war von Anfang an keine platonische. Während Frankreich zwanzig Jahre lang Rußland Milliarde nach Milliarde vorstreckt, ohne etwas anderes als Zinsen dafür einzustecken, ging's mit England sofort flott vorwärts. Noch war kein Jahr seit König Eduard's Besuch in Paris vergangen, und schon war — am 8. April 1904 — der inzwischen bekanntgewordene geheime Vertrag zwischen England und Frankreich unterschrieben worden, in welchem jeder der beiden Kontrahenten dem anderen die dauernde Besetzung Ägyptens bezw. Marokkos garantierte, ohne daß irgend eine der interessierten Großmächte gefragt worden wäre: das System des Diebstahls zuzweit war eingeführt. Es war aber noch mehr eingeführt: schon stand

60
Wer hat den Krieg verschuldet?


der Krieg gegen Deutschland fest, und England hätte am liebsten gleich losgeschlagen; nur die Vorsicht und Einsicht des französischen Ministeriums hat im Herbst 1905 die Katastrophe abgewendet. Ein Zufall hat uns diese saubere Verschwörung gegen den Weltfrieden enthüllt. Der damalige (und wieder der heutige) französische Minister der äußeren Angelegenheiten, Delcassé, schwamm nämlich ganz im englischen Fahrwasser, und als seine Kollegen plötzlich entdeckten, wohin er, eigenmächtig, das Staatsschiff lenkte, und ihn zum Rücktritt zwangen, da rächte er sich, indem er der Öffentlichkeit Dinge enthüllte, welche geheim hätten bleiben sollen, die man auch zuerst abzuleugnen suchte, die aber bald Bestätigung fanden und heute sicher stehen, da selbst die „Times“ ihre wesentliche Richtigkeit zugibt. Der Plan war folgender: Delcassé sollte Deutschland noch weiter reizen, bis es nicht anders könne als Krieg erklären; sobald Deutschland das Odium der Kriegserklärung auf sich genommen habe, trete England Frankreich bei und entsende 100.000 Mann nach Schleswig-Holstein, den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu besetzen; die weitere Mitwirkung der englischen Marine versteht sich nach diesem Schritt von selbst. Am Tage nach diesen Enthüllungen, nämlich am 8. Oktober 1905, hielt Jaurès eine Rede, in welcher er sie aus genauer Kenntnis bestätigte und die denkwürdigen Worte sprach: „England beabsichtigte, den Zusammenprall zwischen Frankreich und Deutschland zur gewalttätigen Zerstörung des deutschen Wettbewerbs in Handel und Industrie auszunützen“¹). Man sieht, daß jene „organisierte Zerstörung“, von der wir vorhin im „Engineer“ lasen, schon seit mindestens zehn Jahren als fester Plan in England bestand!
    Das sind die Dinge, die man sich merken muß, will man erfahren, warum wir jetzt Krieg haben. Ob im Juli 1914 ein Berchtold vielleicht ungeschickt und ein Ssasonow vielleicht zur Nach-
—————
    ¹) Auch André Tardieu bezeugt Englands Wunsch, schon 1905 Krieg gegen Deutschland zu führen; vergl. die englische Ausgabe seines Buches “France and the Alliances“, 1908, S. 194.

61
Wer hat den Krieg verschuldet?


giebigkeit geneigt war, das nur alles ähnliche sind Detailfragen, die unseren „inneren Kreis“ betreffen, in keiner Weise aber die große mittlere Tatsache der Unvermeidlichkeit des Krieges berühren; diese Unvermeidlichkeit wurde von denen heraufbeschworen, die, fußend auf jenen allgemeinen Stimmungen und Tendenzen, von denen wir oben sprachen, anstatt sie in andere Richtungen abzulenken, und so dem Frieden wachsende Dauerhaftigkeit zu leihen, sie im Gegenteil aufweckten und aufwirbelten, das Gute, das in jedem Volke schlummert, dämpften, das Böse hervorlockten, den schnödesten Interessen vampyrartiger Geldmagnaten die weise, redliche Politik eines besonnenen Europas zum Opfer brachten und so den Knoten schürzten, der jetzt nur gordisch zerhauen werden kann; das Blut von Tausenden, das zerstörte Lebensglück von Millionen belastet das Gewissen dieser elenden Verbrecher.
    Den Gang weiter Schritt für Schritt zu verfolgen, ist an diesem Orte nicht nötig. Nachdem Frankreich mit Rußland enge Fühlung und Gemeinsamkeit der Ziele gewonnen hatte, und ebenso Frankreich und England, galt es, das schwierigere Werk zu vollbringen: England mit Rußland zu befreunden. Auch hier übernahm der Haß die Rolle der Liebe und einigte die feindlichen Brüder: schon 1907 wurde der Vertrag über Persien unterschrieben, dessen Spitze sich gegen Deutschland und die Bagdadbahn in bedrohlichster Weise richtet. Und da nun Rußland sonst eigentlich wenig oder keine Veranlassung hatte, Deutschland anzufeinden, begannen England und Frankreich die Hetze gegen ihren bisherigen Freund Österreich-Ungarn und reizten die Balkanländer zu Unruhen auf. Das Reichsratsmitglied Alexander von Peez hat vor mehreren Jahren in seinem sehr bemerkenswerten Büchlein „England und der Kontinent“ ¹) dokumentarisch nachgewiesen, daß die ganze Hetze in den Balkanländern gegen Österreich-Ungarn, die im Jahre 1908 einsetzte, das Werk
—————
    ¹) Die 5. Auflage ist soeben in Wien bei Carl Fromme erschienen. Ich empfehle dieses Buch auf das allerwarmste; jeder sollte es lesen.

62
Wer hat den Krieg verschuldet?


englischer Agenten war; Serbien hatte die rein formelle Durchführung der Annexion Bosniens, das schon lange in die Monarchie vollkommen eingegliedert war, ohne große Erregung hingenommen; England war es, das durch Entsendung von Agenten für die Erregung sorgte, und zwar umso gründlicher sorgte, als es sich zugleich russischer Zeitungen versicherte, um von Petersburg aus tüchtig anzuschüren. Graf Tisza erklärte offiziell im ungarischen Magnatenhause am 1. März 1909: „Der Ausgangspunkt dieser ganzen, gegen uns gerichteten Stimmungsmacherei war, wie ich zu meinem größten Bedauern konstatieren muß, das Vorgehen der englischen Regierung.“ Dieses Aufhetzen gegen Österreich seitens der Engländer hat seitdem nie mehr aufgehört. Zu gleicher Zeit wurde die Verführung Belgiens in die Hand genommen. Nach den in Brüssel aufgefundenen Papieren wissen wir jetzt, daß schon im Frühjahr 1906 zwischen England, Frankreich und Belgien ein Abkommen getroffen wurde betreffs Konzentrierung einer von diesen drei Nationen zusammenzustellenden Armee in Belgien, zum Einfall in die Rheinprovinz; Belgien übernimmt zugleich den Spionagedienst in Deutschland, da gegen die Bürger eines neutralisierten Nachbarstaates kein Verdacht herrschen wird. Der belgische Gesandte in Berlin bezeichnete damals (in einem jetzt aufgefundenen Geheimbericht) Englands Vorgehen in Belgien als „perfid“ und weist im einzelnen die offenbare Absicht nach, Deutschland zu überfallen. Inzwischen wurde eine ganze Reihe anderer Dokumente aufgefunden, aus welchen klar hervorgeht, daß König Albert sich und sein Land an England verkauft oder verschenkt hatte, so daß er nur noch ein britischer Vasall war. So war denn die von England und Frankreich erstrebte „Einkreisung“ nunmehr fertig; der Strick war Deutschland um den Hals geworfen, der Knoten war geschürzt, die Verschwörer brauchten nur einen günstigen Augenblick abzuwarten und dann fest zu ziehen. Was alles Deutschland seit jenem Augenblick zu erdulden gehabt hat, steht in aller Erinnerung; jeder weiß auch, wie es seine Friedensliebe immer

63
Wer hat den Krieg verschuldet?


wieder und immer wieder bewährt hat, — so bewährt, daß es sich gefallen lassen mußte, seinen edlen, nach treuer Pflichterfüllung strebenden Kaiser von französischen Kanaillenblättern «Guillaume le Timide» verhöhnen zu lassen. Alle die unaufhörlichen Provokationen Frankreichs geschahen unter dem sicheren Schutze und der beständigen Ermutigung Englands; ja, als Frankreich 1911 in der Agadirsache nachgeben wollte, war es England, das plötzlich hervortrat und sein Veto einlegte. Für die nie nachlassende Feindseligkeit Englands zeugt auch seine Presse, welche seit Jahren an frecher Verleumdung, an Aufhetzung, an systematischem Haßerzeugen das Mögliche geleistet hat.
    So viel in aller Kürze und Verkürzung über den „mittleren Kreis“ der zum Kriege führenden Ursachen; hier liegen die Tatsachen so klar zutage, daß kein unparteiischer Mensch irgend einer Nation in Zweifel sein kann, wer den Krieg gewollt hat und wer nicht.
    Auch von dem innersten Kreis — nämlich von den unmittelbaren Veranlassungen zu dem Krieg, den Deutschland jetzt um seine Existenz und um die seines Verbündeten führt — wissen wir zwar noch lange nicht alle Einzelheiten, vieles wird man vielleicht erst nach hundert Jahren erfahren, manches nie, aber wir wissen genug, reichlich genug, um ein sicheres, endgültiges Urteil zu fällen, und jedem ernsten Menschen möchte ich dringend empfehlen, es nicht zu versäumen, sich dieses klare Wissen und klare Urteil anzueignen; nur dann ist er gewappnet gegen die Lügenbrut, die — noch ärger als bei früheren Kriegen — bestrebt sein wird, alles zu verkehren, alles zu verwirren, um dann, nach Herstellung der gewünschten finsteren Stickluft, das Feuerwerk der Unwahrheit über dem Grabe der Wahrheit triumphierend abzubrennen.   «M u r i ó   l a   v e r d a d»‚   es starb die Wahrheit: so betitelt der große Goya eine der ergreifenden Radierungen seiner „Schrecknisse des Krieges“. Gottlob gibt es inner- und außerhalb Deutschlands noch immer einzelne quixotische Ritter dieser unmodischen Gottheit!
    An dieser Stelle wäre es nun für mich schwer, zugleich

Goya — Murió la verdad

64
Wer hat den Krieg verschuldet?


überzeugend und übersichtlich zu verfahren, wenn nicht bereits zwei Schriften vorlägen, die mit deutscher Gründlichkeit und Unparteilichkeit das schon heute schwer zu übersehende Material sichten, prüfen und vorlegen; beide empfehle ich dringend jedem Leser: Hans F. Helmolt, „Die geheime Vorgeschichte des Weltkrieges auf Grund urkundlichen Stoffes übersichtlich dargestellt“ (Leipzig bei Koehler) und Karl Hellferich, „Die Entstehung des Weltkrieges im Lichte der Veröffentlichungen der Dreiverbandsmächte“ (im Verlag der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung). Diese zwei Quellenwerke — denn durch sie erst werden die oft recht trüben Gewässer zu wahren, klaren „Quellen“ — entheben mich jeder Nötigung zu einem Unternehmen, für das ich wenig geeignet wäre, schon wegen meiner unüberwindlichen Abneigung gegen die Gelb-, Weiß-, Blau-, Orange- und was es sonst noch für parlamentarische Bücher geben mag zur Darstellung diplomatischer Verhandlungen. An diesem Herumspazieren der Herren Diplomaten auf hohen Stelzen kann ein unverdorbenes Menschenkind keine Freude finden; dieses auf den Busch Schlagen und um den Busch herum Versteckspielen, dieses ewige Verklausulieren, mit der einen Hand geben, mit der anderen das Gegebene wieder wegnehmen... es ist zum Davonlaufen! Und, aufrichtig gesprochen, man leidet schmerzhaft unter dem bedrückenden Gefühle, daß die geistige Bedeutung dieser Herren — ich meine die angeborene, ureigene Kraft der Einsicht und des Willens — in gar keinem Verhältnis zu dem von ihnen ausgeübten Einfluß auf das Schicksal Hunderter von Millionen Menschen steht. Außerdem dünkt unsereinem die gesamte Einrichtung so verrückt unpraktisch. Kein Mensch, der nicht alle zwischen den verschiedenen Höfen Europas vom 24. Juli bis zum 4. August 1914 gewechselten Depeschen systematisch durchliest, macht sich eine Vorstellung von diesem Wirrwarr. Denn während der deutsche Botschafter mit dem englischen Staatssekretär in London konferiert, besucht der englische Botschafter in Berlin den deutschen Staatssekretär, die Drahtberichte kreuzen sich, die Antworten kreuzen

65
Wer hat den Krieg verschuldet?


sich wieder, und schon am zweiten Tage wissen vier Menschenhirne nicht mehr, woran sie sind. Nun handelt es sich aber in diesem Falle nicht um zwei Staaten, sondern zunächst um fünf: jeder verkehrt mit jedem unmittelbar an zwei verschiedenen Orten und — über das, was hier verhandelt wurde — mittelbar an drei weiteren Orten, ebenso geschieht es aber zu gleicher Zeit unmittelbar und mittelbar in jeder der anderen Hauptstädte; zwanzig Botschafter und fünf Minister arbeiten zugleich an der Verständigung, fünfundzwanzig sich kreuzende Stimmen! Es hilft nichts, wir müssen den Lehnstuhl verlassen und von einem verstaubten Regal ein seit vielen Jahren nicht zu Rat gezogenes mathematisches Lehrbuch herunterholen und das Kapitel „Über Permutationen und Kombinationen“ aufschlagen, wollen wir erfahren, wie viele Mißverständnisse und Konfusionen hier möglich sind — es geht in die Hunderttausende; und während wir dabei sind, werden wir gut daran tun, einen Blick in das Kapitel zu werfen, das von unserem am Anfang dieses Aufsatzes genannten Pascal eröffnet wurde „Über die Berechnung der Wahrscheinlichkeiten“, damit wir herauskriegen, welche Wahrscheinlichkeit eines vernünftigen Ergebnisses zu erwarten steht — die Ziffer muß zwischen Null- und Einprozent stecken. Und wohlgemerkt, ich habe vereinfacht: mit Serbien wurden Depeschen gewechselt, auch mit Italien, und andere Minister außer denen der Auswärtigen Ämter waren beteiligt. Wenn Bankiers ihre Geschäfte nach dieser Methode führen wollten, sie wären nach acht Tagen verrückt und außerdem bankrott; vielleicht regen diese mächtigen Herren die Errichtung eines diplomatischen “Clearinghouse“ an, was jedenfalls ganz Europa zustatten kommen würde.
    Wer an die Lektüre solcher Blaubuch-Dokumente geht, muß vor allem eine Warnung hören: sie erwecken den Eindruck gerichtlicher Genauigkeit, gerichtlicher Vollständigkeit, sie wollen ihn auch erwecken, denn diese Bücher erheben uns — uns Nichtdiplomaten — zu Richtern; sie legen uns die Akten vor und sagen: jetzt urteilt!

66
Wer hat den Krieg verschuldet?


Das ist aber schon Irreführung; kein juristisch gebildeter Richter würde sich darauf einlassen, nach solchen Dokumenten ein Urteil au fällen, denn die Vollständigkeit fehlt immer und die zuverlässige Genauigkeit häufig. Immer handelt es sich um eine „Auswahl“, und sobald ich auswähle, entsteht ein schiefes Bild der tatsächlichen Vorgänge; geben nun — wie hier — fünf Großmächte solche Sammlungen heraus, so erhält man fünf Schiefe Bilder, und es wird Scharfsinn dazu gehören, aus den fünf schiefen ein gerades zu konstruieren. Noch Schlimmer ist, daß wir für die Authentizität der vorgelegten Dokumente oft gar keine Gewähr besitzen. Freilich, wenn eine Regierung einer anderen eine „Note“ überreicht, da können keine Manipulationen daran vorgenommen werden, denn hier liegen zwei Quellen zur Kontrolle vor und oft noch mehr. Doch selbst hier gelingt es — wofür das jetzige englische Blaubuch Beispiele bietet — durch Auslassen von Teilen den Eindruck des Ganzen zu modifizieren. Gerade in unserem Falle ist aber großes Gewicht auf die Briefe der Minister an ihre eigenen Botschafter zu legen, z. B. Ssasonows's an Iswolsky, an Benckendorff, an Swerbéew, Grey's an Bertie, an Buchanan, an Goschen, an Bunsen, oder umgekehrt auf die Berichte der Botschafter an ihre Chefs, und alle diese können natürlich nachträglich nicht allein ausgewählt, sondern verbessert, gekürzt, erweitert, ja, wenn es nottut, erfunden werden. Den Franzosen ist das Lügen so angeboren, daß ihr „Gelbbuch“ nur als ein fabriziertes Tendenzpamphlet eingeschätzt werden kann; dabei verfahren sie aber so leichtfertig, daß man ihnen viele ihrer Lügen nachweisen kann; so z. B. wenn ein angeblicher diplomatischer Bericht aus Deutschland vom 30. Juli 1913 erzählt, was Herr von Kiderlen-Wächter über die Organisierung des Rachezugs gegen Frankreich sagt, während er schon im Dezember 1912 gestorben ist! Aber auch das englische „Weißbuch“ muß mit Vorsicht gelesen werden; denn auch hier lassen sich absichtliche, offenbar nachträglich bewirkte Änderungen der Daten — also zu deutsch Fälschungen — nachweisen,

67
Wer hat den Krieg verschuldet?


die den Zweck verfolgen, Deutschland zu belasten (siehe die Zurückdatierung einer aus Paris erhaltenen Meldung um zwei Tage; die Unstimmigkeit der zum Glück genannten Wochentage hat den Betrug aufgedeckt). Also, schon rein stofflich betrachtet — d. h. in Bezug auf die behauptete Tatsache, richtig datierte, authentische Dokumente vorzulegen — erfordern diese Veröffentlichungen mißtrauischeste Vorsicht.
    Nun folgt aber eine zweite und noch dringendere Warnung. Die alte Empfehlung des cum grano salis bedarf hier einer gewaltigen Steigerung; um richtig verdaut zu werden, erfordert jede Depesche die Beigabe nicht eines Körnchens, vielmehr eines ganzen Salzfasses. Ich gehe so weit, zu behaupten, Niemand — und sei er auch Fachdiplomat — ist wirklich fähig, die vorliegenden Dokumente über die unmittelbare Veranlassung des Krieges wahrhaft kritisch auf Sinn und Wert zu prüfen, wenn er nicht vorher jene beiden Reihen von Tatsachen gründlich studiert hat, die ich hier als äußeren Kreis und mittleren Kreis bezeichnet habe; wer ohne diese Kenntnisse und die dazu gehörige besonnene Überlegung die den verschiedenen Parlamenten vorgelegten Veröffentlichungen in die Hand nimmt, wähnend, nun werde er Genaues erfahren, gleicht einem Jäger, der seinen Fernstecher auf die Weite richtet, das breite Ende ans Auge: alles wird klein, alles rückt dem Verständnis fern; wer dagegen den Blick an den größeren, gewisseren, überpersönlichen Gesamterscheinungen geübt hat, wird nicht so leicht zu verhexen sein in diesem verteufelten diplomatischen Irrgarten. Um das deutlich zu machen, will ich ein Beispiel herausgreifen; an diesem einen Stück wird sich uns das ganze Gewebe in seiner lügenhaften Verstricktheit offenbaren; nur muß ich allerdings den Leser um genaueste, nie nachlassende Aufmerksamkeit bitten.
    Im englischen Blaubuch findet sich unter Nr. 101 ein vom 30. Juli datiertes langes Telegramm Sir Edward Grey's an Sir Edward Goschen, großbritannischen Botschafter in Berlin, wo der

68
Wer hat den Krieg verschuldet?


würdige Fortsetzer englischer politischer Traditionen, nachdem er jedes Einverständnis über die eventuelle Neutralität Englands schroff von sich gewiesen und hiermit sein Möglichstes getan hat, Deutschland einzuschüchtern, plötzlich aus einer Friedensschalmei Töne herauslockt, wie sie seit arkadischen Zeiten nicht süßer gehört worden sind. Dieser Drahtbrief vom 30. Juli ist von sämtlichen diplomatischen Schriftstücken, die der Krieg veranlaßt hat, das einzige, dem eigene Bedeutung innewohnt: der brutale Anfangsakkord, die bedrohliche Fortsetzung — wie das dumpfe Knurren einer Bulldoge —‚ dann der Übergang zu ernsten Ermahnungen, schmackhaft gemacht durch die Versicherung „der Aufrichtigkeit und des guten Willens“, daran anknüpfend der soeben erwähnte arkadische Schluß, der die Aufnahme Deutschlands in den Gnadenkreis der Tripelallianz in Aussicht stellt; nein, sicher! Shakespeare hätte sich dieses Stück, wenn er's in einer Chronik gefunden hätte, nicht entgehen lassen und es, in ewige Worte umgeprägt, irgend einem verschlagenen Kardinal in den Mund gelegt! Hören wir nun diesen Schlußabsatz. „Noch dies will ich hinzufügen: gelingt es, den Frieden Europas zu bewahren und die gegenwärtige Krisis zu überstehen, so will ich's mir angelegen sein lassen, irgend eine Einrichtung, an der Deutschland beteiligt sein könnte, in Gang zu bringen, wodurch es vergewissert sein könnte, daß keine aggressive oder feindselige Politik gegen Deutschland oder seine Verbündeten verfolgt werden würde von Frankreich, Rußland oder uns, sei es gemeinsam oder einzeln. Das habe ich gewünscht, dafür habe ich gearbeitet, so weit es mir möglich war, während der vergangenen Balkankrise, und, da Deutschland das entsprechende Ziel verfolgte, so besserten sich unsere Beziehungen merklich. Bisher ist die Idee zu utopisch gewesen, als daß sie den Gegenstand bestimmter Vorschläge hätte bilden können, doch wenn diese gegenwärtige Krisis — so viel schärfer als irgend eine, die Europa seit Generationen durchzumachen gehabt hat — erst glücklich durchschifft ist, dann gebe ich mich der Hoffnung hin, daß das

69
Wer hat den Krieg verschuldet?


darauf folgende Gefühl der Erlösung, sowie die Gegenwirkung, eine bestimmtere Annäherung zwischen den Mächten ermöglichen könne, als bisher möglich gewesen ist“ ¹). Wer nun, ohne irgend sonst eingeweiht zu sein, meinen vorliegenden Aufsatz bis hierher aufmerksam gelesen hat, dazu etwa noch den über die „Grundstimmungen“, wird sofort stutzig werden; ihm wird's vielleicht wie mir gehen, dem bei der ersten erstaunten Lektüre immerfort der Kehrreim eines Liedes im Kopfe herumging, das man in den neunziger Jahren im Wiener Prater viel hörte:
Wie râmt sich dös zusamma? wie râmt sich dös zusamma?
Woher kommt denn auf einmal das rührende Bild eines Sir Edward Grey, der sinnend „wünscht“ und im Schweiße seines Angesichts „arbeitet“, herzliche, friedfertige Beziehungen nicht nur zwischen England und Deutschland, sondern auch zwischen Rußland und Deutschland, Frankreich und Deutschland herzustellen? Man traut seinen Ohren nicht! Schon seit Jahren heißt es in England: wir müssen Deutschland erdrosseln, wir müssen Deutschland zertreten (S. 18); schon seit Jahren verfolgt die englische Regierung beider Parteien die planmäßige Einkreisungspolitik, weist jeden Annäherungsversuch Deutschlands von sich, unterstützt offen die französischen Revanchegelüste, will schon 1905 Frankreich in den Krieg hetzen und selber einen Krieg unternehmen; in keiner Depesche wird man ein Wort des Tadels über die schauderhafte Mordtat in Serajewo
—————
    ¹) Helmolt scheint zu lesen “to promote some agreement“, denn er schreibt „ein Einvernehmen zu fördern“; es steht aber im englischen Text “some arrangement“, und das ist ein triviales Wort, das ziemlich genau dem deutschen Begriff des „Arrangierens“ entspricht; man sagt “to arrange a picknick, to arrange a concert“; auch das Wort “some“ muß beachtet werden anstelle von „an“; nicht also „Ein Einvernehmen“ ist zu lesen, sondern „eine Einrichtung irgend welcher Art“, irgend ein aufzuzimmerndes Abkommen. Es ist, als ob man einem Hund einen Brocken hinwürfe. Am Schlusse heißt es auch nicht “will make“ (möglich machen wird), sondern “may make possible“, also „möge“ ober besser „könne“.

70
Wer hat den Krieg verschuldet?


finden — das ist ein allerbezeichnendstes Symptom! die Serben heißen für die Engländer nur das „wackere Volk“, „das Heldenvölklein“ usw.; wir wissen aus mäßigen, der Regierung nahestehenden Organen, daß große Stücke Deutschlands Rußland, Frankreich und Belgien zugedacht sind, während die Franzosen nichts weniger als die vollständige Austilgung Deutschlands aus der Karte Europas bezwecken.... Und nun dieser Brief Grey's! Diese zwar verklausulierten, aber goldenen Ausblicke! Deutschland solle wieder „beteiligt sein können“ — also aus der Isolierung entlassen werden; es solle hinfürder gegen eine aggressive Politik selbst von seiten Frankreichs geschützt sein, und Österreichs Fürsten sollen hinfürder nicht mehr unter dem Segen russischer Gesandten ermordet werden! Wie Grey das zu Stande bringen will, weiß ich nicht — Frankreich auf die Revanche verzichten zu machen und Rußland auf die Hegemonie auf dem Balkan? Das alles wäre doch nur dann möglich, wenn England die Politik Eduard's VII. aufgäbe und sich resolut als wahrer Freund Deutschlands und des Dreibundes bekennen wollte; dann freilich wären alle Fragen auf einmal gelöst und heiterer, fleißiger Friede herrschte in Europa — aber gerade das will England nicht..... Lauter Fragen! unlösbare Fragen! Und immer wieder der Kehrreim: Wie râmt sich dös zusamma? Nun, die Antwort will ich dem Leser nicht schuldig bleiben: es reimt sich garnicht zusammen. Wir — die wir die Sache von einem umfassenden Standpunkt aus überblicken — wir wissen von vornherein, daß diese Worte keiner Wirklichkeit entsprechen   k ö n n e n;   es läßt sich, aber außerdem aus den vorliegenden diplomatischen Dokumenten der strenge Beweis führen, daß dem so ist. Zwischen zwei Hypothesen steht die Wahl: entweder ist der ganze Friedensschalmeipassus eine nachträgliche Erfindung, eingeschoben, um den Engländern und der ganzen Welt zu imponieren und Deutschland entsprechend anzuschwärzen — was bei der geringen Überlegungskraft der Menschen glänzend gelungen ist; oder aber er stellt einen macchiavellistischen

71
Wer hat den Krieg verschuldet?


Versuch tückischer Lügendiplomatie dar, Deutschland im letzten Augenblick noch irrezuführen, ein kluges Bauen auf die dem Schreiber innerlich wohlbekannte tiefe Friedensliebe und reine Rechtlichkeit des Kaisers und des Reichskanzlers.
    Ohne nun Sir Edward Grey's unsterbliche Nr. 101 aus den Augen zu verlieren, müssen wir ein bißchen weiter ausgreifen; so nur wird's gelingen, unser schon halbvolles Salzfaß bis an den Rand zu füllen.
    Man darf nie vergessen, daß die unmittelbare Veranlassung zum Kriege von Rußland ausgeht: dies ist der Lebenspunkt der ganzen Frage. Was den Konflikt zwischen Österreich und Serbien veranlaßt hatte, weiß die ganze Welt; was Österreich wollte und warum es dies wollen mußte, liegt ebenso offen vor Augen; wir wissen auch, daß, als Österreich zu den Waffen greifen mußte, weil Serbien sich weigerte, seine Forderungen zu erfüllen — welche die sichere Bestrafung der Urheber des Mordes bezweckten — es sich feierlich allen Großmächten gegenüber verpflichtete, keinerlei Gebietserweiterung auf Serbiens Kosten zu erstreben, auch keine Besetzung oder überhaupt irgend eine Schmälerung der vollen, freien Souverenität Serbiens zu verfügen (siehe z. B. Deutsches Weißbuch Rr. 10). Es handelte sich also um die bloße Regelung einer sozusagen „polizeilichen Frage“ zwischen Österreich und Serbien; hätte sich niemand hineingemischt, so war innerhalb vier Wochen alles geregelt und der status quo ante wieder eingeführt, nur daß die Urheber des Mordes jetzt unter Schloß und Riegel säßen und Serbien an der derben Lektion gelernt haben würde, Österreich — und mit ihm ganz Europa — endlich in Ruhe zu lassen. Wer Osteuropa kennt, weiß, daß Serbien es ist, welches diesen ganzen Weltteil nie zu Ruhe kommen läßt: ganz Serbien ist ein einziges Nest von Verschwörern, leidenschaftlichen politischen Schwätzern, die sich als den Mittelpunkt der ganzen Welt betrachten, trunken von ihrer eingebildeten Vorzüglichkeit und kein gutes Haar an anderen lassend; so

72
Wer hat den Krieg verschuldet?


tüchtig, tapfer, wuchtig die Kroaten dastehen, so leichtsinnig, maulheldenhaft und verbrecherisch ihre Vettern, die Serben. Wer von den vielen Tausenden, die heute in England, Frankreich, Italien für die Serben schwärmen, Österreich verurteilen und das dumme Wort des Zaren von dem „schmählichen Kriegerklären an ein schwaches Volk“ nachsprechen, wer von ihnen kennt die Verhältnisse und weiß, was Österreich seit bald zwei Geschlechtern jahraus jahrein von diesem einen Nachbarn zu dulden und zu ertragen hat? Keiner. Nichtsdestoweniger hätte man doch glauben sollen, wenn jetzt die Welt es erfährt, daß österreichische Fürsten und Fürstinnen auf eigenem Grund und Boden von Serben ermordet werden, wenn es sich herausstellt, daß diese Mörder nicht verworfene, hartgesottene Verbrecher waren, auf eigene Faust handelnd, sondern idealistische Jünglinge, verrückt gemacht durch das tolle Geschwätz der „Großserben“, Sendlinge einer Verschwörung, welche aktive serbische Offiziere und aktive serbische Staatsbeamte umfaßt, daß die Bomben aus einem serbischen Militärarsenal stammen, daß ein Major den Betreffenden Schießunterricht erteilte und höhere Grenzbeamte sie über die serbische Grenze nach Bosnien hineinschmuggelten — man hätte glauben sollen, es würde durch ganz Europa eine Welle der Empörung ob dieser unerhörten Schandtat hinrollen.   D a ß   d i e s   n i c h t   g e s c h a h ,   i s t   h ö c h s t   b e m e r k e n s w e r t   u n d   i s t   n o c h   z u   w e n i g   b e m e r k t   w o r d e n.   Die fast stumme Hinnahme des Ungeheuerlichen ist das Werk der Presse: der Presse Englands, Frankreichs, Rußlands, Italiens; die Presse, die sonst solche Geschehnisse auszubeuten pflegt, hat gleich nach der ersten Erregung zu dämpfen begonnen, und in kürzester Zeit war von der Mordtat in Serajewo keine Rede mehr. Es ist nicht anders möglich: das muß auf Befehl und Druck von oben geschehen sein. Unterdessen betrieben die österreichischen Gerichtsbehörden ihre Untersuchung; immer deutlicher stellte es sich dabei heraus, daß nicht die Tat einzelner Individuen vorläge, sondern ein weitverzweigtes serbisches Komplott, dessen

73
Wer hat den Krieg verschuldet?


Verästelungen bis in die unmittelbare Umgebung des serbischen Kronprinzen führten. Eine einzige unter den einwandfrei — und inzwischen gerichtlich — festgestellten Tatsachen spricht an sich schon Bände: ein ehrlicher Mann in Belgrad hatte von dem grauenhaften Vorhaben Wind bekommen; er eilt zur österreichischen Legation, um zu warnen; es war am Tag vor der Mordtat, sie konnte noch abgewendet werden; doch die Verschwörer hatten überall Augen und verfügten über die Behörden: auf den Stufen, die zur Legation hinaufführen, wurde der Betreffende unter irgend einem nichtigen Vorwande arretiert und 48 Stunden in Verwahrung gehalten; dann wieder losgelassen — zu spät! Nicht minder bezeichnend ist, daß die gräßliche Mordtat in ganz Serbien mit Jubel aufgenommen wurde; das österreich-ungarische Rotbuch bringt die Berichte aus Belgrad, Üsküb und Nisch; nicht Scham empfanden die Serben, nicht verdammten sie die Tat als Wahnsinn und Verbrechen einzelner Verirrter, sondern die ganze Nation feierte den feigen Mord als eine patriotische Tat. Alles das sind Tatsachen, die man nicht darum vergessen sollte, weil der Krieg sie inzwischen in den Hintergrund gerückt hat. Daraufhin hat nun Österreich peremptorische Forderungen gestellt. Neben solchen, welche die gegen Österreich gerichtete dauernde Agitation betreffen, Unterdrückung von Vereinen usw., gab es namentlich eine, die der Leser beachten muß: Österreich forderte, daß bei dem sofort in Belgrad anzustellenden gerichtlichen Verfahren von ihm „zu delegierende“ Beamte (also österreichische) an der Untersuchung teilnähmen. Österreich hat nicht — wie von Serbien und Rußland behauptet wurde — das Verlangen gestellt, an dem   G e r i c h t s v e r f a h r e n   beteiligt zu sein — was offenbar die Souveränität des Landes aufgehoben hätte — vielmehr nur (wie es selbst erläutert) „an den polizeilichen Vorerhebungen mitzuwirken, welche das Material für die Untersuchung herbeizuschaffen und sicherzustellen haben“. Was Österreich hiermit verlangte, war genau das gleiche, was Rußland in Paris als eigenes

74
Wer hat den Krieg verschuldet?


„Sicherheitsbüro“ besitzt, also gewiß keine übertriebene Forderung (siehe Telegramm Berchtolds an Szapáry vom 27. Juli). Man darf nicht übersehen, daß in einem Land wie Serbien die Rechtspflege auf primitivster Stufe steht und die Behörde sich jede Willkür ungestraft erlaubt. Stellte Österreich diese Forderung nicht, so war mit Gewißheit vorauszusehen, daß bei der ganzen Untersuchung rein garnichts herauskommen würde (was bei früheren, weniger gewichtigen Fällen stets der Fall gewesen war); was stand zu erwarten, wo die Schuldigen so hoch hinaufreichten? Serbien, sonst vielfach nachgiebig, verweigerte kurzweg die Gewährung dieser Forderung. Ehe aber Serbien diese verneinende Antwort abgab, hatte dessen Kronprinz an den Zaren telegraphiert und ihn gebeten, „so schnell wie möglich zu Hilfe zu eilen“, und der Zar hatte geantwortet: „Rußland wird unter keinen Umständen Serbien allein lassen.“ Rußland hat sich also von vornherein auf die Seite der Mörder gestellt: das darf man ebenfalls nie vergessen. Der Zar — genau wie das serbische Volk — hat kein einziges Wort des Abscheus über die Mordtat, kein Wort der Mahnung, daß er die strengste Untersuchung wünsche, nur das Eine: ich stehe zu euch Meuchelmördern. Und nun beachte man das Telegramm des deutschen Botschafters in Petersburg an den Reichskanzler vom 24. Juli 1914, gleich nach seiner allerersten Besprechung mit Ssasonow über die österreichischen Forderungen: „Der Minister erging sich gegen Österreich-Ungarn in maßlosen Anklagen und war sehr erregt. Auf das Bestimmteste erklärte er: daß die serbisch-österreichische Differenz zwischen den Beteiligten allein ausgetragen werde, könne Rußland unmöglich zulassen.“ Ist das nicht sehr auffallend? Zum Handwerk des Diplomaten gehört in erster Reihe die Selbstbeherrschung, die Undurchdringlichkeit; wozu und warum diese Erregung, diese Maßlosigkeit, diese stürmische Einmengung in eine Sache, die Rußland nichts anging, in eine Sache, deren volle Aufklärung jedem anständigen Menschen hätte am Herzen liegen sollen? Hier hat sich der russische Mi-

75
Wer hat den Krieg verschuldet?


nister verraten — hier und an einem anderen Orte, wo er gerade den Punkt hervorhebt, den ich vorhin betonte, die Forderung Österreichs, an den polizeilichen Vorerhebungen beteiligt zu sein. Und zwar fällt das dem aufmerksam Beobachtenden um so mehr auf, als gerade Ssasonow vom Beginn an und im ganzen Verlauf der folgenden Tage einen wirklichen Wunsch nach Frieden, eine Hoffnung auf Frieden kundgibt, die sehr auffallen als Gegensatz zu den Franzosen, die vom ersten Tage an in die Kriegstrompete blasen und stets jeden Schritt von sich weisen, der eine Entspannung erhoffen lassen könnte¹), auch im Gegensatz zu dem unaufrichtigen, schwankenden Verhalten der Engländer, die zuerst selber gern abseits geblieben wären, aber alles tun, damit sich die anderen in die Haare geraten. Ssasonow — mögen seine Gründe gewesen sein, welche sie wollen, ich kenne sie nicht — hätte aufrichtig gern den Krieg vermieden; den Eindruck gewinnt man aus dem gesamten Depeschenwechsel; bis zum letzten Augenblick — eigentlich noch darüber hinaus — versucht er, sich mit Österreich zu verständigen; wollte dieses nur die eine Forderung aufgeben — denn darauf bezieht sich offenbar das immer wiederkehrende Wort von der «dignité d'un pays indépendant», der Würde eines unabhängigen Staates — so fände er sich zu jedem Entgegenkommen bereit. Ist das nicht sehr auffallend: sehnlicher Wunsch nach Frieden, und doch lieber Weltkrieg, als daß Österreicher an den „Vorerhebungen“ über den Mord in Serajewo beteiligt seien? Ich meine, die Erklärung liegt nahe bei der Hand: hätten österreichische Beamte an jenen „Vorerhebungen“ teilgenommen, so hätte sich herausgestellt, daß an allen den jahrelangen Umtrieben gegen Österreich-Ungarn —   e i n s c h l i e ß l i c h   d e s   M o r d e s   — Rußland beteiligt war, teils das offizielle, teils das unoffizielle, das hoch und immer höher
—————
    ¹) Man vergleiche z. B. die Unterredung zudritt Ssasonows mit dem englischen und französischen Botschafter am selben 24. Juli (Engl. Blaubuch Nr. 6) und das geradezu freche Verhalten der Franzosen, das aus den Nummern 28, 35, 53 des russischen Orangebuches hervorgeht.

76
Wer hat den Krieg verschuldet?


bis an des Thrones Stufen heranreicht. Das ist meine feste Überzeugung! Diese dummen Blau- und Rot- und Orange- und Weiß-Bücher, welche die Wahrheit zu Grabe tragen wollen, können auch zu ihrer Enthüllung dienen: «il n'est question que d'avoir bonne vue.» Wäre Österreichs Forderung erfüllt worden, wir hätten einmal das „heilige Rußland“ am Werke erblickt; das durfte um keinen Preis geschehen. Ssasonow — der leidenschaftliche, unvorsichtige und insofern sympathische Mann — hat sich übrigens noch einmal arg verraten; denn in seinem zusammenfassenden «Communiqué» vom 2. August erhebt er gegen Österreich die unwahre Anschuldigung, es habe „das ganze serbische Volk angeklagt, das Verbrechen von Serajewo begangen zu haben“, und dies habe „Serbien die Sympathien ganz Europas zugezogen“; das heißt doch die Dinge auf den Kopf stellen! Österreich hat in Wahrheit genau das Gegenteil getan: es hat nicht ein ganzes Volk angeklagt, vielmehr die Auffindung der schuldigen Einzelnen verlangt, und gerade dies hat Rußland nicht zulassen wollen; weswegen wir voraussetzen müssen, es hätten sich bestimmte Persönlichkeiten, und zwar namentlich bestimmte   r u s s i s c h e   Persönlichkeiten, als die treibenden, hetzenden, zahlenden, Verbrechen ersinnenden, Mörder dingenden erwiesen. Das wußte Ssasonow: daher die Erregung, daher die Maßlosigkeit, daher das leidenschaftliche Eingreifen, um diesen einen Punkt der Forderungen auszulöschen, bei erstaunlicher Nachgiebigkeit in allen anderen Beziehungen — erstaunlich nämlich, wenn es sich wirklich um den Ehrenpunkt gehandelt hätte. Nicht Rußlands Ehre war gefährdet, vielmehr drohte die Aufdeckung der Ehrlosigkeit des offiziellen Rußlands.
    Gleichviel nun, ob man meine Erklärung für das widerspruchsvolle Verhalten des russischen Ministers annimmt oder nicht, das eine geht unwidersprechlich aus den Dokumenten hervor: Rußland ist es, das durch sein leidenschaftliches Dazwischentreten den Krieg heranführt; ohne Rußlands Verhalten gab es keinen Krieg.
    Nun behauptet zwar Ssasonow — aber erst in dem nachträg-

77
Wer hat den Krieg verschuldet?


lich gedrechselten „Communiqué“ — Österreich habe überhaupt das Ganze nur als Vorwand benutzt, um „die Hegemonie in den Balkanländern zu erstreben“. Als Leitartikel für den Frühstückstisch mag so etwas wirken, es verträgt aber nicht einen Augenblick des Nachsinnens. Besäße Österreich jenen Ehrgeiz, so dürfte es nicht nach Grenzerweiterung, vielmehr einzig nach innerer Kräftigung und Konsolidierung streben; weder Ungarn noch Österreich kann wünschen, weitere Millionen von Slaven in das Reich aufzunehmen; es wäre Selbstmord; außerdem würden die Kroaten in offene Empörung ausbrechen, wenn die ihnen mehr als der Teufel verhaßten Serben ihre Mitbürger werden sollten. Wie Graf Berchtold in einer Depesche vom 25. Juli sehr richtig sagt: „Österreich-Ungarn ist territorial saturiert;“ vielleicht vermag das ewig unersättliche Rußland nicht, sich so etwas vorzustellen. Und woher sollte Österreich-Ungarn die Kraft nehmen, ein allen Großmächten feierlich gegebenes Versprechen nicht zu halten? Die ganze Lage im Osten macht die Durchführung einer so perfiden Politik unmöglich; um so unmöglicher, als Österreich in einem solchen Falle Deutschland mit Rußland vereint gegen sich gefunden hätte. Aus alledem geht hervor, daß es nur einen einzigen Weg gab, die Gefahr des Krieges abzuwenden: England und Frankreich hätten Deutschlands Beispiel folgen und in Petersburg freundschaftlich zur Ruhe mahnen sollen. Sie hätten sagen müssen: „Es handelt sich um eine interne Angelegenheit zwischen jenen beiden; Österreich   m u ß   sich Ruhe schaffen, Österreich kann unmöglich eine so himmelschreiende Untat unbestraft hingehen lassen — die armen, betörten Jünglinge hängen, während die wahren Verbrecher in Amt und Würden sich sonnen; kein Staat der Welt könnte so etwas dulden, er müßte denn für alle Zeiten entehrt, gedemütigt, verachtet dastehen. Bleib also fein still. Sollte Österreich wider alle Wahrscheinlichkeit wortbrüchig werden wollen, wortbrüchig gegen uns alle, dann stehen wir alle vereint, ganz Europa gegen das eine Österreich-Ungarn.“ Dies war das einzige, dafür aber das

78
Wer hat den Krieg verschuldet?


sichere Mittel, den Krieg von Europa abzuwenden. Denn Ssasonow gibt ausdrücklich zu, Rußland wage es nicht, den Krieg allein aufzunehmen, es müsse ihm wenigstens Frankreich beistehen (Englisches Blaubuch, Nr. 17). Ein Wort also von Frankreich und England, und die Gefahr war beschworen. Was taten nun England und Frankreich? Genau das Gegenteil dessen, was allein den Frieden hätte sichern können. Frankreich namentlich treibt vom ersten Augenblick an offen zum Kriege. Am Entstehungsherd des Kriegsgedankens, in Petersburg, findet bezeichnenderweise die allererste Konferenz zwischen dem russischen Minister mit den Botschaftern Englands und Frankreichs am 24. Juli, nicht im russischen Ministerium, sondern in der französischen Botschaft statt! Der Franzose, der lediglich als Brandstifter nach Petersburg geschickt worden war, geht gleich ins Zeug, und „plädiert wiederholt für eine entschiedene Haltung Rußlands“, reizt also den schon so erregten Ssasonow noch weiter auf, anstatt ihn zu beruhigen und ihm die Sache in ihrem rechten Licht zu zeigen. Auch in der Folge zeigt Frankreich immer nur heftige, drängende Kriegsgier, so daß Rußland und England ihm gegenüber einen immerhin ernsteren, verantwortungsvolleren Eindruck machen. Deutschlands ehrliche Bitte in Paris, sich zu einer gemeinsamen Friedensaktion in Petersburg zu vereinigen, wird als „Versuch, Frankreich zu kompromittieren“, entrüstet abgelehnt; Frankreich lehnt überhaupt von vornherein «toute solidarité avec l'Allemagne» ab (Gelbbuch, Nr. 62). Besonders lehrreich und zugleich beschämend für England ist es zu verfolgen, wie Frankreich England schiebt und stößt und zwingt, bis es sich entschlossen kriegsbereit zeigt; denn England, obwohl der Sache nach mit Frankreich einig, verfährt in der Form weit vorsichtiger und weniger aufrichtig. Zwar stellt der englische Botschafter Buchanan sofort „einen Druck auf Deutschland und Österreich-Ungarn in Aussicht“, anstatt durch leisen freundschaftlichen Druck auf Rußland die Gefahr mit einem Male zu beschwören; doch ist England anfangs ängstlich und schwankend: mit köstlicher Naivität

79
Wer hat den Krieg verschuldet?


macht am 24. der Botschafter Buchanan aufmerksam, ein Krieg lediglich zugunsten der serbischen Mörder werde „in England nicht populär sein“, was ihm Grey bestätigt, und am 25. warnt er dringend, die Mobilisierung Rußlands werde die Mobilisierung Deutschlands notwendig nach sich ziehen. Doch Rußland und Frankreich lassen England gar nicht zu Atem kommen; es genügt, sagt Ssasonow, daß „England fest zu Frankreich und Rußland stehe, so werde es keinen Krieg geben“ (Blaubuch, Nr. 17); und der französische Botschafter in London greift zum eindringlichsten Argument und zieht die Militärkonvention vom November 1912 aus der Tasche: England ist ja gebunden¹). Und, Notabene, wenn auch England zu zögern scheint, es hat doch seine ganze ungeheure Flotte mobilisiert daliegen und das für den 24. Juli befohlen gewesene Abmobilisieren heimlich durch Gegenbefehl aufgehoben; insofern ist England von allen Mächten die zuerst kriegsgerüstete. Wie England sich — trotz aller Ausflüchte und tugendhaften Zögerungen — in Wirklichkeit während dieser Tage benommen hat, zeigt Ssasonow's Dank, der noch vor Abbruch der Verhandlungen mit Österreich Grey versichert: „Zar, Regierung und Volk werden niemals die feste Haltung Großbritanniens vergessen“ — fest, heißt das, gegen Deutschland und gegen dessen ununterbrochene Friedensbestrebungen! Deutschland allein — denn
—————
    ¹) Auch hier hat Sir Edward Grey früher und jetzt wieder zur Lüge gegriffen, indem er wiederholt im Parlament versicherte, es gebe keinen Bündnisvertrag zwischen England und Frankreich. Einen „Vertrag“ im englischen und deutschen Sinne des Wortes gab es streng gesprochen allerdings nicht; in Frankreich sind aber Verträge überhaupt nicht üblich, und die wichtigsten Geschäfte werden durch Austausch zweier gleichlautender Briefe abgeschlossen; diese Form besitzt juristisch bindende Kraft; ein solcher Austausch hat nun zwischen England und Frankreich stattgefunden. Man findet den englischen Brief vom 22. November 1912 und den französischen Gegenbrief vom 23. November 1912 bei Helmolt S. 71 fg. Mit Recht bemerkt der diplomatische Agent, der diese Schriftstücke bald darauf der deutschen Regierung im geheimen mitteilen konnte: England habe sich hierdurch „rettungslos dem französischen Revanchegedanken verschrieben“.

80
Wer hat den Krieg verschuldet?


von Österreich kann leider in diesem Zusammenhang auch kaum die Rede sein — hat von der ersten Stunde bis zur letzten daran gearbeitet, Europa vor dem Kriege zu bewahren. Und zwar besitzen wir für dieses Verhalten Deutschlands — den unverschämten Lügen der Franzosen gegenüber — einen unverdächtigen Zeugen, keinen Geringeren als Sir Edward Grey, welcher in dem Schriftstück Nr. 77 des britischen Blaubuches sagt: wenn der Krieg noch abgewehrt werden könne, so „würden sich alle vereinigen, dem deutschen Reichskanzler als Retter des europäischen Friedens zu danken“. Auch ein merkwürdiges Wort, ein unabsichtliches Geständnis: denn warum haben denn Grey selber und Ssasonow und Viviani nicht mit Bethmann Hollweg gewetteifert? Von Rußland haben wir gesehen, daß dort stets ein blindes Fatum herrscht; England und Frankreich aber handeln überlegt und zielbewußt; wer hinderte sie, den Frieden statt des Krieges zu wollen? Hätte jedes ein Wort im Sinne des hier so gepriesenen deutschen Staatsmannes gesprochen, die Gefahr war abgewendet. Es war dies also nicht ihr Wille. In der Tat, an dem selben Tage, wo Grey jene Worte über den Reichskanzler als Friedensretter an Goschen nach Berlin telegraphierte — es war der 29. Juli — empfing er in London Fürst Lichnowsky, um mit der Beteiligung Englands am Kriege gegen Deutschland unmittelbar zu drohen! Wäre diese Mitteilung streng vertraulich geschehen, so könnte sie als Druck auf Deutschland allein aufgefaßt werden; was aber der Sache eine ganz andere und verhängnisvolle Bedeutung verlieh, ist, daß Grey, noch bevor er diese Drohung an Deutschlands Adresse gelangen ließ, dem französischen Botschafter in London mitteilte, daß er es zu tun beabsichtige, was natürlich letzterer eiligst nach Paris telegraphierte, wo Iswolsky — wohl unter den Russen der Hauptdrahtzieher seit Jahren gegen Deutschland — es gleich erfuhr und nach Petersburg weitergab. Sofort ging Rußland an die allgemeine Mobilisierung! Und so hat denn gerade England — wenn es auch im ersten Augenblick vor der schnöden

81
Wer hat den Krieg verschuldet?


Veranlassung des Krieges ein wenig zurückzubeben schien — im kritischen Momente die Entscheidung gegeben; sein Eingreifen ist es, das die Wage im Sinne des Krieges zum Sinken brachte! Wir haben also folgenden Vorgang vor Augen: Rußland, wild vor Angst, die Scheußlichkeiten seiner panslawistischen Politik vor aller Welt aufgedeckt zu sehen, will um jeden Preis Österreich von der Beteiligung an den Gerichtsuntersuchungen abhalten, rasselt dazu mit dem Säbel, ohne eigentlich den Krieg recht zu wollen; Frankreich will den Krieg um jeden Preis und setzt vom ersten Augenblick an alles in Bewegung, um Rußland und England in Lagen zu bringen, aus denen es kein Zurück gibt; England ist Frankreich gegenüber zum Krieg gegen Deutschland vertragsgemäß verpflichtet, findet es günstig, Rußland nach Wunsch in Glut zu sehen, ungünstig aber, daß als Vorwand des Krieges die Verteidigung von Königsmördern dienen soll — daß ist ihm etwas zu „russisch“, darum zögert England; doch Cambon, der schlaue Botschafter in London, weiß die Engländer an der Nase zu führen, und schließlich ist es England, daß am 29. Juli den Ausschlag gibt. Wer hieran noch zweifeln sollte, braucht nur einen Blick auf das klassische Zeugnis des belgischen Vertreters in Petersburg zu werfen, des Monsieur de l'Escaille, dessen Brief vom 30. Juli an den belgischen Minister durch den bekannten Zufall der deutschen Regierung in die Hände fiel. Am Anfang seines Berichtes betont dieser neutrale und jedenfalls nicht deutsch gesinnte Zeuge, Deutschland   a l l e i n   habe alles Mögliche getan, um einen Krieg abzuwehren, es sei ihm aber nicht gelungen, den Eigensinn Österreichs und daß Mißtrauen Rußlands zu überwinden. Dann teilt er mit, die allgemeine Mobilisierung finde in Rußland heimlich statt (öffentlich dekretiert wurde sie erst am 31. Juli), und schließlich sagt er, was die Lage entschieden habe, sei die Gewißheit, daß England am Kriege auf Seiten Frankreichs teilnehmen werde; es müssen also spätestens seit dem 29. Juli „bindende Zusagen“ in Petersburg vorgelegen haben.   „D i e s e r   B e i s t a n d“,   heißt es,   „w i e g t   u n g e h e u e r   v i e l

82
Wer hat den Krieg verschuldet?


u n d   h a t   n i c h t   w e n i g   d a z u   b e i g e t r a g e n,   d e r   K r i e g s p a r t e i   d i e   O b e r h a n d   z u   v e r s c h a f f e n.“
    Nun endlich bin ich, wo ich sein wollte, und hoffe nur, der Leser hat nicht unterwegs die Geduld verloren. Der anfangs genannte und in seiner Schlußstelle übersetzte merkwürdige Drahtbrief Sir Edward Grey's an Sir Edward Goschen zur Mitteilung an den deutschen Reichskanzler mit all den süßen Verheißungen für Deutschland datiert vom selben Tage wie der Bericht des Herrn de l'Escaille aus Petersburg! Alles war schon zwischen den drei Friedensbrechern abgemacht, abgekartet, alles schon in Bewegung. In Rußland hatte die allgemeine Mobilisierung gegen Österreich und gegen Deutschland begonnen; Frankreich hatte schon vor mehreren Tagen ganze Züge Militär nach Belgien hineingeschickt (was jetzt aus vielfachen Zeugnissen gerichtlich feststeht), und am selben 30. wird das 45. Infanterie-Regiment in Lastkraftwagen nach Namur gebracht, was doch alles Grey fraglos bekannt war, aber ihn nicht verhinderte, noch am 1. August über die „Neutralität Belgiens“ mit Deutschland zu verhandeln!¹) Und nun bitte ich den Leser, sich den betreffenden Brief Grey's noch einmal genau anzusehen und sich zu fragen, was diese Worte bedeuten können. „Wie râmt sich dös zusamma?“ Gleich beim erstmaligen Lesen fragten wir uns das und schien es uns — aus unserer Kenntnis der allgemeinen Lage — wie ein frevelhaftes Spielen mit Unmöglichkeiten; jetzt aber, wo wir, zwar nur in Umrissen, doch genau und, ich hoffe, lichtkräftig die nähere Beschaffenheit und Entwicklung des „inneren Kreises“ der zu diesem Kriege führenden Ursachen kennen gelernt haben, jetzt können wir nichts anderes sagen als: das Ganze ist Mystifikation; im besten Falle ist es, was der Franzose «parler pour la galerie» nennt, die Worte gelten nicht für den Adressaten, sondern für außenstehende Kreise; auf alle Fälle ist
—————
    ¹) Nach dem Blaubuch Nr. 123 hat Sir E. Grey es verweigert, Englands eigene Neutralität unter irgend welchen Bedingungen zu versprechen; selbst wenn Deutschland belgischen Boden nicht betrat, wollte England am Kriege teilnehmen!

83
Wer hat den Krieg verschuldet?


es Betrug; denn Grey verspricht, was er vollkommen unfähig ist zu halten, selbst wenn er's wollte, und seine Taten beweisen, daß er es nicht will. Warum übte er diesen Betrug? Tat er es bloß, um sich im englischen Parlament und vor den Wählern seiner Partei eine günstigere „Plattform“ (wie der englische technische Ausdruck lautet) zu bereiten? Oder hoffte er wirklich, Deutschland zu ködern und zum Verrat an seinem Bundesgenossen zu verführen — ein Verrat, der allerdings die geplante „Zerstörung“ Deutschlands gewaltig erleichtert hatte? Ich weiß es nicht und brauche es auch nicht zu wissen.
    An diesem Beispiel hat der Leser lernen können, mit welcher Vorsicht und Umsicht man solche diplomatische Dokumente lesen muß. Das hat Ausführlichkeit erfordert, weil solche Fragen ungemein verwickelt sind und — was weit schlimmer ist — mit Absicht verwickelter gemacht werden, bis zuletzt kein Mensch aus noch ein weiß und der Teufel seinen Willen hat. Auch darum war Ausführlichkeit erfordert, weil es sich um eine heilig ernste Frage handelt: wer hat den Krieg verschuldet? Nicht jedem von uns genügt ein Parteiwort, eine patriotische Beteuerung; wir verlangen als ein Recht, bis auf den Grund zu sehen. Nicht habe ich in dieser kleinen Arbeit den ganzen Grund aufdecken wollen; so vermessen war ich nicht; ich wollte bloß einige Standpunkte feststellen, einige Methoden andeuten, einige Winke geben. Es liegt ja alles da, vor Augen: der äußere Kreis der allgemeinen, dauernd wirkenden und fast mit Naturnotwendigkeit zum Kriege führenden Ursachen, der mittlere Kreis, in welchem der Knoten zu dem Krieg gegen Deutschland geschürzt wird, und der innere Kreis der letzten, sich überhastenden, leicht zu entstellenden und zu fälschenden Vorgänge, welche die Kriegserklärungen herbeiführten; kaum irgend etwas aber — macht Goethe einmal aufmerksam — ist so schwer gut ins Auge zu fassen, wie das, was unmittelbar vor Augen liegt; daß es doch gelingen möge, war der Zweck dieser Anleitung.

84
Wer hat den Krieg verschuldet?


    Während nun mancher unter uns weiter suchen und sondieren wird, kann die vorliegende Untersuchung für manchen andern schon genügen; denn wir haben mit nie zu widerlegender Bestimmtheit erkannt, wer diesen Krieg heraufbeschworen hat und wer dagegen alles versucht hat, um ihn abzuwehren. Wir sind nicht bei Allgemeinheiten geblieben, sondern haben Genaues und genau Charakterisiertes erfahren. Wer das Vorgebrachte aufmerksam in sich aufgenommen hat, steht schon heute jenem „Optimum“ an Wahrheit nahe, von dem zu Beginn des Vortrags die Rede war; und wir wollen weder Pascal's Warnung: „Zu viel Wahrheit lähmt den Verstand“, noch Goethe's Mahnung: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr“ vergessen.
    Fragt man mich um ein Urteil über die drei Mächte, die den Krieg verschuldet haben, so antworte ich: Frankreich war die brutalste, aufrichtigste, es hat nie Versteck gespielt, es brannte auf Krieg, und seine Minister und Diplomaten waren von einer Unbildung und Roheit, daß es geradezu grotesk wirkt, zugleich von einer so vollendeten «filou»-mäßigen Schlauheit, daß man später vielleicht wird darüber lachen können; Rußland ist und bleibt unfaßbar, man hat nie das Gefühl, daß die leitenden Persönlichkeiten wirklich leiten, immer greift aus dem Hintergrunde ein Geheimnisvolles bestimmend ein, es herrschen eben die Elementarkräfte der blinden Natur über jeden sich regenden sittlichen Menschenwillen und reißen auch die von besten Absichten Beseelten mit sich; England hat seiner lasterhaft schlechten Politik altes Beste einer von Natur edelgearteten Nation geopfert, dieser Politik Ziel ist ein niedrigeres als bei Rußland und Frankreich der Fall, denn Deutschlands Untergang will es nur, weil es die unvergleichliche Tüchtigkeit Deutschlands erkennt: Handelsneid, Geldneid, Waffenneid, Wissenschaftsneid, Geistesneid, Bruderneid. In einem alten englischen Abc-Buch las man: „A steht für Abel, Abel war ein besserer Mann als sein Bruder Cain;   d a r u m   erschlug Cain den Abel.“ Dieses „darum“ machte mir schon als

85
Wer hat den Krieg verschuldet?


zweijährigem Buben Kopfzerbrechen; ich werde wohl ins Grab sinken, ohne diese Logik verstanden zu haben; auf viele Engländer scheint sie überzeugend zu wirken.
    Gott gebe demjenigen den Sieg, der einzig den Frieden gewollt hat. Gott bestätige es, daß wer den Frieden am besten will, den Krieg am besten kann!

    B a y r e u t h,   31. Januar 1915.
 
 
 
 
86

Deutscher Friede
Nur nach einer vollendeten Kultur würde
ein immerwährender Friede für uns heilsam
und auch durch jene allein möglich sein.
(I. Kant)

D
as Wort und mit ihm auch den Begriff „Friede“ kennen heute nur die deutsche Sprache und die ihr nahverwandten skandinavischen Sprachen; diese Tatsache offenbart ein Stück Volksseelengeschichte. Im lateinischen pax, von dem die anderen lebendigen Sprachen ihr paix, peace, pace usw. ableiten, liegt der Begriff des Kriegs eingeschlossen; zwei Streitende stehen sich gegenüber, zwischen ihnen wird „ein Pakt abgeschlossen“ (vergl. pacisci); es handelt sich also um eine politisch-juristische Vorstellung; Krieg war, Krieg wird sein, dazwischen liegt die vereinbarte pax. Ganz anders bei den Germanen. Die indogermanische Wurzel, die dem Wort „Friede“ zugrunde liegt, bedeutet   l i e b e n,   h e g e n,   s c h o n e n   und ist stammverwandt mit   F r e i h e i t   und   F r e u d e.   Somit ist „Friede“ nicht ein Vertrag, sondern ein Zustand, nicht etwas, wozu ich einen Zweiten nötig habe, sondern die eigene Fülle, wie sie blühend sich entfaltet: in Liebe zu den Meinen, in Schonung gegen Andere, im treuen Hegen alles dessen, was Gott mir anvertraut hat, freidig und freudig. Der Begriff „pax“ verneint, der Begriff „Friede“ bejaht; die „pax“ kann ein schlaues, falsches, niederträchtiges Abkommen sein, der Begriff „Friede“ bekennt, daß es kein heiteres, gesegnetes Aufblühen gibt ohne sittliche Grundlage; zum Abschluß einer pax genügen zwei Notare, Frieden kann es nur geben, wenn der Mensch ihn verdient und Gott ihn schenkt.
    So viel zur Verständigung über die Bedeutung des Wortes. Es tut gut, sich solche Dinge zu überlegen; denn heute, wo uns der Krieg Tag und Nacht umgibt, und der echte Mann — selbst wenn ihm das Glück, im Felde zu stehen, verwehrt ist — alle Sehnen des Geistes stramm fast biß zum Reißen gespannt hält, wissend — ober halbbewußt ahnend — daß der Kampf um eine Welt geht, um alles, was es uns wert macht, „Mensch“ zu sein, da steigt plötzlich vor unsere

87
Deutscher Friede


Augen eine Gestalt auf, die wir sonst wenig beachteten — wie nur der Kranke von Gesundheit redet, nicht der Gesunde —‚ eine himmlische Gestalt, die der Welt größter Dichter besungen hat:
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
. . . . . . . . . . . . . .
Süßer Friede,
komm, ach komm in meine Brust!
Und wie es uns Menschen zu gehen pflegt — die wir doch denkende Wesen sind — wenn wir plötzlich von etwas zu reden anfangen, worüber wir nicht hinlänglich nachgedacht haben, so kommen allerhand, zum Teil recht bunte Ungereimtheiten zutage.
    So überlegen sich z. B. Wenige, daß Deutschland schon lange nicht mehr im Frieden lebte; zwar genoß es eine Art „pax“, nicht aber besonnte es „süßer Friede, der du von dem Himmel bist“. Nicht seit dem 1. August 1914, sondern drohend seit 1893 und akut seit 1903 (siehe S. 57 fg.) haben wir Krieg. Ja, ich möchte behaupten, den eigentlichen „deutschen Frieden“, den Frieden, der dem Begriff des germanischen Wortes entspräche, und wie ihn z. B. auch Dante in seiner „Monarchia“ von dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erwartete, den haben wir noch nie gehabt, und zwar deshalb, weil kein Volk außer dem deutschen von einem solchen Frieden auch nur den Begriff besitzt, er also erst von einem urmachtvoll gebietenden Deutschland der Welt geschenkt werden müßte. Dieser deutsche Friede ist ein Ideal — nicht im Wolkenkuckucksheim, sondern erreichbar, wenn die Deutschen das wollen, was sie können, wenn sie innerlich so stark zu sein verstehen, wie sie äußerlich es sind, wenn sie ihre elendigliche politische Parteien- und Parlamentswirtschaft mit der verdienten Verachtung wegfegen und den Staat ebenso wissenschaftlich ausbauen und lenken wie die Armee. Das kann freilich nicht von heute auf morgen geschehen; einzig eine folgerichtige, starke Politik Deutschlands während hundert Jahren und mehr — stark nach außen und gestützt

88
Deutscher Friede


im Innern auf die bewußte Pflege des Deutschen und die entschlossene Ausrottung des Undeutschen — kann unserer Erde diesen höchsten Segen schenken, oder vielmehr vermitteln. Denn Gottes Gabe muß Friede sein, sonst ist es kein rechter Friede, sondern nur Abwesenheit von Krieg. Und daß Gott da ist, ganz nahe, das wissen heute in Deutschland Alle; Alle empfinden Seine unmittelbare Gegenwart; an uns ist es also, zu wollen.
    Und zwar muß hier wie überall der Wille sofort eingreifen. Der grammatische Begriff des „Zeitworts“ paßt nicht auf das Wollen; das Wollen kennt keine Zeit, bei ihm heißt es: nun und ewig. Und daher kommt es, daß, wenn auch unser „deutscher Friede“ als ein Ideal von uns erkannt wird, als ein Fernes, ein Glückesland, in das keiner von uns Lebenden ehrfürchtigen Schrittes eintreten wird, wir doch — sofort gleich heute — den Sinn dahin richten müssen und auch den Fuß; jetzt oder nie muß der Traum Tat werden; ist die Gegenwart nicht zeugungsfähig, so kann die erhoffte Zukunft nicht ins Leben treten. Und das wiederum zwingt zu faßbarer, fester Nüchternheit, ich will sagen, zu besonnener Überlegung des gegenwärtig Gegebenen, zu ruhiger Unterscheidung zwischen Möglichem und Unmöglichem, zu praktischen Entschlüssen. Man muß zu tun und muß zu erharren wissen: beides ist nötig. Als stets lebendige Leuchte muß unser Ideal des „deutschen Friedens“ unsere Schritte leiten — besäßen wir dieses Ideal nicht, wir wären bloße Tagespolitiker; dem deutschen Wesen aber müssen wir Ehre erweisen, indem wir dartun, daß einzig der Idealist wahrhaft praktisch ist und Dauerhaftes aufzubauen vermag.
    Die mir zu Gesicht gekommenen Erörterungen über den zu erhoffenden Frieden scheinen mir nach zwei Seiten hin unstichhaltig: sie setzen zu viel und zu wenig voraus. Es ist kühn, anzunehmen, dieser heutige Krieg werde nach außen hin die Machtfragen endgültig lösen, die schon lange latent die Welt beunruhigen und jetzt

89
Deutscher Friede


offen die Entscheidung anrufen; mich dünkt diese Voraussetzung ungeheuerlich; andererseits ist es unzulänglich, wenn man mit einem Haufen Milliarden und einigen Grenzverrückungen den Kampf erledigt und einen annehmbaren Frieden gewonnen glaubt. Bedeutende Vorgänge pflegen die geistige Perspektive stark zu verrücken: darunter leiden mir heute. Das Gestern dünkt uns ein Abschluß, das Morgen ein Anfang; selten aber fällt es in Wirklichkeit so aus; das Morgen gleicht dem Gestern zum verwechseln, denn die Menschen sind die selben, und neue Umstände wirken langsam; ist aber tatsächlich der Wendepunkt ein   P u n k t,   so bleibt er von der Gegenwart unbeachtet; meistens nimmt eine „Wende“ Jahre in Anspruch, manchmal Jahrhunderte. Wir können dankbar sein, wenn uns dieser bedrohliche Krieg statt eines Rückschlages irgend einen merklichen Fortschritt des Deutschtums bringt; an eine Entscheidung ist nicht zu denken — schon darum allein nicht, weil Deutschland nicht reif wäre, sie in Empfang zu nehmen. Es kann eine Reihe von Kriegen erfordern, um Frankreich, England und Rußland so weit zu bewältigen und um die Konstituierung von Europa, das Aufschließen von Asien, die Besiedelung von Afrika, die Beherrschung der Gelben und der Schwarzen so weit zu fördern, daß von einem „deutschen Frieden“ in dem von mir gemeinten Sinne die Rede sein kann. Man überlege sich doch, was ein Kampf gegen das über den halben Erdball verteilte, an Mut und Ausdauer schwer zu erschöpfende Angelsachsentum bedeutet; mit dem Wort „England“ ist die Sache noch lange nicht abgetan! Der Deutsche tritt in ein Ringen ein, das auf Geschlechter hinaus die höchste Anspannung aller Kräfte erfordern wird: dazu muß er jetzt sich rüsten. Der Angelsache wird durch seine Eisendrahtnerven, der Russe durch seine ungeheure Masse, der Franzose durch seinen ewig unruhigen, schlauen Geist noch viel zu schaffen machen. Gewappnet, gepanzert, ebenso fehlerlos im Staate wie im Heere organisiert, Jedem in Kunst, Wissenschaft, Technik, Industrie, Handel, Finanz, kurz überall überlegen, der Welt Lehrer, der Welt

90
Deutscher Friede


Steuermann und Pionier, jeder Mann an seinem Posten, Jeder sein Höchstes hingebend für die heilige Sache — so wird Deutschland, nach allen Richtungen seine Wirksamkeit ausstrahlend, dastehen müssen, durch innere Überlegenheit die Welt erobernd; wenn nicht — weist etwa die Rüstung einen Sprung, nagt an der reinen germanischen Kraft, wie bisher, ein ekler Wurm — dann unterliegt Deutschland. Was wir jetzt genau wissen, was wir alle wissen sollten, was dieser Krieg uns ein für allemal gelehrt, ist, daß es einen Kampf gilt, einen Kampf auf Leben und Tod, und zwar einen Kampf zwischen zwei Menschheitsidealen: dem deutschen und dem undeutschen; dem ist nicht mehr auszuweichen; nach der Fülle des Hasses, die aus verborgenen Höhlen ausgespien worden ist, nach der Bosheit, der Brutalität, der Gefühls- und Gesinnungs- und Handlungsbarbarei, die sich hervorgetan haben, wissen wir, woran wir sind. Hinfürder gibt's kein Vertuschen; und wenn auch morgen eine pax geschlossen würde, die Kämpfenden würden doch nicht eine Stunde feiern. Man glaube nicht, daß ich über die Einzelnen zu urteilen mir erlaube: das bleibt immer Gottes Sache (Ev. Matth. 7, 1); ein Franzose, ein Engländer, ein Russe kann ein vornehmer, edler, hoher Mensch sein, ein Deutscher ein gemeiner Kerl; der Engländer kann seinem ganzen Wesen nach dem deutschen Ideal angehören, und viele Deutsche haben seit Beginn des Krieges die englische Staatsangehörigkeit erworben; bei derartigen Kämpfen verschwindet der Einzelne als solcher; es handelt sich um Gemeinwesen, um ganze Völker, um jene Gesamtseelen, die auch den Unwilligen mitreißen; und da kann gar keine Frage sein: der Kampf wird geführt zwischen Roheit und Gesittung, zwischen Unbildung und Bildung, zwischen gemeinster Goldgier und einer Lebensauffassung, in welcher Goldeswert nur dient und an sich gar kein Ansehen genießt, zwischen materialistischer Regierungsanarchie der Starken und dem Versuch, mannigfaltiges Staatsleben so zu organisieren, daß Höchstleistungen des Menschenwesens auf allen Gebieten erzielt

91
Deutscher Friede


werden. Ich suche mir mit Absicht nüchterne Ausdrücke heraus; es ist nicht der Augenblick, sich an Phrasen zu berauschen. Und was ich da sage, das sind die Tatsachen, wie sie uns nackt vor Augen stehen. Ein Beispiel: die Gebildetsten unter den Engländern erklären offen, ihre Absicht sei, sobald ihre Söldner den deutschen Boden betreten und so weit sie ihn betreten, alles, was dort aufgebaut ist, was Menschenscharfsinn erfunden und Menschenfleiß in Bewegung gesetzt hat, zu zerstören, es dem Staube gleich zu machen; sie gebrauchen dafür den merkwürdigen Ausdruck „organisierte Zerstörung“ (S. 51), während wir gewohnt waren, unter „Organismus“ ein Auferbauen des Lebens von innen aus zu verstehen; die deutsche Armeeführung hingegen, wo sie auch in Feindesland hinkommt, läßt es eine ihrer ersten Sorgen sein, nicht allein unter fachmännischer Anleitung alles zu schützen, was historischen und künstlerischen Wert besitzt, sondern alle Fabriken, alle Industrien, alle Gruben und Werke sobald möglich instand zu setzen, das Verdorbene auszubessern, das Fehlende zu ersetzen, so daß manche Betriebe jetzt besser arbeiten als vor dem Kriege; zugleich geschieht allerorten für Landwirtschaft, Viehbestände usw. das Mögliche. Also: die eine Partei sät Tod, die andere Leben. Diese handgreifliche Tatsache kann zugleich als Allegorie oder sogar als Symbol für den ganzen Geist der beiden Kriegführenden gelten. Dieser selbe Geist ist es, der auch in der pax emsig rastlos weiter wird gestalten müssen. Denjenigen Staaten, die durch Zerstörung groß werden wollen, muß sich derjenige Staat — oder Staatenverband — entgegenstellen, der im Aufbauen sein Glück und sein Herrscherrecht finden will. Da kann es keinen Ausgleich geben: mit Waffen und ohne Waffen, heute mit Mörsern, morgen mit Erfindungen und Gedanken, heute im 5chützengraben, morgen in der Stille der Arbeitsstube, immer wird es Krieg sein, bis endlich der Tag kommt, wo der Deutsche seinen Frieden — den „deutschen Frieden“ — der Welt als erlösendes Gesetz wird auferlegen. Es handelt sich in neuer Form um den alten Kampf zwischen

92
Deutscher Friede


Tag und Nacht, zwischen Ormuzd und Ahriman, für den Christus den Ausdruck geprägt hat: „Ihr könnet nicht Gott samt dem Mamon dienen.“
    Man verkleinere doch nicht den Horizont, der sich plötzlich vor uns aufgetan hat! Ich höre viel von einer „großen Zeit“ reden; sie ist noch nicht da, sie kommt erst; wir sind in die Vorschule zu einer großen Zeit eingetreten; jetzt werden wir die Erbärmlichkeit abstreifen lernen; es muß noch ein schlechtes, widerwärtiges, gemeines, auch jetzt während des Krieges seine schmutzigen Hände nach Gold ausstreckendes Deutschland durch die glühenden Eisen der Not und des Schmerzes weggeätzt werden; dann mag ein wahrhaft „großer“ Tag anbrechen, als Vorbote des endgültigen Sieges. Illusionen Raum zu geben, ist immer gefährlich: wir überschätzen uns und unterschätzen die uns zugefallene göttliche Aufgabe. Entweder nähren wir dann Hoffnungen, die unerfüllbar sind, und es wird bittere Enttäuschung folgen, oder wir begehen den noch größeren Fehler, uns mit Ergebnissen zufrieden zu geben, die keinen grundsätzlichen Wert besitzen, und opfern das eigentliche Deutschtum: ersterem Irrtum begegnete ich bei wackeren Alldeutschen, letzterem bei dem unausrottbaren Geschlecht der Beschwichtigungshofräte — ein österreichischer Ausdruck für eine Menschengattung, die sich auch in Berlin zu eigener Zufriedenheit breit macht. Eine Politik, die sich nicht weite Ziele steckt, ist ein erbärmliches Ding; wie der große Friedrich sagt, eine solche Politik verdient nicht mehr Beachtung als die »tracasseries de société«, als die Plackereien und Klatschereien der Gesellschaft. Darum wollen wir uns — ohne phantastisch zu werden — den Umfang eines zu erstrebenden und Schritt für Schritt zu erreichenden endgültigen deutschen Friedens nicht engherzig und engbrüstig zuschneiden lassen; in Froschpfuhl all die Beschwichtungshofräte! Wie ist es möglich, daß noch heute Deutsche leben, die den grausamen Spott verdienen, den Bismarck vor bald sechzig Jahren bitter über die Lippen brachte: „Wir Deutschen lieben die Leporello-Rolle“? Es

93
Deutscher Friede


kann ja sein, daß später manches auch ohne Waffenkrieg, durch bloße Friedensarbeit erreicht wird; das Volk, das Friedrich, Stein und Bismarck so schnell hintereinander hervorbrachte, birgt sicher auch heute Staatsmänner von genialer Gestaltungskraft, und die Not wird sie an die Oberfläche bringen. Große Staatsmänner, tüchtig unterstützt, erledigen, ohne die Waffen zu ziehen, manchen drohenden Krieg, vereinfachen die unumgänglichen und verstehen es, ihnen monumentale Ergebnisse abzugewinnen. Wie viele Waffengänge es noch geben wird, und wie viel ohne Blutvergießen allein durch die gebietende Macht des deutschen Einflusses gewonnen werden wird: das vermag kein Orakel zu verkünden; uns genügt es, das Eine zu wissen: wir sind in einen Krieg eingetreten, der — durch pax und bellum hindurch — ohne Unterbrechung bis zum Gewinn des deutschen Friedens währen muß. Und darum bleibt es uns unbenommen, uns einige Umrisse dieses Friedens vor Augen zu führen.
    Seien wir über das Ziel uns innerlich klar und gegen Andere aufrichtig! Der leitende Grundsatz lautet: nur wer herrscht, kann Freiheit geben. Welche Freiheit hat das deutsche Lebensideal von Angelsachsen, Moskowitern, Franzmännern und Mongolen zu erwarten? Dahingegen, wenn das Deutsche Reich das vorherrschende ist, es im deutschen Wesen liegt, jedem seine Art zu lassen, weil der Deutsche begabt genug und gebildet genug ist, an jeder Art seine Freude zu finden, aus jeder zu lernen und sich innerlich zu bereichern. „Freigesinnt, sich selbst beschränkend“, hat uns Goethe als Ideal aufgestellt; das ist ein charakteristisch und ausschließlich deutsches Ideal: der beherrschte Deutsche ist ein Knecht; der herrschende Deutsche wird sich selbst beschränken. Und da unser Planet nunmehr klein und abgerundet ist, verstehe ich unter „herrschen“, daß der Einfluß dieser Nation (beziehungsweise der Gruppe, der sie vorsteht) auf der gesamten Erdoberfläche ausschlaggebend, oder jedenfalls an keinem Orte ohne Bedeutung sei. „Ein Weltreich gründen zu wollen, ist vernunftwidrig“, sagt Treitschke. Deutschland träumt weder von einer mili-

94
Deutscher Friede


tärischen Diktatur wie der römischen, noch von einer Meerestyrannei wie der englischen; vielmehr soll das Reich des Homo sapiens endlich errichtet werden: ein Herrschen durch planmäßig organisierte Ausnützung der Fähigkeiten des Menschenhirns — nebenbei gesagt das genaue Gegenteil des angelsächsischen Ideals der Welteroberung durch Sehnen, Muskel, Willen, bei möglichster Ausschaltung der „grauen Substanz“.¹) Das gesamte deutsche Heer, wie es jetzt im Felde steht, nach Westen, nach Norden, nach Osten, nach Süden kämpfend, überall tadellos verproviantiert, zugleich Städte verwaltend, Provinzen, Königreiche regierend, Bergwerke und Fabriken treibend, Ackerbau und Viehzucht beaufsichtigend, stellt ein Wunderwerk der organisierten Hirntätigkeit dar, einer Hirntätigkeit, die bis hinunter in die letzten Verästelungen reicht, wo der bewußte, denkende Wille die feste Hand am Flintenhahn ruhig regiert. Keine Nation hat nur entfernt ähnliches an die Seite zu stellen, oder wird es je haben. Daran kann man lernen, nach welcher Methode das neue Deutschland auf allen Gebieten erobernd vorzugehen hat, und zu welcher Höhe der Macht es nach und nach, unter richtiger Führung, wird gelangen können. Wenn nicht bisher die Deutschen im Auslande, wegen der politischen Schwäche ihres Vaterlandes, Sprache und Eigenart aufgegeben hätten, sie stünde schon heute klar vor Aller Augen, diese Einsickerung des Denkenden, Schaffenden, Organisierenden in allen Ländern der Welt als ein vorwiegend deutsches Element. Bleibt sie von nun an Deutsch — eng verknüpft, bewußt, erklärt, stolz deutsch — so gedeiht die Welteroberung erstaunlich schnell. Um nur ein Beispiel zu nennen: was braucht Deutschland Australien zu erobern? Wie sollte es das beginnen? wie ausführen? Sobald aber ein Zehntel bewußter Deutscher auf jenem Kontinent ansässig sind, bedeuten sie neun Zehntel der Intelligenz und Bildung des australischen Kon-
—————
    ¹) Hätte ich nur Mediziner zu Lesern, ich würde sagen: der Engländer ist die Apotheose des Kleinhirns, der Deutsche des Großhirns!

95
Deutscher Friede


tinents und liefern infolgedessen das lenkende Hirn. Ein anderes Beispiel der deutschen Weltherrschaft, wie ich sie mir denke: ist erst Englands Tyrannei auf dem Meere vernichtet, gründlich und für immer, dann ist der Tag gekommen, wo Deutschland die Initiative zu einer allgemeinen Beschränkung der Seekräfte auf Grund internationaler Verträge ergreifen kann; sobald der Seeräuber die Meere nicht mehr beherrscht, läßt sich berechnen, wie viel Meerespolizei nötig ist, um die Schiffahrt der Welt zu schützen; jedenfalls ist eine Beschränkung nicht mehr utopisch, sobald nicht mehr Piraterie, sondern ehrlicher Handel das entscheidende Wort spricht, Und noch ein Beispiel. Man weiß, in welcher verbrecherischen Weise England das von ihm beherrschte Weltkabelnetz benützt hat, um alle Länder der Erde tagtäglich mit Lügen zu überfluten; das redlichste, achtungswerteste Volk der Welt sollte unter der Wucht der schamlosen Verleumdung einfach vernichtet werden: es ist dies vielleicht das größte Verbrechen gegen die Menschennatur, das je begangen wurde, und wird sich sicher bitter an dem Schuldigen rächen. Vergessen wir aber auch nicht, daß, was jetzt so besonders kraß in die Erscheinung tritt, jahraus jahrein am Werke war, schon seit lange; was wir von den überseeischen Ländern erfuhren, war nur, was England wollte, und was jene Länder von uns, unterlag ebenso diesem Gesetz — das heißt also dem bon plaisir der Londoner Börse. Man stelle sich nun vor, was das innerhalb zehn Jahren für eine Wirkung auf alle Länder und Völker der Welt ausüben würde, wenn England zur Strafe für seine Sünden von dieser schnöde mißbrauchten Beherrschung wissenschaftlicher Errungenschaften abgesetzt und die Welttelegraphie der Hauptsache nach in den Händen einer redlichen, unabhängigen deutschen Behörde läge!
    Ich deute nur einige der tausend Wege an, die zum weltbeherrschenden „deutschen Frieden“ führen, möchte aber gleich hier aufmerksam machen, wie bei dem deutschen Ideal das Äußere immer das Innere voraussetzt, so daß man, will man diese Dinge recht eigent-

96
Deutscher Friede


lich gründlich betrachten, nie mit dem einen allein auskommt. Auch hier wieder kommt uns ein berühmtes Wort Goethe's zustatten:
Nichts ist drinnen, nichts ist draußen:
Denn was innen, das ist außen.
Wohnte nicht dem deutschen Heere der tiefe sittliche Wille ein, den wir jetzt am Werke sehen — es wäre bewaffnetes Chinesentum. Sind die künftigen deutschen Kolonisatoren nicht so tief eingewurzelt in deutscher Bildung, deutschem Dichten und Denken, daß sie ihr Leben eher lassen können, als das heilige Vermächtnis ihrer Sprache, gilt ihnen Geschäft und Geld als ein und alles — dann ist nichts geschehen. Die Beschränkung der Flotte auf ein bestimmtes Maß ist nur denkbar, wenn deutsches Sein und Denken rein geblieben ist und als solches die übrige Welt nach und nach — in verschiedenem Maße, doch überall mächtig — durchdrungen hat, dem echten, deutschen Friedensgedanken entgegen. Auch die Oberaufsicht über das Weltkabelnetz ist nicht in dem Sinne gemeint: ôte-toi que je m'y mette! Heb' dich hinweg England, jetzt mache ich's ebenso wie du! Wert und Sinn hat überall eine deutsche Herrschaft nur, insofern sie befähigt und gewillt ist, die gesamte Menschheit geistig und moralisch auf eine höhere Stufe zu heben.
    Es ist nun klar, daß hier ein neues Staatsideal zugrunde liegt, ein Ideal, das sich von dem englischen und französischen, überhaupt von der „modernen“ Auffassung des Staatszweckes grundsätzlich unterscheidet; und es ist bemerkenswert, daß die Feinde Deutschlands scharfsinnig genug sind, gerade an diesem Punkte die schlimmste Gefahr zu wittern. Ein Buch “Germany and Europe“ von J. W. Allen, Professor der Geschichte in London, macht augenblicklich in England großes Aufsehen; so falsch auch alles ist, was er — von Haß verblendet, der Lüge verfallen — über Deutschland sagt, es bleibt nichtsdestoweniger bemerkenswert, daß dieser begabte Mann in der ganzen Auffassung des   S t a a t e s   seitens der Deutschen den eigentlichen Keim zu dem unausbleiblichen Konflikt erblickt. Er meint, Deutschland

97
Deutscher Friede


bleibe in veralteten Theorien stecken und hemme dadurch den Fortschritt; das ist ein Grundirrtum: Deutschland geht der Verwirklichung neuer Ideale entgegen; richtig ist aber, daß hier ein wurzeltiefer Gegensatz Deutschland von den Westmächten trennt. Manche Sätze Allen's über den modernen Staat lesen sich wie Anführungen aus Rousseau's “Contrat Social“ — eine schon bei ihrer Geburt, vor bald zweihundert Jahren, sehr veraltete Weisheit, blutlos, aus der Luft gegriffen! Man traut seinen Augen nicht, heute wieder den Staat als „freiwillig eingegangene Genossenschaft“ gefeiert zu sehen, gestiftet zugunsten der Rechte des Einzelnen; und man faßt des Pudels Kern, wenn man dann den gelehrten Mann wettern hört gegen die deutsche Auffassung des Staates als eines „organisch gewachsenen Gebildes“, dem man infolgedessen organische Funktionen zuweisen dürfe und solle. Für Allen ist jeder Staat eine „künstliche Einrichtung“, aus „praktischen Bedürfnissen“ entstanden, ohne jegliche moralische Bedeutung; der Einzelne tritt ein, tritt aus, je nach Bedürfnis; in Wahrheit sind wir alle Weltbürger, und die nationalen Mauern fallen. Wir haben also auf der einen Seite den platten Rationalismus der logisch herausgeflügelten „Menschenrechte“, auf der anderen den auf wissenschaftlicher Analysis beruhenden Versuch, den geschichtlich gegebenen Staatsorganismus weiter zu organisieren, zielbewußt, methodisch. Nun muß man aber bedenken, daß die — aller historischen Grundlagen entbehrenden — Träumereien Rousseau's zu äußerst handgreiflichen Ergebnissen führten; der unhistorische Schwärmer hat, wie vielleicht nie ein einzelner Mann,   G e s c h i c h t e   g e m a c h t,   verhängnisvolle Geschichte; der Impuls war mächtig genug, um Organisation zu zerstören, so tief zu zerstören, daß an Heilung kaum zu denken ist. England hat lange widerstrebt; doch es ist jetzt in die von der Französischen Revolution aufgerissene Bahn hineingeraten und rast der gleichen politischen Anarchie entgegen. In anderen Ländern diesseits und jenseits des Ozeans sieht's auch nicht viel besser aus. Mitten in der Brandung steht Deutschland:

98
Deutscher Friede


gegenüber der Anarchie der in ihre elementaren Bestandteile zersplitterten individualistischen Staaten ein infolge geschichtlicher Ereignisse wunderbar reich gegliedertes Staatswesen, in welchem das Ideal der Gemeinsamkeit aus der Not der Lage erwuchs, zu Kraft gedieh und Genialität gebar. Die Kluft zwischen den zwei Idealen ist unüberbrückbar; an allen Punkten klafft sie, sobald man näher hinsieht. Man fasse nur den Begriff   F r e i h e i t   ins Auge: der Eine versteht unter Freiheit ein jedem Einzelmenschen angeborenes Recht der Willkür, der Andere ein Gut, das von Jedem erst erworben werden muß durch die Erfüllung von Pflichten, ein Gut, das, wie der deutsche Dichter sagt, im „Gemeindrang“ täglich von neuem erobert werden muß. Das Tier unterliegt keinem Gesetz; ist es darum frei? steht es nicht (wenn nicht der Mensch es Schützt) Tag und Nacht jeder Willkür preis? Freiheit, wie wir sie verstehen, kann nur Gemeinsamkeit schenken, sie hat überhaupt nur Sinn, insofern sie innerhalb einer Gemeinsamkeit geboren wird. Wohin die andere Theorie führt, sehen wir nicht bloß an der Guillotine sowie an der Pistole, welcher Jaurès zum Opfer fiel, wir sehen es auch an der ganzen heutigen Politik Englands: Freiheit der Lüge, Freiheit des Betrugs, Freiheit des Völkerrechtsbruches, überhaupt zu jeglicher Schandtat Freiheit (siehe S. 53 fg.), wenn nur maßlos Geld dabei verdient wird. Dies ist die notwendige Folge — die unausbleibliche — jeder Theorie der schrankenlosen Freiheit des Einzelnen. Wir haben also zu wählen: zu wählen zwischen französischen Revolutionsideen und deutschem Ideal eines organischen und darum auch organisierenden Staates. Die Einen erklären: wir machen uns frei vom Naturgesetz, ein Jeder von uns herrscht selbstherrlich und fügt sich nur, insofern er muß; die Anderen: indem wir uns den ewigen Gesetzen der Natur unterwerfen, gelingt es uns, diese unseren Zielen möglichst gemäß zu lenken, wir vermenschlichen, wir versittlichen, wir vergeistigen das Notwendige; auf dem Wege des Gehorsams und des Dienens erziehen wir Menschen zur Freiheit. Ein Beispiel. Es erbt ein Jüng-

99
Deutscher Friede


ling ein Gut auf dem unter Anderem zwanzigtausend ausgewachsene Eichen stehen. Im Staate der Willkür sagt er sich: das kann ich brauchen! geht hin und läßt sie alle fällen; das nennt man dort „Freiheit“. Im Staate der Gemeinsamkeit wird er das nicht tun dürfen; vielmehr wird ihm die Forstbehörde sagen: du darfst nur die von mir bestimmte Zahl Stamme fällen, und erst nach zehn Jahren wieder eben so viele, denn der Staat erlaubt keinen Riß zwischen Vergangenheit und Zukunft, der Staat denkt an die kommenden Geschlechter, die Freiheit von heute darf nicht so weit reichen, der Freiheit von morgen Abbruch zu tun; dein unbedachtes Baumfällen ändert außerdem die klimatischen Bedingungen der Gegend, bringt Hunderten Schaden. Ich kenne Gegenden von Nordwestschottland, wo heute nur spärliche Schafe mühsam Nahrung finden, Wüsteneien, durch die man stundenlang geht, ohne eine Hütte zu erblicken; zu Napoleon's Zeiten waren sie ziemlich dicht bewohnt; das ist die Folge teils von unsinniger Abforstung, teils von absichtlicher Ausweisung der Bevölkerung behufs Vermehrung des Wildstandes. So haust der Einzelne, durch den Revolutionsbegriff der Freiheit Vereinzelte. Dem gegenüber erhebt sich das Ideal der Gemeinsamkeit, der Staat. Wie es überhaupt nur im Verhältnis von Menschen unter einander wahre Sittlichkeit gibt, so entsteht nach deutscher Auffassung Freiheit erst im Wechselverhältnis einer Gemeinsamkeit, ja, einer Gemeinsamkeit über das Leben des Einzelnen hinaus. Die Engländer, die jetzt tapfer ihr Leben hingeben, tun es für 15 Shilling tägliche Bezahlung — sie nennen „Freiheit“, daß sie es nach Belieben tun oder lassen dürfen; die Deutschen opfern ihr Leben aus Liebe zum Vaterland, im Interesse der kommenden Geschlechter; sie opfern es für die als heilig empfundene Gemeinsamkeit, deren Seele und Herz sich weltumfassend ausdehnen, deren sichtbarer und unentbehrlicher Leib aber der Staat ist.
    Nur ein Staat, der diesem sich jetzt im Kriege kundtuenden Willen der Gemeinsamkeit entgegenkommt, der auf bewußter christlicher

100
Deutscher Friede


Grundlage sich weiter sozial ausbaut, der schützt, organisiert, vordenkt, vorbaut, Kräfte wachruft, wechselseitig steigert, den Schwachen im Verbande stärkt, dem Starken Raum schafft..... wird den „deutschen Frieden“ anbahnen können, wie wir ihn ersehnen. Und wie lebendig solche Sehnsucht im deutschen Volke ist, zeigt ein Brief aus der vordersten Front von einem — inzwischen gefallenen — Soldaten, aus dem ich eine Stelle hier einfügen will:
    „Wer nur das erlebt hat, wie unser deutsches Volt mit seinen fast 70 Millionen einzelnen Menschenseelen in der Glut entschlossener Begeisterung und wuchtigen sittlichen Zorns zur Einheit des Willens und der Kraft zusammenschmolz, dem hat dieses Leben genug an Glück beschert. Etwas so wunderbar Großes wird er nicht wieder erleben. Er hat erlebt, wie daß Einzelleben, der Einzelwille von dem Feuerwillen der Volksgemeinschaft verzehrt wurde, wie unser deutsches Volk plötzlich und mächtig über sich selbst hinausgehoben wurde. Und dieser Feuerwille der Volksgemeinschaft ist in den Krieg hinausgezogen, zum Sieg. Es sind nicht mehr nur die Söhne von hunderttausenden einzelner Mütter gewesen und auch nicht nur die Männer von hunderttausenden einzelner Frauen. Mir ist wiederholt in dieser Zeit das schöne kurze Gedicht von — ich glaube — Bodenstedt durch den Sinn gezogen:
Wenn wir im urgewalt'gen Streit
Die großen Männer sehen
Mit innerster Notwendigkeit
Dem Tod entgegengehen,
Dann möchten wir dem Heldenschwung
In des Geschickes Zwang
Zujauchzen mit Begeisterung:
Glückauf zum Untergang!
Das ist die Grundstimmung, in der jeder Einzelne des deutschen Volkes in Waffen den aufgezwungenen Kampf aufgenommen hat:

101
Deutscher Friede


seinem eigenen Untergang, wenn es sein muß, entgegen, um sein Volk vor dem Untergang zu retten.“
    Schöneres, Wahreres hat kein Mensch über den Krieg gesprochen. Doch gegen Schluß des Briefes folgt die schwermutvolle Frage.
    „Aber wenn wir nun mit unseren Waffen den Sieg erfochten und unserer friedlichen Arbeit dauernden Schutz geschaffen haben — was wird aus all den guten Kräften werden, die diese ernste Zeit aus uns herausgearbeitet hat? Wird das deutsche Volk diese Kräfte im Frieden erhalten und weiter entfalten können? Siehe, Mutter, daß ist für mich die Kernfrage des ganzen Krieges! Können wir sie mit Zuversicht bejahen, dann müssen und werden wir alle Opfer des Krieges verschmerzen können. Haben wir auch im Frieden Führer, die ihr Ziel, die Größe und Verantwortlichkeit ihrer Aufgaben kennen, Opfer von uns zu fordern den Mut haben, haben wir Männer und Frauen, die für ihre Überzeugung eintreten, denen die innere Stimme ihres Gewissens mehr sagt als äußere Anerkennung? Oder wird es wieder so werden, wie es — Gott sei es geklagt — an so vielen Stellen oben und unten im Vaterlande vor dem Kriege war? Ängstliche Scheu vor Rang und Geld, brutaler Kampf der materiellen und Parteiinteressen, Schelten nach oben und unten, kleinliche Sorgen des grauen Werktags und des engen Ich, leichtfertiger Tanz über den Sonntagsfrieden hinweg?“
    Diese Frage des Heldenjünglings stellen sich heute alle Besonnenen und alle überkommt eine nagende Sorge. Doch ich meine, je klarer daß Ziel erblickt wird, um so sicherer und drängender wird aus der Not die Notwendigkeit hervorgehen. „Wo Menschenkraft ausgeht, da geht Gotteskraft ein“, sagt Luther; Gottes Kraft wirkt durch die großen, reinen Männer.
    Entscheidend ist der Wille, das heißt also daß Erfassen einer bestimmten Absicht, so daß sie in den Brennpunkt des klar Erblickten dauernd zu stehen kommt. Geschieht daß wirklich, so erfolgt alles

102
Deutscher Friede


Weitere von selbst; wir wissen es aus dem Leben des einzelnen Menschen; im Leben des Staates kann es aber nur zur Geltung kommen, wenn diese Einheit des Wollens sich so mächtig entfaltet, daß sie die zerstreuenden Bestrebungen Tausender Einzelner zusammenfaßt und der Gesamtheit die eine bestimmte Richtung aufzwingt. Brächte der gegenwärtige Krieg gar keinen weiteren Vorteil als diesen einen: Deutschlands Willen geklärt und gerichtet zu haben, ich würde ihn für einen Segen halten; der „deutsche Friede“ der Zukunft wäre angebahnt.

    B a y r e u t h,   12. Februar 1915

    P. S. — Der Leser sei daran erinnert, daß in diesem Aufsatz nicht allein Sätze gestrichen sind, sondern ein ganzer Abschnitt fortfallen mußte, wodurch natürlich eine empfindliche Lücke entstanden ist.

 
Seitenende / Einde pagina / End of page.
 
Zurück zur hauptseite / Terug naar startpagina / back to main page.

Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 28. März 2010.