Here under follows the transcription of Politische Ideale (Political Ideals), published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1915: Houston Stewart Chamberlain's ideas for a future German state. He mentioned this book in his letter to Adolf Hitler, but it is unknown if Hitler understood the hint and has actually read it. He must have had time enough while in jail, and it might have been the subject of the letters — lost at the end of WW2 — he wrote to H. S. Chamberlain.

Synopsis: All democracy will eventually lead to demagogy. Germany doesn't need French revolutionary ideals or Anglo-Saxon parliamentarism, and political power should be denied to all un-German elements. The Reichstag should be dissolved, for the people's representatives base their decisions on pre-defined party programs, instead of on the needs of the moment. Political decisions should be based on the advises of expert-committees, which are composed on grounds of proven merits. The monarch, no longer a puppet for ceremonial purposes, has the last word. The political ideals of the writer are eventually those of Immanuel Kant, „The greatest 'overthrower' of all times, the man, destined to show Germany the way to a new state“ (p. 95).

It took the German censor a whole month to decide whether this could be published or not...

Notes with asterisks *), **) etc. are made by me, enumerated notes ¹), ²) etc. are original, made by Chamberlain.

Hieronder volgt de transcriptie van Politische Ideale, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1915: Houston Stewart Chamberlain's ideeën voor een toekomstige Duitse staat. Hij vermeldde dit boek in zijn brief aan Adolf Hitler, maar het is onbekend of Hitler de wenk begreep en het daadwerkelijk gelezen heeft. Hij moet er tijd genoeg voor gehad hebben, in de gevangenis, en misschien is het het onderwerp geweest van de brieven — zoekgeraakt aan het einde van WO2 — die hij schreef aan H. S. Chamberlain.

Samenvatting: Alle democratie leidt uiteindelijk tot platte demagogie. Het moet afgelopen zijn met Franse revolutie-idealen of Angelsaksisch parlamentarisme, en alle on-duitse elementen moet regeerbevoegdheid ontzegd worden. De Reichstag moet worden ontbonden, daar de volksvertegenwoordigers hun beslissingen baseren op een van te voren vastgelegd partijprogram, in plaats van op de noden van het moment. Regeringsbeslissingen moeten worden gebaseerd op de adviezen van commissies van terzakekundigen, die samengesteld worden op basis van bewezen verdiensten. De monarch, niet langer een marionet voor ceremoniële doeleinden, heeft uiteindelijk het laatste woord. De staatsidealen van de schrijver zijn die van Immanuel Kant, „de grootste 'omverwerper' aller tijden, de man, voorbestemd Duitsland de weg naar een nieuwe staat te wijzen“ (p. 95).

De Duitse censor had een volle maand nodig om te beslissen of dit uitgegeven mocht worden...

Noten met asterisken *), **) etc. zijn van mij, de genummerde ¹), ²) etc. zijn de originele, gemaakt door Chamberlain.
 
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Politische Ideale


 
Houston Stewart Chamberlain

Politische Ideale


„Vergangenheit sei hinter uns getan!“
(Goethe.)
Bruckmann Logo
 

F. Bruckmann A.-G., München 1915

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1915 by F. Bruckmann A.-G., München
(Ohne diesen Vermerk ist geistiges Eigentum in
den Vereinigten Staaten von Amerika vogelfrei.)
 

Umschlagzeichnung von Paul Renner
Druck von F. Bruckmann A.G., München

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Einem preußischen Edelmann
dem erben eines historischen Namens
ehrerbietig gewidmet

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Gliederung



Seite
I. Der Mensch „als Natur“ 9
II. Die Verneinung 26
III. Der Staat 43
IV. Wissenschaftliche Organisation 67
V. Richtlinien 90

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9 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

I.
Im Dunkeln drängt das Künft'ge sich heran;
Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
(Goethe.)

    Politik vom Standpunkt des engeren Horizonts aus betrachtet ist grundverschieden von der Politik, die den weiteren Horizont umfaßt: für die erstere ist der Staatsmann, der General, die diplomatische Überlistung oder der siegreiche Krieg entscheidend, und strebsame Knaben und Mädchen tun wohl daran, sich Listen von Königen und Päpsten mit Geburts- und Todesjahren ins widerstrebende Gehirn einzuprägen; in der zweiten macht nicht der Staatsmann Politik, vielmehr macht sich die Politik „von selbst“, das heißt, ohne Bewußtsein, daß sie Politik ist, ohne Schlachten und Verträge und Siegel, ohne daß man auf das „Wer“ und das „Wo“ und das „Wann“ den Finger legen und lehren könnte: „Siehe, der da war es, und dort geschah es, und an jenem Tage ward es vollbracht.“ Ein Gedanke Kant's genügt, um das Verhältnis taghell zu erleuchten: er unterscheidet zwischen „Mensch als Natur“ und „Mensch als Freiheit“: da haben wir die zwei Horizonte, und sowohl Politiker als Historiker täten wohl daran, beim Sinnen und beim Reden stets zwischen beiden zu unterscheiden.
    Der Mensch „als Natur“ ist der Mensch, insofern er einem unermeßlichen Ganzen der Natur angehört; der Mensch, „als Freiheit“ ist der selbe Mensch als vereinzelte Persönlichkeit betrachtet; wir alle gehören beiden an. Der Mensch „als Natur“ kennt seine eigene Bedeutung nicht, er weiß weder,

10 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

woher er kommt noch wohin er geht, er wähnt, aus eigener Machtbefugnis zielbewußt zu handeln, und ist in Wirklichkeit ein Diener der von der Natur ihm so wie Millionen Anderer auferlegten Notwendigkeit; so vollbringt er Taten in Gemeinschaft mit Menschen, die er nicht kennt, mit vergangenen und künftigen Geschlechtern, Taten, deren Tragweite zu ermessen die Gegenwart unfähig ist und die ihm selber darum nur dunkel halbbewußt bleibt. Jüngeren Leuten mag es schwer fallen, sich in diesen Zusammenhang hineinzufinden, denn ihr Alter ist das der Selbstherrlichkeit; ältere Männer wissen aus der Erfahrung ihres eigenen Lebens, wie häufig sie erst nach Jahren entdeckten, welchen Weg sie unbewußt geführt worden waren. Der Mensch „als Freiheit“ ist das uns allen geläufige „Zoon politicon“ des Aristoteles; ihm gehört die Willkür, der Ehrgeiz, das Verbrechen, die Großmut, die Klugheit, namentlich aber die unberechenbare suggestive Gewalt der großen Persönlichkeit an; sein Werk sind die Konventionen, die Vereinbarung von Verträgen, das Erlassen von Gesetzen, die geschriebene Staatsverfassung, die Kriegserklärung und der Friedenskongreß, kurz, alles was die laufende Politik ausmacht und worüber Geschichte berichtet. Der Mensch „als Natur“ reicht tiefer hinab und höher hinauf: er wirkt mit Notwendigkeit, wie jede Naturkraft; was der Eine nicht leistet, leistet der Andere, denn der Einzelne dient hier, er befehligt nicht; ein Alexander und ein Richelieu haben dieser Macht gegenüber nicht viel mehr als der erste beste Steinklopfer zu bedeuten; sie fegt Alles vor sich hin, zerstört oder baut auf; und erst   a n   ihrem Werke betätigt sich der Mensch „als Freiheit“. Hierher gehört — um nur ein Beispiel zu nennen — die ganze Art, ein Land zu kultivieren: was angebaut und in welcher Weise es bestellt wird; hier schöpfen

11 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

Staaten die Möglichkeit zu Wachstum auf allen Gebieten, hier werden sie tödlich getroffen, bis sie von der Weltkarte entschwinden; wäre z. B. nicht im Laufe der letzten vierzig Jahre — abseits von dem Wirrwarr der vernunftlosen politischen Zänkereien — die Ertragsfähigkeit des deutschen Bodens im Verhältnis zu derjenigen aller anderen Länder gewaltig gestiegen, so wäre das Deutsche Reich nicht im Stande, sich jetzt während des Weltkrieges aus eigenen Erzeugnissen zu ernähren ¹).
    Doch, dieses Beispiel fällt mir im rechten Augenblick ein; verweilen wir hier! Wir werden Weite, Tiefe und Klarheit gewinnen.
    Die größte Umwälzung in dem Leben des Menschen auf Erden muß fraglos durch die Einführung des Kornbaues veranlaßt worden sein. Die Idee, Korn anzubauen, zeugt von tausendmal mehr Genie, erfordert tausendmal mehr unbegreifliche Schöpferkraft der Phantasie und birgt in sich für die Geschichte des Menschengeistes tausendmal mehr Bedeutung als irgend eine der gerühmten Erfindungen und Entdeckungen unserer Tage. Freilich, es erfährt weder Kind noch Erwachsener jemals etwas davon; wir nehmen das Korn hin, wie wir die Sonne hinnehmen, als Naturgegebenheit; und doch ist es Menschenerfindung, und zwar „Kollektiverfindung“, zweifellos von genialen Einzelnen gefördert, doch unmöglich ohne die wunderbar ahnungsvolle Mitwirkung ganzer Geschlechter. Es ist ein Werk des Menschen „als Natur“, und zwar ein hervorragend „politisches“ Werk (im
—————
    ¹) Man vergl. Helfferich: „Deutschlands Volkswohlstand“, 5. Aufl., S. 54, und Eulenburg: „Das Geld im Kriege“, S. 50. So trägt z. B. heute das Hektar Weizen in Deutschland fast doppelt soviel wie in Frankreich, anderthalbmal soviel wie in Österreich, viermal soviel wie in Rußland.

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Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“


weiteren Sinne des Wortes), denn nichts hat auf die Lebensbedingungen der Völker und Nationen tiefer und umgestaltender eingewirkt. Diese Idee muß schon Jahrtausende vor den ältesten uns erhaltenen Zeugnissen menschlicher Kultur erfaßt und dann andauernd von Tausenden in aufeinanderfolgenden Generationen beharrlich gepflegt worden sein; denn auf der ganzen Erde trägt kein wildwachsendes Gras diesen reichen Früchtesegen: vielmehr mußte er erst gezüchtet werden; und die langsame Entwickelung zu immer ertragreicheren Formen seit den Pfahlbauten und den frühesten ägyptischen Zeugnissen bis zum heutigen Tage beweist, daß jene relative Ertragssteigerung, die mir dort schon vorfinden, ebenfalls Jahrtausende erfordert haben mußte. Wie oft mögen Krieg, Wanderung, elementare Katastrophen die noch schwankenden Anfänge zerstört haben! Aber der Mensch „als Natur“ fing immer wieder von vorn an; die leidige Opportunitätspolitik jener frühen Tage — vermutlich ebenso verworren und frevelhaft willkürlich und diabolisch eigensüchtig wie die gestrige und heutige — konnte sein großes Kulturwerk verlangsamen und zeitweise unterbinden, nicht aber vermochte sie das Gottgewollte, das für das Dasein kommender Geschlechter Unentbehrliche zu vernichten: die Politik des Kornbauers trug schließlich den Sieg davon und segnete alle Zeiten bis herab zu unserer ernsten Gegenwart mit ihren urvernünftigen Brotkarten, wogegen die Chronik der Könige und Kanzler jener entscheidungsvollen Vergangenheit gottlob von der Nacht verschlungen ist und unser geplagtes Gedächtnis nicht mit weiteren nichtigen Namen und Jahreszahlen belastet. Ähnlich verhält es sich mit Allem, was uns Nahrung und Arbeitskraft schenkt. Wer einige prähistorische Bücher zur Hand nimmt, darauf etwa Alphonse Decandolle's

13 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

„Origine des plantes cultivées“, Viktor Hehn's „Kulturpflanzen und Haustiere“, Darwin's „Animals and Plants“, Keller's „Ursprung unserer Haustiere“, Heinrich Schurtzens „Urgeschichte der Kultur“, wird staunen, welche Welt des Unbekannten sich vor ihm auftut. Kühe, die tausendmal mehr Milch hervorbringen, als ihr Kalb braucht, Hühner, die täglich Eier legen, Schweine, die, anstatt rasch und schlank zu bleiben, ihren Körper zu lauter Fleisch und Fett ausbilden, Pferde, geeignet Wagen zu ziehen und Lasten auf dem Rücken zu tragen — das Alles sind Eroberungen, die der Mensch „als Natur“ seiner Mutter abgerungen hat und dank denen der Mensch des heutigen Tages als Bürger eines grundsätzlich den Frieden zu bewahren suchenden Staates erst möglich wurde. Wir pflegen von Kulturgeschichte im Gegensatz zu politischer Geschichte zu reden; wird aber — wie von Lamprecht und seinen Schülern es geschehen — die Kulturgeschichte in die politische Geschichte einbezogen, so entdecken wir, daß hier die mächtigere, schöpferische Form der Politik am Werke ist, diejenige, welche die andere knetet und formt, ihre geheiligten Traditionen zertrümmert und ihr neue Wege aufzwingt.
    Betrachtet man die Dinge aus das eigentlich Wesentliche hin, so entdeckt man, daß so ziemlich Alles, was dem Leben des Lebens vorarbeitet, was die Bedingungen unseres gesellschaftlichen Daseins schafft und sie dann wieder umschafft — Grundanschauungen, Grundtriebe, Bildungsstoff, wirtschaftliche Beziehungen, Kunstformen, Gedankenrichtungen — hierher stammt. So hat z. B. unsere moderne Technik und Industrie im Laufe von etwa hundert Jahren alles Leben der Nationen revolutioniert, sie vor ganz neue Staatswissenschaftliche Aufgaben gestellt, welche nicht die engere Politik, son-

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dern die weitere des Menschen „als Natur“ geschaffen hat, so daß unsere Staatsbehörden und Politiker nur nachhinken und nachhumpeln, vollkommen unfähig — bisher — die Leitung an sich zu reißen, weil unfähig das Problem in seiner Eigenart zu erfassen. Dieses Emporkommen völlig neuer Lebensbedingungen ist nicht das Werk dieses oder jenes Mannes; nicht der Marburger Professor Papin, nicht die Engländer Watts und Stephenson, nicht die Franzosen Jacquard und Thimonnier, nicht Gauß und Weber und Slaby und tausend Andere sind dessen Urheber, da die Erfindungen dieser Männer ohne den Weckruf großer Denker, welche seit dem 13. Jahrhundert eine neue — der antiken entgegengesetzte — Art der Naturbetrachtung forderten, ohne die Aufrüttelung durch die Weltfahrten des 15. Jahrhunderts, ohne die plötzlich in ganz Europa im 16. Jahrhundert hervorgebrochene Leidenschaft für reine Mathematik, ohne die Reihe der physikalischen Theoretiker und Experimentatoren im 17. und der chemischen im 18. Jahrhundert, überhaupt nicht in das Bereich der Möglichkeit getreten wären. Keiner dieser Forscher und Erfinder hat bei seinen Arbeiten den Einfluß, den sie auf Leben und Denken der Menschen ausüben würden, im Sinne gehabt. Genau so wie bei der weltumwälzenden Idee des Kornanbaues, stehen wir auch hier vor einer Gesamterscheinung, vor einer völlig unbewußt erfolgten Leistung des Menschen „als Natur“. Wurde auch der arme einzelne Mensch „als Freiheit“ für die Gefolgschaft, die er den Geboten des Menschen „als Natur“ leistete, oft genug verhöhnt, verfolgt, gemartert, ermordet, in den Hungertod getrieben — die Gesamterscheinung des Menschen „als Natur“ ging unbeirrt ihren Weg weiter, von keinem König, von keinem Kanzler, von keinem Parlament begünstigt; und eines Tages

15 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

stand eine neue Welt da, welche Millionen von Menschen aus der freien Luft in die Glut der Werkstatt warf, Reiche zu Bettlern, Arme zu Millionären machte, welche Nationalwerte zerstörte und andere aus dem Nichts ins Leben rief, neue Bedürfnisse und damit neue Arbeit, neue Geistesanspornung, neue Wohltat, zugleich aber neuen Ehrgeiz und neuen Neid und neues Elend schuf, welche Eroberungszüge einleitete, gegen die Alexander's geringfügig dünken, ganzen Völkern Ausrottung brachte und zugleich neue Völkerwanderungen über die Ozeane hin ermöglichte, jede Ferne überwand und fast jede traute, stille Nähe — die sonsten von der Wiege bis zum Grab Mensch an Menschen gebunden hatte — auseinandersprengte....
    Auch hier wieder nur ein Beispiel, flüchtig hingeworfen, und mit dem Hauptzweck, den Leser aufmerksam zu machen, wie groß bei diesem Menschen „als Natur“, der die Grundlagen alles staatlichen Lebens und damit das Gerüst schafft, auf welchem Politik sich ergeht, wie groß, sage ich, bei ihm die Macht der Ideen ist. Sie ist durchaus richtunggebend. Mögen wir uns die erste Anpflanzung einer wildgewachsenen Triticum - Art zwecks Gewinnung von Brotsamen noch so primitiv vorstellen, es leitet dieses Unternehmen eine schier unbegreiflich machtvolle Idee, ein wahres Ideal, und man versteht es, wenn die alten Völker den Pflug für ein von Gott aus dem Himmel heruntergereichtes Geschenk hielten! Wie sollte ein Mensch — anstatt die fette Beute zu erlegen oder Wurzeln und Früchte zu verzehren — auf den Einfall geraten, winzige Samen zu züchten — damals ungleich winziger als heute und auf spärlichen Ähren in geringer Zahl — indem er sich der tollkühnen Hoffnung hingibt, auf diese Weise werde er mit der Zeit reichliche, sichere Nahrung ge-

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winnen¹)? Hoch müssen diese Leute über den praktischen Menschen ihrer Zeit gestanden haben; es müssen tief-religiöse Schwärmernaturen gewesen sein, von durchdringendem Verstand und feuriger Glaubensinbrunst. Männer aber wie Roger Bacon und Descartes — um nur zwei Namen herauszugreifen —‚ die unserer neuen, wissenschaftlich und technisch umgewandelten Welt vorarbeiten, indem sie die klassische Ansicht einer menschengemäßen Natur zerstören und neue Wege weisen, sind jenen verwandt: Ideen sind es, die sie leiten, Ideale, die ihnen gebieten, ohne daß sie fähig wären, dasjenige, was sich aus ihnen ergeben wird, und was wir erst heute erblicken, vorauszusagen. Mag auch ein Descartes uns, wenn mir ihn in der Perspektive der Kirche seiner Zeit erblicken, wie ein Skeptiker und Opportunist erscheinen, als Organ des Menschen „als Natur“ gehört er zu den reinen Idealisten und fanatisch Gläubigen. Nicht minder gilt dies aber von Galilei und von Kepler, von Gilbert und von Boyle, von Stahl und von Lavoisier. Und hätten nicht Tausende und Abertausende von den selben Ideen getrieben mitgearbeitet, diese bedeutenderen Einzelnen hätten mit ihren Leistungen keine Umwandlung der Civilisation erreicht. Der Mensch „als Freiheit“ mag ohne Ideale auskommen, dem Menschen „als Natur“ sind sie unentbehrlich, sie sind die Leitsterne auf seinem Weg ins Unbekannte.
    Und noch ein Weiteres sei bemerkt: die Politik des Menschen „als Natur“ baut nicht bloß auf, sie zerstört das Aufgebaute und wandelt blühende Länder in Wüsteneien um. Auch dieses bewirken die Ideale. Man sehe, was die Tur-
—————
    ¹) Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke ich, daß mir, namentlich aus den Arbeiten Eduard Hahn's, bekannt ist, daß der Garten dem Acker vorangegangen sein muß; doch verliert das Beispiel dadurch nicht an Leuchtkraft.

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Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“


komenen aus dem Euphratgebiete — der ältesten und reichsten Kornkammer der Welt — gemacht haben! Man schaue auf die kahlen Berge Italiens: bis ganz oben an die Gipfel ziehen sich die Spuren früherer Kulturen; die Apenninen müssen einen einzigen herrlichen Gartenhain dem Blicke geboten haben; jetzt starrt der nackte Fels heraus, oder es deckt ihn ein abbröckelnder Erdboden, auf dem nur wenige Strohhalme stehen, mageren Zicklein zur notdürftigen Lebensfristung. Hier wirken die sozialen Ideen, die religiösen Ideen, die ganze Auffassung der Welt mächtig mit: Italien, früher von tüchtigen Stämmen aus nordeuropäischer Verwandtschaft bevölkert, ist nach und nach die Beute der freigelassenen Sklaven aus Asien und Afrika geworden, Menschen ohne Glauben, ohne Treue, ohne Kraft. Wen eine Höhenfußwanderung vom Kanton Bern in den Kanton Wallis hinüberführt, der tritt plötzlich — ohne Grenzsteine bemerkt zu haben — von tüchtig gehaltenen Wegen auf halsbrecherisch vernachlässigte Pfade, von peinlichster Sauberkeit selbst abgelegener Kuhalpen in starrenden Schmutz, von Gesundheit und Frohmut zu Schwachsinnigen und Krüppeln, von schöner Volksbildung zu krasser Unwissenheit: die Staatsverfassung ist auf beiden Seiten der Wasserscheide genau die gleiche, es handelt sich um zwei Glieder der selben Eidgenossenschaft; die Politik des Menschen „als Natur“ ist eine andere; und zwar ist sie nicht bloß aus Rasse und Religion eine andere, sondern eine andere, weil sie im Walls — obwohl die Bewohner ursprünglich und auch jetzt noch zum Teil der deutschen Sprachgemeinschaft angehören — dem gallischen einfluß unterlegen ist, wogegen der protestantische Berner, ebenso wie sein katholischer Nachbar der Urkantone, sein deutsches Wesen rein- und hochhält.

18 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

    Nun erst sind wir dort angekommen, wo ich hin wollte. Denn einerseits sehen wir, daß die Ideale des Menschen „als Natur“ von unberechenbarem und oft verhängnisvollem Einfluß auf das Leben des Staates sind, andererseits wird die Frage in uns wach, warum es nicht gelingen sollte, diese Kräfte des Menschen „als Natur“, diese mächtigen, unüberwindlichen Kräfte ebenso wissenschaftlich klar zu erkennen, wie wir die anderen Kräfte der Natur — und sei es auch nur durch symbolische Annäherungsversuche — erkennen gelernt haben, mit dem Erfolg, daß es dann, wie bei diesen, gelingen müßte, „Natur“ in einem gewissen Sinn und Maß zu bändigen, zu leiten und auf diesem Wege zu Leistungen heranzuführen, von denen die Menschheit — bisher stets von blödsichtiger Augenblicks- und Interessenpolitik hin- und hergeworfen — nicht das Geringste weiß noch ahnt? Damit hätten wir dann eine höhere Politik eingeleitet, ja, ein durchaus neues Ideal politischer Wirksamkeit aufgestellt. Ich glaube, dieses neue Ideal tut uns dringend Not, und selbst auf die Gefahr hin, für konfuse Schwärmer gehalten und ebenso verhöhnt zu werden, wie die ersten Kornbauern, sollten wir ohne Zögern es aus den Nebeln der Zukunft zu erfassen und in die Gegenwart überzuführen suchen.
    Wir wollen nicht dumm-stolz sein; wir wollen uns namentlich nicht einbilden, Eisenbahn, Telegraphie, Luftschiffe, Riesendampfer, Kraftwagen, Anilinfarben usw. usw. bedeuteten an und für sich in irgend einem Sinne des Wortes für das Menschengeschlecht einen „Fortschritt“; vermehrte Mittel erfordern erweiterte Seelenkraft, sonst schrumpft der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Maschinen zusammen:
Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.
19 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

An der verruchten Welt der List, der Lüge, der Grausamkeit, des unbedingt Gemeinen und Niederträchtigen, vor keinem Verbrechen Zurückschreckenden, die als Begleiterscheinung dieses Krieges offenkundig ward, muß selbst der Blinde erkennen lernen, wohin die Fahrt geht mit all den gepriesenen Errungenschaften der Neuzeit. „Was hülfe es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?“ Vom weitesten weltgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet, finde ich eine gewisse Analogie zwischen unserer heutigen Lage und der jener tastenden, suchenden Urackerbauer. Ich sage Analogie, nicht Ähnlichkeit; denn es ist eine genau umgekehrte Lage: dort knechtete der harte Kampf uns nackte Dasein den Geist, es fehlten der Seele die Werkzeuge, um sich au gesichertem und gesegnetem Dasein in Ruhe entfalten zu können; dem heutigen Menschen droht die entgegengesetzte Gefahr: daß dem gewaltigen, ins Kosmische angewachsene Werkzeugengerät gegenüber die im Verhältnis stark zurückgebliebenen Seelenkräfte versagen. Der Mensch „als Natur“ ist unter uns mächtig am Werke: die neue Welt, die mit unheimlicher Hast von allen Seiten hervorschießt, macht sich selbst, nicht wir machen sie, nicht macht sie der Mensch „als Freiheit“; willenlos hingerissen wissen wir nicht, ob es durch einen himmlischen Wirbelwind geschieht, der uns auf Bergesgipfel hinauftragen soll, oder durch einen satanischen Strudel, der uns schließlich in Abgründe hinunterschleudern wird. Und da könnte nun, meine ich, eine wirklich wissenschaftliche Politik, eine Politik, heißt das, welche sich nicht auf die opportunistische Lösung drängender Gegenwartsfragen beschränkte, sondern besonnen erforschte und genau erfaßte, was der Mensch „als Natur“ schafft und welche Möglichkeiten für den weiteren Weg offenstehen, zugleich

20 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

feststellen, was jetzt geschehen muß, damit die Menschheit nicht einem weltuntergangartigen Zusammenbruch mit Rückfall ins Bestialische entgegenströme (wie es allen Anschein hat), sondern diese drohende Todesgefahr überwinde und im edlen Gebrauche der dienstbar gemachten Naturkräfte einer hohen Zukunft entgegenwachse — einem langsam aber sicher reifenden, dauernden Seelensegen, vergleichbar der Ernte, welche die Erfinder des Ackerbaues unserem werdenden Geschlechte für alle Zeiten schenkten.
    Nun wirft vielleicht Einer hier ein: „Es ist logisch verfehlt, das Unbewußte in ein Bewußtes umwandeln zu wollen; du zeigtest uns soeben, welche ungeheure Gewalt in dem zielunbewußten Wirken des Menschen „als Natur“ liegt, warum sollen wir uns nicht damit begnügen, die Menschheit auch weiterhin dem Gesetz der inneren Not gehorchen zu lassen, in der Hoffnung, daß sie trotz blinder Staatsmannskunst und trotz der grundsätzlichen Ungezügeltheit aller dem hohen Ziele widerstrebenden Elemente des Grundgemeinen, aus gottgegebener Kraft den rechten Weg gehen wird? Hier waltet die Vorsehung: ihr die Ehre, ihr aber auch das Werk.“ Mir will diese Methode nicht gerade heroisch vorkommen; sie steht nicht auf der Höhe einer „großen Zeit“, von der wir so viel hören. Die Zeit soll also groß und wir erbärmlich und schlapp und denkfaul und feig sein? Und dabei soll letzten Endes etwas Großartiges herauskommen? Nein, das kann nicht stimmen! Es gibt entscheidende Stunden — wie im Leben des Einzelnen, so auch im Leben der Völker —‚ Stunden, wo es gilt zu wollen. Eine solche Stunde hat für Deutschland geschlagen. Gewiß waren die allerersten Ackerbauer eine Art Narren — so nennt die Welt solche einem Wahne hingegebene Menschen; wie Paulus es scharf ausgesprochen hat: dem „natürlichen Menschen“ ist überhaupt

21 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

das, „was vom Geist Gottes kommt eine Torheit“ (I. Kor. 2. 14); und so war dem damaligen „natürlichen“ oder Durchschnittsmenschen zweifellos auch das Suchen nach Brot eine Torheit; denn, daß der Mensch durch dessen Gewinn erst „Mensch“ in einem höheren Sinne werden würde, das ahnte er nicht, das konnte er in seiner beschränkten, auf Erfahrung allein begründeten Klugheit nicht ahnen. Endlich einmal aber dämmerte der Tag, an dem die Weisheit und der Segen dieser „Torheit“ auch Anderen einleuchtete; und an diesem Tage muß ein langer Krieg angehoben haben; denn nunmehr schwankte das Gleichgewicht zwischen den Menschen, je nach der Politik, die sie befolgten: die Jäger und Räuber erkannten die Bedrohung ihrer Vorherrschaft, die Erfinder des Friedens — denn das sind die Ackerbauern — mußten Soldaten werden, sonst war ihr Friedenswerk mit einem Schlage vernichtet. Jeder Umsturz in den Grundbedingungen des Lebens bringt Kampf mit sich. Wir sehen aber gleich hier den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Raubkrieg und dem Krieg um das Recht auf Frieden: es behaupten sich zwei einander fremde politische Ideale — wie heute, so damals. Wie sehr bei solchen ökonomisch-politischen Umsturzbewegungen das Grundsätzliche auch weiterhin unbewußt bleiben mag, es kommt bei jedem derartigen weltgeschichtlichen Vorgang ein Augenblick, wo aus dem Widerstreit der Interessen — und das heißt, sobald man die Verkettung nur weit genug hinauf zu verfolgen weiß, dem Widerstreit der Ideale — eine Entscheidung auf Leben und Tod heranrückt; hier wird es dann Pflichtgebot, sich seines Tuns bewußt zu werden: und dazu gehört, daß man seine Ideale, seine Ideen und seine Ziele sich als Bekenntnis, als Gedanken, als Entschluß klar vor Augen hinstelle. Ein solcher Augenblick —

22 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

so behaupte ich — ist jetzt da. Und wir sind anders gewappnet, als je Menschen in früheren kritischen Tagen es waren, klaren Einblick zu gewinnen und zielbewußte Entschlüsse zu fassen.
    Es genügt aber, den Zusammenhang deutlich darzulegen, wie ich es jetzt zu tun versuchte, damit eine Tatsache sofort in die Augen springe: im gegenwärtigen Augenblick ist Deutschland allein unter allen Nationen fähig, diesen Gedanken einer neuen, höherer Einsicht folgenden Orientierung menschlicher Politik zu erfassen. Unter anderen Völkern werden nur Vereinzelte verstehen, wovon die Rede ist; eine Gesamtheit dafür gewinnen zu wollen, wäre aussichtslos: es fehlt die Bildung, es fehlt die Besinnung, es fehlt der Wille; selbst die Vorzüge der Anderen stehen ihnen hier im Wege, wogegen gewisse Mängel der Deutschen sich verwerten lassen. So z. B. wird dem Deutschen vielfach seine „mangelnde politische Anlage“ zum Vorwurf gemacht — und nicht mit Unrecht; findet jedoch ein radikaler Umschwung statt in der Auffassung dessen, was Politik sein muß, schafft sich das deutsche Volk neue politische Ideale, nicht in Anlehnung an antike Überlieferungen und an fremdländische Vorbilder, vielmehr aus wissenschaftlicher Besonnenheit und eigenem Bedürfnis, so wird der Deutsche sich wahrscheinlich als der erste Politiker der Welt offenbaren, weil er systematischer in Angriff nehmen, fügsamer eingreifen, emsiger wirken und folgerichtiger beharren wird. Der gegenwärtige Krieg hat einen grundtiefen Gegensatz aufgedeckt zwischen der deutschen Auffassung von Menschenwürde und hiermit zusammen auch von Staatswürde und der Auffassung dieser Begriffe in den meisten anderen Ländern Europas, einschließlich der amerikanischen Stecklinge. Ich sehe ab von der Presse und auch von den Fachpolitikern: diese Leute geraten unwillkürlich in Über-

23 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

treibungen und Aufhetzereien; sicher ist, daß auch die sittlich-ernsten, die besonnen denkenden Bürger der Feindesstaaten die Überzeugung hegen, für Civilisation und Freiheit, gegen Barbarei zu kämpfen, somit zugleich — wie sie es oft versichern — für die Erlösung eines „besseren“ Deutschland aus den Schlingen eines dämonisch bösen Deutschland; an der Aufrichtigkeit dieser Überzeugung haben wir kein Recht zu zweifeln, und es ist wenig geschehen, wenn wir nur mit Spott die Sache abzutun wähnen. Ich glaube vielmehr, daß die neue Welt, welche der Mensch „als Natur“ seit einigen hundert Jahren um uns alle herum aufrichtet, anders auf die Deutschen (abgesehen von gewissen, meistens fremden Bestandteilen) gewirkt hat, als auf die anderen Völker; daher ein Auseinanderstreben, das namentlich in den letzten fünfundzwanzig Jahren auf der einen Seite offensichtig, auf der anderen unter der Oberfläche, unbeachtet zunahm. Die Nationen des Westens und Südens, denen die gebildeten Klassen Rußlands folgen, sind immer mehr (auch in ihren konservativen Elementen) in den Bannkreis der französischen Revolutionsideen geraten, welche wir dahin zusammenfassen können: Willkür des Einzelnen, Gewalttätigkeit der Regierenden, sittliches Chaos — das nennen sie „Freiheit“ und „Civilisation“, und dieses Ideal fühlen sie durch Deutschland bedroht. Inzwischen ist Deutschland (und was deutschem Einfluß unterliegt) innerlich — trotz sozialistischer Wählermillionen, trotz materialistischer Professorenpropaganda, trotz der Beherrschung der Oberfläche durch kommunsten Merkantilismus und frivole Sittenverderbnis — Deutschland, sage ich, ist in der Gesamtheit seiner tragenden und schaffenden Kräfte, wie mir sie jetzt im Kriege wieder gewahr werden, einen anderen Weg gegangen und ist dadurch unbewußt neuen Staats-

24 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

idealen entgegengereift, deren wesentlichstes Merkmal darin liegen wird, daß die wissenschaftliche Methodik, aus der die neue Umwelt unserer Zeit entstanden ist, durch geistige Beherrschung dem planmäßig organisierten Ausbau der Gesamtheit — also des Staatsganzen — dienstbar gemacht wird, damit jeder einzelne Bürger daran wachse und gedeihe und mit ihm das ganze Volk. Dort hat die Mechanisierung des äußeren Lebens schon tief in das innere Leben eingegriffen, wodurch mit Sicherheit eine oder die andere Abart des reinen Gewaltstaates eingeleitet ist; hier hat die höhere Bildung des Mittelstandes, namentlich aber die angeerbte innere Freiheit, die den Deutschen auszeichnet, jener verhängnisvollen Wirkung bisher entgegengearbeitet. Dort also die Richtung auf Atomismus und Mechanismus, hier die Richtung auf Eingliederung und Organismus; dort unverhohlener Mammonismus, hier Primat der Arbeit; dort gewissenlose Tyrannei Weniger unter dem Scheine einer Volksregierung, hier bei gar vielen Urkornbauern-ähnlichen energischen Träumern die Überzeugung, durch Ausbau altbewährter Formen könne der Staat von innen aus umgestaltet und durch weise Begrenzung wahre Freiheit erst möglich gemacht werden; vor Allem: dort das uralte Vorurteil, die Menschenlogik sei maßgebend, hier — neu belehrt — das Lauschen auf die Stimme der Natur, um ein lebendiges Reich der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit ihr abzugewinnen.
    Über die grundverschiedenen Ideale drüben und hüben, soll der weitere Verlauf dieses Versuchs Näheres bringen. Zunächst lag mir nur daran, festzustellen, in welchem Sinne wir ohne Überspannung und ohne eine Spur von Selbstüberhebung sagen dürfen: Deutschland ist auserlesen. Deutschland ist auserlesen, sich und den anderen Nationen

25 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

der Welt zum Heil, die Führung zu übernehmen. Die Vorsehung hat das bestimmte Volk in dem bestimmten Augenblick für die bestimmte Aufgabe bereitgestellt. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, ob Deutschland dieser Erwartung — sagen wir ruhig, dieser Bestimmung — entspricht oder nicht. Wir stehen nicht vor den selben Problemen wie Bismarck; an seiner Art können wir uns üben und stählen, doch müssen wir auf eigenen Füßen stehen — das ist, was wir vor Allem von dem gewaltigen Manne zu lernen haben; ehren wir ihn, indem wir seines Wortes gedenken: „Wenn auf irgend einem Gebiete, so ist es auf dem der Politik, daß der glaube handgreiflich Berge versetzt, daß Mut und Sieg nicht im Kausalzusammenhange, sondern identisch sind.“ Die ganze alte Politik und Diplomatie, die unseren Hof- und Geheimräten, unseren Kanzlern und Botschaftern, unseren Landtags- und Reichstagsmitgliedern heilig ist, gehört ebenso sehr in den altväterischen Plunder, wie die Astrologie und die Alchymie: auf eine Unze Wahrheit neunundneunzig Unzen Unsinn, Wahn statt Wissenschaft, Dogmen statt Beobachtungen, Überlieferungen statt Methodik, verrückte Verschwendung von Zeit und Kraft, um mit dem ungeheuerlichsten Aufwand das denkbar kleinste Ergebnis zu erzielen. Es müßte keine Jugend mehr in Deutschland geben, wenn es so weiter gehen sollte! Wir müssen das Bessere wollen, dann gewinnen wir es auch; wollen wir nicht, verstehen wir nicht zu wollen, ist unser Staatsleben schon der greisenhaften Knochenstarre verfallen, dann wird das zunehmend Schlechtere uns überfluten und uns in die Hölle fortreißen, wo wir hingehören. Nur klar bewußtes Erfassen neuer politisch-sozialer Richtlinien und entschlossen furchtloses Beschreiten dieser Wege gewährleisten die schließliche Erreichung des Zieles.

26 Politische Ideale — Die Verneinung

II.
Freiheit ist die leise Parole heimlich Verschworener,
das laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden,
ja, das Losungswort der Despotie selbst.
(Goethe.)

    Die Ohnmacht der politischen Systeme und die — zum Guten und zum Bösen — unüberwindliche Macht der politischen Ideale: diese zwei Tatsachen haben sich mir aus allen historischen Studien und auch aus allen Beobachtungen während meines Lebens als unumstößlich gewiß ergeben. Napoleon, der alle Trümpfe in der Hand hält, wird besiegt, weil er keine Ideale hat, nur Pläne; mit Idealen bewaffnet, hätte er die Welt erobert; so mußte er den von ihm verhöhnten „Idealogen“ erliegen.
    Meistens nun erben die Menschen ihre politischen Ideale und tun gut, daran festzuhalten. Hat aber die Weltgeschichte große Umwälzungen herbeigeführt, steht der Mensch mitten inne zwischen zwei Epochen, also in einem Übergangszustand, wie das heute der Fall ist, wo Unruhe alle Völker der Erde ergriffen hat und auch beim bedächtigen Deutschen nach den tiefgreifenden Umbildungen, die sein Vaterland betroffen haben, alles gärt und sich wandelt, und die politischen Bestrebungen sich derartig kreuzen und bekämpfen, daß Keiner mehr weiß, was er will, noch was er wollen soll, da tritt das Bedürfnis ein nach neuen, klarleuchtenden Idealen, in denen eine neue Zeit sich erkennen und nach denen sie sich orientieren kann. Gerade hier nun straucheln die Meisten,

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weil sie nicht wissen, welcher Schritt zuerst getan werden muß, damit der Mensch aus dem Dunklen ins Helle gelange. Alle suchen sie nach bestimmten politischen Plänen — oft sehr scharfsinnig erdacht — bleiben aber schließlich im Alten sieden oder in Halbheiten, trotzdem sie deren Unzulänglichkeit erkennen, weil die vorgeschlagenen Neuerungen ihnen phantastisch vorkommen und somit den besonnen Urteilenden abschrecken. Dieser Weg ist ein verfehlter; darauf haben deutsche Weise schon längst aufmerksam gemacht; wer ihn einschlägt, verkennt das Mißverhältnis zwischen der Willkür des Einzelnen und der Weisheit und Gewalt der Natur — auch der moralisch-sozialen Natur; wieder will der Mensch „als Freiheit“ dem Menschen „als Natur“ ins Werk pfuschen. An einem Wendepunkte wie dem jetzigen ist unsere erste Pflicht: der Urgewalt der aus unbewußter Notwendigkeit handelnden Natur freie Bahn zu schaffen. Dies geschieht nun nicht, wenn wir uns sofort fragen, was wir wollen; vielmehr müssen wir zu allervörderst vollkommen klar darüber werden,   w a s   w i r   n i c h t   w o l l e n.   Schiller sagt: „Es ist also nicht damit getan, daß etwas anfange, was noch nicht war; es muß   z u v o r   etwas aufhören, welches war.“ Im selben Sinne und mit besonderer Deutlichkeit hat sich Richard Wagner ausgesprochen, von dessen sozial-politischen Gedanken unsere führenden Männer manches lernen könnten: „Der Einzelne kann nicht erfinden, sondern sich nur der Erfindung bemächtigen. Wir dürfen nur wissen, was wir   n i c h t   wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir es erreicht haben“ (Entwürfe, Gedanken, Fragmente). Die übliche Frage: „Was wollen Sie denn an die Stelle des heute Gültigen setzen?“ ist als

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verfrüht abzuweisen; sie scheint sehr klug, zeugt aber in Wirklichkeit nur von Mangel an Besinnung; hätten unsere Vorfahren sich alle durch diesen Einwurf abschrecken lassen, mir besäßen noch heute kein Brot, kein Gemüse, keine Viehzucht. Eine Antwort erteilt die Natur erst dann, wenn wir uns vollkommen klar darüber geworden sind,   w a s   w i r   n i c h t   w o l l e n.
    Hier antworte ich für mein Teil mit aller Bestimmtheit: was ich nicht will, was ich unbedingt ablehne, ist das politische Ideal, welches die heutige Welt beherrscht, nämlich das Ideal der französischen Revolution.
    In den drei Worten „Liberté, Egalité, Fraternité“ — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — scheint zunächst nichts Gefährliches zu liegen; wer möchte nicht die Verbreitung so edler Güter wünschen? Dennoch haben sie — als politisches Ideal aufgefaßt, als programmartige Fahne vorangetragen — genügt, eine große Nation bis in die Grundfesten ihres staatlichen Aufbaues zu zertrümmern, so daß nichts mehr übrig blieb, woran eine neue Staatsverfassung sich hätte wieder emporrichten und dauernd befestigen können. Selbst heute noch ist das von den Franken geschaffene Reich voll Begabung, nicht arm an Tatkraft und an Erfindungsgeist; noch rennt (während ich diese Worte schreibe) sein Mut an der Ostgrenze heldenhaft an gegen die starke Mauer des deutschen Willens; doch politisch ist es für immer zerstört, und einzig eine Wiederholung fränkischer Überflutung könnte es allenfalls zu neuer Lebenskraft wieder erwecken; aus sich heraus kann es das unmöglich vollbringen, weil seinem Ideal alles beste Blut zum Opfer gebracht wurde, und weil außerdem dieses verderbliche Ideal Denken und Empfinden des sonst so klugen Franzosen — das, was er mit einem schlechten,

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dem amerikanischen Englisch entnommenen Wort „la mentalité“ nennt — ganz und gar durchfressen hat, wie der Wurm das Holz, so daß kein Arzt sie heilen und kein Ingenieur sie neu instand setzen kann. Inzwischen hat das Gift dieser drei Worte von Land zu Land weitergewirkt: unter unseren Augen geht Italien daran zu Grunde, die anderen Mittelmeerländer sind bedroht, England ist schon durchseucht und rast seinem politischen Untergang entgegen; in Rußland ist die Revolution unter dem selben Feldgeschrei unausgesetzt am Werk und ruft die das Germanentum bedrohende Gegenwirkung des Panslavismus als einzige mögliche Abwehr hervor; die meisten südamerikanischen Staaten leben aus dem selben Grunde in kaum unterbrochener Anarchie, und wer Augen zum Sehen hat, bezweifelt wohl nicht, daß die Vereinigten Staaten und die englischen Kolonien über kurz oder lang den gleichen Weg gehen werden.
   Dieses Ideal „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ — verstanden, wie es von der französischen Revolution verstanden wurde, und wie es in den Köpfen von Millionen seitdem dogmatische Geltung gewonnen hat — ist das weite, im blendenden Feuerwerk von zehntausend Phrasen erstrahlende Tor, der „Triumphbogen“, durch den die Menschheit auf kürzestem Wege ins Chaos einmarschiert. Und zwar darum, weil alle drei Teile dieses Ideals Lügen sind, Lügen im unbeschrankten Sinne des Wortes, womit ich sagen will: Behauptungen, die der Wahrheit der Natur direkt widersprechen. Ich leugne nicht, daß dieser Versuch des Menschen, der ewigen Natur entgegenzuwollen, ihr zu sagen, „Du willst so, ich will anders“, vorübergehend zu Bewunderung reizen kann; wer der Macht trotzt, kann sicher sein, Sympathien zu gewinnen; geht man jedoch der Sache auf den Grund, so entdeckt

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man einfach gallische Frechheit, weiter nichts; Frechheit, geboren aus schalem Denken, gepaart mit zügellosem Begehren. Die historischen Ursachen der Revolution — die Unerträglichkeiten des ausgearteten Einherrschertums, die Überbesteuerung der ländlichen Arbeit, die Zerrüttung der Finanzen, die Verderbnis des Heeres — haben hier wenig zu sagen: denn nicht das eigentliche Volk — das leidende — hat dieses Ideal erfunden; das Volk wollte Brot, weiter nichts; Winkeladvokate und oberflächliche Gelehrte sind die Urheber und der Bürgerstand — unterstützt von dem an den Bürgerstand grenzenden Kleinadel — ist, wie überhaupt so auch hier der Träger der Revolution. Dieses Ideal ist nicht aus dem Boden hervorgesprossen, als ein Erzeugnis der mit Notwendigkeit wirkenden Natur; denn dann besäße es tief hinabreichende Wurzeln und würde auf jeder Stufe — selbst mitten im Vernichtungswerk — schöpferische Kraft verraten, wogegen die unbedingte Sterilität dieses Ideals sich zu jeder Zeit und an jedem Ort in erschreckender Weise kundgetan hat.
    Zunächst sind nun, wie gesagt, alle drei Behauptungen Lügen gegen die Wahrheit der Natur. „Les hommes naissent et demeurent libres“ — die Menschen sind von Geburt frei und bleiben frei: das ist doch ein Hohn auf alle Wirklichkeit. Kein Tier auf Erden tritt so elend hilfsbedürftig ins Leben wie der Mensch: nackt, waffenlos, unbehaart, zwanzig Jahre hingebende Pflege erheischend, ehe er daran denken kann, für sich selbst einzustehen. Der Mensch ist nicht frei geboren, sondern in unbedingter Abhängigkeit geboren. Damit nicht genug, ist der Mensch infolge seiner Schwäche, seiner Entblößung, seiner Instinktarmut, ein Tier, das unfähig ist, in der Einsamkeit zu bestehen; die Vergesellschaftung ist eine Bedingung seines Daseins auf Erden; und Ver-

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gesellschaftung bedeutet immer gegenseitige Verpflichtung und somit Beschränkung der Willkür des Einzelnen; und da die Eigensucht ein angeborener Trieb ist, so tritt schon in den einfachsten der uns bekannten Staatsformen die Beschränkung rücksichtslos hart auf. Weder Vorgeschichte noch Geschichte weiß irgend etwas von einem „freien“ Menschen zu berichten. Dagegen ist Freiheit ein zu erstrebendes Ziel, ein letztes Ziel, das nur ein sittlich hochstehender Staat sich stellen kann, und das einzig nach Analogie mit Goethe's Wort „äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt“ erreichbar vorgestellt werden kann; dem Menschen unbegrenzte moralische Freiheit zu sichern, wäre die höchste Errungenschaft eines starken, streng gegliederten Staates; nirgends wird von jeher wahre Freiheit so schlecht geschützt wie in allen demokratischen Staaten. Diesen Begriff dagegen zum politischen   A u s g a n g s p u n k t   des Staates zu machen — wie dies das Revolutionsideal will — ist ein reiner Blödsinn, da er die Grundlage jeglichen Staates aufhebt. — Nicht in Wahrheit größer, doch mehr in die Augen fallend, ist die Stupidität der zweiten Behauptung: „Tous les hommes sont égaux par la nature“ — alle Menschen stellt die Natur als gleiche hin. Nicht etwa handelt es sich also um Gleichheit vor dem Rechte oder Gleichheit in Bezug auf Lasten und Pflichten, nein: die Natur hat alle Menschen einander gleich gemacht! Daß die Menschen in keiner Beziehung unter einander gleich sind, cela crêve les yeux, wie der Franzose sagt, „es drückt die Augen ein“. Weder in Bezug auf Größe, noch auf Farbe, noch auf Körperkraft, noch auf Gesichtszüge, noch auf Begabung, noch auf Willensgewalt, noch auf Herzensreichtum besteht Gleichheit zwischen den Menschen, vielmehr weichen sie fast unermeßlich voneinander ab. Die Lehrmeister der

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Revolution berufen sich ausdrücklich auf Jean Jacques Rousseau, doch mit unrecht; denn war er auch ein kühner Phantast, es ist ihm niemals eingefallen, etwas so Unsinniges zu behaupten. Die These seines berühmten „Discours sur l'origine de l'inégalité parmi les hommes“ lautet: zwar seien die Menschen von Geburt an ungleich, doch leide der Mensch im primitiven Naturzustande darunter nicht, weil dort die Ungleichheit nicht zur Geltung komme: „L'inégalité est à peine sensible dans l'état de nature et son influence y est presque nulle“; und nun zeigt er, daß jede Vergesellschaftung des Menschen — schon die einfachste Familienbildung — und jede Entwickelung seiner geistigen Fähigkeiten, gar erst jede Staatsbildung, die angeborene Ungleichheit mit unentrinnbarer Notwendigkeit immer stärker herauslocke und an Bedeutung gewinnen lasse; woraus er folgert, der nackte Wilde, der kaum die einfachsten Ansätze zu einer Sprache besitzt und weder die Mutter seiner Kinder noch, „wenn er ihnen im Walde begegnet“, seine eigenen Kinder erkennt, sei der glücklichste Mensch. Haben also die Vertreter des modernen politischen Ideals den Mut der Folgerichtigkeit, so müssen sie die Auflösung jedes Staates, jeder Gesellschaft, jeder Kultur fordern; täten sie das, sie könnten ihrem Ideal wenigstens die Wahrhaftigkeit zuschreiben, da sie es aber nicht tun, so bleibt es unbedingte Lüge. — Die Brüderlichkeit oder — wie Littré das Wort hier auslegt — „die allgemeine Liebe, welche alle Mitglieder der menschlichen Familie eint“, ist schon eher geeignet, empfindsame Seelen zu bestechen. Doch sehr mit Unrecht; denn nicht Liebe, sondern Pflicht liegt dem Staatsbegriff zugrunde. Es kann sehr gut ein Staat ohne Liebe bestehen, namentlich ohne die kommunistische Brüderlichkeit, kein Staat kann aber

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ohne Pflichterfüllung, Unterordnung, Gehorsam bestehen. Auch hier wieder, wie bei Freiheit und Gleichheit, handelt es sich um ein Ideal, das ein erstrebenswertes Ziel bildet, nicht aber um eine mögliche politische Grundidee.
    Soviel über die innere Unwahrhaftigkeit der drei Begriffe, die diese ideale Trikolore zusammensetzen und die so viele Millionen Köpfe um ihren politischen Verstand gebracht haben. Nun folgt aber eine zweite wichtige Überlegung.
    Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind von den Verfechtern des Revolutionsideals nie bejahend, sondern in Wirklichkeit stets und nur verneinend gemeint worden! Historisch entstehen sie ja als Verneinungen, und ihre Erfinder schreiten sofort zu Unterdrückung, Massenmord und Völkerkrieg. Freiheit im Munde des Franzosen und aller von ihm Belehrten besitzt überhaupt gar keinen positiv faßbaren Sinn; der Begriff schillert in allen Farben; und da es (wie schon gesagt) das Wesen jedes Staates ist, da es überhaupt den Begriff eines „Staates“ ausmacht, die Willkür des Einzelnen zu Gunsten Aller einzuschränken, so hieße ein Bekenntnis kurzweg zu „Freiheit“ einfach die Verkündigung der Anarchie: soweit dachten diese Leute aber nicht und denken die heutigen Nachbeter nicht, vielmehr besitzt das Wort Freiheit für sie den sehr einfachen, faßbaren Sinn:   i c h   w i l l   n i c h t   g e h o r c h e n.   Freiheit heißt hier Auflehnung gegen jegliche staatsordnende Gewalt und im weiteren Sinne gegen Alles, was Bedeutung und in Folge dessen auch Würde und Macht besitzt. Ebenso verhält es sich mit dem Worte „Gleichheit“. Die Revolutionsführer von gestern und heute dachten und denken nicht daran, den Staat — ihre Melkkuh — zu zerstören, wie es Jean Jacques Rousseau, der Träumer, gewünscht hatte; vielmehr bedeutet für sie das Feldgeschrei

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„Gleichheit“ ebenfalls einfach eine leicht verständliche Verneinung:   i c h   w i l l   k e i n e   E h r e r b i e t u n g   b e z e i g n e n.   Mag ein Mann noch so aufopfernd, noch so verdienstvoll, noch so heroisch sein, mag seine Begabung noch so leuchtend alles Gewöhnliche überstrahlen, mag er das Vaterland in der Stunde der Gefahr erretten und im Frieden durch seine Werke unsterblich machen: ich, der erste beste Plattkopf und Faulkopf, ich feiger, niedrig gesinnter Eigensüchtler bin entschlossen, ihm keine Anerkennung, keine Verehrung, keine Dankbarkeit zu bezeigen. Wie genau hiermit die wahre Bedeutung des Wortes getroffen ist, zeigte die Revolution, indem sie die bedeutendsten Gelehrten und Naturforscher Frankreichs aus ihren friedlichen Arbeitsstätten riß und sie der Guillotine übergab: erst im Tode sind wir wirklich alle gleich. Und nun die „Brüderlichkeit“, die Liebe! Jeder, der die Geschichte der französischen Revolution kennt, muß laut auflachen bei dem Gedanken, die „Liebe“ sollte eine ihrer Schutzgöttinnen gewesen sein. Einer, den die Menschen, die ihn gesehen und gehört hatten, nicht anders denn als Sohn Gottes zu bezeichnen wußten, hat das Wesen echter Liebe in einem ewigen Worte zusammengefaßt: „Liebet eure Feinde!“ Liebe ist Geben, nicht Nehmen. Ganz anders ist das „fraternité“ der alten und neuen Revolutionäre gemeint, nämlich im Sinne einer Verneinung:   i ch   l i e b e   k e i n e n,   d e r   n i c h t   g e n a u   s o   d e n k t   w i e   i c h.
    Übersetzen wir also das „heilige Original“ der stolzen Fanfare „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in unser geliebtes, redliches Deutsch, so lautet es: „Nicht gehorchen, nicht verehren, nicht lieben“; kräftiger gesprochen: „Ungehorsam, Unehrerbietigkeit, Haß“.
    Immer lohnt es sich, den Dingen auf den Grund zu gehen

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und nicht zu ruhen, bis man sie vollkommen klar erblickt und durchschaut und umfaßt hat. Jetzt bedarf es für uns keiner umständlichen Erörterungen mehr: kennen wir das Ideal, aus welchem in allen Staaten, die an die französische Revolution anknüpfen, die Grundsätze hergeleitet werden, so wissen wir auch sofort, welche Wege diese Staaten notwendig wandeln müssen: aus dem Dreibund Ungehorsam, Unehrerbietigkeit, Haß entsteht mit Naturnotwendigkeit Tyrannei, Mittelmäßigkeit, Herzlosigkeit; womit ich sagen will: despotische Regierung, Unterdrückung des Bedeutenden, Abstumpfung des öffentlichen Wesens gegen Ungerechtigkeit und überhaupt gegen Unrecht und gegen Leiden.
    Die französische Revolution gab uns gleich die Probe für die Richtigkeit der Rechnung: den maßlosesten Mißbrauch despotischer Herrschergelüste, den je die Geschichte gesehen. Doch könnten Unbelehrbare noch einwerfen, es handle sich da um Übergriffe des ersten Augenblicks, um Mißbrauch des Revolutionsideals, ehe dieses Zeit gehabt hatte, sich auszugestalten. Die Folge hat uns jedoch eines Besseren belehrt. Man braucht nur auf die heutige französische Regierung zu schauen: unter der Devise „liberté, égalité, fraternité“ wird das Land von einer Klique gewissenloser Berufspolitiker beherrscht, die — wie der Franzose und Republikaner Gustave Le Bon im Jahre 1913 schreibt — „unter dem Wort Freiheit das Recht verstehen, ihre Gegner nach Belieben zu verfolgen“, die, wenn zufällig ein wahrhaft begabter und unbestechlicher Politiker auftritt, den unbequemen Sonderling einfach durch Mord wegräumen, und die so gänzlich ohne Interesse für Notleidende sind, daß Frankreich noch nicht die bescheidensten Anfänge zu einer Alters- und Invalidenfürsorge besitzt und es nach Italien dasjenige Land Europas ist,

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in welchem am wenigsten für Zwecke der Wohltat gespendet wird. Ebenso ergeht es aber den anderen Ländern, die sich diesem Ideal verschrieben haben. Während es noch gute verträumte Deutsche gibt, die von „englischer Freiheit“ schwärmen, gleicht in Wirklichkeit das englische Regierungsprinzip täglich mehr einer Diktatur. Schon vor zwanzig Jahren und mehr nannte der klarblickende Seeley den englischen Premierminister einen „König“, und zwar einen „fast absoluten“; allerdings, er kann durch das Parlament gestürzt werden; doch erstens ist die Parteidiziplin drakonisch streng und die kleinste Majorität genügt, ihm das ganze Volk zu unterwerfen; zweitens aber: wechselt die Majorität, so tritt ein anderer Tyrann auf — weiter nichts; sodann kann durch den sogenannten „Guillotine-Paragraphen“ der Hausordnung, in jedem Augenblick jeder Debatte im Parlament ein Ende gemacht werden, und das Parlament wird schließlich eine bloße Abstimmvorrichtung — deren Ergebnisse im voraus bekannt sind; das Oberhaus ist nur mehr ein dekorativer Schmuck, beraubt seiner politischen Befugnisse, und der König besitzt kein Vetorecht ¹). Im Laufe des 19. Jahrhunderts — namentlich unter dem Einfluß des Juden Disraeli — begann England, immer mehr seinen alten politischen Idealen, die es ein halbes Jahrtausend lang, trotz aller Zeitenstürme, vor Schiffbruch bewahrt und ihm zu steter Weiterentwicklung gedient hatten, untreu zu werden; seit der Thronbesteigung des Königs Eduard VII. warf sich die herrschende Partei den
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    ¹) Gerne benütze ich die Gelegenheit, um eine kurze, ganz vorzügliche Schrift, die dieser Tage erschien, warm zu empfehlen: „Deutsche Freiheit und englischer Parlamentarismus“ von Professor Arnold Oskar Meyer. Der Verfasser zeigt, daß zu allen Zeiten Deutschland mehr wahre Freiheit genoß als England; in England ist die Freiheit Schein, in Deutschland Wirklichkeit.

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französischen Revolutionsidealen vollends in die Arme. Wie in allen demokratischen Staaten: Männer von hervorragender Bedeutung finden im englischen politischen Leben heute keinen Spielraum mehr, keine Anerkennung, keine Wirkungsmöglichkeit, und ziehen sich zurück, eitlen und — wie der Marconiskandal gezeigt hat — manchmal schon korrupten Demagogen den Platz lassend. Die ungeheueren Summen, die jede Wahl in England jetzt kostet, zeigen, daß die Methode der Vereinigten Staaten sich einbürgert: die Stimmen zu kaufen. Und dabei darf man nicht vergessen, daß England das „konservativste“, an Althergebrachtem am zähesten festhaltende Volk war; ins ganze Volk ist darum diese Bewegung noch entfernt nicht eingedrungen; deßwegen ist das Bild dort noch nicht so klar wie in Frankreich und in Italien; doch geht die hinabrollende Bewegung jetzt so rasend schnell, daß die Katastrophe schon sichtbar am Horizonte dämmert.
    Mehr will ich hierüber nicht sagen; das Fiasko des Revolutionsideals ist zu offenkundig; man braucht bloß die augen aufzutun und um sich zu blicken. Wenige aber dringen bis zu den Ursachen durch und gewinnen die Einsicht, daß der politische Verfall die unausbleibliche Folge falscher politischer Ideale ist und überall auf der Welt, wo diese Ideale Eingang finden, sich notwendigerweise stets einstellen wird. Die sogenannte „Freiheit“ löst die Menschen in Atome auf, die „Gleichheit“ macht sie zu physiognomielosen Rechenpfennigen, so daß man sie nur mehr nach dem Gewicht der Geldbörse einschätzt, die „Brüderlichkeit“ löscht Liebe und Mitleid aus. Der Franzose ist nicht ein „schlechterer“ Mensch als der Deutsche, vielmehr besitzt er außer einer durchschnittlich guten Begabung vortreffliche Eigenschaften; nicht Verderbtheit und nicht Unfähigkeit haben den Niedergang seines Staates ver-

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anlaßt, sondern letzten Endes die Hingabe an grundverkehrte politische Ideale, die allen gesunden Staatsideen in den Köpfen der Bürger entgegenwirken. Gerade zur Revolutionszeit hat das sonst nüchterne und vorsichtige französische Volk Schwärmer, Fanatiker, Idealisten hervorgebracht, Leute, die allen Ernstes die Welt zu reformieren, die Menschheit zu beglücken glaubten. Mit Naturnotwendigkeit und mit elementarer Kraft wirken aber Ideen, sobald sie wirklich den Weg in Kopf und Herz von Millionen gefunden haben: und so zeugte denn das Feldgeschrei „Freiheit“ die Guillotine, das Feldgeschrei „Gleichheit“ die Proskriptionen, das Feldgeschrei „Brüderlichkeit“ — um nur ein Beispiel zu nennen — die gänzliche Verwüstung der Rheinpfalz, wobei nicht etwa allein Schlösser und Stifte, sondern namentlich alles Gut und Habe der Bauern bis auf den letzten Stumpf ausgetilgt wurden, und wo der „befehlführende Genosse“ denen, die ihn anflehten, die Weltbeglücker sollten doch wenigstens die Armen schonen, zurief: „Uns gehört Alles! euch lassen wir nur die Augen zum Weinen übrig!“ So sah die allgemeine Liebe aus, welche alle Mitglieder der menschlichen Familie eint! Das sind die notwendigen Folgen falscher Ideale! Und ebenso wenig wie die Franzosen von Hause aus moralisch minderwertige Menschen sind, ebenso wenig sind es die deutschen Sozialdemokraten; daß sie es nicht sind, haben sie jetzt in großartigstem Maßstab zu beweisen die Gelegenheit benutzt; sie sind aber Anhänger des verhängnisvoll falschen französischen Ideals und wirken dadurch auf den Untergang des deutschen Staates hin, unbelehrt durch die so deutliche Sprache der Geschichte und unbelehrt — so höre ich durch ihre Erfahrung in diesem blutigen Kriege, wo sie gegen eine Welt von Grausamkeit, Zügellosigkeit, Lüge, Haß im Felde stehen,
 
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vor Feinden, die ihre Absicht, ganz Deutschland zu plündern, zu zerstören, einer Wüste gleichzumachen, offen aussprechen, und wo sie sich doch sagen müßten, daß diese verrohte Welt einzig und allein aus dem Einfluß der französischen Revolutionsideale hervorgegangen ist, welche im Laufe eines Jahrhunderts aus wackeren Menschen halbe Bestien an Neid und Gesinnungsniedertracht gemacht haben. Man darf doch hoffen, daß dieser Krieg dazu beitragen wird, die deutsche Arbeiterschaft aus dem verhängnisvollen Wahn, in den sie durch Fremdlinge und Sendlinge hineingetrieben worden ist, aufzurütteln.
    In einem Augenblick wie dem jetzigen halte ich es nicht allein für würdig, sondern für im hohen Grade praktisch, die Niederungen der Tagespolitik und ihrer ewigen Halbheiten verlassen, um sich über solche grundsätzlichen Fragen zu verständigen, denn diese sind es, die auf Jahrhunderte hinaus den Ausschlag geben. Nicht aus dem Widerstreit einer chaotischen Zersplitterung, sondern nur aus Einheitlichkeit der Gesinnung kann ein weltbeherrschendes Deutschland hervorgehen; und beherrscht Deutschland nicht die Welt (ich meine nicht durch Gewalt allein, sondern durch allseitige Überlegenheit und moralisches Gewicht), so verschwindet es von der Karte; es handelt sich um ein Entweder-Oder. Völlig einheitlich in seinen Idealen war das England der aufsteigenden Epoche — trotz der zwei Parteien; völlig einheitlich in ihren Idealen sind die sich äußerlich bekämpfenden Fraktionen der heutigen französischen Kammer: sie zanken sich nur um die Beute; Deutschland dagegen ist zwar äußerlich geeint, innerlich aber, bei allen die Politik betreffenden Fragen, unsicher, unklar, ruhelos, gereizt, zerrissen. Die alten Ideale genügen ihm nicht; selbst die herrliche Königstreue

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des preußischen Schwertadels steht in keinem lebendigen Verhältnis zum Deutschland Bismarck's, noch weniger tun es die anderen partikularistischen Überreste aus schöner alter Zeit. Zwar bildet die große Erbschaft, welche die Klassiker des Denkens, des Dichtens, des staatlichen Aufbaus und der Rechts- und Staatsgelehrsamkeit hinterlassen haben, einen reichen Boden, auf dem wir sicher stehen, sie schenkt uns aber nicht unmittelbar die politischen Ideale, deren wir heute bedürfen. Wir müssen nämlich das Eine vor Allem wissen, ja, in der Weise innerlich wissen, daß wir es an uns selber erleben und uns diese Überzeugung mit dem Blute in den Adern kreist: das Deutschland, das heute vor uns steht, ist nicht ein alter Staat, sondern ein junger Staat. Die Wurzeln tauchen auf allen Seiten in das gute, reiche, unerschöpflich spendende Alte; das Volk aber ist neugeboren an die Sonne hervorgewachsen; es ist das jüngste unter den großen Völkern; gegen den jungen Wandervogel Deutschland gehalten, sind die Vereinigten Staaten ein bereits behäbiger und etwas nervös gewordener Philister mit bedenklich kahler Platte, und Japan ein gut konservierter, sehniger, überschlauer Greis, gierig und geizig wie die alten Leute es manchmal sind. Wäre es lediglich seine Industrie, die sich in den letzten vierzig Jahren vervielfacht hat, das würde mir für Deutschlands Jugend nicht stehen; vielmehr bewährt sich diese in dem Wachsen auf   a l l e n   Gebieten; die Leistungen der Landwirtschaft — wir sahen es (S. 11) — haben mit denen der Industrie Schritt gehalten; es ist eine unerhörte Schaffensfreudigkeit, Arbeitsfreudigkeit, eine Zeit der Erfindung, des Versuches, der Tollkühnheit. Wie viel Leben liegt doch in den hundert Erfindungen, aus denen das Verderben bringende deutsche Unterseeboot hervorgeht! Kaum ist Deutschland von

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allen Salpeterquellen abgeschnitten, und schon holt es sich den so nötigen Stickstoff aus der Luft!
    Dieses junge Volk steht nun vor neuen Aufgaben. Die Weltlage ist eine gänzlich andere, als es vor hundert Jahren war: sie ist anders, weil Bismarck ein neues Deutschland aufgebaut hat — jedes Genie leistet mehr als es selber wähnt und weiß; sie ist anders, weil große Völkerbewegungen auf dem Rücken unserer alten Mutter Erde neue Verhältnisse geschaffen und für die heransausende Zukunft vorbereitet haben, sie ist aber anders namentlich deßwegen, weil das Verhältnis des Menschen zu der von ihm beherrschten Natur umgewandelt worden ist. Was die Völkerbewegungen anbetrifft, so steht die Sache für Deutschland augenblicklich nicht günstig, hier sind England und die anderen englisch redenden Verbände ihm zuvorgekommen; in der anderen Beziehung dagegen ist Deutschland allen Völkern der Welt überlegen: mit dem wissenschaftlichen Zeitalter tritt unstreitig das Zeitalter Deutschlands auf. Doch nur wenn Deutschland auch politisch neue Ideale zur Richtlinie nimmt, nicht wenn es — wie die Mehrzahl seiner mechanisch Arbeitenden und ein großer Teil seiner bürgerlichen Schichten — in nachweisbar unheilvollen französichen Irrlehren stecken bleibt oder, wie die anderen Bestandteile, sich mit alten Überlieferungen und unfruchtbaren Ablehnungen begnügt. Hier ist konservativ gerade so beschränkt wie liberal und fortschrittlich, und sozialdemokratisch ebenso selbstmörderisch wie die christlichen Religionsspaltungen. Jetzt muß Deutschland an eine staatsaufbauende Politik gehen, auf Grund schöpferischer Ideale, wie sie dem Eigenwesen des Deutschen und dem Geist unserer neuen wissenschaftlichen Zeit entsprechen. Es genügt nicht die Formel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu verneinen; denn

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auch wir wollen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; unsere Vernunft zeigt uns aber und wir haben es außerdem erfahren, daß dieses Ideal keinem politischen Aufbau zur Grundlage dienen kann, vielmehr sich nur als Ergebnis aus einer guten Politik gewinnen läßt. So hat z. B. Carlyle (im „Sartor resartus“) das tiefe Wort gesprochen: „Gehorsam macht frei“; und wir könnten hinzusetzen: Unterordnung schafft Gleichheit und Aufopferung schmiedet Brüderlichkeit. Doch ein politisches Ideal wäre damit nicht gewonnen. Indem die Franzosen sittliche Forderungen an die Spitze stellten, stellten sie den Staat auf den Kopf; darum stürzte er hinunter. Wir müssen's anders anfangen.

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III.
Entschiedenheit und Folge sind das Verehrungswürdigste am Menschen. (Goethe.)

    In dem ersten Teil dieses Versuches sahen wir, daß der Mensch — sobald er Großes leisten will — der Ideale nicht entbehren kann und lernten im angeblichen Phantasien und Schwärmer, der vielleicht über sein eigenes Beginnen nicht volle Rechenschaft zu geben vermag, den Vermittler himmlischen Segens an die Menschheit verehren; in dem zweiten Teil erfuhren wir die Bedeutung der Verneinung als unentbehrlicher Vorstufe der Bejahung, eine Grundwahrheit, die von den nüchtern praktischen Menschen fast immer verkannt wird und für die namentlich Richard Wagner erschöpfend knappen Ausdruck fand: „Wir dürfen nur wissen, was wir   n i c h t   wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir es erreicht haben.“
    Aus diesen Erwägungen ergibt sich die besondere Schwierigkeit der Lage für Menschen, die, wie wir, zwischen zwei Epochen stehen. Daß tiefgreifende Umbildungen der staatlichen Verhältnisse stattfinden müssen und werden, daß der jetzige Zustand unhaltbar ist, weil unwürdig und unvernünftig und den Notwendigkeiten nicht gewachsen, das weiß jeder beobachtende, denkende Mensch; doch schwebt das Künftige ebenso unfaßbar vor unseren Augen wie etwa der noch nicht

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Politische Ideale — Der Staat


siegreich durchgedrungene Ackerbau in der Vorstellung eines sinnenden Jägers der Urzeit, weil wir Menschen gänzlich unfähig sind, das noch nicht Erfahrene künstlich im Hirne hervorzuzaubern — ebensowenig wie wir irgend eine Tier- oder Pflanzengestalt, die wir nicht gesehen haben, zu erfinden vermögen; und so springen wir immer wieder zurück auf das schon vertraute Ufer, wo wir wenigstens festen Boden unter den Füßen spüren, und versuchen uns einzureden, es werde schon weiter so gehen. Wer jedoch mit mir der uneingeschränkten Verneinung beitritt, die der vorige Abschnitt brachte, der befindet sich — so glaube ich wenigstens — auf dem Wege zu größerer Klarheit. Denn der französische Revolutionsgedanke, der uns umgibt, bedeutet einen der möglichen Versuche, ein staatlich Neues herbeizuführen, und dieser Versuch muß als gänzlich verfehlt betrachtet werden — theoretisch mißglückt und vor der Geschichte gescheitert; indem wir diesen radikalen Versuch ebenso radikal von uns weisen, zieht eine Ahnung besserer Dinge in unser Bewußtsein ein, womit ich sagen will: es gewinnt für uns der Glaube an die Möglichkeit, ja, an die sichere Wirklichkeit einer in wesentlichen Punkten besseren, den neuen Lebensbedingungen angepaßten Staatlichen Zukunft, wenn nicht gerade „Gestalt“, so doch „Körper“.
    Man mache mir aus der wohlumhegten Vorsicht des Ausdrucks keinen Vorwurf; der Ausdruck entspricht dem Gedanken: ich habe nicht die geringste Anlage zu einem Phantasten, darum merke ich, wo die Umrisse scharf sind und einer Wirklichkeit entsprechen, und halte nicht ein Nebelgebild für einen Berg. Der Irrtum aller politischen Utopien unserer Zeit — von Saint-Simon bis zu Marx und dessen Nachfolgern — besteht darin, daß der Einzelne mit seinem vereinzelten

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Hirne, wie er es bei einem Kunstwerke tun würde, auferbauen zu können glaubt, wogegen die großen Umwälzungen des vergesellschafteten Menschen — des Menschen „als Natur“ — stets von der Natur selbst durchgeführt werden, und das heißt hier, von einer wachsenden Zahl mehr oder weniger unbewußt handelnder, an allen Enden plötzlich auftauchender Menschen, die, ihrem Triebe folgend, schließlich die Gesamtheit mitreißen. Der Natur will ich nicht ins Werk pfuschen. Seit Ausbruch des Krieges habe ich, trotzdem ich in stiller Zurückgezogenheit lebe, also politisch ohne Bedeutung bin, so viele, zum Teil geradezu groteske Weltverbesserungspläne zugeschickt bekommen, daß ich über die ausschweifende Einbildungskraft der Deutschen erschrocken wäre, hätte ich mir nicht sagen müssen, das alles sei „lebendige Kraft“, die diesem einzigen Volke über kurz oder lang zugut kommen wird. Ich aber will mich bescheiden, auf dem Wege, den jene Verneinung der Revolutionsideale uns weist, zu forschen, ob sich nicht schon daraus allein gewisse Richtlinien des zu erstrebenden Künftigen ergeben, so daß wir es zwar nicht phantastisch ausmalen können, wohl aber befähigt werden, ihm — dem kommenden Geschenk von „Gott-Natur“ — entgegenzugehen, und anstatt ihm stumpfsinnig und feig Widerstand zu leisten, ihm den Weg zu uns hin vertrauensvoll zu ebnen.
    Gleich die erste und grundlegende Frage erhält durch diese Art der Betrachtung unerwartete Beleuchtung.
    Was ist der Staat? Die Revolution setzte voraus, der Staat sei von Menschen erfunden und errichtet. Rousseau betitelte sein Hauptwerk „Le Contrat social“, ging also allen Ernstes von der Annahme aus, der Staat sei auf dem Wege eines Vertrages entstanden, es seien die vereinzelt lebenden Menschen eines schönen Tages zusammengetreten und hätten

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sich gesagt: jetzt wollen wir einen Staat bilden und zu diesem Behufe gegenseitige Verpflichtungen eingehen. Das ist himmelschreiender Anthropomorphismus! Die Natur belehrt uns eines anderen. Das Wesen „Mensch“ ohne jeden Anfang von Vergesellschaftung wäre das armseligste Tier, die bejammernswerteste Bestie auf Erden; außer den Gliedmaßen wäre ihm nichts eigen von dem, was den Begriff „Mensch“ ausmacht. Nicht der Mensch macht den Staat, sondern der Staat macht den Menschen. Nur Philisterseelen, die niemals die Natur am Werke beachtet und betrachtet haben, werden diesen Satz ungereimt finden. Die Vergesellschaftung lebender Wesen eines Stammes zu gemeinsamer Arbeit, unter bestimmter Verteilung der Pflichten und Lasten und Ämter, ist eine weit verbreitete Erfindung der Natur, der wir in den verschiedensten Tierordnungen begegnen und die z. B. unter Vögeln und Affen zu höchst verwickelten Organisationen führt, deren sicheres Ineinanderklappen uns dummen Vernunftwesen unbegreiflich dünkt. Musterhaft vollkommene Staatenbildung finden wir bekanntlich bei den Ameisen. Vereinzelt vermag die Ameise nicht zu leben; versieht man sie auch mit allem, was sie braucht — Futter und Trank und Spielraum — getrennt von ihrer Genossenschaft stirbt sie nach wenigen Stunden; der Begriff „Ameise“ schließt die Angehörigkeit zu einem Staate ein, und diese Angehörigkeit wiederum bedeutet die Verpflichtung zu bestimmten Verrichtungen, die sich anderen Verrichtungen des Gemeinwesens genau an- und eingliedern; der Einzelne ist hier nichts, der Staat alles. Nebenbei gesagt, aus der rastlosen Emsigkeit dieser Tierchen gewinnt man den Eindruck, daß es die glücklichsten Wesen auf Erden sein müssen. Es fällt mir nun nicht ein, dem Beispiel meines geistvollen Leh-

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rers Carl Vogt zu folgen, und aus „Untersuchungen über Tierstaaten“ politische Pamphlete zu schmieden; wir hassen alle heute die falschen Analogien; worauf ich aber hiermit die ungezählte Schar der Naturblinden aufmerksam machen will, ist die Tatsache, daß der Staat eine Erfindung der Natur ist, nicht ein Elaborat des Menschenhirnes, und daß der Mensch ohne Staat — der Mensch, wie ihn der liebenswürdige Elisée Reclus und der grimmige Fürst Krapotkin sich träumen — überhaupt kein „Mensch“ ist, sondern ein Tier, für das ich den wissenschaftlichen Namen Bestia miserrima vorschlage. Daß zu verschiedenen Zeiten — ja, auch zur selben Zeit — des Erdenlebens der Menschenstaat, je nach den Existenzbedingungen, je nach dem Temperament der Rassen, je nach der Vergangenheit der Völker usw. sehr verschiedene Gestalten angenommen hat, das tut der Wahrheit jener Behauptung keinen Abbruch; der Mensch „als Freiheit“ bemächtigt sich eben überall und auf allen Gebieten des Werkes des Menschen „als Natur“ und modelt es nach seinem Kopfe um — sich und anderen zu Heil und Unheil. Mir liegt im Augenblicke nur das eine am Herzen: die Überzeugung mitzuteilen, daß im eigentlichsten, wahrsten, ewigen Sinne der Staat den Menschen erst zum Menschen macht. In dem rein naturwissenschaftlichen Buche des Pariser Anthropologen Paul Topinard „L'Anthropologie et la Science sociale“ (1900) lese ich gegen Schluß des Abschnittes über Staatenbildung im Tierreiche: „L'intérêt individuel réduit à lui-même ne conduit à rien de durable“, aus dem, was das Individuum für sich fordert, entsteht nichts, was Dauer besitze. Aus ihm entsteht darum auch weder Sprache noch Civilisation noch Kultur, weder Recht noch Kunst noch Wissenschaft noch Religion; alle diese Güter, welche das Leben uns Menschen

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erst lebenswert machen, sind an den Staat gebunden; wäre der Mensch nicht ein aus Naturnotwendigkeit staatenbildendes Tier, es gäbe von dem allen nichts. Und ebenso wie der Mensch durch den Staat erst „Mensch“ ward, so ist auch sein weiteres Wachsen zu dem, was er heute ist — oder sein kann, und zu dem, was er noch werden soll, ganz und gar an das Dasein des Staates geknüpft. Alles, was der Einzelne als Einzelner Großes schafft, bedarf nicht nur des Schutzes einer organisierten Gesamtheit, sondern es quillt aus deren Anregung hervor und gewinnt erst in deren Widerhall Sinn und Maß. Die geschäftige Willkür des Menschen mag diese grundlegende Tatsache verdecken, doch dem Denker kann sie nicht verborgen bleiben, und sie bewährt sich auch darin, daß ein schlechter Staat schlechte, ein guter Staat gute Menschen hervorbringt, ein alberner alberne und ein gescheiter gescheite.
    Hieraus ergibt sich die zwingende Folgerung, daß die politische Grundfrage von der Revolution falsch gestellt ist; denn sie hat nicht zu lauten: was hat der Einzelmensch als Recht von dem von ihm begründeten Staate zu fordern? sondern: was hat der Staat, der den Menschen erst zum Menschen macht, um seines Fortbestehens und Gedeihens willen von jedem Einzelnen zu fordern? was gebietet das Interesse des Staates? In sämtlichen Erscheinungen der Natur, ohne Ausnahme, besitzt das Individuum seinen Eigenwert, und selbst der hervorragendste Einzelne verdient in ihren Augen nur insofern Beachtung, als seine Leistung Bezug auf die Gesamtheit gewinnt. Die Natur — und was ist diese, wenn nicht Gottes Wille in die Tat umgesetzt? — fragt nicht nach Rechten und Wünschen und Verdiensten des Einzelnen, vielmehr sieht sie lediglich auf das Gedeihen des Ganzen. Daraus schließe ich: was dieses Ganze fördert, wird der Wahr-

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heit der Natur entsprechen und wird darum auch ganz sicher die richtige, gottgewollte — im Gegensatz zu der willkürlich begehrten — Förderung aller einzelnen Bestandteile umschließend bedingen.
    Tun wir nun unser Möglichstes, uns auf den erhabenen, strengen Standpunkt der Natur zu stellen, und fragen wir uns dann, welche von allen Bedingungen die ausschlaggebende sein wird, damit ein Menschenstaat segensreich wirke, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein: die   D a u e r   ist diejenige Eigenschaft, ohne welche der Staat nichts Ersprießliches hervorbringen kann. Wir dürfen als Axiom hinstellen, daß ein Staat mit vielen Fehlern, aber dauerhaft errichtet, mehr für die Förderung edlen Menschentums leisten wird, als ein sorgfältig ausgeklügelter Staat ohne Gewähr des Bestandes. Das folgt aus der Tatsache, daß Hauptaufgabe des Staates offenbar sein muß, das zu leisten, was der Einzelne nicht zu leisten vermag. Am gebundensten ist nun der Einzelne hinsichtlich der Zeit; auf das Ganze bezogen, ist all sein Wirken Bruchstück. Stellt das Individuum das Vergängliche dar, ohne Kenntnis des Vergangenen, ohne Hingabe an das Künftige, so vertritt der Staat die Interessen — oder besser gesagt, die Absicht, die Idee — der Natur, für welche Vergangenheit und Zukunft eine Einheit bilden. Alles Werden und Wachsen erfordert Zeit; die Natur zählt nicht wie wir, sie läßt sich die Zeit ebenso wenig beschränken, wie sie danach fragt, wie viele Millionen Einzelne durch Krieg und Pestilenz zugrunde gehen. Die Wirksamkeit des Staates wächst darum im geometrischen Verhältnis zu seiner Dauer; jede Unterbrechung bedeutet einen Rückfall ins Willkürliche, bedeutet die Nötigung, vieles bereits mühsam Errungene wieder von unten an in Angriff zu nehmen.

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    Die erste Richtlinie, die wir als unzweifelhaft gegeben entdecken, ist also die auf   D a u e r.   Was dem Staate Dauer verbürgt, das ist — mögen auch Vorurteil, Eigensucht, Zeitströmung dagegen wettern — was wir zu bevorzugen haben. Die künftige Gestaltung können wir nicht enträtseln, doch das eine wissen wir sicher: von dorther kommt uns wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft das Heil.
    Nebenbei gesagt, wer von Dauer spricht, sagt mehr als es vielleicht im ersten Augenblick den Anschein hat. Im zu dauern, muß der Staat nebst der Kraft auch Weisheit besitzen. Blutige Tyrannei z. B. verbürgt nicht Dauer. Denn der Mensch ist nicht Ameise, vielmehr hält seinem staatenbildenden Trieb ein anderer Trieb das Gleichgewicht: der Trieb, sein Glück in sich und in dem kleinen vom Ich belebten Kreis zu finden. Diese „Polarität“ liegt der unvergleichlichen Bedeutung des Menschengeschlechtes (wenigstens unter uns Weißen) zugrunde: ist der Einzelne unter dem Schutze des Staates zur Entfaltung gelangt, ihm wird's enge, wenn der Panzer ihn drückt; das Glück des Einzelnen bildet einen lebendigen Bestandteil des Gefüges des unempfindsamen Ganzen. Darum wird der dauerhafteste Staat ein Höchstmaß an Recht, an Freiheit, an Milde gewähren. Das Wort „Höchstmaß“ ist natürlich je nach Zeit und Rasse zu verstehen: die Willkür eines schwarzen Häuptlings kann gegenüber den ungezügelten Gewalttaten blutgieriger Wilden einen annehmbaren Rechtsstaat — ein Höchstmaß — begründen. Wer also von einem dauerhaften Staate spricht, spricht von einem — ich will mich kurz und bequem ausdrücken — „guten“ Staate, von einem Staate, in welchem die so töricht ungestüm als „Rechte“ geforderten Güter der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit in dem höchsten Maße der

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jeweilig gegebenen praktischen Möglichkeit vorhanden sein werden. Goethe macht in einer seiner scheinbar paradoxen, in Wirklichkeit unergründlich tiefen Bemerkungen aufmerksam: „In allen Regierungsformen, wie sie auch heißen, existieren Freiheit und Knechtschaft zugleich polarisch.“ Der dauerhafteste Staat wird derjenige sein, der der nötigen Knechtschaft durch gerechte Verteilung die Bitterkeit nimmt und „polarisch“ die Freiheit ebenso weise ausmißt. Das selbe gilt von allen anderen „polarischen“ Staatsbedürfnissen und Menschheitsforderungen, wie Strenge und Milde, Kraft und Biegsamkeit, Eingliederung und Unabhängigkeit, Buchstabenrecht und Billigkeit, Ordnung und Gelassenheit usw.  Wer dem Staate als höchste Eigenschaft die Dauer zuspricht, schließt das Alles eo ipso mit ein.
    Was verbürgt nun dem Staate Dauer? Es ist nützlich, sich einmal aus aller Gegenwart loszureißen und sich eine solche Frage rein objektiv vorzulegen.
    Der kurzlebige Mensch soll ein langlebiges Werk schaffen und erhalten, er soll seine Augenblicksinteressen hintansetzen, damit künftige Geschlechter an Sicherheit, Wohlstand, Glück wachsen; kurz zusammengefaßt: der Mensch soll der Menschheit dienen! Wer die Frage nüchtern betrachtet — und das wollen wir doch als vernünftige Leute — muß gestehen: eine unbedingte Lösung ist zunächst unmöglich; sie würde vom Menschen mehr verlangen, als er leisten kann; Gott selbst müßte denn das Regiment in die Hand nehmen. Darum bedient sich die Natur hier, wie auch sonst so vielfach in allen Teilen ihres Weltenreiches, der mittelbaren „Mittel“: der Einzelmensch verfolgt einen beschränkten Zweck, die Natur benutzt dies zu einem unbeschränkten. Es kommt darauf an, das Leben des Menschen zu verlängern, oder, da das nicht

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geht, die Dauer seiner Interessen über sein Leben hinaus zu erstrecken. Hier wurzelt der staatliche Wert der   F a m i l i e.   Der gefeierte Apostel der Revolution hatte uns als den freien Idealmenschen den Mann geschildert, der seine eigenen Kinder nicht kennt (S. 32); der „Vater“ dagegen trägt Sorge um Kind und Enkel, und wenn nicht ein Staat da ist, der seinem Erarbeiten und seinem Willen Dauer verbürgt, reicht alle Liebe nur bis zum Grabe. Hier wurzelt auch der staatliche — und das heißt der allmenschliche — Wert des persönlichen, vererbbaren   B e s i t z e s.   Daß es Zeiten ohne die Vorstellung „Besitz“ gegeben hat, kann nicht bezweifelt werden: da muß aber der Staat einem Kaleidoskop geglichen haben. Durch die Erfindung von Besitz tritt das Element der Stetigkeit ein; jetzt erst kann aufgebaut werden, jetzt erst kann jenes geistig-moralische Wachsen anheben, dem sonst kein Stützpunkt gewährt ist. Das Revolutionsideal weiß es zwar anders; denn es belehrt uns durch den Mund seines weitaus begabtesten, aufrichtigsten und darum sympathischesten Vertreters, Pierre Joseph Proudhon: „La propriété, c'est le vol“, Besitz ist Diebstahl; logisch betrachtet, eine wunderbare Leistung, denn „Diebstahl“ kann es nur geben, wo Besitz Anerkennung genießt. Soll aber Proudhon's Satz gedeutet werden: einzig die abstrakte Allgemeinheit darf besitzen, so ist darauf zu erwidern: „Aller“ Besitz ist kein „Besitz“, sondern die gesetzliche Verwehrung des Besitzes, mit der Folge, daß jener „Trieb“, auf den Schiller als unerläßlich hinwies, nicht entsteht ¹). Man mißachtet nicht umsonst die wesentlichen Bewegungen des Menschengemütes. Es läßt sich nachweisen, daß gemeinsamer Besitz immer nur eine Vorstufe war, eine Kindheit
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    ¹) Vergl. Chamberlain: „Die Zuversicht“, S. 17.

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des Staates (Schurtz), der Einzelbesitz bedeutet eine höhere Stufe in der Entwickelung der Menschenwürde: hier wie überall kleben die Revolutionäre an veralteten Ideen und empfehlen den Rückschritt als Fortschritt. Häufig haben Moralisten auf die sittlichen Nachteile und Gefahren von Besitz und Reichtum hingewiesen; Besitz schafft Ungleichheiten, bringt Härten, züchtet manche Entartungserscheinungen.... Auf alle diese Einwürfe muß erwidert werden, daß die Natur ebenso wenig nach diesen sittlichen wie nach jenen sentimentalen Einwürfen fragt: was dem Staate Dauer schenkt, ist gut, was seine Dauer gefährdet, ist schlecht; darum bedeutet die Erfindung des Besitzes einen ungeheueren Gewinn, indem sie Menschen schafft, die an dem dauernden Fortbestand des Staates ein über ihr Leben hinaus reichendes Interesse brennend stark empfinden. Was die Nachteile betrifft, so ist es Sache des Menschen „als Freiheit“, sich zu wehren, sich zu richten und die Dinge, so weit es gehen will, ins Reine zu bringen; dazu entsteht ja Religion, Philosophie, Kultur.
    Hier gilt es nun aber, deutlich zu unterscheiden. Denn der Besitz durchläuft in unseren Jahrhunderten eine Krisis, die zu Erscheinungen führt, in denen er sich selbst gleichsam aufhebt. Besitz (früher „Beseß“), ebenso wie das lateinische „possessio“, deutet zunächst auf „Sitzen“, auf „Seßhaftigkeit“, auf „Siedeln“; Besitz, im echten und eigentlichen Sinne, ist das Zueigenhaben von Grund und Boden, von „liegender Habe“; einzig die Mutter Erde vergeht nicht — wenigstens nicht in den Äonen, die für uns Menschheit in Betracht kommen — und hält also dem Begriff eines unvergänglichen „Besitzes“ Stand; kein anderer Besitz verbürgt Dauer. Daß der als Irrender Geborene Fuß fasse, daß er

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in ein bestimmtes Stück Erde Wurzeln schlage, es er-sitze und be-sitze: das ist für die Staatsbildung entscheidend. Die verharrende Bearbeitung des Erdbodens, wo jedes Geschlecht von den vergangenen Geschlechtern erbt und für die kommenden aufstapelt: das ist das Urbild jeder auferbauenden Kulturtätigkeit. „Staat und Erdboden gehören notwendig zusammen“, sagt Friedrich Ratzel. Daß auch die beweglichen Güter als „Besitz“ geschützt werden mußten, ist vom Standpunkt des Staates aus zwar eine notwendige Folge, doch von weit geringerer Bedeutung; denn die Quelle zu jeglicher Habe — auch zu der „fahrenden“ — liegt im Erdboden, der jahraus jahrein die Gaben der Sonne aufspeichert — was genau ebenso gilt, wo lebendes Getier gehegt oder erlegt, wo Steinkohle gefördert und wo Granit gebrochen wird, wie dort wo Korn, Klee, Gemüse, Obst, Holz usw. wächst: Alles geht auf Sonnenkraft zurück. Man kann die fahrende Habe als von der liegenden verliehen betrachten; es ist abgeleiteter Besitz; wer die Dinge weit genug von Hand zu Hand zurückverfolgt, wird das überall bestätigt finden: wahre   H a b e   führt am letzten Ende des heute oft äußerst verzwickten Zickzackganges auf besonnte Erde zurück; wer diese besitzt, ist der eigentliche „Besitzer“; die eigentlichen Besitzer bilden die Grundfeste des Staates. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat jedoch eine Entwickelung stattgefunden, dank welcher eine Fiktion — die schon seit undenklichen Zeiten in einer oder der andren Form besteht — d a s   G e l d — von Haus aus nur ein Zeichen, ein Sinnbild, ein Rechenpfennig für einen irgendwo liegenden Besitz —‚ den Besitz selbst überflügelt hat, so daß jetzt der wahre Besitz durch einen Scheinbesitz in den Hintergrund zurückgedrängt wird. Ein Mann, der nur einen Schreibtisch und einen Geldschrank „besitzt“, kann heute

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reicher sein, als der größte Grundbesitzer der Welt; zwar „be-sitzt“ er nichts, aber er ist reich, und das besagt nach der Weisheit der Sprache, er ist ein König, ein Lenker. Daß hier eine Gefährdung des Staates als dauernder Stiftung droht, kann nicht bezweifelt werden. Dieser Besitz hat kein Land und darum auch kein Vaterland. Ihm ist der Krieg so lieb wie der Frieden; und da sein Zuwachs nicht durch Sonne und Arbeit bedingt wird, sondern durch gesteigerte Ruhelosigkeit, durch das Hin und Her, bei dem ihm jedesmal etwas in der Hand kleben bleibt, so liebt er Unruhe, Wechsel, Katastrophen jeglicher Art. Er unterjocht den Staat; er vernichtet den Einzelnen, den der Staat aus eigenem Interesse stützt und hebt. Darum glaube ich auch hier eine Richtlinie der Zukunft zu erblicken: diesem Übel wird der Staat steuern müssen. Wie soll er das können? Ich habe es gesagt: ich bin kein Prophet, ich baue keine Luftschlösser; ich möchte nur dem erwartenden Blicke Richtungen weisen, aus denen das Heil sicher kommen wird, damit wir bereit seien, es zu erkennen und anzuerkennen, wenn die Reife der Zeiten es heranführt. Hier wird etwas Einschneidendes geschehen, sonst siegt das Revolutionsideal — das im Golde schwimmt — und mit ihm das Chaos und die Barbarei. Es gibt verschiedene Pläne, das Gold ganz abzuschaffen, es wie in alten Märchenzeiten nur mehr dem Schmucke dienen zu lassen: mir machen sie den Eindruck phantastischer Utopieen; vielleicht bin ich der Narr und sind Herr Silvio Gsell und Konsorten die Weisen; ich wäre glücklich, es glauben zu können. Warum aber sollte nicht der Staat, ebenso wie er die — früher in tausend Händen verstreuten — Streitkräfte beschlagnahmte und staatlich organisierte, Fluch zu Segen wandelnd, eines Morgens sämtliche Finanzgeschäfte des ganzen

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Landes beschlagnahmen, die bisherigen Besitzer angemessen bescheiden entlohnen und von nun an sämtliche Geldgeschäfte als ausschließliches Monopol selbst führen? Die unentbehrliche Vermittelung, die ganze elastische Maschinerie, ohne welche Landbau, Industrie, Handel ungelenken Hemmnissen unterworfen wären, bestünde nach wie vor, die Ersparnisse des Einzelnen wären gerade so gut verwaltet wie heute; wir sehen es ja an den Sparkassen und dem Postscheckverkehr; die Milliarden aber, die daran ohne jede eigentliche Arbeit verdient werden, flößen fortan dem Staate, also der Allgemeinheit zu, die Steuerlast vermindernd; und was die Hauptsache ist: wir wären von der größten internationalen — und das heißt, „staatsvernichtenden“ — Gefahr erlöst. Denn hierdurch wäre das Mittel an die Hand gegeben, dem Milliardären- und Monopolunwesen zu steuern. In ihm richtet sich der Einzelne auf gegen den Staat; wie früher der rohe Wilde mit Keule und Pfeil gegen den ackernden Bauer, so auch dieser neue, feigere Gewaltmensch gegen alle redliche Arbeit. Ich empfehle jedem, das Buch von Wells über die Vereinigten Staaten zu lesen. Wells, der englische Sozialist, schwört auf das Revolutionsideal; wie erschrickt er aber bei dem, was er in Amerika entdeckt, dem Lande demokratischer Freiheit, wo er sechsjährige Knaben zwölf Stunden Fabrikarbeit leisten sieht! Der Milliardär herrscht dort unbeschränkt: korrupte Wahlkörper, korrupte Verwaltung, korrupte Justiz. Ob der Milliardär besticht oder ob er philanthropische Stiftungen errichtet: er schafft überall Unheil. Was feiert nicht die dumme Welt Carnegie; jetzt erfahren wir, daß er durch seine Stiftungen für Professoren und Studenten sich die Universitäten unterjocht, sie zu bestimmten Lehren verpflichtet hat, so z. B. zur Anbetung Englands und

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zur Anfeindung Deutschlands. So sieht die Freiheit der Wissenschaft aus, wo die frevelhafte Willkür des Einzelnen ihr die Wege aufzwingt.
    Alles dies sind nur flüchtige Andeutungen: vielleicht regen sie aber zu Gedanken an über die „Heiligkeit“ des Besitzes und über die „Unheiligkeit“ des Besitzes. Ich meine, daß, sobald wir, anstatt die Argumente sittlicher Entrüstung anzuwenden oder politisch zu kannegießern, uns auf den nüchternen Standpunkt stellen: was nützt dem Staate? was schadet dem Staate? wir bedeutend klarer sehen; damit ist viel gewonnen.
    Von diesem selben Standpunkt aus möchte ich einen Blick auf die Verfassungsfrage werfen, insofern sie einem von der Allgemeinheit gewählten Parlamente ausschlaggebende Bedeutung zuspricht.
    Die ganze Welt ist heute in dieser Beziehung zu einem Sklaven des Revolutionsideals herabgesunken; und doch ist dieses Ideal, vor dem sich in diesem Punkte alle ohne Ausnahme bis zur Erde bücken, auch hier so grundfalsch, so unglaublich albern, daß künftige Geschlechter nicht begreifen werden, wie es möglich war, selbst die Vernünftigen unter uns so lange zu narren. Herbert Spencer, der englische Denker, in politischer und religiöser Beziehung ein unbegrenzt freisinniger Geist, urteilt am Schlusse seines Lebens: „Der verhängnisvollste Aberglaube unserer Gegenwart ist der Wahn von dem Gottesgnadentum der Volksvertretungen.“ Es liegt doch auf der Hand, daß der Demos, das Volk, nur in sehr kleinen Staaten tatsächlich regieren konnte, wie in Athen und dem frühen Rom. Aristoteles lehrt: ein Staat könne nicht 100 000 Menschen umfassen und noch „Staat“ heißen. Jeder weiß aber, was auch dort der Demos geleistet hat: alle Größe Athens — politisch, wissenschaftlich,

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künstlerisch — ward unter der fördernden Herrschaft Einzelner erzielt, alle Engherzigkeit, alle Irrnis, der schnelle Niedergang des Staates ist das Werk des Volkes, das aus gutgemeintem, törichtem Idealismus zu Mitwirkung und Entscheidung in Fragen berufen wurde, für die es keine Zuständigkeit besaß noch je besitzen wird. Wer darüber Genaueres erfahren will, der greife zu Julius Schvarcz' mehrbändigem „Die Demokratie“ (1877—1898) oder zu Croiset's „Les Démocraties antiques“. Dazu kommt aber eine entscheidend wichtige weitere Erwägung: in Athen wie im alten Rom, und wie noch heute im Referendum der Schweiz, beteiligte sich das Volk in corpore an den politischen Handlungen; das ist in großen Staaten unmöglich; und so entstand die moderne Erfindung der angeblichen „Volksvertretung“, von der das glückliche Altertum nichts gewußt hat. Das regierende „Volk“ ist bei uns nicht das Volk, sondern eine Gruppe von Herren X, Y und Z, die von dem „Volke“ zu seinen „Vertretern“ auserwählt worden sind. Nun läßt sich freilich vorstellen, daß in manchen sein Dasein unmittelbar betreffenden Fragen das Volk in seiner Gesamtheit ein — wenn auch nicht weitblickendes und fein erwägendes — doch fachkundiges, kluges Urteil besitzen mag; die Abstimmung eines ganzen Volkes, Mann für Mann, in einer Frage, die jeden betrifft und die jeder versteht, wird oftmals ebenso überwältigend richtig ausfallen, wie die stille Abstimmung des deutschen Volkes in dem Krieg, der uns umgibt. Daß aber die allgemeine Menge zu jenem allerschwierigsten Werke — zu der Beurteilung des Charakters und der Begabung und des Urteilsvermögens einzelner Männer, zu der feinen vergleichenden Psychologie befähigt sein sollte, die die Wahl eines „Vertreters“ voraussetzt, ist eine geradezu haarsträu-

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bende Annahme. Darum führt Demokratie notwendig zu Demagogie; die beiden Worte sind in der Praxis sinnverwandt. Es laßt sich mit wissenschaftlicher Bestimmtheit vorausberechnen, daß, bei allgemeinem Wahlrecht, auf einen sachkundigen und innerlich redlichen Vaterlandsfreund, fünf Schwätzer und ebensoviele Geschäftspolitiker werden gewählt werden. Schon die Tatsache, daß die Wählerstimmen durch   R e d e n   gewonnen werden müssen, deutet auf bedenklichste Verirrung des Urteils. Swift — einer der scharfsinnigsten Menschen — stellt auf Grund lebenslanger Beobachtung fest, daß — von vereinzelten genialen Begabungen abgesehen — die sogenannte Redegabe stets auf engen Ideenkreis, gepaart mit Armut des Sprachschatzes, schließen läßt. Das sind die Leute, die jetzt unsere Parlamente bevölkern! Die Wissenschaft weiß von einer „Auslese der Tüchtigsten“; wir betreiben die Auslese der Enghirnigen und Hohlredenden. Während die allertüchtigsten Männer des ganzen Volkes — die weisesten und stärksten, darum auch oft die schweigsamsten — gerade gut genug wären, das Staatsschiff zu steuern, suchen wir uns die Schnattermäuler dazu aus. Das Wort „Parla-ment“ bedeutet ja auf Deutsch „Schwatzbude“. Wenn es möglich wäre, die Kraftmenge, die jährlich in unserem Erbteil auf politische Reden verschwendet wird, zu sammeln, sie würde genügen, sämtliche elektrischen Anlagen Europas dauernd in Gang zu halten. Und diese stundenlang währenden Parlamentsergüsse wirken auf weite Schichten verheerend, denn sie werden durch Kurzschrift festgehalten, als redeten die Götter, und gedruckt, als wären sie wert, gelesen zu werden; und nun sitzen Tausende, denen weitere Ausbildung des Verstandes und Erhebung der Seele so not täte, und verlieren jede freie Stunde an diesen öden Lesestoff.

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Damit ist aber nicht entfernt genug über unseren Parlamentarismus gesagt; vielmehr kommen weitere Dinge in Betracht, die noch bedrohlicher wirken. Zur Not könnte man sich von einem sehr gebildeten Volk — sagen wir dem künftigen deutschen — vorstellen, es käme einmal so weit, sich nicht durch Worte und Programme nasführen zu lassen, sondern es würde in der Mehrzahl wirklich tüchtige, dem Staatswohl ergebene Abgeordnete wählen. Das geschieht — wie der Bauer sagt — in der Woche mit den vier Sonntagen; doch gleichviel, setzen wir es voraus. Wir können es um so eher, als die verschiedenen deutschen „Dinge“ der Gegenwart gottlob noch lange nicht durchdemokratisiert sind, ebenso wenig wie es die französische Kammer vor fünfzig Jahren war, und in Folge dessen eine achtungswerte Summe von Talent und gutem Willen aufweisen. Zwei Unüberwindlichkeiten haften nichtsdestoweniger jeder parlamentarischen Regierung an, und wäre sie aus der Auslese des Volkes zusammengesetzt: die Majorität und die Massenpsychose.
    Ich wünschte, jeder Deutsche wäre gesetzlich verpflichtet, Goethe's unsterbliches Urteil auswendig au lernen: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität....“: da muß ich schon einhalten, um das Wort zu unterstreichen:   N i c h t s   ist widerwärtiger als die Majorität! Ja, nichts! Neben der Tyrannei einer Kammermehrheit ist mir Dschengis-Khan ein Gottesengel; denn — wie der selbe Denker an anderer Stelle sagt — Zwingherrschaft hat wenigstens das für sich, daß sie „große Charaktere“ hervorruft, wogegen die Majorität, aus etlichen hundert unverletzlichen und unverantwortlichen, Reden haltenden und Diäten einsteckenden Individuen zusammengesetzt, die stupide Massengewalt darstellt, — „Gewalt“ ist ein zu schönes Wort: die Majorität sind die Sandkörner der

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Wüste, welche das Kulturwerk von Jahrtausenden verschütten. Doch, kehren wir zu Goethe zurück: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Wo, in der gesamten Weltgeschichte, hat man gesehen, daß das bessere Urteil, die weisere Vorsicht bei der Mehrzahl zu finden gewesen wäre? Dieses heute von allen Menschen als unbestreitbares Dogma angenommene politische System halte ich für die roheste Lösung des verwickelten, schwierigen Problems, die jemals versucht wurde: bei jeglicher anderen Regierungsform besteht wenigstens die Möglichkeit, wenn nicht gar die Wahrscheinlichkeit, daß öfters klug und manchmal hervorragend regiert wird, bei dem System des allgemeinen Wahlrechts mit parlamentarischen Majoritätsbeschlüssen ist es mathematisch sicher, daß immer so schlecht regiert wird, wie gerade noch möglich, wenn die ganze Staatsmaschine nicht auseinanderstieben soll. Was bedeutet die Lobpreisung Schiller's, wenn wir auf des großen Mannes Wort nicht hören:
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat   m u ß   u n t e r g e h n,   früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
In Deutschland merkt man das noch nicht mit aller Deutlichkeit, weil der Bundesrat und der nur dem Kaiser verantwortliche Reichskanzler in unaufhörlichem Kampfe dagegen arbeiten; das war ja schon im alten Bundesreichstag der Fall, sonst gäbe es schon längst kein Deutschland mehr; und ebenso ist seit dem Jahre 1870 alles Große, was Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute ist, im Kampfe gegen die Volksvertretung gewonnen worden. Auch in England hält

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eine große Tradition und namentlich die diktatorische Gewalt des geheimen Komitees der kleinen regierenden Gruppe die Katastrophe noch ab. Sonst aber braucht man nur um sich zu blicken, um zu sehen, wohin wir alle auf diesem Wege kommen werden, und um sich betrübt zu fragen, welcher Teufelsgeist den Deutschen eine Binde vor die Augen hält, daß sie blind ins Verderben laufen. Man wettert gegen Ausländerei und hält es für Vaterlandsverrat, wenn Männer ihre Beinkleider aus London und Frauen ihre Hüte aus Paris kommen lassen: die verderblichste Ausländerei ist aber der Glaube an die unanfechtbare Würde und die ausschlaggebende Bedeutung der aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretungen: daran wird Deutschland noch zu Grunde gehen, wenn nicht beizeiten eine vollkommene Umwandlung in der öffentlichen Meinung stattfindet.
    Noch eine Bemerkung — die über den Einfluß der Massenpsychose — muß ich vorbringen, die wichtigste von allen, die auf jede parlamentarische Regierung sich bezieht, gleichviel, ob sie aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht oder aus einem anderen: sie ist schon öfters in einer oder der anderen Form lautgeworden, doch unterliegen die Menschen zeitweise, wie der Erblindung, so auch der Vertaubung. Der schon oben genannte Gustave le Bon staunte, als er zum erstenmal die Geschichte der französischen Revolution aufmerksam studierte, bei der Entdeckung, daß die Mitglieder der verschiedenen Revolutionsparlamente stets anders abstimmten, als sie gesprochen hatten, und somit von Schritt zu Schritt Entscheidungen trafen, die ihren Überzeugungen widersprachen. „Les assemblées révolutionnaires votaient sans cesse des mesures contraires aux opinions de chacun de leurs membres“. Manchmal freilich taten sie, was sie nicht wollten, was sie

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ausdrücklich für schlecht und verhängnisvoll erkannt hatten, einfach aus Feigheit, weil draußen das Volk sich zusammenrottete; doch gilt das durchaus nicht für alle Fälle; auch sonst besteht ein merkwürdiger Abstand zwischen den schriftlichen und mündlichen Äußerungen der Mitglieder und dem, wozu diese selben Mitglieder sich in der Gemeinsamkeit der Beratschlagung dann hinreißen ließen. Le Bon gelangt zu der Überzeugung, daß das, was er in einem anderen bekannten Werk als Massenseele (Psychologie des foules) untersucht hat, in allen solchen Versammlungen am Werke ist, und das bedeutet: Herabsetzung der Besonnenheit des Einzelnen, Steigerung seiner Leidenschaftlichkeit, hypnotische Wirkung und in Folge dessen Übergewicht brutaler Willensnaturen auf und über die feiner organisierten, klügeren Hirne. Parlamente wie die altenglischen, wie die früheren Etats généraux in Frankreich, wie noch heute der preußische Landtag, lassen diese Tatsache nicht so klar zu Tage treten, einerseits weil sehr starke Interessen vertreten sind, weil — wenn ich mich so ausdrücken darf — Dinge, Tatsachen, Verhältnisse vertreten sind, mehr als Parteien und Meinungen, andererseits weil ihr Machtbereich umschränkt ist; je „absoluter“ aber das Parlament wird, teils durch die Allgemeinheit des Wahlrechtes (ein Zustand, der bekanntlich in England zur Stunde noch nicht erreicht ist), teils durch die Ausdehnung der Befugnisse, teils durch die Erwählung völlig losgelöster Vertreter (wie Rechtsanwälte oder Berufspolitiker, die weder im Grundbesitz noch in irgend einem Gewerbe oder Handwerk wurzeln), um so stärker tritt dieses psychologische Gesetz in die Erscheinung; es ist ein Naturgesetz und läßt sich darum auf keine Weise umgehen. Sperren wir vierhundert tüchtige Männer in einen Saal ein mit der Aufgabe, Gelder zu be-

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willigen, Gesetze zu beratschlagen, auswärtige Politik zu beurteilen usw., so erlaubt uns die wissenschaftliche Beobachtung mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen: die durchschnittliche Urteilskraft dieser vierhundert wird bedeutend herabgesetzt und die Neigung zu Unbesonnenheit gesteigert sein; außerdem werden die weniger edlen Elemente — die weniger frei denkenden, die weniger zart fühlenden — die Oberhand gewinnen. Wer fleißig suchte, würde gewiß von allen Seiten Belege beibringen. Ein allerwertvollster fiel mir vor kurzem in einem Brief Bismarck's an Motley auf, aus dem Jahre 1863; er spricht vom preußischen Abgeordnetenhaus und nennt die Mitglieder zuerst einfach „dumm“; sofort aber zieht er dieses ihm in der Leidenschaft entschlüpfte Wort zurück: „Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung“, und so gelangt er zu der Einsicht: „Sie werden kindisch, sobald sie in corpore zusammentreten;   m a s s e n w e i s e   d u m m,   e i n z e l n   v e r s t ä n d i g.“   Der deutsche Staatsmann urteilt also ohne vorgefaßte Theorie, aus praktischer Erfahrung buchstäblich genau ebenso wie der französische Psycholog aus dem Studium der Geschichte ¹). Noch einen dritten Kronzeugen rufe ich, um wiederum aus einem anderen menschlichen Gesichtswinkel ein Urteil zu hören. Honoré de Balzac, der gewaltige Dichter-Seher, dessen Bedeutung immer mehr zur Anerkennung gelangt, je zahlreichere Zeitgenossen in dem Nebel der Vergessenheit versinken,
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    ¹) Bismarck hätte an Schillers Distichon gegen die „Gelehrte Gesellschaft“ erinnern können:
    Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
    Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

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schreibt (in „Les Paysans“) von der französischen Kammer seiner Zeit: „Neuf cents intelligences, si grandes qu'elles puissent être, se rapetissent en se faisant foule“; die Verstandeskraft von neunhundert Männern, die, einzeln genommen, von großer Bedeutung sein mögen, schrumpft zusammen, sobald sie zu einer Massenversammlung vereint tagen.
    Kein Mensch auf der Welt ist fähig, diese Tatsachen zu widerlegen; ewige Naturgesetze hören nicht auf zu wirken, weil man sie verkennt oder mißachtet oder verspottet. Hiermit ist aber die parlamentarische Regierungsform — insofern ein aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenes Parlament die ausschlaggebende politische Macht in einem Lande bilden soll — ein für allemal gerichtet. Alles, was wir darüber zu hören bekommen, ist Phrase. Unmöglich kann dieser Weg der Weg der Zukunft sein; wir müssen uns gewöhnen, die Abschaffung dieses Erbstückes der französischen Revolution als unvermeidlich zu betrachten, und nach anderen Richtungen zu suchen. Luther sprach einst das Wort: „Zum Regiment gehören nicht gemeine, schlechte Leute, noch Knechte, sondern   H e l d e n,   verständige, weise und beherzte Leute, denen man vertrauen darf“; wie wir zu diesen Helden gelangen sollen, bildet eine nicht leicht zu beantwortende Frage, jedenfalls weist uns das Revolutionsideal den Weg dazu nicht.
    Aus diesen verschiedenen Verneinungen beginnt sich schon — wie die Weisen es vorausgesagt hatten — vor unseren Augen etwas Positives aufzubauen: die Schätzung des Staates als Staates, den es nicht weise sein kann zu verkrüppeln, die Schätzung der Dauerhaftigkeit als des Kriteriums bei allen politischen Fragen, die Schätzung des Besitzes, als des Fundamentes des Staates, den wir weder in Kommunismus

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sich auflösen noch in Trugwerte sich verflüchtigen lassen dürfen, weil beides den Staat erschüttert, die Gewißheit, daß in den Volksvertretungen in ihrer jetzigen Form nicht das versprochene Heil liegt, wohl aber das Unheil.
    In der Hoffnung, noch Genaueres zu erhaschen, wollen wir im vierten Abschnitt von der bisher allgemein geführten Betrachtung zu dem Problem übergehen, soweit es Deutschland allein betrifft.

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IV.

Here I behold the stout and
manly prowess of the Germans,
disdaining servitude. ¹) (Milton.)

    Es ist immer das beste, man packt den Stier bei den Hörnern; gelingt es nicht, das wild gewordene Tier zu Boden zu ringen, so schwingt man sich ihm auf den Rücken und reitet es zur Erschöpfung; wogegen der Feige einfach aufgespießt wird. Nicht wenige Männer habe ich angetroffen, die ganz genau wissen, welches Elend der Reichstag schon verschuldet hat und auch, wie aussichtslos es ist, auf Grund dieser Verfassung eine große Zukunft für Deutschland zu erhoffen; sie sind darüber trostlos, lassen den Kopf hängen und seufzen: „Es gibt keine Rettung; das allgemeine gleiche geheime Wahlrecht ist einmal da; der Deutsche will nicht schlechter gestellt sein als die Bürger anderer Nationen; niemals kann es gelingen, die politische Uhr zurückzustellen; usw. usw.“  Diese Weisheit halte ich für Torheit. Wer ist dieser „Deutsche“? und wer weiß, was der Deutsche will? In der Hauptsache schwebt bei solchen Einwürfen die Partei der Sozialisten vor; wie die andern politischen „Parteien“ ist auch diese eine künstlich entstandene, durch Einflüsse von außen großgewordene, nicht eine bodenständige deutsche Erscheinung. Wer bisher ungläubig war, braucht bloß den
    ¹) Nun gewahre ich den kühnen, mannhaften Heldenmut der Deutschen, Knechtschaft verachtend.

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gegenwärtigen Krieg zu betrachten: dieser prächtige Soldat wird auch jeden Tag bereit sein — ja, glüclich und überglücklich — anstatt jahraus jahrein zu schimpfen und zu hetzen, anstatt den Blödsinn eines Klassenkampfs zu predigen, anstatt zu allem „nein“ zu sagen und somit an der Aufrichtung des Staates wie bisher keinen Anteil zu nehmen, er wird, sage ich, glücklich sein, wie dort draußen, so auch drinnen im Reich mitzuarbeiten, mitzuwirken, mitzubauen, ein jeder an seiner Stelle. Man sieht es schon an manchen Organisationen, solange die politischen Eiferer sich nicht hineinmischen oder wo sie hinausgeworfen worden sind, weil praktische Arbeiter praktische Ziele lieber als Programmphrasen fördern wollten. So sind schon heute z. B. „in einer großen Anzahl von (deutschen) Städten (politische) Fraktionen innerhalb der Stadtverordnetenversammlung überhaupt nicht vorhanden“; und selbst in denjenigen Städten, wo es staatspolitische Fraktionen in den Stadtverwaltungskörperschaften gibt, „lehrt die Erfahrung, daß die wichtigen kommunalen Entscheidungen ohne wesentlichen Zusammenhang mit dem staatspolitischen Parteiprogramm gefällt werden ¹).“ Darum macht mir jener Einwurf — „der Deutsche will“ — gar keinen Eindruck. Die Sache liegt anders: nie und nimmer glaube ich, daß der deutsche Arbeiter für das französische Revolutionsideal gewonnen ist; darin täuscht er sich und täuschen wir uns; er will aber, daß die Dinge nicht so bleiben, wie sie augenblicklich stehen, und darin hat er recht. Die Kraft des deutschen Sozialismus liegt nicht in seinem von außen ihm aufgedrungenen Programm, nicht in seiner despotischen Führer-
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    ¹) Vergl. Stadtrat Dr. Hans Luther: „Das deutsche Staatsbürgertum und seine Leistungen in der Selbstverwaltung“ in „Deutschland und der Weltkrieg“ (bei Teubner, 1915), S. 227.

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schaft, nicht in der aufhetzenden Tätigkeit seiner Preßorgane; das alles wird einmal über Nacht verschwinden, als wär's nie gewesen; diese Kraft entsteht daraus, daß Millionen von Männern   I d e a l e   haben — denn das schenkt immer die höchste Menschenkraft. Wir haben gesehen, daß solche vom Menschen „als Natur“ ausgehende Staatsideale niemals im voraus feste Gestalt besitzen: zu einem Verneinen dessen, was er nicht will, gesellt sich eine nur nebelhafte Vorstellung dessen, was er will; der Urkornbauer wollte nicht länger unstät über die ewig fremde Erde hinziehen, auf Jagd und Beute und menschenfresserische Mord- und Raubzüge, und er träumte von einer anderen, besseren Zukunft, wahrscheinlich sehr ungereimt und phantastisch unmöglich: aus seinem Traume gingen die Grundlagen zu der großen Menschheitskultur hervor, deren Möglichkeit er gar nicht ahnen konnte. Eine derartige Kraft kreist nach meiner Überzeugung in unserer Gegenwart, und ich finde es natürlich, daß sie am kräftigsten sich zunächst in denjenigen Schichten regt, die am wenigsten mit historischem Ballast und überkommenem Formelkram belastet sind. Trotz vielen schlimmen Nebenerscheinungen, hege ich ein starkes Vertrauen zu der deutschen „Arbeiterschaft“ — wie das dumme Wort lautet, als ob etwa Gelehrte, Beamte, Offiziere, Kaufleute, Gutsherren usw. nicht arbeiteten; es ist da viel Begabung, viel Wille, vielleicht auch schöpferisches Können vorhanden, mehr jedenfalls als bei den grundsätzlichen Gegnern. In Wirklichkeit regt sich aber diese Kraft in Männern aller Kreise, und es fehlt uns nur die Unbefangenheit und jene „prowess“, die der große Mlilton an den Deutschen bewunderte, das ist eine fraglos offenherzige Furchtlosigkeit, die den Menschen mit unschuldsvoller Gradheit bekennen läßt, was er innerlich für wahr hält, — bekennen mit Wort und

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mit Tat. Gottvertrauen — ich finde kein anderes Wort für die Gemütsstimmung — ist zu allem entscheidenden Tun unentbehrlich; wir aber sind so verwickelt in den Falten der uns umgehängten Bildung, so geängstigt durch tausend drohende Gebärden vergangener Katastrophen, so verheddert in Grundsätzen und Glaubenssätzen, in Ansichten und Rücksichten und Nachsichten, daß es uns schwer gelingt, uns Gott-Natur nackend in die Arme zu werfen, sicher, daß er und daß sie — der Gedanke und die Erscheinung — uns tragen werden in bergenden Händen bis an das gegenüberliegende, uns bestimmte Ufer. „Man kann die politische Uhr nicht zurückstellen“, sprecht ihr? Ja, wer will sie denn zurückstellen? Doch nur der Revolutionär! Wer die Reden der „Convention“ liest, findet sie gespickt mit lateinischen und griechischen Heldennamen; eine gigantische Reaktion schwebte jenen urteilslosen Schwärmern vor: die Rückkehr zu den Regierungsformen des hellenischen Demos und der altrömischen res publica. Daß in dem einen Falle die Sklavenwirtschaft, in dem anderen Falle die eisern harte und unverletzlich heilige Fügung des Familienverbandes die bedingende Möglichkeit zur Demokratie abgab — das wurde nicht in Betracht gezogen; von Gleichheit hatte der Hellene als geborener Aristokrat nichts gewußt, von persönlicher Freiheit nichts der Römer, ein derber Bauer, der im Dienste des Staates ganz aufging — das blieb unbeachtet; es war ein Sichberauschen an falschen Vorstellungen und an hohlen Worten. Überhaupt gibt es keine reaktionärere Politik auf Erden als die des Kommunismus: sie versetzt den Menschen zurück in die prähistorischen Zeiten; insofern ist doch Rousseau der einsichtsvollste dieser Schule, sich selbst gegenüber der redlichste, weil er das ausdrücklich zugibt und die Zerstörung aller Civilisation und

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aller Kultur als die Vorbedingung dazu anerkennt. Was die Revolution geschaffen hat, ist gewaltsame Reaktion; Deutschlands Weg führt in die genau entgegengesetzte Richtung, und jede ihm von der Revolution aufgedrungene politische Form bildet einen Hemmschuh — wir haben das in den letzten fünfundvierzig Jahren zur Genüge erfahren — und fälscht das gesamte staatliche Leben der Nation. Deutschland tut nicht gut daran, von Frankreich und von England zu borgen; diese Richtungen verheißen ihm garnichts; es soll den Mut haben, eigenen Idealen entgegenzugehen, alles zu bewahren, was der Bewahrung wert ist und alles aus dem Bedürfnis heraus neu zu schaffen, was seine Zukunft erheischt.
    Wie nun werden diese deutschen politischen Ideale beschaffen sein? Ich stelle diese Frage, und ich beantworte sie im Sinne der vorangegangenen Abschnitte: nicht ist's mir um phantastische Vorschläge zu tun, denen die Unfruchtbarkeit aller Willkür anhängen würde; ich denke mir die Umwandlung, der wir entgegengehen, viel zu tiefeingreifend, als daß ein einzelner sogenannter „Politiker“ sie aus seinem beschränkten Augenwinkel vollbringen könnte; das ist ein Werk für den Menschen „als Natur“, d. h. für eine tausendfältig — wie eine Naturkraft — wirkende Gemeinsamkeit; ich suche nur einige Hauptrichtlinien genau ins Auge zu fassen: vermittelst Ablehnung und Zustimmung schreitet man doch aus dem ärgsten Nebel heraus und gewinnt dadurch an Befähigung, klar — oder wenigstens etwas weniger unklar — in die Zukunft zu blicken. Die Geringschätzung der Praktiker stört meinen Gleichmut nicht: wenn es nach den Hirnen dieses Kalibers ginge, zerrissen wir Menschen noch heute blutend rohes Fleisch mit den Zähnen und besäßen weder Brot noch Wein. Wir tun besser daran, die Natur zu befragen, die

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uns Menschen ebenso leitet und lenkt wie ihre anderen Geschöpfe.
    Eine wichtige erste Frage beantwortet sie uns mit aller Deutlichkeit: wo auch die Natur — als Natur — Staaten schafft, da schafft sie Monarchie und ungleiche Stände. Der eigentliche Naturgrund zu diesem Verfahren ist der, daß es nur auf diesem Wege möglich ist, wahren   O r g a n i s m u s   zu schaffen — auf Deutsch gesagt: einheitliche Gestalt, aus Teilen gefügt, die zu einander und zum Ganzen gehören. Sind die Teile alle einander gleich, so entsteht keine Gestalt, nur Masse, daher auch keine Einheit, kein geordnetes Geben und Nehmen, kein Leben; im ganzen Naturbereich gilt das Gesetz: je unterschiedener die Teile, desto höher steht das Ganze. Schon diese eine Erwägung sollte genügen, jeden Denkfähigen zu überzeugen, die republikanische und gar die kommunistische Form des Staates stehe tief in der Reihe der Möglichkeiten und verheiße weder Dauer noch reiches Leben. Wer aber weniger zugänglich ist für die zwingende Belehrung, die aus denkender Naturbetrachtung zu gewinnen ist, den müßten die Ereignisse des letzten Jahrhunderts mit überwältigender Deutlichkeit belehrt haben. Sobald auch immer ein großes Land zur republikanischen Verfassung übergeht, genießt es keinen ruhigen Tag mehr. Selbst die Vereinigten Staaten befinden sich in Wirklichkeit in einem Zustand ununterbrochener Anarchie und frevelhafter Einzelwillkür: einzig die despotische Gewalt des jeweiligen Präsidenten und die unglaublich verwickelte Staatsmaschinerie beugt wie ein Damm der Zerstörung von innen aus vor, doch so, daß die Kraft des Staates fast ganz von dieser mechanischen Widerstandsleistung aufgezehrt wird und bettelarm an auferbauenden Leistungen bleiben muß. In Frankreich glaubten die

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Bürger auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zuzusteuern, und sie sind bei einer schamlosen Plutokratie angelangt, die das Volk systematisch betrügt, die kaum mehr vor irgend einem Verbrechen zurückscheut, und die so unfähig ist, die persönliche Sicherheit des Bürgers zu schützen, daß man heute in Paris abends mit dem geladenen Revolver ausgehen muß, als lebte man unter Wilden. Italien — eine Republik mit Scheinkönigtum — steht vielleicht der völligen, rettungslosen Anarchie noch näher: die Regierenden sind Männer ohne Ehre und Gewissen, feige und zugleich tyrannische Demagogen, Schwätzer, die nur darauf aus sind, ihren Beutel mit Gold anzufüllen, es geschehe später, was will und mag; eine Regierung, die einen berufsmäßigen Verbrecher wie Herrn Rappaport-d'Annunzio zur Betörung des Volkes sich verschreibt, hat einen Grad von sittlicher Verworfenheit erreicht, der noch vor wenigen Jahren in Europa unmöglich gewesen wäre. Das sind schon südamerikanische Verhältnisse! Die Republiken Mittel- und Südamerikas leben bekanntlich in chronischer Anarchie, eine Revolution folgt auf die andere, oft regieren zugleich mehrere gegnerische Präsidenten.... Weiß Gott, der Mann muß blind sein, der sich durch so viele Tatsachen nicht belehren und bekehren läßt, der vom Revolutionsideal noch immer etwas hofft und nicht einsieht, daß selbst die schlechteste Monarchie mehr Gewähr für Dauer, für Freiheit, für Menschentat und Menschenwürde gibt.
    Der König muß aber ein König sein. Wenn der Staat gleich als Gipfelpunkt eine Lüge trägt — der vermeintliche oberste Leiter ein Theaterkönig mit einer Papierkrone auf dem Kopf, hinter dem sich die wahren Drahtzieher verbergen, dann ist nicht viel gewonnen: die Natur erwartet von moralischen Wesen Wahrheit, nicht Schein; dazu sind sie

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moralische, denkende, nicht bloß blind handelnde Wesen. Mir schweben im Gedächtnis Verse von Paul Verlaine, geschrieben zum Andenken an Ludwig II. von Bayern:
Vous fûtes un poète, un soldat, le seul Roi
De ce siècle où les rois se font si peu de chose!
So ist es! Zum Königtum gehört Poesie. Alles, was der Mensch auf Erden Großes schafft, entspringt aus seiner Phantasie, und ebenso dumm wie die märchenlos erzogenen Kinder erfahrungsgemäß werden, ebenso Dummes kommt dabei heraus, wenn erwachsene Menschen nicht begreifen wollen, daß der Wert des „Königs“ gerade darin liegt, daß wir — kraft unserer menschlichen Einbildungskraft — einen Mann auswählen und ihn mit den Eigenschaften und Merkmalen und Rechten eines Höchsten begaben. In ihm zeigen wir, wie hoch wir den Staat zu schätzen wissen. Als begrenzte Persönlichkeit entschwindet er unseren Blicken ganz — oder, ist er zufällig als Mensch bedeutend, so wissen wir diesen von dem Träger der Krone in Gedanken zu trennen; als König ist er ganz Idee und ganz Pflicht. In dem großen Heldengedicht der indischen Arier heißt es: „Die Väter hatten beide Welten (also das Schicksal der Menschen hier und im Jenseits) im Auge, als sie den Fürsten, das überaus große Wesen, schufen, indem sie dachten, er werde das verkörperte Gesetz sein“. Je höher und strenger wir unser Ideal vom Königtum ausgestalten, um so unausweichlicher findet sich der König in die bestimmte Bahn gezwungen. Zu glauben, ein Fürst könne „regieren und zugleich genießen“, nennt Goethe's Faust „einen großen Irrtum“. In ihm wird gleichsam die Idee des Staates sichtbar, also die Idee der allgemeinsamen Pflicht, der Unterordnung — auf allen Stufen — unter das Wohl des Ganzen; das ist es, was im Königtum zum Ausdruck kommt:

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d i e   U n t e r o r d n u n g   d e s   E i n z e l n e n   d e r   A l l g e m e i n h e i t   g e g e n ü b e r.   Dieser Idee — nicht ihrem zufälligen Träger — gilt unsere Verehrung; je unbedingter die Hingabe an diese Idee, desto unerschütterlicher der Staat. Paul de Lagarde, der große deutsche Gelehrte, spricht ein tiefes Wort, indem er andeutet, ein echtes Königtum verlange ein „könighaftes Volk“: in einem wahren Organismus verhält sich eben jeder Teil zu allen anderen bedingend-bebingt; das Geben ist ein Nehmen, das Nehmen ein Geben. Die dem König als Träger des Staatsgedankens gezollte Verehrung strahlt zurück auf den Verehrung Bezeugenden: der ganze Staat wird gehoben. Wogegen es sehr auffallend ist, in weIcher Weise das allgemeine Gefühl der Achtung zwischen Mensch und Mensch — ja, sogar die Selbstachtung des Einzelnen — überhaupt sinkt, sobald nicht mehr der Eine da ist, in welchen wie in einen Brennpunkt alle die Verehrung zusammenläuft, die, tausendfach gebrochen, die ungezählten Beziehungen innerhalb des Staates adelt und — wie unsere Vorväter gesagt hätten — humanisiert. An und für sich war das Regiment Napoleons III. kein besonders edles; wie anders aber gestaltete sich das ganze öffentliche Leben Frankreichs damals als heute! wie viel mehr Anstand und Rücksicht und Entgegenkommen! Erschreckende Verrohung hat alle Kreise ergriffen und findet in der Presse den entsprechenden Ausdruck. Auf solche — manchmal zuerst kaum merkliche — Dinge, auf solche schwebende Stimmungen, kommt ungeheuer viel an; sie modeln den Geist von Kindheit an in eine bestimmte Form; im revolutionären Staat steht schon jeder bartlose Jüngling selbstbewußt keck da: ich fordere meine Rechte, ich werde nur gehorchen, wenn es mir paßt; im echt monarchischen Staate tritt der junge Mann ins Leben mit

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der Gesinnung ein: meine erste Pflicht ist es, die vom Staate anerkannten Rechte Anderer zu achten, durch Gehorsam werde ich mir Rechte und Freiheit erwerben. Derartige Tatsachen besitzen die Unerschütterlichkeit von Bergen, weil sie aus der gegebenen Natur des Menschen hervorgehen: auf der einen Seite entstehen staatszerstörende, auf der anderen staatserhaltende Kräfte. Die Richtlinie der Zukunft weist für Deutschland auf Monarchie: denn es bedarf für seine Aufgabe eines Höchstmaßes an Kraft und eines Mindestmaßes an innerer Reibung; es bedarf auch einer Höchstzahl an befähigten, reinen, uneigennützigen Männern an allen leitenden Stellen, und das kann — wie mir im vorigen Abschnitt schon sahen — niemals von einer parlamentarischen Regierung erwartet werden, die mit mathematischer Notwendigkeit das Mittelmäßige bevorzugt und wohl immer schließlich dem Unedlen zur Beute fällt. Wer von Republik in Deutschland redet, gehört an den Galgen. Das monarchische Ideal ist hier heiliges Gesetz des Lebens.
    Die Monarchie stellt uraltes deutsches Erbgut dar; neu dagegen — insofern es zwar schon um uns herum im Entstehen begriffen ist, jedoch unbewußt — wäre ein zweiter politischer Grundsatz der deutschen Zukunft: die ihr ohne allen Zweifel gewiesene Richtlinie eines   w i s s e n s c h a f t l i c h e n   O r g a n i s i e r e n s   d e s   g e s a m t e n   s t a a t l i c h e n   L e b e n s.   Die Tatsache, daß es hierzu fähig ist, das ist der Trumpf, den Deutschland in der Hand hält, der einzige; weiß es ihn auszuspielen, so kann es die ausschlaggebende Macht unter allen Völkern der Welt werden. Diese zweite Richtlinie steht streng harmonisch zu der ersten: Organisation und Königtum weisen auf einander hin. Nun kann man einwerfen: jeder Staat ist eine Organisation, das

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heutige Deutsche Reich ist es in hohem Grade, und welches Wunderwerk von Organisation ist das Großbritannische Weltreich, unter dessen Verwaltung etwa 450 Millionen Menschen leben! ¹) Ich meine es aber anders; denn ich sage „wissenschaftliche Organisation“ und betone dabei das Wort   w i s s e n s c h a f t l i c h,   das für uns Deutschdenkende vertraute und daher leicht kenntliche Begriffe weckt, wie da sind die Ausschaltung des Zufalls und der bloßen Opportunität, die Einschaltung — als ausschlaggebend — peinlich genauer Sachkenntnis, das heißt also wahrhaften Wissens, nicht bloßen Wähnens und Behauptens; unter „wissenschaftlicher Organisation“ verstehe ich die selbe Berücksichtigung wissenschaftlicher Grundsätze, wie sie in Deutschland auf den Gebieten der Technik, der Forschung, vielfach auch der Verwaltung bereits zu beispiellosen Ergebnissen geführt haben; des weiteren nenne ich als Beispiel die peinlichste Genauigkeit in der Einstellung der vorhandenen Mittel auf die zu erreichenden Ziele, sowie die Anwendung der Kräfte in der Weise, daß aus einem Mindestaufwand eine Höchstleistung erzielt wird, wodurch die verfügbaren Kräfte verhundertfacht werden; außerdem, Teilung der Arbeit, so daß ein Jeder dasjenige leistet, was er versteht und wozu er seinen Beanlagungen gemäß die Eignung besitzt, — das setzt aber praktische Systematisierung voraus, das heißt also, überlegt planmäßiges Ineinandergreifen aller Teile jedes Getriebes, usw. usw.
    Die Beherrschung der Natur ist nur durch genaue „wissenschaftliche“ Beobachtung möglich geworden; und was wir
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    ¹) Wer keine Vorstellung davon hat, dem empfehle ich ein bei Macmillan in London, 1912, anonym erschienenes, umfassendes kurzes Werk: „An analysis of the system of government throughout the British Empire.“

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„Beherrschung“ nennen, ist nicht ein willkürliches und unbegrenztes Herrschen, vielmehr ein kluges Ausnützen der vorhandenen und zum großen Teil früher verborgenen Kräfte, indem wir Menschen uns ihnen anschmiegen und sie — je nach den naturgegebenen Möglichkeiten — zu dem leiten, was unseren Zielen nützlich und förderlich ist. Auf diesem Wege sind die Ergebnisse erzielt worden, welche die äußeren Bedingungen des Lebens innerhalb eines Jahrhunderts völlig umgewandelt haben. In ähnlicher Weise beobachtet nun der deutsche gelehrte Fachmann schon lange den Staat, sowie das ganze wirtschaftliche Getriebe innerhalb des Staates: es naht also der Tag, an dem wir das chaotische Ungefähr und Aufsgeratewohl aller bisherigen Politik entlassen und den Staat wissenschaftlich organisieren und wissenschaftlich — statt politisch — regieren können. Man redet in Deutschland viel von „Dilettantismus“, und man schmäht und schimpft darüber, auch wo es sich nicht gehört, und preist dafür den Fachmann, ohne zu beachten, daß er gar oft den ärgsten Dilettantismus selber treibt; gar nirgends aber herrscht blutiger Dilettantismus so unbeschränkt wie auf dem Gebiete der Politik! Es ist überhaupt die gesamte bisherige Politik Dilettanterei! Nicht allein schleppen wir uns mit veralteten, zweckwidrigen Verwaltungsgewohnheiten — das wäre noch immer das kleinere Übel; ist es aber nicht haarsträubender Dilettantismus, wenn Gevatter A. und Rechtsanwalt B. und Bürgermeister C., die gänzlich ohne militärische und koloniale Fachkenntnisse sind, bestimmen, wie viele Gebirgsbatterien das deutsche Heer erhalten soll und ob in einem afrikanischen Schutzgebiet eine dringend benötigte Eisenbahn gebaut werden darf oder nicht? Und Dilettantismus in der tausendsten Potenz ist es, daß diese Herren A., B. und C. zu

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dieser für das Leben der ganzen Nation entscheidenden Gewalt nicht durch hervorragende Begabung und nachweisbare Leistungen, sondern einfach durch die Stimmzettel von 20 000 Männern gelangen, von denen wohl mindestens 12 000 nur Volksschulbildung und weitere 3000 nur Bürgerschulbildung genossen, so daß für ihre Entscheidung bei der Wahl eines Vertreters gewißlich nicht die großen Standpunkte der Nationalpolitik maßgebend sind, sondern — wie nicht anders zu erwarten — die engeren bestimmter ihnen vertrauter Interessenkreise. Wie ist es möglich, einem auf diese Weise entstandenen Beratungskörper entscheidenden Einfluß zu gewähren? Jedenfalls ist dieses Verfahren das Gegenteil von „wissenschaftlich“ und stellt einen Triumph mangelnder Besinnung dar. Und wenn wir bedenken, daß Länder wie England, Frankreich, Italien — überhaupt alle Länder des Revolutionsideals — der Gewaltherrschaft entgegengehen, bei der, wenn kluge Männer sie an sich reißen, große Leistungen möglich sind, so müssen wir einsehen: auf diesem Wege wird Deutschland nicht allein keine vorherrschende Stelle gewinnen, sondern es wird ganz gewiß unterjocht werden, und zwar bald. Zu politischer Dilettanterei sind die Zeiten nicht mehr geeignet! Außerdem aber — und vor allem — Deutschland will ein edles, freies, hoher Schicksale würdiges Volk großziehen. Aus diesen verschiedenen Gründen ist   w i s s e n s c h a f t l i c h e   O r g a n i s a t i o n   d e r   S t a a t s m a s c h i n e   ohne Zweifel die eine Richtlinie der kommenden politischen Entwickelung: diese Notwendigkeit muß erkannt und die Schlüsse aus der Erkenntnis gezogen werden; das Weitere findet sich dann.
    Hier ist es nun von allergrößtem Wert, daß England als bequemes, weil abgeschlossenes Beispiel vor uns steht: ein

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Beispiel dessen, was Deutschland weder kann noch wollen soll. Die Bedeutung der vorliegenden Leistung leugnen zu wollen, wäre kindisch; bei weitem das größte Reich, von dem die Weltgeschichte zu berichten weiß, ist durch Energie, Mut, Rücksichtslosigkeit (einschließlich Betrugs und Grausamkeit), aber auch durch großartigste Staatsmannskunst, Menschenkenntnis, überhaupt Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit errichtet, gehalten und verwaltet worden. England ist der erste — und bisher einzige — Staat, dem man planetarische Bedeutung zusprechen kann; es hat nicht bloß zu unterjochen und zu verwalten, sondern es hat sich in alle Weltteile selbst auszubreiten verstanden, mit seiner Sprache und seinen Sitten, und so unsere gute Erde mit einem Gewebe umsponnen, unter dem, wenn England jetzt weiter den Weg der Verrohung wandelt und trotzdem die Macht behält, wir alle ersticken werden. Im Augenblick rede ich nur von der Organisation, und mein Zweck ist, aufmerksam zu machen, daß die Organisation des britischen Weltreichs, mag sie auch meisterlich sein und die weite Verbreitung meisterlicher Charaktereigenschaften in diesem Volke beweisen, nicht wissenschaftlich ist, sondern das Gegenteil. England hat starke, furchtlose, gewandte Männer zu tausenden gezüchtet, die — sei es im Staatsdienst, sei es auf eigene Hand — jung schon in die weite Welt hinausfliegen; handeln sie für sich, so ist ihnen keine Initiative zu kühn, handeln sie für den Staat, so tragen sie ohne Zagen die schwerste Verantwortlichkeit; will man verwickelte Verhältnisse in einen einzigen Satz zusammenziehen: England regiert durch Charakterstärke. Wohingegen der Deutsche — zwar in Bezug auf seinen Staat noch ein wenig chaotisch — in Forschung und Industrie, in Technik, neuerdings auch in Finanz, sowie in manchen der soge-

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nannten „Selbstverwaltung“ angehörigen Organisationen, außerdem in zunehmendem Maße in seinem ganzen Denken und Handeln wissenschaftlich verfährt, wozu er offenbar von Haus aus eine besondere Beanlagung besitzt; beginnt heute sein Einfluß sich auf der ganzen Welt fühlbar zu machen, so handelt es sich um eine ganz neue Art von Macht, ruhend auf geistigen und sittlichen Grundlagen: auf durchschnittlich höherer Ausbildung rein geistiger Fähigkeiten, auf gründlichen wissenschaftlichen Kenntnissen, auf der Einordnung der Einzelnen in den Rahmen wissenschaftlicher Methodik, auf Zuverlässigkeit, Ernst, Treue, was alles — wie wir es jetzt in dem Kriege, der uns Weddigen und Mücke schenkte, besonders deutlich gewahrwerden — dem alten Abenteurer- und Wagegeist keinen Abbruch getan hat. Die nähere Analyse auch dieses besonderen „Geistes“ würde hier zu weit führen; es genüge das Eine: leitet sich die englische Kühnheit vom Weltumsegler und Piraten her, so die deutsche Gründlichkeit vom Lehrer: ohne den   L e h r e r   wäre sie nie zur Entfaltung gekommen; der deutsche Volksschullehrer, Mittelschullehrer und Hochschullehrer hat nicht nur die Siege von 1866 und 1870 erfochten, er ist überhaupt der Pionier in dem angetretenen Siegeszuge deutschen Geistes. Wird einmal auch Deutschland ein Weltbeherrscher sein, so ist es die planmäßige Selbstzucht, die es dazu befähigt hat. Dem englischen Geist — dem deutschen ursprünglich, trotz aller heutigen Leitartiklerweisheit, nahe verwandt — ward der Erfolg gefährlich, verdarb Einiges und entwickelte Anderes zu stark. Kein vernünftiger, unterrichteter Mensch wird das Vorhandensein hoher wissenschaftlicher Begabung im englischen Volke leugnen; eine jahrhundertalte Politik hat aber in der Masse des Volkes aller Gesellschaftsschichten zu einer unbedingten Gering-

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schätzung des Geistigen überhaupt und somit auch aller Wissenschaft und aller philosophisch besonnenen Überlegung geführt; einzig das unmittelbar Praktische wird geschätzt, das, was auf kürzestem Wege zu Unabhängigkeit und Geld führt. Mir erzählte ein englischer Lehrer der Physik und Chemie, alle Knaben gingen mit Mißtrauen an diese neuerdings in einige Schulen eingeführten Unterrichtsgegenstände, indem sie fragten: „Does it pay?“ zahlt es sich aus? bringt es Geld ein? Man überlege, was das zu bedeuten hat, wenn schon vierzehnjährige Kinder so denken! Sobald darum — wie das heute geschieht — Wissenschaft, und mit ihr die Herrschaft des Geistes, mehr und mehr in dem wirtschaftlichen Getriebe der Völker an Bedeutung gewinnt, so vermag England es nicht, Schritt zu halten, und seine Weltreichsbeherrschung sinkt hinab zu einer Behauptung brutaler Gewalt. An dem Tage, an dem Deutschland auch sein staatliches Getriebe wissenschaftlich organisiert haben wird, ist es mit der Übermacht Englands aus. Die Engländer selbst wissen recht gut, woran sie sind: nicht die Tüchtigkeit des Staates, nur die Widerstandskraft des Ganzen und die Tüchtigkeit, die im Volke noch vorherrscht, hält den Koloß zusammen. Vor mir liegt ein englischer Aufsatz — handschriftlich, denn gedruckt wird so etwas nicht — der die wachsende Unfähigkeit der englischen Beamten, ihren zunehmend schwierigeren Aufgaben im Inland und draußen gerecht zu werden, grell beleuchtet; das Chaos, das jetzt bei den Munitionslieferungen plötzlich offenbar wurde, herrscht, wie hier dargetan wird, auf allen Gebieten der völlig unsystematisch, wild zufällig herangewachsenen, von keinem Menschen zu übersehenden Verwaltung. Und dann schlage man die Einleitung zu jener „Analysis“ auf, die ich vorhin empfahl. Der ungenannte

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Verfasser, der aus lebenslänglicher Erfahrung als Parlamentsbeamter spricht, zeigt hier ausführlich, daß das englische Parlament — uns immer als unerreichtes Muster vorgehalten — nachdem es alle Gewalt an sich gerissen hat, nunmehr sich zunehmend unfähig erweist, seine Aufgabe zu erfüllen. Wer diese fünfzig Seiten liest, entdeckt, daß das Ganze auf eine Karikatur hinausläuft: wichtigste — z. B. hygienisch unentbehrliche — Gesetze stehen seit dreißig Jahren auf dem Programm, ohne vor lauter „politischen“ Debatten jemals zur Erledigung zu kommen; gesetzliche Begriffe, deren genaue Bestimmung für den Richter unerläßlich wäre, harren seit hundert Jahren dieser Bestimmung, und inzwischen gehen Laster und Verbrechen frei umher; um wenigstens das Unentbehrlichste durchzusetzen und die Staatsmaschine nicht ganz ins Stocken geraten zu lassen, bringt die Regierung statt neuer, dringend benötigter Gesetze kleine Zusatz- und Änderungsanträge zu alten und veralteten Gesetzen ein, die dann unbemerkt durchrutschen, was aber zu argem Flickwerk unzusammengehöriger Bestandteile führt,... „The incompetence of Parliament“, sagt unser Sachkenner, „is more than a curiosity, it is a disaster“, die Untauglichkeit des Parlaments ist mehr als eine bloße Wunderlichkeit, sie bedeutet eine Katastrophe. Dahin führt unvermeidlich jede rein parlamentarische Regierung; kommt noch das Revolutionsideal dazu, so ist die Wirrnis fertig.
    In dem Aufsatz „Die Zuversicht“ führte ich neulich Zeilen an, die ich im November 1914 von einem Manne erhalten hatte, der mitten im politischen Leben Deutschlands an hervorragender Stelle steht. *) Hier möchte ich nun ein längeres Bruchstück abschreiben aus einem Brief, den ich selbst zwölf Jahre früher — im November 1902 — an diese Persönlich-
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    *) This man was Kaiser Wilhelm II himself.

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keit richtete. *) Der Gegensatz zwischen England und Deutschland in Bezug auf die Art der politischen Organisation verdient nämlich noch schärfer ins Auge gefaßt zu werden und das Briefliche verleiht den Ausführungen unmittelbare Frische. Außerdem wird gegen mich, wie gegen andere an der heutigen Bewegung der Geister Teilnehmende, häufig der Vorwurf erhoben, wir litten an einer durch den Krieg veranlaßten krankhaften Überreizung, einem „morbus bellicosus“. Die Briefstelle — die ich fast wortwörtlich anführe — zeigt dann wenigstens, daß die betreffende Krankheit bei mir auch in Friedenszeiten chronisch wuchert.
    „Nach meiner Überzeugung liegt in Goethe's Wort — äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt — das ganze Programm für Deutschlands Zukunft. Deutschland ist dazu bestimmt, — oder sagen wir,   w ä r e   dazu bestimmt — das Herz der Menschheit zu werden! Jedes andere Volk ist jetzt endgültig ausgeschaltet; entweder wird Deutschland es sein, oder wir lösen uns überhaupt in ein herzloses Chaos auf, in den vom Bishop of Ripon ersehnten charakterbaren Urbrei ¹). Groß ist aber jetzt die Welt; das Herz muß darum ein kräftiges sein, das fehlerlos arbeitet.   K o n z e n t r a t i o n   und   O r g a n i s a t i o n   (Zusammenfassung und Ausgestaltung): in diesen zwei Worten liegt Deutschlands Zukunft — wenn es eine haben will. Niemals wird das Deutschtum mit dem Angelsachsentum durch die Methode der Entbindung der Individuen zu atomistischer Wirksamkeit wetteifern können: im deutschen Volke kreist zu viel slawisches Blut, und hinter beiden Völkern liegt eine zu abweichend
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    *) Letter to Emperor Wilhelm II, dated February 20, 1902. See for the entire letter Briefe 1882-1924 und Briefwechsel mit Kaiser Wilhelm II, p. 148-167.
    ¹) Der bekannte, auch in Deutschland geschätzte, englische Kanzelredner hatte damals vor kurzem seinem Ideal eines Weltfriedens durch Vermischung aller Völker und Rassen Worte verliehen.

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gestaltende historische Entwickelung. Ein solcher Atomismus (so glänzend er sich auch drüben bewährt hat) ist ebenso wenig für Deutschland zu erwünschen, wie der ihm in der Philosophie entsprechende Utilitarismus für die deutsche Geistesbildung ein Vorteil wäre. Für das, was er Freiheit nennt, hat der Engländer seine wirkliche, innere Freiheit — diejenige, die er zur Zeit seiner absoluten Monarchen, eines Heinrich VIII., einer Elisabeth, in so hervorragendem Maße besaß — aufopfern müssen; er ist jetzt ein willenloses Herdentier geworden, mit dem ein paar Zeitungen und eine Handvoll Politiker machen, was sie wollen; eine Krone, die seine Freiheit beschützte, besteht nicht mehr, denn sie ist rettungslos entkräftet und hinfürder kaum etwas mehr als ein Kopfputz. Zugleich ist England im Begriff, in dem wilden Kampf der Atome seine Kultur zu verlieren. Einstens war England die Mutter der Universitäten; im Oxford des 13. Jahrhunderts hatten einzelne Lehrer so viele Tausend Zuhörer, daß sie ihren Unterricht im Freien geben mußten; England versah damals ganz Europa mit Gelehrten. Heute verhält sich nach der letzten Statistik die Sache folgendermaßen: in Deutschland besucht 1 Mann von 213 die Hochschule und erhält also in größerem Grade als sonst möglich die Befähigung zu einer wahren Kultur des Geistes; in England kann sich nur 1 Mann in 5000 diesen Luxus gestatten, und brächte man die überwiegende Zahl der anglikanischen Theologen in Abrechnung — deren Einpauken von einigen Brocken Hebräisch und von veraltetem theologischen Formelkram in Deutschland gar nicht Hochschulbildung hieße — so träte das Verhältnis als ein noch weit ungünstigeres an den Tag und betrüge sicher nicht 1 Mann in 10 000, vielleicht kaum 1 in 20 000. Doch die Bildung allein tut es nicht; sie ist wohl

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ein nationales Gut, macht aber an und für sich keine nationale, politisch zu verwertende Kraft aus; hierzu muß die Bildung noch organisiert werden und muß von oben nach unten alle Schichten durchdringen. Darüber hat kürzlich ein hervorragender englischer Fachmann, Professor Dewar, als Vorsitzender der diesjährigen Tagung der British Association ¹), ein höchst beachtenswertes Wort gesprochen. Nachdem er ausgeführt hat, die deutschen Chemiker seien den englischen „um zwei Generationen voraus“, wodurch es sich erkläre, daß Deutschland immer mehr das Monopol der chemischen Industrie an sich bringe, fährt er fort: „Nach meiner Meinung ist aber das, was wirklich Schrecken einflößt, nicht die Tatsache, daß die Deutschen diese und jene Industrie beherrschen, sondern vielmehr, daß Deutschland heute überhaupt eine nationale Präzisionswaffe besitzt, die ihm in jedem und jeglichem Kampfe, bei welchem disziplinierte und methodisch geschulte Geisteskräfte ins Spiel kommen, von vorn herein ungeheure Vorteile verschaffen muß.“ So redet ein nüchtern urteilender Chemiker! Und wie sehr hat er recht! Ich behaupte, daß disziplinierte und methodisch geschulte Geisteskräfte in jedem Kampfe den Sieg davontragen werden, im Kampf der Völker nicht weniger als in dem der chemischen Fabriken; nur muß natürlich — wie es bei der Armee geschah — die intellektuelle Leistungsfähigkeit wirklich zu Disziplin erzogen werden und die vom Geist der Wissenschaft geleitete Politik es verstehen, daraus eine nationale Präzisionswaffe zu schmieden“.
    „Wir sind heute an einem weltgeschichtlichen Wendepunkt angelangt. Nie, so weit die Geschichte zurückzuschauen ver-
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    ¹) Entspricht ungefähr der alljährlichen Versammlung deutscher Ärzte und Naturforscher.

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mag, hat eine auch nur ähnliche Weltlage geherrscht; wie sollten denn die alten Einrichtungen standhalten? Wir brauchen neue politische Grundsätze. Der Angelsachse hat sich die Sache möglichst einfach gemacht, indem er, so gut es ging, das Alte dem Neuen anpaßte; das ist happy-go-lucky Arbeit. Unsere neue Welt ist aber das Werk der Wissenschaft (einschließlich Technik), und die Wissenschaft ist es, die sie beherrschen wird — sobald sie will. Nicht, ob beileibe nicht! der Philosoph, wie unser edler Plato wollte, wohl aber die zu wissenschaftlicher Politik gedrillte und daher planmäßig und diszipliniert handelnde Nation. Diesen Weg — den der steigenden Komplikation des organisierten Ganzen und der wachsenden Unterordnung des einzelnen Individuums unter das Ganze — weist uns, im Gegensatz zu den schönen Phrasen der Revolution und zu jener politischen Dilettanterei, die sich Liberalismus nennt, die gesamte Natur. Er mag nicht sentimentalen Träumereien entsprechen, er aber — bei den Anlagen der Deutschen — führt einzig zum Erfolg. Auf allen Pfaden des sich um uns herum entwickelnden neuen Lebens sehen wir, daß mehr und mehr nach Zeitersparnis, nach Vereinfachung der Mittel gestrebt wird. Die gerade Linie ist der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten: diese alte Wahrheit tritt jetzt erst als gesetzgebend auch auf dem Gebiete des praktischen Lebens auf; denn bei der großen Verwickeltheit dieses Lebens, bei den tausend Ansprüchen, die an uns herantreten, bei der steigenden Menge des Wissenswerten ist es unmöglich, daß wir zu Rande kommen, wenn wir sie nicht beherzigen. Hier bemerken wir nun einen Unterschied: zu dem genannten Zwecke   s i m p l i f i z i e r t   der Angelsachse, wogegen der Deutsche   v e r e i n f a c h t.   Der Angelsachse nämlich erspart sich Zeit für das praktische

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Leben, indem er seine Kultur opfert; der Deutsche hingegen muß Zeit für die Kultur des Geistes sparen, indem er die politischen Methoden wissenschaftlich-summarisch gestaltet und es somit erreicht, daß bei Staatsgeschäften in kurzer Zeit ein weiter Weg zurückgelegt wird. Zur wahrhaft organischen Unterordnung des Einzelnen — der polare Gegensatz der Sklaverei — gehört eine höhere Bildung, als sie das englische System erfordert oder auch nur gestattet. Dem Anglo-amerikanismus kann Deutschland nur dadurch den Rang ablaufen, daß es eine völlig entgegengetzte politische Methode befolgt und als geschlossene Einheit — diszipliniert und methodisiert, wie unser guter Dewar richtig sagt — auftritt. Deutschland — davon bin ich fest überzeugt — kann innerhalb zweier Jahrhunderte dahin gelangen, die gesamte Erdkugel (teils unmittelbar politisch, teils mittelbar, durch Sprache, Methoden, Kultur) zu beherrschen, wenn — ja, wenn! — es nur gelingt, bei Zeiten den „neuen Kurs“ einzuschlagen, und das heißt, die Nation zum endgültigen Bruch mit den angloamerikanischen Regierungsmethoden und mit den staatszerstörenden Idealen der Revolution zu bringen. Die Freiheit, die Deutschland braucht, ist die Freiheit, wie Friedrich sie verstanden — unbeschränkte Freiheit des Denkens, der Wissenschaft, der Religion —‚ nicht die Freiheit, sich beliebig schlecht zu regieren“.
    „Keine bessere Formel für dieses politische Ideal wüßte ich als Goethe's „äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt“; nach jeder Richtung hin muß sie Parole werden. Würde sie es, so machten mir keine Zahlen bange. Ein rassenbewußtes — alles Undeutsche von der Regierung und aus ihren Beratungen ausschließendes — vom Mittelpunkt bis in die Extremitäten politisch einheitlich organisiertes, zielbewußtes

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Deutschland (wobei die Sondercharaktere und Sitten und Verfassungen der verschiedenen Stämme zu achten und zu hegen wären) würde, wenn auch an Einwohnerzahl weniger reich als das Angelsachsentum und das Russentum, dennoch zugleich durch äußere Macht und durch innere Geisteshöhe die Welt beherrschen.“
    Soweit mein Brief des Jahres 1902.
    Fragt mich nun Einer, wie ich mir diese neue politische Organisation auf wissenschaftlichen Grundlagen denke, so antworte ich mit dem Urkornbauer: ich warne vor dem Weg, der in den Abgrund verlockt, ich weise den Weg, der in ein anderes, gesegnetes Land führt — mehr kann man von mir nicht verlangen; ich bin kein Phantast; was noch kein Auge erblickt, kann kein Mensch schildern. Sollen nichtsdestoweniger einige Andeutungen über das, was nur der Weisheit des Menschen „als Natur“ entsprießen wird, gewonnen werden — es kann sich ja nur um den Schatten kommender Dinge handeln — so muß ich von dem bisher eingehaltenen Standpunkt rein objektiver Beobachtung um eine Stufe hinuntersteigen und ein subjektives Element sich einmischen lassen. Dies soll im folgenden letzten Abschnitt geschehen.

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V.

Der Mensch soll in seinen künftigen Zustand
nicht hineinschauen, sondern sich hineinglauben.
(Herder.)

    Admiral Mahan, der Verfasser des bekannten Werkes „Der Einfluß der Seemacht auf die Weltgeschichte“, sowie anderer sachwissenschaftlicher Bücher, schreibt einmal: „Was die erworbene Befähigung anbetrifft, planmäßige Organisation zu entwerfen und sich ihr einzugliedern, steht Deutschland an der Spitze aller Nationen“ ¹). Dieses Wort des geschätzten amerikanischen Offiziers, Politikers und Historikers führe ich hier an, weil ich von redlichen und von unredlichen Gegnern oft als Phantast und Schwärmer hingestellt werde — was ich zwar nicht bin, denn ich leide vielmehr unter einem angeborenen und durch naturwissenschaftlichen Bildungsgang weiter befestigten und geleiteten Drang nach pedantisch sicherer Tatsachenkenntnis, weswegen ich umständlich langsam arbeite; aber was will man in dieser Welt gegen die „fables convenues“ unternehmen? Von Mahan wird nun kein Mensch zu behaupten wagen, er sei nicht ein gelehrter Kenner der neueren Geschichte, er sei nicht ein praktischer, welterfahrener, in politischen Fragen bewanderter Mann, ebenso wenig wird irgend jemand behaupten können, er sei zugunsten Deutschlands parteiisch eingenommen, da
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    ¹) Vergl. „The Interest of America in International Conditions“. London, 1910, S. 101.

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seine Sympathien offenkundig England angehören und er für sein eigenes Vaterland nichts mehr fürchtet als irgend einen Schritt, der England und Deutschland zum Bunde veranlassen könnte. Und dieser nüchterne Praktiker urteilt, wie man sieht, genau so wie ich. Ja, er sagt noch etwas, was von tiefster Einsicht zeugt: es sei für den Preußen bezeichnend, „daß er sich von einer starken Regierung plastisch modeln lasse, ohne daß der Einzelne dadurch die Macht der Initiative in dem ihm eigenen Tätigkeitsbezirk einbüße“. Damit ist der springende Punkt des neuen politischen Ideals gegeben: denn eine Nation von gedrillten Maschinen wäre moralisch wertlos und könnte nur kurze Zeit den Erfordernissen des Lebens entsprechen; eine Nation dagegen, die allgemeiner plastischer Gestaltung sich fügt und dabei in allen Einzelteilen nichtsdestoweniger freischöpferisch bleibt: eine solche Nation gleicht einem von der Natur erschaffenen Lebewesen und ist wie keine bisherige geeignet, zu einem wirklichen Organismus auszuwachsen von unerhörter Tüchtigkeit; ihr Untergang ist nicht abzusehen. Von den Dingen, die mich zu Deutschland geführt haben, weiß Mahan sicher wenig, vielleicht nichts; seinen Interessenkreis erfüllen die Fragen der praktischen Politik, einschließlich namentlich der Kriegsführung; er hat es aber verstanden, auch auf diesem Wege einen tiefen Einblick zu gewinnen, der ihm   g e n a u   das selbe enthüllt hat, was mir eine dreißigjährige Beschäftigung mit dem deutschen Geiste auf seinen höchsten Höhen offenbarte! Das sollte dem Leser Zutrauen geben und ihn ermutigen, sich in die Idee, der diese kleine Arbeit gewidmet ist, hineinzuleben und sie in ihrer vollen Tragweite zu erfassen.
    Wer sie bis hierher aufmerksam und wiederholt gelesen hat, wird, glaube ich, finden, daß nach und nach aus Vernei-

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nung und Bejahung manches positive Ergebnis gewonnen wurde, wichtige Prinzipien, oder — wie die deutsche Sprache schön sagt — Grund-Sätze, das heißt, Erdmauern und Pfeiler, geeignet, ein neues Gebäude zu tragen. Bis hierher halte ich das Gesagte für wissenschaftlich unumstößlich; was jetzt folgt, sagt Einiges, was ich selber folgern zu dürfen glaube, womit ich aber dem Menschen „als Natur“ nicht — nicht einmal in Gedanken — vorzugreifen mir herausnehme. Man fragt, ich antworte; und zwar antworte ich nur, weil ich vermute, daß bei Einigen dieser Nachtrag Verständnis für das Vorangegangene und daher auch Vertrauen dazu mehren wird.
    In einer Beziehung glaube ich nicht an wesentliche Änderungen: nämlich in Bezug auf die allgemeine geographisch-politische Zusammensetzung des Deutschen Reiches; Angliederungen und dadurch vielleicht hier oder dort der Hinzutritt einer neuen Einheit sind möglich, sie würden das Gesamtbild bereichern, doch wenig daran ändern; die zu erhoffende umfassende Staaten-Bundesbildung (von der ich in „Deutscher Friede“ nicht reden durfte) hätte gewiß als Kräftigung Deutschlands viel auch nach innen zu bedeuten, gehört aber dennoch — was unter Thema betrifft — zu den äußeren Umständen; auch Kolonialbesitzungen gelten mir weniger als z. B. die erhoffte Vermehrung des deutschen Bauernstandes; Deutschlands Wiedergeburt kann nur von innen heraus erfolgen. Kein Land der Welt hat aber jemals in dieser Beziehung glänzendere Vorbedingungen zu reichem, organischem Staatsleben besessen als Deutschland heute: geeint und dennoch aus selbständigen Teilen bestehend. Was bisher Deutschlands Fluch war — die Mannigfaltigkeit — ist jetzt sein Segen geworden. Denn die Geschichte Europas hat uns

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gelehrt: die Monarchie verkörpert zwar die größte politische Kraft, gelangt sie jedoch zum absoluten Einherrschertum, so erstarrt sie und wird entweder von der Demagogie weggefegt (Frankreich) oder aber sie dient dieser als Deckschild (das heutige England). Schon Plato belehrte uns: Einheit muß eine Gegeneinheit umschließen, sonst werden wir sie auch als Einheit nicht gewahr! Im ganzen Bereich der Natur gehört eben Mehrheit zu organischem Leben, weswegen auch in jenen Organen und Gebilden, deren Wesenheit es ausmacht, nicht zweifach oder vielfach, sondern einmalig vorzukommen, bei näherer Betrachtung immer irgend eine Art von Unterscheidung — und sei es auch nur zwischen einem Links und einem Rechts — entdeckt wird, meistens aber eine (manchmal verborgene) Verdoppelung oder gar Vervielfachung — wofür ich auf die Entdeckungen der letzten fünfunddreißig Jahre in Bezug auf die Struktur der Zellkerne verweise, die man als Schulbeispiele unteilbarer Einheit hatte betrachten können. Die Mehrheit der Reiche und Fürstentümer in Deutschland ist ein Gottessegen; dadurch wird das Königtum vor der französischen und vor der englischen Einkapselung sichergestellt. Der Kaiser in Goethe's Faust meint es zwar anders, wenn er ausruft:
Ein Gegenkaiser kommt mir zum Gewinn;
Nun fühl ich erst, daß Ich der Kaiser bin.
    Mir aber öffnete vor Jahren gerade diese Stelle die Augen, und ich begriff fortan: Ein Fürst ist kein Fürst. Der arme Einsame von Buckingham Palace oder Czarskoje Selo, ist auf alle Fälle — ob Autokrat oder konstitutioneller Kostümkönig — seiner Umgebung ausgeliefert; im weiten Reiche findet er weder seinesgleichen zu Stutz und Nutz noch Stufen, aus denen gute Geister auf und abwandeln könnten, ihn mit

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Adel und Volk zu verbinden; er lebt unter einer Luftpumpe: um sich Leere. Vielheit der „einheitlichen“ Monarchen, wenn erst organisch gestaltet — wozu in Deutschland die Vorbedingungen jetzt gegeben sind — heißt lebendige und dauernde Wirksamkeit der Monarchie. Kreist das Blut in allen Teilen Deutschlands lebhafter als in irgend einem anderen Lande, so kommt das daher, weil es nicht   e i n e n   Mittelpunkt, sondern   v i e l e   Mittelpunkte besitzt, nicht einen Hof, sondern viele Höfe, nicht ein monotones, sich überall gleichendes Staatseinerlei, sondern eine Mannigfaltigkeit der Stämme, festgeankert in eigenen Staatsgebilden, eigener Fürstentreue, eigenen Sitten, eigenen Anstalten aller Art, edlen Wettstreit hervorrufend. Von den Erbstücken Frankreichs — die Revolution übernahm es vom ausgearteten Königtum und schrie es als Dogma in die Welt hinaus — ist keines verhängnisvoller als die Forderung logischer Einheit, die Einerleiheit, die im Großen beginnt und zuletzt sich bis ins Kleinste hineindrängt, schauerlich öde „Gleichheit“ erzeugend. Deutschland ist vom Schicksal der Vorzug der mannigfaltigen Einheit geschenkt worden; es muß ihn zu bewahren und zu pflegen wissen. Hier denke ich mir keine weitere Änderung als die — freilich sehr wichtige — einer Entwickelung zu stärkerer Beteiligung des Fürstenareopags an der Reichsregierung; das wird das Kaisertum stärken und dem monarchischen Prinzip neues Leben einflößen; jedes Gebilde wächst mit den Anforderungen.
    Dagegen glaube ich, was die innere Verfassung betrifft, an eine so tiefgreifende Umbildung, daß die französische Revolution dagegen als ein Spiel lasterhafter Buben erscheinen wird, als ein äußerliches Zertrümmern ohne irgend eine Spur innerer Schöpferkraft. Die deutsche Revolution —

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wenn man so sagen will, ich zöge „Neugeburt“ vor — wird von innen heraus erfolgen müssen, so daß, wo auch ein Altes fällt, ein Neues vollkommen fertig dasteht: das ist das Verfahren der organischen Natur. Aus diesem Grunde ist es unerläßlich, wenn wir auch von   p o l i t i s c h e n   Idealen und deren praktischer Verwirklichung reden, die Fragen hier stets nicht von Erwägungen äußerer Rücksichten, sondern vom innersten Kern, von der Natur des Menschen aus anzupacken, von dem Begriff der Pflichten, die uns an einander binden. Weil das bei ihm nicht geschieht, deswegen wirkt der heutige Sozialismus unbefriedigend und reizt zum Widerspruch; wohl fühlt man, daß sich hier die echte Kraft des Menschen „als Natur“ regt, doch jede Frage wird am falschen Ende angefaßt, alles von außen her, was grund-undeutsch ist, und daher auch in Deutschland unfruchtbar. Und doch hat gerade Deutschland den größten „Umstürzler“ aller Zeiten geboren, den Mann, bestimmt, der deutschen Welt als Führer in die neue Gestaltung des Staatslebens voranzuleuchten: Immanuel Kant ¹). „Die Freiheit zu retten“: das bezeichnet als das höchste Ziel dieser erhabene und so wenig wirklich gekannte Weise — wahrlich eine andere geistige und sittliche Potenz als ein Marx und ein Lassalle! Nicht aber greift er, wie die Franzosen, nach außen danach, als könne man die Freiheit wie den Apfel vom Baume pflücken, denn er weiß es: „Freiheit ist Menschenwerk“; Freiheit ist eine Idee des Menschengeistes; sie kann Unheil heranführen oder Segen spenden; außerhalb des Menschentums weiß die gesamte Natur nichts von Freiheit; die Idee einer gemeinsamen Freiheit — im
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    ¹) Von dem Folgenden ist einiges unter wörtlicher Anlehnung meinem 1906 erschienenen Buch: Immanuel Kant, die Persönlichkeit als Einführung in das Werk“, entnommen. (Volksausgabe, 1909.)


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Gegensatz zu der willkürlichen Zuchtlosigkeit des Einzelnen — ist also nicht eine gegebene Wirklichkeit, etwas, worauf jeder Mensch Anspruch hätte, vielmehr sind in der gegebenen Wirklichkeit Natur und Freiheit unmittelbare Gegensätze, was jeder Einzelne aus eigener Erfahrung wissen könnte, und wie alle Geschichte es lehrt; diese Idee stellt etwas dar, was erst geschaffen werden soll und was einzig die als „Staat“ gegliederte Gesamtheit zu schaffen vermag: das letzte, höchste, am schwersten zu erreichende Ziel des Staates. Es handelt sich, sagt Kant in seiner eindringlichen Art, „um ein Reich, was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann“. Der erste Schritt zu diesem „nur möglichen“, aber, sobald wir wollen, wirklichen Reiche besteht in der Einsicht, daß der jetzige Zustand unhaltbar ist: insofern ist Kant mit den sogenannten „Umsturzparteien“ vollkommen einig. Kant, der die Anfänge der Industrieepoche erlebte und namentlich über englische Zustände — die vielgepriesenen — genau unterrichtet war, prägte dafür das berühmte Wort „glänzendes Elend“ und urteilt über den modernen Staat, in welchem das Handelsinteresse als maßgebend betrachtet wird: „Man kann sagen, daß das Glück der Staaten zugleich mit dem Elende der Menschen wachse“. In wenigen Worten wohl die bitterste Kritik, die je an dem uns inzwischen so vertraut gewordenen Jubilieren über „glänzende Ausfuhr- und Einfuhrbilanzen“ geübt wurde. Für das Verständnis des neuen, kommenden politischen Ideals — des deutschen Staatsideals — ist es von entscheidender Wichtigkeit einzusehen: nicht die Kritik am   ä u ß e r e n   Aufbau (wie es in Frankreich und in England der Fall war) wirkt bei der Forderung eines politischen Umbaus entscheidend; vielmehr werden alle weisesten Deutschen hier mit Goethe sprechen:

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„Ich mag mich sehr gern regieren und besteuern lassen, wenn man mir nur an der Öffnung meines Fasses die Sonne läßt“; entscheidend sind die   i n n e r e n   Zustände. Es gehört zum Wesen aller Edleren unter den Deutschen, daß sie ein starkes Gefühl für   d i e   W ü r d e   d e s   M e n s c h e n   erfüllt. Dieses Gefühl drängt nun notwendig vom Einzelnen weiter, zu Gemeinsamkeit und Allgemeinsamkeit; denn wie soll Würde neben Unwürde bestehen? Jeder einzelne Mensch im ganzen Staate muß also die Würde besitzen, in welcher Freiheit und die anderen Güter eingeschlossen liegen: das ist die deutsche Forderung. Und da sehen wir denn ein, es genügt nicht, daß Diesem und Jenem an der Öffnung seines Fasses die Sonne scheine; scheint sie nicht jedem Mitbürger ebenso, so ist jenes Glück ein Raub; und darum — d a r u m,   aus diesem inneren, sittengesetzlichen Grunde — muß der heutige Staat von innen aus umgemodelt und neugeboren werden. „Der Mensch“, schreibt Kant, „muß entweder selbst arbeiten, oder Andere für ihn; und diese Arbeit wird Anderen so viel von ihrer Glückseligkeit rauben, als er seine eigene über das Mittelmaß steigern will“; unser heutiger Staat dagegen ist zum großen Teil auf Schutz und Förderung derjenigen angelegt, die — dem alttestamentarischen Spruche gemäß — glückselig sein wollen ohne jede wirkliche Arbeit. Richard Wagner sprach es kurz vor seinem Tode offen aus: „Wer kann ein Leben lang mit offenen Sinnen und freiem Herzen in diese Welt des durch Lug, Trug und Heuchelei organisierten und legalisierten Mordes und Raubes blicken, ohne zu Zeiten mit schaudervollem Ekel sich von ihr abwenden zu müssen?“ Ich sagte, der Staat habe nur auf Dauer, nicht auf das Individuum zu sehen (S. 48 f.): von diesem Grundsatz muß ausgegangen werden; der Staat darf nicht nach den

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Wünschen des Einzelnen fragen, sondern muß in sich selbst als der Ausdruck einer für die Dauer bestimmten Gemeinsamkeit befestigt sein; denn nur ein starker Staat ist fähig, seinem Ziele zu genügen. Ist aber der Mensch an den Segnungen des ihn bergenden Staates geistig und sittlich gewachsen, so muß der Staat auch wachsen, das heißt, in seinen Forderungen an sich selbst wachsen, sonst ist's mit seiner Dauer zu Ende und entspricht er also seinem Lebenszwecke nicht mehr; und was gefordert werden muß, das hat Kant in einen Satz gebracht, der zuerst — namentlich den an unsere üblichen politischen Phrasen gewöhnten Ohren — befremdlich klingen mag, der aber unüberwindlich wirkt, wie Thor's Hammer, unter dessen Wucht eine ganze Lügenwelt zusammenstürzt: im Staate darf es keinen einzigen Menschen geben, der nicht „jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel handelt“. Das heißt: kein Mensch darf um eines anderen Menschen Willen sich plagen, ohne daß dieses Plagen ihn auch selber fördere — ihn als ein Wesen mit Anteil an leiblichen, sittlichen, geistigen und ewigen Gütern. Er kann schon „Mittel“ sein — jeder ist dies, der dient, und wer dient nicht, vom König bis zum Steinklopfer? — aber dieses Dienen darf nicht einen Augenblick vergessen lassen, daß jeder Einzelne ein „Selbstzweck“ ist; der Staat soll es unmöglich machen, daß ein Teil der Bürger einen anderen Teil unterjoche, indem er ihn zum bloßen „Mittel“ herabdrückt, als wären diese Menschen bloße Maschinen und besäßen nicht die gottgegebene Würde unsterblicher Seelen. Die vierhunderttausend Sklaven, die den zwanzigtausend Atheniensern und ihrem Sokrates die Muße schufen, auf der Agora zu politisieren und im Schatten der Platanen zu philosophieren, waren bloße „Mittel“ hierzu, lebten keinem eigenen „Zwecke“, genossen also nicht die Würde

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von Menschen. Die sechsjährigen Knaben, die heute in der stolz-freien demokratischen Republik der Vereinigten Staaten täglich zwölf Stunden arbeiten müssen (S. 56), sind lediglich „Mittel“ für die Fabrikherren, die nach billigsten Arbeitskräften ausschauen; sie sterben meistens vor dem Mannesalter, oder erreichen es verkümmert, kraß unwissend, entsittlicht; daß sie als Menschen Würde besitzen, daß sie sich selbst „Zweck“ sein sollten, daß es darum gebieterische Pflicht wäre, diese Kinder zu pflegen, heranzubilden, teilnehmen zu lassen an dem, was die Menschheit im Laufe der Jahrtausende errungen hat, daran denken die Leute des demokratischen Revolutionsideals nicht; für solche Gedanken ist im Glaubensbekenntnis des Materialismus kein Platz; die „Freiheit“, die so laut gepriesen wird, ist die Freiheit, Menschen zu knechten; die einzige Frage lautet: knechtest du mich? oder knechte ich dich? Die brutale Macht gibt die Antwort. Kant verbietet aber nicht bloß, daß ein Mensch einen anderen als „Mittel“ gebrauche, auch sich selbst darf der Mensch nicht so gebrauchen, darf nicht so leben, daß sein Dasein ohne höheren Inhalt, er selber ohne Würde bleibe, vielmehr muß er in allem, was er tut, hinauslangen über sein beschränktes Ich und dessen Interessen in das umliegende Wohl der Gemeinsamkeit und in die Ahnung unvergänglicher Tragweite unseres irdischen Tuns und Lassens. Eine Persönlichkeit — gleichviel ob die eigene oder die eines Anderen — lediglich als Mittel zur Erreichung eines flüchtigen, egoistischen Zieles, nicht aber als eine solche gebrauchen, welche selber in einer jeden ihrer Taten einen unbedingten, heiligen Zweck darstellt: das ist Sünde, das allein. „Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in seiner Person muß ihm heilig sein“.

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   Ich scheine abzuirren, bin aber ganz bei der Sache. Nach meiner Überzeugung steckt in dem Werke dieses Mannes die größte revolutionäre Kraft der Weltgeschichte; er selber, der Bescheidene, gesteht, seine Weltanschauung steuere auf eine Revolution hin, gegen welche die bisherigen, äußerlich politischen zu geringfügigen Episoden schrumpfen; Kant will neue Ideale verwirklichen, nicht aber durch Schwärmerei und philosophische Phantasterei, sondern durch die nüchtern-bewußte, aus dem Hinterstübchen des stillen Denkers mit unwiderstehlicher Kraft langsam aber sicher bewirkte   Ä n d e r u n g   i n   d e r   R i c h t u n g   d e s   m e n s c h l i c h e n   D e n k e n s   u n d   W o l l e n s.   In der Religion hat Jesus Christus eine neue Ära gebracht; in der Politik dagegen haben wir seit 6000 Jahren keinen grundsätzlichen Fortschritt gemacht; als vor kurzem des alten Hammurabi Gesetzestafeln entdeckt wurden, kamen sie uns erstaunlich modern vor; Kant will dagegen ein Neues, ein Wachsen und Kräftigen des Menschen über das hinaus, was er bisher gewesen ist, nicht etwa durch die tollhäuslerische Entfesselung seines blinden „Willens zur Macht“, sondern umgekehrt, durch eine feinere Ausgestaltung seines Selbstbewußtseins, durch die noch genauere Bändigung der dumm-tiermäßigen Instinkte seines Willens im Dienste einer vollkommen selbstbeherrschten, bewußt aufbauenden Vernunft. Bis jetzt, sagt er, und Niemand wird ihm widersprechen können, ist „die Kultur gleichsam planlos fortgegangen“; nun ist es an der Zeit, sie planvoll weiter zu entwickeln. Und war auch bisher alle Kultur nur in dem Staat und unter seinen Fittigen möglich (S. 47 f.), so wird das jetzt mehr als je der Fall sein; darum muß unsere Politik nunmehr   w i s s e n s c h a f t l i c h   und   o r g a n i s c h   werden. Das jetzt Dargelegte bildet den inneren Grund; und der Deutsche

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verlangt die inneren Gründe der Dinge zu kennen. Mit Recht: denn wie soll er an die Erschaffung eines Neuen gehen, an den Aufbau einer zum ersten Male echt deutschen Politik, eines wirklich organischen Staates, wenn er nicht auch die inneren Impulse genau kennt und erwägt?
    Die Frage also, die am Schluß des letzten Abschnitts aufgestellt wurde — wie ich mir die neue politische Organisation denke, beantworte ich zunächst mit dem einen Wort: „kantisch“. Hiermit ist sofort zweierlei gesagt, woraus tausend Einzelfragen sich von selbst beantworten: die unbedingt   s i t t l i c h e   Grundlage, der bewußt   p l a n v o l l e   (und das heißt wissenschaftlich-organische) Aufbau. Das Zweite wird niemals gelingen, wenn das Erste unbeachtet bleibt.
    Ein eiserner Besen muß in Deutschland auskehren: wer den Mut hat, ihn zu führen, wird alle Kräfte des Volkes hinter sich finden. Bei einem so kunstsinnigen und auch heiteren Volke haben wir keine Puritanerei zu fürchten; der Schmutz aber ist nicht deutschen Ursprungs, sondern Einfuhr von auswärts und großgezogen durch die selben Leute, die das alte römische Reich mit ihrer lasterhaften Obscönität überzogen und sittlich zugrunde richteten. Was ist das für eine Freiheit, die Freiheit, lascive Bücher im ganzen Lande zu verbreiten oder Illustrierte Blätter, die alles Echte, alles Edle, alles Heilige Woche für Woche in den Kot ziehen? Und doch zittert jede deutsche Regierung vor diesen Gaunern, weil, sobald sie den Finger rührt, ein mächtiger Teil der Presse Holla schreit wegen bedrohter Geschäftseinnahmen ihrer Kundschaft und womöglich noch einen „Goethebund“ mobilisiert — als sei der erhabene Dichter der Schutzheilige der Pornographie, und als habe er nicht immer wieder eindringlichst gegen „die Freiheit süß der Presse“ gewarnt, sie

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zutreffend verspottet:
Jeder wünscht sich selbst so frei,
Andere brav zu pressen
und sein deutsches Volk feierlich gemahnt:
Habt ihr gelogen in Wort und Schrift,
Andern ist es und euch   e i n   G i f t.
So lange Zaghaftigkeit der Leitsatz aller inneren und äußeren Politik bildet, ist freilich nichts hier zu hoffen; ein einziger Leitaufsatz des „Berliner Tagblatts“ gilt manchem deutschen Staatsmann mehr als die Stimmen fünfzig Millionen Deutscher; doch ist das eine Übergangserscheinung; die neuen Männer stehen bereit. Mir lag nur daran zu betonen, daß ohne Säuberung kein Anfang der Erneuerung zu erhoffen sei; und zwar wird die Säuberung weit greifen müssen, denn die ganze Luft ist verpestet und unwillkürlich steigt Goethe's vorahnende Schilderung der modernen Großstadt ins Gedächtnis, als er den Greis, der lange in fernen Naturländern geweilt, sprechen läßt:
O! hätte ich nicht, verführt von treuer Neigung
Dem Vaterland zu nützen, mich zurück
Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,
Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!
Noch steht — wenn wir von dem vorbildlichen Volksheer absehen — kaum ein Stein des neuen Gebäudes da, und schon ist überall die Verschwörung gegen ein neues Deutschland, gegen eine echt deutsche Politik und die dazu erforderlichen Umgestaltungen am Werke; mitten im Kriege lugt ihr freches Antlitz aus tausend Ecken hervor, und nach dem Kriege wird sie sofort von neuem üppig hervorschießen. Millionen

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von guten Deutschen wissen dies alles, sind darüber trostlos, manche bis zur Hoffnungslosigkeit entmutigt; Hunderte von Briefen von Männern aus den verschiedensten Lebensstellungen habe ich in den letzten Wochen erhalten, die es bezeugen. Nun! warum packt man die geforderte Verneinung nicht zunächst hier an, wo keine politischen Fragen die Menschen unschlüssig schwankend machen? Eine fauststarke deutsche Empörung gegen diese Herrschaft des Gemeinen, die alle anderen Länder bereits fast völlig unterjocht hat und Deutschlands Existenz als gesundes, freies, frohes Volk bedroht und seine politische Gesundung unmöglich macht! Unbedingte Freiheit der Wissenschaft ist ein kostbares Gut; Freiheit der Lüsternheit, Freiheit des Betruges, Freiheit der Ausbeutung, Freiheit des Widerchristentums, Freiheit des Ehrfurcht Zerstörenden in Rede, Wort und Bild, in Buch, Zeitschrift und Zeitung, in Theater und Kino ist ein fressendes Gift, an dem Völker zugrunde gehen; Freiheit den Leuten gewähren, die unsere germanischen Staatsideale von heute und von morgen untergraben, heißt einfach Selbstmord begehen. Keine politische Neugeburt kann auch nur anfangen, solange die Gemeinheit frei und frech und triumphierend im öffentlichen Leben geduldet wird. Ein Armer, den die Hungersnot treibt, ein Brot mit Gewalt zu stehlen, kommt ins Zuchthaus; gewerbsmäßige Schandbuben werden steinreich und bekommen höchstens einen Orden. Francis Bacon führt einen alten Autor zustimmend an, der geschrieben habe: „Besser wäre es immerhin, in einem Staate leben, wo nichts, als in einem, wo alles erlaubt ist“. Man treibe doch keinen Götzendienst mit dem Worte „Freiheit“, der dann schließlich jeder Niedertracht rechtlichen Schutz gewährt! Der ganze Zweck des Staates ist ja, wie nach außen die Grenzen der

104 Politische Ideale — Richtlinien

Herrschaft, so nach innen die Grenzen der Freiheit festzustellen und zu bewachen.
    Diese Worte schreibe ich im Sinne Kant's, der unsere heutige Staatskunst entrüstet fragt: „Wie kann man Menschen glücklich machen, wenn man sie nicht sittlich und weise macht?“ Es handelt sich, wie man sieht, nicht um philosophische Spintisiererei, sondern um wissenschaftlich genaue Feststellungen und Forderungen, welche die Grundfragen des Zukunftsstaates betreffen. Der Staat tut gewiß recht daran, den Besitz zu schützen; wir sprachen im 3. Abschnitt davon (S. 52 f.); es geschieht das des Staates wegen, als ein Hauptmittel, ihm Dauer zu verleihen, nicht weil der Einzelne irgend ein mystisches „Recht“ darauf hätte oder dadurch an Würde gewönne. Mit Kant betreten wir eine höhere Stufe: denn der Besitz, nicht von Land und Geld, sondern von Sittlichkeit und Weisheit hebt beide — den Einzelnen und den Staat; darum sollte dieser Besitz noch weit strenger überwacht und gepflegt und geschützt werden als der andere. In dieser Beziehung haben wir — und mit uns unsere Rechtssprechung — gründlich umzulernen. Denn ich sehe nicht ein, wie wir zu einer neuen, höheren Politik Kraft und Geschicklichkeit gewinnen sollen, solange nicht eine große und einflußreiche Zahl unter uns die Einsicht erlangt haben, daß Sittlichkeit und Weisheit nicht den Pfarrer allein angehen, sondern politische Grundpfeiler bedeuten, mit anderen Worten, eine dauernde Hauptsorge des Staates zu bilden haben. In einem früheren Abschnitt dieser Schrift bezeichnete ich als unsere augenblickliche Aufgabe, den Boden freizumachen für das Eingreifen des Menschen „als Natur“, der den deutschen Staat der Zukunft schon aufzubauen wissen werde, sobald ihm nur Raum dazu gelassen wird: dieser Forderung wird, glaube ich, durch

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die vorgeschlagene energische Säuberung des öffentlichen Lebens in der Hauptsache Genüge getan werden. Ist dieses Leben erst   r e i n   und   d e u t s c h,   so wird sich alles Übrige von selbst einstellen, aus Naturnotwendigkeit.
    Auf diesem Boden soll nun, wie Kant sich ausdrückt, „planvoll“ aufgebaut werden; ich hatte das selbe im Sinne, als ich „wissenschaftlich-organisch“ sagte; es handelt sich um das, was Admiral Mahan „Deutschlands Befähigung, planmäßige Organisation zu entwerfen und sich ihr einzugliedern“, nannte (S. 90). Immer muß ich wiederholen: einzig der Phantast entwirft da fertige Gebäude, als wüßte er, wie die Menschen das Problem lösen werden; der Sinnende kündet die Notwendigkeit des Neuen an, ermahnt und ermuntert, sich diesem Gedanken hinzugeben, lauscht auf die tausend Stimmen, die danach rufen, die Einen in empörten Verneinungen, Andere phantastisch überschwenglich, noch Andere wissenschaftlich schwerfällig, die Einen nach politischer, die Anderen nach wirtschaftlicher oder religiöser Wiedergeburt, und in seinen Ohren verschmelzen die harten Disharmonien zu der verheißungsvollen Musik einer heraufdämmernden schöneren Zukunft; aber er schildert nicht, weil er damit dem Kommenden Gewalt antäte. Goethe — trotz seiner Abneigung gegen abgezogene Begriffe — einer der subtilsten Denker aller Zeiten, unterbricht sich bei der versuchten Schilderung einer noch nicht erblickten Gestalt:
Doch red' ich in die Lüfte, denn das Wort bemüht
Sich nur umsonst, Gestalten schöpferisch aufzubaun.
Ohne daß wir uns eines „schöpferischen Aufbauns“ vermessen, ist es vielleicht möglich, wiederum einige der leitenden Gedanken des kommenden „Plans“ zu entdecken.
    Vor allem das Eine: muß unbedingt die Volksvertretung

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in ihrer heutigen Revolutionsgestalt fallen, da ihr jegliche Leistungsfähigkeit, wie wir gesehen haben, abgeht, so soll darum doch nicht etwa die Beteiligung Aller an dem Staatsleben eine geringere werden: im Gegenteil, ich denke sie mir weitaus bedeutender als bisher, die wahre Arbeit einer praktischen Mitwirkung statt der stupiden Ausübung eines erdichteten Rechtes. Bei dem heutigen Verfahren ist alles Schein und Unwahrheit; das angebliche „Selbstbestimmungsrecht des Volkes“ und wie die Phrasen alle heißen, läuft auf kaum mehr als eine Farce hinaus. Der Bauer, der in die Stadt pilgert, um seinen Stimmzettel für Kommerzienrat Morgenstern oder Baron Pumpernickel abzugeben, kommt sich unendlich wichtig vor und glaubt sich fortan zu allerhand Ansprüchen berechtigt; den Aufbau des deutschen Staates zu überblicken, ist er unfähig; er weiß nicht, was im Innern nottut, viel weniger noch, was eine weise Politik nach außen erheischt; seine Stimme wurde durch bestimmte Versprechungen gewonnen, die sich auf seinen beschränkten Interessenkreis — vielleicht die billigere Beschaffung künstlichen Düngers — bezogen, und die weder dem Baron noch dem Kommerzienrat etwas kosteten; nun hält er sein do ut des in der Hand und wird unverschämt oder schreit über Betrug. Es ist ebenso unmoralisch wie unvernünftig, einem Menschen Rechte zu geben ohne damit verwachsene Pflichten, noch dazu Rechte, die er selber gar nicht versteht. Edmond About schildert irgendwo den Franzosen, der sich früh, wenn er sich beim Rasieren im Spiegel erblickt, stolz zuraunt: „Da steht der siebenundzwanzigmillionste Teil des allmächtigen Beherrschers Frankreichs!“ Du Armer, wirft About ein, beachtest Du denn nicht, daß Du zugleich einen ganzen Sklaven der tyrannischen Majorität erblickst? Das ist, was bei

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der Wahlzettelherrlichkeit herauskommt: Arroganz gepaart mit Servilität. Ein anderes wäre es, wenn es gelänge, wie bei der Armee, so auch für die Obliegenheiten der Regierung das ganze Volk einzustellen. Schuldet der Mann in der Jugend einen angemessenen Teil seiner Kräfte dem Heeresdienst, so könnte er im reiferen Alter zum Staatsdienst verpflichtet sein — ein jeder nach Maßgabe seiner Bildung und Befähigung. Die Art der Ausführung wird sich schon finden, wenn erst der Grundsatz feststeht. Nirgends ist der Bürger so viel und mit so gutem Erfolg an Gerichtsbarkeit und Verwaltung heute beteiligt wie in Deutschland; auch in den Genossenschaften und Gewerkschaften soll sich vielerorten die angeborene Gabe zu organisieren bewährt haben; man folge dieser verheißungsvollen Spur. Ich verweise analogisch auf die anerkanntermaßen ganz besonders vorzüglichen Leistungen der Reserveoffiziere in diesem Kriege, wie überhaupt auf die vortrefflichen militärischen Eigenschaften der Ersatzreservisten und des ungedienten Landsturms: wir ersehen daraus, daß der Mensch mit den an ihn gestellten Forderungen wächst. Wenn Hunderttausende von Männern aus allen Lebenslagen sich nach kurzer Vorbereitung zu dem schwierigen, verantwortlichen, gefahrdrohenden Militärdienst geeignet fanden, wie sollten sie sich nicht fähig erweisen, dem Staate Dienste zu leisten? Zugleich wäre es ein Segen, auf diese Weise die Zahl der beruflichen Staatsbeamten — eine in allen niederen Chargen unbefriedigende, anregungslose Laufbahn — auf ein Mindestmaß zurückzuführen. Jeder von uns sollte   z u e r s t   Staatspflichten zu leisten haben; ist er auf diese Weise in lebendige Berührung mit dem uns alle erhaltenden Organismus getreten und hat sich an seiner Stelle bewährt, dann erst erhielte er politische   R e c h t e.   Wer keine

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praktische Aufgabe im Dienste des Staates zu leisten vermag — sei er reich oder arm, adlig oder nicht, gleichviel — erhielte gar kein Recht auf Beteiligung an den Staatsgeschäften, auch keinen irgendwie gearteten Stimmzettel. Weder Aristokratie noch Demokratie: praktische Bewährung in einem Staate, dessen kunstvoller Organismus sich in Millionen von Äderchen überallhin erstreckt unter verpflichtender Mitwirkung aller erwachsenen, unbescholtenen, fähigen Männer.
    Hieran knüpft sich unmittelbar ein zweiter Gedanke, der nicht minder revolutionierend — oder sagen wir neugebärend — wirken würde.
    Die Teilung der Arbeit ist eine aus der Beobachtung der Natur gewonnene Vorstellung; hohe Leistungen werden nur durch sie erreicht. Seit lange wird dieser Grundsatz auch in der   T h e o r i e   des Staates vorgetragen; wir hören Wunder von der „Teilung oder Trennung der Gewalten“. Namentlich Montesquieu hat diese Idee in weiteste Kreise der Gebildeten hineingetragen, da er in dem England seiner Zeit (erste Hälfte des 18. Jahrhunderts) die ideale „Dreiteilung“ zu erblicken glaubte und sie an diesem Beispiel beredt schilderte: puissance législative, puissance exécutrice, puissance de juger, die gesetzgebende Gewalt, die ausführende Gewalt, die richtende Gewalt. Das Parlament erläßt die Gesetze, das Ministerium führt sie aus, der König ernennt die unabsetzbaren Richter, die in seinem Namen Recht sprechen: so stellte Montesquieu sich die Sache vor. Soviel mir bekannt, wird diese Theorie der Trennung der Gewalten von allen Rechtslehrern gerühmt; in der Wirklichkeit besteht sie aber nirgends. Der geniale Seeley hat schon vor dreißig Jahren gezeigt, wie wenig der englische Staat Montesquieu's

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Idealisierung entspricht. Eine verschwindend geringe Zahl der Gesetze entsprießt der Initiative des Parlaments; fast alle sind das Werk des Ministeriums — der angeblichen „Exekutivgewalt“ — dessen Haupttätigkeit gerade das Ausarbeiten von neuen und das Ausbessern von alten Gesetzen ist. Zwar muß jedes Gesetz vom Parlament durchgelassen werden, ehe es Gesetzeskraft gewinnt; doch, wenn man von vereinzelten, die Leidenschaften und Interessen aufwühlenden Gesetzen absieht, die dann allerdings oft jahrelang die Volksvertretung beschäftigen und gar oft verstümmelt und entstellt und der erhofften Wirkung beraubt endlich zur Annahme gelangen, so bringt das Parlament der eigentlich gesetzgeberischen Tätigkeit so wenig Interesse entgegen, daß die Minister mit Mühe und Not das Allerunentbehrlichste durchsetzen (vergl. auch S. 83). Das wahre Leben des Parlaments befaßt sich nur mit zwei Dingen: den politischen Interessen der Partei, sei es die Regierung zu stürzen oder die Regierung zu halten, und den Geldbewilligungen. Gerade in die ausführende Gewalt mischt sich die Volksvertretung ununterbrochen ein. Und kann man wirklich die Geldbewilligungen als ein „gesetzgebendes Amt“ bezeichnen? Staatsrechtslehrer verneinen diese Frage. Einzig die ausführende Gewalt übersieht die gesamte Lage und kann beurteilen, welche Ausgaben nötig und wie sie zu decken sind: übernimmt die Volksvertretung hierüber die Entscheidung, so maßt sie sich die eigentliche Exekutivgewalt an und zerstört hierdurch das dem Staate förderliche Gleichgewicht. In Wirklichkeit verhalten im heutigen England die Dinge sich so, daß die gesetzgebende Gewalt, die ausführende Gewalt und die Ernennung der Richter in den selben Händen liegen, nämlich in denen des Ministeriums; ihm gegenüber steht eine Versammlung, deren je-

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weilige Mehrheit von der Gnade des Ministeriums alle guten Dinge empfängt, deren Minderzahl aber allem und jedem widerstrebt — gleichviel ob es vernünftig und nötig ist, oder nicht — in der Hoffnung, die öffentliche Meinung nach und nach gegen die Machthabenden aufzuwiegeln und so selber die Mehrheit zu gewinnen und mit ihr den Genuß einer fast unbeschränkten Macht. Und, nota bene, in besonders interessanten Fällen — interessant vom Standpunkt des politischen Hexenkessels aus — behält sich das Ministerium und das ihm gehorsame Parlament auch die richterliche Untersuchung und Entscheidung vor, wie kürzlich wieder bei den sauberen Anzettelungen der Marconigesellschaft, bei denen Minister, welche anrüchige Börsenverwandtschaften besaßen, ihr geheimes Wissen von beabsichtigten Verträgen zwischen der Regierung und der Gesellschaft benutzten, um — mit Zuhilfenahme der entsprechenden Verbreitung falscher Nachrichten — für sich und ihre Freunde glänzende „Differenzgeschäfte“ zu machen; über solche Dinge urteilt eine eigens zusammengesetzte „parlamentarische Kommission“ ab, maßt sich also auch die „richtende Gewalt“ an, und zwar mit der kaum verhehlten Absicht, die guten Freunde reinzuwaschen und die Gegner anzuschwärzen — kurz, ungerecht zu richten. Wie fern liegt das Alles von Montesquieu's Ideal!
    Ich glaube nun, der deutsche Zukunftsstaat wird die von den Theoretikern geforderte — wissenschaftlich als notwendig erkannte — Trennung der Gewalten gründlich durchführen mit dem Erfolg, daß zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit die eigentliche Gesetzgebung so vollkommen wie möglich aus der Politik losgelöst sein wird — aus allem, meine ich, was wir sonst unter Politik verstehen und als Jagd nach Macht kurz zusammenfassen können. Was auf der

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Welt erfordert mehr Besonnenheit, mehr Unparteilichkeit, mehr Weisheit, mehr Gefühl heiliger Verantwortlichkeit als das Ausarbeiten von Gesetzen im Auftrag des Staates? Anstelle einer allgemeinen, alles unter sich befassenden Volksvertretung, die für Alles und Nichts da ist und das Leben der Nation mit der unerfreulichen Sippschaft der Berufspolitiker belastet und belästigt, denke ich mir eine weitverzweigte Organisation, die — wie das im naturgestalteten Leben überall geschieht — sich jedem auftretenden Falle elastisch anpaßt, um aus dem ganzen Lande die Bedürfnisse, Wünsche, Urteile der von dem Gesetz unmittelbar und mittelbar Betroffenen in Erfahrung zu bringen, zu sammeln und zu sichten, bis eine wirklich sachgemäße Einsicht gewonnen ist, welche dann wiederum von dazu besonders befähigten Männern aus dem Gesichtspunkt der allgemeinen Lebensbedürfnisse des ganzen Staates geprüft werden muß. Die letzte Instanz bildet der Bundesrat. Unter unsern heutigen Verhältnissen ist ein solches Verfahren ausgeschlossen: die Wahlen zu der sogenannten Volksvertretung finden von Parteistandpunkten aus statt; Politiker, nicht fachkundige Gesetzesbedürftige sitzen zu Rate; gleich beginnt der Schacher zwischen den Parteien, und von Kompromiß zu Kompromiß erlangen die Gesetze eine zufällige Gestalt; Alles das gerade Gegenteil von „planvoll“ und von „wissenschaftlich organisch“. Besteht jedoch erst jene allgemeine praktische Beteiligung am Staatsleben, die vorhin genannt wurde, so wird sich auch ein Auffangen und Durchsieben aller Tatsachen, Verhältnisse, Bezüge bewirken lassen — abseits von jeder Politik, so daß zuletzt ein völlig sachliches, objektives Bild der Erfordernisse gewonnen wird, was dann von der kleinst möglichen Zahl fähigster Sachkenner, unter Mitwirkung der betreffenden ausführenden Zentralstellen, zu dem

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geforderten Gesetz kunstvoll ausgearbeitet wird. Diese letzte beratende Körperschaft denke ich mir nicht als Einen Reichstag, sondern als einen jedesmal ad hoc gebildeten Ausschuß, der in gleicher Zusammensetzung nicht zwei Mal vorkommt, da für jede besondere Angelegenheit die sachlich kompetentesten Leute ohne alle Berücksichtigung der sonstigen Ansichten oder der Lebensstellung ausgesucht werden, und außerdem zu diesen zeitraubenden Staatsgeschäften jeder nur nach einer bestimmten Reihenfolge verpflichtet ist. „Politik“ im heutigen Sinne soll es im neuen Deutschland nicht geben; an ihre Stelle tritt Staatskunst. Und da wird man gut tun, den genialen Vorschlag Napoleon's wieder aufzunehmen und alle Beratungen unter Ausschluß der Öffentlichkeit zu führen — wie das übrigens schon heute beim Bundesrat statthat. An Gelegenheit, sich öffentlich zu äußern, fehlt es heute nicht; keinem ist verwehrt, seine Ansichten öffentlich kundzugeben; daß aber die Parlamentsreden fast alle zum Fenster hinaus gehalten werden und etwas anderes bezwecken als die Förderung des vorliegenden Geschäfts, das gehört zu dem politischen Lügengewebe, das uns umspinnt und das zerrissen werden muß; außerdem ist es empörend zweckwidrig, der Beredsamkeit bei der Beschlußfassung über staatliche Fragen Einfluß zuzugestehen. Auch unsere Zeitungsberichte über die Debatten bilden ein fressendes Übel, denn in ihrer schamlosen Verdrehung der Wahrheit sind sie nur dazu angetan, die Leidenschaften aufzupeitschen und das Urteilsvermögen herabzusetzen. Sobald dagegen auserwählte sachkundige Vertrauensmänner in aller Ungestörtheit beratschlagen, wird das Beste in kurzer Zeit und in vollkommener Form geleistet werden, zum Wohl der inzwischen ihren eigenen Angelegenheiten nachgehenden Bürger.

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    Unterdessen wird die aus wenigen Fachbeamten und zahlreichen Bürgern bestehende „ausführende Gewalt“ auf allen Stufen ihrer Wirksamkeit schnell, fachkundig, energisch und still ihres Amtes walten. Wie vorhin schon kurz angedeutet, hier ist in Deutschland während der letzten vierzig Jahre viel vorgearbeitet worden; das erste Gerüst steht schon fertig da. Gerade während ich diese letzten Abschnitte schreibe, führt mir ein günstiges Geschick ein Werk in die Hände — „Deutschland und der Weltkrieg“ (herausgegeben von Hintze, Meinecke usw. bei Teubner 1915) — das, aus sehr verschiedenartigen Teilen zusammengesetzt, eine hinfürder unentbehrliche Sammlung gut gesichteter Tatsachen bietet und einige köstliche Abschnitte enthält; zu den besten gehört die Abhandlung von Stadtrat Dr. Hans Luther: „Das deutsche Staatsbürgertum und seine Leistungen in der Selbstverwaltung“; jedem meiner Leser empfehle ich dringend, sie zu studieren. „In keinem andern Lande“, schreibt Dr. Luther, „sind die Zwischenbildungen zwischen Staat und Einzelnem mit so viel Rechten und so viel tatsächlichem Einfluß auf das öffentliche Leben ausgestaltet wie im Deutschen Reiche.“ Von besonderem Interesse ist die Beobachtung, daß innerhalb der vielen freien Verwaltungskörper die sonst alles beherrschenden politischen Gesichtspunkte meistens wegfallen. Von den Verwaltungsdeputationen, „die genialste Einrichtung der deutschen städtischen Verfassungen“, weiß ich aus der Erfahrung eigener Berliner Freunde, daß Konservative und Sozialisten in vollkommener Eintracht die Erledigung ihrer Aufgaben betreiben, daher auch sehr schnell und stets sachlich richtig ihre Entschließungen treffen. Man braucht nur diese echt deutsche, an uralte Überlieferungen anknüpfende Anlage zur methodischen Organisation weiterhin ins Große auszubauen, und die hier

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von Luther geschilderte „Selbstverwaltung“ wird das ganze Reich umfassen — das Reich eines Volkes, würdig wahrer Freiheit.
    Auch die „richtende Gewalt“ hat in Deutschland bereits den rechten Weg betreten, wenn auch noch viel zu tun übrig bleibt.
    Paul de Lagarde, den wir als das ergänzende politische Genie zu Bismarck zu verehren haben — denn wie der eine der Gegenwart, so wies der andere der Zukunft die Wege —‚ sagt einmal: „Ein Volk ist nur frei, wenn es aus lauter Herren besteht .... aus Herren bis in die untersten Schichten der Nation hinab.“ Bei diesem zögernden Versuche, die zukünftige Gestaltung des Staates zu erraten, schwebt mir Lagarde's Gedanke vor. In dem deutschen Volksheer ist jeder Soldat des anderen Kamerad, der jüngst Eingereihte der des obersten Kriegsherrn; das Gefüge bildet   e i n e   Familie; was Alle gleichmacht, ist die Verpflichtung bis zum Tode und der dem gleichen Ziele gewidmete Dienst. In der heutigen Gestaltung des staatlichen Lebens kann eine solche Verbrüderung nicht aufkommen: die durch Glücksgüter und Familiengeschichte unterschiedenen Schichten stehen sich fremd, manchmal feindlich gegenüber, die Anhänger der verschiedenen politischen Parteien befehden sich maßlos, die Bekenner verschiedener christlicher Glaubenssätze hegen oft gegen einander bittere Gefühle. Ich glaube, die beiden angedeuteten Bewegungsrichtungen: die eine nach immer allgemeiner werdender Beteiligung am Staatsleben, die andere nach Ausschaltung der Politik zugunsten des wissenschaftlich Planvollen, werden zu der kameradschaftlichen Einigung viel beitragen. In einem durch und durch organisierten Staate wird es für Verschwörer und Intriganten keinen Platz geben;

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auch wird unbarmherzige Strenge gegen etwaige Störer des Staatsfriedens keinem Widerstand begegnen, wo alle tüchtigen Männer am Staatswesen selber beteiligt sind. Heute ist für Viele — vielleicht für die Meisten — der Staat eine Art gegnerische, zum wenigsten eine fremde Macht, der man sich offen oder verborgen widersetzt, und auf die zu schelten man keine Gelegenheit vorübergehen läßt; auch im Beamten spiegelt sich nur zu oft diese Entfremdung wider durch Hochfahrenheit, Barschheit, bisweilen sogar Animosität. Bis in diese Kleinigkeiten hinab entdeckt das beobachtende Auge Zeugnisse für die Unnatürlichkeit unserer staatlichen Verhältnisse: wir schleppen eben jahrtausend alte Formeln und Formen mit uns, wobei uns unmöglich wohl werden kann. So wenig ich es mit meinen schwachen Augen vermag, die Gestaltung des kommenden Staates zu erblicken, so deutlich erblicke ich die Verachtung, mit der unsere Enkel auf uns zurückschauen werden, als auf unbeholfene Narren. Der Staat, in dem Jeder seine bestimmten, geregelten Pflichten hat — nicht Dinge zu beschwatzen und zu beurteilen und Mehrheitsbeschlüssen zu unterwerfen, sondern nach Vorschrift zu erledigen, und, wenn überragende Befähigung sich praktisch erhärtet hat, mit Einsicht zu vervollkommnen —‚ dieser Staat wird nicht als Fremdkörper empfunden werden. Man schaue sich um in der Literatur vergangener Jahrhunderte, mit welchen Gefühlen das Söldnerheer betrachtet wurde; heute ist das Volksheer jedes tüchtigen Mannes Stolz und Freude. In Scharnhorst's Entwurf lautet der erste Absatz: „Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben“; und der neue Grundsatz wird sofort aufgestellt: „Im Frieden gewähren nur Kenntnisse und Bildung, im Kriege nur ausgezeichnete Tapferkeit und Umsicht

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einen Anspruch auf die Offiziersstellen“. Den Idioten, die über deutschen Militarismus wehklagen, ist zu erwidern, daß dieser Begriff gerade in Deutschland keinen Sinn mehr besitzt; in dem Heere steht das erste große Stück des neuen Staates da, das Bollwerk für deutsche Freiheit — nämlich dafür, daß Deutschland „frei“ sein wird, sein Ideal eines Kulturstaates inmitten einer feindlichen, der Unkultur verfallenen Welt zu errichten. Ohne Armee, ohne diesen großartigen Bund der heilig ernsten Kameradschaft, der fraglosen Unterordnung Aller, unbekümmert um Stand wie um politisches und kirchliches Bekenntnis, wäre schon heute alles verloren. Dieses Heeres ist der Staat in seiner jetzigen Verfassung nicht würdig; unharmonisch stehen Heer und Staat neben einander. Die unvergleichlich größere Leistungsfähigkeit der Heeresverwaltung, auch in Fragen des bürgerlichen Lebens, hat während des gegenwärtigen Krieges allgemein großen Eindruck gemacht und Vielen die Augen geöffnet; häufig hörte man den Ausruf: „Ach, wenn's nur auch nach dem Kriege so bleiben könnte! Warum sollte nicht über Niedertracht und Wucher dauernd der Belagerungszustand verhängt werden?“ Wir erblickten hier die im vorigen Abschnitt genannte „Vereinfachung“ am Werke und empfanden sie als einen Segen, der — weiter ausgebaut — das Leben der Nation von einer ungeheueren Last, sowie von aufreibender chronischer Erregung befreien würde. Es war, als schaute man — blitzweise — aus Nacht und Chaos und labyrinthischer Pfadlosigkeit in vernünftige Möglichkeiten.
    Goethe sagt einmal, was wir Menschen Freiheit nennen, ist nichts anderes als „verworrene Willkür“; er hat recht; wir aber sagen mit Kant: „Es gibt ein Reich, was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann“;

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da wird statt Verworrenheit Klarheit, statt Willkür Plan herrschen: die Brüderlichkeit wird der schon bestehenden Kameradschaft des Volksheeres gleichen, wo Keiner den Andern im Stiche läßt, die Gleichheit wird in der strengen Angemessenheit der Rechte zu den tatsächlich erfüllten Pflichten — also in der gleichen Belastung der beiden Wagschalen — bestehen, die Freiheit wird den inneren Gehalt und Genuß — das Unbegrenzte — des äußerlich harmonisch streng zu allgemeinen Zwecken geleiteten, also weise begrenzten Lebens ausmachen.

Bayreuth, 31. Juli 1915.

 
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Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 22 April 2004.