Here under follows the transcription of Politische Ideale (Political Ideals), published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1915: Houston Stewart Chamberlain's ideas for a future German state. He mentioned this book in his letter to Adolf Hitler, but it is unknown if Hitler understood the hint and has actually read it. He must have had time enough while in jail, and it might have been the subject of the letters — lost at the end of WW2 — he wrote to H. S. Chamberlain.

Synopsis: All democracy will eventually lead to demagogy. Germany doesn't need French revolutionary ideals or Anglo-Saxon parliamentarism, and political power should be denied to all un-German elements. The Reichstag should be dissolved, for the people's representatives base their decisions on pre-defined party programs, instead of on the needs of the moment. Political decisions should be based on the advises of expert-committees, which are composed on grounds of proven merits. The monarch, no longer a puppet for ceremonial purposes, has the last word. The political ideals of the writer are eventually those of Immanuel Kant, „The greatest 'overthrower' of all times, the man, destined to show Germany the way to a new state“ (p. 95).

It took the German censor a whole month to decide whether this could be published or not...

Notes with asterisks *), **) etc. are made by me, enumerated notes ¹), ²) etc. are original, made by Chamberlain.

Hieronder volgt de transcriptie van Politische Ideale, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1915: Houston Stewart Chamberlain's ideeën voor een toekomstige Duitse staat. Hij vermeldde dit boek in zijn brief aan Adolf Hitler, maar het is onbekend of Hitler de wenk begreep en het daadwerkelijk gelezen heeft. Hij moet er tijd genoeg voor gehad hebben, in de gevangenis, en misschien is het het onderwerp geweest van de brieven — zoekgeraakt aan het einde van WO2 — die hij schreef aan H. S. Chamberlain.

Samenvatting: Alle democratie leidt uiteindelijk tot platte demagogie. Het moet afgelopen zijn met Franse revolutie-idealen of Angelsaksisch parlamentarisme, en alle on-duitse elementen moet regeerbevoegdheid ontzegd worden. De Reichstag moet worden ontbonden, daar de volksvertegenwoordigers hun beslissingen baseren op een van te voren vastgelegd partijprogram, in plaats van op de noden van het moment. Regeringsbeslissingen moeten worden gebaseerd op de adviezen van commissies van terzakekundigen, die samengesteld worden op basis van bewezen verdiensten. De monarch, niet langer een marionet voor ceremoniële doeleinden, heeft uiteindelijk het laatste woord. De staatsidealen van de schrijver zijn die van Immanuel Kant, „de grootste 'omverwerper' aller tijden, de man, voorbestemd Duitsland de weg naar een nieuwe staat te wijzen“ (p. 95).

De Duitse censor had een volle maand nodig om te beslissen of dit uitgegeven mocht worden...

Noten met asterisken *), **) etc. zijn van mij, de genummerde ¹), ²) etc. zijn de originele, gemaakt door Chamberlain.
 
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Politische Ideale


 
Houston Stewart Chamberlain

Politische Ideale


„Vergangenheit sei hinter uns getan!“
(Goethe.)
Bruckmann Logo
 

F. Bruckmann A.-G., München 1915

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1915 by F. Bruckmann A.-G., München
(Ohne diesen Vermerk ist geistiges Eigentum in
den Vereinigten Staaten von Amerika vogelfrei.)
 

Umschlagzeichnung von Paul Renner
Druck von F. Bruckmann A.G., München

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Einem preußischen Edelmann
dem erben eines historischen Namens
ehrerbietig gewidmet

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Gliederung



Seite
I. Der Mensch „als Natur“ 9
II. Die Verneinung 26
III. Der Staat 43
IV. Wissenschaftliche Organisation 67
V. Richtlinien 90

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9 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

I.
Im Dunkeln drängt das Künft'ge sich heran;
Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht
Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.
(Goethe.)

    Politik vom Standpunkt des engeren Horizonts aus betrachtet ist grundverschieden von der Politik, die den weiteren Horizont umfaßt: für die erstere ist der Staatsmann, der General, die diplomatische Überlistung oder der siegreiche Krieg entscheidend, und strebsame Knaben und Mädchen tun wohl daran, sich Listen von Königen und Päpsten mit Geburts- und Todesjahren ins widerstrebende Gehirn einzuprägen; in der zweiten macht nicht der Staatsmann Politik, vielmehr macht sich die Politik „von selbst“, das heißt, ohne Bewußtsein, daß sie Politik ist, ohne Schlachten und Verträge und Siegel, ohne daß man auf das „Wer“ und das „Wo“ und das „Wann“ den Finger legen und lehren könnte: „Siehe, der da war es, und dort geschah es, und an jenem Tage ward es vollbracht.“ Ein Gedanke Kant's genügt, um das Verhältnis taghell zu erleuchten: er unterscheidet zwischen „Mensch als Natur“ und „Mensch als Freiheit“: da haben wir die zwei Horizonte, und sowohl Politiker als Historiker täten wohl daran, beim Sinnen und beim Reden stets zwischen beiden zu unterscheiden.
    Der Mensch „als Natur“ ist der Mensch, insofern er einem unermeßlichen Ganzen der Natur angehört; der Mensch, „als Freiheit“ ist der selbe Mensch als vereinzelte Persönlichkeit betrachtet; wir alle gehören beiden an. Der Mensch „als Natur“ kennt seine eigene Bedeutung nicht, er weiß weder,

10 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

woher er kommt noch wohin er geht, er wähnt, aus eigener Machtbefugnis zielbewußt zu handeln, und ist in Wirklichkeit ein Diener der von der Natur ihm so wie Millionen Anderer auferlegten Notwendigkeit; so vollbringt er Taten in Gemeinschaft mit Menschen, die er nicht kennt, mit vergangenen und künftigen Geschlechtern, Taten, deren Tragweite zu ermessen die Gegenwart unfähig ist und die ihm selber darum nur dunkel halbbewußt bleibt. Jüngeren Leuten mag es schwer fallen, sich in diesen Zusammenhang hineinzufinden, denn ihr Alter ist das der Selbstherrlichkeit; ältere Männer wissen aus der Erfahrung ihres eigenen Lebens, wie häufig sie erst nach Jahren entdeckten, welchen Weg sie unbewußt geführt worden waren. Der Mensch „als Freiheit“ ist das uns allen geläufige „Zoon politicon“ des Aristoteles; ihm gehört die Willkür, der Ehrgeiz, das Verbrechen, die Großmut, die Klugheit, namentlich aber die unberechenbare suggestive Gewalt der großen Persönlichkeit an; sein Werk sind die Konventionen, die Vereinbarung von Verträgen, das Erlassen von Gesetzen, die geschriebene Staatsverfassung, die Kriegserklärung und der Friedenskongreß, kurz, alles was die laufende Politik ausmacht und worüber Geschichte berichtet. Der Mensch „als Natur“ reicht tiefer hinab und höher hinauf: er wirkt mit Notwendigkeit, wie jede Naturkraft; was der Eine nicht leistet, leistet der Andere, denn der Einzelne dient hier, er befehligt nicht; ein Alexander und ein Richelieu haben dieser Macht gegenüber nicht viel mehr als der erste beste Steinklopfer zu bedeuten; sie fegt Alles vor sich hin, zerstört oder baut auf; und erst   a n   ihrem Werke betätigt sich der Mensch „als Freiheit“. Hierher gehört — um nur ein Beispiel zu nennen — die ganze Art, ein Land zu kultivieren: was angebaut und in welcher Weise es bestellt wird; hier schöpfen

11 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

Staaten die Möglichkeit zu Wachstum auf allen Gebieten, hier werden sie tödlich getroffen, bis sie von der Weltkarte entschwinden; wäre z. B. nicht im Laufe der letzten vierzig Jahre — abseits von dem Wirrwarr der vernunftlosen politischen Zänkereien — die Ertragsfähigkeit des deutschen Bodens im Verhältnis zu derjenigen aller anderen Länder gewaltig gestiegen, so wäre das Deutsche Reich nicht im Stande, sich jetzt während des Weltkrieges aus eigenen Erzeugnissen zu ernähren ¹).
    Doch, dieses Beispiel fällt mir im rechten Augenblick ein; verweilen wir hier! Wir werden Weite, Tiefe und Klarheit gewinnen.
    Die größte Umwälzung in dem Leben des Menschen auf Erden muß fraglos durch die Einführung des Kornbaues veranlaßt worden sein. Die Idee, Korn anzubauen, zeugt von tausendmal mehr Genie, erfordert tausendmal mehr unbegreifliche Schöpferkraft der Phantasie und birgt in sich für die Geschichte des Menschengeistes tausendmal mehr Bedeutung als irgend eine der gerühmten Erfindungen und Entdeckungen unserer Tage. Freilich, es erfährt weder Kind noch Erwachsener jemals etwas davon; wir nehmen das Korn hin, wie wir die Sonne hinnehmen, als Naturgegebenheit; und doch ist es Menschenerfindung, und zwar „Kollektiverfindung“, zweifellos von genialen Einzelnen gefördert, doch unmöglich ohne die wunderbar ahnungsvolle Mitwirkung ganzer Geschlechter. Es ist ein Werk des Menschen „als Natur“, und zwar ein hervorragend „politisches“ Werk (im
—————
    ¹) Man vergl. Helfferich: „Deutschlands Volkswohlstand“, 5. Aufl., S. 54, und Eulenburg: „Das Geld im Kriege“, S. 50. So trägt z. B. heute das Hektar Weizen in Deutschland fast doppelt soviel wie in Frankreich, anderthalbmal soviel wie in Österreich, viermal soviel wie in Rußland.

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Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“


weiteren Sinne des Wortes), denn nichts hat auf die Lebensbedingungen der Völker und Nationen tiefer und umgestaltender eingewirkt. Diese Idee muß schon Jahrtausende vor den ältesten uns erhaltenen Zeugnissen menschlicher Kultur erfaßt und dann andauernd von Tausenden in aufeinanderfolgenden Generationen beharrlich gepflegt worden sein; denn auf der ganzen Erde trägt kein wildwachsendes Gras diesen reichen Früchtesegen: vielmehr mußte er erst gezüchtet werden; und die langsame Entwickelung zu immer ertragreicheren Formen seit den Pfahlbauten und den frühesten ägyptischen Zeugnissen bis zum heutigen Tage beweist, daß jene relative Ertragssteigerung, die mir dort schon vorfinden, ebenfalls Jahrtausende erfordert haben mußte. Wie oft mögen Krieg, Wanderung, elementare Katastrophen die noch schwankenden Anfänge zerstört haben! Aber der Mensch „als Natur“ fing immer wieder von vorn an; die leidige Opportunitätspolitik jener frühen Tage — vermutlich ebenso verworren und frevelhaft willkürlich und diabolisch eigensüchtig wie die gestrige und heutige — konnte sein großes Kulturwerk verlangsamen und zeitweise unterbinden, nicht aber vermochte sie das Gottgewollte, das für das Dasein kommender Geschlechter Unentbehrliche zu vernichten: die Politik des Kornbauers trug schließlich den Sieg davon und segnete alle Zeiten bis herab zu unserer ernsten Gegenwart mit ihren urvernünftigen Brotkarten, wogegen die Chronik der Könige und Kanzler jener entscheidungsvollen Vergangenheit gottlob von der Nacht verschlungen ist und unser geplagtes Gedächtnis nicht mit weiteren nichtigen Namen und Jahreszahlen belastet. Ähnlich verhält es sich mit Allem, was uns Nahrung und Arbeitskraft schenkt. Wer einige prähistorische Bücher zur Hand nimmt, darauf etwa Alphonse Decandolle's

13 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

„Origine des plantes cultivées“, Viktor Hehn's „Kulturpflanzen und Haustiere“, Darwin's „Animals and Plants“, Keller's „Ursprung unserer Haustiere“, Heinrich Schurtzens „Urgeschichte der Kultur“, wird staunen, welche Welt des Unbekannten sich vor ihm auftut. Kühe, die tausendmal mehr Milch hervorbringen, als ihr Kalb braucht, Hühner, die täglich Eier legen, Schweine, die, anstatt rasch und schlank zu bleiben, ihren Körper zu lauter Fleisch und Fett ausbilden, Pferde, geeignet Wagen zu ziehen und Lasten auf dem Rücken zu tragen — das Alles sind Eroberungen, die der Mensch „als Natur“ seiner Mutter abgerungen hat und dank denen der Mensch des heutigen Tages als Bürger eines grundsätzlich den Frieden zu bewahren suchenden Staates erst möglich wurde. Wir pflegen von Kulturgeschichte im Gegensatz zu politischer Geschichte zu reden; wird aber — wie von Lamprecht und seinen Schülern es geschehen — die Kulturgeschichte in die politische Geschichte einbezogen, so entdecken wir, daß hier die mächtigere, schöpferische Form der Politik am Werke ist, diejenige, welche die andere knetet und formt, ihre geheiligten Traditionen zertrümmert und ihr neue Wege aufzwingt.
    Betrachtet man die Dinge aus das eigentlich Wesentliche hin, so entdeckt man, daß so ziemlich Alles, was dem Leben des Lebens vorarbeitet, was die Bedingungen unseres gesellschaftlichen Daseins schafft und sie dann wieder umschafft — Grundanschauungen, Grundtriebe, Bildungsstoff, wirtschaftliche Beziehungen, Kunstformen, Gedankenrichtungen — hierher stammt. So hat z. B. unsere moderne Technik und Industrie im Laufe von etwa hundert Jahren alles Leben der Nationen revolutioniert, sie vor ganz neue Staatswissenschaftliche Aufgaben gestellt, welche nicht die engere Politik, son-

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dern die weitere des Menschen „als Natur“ geschaffen hat, so daß unsere Staatsbehörden und Politiker nur nachhinken und nachhumpeln, vollkommen unfähig — bisher — die Leitung an sich zu reißen, weil unfähig das Problem in seiner Eigenart zu erfassen. Dieses Emporkommen völlig neuer Lebensbedingungen ist nicht das Werk dieses oder jenes Mannes; nicht der Marburger Professor Papin, nicht die Engländer Watts und Stephenson, nicht die Franzosen Jacquard und Thimonnier, nicht Gauß und Weber und Slaby und tausend Andere sind dessen Urheber, da die Erfindungen dieser Männer ohne den Weckruf großer Denker, welche seit dem 13. Jahrhundert eine neue — der antiken entgegengesetzte — Art der Naturbetrachtung forderten, ohne die Aufrüttelung durch die Weltfahrten des 15. Jahrhunderts, ohne die plötzlich in ganz Europa im 16. Jahrhundert hervorgebrochene Leidenschaft für reine Mathematik, ohne die Reihe der physikalischen Theoretiker und Experimentatoren im 17. und der chemischen im 18. Jahrhundert, überhaupt nicht in das Bereich der Möglichkeit getreten wären. Keiner dieser Forscher und Erfinder hat bei seinen Arbeiten den Einfluß, den sie auf Leben und Denken der Menschen ausüben würden, im Sinne gehabt. Genau so wie bei der weltumwälzenden Idee des Kornanbaues, stehen wir auch hier vor einer Gesamterscheinung, vor einer völlig unbewußt erfolgten Leistung des Menschen „als Natur“. Wurde auch der arme einzelne Mensch „als Freiheit“ für die Gefolgschaft, die er den Geboten des Menschen „als Natur“ leistete, oft genug verhöhnt, verfolgt, gemartert, ermordet, in den Hungertod getrieben — die Gesamterscheinung des Menschen „als Natur“ ging unbeirrt ihren Weg weiter, von keinem König, von keinem Kanzler, von keinem Parlament begünstigt; und eines Tages

15 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

stand eine neue Welt da, welche Millionen von Menschen aus der freien Luft in die Glut der Werkstatt warf, Reiche zu Bettlern, Arme zu Millionären machte, welche Nationalwerte zerstörte und andere aus dem Nichts ins Leben rief, neue Bedürfnisse und damit neue Arbeit, neue Geistesanspornung, neue Wohltat, zugleich aber neuen Ehrgeiz und neuen Neid und neues Elend schuf, welche Eroberungszüge einleitete, gegen die Alexander's geringfügig dünken, ganzen Völkern Ausrottung brachte und zugleich neue Völkerwanderungen über die Ozeane hin ermöglichte, jede Ferne überwand und fast jede traute, stille Nähe — die sonsten von der Wiege bis zum Grab Mensch an Menschen gebunden hatte — auseinandersprengte....
    Auch hier wieder nur ein Beispiel, flüchtig hingeworfen, und mit dem Hauptzweck, den Leser aufmerksam zu machen, wie groß bei diesem Menschen „als Natur“, der die Grundlagen alles staatlichen Lebens und damit das Gerüst schafft, auf welchem Politik sich ergeht, wie groß, sage ich, bei ihm die Macht der Ideen ist. Sie ist durchaus richtunggebend. Mögen wir uns die erste Anpflanzung einer wildgewachsenen Triticum - Art zwecks Gewinnung von Brotsamen noch so primitiv vorstellen, es leitet dieses Unternehmen eine schier unbegreiflich machtvolle Idee, ein wahres Ideal, und man versteht es, wenn die alten Völker den Pflug für ein von Gott aus dem Himmel heruntergereichtes Geschenk hielten! Wie sollte ein Mensch — anstatt die fette Beute zu erlegen oder Wurzeln und Früchte zu verzehren — auf den Einfall geraten, winzige Samen zu züchten — damals ungleich winziger als heute und auf spärlichen Ähren in geringer Zahl — indem er sich der tollkühnen Hoffnung hingibt, auf diese Weise werde er mit der Zeit reichliche, sichere Nahrung ge-

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winnen¹)? Hoch müssen diese Leute über den praktischen Menschen ihrer Zeit gestanden haben; es müssen tief-religiöse Schwärmernaturen gewesen sein, von durchdringendem Verstand und feuriger Glaubensinbrunst. Männer aber wie Roger Bacon und Descartes — um nur zwei Namen herauszugreifen —‚ die unserer neuen, wissenschaftlich und technisch umgewandelten Welt vorarbeiten, indem sie die klassische Ansicht einer menschengemäßen Natur zerstören und neue Wege weisen, sind jenen verwandt: Ideen sind es, die sie leiten, Ideale, die ihnen gebieten, ohne daß sie fähig wären, dasjenige, was sich aus ihnen ergeben wird, und was wir erst heute erblicken, vorauszusagen. Mag auch ein Descartes uns, wenn mir ihn in der Perspektive der Kirche seiner Zeit erblicken, wie ein Skeptiker und Opportunist erscheinen, als Organ des Menschen „als Natur“ gehört er zu den reinen Idealisten und fanatisch Gläubigen. Nicht minder gilt dies aber von Galilei und von Kepler, von Gilbert und von Boyle, von Stahl und von Lavoisier. Und hätten nicht Tausende und Abertausende von den selben Ideen getrieben mitgearbeitet, diese bedeutenderen Einzelnen hätten mit ihren Leistungen keine Umwandlung der Civilisation erreicht. Der Mensch „als Freiheit“ mag ohne Ideale auskommen, dem Menschen „als Natur“ sind sie unentbehrlich, sie sind die Leitsterne auf seinem Weg ins Unbekannte.
    Und noch ein Weiteres sei bemerkt: die Politik des Menschen „als Natur“ baut nicht bloß auf, sie zerstört das Aufgebaute und wandelt blühende Länder in Wüsteneien um. Auch dieses bewirken die Ideale. Man sehe, was die Tur-
—————
    ¹) Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke ich, daß mir, namentlich aus den Arbeiten Eduard Hahn's, bekannt ist, daß der Garten dem Acker vorangegangen sein muß; doch verliert das Beispiel dadurch nicht an Leuchtkraft.

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Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“


komenen aus dem Euphratgebiete — der ältesten und reichsten Kornkammer der Welt — gemacht haben! Man schaue auf die kahlen Berge Italiens: bis ganz oben an die Gipfel ziehen sich die Spuren früherer Kulturen; die Apenninen müssen einen einzigen herrlichen Gartenhain dem Blicke geboten haben; jetzt starrt der nackte Fels heraus, oder es deckt ihn ein abbröckelnder Erdboden, auf dem nur wenige Strohhalme stehen, mageren Zicklein zur notdürftigen Lebensfristung. Hier wirken die sozialen Ideen, die religiösen Ideen, die ganze Auffassung der Welt mächtig mit: Italien, früher von tüchtigen Stämmen aus nordeuropäischer Verwandtschaft bevölkert, ist nach und nach die Beute der freigelassenen Sklaven aus Asien und Afrika geworden, Menschen ohne Glauben, ohne Treue, ohne Kraft. Wen eine Höhenfußwanderung vom Kanton Bern in den Kanton Wallis hinüberführt, der tritt plötzlich — ohne Grenzsteine bemerkt zu haben — von tüchtig gehaltenen Wegen auf halsbrecherisch vernachlässigte Pfade, von peinlichster Sauberkeit selbst abgelegener Kuhalpen in starrenden Schmutz, von Gesundheit und Frohmut zu Schwachsinnigen und Krüppeln, von schöner Volksbildung zu krasser Unwissenheit: die Staatsverfassung ist auf beiden Seiten der Wasserscheide genau die gleiche, es handelt sich um zwei Glieder der selben Eidgenossenschaft; die Politik des Menschen „als Natur“ ist eine andere; und zwar ist sie nicht bloß aus Rasse und Religion eine andere, sondern eine andere, weil sie im Walls — obwohl die Bewohner ursprünglich und auch jetzt noch zum Teil der deutschen Sprachgemeinschaft angehören — dem gallischen einfluß unterlegen ist, wogegen der protestantische Berner, ebenso wie sein katholischer Nachbar der Urkantone, sein deutsches Wesen rein- und hochhält.

18 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

    Nun erst sind wir dort angekommen, wo ich hin wollte. Denn einerseits sehen wir, daß die Ideale des Menschen „als Natur“ von unberechenbarem und oft verhängnisvollem Einfluß auf das Leben des Staates sind, andererseits wird die Frage in uns wach, warum es nicht gelingen sollte, diese Kräfte des Menschen „als Natur“, diese mächtigen, unüberwindlichen Kräfte ebenso wissenschaftlich klar zu erkennen, wie wir die anderen Kräfte der Natur — und sei es auch nur durch symbolische Annäherungsversuche — erkennen gelernt haben, mit dem Erfolg, daß es dann, wie bei diesen, gelingen müßte, „Natur“ in einem gewissen Sinn und Maß zu bändigen, zu leiten und auf diesem Wege zu Leistungen heranzuführen, von denen die Menschheit — bisher stets von blödsichtiger Augenblicks- und Interessenpolitik hin- und hergeworfen — nicht das Geringste weiß noch ahnt? Damit hätten wir dann eine höhere Politik eingeleitet, ja, ein durchaus neues Ideal politischer Wirksamkeit aufgestellt. Ich glaube, dieses neue Ideal tut uns dringend Not, und selbst auf die Gefahr hin, für konfuse Schwärmer gehalten und ebenso verhöhnt zu werden, wie die ersten Kornbauern, sollten wir ohne Zögern es aus den Nebeln der Zukunft zu erfassen und in die Gegenwart überzuführen suchen.
    Wir wollen nicht dumm-stolz sein; wir wollen uns namentlich nicht einbilden, Eisenbahn, Telegraphie, Luftschiffe, Riesendampfer, Kraftwagen, Anilinfarben usw. usw. bedeuteten an und für sich in irgend einem Sinne des Wortes für das Menschengeschlecht einen „Fortschritt“; vermehrte Mittel erfordern erweiterte Seelenkraft, sonst schrumpft der Mensch zum Sklaven seiner eigenen Maschinen zusammen:
Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.
19 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

An der verruchten Welt der List, der Lüge, der Grausamkeit, des unbedingt Gemeinen und Niederträchtigen, vor keinem Verbrechen Zurückschreckenden, die als Begleiterscheinung dieses Krieges offenkundig ward, muß selbst der Blinde erkennen lernen, wohin die Fahrt geht mit all den gepriesenen Errungenschaften der Neuzeit. „Was hülfe es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?“ Vom weitesten weltgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet, finde ich eine gewisse Analogie zwischen unserer heutigen Lage und der jener tastenden, suchenden Urackerbauer. Ich sage Analogie, nicht Ähnlichkeit; denn es ist eine genau umgekehrte Lage: dort knechtete der harte Kampf uns nackte Dasein den Geist, es fehlten der Seele die Werkzeuge, um sich au gesichertem und gesegnetem Dasein in Ruhe entfalten zu können; dem heutigen Menschen droht die entgegengesetzte Gefahr: daß dem gewaltigen, ins Kosmische angewachsene Werkzeugengerät gegenüber die im Verhältnis stark zurückgebliebenen Seelenkräfte versagen. Der Mensch „als Natur“ ist unter uns mächtig am Werke: die neue Welt, die mit unheimlicher Hast von allen Seiten hervorschießt, macht sich selbst, nicht wir machen sie, nicht macht sie der Mensch „als Freiheit“; willenlos hingerissen wissen wir nicht, ob es durch einen himmlischen Wirbelwind geschieht, der uns auf Bergesgipfel hinauftragen soll, oder durch einen satanischen Strudel, der uns schließlich in Abgründe hinunterschleudern wird. Und da könnte nun, meine ich, eine wirklich wissenschaftliche Politik, eine Politik, heißt das, welche sich nicht auf die opportunistische Lösung drängender Gegenwartsfragen beschränkte, sondern besonnen erforschte und genau erfaßte, was der Mensch „als Natur“ schafft und welche Möglichkeiten für den weiteren Weg offenstehen, zugleich

20 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

feststellen, was jetzt geschehen muß, damit die Menschheit nicht einem weltuntergangartigen Zusammenbruch mit Rückfall ins Bestialische entgegenströme (wie es allen Anschein hat), sondern diese drohende Todesgefahr überwinde und im edlen Gebrauche der dienstbar gemachten Naturkräfte einer hohen Zukunft entgegenwachse — einem langsam aber sicher reifenden, dauernden Seelensegen, vergleichbar der Ernte, welche die Erfinder des Ackerbaues unserem werdenden Geschlechte für alle Zeiten schenkten.
    Nun wirft vielleicht Einer hier ein: „Es ist logisch verfehlt, das Unbewußte in ein Bewußtes umwandeln zu wollen; du zeigtest uns soeben, welche ungeheure Gewalt in dem zielunbewußten Wirken des Menschen „als Natur“ liegt, warum sollen wir uns nicht damit begnügen, die Menschheit auch weiterhin dem Gesetz der inneren Not gehorchen zu lassen, in der Hoffnung, daß sie trotz blinder Staatsmannskunst und trotz der grundsätzlichen Ungezügeltheit aller dem hohen Ziele widerstrebenden Elemente des Grundgemeinen, aus gottgegebener Kraft den rechten Weg gehen wird? Hier waltet die Vorsehung: ihr die Ehre, ihr aber auch das Werk.“ Mir will diese Methode nicht gerade heroisch vorkommen; sie steht nicht auf der Höhe einer „großen Zeit“, von der wir so viel hören. Die Zeit soll also groß und wir erbärmlich und schlapp und denkfaul und feig sein? Und dabei soll letzten Endes etwas Großartiges herauskommen? Nein, das kann nicht stimmen! Es gibt entscheidende Stunden — wie im Leben des Einzelnen, so auch im Leben der Völker —‚ Stunden, wo es gilt zu wollen. Eine solche Stunde hat für Deutschland geschlagen. Gewiß waren die allerersten Ackerbauer eine Art Narren — so nennt die Welt solche einem Wahne hingegebene Menschen; wie Paulus es scharf ausgesprochen hat: dem „natürlichen Menschen“ ist überhaupt

21 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

das, „was vom Geist Gottes kommt eine Torheit“ (I. Kor. 2. 14); und so war dem damaligen „natürlichen“ oder Durchschnittsmenschen zweifellos auch das Suchen nach Brot eine Torheit; denn, daß der Mensch durch dessen Gewinn erst „Mensch“ in einem höheren Sinne werden würde, das ahnte er nicht, das konnte er in seiner beschränkten, auf Erfahrung allein begründeten Klugheit nicht ahnen. Endlich einmal aber dämmerte der Tag, an dem die Weisheit und der Segen dieser „Torheit“ auch Anderen einleuchtete; und an diesem Tage muß ein langer Krieg angehoben haben; denn nunmehr schwankte das Gleichgewicht zwischen den Menschen, je nach der Politik, die sie befolgten: die Jäger und Räuber erkannten die Bedrohung ihrer Vorherrschaft, die Erfinder des Friedens — denn das sind die Ackerbauern — mußten Soldaten werden, sonst war ihr Friedenswerk mit einem Schlage vernichtet. Jeder Umsturz in den Grundbedingungen des Lebens bringt Kampf mit sich. Wir sehen aber gleich hier den grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Raubkrieg und dem Krieg um das Recht auf Frieden: es behaupten sich zwei einander fremde politische Ideale — wie heute, so damals. Wie sehr bei solchen ökonomisch-politischen Umsturzbewegungen das Grundsätzliche auch weiterhin unbewußt bleiben mag, es kommt bei jedem derartigen weltgeschichtlichen Vorgang ein Augenblick, wo aus dem Widerstreit der Interessen — und das heißt, sobald man die Verkettung nur weit genug hinauf zu verfolgen weiß, dem Widerstreit der Ideale — eine Entscheidung auf Leben und Tod heranrückt; hier wird es dann Pflichtgebot, sich seines Tuns bewußt zu werden: und dazu gehört, daß man seine Ideale, seine Ideen und seine Ziele sich als Bekenntnis, als Gedanken, als Entschluß klar vor Augen hinstelle. Ein solcher Augenblick —

22 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

so behaupte ich — ist jetzt da. Und wir sind anders gewappnet, als je Menschen in früheren kritischen Tagen es waren, klaren Einblick zu gewinnen und zielbewußte Entschlüsse zu fassen.
    Es genügt aber, den Zusammenhang deutlich darzulegen, wie ich es jetzt zu tun versuchte, damit eine Tatsache sofort in die Augen springe: im gegenwärtigen Augenblick ist Deutschland allein unter allen Nationen fähig, diesen Gedanken einer neuen, höherer Einsicht folgenden Orientierung menschlicher Politik zu erfassen. Unter anderen Völkern werden nur Vereinzelte verstehen, wovon die Rede ist; eine Gesamtheit dafür gewinnen zu wollen, wäre aussichtslos: es fehlt die Bildung, es fehlt die Besinnung, es fehlt der Wille; selbst die Vorzüge der Anderen stehen ihnen hier im Wege, wogegen gewisse Mängel der Deutschen sich verwerten lassen. So z. B. wird dem Deutschen vielfach seine „mangelnde politische Anlage“ zum Vorwurf gemacht — und nicht mit Unrecht; findet jedoch ein radikaler Umschwung statt in der Auffassung dessen, was Politik sein muß, schafft sich das deutsche Volk neue politische Ideale, nicht in Anlehnung an antike Überlieferungen und an fremdländische Vorbilder, vielmehr aus wissenschaftlicher Besonnenheit und eigenem Bedürfnis, so wird der Deutsche sich wahrscheinlich als der erste Politiker der Welt offenbaren, weil er systematischer in Angriff nehmen, fügsamer eingreifen, emsiger wirken und folgerichtiger beharren wird. Der gegenwärtige Krieg hat einen grundtiefen Gegensatz aufgedeckt zwischen der deutschen Auffassung von Menschenwürde und hiermit zusammen auch von Staatswürde und der Auffassung dieser Begriffe in den meisten anderen Ländern Europas, einschließlich der amerikanischen Stecklinge. Ich sehe ab von der Presse und auch von den Fachpolitikern: diese Leute geraten unwillkürlich in Über-

23 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

treibungen und Aufhetzereien; sicher ist, daß auch die sittlich-ernsten, die besonnen denkenden Bürger der Feindesstaaten die Überzeugung hegen, für Civilisation und Freiheit, gegen Barbarei zu kämpfen, somit zugleich — wie sie es oft versichern — für die Erlösung eines „besseren“ Deutschland aus den Schlingen eines dämonisch bösen Deutschland; an der Aufrichtigkeit dieser Überzeugung haben wir kein Recht zu zweifeln, und es ist wenig geschehen, wenn wir nur mit Spott die Sache abzutun wähnen. Ich glaube vielmehr, daß die neue Welt, welche der Mensch „als Natur“ seit einigen hundert Jahren um uns alle herum aufrichtet, anders auf die Deutschen (abgesehen von gewissen, meistens fremden Bestandteilen) gewirkt hat, als auf die anderen Völker; daher ein Auseinanderstreben, das namentlich in den letzten fünfundzwanzig Jahren auf der einen Seite offensichtig, auf der anderen unter der Oberfläche, unbeachtet zunahm. Die Nationen des Westens und Südens, denen die gebildeten Klassen Rußlands folgen, sind immer mehr (auch in ihren konservativen Elementen) in den Bannkreis der französischen Revolutionsideen geraten, welche wir dahin zusammenfassen können: Willkür des Einzelnen, Gewalttätigkeit der Regierenden, sittliches Chaos — das nennen sie „Freiheit“ und „Civilisation“, und dieses Ideal fühlen sie durch Deutschland bedroht. Inzwischen ist Deutschland (und was deutschem Einfluß unterliegt) innerlich — trotz sozialistischer Wählermillionen, trotz materialistischer Professorenpropaganda, trotz der Beherrschung der Oberfläche durch kommunsten Merkantilismus und frivole Sittenverderbnis — Deutschland, sage ich, ist in der Gesamtheit seiner tragenden und schaffenden Kräfte, wie mir sie jetzt im Kriege wieder gewahr werden, einen anderen Weg gegangen und ist dadurch unbewußt neuen Staats-

24 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

idealen entgegengereift, deren wesentlichstes Merkmal darin liegen wird, daß die wissenschaftliche Methodik, aus der die neue Umwelt unserer Zeit entstanden ist, durch geistige Beherrschung dem planmäßig organisierten Ausbau der Gesamtheit — also des Staatsganzen — dienstbar gemacht wird, damit jeder einzelne Bürger daran wachse und gedeihe und mit ihm das ganze Volk. Dort hat die Mechanisierung des äußeren Lebens schon tief in das innere Leben eingegriffen, wodurch mit Sicherheit eine oder die andere Abart des reinen Gewaltstaates eingeleitet ist; hier hat die höhere Bildung des Mittelstandes, namentlich aber die angeerbte innere Freiheit, die den Deutschen auszeichnet, jener verhängnisvollen Wirkung bisher entgegengearbeitet. Dort also die Richtung auf Atomismus und Mechanismus, hier die Richtung auf Eingliederung und Organismus; dort unverhohlener Mammonismus, hier Primat der Arbeit; dort gewissenlose Tyrannei Weniger unter dem Scheine einer Volksregierung, hier bei gar vielen Urkornbauern-ähnlichen energischen Träumern die Überzeugung, durch Ausbau altbewährter Formen könne der Staat von innen aus umgestaltet und durch weise Begrenzung wahre Freiheit erst möglich gemacht werden; vor Allem: dort das uralte Vorurteil, die Menschenlogik sei maßgebend, hier — neu belehrt — das Lauschen auf die Stimme der Natur, um ein lebendiges Reich der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit ihr abzugewinnen.
    Über die grundverschiedenen Ideale drüben und hüben, soll der weitere Verlauf dieses Versuchs Näheres bringen. Zunächst lag mir nur daran, festzustellen, in welchem Sinne wir ohne Überspannung und ohne eine Spur von Selbstüberhebung sagen dürfen: Deutschland ist auserlesen. Deutschland ist auserlesen, sich und den anderen Nationen

25 Politische Ideale — Der Mensch „als Natur“

der Welt zum Heil, die Führung zu übernehmen. Die Vorsehung hat das bestimmte Volk in dem bestimmten Augenblick für die bestimmte Aufgabe bereitgestellt. Die Zukunft der Menschheit hängt davon ab, ob Deutschland dieser Erwartung — sagen wir ruhig, dieser Bestimmung — entspricht oder nicht. Wir stehen nicht vor den selben Problemen wie Bismarck; an seiner Art können wir uns üben und stählen, doch müssen wir auf eigenen Füßen stehen — das ist, was wir vor Allem von dem gewaltigen Manne zu lernen haben; ehren wir ihn, indem wir seines Wortes gedenken: „Wenn auf irgend einem Gebiete, so ist es auf dem der Politik, daß der glaube handgreiflich Berge versetzt, daß Mut und Sieg nicht im Kausalzusammenhange, sondern identisch sind.“ Die ganze alte Politik und Diplomatie, die unseren Hof- und Geheimräten, unseren Kanzlern und Botschaftern, unseren Landtags- und Reichstagsmitgliedern heilig ist, gehört ebenso sehr in den altväterischen Plunder, wie die Astrologie und die Alchymie: auf eine Unze Wahrheit neunundneunzig Unzen Unsinn, Wahn statt Wissenschaft, Dogmen statt Beobachtungen, Überlieferungen statt Methodik, verrückte Verschwendung von Zeit und Kraft, um mit dem ungeheuerlichsten Aufwand das denkbar kleinste Ergebnis zu erzielen. Es müßte keine Jugend mehr in Deutschland geben, wenn es so weiter gehen sollte! Wir müssen das Bessere wollen, dann gewinnen wir es auch; wollen wir nicht, verstehen wir nicht zu wollen, ist unser Staatsleben schon der greisenhaften Knochenstarre verfallen, dann wird das zunehmend Schlechtere uns überfluten und uns in die Hölle fortreißen, wo wir hingehören. Nur klar bewußtes Erfassen neuer politisch-sozialer Richtlinien und entschlossen furchtloses Beschreiten dieser Wege gewährleisten die schließliche Erreichung des Zieles.

26 Politische Ideale — Die Verneinung

II.
Freiheit ist die leise Parole heimlich Verschworener,
das laute Feldgeschrei der öffentlich Umwälzenden,
ja, das Losungswort der Despotie selbst.
(Goethe.)

    Die Ohnmacht der politischen Systeme und die — zum Guten und zum Bösen — unüberwindliche Macht der politischen Ideale: diese zwei Tatsachen haben sich mir aus allen historischen Studien und auch aus allen Beobachtungen während meines Lebens als unumstößlich gewiß ergeben. Napoleon, der alle Trümpfe in der Hand hält, wird besiegt, weil er keine Ideale hat, nur Pläne; mit Idealen bewaffnet, hätte er die Welt erobert; so mußte er den von ihm verhöhnten „Idealogen“ erliegen.
    Meistens nun erben die Menschen ihre politischen Ideale und tun gut, daran festzuhalten. Hat aber die Weltgeschichte große Umwälzungen herbeigeführt, steht der Mensch mitten inne zwischen zwei Epochen, also in einem Übergangszustand, wie das heute der Fall ist, wo Unruhe alle Völker der Erde ergriffen hat und auch beim bedächtigen Deutschen nach den tiefgreifenden Umbildungen, die sein Vaterland betroffen haben, alles gärt und sich wandelt, und die politischen Bestrebungen sich derartig kreuzen und bekämpfen, daß Keiner mehr weiß, was er will, noch was er wollen soll, da tritt das Bedürfnis ein nach neuen, klarleuchtenden Idealen, in denen eine neue Zeit sich erkennen und nach denen sie sich orientieren kann. Gerade hier nun straucheln die Meisten,

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weil sie nicht wissen, welcher Schritt zuerst getan werden muß, damit der Mensch aus dem Dunklen ins Helle gelange. Alle suchen sie nach bestimmten politischen Plänen — oft sehr scharfsinnig erdacht — bleiben aber schließlich im Alten sieden oder in Halbheiten, trotzdem sie deren Unzulänglichkeit erkennen, weil die vorgeschlagenen Neuerungen ihnen phantastisch vorkommen und somit den besonnen Urteilenden abschrecken. Dieser Weg ist ein verfehlter; darauf haben deutsche Weise schon längst aufmerksam gemacht; wer ihn einschlägt, verkennt das Mißverhältnis zwischen der Willkür des Einzelnen und der Weisheit und Gewalt der Natur — auch der moralisch-sozialen Natur; wieder will der Mensch „als Freiheit“ dem Menschen „als Natur“ ins Werk pfuschen. An einem Wendepunkte wie dem jetzigen ist unsere erste Pflicht: der Urgewalt der aus unbewußter Notwendigkeit handelnden Natur freie Bahn zu schaffen. Dies geschieht nun nicht, wenn wir uns sofort fragen, was wir wollen; vielmehr müssen wir zu allervörderst vollkommen klar darüber werden,   w a s   w i r   n i c h t   w o l l e n.   Schiller sagt: „Es ist also nicht damit getan, daß etwas anfange, was noch nicht war; es muß   z u v o r   etwas aufhören, welches war.“ Im selben Sinne und mit besonderer Deutlichkeit hat sich Richard Wagner ausgesprochen, von dessen sozial-politischen Gedanken unsere führenden Männer manches lernen könnten: „Der Einzelne kann nicht erfinden, sondern sich nur der Erfindung bemächtigen. Wir dürfen nur wissen, was wir   n i c h t   wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir es erreicht haben“ (Entwürfe, Gedanken, Fragmente). Die übliche Frage: „Was wollen Sie denn an die Stelle des heute Gültigen setzen?“ ist als

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verfrüht abzuweisen; sie scheint sehr klug, zeugt aber in Wirklichkeit nur von Mangel an Besinnung; hätten unsere Vorfahren sich alle durch diesen Einwurf abschrecken lassen, mir besäßen noch heute kein Brot, kein Gemüse, keine Viehzucht. Eine Antwort erteilt die Natur erst dann, wenn wir uns vollkommen klar darüber geworden sind,   w a s   w i r   n i c h t   w o l l e n.
    Hier antworte ich für mein Teil mit aller Bestimmtheit: was ich nicht will, was ich unbedingt ablehne, ist das politische Ideal, welches die heutige Welt beherrscht, nämlich das Ideal der französischen Revolution.
    In den drei Worten „Liberté, Egalité, Fraternité“ — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit — scheint zunächst nichts Gefährliches zu liegen; wer möchte nicht die Verbreitung so edler Güter wünschen? Dennoch haben sie — als politisches Ideal aufgefaßt, als programmartige Fahne vorangetragen — genügt, eine große Nation bis in die Grundfesten ihres staatlichen Aufbaues zu zertrümmern, so daß nichts mehr übrig blieb, woran eine neue Staatsverfassung sich hätte wieder emporrichten und dauernd befestigen können. Selbst heute noch ist das von den Franken geschaffene Reich voll Begabung, nicht arm an Tatkraft und an Erfindungsgeist; noch rennt (während ich diese Worte schreibe) sein Mut an der Ostgrenze heldenhaft an gegen die starke Mauer des deutschen Willens; doch politisch ist es für immer zerstört, und einzig eine Wiederholung fränkischer Überflutung könnte es allenfalls zu neuer Lebenskraft wieder erwecken; aus sich heraus kann es das unmöglich vollbringen, weil seinem Ideal alles beste Blut zum Opfer gebracht wurde, und weil außerdem dieses verderbliche Ideal Denken und Empfinden des sonst so klugen Franzosen — das, was er mit einem schlechten,

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dem amerikanischen Englisch entnommenen Wort „la mentalité“ nennt — ganz und gar durchfressen hat, wie der Wurm das Holz, so daß kein Arzt sie heilen und kein Ingenieur sie neu instand setzen kann. Inzwischen hat das Gift dieser drei Worte von Land zu Land weitergewirkt: unter unseren Augen geht Italien daran zu Grunde, die anderen Mittelmeerländer sind bedroht, England ist schon durchseucht und rast seinem politischen Untergang entgegen; in Rußland ist die Revolution unter dem selben Feldgeschrei unausgesetzt am Werk und ruft die das Germanentum bedrohende Gegenwirkung des Panslavismus als einzige mögliche Abwehr hervor; die meisten südamerikanischen Staaten leben aus dem selben Grunde in kaum unterbrochener Anarchie, und wer Augen zum Sehen hat, bezweifelt wohl nicht, daß die Vereinigten Staaten und die englischen Kolonien über kurz oder lang den gleichen Weg gehen werden.
   Dieses Ideal „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ — verstanden, wie es von der französischen Revolution verstanden wurde, und wie es in den Köpfen von Millionen seitdem dogmatische Geltung gewonnen hat — ist das weite, im blendenden Feuerwerk von zehntausend Phrasen erstrahlende Tor, der „Triumphbogen“, durch den die Menschheit auf kürzestem Wege ins Chaos einmarschiert. Und zwar darum, weil alle drei Teile dieses Ideals Lügen sind, Lügen im unbeschrankten Sinne des Wortes, womit ich sagen will: Behauptungen, die der Wahrheit der Natur direkt widersprechen. Ich leugne nicht, daß dieser Versuch des Menschen, der ewigen Natur entgegenzuwollen, ihr zu sagen, „Du willst so, ich will anders“, vorübergehend zu Bewunderung reizen kann; wer der Macht trotzt, kann sicher sein, Sympathien zu gewinnen; geht man jedoch der Sache auf den Grund, so entdeckt

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man einfach gallische Frechheit, weiter nichts; Frechheit, geboren aus schalem Denken, gepaart mit zügellosem Begehren. Die historischen Ursachen der Revolution — die Unerträglichkeiten des ausgearteten Einherrschertums, die Überbesteuerung der ländlichen Arbeit, die Zerrüttung der Finanzen, die Verderbnis des Heeres — haben hier wenig zu sagen: denn nicht das eigentliche Volk — das leidende — hat dieses Ideal erfunden; das Volk wollte Brot, weiter nichts; Winkeladvokate und oberflächliche Gelehrte sind die Urheber und der Bürgerstand — unterstützt von dem an den Bürgerstand grenzenden Kleinadel — ist, wie überhaupt so auch hier der Träger der Revolution. Dieses Ideal ist nicht aus dem Boden hervorgesprossen, als ein Erzeugnis der mit Notwendigkeit wirkenden Natur; denn dann besäße es tief hinabreichende Wurzeln und würde auf jeder Stufe — selbst mitten im Vernichtungswerk — schöpferische Kraft verraten, wogegen die unbedingte Sterilität dieses Ideals sich zu jeder Zeit und an jedem Ort in erschreckender Weise kundgetan hat.
    Zunächst sind nun, wie gesagt, alle drei Behauptungen Lügen gegen die Wahrheit der Natur. „Les hommes naissent et demeurent libres“ — die Menschen sind von Geburt frei und bleiben frei: das ist doch ein Hohn auf alle Wirklichkeit. Kein Tier auf Erden tritt so elend hilfsbedürftig ins Leben wie der Mensch: nackt, waffenlos, unbehaart, zwanzig Jahre hingebende Pflege erheischend, ehe er daran denken kann, für sich selbst einzustehen. Der Mensch ist nicht frei geboren, sondern in unbedingter Abhängigkeit geboren. Damit nicht genug, ist der Mensch infolge seiner Schwäche, seiner Entblößung, seiner Instinktarmut, ein Tier, das unfähig ist, in der Einsamkeit zu bestehen; die Vergesellschaftung ist eine Bedingung seines Daseins auf Erden; und Ver-

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gesellschaftung bedeutet immer gegenseitige Verpflichtung und somit Beschränkung der Willkür des Einzelnen; und da die Eigensucht ein angeborener Trieb ist, so tritt schon in den einfachsten der uns bekannten Staatsformen die Beschränkung rücksichtslos hart auf. Weder Vorgeschichte noch Geschichte weiß irgend etwas von einem „freien“ Menschen zu berichten. Dagegen ist Freiheit ein zu erstrebendes Ziel, ein letztes Ziel, das nur ein sittlich hochstehender Staat sich stellen kann, und das einzig nach Analogie mit Goethe's Wort „äußerlich begrenzt, innerlich unbegrenzt“ erreichbar vorgestellt werden kann; dem Menschen unbegrenzte moralische Freiheit zu sichern, wäre die höchste Errungenschaft eines starken, streng gegliederten Staates; nirgends wird von jeher wahre Freiheit so schlecht geschützt wie in allen demokratischen Staaten. Diesen Begriff dagegen zum politischen   A u s g a n g s p u n k t   des Staates zu machen — wie dies das Revolutionsideal will — ist ein reiner Blödsinn, da er die Grundlage jeglichen Staates aufhebt. — Nicht in Wahrheit größer, doch mehr in die Augen fallend, ist die Stupidität der zweiten Behauptung: „Tous les hommes sont égaux par la nature“ — alle Menschen stellt die Natur als gleiche hin. Nicht etwa handelt es sich also um Gleichheit vor dem Rechte oder Gleichheit in Bezug auf Lasten und Pflichten, nein: die Natur hat alle Menschen einander gleich gemacht! Daß die Menschen in keiner Beziehung unter einander gleich sind, cela crêve les yeux, wie der Franzose sagt, „es drückt die Augen ein“. Weder in Bezug auf Größe, noch auf Farbe, noch auf Körperkraft, noch auf Gesichtszüge, noch auf Begabung, noch auf Willensgewalt, noch auf Herzensreichtum besteht Gleichheit zwischen den Menschen, vielmehr weichen sie fast unermeßlich voneinander ab. Die Lehrmeister der

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Revolution berufen sich ausdrücklich auf Jean Jacques Rousseau, doch mit unrecht; denn war er auch ein kühner Phantast, es ist ihm niemals eingefallen, etwas so Unsinniges zu behaupten. Die These seines berühmten „Discours sur l'origine de l'inégalité parmi les hommes“ lautet: zwar seien die Menschen von Geburt an ungleich, doch leide der Mensch im primitiven Naturzustande darunter nicht, weil dort die Ungleichheit nicht zur Geltung komme: „L'inégalité est à peine sensible dans l'état de nature et son influence y est presque nulle“; und nun zeigt er, daß jede Vergesellschaftung des Menschen — schon die einfachste Familienbildung — und jede Entwickelung seiner geistigen Fähigkeiten, gar erst jede Staatsbildung, die angeborene Ungleichheit mit unentrinnbarer Notwendigkeit immer stärker herauslocke und an Bedeutung gewinnen lasse; woraus er folgert, der nackte Wilde, der kaum die einfachsten Ansätze zu einer Sprache besitzt und weder die Mutter seiner Kinder noch, „wenn er ihnen im Walde begegnet“, seine eigenen Kinder erkennt, sei der glücklichste Mensch. Haben also die Vertreter des modernen politischen Ideals den Mut der Folgerichtigkeit, so müssen sie die Auflösung jedes Staates, jeder Gesellschaft, jeder Kultur fordern; täten sie das, sie könnten ihrem Ideal wenigstens die Wahrhaftigkeit zuschreiben, da sie es aber nicht tun, so bleibt es unbedingte Lüge. — Die Brüderlichkeit oder — wie Littré das Wort hier auslegt — „die allgemeine Liebe, welche alle Mitglieder der menschlichen Familie eint“, ist schon eher geeignet, empfindsame Seelen zu bestechen. Doch sehr mit Unrecht; denn nicht Liebe, sondern Pflicht liegt dem Staatsbegriff zugrunde. Es kann sehr gut ein Staat ohne Liebe bestehen, namentlich ohne die kommunistische Brüderlichkeit, kein Staat kann aber

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ohne Pflichterfüllung, Unterordnung, Gehorsam bestehen. Auch hier wieder, wie bei Freiheit und Gleichheit, handelt es sich um ein Ideal, das ein erstrebenswertes Ziel bildet, nicht aber um eine mögliche politische Grundidee.
    Soviel über die innere Unwahrhaftigkeit der drei Begriffe, die diese ideale Trikolore zusammensetzen und die so viele Millionen Köpfe um ihren politischen Verstand gebracht haben. Nun folgt aber eine zweite wichtige Überlegung.
    Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind von den Verfechtern des Revolutionsideals nie bejahend, sondern in Wirklichkeit stets und nur verneinend gemeint worden! Historisch entstehen sie ja als Verneinungen, und ihre Erfinder schreiten sofort zu Unterdrückung, Massenmord und Völkerkrieg. Freiheit im Munde des Franzosen und aller von ihm Belehrten besitzt überhaupt gar keinen positiv faßbaren Sinn; der Begriff schillert in allen Farben; und da es (wie schon gesagt) das Wesen jedes Staates ist, da es überhaupt den Begriff eines „Staates“ ausmacht, die Willkür des Einzelnen zu Gunsten Aller einzuschränken, so hieße ein Bekenntnis kurzweg zu „Freiheit“ einfach die Verkündigung der Anarchie: soweit dachten diese Leute aber nicht und denken die heutigen Nachbeter nicht, vielmehr besitzt das Wort Freiheit für sie den sehr einfachen, faßbaren Sinn:   i c h   w i l l   n i c h t   g e h o r c h e n.   Freiheit heißt hier Auflehnung gegen jegliche staatsordnende Gewalt und im weiteren Sinne gegen Alles, was Bedeutung und in Folge dessen auch Würde und Macht besitzt. Ebenso verhält es sich mit dem Worte „Gleichheit“. Die Revolutionsführer von gestern und heute dachten und denken nicht daran, den Staat — ihre Melkkuh — zu zerstören, wie es Jean Jacques Rousseau, der Träumer, gewünscht hatte; vielmehr bedeutet für sie das Feldgeschrei

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„Gleichheit“ ebenfalls einfach eine leicht verständliche Verneinung:   i c h   w i l l   k e i n e   E h r e r b i e t u n g   b e z e i g n e n.   Mag ein Mann noch so aufopfernd, noch so verdienstvoll, noch so heroisch sein, mag seine Begabung noch so leuchtend alles Gewöhnliche überstrahlen, mag er das Vaterland in der Stunde der Gefahr erretten und im Frieden durch seine Werke unsterblich machen: ich, der erste beste Plattkopf und Faulkopf, ich feiger, niedrig gesinnter Eigensüchtler bin entschlossen, ihm keine Anerkennung, keine Verehrung, keine Dankbarkeit zu bezeigen. Wie genau hiermit die wahre Bedeutung des Wortes getroffen ist, zeigte die Revolution, indem sie die bedeutendsten Gelehrten und Naturforscher Frankreichs aus ihren friedlichen Arbeitsstätten riß und sie der Guillotine übergab: erst im Tode sind wir wirklich alle gleich. Und nun die „Brüderlichkeit“, die Liebe! Jeder, der die Geschichte der französischen Revolution kennt, muß laut auflachen bei dem Gedanken, die „Liebe“ sollte eine ihrer Schutzgöttinnen gewesen sein. Einer, den die Menschen, die ihn gesehen und gehört hatten, nicht anders denn als Sohn Gottes zu bezeichnen wußten, hat das Wesen echter Liebe in einem ewigen Worte zusammengefaßt: „Liebet eure Feinde!“ Liebe ist Geben, nicht Nehmen. Ganz anders ist das „fraternité“ der alten und neuen Revolutionäre gemeint, nämlich im Sinne einer Verneinung:   i ch   l i e b e   k e i n e n,   d e r   n i c h t   g e n a u   s o   d e n k t   w i e   i c h.
    Übersetzen wir also das „heilige Original“ der stolzen Fanfare „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ in unser geliebtes, redliches Deutsch, so lautet es: „Nicht gehorchen, nicht verehren, nicht lieben“; kräftiger gesprochen: „Ungehorsam, Unehrerbietigkeit, Haß“.
    Immer lohnt es sich, den Dingen auf den Grund zu gehen

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und nicht zu ruhen, bis man sie vollkommen klar erblickt und durchschaut und umfaßt hat. Jetzt bedarf es für uns keiner umständlichen Erörterungen mehr: kennen wir das Ideal, aus welchem in allen Staaten, die an die französische Revolution anknüpfen, die Grundsätze hergeleitet werden, so wissen wir auch sofort, welche Wege diese Staaten notwendig wandeln müssen: aus dem Dreibund Ungehorsam, Unehrerbietigkeit, Haß entsteht mit Naturnotwendigkeit Tyrannei, Mittelmäßigkeit, Herzlosigkeit; womit ich sagen will: despotische Regierung, Unterdrückung des Bedeutenden, Abstumpfung des öffentlichen Wesens gegen Ungerechtigkeit und überhaupt gegen Unrecht und gegen Leiden.
    Die französische Revolution gab uns gleich die Probe für die Richtigkeit der Rechnung: den maßlosesten Mißbrauch despotischer Herrschergelüste, den je die Geschichte gesehen. Doch könnten Unbelehrbare noch einwerfen, es handle sich da um Übergriffe des ersten Augenblicks, um Mißbrauch des Revolutionsideals, ehe dieses Zeit gehabt hatte, sich auszugestalten. Die Folge hat uns jedoch eines Besseren belehrt. Man braucht nur auf die heutige französische Regierung zu schauen: unter der Devise „liberté, égalité, fraternité“ wird das Land von einer Klique gewissenloser Berufspolitiker beherrscht, die — wie der Franzose und Republikaner Gustave Le Bon im Jahre 1913 schreibt — „unter dem Wort Freiheit das Recht verstehen, ihre Gegner nach Belieben zu verfolgen“, die, wenn zufällig ein wahrhaft begabter und unbestechlicher Politiker auftritt, den unbequemen Sonderling einfach durch Mord wegräumen, und die so gänzlich ohne Interesse für Notleidende sind, daß Frankreich noch nicht die bescheidensten Anfänge zu einer Alters- und Invalidenfürsorge besitzt und es nach Italien dasjenige Land Europas ist,

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in welchem am wenigsten für Zwecke der Wohltat gespendet wird. Ebenso ergeht es aber den anderen Ländern, die sich diesem Ideal verschrieben haben. Während es noch gute verträumte Deutsche gibt, die von „englischer Freiheit“ schwärmen, gleicht in Wirklichkeit das englische Regierungsprinzip täglich mehr einer Diktatur. Schon vor zwanzig Jahren und mehr nannte der klarblickende Seeley den englischen Premierminister einen „König“, und zwar einen „fast absoluten“; allerdings, er kann durch das Parlament gestürzt werden; doch erstens ist die Parteidiziplin drakonisch streng und die kleinste Majorität genügt, ihm das ganze Volk zu unterwerfen; zweitens aber: wechselt die Majorität, so tritt ein anderer Tyrann auf — weiter nichts; sodann kann durch den sogenannten „Guillotine-Paragraphen“ der Hausordnung, in jedem Augenblick jeder Debatte im Parlament ein Ende gemacht werden, und das Parlament wird schließlich eine bloße Abstimmvorrichtung — deren Ergebnisse im voraus bekannt sind; das Oberhaus ist nur mehr ein dekorativer Schmuck, beraubt seiner politischen Befugnisse, und der König besitzt kein Vetorecht ¹). Im Laufe des 19. Jahrhunderts — namentlich unter dem Einfluß des Juden Disraeli — begann England, immer mehr seinen alten politischen Idealen, die es ein halbes Jahrtausend lang, trotz aller Zeitenstürme, vor Schiffbruch bewahrt und ihm zu steter Weiterentwicklung gedient hatten, untreu zu werden; seit der Thronbesteigung des Königs Eduard VII. warf sich die herrschende Partei den
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    ¹) Gerne benütze ich die Gelegenheit, um eine kurze, ganz vorzügliche Schrift, die dieser Tage erschien, warm zu empfehlen: „Deutsche Freiheit und englischer Parlamentarismus“ von Professor Arnold Oskar Meyer. Der Verfasser zeigt, daß zu allen Zeiten Deutschland mehr wahre Freiheit genoß als England; in England ist die Freiheit Schein, in Deutschland Wirklichkeit.

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französischen Revolutionsidealen vollends in die Arme. Wie in allen demokratischen Staaten: Männer von hervorragender Bedeutung finden im englischen politischen Leben heute keinen Spielraum mehr, keine Anerkennung, keine Wirkungsmöglichkeit, und ziehen sich zurück, eitlen und — wie der Marconiskandal gezeigt hat — manchmal schon korrupten Demagogen den Platz lassend. Die ungeheueren Summen, die jede Wahl in England jetzt kostet, zeigen, daß die Methode der Vereinigten Staaten sich einbürgert: die Stimmen zu kaufen. Und dabei darf man nicht vergessen, daß England das „konservativste“, an Althergebrachtem am zähesten festhaltende Volk war; ins ganze Volk ist darum diese Bewegung noch entfernt nicht eingedrungen; deßwegen ist das Bild dort noch nicht so klar wie in Frankreich und in Italien; doch geht die hinabrollende Bewegung jetzt so rasend schnell, daß die Katastrophe schon sichtbar am Horizonte dämmert.
    Mehr will ich hierüber nicht sagen; das Fiasko des Revolutionsideals ist zu offenkundig; man braucht bloß die augen aufzutun und um sich zu blicken. Wenige aber dringen bis zu den Ursachen durch und gewinnen die Einsicht, daß der politische Verfall die unausbleibliche Folge falscher politischer Ideale ist und überall auf der Welt, wo diese Ideale Eingang finden, sich notwendigerweise stets einstellen wird. Die sogenannte „Freiheit“ löst die Menschen in Atome auf, die „Gleichheit“ macht sie zu physiognomielosen Rechenpfennigen, so daß man sie nur mehr nach dem Gewicht der Geldbörse einschätzt, die „Brüderlichkeit“ löscht Liebe und Mitleid aus. Der Franzose ist nicht ein „schlechterer“ Mensch als der Deutsche, vielmehr besitzt er außer einer durchschnittlich guten Begabung vortreffliche Eigenschaften; nicht Verderbtheit und nicht Unfähigkeit haben den Niedergang seines Staates ver-

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anlaßt, sondern letzten Endes die Hingabe an grundverkehrte politische Ideale, die allen gesunden Staatsideen in den Köpfen der Bürger entgegenwirken. Gerade zur Revolutionszeit hat das sonst nüchterne und vorsichtige französische Volk Schwärmer, Fanatiker, Idealisten hervorgebracht, Leute, die allen Ernstes die Welt zu reformieren, die Menschheit zu beglücken glaubten. Mit Naturnotwendigkeit und mit elementarer Kraft wirken aber Ideen, sobald sie wirklich den Weg in Kopf und Herz von Millionen gefunden haben: und so zeugte denn das Feldgeschrei „Freiheit“ die Guillotine, das Feldgeschrei „Gleichheit“ die Proskriptionen, das Feldgeschrei „Brüderlichkeit“ — um nur ein Beispiel zu nennen — die gänzliche Verwüstung der Rheinpfalz, wobei nicht etwa allein Schlösser und Stifte, sondern namentlich alles Gut und Habe der Bauern bis auf den letzten Stumpf ausgetilgt wurden, und wo der „befehlführende Genosse“ denen, die ihn anflehten, die Weltbeglücker sollten doch wenigstens die Armen schonen, zurief: „Uns gehört Alles! euch lassen wir nur die Augen zum Weinen übrig!“ So sah die allgemeine Liebe aus, welche alle Mitglieder der menschlichen Familie eint! Das sind die notwendigen Folgen falscher Ideale! Und ebenso wenig wie die Franzosen von Hause aus moralisch minderwertige Menschen sind, ebenso wenig sind es die deutschen Sozialdemokraten; daß sie es nicht sind, haben sie jetzt in großartigstem Maßstab zu beweisen die Gelegenheit benutzt; sie sind aber Anhänger des verhängnisvoll falschen französischen Ideals und wirken dadurch auf den Untergang des deutschen Staates hin, unbelehrt durch die so deutliche Sprache der Geschichte und unbelehrt — so höre ich durch ihre Erfahrung in diesem blutigen Kriege, wo sie gegen eine Welt von Grausamkeit, Zügellosigkeit, Lüge, Haß im Felde stehen,
 
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vor Feinden, die ihre Absicht, ganz Deutschland zu plündern, zu zerstören, einer Wüste gleichzumachen, offen aussprechen, und wo sie sich doch sagen müßten, daß diese verrohte Welt einzig und allein aus dem Einfluß der französischen Revolutionsideale hervorgegangen ist, welche im Laufe eines Jahrhunderts aus wackeren Menschen halbe Bestien an Neid und Gesinnungsniedertracht gemacht haben. Man darf doch hoffen, daß dieser Krieg dazu beitragen wird, die deutsche Arbeiterschaft aus dem verhängnisvollen Wahn, in den sie durch Fremdlinge und Sendlinge hineingetrieben worden ist, aufzurütteln.
    In einem Augenblick wie dem jetzigen halte ich es nicht allein für würdig, sondern für im hohen Grade praktisch, die Niederungen der Tagespolitik und ihrer ewigen Halbheiten verlassen, um sich über solche grundsätzlichen Fragen zu verständigen, denn diese sind es, die auf Jahrhunderte hinaus den Ausschlag geben. Nicht aus dem Widerstreit einer chaotischen Zersplitterung, sondern nur aus Einheitlichkeit der Gesinnung kann ein weltbeherrschendes Deutschland hervorgehen; und beherrscht Deutschland nicht die Welt (ich meine nicht durch Gewalt allein, sondern durch allseitige Überlegenheit und moralisches Gewicht), so verschwindet es von der Karte; es handelt sich um ein Entweder-Oder. Völlig einheitlich in seinen Idealen war das England der aufsteigenden Epoche — trotz der zwei Parteien; völlig einheitlich in ihren Idealen sind die sich äußerlich bekämpfenden Fraktionen der heutigen französischen Kammer: sie zanken sich nur um die Beute; Deutschland dagegen ist zwar äußerlich geeint, innerlich aber, bei allen die Politik betreffenden Fragen, unsicher, unklar, ruhelos, gereizt, zerrissen. Die alten Ideale genügen ihm nicht; selbst die herrliche Königstreue

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des preußischen Schwertadels steht in keinem lebendigen Verhältnis zum Deutschland Bismarck's, noch weniger tun es die anderen partikularistischen Überreste aus schöner alter Zeit. Zwar bildet die große Erbschaft, welche die Klassiker des Denkens, des Dichtens, des staatlichen Aufbaus und der Rechts- und Staatsgelehrsamkeit hinterlassen haben, einen reichen Boden, auf dem wir sicher stehen, sie schenkt uns aber nicht unmittelbar die politischen Ideale, deren wir heute bedürfen. Wir müssen nämlich das Eine vor Allem wissen, ja, in der Weise innerlich wissen, daß wir es an uns selber erleben und uns diese Überzeugung mit dem Blute in den Adern kreist: das Deutschland, das heute vor uns steht, ist nicht ein alter Staat, sondern ein junger Staat. Die Wurzeln tauchen auf allen Seiten in das gute, reiche, unerschöpflich spendende Alte; das Volk aber ist neugeboren an die Sonne hervorgewachsen; es ist das jüngste unter den großen Völkern; gegen den jungen Wandervogel Deutschland gehalten, sind die Vereinigten Staaten ein bereits behäbiger und etwas nervös gewordener Philister mit bedenklich kahler Platte, und Japan ein gut konservierter, sehniger, überschlauer Greis, gierig und geizig wie die alten Leute es manchmal sind. Wäre es lediglich seine Industrie, die sich in den letzten vierzig Jahren vervielfacht hat, das würde mir für Deutschlands Jugend nicht stehen; vielmehr bewährt sich diese in dem Wachsen auf   a l l e n   Gebieten; die Leistungen der Landwirtschaft — wir sahen es (S. 11) — haben mit denen der Industrie Schritt gehalten; es ist eine unerhörte Schaffensfreudigkeit, Arbeitsfreudigkeit, eine Zeit der Erfindung, des Versuches, der Tollkühnheit. Wie viel Leben liegt doch in den hundert Erfindungen, aus denen das Verderben bringende deutsche Unterseeboot hervorgeht! Kaum ist Deutschland von

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allen Salpeterquellen abgeschnitten, und schon holt es sich den so nötigen Stickstoff aus der Luft!
    Dieses junge Volk steht nun vor neuen Aufgaben. Die Weltlage ist eine gänzlich andere, als es vor hundert Jahren war: sie ist anders, weil Bismarck ein neues Deutschland aufgebaut hat — jedes Genie leistet mehr als es selber wähnt und weiß; sie ist anders, weil große Völkerbewegungen auf dem Rücken unserer alten Mutter Erde neue Verhältnisse geschaffen und für die heransausende Zukunft vorbereitet haben, sie ist aber anders namentlich deßwegen, weil das Verhältnis des Menschen zu der von ihm beherrschten Natur umgewandelt worden ist. Was die Völkerbewegungen anbetrifft, so steht die Sache für Deutschland augenblicklich nicht günstig, hier sind England und die anderen englisch redenden Verbände ihm zuvorgekommen; in der anderen Beziehung dagegen ist Deutschland allen Völkern der Welt überlegen: mit dem wissenschaftlichen Zeitalter tritt unstreitig das Zeitalter Deutschlands auf. Doch nur wenn Deutschland auch politisch neue Ideale zur Richtlinie nimmt, nicht wenn es — wie die Mehrzahl seiner mechanisch Arbeitenden und ein großer Teil seiner bürgerlichen Schichten — in nachweisbar unheilvollen französichen Irrlehren stecken bleibt oder, wie die anderen Bestandteile, sich mit alten Überlieferungen und unfruchtbaren Ablehnungen begnügt. Hier ist konservativ gerade so beschränkt wie liberal und fortschrittlich, und sozialdemokratisch ebenso selbstmörderisch wie die christlichen Religionsspaltungen. Jetzt muß Deutschland an eine staatsaufbauende Politik gehen, auf Grund schöpferischer Ideale, wie sie dem Eigenwesen des Deutschen und dem Geist unserer neuen wissenschaftlichen Zeit entsprechen. Es genügt nicht die Formel „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ zu verneinen; denn

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auch wir wollen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; unsere Vernunft zeigt uns aber und wir haben es außerdem erfahren, daß dieses Ideal keinem politischen Aufbau zur Grundlage dienen kann, vielmehr sich nur als Ergebnis aus einer guten Politik gewinnen läßt. So hat z. B. Carlyle (im „Sartor resartus“) das tiefe Wort gesprochen: „Gehorsam macht frei“; und wir könnten hinzusetzen: Unterordnung schafft Gleichheit und Aufopferung schmiedet Brüderlichkeit. Doch ein politisches Ideal wäre damit nicht gewonnen. Indem die Franzosen sittliche Forderungen an die Spitze stellten, stellten sie den Staat auf den Kopf; darum stürzte er hinunter. Wir müssen's anders anfangen.

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III.
Entschiedenheit und Folge sind das Verehrungswürdigste am Menschen. (Goethe.)

    In dem ersten Teil dieses Versuches sahen wir, daß der Mensch — sobald er Großes leisten will — der Ideale nicht entbehren kann und lernten im angeblichen Phantasien und Schwärmer, der vielleicht über sein eigenes Beginnen nicht volle Rechenschaft zu geben vermag, den Vermittler himmlischen Segens an die Menschheit verehren; in dem zweiten Teil erfuhren wir die Bedeutung der Verneinung als unentbehrlicher Vorstufe der Bejahung, eine Grundwahrheit, die von den nüchtern praktischen Menschen fast immer verkannt wird und für die namentlich Richard Wagner erschöpfend knappen Ausdruck fand: „Wir dürfen nur wissen, was wir   n i c h t   wollen, so erreichen wir aus unwillkürlicher Naturnotwendigkeit ganz sicher das, was wir wollen, das uns eben erst ganz deutlich und bewußt wird, wenn wir es erreicht haben.“
    Aus diesen Erwägungen ergibt sich die besondere Schwierigkeit der Lage für Menschen, die, wie wir, zwischen zwei Epochen stehen. Daß tiefgreifende Umbildungen der staatlichen Verhältnisse stattfinden müssen und werden, daß der jetzige Zustand unhaltbar ist, weil unwürdig und unvernünftig und den Notwendigkeiten nicht gewachsen, das weiß jeder beobachtende, denkende Mensch; doch schwebt das Künftige ebenso unfaßbar vor unseren Augen wie etwa der noch nicht

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Politische Ideale — Der Staat


siegreich durchgedrungene Ackerbau in der Vorstellung eines sinnenden Jägers der Urzeit, weil wir Menschen gänzlich unfähig sind, das noch nicht Erfahrene künstlich im Hirne hervorzuzaubern — ebensowenig wie wir irgend eine Tier- oder Pflanzengestalt, die wir nicht gesehen haben, zu erfinden vermögen; und so springen wir immer wieder zurück auf das schon vertraute Ufer, wo wir wenigstens festen Boden unter den Füßen spüren, und versuchen uns einzureden, es werde schon weiter so gehen. Wer jedoch mit mir der uneingeschränkten Verneinung beitritt, die der vorige Abschnitt brachte, der befindet sich — so glaube ich wenigstens — auf dem Wege zu größerer Klarheit. Denn der französische Revolutionsgedanke, der uns umgibt, bedeutet einen der möglichen Versuche, ein staatlich Neues herbeizuführen, und dieser Versuch muß als gänzlich verfehlt betrachtet werden — theoretisch mißglückt und vor der Geschichte gescheitert; indem wir diesen radikalen Versuch ebenso radikal von uns weisen, zieht eine Ahnung besserer Dinge in unser Bewußtsein ein, womit ich sagen will: es gewinnt für uns der Glaube an die Möglichkeit, ja, an die sichere Wirklichkeit einer in wesentlichen Punkten besseren, den neuen Lebensbedingungen angepaßten Staatlichen Zukunft, wenn nicht gerade „Gestalt“, so doch „Körper“.
    Man mache mir aus der wohlumhegten Vorsicht des Ausdrucks keinen Vorwurf; der Ausdruck entspricht dem Gedanken: ich habe nicht die geringste Anlage zu einem Phantasten, darum merke ich, wo die Umrisse scharf sind und einer Wirklichkeit entsprechen, und halte nicht ein Nebelgebild für einen Berg. Der Irrtum aller politischen Utopien unserer Zeit — von Saint-Simon bis zu Marx und dessen Nachfolgern — besteht darin, daß der Einzelne mit seinem vereinzelten

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Hirne, wie er es bei einem Kunstwerke tun würde, auferbauen zu können glaubt, wogegen die großen Umwälzungen des vergesellschafteten Menschen — des Menschen „als Natur“ — stets von der Natur selbst durchgeführt werden, und das heißt hier, von einer wachsenden Zahl mehr oder weniger unbewußt handelnder, an allen Enden plötzlich auftauchender Menschen, die, ihrem Triebe folgend, schließlich die Gesamtheit mitreißen. Der Natur will ich nicht ins Werk pfuschen. Seit Ausbruch des Krieges habe ich, trotzdem ich in stiller Zurückgezogenheit lebe, also politisch ohne Bedeutung bin, so viele, zum Teil geradezu groteske Weltverbesserungspläne zugeschickt bekommen, daß ich über die ausschweifende Einbildungskraft der Deutschen erschrocken wäre, hätte ich mir nicht sagen müssen, das alles sei „lebendige Kraft“, die diesem einzigen Volke über kurz oder lang zugut kommen wird. Ich aber will mich bescheiden, auf dem Wege, den jene Verneinung der Revolutionsideale uns weist, zu forschen, ob sich nicht schon daraus allein gewisse Richtlinien des zu erstrebenden Künftigen ergeben, so daß wir es zwar nicht phantastisch ausmalen können, wohl aber befähigt werden, ihm — dem kommenden Geschenk von „Gott-Natur“ — entgegenzugehen, und anstatt ihm stumpfsinnig und feig Widerstand zu leisten, ihm den Weg zu uns hin vertrauensvoll zu ebnen.
    Gleich die erste und grundlegende Frage erhält durch diese Art der Betrachtung unerwartete Beleuchtung.
    Was ist der Staat? Die Revolution setzte voraus, der Staat sei von Menschen erfunden und errichtet. Rousseau betitelte sein Hauptwerk „Le Contrat social“, ging also allen Ernstes von der Annahme aus, der Staat sei auf dem Wege eines Vertrages entstanden, es seien die vereinzelt lebenden Menschen eines schönen Tages zusammengetreten und hätten

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sich gesagt: jetzt wollen wir einen Staat bilden und zu diesem Behufe gegenseitige Verpflichtungen eingehen. Das ist himmelschreiender Anthropomorphismus! Die Natur belehrt uns eines anderen. Das Wesen „Mensch“ ohne jeden Anfang von Vergesellschaftung wäre das armseligste Tier, die bejammernswerteste Bestie auf Erden; außer den Gliedmaßen wäre ihm nichts eigen von dem, was den Begriff „Mensch“ ausmacht. Nicht der Mensch macht den Staat, sondern der Staat macht den Menschen. Nur Philisterseelen, die niemals die Natur am Werke beachtet und betrachtet haben, werden diesen Satz ungereimt finden. Die Vergesellschaftung lebender Wesen eines Stammes zu gemeinsamer Arbeit, unter bestimmter Verteilung der Pflichten und Lasten und Ämter, ist eine weit verbreitete Erfindung der Natur, der wir in den verschiedensten Tierordnungen begegnen und die z. B. unter Vögeln und Affen zu höchst verwickelten Organisationen führt, deren sicheres Ineinanderklappen uns dummen Vernunftwesen unbegreiflich dünkt. Musterhaft vollkommene Staatenbildung finden wir bekanntlich bei den Ameisen. Vereinzelt vermag die Ameise nicht zu leben; versieht man sie auch mit allem, was sie braucht — Futter und Trank und Spielraum — getrennt von ihrer Genossenschaft stirbt sie nach wenigen Stunden; der Begriff „Ameise“ schließt die Angehörigkeit zu einem Staate ein, und diese Angehörigkeit wiederum bedeutet die Verpflichtung zu bestimmten Verrichtungen, die sich anderen Verrichtungen des Gemeinwesens genau an- und eingliedern; der Einzelne ist hier nichts, der Staat alles. Nebenbei gesagt, aus der rastlosen Emsigkeit dieser Tierchen gewinnt man den Eindruck, daß es die glücklichsten Wesen auf Erden sein müssen. Es fällt mir nun nicht ein, dem Beispiel meines geistvollen Leh-

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rers Carl Vogt zu folgen, und aus „Untersuchungen über Tierstaaten“ politische Pamphlete zu schmieden; wir hassen alle heute die falschen Analogien; worauf ich aber hiermit die ungezählte Schar der Naturblinden aufmerksam machen will, ist die Tatsache, daß der Staat eine Erfindung der Natur ist, nicht ein Elaborat des Menschenhirnes, und daß der Mensch ohne Staat — der Mensch, wie ihn der liebenswürdige Elisée Reclus und der grimmige Fürst Krapotkin sich träumen — überhaupt kein „Mensch“ ist, sondern ein Tier, für das ich den wissenschaftlichen Namen Bestia miserrima vorschlage. Daß zu verschiedenen Zeiten — ja, auch zur selben Zeit — des Erdenlebens der Menschenstaat, je nach den Existenzbedingungen, je nach dem Temperament der Rassen, je nach der Vergangenheit der Völker usw. sehr verschiedene Gestalten angenommen hat, das tut der Wahrheit jener Behauptung keinen Abbruch; der Mensch „als Freiheit“ bemächtigt sich eben überall und auf allen Gebieten des Werkes des Menschen „als Natur“ und modelt es nach seinem Kopfe um — sich und anderen zu Heil und Unheil. Mir liegt im Augenblicke nur das eine am Herzen: die Überzeugung mitzuteilen, daß im eigentlichsten, wahrsten, ewigen Sinne der Staat den Menschen erst zum Menschen macht. In dem rein naturwissenschaftlichen Buche des Pariser Anthropologen Paul Topinard „L'Anthropologie et la Science sociale“ (1900) lese ich gegen Schluß des Abschnittes über Staatenbildung im Tierreiche: „L'intérêt individuel réduit à lui-même ne conduit à rien de durable“, aus dem, was das Individuum für sich fordert, entsteht nichts, was Dauer besitze. Aus ihm entsteht darum auch weder Sprache noch Civilisation noch Kultur, weder Recht noch Kunst noch Wissenschaft noch Religion; alle diese Güter, welche das Leben uns Menschen

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erst lebenswert machen, sind an den Staat gebunden; wäre der Mensch nicht ein aus Naturnotwendigkeit staatenbildendes Tier, es gäbe von dem allen nichts. Und ebenso wie der Mensch durch den Staat erst „Mensch“ ward, so ist auch sein weiteres Wachsen zu dem, was er heute ist — oder sein kann, und zu dem, was er noch werden soll, ganz und gar an das Dasein des Staates geknüpft. Alles, was der Einzelne als Einzelner Großes schafft, bedarf nicht nur des Schutzes einer organisierten Gesamtheit, sondern es quillt aus deren Anregung hervor und gewinnt erst in deren Widerhall Sinn und Maß. Die geschäftige Willkür des Menschen mag diese grundlegende Tatsache verdecken, doch dem Denker kann sie nicht verborgen bleiben, und sie bewährt sich auch darin, daß ein schlechter Staat schlechte, ein guter Staat gute Menschen hervorbringt, ein alberner alberne und ein gescheiter gescheite.
    Hieraus ergibt sich die zwingende Folgerung, daß die politische Grundfrage von der Revolution falsch gestellt ist; denn sie hat nicht zu lauten: was hat der Einzelmensch als Recht von dem von ihm begründeten Staate zu fordern? sondern: was hat der Staat, der den Menschen erst zum Menschen macht, um seines Fortbestehens und Gedeihens willen von jedem Einzelnen zu fordern? was gebietet das Interesse des Staates? In sämtlichen Erscheinungen der Natur, ohne Ausnahme, besitzt das Individuum seinen Eigenwert, und selbst der hervorragendste Einzelne verdient in ihren Augen nur insofern Beachtung, als seine Leistung Bezug auf die Gesamtheit gewinnt. Die Natur — und was ist diese, wenn nicht Gottes Wille in die Tat umgesetzt? — fragt nicht nach Rechten und Wünschen und Verdiensten des Einzelnen, vielmehr sieht sie lediglich auf das Gedeihen des Ganzen. Daraus schließe ich: was dieses Ganze fördert, wird der Wahr-

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heit der Natur entsprechen und wird darum auch ganz sicher die richtige, gottgewollte — im Gegensatz zu der willkürlich begehrten — Förderung aller einzelnen Bestandteile umschließend bedingen.
    Tun wir nun unser Möglichstes, uns auf den erhabenen, strengen Standpunkt der Natur zu stellen, und fragen wir uns dann, welche von allen Bedingungen die ausschlaggebende sein wird, damit ein Menschenstaat segensreich wirke, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein: die   D a u e r   ist diejenige Eigenschaft, ohne welche der Staat nichts Ersprießliches hervorbringen kann. Wir dürfen als Axiom hinstellen, daß ein Staat mit vielen Fehlern, aber dauerhaft errichtet, mehr für die Förderung edlen Menschentums leisten wird, als ein sorgfältig ausgeklügelter Staat ohne Gewähr des Bestandes. Das folgt aus der Tatsache, daß Hauptaufgabe des Staates offenbar sein muß, das zu leisten, was der Einzelne nicht zu leisten vermag. Am gebundensten ist nun der Einzelne hinsichtlich der Zeit; auf das Ganze bezogen, ist all sein Wirken Bruchstück. Stellt das Individuum das Vergängliche dar, ohne Kenntnis des Vergangenen, ohne Hingabe an das Künftige, so vertritt der Staat die Interessen — oder besser gesagt, die Absicht, die Idee — der Natur, für welche Vergangenheit und Zukunft eine Einheit bilden. Alles Werden und Wachsen erfordert Zeit; die Natur zählt nicht wie wir, sie läßt sich die Zeit ebenso wenig beschränken, wie sie danach fragt, wie viele Millionen Einzelne durch Krieg und Pestilenz zugrunde gehen. Die Wirksamkeit des Staates wächst darum im geometrischen Verhältnis zu seiner Dauer; jede Unterbrechung bedeutet einen Rückfall ins Willkürliche, bedeutet die Nötigung, vieles bereits mühsam Errungene wieder von unten an in Angriff zu nehmen.

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    Die erste Richtlinie, die wir als unzweifelhaft gegeben entdecken, ist also die auf   D a u e r.   Was dem Staate Dauer verbürgt, das ist — mögen auch Vorurteil, Eigensucht, Zeitströmung dagegen wettern — was wir zu bevorzugen haben. Die künftige Gestaltung können wir nicht enträtseln, doch das eine wissen wir sicher: von dorther kommt uns wie in der Vergangenheit, so auch in der Zukunft das Heil.
    Nebenbei gesagt, wer von Dauer spricht, sagt mehr als es vielleicht im ersten Augenblick den Anschein hat. Im zu dauern, muß der Staat nebst der Kraft auch Weisheit besitzen. Blutige Tyrannei z. B. verbürgt nicht Dauer. Denn der Mensch ist nicht Ameise, vielmehr hält seinem staatenbildenden Trieb ein anderer Trieb das Gleichgewicht: der Trieb, sein Glück in sich und in dem kleinen vom Ich belebten Kreis zu finden. Diese „Polarität“ liegt der unvergleichlichen Bedeutung des Menschengeschlechtes (wenigstens unter uns Weißen) zugrunde: ist der Einzelne unter dem Schutze des Staates zur Entfaltung gelangt, ihm wird's enge, wenn der Panzer ihn drückt; das Glück des Einzelnen bildet einen lebendigen Bestandteil des Gefüges des unempfindsamen Ganzen. Darum wird der dauerhafteste Staat ein Höchstmaß an Recht, an Freiheit, an Milde gewähren. Das Wort „Höchstmaß“ ist natürlich je nach Zeit und Rasse zu verstehen: die Willkür eines schwarzen Häuptlings kann gegenüber den ungezügelten Gewalttaten blutgieriger Wilden einen annehmbaren Rechtsstaat — ein Höchstmaß — begründen. Wer also von einem dauerhaften Staate spricht, spricht von einem — ich will mich kurz und bequem ausdrücken — „guten“ Staate, von einem Staate, in welchem die so töricht ungestüm als „Rechte“ geforderten Güter der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit in dem höchsten Maße der

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jeweilig gegebenen praktischen Möglichkeit vorhanden sein werden. Goethe macht in einer seiner scheinbar paradoxen, in Wirklichkeit unergründlich tiefen Bemerkungen aufmerksam: „In allen Regierungsformen, wie sie auch heißen, existieren Freiheit und Knechtschaft zugleich polarisch.“ Der dauerhafteste Staat wird derjenige sein, der der nötigen Knechtschaft durch gerechte Verteilung die Bitterkeit nimmt und „polarisch“ die Freiheit ebenso weise ausmißt. Das selbe gilt von allen anderen „polarischen“ Staatsbedürfnissen und Menschheitsforderungen, wie Strenge und Milde, Kraft und Biegsamkeit, Eingliederung und Unabhängigkeit, Buchstabenrecht und Billigkeit, Ordnung und Gelassenheit usw.  Wer dem Staate als höchste Eigenschaft die Dauer zuspricht, schließt das Alles eo ipso mit ein.
    Was verbürgt nun dem Staate Dauer? Es ist nützlich, sich einmal aus aller Gegenwart loszureißen und sich eine solche Frage rein objektiv vorzulegen.
    Der kurzlebige Mensch soll ein langlebiges Werk schaffen und erhalten, er soll seine Augenblicksinteressen hintansetzen, damit künftige Geschlechter an Sicherheit, Wohlstand, Glück wachsen; kurz zusammengefaßt: der Mensch soll der Menschheit dienen! Wer die Frage nüchtern betrachtet — und das wollen wir doch als vernünftige Leute — muß gestehen: eine unbedingte Lösung ist zunächst unmöglich; sie würde vom Menschen mehr verlangen, als er leisten kann; Gott selbst müßte denn das Regiment in die Hand nehmen. Darum bedient sich die Natur hier, wie auch sonst so vielfach in allen Teilen ihres Weltenreiches, der mittelbaren „Mittel“: der Einzelmensch verfolgt einen beschränkten Zweck, die Natur benutzt dies zu einem unbeschränkten. Es kommt darauf an, das Leben des Menschen zu verlängern, oder, da das nicht

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geht, die Dauer seiner Interessen über sein Leben hinaus zu erstrecken. Hier wurzelt der staatliche Wert der   F a m i l i e.   Der gefeierte Apostel der Revolution hatte uns als den freien Idealmenschen den Mann geschildert, der seine eigenen Kinder nicht kennt (S. 32); der „Vater“ dagegen trägt Sorge um Kind und Enkel, und wenn nicht ein Staat da ist, der seinem Erarbeiten und seinem Willen Dauer verbürgt, reicht alle Liebe nur bis zum Grabe. Hier wurzelt auch der staatliche — und das heißt der allmenschliche — Wert des persönlichen, vererbbaren   B e s i t z e s.   Daß es Zeiten ohne die Vorstellung „Besitz“ gegeben hat, kann nicht bezweifelt werden: da muß aber der Staat einem Kaleidoskop geglichen haben. Durch die Erfindung von Besitz tritt das Element der Stetigkeit ein; jetzt erst kann aufgebaut werden, jetzt erst kann jenes geistig-moralische Wachsen anheben, dem sonst kein Stützpunkt gewährt ist. Das Revolutionsideal weiß es zwar anders; denn es belehrt uns durch den Mund seines weitaus begabtesten, aufrichtigsten und darum sympathischesten Vertreters, Pierre Joseph Proudhon: „La propriété, c'est le vol“, Besitz ist Diebstahl; logisch betrachtet, eine wunderbare Leistung, denn „Diebstahl“ kann es nur geben, wo Besitz Anerkennung genießt. Soll aber Proudhon's Satz gedeutet werden: einzig die abstrakte Allgemeinheit darf besitzen, so ist darauf zu erwidern: „Aller“ Besitz ist kein „Besitz“, sondern die gesetzliche Verwehrung des Besitzes, mit der Folge, daß jener „Trieb“, auf den Schiller als unerläßlich hinwies, nicht entsteht ¹). Man mißachtet nicht umsonst die wesentlichen Bewegungen des Menschengemütes. Es läßt sich nachweisen, daß gemeinsamer Besitz immer nur eine Vorstufe war, eine Kindheit
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    ¹) Vergl. Chamberlain: „Die Zuversicht“, S. 17.

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des Staates (Schurtz), der Einzelbesitz bedeutet eine höhere Stufe in der Entwickelung der Menschenwürde: hier wie überall kleben die Revolutionäre an veralteten Ideen und empfehlen den Rückschritt als Fortschritt. Häufig haben Moralisten auf die sittlichen Nachteile und Gefahren von Besitz und Reichtum hingewiesen; Besitz schafft Ungleichheiten, bringt Härten, züchtet manche Entartungserscheinungen.... Auf alle diese Einwürfe muß erwidert werden, daß die Natur ebenso wenig nach diesen sittlichen wie nach jenen sentimentalen Einwürfen fragt: was dem Staate Dauer schenkt, ist gut, was seine Dauer gefährdet, ist schlecht; darum bedeutet die Erfindung des Besitzes einen ungeheueren Gewinn, indem sie Menschen schafft, die an dem dauernden Fortbestand des Staates ein über ihr Leben hinaus reichendes Interesse brennend stark empfinden. Was die Nachteile betrifft, so ist es Sache des Menschen „als Freiheit“, sich zu wehren, sich zu richten und die Dinge, so weit es gehen will, ins Reine zu bringen; dazu entsteht ja Religion, Philosophie, Kultur.
    Hier gilt es nun aber, deutlich zu unterscheiden. Denn der Besitz durchläuft in unseren Jahrhunderten eine Krisis, die zu Erscheinungen führt, in denen er sich selbst gleichsam aufhebt. Besitz (früher „Beseß“), ebenso wie das lateinische „possessio“, deutet zunächst auf „Sitzen“, auf „Seßhaftigkeit“, auf „Siedeln“; Besitz, im echten und eigentlichen Sinne, ist das Zueigenhaben von Grund und Boden, von „liegender Habe“; einzig die Mutter Erde vergeht nicht — wenigstens nicht in den Äonen, die für uns Menschheit in Betracht kommen — und hält also dem Begriff eines unvergänglichen „Besitzes“ Stand; kein anderer Besitz verbürgt Dauer. Daß der als Irrender Geborene Fuß fasse, daß er

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in ein bestimmtes Stück Erde Wurzeln schlage, es er-sitze und be-sitze: das ist für die Staatsbildung entscheidend. Die verharrende Bearbeitung des Erdbodens, wo jedes Geschlecht von den vergangenen Geschlechtern erbt und für die kommenden aufstapelt: das ist das Urbild jeder auferbauenden Kulturtätigkeit. „Staat und Erdboden gehören notwendig zusammen“, sagt Friedrich Ratzel. Daß auch die beweglichen Güter als „Besitz“ geschützt werden mußten, ist vom Standpunkt des Staates aus zwar eine notwendige Folge, doch von weit geringerer Bedeutung; denn die Quelle zu jeglicher Habe — auch zu der „fahrenden“ — liegt im Erdboden, der jahraus jahrein die Gaben der Sonne aufspeichert — was genau ebenso gilt, wo lebendes Getier gehegt oder erlegt, wo Steinkohle gefördert und wo Granit gebrochen wird, wie dort wo Korn, Klee, Gemüse, Obst, Holz usw. wächst: Alles geht auf Sonnenkraft zurück. Man kann die fahrende Habe als von der liegenden verliehen betrachten; es ist abgeleiteter Besitz; wer die Dinge weit genug von Hand zu Hand zurückverfolgt, wird das überall bestätigt finden: wahre   H a b e   führt am letzten Ende des heute oft äußerst verzwickten Zickzackganges auf besonnte Erde zurück; wer diese besitzt, ist der eigentliche „Besitzer“; die eigentlichen Besitzer bilden die Grundfeste des Staates. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat jedoch eine Entwickelung stattgefunden, dank welcher eine Fiktion — die schon seit undenklichen Zeiten in einer oder der andren Form besteht — d a s   G e l d — von Haus aus nur ein Zeichen, ein Sinnbild, ein Rechenpfennig für einen irgendwo liegenden Besitz —‚ den Besitz selbst überflügelt hat, so daß jetzt der wahre Besitz durch einen Scheinbesitz in den Hintergrund zurückgedrängt wird. Ein Mann, der nur einen Schreibtisch und einen Geldschrank „besitzt“, kann heute

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reicher sein, als der größte Grundbesitzer der Welt; zwar „be-sitzt“ er nichts, aber er ist reich, und das besagt nach der Weisheit der Sprache, er ist ein König, ein Lenker. Daß hier eine Gefährdung des Staates als dauernder Stiftung droht, kann nicht bezweifelt werden. Dieser Besitz hat kein Land und darum auch kein Vaterland. Ihm ist der Krieg so lieb wie der Frieden; und da sein Zuwachs nicht durch Sonne und Arbeit bedingt wird, sondern durch gesteigerte Ruhelosigkeit, durch das Hin und Her, bei dem ihm jedesmal etwas in der Hand kleben bleibt, so liebt er Unruhe, Wechsel, Katastrophen jeglicher Art. Er unterjocht den Staat; er vernichtet den Einzelnen, den der Staat aus eigenem Interesse stützt und hebt. Darum glaube ich auch hier eine Richtlinie der Zukunft zu erblicken: diesem Übel wird der Staat steuern müssen. Wie soll er das können? Ich habe es gesagt: ich bin kein Prophet, ich baue keine Luftschlösser; ich möchte nur dem erwartenden Blicke Richtungen weisen, aus denen das Heil sicher kommen wird, damit wir bereit seien, es zu erkennen und anzuerkennen, wenn die Reife der Zeiten es heranführt. Hier wird etwas Einschneidendes geschehen, sonst siegt das Revolutionsideal — das im Golde schwimmt — und mit ihm das Chaos und die Barbarei. Es gibt verschiedene Pläne, das Gold ganz abzuschaffen, es wie in alten Märchenzeiten nur mehr dem Schmucke dienen zu lassen: mir machen sie den Eindruck phantastischer Utopieen; vielleicht bin ich der Narr und sind Herr Silvio Gsell und Konsorten die Weisen; ich wäre glücklich, es glauben zu können. Warum aber sollte nicht der Staat, ebenso wie er die — früher in tausend Händen verstreuten — Streitkräfte beschlagnahmte und staatlich organisierte, Fluch zu Segen wandelnd, eines Morgens sämtliche Finanzgeschäfte des ganzen

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Landes beschlagnahmen, die bisherigen Besitzer angemessen bescheiden entlohnen und von nun an sämtliche Geldgeschäfte als ausschließliches Monopol selbst führen? Die unentbehrliche Vermittelung, die ganze elastische Maschinerie, ohne welche Landbau, Industrie, Handel ungelenken Hemmnissen unterworfen wären, bestünde nach wie vor, die Ersparnisse des Einzelnen wären gerade so gut verwaltet wie heute; wir sehen es ja an den Sparkassen und dem Postscheckverkehr; die Milliarden aber, die daran ohne jede eigentliche Arbeit verdient werden, flößen fortan dem Staate, also der Allgemeinheit zu, die Steuerlast vermindernd; und was die Hauptsache ist: wir wären von der größten internationalen — und das heißt, „staatsvernichtenden“ — Gefahr erlöst. Denn hierdurch wäre das Mittel an die Hand gegeben, dem Milliardären- und Monopolunwesen zu steuern. In ihm richtet sich der Einzelne auf gegen den Staat; wie früher der rohe Wilde mit Keule und Pfeil gegen den ackernden Bauer, so auch dieser neue, feigere Gewaltmensch gegen alle redliche Arbeit. Ich empfehle jedem, das Buch von Wells über die Vereinigten Staaten zu lesen. Wells, der englische Sozialist, schwört auf das Revolutionsideal; wie erschrickt er aber bei dem, was er in Amerika entdeckt, dem Lande demokratischer Freiheit, wo er sechsjährige Knaben zwölf Stunden Fabrikarbeit leisten sieht! Der Milliardär herrscht dort unbeschränkt: korrupte Wahlkörper, korrupte Verwaltung, korrupte Justiz. Ob der Milliardär besticht oder ob er philanthropische Stiftungen errichtet: er schafft überall Unheil. Was feiert nicht die dumme Welt Carnegie; jetzt erfahren wir, daß er durch seine Stiftungen für Professoren und Studenten sich die Universitäten unterjocht, sie zu bestimmten Lehren verpflichtet hat, so z. B. zur Anbetung Englands und

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zur Anfeindung Deutschlands. So sieht die Freiheit der Wissenschaft aus, wo die frevelhafte Willkür des Einzelnen ihr die Wege aufzwingt.
    Alles dies sind nur flüchtige Andeutungen: vielleicht regen sie aber zu Gedanken an über die „Heiligkeit“ des Besitzes und über die „Unheiligkeit“ des Besitzes. Ich meine, daß, sobald wir, anstatt die Argumente sittlicher Entrüstung anzuwenden oder politisch zu kannegießern, uns auf den nüchternen Standpunkt stellen: was nützt dem Staate? was schadet dem Staate? wir bedeutend klarer sehen; damit ist viel gewonnen.
    Von diesem selben Standpunkt aus möchte ich einen Blick auf die Verfassungsfrage werfen, insofern sie einem von der Allgemeinheit gewählten Parlamente ausschlaggebende Bedeutung zuspricht.
    Die ganze Welt ist heute in dieser Beziehung zu einem Sklaven des Revolutionsideals herabgesunken; und doch ist dieses Ideal, vor dem sich in diesem Punkte alle ohne Ausnahme bis zur Erde bücken, auch hier so grundfalsch, so unglaublich albern, daß künftige Geschlechter nicht begreifen werden, wie es möglich war, selbst die Vernünftigen unter uns so lange zu narren. Herbert Spencer, der englische Denker, in politischer und religiöser Beziehung ein unbegrenzt freisinniger Geist, urteilt am Schlusse seines Lebens: „Der verhängnisvollste Aberglaube unserer Gegenwart ist der Wahn von dem Gottesgnadentum der Volksvertretungen.“ Es liegt doch auf der Hand, daß der Demos, das Volk, nur in sehr kleinen Staaten tatsächlich regieren konnte, wie in Athen und dem frühen Rom. Aristoteles lehrt: ein Staat könne nicht 100 000 Menschen umfassen und noch „Staat“ heißen. Jeder weiß aber, was auch dort der Demos geleistet hat: alle Größe Athens — politisch, wissenschaftlich,

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künstlerisch — ward unter der fördernden Herrschaft Einzelner erzielt, alle Engherzigkeit, alle Irrnis, der schnelle Niedergang des Staates ist das Werk des Volkes, das aus gutgemeintem, törichtem Idealismus zu Mitwirkung und Entscheidung in Fragen berufen wurde, für die es keine Zuständigkeit besaß noch je besitzen wird. Wer darüber Genaueres erfahren will, der greife zu Julius Schvarcz' mehrbändigem „Die Demokratie“ (1877—1898) oder zu Croiset's „Les Démocraties antiques“. Dazu kommt aber eine entscheidend wichtige weitere Erwägung: in Athen wie im alten Rom, und wie noch heute im Referendum der Schweiz, beteiligte sich das Volk in corpore an den politischen Handlungen; das ist in großen Staaten unmöglich; und so entstand die moderne Erfindung der angeblichen „Volksvertretung“, von der das glückliche Altertum nichts gewußt hat. Das regierende „Volk“ ist bei uns nicht das Volk, sondern eine Gruppe von Herren X, Y und Z, die von dem „Volke“ zu seinen „Vertretern“ auserwählt worden sind. Nun läßt sich freilich vorstellen, daß in manchen sein Dasein unmittelbar betreffenden Fragen das Volk in seiner Gesamtheit ein — wenn auch nicht weitblickendes und fein erwägendes — doch fachkundiges, kluges Urteil besitzen mag; die Abstimmung eines ganzen Volkes, Mann für Mann, in einer Frage, die jeden betrifft und die jeder versteht, wird oftmals ebenso überwältigend richtig ausfallen, wie die stille Abstimmung des deutschen Volkes in dem Krieg, der uns umgibt. Daß aber die allgemeine Menge zu jenem allerschwierigsten Werke — zu der Beurteilung des Charakters und der Begabung und des Urteilsvermögens einzelner Männer, zu der feinen vergleichenden Psychologie befähigt sein sollte, die die Wahl eines „Vertreters“ voraussetzt, ist eine geradezu haarsträu-

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bende Annahme. Darum führt Demokratie notwendig zu Demagogie; die beiden Worte sind in der Praxis sinnverwandt. Es laßt sich mit wissenschaftlicher Bestimmtheit vorausberechnen, daß, bei allgemeinem Wahlrecht, auf einen sachkundigen und innerlich redlichen Vaterlandsfreund, fünf Schwätzer und ebensoviele Geschäftspolitiker werden gewählt werden. Schon die Tatsache, daß die Wählerstimmen durch   R e d e n   gewonnen werden müssen, deutet auf bedenklichste Verirrung des Urteils. Swift — einer der scharfsinnigsten Menschen — stellt auf Grund lebenslanger Beobachtung fest, daß — von vereinzelten genialen Begabungen abgesehen — die sogenannte Redegabe stets auf engen Ideenkreis, gepaart mit Armut des Sprachschatzes, schließen läßt. Das sind die Leute, die jetzt unsere Parlamente bevölkern! Die Wissenschaft weiß von einer „Auslese der Tüchtigsten“; wir betreiben die Auslese der Enghirnigen und Hohlredenden. Während die allertüchtigsten Männer des ganzen Volkes — die weisesten und stärksten, darum auch oft die schweigsamsten — gerade gut genug wären, das Staatsschiff zu steuern, suchen wir uns die Schnattermäuler dazu aus. Das Wort „Parla-ment“ bedeutet ja auf Deutsch „Schwatzbude“. Wenn es möglich wäre, die Kraftmenge, die jährlich in unserem Erbteil auf politische Reden verschwendet wird, zu sammeln, sie würde genügen, sämtliche elektrischen Anlagen Europas dauernd in Gang zu halten. Und diese stundenlang währenden Parlamentsergüsse wirken auf weite Schichten verheerend, denn sie werden durch Kurzschrift festgehalten, als redeten die Götter, und gedruckt, als wären sie wert, gelesen zu werden; und nun sitzen Tausende, denen weitere Ausbildung des Verstandes und Erhebung der Seele so not täte, und verlieren jede freie Stunde an diesen öden Lesestoff.

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Damit ist aber nicht entfernt genug über unseren Parlamentarismus gesagt; vielmehr kommen weitere Dinge in Betracht, die noch bedrohlicher wirken. Zur Not könnte man sich von einem sehr gebildeten Volk — sagen wir dem künftigen deutschen — vorstellen, es käme einmal so weit, sich nicht durch Worte und Programme nasführen zu lassen, sondern es würde in der Mehrzahl wirklich tüchtige, dem Staatswohl ergebene Abgeordnete wählen. Das geschieht — wie der Bauer sagt — in der Woche mit den vier Sonntagen; doch gleichviel, setzen wir es voraus. Wir können es um so eher, als die verschiedenen deutschen „Dinge“ der Gegenwart gottlob noch lange nicht durchdemokratisiert sind, ebenso wenig wie es die französische Kammer vor fünfzig Jahren war, und in Folge dessen eine achtungswerte Summe von Talent und gutem Willen aufweisen. Zwei Unüberwindlichkeiten haften nichtsdestoweniger jeder parlamentarischen Regierung an, und wäre sie aus der Auslese des Volkes zusammengesetzt: die Majorität und die Massenpsychose.
    Ich wünschte, jeder Deutsche wäre gesetzlich verpflichtet, Goethe's unsterbliches Urteil auswendig au lernen: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität....“: da muß ich schon einhalten, um das Wort zu unterstreichen:   N i c h t s   ist widerwärtiger als die Majorität! Ja, nichts! Neben der Tyrannei einer Kammermehrheit ist mir Dschengis-Khan ein Gottesengel; denn — wie der selbe Denker an anderer Stelle sagt — Zwingherrschaft hat wenigstens das für sich, daß sie „große Charaktere“ hervorruft, wogegen die Majorität, aus etlichen hundert unverletzlichen und unverantwortlichen, Reden haltenden und Diäten einsteckenden Individuen zusammengesetzt, die stupide Massengewalt darstellt, — „Gewalt“ ist ein zu schönes Wort: die Majorität sind die Sandkörner der

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Wüste, welche das Kulturwerk von Jahrtausenden verschütten. Doch, kehren wir zu Goethe zurück: „Nichts ist widerwärtiger als die Majorität; denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“ Wo, in der gesamten Weltgeschichte, hat man gesehen, daß das bessere Urteil, die weisere Vorsicht bei der Mehrzahl zu finden gewesen wäre? Dieses heute von allen Menschen als unbestreitbares Dogma angenommene politische System halte ich für die roheste Lösung des verwickelten, schwierigen Problems, die jemals versucht wurde: bei jeglicher anderen Regierungsform besteht wenigstens die Möglichkeit, wenn nicht gar die Wahrscheinlichkeit, daß öfters klug und manchmal hervorragend regiert wird, bei dem System des allgemeinen Wahlrechts mit parlamentarischen Majoritätsbeschlüssen ist es mathematisch sicher, daß immer so schlecht regiert wird, wie gerade noch möglich, wenn die ganze Staatsmaschine nicht auseinanderstieben soll. Was bedeutet die Lobpreisung Schiller's, wenn wir auf des großen Mannes Wort nicht hören:
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat   m u ß   u n t e r g e h n,   früh oder spät,
Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.
In Deutschland merkt man das noch nicht mit aller Deutlichkeit, weil der Bundesrat und der nur dem Kaiser verantwortliche Reichskanzler in unaufhörlichem Kampfe dagegen arbeiten; das war ja schon im alten Bundesreichstag der Fall, sonst gäbe es schon längst kein Deutschland mehr; und ebenso ist seit dem Jahre 1870 alles Große, was Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute ist, im Kampfe gegen die Volksvertretung gewonnen worden. Auch in England hält

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eine große Tradition und namentlich die diktatorische Gewalt des geheimen Komitees der kleinen regierenden Gruppe die Katastrophe noch ab. Sonst aber braucht man nur um sich zu blicken, um zu sehen, wohin wir alle auf diesem Wege kommen werden, und um sich betrübt zu fragen, welcher Teufelsgeist den Deutschen eine Binde vor die Augen hält, daß sie blind ins Verderben laufen. Man wettert gegen Ausländerei und hält es für Vaterlandsverrat, wenn Männer ihre Beinkleider aus London und Frauen ihre Hüte aus Paris kommen lassen: die verderblichste Ausländerei ist aber der Glaube an die unanfechtbare Würde und die ausschlaggebende Bedeutung der aus allgemeinem Wahlrecht hervorgegangenen Volksvertretungen: daran wird Deutschland noch zu Grunde gehen, wenn nicht beizeiten eine vollkommene Umwandlung in der öffentlichen Meinung stattfindet.
    Noch eine Bemerkung — die über den Einfluß der Massenpsychose — muß ich vorbringen, die wichtigste von allen, die auf jede parlamentarische Regierung sich bezieht, gleichviel, ob sie aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht oder aus einem anderen: sie ist schon öfters in einer oder der anderen Form lautgeworden, doch unterliegen die Menschen zeitweise, wie der Erblindung, so auch der Vertaubung. Der schon oben genannte Gustave le Bon staunte, als er zum erstenmal die Geschichte der französischen Revolution aufmerksam studierte, bei der Entdeckung, daß die Mitglieder der verschiedenen Revolutionsparlamente stets anders abstimmten, als sie gesprochen hatten, und somit von Schritt zu Schritt Entscheidungen trafen, die ihren Überzeugungen widersprachen. „Les assemblées révolutionnaires votaient sans cesse des mesures contraires aux opinions de chacun de leurs membres“. Manchmal freilich taten sie, was sie nicht wollten, was sie

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ausdrücklich für schlecht und verhängnisvoll erkannt hatten, einfach aus Feigheit, weil draußen das Volk sich zusammenrottete; doch gilt das durchaus nicht für alle Fälle; auch sonst besteht ein merkwürdiger Abstand zwischen den schriftlichen und mündlichen Äußerungen der Mitglieder und dem, wozu diese selben Mitglieder sich in der Gemeinsamkeit der Beratschlagung dann hinreißen ließen. Le Bon gelangt zu der Überzeugung, daß das, was er in einem anderen bekannten Werk als Massenseele (Psychologie des foules) untersucht hat, in allen solchen Versammlungen am Werke ist, und das bedeutet: Herabsetzung der Besonnenheit des Einzelnen, Steigerung seiner Leidenschaftlichkeit, hypnotische Wirkung und in Folge dessen Übergewicht brutaler Willensnaturen auf und über die feiner organisierten, klügeren Hirne. Parlamente wie die altenglischen, wie die früheren Etats généraux in Frankreich, wie noch heute der preußische Landtag, lassen diese Tatsache nicht so klar zu Tage treten, einerseits weil sehr starke Interessen vertreten sind, weil — wenn ich mich so ausdrücken darf — Dinge, Tatsachen, Verhältnisse vertreten sind, mehr als Parteien und Meinungen, andererseits weil ihr Machtbereich umschränkt ist; je „absoluter“ aber das Parlament wird, teils durch die Allgemeinheit des Wahlrechtes (ein Zustand, der bekanntlich in England zur Stunde noch nicht erreicht ist), teils durch die Ausdehnung der Befugnisse, teils durch die Erwählung völlig losgelöster Vertreter (wie Rechtsanwälte oder Berufspolitiker, die weder im Grundbesitz noch in irgend einem Gewerbe oder Handwerk wurzeln), um so stärker tritt dieses psychologische Gesetz in die Erscheinung; es ist ein Naturgesetz und läßt sich darum auf keine Weise umgehen. Sperren wir vierhundert tüchtige Männer in einen Saal ein mit der Aufgabe, Gelder zu be-

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willigen, Gesetze zu beratschlagen, auswärtige Politik zu beurteilen usw., so erlaubt uns die wissenschaftliche Beobachtung mit unfehlbarer Sicherheit vorauszusagen: die durchschnittliche Urteilskraft dieser vierhundert wird bedeutend herabgesetzt und die Neigung zu Unbesonnenheit gesteigert sein; außerdem werden die weniger edlen Elemente — die weniger frei denkenden, die weniger zart fühlenden — die Oberhand gewinnen. Wer fleißig suchte, würde gewiß von allen Seiten Belege beibringen. Ein allerwertvollster fiel mir vor kurzem in einem Brief Bismarck's an Motley auf, aus dem Jahre 1863; er spricht vom preußischen Abgeordnetenhaus und nennt die Mitglieder zuerst einfach „dumm“; sofort aber zieht er dieses ihm in der Leidenschaft entschlüpfte Wort zurück: „Dumm in seiner Allgemeinheit ist nicht der richtige Ausdruck; die Leute sind, einzeln betrachtet, zum Teil recht gescheit, meist unterrichtet, regelrechte deutsche Universitätsbildung“, und so gelangt er zu der Einsicht: „Sie werden kindisch, sobald sie in corpore zusammentreten;   m a s s e n w e i s e   d u m m,   e i n z e l n   v e r s t ä n d i g.“   Der deutsche Staatsmann urteilt also ohne vorgefaßte Theorie, aus praktischer Erfahrung buchstäblich genau ebenso wie der französische Psycholog aus dem Studium der Geschichte ¹). Noch einen dritten Kronzeugen rufe ich, um wiederum aus einem anderen menschlichen Gesichtswinkel ein Urteil zu hören. Honoré de Balzac, der gewaltige Dichter-Seher, dessen Bedeutung immer mehr zur Anerkennung gelangt, je zahlreichere Zeitgenossen in dem Nebel der Vergessenheit versinken,
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    ¹) Bismarck hätte an Schillers Distichon gegen die „Gelehrte Gesellschaft“ erinnern können:
    Jeder, sieht man ihn einzeln, ist leidlich klug und verständig;
    Sind sie in corpore, gleich wird euch ein Dummkopf daraus.

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schreibt (in „Les Paysans“) von der französischen Kammer seiner Zeit: „Neuf cents intelligences, si grandes qu'elles puissent être, se rapetissent en se faisant foule“; die Verstandeskraft von neunhundert Männern, die, einzeln genommen, von großer Bedeutung sein mögen, schrumpft zusammen, sobald sie zu einer Massenversammlung vereint tagen.
    Kein Mensch auf der Welt ist fähig, diese Tatsachen zu widerlegen; ewige Naturgesetze hören nicht auf zu wirken, weil man sie verkennt oder mi&szli