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Der Wille zum Sieg
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1918 verlegt bei Hugo Bruckmann in München Leere Seite 3 Dem Wunsche bekannter und unbekannter Freunde folgend, die einige meiner im Laufe des Jahres 1917 veröffentlichten Kriegsaufsätze gesammelt besitzen wollten, habe ich sie hier zu einer Flugschrift vereinigt. „Der Wille zum Sieg“ erschien in Bacmeister: „Das Größere Deutschland“, die übrigen sind für die „Deutsche Zeitung“ geschrieben. Hinzugefügt habe ich noch die drei — auf Ersuchen der Reichsbank verfaßten — Aufrufe zu Gunsten der 7ten Kriegsanleihe und einen im „Champagne-Kamerad“ abgedruckten Brief an einen wackeren Feldgrauen. H. S. C. B a y r e u t h, Mitte Dezember 1917. 4 Inhaltsübersicht —————
5 Der Deutschgedanke
Daß die Wesen, die der Gattung „Mensch“ angehören, einander sehr ähnlich sein müssen, liegt auf der Hand; sie entstammen dem selben Prägestock der Natur, verkörpern also einen einheitlichen Gedanken. Dennoch gibt es ursprüngliche Unterschiede. Um bei unserem Bilde zu bleiben: die Natur ist erfindungsreich; selbst im Gleichen wiederholt sie sich nicht, und wie ein Rembrandt nach jedem Abzug an seiner Kupferplatte weiter arbeitete, so hat sie eine Stufenleiter verschiedengearteter Menschenstämme in die Welt gesetzt; jeder mag auf seiner Stufe berechtigt sein und besondere Vorzüge besitzen, doch den Unterschied zu leugnen, heißt auf deutsch lügen. Goethe behauptet z. B., es bestehe gar keine Stammesverwandtschaft — auch in fernster Vergangenheit nicht — zwischen Germanen und Semiten. Zu diesem aus dem Ursprung stammenden Unterschied gesellt sich ein anderer: nämlich die zunehmende Unterscheidung infolge von Schicksal und Geschichte, infolge auch der bestimmten Entwickelungsrichtungen, welche Meistergeister der besonderen Gesamtheit, der sie angehören, aufzwingen und wodurch auch naheverwandte Menschengruppen sich allmählich von einander entfernen und, indem sie bestimmte Bestandteile des gemeinsamen Erbes besonders pflegen, neue — früher ungeahnte — Blüten dem Altvertrauten abgewinnen, oder aber das Gleichgewicht der angeborenen Edelart verlieren und in zunehmenden Verfall geraten. Auf diese Weise ist nun eine eigene Verkörperung des Naturgedankens „Mensch“ entstanden: d e r D e u t s c h e. Mit manchen Anderen verwandt, ist er doch 6 Der Deutschgedanke von Allen verschieden. Nicht will ich den einzelnen Deutschen über die einzelnen anderen Männer aus der europäischen Sippschaft stellen: vielmehr vermisse ich bei den meisten das kühne Selbstvertrauen des Engländers, die Geschmackssicherheit des Franzosen, die liebenswürdige Unumwundenheit des Italieners usw.; doch besitzt jede Gemeinsamkeit eine geheimnisvoll zwingende und züchtende Eigenmacht, und was diese in den Ländern deutscher Zunge, — unbeachtet der politischen Grenzlinien — hervorbringt, dasjenige, was wir allumfassend d a s D e u t s c h e nennen können, ist ein so reiches, so beispiellos einziges, heiliges Gut, daß man sich dem Eindruck nicht entziehen kann, hier walte eine göttliche Bestimmung. Wie der geniale Mensch mehr leistet als er eigentlich „kann“, mehr, heißt das, als er selber weiß und will, weil er eben einem unfaßbaren Höheren dient, ebenso — dessen bin ich überzeugt — dienen die Deutschen in unserer Zeit einem Plane der Vorsehung; mögen noch so viele unzulängliche Deutsche umherlaufen, ohne Bewußtsein der Würde, die dem Deutschsein innewohnt, ohne Begeisterung für dessen Aufgaben, ohne Opfersinn für dessen Bestimmung — das verschlägt nicht so viel wie man in Tagen der Niedergeschlagenheit wähnt: der deutschen Idee wohnt eine ungeheure Wirkungsgewalt inne; an tausend und abertausend Orten, von unserer Oeffentlichkeit meistens unbeachtet, steigt die stille Flamme des Deutschgedankens Tag und Nacht himmelwärts, wie das ewige Feuer unserer indogermanischen Urväter, und diese Treue zeugt einen Segen, gegen den der Mammon und der Bel und alle die anderen Semitengötter, die die heutige Welt beherrschen und auch Deutschland durchseuchen, auf die Dauer nicht werden aufkommen können. B a y r e u t h, 28. März 1917. 7 Der Wille zum Sieg
Den Menschen macht sein
Wille groß und klein.
(Schiller.) Um zu siegen, muß man siegen wollen. (Tirpitz.) Ein fester Wille schafft sich sein Schicksal selber. (Ludendorff.) Von allen uns bekannten Gewalten ist der Wille die größte. Mag sonst die blinde Natur mit ihren entfesselten Elementen zerstören oder wieder zusammentragen, immer handelt es sich nur um Verwandlungen; jede Kraft kann in andere übergeleitet, jede große in tausend kleine zersplittert werden; schöpferisch ist einzig der Wille: dieser allein erschafft, was vorher nicht war. Daher ist in den Vorstellungen sämtlicher Religionen Gott vor allem Wille: mag er gut oder böse, barmherzig oder grausam sein, jedenfalls will er; denn ohne sein Wollen hätte die Welt kein Dasein. Es ist aber wichtig — ich meine praktisch wichtig und in den gegenwärtigen Zeiten vielleicht von entscheidender Bedeutung —‚ daß man zwischen Wille und Wille genau unterscheiden lerne. Damit man nicht argwöhne, ich treibe hier überflüssige Metaphysik — wozu keiner von uns heute Muße noch Lust hat — berufe ich mich für diese Unterscheidung nicht auf einen Philosophen sondern auf einen Historiker. Hippolyte Taine — der überaus vortreffliche, nüchtern klare, gegenständlich zuverlässige Verfasser des grundlegenden Werkes über „Die Ursprünge des heutigen Frankreich“ — lehrt in einem Abschnitt des 8 Der Wille zum Sieg 1. Kapitels des 3. Buches des Revolutionsteiles zwischen einem „Oberflächenwillen“ und einem „Tiefwillen“ (so nennt er die beiden) unterscheiden. Wir Menschen, alle miteinander, werden von unserem Oberflächenwillen beständig genarrt; nur wer sich seiner selbst kritisch bewußt ist, vermag hier aller Irrungen Herr zu werden und klar zu erkennen, ob er auch wirklich will, was er zu wollen sich einbildet. „Der Oberflächenwille“, sagt Taine, „ist gebrechlich und ohne Bestand, er gleicht einem grundlosen Sandboden.“ Wir alle kennen Menschen, die wunder weiß was erzählen von dem, was sie tun „wollen“, und nie kommt etwas dabei heraus, was dieser Ankündigung entspräche; unter Politikern genießt diese Art einen besonderen Ruf; wogegen der eigentliche Willensheld oft schweigsam und stets verschwiegen ist. Nicht allein einzelne jedoch, vielmehr auch große Versammlungen und ganze Völker unterliegen leicht der Einbildung, Dinge zu wollen, die sie in Wirklichkeit keineswegs wollen. Fast ergötzlich wirkt es — wäre es nicht zugleich so tragisch — zu verfolgen, wie das erste große Revolutionsparlament, die Konstituante, regelmäßig das Gegenteil von dem beschließt, was die überwiegende Mehrzahl seiner Mitglieder soeben als ihren Willen feierlich kundgegeben hat. Das Gleiche wiederholt sich im größten Maßstab, wenn das ganze französische Volk am 14. Juli 1790 in trunkener Freude ein Fest allgemeiner, ewiger Verbrüderung — ohne Zweifel in voller Aufrichtigkeit — feiert und schon am nächsten Morgen sich gegenseitig zu hängen und zu köpfen beginnt! Der Oberflächenwille der Abgeordneten träumte von weiser, besonnen fortschreitender Gesetzgebung, ihr Tiefwille löste die ganze Regierungsmaschine innerhalb weniger Monate in Anarchie auf; der Oberflächenwille 9 Der Wille zum Sieg des französischen Volkes träumte von Verbrüderung, seinen Tiefwillen erfüllten Haß, Rachegelüste und Habgier. An diesem schauerlichen Beispiel lernen wir Menschen unser eigenes Wesen erkennen; denn die Grundzüge gleichen sich überall. Wenige Dinge sind für leitende Politiker wichtiger als die unbeirrbare, sichere Unterscheidung zwischen dem „Willen“, den die Phantasie dem einzelnen oder einer Partei oder vielleicht einem ganzen Volke vorgaukelt, und dem tiefgewurzelten „Willen“, der zu Taten führt, an welche die sie Vollbringenden möglicherweise nie gedacht und deren sie sich vielleicht nicht fähig gehalten hätten — denn in uns allen schlummert die Bestie und in vielen von uns (der Krieg zeigt es wieder) schlummert der Held. Schon aus dieser kurzen Erwägung erhellt, daß es für ihrer selbst bewußt gewordene, denkende Menschen von größter Bedeutung sein muß, auch bei ihrem eigenen Wollen zwischen Oberfläche und Tiefe genau zu unterscheiden; denn der schlimmste Betrug ist der Selbstbetrug. Offenbar ist alles an dem Tiefwillen gelegen: anstatt uns von ihm blind beherrschen zu lassen, kommt es darauf an, ihn kräftig klar zu erfassen, ihn denkend und lenkend in der Gewalt zu halten. Das „Erkenne dich selbst!“ der Alten wird oft als eine philosophische Schrulle beiseite geschoben; sehr mit Unrecht. Wenige Verse Goethes genießen eine so allgemeine Verbreitung wie diese: Erkenne dich! —
Was hab'
ich da für Lohn?
Erkenn' ich mich, so muß ich gleich davon. Noch bezeichnender sind vielleicht folgende weniger bekannte: Erkenne dich! — Was soll das
heißen?
Es heißt: sei nur! und sei auch nicht! Es ist eben einen Spruch der lieben Weisen, Der sich in der Kürze widerspricht. 10 Der Wille zum Sieg Man kann für die feine Ironie des großen Mannes Verständnis haben, muß aber dennoch es beklagen, daß seine Worte auch zu denen gedrungen sind, die für solche Gedankenspässe die nötige Reife nicht besitzen. Denn sobald der Mensch nicht mehr, wie ein Tier, aus bloßem Instinkt handelt, gibt es für ihn keine Rettung aus dem unvermeidlichen Verfall infolge falschen Denkens und vielfältigen Selbstbetrugs außer eben durch richtiges, strenges, geschultes Denken und durch bewußte Züchtung des Willens. Es ist einfach ein PfIichtgebot, zwischen dem zu unterscheiden, was wir zu wollen wähnen, und dem, was wir wirklich wollen. Im Privatleben führt eine derartige Besinnung oft zu erschreckenden — und daher reinigenden Ergebnissen; Im Völkerleben wäre das nicht weniger der Fall. So sagen z. B. die Feinde Deutschlands, sie kämpfen für die Zivilisation; wie entsetzt wäre mancher Anständige unter ihnen, wenn er plötzlich entdeckte, wofür und wogegen sein Volk in Wirklichkeit kämpft! Das haben die großen Lehrmeister aller tieferen Besinnung, die alten arischen Inder, in ein eindrucksvolles Bild gekleidet, indem sie Gott schildern, wie er — vor der Weltschöpfung — in abgrundtiefes Sinnen versunken, zu sich redet: „Ich will neue Welten schaffen!“ Hieraus schließt der Arier, göttlich sei kein blindes Wollen, vielmehr einzig ein Wollen, dem „ein Erwägen vorangegangen sei“. Sonst pflegt es nämlich für den Menschen geradezu bezeichnend zu sein, daß sein wahrhafter Wille aus Tiefen gebietet, die ihm unbekannt bleiben. Dieser Wille wirkt daher als eine blinde und oft verheerende Kraft, die man insofern den toten Elementen zuzählen muß. Erst wenn Erwägung ihm die Augen über sich selbst und alles ihn Umgebende geöffnet hat, erst dann kann der Mensch behaupten: mein Wille 11 Der Wille zum Sieg erschafft. Eine solche Willensbetätigung zeigt den Menschen gottverwandt. Und nun frage ich: gebietet heute — mitten in der härtesten Bedrängnis, welche deutsche Menschen seit mehr als tausend Jahren betroffen hat — gebietet in der Seele des ganzen deutschen Volkes, nebst dem spontanen und eigentlich selbstverständlichen Entschluß, die frechen Angreifer zurückzuschlagen und sich vor ihnen Ruhe zu sichern, gebietet ein allgewaltiger, zäher, unüberwindlicher, kommende Jahrhunderte schon umfassender W i l l e z u m S i e g, der aus den tiefsten Tiefen wie ein uneindämmbarer, alles mit sich fortreißender, nie nachlassender Strom emporquillt, zugleich klar erwogene Erkenntnis wiederspiegelnd, wie jener göttliche Willensbeschluß: ich will neue Welten schaffen? Die Wahrheit zwingt zum Bekenntnis: nein! Die Engländer, ja, die verfügen über einen lange bebrüteten, völlig rücksichtslosen, vor keiner Teufelstat zurückschreckenden Tiefwillen: nicht allein haben sie viele Nationen gegen Deutschland aufgehetzt und erklären ihre Staatsmänner, wie ihre Zeitungen, offen, daß sie die völlige Vernichtung des Deutschen Reiches und aller deutschen Arbeit als Ziel bis ans Ende zu verfolgen entschlossen sind, sondern sie tun's schon jetzt, überall wo ihre Hand hinreicht: a l l e r deutscher Besitz, die Frucht a l l e s deutschen Fleißes und Erfindungsgeistes in England und auf einem großen Teil der Weltoberfläche ist bereits aufgelöst, zerstört, in alle Winde verstreut, und jede Woche wird die „schwarze Liste“ vervollständigt, welche die gesamte Welt umfaßt und Engländern für alle Zukunft verbietet, irgendwo, irgendwann mit einem Geschäft zu handeln oder dessen Waren zu befördern, das irgendwelche Beziehungen zu deutschen Interessen besitzt! 12 Der Wille zum Sieg Für den Engländer handelt's sich nicht um einen Krieg, sondern um ein Duell, bei dem einer der beiden Gegner das Leben lassen muß. Ganz anders beim Deutschen! Der Deutsche ist — und das soll ihm zu hohem Lobe gesagt sein — ein gar friedfertiger Geselle; er — dieser angebliche Militarist — ist der friedfertigste Mensch auf Erden; auch sein berühmter furor teutonicus ist nur eine empörte Aufwallung des Gemütes, niemals eine beharrende Stimmung. Wir haben's soeben wieder erlebt: kaum hat er dem heimtückischen Feinde einen tüchtigen Hieb versetzt, schon streckt er die Hand vertrauensselig zum Frieden hin, ohne des vernichtungspeienden Hasses der Gegner auch nur zu achten. Wer den Monat Juli 1914 in Deutschland miterlebt hat, weiß ein Lied davon zu singen; kein Mensch war auch nur von der Möglichkeit eines Krieges zu überzeugen. Ein fast unglaubliches Zeugnis hiervon kam mir neulich in einer rein wissenschaftlichen Fachschrift unter die Augen. Es handelt sich um den Bericht über die von der technischen Hochschule zu Potsdam veranstalteten Beobachtungen der Sonnenfinsternis am 21. August 1914 auf der norwegischen Insel Alsten unter dem 66. Grade. Die bedrohlichen Nachrichten hatten die kleine Gelehrtenschar erreicht; mehrere rief bei eintretender Mobilisierung die Pflicht sofort heim, die Rückkehr konnte bedroht sein, kurz, es bemächtigte sich ihrer eine begreifliche Erregung; und so telegraphierten sie denn an ihre amtlichen Vorgesetzten; diese nun erkundigten sich an maßgebendem Orte und antworteten am 31. Juli telegraphisch aus Berlin: „Europäische Lage ruhig.“ *) Also, ich wieder- ————— *) Vergl. „Die totale Sonnenfinsternis vom 21. August 1914, beobachtet in Sandneßjöen auf Alsten (Norwegen); Bericht von A. Miethe, B. Seegert, F. Weidert“ (bei Vieweg in Braunschweig, 1910), S. 25. 13 Der Wille zum Sieg hole: am 31. Juli 1914 von amtlicher Berliner Stelle: „Europäische Lage ruhig!“ Dieses rührende Zeugnis deutscher Arglosigkeit ist ewigen Angedenkens wert; aber man fragt sich, woher bei Menschen von dieser Anlage jemals die Einsicht von der Notwendigkeit eines Sieges über böse Mächte und demzufolge der Entschluß, ihn um jeden Preis zu erringen, kommen soll? Auf der einen Seite ein mächtiges Volk, das aus elementarem, unerschütterlichem Tiefwillen den Entschluß faßt: Deutschland soll vernichtet werden, zerstampft, so daß es nie wieder auferstehen kann; auf der anderen, Helden, die ihr Vaterland verteidigen, und Staatsmänner, die von Versöhnung träumen — nur bei einer Minderzahl die Einsicht oder wenigstens die Ahnung, daß der heutige Tag der Angelpunkt der Weltgeschichte ist, daß Göttliches und Teuflisches einander gegenüberstehen, daß Deutschland nicht allein seine Grenzen zu verteidigen hat, sondern als Gottesstreiter dasteht, und daß es darum seine Pflicht ist, den Feind ohne jede Rücksicht und Empfindelei und humanes Phrasengedusel völlig niederzuwerfen und sich zu unterwerfen — auf daß endlich auf dieser armen, der Heuchelei und dem elenden Gelde ausgelieferten Welt Ordnung und Friede einkehren, „Friede den Menschen guten Willens“. Was kann geschehen, um aufzuklären und um den W i l l e n z u m S i e g zu wecken? Den Herrschwillen des Engländers, den Haßwillen des Franzosen, den Raubwillen des Russen wird der Deutsche niemals aufbringen; derartige Beweggründe besitzen keine Macht über sein Gemüt. „Vernunft, reine Humanität, Einfalt, Treue und Wahrheit,“ sagt Herder, „das ist Charakter der deutschen Nation“; diesen Charakter wird es nie gelingen, zum mutwilligen Eroberer umzuwandeln; 14 Der Wille zum Sieg einzig die Erkenntnis einer Pflicht — eines göttlichen PfIichtgebotes — könnte hier Kräfte entfesseln, mächtig genug und dauernd genug, um als Wille zum Sieg im Sinne eines elementaren Tiefwillens bezeichnet zu werden. Es ist und bleibt halt Tatsache, daß der Deutsche für das, was man landläufig „Politik“ nennt, nicht zu haben ist; und vielleicht ist es wenig weise, das zu beklagen und heftig dagegen zu wirken; die ganze Welt ist heute durch Politik geknechtet, und es könnte wohl sein, der Deutsche sei ausersehen, sie daraus zu erlösen und in eine neue, vernünftigere, sittlichere, einer edlen Menschheit angemessenere Form hinüberzuführen. Damit der Deutsche seine politischen Fähigkeiten entdecke, müßte er sich vom Joche antiker, englischer und französischer Vorstellungen freimachen und entschlossen „deutsche Politik“ treiben. Jedenfalls werden wir niemals den eigentlichen Tiefwillen zum Sieg im Deutschen erwecken, wenn wir ihn politisch zu begrenzen versuchen und ihm immer wiederholen, er solle — wie die Engländer — nur die eigenen Interessen verfolgen; daraus schöpft der Deutsche keine Begeisterung; vielmehr muß er wissen, daß er für die Freiheit der ganzen Welt kämpft, für die Befreiung aus der schändlichsten Knechtschaft, welche je die Menschheit unterjocht hat — eine Knechtschaft, die letzten Endes auf die französische Revolution zurückgeht, die heute unter englischer Maske auftritt, morgen vielleicht unter einer anderen und übermorgen unter einer dritten. Deutschlands Niederlage würde nicht allein Zerstörung des Besitzstandes und dauernde Verarmung aller Deutschen bedeuten, vielmehr würde sie bedeuten, daß die Sonne wahrer Seelenfreiheit gelöscht werde, und daß jene Güter, die Herder uns nannte — reine Humanität, Einfalt, Treue, Wahrheit — von 15 Der Wille zum Sieg der Erdoberfläche entschwänden, und zwar wahrscheinlich auf immer. Nicht etwa als fänden sich diese Güter nicht auch unter anderen Menschen, Deutschland ist aber zur Stunde ihr einziger Anwalt und Ritter, er und die Wenigen, die sich schon unter seine starken Flügel gerettet haben. Es handelt sich um einen langen Kampf: seit zwanzig Jahren und mehr wird er mit den Waffen der Politik geführt; gewiß währt er (wenn Deutschland nicht den Kampf aufgibt) noch mindestens ein Jahrhundert; für eine derartige geschichtliche Entscheidung wäre das sogar eine kurz bemessene Frist. Welche Breite, welche Gewalt, welche Lauterkeit, welche stählerne Festigkeit, welche hohe, aufopferungsvolle Begeisterung des Willens muß da Deutschland aufbringen! Ob es gelingt, diesen — den eigentlichen — W i l l e n z u m S i e g zu erwecken? Das ist jetzt die Grundfrage aller Fragen; denn daß der Deutsche über die ganze Welt wird siegen können, wenn er will, dessen ist jeder überzeugt, der eine klare Vorstellung der unbegrenzten Möglichkeiten dieser Menschenart besitzt; die Frage ist aber: wird er wollen? Es geschieht in Deutschland leider tagtäglich viel, um diesen erwachenden Willen wieder, einzulullen oder gar auszulöschen; die verbreitetsten Zeitungen des Nordens und des Südens sind geschworene Gegner einer deutschen Weltanschauung; ihre Herausgeber sind — bei aller Vaterlandsliebe — geistig und moralisch mit unseren westlichen Feinden vollkommen identisch, so daß sie sich unwillkürlich zu ihnen hingezogen fühlen und deren Niederlage als eine eigene Bedrohung empfinden würden. Während also drüben Einmütigkeit herrscht, herrscht sie bei uns nur in bezug auf die Verteidigung des Vaterlandes, nicht in bezug auf die Auffassung der Weltlage und der daraus erwachsenden 16 Der Wille zum Sieg Pflichten. infolgedessen wird ununterbrochen, und zwar von sehr einflußreichen Stellen aus, dem Willen zum Sieg, wie wir ihn wecken und großziehen müßten, entgegengearbeitet. Der eigentliche germanische Deutsche ist Philister und Held: wer den Philister in ihm großzieht, fährt mit ihm zum Teufel, wer den Helden in ihm weckt, kann jedes Opfer und auch jede Tat ihm abgewinnen. Das hat Hindenburg wieder bewiesen. „Ich hoffe, der Krieg dauert so lange, bis sich alles unserem Willen fügt“: diese Worte des großen Feldherrn sind rein militärisch gemeint, sie bilden aber den unvergänglichen Ausdruck des wahren Tiefwillens zum Sieg. Nicht „bis sich alles verträgt“ oder „bis sich alles versöhnt“ sagt der Feldmarschall, sondern „bis sich alles fügt“. An diesem Worte wollen wir auch in unserem weiteren Sinne des zu erringenden deutschen Sieges halten: denn die wichtigste Erkenntnis ist die, daß der heutige, vorläufige Sieg gar nicht gewonnen werden kann, wenn nicht der notwendige weitere Sieg — Deutschland die führende Weltmacht — als Ziel und Gebot klar ins Auge gefaßt ist. F ü g e n muß sich alles dem deutschen Willen; bis das geschehen ist, hat Deutschland seine gottgegebene Aufgabe, zu siegen, nicht erfüllt: das erst nenne ich den W i l l e n z u m S i e g. Das Wort Hinbenburgs regt eine letzte Erwägung an. Soll ein Tiefwille ein ganzes Volk ergreifen und mitreißen, so muß eine ungewöhnliche Macht ihn wecken, und diese Macht ist die der über das gewöhnliche Maß hinausragenden Persönlichkeit. Goethe hat uns beten gelehrt: Komm, heiliger Geist, du
Schaffender!
Und alle Seelen suche heim! Das bewirkt der heilige Geist durch seine Auserwählten. 17 Der Wille zum Sieg SolI der Wille als schaffende Gewalt wirken, so setzt er als erste Träger Gewaltige voraus. Nur ein Gott kann sprechen: „Ich will neue Welten schaffen“; nur ein Bismarck vermag es, in der schweigenden Feste seines Herzens sich zu geloben: „Ich will ein neues Deutschland schaffen“; nur ein Hindenburg wagt es zu sagen: „Es muß sich alles unserem Willen fügen.“ Der archimedische Stützpunkt, um das Bestehende aus den Angeln zu heben, muß immer in ungewöhnlich starken Menschenseelen gesucht werden. Bildung, Klugheit, gute Absichten — das alles tut's nicht; die eingeborene Kraft muß gegeben sein. Der Schwache kann sich vieles vornehmen, doch es zu wollen, ist er unfähig; denn der Wille ist ein zeugender Blitz, der aus einer Überfülle angestauten Lebenssaftes hervorschießt, wobei er, nach allen Seiten zündend, millionenfache Kräfte sich zugesellt. Gerade Deutschland kann das Land der großen Männer genannt werden; dieses ist zugleich die Gewähr für die oft verborgene, aber eingeborene, stets des Weckens harrende, fast überirdische Kraft. Daran fehlt es im Augenblick. In seinem bekannten Brief an den Reichskanzler klagt Hindenburg über eine gewisse „Mürbigkeit“, die im Leben Deutschlands Platz gegriffen habe, und er leitet sie mit Recht aus dem vollständigen Mangel an Genialität in den leitenden Kreisen ab. Der Weg, den der Deutsche zu gehen hätte, kann ohne Führung durch den heiligen Geist nicht gegangen werden. Welche elektrisierende Wirkung übt Hindenburg aus! Sobald er spricht, lebt jeder auf! Solche Worte — und das heißt solchen Geist — brauchen wir aber auch außerhalb der Armee. Hindenburg redet nicht nur, er redet sogar nur gelegentlich, nebenbei; er schlägt auch nicht nur Schlachten; er schafft, er organisiert, er stellt richtige Leute an richtige 18 Der Wille zum Sieg Stellen, er beseelt, er weckt Fähigkeiten; man erblickt den „heiligen Geist“ am Werke, wie er „alle Seelen heimsucht“. Wir brauchen im ganzen Staatswesen die Erlösung aus einem System der grundsätzlichen Mittelmäßigkeit. Die Deutschen stehen bereit; ihnen fehlt nur der vom heiligen Geist eingesetzte Führer. Und was sage ich: e i n e n Führer? Hundert Führer, tausend Führer! Auch diese sind alle da; Handel, Industrie, Wissenschaft, Landwirtschaft, sowie das hervorragende Beamtentum — alle zeigen uns, daß Deutschland eine Fülle von Meistergeistern besitzt, wie kein anderes Land; nur die Ungunst der Stunde duckt sie herab und stopft ihnen den Mund. Vorläufig können wir also nur schüren, bis eines Tages der echte W i l l e z u m S i e g vulkanisch durchbricht und das zweite Feldheer dann plötzlich, fertig gegliedert, dasteht, dasjenige, welches berufen ist, durch deutsche Volkskraft und genial-wissenschaftliche deutsche Staatskunst — Kraft der Gestaltung, Kunst der Verwaltung — eine neue bessere Weltordnung heraufzuführen. B a y r e u t h‚ 18. Dezember 1916. 19 Die
Antwort an den Papst:
eine ernste Betrachtung *) Die Antwort an den Papst läßt recht verschiedene Deutungen zu und wird dementsprechend verschieden beurteilt. Mancher, der sie anders gewünscht hätte, beruhigt sich mit dem Gedanken, daß sie klug abgefaßt sei und im Grunde genommen keine bindende Verpflichtung eingehe. Ich kann diese Meinung nicht teilen. Wer im Namen Deutschlands zu reden die Ehre hat, sollte wahrhaftig und stolz reden: das würde sich letzten Endes als klüger denn klug erweisen. Bismarck bekennt: „Ich habe es auch im politischen Leben stets für nützlich gehalten wahr zu bleiben.“ Diesem Grundsatz bleibt die Antwortnote nicht getreu, und dagegen muß Einspruch erhoben werden; denn ebenso wie aus Wahrheit und Wahrhaftigkeit stets Gutes hervorgeht, ebenso sicher rächt sich jedes Abweichen von diesem Wege. Wie viele Männer an dieser Antwort mitgearbeitet haben, ist mir unbekannt. Stil und Inhalt lassen mich aber vermuten, daß der Entwurf zu der zweiten Hälfte von einer anderen Hand stammt, als der zu der ersten. Der ganze Anfang ist schlicht, phrasenlos und wahr. Die Verteidigung der Persönlichkeit unseres Kaisers gegen die schamlosen Anschuldigungen seiner Verleumder wirkt überaus wohltuend. Sobald aber der jetzige Krieg berührt wird, ändert sich mit einem Schlag alles. Gleich der erste Satz ist von einem verhängnisvollen Geist kleinmütiger Ungeradheit ————— *) Chamberlain's critique of Germany's official answer to Pope Benedict XV's peace plan "Dès le début". 20 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung eingegeben: „Eine unheilvolle Verkettung von Ereignissen hat im Jahre 1914 einen hoffnungsreichen Entwicklungsgang jäh unterbrochen und Europa in einen blutigen Kampfplatz umgewandelt.“ Hier war doch der Ort, den Papst über das, was er offenbar nicht weiß, zu unterrichten, nämlich über den Ursprung dieses seit Jahren geplanten Raubkrieges; es liegen, weiß Gott! Urkunden genug jetzt vor; sie nicht zu benutzen, kommt objektiv einer planmäßigen Vertuschung der Wahrheit sehr nahe und bedeutet subjektiv das törichte Wegwerfen des Haupttrumpfes, den man in der Hand hält. Wie Joseph Kohler — der berühmte Rechtslehrer und Rechtspraktiker — neulich im „Tag“ darlegte: Die Note des Papstes steht nicht auf der Höhe der großen Kirchentraditionen. Diese unterscheiden, seit Thomas von Aquin, zwischen dem bellum justum und dem bellum injustum: ersteres ist nach kirchlicher Lehre durchaus gerechtfertigt. Es war nun nicht Sache eines Papstes, Friedensvorsläge zu machen, wie sie genau ebenso der Bundespräsident der Schweizerischen Eidgenossenschaft hätte machen können, vielmehr hatte einzig die Frage der Gerechtigkeit vor des Papstes Forum gehört, und Sache der deutschen Antwort wäre es gewesen — gerade dem Papste gegenüber —‚ diesen Standpunkt allein in den Vordergrund zu rücken und damit das Oberhaupt der katholischen Kirche zu zwingen, ihm gerecht zu werden. Statt dessen steht die unglückliche, den Tatsachen hohnsprechende Behauptung, der Krieg sei zufällig im Jahre 1914 ausgebrochen und habe „einen hoffnungsreichen Entwicklungsgang jäh unterbrochen“. Damit stellt sich Deutschland direkt ins Unrecht. Denn wäre die politische Lage Europas auch nur ein wenig „hoffnungsreich“ gewesen, so hätte sich der Krieg vermeiden lassen; wie mir wissen, war er aber schon 21 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung längst von unseren Feinden beschlossen; mit Ausnahme der Herren vom Auswärtigen Amt in Berlin zweifelte kein Mensch mehr, daß eine Katastrophe fast unabwendbar war. Russische Blätter haben schon im März 1914 den Krieg für Ende Juni vorausgesagt, und als der Mord von Sarajewo stattfand, da wußte der politisch Stumpfsinnigste wie viel die Uhr geschlagen hatte. Im Mai 1914 mußte ich pupillar-sichere Statspapiere zur Deckung der Kosten eines Umbaues verkaufen: sowohl in Berlin wie in Wien war es sehr schwer, für diese sonst stets begehrten Papiere Käufer zu finden, und nur mit bedeutenden Opfern wurden sie angebracht — so sicher wußte die gange finanzielle Welt, was bevorstand. Ich halte dieses Wort von dem „jäh unterbrochenen hoffnungsreichen Entwicklungsgang“ für ebenso unglücklich und schwerwiegend unheilvoll wie irgendeines der unglücklichen Worte des Herrn von Bethmann Hollweg, dIe Deutschlands Zukunft jetzt belasten: es bedeutet nichts weniger als den Wiederaufbau des unglückseligen Kartenhauses, das am 4. August 1914 kläglich zusammengestürzt war — des Kartenhauses, das die ganze Schuld an Deutschlands Lebensgefahr trägt. Und nun folgt die nicht minder unglückselige, phrasenreiche Ausführung über „die moralische Macht des Rechtes, die an die Stelle der materiellen Macht der Waffen treten“ soll. Man glaubt eine Anführung aus einem Roman der seligen Berta Suttner zu lesen, nicht die Worte eines verantwortlichen deutschen Staatsmannes in einer entscheidenden Stunde der Weltgeschichte. Und wie muß es schmerzen, gerade in diesem Augenblick, die Taten unserer Helden als „materiell“ und außerhalb der Moral liegend bezeichnet zu hören! Das Wort Recht wird nicht ein einziges Mal in seinem eigentlichen, wissenschaftlichen, „rechtlichen“ 22 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung Sinne gebraucht, sondern in dem Sinne, wie eine liebevolle alte Jungfer das Wort auffassen mag. Jeder, der auch nur eine Spur juristischer Ausbildung genossen hat, weiß, daß Recht allein aus Macht entstehen kann. Billigkeit, Güte, Mitleid sind moralische Eigenschaften; das Recht aber deutet auf Verhältnisse, die durch Macht geschaffen und durch Macht lebendig aufrechterhalten werden. Darum kann ein moralisch so hochstehender Mann wie Treitschke den Krieg geradezu als „heilig“ bezeichnen; erstens, weil „nur im Kriege ein Volk zum Volk wird“, und zweitens, weil im Kriege und im Kriege allein ein Volk sein „Recht“ anderen Völkern gegenüber erschafft. Otto von Gierke sagt: „Die durch Machtbewährung begründete Entscheidung besitzt allseitig verbindliche Rechtskraft“. Dies bildet ein Axiom alles Rechts. Denen, die sich in diesen Fragen nicht auskennen und die nicht die Muße besitzen, sich in Folianten Belehrung zu holen, möchte ich eine ganz vortreffliche Flugschrift des rechtskundigen Schweizers August Schmid in Basel: „Die Gewalt als Grundlage des Rechts, eine Betrachtung über die Tatsachenblindheit der Friedenstheoretiker“ (in Basel bei Finckh, 1917) wärmstens empfehlen; sie wirkt wie ein reinigendes Bad. Neu ist ja eigentlich nichts, was der wackere Schweitzer uns zu sagen hat; Weise haben nie anders gedacht; er sagt es aber so bieder, so einfach und so überzeugend, daß seine Schrift geeignet ist, manchem Irregeleiteten die Augen zu öffnen. Zunächst zeigt Schmid, daß alles, was Recht heißen kann, „nur eine besondere Form der Gewalt ist“, weswegen „ein Rechtszustand nur möglich ist innerhalb eines Gebietes, über welchem eine Gewalt steht“. Daraus folgt nun der sehr wichtige Satz: „Gerade weil es ein nationales Recht gibt, kann es kein internationales Recht geben“. 23 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung Schon der Begriff eines zwischenstaatlichen Rechtes, wenn das Wort Recht seinen Sinn behalten soll, ist ein Unsinn, eine bloße Phrase ohne Inhalt und Bedeutung. Der Standpunkt also, den die Antwort einnimmt, bedeutet einen vollkommenen Widersinn, und dieser — wie man weiß — „bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Toren“. Zum Interessantesten gehört Schmid's Nachweis von der Gefährlichkeit der unter uns umlaufenden Friedenstheorien, und zwar nicht bloß, weil die eine Hälfte dieser salbungsvollen Friedensapostel Schwindler sind, die es auf die Irreführung Deutschlands abgesehen haben, sondern weil grundfalsche, den ewigen Naturgesetzen widersprechende Vorstellungen stets schlimme Folgen zeitigen. Schmid zeigt: „Die Größe und Furchtbarkeit des jetzigen Krieges ist nicht zum geringsten Teil auf die Friedensbewegung zurückzuführen.“ Die dem Kriege vorangegangene sogenannte „Friedensbewegung“ hat wie ein zweischneidiges Schwert gewirkt. Ferner zeigt er auch — er, der neutrale Schweizer — wie viel besser es für Deutschland, für Europa, ja für die ganze Welt gewesen wäre, wenn Deutschland — von einem tatkräftigen, weitblickenden Staatsmann geführt — viele Jahre früher losgeschlagen hätte. „Die Folge des Umstandes, daß Deutschland günstige Gelegenheiten verpaßt hat, ist also die, daß mit ungeheuer viel größeren Blutopfern Europas eine weit geringere Friedensgewähr entsteht; eine rechte Grausamkeit des Schicksals .... Gut gemeinte, aber in diesem Falle wirklich unglückliche Friedensliebe hat nicht nur Deutschland selber, sondern ganz Europa schwere Wunden geschlagen; Friedensgedanken haben einen furchtbaren Krieg schon erzeugt und spätere vorbereitet. Der gegenwärtige Krieg ist das größte Beispiel dafür, daß eine Gemütspolitik 24 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung schwere Folgen haben kann; Friedensgedanken sind hier furchtbare Kriegserzeuger geworden“. Von besonderem Interesse ist sein Nachweis, daß ein internationales Schiedsgericht mit unabweisbarer Notwendigkeit die Kriegsgefahr vergrößern würde, so daß man, falls dieses Gericht wirklich geschaffen werden sollte, nur hoffen kann, daß die Staaten es möglichst umgehen werden, indem sie sich wie bisher unmittelbar miteinander verständigen. „Die Sache wäre wieder wie vorher, nur mit dem Unterschied, daß die Welt wieder um eine Komödie (eben jenes Scheingericht) reicher wäre“. Daß gerade ein Schweizer den Gedanken eines dauernden Völkerfriedens begrüßen muß, liegt auf der Hand; Schmid zeigt aber, daß ein solcher Zustand nicht durch künstliche Vereinbarungen, sondern nur durch organisches Wachstum entstehen kann. „Eine allfällige Gewalt, welche den allgemeinen Völkerfrieden schaffen soll, muß von innen herauswachsen; sie kann nicht durch freiwilliges Zusammenschließen von Einzelkräften entstehen.“ Und des Weiteren: „Wenn diese große Kraft kommt, welche den Frieden möglich macht, so wird sie gegen den Willen der Menge kommen, wie überhaupt alles Große in der Welt gegen den Willen der Masse kommt. Die Kraft wird dadurch entstehen, daß sich eine Kraft selber die Achtung erzwingt, zum Teil unter heftigstem Widerstand.“ Die einzige Kraft, fähig dieses ersehnte Glück herbeizuführen, „die einzige Gewalt“; fähig, ein neues „Recht“ völkerverbindend zu schaffen, wäre, nach Schmid, ein zu aller Macht entfaltetes Deutsches Reich: „Es ist eine Kraft herangereift, die im stande sein wird, die Grundlagen eines längeren Völkerfriedens in Europa zu schaffen. Diese Kraft ist das von Preußen organisierte Deutschland.“ Noch einmal, diese kleine Schrift sei Allen empfohlen, welche Vernunft der 25 Die Antwort an den Papst: eine ernste Betrachtung Torheit vorziehen, Wahrheit dem Irrtum, Mannhaftigkeit der weibischen Schwäche. Von Beethoven besitzen wir das Wort: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen“; an diesem einzig würdigen Maßstab gemessen, hält die Antwort an den Papst nicht stich. B a y r e u t h, 25. September 1917. 26 Das
eine und das andere Deutschland
Heutzutage, wo die Lichtkunst keine Schwierigkeiten kennt, würde ein unternehmungsfroher Photograph sich ein Verdienst erwerben, dessen Tragweite — vorausgesetzt, er führte die Sache geschickt aus — geschichtliche Bedeutung erlangen könnte. Es würde sich um zwei Gruppenbilder handeln, die auf e i n e m Bogen zu stehen kämen, das eine oben, das andere unten; lauter Köpfe; diese nach treffenden Originalaufnahmen und in einer Größe, welche die Hauptzüge der Antlitze unmißverständlich deutlich erblicken Ließe. In dem oberen Bilde wären etwa vierzig bis fünfzig deutsche Männer zusammenzustellen, die sich während der letzten drei Jahre vor dem Feinde in besonders hervorragender Weise ausgezeichnet haben: außer den obersten Leitern wie Hindenburg, Ludendorff, Zeppelin, Stein, Tirpitz, Scheer usw. eine Auswahl unter den Generälen, die unvergänglichen Ruhm erworben haben wie Kluck, Mackensen, Linsingen, Eichhorn, Below, Bothmer, Woyrsch, Lietzmann, Krafft-Delmensingen *), Boyadel **), Falkenhayn, Emmich, Mudra, Gerok, Hutier —‚ Admiräle wie Spee und Hipper, auch Männer wie Goltz, Bissing und Groener; dazu kämen mehrere Unterseeboot-Kommandanten, wie Weddigen, Arnauld de la Perière, Hans Rose u. a., ferner Graf Dohna und die Helden von der ‚Möve“; eine Reihe Flieger schlösse sich an, von Immelmann bis Richthofen; im Hintergrunde möchte ich auch einige von den Männern vertreten sehen, die sich in dem Kampf um eine energische ————— *) Chamberlain wrote: Kraft-Delmensingen. **) Probably General von Scheffer-Boyadel. 27 Das eine und das andere Deutschland Kriegführung, sowie um die Erhaltung angeerbter deutscher Art und Gesinnung verdient gemacht haben, so z. B. die Historiker Dietrich Schäfer und Eduard Meyer, Graf Reventlow, Prinz zu Löwenstein, Freiherr von Liebig, Herzog Johann Albrecht, Generallandschaftsdirektor Kapp, Fürst Salm-Horstmar, Geheimrat Gruber, Verleger J. F. Lehmann.....; erlaubten es die Raumverhältnisse, so würde ich noch aus den verschiedenen deutschen Landschaften je zwei der mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichneten Soldaten hinzufügen. Aus dieser Gruppe würde man eine sehr deutliche und — des bin ich gewiß — eine höchst eindrucksvolle Vorstellung von der Physiognomie des eigentlichen kriegführenden und siegwollenden Deutschland gewinnen. Jetzt das untere Bild. Den Mittelpunkt würden hier die zwei Reichskanzler *) und die drei Staatssekretäre des Äußern bilden; **) neben ihnen stünde Herr Helfferich und eine Auswahl der leitenden Herren aus dem Reichskanzleramt, dem Auswärtigen Amt und dem Reichsamt des Innern. Dazu die Botschafter Fürst Lichnowsky, Graf Bernstorff, Herr von Schoen, sowie einige andere Herren aus der gleichen Diplomatenschule; dann Gruppen der Herren von der sogenannten „Reichstagsmehrheit“ mit Scheidemann, Payer, David und Erzberger an der Spitze; eine Anzahl leitender Männer aus den verschiedenen Zentraleinkaufsgesellschaften und schließlich — an dem Platze, wo auf dem oberen Bilde die Unterseeboot-Kommandanten und die Kampfflieger stehen — getreue Bildnisse der Hauptschriftleiter des „Berliner Tageblatts“, ***) der „Frankfurter Zeitung“, des „Vorwärts“ ****) — nicht zu vergessen des Herrn Botschafters in partibus infidelium Dr. Dernburg! Beim ersten Blick auf diese beiden Bilder würde selbst das unaufmerksamste Auge erkennen, daß heute nicht ein ————— *) Theobald von Bethmann-Hollweg und Georg Michaelis. **) Gottlieb von Jagow, Arthur Zimmermann und Richard von Kühlmann. ***) Theodor Wolff. ****) Rudolf Hilferding.
28 Das eine und das andere Deutschland Deutschland am Werke ist — Vergangenheit fortsetzend, Gegenwart ausmeißelnd, Zukunft vorbereitend —‚ sondern zwei Deutschland sich in die Aufgabe teilen, deren Physiognomien allein genügen zu dem Beweis, daß es sich um zwei so verschiedene Menschenarten handelt, als seien sie auf zwei verschiedenen Planeten geboren. So etwas mit Worten zu schildern, geht nicht an, — man müßte denn über die Feder eines Dante verfügen; und selbst dann noch bliebe die Wirkung des Wortes hinter derjenigen des Mitaugenschauens weit zurück; deswegen wünschte ich die Bilder. Soll nun, in Ermangelung dieser, doch etwas mit Worten gesagt werden, so wollen wir uns auf einen einzigen Punkt beschränken. Beim oberen Bilde, im Gegensatz zum unteren, fällt zunächst die Einheitlichkeit auf: wie verschiedenen Kopfbildungen und Gesichtszügen wir hier auch begegnen, eine unverkennbare Ähnlichkeit eint doch alle diese Männer zu Mitgliedern einer einzigen großen Familie. Beim unteren Bilde findet das nicht statt, vielmehr stehen hier die verschiedensten Bildungen nebeneinander und man könnte höchstens im verneinenden Sinne von einer gewissen Einheit reden, insofern nämlich das Fehlen bestimmter Züge der oberen Gruppe allen diesen noch so verschiedenen Männern gemeinsam ist. Dies ist namentlich beim A u g e — der „finestra dell' anima“, dem Seelenfenster, wie Leonardo es nennt — der Fall: bei allen Männern der oberen Gruppe — bei allen ohne Ausnahme — blickt das Auge offen, klar, frei und insofern auch unschuldsvoll in die Welt hinaus; selbst der so ergreifend sorgenschwere Blick eines Hindenburg zeugt von kindlich unerschütterlichem Vertrauen; dieses Auge, diesen Blick, wird man wahrscheinlich bei keinem einzigen Manne der unteren Gruppe finden: 29 Das eine und das andere Deutschland aus dem „Fenster“ blickt uns eine andere Seele an und damit ist zugleich gesagt, daß in diesen Seelen sich ein anderes Bild der Welt widerspiegelt. Bekanntlich wird aber der Ausdruck des Auges durch die Knochen- und Muskelbildung des Gesichtes genau bedingt, und somit genügt diese eine Wahrnehmung, um den tiefgreifenden Unterschied sowohl im Äußern wie im Innern festzustellen. Mehr brauchen wir im Augenblick nicht. Ebensowenig brauchen wir uns im Augenblick irgendwelchen dogmatischen Annahmen über die Rassenfrage zu verdingen: wir gerieten damit auf einen Boden, wo gar Vieles noch unklar ist und Worte häufig die Stelle nachweisbarer Tatsachen vertreten; wogegen der oben bezeichnete Unterschied zwischen den beiden Gruppen deutscher Männer eine unumstößliche Tatsache bleibt, erkläre man sie wie man wolle. Der welterfahrene Jude Disraeli bekannte als seine Überzeugung: „Rasse ist Alles“; dagegen sprach einer der tiefsten Denker der Germanen, Paul de Lagarde, das viel umstrittene und tatsächlich nicht ganz unbedenkliche Wort: „Das Deutschtum liegt nicht im Geblüte, sondern im Gemüte.“ Disraeli würde sagen, die Männer der oberen Gruppe entstammen alle der nordeuropäischen-germanischen Rasse, die der unteren entstammen anderer Rasse, oder sind rassenarme Mischlinge; Lagarde würde sich mit der Feststellung begnügen, die Männer der oberen Gruppe sind deutschen Gemütes die der unteren sind es nicht. Ohne nun hier entscheiden zu wollen, würde ich vorschlagen, dem Grundsatz des Mitaugenschauens treu zu bleiben und Umschau zu halten unter den Bildern der bedeutendsten Deutschen vergangener Jahrhunderte, Fürsten, Krieger, Staatsmänner, Gelehrte, Glaubenshelden, Künstler, Erfinder — kein Zweifel ist möglich: sämtliche Männer, die an Deutschlands 30 Das eine und das andere Deutschland Größe mitgearbeitet haben, gehören der oberen Gruppe an. Nicht diese aber allein, sondern die weitaus überwiegende Zahl des gesamten deutschen Volkes auch des heutigen Tages — namentlich insofern wir den Urborn dieses Volkes, nämlich den Bauernstand ins Auge fassen — gehört der Familie der geradeblickenden, hell- und kühnäugigen Männer an! Natürlich ist die Mehrzahl der Köpfe nicht so bedeutend geschnitten, die Mehrzahl der Augen nicht so strahlend überlegen, wie die der für unser Bild ausgewählten Vorzüglichsten, doch die Sippenverwandtschaft liegt klar vor Augen, und aus dieser Masse gehen immer wieder Männer hervor, fähig, es ihren Altvordern gleichzutun. In dem Oberfranken, das mich heimatlich aufgenommen hat, brauche ich nur eine Stunde spazieren zu gehen, um mindestens einem halben Dutzend Männer zu begegnen mit dem ausgesprochenen Moltke-Typus; in vielen anderen Gauen Deutschlands, sowohl im Norden wie im Süden, im Osten wie im Westen, findet sich ein Gleiches; so konnte mir denn kürzlich einer der bedeutendsten lebenden Bildhauer Deutschlands, indem er auf den Moltkekopf in seiner Werkstatt hinwies, sagen: „Das ist der typische deutsche Bauernkopf.“ Auch andere, prachtvoll geschnittene Köpfe, die an Luther, an Albrecht Dürer, an Rembrandt, an Hindenburg und an andere Generäle des jetzigen Krieges gemahnen, trifft man in allen deutschen Gauen in Hülle und Fülle an; diese vornehmsten Köpfe sind zugleich die volksmäßigen. Doch auch in den Städten, unter der Arbeiterbevölkerung, finden sich weit mehr der oberen Gruppe angehörende Männer, als man vor dem Kriege dachte, und weit weniger, die der unteren Gruppe zuzurechnen wären; die durch planmäßige politische Aufhetzung bewirkte Entfremdung von der eigenen Art hatte auch auf die Züge 31 Das eine und das andere Deutschland entstellend gewirkt, und ich habe manche Männer kaum wiedererkannt, wenn sie nach zwei oder drei Jahren von der Front auf Urlaub heimkehrten: eine tiefgreifende Umwandlung, die offenbar nichts anderes ist als die Rückverwandlung in die angeborne Art — wie man sie bei den spielenden Buben auf der Gasse beobachtet —‚ hat stattgefunden. Ich setze das unbedingteste Vertrauen in die deutsche Arbeiterschaft, ebenso wie in die Bauern; das politische Parteiwesen, die an ihnen unter Hochdruck verübte Irreleitung hat sie sich selbst vollkommen entfremdet; ein großes Ereignis genügt — wie wir es August 1914 erlebten — und der internationale Spuk ist verschwunden. Hätte damals ein Mann aus unserer oberen Gruppe das Staatsschiff gelenkt, die internationale Richtung hätte für immer ihr Ende erreicht. Dieser Tage sprach ich einen jungen, auf Urlaub hier weilenden Metallarbeiter, der sich, noch nicht siebzehnjährig, bei Kriegsausbruch sofort freiwillig gestellt und sich seitdem an allen Fronten auszuzeichnen Gelegenheit gefunden hatte. Als ich ihn fragte, was er von Scheidemann und dessen Verzichtfrieden halte, wurde der junge Mann glutrot, ballte die Faust und rief: „Dem, wenn wir heimkommen, schlagen wir Alles kurz und klein!“ Und als ich seine Meinung über die politische Lage in Deutschland herauszulocken suchte, kleidete er sie in die lapidaren Worte: „Ja, wissen Sie, Herr Tschampala, die Sache liegt augenblicklich bei uns so — die Gescheiten dürfen nicht reden, und die Dummen lassen sich nichts sagen.“ So einfach verhalten sich die Dinge freilich nicht, aber ich dachte bei seinen Worten an meine beiden Bilder, und sagte mir: wenn ich in der Lage wäre, sie dem Jüngling vorzulegen, er würde anstatt der durchaus unpassende Worte „gescheit“ und „dumm“, einfach auf das obere und das untere Bild gewiesen haben. 32 Das eine und das andere Deutschland Wie naiv sich auch die Worte des tapferen Feldgrauen ausnehmen, sie dienen doch dazu, eine verwunderte Frage in uns zu wecken: Wie ist es zu erklären, daß die Männer von der oberen Gruppe so gut wie gar keinen Anteil an der Regierung des Landes haben? Unter ihnen ist doch der Inbegriff des Deutschtums zu finden, nur hier erfährt man, was deutsche Art, deutsches Wesen, deutsche Geschichte ist, sie haben die Heimat erobert, ausgeweitet und gegründet, sie haben von jeher bis zum heutigen Tage alle Schlachten geschlagen, sie haben das Land urbar gemacht und die Städte gebaut, sie sind als Hansa kühn auf die Meere hinausgesegelt und ihre Enkel sind es, die im Begriffe stehen, Lübeck, Hamburg, Bremen, Antwerpen zu den ersten Handelshäfen der Welt durch ihren Unternehmungsgeist auszugestalten, sie allein haben die großen deutschen Gedanken gedacht und die große deutsche Kunst geschaffen; sie aber auch sind die Schöpfer des deutschen welterobernden Gewerbes und Gewerkes, sie sind die vielverlästerten „Schwerindustriellen“, zugleich sind sie die großen und die kleinen Bauern, denen wir die unvergleichliche Entwicklung der deutschen Landwirtschaft Innerhalb der letzten vierzig Jahre verdanken, ohne welche Steigerung des Ertrages das Deutsche Reich in dem ihm jetzt aufgedrungenen Kampf ums Dasein längst erlegen wäre..... Wie kann es nur gelungen sein, diese Männer — geborene Herrenmenschen — aus der Regierung ihres deutschen Vaterlandes ganz und gar auszuschließen, so daß wir erschrocken unsere untere Gruppe anblicken, uns die Augen reiben und uns fragen: Was? das sind die Männer, die über Deutschlands Gegenwart und Zukunft entscheiden? Sie allein lenken im Innern und bestimmen nach außen? Sie allein vertreten Deutschland bei den Bundesgenossen und stehen für Deutsch- 33 Das eine und das andere Deutschland lands Ehre und Unantastbarkeit den feindlichen Nationen gegenüber? Wie ist das denn möglich? Wie ist das gekommen? Die Geschichte dieses merkwürdigen und unheimlichen Vorganges — die Unterjochung der überwiegenden Mehrzahl eines edelsten Volkes unter den Willen einer Minderzahl — wird wohl erst die Zukunft genau aufdecken. Heute können wir nur so viel sagen: mit der Entlassung Bismarck's fing die Reaktion an, die es heute bis zu einer fast schrankenlosen Herrschaft gebracht hat. Unter Wilhelm dem Getreuen und Bismarck dem Großen, im Bunde mit Moltke dem Nieirrenden und Roon dem stets Vorausdenkenden — vier herrlichen germanischen Typen — hatte das Deutschland der oberen Gruppe einen Gipfelpunkt erreicht, und dadurch nicht allein im Ausland, sondern auch im Inland bei den Männern entgegengesetzter Art Haß und Neid geweckt; als der Getreue die Augen geschlossen hatte und der Große verbannt war, da erhoben diese anderen „Deutschen“ von neuem das Haupt und haben es inzwischen glücklich soweit gebracht, daß sie heute alle Macht an sich gerissen haben: die obere Gruppe mag sich schlagen, die untere schaltet nach ihrem freien Willen und gemäß ihren besonderen Interessen. Daß sie „dumm“ sei, wie der gute Feldgraue meinte, ist sicher unrichtig; unrichtig wäre es auch, sie der moralischen Schlechtigkeit zu verdächtigen — sie erblickt halt die Welt, wie man sie aus solchen Augen erblickt —; sie meint es gut, aber anders als die Männer des oberen Gruppe. Merkwürdig bleibt's immerhin, daß die erdrückende Mehrzahl des deutschen Volkes sich von dieser Minderzahl beherrschen läßt; merkwürdig und verhängnisvoll. Jeglicher Gefahr, die von außen kommt, kann Deutschland trotzen, denn die Männer von der oberen Gruppe stehen Wache; wie sollen wir aber die todesdrohende innere Ge- 34 Das eine und das andere Deutschland fahr abwenden, wenn wir den Zusammenhang nicht erkennen? Wann endlich ertönt die Stimme des schon von Luther herbeigerufenen „Mannes mit dem Löwenherzen“? *) B a y r e u t h, Anfang Oktober 1917. *) See Luther: Über den Nutzen der Historien. H. S. Chamberlain referred more than once to this future saviour of the German Reich, for instance in Deutschlands Kriegsziel, 1916, in Der Wille zum Sieg, 1916 ("The Germans are ready for it; all that is missing is a God-sent Führer"), and in Demokratie und Freiheit, 1917. Stolzing-Cerny, Chamberlain's disciple, and editor of the Völkischer Beobachter, party organ of the NSDAP, used the same phrase “man with the lion heart“, but not — as far as I know — in connection with Hitler. 35 Die Deutsche
Vaterlands-Partei
„Eure Kinder werden sich
nicht mehr bei Nacht
Das Wort „Vaterlands-Partei“ hat
im ersten Augenblick Manchen auch unter den Gutgesinnten stutzig
gemacht: der Begriff „Vaterland“ scheint notwendig alle
Angehörigen des Volkes einzuschließen und damit den
wohltuenden Gegensatz zu dem unseligen politischen Parteiwesen zu
bilden. Die Berechtigung einer derartigen Bedenklichkeit
läßt sich nicht bestreiten. Nichtsdestoweniger halte ich,
unter den obwaltenden Umständen, die Erfindung des Namens
„Vaterlands-Partei“ für einen geradezu genialen Einfall; das Wort
wird als geschichtlicher Markstein bleiben; denn gerade, daß es
geprägt werden m u ß t e, gibt ein
genaues Bild der inneren politischen Lage Deutschlands im Jahre 1917;
es ist einer jener glücklichen Wortfunde, die zugleich das
Bejahende und das Verneinende enthalten und die darum dem
Gedächtnis auch späterer Zeiten eingeprägt bleiben, weil
in ihnen Seelenstimmungen und Seelenstreite und Seelennöte
gleichsam ein Denkmal erhalten. Die magische Wirkung des Rufes „das
Vaterland in Gefahr!“ bei allen reisigen Völkern ist uns von
altersher bekannt, ich brauche nur an Sparta, Rom und das Frankreich
der Revolutionszeit zu erinnern; niemals trat sie großartiger in
die Erscheinung als im August des Jahres 1914. Nun aber erleben wir es,
daß im Jahre 1917 die Bildung einer Vaterlands-P a r t e i
als dringendeverschwören müssen, um Deutsche zu sein.“ (Heinrich von Stein) 36 Die Deutsche Vaterlands-Partei Notwendigkeit erkannt werden muß! Diese Erscheinung ist freilich nicht von Alters her vertraut, sie ist neu, sie ist Alleinbesitz Deutschlands, und, so erschütternd es auch ist, eine solche beschämende Tatsache bekennen zu müssen, ich preise die Männer, die den Mut hatten es zu tun, die todesdrohende Wunde aufzudecken und vor aller Welt laut zu bekennen: Wir Deutschen bedürfen einer „Partei“, die — ohne jede andere Rücksicht — zu dem Schutz des Vaterlands auftritt, zu dem Schutz seiner Gegenwart und seiner Zukunft. Denn Gegenwart und Zukunft sind von Innen aus bedroht, bedroht von organisierten Gruppen, bestehend aus Männern, die, teils wegen ihres angeborenen, fremden, undeutschen Wesens, teils nur infolge von Verbildung und planmäßiger Irreleitung, kein Verständnis für die Geschichte und das Wesen des Deutschtums überhaupt und darum auch ebensowenig Verständnis für Wesen und Bedeutung des heutigen Deutschen Reiches besitzen, weswegen sie — unfähig zu erfassen, was Deutschland k a n n und was Deutschland s o l l — im Begriffe stehen, die große Gegenwart und die noch weit herrlichere Zukunft, auf deren Schwelle wir schon stehen — eine Zukunft, deren Segen der ganzen Welt zugute kommen würde —‚ aus Angst vor eingebildeten Phantomen zu opfern, hinzumähen, auf immer zu vernichten. Als ein Notschrei steigt dieses Wort zum Himmel empor: Vaterlands-Partei! Kommt, Ihr Alle, vom Kaiser bis zum kleinsten Bauern, Ihr, die Ihr wißt, was Deutschsein heißt, Ihr, die Ihr — wie an Gott — auch an Deutschland glaubt, die Ihr, mitten in einer den Höllenmächten verfallenen Welt schmutzigster Geldherrschaft und unwürdigster Menschenknechtung den Glauben an — ja, die Gewißheit eines Besseren Euch bewahrt habt! Jetzt ist der Tag 37 Die Deutsche Vaterlands-Partei gekommen, an dem Ihr Euch bewähren sollt! Was rede ich denn von Überzeugung, Glauben, Gewißheit? Bewährt sich nicht unter unseren Augen das heilige Deutschtum als gottgegeben, gottgewollt, gottbefohlen? Aus welchem anderen Volke konnte ein Hindenburg hervorgehen? Haben die von den Geldmännern ins Feld geschickten Millionenhorden einen einzigen Mann von Bedeutung hervorgebracht, einen einzigen Gedanken, eine einzige neue Idee in der Kriegführung? Nichts können sie, nichts kennen sie, nichts fällt ihnen ein als Massenwirkung und immer wieder Massenwirkung! Und ist auch ein Hindenburg vom Himmel geschenkt, nicht fällt er vom Himmel herab; vielmehr ist eine solche Erscheinung genau bedingt durch das Rassenblut, das in seinen Adern kreist und durch die Geschichte des Volkes, dem er entstammt. Zu allen Zeiten war und ist der Held Ausfluß, Inbegriff und Sinnbild einer Gesamtheit; mag er diese noch so sehr überragen, sie schuf ihn, sie trägt ihn, sie ist das Geheimnis seiner Sicherheit, seiner Unfehlbarkeit. Von Otto bis Friedrich, von Luther bis Bismarck: alle deutschen Helden bezeugen dies. Vor allem aber bezeugt es dieser Krieg: denn was Hindenburg braucht, das findet er: die Führer sind da, so viele er ihrer bedarf, ein jeder ein Meister; das Heer zu Wasser, das Tirpitz schuf, steht dem zu Lande nicht nach, überall Genialität, überall Sicherheit, überall Offiziere und Unteroffiziere, die, jeder an seinem Platze, fähig sind, die Gedanken eines Hindenburg zur Ausführung zu bringen. Und was vermöchten Hindenburg und diese Alle, wenn sie nicht auf dem breiten, unerschöpflichen Boden eines Millionenheeres von Helden stünden? Dies alles ist deutsch! Deutsch aus altangeerbter Eigenart und deutsch als Ergebnis dreier Jahrhunderte preußisch-deut- 38 Die Deutsche Vaterlands-Partei scher Willens- und Erziehungskraft! Wo ist da Raum zum Zweifeln, zu Kleinmut, zu Selbstunterschätzung? Unter unseren Augen werden diese Taten vollbracht — und dennoch findet das Unerhörte statt: wir warten nicht einmal, wie bei den Befreiungskriegen auf einen Wiener Kongreß, auf dem der siegreiche deutsche Michel sich nachträglich übers Ohr hauen läßt, sondern halten den Wiener Kongreß diesmal in Berlin selbst unter dem Decknamen „Deutscher Reichstag“ ab und prostituieren das Deutschtum vor den erstaunten Blicken der geschlagenen Feinde! Während das eigentliche Deutschland Tag und Nacht erwägt, aussinnt, ausführt, Gesundheit und Leben daran gibt, den aus allen fünf Weltteilen herbeigeströmten Feinden die Stirn bietet, täglich mit dem Blut von Tausenden den Glauben an das von Gott bestimmte Deutschtum bezeugt, hat sich in Berlin, unter den Auspizien des unglückseligsten Staatsmannes, von dem die Weltgeschichte zu berichten weiß, ein Konvent nach französischem Revolutionsmuster errichtet, der die Befassung, wie sie uns der große Bismarck gab, mit Füßen tritt, und seine widerwärtige Partei-politik treibt, die Zukunft des Deutschen Reiches und damit auch des Deutschtums überhaupt an die Feinde verschachert! Da ist es doch hoch an der Zeit, eine V a t e r l a n d s - P a r t e i zu gründen und ins Feld zu führen! Gewiß wäre es unklug, die Zahl dieser bewußten und unbewußten Feinde der deutschen Sache zu unterschätzen; soviel ist aber sicher: Ihr Einfluß ist seit Jahren groß und wachsend, und mit diabolischer Klugheit — unterstützt von den Regierungskünsten eines Bethmann Hollweg — haben sie es verstanden, den Kriegszustand dazu auszunutzen, die Macht ganz an sich zu reißen. Hierbei sind nun drei Punkte wohl zu beachten: am Werke im bezeichneten Sinne sind 39 Die Deutsche Vaterlands-Partei ohne Zweifel bewußte Feinde des Deutschtums, die dessen Vernichtung planmäßig erstreben; weit zahlreicher aber sind die durch Phrasen, durch Lügen, durch klug erdachte Aufhetzung irregeleiteten und wie wahnsinnig gewordenen Deutschen; ein drittes, noch zahlreicheres Element — die eigentliche Masse dieser dem Deutschtum entgegenwirkenden Macht — stellen die schlappen, willensarmen, nackenschwachen, schüchternen, demütigen Deutschen, die einen eigenartigen Bestandteil dieses Volkes ausmachen, desgleichen in keiner anderen Nation anzutreffen sein dürfte. Einige Worte über diese drei Gruppen unserer Widersacher. Daß auch der Feind mitten unter uns am Werk ist, das bezweifelt wohl kein Wissender. Vor langen Jahren erzählte Bismarck, er habe wiederholt beobachtet, daß England, sobald es etwas gegen die Interessen Deutschlands im Schilde führe, sich der „Frankfurter Zeitung“ bediene, woraus er den Schluß zog, es müßten unmittelbare Beziehungen zwischen der englischen Regierung und diesem Blatte bestehen. Jetzt wird behauptet — ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht —‚ diese im südlichen Deutschland allmächtige Zeitung sei überhaupt Feindesbesitz. Wäre aber auch nicht der Feind selber hier am Werke, ebenso stark dürfte die bloße Gemeinsamkeit der Interessen wirken: wessen Interessen sich mit denen der englischen, beziehungsweise der anglo-amerikanischen Finanz genau decken, muß, falls ihn nicht ideale Überzeugungen davon abhalten, notwendigerweise eine undeutsche, auf Englands Herrschaft und Deutschlands Erniedrigung abzielende Politik verfolgen. *) Man nehme die verdienstvolle Sammlung von August Eigenbrodt in die Hand: „Berliner Tageblatt und Frankfurter Zeitung in ihrem Verhalten ————— *) The Frankfurter Zeitung was not pleased with this accusation and pressed charges. H. S. Chamberlain eventually lost the case, but the effect was counterproductive: the outcome was the result of Jewish machinations, was the common opinion of Chamberlain's admirers. See G. G. Field, Evangelist of Race, p. 392 f. 40 Die Deutsche Vaterlands-Partei zu den nationalen Fragen 1887—1914“, und man wird nicht zweifeln können, daß dem auch tatsächlich so ist; wäre immerfort das geschehen, was diese beiden Blätter gewollt und wofür sie sich mit der ganzen Macht ihres Einflusses eingesetzt haben, es bestünde schon heute kein Deutsches Reich mehr auf Erden — das genügt. Hier, wie bei den Politikern, die unmittelbar zu diesen Blättern gehören, liegen die Dinge höchst einfach: von der vorteilhaftesten inneren Stellung aus wird Alles, was deutsch ist — politisch, gedanklich, künstlerisch, wirtschaftlich —‚ ohne Unterlaß grundsätzlich bekämpft, heruntergerissen und, wenn möglich, zerstört. Weit verwickelter liegen die Verhältnisse, sobald wir zu der zweiten Gruppe übergehen, zu derjenigen der irregeleiteten deutschen Männer; denn da handelt es sich um sehr verschiedene (Strömungen. Auch hier möge Eines genügen: in ihrer Gesamtheit genommen sind das die Männer, deren Reichstagsvertreter alle Heeres- und Marinebudgete seit Jahren nach Möglichkeit beschnitten haben, so daß Deutschland in bezug auf seine Bereitschaft zum Kriege weit hinter Frankreich zurückgeblieben war; wären sie belehrbar gewesen, hätte schon damals eine Vaterlandspartei es vermocht, ihnen die Augen zu öffnen, dann würde der von England, Rußland und Frankreich heraufbeschworene Krieg vor Ende des Jahres 1914 durch den vollkommenen Sieg der deutschen Waffen zum Abschluß gelangt sein, und hunderttausende unersetzliche Leben wären uns erhalten geblieben — der lastenden Milliarden gar nicht zu gedenken! Daß eine derartig verhängnisvolle Beschränktheit noch heute unbelehrbar weiter blühen kann, und daß diese „Kriegsverderber“ sich nunmehr durch ihre kraftlose Politik zu „Kriegsverlängern“ entwickelt haben, 41 Die Deutsche Vaterlands-Partei das weist auf einen zweifellos echt deutschen, aber höchst betrübenden Charakterzug hin, auf einen mangelnden Blick für die Wirklichkeiten des Lebens, auf eine organische Unfähigkeit, die Probleme der Staatenlenkung zu erfassen. Zu diesen beiden Gruppen kommt nun die große Menge, auf die Jene sich in der Hauptsache stützen, aus deren Fügsamkeit und Furcht sie die Möglichkeit zu ihrem verhängnisvollen Einfluß schöpfen: es ist dies das Heer der schwebenden und schwankenden Deutschen, die auf dem Schlachtfelde entschlossen ihren Mann stellen, denen aber daheim angst und bange wird, wenn ein Herr Scheidemann oder ein Herr David oder gar ein Herr Erzberger schilt und droht und Alles besser weiß als Hindenburg; es ist halt der deutsche Philister, der „moralische“ Philister, wie ihn unser Goethe unnachahmlich geschildert hat. Auch er ist Eigenbesitz Deutschlands; nicht etwa, als ob es nicht auch anderswo Philister gäbe — nirgends sind sie zahlreicher als in Frankreich —‚ sie sind aber in anderen Ländern gans anderer Art, nicht so gebildet, nicht so treu, nicht so fähig für dumme Überzeugungen mit dem Kopf gegen die Wand anzurennen. Hierdurch werden sie zu einer nationalen Gefahr. Gewiß stehen überall die Gegensätze dicht nebeneinander, nirgends aber so grell wie in Deutschland. Man werfe nur einen Blick auf die heutige Lage: draußen ein Heer von Helden, wie es die Welt niemals erblickt hat, diszipliniert, treu bis in den Tod, Alle einem Willen unbedingt gehorsam, in dessen Willensäußerungen Dasjenige Gestalt gewinnt, was Alle gemeinsam wollen — daher Folgerichtigkeit, Kraft, Sieg; drinnen dagegen ein Babel von Stimmen, ein Chaos von sich bekämpfenden erbärmlichen politischen Parteiinteressen, nirgends die Spur einer bedeutenden Persönlichkeit, fähig, 42 Die Deutsche Vaterlands-Partei durch die Kraft ihres Willens, sowie durch das echt Deutsche ihres Wesens, volkstümlich zwingend alle Kräfte zu einem einzigen Willen zu einigen und somit nach Innen dasselbe zu leisten, was Hindenburg nach Außen leistet. Die Männer sind schon da: von Caesar bis Friedrich und Napoleon waren die großen Schlachtenlenker stets große Staatenlenker. Man lese nur General von Bissing's „Denkschrift“ und überzeuge sich von den staatsmännischen Fähigkeiten, die die deutsche Armee dem Vaterland zur Verfügung stellen könnte, die Alles weit überragen, was Regierung und Diplomatie heute aufweisen. Ohne die große Zahl der zaghaften, gesinnungsarmen Deutschen wäre ein solcher Zustand offenbar unmöglich. Die heutige politische Führung, welche alle kraftvollen, deutsch bewußten Männer — ich nenne als Beispiel den gesamten preußischen Schwertadel — grundsätzlich von der Regierung ausschließt, diese Verschwörung gegen den deutschen Geist wäre unmöglich ohne die leichte Lenkbarkeit, ohne die jederzeit schnell zu bewirkende Einschüchterung hunderttausender guter, aber charakterschwacher Deutscher. Kein Volk der Welt ist so arm an unerschütterlichem Nationalbewußtsein wie das deutsche; die größten Zeitungen, die einflußreichsten Männer des Landes werden nicht müde, die Alldeutschen zu verfolgen: in England ist jeder Mann ohne Ausnahme ein Allengländer, in Frankreich ohne Ausnahme ein Allfranzose, in Amerika ein Allamerikaner, einzig in Deutschland ist es so weit gekommen, daß jeder Bengel — auch jetzt mitten im Kriege — ungestraft die Bezeichnung „deutsch“ als Schimpfname behandeln darf. Damit zugleich wird alles befehdet und in den Schmutz gezogen, was zu deutscher Art gehört: besonders verfehmt ist das Siegen, sodann auch jeder Gedanke an Grenzstärkung, sowie jede zu 43 Die Deutsche Vaterlands-Partei diesem Zweck erforderliche Grenzerweiterung des Reiches; ganz und gar verpönt bleibt aber namentlich jeder Gedanke an die Angliederung weiterer Gebiete behufs Besiedelung durch deutsche Bauern und somit Vermehrung des deutschen Volkes auf Kosten seiner Feindseligen Nachbarn; nicht weniger der Gedanke, daß feiger Meuchelmord gerächt und verräterische Neutralitätsverletzung bestraft werden könnte — das Alles wäre gut, wenn es sich um England oder Frankreich, um Amerika oder Rußland handelte — Deutschland darf sich zu derartigen Herrentaten nicht erheben; und kalt überläuft es diese inneren Feinde des Deutschtums, wenn sie vernehmen, die herrliche, ruhmgekrönte deutsche Seemacht wolle auch weiterhin den Kampf gegen die englische Tyrannei auf dem Meere aufnehmen und durchführen, Stützpunkte erwerben und die Freiheit der Wasserstraßen auf dem einzigen Wege erzwingen, der je zum Erfolg führen kann — nämlich durch deutsche Machtentfaltung.... Alles, was ich hier vorbringe, ist nur Bruchstück und Augenblickseinfall, genügend aber hoffentlich, um den Gebrauch des Kampfwortes „Partei“ als unabweisbare Notwendigkeit empfinden zu lassen. Goethe sagt einmal: „Dreist genug fordert man, wahre Toleranz müsse auch gegen Intoleranz tolerant sein. Keineswegs! Intoleranz ist immer handelnd und wirkend, ihr kann auch nur durch intolerantes Handeln und Wirken gesteuert werden.“ Gewiß liegt im Worte „Partei“ ein Begriff der Unduldsamkeit, darum hassen wir Deutschgesinnten dieses Wort und wünschten es, sowie die Sache, die es bezeichnet, aus dem politischen Leben Deutschlands entfernt: auch in dem e i n h e i t l i c h e n W o l l e n von siebenzig Millionen würde es immer Töne genug geben und einen freundschaft- 44 Die Deutsche Vaterlands-Partei lichen Streit der Meinungen sowie auch der Interessen; Parteien dürfte es aber unter Deutschen gar keine geben — sie entsprechen keiner Wirklichkeit aus dem Leben dieses Volkes, sondern sind bloße Nachahmungen; da es aber nun einmal welche gibt und da gerade der Deutschgedanke wie ein Wild gehetzt wird, so schickt es sich, ja, es ist seine Pflicht vor Gott und der Zukunft, daß er sich zur Wehr stelle und offenkundig eine „Partei“ bilde. Alles steht auf dem Spiel! Auch hier, statt des vielen, was zu sagen wäre, nur das Eine: in einem B u n d e s s t a a t e, außerdem in einem Augenblick, wo infolge zufälliger Umstände eine Staatsfeindliche Partei im Bunde mit einer reichsfeindlichen (vergl. Bismarck: Gedanken und Erinnerungen 2, 310) im Parlamente die Mehrheit besitzt, den sogenannten Parlamentarismus, der Verfassung zum Trotz, einführen zu wollen, heißt offenbar, diesen Staat zugrunde richten; kein Land der Welt war jemals so töricht, einen derartigen Versuch zu wagen. Zu dem einzigen demokratischen Bundesstaat der Gegenwart werden die Minister weder dem Parlament entnommen, noch von ihm ernannt, noch erscheinen sie vor ihm, noch sind sie ihm verantwortlich: da sieht man, wie praktische Politiker gestalten! Zu den Massenpsychosen, die im Laufe dieses furchtbaren Krieges an vielen Orten entstanden sind, gehört der politische Wahnsinn, der sich großer Teile des deutschen Volkes bemächtigt hat; wie das kam, wissen wir, wie die Gefahr abzuwenden sei, ist eine weit schwierigere Frage. In diesem Augenblicke der Not, durch die Zusammenfassung aller Deutschgesinnten zu einer gegliederten Einheit, Hilfe zu schaffen, dazu traten die besten Männer des Landes zusammen und nannten mit Recht die erstrebte Gemeinschaft aller „Siegeswilligen“ (wie Hindenburg sie sich erbittet) 45 Die Deutsche Vaterlands-Partei eine Vaterlands-Partei, da es in der Tat einen Kampf gilt gegen die Verzicht-auf-deutsche-Zukunft-Partei, gegen die Engländer-Partei, gegen die Europa-Partei, gegen die Hochfinanz-Partei usw. Diese Partei muß und wird den Sieg über die anderen Parteien davontragen und so lange dann herrschen, bis es im Deutschen Reiche keine Parteien mehr gibt. Das walte Gott!
B a y r e u t h, 3. November 1917. 46 Die Heldenanleihe
1.
Bei jedem Kriege sind zwei Fragen verboten: wie lange wird der Krieg dauern? und, wie viel wird er kosten? Wie ein Kranker nur Gesundheit will, so darf ein Kriegführender nur Sieg wollen. Was nützt mir die Ersparnis an Ärzten und Arzneien, wenn ich dauerndem Siechtum verfalle und was das Zukreuzkriechen, wenn der Staat, dem ich angehöre, dauernd geschwächt bleibt? Kraft und Schwäche des Staates spiegeln sich überall wider, bis in die letzte Bauernhütte: am Sieg wie an der Niederlage haben nicht nur sämtliche Bürger teil, vielmehr werden ganze Geschlechter von dem einen getragen, von der anderen niedergedrückt. So recht der Mensch sonst daran tut, mit seiner Zeit zu geizen und sein Geld sparsam zu verwalten, ein Narr ist er, wenn er bei großen Lebenskrisen derartigen Bedenken Raum läßt: hier gilt es, Alles herzugeben, was man besitzt — wie Blut und Leben, so auch Zeit und Gut. Die weisesten Herrscher sehen wir in dieser Beziehung am rücksichtslosesten vorgehen: ich nenne nur Friedrich den Großen und den siebenjährigen Krieg — verwegen unternommen, rücksichtslos fortgeführt, tollkühn zum Sieg gewendet —‚ auf dem Deutschlands ganze heutige Größe und heutiger Wohlstand aufgebaut sind. Deutschland steht in einem ihm aufgedrungenen Kampf ums Dasein. Dieser Kampf wird über die ganze Zukunft entscheiden. Denn selbst wenn der Friedensschluß kritische 47 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe Fragen noch ungelöst läßt, dieser Friede wird nichtsdestoweniger die Richtung bezeichnen — bergauf oder talab. Es geht ums Dasein: freie, glückliche Zukunft dem deutschen Volke, oder allmählicher Niedergang und Versklavung. In einer solchen Lage hilft einzig Heldensinn. Was Friedrich der Einzige einst war, das muß heute das gesamte deutsche Volk sein. Friedrich, der schlichte, sparsame König, der um den ökonomischen Aufbau zukünftiger Blüte wie kein zweiter besorgte und verdienstvolle Landesvater, steht im Kriege mehr als einmal am Rande des Staatsbankerotts, die Minister warnen und raten zu jedem Friedensschluß; er aber treibt Geld auf, gleichviel woher und unter welchen Bedingungen; desgleichen mit seinem Heer, das mehr als einmal vernichtet scheint und das er immer wieder ins Leben ruft; an dem schlimmsten Tage, als Alles verloren scheint, ruft er noch aus: „Bis zum Tode denn! Wütet nur fort, Ihr Elemente und schwarzen Schrecken!“ Das ist die Geistesverfassung, aus der Sieg und mit dem Sieg Gedeihen, Aufblühen, Wohlstand, Glück hervorgehen. Es ist einmal durch die geographischen und sonstigen Verhältnisse gegeben: das deutsche Volk ist auf Heldentum angewiesen; es wird entweder heldenhaft oder gar nicht sein. Heldentum aber kann und muß sich in jeder Handlung des Lebens zeigen; so auch jetzt in der neuen Kriegsanleihe. Diese Anleihe sollte „die deutsche Heldenanleihe“ heißen! Jeder Deutsche strebe danach, ein wenig vom Geiste Friedrichs in sich aufzunehmen und gebe sein Alles daran mit dem einen Gedanken: Siegen oder Sterben! B a y r e u t h, am Tage nach der Einnahme Riga's. 48 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe 2.
Der große, grausame und niederträchtige Raubkrieg, dessen finstere Schatten die geliebte deutsche Heimat schon seit mehr als drei Jahren umnachten, hat uns gar Manches gelehrt, worüber wir uns früher im Irrtum befanden; unter Anderem: daß wir die Bedeutung des Geldes überschätzten und außerdem falsch einschätzten. Es hieß, Alles sei für Geld zu haben, und ohne Geld sei Nichts zu haben: Beides stimmt nicht. Nicht bloß hat alles Geld der Welt unseren Feinden keinen Hindenburg und keinen einzigen der Generäle verschaffen können, die in Deutschland, je nach Bedürfnis, überall zur Verfügung standen, sondern ebensowenig einen einzigen deutschen Leutnant oder einen einzigen deutschen Unteroffizier. Nichts, was, ewigen Wert besitzt, ist für Geld zu haben — garnichts. Andererseits hatte man behauptet, ein moderner Krieg könne höchstens drei Monate dauern, weil bei den ungeheuren Kosten dann alles Geld aufgebraucht sein würde: auch dies stimmt nicht, das Geld ist ein bloßes Wertzeichen und kreist nach wie vor umher. An und für sich ist Geld der Inbegriff des unbedingt Nichtigen, und erhält nur insofern Wert, als es einem edlen Zwecke dienstlich gemacht wird. Wirklich geadelt wird der Gebrauch des sonst bedeutungslosen Rechenpfennigs erst, wenn er rücksichtslos in den Dienst der genannten, über allen Wert erhabenen Erscheinungen gestellt wird. Damit dient dann das Seelenlose dem Beseelten, das Zeitliche dem Ewigen, der Fluch dem Segen. Hierzu ist nun in diesem Augenblick wie selten die Gelegenheit gegeben. Es gilt dem Vaterlande und seinen Helden alles aufzuopfern, was man an Geld besitzt — nicht mit Bleistift und Papier eine Berechnung über Zinsenertrag 49 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe usw. anzustellen, sondern unberechnet Alles hinzugeben, was man hat. Damit verwandeln wir toten Besitz in das ewige Leben großer Taten, und das heutige Opfer — gebracht in den Tagen, wo täglich tausend deutsche Helden ihr Blut ohne zu rechnen hingeben — trägt uns, außer den lumpigen Zinsen, den Segen aller künftigen Geschlechter ein, denen wir das Vaterland erhalten, zu neuer, noch nie erlebter Blüte. Darum sage ich: Gehet hin, Alle, und zeichnet ohne Zögern und Bedenken die siebente Kriegsanleihe. B a y r e u t h, 9. Oktober 1917. 3.
Ein altes deutsches Sprichwort lautet: „Besser ein Mann ohne Geld, als ein Geld ohne Mann.“ Freilich ist der Mann die Hauptsache; denn unter einem Mann verstehen wir kluges Erwägen, zielbewußtes Entschließen, furchtloses Handeln, stählernes Beharren — und diese Dinge sind alle nicht für Geld zu haben, auch nicht für viel Geld. Andererseits aber bedenke man, wie nackt und hilflos dieser „Mann“ dasteht, wenn nicht allerhand dazu kommt, was seinen schwachen Armen Kraft, seinen schleppenden Füßen Schnelligkeit, seinem zarten Körper Schutz, seinen Träumen Verwirklichung schenkt. Selbst die frühesten Vorfahren des heutigen Menschen verstanden es, harte Steine zu spitzen und an stämmige Holzgriffe zu befestigen: die Not hatte es ihnen gelehrt, da sie sonst den Raubtieren schutzlos preisgeben und dem Hungertode ausgeliefert gewesen wären; ja, nicht einmal die Pflanzenwelt schenkt 50 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe dem Menschen, was sie vielen anderen Tieren spendet: den Bedürfnissen entsprechende und reichliche Nahrung, vielmehr muß der Mensch sie dem Boden durch eisernen Fleiß und nie rastende neue Erfindung entreißen. Mit anderen Worten: der Mensch kann keinen Schritt tun, kann sich weder seine Nahrung und seine Bekleidung schaffen, noch sich wehren und das Eigene für seine Kinder behaupten, ohne tausend Werkzeuge. Der Begriff des Menschen lautet: der Mensch ist dasjenige Wesen, das der Werkzeuge bedarf. G e l d ist nun nichts anderes als ein allgemein gültiger Gegenwert — oder besser, ein Wertzeichen — für Werkzeuge sowie für das vermittelst Werkzeuge Erzeugte. Das Sprichwort hat recht, wenn es die Tüchtigkeit über allen Geldeswert preist; ohne Werkzeuge aber, nützt dem Manne alle Tüchtigkeit nichts. Die Anwendung auf den Augenblick liegt auf der Hand. Millionen deutscher Männer — des Volkes Blüte und Kraft — stehen im Felde und trotzen seit Jahren vielfacher Übermacht. Jeder von uns weiß, daß in ganz Deutschland nicht ein Mann lebte, der Krieg wollte; durch Fleiß und Klugheit, durch wissenschaftliche Erfindung und Unternehmungsgeist, durch Sorge für Volkswohlfahrt im Bunde mit festen Regierungsformen, war Deutschland seit 40 Jahren in eine Zeit wachsenden Aufblühens geraten, die in der Geschichte beispiellos dasteht; einzig durch Werke des Friedens übertraf nach und nach der Jahresertrag deutscher Arbeit denjenigen der anderen großen Völker. Daher der Neid; daher der verbrecherische Raubkrieg. Das Volk in Waffen hat die Grenzen Deutschlands geschützt, hat überall die Feinde zurückgedrängt, und muß noch weiter kämpfen, bis ein dauernder Friede und damit ein künftiges Wiederaufblühen Deutschlands auf Jahrhunderte 51 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe hinaus gesichert werden — sich selbst sowie der ganzen Welt zum Segen. Die deutschen Helden zu Land und zu Wasser können das leisten: ihnen fehlt es weder an klugem Erwägen, noch an zielbewußtem Entschließen, noch an furchtlosem Handeln, noch an stählernem Beharren; wir dürfen daher mit Bestimmtheit behaupten: sie werden's schaffen. Doch nur unter der Bedingung, daß sie — welche Beruf, Gesundheit und Leben fürs Vaterland opfern — von uns in der Heimat die Werkzeuge zu ihrer Kriegführung und das im Hinterland Erzeugte zu Nahrung und Kraft gereicht erhalten. N i c h t u m G e l d h a n d e l t e s s i c h b e i e i n e r K r i e g s a n l e i h e, s o n d e r n u m W e r k z e u g e: Werkzeuge, durch die erst der Mann sich als Mann, der Held sich als Held zu bewähren vermag. Wer Werkzeuge denen da draußen reicht, der hat an ihren Heldentaten Anteil; wer es nicht tut, ist ein Schädling, unwert, deutsche Luft zu atmen. D a r u m: z e i c h n e t d i e 7. K r i e g s a n l e i h e! B a y r e u t h, 4. September 1917. 4.
Weltherrschaft zu erstreben, ist nicht deutsche Art, wohl aber Freiheit; und Freiheit ist keine Freiheit, wenn sie nicht die Freiheit Aller ist. England hat bereits zwei Drittel der Welt unter seine Zwingherrschaft gebeugt — teils durch Gewalt, teils durch List, Betrug und Bestechung; Deutschland allein wäre fähig, dieses schmachvolle Joch zu brechen — sich und der gesamten 52 Vier Aufrufe zu Gunsten der 7. Kriegsanleihe Menschheit zu dauerndem Heil. Der erste Akt dieses den ferneren Lauf der Weltgeschichte entscheidenden Ringens ist in unsere Hand gegeben; es ist unsere Pflicht vor Gott und vor allen kommenden Geschlechtern, ihn so zu führen, daß die Sache der Freiheit und der Menschenwürde gestärkt und zum künftigen endgültigen Siege gewappnet hervorgehe — den unsere Kindeskinder dann sicher erringen werden. Der heutige Tag entscheidet; an ihm — und das heißt an uns — hängt alle Zukunft; sie ist es wahrlich wert, daß wir Blut und Gut ungewogen und ungezählt drangeben. B a y r e u t h, 17. März 1917. An den Verein Deutscher Zeitungsverleger Magdeburg. (zur 6. Kriegsanleihe.) 53 Brief über
den Begriff der „Heimat“
Herrn Willy Jahn Soldat im 7. Bayer. Infanterie-Regiment 10. Kompagnie, im Felde. Lieber Herr Jahn! Von Herzen treue ich mich, daß sich Ihre Nerven von der Erschütterung erholt haben und Sie sich wieder zum Dienst in der Front melden konnten. Jetzt kann also der kleine regelmäßige Feldpostdienst von neuem losgehen, und Sie können sicher sein, daß wir daheim gebliebenen Bayreuther Sie ebensowenig wie Ihre Kameraden vergessen. Geht doch der erste Gedanke früh und der letzte abends, alle Tage, nach Westen und nach Osten hinaus! Und liegen wir nachts wach — was häufig vorkommt — so weilt die Seele immerfort in den Schützengräben und hofft zu Gott, es möge da draußen nicht so ununterbrochen regnen wie hier; denn bei uns hört's seit Wochen nur selten auf. Aus Ihrem lieben Briefe greife ich heute ein Einziges heraus; denn es hat mir zu denken gegeben; eine echt deutsche Frage werfen sie auf, und mir liegt daran, Ihnen zu sagen, wie ich die Sache sehe. Ihre Kompagnie hatte eine französische Patrouille abgefangen; Sie wurden zur Begleitung der Gefangenen kommandiert; und Sie erzählen nun, wie der eine Franzose, der ein wenig deutsch radebrechte, von seiner Liebe zu Frankreich sprach und zuletzt in Tränen ausbrach. Das hat Sie ergriffen und Sie zugleich ein wenig stutzig gemacht; denn Sie hatten noch 54 Brief über den Begriff der „Heimat“ nie darüber nachgedacht, daß der Feind nicht bloß haßt, sondern auch liebt; Sie wähnen, er liebe sein Vaterland ebenso wie der Deutsche das seinige; Sie fühlen sich jenem Franzosen und seinen Kameraden näher als vorher, und, da Sie ein braver deutscher Mann sind, überkommt Sie eine wehmutvolle Stimmung, die Ihrem Gemüte Ehre tut, aus der ich Sie aber dennoch aufrütteln will, denn sie fußt nicht auf genauer Kenntnis der Tatsachen und auf der dadurch bedingten genauen Überlegung. Die Liebe zu dem Lande, wo man geboren ward und die Kinderjahre verlebte, ist eine allen Menschen gemeinsame Eigenschaft; sie wird aus hundert Wurzeln gespeist: Jugenderinnerungen, Sprache, Gewohnheiten usw. Man kann sie wohl einen Instinkt nennen, das heißt, eine unbewußte, unüberlegte, von selbst sich einstellende Seelenregung, die die Natur weckt, weil sie für die Lebensinteressen des Menschen praktischen Wert besitzt. Sobald aber die Heimatsliebe wirklich nur Instinkt ist, besitzt sie für das Gemütsleben des Menschen keine höhere Bedeutung; es ist praktisch, daß der Mensch so empfindet, er wird aber dadurch kein besserer, höherer Mensch. Hier — wie übrigens überall — muß noch eine Verklärung hinzukommen, soll man von der Heimatsliebe sagen können, sie sei etwas Großes und Heiliges. Damit Sie mich richtig verstehen, bitte ich Sie, zum Vergleich auf den Muth zu schauen. Muth wird von jeher und überall gepriesen; und doch haben wir allen Grund zwischen Mut und Mut zu unterscheiden. Wenn körperliche Selbstbeherrschung und Schmerzüberwindung für höchsten Mut gelten sollen, dann müssen wir die amerikanischen Rothäute und gewisse Negerstämme die mutigsten aller Menschen nennen: bei den gräßlichsten Martern stoßen sie keinen Schrei aus, 55 Brief über den Begriff der „Heimat“ verziehen oft keine Muskel. Dieser Mut ist mit einem gewissen Stumpfsinn, mit einer geringeren Entwicklung des Hirns und des ganzen Nervensystems verbunden — wenn man ihn auch keineswegs verachten soll. Es wäre aber lächerlich von dem weit seiner gegliederten, weit bewußter lebenden, weit mehr Einbildungskraft besitzenden Europäer ein Gleiches zu fordern. Bei ihm besteht der Mut darin, daß er seine berechtigte Furcht vor Schmerz überwindet, daß er einem hohen Ziel zuliebe sein reiches Leben opfert und in den Tod geht. Mut kann dieser Mann auch innerhalb des Lebens betätigen: Fürst Bismarck meinte, der größte und auch seltenste Mut sei „die Zivilcourage“, nämlich, der Mut, überall seinen Mann zu stellen, immer die Wahrheit zu reden, trotz Gewalt, trotz Spott, entgegen dem eigenen Vorteil, koste es was es wolle... Ich deute nur flüchtig an, und will bloß, daß Sie mich verstehen, wenn ich sage, daß wir zwischen Mut und Mut zu unterscheiden allen Grund haben: ebenso haben wir nun zwischen Heimatsliebe und Heimatsliebe zu unterscheiden. Vom ersten Lebensjahr ab habe ich den größten Teil meiner Kindheit In Frankreich gewohnt: ich kenne das Land, die Leute, ihre Sprache, ihre Geschichte, ihre Dichtung. Und auf Grund dieser Kenntnisse kann ich Sie versichern, daß das Wort „Vaterland“ und das entsprechende französische Wort „Patrie“ zwei ganz verschiedene Dinge bedeuten: sie wecken andere Gedanken, andere Vorstellungen, andere Gefühle. „Patrie“ ist ein rein und ausschließlich politisches Wort, ohne eine Spur von Beziehung zum Gemütsleben; „Patrie“ ist eine Art Kriegsfanfare, eine übermütige Selbstbehauptung; wogegen das Wort Vaterland von Liebe und Innerlichkeit glüht. Der 56 Brief über den Begriff der „Heimat“ geistvollste aller Franzosen, Voltaire, spottet über die Vorstellung Patrie — Vaterland; er meint, es sei ein leeres Gewäsche, wenn Menschen rufen, sie liebten ihr Vaterland; die das sagen lieben nur sich selber und suchen eine gute Anstellung oder Pfründe! Dagegen singt schon das uralte deutsche Lied, das mit den Worten beginnt: Kein seliger Tod ist auf der Welt,
als wer vorm Feind erschlagen am Schlusse: Mancher Held fromm
hat zugesetzt Leib und Blute dem Vaterland zu Gute. Den Deutschen war eben von jeher das Vaterland ein Heiligstes, gleichsam ein besseres Ich. Nun aber das andere naheliegende Wort, „Heimat“? Für „Heim“ und für „Heimat“ besitzen die Franzosen überhaupt kein Wort, woraus Sie ersehen können, daß ihnen diese Vorstellungen unbekannt sind — unbekannt wenigstens im 'deutschen Sinne. Wenn hier in Bayreuth die Soldaten an meinen Fenstern singend vorüberziehen und ich höre den Kehrreim: „In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!“ — ich kann mir nicht helfen, meine Augen werden immer feucht; es liegt etwas Unaussprechliches, etwas Heiliges in dieser deutschen Vorstellung: die Heimat. Und jetzt sagen Sie sich selber: wie anders muß es in dem Herzen eines Mannes und eines ganzen Heeres aussehen, das jenes einfache Volkslied nicht singen, ja, nicht übersetzen und nicht verstehen kann, weil es überhaupt kein Wort für Heimat besitzt! Dem Engländer geht's aber auch nicht wesentlich besser. Zwar besitzt er das selbe Wort „Heim“, das er „Home“ spricht; bei ihm bezeichnet aber dieses Wort einen weit beschränkteren, eigensüchtigeren Kreis, nämlich nur die vier Wände innerhalb deren 57 Brief über den Begriff der „Heimat“ man lebt und in die man keinem Fremden einzubringen erlaubt. Ein deutscher Denker hat gesagt: „Jeder Engländer ist ein Insel“; und wie das Meer seine Insel, so umgeben das „Home“ die unverletzlichen Wände und schließen es ab gegen alle Welt. „Mein Heim ist meine Burg“, sagt das englische Sprichwort; diese Burg trägt der Engländer überallhin mit sich, wie die Schnecke ihr Gehäuse, und richtet sie, wo es auch sei, auf — in Australien oder in Afrika oder an dem Nordpol — und da hat er sein „Home“. Beim Wort Heim öffnet sich vor unsren Blicken eine Türe, beim Wort Home schließt sich eine Türe. Darum war es nicht möglich, im Englischen aus der Vorstellung Heim die Vorstellung „Heimat“ zu gewinnen, und darum wird nie ein Engländer mit einstimmen können: „In der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!“, denn er versteht nicht, was das heißen solI. Ja, der Engländer ist noch schlimmer dran als der Franzose; denn dieser besitzt wenigstens das lateinische Wort Patrie für Vaterland, wogegen dem Engländer jedes Wort dafür fehlt! Seit dem vorigen Jahrhundert, wo ein bedeutender Teil der Bevölkerung Englands sich in Kolonien an alle vier Weltenden zerstreut hat, ist zwar der Ausdruck „mother country“, d. h. „das Mutter-Land“, aufgekommen, nur aber um dieses von den „Töchter-Ländern“ zu unterscheiden; doch das Wort Vaterland ist dem Engländer völlig unbekannt und mit dem Wort auch alle die innigen Gefühle, die dem Deutschen das Wort weckt. Wohl singt der Engländer trotzige Lieder: „England beherrscht die Wellen!“ usw., aber keiner seiner Dichter hat Worte gefunden wie der deutsche Schiller: Ans Vaterland, ans teure,
schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen: Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft! 58 Brief über den Begriff der „Heimat“ Da haben Sie's: Deutsch sein ist zugleich Weihe und Kraft! Jener französische Gefangene, von dem Sie mir erzählen, weinte, weil er Frankreichs Boden verlassen mußte; er soll ungescholten bleiben, aber übermäßig rühren kann es mich nicht; auch der freie Franzose reist sehr selten; es gibt wohlhabende Pariser, die noch niemals das Weichbild der Stadt verlassen haben; sie kleben am Orte wie die Katze es tut; wohl lieben sie ihr Frankreich, aber diese Liebe ist Beschränkung. Der Deutsche dagegen ist der geborene Wandersmann: er schaut sich so viel von der Muttererde an wie irgend geht, er lernt die fremden Sprachen, er beobachtet die fremden Sitten, und gerade deswegen erfährt er und weiß er, was sein deutsches Vaterland ist und was es wert ist; seine Vaterlandsliebe ist nicht Trägheit und Bequemlichkeit, sondern Überzeugung. Zwar stürmt auch der Engländer in alle Welt hinaus; aber überall sieht er nur sich; er verachtet alles Nicht-Englische und beachtet es darum nicht. Es ist eine dem Deutschen gans eigene Gabe: daß er gern gegen jede menschliche Erscheinung gerecht ist, alles studiert, alles zu verstehen trachtet, alles sich aneignet; weder beim Franzosen noch beim Engländer werden Sie eine Spur davon finden. Diese Gabe ist nun nichts anderes als die Fähigkeit zu lieben. Nur wer liebt, versteht. Und darum — weil sein Herz mehr Liebe birgt — darum liebt der Deutsche auch sein Vaterland mehr und anders als die anderen das ihrige: bewußter, tiefer, treuer, hingebender; es liegt in seiner Vaterlandsliebe zugleich mehr Bescheidenheit und mehr Gluth — wenn Sie mich recht verstehen, will ich sagen: mehr Religion. Und indem er so liebt, adelt er sich selbst und sein Vaterland. 59 Brief über den Begriff der „Heimat“ Doch für heute genug! Leben Sie wohl und lassen Sie bald wieder von sich hören. Stets Ihr herzlich ergebener Houston Stewart Chamberlain. B a y r e u t h, 30. Januar 1917. F. Bruckmann,
A.-G., München. Paul Heysestraße 9
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