Hereunder follows the transcription of the firt half of Kritische Urteile über Chamberlain's Grundlagen und Kant, 3rd edition, a collection of reviews by various authors on Houston Stewart Chamberlain's books Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts and Immanuel Kant, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1909.

Hieronder volgt de transcriptie van 1e helft van de Kritische Urteile über Chamberlain's Grundlagen und Kant, 3e druk, een verzameling kritieken van verschillende auteurs aangaande Houston Stewart Chamberlain's boeken Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts en Immanuel Kant, uitgegeven door F. Bruckmann A.-G., München 1909.

 
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KRITISCHE URTEILE

ÜBER

CHAMBERLAINS GRUNDLAGEN

UND

IMMANUEL KANT


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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

DIE GRUNDLAGEN
DES
NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS

UND

IMMANUEL KANT


KRITISCHE URTEILE

DRITTE VERMEHRTE AUFLAGE

 

Lies nicht um zu widersprechen
oder zu glauben, sondern um zu prüfen
und zu erwägen
MACAULAY
MÜNCHEN 1909
F. BRUCKMANN A.-G.
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VORBEMERKUNG

    Das grosse Interesse, welches unserer Zusammenstellung der kritischen Urteile über Chamberlains Grundlagen seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1901 andauernd entgegengebracht wird, hat den Beweis geliefert, dass wir mit dieser Sammlung zerstreuter und schwer zugänglicher Kritiken einem Bedürfnis entgegenkamen. Zwei starke Auflagen der kleinen Schrift sind vergriffen und die fortgesetzte lebhafte Nachfrage veranlasst uns, hiermit die dritte vorzulegen.
    Inzwischen ist nun ein neues grosses Werk Chamberlains, das Buch über Immanuel Kant erschienen, das mit den Grundlagen in engstem Zusammenhang steht, indem es viele dort nur flüchtig berührte Gedanken weiter ausführt und eine unentbehrliche Vorarbeit für das künftig zu erscheinende „XIX. Jahrhundert“ bildet. Den durch die Grundlagen entfesselten Kampf der Geister hat das Kantbuch aufs Neue entfacht und es ist von grossem Interesse, zu beobachten, wie dieses bedeutende Werk sich im Urteil der Zeitgenossen spiegelt. Deshalb glauben wir die neue Auflage dieser „Kritischen Urteile“ wirklich zu bereichern, wenn wir aus den zahlreichen Besprechungen des Kantbuches einige hinzufügen, die uns durch Inhalt oder Form besonders bemerkenswert erschienen sind. Leider kann in Rücksicht auf den Raum die Auswahl nur eine kleine sein; viele vortreffliche Kritiken müssen ganz fortbleiben, andere können nur auszugsweise abgedruckt werden.
    Zahlreiche Anfragen von Lesern der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, die etwas Näheres über die Persönlichkeit des Verfassers zu erfahren wünschten, gaben uns

6 Vorbemerkung

Veranlassung, an dieser Stelle einige kurze biographische Daten mitzuteilen, die wir Chamberlain's eigenen Angaben verdanken.
    Houston Stewart Chamberlain wurde am 9. September 1855 in Portsmouth als Sohn des Kapitäns, späteren Admirals Chamberlain geboren. Er verbrachte die ersten Lebensjahre in Versailles bei seiner Grossmutter, der Witwe des englischen Diplomaten, Sir Henry Chamberlain, Baronet, und besuchte dort das Lycée Impérial. Später Schüler von Cheltenham College, verliess er England im Jahre 1870 und entsagte der beabsichtigten militärischen Laufbahn wegen andauernder Erkrankung. Durch den Umgang mit dem jetzigen Gymnasial-Oberlehrer Professor Otto Kuntze aus Stralsund, in dessen Begleitung er in den folgenden Jahren die Schweiz und die Riviera bereiste, kam er zuerst mit deutscher Sprache und deutschem Denken in nähere Berührung.
    In der Absicht, entweder als Pflanzenphysiolog oder als Philosoph die akademische Laufbahn zu betreten, immatrikulierte sich Chamberlain im Frühjahr 1879 als Student in der Faculté des sciences naturelles der Universität Genf und widmete sich dort ganz den schon seit Jahren privatim betriebenen naturwissenschaftlichen Studien. 1881 erntete er den Grad eines „Bachelier-ès-sciences physiques et naturelles“ und machte sich sodann an eine grössere Arbeit über den aufsteigenden Saft der Pflanzen, wurde jedoch im Herbst 1884 von einem schweren Nervenleiden befallen. Die betreffende Dissertation erschien erst im Herbst 1897 unter dem Titel „Recherches sur la sève ascendante“; die Universität Genf nahm die Widmung an, doch bewarb sich Chamberlain nicht mehr um das Doktorat, da ihm die Arbeit an den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nicht mehr die Musse dazu liess.
    1885 war Chamberlain nach Dresden gezogen und pflegte daselbst in der ihm durch sein Leiden aufgezwungenen Musse kunsthistorische, musikalische und philosophische

7 Vorbemerkung

Studien, beschäftigte sich auch eingehend mit Richard Wagner. 1885 wurde sein erster Aufsatz „Notes sur Lohengrin“ in der Revue Wagnérienne gedruckt; andere folgten und wurden beachtet. 1888 erschien sein erster Aufsatz in deutscher Sprache „Die Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik“ in Lessmann's Allg. Musik-Zeitung vom 20. Juli und 3. August. Inzwischen hatten naturwissenschaftliche Studien ihn wieder viel beschäftigt und er siedelte 1899 nach Wien über, um unter Julius Wiesner seinen physiologischen Arbeiten wieder obzuliegen. Als sich jedoch wiederum Symptome des früheren Leidens einstellten, griff er — nach einigen grösseren Reisen im Osten von Europa — zur Feder und wurde Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner bis jetzt in Buchform erschienenen Werke befindet sich am Schlusse dieses Heftes, ausserdem sind zahlreiche Aufsätze von ihm in Zeitschriften und Tagesblättern erschienen.

München,
Januar 1909.

F. BRUCKMANN A.-G.
 
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VERZEICHNIS DER ABGEDRUCKTEN BESPRECHUNGEN *)
I.
GRUNDLAGEN DES XIX. JAHRHUNDERTS


Seite
1. Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 21. und 22. Dezember 1899
Dr. Oscar Bulle, München
13
*2. Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft, Heft 14
Professor Dr. Albert Ehrhard, Wien
40
*3. Die Gesellschaft, Dresden und Leipzig, zweites Dezemberheft 1900 42
4. Neue Zürcher Zeitung, 1900, No. 47 43
5. Bayreuther Blätter, 1900
Professor Dr. W. Golther, Rostock
50
*6. Bohemia, 15. April 1899
Professor Dr. H. Hueppe, Prag
57
7. Kunstwart, 1. Septemberheft 1899
Dr. R. Batka, Prag
58
*8. Wiener Allgemeine Zeitung, 25. März 1899
Gustav Schönaich, Wien
60
*9. Beilage der Allgemeinen Schweizer Zeitung, 17. September 1899
Professor Dr. Karl Joël, Basel
61
10. Die Christliche Welt, Marburg, 18. Oktober 1900
Professor Dr. Gustav Krüger, Giessen
62
11. Centralblatt für Nervenheilkunde, Januar 1901
Dr. Ernst Storch, Breslau
70

————— 
    *) Wo die Namen der Rezensenten nicht angegeben, sind sie nicht bekannt. Die mit einem Sternchen bezeichneten Besprechungen sind auszugsweise abgedruckt.
 

10 Inhaltsübersicht



 


Seite
12. Das litterarische Echo, 1. Februar 1900
Ernst Freiherr von Wolzogen, Berlin
76
*13. Die Zukunft, 20. April 1901
Dr. Hans F. Helmolt, Leipzig
91
14. Neues Wiener Tagblatt 10. Januar 1902
Dr. Otto Pötzl, Wien
91
15. Deutsche Evangelische Kirchenzeitung, 4. Januar 1902
Dr. E. Vowinckel, Berlin
101
16. Magdeburgische Zeitung 104

II.
IMMANUEL KANT

17. Pädagogisches Archiv, 1906, Heft 11
Professor Dr. Alex. Wernicke, Braunschweig
111
*18. Nationalzeitung, 21. Dezember 1905
Theodor Kappstein, Berlin
121
19. Das Blaubuch, 16. August 1906
Dr. Karl Hans Strobl, Brünn
125
*20. Neue Freie Presse, 7. Dezember 1905
Professor Dr. B. Hatschek, Wien
135
*21. Die Propyläen, 13. März 1906
Karl Schneider, München
137
22. Preussische Jahrbücher 1906, Heft 3
Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, Berlin
139
23. Neues Wiener Tagblatt, 27. Dezember 1905
Dr. Otto Pötzl, Wien
147
24. Die Neue Rundschau, April 1906
Dr. Hermann Graf Keyserling
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Verzeichnis der Schriften Chamberlains 158
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DIE GRUNDLAGEN

DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS.
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13 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899

1.

    Zu den vielerlei Darstellungen des Kulturinhalts unseres Jahrhunderts, die jetzt an der Wende teils schon ans Tageslicht getreten, teils angekündigt sind, steht das schon in seinem äusseren Umfange mächtige Werk des angelsächsischen Schriftstellers Houston Stewart Chamberlain über die „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ in prinzipiellem und bewusstem Gegensatz. Es handelt sich bei diesem Werke nicht um ein Buch allein, sondern um eine Persönlichkeit und um eine Weltanschauung. Der Verfasser betont ausdrücklich, dass er nicht einen Komplex von wissenschaftlichem Material, das unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt gesammelt und registriert worden ist, in wissenschaftlich objektiver Weise zu einem Gesamtbild verarbeiten wollte, sondern dass er als „Dilettant“ an sein Unternehmen herantrat, dass er aus dem Bewusstsein, ein „ungelehrter Mann“ zu sein, den Mut zu seinem Werke schöpfte. Man könnte sich, wenn man die tausend Folioseiten seines Buches und die vielen in ihm zerstreuten, auf eine ganz ausserordentliche, und zwar kritische Belesenheit hindeutenden Anmerkungen durchgelesen hat, versucht fühlen, über diesen Begriff eines „ungelehrten Mannes“ mit ihm zu streiten. „Ungelehrt“ in landläufigem Sinne des Wortes ist ein Schriftsteller wie Chamberlain gewiss nicht zu nennen. Im Gegenteil! Jedoch prägt sich der durchaus persönliche Charakter seiner Darstellung gerade darin aus, dass er es sein will. Er will sich durch diese vorausgeschickte und stets wiederholte Verwahrung Ellbogenraum schaffen, nicht nur um seine Weltanschauung im grossen, durch keine objektiv-wissenschaftliche Bedenken eingeschränkten Züge vortragen zu können,

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Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899


sondern auch um dabei sich als eine künstlerisch schaffende Persönlichkeit vollständig frei zu entfalten. Man hat dabei, dies sei sogleich vorausgeschickt, nicht zu fürchten, dass Chamberlain die Warnung des Mephistopheles: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft“ in den Wind schlage. Er findet sich mit der Wissenschaft und ihren Ergebnissen auf jeder Seite seines Buches in sehr energischer und eindringender Weise ab. Aber er sucht das Antipersönliche jeder rein wissenschaftlichen Darstellung zu vermeiden und zu überwinden; er will in ganz eminentem Sinne von inneren Vorgängen reden, die bei dem Aufbau unsrer Kultur massgebend gewesen sind, von Vorgängen, die sich mit wissenschaftlicher Exaktheit und Objektivität nicht fassen und bestimmen lassen, die aber gleichwohl in uns noch so lebendig nach- und fortwirken, dass sie unserm Denken und Empfinden ihr charakteristisches Gepräge geben. Nur durch das volle Einsetzen der eigenen Persönlichkeit mit ihrem instinktiven Empfinden neben einem klaren und kritisch geschulten Denken vermag aber ein Schriftsteller den Sprung zu tun von den Ponderabilien zu den Imponderabilien, die unsere Kultur bestimmt haben und noch bestimmen. Und das Wertvolle an Chamberlain's Buch ist es eben, dass der Autor nicht gescheut hat, diesen Sprung zu tun, dass er sich selbst, ganz so wie er ist, in seine Darstellung mit hinein verarbeitet, dass er als das personifizierte Produkt aus den verschiedenen Kulturmomenten selbst vor uns steht: in seinem Lieben wie in seinem Hassen gleich lebendig und frisch, in seinem künstlerischen Selbstgefühl trotzig und keck, in seinem überschäumenden Gedankenreichtum beredt und feurig, in dem Empfinden der eigenen Stammeszugehörigkeit überzeugend und stark.
    Eine kraftvoll empfindende und dabei im Denken geschulte Persönlichkeit ist ohne eine fest ausgeprägte Weltanschauung nicht möglich. Man hat das, wie mir scheint,

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bei den ersten Erörterungen über Chamberlain's Buch soweit sie mir zu Gesicht gekommen sind, nicht genug gewürdigt. Das Persönliche trat ja jedem Leser dieses Buches von Anfang an mit starker Eindringlichkeit entgegen; es fesselte schon auf den ersten Seiten, es überraschte, reizte und regte in demselben Grade schon in den ersten Kapiteln ebenso zum enthusiastischen Beifall wie zum schärfsten Widerspruche an. Aber es hinterliess zunächst auch vielfach den Eindruck des Uneinheitlichen und Sprunghaften. Und das mit gutem Grunde. Die Ausgabe des Werkes in drei Lieferungen, die sich in ziemlich grossen Zwischenräumen folgten, hatte zur Folge, dass die zusammenfassenden Ausführungen des Autors, die in der dritten Lieferung enthalten sind, den eiligen, durch den persönlichen Zauber der Darstellung zu raschem Durchfliegen und auch zu raschem Aussprechen ihres Urteils angereizten Lesern zunächst vorenthalten blieb. Die Krönung des Gebäudes, das in den ersten beiden Lieferungen nur in starken und mächtig aufgeführten Strebepfeilern und Stützmauern zum Himmel ragte, fehlte noch. Sie findet sich aber in jenen zusammenfassenden Ausführungen der dritten Lieferung, die, nach meiner Empfindung, erst den vollen Blick in des Verfassers Weltanschauung tun lassen und dadurch das Uneinheitliche, das in den ersten Kapiteln als Wesensäusserung einer feurigen, aber zwischen Gegensätzen hin- und hergeworfenen Persönlichkeit scheinbar sich aufdrängte, zur inneren Versöhnung bringen. Von der „Entstehung einer neuen Welt“ handeln diese Ausführungen, nachdem ihnen, als der erste Teil des Werkes, die Entwickelung der „Ursprünge“ („Das Erbe der alten Welt“, „Die Erben“, „Der Kampf“) vorangegangen war. Besonders ein Abschnitt in diesem zweiten, schlussfolgernden Teile ist es, welcher einen tiefen Einblick in das gewährt, was eigentlich den Verfasser im Innern bewegt und beseelt und was ihn zu den Ausführungen im einzelnen in den vorhergehenden Partien des

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Werkes veranlasste. Es ist der sechste Abschnitt des neunten Kapitels, der von der „Weltanschauung und Religion“ (von Franz von Assisi bis zu Immanuel Kant) handelt und in tiefgehenden Erörterungen den Weg der Wahrhaftigkeit und den der Unwahrhaftigkeit durchwandelt, den jedes ringende Gemüt und jedes zur echten Kultur emporstrebende Volk zu beschreiten genötigt ist. Was der Verfasser hier entwickelt, scheint mir auf den in den früheren Kapiteln zuweilen nicht ganz scharf hervortretenden Kern seiner Weltanschauung klar hinzuweisen. Und von diesem Abschnitt wollen wir deshalb ausgehen bei dem Versuche, uns das Wesen und die grosse wirkende Kraft dieses monumentalen literarischen Werkes klar zu machen.
    Bei der Erörterung über das, was unter dem Begriff „Weltanschauung“ zu verstehen sei, knüpft Chamberlain an das Wort Schopenhauer's an: „Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der Anschauung.“ „Und weil dem so ist,“ so fährt unser Autor fort, „kommt es für den relativen Wert einer Weltanschauung mehr auf die Sehkraft als auf die abstrakte Denkkraft an, mehr auf die Richtigkeit der Perspektive, auf die Lebhaftigkeit des Bildes, auf die künstlerischen Eigenschaften desselben (wenn ich mich so ausdrücken darf), als auf die Menge des Geschauten.“ Nicht eine das All umfassende Philosophie, nicht die absolute „Weisheit“ (wie das griechische Rezept es will), auch nicht irgend ein noch so diminutives absolutes Wissen bilden die Grundlage für die innere Stellungnahme der Flucht der Erscheinungen gegenüber, sondern das „Schauen“ unsres menschlichen Mikrokosmos — denn „Welt“ bedeutet ja ursprünglich Menschheit und ein von ihrem Wirken erfülltes Zeitalter — ist hiefür das erste Erfordernis. Aber nicht ein Schauen im Sinne eines bloss passiven Aufnehmens von Eindrücken, sondern ein Verarbeiten — ein „Dichten“, wie es der Sanskritwurzel des Wortes entsprechen würde — auf Grund der aktivsten Be-

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Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899


tätigung der Persönlichkeit. Das Chaos, das niemals ein Zustand der kosmischen Natur war, wie die hellenischen Dichterphilosophen meinten, sondern das nur im Menschenkopf, nirgends anders, zu Hause ist, wird eben durch die „Anschauung“ zu „schöner“, d. h. zu deutlich sichtbarer, hell beleuchteter Gestalt geformt, „und diese schöpferische Gestaltung ist das, was wir als Weltanschauung zu bezeichnen haben.“ Mit diesem Begriff von der Weltanschauung als einer Gestaltungsfähigkeit hängt aber für Chamberlain innig und unmittelbar nicht nur der Begriff vom Schönen und von der Kunst, sondern auch der der Religion zusammen, ohne dass jedoch etwa der Verfasser hiermit die Identität von Weltanschauung und Religion verfechten wollte.
    Das Religiöse der Menschennatur drückt sich vor allem in dem dunklen Drang aus, im eigenen Herzen zu forschen. Ein solcher zur „Religion“ veranlagter Mensch „ist lustig, lebenstoll, ehrgeizig, leichtsinnig, er trinkt, er spielt, er jagt und er raubt; plötzlich aber besinnt er sich: das grosse Rätsel des Daseins nimmt ihn ganz gefangen, nicht jedoch als ein rein rationalistisches Problem — woher ist diese Welt? woher stamme ich? —‚ worauf eine rein vernünftige (und darum unzureichende) Antwort zu geben wäre, sondern als ein unmittelbares, zwingendes Lebensbedürfnis. Nicht verstehen, sondern sein: das ist, wohin es ihn drängt. Nicht die Vergangenheit mit ihrer Litanei von Ursache und Wirkung, sondern die Gegenwart, die ewig währende Gegenwart fesselt sein staunendes Sinnen. Und nur das fühlt er, wenn er zu allem, was ihn umgiebt, Brücken hinübergeschlagen hat, wenn er sich, das Einzige, was er unmittelbar weiss, in jedem Phänomen wieder erkennt, jedes Phänomen in sich wieder findet, nur wenn er, sozusagen, sich und die Welt in Einklang gesetzt hat, dann darf er hoffen, das Weben des ewigen Werkes mit eigenem Ohr zu belauschen, die geheimnisvolle Musik des Daseins im eigenen Herzen zu vernehmen..... Anbetend sinkt er

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auf die Kniee, wähnt nicht, dass er weise sei, glaubt nicht den Ursprung und den Endzweck der Welt zu kennen, ahnt aber eine höhere Bestimmung, entdeckt in sich den Keim zu unermesslichen Geschicken, ‚den Samen der Unsterblichkeit'. Dies ist jedoch keine blosse Träumerei, sondern eine lebendige Überzeugung, ein Glaube, und wie alles Lebende, erzeugt es wieder Leben.... Dieser Blick in die unerforschlichen Tiefen des eigenen Innern, diese Sehnsucht nach oben: das ist Religion. Religion hat zunächst weder mit Aberglauben noch mit Moral etwas zu tun; sie ist ein Zustand des Gemüts. Und weil der religiöse Mensch in unmittelbarem Kontakt mit einer Welt jenseits der Vernunft steht, so ist er Dichter und Denker: er tritt bewusst schöpferisch auf; ohne Ende arbeitet er an dem edlen Sisyphuswerk, das Unsichtbare sichtbar, das Undenkbare denkbar zu gestalten; nie finden wir bei ihm eine abgeschlossene chronologische Kosmogonie und Theogonie, dazu erbte er eine zu lebendige Empfindung des Unendlichen; seine Vorstellungen bleiben im Fluss, erstarren niemals; alte werden durch neue ersetzt, Götter, in einem Jahrhundert hochgeehrt, sind im anderen kaum dem Namen nach gekannt. Und doch bleiben die grossen Erkenntnisse fest erworben und gehen nie mehr verloren, obenan unter allen die grundlegende, welche Jahrtausende vor Christus der Rigveda folgendermassen auszusprechen suchte: ‚Die Wurzelung des Seienden fanden die Weisen im Herzen' — eine Überzeugung, welche in unserm Jahrhundert durch Goethe's Mund fast identischen Ausdruck fand:
Ist nicht der Kern der Natur
Menschen im Herzen?
Das ist Religion!“ (S. 221 ff.)
    Wir sehen, dass sich Weltanschauung und Religion — in diesem Sinn aufgefasst — einerseits befördern, andrerseits sich gegenseitig ersetzen oder ergänzen. Das in aktiver Gestaltungskraft dort sich kundgebende „Schauen“

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Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899


wird hier zum Leben, das im Glauben wurzelt. Eine wirklich im Erkennen tätige, mit der Natur innig verwachsene und aus ihr stets lebenspendende Kraft schöpfende Erscheinung, die vor dem Rätsel des eigenen Innern staunend steht, weil sie hier den Hauch der Unsterblichkeit verspürt — das ist der Homo europaeus in dem von Chamberlain gewollten idealen Sinn. Die Vereinigung von wissenschaftlichem, freiem, lebendigem Denken, das zugleich eine künstlerisch schöpferische Gestaltungsfähigkeit in sich schliesst, also von einer Weltanschauung, die tätig wirkt, und von der lebendigen Empfindung eines grossen Weltgeheimnisses, von der Ahnung eines unwahrnehmbaren Kosmos neben dem wahrnehmbaren, eines Übernatürlichen im Natürlichen, also von einer das ganze Wesen durchdringenden, ihm eingeborenen, nicht aufgeimpften Religiosität — diese Vereinigung allein kann, nach Chamberlain, eine lebensfähige Kultur schaffen, sie allein kann die Hoffnung auf eine Fortentwickelung der Menschheit zu höheren Zielen begründen und zugleich uns den Masstab zur Betrachtung unseres gegenwärtigen Kulturstandes wie zur Abwägung der ihm zugrunde liegenden historischen Elemente liefern. „Wenn ich einerseits die Volksindividualitäten sinnend betrachte,“ so sagt Chamberlain im Eingang seines sechsten Abschnitts, „andrerseits hervorragende Männer an meinem Auge vorbeiziehen lasse, so entdecke ich eine ganze Reihe von Beziehungen zwischen Weltanschauung und Religion, welche sie mir als innig organisch verbunden zeigen: wo die eine fehlt, fehlt die andere, wo die eine kräftig blüht, blüht die andere; ein tiefreligiöser Mann ist ein wahrer Philosoph (im lebendigen, volksmässigen Sinn des Wortes), und die auserlesenen Geister, die sich zu umfassenden, lichthellen Weltanschauungen erheben — ein Bacon, ein Leonardo, ein Bruno, ein Kant, ein Goethe — sind freilich selten kirchlich fromm, doch immer auffallend ‚religiöse' Naturen.“
    Wir glauben mit diesen, zum Teil durch des Verfassers

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eigene Worte erläuterten Auseinandersetzungen den Standpunkt gewonnen zu haben, von dem aus er die Welt, d. h. zunächst unser Jahrhundert und seine Grundlagen, nicht nur zu verstehen, sondern auch hinsichtlich ihrer bis jetzt gang und gäbe gewesenen Beurteilung aus den Angeln zu heben versucht. Leider müssen wir es uns versagen, ihm auch in die Einzelausführungen zu folgen, durch die er die Beziehungen zwischen Weltanschauung und Religion für die geistesgeschichtliche Entwickelung von Franz von Assisi bis zu Immanuel Kant beispielsmässig dartut, so anziehend und grossartig, tiefeindringend und ergreifend uns auch gerade dieser Abschnitt seines Buches (S. 858 bis 946) zu sein scheint. Vielmehr wollen wir gleich mit rascher Wendung von diesem, erst gegen das Ende des Buches präzis zusammengefassten und scharf entwickelten Standpunkt aus zu den aufbauenden Partien des Werkes zurückkehren, die uns nun unter einer scharfen einheitlichen Beleuchtung erscheinen und sich mit ihrer gewaltigen Fülle von Gedanken und Anregungen jeglicher Art in innerer Zweckmässigkeit um jenen Angelpunkt gruppiert und von ihm ausstrahlend darstellen werden.
    Jenes Bild von dem „religiösen“ Menschen, das Chamberlain mit den weiter oben angeführten Worten entwirft, ist zugleich das Charakterbild des Ariers. (S. 221.) Er stellt es dort als Gegenstück zu den „an religiösem Instinkt von jeher erstaunlich armen“ Angehörigen des semitischen Stammes hin. Damit sind wir sofort bei einem anderen Kernpunkt seines Buches angelangt, nämlich bei der ausserordentlichen, ja grundlegenden Bedeutung des Einflusses der Rasse auf unsre gesamte Kulturentwickelung. Nach seiner lebhaften, fast dithyrambischen Schilderung des von der Empfindung des Unendlichen beseelten Ariers fährt Chamberlain folgendermassen fort (S. 222): „Gerade diese Anlage nun, dieser Gemütszustand, dieser Instinkt, den Kern der Natur im Herzen zu suchen, mangelt den Juden in auffallendem Masse. Sie sind geborene Rationa-

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listen. Die Vernunft ist bei ihnen stark, der Wille enorm entwickelt, dagegen ist ihre Kraft der Phantasie und der Gestaltung eine eigentümlich beschränkte. Ihre spärlichen mythisch-religiösen Vorstellungen, ja sogar ihre Gebote und Gebräuche und ihre Kultusvorschriften entlehnten sie ausnahmslos fremden Völkern, reduzierten alles auf ein Minimum und bewahrten es starr unverändert; das schöpferische Element, das eigentlich innere Leben fehlt hier fast gänzlich.“ Da nun aber unsere gesamte Kultur auf dem von semitischen Elementen so reich durchsetzten Christentum beruht, wird durch diese scharfe Gegenüberstellung des „religiösen“ arischen Menschen und des „an religiösem Instinkt armen“ Semiten sogleich der tiefe Zwiespalt deutlich, an dem, nach Chamberlain, unser Jahrhundert in seinem jetzigen Bild wie in seinen Grundlagen krankt. Nicht nur um die im Christentum gewonnene Form der Religion handelt es sich also, sondern um die sich hierbei äussernde Gestaltungsfähigkeit, einem Grundbedingnis, wie wir gesehen haben, jeder lebendigen Weltanschauung. Ein tiefer Riss ist durch die aus dem semitischen Orient stammende Religionsform in die natürliche Entwickelung der indoeuropäischen Natur getan worden. Und nicht nur durch die semitisch beeinflusste Religionsform allein, sondern durch die tiefwirkenden anderen Kulturelemente, die Chamberlain als das „Erbe der alten Welt“ bezeichnet, durch die auf unser gesamtes Denken, Wissen und Empfinden so tief einwirkende hellenische Kunst und Philosophie, durch das gewaltige, das Völkerchaos durchsetzende Ferment des römischen Rechts, durch die das arische religiöse Empfinden zu einem selbständigen Leben und Fortgestalten anregende Erscheinung Christi in ihrer reinen innerlichen Bedeutung. Die Grundlage aber für die Weltanschauung, die aus allen diesen grossen und gewichtigen Einwirkungen resultiert, bleibt für unseren Autor eben die Rasse, das persönliche, in seinem charakteristischen Wesen unveränderliche Element in

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diesem Gewoge, das Schaffende und Vorwärtsstossende, das eigentlich Lebendige und Bestimmende.
    Aus dem Ideal der Vereinigung von Weltanschauung und Religion, wie wir es oben klar zu fassen versucht haben, geht nun von selbst hervor, dass es für Chamberlain nur in der Natur der indoeuropäischen oder germanischen Rasse seine Erfüllung finden kann. Und — um dies hier gleich vorwegzunehmen — die Tendenz der ganzen Darstellung zielt darauf hin, das Erwachen des Germanen zu einem selbständigen Kulturausbau, zu einem seiner Natur, seinen Rassebedingungen konformen und kongenialen Gestaltungstriebe auf kulturellem Gebiete als Zukunftshoffnung zu verkünden. Das ihm innerlich Fremde, das den Germanen bisher verwirrt, bedrückt und abgelenkt hat, gilt es zu überwinden, also entweder ganz auszuscheiden oder aber in dem ihm eigenen Sinne aufbrauchend zu verarbeiten. „In dem Mangel einer wahrhaftigen, unsrer eigenen Art entsprossenen und entsprechenden Religion erblicke ich die grösste Gefahr für die Zukunft des Germanen, das ist seine Achillesferse, wer ihn dort trifft, wird ihn fällen“, schreibt Chamberlain. „Die Unzulänglichkeit unserer kirchlichen Religion machte sich zunächst an der Unhaltbarkeit der durch sie implizierten Weltanschauung fühlbar.“... Es gilt „einen inneren Kampf um die Wahrheit zu kämpfen, und Wahrheit heisst immer die Wahrhaftigkeit der durch die besondere Natur des Individuums bedingten Anschauung“. Und nicht nur die innere Wahrhaftigkeit des Individuums, so fahren wir hier weiter in seinem Sinn fort, sondern auch die der Rasse gilt es zu wecken, zu stärken, fortzuentwickeln. Sich selbst treu zu bleiben! Das ruft Chamberlain ebenso dem Germanentum zu, wie es als Norm für jede kraftvolle, nach innerer Wahrhaftigkeit ringende Persönlichkeit vorgezeichnet steht. Allzusehr ist die germanische Rasse von diesem Gebot schon abgewichen, allzuviele verwirrende und ablenkende Einwirkungen haben ihr ursprüngliches,

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lebendiges Wesen schon überdeckt und übertäubt, allzu oft hat sie ihr ureigenstes Wesen verkannt, die in ihrer Natur begründeten Ziele übersehen. Nur ein furchtloses Selbstbesinnen kann hier fruchten und die Bahnen einer neuen grossen Entwickelung eröffnen. Alles, was das Wesen der dem Germanentum eigenen Weltanschauung und religiösen Empfindung ausmacht, muss auf einen Punkt hin zusammengefasst werden, denn hier liegt Schaffenskraft und Schaffensfreude‚ hier erblüht aus der inneren Wahrhaftigkeit ein freiheitliches, unbesorgtes Denken, von diesem Punkt aus allein kann die eherne Form zertrümmert werden, die aus den seiner Natur nicht homogenen, Jahrhunderte alten Kulturelementen zusammengeschweisst ist und seine Glieder zusammendrückt und wund reibt wie ein schlecht passender Panzer.
    Mit diesem Ausblick wollen wir den ersten, die allgemeinen Züge im grossen hervorhebenden Teil unsrer Betrachtung des Chamberlain'schen Werkes schliessen und nun zu einer Übersicht über seine Darstellung sowohl der Rassenfrage selbst, als auch der Erbschaft, die die germanische Rasse aus den Jahrhunderten übernommen hat, übergehen. Wie es uns hier nur darauf ankam, den Eindruck, den wir durch die Lektüre empfangen und der nicht immer innerlich leicht zu einer kurzen Formel zu verarbeiten war, möglichst zusammenfassend wiederzugeben, so können wir auch im folgenden nur uns wesentlich scheinende Züge rasch skizzieren. Denn überwältigend ist die Fülle der oft einen innerlichen Widerstreit anregenden Ideen, die dieser wunderbare Schriftsteller in seinem Werke aufwirft.
    Wenn es uns möglich erschien, die Grundanschauungen, auf denen sich Chamberlain's Buch aufbaut, und seine Tendenz in gewisse Formeln zu bannen und ihre innerliche Einheitlichkeit herauszufinden oder wenigstens herauszufühlen, so will uns dies, falls wir das Werk nur als ein Buch, als eine in bestimmten Linien sich haltende,

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fortlaufende Darstellung betrachten, nicht gelingen. Aber wie wir im Eingang sagten: dieses Werk ist eben nicht lediglich ein Buch, es ist der in unendlich vielfachen Formen sich gebende Ausdruck einer mit sich und mit den Erscheinungen um den Preis der inneren Klarheit ringenden Persönlichkeit. Die Weltanschauung und Religion dieser Persönlichkeit tragen so viel nur Empfundenes, über die Grenzen des klaren Bewusstseinsmöglichen Hinausragendes und Hinausstrebendes in sich, dass es fast in jedem Punkte, wo sie sich an den geschichtlichen Tatsachen zu messen und zu bewähren haben, zu einem Kampf widerstreitender Ideen, zu einer Explosion des ganzen Empfindungsinhalts kommt. Und dieser Kampf, den der Schreiber bei seinem Ringen mit dem Stoff zu überstehen hatte, teilt sich dem Leser in all seiner elementaren Heftigkeit mit. Die einzelnen Seiten dieses Buches sind keine wie durch Öl geglätteten Wogen, auf denen das Schifflein unserer Gedanken in sicher berechnetem Kurs dahingleitet; sie stellen sich als eine nie zur Ruhe gelangende Brandung dar, die den Leser von einer Klippe zur anderen wirft. Ein kühnes, trotziges, von ungestüm vordringender Kraft gesättigtes Wesen spricht zu uns aus diesen Blättern, das sich in selbstbewusstem, siegesfreudigem Eifer auf die Fülle der historischen Erscheinungen und der bisher mit der Glorie der Gültigkeit umkleideten wissenschaftlichen Überlieferungen stürzt und hier zu Boden rennt, was ihm augenblicklich im Wege steht, dort mit energischer Bewegung beiseite stösst, was zum Kampf herausfordert; das aber auch an anderen Stellen wieder in inbrünstiger Begeisterung vor einem grossen Gedanken, der ihm entgegentritt, erschauern kann und einer gewaltigen Persönlichkeit, die ihm begegnet, hingebend zu Füssen sinkt. Es ist mit einem Wort so wenig Berechnetes und klug Abgewogenes in diesem Buche. Fast mutet uns das fröhliche Hinausstürmen des Verfassers in das Kampfesgewühl der wissenschaftlichen Meinungen wie der ungestüme Ausbruch einer

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Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899


Siegfriedstimmung an; wenigstens hat das Furchtlose seiner Schreibart, das sorglose Unbekümmertsein um etwaige Blössen, die er sich in der Hitze des Streites geben könnte und in der Tat auch vielfach giebt, etwas von dem Charakter einer altgermanischen Kampfesnatur an sich. Auch die glänzende, oft überschäumende Beredsamkeit, mit der Chamberlain seine sich fast überstürzenden Gedanken hinausschleudert, diese Art, sich nicht genug tun zu können in seinem überwallenden Kampfeseifer, zeigen das Feuer an, das in ihm lodert.
    Er selbst hat das sein „ungelehrtes“ Wesen genannt. Wie vieles er mit diesem leicht missverständlichen Wort sagen wollte, wird uns erst klar, wenn wir seinen Ausführungen atemlos lauschen. Es bedeutet im Grunde nichts geringeres als eine Herausforderung zum Kampf, allen denen entgegengeschleudert, die jeden elementaren Ausbruch einer mit sich und ihren Empfindungen hart ringenden, nach vollem Ausleben dürstenden Persönlichkeit durch „gelehrte“ Bedenken dämpfen wollen. Er will in diesen Kampf hineintreten in der blühenden kraftvollen Nacktheit seines reinen Menschentums, etwa wie seine germanischen Altvordern, die Berserker, sich den schildbewehrten und schuppengepanzerten römischen Legionären entgegenwarfen. Und er begegnet sich in dieser Absicht, vielleicht ganz unbewusst, mit einem tiefgehenden Zuge unsrer Zeit, der ja auch auf das Abstreifen der die volle Entwicklung der Individualität hemmenden Bande eines „falschen und trügerischen Wissens“ hingeht, der, in seinem Wesen an das Erwachen des Persönlichkeitsgefühle in der Zeit der Renaissance erinnernd, auf das Umstürzen alter Idole gerichtet und mit einem trotzig-frohen Selbstbewusstsein gepaart ist. In diesem Sinne ist Chamberlain's Buch eine Kampfesschrift von der ersten bis zur letzten Zeile, eine Kampfesschrift, die zugleich die Signatur unsres Zeitalters trägt. Wir leben ja in einer Epoche des mangelnden Respekts vor jeder althergebrachten Auto-

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rität: auf allen Gebieten, auf dem der sozialen Entwickelung wie dem der wissenschaftlichen Forschung, auf denen der Kunst, der Literatur und des alltäglichen öffentlichen und privaten Lebens regt sich dieses Streben nach einer Geltendmachung der lebendigen Persönlichkeit gegenüber dem eingetrockneten Buchstaben der Tradition, diese Sehnsucht, wieder möglichst unbefangen dreinschauen zu können, unbefangen und unverwirrt durch das Alte, nur darauf hörend, was uns die gleichsam zu neuem Wahrnehmen erwachten Sinne und ein in nur geahnte Tiefen des Menschlichen hinabdrängendes Empfinden predigen.
    Aber seltsam! während dieser siegesfreudige Kampfeston aus fast jeder Seite des Buches an unser Ohr schlägt und auch aus den kleinsten Einzelheiten der wissenschaftlichen Fehden oft scharf und hell herausklingt, vermeinen wir daneben oft das geheime Ächzen und Stöhnen einer mühsam mit den wissenschaftlichen Tatsachen ringenden und sich abquälenden Natur zu vernehmen. Das ist der Riss, der unsres Erachtens durch die ganze Darstellung des Buches klafft. Neben dem bewusst „ungelehrten“ und so prächtig kühn dreinschlagenden und aufräumenden Siegfried dieses Buches steht doch auch ein in den Tiefen des wissenschaftlichen künstlichen Konstruierens vergebens nach Licht sich abmühender Alberich. Wir haben früher schon betont, dass Chamberlain in landläufigem Sinn des Wortes keineswegs „ungelehrt“ oder ein „Dilettant“ ist, dass er im Gegenteil über eine kritische Belesenheit von seltenem Umfang verfügt. Und wir müssen erweiternd hinzufügen, dass seine „Gelehrsamkeit“ mit dem schärfsten Instinkt für das Wesentliche und Durchschlagende auf fast jedem Wissensgebiet gepaart ist, dass er mit glücklichem Scharfsinn und feinstem Fühlen den Strömungen nachzugehen weiss, die aus den eigentlichen tiefen Quellen des Wissens hervorrauschen. Er kann an Umfang und Tiefe seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Beobachtungen auf viele Gelehrte herabsehen, denn nicht nur das rasche

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Eindringen in ein Spezialgebiet und die rasche Orientierung auf demselben sind ihm gegeben, sondern auch der zusammenfassende Überblick über die Beziehungen der einzelnen Gebiete zu einander ist ihm in höchstem Masse eigen. In dieser „Gelehrtheit“ Chamberlain's aber und in seinem heissen Bemühen, seine grossartige einheitliche Idee von einer innigen Vereinigung von Weltanschauung und Religion in einem auf der Grundlage des reinen Rassegefühls emporstrebenden Völkerindividuum auch wissenschaftlich in allen Teilen zu begründen und durchzuführen, besteht unsres Erachtens die Achillesferse seines monumentalen Buches. Es wäre zu viel gesagt, wollten wir behaupten, dass seine Darstellung daran gescheitert sei. Das ist durchaus nicht der Fall, denn seine Grundgedanken bleiben nicht nur grossartig, sondern auch in ihrer inneren Folgerichtigkeit wahr und wirksam, selbst wenn ihre wissenschaftliche Begründung nicht in allen Einzelheiten gelungen oder überhaupt undurchführbar ist. Jede geschichtsphilosophische Darstellung muss ja im exaktwissenschaftlichen Sinn unlösbare Probleme in sich schliessen, wenn sie nicht ihre innere Kontinuität preisgeben will, da sich alle Elemente für ihre Beweisbarkeit nie und nimmer zur Stelle schaffen lassen. Es kommt hier die Frage der Methode ins Spiel, die Frage nach der richtigen Abwägung des Verhältnisses zwischen Hypothese und Tatsache. Chamberlain hat das keineswegs verkannt, dazu ist er viel zu sehr methodisch gut geschult. Aber er hat zu viel Gewicht und Wert auf die wissenschaftlich vielleicht doch mögliche Beweisbarkeit seiner Ansichten gelegt, die vielfach ein Gegenstand des Empfindens und des Instinkts von vornherein bleiben müssen. Sein allzuheisses Bemühen, den rein wissenschaftlichen Standpunkt einzunehmen auch dort, wo er „ungelehrt“ bleiben musste und seinem ursprünglich ganz richtigen Empfinden nach auch bleiben wollte, bringt ihn dann in Widerspruch mit sich selbst, und wir sehen ihn dann, nachdem er eben noch im sou-

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veränen Selbstgefühl die Bedeutung der wissenschaftlichen Intuition proklamiert und mit gelehrten Ansichten aller Art ohne jeden Respekt vor irgendwelcher Autorität keck aufgeräumt hat, sich selbst unter dem Joche ähnlicher Ansichten winden und nach einem Ausweg aus dem wissenschaftlichen Dilemma mühsam suchen. Der schöne, siegesfrohe Subjektivismus seiner Darstellung sinkt dann wie von einem hinterlistig sich heranschleichenden Objektivismus gefällt zu Boden, als wäre mit dem Kraute Mistiltein nach einem Baldur geworfen worden.
    Dieses heisse, aber vergebliche Bemühen tritt, wie uns scheint, besonders bei der Behandlung einer Kernfrage seines Buches, der Frage nach der Bedeutung und Entstehung der Rassen deutlich hervor. „Vielleicht gibt es keine Frage, über die selbst bei hochgebildeten, ja gelehrten Männern eine so mitternächtige Unwissenheit herrscht, wie über das Wesen und die Bedeutung des Begriffs ‚Rasse' “. So leitet Chamberlain selbst die Erörterung über diese Frage ein. Er schiebt die Schuld an der Konfusion der Ideen, die hinsichtlich dieses Begriffs besteht, der Wissenschaft zu. „Eine der verhängnisvollsten Verirrungen unsrer Zeit ist die, welche uns dazu treibt, den sogenannten ‚Ergebnissen' der Wissenschaft ein Übergewicht in unsern Urteilen einzuräumen.“ Jene „Konfusion ist nicht nötig, d. h. bei uns praktischen, handelnden, dem Leben angehörigen Männern nicht.“ Damit hätte er ja ganz scharf den Standpunkt präzisiert, von dem aus er an die Erörterung des Rassenbegriffs herantreten will, und die Art, in der er auf diesen Seiten mit der wissenschaftlichen Konfusion aufräumt, ist wieder so stark, so durchschneidend, so frisch und göttlich grob, dass es eine Lust ist, ihm zu folgen. Aber sehen wir zu, ob er auch wirklich seinen Standpunkt fest behauptet. Zunächst ganz gewiss. „Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von ‚Rasse' im eigenen Bewusstsein. Wer einer ausgesprochen reinen Rasse angehört, empfindet es täglich ...

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Schwach und fehlervoll wie alles Menschliche erkennt ein solcher Mann sich selbst (und wird von guten Beobachtern erkannt) an der Sicherheit seines Charakters, sowie daran, dass seinem Tun eine eigenartige, einfache Grösse zu eigen ist, die in dem bestimmt Typischen, Überpersönlichen ihre Erklärung findet .... Man kennt Goethe's Behauptung: Einzig das Überschwengliche mache die Grösse; das ist es, was eine aus vorzüglichem Material gezüchtete Rasse den Individuen verleiht: ein Überschwengliches.“ Und dann mit keckem Sprung: „Was sollen uns die weitläufigen wissenschaftlichen Untersuchungen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rasse einen Wert habe? wie das möglich sei u. s. w. Wir kehren den Spiess um und sagen: dass es welche giebt, ist evident; dass die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist eine Tatsache der unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das Wie und das Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit zulieb die Tatsachen selbst abzuleugnen.“ Mit diesem positiven Satz bleibt Chamberlain dem Grundgedanken seines Werkes durchaus treu, denn wenn er die Tatsache des Bestehens von Rassen auf die unmittelbare und vor allem auf die innere Erfahrung, auf das Rassenbewusstsein gründet, bestätigt er dadurch zugleich seinen grossen Gedanken von der durchgreifenden Wirkung einer Vereinigung von Weltanschauung und Religion auf das Leben der Menschheit. Das persönliche individualistische Element, das in der zur Bildung einer Weltanschauung führenden inneren Gestaltungsfähigkeit liegt, deckt sich — wenigstens was die von Chamberlain als fest gegebene supponierte grosse germanische Rasse betrifft — durchaus mit diesem „eigenen Bewusstsein“ der Rasse. Aber er bleibt bei dieser inneren Tatsache nicht stehen, sondern begibt sich sofort weiter auf das biologische Gebiet, um hier die „Gesetze“ zu entdecken, die die Erzeugung jeder Rasse bedingen. Fünf Prinzipien nimmt er als grundlegend an: die Qualität des Materials, die Inzucht, die Zucht-

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wahl, die Notwendigkeit von Blutmischungen, die Notwendigkeit, dass diese Blutmischungen in der Wahl und in der Zeit streng beschränkt seien. Mit diesem Sprung in das Gebiet der „objektiven“ Erscheinungen hinein, hat sich der Verfasser unsres Erachtens des Vorteils begeben, den er durch sein festes Fussen auf einer Bewusstseinstatsache vorher gewonnen hatte. Denn auch er vermag auf diesem Gebiete nun nichts anderes zu gewinnen, als das, was er selbst vorher den Wissenschaftlern fast höhnisch vorgeworfen hatte: nämlich nur relative Werte. Die biologischen Beispiele (die Erzeugung von Tierrassen), von denen er ausgeht, um sich seine „Gesetze“ für die Entstehung der reinen, d. h. der höheren, ihrer selbst bewussten Menschenrassen zu konstruieren, geben noch keine Erklärung für das, was er mit Recht gerade als das Wesentliche und Eigentliche jeder reinen Rasse ansieht, nämlich für das Rassenbewusstsein, diese über jede biologische Voraussetzung weit hinausragende geistige Tatsache. Zwar kommt er noch einmal, als sähe er selbst den Riss ein, der zwischen seiner biologischen Erklärung der Rassenentstehung und seiner aus innerlicher Gewissheit entsprungenen Konstatierung des Rassenbestehens klafft, auf dieses innere Moment zurück, indem er von der Bedeutung der Nation für die Rassenbildung spricht. Das politische Zusammengehörigkeitsbewusstsein, das dem Begriff der Nation zugrunde liegt, ist doch lediglich — das wird uns Chamberlain selbst wohl zugeben — ein modifiziertes, d. h. auf ein gewisses Ziel gerichtetes, also noch nicht zu seiner vollen Allgemeinheit ausgebildetes Rassenbewusstsein. Er sagt ja selbst, indem er gegen die „physiologisch einheitliche Rasse“ Renan's polemisiert: „Und dieser hypothetischen Bestie zu lieb soll ich leugnen, dass das englische Volk, das preussische Volk, das spanische Volk einen bestimmten, ganz und gar individuellen Charakter besitzt!“ Und nur wenige Zeilen weiter: „Das römische Reich in seiner Imperiumzeit war die Verkörperung des antinatio-

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nalen Prinzips; dieses Prinzip führte zur Rassenlosigkeit und zugleich zum geistigen und moralischen Chaos; die Errettung aus dem Chaos geschah durch die zunehmend scharfe Ausbildung des entgegengesetzten Prinzips der Nationen.“ Also das nationale Prinzip, das rein geistige, über jede physiologische Verwandtschaft hinwegwirkende Zusammengehörigkeitsbewusstsein führt doch schon zur Bildung von Völkerindividuen, d. h. von Rassen. Es ist — nicht immer, doch zuweilen — eine Vorstufe der gemeinsamen Weltanschauung und Religion. Wie steht es nun daneben mit den relativen Werten, die uns jene bei der Entstehung der Rassen wirksamen biologischen Gesetze lieferten? Und welches ist der Umfang dieser Gesetze? Ist die Blutmischung, die notwendige Voraussetzung für die Bildung einer Rasse, am glücklichsten, wenn sie in Fernkreuzung oder wenn sie in Nahkreuzung sich vollzieht? In welcher Weise muss sie in der Wahl und in der Zeit beschränkt sein? Und wie gar verhält es sich mit der Qualität des Materials? Welche biologischen Grundsätze bedingen diese Qualität?
    Nein, hier hat sich Chamberlain, nach unserem Empfinden, entschieden verrannt, indem er seinen „ungelehrten“ Standpunkt, den er vorher so glücklich eingenommen, wieder verlassen hat, um doch noch eine wissenschaftlich-objektive Grundlage, gegen deren Möglichkeit er vorher selbst so scharf ins Feld gezogen war, für die Entstehung der Rassen zu finden. Und in der Tat hat er dadurch, trotz vielem Aufwand von Gelehrsamkeit und Scharfsinn, auch nicht ein sicheres ethnologisches Fundament gewonnen, auf dem er später das Bild der germanischen Rasse in festen plastischen Umrissen hätte aufführen können. Weder das der germanischen, noch das der jüdischen Rasse, auch nicht das negative Gegenbild beider, das Völkerchaos, das dem Zusammensturz des römischen Reiches folgte. Den Begriff „Germane“ ist er gezwungen „weiter und dennoch zugleich enger zu fassen,

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als es Tacitus tat“; er muss den Keltogermanen und den Slawogermanen ethnologisch in diesen Begriff mit einschliessen, er muss die anthropologischen Merkmale, das blonde Haar und den Langschädel, fast gänzlich zu seiner näheren Bestimmung beiseite lassen, er muss überhaupt -— und das ist ja das Schöne an diesem Buch — wieder ganz „ungelehrt“ werden, um seinen Begriff zu erschöpfen. Wo er wieder auf das rein geistige Element, auf Charakter und Weltanschauung des Germanen zu sprechen kommt, wo er wie in der glänzenden auf innere Momente gestützten Gegenüberstellung von Germanen und Antigermanen sein subjektives feines Empfinden für die Imponderabilien wirken lassen kann, da entwickelt er sich wieder zu seiner ganzen Grösse, da wirkt er wieder positiv schaffend und fördernd, da rennt er wieder trotzig und siegesbewusst mit Ungestüm die Schranken um, die dem Verständnis für völkerhafte Eigenart, der zur inneren Gewissheit sich ausformenden Ahnung von dem positiven Inhalt eines Rassenbewusstseins entgegengebaut waren.
    Und ähnlich ergeht es ihm mit seinen Erörterungen über die jüdische Eigenart, deren Einwirkung auf die abendländische Geschichte eine so bedeutende Rolle in seiner Auffassung von der Entwickelung unsrer Kultur spielt. Nur dass er hier, in seiner Darstellung der Anthropogenie der Israeliten, d. h. der Entstehungsgeschichte dieser besonderen nationalen Rasse, auf einem geschichtlich und archäologisch besser ergründeten Boden stehen kann, als es ihm bei seiner allgemeinen Theorie über die Entstehung der Rassen in biologischer Hinsicht wie bei seinem Forschen nach der Einheitlichkeit der germanischen Rasse in anthropologischer Hinsicht möglich war. Auch hier muss er schliesslich, trotz dieser günstigeren Vorbedingungen für seine Untersuchung, den biologischen Gesetzen von Blutmischung, Inzucht und Qualität des Materials doch nicht das allein entscheidende Gewicht zuschreiben, sondern durch die Schilderung von der pro-

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gressiven Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematischer Verkümmerung anderer des aus der übrigen israelitischen Völkerfamilie allmählich physisch ausgeschiedenen eigentlichen Juden den Grund zu seiner scharfen und geistreichen Charakterisierung des Rassenbewusstseins dieses Volkes als eines besonders stark und konsequent zum Ausdruck gelangten Willens legen.
    Doch wir dürfen uns nicht zu sehr in Einzelheiten vertiefen, so sehr auch dieses Buch auf jeder Seite anregt, es zu tun. Es kam uns bei dieser Abschweifung lediglich darauf an, darzutun, dass Chamberlain, sobald er aus seiner subjektiven Kampfesstellung heraustritt und auf das Feld der objektiv-wissenschaftlichen Erörterung herabsteigt, häufig genug selbst die Waffen liefert, mit denen er bekämpft werden kann. Das gibt, wie schon im Eingang dieser Betrachtung betont wurde, manchen Partien seines Werkes den Charakter des Widerspruchsvollen, Uneinheitlichen, Sprunghaften; freilich wirken gerade diese Partien hierdurch anreizend und zuweilen geradezu verblüffend. Chamberlain erweist sich in ihnen als scharfer Dialektiker, als glänzender Debatter, aber er überzeugt nicht; trotz der berauschenden Virtuosität, mit der er wissenschaftliche Probleme hin- und herzuwenden, auf den Kopf zu stellen und, je nach der ihn gerade leitenden Absicht, in einer gänzlich neuen Fassung vor uns auszubreiten versteht, gelingt es uns bei solchen Erörterungen nicht, den festen einheitlichen Standpunkt herauszufinden, der sonst seinen Ausführungen das Gepräge des Warmen, Lebensvollen, Tiefbewegenden verleiht. Er hat das an manchen Stellen wohl selbst herausgefühlt. „Überhaupt ist die Wissenschaft eine zwar herrliche, doch nicht ungefährliche Freundin,“ so ruft er aus; „sie ist eine grosse Gauklerin und verführt den Geist leicht zu toller Schwärmerei; Wissenschaft und Kunst sind wie die Rosse an Plato's Seelenwagen, der ‚gesunde Menschenverstand' bewährt sich nicht zum wenigsten darin, dass er die Zügel straff spannt

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und diesen edlen Tieren nicht gestattet, mit seinem natürlichen, gesunden Urteil durchzugehen. Einfach vermöge unsrer Eigenschaft als lebendige Wesen steckt in uns eine unendlich reiche und sichere Fähigkeit, dort, wo es nottut, auch ohne Gelehrsamkeit das Richtige zu treffen.“
    Diese reiche und sichere Fähigkeit hat Chamberlain besonders dort bewiesen, wo es sich darum handelt, das Wesentliche — oder sagen wir mehr einschränkend: das für seine Weltanschauung Bedeutungsvolle und Lebendige — aus grossen geschichtlichen Perioden, aus dem inneren Leben der für unsre Kultur wichtigen Völker, herauszufühlen und darzustellen. Hier leitet ihn nicht nur ein feiner Instinkt, sondern noch mehr eine grosse Anschauung, ein weitumfassender Sinn für alles Charakteristische in Persönlichkeiten wie in Völkerindividuen. Deshalb sind besonders die das „Erbe der alten Welt“ entwickelnden Eingangskapitel seines Buches von bestrickendem Zauber und zugleich von monumentaler Grösse. Hier entfaltet der Schriftsteller sein eminentes, zusammenfassendes und plastisches Können, hier kommt zugleich der kühne Wagemut, das kecke Zugreifen in der Stellung der Probleme, das furchtlos über alle Hecken und Schranken der hergebrachten wissenschaftlichen Tradition hinwegsetzende stolze Selbstgefühl des mehr auf sein eigenes sicheres Empfinden als auf die Ausführungen der „Gelehrten“ sich stützenden Geschichtsphilosophen zur vollen Geltung. Seine Abhandlung über „hellenische Kunst und Philosophie“ ist, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ein wie aus einem Stück gegossenes, bruch- und sprungloses, prächtiges plastisches Werk, obwohl es weder das Wesen des Hellenentums nach allen Seiten hin erschöpft, noch in seinen wissenschaftlichen, d. h. literarischen und geschichtlichen Grundlagen unangefochten bleiben wird. Wie die hellenische Kunst und Philosophie noch gegenwärtig im Bewusstsein gestaltend weiter wirken, das bleibt für Chamberlain hier die

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Grundfrage; er will nur das Allgemeinste aus dem Hellenentum mit hinübernehmen in die Beurteilung der späteren Kulturphasen, nur das, was seinem subjektiven Empfinden als das Weiterwirkende erscheint: und das ist für ihn der Typus der genialen Persönlichkeit, den er im Hellenentum am klarsten und schönsten ausgebildet findet, mit einem Wort, das Dichtergenie. Denn auch die griechischen Philosophen sind ihm Dichter, die nur die Gedanken des „göttlichen Homer“ fortentwickeln, die kunstbeseelte Religion der Dichter ausbauen. Die gesamte Kultur Griechenlands ruht für Chamberlain auf einer künstlerischen Grundlage; „was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines Aristarch ewige Jugend verleiht, das ist genau derselbe Geist, dieselbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung macht: es ist das Schöpferische und — in einem weitesten Sinn des Wortes — recht eigentlich Künstlerische. Es kommt nämlich darauf an, dass die Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ichs oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu assimilieren sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. Und damit berührt sich, dass das Geheimnis der hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff ‚Persönlichkeit' eingeschlossen liegt“. Die Gestaltungskraft, dieses wesentliche Grundbedingnis der germanischen Weltanschauung, sie liegt schon in der Religion Homer's als unvergängliches Moment beschlossen; die „künstlerische Kultur“ ist das wirklich Positive und Grosse, was befruchtend weitergewirkt hat und weiterwirken soll. Und der Niedergang der griechischen Kultur hebt mit der Zerstörung dieser dichterisch-religiösen Anschauungen durch die spätere Philosophie, vor allem durch Aristoteles, an. Dieser ist „der eigentliche Urheber der Decadence des hellenischen Geistes“.
    Wie gesagt, die historische Kritik wird fast an jedem einzelnen Punkt dieser hier nur in den wesentlichsten Zügen wiedergegebenen Darstellung des hellenischen Erbes

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ansetzen können, aber der Wurf, den Chamberlain mit ihr getan, bleibt dennoch grandios und die Einheitlichkeit, innere Folgerichtigkeit und subjektive Sicherheit, mit der er sie durchführt, wirken im höchsten Grad anregend, packend und hinreissend. Vom rein schriftstellerischen Standpunkt aus betrachtet — und dieser muss uns hier in erster Linie gelten — ist dieser elementare Ausbruch einer gewaltigen Subjektivität eine glänzende Tat. Ungleich ruhiger, aber gleichwohl im höchsten Grad farbenreich, belebend und anregend wirkt die nun folgende Darstellung des römischen Erbes, das er von vornherein in bestimmter Absicht unter der Überschrift „Das römische Recht“ zusammenfasst. Auch hier wird die Schilderung des äusseren Ganges der römischen Geschichte ganz in den Hintergrund gedrängt durch die Charakterisierung der inneren Bedeutung Roms. Chamberlain hatte in seiner allgemeinen Einleitung von anonymen Kräften gesprochen, welche das Leben der Völker gestalten. „Davon“, so fährt er in dem Kapitel über das römische Recht fort, „haben wir in Rom ein leuchtendes Beispiel. Roms ganze wahre Grösse war eine solche anonyme ‚Volksgrösse'. Schlug bei den Athenern der Geist in die Krone, so schlug er hier in Stamm und Wurzeln; Rom war das wurzelhafteste aller Völker.“ Die Liebe zur Heimat war ein Grundzug des altrömischen Wesens. Und diese Heimat wohnhaft nicht für die ungewöhnlichen, sondern für die gewöhnlichen Menschen auszubauen, war eines der unbewusst sich geltend machenden Ideale dieses Volkes. „Mochte das einfach gezimmerte Räderwerk des alten römischen Staates häufig noch unbeholfen arbeiten und gründliche Reparaturen erfordern, es war ein prächtiges, zeit- und zweckmässiges Gebäude. Das Recht war dort von Anfang an unendlich fein empfunden und gedacht und seine Beschränkung entsprach den Verhältnissen. Und endlich die Familie! Die gab es einzig und allein in Rom, und zwar so schön, wie sie die Welt nie wieder gesehen hat.“ Auf dieser Grundlage baut

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nun Chamberlain das wunderbar schön in sich geschlossene, organische Gebilde des römischen Staates und des römischen Rechts auf, dessen lebendige Kraft er mit tiefem Instinkt herausfühlt und wirksam herauszuheben weiss, dessen allmähliche Erstarrung in der späteren Kaiserzeit unter kleinasiatischem und semitischem Einfluss er treffend nachweist. Also auch hier ist für ihn das Wesentliche die Gestaltungskraft, die freilich nur in der Form eines anonymen Volksbewusstseins wirkt, aber in ihrer Art nicht weniger künstlerisch ist als die dichterisch beseelte Religion der Griechen. „Auch der Römer ist ein gestaltungsmächtiger Künstler.“ Seine Begriffsplastik tut sich in rechtlichen Handlungen kund, aber sie tut sich nicht weniger kräftig und weitwirkend kund als der dichterisch plastische Sinn der Griechen. „In diesem künstlerischen Element liegt auch die magische Kraft der römischen Erbschaft.“
    Es ist also die spezifisch indoeuropäische Gestaltungsfähigkeit, die Chamberlain als das Wesentliche und Wertvolle der beiden grossen, uns aus der antiken Zeit überkommenen Erbschaften proklamiert. Wir haben gesehen, welche tiefe Bedeutung diese Fähigkeit für die Weltanschauung und Religion seines idealen, der germanischen Rasse zugehörigen Homo europaeus besitzt. Als drittes Erbteil gesellt sich jenen das zu, was unsre Kultur aus der „Erscheinung Christi“ für sich gewonnen hat. Das Kapitel, in welchem Chamberlain dieses Erbteil behandelt, bildet, nicht nur schriftstellerisch sondern auch inhaltlich, den Gipfelpunkt seines Werkes. In ihm offenbart sich die Seelentiefe des nach einem adäquaten Ausdruck seines innersten Empfindens ringenden Autors, in ihnen kommt mit voller Wucht und in packender, glänzender Ausführung seine Weltanschauung, seine Religion in praktischer Betätigung an einem konkreten Persönlichen zum Wort. Es ist nicht das Christusbild irgend einer Kirche, irgend einer Konfession, das er vor uns hinstellt. „Vor unsern Augen

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steht eine bestimmte, unvergleichliche Erscheinung; dieses erschaute Bild ist das Erbe, das wir von unsern Vätern überkommen haben.“ Es war verdunkelt und ferngerückt durch die dogmengeschichtliche Entwickelung der Kirchen; er will es hervorleuchten lassen in seiner ursprünglichen Reinheit und Bedeutung, als den Inbegriff eines neuen, in die Erscheinung getretenen Persönlichen. „Die Erscheinung Christi bedeutet, vom welthistorischen Standpunkte aus, die Erscheinung einer neuen Menschenart.“ „Wohl wird die Umgebung der Persönlichkeit, die Kenntnis ihrer allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge liefern zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen werden wir Wichtiges von Unwichtigem, charakteristisch Individuelles von örtlich Konventionellem zu unterscheiden lernen; das heisst also, wir werden die Persönlichkeit immer klarer erblicken. Sie jedoch erklären, sie als eine logische Notwendigkeit dartun wollen, ist ein müssiges, albernes Beginnen; jede Gestalt — auch die eines Käfers — ist für den Menschenverstand ein „Wunder“, die menschliche Persönlichkeit aber ist das mysterium magnum des Daseins.“ So gilt ihm die Persönlichkeit Christi als etwas unmittelbar Gegebenes und Wirkendes. „Denn der Quell aller Religion ist nicht eine Lehre, sondern ein Leben.“ Und in der Entwickelung der Menschheit kommt schliesslich alles auf die grosse, lebendige Persönlichkeit an. Was aber das Neue in der Persönlichkeit Christi war, das ist die Umkehrung der Lebensrichtung, die Umkehrung des Willens, nicht vom Leben weg, sondern zum Leben hin. Die neue Lebensrichtung ist deshalb durchaus optimistischen Charakters. Die Bejahung des Lebens ist ihr Grundkern, denn die Erlösung vom Leiden soll ja nicht ein Eingehen in das Nichts (wie bei Buddha), sondern ein Eingang zum ewigen Leben sein. Diese Erfassung des Lebens aber als etwas so Positives und zugleich als eines rein innerlichen Vorgangs bedeutet eine freie Tat des Menschen, der sich gegen seine eigene animalische Natur er-

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hebt. „In Christus erwacht der Mensch zum Bewusstsein seines moralischen Berufs, dadurch aber auch zur Notwendigkeit eines nach Jahrtausenden zählenden Krieges.“
    So ist, nach Chamberlain, das Gestaltungs- und Tatkräftige, der optimistische, positive Zug, der die Weltanschauung der Germanen beseelt, auch in der Persönlichkeit Christi vorwaltend und die Religion, die Christus zum Stifter hat, muss trotz der Verdunkelungen, die das Völkerchaos und der Eintritt der Juden in die Weltgeschichte und des Judentums in das ursprüngliche reine Christentum herbeiführte, mit dieser Weltanschauung sich innig, zu einem unlösbaren Ganzen, vereinigen. Wir sind damit wieder zu den allgemeinen Grundgedanken zurückgekehrt, die wir im ersten Teil unsrer Betrachtung als die für das ganze Buch massgebenden erkannt zu haben glaubten. Auf vielfach sich kreuzenden und verschlingenden Wegen führt der Verfasser diese Grundgedanken durch. Es ist ein Wogen des Kampfes allüberall in seinem Werke, wo wir es nur immer aufschlagen mögen, eines Kampfes um tiefinnerste Erkenntnis und um Lösung von Fragen, die uns im Grunde unsrer Seele bewegen. So steht dieses Buch und noch mehr die Persönlichkeit des Verfassers, die aus jeder seiner Seiten mit mächtig anpackender Subjektivität zu uns spricht, als ein Zeugnis für die Bewegung der Geister am Ende des Jahrhunderts da: lebendig wirkend, zum Widerspruch anreizend, zur Beistimmung fortreissend, im Innersten aufregend und vorwärtsstossend, daneben aber auch vielfach hemmend und verwirrend. Ein bedeutender, feuriger Mensch hält in diesem Werke eindringliche Zwiesprache mit seiner Zeit: wie könnte es da ohne Bewegung und Stürme abgehen!
Dr. Oskar Bulle, München.

(Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Jahrgang 1899

21. und 22. Dezember.)

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40 Grundlagen - Besprechung von Prof. A. Ehrhard, Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft

2.

    Ein „deutscher Engländer“, Herr Houston Stewart Chamberlain hat im Jahre 1899 ein von Wien datiertes und dem damaligen Rektor unserer Universität, Herrn Hofrat Prof. Dr. Julius Wiesner, dem hochverdienten Physiologen, gewidmetes Buch herausgegeben, das bereits die zweite Auflage erlebte und das unstreitig zu den hervorragendsten Schriften gehört, die das hinsterbende 19. Jahrhundert teils zur Selbstkritik, teils zur Selbstverherrlichung ins Leben gerufen hat. Mancher, der die tausend eng gedruckten grossen Seiten des Buches aufmerksam gelesen hat, wird sogar behaupten, es sei die hervorragendste unter den Schriften fin de siècle, die bisher erschienen sind [...]
    Chamberlain betont wiederholt, dass er kein Fachgelehrter sei; was er aber nicht betont, das ist sein immenses Wissen und seine Virtuosität in der Darstellung und inneren Verknüpfung der Kenntnisse, die er den ersten Autoritäten auf den verschiedenartigen Gebieten, die er zu behandeln hatte, entlehnte. Das Buch ist darum in erster Linie ein typisches Beispiel der Geschichtsauffassung und der Weltanschauung, die hochgebildete Laien unserer Tage auf Grund der Resultate der philosophischen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Forschung im weitesten Sinne des Wortes sich zu bilden veranlasst werden. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist sein Buch ungemein lehrreich, für den Katholiken aber zugleich sehr wenig erfreulich; denn Chamberlain, dem „die wünschenswerte Gabe der Lüge nicht zuteil wurde“ (S. 647), gelangt zu dem Resultate, das er wohl hundertmal klipp und klar ausspricht, die katholische Kirche und das katholische Christentum sei der eigentliche Feind des ger-

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Grundlagen - Besprechung von Prof. A. Ehrhard, Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft


manischen Wissens, der germanischen Zivilisation und der germanischen Kultur, unter welcher er die Weltanschauung, die Religion und die Kunst zusammenfasst. Das ist eine harte Anklage, die mich tief ergriffen hat, und die nicht verfehlen wird, eine bekannte religiös-politische Bewegung in Österreich mächtig zu fördern; der Heisshunger, mit dem das Buch auf unserer Universitätsbibliothek und, wie der Erfolg des Buches beweist, in ungezählten Familien verschlungen wird, ist ein sicheres Symptom dafür. Chamberlain begnügt sich nämlich nicht damit, die Anklagen zu formulieren; er zieht auch die Folgerungen daraus. Diese Folgerungen gipfeln aber darin, dass die römische Kirche den verhängnisvollsten Einfluss auf die bisherige Entwickelung des Germanentums ausgeübt habe, dass sie nebst dem Judentum den dem Germanentum fremdesten Bestandteil des Erbes darstelle, das 18 Jahrhunderte dem 19. hinterliessen, dass daher alles aufzubieten sei, um den Feind, der „in allen Feinden des Germanentums geborene Verbündete besitzt“ (S. 645), für die Zukunft unschädlich zu machen. Ich muss auch gestehen, dass die harte Anklage vernichtend wäre, wenn man sie als wissenschaftlich berechtigt anerkennen müsste. Glücklicherweise ist sie es aber keineswegs. Um das nachzuweisen, müsste ein ganzes Buch demjenigen Chamberlain's entgegengestellt werden, und ich wünsche lebhaft, dass dieses Buch geschrieben werde. In diesem Rahmen ist der Versuch naturgemäss undurchführbar. Ich halte mich aber für verpflichtet, wenigstens die Hauptirrtümer Chamberlain's als solche aufzudecken.

Prof. Dr. Albert Ehrhard, s. Z. Wien.

(Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft, Heft 14, 1901, bei Mayer & Co., Wien)

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42 Grundlagen - Besprechung der Gesellschaft, 1900

3.

    Der schmutzigste Kerl, der rein spielt, ist uns lieber als ein bürgerlich achtbarer Dilettant, der unrein in die Saiten greift. Chamberlain rühmt sich in der Vorrede seines Dilettantismus, aber er weiss selbst nicht, in welchem Masse er Dilettant ist. Er hätte vielleicht ganz reizvolle Bekenntnisse eines Kindes des neunzehnten Jahrhunderts schreiben können. — Religiöse Erziehung, Zweifel, Erlösung durch die Kunst! — Zu seinem Unglück hat er bei künstlerischen Anlagen eine Gymnasialerziehung erhalten, die er nicht verdaut hat. Er ist dadurch doktrinär geworden, er hält seinen Leser am Rockknopf fest und sucht ihm seine unklaren Gefühle als wissenschaftliche Norm aufzureden. Er überschüttet ihn mit Ideen, die nicht immer richtig und mit Zitaten, die gelegentlich falsch sind, und wenn jemand anderer Meinung ist als er, erklärt er ihn für einen Kretin oder einen Schuft. Aber darum wird immer nicht mehr daraus, als die unklaren Anschauungen Chamberlains, und in dem Abbild dieser Anschauungen die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts zu sehen, war wohl nur denen beschieden, denen der Ausblick in die Wirklichkeiten des Lebens durch den schöngeistigen Dunst der Gymnasien oder höheren Töchterschulen getrübt war. Kurz, es ist ein schlechtes Buch, unklar und unlogisch im Gedankengang und unerfreulich im Stil, voll falscher Bescheidenheit und echtem Hochmut, voll echter Unwissenheit und falscher Gelehrsamkeit ¹). Der buchhändlerische Erfolg des Werkes beweist nichts dagegen. Denn, wie Goethe sagt, „man braucht nur etwas auszusprechen, was dem Eigendünkel und der Bequemlichkeit schmeichelt, um
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     ¹) Anm. der Verlagsanstalt: Hierzu sind die Bemerkungen Professor Golther's auf Seite 56 des vorliegenden Heftes von Interesse.

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Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900


eines grossen Anhangs in der mittelmässigen Menge gewiss zu sein“.

Anonymus H. C.

(Die Gesellschaft. Jahrgang 1900, zweites Dezemberheft.)

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4.

EIN BUCH UND EIN MANN.

     Wenn ein Fremder ein deutsches Buch schreibt, so ist das zum mindesten eine Merkwürdigkeit, die eine Zeitung unter den Tagesneuigkeiten erwähnen kann. Hat aber dieses Werk davon abgesehen einen bedeutenden oder gar hervorragenden Wert, so muss doppelt lange dabei verweilt werden, denn es bedeutet zugleich eine Anerkennung unserer Kultur, wie man sie sich grösser nicht denken kann. Treitschke mag im allgemeinen und für Prinzen besonders recht haben, dass es ihr Unglück sei, wenn sie von Jugend auf in verschiedenen Sprachen unterrichtet werden, weil sie dann keine recht besässen. Zu allen Zeiten hat es jedoch Männer gegeben, die in mehreren Zungen gleich vorzüglich und meisterhaft zu reden und zu schreiben wussten.
     Diese vielseitige Herrschaft lässt sich natürlich nicht durch Reisen und Plaudern in den Salons aller Weltstädte allein erreichen, sondern neben der unerringbaren Begabung nur durch eindringende Studien des Geistes und Wesens der verschiedenen Kulturvölker, wie es sich in ihren Litteraturen vor allem offenbart. So darf mit Recht gesagt werden, dass es eine Anerkennung unserer Kultur ist, als deren bedeutendstes Erzeugnis die Sprache zu gelten hat, wenn sie ein solcher vielgewandter Fremder wählt,

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um in ihr ein monumentales Werk für alle Zeiten niederzulegen. Er erklärt nicht nur, dass sie seinen Gedanken den besten Ausdruck zu verleihen vermag, er erwartet auch bei dem Volke dieser Sprache ein besonderes Entgegenkommen und Verständnis zu finden.
    Das Buch, auf welches diese Zeilen hinleiten sollen, ist von Houston Stewart Chamberlain verfasst und betitelt: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Es bildet in zwei Halbbänden von rund tausend Seiten nur den ersten Teil des ganzen Werkes. Der zweite soll das neunzehnte Jahrhundert selbst zum Gegenstand haben.
    Schon wer sich daran wagt, die tausendfachen Beziehungen, die von unserer Zeit zurück in die Vergangenheit führen, zu entwirren und den einen oder die mehreren roten Fäden klar zu legen, das grosse Wollen, das sich eine solche Aufgabe steckt, muss unsere Achtung erobern. Es bedarf eines frischen Mutes, die Weltgeschichte in religiöser, staatlicher, wissen- und wirtschaftlicher und künstlerischer Richtung hin zu erfassen und einheitlich zusammenzuziehen, wo es so viele Tyrannen gibt, die jeden Eintritt auf ihr kleines Gebiet empört und verächtlich zurückweisen. Wenn irgendwo, so besteht aber auch hier tatsächlich die äusserste Gefahr, in der ungeheuren Menge des Stoffes unterzugehen, oder willkürlich den Boden der Welt zu verlassen und in den grenzenlosen Lüften herumzuschweben. Was einzig vor jener ersten Klippe bewahren kann, das ist das Vorgehen des Künstlers, der das Nebensächliche beiseite lässt, das Wesentliche hervorhebt, überhaupt gestaltet. Die grossen Licht- und Schattenflächen, die einheitlichen unzerstückelten Linien unterscheiden die Porträte der klassischen Kunst von denen der früheren Zeit. Wie jene Meister, so schafft auch Chamberlain durch weitausgreifendes Zusammenfassen der Tatsachen und Darstellen nach der entscheidenden Seite hin. Die Ähnlichkeit darf dabei nicht verloren gehen — und das wäre die zweite Klippe. Darum will der Verfasser, wie

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er sagt, nicht sehen, was nicht ist, sondern ein Diener der Wahrheit bleiben. Was ist aber die Wahrheit? Vor allem die Tatsachen, die auf Grund von nach naturwissenschaftlicher Methode vorgenommenen Beobachtungen gewonnen werden. Er selber verfügt über ein staunenerregendes Wissen in den sogenannten exakten Wissenschaften und hat eigene Arbeiten auf dem Gebiete der Botanik erscheinen lassen.
    Nun gibt es aber viele Urteile über geistige Erscheinungen, die man nicht auf diesem Wege schöpfen kann und die nur das besonders begabte Auge des Genies zu erblicken vermag. Hier stellt sich Chamberlain „gerne in den Schutz hochverehrter Persönlichkeiten“, um seine Ansichten und Behauptungen zu unterstützen. Goethe vor allem ist ihm der vollendetste Mensch, den die germanische Welt hervorgebracht hat; er wird fast auf jeder Seite als Schirmherr angerufen. Auch Schiller und Shakespeare sind seine Eideshelfer. Ob die Ilias und Odyssee das Werk eines einzigen Dichtersinnes war, ist ihm eine Frage, die Dichter und nicht Philologen zu entscheiden haben, denn diese „kleben an der Schale, welche der Willkür von Jahrtausenden ausgesetzt war, des Dichters kongenialer Blick dringt dagegen bis zum Kern vor, und überblickt den individuellen Schaffensprozess“. Und wenn man einräumen muss, was allerdings Vielen nicht möglich ist, dass es stets einzelne Menschen gegeben hat, die besonders scharf und tief blickend die geheimnisvollen Kräfte des Lebens zu ahnen, zu erkennen und soweit überhaupt möglich, in der Sprache zum Ausdruck zu bringen vermochten, so wird man sich ihnen in der Welt des Unmessbaren und Unwägbaren lieber anvertrauen, als jenen Rationalisten, die alles so einfach zu erklären wissen, nirgends Schwierigkeiten sehen und deshalb mit einer Formel auskommen. Chamberlain warnt auch ausdrücklich vor Verallgemeinerungen. Wenn er ausführt, dass die jüdische Religion im Willen, nicht im Gemüte fusse und

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daher armselig an Phantasie sei, so lehnt er doch die Folgerung ab, der Semit habe überhaupt keine Phantasie. „Alle solchen absoluten Behauptungen sind falsch; zwingt auch die notwendige Kürze des geschriebenen Gedankens häufig zu dieser Form, so darf wohl vorausgesetzt werden, dass der Leser die notwendige Korrektur automatisch ausführt. Es handelt sich lediglich um Gradunterschiede, die dank dem extremen Charakter des semitischen Typus der Grenze des absoluten Ja und Nein, des Seins oder Nichtseins nahekommen.“ Diese wenigen Bemerkungen über die Art und Weise der Behandlung des Stoffes müssen hier genügen. Weiter unten werden noch einige Stilproben zeigen, wie sehr der Verfasser die deutsche Sprache beherrscht und welch mächtigen Zug er dem geschriebenen Wort zu verleihen vermag.
    Der Grundgedanke des Werkes ist, negativ ausgedrückt, dass es keine Menschheit giebt, welche eine Geschichte hätte und von deren Fortschritt, Entwickelung und Erziehung man reden könnte, sondern nur einzelne Rassen und zwar namentlich in dem festen Verband einer Nation. Sie allein entarten oder veredeln sich, und mit ihnen der einzelne Mensch, der von der Rasse bedingt ist. Die Wechselwirkung zwischen dem einzelnen Helden oder Genie eines Volkes und dem Volke selbst auf ihn bildet einen unerschöpflichen Gegenstand, auf den der Verfasser häufig und stets von neuen Gesichtspunkten zurückkommt. So hat Homer Griechenland geschaffen, insofern er der Schöpfer seines Göttergeschlechtes durch Entwirrung der Knäuel der planlosen volksmässigen Sagen war, aber nur ein unvergessliches Volk, eine Rasse, die ihrerseits Schöpferin der bestimmten Sprache und der Mythen selbst war, konnte einen solchen Mann hervorbringen. Für den einzelnen Menschen ist also die Abstammung die Hauptsache, in ihr wurzelt der Charakter. Deshalb verwendet Chamberlain auch so viel Sorgfalt auf den Nachweis, dass Christus der Rasse nach kein Jude war. Er legt die anthropo-

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logischen und ethnographischen Fragen eingehend dar, stellt bestimmte Sätze darüber auf, was eine reine Rasse sei und leitet Gesetze ab, wie sie entstehen. Auf der Rasse beruht für jedes Volk die Eigenart seiner Kultur, die Religion inbegriffen und seiner Macht mithin; je reiner die Rasse, umso grösser diese Eigenart.
    Für unser Jahrhundert kommen von den alten Völkern in Betracht die Griechen, die Römer und als Macht für sich Christus. Durch die Griechen ist sich der Mensch in Kunst und Philosophie als intellektuelles, durch die Römer in Ehe und Recht als gesellschaftliches und durch Christus als moralisches Wesen im Gegensatz zur Natur bewusst geworden. Das ist das Erbe der alten Welt. Erben sind die germanischen Völker der Kelten, Slawen und der eigentlichen Germanen. Das Erbe wurde ihnen nicht einfach ausgeliefert, sie mussten es sich gegen feindliche Mächte erobern und es sich selber untertan machen, um nicht ihre Eigenart dadurch zu verlieren. In Kunst, Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft haben sie im Kampfe gegen das Hellenentum ihre eigenen Wege finden müssen, die ihnen eine neue Welt eröffneten. Diese neue Welt begann um das Jahr 1200 zu entstehen, als die Macht der Städte sich erhob, die Magna Charta errungen wurde, mit Franz von Assisi ein neuer religiöser Tag dämmerte, Roger Bacon die Grundlagen der neuen Naturwissenschaften legte, die Dichter Chrestien de Troyes und Walther von der Vogelweide sangen, Adame de la Halle der Begründer der eigentlichen Tonkunst wurde, die grossen italienischen Meister Pisano, Cimabue und Giotto auftraten und Marco Polo seine Reisen unternahm. Die beiden äusseren Feinde, die gegen die Entstehung dieser neuen Welt den heftigsten Kampf führten, waren das Judentum und das rassenlose Chaos des untergehenden römischen Reiches, als dessen geistiger Vertreter Lucian gelten kann, während für die spätere Zeit Ignatius Loyola seine Stelle einnimmt. Der Kampf spielte vor allem auf dem Gebiet der religiösen

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Vorstellungen und bis zum heutigen Tage ist er nicht ausgetragen. Denn diese beiden Mächte haben uns das dogmatische Christentum überliefert und aus dem Leben Jesu Christi eine Lehre gemacht, die „mit dem Innersten Seelenglauben der Germanen nie wirklich übereingestimmt hat, so dass Goethe mit Recht sagen durfte: Den deutschen Mannen gereicht's zum Ruhm, dass sie gehasst das Christentum“. Unabhängig von diesem Christentum steht die Erscheinung Christi, worüber Chamberlain in einem wunderbaren Kapitel spricht. „Nichts ist nötiger, als gerade die Erscheinung Christi deutlich und wahrheitsgetreu zu erblicken. Denn — wie unwürdig wir uns dessen auch erweisen mögen — unsere gesamte Kultur steht, gottlob! noch unter dem Zeichen des Kreuzes auf Golgatha. Wir sehen wohl dieses Kreuz, wer sieht aber den Gekreuzigten? Er aber, und er allein, ist der lebendige Born alles Christentums, sowohl des intolerant Dogmatischen, wie auch des durchaus ungläubig sich Gebenden.“
    Von der wahren, von jüdischen wie jesuitischen Zutaten freien Gestalt Christi ist die religiöse Wiedergeburt zu erwarten, die noch als die Krone der neuen germanischen Welt fehlt. „Findet nicht bald unter uns eine mächtige, gestaltungskräftige Wiedergeburt idealer Gesinnung statt und zwar eine spezifisch religiöse Wiedergeburt, gelingt es uns nicht bald, die fremden Fetzen, die an unserm Christentum wie Paniere obligatorischer Heuchelei und Unwahrhaftigkeit noch hängen, herunterzureissen, besitzen wir nicht mehr die schöpferische Kraft, um aus den Worten und dem Anblick des gekreuzigten Menschensohnes eine vollkommene, vollkommen lebendige, der Wahrheit unsres Wesens und unsrer Anlagen, dem gegenwärtigen Zustand unsrer Kultur entsprechende Religion zu schaffen, eine Religion, so unmittelbar überzeugend, so hinreissend schön, so gegenwärtig, so plastisch beweglich, so ewig wahr und doch so neu, dass wir uns ihr hingeben müssen, wie das Weib ihrem Geliebten, fraglos, sicher,

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begeistert, eine Religion, so genau unserm besonderen germanischen Wesen angepasst — diesem hochbeanlagten, doch besonders zarten und leicht verfallenden Wesen — dass sie die Fähigkeit besitzt, uns im Innersten zu erfassen und zu veredeln und zu kräftigen; gelingt das nicht, so wird aus dem Schatten Zukunft ein zweiter Innocenz III. hervortreten und eine erneute vierte Lateranssynode, und noch einmal werden die Flammen des Inquisitionsgerichtes prasselnd gen Himmel züngeln. Denn die Welt — und auch der Germane — wird sich noch immer lieber syro-egyptischen Mysterien in die Arme werfen, als sich an den faden Salbadereien ethischer Gesellschaften und was es dergleichen gibt, erbauen.“
    Das ist nun allerdings eine andere Sprache als die unserer landläufigen Theologen, die aber darum umso eindringlicher wirkte, auf alle die, welche Priesterhochmut oder seichte Aufklärung aus den Kirchen vertrieben hat. Die Wirkung ist umso grösser, weil diese Worte nicht aus dem Gebirge, aus einer Schusterwerkstätte oder sonst einer einsammen Seele stammen, sondern von einem Manne, der unser Leben kennt, alles was Kunst und Wissenschaft bieten kann, genossen hat und in der grossen Welt heimisch ist. Er trägt die wichtigsten religiösen Fragen wieder in das Volk der Gebildeten, die sich zu lange ihnen ferngehalten hatten. Seine Sprache ist frei und mutig, ehrfurchtsvoll und hinreissend beim Erhabenen und unbarmherzig gegenüber dem Schein und der Lüge, für den Gebildeten verständlich und frei von der Gemeinheit, die einen bei so vielen unentwegten manchmal empört. Wie sinkt der Götze Nietzsche in den Staub vor diesem Buch, das einen so unendlich tieferen und klareren Geist verrät!
    Diese kurze Inhaltsangabe ist mehr wie dürftig; aber auch grösser und weitläufiger angelegt mit mehr Belegstellen vermöchte man keine ganze Vorstellung von der Pracht des Werkes zu geben. Das Ganze ist ein Kunstwerk, wo jeder Gedanke in der bestimmten Fassung von Früheren

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abhängt und Späteres bedingt. Ihn herauszureissen und mit abgeblassteren Worten wiederzugeben, hat keinen Wert. Man muss das Buch selbst lesen und sich dem Zauber der mächtigen Persönlichkeit, die aus ihm spricht, hingeben. Man folgt klopfenden Herzens und oft mit einem unsäglichen Gefühl der Befreiung auf den lichten Höhen, die einem dieser Geist weist. Mit ihm stürmt man leicht sonst unüberwindliche Hindernisse, er öffnet einem den Blick in ungeahnte Weiten, und wenn dann nachträglich doch die Zweifel kommen und das Gefühl der Sicherheit, das man unter seiner Dichtung hatte, zu schwinden beginnt, so kann das die Bewunderung nicht vermindern, die man für eine solche Persönlichkeit hegt.

Anonymus G. B.

(Neue Zürcher Zeitung, Jahrgang 1900, Nr. 47.)
 
 

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5.

    Chamberlain's Buch ist schwer zu beschreiben und zu beurteilen. Niemand kann sich aus blossen Berichten von seiner Eigenart, von der Fülle seines Inhalts einen Begriff machen. Das Aussergewöhnliche darf auch nicht mit landläufigem Mass gemessen werden. Im Buche kommt die Persönlichkeit des Verfassers ganz und gar zum Ausdruck. Er teilt uns seine Weltanschauung mit, und diese ist in den Tatsachen durchaus begründet, sozusagen unwiderleglich. Wer das Buch liest, muss Farbe bekennen, Freund oder Feind sein. Eine lebendige Geschichte des germanischen Volkes könnte man die „Grundlagen“ nennen.
    „Die verschiedenen Erscheinungen unseres Lebens

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lassen sich in drei grosse Rubriken zusammenfassen: Wissen, Zivilisation, Kultur.“ Unter Wissen ist Entdeckung und Wissenschaft, unter Zivilisation Industrie, Wirtschaft, Kirche, unter Kultur Weltanschauung (einschliesslich Religion und Sittenlehre) und Kunst zu verstehen. Wo diese drei Erscheinungen gleichmässig entfaltet sind, wird die vollkommenste menschliche Persönlichkeit gedeihen. Sehr verschieden stellen sich nun Rassen und Völker hierzu, Semiten und Chinesen z. B. haben zwar reichste Zivilisation, aber wenig oder gar nichts von Wissen und Kultur. Bei den Ariern ist im allgemeinen die Kultur hoch entwickelt, bei den Indern aber die Zivilisation gänzlich verkürzt, bei den Griechen und noch mehr bei den Germanen sind alle drei Anlagen vorhanden und aufs glücklichste gepflegt worden. Darum sind die Germanen die echten Vollmenschen und ganz natürlich die Führer in der Weltgeschichte. Ein Vergleich zwischen Germanen und den Kulturvölkern des Altertums, Griechen und Römern, lehrt aufs deutlichste, dass gerade die Germanen diejenigen Eigenschaften ausbildeten, worin die Alten zurückgeblieben waren. Aus dieser durch Erfahrung und Anschauung gewonnenen überzeugung heraus schreibt Chamberlain sein Buch über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts. Für den Deutschen der Jahrhundertwende bedeuten diese „Grundlagen“ ebensoviel wie fürs 18. Jahrhundert Herder's „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Das tiefgründige, allumfassende und durchaus organisch-einheitliche Wissen des Verfassers, seine wunderbar anschauliche Darstellung verleihen dem Buche wahren Kulturwert. Dass aus allen Blättern Goethe's Geist entgegen leuchtet unter dem stolzen Leitwort: „wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt“, das Goethe in der Anzeige von Schlosser's universalhistorischer Übersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur 1826 aussprach, bietet volle Gewähr dafür, dass wir auf die rechte Spur geleitet werden.

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    Der Plan des Buches ist kühn und gross, aber die Ausführung bleibt hinter der hohen Absicht nirgends zurück. Chamberlain ist erstaunlich vielseitig, aber im besten Sinn. Er beherrscht gleichmässig Natur- und Geisteswissenschaften und ist schon dadurch befähigt, frei und unbefangen aus grossem Zusammenhang zu urteilen, wo wir andern durch Grenzen und Schranken aller Art am Ausblick behindert sind. Doch entscheidend ist nicht Vielwissen, sondern die Fähigkeit, die reichen Einzelkenntnisse einheitlich zur Erkenntnis zusammen zu fassen, die Kunst, aus der verwirrenden Überfülle des Wissens gerade das Wesentliche zu wissen. Da wird der Gelehrte zum gestaltenden Künstler. Chamberlain rafft nicht etwa aus fernstliegenden Gebieten geistreiche und blendende Ergebnisse zusammen, um daraus überraschende neue Schlüsse zu ziehen. Überall dringt er vielmehr so selbständig in die Tiefe, dass er gerade nur das Bedeutungsvolle herauszuholen vermag. Dabei muss freilich mit vielen gelehrten Vorurteilen aufgeräumt werden, deren Widerlegung aus der lichtvollen Gesamtauffassung und Darstellung Chamberlain's ohne weiteres sich ergibt. Die naturwissenschaftliche Leuchte zerstört ohnehin schon zahlreiche irrige Meinungen und Lehrsätze der sogenannten Geisteswissenschaften. Chamberlain bereichert uns mit einer Weltanschauung, er gibt uns geschaute und erfahrene Tatsachen und speist uns nirgends mit haltlosen leeren Begriffen, Worten oder Lehrsätzen ab. Wir haben eine stark ausgeprägte Persönlichkeit vor uns und erfahren, wie die Welt in ihrer reichen und tiefen Anschauung sich ausnimmt. Fest, unbeirrt, wahrhaft geht der Verfasser auf sein Ziel los: die Germanen sind die Schöpfer einer neuen Welt. Was haben sie aus der alten Welt Förderliches und Hinderliches ererbt? Welche Mächte stehen ihnen feindlich gegenüber? Keine abstrakte Menschheit, kein bastardiertes Völkerchaos, sondern ein starkes gesundes Volkstum ist Träger der geschichtlichen Entwickelung. Der Naturforscher ver-

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zweifelt nicht ob der Entartung der Menschheit, er sieht hoffnungsvoll auf die stets vorhandene Möglichkeit der Rassenbildung und Veredelung. Die Germanen haben sich bewährt, und die Zukunft steht bei ihnen. Da Chamberlain alle Abstraktionen verschwört, so enthält er sich auch aller phrasenhaften Idealisierung. Er erkennt die Fehler der germanischen Volksart und gesteht unumwunden zu, dass das Vorherrschen der Germanen nicht unbedingt ein Glück für sämtliche Erdenbewohner sei. Aber Leben und Zukunft gehören dem Starken und Gesunden, und dass niemand den Germanen an der glücklichen Mischung der drei Hauptfähigkeiten, Wissen, Zivilisation, Kultur übertrifft, ist geschichtliche Tatsache. Wer den Sieg der Kultur, der Blüte der menschlichen Entwickelung will, muss auch den Sieg der Germanen wünschen und nach Kräften fördern. Wie wurzelfest und gross erhaben nimmt sich doch der von Chamberlain erschaute germanische Vollmensch neben Nietzsche's geisteskrankem Übermenschen aus! Wie Natur und Wirklichkeit neben überspannter Einbildung!
    Die lichtvolle Gliederung des Buches verrät schon den künstlerischen Blick: I. das Erbe der alten Welt: hellenische Kunst und Philosophie, römisches Recht, die Erscheinung Christi; II. die Erben: das Völkerchaos, der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte, der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte; III. der Kampf: Religion, Staat. Im zweiten Teil wird aus diesen Ursprüngen die Entstehung einer neuen Welt (von 1200 bis 1800) geschildert, wobei die Germanen als die Schöpfer einer neuen Kultur durch die allseitige kräftige Entfaltung ihrer Befähigung für Wissen, Zivilisation und Kultur erwiesen werden. „Geschichte im höheren Sinn des Wortes ist einzig jene Vergangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt.“ Mit diesem Satz bestimmt sich das Verhältnis der Darstellung zum ungeheuren Stoff. Es gilt, die treibenden Grundkräfte

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aufzufinden und ihre Wirkung nachzuweisen, sozusagen eine tief innerliche Entwickelungsgeschichte zu schreiben. Nicht die zahllosen einzelnen Erscheinungen der verflossenen Jahrhunderte sollen beschrieben, sondern die verborgenen Quellen und Unterströmungen, aus denen die ganze Fülle des Einzelnen ans Licht taucht, aufgezeigt werden. Da gilt es tief unter die Oberfläche zu graben. In der Hauptsache handelt es sich um die Kulturmission der Germanen. Wie fasst Chamberlain nun den Begriff „Germanen“? Er versteht darunter die Nordeuropäer, Germanen, Kelten, Slawen, d. h. die rassereinen Völker, die sich von den Römern, Griechen und dem entarteten rasselosen Völkerchaos des römischen Kaiserreiches merklich unterscheiden und unter sich wiederum artverwandt sind. Vielleicht geht er hier doch zu weit und rückt die Kelten und Slawen auf eine der Wirklichkeit nicht völlig entsprechende Stufe, um sie dann mit den eigentlichen Germanen vereinigen zu können. Gewiss waren die alten hochgewachsenen blonden und lichten Gallier an Aussehen den Germanen ähnlich. Aber nachdrücklich wird von Cäsar ihre leichtsinnige Beweglichkeit, ihre geistreiche Rhetorik, ihr geradezu französisches Wesen der germanischen ernsten Schwerfälligkeit entgegengestellt. Ich möchte daher nicht unbedingt verwandten Geist, verwandte Gesinnung annehmen. Das französische Volk z. B. hat trotz seiner römischen Sprache und trotz der Aufnahme der Franken und Normannen doch seine gallische Art bewahrt. Die germanischen Völker haben aber die Gallier entschieden gekräftigt und zum Teil in neue Bahnen gewiesen. Mit Recht verweist Chamberlain auf den fortschreitenden Verfall Frankreichs seit der Vertreibung und Vernichtung des fränkischen Adels, an dessen Stelle Sprösslinge des Völkerchaos die Herrschaft an sich reissen. Somit haben allerdings die Germanen auch an der französischen Geschichte grossen Anteil. Für die Ähnlichkeit der keltischen und germanischen Dichtweise wäre eher die altirische Helden-

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sage, die sich eben in den allgemein indokeltischen Gedanken und Formen bewegt und darum auch mit griechischer und indischer Sage eng verwandt ist, anzuziehen gewesen, als der seinem Ursprung nach überaus problematische Tristan. Mir scheint, Chamberlain trägt, nicht ganz berechtigt, die wundervolle Einheit der Meisterdramen in die ihnen zugrunde liegenden doch sehr verschiedenartigen Stoffe zurück. Für die engere Verwandtschaft zwischen Slawen und Germanen bieten sich noch weniger Beweise. Wohl aber bilden die Süd- und Ostdeutschen eine neue, z. B. aus der Vermischung mit Kelten und Slawen hervorgegangene Germanenart. Insofern wirken keltoslawische Bestandteile fruchtbar und neu für die Entwickelung der germanischen Rasse mit und Germanen haben wiederum ihrerseits mitten unter Slawen und Kelten sich angesiedelt und dadurch neuen geschichtlichen Aufschwung (vergl. z. B. die Begründung des russischen Staates durch schwedische Wikinger und Frankreich) bewirkt. Wenn wir also den Germanenbegriff doch mehr aufs Stammland und Stammvolk, also auf seine eigentliche und gewöhnliche Bedeutung, einschränken möchten, so pflichten wir aber vollauf der ausgezeichneten Charakteristik bei, die Chamberlain von seinen Germanen entwirft. Ich hebe daraus nur die Bestimmung der Begriffe Freiheit und Treue (S. 502) als besonders gelungen hervor. Sehr anschaulich wird das Germanische durch Gegenüberstellung des Antigermanischen, z. B. wenn Chamberlain Ignatius von Loyola, den Basken schildert.
„Was euch nicht angehört,
Müsset ihr meiden;
Was euch das Innere stört,
Dürft ihr nicht leiden!“
    Die Entstehung einer neuen germanischen Welt, insbesondere Weltanschauung, Religion und Kunst belehrt darüber, was die Germanen erreichten, soweit es ihnen vergönnt und möglich war, im Sinne dieses Meister-

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spruches zu leben und zu handeln. Auf allen Gebieten, am furchtbarsten zwischen der sich langsam gestaltenden christlich-germanischen Religion und der antigermanischen Kirche, tobt der Kampf zwischen den Germanen und ihren geborenen und geschworenen Feinden — das hat Chamberlain meisterhaft geschildert.
    So vielfältig dieser Kampf sich auch darstellt, Chamberlain blickt durch die bunte Fülle der Erscheinungen stets zum Wesen. Darum wirkt das Buch so ausserordentlich klärend. Wir lernen daraus das Wesentliche zu schauen und befreien uns vom Wirrwarr und Wust aller im Kleinen und Falschen befangenen Darstellungen.
    Chamberlain's Werk ist namentlich dem Gelehrten, dessen Gebiet bei der heutigen Arbeitsteilung sich immer mehr verengt, eine wahre Wohltat, weil er dadurch auf eine hohe Warte gestellt wird und aus der Vereinzelung an ein Ganzes sich angegliedert fühlt. Solche Bücher erretten uns vor der Gefahr der Erstarrung. Sie weisen beständig vom Kleinen zum Grossen, zur „Totalität“ einer Weltanschauung und verhüten, dass wir uns im Kleinlichen verlieren. Die Kleinarbeit wird wiederum gerade dadurch aufs fruchtbarste belebt und begeistert, dass sie im Zusammenhang mit hohen und höchsten Zielen bleibt. Ich habe die Wirkung des unvergleichlichen Buches gerade in gelehrten Kreisen gelegentlich beobachtet. Der Spezialist wird zunächst mit allerlei Zweifeln und Vorurteilen dem Werke, von dem er vielleicht ungeschickte Anpreisungen las, entgegentreten. Chamberlain's Buch muss jeder selbst kennen lernen und an sich seine Wirkung erfahren, dann tritt aber auch bald ein völliger Umschwung ein. Gerade der Fachmann, vorausgesetzt, dass er ehrliches wissenschaftliches Streben besitzt, wird von Staunen und Bewunderung über die wissenschaftliche Gründlichkeit Chamberlain's erfüllt und überzeugt, dass der Verfasser auf genaueste Fachkenntnisse sich stützt und nichts von Belang übersieht. Er gewinnt Vertrauen zum Genius eines

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Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. H. Hueppe, Bohemia, 1900


Führers, der zu diesem Beruf aufs glücklichste veranlagt ist. Und so folgt er ihm willig bis zur Höhe einer Gesamtauffassung, deren Licht wieder aufs eigene kleine Gebiet belebend zurückstrahlt. „Anti-Germanen“ aller Art und Färbung fühlen sich von Chamberlain instinktiv zurückgestossen. Wir können's ihnen auch nicht verdenken, dass sie eine ihrer inneren Anlage durchaus widersprechende Weltanschauung ablehnen. Gerade dadurch wird die Wahrheit des Werkes am besten bezeugt, dass es die Feinde so sehr bewegt. Von ihrem ritterlichen Gegner sollten sie aber mindestens die Kraft der Wahrheit lernen und offen eingestehen, dass sie den Geist des Buches befehden müssen, und nicht im vorliegenden Fall geradezu lächerliche Verlegenheitsausflüchte, dass das Buch „unwissenschaftlich“, „oberflächlich“ oder dergl. sei, vorbringen. Den Vorwurf der „Subjektivität“ Chamberlain's lass' ich gelten. Alles Geniale ist zweifellos subjektiv und persönlich.

Prof. Dr. W. Golther, Rostock.

(Bayreuther Blätter, Jahrgang 1900.)

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6.

    Noch etwas hat mich bei diesem Kapitel („Die Erscheinung Christi“) ganz besonders gefreut. Gegenüber jener angeblich christlichen, in Wirklichkeit aber ganz unchristlichen Vorstellung, die Christus nur als Dulder darstellt, hebt der Verfasser mit vollem Rechte die Kampfnatur Christi hervor, der in seinem Eintreten für Recht und Gewissensfreiheit sich mit seiner ganzen Persönlichkeit voll und ganz einsetzte, selbst wo alle Überlieferungen

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Grundlagen - Besprechung von Dr. R. Batka, Kunstwart, 1899.


und persönlichen Einflüsse ihm entgegenstanden. Wenn man manche Pastoraldarstellungen Christi liest, so erscheint der wirklich lebende Christus in seinem unerschütterlichen Kampfe für das für Recht Erkannte wie ein echter grosser Heide; und etwas von diesem angeblich heidnischen, aber in Wirklichkeit echt christlichen Geiste zeigen gerade unsere germanischen Kulturhelden, wie Luther, Goethe, Kant, Robert Mayer, die unbekümmert um Vorurteile sich stets voll und ganz für ihre Ideale und ihr Volk einsetzten. Gerade die Deutschen und die anderen germanischen Völker bedürfen zweifellos dieses echten christlichen Kampfgeistes, der die Autoritäten und überlieferten Meinungen auf Wert und Brauchbarkeit prüft und nicht zurückschreckt, sich mit der ganzen Person im Interesse des eigenen Volkes, im Interesse der ganzen menschlichen Kultur einzusetzen.

Prof. Dr. H. Hueppe, Prag.

(Bohemia, Jahrgang 1900. Nr. vom 15. April.)

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7.

    „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nennt sich das neueste Werk von Houston Stewart Chamberlain, von dem bei Bruckmann in München die beiden ersten Lieferungen, zwei stattliche Bände, herausgekommen sind. Das ist ein Buch, das man eben schon benötigt hat und das nur eine so universale Natur, eine so starke Persönlichkeit wie Chamberlain uns schenken konnte. Man war verwundert, als der Verfasser des grossen Wagnerbuches sich vor zwei Jahren in einer Schrift „Über den aufsteigenden Saft“

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Grundlagen - Besprechung von Dr. R. Batka, Kunstwart, 1899.


plötzlich als geschulter Botaniker entpuppte; man staunt nun fast offenen Mundes, mit welcher unheimlichen Belesenheit und spielenden Beherrschung des gewaltigen Stoffes unter grossen Gesichtspunkten er hier die Bedeutung der hellenischen Kunst und Philosophie, des römischen Rechtes, der Erscheinung Christi, darlegt und das Völkerchaos des niedergehenden römischen Reiches veranschaulicht. Der zweite Band behandelt den Eintritt der Juden und der Germanen in die Weltgeschichte und erörtert das Problem der Religion. Der Kunstwart wird sich erst mit der dritten Lieferung, die im Herbst erscheinen soll, und „die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur“ zum Inhalt hat, einlässlicher zu beschäftigen haben, weil dann die Kunst in einem besonderen Kapitel zur Sprache kommt. Aber schon jetzt müssen wir auf das Vorliegende aufmerksam machen: der Leser wird mit grösster Überraschung wahrnehmen, wie ihm ohne dialektische Hexenkünste und Originalitäthascherei, sondern kraft persönlicher Anschauung Fragen und Gegenstände, die im Mittelpunkte des Tagesinteresses stehen, plötzlich in einem ganz neuen Lichte scheinen. Man wird mit dem Werk auch nicht fertig, indem man einzelne Tatsachen etwa widerlegt. Es wirkt eben als Ganzes, als das Bekenntnis eines bedeutenden Menschen; es ist kein zusammengestoppeltes, sondern, wie der Verfasser eingangs bemerkt, in der Tat ein erlebtes Buch. Dabei schreibt Chamberlain äusserst klar und fesselnd, zuweilen geradezu im vertraulichen Plauderton. Kurzum ein Buch, das jeder gelesen haben muss, den es verlangt die Grundlagen zu kennen, auf denen die geistige und materielle Kultur der Gegenwart sich aufbaut, und das heisst soviel wie jeder Gebildete.

Dr. R. Batka, Prag.

(Kunstwart, Jahrgang 1899. 1. Septemberheft.)

60 Grundlagen - Besprechung von Gustav Schönaich, Wiener Allgemeine Zeitung, 1899

8.

    Überall erscheint er als ein tiefer und scharfer Denker und dabei — fast klingt es heute wie ein Paradoxon — als ein Idealist und ein Schwärmer voll Feuer und Phantasie. Doch er schwärmt nur, wo er bewundert, und er bewundert wahrlich nicht oft. Ein Zug voll herber Spröde geht durch sein Buch und man fühlt, wie bei diesem eminent kritischen Geiste aus der Fülle der Ereignisse, der ungeheuren Menge von Erscheinungen, welche zusammen die Geschichte bilden, durch einen ganz unwillkürlichen Prozess der Sichtung die wirklich grossen, wirklich bedeutenden sich auslösen und aus dem Wuste des Allgemeinen mit leuchtender Klarheit hervortreten. Dies gibt dem Plane seines Buches — das wir nicht anstehen, als einzig in seiner Art zu erklären — eine grossartige, plastische Übersichtlichkeit.
    Wo immer wir das Werk aufschlagen, an jeder Stelle ist es fesselnd und interessant. Aber sein grösster Vorzug ist und bleibt die Einheit der Persönlichkeit, deren Gepräge es trägt. Wie viel Wissen, das aus Hunderttausenden von Quellen stammt, musste der Verfasser zur Darstellung seines Gegenstandes herbeiziehen! Dennoch ist Chamberlain's Werk weit davon entfernt, ein kompilatorisches zu sein. Wir treffen auf keine Ausführung, die nicht die prägnante geistige Physiognomie des Autors trüge. Chamberlain gehört keiner politischen, sozialen, wirtschaftlichen, religiösen oder künstlerischen Partei an. Er verficht mit ebensoviel Mut stark angefochtene Meinungen, als er andererseits weitverbreiteten Schlagworten und von Autoritäten gedeckten Fehlurteilen rückhaltslos entgegentritt. Die kritische Schärfe, von ihm schon oft so glänzend

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Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. Karl Joël, Allgemeine Schweizer Zeitung, 1899


bewährt, lässt ihn seiner grossen Aufgabe gegenüber keinen Augenblick im Stich.
Gustav Schönaich, Wien.
(Wiener Allgemeine Zeitung, Jahrg. 1899. Nr. v. 25. März.)

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9.

    Ich würde es das interessanteste Buch des letzten Jahrzehnts nennen, wenn nicht diese unfromm skeptische und nüchterne Zeit jenes Prädikat und alle Superlative verketzerte. Aber da man heute mit einem Goethewort alle Sünden zudecken kann, so nenne ich es „interessant“ wie das „Menschenleben“, „wo man's auch packt“. Und wirklich dieses Buch lebt: so lodernd von Leidenschaft, so sprudelnd von Laune, so hassend und abstossend, begeistert und begeisternd, so herrlich kühn, so dreist sich entblössend, so frisch, froh, fromm, frei, so widerspruchsvoll ist nur ein Mensch und nicht ein Buch. Wie ein Jüngling springt es auf den Plan, schwingt zum Gruss seine Fahne mit der Wappeninschrift: spes et fides und bekennt mit schönem Freimut: ich bin nicht gelehrt und will nicht lehren, ich will anregen und anfeuern; was ich sage, ist erlebt, und Leben ist heiliger denn Wissen. Das ist das erste Zeitgemässe an diesem Buche: das bewusste Hervorbrechen des Dilettantismus gegen die in Spezialsports und Stoffsammlung sich verzettelnde Wissenschaft, auch ein Einbruch der frischen Kraft in ein sich zersetzendes Reich.

Prof. Dr. Karl Joël, Basel.

(Beilage der Allgemeinen Schweizer Zeitung 1899. Nr. vom 17. September.)

62 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. Gustav Krüger, Die Christliche Welt, 1900

10.

    In den Ferientagen dieses Sommers habe ich mich wieder an einem Buche erfrischt, das mir seit dem letzten Weihnachtsfeste ein vertrauter Gefährte war. Die Leser der Christlichen Welt sind in Nr. 49 des vorigen Jahrganges bereits durch ein paar beredte und eindringliche, freilich auch überschwengliche Zeilen auf die grosse Bedeutung von Chamberlain's monumentalem Werk hingewiesen worden. Es ist kein Buch, über das man nach dem ersten Eindruck seine Gedanken in die Öffentlichkeit bringen sollte. Glänzend geschrieben, reisst es den empfänglichen Leser mit und beraubt ihn zunächst der Fähigkeit, Kritik zu üben. Erst allmählich meldet sich die Überlegung zum Worte und mit ihr der Zweifel. Auf alle Fälle wäre es Undankbarkeit, nicht rund und rückhaltslos anzuerkennen, dass das Buch eine Tat bedeutet. Zunächst eine künstlerische. Wir haben wahrlich keinen solchen Reichtum an Büchern von vollendeter künstlerischer Form, dass wir nicht ein Werk freudig begrüssen sollten, bei dem die Sicherheit der Formgebung, die Einfachheit der Linienführung, die Kraft der Anschaulichkeit nicht genug bewundert werden können. Der Verfasser, nicht von deutschen Eltern stammend, aber von Kindheit an in Deutschland heimisch, beherrscht die Sprache mit Meisterschaft, sein Stil ist eindrucksvoll, berückend, voll innerer Glut, pointiert, doch nicht geistreichelnd, offen, mutig, hell, alles andere als „objektiv“:
    Sollte man der obigen Darstellung Parteilichkeit vorwerfen, so würde ich erwidern, dass mir die wünschenswerte Gabe der Lüge nicht zu teil wurde. Was hat die Welt Von » objektiven « Phrasen? Auch der Gegner weiss aufrichtige Offenheit zu preisen. Gilt es die höchsten Güter des Herzens, so ziehe ich lieber, wie die alten
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Germanen, nackend in die Schlacht, mit der Gesinnung, die Gott mir gegeben hat, als angetan mit der kunstvollen Rüstung einer Wissenschaft, die gerade hier nichts beweist, oder gar in die Toga einer leeren, alles ausgleichenden Rhetorik gehüllt. (S. 647.)
    Das Buch ist aber nicht nur eine künstlerische, es ist in mehr als einer Beziehung auch eine ethische Tat. Nicht anders kann ich es beurteilen, wenn ein Autor, der selbst, ich möchte sagen, bis in die Fingerspitzen modern ist, auf „das Erbe der alten Welt“ als die tiefste, echteste Grundlage unserer geistigen Kultur, soweit sie diesen Namen verdient, verweist und dieses Erbe wieder auseinander legt in seine grossen Bestandteile: Hellenische Kunst und Philosophie, Römisches Recht und die Erscheinung Christi. Nicht als ob er uns zumutete, das Erbe der Väter weiter zu schleppen, von unsrer Kunst und Philosophie verlangte, dass sie sich auf der Antike erbaue, oder unser Recht in römische Stiefeln schnüren, gar unsere Religion mit alle dem gleichsetzen wollte, was sich seit Jahrtausenden Christentum nennt:
    Gewiss ist es kein Zufall, wenn der bei weitem gewaltigste Dichter aus der Zeit der angeblichen Wiedergeburt, Shakespeare, und der gewaltigste Bildner, Michelangelo, beide keine alte Sprache verstanden; man denke doch, in welcher machtvollen Unabhängigkeit ein Dante vor uns stände, wenn er seine Hölle nicht bei Virgil erborgt und seine Staatsideale nicht aus konstantinopolitanischem Afterrecht und der Civitas Dei des Augustinus zusammengeschweisst hätte. (S 713.)
    Aber was überall, vielleicht uns selber unbewusst, mitschwingt in unserem geistigen Wesen, was uns im tiefsten Innern geheimnisvoll berührt, ohne das wir nicht leben, weben und sind, das ist die Kunst, die Philosophie, das Recht, die Religion, für die die ewigen Normen in alter Zeit gefunden wurden, die Normen, die den germanischen Menschen tragen und ihn befähigt haben, Träger einer neuen Kultur zu werden. „Die Germanen als Schöpfer einer neuen Kultur“ sind der andere Pol in Chamberlain's Geschichtsphilosophie. „Unsere heutige Zivilisation und Kultur ist spezifisch germanisch, sie ist ausschliess-

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lich das Werk des Germanentums“ (S 709). Dabei hat man sich freilich, will man Chamberlain recht verstehen, stets gegenwärtig zu halten, dass dies Germanentum für den Verfasser ein weiter Begriff ist. „Die Verwechselung zwischen germanisch und deutsch ist misslich, sie verwirrt alles. Denn die direkte Anknüpfung der Deutschen allein an die alten Germanen verdeckt die Tatsache, dass der nicht-deutsche Norden Europas fast rein germanisch ist im engsten Sinne des Wortes“ (727). Darum wird auch geredet von einem „Slawokeltogermanentum“, und der Begriff ist gelegentlich fast identisch mit nichtromanisch, wie auch auf dem Gebiete der religiösen Entwickelung „Protestant“ und Antirömling als innerlich gleichwertige Begriffe verwendet werden.
    Und über allem die Erscheinung Christi! In der tiefgreifenden Erfassung und erhebenden Darstellung dessen, was diese Erscheinung der Welt bedeutet, wird nicht nur der Theologe den Höhepunkt des schönen Buches sehen.
    Chamberlain besitzt ein Verständnis für die Art der Verkündigung Jesu und der christlichen Religion, wie man es bei einem Wagnerianer ¹) nicht ohne weiteres erwarten sollte. Der von der „Erscheinung Christi“ handelnde Abschnitt seines Buches ist eine lebensvolle Ausführung des abstrakten schleiermacherischen Gedankens vom Christentum als der höchsten Stufe der theologischen Religion. Die Gegenüberstellung Christi und Buddhas überrascht durch die gänzliche Abwesenheit jeder Neigung zu moderner Pessimisterei. Sie atmet Leben, Fortschritt und Kampfeslust, wie Christi Lehre selbst es tut:
    Ich sagte, Buddha bedeute den greisenhaften Ausgang einer ausgelebten, auf Irrwege geratenen Kultur; Christus dagegen bedeutet den Morgen eines neuen Tages; er gewann der alten Mensch-
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    ¹) Vergl. die beiden Schriften: Das Drama Richard Wagner's VIII, 144 S. Leipzig, Breitkopf & Härtel, 1892, geb. Mk. 4, und Richard Wagner. Reich illustriert. München, Bruckmann, geb. Mk. 30. — Über Chamberlain's Verhältnis zu Wagner vergl. man

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heit eine neue Jugend ab, und so wurde er auch der Gott der jugendfrischen Indoeuropäer, und unter dem Zeichen seines Kreuzes richtete sich auf den Trümmern der alten Welt eine neue Kultur langsam auf, an der wir noch lange zu arbeiten haben, soll sie einmal in einer fernen Zukunft den Namen „christlich“ verdienen. (209.)
    Aber Christus und Christentum sind ihm nicht dasselbe, vielmehr ist die tatkräftige, ja rücksichtslose Scheidung zwischen beiden ein weiteres, bedeutendes Kennzeichen der Chamberlain'schen Betrachtungsweise:
    Diese Scheidung ist nicht nur möglich, sondern notwendig, denn es wäre blasphematorische Kritiklosigkeit, die wunderlichen Strukturen, welche menschlicher Tiefsinn, Scharfsinn, Kurzsinn, Wirrsinn, Stumpfsinn, welche Tradition und Frömmigkeit, Aberglaube, Bosheit, Dummheit, Herkommen, philosophische Spekulation, mystische Versenkung — — — unter nie endendem Zungengezänk und Schwertergeklirr und Feuergeprassel auf dem einen Felsen errichtet haben, mit dem Felsen selbst identifizieren zu wollen. (545.)
    Ich muss mir leider versagen, die Ausführungen, in denen Chamberlain die Entstehung und Zusammensetzung des „Oberbaues der christlichen Kirchen“ uns vor die Augen führt, im einzelnen zu verfolgen. Es hiesse sie ausschreiben. Wie „jüdischer Wille, gepaart mit arischem mythischem Denken“ den Hauptstock lieferten, wie Zusätze aus Syrien, Egypten, aus dem „religiösen Delirium“ des „Völkerchaos“ das Gebilde zersetzten, das muss man im Buche selbst nachlesen. Freilich nicht ohne Kritik, sonst ist man verloren.
    Denn gerade gegenüber den Einzelausführungen regt sich die Kritik. Überall regen sie zu Widerspruch an — nicht der geringste Beweis, dass man es mit einem bedeutenden Buche zu tun hat. Der Verfasser bietet überall „kühne Verallgemeinerungen“. Dabei ist er sich bewusst,
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die lehrreiche Rezension seines Buches durch Henry Thode im Litterarischen Centralblatt 1900, Nr. 10. (Anm. der Verlagsanstalt: Man sehe Chamberlain's Erwiderung an Thode im Vorwort zur 3. Aufl. der Grundlagen.)

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nur wirken zu können, wenn er die Quintessenz seiner Gedanken dem Leser immer und immer wieder vor die Augen rückt, fast hätte ich gesagt, ihm eintrichtert. Er hat, wie Wagner, seine Leitmotive; das Rassenmotiv, ¹) das Germanenmotiv, das Judenmotiv u. s. w.  Ich weiss nicht, ob er überall der Gefahr entgangen ist, diesen Leitmotiven zuliebe die Geschichte zu modeln. Zwar, das Material beherrscht er in staunenswerter Weise. Offenbar ein sehr belesener, dazu ein wirklich gebildeter Mann, besitzt er eine bewundernswerte, fast verblüffende Sicherheit, gerade die Autoren und ihre Bücher herauszugreifen, aus denen man wirkliche Belehrung schöpfen kann. Aus den von ihm zitierten Schriften kann man sich eine ausgezeichnete Bibliothek zusammenstellen. Das gilt auch von den historisch-theologischen Büchern, bei deren Auswahl Chamberlain fast durchweg von richtigem Instinkt geleitet ist. Dabei vergisst er nicht, dass er gerade auf diesem Gebiete Laie ist, oder besser, er beteuert immer aufs neue, dass er es nicht vergessen wolle: denn nicht selten ist sein Urteil auch hier so apodiktisch, dass man ihn fast darum beneiden möchte.
    Aber, und nun kommt das grosse Aber, das den Genuss nicht unwesentlich beeinträchtigt: in den Partien, die ich aus Kenntnis der Quellen und der geschichtlichen Zusammenhänge zu beurteilen einigermassen berechtigt bin, stosse ich auf Schritt und Tritt auf gewagte, nicht selten positiv unrichtige Urteile, die immer im Dienste der Lieblingsgedanken des Verfassers, dessen, was ich seine
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    ¹) Hierüber und über manches Andre mich zu äussern, unterlasse ich mit Absicht, da mein Urteil nicht von Gewicht sein würde. Ich bemerke nur, dass dieses Motiv vielleicht das allerwichtigste, jedenfalls das durchschlagende für Chamberlain's Geschichtsbetrachtung ist und dass sich schon bei seiner Beurteilung die Geister scheiden müssen. Keinesfalls ist man verpflichtet, Chamberlain's Ausführungen ohne weitres Glauben zu schenken, auch auf die Gefahr hin, von ihm für beschränkt gehalten zu werden.

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Leitmotive genannt habe, stehen. Oder wie soll man es nennen, wenn der „edle“ (!) ¹) Nestorius als Vorkämpfer von „Gewissen und Sittlichkeit“ erscheint, ja geradezu geschlossen wird: „somit erscheint auch die mehrfache Behauptung, Nestorius (aus der römischen Soldatenkolonie Germanicopolis gebürtig) sei von Geblüt ein Germane gewesen, recht glaubwürdig, jedenfalls war er ein Protestant“ (606). Wenn gleich darauf (608) Scotus Erigena als „der wirkliche Vorläufer einer echt christlichen Religion“ bezeichnet wird? wenn (611) Leo der Isaurier „aus rein christlich-religiöser Überzeugung“ dem Bilderkult entgegengetreten sein soll und auch dieser Kaiser für das Germanentum in Anspruch genommen wird (613)? Fehlt doch nicht viel daran, dass selbst David „germanisiert“ wird, der „halb oder dreiviertel Amoriter“ war, helle Haut und blondes (?) Haar besass, Charakteristika des Europäers, die erst durch die Amoriter und Hellenen ins Land gebracht wurden (369). Vollends Jesus kann sich Chamberlain als Juden nicht denken, seine religiöse Grundstimmung ist so antijüdisch, dass ihr Träger andrem Geblüte entstammen muss. Ich möchte den Sachkundigen freilich gerade diesen Abschnitt — „war Christus ein Jude, der Stammesangehörigkeit nach?“ (210 ff.) — zu ernster Überlegung empfehlen. Ganz aus der Luft gegriffen ist die Frage gewiss nicht, und doch mutet die Lösung nicht viel anders an als der Versuch, das Wunder Christus durch seine Zugehörigkeit zur oberen Welt zu erklären.
    Sicher ist mir, dass auch für diese Fragen Chamberlain einen besseren Instinkt besitzt, als mancher Fachgelehrte, dass viele seiner Urteile im innersten Kerne Rich-
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    ¹) Anm. der Verlagsanstalt: Würde der verehrte Herr Kritiker auch dann Herrn Chamberlain diese „gewagte“ oder „positiv unrichtige“ Behauptung zum Vorwurf gemacht haben, wenn er gewusst hätte, dass der Ausdruck wörtlich Ad. Harnack's Dogmengeschichte entnommen ist? Man vergleiche die Nachträge zur 3. Aufl. der Grundlagen.

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tiges enthalten, auch wo sie mit den Tatsachen in Konflikt zu geraten scheinen. Eben darin liegt das Verführerische, eben deshalb muss man sich und andere warnen. Gewiss werden durch solche kühne Verallgemeinerungen die geschichtlichen Probleme „vereinfacht“; auch wäre es angesichts mancher vorzüglichen methodologischen Bemerkungen (vergl. z. B. S. 703 ff. über die angebliche „Menschheit“) bare Torheit, Chamberlain Verständnis für die Gefährlichkeit solcher Verallgemeinerungen und Vereinfachungen absprechen zu wollen. Aber gefährlich sind sie eben doch! Vollends bedenklich aber ist es, dass Chamberlain gelegentlich im Hochgefühl seines ihn sicher leitenden Instinktes gegnerische Einwände schon an der Schwelle niederschlägt, etwa wenn er die „geschichtlich durchaus wahrscheinliche“ Hypothese aufstellt, dass Paulus — trotz Römer 11, 1 und Philipper 3, 5 — kein rassenreiner Jude gewesen sei, sondern eine hellenische, zum Judentum übergetretene Mutter gehabt habe, und nun ausruft: „Wer die zwingende Kraft (dieser) Hypothese nicht einsieht, hat kein Verständnis für die Bedeutung der Rassenanlagen“ (581). Wohlbemerkt, ich verwerfe die Hypothese nicht ohne weiteres, obwohl ich angesichts des Mangels jeder quellenmässigen Begründung gewiss nicht für sie eintreten möchte: was Ich beanstande, ist der unfehlbare Ton, mit dem sie eingeführt wird.
    Und derartige Fälle lassen sich häufen, ja sie sind für das Buch geradezu charakteristisch, und ohne sie würde die Lektüre ein gut Teil ihres Reizes verlieren. Denn man mag sich zu Chamberlain's Behauptungen stellen wie man will, sie fordern überall das Nachdenken heraus und bleiben somit niemals ohne Frucht. Dazu kommt aber, dass sie, wenigstens nach meiner persönlichen Ansicht, in sehr vielen Fällen den Nagel auf den Kopf treffen. Das Kapitel über den „Eintritt der Juden in die Weltgeschichte“ enthält gewiss viel Angreifbares, aber viel mehr Richtiges, ja frappierend Richtiges. Wie kongenial ist sodann das

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Verständnis des Verfassers für Luther's Reformation, entsprechend dem, was Goethe an Knebel schrieb: „Unter uns gesagt ist an der ganzen Reformation nichts Interessantes als Luther's Charakter“ [das aber ist eben Luther's Reformation!] „und er ist auch das Einzige, was der Menge wirklich imponiert hat. Alles übrige ist nur ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt.“ Wie anschaulich ist der Kontrast zwischen dem Urgermanen Luther und seinem Widerspiel in der Weltgeschichte, Ignatius von Loyola, „dem vollendetsten Typus des Antigermanen“ (502), herausgearbeitet. Wie tief ist die Bedeutung des dreizehnten Jahrhunderts erfasst und wiedergegeben, in dem zum ersten Male die Keime neuen, grossen Fortschrittes sichtbar wurden. Das innerste Einverständnis mit dem Verfasser in diesen und anderen, auch und gerade in den grössten geschichtlichen Fragen hat mir beim Lesen die stets auftauchenden Zweifel immer von neuem niedergeschlagen, nicht zuletzt auch der frische Mut, mit dem Chamberlain selbst grossen Autoritäten entgegentritt, wenn sie, wie gelegentlich Ranke, sich in orakelhaften Weisheitssprüchen gefallen. Mir persönlich hat es die „individualistische“ Ader des Verfassers — er wehrt sich mit gutem Grunde energisch gegen die Verwechselung von Individualismus und Subjektivität (702) — angetan. Ich glaube, dass sein Buch uns Heutigen einen Dienst zu leisten vermag, wie ihn Herder's „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ unseren Vorvätern leisteten. Ich glaube auch, dass es eine grosse apologetische Kraft in sich trägt, der unsere „christliche Welt“ mehr zu danken haben wird als Hunderten von gut gemeinten Schriften, die sich mit dem „Beweis des Glaubens“ abquälen.

Prof. Dr. Gustav Krüger, Giessen.

(Die Christliche Welt, Jahrg. 1900. Nr. v. 18. Oktober.)
 
70 Grundlagen - Besprechung von Dr. Ernst Storch, 1901

11.

    Ein Jahr erst ist seit dem Erscheinen dieses Werkes verflossen und kaum gibt es noch einen Gelehrten, dem es unbekannt geblieben wäre. Im Sturme hat es sich die Beachtung der Welt erobert. Was da geschrieben steht Über die Errungenschaften des Menschengeistes, über Entdeckung und Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft, über kirchliche und weltliche Politik, über Weltanschauung einschliesslich Religion und Sittenlehre und über Kunst, das sind beherzigenswerte Worte eines wahrhaft gebildeten Mannes, der mit weitem und durchdringendem Blick Jahrtausende und Völker übersieht.

    Aber das alles könnte die Besprechung des Werkes in einer medizinischen Zeitschrift nicht rechtfertigen. Was hierzu berechtigt, das ist die rundweg klassische Behandlung, welche Chamberlain im ersten Bande der Frage der Rasse und der Blutmischung zuteil werden lässt, ein Problem, dem Psychiatrie und Neurologie nicht ungestraft ihre Aufmerksamkeit entziehen dürften.
    Ist Verfasser Mediziner? Ich weiss es nicht. Er könnte ebensogut, nach vorliegendem Buche zu urteilen, Geolog oder Sanskritgelehrter sein. Aber Naturforscher ist er jedenfalls und zwar im besten Sinne des Wortes. Er hat sehen gelernt. Aber sehen kann man nur in diesem Sinne, wenn man zunächst seinen Gegenstand übersieht von einem höheren Standpunkte aus, als ihn das Fachwissen allein geben kann.
    So lange man nicht erkannt hatte, was denn die Eigenheiten der verschiedenen Rassen seien, so lange man nicht mit klaren Worten sagen konnte, was den Europäer vor den Mongolen auszeichnet, so lange man sogar zu bezweifeln wagte, dass durchgreifende Besonderheiten den

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Juden vom Germanen trennen, dass es Wesen sind von verschiedenem Fleisch und Blut, so lange konnte man auch im Ernste nicht daran denken, die Rassenfrage fachwissenschaftlich mit Aussicht auf Erfolg anzufassen.
    Ein trauriges Beispiel nutzlos vergeudeter Arbeitskraft gibt uns hier die Craniologie. Sagt doch Professor Virchow, ein Hauptrepräsentant dieses Wissenszweiges, von der Regungen des Stammesbewusstseins unter uns, sie seien nur durch den „Verlust des gesunden Menschenverstandes“ zu erklären. Im übrigen stünde man „ratlos vor einem Rätsel, von dem niemand weiss, was es eigentlich soll in unserer Zeit der Rechtsgleichheit“.
    Nein, mit dem Zollstab und Mikroskop wird man die Rassenfrage zunächst nicht lösen, wenn man die Augen schliesst vor den grossen Tatsachen des täglichen Lebens und der Geschichte.
    Als Ganzes muss man das Volk betrachten; nach dem was es schafft während seiner Lebensdauer, muss man es beurteilen. Dann sieht man, dass das Wort Rasse ein sehr aktueller Begriff ist, dass die Rasse, einmal eingetreten in die Weltgeschichte, wohl untergehen, aber nicht in ihren wesentlichen Merkmalen sich ändern kann. Blut ist ein ganz besonderer Saft.
    Von diesem grossen Gesichtspunkt aus zeigt uns Chamberlain die Völker, die für die heutige Welt der Europäer in Betracht kommen. Von der Art aber, wie Chamberlain dies tut, im Rahmen eines Referates einen Begriff zu geben, halte ich für unmöglich. Es wäre dem Versuche vergleichbar, dem Dürstenden statt des Weines eine Beschreibung seines Geschmackes zu geben.
     Scharf umreisst er uns den Volkscharakter der alten Griechen: „Das Genie kann einzig in einer Atmosphäre der Genialität atmen. Haben wir uns also unzweifelhaft eine einzige, überragend grosse, unvergleichlich schöpferische Persönlichkeit als das Bestimmende und durchaus unerlässliche Primum mobile der gesamten griechischen

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Kultur zu denken, so müssen wir als das zweite charakteristische Moment dieser Kultur die Tatsache erkennen, dass die Umgebung sich einer so ausserordentlichen Persönlichkeit (Homer's) würdig erwies.“ „Das Bleibende am Hellenentum, dasjenige, was es noch heute am Leben erhält und dazu befähigt, so Vielen der Besten in unserem Jahrhundert ein leuchtendes Ideal zu sein, ein Trost und eine Hoffnung, das kann man in einem einzigen Worte zusammenfassen: es ist seine Genialität.“ Andererseits, ist es dem Homer, ja der gesamten griechischen Kunst gelungen, „auch nur einen einzigen Funken aus den nüchternen unkünstlerischen Herzen der Römer zu schlagen? Gibt es unter ihnen ein einziges wahres Dichtergenie? Ist es nicht ein Jammer, dass unsere Schulmeister sich verpflichtet fühlen, unsere frischen Kinderjahre durch die obligate Bewunderung dieser rhetorischen, gedrechselten, seelenlosen, erlogenen Nachahmungen echter Poesie zu vergällen?“
    Das bleibende Werk der Römer ist das römische Recht. In ihm spiegelt sich die eigenartige Genialität des „geborenen Rechtsvolkes“. Aber diese Genialität hängt nicht an einzelnen Persönlichkeiten, sie ist der Ausfluss des nie fehlenden Rasseninstinktes. Ein glückliches Gemisch aus dem moralischen Charakter des Volkes und seinem analytischen Scharfsinn, wie er nur einmal in der Weltgeschichte vorkam, ergab die Möglichkeit, ein rechtliches Gebäude von grosser Vollkommenheit aufzuführen. „Jetzt handelt es sich nicht mehr um dunkle Instinkte, auch nicht um unklare wechselnde Vorstellungen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sondern in klaren Gattungen geordnet stehen die Verhältnisse alle vor unseren Augen, welche durch die Erfindung neuer Rechtsnormen oder den weiteren Ausbau schon vorhandener geregelt werden sollen.“
    Das Volk, das die heutige Welt geschaffen hat, die grenzenlose moderne Wissenschaft, die moderne Kunst, die moderne Weltanschauung, eine Welt, so eigenartig

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wie die der Hellenen oder Griechen, ist das der Germanen im Chamberlain'schen Sinne. Chamberlain versteht unter dem Worte Germanen die verschiedenen nordeuropäischen Völkerschaften, Kelten, Germanen und Slawen, die meist in unentwirrbarer Vermengung auftreten. „Dass sie ursprünglich einer einzigen Familie entstammen, ist sicher, doch hat sich der Germane im engeren tacitëischen Sinne des Wortes so sehr als geistig, sittlich und physisch unter seinen Verwandten hervorragend bewährt, dass wir berechtigt sind, seinen Namen als Inbegriff der gesamten Familie hinzustellen. Das heutige Europa, weithin über den Erdball verzweigt, stellt das bunte Ergebnis einer unendlich mannigfaltigen Vermischung dar. Was uns alle aneinander bindet und zu einer organischen Einheit verknüpft, das ist germanisches Blut. Blicken wir heute umher, wir sehen, dass die Bedeutung einer jeden Nation als lebendige Kraft von dem Verhältnis des echt germanischen Blutes abhängt. Nur Germanen sitzen auf den Thronen Europas.“
    Und was ist, will man die geschichtliche Grösse der Germanen erklären, das gerade seiner Volksseele Eigentümliche? Chamberlain antwortet: die Treue. Nicht die Treue natürlich, die man mehr oder weniger bei allen Menschen, selbst bei Tieren findet. Das Prinzip der germanischen Treue besteht in dem Bedürfnis der Beharrlichkeit innerhalb des eigenen autonomen Kreises; in ihr bewährt sich die Freiheit, durch sie behauptet der Lehensmann, der Innungsgenosse, der Beamte, der Offizier seine persönliche Unabhängigkeit. „Erst die Germanen brachten der Welt die Idee der persönlichen Freiheit“, bezeugt Goethe. Und mit der Treue gegen sich selbst ist die Selbstachtung untrennbar verknüpft. Hierin liegt die Ursache der inneren Unbegrenztheit der germanischen Persönlichkeit. Der Zug ins Unbegrenzte ist allgemein menschlich. Der Germane begrenzt sich äusserlich und erwirbt dafür

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die innere Schrankenlosigkeit. Umgekehrt ist es bei den Nichtgermanen.
    Wie dieser Gedanke im einzelnen durchgeführt wird, wie er zutage tritt in allen Erscheinungen der germanischen Welt, gegen welche das antigermanische Prinzip noch heute im Kampfe liegt, ist bewunderungswürdig. Leider ist es unmöglich, hier ihn weiter auszuführen.
    So viel von der Chamberlain'schen Darstellung des Rassencharakters. Es wäre anmassend, wenn ich mir einbildete, auch nur annähernd den Inhalt der hier in Betracht kommenden Kapitel wiedergegeben zu haben. Die Tiefe und der erdrückende Reichtum der Gedanken des Werkes vertragen eine so gewaltige Kompression, wie sie ein Referat erfordert, nur schlecht.
    Ein besonderes Fachinteresse dürften noch die fünf Grundgesetze über die Entstehungs- und Existenzbedingungen edler Menschenrassen haben, die Chamberlain etwa folgendermassen fasst:
    1. Die erste und grundlegende Bedingung ist unstreitig das Vorhandensein vortrefflichen Materials. „Wenn jemand aber fragt, woher kommt dieses Material, so antworte ich, ich weiss es nicht. So weit unser Blick zurückreicht, sehen wir Menschen, sehen, dass sie grundverschieden in ihrer Anlage sind und sehen, dass einige kräftigere Wachstumskeime zeigen als andere. Nur eines kann man, ohne den Boden historischer Beobachtung zu verlassen, behaupten: Hohe Vortrefflichkeit tritt nur durch die Veranlassung besonderer Umstände nach und nach in die Erscheinung, sie wächst durch erzwungene Betätigung. Der Kampf, an dem ein von Hause aus schwaches Menschenmaterial zugrunde geht, stählt das starke.“
    2. „Das Vorhandensein wackerer Menschen gibt jedoch noch lange kein Überschwengliches. Solche Rassen wie die Griechen, die Römer, die Franken u. s. w., solche abnorme Erscheinungen wie die arischen Inder und die Juden entstehen nur durch fortgesetzte Inzucht.“

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    3. „Jedoch die Inzucht reicht zu dem Werke nicht hin; mit der Inzucht muss Auswahl Hand in Hand gehen. Das Aussetzen schwächlicher Kinder war jedenfalls eins der segenvollsten Gesetze der Griechen, Römer und Germanen.“
    4. Ein weiteres Grundgesetz, das mit voller Sicherheit aus der Geschichte hervorzugehen scheint, ist, dass dem Entstehen ausserordentlicher Rassen stets eine Blutmischung vorausgeht. Darüber liegen Tatsachen vor in Betreff aller Nationen Europas, die sich durch Gesamtleistungen und durch die Hervorbringung einer grossen Zahl überschwenglich begabter Individuen ausgezeichnet haben (Römer, Athener, Engländer, Preussen, Nordamerikaner).
    5. Nur ganz bestimmte, beschränkte Blutmischungen sind für die Veredelung einer Rasse oder für die Entstehung einer neuen förderlich. Nicht alle beliebigen Vermischungen, sondern nur bestimmte können die Grundlage zur Veredelung abgeben. Es gibt Mischungen, die, weitentfernt, veredelnd zu wirken, beide Rassen verderben. Es zeigt sich namentlich das eine recht deutlich, dass Vermischung zweier sehr fremdartiger Rassen nur dann zur Bildung einer edlen Rasse führt, wenn sie höchst selten stattfindet und von strenger Inzucht gefolgt wird. Entstehen z. B. die überschwenglich begabte attische und die unerhört kluge und starke römische Rasse durch die Vermengung mehrerer Stämme, so sind dies miteinander verwandte, edle und reine Stämme, und diese Elemente werden durch die Staatenbildung jahrhundertelang von aussen abgeschlossen. Als dagegen diese Staaten jedem Fremden aufgerissen wurden, ging die Rasse zugrunde, in Athen, wo nichts zu holen war, langsam, in Rom mit rasender Schnelligkeit, nachdem Marius und Sulla die Blüte der echten Römer ermordet und durch die Freisprechung der Sklaven wahre Fluten afrikanischen und asiatischen Blutes in das Volk gebracht hatten.

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Grundlagen - Besprechung von Ernst Freiherr von Wolzogen, 1900


    Ähnliches sehen wir heute in Sudamerika. Gibt es einen jammervolleren Anblick, als den der südamerikanischen Mestizenstaaten?

Dr. Ernst Storch, Breslau.

(Zentralblatt für Nervenheilkunde 1901, Januar.)

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12.

    Man darf wohl sagen, dass es unter modernen Menschen, soweit sie über eine solide Bildung verfügen und vor der Kunst als Kulturfaktor Respekt haben, keinen Anti-Wagnerianer mehr gibt; trotzdem aber begegnet gerade dieses einsichtsvolle Publikum der internationalen Bruderschaft jener Wagnerianer, die sich als besonders mit dem Bayreuther Gedanken getaufte Sekte von den gewöhnlichen Musikenthusiasten abhebt, heute vielleicht noch mit grösserem Misstrauen, als in den Jahren, da jene Auserwählten noch zur Seite des lebendigen Meisters im Kampfe standen und mit Märtyrerstirnen den Hohn frivoler Vernunftmenschen über sich ergehen liessen. Die Wagnerianer von damals waren begeisterte Kämpfer für ein hohes, noch verkanntes Ideal, die heutigen Adepten dagegen haben etwas Derwisch- oder Fakirhaftes an sich; sie empfangen ihre Begeisterung aus zweiter Hand und hypnotisieren sich in Reliquiendienst und Weihrauchnebeln. Es geht von den Bayreuther heiligen Stätten und besonders von der bedeutenden Persönlichkeit der Witwe des Meisters eine suggestive Kraft aus, die einerseits zwar die Macht des Bayreuther Gedankens beweist, andererseits aber ganz ersichtlich mehr lähmend als befruchtend in unseren Tagen fortwirkt. Nietzsche's bedauerliches Pamphlet

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Grundlagen - Besprechung von Ernst Freiherr von Wolzogen, 1900


„Der Fall Wagner“ hat keineswegs verhindern können, dass Wagner nach seinem Tode erst recht stark zu wirken begann; durch seine Taten fand er den Weg zur Liebe seines Volkes und die staunende Bewunderung der ganzen zivilisierten Erde; aber von seiner Gedankensaat, die er neben seinem grossen schöpferischen Wirken noch ausstreute, ist kaum etwas aufgegangen, während Nietzsche heute im Reiche der Gedanken weitaus der mächtigste Befruchter und Herrscher geworden ist. Wir mussten dazu kommen, Schopenhauer zu überwinden, das lag in dem starken Zuge der Zeit, und darum konnte auch Wagners philosophischer Dilettantismus, wie man seine Auffassung über so viele Erscheinungen der Gegenwart und Vergangenheit heute wohl ohne Verhetzung schuldiger Ehrfurcht nennen darf, auch nicht tiefer Wurzel fassen in den von wahrhaft moderner Bildung erfüllten Köpfen. Es ist daher ganz natürlich, dass die meist recht harmlosen Schwarmgeister, die in dem Grillenhäuschen, genannt „Bayreuther Blätter“, ihre Eier ablegen, die Teilnahme der Öffentlichkeit nicht mehr erregen und dass man als wissenschaftlich sich ausgehenden Arbeiten der Männer dieses Kreises mit einem starken Misstrauen begegnet.
    Ich muss gestehen, dass ich auch an Houston Stewart Chamberlain's gross angelegtes Werk über „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ mit einem starken Misstrauen herantrat. Als vor zwei Jahren derselbe Mann den Text zu dem wunderschönen Bruckmann'schen Bilderbuch über Wagner verfasste, verstand sich ein günstiges Vorurteil ebenso von selbst; denn jeder Eingeweihte konnte von Chamberlain's edler Männlichkeit, seiner begeisterten Liebe für den Meister und seiner allgemeinen hohen geistigen Kultur über diesen Stoff, bei dem ein kritisches Ablehnen ja nicht mehr in Frage kam, nur das beste erwarten. Aber um dem höchstgebildeten deutschen Publikum von 1900 in drei Bänden die Grundlagen des verflossenen Säculums anschaulich darzustellen, die Fäden

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vom grauen Altertum bis zur Gegenwart hinaufzuspinnen und die Wechselwirkungen der verschiedensten Gedankenströmungen und Kulturtaten aufzudecken, dazu gehört so ziemlich das Gegenteil von dem, was die von der gläubigen Bruderschaft Wahnfrieds bisher für sich in Anspruch genommenen Poeten, Philosophen und Geschichtsschreiber geleistet haben. Die Bayreuther kleinen Propheten haben uns schon oft durch ihre Gabe, die wunderlichsten Dinge mit einander zu verquicken, überrascht, ohne dass man sie darum als besonders weitausblickende Geister und glückliche Finder bezeichnen könnte — ganz im Gegenteil: die Originalität dieser wunderlichen Heiligen bestand zumeist darin, dass sie das lebendige Geistesleben der Gegenwart, die naturwissenschaftliche Erkenntnis und die soziale Evolution ignorierten und uns statt dessen die zeitbewegenden Fragen so darstellten, wie sie ihnen durch ihre mannigfaltig gefärbten Brillen der Stöckerei und Muckerei, der königlich preussischen Loyalität, des Antisemitismus und Vegetarismus erschienen. Man braucht nur daran zu denken, dass die Lieblingsworte der Wagnerianer: „Wahn, Not, Held, Welt“ sind, und ihre Autoritäten, neben dem Meister selbst, Schopenhauer, Carlyle, Graf Gobineau und etwa noch Lagarde. Diese Begriffe und diese Namen bezirken mit hinreichender Deutlichkeit den wagnerianischen Horizont, und wer Houston Stewart Chamberlain als aufrechten Wagnerianer kennt, der konnte von seinem Werke auch wohl nicht viel mehr als phantastische Lyrismen eines besser belesenen Querkopfes erwarten. Die Überraschung, die die Lektüre seines Werkes aber gerade den Kennern der Wagnerliteratur gewährt, ist eine vollkommene.
    Man darf ruhig behaupten, dass keiner der jetzt lebenden bedeutendsten deutschen Gelehrten imstande gewesen wäre, dieses Buch zu schreiben. Ich glaube, es wäre auch gar kein Gelehrter auf den Gedanken gekommen. Er würde das Unterfangen von vornherein für eine

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Vermessenheit angesehen haben. Und so sind denn auch ähnliche Rückblicke an der Jahrhundertwende, z. B. das im Verlag von Bong erschienene, mit höchst interessantem Bilderschmuck ausgestattete Werk von Hans Krämer, von einer Reihe von Mitarbeitern verfasst, die der Herausgeber für die verschiedensten Fächer als kompetent erachtete. Es gehörte der Wagemut eines genialen Dilettanten dazu, um sich die Riesenaufgabe zuzutrauen, das 19. Jahrhundert in allen seinen markanten Erscheinungsformen historisch, philosophisch, ethnographisch u. s. w.  u. s. w. zu deuten. Schon die Kühnheit des Unterfangens allein nötigt Bewunderung ab. Chamberlain stellt den in unserer Zeit fast ausgestorbenen Typus des Universalmenschen der Renaissance dar. Aber er ist nicht nur unglaublich belesen, wie die Excerpte sammelnden geistreichen Köpfe vom Schlage eines J. J. Weber, oder wie ein Polyhistor im Sinne des 18. Jahrhunderts, sondern eben ein Dilettant im edelsten Wortverstande, ein Mann, der allen treibenden Kräften des geistigen Lebens die lebhafte Teilnahme eines praktisch geschulten Beobachters, eines scharfen Denkers und künstlerischen Gestalters entgegenbringt. Die Hauptsache dünkt mir, dass Chamberlain lange und gründlich bei der modernen Naturwissenschaft in die Schule gegangen ist. Er ist „gelernter Biologe“; aber die Wissenschaften, die ausser dem Bereiche seiner akademischen Studien lagen, wie z. B. die Theologie, das römische Recht, die Nationalökonomie, hat er — ich weiss nicht, ob erst für die Zwecke des vorliegenden Werkes oder früher schon — mit einem Eifer und einem Nutzen studiert, um die ihn jeder Doktorand der betreffenden Fächer in Examennöten beneiden könnte. Seine Darstellung des römischen Rechts, sein Abriss der Kirchengeschichte in den „Grundlagen“ sind glänzende Kapitel, die dem Laien eine so deutliche Vorstellung von diesen schwierigen Dingen geben, wie sie kein Fachgelehrter zu verschaffen imstande ist. Ganz enorm ist Chamberlain's historisches und speziell ethno-

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logisches Wissen. Auf diesem Gebiete datieren seine Studien jedenfalls weit zurück; denn sie waren ihm nötig zum Ausbau seiner wohl aus der Wagnerischen Schule überkommenen Ideen über die Bedeutung der Rasse in der Geschichte. Diese Ideen sind es denn auch, die seinem Werk Ziel und Richtung geben: die germanische Rasse als Siegerin über das Völkerchaos, das das römische Imperium über die damalige Kulturwelt verbreitet hatte.
    Wie die Rassenfrage der Angelpunkt des Werkes ist, so wird sie auch vermutlich für die Kritik der Hauptangriffepunkt werden. Ich bin als völliger Laie natürlich nicht imstande, mir ein Urteil über die wissenschaftliche Begründung von Chamberlain's Ansichten zu erlauben. Das gelehrte Material, das er besonders in den äusserst reichhaltigen Anmerkungen beibringt, muss dem Laien natürlich, zumal bei einer so glänzenden Darstellung, überzeugend erscheinen; aber was dieses Werk einerseits über die nur wissenschaftliche Kritik erhebt und andererseits auch den Ungelehrten berechtigt, darüber sein Wort in die Öffentlichkeit zu tragen, das ist seine künstlerische Qualität. Chamberlain hat den gewaltigen Stoff mit Dichterblick überschaut und mit Künstlerhand gestaltet. Darin liegt die bedeutsame Eigenart seines Unternehmens und meiner Meinung nach sein grösster Wert.
    Chamberlain's Künstlerschaft offenbart sich uns in seinem Werke nicht nur in der glänzenden Darstellung, sondern vornehmlich in seiner grossartigen Phantasie. Er ist Künstler in demselben Sinne, wie alle grossen Entdecker und Erfinder, alle genialen Staatsmänner und Feldherrn, auch etliche wenige Religionsstifter und Herrscher Künstler genannt werden müssen. Nicht das Wissen ist ihm Selbstzweck, sondern das Erkennen des ideellen Zusammenhangs, und nur sein künstlerisches Schauen, der freie Flug seiner Phantasie hat ihn dazu befähigt, über Systeme und Schulmeinungen hinweg die Ergebnisse der einzelnen wissenschaftlichen Forschungen

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und die Lehren der Weltgeschichte im allgemeinen zu Bausteinen für sein neu und eigenartig anmutendes Bauwerk zu verwenden.
    So bringt ihn seine eigenartige Geschichtsauffassung beispielsweise dazu, die übliche Einteilung in Altertum, Mittelalter, Renaissance und Neuzeit zu verwerfen und dafür nur einen grossen Wendepunkt, etwa zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts, anzunehmen, zu welcher Zeit ungefähr der Sieg des Germanentums (worin Kelten und Slawen einbezogen werden) über die hellenisch-römisch-semitische Kultur entschieden ist. Die Renaissance hat seiner Meinung nach mindestens ebenso hemmend wie fördernd gewirkt, indem sie das Germanentum auf längere Zeit aus seiner vorgeschriebenen Bahn gedrängt habe, und unser neunzehntes Jahrhundert zeigt für ihn noch durchaus mittelalterliche Eigenschaften. Er bedenkt es mit folgenden Liebenswürdigkeiten: „Das Vorwalten des Provisorischen, des Übergangsstadiums, der fast gänzliche Mangel an Definitivem, Vollendetem, Ausgeglichenem ist ein Kennzeichen unserer Zeit; wir sind in der Mitte einer Entwickelung, fern schon vom Anfangspunkt, vermutlich noch fern vom Endpunkte.“ Und an anderem Orte: „Unser Jahrhundert pendelt zwischen Empirismus und Spiritismus, zwischen dem Liberalismus vulgaris, wie man es witzig genannt hat, und dem impotenten Versuche seniler Reaktionsgelüste, zwischen Autokratie und Anarchismus, zwischen Unfehlbarkeitserklärungen und stupidestem Materialismus, zwischen Judenanbetung und Antisemitismus, zwischen raffinierten Meyerbeerschen Opern und urnaiver Volksmelodienmanie, zwischen Millionärwirtschaft und Proletarierpolitik.“
    Seine Schätzung der drei herrschenden Rassen des Altertums, der Hellenen, Römer und Semiten, bringt zwar nichts durchaus Neues, hebt aber mit besonderer Energie die neueren Ergebnisse wirklich objektiver Forschung hervor. So zerstört er das schöne Märchen von der altgriechi-

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schen Tapferkeit und erkennt die grosse, fortwirkende Bedeutung des Hellenentums in seinem Schönheits- und Heroenkultus, dem gegenüber er die Anonymität der römischen Grosstaten hervorhebt. Bei den Römern war der einzelne nichts, der Volksverband alles, weshalb sie die ersten und bisher unübertroffenen Ausgestalter des Staatsbegriffs, des Rechts und der Familie wurden. Als ihre wichtigste Tat betrachtet Chamberlain die Zerstörung von Karthago. „Wäre das phönizische Volk nicht ausgerottet“, sagt er, „wären seine Überreste nicht durch die spurlose Vertilgung seiner letzten Hauptstadt eines Vereinigungspunktes beraubt und zum Aufgehen in andere Nationen gezwungen worden, so hätte die Menschheit dieses neunzehnte Jahrhundert niemals erlebt. Mit den Arabern, die unsere Existenz lange arg bedrohten, sind wir bis heute noch nicht fertig geworden; ihre Schöpfung, der Mohammedanismus, bildet ein Hindernis für jeden Fortschritt der Zivilisation und hängt in Europa, Asien und Afrika als Damoklesschwert über unserer mühsam aufstrebenden Kultur; das Problem des Judentums gehört zu den schwierigsten und gefährlichsten der Gegenwart. Nun denke man sich dazu noch eine phönizische Nation, von frühester Zeit an alle Häfen besetzt haltend, allen Handel monopolisierend, im Besitz der reichsten Metropole der Welt und einer uralten, nationalen Religion — es ist kein phantastisches Geschichtsphilosophieren, sondern eine objektiv beweisbare Tatsache, dass unter solchen Bedingungen das, was wir heute Europa nennen, niemals hätte entstehen können.“
    Originell in der Auffassung, glänzend in der Darstellung ist Chamberlain's Schilderung des Völkerchaos, das durch das römische Imperium zusammengerührt wurde und in dem tüchtige Kräfte einzelner, reine Charaktere kaum unbefleckt davonkommen konnten, ganze Nationen aber elend untergingen. Er zeichnet als Beispiel zweier hervorragender Typen dieses Völkerchaos das Charakterbild des Lukian und des Augustinus, wahre Kabinettstücke

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historischer Darstellungskunst. Originell, blendend durch die Fülle beigebrachten wissenschaftlichen Materials und seiner Verwertung ist ferner seine Kennzeichnung des Judentums nach Rasse und Religion, sowie seine Auffassung der Erscheinung Christi. In diesen Abschnitten seines Werkes finden wir die meisten Beziehungen zu den bekannten Lieblingsideen des wagnerischen Kreises. Aber während nicht wenige jener braven Wagnerianer, von des Meisters Schrift über „Das Judentum in der Musik“ befruchtet, aus ihrem Gehirn nur einen blöden Antisemitismus geboren haben, der sie allüberall Ritualmord und Alliance israélite wittern lässt, so finden wir bei Chamberlain eine so phantastisch-imposante und dabei ernstwissenschaftliche Darstellung des Gegenstandes, dass nur der beschränkte Horizont jüdischer Presskulis darin noch antisemitische Böswilligkeit erblicken könnte. Die Fachwissenschaft ist heute wohl noch nicht so weit, um die Chamberlain'sche Auffassung von der Blutmischung des Judentums und speziell derjenigen Jesu von Nazareth als richtig anzuerkennen oder als falsch zu verwerfen. Das Bestreben, Jesus als einen Nichtjuden im ethnologischen Sinne hinzustellen, ist vielleicht ein müssiges Spiel der Phantasie, aber um so begreiflicher für einen Denker, dessen Theorie von der Minderwertigkeit der jüdischen Religion und von der direkten Schädlichkeit des hethitischen Blutes im Semitentum der Juden durch die Annahme, dass Jesus ein reiner Jude gewesen sei, einen argen Stoss bekommen würde. Bedenklicher als diese für den Laien doch immerhin einigermassen überzeugende Auffassung dünkt mich die Leugnung des Pessimismus in Christi Lehre. Dagegen hebt Chamberlain sehr richtig hervor, dass Jesu Persönlichkeit, d. h. die Reinheit seines Lebens und sein hoher Idealismus, für wirksamer als seine Lehre anzusehen sei. Ganz meisterhaft ist seine Darstellung der Kirchengeschichte zu nennen. Es gibt wohl kein Buch, das diesen so Überaus verwickelten, schwer zu behandelnden

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Gegenstand dem Laien so klar und übersichtlich vor Augen führte. Die Kennzeichnung des römischen Katholizismus als einer Frucht des Völkerchaos und eines Erben des römischen Imperiums ist ausgezeichnet durchgeführt, und aus diesem Kapitel der „Grundlagen“ ergibt sich bereits eine Fülle bedeutungsvoller Lehren zur praktischen Nutzanwendung für unsere Zeit. Chamberlains Darstellung zwingt uns zur Bewunderung der ausserordentlichen Logik und unerbittlichen Konsequenz in dem Walten dieser römischen Hierarchie und öffnet uns zugleich die Augen über den furchtbarsten Feind unsrer germanischen Kultur. Trotzdem aus Chamberlain's Darstellung eigentlich klar hervorgeht, dass eine wirksame Kirche nur die römisch-katholische sein kann, lesen wir zwischen den Zeilen überall die neue katonische Mahnung: „Ceterum censeo ecclesiam catholicam esse delendam.“
    Den Gegensatz zwischen der leitenden Idee der römischen Kirche und der treibenden Kraft des Germanentums drückt Chamberlain so aus: „Für das menschliche Individuum heisst äusserlich begrenzt so viel wie Persönlichkeit, innerlich grenzenlos so viel wie Freiheit; für ein Volk ebenfalls. Ohne die äussere Begrenzung kann die innerliche Grenzenlosigkeit nicht statt haben; wird dagegen äussere Unbegrenztheit erstrebt, so wird die Grenze innerlich gezogen werden müssen. Das letztere ist denn auch die Formel des neu-römischen kirchlichen Imperiums: innerlich begrenzt, äusserlich grenzenlos. Opfere mir deine menschliche Persönlichkeit, und ich schenke dir Anteil an der Göttlichkeit, opfere mir deine Freiheit, und ich schaffe ein Reich, das die ganze Erde umfasst, und in dem ewig Ordnung und Frieden herrschen, opfere mir dein Urteil, und ich offenbare dir die absolute Wahrheit, opfere mir die Zeit, und ich schenke dir die Ewigkeit“ Und weiterhin: „Nach aussen wird also das Opfer der Persönlichkeit, nach innen das Opfer der Freiheit gefordert. Dieses System kann daher auch keine nationalen Individuen in ihrer

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Eigenart und als Grundlage geschichtlichen Geschehens anerkennen; sie sind ihm höchstens ein unvermeidliches Übel; denn sobald eine scharfe äussere Grenze gezogen ist, wird sich die Tendenz zur innerlichen Grenzenlosigkeit kund tun; nie wird die echte Nation sich dem Imperium unterwerfen.“ Diesem Bestreben nun stemmt sich der Geist des Germanentums auf das Energischeste entgegen, und darum musste echte Wissenschaft sowohl wie echte Religion (wenigstens für den Bereich abendländischer Kultur) dem Germanentum zu schaffen vorbehalten sein. Chamberlain sagt: „Wissenschaft ist die von den Germanen erfundene und durchgeführte Methode, die Welt der Erscheinung mechanisch anzuschauen; Religion ist ihr Verhalten gegenüber demjenigen Teil der Erfahrung, der nicht in die Erscheinung tritt und darum einer mechanischen Deutung unfähig ist. Bei anderen Menschen mögen diese zwei Begriffe, Wissenschaft und Religion, etwas anderes bedeuten. Zusammen machen sie unsere Weltanschauung aus. Bei dieser Weltanschauung, die das Suchen nach letzten Ursachen als sinnlos perhorresziert, muss die Grundlage zur Handlungsweise des Menschen gegen sich und andere in etwas anderem gefunden werden als im Gehorsam gegen einen regierenden Weltmonarchen und in der Hoffnung auf eine zukünftige Belohnung. Neben einer streng mechanischen Naturlehre kann einzig eine ideale Religion bestehen, eine Religion heisst das, die sich ihrerseits streng auf die ideale Welt des Unmechanischen beschränkt. Wie schrankenlos diese Welt auch sei — deren Flügelschlag aus der Ohnmacht der Erscheinung befreit und alle Sterne überfliegt, deren Kraft dem qualvollsten Tode lächelnd zu trotzen gestattet, die in einen Kuss Ewigkeit hineinzaubert, die in einem Gedankenblitz Erlösung schenkt — ist sie dennoch auf ein bestimmtes Gebiet angewiesen: auf das eigene Innere; dessen Grenzen darf sie nie überschreiten.“ Chamberlain hat mit dieser Definition den Weg zu Kant zurückgefunden, der da sagt:

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„Religion zu haben ist die Pflicht des Menschen gegen sich selbst.“
    Mag die Chamberlain'sche Rassentheorie berechtigten Widerspruch herausfordern, mag die wissenschaftliche Kritik manche seiner Beweismittel zurückweisen, manche seiner Schlüsse als falsch darlegen, — das kann der Bedeutung seines Werkes keinen Abbruch tun, weil die Ansichten eines freien Geistes, voll dichterischer Phantasie und ernster, wissenschaftlicher Schulung, niemals bedeutungslos sein können. Ich muss bekennen, dass mich der starke, frische Hauch des freien Geistes, der mir aus jeder Zeile seines Werkes entgegenweht, bei der Lektüre in eine Stimmung frohen Geniessens versetzte, wie sie nur ein Kunstwerk zu erzeugen vermag. Es ist wunderlich, dass es gerade ein Engländer sein musste, der dem deutschen Volke dieses Buch zur Jahrhundertwende auf den Weihnachtstisch legte, ein Engländer, der über einen deutschen Stil verfügt, wie ihn nur ganz wenige deutsche Wissenschaftler ihr eigen nannten. Man kann Chamberlain's Schreibweise, abgesehen von einem gewissen schwerfälligen Ausholen in seinen Einleitungen der verschiedenen Abschnitte und einiger Überbürdung mit gleichbedeutenden Beiwörtern und vermeidbaren Fremdwörtern, als meisterhaft bezeichnen. Schon allein die Tatsache, dass ein Engländer ein solches Deutsch schreibt, ein Ausländer, der daneben auch streng wissenschaftliche Werke in englischer und französischer Sprache herausgab, der mündlich nicht nur das Hochdeutsche, sondern auch die Mundarten und Jargons beherrscht, der gelegentlich seiner Reisen in Bosnien und den Balkanländern spielend deren Idiome erlernte — man kann aus dieser seltenen Fähigkeit allein schon den Schluss ziehen auf eine ganz ungewöhnliche Begabung zur Selbstentäusserung; denn jede wirkliche Beherrschung einer fremden Sprache schliesst in sich die Fähigkeit, sich in die verschiedenen Denkweisen der betreffenden Völker hineinzuversetzen. und das ist eine Fä-

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higkeit, die dem Historiker allein schon einen erheblichen Vorsprung vor der gewöhnlichen, sesshaften Beschränktheit des Gelehrtenhirns verschaffen muss.
    Ich halte es für die grosse, unheilvolle Unterlassungssünde des neunzehnten Jahrhunderts, dass es versäumte, aus der naturwissenschaftlichen Erkenntnis die einzig richtige Nutzanwendung auf Religion, Staat und Gesellschaft zu machen. Daher der betrübliche Rückgang an tatkräftigem Idealismus seit dem Jahre 48, daher der Mangel an wirklichem Aufschwung nach 1870/71, daher die unselige Halbheit überall, das traurige Paktieren mit Rom, die Hilflosigkeit gegenüber der Sozialdemokratie und die öde, unfruchtbare Parteiwirtschaft. Chamberlain's Werk ist wie wenige geeignet, dem germanischen Idealismus im besonderen und dem modernen Geist im allgemeinen Mut zuzusprechen. In diesem Werke hat ein starker, freier Geist in origineller Geschichtsbetrachtung unter Systemen und autoritativen Meinungen aufgeräumt, nicht um persönlich zu glänzen, wie es die fatale Eitelkeit heutiger verblüffender Feuilletonisten-Talente erstrebt; hier hat ein scharfsinniger Kopf sich zum Verteidiger des Christentums und zum Verherrlicher der Person Jesu aufgeworfen, der nichts weniger als ein protestantischer Pfaffe oder ein wunderlicher Schwarmgeist vom Schlage Tolstoi's ist; hier hat ein germanischer Mann den Mut gehabt, der Judenfrage historisch nachzugehen, ohne von stumpfsinniger antisemitischer Leidenschaft verblendet zu sein; hier hat ein über den politischen Parteien und über allen nationalen Engherzigkeiten stehender Weltmann sein Wort über das Nationalitätsprinzip in die Wagschale geworfen.
    Ich möchte zum Schluss bemerken, dass ich für meine Person das Christentum nicht als eine Religion für die ganze Menschheit und für alle Zeiten geeignet anerkennen kann, und dass ich keine Lösung sehe für die Frage, die mir aus Chamberlain's Rassentheorie hervorzugehen scheint, nämlich die Frage: wie soll bei der unwidersteh-

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lichen Tendenz zur Internationalität, die eine notwendige Folge der modernen Technik und damit des modernen Verkehrs ist, eine Konsolidierung der Nationen, eine Reinhaltung der Rassen überhaupt möglich sein? Es will mir scheinen, als ob die natürliche Entwickelung der Dinge einem zweiten Völkerchaos entgegentreibe, einem zweiten Verfall der Sittlichkeit und der Religion, und als ob dann die slawischen Völker das Erbe des Germanentums antreten sollten. Und fern im Osten sehe ich Jung-Japan lauern mit seiner erstaunlichen Kulturfähigkeit und sich mit dem erweckten China, mit allen den fernen Inselreichen, vielleicht sogar mit dem ihm heute schon sinnverwandten chaotischen Amerikanertum zu einem neuen Bunde zusammentun, der wohl einstmals stark genug werden durfte, um die alte Welt gründlich umzupflügen. Es wird mir auch schwer, so ohne weiteres an die Überlegenheit der reinen Rasse zu glauben. Man hat jüngst in Württemberg Beobachtungen an sämtlichen Schulkindern vorgenommen und die Rassenmerkmale zu den geistigen Fähigkeiten in Beziehung gesetzt. Bei dieser Prüfung haben die blondhaarigen und blauäugigen Langköpfe nicht eben rühmlich bestanden, während die Mischlinge unbestrittene Sieger blieben. Ich weiss nicht, ob bei einer Prüfung auf Charakter und sittliches Verhalten die reine Rasse besser bestehen würde; aber wenn man auch mit Recht behaupten dürfte, dass, wie die sittliche Kraft der Römer über die hellenische Intelligenz und die sittliche Überlegenheit der Germanen über die römische Verderbnis gesiegt habe, so immer der Charakter schliesslich die Intelligenz meistern werde, vermag ich doch aus dieser Gewissheit keinen beruhigenden Schluss auf eine segenbringende Gleichförmigkeit in der Entwickelung der Menschheit zu ziehen, sondern sehe nur Chaos, Zerstörung, langsamen Wiederaufbau daraus folgen. Sollten Frieden und Vollendung innerhalb der Menschheit unerreichbar sein?

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    Mir scheint in dem völligen Ignorieren der Romanen, Mongolen und sogar Amerika's seitens Chamberlain's eine bedenkliche Fehlerquelle zu liegen. Vermutlich wird der Verfasser der „Grundlagen“ bei seiner Bearbeitung des neunzehnten Jahrhunderts selbst diese Lücke auszufüllen trachten. Wie er das zustande bringen will, ohne von seinem für die Germanen bisher allein in Anspruch genommenen Lobe etwas abzustreichen, weiss ich nicht. Es scheint mir auf der Hand zu liegen, dass der grosse Zug der natürlichen Evolution auf Rassenvermischung hingehe, und dass die Intelligenz der alleinige Träger des Fortschritts auf allen Gebieten sei, während sich die Wucht des sittlichen Charakters nur unter stabilen Verhältnissen zur Geltung bringe; dass aber Intelligenz und Sittlichkeit so oft miteinander im Streite liegen — auch in so vielen grossen Persönlichkeiten — das scheint mir seinen Grund darin zu haben, dass die Konsolidierung der Ideen mit der praktischen Verwertung der Erkenntnis so selten Schritt zu halten vermag. Es ist in unserm neunzehnten Jahrhundert wieder einmal, wie schon so oft, die herrliche Gelegenheit, Idee und Wirklichkeit in Einklang zu versetzen, versäumt worden. Fast die gesamte moderne Menschheit ist beherrscht von der Angst vor den Konsequenzen. Daher sehen wir Handel und Wandel, im Bunde mit den empirischen Wissenschaften, um tausend Meilen voraus vor Staat und Gesellschaft mit ihren Gesetzen, ihrer Sittlichkeit und ihrer Religion. Hätte irgend einem der jetzigen Staatswesen am Ende des Jahrhunderts ein Friedrich der Grosse vorgestanden, eine Herrscherpersönlichkeit also, die den Mut gehabt hätte, sich als modernen Menschen zu bekennen, so würde in diesem Staatswesen die gesamte Intelligenz sich mit der Regierung verbunden haben, und in diesem Staatswesen hätte man über eine etwa vorhandene Sozialdemokratie lächelnd die Achseln zucken dürfen und die frondierende Klerisei im Angstbunde mit der Ritterschaft höchstwahrscheinlich auf etwas rück-

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sichtslose, aber praktische Weise zur Moderne bekehren können.
    Unsere Zeit lechzt nach grossen Persönlichkeiten. Wir haben die Gewalt der Persönlichkeit zum letzten Male in Wagner und Bismarck staunend erlebt. Wagner hat auf die Kunst der ganzen Welt gewirkt, Bismarck hat sofort seine Simsonkraft eingebüsst, als er sich zu den unabweisbaren gerechten Forderungen der natürlichen Entwickelung der sozialen Verhältnisse in Gegensatz stellte. Ist das nicht ein deutlicher Beweis für den Satz, den ich oben aufstellte, dass die normale Entwickelung der Menschheit durch das Zusammenwirken von Idee und Erkenntnis einzig gefördert werde? Ob Bismarck nicht vielleicht auch für die innere Politik dieselben grossen Taten wie für die äussere geleistet hätte, wenn er nicht durch sein starres Festhalten an der überlebten Idee vom Königtum von Gottes Gnaden und vom Nutzen der Kirche als Gewissenspolizei um die Möglichkeit gebracht worden wäre, so modernintelligent zu verfahren, wie er es in der Diplomatie tat? Ob er nicht vielleicht dieser ersehnte, ganz moderne Universalmensch gewesen wäre, wenn er statt eines rein-gezüchteten Niedersachsen ein Bisschen Mischling, vielleicht gar mit einem Spritzer jüdischen Bluts, gewesen wäre?!
    Sei dem, wie ihm wolle; möge Chamberlain mit seiner Rassentheorie recht haben oder nicht — die Hauptsache ist meiner Meinung nach, dass er in seinem Werke den Beweis seiner starken, freien, künstlerischen Persönlichkeit erbracht hat, und solche Leute wollen wir immer mit Jubel willkommen heissen. Wer „auch Einer“ ist in diesem Paradies der Uniformen, des Wort soll man hören und in einem feinen Herzen bewahren!

Ernst Freiherr von Wolzogen, Berlin.

(Das literarische Echo. 1900. Nr. vom 1. Februar.)

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Grundlagen - Besprechung von Dr. Hans F. Helmolt, Die Zukunft, 1901


13.

    Gerade vor Chamberlain's Buch ist in mir oft das bedrückende Gefühl aufgestiegen: da arbeitet man nun und ringt und müht sich jahrelang ab, um eine selbständige Weltanschauung zu erobern; schon glaubt man, dem heissersehnten Ziele nahe zu sein, — da erscheint urplötzlich ein so grundstürzendes, alle Errungenschaften über den Haufen werfendes, mit den schwierigsten Problemen förmlich spielendes Werk, dass man sich recht, recht klein vorkommt. Aber dann tröstet einen doch auch wieder der Gedanke: es gibt eben nicht alle Augenblicke einen Leibniz, einen Bayle, einen Winckelmann, ein Humboldt-Brüderpaar, einen Chamberlain. Und statt sich darüber zu grämen, dass einem nur vergönnt ist, die Höhen, die solche ausserordentliche Geister mühelos erklimmen, in dämmernder Ferne zu ahnen, ist man vielmehr dankbar dafür, ein Zeitgenosse zu sein, dem jene Höhenmenschen zu Führern dienen.

Dr. Hans F. Helmolt, Leipzig.

(Die Zukunft 1901. Nr. vom 20. April.)

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14.

    Es ist ein Zeichen des unruhigen, überhasteten Strebens, welches die Kunst unserer Zeit wie unsere Zeit selber beherrscht, dass neue Kunstformen geprägt und gepredigt werden, bevor sie geworden sind, und oft genug, ohne

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dass sie je werden. Nichts ist ja bezeichnender für die Moderne, als die Sehnsucht nach dem Stil, nach der Umwertung aller Werte des neuen Lebens zu der Kunst, die ihm gemäss ist. Und es ist das tragische Moment im Schicksal vieler der neuen Künstler, dass sie diese Sehnsucht mit ihrem Ziel verwechseln; ob es gleich noch in der Ferne liegt, wird es antizipiert; da es noch ungeschaffen ist, wird es konstruiert und begabt mit einem Scheinleben, ein Homunkulus, der eine blendende Leuchte verbreitet; die Leuchte selber aber ist nur der glühende Drang, zu entstehen, und der Homunkel ein lebensunfähiges Zwitterding; er zerschellt denn über kurz oder lang. Während aber dieses Scheinleben leuchtend und dröhnend zerschellte, ist die schaumgeborene Göttin dem Meere entstiegen; die neue Form der Kunst ist geworden; ihr Paphos ist das aussen begrenzte, innerlich grenzenlose Reich der Individualität, und sie selber trägt die Züge der Pallas. Aber selbst die, die ihr Erscheinen mit Verständnis und Andacht erlebten, sind verlegen, wenn sie sie nennen sollen. Sie geben ihr den fremden Namen der essayistischen Dichtung.
    Es ist eine neue, eine ganz eigene Art der Dichtung geworden; sie gehört ganz unserer Zeit, und sie vermag in ihrem Reich jene Umwertung des modernen Denkens, Fühlens und Wollens zum künstlerischen Leben zu bewirken. Sie ist so weit entfernt, Alleinherrscherin in der Kunst sein zu können oder zu wollen, wie es jede echte Kunstform war und ist; aber gerade sie gibt einem Gemälde des dichterischen Schaffens unserer Zeit den charakteristischen Strich, aus dem es der Kenner ohne jede Signatur bestimmen mag als das Bild unserer Gegenwart; sei diese kurz oder lang, wir wissen es nicht, führt diese neue Kunstform den Griffel; und auch fernerhin wird sie leben, mag sie auch von ihrer Führerrolle abgetreten sein.
    Wer sie nicht kennt oder nicht versteht, verwechselt sie mit der Kritik, ihre Werke mit denen der Wissenschaft.

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der Politik, der Ästhetik; er weiss nicht, dass er es mit darstellender Kunst zu tun hat; er verwechselt sie mit allem, was objektiv sein will und es wollen muss, sie, deren Leben die Subjektivität ist und deren Geburtsstunde die Stunde war der Erkenntnis des reinen Subjektiven in jeder Weltanschauung.
    Somit steht diese Kunst im Gegensatz zur Kritik, und nicht belehren will sie, nicht allgemein Gültiges besprechen, verbreiten, vielleicht entdecken, sondern ein Plein-air-Gemälde geben von der Seelenlandschaft des Künstlers, eine Statuette oder ein Monument aus der Welt seiner Vorstellung.
    Den Gegenstand aber hat diese Kunstform mit der Kritik gemein; sei er Naturwissenschaft, Geschichte, bildende Kunst oder Musik, immer steht er im Gegensatz zum Inhalt der anderen Dichtungsformen, der immer ein fabulierender sein muss oder nur die einzelne Stimmung trifft. Gleich eigen aber ist der essayistischen Dichtung wie jenen anderen die lebendige Kraft der Intuition, der eigenen Anschauung des Künstlers selbst, und die Abwesenheit jeder Empirie, einer reinen Nutzanwendung der trockenen Erfahrung, die nur der Wissenschaft gehört.
    Neu ist diese Kunstform; sie gehört unserer Zeit, wenn es gleich in früheren Jahrhunderten Essayisten gegeben hat. Mag vieles Aphoristische in den Romanen von Stendhal sich lesen, als gehöre es zu ihr, mögen eines Lessing, eines Schiller Schriften, objektiv gemeint, subjektiv gedacht, sich lesen wie Essays; zum Bewusstsein ihrer Form ist sie erst in unseren Tagen gekommen und damit zum Leben; und noch nicht völlig klar ist ihr Bewusstsein; gilt doch Nietzsche heute noch als Philosoph; Ruskin aber lesen wir im vollen Bewusstsein dieser Form. Und doch verwechseln noch so viele den Essayisten mit einem Apostel.
    Hier liegt ein standard work dieser Kunstform; eines der besten, das gewaltigste gewiss von allen, das bisher in

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ihr geschrieben worden ist; seine Ideen haben manchen fasziniert, manchen zu heftigem Widerspruch erregt, immer wohl interessiert; das Ganze, ein hohes Kunstwerk, ist vielleicht von wenigen als ein solches aufgefasst worden. Wer es als ein Parteimann liest, der erniedrigt es von einer Dichtung zu einer Streitschrift, ob er ihm nun zustimmt oder ob er es verwirft; wer es liest als Wissenschafter, als ob es objektiv sein solle, der versteht es nicht; denn sein ganzes Wesen ist volle, leidenschaftliche Subjektivität; und das Urteil eines Pedanten, der den Standpunkt der Empirie nicht verlassen kann, gliche einer Kritik über eine Symphonie mit neuen, herrlichen Klangwirkungen, in welcher der Verfasser nicht von Musik, sondern von Physik spricht.
    Ein Urteil sich zu bilden über dieses Werk vermag nur der, der seine Persönlichkeit, seine eigenen Anschauungen nicht vordringlich aus dem Selbstbewusstsein herüberschreien lässt, in dem sie verbleiben müssen für die Dauer des Lesens; er beurteilt es, indem er es geniesst als ein Meisterwerk der essayistischen Kunst, ein lebendiges Gemälde der vorgestellten Welt des Dichters, nach innen unbegrenzt, nach aussen begrenzt. Und für die Anschauungen, die dieses Werk enthält, gelten die Urteile nicht, die lauten: „Richtig! Unrichtig! Wahr! Unwahr!“; denn sie sind wahr in jenem Sinn der Wahrheit, wie er für die Kunst gilt, und sie sind nicht parteilich sondern individuell. Und sind einzelne von ihnen solche, dass ihr Parteigänger ein Fanatiker sein müsste, eine politische Rede, die sie enthielte, nicht zu billigen wäre, so sind sie hier nicht programmatisch, sondern persönlich; sie wollen und können keine Partei bilden, und darum verfehlt Lob und Tadel der Parteien das Ziel und trifft in die leere Luft.
    Was dieses Werk, also richtig verstanden, in seiner Wirkung so mächtig werden lässt, ist das Lebendige, dem Leser packend mitgeteilte Bewusstsein von der Idealität der Zeit. Wie sie Kant syllogistisch bewiesen hat, ist sie

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dem Denker klar, aber so klar wie ein bewiesener Lehrsatz, ein Symbol, das keine Gestalt hat und nicht einmal das Zeichen ist für eine Gestalt. Die Intuition des Dichters ist es, die die Erscheinung setzt für dieses Symbol, die Erscheinung eines Metaphysischen, Unvorstellbaren; alle Lichtstrahlen der Vergangenheit, ausgesendet von den Funken und Leuchten der Erkenntnis, die je waren, die auf ewig dahin sind, vereinen sich im hellstrahlenden Brennpunkt der Gegenwart, in dem wir, nun wundersam erleuchtet, leben; alle die leuchtenden Pfeile waren gerichtet auf dieses Ziel von jeher; was je war in historischer Zeit, ist mit uns, und ein Glaubensbekenntnis und Gebet zugleich ist uns der Satz: „Was da war, ist von Anbeginn.“ Keine Zeit umgibt uns als die Gegenwart; in ihr lebt aber alles, was je menschlich bedeutend und uns bedeutend gewesen; es ist ein pantheistisches Gefühl; das Pan aber ist die Menschengeschichte selbst. Diese Stimmung, die man nur eine religiöse nennen kann, lässt uns im Lesen vergessen, dass dieses All nur die vorgestellte Welt des Dichters ist. Das ist die echte Wirkung eines grossen Kunstwerkes und hat mit Objektivität nichts zu tun. Die nachträgliche objektive Kritik hebt sie auf.
    Und dies mit Weltgeschichte oder ihrem Zerrbild, der Weltchronik, zu verwechseln, heisst das Werk nicht auffassen können. So viele Tatsachen empirischer Wissenschaft mit einer erstaunlichen Belesenheit in dem Werke auch zusammengetragen sind als angebliche und wirkliche Beweise für seine Anschauungen, immer überwiegt die Intuition. Das ist es, was Chamberlain in seiner Vorrede Dilettantismus nennt, und dessen Berechtigung er verficht als seine eigene Sache.
    So konnte der Verfasser von sich sagen: „Was hier geschrieben steht, ist erlebt. Manche tatsächliche Angabe mag ein überkommener Irrtum, manches Urteil ein Vorurteil, manche Schlussfolgerung ein überkommener Denkfehler sein; ganz unwahr ist nichts: denn die verwaiste

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Vernunft lügt häufig, das volle Leben nie.“ Die objektive Kritik seiner Beweisführung hat er damit selbst gegeben; sein Nachsatz aber ist berechtigt im Sinne der Wahrheit, die dem echten Kunstwerk stets innewohnt.
    Und in der allgemeinen Einleitung betont er mit Recht, dass einzig künstlerische Gestaltung, „getragen von jenen geheimen Parallelismen zwischen dem Geschauten und Gedachten, von jenem Gewebe, welches — äthergleich — die Welt nach jeder Richtung allverbindend durchzieht“, ein Ganzes hier hervorzubringen vermag, wo es sich darum handelt, den Werdegang unserer heutigen europäischen Kultur und unserer europäischen Zivilisation darzustellen. „Kunst gestaltet, Wissenschaft zergliedert Gestalten.“ So hat sich der Verfasser als Künstler bekannt. Aber er musste ein Künstler sein, der „gestaltete, doch nur, was da ist, nicht das, was seine Phantasie ihm vorspiegelt. Ehe er gestaltete, musste er prüfen, ehe er meinte, musste er wissen“. So kommt es, dass das Werk wissenschaftliche Tatsachen und Meinungen, Literatur in kaum übersehbarer Menge enthält; an sich betrachtet sind es Bruchstücke; die Darstellung gibt ihnen die Einheit. Darum — es kann nicht oft genug gesagt werden — diese Deduktionen sind nicht zu messen mit dem Ellenmass der Wirklichkeit; aus diesem Stoff darf kein Parteischneider ein Programm zusammenschneidern.
    In einem gewissen Sinne ist das Werk als ein Teil gedacht. Aber es ist der „Teil, der anfangs alles ist“; es ist vollständig in sich geschlossen; ob auf die „Grundlagen“ der zweite Band: „Das 19. Jahrhundert“, gleichsam als der neue Bund im Sinne christlicher Theologen folgt oder nicht, die „Grundlagen“ bleiben in sich abgeschlossen.
    Ihr Inhalt also ist die lebendige Anschauung eines hochbegabten und hochgebildeten Mannes über den Werdegang unserer heutigen Kultur, künstlerisch vollendet dargestellt.

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    Der Verfasser nennt sie die germanische Kultur; die sie geschaffen haben in ihren leitenden Ideen, deren Anlage sie entstammt und denen allein sie darum angemessen ist, sind ihm die Germanen. Aber sein Begriff „die Germanen“ ist ein weiter, keinem alldeutschen Parteitag entnommen; er ist ein — ihm entgegen sei es behauptet — rein intuitiver, ein künstlerischer Begriff. Sein Wort „Slawo-Kelto-Germanen“ mag ihn in seinem Wesen andeuten. Oder es sei dafür gesagt: „Die nordische Rasse.“
    Und Chamberlain's „Rasse“ ist wieder ein Begriff, rein intuitiv und seiner Persönlichkeit Eigentum. Die Ethnologen haben ihm — objektiv — nur Meinungen entgegenzustellen; in der Welt seiner Vorstellungen hat er recht. Aber seine lange empirische Beweiskette, die der Idee gleichsam nachhinkt, befriedigt nicht; nach wie vor herrscht die reine Intuition. Die Rasse schafft die ihr eigenen Ideen; diese selber aber und ihre Herrschaft über die Rasse zeugen am lebendigsten von ihr. Es ist ein Zirkel im Definieren; die Intuition ist der Definition entrückt.
    Die Ideen unserer Kultur also sind im Sinne des Verfassers germanisch. Alles an ihr ist noch in der Entwickelung, im Fluss, sie wird sich ihnen nähern. Die Ideen aber kennzeichnet Goethe's Wort von der Persönlichkeit, die innerlich unbegrenzt, äusserlich begrenzt ist. Und „höchstes Glück der Erdenkinder ist nur die Persönlichkeit“. Die Tendenz, nach aussen sich abzugrenzen in Nationalstaaten, und darum die erstaunliche Plastizität der Staatenbildung im grellen Gegensatz zur römischen imperialistischen Idee, die Tendenz, nach innen frei zu sein, unbegrenzt im innern Reich der Persönlichkeit, sie sind ihm die germanische Kulturidee. Die Eigenschaft germanischer Rasse, die stets überwiegt, gleichsam ihr historisches Merkmal, ist ihm die Treue. Die Weltanschauung der Germanen in ihrem Bedürfnis nach einer rein innerlichen Religion und die fremde, äussere, der sie sich

98 Grundlagen - Besprechung von Dr. Otto Pötzl, Wien, 1902

unterwerfen sollten, ist ihm das tragische Moment in dem Drama unserer Kultur.
    Denn diese Kultur — der Verfasser führt es aus — ist das Resultat eines Kampfes, der noch heute fortgeführt wird. Die vergangene römische Welt hinterliess kein Volk, sondern ein romanisiertes Völkerchaos; aber sie hinterliess als Erbe die römische Idee des Weltimperium, wie sie lebt in der katholischen Kirche. Mit den Germanen zugleich traten andere Nationen in die Weltgeschichte ein mit anderen Ideen. Im Kampfe mit allem dem und aus dem Kampfe wird unsere Kultur.
    So ist ihm der Wendepunkt der Geschichte der Zeit, da die germanischen Ideen begannen, sichtbar sich durchzuringen zur Leitung einer Kultur. Eine Jahreszahl bezeichnet diese Mitte: das Jahr 1200. Aber sie ist kein fixer Punkt; sie ist ein Grenzwert, gleichsam eine irrationale historische Zahl. Die Germanen haben (siehe 2. Band, Kapitel „Wissenschaft“) im Gegensatz zu den anthropomorphistisch klaren Hellenen das Symbol des Unvorstellbaren, den Grenzwert in die Mathematik eingeführt; Chamberlain, ein echter Germane, führt in die Geschichte das Symbol des Unvorstellbaren und doch stets Gegebenen, den gegenwärtigen Augenblick ein, der immer ist und immer ein anderer, den historischen Grenzwert statt der historischen Grenze.
    Das aber ist das Geniale an seiner Historik, an seiner Empirie selber, die ihm nur Beleg, nur Hilfe sein darf. Und das steht in grellem Gegensatz zu der in einzelne zersägte Knochen präparierten Geschichte, wie sie unsere Jugend lernt — aus dem künstlerischen Rahmen des Werkes heraus ist es ein Memento an die wissenschaftliche Erziehung des einzelnen.
    Unsere Kultur ist gewiss die Resultierende verschieden gerichteter Komponenten. Welche davon Chamberlain als die stärksten ansieht, als diejenigen, die Siegen sollen und müssen, ward gesagt. Dass er die Komponenten des Kamp-

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fes nicht liebt, dass ihre Beurteilung darum eine harte, im allgemeinen Sinn nicht gerechte ist, darf keinen Meinungsstreit gegen dieses Kunstwerk wachrufen. Ihm gilt über alles der Sieg der Idee; assimiliert sich ihr, was ihr entgegenstand, so erfährt die Kultur notwendige Modifikationen, und die Idee mag siegen.
    In den einzelnen Kapiteln des Werkes ist das Erbe der alten Welt, der Kampf der Ideen und die Entstehung einer neuen Welt geschildert, immer in hoher künstlerischer Einheit und darum meisterhaft. Die persönliche Anschauung des Lesers wird immer erst nachher in ihre Rechte treten. Nur in den letzten Kapiteln, seinem „Notbrückenbau“ zu unserm Jahrhundert, ist (speziell im Abschnitt „Kunst“) manches, zum Beispiel die Betonung der Einheit von Dichtkunst und Tonkunst, zu ästhetisierend, objektiv sein wollend, um nicht doch schon im Lesen den Meinungsstreit zu erwecken, wenn man auch den Standpunkt des Wagner-Biographen Chamberlain gewiss verstehen wird.
    Wie ein energisches Marcato als Leitmotiv, ein Kampfruf gegen die Evolutionäre, durchzieht das Werk die Behauptung: Unsere Kultur ist kein Fortschritt aus früheren Etappen der Menschengeschichte, nicht fortentwickelt aus der griechischen, römischen u. s. w., sie ist eine Individualität wie jede der früheren, von bestimmter Entwickelungsfähigkeit und beschränkter Lebensdauer; wie sie ist, war jede entschwundene Kultur einst individuell für sich.
    Und mit dem Kampfruf in wechselndem Verhältnis und Spiel durchzieht ein herrliches Gesangsthema das Werk: von der Religion der inneren Umwandlung. „Siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch.“ Es ist die Religion Christi, nicht der Kirche, so schaut es der Verfasser an. Und die Germanen waren ihm das Volk, befähigt dazu, die Worte Christi zu vernehmen. Die Religion der Inder mit ihrer unerschöpflichen Phantasie ohne Gestaltungskraft

100 Grundlagen - Besprechung von Dr. Otto Pötzl, Wien, 1902

war Weltanschauung zugleich, brahmanische Weisheit, ihr Ende Negation, Buddhismus. Phönizischer Götzendienst oder chronistische Religion mit äusserer pragmatischer Tendenz ist dem Germanen fremd, aber auch die Verneinung; seine Religion ist die innere Umwandlung, nicht die Vernichtung. Und real ist diese rein innerliche Religion durch die Erscheinung Christi.
    So ist das Kapitel „Die Erscheinung Christi“ das schönste Christusgemälde, wie es kein Maler, kein Bildhauer je hervorbringen kann. Als ein solches, als ein Kunstwerk ist es aufzufassen, und Theologe wie Andersgläubiger werden es verstehen und bewundern.
    Es schweigt in diesem Satz der Kampf der Instrumente, und allein herrscht das herrliche Gesangsthema.
    Die Fülle von Gedankenmaterial, von Konkretem, die das Werk enthält, anzudeuten, ist nicht möglich. Könnte man es also zergliedern, so würde man bei der Sektion der Stücke seine Fehler abhandeln können. Seinen Ideen muss man Gerechtigkeit widerfahren lassen.
    Es ist ein imposantes Gemälde einer Anschauung der Menschengeschichte. Fast gleicht der Verfasser dem Prinzen im Garten des Paradieses. Er schaut durch die Fenster des Feenschlosses lebendig, was da war und ist als Gemälde. Alles lebt und bewegt sich in ihnen; die Zeit hat auf jede Scheibe ihr bild eingebrannt; die Menschen kamen und gingen wie in einem Spiegelbilde. So künstliche Bilder konnte nur die Zeit einbrennen. Der aber steht im Schloss der Fee und durch die Scheiben blickt, ist würdig, diese Bilder sehen zu dürfen mit seinen Augen, auf seine Weise; wäre er dessen nicht würdig, so vermöchte er es nicht. Und man könnte ihn einen politischen Nietzsche nennen; denn er ist kein Politiker, wie Nietzsche kein Philosoph war. Beide sind moderne Dichter, sind Essayisten.

Dr. Otto Pötzl, Wien.

(Neues Wiener Tagblatt 1902, Nr. vom 10. Januar.)

101 Grundlagen - Besprechung von Dr. E. Vowinckel, Berlin

15.

    ....Jedes bedeutende Buch hat seine Wahrheiten. Es gilt, diese zunächst wirklich zu erkennen; dann erst mag man zusehen, ob etwas von der Wahrheit darin ist. Soll ich ein Wort über Chamberlain's Buch sagen, so kann ich nur einige Züge daraus kurz zeichnen, die abseits liegen von der ins Auge fallenden, etwas groben Einfassung, von Rassentheorien, von kirchen- und staatspolitischen Massenurteilen, von dogmatischen Gewaltstreichen. Auch in alledem mag viel Wahres liegen, doch müssen erst die Tageszeitungen davon schweigen, ehe man es wirklich würdigen und sichten kann. Der Verfasser ist nur deswegen gross, weil er wieder einmal einige Striche an dem Bilde der Menschenpersönlichkeit getan hat, wie sie so keiner vor ihm gezeichnet hat. Es ist nicht so, als ob Chamberlain eine Lösung der Probleme des Menschen gegeben hätte, oder gar eine Erlösung. Er zeichnet das historisch gewordene Bild der Menschenseele, führt es in grellen, leuchtenden, kontrastierenden Farben aus, umgibt es mit einem starken Rahmen, als ob er es verhindern wollte, über die ihm gegebenen Grenzen hinauszuwachsen. Das Seelenbild Chamberlain's schaut uns mit seinen grossen, fragenden Augen wie ein sehnsuchtsvolles Rätsel an, das gelöst werden möchte und doch bange ist, es möchte dabei selbst vergehen. Dass diese Charakteristik es den Gedanken unseres Autors zugrunde liegenden Seelenbildes nicht übertrieben ist, mag die folgende kurze Darstellung beweisen.
    Um die Seele des modernen Menschen kämpfen drei verschieden geartete Mächte: die Geschichte, die Natur und das eigene innere freie Bewusstsein. Diese Mächte sind jedoch keine fertig und klar umrissenen Grössen, deren jede nach ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit bekannt

102 Grundlagen - Besprechung von Dr. E. Vowinckel, Berlin, 1902

wäre, für deren eine die Seele sich entscheiden könnte, um nun in klaren, friedlichen Verhältnissen zu den beiden anderen zu stehen. Auf dem eigenen Grund und Boden der Menschenseele besitzt die Geschichte feste Plätze, an deren Aufgabe sie nicht denkt, die, wie eben so viele, Verräter im eigenen Lager sind. Und das innere freie Bewusstsein fühlt bei jeder Lebensäusserung sich an die verborgenen und sichtbaren Wurzeln gebunden, mit denen seine Neigung, sich auszudrücken und auszuwirken, wiederum an die Erdnatur gefesselt ist. Erst recht die Natur zeigt sich von der Auffassung des Menschen ebenso abhängig, wie sie andererseits in gewaltiger Souveränetät über dem menschlichen Einzelleben steht. Die stolzen, in ihrer Mannigfaltigkeit unübersehbaren Tätigkeitsweisen des Menschengeschlechts, die wir unter den Namen Staatsleben, Wissenschaft, Kunst, Religion zusammenfassen, zeigen auf jedem Punkt die verhängnisvolle Verstricktheit der Menschenseele — denn diese ist im letzten Grunde doch das Subjekt jener Tätigkeitsweisen — in die unendlich komplizierten, verwebten und verschlungenen Netze der drei Mächte Geschichte, Natur und Innerlichkeit. Das Ringen dieser Dämonen schildert Chamberlain unter dem Einfluss eines bestimmten Idealbildes von der menschlichen Seele, das ihm vor Augen steht, nach dessen erhabenem Urteil er Grösse und Kleinheit, Lob und Tadel zuspricht oder versagt. Die Herrschaft in der Persönlichkeit, wie sie sein soll, führt das freie Ich, welches Ewigkeitsgehalt und wunderbare Tiefe in sich trägt. Es führt die Herrschaft in solchem Masse, dass die anderen Mächte geradezu von ihm Daseinsgestalt und Gedankenform erst erhalten. Die Geschichte hat in ihrer brutalen Tatsächlichkeit kein autoritatives Recht; sie hat Irrtümer auf Irrtümer gehäuft. Dann ist ihr Gebot am verderblichsten, wenn sie freie, edelgeborene Seelen knechten will mit den Gedanken, Gütern und Institutionen einer kleingeistigen Vergangenheit. Sie ist nur gross dort, wo die genialen Menschen in ihr

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geherrscht haben — und wo sie von solchen aufgehoben worden ist und wird. Die Geschichte wird furchtbar, wenn sie das Feuer der Ewigkeitsgeister auf ihren irdischen Herd bringt und den prometheischen Funken Sklavendienste für vergehende Herren verrichten lässt. Immer wieder muss die Geschichte verneint werden, damit Leben möglich ist, damit die freie Innerlichkeit bejaht werden kann. — Und die Natur? Nun, sie ist ein Mechanismus, der nach unabänderlichen Gesetzen abrollt. Aber die Intuitionskraft der Seele gehört dazu, um ihm seine geheimen Gesetze abzulocken. Da liegt ein wunderbares Verhältnis von Geben und Nehmen vor: einmal fliegt die ahnende Anschauung des Menschen über ein Reich der Natur dahin und bringt Licht in die dumpfen Massen; dann aber, sobald sie dies getan hat und dies forschende Denken den einzelnen Erscheinungen nachgeht, verschwindet der funkelnde freie Geist; es bleibt wiederum Mechanismus, der ebenso menschenfern wie menschenfeindlich zu sein scheint. So stehen wir zur Natur: Wir geben ihr unser Bestes; sie nimmt es hin wie einen Raub und bleibt, was sie war, seelenlos. — Nach alledem soll die freie Innerlichkeit wohl über Natur und Geschichte herrschen, aber ihr Königtum ist ihr niemals sicher. Wir mussten ja schon das Idealbild sozusagen vom Gegensatz abziehen. Tatsächlich hat unaufhörlich Spannung, tötliche und lebenbringende Spannung zwischen der Innerlichkeit und der Welt geherrscht. Von der antiken Welt bis zur Gegenwart hat die Innerlichkeit um die Krone mit der Äusserlichkeit gerungen, um die Krone, mit der sie die Menschheit schmücken wollte. Die Geschichte dieses Ringens, das ist die Beschreibung der Grundlagen des 19. Jahrhunderts. Es liegt in dem Charakter dieser „Geschichte“, dass die geschichtslosen Momente in ihr die Position und die eigentlich geschichtlichen die Negation bilden. Daher offenbart sich in den Abschnitten unseres Werkes über Religion und Kunst die gewaltige Kraft der schaffenden

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freien Innerlichkeit, während in den Seiten, die von Politik, Moral, Kirche etc. handeln, weit mehr die zu überwindenden, niederziehenden Mächte der Welt auftreten.
    Dies sind, soweit ich es verstanden habe, die Fäden, an die sich Chamberlain's Gedanken anreihen. Es ist gänzlich überflüssig, über Schönheit und Kraft dieser Gedanken noch ein Wort zu verlieren. Und wer würde es unternehmen, sie mit irgend einem Parteischema aus dem Felde schlagen zu wollen? Wer das meint fertig bringen zu können, der ahnt gar nicht die Riesengrösse der Probleme, die uns am Anfang des 20. Jahrhunderts Stehenden auferlegt sind. Es ist eine grosse und ernste Frage: Wie wird die christliche Kirche sich zu den Gedanken dieses „Christen“ stellen? Wird sie Kraft genug haben, sie zu assimilieren, oder wird sie dieselben abweisen, um zu bleiben, was sie ist? Ich wage nicht, hier irgend eine Antwort zu geben. Nur das ist gewiss: Wer mit einigen Schlagworten die ganze Frage nach Innerlichkeit oder Tradition abtun zu können meint, der versteht sie überhaupt nicht. Es ist eine Lebensfrage für jeden Aufrichtigen.
Dr. E. Vowinckel, Berlin.
(Deutsche Evangelische Kirchenzeitung 1902, Nr. v. 4. Januar.)

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16.

    Die dritte, sehr starke Auflage des von uns früher schon ausführlich besprochenen Werkes war innerhalb Jahresfrist vergriffen und soeben gelangt die vierte Auflage in den Buchhandel. Eine wesentliche Bereicherung hat dieselbe in Gestalt eines neuen Vorwortes im Umfange von 76 Seiten erhalten, das uns als Sonderdruck mit dem

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Titel: Dilettantismus, Rasse, Monotheismus, Rom vorliegt. ¹) Manche Auffassungen Chamberlains bewegen sich auf so ungewohntem Geleise, dass es notwendig erschien, gewisse Missverständnisse zu beseitigen, die durch widerspruchsvolle Kritiken zum Teil absichtlich genährt, entstanden waren und die reine Wirkung des Buches zu beeinträchtigen drohten. Zunächst entwickelte Chamberlain hier, im Anschluss an Goethe und Schopenhauer, dass ein wohlverstandener Dilettantismus ein Kulturbedürfnis unserer Zeit ist; der echte Dilettant soll nach ihm „ein geschulter Nichtfachgelehrter“ sein, der mit Bewusstsein seiner verantwortlichen Stellung zwischen Wissenschaft und Leben vermittelt, wie es bei der notwendigerweise immer mehr zunehmenden Spezialisierung des Fachgelehrtentums nötig ist. Sodann geht der Verfasser zu der viel umstrittenen Rassenfrage über. Den rein empirischen Standpunkt verfechtend, bekämpft er sowohl die Dogmatiker als auch die Skeptiker und verlangt, dass wir von dem Bekannten und Gegenwärtigen ausgehen, um in dessen Licht das Vergangene begreifen und das Zukünftige gestalten zu lernen. Chamberlain schliesst sich in der Rassenfrage eng an Darwin an und bekämpft energisch die beliebte Verwechslung seiner durchaus praktischen und konstruktiven Ideen mit den dogmatischen und pessimistischen Lehren Gobineaus. Ein besonderes Interesse gewinnt die nun folgende Auseinandersetzung über den Einfluss des Semitismus auf die Religion dadurch, dass der Verfasser die heikle Frage nicht rein theoretisch behandelt, sondern an einem unmittelbar aus der Gegenwart gegriffenen praktischen Beispiel zeigt, wie unter dem Anschein freier, wissenschaftlicher Forschung auch heute noch das priesterliche Ideal eines starren historischen Kirchenglaubens am Werke ist. Das herangezogene Beispiel ist die 1902 er-
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    ¹) Dieses Vorwort ist in die neuen Auflagen der »Grundlagen« nicht mit aufgenommen, ebensowenig wie das zur dritten Auflage; beide sind aber auch jetzt noch als Sonderdrucke à 1 M. zu haben.

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Grundlagen - Besprechung der „Magdeburgischen Zeitung“, 1902


schienene Broschüre „Babel und Bibel“, von Professor Friedrich Delitzsch. Chamberlain, unterstützt durch mehrere Fachgelehrte, übt Kritik an dieser Arbeit, eine Kritik, die sich aber nicht gegen die Person des verdienten Theologen und Assyriologen richtet, sondern zeigen soll, wie der in unseren christlichen Kirchen grossgezogene Aberglaube an eine religiöse Überlegenheit der Semiten das Urteil völlig lahmlege. — Die wertvollste Ergänzung aber, welche das neue Vorwort zu den „Grundlagen“ bringt, ist wohl die sich hieran anschliessende Ausführung über die wahre Bedeutung des alten Testamentes. Dem semitischen Monotheismus, der nur die „Einzelhaftigkeit“ Gottes zu lehren weiss, wird der erhabenere indogermanische Monotheismus gegenübergestellt, der die „organische Einheit“ des Göttlichen in der Mannigfaltigkeit erkennt. Die Tatsache, dass der Verfasser in der Lage ist, sich auf die neuesten Veröffentlichungen gewisser katholischen Geistlichen zu berufen (die, ohne ihn zu zitieren, wörtlich den „Grundlagen“ die Gedanken dafür entnehmen), zeigt, wie sehr diese neue und umwälzende Erkenntnis durch die Fortschritte der Kultur gefordert wird. Doch in solche Fragen vermag nicht jeder sich zu vertiefen, und so wird wohl der kurze, letzte Abschnitt des Vorworts von allen das lebhafteste Interesse erregen. Hier untersucht Chamberlain die Frage, ob man berechtigt sei, zwischen „Römisch“ und „Katholisch“ zu unterscheiden. Dass er es in seinem Buche tut und Rom als politische, antinationale und antigermanische Macht, als hierarchische Organisation zur Knebelung der Freiheit und Bedrängung der Kultur aufs entschiedenste bekämpft, ohne aber jemals die katholische Religion als solche anzugreifen, ja, indem er seine Sympathie für sie gar nicht verbirgt und somit keiner protestantischen Engherzigkeit verdächtigt werden kann — das war ihm von einer Reihe von Kritikern sehr verübelt worden. Diese erhalten jetzt eine Antwort, wie sie sie wohl nicht erwartet hätten. Der Verfasser greift mitten in die

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schmerzensreichsten Fragen des heutigen Tages, und die Art, wie er die drohende Gefahr jener „absolute Politik“ treibenden Hierarchie schildert und zugleich Katholiken und Protestanten zum brüderlichen Einverständnis im Interesse der Religion auffordert, ist ergreifend. Diese wenigen Seiten, in denen jeder Satz wie ein Hammerschlag ist, der den Nagel auf den Kopf trifft, werden voraussichtlich eine tiefe Wirkung ausüben und bei vielen Überzeugung wachrufen.

(Magdeburgische Zeitung 1902, Nr. 604.)

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