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ÜBER CHAMBERLAINS GRUNDLAGEN UND IMMANUEL KANT 2 (Leere Seite) 3 HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN DIE
GRUNDLAGEN UND IMMANUEL KANT —
DRITTE VERMEHRTE AUFLAGE
Lies nicht um zu widersprechen oder zu glauben, sondern um zu prüfen und zu erwägen MACAULAY F. BRUCKMANN A.-G. (Leere Seite) 5 VORBEMERKUNG Das grosse Interesse, welches unserer Zusammenstellung der kritischen Urteile über Chamberlains Grundlagen seit ihrem ersten Erscheinen im Jahre 1901 andauernd entgegengebracht wird, hat den Beweis geliefert, dass wir mit dieser Sammlung zerstreuter und schwer zugänglicher Kritiken einem Bedürfnis entgegenkamen. Zwei starke Auflagen der kleinen Schrift sind vergriffen und die fortgesetzte lebhafte Nachfrage veranlasst uns, hiermit die dritte vorzulegen. Inzwischen ist nun ein neues grosses Werk Chamberlains, das Buch über Immanuel Kant erschienen, das mit den Grundlagen in engstem Zusammenhang steht, indem es viele dort nur flüchtig berührte Gedanken weiter ausführt und eine unentbehrliche Vorarbeit für das künftig zu erscheinende „XIX. Jahrhundert“ bildet. Den durch die Grundlagen entfesselten Kampf der Geister hat das Kantbuch aufs Neue entfacht und es ist von grossem Interesse, zu beobachten, wie dieses bedeutende Werk sich im Urteil der Zeitgenossen spiegelt. Deshalb glauben wir die neue Auflage dieser „Kritischen Urteile“ wirklich zu bereichern, wenn wir aus den zahlreichen Besprechungen des Kantbuches einige hinzufügen, die uns durch Inhalt oder Form besonders bemerkenswert erschienen sind. Leider kann in Rücksicht auf den Raum die Auswahl nur eine kleine sein; viele vortreffliche Kritiken müssen ganz fortbleiben, andere können nur auszugsweise abgedruckt werden. Zahlreiche Anfragen von Lesern der „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“, die etwas Näheres über die Persönlichkeit des Verfassers zu erfahren wünschten, gaben uns 6 Vorbemerkung Veranlassung, an dieser Stelle einige kurze biographische Daten mitzuteilen, die wir Chamberlain's eigenen Angaben verdanken. Houston Stewart Chamberlain wurde am 9. September 1855 in Portsmouth als Sohn des Kapitäns, späteren Admirals Chamberlain geboren. Er verbrachte die ersten Lebensjahre in Versailles bei seiner Grossmutter, der Witwe des englischen Diplomaten, Sir Henry Chamberlain, Baronet, und besuchte dort das Lycée Impérial. Später Schüler von Cheltenham College, verliess er England im Jahre 1870 und entsagte der beabsichtigten militärischen Laufbahn wegen andauernder Erkrankung. Durch den Umgang mit dem jetzigen Gymnasial-Oberlehrer Professor Otto Kuntze aus Stralsund, in dessen Begleitung er in den folgenden Jahren die Schweiz und die Riviera bereiste, kam er zuerst mit deutscher Sprache und deutschem Denken in nähere Berührung. In der Absicht, entweder als Pflanzenphysiolog oder als Philosoph die akademische Laufbahn zu betreten, immatrikulierte sich Chamberlain im Frühjahr 1879 als Student in der Faculté des sciences naturelles der Universität Genf und widmete sich dort ganz den schon seit Jahren privatim betriebenen naturwissenschaftlichen Studien. 1881 erntete er den Grad eines „Bachelier-ès-sciences physiques et naturelles“ und machte sich sodann an eine grössere Arbeit über den aufsteigenden Saft der Pflanzen, wurde jedoch im Herbst 1884 von einem schweren Nervenleiden befallen. Die betreffende Dissertation erschien erst im Herbst 1897 unter dem Titel „Recherches sur la sève ascendante“; die Universität Genf nahm die Widmung an, doch bewarb sich Chamberlain nicht mehr um das Doktorat, da ihm die Arbeit an den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ nicht mehr die Musse dazu liess. 1885 war Chamberlain nach Dresden gezogen und pflegte daselbst in der ihm durch sein Leiden aufgezwungenen Musse kunsthistorische, musikalische und philosophische 7 Vorbemerkung Studien, beschäftigte sich auch eingehend mit Richard Wagner. 1885 wurde sein erster Aufsatz „Notes sur Lohengrin“ in der Revue Wagnérienne gedruckt; andere folgten und wurden beachtet. 1888 erschien sein erster Aufsatz in deutscher Sprache „Die Sprache in Tristan und Isolde und ihr Verhältnis zur Musik“ in Lessmann's Allg. Musik-Zeitung vom 20. Juli und 3. August. Inzwischen hatten naturwissenschaftliche Studien ihn wieder viel beschäftigt und er siedelte 1899 nach Wien über, um unter Julius Wiesner seinen physiologischen Arbeiten wieder obzuliegen. Als sich jedoch wiederum Symptome des früheren Leidens einstellten, griff er — nach einigen grösseren Reisen im Osten von Europa — zur Feder und wurde Schriftsteller. Ein Verzeichnis seiner bis jetzt in Buchform erschienenen Werke befindet sich am Schlusse dieses Heftes, ausserdem sind zahlreiche Aufsätze von ihm in Zeitschriften und Tagesblättern erschienen. München, Januar 1909. F. BRUCKMANN A.-G. 8 (Leere Seite) 9 I. GRUNDLAGEN DES XIX. JAHRHUNDERTS
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Inhaltsübersicht
II.
DIE GRUNDLAGEN DES NEUNZEHNTEN JAHRHUNDERTS. (Leere Seite) 13 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 14 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 sondern auch um dabei sich als eine künstlerisch schaffende Persönlichkeit vollständig frei zu entfalten. Man hat dabei, dies sei sogleich vorausgeschickt, nicht zu fürchten, dass Chamberlain die Warnung des Mephistopheles: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft“ in den Wind schlage. Er findet sich mit der Wissenschaft und ihren Ergebnissen auf jeder Seite seines Buches in sehr energischer und eindringender Weise ab. Aber er sucht das Antipersönliche jeder rein wissenschaftlichen Darstellung zu vermeiden und zu überwinden; er will in ganz eminentem Sinne von inneren Vorgängen reden, die bei dem Aufbau unsrer Kultur massgebend gewesen sind, von Vorgängen, die sich mit wissenschaftlicher Exaktheit und Objektivität nicht fassen und bestimmen lassen, die aber gleichwohl in uns noch so lebendig nach- und fortwirken, dass sie unserm Denken und Empfinden ihr charakteristisches Gepräge geben. Nur durch das volle Einsetzen der eigenen Persönlichkeit mit ihrem instinktiven Empfinden neben einem klaren und kritisch geschulten Denken vermag aber ein Schriftsteller den Sprung zu tun von den Ponderabilien zu den Imponderabilien, die unsere Kultur bestimmt haben und noch bestimmen. Und das Wertvolle an Chamberlain's Buch ist es eben, dass der Autor nicht gescheut hat, diesen Sprung zu tun, dass er sich selbst, ganz so wie er ist, in seine Darstellung mit hinein verarbeitet, dass er als das personifizierte Produkt aus den verschiedenen Kulturmomenten selbst vor uns steht: in seinem Lieben wie in seinem Hassen gleich lebendig und frisch, in seinem künstlerischen Selbstgefühl trotzig und keck, in seinem überschäumenden Gedankenreichtum beredt und feurig, in dem Empfinden der eigenen Stammeszugehörigkeit überzeugend und stark. Eine kraftvoll empfindende und dabei im Denken geschulte Persönlichkeit ist ohne eine fest ausgeprägte Weltanschauung nicht möglich. Man hat das, wie mir scheint, 15 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 bei den ersten Erörterungen über Chamberlain's Buch soweit sie mir zu Gesicht gekommen sind, nicht genug gewürdigt. Das Persönliche trat ja jedem Leser dieses Buches von Anfang an mit starker Eindringlichkeit entgegen; es fesselte schon auf den ersten Seiten, es überraschte, reizte und regte in demselben Grade schon in den ersten Kapiteln ebenso zum enthusiastischen Beifall wie zum schärfsten Widerspruche an. Aber es hinterliess zunächst auch vielfach den Eindruck des Uneinheitlichen und Sprunghaften. Und das mit gutem Grunde. Die Ausgabe des Werkes in drei Lieferungen, die sich in ziemlich grossen Zwischenräumen folgten, hatte zur Folge, dass die zusammenfassenden Ausführungen des Autors, die in der dritten Lieferung enthalten sind, den eiligen, durch den persönlichen Zauber der Darstellung zu raschem Durchfliegen und auch zu raschem Aussprechen ihres Urteils angereizten Lesern zunächst vorenthalten blieb. Die Krönung des Gebäudes, das in den ersten beiden Lieferungen nur in starken und mächtig aufgeführten Strebepfeilern und Stützmauern zum Himmel ragte, fehlte noch. Sie findet sich aber in jenen zusammenfassenden Ausführungen der dritten Lieferung, die, nach meiner Empfindung, erst den vollen Blick in des Verfassers Weltanschauung tun lassen und dadurch das Uneinheitliche, das in den ersten Kapiteln als Wesensäusserung einer feurigen, aber zwischen Gegensätzen hin- und hergeworfenen Persönlichkeit scheinbar sich aufdrängte, zur inneren Versöhnung bringen. Von der „Entstehung einer neuen Welt“ handeln diese Ausführungen, nachdem ihnen, als der erste Teil des Werkes, die Entwickelung der „Ursprünge“ („Das Erbe der alten Welt“, „Die Erben“, „Der Kampf“) vorangegangen war. Besonders ein Abschnitt in diesem zweiten, schlussfolgernden Teile ist es, welcher einen tiefen Einblick in das gewährt, was eigentlich den Verfasser im Innern bewegt und beseelt und was ihn zu den Ausführungen im einzelnen in den vorhergehenden Partien des 16 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 Werkes veranlasste. Es ist der sechste Abschnitt des neunten Kapitels, der von der „Weltanschauung und Religion“ (von Franz von Assisi bis zu Immanuel Kant) handelt und in tiefgehenden Erörterungen den Weg der Wahrhaftigkeit und den der Unwahrhaftigkeit durchwandelt, den jedes ringende Gemüt und jedes zur echten Kultur emporstrebende Volk zu beschreiten genötigt ist. Was der Verfasser hier entwickelt, scheint mir auf den in den früheren Kapiteln zuweilen nicht ganz scharf hervortretenden Kern seiner Weltanschauung klar hinzuweisen. Und von diesem Abschnitt wollen wir deshalb ausgehen bei dem Versuche, uns das Wesen und die grosse wirkende Kraft dieses monumentalen literarischen Werkes klar zu machen. Bei der Erörterung über das, was unter dem Begriff „Weltanschauung“ zu verstehen sei, knüpft Chamberlain an das Wort Schopenhauer's an: „Wirklich liegt alle Wahrheit und alle Weisheit zuletzt in der Anschauung.“ „Und weil dem so ist,“ so fährt unser Autor fort, „kommt es für den relativen Wert einer Weltanschauung mehr auf die Sehkraft als auf die abstrakte Denkkraft an, mehr auf die Richtigkeit der Perspektive, auf die Lebhaftigkeit des Bildes, auf die künstlerischen Eigenschaften desselben (wenn ich mich so ausdrücken darf), als auf die Menge des Geschauten.“ Nicht eine das All umfassende Philosophie, nicht die absolute „Weisheit“ (wie das griechische Rezept es will), auch nicht irgend ein noch so diminutives absolutes Wissen bilden die Grundlage für die innere Stellungnahme der Flucht der Erscheinungen gegenüber, sondern das „Schauen“ unsres menschlichen Mikrokosmos — denn „Welt“ bedeutet ja ursprünglich Menschheit und ein von ihrem Wirken erfülltes Zeitalter — ist hiefür das erste Erfordernis. Aber nicht ein Schauen im Sinne eines bloss passiven Aufnehmens von Eindrücken, sondern ein Verarbeiten — ein „Dichten“, wie es der Sanskritwurzel des Wortes entsprechen würde — auf Grund der aktivsten Be- 17 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 tätigung der Persönlichkeit. Das Chaos, das niemals ein Zustand der kosmischen Natur war, wie die hellenischen Dichterphilosophen meinten, sondern das nur im Menschenkopf, nirgends anders, zu Hause ist, wird eben durch die „Anschauung“ zu „schöner“, d. h. zu deutlich sichtbarer, hell beleuchteter Gestalt geformt, „und diese schöpferische Gestaltung ist das, was wir als Weltanschauung zu bezeichnen haben.“ Mit diesem Begriff von der Weltanschauung als einer Gestaltungsfähigkeit hängt aber für Chamberlain innig und unmittelbar nicht nur der Begriff vom Schönen und von der Kunst, sondern auch der der Religion zusammen, ohne dass jedoch etwa der Verfasser hiermit die Identität von Weltanschauung und Religion verfechten wollte. Das Religiöse der Menschennatur drückt sich vor allem in dem dunklen Drang aus, im eigenen Herzen zu forschen. Ein solcher zur „Religion“ veranlagter Mensch „ist lustig, lebenstoll, ehrgeizig, leichtsinnig, er trinkt, er spielt, er jagt und er raubt; plötzlich aber besinnt er sich: das grosse Rätsel des Daseins nimmt ihn ganz gefangen, nicht jedoch als ein rein rationalistisches Problem — woher ist diese Welt? woher stamme ich? —‚ worauf eine rein vernünftige (und darum unzureichende) Antwort zu geben wäre, sondern als ein unmittelbares, zwingendes Lebensbedürfnis. Nicht verstehen, sondern sein: das ist, wohin es ihn drängt. Nicht die Vergangenheit mit ihrer Litanei von Ursache und Wirkung, sondern die Gegenwart, die ewig währende Gegenwart fesselt sein staunendes Sinnen. Und nur das fühlt er, wenn er zu allem, was ihn umgiebt, Brücken hinübergeschlagen hat, wenn er sich, das Einzige, was er unmittelbar weiss, in jedem Phänomen wieder erkennt, jedes Phänomen in sich wieder findet, nur wenn er, sozusagen, sich und die Welt in Einklang gesetzt hat, dann darf er hoffen, das Weben des ewigen Werkes mit eigenem Ohr zu belauschen, die geheimnisvolle Musik des Daseins im eigenen Herzen zu vernehmen..... Anbetend sinkt er 18 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 auf die Kniee, wähnt nicht, dass er weise sei, glaubt nicht den Ursprung und den Endzweck der Welt zu kennen, ahnt aber eine höhere Bestimmung, entdeckt in sich den Keim zu unermesslichen Geschicken, ‚den Samen der Unsterblichkeit'. Dies ist jedoch keine blosse Träumerei, sondern eine lebendige Überzeugung, ein Glaube, und wie alles Lebende, erzeugt es wieder Leben.... Dieser Blick in die unerforschlichen Tiefen des eigenen Innern, diese Sehnsucht nach oben: das ist Religion. Religion hat zunächst weder mit Aberglauben noch mit Moral etwas zu tun; sie ist ein Zustand des Gemüts. Und weil der religiöse Mensch in unmittelbarem Kontakt mit einer Welt jenseits der Vernunft steht, so ist er Dichter und Denker: er tritt bewusst schöpferisch auf; ohne Ende arbeitet er an dem edlen Sisyphuswerk, das Unsichtbare sichtbar, das Undenkbare denkbar zu gestalten; nie finden wir bei ihm eine abgeschlossene chronologische Kosmogonie und Theogonie, dazu erbte er eine zu lebendige Empfindung des Unendlichen; seine Vorstellungen bleiben im Fluss, erstarren niemals; alte werden durch neue ersetzt, Götter, in einem Jahrhundert hochgeehrt, sind im anderen kaum dem Namen nach gekannt. Und doch bleiben die grossen Erkenntnisse fest erworben und gehen nie mehr verloren, obenan unter allen die grundlegende, welche Jahrtausende vor Christus der Rigveda folgendermassen auszusprechen suchte: ‚Die Wurzelung des Seienden fanden die Weisen im Herzen' — eine Überzeugung, welche in unserm Jahrhundert durch Goethe's Mund fast identischen Ausdruck fand:
Wir sehen, dass sich Weltanschauung und Religion — in diesem Sinn aufgefasst — einerseits befördern, andrerseits sich gegenseitig ersetzen oder ergänzen. Das in aktiver Gestaltungskraft dort sich kundgebende „Schauen“ 19 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 wird hier zum Leben, das im Glauben wurzelt. Eine wirklich im Erkennen tätige, mit der Natur innig verwachsene und aus ihr stets lebenspendende Kraft schöpfende Erscheinung, die vor dem Rätsel des eigenen Innern staunend steht, weil sie hier den Hauch der Unsterblichkeit verspürt — das ist der Homo europaeus in dem von Chamberlain gewollten idealen Sinn. Die Vereinigung von wissenschaftlichem, freiem, lebendigem Denken, das zugleich eine künstlerisch schöpferische Gestaltungsfähigkeit in sich schliesst, also von einer Weltanschauung, die tätig wirkt, und von der lebendigen Empfindung eines grossen Weltgeheimnisses, von der Ahnung eines unwahrnehmbaren Kosmos neben dem wahrnehmbaren, eines Übernatürlichen im Natürlichen, also von einer das ganze Wesen durchdringenden, ihm eingeborenen, nicht aufgeimpften Religiosität — diese Vereinigung allein kann, nach Chamberlain, eine lebensfähige Kultur schaffen, sie allein kann die Hoffnung auf eine Fortentwickelung der Menschheit zu höheren Zielen begründen und zugleich uns den Masstab zur Betrachtung unseres gegenwärtigen Kulturstandes wie zur Abwägung der ihm zugrunde liegenden historischen Elemente liefern. „Wenn ich einerseits die Volksindividualitäten sinnend betrachte,“ so sagt Chamberlain im Eingang seines sechsten Abschnitts, „andrerseits hervorragende Männer an meinem Auge vorbeiziehen lasse, so entdecke ich eine ganze Reihe von Beziehungen zwischen Weltanschauung und Religion, welche sie mir als innig organisch verbunden zeigen: wo die eine fehlt, fehlt die andere, wo die eine kräftig blüht, blüht die andere; ein tiefreligiöser Mann ist ein wahrer Philosoph (im lebendigen, volksmässigen Sinn des Wortes), und die auserlesenen Geister, die sich zu umfassenden, lichthellen Weltanschauungen erheben — ein Bacon, ein Leonardo, ein Bruno, ein Kant, ein Goethe — sind freilich selten kirchlich fromm, doch immer auffallend ‚religiöse' Naturen.“ Wir glauben mit diesen, zum Teil durch des Verfassers 20 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 eigene Worte erläuterten Auseinandersetzungen den Standpunkt gewonnen zu haben, von dem aus er die Welt, d. h. zunächst unser Jahrhundert und seine Grundlagen, nicht nur zu verstehen, sondern auch hinsichtlich ihrer bis jetzt gang und gäbe gewesenen Beurteilung aus den Angeln zu heben versucht. Leider müssen wir es uns versagen, ihm auch in die Einzelausführungen zu folgen, durch die er die Beziehungen zwischen Weltanschauung und Religion für die geistesgeschichtliche Entwickelung von Franz von Assisi bis zu Immanuel Kant beispielsmässig dartut, so anziehend und grossartig, tiefeindringend und ergreifend uns auch gerade dieser Abschnitt seines Buches (S. 858 bis 946) zu sein scheint. Vielmehr wollen wir gleich mit rascher Wendung von diesem, erst gegen das Ende des Buches präzis zusammengefassten und scharf entwickelten Standpunkt aus zu den aufbauenden Partien des Werkes zurückkehren, die uns nun unter einer scharfen einheitlichen Beleuchtung erscheinen und sich mit ihrer gewaltigen Fülle von Gedanken und Anregungen jeglicher Art in innerer Zweckmässigkeit um jenen Angelpunkt gruppiert und von ihm ausstrahlend darstellen werden. Jenes Bild von dem „religiösen“ Menschen, das Chamberlain mit den weiter oben angeführten Worten entwirft, ist zugleich das Charakterbild des Ariers. (S. 221.) Er stellt es dort als Gegenstück zu den „an religiösem Instinkt von jeher erstaunlich armen“ Angehörigen des semitischen Stammes hin. Damit sind wir sofort bei einem anderen Kernpunkt seines Buches angelangt, nämlich bei der ausserordentlichen, ja grundlegenden Bedeutung des Einflusses der Rasse auf unsre gesamte Kulturentwickelung. Nach seiner lebhaften, fast dithyrambischen Schilderung des von der Empfindung des Unendlichen beseelten Ariers fährt Chamberlain folgendermassen fort (S. 222): „Gerade diese Anlage nun, dieser Gemütszustand, dieser Instinkt, den Kern der Natur im Herzen zu suchen, mangelt den Juden in auffallendem Masse. Sie sind geborene Rationa- 21 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 listen. Die Vernunft ist bei ihnen stark, der Wille enorm entwickelt, dagegen ist ihre Kraft der Phantasie und der Gestaltung eine eigentümlich beschränkte. Ihre spärlichen mythisch-religiösen Vorstellungen, ja sogar ihre Gebote und Gebräuche und ihre Kultusvorschriften entlehnten sie ausnahmslos fremden Völkern, reduzierten alles auf ein Minimum und bewahrten es starr unverändert; das schöpferische Element, das eigentlich innere Leben fehlt hier fast gänzlich.“ Da nun aber unsere gesamte Kultur auf dem von semitischen Elementen so reich durchsetzten Christentum beruht, wird durch diese scharfe Gegenüberstellung des „religiösen“ arischen Menschen und des „an religiösem Instinkt armen“ Semiten sogleich der tiefe Zwiespalt deutlich, an dem, nach Chamberlain, unser Jahrhundert in seinem jetzigen Bild wie in seinen Grundlagen krankt. Nicht nur um die im Christentum gewonnene Form der Religion handelt es sich also, sondern um die sich hierbei äussernde Gestaltungsfähigkeit, einem Grundbedingnis, wie wir gesehen haben, jeder lebendigen Weltanschauung. Ein tiefer Riss ist durch die aus dem semitischen Orient stammende Religionsform in die natürliche Entwickelung der indoeuropäischen Natur getan worden. Und nicht nur durch die semitisch beeinflusste Religionsform allein, sondern durch die tiefwirkenden anderen Kulturelemente, die Chamberlain als das „Erbe der alten Welt“ bezeichnet, durch die auf unser gesamtes Denken, Wissen und Empfinden so tief einwirkende hellenische Kunst und Philosophie, durch das gewaltige, das Völkerchaos durchsetzende Ferment des römischen Rechts, durch die das arische religiöse Empfinden zu einem selbständigen Leben und Fortgestalten anregende Erscheinung Christi in ihrer reinen innerlichen Bedeutung. Die Grundlage aber für die Weltanschauung, die aus allen diesen grossen und gewichtigen Einwirkungen resultiert, bleibt für unseren Autor eben die Rasse, das persönliche, in seinem charakteristischen Wesen unveränderliche Element in 22 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 diesem Gewoge, das Schaffende und Vorwärtsstossende, das eigentlich Lebendige und Bestimmende. Aus dem Ideal der Vereinigung von Weltanschauung und Religion, wie wir es oben klar zu fassen versucht haben, geht nun von selbst hervor, dass es für Chamberlain nur in der Natur der indoeuropäischen oder germanischen Rasse seine Erfüllung finden kann. Und — um dies hier gleich vorwegzunehmen — die Tendenz der ganzen Darstellung zielt darauf hin, das Erwachen des Germanen zu einem selbständigen Kulturausbau, zu einem seiner Natur, seinen Rassebedingungen konformen und kongenialen Gestaltungstriebe auf kulturellem Gebiete als Zukunftshoffnung zu verkünden. Das ihm innerlich Fremde, das den Germanen bisher verwirrt, bedrückt und abgelenkt hat, gilt es zu überwinden, also entweder ganz auszuscheiden oder aber in dem ihm eigenen Sinne aufbrauchend zu verarbeiten. „In dem Mangel einer wahrhaftigen, unsrer eigenen Art entsprossenen und entsprechenden Religion erblicke ich die grösste Gefahr für die Zukunft des Germanen, das ist seine Achillesferse, wer ihn dort trifft, wird ihn fällen“, schreibt Chamberlain. „Die Unzulänglichkeit unserer kirchlichen Religion machte sich zunächst an der Unhaltbarkeit der durch sie implizierten Weltanschauung fühlbar.“... Es gilt „einen inneren Kampf um die Wahrheit zu kämpfen, und Wahrheit heisst immer die Wahrhaftigkeit der durch die besondere Natur des Individuums bedingten Anschauung“. Und nicht nur die innere Wahrhaftigkeit des Individuums, so fahren wir hier weiter in seinem Sinn fort, sondern auch die der Rasse gilt es zu wecken, zu stärken, fortzuentwickeln. Sich selbst treu zu bleiben! Das ruft Chamberlain ebenso dem Germanentum zu, wie es als Norm für jede kraftvolle, nach innerer Wahrhaftigkeit ringende Persönlichkeit vorgezeichnet steht. Allzusehr ist die germanische Rasse von diesem Gebot schon abgewichen, allzuviele verwirrende und ablenkende Einwirkungen haben ihr ursprüngliches, 23 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 lebendiges Wesen schon überdeckt und übertäubt, allzu oft hat sie ihr ureigenstes Wesen verkannt, die in ihrer Natur begründeten Ziele übersehen. Nur ein furchtloses Selbstbesinnen kann hier fruchten und die Bahnen einer neuen grossen Entwickelung eröffnen. Alles, was das Wesen der dem Germanentum eigenen Weltanschauung und religiösen Empfindung ausmacht, muss auf einen Punkt hin zusammengefasst werden, denn hier liegt Schaffenskraft und Schaffensfreude‚ hier erblüht aus der inneren Wahrhaftigkeit ein freiheitliches, unbesorgtes Denken, von diesem Punkt aus allein kann die eherne Form zertrümmert werden, die aus den seiner Natur nicht homogenen, Jahrhunderte alten Kulturelementen zusammengeschweisst ist und seine Glieder zusammendrückt und wund reibt wie ein schlecht passender Panzer. Mit diesem Ausblick wollen wir den ersten, die allgemeinen Züge im grossen hervorhebenden Teil unsrer Betrachtung des Chamberlain'schen Werkes schliessen und nun zu einer Übersicht über seine Darstellung sowohl der Rassenfrage selbst, als auch der Erbschaft, die die germanische Rasse aus den Jahrhunderten übernommen hat, übergehen. Wie es uns hier nur darauf ankam, den Eindruck, den wir durch die Lektüre empfangen und der nicht immer innerlich leicht zu einer kurzen Formel zu verarbeiten war, möglichst zusammenfassend wiederzugeben, so können wir auch im folgenden nur uns wesentlich scheinende Züge rasch skizzieren. Denn überwältigend ist die Fülle der oft einen innerlichen Widerstreit anregenden Ideen, die dieser wunderbare Schriftsteller in seinem Werke aufwirft. Wenn es uns möglich erschien, die Grundanschauungen, auf denen sich Chamberlain's Buch aufbaut, und seine Tendenz in gewisse Formeln zu bannen und ihre innerliche Einheitlichkeit herauszufinden oder wenigstens herauszufühlen, so will uns dies, falls wir das Werk nur als ein Buch, als eine in bestimmten Linien sich haltende, 24 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 fortlaufende Darstellung betrachten, nicht gelingen. Aber wie wir im Eingang sagten: dieses Werk ist eben nicht lediglich ein Buch, es ist der in unendlich vielfachen Formen sich gebende Ausdruck einer mit sich und mit den Erscheinungen um den Preis der inneren Klarheit ringenden Persönlichkeit. Die Weltanschauung und Religion dieser Persönlichkeit tragen so viel nur Empfundenes, über die Grenzen des klaren Bewusstseinsmöglichen Hinausragendes und Hinausstrebendes in sich, dass es fast in jedem Punkte, wo sie sich an den geschichtlichen Tatsachen zu messen und zu bewähren haben, zu einem Kampf widerstreitender Ideen, zu einer Explosion des ganzen Empfindungsinhalts kommt. Und dieser Kampf, den der Schreiber bei seinem Ringen mit dem Stoff zu überstehen hatte, teilt sich dem Leser in all seiner elementaren Heftigkeit mit. Die einzelnen Seiten dieses Buches sind keine wie durch Öl geglätteten Wogen, auf denen das Schifflein unserer Gedanken in sicher berechnetem Kurs dahingleitet; sie stellen sich als eine nie zur Ruhe gelangende Brandung dar, die den Leser von einer Klippe zur anderen wirft. Ein kühnes, trotziges, von ungestüm vordringender Kraft gesättigtes Wesen spricht zu uns aus diesen Blättern, das sich in selbstbewusstem, siegesfreudigem Eifer auf die Fülle der historischen Erscheinungen und der bisher mit der Glorie der Gültigkeit umkleideten wissenschaftlichen Überlieferungen stürzt und hier zu Boden rennt, was ihm augenblicklich im Wege steht, dort mit energischer Bewegung beiseite stösst, was zum Kampf herausfordert; das aber auch an anderen Stellen wieder in inbrünstiger Begeisterung vor einem grossen Gedanken, der ihm entgegentritt, erschauern kann und einer gewaltigen Persönlichkeit, die ihm begegnet, hingebend zu Füssen sinkt. Es ist mit einem Wort so wenig Berechnetes und klug Abgewogenes in diesem Buche. Fast mutet uns das fröhliche Hinausstürmen des Verfassers in das Kampfesgewühl der wissenschaftlichen Meinungen wie der ungestüme Ausbruch einer 25 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 Siegfriedstimmung an; wenigstens hat das Furchtlose seiner Schreibart, das sorglose Unbekümmertsein um etwaige Blössen, die er sich in der Hitze des Streites geben könnte und in der Tat auch vielfach giebt, etwas von dem Charakter einer altgermanischen Kampfesnatur an sich. Auch die glänzende, oft überschäumende Beredsamkeit, mit der Chamberlain seine sich fast überstürzenden Gedanken hinausschleudert, diese Art, sich nicht genug tun zu können in seinem überwallenden Kampfeseifer, zeigen das Feuer an, das in ihm lodert. Er selbst hat das sein „ungelehrtes“ Wesen genannt. Wie vieles er mit diesem leicht missverständlichen Wort sagen wollte, wird uns erst klar, wenn wir seinen Ausführungen atemlos lauschen. Es bedeutet im Grunde nichts geringeres als eine Herausforderung zum Kampf, allen denen entgegengeschleudert, die jeden elementaren Ausbruch einer mit sich und ihren Empfindungen hart ringenden, nach vollem Ausleben dürstenden Persönlichkeit durch „gelehrte“ Bedenken dämpfen wollen. Er will in diesen Kampf hineintreten in der blühenden kraftvollen Nacktheit seines reinen Menschentums, etwa wie seine germanischen Altvordern, die Berserker, sich den schildbewehrten und schuppengepanzerten römischen Legionären entgegenwarfen. Und er begegnet sich in dieser Absicht, vielleicht ganz unbewusst, mit einem tiefgehenden Zuge unsrer Zeit, der ja auch auf das Abstreifen der die volle Entwicklung der Individualität hemmenden Bande eines „falschen und trügerischen Wissens“ hingeht, der, in seinem Wesen an das Erwachen des Persönlichkeitsgefühle in der Zeit der Renaissance erinnernd, auf das Umstürzen alter Idole gerichtet und mit einem trotzig-frohen Selbstbewusstsein gepaart ist. In diesem Sinne ist Chamberlain's Buch eine Kampfesschrift von der ersten bis zur letzten Zeile, eine Kampfesschrift, die zugleich die Signatur unsres Zeitalters trägt. Wir leben ja in einer Epoche des mangelnden Respekts vor jeder althergebrachten Auto- 26 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 rität: auf allen Gebieten, auf dem der sozialen Entwickelung wie dem der wissenschaftlichen Forschung, auf denen der Kunst, der Literatur und des alltäglichen öffentlichen und privaten Lebens regt sich dieses Streben nach einer Geltendmachung der lebendigen Persönlichkeit gegenüber dem eingetrockneten Buchstaben der Tradition, diese Sehnsucht, wieder möglichst unbefangen dreinschauen zu können, unbefangen und unverwirrt durch das Alte, nur darauf hörend, was uns die gleichsam zu neuem Wahrnehmen erwachten Sinne und ein in nur geahnte Tiefen des Menschlichen hinabdrängendes Empfinden predigen. Aber seltsam! während dieser siegesfreudige Kampfeston aus fast jeder Seite des Buches an unser Ohr schlägt und auch aus den kleinsten Einzelheiten der wissenschaftlichen Fehden oft scharf und hell herausklingt, vermeinen wir daneben oft das geheime Ächzen und Stöhnen einer mühsam mit den wissenschaftlichen Tatsachen ringenden und sich abquälenden Natur zu vernehmen. Das ist der Riss, der unsres Erachtens durch die ganze Darstellung des Buches klafft. Neben dem bewusst „ungelehrten“ und so prächtig kühn dreinschlagenden und aufräumenden Siegfried dieses Buches steht doch auch ein in den Tiefen des wissenschaftlichen künstlichen Konstruierens vergebens nach Licht sich abmühender Alberich. Wir haben früher schon betont, dass Chamberlain in landläufigem Sinn des Wortes keineswegs „ungelehrt“ oder ein „Dilettant“ ist, dass er im Gegenteil über eine kritische Belesenheit von seltenem Umfang verfügt. Und wir müssen erweiternd hinzufügen, dass seine „Gelehrsamkeit“ mit dem schärfsten Instinkt für das Wesentliche und Durchschlagende auf fast jedem Wissensgebiet gepaart ist, dass er mit glücklichem Scharfsinn und feinstem Fühlen den Strömungen nachzugehen weiss, die aus den eigentlichen tiefen Quellen des Wissens hervorrauschen. Er kann an Umfang und Tiefe seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse und Beobachtungen auf viele Gelehrte herabsehen, denn nicht nur das rasche 27 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 Eindringen in ein Spezialgebiet und die rasche Orientierung auf demselben sind ihm gegeben, sondern auch der zusammenfassende Überblick über die Beziehungen der einzelnen Gebiete zu einander ist ihm in höchstem Masse eigen. In dieser „Gelehrtheit“ Chamberlain's aber und in seinem heissen Bemühen, seine grossartige einheitliche Idee von einer innigen Vereinigung von Weltanschauung und Religion in einem auf der Grundlage des reinen Rassegefühls emporstrebenden Völkerindividuum auch wissenschaftlich in allen Teilen zu begründen und durchzuführen, besteht unsres Erachtens die Achillesferse seines monumentalen Buches. Es wäre zu viel gesagt, wollten wir behaupten, dass seine Darstellung daran gescheitert sei. Das ist durchaus nicht der Fall, denn seine Grundgedanken bleiben nicht nur grossartig, sondern auch in ihrer inneren Folgerichtigkeit wahr und wirksam, selbst wenn ihre wissenschaftliche Begründung nicht in allen Einzelheiten gelungen oder überhaupt undurchführbar ist. Jede geschichtsphilosophische Darstellung muss ja im exaktwissenschaftlichen Sinn unlösbare Probleme in sich schliessen, wenn sie nicht ihre innere Kontinuität preisgeben will, da sich alle Elemente für ihre Beweisbarkeit nie und nimmer zur Stelle schaffen lassen. Es kommt hier die Frage der Methode ins Spiel, die Frage nach der richtigen Abwägung des Verhältnisses zwischen Hypothese und Tatsache. Chamberlain hat das keineswegs verkannt, dazu ist er viel zu sehr methodisch gut geschult. Aber er hat zu viel Gewicht und Wert auf die wissenschaftlich vielleicht doch mögliche Beweisbarkeit seiner Ansichten gelegt, die vielfach ein Gegenstand des Empfindens und des Instinkts von vornherein bleiben müssen. Sein allzuheisses Bemühen, den rein wissenschaftlichen Standpunkt einzunehmen auch dort, wo er „ungelehrt“ bleiben musste und seinem ursprünglich ganz richtigen Empfinden nach auch bleiben wollte, bringt ihn dann in Widerspruch mit sich selbst, und wir sehen ihn dann, nachdem er eben noch im sou- 28 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 veränen Selbstgefühl die Bedeutung der wissenschaftlichen Intuition proklamiert und mit gelehrten Ansichten aller Art ohne jeden Respekt vor irgendwelcher Autorität keck aufgeräumt hat, sich selbst unter dem Joche ähnlicher Ansichten winden und nach einem Ausweg aus dem wissenschaftlichen Dilemma mühsam suchen. Der schöne, siegesfrohe Subjektivismus seiner Darstellung sinkt dann wie von einem hinterlistig sich heranschleichenden Objektivismus gefällt zu Boden, als wäre mit dem Kraute Mistiltein nach einem Baldur geworfen worden. Dieses heisse, aber vergebliche Bemühen tritt, wie uns scheint, besonders bei der Behandlung einer Kernfrage seines Buches, der Frage nach der Bedeutung und Entstehung der Rassen deutlich hervor. „Vielleicht gibt es keine Frage, über die selbst bei hochgebildeten, ja gelehrten Männern eine so mitternächtige Unwissenheit herrscht, wie über das Wesen und die Bedeutung des Begriffs ‚Rasse' “. So leitet Chamberlain selbst die Erörterung über diese Frage ein. Er schiebt die Schuld an der Konfusion der Ideen, die hinsichtlich dieses Begriffs besteht, der Wissenschaft zu. „Eine der verhängnisvollsten Verirrungen unsrer Zeit ist die, welche uns dazu treibt, den sogenannten ‚Ergebnissen' der Wissenschaft ein Übergewicht in unsern Urteilen einzuräumen.“ Jene „Konfusion ist nicht nötig, d. h. bei uns praktischen, handelnden, dem Leben angehörigen Männern nicht.“ Damit hätte er ja ganz scharf den Standpunkt präzisiert, von dem aus er an die Erörterung des Rassenbegriffs herantreten will, und die Art, in der er auf diesen Seiten mit der wissenschaftlichen Konfusion aufräumt, ist wieder so stark, so durchschneidend, so frisch und göttlich grob, dass es eine Lust ist, ihm zu folgen. Aber sehen wir zu, ob er auch wirklich seinen Standpunkt fest behauptet. Zunächst ganz gewiss. „Unmittelbar überzeugend wie nichts anderes ist der Besitz von ‚Rasse' im eigenen Bewusstsein. Wer einer ausgesprochen reinen Rasse angehört, empfindet es täglich ... 29 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 Schwach und fehlervoll wie alles Menschliche erkennt ein solcher Mann sich selbst (und wird von guten Beobachtern erkannt) an der Sicherheit seines Charakters, sowie daran, dass seinem Tun eine eigenartige, einfache Grösse zu eigen ist, die in dem bestimmt Typischen, Überpersönlichen ihre Erklärung findet .... Man kennt Goethe's Behauptung: Einzig das Überschwengliche mache die Grösse; das ist es, was eine aus vorzüglichem Material gezüchtete Rasse den Individuen verleiht: ein Überschwengliches.“ Und dann mit keckem Sprung: „Was sollen uns die weitläufigen wissenschaftlichen Untersuchungen, ob es unterschiedliche Rassen gebe? ob Rasse einen Wert habe? wie das möglich sei u. s. w. Wir kehren den Spiess um und sagen: dass es welche giebt, ist evident; dass die Qualität der Rasse entscheidende Wichtigkeit besitzt, ist eine Tatsache der unmittelbaren Erfahrung; Euch kommt nur zu, das Wie und das Warum zu erforschen, nicht Eurer Unwissenheit zulieb die Tatsachen selbst abzuleugnen.“ Mit diesem positiven Satz bleibt Chamberlain dem Grundgedanken seines Werkes durchaus treu, denn wenn er die Tatsache des Bestehens von Rassen auf die unmittelbare und vor allem auf die innere Erfahrung, auf das Rassenbewusstsein gründet, bestätigt er dadurch zugleich seinen grossen Gedanken von der durchgreifenden Wirkung einer Vereinigung von Weltanschauung und Religion auf das Leben der Menschheit. Das persönliche individualistische Element, das in der zur Bildung einer Weltanschauung führenden inneren Gestaltungsfähigkeit liegt, deckt sich — wenigstens was die von Chamberlain als fest gegebene supponierte grosse germanische Rasse betrifft — durchaus mit diesem „eigenen Bewusstsein“ der Rasse. Aber er bleibt bei dieser inneren Tatsache nicht stehen, sondern begibt sich sofort weiter auf das biologische Gebiet, um hier die „Gesetze“ zu entdecken, die die Erzeugung jeder Rasse bedingen. Fünf Prinzipien nimmt er als grundlegend an: die Qualität des Materials, die Inzucht, die Zucht- 30 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 wahl, die Notwendigkeit von Blutmischungen, die Notwendigkeit, dass diese Blutmischungen in der Wahl und in der Zeit streng beschränkt seien. Mit diesem Sprung in das Gebiet der „objektiven“ Erscheinungen hinein, hat sich der Verfasser unsres Erachtens des Vorteils begeben, den er durch sein festes Fussen auf einer Bewusstseinstatsache vorher gewonnen hatte. Denn auch er vermag auf diesem Gebiete nun nichts anderes zu gewinnen, als das, was er selbst vorher den Wissenschaftlern fast höhnisch vorgeworfen hatte: nämlich nur relative Werte. Die biologischen Beispiele (die Erzeugung von Tierrassen), von denen er ausgeht, um sich seine „Gesetze“ für die Entstehung der reinen, d. h. der höheren, ihrer selbst bewussten Menschenrassen zu konstruieren, geben noch keine Erklärung für das, was er mit Recht gerade als das Wesentliche und Eigentliche jeder reinen Rasse ansieht, nämlich für das Rassenbewusstsein, diese über jede biologische Voraussetzung weit hinausragende geistige Tatsache. Zwar kommt er noch einmal, als sähe er selbst den Riss ein, der zwischen seiner biologischen Erklärung der Rassenentstehung und seiner aus innerlicher Gewissheit entsprungenen Konstatierung des Rassenbestehens klafft, auf dieses innere Moment zurück, indem er von der Bedeutung der Nation für die Rassenbildung spricht. Das politische Zusammengehörigkeitsbewusstsein, das dem Begriff der Nation zugrunde liegt, ist doch lediglich — das wird uns Chamberlain selbst wohl zugeben — ein modifiziertes, d. h. auf ein gewisses Ziel gerichtetes, also noch nicht zu seiner vollen Allgemeinheit ausgebildetes Rassenbewusstsein. Er sagt ja selbst, indem er gegen die „physiologisch einheitliche Rasse“ Renan's polemisiert: „Und dieser hypothetischen Bestie zu lieb soll ich leugnen, dass das englische Volk, das preussische Volk, das spanische Volk einen bestimmten, ganz und gar individuellen Charakter besitzt!“ Und nur wenige Zeilen weiter: „Das römische Reich in seiner Imperiumzeit war die Verkörperung des antinatio- 31 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 nalen Prinzips; dieses Prinzip führte zur Rassenlosigkeit und zugleich zum geistigen und moralischen Chaos; die Errettung aus dem Chaos geschah durch die zunehmend scharfe Ausbildung des entgegengesetzten Prinzips der Nationen.“ Also das nationale Prinzip, das rein geistige, über jede physiologische Verwandtschaft hinwegwirkende Zusammengehörigkeitsbewusstsein führt doch schon zur Bildung von Völkerindividuen, d. h. von Rassen. Es ist — nicht immer, doch zuweilen — eine Vorstufe der gemeinsamen Weltanschauung und Religion. Wie steht es nun daneben mit den relativen Werten, die uns jene bei der Entstehung der Rassen wirksamen biologischen Gesetze lieferten? Und welches ist der Umfang dieser Gesetze? Ist die Blutmischung, die notwendige Voraussetzung für die Bildung einer Rasse, am glücklichsten, wenn sie in Fernkreuzung oder wenn sie in Nahkreuzung sich vollzieht? In welcher Weise muss sie in der Wahl und in der Zeit beschränkt sein? Und wie gar verhält es sich mit der Qualität des Materials? Welche biologischen Grundsätze bedingen diese Qualität? Nein, hier hat sich Chamberlain, nach unserem Empfinden, entschieden verrannt, indem er seinen „ungelehrten“ Standpunkt, den er vorher so glücklich eingenommen, wieder verlassen hat, um doch noch eine wissenschaftlich-objektive Grundlage, gegen deren Möglichkeit er vorher selbst so scharf ins Feld gezogen war, für die Entstehung der Rassen zu finden. Und in der Tat hat er dadurch, trotz vielem Aufwand von Gelehrsamkeit und Scharfsinn, auch nicht ein sicheres ethnologisches Fundament gewonnen, auf dem er später das Bild der germanischen Rasse in festen plastischen Umrissen hätte aufführen können. Weder das der germanischen, noch das der jüdischen Rasse, auch nicht das negative Gegenbild beider, das Völkerchaos, das dem Zusammensturz des römischen Reiches folgte. Den Begriff „Germane“ ist er gezwungen „weiter und dennoch zugleich enger zu fassen, 32 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 als es Tacitus tat“; er muss den Keltogermanen und den Slawogermanen ethnologisch in diesen Begriff mit einschliessen, er muss die anthropologischen Merkmale, das blonde Haar und den Langschädel, fast gänzlich zu seiner näheren Bestimmung beiseite lassen, er muss überhaupt -— und das ist ja das Schöne an diesem Buch — wieder ganz „ungelehrt“ werden, um seinen Begriff zu erschöpfen. Wo er wieder auf das rein geistige Element, auf Charakter und Weltanschauung des Germanen zu sprechen kommt, wo er wie in der glänzenden auf innere Momente gestützten Gegenüberstellung von Germanen und Antigermanen sein subjektives feines Empfinden für die Imponderabilien wirken lassen kann, da entwickelt er sich wieder zu seiner ganzen Grösse, da wirkt er wieder positiv schaffend und fördernd, da rennt er wieder trotzig und siegesbewusst mit Ungestüm die Schranken um, die dem Verständnis für völkerhafte Eigenart, der zur inneren Gewissheit sich ausformenden Ahnung von dem positiven Inhalt eines Rassenbewusstseins entgegengebaut waren. Und ähnlich ergeht es ihm mit seinen Erörterungen über die jüdische Eigenart, deren Einwirkung auf die abendländische Geschichte eine so bedeutende Rolle in seiner Auffassung von der Entwickelung unsrer Kultur spielt. Nur dass er hier, in seiner Darstellung der Anthropogenie der Israeliten, d. h. der Entstehungsgeschichte dieser besonderen nationalen Rasse, auf einem geschichtlich und archäologisch besser ergründeten Boden stehen kann, als es ihm bei seiner allgemeinen Theorie über die Entstehung der Rassen in biologischer Hinsicht wie bei seinem Forschen nach der Einheitlichkeit der germanischen Rasse in anthropologischer Hinsicht möglich war. Auch hier muss er schliesslich, trotz dieser günstigeren Vorbedingungen für seine Untersuchung, den biologischen Gesetzen von Blutmischung, Inzucht und Qualität des Materials doch nicht das allein entscheidende Gewicht zuschreiben, sondern durch die Schilderung von der pro- 33 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 gressiven Ausbildung einzelner Geistesanlagen und systematischer Verkümmerung anderer des aus der übrigen israelitischen Völkerfamilie allmählich physisch ausgeschiedenen eigentlichen Juden den Grund zu seiner scharfen und geistreichen Charakterisierung des Rassenbewusstseins dieses Volkes als eines besonders stark und konsequent zum Ausdruck gelangten Willens legen. Doch wir dürfen uns nicht zu sehr in Einzelheiten vertiefen, so sehr auch dieses Buch auf jeder Seite anregt, es zu tun. Es kam uns bei dieser Abschweifung lediglich darauf an, darzutun, dass Chamberlain, sobald er aus seiner subjektiven Kampfesstellung heraustritt und auf das Feld der objektiv-wissenschaftlichen Erörterung herabsteigt, häufig genug selbst die Waffen liefert, mit denen er bekämpft werden kann. Das gibt, wie schon im Eingang dieser Betrachtung betont wurde, manchen Partien seines Werkes den Charakter des Widerspruchsvollen, Uneinheitlichen, Sprunghaften; freilich wirken gerade diese Partien hierdurch anreizend und zuweilen geradezu verblüffend. Chamberlain erweist sich in ihnen als scharfer Dialektiker, als glänzender Debatter, aber er überzeugt nicht; trotz der berauschenden Virtuosität, mit der er wissenschaftliche Probleme hin- und herzuwenden, auf den Kopf zu stellen und, je nach der ihn gerade leitenden Absicht, in einer gänzlich neuen Fassung vor uns auszubreiten versteht, gelingt es uns bei solchen Erörterungen nicht, den festen einheitlichen Standpunkt herauszufinden, der sonst seinen Ausführungen das Gepräge des Warmen, Lebensvollen, Tiefbewegenden verleiht. Er hat das an manchen Stellen wohl selbst herausgefühlt. „Überhaupt ist die Wissenschaft eine zwar herrliche, doch nicht ungefährliche Freundin,“ so ruft er aus; „sie ist eine grosse Gauklerin und verführt den Geist leicht zu toller Schwärmerei; Wissenschaft und Kunst sind wie die Rosse an Plato's Seelenwagen, der ‚gesunde Menschenverstand' bewährt sich nicht zum wenigsten darin, dass er die Zügel straff spannt 34 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 und diesen edlen Tieren nicht gestattet, mit seinem natürlichen, gesunden Urteil durchzugehen. Einfach vermöge unsrer Eigenschaft als lebendige Wesen steckt in uns eine unendlich reiche und sichere Fähigkeit, dort, wo es nottut, auch ohne Gelehrsamkeit das Richtige zu treffen.“ Diese reiche und sichere Fähigkeit hat Chamberlain besonders dort bewiesen, wo es sich darum handelt, das Wesentliche — oder sagen wir mehr einschränkend: das für seine Weltanschauung Bedeutungsvolle und Lebendige — aus grossen geschichtlichen Perioden, aus dem inneren Leben der für unsre Kultur wichtigen Völker, herauszufühlen und darzustellen. Hier leitet ihn nicht nur ein feiner Instinkt, sondern noch mehr eine grosse Anschauung, ein weitumfassender Sinn für alles Charakteristische in Persönlichkeiten wie in Völkerindividuen. Deshalb sind besonders die das „Erbe der alten Welt“ entwickelnden Eingangskapitel seines Buches von bestrickendem Zauber und zugleich von monumentaler Grösse. Hier entfaltet der Schriftsteller sein eminentes, zusammenfassendes und plastisches Können, hier kommt zugleich der kühne Wagemut, das kecke Zugreifen in der Stellung der Probleme, das furchtlos über alle Hecken und Schranken der hergebrachten wissenschaftlichen Tradition hinwegsetzende stolze Selbstgefühl des mehr auf sein eigenes sicheres Empfinden als auf die Ausführungen der „Gelehrten“ sich stützenden Geschichtsphilosophen zur vollen Geltung. Seine Abhandlung über „hellenische Kunst und Philosophie“ ist, unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, ein wie aus einem Stück gegossenes, bruch- und sprungloses, prächtiges plastisches Werk, obwohl es weder das Wesen des Hellenentums nach allen Seiten hin erschöpft, noch in seinen wissenschaftlichen, d. h. literarischen und geschichtlichen Grundlagen unangefochten bleiben wird. Wie die hellenische Kunst und Philosophie noch gegenwärtig im Bewusstsein gestaltend weiter wirken, das bleibt für Chamberlain hier die 35 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 Grundfrage; er will nur das Allgemeinste aus dem Hellenentum mit hinübernehmen in die Beurteilung der späteren Kulturphasen, nur das, was seinem subjektiven Empfinden als das Weiterwirkende erscheint: und das ist für ihn der Typus der genialen Persönlichkeit, den er im Hellenentum am klarsten und schönsten ausgebildet findet, mit einem Wort, das Dichtergenie. Denn auch die griechischen Philosophen sind ihm Dichter, die nur die Gedanken des „göttlichen Homer“ fortentwickeln, die kunstbeseelte Religion der Dichter ausbauen. Die gesamte Kultur Griechenlands ruht für Chamberlain auf einer künstlerischen Grundlage; „was dem Denken eines Demokrit, eines Plato, eines Euklid, eines Aristarch ewige Jugend verleiht, das ist genau derselbe Geist, dieselbe Geisteskraft, welche Homer und Phidias unsterblich jung macht: es ist das Schöpferische und — in einem weitesten Sinn des Wortes — recht eigentlich Künstlerische. Es kommt nämlich darauf an, dass die Vorstellung, durch welche der Mensch die innere Welt seines Ichs oder die äussere Welt zu bewältigen, sie seinem Wesen zu assimilieren sucht, fest gezeichnet und durch und durch klar gestaltet werde. Und damit berührt sich, dass das Geheimnis der hellenischen Zaubergewalt in dem Begriff ‚Persönlichkeit' eingeschlossen liegt“. Die Gestaltungskraft, dieses wesentliche Grundbedingnis der germanischen Weltanschauung, sie liegt schon in der Religion Homer's als unvergängliches Moment beschlossen; die „künstlerische Kultur“ ist das wirklich Positive und Grosse, was befruchtend weitergewirkt hat und weiterwirken soll. Und der Niedergang der griechischen Kultur hebt mit der Zerstörung dieser dichterisch-religiösen Anschauungen durch die spätere Philosophie, vor allem durch Aristoteles, an. Dieser ist „der eigentliche Urheber der Decadence des hellenischen Geistes“. Wie gesagt, die historische Kritik wird fast an jedem einzelnen Punkt dieser hier nur in den wesentlichsten Zügen wiedergegebenen Darstellung des hellenischen Erbes 36 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 ansetzen können, aber der Wurf, den Chamberlain mit ihr getan, bleibt dennoch grandios und die Einheitlichkeit, innere Folgerichtigkeit und subjektive Sicherheit, mit der er sie durchführt, wirken im höchsten Grad anregend, packend und hinreissend. Vom rein schriftstellerischen Standpunkt aus betrachtet — und dieser muss uns hier in erster Linie gelten — ist dieser elementare Ausbruch einer gewaltigen Subjektivität eine glänzende Tat. Ungleich ruhiger, aber gleichwohl im höchsten Grad farbenreich, belebend und anregend wirkt die nun folgende Darstellung des römischen Erbes, das er von vornherein in bestimmter Absicht unter der Überschrift „Das römische Recht“ zusammenfasst. Auch hier wird die Schilderung des äusseren Ganges der römischen Geschichte ganz in den Hintergrund gedrängt durch die Charakterisierung der inneren Bedeutung Roms. Chamberlain hatte in seiner allgemeinen Einleitung von anonymen Kräften gesprochen, welche das Leben der Völker gestalten. „Davon“, so fährt er in dem Kapitel über das römische Recht fort, „haben wir in Rom ein leuchtendes Beispiel. Roms ganze wahre Grösse war eine solche anonyme ‚Volksgrösse'. Schlug bei den Athenern der Geist in die Krone, so schlug er hier in Stamm und Wurzeln; Rom war das wurzelhafteste aller Völker.“ Die Liebe zur Heimat war ein Grundzug des altrömischen Wesens. Und diese Heimat wohnhaft nicht für die ungewöhnlichen, sondern für die gewöhnlichen Menschen auszubauen, war eines der unbewusst sich geltend machenden Ideale dieses Volkes. „Mochte das einfach gezimmerte Räderwerk des alten römischen Staates häufig noch unbeholfen arbeiten und gründliche Reparaturen erfordern, es war ein prächtiges, zeit- und zweckmässiges Gebäude. Das Recht war dort von Anfang an unendlich fein empfunden und gedacht und seine Beschränkung entsprach den Verhältnissen. Und endlich die Familie! Die gab es einzig und allein in Rom, und zwar so schön, wie sie die Welt nie wieder gesehen hat.“ Auf dieser Grundlage baut 37 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 nun Chamberlain das wunderbar schön in sich geschlossene, organische Gebilde des römischen Staates und des römischen Rechts auf, dessen lebendige Kraft er mit tiefem Instinkt herausfühlt und wirksam herauszuheben weiss, dessen allmähliche Erstarrung in der späteren Kaiserzeit unter kleinasiatischem und semitischem Einfluss er treffend nachweist. Also auch hier ist für ihn das Wesentliche die Gestaltungskraft, die freilich nur in der Form eines anonymen Volksbewusstseins wirkt, aber in ihrer Art nicht weniger künstlerisch ist als die dichterisch beseelte Religion der Griechen. „Auch der Römer ist ein gestaltungsmächtiger Künstler.“ Seine Begriffsplastik tut sich in rechtlichen Handlungen kund, aber sie tut sich nicht weniger kräftig und weitwirkend kund als der dichterisch plastische Sinn der Griechen. „In diesem künstlerischen Element liegt auch die magische Kraft der römischen Erbschaft.“ Es ist also die spezifisch indoeuropäische Gestaltungsfähigkeit, die Chamberlain als das Wesentliche und Wertvolle der beiden grossen, uns aus der antiken Zeit überkommenen Erbschaften proklamiert. Wir haben gesehen, welche tiefe Bedeutung diese Fähigkeit für die Weltanschauung und Religion seines idealen, der germanischen Rasse zugehörigen Homo europaeus besitzt. Als drittes Erbteil gesellt sich jenen das zu, was unsre Kultur aus der „Erscheinung Christi“ für sich gewonnen hat. Das Kapitel, in welchem Chamberlain dieses Erbteil behandelt, bildet, nicht nur schriftstellerisch sondern auch inhaltlich, den Gipfelpunkt seines Werkes. In ihm offenbart sich die Seelentiefe des nach einem adäquaten Ausdruck seines innersten Empfindens ringenden Autors, in ihnen kommt mit voller Wucht und in packender, glänzender Ausführung seine Weltanschauung, seine Religion in praktischer Betätigung an einem konkreten Persönlichen zum Wort. Es ist nicht das Christusbild irgend einer Kirche, irgend einer Konfession, das er vor uns hinstellt. „Vor unsern Augen 38 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 steht eine bestimmte, unvergleichliche Erscheinung; dieses erschaute Bild ist das Erbe, das wir von unsern Vätern überkommen haben.“ Es war verdunkelt und ferngerückt durch die dogmengeschichtliche Entwickelung der Kirchen; er will es hervorleuchten lassen in seiner ursprünglichen Reinheit und Bedeutung, als den Inbegriff eines neuen, in die Erscheinung getretenen Persönlichen. „Die Erscheinung Christi bedeutet, vom welthistorischen Standpunkte aus, die Erscheinung einer neuen Menschenart.“ „Wohl wird die Umgebung der Persönlichkeit, die Kenntnis ihrer allgemeinen Bedingtheit in Zeit und Raum wertvolle Beiträge liefern zu ihrer klaren Erkenntnis; durch ein solches Wissen werden wir Wichtiges von Unwichtigem, charakteristisch Individuelles von örtlich Konventionellem zu unterscheiden lernen; das heisst also, wir werden die Persönlichkeit immer klarer erblicken. Sie jedoch erklären, sie als eine logische Notwendigkeit dartun wollen, ist ein müssiges, albernes Beginnen; jede Gestalt — auch die eines Käfers — ist für den Menschenverstand ein „Wunder“, die menschliche Persönlichkeit aber ist das mysterium magnum des Daseins.“ So gilt ihm die Persönlichkeit Christi als etwas unmittelbar Gegebenes und Wirkendes. „Denn der Quell aller Religion ist nicht eine Lehre, sondern ein Leben.“ Und in der Entwickelung der Menschheit kommt schliesslich alles auf die grosse, lebendige Persönlichkeit an. Was aber das Neue in der Persönlichkeit Christi war, das ist die Umkehrung der Lebensrichtung, die Umkehrung des Willens, nicht vom Leben weg, sondern zum Leben hin. Die neue Lebensrichtung ist deshalb durchaus optimistischen Charakters. Die Bejahung des Lebens ist ihr Grundkern, denn die Erlösung vom Leiden soll ja nicht ein Eingehen in das Nichts (wie bei Buddha), sondern ein Eingang zum ewigen Leben sein. Diese Erfassung des Lebens aber als etwas so Positives und zugleich als eines rein innerlichen Vorgangs bedeutet eine freie Tat des Menschen, der sich gegen seine eigene animalische Natur er- 39 Grundlagen - Besprechung von Dr. Oscar Bulle, Allgemeine Zeitung, 1899 hebt. „In Christus erwacht der Mensch zum Bewusstsein seines moralischen Berufs, dadurch aber auch zur Notwendigkeit eines nach Jahrtausenden zählenden Krieges.“ So ist, nach Chamberlain, das Gestaltungs- und Tatkräftige, der optimistische, positive Zug, der die Weltanschauung der Germanen beseelt, auch in der Persönlichkeit Christi vorwaltend und die Religion, die Christus zum Stifter hat, muss trotz der Verdunkelungen, die das Völkerchaos und der Eintritt der Juden in die Weltgeschichte und des Judentums in das ursprüngliche reine Christentum herbeiführte, mit dieser Weltanschauung sich innig, zu einem unlösbaren Ganzen, vereinigen. Wir sind damit wieder zu den allgemeinen Grundgedanken zurückgekehrt, die wir im ersten Teil unsrer Betrachtung als die für das ganze Buch massgebenden erkannt zu haben glaubten. Auf vielfach sich kreuzenden und verschlingenden Wegen führt der Verfasser diese Grundgedanken durch. Es ist ein Wogen des Kampfes allüberall in seinem Werke, wo wir es nur immer aufschlagen mögen, eines Kampfes um tiefinnerste Erkenntnis und um Lösung von Fragen, die uns im Grunde unsrer Seele bewegen. So steht dieses Buch und noch mehr die Persönlichkeit des Verfassers, die aus jeder seiner Seiten mit mächtig anpackender Subjektivität zu uns spricht, als ein Zeugnis für die Bewegung der Geister am Ende des Jahrhunderts da: lebendig wirkend, zum Widerspruch anreizend, zur Beistimmung fortreissend, im Innersten aufregend und vorwärtsstossend, daneben aber auch vielfach hemmend und verwirrend. Ein bedeutender, feuriger Mensch hält in diesem Werke eindringliche Zwiesprache mit seiner Zeit: wie könnte es da ohne Bewegung und Stürme abgehen! Dr. Oskar Bulle, München. (Beilage zur Allgemeinen Zeitung. Jahrgang 1899 21. und 22. Dezember.) ————— Chamberlain betont wiederholt, dass er kein Fachgelehrter sei; was er aber nicht betont, das ist sein immenses Wissen und seine Virtuosität in der Darstellung und inneren Verknüpfung der Kenntnisse, die er den ersten Autoritäten auf den verschiedenartigen Gebieten, die er zu behandeln hatte, entlehnte. Das Buch ist darum in erster Linie ein typisches Beispiel der Geschichtsauffassung und der Weltanschauung, die hochgebildete Laien unserer Tage auf Grund der Resultate der philosophischen, geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Forschung im weitesten Sinne des Wortes sich zu bilden veranlasst werden. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, ist sein Buch ungemein lehrreich, für den Katholiken aber zugleich sehr wenig erfreulich; denn Chamberlain, dem „die wünschenswerte Gabe der Lüge nicht zuteil wurde“ (S. 647), gelangt zu dem Resultate, das er wohl hundertmal klipp und klar ausspricht, die katholische Kirche und das katholische Christentum sei der eigentliche Feind des ger- 41 Grundlagen - Besprechung von Prof. A. Ehrhard, Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft manischen Wissens, der germanischen Zivilisation und der germanischen Kultur, unter welcher er die Weltanschauung, die Religion und die Kunst zusammenfasst. Das ist eine harte Anklage, die mich tief ergriffen hat, und die nicht verfehlen wird, eine bekannte religiös-politische Bewegung in Österreich mächtig zu fördern; der Heisshunger, mit dem das Buch auf unserer Universitätsbibliothek und, wie der Erfolg des Buches beweist, in ungezählten Familien verschlungen wird, ist ein sicheres Symptom dafür. Chamberlain begnügt sich nämlich nicht damit, die Anklagen zu formulieren; er zieht auch die Folgerungen daraus. Diese Folgerungen gipfeln aber darin, dass die römische Kirche den verhängnisvollsten Einfluss auf die bisherige Entwickelung des Germanentums ausgeübt habe, dass sie nebst dem Judentum den dem Germanentum fremdesten Bestandteil des Erbes darstelle, das 18 Jahrhunderte dem 19. hinterliessen, dass daher alles aufzubieten sei, um den Feind, der „in allen Feinden des Germanentums geborene Verbündete besitzt“ (S. 645), für die Zukunft unschädlich zu machen. Ich muss auch gestehen, dass die harte Anklage vernichtend wäre, wenn man sie als wissenschaftlich berechtigt anerkennen müsste. Glücklicherweise ist sie es aber keineswegs. Um das nachzuweisen, müsste ein ganzes Buch demjenigen Chamberlain's entgegengestellt werden, und ich wünsche lebhaft, dass dieses Buch geschrieben werde. In diesem Rahmen ist der Versuch naturgemäss undurchführbar. Ich halte mich aber für verpflichtet, wenigstens die Hauptirrtümer Chamberlain's als solche aufzudecken. Prof. Dr. Albert Ehrhard, s. Z. Wien. (Vorträge und Abhandlungen der Leo-Gesellschaft, Heft 14, 1901, bei Mayer & Co., Wien) ————— ————— ¹) Anm. der Verlagsanstalt: Hierzu sind die Bemerkungen Professor Golther's auf Seite 56 des vorliegenden Heftes von Interesse. 43 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 eines grossen Anhangs in der mittelmässigen Menge gewiss zu sein“. Anonymus H. C. (Die Gesellschaft. Jahrgang 1900, zweites Dezemberheft.) ————— EIN BUCH UND EIN MANN. Diese vielseitige Herrschaft lässt sich natürlich nicht durch Reisen und Plaudern in den Salons aller Weltstädte allein erreichen, sondern neben der unerringbaren Begabung nur durch eindringende Studien des Geistes und Wesens der verschiedenen Kulturvölker, wie es sich in ihren Litteraturen vor allem offenbart. So darf mit Recht gesagt werden, dass es eine Anerkennung unserer Kultur ist, als deren bedeutendstes Erzeugnis die Sprache zu gelten hat, wenn sie ein solcher vielgewandter Fremder wählt, 44 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 um in ihr ein monumentales Werk für alle Zeiten niederzulegen. Er erklärt nicht nur, dass sie seinen Gedanken den besten Ausdruck zu verleihen vermag, er erwartet auch bei dem Volke dieser Sprache ein besonderes Entgegenkommen und Verständnis zu finden. Das Buch, auf welches diese Zeilen hinleiten sollen, ist von Houston Stewart Chamberlain verfasst und betitelt: Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts. Es bildet in zwei Halbbänden von rund tausend Seiten nur den ersten Teil des ganzen Werkes. Der zweite soll das neunzehnte Jahrhundert selbst zum Gegenstand haben. Schon wer sich daran wagt, die tausendfachen Beziehungen, die von unserer Zeit zurück in die Vergangenheit führen, zu entwirren und den einen oder die mehreren roten Fäden klar zu legen, das grosse Wollen, das sich eine solche Aufgabe steckt, muss unsere Achtung erobern. Es bedarf eines frischen Mutes, die Weltgeschichte in religiöser, staatlicher, wissen- und wirtschaftlicher und künstlerischer Richtung hin zu erfassen und einheitlich zusammenzuziehen, wo es so viele Tyrannen gibt, die jeden Eintritt auf ihr kleines Gebiet empört und verächtlich zurückweisen. Wenn irgendwo, so besteht aber auch hier tatsächlich die äusserste Gefahr, in der ungeheuren Menge des Stoffes unterzugehen, oder willkürlich den Boden der Welt zu verlassen und in den grenzenlosen Lüften herumzuschweben. Was einzig vor jener ersten Klippe bewahren kann, das ist das Vorgehen des Künstlers, der das Nebensächliche beiseite lässt, das Wesentliche hervorhebt, überhaupt gestaltet. Die grossen Licht- und Schattenflächen, die einheitlichen unzerstückelten Linien unterscheiden die Porträte der klassischen Kunst von denen der früheren Zeit. Wie jene Meister, so schafft auch Chamberlain durch weitausgreifendes Zusammenfassen der Tatsachen und Darstellen nach der entscheidenden Seite hin. Die Ähnlichkeit darf dabei nicht verloren gehen — und das wäre die zweite Klippe. Darum will der Verfasser, wie 45 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 er sagt, nicht sehen, was nicht ist, sondern ein Diener der Wahrheit bleiben. Was ist aber die Wahrheit? Vor allem die Tatsachen, die auf Grund von nach naturwissenschaftlicher Methode vorgenommenen Beobachtungen gewonnen werden. Er selber verfügt über ein staunenerregendes Wissen in den sogenannten exakten Wissenschaften und hat eigene Arbeiten auf dem Gebiete der Botanik erscheinen lassen. Nun gibt es aber viele Urteile über geistige Erscheinungen, die man nicht auf diesem Wege schöpfen kann und die nur das besonders begabte Auge des Genies zu erblicken vermag. Hier stellt sich Chamberlain „gerne in den Schutz hochverehrter Persönlichkeiten“, um seine Ansichten und Behauptungen zu unterstützen. Goethe vor allem ist ihm der vollendetste Mensch, den die germanische Welt hervorgebracht hat; er wird fast auf jeder Seite als Schirmherr angerufen. Auch Schiller und Shakespeare sind seine Eideshelfer. Ob die Ilias und Odyssee das Werk eines einzigen Dichtersinnes war, ist ihm eine Frage, die Dichter und nicht Philologen zu entscheiden haben, denn diese „kleben an der Schale, welche der Willkür von Jahrtausenden ausgesetzt war, des Dichters kongenialer Blick dringt dagegen bis zum Kern vor, und überblickt den individuellen Schaffensprozess“. Und wenn man einräumen muss, was allerdings Vielen nicht möglich ist, dass es stets einzelne Menschen gegeben hat, die besonders scharf und tief blickend die geheimnisvollen Kräfte des Lebens zu ahnen, zu erkennen und soweit überhaupt möglich, in der Sprache zum Ausdruck zu bringen vermochten, so wird man sich ihnen in der Welt des Unmessbaren und Unwägbaren lieber anvertrauen, als jenen Rationalisten, die alles so einfach zu erklären wissen, nirgends Schwierigkeiten sehen und deshalb mit einer Formel auskommen. Chamberlain warnt auch ausdrücklich vor Verallgemeinerungen. Wenn er ausführt, dass die jüdische Religion im Willen, nicht im Gemüte fusse und 46 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 daher armselig an Phantasie sei, so lehnt er doch die Folgerung ab, der Semit habe überhaupt keine Phantasie. „Alle solchen absoluten Behauptungen sind falsch; zwingt auch die notwendige Kürze des geschriebenen Gedankens häufig zu dieser Form, so darf wohl vorausgesetzt werden, dass der Leser die notwendige Korrektur automatisch ausführt. Es handelt sich lediglich um Gradunterschiede, die dank dem extremen Charakter des semitischen Typus der Grenze des absoluten Ja und Nein, des Seins oder Nichtseins nahekommen.“ Diese wenigen Bemerkungen über die Art und Weise der Behandlung des Stoffes müssen hier genügen. Weiter unten werden noch einige Stilproben zeigen, wie sehr der Verfasser die deutsche Sprache beherrscht und welch mächtigen Zug er dem geschriebenen Wort zu verleihen vermag. Der Grundgedanke des Werkes ist, negativ ausgedrückt, dass es keine Menschheit giebt, welche eine Geschichte hätte und von deren Fortschritt, Entwickelung und Erziehung man reden könnte, sondern nur einzelne Rassen und zwar namentlich in dem festen Verband einer Nation. Sie allein entarten oder veredeln sich, und mit ihnen der einzelne Mensch, der von der Rasse bedingt ist. Die Wechselwirkung zwischen dem einzelnen Helden oder Genie eines Volkes und dem Volke selbst auf ihn bildet einen unerschöpflichen Gegenstand, auf den der Verfasser häufig und stets von neuen Gesichtspunkten zurückkommt. So hat Homer Griechenland geschaffen, insofern er der Schöpfer seines Göttergeschlechtes durch Entwirrung der Knäuel der planlosen volksmässigen Sagen war, aber nur ein unvergessliches Volk, eine Rasse, die ihrerseits Schöpferin der bestimmten Sprache und der Mythen selbst war, konnte einen solchen Mann hervorbringen. Für den einzelnen Menschen ist also die Abstammung die Hauptsache, in ihr wurzelt der Charakter. Deshalb verwendet Chamberlain auch so viel Sorgfalt auf den Nachweis, dass Christus der Rasse nach kein Jude war. Er legt die anthropo- 47 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 logischen und ethnographischen Fragen eingehend dar, stellt bestimmte Sätze darüber auf, was eine reine Rasse sei und leitet Gesetze ab, wie sie entstehen. Auf der Rasse beruht für jedes Volk die Eigenart seiner Kultur, die Religion inbegriffen und seiner Macht mithin; je reiner die Rasse, umso grösser diese Eigenart. Für unser Jahrhundert kommen von den alten Völkern in Betracht die Griechen, die Römer und als Macht für sich Christus. Durch die Griechen ist sich der Mensch in Kunst und Philosophie als intellektuelles, durch die Römer in Ehe und Recht als gesellschaftliches und durch Christus als moralisches Wesen im Gegensatz zur Natur bewusst geworden. Das ist das Erbe der alten Welt. Erben sind die germanischen Völker der Kelten, Slawen und der eigentlichen Germanen. Das Erbe wurde ihnen nicht einfach ausgeliefert, sie mussten es sich gegen feindliche Mächte erobern und es sich selber untertan machen, um nicht ihre Eigenart dadurch zu verlieren. In Kunst, Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft haben sie im Kampfe gegen das Hellenentum ihre eigenen Wege finden müssen, die ihnen eine neue Welt eröffneten. Diese neue Welt begann um das Jahr 1200 zu entstehen, als die Macht der Städte sich erhob, die Magna Charta errungen wurde, mit Franz von Assisi ein neuer religiöser Tag dämmerte, Roger Bacon die Grundlagen der neuen Naturwissenschaften legte, die Dichter Chrestien de Troyes und Walther von der Vogelweide sangen, Adame de la Halle der Begründer der eigentlichen Tonkunst wurde, die grossen italienischen Meister Pisano, Cimabue und Giotto auftraten und Marco Polo seine Reisen unternahm. Die beiden äusseren Feinde, die gegen die Entstehung dieser neuen Welt den heftigsten Kampf führten, waren das Judentum und das rassenlose Chaos des untergehenden römischen Reiches, als dessen geistiger Vertreter Lucian gelten kann, während für die spätere Zeit Ignatius Loyola seine Stelle einnimmt. Der Kampf spielte vor allem auf dem Gebiet der religiösen 48 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 Vorstellungen und bis zum heutigen Tage ist er nicht ausgetragen. Denn diese beiden Mächte haben uns das dogmatische Christentum überliefert und aus dem Leben Jesu Christi eine Lehre gemacht, die „mit dem Innersten Seelenglauben der Germanen nie wirklich übereingestimmt hat, so dass Goethe mit Recht sagen durfte: Den deutschen Mannen gereicht's zum Ruhm, dass sie gehasst das Christentum“. Unabhängig von diesem Christentum steht die Erscheinung Christi, worüber Chamberlain in einem wunderbaren Kapitel spricht. „Nichts ist nötiger, als gerade die Erscheinung Christi deutlich und wahrheitsgetreu zu erblicken. Denn — wie unwürdig wir uns dessen auch erweisen mögen — unsere gesamte Kultur steht, gottlob! noch unter dem Zeichen des Kreuzes auf Golgatha. Wir sehen wohl dieses Kreuz, wer sieht aber den Gekreuzigten? Er aber, und er allein, ist der lebendige Born alles Christentums, sowohl des intolerant Dogmatischen, wie auch des durchaus ungläubig sich Gebenden.“ Von der wahren, von jüdischen wie jesuitischen Zutaten freien Gestalt Christi ist die religiöse Wiedergeburt zu erwarten, die noch als die Krone der neuen germanischen Welt fehlt. „Findet nicht bald unter uns eine mächtige, gestaltungskräftige Wiedergeburt idealer Gesinnung statt und zwar eine spezifisch religiöse Wiedergeburt, gelingt es uns nicht bald, die fremden Fetzen, die an unserm Christentum wie Paniere obligatorischer Heuchelei und Unwahrhaftigkeit noch hängen, herunterzureissen, besitzen wir nicht mehr die schöpferische Kraft, um aus den Worten und dem Anblick des gekreuzigten Menschensohnes eine vollkommene, vollkommen lebendige, der Wahrheit unsres Wesens und unsrer Anlagen, dem gegenwärtigen Zustand unsrer Kultur entsprechende Religion zu schaffen, eine Religion, so unmittelbar überzeugend, so hinreissend schön, so gegenwärtig, so plastisch beweglich, so ewig wahr und doch so neu, dass wir uns ihr hingeben müssen, wie das Weib ihrem Geliebten, fraglos, sicher, 49 Grundlagen - Besprechung der Neuen Zürcher Zeitung, 1900 begeistert, eine Religion, so genau unserm besonderen germanischen Wesen angepasst — diesem hochbeanlagten, doch besonders zarten und leicht verfallenden Wesen — dass sie die Fähigkeit besitzt, uns im Innersten zu erfassen und zu veredeln und zu kräftigen; gelingt das nicht, so wird aus dem Schatten Zukunft ein zweiter Innocenz III. hervortreten und eine erneute vierte Lateranssynode, und noch einmal werden die Flammen des Inquisitionsgerichtes prasselnd gen Himmel züngeln. Denn die Welt — und auch der Germane — wird sich noch immer lieber syro-egyptischen Mysterien in die Arme werfen, als sich an den faden Salbadereien ethischer Gesellschaften und was es dergleichen gibt, erbauen.“ Das ist nun allerdings eine andere Sprache als die unserer landläufigen Theologen, die aber darum umso eindringlicher wirkte, auf alle die, welche Priesterhochmut oder seichte Aufklärung aus den Kirchen vertrieben hat. Die Wirkung ist umso grösser, weil diese Worte nicht aus dem Gebirge, aus einer Schusterwerkstätte oder sonst einer einsammen Seele stammen, sondern von einem Manne, der unser Leben kennt, alles was Kunst und Wissenschaft bieten kann, genossen hat und in der grossen Welt heimisch ist. Er trägt die wichtigsten religiösen Fragen wieder in das Volk der Gebildeten, die sich zu lange ihnen ferngehalten hatten. Seine Sprache ist frei und mutig, ehrfurchtsvoll und hinreissend beim Erhabenen und unbarmherzig gegenüber dem Schein und der Lüge, für den Gebildeten verständlich und frei von der Gemeinheit, die einen bei so vielen unentwegten manchmal empört. Wie sinkt der Götze Nietzsche in den Staub vor diesem Buch, das einen so unendlich tieferen und klareren Geist verrät! Diese kurze Inhaltsangabe ist mehr wie dürftig; aber auch grösser und weitläufiger angelegt mit mehr Belegstellen vermöchte man keine ganze Vorstellung von der Pracht des Werkes zu geben. Das Ganze ist ein Kunstwerk, wo jeder Gedanke in der bestimmten Fassung von Früheren 50 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 abhängt und Späteres bedingt. Ihn herauszureissen und mit abgeblassteren Worten wiederzugeben, hat keinen Wert. Man muss das Buch selbst lesen und sich dem Zauber der mächtigen Persönlichkeit, die aus ihm spricht, hingeben. Man folgt klopfenden Herzens und oft mit einem unsäglichen Gefühl der Befreiung auf den lichten Höhen, die einem dieser Geist weist. Mit ihm stürmt man leicht sonst unüberwindliche Hindernisse, er öffnet einem den Blick in ungeahnte Weiten, und wenn dann nachträglich doch die Zweifel kommen und das Gefühl der Sicherheit, das man unter seiner Dichtung hatte, zu schwinden beginnt, so kann das die Bewunderung nicht vermindern, die man für eine solche Persönlichkeit hegt. Anonymus G. B. (Neue Zürcher Zeitung, Jahrgang 1900, Nr. 47.) ————— „Die verschiedenen Erscheinungen unseres Lebens 51 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 lassen sich in drei grosse Rubriken zusammenfassen: Wissen, Zivilisation, Kultur.“ Unter Wissen ist Entdeckung und Wissenschaft, unter Zivilisation Industrie, Wirtschaft, Kirche, unter Kultur Weltanschauung (einschliesslich Religion und Sittenlehre) und Kunst zu verstehen. Wo diese drei Erscheinungen gleichmässig entfaltet sind, wird die vollkommenste menschliche Persönlichkeit gedeihen. Sehr verschieden stellen sich nun Rassen und Völker hierzu, Semiten und Chinesen z. B. haben zwar reichste Zivilisation, aber wenig oder gar nichts von Wissen und Kultur. Bei den Ariern ist im allgemeinen die Kultur hoch entwickelt, bei den Indern aber die Zivilisation gänzlich verkürzt, bei den Griechen und noch mehr bei den Germanen sind alle drei Anlagen vorhanden und aufs glücklichste gepflegt worden. Darum sind die Germanen die echten Vollmenschen und ganz natürlich die Führer in der Weltgeschichte. Ein Vergleich zwischen Germanen und den Kulturvölkern des Altertums, Griechen und Römern, lehrt aufs deutlichste, dass gerade die Germanen diejenigen Eigenschaften ausbildeten, worin die Alten zurückgeblieben waren. Aus dieser durch Erfahrung und Anschauung gewonnenen überzeugung heraus schreibt Chamberlain sein Buch über die Grundlagen des 19. Jahrhunderts. Für den Deutschen der Jahrhundertwende bedeuten diese „Grundlagen“ ebensoviel wie fürs 18. Jahrhundert Herder's „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“. Das tiefgründige, allumfassende und durchaus organisch-einheitliche Wissen des Verfassers, seine wunderbar anschauliche Darstellung verleihen dem Buche wahren Kulturwert. Dass aus allen Blättern Goethe's Geist entgegen leuchtet unter dem stolzen Leitwort: „wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkeln ins Helle strebt“, das Goethe in der Anzeige von Schlosser's universalhistorischer Übersicht der Geschichte der alten Welt und ihrer Kultur 1826 aussprach, bietet volle Gewähr dafür, dass wir auf die rechte Spur geleitet werden. 52 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 Der Plan des Buches ist kühn und gross, aber die Ausführung bleibt hinter der hohen Absicht nirgends zurück. Chamberlain ist erstaunlich vielseitig, aber im besten Sinn. Er beherrscht gleichmässig Natur- und Geisteswissenschaften und ist schon dadurch befähigt, frei und unbefangen aus grossem Zusammenhang zu urteilen, wo wir andern durch Grenzen und Schranken aller Art am Ausblick behindert sind. Doch entscheidend ist nicht Vielwissen, sondern die Fähigkeit, die reichen Einzelkenntnisse einheitlich zur Erkenntnis zusammen zu fassen, die Kunst, aus der verwirrenden Überfülle des Wissens gerade das Wesentliche zu wissen. Da wird der Gelehrte zum gestaltenden Künstler. Chamberlain rafft nicht etwa aus fernstliegenden Gebieten geistreiche und blendende Ergebnisse zusammen, um daraus überraschende neue Schlüsse zu ziehen. Überall dringt er vielmehr so selbständig in die Tiefe, dass er gerade nur das Bedeutungsvolle herauszuholen vermag. Dabei muss freilich mit vielen gelehrten Vorurteilen aufgeräumt werden, deren Widerlegung aus der lichtvollen Gesamtauffassung und Darstellung Chamberlain's ohne weiteres sich ergibt. Die naturwissenschaftliche Leuchte zerstört ohnehin schon zahlreiche irrige Meinungen und Lehrsätze der sogenannten Geisteswissenschaften. Chamberlain bereichert uns mit einer Weltanschauung, er gibt uns geschaute und erfahrene Tatsachen und speist uns nirgends mit haltlosen leeren Begriffen, Worten oder Lehrsätzen ab. Wir haben eine stark ausgeprägte Persönlichkeit vor uns und erfahren, wie die Welt in ihrer reichen und tiefen Anschauung sich ausnimmt. Fest, unbeirrt, wahrhaft geht der Verfasser auf sein Ziel los: die Germanen sind die Schöpfer einer neuen Welt. Was haben sie aus der alten Welt Förderliches und Hinderliches ererbt? Welche Mächte stehen ihnen feindlich gegenüber? Keine abstrakte Menschheit, kein bastardiertes Völkerchaos, sondern ein starkes gesundes Volkstum ist Träger der geschichtlichen Entwickelung. Der Naturforscher ver- 53 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 zweifelt nicht ob der Entartung der Menschheit, er sieht hoffnungsvoll auf die stets vorhandene Möglichkeit der Rassenbildung und Veredelung. Die Germanen haben sich bewährt, und die Zukunft steht bei ihnen. Da Chamberlain alle Abstraktionen verschwört, so enthält er sich auch aller phrasenhaften Idealisierung. Er erkennt die Fehler der germanischen Volksart und gesteht unumwunden zu, dass das Vorherrschen der Germanen nicht unbedingt ein Glück für sämtliche Erdenbewohner sei. Aber Leben und Zukunft gehören dem Starken und Gesunden, und dass niemand den Germanen an der glücklichen Mischung der drei Hauptfähigkeiten, Wissen, Zivilisation, Kultur übertrifft, ist geschichtliche Tatsache. Wer den Sieg der Kultur, der Blüte der menschlichen Entwickelung will, muss auch den Sieg der Germanen wünschen und nach Kräften fördern. Wie wurzelfest und gross erhaben nimmt sich doch der von Chamberlain erschaute germanische Vollmensch neben Nietzsche's geisteskrankem Übermenschen aus! Wie Natur und Wirklichkeit neben überspannter Einbildung! Die lichtvolle Gliederung des Buches verrät schon den künstlerischen Blick: I. das Erbe der alten Welt: hellenische Kunst und Philosophie, römisches Recht, die Erscheinung Christi; II. die Erben: das Völkerchaos, der Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte, der Eintritt der Germanen in die Weltgeschichte; III. der Kampf: Religion, Staat. Im zweiten Teil wird aus diesen Ursprüngen die Entstehung einer neuen Welt (von 1200 bis 1800) geschildert, wobei die Germanen als die Schöpfer einer neuen Kultur durch die allseitige kräftige Entfaltung ihrer Befähigung für Wissen, Zivilisation und Kultur erwiesen werden. „Geschichte im höheren Sinn des Wortes ist einzig jene Vergangenheit, welche noch gegenwärtig im Bewusstsein des Menschen gestaltend weiterlebt.“ Mit diesem Satz bestimmt sich das Verhältnis der Darstellung zum ungeheuren Stoff. Es gilt, die treibenden Grundkräfte 54 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 aufzufinden und ihre Wirkung nachzuweisen, sozusagen eine tief innerliche Entwickelungsgeschichte zu schreiben. Nicht die zahllosen einzelnen Erscheinungen der verflossenen Jahrhunderte sollen beschrieben, sondern die verborgenen Quellen und Unterströmungen, aus denen die ganze Fülle des Einzelnen ans Licht taucht, aufgezeigt werden. Da gilt es tief unter die Oberfläche zu graben. In der Hauptsache handelt es sich um die Kulturmission der Germanen. Wie fasst Chamberlain nun den Begriff „Germanen“? Er versteht darunter die Nordeuropäer, Germanen, Kelten, Slawen, d. h. die rassereinen Völker, die sich von den Römern, Griechen und dem entarteten rasselosen Völkerchaos des römischen Kaiserreiches merklich unterscheiden und unter sich wiederum artverwandt sind. Vielleicht geht er hier doch zu weit und rückt die Kelten und Slawen auf eine der Wirklichkeit nicht völlig entsprechende Stufe, um sie dann mit den eigentlichen Germanen vereinigen zu können. Gewiss waren die alten hochgewachsenen blonden und lichten Gallier an Aussehen den Germanen ähnlich. Aber nachdrücklich wird von Cäsar ihre leichtsinnige Beweglichkeit, ihre geistreiche Rhetorik, ihr geradezu französisches Wesen der germanischen ernsten Schwerfälligkeit entgegengestellt. Ich möchte daher nicht unbedingt verwandten Geist, verwandte Gesinnung annehmen. Das französische Volk z. B. hat trotz seiner römischen Sprache und trotz der Aufnahme der Franken und Normannen doch seine gallische Art bewahrt. Die germanischen Völker haben aber die Gallier entschieden gekräftigt und zum Teil in neue Bahnen gewiesen. Mit Recht verweist Chamberlain auf den fortschreitenden Verfall Frankreichs seit der Vertreibung und Vernichtung des fränkischen Adels, an dessen Stelle Sprösslinge des Völkerchaos die Herrschaft an sich reissen. Somit haben allerdings die Germanen auch an der französischen Geschichte grossen Anteil. Für die Ähnlichkeit der keltischen und germanischen Dichtweise wäre eher die altirische Helden- 55 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 sage, die sich eben in den allgemein indokeltischen Gedanken und Formen bewegt und darum auch mit griechischer und indischer Sage eng verwandt ist, anzuziehen gewesen, als der seinem Ursprung nach überaus problematische Tristan. Mir scheint, Chamberlain trägt, nicht ganz berechtigt, die wundervolle Einheit der Meisterdramen in die ihnen zugrunde liegenden doch sehr verschiedenartigen Stoffe zurück. Für die engere Verwandtschaft zwischen Slawen und Germanen bieten sich noch weniger Beweise. Wohl aber bilden die Süd- und Ostdeutschen eine neue, z. B. aus der Vermischung mit Kelten und Slawen hervorgegangene Germanenart. Insofern wirken keltoslawische Bestandteile fruchtbar und neu für die Entwickelung der germanischen Rasse mit und Germanen haben wiederum ihrerseits mitten unter Slawen und Kelten sich angesiedelt und dadurch neuen geschichtlichen Aufschwung (vergl. z. B. die Begründung des russischen Staates durch schwedische Wikinger und Frankreich) bewirkt. Wenn wir also den Germanenbegriff doch mehr aufs Stammland und Stammvolk, also auf seine eigentliche und gewöhnliche Bedeutung, einschränken möchten, so pflichten wir aber vollauf der ausgezeichneten Charakteristik bei, die Chamberlain von seinen Germanen entwirft. Ich hebe daraus nur die Bestimmung der Begriffe Freiheit und Treue (S. 502) als besonders gelungen hervor. Sehr anschaulich wird das Germanische durch Gegenüberstellung des Antigermanischen, z. B. wenn Chamberlain Ignatius von Loyola, den Basken schildert.
56 Grundlagen - Besprechung von Prof. Dr. W. Golther, Bayreuther Blätter, 1900 spruches zu leben und zu handeln. Auf allen Gebieten, am furchtbarsten zwischen der sich langsam gestaltenden christlich-germanischen Religion und der antigermanischen Kirche, tobt der Kampf zwischen den Germanen und ihren geborenen und geschworenen Feinden — das hat Chamberlain meisterhaft geschildert. So vielfältig dieser Kampf sich auch darstellt, Chamberlain blick |