Hereunder follows the transcription of the second half of the Kritische Urteile über Chamberlain's Grundlagen und Kant, 3rd edition, a collection of reviews by various authors on Houston Stewart Chamberlain's books Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts and Immanuel Kant, published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1909.

Hieronder volgt de transcriptie van de 2e helft van de Kritische Urteile über Chamberlain's Grundlagen und Kant, 3e editie, een verzameling kritieken van verschillende auteurs aangaande Houston Stewart Chamberlain's boeken Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts en Immanuel Kant, uitgegeven door F. Bruckmann A.-G., München 1909.

 
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Siehe auch / See also: Kant in the 20th century. Kant-review from the London Times Literary Supplement, edition of June 18th, 1914. 
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IMMANUEL KANT




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Besprechung von Prof. A. Wernicke, Pädagogisches Archiv, 1906


17.

    „Die grösste Angelegenheit des Menschen ist, zu wissen, was man sein muss, um ein Mensch zu sein.“
    Dieser Angelegenheit hat Kant sein Leben gewidmet: allen künstlichen Systemen der Philosophen setzt er das natürliche System der Philosophie entgegen, welches der Eigenart des Menschengeistes entspricht.
    So hat es Goethe aufgefasst; er bezeichnet Kant's gesamte Arbeit als den Versuch, „die wichtigen Angelegenheiten des höheren Wissens und des sittlichen Handelns fester als bisher geschehen, zu begründen, ein strengeres, in sich mehr zusammenhängendes, aus den Tiefen der Menschheit entwickeltes Urteil zu verlangen“.
    Im Rahmen dieser Auffassung will Chamberlain in seinem neuen Werke für Kant in weiteren Kreisen Verständnis erwecken, damit er dann selbst zu ihnen spreche. So sagt er am Schlusse des Werkes zu seinen Lesern (S. 765): „Habe ich Ihnen Liebe und Vertrauen eingeflösst, haben Sie erkannt, wie schlicht und zugänglich der grosse Denker ist, ist es mir gelungen, Ihnen den unstillbaren Wunsch nach Kant's Nähe ins Herz zu legen, so dass Sie sich nicht mehr mit Phrasen und Stichworten und auch nicht mit der historischen Totenbeschau unserer Handbücher begnügen können, sondern sich sehnen, ihm Auge ins Auge zu blicken, sein Denken in sich aufzunehmen, wie das Denken eines unvergleichlichen Freundes, sein Wollen für Ihr Wollen als Richtschnur zu gebrauchen:
dann habe ich nicht umsonst gesprochen.“
    Chamberlain will Kant's intellektuelle Persönlichkeit bestimmen und sie lebendig werden lassen, damit sie in der Gegenwart für die Zukunft weiter wirke und zwar durch Ausgestaltung einer Weltanschauung, in welcher das religiös-ethische Leben aller Gebildeten wurzeln kann.

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    Mit der Überzeugung, dass Kant nicht ein Genius der Vergangenheit, sondern der religiös-ethische Genius der Zukunft ist, steht Chamberlain nicht allein. Das Besondere seines Werkes besteht darin, dass er Kant durch Vergleichung mit anderen Grossen in seiner Eigenart bestimmt und dabei nach und nach die Bausteine des Kantischen Systems gewinnt, um sie schliesslich zur Einheit zu verbinden. Demgemäss sagt Chamberlain (S. 11): „Wer Immanuel Kant's Philosophie kennen lernen will, pflegt sich tollkühn in das Studium des schwierigsten Werkes der Weltliteratur, in das der Kritik der reinen Vernunft, zu stürzen; die meisten sind aber bald entmutigt und begnügen sich schliesslich damit, das Kapitel „Kant“ in einem philosophischen Geschichtswerke zu lesen. Ich fordere Sie auf, mit mir einen anderen Weg einzuschlagen. Ich fordere Sie auf, ehe Sie sich in das Studium von Kant's einzelnen Schriften vertiefen und ehe Sie den seltenen Mann in diese oder jene historische Konstruktion einreiben, die wesentlichen und ihn von allen anderen Denkern unterscheidenden Merkmale seines Gedankenlebens und somit auch seines Lebenswerkes kennen zu lernen. Und zwar habe ich weniger die äusseren Schicksale dieser Persönlichkeit im Sinne, als ihre geistige Anlage, möglichst abgelöst aus ihrer zufälligen Bedingtheit in Zeit und Raum. Geschichte macht leicht blind für das Ewige.“
    „Auf welche Weise kann eine derartige Aufgabe gelöst werden? Meines Erachtens gibt es nur einen einzigen Weg: den des Vergleiches. Nous ne pouvons acquérir de connaissances que par la voie de la comparaison, sagt Buffon, der grosse Kenner der Natur“ (S. 13).
    „Aus Gründen, die sich nach und nach zeigen und — ich wage es bestimmt zu hoffen — bewähren werden, habe ich für unser Vergleichungswerk folgende fünf Männer gewählt: Goethe, Leonardo da Vinci, René Descartes, Giordano Bruno, Plato. Jedem dieser Männer will ich einen Vortrag widmen, und zwar nicht mit dem Zwecke, seine

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Weltanschauung lückenlos darzulegen, sondern seine Art zu schauen, zu analysieren und sie derjenigen Kant's gegenüberzustellen. Von Kant wird natürlich von Anfang an die Rede sein; ein sechster Vortrag soll ihm aber ganz allein gehören, indem die Ergebnisse der früheren Vorträge zu diesem Behufe verwertet und weiter ausgebaut werden“ (S. 17).
    Über die Form seines Werkes bemerkt Chamberlain (S. 8): „Ursprünglich handelt es sich um schnell hingeworfene Vorträge, einem engsten Kreis zugedacht; auch bei der genaueren Ausarbeitung ist trotz des bedeutend angewachsenen Umfanges dieser Charakter der ungezwungenen, lebendigen Rede beibehalten worden. Die Vorträge waren für Freunde bestimmt und richten sich auch jetzt, wo sie einer weiteren Verbreitung entgegengehen, nur an befreundete Geister. Ein Laie redet zu Laien. Er will weniger belehren als den Weg zur Belehrung weisen. Er will anregen, aufrütteln, Begeisterung einflössen; er will Richtungen aufdecken, Klarheit vorbereiten, Vertrauen in die eigene Kraft schenken. Sobald der Leser in das Anziehungsbereich des Meistergeistes gelangt ist, bedarf er dieser Freundeshand nicht mehr: auf dem Wege bis dahin möge er sie nicht verschmähen.“
    Chamberlain's Buch zerfällt in sechs Vorträge, deren jeder dem Vergleiche mit einem unserer Geistesheroen, der Bestimmung und Veranschaulichung eines wichtigen Begriffspaares und der Darstellung einer besonderen, damit im engen Zusammenhange stehenden Frage gewidmet ist.
    Das Bild der ganzen Untersuchung ist demgemäss folgendes:
  1. Goethe (Idee und Erfahrung). Mit einem Exkurs über die Metamorphosenlehre.
  2. Leonardo (Begriff und Anschauung). Mit einem Exkurs über physikalische Optik und Farbenlehre.
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  1. Descartes (Verstand und Sinnlichkeit.) Mit einem Exkurs über die analytische Geometrie.
  2. Bruno (Kritik und Dogmatismus). Mit einem Exkurs über die Geschichte der Philosophie.
  3. Plato (Wissen und Wähnen). Mit einem Exkurs über das Wesen des Lebens.
  4. Kant (Wissenschaft und Religion). Mit einem Exkurs über das Ding an sich.
    Während die ersten vier Vorträge alles Einzelne feststellen und dessen Zusammenschluss vorbereiten, zeigt der fünfte in Plato einen Kant durchaus verwandten Denker. Zwischen beide hätte nochmals Descartes gestellt werden können, freilich nicht der Descartes in landläufiger Auffassung, sondern der jugendliche Denker, der in seinen „Regulae ad directionem ingenii“ fast genau das Problem der Kritik der reinen Vernunft aufstellte.
    Platos Philosophie verhält sich zur Philosophie Kant's wie ein grosszügiger Entwurf zu einer bis ins einzelne gestalteten Ausführung, und darum führt der fünfte Vortrag sachgemäss zu dem sechsten, in welchem dann die ganze intellektuelle Persönlichkeit Kant's dargestellt erscheint.
    Dieses Verhältniss von Plato zu Kant wird nun freilich nicht allgemein anerkannt, da es trotz der Arbeiten von Cohen und Natorp noch eine offene Frage ist, inwieweit die Bildersprache Plato's auf Dichtung und inwieweit sie auf anschaulich-logisches Erkennen hinweist. Kant selbst hat bekanntlich bei aller Anerkennung Plato's auf dem Gebiete der praktischen Philosophie ihn für deren theoretisches Gebiet als den Vater aller Mystik bezeichnet, freilich auch hinzugefügt, dass „die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer milderen und der Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl fähig ist,“ (Kritik der reinen Vernunft, Von den Ideen überhaupt.)

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Mit einer solchen Auslegung haben Cohen und Natorp Ernst gemacht, und Chamberlain folgt ihnen.
    „Kant und Plato treffen nicht bloss in dem Ergebnis ihres Denkens zusammen, sondern was sie beide zur Erforschung des Menschengeistes aufruft, das Ziel, auf das sie zustreben, ist für beide genau dasselbe; nicht die Befriedigung spekulativer Neugier, nicht die Lösung abstrakter Fachfragen hat den einen aus der Dichtkunst und den anderen aus der Mathematik in die Philosophie hineingetrieben, sondern, was sie ganz erfüllt, ist ein moralisches und praktisches Ziel.“ (S. 417.)
    Im Dienste dieses Zieles steht bei beiden alle Spekulation, und darum muss man insbesondere auch Kant's theoretische und praktische Philosophie als ein Ganzes auffassen.
    Für dieses ist die Form, in welcher Kant selbst seine Überlegungen dargestellt hat, durchaus wesentlich; „bei Kant ist die Form der Gedanke“ (S. 577).
    Wie sich auf dein Gebiete der Organismen das natürliche System zu irgend einem künstlichen Systeme, z. B. dem von Linné, verhält, so steht Kant's System allen anderen Systemen gegenüber, insofern es der Eigenart des Menschengeistes nach Form und Inhalt entspricht.
    „Notwendigkeit“ und „Freiheit“ bezeichnen die beiden ewig getrennten Pole, um welche das geistige Leben des Menschen kreist, und ihnen entspricht der Unterschied von „Wissenschaft“ und „Religion“. Es ist eine Täuschung, wenn wir vermeinen, wir vermöchten uns Freiheit vorzustellen, wenn nicht Natur gleichsam den Hintergrund bildete, von dem sie sich abhebt, oder dass Natur mit ihrem Grundgesetz der Ursache und Wirkung einen Sinn besässe, wenn nicht die persönliche Erfahrung der Freiheit uns lehrte, diesen Gedanken der Kausalität zu denken. Diese Einheit des Zweierlei ist aber keine logische Einheit; sie ist nicht die Zurückführung von Natur und Freiheit, von Wissenschaft und Religion auf einen und denselben

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Gedanken; mit anderen Worten, sie ist nicht die erkünstelte, vernünftelte Einheit der Monisten, sondern sie ist organische Einheit, das heisst ... eine Einheit, deren Wesen es ist, Vielheit zu sein. (S. 557.)
    Diese Einheit wurzelt in unserem Ich, insofern es Vernunft ist, und verzweigt sich zu einer, im Ich gegründeten, dessen ganze Welt umfassenden Erfahrung.
    Dafür ergibt sich folgendes Schema (S. 559):

Schema

    „Jeder einzelne Ausdruck ist demgegenüberstehenden auf derselben Höhe genau entsprechend, gleichwertig und entgegengesetzt; die Divergenz nimmt aber von unten nach oben zu. Praktische Vernunft ist mit theoretischer Vernunft nahe verwandt, man kann keine von beiden ohne die andere vollkommen abhandeln; auch Gebote und Gesetze stehen sich (scheinbar) nahe genug, um von Ungeschulten manchmal verwechselt zu werden (wir sagen „Sittengesetz“ ebenso geläufig wie „Sittengebot“): am deutlichsten ist vielleicht für jeden Menschen die Unterscheidung zwischen Persönlichkeit und Erkenntnis. Dass Freiheit und Natur noch ferner voneinander stehen, ist zwar eine Tatsache, die jeder erblicken kann, sobald er die Augen öffnen gelernt hat — sonst könnte es ihm einfallen, die Erde zöge den Mond aus Pflichtgefühl an, und dass ein redlicher Mann anvertrautes Gut nicht veruntreut, sei eine Wirkung der Schiefe der Ekliptik; für gewöhnlich

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ist aber hier die Konfusion der Gebiete unentwirrbar usw.“ (S. 560.)
    Was aber die Sprossen der Leiter des obigen Schemas anbetrifft, so gilt folgendes: „Religion und Wissenschaft sind Systeme, künstlich-künstlerische Gebäude, in denen unser Wissen und unser Wähnen zu einem übersichtlichen Ganzen geordnet stehen; Freiheit und Natur sind Ideen, in denen und durch die unsere Vernunft sich Tatsachen anschaulich vorstellt; Persönlichkeit und Erkenntnis sind Begriffe (der erste symbolisch, der zweite schematisch), in denen (um mich allegorisch auszudrücken) der Übergang vermittelt wird zwischen Innen und Aussen, zwischen Vernunft und Empirie; Gebote und Gesetze sind die gegebenen Tatsachen, wie sie die ordnende Vernunft zunächst erfasst, sie sind ihr Material; theoretische und praktische Vernunft sind Methoden des Bewusstseins.“ (S. 561.)
    Auf dem Gebiete der theoretischen Vernunft ist der Mensch an die Erfahrung gebunden; aber dies selbst ist ein Produkt aus Gegebenem und dessen Formung durch den Menschengeist. Auf dieser Formung beruht das Gesetzliche der Erfahrung: „Das Subjekt steuert das Objektive bei, nämlich das Gesetz; das Objekt gibt aber das Subjektive, nämlich die Empfindung.“ (S. 629.)
    Auf dem Gebiete der praktischen Vernunft ist der Mensch frei. Hier soll er Schöpfer werden, und zwar handelt es sich dabei um ein „Reich, was nicht da ist, aber durch unser Tun und Lassen wirklich werden kann“.
    Dazu sagt Chamberlain (S. 565): „Dies alles bedeutet eine vollkommene Umbildung aller jener Vorstellungen und Gepflogenheiten in Wissenschaft, Religion, Sitte, Recht, Gesellschaft, die uns noch so geschwisterlich eng mit den Urbabyloniern von vor 6000 Jahren verwandt zeigen; es bedeutet eine „Umwertung aller Werte“, wie sie die dem frivolen Modejargon unserer Tage Huldigenden sich nie haben träumen lassen, ein Wachsen des Menschen, eine Kräftigung über das hinaus, was er bisher gewesen ist,

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nicht durch die tollhäuslerische Entfesselung seines blinden Willens zur Macht, sondern umgekehrt, durch die feinere Ausgestaltung seines Selbstbewusstseins, durch die klarere Erfassung seiner geistigen Organisation und damit (was dasselbe ist) der Organisation der Welt seiner Erfahrung, mit anderen Worten, durch die noch genauere Bändigung der dumm-tiermässigen Instinkte seines Willens im Dienste einer vollkommen selbstbeherrschten, bewusst-schöpferischen Vernunft. Diese Gedanken halte ich für die grösste Kulturtat Kant's; er ist es, der uns alle angeht; er ist es, den wir alle genügend in uns aufnehmen können, um von ihm belehrt zu werden, er bildet auch ohne Frage den lebendigen Mittelpunkt in Kant's Art, die Welt zu erschauen; von hier nahm er seinen Ausgang; hierher führte ihn der mühsame Weg seiner fast fünfzigjährigen kritischen Arbeit zurück.“
    Die Anerkennung der vollkommen selbstbeherrschten, bewusst-schöpferischen Vernunft und die Unterordnung des Willens unter diese Vernunft fordert Kant vom Menschen, und zwar, indem er ihn auf die „Tatsachen des unbedingten Sollens“ hinweist, auf den kategorischen Imperativ. Dieser sagt uns: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchst.“
    Chamberlain bringt dafür die kurze, aber völlig erschöpfende Formel: „Subjekt, handle objektiv!“ Dieser imperativ fordert für den Menschen „Freiheit“, und die in ihm wirkende Freiheit ist seine „Persönlichkeit“, der gemäss er das sittliche „Reich der Zwecke“ gestalten soll.
    Diese Gestaltung führt den Menschen zu Gott und gibt ihm Religion, und diese ist nicht mehr und nicht weniger als „das Gebären der Gottesidee aus den Tiefen des Gemütes“ (S. 746).
    „Gott ist für Kant nicht ein Erstes, sondern ein Letztes, nicht ein Ursprung; sondern ein Ziel, nicht ein Wesen,

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von dem wir irgend ein Wissen besitzen, sondern eine unfassbare Idee, an die wir glauben; kurz Gott ist für ihn einzig und allein mit dem moralischen Wesen des Menschen verknüpft.“ (S. 746.)
    Für Kant gibt es keinen anderen Gottesdienst als sittliches Handeln im Dienste des Reiches der Zwecke, und dafür hat Jesus Christus das Beispiel gegeben.
    So ist Kant's Religionslehre „nichts mehr, aber auch nichts weniger als die ausführliche Begründung und die methodische Entwickelung von Christi Lehre: Das Reich Gottes ist inwendig in euch“.
    Dafür entdeckt Kant, „der einerseits die Zurückdrängung des Mystischen auf die blosse, allerpersönlichste, innere Erfahrung für ein Gebot der Vernunft hält, andererseits einen künstlich aufgezwungenen, toten Geschichtsglauben von sich weist“, einen „neuen Standpunkt“. „Wo die Spekulation versagt, da soll die Tat für sie eintreten: nur so beweist sich die praktische Vernunft als der theoretischen ebenbürtig.“ (S. 739.)
    Freilich muss Chamberlain zugeben, dass Kant stets an ein Jenseits geglaubt hat, dass er nämlich „von der objektiven Wirklichkeit der intelligiblen Welt (im Gegensatz zur sinnlich wahrgenommenen) fest überzeugt war“ (S. 739) und diese als ein „corpus mysticum“ betrachtete.
    Dieser Kantische Glauben tritt aber für Chamberlain völlig zurück gegenüber dem Kantischen Rufe zur Tat, zur sittlichen Tat im Dienste des erstrebten Reiches der Zwecke, welches durch den kategorischen Imperativ bestimmt wird.
    Mit diesem Rufe wird Kant der grundlegende Kulturfaktor der Zukunft, und dafür sind die Untersuchungen auf dem theoretischen Gebiete der Vernunft ebenso wichtig wie die auf dem praktischen Gebiete. Erstere bestimmen für den Menschen die Grenze theoretischer Erkenntnis und machen die Bahn frei für die Gestaltungen aus praktischer Vernunft, indem sie alle Gebilde der Spekulation vernich-

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ten. In diesem Sinne sagt Kant: „Ich musste also das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“, zum Glauben an die freie, sich selbst Gesetze gebende Tätigkeit des Menschen und an deren Ziele.
    Es ist hier nicht der Ort, sich im einzelnen mit Chamberlain auseinanderzusetzen, jedenfalls hat er seine Aufgabe, „Kants intellektuelle Persönlichkeit“ lebendig werden zu lassen, auf seinem Wege glänzend gelöst. Es war ein äusserst fruchtbarer Gedanke, Kant's geistige Eigenart dadurch zu beleuchten, dass er ihn mit anderen, leichter zugänglichen Grossen verglich und hier Übereinstimmungen und dort Abweichungen feststellte, wobei natürlich auch auf diese ein neues Licht fällt.
    Da Chamberlain's Werk nicht das Studium Kant's ersetzen, sondern auf dieses vorbereiten will, so hat er auch eine gewisse Freiheit in bezug auf die Auffassung Kant's, welche den Darstellern des Kantischen Systems nicht eingeräumt werden darf, und diese Freiheit sollte ihm keine Kritik verkümmern.
    Den tiefen und klaren Gedanken dient eine edle und schöne Sprache, welche zum Bilde greift, wo es erforderlich scheint (vgl. z. B. den König im Turme, den zurückschauenden Alpenwanderer usw.).
    Zur Veranschaulichung des einzelnen und seiner Zusammenhänge werden überdies gelegentlich graphische Darstellungen und Schemata dieser oder jener Art mit Glück verwendet, aber auch in bezug auf ihre lediglich vorbereitende Bedeutung kritisch gewürdigt.
 Mag das hochbedeutende und würdig ausgestattete Werk recht viele Leser finden, welche sich ihm zunächst fraglos hingeben und sich dabei freuen, wie alles sich zum ganzen fügt, und dann erst sorgsam alles einzelne prüfen, eins aber unverlierbar für sich mitnehmen, die tatkräftige Begeisterung für Kant und für das, was dieser Genius gewollt hat!

Prof. Dr. Alex. Wernicke, Braunschweig.

(Pädagogisches Archiv 1906, Heft 11.)

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Immanuel Kant - Besprechung von Theodor Kappstein, 1905


18.

    Der geistvolle Verfasser der vielgelesenen und vielbesprochenen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ gibt ein umfangreiches Werk heraus unter dem Titel: „Immanuel Kant. Die Persönlichkeit als Einführung in das Werk.“ In sechs Vorträgen, die sich zu umfassenden Abschnitten auswachsen, erörtert er Goethe: Idee und Erfahrung; Leonardo: Begriff und Anschauung; Descartes: Verstand und Sinnlichkeit; Bruno: Kritik und Dogmatismus; Plato: Wissen und Wähnen; Kant: Wissenschaft und Religion. Chamberlain will Kant nicht der Gelehrtenkaste überlassen, sondern ihn zum kostbaren Eigentum aller Gebildeten machen. Kant hat einmal gesagt, er sei zu früh gekommen, sein Morgen werde erst nach einem Jahrhundert aufgehen; „jetzt dämmert dieser Morgen“, ruft unser Verfasser. „Das neue Jahrhundert bedarf dieses starken Schutzgeistes; heute wissen es einige und ahnen es viele, dass eine Weltanschauung einen Grundpfeiler der Kultur der Zukunft bilden muss.“ Für jeden gebildeten und gesitteten Menschen besitzt Kant's Denken vorbildliche Bedeutung; es bewahrt vor den beiden entgegengesetzten Gefahren: vor priesterlichem Dogmatismus und wissenschaftlichem Aberglauben, und es stärkt zur hingebenden Erfüllung der Lebenspflichten. In warmen persönlichen Worten erzählt uns der Wiener H. St. Chamberlain zunächst von seinem seelischen und geistigen Verhältnis zu Kant. Kant's Auge habe ihn angeschaut, als er zum erstenmale in einem Buche von ihm blätterte. Der Mensch und der Weise habe ihn zuerst zu dem Königsberger Philosophen hingezogen. „Und so ward ich im Laufe der Jahre mit Kant immer vertrauter. Seine Art, zu denken, wuchs in mich hinein oder ich in sie.“ Kant's Bücher, die steif und trocken erscheinen auf den ersten Blick, seien in Wahrheit lebens-

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Immanuel Kant - Besprechung von Theodor Kappstein, 1905


volle Erzeugnisse. Nicht um das glatte, tadellose System gehe es Kant, vielmehr „um die leidenschaftliche Tat eines Genius, für den die innere Ausgestaltung seiner Weltanschauung eine Lebensaufgabe ist“, deren Wichtigkeit für das Menschengeschlecht ihm wohl bewusst gewesen sei. Er wollte verstanden sein; er will nicht tote Gelehrsamkeit, sondern er sucht Leben. Der Erhabenheit unserer Natur, lehrt er, werden wir inne durch die idee der Persönlichkeit. Also auf die Befreiung des Menschen und auf die Entfaltung alles Erhabenen in dessen Wesen zielt Kant's Bemühen.
    Diese Eigenart des grossen Denkers tut es Chamberlain an. Er will nicht Begriffe klauben, sondern sich der Idee im ganzen bemächtigen. Auf die Kantphilologen ist er nicht gut zu sprechen; er stellt sich bekanntlich gern mit dem eigentümlich kräftig entwickelten Selbstbewusstsein der Dilettanten und Laien neben die zünftigen Gelehrten, die er leise und laut seiner Geringschätzung versichert. „Die lebendige Kraft alles dessen, was unter Kant's Namen weiterwirkt, ist der Mann, der von 1724 bis 1804 in Königsberg gelebt hat.“ Nur was Ebenmass und allseitige Ausbildung besitzt, will er Kultur heissen; Kant zugänglich zu machen, genüge nicht — „es muss so geschehen, dass er ein wirkliches Kulturmoment wird“. Ich kann diesen Standpunkt des Verfassers nur loben; er scheint mir der allein richtige zu sein, dessen Wert ich immer von neuem bei eigenen Arbeiten erprobe. Also keine systematische Gesamtdarstellung von Kant's Lebenswerk, wie sie mustergültig Friedrich Paulsen in seinem bereits in vierter Auflage vorliegenden Buche (Stuttgart, Fr. Frommann, 1904) gegeben hat, noch weniger eine Analyse seiner Gedankenreihen, vielmehr eine Betrachtung Kant's vom rein menschlichen Standpunkt.
    Originell geht Chamberlain dabei vor. Um die intellektuelle Persönlichkeit seines Helden zu fassen, greift er zum

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Immanuel Kant - Besprechung von Theodor Kappstein, 1905


Vergleich. Die organische Beschaffenheit der Sinneswerkzeuge und der Verstandesanlage bedingt die Weltanschauung auch des Grossen; aus der Gegenüberstellung mehrerer Führer im Reiche des Geistes ersehen wir die Eigentümlichkeit jedes von ihnen mit untrüglicher Schärfe. Menschen können wir nur beurteilen, wenn wir sie am Werke sehen. Einem Manne wie Kant wird man gerecht, indem man den Wurzeln seiner Eigenart in verschiedener Richtung nachspürt, Berührungspunkte aufsucht mit uns vertrauteren Erscheinungen und sich so nach und nach zu seiner Höhe hinauf hebt.
    Reine Philosophie ist ein Genieprodukt, erklärt Kant. Goethe stimmt ihm zu: „Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet geschaut.“ Damit hängt es zusammen, dass von den epochemachenden Denkern kaum einer ein philosophischer Fachmann war: Comte war Polytechniker, Lotze Arzt, Mill Beamter der Ostindischen Gesellschaft, Fechner Physiker, Spencer Ingenieur und Soziolog, Eduard von Hartmann Artillerieoffizier, Wundt Physiolog, Nietzsche Hellenist. Kant selber ist von der Mathematik ausgegangen und verdankte seinen Lehrstuhl der Philosophie einem zufälligen Tausch, den ihm ein Kollege anbot. Bis in sein Alter hat Kant mit Vorliebe über Anthropologie, Geographie, Physik, Mathematik und Befestigungslehre gelesen, seine eigene metaphysische Kritik trug er niemals vom Katheder vor. Das Entscheidende tut nicht die Schulung der Disziplin, sondern das Genie! Chamberlain vergleicht die Logik nicht übel mit einer Mühle, an der wir nicht einmal weiter ausbauen, sondern zu deren Handhabung wir uns höchstens durch Übung ein wenig vervollkommnen können. „Eine Mühle taugt jedoch nur insofern, als man Stoff zum Mahlen besitzt, und dieser Stoff ergibt sich nicht aus dem Reiben der starren, leblosen Steine gegeneinander, sondern er wächst draussen im Freien, er spriesst aus der dunklen, geheimnisvollen Erde, gelockt vom heissen Strahl der Sonne.“

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Immanuel Kant - Besprechung von Theodor Kappstein, 1905


    An Goethe, Leonardo da Vinci, René Descartes, Giordano Bruno, Plato zeigt der Verfasser ihre Art, zu schauen, die er sodann der Eigenart Kant's entgegenhält. Es ist mit zwei Worten nicht zu umschreiben, welch ein Reichtum von neuen Gesichtspunkten, von erhellenden und ausweitenden Betrachtungen sich bei dieser Methode für Kant ergeben. Chamberlain's Werk steht mit einem Schlage in der ersten Reihe aller bisherigen Kantstudien, ja es ist in manchem Betracht die produktivste und originellste von allen. Die Belesenheit dieses Mannes auf weit auseinander liegenden Gebieten des Wissens ist erstaunlich; seine geistige Beweglichkeit, die fernsten Grenzen durch ein Bild, eine von ihm entdeckte Beziehung zu verknüpfen, bewundernswert; sein Stil ist Musik.
    Der Leser wird nicht selten anders empfinden wie der Vortragende — nicht nur bei so leidenschaftlichen Ergüssen über die Gegenwart, wie auf Seite 693 bis 701, und sonst oft —; in diesem Anreiz zum Protest liegt sogar ein Hauptwert des gewichtigen Werkes, das von Geist und höchster Kultur schwer ist. Niemand aber wird nach einer sorgsamen Selbstbesinnung über die hier gewürdigten Probleme und Persönlichkeiten ohne lebhaften Dank gegen den Verfasser von dannen gehen mögen. Goethe's Ideal einer völlig reinen, das Werden als ein ewiges Sein auffassenden Naturanschauung — die Welt des Auges — und Kants lückenlos klare und insofern völlig anschauliche Erkenntnis von dem Wesen der Pflicht, der Religion und des Gottesglaubens, vereint, begründen die höchste Kultur des Menschen.
    In einer Bemerkung seines „Kant“ schilt Chamberlain die Presse mit kurzsichtigem Eifern: Vor ihrem giftigen Gorgonenblick ersterbe jeden Tag aufs neue die leise erwachende Regung zur Selbständigkeit. Wir wollen ihn eines besseren belehren, indem wir unseren Lesern auch seine beiden neuen Bücher als geistvolle, eigensinnige,

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Karl H. Strobl, Das Blaubuch, 1906


in ihrer Selbständigkeit überaus anregende Publikationen bestens empfehlen.

Theodor Kappstein, Berlin.

(National-Zeitung 1905, Nr. vorn 21. Dezember.)

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19.

    Mit geflissentlicher Betonung hebt Chamberlain in seinem Buch über Kant bei guter Gelegenheit immer wieder hervor, dass er seinem Thema als Laie gegenüberstehe. Damit will er nicht etwa sagen, dass er uns ein durch keinerlei gründliches Studium getrübtes Urteil zu geben hat, eine Impression, nach Art unserer heutigen „Essayisten“, die, um z. B. über Grillparzer zu schreiben, nichts lesen als die gebräuchlichste Biographie, deren Behauptungen sie dann in „genialer Eigenbrödelei“ einfach in ihr Gegenteil verkehren. (Ein, mehr als den Uneingeweihten bekannt ist, angewendetes Mittel, um billig in den Ruf der Originalität zu kommen: man behauptet schlankweg in jedem Belang das Entgegengesetzte.) Sondern Chamberlain kennt seinen Kant ebenso gründlich, als je ein gelehrter Herausgeber von dessen Schriften. Und er kennt auch etwas mehr, er hat ein — offenbar durch ein ungemeines Gedächtnis unterstütztes — Wissen auf allen Gebieten der Naturwissenschaften, er ist Mathematiker und Physiker, Chemiker und Astronom. Dass er Anthropologe und Ethnograph, Kulturhistoriker und Geschichtsgelehrter ist, hat er ja zur Genüge in den „Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ erwiesen. Wir haben in Chamberlain das in unserer Zeit so selten gewordene Phänomen eines Polyhistors vor uns. Vielleicht seit Goethe zum erstenmal in dieser Prägnanz und

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dieser Sicherheit des Kennens und Könnens. Seine Gelehrsamkeit ist bewunderungswürdig, dazu schöpft er auch aus den entlegeneren Quellen, deren sich die deutsche Wissenschaft nur in seltenen Fällen bedient. Wenn Chamberlain also von sich als Laie spricht und dies so lange wiederholt, bis man merkt, mit welchem Stolz er dies von sich aussagt, so will das Wort nicht etwa den Gedanken an wissenschaftlichen Dilettantismus wachrufen, sondern gibt nur die Methode seiner Darstellung an. Chamberlain behandelt seinen Stoff wie ein Laie, das heisst, er stellt ihn nicht nach den geheiligten Normalien der Fachwissenschaft, sondern steht ihm frei als Künstler gegenüber. „Wir brauchen die verdienstvolle Tätigkeit des Fachmannes — namentlich für die Erforschung und Darstellung der Geschichte des menschlichen Denkens, sowie für die Heranbildung unserer Söhne — nicht zu unterschätzen und können doch verlangen, dass zwischem berufsmässigem Wissen und Genie unterschieden werde.“ Der „Professor“ ist nicht mit den gottbegnadeten Männern zu verwechseln, „aus deren Tätigkeit erst der Stoff entsteht zu einer Wissenschaft“ ... Und Chamberlain führt ein Zitat aus Goethe an:
„Wird der Poet nur geboren? Der Philosoph wird's nicht minder,
Alle Wahrheit zuletzt wird nur gebildet geschaut.“
    In diesem Sinn war auch Kant keineswegs Fachgelehrter. Er ist nicht von der Philosophie, sondern von Mathematik, Physik und theoretischer Astronomie ausgegangen und hat seine eigene metaphysische Kritik niemals im Hörsaal vorgetragen. Er hat sich wohl auch kaum sehr eingehend mit anderen philosophischen Systemen beschäftigt, und in seinen Schriften findet sich auch selten genug ein Hinweis auf andere Philosophen. Nicht aus dem Trieb nach theoretischer Spekulation gingen seine Untersuchungen hervor, sondern aus dem ganz klar erfassten Wunsche, mit praktischer Philosophie auf die Vertiefung

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des Menschen hinzuarbeiten. Praktische Philosophie ist „die Methode, Menschen zu bilden und zu regieren“. Dazu war es notwendig, erst die Grundlagen der geistigen Fähigkeiten des Menschen kritisch zu prüfen. Und daraus entspringt vor allem die „Kritik der reinen Vernunft“, als ein erster Versuch auf einem bisher noch nicht behandelten Gebiete. Aber die „Transzendentalphilosophie“ Kant's ist durch seine Schüler und Ausleger zum Teil in ihren Hauptsachen verkannt worden, so dass erst jetzt der Morgen anzubrechen beginnt, den Kant sich selber nach einem Jahrhundert prophezeite. „Das neue Jahrhundert bedarf dieses starken Schutzgeistes“, sagte Chamberlain. Und um sein Teil an dieser Renaissance Kant's mitzuwirken, hat er es in diesem Buch unternommen, die Erkenntnisse des Königsberger Weisen wieder in ihrem ersten und echten Sinn darzustellen. Recht als ein „Laie“ geht er dabei zu Werke. Er beginnt nämlich nicht damit, Begriffe festzulegen und Definitionen zu formulieren, sondern er strebt darnach, die intellektuelle Persönlichkeit Kant's zu erfassen. Diese Darstellung der Persönlichkeit soll die Einleitung in sein Werk abgeben, sie soll die Brücke zu dem schwer zugänglichen sein; das eigentliche Studium seiner Schriften muss hernach jedem einzelnen überlassen bleiben. Von dieser Arbeit will Chamberlain's Buch durchaus nicht befreien. Man wird verstehen, warum auch ich nur ein Laienurteil über dieses Buch abgeben will. Auch mir liegt daran, einiges über die Persönlichkeit Chamberlains zu sagen, zur Einführung in sein Werk über Kant, zur Vermittlung für die, denen manches an diesem Werk fremdartig und unbegreiflich erscheinen könnte.
    Von Chamberlain's Verhältnis zu Kant wird zunächst zu sprechen sein. Es ist ein rein persönliches Verhältnis. Nie hat man einen Schüler mit gleicher Ehrfurcht von seinem Meister sprechen gehört, als Chamberlain von Kant. Aus den Büchern ist der Denker und Mensch dem Strebenden mit aller Lebendigkeit entgegengetreten. Cham-

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Karl H. Strobl, Das Blaubuch, 1906


berlain spricht vom Auge Kant's, das nach dem Urteil eines Zeitgenossen „wie vom himmlischen Aether gebildet war“. „Dieses Auge ... blickte mich an, als ich zum erstenmale in einem Kant'schen Buche blätterte.“ „Den Philosophen verehrte ich, doch der Mensch stand mir näher, jener Weise, in dessen Auge eine Weltanschauung sich spiegelt ... Und so ward ich im Laufe der Jahre mit Kant immer vertrauter. Seine Art zu denken wuchs in mich hinein oder ich in sie.“ In einem köstlich ironisierenden Ton spricht Chamberlain ein andermal von diesem Verhältnis zu Kant. „Zwar bin ich kein Fachmann, doch besitze ich statt dessen den grossen Vorzug, mich mein Leben lang mit Kant beschäftigt zu haben, ohne dass er mir zu irgend etwas anderem als zu dem allmählichen Aufbau meiner persönlichen Weltanschauung verhelfen sollte. Weder musste ich — wie unsere Privatdozenten — als kaum flügge gewordener Fünfundzwanzigjähriger die ausgereifte Lehre des Sechzigjährigen so gut und so schlecht es ging vortragen, mir dadurch auf Immer das Verständnis verrammelnd, noch trat ich ihm mit meinem eigenen ‚System' entgegen, dessen Berechtigung ich durch Angriffe auf das seine zu erweisen gehabt hätte; ich war nicht genötigt, mich zu einer Partei zu schlagen; ich brauchte nicht zu schmähen, was ich nicht verstand, und nicht zu vertreten, was meinem Denken nicht eingehen wollte.“ Und er gesteht unumwunden ein, dass es noch heute Dinge in Kant gebe, die er nicht verstehe. Doch hofft er, da ihn noch zehn Jahre von dem Alter, in dem Kant die „Kritik der reinen Vernunft“ schrieb, trennen, dass ihm noch neue Lichter plötzlich aufgehen würden. Tiefer und eindringlicher kann kein Adept den Lehren seines Meisters gefolgt sein.
    Von der Weltanschauung, zu deren Aufbau ihm Kant geholfen hat, haben die Bücher Chamberlain's inzwischen Zeugnis gegeben. Das Wagnerwerk und vor allem die „Grundlagen“ sind von einem Mann geschrieben worden,

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der an die Kulturmöglichkeiten der Menschheit glaubt und der in der germanischen Rasse vor allen anderen den Träger der Menschheitskultur sieht. Aber dieser Glaube ist nicht frei von Ängsten und Zagnissen. Gerade jetzt; in höchster Not, im Drange einer Zeit, die dazu angetan, uns in äusserste Barbarei zurückzuwerfen, muss Kant als grosser Helfer zum Erlösungskampfe wieder erweckt werden. Es geht um die heiligsten Güter. „Es gilt, diejenige Freiheit und mit ihr diejenige Auffassung der Sittlichkeit, die wir nicht haben, und die wir unter der Herrschaft unserer heutigen Kirchen und Antikirchen niemals erreichen können, uns zu erschaffen.“ „Freiheit ist Menschenwerk“, sagt Kant. Das ist höchstes Glück und höchste Verantwortlichkeit zugleich. „Es gilt, die reine Religion und den wahrhaftigen Gottesbegriff, wie diese heute Besitz oder Ahnung der Besten und Bedeutendsten unter uns sind, in das allgemeine Bewusstsein einzuführen.“ Die Menge kann niemals so hoch denken, wie die Menschen auf der Höhe der Kultur, „doch darf der Riss nie so weit klaffen, dass der Glaube seiner Besten dem Volke als Sünde und Wahnsinn erscheint, während längst nachgewiesene historische Fälschungen ihm als göttliche Wahrheit und kirchliche Praktiken, würdig nackter Botokuden, als Inbegriff der Sittlichkeit aufgezwungen werden.“ Da ist Kant's Lehre der wahrhaftige Jungbrunnen, der unserem Bade und unserer Reinigung dienen soll, zu klarer Erkenntnis unser selbst und unserer Stellung zur Welt und Menschen. Darum also tritt Chamberlain für Kant ein und kämpft gegen Kirchen und Antikirchen.
    Auch gegen Antikirchen. Denn kein minderer Greuel als die Knebelung der Vernunft durch die Kirche ist Chamberlain ihre „Befreiung“ durch die dogmatische Wissenschaft. Hier ist der Punkt, wo sich Chamberlain mit der „Aufklärung“ in Widerspruch setzt und wo er kaum mindere Anfeindungen zu erfahren haben wird als von den „Dunkelmännern“. Schon nach dem Erscheinen eines

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kurzen Auszugs aus Chamberlains Werk in der „Österreichischen Rundschau“ gab es einigen Lärm, und ein Wiener Zoologe *) zog gegen ihn vom Leder. „Jammerbild von Unwissenheit“ nennt er ihn und spricht von dem „unsinnblütenschweren Erkenntnisbaume Chamberlain'scher Begriffsromantik“, um die Versicherung dranzuschhiessen, dass ein solcher „phrasenschillernder Zettelkastenliterat im theatralisch-antiken Philosophenkleide“ im Kreise von Naturforschern nur Lachen erregen wird. Dabei aber fällt es Chamberlain nicht entfernt ein, die Wissenschaft herabzusetzen. Mit grösster Ehrerbietung spricht er von den grossen Gelehrten aller Zeiten und was er über den Wert der Mathematik und der Naturwissenschaften sagt, steht nicht hinter der Hochachtung der Fachmänner für ihr eigenes Fach zurück. Aber sein Zorn — und es ist ein sprühender, flammender Zorn — gilt jener Wissenschaft, die aus sich heraus die Rätsel des Daseins gelöst zu haben oder doch lösen zu können glaubt. Infolge einer Verschiebung des Standpunktes sieht Chamberlain dasselbe Phänomen — die Wissenschaft — von einer anderen Seite. Nicht die Wissenschaft ist das Primäre, von dem aus auf die Menschen geschlossen werden kann, sondern der menschliche Intellekt, die Vernunft, die sich die Wissenschaft nach ihren Bedürfnissen erfunden hat.
    Wissenschaft ist „systematischer Anthropomorphismus“. Mit der Wissenschaft wird sich der Mensch einen Teil der Erscheinungen nach dem von ihm erfundenen Schema assimilieren, mit ihrer Hilfe wird er der drängenden Fülle der Phänomene Herr, er bändigt sie unter die von ihm erdachten Naturgesetze. „Die Wissenschaft gestaltet die Natur.“ Und sie macht sich in ihrer aus der Vernunft geflossenen Selbstherrlichkeit kein Gewissen daraus, die Natur zurechtzubiegen und zu beugen, wenn sie in das ersonnene Schema nicht passen sollte. Schema ist nichts anderes als die „Verdenklichung des Angeschauten“. Das ungeheuere Anschauungsmaterial, das uns umgibt,
    *) Prof. B. Hatschek. See the excerpt of his review in the Neue Freie Presse, December 1905, Nr. 7.

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wird zu besserer Ordnung und Übersicht unter solche Gedankengesetze gestellt, die aus dem Vielfachen ein verhältnismässig Einfaches machen. Nicht die Natur drängt uns ihre Gesetze auf, wir selbst sind die Gesetzgeber der Natur. Diese souveräne, gesetzgebende Tätigkeit heisst, als Methode betrachtet: Wissenschaft. Eigentlich deckte sich die reale Anschauung niemals mit der Schematisierung durch die Wissenschaft, wenn diese nicht mit Hilfe der Theorien — Theorien sind alt und ehrwürdig gewordene Hypothesen — die Ungleichmässigkeiten und Widersprüche ausgliche. Descartes kommt der Anschauung mit Gedanken zu Hilfe, indem er alle sichtbaren Bewegungen der Himmelskörper und irdischen Gegenstände durch einige wenige Grundbegriffe (Trägheit, Masse usw.) verständlich macht. Das ist freilich eine Auffassung, die weltenfern von der der dogmatischen Wissenschaft steht. Wie es eine Kunst für die Kunst gibt, so gibt es eine Wissenschaft für die Wissenschaft. Gelehrte glauben, alles sei um ihrer selbst willen da, spottet Kant. Vor allem ist Chamberlain der „exakten Naturwissenschaft“ feindselig gesinnt. Die Entwicklungslehre an sich ist „eine prächtige, vielverheissende, regulative Idee“, aber sobald sie sich auf einmal als objektiven Tatbestand gibt, Gesetze erlässt und dogmatischen Wert beansprucht, umnachtet sie unseren Verstand. Von diesem Punkte aus unterscheiden sich nach der Ansicht Chamberlain's Moses und Haeckel nur um ein geringes. Sie bieten uns beide Schöpfungsgeschichten, „nur mit ein bisschen anderen Worten“. Haeckel mit viel mehr einzelnen Tatsachen, Moses tiefer und anregender, weil er die Sache „vom besseren Ende anfasst“.
    Chamberlain findet hier keine Worte, die scharf genug wären, um diese Art von Wissenschaft zu bekämpfen. Sein Hohn ist wild und trotzig und schlägt dem Feind ins Gesicht. Man möchte manchmal wünschen, er vergässe sich gegen eine Generation von verdienten Gelehrten nicht so weit. Denn — selbst hier ist dem guten Willen eine

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Verständigung möglich. Wie, wenn man die Evolutionstheorie in ihrem ungemeinen „regulativen“ Werte als eine Theorie erfasste, als einen neueren Versuch zur „Verdenklichung des Angeschauten“ und alle damit zusammenhängenden Theorien als Bestandteile eines grossen Schemas zur Assimilierung der Natur? Da ich Chamberlain's imposantes Werk nicht kritisch zu betrachten unternehmen kann, sondern bloss seine Persönlichkeit „zur Einführung“ rasch umreissen möchte, genügt es, auf das Impulsive dieser Angriffe, auf den Hass gegen die dogmatische Wissenschaft hinzuweisen. Alles das zeigt Chamberlain nicht als objektiven Betrachter, sondern als Jünger, der seinen Meister verteidigt und gelegentlich wohl auch mit raschgezogenem Schwert einem Feinde ein Ohr abschlägt.
    Das Hauptthema seines Buches ist der Unterschied und die Beziehungen zwischen Denken und Anschauung, als den Faktoren, deren „transzendentale“ Verknüpfung nach Kant's Lehre die Vernunft ausmacht. Er hat sich die Aufgabe gestellt, Kant's Schriften, die der Uneingeweihte überaus schwierig findet, durch das Verständnis der intellektuellen Eigenart seiner Persönlichkeit zu erschliessen. Es „wird oft von philosophischen Theoremen die Rede sein, doch nicht diese, sondern die Persönlichkeiten der Denker stehen im Mittelpunkte des Interesses: daraus ergibt sich für uns das gestaltende Gesetz. Zur Formel verdichtet, würde es lauten: nicht die Gedanken, sondern das Denken“. Und dieses Ziel zu erreichen, bemüht er sich möglichst klar und eindringlich zu sprechen. Er will das Denken sozusagen möglichst „anschaulich“ darstellen. Das Persönliche an der Form des Denkens soll hier herausgehoben werden, das, was Chamberlain „Gedankenstil“ nennt. Um möglichst unmittelbar zu uns zu sprechen, möglichst eindringlich und gleichsam mit allen Vorteilen des Redners aus dem Buche heraus, teilt Chamberlain sein ganzes Werk in sechs „Vorträge“. „Verehrte Freunde“, spricht er sein Publikum an, und er bannt uns in die Vor-

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Karl H. Strobl, Das Blaubuch, 1906


stellung, als stünden wir ihm selbst gegenüber, damit wir, wie er es in den Werken Kant's sah, auch sein Auge in diesen Blättern sehen. Dem dienen die häufigen Anreden und „szenische“ Bemerkungen von der Art dieser: „Erlauben Sie, dass ich hier ein einfaches Schema an die Wand zeichne.“ Er fordert sein Publikum auf, die Augen zu einer unbefangenen Betrachtung aufzumachen. Er will nirgends Vollständigkeit erstreben, aber dafür soll jede Erkenntnis, die wir gewinnen, „plastisch“ abgerundet sein. Nach lebendigem Verstehen auf dem Wege muss er wie ein Jäger „alle Sinne auf der Lauer haben“, muss er „warten und zuzugreifen wissen“. Diese Art des Vortrages macht sein Buch so wunderbar reich an Anregungen, dass man sich stets fühlt wie im Gespräch mit einem bedeutenden Menschen. Als Methode seines Vortrages bedient sich Chamberlain des Vergleiches mit anderen bedeutenden Männern. Diese Methode dient dazu, die Anschauung von der Persönlichkeit hervorzurufen. — „Wenn wir nur die richtigen Leute zum Vergleiche heranziehen, werden die starken Schlagschatten, welche die Gegensätze werfen, Kant's Geistesgestalt — d. h. also die Eigenart seiner Gedankenwelt — immer körperlicher vor unsern Augen erstehen lassen.“ Lichtenberg sagt einmal: „Philosophie, wenn sie für den Menschen etwas mehr sein soll als eine Sammlung von Materien zum Disputieren, kann nur Indirekt gelehrt werden.“ Diesen Ausspruch setzt Chamberlain dem Buche als eines der Leitworte vor. Auf indirektem Wege führt er zum Verständnis Kant's. Und dieser Weg geht über die Persönlichkeiten Goethes, Leonardo's, Descartes', Giordano Bruno's, Plato's. An jede dieser Persönlichkeiten knüpft sich eine Betrachtung über deren Eigenart, über das Wesentlichste ihrer Gedankenwelt und immer enger werden die Beziehungen, die zu Kant hinüberleiten, bis in Plato der verwandte Denker gefunden ist, der die wichtigsten Ideen der metaphysischen Kritik zum erstenmal erfasst hat. Idee und Erfahrung (Goethe),

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Karl H. Strobl, Das Blaubuch, 1906


Begriff und Anschauung (Leonardo), Verstand und Sinnlichkeit (Descartes), Kritik und Dogmatismus (Bruno), Wissen und Wähnen (Plato) werden dabei betrachtet und lassen immer neue Behandlungen des transzendentalen Problems zu, bis endlich das Werk in dem Vortrag über Wissenschaft und Religion (Kant) gipfelt. Jedem Vortrag ist ein „Exkurs“ eingegliedert, „behufs Herbeischaffung des unentbehrlichen Anschauungsstoffes“, ein Exkurs, „in dem wir den eigentlichen Gegenstand zu verlassen scheinen, der uns aber dienen wird, ihn erst recht zu erfassen“. Die Exkurse betreffen die Metamorphosenlehre (Goethe), physikalische Optik und Farbenlehre (Leonardo), analytische Geometrie (Descartes), Geschichte der Philosophie (Bruno), das Wesen des Lebens (Plato) und das Ding an sich (Kant).
    Soviel über Anlage und Bau des Werkes. In ihnen prägt sich der „Gedankenstil“ Chamberlain's aus. Diese Andeutungen mögen über das Persönliche dienen, soweit es sich in Chamberlains Werk ausdrückt. Es erübrigt, gleichwie nach der Lektüre dieses Werkes noch das Studium der Schriften Kant's, so hier auch noch das aufmerksame Studium des Buches selbst. Und noch eines sei hinzugefügt, um dazu aufzumuntern. Es hat für mich seit langem kein Buch gegeben, das mich so restlos glücklich gemacht hätte, wie dieses. Eine so reine und klare Luft weht darin, Höhenluft von ganz hoch oben her, und was Chamberlain von Kant sagt, gilt auch von ihm: er ist ein Jungbrunnen und er vermittelt uns das Gefühl der Freiheit und Würde unseres Selbst.

Dr. Karl Hans Strobl, Brünn.

(Das Blaubuch 1906, 16. August.)

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Immanuel Kant - Besprechung von Prof. B. Hatschek, Wien, 1905


20.

    Schiene es nach diesen Proben nicht besser, dies Elaborat raschest beiseite zu legen? Wem seine Ruhe lieb ist — die Ruhe, die zur täglichen Arbeit nötig — der sollte wohl dem giftigen Stachel dieser Rede weit aus dem Wege gehen? Weit aus dem Wege dem ganzen Schwarm, der dem einen zugesellt ist, der hier das Wort führt?
    Doch der wahrheitsuchende Naturforscher ist des Zagens ungewohnt. Frisch darauf los! Und was da sticht und pfaucht und stinkt, das wird mit eisernem Handschuh angepackt!
    Ei, ei, was haben wir mit raschem Griff erhascht? Eine Hand in fremder Tasche? Natürlich nur figürlich. In wessen Tasche? In Darwin's, des just so hart Geschmähten. Doch sein Eigentum soll ihm gewahrt sein.
    Ja, in dem ganzen Wust von falschen und hohlen Phrasen und von Wortgeklingel findet sich ein brauchbarer, mit grosser Emphase vorgebrachter Gedanke — und dieser ist ein fremder.
    Herr Chamberlain sagt: „Wir müssen die Idee fassen und zum Gesetze des Denkens erheben — das gesamte Leben der Erde bilde eine Einheit.“ „...die Wissenschaft muss soweit kommen, aus einigen wenigen Pflanzen- oder Tierresten die Fauna und Flora einer ganzen Epoche wiederherstellen zu können; das muss das Ziel der Biologie sein.“ Dieser Gedanke, abgesehen von der hier hinzugefügten wahnwitzig laienhaften Übertreibung, ist — wie jeder Kundige weiss — echtestes Darwin'sches Eigentum...
    Und dieses Jammerbild an Unwissenheit stellt sich mit gespreizten Beinen vor uns hin und reckt sich und bläht sich und verkündet mit lauter Stimme und orakelt mehr oder minder dunkel, dass es bereit sei, demnächst die ganze biologische Wissenschaft neu zu begründen......

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Immanuel Kant - Besprechung von Prof. B. Hatschek, Wien, 1905


Wir mussten uns mit einer bescheidenen Blütenlese begnügen. Denn unerschöpflich entschweben dem unsinnblütenschweren Erkenntnisbaume Chamberlain'scher Begriffsromantik Blumen auf Blumen und begraben mit ihrem phrasenduftbetäubenden Schwalle unrettbar den festen Boden nüchternen Verstandes.
    Bezeichnend für seine Denkweise ist die bei Herrn Chamberlain immer wiederkehrende Anwendung des Wortes „Gestalt“ im Sinne Platon's, wenn auch ohne Konsequenz und Klarheit. So vernehmen wir: „Alles, was Gestalt ist, entsteht aus Gestalt, nie aus Stoff und Kraft.“ „Zweckgedanke ist, Lebensgestalt ins Begriffliche übertragen.“ Ferner die an die Evolutionisten gerichteten Worte: „Sehen wir, wohin Naturforschung führt, die vom Wesen des Lebens als Gestalt nichts wissen will.“
    Von Plato wurde das Begriffliche, das Allgemeine, als „Idee“ oder „Gestalt“ für das wahrhaft Seiende gehalten, ihm wurde eine selbständige Realität — die Ideenwelt sollte jenseits des Fixsterngewölbes auf dessen von uns abgewendeter Seite gelegen sein — zugeschrieben, unabhängig von dem vergänglichen Einzelfalle, der als das zwischen Sein und Nichtsein schwebende „Werden“ sich darstellt. Schon sein Schüler Aristoteles hat aber nicht mehr dem Begriff oder der Idee, sondern den Einzeldingen Wirklichkeit zuerkannt.
    Die Ideenlehre Platon's, die Jahrtausende lang ihre verderbliche Wirkung geübt und als Irrlicht den Menschengeist vom Wege der Forschung abgelenkt hat, ist durch den Empirismus immer wieder verdrängt worden, und niemals konnte sie auf dem Gebiete der Naturwissenschaft eine Rolle spielen.
    Wir werden nicht mehr in ein Zeitalter des Sokrates, Plato und Aristoteles zurückkehren, wo man durch die Definitionen und die Wörter, die man für das Wesen der Dinge hielt, sich täuschen liess.
    Vielleicht wird mancher geneigt sein, einige Irrtümer

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Immanuel Kant - Besprechung von Prof. B. Hatschek, Wien, 1905


des Herrn Chamberlain milder zu beurteilen, indem er ihn als Platoniker betrachtet. Auf andere machen seine Ausführungen vielleicht mehr den tragisch-heiteren Eindruck jenes heutzutage auf allen Gebieten des geistigen Lebens bemerkbaren, dekadentaffektiert-schwachsinnheuchelnden Strebertums, das Aufsehen erregen will — um jeden Preis.
    Es lag die Pflicht vor, der Öffentlichkeit, an welche Herrn Chamberlain's Worte gerichtet waren, diese Erscheinung in helleres Licht zu rücken.
   Im Kreise von Naturforschern wird solch ein phrasenschillernder Zitatenzettelkastenliterat im theatralisch-antiken Philosophenkleide nur Lachen erregen.....

Prof. Dr. B. Hatschek, Wien.

(Neue Freie Presse 1905, Nr. vom 7. Dezember.)

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21.

    Ein in jeder Hinsicht aussergewöhnliches Werk, einer Verehrung für den grossen Königsberger Denker entsprungen, wie sie tiefer und inniger kaum jemals Ausdruck gefunden hat. Kant ist für Chamberlain nicht nur der grösste, ja im Grunde der einzige wahre Philosoph, der unter den Abendländern gelehrt hat, nicht nur ein Spender unerschöpflicher Erkenntnis, der wie ein Montblanc niedere Vorberge die übrigen Philosophen überragt, bei dem jeder Zweifel lediglich als Unverständnis oder Überhebung auf den Zweifelnden zurückfällt; sondern, was ihm unvergleichlich mehr als dieses bedeutet, ein Führer zu einem ganz neuen, höheren Menschentum, der Entdecker und Begründer der wahren Menschenwürde, der einzige Weg-

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Immanuel Kant - Besprechung von Karl Schneider, Die Propyläen, 1906.


weiser zu echter, d. h. der selbstgesetzlichen menschlichen Sittlichkeit entstammender Gotteserkenntnis und Religion.
    Chamberlain's „Kant“, das Zeugnis einer höchstkultivierten, von heiligem Ernst für ihre Ideale erfüllten, in Wahrheit „mit der ganzen Bildung des Jahrhunderts ausgerüsteten“ Persönlichkeit, ist und bleibt eine hervorragende geistige Schöpfung, von völlig anderer Art als unsere üblichen philosophiegeschichtlichen Darstellungen, aber sicherlich keine geringere geistige Potenz in sich verkörpernd.
    Die Art, wie Chamberlain seinen Stoff behandelt, ist in der Tat von hoher Eigenart und allein schon ein Beweis souveränen Waltens über ausgedehnte Reiche der menschlichen Geistesgeschichte...
    Ein solches Werk steht denn auch selbstverständlich ausserhalb der schulgerechten Wissenschaft; doch gewiss nicht unter ihr. Es ist eine ganz andere Methode und ganz andere Voraussetzungen und Absichten, die bei Chamberlain's Werk und den üblichen mehr oder minder „exakten“ philosophiegeschichtlichen Darstellungen in Frage kommen. Wird eine solche durch den Zwang der „exaktwissenschaftlichen“ Methode in den Grenzen festgehalten, innerhalb deren jede Behauptung belegt und bewiesen werden kann, so kommt in Chamberlain's Werk eine Art des Erfassens von Zusammenhängen und des Geltendmachens persönlicher Wertungen zum Ausdruck, die über jene Grenzen weit hinausgeht, die weit mehr künstlerisch-divinatorischer als gelehrter Natur ist, an der eine höchstgesteigerte Persönlichkeitskultur und nicht die zugrunde liegende Einzelforschung den hauptsächlichsten Anteil hat.

Karl Schneider, München.

(Die Propyläen, 1906, Nr. vom 13. März.)

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, 1906


22.

    Wie zu erwarten war, sind wir im Jahre der hundertsten Wiederkehr des Todestages Kant's mit einer Hochflut von Publikationen überschwemmt worden, die sich mit dem Leben und dem Werk dieses Denkers beschäftigen. Geht man die Reihe dieser Vorlesungen, Reden und Abhandlungen durch, so tritt das beschämende Ergebnis zutage, wie sehr, mit verschwindend geringen Ausnahmen, jedes tiefere Verständnis für den transzendentalen Idealismus gerade denjenigen fehlt, die sich heute zu philosophischer Berufsarbeit bestimmt fühlen. Eine Schrift aber hat dieses Kant-Jubiläum gezeitigt von ganz eigenartiger Bedeutsamkeit: den „Kant“ Chamberlain's. Wer dieses Werk missdeuten will, hat sehr leichte Arbeit; wer insbesondere seinen eigenen Scharfsinn dadurch ins rechte Licht setzen möchte, dass er an einer Blumenlese von Einzelheiten mit dem ganzen mikrologischen Apparat Ausstellungen an der Wiedergabe der Kantischen Ausführungen zu machen bestrebt ist, der mag dies tun; aber er mag sich dann auch sagen lassen, dass er den Sinn und den inneren Wert dieses Buches nicht zu durchschauen vermocht hat. Gewiss! Chamberlain ist und will nichts anderes sein als Laie, als Dilettant in der edlen Bedeutung dieses Wortes; aber gerade als Laien offenbart sich ihm der reinmenschliche Wert des Kantischen Idealismus in freierer Weise als der fachmännischen Gelehrsamkeit. Was diesem Werke so das eigentümliche Gepräge aufdrückt, ist der Umstand, dass es das Merkmal geschichtlicher Notwendigkeit an sich trägt. Es musste einmal so und nicht anders gesagt werden, dass man in den gebildeten Schichten unserer Nation nachgerade des seichten Psychologismus und Empirismus überdrüssig geworden ist, weil man endlich dahintergekommen ist, dass diese Bestrebungen, selbst

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, 1906


unfruchtbar, nur verhindert haben, die grossen Gedanken unseres klassischen Idealismus in die Tat umzusetzen. Vornehmlich aber sind Chamberlain's Ausführungen ein lebensvoller Protest gegen diejenige philosophische Richtung, welche sich einerseits mit dem grossen Namen Kant's deckt und doch andererseits wie keine andere das Erbe dieses Denkers veruntreut hat, unter der Vorgabe, erst der physiologisch interpretierte Kant wäre der richtige Kant: — der Protest gegen den sogenannten Neukantianismus. Mit dieser negierenden Kritik verbindet sich dann aber weiter die positive Forderung: an der Erfassung der Persönlichkeit Kant's —‚ nicht an der empirischen, sondern an derjenigen, die er in seinem kritischen Idealismus aus sich heraus gestaltet hat, — den neuen, höheren Menschheitstypus, dessen Verlebendigung der letzte, höchste Zweck unserer klassischen Philosophie war, allgemein zu verwirklichen. An diesen konkreten Zweck des deutschen Idealismus auch nur wieder zu erinnern und ihn auf eigenartige Weise zum Bewusstsein zu bringen, zugleich aber so die Mitstrebenden von dem Irrwege abzurufen, auf den sie die Sophistik unserer Tage, die Psychosophistik, geführt hat, das macht den würdigen Charakter dieser Leistung aus.
    Die kritische Philosophie Kant's ist der grossen Menge, nicht nur der Ungebildeten, sondern auch der Gebildeten, noch immer ein Buch mit sieben Siegeln. Da sagte sich Chamberlain: das darf nicht sein; dieser Schatz darf nicht unbenutzt vermodern, und wenn die sachkundigen Fachmänner ihn nicht hoben, indem sie immer nur wieder für Fachmänner schrieben, so muss einmal von anderer Seite versucht werden, dieses Gold zu münzen! Hierbei aber bedient er sich nun eines ganz originellen Verfahrens. In der Vorrede sagt er darüber: „Nur was Ebenmass und allseitige Ausbildung besitzt, kann Kultur heissen; es genügt nicht, Kant zugänglich zu machen, es muss auch so geschehen, dass er ein wirkliches Kulturmoment wird. Und

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aus dieser Überlegung ergab sich mir die Frage, ob es nicht möglich und nützlich sein würde, um jenen engbeschränkten Kreis der liebevoll berichtenden Biographien einen etwas weiteren zu ziehen? Nicht eine systematische Gesamtdarstellung seines Lebenswerkes, wie das berufene Fachmänner mit mehr oder weniger Glück versucht haben, noch weniger eine eingehende gelehrte Analyse und Darlegung einzelner Schriften und Gedankenreihen, sondern eine Betrachtung der Persönlichkeit Kant's vom reinmenschlichen Standpunkt aus. — Nicht die krause Zickzacklinie eines Menschenschicksals, sondern das unerschütterlich Innenhaftende des gegebenen Wesens; nicht des Denkers Gedanken, sondern des Denkers Denken: das zu erfassen musste mein Ziel sein.“ — Dieses Vorgehen beruht auf dem richtigen Instinkt, dass jedes echte philosophische System im Grunde nichts anderes ist als die Exposition der ideellen Persönlichkeit, von der sich das endliche Individuum durchdrungen fühlt, in der Form von Denkbeziehungen. Ein solches System ist auch der transzendentale Idealismus; er ist, wie ihn Kant darstellt, die gedankliche Gestaltung des neuen Menschheitstypus, der sich in seinem Selbstbewusstsein verwirklichte. Dasselbe ist auch der Fall bei dem religiösen Genius: der geschichtliche Jesus ergreift in sich den Logos als seine ideelle Persönlichkeit, als Christus, als Gottessohn. Aber während der religiöse Trieb darauf gerichtet ist, den sich ihm erschliessenden Geistestypus nun auch in der konkreten Form der Persönlichkeit festzuhalten und ganz darin aufzugehen, geht der philosophische Trieb vielmehr dahin, ihn in der abstrakt-allgemeinen Form von Gedankenbestimmungen zu exponieren. Für den grössten Teil der Menschheit ist jedoch alles Höhere, Geistige nur in der Gestalt des Persönlichen verständlich, nicht in der reinen Gedankenform, und daher ist auch die Religion eine allgemeinmenschliche Instanz, nicht aber die Philosophie. Die Folge davon ist aber, dass auch ein philosophisches

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System, wenn es sich in weiteren Kreisen verwirklichen soll, immer erst direkt oder indirekt ins Persönliche retrovertiert werden muss. Das aber ist nun auch die innere Rechtfertigung für den von Chamberlain eingeschlagenen Weg: aus dem System Kant's wird der diesem Denken entsprechende Persönlichkeitstypus aufgezeigt und so der transzendentale Idealismus selbst dem Verständnis entgegengeführt. Die Ermittlung und die Durchführung dieser Methode für die allgemeinere Verlebendigung schwieriger Gedankengestaltungen ist ein so wesentliches Verdienst dieser Arbeit, dass daneben alle Beanstandungen im einzelnen nur leicht ins Gewicht fallen. Jedenfalls hat der Verfasser das erreicht, was er sich vorgenommen hat, wenn er erklärt: „Diese Vorträge waren für Freunde bestimmt und richten sich auch jetzt, wo sie einer weiteren Verbreitung entgegengehen, nur an befreundete Geister. Ein Laie redet zu Laien. Er will weniger belehren, als den Weg zur Belehrung weisen. Er will anregen, aufrütteln, Begeisterung einflössen; er will Richtungen aufdecken, Klarheit vorbereiten, Vertrauen in die eigene Kraft schenken. Sobald der Leser in das Anziehungsbereich des Meistergeistes gelangt ist, bedarf er dieser Freundeshand nicht mehr; auf dem Wege bis dahin möge er sie nicht verschmähen.“
    Dass auch ich in bezug auf viele Einzelausführungen grundsätzlich anderer Auffassung als Chamberlain bin, will ich nicht verschweigen; aber ich habe nicht nötig, mich damit auseinanderzusetzen, da diese Abweichungen für den angegebenen Gesamtzweck des Buches nicht wesentlich in Betracht kommen. Ich will mir erwähnen, dass dieser Gegensatz, abgesehen von Kant selbst, namentlich die vorgebrachten Äusserungen über Aristoteles und Spinoza, sowie die Ansichten über die Religion betrifft. In einem Punkte aber muss ich dem Verfasser ausdrücklich entgegentreten, weil er von prinzipieller Wichtigkeit ist. Chamberlain hat, um den neuen Menschheitstypus, der in

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Kant nach Ausdruck rang, in seiner Eigentümlichkeit zu veranschaulichen, das Mittel gebraucht, das Verständnis dafür durch die Gegenüberstellung der ideellen Persönlichkeit Goethe's, Leonardo's, Descartes', Bruno's und Plato's vorzubereiten. Dies ist geschehen, um die sich in Kant vollziehende Vereinigung des für ihn geltend gemachten Gegensatzes von Wissenschaft und Religion an den anderen Gegensatzpaaren der Idee und der Erfahrung, des Begriffs und der Anschauung, des Verstandes und der Sinnlichkeit, der Kritik und des Dogmatismus, des Wissens und des Wähnens zu verdeutlichen. Die Anwendung dieses propädeutischen Verfahrens muss als ein glücklicher Griff bezeichnet werden, weil dadurch das Verständnis für das fundamentale Prinzip des Allgeistes eröffnet wird; für jenes Prinzip, dass keine Bestimmung des Geistes weder für sich, noch in ihrer bloss systematischen Zusammenfassung mit den anderen Wahrheit hat, als allein dadurch, dass sich jede mit ihrem ausschliessenden Gegensatz zur Totalitätseinheit, d. h. zur Idee vereinigt. Das Ringen mit diesem Problem macht den Grundcharakterzug unseres ganzen klassischen Idealismus aus, nicht bloss des Kantischen Kritizismus, denn er hat nur den Grund zu dieser Entwicklung gelegt.
    Was ich daher gegen Chamberlain wesentlich geltend zu machen habe, ist der Umstand, dass er seinen Blick von Kant aus rückwärts und seitwärts gewandt hat, nicht aber vorwärts. Die klassische Entwicklung, die mit Kant anhebt, kann nur als ein Ganzes richtig gewürdigt werden; ihr innerster Wahrheitskern bleibt verhüllt, wenn man bei diesem Denker allein stehen bleibt, und er wird nur ermittelt, wenn man Kant's Geistestat mit der Fichte's, Schelling's und Hegel's zusammennimmt. Auch dieses Verständnis, dass die Gedankensysteme unseres klassischen Idealismus eine durchgehende Einheit ausmachen, ist unserem Zeitalter verloren gegangen durch das mangelnde Verständnis für wahrhaft spekulative Erkenntnis. Es ist

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vielmehr geschehen, was diejenigen immer tun, denen die Fähigkeit für eine tiefere Einsicht versagt ist, nämlich, dass sie eine solche für Unsinn oder Täuschung erklären, weil sie sich dadurch ihrer am bequemsten entledigen, ohne den eigenen Nimbus zu verlieren. Auch Chamberlain hat sich dadurch abschrecken lassen, sich ernstlich mit diesen Persönlichkeiten zu befassen; das beweisen seine gänzlich unzutreffenden Urteile über diese grossen Denker. Er, der sich in so anerkennenswerter Weise von dem seichten Gerede Schopenhauer's über Kant frei gemacht hat, er hätte sich auch in diesem Punkt von dem Philosophen der Unausstehlichkeit emanzipieren und mit frischem Vertrauen an ein eindringliches Studium der Gedankenarbeit jener Männer gehen sollen, anstatt sich auf das übliche Gewäsch in den Geschichtsbüchern der Philosophie zu verlassen. Ich würde das nicht aussprechen, wenn sich nicht gerade Chamberlain so oft auf sein Laientum beriefe; nun wohl! Dann aber hätte er sich auch in diesem Punkt einmal von der zunftmässigen Voreingenommenheit losmachen sollen, um auch hier als unbefangener Laie Protest zu erheben gegen die sophistische Verketzerung der spekulativen Wahrheit.
    Für die Darstellung der Persönlichkeit Kant's hätte dies aber die wichtige Folge gehabt, dass nicht nur die grundlegende Bedeutung, sondern auch die Schranken dieses Denkers zum Bewusstsein gebracht worden wären. Chamberlain fasst diese philosophische Persönlichkeit unter der Idee der Vereinigung des Gegensatzes von Wissenschaft und Religion. Dies zugegeben, muss doch gesagt werden, dass diese beiden Glieder im Systeme Kant's eben nicht zur Inneren Vereinigung kommen, sondern im endlichen Gegensatz gegeneinander stehen bleiben. Hätte nun Chamberlain die weitere Entwicklung dieses Problems bei Fichte, Schelling und Hegel verfolgt, so würde er auch erkannt haben, warum jene Vereinigung durch Kant noch nicht erreicht wurde. Denn dieser Denker sichert zwar die

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Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der wissenschaftlichen Erkenntnis gegen allen Skeptizismus Hume's, und er sichert ebenso den Bestand der Religion gegen jedweden Atheismus; aber was so erreicht wird, ist doch dort nur die Konstituierung der endlichen Wissenschaft durch das Zusammenwirken der Formen der Sinnlichkeit, der Kategorien und Grundsätze, und hier nur die Postulierung der Religion auf Grund der einseitigen Heraushebung des Momentes der Moral. „Endlich“ aber ist etwas dadurch, dass es sich in seiner unterscheidenden Beschränkung festhält gegen sein anderes, gegen sein Gegenteil, ohne sich mit ihm in einer höheren Einheit aufzuheben; „endlich“ ist so der Rationalismus Kant's, der Sinnlichkeit und Verstand, Verstand und Vernunft noch einseitig gegen einander festhält, ohne den Weg zu ihrer Einheit zu finden. Wird nun die Wissenschaft selbst dadurch nur als endliche, verstandesmässige, rationale Wissenschaft konstituiert und die Religion nur auf Grund des endlichen Momentes der Moral postuliert, so bleibt auch auf dieser Stufe der Erkenntnis die Idee ihrer höheren Einheit noch unentwickelt, und Wissenschaft und Religion bleiben noch im endlichen Gegensatz. Aber andererseits muss doch herausgehoben werden, dass die Gedankengestaltungen Kant's gar nicht die grosse Bedeutung hätten, wenn sie in sich nicht schon dasjenige Moment enthielten, aus dem jene überwindung der endlichen Gegensätze hervorzugehen vermag. Kant hat es, aber er hat es selbst nicht mehr entwickelt; erst Fichte, Schelling und Hegel waren berufen, diese Entwicklung herauszugestalten. Daher wird auch die ideelle Persönlichkeit Kant's nicht durch die Entfaltung seines kritischen Idealismus erschöpft; man muss die von jenem Dreigestirn vollzogene Entwicklung dazunehmen, um den in Kant zum Leben erwachenden Menschheitstypus in seiner ganzen Konkretheit zu begreifen. War es daher wohl nützlich, das Verständnis für die Persönlichkeit Kant's durch diejenigen Goethe's, Leonardo's, Des-

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Immanuel Kant - Besprechung von Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, 1906


cartes', Bruno's und Plato's zu präparieren, so wäre es wesentlich gewesen, sie durch diejenigen Fichte's, Schelling's und Hegel's zu komplementieren.
    Was ich hier angedeutet habe, bleibt somit eine Forderung für die Zukunft, und es wäre schön, wenn sich Chamberlain entschlösse, auch sie zu erfüllen. Es wäre unbillig, alles auf einmal zu verlangen, und so gilt auch hier das Wort des Evangeliums: „Sorget nicht für den anderen Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe.“ Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der gewahrt heut, wie das Verlangen in unserem Volke immer mächtiger wird, nach langer Wüstenwanderung wieder zu jenen Wassern des Lebens heimzukehren, die uns im Zeitalter unseres klassischen Idealismus so reichlich geflossen sind. Aber noch ist die Gemeinde derer klein und zerstreut, die sich bis heut den Zugang zu jenen Quellen offen gehalten haben, und wo sie einzeln ihre Stimme erheben, da werden sie übertönt von dem Geräusch marktschreierischen Lärms. Darum wäre es an der Zeit, dass sie sich sammelten und vereinigten und der sehnenden Menschheit die Wege wiesen, auf dass das Reich des Geistes sich endlich auf Erden verwirkliche. Möge daher, was Chamberlain im Todesjahre Kant's gesprochen und nun geschrieben in die Welt hinausgesandt hat, die Stimme eines Herolds sein, der zum Sammeln ruft und in den Herzen der Besten unseres Volkes einen lebendigen Widerhall erweckt.

Dr. Ferdinand Jakob Schmidt, Berlin.

(Preussische Jahrbücher 1906, Heft 3.)

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23.

    E. T. A. Hoffmann sagt einmal vom Historiker, er sei eine Art redendes Gespenst aus der Vorzeit. Viele moderne und alte Historiker würden eher verdienen, Geisterbeschwörer genannt zu werden, da sie mit allen ihren Worten doch nur blutlose Schemen der Vergangenheit heraufzuzaubern vermögen. Allein sie selber betrachten ja vielleicht diese Gespenster, die manchem fühlenden und schauenden Menschen erscheinen und mit spukhafter Genauigkeit handeln, wie sie es einst als Menschen taten, als eine ganz unerwünschte und überflüssige Beigabe, als ein Spiritistenkunststück, das ihre exakte Forschung äfft.
    Die Geschichte ist freilich ein Reich der Mütter; nur dann entsteigen aus ihr Gestalten zu neuem, reichen Leben und Wirken, wenn Faustens glühender Schlüssel sie emporzwingt aus den dämmernden Asphodeloswiesen und Hainen des Hades.
    Der kühne Magier, dem die Macht des glühenden Schlüssels zuteil geworden ist, hat aber die Fähigkeit nicht, ein objektiver, reiner Historiker zu sein. Um Verstorbene aus der Hypnose des ewigen Schlafes zu wecken, auf dass sie wirken und weben wie Lebendige in uns und um uns, bedarf es einer starken Persönlichkeit, die, ihrer selbst bewusst, keineswegs sich verleugnen will, auch dann nicht, wenn die Exaktheit des Stoffes dieses Opfer verlangte.
    Houston Stewart Chamberlain, der es vermag, alle Geschichte in das warme, pulsierende Leben der Gegenwart herüberzubannen, muss darum in der Behandlung seiner Stoffe ein Dichter bleiben und er darf verlangen, dass unser Blick „seiner anschauenden Gebärde“ folgt. Folgen wir ihm schauend, so erblicken wir alles, was da gegeben und vollendet ist, wieder als Wellen im ewigen Strom

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des Werdens und der Zeit. Und in aller der Bewegung ist wieder Beharren und Gesetz; wir ahnen ein Etwas, das Zeitlose in der Geschichte.
    Er hat uns einst, verklärt vom heiligen Feuer des Evangelisten, die Erscheinung Christi in ihrer ganzen göttlichen Gewalt wieder erstehen lassen. In diesem Jahre aber spricht Chamberlain zu uns als der Evangelist des Erlösers der menschlichen Erkenntnis, Immanuel Kant's.
    In diesem Buche liegt es vor uns, das Evangelium Kant's, und es hat die Bestimmung, alle Schemen und Schatten in den Begriffen, die die Menschen über Kant haben, zu bannen und durch ein volles Bild der lebenden Persönlichkeit des grössten Denkers zu verdrängen. Wer den Chamberlain'schen „Kant“ nach der Art eines Evangeliums erschaut und empfindet, der wird dieses Werk heilig halten und ein bleibender, herrlicher Gewinn wird ihm aufgehen: die Anschauung der Persönlichkeit Kant's. Wer das aber nicht vermag, wer das nicht will, der wird vielleicht nichts tun, als tadeln; denn vieles in diesem Werke wird ihm widerspruchsvoll, subjektiv und gewaltsam erscheinen.
    Widerspruchsvoll ist es wie die Evangelien; ihre Widersprüche zeugen nur von lebendigem Schauen; es ist so viel in der Natur und im Leben, das sich nicht unter ein Gleichnis bringen lässt. Subjektiv ist es wie eine herrliche Dichtung; gewaltsam gegen alles, was Dogma ist, Dogma in Geschichte, in Naturwissenschaft, in Religion.
    Es ist ja die treibende Kraft in diesem Buche, alles zu zerschmettern, was Glaubenssatz ist und sich im falschen Kleide der Erkenntnis eingeschlichen hat in die Geschichte des menschlichen Denkens. Naturwissenschaftliches oder metaphysisches Wahngebäude, das gilt hier gleich; abgekehrt sind sie alle von der steten Wechselwirkung zwischen Denken und Schauen, die Erkenntnis heisst. Diese Erkenntnis ist es, die kaum noch zu wirken begonnen hat im allgemeinen Leben der Menschen und die rein und

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unverfälscht durch Glaubenssätze immer nur einigen wenigen Geistern eigen ist. Vor ihr besteht die Lehre Schopenhauer's vom Willen, dem Urgrunde aller Dinge, mitsamt ihrem Pessimismus so wenig wie Leibnizens Monadenlehre und seine „beste aller Welten“. Sie verwirft die Schöpfungslehre des Moses, wie die natürliche Schöpfungsgeschichte Haeckel's mit allen Zellseelen und Seelenzellen wie eine Anbetung der Eintagsfliege. Materialismus und Pantheismus halten ihr nicht stand; denn sie argumentiert gegen die Gleichsetzung der Natur und des Gottesbegriffes, dass nicht verglichen werden darf, was so wenig vergleichbar ist, wie die mathematische Formel einer Kometenbahn und ein Blick auf den nächtigen, sternenbesäeten Himmel.
    Wer es unternimmt, dieser reinen Erkenntnis zu folgen, den muss der Schluss, die Krönung seines Werkes mit der Gewalt eines Naturgesetzes auf Kant führen. Chamberlain's Werk, wie es auch angelegt gewesen wäre, hätte immer müssen „Kant“ heissen, und es wäre immer das Evangelium Kant's gewesen.
    Denn er ist es, der die menschliche Erkenntnis für alle Zeiten vom Dogma befreit hat. In seinen Werken ist die grösste Tat für immer getan, deren die menschliche Erkenntnis für sich und aus sich selbst fähig war. Er hat sie bestimmt und zergliedert in ihren Organen und ihren Funktionen; und klar ist durch ihn, was ihre Richtungen und wo ihre Grenzen sind. Er hat ihre Rätsel gelöst, zugleich mit Denken und mit Anschauung, vor allem mit steter Kritik und Erfahrung arbeitend, wie der Naturforscher, der die Geheimnisse der Organe und der Funktionen im Menschenleibe zu entwirren trachtet. Doch die Naturwissenschaft ist immer unvollendet, immer im Fluss; Kant's Werk ist getan für alle Zeiten.
    Und dieses Werk war dennoch nicht weltbestimmend. Heute, hundert Jahre nach dem Tode des grossen Mannes, muss sein Evangelist Chamberlain erstehen mit dem küh-

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neu Gedanken, Kant's Lehre durch ein gewaltigeres Evangelium, als je eines geschrieben wurde, zum wahrhaftigen Leben zu erwecken. Warum bedarf es dieser Botschaft Chamberlain's? Dass es ihrer bedarf, ist kaum zu bezweifeln; denn dass die Menschen, einige einzelne ausgenommen, Kant nicht kennen oder nicht verstehen, ist eine Tatsache. Doch nun der Grund, der doch tief liegen muss, wenn er wahr sein soll? Wer nun vermeint, dass der wahre Grund dafür in Kant's schwer lesbarer Form liege, der lasse sich durch Chamberlain's Buch über diese Form belehren!
    Das Buch weist eine Tatsache nach, die vielleicht noch niemand richtig empfunden und gewürdigt hat, die nämlich, dass die Form des Schriftstellers Kant in allem Wesentlichen so sein muss, wie sie ist; ihre Schwere, ihre Umständlichkeit ist bedingt durch ihren Inhalt. Das Wesen der ganzen Kant'schen Philosophie besteht darin, zwischen der Seite der Welt, die der menschlichen Erkenntnis ein für allemal unvorstellbar ist, und zwischen der vorstellbaren Welt, wie alle unsere Sinne sie begierig erfassen, die Beziehungen aufzudecken, die eine stete Wechselwirkung dieser beiden Welten bedingt, denn in diesen Beziehungen ist alles Leben. Aufgabe der Kant'schen Diktion ist es nun, diese Beziehungen zwischen Vorstellbarem und Unvorstellbarem in Formeln zu bringen, die bedeutender sind als Worte. Und Worte fürs Unvorstellbare stellen sich nur dort leicht ein, wo Begriffe fehlen.
    Ein Argument für diese mehr als verdiente Ehrenrettung des Stiles Kant's ist in diesem Buche nicht erwähnt: der scheinbar verschrobene, dunkle, abstruse Stilist der „Kritik der reinen Vernunft“ schreibt göttlich klar und kristallhell in den „Träumen eines Geistersehers“; dort also, wo sein Stoff ihm erlaubt, rein vorstellbar zu schreiben, wie ein Dichter; hier ist er ein Stilist, wie Goethe und wie Schopenhauer. Nur das allerbekannteste Beispiel sollte hier genannt sein.

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    Chamberlain's Buch verkündet es allen Gebildeten: Der Stil Kant's ist kein Gelehrtenstil, über den man sich lustig machen darf; er ist als Form organisch bedingt in jedem einzelnen Werke, wie es die Form des Goethe'schen Faust ist durch die Gedanken und Bilder, die ihn erfüllen. Schwer verständlich muss diese Form sein, weil sie Unvorstellbares mit Vorstellbarem verknüpfen muss. Das ist das Problem, dessen Lösung das Leben des grössten Denkers aller Zeiten in achtzig Jahren gebracht hat und das nur in allen seinen Werken objektiviert werden konnte. Deshalb ist jeder kurze Auszug aus der Kant'schen Philosophie, jede sogenannte übersicht über sie sofort ein Missverständnis und nur schädlich, denn alles das löst nur einzelne Bruchstücke aus dem herrlichsten organischen Zusammenhange los, Bruchstücke, die vielleicht an sich nichts oder nur Falsches bedeuten. Wer darum Kant sich zu eigen machen will, muss ihn ganz studieren in seinen Werken; es gibt keinen Mittler zwischen Kant und dem einzelnen Menschen. Wohl aber ist ein Mittler denkbar zwischen dem einsamen unverstandenen Denker und der ganzen Menschenwelt, einer, der ihr die grosse Anschauung von Kant's lebendiger Persönlichkeit gibt; diese Mission erfordert ein umfassendes Werk, wie es dieses hier ist, und — einen Chamberlain.
    Noch einmal: wer Kant kennen und verstehen will, muss ihn studieren; wer ihn lieben und begreifen will, bevor er ihn noch zu verstehen vermag, beginne das Studium Kant's mit dem Werke Chamberlain's!
    Dass das nicht leere Worte sind, was hier vom Verstehen Kant's gesagt wurde, erhellt aus dem gemeinsten Beispiel. Wenige Schlagworte leben von Kant. Das bekannteste von ihnen, der „kategorische Imperativ“, gilt allgemein als eine Sittenregel. Seinen Sinn fasst Chamberlain: „Subjekt, handle objektiv!“ Kant selbst hat ihn aufgestellt, aber nicht als Gebot und als Regel; er hat ihn vielmehr als dem Menschen ureigen innewohnend aufzu-

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finden vermeint und ihn und allen Widerstreit gegen ihn, der im Menschen ist, als Tatsachen zu erforschen getrachtet.
    Hier wurzelt das Problem der Kant'schen Philosophie; die Lösung füllt Bände, ein kurzes Bild gestattet nur das Problem: in der Natur das ewige Gesetz und die unentrinnbare Notwendigkeit; im Ich das unmittelbare, flammend lebendige Bewusstsein der Freiheit; in der Wechselwirkung dieser beider Welten alles Leben.
    So weit der objektive Wert dieses Evangeliums Kant's. Wie der Autor es unternommen hat, die Persönlichkeit Kant's zu neuem, mystischem Leben zu erwecken, gemahnt an die Methode Kant's selber: Beziehen und vergleichen. Das Werk zerfällt in sechs Vorträge. Bücher der Propheten könnte man die ersten fünf nennen. Wie die Vorläufer des Heilands werden fünf der grössten Denker und ihre Art, zu denken und zu schauen, dargestellt: Goethe, dessen Welt das Auge war; sein „Hinstarren auf die Natur“, das ihn die Ideen einer höheren Gottnatur wahrhaft erblicken liess, wie sie in ewiger, wundersamer Ruhe und Harmonie herrschen im chaotischen, sturmbewegten und vielgestaltigen Weltall; sein Gegenbild, Leonardo da Vinci, dessen Malerblick aus der Natur das Geheimnisvollste der Erscheinung ins Gehirn zurückprojiziert, die Erscheinung aber immer auffasst, wie sie sich darstellt, und nicht ihre Idee. Descartes findet die Formel zur Verknüpfung der sichtbaren und unsichtbaren Welt in der Natur; sie stellt sich ihm dar als analytische Geometrie. Giordano Bruno's scholastisches Denken zimmert ein pantheistisches Weltsystem; aber schon führt uns der Dichter über das platonische Reich der Ideen am Wesen des Lebens vorbei auf den Gipfelpunkt der menschlichen Erkenntnis: zu Immanuel Kant.
    In allen diesen Tragödien menschlichen Denkens aber rhapsodiert ein höchst subjektiver antiker Chor: die Metamorphosenlehre Goethe's erscheint in der Allnatur, herr-

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lich, aber als Idee, in einem imaginären Brennpunkte, der nur die Gedankenwelt im All abbildet. Zum ersten Mal seit Schopenhauer wird folgerichtig die grosse Wahrheit dargetan, dass Goethe's Farbenlehre für immer gültig ist, trotz aller Optik und Physik, denn sie beginnt erst da, wo Optik und Physik aufhören: in der Welt der reinen Anschauung. An Descartes anknüpfend, legt Chamberlain dar, warum alle Gesetze des Weltalls in der menschlichen Erkenntnis sich zu mathematischen Formeln gestalten müssen. Das Rätsel des Lebens aber, das der Autor zu lösen vermeint mit der Formel: „Leben ist Gestalt“, bleibt ungelöst, wie es bleiben wird. Und hier stürmt ein mächtiger Geist vergebens an gegen das, was an der Darwinschen Theorie Tatsache genannt werden muss. In seiner Polemik übersieht er eines: Er rügt es herb, dass die Entwicklung der Arten historisch aufgefasst wird, nicht als Entwicklung, sondern als Entwicklungsgeschichte; und er übersieht dabei, dass unser menschliches Erkennungsvermögen von vornherein gezwungen ist, alle Entwicklung in der Geschichte zu erkennen, gebunden an die Zeit. Die Erfahrung schafft uns nur die Geschichte der Entwicklung; ihr Nebeneinander ist die Goethe'sche Metamorphose, eine Idee, die nur der schauende Blick aus der Seele zurückspiegelt in die Welt der Erfahrung. So trifft sein Tadel nur diejenigen Naturforscher wirklich, die allen Ernstes glauben, die Entwicklungsgeschichte sei allein die Lösung des Welträtsels.
    Der letzte Vortrag aber, der herrlichste, spricht von der Erscheinung Kant's, und ganz am Schlusse lässt ein heiliges Mysterium, das doch nichts ist als innere Notwendigkeit, die Erscheinung Christi wieder auftauchen vor unserem Blick. Christus ist nicht gekommen, die Gesetze und die Propheten aufzuheben, sondern sie zu erfüllen. Kant mag von sich sagen: „Ich bin gekommen, die Gesetze und die Propheten aufzuheben — sofern sie Glauben sind, nicht Wissen!“ Es liegt aber in der Natur der

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menschlichen Erkenntnis, dass sie immer wieder streben muss, ihre Grenzen zu überschreiten; sie ist festgeknüpft an den Willen, und der Wille schafft ihr immer neue Dogmen. Deshalb wird Kant trotz dieses Evangeliums immer nur ein Besitz weniger einzelnen bleiben, einzelner „Heiligen der Erkenntnis“ im Sinne Schopenhauer's. Er wird nie wie Christus die treibende Kraft und der lebendige Besitz einer Vielheit von Menschen sein, denn wo der Wille herrscht und seine Ketten schlägt, dort ist Kant fern und ferne seine Herrscherin Erkenntnis. So musste es geschehen, dass die ersten Schüler Kant's, Fichte, Hegel, Schopenhauer, jeder nach seiner Art, Dogmen und Systeme schmiedeten aus den Lehren des Meisters selbst. Und die Menschen sanken, ehe sie noch befreit waren, zurück in die alten Ketten.

Dr. Otto Pötzl.

(Neues Wiener Tagblatt 1905, Nr. vom 27. Dezember.)

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24.

    Ich will nicht die Zahl derer vermehren, die sich mit mehr oder weniger Glück darum bemühen, Chamberlain's grosszügige Synthese zu zergliedern, um aus dem einzelnen heraus das Ganze zu verstehen: das haben bereits viele getan; das wird noch oft geschehen. Ich will bloss die Punkte möglichst deutlich hervorheben, welche die Persönlichkeit und die Betrachtungsart des Autors von allen anderen unterscheiden — deren volles Verständnis zugleich die unumgängliche Vorbedingung jedes kritischen Versuches bedeutet, der an seinem Gegenstande nicht blind-ahnungslos vorbeigehen will.

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Chamberlain ist bei allen Themen, denen sich sein reicher Geist immer zuwenden mag, in erster Linie und durchaus Künstler, Gestalter. So ward ihm in seinen Grundlagen die gesamte Weltgeschichte zu einem Rohmaterial, aus dem er sich mit selbstherrlichem Meissel ein Kunstwerk erschuf; so im Richard Wagner die Person des grossen Musikers zum blossen Stoffe, dem er ein ebenso neues und selbständiges Leben einhauchte, wie Wagner selbst es den altdeutschen Sagen gegenüber getan. Dass dieses Verfahren die wissenschaftliche Wahrheit zugunsten einer höheren künstlerischen benachteiligen muss, liegt auf der Hand; und trotz seines enormen Wissens, seiner grossen Gewissenhaftigkeit wird es Chamberlain daher den zünftigen Gelehrten niemals recht machen können — schon darum nicht, weil bei ihm die systematische (organisierende) Befähigung die analytische weitaus überwiegt. Doch macht ihn gerade dieser Umstand zu einem kulturellen Lebenspender, wie wir deren heute keinen grösseren besitzen.
    Als Kunstwerk muss daher auch der Kant verstanden werden. Freilich klingt schon die blosse Aufgabe paradox, Erkenntnistheorie — denn diese ist der Hauptinhalt des Buches — künstlerisch zu behandeln: aber schliesslich muss alles Bedeutende so lange paradox erscheinen, als bis es verwirklicht wird; sonst wäre jedwede Überraschung unmöglich. Und wer den   K a n t   von Anfang bis zum Ende aufmerksam durchliest und dann als Ganzes auf sich wirken lässt, der erkennt, dass Chamberlain's Unternehmen allerdings geglückt ist. Er hat es wirklich zuwege gebracht, bei allem Eingehen auf die schwierigsten Probleme, bei aller Wissenschaftlichkeit im einzelnen, dennoch aus sprödestem Material ein Kunstwerk zu schaffen, das — wie jede wahre und grosse Kunst — nicht nur zum Wissenden, sondern auch zum Naiven, zum Laien spricht. Darum bedeutet es gar keinen Nachteil in wissenschaftlicher Hinsicht, dass Chamberlain populär schreibt: die Popularität

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ist das notwendige Produkt jener Meisterschaft in der Form, die bisher jedem Künstler das Verständnis der Menge zugeführt hat.
    Der Inhalt! — Ich will nur zwei Themen berühren, die zwar beide in Exkursen abgesondert werden, aber doch diejenigen sind, bei denen einem Chamberlain's Originalität am deutlichsten und greifbarsten entgegentritt: die analytische Geometrie und höhere Mathematik (im Descartes-Vortrage) und die Lebenslehre, die den Kern des Plato-Vortrages — des Kulminationspunktes des ganzen Buches — ausmacht. Bei ersterem Thema gelangt Chamberlain zu völlig neuen und überaus fruchtbaren Einblicken in das gegenseitige Verhältnis von Anschauung und Denken. Die Lebenslehre aber wird gewiss Epoche machen für das Denken dieses Jahrhunderts: denn sie dringt tiefer ein in das Wesen der Lebenserscheinungen, als irgend eine Theorie dies bisher vermocht.
    Doch ist das Bedeutendste am Buche weder im Gehalte, noch im Ausdrucke begründet: der Hauptwert liegt in der Grundidee, der Art der Problemstellung. Kant hat uns gelehrt, dass alles Denken unverbrüchlich nach Formen verläuft, die dem Menschengeiste ein für alle Male innewohnen, denen er niemals entrinnen kann; und dass infolgedessen alle Erkenntnis immer nur menschlich wahr ist, keinerlei übermenschliche Bedeutung besitzen kann. Chamberlain ist von der Überzeugung durchdrungen, dass Erkenntnis nicht bloss eine reinmenschliche, sondern geradezu eine persönliche Angelegenheit ist: die Art und der Wert der Erkenntnis sei eine Funktion des Individuums. Er geht von der Voraussetzung aus, dass jede Weltanschauung nur als Ausdruck ganz bestimmter Geistesanlagen begriffen werden kann; sie gehört für ihn zur Biologie der denkenden Persönlichkeit. Diese fundamentale Einsicht bestimmt nun den Stil des ganzen Werkes. Es behandelt nicht eigentlich des Denkers Gedanken, sondern des Denkers Denken: — die Art und den Weg des Schaf-

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fens, erst in zweiter Linie die Resultate. Durch diese überaus neue Art der Fragestellung dringt Chamberlain in Tiefen hinab, von deren Existenz der Durchschnittsphilosoph bisher kaum eine Ahnung haben konnte: er weist uns den Weg zu einer neuen Philosophie, welche das Geistige als besondere Funktion des Lebens, die Weltanschauung gar als Naturerscheinung wird begreifen lernen — einer Philosophie, die zum ersten Male nicht mehr anthropozentrisch, sondern kosmozentrisch sein wird.

Dr. Hermann Graf Keyserling.

(Die Neue Rundschau, Berlin 1906, Aprilheft.)

 
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Siehe auch / See also: Kant in the 20th century. Kant-review from the London Times Literary Supplement, edition of June 18th, 1914. 
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Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 15. Januar 2006