HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

LEBENSWEGE MEINES DENKENS

Kapitel 1 & 2

Lebenswege meines Denkens

 
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Seite 001—062: Kapitel I & II, Meine herkunft / Meine Erziehung
Seite 063—156: Kapitel III. Meine Naturstudien
Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

LEBENSWEGE
MEINES DENKENS

Houston Stewart Chamberlain, 1895

Autograph Houston Stewart Chamberlain

Der Mensch betrachte sich als Lehrling,
als Geselle, als Altgeselle, am spätesten
und höchst vorsichtig als Meister.
(Goethe.)

ZWEITE AUFLAGE

F. BRUCKMANN A.-G. / MÜNCHEN 1922

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MEINEM FREUNDE

AUGUST LUDOWICI

DEM VORBILDLICH SCHLICHTEN, GRÜNDLICHEN UND

EDELGESINNTEN DEUTSCHEN MANN

IN VEREHRUNG UND DANKBARKEIT

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INHALTSÜBERSICHT

Einführung S. 1.

I. Meine Herkunft S. 9.
(Brief an Herrn Regierungsrat Bernhard Koerner)
Zur Einführung S. 11.
Der mütterliche Stamm S. 11.
Der väterliche Stamm S. 15.
II. Meine Erziehung S. 27.
(Brief an Fräulein Sidonie Peter)
Zur Einführung S. 29.
Versailles S. 32.
Englische Schulen S. 36.
Die Tante S. 39.
Irrwege der Erziehung S. 43.
Charakterzüge S. 46.
Zwei Anekdoten S. 49.
Deutschland und der deutsche Hauslehrer S. 52.
Bekenntnis zum Deutschtum S. 58.
Zusammenfassung S. 61.
III. Meine Naturstudien S. 63.
(Brief an Baron J. von Uexküll)
Zur Einführung S. 65.
Allgemeines S. 66.
Kindheit S. 70.
Jünglingsalter S. 78.
Universitätsstudien S. 87.
Untersuchungen über den Wurzeldruck S. 101.
Die Dresdener Jahre S. 110.
Julius Wiesner S. 113.
Der Schreibdämon S. 123.
Die Lebenslehre S. 125.
Grundlagen, Kant, Goethe S. 140.
Goethe und Linné S. 146.
Die Natur, den Uneingeweihten ein Pfadweiser S. 148.
Das Fernrohr und der Krieg S. 153.
IV. Mein Weg nach Bayreuth S. 157.
(Brief an einen deutschen Fürsten)
Zur Einführung S. 159.
Die Sonne meines Lebens S. 159.
Erinnerungen aus den Kinderjahren S. 166.
Der Name „Richard Wagner“ S. 178.
Beethoven S. 181.
Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's S. 188.
Musikalische Anfänge S. 204.
Die ersten Bayreuther Festspiele aus der Ferne S. 206.
Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878) S. 208.
Aufsatz für die Bayreuther Blätter (1879) S. 217.
VIII Inhaltsübersicht

Florenz und die bildende Kunst S. 221.
Genf: Ruthardt, Rubinstein S. 226.
Bayreuth 1882 und der Meister S. 232.
Bayreuth als Heimat der Seele S. 242.
V. Mein Buchgaden S. 249.
(Brief an Dr. Lothar Gottlieb Tirala)
Zur Einführung S. 251.
Gliederung des Stoffes S. 252.
Bücher, die weniger als Bücher sind S. 259.
Bücher, die mehr als Bücher sind S. 274.
Hellas und Rom (Herodot, Cicero, Horaz, Caesar, Tacitus, Apulejus, Plutarch) S. 296.
Bücher meiner Kindheit und Jugend S. 314.
Jahre der Krankheit: mannigfache Lektüren S. 324.
Wien: Epoche des produktiven Arbeitens S. 342.
Bleibende Lebensgenossen (Hauptabschnitte):
Montaigne S. 348.
Pascal S. 355.
Rousseau S. 356.
Voltaire S. 363.
Diderot S. 376.
Balzac S. 377.
Französische Lustspieldichter S. 381.
Don Quixote S. 383.
Tristram Shandy S. 385.
Lichtenberg S. 389.
Herder S. 391.
Goethe S. 394.
Schattenriß des Lebenslaufes S. 406.
Verzeichnis der Orts- und Eigennamen S. 409.

1

EINFÜHRUNG

 

NEHME ER SICH IN ACHT, SICH
SELBST HISTORISCH ZU BETRACHTEN !
G O E T H E

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Niemals habe ich die Absicht gehegt, meinen Lebensgang zum Gegenstand einer Veröffentlichung zu machen; ich hege sie auch heute nicht. Von frühester Kindheit an der Einsamkeit ergeben und ihrer bedürftig und diesen meinem Geiste notwendigen Zustand nur durch den trauten Umgang mit wenigen erprobten Freunden gern unterbrechend, zugleich aber jeglicher Anlage zu quälender Selbsterforschung bar, habe ich mir mein Leben zu einer Art Burg ausgestaltet mit starken Umfassungsmauern, deren Zugbrücke selten heruntergelassen wird. Dreißig Jahre war ich alt geworden, ehe ich — dem unablässigen Drängen eines energischen Freundes nachgebend — die ersten bescheidenen Versuche wagte, für die Öffentlichkeit zu schreiben, und erst im 37. Jahre ergriff mich der Schreibdämon, der mich nie mehr loslassen sollte. Diesen Trieb zum Schreiben, d. h. also zu der kunstgemäßen Ausgestaltung in Buchform dessen, was mein Inneres erfüllte, ein Trieb, den ich darum als einen dämonischen bezeichne, weil er das beschränkte Machtbereich meines bewußten Wollens um ein Bedeutendes übertrifft und Dinge hervorbringt, die ich als mein Eigenes nicht wiedererkenne, diesen Trieb und seine Erzeugnisse habe ich von jeher als eine besondere, abtrennbare Erscheinung innerhalb meines persönlichen Daseins empfunden: es handelt sich um eine Art Doppelgängertum, wobei die zwei Wesen zwar im Lebensmittelpunkt zusammentreffen, keineswegs aber identisch sind. Zur Zeit als ich mein erstes Buch schrieb, war ich fest entschlossen, es — im Interesse der mir über alles teuren Ruhe des Unbeachtetseins — unter einem sorgfältig gehüteten Pseudonym herauszugeben; der Dämon entschied anders: in meinem Falle wäre Verheimlichung des Namens Feigheit gewesen. Und so litt ich denn fortan unter dem Drucke einer Notorietät, die mir die Wonne der Abgeschiedenheit raubte. Von dieser bin ich aber entschlossen zu retten, was sich nur retten läßt. So still und abseits und der allgemeinen Beachtung unwert mein Leben auch verlief, so reich an Irrungen und Wirrungen es auch gewesen sein mag, ich habe es stets als ein heiliges Gut empfunden im Sinne des schönen Wortes Heinrich von Stein's: „Wie auch immer der gewaltige, dunkle Hintergrund der Dinge in Wahrheit beschaffen sein mag, der Zugang zu ihm steht uns einzig in eben diesem unserem armen Leben offen, und also schließet auch unser vergängliches Tun diese ernste, tiefe

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und unentrinnbare Bedeutung ein.“ Ich darf sagen, mein Leben ist niemandem bekannt, auch mir selber nicht; es ist und soll bleiben Gottes Geheimnis.
    Nichtsdestoweniger haben schon seit Jahren Freunde, denen diese meine Sinnesart vertraut war, vielfach in mich gedrungen, einiges über meinen geistigen Entwickelungsgang für die Öffentlichkeit aufzusetzen; sie meinten sogar, es sei dies ein Pflicht den Lesern meiner Bücher gegenüber. Ihrem Wunsche kann ich jedoch nur nachkommen, insofern mir die oben genannte Trennung zugestanden wird, in der Weise, daß ich einzig über den der Öffentlichkeit angehörenden Verfasser zu berichten habe, während dessen stiller Begleiter im Schatten verharrt. Auch muß ich gleich einschalten, daß ich hier und da während des großen Krieges aufgetauchte Zumutung, ich solle mein Verhalten in diesem kritischen Augenblick der Weltgeschichte rechtfertigen und dadurch vielfachen Verleumdungen die Spitze abbrechen, mit aller Entschiedenheit von mir weise. Selbstentschuldigung ist Selbstbeschuldigung. Wer dem Beelzebub „Öffentlichkeit“ verfallen ist, muß alles, was von dieser Seite kommt, stillschweigend über sich ergehen lassen; Goethe hat uns ja gemahnt:

    Über das Niederträchtige
    Niemand sich beklage!

    Trotzdem meine Freunde mich überzeugt hatten, wäre es wohl niemals zu einem ernstlichen Versuche der Ausführung gekommen, wenn nicht ein schweres Leiden mir die Feder und die Bücher aus den Händen gerissen, die Fortsetzung umfangreicher Vorarbeiten und Arbeiten unterbrochen und dadurch unfreiwillige Muße geschaffen hätte. Aber auch jetzt wollte es nicht gelingen, mein eigenes Selbst zum Gegenstand eines Buches zu machen, und ich wußte mir erst dann Rat, als ich darauf verfiel, den einzelnen Freunden auf ihre, bisweilen schon vor Jahren getanen Fragen in Briefen zu antworten. Hierdurch erhielt ich für die einzelnen Betrachtungen den bestimmten Augenpunkt, den jeder Gestaltungsversuch erfordert; zugleich löste mir die Vorstellung des fragenden Freundes die Zunge und machte mich mitteilsamer als ich sonst gewesen wäre. Aus diesem Grunde aber mußte ich die Namen der Angeredeten nennen; denn sie gehören ein jeder organisch zu dem an ihn gerichteten Briefe.

5 Einführung

    Ein Name fehlt allerdings: derjenige des Indologen Leopold von Schroeder, desjenigen Mannes, dessen Überredungskünste am meisten zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben. Ihm war ein Hauptbrief zugedacht: Meine religiösen Erlebnisse; es stellte sich aber heraus, daß dieser Brief den hier gezogenen rahmen gesprengt und dadurch den harmonischen Zusammenhang des Ganzen gestört hätte. Es bleibt mir die Hoffnung, das jetzt Versäumte in einer besonderen Schrift nachtragen zu können. Einstweilen genüge es, den Namen des hochverehrten teuren Freundes gleich zu Beginn gebührend hervorgehoben zu haben.

*

    Noch eine Lücke wird der aufmerksame Leser bemerken: von meinem politischen Denken ist in diesem Buche nicht die Rede.
    Von Kindheit an bis nach vollendetem sechzigsten Jahre außerhalb jeder Heimat lebend, kam ich niemals in die Lage, politische Rechte auszuüben oder am politischen Leben öffentlich teilzunehmen; vielleicht habe ich es nur um so besser in den verschiedenen von mir bewohnten Ländern verfolgt und beobachtet. In Genf lebte ich unmittelbar gegenüber dem Palais Electoral, wodurch sich mir reichlich Gelegenheit bot, das Treiben in einem demokratisch regierten Lande kennen zu lernen: den vielen politischen Versammlungen wohnte ich häufig bei, und an den zahllosen Wahltagen pflegte ich stets mehr als einmal einzutreten und mich an dem Gebaren der Stimmenfänger, der Partei-Aufpasser und -Einschüchterer, sowie an dem Wesen auf den verschiedenen Büros zu ergötzen. In Dresden besuchte ich in den politisch so bewegten Jahren 1887, 1888 mit Vorliebe die Versammlungen der verschiedenen Parteien und habe bei Konservativen, Nationalliberalen und Sozialisten gesehen, wie „es gemacht wird“; zugleich lernte ich das die Parteien in der Taktik Unterscheidende genau kennen. Später in Wien fehlte mir zu derartigem die Zeit, doch trat ich infolge meiner Beziehungen zu Führern der Deutschnationalen mit dem verwickelten politischen Leben des österreichischen Staates in engere Fühlung; allen Kundgebungen auf der Straße — zu Badeni's Zeiten besonders häufig und heftig wiederkehrend — wohnte ich gern bei, wie ich auch in

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früheren Zeiten in Paris Aufstände — Louise Michel mit der schwarzen Fahne an der Spitze — im Eifer der Beobachtung aus solcher Nähe begleitete, daß ich einmal von den Polizeitruppen um ein Haar erschlagen worden wäre. Das politische Leben Frankreichs habe ich bis zu meinem vierzigsten Jahre an der Hand der besten Tageszeitungen mit lebhafter Anteilnahme verfolgt und bis zum Kriegsausbruch schuf ich mir stets die Muße, mich durch die Weekly Times über die überseeischen Ereignisse auf dem laufenden zu halten. Bedeutende Erweiterung erfuhren meine diesbezüglichen Interessen, als die mir gestellten Aufgaben mir umfassende und vielseitig eindringende weltgeschichtliche Studien auferlegten: die Grundlagen sind in einem gewissen Sinne ein politisches Bekenntnis; mein Kant und mein Goethe enthalten beide an einzelnen Stellen politische Erwägungen grundsätzlicher Art. Aus diesem weitesten Horizont wurde mein Blick auf die brennenden Fragen der Gegenwart zurückgeführt, als ich im neuen Jahrhundert Beziehungen zu leitenden Männern der europäischen Politik gewann, wodurch manche Studien, vieles Nachdenken, und etliche Ausarbeitungen, die der Öffentlichkeit nicht angehören, veranlaßt wurden. Das mag es erklären — was manchem Freunde meiner Schriften zuerst unerwartet kam — , daß der Ausbruch des Weltkrieges mich nicht unvorbereitet fand, die politische Feder zu ergreifen. Sind auch die Kriegsaufsätze leidenschaftliche Improvisationen, so sind sie doch nichtsdestoweniger wohlausgereifte Früchte eines lebenslangen Sinnens. Daher auch das unerwartete Ergebnis, daß meine Politischen Ideale mit einem Sprung eine meiner verbreitetsten Schriften wurden; auch Demokratie und Freiheit sowie Der demokratische Wahn — von der Presse totgeschwiegen — bahnten sich den Weg in weite Kreise.
    So könnte man denn mit Recht erwarten, unter den Briefen über die Lebenswege meines Denkens einen zu finden, etwa unter dem Titel „Meine Gedanken über Volk und Staat“. Das tragische Verhängnis, das über Deutschland hereingebrochen ist, lähmt mir jedoch die Zunge; wollte ich mich zum Reden zwingen, der Charakter einer gewissen Weltentrücktheit, den ich diesem Buche bewahren möchte, wäre zerstört. Luther — der Wortgewaltige — bemerkt, es gebe Augenblicke, in denen „das Rumoren mit Worten“ zu unterbleiben habe; Schweigen kann Gebot und auch Kraft sein.

7 Einführung

Heute, wo wir an den Gräbern hunderttausender deutscher Helden stehen, die für des Vaterlandes Ehre fielen, heute, wo jene anderen Männer.... heute herrscht das Schweigegebot.
    Bis die Zeit zum Reden wiederkehrt, mögen diese Erinnerungen an vergangene Tage meinen Freunden Unterhaltung und auch Anregung gewähren.

    BAYREUTH, im Oktober 1918.

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I.

MEINE HERKUNFT

BRIEF AN REGIERUNGSRAT DR. BERNHARD KOERNER
MITGLIED DES KGL. PREUSSISCHEN HEROLDSAMTS


 
 
UND KEINE ZEIT UND KEINE MACHT ZERSTÜCKELT
GEPRÄGTE FORM, DIE LEBEND SICH ENTWICKELT
G O E T H E
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11 I. Meine Herkunft. Zur Einführung — Der mütterliche Stamm

Hochverehrter Herr Regierungsrat!

Als Genealog von Fach und außerdem als gütiger Freund meiner Schriften wünschen Sie einiges Nähere über meine Herkunft und meinen Stammbaum zu erfahren. Diesem Wunsche komme ich gerne nach, da ich seit vielen Jahren Ihre wissenschaftliche Tätigkeit verfolge und diese für bahnbrechend halte.
    Im ersten Lebensjahre aus dem Heimatboden entwurzelt, und seitdem, wenn auch nicht immer auf einem Wanderleben begriffen, so doch stets unter Fremden lebend, sind verhältnismäßig wenige Überlieferungen über die Familie auf mich gekommen. Meine beiden Großmütter habe ich noch persönlich gekannt, hingegen waren meine beiden Großväter schon lange tot, als ich auf die Welt kam; meine Mutter starb, ehe ich ein Jahr alt war, und mit meinem Vater war ich niemals länger als etliche Wochen zusammen. Einiges erfuhr ich gelegentlich von verschiedenen Anverwandten, anderes meldet ein Dokument von der Hand der Tante, der meine Kinderjahre anvertraut waren. Und so will ich denn versuchen, Ihnen das Wenige, was ich weiß, so gut ich's vermag, zu erzählen.

*

    Mein Vater war Engländer, meine Mutter Schottin: es liegt also zunächst eine Mischung der zwei verschiedenen Völker aus Norden und Süden vor. Nur muß ich gleich hinzufügen, daß, während meine Mutter nachweisbar ganz rein südschottischer, also rein nordgermanischer, einheitlicher Rasse entsprungen ist, der väterliche Stamm in das normännische und angelsächsische Blut auch keltisches und anderes aus der nordischen Verwandtschaft hineingebracht hat. Da nun die Verhältnisse bei meiner Mutter einfacher liegen, lassen Sie mich zuerst von ihr sprechen.
    Meine Mutter entstammt einer landsässigen Familie des Kleinadels aus der Nähe von Edinburg, namens Hall. Ihr Vater war Offizier in der Königlichen Flotte. Kapitän Basil Hall (geb. 1788, gest. 1844) war ein rühriger, vielseitiger Mann, den die Marineverwaltung namentlich zu Forschungsreisen verwendete. So z. B. galt sein Werk über die (südlich von Japan gelegenen) Lutschu-Inseln

12 I. Meine Herkunft. Der mütterliche Stamm

noch vor wenigen Jahren als unerreicht; Elisée Reclus, der berühmte französische Geograph, sagte mir im Jahre 1879, einzig aus diesem Buche habe er Zuverlässiges über die selten besuchte Inselgruppe erfahren. In weiteren Kreisen war Basil Hall hauptsächlich als populärer Reiseschilderer bekannt; sein Sammelwerk Fragments of Voyages and Travels wird noch heute von der Jugend gern gelesen. Im ganzen ein tätiger, gewandter Mann von heiterer Geistesanlage, ohne große Bedeutung; wenigstens urteilt Carlyle in seinen Erinnerungen etwas scharf über „den kleinen Löwen mit einer Art dünnflüssigen Ruhms“ und spottet in seinem bekannten, Walter Scott gewidmeten Aufsatz über Basil Hall's geschäftige Wichtigtuerei. Vielleicht aber hat der geniale Apokalyptiker hier übers Ziel hinaus geschossen; denn ich erinnere mich, in meiner Kindheit einen warmen Dankbrief Scott's an meinen Großvater gesehen zu haben sowie die vollständige Handschrift zu einem seiner Hauptromane, die Scott ihm als Dankeszeichen für genossene mehrwöchige Gastfreundschaft an Bord des von Hall befehligten Schiffes im Mittelländischen Meere geschenkt hatte. Erwähnenswert ist auch, daß Basil Hall, mit seinen Matrosen, Bunsen bei seinen Ausmessungen in Rom für die auf Niebuhr's Veranlassung unternommene Beschreibung der Stadt Rom beistand. Im Jahre 1836 veröffentlichte er ein kleines (später mehrmals neu verlegtes) Buch: A short residence in Germany, or Impressions of the Country, People and Manners (Ein kurzer Aufenthalt in Deutschland oder Eindrücke des Landes, der Leute und ihrer Sitten) — ein Titel, den das zweite Blatt auf bescheidenere Erwartungen stimmt: „Schloß Hainfeld oder ein Winter in Unter-Steiermark“. Es ist die Schilderung eines mehrmonatigen Aufenthalts meines Großvaters mit seiner Frau und seinen drei kleinen Kindern in dem Schloß der alten Gräfin Purgstall, vom Herbst 1834 bis zum Tode der Gräfin am 23. März 1835; Hammer-Purgstall, den berühmten Orientalisten, der die Gräfin beerbte, scheint Hall nicht kennen gelernt zu haben. Aus diesem wirklich etwas „dünnflüssigen“ Buche ist dennoch manches Interessante über die damaligen Verhältnisse zu entnehmen. Weit bedeutender als Basil Hall war dessen Vater, Sir James Hall, Baronet (1761-1832), der als wissenschaftlicher Geolog — Schüler und Freund Hutton's — so Bedeutendes leistete, daß sein Name heute noch in deutschen Lehrbüchern zu finden ist.

13 I. Meine Herkunft. Der mütterliche Stamm

Er entdeckte — wenn ich so sagen darf — die Idee der „metamorphischen Gesteine“, und in bezeichnender Weise ging er sofort von der Idee zum Versuch über und bekehrte seine widerstrebenden Kollegen durch die Hervorbringung künstlicher metamorphischer Gesteine in seinem Laboratorium. Er war viele Jahre Vorsitzender der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Edinburg, doppelt befähigt hierzu, da er auch auf dem damals noch wenig bebauten Gebiete der Kunstgeschichte durch sein Werk über The Origin and Principles of Gothic Architecture (Ursprung und Grundsätze der gotischen Baukunst) bahnbrechend gewirkt hatte. Ein Zufall des Schicksals hat diesen Mann noch durch eine weitere Tatsache denkwürdig gemacht: er war Mitschüler Napoleon's an der Militäranstalt von Brienne, wo er (Hall) die Erlaubnis genoß, an dem mathematischen Unterricht teilzunehmen und dabei in kameradschaftliche Berührung mit dem um acht Jahre jüngeren Korsen kam. Das Leben führte sie nicht wieder zusammen; als aber Basil Hall auf der Rückreise von den Lutschu-Inseln St. Helena am 13. August 1817 anlief, ließ er sich bei Napoleon anmelden; sobald der Kaiser seinen Namen hörte, befahl er, ihn vorzulassen, und schritt erregt auf ihn zu: „Ihren Vater habe ich in Brienne gekannt; er war ein guter Mathematiker....“ Als Basil Hall sein Staunen über Napoleon's Gedächtnis äußerte, erwiderte dieser ironisch: „Oh, das ist nicht im mindesten erstaunlich! James Hall ist der erste Engländer, den ich in meinem Leben erblickte; darum ist Ihr Vater mir stets unvergeßlich geblieben.“ ¹) Die Mutter meiner Mutter entstammte der kleinadligen, ebenfalls in der Nähe von Edinburg ansässigen Familie Hunter; soviel ich weiß, hat sich auch diese Familie in der Wissenschaft, namentlich in der Medizin, ausgezeichnet. Meine Großmutter heiratete Basil Hall im Jahre 1825. Sie war eine sehr begabte, unternehmungslustige Frau, die ihren Gatten auf seinen Reisen häufig begleitete: sie hatte im strengsten Winter Kanada auf Segelschlitten durchquert und Forschungsreisen am Nil hinauf gemacht. Ihr Geist glich an Schärfe ihren Gesichtszügen; sie erfaßte schnell, urteilte lebhaft, sprach witzig; an ihrem gastfreien Tische versam-
—————
    ¹) Basil Hall's am Abend des 13. August 1817 aufgesetzter ausführlicher Bericht über diese Audienz wurde zum erstenmal veröffentlicht in der Monatsschrift The Nineteenth Century, Oktober 1912, S. 718 fg.

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I. Meine Herkunft. Der mütterliche Stamm


melte sich zweimal die Woche alles, was in der Marine von Bedeutung war, sowie Gelehrte und Reisende. Sie starb 1875 auf der Insel Malta, wo sie schon seit vielen Jahren zu überwintern pflegte. Ich erinnere mich, wie sie einmal einen Besuch, der über das Klima von Nordeuropa sprach, heftig unterbrach: „Ach was, Europa hat gar kein Klima, sondern nur Wetter, und speziell England ununterbrochen abscheuliches.“
    Dieser Ehe entstammten drei Kinder: meine Mutter, ihre Schwester, die den Bankier Christian auf der Insel Malta heiratete, und mein früh verstorbener Onkel, Kapitän Basil Hall, junior. Die Heranbildung der beiden jungen Mädchen geschah durch eine ganz vorzügliche deutsche Erzieherin, und zwar mit dem Ergebnis, daß die beiden die deutsche Sprache vollkommen beherrschten und mit deutschem Denken und Dichten fast so vertraut gewesen sein müssen wie deutsche Mädchen. Außerdem besaß aber meine Mutter offenbar ein ganz besonderes Sprachgenie. So war z. B. ihr Wunsch, das Lateinische zu erlernen, von ihrem Vater abschlägig beschieden worden; nun machte sich das junge Mädchen im Verborgenen allein an diese Aufgabe und brachte es ohne jeden Beistand so weit, daß, als einst mein Großvater und seine Freunde lateinisch zu reden anfingen, das junge Mädchen sich hineinmischte und fließend sprach. Gefragt, wie sie es anfange, Sprachen so schnell und so idiomatisch zu lernen, erwiderte sie, ihr käme eine neue Sprache gleich vom ersten Tage an bekannt vor; ihr sei zumute, als ob sie eine zusammengerollte Landkarte auf einen Tisch lege und nun mit der rechten Hand die Karte allmählich aufrolle; hierbei enthülle sich das Land zwar nur nach und nach, doch den Teil, den sie erblicke, erblicke sie von Anfang an deutlich und in vollkommenem Zusammenhang. Als echte Schottin war sie fromm und streng, gewissenhaft bis ins Übertriebene; ihre Interessen waren auf das Geistige und das Moralische gerichtet, weniger, glaub' ich, auf das Künstlerische und gar nicht auf die weltlichen und sinnlichen Vergnügen. Da sie noch vor Ablauf meines ersten Lebensjahres starb, hab' ich nicht die geringste Erinnerung an sie; doch hat man mir manches über sie erzählt, und namentlich besitze ich ihr ausführliches Tagebuch für das Jahr meiner Geburt, 1855, und habe daraus eine eingehende Vorstellung von ihrem Wesen gewonnen. Ich glaube, daß mein ältester

15 I. Meine Herkunft. Der mütterliche Stamm — Der väterliche Stamm

Bruder, Basil Hall Chamberlain, der bekannte Japanolog, manches von ihr geerbt hat, ich dagegen sehr wenig — weder ihre Leichtigkeit, sich fremde Sprachen anzueignen, noch ihre asketische Gemütsart. Einen einzigen Brief besitze ich von ihrer Hand, geschrieben, wie ich ungefähr sechs Monate alt war; sie schildert den Neuangekommenen als sehr lebhaft und lustig und fügt dann hinzu: „Ich habe beschlossen, mit diesem Kleinen von Anfang an ausschließlich deutsch zu reden; es wäre doch zu schade, wenn das Kind die einzige Gelegenheit versäumte, mit dieser schwierigen Sprache vertraut zu werden.“ Die arme Frau erholte sich leider nie von den Leiden, die die Geburt dieses dritten Sohnes ihr verursacht hatte; schon mehrere Monate, ehe ich das Licht der Welt erblickte, klagt sie in ihrem Tagebuche über die vielen Beschwerden und über die große Unruhe dieses Kindes; sie besaß noch die innere Energie, es auf die Welt zu setzen; dann aber brachen ihre Kräfte zusammen, und bald weilte sie nicht mehr unter uns.

*

    Soviel nur weiß ich über die Herkunft meiner Mutter zu berichten.
    Von meines Vaters Seite weist mein Stammbaum bedeutend verwickeltere Verhältnisse auf. Während meine Mutter, wie Sie sahen, aus zwei verwandten und der Rasse nach vollkommen identischen Familien stammt, trafen bei meinem Vater mehrfache Stämme zusammen, die, wenn auch gemeinsamen Ursprungs, bisher verschiedene Wege gegangen waren.
    Henry Orlando Chamberlain, der Vater meines Vaters, ist in London geboren am 20. September des Jahres 1773; er war der uneheliche Sohn eines Grafen von Westmoreland. Unsere Familie reicht unter dem Namen Chamberlain nur zwei Generationen zurück; der Familienname der Westmoreland ist Fane; unter den Fanes wäre also unsere Verwandtschaft zu suchen, nicht unter den Chamberlains. Fane ist ein altnormännischer Name, der schon unter Wilhelm dem Eroberer vorkommt, und die Familie ist im Osten Englands ansässig, wogegen der Name Chamberlain aus dem Westen stammt. Wer Henry Orlando Chamberlain's Mutter war, wußte mir

16 I. Meine Herkunft. Der väterliche Stamm

niemand zu sagen: die einen vermuteten in ihr eine Frau aus dem selben hohen Adel wie der Vater, wofür die Verheimlichung spreche; andere dagegen behaupteten, sie sei ein schönes Bauernmädchen gewesen. Näheres erfuhr ich nicht, namentlich da man in der Familie nicht gern über diese Sache sprach, vielmehr eine unbegreifliche Scheu empfand, den Ursprung aus Leidenschaft und Liebe bekannt zu geben. Ebensowenig gelang es mir jemals, Bestimmtes zu erfahren über die Tradition, die Westmorelands stammten in gerader Linie von Richard III. ab, und es flösse also Plantagenetblut in unsern Adern. Nur folgendes wurde mir überliefert. Als Jüngling kam mein Großvater in das Haus seines Vaters und wurde als angeblicher ferner Verwandter in Kameradschaft mit seinen legitimen Geschwistern erzogen. Hier erfaßte ihn nun leidenschaftliche Liebe zu der eigenen Schwester; sie wurde erwidert; die jungen Leute gaben sich das Wort; die Verlobung wurde bekannt. Da blieb dem Vater Henry's nichts weiter übrig: er mußte ihm das Geheimnis seiner Geburt enthüllen; am nächsten Morgen war der Jüngling entschwunden. In jenen Tagen war der Mensch ungleich unabhängiger als heute, wo wir in einem angeblich „individualistischen Zeitalter“ leben und dabei in Wirklichkeit wie eine Herde Schafe, hinter tausend Drähten eingepfercht, jede Freiheit der Bewegung eingebüßt haben. Auf dem schnellsten Pferde war Henry entkommen; kein Reiter vermochte ihn einzuholen; er erreichte die nächste Hafenstadt und nahm sofort Dienst auf einem abfahrenden Schiffe. Jahrelang hat niemand gewußt, was aus ihm geworden war, und ob er überhaupt noch lebte; durch welche Abenteuer er ging, habe ich nicht erfahren; jedenfalls zog er das trockene Element dem feuchten vor und nahm in Portugal in der Postverwaltung Dienst. Hier scheint er es zu einer so ansehnlichen Stellung gebracht zu haben, daß er sich, ohne seinem Stolze Abbruch zu tun, bei den Seinigen zu Hause wieder melden konnte. Die Folge dieses Schrittes war, daß er in den englischen Konsulatsdienst eintrat und später in den diplomatischen. Von jetzt an bis fast zu seinem Tode war Rio de Janeiro der Hauptschauplatz seiner Tätigkeit. Während einer Reihe von Jahren führte er dort den Titel und das Amt eines Generalkonsuls für Südamerika; später aber, als die Revolution stattgefunden und Dom Pedro sich zum Kaiser aufgeschwungen hatte, ward er zum diplo-

17 I. Meine Herkunft. Der väterliche Stamm

matischen chargé d'affaires am Hofe Brasiliens ernannt. Für seine Verdienste während dieser bewegten, Englands Interessen stark bedrohenden Jahre, namentlich auch für den Abschluß des ersten Handelsvertrages zwischen Brasilien und England erhielt er den erblichen Baronet-Titel. Gegen Ende der zwanziger Jahre führten — wie Sie sich erinnern werden — die Ansprüche der beiden Brüder Dom Pedro und Dom Miguel auf den Thron Portugals zu argen Wirren in diesem Lande, und schließlich zum Bürgerkrieg. England, das bekanntlich stets überall die Hand im Spiele hat, war an dem Ausgang dieser Wirren in einem seine Interessen fördernden Sinne viel gelegen, und mein Großvater wurde bei seiner genauen Kenntnis der portugiesischen Verhältnisse für die geeignetste Person gehalten, die britische Regierung dort zu vertreten. So wurde er denn aus Brasilien zurückgerufen und im Frühling 1829 zum außerordentlichen bevollmächtigten Gesandten in Portugal ernannt. Seine Abreise aber verzögerte sich infolge der Debatten, die im englischen Parlament über die portugiesischen Wirren stattfanden; der Minister bedurfte seiner in London zur Beantwortung mancher unerwarteter Fragen.... und so verschob sich die Abreise von Tag zu Tag. Da führte eine unscheinbare Verletzung am Fuße, verschlimmert durch die Zuckerkrankheit, an der er seit einigen Jahren litt, am 31. Juli 1829 zum schnellen Tode.
    Henry Orlando Chamberlain war ein begeisterter Freund aller Naturwissenschaften — der Physik, Astronomie, Botanik, Zoologie usw. Kein Mensch durfte — außer seiner Frau — sein Studierzimmer betreten, dessen Wände, Tische, wie auch der ganze Boden mit Büchern, Atlanten und Kupferstichen bedeckt waren. In Brasilien hatte er weit und breit das Land durchforscht, begleitet von Negersklaven, und auf diese Weise wertvolle naturwissenschaftliche Sammlungen angehäuft. Sein ausgedehnter Privatgarten war nach und nach zu einer Art botanischen Gartens der damals noch wenig bekannten Flora von Brasilien geworden, so daß die Forschungsreisenden sich bei ihm mit Pflanzen zu versehen pflegten. Von zwei Botanikern, deren Namen mir leider entfallen sind, wird erzählt, daß sie auf der Rückreise aus dem Innern, vor ihrer Ankunft in Rio de Janeiro ein Boot mit wichtigen Herbarienkisten verloren hatten; als sie nun, wie die meisten Forscher, bei meinem Großvater Wohnung nahmen,

18 I. Meine Herkunft. Der väterliche Stamm

erzählten sie abends von ihrem Verlust; er schwieg dazu; aber am nächsten Morgen, als sie unter die Haustüre traten, stand er schon bereit und forderte sie auf, mit ihm einen Rundgang in seinem Garten zu machen, und richtig, das meiste von dem, was sie verloren hatten, fanden sie. Für seine Verdienste um die Gartenkunst, namentlich für die Einführung der Begonien nach Europa verlieh ihm die Royal Horticultural Society von London am 25. April 1828 ihre große silberne Medaille. In Steudel's Nomenclator Botanicus vom Jahre 1840 findet man noch eine   B i g n o n i a   C h a m b e r l a i n i i,   ein Name, der später einem Synonym weichen mußte. In den letzten Monaten seines Lebens, die er in London verbrachte, hielt mein Großvater populäre Vorträge über Astronomie vor einem kleineren Kreise. Nach seinem frühen, unerwartet eingetretenen Tode kamen seine Bibliothek und seine Sammlungen unter den Hammer und wurden so in die ganze Welt zerstreut; die Pflanzensammlungen erwarb Kew, und Berlin die sehr große entomologische Sammlung. Was ich da erzähle, ist ein magerer Bericht über eine offenbar umfassende Tätigkeit. Die Tatsache, daß Chamberlain, wie es scheint, nichts Schriftliches hinterließ, und die weitere Tatsache, daß von seinen vielen Kindern kein einziges seine wissenschaftlichen Interessen erbte, mag es wohl erklären, daß so wenig auf uns gekommen ist. Und so steht denn vor unseren Augen ein zwar fesselnder Umriß der Persönlichkeit des Henry Orlando Chamberlain, im Innern jedoch unausgefüllt.
    Er war zweimal verheiratet. Aus der ersten Ehe, die bald durch Scheidung gelöst wurde, entsprossen zwei Kinder: ein Sohn und eine Tochter; aus der zweiten Ehe acht Kinder: fünf Söhne und drei Töchter; mein Vater, William Charles Chamberlain, war der älteste Sohn aus dieser zweiten Ehe; er kam zur Welt im Jahre 1818. Der Sohn aus erster Ehe, der den Baronettitel erbte, und die fünf Söhne aus zweiter Ehe sind alle Offiziere geworden: fünf in der Armee und einer — mein Vater — in der Marine.
    Wenn ich nun dazu übergehe, von der Mutter meines Vaters zu sprechen, so eröffne ich damit einen für Sie insofern beachtenswerten Abschnitt, als ich selber durch Statur, Gesichtszüge, Charakter und Begabungsart von der Familie meiner Großmutter besonders viel geerbt zu haben scheine. Ich besitze weder die normännische

19 I. Meine Herkunft. Der väterliche Stamm

Nase noch die angelsächsischen Augen, ich bin bedeutend größer als die übrigen männlichen Mitglieder meiner Familie, außerdem leidenschaftlicher veranlagt, und meine Seele ist der göttlichen Sprache der Musik als ihrem eigentlichen Elemente weit geöffnet: das alles sind offenbare Erbstücke aus dem Stamme der Großmutter; ihre Herkunft zu kennen, muß also dem Stammesforscher wichtig sein.
    Diese meine Großmutter väterlicherseits, die zweite Gattin des Sir Henry Orlando Chamberlain, war eine geborene Morgan, aus dem nur von Kelten bewohnten Wales, dem Vaterlande der kymrischen Walliser. Nun bestand aber bekanntlich bei den Kelten die Sitte, daß sämtliche Bewohner eines Distriktes den Namen des betreffenden Landesherrn trugen; darum deckt auch der Name Morgan sehr verschiedene Elemente. Zum Glück hat ein Bruder meiner Großmutter, der Marinekapitän Richard Morgan, eine kurze Skizze der Familienchronik hinterlassen, die bis auf seinen eigenen Urgroßvater zurückgeht und meiner Schätzung nach sicher bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts reicht. Hieraus geht nun hervor, daß diese Morgans die Nachkommen in gerader Linie der Morgans von Tradegar waren (was nebenbei gesagt die jetzigen „Lord Tradegar“ nicht sind); somit stammen sie unmittelbar von den alten Häuptlingen oder — wie sie sich zu nennen pflegten — „Königen“ der Walliser ab, jenen kriegerischen Barden, die, auch wenn sie hoch zu Roß in die Schlacht ritten, die Harfe umgeschlungen trugen. Der Urgroßvater meiner Großmutter heiratete nun ein römisch-katholisches Mädchen, und dieser Umstand hat seinem Schicksal und dem seiner Nachkommen eine neue Wendung gegeben. Man kennt die innige Religiosität der Kelten; Gleichgültigkeit in Religionsfragen kommt bei ihnen nicht vor. Die Katholiken (wie zum Beispiel in Irland) sind die Treuesten der Treuen; die Nicht-Katholiken unter ihnen sind noch heute unversöhnliche Gegner Roms. Die Familie der Braut bestand darauf, daß mein Urahne selber in die katholische Kirche intrete; seine Familie aber enterbte ihn deswegen und stieß ihn aus (wodurch der Mannesstamm von Tradegar erlosch oder wenigstens verschwand). Mit dem Vermögen seiner Frau, später noch vermehrt durch eine Erbschaft von seiner Mutter her, kaufte jener Ahne sich in dem keltischen Grenzland an und wirtschaftete so gut, daß er sich nach und nach zum Großgrundbesitzer auswuchs. Zu seinem

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Schaden aber warf er sich auf die Pferdezucht, und die Pferdezucht führte zur Beschäftigung mit den Wettrennen, und diese schließlich zum Verlust des größten Teiles seines Vermögens. Der älteste Sohn aus dieser Ehe, John Morgan, raffte zusammen, was von des Vaters Vermögen übrig geblieben war, und suchte in London als Kaufmann sein Fortkommen. Auch er heiratete ein Mädchen aus dem walliser Grenzlande und zwar eine Blutsverwandte des berühmten Generals Wolfe, der im Jahre 1759 bei der Eroberung von Quebec fiel, nachdem er sich früher im österreichischen Erbfolgekrieg ausgezeichnet hatte. Meine Familie pflegte besonders stolz auf diese Verwandtschaft zu sein, und es gab wohl — außer dem meinigen — kein Haus, in dem das bekannte Bild von B. West, den Tod des Helden auf dem Schlachtfelde darstellend, nicht gehangen hätte: Fahnen schwenkend stürzen die Boten heran; „Sie fliehen! sie fliehen!“; „Wer flieht?“ flüstert Wolfe; „Die Franzosen fliehen!“ —  „Dann sterbe ich glücklich!“ Namentlich der sentimentale Indianer, der nackend, über und über tätowiert, mit prächtigem Kopffedernschmuck, im Vordergrunde kauert, hatte mich als Kind gefesselt und. war mir unvergeßlich geblieben.... Als ich im vorigen Herbst in Frankfurt zu einem Antiquargeschäft hineinschaue, strahlt mir der Blick des in Gedanken versunkenen Indianers entgegen — jetzt hängt er auch an   m e i n e r   Wand! John Morgan scheint von seinem Vater den Leichtsinn geerbt zu haben; denn nachdem er ein sehr großes Vermögen erworben hatte, verlor er es im Jahre 1773. Hierdurch wurde nun sein Sohn, William Morgan, der Vater meiner Großmutter, aus der von ihm als Offizieraspirant bereits angetretenen Marinelaufbahn hinausgeworfen, da ein junger Offizier ohne Geldunterstützung von zu Hause nicht bestehen konnte, und außerdem die Chargen damals gekauft werden mußten. Als die Botschaft von dem Bankrott seines Vaters eintraf, lag die englische Flotte vor Jamaika; der kommandierende Admiral, der sich für William Morgan interessierte, schlug ihm vor, sein Sekretär zu werden und zugleich die Stelle eines Zahlmeisters anzunehmen. Er ging darauf ein, erwarb dabei einiges Vermögen und trat dann in eine Londoner Firma als Teilhaber ein. Als Vertreter dieses Hauses siedelte er nach Lübeck über und bald darauf dauernd nach Lissabon. Dieser Umstand führte nun zu einer bemerkenswerten Blutmischung; denn in Lübeck und

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später in Lissabon trat Morgan in Beziehungen zu einem gewissen Gerhard Böckmann, einem Lübecker Kaufmann, der ebenfalls meistens in Lissabon die Interessen seines Hauses vertrat. Im Jahre 1783 heiratete William Morgan Maria Katharina, die Tochter dieses Gerhard Böckmann aus Lübeck. Aus dieser Ehe wurde meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, Anne Eugenia Morgan, am 11. September 1785 in Lissabon geboren. Die Familie Böckmann (ob mit einem „n“ oder mit zwei geschrieben, weiß ich nicht, da meine Vorlagen beide Schreibarten aufweisen) wird nun in den Papieren meines Großonkels und auch sonst in den Familienerinnerungen als „dänisch“ bezeichnet; das war mir immer etwas sonderbar vorgekommen; denn die Bewohner der ehrwürdigen Hansastadt sind doch keine Dänen; ich vermutete dahinter ein englisches Vorurteil, das nicht das Wort „Deutscher“ aussprechen wollte. Doch von unerwarteter Seite kam mir Aufklärung, die Sie, hochverehrter Herr Regierungsrat, gewiß interessieren wird.
    Im Juni des Jahres 1902 hat mich Franz Lenbach in München gemalt; es war, glaube ich, eines seiner letzten Bildnisse. Bei der ersten Sitzung studierte mich der Maler von allen Seiten, ließ auch vielfach photographische Aufnahmen von mir machen; es fiel mir aber auf, daß er mit der Zeit immer nachdenklicher wurde, daß er meine Hände oft in die seinigen nahm, daß er meinen Kopf aus allen möglichen Winkeln kritisch zu prüfen schien.... und richtig, plötzlich fährt er mich fast heftig an: „Sagen Sie mir, Herr Chamberlain, sind Sie wirklich ein rechter echter Engländer der Abstammung nach?“ „Ja“, antwortete ich, „mein Vater ist Engländer, meine Mutter Schottin, meine Großmutter war eine Walliserin, ich kann mich also als einen Vertreter der großbritannischen Hauptinsel betrachten.“ Lenbach brummte etwas in den Bart hinein und trat dann wieder nahe heran: „Nein,   d i e s e   Schläfe!   d i e s e   Hände! das Verhältnis vom Oberkopf zum Gesicht! und vor allem   d i e s e r   Schnurrbart! — Das ist ja alles skandinavisch!“ Damit verschwand er hastig in den Hintergrund und brachte dann ein Bild herangeschleppt, das Nansen darstellte: „Sehen Sie, Herr Chamberlain, der Mann da ist Ihr Verwandter! Das ist Ihr Typus! Sie haben keinen rein englischen Typus!“ Nun müssen Sie wissen, daß die älteste Schwester meines Vaters, geboren in Rio de Janeiro 1815, bis

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zum Jahre 1912 in vollkommener geistiger Frische gelebt hat; an sie schrieb ich und erzählte ihr von Lenbach's wunderbarer Schrulle. Darauf antwortete sie mir in einem Brief vom 26. Juni 1902, der vor mir liegt, und in dem sie mir folgendes sagt: „Lenbach's Scharfsinn ist höchst bewunderungswürdig. Meine Großmutter, Deine Urgroßmutter, stammte aus Lübeck, und da sie erst 1843 hochbetagt starb, habe ich sie noch sehr gut gekannt. Sie nannte sich zwar eine Dänin, pflegte aber mit besonderer Vorliebe von ihrem norwegischen und auch schwedischen Stammbaum zu erzählen. Auch sagte sie, sie sei mit den Reventlows entfernt verwandt.“ Näheres über diese Böckmanns weiß ich nicht; nur entnehme ich aus den genannten Papieren meines Großonkels die Nachricht, daß Gerhard Böckmann's Vater ein Bürger Lübecks und ein Maler gewesen sei; auch daß ein Neffe von ihm, namens Johann, in der holsteinischen Kavallerie diente und später General wurde und den Grafentitel erhielt. ¹)
    Hiermit, hochverehrter Herr Koerner, habe ich Ihnen wohl Fäden genug in die Hand gegeben, um für mich eine deutsche Verwandtschaft und einen skandinavischen Stammbaum zu entdecken und aufzubauen!
    Nebenbei gesagt, waren und sind diese Morgans prachtvolle Rassemenschen. Von dem ausgestoßenen Urahnen wird erzählt, er habe sich mit 89 Jahren den Tod durch Sturz aus einem Apfelbaum geholt, da das Obst ihm nur schmeckte, wenn er's an Ort und Stelle genießen konnte; seine Gattin ritt noch im 94. Lebensjahre, drei Tage vor ihrem Tode, fünf englische Meilen in die Messe und fünf zurück. Ich habe als Jüngling mehrere Brüder meiner Großmutter, hochbetagte, schöne Männer, gesehen: warmherzig, klaräugig, lebensfroh; und als ich im Jahre 1908 das letzte Mal in England weilte, begegnete ich einem Vetter Morgan, fünfundachtzigjährig, der mit
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    ¹) Herr Regierungsrat Koerner hatte die Güte, mir unterm 29. Januar 1917 folgende Mitteilungen zu machen: „Die Lübecker Boeckmann stammen anscheinend aus der benachbarten Seestadt Stralsund. Die Boeckmann, früher Bokemanni, waren ursprünglich (vgl. Klempin-Kratz, Pomm. Ritterschaft, S. 6, 8, 38) landsässige adlige kleine Vasallen der Fürsten von Rügen und saßen vermutlich auf Böken bei Görmin, das sie wahrscheinlich anlegten. Nach 1325 zog die Familie in die Stadt, nannten sich auch von der Böken. In Lübeck erscheint schon 1286 bis 1291 Rodolfus „de fago“ (d. h. von der Böken, plattdeutsch für Buche) als Ratman, er wird auch Ludekinus genannt und ist vielleicht identisch mit Ludekinus Bokeman, 1273 Knappe im Fürstentum Rügen.“

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I. Meine Herkunft. Der väterliche Stamm


rosigen Backen, ein Liedchen pfeifend, den Stock schwenkend, wie der leibhaftige Till Eulenspiegel die Straße daherkam. Meine Großmutter, bei der ich die zwölf ersten Jahre meines Lebens — bis zu ihrem Tode — wohnte, war eine geradezu bestrickend liebenswürdige Greisin; stocktaub, lachte sie herzlich mit, wenn am Tische Heiterkeit herrschte, und, wollte man ihr mit Papier und Bleistift erzählen, wovon die Rede sei, wehrte sie freundlich ab: „Laßt nur sein, unterbrecht Euch nicht, Kinder, — wenn Ihr glücklich und guter Dinge seid, so bin ich's auch.“ In Portugal geboren und aufgewachsen, dazu katholisch erzogen und erst in ihrer Ehe zur anglikanischen Kirche übergetreten, pflegte sie, wenn sie erregt war, die Madonna und alle Heiligen in portugiesischer Sprache anzurufen, was mir als Kind einen unheimlich-gruseligen Eindruck machte. Die Gemütsart dieser Walliser hat wenig gemein mit der strengen Selbstbeherrschung der Südschotten und der vornehmen Kälte des eigentlichen Engländers. Wie beharrlich der Charakter sich vererbt, ersieht man daraus, daß von meinen Großonkeln Morgan mehrere als Erfinder oder als kühne Unternehmer bedeutende Vermögen erwarben, alle aber sie durch Leichtsinn oder Freigebigkeit wieder einbüßten — genau also wie ihre Ahnen. Auch an folgender Tatsache kann man die Beharrlichkeit des Rassecharakters beobachten: mir — der ich mein Lebtag nie in Wales war — ist ein bekannter, viel verspotteter dortiger Sprachfehler eigen, den weder meine Großmutter noch irgendein mir in der Kindheit nahestehendes Mitglied meiner Familie besaß — ich vermag es nicht, das englische „th“ richtig auszusprechen, bei mir klingt das weiche „th“ wie deutsches „w“, das harte wie deutsches „v“. Woher kann dieses Unvermögen stammen, außer von einem in anatomischen Verhältnissen begründeten Eigenwesen der Sprachwerkzeuge?
    Von meinem Vater scheine ich physisch und geistig wenig geerbt zu haben. Er war von mittlerer Größe, eher darunter als darüber. Sein Typus war der echt englisch-normännische: himmelblaue Augen und eine kühne, gebogene Nase. Schon mit zehn Jahren kam er aufs Kadettenschiff und mit zwölf Jahren aufs Meer; so blieb denn Seine Bildung auf die Marinefachkenntnisse beschränkt. Vom Kopf zum Fuß Offizier und in seine Uniform sozusagen hineingewachsen, berührte es peinlich, wenn er gelegentlich einmal Zivilkleidung an-

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zog. Seinem Dienste mit ungeteilter Leidenschaft hingegeben, unerbittlich streng gegen andere wie gegen sich selber, genoß er in der Marine allseitige Hochachtung, nicht aber Beliebtheit — denn solche Eigenschaften sind häufig den Vorgesetzten ebenso unbequem, wie den Untergebenen unerwünscht. In der Familie dagegen kannten wir ihn nur als den mildesten, nachgiebigsten, gütigsten Vater. Sein Gemüt wechselte zwischen übersprudelnder, alles mit sich reißender Heiterkeit und sorgenvoller Melancholie, welche ihm die Tränen in die Augen trieb. Als Kind sah ich meinen Vater nur alle paar Jahre einmal flüchtig, denn er stand beständig im aktiven Flottendienst; meine alte Großmutter in Versailles pflegte mich aufzuziehen: „Du kennst Deinen eigenen Vater nicht, wenn Du ihm auf der Straße begegnest!“ Später bekam er Hafenanstellungen in Portsmouth, Chatham und Devonport, und in der Zeit zwischen Herbst 1866 und Sommer 1870, wo ich in England die Schule besuchte, habe ich meine Sommer- und Weihnachtsferien öfter bei ihm zugebracht; diese Ferien dauern aber in dem einen Falle nur drei und in dem anderen sechs Wochen. Vom Sommer 1870 an habe ich ihn nur noch zwei- oder dreimal auf Reisen flüchtig erblickt. Im Februar 1878 starb er, und zwar als Opfer der Gladstonischen Politik der Ersparnisse, infolge deren er als kommandierender Admiral in Devonport täglich 16 Stunden Arbeit zu bewältigen hatte.
    Einige Worte möchte ich noch hinzufügen über meinen Onkel, Sir Neville Chamberlain, geboren in Rio de Janeiro 1820, gestorben 1902 als Feldmarschall. Aus dieser Generation ist Sir Neville der einzige bedeutende Mann. Da er, noch halb ein Knabe, in die indische Armee eintrat und von da an viele Jahre hindurch fast ausnahmslos im Felde stand, so war es auch mit seiner Bildung ärmlich bestellt; um so interessanter waren bei ihm Charakter und Gemüt. Von verwegenstem Heldenmute, ist er — ohne die kleineren Wunden mitzuzählen — achtmal lebensgefährlich verwundet worden. In der Armee trug er den Beinamen „the gallant“ — der Tapfere. Einer seiner hervorragendsten Zeitgenossen hat über ihn geurteilt:
„Chamberlain is the very soul of chivalry“ — in Chamberlain erblicke ich die Vollendung der Ritterlichkeit. Über seine Taten habe ich hier nicht zu berichten; wer dafür Teilnahme hat, findet sie in der ausführlichen Lebensschilderung von G. W. Forrest, die im

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Jahre 1909 in Edinburg und London erschien. Etwas aber wird er in dieser Biographie nicht finden, sogar   k e i n   W o r t   darüber, und gerade das erscheint mir das Mutigste und das Denkwürdigste seines ganzen Lebens: ich meine seinen Kampf gegen Regierung und Armeeleitung zur Zeit des schmählichen Burenkrieges. Der alte Feldmarschall, der sein Leben lang die Furcht nicht gekannt hatte, fürchtete sich nun auch nicht, gegen die öffentliche Meinung des ganzen Landes aufzutreten und in einer Reihe von immer heftiger werdenden Briefen an Zeitungen die Politik, welche zu diesem Raubkriege führte, und dann auch die Art der Kriegführung schonungslos zu geißeln. Namentlich richtete sich seine Empörung gegen den Bluthund Kitchener und gegen die von ihm erfundenen Konzentrationslager. „Sir Edward Grey behauptet, der Krieg in Südafrika werde nach den Regeln einer zivilisierten Kriegführung geleitet: ich widerspreche dieser Behauptung.... Welche ungeheure Entrüstung würde sich Englands bemächtigen, wenn ein feindliches Heer bei uns einfiele und derartige Greueltaten — ja, auch nur Annäherndes — verübte!.. Noch niemals ist von einer britischen Armee eine so völlige und  gedankenlose Zerstörung und Vernichtung ganzer Familien verübt worden.... Unser Volk ist so unwissend und so abgestumpft, daß es einer Presse Glauben schenkt, welche die große Güte und Freigebigkeit Englands gegen diese armen Gefangenen rühmt.“ Brieflich äußerte er sich gegen mich: „Ich   h a s s e   die Art, wie dieser Krieg von Kitchener geführt wird.... Daß unser Volk sich nicht einmütig gegen diese Barbareien erhebt, gereicht ihm wahrlich nicht zur Ehre; wir verdienen die Verurteilung aller zivilisierten Völker der Welt... Für uns Engländer fordern wir unbehinderte Freiheit des Handelns, die übrigen Völker der Welt sollen sich zufrieden geben mit dem, was wir ihnen zu gönnen die Gnade haben.“ Als Feldmarschall, der noch auf der aktiven Liste geführt wurde, setzte ihn sein offener Kampf disziplinarer Maßregelung aus; darüber schreibt er mir am 16. August 1901: „Rügen und Strafen lassen mich vollkommen gleichgültig, und lieber reiche ich meinen Marschallstab dem König zurück, als daß ich Schweigen bewahre über eine Frage, welche die Ehre meines Vaterlandes und der Armee, der ich angehöre, betrifft. Meiner Überzeugung gegenüber kann ich ebensowenig zum Feigling werden, wie ich jemals in der Schlacht dem Feinde den Rücken ge-

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kehrt habe.“ Die Times und auch andere führende Zeitungen weigerten sich gleich anfangs, seine Briefe überhaupt zu veröffentlichen; nur der Manchester Guardian und der Daily Chronicle wagten es; schließlich hatten auch diese nicht mehr den Mut, einer so freien Sprache ihre Spalten zu öffnen. Ja, die Verschwörung gegen die Wahrheit war schon damals so weit gediehen, so lückenlos organisiert, daß kein einziges Blatt in ganz England die Briefe nachdruckte oder gegen sie Einspruch erhob: die edle Stimme verhallte im leeren Raume. Und als der Held bald darauf, im Februar 1902, zu Grabe getragen wurde, wagte nicht einmal Lord Roberts, sein alter Adjutant und Freund, dem Sarge zu folgen, und der einzige Blumenkranz, der die Ruhestätte schmückte, wurde im Auftrage Kaiser Wilhelm's darauf gelegt.
    Den letzten seiner gedruckten Aufsätze, der ebenfalls der Geißelung von Kitchener's feigen Mordtaten gilt, endet er mit einem Zitat aus Byron:

„They make a desert, and they call it peace“

— sie verwandeln das Land in eine Wüste, und das nennen sie dann Frieden. Wie würde der edle Mann über das heutige England geurteilt haben! Über dieses willenlose Sichfügen eines ganzen irregeleiteten und sittlich verfallenen Volkes in eine Politik der schamlosen Lüge und des Meuchelmordes! Über diesen Wirbel des Wahnsinns, der selbst die besten Männer ergreift und sie in den Höllenabgrund hinunterreißt! Neville Chamberlain — dessen Leitspruch lautete: „Im Himmel Gott, auf Erden meine Pflicht“ — wäre der einzige gewesen, der sich nicht hätte beirren lassen, und oft — wenn ich in diesen Zeiten meine schwache Stimme erhob — habe ich des Helden gedacht und seinen Segen auf mir gefühlt, der die Flüche der zeitweilig zu rasenden Bestien Verwandelten reichlich aufwiegt. Kurz vor seinem Tode schrieb er mir: „Ich danke Gott, daß Du nicht bloß frei geboren bist, sondern auch frei zu reden weißt.“

    BAYREUTH, Oktober 1916.
 
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II.

MEINE ERZIEHUNG

BRIEF AN FRÄULEIN SIDONIE PETER


DAS SCHICKSAL IST EIN VORNEHMER,
ABER TEURER HOFMEISTER.
G O E T H E
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Leere Seite

29 II. Meine Erziehung. Zur Einführung.


Hochverehrte Freundin!
Dem vielumstrittenen Problem der Erziehung widmen Sie besondere Aufmerksamkeit, und es reizt Sie — als ernste Leserin meiner Bücher — zu erfahren, welche Bildungswege ihr Verfasser wohl geführt wurde. Diese Frage schicke ich mich an, nach bestem Vermögen zu beantworten. An eine eigentliche Chronik denke ich allerdings nicht; eine solche würde weder für Sie noch für mich belangreich sein; vielmehr möchte ich nur in Kürze dasjenige herauszuheben suchen, was bestimmend auf den werdenden Mann hat wirken müssen.
    Greifen wir sofort ins Innerste: der Verlauf meiner Kinderjahre hat zur Folge gehabt, daß ich ohne „Heimat“ durchs Leben gegangen bin. Was alle Menschen besitzen — das Gefühl einer naturnotwendigangehörigen, bergenden, allseitig umhegenden, tragenden Heimat —‚ das habe ich nie gekannt. Vom Erwachen des Bewußtseins an bis zu dieser Stunde habe ich überall „in der Fremde“ gelebt; keinen Fleck auf Erden gibt es, von dem ich sagen könnte: dahin gehöre ich; und bin ich auch kürzlich bayerischer Bürger und damit politisch ein Deutscher geworden, so geschah das, als schon das 60. Lebensjahr umschifft war: es handelte sich um ein Zerreißen äußerlicher Bande, die mich an ein Volk fesselten, dem ich innerlich nie angehört hatte, zugleich um ein öffentliches Bekenntnis zu dem verlästerten und von allen Seiten bedrohten Staate, den ich, trotz seiner zahlreichen Unzulänglichkeiten, doch für denjenigen halte, der für die Menschheit das Edelste leisten   k ö n n t e,   dem Volke entsprungen, das allein in sich Elemente birgt, fähig, einem göttlichen Willen zu dienen. Eine „Heimat“ im handgreiflichen Sinne der von Kindheit an vertrauten, den Instinkten, den Gewohnheiten, dem Geschmack mit unbewußter Vollendung genau angepaßten Umgebung kann mir auch Deutschland nicht werden. Ich weiß nicht, hochverehrte Freundin, ob Sie imstande sind, sich vorzustellen, was das heißt: nicht eine Heimat verloren, sondern eine Heimat niemals besessen, niemals ein Gemeinwesen betreten zu haben, wo jeder bekannt hätte: der gehört zu uns! vielmehr überall dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Gefühl begegnet zu sein: der gehört   n i c h t   zu uns! Es bedeutet dieser Zustand ein völliges Auf-

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sichgestelltsein, eine Vereinsamung mitten auf unserem so menschenreichen Gestirn, von der sich, glaube ich, andere schwerlich einen Begriff machen können. Ich habe Leute genug kennen gelernt — Deutsche, Engländer, Amerikaner, Russen —‚ die fast ihr ganzes Leben im Auslande zugebracht hatten; ich besitze nahe Verwandte, die sich in diesem Falle befinden; alle diese Leute waren aber doch echte, rechte Deutsche, Engländer usw. einmal gewesen und waren es darum auch fern von der Heimat geblieben, oder aber sie hatten sich der neuen Umgebung vollkommen angepaßt und angegliedert. Bei mir traf weder das eine noch das andere zu: Engländer bin ich nie geworden; schon im fünften Lebensjahre fühlte ich mich im Inselreich vollkommen fremd und ungemütlich, und jauchzte auf, als ich nach kurzem Aufenthalt den festländischen Boden wieder betrat; ebensowenig vermochte ich es, das Anglo-kelto-skandinavische, oder wie Sie es nennen wollen, das in meiner Persönlichkeit Gestalt gefunden hat, in den verschiedenen Ländern, wohin mich das Schicksal verschlug, abzustreifen und die nicht angeborene Art als eigene anzunehmen. Besuchte ich gelegentlich meine englischen Verwandten, sie empfingen mich liebevoll, nannten mich aber „the distinguished foreigner“ — den vornehmen Ausländer, da ich ihnen in Sprache, Geschmack, Gewohnheiten sowie durch Bildungsgang, Geistesrichtung, Weltanschauung weit ferner stand als z. B. Tausende von Deutschen, die sich in England niedergelassen und sich den Eingeborenen äußerlich ganz und gar angeähnelt und innerlich — durch Verstümmelung der eigenen und Nachäffung der fremden Art — jedenfalls sehr täuschende Scheinengländer aus sich gemacht haben, wogegen ich als Wesen aus einem andern Gestirn unter meinen Verwandten saß, physisch ihnen nahe, seelisch durch Sternenweiten von ihnen geschieden. Kehrte ich jedoch in mein jeweiliges Heim zurück — nach der Schweiz, nach Deutschland, nach meinem lieben Wien (wo ich zwanzig Jahre gelebt habe) — so fühlte ich mich zwar in der gewohnten Umgebung wohl und atmete auf, von dem mir unerträglichen Drucke des englischen Daseins erlöst zu sein, doch war ich jetzt für alle „der“ Engländer — der Engländer, dem man es auf tausend Schritte ansieht, daß er einer ist! Und ich will Ihnen nur gleich offen gestehen: es mißfiel mir dies nicht ganz, ja, ich unterstrich es in äußerlichen Kleinigkeiten nicht ungern, weil es

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mir zu große Vertraulichkeit fern hielt und die mir durch lange Gewohnheit liebgewordene Vereinsamung unterstützte. „Liebgeworden“... das war vielleicht ein bißchen viel gesagt; aber die Natur hilft sich immer selber; der Kampf ums Dasein kennt keine Bethmann-Hollwegischen Bedenklichkeiten; wird der eine Nährboden entzogen, so muß ein anderer dafür gewonnen werden; und so habe ich denn schon sehr jung begonnen, mir eine eigene Welt zu schaffen, eine eigene Heimat, mich mit Künstlern, Denkern, Dichtern, Forschern, Träumern, Erfindern, Helden, Heiligen zu umgeben, dazu auch mit sinnlich vorhandener, greifbarer Liebe — alles aber um herum abgeschlossen, abgerundet, unzugänglich, etwa wie die Wasserspinne Argyroneta in ihrem kugelförmigen Lufttropfen mitten im Wasser ihren Kosmos mit sich führt, von der Umgebung ebenso getrennt, als wäre ihre Lufthülle ein undurchdringlicher Diamant, und dem Tode verfallen, wenn sie ihr aufgerissen wird. Hieraus nun — aus dieser Ausgeschiedenheit und Abgeschiedenheit — entstand eine ganz eigene Inbrunst, geboren aus anhaltendem, meist unbewußtem Versunkensein, und eine gewisse Höhe und Reinheit der Anschauung, weil nichts Mittelmäßiges — oder jedenfalls sehr wenig derartiges — trübend an sie heranreichte. Wenn ich mit Ihnen meine Bücher so einschätzen darf, daß ich von ihnen urteile: es war wert, daß sie geschrieben wurden, so glaube ich hiermit den Ursprung ihrer besonderen Art aufgezeigt zu haben, und dieser Ursprung hängt jedenfalls mit der Gestaltung meiner Kindheit zusammen.
    Mehr will ich im Augenblick über diesen für meine Persönlichkeit und für mein Werk so entscheidenden Umstand nicht hinzufügen; es würde zu weit führen und uns von dem Gegenstand dieses Briefes ablenken. Lassen Sie mich nur noch sagen, daß ich den geschilderten Zustand der Heimatlosigkeit stets als einen unnatürlichen und insofern tief beklagenswerten empfunden habe; ich könnte Ihnen Briefe vorlegen, geschrieben vor dreißig Jahren, in denen ich dieses harte Schicksal als eine Fügung Gottes betrachte und mich nur damit zu trösten weiß, er habe mich wohl zu einem besonderen Amte auserkoren, und meine Pflicht sei es, in Ergebenheit und Demut zu gehorchen und abzuwarten.
    Wie ist das nun alles gekommen?

*

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    Zwar bin ich in England geboren, da meine Mutter, nach mehrjähriger Abwesenheit, etwa vierzehn Tage vor ihrer Niederkunft in der Vorstadt Southsea des großen Marinehafens Portsmouth bei ihrer Mutter eingetroffen war. Ein Brief aus der Zeit erzählt, sie sei „eigentlich sterbend gewesen, als sie das Kind gebar“. Und scheint sie auch selbst — nach der Äußerung, die ich in dem Brief an Regierungsrat Koerner angeführt habe ¹) — ihren Zustand nicht für so unmittelbar bedrohlich gehalten zu haben, sie schloß doch für immer die Augen, ehe ich mein erstes Jahr vollendet hatte. Da nun meine Großmutter mütterlicherseits, Mrs. Basil Hall, zu gesellig lebte und zu oft verreiste, um Kinderpflege übernehmen zu können, so kamen meine zwei Brüder (um 5 und um 3 Jahre älter als ich) sofort nach dem Tode der Mutter, und einige Wochen später auch ich, zu unserer Großmutter väterlicherseits, Lady Chamberlain, der Witwe des Sir Henry Orlando Chamberlain, die nur vorübergehend in England, dessen Klima sie nicht vertrug, gelebt, und — nach einem Wanderleben in Frankreich, Italien und Deutschland — sich seit kurzem dauernd in Versailles niedergelassen hatte, wo eine unverheiratete Tochter, Harriett Mary Chamberlain, der Pflege der greisen Mutter sowie der Führung des Hauswesens vorstand und nunmehr auch die Mutterstelle bei uns drei Knaben übernahm. Über diese engelhaft gute Tante bald mehr. Lady Chamberlain starb zu Weihnachten 1867 in Versailles, das sie nie mehr verlassen hatte. Vom Jahre 1856 an bis zum Mai 1868 war also das Haus in Versailles mein eigentliches Heim. Und da ich vom Herbst 1870 ab mit kurzen Unterbrechungen bis 1885 wieder in Frankreich oder in der französischen Schweiz gelebt habe, so ersehen Sie daraus, daß ich von den ersten dreißig Jahren meines Lebens mindestens siebenundzwanzig in den Ländern französischer Zunge zu Hause war. Daher kommt es, daß noch heute — wo ich mich seit vierzig und mehr Jahren in einer dem französischen Geiste diametral entgegengesetzten Richtung entwickle — mich dennoch ein anheimelndes Gefühl überkommt, wenn ich französisch reden höre, und daß ich mir das, was anderen Menschen wohl „Heimat“ bedeuten mag, am lebhaftesten vorzustellen glaube, wenn ich mir vergegenwärtige, wie mir in
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    ¹) Vgl. S. 15.

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II. Meine Erziehung. Versailles.


französischer Umgebung zumute ist: innerlich ward sie mir zwar inzwischen ganz fremd, meine Sinne aber und mein Gemüt umschmeichelt sie mit tausend Klängen, und hundert vertraute Gewohnheiten rufen die Kinderjahre beglückend zurück. Ihre Schlichtheit und Anspruchslosigkeit, ihre große Intelligenz, ihre Freundestreue macht die Franzosen meinem Herzen teuer, mag auch ihre Politik noch so schlecht und mögen ihre Politiker noch so erbärmliche Gauner sein. Heute noch fällt es mir schwer, einen ganzen Tag vorüber gehen zu lassen, ohne ein französisches Buch aufgeschlagen zu haben, so vertraut und altgewohnt wirkt auf mich nicht allein die Sprache, sondern die ganze Art zu denken und dem Gedanken Ausdruck zu verleihen. Bei meinen beiden Brüdern trat das nicht ein: der eine war schon sieben Jahre alt, der andere vier, als sie nach Frankreich kamen, daher besaßen die beiden stark ausgeprägte englische Erinnerungen, wogegen ich in Frankreich zum Bewußtsein erwachte und England später als ein unbekanntes, fremdes Land betrat; außerdem verließen sie beide Frankreich noch vor dem Tode der Großmutter und bewohnten es nie mehr, wogegen ich die abgebrochenen Beziehungen — wie Sie sahen — sehr bald wieder anknüpfte und lange Zeit hindurch fortsetzte.
    Jetzt aber kommt erst das entscheidend Eigenartige. Denn wäre ich in eine rein französische Umgebung gekommen, so wäre ich einfach ein kleiner Franzose geworden; ich kam aber in eine gemischte Umgebung: die Familie englisch, die Dienerschaft — und nicht nur die Dienerschaft, sondern auch alle weiteren Kreise des täglichen Lebens — französisch. Man weiß, wie zähe der Engländer seine Eigenart festhält: in der Familie und bei Tisch wurde ausschließlich englisch gesprochen, und die vielen durchreisenden und oft (wegen der Nähe von Paris) wochenlang bei uns weilenden Verwandten waren meist Stockengländer, die kein Wort französisch verstanden. Englische Kinder verbringen aber den größten Teil des Tages in der Kinder- oder der Schulstube, und dort hörte ich kein Wort englisch. Es lebten nur wenige Engländer und Amerikaner in Versailles; mit keinen waren wir intim; der Verkehr meiner Großmutter bestand hauptsächlich aus alten französischen Offizieren und Staatsbeamten, und der kleinen, durch ihren Reichtum mächtigen Kolonie französischer Protestanten, alle stark mit elsäs-

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sischem und schweizerischem Blute durchsetzt — die André, Neuflize, Pressensé usw. Woher es denn auch kam, daß meine näheren Kameraden, die Spielgenossen, mit denen der Sonntag- und Donnerstagnachmittag durchgetobt wurde, alle ohne Ausnahme kleine Franzosen waren. Unserem Hause an der Avenue de Saint-Cloud genau gegenüber lag das Lycée Impérial, das mein ältester Bruder besuchte, als ich noch im Röckchen einherging, und dessen Lehrkräfte täglich zu Privatstunden ins Haus kamen. Die Läden, in die ich mit kleinen Aufträgen geschickt wurde, die fremden Kinder, mit denen ich fast täglich im Schloßpark spielte, die Damen, die ich sah, wenn ich meine Tante auf Besuche begleitete, die Soldaten, die sich dem netten Kindermädchen näherten und stets die Kunst besaßen, mit dem Buben schön zu tun ... alles, was von außen an mich herankam, war französisch. Später war ich dann selber Schüler des Lycée, wo wir in den unteren Klassen (nur die habe ich besucht) neben etwas Latein und Rechnen ausschließlich französische Sprache, französische Geschichte, französische Geographie trieben. Die anglikanische Kirche besuchten wir Kinder nur einmal im Jahre, allsonntäglich dagegen die französisch-kalvinistische, deren Gemeinde wir, dem Geschmacke meiner Tante folgend, eigentlich angehörten; noch heute empfinde ich diesen einfachen Gottesdienst als den meinen Bedürfnissen angemessensten. Diesen Einflüssen — die in den empfänglichen Geist des Kindes tagtäglich zu allen Poren eindringen mußten — wirkte aber unaufhörlich entgegen nicht allein und nicht hauptsächlich die im engeren Familienkreise gepflegte englische Sprache, sondern die beständige Betonung der Überlegenheit des englischen Wesens und des geringen Wertes alles Unenglischen. Es wurde mir nicht gerade gelehrt, ich solle die Franzosen verachten — sah ich sie doch im Hause verkehren — wohl aber, daß ich sie als eine niedrigere Form der Menschheit zu betrachten und nicht in einem Atem mit Engländern zu nennen hätte. Schon ganz klein hatte ich dieses Hochmutsgift eingesogen und wußte über „französische Frösche“ zu spotten. „französische Lügner“ zu verachten, „französische Hähne“ lächerlich zu finden. Hatte der Lehrer in der Geschichtsstunde von einem französischen Siege, von einem für Frankreich glorreichen Friedensschluß erzählt, so wurde bei Tische aus dem Sieg eine Niederlage oder ein Zufall, und dem französischen Ge-

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winn gegenüber wurde Großbritanniens Weltreich herausgestrichen. Hatten wir — ich nehme ein beliebiges Beispiel — hatten wir in der Klasse die üblichen Formeln zu Briefanfängen und -Abschlüssen gelernt, so wurde ich eindringlich ermahnt, mich   n i c h t   darnach zu richten, es gälten diese Regeln nur für Franzosen, wogegen Engländer jedem gegenüber bei ihren einfacheren Formen zu beharren hätten. Ich könnte manches ähnliche anführen, müßte aber befürchten, zugleich trivial und übertrieben zu wirken — was vielleicht schon bei den gegebenen Beispielen zutrifft: denn meine Tante war eine wahrhaft kultivierte Frau, die von Jugend an viel in Frankreich und Italien und auch mehrere Jahre in Deutschland gelebt hatte und deren Kenntnis und Anerkennung des fremden Wesens und vielfache Vorliebe für dieses sogar im täglichen Leben sie mit den englischen Verwandten oft in heftigen Widerstreit brachte; nichtsdestoweniger war für sie die Überlegenheit Englands ein Dogma, und kaum war ich in Hosen gesteckt, als ich z. B. schon gelernt hatte, das Schicksal Irlands und Indiens als beneidenswert zu betrachten, weil diese Länder von Engländern regiert werden. Solche Dinge kleben in dem Kopf auch des freiesten Engländers ebenso fest, wie das Matterhorn auf seinen Granitnen Wurzeln unerschütterlich steht — sogar mit dem Unterschied, daß dieses doch, wenn auch dem Auge unwahrnehmbar, täglich abbröckelt, wogegen Gott selber unfähig wäre, dem Engländer  von seinem Überlegenheitsgefühl ein Deutchen abzuhandeln. Welches Kind wäre imstande, einem solchen Einfluß zu widerstehen? Und die Folge dieses Einflusses war, daß ich mich schon als Kind in dem Frankreich, das ich liebte, dennoch zugleich fremd fühlte. Wurde ich aber zum Besuch meiner anderen Großmutter, Mrs. Basil Hall, nach England hinübergeschickt — der erste derartige Besuch, dessen ich mich entsinne, fand in meinem fünften Lebensjahre statt — so überkam mich dort ein solches Gefühl der Fremdheit und der Verlassenheit, daß ich mich noch leidenschaftlicher an das mich begleitende französische Kindermädchen anschloß und den Tag der Rückkehr nach Frankreich nicht abwarten konnte. Schon bei diesem ersten Besuche hatte ich in England merkwürdigerweise auch besonderes Pech. Die englischen Fleischer, Bäcker, Gemüsehändler usw. pflegen morgens ihre Waren in leichten, zweiräderigen Wägelchen herumzufahren, deren kleine Pferde im Galopp laufen. Ein solcher Wagen

36 II. Meine Erziehung. Versailles — Englische Schulen.

sauste ohne Warnungsruf um die Ecke, und das Pferd traf mich so hart, daß ich weit weggeschleudert wurde; dies allerdings war meine Rettung; denn dadurch kam ich nicht unter die Räder. An diesem kleinen Vorfall lernte ich den großen englischen Grundsatz kennen: look out for yourself! sorge für dich selbst! In Frankreich wäre es des Kutschers Pflicht gewesen, langsam um die Ecke zu fahren und jedenfalls auch einen Warnungsruf auszustoßen; in England dagegen war es   m e i n e   Pflicht, aufzupassen, ob ein Wagen käme oder nicht. Wenige Tage später wurde mir eine zweite Lektion zuteil. Mit anderen Kindern belustigte ich mich auf einer Volkswiese; da erhielt ich auf einmal von einem schlecht beaufsichtigten Esel einen Hufschlag in die Magengegend: in Frankreich hätte der unaufmerksame Eseltreiber eine Strafe erhalten, in England galt es als   m e i n e   Schuld, daß ich nicht besser aufgepaßt hatte. Auch die Roheit und der Eigenwille der Kinder, deren zügelloser Unabhängigkeitssinn in England von klein auf großgezogen wird (siehe die Romane von Rudyard Kipling, in denen der flegelhafteste Junge stets als der wackerste gepriesen wird), verletzten mich bis ins Innerste, der ich gewohnt war, mit meinen französischen Kameraden so harmlos heiter und unselbstsüchtig zu spielen. Von diesem mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Besuch in England, sowie auch von anderen aus der früheren Kindheit könnte ich viel erzählen: es prägten sich der Herzensschmerz und die Abneigung unauslöschlich ein; ebenso gegenwärtig ist mir der kindliche Jubel, wenn ich in Havre oder Calais festländischen Boden wieder betrat.
    So fühlte ich mich denn als Kind in Frankreich heimisch, doch in eine Wolke überlegener englischer Vorurteile eingewickelt, die mich auf Schritt und Tritt von der Umgebung schieden; während ich in England todunglücklich war und von den englischen Buben ‚‚französischer Laffe“ geschimpft wurde. Bald sollte diese Tatsache der doppelten Heimat — und daher keiner Heimat — zu den ersten tragischen Verwickelungen führen.

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    Im Herbst 1866 — kurz nachdem ich ins zwölfte Lebensjahr getreten war — wurde ich nach England in die Schule geschickt; die Sommer- und Winterferien verbrachte ich zu Hause in Versailles,

37 II. Meine Erziehung. Englische Schulen.

fortan umfing mich aber etwa neun Monate des Jahres englische Luft. Wollte ich Ihnen nun lediglich aus dem Gedächtnis erzählen, wie grenzenlos unglücklich ich in dieser mich fühlte, wie unfähig ich war, mich mit den englischen Verhältnissen zu versöhnen — Sie könnten glauben, die Rückerinnerung, verstärkt durch spätere Eindrücke, fähre mir ein unbewußt stark übermaltes Bild vor den Sinn; das Umgekehrte ist wahr: immer wieder vergesse ich,   w e l c h e   Seelenleiden ich damals durchmachte — ich heiteres, zärtliches Kind, das die physischen Schmerzen schon gut kannte, die moralischen aber noch gar nicht. Doch ich besitze alle meine Briefe aus der Zeit, und sie sind so erschütternd — ja, ich versichere Sie, geradezu tragisch erschütternd — daß, als ich sie jetzt wieder durchsah, genau fünfzig Jahre nach ihrem Entstehen, ich diese Lektüre kaum ertragen konnte. Ich kann wohl sagen: was auch das Leben seitdem mir gebracht haben mag — und wer könnte sechzig Jahre leben, ohne viel zu leiden —   s o l c h e n   Schmerz habe ich nie wieder empfunden und kann ich nie wieder empfinden; es war das unbedingte, rettungslose, hoffnungsbare Elend einer verlassenen Seele, plötzlich aus Liebe, Güte, Sanftmut, Freundlichkeit herausgerissen und in die Hölle des Faustrechts hineingeworfen. Wie richtig sagt Rousseau: das Gefühl ist der Nährboden der Phantasie und dadurch die Bereicherin des Verstandes. Meine sonstigen Briefe — von früher oder von später — sind gewöhnliche Knabenbriefe, diese aber weisen ergreifende Wendungen auf: überströmende, sich nie genug ausdrückenkönnende Liebe zu den guten Geistern meiner Kindheit, mit flehentlichen Bitten, mich zu erlösen, die Abweisung alles Trostes wirken trotz aller Unbeholfenheit wahrhaft beredt. So z. B. wenn ich meinen Vater bitte, er möge es doch möglich machen, auf eine Stunde zu kommen, und mich dann hinausrufen lassen: ‚‚Ich werde Dir nichts sagen: ich will nur mich einmal ausweinen können; denn ich fühle es, ich muß sonst unter der Last der zurückgestauten Tränen ersticken. Oh komme doch aus Liebe zu Gott!“ — ‚‚Ihr sagt mir, ich solle versuchen, glücklich zu sein; mit aller Kraft versuche ich es, doch fühle ich mich nur immer noch elender (miserable). Wäre es nur ein ganz klein wenig mehr, ich könnte sicher nicht leben.“ — „Seid tausendmal bedankt dafür, daß Ihr in Eueren Briefen mich tröstet und ermutigt; aber solange es keine Seele gibt, der ich mein Herz öffnen kann, kann ich auch kei-

38 II. Meine Erziehung. Englische Schulen.

nen Trost finden.“ — „Weißt Du noch, Tante, den   l a n g e n,   l a n g e n,   l a n g e n   letzten Kuß, vor der Trennung? Ob ich noch werde küssen können?“
    Schildern will ich Ihnen die Schule nicht; ich wüßte nicht, wo anfangen und wo aufhören; es war eine jener kleinen Privatschulen auf dem Lande, wie sie in England als einträgliche Spekulation von jedem Unberufenen gegründet werden dürfen; alles war gleich hassenswert: die elende Unterkunft und Kost, die unfähigen, liebelosen, stockschwingenden Lehrkräfte, die entsetzlich rohen Buben, welche — grausam und feig — kein größeres Vergnügen kannten, als mich — den kleinsten und fremdesten — zu quälen. Die Ernährung war so ungenügend, daß, sobald der Spaziergang ans Meer führte, die Kleider hinflogen, und wir ins Wasser stürzten, nur mit einem Taschenmesser bewaffnet, um von den nahen Felsen die Muscheln loszulösen und uns einmal satt zu essen. Die Lehrer waren sehr zweifelhafte Subjekte; der eine kam wegen Sittlichkeitsvergehen vor Gericht. Was die lieblichen Knaben betrifft, so warfen sie manchmal abends, wenn das Licht ausgelöscht war, mit ihren Stiefeln nach meinem Bette und wetteten, ob sie den Kopf des „Franzosen“ treffen würden, oder aber ich mußte in kalter Winternacht im Hemde schlotternd an der Türe stehen und auf den diensthabenden Lehrer aufpassen; denn tags zuvor war ein Bube über die Mauer geklettert, um Wein aus der Dorfkneipe zu holen, während andere aus Küche und Kammer Eßwaren „stibitzt“ hatten, und nun feierten sie ein nächtliches Fest...... Dickens' meisterhafte Schilderung einer ähnlichen Anstalt in Oliver Twist ist Ihnen ohne Zweifel bekannt; sie mag Ihnen genügen. Mir liegt hier nur daran, daß Sie einsehen, auf welchen Wegen meine Kindheitserfahrungen es dahin brachten, jedes keimende Heimatsgefühl in mir zu ersticken. In dieser Hölle der kleinen Schule — so stark hatten doch meine Briefe gewirkt — ließ man mich nur dreiviertel Jahr, dann kam ich (im Herbst 1867) in eins der bekannten großen englischen Colleges, Cheltenham, wo ich bis zum Frühjahr 1870 Schüler war. Hier herrschte allerdings ein anderes Leben! Die Lehrer waren Geistliche der anglikanischen Kirche; die Kameraden entstammten vornehmeren Häusern; dazu eine mustergültige Organisation zum Schutze der Schwachen, getrennte Schlafstätten usw. Unter siebenhundertfünfzig — statt siebzig — Knaben war es ver-

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hältnismäßig leicht, sich abzusondern; außerdem erhielt ich bald mit nur einem anderen Knaben zusammen ein eigenes Studierstübchen; in der Stadt und Umgebung hatte ich in netten Familien Verkehr; kurz, es war ein recht menschenwürdiges Dasein, in das ich mich bald hineinfand. Es kam so weit — als infolge des Todes der Großmutter unser Heim von Versailles nach England verlegt worden war — daß ich ohne jede Sehnsucht die Ferien herannahen sah; denn ich fühlte mich auf der Schule unabhängiger als zu Hause. Bemerkenswert ist aber, daß ich nicht mit dem Ganzen als ein Teil verschmolz, sondern, wie gesagt, mich isolierte. Einen einzigen Knaben erwählte ich mir zum Freund — einen phantastischen Kerl, der den Engländern unheimlich, mir aber gerade recht war; sonst pflegte ich nur die gutnachbarlichen Beziehungen, die sich hier und dort — bei Tisch, in den Klassen usw. — von selbst ergaben; Feinde hatte ich ebenso wenig wie Freunde; häufig wurde ich bei Streitigkeiten oder Spielen zum Schiedsrichter gewählt. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage: der vorhin geschilderte Argyroneta-Zustand begann sich schon damals auszubilden; er wurde vollendet, als zu Beginn meines fünfzehnten Jahres die an Tollheit grenzende Begeisterung für Shakespeare mich erfaßte und ich nur noch wie im Traum die Welt der Wirklichkeit erblickte. Mitten in diesem ersten Begeisterungstaumel erkrankte ich; dies geschah im Februar 1870; zuerst wurden englische Kurorte besucht; im Sommer fuhr ich mit meiner Tante nach Ems; ich habe nie mehr in England gelebt, noch von Engländern Unterricht genossen.
    Da ich in anderen Briefen auf meine Kindheit werde zurückkommen müssen, beschränke ich mich hier auf eine Charakteristik meiner Tante, deren Einfluß auf meine Jugend groß war, und auf einen ebenso knappen Bericht über den Gang meines Unterrichts, bis ich die Schule verließ; daran wird sich als Nachtrag eine kurze Betrachtung der Rettungsarbeit anschließen, die mein deutscher Hauslehrer, Otto Kuntze, an mir Armen vollbrachte.

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    Unterricht hat mir die Tante, als ich noch ganz klein war, selbst erteilt: sie lehrte mich Lesen, Schreiben, Rechnen und führte mich — sogar mehr als mir recht war — in die Kenntnis der heiligen Schrift

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ein, namentlich — denn so will es die englische Sitte — in das Alte Testament, aus dem ich Wurm alle Erzväter und Patriarchen mit ihren Stammbäumen auswendig lernen mußte: eine Gesellschaft, die mir mit sechs Jahren ebenso widerwärtig war, wie sie es mit sechzig Jahren noch ist. Doch erfolgte die dauernde Beeinflussung durch diese edle Pflegemutter auf anderem Gebiete: die Bildung des Charakters, oder — wenn man dies für unmöglich hält — wenigstens die kraftvolle Lenkung des gegebenen Charakters in bestimmte gute Bahnen, dazu der gar nicht zu zergliedernde Eindruck bestimmter allgemeiner Geistesrichtungen auf ein empfängliches Gemüt. Sie sind so gründlich belesen, verehrte Freundin, daß Ihnen gewiß der dritte Brief des fünften Buches von Rousseau's Nouvelle Héloïse mehr oder weniger gegenwärtig sein wird: die wundervolle Schilderung von Julie's Erziehungsgrundsätzen. Hier haben Sie die buchstäblich genaue und genial überzeugende Beschreibung der Methode, nach der die geliebte Tante uns erzog, und ich kann nichts Besseres tun als Sie darauf verweisen. Ob sie Rousseau gelesen hatte, weiß ich nicht; und wenn auch, ihr waren diese einzig weisen Überzeugungen gewiß eingeboren.   S a n f t m u t   g e p a a r t   m i t   U n e r b i t t l i c h k e i t:   das waren die zwei Grundsäulen ihres Verfahrens; und es waren wirkliche „Säulen“. Sie beherrschte sich so vollkommen, daß sie auch im Affekt sich nicht untreu wurde; erst als erwachsener Mann habe ich erfahren, daß es in ihrer Natur lag, ungeduldig zu sein, erst als erwachsener Mann, daß sie nachgiebig sein konnte. Was auf diese Weise erreicht wird, habe ich erfahren, als ein wilder Vetter, der schon mit neun Jahren aus mehreren Schulen fortgejagt worden war, auf einige Monate zu uns kam: es dauerte keine drei Wochen, und er war folgsam wie ein Lamm. Man glaubt nicht — wenn man es nicht kennt —‚ welche Ruhe und welcher unzerstörbare Frieden in einem also regierten Hause herrschten: nie eine laute Stimme (es sei denn die eines jauchzenden Kleinen), nie ein Schimpfen und Drohen und Strafen, nie ein Geheul und Gewinsel bittender, klagender, eigensinniger Kinder. Wenn diese wissen, daß jede Anordnung ausnahmslos gültig bleibt, daß ein gegebenes Wort nie gebrochen, auch nie um Haaresbreite umgebogen wird, so finden sie sich bald darein; die Wurzel alles Übels ist der Mangel an Folgerichtigkeit. Freilich ist's mit der bloßen Logik hier so wenig wie anderswo getan;

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die Genialität des echten Mutterinstinkts muß dazu kommen: erraten, was ein Kind begehrt, wissen, was ein Kind darf und bedarf, erfassen, was ein Kind versteht und nicht versteht. Denke ich heute zurück, so staune ich über die klare Vernunft aller Anordnungen der Tante: die reine, völlig unselbstsüchtige Liebe führte eben auf ihrem Wege zur wahren Natur, und das, was der Natur — hier Natur des Menschen — gemäß ist, ist notwendig dem Lebensziel angemessen und stimmt darum mit den Ergebnissen überlegener Vernunft überein; ja, ich glaube, sie kommt überall ein Stückchen weiter, denn die Vernunft gibt nur das Verständnis des Gefüges, wogegen die Liebe — als wirkende Natur — auch jeder Überraschung, jedem Unvorhergesehenen gewachsen ist, alles heilen und wieder neuerschaffen kann. Den schönen Vers Goethe's:
Vernunft und Liebe hegen jedes Glück!
glaube ich richtig zu lesen, wenn ich das Wörtlein „und“ stark betone: diejenige Vernunft, die sich nicht als Gegensatz der Liebe brüstet, und diejenige Liebe, die nicht die Vernunft als ihre Feindin, sondern vielmehr als ihre Stütze empfindet, diese beiden sind es, die ein dauernd Gutes „hegen“ — nenne man es „Glück“ oder wie man sonst will. Was ich vorhin das Unerbittliche unserer treuen Pflegemutter nannte, das war eben ihr Bekenntnis zur Vernunft; in ihrer Sanftmut bewährte sich das Walten der Liebe. Da sie selber den pädagogischen Fragen viel Interesse zugewandt haben, brauche ich Ihnen gegenüber kaum zu betonen, welche bestimmende Eindrücke Gemüt und Charakter aus einer derartig starken und anhaltenden Beeinflussung fürs ganze Leben gewinnen müssen. So war ich z. B. von Natur zu unbändigem Jähzorn veranlagt; ich kann mich nicht erinnern, mehr als einmal dafür bestraft worden zu sein; doch gelang es meiner Tante, mich nach und nach zur Überwindung dieser schlechten Leidenschaft anzuleiten. Und so mit vielem, was ich nicht aufzählen will. Nennen will ich nur noch das Eine, das Große, das Mittlere: das Element der Ruhe, der Geduld. Es war mir sicher nicht ein angeborenes Geschenk der Natur, jedenfalls kein fertig gegebenes: ihr Beispiel aber hat das Wunder zustandegebracht; denn in dem wirkenden Beispiel fließt jenes geheimnisvoll aus Vernunft und Liebe Zusammengesetzte aus dem einen Herzen

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in das andere „ein“, als nicht abzuweisender „Einfluß“; und so wurde mir — mir selbst zum Trotz — die fast unbeschränkte Geduld geschenkt, ohne welche gerade   m e i n   Leben nicht zu leben gewesen wäre. War ich als Kind krank, so gab es für mich ein souveränes Beschwichtigungsmittel: die Hand der Tante; ruhte diese auf mir, ich konnte jede Beklemmung, jeden Schmerz ertragen; mehr als einmal stand ich unter diesem Schutze, wie von Engelsfittichen umgeben, in vollem Frieden vor den Toren des Todes. Man kann und soll diese Dinge nicht durch viele Worte entweihen; es genügt, wenn ich Sie nachempfinden lasse, daß diese gute, ja heilige Frau mir gleichsam das Gefühl für die Gegenwart Gottes geschenkt hat.
    Bis zu meinem zwanzigsten Jahre waren wir — mit Ausnahme der englischen Schulzeit — fast immer zusammen; bis zu meinem dreißigsten Jahre sah ich sie oft und viel; bis zu meinem fünfundvierzigsten, wo sie starb, blieb ich mit ihr in regem Briefverkehr. Was man in einem solchen Falle Dank nennt, empfinde ich als eine Jakobsleiter, an der mein besseres Ich immerwährend emporstrebt, während sie, sobald ich die Gedanken hinaufrichte, aus der Verklärung sich herabneigt, stets — wie im Leben — einzig bestrebt, zu helfen, zu dienen, sich aufzuopfern.
    In geistiger Beziehung war das Verhältnis zwischen uns ein weniger ergebnisreiches. Sie war sehr freiheitlich gesinnt, sowohl in politischer wie in religiöser Hinsicht: da war ich ihr gelehriger Schüler. Cromwell z. B., den man in meiner Familie noch heute mit der Bezeichnung „rascal“ oder „wretch“ abzutun pflegt, lehrte sie mich als den größten Staatsmann Englands bewundern; in der modernen Politik haßte sie Disraeli und schwärmte für Gladstone. Sie hatte eine gewisse Neigung, sich für allgemeine Weltanschauungsfragen zu interessieren; doch geriet sie da gar bald ins Moralisch-Sentimentale. Auch in der Kunst wurzelte ihr Interesse in einer gewissen Fähigkeit, sich sinnlich-sittlich beeindrucken zu lassen. Die Wissenschaften erschreckten sie. So kann ich denn nicht sagen, daß ich geistig viel Förderung von ihrer Seite erfahren hätte — wenn es gleich viel war im Verhältnis zu dem, was meine übrige angeborene Umgebung mir gab.

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43 II. Meine Erziehung. Irrwege der Erziehung.

    Und hiermit komme ich zu einem weniger erquicklichen Gegenstand: zu dem Bericht über die Erziehung, die ich bis zu meinem fünfzehnten Lebensjahre genoß. Wohl selten mag ein strebsames, von Natur dem Lernen zugetanes Kind einen derartig chaotischen Unterrichtsgang genossen haben wie ich. Ich sage „Unterrichtsgang“; denn von „Bildung“ kann man gar nicht reden, bis ich im sechzehnten Jahre das Glück hatte, einem Deutschen in die Hände zu fallen; und ich sage „genossen“, wo „erduldet“ richtiger wäre, denn ich verlor zuletzt die Lust und den Mut, und erst Professor Kuntze hat sie wieder geweckt. Mein ältester Bruder hatte den Vorzug, das französische Gymnasium von der untersten Klasse bis zur obersten durchzumachen und das Ganze durch das Baccalaureus-Examen an der Sorbonne zu krönen: hierdurch erhielt er eine völlig einheitliche und ausgiebige Grundlage zu jeder beliebigen weiteren Bildung; mein zweiter Bruder, der für die Marine bestimmt war, kam ganz klein nach England und bald darauf auf das Kadettenschiff: ein zwar nicht reicher, aber ebenfalls einheitlicher Bildungsgang; ich dagegen wurde von einer Anstalt in die andere herumgeworfen, wo ich immer von neuem umlernen mußte, bis mein armer Kinderkopf verwirrt und müde wurde.
    Ein rein mechanisches Beispiel wird Ihnen eine lebhafte Vorstellung des Unterrichtsganges geben. An den allerersten Schreibunterricht, den ich der guten Tante verdanke, habe ich keine Erinnerung; eine um so deutlichere an die unsäglichen Mühen, die sich eine deutsche Erzieherin gab, mir eine andere Federführung und Buchstabenbildung beizubringen; ich scheine mich recht ungeschickt dabei angestellt zu haben und höre noch ihren Ruf: „Hiob und alle Engel würden bei dir die Geduld verlieren!“ Schließlich wurde aber doch ihre Liebesmühe durch einigen Erfolg gekrönt, und ich besitze aus der Zeit Schriftproben, die zwar an einen jungen Elefanten gemahnen, sicher aber nach und nach zu etwas Annehmbarem geführt hätten. Plötzlich jedoch — warum, weiß ich nicht — trat eine Änderung des Regimes ein: die deutsche Erzieherin verschwand, ein erzenglisches Fräulein nahm ihre Stelle ein. Bezeichnenderweise habe ich dieses unerträgliche Wesen vom ersten Tage an gehaßt und mein Mögliches getan, ihr das Leben zu verbittern; sie blieb nicht mein Schuldner; ich erinnere mich, wie

44 II. Meine Erziehung. Irrwege der Erziehung.

sie zu Weihnachten meinen beiden Brüdern je ein schönes Buch schenkte und dann, sich zu mir wendend, mir einen Judaskuß auf die Stirn drückte: „Dir schenke ich den innigen Wunsch, daß du ein folgsamer Knabe werden mögest.“ Diese edle Dame — die der Leibhaftige wohl längst geholt haben mag — hatte es besonders auf meine Art, das Papier auf mein Pult zu legen und die Feder zu halten, abgesehen; das war, meinte sie, abscheuliche deutsche Manier und mußte ausgerottet werden; es hat viele Tränen gekostet! Kaum war's gelungen, mein Ungeschick und meinen bösen Willen zu meistern, da gab's wieder Szenenwechsel und ich wurde ins Lycée gesteckt. Wie Ihnen bekannt, bildet der Franzose manche Buchstaben anders als der Deutsche und der Engländer. Hier ging darum die Qual von neuem an. „Chamberlain,“ sagte der Proviseur, der alle vierzehn Tage den Klassenrundgang machte, „Sie sind ein braver und fleißiger Schüler, aber Ihre Handschrift ist unmöglich.“ Und dann mußte ich ans schwarze Brett und vor der ganzen Klasse ein großes T und ein kleines t, ein F und ein P hinmalen — und alles war falsch, und Lehrer und Schüler wälzten sich vor Lachen, und ich verging vor Scham. Es hieß also, noch einmal umlernen! Schön wurden die Buchstaben nicht, aber sie wurden dem Franzosen verständlich und insofern annehmbar. Jetzt kam ich aber nach England, wo namentlich die kleineren Knaben täglich mit Diktaten geplagt werden, weil sonst die phantastische englische Orthographie nicht zu erlernen ist. „Hilf Himmel, was sind das für Lettern! Du tust dir wohl was zugut als Französling? Das wollen wir dir gehörig austreiben!“ Zu den vielen Martern meiner ersten englischen Schule gehörten demnach die täglichen Rügen und Strafen dafür, daß ich jetzt so schrieb, wie man es mir im Lycée beigebracht hatte. Die Lehrer hielten ihr Versprechen: sie trieben es mir aus. Bald aber sollte die letzte Stufe dieses Leidensweges erklommen sein. In Cheltenham erteilte der eine Zeichenlehrer zugleich Unterricht im Schönschreiben, und dieser war obligatorisch für die jüngeren Knaben, zu denen ich gehörte. Das war nun ein wirklicher Schreibkünstler, und es machte mir viel Vergnügen, ihm zuzusehen. Meine völlig verdorbene Hand erwies sich aber als so unfähig, daß er schon bei der dritten Stunde zu mir sagte: „Chamberlain, an Ihnen ist alle Mühe verloren! Ich will mich nicht damit abquälen. Bringen Sie

45 II. Meine Erziehung. Irrwege der Erziehung.

nur ein Buch in die Stunde mit; Sie werden doch niemals anständig schreiben können!“ Das ist die Geschichte der eigenartigen Handschrift, von der meine Freunde zu behaupten pflegten, ungefähr so würde ein Walfisch schreiben, wenn er Hände hätte.
    Nun sagen Sie sich, meine Freundin, daß der Unterricht auch in den anderen, wichtigeren Gegenständen genau den selben Gang Genommen hat! Im Lycée z. B. mußte ich alle Berge und Hügel, alle Flüsse und Flüßchen Frankreichs auswendig wissen, dazu die früheren Provinzen, vor allem aber sämtliche 89 Départements (so viele waren es damals) mit ihren Hauptstädten und Nebenstädten, mit ihren Préfectures und Souspréfectures, mit den Zahlen der Einwohnerschaft und genauen Angaben über Industrie usw. In England hat kein Mensch hiernach gefragt, ja, der Lehrer selbst hätte nicht gewußt, die Fragen zu beantworten, die ich alle vollkommen beherrschte; dagegen wurde hier großes Gewicht auf die genaue Kenntnis sämtlicher Grafschaften Englands, Schottlands, Wales' und Irlands gelegt. Von der Geschichte Frankreichs habe ich nie das Ende, von der Geschichte Englands nie den Anfang gehört. Daß es überhaupt andere Völker gibt, wurde weder hier noch dort erwähnt, und ich habe damals keine europäische, geschweige eine Weltgeschichte zu Gesicht bekommen. Am entmutigendsten war es, daß, was an dem einen Orte als Wichtigstes die Wertschätzung des Schülers bestimmte, am anderen Orte wenig galt, und umgekehrt. So genossen z. B. in Frankreich die französische Sprache und die lateinische bei weitem den Vorzug; in der kleinen englischen Schule dagegen, die eigentlich eine Vorbereitungsschule für Marine- und Landarmee-Offiziere war, gab man aufs Französische wenig und auf das Lateinische gar nichts; hier fragte man vor allem nach mathematischen Kenntnissen. Die Folge war, daß ich bei meiner Ankunft in England als der unwissendste aller Schüler galt und es mir dreiviertel Jahre emsigster Arbeit kostete, mich auf den Platz emporzuheben, der mir von Rechts wegen zukam — wobei aber die schönen in Frankreich erworbenen Kenntnisse verloren gingen. Als ich nun aber im folgenden Jahre in die große englische Schule Cheltenham kam, fand ich wiederum genau umgekehrte Verhältnisse vor: da wurde bei der Eintrittsprüfung ausschließlich nach den alten Sprachen gefragt, gar nicht nach Mathematik oder sonstigen

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Fächern; die Folge war, daß ich in eine weit niedrigere Klasse kam, als in die ich hineingehört hätte, wogegen ich in der Mathematik meinen gleichalterigen Kameraden so überlegen war, daß der Lehrer — ein Gegenstück zu dem genannten Schönschreiblehrer — mir ebenfalls sagte: „Chamberlain, bringen Sie sich ein Geschichtswerk, oder was Sie wollen, mit, Sie beherrschen ja das ganze Pensum des Semesters, und ich bin nicht in der Lage, Sie privatim weiterzuführen.“ Hierdurch verlor ich viel Zeit, da ich nun Dinge lernen mußte, die, als ich nach zwei Jahren in die sogenannte „moderne Abteilung“ übertrat mit der Absicht, mich zu dem Examen für Genieoffiziere vorzubereiten, nicht verlangt wurden, während die verlangten mathematischen Kenntnisse inzwischen verblaßt waren.
    Ich glaube, das Gesagte genügt zu einem deutlichen Bilde. Ich klage niemanden an, denn keiner unter denen, die meine Erziehung leiteten, wußte, was er tat. So z. B. wurde auch mein hoffnungsvoll begonnener musikalischer Unterricht in England roh abgebrochen: in der kleinen wie in der großen Schule erklärten die Hauptlehrer, Musik sei „für einen Mann“ nicht notwendig! Einer größten Lebensfreude bin ich dadurch verlustig gegangen; denn später reichten Zeit und Kräfte nicht weiter als bis zum Stümpertum — was gerade in der Musik unerträglich ist und aus Rücksicht auf unser aller Nerven gesetzlich verboten sein sollte.

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    Da die Kindheit geeignet ist, einem vieles zu offenbaren, was später nicht so unverhüllt zutage tritt, so möchte ich diesem Berichte etwas Genaueres hinzufügen über das Verhältnis dieses Kindes zum Lernen überhaupt. Von meiner Mutter hat man mir erzählt, sie habe jedes Blatt gelesen, das ihr in die Hände fiel, und war es auch ein zerrissenes, vom Boden aufgelesenes. Etwas hiervon steckte auch in mir und äußerte sich frühzeitig in der Leidenschaft, jedes Plakat zu betrachten und zu memorieren. Den Erwachsenen war's ein Hauptspaß, mich auszufragen, was in den Theatern gespielt werde, oder ob es Versteigerungen gebe, und wo und wann und von welchen Gegenständen. Das meiste verstand ich nicht, aber gelesen hatte ich es und auch behalten. Überhaupt scheint die Aufnahmefähigkeit des Auges bei mir eine lebhafte gewesen zu sein; denn

47 II. Meine Erziehung. Charakterzüge.

lange ehe ich die Zahlen gelernt hatte, als ich noch nicht drei Jahre alt war, wußte ich die Wanduhr zu lesen, indem die wechselnde Stellung der beiden Zeiger zu einander mir aufgefallen war, sowie die Übereinstimmung bestimmter Stellungen mit den Mahlzeiten und anderen regelmäßigen Tagesereignissen. „Tante, jetzt geht's bald zum Essen! — Was fällt Dir ein? — Ja, die Uhr steht so.......“ und damit streckte ich den rechten Arm wagrecht nach rechts aus und den linken ein wenig links von senkrecht in die Höhe: viertel nach elf Uhr; um halb zwölf wurde nach alter französischer Sitte zu Mittag gespeist: „so steht der schnelle Läufer und so der langsame!“ An meinem vierten Geburtstage überkam mich ein besonders feierliches Gefühl; eine Schürze wurde mir umgegeben, und in würdevollem Aufzug ging's in die Schulstube, wo ich darauf bestand, sofort Unterricht zu empfangen, indem ich wiederholt versicherte: „Jetzt bin ich erwachsen.“ Ich besitze einen Bericht über diesen Tag, von der Tante an meinen Vater gerichtet, worin sie erzählt: „Der Kleine sagt, jetzt komme er bald in die erste Klasse des Lycée, und dann werde er die ganze Nacht bei Lampenlicht studieren.“ Der Wille scheint also ein guter gewesen zu sein, zum mindesten war es die Willensrichtung. Sehr früh aber zeigten sich zwei entgegenwirkende Umstände: alles Mechanische ermüdete mich sehr bald; außerdem übertraf die Leidenschaftlichkeit die Beharrlichkeit. Daher die Verzweiflung über die vorher genannten Schreibübungen; sie erschöpften meine Kräfte. Daher auch, glaube ich, meine geringe Eignung für den Klassenunterricht; denn soweit meine Erfahrung reicht, sind fast alle Kinder von Natur zerstreut, und nur nach und nach gelingt es dem Lehrer, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, wogegen ich mich mit heftiger Leidenschaft jedem Unterricht sofort hingab, dann aber Zerstreuung brauchte. Nicht lange war ich Schüler des Lycée, und schon forderte der Arzt, ich solle nur die Vormittags-, nicht die Nachmittagsstunden mitmachen; die Schulverwaltung gestattete dies zuerst ungern, nachher aber ohne Bedenken, da es sich bald herausstellte, daß ich in den nachmittags behandelten Fächern die besten Fortschritte machte, indem wenige kurze Privatstunden der betreffenden Klassenlehrer vollauf genügten, mich meinen Kameraden gleichzustellen, während mein Geist durch die täglichen Spaziergänge frisch erhalten wurde. Hier lassen Sie mich eine all-

48 II. Meine Erziehung. Charakterzüge.

gemeine Bemerkung über meine Psyche einfügen, die, glaube ich, interessant und wichtig genug ist, eine kurze Erörterung zu verdienen.
    Eine Eigentümlichkeit meines Geistes besteht in folgendem: jeder Mensch, der mir nahe genug tritt, um in irgendeinem Maße meine Aufmerksamkeit zu erregen, macht auf mich den Eindruck eines besonderen Mikrokosmos; ohne daß ich es irgendwie beabsichtige, oft ohne mir dessen bewußt zu sein, beobachte ich alles an ihm, und — was die Hauptsache ist — ich versuche instinktiv mein Gemüt so zu stimmen, daß ich fähig werde, seine Denkart und Stimmung genau aufzunehmen und dadurch auch genau mit zu empfinden. Sie werden, glaube ich, sich sagen, daß diese Anlage zu der besonderen Art meines Wagner, Kant und Goethe das ihrige beigetragen hat. Da sie mir angeboren ist, so muß sie ohne Frage auch im Kinde gewaltet haben und sei es noch so keimhaft, ja vielleicht um so anstrengender für mich, als ich damals ohne Bewußtsein des Vorganges war und ihn infolgedessen niemals auszuschalten verstand. Eine unausbleibliche Folge dieser Anlage war — und ist noch heute — daß das Zusammensein mit anderen mich unverhältnismäßig ermüdet, ja, mich nicht selten erschöpft; namentlich wenn es sich um eine mir innerlich fernstehende Persönlichkeit handelt, wirkt diese unwillkommene Anlage geradezu verzehrend. Hier liegt, glaube ich, die Erklärung für sehr Vieles: für die Ermüdung in der Klasse und die schnellen Fortschritte beim Privatunterricht, für das namenlose Elend in der ersten englischen Schule und die Vereinsamung in der zweiten. Schon als ganz kleines Kind pflegte ich mich in eine Ecke des Zimmers zurückzuziehen und eine Art Wall mit Stühlen um mich herumzubauen; dann erst fühlte ich mich wohl und gab mich meinen stillen Spielen hin; oft hat mir später die Tante erzählt, dieser Wunsch nach Einsamkeit beim kleinen Kinde sei sehr auffallend gewesen, und sie habe ihr Möglichstes getan, ihm entgegenzuwirken. Es liegt mir durchaus fern, eine Lanze für das Autodidaktische zu brechen; die Nachteile dieser Methode habe ich an mir selber sattsam kennen gelernt; doch werden Sie aus dem Gesagten beurteilen, inwiefern ich hierzu von der Natur vorausbestimmt war. Und das wiederum erklärt das Erstaunen derjenigen, die mir in der Jugend am nächsten gestanden hatten, als sie mich nach wenigen Jahren im Besitze vielseitigen und gutgegründeten Wissens fanden.

49 II. Meine Erziehung. Charakterzüge. Zwei Anekdoten.

In Gesellschaft anderer habe ich die Neigung — die so vielen abgeht —‚ nur zu empfangen, mit aller Kraft der Seele aufzunehmen; frei entfaltet sich und schaffend wirkt meine Seele einzig in langanhaltender, vollständiger Einsamkeit. Zur Zeit, als ich die Grundlagen schrieb z. B., verbrachte ich bis auf die Mahlzeiten den ganzen Tag allein, und zwar durch abgeriegelte Türen vollständig getrennt von dem übrigen Hauswesen.
    Ich erzähle Ihnen das hier, weil Sie sich für meine Persönlichkeit interessieren, und außerdem, weil es zeigt, wie individuell die Probleme der Erziehung angefaßt werden müßten, sobald man aus einem gutbegabten Kinde das Höchstmögliche ziehen — mit anderen Worten, es möglichst weit fördern wollte. Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich voraussetze, daß Sie mit mir urteilen: bei mir sei genau das Gegenteil geschehen, ich hätte die geringste Förderung und die größte Hemmung erlebt, die denkbar waren.
    Zum Beschluß dieser Erörterungen über meine Schulzeit zwei Anekdoten, Begebnisse betreffend, die auf des Knaben Bestimmung bedeutenden Einfluß ausübten und außerdem für englische Zustände höchst bezeichnend sind.

*

    In der widerwärtigen englischen Privatschule gab es doch eine Einrichtung, die bewundernswert war, oder wenigstens hätte sein können: außer den Klassenpreisen gab es nämlich einen Preis, der unabhängig von aller Klassenangehörigkeit demjenigen Schüler verliehen wurde, der in dem vorangegangenen Jahre nachweislich die größten Fortschritte gemacht hatte. Dieser Preis hieß der „Fortschrittspreis“; er war von allen der begehrteste. Bei den Prüfungen zu Weihnachten 1866, als ich erst drei Monate in der Schule war, erhielt ich, nicht nur in meiner Klasse, sondern überhaupt in der ganzen Schule, die niedrigsten Zahlen; ich war somit der letzte aller Schüler; bei dem großen Jahresexamen im Juni 1867 war ich in sämtlichen Fächern der erste meiner Klasse und besaß an Noten die höchste Gesamtzahl von allen Schülern in der ganzen Schule. Ein solcher Fortschritt war dort noch nicht erlebt worden. Von allen Seiten — selbst von denjenigen Kameraden, die mir feindlich, und von denjenigen Lehrern, die mir nicht günstig gesinnt waren, erhielt ich Glückwünsche; es war keine Frage, daß ich den Fortschrittspreis

50 II. Meine Erziehung. Zwei Anekdoten.

erhalten würde; es kam kein anderer Schüler daneben in Betracht. Niemand war erstaunter als ich über diesen Erfolg: ich hatte gar nicht an eine solche Möglichkeit gedacht, und was meine Person anbetraf, ließ er mich eigentümlich kalt; dagegen überkam mich ein unaussprechliches Glücksgefühl, wenn ich an meinen armen Vater dachte, der zu Weihnachten über meinen so vollständigen Mißerfolg sehr niedergeschlagen gewesen war, und dem ich jetzt den schönsten Preis der Schule überbringen sollte. Abends fand die Preisverteilung statt: zuerst kamen die üblichen Klassenpreise, dann der Fortschrittspreis. Der Hauptlehrer — der zugleich Besitzer dieser Privatschule war — begann mit folgenden Worten: „Was den allgemeinen Fortschritt betrifft, so hat fraglos Chamberlain Anerkennenswertes, ja Erstaunliches vollbracht; ich beglückwünsche ihn auch dazu aufrichtig; aber...“ Dieses „aber“ schallt mir noch heute in den Ohren, wenn ich daran denke: es wurde damit ein Ton angeschlagen, den ich naives, vertrauensvolles Kind noch nie gehört hatte; mußte ich auch gerade dort viel unter den Quälereien meiner Mitschüler leiden, so wußte ich doch nicht und ahnte es nicht, daß Schlechtigkeit, Gemeinheit, Untreue, Betrug überall in dieser Welt am Werke sind. „...aber wir dürfen nicht übersehen, daß Chamberlain ganz besonders im französischen Examen geglänzt hat, — was jedoch seinerseits gar kein Verdienst ist, da er ja in Frankreich erzogen worden ist und das Französische wie ein Franzose beherrscht....“ Durch den ganzen Raum ging ein vernehmbares Rascheln und Zischeln der Empörung. Hatte es denn zu Weihnachten 1866 nicht auch eine französische Prüfung gegeben? und hatte ich sie nicht damals ebenso glänzend bestanden, wo ich doch nichtsdestoweniger die niedrigsten Gesamtzahlen der ganzen Schule erhielt? Dies hieß doch unter dem fadenscheinigsten Vorwande mir den verdienten Preis entreißen. Während nun der Lehrer weiter redete und einem anderen Knaben den Preis zuwies, schlich der älteste Schüler der Anstalt, ein Achtzehnjähriger, zu mir heran und flüsterte mir ins Ohr: „Der verfluchte Schurke dort hat Dich betrogen und bestohlen; und weißt Du, warum? Ich weiß es: Dein Vater hat gekündigt, und es hat darum keinen Zweck mehr, Dir einen Preis zu geben!“ Mit leeren Händen reiste ich am nächsten Tage heim — denn die anderen Klassenpreise durften nur an Knaben verliehen werden, die minde-

51 II. Meine Erziehung. Zwei Anekdoten.

stens ein Jahr in der Schule gewesen waren, was bei mir nicht zutraf. Mit keinem Menschen zu Hause redete ich über diesen Vorgang; ich verschloß ihn in mein Herz, und er hat auf die folgenden Jahre eine verhängnisvolle Wirkung ausgeübt: denn in meiner Erbitterung sagte ich mir: wenn die Welt   s o   ist, dann lohnt es nicht, sich zu bemühen; ich werde mich fortan hüten, eifrig zu sein. Und das habe ich in Cheltenham tatsächlich gehalten: grundsätzlich habe ich dort nur gerade so viel gearbeitet, daß ich gut mitkam, und nicht einmal versucht, einen der ersten Klassenplätze zu erringen. Der Fall mit dem „Fortschrittspreis“ hatte meine Seele vergiftet.
    Als Satyrspiel zu diesem Erlebnis muß ich Ihnen aber von einem zweiten erzählen, das einen fast ebenso nachhaltigen Eindruck hervorrief.
    Im Juni des Jahres 1869, wenige Tage vor dem Beginn der großen Jahreshauptprüfung in Cheltenham, flog eines Morgens, gerade als unser Klassenunterricht beginnen sollte, die Türe auf, und herein trat der Rektor des College, Dr. der Theologie Barry, ein in England damals als Gelehrter und Politiker vielgenannter Mann, der wenige Monate später einen Bischofssitz erhielt. Er war, wie ich gehört habe, ein gütiger Mann, aber seine klugen und entschlossenen Gesichtszüge, verbunden mit dem hohen Ansehen, das er überall genoß, verliehen seinem Auftreten etwas so Imponierendes, daß unsere Lehrer, glaube ich, fast ebenso vor ihm zitterten wie wir Knaben. Dr. Barry sprach zuerst einige Worte leise mit dem Lehrer, worauf dieser die Klasse verließ; ich vermute, daß eine plötzliche Erkrankung eine Vertretung notwendig gemacht hatte; dann wandte sich Barry zu uns: „Da die Gelegenheit sich zufällig bietet, will ich die Stunde benützen, um die Hauptprüfung in Religion jetzt sofort mit euch vorzunehmen.“ Das war ein doppelter Schreck: der angehende Bischof — statt des vertrauten, gemütlichen Religionslehrers — prüfte uns in Religion, und wir hatten auch nicht eine Minute Zeit gehabt, uns darauf vorzubereiten. Ich glaube, in der ganzen Klasse war ich der einzige Ruhige, obwohl gerade ich alle Ursache gehabt hätte, aufgeregt zu sein, denn ich war einer der schlechtesten Schüler in „Religion“; ich war aber schon fast völlig hineingewachsen in die soeben beschriebene Stimmung der Gleichgültigkeit gegen die Meinung anderer über mich, und außerdem empfand ich eine eigen-

52 II. Meine Erziehung. Zwei Anekdoten. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

tümliche Freude, einem bedeutenden Manne gegenüber zu stehen. Dies wirkte als Anregung auf mich: der längst vergessene Unterricht der guten Tante kehrte plötzlich in mein Hirn zurück, die unerquickliche Reihe der Helden des Alten Testamentes, die Scheußlichkeiten des israelitischen Volkes, dazu die kaum verständlichen Erklärungen über Dogmen und Mysterien, die mir in der Schule zuteil geworden waren. Die besten Schüler verwirrten sich, stotterten, verloren das Gedächtnis, und eine Frage nach der anderen gelangte schließlich an mich, der ich sie entweder befriedigend oder annähernd — jedenfalls einigermaßen vernünftig — beantwortete. Die letzte Viertelstunde nahm Dr. Barry mich allein vor, erteilte mir Aufschluß auf meine Fragen, ermutigte mich, meine eigenen unreifen Gedanken ihm vorzutragen, kurz, benahm sich auffallend freundschaftlich gegen mich; und als die Stunde vorbei war, schritt er auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen: „Ich habe mich sehr gefreut, Dich kennen zu lernen“. Die Folge war, daß ich einen Preis erhielt — ein wertvolles Geschichtswerk, prachtvoll in Leder gebunden, das ich noch heute besitze, mit der eingeklebten lateinischen Verleihungsurkunde, welche bezeugt, ich hätte es für meine Leistungen „in studiis theologicis“ erhalten. Verdienen tat ich es keineswegs, und als ich zu Hause es vor den staunenden Verwandten auf den Tisch legte, brach ich in so unbändiges Gelächter aus, daß sie über meine Frechheit skandalisiert waren. Ich lernte erkennen, daß einige Keckheit, einiges Glück, einiges Wohlgefallen seitens der entscheidenden Persönlichkeiten oft mehr zum Erfolg beitragen als gewissenhaftes, fleißiges Arbeiten. Den Fortschrittspreis hatte ich verdient: ich erhielt ihn nicht; den Religionspreis hatte ich nicht verdient: ich erhielt ihn. Weltweisheit begann in die unschuldige Kinderseele einzutropfen — und... ich begann mein erstes Trauerspiel zu dichten!

*

    Die Offenbarung Shakespeare's (S. 39) hatte meine eigentliche Kindheit innerlich abgeschlossen und ein Erwachen der Seele für Eindrücke aller Art eingeleitet. Kurz darauf trat von außen eine Wendung ein, die mich aus der eingeschlagenen Bahn eines sich zum englischen Genieoffizier vorbereitenden Knaben in ganz andere Richtung warf und damit meinen künftigen Lebensweg bestimmte.

53 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

Die kurzen Jahre (vom Herbst 1866 an) in dem mir stets unerträglichen Klima Englands übten eine verhängnisvolle Wirkung auf meinen Körper aus; Anfang 1870 erkrankte ich; der Besuch englischer Kurorte blieb erfolglos; unfähige Ärzte erkannten nicht die Störung des Nervensystems, glaubten vielmehr an eine Erkrankung der Atmungsorgane und verordneten eine Kur in Ems; im Juni 1870 reiste ich mit meiner obengenannten Tante dahin ab; ich sollte nie mehr — außer zu einigen wenigen flüchtigen Besuchen — nach England zurückkehren.
    Es folgten nun neun Jahre der Wanderschaft, ohne irgendein festes Heim; der einzige Versuch, mich wieder auf englischem Boden anzusiedeln (Sommer und Herbst 1873) schlug fehl und wurde niemals mehr wiederholt; erst volle zwanzig Jahre später — im Herbst 1893 — stattete ich meinen Verwandten einen kurzen Besuch ab; inzwischen waren, wie gesagt, die folgenden neun Jahre, die von meinem fünfzehnten bis zu meinem vierundzwanzigsten führten, insofern der Wiedererlangung und Befestigung meiner Kräfte gewidmet, als ich die Winter im Süden — zumeist in Cannes — und die Sommer im Schweizer Gebirge verbrachte. An und für sich bot diese mir durchs Schicksal auferlegte Lebensweise gewiß keine günstigen Bedingungen für die Fortsetzung meiner Erziehung; an regelrechte Schulbildung war nicht zu denken; dagegen waren diese Jahre reich an großen Natureindrücken und Erlebnissen, reich auch an Berührungen mit Menschen aus verschiedenen Völkern und Ständen — insofern also doch für einen Knaben und Jüngling mit offenen Sinnen und heißem Streben in hohem Maße erziehend.
    Gleich der erste Eindruck, der mich beim Betreten deutschen Bodens erwartete, riß mich aus dem lauen, gleichmäßigen Gange meiner Kinderjahre heraus und erfüllte meine Seele mit bisher ungeahnten Gefühlen: ich erlebte in Ems die Kriegserklärung, nachdem ich etliche Tage zuvor durch einen merkwürdigen Zufall einer der sehr wenigen Augenzeugen der weltgeschichtlichen Begegnung zwischen König Wilhelm und Benedetti im Kurgarten gewesen war; die Abfahrt des Königs nach Berlin, der ich aus nächster Nähe beiwohnte, grub sich meinem Gemüte unvergeßlich ein, die Hälfte meiner Tage verbrachte ich auf dem Bahnhof, um die deutschen Truppen in den Krieg ausziehen zu sehen, und sah auch bald in

54 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

umgekehrter Richtung ganze Züge voll französischer Gefangener durchrollen; namentlich aber erlebte ich die Begeisterung und Hingabe des ganzen Volkes, als unsere Reise uns in den Tagen von Mars-la-Tour über Mainz, Frankfurt, Heidelberg führte, wobei ich Ulanenlager auf freiem Felde erblickte und die Kanonen um Straßburg donnern hörte. Über diese Erinnerungen hatte ich öfters Gelegenheit, öffentlich zu berichten, zuletzt in dem Sammelband Deutsches Wesen, und will mich nicht wiederholen. Hier ist nur das Eine zu betonen: der Einfluß, den diese Erlebnisse auf das Gemüt des Vierzehnjährigen ausüben mußten, indem ihm gleich von Anfang an nicht ein philisterhaftes Deutschland, auch nicht ein Deutschland von Handlungsreisenden und Fabrikdirektoren, nicht einmal ein Deutschland von Phantasten und Professoren, am allerwenigsten ein Deutschland von schwatzseligen Parlamentariern und schwachen Ministern, sondern ein   h e r o i s c h e s   D e u t s c h l a n d   vor Augen stand, sich aufrichtend in der unüberwindlichen Kraft seines Rechtes und seiner reisigen Mannschaften, angeführt von unsterblichen Helden. Wahrlich ein großartiger Auftakt zu meiner Einführung in die Welt des Deutschgedankens!
    Zu dieser ersten bedeutungsvollen Fügung gesellte sich bald eine zweite — zwar ganz anderer Art, doch kaum minder entscheidend für meine Wendung zum Deutschtum.
    Der erste Winter meiner Wanderjahre wurde in Montreux verbracht, und dort lernte ich   O t t o   K u n t z e   kennen, damals ein etwa dreißigjähriger Kandidat der Theologie, der im milderen Klima Genesung suchte und seinen Lebensunterhalt durch Stundengeben bestritt. Von ihm erhielt ich den ersten Unterricht in der deutschen Sprache, der aber sehr bald weitere Kreise zog, indem Kuntze mir Teilnahme bezeigte und ich meinerseits von dieser ersten Begegnung mit einem umfassend gebildeten Deutschen mich leidenschaftlich angezogen fühlte. Den häufig kränkelnden Mann durfte ich besuchen; wir spielten Schach zusammen und gerieten in endlose Gespräche über alle möglichen Fragen. Kuntze kam nicht aus dem Staunen heraus, daß ein fünfzehnjähriger Bube, noch dazu mit armseligster Schulbildung, Shakespeare heiß liebte und unaufhörlich studierte; gar manches Ungereimte mag ich da vorgebracht haben. Neu war dem Deutschen auch die rege Anteilnahme eines Knaben an der

55 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

Politik: so las ich z. B. alle Reden Gladstone's über die irische Frage und verfolgte jetzt im Kriege Granville's Depeschenwechsel mit Bismarck. Wenig gelernt und schon viel politisiert: an mir lernte Kuntze den werdenden Engländer kennen und mußte oft den Kopf dazu schütteln. Den Lohn für die mir bezeugte Freundschaft fand er in dem Eifer, mit dem ich mich der Erlernung der deutschen Sprache widmete, in dem Feuer meiner vielseitigen Fragestellungen und dem vertrauensvollen Ernst meines Zuhörens. Aus dieser für mich ergebnisreichen Beziehung entstand bald eine noch engere, die mich vor einer rettungslosen Unbildung bewahrt hat: im Mai 1871 willigte Kuntze ein, meine Erziehung als Hauslehrer zu übernehmen. Leider dauerte diese Verbindung nur zwei Jahre; denn im Mai 1873 fand der oben genannte mißglückte Versuch, nach England zurückzukehren, statt; mein Vater wollte mich dort in eine landwirtschaftliche Schule geben, mit der Absicht, mich dann als „Farmer“ nach Kanada auswandern zu lassen; scheiterte auch dieser Versuch und kehrte ich nach wenigen Wochen für immer auf den Kontinent zurück, so hatte Kuntze inzwischen eine Anstellung als Pastor der deutsch-evangelischen Gemeinde in San Remo angenommen. Nichtsdestoweniger sollte ich noch einmal, während fünf Monate, seinen Unterricht genießen — und zwar bildeten diese Monate den Höhepunkt des für mich segensreichen Verkehrs. Es geschah im Sommer 1874; ich stand im neunzehnten Jahre; mein Vater hatte mich durch eine kleine Jahresrente unabhängig gestellt; ich unterstand also jetzt nicht mehr der Autorität des Lehrers, sondern wir reisten zusammen ins Gebirg, und Kuntze erteilte mir als Freund Unterricht in den Mußestunden, die seine eigene Arbeit der Vorbereitung seiner Winterpredigten ihm ließ. Das war für mich Westländer, der sich preußischer Disziplin nicht immer willig zu fügen gewußt hatte, das denkbar günstigste Verhältnis: jetzt, wo es kein Muß gab, arbeitete ich mit einem Eifer, der keine Grenzen kannte, und verstand auch, bei größerer Reife, besser zu schätzen, was eines solchen Mannes Unterricht für mein ganzes künftiges Leben zu bedeuten habe.
    Somit erstreckt sich Otto Kuntze's Einwirkung auf meine werdende Bildung im Ganzen auf einen Zeitraum von drei Jahren; es waren aber Jahre des empfänglichsten Alters, und die gründliche Gewissenhaftigkeit des Lehrers sowie die beflissene Wissenslust des

56 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

Schülers machten sie zu fruchtbringenden. Bei allen diesen Dingen habe ich immer wieder gefunden, daß es weit mehr auf die Tiefe und Energie des Eindrucks ankommt als auf die Breite seiner Dauer:   K u n t z e   h a t   m i c h   L e r n e n   g e l e h r t,   das war wichtiger als das viele einzelne, was ich von ihm erfuhr. Zu dem Sinn für klare Formgebung, welche die französische Schule züchtet, und zu dem Mut der Unabhängigkeit, den man auf englischen Schulen gewinnt, kam jetzt die deutsche wissenschaftliche Methodik und bereicherte die Fähigkeit, mich selbständig weiter auszubilden, bis mein Gesundheitszustand so weit gekräftigt war, daß ich im Frühling 1879 die Universität zu Genf beziehen konnte.
    Kuntze war — oder vielmehr „ist“, denn er lebt in seiner Vaterstadt Stralsund als pensionierter Gymnasialprofessor — ein echt preußischer Mann: herb, kurz angebunden und dermaßen besorgt, ein Wort aus seinem Munde könnte als Schmeichelei aufgefaßt werden, daß er sich zu Äußerungen der Anerkennung und der Ermutigung selten bereit fand; dabei ein wirklich grundguter, bei der Erfüllung seiner Pflichten zu jeder Aufopferung bereiter Mensch. Was mich besonders bei ihm anzog, war die Zartheit des Gemütes, die auf seinem blassen Antlitz sich widerspiegelte, verbunden mit einer Keuschheit des Denkens und des Empfindens, die jedem Weibe zur Ehre gereicht hätte. Seine Interessen waren ausschließlich geistiger Art und reichten nach allen Seiten, soweit die gründliche Bildung eines evangelischen Theologen Tore geöffnet hatte; darüber hinaus führten ihn seine eingehenden Studien der englischen und französischen Sprache und Literatur. Auch für Mathematik hatte er von Hause aus gute Anlagen.
    Über Lehrstoff und Lehrart brauche ich Deutschen gegenüber auf einzelnes nicht einzugehen: als echtes Erzeugnis der deutschen Gymnasial- und Hochschulbildung lehrte Kuntze, was er gelernt hatte und nach den im damaligen Deutschland üblichen Methoden, nur daß in meinem Falle die deutsche Sprache im Vordergrund stand, weil sie uns als das Mittel zu jeder weiteren Ausbildung des Geistes galt, und daneben Mathematik einen gewissen Vorzug genoß, weil ich für diese Wissenschaft besondere Beanlagung besaß. Ein Zug allerdings zeichnete Kuntze auch unter preußischen Lehrern aus: eine Unerbittlichkeit in bezug auf peinliche Genauigkeit, wie ich

57 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer.

sie kaum je angetroffen habe, und die gerade für mich, der ich aus einem so verworrenen Erziehungsgang kam, besonders heilsam sein mußte. Um es nicht bei Worten bewenden zu lassen, will ich Ihnen ein Beispiel geben, indem ich Ihnen erzähle, wie der Hauptteil des deutschen Unterrichts in jenem Sommer 1874 beschaffen war.
    Zugrunde legten wir eine französische Biographie Calvin's von Alexandre Vinet. Zuerst übersetzte ich einige Seiten aus dem Stegreife, so gut und so schlecht es ging, von Kuntze geleitet und belehrt; für die folgende Stunde übersetzte ich dann die selben Seiten noch einmal schriftlich, unter Benutzung aller Hilfsmittel; dieser Schriftsatz wurde gründlich in der zweiten Stunde durchgearbeitet und verbessert, worauf einige weitere Seiten gelesen wurden. Für die dritte Stunde übersetzte ich die erste Stelle noch einmal schriftlich, doch aus freier Hand, d. h. ohne Hinzuziehung von Wörterbuch und Grammatik, dazu die zweite Stelle wie oben angegeben; in der Stunde wurde dann, außer diesen zwei schriftlichen Arbeiten, eine dritte Stelle vom Blatt übersetzt. In der vierten Stunde erzählte ich nun aus dem Gedächtnis den Inhalt des ersten Stücks in vollkommen freier Fassung deutsch, das zweite und das dritte Stück lagen in den verschiedenen Bearbeitungen zur Durchsicht vor, und ein neues viertes Stück kam zur mündlichen Übersetzung aus dem Stegreif daran. Das waren ergiebige Stunden! Weder Lehrer noch Schüler schauten jemals nach der Uhr; es wurde gearbeitet, bis das Pensum absolviert war.
    Ehe ich von Kuntze Abschied nehme, will ich von einem großen Dienste erzählen, den er mir einige Jahre später noch leistete. Ich sprach Deutsch schon fließend und war durch den beständigen Verkehr mit Deutschen fast vollkommen „eingedeutscht“; da begegnete ich Kuntze auf Reisen und benutzte die wenigen Stunden unseres Beisammenseins zu einer gründlichen Aussprache über den Stand meiner Bildung. Der stets aufrichtige Mann sagte mir: „Für einen Ausländer können Sie jetzt so gut Deutsch, daß Sie es ruhig dabei bewenden lassen können; wollen Sie aber die deutsche Sprache beherrschen, stellen Sie sich ernstlich ein so hohes Ziel, so rate ich Ihnen, sich offen zu bekennen, daß Sie hiervon noch weit entfernt sind und daß Sie das Ziel nur erreichen können, wenn Sie sich beherzt entschließen, das Studium gleichsam von neuem zu beginnen.“

58 II. Meine Erziehung. Deutschland und der deutsche Hauslehrer. Bekenntnis zum Deutschtum.

Im ersten Augenblick wirkten diese Worte wie ein eiskalter Wasserstrahl, doch bald faßte ich mich und erkannte den Wert des Freundeswortes. Kuntze hatte recht, auf dem eingeschlagenen Wege war ich in eine Sackgasse geraten: Kuntzes Mahnung riß mich heraus, und zugleich bot er mir fürs Nächste wiederum seine Hilfe an, indem er mich aufforderte, eine Anzahl Aufsätze über die verschiedensten Gegenstände zu schreiben und ihm zuzusenden, er wolle sie sprachlich auf das allergründlichste durcharbeiten und mir zurückschicken. Das geschah denn auch. Vor kurzem entdeckte ich unter meinen Papieren einige dieser Aufsätze: einen sehr eingehenden über die Geologie des Estérelgebirges bei Cannes, einen über Victor Hugo's Trauerspiel Les Burgraves und einen über Rousseau's Essai sur l'inégalité. ¹)

*

    Über diese vom fünfzehnten bis zum zwanzigsten Lebensjahre und darüber hinaus führende Zeit wird noch manches in den Briefen über meine Naturstudien und über meinen Weg nach Bayreuth zu sagen sein. Hier bemerke ich nur das Eine, daß, sobald ich jetzt allein stand, ich mich noch leidenschaftlicher als zuvor auf die Erwerbung der deutschen Sprache und der deutschen Kultur warf, zu welchem Zwecke ich vor allem den Verkehr mit Deutschen suchte: selbst im Süden Frankreichs schuf ich mir eine fast reindeutsche Umgebung, und die Sommer brachte ich in Interlaken im „Deutschen Hause“ zu, mitten unter Deutschen aus allen Provinzen. Hierdurch wurde meine Wendung zum Deutschtum endgültig entschieden.
    Solche Dinge, wenn sie so weit zurückliegen, verschieben sich leicht im Gedächtnis, und daraus kann beim besten Willen, genau zu berichten, ein falsches Bild entstehen; darum ist es mir von großem Werte, meine sämtlichen Briefe an die vielgenannte Tante nach ihrem Tode im Original erhalten zu haben: oben kamen sie meinen Schulerinnerungen zugute, jetzt legen sie Zeugnis ab für ein so bestimmtes und offenes Bekenntnis zum Deutschtum aus meinem zwanzigsten Jahre, daß ich selber darüber erstaune. Im Juni 1875 schreibe ich aus dem „Deutschen Hof“: „Gott! wie genieße ich die
—————
    ¹) Wer nähere Einzelheiten über die Jahre mit Otto Kuntze gern erfährt, findet solche in einem Briefe von mir an Kuntze, veröffentlicht in dem Almanach der Münchner Verleger für das Jahr 1916.

59
II. Meine Erziehung. Bekenntnis zum Deutschtum.


Abwesenheit der anglikanischen Steifheit; zehn Minuten genügen, und ich fühle mich mit diesen lieben Leuten heimisch!“ Am 14. Juni des gleichen Jahres spreche ich zu ihr von „meinen drei großen Lebenswünschen: der erste, in Europa bleiben zu dürfen und nicht in die Kolonien auswandern zu müssen, der zweite, England fern zu bleiben, der dritte, mich in Deutschland niederzulassen“. Bald darauf, am 5. Juli, schreibe ich: „Dein Brief mit der Beschreibung aller Deiner Londoner Geselligkeiten, hochadliger Frühstücke und Diners hat in mir eine niedergeschlagene Stimmung hervorgebracht durch die Vorstellung, ich könnte je gezwungen sein, in jene Welt, die ich so hasse, zurückzukehren. Aus dieser Melancholie hat mich erst die Ankunft des lieben alten Dr. Meyer und seiner Frau aus Rostock gezogen; bei diesen guten Leuten empfinde ich, was ich jetzt schon bei so vielen Deutschen empfunden habe, daß sie mich verstehen und ich sie — ein Gefühl, das ich noch niemals bei einem Engländer gehabt habe.“ Ein Jahr später, am 21. September 1876, ebenfalls aus Interlaken, heißt es: „Die Tatsache mag ja bedauerlich sein, aber sie ist halt eine Tatsache: ich bin so gänzlich unenglisch geworden, daß schon der bloße Gedanke an England und an Engländer mich unglücklich macht.“
    Wenige Monate, ehe diese zuletzt angeführten Worte geschrieben wurden, hatte ich mit einem holländischen Freund eine Reise um die Küsten Spaniens herum mit einem Abstecher durch Andalusien unternommen. Von Sevilla aus schrieb ich in deutscher Sprache einen Brief, den die Süddeutschen Monatshefte in der Aprilnummer des Jahrganges 1917 veröffentlichten, und der niemanden mehr überrascht hat als den einstigen Schreiber. Als überzeugender Beweis für meine Stellung zu Deutschland im 21. Lebensjahre verdient dieser Brief hier zu stehen:
Sevilla, Dienstag den 23. Mai 76.

    Ich kann Dir gar nicht sagen, wie meine Verehrung, meine leidenschaftliche Liebe für, mein Glaube an Deutschland zunimmt. Je mehr ich andere Nationen kennen lerne, je mehr ich mit Leuten — gebildeten und ungebildeten — aller Klassen aus allen Völkern Europas verkehre, desto mehr liebe ich Deutschland und die Deutschen. Mein Glaube, daß die ganze Zukunft Europas — d. h. der Zivilisation der Welt — Deutschland in
60 II. Meine Erziehung. Bekenntnis zum Deutschtum.

den Händen liegt, ist zur Sicherheit geworden. Das Leben des Deutschen ist ein ganz anderes als das von anderen Menschen; in ihm hat das Selbstbewußtsein, das Gefühl seiner Würde den Höhepunkt erreicht; er ist zu gleicher Zeit der Dichter und praktische Organisator, der Denker und Tuer, der Mann des Friedens par excellence und der beste Soldat, der Zweifler und der einzige, der imstande ist, wirklich zu glauben. Aber wie immer, je größer die Gaben, desto größer die Aufgabe. Deutschlands Aufgabe ist eine kolossal schwierige, und wenn es sie erfüllen soll, so muß die ganze Nation sie begreifen und alle zusammen wie ein Mann nach ihrer Erfüllung streben. Nicht bloß hat sie an sich selbst noch so viel zu tun, so viel zu entwickeln, sondern während dies fortgeht, muß sie sich allein gegen die Feindseligkeit und die Verkennung ganz Europas aufrechterhalten. Wenn man nicht selbst sich mitten im Strome befindet, sondern von ferne aus den Lauf der Dinge beobachten kann, so muß man sich oft fragen: Wird Deutschland seine Aufgabe erfüllen können? Wird es sie erfüllen? Und wenn man auch von ganzem Herzen unbefangen das Land liebt und keine Wolken darüber hängen sehen möchte, so ist man gezwungen, sich selbst zuzugestehen: nein! wenn die gründlich verrotteten moralischen Verhältnisse sich nicht bessern (und stillbleiben tun sie nicht, wenn sie nicht besser werden, werden sie schlimmer), wenn die ganze Nation nicht einsieht, daß Reinheit die größte Kraft eines Volkes ist, daß, wenn die Zukunft Europas von Deutschland abhängt, Deutschland nur dann eine Zukunft haben kann, wenn man den jetzigen Zustand von Grund aus angreift und gegen die ganze übrige Welt die Moralität als Hauptwaffe erhebt, — wenn Deutschland das nicht einsieht, dann muß es auch bald fallen — fallen, ohne seine Aufgabe vollendet zu haben, eine Beute der Barbaren.... (Ach Gott! Was für ein Deutsch schreibe ich! Sei mir nicht böse, denn ich bin ja kein Deutscher.)
    ¾7 Uhr abends. Ach du geliebte deutsche Nation! wirst Du denn nie die Größe Deiner Aufgabe entdecken und einsehen, daß Deine Wege nicht die der anderen Völker sein dürfen?

*

61 II. Meine Erziehung. Zusammenfassung.

    Hiermit habe ich Ihnen, hochverehrte Freundin, eine Skizze der Einflüsse gegeben, die auf die Entwickelung meines Geistes und meines Gemütes von der Geburt an bis ins Mannesalter wirkten. Es konnte nur ein Umriß in Frage kommen; doch glaube ich, Sie werden ein lebhaftes Bild meines verworrenen Erziehungsganges und auch eine klare Vorstellung des eigenartigen Schicksals gewonnen haben, das mich innerhalb der eindrucksreichsten Jugendjahre zuerst an Frankreich angliederte, dann dem starken Einfluß der englischen Schule unterwarf und schließlich dem Deutschtum zuführte. Freilich habe ich das Deutsche Reich — als politisch-geographischen Begriff betrachtet — vor dem dreißigsten Lebensjahre nur selten und flüchtig betreten und auch später zwanzig Jahre jenseits der Grenzpfähle in der Ostmark mein Heim gehabt; doch gerade das ist als wichtig hervorzuheben, daß für mich hierdurch das Deutschtum von Anfang an eine   g e i s t i g e   M a c h t   war: was ich erblickte, was mein Denken umgab und mein Herz erfüllte, das waren deutsche Freunde, deutsche Helden, deutsche Dichter in Worten und in Tönen, deutsche Forscher, deutsche Erfinder und Bahnbrecher.

    BAYREUTH, Herbst 1916, Sommer 1918.

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Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
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Letzte Änderung am / Last update: 7. Januar 2011