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| 63 MEINE NATURSTUDIEN BRIEF AN BARON J. VON UEXKÜLL LEHREN
LASST
SICH DIE NATUR
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NUN EINMAL NICHT, MAN MUSS SIE SELBST ANSCHAUEN von U E X K Ü L L Leere Seite 65 III. Meine Naturstudien. Zur Einführung. 66 III. Meine Naturstudien. Zur Einführung - Allgemeines. dankenverbindungen anregt, die wiederum mein Verständnis bereichern. Aus einem solchen Hin und Her entsteht eine Lebenskurve statt der toten geraden Linie, und damit auch Wahrheit an Stelle von künstlicher Folgerichtigkeit. Und so schätzte ich mich glücklich, als mitten in meinem Schmerz um den unersetzlichen Verlust Wiesner's mir eines Tages, verehrter Freund, Ihr Auge im Gedächtnis entgegenstrahlte — so heiter, so zuversichtlich, so voll „Beschauung“ wie kein anderes, dem ich je begegnete, ein Auge, das ich mit einer Seeanemone vergleichen möchte, die mit tausend Tentakeln die vorbeischwebenden Gegenstände sanft umfaßt und sie mit stiller Unüberwindlichkeit zu sich hineinzieht.... Ja, zuerst dachte ich an Ihr Auge; später fielen mir Ihre biologischen Arbeiten ein, die ich, wie Sie wissen, leidenschaftlich bewundere; schnell war mein Entschluß gefaßt, Sie zum Beichtvater zu erwählen. Sie, der Sie über Die Umwelt und Innenwelt der Tiere ein köstliches — meiner Überzeugung nach klassisch-unvergängliches — Werk geschrieben haben, werden auch meiner Umwelt und Innenwelt Ihre Teilnahme nicht versagen. 67 III. Meine Naturstudien. Allgemeines. von den eingeborenen Anlagen ab. So besaß z. B. unser geliebter Don Quixote ein sehr kurzsichtiges Auge — anders sind viele seiner Abenteuer gar nicht zu verstehen; bei ihm blühte aber nur um so üppiger die Phantasie auf, als das ungenaue Sehen sie in die Lage versetzte, die nüchterne Wirklichkeit verklärend eigenwillig zu gestalten. Meine Kurzsichtigkeit und meine Phantasie halten sich in weit mäßigeren Schranken als die des edlen Ritters; immerhin genügt meine Kurzsichtigkeit, die Ästhetik meiner Welt nicht unbedeutend zu erhöhen, indem manches Unerfreuliche ungesehen bleibt und vieles Häßliche unterwegs verschönert wird. Was aber im sozialen Leben einen Vorteil bedeutet, bietet bei dem Studium der Natur manche Nachteile oder wenigstens Bedenklichkeiten. Dem Kurzsichtigen drohen zwei einander diametral entgegengesetzte Gefahren; denn einmal erblickt er Umrisse lebhafter und entdeckt infolgedessen Ähnlichkeiten schneller: daher seine Neigung zu Verallgemeinerungen und Vereinfachungen, die leicht übers Ziel schießen; auf der anderen Seite aber genießt er beim Mikroskopieren und bei vielen mechanischen Hantierungen entschiedene Vorteile und kommt leicht dazu, sich ins Allerkleinste zu verlieren, damit zugleich ins Allerkünstlichste, so daß eine liliputanische Natur- und Weltauffassung dabei herauskommt. Für beide Fälle könnte ich namhafte Forscher als Beispiele nennen, wäre ich nicht überzeugt, daß Ihnen zahlreiche sofort einfallen. An mir selber habe ich beide Gefahren kennen gelernt: ging ich ins Einzelne — z. B. bei der Analyse einer fragwürdigen Pflanzengestalt oder bei physiologischen Versuchen — so verfiel ich fast immer in übertriebene Sorgfalt und in grenzenlose Forderungen an die Gewissenhaftigkeit, was Erschöpfung meiner Kräfte zur Folge hatte; richtete ich dagegen den Blick in die Ferne, so entschwand diese zersplitternde scheidende Zellenstruktur, und es schossen einheitliche Gestalten auf allen Seiten hervor, die sich von Stufe zu Stufe untereinander zu neuer umfassender Gestalt verbunden zeigten, bis die Einheit der Natur, wenn auch nicht erblickt, doch als dringende Forderung empfunden wurde — wobei ich mich oft fragen mußte, wieviel hieran Beobachtung oder wenigstens echtes Naturgefühl, und wieviel etwa nur despotische Forderung des Geistes sei, der vielleicht nicht minder „kurzsichtig“ vereinfachte als das Auge. 68 III. Meine Naturstudien. Allgemeines. Diese Tatsachen und Erwägungen stelle ich bloß vor Ihr Freundesauge hin; die Selbstbeschau im Sinne einer Autopsie halte ich für unmöglich; es genügt, wenn ich treu vermelde, was ich an mir beobachtet habe — der ich doch der Mittelpunkt aller m i r erreichbaren „Natur“ bin: die Schlüsse daraus mag der Biolog ziehen. Inwiefern der lange Aufenthalt in großen und größten Städten auf diese Anlage gleichsam wie ein Unterstreichen wirken mußte, liegt auf der Hand. Folgende zwei Punkte verdienen aber Beachtung. Erstens, wie Sie gleich erfahren werden, habe ich zwischen dem fünfzehnten und dem dreiundzwanzigsten Lebensjahre ununterbrochen in der Natur gelebt, und zwar abwechselungsreich in verschieden gestalteten großartigen Umgebungen: ich bin der Meinung, daß dieser etwa achtjährige Lebensabschnitt auf meinen Geist und seine Weltanschauung von richtunggebendem Einfluß gewesen ist, indem er mir nicht bloß viel Stoff sowie unauslöschliche Eindrücke zuführte, sondern mich überhaupt s e h e n lehrte — eine Kunst, die nie mehr verloren geht. Auch ein zweiter Umstand ist der Beachtung wert: als die Stadt mich wieder hatte — zuletzt während eines Menschenalters die Weltstadt — so entrann ich ihrer abstrakten Wüstenei fast nur, um eindrucksvollste Umgebung aufzusuchen; meine „Natur“ war also beinahe immer eine großartige, gewaltige. Hieraus entstand eine eigenartige, tief eingreifende Wirkung. Lassen Sie mich das, was ich andeuten möchte, durch einen Vergleich veranschaulichen. Vor zwanzig Jahren brachte ich einmal einige Stunden in der Nähe Hans Thoma's zu: eine Zeitlang auf einer Höhe im Freien, zu Füßen Wiesen und Kornfelder, ringsherum Hügellandschaft von der Julisonne beleuchtet, dann aber an langen Tischen in Gastwirtschaftsräumen, wo Hunderte von Menschen ein- und ausströmten, darunter manche, wert die Aufmerksamkeit zu erregen. So hatte ich Gelegenheit, den großen Maler zu beobachten, und tat es auch unausgesetzt, da ein Zug an ihm mich geradezu faszinierte. Sitzend im belebten Saale oder auf und ab gehend in der freien Natur — das Auge Thoma's blieb fast beständig gesenkt, und wenn auch nicht immer buchstäblich gesenkt, so doch nach innen gekehrt, als erblicke es außen nichts und sei es in die Beschauung schöner Bilder im Innern vertieft; plötzlich aber — und zwar in gleicher Weise draußen 69 III. Meine Naturstudien. Allgemeines. vor der Landschaft wie drinnen beim einzelnen Menschen — plötzlich öffnete sich das Auge oder vielmehr der Blick (denn das Auge war nicht geschlossen gewesen, sondern nur wie abgeblendet) und strahlte mit unglaublicher Kraft Licht aus; nur ein Nu aber dauerte dieser Aufblick, dann senkte sich von neuem die Richtung ins Innere zurück. Ich hatte den Eindruck eines so ausschöpfenden Erschauens, daß ein langes Hinsehen nicht möglich, außerdem unnötig gewesen wäre; denn dieser eine Blick hatte offenbar den Gegenstand sich vollkommen angeeignet, und jetzt sah ihn Thoma in seinem eigenen Innern wahrscheinlich besser, reiner, den Bedürfnissen seines Geistes gemäßer als durch wiederholtes Ansehen zu erreichen gewesen wäre. Nunmehr verstand ich auch erst, warum dieser Meister — im Gegensatz zu der französischen Schule, aus der er hervorgegangen ist — ungern nach der Natur malt; das ist einfach ein Gebot seiner Physiopsyche: die dauernde Gegenwart des Gegenstandes ermattet sein Sehen. Wie der Musiker seine Tongestalten nur aus der lautlosen Stille zu gebären vermag, so erschafft Thoma's Auge aus dem Reichtum der aufgespeicherten inneren Fülle. Nebenbei gesagt, erkläre ich mir aus diesem selben Phänomen die eigentümliche Härte seiner meisten Bildnisse: das Modell vor Augen zu sehen, hat seine schöpferische Kraft herabgesetzt. Ohne nun die entfernteste Analogie mit Thoma zu besitzen, hoffe ich, es soll mir vielleicht gelungen sein, durch diese Beobachtung etwas faßlich zu machen, wozu sonst viele Worte kaum ausgereicht hätten: entkam ich nach langen Monden zwischen blinden Stadtmauern in Wald und Gebirg, an Seen und Meer, zu freiem Sternenhimmel und wimmelnder Gestaltenwelt, so wirkte das auf meinen Geist etwa wie ein Aufblicken jenes Auges; mit Heißhunger sog ich Eindrücke ein; und schlugen gar bald wieder die Stadttore hinter mir zu — ich hatte Nahrung auf lange hinaus zum Sinnen und Nachsinnen mitgenommen, und es ist nicht unmöglich, daß ich bei anderen Lebensbedingungen die Natur weniger leidenschaftlich geschaut und mich weniger tief in das Nachdenken über sie versenkt hätte. Als Kind wuchs ich in Versailles auf, einer damals zwar — trotz einer Garnison von 10 000 Mann Gardetruppen — halb ausgestorbenen, nicht sehr volkreichen Stadt, dafür aber einer unverhältnismäßig ausgedehnten, für Kinderbeine unentrinnbaren. „Natur“ war für mich Ludwig des Vierzehnten Schloßpark, wo man Alleen entlang wandelte, rechts und links bis zum Boden herab von graden Blattwänden begrenzt, und seltene Koniferen anstaunte, zu Pyramiden, zu Kugeln, zu allerhand phantastischen Ungestalten gewaltsam gezogen und zugeschnitten, dazwischen allenthalben ein nach Tausenden zählendes, schweigend erstarrtes Heer mythologischer Marmorfiguren, reichlich mit Moospatina überzogen; als Glanzpunkte die zahlreichen Springbrunnen mit Gruppen von fabelhaften Wasserungeheuern und bezaubernden Meeresgöttinnen. Blumen sah man keine, nur große, geradlinig eingerahmte Rasenflächen, schön glatt unterhalten und für uns Kinder der Inbegriff des „Unbetretenen, nicht zu Betretenden“. Nur ein- oder zweimal in den Sommermonaten verließ meine Großmutter das Haus; in einer schwerfälligen Lohnkutsche ging's in die Wälder hinaus, und ich saß als seliges Bübchen auf dem Bock. Leider übte unsere vorzügliche französische Köchin auf Zweck und Inhalt dieser Fahrten einen verhängnisvollen Einfluß aus: nicht allein aus Lindenblüten, sondern aus allerhand Butterblumenarten, aus Lippenblütlern und Kruziferen, aus Sanguisorben und Augentrost, aus Kamillenverwandten und Kleesorten braute sie heilsamen Tee oder Saft zu lindernden Umschlägen, und die verschiedensten Rispenblüten verwandelte sie in wohlschmeckende Frituren; ich nun, eifrig besorgt, die mitgenommenen Körbe auftragsgemäß angefüllt heimzubringen, lernte den Wald hauptsächlich als Annex der Küche schätzen. Wahre Natureindrücke, groß und unauslöschlich, verdanke ich aus jenen frühen Jahren dem Nachthimmel allein. Ewig bleibe ich dem Schicksal dankbar, daß ich den Kometen von 1858 erleben durfte. Zwar war ich soeben erst drei Jahre alt geworden, als dieses im Juni entdeckte Meteor sich uns im September näherte und im Oktober eine Breite von 64 Grad am dunklen Herbsthimmel mit seinem milden und doch strahlenden — für mein „kurzsichtiges“ Auge wie ein lebendiges Herz pulsierenden — Glanz erfüllte. Noch heute, nach fast 60 Jahren, sehe ich den Kometen, als hätte ich ihn 71 III. Meine Naturstudien. Kindheit. erst gestern erblickt; ich könnte einen genauen Plan des Zimmers mit drei Fenstern aufzeichnen, an dessen linkem ich allabendlich vor dem Schlafengehen auf einen Stuhl gehoben wurde, um das Himmelsgebilde zu betrachten, und ich erinnere mich des großen Schmerzes, wenn nach kurzer Schau — das Gesichtchen an die Fensterscheiben angeklebt — das Mädchen mich ins Bett abholte. Nie wieder ist aus den Finsternissen des unendlichen Raumes eine mit dem Kometen von 1858 zu vergleichende Zauberlichterscheinung hervorgetreten; wer sie mit empfänglicher Seele betrachten durfte, dem sind gleichsam die Sinne auf immer für die Aufnahme von unerwarteten, dem Alltäglichen widersprechenden Wundern geöffnet worden. Mein ganzes Leben lang hat dieses strahlende Gestirn mir als ein Symbol der unerschöpflichen Naturmöglichkeiten vor Augen gestanden. Drei Jahre später stand wieder ein merkwürdiger Komet am Himmel; doch erschien er zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte, so daß er trotz des ungeheuren Schweifes nicht entfernt den Eindruck des früheren in meinem Gedächtnis hinterließ. Wessen ich mich dagegen gut erinnere, ist die Erregung über seine Erdnähe. Daß tatsächlich unsere Erde durch den Schweif dieses Kometen hindurchgegangen ist, wurde, glaube ich, erst später ausgerechnet; doch war die Nähe so groß, daß alle Welt davon sprach und die Kunde davon auch in unser stilles, unwissenschaftliches Heim eindrang. Der protestantisch-kalvinistische Teil unseres Personals regte sich nicht im geringsten darüber auf; zwei katholische Mädchen dagegen, aus der Normandie, gerieten in einen Zustand hysterischen Schreckens, weil sie das Weltende mit seinen Gerichtsposaunen in Anzug wähnten; im Kinder- und Nähzimmer erlebte ich diese Auftritte, geeignet, die Vorstellung eines nahe drohenden Weltunterganges zu wecken. Aus diesen frühen Erfahrungen mag wohl die Gewohnheit bei mir entstanden sein, gern und erwartungsvoll zum Nachthimmel emporzuschauen. Ein Brief aus meinem neunten Jahre liegt vor mir: auf einer Eisenbahnreise hatte es zwei Stunden Aufenthalt — von Mitternacht bis zwei Uhr früh — auf dem Bahnhof von Dijon gegeben; alles legte sich im Wartesaal auf den Bänken schlafen; ich aber hatte einen Reisegenossen entdeckt, der sich unter den Sternen auskannte; dieser muß an der Lebhaftigkeit des Buben Freude ge- 72 III. Meine Naturstudien. Kindheit. funden haben; er führte mich vom Bahnhof hinaus in den freiliegenden Stadtpark, und in dem großen Schweigen der Nacht zeigte er mir die leichter kenntlichen Sternbilder und nannte einzelne helle Sterne mit Namen; es wirkte auf mich wie die Offenbarung eines ungeahnten, nie auszuschöpfenden Glücksbrunnens; der Brief erzählt den Vorfall schlicht kindlich, doch merkt man die bebende Freude. Nicht lange darauf kam ich nach England in die Schule: dort erwachte wieder die stille Liebe zu den Sternen, trotzdem sie von außen nie die geringste Nahrung erhielt. In Cheltenham College hatten wir Knaben große, sehr hohe Schlafsäle, durch mannshohe Holzwände in sogenannte „cubicula“ eingeteilt, schmale Zellen, eine jede mit Bett, Waschtisch und Kommode, und vorn durch einen Vorhang abgeschlossen; so genoß ein jeder von uns anständige Absonderung, und zugleich übersah der wachthabende Lehrer alles. Neben jedem Bette befand sich ein sehr schmales Fenster, das etwa zweieinhalb Meter vom Boden ab angebracht bis zu einer großen Höhe hinaufreichte — eine echt englische Beachtung hygienischer Erfordernisse. Hatte nun der Lehrer sich überzeugt, daß jeder zu Bett lag, und mit einem lauten „Gute Nacht“ die Türe geschlossen, so dauerte es nicht lange und alles schlief fest; da war in schönen Nächten der freudigste Augenblick des Tages für mich herangekommen: ich kniete auf dem Bette oder stand daneben, zu dem unerreichbar hohen Fenster hinaufgereckt — und s c h a u t e. Sie können sich vorstellen, was für ein merkwürdiger Himmelsabschnitt mir vor Augen lag! Ein ganz schmaler hoher Streifen; der Astronom würde sagen: viel Deklination, wenig Rektaszension. Das störte mich zunächst wenig; mir war's fast lediglich um den Sternenglanz an und für sich zu tun — der ja für uns Kurzsichtige weit mächtiger und beweglicher strahlt als für normale Augen. Wissenschaftliche Lernbegier lag mir fern, vielmehr handelte es sich ausschließlich um Sinnenfreude und Seelenergriffenheit. Noch heute ist mir von diesem reinen, ziellosen Genusse beim Anblick der Sterne viel geblieben; damals aber erfaßte er mein ganzes Wesen mit einer unbeschreiblichen Innigkeit und Heftigkeit. Goethe hat es verstanden, die besondere Natur des Sternenlichtes genau zu bezeichnen: ...
ein Purpurteppich
umgefaltet,
Darauf gesät der Sterne blendend Mildes. 73 III. Meine Naturstudien. Kindheit. Dies „blendend Milde“ war es, was mich beglückte und berauschte. In dem Bruchstück einer Lebenserzählung aus sehr frühen Jahren finde ich folgende Stelle über meine Sternguckerei in der Schule; ich übersetze sie aus dem Englischen. „Eine geradezu unbeschreibliche Anziehungskraft übte das Sternenlicht auf mich aus. Die Sterne erschienen mir näher, sanfter, mehr vertrauenerweckend, gefühlvoller — das ist das einzige Wort, das mein Empfinden widerspiegelt — als irgendeiner unter den Menschen, die mich im Schulleben umgaben. Für die Sterne empfand ich wahre F r e u n d s c h a f t. Ich unterschied sie einzeln und schloß diejenigen besonders in mein Herz, die mich die zartesten dünkten und die am geheimnisvollsten herabglitzerten. Aber wehe! der Himmel bewegte sich; das mußte mich mein schmaler Fensterstreifen bald lehren; die liebgewordenen Einzelsterne schwanden aus dem engen Fensterrahmen und kehrten auch an den folgenden Tagen nicht wieder. Ich erinnere mich, viel darüber nachgedacht zu haben, ob ich sie je wiedersehen würde, und lebhaften Schmerz empfunden zu haben bei der Besorgnis, sie könnten, wie der herrliche Komet, auf immer entschwunden sein. Da strahlte mir eines Tages aus einer Buchhandlungsauslage das Wort entgegen: S t e r n k a r t e ! Sobald das Taschengeld reichte, erwarb ich den fieberhaft begehrten Besitz. Die Schwierigkeit war: wie sollte ich davon Gebrauch machen? Ich schmuggelte eine Kerze in mein Cubiculum ein und ersann mir ein Verfahren, den Lichtschein abzublenden. Als dieser Verstoß gegen die Disziplin bald darauf entdeckt und bestraft wurde, hatte ich schon halbwegs heraus, welche Himmelsgegend mein schmaler Fensterstreifen im Augenblick umfaßte, und nunmehr half ich mir Studieren der Karte vor dem Schlafengehen und durch kleine Zettel, auf denen ich Sternbilder mit so riesengroßen Tintenklecksen für die einzelnen Sterne einzeichnete, daß ich sie beim Sternenschimmer unterscheiden konnte. Wegen des begrenzten Sehfeldes nahm meine Kenntnis des Himmels freilich sehr langsam zu, und Nacht um Nacht pflegte ich auf einen mir noch unbekannten Stern zu Warten, der bald auftauchen mußte und den mir meine kleinen Zettelsternbilder viel näher vortäuschten, als er in Wirklichkeit lag. Oft und oft habe ich damals von den erwarteten, noch nie erblickten Sternen und auch von neuen in der Phantasie geborenen Sternbildern 74 III. Meine Naturstudien. Kindheit. geträumt.“ Soweit die Anführung aus dem Bruchstück, das den Vorzug besitzt, vor mehr als vierzig Jahren geschrieben worden zu sein. Natürlich verließ mich diese Leidenschaft auch in den Ferien zu Hause und später auf meinen Reisen als Jüngling nicht. Genau erinnere ich mich eines Herbstabends in der Schweiz, an dem Aldebaran — den ein hoher im Nordosten gelegener Berg um Wochen verspätet hatte — endlich, endlich vor der strenge eingehaltenen Schlafstunde glorreich wie nur je die Sonne aufging und mit seinem roten Licht vom Himmel Besitz zu nehmen schien; da verlor ich — vor Freude trunken — den Kopf so vollständig, daß ich aus der dunklen Kammer, in der ich beobachtete, in den hellen Salon, wo Familienmitglieder und Freunde saßen, hineinstürzte: „Aldebaran ist da! Aldebaran ist da!“ Keiner wußte, wer und was Aldebaran war; keiner begriff, daß man über einen Stern in Aufregung geraten könne; es endete mit einem schallenden Gelächter über meine verschrobene Narretei. So geringfügig diese Episode erscheinen mag, sie hat doch Einfluß auf mein Leben ausgeübt: aus solchen Erfahrungen erfolgte die Verschlossenheit, die mir nicht angeboren gewesen zu sein scheint, die ich aber später nicht mehr rückgängig zu machen vermochte; ich mußte fühlen: das Kind hatte doch recht, seinem Herzen standen die Sterne näher als die Menschen. Sie werden mit Recht voraussetzen, daß ich, sobald ich zu Vernunft kam — also etwa vom sechzehnten Jahre an —‚ astronomische Bücher mit Eifer zu lesen begann; später, als Student in Genf, und trotzdem ich mich einem anderen Fache widmete, hörte ich bei Plantamour theoretische Astronomie — leider ohne daß wir Studenten jemals ins Observatorium geführt worden wären; lauter Ziffern und abstrakte Konstruktionen, keine Spur von Anschauung. Mehr als einmal begleitete ich Plantamour nach der Vorlesung heim; bereitwillig beantwortete er alle Fragen, doch forderte er mich ebensowenig wie irgendeinen meiner Kameraden auf, einzutreten; ich glaube, er fürchtete für seine Instrumente unter unseren ungeübten Händen. Über alle diese Dinge eile ich hinweg, denn ich bin überzeugt, das Vorangehende wird für Sie — sowohl als Umwelt wie als Innenwelt — mehr Interesse besitzen als einzelnes über diese Studien, deren Gang von der Stufe der Liebhaberei bis zu der eines wissen- 75 III. Meine Naturstudien. Kindheit. schaftlich-exakten allgemeinen Überblicks Sie sich leicht vorstellen können. Etwas muß ich aber doch noch hinzufügen, denn es bildet eine wesentliche Ergänzung zu meiner kindlichen Sternguckerei. In Cheltenham pflegte nämlich der zwölf- und dreizehnjährige Knabe die einzelnen Sterne immer wieder und wieder anzurufen: wer bist du? wer bist du? Es war die Stimmung, der Grabbe Ausdruck verliehen hat: Seid ihr es, Sterne, was die Ahnung sagt, Die lichten Ufer eines bess'ren Landes? Dann aber trat er an den kleinen Spiegel, der dem Bette gegenüber an der Holzwand hing und schaute sich selber aus allernächster Nähe in die Augen, indem er einmal übers andere sich eindringlich zuflüsterte: wer bin ich? wer bin ich? Die beiden Fragen schienen ihm verwandt, als könnte die eine die andere aufhellen; die Sterne empfand er damals — wie übrigens noch heute trotz des erdrückenden Zahlenspuks — als dem Herzen nahe, während die Augen immer ferner rückten, je öfter und je heftiger er seine Frage wiederholte: wer bin ich? Beide Fragen blieben ohne Antwort. Die eine war wohl ebensowenig Philosophie als die andere Wissenschaft war? Das mögen Sie, lieber Freund, entscheiden. Endlich kam der Tag, wo ein neuer Natureindruck meine Seele ergreifen sollte: zum erstenmal erlebte ich das Erwachen des Frühlings außerhalb der Stadtmauern. Es war der Frühling des Jahres 1871 — mein sechzehntes Lebensjahr. Seit Anfang 1870 von einem peinigenden Nervenleiden befallen, suchte ich auf ärztliche Anordnung, nach einer ergebnislosen Emser Kur, Linderung in der reinen Bergluft der Schweiz. Der Wintergebrauch der Höhenkurorte war damals unbekannt; wir hatten Montreux erwählt, am Genfer See, dem Waadtländischen Mittelgebirge zu Füßen. Als nach einem schneereichen, an Rodelfreuden gesegneten, durch körperliche Leiden nicht wenig qualvollen Winter die Erde die Schätze an Farben und Duft spendenden Blumen, die ihr Schoß verborgen gehalten hatte, plötzlich in das Licht der Frühlingssonne hervorbrechen ließ, da lernte ich etwas kennen, wovon ich zuvor keine Ahnung besaß, und geriet in eine Art Taumel, die ich nur mit Trunkenheit zu vergleichen weiß. 76 III. Meine Naturstudien. Kindheit. In diesem Falle fand ich auch in meiner Umgebung Verständnis; denn die gute Tante, die sich meiner Pflege gewidmet hatte, liebte ebenfalls die Blumen und ließ sich gern von meiner jugendlichen Begeisterung zum Überschwang hinreißen. Es gibt wohl wenig Punkte, wo gerade die besondere Mittelgebirgsflora in solcher Üppigkeit gedeiht, wie jener geschützte, die Frühlingssonnenwärme zwischen steilen Wänden aufspeichernde Winkel des Genfer Sees. Ganze Hügel zeigen einen von weitem unbegreiflichen dunkelvioletten oder goldgelben Farbenschein: es sind Veilchen, Primeln und Ranunkeln! In den Lichtungen der Wälder schreitet man auf einem zarten Teppich, gemischt aus Hell-Violett und Weiß: Leberblümchen und Waldanemonen! Etwas später glaubt man die Höhen, trotz der täglich heißeren Sonne, plötzlich von nachts gefallenem Neuschnee bedeckt: Narcissus poeticus — die „mystische“ Blume der Demeter — hat vom Gebirg Besitz genommen und schwängert die Luft dermaßen mit süßem Duft, daß manche Menschen zu fliehen genötigt sind. Auf Schritt und Tritt erregten außerdem mehr vereinzelte Blütengestalten Staunen und Bewunderung; ich nenne aber nur die in unübersehbaren Massen verbreiteten, denn sie waren es, die es mir angetan hatten. Auch hier nämlich regte sich zunächst nicht ein Schimmer von Wissensneugierde; beglückte dort der Sterne Gegenwart und Licht, so tat es hier die Farbe, der Duft, die Gestalt der Blumen. Mit Körben beladen zog ich hinaus und warf mich heftig vor ihnen, wie zur Anbetung, auf die Kniee. Das Pflücken erschien mir nicht als ein Zerstören; wo es anging, nahm ich die Wurzeln mit; zu Hause füllte ich alle Stuben mit Behältern, Tellern, Schüsseln voll Blumen und labte mich weiter an Anblick und Duft. Ich glaube, es lag viel unbewußtes, mystisches Naturgefühl hierin; zwar kann ich mich nicht erinnern, meine Sternenfrage „wer bist du?“ an die Blumen gerichtet zu haben, rückblickend glaube ich aber, das Erwachen der religiösen Ekstase, die mich bald darauf ergriff, und über die ich an anderem Orte gesprochen habe, mit diesen Natureindrücken verwoben. Ich wußte damals von Mystik ebensowenig wie von irgend etwas anderem; ich war so „thumb“ wie nur irgendein Junge von dem Alter — dazu ohne regelrechte Schulbildung — sein kann; aber es ereignete sich an mir, was unser lieber Jakob Böhme sagt: „Du wirst kein Buch finden, da du die göttliche Weisheit 77 III. Meine Naturstudien. Kindheit. könntest mehr inne finden zu forschen, als wenn du auf eine grünende und blühende Wiese gehest: da wirst du die wunderliche Kraft Gottes sehen, riechen und schmecken....“ Keine späteren Natureindrücke — so stark sie auch waren — haben auf mich mit dieser elementaren Kraft gewirkt. Und das kommt wohl daher: ich verlor jetzt die Unschuld des Anschauens. Mein um mich besorgter Hausarzt hatte nämlich mit Interesse die plötzlich erwachte Leidenschaft für die Blumen wahrgenommen; ihm lag daran, daß ich möglichst wenig in der Stube hockte bei buchmäßigen Schularbeiten und möglichst viel mich in der Luft aufhielte — ein Bestreben, das immerfort durchkreuzt wurde durch mein lebhaftes Interesse für die meisten Lehrgegenstände; jetzt glaubte der Arzt, eine Handhabe hiergegen gefunden zu haben und setzte es durch, daß ich Botanik lernen sollte. Mich ließ dieser Vorschlag kalt, denn ich hatte keine Ahnung, was ich mir unter „Botanik“ vorstellen sollte; sehr viel weiser als ich war auch die gute Tante nicht, in deren Händen die Entscheidung lag; und Otto Kuntze, ein junger Kandidat der Theologie, der sich seit kurzem meiner verwahrlosten Bildung annahm, hatte im Stralsunder Gymnasium so blasse Vorstellungen von Naturgeschichte erhalten, daß wir später oft zusammen darüber gelacht haben. Doch der brave Arzt ließ nicht locker, und so mußte Kuntze seine Erinnerungen aufbügeln und einige Wochen, während welcher das Scharlachfieber mich ans Bett fesselte, zu einem atemlosen Studium des Linné'schen Systems und zu einer Umschau unter den häufigeren einjährigen Blütenpflanzen ausnutzen, wobei ihm zustatten kam, daß wir im Hause eines Apothekers wohnten, der seine Fachkenntnisse auf diesem Gebiete gern zur Verfügung stellte. Als ich mich genügend erholt hatte, wurde auch ich in diese Künstlichkeiten eingeführt, mußte Staubfäden und Griffel zählen, „oberständige“ Fruchtknoten von „unterständigen“ unterscheiden lernen, mußte in langes Sinnen und Schwanken darüber verfallen, ob ein Schötchen „nicht viel länger als breit“ oder „beträchtlich länger als breit“ sei und so weiter ohne Ende. Die Begeisterung war wie weggeblasen, und da die Ermattung nach dem Fieber dazu kam, erlebte der gewissenhaft botanisierende Theolog wenig Freude an seinem widerspenstigen Zögling. Namentlich einzelne Klassen, wie die 17. und die 19., haßte ich geradezu. Aber 78 III. Meine Naturstudien. Kindheit - Jünglingsalter. auch alles Übrige schwebte mir in nebelhafter Undeutlichkeit vor dem Geiste, wie eine überflüssige Bemühung. Der Sommer führte uns ins Gebirge und hinauf bis ins Engadin. Wieviel Herrliches erblickte ich da! Doch der Zauber war entschwunden und jede neue Blume eine Ermüdung! Glücklich war ich, als der Herbst früh einsetzte und dieser Last ein Ende machte. So ging denn das Jahr 1871 unter Auspizien zu Ende, die — was die Betrachtung der Natur anbetrifft — denen widersprachen, unter denen es angefangen hatte; und vielleicht war es nicht ungünstig, daß eine neuerliche schwere Erkrankung im Spätherbst das Hirn auf längere Zeit ausschaltete und hierdurch gewissermaßen reinwusch. Wenn ich nicht irre, hat dieser Umstand die völlige Umkehr ermöglicht, die bald darauf stattfand, und deren psychologischen Zusammenhang Sie eher als ich zu deuten vermögen werden. 79 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. darauf brachte, von den Erscheinungen des Himmels, außer dem schwelgerischen Beschauen, auch ein W i s s e n zu erstreben: ich ließ mir aus Nizza Bücher kommen, studierte Flammarion's Les Etoiles, Guilmant's (?) Le Soleil und La Lune, bald darauf auch Elisée Reclus' meisterhaftes La Terre. Dieses Studium hätte ich eher ein V e r s c h l i n g e n nennen sollen; denn, war einmal mein Interesse wach, so wandelte ich stets — wie noch heute in meinen alten Tagen — meine angeborene Umständlichkeit und Unentschlossenheit in eine rasend schnelle Bewältigung, die für mich wie für andere unfaßlich blieb. In wenigen Wochen hatte ich mir einen allgemeinen Überblick über die Himmelserscheinungen verschafft, soweit dies möglich ist ohne mathematische Ergründung und ohne alle nähere Kenntnis von Physik und Chemie. Nunmehr fand auch in bezug auf Botanik die oben angedeutete Umkehr statt. Zwar erfaßte mich ein kurzer Rausch, ähnlich dem vorjährigen, als die ersten Anemonen die Ölhaine plötzlich zu Zaubergärten schufen; doch nach wenigen Tagen fesselte ein anderes Interesse Sinne und Verstand, und ich warf mich mit Leidenschaft auf das Studium der einzelnen Pflanzengestalten — kurz, auf die s y s t e m a t i s c h e B o t a n i k. Zu meinem Glück stand mir mein Lehrer Kuntze noch zur Seite mit einem Ballast an Genauigkeit in der Analyse und in der Unterscheidung der technischen Kunstworte, der meiner Fahrt sehr zustatten kam; ich aber steuerte das Schiff, und es dauerte nicht lange, die Rollen waren vertauscht. Im Augenblick ging das alles unbewußt vor sich; aus reiferer Einsicht zurückblickend, glaube ich, den entscheidenden Einfluß der Tatsache zuschreiben zu sollen, daß das einzige brauchbare Buch — Ardoino's Flore des Alpes Maritimes — von Linné'schen Klassen nichts wußte, sondern nur von natürlichen Familien. Zuerst standen Kuntze und ich vor dieser uns erschreckenden Tatsache „wie die Kuh vorm neuen Tor“. Mühsam wanden wir uns durch einen vorangeschickten „analytischen Schlüssel“, um der betreffenden Familie auf die Spur zu kommen, und erst innerhalb der Familie konnte die Gattung bestimmt werden. Mir aber fiel's auf einmal wie Schuppen von den Augen! Die zwei großen Klassen der Zweikeimblättler und der Einkeimblättler — von denen Gremli's Schweizerflora nichts verraten hatte — verstand ich bald auf den ersten Blick instinktiv zu unter- 80 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. scheiden; nicht lange währte es, und ich kannte mich in den Unterklassen und Ordnungen ebenfalls ziemlich aus; mit den häufigeren und gut ausgeprägten Familien wurde ich bald vertraut. Eine Art inbrünstiges Interesse ergriff mich namentlich für die Ranunkulazeen, die dort unten und auch oben im Gebirg besonders reich vertreten sind, und bei denen — für den denkenden Beschauer — die reiche Mannigfaltigkeit der Gestalt die Einheit des Bauplans nur um so stärker hervortreten läßt; im darauffolgenden Jahre gewann aus dem selben Grunde die wunderbare Familie der Euphorbiazeen meine besondere Aufmerksamkeit. Mir ahnte, aus einer einzigen solchen großen Gruppe verwandt-verschiedener Gestalten müsse man einen tiefen Einblick in das Verfahren der Natur gewinnen können. Hier setzte ein erstes, vollkommen unbewußtes Philosophieren ein — geweckt, wie Sie sehen, durch die Natur, und zwar zwei Jahre bevor ich zum erstenmal in meinem Leben (im Sommer 1874) vom „Philosophieren“ der Menschen etwas erfuhr. Im Sommer 1872 weilte ich mit Kuntze erst mehrere Wochen auf dem Monte Generoso — berühmt für den Reichtum seiner Flora — dann noch einmal zwei Monate im Oberengadin: diese ganze Zeit über habe ich tagtäglich mit nie erlahmendem Eifer botanisiert. Im folgenden Winter wurde das schnell anwachsende Herbarium schön angelegt und geordnet, und von dem Augenblick an, wo die ersten Frühlingsblumen hervorsprossen, ging's — bei sehr gestärkten körperlichen Kräften und mit bedeutend gereiftem Blick — über alle Berge und alle Täler, die Riesentrommel auf dem Rücken, die Lupe in der Hand. Dieser Sommer 1873 trennte mich von Kuntze und führte mich auf mehrere Monate nach England und Schottland, wo die Pflanzenwelt meinem Fleiße weniger Nahrung bot. Gerade diese Monate benutzte ich aber dazu, das große, streng wissenschaftliche Werk von Le Maout und Decaisne über die systematische Botanik — und zwar in der bedeutend gehaltvolleren englischen Ausgabe von Joseph Hooker — gewissenhaft genau durchzuarbeiten. Daß mir von diesem ungeheueren Material — sämtliche Phanerogamen der Erde umfassend — viel Einzelnes im Kopfe haften blieb, glaube ich kaum; doch erweiterte diese Beschäftigung mein Wissen um die Welt der blühenden Pflanzen bedeutend und bestärkte meine Neigung und zugleich meine Tätigkeit, aufs Ganze zu gehen. Das merkte ich deut- 81 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. lich, als ich im Winter 1873—74 in Cannes und im Sommer darauf im Schweizer Gebirge mit einer Art kleiner Meisterschaft jedes Blatt — auch ohne Blüte oder Frucht — sofort zu deuten wußte. Hier erreichte aber auch diese Leidenschaft ihren Höhepunkt, von dem sie bald herabzusinken begann. Zwar sammelte und studierte ich in den folgenden Jahren weiter, mehr aber wie ein Besitzender, der nicht gern etwas entgehen lassen will, als wie ein Liebhaber, der täglich an dem geliebten Gegenstand Neues entdeckt und aus einem Glücksrausch in den anderen gerät. Neue Gegenstände beanspruchten jetzt in steigendem Maße meine Geisteskräfte. In der Naturbetrachtung fesselte mich namentlich die Geologie unter Lyell's sympathischer Führung; sowohl in Cannes, mit seiner Abwechselung zwischen Granitmassiven und Kalkhügeln und mit dem nahen, prachtvollen Porphyrgebirg der Estérels, wie in der Schweiz fand ich zu diesem Studium genügend Anschauungsstoff. Außerdem hatte es mir inzwischen die Philosophie angetan und die alten Sprachen und vor allem die deutsche Sprache und Dichtung und Wesensart und Weltanschauung und Musik.... Die neuen Kenntnisse und Eindrücke, die aus diesen jetzt erst dem Zwanzigjährigen sich erschließenden Quellen auf ihn einströmten, sein Weltbild von Grund aus umschaffend, dehnten ihm die Seele aus, während zugleich das steigende Bewußtsein seiner Unwissenheit ihn zunehmend bedrückte. Die lieben, lieben Blumen gerieten nach und nach in den Hintergrund. Hier lassen Sie mich eine kritische Betrachtung einschieben, die den Bericht über diese floristische Bildungsstufe zweckmäßig abschließen mag. Auf dem Monte Generoso, im Sommer 1872, war ich zum erstenmal in meinem Leben einem berufsmäßigen Naturforscher begegnet, einem jungen Schotten, namens Duthie, der in der Pflanzensystemathik Hochschulausbildung genossen hatte und bald nachher von der Regierung eine lebenslängliche Anstellung zur Erforschung der Flora Indiens erhielt. Er nahm sich meiner freundlich an und förderte mich bedeutend. Da er sich von einer Krankheit erst erholte, freute er sich, einen Jüngling zur Hand zu haben, der weiter als er herumwanderte und ihm täglich seine ganze Pflanzenbeute zu freier Verfügung vorlegte; dafür gab er mir allerhand Winke zur Erkennung und Unterscheidung der Familien, lehrte mich besser sehen 82 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. und wissenschaftlicher denken. Eines Abends nun gab es eine harte Nuß: eine von mir erkletterte Pflanze konnte ich durchaus nicht bestimmen, und auch Kuntze's größere Besonnenheit führte nicht zum Ziel; so klopfte ich denn schließlich an Duthie's Tür an, finde ihn über die selbe Pflanze gebeugt, mit den besten Fachbüchern zur Hand — auch er unfähig, ihre Zugehörigkeit festzustellen. Nun rannte ich in meine Stube zurück, schloß mich allein ein, kümmerte mich nicht um die genauen Feststellungen Kuntze's, noch um die gelehrten Erörterungen Duthie's, sondern suchte hastig in jenen Familien, zu denen mir der allgemeine Habitus zu stimmen schien, und richtig! auf diesem — eigentlich illegitimen — Wege gelang es mir, die Gattung ausfindig zu machen, wobei sich dann nachträglich herausstellte, daß wir uns alle drei durch eine — den Kelch betreffende — Scheinbildung hatten irreführen lassen. Von dieser kleinen Episode rede ich nur, weil sie mir symptomatischen Wert zu besitzen scheint. Der liebenswürdige Naturforscher rief in seiner Freude aus: „Chamberlain, Sie sollten Fachbotaniker werden, Sie besitzen den Instinkt der Sache!“ Das nun gerade halte ich für einen Irrtum: zum Systematiker war ich sicher nicht geboren. Und zwar aus folgendem Grunde. Was den echten Systematiker bezeichnet, ist der ungewöhnlich stark ausgeprägte S i n n f ü r d i e U n t e r s c h e i d u n g : auf den ersten Blick erfaßt er ganz kleine Unterschiede, die anderen Leuten nicht auffallen. Das habe ich später mit Staunen an Männern wie Alphonse Decandolle und Johannes Müller (Argovensis) kennen gelernt. Ohne solche Männer wäre gewiß der Begriff der „Art“ nie aufgekommen. Meine Begabung nun — insofern ich von einer solchen überhaupt reden darf — war eine genau entgegengesetzte. Ich besaß etwas von dem, was Plato das „Zusammenschauen“ nennt, und infolgedessen fielen mir innerliche Verwandtschaften auf, die nicht jedem zunächst sichtbar sind, und die ich selber mehr durch Instinkt als aus Überlegung entdeckte. Dagegen hatte ich Kurzsichtiger nicht nur wenig Blick für die feinen Artunterschiede, sondern diese brachten mich vielmehr zur Verzweiflung. Mit Gattungen wie Hieracium, Rubus, Salix usw. — die Wonne aller echten Systematiker — mochte ich niemals mich einlassen. Von Mendel und der ganzen heutigen Lehre der Kreuzungen wußte man dazumal nichts; aber auch ohne diese Kenntnisse kam es mir immer 83 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. vor, als ob der Mensch hier Schattenwesen nachjagte. Die G a t t u n g dünkte mich ein weit greifbareres Wesen als die A r t, und die F a m i l i e, sobald sie echt ist, reicher an Wirklichkeitsgehalt als die Gattung. Darüber später mehr. Heute unterhält es mich festzustellen, daß, noch ehe ich Darwin kannte und wie jeder Jüngling sein leidenschaftlicher Parteigänger wurde, der Keim schon ausgesprochen vorgebildet in mir lag, der mich später aus seiner Irrlehre hinausführen sollte. Und noch eins kann ich nicht unterdrücken; denn es ist eine Erbsünde der Menschen, wenn sie glücklich eine Wahrheit erhascht haben, die e r g ä n z e n d e n W a h r h e i t e n, durch welche jene andere Wahrheit erst plastische Wirklichkeit gewinnt, außer acht zu lassen. Ein „ergänzendes“ Geheimnis des geborenen Systematikers ist nun die Hartnäckigkeit, mit welcher er sich weigert, die Dinge zu sehen, die er nicht sehen will; es wird geradezu „durch Willen blind“; wohingegen der zusammenschauende Mensch, sobald er einmal sich veranlaßt sieht, auf Unterschiede zu achten, kein Ende findet. So erinnere ich mich, mir später, als Student, eine Menschenschädelsammlung angelegt zu haben, um mit der inneren und äußeren Gestalt dieses wichtigen Knochengebildes genau bekannt zu werden; doch gab ich meine Bemühungen nach einiger Zeit wieder auf; denn ich fand nicht zwei Schädel, die nicht auffallende anatomische Abweichungen aufgewiesen hätten, und nicht einen, der wirklich in jedem Punkt genau übereingestimmt hätte mit dem, was uns als „Normalschädel“ vorgetragen wurde; bei meiner Art, genau zu beobachten und zu beachten, hätte mich eine solche Sammlung ins Uferlose hinausverlockt. Für den, der wirklich genau hinsieht, wird der Begriff „Art“ nach und nach ein sehr abstrakter. Der Systematiker ist nach meinem Gefühl dem Philologen verwandt: ich schätze und verehre seine Arbeiten und benutze seine Ergebnisse; über die Gewaltsamkeit seiner Methoden jedoch vermag ich mich nicht zu täuschen, und ich finde ihn — wenn auch durch unleugbare Erfolge glänzend gerechtfertigt — dennoch allzu anthropomorphisch betätigt, um ihm die volle Unschuld einer reinen Naturbetrachtung zusprechen zu können. Sie werden, glaube ich, zugestehen, daß es nicht Flüchtigkeit und Unbeständigkeit war, wenn die bloße Systematik, das bloße Ansammeln von Gestalten, seinen Reiz für mich nach und nach verlor. 84 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. Außer den Pflanzen hatte ich inzwischen auch Süßwassermuscheln, Spinnen und verschiedenes andere mit Eifer zu studieren und, von Fachmännern (wie Mousson und Eugène Simon) beraten, nach Familie, Gattung und Art zu bestimmen begonnen. Aber jetzt kam der Tag, wo ich immer schmerzlicher empfand, daß ich von dem inneren Aufbau und von den Lebensverrichtungen aller dieser Wesen so gut wie nichts wußte, im besten Fall nur Theoretisches, nicht wirklich Geschautes. Bücher wie die unvergleichliche Insektenkunde von Kirby und Spence und mein reger Verkehr mit dem großen Entdecker unter den französischen Lepidopterologen Millière in Cannes wirkten letzten Endes im gleichen Sinne. Auch hatten flüchtige Begegnungen mit Oswald Heer und Anton de Bary Eindruck auf mich gemacht. So ergriff mich denn die Sehnsucht, mich zu einem Blick ins Innere dieser bislang nur von außen erfaßten Gestalten zu befähigen; und soviel wußte ich schon, daß dies ohne regelrechte Fachstudien unmöglich war. Der Beschluß, die Universität zu besuchen, kam ganz plötzlich. Lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie das zuging; denn die begleitenden Umstände waren interessant genug, um die Beachtung des Biologen zu verdienen. Schon im Herbste 1875 führte mich ein glücklicher Zufall zu dem berühmten Kliniker Kußmaul, damals Professor an der Freiburger Universität. Dieser nahm sich meiner mit besonderer Freundlichkeit an und redete mir lebhaft zu, eine deutsche Universität zu beziehen, um mich naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. Seinem sehr gescheiten Rate standen leider die Auffassung meines Hausarztes und die Vorurteile meiner Familie entgegen, welche glaubten, der Aufenthalt im Norden während des Winters würde mein Leben gefährden, wogegen sich später Kußmaul's Ansicht als richtig erwies, daß nämlich meine Atmungsorgane vollkommen gesund und meine sämtlichen Leiden lediglich einem anormal empfindlichen Nervensystem zuzuschreiben sind. Mir mangelte damals leider sowohl Einsicht wie Entschlossenheit. Als ich aber im Jahre 1878 — nach dem Hinscheiden meines Vaters — die nötige Unabhängigkeit gewonnen hatte, beschloß ich, nach Florenz zu ziehen, wo ich, ohne die Vorteile des südlichen Klimas zu entbehren, hoffen durfte, mich unter der Leitung des ausgezeichneten Botanikers Parlatore in dieser Wissenschaft ausbilden zu können. Als ich nun im Spät- 85 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. Herbst 1878 in Florenz eintraf, mußte meine erste Sorge sein, die italienische Sprache zu erlernen; diesem Ziele widmete ich mich mit Eifer. Allein die Wirkung der Umgebung hatte ich nicht in Rechnung gebracht; sie machte sich nun übermächtig fühlbar. Mit Absicht hatte ich mich auf Florenz als Kunststadt gar nicht vorbereitet: die Sprache erlernen und sodann mich dem Studium der Botanik widmen, das war mein Plan; von ihm sollte mich nichts ablenken. Es war aber anders bestimmt. Nie werde ich die Abendstunde vergessen, wo ich, ziellos durch die Stadt schlendernd, zum erstenmal unerwartet auf die Piazza della Signoria hinaustrat: der Eindruck der Schönheit war dermaßen überwältigend, daß mich eine Art Schwindel überfiel und ich in ein Haustor zurücktreten mußte, um mich anzulehnen und allmählich zu erholen. Wie betäubt kehrte ich heim. Das war ein anderer Rausch als der, den seinerzeit die Sterne und später die Blumen bewirkt hatten: diese Werke menschlichen Schönheitssinnes benahmen mir den Atem und warfen mein Gleichgewicht um. In einer völlig unkünstlerischen Umgebung aufgewachsen, hatte ich von solchen Dingen keine entfernte Ahnung. Sie bewirkten eine förmliche Revolution in meinem Innern. Schnell verschaffte ich mir Burckhardt's Cicerone und andere Bücher; alle Morgen nahmen mich die Tore der Uffici bei ihrem Eröffnen auf, und am Nachmittag ging es von Kirchen zu Klöstern, von Klöstern in die Photographieläden. Es war ein Schwelgen in der bildenden Kunst, an das ich mit lächelnder Freude zurückdenke. Alles andere war vergessen! Gewiß ist es nicht Zufall zu nennen, wenn sich der ersten künstlerischen Leidenschaft eine zweite zugesellte. Ich hörte das damals noch schöne Florentiner Orchester, dessen Streicher namentlich hinreißend spielten, wurde mit dem ersten Violoncellisten bekannt und bald befreundet, und es dauerte nicht lange, so waren die frühen Morgenstunden und die Abendstunden diesem herrlichen Instrumente gewidmet. Keinen einzigen meiner Einführungsbriefe an vornehme einheimische und fremde Bewohner von Florenz gab ich ab; ich verkehrte nur mit italienischen Musikern und Kunstkennern; auch zwei interessante Deutsche lernte ich in Florenz kennen: Karl Hillebrand und den Kunsthistoriker Bayersdorfer. Vielleicht genügen diese kurzen Andeutungen, damit Sie — der Sie ein so erfahrener Kenner Italiens sind — sich eine Vor- 86 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter. stellung dieses etwa siebenmonatlichen künstlerischen Glückes ausmalen? Sie werden begreifen, daß alle wissenschaftlichen Regungen wie ausgelöscht — aus dem Hirn aus- und fortgespült — waren; ich wußte nicht mehr, daß es so etwas gab, daß ein Mann namens Parlatore existierte, und daß ich seinetwegen nach Florenz gekommen war! Vielmehr träumte ich einzig von Streifzügen zu allen den unzähligen Augenwonnen Italiens! Da, urplötzlich, gerade als der Mai die rechte Magie des Südens erst herbeigezaubert hatte, da — wie ich Ihnen sage, urplötzlich — fand eine Besinnung statt, die alles umwarf. Ein Maurice de Guérin, ein Heinrich von Stein wüßte wohl in solchem Falle Rechenschaft über die inneren Vorgänge zu geben; ich vermag es nicht. Von außen war nichts an mich herangetreten, geeignet mich umzustimmen, gar nichts — weder ein Mensch, noch ein Buch, noch ein Natureindruck. Wohl hatte ich einmal das bekannte Florentiner Museum anatomischer Wachsmodelle besucht; die Befassung mit Leonardo da Vinci gab die Veranlassung, der Eindruck aber inmitten des Schönheitsrausches wirkte abstoßend unheimlich. Nein, die Sache ging anders zu. Plötzlich stieg eine Art Vision meines kommenden Lebens vor meinen Augen auf. Ich sah mich — wie so manchen meiner englischen Landsleute, die ich aus einiger Entfernung beobachtet hatte — ziellos hinvegetieren: halber Kunstkenner, halber Musikliebhaber, in Sprachen bewandert, vielleicht dazu gelegentlich botanisierend und geologisierend — ein Dilettant im schlechten Sinne des Wortes, nämlich ein Lebensdilettant, ein Mann ohne Pflichten, ohne irgendein sich selbst gegebenes Gesetz des Müssens; und vor diesem Bilde erschauderte ich. Sollte ich etwa Kunstgelehrter werden? Dazu fehlte mir alles; der Gedanke kam mir nicht in den Sinn. Oder Musiker? Dazu reichte meine Begabung nicht aus. Andrerseits fühlte ich mich vollkommen unfähig, umgeben von diesem Zauber der Kunst, ihm nicht willenlos zu verfallen. Italien und arbeiten: nein, das war unmöglich! Und als ob geschlossen gewesene Tore plötzlich flügelweit aufgeworfen würden, strömte die alte leidenschaftliche Liebe zur Natur wieder ins Herz hinein und mit ihr die stetig gewachsene Sehnsucht nach gegründeterem, umfassenderem Wissen über sie. Sofort stand der Entschluß fest: Naturforscher von Fach zu werden. Und sofort beschloß ich 87 III. Meine Naturstudien. Jünglingsalter - Universitätsstudien. — obwohl ich Physik und Chemie nur vom Hörensagen kante —‚ die Pflanzenphysiologie zu meinem Fach zu erwählen. Das alles war das Werk eines Tages, ja eigentlich eines Vormittags, an dem mich ein einsamer Spaziergang über den Viale dei Colli geführt hatte; einer jener idealen Morgen, wie nur Italien sie kennt: wolkenlos und doch alle Linien wie gebadet in umhüllender Luft, die Ferne verschwebend, die Nähe klar und weich; aus diesem paradiesisch schönen Lande zu scheiden, war ein grausamer Schmerz; solche Wonne des Daseins würde mir nie mehr zuteil werden: das wußte ich. Die Vorstellung der Pflicht, die Auffassung des Lebens als einer zu erfüllenden Aufgabe, war plötzlich — und für immer — erwacht. Es schwand die Besorgnis vor dem nordischen Klima, vor dem Übermaß der Arbeitsforderung, vor allen Hindernissen, die sich bisher unüberwindlich aufgetürmt hatten; ich fragte niemanden, sondern beschloß und führte sofort aus. An einem Montag vormittag hatte jener Spaziergang stattgefunden, der über mein weiteres Leben entschied; am folgenden Sonnabend entführte mich der Nachtschnellzug gen Norden; und am Dienstag darauf, vormittags, saß ich bereits in Carl Vogt's Laboratorium im Erdgeschoß der Genfer Universität und ließ mich von dem liebenswürdigen Emile Yung (damals noch Assistent und Privatdozent) in der Kunst, mikroskopische Dünnschnitte anzufertigen, unterweisen; ich kann Ihnen sogar Proben jener ersten Versuche — bei denen Tierhaut den Stoff abgab — vorführen! Diese Wendung fand im Mai 1879 statt. 88 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. Lebenssitten vernahm, bei dieser Entscheidung mitgewirkt haben mag. In beiden Beziehungen segnete die Vorsehung meinen schnellen Entschluß: die trockene Luft und der beißende Nordwind, anstatt mir zu schaden, belebten mich, und ich fand mich in Genf in eine vorwiegend deutsche Umgebung versetzt, die den rechten Übergang nach Deutschland bildete. Als ich in Genf eintraf, war das Sommersemester schon angegangen. Machte ich mich auch — wie Sie sahen — sofort ans Werk, so verursachte meine Immatrikulation infolge meines chaotischen Erziehungsganges doch Schwierigkeiten; auch mußte ich mich in dieser mir so völlig neuen Welt, in die ich ohne eine einzige Verbindung, geeignet, meine ersten Schritte zu leiten, als wildfremdes Element hineinfiel, erst zurechtfinden und mußte mir über den Weg, den ich einzuschlagen hatte, klar werden. Erst im Herbst 1879 erhielt ich — auf Grund von Zeugnissen und als Ergebnis einer ausnahmsweise gestatteten Prüfung — die Immatrikulation als ordentlicher Student in der Fakultät der Naturwissenschaften und trat den vollständigen Lehrgang an. Ich hörte systematische Botanik bei Johannes Müller (Argovensis), Anatomie der Pflanzen und Physiologie der Pflanzen bei Marc Thury, Zoologie, vergleichende Anatomie, Anthropologie und Geologie bei CarI Vogt (manchmal durch Emile Yung vertreten), Embryologie bei dem genialen, früh entschwundenen Hermann Fol, Physik bei Wartmann und Soret, unorganische und organische Chemie bei Karl Graebe, Mineralogie und Kristallographie bei Soret (Sohn); außerhalb meiner Abteilung hörte ich die Vorträge von Plantamour über Astronomie und physikalische Geographie und einen kurzen Kursus von Raoul Pictet über die Schwerkraft. Zwei Jahre später besuchte ich noch in der medizinischen Abteilung Laskowski's normale Anatomie des Menschen und Schiff's Physiologie, nachdem ich mich — um die Seziersäle und Laboratorien betreten zu dürfen — als Student der Medizin hatte immatrikulieren lassen. Medizinische Vorträge hörte ich keine, doch erhielt ich, dank meiner Befreundung mit dem Pathologen Zahn und mit dessen erstem Assistenten — einem feurig begabten Südamerikaner — Zutritt zu der Sezierhalle des städtischen Spitals, wo ich gründlichere und schnellere Belehrung als in den verzweifelt langsam fortschreitenden Vorträgen Laskowski's genoß. Da ich beim Aufzählen 89 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. bin, lassen Sie mich hinzufügen, daß Alphonse Decandolle — der Sohn des großen Augustin Pyrame — mich mit besonderer Freundlichkeit aufnahm und mir sein berühmtes Herbarium sowie seine bibliothek zur Verfügung stellte, mich aber noch mehr durch weise Ratschläge förderte; desgleichen tat Edmond Boissier, der Verfasser der Flora orientalis, dessen wundervolle Gärten und Orchideenhäuser unweit Genf reichen Anschauungsunterricht gewährten; viel benutzte ich auch den Städtischen Botanischen Garten und namentlich die dazu gehörige Bibliothek, welche Müller (Argovensis) unterstanden. Daß ich fleißig war, bedarf keiner Versicherung; es war der verzehrend leidenschaftliche Fleiß eines gerade hierdurch unsagbar beglückten Menschen. Einzig den Vorträgen über Kristallographie wurde ich untreu, weil der Vortragende so grenzenlos langweilig war, daß ihm zuzuhören einer Erkrankung gleichkam. Auch „schwänzte“ ich manchmal die systematische Botanik, aber nur, wenn sie Dinge brachte, die ich schon auswendig wußte. Sonst aber zählte ich zu den gewissenhaftesten Hörern. Um mich selbst bei der Stange zu halten, steckte ich mir ein ziemlich anspruchsvolles erstes Ziel: nämlich, sämtliche Prüfungen, welche die Erlangung des Grades eines Baccalaureus erfordert, auf einmal, im Herbst 1881, zu bestehen, anstatt der üblichen Verteilung der Prüfung auf zwei aufeinanderfolgende Jahre, oder der erlaubten und häufig erwählten Dreiteilung. In Frankreich bedeutet „bachelier“ soviel wie Abiturient; das „baccalauréat“ ist dort die Schlußprüfung beim Verlassen der Schule; in Genf dagegen blüht noch — wie übrigens auch in Oxford und Cambridge — der uns aus Faust so vertraute mittelalterliche Begriff des Baccalaureus, eigentlich die Vorstufe zum Magister, welche beide durch die gestiegene Bewertung des „Doktor“ beiseite geschoben worden sind. Zum Vergleich kann man etwa das deutsche Physikum heranziehen. In der naturwissenschaftlichen Fakultät in Genf unterschied man drei Abteilungen: les sciences mathématiques, les sciences physiques, les sciences naturelles — also Mathematik, Physik, Naturgeschichte, wobei die Mathematik Himmel- und Erdkunde, die Physik auch die Chemie nebst allem, was dazu gehört, mit umfaßte, Naturgeschichte, alles Leben. Der bachelier muß in zwei dieser Abteilungen — die Wahl steht ihm frei — bestehen: für eine eingehende Prüfung ein ziemlich 90 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. weites Feld, wie Sie sehen. Ich erinnere mich auch, daß Graebe mir später mein Beginnen als töricht vorwarf und meinte: „In der selben Zeit und mit geringerer Mühe hätten Sie Ihren Doktor machen können.“ Doch hatte mich der lebenslängliche Dekan unserer Fakultät — der gütige Wartmann — so dringend und zugleich bescheiden gebeten, die alte Genfer Sitte zu ehren, daß ich's ihm nicht hatte abschlagen können; außerdem reizte mich die Gewinnung einer breiteren Grundlage, und ich erschrak vor der Beschränktheit mancher Kommilitonen — Chemiker, Botaniker und Mathematiker —‚ in ihrem eigenen Felde sehr tüchtig, in dem für die Doktorprüfung geforderten einzigen Nebenfach äußerst oberflächlich und in allem übrigen unwissend wie Kongokaffern und ohne jedes Interesse dafür. Das Spezialistentum habe ich durch den nahen täglichen Verkehr in Laboratorien um so genauer kennen gelernt, als ich es in seinem Entstehen und frühzeitigen Verhärten verfolgt habe, und ich bereue es auch heute nicht, dem Rate Wartmann's gefolgt zu sein. Ende Oktober 1881 bestand ich denn auch die Prüfung mit Erfolg und erhielt das Diplom als bachelier ès sciences physiques et naturelles; es sollte mein einziges bleiben. In der Physik allein erreichte ich bei allen drei Fragen der mündlichen und auch bei der sehr eingehenden schriftlichen Prüfung von allen Examinatoren die Höchstzahl. In der Chemie bestand ich nicht so glänzend, wie ich es nach meiner besonderen Hingabe an diese Wissenschaft und drei Semestern emsigster Arbeit im Laboratorium gehofft hatte; das kam daher, daß mein Feind, der so gründlich „geschwänzte“ pedantische Kristallograph, in der Prüfungskommission saß und mir nun ein Bein nach dem anderen stellte, so daß ich den Kopf verlor und der mir freundschaftlich gesinnte Graebe seine liebe Mühe hatte, mich immer wieder heraus- und hinaufzureißen. In den übrigen Fächern ging alles gut, allerdings schriftlich immer bedeutend besser als mündlich. Gerne denke ich an einen kleinen Schwindel zurück, der damals einem hartbedrängten Freunde zugute kam. Mit einem bettelarmen Holsteiner, namens Groth, hatte ich mich enger befreundet: ein sehr begabter Mann, der bald darauf als Arzt schnell vorwärts kam, leider aber früh starb; damals arbeitete er als Nachtportier in einem Hotel, um die Mittel zu seinen Studien zu gewinnen; es war nicht anders 91 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. möglich, als daß er manche Vorträge versäumte oder dabei einschlief; schon einmal war er beim Physikum durchgefallen. Bei der schriftlichen Prüfung in der Physik nun, die unter strengster Klausur stattfand, trat er schnell an mich heran, während wir in die uns angewiesenen Räume abgeführt wurden, und flüsterte mir erregt zu: „Ich bin verloren; ich weiß kein Wort auf meine Frage!“ Ich meinerseits hatte eine besonders leichte Frage gezogen. Es gelang uns, den gefährlichen Tausch — der uns beiden (bildlich gesprochen) den Hals hätte kosten können — unbemerkt zu bewerkstelligen. Der gute Groth war gerettet, und ich gewann die Gelegenheit, mich in aller Breite wichtig zu machen; denn die eingetauschte Frage lautete: „Die Erhaltung der Kraft: historisch, theoretisch, experimentell“ — was mir, bei meiner Vorliebe für die philosophischen Grenzfragen, ein gefundenes Fressen war und die besondere Anerkennung des Professors Wartmann eintrug. Nun besaß ich also das Pergament mit dem schönen alten Siegel der Stadt Genf, das einen in der Heimat Calvin's unerwarteten Petrusschlüssel führt, als seien dem glücklichen Besitzer die Tore des Paradieses erschlossen; im Texte heißt es denn: pour en jouir avec les droits et prérogatives qui y sont attachés. Ehe ich über den weiteren Verlauf meiner Naturstudien berichte, lassen Sie mich einige Worte über meine Lehrer sagen. In weiten Kreisen bekannt, ja, dazumal noch im Besitz eines zwar schon etwas verblaßten, aber europäischen Namens, war Carl Vogt, der Achtundvierziger. Er beherrschte die beiden Sprachen — Deutsch und Französisch — gleichmäßig vollkommen und verstand es, in beiden durch die Gewandtheit seiner Rede hinzureißen. Ich habe Vogt im Palais Electoral politische Reden halten hören und habe es erlebt, daß auch seine Gegner zu schallendem Lachen und spontanem Applaus sich fortreißen ließen; mir war es schmerzhaft, gewahr werden zu müssen, daß selbst ein so kenntnisreicher, außergewöhnlich begabter Mann der Versuchung nicht widerstehen konnte, der unwissenden, urteilslosen Hydra zu gefallen, wodurch er zum Demagogen herabsank. Auf dem Katheder erschien er weit vorteilhafter. Die Wissenschaften, über die er vortrug, beherrschte er in allen ihren Teilen vollkommen. In dem massigen Kopf wohnte ein unerschöpfliches Gedächtnis; alles war ihm immer gegenwärtig 92 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. — auch Namen, Zahlen, Daten; zu seinen Vorträgen schien er sich gar nicht vorzubereiten, nie habe ich das kleinste Zettelchen in seiner Hand gesehen; oft war er wochenlang fort gewesen — in Bern als Mitglied des Großen Rates, oder auf einer Studien- oder Erholungsreise — und Yung hatte statt seiner gelesen; offenbar wußte er beim Betreten des Saales nicht, wo wir standen; ein Wort mit seinem Assistenten und ein einziger umfassender Rundblick seiner großen, dunklen, oktopusartigen Augen über die aufgestellten Präparate — schon war er vollkommen orientiert und begann zu reden. Er sprach wie der Geist es ihm eingab, an verschiedenen Tagen sehr verschieden: manchmal zu theoretischen oder gar philosophischen Erörterungen weit ausholend, manchmal wie versessen auf die Zerlegung ins Allerfeinste, viel am Brette zeichnend, weitere Präparate herbeibefehlend, nicht ruhend, bis jeder Hörer alles mit Augen gesehen hatte. Sehr ungleich war auch die Behandlung: über manche Kapitel forteilend, ohne sie kaum berührt zu haben, um dann sich niederzulassen und während einer Reihe von Vorträgen innerhalb eines kleineren Kreises zu verweilen, als könnte er sich nicht genug tun. Bewunderung verdiente namentlich Vogt's Feingefühl für den Seelenzustand seiner Zuhörer; eine Art Magnetismus ging hin und her zwischen ihm und uns; er verstand es, sich Abgespanntheit oder Zerstreutheit genau anzupassen und uns aus einer bei Studierenden oft vorkommenden, geistig widerspenstigen Stimmung nach und nach zu gespannter Aufmerksamkeit überzuführen; nie habe ich bei einem anderen ähnliches erlebt: der Professor war bei dem Volksredner in die Schule gegangen. Erregte die jungen Köpfe irgendein Tagesvorgang — eine bevorstehende Festlichkeit, ein politisches Ereignis, der Tod eines berühmten Mannes, gleichviel was immer es sein mochte — stets knüpfte er daran an, wußte viel und neues darüber zu erzählen, manchmal auch Geschmackloses, immer aber Unterhaltendes, oft Witziges und Boshaftes; und erst, wenn er alle Zuhörer in der Hand hielt, lenkte er über zu dem eigentlichen Thema — Echinodermen oder Eingeweidewürmer oder Tintenfische oder, was gerade dran war. Ebenso feinfühlig empfand er das Nachlassen der Aufmerksamkeit; kein Auditorium der Welt vermag es z. B., sich Tag für Tag mit nieerlahmendem Interesse der genauen Betrachtung der vielen Schädelknochenanlagen des Hai- 93 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. fisches und ihres Zusammenhanges untereinander zu widmen — über die aber Bescheid zu wissen für alles spätere Studium des Wirbeltierkopfes so wichtig ist; geradezu entzückend war nun die Art, wie Vogt hier, ehe die Abspannung eintrat, durch Anekdoten und Abschweifungen verschiedenster Art dem Geist Erholung zu verschaffen wußte, um dann — zumeist unerwartet — wieder bei dem Haifisch anzulangen. Im Privatleben wollten die Beziehungen — trotz seiner steten Freundlichkeit gegen mich — weniger gedeihen. Er war der Typus des Achtundvierzigers wie er nicht sein soll — des Achtundvierzigers, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, und der tausendmal lieber es gesehen hätte, Deutschland wäre zugrunde gegangen als durch Preußen zu Größe gelangt. Sein Haß auf das Haus Hohenzollern war geradezu albern — würdig des beschränktesten, „freisinnigen“ Gemüsekleinhändlers. Vom großen Kurfürsten an, auf jedes Mitglied der Dynastie hielt er eine gereimte Spottstrophe bereit — nicht wenige obszönen Inhalts; und man mochte reden, wovon man wollte, immer bekam man eine oder zwei zu hören. Seine Begeiferung Bismarck's wirkte grotesk, namentlich im Zusammenhang mit seiner Bewunderung Eugen Richter's. Dabei war er — wie die meisten, die sich den Beinamen „freisinnig“ zulegen — eine heftig autokratische, unduldsame Natur, die — wäre sie zu Macht gelangt — kein Tüttelchen Freiheit im Lande hätte bestehen lassen. Doch dies nur nebenbei; hier handelt es sich um den Lehrer der Wissenschaft, und dieser war bedeutend genug, um jedem aufmerksamen Schüler mehr oder weniger von seinem Wesen dauernd einzuprägen. Namentlich für das Eine bin ich ihm unauslöschlich dankbar. Die Evolutionslehre galt ihm zwar — wie allen seinen Zeitgenossen — als Dogma; gegen den eigentlichen Darwinismus aber, und noch mehr gegen die Haeckelei, hegte er Mißtrauen. Nicht so mutig war er auf diesem Gebiete wie auf dem politischen; er legte die herrschende Lehre seinem Unterricht zugrunde; doch machte er immerfort auf Schwierigkeiten und Bedenken aufmerksam, und reifere Hörer bemerkten gar häufig eine halb versteckte Ironie in seinen Worten und ein blitzendes Lächeln in seinen Augen. Später — als ich mehr gelernt und mehr gedacht hatte — entdeckte ich deutlich den bleibenden Einfluß von Agassiz auf Vogt in diesen, sowie in gar vielen wissenschaftlichen Fragen, 94 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. namentlich aber in der gesamten Auffassung und Darstellung des Lebens, wobei die gleichmäßige Beherrschung der Beachtung der Fauna vergangener geologischer Perioden überaus bezeichnend war — hatte doch Vogt sein wissenschaftliches Leben als Agassiz' Gehilfe für die Bearbeitung der fossilen Fische begonnen. Bei meiner leidenschaftlichen Bewunderung Agassiz', des wahrhaft großen Forschers, beglückt mich immer das Bewußtsein, daß wenigstens einige Strahlen aus dem Hirne des — seit Cuvier — schöpferisch am reichsten begabten Kenners der Gestalten des Lebens mich auf dem Umweg über Vogt's Vorträge erreichten und bereicherten. Hermann Fol war im Verhältnis zu Vogt ein „moderner“ Lehrer, dazu reich und freigebig. Alle Präparate projizierte er mit der Laterne an die Wand, und jeder Zuhörer erhielt am Schluß der Vorlesung Zinkabzüge. Was die mikroskopische Technik Neues hervorbrachte, das konnte man sofort bei ihm sehen und erlernen. Eigentlich hörte man bei ihm keine Vorträge, sondern man sah Dinge; und sein Unterricht bestand darin, daß er uns diese Dinge sehen lehrte. Es war eine Schule des reinen Sehens — was Goethe für eine der schwerst zu lösenden Aufgaben hielt; ich glaube, Sie werden mich verstehen, wenn ich sage: der Geist, der in dem kleinen unterirdischen Raum herrschte — wohin der bedeutende Nebenbuhler von den Machthabenden (Vogt und Genossen) verbannt worden war —‚ bestand aus einem Gemisch gegenseitig sich durchdringender Leidenschaft und Leidenschaftslosigkeit: mit Leidenschaft lehrte Fol, in Fragen der Wissenschaft leidenschaftslos zu urteilen. Gern hätte ich mich der Führung dieses Mannes anvertraut, und bestimmt nahm ich mir vor, später bei ihm zu arbeiten.... Inzwischen verschwand er auf immer. Von allen meinen Genfer Lehrern war Karl Graebe derjenige, der mir — gerade in der Eigenschaft als Lehrer — am nächsten trat, da ich nicht nur seine Vorträge — zum Teil wiederholt — hörte, sondern mehrere Semester in seinem Laboratorium arbeitete. Kein Blatt schätze ich höher als dasjenige, auf dem der vortreffliche Gelehrte mir bezeugt, diesen gründlichen Studiengang unter seiner Leitung habe ich „avec grand zèle et succès“ absolviert. Ein wenig gehemmt war Graebe in seinen Vorträgen durch die unvollkommene Beherrschung der französischen Sprache; doch hatte das nicht viel 95 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. auf sich, denn die große Klarheit der Gedanken, die durchsichtige Logik seiner ganzen Darstellungsart, die vielen und fast ausnahmslos glänzend gelungenen Versuche ersetzten reichlich die mangelnde Leichtigkeit des Ausdrucks. Im Laboratorium aber wurde zumeist deutsch geredet: der Professor, die beiden Assistenten, dreiviertel der Studierenden waren Deutsche oder deutsche Schweizer, und nur die unappetitlichen russischen Nihilistinnen, die uns mit ihrer Gegenwart belästigten, radebrechten eine Sprache, die für Französisch gelten sollte. Hier lernte ich die echt deutsche Hochschulart kennen: vollkommene Freiheit jedes Einzelnen, unablässiger Fleiß, ein nicht leicht zu schildernder Geist reiner Wissenschaftlichkeit, der von unserem Lehrer auf, ich weiß nicht welchem, unsichtbaren und unhörbaren Wege ausstrahlte und jeden intelligenteren Schüler in seinen Bann zog.... Mir behagte es nirgends so wohl wie in diesem Laboratorium Graebe's; ich lebte dort die glücklichsten Stunden. Soviel die anderen Verpflichtungen es nur erlaubten, verweilte ich hier von früh bis spät; oft war ich der Erste am Morgen, fast täglich der Letzte bei Torschluß. Und zwar geschah das nicht allein, weil ich die Notwendigkeit einer genauen Vertrautheit mit den Tatsachen der Chemie erkannt hatte, sondern weil ich mich hier allein wissenschaftlich getragen und gefördert fühlte. Der Assistent stand allen mit Auskunft und Hilfe zur Hand; Graebe war jederzeit in seinem nebenan gelegenen Privatlaboratorium anzutreffen und kam außerdem mehrmals am Tage zu uns herein, wo er sich dem Einzelnen, ohne mit der Zeit zu geizen, widmete; er stellte die Aufgaben, er überwachte die Ausführung, er überzeugte sich durch Frage und Antwort von dem Grad des lebendigen Verständnisses, er kritisierte die Gesamtleistung, ließ nicht nur die Lücken empfinden, sondern auch die tiefer liegenden Unzulänglichkeiten fühlen, gegen die beizeiten anzukämpfen ratsam sei. Ein idealer Lehrer! Bin ich auch nicht Chemiker geworden — was übrigens zu keiner Zeit in meiner Absicht lag —‚ so bekenne ich nichtsdestoweniger dankerfüllt, daß, was ich bei Graebe lernte, dauernden Einfluß auf meine gesamte geistige Entwickelung und Richtung gewann. Die Hellenen kannten die unvergängliche Bedeutung des mathematischen Unterrichts für die Ausbildung des Denkens und Urteilens und fragten nicht, ob einer später zu rechnen haben würde 96 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. oder nicht; heutzutage, wo einerseits eine gewisse Kenntnis der Natur und der Methoden ihrer Erforschung immer mehr verlangt wird, andrerseits aber bei starker Berücksichtigung in der Schule die schon vorhandene Überlastung und Zersplitterung der Knaben nur vermehrt wird, würde ich empfehlen, der Chemie eine ähnliche methodische Bedeutung beizulegen wie der Mathematik, und sie allein obligatorisch einzuführen. Keine andere Wissenschaft vereinigt in solchem Maße die Eigenschaften des ganz Konkreten und des rein Theoretischen: nicht ein Schritt kann getan werden, ohne zu sehen, und zwar so „Gedankenfernes“, so ausschließlich Stoffliches zu sehen, daß der Lernende zunächst nicht begreift, was und warum er sehen soll; denn von Natur aus sehen wir nur, insofern wir denken, — es geschehe bewußt oder unbewußt, es werde Richtiges oder Falsches gedacht, gleichviel; und daher kommt es, daß die Chemie die theoretische Wissenschaft katexochen ist, in der ohne Theorie ebensowenig ein Schritt getan werden kann wie ohne Anschauung. Da aber hier zu den Theorien eigentlich gar kein Gedankenstoff vorliegt, so müssen sie rein aus der Phantasie des Menschen geboren werden — wobei die Geschichte dieser Wissenschaft gezeigt hat, daß falsche Annahmen (wie die des Phlogiston) die Entdeckung von Tatsachen, d. h. also das Mitaugensehenlernen, ebenso fördern wie richtige. Ein — wenn ich mich so ausdrücken darf — geradezu armseliger Befund erfährt eine vollkommene Verwandlung, sobald die menschliche Phantasie sich selbstherrlich dieses Befundes bemächtigt hat; aus dieser Ehe zwischen Empirie und Theorie entstehen dann unabsehbare Ergebnisse, die auch die Praxis unseres Lebens von allen Seiten durchdringen und neugestalten. Gerade das Studium der Chemie — wenn auch nur in dem Umfang eines bescheidenen Überblickes — würde, glaube ich, außerordentlich förderlich auf die Entwickelung des Urteilsvermögens moderner Menschen wirken, indem es über Methoden und Ergebnisse der exakten Wissenschaft weit genauer unterrichtet als die anderen Fächer. Jedenfalls mögen Sie aus dieser kurzen Abschweifung besser entnehmen, als ich es sonst zu schildern gewußt hätte, welche Bedeutung Graebe und seine Wissenschaft für die weitere Entwickelung meines Geistes gewonnen haben. 97 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. Besondere Beachtung verdienen nur noch die zwei Botaniker; leider muß ich gestehen: ich habe auf der Genfer Universität wenig Botanik gelernt, außer auf Umwegen und aus eigener Kraft. Müller Argovensis, der Systematiker, war ein rechtschaffener Mensch und ein tüchtiger Fachmann; er hatte sich aber in dem langjährigen Verkehr mit Decandolle, dessen Amanuensis er gewesen war, die französische Gelehrteneigenart vollkommen assimiliert — richtiger gesprochen, nicht wirklich „assimiliert“, was seinem grunddeutschen Wesen schwer gefallen wäre —‚ sondern er hatte sich aus dieser Haltung und dieser Art sich zu geben ein Gesetz gemacht, von dem er niemals abwich, wodurch das ihm sicherlich angeborene, biedere „Schwyzertum“ abgestreift worden war. Der französische Gelehrte hat immer etwas „magistrales“ an sich, eine gewisse Kälte und Zurückhaltung, eine bewußte Würde, die sich, wie ich glaube, auf mittelalterliche Traditionen zurückführen läßt — wie so vieles im französischen Leben, das, trotz aller Revolutionen, vielleicht das konservativste in Europa ist. Bei Decandolle kam dazu die aristokratische Unnahbarkeit der uralten Patrizierfamilien aus der „haute ville“ von Genf. Das ist der Stempel, der dem braven Botaniker aus Aargau aufgedrückt worden war. Er gab sich so entsetzlich trocken, daß die Pflanzen des Herbariums neben ihm in Frühlingswonne neu aufzublühen schienen. Wohl waren seine Vorträge gehaltvoll, denn er beherrschte seine Wissenschaft meisterlich; hätte man aber nicht im selben Saal eine Stunde früher Vogt gehört, man hätte aus ihnen folgern müssen: wissenschaftlich sein heißt langweilig sein. Grundsätzlich gestattete er sich kein Wort, das Begeisterung hätte wecken können, und ich erinnere mich, daß er auf der ersten botanischen Exkursion, die ich mitmachte, mich streng anherrschte, weil ich bei dem Anblick einer Pflanze ausgerufen hatte: „Ach, wie schön!“ — „Herr Chamberlain, die Wissenschaft kennt den Begriff der Schönheit nicht. Eine Pflanze ist entweder gemein oder selten, entweder normal oder pathologisch, entweder landläufig oder interessant; schöne Pflanzen kennen wir Naturforscher nicht.“ Oft mußte ich in seinen Vorträgen das Lachen unterdrücken, wenn er die pedantische Korrektheit der Symmetrie, die er zu seinem eigenen Lebensgesetz erhoben hatte, nunmehr auch von den Pflanzen forderte und z. B. 98 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. den unregelmäßigen Blüten scharfe Zensuren erteilte und herrlich regelmäßige Diagramme auf das schwarze Brett zeichnete, um uns zu überzeugen: so habe es die Natur eigentlich gemeint, und die skandalöse Unregelmäßigkeit erfolge aus einer Art sündenfallmäßiger Verdorbenheit der betreffenden Pflanze. Seine eigentliche Spezialität waren die Flechten; während ich in Genf weilte, erhielt er von den Regierungen Englands, Frankreichs und Rußlands größere Sammlungen aus den Polargegenden, aus Afrika und aus Zentralasien zur Untersuchung zugesandt. Die damals noch ziemlich neue Lehre — heute können wir sagen Entdeckung — der Symbiose durch Thuret, welche behauptete, die Flechten seien keine ursprünglichen Wesen, sondern entstünden aus der Vergesellschaftung von Pilzen und Algen, brachte Müller außer Rand und Band; denn sein Lebenswerk, nämlich die Systematik der Lichenes, schien ihm dadurch gefährdet. Das war die einzige Gelegenheit, bei der er die Selbstbeherrschung verlor; darum gefiel er mir in diesen Augenblicken am besten und suchte ich immer dabei zu sein, wenn er einzelne bevorzugte Schüler zu sich zum Tee einlud, du er es nie versäumte, uns unter stärksten Vergrößerungen Präparate vorzuführen, aus denen hervorgehen sollte, daß die Pilzschläuche die angeblichen einzelligen Algen hervorbrächten. Das war ja alles ganz interessant, aber ohne weitere Bedeutung. Anders verhielt es sich mit Marc Thury, der über Anatomie und Physiologie der Pflanzen las und also im engeren Sinne des Wortes mein Lehrer hätte sein sollen. Gewiß war Thury nicht ein Gelehrter, den man den fachmännischen Leistungen nach mit Vogt, Graebe und Fol hätte in eine Reihe stellen können; doch war er so durch und durch eigenartig, so lauter, so gänzlich außerhalb alles Konventionellen, daß er hierdurch Bedeutung gewann und als Persönlichkeit Verehrung verdiente. Er wäre wert gewesen, von Dickens mit Humor und Liebe geschildert zu werden, und gewiß hätte ihn Chodowiecki gern gezeichnet, wie er, den breiten Schlapphut in der Hand, den struppigen Bart im Winde fliegend, dahergerast kam, ganz in Gedanken versunken, oder aber — denn auch das habe ich erlebt — wie er am Rande des Straßengrabens im Staube auf dem Bauch lag, unbekümmert um die vorbeiziehenden Menschen, Wagen, Omnibusse, und eine Stunde lang oder noch länger regungslos irgendein 99 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. Wassertierchen am Werke belauerte. Der Mann hatte für mich in meiner besonderen damaligen Lage nur einen Fehler — leider aber ein Kapitalfehler: er war nicht Botaniker! Thury war von Hause aus Physiker, Mechaniker, Ingenieur und Astronom, und haben auch seine Interessen — zum Teil auch seine Arbeiten — fast alle Zweige der Naturwissenschaften umfaßt, ja, darüber hinaus noch Theologie, Sozialpolitik, Spiritismus usw., so blieben doch jene mathematischen Wissenschaften sein Hauptfach. Außerhalb seines Vaterlandes dürfte er am bekanntesten sein als wissenschaftlicher Förderer der Uhrenfabrikation; namentlich ist die Durchführung des einheitlichen Schraubengewindesystems in den Werkstätten der Schweiz in erster Reihe sein Verdienst; auch zu der deutschen Konferenz des Jahres 1892 in München über diese, so schwierige Probleme der Mathematik und der Mechanik umfassende, Frage hat er eine Arbeit geliefert, die hoch geschätzt wurde. Noch manches hat er auf dem Gebiete der Feinmechanik geleistet — mit Rücksicht auf optische und elektrische Apparate, auf Seismographen, auf Luftpumpen, wertvolle Untersuchungen hat er über die physikalischen Eigenschaften vieler Metalle und Metalllegierungen ausgeführt; diese Arbeiten sind in wissenschaftlichen oder technischen Zeitschriften der Schweiz zerstreut. Und da ich nun einmal beim Aufzählen bin und Ihnen gern eine Vorstellung von der Vielseitigkeit des merkwürdigen Mannes geben möchte, so füge ich hinzu: er hat, außer Beiträgen zur Geographie des Mondes und Jupiters, außer Studien über die Pyramiden, über Grenzfragen der Naturphilosophie (z. B. über den Begriff der Individualität bei den Pflanzen) und namentlich auch über Fragen, die an dem Punkte entstehen, wo Naturwissenschaft, Philosophie und Religion sich alle drei berühren, sowie außer zahlreichen Beiträgen zur Förderung seines zugleich sozialistischen und christlichen Ideales, auch allerhand Beobachtungen über Tiere und Pflanzen angestellt, und früher als Kölliker und ohne Schopenhauer zu kennen, hat er eine Theorie der generatio ex utero heterogeneo aufgestellt, die von Darwin irgendwo erwähnt sein muß, sowie eine noch bekanntere Hypothese über die Entstehung der beiden Geschlechter — ein Werkchen, das 1863 unter dem Titel: Mémoire sur la loi de production des sexes chez les plantes, les animaux et l'homme in Genf erschien und mehrere Übersetzungen, u. a. auch ins Deutsche, erlebte. Um diese 100 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien. letzte Arbeit gruppieren sich eine Reihe einzelner Studien zu der selben Frage; die eine finden Sie in Darwin's Descent of Man angeführt. Höchst originell ist es, daß er bei dieser Hypothese von den Pflanzen seinen Ausgang nahm — nicht bloß bei der Darstellung, sondern, wie ich es aus seinem eigenen Munde weiß, auch in der Reihenfolge seiner Experimente. Er nahm Phanerogamen, bei denen die männliche und die weibliche Blüte getrennten Stöcken angehören, sorgte für die Isolierung der weiblichen und bewirkte die künstliche Bestaubung zu verschiedenen Zeiten, — d. h. in gewissen Fällen sofort nach dem Öffnen der weiblichen Knospen, in anderen Fällen später, und in noch anderen erst kurz vor dem Abblühen; die erzielten Samen wurden sorgfältig getrennt gezogen. Es ergab sich nun, daß, wo die Befruchtung unmittelbar nach dem Aufblühen stattgefunden hatte, eine weit größere Verhältniszahl an männlichen Standen entstand als sonst; umgekehrt wogen die weiblichen beträchtlich vor, wenn die Bestaubung sehr spät erfolgt war. Das hier gefundene Gesetz war er nun kühn genug, auf die Vertebraten anwenden zu wollen, veranstaltete darüber Versuche auf den Kuhweiden der Schweizer Alpen und langte mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, die ihm eigen war, schließlich beim Menschen an... Voriges Jahr erhielt ich die Schrift eines deutschen Patrioten zugeschickt, die auf Thury's Lehre verweist, damit uns recht viele Buben geboren werden! Schon die Schilderung dieser Vielseitigkeit wird Sie erraten lassen, daß dem Professor Thury wenig Muße übrig geblieben sein kann für fachmäßiges Arbeiten auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie. Es blieb ihm aber noch weniger, als Sie vermuten könnten. Denn die Stadt Genf, die auf Grund der Braunschweig'schen Erbschaft sich auf vielseitige Unternehmungen eingelassen hatte, war zu meiner Zeit schon in die Lage manches blühenden Erben geraten und besaß statt Millionen lastende Schulden; deswegen knauserte sie überall nach Möglichkeit, und nirgends mehr als an ihrer Universität; ein Ordinarius mußte vermögend sein, um ohne Nebenverdienst von seinem Gehalt leben zu können. Nun besaß aber Thury eine Gattin und dreizehn lebende Kinder, war von Hause aus unbemittelt und hatte es bei seiner reinen Weltfremdheit — und trotz einer Reihe von nützlichen Erfindungen auf mechanischem Gebiete — nie verstanden, oder grundsätzlich verschmäht, 101 III. Meine Naturstudien. Universitätsstudien - Untersuchungen über den Wurzeldruck. sich Renten zu schaffen. Seine Tage galten also dem redlichen Verdienen des Notwendigen. Er war Lehrer der Naturgeschichte in allen ihren Zweigen an den berühmten, höheren Mädchenschulen Genfs und lehrte dort — wenn ich nicht irre — auch höhere Erdkunde und politische Ökonomie. Die übrigen Stunden des Tages beanspruchte ein interessantes, aber zeitraubendes Amt: Thury war beratender Ingenieur bei der bekannten „Genfer Gesellschaft für den Bau von wissenschaftlichen Präzisionsinstrumenten“; öfters habe ich ihn dorthin begleitet und war erstaunt über die Fülle der Fragen, die an ihn herantraten, und über die Schlagfertigkeit seines Wissens; doch manchmal mußte er zu stundenlangen Berechnungen und Beratungen dort verweilen. Und kam nun endlich der Abend, wo war dann unser lieber Thury anzutreffen? In seinem eigenhändig errichteten Observatorium, an dem von ihm selbst konstruierten Refraktor, emsig den „orangefarbigen Fleck“ auf Jupiter mit feinsten Mikrometervorrichtungen messend. So sah mein Lehrer der Pflanzenphysiologie aus! 102 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. graph, der mit näselnder Yankeestimme einen New Yorker Gassenhauer hinausbrüllte, den ich nie mehr loswerden konnte:
Das Wintersemester 1881—82 war schon längst angegangen. als ich nach Genf zurückkehrte. Noch vor meiner Abreise nach Paris war mit Graebe vereinbart worden, daß ich unter seiner Leitung in seinem Laboratorium meine Doktorarbeit machen sollte. Graebe nämlich, der mir wirkliches Interesse bezeigte, redete mir zu, das Doktorexamen sobald als möglich loszuwerden und mich dann an irgendeine deutsche Universität zu begeben, wo ich in aller Seelenruhe mich wissenschaftlichen Arbeiten würde hingeben können. „Was die Kenntnisse anbelangt,“ sagte er mir, als ich ihm am Tag nach der Baccalauréat-Prüfung auf der Straße begegnete und diese Angelegenheit mit ihm besprach, „so hat Ihr Examen gezeigt, daß Sie ohne Frage schon jetzt über diejenigen verfügen, die zum Doktor gefordert werden. Kommen Sie nur zu mir, ich suche eine entsprechende Aufgabe für Sie aus, und heute übers Jahr ist die Sache erledigt.“ Ich trat also nach meiner Rückkunft sofort bei Graebe wieder ein und sollte mich erst einige Wochen in der Kunst der organischen Verbrennungsanalysen vervollkommnen, um dann irgendein Problem der Pflanzenchemie vorzunehmen, das ich Ihnen jetzt nicht näher zu bezeichnen wüßte; wenn ich nicht irre, bezog es sich auf die Pflanzenfette einer bestimmten botanischen 103 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. Familie. Nun aber mischte sich die Vorsehung in diese schönen Pläne ein. Vielleicht waren die Nerven von der übermäßigen Arbeit des letzten Jahres ein wenig überreizt; nach kurzer Zeit bekam ich täglich — bald nach Betreten des Laboratoriums — Fieber; die Versuche, dem vorzubeugen, mißlangen; schließlich verlangte mein Arzt peremptorisch, daß ich diese Studien auf später verschiebe. Es war für mich eine bittere Enttäuschung. Um sie zu überwinden, suchte ich Rat bei Thury, gewillt — wenngleich die Universität kein dazu geeignetes Laboratorium besaß —‚ nun doch eine pflanzenphysiologische Arbeit in Angriff zu nehmen. Nach einigem Hin- und Hererwägen beschloß ich, gewisse Fragen, die aufsteigende Bewegung des Saftes betreffend, zum Gegenstand neuer Untersuchung zu machen: es handelte sich um den sogenannten W u r z e l d r u c k. Bekanntlich wird die Zufuhr des Wassers von unten nach oben bei unseren Landpflanzen in der Hauptsache durch die Transpiration der Blätter (mittelbar oder unmittelbar) bewirkt; wie Goethe es ausdrückt:
104 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. gestattet, so vorzüglich funktionierte, daß tagelang die Temperatur zwischen Maximum und Minimum um nicht einen Grad Celsius schwankte. Thury war die Freundlichkeit selbst und geizte nicht mit Ratschlägen; freilich mußte ich, um diese zu erhalten, ihn auf der Straße abpassen; diese Beratungen fanden gewöhnlich mitten im Abendgewühle der Schul- und Fabrikschlußstunden statt, sehr selten nur konnte er es ermöglichen, zu mir auf einen Sprung hinaufzukommen; von einer wirklichen Leitung seinerseits konnte keine Rede sein. Hierzu kam noch ein anderes. Thury legte den größten Wert — in allen Dingen — auf die Originalität der Auffassung; dringend bat er mich, zunächst von der Literatur — außer Hales, Dutrochet und Hofmeister — keine Kenntnis zu nehmen, sondern mich möglichst frei nach eigener Art in den Gegenstand einzuarbeiten. So hatte er es selbst immer gehalten. Sie begreifen aber leicht, daß eine solche Methode für die schnelle Erledigung einer Doktordissertation nicht gerade günstig sein kann. Diese Methode, verbunden mit jener besonderen Gewissenhaftigkeit und Peinlichkeit, von denen ich am Anfang dieses Briefes sprach, führten richtig dazu, daß ich den Grundriß des von mir zu Leistenden zu breit anlegte und mich immer mehr in den Wahn hineinlebte, etwas Erschöpfendes leisten zu können und zu sollen. Vor einem solchen Fehler hätte mich Graebe bewahrt und mich auf die Erledigung des Bruchstückes eines Bruchstückes hingewiesen, das Weitere der Zukunft überlassend; so aber geriet ich ins Uferlose. Ein Beispiel. Es ist von Wert, einzelne Versuche über den Wurzeldruck mit Pflanzen anzustellen, die anstatt in der Erde, im Wasser auferzogen sind; dies ist aber eine Kunst für sich und für einen vereinzelt arbeitenden Forscher eine sehr mühsame und zeitraubende: ich habe sie so gut bewältigt, daß Boissier mir versicherte, er habe nie und nirgends ähnliche Erfolge gesehen; so wuchsen z. B. meine in Wasser gezogenen Erbsen und Bohnen bis an die Decke und bildeten dort rankende Lauben; nicht weniger üppig gedieh mein Mais. Nun kam ich aber unmittelbar aus der Chemie, und so war es nur natürlich, daß ich der verschiedenen Zusammensetzung möglicher Nährlösungen eifrige Aufmerksamkeit widmete und um so mehr auf allerhand Spuren hinausgelockt wurde, als sich bald herausstellte, daß das unterschiedene Wachstum der Wurzeln in den chemisch verschiede- 105 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. nen Lösungen auf die Beförderung des Saftes nach oben bedeutenden Einfluß ausübe. Wieder, wie Sie sehen, eine Frage für sich, und zwar eine grenzenlos verwickelte! Dabei aber für mich damals insofern eine unfruchtbare Bemühung, als die bloße Tatsache des im Wasser Wachsens den speziellen Wurzeldruck dermaßen herabsetzt, daß solche Pflanzen für die Frage der Beziehungen zwischen Druckhöhe und Saftmenge, die ich besonders ins Auge fassen sollte, jedenfalls nur nebenbei in Betracht kommen können. Zwar hatte ich mich durch diese umständlichen Wasserkulturversuche belehrt, doch in bezug auf das nächste Ziel viel Zeit und Arbeitskraft verschwendet. Diese eine Abschweifung erwähne ich als Beispiel; es gab ihrer noch eine Reihe. So vergingen denn Wochen, Monate, ja, Jahre — und noch immer war ich eifrig an der Arbeit. Erst im Frühling 1884 fühlte mich wirklich fest im Sattel; denn nunmehr hatte ich Pflanzen ausfindig gemacht, die sich zu langanhaltenden Versuchen eigneten — was von der Energie des Druckvermögens abhängt sowie von gewissen Eigenschaften der Stengelgefäße, wodurch diese nicht in Fäulnis geraten: namentlich Senecio mikanioides zeichnete sich in beiden Beziehungen aus. Auch hatte mich die allmähliche Vervollkommnung eines für diese Versuche ausgesonnenen, eigenartigen Manometers auf eine Reihe bestimmter Fragen gebracht, die keiner meiner Vorgänger sich — in Ermangelung eines solchen Instrumentes — hätte stellen können; sie führten zu unerwarteten Ergebnissen. Um nur das eine zu nennen: es gelang mir, einwandfrei nachzuweisen, daß der Druck von unten nach oben nicht — wie bisher vorausgesetzt — eine durch ein einziges Experiment festzustellende Größe sei, sondern daß er mit dem Druck von oben nach unten — mit anderen Worten je nach dem Widerstand — wachse und abnehme: steigt der Widerstand, so steigt auch der Wurzeldruck; wird der Widerstand geringer, so nimmt auch die Stoßkraft des Wurzeldruckes ab. Es gelang mir z. B., Pflanzen, die sofort nach der „Köpfung“ am Stengelquerschnitt Wasser nicht bloß nicht ausstießen, sondern energisch einsogen, durch beständige Wiederherstellung des Drucknullpunktes in kurzer Zeit dahin zu bringen, daß der Druck von unten nach oben einsetzte und nach und nach eine nennenswerte Energie entwickelte. Ebenso konnte ich aber umgekehrt einen 106 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. energischen positiven Wurzeldruck nach Belieben unterbrechen oder in einen negativen umwandeln: es genügte, die Widerstandskraft anhaltend zu vermindern. Sie begreifen als Biolog sofort, welche Menge neuer Fragen sich hiermit dem Blick eröffnete. Ich beabsichtige nicht, diesen Brief dazu zu mißbrauchen, noch einmal im Leben das liebe alte Steckenpferd zu besteigen; Sie finden alles in meinem Werk: „Recherches sur la sève ascendante“, mit Abbildungen der Instrumente, mit Tausenden von Beobachtungen und mit veranschaulichenden Kurven; sollten Sie es nicht kennen, so stelle ich Ihnen das letzte Exemplar zur Verfügung. Hier genügt es, wenn ich Sie durch diese kurzen Mitteilungen habe empfinden lassen, in welche frohe, erregte, ja leidenschaftliche Stimmung wissenschaftlichen Erforschens der Natur ich — als Lohn für die grenzenlosen Bemühungen — nach und nach hineingeraten war. Leider aber — und trotzdem ich jetzt das zu untersuchende Problem scharf erfaßte — war ich noch keineswegs von der bösen Neigung zu weiteren grenzenlosen Anforderungen an mich selbst geheilt: hatte ich mich in den Anfängen meiner Arbeit nach allen Seiten hin in die Breite verirrt, so sündigte ich jetzt durch eine alle Maße übersteigende Anspannung der Beobachtung. Die viel zu große Kürze der Beobachtungsreihen meiner Vorgänger hatte — wie oben angedeutet — durch die Entdeckung besonders geeigneter Pflanzen Abhilfe gefunden; nunmehr galt es, einen zweiten Fehler — die viel zu selten wiederholten Ablesungen, aus denen oft sehr unzuverlässige Kurven abgeleitet wurden — ebenfalls zu vermeiden, und dies hing vom alleinigen Willen ab. In gewissen Versuchsreihen habe ich nicht nur alle Stunden, sondern alle paar Minuten, manchmal alle Minuten beobachtet: wer einige Übung im peinlich genauen Ablesen der Meniskushöhe auf fein eingeteilten Skalen besitzt, weiß, welche Zumutung an Auge und Hirn hiermit gestellt wird. Das Allertollste aber war folgendes. Mir hatte bei meinen Vorgängern namentlich mißfallen, daß die Nacht leer ausging und höchstens durch eine auf dem Papier großartig sich ausnehmende, in Wirklichkeit aber rein imaginäre Kurve vertreten war. Wie soll man über Naturerscheinungen urteilen, außer man kennt sie durch Beobachtung? Zwar liegt die Voraussetzung nahe, daß manche vegetativen Vorgänge in den Nachtstunden ruhen mögen; doch g e w u ß t kann das nur werden, wenn 107 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck. es nachgewiesen ist: es genügt nicht, daß ich mit den Italienern zu meinen Instrumenten spreche „felicissima notte!“ und nun Feierabend mache, in die Kneipe gehe, und mich dann in mein Bett trolle. Und so legte ich mir das Gesetz auf, selbst abends und nachts nie mehr als höchstens vier Stunden zwischen zwei aufeinanderfolgenden Ablesungen an den verschiedenen unter Beobachtung stehenden Pflanzen verstreichen zu lassen. Hatte ich z. B. abends um 11 Uhr mein Laboratorium verlassen, so stellte ich den Wecker auf 3 Uhr, und früh um 7 war ich wieder an der Arbeit; die folgende Nacht gönnte ich mir dann das Schlafengehen schon um 9 Uhr, dafür stand ich aber um 1 Uhr nachts wieder auf und noch einmal um 5. Und so weiter. Zu dem Zusammenbruch meiner Nerven im Herbst 1884 mag diese beständige Störung des Schlafes viel beigetragen haben; Sie wissen aus Erfahrung, wie vollkommen wach der Mensch sein muß, um solche feinen Arbeiten zu verrichten; und war ich einmal so weit, so kam es nicht selten vor, daß ich auch mitten in der Nacht ganze Reihen vergleichender Versuche anstellte. Dabei war in jener Epoche mein Geist so unheimlich rege, daß ich außer vielem Lesen allerhand Studien trieb, von denen namentlich zwei mir Hirn und Herz erfüllten: die eine galt der reinen Philosophie — namentlich Kant's, die andere der Erlernung der Harmonie und des Kontrapunktes. Damit nicht genug, mußte außerdem mein friedlicher, der Wissenschaft und der Kunst geweihter Lebensgang in stürmisches Fahrwasser geraten. Ich habe nicht vor, Ihnen mit Bekenntnissen über diese Dinge lästig zu fallen; doch liegt mir daran, zu betonen, daß, nach meiner festen Überzeugung, ich auch dem geschilderten Übermaß der geistigen Arbeit gewachsen gewesen wäre, hätten nicht schwere Schicksalsprüfungen, die damals Schlag auf Schlag mich trafen, und bittere Seelenschmerzen das Gemüt tief erschüttert.... Eines Nachmittags im Frühherbst des Jahres 1884 saß ich im Garten beim Tee — da wankt |