HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

LEBENSWEGE MEINES DENKENS

Kapitel 3

Lebenswege meines Denkens
 

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Seite 001—062: Kapitel I & II, Meine herkunft / Meine Erziehung
Seite 063—156: Kapitel III. Meine Naturstudien
Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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III.

MEINE NATURSTUDIEN

BRIEF AN BARON J. VON UEXKÜLL

LEHREN LASST SICH DIE NATUR
NUN EINMAL NICHT, MAN MUSS
SIE SELBST ANSCHAUEN
von  U E X K Ü L L
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65 III. Meine Naturstudien. Zur Einführung.

Hochverehrter Herr Baron!

Julius Wiesner — der kürzlich der Wissenschaft entrissene Pflanzenphysiolog, welcher, schwer leidend, in seinem Krankenstuhle weiterarbeitete und verschiedene neue Ausgaben sowie ein neues wichtiges Werk noch in letzter Stunde abschließen konnte — Julius Wiesner hat wenige Wochen vor seinem Heimgang sich die Zeit genommen, einen kleinen Aufsatz zu verfassen: Notizen über Houston Stewart Chamberlain; ob die Absicht besteht, ihn früher oder später zu veröffentlichen, weiß ich nicht. Die Wärme und Lebhaftigkeit dieser Erinnerungen hat mich stark beeindruckt und eine Anzahl verschütteter Lebens- und Gedankenspuren wieder aufgedeckt, die mich zur Besinnung über die eigenen Wege veranlaßten und zu dem Wunsche, einige Übersicht über sie zu gewinnen. Das hatte ich mir in der Form einer schriftlichen Zwiesprache gedacht mit dem edlen, gütigen Freunde, den seine Briefe mir noch im Juli des vergangenen Jahres in so voller geistiger Frische und Tätigkeit zeigten, daß ich über die Nähe des Endes getäuscht wurde. Eigene Leiden verzögerten die Ausführung dieser Absicht, und nun ist der seltene Mann dahin, der — nicht vielleicht auf mein   D e n k e n   über die Natur, wohl aber auf mein   E r b l i c k e n   und   E r f o r s c h e n   — Einfluß wie kein anderer besaß; er kann mir nicht mehr wie früher mit der unvergleichlichen Bescheidenheit erwidern, der doch stets die richtunggebende Bedeutung des umfassend sicheren Wissens und des unbestechlich reinen Folgerns innewohnte, und ich kann ihm nicht mit dem Freimut und der Ehrfurcht entgegentreten, die er mir einflößte, und durch die unsere Unterhaltungen für mich einzig fördernde Kraft gewannen. Mir ist es aber nicht gegeben, wie dem Deutschen der berühmten Kamel-Anekdote, aus den Tiefen des eigenen Bewußtseins Gestalt zu gebären; auch bei meinen Büchern habe ich immer bestimmte Leser vor Augen gehabt, zu denen ich redete, — so z. B. bei den Grundlagen wissenschaftlich gebildete, frei gesinnte, unparteiisch urteilende, christlich gerichtete Männer nach Art Julius Wiesner's, dem ich sie darum widmete; namentlich eine das eigene Ich betreffende Untersuchung, wie die vorliegende, wäre unfähig, meine Aufmerksamkeit zu fesseln, stellte ich mir nicht einen anderen vor, der sie belangreich findet, indem sie ihm neue Ge-

66 III. Meine Naturstudien. Zur Einführung - Allgemeines.
dankenverbindungen anregt, die wiederum mein Verständnis bereichern. Aus einem solchen Hin und Her entsteht eine Lebenskurve statt der toten geraden Linie, und damit auch Wahrheit an Stelle von künstlicher Folgerichtigkeit. Und so schätzte ich mich glücklich, als mitten in meinem Schmerz um den unersetzlichen Verlust Wiesner's mir eines Tages, verehrter Freund, Ihr Auge im Gedächtnis entgegenstrahlte — so heiter, so zuversichtlich, so voll „Beschauung“ wie kein anderes, dem ich je begegnete, ein Auge, das ich mit einer Seeanemone vergleichen möchte, die mit tausend Tentakeln die vorbeischwebenden Gegenstände sanft umfaßt und sie mit stiller Unüberwindlichkeit zu sich hineinzieht.... Ja, zuerst dachte ich an Ihr Auge; später fielen mir Ihre biologischen Arbeiten ein, die ich, wie Sie wissen, leidenschaftlich bewundere; schnell war mein Entschluß gefaßt, Sie zum Beichtvater zu erwählen. Sie, der Sie über Die Umwelt und Innenwelt der Tiere ein köstliches — meiner Überzeugung nach klassisch-unvergängliches — Werk geschrieben haben, werden auch meiner Umwelt und Innenwelt Ihre Teilnahme nicht versagen.

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    Bezüglich meiner Umwelt möchte ich gleich im voraus auf zwei Umstände aufmerksam machen, die beide das Bild der Natur in meinem Geiste dauernd beeinflußt haben; der eine entspringt meinem Körperbau, der andere meinem Lebensschicksal: ich bin kurzsichtig, und ich bin vorwiegend Stadtbewohner gewesen. Was läßt sich nicht alles aus diesen zwei Tatsachen ableiten! Namentlich wenn man bedenkt, daß sie sich gleichsam addieren, indem Städtersein ein anderes Wort für Kurzsichtigsein — der Natur gegenüber — bedeutet; denn, wie Goethe bemerkt, „der Mensch sieht nur, was er kennt“, und der auf dem Lande Aufgewachsene erblickt tausend Dinge in der Natur, an denen der Städter achtlos vorübergeht, weil sie in seiner Merkwelt nicht anklingen. Der Physiolog macht uns auf den „blinden Fleck“ im Auge aufmerksam; wessen Dasein zwischen einförmigem Mauerwerk verfließt, der tritt mit tausend blinden Flecken in die unendliche Mannigfaltigkeit des wahren Alls hinaus. Freilich hängt die besondere Wirkung derartiger Beschränkungen

67 III. Meine Naturstudien. Allgemeines.
von den eingeborenen Anlagen ab. So besaß z. B. unser geliebter Don Quixote ein sehr kurzsichtiges Auge — anders sind viele seiner Abenteuer gar nicht zu verstehen; bei ihm blühte aber nur um so üppiger die Phantasie auf, als das ungenaue Sehen sie in die Lage versetzte, die nüchterne Wirklichkeit verklärend eigenwillig zu gestalten. Meine Kurzsichtigkeit und meine Phantasie halten sich in weit mäßigeren Schranken als die des edlen Ritters; immerhin genügt meine Kurzsichtigkeit, die Ästhetik meiner Welt nicht unbedeutend zu erhöhen, indem manches Unerfreuliche ungesehen bleibt und vieles Häßliche unterwegs verschönert wird. Was aber im sozialen Leben einen Vorteil bedeutet, bietet bei dem Studium der Natur manche Nachteile oder wenigstens Bedenklichkeiten. Dem Kurzsichtigen drohen zwei einander diametral entgegengesetzte Gefahren; denn einmal erblickt er Umrisse lebhafter und entdeckt infolgedessen Ähnlichkeiten schneller: daher seine Neigung zu Verallgemeinerungen und Vereinfachungen, die leicht übers Ziel schießen; auf der anderen Seite aber genießt er beim Mikroskopieren und bei vielen mechanischen Hantierungen entschiedene Vorteile und kommt leicht dazu, sich ins Allerkleinste zu verlieren, damit zugleich ins Allerkünstlichste, so daß eine liliputanische Natur- und Weltauffassung dabei herauskommt. Für beide Fälle könnte ich namhafte Forscher als Beispiele nennen, wäre ich nicht überzeugt, daß Ihnen zahlreiche sofort einfallen. An mir selber habe ich beide Gefahren kennen gelernt: ging ich ins Einzelne — z. B. bei der Analyse einer fragwürdigen Pflanzengestalt oder bei physiologischen Versuchen — so verfiel ich fast immer in übertriebene Sorgfalt und in grenzenlose Forderungen an die Gewissenhaftigkeit, was Erschöpfung meiner Kräfte zur Folge hatte; richtete ich dagegen den Blick in die Ferne, so entschwand diese zersplitternde scheidende Zellenstruktur, und es schossen einheitliche Gestalten auf allen Seiten hervor, die sich von Stufe zu Stufe untereinander zu neuer umfassender Gestalt verbunden zeigten, bis die Einheit der Natur, wenn auch nicht erblickt, doch als dringende Forderung empfunden wurde — wobei ich mich oft fragen mußte, wieviel hieran Beobachtung oder wenigstens echtes Naturgefühl, und wieviel etwa nur despotische Forderung des Geistes sei, der vielleicht nicht minder „kurzsichtig“ vereinfachte als das Auge.

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    Diese Tatsachen und Erwägungen stelle ich bloß vor Ihr Freundesauge hin; die Selbstbeschau im Sinne einer Autopsie halte ich für unmöglich; es genügt, wenn ich treu vermelde, was ich an mir beobachtet habe — der ich doch der Mittelpunkt aller  m i r   erreichbaren „Natur“ bin: die Schlüsse daraus mag der Biolog ziehen.
    Inwiefern der lange Aufenthalt in großen und größten Städten auf diese Anlage gleichsam wie ein Unterstreichen wirken mußte, liegt auf der Hand. Folgende zwei Punkte verdienen aber Beachtung. Erstens, wie Sie gleich erfahren werden, habe ich zwischen dem fünfzehnten und dem dreiundzwanzigsten Lebensjahre ununterbrochen in der Natur gelebt, und zwar abwechselungsreich in verschieden gestalteten großartigen Umgebungen: ich bin der Meinung, daß dieser etwa achtjährige Lebensabschnitt auf meinen Geist und seine Weltanschauung von richtunggebendem Einfluß gewesen ist, indem er mir nicht bloß viel Stoff sowie unauslöschliche Eindrücke zuführte, sondern mich überhaupt   s e h e n   lehrte — eine Kunst, die nie mehr verloren geht. Auch ein zweiter Umstand ist der Beachtung wert: als die Stadt mich wieder hatte — zuletzt während eines Menschenalters die Weltstadt — so entrann ich ihrer abstrakten Wüstenei fast nur, um eindrucksvollste Umgebung aufzusuchen; meine „Natur“ war also beinahe immer eine großartige, gewaltige. Hieraus entstand eine eigenartige, tief eingreifende Wirkung.
    Lassen Sie mich das, was ich andeuten möchte, durch einen Vergleich veranschaulichen.    Vor zwanzig Jahren brachte ich einmal einige Stunden in der Nähe Hans Thoma's zu: eine Zeitlang auf einer Höhe im Freien, zu Füßen Wiesen und Kornfelder, ringsherum Hügellandschaft von der Julisonne beleuchtet, dann aber an langen Tischen in Gastwirtschaftsräumen, wo Hunderte von Menschen ein- und ausströmten, darunter manche, wert die Aufmerksamkeit zu erregen. So hatte ich Gelegenheit, den großen Maler zu beobachten, und tat es auch unausgesetzt, da ein Zug an ihm mich geradezu faszinierte. Sitzend im belebten Saale oder auf und ab gehend in der freien Natur — das Auge Thoma's blieb fast beständig gesenkt, und wenn auch nicht immer buchstäblich gesenkt, so doch nach innen gekehrt, als erblicke es außen nichts und sei es in die Beschauung schöner Bilder im Innern vertieft; plötzlich aber — und zwar in gleicher Weise draußen

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vor der Landschaft wie drinnen beim einzelnen Menschen — plötzlich öffnete sich das Auge oder vielmehr der Blick (denn das Auge war nicht geschlossen gewesen, sondern nur wie abgeblendet) und strahlte mit unglaublicher Kraft Licht aus; nur ein Nu aber dauerte dieser Aufblick, dann senkte sich von neuem die Richtung ins Innere zurück. Ich hatte den Eindruck eines so ausschöpfenden Erschauens, daß ein langes Hinsehen nicht möglich, außerdem unnötig gewesen wäre; denn dieser eine Blick hatte offenbar den Gegenstand sich vollkommen angeeignet, und jetzt sah ihn Thoma in seinem eigenen Innern wahrscheinlich besser, reiner, den Bedürfnissen seines Geistes gemäßer als durch wiederholtes Ansehen zu erreichen gewesen wäre. Nunmehr verstand ich auch erst, warum dieser Meister — im Gegensatz zu der französischen Schule, aus der er hervorgegangen ist — ungern nach der Natur malt; das ist einfach ein Gebot seiner Physiopsyche: die dauernde Gegenwart des Gegenstandes ermattet sein Sehen. Wie der Musiker seine Tongestalten nur aus der lautlosen Stille zu gebären vermag, so erschafft Thoma's Auge aus dem Reichtum der aufgespeicherten inneren Fülle. Nebenbei gesagt, erkläre ich mir aus diesem selben Phänomen die eigentümliche Härte seiner meisten Bildnisse: das Modell vor Augen zu sehen, hat seine schöpferische Kraft herabgesetzt.

   Ohne nun die entfernteste Analogie mit Thoma zu besitzen, hoffe ich, es soll mir vielleicht gelungen sein, durch diese Beobachtung etwas faßlich zu machen, wozu sonst viele Worte kaum ausgereicht hätten: entkam ich nach langen Monden zwischen blinden Stadtmauern in Wald und Gebirg, an Seen und Meer, zu freiem Sternenhimmel und wimmelnder Gestaltenwelt, so wirkte das auf meinen Geist etwa wie ein Aufblicken jenes Auges; mit Heißhunger sog ich Eindrücke ein; und schlugen gar bald wieder die Stadttore hinter mir zu — ich hatte Nahrung auf lange hinaus zum Sinnen und Nachsinnen mitgenommen, und es ist nicht unmöglich, daß ich bei anderen Lebensbedingungen die Natur weniger leidenschaftlich geschaut und mich weniger tief in das Nachdenken über sie versenkt hätte.

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    Als Kind wuchs ich in Versailles auf, einer damals zwar — trotz einer Garnison von 10 000 Mann Gardetruppen — halb ausgestorbenen, nicht sehr volkreichen Stadt, dafür aber einer unverhältnismäßig ausgedehnten, für Kinderbeine unentrinnbaren. „Natur“ war für mich Ludwig des Vierzehnten Schloßpark, wo man Alleen entlang wandelte, rechts und links bis zum Boden herab von graden Blattwänden begrenzt, und seltene Koniferen anstaunte, zu Pyramiden, zu Kugeln, zu allerhand phantastischen Ungestalten gewaltsam gezogen und zugeschnitten, dazwischen allenthalben ein nach Tausenden zählendes, schweigend erstarrtes Heer mythologischer Marmorfiguren, reichlich mit Moospatina überzogen; als Glanzpunkte die zahlreichen Springbrunnen mit Gruppen von fabelhaften Wasserungeheuern und bezaubernden Meeresgöttinnen. Blumen sah man keine, nur große, geradlinig eingerahmte Rasenflächen, schön glatt unterhalten und für uns Kinder der Inbegriff des „Unbetretenen, nicht zu Betretenden“. Nur ein- oder zweimal in den Sommermonaten verließ meine Großmutter das Haus; in einer schwerfälligen Lohnkutsche ging's in die Wälder hinaus, und ich saß als seliges Bübchen auf dem Bock. Leider übte unsere vorzügliche französische Köchin auf Zweck und Inhalt dieser Fahrten einen verhängnisvollen Einfluß aus: nicht allein aus Lindenblüten, sondern aus allerhand Butterblumenarten, aus Lippenblütlern und Kruziferen, aus Sanguisorben und Augentrost, aus Kamillenverwandten und Kleesorten braute sie heilsamen Tee oder Saft zu lindernden Umschlägen, und die verschiedensten Rispenblüten verwandelte sie in wohlschmeckende Frituren; ich nun, eifrig besorgt, die mitgenommenen Körbe auftragsgemäß angefüllt heimzubringen, lernte den Wald hauptsächlich als Annex der Küche schätzen.
   Wahre Natureindrücke, groß und unauslöschlich, verdanke ich aus jenen frühen Jahren dem Nachthimmel allein. Ewig bleibe ich dem Schicksal dankbar, daß ich den Kometen von 1858 erleben durfte. Zwar war ich soeben erst drei Jahre alt geworden, als dieses im Juni entdeckte Meteor sich uns im September näherte und im Oktober eine Breite von 64 Grad am dunklen Herbsthimmel mit seinem milden und doch strahlenden — für mein „kurzsichtiges“ Auge wie ein lebendiges Herz pulsierenden — Glanz erfüllte. Noch heute, nach fast 60 Jahren, sehe ich den Kometen, als hätte ich ihn

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erst gestern erblickt; ich könnte einen genauen Plan des Zimmers mit drei Fenstern aufzeichnen, an dessen linkem ich allabendlich vor dem Schlafengehen auf einen Stuhl gehoben wurde, um das Himmelsgebilde zu betrachten, und ich erinnere mich des großen Schmerzes, wenn nach kurzer Schau — das Gesichtchen an die Fensterscheiben angeklebt — das Mädchen mich ins Bett abholte. Nie wieder ist aus den Finsternissen des unendlichen Raumes eine mit dem Kometen von 1858 zu vergleichende Zauberlichterscheinung hervorgetreten; wer sie mit empfänglicher Seele betrachten durfte, dem sind gleichsam die Sinne auf immer für die Aufnahme von unerwarteten, dem Alltäglichen widersprechenden Wundern geöffnet worden. Mein ganzes Leben lang hat dieses strahlende Gestirn mir als ein Symbol der unerschöpflichen Naturmöglichkeiten vor Augen gestanden. Drei Jahre später stand wieder ein merkwürdiger Komet am Himmel; doch erschien er zur Zeit der längsten Tage und kürzesten Nächte, so daß er trotz des ungeheuren Schweifes nicht entfernt den Eindruck des früheren in meinem Gedächtnis hinterließ. Wessen ich mich dagegen gut erinnere, ist die Erregung über seine Erdnähe. Daß tatsächlich unsere Erde durch den Schweif dieses Kometen hindurchgegangen ist, wurde, glaube ich, erst später ausgerechnet; doch war die Nähe so groß, daß alle Welt davon sprach und die Kunde davon auch in unser stilles, unwissenschaftliches Heim eindrang. Der protestantisch-kalvinistische Teil unseres Personals regte sich nicht im geringsten darüber auf; zwei katholische Mädchen dagegen, aus der Normandie, gerieten in einen Zustand hysterischen Schreckens, weil sie das Weltende mit seinen Gerichtsposaunen in Anzug wähnten; im Kinder- und Nähzimmer erlebte ich diese Auftritte, geeignet, die Vorstellung eines nahe drohenden Weltunterganges zu wecken.

    Aus diesen frühen Erfahrungen mag wohl die Gewohnheit bei mir entstanden sein, gern und erwartungsvoll zum Nachthimmel emporzuschauen. Ein Brief aus meinem neunten Jahre liegt vor mir: auf einer Eisenbahnreise hatte es zwei Stunden Aufenthalt — von Mitternacht bis zwei Uhr früh — auf dem Bahnhof von Dijon gegeben; alles legte sich im Wartesaal auf den Bänken schlafen; ich aber hatte einen Reisegenossen entdeckt, der sich unter den Sternen auskannte; dieser muß an der Lebhaftigkeit des Buben Freude ge-

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funden haben; er führte mich vom Bahnhof hinaus in den freiliegenden Stadtpark, und in dem großen Schweigen der Nacht zeigte er mir die leichter kenntlichen Sternbilder und nannte einzelne helle Sterne mit Namen; es wirkte auf mich wie die Offenbarung eines ungeahnten, nie auszuschöpfenden Glücksbrunnens; der Brief erzählt den Vorfall schlicht kindlich, doch merkt man die bebende Freude. Nicht lange darauf kam ich nach England in die Schule: dort erwachte wieder die stille Liebe zu den Sternen, trotzdem sie von außen nie die geringste Nahrung erhielt. In Cheltenham College hatten wir Knaben große, sehr hohe Schlafsäle, durch mannshohe Holzwände in sogenannte „cubicula“ eingeteilt, schmale Zellen, eine jede mit Bett, Waschtisch und Kommode, und vorn durch einen Vorhang abgeschlossen; so genoß ein jeder von uns anständige Absonderung, und zugleich übersah der wachthabende Lehrer alles. Neben jedem Bette befand sich ein sehr schmales Fenster, das etwa zweieinhalb Meter vom Boden ab angebracht bis zu einer großen Höhe hinaufreichte — eine echt englische Beachtung hygienischer Erfordernisse. Hatte nun der Lehrer sich überzeugt, daß jeder zu Bett lag, und mit einem lauten „Gute Nacht“ die Türe geschlossen, so dauerte es nicht lange und alles schlief fest; da war in schönen Nächten der freudigste Augenblick des Tages für mich herangekommen: ich kniete auf dem Bette oder stand daneben, zu dem unerreichbar hohen Fenster hinaufgereckt — und   s c h a u t e.   Sie können sich vorstellen, was für ein merkwürdiger Himmelsabschnitt mir vor Augen lag! Ein ganz schmaler hoher Streifen; der Astronom würde sagen: viel Deklination, wenig Rektaszension. Das störte mich zunächst wenig; mir war's fast lediglich um den Sternenglanz an und für sich zu tun — der ja für uns Kurzsichtige weit mächtiger und beweglicher strahlt als für normale Augen. Wissenschaftliche Lernbegier lag mir fern, vielmehr handelte es sich ausschließlich um Sinnenfreude und Seelenergriffenheit. Noch heute ist mir von diesem reinen, ziellosen Genusse beim Anblick der Sterne viel geblieben; damals aber erfaßte er mein ganzes Wesen mit einer unbeschreiblichen Innigkeit und Heftigkeit. Goethe hat es verstanden, die besondere Natur des Sternenlichtes genau zu bezeichnen:

... ein Purpurteppich umgefaltet,
Darauf gesät der Sterne blendend Mildes.

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Dies „blendend Milde“ war es, was mich beglückte und berauschte. In dem Bruchstück einer Lebenserzählung aus sehr frühen Jahren finde ich folgende Stelle über meine Sternguckerei in der Schule; ich übersetze sie aus dem Englischen. „Eine geradezu unbeschreibliche Anziehungskraft übte das Sternenlicht auf mich aus. Die Sterne erschienen mir näher, sanfter, mehr vertrauenerweckend, gefühlvoller — das ist das einzige Wort, das mein Empfinden widerspiegelt — als irgendeiner unter den Menschen, die mich im Schulleben umgaben. Für die Sterne empfand ich wahre   F r e u n d s c h a f t.   Ich unterschied sie einzeln und schloß diejenigen besonders in mein Herz, die mich die zartesten dünkten und die am geheimnisvollsten herabglitzerten. Aber wehe! der Himmel bewegte sich; das mußte mich mein schmaler Fensterstreifen bald lehren; die liebgewordenen Einzelsterne schwanden aus dem engen Fensterrahmen und kehrten auch an den folgenden Tagen nicht wieder. Ich erinnere mich, viel darüber nachgedacht zu haben, ob ich sie je wiedersehen würde, und lebhaften Schmerz empfunden zu haben bei der Besorgnis, sie könnten, wie der herrliche Komet, auf immer entschwunden sein. Da strahlte mir eines Tages aus einer Buchhandlungsauslage das Wort entgegen:   S t e r n k a r t e !   Sobald das Taschengeld reichte, erwarb ich den fieberhaft begehrten Besitz. Die Schwierigkeit war: wie sollte ich davon Gebrauch machen? Ich schmuggelte eine Kerze in mein Cubiculum ein und ersann mir ein Verfahren, den Lichtschein abzublenden. Als dieser Verstoß gegen die Disziplin bald darauf entdeckt und bestraft wurde, hatte ich schon halbwegs heraus, welche Himmelsgegend mein schmaler Fensterstreifen im Augenblick umfaßte, und nunmehr half ich mir Studieren der Karte vor dem Schlafengehen und durch kleine Zettel, auf denen ich Sternbilder mit so riesengroßen Tintenklecksen für die einzelnen Sterne einzeichnete, daß ich sie beim Sternenschimmer unterscheiden konnte. Wegen des begrenzten Sehfeldes nahm meine Kenntnis des Himmels freilich sehr langsam zu, und Nacht um Nacht pflegte ich auf einen mir noch unbekannten Stern zu Warten, der bald auftauchen mußte und den mir meine kleinen Zettelsternbilder viel näher vortäuschten, als er in Wirklichkeit lag. Oft und oft habe ich damals von den erwarteten, noch nie erblickten Sternen und auch von neuen in der Phantasie geborenen Sternbildern
 
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geträumt.“ Soweit die Anführung aus dem Bruchstück, das den Vorzug besitzt, vor mehr als vierzig Jahren geschrieben worden zu sein. Natürlich verließ mich diese Leidenschaft auch in den Ferien zu Hause und später auf meinen Reisen als Jüngling nicht. Genau erinnere ich mich eines Herbstabends in der Schweiz, an dem Aldebaran — den ein hoher im Nordosten gelegener Berg um Wochen verspätet hatte — endlich, endlich vor der strenge eingehaltenen Schlafstunde glorreich wie nur je die Sonne aufging und mit seinem roten Licht vom Himmel Besitz zu nehmen schien; da verlor ich — vor Freude trunken — den Kopf so vollständig, daß ich aus der dunklen Kammer, in der ich beobachtete, in den hellen Salon, wo Familienmitglieder und Freunde saßen, hineinstürzte: „Aldebaran ist da! Aldebaran ist da!“ Keiner wußte, wer und was Aldebaran war; keiner begriff, daß man über einen Stern in Aufregung geraten könne; es endete mit einem schallenden Gelächter über meine verschrobene Narretei. So geringfügig diese Episode erscheinen mag, sie hat doch Einfluß auf mein Leben ausgeübt: aus solchen Erfahrungen erfolgte die Verschlossenheit, die mir nicht angeboren gewesen zu sein scheint, die ich aber später nicht mehr rückgängig zu machen vermochte; ich mußte fühlen: das Kind hatte doch recht, seinem Herzen standen die Sterne näher als die Menschen.    Sie werden mit Recht voraussetzen, daß ich, sobald ich zu Vernunft kam — also etwa vom sechzehnten Jahre an —‚ astronomische Bücher mit Eifer zu lesen begann; später, als Student in Genf, und trotzdem ich mich einem anderen Fache widmete, hörte ich bei Plantamour theoretische Astronomie — leider ohne daß wir Studenten jemals ins Observatorium geführt worden wären; lauter Ziffern und abstrakte Konstruktionen, keine Spur von Anschauung. Mehr als einmal begleitete ich Plantamour nach der Vorlesung heim; bereitwillig beantwortete er alle Fragen, doch forderte er mich ebensowenig wie irgendeinen meiner Kameraden auf, einzutreten; ich glaube, er fürchtete für seine Instrumente unter unseren ungeübten Händen. Über alle diese Dinge eile ich hinweg, denn ich bin überzeugt, das Vorangehende wird für Sie — sowohl als Umwelt wie als Innenwelt — mehr Interesse besitzen als einzelnes über diese Studien, deren Gang von der Stufe der Liebhaberei bis zu der eines wissen-


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schaftlich-exakten allgemeinen Überblicks Sie sich leicht vorstellen können.
    Etwas muß ich aber doch noch hinzufügen, denn es bildet eine wesentliche Ergänzung zu meiner kindlichen Sternguckerei. In Cheltenham pflegte nämlich der zwölf- und dreizehnjährige Knabe die einzelnen Sterne immer wieder und wieder anzurufen: wer bist du? wer bist du? Es war die Stimmung, der Grabbe Ausdruck verliehen hat:

Seid ihr es, Sterne, was die Ahnung sagt,
Die lichten Ufer eines bess'ren Landes?

Dann aber trat er an den kleinen Spiegel, der dem Bette gegenüber an der Holzwand hing und schaute sich selber aus allernächster Nähe in die Augen, indem er einmal übers andere sich eindringlich zuflüsterte: wer bin ich? wer bin ich? Die beiden Fragen schienen ihm verwandt, als könnte die eine die andere aufhellen; die Sterne empfand er damals — wie übrigens noch heute trotz des erdrückenden Zahlenspuks — als dem Herzen nahe, während die Augen immer ferner rückten, je öfter und je heftiger er seine Frage wiederholte: wer bin ich? Beide Fragen blieben ohne Antwort. Die eine war wohl ebensowenig Philosophie als die andere Wissenschaft war? Das mögen Sie, lieber Freund, entscheiden.
    Endlich kam der Tag, wo ein neuer Natureindruck meine Seele ergreifen sollte: zum erstenmal erlebte ich das Erwachen des Frühlings außerhalb der Stadtmauern. Es war der Frühling des Jahres 1871 — mein sechzehntes Lebensjahr. Seit Anfang 1870 von einem peinigenden Nervenleiden befallen, suchte ich auf ärztliche Anordnung, nach einer ergebnislosen Emser Kur, Linderung in der reinen Bergluft der Schweiz. Der Wintergebrauch der Höhenkurorte war damals unbekannt; wir hatten Montreux erwählt, am Genfer See, dem Waadtländischen Mittelgebirge zu Füßen. Als nach einem schneereichen, an Rodelfreuden gesegneten, durch körperliche Leiden nicht wenig qualvollen Winter die Erde die Schätze an Farben und Duft spendenden Blumen, die ihr Schoß verborgen gehalten hatte, plötzlich in das Licht der Frühlingssonne hervorbrechen ließ, da lernte ich etwas kennen, wovon ich zuvor keine Ahnung besaß, und geriet in eine Art Taumel, die ich nur mit Trunkenheit zu vergleichen weiß.

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In diesem Falle fand ich auch in meiner Umgebung Verständnis; denn die gute Tante, die sich meiner Pflege gewidmet hatte, liebte ebenfalls die Blumen und ließ sich gern von meiner jugendlichen Begeisterung zum Überschwang hinreißen. Es gibt wohl wenig Punkte, wo gerade die besondere Mittelgebirgsflora in solcher Üppigkeit gedeiht, wie jener geschützte, die Frühlingssonnenwärme zwischen steilen Wänden aufspeichernde Winkel des Genfer Sees. Ganze Hügel zeigen einen von weitem unbegreiflichen dunkelvioletten oder goldgelben Farbenschein: es sind Veilchen, Primeln und Ranunkeln! In den Lichtungen der Wälder schreitet man auf einem zarten Teppich, gemischt aus Hell-Violett und Weiß: Leberblümchen und Waldanemonen! Etwas später glaubt man die Höhen, trotz der täglich heißeren Sonne, plötzlich von nachts gefallenem Neuschnee bedeckt: Narcissus poeticus — die „mystische“ Blume der Demeter — hat vom Gebirg Besitz genommen und schwängert die Luft dermaßen mit süßem Duft, daß manche Menschen zu fliehen genötigt sind. Auf Schritt und Tritt erregten außerdem mehr vereinzelte Blütengestalten Staunen und Bewunderung; ich nenne aber nur die in unübersehbaren Massen verbreiteten, denn sie waren es, die es mir angetan hatten. Auch hier nämlich regte sich zunächst nicht ein Schimmer von Wissensneugierde; beglückte dort der Sterne Gegenwart und Licht, so tat es hier die Farbe, der Duft, die Gestalt der Blumen. Mit Körben beladen zog ich hinaus und warf mich heftig vor ihnen, wie zur Anbetung, auf die Kniee. Das Pflücken erschien mir nicht als ein Zerstören; wo es anging, nahm ich die Wurzeln mit; zu Hause füllte ich alle Stuben mit Behältern, Tellern, Schüsseln voll Blumen und labte mich weiter an Anblick und Duft. Ich glaube, es lag viel unbewußtes, mystisches Naturgefühl hierin; zwar kann ich mich nicht erinnern, meine Sternenfrage „wer bist du?“ an die Blumen gerichtet zu haben, rückblickend glaube ich aber, das Erwachen der religiösen Ekstase, die mich bald darauf ergriff, und über die ich an anderem Orte gesprochen habe, mit diesen Natureindrücken verwoben. Ich wußte damals von Mystik ebensowenig wie von irgend etwas anderem; ich war so „thumb“ wie nur irgendein Junge von dem Alter — dazu ohne regelrechte Schulbildung — sein kann; aber es ereignete sich an mir, was unser lieber Jakob Böhme sagt: „Du wirst kein Buch finden, da du die göttliche Weisheit

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könntest mehr inne finden zu forschen, als wenn du auf eine grünende und blühende Wiese gehest: da wirst du die wunderliche Kraft Gottes sehen, riechen und schmecken....“
    Keine späteren Natureindrücke — so stark sie auch waren — haben auf mich mit dieser elementaren Kraft gewirkt. Und das kommt wohl daher: ich verlor jetzt die Unschuld des Anschauens. Mein um mich besorgter Hausarzt hatte nämlich mit Interesse die plötzlich erwachte Leidenschaft für die Blumen wahrgenommen; ihm lag daran, daß ich möglichst wenig in der Stube hockte bei buchmäßigen Schularbeiten und möglichst viel mich in der Luft aufhielte — ein Bestreben, das immerfort durchkreuzt wurde durch mein lebhaftes Interesse für die meisten Lehrgegenstände; jetzt glaubte der Arzt, eine Handhabe hiergegen gefunden zu haben und setzte es durch, daß ich Botanik lernen sollte. Mich ließ dieser Vorschlag kalt, denn ich hatte keine Ahnung, was ich mir unter „Botanik“ vorstellen sollte; sehr viel weiser als ich war auch die gute Tante nicht, in deren Händen die Entscheidung lag; und Otto Kuntze, ein junger Kandidat der Theologie, der sich seit kurzem meiner verwahrlosten Bildung annahm, hatte im Stralsunder Gymnasium so blasse Vorstellungen von Naturgeschichte erhalten, daß wir später oft zusammen darüber gelacht haben. Doch der brave Arzt ließ nicht locker, und so mußte Kuntze seine Erinnerungen aufbügeln und einige Wochen, während welcher das Scharlachfieber mich ans Bett fesselte, zu einem atemlosen Studium des Linné'schen Systems und zu einer Umschau unter den häufigeren einjährigen Blütenpflanzen ausnutzen, wobei ihm zustatten kam, daß wir im Hause eines Apothekers wohnten, der seine Fachkenntnisse auf diesem Gebiete gern zur Verfügung stellte. Als ich mich genügend erholt hatte, wurde auch ich in diese Künstlichkeiten eingeführt, mußte Staubfäden und Griffel zählen, „oberständige“ Fruchtknoten von „unterständigen“ unterscheiden lernen, mußte in langes Sinnen und Schwanken darüber verfallen, ob ein Schötchen „nicht viel länger als breit“ oder „beträchtlich länger als breit“ sei und so weiter ohne Ende. Die Begeisterung war wie weggeblasen, und da die Ermattung nach dem Fieber dazu kam, erlebte der gewissenhaft botanisierende Theolog wenig Freude an seinem widerspenstigen Zögling. Namentlich einzelne Klassen, wie die 17. und die 19., haßte ich geradezu. Aber

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auch alles Übrige schwebte mir in nebelhafter Undeutlichkeit vor dem Geiste, wie eine überflüssige Bemühung. Der Sommer führte uns ins Gebirge und hinauf bis ins Engadin. Wieviel Herrliches erblickte ich da! Doch der Zauber war entschwunden und jede neue Blume eine Ermüdung! Glücklich war ich, als der Herbst früh einsetzte und dieser Last ein Ende machte. So ging denn das Jahr 1871 unter Auspizien zu Ende, die — was die Betrachtung der Natur anbetrifft — denen widersprachen, unter denen es angefangen hatte; und vielleicht war es nicht ungünstig, daß eine neuerliche schwere Erkrankung im Spätherbst das Hirn auf längere Zeit ausschaltete und hierdurch gewissermaßen reinwusch. Wenn ich nicht irre, hat dieser Umstand die völlige Umkehr ermöglicht, die bald darauf stattfand, und deren psychologischen Zusammenhang Sie eher als ich zu deuten vermögen werden.

*

    Der Januar des Jahres 1872 führte mich zum erstenmal an die Riviera, und zwar gleich an deren schönsten Punkt — Cannes. Das damalige Cannes ist auf immer entschwunden: unmittelbar hinter dem Bahnhof trat man in die Olivenhaine, und auf allen Seiten waren Wälder und Berge von unten bis oben frei zugänglich — wo man heute zwischen öden Mauern und verbotenen Eingängen traurig wandelt und Kraftwagenbesitzer sein muß, wenn man ins Freie hinauszukommen hoffen soll. Als ich zum erstenmal dort eintraf, war ich so schwach, daß ich kaum hundert Meter laufen konnte: doch die kräftige Luft, namentlich der Aufenthalt auf dem Meere — wo ich ganze Tage am Steuerruder eines Segelbootes träumend verbrachte — richtete mich bald körperlich und geistig auf; neues Leben drang mir in die Adern, neue Lebenslust verscheuchte die tiefe Niedergeschlagenheit des schweren Jahres 1871. Und wissen Sie, wo mich die Naturbetrachtung zunächst wieder kräftig aufrüttelte? Von neuem waren es die geliebten Sterne, deren ich in der herrlich klaren Luft des Südens fast dreimal soviel wie im Norden erblickte. Abends befreite ich mich von dem gemeinsamen Lesen mit der Tante und Kuntze und baute mir in ein Fenster eine Art „Luginssternenland“ ein. Doch mag es die vorangegangene Beschäftigung mit der Botanik gewesen sein — ich weiß es nicht —‚ die mich

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darauf brachte, von den Erscheinungen des Himmels, außer dem schwelgerischen Beschauen, auch ein   W i s s e n   zu erstreben: ich ließ mir aus Nizza Bücher kommen, studierte Flammarion's Les Etoiles, Guilmant's (?) Le Soleil und La Lune, bald darauf auch Elisée Reclus' meisterhaftes La Terre. Dieses Studium hätte ich eher ein   V e r s c h l i n g e n   nennen sollen; denn, war einmal mein Interesse wach, so wandelte ich stets — wie noch heute in meinen alten Tagen — meine angeborene Umständlichkeit und Unentschlossenheit in eine rasend schnelle Bewältigung, die für mich wie für andere unfaßlich blieb. In wenigen Wochen hatte ich mir einen allgemeinen Überblick über die Himmelserscheinungen verschafft, soweit dies möglich ist ohne mathematische Ergründung und ohne alle nähere Kenntnis von Physik und Chemie.
    Nunmehr fand auch in bezug auf Botanik die oben angedeutete Umkehr statt. Zwar erfaßte mich ein kurzer Rausch, ähnlich dem vorjährigen, als die ersten Anemonen die Ölhaine plötzlich zu Zaubergärten schufen; doch nach wenigen Tagen fesselte ein anderes Interesse Sinne und Verstand, und ich warf mich mit Leidenschaft auf das Studium der einzelnen Pflanzengestalten — kurz, auf die   s y s t e m a t i s c h e   B o t a n i k.   Zu meinem Glück stand mir mein Lehrer Kuntze noch zur Seite mit einem Ballast an Genauigkeit in der Analyse und in der Unterscheidung der technischen Kunstworte, der meiner Fahrt sehr zustatten kam; ich aber steuerte das Schiff, und es dauerte nicht lange, die Rollen waren vertauscht. Im Augenblick ging das alles unbewußt vor sich; aus reiferer Einsicht zurückblickend, glaube ich, den entscheidenden Einfluß der Tatsache zuschreiben zu sollen, daß das einzige brauchbare Buch — Ardoino's Flore des Alpes Maritimes — von Linné'schen Klassen nichts wußte, sondern nur von natürlichen Familien. Zuerst standen Kuntze und ich vor dieser uns erschreckenden Tatsache „wie die Kuh vorm neuen Tor“. Mühsam wanden wir uns durch einen vorangeschickten „analytischen Schlüssel“, um der betreffenden Familie auf die Spur zu kommen, und erst innerhalb der Familie konnte die Gattung bestimmt werden. Mir aber fiel's auf einmal wie Schuppen von den Augen! Die zwei großen Klassen der Zweikeimblättler und der Einkeimblättler — von denen Gremli's Schweizerflora nichts verraten hatte — verstand ich bald auf den ersten Blick instinktiv zu unter-

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scheiden; nicht lange währte es, und ich kannte mich in den Unterklassen und Ordnungen ebenfalls ziemlich aus; mit den häufigeren und gut ausgeprägten Familien wurde ich bald vertraut. Eine Art inbrünstiges Interesse ergriff mich namentlich für die Ranunkulazeen, die dort unten und auch oben im Gebirg besonders reich vertreten sind, und bei denen — für den denkenden Beschauer — die reiche Mannigfaltigkeit der Gestalt die Einheit des Bauplans nur um so stärker hervortreten läßt; im darauffolgenden Jahre gewann aus dem selben Grunde die wunderbare Familie der Euphorbiazeen meine besondere Aufmerksamkeit. Mir ahnte, aus einer einzigen solchen großen Gruppe verwandt-verschiedener Gestalten müsse man einen tiefen Einblick in das Verfahren der Natur gewinnen können. Hier setzte ein erstes, vollkommen unbewußtes Philosophieren ein — geweckt, wie Sie sehen, durch die Natur, und zwar zwei Jahre bevor ich zum erstenmal in meinem Leben (im Sommer 1874) vom „Philosophieren“ der Menschen etwas erfuhr.
    Im Sommer 1872 weilte ich mit Kuntze erst mehrere Wochen auf dem Monte Generoso — berühmt für den Reichtum seiner Flora — dann noch einmal zwei Monate im Oberengadin: diese ganze Zeit über habe ich tagtäglich mit nie erlahmendem Eifer botanisiert. Im folgenden Winter wurde das schnell anwachsende Herbarium schön angelegt und geordnet, und von dem Augenblick an, wo die ersten Frühlingsblumen hervorsprossen, ging's — bei sehr gestärkten körperlichen Kräften und mit bedeutend gereiftem Blick — über alle Berge und alle Täler, die Riesentrommel auf dem Rücken, die Lupe in der Hand. Dieser Sommer 1873 trennte mich von Kuntze und führte mich auf mehrere Monate nach England und Schottland, wo die Pflanzenwelt meinem Fleiße weniger Nahrung bot. Gerade diese Monate benutzte ich aber dazu, das große, streng wissenschaftliche Werk von Le Maout und Decaisne über die systematische Botanik — und zwar in der bedeutend gehaltvolleren englischen Ausgabe von Joseph Hooker — gewissenhaft genau durchzuarbeiten. Daß mir von diesem ungeheueren Material — sämtliche Phanerogamen der Erde umfassend — viel Einzelnes im Kopfe haften blieb, glaube ich kaum; doch erweiterte diese Beschäftigung mein Wissen um die Welt der blühenden Pflanzen bedeutend und bestärkte meine Neigung und zugleich meine Tätigkeit, aufs Ganze zu gehen. Das merkte ich deut-

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lich, als ich im Winter 1873—74 in Cannes und im Sommer darauf im Schweizer Gebirge mit einer Art kleiner Meisterschaft jedes Blatt — auch ohne Blüte oder Frucht — sofort zu deuten wußte. Hier erreichte aber auch diese Leidenschaft ihren Höhepunkt, von dem sie bald herabzusinken begann. Zwar sammelte und studierte ich in den folgenden Jahren weiter, mehr aber wie ein Besitzender, der nicht gern etwas entgehen lassen will, als wie ein Liebhaber, der täglich an dem geliebten Gegenstand Neues entdeckt und aus einem Glücksrausch in den anderen gerät. Neue Gegenstände beanspruchten jetzt in steigendem Maße meine Geisteskräfte. In der Naturbetrachtung fesselte mich namentlich die Geologie unter Lyell's sympathischer Führung; sowohl in Cannes, mit seiner Abwechselung zwischen Granitmassiven und Kalkhügeln und mit dem nahen, prachtvollen Porphyrgebirg der Estérels, wie in der Schweiz fand ich zu diesem Studium genügend Anschauungsstoff. Außerdem hatte es mir inzwischen die Philosophie angetan und die alten Sprachen und vor allem die deutsche Sprache und Dichtung und Wesensart und Weltanschauung und Musik.... Die neuen Kenntnisse und Eindrücke, die aus diesen jetzt erst dem Zwanzigjährigen sich erschließenden Quellen auf ihn einströmten, sein Weltbild von Grund aus umschaffend, dehnten ihm die Seele aus, während zugleich das steigende Bewußtsein seiner Unwissenheit ihn zunehmend bedrückte. Die lieben, lieben Blumen gerieten nach und nach in den Hintergrund.
    Hier lassen Sie mich eine kritische Betrachtung einschieben, die den Bericht über diese floristische Bildungsstufe zweckmäßig abschließen mag.
    Auf dem Monte Generoso, im Sommer 1872, war ich zum erstenmal in meinem Leben einem berufsmäßigen Naturforscher begegnet, einem jungen Schotten, namens Duthie, der in der Pflanzensystemathik Hochschulausbildung genossen hatte und bald nachher von der Regierung eine lebenslängliche Anstellung zur Erforschung der Flora Indiens erhielt. Er nahm sich meiner freundlich an und förderte mich bedeutend. Da er sich von einer Krankheit erst erholte, freute er sich, einen Jüngling zur Hand zu haben, der weiter als er herumwanderte und ihm täglich seine ganze Pflanzenbeute zu freier Verfügung vorlegte; dafür gab er mir allerhand Winke zur Erkennung und Unterscheidung der Familien, lehrte mich besser sehen

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und wissenschaftlicher denken. Eines Abends nun gab es eine harte Nuß: eine von mir erkletterte Pflanze konnte ich durchaus nicht bestimmen, und auch Kuntze's größere Besonnenheit führte nicht zum Ziel; so klopfte ich denn schließlich an Duthie's Tür an, finde ihn über die selbe Pflanze gebeugt, mit den besten Fachbüchern zur Hand — auch er unfähig, ihre Zugehörigkeit festzustellen. Nun rannte ich in meine Stube zurück, schloß mich allein ein, kümmerte mich nicht um die genauen Feststellungen Kuntze's, noch um die gelehrten Erörterungen Duthie's, sondern suchte hastig in jenen Familien, zu denen mir der allgemeine Habitus zu stimmen schien, und richtig! auf diesem — eigentlich illegitimen — Wege gelang es mir, die Gattung ausfindig zu machen, wobei sich dann nachträglich herausstellte, daß wir uns alle drei durch eine — den Kelch betreffende — Scheinbildung hatten irreführen lassen. Von dieser kleinen Episode rede ich nur, weil sie mir symptomatischen Wert zu besitzen scheint. Der liebenswürdige Naturforscher rief in seiner Freude aus: „Chamberlain, Sie sollten Fachbotaniker werden, Sie besitzen den Instinkt der Sache!“ Das nun gerade halte ich für einen Irrtum: zum Systematiker war ich sicher nicht geboren. Und zwar aus folgendem Grunde. Was den echten Systematiker bezeichnet, ist der ungewöhnlich stark ausgeprägte   S i n n   f ü r   d i e   U n t e r s c h e i d u n g :   auf den ersten Blick erfaßt er ganz kleine Unterschiede, die anderen Leuten nicht auffallen. Das habe ich später mit Staunen an Männern wie Alphonse Decandolle und Johannes Müller (Argovensis) kennen gelernt. Ohne solche Männer wäre gewiß der Begriff der „Art“ nie aufgekommen. Meine Begabung nun — insofern ich von einer solchen überhaupt reden darf — war eine genau entgegengesetzte. Ich besaß etwas von dem, was Plato das „Zusammenschauen“ nennt, und infolgedessen fielen mir innerliche Verwandtschaften auf, die nicht jedem zunächst sichtbar sind, und die ich selber mehr durch Instinkt als aus Überlegung entdeckte. Dagegen hatte ich Kurzsichtiger nicht nur wenig Blick für die feinen Artunterschiede, sondern diese brachten mich vielmehr zur Verzweiflung. Mit Gattungen wie Hieracium, Rubus, Salix usw. — die Wonne aller echten Systematiker — mochte ich niemals mich einlassen. Von Mendel und der ganzen heutigen Lehre der Kreuzungen wußte man dazumal nichts; aber auch ohne diese Kenntnisse kam es mir immer

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vor, als ob der Mensch hier Schattenwesen nachjagte. Die   G a t t u n g   dünkte mich ein weit greifbareres Wesen als die   A r t,   und die   F a m i l i e,   sobald sie echt ist, reicher an Wirklichkeitsgehalt als die Gattung. Darüber später mehr. Heute unterhält es mich festzustellen, daß, noch ehe ich Darwin kannte und wie jeder Jüngling sein leidenschaftlicher Parteigänger wurde, der Keim schon ausgesprochen vorgebildet in mir lag, der mich später aus seiner Irrlehre hinausführen sollte. Und noch eins kann ich nicht unterdrücken; denn es ist eine Erbsünde der Menschen, wenn sie glücklich eine Wahrheit erhascht haben, die   e r g ä n z e n d e n   W a h r h e i t e n,   durch welche jene andere Wahrheit erst plastische Wirklichkeit gewinnt, außer acht zu lassen. Ein „ergänzendes“ Geheimnis des geborenen Systematikers ist nun die Hartnäckigkeit, mit welcher er sich weigert, die Dinge zu sehen, die er nicht sehen will; es wird geradezu „durch Willen blind“; wohingegen der zusammenschauende Mensch, sobald er einmal sich veranlaßt sieht, auf Unterschiede zu achten, kein Ende findet. So erinnere ich mich, mir später, als Student, eine Menschenschädelsammlung angelegt zu haben, um mit der inneren und äußeren Gestalt dieses wichtigen Knochengebildes genau bekannt zu werden; doch gab ich meine Bemühungen nach einiger Zeit wieder auf; denn ich fand nicht zwei Schädel, die nicht auffallende anatomische Abweichungen aufgewiesen hätten, und nicht einen, der wirklich in jedem Punkt genau übereingestimmt hätte mit dem, was uns als „Normalschädel“ vorgetragen wurde; bei meiner Art, genau zu beobachten und zu beachten, hätte mich eine solche Sammlung ins Uferlose hinausverlockt. Für den, der wirklich genau hinsieht, wird der Begriff „Art“ nach und nach ein sehr abstrakter. Der Systematiker ist nach meinem Gefühl dem Philologen verwandt: ich schätze und verehre seine Arbeiten und benutze seine Ergebnisse; über die Gewaltsamkeit seiner Methoden jedoch vermag ich mich nicht zu täuschen, und ich finde ihn — wenn auch durch unleugbare Erfolge glänzend gerechtfertigt — dennoch allzu anthropomorphisch betätigt, um ihm die volle Unschuld einer reinen Naturbetrachtung zusprechen zu können.
    Sie werden, glaube ich, zugestehen, daß es nicht Flüchtigkeit und Unbeständigkeit war, wenn die bloße Systematik, das bloße Ansammeln von Gestalten, seinen Reiz für mich nach und nach verlor.

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Außer den Pflanzen hatte ich inzwischen auch Süßwassermuscheln, Spinnen und verschiedenes andere mit Eifer zu studieren und, von Fachmännern (wie Mousson und Eugène Simon) beraten, nach Familie, Gattung und Art zu bestimmen begonnen. Aber jetzt kam der Tag, wo ich immer schmerzlicher empfand, daß ich von dem inneren Aufbau und von den Lebensverrichtungen aller dieser Wesen so gut wie nichts wußte, im besten Fall nur Theoretisches, nicht wirklich Geschautes. Bücher wie die unvergleichliche Insektenkunde von Kirby und Spence und mein reger Verkehr mit dem großen Entdecker unter den französischen Lepidopterologen Millière in Cannes wirkten letzten Endes im gleichen Sinne. Auch hatten flüchtige Begegnungen mit Oswald Heer und Anton de Bary Eindruck auf mich gemacht. So ergriff mich denn die Sehnsucht, mich zu einem Blick ins Innere dieser bislang nur von außen erfaßten Gestalten zu befähigen; und soviel wußte ich schon, daß dies ohne regelrechte Fachstudien unmöglich war. Der Beschluß, die Universität zu besuchen, kam ganz plötzlich. Lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie das zuging; denn die begleitenden Umstände waren interessant genug, um die Beachtung des Biologen zu verdienen.
    Schon im Herbste 1875 führte mich ein glücklicher Zufall zu dem berühmten Kliniker Kußmaul, damals Professor an der Freiburger Universität. Dieser nahm sich meiner mit besonderer Freundlichkeit an und redete mir lebhaft zu, eine deutsche Universität zu beziehen, um mich naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. Seinem sehr gescheiten Rate standen leider die Auffassung meines Hausarztes und die Vorurteile meiner Familie entgegen, welche glaubten, der Aufenthalt im Norden während des Winters würde mein Leben gefährden, wogegen sich später Kußmaul's Ansicht als richtig erwies, daß nämlich meine Atmungsorgane vollkommen gesund und meine sämtlichen Leiden lediglich einem anormal empfindlichen Nervensystem zuzuschreiben sind. Mir mangelte damals leider sowohl Einsicht wie Entschlossenheit. Als ich aber im Jahre 1878 — nach dem Hinscheiden meines Vaters — die nötige Unabhängigkeit gewonnen hatte, beschloß ich, nach Florenz zu ziehen, wo ich, ohne die Vorteile des südlichen Klimas zu entbehren, hoffen durfte, mich unter der Leitung des ausgezeichneten Botanikers Parlatore in dieser Wissenschaft ausbilden zu können. Als ich nun im Spät-

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Herbst 1878 in Florenz eintraf, mußte meine erste Sorge sein, die italienische Sprache zu erlernen; diesem Ziele widmete ich mich mit Eifer. Allein die Wirkung der Umgebung hatte ich nicht in Rechnung gebracht; sie machte sich nun übermächtig fühlbar. Mit Absicht hatte ich mich auf Florenz als Kunststadt gar nicht vorbereitet: die Sprache erlernen und sodann mich dem Studium der Botanik widmen, das war mein Plan; von ihm sollte mich nichts ablenken. Es war aber anders bestimmt. Nie werde ich die Abendstunde vergessen, wo ich, ziellos durch die Stadt schlendernd, zum erstenmal unerwartet auf die Piazza della Signoria hinaustrat: der Eindruck der Schönheit war dermaßen überwältigend, daß mich eine Art Schwindel überfiel und ich in ein Haustor zurücktreten mußte, um mich anzulehnen und allmählich zu erholen. Wie betäubt kehrte ich heim. Das war ein anderer Rausch als der, den seinerzeit die Sterne und später die Blumen bewirkt hatten: diese Werke menschlichen Schönheitssinnes benahmen mir den Atem und warfen mein Gleichgewicht um. In einer völlig unkünstlerischen Umgebung aufgewachsen, hatte ich von solchen Dingen keine entfernte Ahnung. Sie bewirkten eine förmliche Revolution in meinem Innern. Schnell verschaffte ich mir Burckhardt's Cicerone und andere Bücher; alle Morgen nahmen mich die Tore der Uffici bei ihrem Eröffnen auf, und am Nachmittag ging es von Kirchen zu Klöstern, von Klöstern in die Photographieläden. Es war ein Schwelgen in der bildenden Kunst, an das ich mit lächelnder Freude zurückdenke. Alles andere war vergessen! Gewiß ist es nicht Zufall zu nennen, wenn sich der ersten künstlerischen Leidenschaft eine zweite zugesellte. Ich hörte das damals noch schöne Florentiner Orchester, dessen Streicher namentlich hinreißend spielten, wurde mit dem ersten Violoncellisten bekannt und bald befreundet, und es dauerte nicht lange, so waren die frühen Morgenstunden und die Abendstunden diesem herrlichen Instrumente gewidmet. Keinen einzigen meiner Einführungsbriefe an vornehme einheimische und fremde Bewohner von Florenz gab ich ab; ich verkehrte nur mit italienischen Musikern und Kunstkennern; auch zwei interessante Deutsche lernte ich in Florenz kennen: Karl Hillebrand und den Kunsthistoriker Bayersdorfer. Vielleicht genügen diese kurzen Andeutungen, damit Sie — der Sie ein so erfahrener Kenner Italiens sind — sich eine Vor-

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stellung dieses etwa siebenmonatlichen künstlerischen Glückes ausmalen? Sie werden begreifen, daß alle wissenschaftlichen Regungen wie ausgelöscht — aus dem Hirn aus- und fortgespült — waren; ich wußte nicht mehr, daß es so etwas gab, daß ein Mann namens Parlatore existierte, und daß ich seinetwegen nach Florenz gekommen war! Vielmehr träumte ich einzig von Streifzügen zu allen den unzähligen Augenwonnen Italiens!
    Da, urplötzlich, gerade als der Mai die rechte Magie des Südens erst herbeigezaubert hatte, da — wie ich Ihnen sage, urplötzlich — fand eine Besinnung statt, die alles umwarf. Ein Maurice de Guérin, ein Heinrich von Stein wüßte wohl in solchem Falle Rechenschaft über die inneren Vorgänge zu geben; ich vermag es nicht. Von außen war nichts an mich herangetreten, geeignet mich umzustimmen, gar nichts — weder ein Mensch, noch ein Buch, noch ein Natureindruck. Wohl hatte ich einmal das bekannte Florentiner Museum anatomischer Wachsmodelle besucht; die Befassung mit Leonardo da Vinci gab die Veranlassung, der Eindruck aber inmitten des Schönheitsrausches wirkte abstoßend unheimlich. Nein, die Sache ging anders zu. Plötzlich stieg eine Art Vision meines kommenden Lebens vor meinen Augen auf. Ich sah mich — wie so manchen meiner englischen Landsleute, die ich aus einiger Entfernung beobachtet hatte — ziellos hinvegetieren: halber Kunstkenner, halber Musikliebhaber, in Sprachen bewandert, vielleicht dazu gelegentlich botanisierend und geologisierend — ein Dilettant im schlechten Sinne des Wortes, nämlich ein Lebensdilettant, ein Mann ohne Pflichten, ohne irgendein sich selbst gegebenes Gesetz des Müssens; und vor diesem Bilde erschauderte ich. Sollte ich etwa Kunstgelehrter werden? Dazu fehlte mir alles; der Gedanke kam mir nicht in den Sinn. Oder Musiker? Dazu reichte meine Begabung nicht aus. Andrerseits fühlte ich mich vollkommen unfähig, umgeben von diesem Zauber der Kunst, ihm nicht willenlos zu verfallen. Italien und arbeiten: nein, das war unmöglich! Und als ob geschlossen gewesene Tore plötzlich flügelweit aufgeworfen würden, strömte die alte leidenschaftliche Liebe zur Natur wieder ins Herz hinein und mit ihr die stetig gewachsene Sehnsucht nach gegründeterem, umfassenderem Wissen über sie. Sofort stand der Entschluß fest: Naturforscher von Fach zu werden. Und sofort beschloß ich

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— obwohl ich Physik und Chemie nur vom Hörensagen kante —‚ die Pflanzenphysiologie zu meinem Fach zu erwählen. Das alles war das Werk eines Tages, ja eigentlich eines Vormittags, an dem mich ein einsamer Spaziergang über den Viale dei Colli geführt hatte; einer jener idealen Morgen, wie nur Italien sie kennt: wolkenlos und doch alle Linien wie gebadet in umhüllender Luft, die Ferne verschwebend, die Nähe klar und weich; aus diesem paradiesisch schönen Lande zu scheiden, war ein grausamer Schmerz; solche Wonne des Daseins würde mir nie mehr zuteil werden: das wußte ich. Die Vorstellung der Pflicht, die Auffassung des Lebens als einer zu erfüllenden Aufgabe, war plötzlich — und für immer — erwacht. Es schwand die Besorgnis vor dem nordischen Klima, vor dem Übermaß der Arbeitsforderung, vor allen Hindernissen, die sich bisher unüberwindlich aufgetürmt hatten; ich fragte niemanden, sondern beschloß und führte sofort aus. An einem Montag vormittag hatte jener Spaziergang stattgefunden, der über mein weiteres Leben entschied; am folgenden Sonnabend entführte mich der Nachtschnellzug gen Norden; und am Dienstag darauf, vormittags, saß ich bereits in Carl Vogt's Laboratorium im Erdgeschoß der Genfer Universität und ließ mich von dem liebenswürdigen Emile Yung (damals noch Assistent und Privatdozent) in der Kunst, mikroskopische Dünnschnitte anzufertigen, unterweisen; ich kann Ihnen sogar Proben jener ersten Versuche — bei denen Tierhaut den Stoff abgab — vorführen!
    Diese Wendung fand im Mai 1879 statt.

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    Daß ich Genf erwählte, geschah aus Vorsicht, oder, wenn Sie wollen, aus einem Rest von Zaghaftigkeit. Da alle Welt meinte, ich würde den Winter im Norden nicht vertragen, so schien es zweckmäßig, einer Universität den Vorzug zu geben, von wo aus ein Katzensprung nach Italien führte und wo außerdem die Alpen zu gelegentlicher Erholung zur Hand lagen. Auch will ich nicht leugnen, daß die lebenslange Gewöhnung an die französische Zunge und eine gewisse Scheu vor allerhand Unvertrautem, was ich über deutsche

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Lebenssitten vernahm, bei dieser Entscheidung mitgewirkt haben mag. In beiden Beziehungen segnete die Vorsehung meinen schnellen Entschluß: die trockene Luft und der beißende Nordwind, anstatt mir zu schaden, belebten mich, und ich fand mich in Genf in eine vorwiegend deutsche Umgebung versetzt, die den rechten Übergang nach Deutschland bildete.
    Als ich in Genf eintraf, war das Sommersemester schon angegangen. Machte ich mich auch — wie Sie sahen — sofort ans Werk, so verursachte meine Immatrikulation infolge meines chaotischen Erziehungsganges doch Schwierigkeiten; auch mußte ich mich in dieser mir so völlig neuen Welt, in die ich ohne eine einzige Verbindung, geeignet, meine ersten Schritte zu leiten, als wildfremdes Element hineinfiel, erst zurechtfinden und mußte mir über den Weg, den ich einzuschlagen hatte, klar werden. Erst im Herbst 1879 erhielt ich — auf Grund von Zeugnissen und als Ergebnis einer ausnahmsweise gestatteten Prüfung — die Immatrikulation als ordentlicher Student in der Fakultät der Naturwissenschaften und trat den vollständigen Lehrgang an. Ich hörte systematische Botanik bei Johannes Müller (Argovensis), Anatomie der Pflanzen und Physiologie der Pflanzen bei Marc Thury, Zoologie, vergleichende Anatomie, Anthropologie und Geologie bei CarI Vogt (manchmal durch Emile Yung vertreten), Embryologie bei dem genialen, früh entschwundenen Hermann Fol, Physik bei Wartmann und Soret, unorganische und organische Chemie bei Karl Graebe, Mineralogie und Kristallographie bei Soret (Sohn); außerhalb meiner Abteilung hörte ich die Vorträge von Plantamour über Astronomie und physikalische Geographie und einen kurzen Kursus von Raoul Pictet über die Schwerkraft. Zwei Jahre später besuchte ich noch in der medizinischen Abteilung Laskowski's normale Anatomie des Menschen und Schiff's Physiologie, nachdem ich mich — um die Seziersäle und Laboratorien betreten zu dürfen — als Student der Medizin hatte immatrikulieren lassen. Medizinische Vorträge hörte ich keine, doch erhielt ich, dank meiner Befreundung mit dem Pathologen Zahn und mit dessen erstem Assistenten — einem feurig begabten Südamerikaner — Zutritt zu der Sezierhalle des städtischen Spitals, wo ich gründlichere und schnellere Belehrung als in den verzweifelt langsam fortschreitenden Vorträgen Laskowski's genoß. Da ich beim Aufzählen

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bin, lassen Sie mich hinzufügen, daß Alphonse Decandolle — der Sohn des großen Augustin Pyrame — mich mit besonderer Freundlichkeit aufnahm und mir sein berühmtes Herbarium sowie seine bibliothek zur Verfügung stellte, mich aber noch mehr durch weise Ratschläge förderte; desgleichen tat Edmond Boissier, der Verfasser der Flora orientalis, dessen wundervolle Gärten und Orchideenhäuser unweit Genf reichen Anschauungsunterricht gewährten; viel benutzte ich auch den Städtischen Botanischen Garten und namentlich die dazu gehörige Bibliothek, welche Müller (Argovensis) unterstanden.
    Daß ich fleißig war, bedarf keiner Versicherung; es war der verzehrend leidenschaftliche Fleiß eines gerade hierdurch unsagbar beglückten Menschen. Einzig den Vorträgen über Kristallographie wurde ich untreu, weil der Vortragende so grenzenlos langweilig war, daß ihm zuzuhören einer Erkrankung gleichkam. Auch „schwänzte“ ich manchmal die systematische Botanik, aber nur, wenn sie Dinge brachte, die ich schon auswendig wußte. Sonst aber zählte ich zu den gewissenhaftesten Hörern. Um mich selbst bei der Stange zu halten, steckte ich mir ein ziemlich anspruchsvolles erstes Ziel: nämlich, sämtliche Prüfungen, welche die Erlangung des Grades eines Baccalaureus erfordert, auf einmal, im Herbst 1881, zu bestehen, anstatt der üblichen Verteilung der Prüfung auf zwei aufeinanderfolgende Jahre, oder der erlaubten und häufig erwählten Dreiteilung. In Frankreich bedeutet „bachelier“ soviel wie Abiturient; das „baccalauréat“ ist dort die Schlußprüfung beim Verlassen der Schule; in Genf dagegen blüht noch — wie übrigens auch in Oxford und Cambridge — der uns aus Faust so vertraute mittelalterliche Begriff des Baccalaureus, eigentlich die Vorstufe zum Magister, welche beide durch die gestiegene Bewertung des „Doktor“ beiseite geschoben worden sind. Zum Vergleich kann man etwa das deutsche Physikum heranziehen. In der naturwissenschaftlichen Fakultät in Genf unterschied man drei Abteilungen: les sciences mathématiques, les sciences physiques, les sciences naturelles — also Mathematik, Physik, Naturgeschichte, wobei die Mathematik Himmel- und Erdkunde, die Physik auch die Chemie nebst allem, was dazu gehört, mit umfaßte, Naturgeschichte, alles Leben. Der bachelier muß in zwei dieser Abteilungen — die Wahl steht ihm frei — bestehen: für eine eingehende Prüfung ein ziemlich

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weites Feld, wie Sie sehen. Ich erinnere mich auch, daß Graebe mir später mein Beginnen als töricht vorwarf und meinte: „In der selben Zeit und mit geringerer Mühe hätten Sie Ihren Doktor machen können.“ Doch hatte mich der lebenslängliche Dekan unserer Fakultät — der gütige Wartmann — so dringend und zugleich bescheiden gebeten, die alte Genfer Sitte zu ehren, daß ich's ihm nicht hatte abschlagen können; außerdem reizte mich die Gewinnung einer breiteren Grundlage, und ich erschrak vor der Beschränktheit mancher Kommilitonen — Chemiker, Botaniker und Mathematiker —‚ in ihrem eigenen Felde sehr tüchtig, in dem für die Doktorprüfung geforderten einzigen Nebenfach äußerst oberflächlich und in allem übrigen unwissend wie Kongokaffern und ohne jedes Interesse dafür. Das Spezialistentum habe ich durch den nahen täglichen Verkehr in Laboratorien um so genauer kennen gelernt, als ich es in seinem Entstehen und frühzeitigen Verhärten verfolgt habe, und ich bereue es auch heute nicht, dem Rate Wartmann's gefolgt zu sein. Ende Oktober 1881 bestand ich denn auch die Prüfung mit Erfolg und erhielt das Diplom als bachelier ès sciences physiques et naturelles; es sollte mein einziges bleiben. In der Physik allein erreichte ich bei allen drei Fragen der mündlichen und auch bei der sehr eingehenden schriftlichen Prüfung von allen Examinatoren die Höchstzahl. In der Chemie bestand ich nicht so glänzend, wie ich es nach meiner besonderen Hingabe an diese Wissenschaft und drei Semestern emsigster Arbeit im Laboratorium gehofft hatte; das kam daher, daß mein Feind, der so gründlich „geschwänzte“ pedantische Kristallograph, in der Prüfungskommission saß und mir nun ein Bein nach dem anderen stellte, so daß ich den Kopf verlor und der mir freundschaftlich gesinnte Graebe seine liebe Mühe hatte, mich immer wieder heraus- und hinaufzureißen. In den übrigen Fächern ging alles gut, allerdings schriftlich immer bedeutend besser als mündlich.
    Gerne denke ich an einen kleinen Schwindel zurück, der damals einem hartbedrängten Freunde zugute kam. Mit einem bettelarmen Holsteiner, namens Groth, hatte ich mich enger befreundet: ein sehr begabter Mann, der bald darauf als Arzt schnell vorwärts kam, leider aber früh starb; damals arbeitete er als Nachtportier in einem Hotel, um die Mittel zu seinen Studien zu gewinnen; es war nicht anders

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möglich, als daß er manche Vorträge versäumte oder dabei einschlief; schon einmal war er beim Physikum durchgefallen. Bei der schriftlichen Prüfung in der Physik nun, die unter strengster Klausur stattfand, trat er schnell an mich heran, während wir in die uns angewiesenen Räume abgeführt wurden, und flüsterte mir erregt zu: „Ich bin verloren; ich weiß kein Wort auf meine Frage!“ Ich meinerseits hatte eine besonders leichte Frage gezogen. Es gelang uns, den gefährlichen Tausch — der uns beiden (bildlich gesprochen) den Hals hätte kosten können — unbemerkt zu bewerkstelligen. Der gute Groth war gerettet, und ich gewann die Gelegenheit, mich in aller Breite wichtig zu machen; denn die eingetauschte Frage lautete: „Die Erhaltung der Kraft: historisch, theoretisch, experimentell“ — was mir, bei meiner Vorliebe für die philosophischen Grenzfragen, ein gefundenes Fressen war und die besondere Anerkennung des Professors Wartmann eintrug.
    Nun besaß ich also das Pergament mit dem schönen alten Siegel der Stadt Genf, das einen in der Heimat Calvin's unerwarteten Petrusschlüssel führt, als seien dem glücklichen Besitzer die Tore des Paradieses erschlossen; im Texte heißt es denn: pour en jouir avec les droits et prérogatives qui y sont attachés.
    Ehe ich über den weiteren Verlauf meiner Naturstudien berichte, lassen Sie mich einige Worte über meine Lehrer sagen.
    In weiten Kreisen bekannt, ja, dazumal noch im Besitz eines zwar schon etwas verblaßten, aber europäischen Namens, war Carl Vogt, der Achtundvierziger. Er beherrschte die beiden Sprachen — Deutsch und Französisch — gleichmäßig vollkommen und verstand es, in beiden durch die Gewandtheit seiner Rede hinzureißen. Ich habe Vogt im Palais Electoral politische Reden halten hören und habe es erlebt, daß auch seine Gegner zu schallendem Lachen und spontanem Applaus sich fortreißen ließen; mir war es schmerzhaft, gewahr werden zu müssen, daß selbst ein so kenntnisreicher, außergewöhnlich begabter Mann der Versuchung nicht widerstehen konnte, der unwissenden, urteilslosen Hydra zu gefallen, wodurch er zum Demagogen herabsank. Auf dem Katheder erschien er weit vorteilhafter. Die Wissenschaften, über die er vortrug, beherrschte er in allen ihren Teilen vollkommen. In dem massigen Kopf wohnte ein unerschöpfliches Gedächtnis; alles war ihm immer gegenwärtig

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— auch Namen, Zahlen, Daten; zu seinen Vorträgen schien er sich gar nicht vorzubereiten, nie habe ich das kleinste Zettelchen in seiner Hand gesehen; oft war er wochenlang fort gewesen — in Bern als Mitglied des Großen Rates, oder auf einer Studien- oder Erholungsreise — und Yung hatte statt seiner gelesen; offenbar wußte er beim Betreten des Saales nicht, wo wir standen; ein Wort mit seinem Assistenten und ein einziger umfassender Rundblick seiner großen, dunklen, oktopusartigen Augen über die aufgestellten Präparate — schon war er vollkommen orientiert und begann zu reden. Er sprach wie der Geist es ihm eingab, an verschiedenen Tagen sehr verschieden: manchmal zu theoretischen oder gar philosophischen Erörterungen weit ausholend, manchmal wie versessen auf die Zerlegung ins Allerfeinste, viel am Brette zeichnend, weitere Präparate herbeibefehlend, nicht ruhend, bis jeder Hörer alles mit Augen gesehen hatte. Sehr ungleich war auch die Behandlung: über manche Kapitel forteilend, ohne sie kaum berührt zu haben, um dann sich niederzulassen und während einer Reihe von Vorträgen innerhalb eines kleineren Kreises zu verweilen, als könnte er sich nicht genug tun. Bewunderung verdiente namentlich Vogt's Feingefühl für den Seelenzustand seiner Zuhörer; eine Art Magnetismus ging hin und her zwischen ihm und uns; er verstand es, sich Abgespanntheit oder Zerstreutheit genau anzupassen und uns aus einer bei Studierenden oft vorkommenden, geistig widerspenstigen Stimmung nach und nach zu gespannter Aufmerksamkeit überzuführen; nie habe ich bei einem anderen ähnliches erlebt: der Professor war bei dem Volksredner in die Schule gegangen. Erregte die jungen Köpfe irgendein Tagesvorgang — eine bevorstehende Festlichkeit, ein politisches Ereignis, der Tod eines berühmten Mannes, gleichviel was immer es sein mochte — stets knüpfte er daran an, wußte viel und neues darüber zu erzählen, manchmal auch Geschmackloses, immer aber Unterhaltendes, oft Witziges und Boshaftes; und erst, wenn er alle Zuhörer in der Hand hielt, lenkte er über zu dem eigentlichen Thema — Echinodermen oder Eingeweidewürmer oder Tintenfische oder, was gerade dran war. Ebenso feinfühlig empfand er das Nachlassen der Aufmerksamkeit; kein Auditorium der Welt vermag es z. B., sich Tag für Tag mit nieerlahmendem Interesse der genauen Betrachtung der vielen Schädelknochenanlagen des Hai-

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fisches und ihres Zusammenhanges untereinander zu widmen — über die aber Bescheid zu wissen für alles spätere Studium des Wirbeltierkopfes so wichtig ist; geradezu entzückend war nun die Art, wie Vogt hier, ehe die Abspannung eintrat, durch Anekdoten und Abschweifungen verschiedenster Art dem Geist Erholung zu verschaffen wußte, um dann — zumeist unerwartet — wieder bei dem Haifisch anzulangen. Im Privatleben wollten die Beziehungen — trotz seiner steten Freundlichkeit gegen mich — weniger gedeihen. Er war der Typus des Achtundvierzigers wie er nicht sein soll — des Achtundvierzigers, der nichts gelernt und nichts vergessen hat, und der tausendmal lieber es gesehen hätte, Deutschland wäre zugrunde gegangen als durch Preußen zu Größe gelangt. Sein Haß auf das Haus Hohenzollern war geradezu albern — würdig des beschränktesten, „freisinnigen“ Gemüsekleinhändlers. Vom großen Kurfürsten an, auf jedes Mitglied der Dynastie hielt er eine gereimte Spottstrophe bereit — nicht wenige obszönen Inhalts; und man mochte reden, wovon man wollte, immer bekam man eine oder zwei zu hören. Seine Begeiferung Bismarck's wirkte grotesk, namentlich im Zusammenhang mit seiner Bewunderung Eugen Richter's. Dabei war er — wie die meisten, die sich den Beinamen „freisinnig“ zulegen — eine heftig autokratische, unduldsame Natur, die — wäre sie zu Macht gelangt — kein Tüttelchen Freiheit im Lande hätte bestehen lassen. Doch dies nur nebenbei; hier handelt es sich um den Lehrer der Wissenschaft, und dieser war bedeutend genug, um jedem aufmerksamen Schüler mehr oder weniger von seinem Wesen dauernd einzuprägen. Namentlich für das Eine bin ich ihm unauslöschlich dankbar. Die Evolutionslehre galt ihm zwar — wie allen seinen Zeitgenossen — als Dogma; gegen den eigentlichen Darwinismus aber, und noch mehr gegen die Haeckelei, hegte er Mißtrauen. Nicht so mutig war er auf diesem Gebiete wie auf dem politischen; er legte die herrschende Lehre seinem Unterricht zugrunde; doch machte er immerfort auf Schwierigkeiten und Bedenken aufmerksam, und reifere Hörer bemerkten gar häufig eine halb versteckte Ironie in seinen Worten und ein blitzendes Lächeln in seinen Augen. Später — als ich mehr gelernt und mehr gedacht hatte — entdeckte ich deutlich den bleibenden Einfluß von Agassiz auf Vogt in diesen, sowie in gar vielen wissenschaftlichen Fragen,

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namentlich aber in der gesamten Auffassung und Darstellung des Lebens, wobei die gleichmäßige Beherrschung der Beachtung der Fauna vergangener geologischer Perioden überaus bezeichnend war — hatte doch Vogt sein wissenschaftliches Leben als Agassiz' Gehilfe für die Bearbeitung der fossilen Fische begonnen. Bei meiner leidenschaftlichen Bewunderung Agassiz', des wahrhaft großen Forschers, beglückt mich immer das Bewußtsein, daß wenigstens einige Strahlen aus dem Hirne des — seit Cuvier — schöpferisch am reichsten begabten Kenners der Gestalten des Lebens mich auf dem Umweg über Vogt's Vorträge erreichten und bereicherten.
    Hermann Fol war im Verhältnis zu Vogt ein „moderner“ Lehrer, dazu reich und freigebig. Alle Präparate projizierte er mit der Laterne an die Wand, und jeder Zuhörer erhielt am Schluß der Vorlesung Zinkabzüge. Was die mikroskopische Technik Neues hervorbrachte, das konnte man sofort bei ihm sehen und erlernen. Eigentlich hörte man bei ihm keine Vorträge, sondern man sah Dinge; und sein Unterricht bestand darin, daß er uns diese Dinge sehen lehrte. Es war eine Schule des reinen Sehens — was Goethe für eine der schwerst zu lösenden Aufgaben hielt; ich glaube, Sie werden mich verstehen, wenn ich sage: der Geist, der in dem kleinen unterirdischen Raum herrschte — wohin der bedeutende Nebenbuhler von den Machthabenden (Vogt und Genossen) verbannt worden war —‚ bestand aus einem Gemisch gegenseitig sich durchdringender Leidenschaft und Leidenschaftslosigkeit: mit Leidenschaft lehrte Fol, in Fragen der Wissenschaft leidenschaftslos zu urteilen. Gern hätte ich mich der Führung dieses Mannes anvertraut, und bestimmt nahm ich mir vor, später bei ihm zu arbeiten.... Inzwischen verschwand er auf immer.
    Von allen meinen Genfer Lehrern war Karl Graebe derjenige, der mir — gerade in der Eigenschaft als Lehrer — am nächsten trat, da ich nicht nur seine Vorträge — zum Teil wiederholt — hörte, sondern mehrere Semester in seinem Laboratorium arbeitete. Kein Blatt schätze ich höher als dasjenige, auf dem der vortreffliche Gelehrte mir bezeugt, diesen gründlichen Studiengang unter seiner Leitung habe ich „avec grand zèle et succès“ absolviert. Ein wenig gehemmt war Graebe in seinen Vorträgen durch die unvollkommene Beherrschung der französischen Sprache; doch hatte das nicht viel

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auf sich, denn die große Klarheit der Gedanken, die durchsichtige Logik seiner ganzen Darstellungsart, die vielen und fast ausnahmslos glänzend gelungenen Versuche ersetzten reichlich die mangelnde Leichtigkeit des Ausdrucks. Im Laboratorium aber wurde zumeist deutsch geredet: der Professor, die beiden Assistenten, dreiviertel der Studierenden waren Deutsche oder deutsche Schweizer, und nur die unappetitlichen russischen Nihilistinnen, die uns mit ihrer Gegenwart belästigten, radebrechten eine Sprache, die für Französisch gelten sollte. Hier lernte ich die echt deutsche Hochschulart kennen: vollkommene Freiheit jedes Einzelnen, unablässiger Fleiß, ein nicht leicht zu schildernder Geist reiner Wissenschaftlichkeit, der von unserem Lehrer auf, ich weiß nicht welchem, unsichtbaren und unhörbaren Wege ausstrahlte und jeden intelligenteren Schüler in seinen Bann zog.... Mir behagte es nirgends so wohl wie in diesem Laboratorium Graebe's; ich lebte dort die glücklichsten Stunden. Soviel die anderen Verpflichtungen es nur erlaubten, verweilte ich hier von früh bis spät; oft war ich der Erste am Morgen, fast täglich der Letzte bei Torschluß. Und zwar geschah das nicht allein, weil ich die Notwendigkeit einer genauen Vertrautheit mit den Tatsachen der Chemie erkannt hatte, sondern weil ich mich hier allein wissenschaftlich getragen und gefördert fühlte. Der Assistent stand allen mit Auskunft und Hilfe zur Hand; Graebe war jederzeit in seinem nebenan gelegenen Privatlaboratorium anzutreffen und kam außerdem mehrmals am Tage zu uns herein, wo er sich dem Einzelnen, ohne mit der Zeit zu geizen, widmete; er stellte die Aufgaben, er überwachte die Ausführung, er überzeugte sich durch Frage und Antwort von dem Grad des lebendigen Verständnisses, er kritisierte die Gesamtleistung, ließ nicht nur die Lücken empfinden, sondern auch die tiefer liegenden Unzulänglichkeiten fühlen, gegen die beizeiten anzukämpfen ratsam sei. Ein idealer Lehrer!
    Bin ich auch nicht Chemiker geworden — was übrigens zu keiner Zeit in meiner Absicht lag —‚ so bekenne ich nichtsdestoweniger dankerfüllt, daß, was ich bei Graebe lernte, dauernden Einfluß auf meine gesamte geistige Entwickelung und Richtung gewann. Die Hellenen kannten die unvergängliche Bedeutung des mathematischen Unterrichts für die Ausbildung des Denkens und Urteilens und fragten nicht, ob einer später zu rechnen haben würde

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oder nicht; heutzutage, wo einerseits eine gewisse Kenntnis der Natur und der Methoden ihrer Erforschung immer mehr verlangt wird, andrerseits aber bei starker Berücksichtigung in der Schule die schon vorhandene Überlastung und Zersplitterung der Knaben nur vermehrt wird, würde ich empfehlen, der Chemie eine ähnliche methodische Bedeutung beizulegen wie der Mathematik, und sie allein obligatorisch einzuführen. Keine andere Wissenschaft vereinigt in solchem Maße die Eigenschaften des ganz Konkreten und des rein Theoretischen: nicht ein Schritt kann getan werden, ohne zu sehen, und zwar so „Gedankenfernes“, so ausschließlich Stoffliches zu sehen, daß der Lernende zunächst nicht begreift, was und warum er sehen soll; denn von Natur aus sehen wir nur, insofern wir denken, — es geschehe bewußt oder unbewußt, es werde Richtiges oder Falsches gedacht, gleichviel; und daher kommt es, daß die Chemie die theoretische Wissenschaft katexochen ist, in der ohne Theorie ebensowenig ein Schritt getan werden kann wie ohne Anschauung. Da aber hier zu den Theorien eigentlich gar kein Gedankenstoff vorliegt, so müssen sie rein aus der Phantasie des Menschen geboren werden — wobei die Geschichte dieser Wissenschaft gezeigt hat, daß falsche Annahmen (wie die des Phlogiston) die Entdeckung von Tatsachen, d. h. also das Mitaugensehenlernen, ebenso fördern wie richtige. Ein — wenn ich mich so ausdrücken darf — geradezu armseliger Befund erfährt eine vollkommene Verwandlung, sobald die menschliche Phantasie sich selbstherrlich dieses Befundes bemächtigt hat; aus dieser Ehe zwischen Empirie und Theorie entstehen dann unabsehbare Ergebnisse, die auch die Praxis unseres Lebens von allen Seiten durchdringen und neugestalten. Gerade das Studium der Chemie — wenn auch nur in dem Umfang eines bescheidenen Überblickes — würde, glaube ich, außerordentlich förderlich auf die Entwickelung des Urteilsvermögens moderner Menschen wirken, indem es über Methoden und Ergebnisse der exakten Wissenschaft weit genauer unterrichtet als die anderen Fächer. Jedenfalls mögen Sie aus dieser kurzen Abschweifung besser entnehmen, als ich es sonst zu schildern gewußt hätte, welche Bedeutung Graebe und seine Wissenschaft für die weitere Entwickelung meines Geistes gewonnen haben.

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Besondere Beachtung verdienen nur noch die zwei Botaniker; leider muß ich gestehen: ich habe auf der Genfer Universität wenig Botanik gelernt, außer auf Umwegen und aus eigener Kraft.
    Müller Argovensis, der Systematiker, war ein rechtschaffener Mensch und ein tüchtiger Fachmann; er hatte sich aber in dem langjährigen Verkehr mit Decandolle, dessen Amanuensis er gewesen war, die französische Gelehrteneigenart vollkommen assimiliert — richtiger gesprochen, nicht wirklich „assimiliert“, was seinem grunddeutschen Wesen schwer gefallen wäre —‚ sondern er hatte sich aus dieser Haltung und dieser Art sich zu geben ein Gesetz gemacht, von dem er niemals abwich, wodurch das ihm sicherlich angeborene, biedere „Schwyzertum“ abgestreift worden war. Der französische Gelehrte hat immer etwas „magistrales“ an sich, eine gewisse Kälte und Zurückhaltung, eine bewußte Würde, die sich, wie ich glaube, auf mittelalterliche Traditionen zurückführen läßt — wie so vieles im französischen Leben, das, trotz aller Revolutionen, vielleicht das konservativste in Europa ist. Bei Decandolle kam dazu die aristokratische Unnahbarkeit der uralten Patrizierfamilien aus der „haute ville“ von Genf. Das ist der Stempel, der dem braven Botaniker aus Aargau aufgedrückt worden war. Er gab sich so entsetzlich trocken, daß die Pflanzen des Herbariums neben ihm in Frühlingswonne neu aufzublühen schienen. Wohl waren seine Vorträge gehaltvoll, denn er beherrschte seine Wissenschaft meisterlich; hätte man aber nicht im selben Saal eine Stunde früher Vogt gehört, man hätte aus ihnen folgern müssen: wissenschaftlich sein heißt langweilig sein. Grundsätzlich gestattete er sich kein Wort, das Begeisterung hätte wecken können, und ich erinnere mich, daß er auf der ersten botanischen Exkursion, die ich mitmachte, mich streng anherrschte, weil ich bei dem Anblick einer Pflanze ausgerufen hatte: „Ach, wie schön!“ — „Herr Chamberlain, die Wissenschaft kennt den Begriff der Schönheit nicht. Eine Pflanze ist entweder gemein oder selten, entweder normal oder pathologisch, entweder landläufig oder interessant; schöne Pflanzen kennen wir Naturforscher nicht.“ Oft mußte ich in seinen Vorträgen das Lachen unterdrücken, wenn er die pedantische Korrektheit der Symmetrie, die er zu seinem eigenen Lebensgesetz erhoben hatte, nunmehr auch von den Pflanzen forderte und z. B.

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den unregelmäßigen Blüten scharfe Zensuren erteilte und herrlich regelmäßige Diagramme auf das schwarze Brett zeichnete, um uns zu überzeugen: so habe es die Natur eigentlich gemeint, und die skandalöse Unregelmäßigkeit erfolge aus einer Art sündenfallmäßiger Verdorbenheit der betreffenden Pflanze. Seine eigentliche Spezialität waren die Flechten; während ich in Genf weilte, erhielt er von den Regierungen Englands, Frankreichs und Rußlands größere Sammlungen aus den Polargegenden, aus Afrika und aus Zentralasien zur Untersuchung zugesandt. Die damals noch ziemlich neue Lehre — heute können wir sagen Entdeckung — der Symbiose durch Thuret, welche behauptete, die Flechten seien keine ursprünglichen Wesen, sondern entstünden aus der Vergesellschaftung von Pilzen und Algen, brachte Müller außer Rand und Band; denn sein Lebenswerk, nämlich die Systematik der Lichenes, schien ihm dadurch gefährdet. Das war die einzige Gelegenheit, bei der er die Selbstbeherrschung verlor; darum gefiel er mir in diesen Augenblicken am besten und suchte ich immer dabei zu sein, wenn er einzelne bevorzugte Schüler zu sich zum Tee einlud, du er es nie versäumte, uns unter stärksten Vergrößerungen Präparate vorzuführen, aus denen hervorgehen sollte, daß die Pilzschläuche die angeblichen einzelligen Algen hervorbrächten. Das war ja alles ganz interessant, aber ohne weitere Bedeutung.
    Anders verhielt es sich mit Marc Thury, der über Anatomie und Physiologie der Pflanzen las und also im engeren Sinne des Wortes mein Lehrer hätte sein sollen. Gewiß war Thury nicht ein Gelehrter, den man den fachmännischen Leistungen nach mit Vogt, Graebe und Fol hätte in eine Reihe stellen können; doch war er so durch und durch eigenartig, so lauter, so gänzlich außerhalb alles Konventionellen, daß er hierdurch Bedeutung gewann und als Persönlichkeit Verehrung verdiente. Er wäre wert gewesen, von Dickens mit Humor und Liebe geschildert zu werden, und gewiß hätte ihn Chodowiecki gern gezeichnet, wie er, den breiten Schlapphut in der Hand, den struppigen Bart im Winde fliegend, dahergerast kam, ganz in Gedanken versunken, oder aber — denn auch das habe ich erlebt — wie er am Rande des Straßengrabens im Staube auf dem Bauch lag, unbekümmert um die vorbeiziehenden Menschen, Wagen, Omnibusse, und eine Stunde lang oder noch länger regungslos irgendein

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Wassertierchen am Werke belauerte. Der Mann hatte für mich in meiner besonderen damaligen Lage nur einen Fehler — leider aber ein Kapitalfehler: er war nicht Botaniker! Thury war von Hause aus Physiker, Mechaniker, Ingenieur und Astronom, und haben auch seine Interessen — zum Teil auch seine Arbeiten — fast alle Zweige der Naturwissenschaften umfaßt, ja, darüber hinaus noch Theologie, Sozialpolitik, Spiritismus usw., so blieben doch jene mathematischen Wissenschaften sein Hauptfach. Außerhalb seines Vaterlandes dürfte er am bekanntesten sein als wissenschaftlicher Förderer der Uhrenfabrikation; namentlich ist die Durchführung des einheitlichen Schraubengewindesystems in den Werkstätten der Schweiz in erster Reihe sein Verdienst; auch zu der deutschen Konferenz des Jahres 1892 in München über diese, so schwierige Probleme der Mathematik und der Mechanik umfassende, Frage hat er eine Arbeit geliefert, die hoch geschätzt wurde. Noch manches hat er auf dem Gebiete der Feinmechanik geleistet — mit Rücksicht auf optische und elektrische Apparate, auf Seismographen, auf Luftpumpen, wertvolle Untersuchungen hat er über die physikalischen Eigenschaften vieler Metalle und Metalllegierungen ausgeführt; diese Arbeiten sind in wissenschaftlichen oder technischen Zeitschriften der Schweiz zerstreut. Und da ich nun einmal beim Aufzählen bin und Ihnen gern eine Vorstellung von der Vielseitigkeit des merkwürdigen Mannes geben möchte, so füge ich hinzu: er hat, außer Beiträgen zur Geographie des Mondes und Jupiters, außer Studien über die Pyramiden, über Grenzfragen der Naturphilosophie (z. B. über den Begriff der Individualität bei den Pflanzen) und namentlich auch über Fragen, die an dem Punkte entstehen, wo Naturwissenschaft, Philosophie und Religion sich alle drei berühren, sowie außer zahlreichen Beiträgen zur Förderung seines zugleich sozialistischen und christlichen Ideales, auch allerhand Beobachtungen über Tiere und Pflanzen angestellt, und früher als Kölliker und ohne Schopenhauer zu kennen, hat er eine Theorie der generatio ex utero heterogeneo aufgestellt, die von Darwin irgendwo erwähnt sein muß, sowie eine noch bekanntere Hypothese über die Entstehung der beiden Geschlechter — ein Werkchen, das 1863 unter dem Titel: Mémoire sur la loi de production des sexes chez les plantes, les animaux et l'homme in Genf erschien und mehrere Übersetzungen, u. a. auch ins Deutsche, erlebte. Um diese

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letzte Arbeit gruppieren sich eine Reihe einzelner Studien zu der selben Frage; die eine finden Sie in Darwin's Descent of Man angeführt. Höchst originell ist es, daß er bei dieser Hypothese von den Pflanzen seinen Ausgang nahm — nicht bloß bei der Darstellung, sondern, wie ich es aus seinem eigenen Munde weiß, auch in der Reihenfolge seiner Experimente. Er nahm Phanerogamen, bei denen die männliche und die weibliche Blüte getrennten Stöcken angehören, sorgte für die Isolierung der weiblichen und bewirkte die künstliche Bestaubung zu verschiedenen Zeiten, — d. h. in gewissen Fällen sofort nach dem Öffnen der weiblichen Knospen, in anderen Fällen später, und in noch anderen erst kurz vor dem Abblühen; die erzielten Samen wurden sorgfältig getrennt gezogen. Es ergab sich nun, daß, wo die Befruchtung unmittelbar nach dem Aufblühen stattgefunden hatte, eine weit größere Verhältniszahl an männlichen Standen entstand als sonst; umgekehrt wogen die weiblichen beträchtlich vor, wenn die Bestaubung sehr spät erfolgt war. Das hier gefundene Gesetz war er nun kühn genug, auf die Vertebraten anwenden zu wollen, veranstaltete darüber Versuche auf den Kuhweiden der Schweizer Alpen und langte mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit, die ihm eigen war, schließlich beim Menschen an... Voriges Jahr erhielt ich die Schrift eines deutschen Patrioten zugeschickt, die auf Thury's Lehre verweist, damit uns recht viele Buben geboren werden! Schon die Schilderung dieser Vielseitigkeit wird Sie erraten lassen, daß dem Professor Thury wenig Muße übrig geblieben sein kann für fachmäßiges Arbeiten auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie. Es blieb ihm aber noch weniger, als Sie vermuten könnten. Denn die Stadt Genf, die auf Grund der Braunschweig'schen Erbschaft sich auf vielseitige Unternehmungen eingelassen hatte, war zu meiner Zeit schon in die Lage manches blühenden Erben geraten und besaß statt Millionen lastende Schulden; deswegen knauserte sie überall nach Möglichkeit, und nirgends mehr als an ihrer Universität; ein Ordinarius mußte vermögend sein, um ohne Nebenverdienst von seinem Gehalt leben zu können. Nun besaß aber Thury eine Gattin und dreizehn lebende Kinder, war von Hause aus unbemittelt und hatte es bei seiner reinen Weltfremdheit — und trotz einer Reihe von nützlichen Erfindungen auf mechanischem Gebiete — nie verstanden, oder grundsätzlich verschmäht,

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sich Renten zu schaffen. Seine Tage galten also dem redlichen Verdienen des Notwendigen. Er war Lehrer der Naturgeschichte in allen ihren Zweigen an den berühmten, höheren Mädchenschulen Genfs und lehrte dort — wenn ich nicht irre — auch höhere Erdkunde und politische Ökonomie. Die übrigen Stunden des Tages beanspruchte ein interessantes, aber zeitraubendes Amt: Thury war beratender Ingenieur bei der bekannten „Genfer Gesellschaft für den Bau von wissenschaftlichen Präzisionsinstrumenten“; öfters habe ich ihn dorthin begleitet und war erstaunt über die Fülle der Fragen, die an ihn herantraten, und über die Schlagfertigkeit seines Wissens; doch manchmal mußte er zu stundenlangen Berechnungen und Beratungen dort verweilen. Und kam nun endlich der Abend, wo war dann unser lieber Thury anzutreffen? In seinem eigenhändig errichteten Observatorium, an dem von ihm selbst konstruierten Refraktor, emsig den „orangefarbigen Fleck“ auf Jupiter mit feinsten Mikrometervorrichtungen messend.
    So sah mein Lehrer der Pflanzenphysiologie aus!

*

    Die letzten Wochen vor dem Examen im Herbst 1881 hatte ich täglich zwischen 9 und 13 Stunden studiert; vor mir liegen die Zettel, auf denen ich in der Weise Buch führte, daß ich selbst eine Unterbrechung von wenigen Minuten aufschrieb und in Abrechnung brachte. Es war ein starkes Pensum, und ich fühlte mich nach bestandener Prüfung ruhe- und abwechselungsbedürftig. Beides gönnte ich mir in Paris, wo bei Gelegenheit des ersten internationalen elektrischen Kongresses die erste große elektrische Ausstellung, die in Europa stattfand, einem jungen bachelier ès sciences physiques unerschöpfliches Interesse bot. Auf der Place de la Concorde bestieg man den ersten elektrischen Tram; im Gebäude waren die verschiedenen Glühlampen zum erstenmal zu sehen, unter denen — rein ästhetisch betrachtet — wohl allen Menschen von Geschmack diejenigen Edison's am wenigsten gefielen, wogegen man denen Swan's dauernd nachtrauert. Spukhaft wirkte der erste Phono-

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graph, der mit näselnder Yankeestimme einen New Yorker Gassenhauer hinausbrüllte, den ich nie mehr loswerden konnte:
There was a little girl,
And she had a little curl,
That hung right down her back:
And when she was good,
She was very very good:
But when she was bad,
She was .... horrid!
Vor dem „horrid“ kam eine Kunstpause, und dann wurde dieses letzte Wort ohrenzerreißend geschrieen. Alle Abende gab es Vorträge mit Demonstrationen, von irgendeinem der Gelehrten des Kongresses gehalten.... kurz, mir bedeutete dieser Aufenthalt eine Art wissenschaftlichen und technischen Überschwangs und schwebt mir im Gedächtnis als ein gelebter Roman von Jules Verne vor.
    Das Wintersemester 1881—82 war schon längst angegangen. als ich nach Genf zurückkehrte. Noch vor meiner Abreise nach Paris war mit Graebe vereinbart worden, daß ich unter seiner Leitung in seinem Laboratorium meine Doktorarbeit machen sollte. Graebe nämlich, der mir wirkliches Interesse bezeigte, redete mir zu, das Doktorexamen sobald als möglich loszuwerden und mich dann an irgendeine deutsche Universität zu begeben, wo ich in aller Seelenruhe mich wissenschaftlichen Arbeiten würde hingeben können. „Was die Kenntnisse anbelangt,“ sagte er mir, als ich ihm am Tag nach der Baccalauréat-Prüfung auf der Straße begegnete und diese Angelegenheit mit ihm besprach, „so hat Ihr Examen gezeigt, daß Sie ohne Frage schon jetzt über diejenigen verfügen, die zum Doktor gefordert werden. Kommen Sie nur zu mir, ich suche eine entsprechende Aufgabe für Sie aus, und heute übers Jahr ist die Sache erledigt.“ Ich trat also nach meiner Rückkunft sofort bei Graebe wieder ein und sollte mich erst einige Wochen in der Kunst der organischen Verbrennungsanalysen vervollkommnen, um dann irgendein Problem der Pflanzenchemie vorzunehmen, das ich Ihnen jetzt nicht näher zu bezeichnen wüßte; wenn ich nicht irre, bezog es sich auf die Pflanzenfette einer bestimmten botanischen

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Familie. Nun aber mischte sich die Vorsehung in diese schönen Pläne ein. Vielleicht waren die Nerven von der übermäßigen Arbeit des letzten Jahres ein wenig überreizt; nach kurzer Zeit bekam ich täglich — bald nach Betreten des Laboratoriums — Fieber; die Versuche, dem vorzubeugen, mißlangen; schließlich verlangte mein Arzt peremptorisch, daß ich diese Studien auf später verschiebe. Es war für mich eine bittere Enttäuschung. Um sie zu überwinden, suchte ich Rat bei Thury, gewillt — wenngleich die Universität kein dazu geeignetes Laboratorium besaß —‚ nun doch eine pflanzenphysiologische Arbeit in Angriff zu nehmen.
    Nach einigem Hin- und Hererwägen beschloß ich, gewisse Fragen, die aufsteigende Bewegung des Saftes betreffend, zum Gegenstand neuer Untersuchung zu machen: es handelte sich um den sogenannten   W u r z e l d r u c k.   Bekanntlich wird die Zufuhr des Wassers von unten nach oben bei unseren Landpflanzen in der Hauptsache durch die Transpiration der Blätter (mittelbar oder unmittelbar) bewirkt; wie Goethe es ausdrückt:
Wir, in dieser tausend Äste Flüsterzittern, Säuselschweben,
Reizen tändelnd, locken leise, wurzelauf des Lebens Quellen
Nach den Zweigen.....
Doch ist auch eine andere Kraft tätig, dank welcher der Saft — und zwar oft mit bedeutender Kraft und in beträchtlichen Mengen — von unten nach oben getrieben wird zu Zeiten, wo die Pflanzen noch keine Blätter tragen oder aber durch „Köpfung“ des blattführenden Teiles beraubt sind, bei denen also die pumpende Wirkung der Transpiration ausgeschlossen ist. Der englische Geistliche Hales, der Begründer der neueren Pflanzenphysiologie, hat im Anfang des 18 Jahrhunderts die ersten Versuche hierüber — und zwar an Weinstöcken — angestellt. Das Thema interessierte mich lebhaft, außerdem aber bestimmte mich bei der Wahl die Hoffnung, ohne umständlichen Apparat auszukommen. Das Wohnzimmer meines aus nur drei Stuben bestehenden Quartiers wurde ausgeräumt, mit großen Handwerkstischen, mit Wasser- und Gaszufuhr versehen, wobei namentlich ein kleiner Gasofen, mit Gasdruckregulator aus-

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gestattet, so vorzüglich funktionierte, daß tagelang die Temperatur zwischen Maximum und Minimum um nicht einen Grad Celsius schwankte. Thury war die Freundlichkeit selbst und geizte nicht mit Ratschlägen; freilich mußte ich, um diese zu erhalten, ihn auf der Straße abpassen; diese Beratungen fanden gewöhnlich mitten im Abendgewühle der Schul- und Fabrikschlußstunden statt, sehr selten nur konnte er es ermöglichen, zu mir auf einen Sprung hinaufzukommen; von einer wirklichen Leitung seinerseits konnte keine Rede sein. Hierzu kam noch ein anderes. Thury legte den größten Wert — in allen Dingen — auf die Originalität der Auffassung; dringend bat er mich, zunächst von der Literatur — außer Hales, Dutrochet und Hofmeister — keine Kenntnis zu nehmen, sondern mich möglichst frei nach eigener Art in den Gegenstand einzuarbeiten. So hatte er es selbst immer gehalten. Sie begreifen aber leicht, daß eine solche Methode für die schnelle Erledigung einer Doktordissertation nicht gerade günstig sein kann. Diese Methode, verbunden mit jener besonderen Gewissenhaftigkeit und Peinlichkeit, von denen ich am Anfang dieses Briefes sprach, führten richtig dazu, daß ich den Grundriß des von mir zu Leistenden zu breit anlegte und mich immer mehr in den Wahn hineinlebte, etwas Erschöpfendes leisten zu können und zu sollen. Vor einem solchen Fehler hätte mich Graebe bewahrt und mich auf die Erledigung des Bruchstückes eines Bruchstückes hingewiesen, das Weitere der Zukunft überlassend; so aber geriet ich ins Uferlose. Ein Beispiel. Es ist von Wert, einzelne Versuche über den Wurzeldruck mit Pflanzen anzustellen, die anstatt in der Erde, im Wasser auferzogen sind; dies ist aber eine Kunst für sich und für einen vereinzelt arbeitenden Forscher eine sehr mühsame und zeitraubende: ich habe sie so gut bewältigt, daß Boissier mir versicherte, er habe nie und nirgends ähnliche Erfolge gesehen; so wuchsen z. B. meine in Wasser gezogenen Erbsen und Bohnen bis an die Decke und bildeten dort rankende Lauben; nicht weniger üppig gedieh mein Mais. Nun kam ich aber unmittelbar aus der Chemie, und so war es nur natürlich, daß ich der verschiedenen Zusammensetzung möglicher Nährlösungen eifrige Aufmerksamkeit widmete und um so mehr auf allerhand Spuren hinausgelockt wurde, als sich bald herausstellte, daß das unterschiedene Wachstum der Wurzeln in den chemisch verschiede-

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nen Lösungen auf die Beförderung des Saftes nach oben bedeutenden Einfluß ausübe. Wieder, wie Sie sehen, eine Frage für sich, und zwar eine grenzenlos verwickelte! Dabei aber für mich damals insofern eine unfruchtbare Bemühung, als die bloße Tatsache des im Wasser Wachsens den speziellen Wurzeldruck dermaßen herabsetzt, daß solche Pflanzen für die Frage der Beziehungen zwischen Druckhöhe und Saftmenge, die ich besonders ins Auge fassen sollte, jedenfalls nur nebenbei in Betracht kommen können. Zwar hatte ich mich durch diese umständlichen Wasserkulturversuche belehrt, doch in bezug auf das nächste Ziel viel Zeit und Arbeitskraft verschwendet. Diese eine Abschweifung erwähne ich als Beispiel; es gab ihrer noch eine Reihe.
    So vergingen denn Wochen, Monate, ja, Jahre — und noch immer war ich eifrig an der Arbeit. Erst im Frühling 1884 fühlte mich wirklich fest im Sattel; denn nunmehr hatte ich Pflanzen ausfindig gemacht, die sich zu langanhaltenden Versuchen eigneten — was von der Energie des Druckvermögens abhängt sowie von gewissen Eigenschaften der Stengelgefäße, wodurch diese nicht in Fäulnis geraten: namentlich Senecio mikanioides zeichnete sich in beiden Beziehungen aus. Auch hatte mich die allmähliche Vervollkommnung eines für diese Versuche ausgesonnenen, eigenartigen Manometers auf eine Reihe bestimmter Fragen gebracht, die keiner meiner Vorgänger sich — in Ermangelung eines solchen Instrumentes — hätte stellen können; sie führten zu unerwarteten Ergebnissen. Um nur das eine zu nennen: es gelang mir, einwandfrei nachzuweisen, daß der Druck von unten nach oben nicht — wie bisher vorausgesetzt — eine durch ein einziges Experiment festzustellende Größe sei, sondern daß er mit dem Druck von oben nach unten — mit anderen Worten je nach dem Widerstand — wachse und abnehme: steigt der Widerstand, so steigt auch der Wurzeldruck; wird der Widerstand geringer, so nimmt auch die Stoßkraft des Wurzeldruckes ab. Es gelang mir z. B., Pflanzen, die sofort nach der „Köpfung“ am Stengelquerschnitt Wasser nicht bloß nicht ausstießen, sondern energisch einsogen, durch beständige Wiederherstellung des Drucknullpunktes in kurzer Zeit dahin zu bringen, daß der Druck von unten nach oben einsetzte und nach und nach eine nennenswerte Energie entwickelte. Ebenso konnte ich aber umgekehrt einen

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energischen positiven Wurzeldruck nach Belieben unterbrechen oder in einen negativen umwandeln: es genügte, die Widerstandskraft anhaltend zu vermindern. Sie begreifen als Biolog sofort, welche Menge neuer Fragen sich hiermit dem Blick eröffnete. Ich beabsichtige nicht, diesen Brief dazu zu mißbrauchen, noch einmal im Leben das liebe alte Steckenpferd zu besteigen; Sie finden alles in meinem Werk: „Recherches sur la sève ascendante“, mit Abbildungen der Instrumente, mit Tausenden von Beobachtungen und mit veranschaulichenden Kurven; sollten Sie es nicht kennen, so stelle ich Ihnen das letzte Exemplar zur Verfügung. Hier genügt es, wenn ich Sie durch diese kurzen Mitteilungen habe empfinden lassen, in welche frohe, erregte, ja leidenschaftliche Stimmung wissenschaftlichen Erforschens der Natur ich — als Lohn für die grenzenlosen Bemühungen — nach und nach hineingeraten war. Leider aber — und trotzdem ich jetzt das zu untersuchende Problem scharf erfaßte — war ich noch keineswegs von der bösen Neigung zu weiteren grenzenlosen Anforderungen an mich selbst geheilt: hatte ich mich in den Anfängen meiner Arbeit nach allen Seiten hin in die Breite verirrt, so sündigte ich jetzt durch eine alle Maße übersteigende Anspannung der Beobachtung. Die viel zu große Kürze der Beobachtungsreihen meiner Vorgänger hatte — wie oben angedeutet — durch die Entdeckung besonders geeigneter Pflanzen Abhilfe gefunden; nunmehr galt es, einen zweiten Fehler — die viel zu selten wiederholten Ablesungen, aus denen oft sehr unzuverlässige Kurven abgeleitet wurden — ebenfalls zu vermeiden, und dies hing vom alleinigen Willen ab. In gewissen Versuchsreihen habe ich nicht nur alle Stunden, sondern alle paar Minuten, manchmal alle Minuten beobachtet: wer einige Übung im peinlich genauen Ablesen der Meniskushöhe auf fein eingeteilten Skalen besitzt, weiß, welche Zumutung an Auge und Hirn hiermit gestellt wird. Das Allertollste aber war folgendes. Mir hatte bei meinen Vorgängern namentlich mißfallen, daß die Nacht leer ausging und höchstens durch eine auf dem Papier großartig sich ausnehmende, in Wirklichkeit aber rein imaginäre Kurve vertreten war. Wie soll man über Naturerscheinungen urteilen, außer man kennt sie durch Beobachtung? Zwar liegt die Voraussetzung nahe, daß manche vegetativen Vorgänge in den Nachtstunden ruhen mögen; doch   g e w u ß t   kann das nur werden, wenn

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es nachgewiesen ist: es genügt nicht, daß ich mit den Italienern zu meinen Instrumenten spreche „felicissima notte!“ und nun Feierabend mache, in die Kneipe gehe, und mich dann in mein Bett trolle. Und so legte ich mir das Gesetz auf, selbst abends und nachts nie mehr als höchstens vier Stunden zwischen zwei aufeinanderfolgenden Ablesungen an den verschiedenen unter Beobachtung stehenden Pflanzen verstreichen zu lassen. Hatte ich z. B. abends um 11 Uhr mein Laboratorium verlassen, so stellte ich den Wecker auf 3 Uhr, und früh um 7 war ich wieder an der Arbeit; die folgende Nacht gönnte ich mir dann das Schlafengehen schon um 9 Uhr, dafür stand ich aber um 1 Uhr nachts wieder auf und noch einmal um 5. Und so weiter. Zu dem Zusammenbruch meiner Nerven im Herbst 1884 mag diese beständige Störung des Schlafes viel beigetragen haben; Sie wissen aus Erfahrung, wie vollkommen wach der Mensch sein muß, um solche feinen Arbeiten zu verrichten; und war ich einmal so weit, so kam es nicht selten vor, daß ich auch mitten in der Nacht ganze Reihen vergleichender Versuche anstellte. Dabei war in jener Epoche mein Geist so unheimlich rege, daß ich außer vielem Lesen allerhand Studien trieb, von denen namentlich zwei mir Hirn und Herz erfüllten: die eine galt der reinen Philosophie — namentlich Kant's, die andere der Erlernung der Harmonie und des Kontrapunktes. Damit nicht genug, mußte außerdem mein friedlicher, der Wissenschaft und der Kunst geweihter Lebensgang in stürmisches Fahrwasser geraten. Ich habe nicht vor, Ihnen mit Bekenntnissen über diese Dinge lästig zu fallen; doch liegt mir daran, zu betonen, daß, nach meiner festen Überzeugung, ich auch dem geschilderten Übermaß der geistigen Arbeit gewachsen gewesen wäre, hätten nicht schwere Schicksalsprüfungen, die damals Schlag auf Schlag mich trafen, und bittere Seelenschmerzen das Gemüt tief erschüttert.... Eines Nachmittags im Frühherbst des Jahres 1884 saß ich im Garten beim Tee — da wankte die Gegend vor meinen Augen, das Schlagen des Herzens schien aufzuhören, eine Art halbe Bewußtlosigkeit überfiel mich — das Nervensystem versagte den Dienst.
    Für Jahre blieb jede wissenschaftliche Arbeit unterbrochen; physiologische Beobachtungen habe ich nie mehr anstellen können. Mitte der neunziger Jahre, als meine beiden Wagnerbücher und eine

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Anzahl Aufsätze Beachtung gefunden und mir den Auftrag zu einem Werke über das neunzehnte Jahrhundert zugezogen hatten, und als die Vorbereitungen zu diesem Unternehmen immer mehr alle Kräfte und Gedanken beanspruchten, holte ich „kurz vor Toresschluß“ meine alten Beobachtungsjournale über den Wurzeldruck heraus, ergänzte meine Literatur-Kenntnisse und rettete — von Julius Wiesner beraten und ermutigt — aus diesen redlichen Bemühungen, die mehr als ein Dezennium geschlummert hatten, was noch zu retten war, ließ alles Nebensächliche an Beobachtungen beiseite, schälte den oben angedeuteten Mittelpunkt heraus und verfaßte das Werk Recherches sur la sève ascendante, das zu Beginn des Jahres 1897 bei Attinger in Neuchatel erschien. Dieses Buch ist von mir französisch geschrieben, weil ich es noch als Doktordissertation an der Universität Genf einzureichen beabsichtigte. Zwei Jahre früher hätte ich auf Grund meines Baccalauréat und dieser Arbeit das Doktordiplom „in absentia“ erhalten; inzwischen war eine Neuordnung erlassen worden, die dies ausschloß. In den freundlichsten Worten teilte mir der Rektor das mit und forderte mich auf, der Form zu genügen und vor einer Prüfungskommission zu erscheinen, „die es sich zur Ehre anrechnen würde usw.“ Ich aber fühlte mich nicht befähigt und noch weniger geneigt, mich einem noch so wohlwollend geführten mündlichen Examen auszusetzen, das mir immerhin Zeit und Kraft gekostet hätte, über die ich in Anbetracht der umfassenden kulturhistorischen Aufgabe, die der Erledigung harrte, nicht mehr verfügte. So verzichtete ich denn und — ich will es Ihnen offen gestehen — ich habe mich seitdem gefreut, nicht als „Herr Doktor“ durchs Leben gehen zu müssen; Kant's Auffassung der „größten Angelegenheit des Menschen“ — nämlich zu lernen, „was man sein muß, um   e i n   M e n s c h   zu sein“, — besaß für mich mehr Verlockendes. Die Universität Genf tat mir die Ehre an, die Widmung meines Buches offiziell anzunehmen — und damit war die Sache erledigt.
    Da diese Arbeit außerhalb Ihres besonderen Faches liegt, möchte ich Ihnen gern das bisher nicht veröffentlichte Urteil des großen Pflanzenphysiologen Julius Wiesner über sie mitteilen und rücke darum ungekürzt den Brief hier ein, den er mir nach Kenntnisnahme der Aushängebogen schrieb:

109 III. Meine Naturstudien. Untersuchungen über den Wurzeldruck.
    „Sehr geehrter Herr!

    Ich danke Ihnen vielmals für die gütige Übersendung Ihrer wertvollen Abhandlung über die Saftbewegung in der Pflanze. Ich habe Ihr gehaltreiches Buch nun zu Ende gelesen und kann nur sagen, daß sowohl der Inhalt als die Darstellungsform mich in hohem Grade befriedigt haben.
    Die Beobachtungen, welche Sie auf Grund Ihrer Versuche über den Saftstrom der Pflanzen an zahlreichen Gewächsen mit verholzenden und krautigen Stengeln angestellt haben, sind, in den Grenzen der Fragestellung, die exaktesten, welche nach dieser Richtung angestellt wurden. Ihre Methode, die Saftmenge zu bestimmen, ist weit genauer als die Ihrer zahlreichen Vorgänger, und Sie haben auf die äußeren Vegetationsbedingungen so sorgsam Bedacht genommen, daß diese Ihre Versuche nichts zu wünschen übrig lassen, als ein — freilich nicht zu erfüllendes Verlangen: Sie möchten diese mit so viel Geschick, Überlegung und Genauigkeit begonnenen und bis zu einer weitgehenden Grenze fortgeführten Untersuchungen im Interesse der Pflanzenphysiologie weiterführen und theoretisch vertiefen!
    Wenn nun die neue Richtung, welche Sie als Schriftsteller genommen, die Erfüllung dieses Wunsches aussichtslos erscheinen läßt, so freue ich mich doch darüber, daß Sie, von mehreren Seiten angeregt, sich entschlossen haben, Ihre Untersuchungen zu veröffentlichen.
    Die vielumstrittene alte Frage des Saftsteigens — sie ist ja so alt wie die Pflanzenphysiologie — ist zumeist nicht mit der nötigen wissenschaftlichen Genauigkeit behandelt worden, und so erklärt es sich, daß die Meinungen über die Ursachen der Saftbewegungen in der Pflanze unaufhörlichen Schwankungen — man kann sagen, von einem Extrem zum anderen — unterworfen sind und sich kein kontinuierliches Fortschreiten in der Lösung dieser wichtigen Probleme wahrnehmen läßt!
    Nur durch genaue und streng methodisch durchgeführte Untersuchungen, wie jene, welche Sie in Ihrem Buche über das Saftsteigen mitgeteilt haben, wird es dermaleinst möglich
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sein, die Frage des Saftsteigens einer befriedigenden Lösung entgegenzuführen.
    Ungemein gut gefallen hat mir Ihre historisch-kritische Darstellung der Saftbewegungsfrage. Ich habe nirgends eine so objektive und anschauliche Behandlung der Entwickelung der Hauptprobleme des Saftsteigens gefunden. Der Grund für das fast gewöhnliche Mißraten der bisherigen historisch-kritischen Darstellungen der Entwickelungsgeschichte des Saftsteigungsproblems liegt darin, daß die Verfasser dieser Studien zumeist Erfinder von Hypothesen über das Zustandekommen des Saftsteigens waren, welche Hypothesen sich später als vollkommen irrig herausgestellt haben. Um nur einen zu nennen, erinnere ich an den sonst so ausgezeichneten Pflanzenphysiologen Sachs, dessen Imbibitionstheorie — bis auf ein kleines Körnchen leider nicht gewürdigter richtiger Erkenntnis — sich im Grunde als falsch herausgestellt hat. Wenn ein solcher Mann eine historisch-kritische Darstellung der Saftsteigungsfrage gibt, so darf man sich nicht wundern, wenn er den Gegenstand in schiefes Licht bringt.
    Was die Lektüre Ihres Buches mir so anziehend gemacht hat, ist Ihre geistvolle Art, von Kleinem ausgehend, und dieses kritisch durchdenkend, zu den großen Problemen der Forschung zu gelangen und diese im Sinne einer philosophischen Behandlung zu beleuchten.
    Sie fühlen wohl gleich heraus, daß ich hier auf Ihre Behandlung der Vitalitätsfrage anspiele.
    Nochmals herzlich dankend
Ihr aufrichtig ergebener
 
     J.   W i e s n e r.
 
Wien, 24. November 96.“
*
    Meine im Herbst 1884 eingetretene und als Neurasthenie bezeichnete Erkrankung nahm in den ersten Monaten einen recht schweren Verlauf; als im Herbst 1885 der Zustand sich einiger-

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maßen erträglicher gestaltete, schloß ich meine Genfer Wohnung zu und begab mich für den Winter nach Dresden: ich bin aber nicht nach Genf zurückgekehrt und habe von da an bis heute in deutschen Landen mein Heim gefunden. In Dresden hatte ich das Glück, Kraepelin noch kurz vor seiner Berufung als Professor nach Dorpat anzutreffen; die Ratschläge dieses seither zu so großem Rufe gelangten Psychiaters haben zu meiner allmählichen Erholung und schließlichen Genesung gewiß viel beigetragen. Seine Hauptempfehlung war: keine wissenschaftliche Arbeit und möglichst viel Zerstreuung. Für die folgenden Jahre richtete ich mich in einer kleinen sonnigen Wohnung in Dresden ein, mit dem Blick auf die Felder. In der ersten Zeit war ich unfähig, auch nur zwanzig Zeilen zu lesen; Theater und Konzerte mußte ich wegen Herzbeklemmungen meiden; doch das Straßenleben, der Verkehr auf der Elbe, dem ich gern stundenlang zuschaute, kurze Besuche der Kunstsammlungen, bald auch die wiedergewonnene Befähigung zu Landspaziergängen in Begleitung meines geliebten langjährigen Freundes, eines russischen Steppenhundes, später — bei fortschreitender Erholung — der fleißige Besuch von Oper, Schauspiel, Operette und sogar Variété — dies alles verschaffte Hirn und Gemüt mehr und mehr Ruhe und damit auch Beruhigung. Überkamen mich beängstigende Zustände, so stieg ich schnell in den Zug und fuhr nach Berlin, wo ich in dem riesigen Zentralhotel gleichsam vor mir selber entschwand und nur noch der Inhaber einer Zimmernummer war. Kein Ort der Welt wirkt auf mich so beruhigend wie Berlin: so voll interessanter Gegenstände und als Stadt so überaus einförmig. Tagtäglich ging ich ins alte Museum und blieb dort, bis die aufziehende Wache mich hinaus und vor das Eckfenster des von mir seit früher Jugend ehrerbietig gebliebten greisen Königs rief. Nach und nach nahm auch die Fähigkeit zum Lesen zu und ich lernte viel Literatur kennen, zu der ich sonst Schwerlich je Muße und Neigung gefunden hätte.
    Bald machte ich eine merkwürdige Entdeckung, die, glaube ich, den Biologen interessieren muß: das abstrakte Denken strengte mich weniger an als jede konkrete Beschäftigung! Es mußte allerdings mit Maß geschehen, ich war aber fähig, mich mit Hochgenuß in Kant's Kritik der reinen Vernunft zu vertiefen, und zwar mit einer vollkommenen Muße, die ich früher nie besessen hatte, und aus einer

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Weltentfremdung, die derartige Meditationen außerordentlich begünstigte. Es dauerte nicht lange und ich steckte tief in dem ersten gründlichen Studium aller Schriften Plato's. Für mich waren und sind diese zwei größten Denker die „naturforschenden Denker“ unter allen. Ohne Plato war die Möglichkeit einer Wissenschaft nicht gegeben, denn er hat uns gelehrt, das Viele in das Eine „zusammenzuschauen“ und zugleich das Eine in das Viele auseinanderzulegen, d. h. er hat uns die Idee der verschiebbaren Rahmen gegeben, ohne die wir unfähig wären, Wissensstoff anzusammeln, dazu die wichtigsten der Begriffe, welche — wie Hypothese, Theorie, System, Analogie, Phantasie usw. — das Werkzeug aller Forschung bilden. Kant aber unternahm 2000 Jahre später das selbe Werk auf der höheren Stufe, die wir — dank Plato — inzwischen erklommen hatten; von neuem lehrte er uns Einen und Trennen, lehrte uns zwischen Sehen und Denken, zwischen bewußt Wissen und bewußt Wähnen unterscheiden. Die sogenannten „Philosophen“ stellen sich hinterher bei beiden sofort in Scharen ein und „sublimieren“ alles zu abstraktem Zeug; sie aber — die beiden — waren echte Naturforscher.
    So mögen Sie, verehrter Freund, es denn begreifen, daß ich es eines Tages nicht länger aushielt und — von Plato und Kant dazu angeregt! — mir Straßburger's Botanisches Praktikum anschaffte. Die zweite Auflage dieses vortrefflichen Werkes war soeben — im Herbst 1887 — erschienen, und ich ging nun sachte daran, das Altbekannte wieder vor die Augen zu rufen und manche Einzelheiten der Pflanzenanatomie und der Mikrochemie — für die ich früher keine Zeit übrig gehabt hatte — mir einzuprägen. Oberhalb meiner im dritten Stock gelegenen Wohnung hatte ich mir von einem Arbeiter-Geschwisterpaar, das den ganzen Tag in der Fabrik weilte, zwei Dachkämmerchen gemietet — das eine nach Süden gelegen, aus dessen runder Luke ein reizender Blick zum Moreau-Denkmal hinauf dem Sinnen Anregung bot, das andere eine Art kleiner Küche, nach Norden, wo Schimmelpilz-Kulturen auf verschiedensten Unterlagen sich üppig entfalteten, Chemikalien gebraut wurden und ein gutes stilles Licht der Arbeit an der Sezierlupe und am Mikroskop zustatten kam. Hier oben gab es keine Klingel; niemand konnte mich erreichen; und selbst inmitten der tiefen Niedergeschlagenheit, die mich in den Dresdener Jahren bis fast zum Lebensüberdruß be-

113 III. Meine Naturstudien. Die Dresdener Jahre - Julius Wiesner.
drückt hat, erlebte ich wahrhaft glückliche Stunden in dieser kleinen künstlich hergestellten Einöde — teils bei den winzigsten Einzelheiten der stillwirkenden Natur, teils mit Plato und Kant, mich in dem hohen Fluge übend, den Goethe mit den Worten feiert:

Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähig,
Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang,
Nachzudenken.

Trotz der Schönheit der Lage, der vielen Ausflugsmöglichkeiten und der sonstigen Vorzüge Dresdens fühlte ich mich dort etwas bedrückt und litt auch physisch unter den vielen Gewittern, die das Elbtal herabziehen. Als mich im Frühjahr 1889 eine kleine Reise zu kurzem Aufenthalt nach Wien geführt hatte, war mein Entschluß schnell gefaßt: das war der Ort, wo mir vom Schicksal Kräftigung und Gedeihen bestimmt waren! Im Herbst 1889 zog ich dahin und habe 20 Jahre dort gelebt.

*

    Mein Instinkt hatte mich nicht irregeführt. Die Liebe zu Wien nahm mit den Jahren nur zu, und es ist meine Überzeugung, daß, wenn ich im Leben etwas geleistet habe, dies zum großen Teil der unvergleichlich anregenden Luft und dem nicht zu beschreibenden — den Geist allezeit beschäftigenden, ausruhenden und anspornenden — Zauber dieser einzigen Stadt zu verdanken ist. In jenem Augenblick aber besaß Wien für mich noch eine besondere, mir persönlich angehörende Anziehung, von der ich nicht weiß, ob es mir gelingt, Andere sie in ihrer geheimnisvollen Kraft nachfühlen zu lassen: ich durfte bestimmt hoffen, dort in Berührung zu kommen mit Julius Wiesner!
    Kein Mensch hat mich auf Wiesner aufmerksam gemacht; ein glücklicher Instinkt hat es aber herbeigeführt, daß ich mir im Herbst 1881 — als die Idee einer chemischen Dissertation mir vorschwebte — sein Werk: Die Rohstoffe des Pflanzenreiches (erschienen 1873), anschaffte; möglicherweise — ich weiß es nicht mehr zu sagen — waltete bei mir ein Mißverständnis vor und glaubte ich, mit einem

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Chemiker zu tun zu haben. Dieses Werk, das im Jahre 1900 eine erweiterte Neuauflage unter Hinzuziehung von Spezialforschern erlebte, und dessen wiederum erweiterte dritte Auflage noch im Erscheinen begriffen war, als der Verfasser uns entrissen wurde, gilt bei den Technikern aller Nationen als grundlegend. Zu derartigen Werken, die dem strengbegrenzten Spezialistentum dienen, zog mich immer eine besondere Vorliebe hin: hier kann der Gelehrte sich und Anderen nichts vorgaukeln; überall fühlt man unter den Füßen den festen Boden. Persönlich gehen mich allerdings Kautschuk und Katechu und Jutefasern nichts an; verstehen Sie mich aber, wenn ich Ihnen sage, daß ich ein solches Buch, sobald es meisterlich gemacht ist, mit um so reinerer Freude studiere? Diesmal war mein Herz gleich gewonnen. Um diese Zeit erschien auch Wiesner's kleine Schrift Das Bewegungsvermögen der Pflanzen; eine kritische Studie über das gleichnamige Werk von Charles Darwin: ein vollendetes Muster sachlicher Kritik; keine Spur der unerträglichen Schulmeisterei und des blöden Besserwissenwollens, vielmehr ein Widerlegen ungenügender durch genauere Versuche und ein Aufklären der unzulänglichen durch entsprechendere Deutungen, wie sie der eigentliche Fachmann aus seinen umfassenderen Kenntnissen schöpft: zum Schluß die Anerkennung der Anregungen, die Darwin's Schrift in reicher Fülle bietet, und der herrliche Satz: „Das ist aber das Beste, was ein wissenschaftliches Werk bieten kann: zu neuen Forschungen lebendige Impulse zu geben“. Wie Sie sehen, faßt Wiesner die Wissenschaft als ein Lebendigbewegliches, als das Gegenteil aller Dogmatik auf. Kein Wunder, daß er sich später über Ihr prächtiges Wort freute: „Was ist wissenschaftliche Wahrheit? Ein Irrtum von heute.“ Dieser Botaniker, der in praktischen Wirklichkeiten fußte, der ein Meister war in der Anstellung einfacher und dadurch deutlicher Versuche — beantwortbarer Fragestellungen an die Natur —, der einen so kristallklaren, schlichten Stil schrieb und die Meinungen Anderer zu ehren wußte — das war mein Mann! Dachte ich dazumal daran, nach Erlangung der Doktorwürde eine Lehrzeit in Deutschland durchzumachen, so richtete sich mein Hoffen vor allem auf Wiesner; nur die Entfernung Wiens von dem mir einzig vertrauten Westen, sowie die Schilderung eines angeblich entsetzlichen Klimas, schreckten mich noch ab. Diesen Traum hatte inzwischen

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meine Erkrankung völlig ausgelöscht. Jetzt aber, bei meinen Dresdener Dachkammerstudien, spielte mir der Zufall eines Tages eine Neuauflage von Wiesner's Elemente der Anatomie und Physiologie der Pflanzen in die Hände; sofort lebte der alte Zauber von neuem auf. Wie alle Botaniker meiner Generation war auch ich bei dem Lehrbuch der Botanik von Julius Sachs aufgewachsen und hatte dadurch einen zwar reichhaltigen und geistesstarken Überblick der gesamten Wissenschaft erhalten, zugleich aber viele Keime zu schiefen, gewalttätigen und unduldsam rechthaberischen Auffassungen. Wiesner führte mich jetzt in das weiße Licht eines rein wissenschaftlichen Denkens ein. Und zwar empfand ich dies bei gereifterem Urteil noch starker als früher. Die Aussicht, mich nun doch noch zu einem leistungsfähigen Naturforscher ausbilden zu können, und gerade unter der Leitung dieses verehrungswürdigen, meinen Geistesanlagen so durchaus sympathischen Mannes, hatte für mich — der ich, wie gesagt, zu völliger Untätigkeit verdammt, der Verzweiflung nahe gewesen war — etwas Beglückendes. Unter diesen Auspizien fuhr ich im Herbst 1889 nach Wien.
    Wiesner las alle Tage, außer Sonnabend: im Winter früh um 8 Uhr über Anatomie und Organographie der Pflanzen, im Sommer früh um 7 Uhr über Physiologie und Biologie; und zwar verlegte er im Interesse der Mediziner das akademische Viertel auf den Schluß und betrat den Vortragssaal seines Instituts stets mit dem Schlag der Uhr. Schon diese Tatsache schildert einen Teil des Menschen: die unverwelkbare Frische seines Wesens. Ohne Hut und Überzieher — denn er kam aus seinem Privatlaboratorium, wo er schon seit früher Stunde gearbeitet und Korrespondenz erledigt hatte — trat er schnell ein, bestieg leichten Schrittes das hohe Katheder, grüßte kurz, aber mit gewinnender Freundlichkeit, und begann sofort fließend und frei zu reden, indem er genau dort anknüpfte, wo er am Vortag durch den Dreiviertelschlag der Uhr unterbrochen worden war. Aus der Tasche des kurzen Rocks, in die er auch beim Vortrag manchmal die Hand steckte, zog er meistens einen winzigen Zettel, der einige wenige Stichworte sowie etwaige Zahlen oder Formeln enthielt. An dem Mann, an seiner Kleidung, an seiner Haltung, an seinen Gebärden, an seiner Sprache, an seiner Stimme — war alles adrett, präzis, eindeutig; sein Vortrag floß klar wie reines Quell-

116 III. Meine Naturstudien. Julius Wiesner.
wasser, ungesucht einfach, zugleich ein Muster jener vollkommenen Anspruchslosigkeit des Mannes, der sich ebensowenig durch Selbstverkleinerung wie durch Eitelkeit wichtig macht, vielmehr völlig von sich selber absieht und, wenn er in die Lage kommt, sich nennen zu müssen, es tut als rede er von einem Andern. Nichts habe ich seltener im Leben angetroffen als wirkliche, jeder Prüfung Stich haltende Objektivität; Gelehrte reden zwar viel von ihr, besitzen aber seltener eine Anlage dazu als manche andere Menschen — z. B. als Juristen und gebildete Weltleute. Wiesner war die verkörperte Objektivität. Nicht aber war es die kalte, herzlose, ablehnende und in Wirklichkeit grundeitle „Objektivität“ gar vieler Forscher, vielmehr die leidenschaftliche Objektivität eines im Dienste der Wissenschaft heißschlagenden Herzens. Daher kam es, daß er in seinen Vorträgen — obwohl er sich niemals zu den leicht erzielten Wirkungen des Pathos hergab, überhaupt keine Spur einer rednerischen Absicht verfolgte, vielmehr nur darlegte, klarlegte, erklärte, aufklärte — dennoch die Aufmerksamkeit fesselte und allen befähigten Zuhörern Begeisterung für seine Wissenschaft einflößte.
    Ich hatte es nicht gewagt, Wiesner mit meinem Besuche lästig zu fallen; bald aber kam mir jenes ans Ende des Vortrags verschobene „akademische Viertel“ zugute; denn er pflegte es den um weitere Aufklärung Beflissenen unter seinen Zuhörern zu widmen; diesen gesellte auch ich mich zu; unsere Gespräche pflegten die anderen zu überdauern, oft forderte er mich auf, zu ihrer Fortsetzung ihn in seine Werkstatt zu begleiten; zwar fürchtete ich, dem verehrten Manne kostbare Zeit zu rauben, doch er drängte, und ich gehorchte gern. Viel habe ich in diesen Augenblicken gewonnen — nicht allein für die Erweiterung meiner wissenschaftlichen Kenntnisse, sondern namentlich für die feinere Ausbildung und Durchbildung meiner ganzen Auffassung von Natur und Mensch und den Wechselbeziehungen beider. Und da solche Dinge, sobald sie lebendig sind, stets außer der Wirkung auch die Gegenwirkung herbeiführen, so liebe ich es, mir vorzustellen, daß der um rund zwanzig Jahre ältere Mann zwar nicht von mir gelernt, sich jedoch an mir geübt habe; mir fällt es wenigstens auf, daß das Mißtrauen gegen alle Philosophie, das ich bei Wiesner ursprünglich antraf, im Laufe der Jahre nach und nach einer so wesentlich anders gerichteten Den-

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kungsart wich, daß man diesen Forscher zu den bedeutenden Philosophen seiner Wissenschaft wird rechnen müssen. In jenem kleinen, unveröffentlichten Erinnerungsblatt, das ich auf der ersten Seite dieses Briefes erwähnte, erzählt Wiesner von unserem Bekanntwerden mit so anmutig freundlichen Worten, daß ich es mir nicht versagen kann, sie anzuführen, wobei ich mir nicht erlauben werde, aus falsch verstandener Bescheidenheit irgendein Wort zu ändern oder auszulassen. Wiesner schreibt:

   „In seiner bescheidenen Weise stellte Chamberlain sich mir nicht anders als der erste beste Student vor. Im Gedränge bei der Inskription zu meiner Vorlesung übersah ich ihn vollständig, lernte ihn aber bald im Hörsaale kennen. Nach meinem Vortrage sammelte sich um mich regelmäßig ein kleiner Kreis von Zuhörern, welche noch nähere Aufklärungen über das Vorgetragene zu vernehmen wünschten. Chamberlain tauchte bald in diesem Kreis auf, und er fesselte mich alsbald durch die in gewinnend bescheidener Art vorgetragenen, von Geist und Wissen zeugenden Fragen und Bemerkungen. Sein ganzes Wesen zog mich an, insbesondere das leuchtende Auge, das in seinem in den 90er Jahren von Lenbach gemalten Porträt so treffend wiedergegeben ist. In meinem Arbeitszimmer steht eine gute photographische Reproduktion dieses Lenbach'schen Bildes. Merkwürdig! So oft ich dieses Bild betrachte, ruft es in mir die Erinnerung an jene nun lange dahingeschwundenen Zeiten wach, in denen ich nach meiner Vorlesung mit Chamberlain im einsam gewordenen Hörsaale mich über Dinge unterhielt, die unseren Geist und unser Herz bewegten. Vom Vortragsthema ging es — häufig genug — rasch zu anderen Fragen der Physiologie, zu anderen Fragen der Naturwissenschaft, zu Fragen der Philosophie und der Religion. Diese Gespräche gehören wohl zu den genußreichsten und anregendsten, die ich im Leben geführt habe.“

Außer bei Wiesner hörte ich in den zwei ersten Semestern (1889 bis 1890) bei Wettstein — der damals noch Privatdozent war — einen wöchentlich dreimaligen Vortrag über ausgewählte Kapitel der Kryptogamenkunde; da nur ein kleiner Kreis angehender Botaniker


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diesem Unterricht folgte, war jeder in der Lage, alles Vorgeführte ausreichend genau zu sehen, und nach dem eigentlichen Vortrag gab der liebenswürdige Gelehrte jedem Wißbegierigen mit großer Geduld weitere Aufklärung über die verwickelten und oft schwer richtig ins Auge zu fassenden Verhältnisse. Wettstein's ruhige, bestimmte Art — die sofort den werdenden Meister verriet — gefiel mir außerordentlich; ihm und dem Schicksal bin ich auch für diese Schule des Sehens — oder, wie Goethe es nennt — der „Einführung in die Welt des Auges“ dankbar.
    Noch ein drittes Kolleg — und zwar für Studierende aller Fakultäten — belegte ich mit hochgespannten Erwartungen: Claus, der weltbekannte Zoolog — dessen Lehrbuch damals in Frankreich und in England ebenso maßgebende Geltung wie in Deutschland besaß — las einmal die Woche abends über Darwinismus! Beim ersten Vortrag war der Saal, wie bei diesem Titel vorauszusehen, überfüllt; viele mußten stehen; es mögen wohl an dreihundert Jünglinge gewesen sein, die gespannt auf Belehrung und Leitung harrten — eine um so interessantere Versammlung, als man nicht bloß Mediziner, sondern Philosophen, Philologen, Juristen usw. darunter bemerkte, also Menschen, von denen viele gerade hier den bestimmenden Eindruck über Inhalt, Ziel und Methoden der Naturwissenschaften erwarteten: wie hätte ein Karl Vogt in diesem Kreise gewirkt! Beim zweiten Vortrag waren wir sechzig; beim dritten sechs! Wir sechs hielten denn durch; was die anderen fünf bestimmte, weiß ich nicht, mich beherrschte die Zuversicht, bei einem solchen Gegenstand müßte es doch früher oder später „losgehen“; als diese Hoffnung verblaßte und schließlich erlosch, saß ich eigentlich nur als Beobachter da. Claus erschien mir als die Folie Wiesner's, und ich studierte an seinem Vortrag das vollendete Muster der Art, wie man es nicht machen darf. Nie wußte man bei ihm, woher die Fahrt kam, noch wohin sie ging. Seelenvergnügt, beide Hände in den Hosentaschen, spazierte der Gelehrte hinter dem langen Tische seines Amphitheaters auf und ab; ob wir 300 oder 3 waren, schien ihm vollkommen gleichgültig; mindestens fünfhundertmal in jedem Vortrag stieß er die Worte „meine Herren!“ aus; oft kam er überhaupt nicht weiter; andere Male entstand ein endloser, äußerst verwickelter Satz, bei dem er selber zuletzt nicht ein noch aus wußte; da fing er

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ihn wieder von vorne an. Häufig geschah ihm, was selbst einem Shakespeare nicht überall erspart blieb, — daß ein in der Einzahl begonnener Satz sich unvermerkt in die Mehrzahl verwandelte, oder umgekehrt; Shakespeare geht ruhig darüber hinweg, so barmherzig war Claus nicht, vielmehr baute er den Satz — mit einem neuerlichen „meine Herren“ — noch einmal gewissenhaft auf. Alle diese unerfreulichen Dinge — und ich unterdrücke die Mehrzahl, so z. B. daß wir bei der letzten Vorlesung erst bei Lamarck angelangt waren! — erzähle ich Ihnen nur, weil ich später durch Wiesner, der mit Claus sehr befreundet war, erfuhr, dieser empörend schlechte, dem Zweck eines Hochschulunterrichts hohnsprechende Vortrag sei nicht allein aus dem völligen Mangel an jeder rednerischen Begabung zu erklären, sondern werde von Claus grundsätzlich gepflegt und als die vorzüglichste Methode, in den Wissenschaften zu unterweisen, gepriesen! Während Wiesner den Standpunkt vertrat, das Allerbeste — d. h. das Durchdachteste, Konsequenteste, Klarste, Anschaulichste — sei für die studierende Jugend gerade gut genug, meinte Claus, der Student solle sich Mühe geben, man solle sich hüten, es ihm zu leicht zu machen, er solle beizeiten lernen, daß in den Wissenschaften der Stoff alles sei, die Form nichts usw. Für mich gewann dieser extreme Fall — zu dem eine Menge Zwischenstufen hinführen — eine typische Bedeutung: ich lernte aus ihm eine unter deutschen Professoren weitverbreitete, bedenkliche Neigung kennen, ein eigenes Unvermögen als einen preiswerten Vorzug zu betrachten und auf große natürliche Gaben anderer mit verständnisloser Geringschätzung herabzusehen.
    In den folgenden Jahren habe ich noch manche Vorträge in verschiedenen Fakultäten gelegentlich besucht, doch nie eine Begabung angetroffen, die mich gefördert hätte; immer mehr mußte ich die Geduld der Studenten bewundern, wenn ich der großen Meister unserer wissenschaftlichen Anschauung gedachte und nun diese matte Verdolmetschung erlebte. In Laboratorien und Seminaren liegt gewiß die Zukunft, nicht — wie ein Hochschullehrer mir einmal allen Ernstes versicherte — im Sitzfleisch.
    Da ich infolge meines Nervenzustandes noch immer zu Laboratorienarbeiten unfähig war — die Versuche, es zu ertrotzen, führten zu bedrohlichen Rückfallerscheinungen —‚ so werden Sie begreifen,

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daß meine Gedanken und meine Studien sich immer mehr auf die philosophische Betrachtung der Naturwissenschaften werfen mußten. Ich las viel und lebte in einer Art nur halb bewußten Sinnens über die Natur. Es würde mir schwer fallen, und würde überflüssig weit führen, wollte ich irgendeine Art von Aufzählung versuchen. Selbst als meine literarische Tätigkeit mit meinen Büchern über Richard Wagner eingesetzt hatte und, wie Sie wissen, bald zu umfangreichen Studien auf allen Gebieten der menschlichen Kultur führte, habe ich doch niemals die Fühlung mit der Naturwissenschaft verloren; und zwar glaube ich, praktisch gehandelt zu haben, indem ich mir die bedeutendsten Köpfe aussuchte und alles übrige beiseite ließ. Eine ziemlich umfangreiche Sammlung darwinistischer und anderer entwickelungstheoretischer Bücher zeugt für fleißige Kenntnisnahme dieser Bestrebungen; doch eingehend habe ich nur Darwin selber, Wallace, Huxley, auf der anderen Seite Nägeli studiert, dann aber namentlich Weißmann und später de Vries; für Mendel saß ich an der Quelle, da Julius Wiesner aus Brünn stammte und Mendel's persönlicher Schüler gewesen war. Dies nur als Andeutung.
    Von entscheidender Wichtigkeit für die Ausreifung meines Geistes war der Tag, an dem ich darauf verfiel, die großen Forscher aus früherer Zeit nicht mehr aus bloßen Berichten über sie, sondern aus ihren eigenen Schriften kennen zu lernen. Die Anregung hierzu verdanke ich Schopenhauer's häufiger Bezugnahme auf Bichat; wie viel Belehrung ich aus diesem großen Mediziner zog, wissen Sie aus meinen Grundlagen. Von hier ging es zu Cuvier, wohl eine der größten Bereicherungen der Fähigkeit, Natur zu erblicken, die einem unabhängig strebenden Menschen zuteil werden kann. Mit Wonne las ich in den monumentalen Werken Buffon's, die eine Quelle unerschöpflicher Weisheit und Schulung bleiben; bei Réaumur tat ich mich um und verweilte länger bei Lamarck und namentlich bei Geoffroy Saint-Hilaire. Wie anders wirken diese mit Leidenschaft suchenden, schlichten und bescheidenen Männer, wenn man sie auf ihrem Wege begleitet und sie selbst reden hört, als wenn sie, darwinistisch zugestutzt, zu Kirchenvätern des neuen Glaubens umgedichtet, aufmarschieren müssen! Luther seufzt einmal: „Mich alten Schüler und nu fast einen verlebten Doctor möcht' billig wundern, wie zu unsern Zeiten die Leute, sobald sie ein Buch riechen

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alles wissen, was der Heilige Geist weiß“ ¹); das erleben wir heute an den Lesern Haeckel's, Bölsche's, Ostwald's sowie der unübersehbaren „populären“ Literatur zur Verbreitung afterwissenschaftlicher Scheinweisheit; das Antidot bieten die großen Meister; sie führen in jene Grundkenntnis ein, die den Anfang alles echten Naturverständnisses bildet und die ich in meinen Grundlagen als das   e x a k t e   N i c h t w i s s e n   bezeichnet habe. Auf dem Wege über Milne-Edwards gelangte ich dann zu Agassiz, den ich schon einigermaßen aus Vogt's Vorträgen kannte, und der mir jetzt als der bedeutendste Kopf seit Cuvier erschien, was den enzyklopädischen Überblick über alle Gestalten des Lebens betrifft. Sein Werk De l'Espèce et de la Classification en Zoologie ²) ist mir besonders wert geblieben. Bei solchen Männern hat man namentlich das Gefühl, daß das   A u g e   offen und rein bleibt und als unabsetzbarer, unbestechlicher Gesetzgeber in den Naturwissenschaften anerkannt wird, wogegen Männer wie Haeckel und seine Schüler vor lauter Theorie blind werden und dahin kommen, nicht subjektive, wohl aber objektive Unwahrheiten zu verbreiten — was ihnen zwar sittlich keinen Makel anheftet, da sie in gutem Glauben handeln, aber um so bedauerlicher bleibt, als die falsche, auf Phantomen ruhende Vorstellung das Weltbild von Millionen fälscht und es — wie alles Naturwidrige — zur Gemeinheit herabdrückt. Daß ich Karl Ernst von Baer — Ihren großen baltischen Landsmann — erst nach dieser Vorschule, also verhältnismäßig spät, kennen lernte, hat wenigstens den Vorteil gehabt, daß ich jetzt fähig war, diesen Vordenker neuer Gedanken, eingegeben durch neue Beobachtungen — und das heißt durch neuentdeckte Tatsachen — mit der nötigen Reife des Urteils und dem Bewußtsein der Originalität der Leistung zu schätzen. Wer mit Ernst und Tiefe die Natur und besonders das Leben aufzufassen und — soweit es gehen will — nachzudenken bestrebt ist, findet nicht viele wahre Führer; zu diesen wenigen gehört Baer; bei ihm — wie bei allen großen Forschern — lernt man, daß, um die Dinge, die nur ein ideelles Interesse für den Menschen besitzen, richtig zu sehen und
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    ¹) 1536, Vorrede zu Ambrosius Moibanus: Der 29. Psalm (Weimarer Ausg. 50, 43).
    ²) Die französische Ausgabe, zwölf Jahre später (1869) als die ursprüngliche englische erschienen, ist bedeutend reichhaltiger.

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III. Meine Naturstudien. Julius Wiesner.

richtig zu beurteilen, Mikroskop und Skalpell nicht genügen, vielmehr ein Fünkchen Genie und eine weite Kultur des Geistes unentbehrlich sind. Ich glaube, es war Baer, der mir den Mut einflößte, es wieder mit den deutschen Naturdenkern zu versuchen, wovon mich seinerzeit Oken und Schelling abgeschreckt hatten. Namentlich Kaspar Friedrich Wolff ist mir als Bahnbrecher — der selbst aus falschen Beobachtungen richtige Gedanken zu schöpfen weiß — im Gedächtnis geblieben; auf ihn führten mich auch meine Bücher über Kant und Goethe immer wieder zurück. Vor diesen beiden Gewaltigen — Kant und Goethe — schwindet alles in die Ferne: die Grundsätze des Denkens über die Natur lehrt der eine, die Kunst des reinen Erschauens der Natur lehrt der andere. Diesen beiden widmete ich die besten Jahre meines Lebens; Sie kennen meine Bücher — die freilich, wie nicht anders möglich, nur als Bruchstücke dieser Beschäftigung zu betrachten sind, und zwar zum Teil von außen her bedingte Bruchstücke, insofern ich mir jedesmal zum Gegenstand meiner Gestaltungsversuche dasjenige herauswählte, was von Anderen noch nicht oder nur ungenügend geleistet worden war.
    Mit dieser kleinen Skizze bin ich — um sie einheitlich zu gestalten — über die Jahre hinweg geflogen; und ich bemerke, daß ich meiner philosophischen Neigung die Zügel schießen ließ und Ihnen mit keinem Worte berichtete, inwiefern ich ununterbrochen bestrebt war, mit den Ergebnissen und Anschauungen der empirischen Wissenschaft fortlaufend in Fühlung zu bleiben. Immer hielt ich mir eine oder die andere gute naturwissenschaftliche Zeitung sowie mehrere Fachblätter. Der Verkehr mit Wiesner, öfters auch mit jüngeren Forschern — unter denen ich Ihren so erstaunlich unterrichteten und stets vulkanisch anregenden Freund und Landsmann Hermann Keyserling nennen will —‚ trug auch viel bei, mich auf dem laufenden zu halten, wenigstens insofern wahrhaft Bedeutendes zutage kam. Außerdem boten Vorträge sowohl inner- wie außerhalb der Universität Belehrung, namentlich über die täglichen Fortschritte auf dem Gebiete der Elektrizität und der Molekularphysik. Bei meiner Vorliebe für den Verkehr mit hervorragenden Persönlichkeiten habe ich mich stets auf ihre Bücher wie ein Wolf auf seine Beute gestürzt; geistige Nahrung ist, weiß Gott, spärlich genug auf dieser Welt vorhanden, innerhalb der Naturwissen-

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schaften nicht minder spärlich als anderswo. Unfähig, da weder Zeit noch Kräfte es zulassen, der fortschreitenden Naturwissenschaft  auf ihren tausend Wegen zu folgen, pflegte ich einzelne Werke hervorragender Spezialforscher herauszugreifen, um sie gründlich durchzustudieren: ich glaube, es war dies die beste Art, mit echter Wissenschaft in Fühlung zu bleiben. So habe ich's mit Physik, Astronomie, Physiologie usw., sowie auch außerhalb der sogenannten Naturwissenschaften, überall, auch mit Philologie und Theologie gehalten.

*

    Damit wir nicht ganz und gar ins Zeitlose verschweben, lassen Sie mich jetzt zu dem Sommer 1890 zurückkehren und dort einen anderen Faden aufgreifen. Aus diesem, meinem ersten Sommer in Wien, muß ich Ihnen eine Tatsache berichten, die dem Biologen und Humoristen Unterhaltung gewähren wird. Nach Schluß des Sommersemesters ergab ich mich in alter Leidenschaft einer Orgie von Bergbesteigungen; auf der einen, nachdem stundenlanger Regen mich durchnäßt hatte, gelangte ich in eine elende Hütte und in ein schmutziges Bett: daraus ergab sich eine heftige Furunkulose, und zwar derartig gelagert, daß ich fünf Wochen lang Tag und Nacht auf dem Gesicht liegen mußte. Ich hatte mich auf einen Diwan betten lassen, an dessen Kopfende ein Lese- und Schreibpult herangerückt werden konnte. Diese fünf Wochen sind nun für mich auf das engste und beglückendste mit Kant's Kritik der reinen Vernunft verwoben; denn hatte ich auch wiederholt das Werk gelesen, so war es doch niemals mit so völliger Ausschaltung des Körpers sowie der Umgebung geschehen: kein Bekannter weilte mehr in Wien; außer dem täglichen Besuch des Arztes, der ein oder das andere Scheusal aufzuschneiden kam, gehörte der liebe, lange Sommertag ungestört dem einen Werke. Wer weiß, welchen Einfluß außerdem die Lage des Körpers und ihre Ungewohntheit ausgeübt haben mag?! Jedenfalls fiel es mir alle Tage wie Schuppen von den Augen, und ich bilde mir ein, das beglückende, mein Leben und Denken läuternde Verständnis von Kant's Grundgedanken dieser gut angewendeten Furunkulose zu verdanken.

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Im Jahre 1891 machte ich im Interesse meiner Gesundheit eine mehrmonatige Reise zu Pferde durch Bosnien und die Herzegowina. Dies wirkte auf Körper und Geist außerordentlich belebend. Mein Tagebuch aus dem darauffolgenden Winter 91—92 erregt fast Schwindel durch die Fülle der Studien und Arbeiten, darunter auch Skizzen zu Büchern; doch wagte ich mich noch nicht an die größere Form eines zusammenhängenden Ganzen. In diesem meinem siebenunddreißigsten Jahre zog jedoch auf einmal der Schreibdämon in meine Seele ein und gewann Gewalt über mich, so daß ich nie mehr von der Feder habe lassen können. Auch dieser Vorgang mag für den Biologen belangreich sein.
    Bis zu dem genannten Augenblick hatten mich zwei Empfindungen von einer literarischen Tätigkeit im weiteren Sinne abgehalten, — zwei Empfindungen, die sich sonderbar widersprachen, innerhalb meiner Seele sich aber ergänzten. Ich liebte nämlich zu entwerfen und beschäftigte mich viel mit der „Architektonik“ erträumter Bücher; wollte ich aber an die Ausführung gehen, so war mir alles zu matt und unbedeutend; es widerstrebte mir, so etwas aufzuschreiben; kam ein halber Satz zu Papier, so wanderte der Bogen flugs in den Korb, und ich rannte hinaus auf die Gasse. Das zweite Hindernis — warum sollte ich es Ihnen nicht unumwunden gestehen? — ergab sich aus dem Vorgefühl, daß, wenn ich schriebe, ich zu Ruf gelangen und dadurch die mir so teure Ruhe des Unbeachtetdahinlebens einbüßen würde. Ich sage „Vorgefühl“, denn es war nicht die Überzeugung des eigenen Wertes, vielmehr eine Art dunkler Instinkt eines drohenden Schicksals. Ich war nämlich wie geschaffen, um in einem kleinen Kreise lieber Freunde — und den besaß ich — inmitten meiner Bücher, meiner Studien, meiner wachsenden künstlerischen Interessen und meiner angeborenen Neigung, vor mich hin zu sinnen, vollkommen glücklich zu leben. Es ist gewiß eine Lücke meines Wesens, daß ich ohne Ehrgeiz bin, aber Tatsache ist es; schon vor sehr vielen Jahren heftete ich das Wort Goethes an mein Pult: „Die Welt gibt nicht, sondern nimmt.“ Und so zauderte ich, erschreckt durch die Möglichkeit eines größere Kreise ziehenden Hervortretens und schrieb nur gelegentlich in obskuren Blättchen einen kleinen Aufsatz. Glauben Sie nicht etwa, ich konstruierte mir so etwas nachträglich; in dieser Beziehung besitze ich die Vorsicht

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des sich selbst Mißtrauenden; ich könnte Ihnen Gedichte aus jenen Jahren vorlegen, aus denen Sie das Gesagte buchstäblich entnehmen würden. In jenem geistig besonders angeregten Augenblick nach der bosnischen Reise, wo Pläne und Skizzen sich mehrten, geschah nun folgendes: Am Morgen des 19. Januar 1892 — ich sehe es, als wäre es gestern geschehen — ergriff mich wie von außen ein Geist der Entschlossenheit. Das erste, was dieser Geist befahl, war eine mechanische Anordnung: ich hatte nie in meinem Leben stehend geschrieben; nun ergriff ich einen kleinen Tisch und stellte ihn auf einen kleinen Schrank, den ich an eine passende Stelle rückte, baute mir auf diese Weise ein improvisiertes Stehpult und eilte sodann, an beiden Türen den Schlüssel umzudrehen, daß nicht etwa irgendeine Verwunderung mich bei dem magischen Werke störe. Dann aber trat ich an dieses neugeschaffene Pult heran, fest entschlossen, alles aufzuschreiben, was mir durch den Kopf ging — ohne zu fragen, ob es neu oder alt, tief oder seicht, glücklich oder trivial im Ausdruck sei. Und nun trat bald das Unerwartete ein: aus dem weniger Guten ergab sich das Bessere, aus diesem bald ein noch Besseres, und binnen kurzem strömten — aus dem Schreiben und durch das Schreiben veranlaßt — Einfälle und Ideen von allen Seiten zu, wie ich das noch nie erlebt hatte. Mein Beruf war mir offenbart worden; richtiger gesagt: er hatte mich erfaßt und sich meiner bemächtigt.

*

    Welche Wege ich geführt wurde, wissen Sie: Sommer 1892 erschien mein erstes Buch Das Drama Richard Wagner's, 1893 schrieb ich es französisch um, und Le Drame Wagnérien erschien in Paris 1894; zu Weihnachten 1895 kam in München das erste größere Werk Richard Wagner heraus, gefolgt 1896 von Die ersten zwanzig Jahre der Bayreuther Bühnenfestspiele — kleinere Publikationen und zahlreiche Aufsätze lasse ich unerwähnt. Ich habe Ihnen schon oben erzählt, in welcher Weise ich mitten unter diesen literarischen Arbeiten und Vorarbeiten mir gewaltsam die Zeit eroberte, mein Buch über den aufsteigenden Saft zu schreiben; darauf brauche ich nicht zurückzukommen. Dagegen muß ich Ihnen jetzt berichten, daß jene Gedankenreihe, die meine Freunde und ich seit zwanzig

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Jahren als Chamberlain's Lebenslehre bezeichnen, in ihrer ersten Gestalt aus jener selben Zeit datiert, wo der Druck der Sève ascendante noch nicht vollendet war — nämlich aus dem Herbst 1896, als die allgemeine Einleitung zu den Grundlagen schon geschrieben war und die Vorarbeiten zu diesem Werke mich von allen Seiten stürmisch beanspruchten. Um dem Kopf einige Erfrischung zu gönnen, hatte ich eine kurze Herbstfahrt durch die Schweiz nach Venedig unternommen, dort meine Zeit zwischen Kunstgenüssen und den mühsamen Korrekturen der Zahlentabellen der Sève ascendante geteilt, und trat jetzt die Heimreise an über Gardone, wo ich zum Besuch lieber Freunde eine einzige Nacht zu verweilen gedachte. Auf der Bahn zwischen Venedig und Verona überfiel mich das seit Jahr und Tag gewaltsam zurückgedrängte Thema so heftig, daß ich es als eine unabwendbare Notwendigkeit für meine geistige Ruhe empfand, mir endlich einige vorläufige Klarheit zu verschaffen. Noch im Zug schrieb ich mir den Titel auf, und in Gardone blieb ich dann acht Tage, den ganzen Tag in meiner Hotelstube eingeschlossen, dachte und schrieb, und erholte mich nur abends bei den Freunden. Zwar habe ich später manche Gedanken dieser unveröffentlichten Handschrift, sowie einiger späteren Nachträge, in dem Plato-Vortrag meines Kantbuches angebracht; doch geschah das in folgender Weise: ich hatte aus meinen verschiedenen Aufzeichnungen ein Alphabet angelegt, das von A bis Z und noch darüber hinaus bis Aa, Ab usw. reichte; bei der Ausarbeitung im Kantbuch kam ich nicht einmal bis zum Ende von C. Ich hoffe Ihnen nicht lästig zu fallen, wenn ich Ihnen über dieses „Gardone-Manuskript“ einiges erzähle, gehört es doch in erster Reihe zu den Ergebnissen meiner Naturstudien. Dabei sei noch einmal betont, daß ich damit lediglich Klarheit über mein eigenes Denken anstrebte; es handelt sich um die erste Vorarbeit zu der Anlage eines künftigen Werkes; Bücher hatte ich, außer Baedeker's „Italien“ keine mit.
    Der Titel, in welchem ich meine Absicht ausführlich zusammenfaßte, lautet:

    „E i n e   n e u e   A n s c h a u u n g
bezüglich der Gestalten lebender Wesen und der Bedeutung des Begriffes der Verwandtschaft zwischen den Organismen — entstanden unter dem Einflusse der Goethe'schen Naturanschau-

127 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
ung, des indischen und des Kant'schen Denkens: vorläufiger Schattenriß zur Verständigung über die geeignetsten Mittel und Wege, um dieser Idee habhaft zu werden, d. h. um sie aus dem Bereiche des nebelhaft Geahnten in das des deutlich Geschauten und klar Durchdachten überzuführen: in der Hoffnung, den geistigen Besitz der Menschen hierdurch zu bereichern, der plump-empirischen Evolutionslehre eine Todeswunde zu schlagen und sowohl der Metaphysik wie der heiligen Kunst in fördersamer Weise entgegenzuarbeiten.“

    Die kleine Abhandlung — die in Maschinenschrift 43 Folioseiten umfaßt — besteht aus fünf Abschnitten:
  1. Zur allgemeinen Orientierung (Schutzgeist Plato).
  2. Zur metaphysischen Orientierung (Schutzgeist Kant).
  3. Zur künstlerisch-symbolischen Orientierung (Schutzgeist Schopenhauer).
  4. Zur naturwissenschaftlichen Orientierung (Schutzgeist Goethe).
  5. Einiges zur Ergänzung.
    Die drei ersten Abschnitte bilden eine Art Einleitung, deren Hauptinhalt Sie aus den Schlußworten entnehmen können. „Wahrhaft objektiv ist einzig diejenige Naturbetrachtung, die mit einer Kritik des beobachtenden Subjekts beginnt. Theoretische Naturwissenschaft kann es ohne Metaphysik und Aesthetik, ohne Fühlung mit Religion, Philosophie und Kunst nicht geben.“ In dem vierten Abschnitt, der, wie naturgemäß, dreiviertel des Ganzen ausmacht, gelangen wir auf anderem Wege zu der selben Einsicht, indem sich herausstellt, daß bei allen systematischen Vorstellungen (Art, Gattung, Ordnung usw.) „es sich offenbar nicht bloß um Anschauung handelt, sondern um Anschauung   p l u s   menschliches Denken“.
    Lassen Sie mich versuchen, Ihnen durch einige Anführungen eine allgemeine Vorstellung des Gedankenganges zu geben.
    In dem ersten Abschnitt wird ausgeführt, das Leben als Mysterium magnum sei unerklärlich; es im Sinne eines Auffindens von Ursache und Wirkung erklären zu wollen, sei kindisch, und jeder derartige Versuch (Schöpfung, Entwickelung, Evolution usw.) führe

128 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
„zu offenbaren Absurditäten“. Hieraus folgt nun, daß wir „uns zunächst darüber klar werden müssen,   w a s   über das Leben und über die Gestalten, in welchen es sich kundtut, vernünftigerweise gefragt werden kann. Dabei wird sich herausstellen, daß einzig die   A n s c h a u u n g,   d. h. dasjenige, was sich bei der Betrachtung der Dinge unmittelbar als Vorstellung widerspiegelt, einen sicheren Wert besitzt und dem Denken eine feste Grundlage gewährt. Sowohl in Schöpfungsgeschichten wie auch in den verschiedenen Entwickelungstheorien benützt das vom Kausalitätswahn betörte Denken eine verhältnismäßig sehr schmale Grundlage des Angeschauten, um darauf einen babylonischen Turm von Syllogismen zu erbauen. Unser Bestreben muß darauf gerichtet sein, diesen Fehler zu ver meiden: wir müssen der Anschauung mehr Freiheit lassen; ihr Spielraum muß bis an die äußersten Grenzen unserer sorgsam gepflegten und geübten Sinne ausgedehnt werden, und vor allem, sie muß auf ihrem Gebiete ungehemmt walten. Die Logik ist nicht die Göttin der Wahrheit, sondern ihre Magd; das Auge ist der König, das Ohr die Königin, der Tastsinn der weise Ratgeber; durch diese drei Mittler stehen wir, Unerforschliche, mit der unerforschlichen Umgebung in Berührung. Wollen wir also, den wachsenden Bedürfnissen unseres Gedankenlebens gehorsam, das Bild der umgebenden Natur mit immer größerer Klarheit uns deuten, so müssen wir — Goethe nachstrebend, und im Gegensatz zu jeglichem Rationalismus — ein Gebäude zu errichten suchen, welches nicht um Haaresbreite über die Grundlage des Angeschauten hinausragt und nicht bis in das Wolkenkuckucksheim vermeintlicher Welterklärungen hinaufreicht, vielmehr durch Form, Begrenztheit und Beziehungsreichtum das Prädikat eines Kunstwerkes verdient.“ Und so heißt es denn zum Schluß dieser Einleitung: „Nicht also eine   E r k l ä r u n g   der Lebensformen soll uns als Ziel vorschweben, sondern die Umschaffung des lediglich Geschauten in ein Geschautes, welches zugleich im Denken ein Widerbild findet. Das Denken soll das Geschaute deuten; das Geschaute aber durch diese Mitwirkung zu einer Anschauung werden, d. h. zu dem Untergrund eines begrifflichen Schemas.“
    Den Inhalt des der metaphysischen Orientierung gewidmeten zweiten Abschnittes erraten Sie gewiß. Das   „ S c h e m a “,   das Ihre

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biologischen Untersuchungen im Tierreich als maßgebend nachgewiesen haben (ich denke z. B., verehrter Freund, an Ihre Untersuchungen über die Umwelt der Libelle) verfolge ich hier bis in den Menschengeist hinein und mache aufmerksam, daß „die mathematische Bestimmtheit und die (trotz der phantastischen Fülle von Tier- und Pflanzenformen) dennoch sehr strenge und in Wahrheit sehr enge Begrenzung möglicher Typen für lebendige Gestalten zum Teil in der Beschaffenheit   u n s e r e s   apperzipierenden Geistes seine Erklärung findet.“ Im weiteren Verfolg heißt es dann: „In welcher Weise diese subjektive Gestaltung (angeborener Schematismus) auf die unbekannten Ursachen unserer Sinneseindrücke verzerrend sich betätigen mag, entzieht sich jeglicher Erkenntnis; diese Frage gehört zu den verbotenen, weil sie sinnlos wäre, indem sie jeder Möglichkeit der Anschauung entbehrt. Nicht sinnlos, sondern auf endlose Anschauung gegründet, ist dagegen die andere Seite der angedeuteten Einsicht: daß unsere Vorstellungskraft nämlich nur innerhalb gewisser, bestimmter, der Zahl nach beschränkter Schemen sich bewegt, und daß einem jeden dieser Schemen eine bestimmte geometrische Symmetrie zugrunde liegt — eine Symmetrie, welche die Natur uns nur ausnahmsweise in einiger Vollendung bietet, welche wir aber trotzdem allen Lebensformen zwangsweise unterschieben, und zwar mit so instinktiver Notwendigkeit, daß selbst dort, wo die Asymmetrie in auffallendster Weise sich kundtut, wir diese als die Umgestaltung eines imaginären symmetrischen Prototyps auffassen, und die von der Natur uns gebotene Gestalt erst dann begriffen zu haben meinen, wenn es uns gelungen ist, sie als Umbildung aus einem unserer Schemen zu deuten.“
    Länger verweile ich in dem dritten Abschnitt bei jener ebenfalls subjektiven Besinnung, die ich die „künstlerisch-symbolische“ nenne. Denn es will mir scheinen, daß außer jenem von Kant aufgedeckten, unentrinnbaren Schematismus des Verstandes noch eine gestaltende Kraft am Werke ist, über die wir uns nicht genügend besinnen. „Sobald der Mensch über eine große Anzahl Bilder verfügt, aus der Erfahrung gewonnen (wie das bei den Formen lebender Wesen der Fall ist), und denkend an diese Erfahrungsmasse herantritt, wird er — gleichviel ob mit oder ohne Bewußtsein — dazu getrieben, durch künstliche Geistesarbeit Ordnung, Klarheit,

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Zusammenhang in diese Masse hineinzubringen: Gestalten waren es, die er beobachtet und in der Schatzkammer des Gedächtnisses aufbewahrt hatte; er selber aber tritt gestaltend an sie heran. Dieser Trieb ist daher offenbar ein künstlerischer; er betätigt sich in jeder theoretischen Naturwissenschaft.“ — „Die Verwandtschaft zwischen der metaphysischen Notwendigkeit, die Erfahrungen nach bestimmten Normen zu apperzipieren (auf die ich im vorigen Abschnitt hinwies) und dem eingeborenen ästhetischen Trieb, die in der Natur (unter Mitwirkung jener a priori Bestimmungen) geschauten Formen auf   i d e a l i s t i s c h e   T y p e n   zurückzuführen, welche Typen nicht die Natur uns bietet, sondern unsere eigene schöpferische Anlage hinstellt — die Verwandtschaft zwischen beiden ist offenbar. Wir werden aber dennoch wohl daran tun, diese beiden Äußerungen der Geistesbeschaffenheit, welche in subjektiver Weise gestaltend und umgestaltend auf unsere Erfahrungen wirken, auseinander zu halten. Der aus der transscendentalen Idealität unserer Anschauungsformen sich notwendig ergebende subjektive Bestandteil unserer Vorstellungen von Gestalten hat etwas starr Notwendiges, Unabänderliches, außerdem Unergründliches; dagegen ist der ästhetische Trieb zur Typenbildung etwas weit Faßlicheres, wir können hier viel eher dazu gelangen, uns selbst am Werke zu beobachten; denn hier herrscht nicht das starre Einfürallemalige, sondern es zeigt sich eine bedeutende schöpferische Freiheit. Die großen Geister der Menschheit haben verschiedene künstlerische Schemata der Lebensformen aufgestellt, sie haben verschieden gebunden und verschieden getrennt...“ Von hier aus gelange ich zu einer Betrachtung über das Wesen des   S y m b o l i s c h e n,   das ich von dem ihm nahestehenden Typischen unterscheide, indem ich im Typus mehr empirische Anschauung und im Symbol mehr künstliche Gestaltung vorwiegend finde. Und nun zeige ich, wie wir bei unseren Klassifikationen der lebenden Wesen Typus und Symbol hin- und herschieben, bis es uns gelingt, das Symbol in den Vordergrund zu bringen, mit dem unser Geist weniger behindert nach eigenem Bedürfnis umgehen kann. Das Gesagte wird an dem Beispiel des sogenannten „Urvogels“ veranschaulicht.
    Der vierte Abschnitt — der eigentlich naturwissenschaftliche — ist, wie gesagt, bei weitem der ausführlichste; ich kann darum den Inhalt nur andeuten.

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    Zunächst wird festgestellt, daß „die vorangeschickten philosophischen Erörterungen den einen Zweck verfolgen: der Anschauung größtmögliche Freiheit zu verschaffen. Gehen wir nun von der Selbstkritik zur Betrachtung der Natur hinüber, so haben wir dieser frei und offen ins Auge zu schauen; gewarnt freilich durch das Vorangehende gegen die vielen Selbsttäuschungen, sonst aber vertrauensvoll und unbekümmert“. Auf die Frage, was die völlig unbeeinflußte Anschauung im Reiche des Lebendigen erblickt, antworte ich zunächst: „Die Natur zeigt uns auf dem Gebiete des Lebendigen folgendes:  G e s t a l t e n.   Diese Gestalten besitzen eine gewisse plastische Beweglichkeit, welche sich im Verlaufe des individuellen Lebens wenig, im Verlaufe des durch geschlechtliche oder ungeschlechtliche Fortpflanzung unmittelbar fortgesetzten Daseins manchmal eingreifend kundtut; auch solche Gestalten sehen wir aber trotz aller Beweglichkeit einem ganz bestimmten mittleren Bildungsgesetz gehorsam bleiben — ich verstehe hier unter „Bildungsgesetz“ ein Gesetz von Zahl, von symmetrischen Verhältnissen, von Orientierungen der verschiedenen Teile einander gegenüber usw. Wie ein Pendel hin- und herschwingt, diese Fähigkeit aber der Tatsache verdankt, daß er einen festen, unverrückbaren Angelpunkt besitzt, ebenso entnehmen wir aus der Betrachtung der Lebensformen zwei Beobachtungen: ihre   B e h a r r l i c h k e i t   und ihre   V e r ä n d e r l i c h k e i t;  und zwar ist die Beharrlichkeit das Primäre, überall ausnahmslos Anzutreffende, also offenbar der Ausdruck einer allgemeinsten Tatsache, wogegen die Veränderlichkeit sich erst in zweiter Reihe der Anschauung offenbart, und zwar in sehr wechselndem Maße; denn jeder Naturforscher weiß, daß es bei den jetzt lebenden Pflanzen und Tieren Gruppen gibt, die einer schier endlosen Variabilität unterworfen sind, so daß nicht zwei Sachkenner den Artbegriff bei ihnen in gleicher Begrenzung fassen, andrerseits aber weiß er auch, daß viele so stabil sind, daß es der genauesten Beobachtung bedarf, um auch nur eine Spur jener Pendelbewegung bei ihnen zu entdecken; ja, wir finden Gestalten, welche die unermeßlichen Zeiten und die wechselnden Bedingungen mehrerer aufeinanderfolgenden Epochen völlig unverändert durchlaufen. Der menschliche Geist, immer zur Einseitigkeit geneigt, hat zu gewissen Epochen die Beharrlichkeit, zu anderen die Veränderlichkeit seinen Deutungen des Lebens zugrunde

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gelegt; wir dagegen wollen versuchen, beides im Auge zu behalten, jedoch unter steter Berücksichtigung der aus der Anschauung sich ergebenden Tatsache, daß die Beharrlichkeit des Bildungsgesetzes das Primäre ist, die Veränderlichkeit das Sekundäre; wollen wir die Natur in ihren Lebensgestalten uns gedanklich deuten, so werden wir dieses Verhältnis nicht umkehren dürfen.“ — Sodann gehe ich über zu einer Betrachtung des Begriffes einer „Art“ und steige von dort aus aufwärts bis zu dem der allgemeinen „Bildungsgesetze“, bei denen zunächst das Auffallendste ihre geringe Zahl ist: es gibt nur zwei Reiche des Lebens — die Pflanzen und die Tiere —‚ nicht zwanzig; und innerhalb eines jeden Reiches finden sich so wenige unterschiedliche Typen, „daß die Finger unserer beiden Hände zur Aufzählung hinreichen“. Dies wird mit einiger Ausführlichkeit durchgeführt und dabei hervorgehoben, daß bei der geringen Zahl möglicher Bildungsgesetze für lebende Wesen die Annahme, zwei dem selben Typus angehörige Wesen seien materiell verwandt, jeglicher Wahrscheinlichkeit entbehre; jedenfalls dürfen wir vorderhand daraus nur auf eine „Verwandtschaft in unserem eigenen Geiste“ schließen; die reine Anschauung zeugt für weiter nichts, als daß verschiedene Organismen unter dem gleichen Bildungsgesetz entstanden sind. — Dann weise ich auf die vielen auffallenden Analogien zwischen den von allen Forschern als verschieden anerkannten Bildungsgesetzen hin. Eine kurze Selbstbesinnung unterbricht diese naturwissenschaftlichen Ausführungen: „Ich will der Anschauung und dem Denken — beiden — volle Freiheit wahren: nach oben zu will ich mir mein Recht nicht verkümmern lassen, in sämtlichen Gestalten des Lebens ein einheitliches Bildungsgesetz zu entdecken — wenn ich's vermag — und unbekümmert um alle Dogmen der Klassifikatoren; nach unten zu — dort, wo die Anschauung das sichtende Denken überwuchert — will ich es nicht gestatten, daß der zum Artbegriff verdichtete, schematisch-künstlerische Typus als ein Schleier mir sowohl über meine gesunde Anschauung wie über mein gesundes Denken geworfen wird, indem nämlich einerseits das tatsächlich Beobachtete mir von der Wissenschaft unendlich viel einfacher und regelmäßiger dargestellt wird, als es in Wahrheit ist, und andrerseits ich zu logischen Schlüssen gezwungen werden soll, für die ich in der angeschauten Natur nicht den geringsten Anhalt

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finde, wie z. B. zu der Annahme, daß zwei mehr oder weniger ähnliche Wesen — oder gar zwei unähnliche Wesen — blutsverwandt sein müssen, da ich doch nicht einmal Grund zu der Annahme habe, daß zwei vollkommen identische Wesen eine andere Verwandtschaft besitzen als diejenige, welche mein Denken ihnen beilegt.“
    Jetzt folgt eine längere Ausführung, die die Handschrift als „Kernpunkt meiner Auffassung“ bezeichnet; sie wird sowohl theoretisch wie an einer Reihe von Beispielen begründet und veranschaulicht. Es handelt sich um die Erkenntnis, daß Anschauen und Denken bei Betrachtung des Lebens — soll diese Betrachtung der empirischen Erfahrung entsprechen — auf zwei verschiedene Verfahren angewiesen sind, die einander genau diametral entgegenstehen. Die Anschauung wurzelt ganz und gar in der Beobachtung des einzelnen Individuums; jede Verallgemeinerung bedeutet hier zugleich eine Abstraktion — sie mengt Gedanken unter die Anschauungen; und je mehr verallgemeinert wird, um so mehr nimmt dieses gedankliche Element zu. So ist z. B. die Gattung offenbar ein „Gedanke“; noch mehr ist es die Gruppe, und noch weit mehr die Familie, usw. in steigendem Maße. Wobei aber nicht übersehen werden darf, wie sehr schon der Begriff „Art“ schwankt: denn, was der eine Forscher für eine echte Art hält — also als Kollektivname für tatsächlich vorhandene Individuen betrachtet, die er in beliebiger Zahl vor Augen stellen kann, das hält ein anderer Forscher für eine „Gattung“, d. h. für eine Abstraktion des Geistes. Hier nun entdecken wir, daß beim denken (im Gegensatz zum Anschauen) das Urteil um so begründeter, weil um so stoffreicher ist, je allgemeiner — d. h.: je weiter — der ihm dargebotene Überblick über konkret vorhandene Formen ausfällt. „Wir werden eher imstande sein, etwas Zuverlässiges, Bestimmtes und Inhaltreiches über die Gestaltungsgesetze des gesamten Tierreiches oder einer großen Klasse des Tierreiches auszusagen, als über diejenigen einer Familie, einer Gruppe, einer Gattung oder gar einer Art. Zwar kann die Beobachtung der Natur nur an einzelnen Individuen stattfinden und alle induktive Wissenschaft ist darauf angewiesen, stets vom konkret Vorhandenen auszugehen und erst von da an immer höher zu steigen; das Denken dagegen — also das vernunftgemäße Theoretisieren über das durch das Anschauen, gefolgt von Induktion, Gewonnene, — das Denken

134 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
m u ß   den umgekehrten Weg einschlagen, und zwar muß es das aus dem einen hinreichenden Grunde, damit seine Strukturen auf einer möglichst breiten Grundlage der Anschauung ruhen. Je beschränkter der Stoff an konkreter Beobachtungsmenge, um so unsicherer und willkürlicher operiert das Denken. Hieraus folgt nun, daß wir ein Problem wie dasjenige der Gestalten lebender Wesen (heute zumeist als „Entstehung der Arten“ aufgefaßt) nicht am kleinen Ende, sondern am großen Ende anfassen müßten; nicht das Detail einzelner Beobachtungen über die Veränderlichkeit der Tauben usw. kann uns hier den Weg weisen — alle diese empirischen Methoden können nur zu Beobachtungen und immer wieder zu Beobachtungen führen, nicht zu Gedanken und gedanklichem Erfassen —‚ vielmehr müssen wir mit den allerallgemeinsten Sätzen beginnen, und zwar weil diese die reichsten an Anschauungsstoff sind und dadurch dem Denken die reale Grundlage geben; von hier aus heißt es dann, nach unten zu weiterbauen, so weit es geht.“ Wer uns etwas Zuverlässiges über Wesen und Notwendigkeit der großen Lebenstypen lehrt, wird uns gewaltig fördern; Theorien über die Entstehung der Arten gleichen dagegen einer neoscholastischen Spielerei. Auf dem Boden dieser Überzeugung wird ebenfalls jede Hypothese einer (undarwinischen) Entwickelung, nicht durch Zuchtwahl, sondern aus innerer Gesetzlichkeit — etwa als notwendiger Fortschritt aus dem Einfachen zu dem immer Verwickelteren — abgelehnt. Nicht allein haben wir Menschen kein Urteil darüber, was für die Natur „einfach“ sein mag, sondern es widerspricht die gesamte Anschauung einer derartigen Annahme: von den ältesten geologischen Zeiten an bis zur Gegenwart erblicken wir alle Stufen nebeneinander; von außen kann an die sogenannten einfachen Wesen kein Anreiz zu einer Entwickelung kommen, denn gerade sie sind befähigt, den wechselnden Bedingungen sich leicht anzupassen; herrscht aber ein inneres Gesetz, wie erklärt man es, daß auf jedes einzelne verwickelte Wesen Milliarden von einzelligen vorkommen?
    Der fünfte Abschnitt enthält nur kurze Andeutungen über den voraussichtlichen Einfluß einer derartigen reineren — sowohl anschauungskräftigeren wie gedankentieferen — Auffassung des wissenschaftlichen Lebensproblems auf Politik, Philosophie und Kunst.

135 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
    Wie flüchtig dieser Bericht auch ist, ich hoffe doch, Ihnen von dem Hauptzügen des Gedankengangs eine deutliche Vorstellung gegeben zu haben. Diese Niederschrift stammt, wie gesagt, aus dem Oktober 1896; die folgenden drei Jahre waren durch die Arbeit an den Grundlagen über alle Maßen beansprucht. Kaum aber waren die letzten Korrekturen erledigt, als sich die „Lebenslehre“ von neuem regte. Aus dem Sommer des Jahres 1900 besitze ich eine ziemlich umfangreiche Handschrift, die sich an die vorige unmittelbar anschließt — teils Weiterausbau, teils Vertiefung, teils neue Einfälle. Wiederum waren keine Bücher zur Hand — was auch etwas für sich hat; es sind Briefe aus dem Tiroler Hochgebirge, an eine geistig bedeutende Freundin gerichtet, die das Gardoneschriftchen mit regem, aber kritischem Interesse aufgenommen hatte.
    Eine interessante Ausführung gilt hier der Frage: was mögen wohl Ähnlichkeit, Verwandtschaft usw. für die Natur im Unterschied vom Menschen bedeuten? Offenbar etwas sehr Verschiedenes. Welche menschliche Phantasie wurde Kaulquappe und Frosch, Raupe und Schmetterling für verwandt, geschweige für ein und das selbe Wesen halten? Ihnen als Fachmann ist bekannt, welche weit „tollere“ Fälle der Generationswechsel bei den Krebsen und den Tunikaten sowie bei allen Abteilungen der Kryptogamen hervorbringt. Hieraus folgt nun mit zwingender Notwendigkeit, „daß eine Lebensgestalt — gerade   d u r c h   ihre besondere Gestalt und   d a n k   ihrer besonderen Gestalt — die Befähigung zu anderen Gestalten überzugehen in sich trägt“. Auf diesem Wege gelangt man zu der Erkenntnis: „Eine Änderung der Körpergestalt kann eine Bewahrung der Körpergestalt bedeuten, und angebliche Variationen und Evolutionen, welche aus dem geologischen Zeugnis gefolgert werden‚ können   d e n   s t ä r k s t e n   a l l e r   B e w e i s e   f ü r   d i e   u n ü b e r w i n d l i c h e   B e h a r r u n g s k r a f t   d e r   G e s t a l t   a b g e b e n“.   Eine andere Betrachtung gilt der Wahrscheinlichkeit, daß, wo wirklich „Evolution“ im Sinne Darwin's und der menschlichen Zuchtwahl vorkommt, sie immer zum Untergang der betreffenden Geschöpfe führt — namentlich weil die „Übertreibung“, sei es eines Organs, sei es des Körpergewichtes u. dgl., infolge des Gesetzes der Korrelation andere Organe nach und nach unbrauchbar macht oder unerfüllbare Lebensbedingungen schafft (z. B. die Not-

136 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
wendigkeit ungeheurer Mengen an Nahrung). Von den angedeuteten Beispielen will ich hier nur die Dinosaurier nennen.... Einige Jahre später fand ich ähnliche Gedanken, breiter ausgeführt, in Lalande's La Dissolution. Es scheint mir auch heute höchst wahrscheinlich, daß Evolution nie etwas anderes bedeutet hat, als eine course à la mort.
    Ganz witzige Einfälle finde ich hier und auch in späteren Notizen über mögliche Beziehungen zwischen Stoffmasse und Energiemenge innerhalb einer Lebensgestalt; es scheinen in der Tat Beziehungen hier zu herrschen, die nur aus einem Lebensgesetz erfolgen können, da Stoff und Energie unbegrenzt vorhanden sind.
    Wichtiger, weil aus lauter unbegrenzter Anschauung geschöpft, ist eine eingehende Abhandlung über die allseitige Abhängigkeit aller Erscheinungen des Lebens voneinander. Der vor vierzig Jahren aufgekommene Begriff der   S y m b i o s e,   der ursprünglich nur — im Gegensatz zu dem Begriff des „Parasitismus“ — andeuten sollte, daß verschiedengeartete Wesen aufeinander angewiesen sein können, läßt sich nach unserer heutigen Einsicht so weit ausdehnen, daß man sich wohl fragen darf, ob überhaupt Leben ohne Symbiose möglich ist. Wir haben als erste große Erfahrung die „symbiotische“ Tatsache: Tierreich und Pflanzenreich setzen sich gegenseitig streng voraus, indem nämlich keines von beiden ohne das andere bestehen kann. Das ist schon merkwürdig genug und gibt mehr zu denken als alle Entwickelungshypothesen. Diese gegenseitige Abhängigkeit läßt sich aber auf tausend Wegen überallhin verfolgen. Um nur das eine zu nennen: wir wissen heute, daß wir Menschen sowie die anderen höheren Wirbeltiere ohne den Beistand einzelliger Mikroorganismen unsere Lebensverrichtungen nicht zu vollführen vermögen. So erweisen sich denn diejenigen Organismen, welche die Evolutionstheoretiker für „niedere Stufen“ der angeblich „höheren Stufen“ halten, als diesen ebenso unentbehrlich, wie die höheren es den niederen sind. Da muß man denn wirklich ausrufen: es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als was die Evolutionsphilosophie sich träumen läßt! Ich bin überzeugt, je reicher unsere Anschauung und dadurch auch unser Wissen vom Leben wird, um so deutlicher wird dieses als eine Einheit anerkannt werden, innerhalb welcher nicht allein die Individuen, sondern auch die Gesamtheit

137 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
der Gestalten derartig beziehungsreich miteinander und untereinander verknüpft sind, daß jede Änderung an einem Orte Änderungen an hundert anderen, noch so entfernten Orten — als Wirkung einer höheren Korrelation — veranlaßt.
    Um Sie nicht zu ermüden, übergehe ich eine ganze Reihe anderer Einfälle — u. a. einen, der mir heute viel Spaß macht, indem ich hier, naturwissenschaftlich gefolgert, eine Einsicht vorgebildet finde, die sich mir später aus dem eingehenden Studium der Persönlichkeit Goethe's — also gleichsam vom entgegengesetzten Ende der Betrachtung aus — ergab: daß nämlich, was wir an einem Lebewesen als das   I n d i v i d u e l l e   auffassen, gerade die Kundgebung des Nichtindividuellen, d. h. also des Außer- und Überindividuellen ist. Nein! den Schlußabsatz dieser Ausführungen muß ich Ihnen doch mitteilen: „Es wird sich herausstellen, daß nur dort, wo das Einzelwesen sich gegen die zerstörenden Einflüsse von Stoff und Kraft wehrt, es (im eigentlichen Sinne des Wortes) individuell, nämlich rein für sich, das eigene vergängliche Sein behauptend, auftritt, — daß dagegen jede reine, produktive, zeugende, von Leben zu Leben führende Betätigung der Ausdruck des allgemeinen, überindividuellen Lebensgestaltungsgesetzes ist. In je höherer Potenz sich Persönlichkeit uns offenbart, um so klarer erblicken wir das Überpersönliche. Die Wirkungsweise des Genius (wie Kant mit Recht lehrt) ist die der Natur, sie ist ein Gesetzmäßiges, Notwendiges — im Gegensatz zu der minder reicher Geister, bei denen das Element der Willkür und d.h. des rein Individuellen (nicht Allgemeinen, nicht Allgemeingültigen) vorwiegt. Eine Persönlichkeit ist um so bedeutender, je notwendiger ihr Denken und Handeln.“
    Fast muß ich befürchten, in den Fehler verfallen zu sein, zugleich zu viel und zu wenig über diese Vorahnung einer neuen „Lebenslehre“ gesagt zu haben: zu viel für Ihre Geduld und zu wenig, um dem Gedankengang einigermaßen gerecht zu werden. Doch hoffe ich viel von Ihrer mir bekannten genialen Intuition und viel von dem durchdringenden Interesse, das Sie stets jedem Lebewesen zu widmen bereit sind — also gewißlich auch mir.
    Hier, wo wir die Evolutionsfrage streifen, lassen Sie mich eine ergötzliche Anekdote einschieben, die auf die „comédie humaine“

138 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
der Wissenschaft unserer Zeit ein grelles Licht wirft; sie bezieht sich auf das Jahr 1903, doch kommt es auf den sachlichen Zusammenhang allein an.
    Im Juli des genannten Jahres hatte ich für einige Tage auf meiner geliebten Schynigen Platte im Berner Oberland Wohnung genommen. Bei Tisch geriet ich mit einem hochbetagten, etwas korpulenten, aber äußerst lebhaften Franzosen in ein Gespräch, das immer mehr auf naturwissenschaftliches Gebiet überging und zuletzt anthropologische Fragen in einer Weise zur Erörterung brachte, daß ich kaum zweifelte, einen Fachmann vor mir zu haben. Ich beeilte mich, mein Laientum, zugleich meine weitgehende Skepsis in bezug auf die heute dogmatisch vorgetragenen „Ergebnisse“ zu betonen, und schloß mit den Worten: „Seit dem beklagenswerten Tode des Ethnographen Heinrich Schurz gibt es einen einzigen Anthropologen, in dessen Objektivität ich Vertrauen setze und den ich darum stets zu Rate ziehe, Paul Topinard.“ Wie eine elastische Kugel schnellte der alte Herr in die Höhe und reichte mir über den Tisch die Hand: „Paul Topinard, c'est moi!“ Die Augen strahlten ihm vor Freude und wir waren fortan bis zur Abreise, die wir gemeinsam antraten, unzertrennlich. Immer mehr rückte er mit den Gedanken „de derrière la tête“ hervor, denn ich hatte sein Vertrauen ganz gewonnen; und so geriet ich in ein wachsendes Staunen über die Art, wie er nicht nur den eigentlichen Darwinismus als eine völlig unhaltbare und unter aufrichtigen Forschern eigentlich nicht mehr diskutable Hypothese behandelte, sondern auch so viele Argumente gegen die Annahme einer Evolution der Lebewesen durch Übergang einer Gestalt in eine andere vorzuführen wußte, daß dieser Gedanke einem recht abenteuerlich, wenn nicht gar leichtsinnig erscheinen mußte. Komisch wirkte aber die Art, in der er die Evolution immer zuerst als gesicherte Lehre vorauszusetzen schien, um dann nach und nach ihre Annahmen als nichtig nachzuweisen, komisch auch sein Schreck, wenn ich mit derberem Geschütz gegen diese Afterreligion unserer Tage auffuhr. Eines Tages nun spazierten nach dem Abendessen die etwa dreißig Gäste des Hauses auf der Terrasse auf und ab — Topinard und ich wie gewöhnlich in wissenschaftliche Themata vertieft; er hatte wohl bei Tisch Wein getrunken, auch mag die nächtliche Stunde, indem sie die umgebenden Tages-

139 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre.
gespenster halb auslöschte, das ihrige dazu beigetragen haben, ihn noch offenherziger zu machen: unter der Fülle der Tatsachen, die er anzuführen wußte, und unter einem wahren Regen von Sarkasmen, der über die wissenschaftlichen Götzen niederging, stürzte das ganze Truggebäude zusammen. Ich konnte mein Staunen nicht verbergen und rief aus: „So glücklich ich auch bin, Sie in dieser Weise urteilen zu hören, indem alles, was Sie sagen, mit meinen innigsten Überzeugungen übereinstimmt, so kann ich mich doch über einen Punkt nicht beruhigen; denn ich müßte sehr irren, oder Sie waren einer der allerersten Verbreiter des Darwinismus in Frankreich und bekannten sich auch späterhin, wenn auch vielleicht nicht zur orthodoxen Lehre, so doch zum Dogma der Evolution.“ Topinard blieb mit einer gebieterischen Bewegung stehen, trat dann dicht an mich heran, hielt die Hand vor den Mund und sprach im energischen Flüsterton mir ins Ohr: „Oui, oui, sans doute! Mais vous savez — cela n'est pas vrai!“ Das geschriebene Wort ist unfähig, den Reichtum wiederzugeben, den die besondere Betonung diesen Worten verlieh: das Hastige des „oui, oui sans doute“, als wolle er sagen, verschonen Sie mich um Gottes Willen mit der Erinnerung an meine Dummheiten; dann nach dem „mais“ eine Pause, gefolgt von dem zögernden „vous savez“, worauf plötzlich und vulkanisch hervorbrach das „cela n'est pas vrai!“ — diese letzten Worte in der charakteristischen, breiten Pariser Aussprache, die man le parler gras nennt, wodurch das „pas“ ein entscheidendes Gewicht gewann. Mit meiner Erzählung bin ich aber noch nicht zu Ende, denn trotz der Vorsicht mit der aufgehobenen Hand hatte doch eine Dame, die mit Mme Topinard in Hörweite promenierte, und die lieber an dem wissenschaftlichen Gespräch teilgenommen hätte, von seinen Worten etwas erlauscht und trat jetzt mit der Bemerkung heran: „Comment donc M. Topinard, vous ne croyez pas à la vérité de la doctrine de l'évolution?“ Dem Gelehrten war diese Dazwischenkunft — ich merkte es an seinen Gesichtszügen — höchst unangenehm, doch faßte er sich im Nu und gab ein unvergeßliches Beispiel echt französischer Geistesgegenwart, indem er eine Antwort erteilte, die so Tiefsinniges zu enthalten schien und zugleich so schwer Faßliches, daß darauf Schweigen folgte — ein Schweigen, das er benutzte, um dem gefahrdrohenden Verhör zu entweichen, indem er die

140 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre - Grundlagen, Kant, Goethe.
Entscheidungen betreffend die geplante gemeinsame Reise aufs Tapet brachte. Eine Verwandlung des gesamten Menschen hatte stattgefunden; der vollendete Schauspieler — den jeder Franzose in sich birgt — stand plötzlich vor uns; er trat einige Schritte zurück, wendete zu dem wunderbaren Sternenhimmel, der sich jetzt über unseren Häuptern aufgetan hatte, den Blick empor, und, mit einer großartigen Bewegung der rechten Hand, als umfasse er das gesamte Weltall, rief er laut und pathetisch: „O madame! dans l'ordre cosmologique, je ne dis pas!“ Dieses cos-mo-lo-gique hätten Sie aber mit Ohren hören müssen, wie es donnergleich herausgerollt kam, die wißbegierigen Umstehenden zu stummem Staunen bannend.
    Finden Sie diesen Vorfall nicht charakteristisch für unsere Zeit und darum wert, unvergessen zu bleiben? Als Lehrer der akademischen Jugend mußte Topinard vortragen, was er für unwahr hielt; auch den gelehrten Kollegen gegenüber und in seinen Büchern wagte er es nicht, seine Überzeugung zu bekennen, wohl wissend, daß, sobald er es täte, er der allgemeinen Verfemung verfiele und seine Spezialarbeiten unbeachtet bleiben würden. So sah die vielgerühmte „Freiheit der Wissenschaft“ ums Jahr 1900 herum aus! Nichts ist dem Menschen so teuer wie seine Dogmen; und da die durchschnittliche Geistesebene heute — infolge verschiedener Umstände — tiefer liegt als in den vorangegangenen vier Jahrhunderten, so kommt er mit widerspruchsvollen und flachen aus.... Doch genug davon! Lassen Sie mich wieder anknüpfen und mit meiner Erzählung fortfahren.

*

    Um den biographischen Faden nicht ganz aus der Hand gleiten zu lassen, schalte ich folgendes — teils als Wiederholung, teils zur Ergänzung — hier ein. Anfang 1892 hatte ich, wie Sie sich erinnern, zu schreiben begonnen; bis Ende 1895 galt meine Tätigkeit vornehmlich Richard Wagner. Als mein größeres Wagnerwerk kurz vor Weihnachten 1895 erschienen war, nahm ich sofort die Arbeit über den Wurzeldruck in die Hand, die mich das ganze Jahr 1896 hindurch in Anspruch nahm. Inzwischen war die Allgemeine Einleitung zu den Grundlagen (in der ersten, um ein Drittel längeren

141 III. Meine Naturstudien. Die Lebenslehre - Grundlagen, Kant, Goethe.
Fassung) im Juni 1896 entstanden. Ende Oktober 1896 weilte ich in Gardone und schrieb den kleinen Schattenriß zur Lebenslehre. Von dort eilte ich nach Wien zurück, wo wir mit den Kurventafeln zur Sève ascendante noch nicht ganz im reinen waren, und zugleich um eine Reihe literarischer Verpflichtungen schnell zu erledigen, ehe ich mich auf die Grundlagen warf: die umfangreichste dieser Arbeiten war die für die Revue des Deux Mondes über Heinrich von Stein, die später, in Buchform umgearbeitet und durch Beiträge von Professor Poske bereichert, in München herauskam. Zu Beginn des Jahres 1897 erschienen auch die Recherches sur la Sève ascendante. Und so hatte ich mich endlich durchgerungen und konnte am 1. April 1897 die Grundlagen zu schreiben anfangen; am 3. Oktober 1898 zog ich den Schlußstrich. Revision und Drucklegung beanspruchten noch ein Jahr.
    Das Glück des Schreibens hatte nunmehr mein Wesen dermaßen erfaßt, daß ich nicht mehr davon lassen konnte. Sofort nach Beendigung der dreijährigen Arbeit an den Grundlagen ging ich an die Ausführung eines schon früher entworfenen Goethe-Registers, das ich mir jetzt halb als Nachschlagebuch zu Hauptstellen in Goethe's sämtlichen Schriften, Briefen und Gesprächen, halb als eigenes Werk über Goethe dachte. Ob dieses Zwischending lebensfähig gewesen wäre, weiß ich nicht; mich hat jedenfalls der darauf verwendete Fleiß in meiner Kenntnis Goethe's bedeutend gefördert. Noch im Frühling 1900 wurde aber dieses in den ersten Anfängen steckende, weitläufig angelegte Unternehmen urplötzlich durch die Vornahme des Kantbuches unterbrochen. Oft hatte ich davon geträumt, etwas im Interesse einer besseren Erkenntnis dieses von mir innig verehrten, heldenhaften Denkers in ausgedehnteren Kreisen beizutragen; doch schwebte das Vorhaben gestaltlos in weiter Ferne. An einem bestimmten Tage nun (27. April), zu einer bestimmten Stunde (nachmittags 3½ Uhr), an einem bestimmten Ort des achten Wiener Bezirkes (unfern Reicherts optischer Fabrik) fiel mir mit der Plötzlichkeit eines Blitzschlages die Grundidee zu der Anlage meines Kantbuches ein, und zwar mit so gebieterischem Ungestüm, daß ich umkehrte und nach Hause rannte, was mich die Beine nur tragen konnten, um stehenden Fußes an die Arbeit zu gehen. Freilich gab es noch viel zu tun, bis diese Eingebung fertige Gestalt gewann —

142 III. Meine Naturstudien. Grundlagen, Kant, Goethe.
dazu dienten stundenlange Wanderungen im Schönbrunner Park an den folgenden Tagen. Ich ruhiger Mensch hatte etwas von einem Besessenen; und da ich die sechs Vorträge mir ganz kurz und allgemein verständlich dachte, zweifelte ich nicht, sie in wenigen Wochen zu vollenden. In der Tat schrieb ich — wie mein Tagebuch es bezeugt — den ersten Vortrag in sechs, den zweiten in zehn Tagen! Schon am 9. Mai las ich zwei Freunden die große Vorrede und den Goethevortrag vor, kurz darauf auch den Leonardovortrag — alles in erster Fassung. Gerade das Mißverstehen wichtiger Punkte durch diese Freunde klärte mich über gewisse Selbsttäuschungen auf, zeigte mir die Notwendigkeit, ausführlicher zu verfahren, und führte zu dem Einfall, in jedes Kapitel einen Exkurs einzuschieben, fähig, die vollkommene Veranschaulichung des abstrakt Gedachten zu verwirklichen. Es hat sechseinhalb Jahre Arbeit gekostet, bis das Buch fertig gedruckt vorlag.
    Inzwischen hatte ich noch vor Vollendung des Kant — im August 1904 — mein Goethe-Buch in seiner jetzigen Gestalt entworfen und die „Vorrede“ geschrieben. Auch die Entstehung dieses Entwurfes interessiert vielleicht den Biologen. Ich weilte auf der oft von mir besuchten Walliser Torrentalp, 2440 Meter über dem Meeresspiegel; da der Morgen glorreich tagte, war ich um 5 Uhr aufgestanden, hatte meine Gletscherschuhe angezogen und von meiner Eispicke das Lederfutteral abgestreift; während ich schnell eine Frühstärkung genoß, schickte ich das Mädchen mit dem Rucksack in die Küche, daß man mir Proviant hineintäte für die Tageswanderung, die ich ungesäumt anzutreten gedachte. Indem ich nun an meinem Fenster saß und beglückt-sehnsüchtig die strahlenden Berge betrachtete, wobei mein Herz — wie das jedem begeisterten Bergsteiger vor dem Aufbruch ergeht — schneller schlug, da trat völlig unerwartet der Plan meines Goethe mir vor den Sinn! Ich ergriff schnell ein Blatt Hotel-Briefpapier, auf dem — des größeren Eindruckes wegen — die im Süden prangende Weißhorn-Matterhorn Monte Rosakette nach Norden verlegt ist, mit der Absicht, in eiligen Stichworten die Hauptzüge festzuhalten, ehe ich den Marsch anträte. Doch so schnell ging das nicht: der Einfälle waren zu viele, außerdem floß mir die ganze Einleitung in die Feder, sowie wichtige Teile des ersten Kapitels und Leitgedankens zu den anderen. Den lieben

143 III. Meine Naturstudien. Grundlagen, Kant, Goethe.
langen Tag blieb ich in meinen Nagelstiefeln schreibend an jenem Fenster! Um nicht durch Gespräche gestört zu werden, mied ich die Mittagstafel und verzehrte denkend und schreibend die Vorräte aus meinem Rucksack. Als am nächsten Tag ein Freund zum Besuch eintraf, konnte ich ihm über eine Stunde lang, zum Teil ganz fertige Dinge vorlesen.... Noch hatte ich mich zwei Jahre zu gedulden, bis der (durch den Wunsch, unmißverständlich klar zu sein) stattlich angewachsene Kant endlose Male Wort für Wort revidiert und dann gedruckt war. Und als ich im Herbst 1906 mich daran machte, den Goethe zu schreiben, ging es zwar flott von statten, doch merkte ich bald, daß ich den Stoff nicht genügend in allen seinen Teilen beherrschte — so hatte ich z. B. die berühmten Briefwechsel wiederholt gelesen, nicht aber die 50 Bände Briefe der Weimarer Ausgabe durchstudiert. Hieran ging ich nun und holte das Versäumte gründlich nach. Die eingehende Beschäftigung mit Goethe ist vielleicht das größte Glück, das einem Menschen auf dieser Erde zuteil werden kann; trotzdem mein Schicksal mir gerade damals schmerzliche Prüfungen auferlegte, denke ich an die Jahre dieses Befassens — das bis zum Herbst 1912 währte — wie an einen Vorgeschmack der Gefilde der Seligen zurück.
    Daß ich in dem Zusammenhang dieses Briefes auch von den drei Werken — Grundlagen, Kant, Goethe — spreche, bedarf gewiß Ihnen gegenüber keiner erläuternden Entschuldigung. Denn nicht allein ist in allen dreien viel von Natur und viel von Wissenschaft der Natur die Rede, sondern sie sind alle drei aus einem Geiste der Naturbetrachtung geboren, den gewiß nur eine lebenslange Versenkung in diese — vielen Menschen so fernliegende — Welt, sowie eine fachmännische Ausbildung erzeugen konnte. Als Wiesner das erstemal mit mir über die Grundlagen sprach, betonte er vor allem: „Dieses Werk konnte nur von einem Naturforscher geschrieben werden“; und kein Ausspruch über den Kant hat mich mehr gefreut als das Wort Keyserling's: „Der Brunovortrag ist der erste Versuch einer Biologie der Philosophie“. Damit hat der geistvolle Mann den Nagel auf den Kopf getroffen und den Weg zu einer noch tieferen Einsicht gebahnt.
    Die   G e s c h i c h t e   als eine Wissenschaft zu bewerten, halte ich nämlich für einen bedauerlichen Urteilsfehler; denn Wissenschaft

144 III. Meine Naturstudien. Grundlagen, Kant, Goethe.
ist die Auffindung ewiger Gesetzmäßigkeit, und Geschichte ist die Schilderung uferloser Willkür und unaufhörlichen Zufalls. Darum müssen beide — Geschichte und Wissenschaft — von einander streng geschieden werden. Geschichte kann nur der Künstler gestalten; denn es gehört Gewaltsamkeit dazu, dem Vorüberfließenden Halt zu gebieten und dadurch — genau so wie der Poet es tut — dem Chaos des Geschehens den Stempel der Gestalt aufzudrücken. Mit Recht sagt darum der Dichterseher:

Where history's pen its praise or blame supplies,
And lies like truth, and still most truly lies.

„Wahrheit“ in dem wissenschaftlichen Sinne des Wortes läßt sich aus tausend Akten und Zeugnissen nicht herausdestillieren — denn immer fehlen zehntausend andere, immer handelt es sich um subjektive, oft um erlogene Berichte, nie kann man die Ereignisse wiederholen, um durch Beobachtung und Experiment den Dingen auf den Grund zu kommen. Wie Byron oben sagt: immer bleibt Geschichte eine die Wahrheit nachahmende Erdichtung, die nie wirkliche „Wahrheit“ werden kann. Herodot und Gibbon sind unsterblich: einfach wegen der Aufnahmefähigkeit ihres Gemütes und der unerhörten Gestaltungskraft ihres Geistes. Wenn Deutschland auffallend arm an Historikern von unvergänglicher Bedeutung ist, so liegt der Grund wahrscheinlich in dem genannten Irrtum: in Deutschland darf der beglaubigte Fachmann allein Geschichte schreiben, was genau das selbe ist, als wenn der Kunstgelehrte allein Bilder malen dürfte. Sie selber, verehrter Freund, haben in Ihren biologischen Schriften mehr als einmal auf den grundsätzlichen Unterschied hingewiesen zwischen einer Betrachtung der Lebensphänomene   i n   d e r   Z e i t   und einer Betrachtung   i m   R a u m e:   aus letzterer allein, so lehren Sie, ergibt sich   G e s t a l t,   erstere führt zu etwas, was Sie ebenso kühn als glücklich   M e l o d i e   nennen. Wir wollen nicht Haarspalterei darüber treiben, ob man nicht von einer Melodie sagen dürfe, sie habe Gestalt, noch wollen wir Goethe und Walter Pater verdammen, wenn sie gelegentlich alle schöne Gestalt als Musik auffassen und gar einen hellenischen Tempel „singen“ hören; einzig auf diejenige Erkenntnis kommt es an, auf die Sie mit der Ihnen eigenen Klarheit hinweisen: daß aus der zeitlichen Folge


145 III. Meine Naturstudien. Grundlagen, Kant, Goethe.
sich niemals „Gestalt“ in dem eigentlichen, greifbaren, anschaulichen Sinne des Wortes ergibt. Die Zeit gebiert Gestalt, und die Zeit vernichtet Gestalt; die Gestalt   „i s t“   aber einzig in der Gegenwart — mit anderen Worten, im Raume. Denn in einem gewissen und sehr wichtigen Sinne des Wortes können wir definieren: der Raum ist die zum Stillstand gebrachte, beziehungsweise die als stillstehend gedachte Zeit. Dieser Standpunkt ist zugleich derjenige, auf welchem alles Ewige steht — gleichviel ob als ewiges Gesetz der Natur oder als ewiges Gesetz des Künstlergenies. Hierin besteht nun für mich die eigentliche Verwandtschaft zwischen Wissenschaft und Kunst:   v o n   d e m   p a n t a   r h e i   g i b t   e s   k e i n e   W i s s e n s c h a f t;   e r s t   m ü s s e n   d i e   E r s c h e i n u n g e n   z u m   S t e h e n   g e b r a c h t   w e r d e n ,   d a n n   e r s t   k a n n   W i s s e n s c h a f t   e n t - s t e h e n.   Darum halte ich es für ein ebenso wissenschaftliches wie künstlerisches Beginnen, wenn ein Mann die gesamte Vergangenheit in die Gegenwart einbezieht, also alle Geschichte unter der Perspektive des einen einzigen Heute erschaut und daraus die Befähigung schöpft, sie zu gestalten; und das ist es, was ich in den Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts versucht habe. Genau das Gleiche gilt aber von meinen Büchern über Richard Wagner, Kant und Goethe: indem ich die historische Bedingtheit dieser Großen als ein Nebensächliches behandelte, den Wandlungen ihres eigenen Werdens ebenfalls nur insofern Beachtung schenkte, als hierdurch der ewige, zeitlose Kern der Persönlichkeit klarer erblickt wurde, glaube ich   r e i n   w i s s e n s c h a f t l i c h —   im Gegensatz zu historisch — verfahren zu sein. Mancher Kritiker soll von meinen Schriften gesagt haben, ihre Eigenart sei dem Umstand zuzuschreiben, daß ein geborener Engländer deutsch schreibe; etwas Wahres mag darin liegen, weit entscheidender ist aber, daß ein von Jugend auf in die Betrachtung der Natur Versenkter, später in der wissenschaftlichen Erforschung ihres Wesens und Waltens Geübter, sich in reifen Jahren — ohne eigentlich diesen Standpunkt zu verlassen — der Betrachtung der Natur in der Menschheit und in einzelnen hervorragenden Menschen zuwandte. So hat z. B. der Versuch, die Persönlichkeit Immanuel Kant's durch den eingehenden Vergleich mit Persönlichkeiten aus den verschiedensten Zeitaltern plastisch herauszuarbeiten, mit ‚‚Geschichte“ — wie man das Wort gemeiniglich

146 III. Meine Naturstudien. Grundlagen, Kant, Goethe - Goethe und Linné.
versteht —‚ nichts zu schaffen; um so mehr mit Wissenschaft. Das Wissen um ein Phänomen der Natur wird hier vermittelt, nicht das Wissen um tausend Nebensächlichkeiten der Schicksalsmelodie. Beim   r e i n e n   D e n k e r —   der gleichsam ein Gegenstück zu der rein gestaltenden Natur bietet — ließ sich dies vollkommener durchführen als bei dem sein Leben lang gegen die umgebende Welt den Heldenkampf führenden Wagner, oder bei dem seine ganze Umgebung sich assimilierenden Goethe; doch der Augenpunkt bleibt genau der gleiche: das inbrünstige Bestreben des Verfassers geht auf die Herausschälung des Zeitlosen, das heißt, der Gestalt — und dieses bedeutet ein wissenschaftlich-künstlerisches Bestreben.

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    Wollen Sie mir gestatten, noch einer kleinen wissenschaftlichen Schrift zu gedenken, die im Sommer und Herbst des Jahres 1907 nebenbei entstand, und die infolge ihrer Unzugänglichkeit so gut wie unbekannt geblieben ist? Sie trägt den Titel Goethe, Linné und die exakte Wissenschaft der Natur und entstand als Beitrag zu der Wiesner-Festschrift, die dem Gelehrten von Freunden und Schülern zu seinem siebenzigsten Geburtstag im Januar 1908 überreicht wurde. Die wenigen Sonderabzüge waren sofort vergriffen, und die umfangreiche Festschrift ist nur in botanischen Bibliotheken anzutreffen. Linné, sowie überhaupt das eine Zeitlang so sehr verkannte wissenschaftliche Denken des achtzehnten Jahrhunderts, bildete einen unerschöpflichen Gesprächsstoff zwischen Wiesner und mir; er — der Physiolog — hat zu wiederholten Malen eingehend und tief über die gewaltige Lebensarbeit des großen Systematikers geschrieben. In edle Wut war er geraten bei dem Geschreibsel eines Botanikers im Goethe-Jahrbuch, der Linné's wissenschaftliche Leistungen als „geistloses Handwerk“ zu bezeichnen sich erdreistete. Dies gab den Anstoß zu meiner kleinen Arbeit, die, wenn sie auch sonst völlig unbeachtet blieb, mir Wiesner's besonders warmen Dank und seine dauernde Freude einbrachte. Es ist mir gelungen, nachzuweisen, daß Goethe sowohl die Bezeichnung „Metamorphose“, wie auch die leitenden Gedanken, von denen er ursprünglich ausging, durch An-

147 III. Meine Naturstudien. Goethe und Linné.
regung Linné's empfing. Daran knüpfe ich Mitteilungen über Linné's Annahme einer „Transmutation“ der Arten und mache darauf aufmerksam, daß er nicht den Begriff der   A r t,   sondern den der   G a t t u n g   in den Mittelpunkt stellt — was geradezu grundlegende Bedeutung besitzt, wie ich es oben bei Besprechung meiner Lebenslehre fühlbar zu machen suchte, indem das Denken, soll es feste Wurzeln schlagen und nicht der Willkür preisgegeben bleiben, mehr Anschauungsstoff braucht, als die Art ihn bietet. Dies führt zu einer kurzen, grundsätzlichen Betrachtung des Verhältnisses zwischen Goethe's Art, die Natur anzuschauen und derjenigen der exakten Wissenschaft. Aus diesem Schlußteil möchte ich einige Sätze anführen:
    „Empirisch ist das Verfahren beider — Goethe's und der Wissenschaft; denn beide gehen von der Beobachtung der Natur aus und lehnen jegliche a priori-Erwägung ab. Goethe aber sucht   I d e e n,   Ideen von solcher Leuchtkraft, daß die beobachteten Tatsachen gleichsam undurchsichtig werden und auch das Verborgene an ihnen sich dem Auge unmittelbar offenbart; wogegen die Wissenschaft bestrebt ist, die Tatsachen unter   B e g r i f f e   zu subsumieren, um desto leichter darüber nachzudenken und sie desto vollkommener dem kombinierenden Menschengeiste zu assimilieren....
    Bildlich ausgedrückt: der Standpunkt unserer exakten Wissenschaft ist ein peripherischer; immer strebt sie über eine letzte Grenze hinaus; ‚leerer Raum und darin kontinuierliche Bewegung' ist ihr Ideal; sie ist gleichsam à cheval auf der Trennungslinie zwischen einer zwar im Tatsächlichen festgegründeten, doch möglichst abstrakten Empirie und einer möglichst an empirischen Inhalt angegliederten, exakten Abstraktion. Goethe's Standpunkt hingegen ist ein zentraler, ringsumher von konkreter, sinnenfälliger Tatsächlichkeit umgürtet, und die ‚exakte sinnliche Phantasie' ist es, die von diesem Mittelpunkt aus organisierend ausstrahlt: ‚Leben erst muß Leben geben'. Es ist der Gegensatz von Organisieren und Schematisieren, und darum sind die Einheiten in dem einen Falle Ideen, in dem anderen Begriffe.... Was nicht übersehen werden darf, ist folgendes: die Einseitigkeit jener Wissenschaft, die heute einen wachsenden Bestandteil unseres geistigen Lebens ausmacht, läßt eine Ergänzung immer dringender erscheinen. Das unerwartete Wiederauflodern religiöser Schwärmerei und kindischen Aberglaubens ist

148 III. Meine Naturstudien. Goethe und Linné - Die Natur, den Uneingeweihten ein Pfadweiser.
ein Symptom der drohenden Gefahr. Kant's Kopernikanische Tat der Erkenntniskritik hat die Unfruchtbarkeit aller rein metaphysischen Spekulation ein für allemal nachgewiesen, den Instinkt aller echten Naturforscher somit rechtfertigend; ohne Synthese aber und ohne ein Etwas, das ich als neue innige Anknüpfung an die Natur bezeichnen möchte, die als Jungbrunnen für Gemüt und Phantasie zu dienen hat, steuern wir ins Chaos und in ein an Kenntnissen reiches, an Ideen armes Greisentum. Was Goethe bietet, ist nun gerade diese Ergänzung der Wissenschaft — nicht ihr Gegenteil, sondern ihr Gegenstück, nicht ihre Verleugnung, sondern eine neue Methode, die im Interesse der Kultur unerläßliche, infolge der zunehmenden Stoffmenge immer dringender geforderte Synthese nicht mehr auf metaphysischem, sondern auf konkretem Wege herzustellen.... Wollte man das Neue auch durch einen neuen Namen bezeichnen, was bisweilen zur Klärung der Vorstellungen beiträgt, so würde man vielleicht dieses eigentümliche Durchschauen der Natur, wodurch Goethe die Mannigfaltigkeit zu Einheit zaubert, im Gegensatz zur Metaphysik eine   D i a p h y s i k   heißen.“

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    Noch ein Unternehmen darf nicht unerwähnt bleiben, das meine Gedanken seit etwa fünfzehn Jahren immer von neuem beschäftigt und mehr als einmal zu umfangreichen Vorbereitungen geführt hat, ohne bis jetzt über einen embryonischen Zustand hinaus zu kommen. Es handelt sich um eine Einführung in die Betrachtung der Natur für Nichtgelehrte, doch — wie Sie erraten werden — als das Gegenteil der heute geläufigen populären Darstellungen gedacht. Mir schwebt die Hoffnung vor, denkende Menschen, die über naturwissenschaftliche Kenntnisse nicht verfügen, dennoch in Geist und Methodik der Naturwissenschaft einzuweihen. Hierzu müssen sie die den verschiedenen Wissenschaften zugrunde liegenden begrifflichen Voraussetzungen kennen lernen, sowie die aus der Gattung zwischen diesen Voraussetzungen und der Beobachtung gewonnenen grundlegenden Tatsachen-Annahmen. Nur auf diesem Wege läßt sich ein Einblick in die Werkstatt der Wissenschaft vermitteln, und dies allein besäße einen bildenden Wert, wogegen die sogenannten „Ergebnisse“ die Leute nur verdummen, indem sie sich daran gewöhnen, dogmatisch vorgetragenen Behauptungen Glauben zu schen-

149 III. Meine Naturstudien. Die Natur, den Uneingeweihten ein Pfadweiser.
ken, ohne irgendeinen Maßstab zur Hand zu haben, der ihnen behilflich wäre, sich über Wert und Wahrscheinlichkeit des Vorgetragenen ein Urteil zu bilden. Unsere Popularschriftsteller stellen tausendfach gesicherte, täglich von neuem nachweisbare Tatsachen neben Möglichkeiten, Theorien, Hypothesen, Träume, unsinnige Annahmen, leere Wortbildungen — alles kunterbunt durcheinander auf einer Fläche: und das soll die sakro-sankte „Wissenschaft“ des 20. Jahrhunderts sein! Wahrlich, es wäre der Mühe wert, die Sache einmal anders anzufassen!
    Aus einer größeren Anzahl der mir vorliegenden Titelentwürfe teile ich Ihnen zwei mit, geeignet, Ihnen eine deutliche Vorstellung meines Vorhabens zu vermitteln:

D i e   N a t u r
Eine kritische Sichtung der elementaren Hauptbegriffe
unserer Naturwissenschaften:
Als Vademekum für Anfänger.

So lautet der eine Titelentwurf; hier der zweite:

D i e   N a t u r
Kurze kritische Übersicht der elementaren Grundvorstellungen
unseres wissenschaftlichen Mythos:
Den Uneingeweihten ein Pfadweiser.

    Aus einem vielleicht allzu naiven Grunde will ich Ihnen nicht alles verraten, was ich betreffs dieses Buches auf dem Herzen trage; denn es   i r r t   nicht bloß der Mensch, sondern es   h o f f t   auch der Mensch solange er lebt; die Hoffnung, dieses Buch zu schreiben, konnte ich noch nicht begraben. Damit Sie aber wenigstens sich ein Bild machen, wie ich mir die Sache vorgestellt habe, will ich Ihnen aus einem der Entwürfe zum Vorwort ein Bruchstück mitteilen.
    „So sehr auch Naturkenntnisse heute — im Verhältnis zu früheren Zeiten — verbreitet sind, immer wieder wundert man sich, vielen sonst gebildeten Menschen zu begegnen, die nichts von der sie umgebenden Welt wissen, die keinen Stern am Himmel, keine Blume auf der Wiese erkennend zu unterscheiden gelernt haben, geschweige,

150 III. Meine Naturstudien. Die Natur, den Uneingeweihten ein Pfadweiser.
daß sie irgendeine klare Vorstellung über die Leistungen, die Tragweite und auch die Begrenzung der die Struktur der Materie untersuchenden Chemie, der die Kräfte in ihren Richtungen und Umwandlungen verfolgenden Physik, der den Aufbau des Kosmos erforschenden Astronomie usw. besäßen, und die natürlich weniger als nichts in bezug auf die Vorgänge des Lebens wissen. Die weitverbreitete, bewundernde Adoration einer thronenden ,Wissenschaft', der dumpfgehorsame Glaube an alles, was ihre offiziellen Priester zu verkünden belieben, besitzt für die Kultur des Menschengeistes nicht den geringsten Wert. Kulturwert bietet nur die unmittelbare Berührung zwischen Mensch und Natur. Beim primitiven Menschen findet sie statt....; auch beim Bauern sowie bei jedem wahren Landbewohner des heutigen Tages besteht noch eine lebendige Wechselwirkung zwischen beiden. Dagegen wächst die große Mehrzahl der Gebildeten sowie die Gesamtheit der Stadtbewohner Europas ohne jegliche unmittelbare Berührung mit Element und Leben der Natur auf; dieser moderne Mensch wird hierdurch immer mehr auf sich allein zurückgewiesen und verarmt infolgedessen in einem Maße, das bisher Wenigen zum Bewußtsein gekommen ist, diese Wenigen aber mit Schrecken erfüllt; denn es eröffnet sich ihnen die Aussicht in einen unabwendbaren Verfall, indem die einzige wahre Quelle aller Produktivität — ‚die ewig erfindungsreiche Natur' — nunmehr vom Denken und Fühlen abgeschieden, der Mensch also auf sich selber eingeschränkt bleibt; hierdurch gerät er notwendig in einen   c i r c u l u s   v i t i o s u s,   in welchem er herum und herum rast, ohne je etwas anderes als sich selber finden zu können; denn jetzt fehlt das zweite ergänzende Element — das umfassende, unbewußt hervorbringende —‚ in das hinein der Geist seine zeugende Kraft ergießen kann und aus dem heraus er dann das Unvorhergesehene, jegliches Wollen Übertreffende, dasjenige, was einzig schöpferisch genannt werden darf, empfängt. Eine sentimentale Bewunderung sogenannter ,schöner Natur' bietet keinen Ersatz für die fehlende unmittelbare Berührung mit der Natur.... Noch weniger vermag aber die angedeutete Lücke durch unsere Populärwissenschaft ausgefüllt zu werden. Diese will das Unmögliche: die Leute sollen erfahren, ohne gelernt zu haben; ‚Ergebnisse' sollen vom Geiste aufgenommen werden wie Maiskörner von einer

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Mastgans, woraus einzig Verstandeskorpulenz, nicht aber Verstandeskraft entstehen kann. Gerade das ist für Wissenschaft im genauen Gegensatz zu Kunst bezeichnend, daß sie nie am Ziele ist; unaufhörlich überwindet sie sich selbst; immer wieder führt sie auf einer anderen Stufe zur Natur zurück, und jedes gelöste Problem eröffnet den Augen neue Probleme. In den Dienst der Kultur einer Allgemeinheit stellt sich die Wissenschaft erst dann, wenn sie es versteht, den aus der Natur verbannten Menschen der Natur zurückzugeben, daß er an ihr wieder teilhabe, daß er sie wirklich erblicke und sie tausendfältig erfahre. Die Natur meistern, ist ein Ziel für Techniker; dem Menschen als Geist und Seele ist zu wünschen, daß er zu ihr in die Schule gehe, um in aller Bescheidenheit von ihr Größe, Mannigfaltigkeit, unerbittliche Wahrhaftigkeit zu lernen, und aus ihrem Brunnen Ideen ohne Zahl zu schöpfen. Dies zu bewirken, wäre das würdigste Ziel aller Wissenschaft.“
    Als im Spätherbst 1912 mein Goethebuch in die Welt hinausgeschickt worden war und ich wie verwaist in die plötzlich um mich entstandene Leere starrte, da glaubte ich den Augenblick gekommen, meine Einführung in die Kenntnis der Natur in Angriff zu nehmen; hier allein konnte ich Trost finden für den Verlust der alleinzigen Gegenwart des Naturerschauers ohnegleichen. Schnell durchmusterte ich meine naturwissenschaftliche Bibliothek, sorgte für nötige Ergänzung und ging wohlgemut an die Vorarbeiten. Als bald darauf die Pflicht mich zu längerem Aufenthalt an die Riviera rief, packte ich die wichtigsten Nachschlagebücher ein, froh, mich in herrlicher Natur der Natur ganz zu widmen. Doch es kam anders. Ich weiß nicht, ob alle Menschen den sokratischen Dämon kennen: ich meinesteils habe seine Dazwischenkunft öfters im Leben erfahren. So z. B. als die siegreich fortschreitende Arbeit an den Grundlagen plötzlich stockte, kein Gedanke mehr im Hirn reifen, kein Wort der Feder entfließen wollte — es fehlte meinem Entwurfe das Kapitel „Völkerchaos“, und der Dämon ließ mich keinen Schritt weiter tun, bis ich die Lücke erblickte, womit der Bann dann gebrochen war. Ähnliches geschah‚ als ich, nach Vollendung der Grundlagen, über Goethe schreiben wollte — uneingedenk der längst eingegangenen inneren Verpflichtung gegen Immanuel Kant: wie es damals zuging, habe ich Ihnen oben erzählt; später gab ich mir leicht Rechenschaft: es

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wäre eine unmögliche Anforderung ans Gemüt gewesen, erst über Goethe und dann über Kant zu schreiben; damals aber lagen mir derartige Erwägungen fern, und daß ich den rechten Weg ging, verdanke ich dem Dämon allein. Ähnliches geschah jetzt wieder. Trotz aller Genugtuung, die mir die von neuem aufgenommenen Naturstudien verschafften, wollte die Arbeit, zu der früher ungesucht die Gedanken herbeigeströmt waren, nicht recht vom Fleck. Es ist das ein ganz eigener Zustand, wenn nämlich der   a n d e r e   Dämon, der sonst in guten Stunden die Feder führt und dessen Einfälle unvermutet das eigene Gut bereichern, plötzlich ausbleibt und nicht zu errufen ist. Und wiederum fand eine Art innerer Erleuchtung statt — wenigstens hielt ich es für eine solche —‚ indem mir inmitten einer völlig schlaflosen Nacht die Überzeugung sich aufdrängte, ich solle dieses naturwissenschaftliche Vorhaben auf später aufsparen und vorerst eine andere Aufgabe in Angriff nehmen, die mir zwar schon seit vielen Jahren als eine zu erfüllende Pflicht vorschwebte, vor der mir aber, wie Platen sich ausdrückt, „erhabene Bangigkeit die Seele füllte“. Das Werk selbst liegt mir am Herzen; der Weg dahin führt aber durch rauhe, dornige, unsagbar mühevolle Gebiete, nämlich mitten durch Kirchengeschichte und Theologie, und wer von diesen gekostet hat — was mehr als einmal mein Los war —, weiß, was das sagen will. Nichtsdestoweniger ging ich sofort am nächsten Morgen an die neue Aufgabe und steckte bald bis über die Ohren in Kirchenvätern und Evangelienkommentaren. Nüchtern überlegt, muß ich heute sagen, der Instinkt riet klug: nach genossenem Naturrausch der Sturz in die Theologie — das wäre über Menschenkraft gegangen; wogegen die Aussicht auf das kommende Naturbuch mich aufrecht erhalten konnte, wenn mir in der Pfaffengesellschaft alle Lebenslust verging. Und so stürzte ich mich ins Uferlose mit dem Mut — oder Tollmut —‚ den Gottvertrauen gibt, ohne das ferne Ufer mit Augen zu erblicken, doch voll Zuversicht, es zu erreichen. Wäre alles seinen glatten Weg gegangen, so würde heute wohl das Schwerste überwunden sein und ein frohes Gestalten die Mühen lohnen; wahrscheinlich würde ich, wie in früheren Fällen, zur Auffrischung bei den letzten Arbeiten das nächstfolgende Werk — die Einführung in die Kenntnis der Natur — ungefähr in diesem gegenwärtigen Augenblick endgültig entwerfen.... Doch da brach

153 III. Meine Naturstudien. Die Natur, den Uneingeweihten ein Pfadweiser - Das Fernrohr und der Krieg.
das große Verbrechen über die Welt herein: der Vernichtungskrieg der verbündeten Räubervölker gegen den Hort der friedlichen Entwickelung, Deutschland. Nur kurze Zeit fuhr ich mit meinen Arbeiten fort; dann aber ging's nicht mehr: Hirn, Herz, Seele hatten nur noch für Empörung Raum; zu schweigen war unmöglich; eine Kriegsschrift führte zur nächsten, und neben den öffentlichen Bemühungen wuchs eine aus ihnen hervorgegangene stille Tätigkeit, die alle Kräfte in Anspruch nahm. In solchen Augenblicken entschwindet das Ich, und wie der Soldat im Schützengraben nur gleichsam ein Mann ohne Namen ist, der seine Pflicht tut, so gut er kann, ohne eine genaue Vorstellung des Zusammenhanges, in welchem sein Tun ein Atom unter Millionen bedeutet — genau ebenso erging es mir. In einer Art Halbbewußtsein tat ich, was ich nicht lassen konnte — nicht konnte, weil ich es als   P f l i c h t   empfand. Ich glaube, hätte Hindenburg vom ersten Tage an dort gestanden, wo Gott ihn haben wollte, und hätte der herrliche Mann einen kleinen Finger als Reichskanzler hergeben können, es wäre mir vielleicht — ich weiß es nicht gewiß — möglich gewesen, in Ruhe weiter zu arbeiten; so aber nagte die Sorge alle Gedanken hinweg, die sich nicht unmittelbar auf Krieg und Staat bezogen. Dazu trat dann Erkrankung....

*

    Und jetzt lassen Sie mich diesen langen Brief, den ich mit der Unbesorgtheit eines mühelos Diktierenden vielleicht allzu behaglich ausgedehnt habe, damit beschließen, daß ich — wie es eine gütige Vorsehung in Wirklichkeit gefügt hat — das Ende an den Anfang, den bald Dreiundsechzigjährigen an den dreijährigen Kometenanstauner anknüpfe. Das Sprichwort sagt, nur der Narr baut ein Haus; ganz so närrisch war ich nicht, ich trat aber in die zweite Stufe des Ordens, da ich mich bewogen fühlte, ein Haus umzubauen, indem ich es zur Sonne umdrehte. Die Vorbereitungen hierzu führten mich an die Luke, durch die der Schornsteinfeger aufs Dach klettert. Da ließ es mir keine Ruhe, und die nächste Sternennacht sah mich oben vorsichtig herumkrabbeln, beseligt durch die Ent-

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deckung, die geringe Erhöhung genüge, um einen freien Himmel zu gewinnen. Zum Zögern fehlt einem im Alter die Muße, und so ward denn sofort beschlossen: hier oben kommt ein Lugindiesterne, und darauf ein Fernrohr! Zwar erwies die Vorsehung diesem unschuldigen Unternehmen bisher wenig Gunst: kaum war die Einrichtung fertig geworden, da brach der Krieg aus; kurze Zeit darauf wurde ich als Spion verdächtigt, und das betreffende Korpskommando verfügte die polizeiliche Absperrung meines Sterndaches; bis das Kriegsministerium diese Verordnung aufgehoben hatte, waren die obengenannten körperlichen Beschwerden eingetreten, die mir den Gebrauch der Arme arg beeinträchtigten. Von einem Ereignis dort oben, mehr komischer Art, muß ich Ihnen noch erzählen. Spät an einem Augustabend des Jahres 1914 werde ich aus dem Bett herausgetrommelt; unten stand Volk und bewaffnete Bürgerwehr; unfern ertönten Flintenschüsse; ein französisches Luftschiff — so hieß es — steure auf Bayreuth zu; ich solle mein Fernrohr zur Verfügung stellen. Umsonst versicherte ich, der bezeichnete Gegenstand sei der im Nordosten aufgehende Planet Jupiter; meine Aussage schien höchst verdächtig; erst als Einige unseren herrlichen Bruderstern und seine vier Monde mit Augen gesehen hatten, legte sich die Erregung und unterblieb die weitere Beschießung des in stiller Majestät am Himmel emporschwebenden Gestirns. Übrigens konnte ich trotz meines Leidens die so interessanten Sonnenflecken der letzten Jahre zum Teil verfolgen und habe herrliche Stunden in des lieben Mondes Gesellschaft verbracht. Genug zum Danken! Das Gemüt blieb unverändert durch die Jahre: ein einziger Blick rings herum auf die kreisenden Weltensonnen flößt mir noch immer ein Glück in die Seele, das ich nicht zu schildern weiß, weil es in Gebiete reicht, die jenseits des eigentlichen Denkens liegen. Ich glaube, es muß Kant etwas Ähnliches vorgeschwebt haben, als er den berühmten Spruch über den „gestirnten Himmel über mir“ tat. Was hier wirkt, ist Erhabenheit — „die Überwucht der Sterne“, wie Goethe sagt — verbunden mit Milde, der ungeheure Kosmos und zugleich ein Gefühl des Geborgenseins wie das Kind in der Wiege. Die Knabenfrage „wer bist du?“ tue ich noch oft: je weiter das bewaffnete Auge ins Weltall eindringt, um so mehr Veranlassung findet man dazu; doch birgt die Frage keine quälende Wissenssorge; den

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angesichts dieser Grenzenlosigkeit dehnt sich die Seele ebenfalls ins Grenzenlose und empfindet unmittelbar, daß die kurze Spanne unseres Menschenlebens in keinem Verhältnis steht zu der uns innewohnenden Unvergänglichkeit; es liegt noch viel Zeit vor uns, viel zeitlose Gegenwart.

    BAYREUTH, Februar — März 1917.
 
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Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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Letzte Änderung am / Last update: 16 April 2010