Hereunder follows the transcription of chapter 4 of Lebenswege meines Denkens, Houston Stewart Chamberlain's autobiography, 2nd. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1922.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 4 van Lebenswege meines Denkens, Houston Stewart Chamberlain's autobiografie, 2e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1922.
 
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Seite 001—062: Kapitel I & II, Meine herkunft / Meine Erziehung
Seite 063—156: Kapitel III. Meine Naturstudien
Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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IV.

MEIN WEG NACH BAYREUT

BRIEF AN EINEN DEUTSCHEN FÜRSTEN

DA WO WIR LIEBEN
IST VATERLAND!
G O E T H E
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IV. Mein Weg nach Bayreuth. Zur Einführung - Die Sonne meines Lebens.


Durchlauchtigster Fürst!

Die reichen Stunden, die ich im Gedankenaustausch mit Eurer Hoheit zubringen durfte, gehören zu den ungetrübten Gütern, welche das Leben mir geschenkt hat und daher zu denen, die ich auf der Bühne des Gedächtnisses immer von neuem auftreten lasse. Da Bayreuth — Bayreuth in jenem weiteren Sinne, den Sie und ich und mit uns einige tausend deutsche Männer diesem Worte beilegen — da Bayreuth es ist, das uns zusammengeführt und auch weiterhin den Felsengrund unerschütterlicher Zusammengehörigkeit gebildet hat, so lag es nahe, die Frage aufzuwerfen, auf welchem Wege ein jeder nach Monsalvat gefunden hatte. Mehr als einmal wurde von beiden Seiten die Frage getan; doch pflegt das Wechselgespräch die Zickzacklinie zu bevorzugen, um dann plötzlich, in irgendeinem Interessenpunkt zusammengeballt, eine parabolische Kurve mit Ungestüm einzuschlagen, aus der keine Rückkehr zum Ausgang führt. So bin ich denn auch nie dazu gekommen, Ihnen eine ausführliche Darstellung meiner Beziehungen zu Bayreuth zu geben; auf schriftlichem Wege wird es, hoffe ich, besser gelingen.

*

    Ehe ich zu meiner Erzählung übergehe, empfinde ich das Bedürfnis, den  B r e n n p u n k t   aller meiner künstlerischen — ja, in einem gewissen Sinne aller meiner geistigen — Erlebnisse zu nennen: denn nur auf diese Weise kann ich von Anfang an eine richtige Perspektive erhalten, jeder Einzelheit ihren bestimmten Platz anweisen und somit die Mannigfaltigkeit zu einem einheitlichen Bilde zusammenfassen. Mein Leben — welches fern von aller Kunst begann und infolge meiner Anlagen, meines Bildungsganges und meines Schicksales auch fernerhin außerhalb aller Kunstbetätigung blieb — ist dennoch nicht nur von Kunst durchtränkt, sondern sowohl äußerlich wie innerlich dadurch kunstverwandt, daß ihm   e i n e   S o n n e   zuteil wurde und es daher nicht ziellos und auf eigene schwache Kräfte beschränkt durch unbegrenzte Räume dahinstrich, sondern einem größeren Ganzen von kosmischer Bedeutung sich anschloß, wodurch es zugleich für sich selbst ein Gesetz und für sämtliche

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seinem Blicke erreichbaren Erscheinungen der geistigen Welt einen Maßstab erhielt — Dinge, die, abgesehen von dem relativen Wert, über den in jedem einzelnen Falle verschiedene Urteile zulässig sind, außerdem einen absoluten Wert besitzen, da von ihnen die Fähigkeit zu Gestaltung abhängt — Gestaltung des Lebens, Gestaltung von Werken des Geistes: verwandtere Dinge, als manche vermuten. Die Sonne meines Lebens war und ist:   R i c h a r d   W a g n e r.
    Hiermit will ich keine alltägliche abgeleierte Phrase ausgesprochen haben; vielmehr verstehe ich diesen Ausspruch — Richard Wagner ist meine   S o n n e   — in dem buchstäblichen Sinne einer wahren symbolischen Gleichheit. Wie auch Natur und Geist verwandt und wie verschieden sie auch sein mögen, ganz sicher ist es, daß kosmische Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens in allem geistigen Tun ein Analogon findet, und daß in dem einen wie in dem anderen Fall das Wort Goethe's Geltung besitzt:

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Engen wir aber jetzt den Blick ein wenig und fragen uns: was schenkt uns die Sonne, außer dem genannten unermeßlichen Gut einer kosmischen Zusammengehörigkeit, für besonderen, eigenen Segen? so lautet die Antwort: sie schenkt uns Licht und Wärme. Indem über die bisher nur dunkel betastete Welt Licht erstrahlt, mit anderen Worten, Augen geöffnet werden, erhalten wir Nähe und Ferne, Höhe und Tiefe, d. h. eine Welt der Beziehungen, und zwar nicht allein der Beziehungen zu uns, sondern der Beziehungen der Erscheinungen untereinander: ein Ganzes wird aufgebaut. Zugleich jedoch mit der Aufhellung der vorangegangenen Dunkelheit schenkt uns die Sonne ein neues Dunkles, nicht wieder als umklammernde, beängstigende Umgebung, sondern in Tiefen der Erde und der Menschenbrust verborgen, jene Wärme, die auf ewig geheimnisvollen Wegen Neues ins Dasein ruft:

Was lebt und wiederlebt.

Und genau das alles ist es, was Richard Wagner für mich getan hat: er schenkte mir den archimedischen Ankerpunkt im Raume, er schenkte meinen Augen das gestaltende Licht, meinem Herzen die treibende Wärme. Freilich hatte ich schon als Knabe Shakespeare

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kennen gelernt und war in eine Art kindlicher Raserei der Begeisterung über seine Werke geraten (siehe S. 39), zu einer Zeit also, wo mir nicht einmal der   N a m e   Richard Wagner bekannt war; auch wurde ich durch Beethoven's magische Kunst in das innerste Heiligtum der Musik eingeführt, ehe ein Ton Richard Wagner's mein Ohr erreicht hatte: doch bilden diese Erfahrungen Vorstufen auf dem Wege zu dem Verhältnis, das ich anzudeuten hier mich bestrebe. Von weit her kam ich, und die Annäherung an meine Sonne geschah nur nach und nach, auf verschlungenen Wegen. Gerade zur Zeit, als ich ihr tagtäglich näher zog, war mein Geist fast ganz angefüllt von naturwissenschaftlichen Interessen — weilte also auf einem Gebiet, das dem Bayreuther Meister besonders fern lag: unmittelbar aus meinem pflanzenphysiologischen Laboratorium (vergl. S. 232) brach ich 1882 zum erstenmal nach Bayreuth auf! Aber auch späterhin hat mich sowohl das, was mir an Begabung fehlte, wie auch die besondere Art der mir zuteil gewordenen Begabung — beides — eigene Bahnen gewiesen. Um nur zwei Namen zu nennen: zu wiederholten Malen habe ich den Werken Immanuel Kant's jahrelange Studien gewidmet und muß wohl diesen Mann als den eigentlichen Meister meines Denkens bezeichnen; in Goethe aber habe ich mich dermaßen hineingelebt, daß ich seine tägliche Gegenwart ebensowenig entbehren kann wie die der Luft:

Verschwinde mir des Lebens Atemkraft,
Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne!

Dazu nenne ich noch die bis heute fortdauernde Beschäftigung mit den Hauptproblemen der Naturwissenschaft, die angeborene Vorliebe für Mathematik, die umfangreichen historischen und theologischen Studien, die selten unterbrochene Befassung mit englischer und mit französischer Literatur....   was alles zusammengenommen eine wesentlich anders gefärbte geistige Welt ausmacht als die Wagner's. Trotz alledem behält das Wort von der „Sonne“ seine buchstäbliche Richtigkeit. Denn die entscheidende Wendung meines Lebens war die zum   D e u t s c h t u m:   ich schloß mich dem deutschen „System“ an — wenn ich im astronomischen Bilde weiter reden darf — und in dessen Mittelpunkt stand Richard Wagner.

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    Dieser Vorgang der Annäherung an das Deutschtum — Jahre umfassend — geschah rein instinktiv und ist für mich selbst in seinen bestimmenden Veranlassungen bis zum heutigen Tage ein Geheimnis geblieben. Ich stammelte erst ein gebrochenes Deutsch und schon empfand ich diese Sprache als die meinige; ich kannte nur die Jungfrau von Orleans, Egmont und einige Gedichte — und schon war mein Herz deutscher Poesie gewonnen; deutsches Denken, deutsche Wissenschaft — wenngleich nur in einigen halbverstandenen Brocken mir zugänglich — gaben die Vorahnung alles Weiteren und rissen mich unwiderstehlich mit. Da war es nun von entscheidender Wichtigkeit, daß ich früh Fühlung mit Wagner bekam. Auch hier alles Bruchstück, wie es der Zufall brachte — aber sofort und für immer entscheidend. Denn hier fand ich, im Gegensatz zu den mehr kosmopolitischen Tendenzen der früher Genannten, das im Kampfe gegen eine inzwischen zu Kraft gelangte feindliche Welt zum erstenmal vollkommen entwickelte   D e u t s c h b e w u ß t s e i n.   Das war der Mann, nach dem ich unwillkürlich suchte, der Mann der meinem Sehnen Richtung und meinem Ahnen Gestalt gab. Mit einer Sonne verhält es sich nämlich genau ebenso wie mit einem Baume: dieser steht um so unerschütterlicher, je weiter umher und je tiefer in die Erde hinein er nach allen Richtungen hin seine Wurzeln senkt; ebenso sicher ruht nun diejenige Sonne, die zu anderen, größeren Sonnen in Beziehung steht, deren Anziehungskraft sie gleichsam festverankert im Raume schwebend erhält. Das trifft in hohem Maße bei Richard Wagner zu. Der stets im Kampf begriffene Mann schöpft seine Kraft — neben der innewohnenden eigenen Schöpfergewalt — aus einer Anzahl unerschütterlicher Ankerpunkte: so die Überzeugung von dem Wesen und der Bestimmung des Deutschtums, die Versenkung in die Kunst der Hellenen, Shakespeare's und Calderon's, die Erkenntnis, daß in Beethoven eine neue Offenbarung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten uns gegeben ist usw. Ein solcher Mann kann nicht irre gemacht werden, eine solche Sonne wankt nicht. Heil denen, die Glück und Verstand schon in jungen Jahren in den Anziehungsbezirk eines derartigen Gestirnes führen! Da gab's für mich kein langes Zögern: so allumfassend ich auch das Deutschtum empfand; als seine Sonne erkannte ich den Schöpfer der Meistersinger und wußte fortan

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auf immer, wo und wie man „gute Geister bannt“. Ich will nicht sagen, der   R u h e p u n k t   war gefunden, das könnte Mißverständnis veranlassen; es war aber der   f e s t e   M i t t e l p u n k t   nunmehr gegeben, um den mein bisher im Dunkeln irrendes und tappendes Sehnen und Suchen fortan unbeirrt kreisen und sich zu einem Leben gestalten konnte.
    Gar viele Unerfahrene und Unbelehrbare gibt es, welche die Nähe eines solchen Geistes fliehen, anstatt sie zu suchen; sie fürchten für die Selbständigkeit ihres Eigenwesens, sie glauben ein gewisses Etwas, das sie ihre „Originalität“ zu nennen belieben, gefährdet, kurz, sie scheuen die Gegenwart einer übermäßigen Kraft; sehr mit Unrecht! denn, wie Goethe uns lehrt:

Mit Kleinen tut man kleine Taten,
Mit Großen wird der Kleine groß.

Eine Originalität, die durch die Berührung eines bedeutenden Geistes aufgelöst wird, war nur Schein und Selbstbetrug: Kraft schenkt immer Kraft; es ist nicht anders möglich. Was ein Wagner — wie vor ihm ein Goethe — aus den Menschen machte, die ihn umgaben, grenzt ans Fabelhafte; ich selber bin fast irre geworden, wenn ich Leistungen gewahr wurde, die sich daher leiteten und um das Hundertfache das angeborene Können des Betreffenden überboten: es hatte eine tatsächliche Umwandlung des Wesens durch Zufluß aus dem reicheren, glutvolleren Geist in den anderen stattgefunden. Diese Wirkung der unmittelbaren Gegenwart des Genius läßt sich freilich aus den verwaisten Werken und Weisungen nur unvollkommen gewinnen; doch nahe verwandt ist diejenige, die aus einer inbrünstigen Hingabe an sie erfolgt. Nicht allein die Hexe von Endor vermag es, unsere Großen aus dem Schattenreiche emporzurufen: eine der reichsten Segnungen Gottes ist es, daß sie ewig weiterleben denen, die durch reines Wollen es verdienen; Shakespeare und Homer veralten nie, Plato beginnen wir erst heute in seinen tiefsten Gedanken zu erfassen, Luther trägt noch die Fahne voran, und jeder, der Wagner's Schaffen und Sehnen erfaßt hat, weiß, daß sein Tag erst künftigen Geschlechtern aufdämmern kann, und zwar einzig, wenn Solche kommen, die dessen würdig sind. Von uns also hängt es ab,

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ob der Genius lebenzeugend weiter wirkt, oder ob er im Staub unserer Archive und unserer Hirne vermodert.
    Für mich kam hinzu, daß ich den Weltengenius doch „erlebt“ habe. Nur zwei Jahre früher geboren — ich hätte den ersten Festspielen des Jahres 1876 beigewohnt und darf voraussetzen, daß meiner jugendlichen Begeisterung der Weg in den inneren Kreis nicht verschlossen geblieben wäre; nun traf ich freilich erst in letzter Stunde ein: doch habe ich das Antlitz aus nächster Nähe betrachten dürfen, und als ich das nie zu beschreibende Heranschreiten zum erstenmal erschaute, stand mir das Herz still. Auch die Stimme vernahm ich wiederholt — sowohl ergreifend wie auch heiter — und sie hallt mir seitdem im Ohr. Das sind Erlebnisse, fähig über alle Jahre des Daseins eine Weihe zu verbreiten, eine Loslösung vom Alltäglichen, wie sie sonst nie hätte bewirkt werden können. Der spanische Maler Roger de Egusquiza, der dem Meister in den letzten Tagen seines Lebens näher treten durfte, sagte mir in seiner energischen Weise: „Wer Wagner gekannt hat, dem erscheinen alle anderen Menschen wie Porzellanpuppen mit Stroh ausgestopft.“ Es ist gewiß von nicht geringer Bedeutung für die volle Wirksamkeit der Werke und Worte eines solchen Mannes, ihn selbst erlebt zu haben: denn nun hört man seine Stimme, sieht man sein Auge und erblickt die energisch himmelwärts gerichtete Wendung seines Hauptes, und es ist einem zumute, als entspränge noch heute jeder Ton, jedes Wort mit der unmittelbaren Kraft des Schöpferaugenblickes soeben erst dem Meistergeiste. Für nichts danke ich Gott inbrünstiger, als daß er mir dieses Glück zuteil werden ließ.
    Zum Beschluß dieser vorausgeschickten Betrachtung über den „Brennpunkt“ meiner künstlerischen Erlebnisse lassen Sie mich hinzufügen: dieses Glück ist ein ungetrübt reines geblieben, denn niemals hat mein Glaube an Wagner gewankt. Ich erinnere mich, daß im Sommer 1876, als ich von ihm noch fast gar nichts wußte und nichtsdestoweniger mit leidenschaftlichster Teilnahme dem Verlauf der Festspiele aus der Ferne folgte, ein würdiger alter Deutscher, der meine Neigung gemerkt hatte, plötzlich wie wütend über mich herfiel, den Meister und sein Werk in Grund und Boden schlecht machte und mit dem Ausruf endete: „Gottlob hat das völlige Fiasko der Festspiele diesem Getriebe ein für allemal ein

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Ende gemacht; Richard Wagner ist erledigt!“ Der Freund, an dessen Seite ich saß, fragte mich leise: „Warum sind Sie denn ganz verstummt?“ Ich antwortete:   „Ü b e r   W a g n e r   s t r e i t e t   m a n   n i c h t.“   Für mich stand er schon damals fest und leuchtend und ewig unauslöschbar am Himmel wie die Sonne. In sonstigen Beziehungen hat die verwickelte und widerspruchsvolle Lage, in die ich hineingeboren wurde, manche Schwankung verursacht: mein Herz zwischen verschiedene Nationen geteilt — namentlich neben der Liebe zu Deutschland die unüberwindliche Neigung zum Lande meiner Kindheit, Frankreich; meine Interessen so vielseitig, daß ich ein halbes Jahrtausend hätte leben müssen, um ihnen allen gerecht zu werden; da kann es nicht wundernehmen, wenn es ziemlich lange dauerte, ehe ich einen bestimmten Weg einschlug, und wenn es mir auch heute manchmal schmerzlich schwer fällt, dem einen zu entsagen, um dem anderen genug zu tun. Wagner gegenüber kam es niemals zu einem inneren Widerstreit. Als der Knabe zum erstenmal den Namen vernahm — zu einer Zeit, als er keine Ahnung besaß, was der Name zu bedeuten hatte, und niemand um ihn war, fähig, ihn darüber aufzuklären — da grub sich nichtsdestoweniger dieser Name unauslöschlich in sein Gedächtnis ein wie die geheimnisvolle Verheißung künftigen Segens; als später der Jüngling, der deutschen Sprache noch unvollkommen mächtig, als Allererstes die Dichtung zum Ring mühsam entzifferte, da wußte er sofort, ein dichterischer Gestalter, ebenbürtig den meisterlichsten der Weltgeschichte, stehe vor ihm; als dann die Sehnsucht, von der Musik dieses Werkes einige Vorstellung zu gewinnen, dazu führte, daß er sich die ihm unbekannte Notenschrift zeigen ließ und auf einer Dorforgel das sogenannte Schwertmotiv — als das Leichteste — sich vorführte, da genügten diese wenigen Töne, den Eindruck des Naturgewaltigen, das dieses Werk kennzeichnet, bestimmend hervorzurufen....   Hier hat sich Schritt für Schritt das Wort Schiller's bewährt über „den Weg, der zurückgelegt ist, sobald er eingeschlagen wird“. Vom ersten Augenblick an stand immer alles klar und zweifellos da. Kamen später, nach Jahren intensivster Beschäftigung mit dem Meister und seinem Werk, Jahre, deren anderweitige Ansprüche wenig Muße übrig ließen — das Gefühl der Nähe erlitt darunter keine Einbuße; vielmehr stieg die Inbrunst des Empfindens

166 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens - Erinnerungen aus den Kinderjahren.

mit der Zeit bis zu einem solchen Punkte, daß ich fast unfähig ward, einen Brief aus dieser Feder zu lesen, so schmerzlich erhebt die Seele im Mitgefühl. Derartigen Dingen gegenüber versagen Willkür und Zufall; hier waltet ein Sternengebot. Und so war es denn auch nicht Zufall, wenn das Schicksal mir für den Lebensabend Bayreuth als Heimat bestimmte:

Gesellend mich den ewig teuren Geistern,
Den stets beredten, unerreichten Meistern.

*
    Das aller-allererste Erinnerungsbild meines ganzen Lebens ist mit Musik verknüpft; Musik ist es, die mich zu bewußtem Dasein erweckte. Ich mag wohl etwa anderthalb Jahre gezählt haben, und sehe mich selbst — als wäre es ein Traum — im weißen Röckchen auf dem Boden kauern; etwas rechts, in geringer Entfernung, steht an der Wand angelehnt ein Pianino mit brennenden Wachslichtern; eine weibliche Gestalt sitzt am Instrument und spielt; dicht hinter ihr stehen zwei oder drei Knaben; vielleicht hörten sie bloß zu; vielleicht sangen sie ein Kinderliedchen — das weiß ich nicht und habe ich wahrscheinlich auch damals nicht unterscheiden können; was einzig in meinem Gedächtnis haften blieb, ist eine freudebebende Empfindung der Wonne über die gehörten Harmonien. Da geht — nur wenige Schritte von mir entfernt — die Türe plötzlich auf und das Kindermädchen erscheint, mich ins Bett abzuholen. Die Zauberklänge hören auf, dem Mädchen wird zugerufen, dort stehen zu bleiben, und mir, ich solle allein bis zu ihr hingehen; auf dem kurzen Wege bis dahin falle ich dreimal auf die Nase, was Lachen und freundliche Aufmunterung zur Folge hat; erst in des Mädchens Armen fühle ich mich geborgen. Sie reicht mich einigen älteren Personen, die hinter mir im Zimmer umhersaßen, zum Gutenacht-Kuß, und wir entschwinden miteinander aus dem hellen Raum; deutlich schwebt mir eine Art dumpfen Trauergefühls über die Beendigung des freudvollen Augenblicks vor.
    Daß es sich um eine echte   E r i n n e r u n g   handelt, dessen bin ich überzeugt, weil der Vorfall nichts enthält, was einem der

167 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren.

Zeugen hätte bemerkenswert erscheinen können, um dann, als Erzählung weitergegeben, sich in meiner Phantasie zu einem Gedächtnisbild umzuwandeln. Schon in frühen Jahren habe ich wiederholt mit der Tante, die Mutterstelle bei mir vertrat, über den Vorfall gesprochen, und auch sie war der Meinung, es handle sich um ein Erlebtes, namentlich weil die Stube und die Aufstellung der Möbel, die ich schilderte, einer Wohnung in Versailles genau entsprachen, die wir verließen, als ich zwei Jahre alt war, und die ich niemals wieder betreten habe.
    Diese Einzelheiten würde ich nicht so umständlich aufzählen, fände ich nicht in dem gemeldeten Vorgang zugleich etwas Bemerkenswertes und etwas Bezeichnendes: bemerkenswert im allgemeinen, weil man sich fragt, wie es zugeht, daß dem Hirn ein einzelner und einziger solcher Augenblick für immer eingeprägt, während alles was vorherging und — auf lange Zeit — alles was nachfolgte, völlig ausgelöscht bleibt, als wäre es nicht gewesen; bezeichnend für den Einzelnen, insofern es einen naiv-überzeugenden Beweis von der Macht der Töne auf sein Gemüt gibt.
    Waren anderthalb Jahre vergangen, ehe dieser Eindruck als erster dauernde Gestalt gewann, so vergingen jetzt wieder anderthalb Jahre, die nicht eine Spur in meinem Gedächtnis hinterlassen haben. Der nächste große Eindruck war ein kosmischer: in meinem Brief an Baron Uexküll habe ich einiges darüber mitgeteilt (vergl. S. 70); der herrliche Komet, der Ende September 1858 — kurz nach Vollendung meines dritten Lebensjahres — am Himmel erstrahlte, ist ein lebendiger Bestandteil meiner Vorstellungswelt geblieben. Somit werden mit den beiden ersten bleibenden Eindrücken gleichsam die zwei Grundakkorde meiner geistigen Hauptanlagen angeschlagen: die Empfänglichkeit für Musik und die Hingabe an die Betrachtung der Natur, namentlich der Sternenwelt. Fragt man sich, was hier Ursache und was Wirkung ist, so weiß ich nicht zu antworten: waren es die Eindrücke, welche dem Geist die Richtung gaben? oder hat der Geist deswegen gerade diese Eindrücke in sein Innerstes verwoben, weil er von Hause aus für sie besonders empfänglich war?
    Von jetzt an häufen sich Erinnerungen aller Art — so könnte ich z. B. meinen vierten Geburtstag mit allen Einzelheiten vom

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Erwachen bis zum Schlafengehen schildern; doch sind solche Erinnerungen mehr chronistischer als gemütsbewegender Art; für den Gegenstand dieses Briefes ist ihre Bedeutung gering. Von Poesie gelangte leider die wunderbare deutsche Märchenwelt nicht an mein Kinderohr; ich schwelgte in den manierierten Bearbeitungen Perrault's und in den sentimentalen Paraphrasen der Engländer. Zwei Märchen gingen mir über alles: Der unsichtbare Prinz und Beauty and the Beast (Die Schöne und das Ungeheuer); sie mag ich viele hundertmal gelesen haben, ihr Reiz blieb unerschöpflich. Auch kannte ich die Tausend und eine Nacht und Gulliver's Reisen derartig auswendig, daß es mir später in der Schule zur Last wurde, da ich Tag für Tag vorerzählen mußte. — Musik bekam man bei uns wenig oder gar nicht zu hören. Eine einzige meiner Tanten hatte eine gute musikalische Ausbildung genossen; leider aber war diese Tante inzwischen stocktaub geworden; nur einmal sah ich sie am Klavier, und das endete mit Tränenfluten, da sie ihre überlaute Paukerei selber nicht hörte. Von unseren verschiedenen Erzieherinnen war keine musikalisch. Einzig mein ältester Bruder erhielt andauernd Klavier-Unterricht, wovon mir folgende Episode unvergeßlich blieb. Eines Tages mißfiel mir das, was er mit seinem Lehrer übte, dermaßen, daß ich mit dem Ungestüm, das meine Kinderjahre auszeichnete, dazwischen rief: Was ist denn das für scheußliches Zeug? Worauf ich ernst zur Ruhe ermahnt wurde mit dem Zusatz: „Das ist   k l a s s i s c h e   M u s i k,   und davon verstehst Du Knirps nichts!“ Doch besaß ich einen ziemlichen Vorrat an Dreistigkeit und bestand darauf, zu erfahren, von wem diese mir widerwärtige „klassische“ Musik sei. Und siehe da! diese feierlichen Bemühungen galten Meyerbeer's Propheten, den der bevorzugte Erstgeborene an der Pariser Oper erlebt hatte!
    Mitten in diesen Jahren der künstlerischen Einöde und der geistigen Anregungslosigkeit ereignete sich ein Vorfall, der auf die Ausgestaltung meiner Seele dauernden Einfluß ausüben sollte. Da es sich um einen Vorfall in innersten Tiefen des Gemütes handelt, so wird es nicht leicht fallen, ihn zu schildern; am besten wohl, ich deute die äußeren Umstände an, die zu ihm hinführten; verwandten Gemütern wird vielleicht hierdurch der Weg gewiesen.

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    Hinter dem Hause in Versailles, in welchem meine Großmutter ein Stockwerk bewohnte, dehnte sich ein großer Garten aus: an einem Vormittag — ich mochte wohl damals ungefähr 8 Jahre zählen — rannte ich im Sturmschritt einen steilen Hügel hinab, Hand in Hand mit einem achtzehnjährigen französischen Abiturienten; wie es geschah, weiß ich nicht, wir kamen aber beide jäh zu Falle; der junge Mann sprang behend auf und reichte mir die Hand, damit ich das Gleiche tue; als ich aber auftrat, fiel ich vor Schmerz in tiefe Ohnmacht. Der erschrockene Jüngling faßte mich in seine Arme auf und eilte durch den Garten mit mir ins Haus. Unterwegs begannen die Sinne mir wiederzukehren; denn ich erinnere mich genau, die anderen Kinder gesehen zu haben, wie sie an einem Turnreck spielten; mir war zumute, als sei ich schon tot und blicke vom Jenseits auf sie herab. Ich wurde sofort in dem ruhig abseits gelegenen „Spitalzimmer“ ins Bett gebracht; starkes Erbrechen trat ein; der Arzt kam und stellte eine Erschütterung, aber keine bedenkliche Verletzung fest; bald trat langer, tiefer Schlaf ein. Wie recht haben unsere weisen Stammesverwandten, die arischen Inder, wenn sie zwischen dem Oberflächenschlaf und dem Tiefschlaf unterscheiden! Letzterer gleicht einer Lostrennung von dieser Welt und einer Rückkehr in eine ferne Urheimat. Zu dieser Gattung gehörte an jenem Nachmittag mein Schlaf. Hier muß ich aber ergänzend mitteilen, daß ich mein ganzes Leben hindurch ein ungewöhnlich lebhafter Träumer gewesen bin — so sehr, daß ich behaupten darf, ich habe neben dem wachen Leben ein Traumleben geführt, ein Traumleben mit eigenen Städten, die ich im Traume wiedererkenne, nie aber im Wachen gesehen habe, mit eigenen Gebirgslandschaften, Flüssen und Meeren und namentlich stets mit einer wimmelnden Fülle bekannter und unbekannter Menschen — was auffallen muß bei einem Manne, der von jung auf zurückgezogen wie nur Wenige und häufig einsam gelebt hat. Schon als ganz kleines Kind träumte ich so ereignisreiche, lebhafte Träume, daß ich manche noch heute erzählen könnte.
    Diese Dinge betone ich, weil ich überzeugt bin, die Erschütterung, der Schmerz, die Ohnmacht, die Schwächung, der Tiefschlaf und die angeborene Traumphantastik müssen zu dem nun folgenden Vorfall — ein jedes für seinen Teil — beigetragen haben. Bei

170 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren.

dem Übergang nämlich aus dem traumlosen Tiefschlaf in die Welt des Traumes entstand diesmal ein gewisses Etwas, das meiner Kinderseele bisher unbekannt gewesen war und das ich nicht anders zu bezeichnen weiß, denn als ein Gefühl des Erhabenen. Gestalten gesehen zu haben, erinnere ich mich nicht; aus Tiefen eines unermeßlichen Hintergrundes aber brach ein überirdisches, blendendes Licht hervor, welches den Raum zugleich tönend auszufüllen schien. Als ich viele Jahre später bei Goethe die Worte las: „Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne“, fiel mir sofort als Deutung der rätselhaften Anweisung mein damaliger Traum ein. Dem Knaben hatten stets die Posaunen von Jericho und die Trompeten des Weltgerichts starken Eindruck gemacht; jetzt war ihm zumute, als erlebe er den Aufgang oder den Untergang der Welt: es war das Anstaunen eines Unbegreifbaren. Dieses Anstaunen ging in Schrecken und hämmerndes Herzpochen über, als er — bei zunehmendem Erwachen — in der Welt des Bewußtseins das Gleiche zu vernehmen wähnte, was in der Welt des Traumes ihn erhoben und erschüttert hatte: denn, kein Zweifel! sie erklangen wirklich, die überirdischen Töne der Posaunen und Trompeten!

Welch' Getöse bringt das Licht!
Es trompetet, es posaunet,
Auge blinzt und Ohr erstaunet,
Unerhörtes hört sich nicht.

Wahrscheinlich handelte es sich bei den aufeinanderfolgenden Zuständen nur um Sekunden; mir jedoch waren sie derartig von Eindrücken ausgefüllt, daß sie zu langen Zeiträumen auswuchsen. Nur ganz allmählich begriff ich, daß die Kaiserlichen Gardekürassiere, ihren Bläserchor voran, an den Fenstern vorüberritten. Und nun fand eine vollkommene Transposition aller der oben genannten Bilder und Empfindungen aus einer Welt in die andere statt — ein Vorgang, für den uns die heutige Elektrizität die Allegorie der Verwandlung eines Stromes in einen anders gearteten Strom durch den sogenannten „Transformator“ bietet: fort war das himmlische Licht — „das Flammen-Übermaß“ —‚ fort der aufsteigende Tag, die posaunenden Engel, die Erhabenheit und der Schreck; namen-


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loses Weh drang plötzlich ins Herz ein und füllte es schier bis zum Zerbrechen aus. Daß kein Mensch auf Erden weniger als ich zum „Weltschmerz“ neigt, das bezeugen Sie mir gewiß, mein Fürst; nicht allein verabscheue ich die weinerlichen Heucheleien angeblich „deutscher“ Dichterlinge, sondern auch bei dem wahrhaften Dichtergenius Byron schätze ich den frivolen „Don Juan“ tausendmal höher als den weltschmerzlichen „Manfred“. In jenem Augenblick aber hat mein unschuldiges Kinderherz wahren Weltschmerz gekannt; es war ein Gefühl der Trauer, für das es keine Worte gibt. Wie aller Weltschmerz, wurzelte auch dieser im eigenen „Ich“: es überkam mich ein Gefühl der Unzulänglichkeit, der Verlassenheit, der Hoffnungslosigkeit, als hätte sich mir urplötzlich der Inbegriff pessimistischer Lebensahnungen aufgetan! Nichts von alledem   d a c h t e   natürlich das Kind; ich aber, der Mann, kann nicht anders als mit Worten der Reife zu beschreiben suchen, was die Seele des Unreifen zu bitterem Tränenausbruch trieb. Und ich darf es um so eher, als dieser Daseinsmoment, desgleichen ich nie wieder erfuhr, mich durchs ganze Leben begleitet und somit an allen seinen Entwickelungsstufen teilgenommen hat. Als ich später bei Schopenhauer und bei Wagner unergründliche Worte über die Musik als Offenbarerin des verborgenen Wesens der Welt las, habe ich mich stets an jenen Augenblick erinnert und aus ihm greifbare Deutung des dem Verstande Unbegreiflichen gesucht.
    Ich war ein glückliches Kind, das unter vornehm gesinnten, guten Menschen aufwuchs; es bedarf keiner Versicherung, daß das eben geschilderte Erlebnis der heiteren Arglosigkeit des unschuldigen Gemütes nur auf wenige Augenblicke Eintrag tat. Man soll aber deswegen doch nicht die Bedeutung des Erlebnisses unterschätzen: zunächst handelte es sich freilich um keine Umwandlung und kein Wachsen, wohl aber um das Versenken in unsichtbare Tiefen eines Keims, der an dem Aufbau der Persönlichkeit teilhatte. Die Ahnung dessen, was Goethe nennt:

Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen

war mir hinfürder eigen. Und nannte ich vorher den Seelenschmerz allein — weil ich in der Tat im Augenblicke nur den fühlte — so glaube ich nicht zu irren, wenn ich eine entschiedene Verselb-

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ständigung und insofern auch Kräftigung des Wesens auf die Eindrücke dieses Augenblickes zurückführe.
    Zu diesem rein inneren Erlebnis gesellte sich bald darauf ein äußeres, das mich zum erstenmal in Beziehung zu großer Musik brachte. Ein Onkel aus Indien weilte auf Urlaub bei uns in Versailles mit seiner Gattin; die guten Leute waren in künstlerischen Dingen ebenso unerfahren wie meine übrige Umgebung: doch hatten sie den Wunsch, die Nielsson zu hören, deren Ruhm damals die Blätter füllte; und so nahm er denn eine Loge in dem Théâtre des Italiens und ein übrigbleibender Stuhl wurde mir zugedacht. Das Glück war mir günstig: es wurde Mozart's Don Giovanni gegeben. Unvorbereiteter ist nie ein Mensch vor ein solches Werk gebracht worden: weder von den Vorgängen des Stückes (die übrigens einem Kinde unverständlich bleiben), noch von der Musik wußte ich irgend etwas, den Namen Mozart hatte ich nie gehört, kurz, ich war ein weißes Blatt. Der Eindruck — trotzdem gar vieles in der Handlung und in der Tongestaltung mir undeutlich blieb — war ein eingreifender und hat die Liebe zur Musik in meinem Herzen geweckt. Noch niemals hatte ich ein Streichorchester gehört und erinnere mich, welch sprachloses Staunen die Ouvertüre mir verursachte; namentlich jene Stelle, wo die Hälfte der Streicher eine Figur piano durchführt, worauf die Bläser fortissimo einfallen, regte mich derart auf, daß die Tante mich mit beiden Händen am Rocke faßte, aus Angst, ich würde über die Brüstung fallen. Unvergeßlich ist mir der sehr beleibte Leporello und sein „nott' e giorno travagliar“, wie auch sein Spiel in der Szene am Grabe des Komturs; das hellste Entzücken weckte mir aber Zerlinens „batti, batti, bel Mazetto!“. Stürmisch verlangte ich am nächsten Morgen, Klavierunterricht zu bekommen, und es dauerte nicht lange, so waren meine Hausgenossen durch das unaufhörliche „batti, batti, bel Mazetto“ an den Rand der Verzweiflung gebracht! Leider wurde besagter Klavierunterricht ohne jede Folgerichtigkeit von dieser oder jener unfähigen Gouvernante erteilt, nie von einem richtigen Klavierlehrer, und als ich kurz darauf nach England in die Schule kam, war's aus mit aller Unterweisung in der Musik.
    Eine kleine Episode muß ich hier einfügen; sie gehört in die selbe Zeit. Zweimal die Woche spielten Militärkapellen in dem

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Schloßpark zu Versailles; was ich hörte, machte mir wenig Eindruck. Ein einzigesmal war ich derartig hingerissen von der bezaubernden Schönheit eines Stückes, daß ich meine angeborene Scheu überwand und an die Musiker herantrat mit der Frage, was sie gespielt hätten? Die Antwort lautete: „L'ouverture des Noces de Figaro de Mozart“. So kann ich denn ohne Übertreibung sagen, daß ich als Kind von Mozart allein in der Musik beglückende, dauernde Eindrücke empfing. Später, als ich des Bayreuther Meisters Wort über den „Licht- und Liebes-Genius“ kennen lernte, durfte ich dies für eine besonders glückliche Fügung halten.
    In meinem elften Jahre kam ich nach England in die Schule. Dort hatte ich gehofft, regelmäßigen Klavierunterricht zu erhalten — eine Hoffnung, die gründlich fehlschlug. In der kleinen Privatschule, der ich das erste Jahr angehörte, gab es überhaupt kein Musikinstrument; dann wurde ich in eines der bekannten großen englischen Institute, Cheltenham College, gebracht und mit Entzücken las ich auf dem Prospekt: „Auf Wunsch der Eltern erteilt der Organist der Schulkirche Musikunterricht.“ Auf der Reise versprach mir mein guter Vater, mir diesen Unterricht zu verschaffen; doch warf der Hauptlehrer heftig ein: „Was soll Musik für einen   M a n n!?“   Und als mein Vater, seinem Versprechen gemäß, meine große Liebe für diese Kunst und meine gute Begabung einwarf, erwiderte der gelehrte clergyman einigermaßen entrüstet: es sei tausendmal besser, ein Junge tummle sich bei cricket und football herum, als daß er am Klavier hocke...  kurz, wir mußten uns fügen. Wie ich dann herausbekam, nahm von 750 Zöglingen ein einziger Musikunterricht; dieser einzige wurde dadurch mein Freund, und oft habe ich an der verschlossenen Kapelltüre gestanden, während er mit seinem Lehrer die Orgel übte. Für mich schwand damit die letzte Hoffnung auf musikalische Ausbildung; denn bald darauf erkrankte ich, und es begannen Jahre eines wandernden Lebens von Kurort zu Kurort, wo an so etwas nicht zu denken war. Die Schulkirche in Cheltenham bot mir übrigens während jener kurzen Jahre doch einen musikalischen Genuß, indem die Sonntagsgottesdienste nach der Gregorianischen Tradition psalmodiert wurden. Namentlich der Abendgottesdienst im Halbdunkel mit hochhängenden brennenden Fackeln ergriff mein Gemüt tief, und zwar

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vor allem der Gesang des Nunc dimittis, auf den ich mich die ganze Woche freute und bei dem ich meistens Tränen der Rührung vergoß. Rückblickend weiß ich mir nicht zu erklären, warum der Lobgesang des greisen Simeon den dreizehnjährigen Knaben so ganz besonders bewegte; jedenfalls trug der innige Glaube an die Nähe unseres Heilandes viel dazu bei; doch kam noch ein anderes hinzu — die Melancholie des Abschiedsgrußes, die mich immer wieder in die Stimmung jenes geheimnisvollen Erlebnisses aus dem achten Lebensjahr versetzte.
    Ehe diese kurzen englischen Schuljahre infolge Erkrankung jählings ein Ende fanden und ich den Boden der Insel, auf der keine Stunde wohl gewesen war, für immer verließ, geschah noch ein gewichtiger Schritt auf dem Wege nach Bayreuth. Wiederum handelte es sich nicht um irgendeine Förderung, die mir durch die Leiter meiner Erziehung zugeführt und planmäßig ausgebaut worden wäre, sondern um einen „Zufall“ — wenn ich auch nur ungern ein solches Wort hinschreibe, da ich eher an das mitleidsvolle Eingreifen eines freundlichen Lebensengels glauben möchte — einen Zufall aber, insofern die Wendung unvorbereitet eintraf und wegen mangelnder Aufsicht zunächst chaotisch wirkte.
    Da ich zum Offizier im Landheer bestimmt war, gehörte ich der „modernen“ Abteilung von Cheltenham College an, in der wir sehr viel Mathematik und gar keine Literatur trieben. Nun kam es eines Tages vor, daß der uns unterrichtende Lehrer plötzlich fort mußte und für entsprechenden Ersatz nicht gesorgt werden konnte, und da wurde unsere Klasse einem Lehrer aus der „klassischen“ Abteilung überwiesen, mit dem Auftrag, uns eine Stunde über beschäftigt zu halten. Dieser griff nun zu einem in der klassischen Abteilung gebrauchten englischen Lesebuch und gab uns auf, Bruchstücke aus dem Kaufmann von Venedig vorzulesen, zu analysieren und zu deuten. Eine einzige Stunde währte dieses Glück, das mir eine mir bis dahin völlig unbekannte, nie erträumte Welt offenbarte. Schon in dem Brief über meine Kindheit habe ich über meine Begeisterung für Shakespeare berichtet (S. 39). In Goethe's in den fünfziger Jahren ans Tageslicht gekommener Festrede Zum Shakespeare's Tag lesen wir: „Die erste Seite, die ich in Shakespeare las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten

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Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert usw.“. Das war aber Goethe, Goethe im zweiundzwanzigsten Jahre, und wenn auch nicht gelehrt, so doch auserlesen vielseitig gebildet; schwer fällt es dagegen, sich vorzustellen, was einen dreizehn- und vierzehnjährigen Knaben — dazu ohne jede Spur literarischer Bildung — an Stücken, die er zu dreiviertel nicht verstehen konnte, dermaßen hinriß, daß er von Shakespeare wie besessen wurde, Tag und Nacht ihn in seinen Gedanken trug und innerhalb weniger Monate sämtliche Werke des großen Gestalters — einschließlich der Sonette und der Gedichte — durchgelesen oder vielmehr verschlungen hatte. Noch schwieriger wird mir die Deutung, wenn ich bedenke, daß der Sturm und das Wintermärchen — dazu noch in zweiter Reihe Wie es euch gefällt — seine anhaltendste Begeisterung erweckten, so daß er bald selber eine Tragödie entwarf, die ihre Eingebungen zum großen Teil aus diesen drei Stücken zog. Denn es ist auffallend, nicht wahr, daß einem Kinde die Werke der letzten, freiesten Reife den stärksten Eindruck machten?
    Von Eurer Hoheit erwarte ich Verständnis für eine Bemerkung, die ich kaum wagen würde, einer weiteren Öffentlichkeit vorzulegen. Schon seit vielen Jahren pflege ich nämlich im Kreise geistbegabter, kunstverwandter Menschen die Auffassung zu vertreten, daß die Musik — die dem englischen Volk als solche fehlt — in den Werken der englischen Dichter ertönt und daß Shakespeare ein großer Musiker ist. In der deutschen Übersetzung fallen allerdings dieser Musik die Schwingen ab, indem nicht allein tausend Klangwirkungen verloren gehen, sondern die Übersetzung eine auffallende Rationalisierung des gesamten Ausdruckes zur Folge hat. So genial das Werk Von Schlegel und Tieck auch ist, so fabelhaft getreu in der Festhaltung der dramatischen Hauptlinien, das Gesamtergebnis bleibt doch eine merkliche Ernüchterung, eine „Depoetisierung“, die in der einzelnen Zeile wenig ins Gewicht fällt, fortgesetzt aber den Eindruck des Originales wesentlich ändert, und zwar, wie gesagt, im Sinne einer Annäherung an die Prosa des gewöhnlichen Lebens und einer Kürzung jener ätherischen Beigaben, welche die Sprache und damit auch

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die Gedanken und die Gestalten an so vielen Stellen in der Richtung gen Himmel emportragen. Hierbei handelt es sich durchaus nicht allein — nicht einmal vorwiegend — um die zahllosen Assonanzen, Alliterationen, Reimwirkungen usw., sondern hauptsächlich um die der englischen Sprache eigene, starke Suggestionskraft vieler Wörter, welche wie Opale in den verschiedensten Farben schillern, allerhand Gedankenverbindungen blitzartig aufrufen und somit — neben der buchstäblichen Bedeutung — eine Wirkung auf das Gemüt ausüben, die ich nur mit der Klangfarbe eines Instrumentes analogisch zu vergleichen weiß.
    Damit das Angedeutete auch einen wegeweisenden Inhalt bekomme, muß ich ein kurzes Beispiel einschalten: dazu sollen mir zwei Verse aus Hamlet's Monolog dienen. Englisch lauten sie:

And thus the native hue of resolution
Is sicklied o'er with the pale cast of thought.

Schlegel übersetzt:


Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt.

Herder — in seinem herrlichen Versuch Wäre Shakespeare unübersetzbar? — verdeutscht die selben zwei Verse folgendermaßen:


Und so das Jugendrot der Herzentschließung
Wird übersiecht mit Trübsinns blassem Hauch.

„Herzentschließung“ gibt entschieden das englische „resolution“ besser wieder als Schlegel's „Entschließung“, dem es an Gewicht fehlt; namentlich aber ist das „übersiecht“ eine glückliche Verdeutschung, durch welche die ausschlaggebende Wendung Shakespeare's — das sonst ungebräuchliche, aus keinem zweiten Beispiel bekannte „sicklied o'er“ — in deutschem Gewande wieder aufersteht. Dagegen geben die Worte „angeboren“ und „Gedanke“ Begriffe genau wieder, die bei Herder um ein geringes ins Schwanken geraten. Tut man aber nun die beiden Verdeutschungen zusammen — behält Herder's „übersiecht“ und Schlegel's „Gedankenblässe“ im Sinne sowie die „Herzentschließung“ — es fehlt noch immer jede Spur desjenigen Wortes, das bei Shakespeare hier die Tonart des Ganzen bestimmt,


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nämlich des Wortes „cast“, welches gleichsam die Tonica gibt zu dem vorangegangenen „hue“. Dieses „hue“ ist nämlich ein weit zarteres, poetischeres Gebilde als „Farbe“, und es war von Herder eine geniale Eingebung, es mit „Jugendrot“ in dieser seiner Feinheit anzudeuten: sehr wahrscheinlich schwebte ihm aus Milton's Paradise Lost der Vers vor:

Celestial rosy red, love's proper hue.

Diesem Begriff gegenüber tritt nun das „cast“ auf — ein Wort, das hier nach zwei Seiten schillert, indem es einerseits eine Farbenschattierung, also hier die Blässe an Stelle des angeborenen Jugendrotes, andrerseits aber einen Gipsabguß andeutet, wodurch die Vorstellung geweckt wird, daß, infolge der sorgenden Gedankenlast, des Antlitzes bewegliche Lebenszüge nach und nach zu einer todesverkündenden Maske erstarren. Über diese Dinge wären Bände zu schreiben.

    Die englische Sprache ist nämlich nicht allein eine gedrungene, harte, seelenlose, rein praktische Geschäftssprache, vielmehr ist sie außerdem eine Sprache der Ekstase, der Ahnungen, der nebelhaft grenzunsicheren Gefühle: die englische Poesie bezeugt das alles tausendfach, wie namentlich ein Blick auf die Gruppe um Shelley dartut. Bewirkt wird dies wohl hauptsächlich durch das eigenartige Gemisch germanischer und romanischer Sprachelemente, denen von ihrem ursprünglichen Wesen noch viel anhaftet, woraus ein Hinüber- und Herüberschillern erfolgt. Auch die Grammatik — an und für sich so durchsichtig — hat sich dieser gleichen Liebe für schwebende Formen anbequemt; zur Veranschaulichung nenne ich nur den einen kurzen Vers von Keats:

A thing of beauty is a joy for ever,

dessen ganzer Zauber in der Wendung „thing of beauty“ liegt, die aber, wohl betrachtet, sinnlos und gegen den Geist der Sprache gebildet ist. Alles das, was ich hier lakonisch andeute — denn dessen Ausführung würde sehr weit führen — schafft, sobald ein Dichter den Willen und die Fähigkeit dazu besitzt, einen poetischen Ausdruck, der gleichsam das intellektuelle Gegenstück bildet zu der Affektsprache der Musik; damit will ich sagen, daß eine Wirkung


178 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren - Der Name „Richard Wagner“.

erstrebt und von genialen Geistern in hohem Maße erreicht wird, die derjenigen eines Tongebildes in Absicht und Wirkung verwandt erscheint — und zwar durch Mittel, die in keiner anderen neueren Sprache zur Verfügung stehen.
    Shakespeare ist nun der vollkommene Meister aller Grade und Schattierungen dieser musikverwandten Ausdrucksfähigkeit. Dazu kommt noch ein anderes Element, welches besonders in den obengenannten Dramen deutlich und bisweilen überwältigend auftritt: die der Tondichtung nahe verwandte Architektonik des dramatischen Aufbaues. Es mag ein Hinweis auf die beiden Klaviersonaten Beethoven's in D-Moll (Op. 31, 2) und in F-Moll (Op. 57) genügen, die, wie bekannt, der leidenschaftlichen Vertiefung in Shakespeare's Sturm ihre Entstehung verdanken; ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, daß die von Shakespeare „musikalisch“ erfundene Handlung hier ihre Wiedergeburt oder Widerspiegelung im Reich der Töne erfährt....¹)
    Worauf ich hinaus will, ist die Mitteilung der Überzeugung, daß die sonst fast unerklärlich hinreißende Wirkung Shakespeare's auf den unreifen Knaben zum großen — vielleicht zum wesentlichen — Teile eine   m u s i k a l i s c h e   gewesen sein muß. Natürlich nahmen in den Stücken hundert Begebnisse sein Interesse gefangen, und die ganze Welt der plötzlich vor seinen unvorbereiteten Augen aufgerissenen Geschichte und Tragödie des Menschenwillens mußte Eindruck auf ihn machen; doch glaube ich, daß die Wertschätzung dieser Dinge nur nach und nach, mit den Jahren, eintrat, wogegen die andere Wirkung sich ebenso plötzlich, machtvoll und abseits von allem Nachdenken einstellte, wie die des vorüberreitenden Bläserchores etwa fünf Jahre vorher.

*

    Im Juni des Jahres 1870 — noch inmitten des ersten Shakespeare-Rausches — verließ ich England: dem Plane nach handelte es sich bloß um eine mehrwöchige Kur in Ems und Rückkehr
—————
    ¹) Wer Näheres erfahren will, schlage in Joseph Pembaur d. J. Schrift Ludwig v. Beethoven's Sonaten, Op. 31 Nr. 2 und Op. 57 (München 1913) nach.

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IV. Mein Weg nach Bayreuth. Der Name „Richard Wagner“.


nach Cheltenham bei Schluß der Sommerferien; die Vorsehung aber hatte es anders bestimmt: ich verließ England auf immer und habe im Verlauf meines ganzen Lebens nur noch fünfmal — zu je einem kurzen Besuch meiner dortigen Verwandten — englischen Boden betreten. Diese Fügung gehört mit in erster Reihe zu der Geschichte meines Weges nach Bayreuth; denn hätte sich damals mein Gesundheitszustand schnell gebessert und der Schulgang seinen weiteren Verlauf genommen, so betrat ich mit siebzehn Jahren die Akademie zur Ausbildung der Offiziere des Landheeres und schiffte mit neunzehn oder mit zwanzig Jahren nach Indien: ob ich von dort aus nach Deutschland gefunden hätte, ist fraglich. Wahrscheinlich wäre ich einer Existenz in Verhältnissen und Pflichten, die meinem Wesen ewig fremd bleiben mußten, entgegengegangen und mir wäre infolgedessen nach und nach alle Freude am Leben erloschen. Insofern muß ich die damalige schleppende Krankheit des Nervensystems — eine Folge des plötzlichen unverhältnismäßigen Wachstums und des mir unzuträglichen englischen Klimas — als einen Segen Gottes betrachten.
    Meine Erlebnisse in Ems bei der Kriegserklärung habe ich an anderem Orte erzählt; sie besitzen unleugbare Bedeutung für mich als Grundlage meiner Erkenntnis deutschen Wesens in seiner reinsten, heroischesten Kundgebung; wäre ich in England geblieben, so hätte wenig davon mein Ohr und nichts mein Auge mit der Kraft des unauslöschlichen Eindruckes erreicht.
    Aus den sogenannten „Zufällen“ komme ich in diesem Teil meines Lebens gar nicht heraus; sie gerade bilden das Bedeutende und Bleibende. Ein solcher Zufall — ich meinerseits nenne es Gottesfügung — führte wenige Wochen nach dem Verlassen des Landes meiner Geburt zu der ersten Berührung mit   R i c h a r d   W a g n e r;    denn so darf ich mich ausdrücken, wenngleich ich damals nur den Namen hörte und die wellenumspülte Stätte erblickte, die der Meister sich zu Jahren des abgeschiedenen Glückes und der ungestörten Vollendung unsterblicher Werke erwählt hatte. Auch diese Episode habe ich in meinen „Erinnerungen an das Jahr 1870“ erzählt (vergl. Deutsches Wesen S. 1 fg.) und mag mich nicht wiederholen. Das Kostbare des Erlebnisses bestand darin, daß der Gesichtssinn es war, der den bestimmenden Eindruck erhielt. Hätte ich

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nicht Triebschen erblickt, es wäre vermutlich der Name Richard Wagner als ein leerer Schall an meinem Ohre vorübergerauscht; so aber war für mich vom ersten Augenblick an Wagner derjenige Mann, der sich die weltferne Halbinsel am See der Urkantone zum Heim erkoren hatte, und dies machte mir einen so tiefen Eindruck, daß ich Wagner liebte, ehe ich irgend etwas von ihm wußte und — wie auch in allem Folgenden Schritt für Schritt geschah — ihn ahnungsvoll erriet, lange bevor ich mich befähigt hatte, ihn zu verstehen. Das erklärt, warum die zweite und die dritte Nennung dieses Namens — so herzlich unbedeutend die Gelegenheiten auch waren, bei denen sie vorkamen — jedesmal mich blitzartig durchzuckten und mir in allen ihren Einzelheiten unvergeßlich blieben denn sofort stand das traumverlorene Triebschen jenes heißen Augusttages mit seinen hohen Pappeln und dem zwar nicht erblickten, aber von der Phantasie vorgestellten Bewohner, mir vor Augen. — Es dauerte ein Jahr, bis ich den Namen zum zweitenmal vernahm. An einem abgelegenen Orte, unweit des Genfer Sees, suchte ich Erholung nach dem Scharlachfieber; die Mitbewohner des einsamen Gasthauses waren alle ruhige und ruhebedürftige Leute; an dem langen Speisetisch, der uns zweimal des Tages versammelte, pflegten die Unterhaltungen mit gedämpfter Stimme geführt zu werden. Ein einziges Mal wurde es am anderen Ende des Tisches immer lauter und lauter, bis es zuletzt zu Verbalinjurien kam; aus dem Lärm entnahm man nur das eine deutlich, nämlich den Namen „Wagner“, der hin und her flog. Erstaunt über den Vorfall, fragte ich meine Tante, ob das der selbe Wagner sei, der auf dem schönen Triebschen sich niedergelassen habe? Sie bejahte es, und als ich die Heftigkeit des Streites um so weniger begriff, erklärte sie mir, seine Musik habe die Eigenschaft, die Leidenschaften aufs äußerste zu erregen. Diese kurze Szene hinterließ bei mir einen peinlichen Eindruck. — Ebenso erging es mir bei der dritten Nennung des Namens, die nach Verlauf eines weiteren Jahres im Herbst 1872 stattfand. Lugano diente uns als Zwischenstation zwischen dem Engadin und der Riviera; abends spielte eine jener kleinen Hotelkapellen, welche heutzutage das Reisen zu einer Tortur machen, damals aber eine Seltenheit waren. Am Abend eines fleißigen Tages setzte ich mich zur Zerstreuung einen Augenblick in der Halle hin, wiewohl ich

181 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Der Name „Richard Wagner“ - Beethoven.

an den Vorführungen derartiger Musikanten wenig Gefallen fand. Plötzlich erhebt ein winziges Hündchen, das seiner korpulenten Herrin auf dem Schoße saß, ein so klägliches, anhaltendes Geheul, daß die Spieler sich unterbrechen und unter den anwesenden Gästen ein Durcheinander von Stimmen entsteht; da ruft die Hundemutter laut dazwischen: „Meine Damen und Herren! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für diese Störung. Ich kann versichern, daß mein Tier nicht bloß musikfromm ist, sondern sogar Musik liebt — wahre Musik; wenn die Leute aber Wagner spielen, so ist es kein Wunder, wenn die Hunde heulen; wir Menschen täten's am liebsten auch!“ Lachen und laute Zustimmung riefen diese Worte hervor; das kleine Orchester stimmte einen Walzer an — und ich ging hinauf in meine Stube. Der Vorfall hatte mir schmerzlich ins Herz geschnitten, — und zwar trotzdem das erbärmliche Gepauke und Gekratze der armen Musiker (angeblich aus Tannhäuser) ohne den geringsten Eindruck zu erwecken an meinem Ohre vorübergerauscht war. Mir stand Triebschen sofort wieder vor Augen, und es begann mir zu dämmern, daß der Mann ein sehr besonderer sein müsse, den die Welt der Gemeinheit so grimmig haßte.
    Vielleicht hätte dieser alberne Vorfall weniger stark auf mich gewirkt, wäre nicht ein Erlebnis vorangegangen, das mich aus künstlerischem Unbewußtsein aufgeweckt, ja, in gewissem Sinne einen neuen Menschen aus mir gemacht hatte.

*

    Gegen Ende Mai 1872 befand ich mich mit meinem Hauslehrer, Professor Otto Kuntze, auf dem Wege nach dem Monte Generoso. Eines Mittags trafen wir in einem kleinen Orte am Lago Maggiore ein, dessen Name mir entfallen ist; bis zum nächsten Morgen sollten wir dort rasten. Frühzeitig waren wir aufgebrochen, und Kuntze zog sich bald auf sein Zimmer zur Ruhe zurück; ich aber folgte verlockenden Klaviertönen bis an die Salontüre, öffnete diese leise und fand das Zimmer — bis auf den Spieler — menschenleer; sachte schlich ich in einen bergenden Lehnstuhl. Der Virtuos oder Dilettant — denn welches er war, vermag ich nicht zu sagen — hatte meinen Eintritt bemerkt und drehte sich nach einem Schlußakkord etwas

182 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven.

geärgert mit fragendem Blicke nach mir um; ich stand auf und stotterte schüchtern eine Entschuldigung und die Bitte um die Erlaubnis, zuzuhören; in nicht besonders freundlichem Tone kam die Antwort: dieses Zimmer sei allen Gästen zugänglich, es liege an mir, zu bleiben und zu gehen nach Belieben. Darauf wendete sich der Betreffende wieder zu seinem Instrument, schien sich um mein Dasein überhaupt nicht mehr zu kümmern und spielte fast volle drei Stunden weiter. Aus dem kleinen Gasthaus müssen alle Menschen ausgeflogen gewesen sein; ich blieb der einzige Eindringling. Die Sätze folgten einander mit nur kurzer Atempause, und am Ende eines Stückes spielte er manchmal das nächste gleich weiter oder schlug ein anderes mit schneller Sicherheit auf in einem der drei Bände, die auf einem Stuhl neben ihm lagen. Was in mir vorging, werde ich nicht versuchen zu beschreiben; keiner, der die Wirkungen göttlicher Musik kennt, liebt es, sich über sie in Worten auszulassen. In diesen Stunden ging mir eine neue Welt auf, von der ich bis dahin auch nicht die entfernteste Ahnung besessen hatte.

Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön' um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götterwert der Töne wie der Tränen.

Genau erinnere ich mich, mir bei einem langsamen Satze gesagt zu haben, das ist der Heiland, der die Worte spricht: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Hatte das Erlebnis des Jahres 1863 mir plötzlich die Macht des Tones über die Seele offenbart, so handelte es sich dort um den Klang bloß als solchen und um eine sozusagen inhaltlose Tonfolge; hier dagegen lernte ich das kennen, was Goethe „höchste Kunst, Magie der Weisen“ nennt, d. i. die vollendete Form, die — um mit Schiller zu reden — „das Stoffartige ganz vertilgt“. Als Kind hatte ich mich manchmal — namentlich in den englischen Schuljahren (vergl. S. 37) — sehr unglücklich gefühlt; nach den drei Stunden jenes Nachmittages habe ich diese naive Verzweiflung nie mehr gekannt; aller Schmerz — und als kranker, angeblich einem frühen Tod geweihter Jüngling kannte ich diesen

183 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven.

schon gut — aller Schmerz war fortan verklärt; aller Schmerz wandelte sich ja vor meinem lauschenden Sinne in Freude und in Jubel. Die Welt hatte eine neue Bedeutung gewonnen....  Endlich stand der Unbekannte auf, nahm seine drei Bände unter den Arm und schritt zur Tür; mein lautloses Zuhören mochte ihn wohl doch gefreut haben, denn er drehte sich um und winkte mir einen freundlichen Abschied zu; ich vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. Abends, als die Glocke die wenigen Gäste des stillen Hauses um den Wirtstisch versammelt hatte, saß der Klavierspieler allein am oberen Ende — ein Beweis, daß er sich schon länger an dem abgelegenen Orte aufhielt. Spät trat eine Dame ein, die sich neben ihn setzte und ihn französisch anredete: „Was haben Sie mit Ihrem Nachmittag angefangen?“ Er erwiderte in dem mürrischen Ton, den ich schon kannte: „Gespielt.“ Sie: „Hätte ich's doch gewußt! Was haben Sie denn gespielt?“ Er machte den Mund nicht auf, sondern begnügte sich, sarkastisch zu lächeln und die Achseln leicht zu zucken. „Beethoven?“ und da er nichts antwortete: „Nichts als Beethoven?“ Worauf er wiederum ungeduldig hinwarf: „Nach Beethoven spielt man nur Beethoven.“ Sofort schlug er mit Lebhaftigkeit ein anderes Thema an, als wollte er das Gespräch von seiner Musik ablenken, und es war nur noch von gleichgültigen Tagesdingen die Rede. Ich habe ihn nie wieder gesehen und auch damals im Hotel nicht erfahren, wer er war.
    Den Namen Beethoven hatte ich schon gelegentlich gehört und erinnere mich der Definition, die einer meiner Vettern — ein Witzbold, der gerne in Gesellschaften Couplets vortrug — einmal gab: „Beethoven is a musical black-dose.“ Auch schwebt mir dunkel vor, daß einmal eine fremde Dame sich im Hause meines Vaters ans Klavier setzte, auf dem sie ein mächtiges Gejage und Gehämmere vollführte, wovon es nachher hieß, das sei eine Sonate von Beethoven gewesen. Nunmehr wußte ich, welchen tongewaltigen Zauberei ich unter diesem Namen zu verehren hatte — keinen geringeren, so dünkte mich, als den zwischen dem irdischen Leidenstale und der lichten Gotteswelt ewiger Freude vermittelnden Parakleten. Dieser Mann, der wie kein anderer unseren Blick in den Abgrund der Schmerzen geöffnet hat, schöpft hieraus die Befähigung, das Evangelium des Glaubens, der Liebe, des Hoffens zu verkünden: „Hoffen

184 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven.

soll der Mensch, er frage nicht!“ — so heißt es in einem seiner herrlichen Lieder. Zugleich erlöst er uns aus aller schwächlichen Kunstmacherei, Melomanie und wie die Trivialitäten alle heißen. Man kennt sein Wort: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und sie ist auch die meine!“ Sein eigenes gesamtes Werk würde ich bezeichnen als

Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

Im Dichter! Denn keiner, der Beethoven's Stimme vernommen hat, kann je bezweifeln, daß der Tongewaltige dem Wortdichter verwandt und ebenbürtig ist, ja, daß er als Poet über Ausdrucksmittel verfügt, die diesem abgehen. Beethoven steht als Schöpfer einem Shakespeare und einem Sophokles zur Seite: das wußte ich seit jenem Nachmittag.

    Dieser mir von Gott geschenkten Gnadenstunde folgte ebensowenig etwas nach, wie ihr irgend etwas Ähnliches vorangegangenen war; sie blieb wie eine Oase mitten in jenen kunstleeren Jahren. Nicht ohne Bedeutung jedoch für die allmähliche Bereicherung meines künstlerischen Urteils war die Tatsache, daß dieses Erlebnis des Mai 1872 genau mitteninne zwischen dem Abflauen des noch halb kindlichen Shakespeare-Rausches und der ersten Berührung mit Richard Wagner's Ton- und Dichtkunst zu stehen kam: damit erhielt ich die denkbar beste Nachschule zu Shakespeare und die denkbar beste Vorschule zu Wagner.
    Noch ein wenig will ich aber bei diesem für mich so glücklichen Ereignis verweilen; solche vom Himmel begünstigte Augenblicke eignen sich zur Um- und Überschau.
    Wer den Brief an Baron Uexküll Über meine Naturstudien aufmerksam gelesen hat, dem wird es auffallen, daß diese erste Einweihung in die Mysterien vollendeter Tonkunst zeitlich genau zusammenfällt mit der ersten leidenschaftlichen Hingabe an die Betrachtung der Natur (vergl. S. 79 fg.); und da sofort nachher — auf dem Monte Generoso — ein Zustand religiöser Ekstase mich überkam —, der übrigens sehr wahrscheinlich durch Beethoven und die Naturtrunkenheit herbeigeführt war —‚ so findet es sich, daß in jenem Monat Mai meines siebenzehnten Jahres die drei Säulen, auf denen der Aufbau meines Geistes beruhen sollte, gleichzeitig aus dem Nebel

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jugendlicher Unbestimmtheit aufzutauchen begannen: Naturwissenschaft, Kunst, Religion. Diese Interessen — gleichsam einen heiligen Dreiklang ausmachend — haben mein Leben ausgefüllt. Zuerst mögen sie wohl ziemlich unvermittelt nebeneinander gestanden haben; nach und nach trat dann allverbindend und nach Einheit strebend die philosophische Denkart hinzu; außerdem erweiterte sich naturgemäß mit der Zeit der Kreis des Wissens und des Strebens — Geschichte und Politik mußten sich aufdrängen, ebenso wie Technik (der Wissenschaft und der Kunst) meine Aufmerksamkeit herausforderte, und „leider auch Theologie“ mir viel Zeit raubte; doch besitzt das alles nur ergänzende Bedeutung; mein Herz blieb befangen in dem „heiligen Dreiklang“. Zwar war es mir nicht gegeben, auf einem dieser drei Gebiete schöpferisch tätig aufzutreten, doch wer zum Polyhistor bestimmt (ich würde ruhig sagen: verurteilt) ist, dem sind zwei Geistesanlagen unentbehrlich und erfordern sorgfältige Ausbildung, soll er irgend Wertvolles hervorbringen: eine festgemauerte   G a n z h e i t,   welche Zerstückelung ausschließt, und eine klarerschaute   B e g r e n z u n g   der Forderungen an sich selber. Diese Beschränkung fehlte mir in so jungen Jahren, die Ganzheit jedoch war in dem genannten Dreiklang im Keime gegeben — und das halte ich für ein wichtiges Element zu meiner frühen Erkenntnis der Bedeutung eines Richard Wagner. Von den verschiedensten Seiten steht zu ihm — wie zu allen wahrhaft Großen — der Weg offen, aber die Anlage zum Verständnis des Großen muß gegeben sein, und diese besteht in dem, was ich hier als „Ganzheit“ bezeichne, wogegen die unzähligen fragmentarischen Menschen, die unsere moderne Bildung und unsere aufs Einseitige gerichteten Lebensansprüche heranzüchten, niemals ein rechtes Verhältnis zu überragender Geistesgröße gewinnen.
    An diese Betrachtung schließt sich eine weitere.
    Der zufällige Gang meiner Geistesentwickelung — ohne jeglichen folgerechten Bildungsgang großen Eindrücken der Natur, der Kunst und des inneren Seelenlebens ungehemmt folgend — hat es mit sich gebracht, daß, ebenso wie diese Eindrücke der göttlichen Natur oder den größten Genien der Menschheit ihr Entstehen verdanken, ich auch in der Folge, wenn nicht ausschließlich, so doch vorwiegend mein Leben in Betrachtung der Natur, sowie in der Ge-

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sellschaft derjenigen zugebracht habe, die unser Schiller als „Gipfel der Menschheit“ bezeichnet. Das hat mehr zu bedeuten, als mancher vielleicht zuerst versteht. Auf welchem Gebiete auch diese Großen sich auszeichnen mögen, sie alle verbindet doch ein gewisses Etwas zu einer Familie, und wäre es nur die Tatsache, daß sie alle als Höhenmenschen in der gleichen Atmosphäre atmen, welche nicht die selbe Luft ist wie die, welche den Menschen in den Niederungen dient. In Kunst, Philosophie und Religion habe ich mich ausschließlich den erhabensten Geistern gewidmet — diesen aber in lebenslänglicher Inbrunst; wogegen ich trotz aller Sympathie für vieles edle Streben — das gewiß vor Gott gelten mag — geringeren Begabungen nie mehr Aufmerksamkeit schenkte, als gerade nötig war, um sie in ihrer Eigenart mit einiger Deutlichkeit zu erfassen. Wenn es in langer Jahre Übung nach und nach gelingt, die Stimme Christi von den anderen Stimmen in den Evangelien zu unterscheiden, so besitzt man die reine Quelle zu aller echten Religion; im Laufe der Jahre habe ich mir eine ausgesuchte theologische Bibliothek von mehreren hundert Bänden gesammelt, doch je mehr ich studierte, um so mehr ward ich von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt. Widmet man etwa noch eingehende Studien dem Apostel Paulus — bei dem nie auszulernen ist —‚ sowie seinem großen Geistesgenossen Martin Luther, und versenkt sich immer von neuem in die abgrundtiefen Betrachtungen Meister Eckhart's, so besitzt man alles Schöpferische, Erlösende, was auf den vom Heiland gelegten Grundlagen als echt christliche Weltanschauung aufgebaut worden ist; nimmt man etwa dazu Yajnavalkya und die der seinen verwandte reifste brahmanische Erkenntnis, so hat man genug fürs Leben, und weit mehr, als wenn man sich in das bittere Salzmeer der Theologie stürzt, in welchem, wenn man das seltene Glück hat, nicht darin zu ertrinken, doch jede Freude, jeder Schwung, alle gottgegebene Inspiration verloren geht! Genau so verhält es sich mit Kunst, Philosophie und — wohlbetrachtet — auch mit Wissenschaft, wenngleich bei dieser für mittlere Begabungen viel Arbeit zu leisten ist. Bildet auch die steigende Reihenfolge der menschlichen Begabungen ein Ganzes, so daß von unten bis oben die Verwandtschaft und damit auch die gegenseitige Wirkungsfähigkeit bewahrt bleibt, so besitzt doch die Tatsache, daß ein Mensch den   G i p f e l   betritt, eine Bedeutung ohne-

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gleichen; denn mag ein anderer tüchtiger Mann noch so hoch gestiegen sein, das Ziel und damit zugleich den vollkommenen Überblick, der erst die unbedingte Sicherheit des Urteils, sowie die Freiheit des Gestaltens schenkt, erreicht nur derjenige, der auf Gipfeln daheim ist. Darum die überzeugende Einfachheit und die leuchtende Kraft, die allen Werken solcher Männer eignet; daher der gewaltige Abstand zwischen der bedeutendsten Begabung und dem eigentlichen Genius. Es ist nicht weise, sondern töricht, diesen Abstand zu leugnen; vielmehr gewinnt jeder Mensch, der dies erkennt und als Grundüberzeugung bekennt, selber außerordentlich viel an Einsicht und Kraft — namentlich an   U r t e i l s k r a f t.   Für mich war es gewiß ein unschätzbarer Vorteil, daß ich zu Wagner über Shakespeare und Beethoven gelangte, ohne die eingetrichterte geschichtliche Schablone und die in der Zeit der Unreife überkommenen Urteile, die eine regelrechte Schulbildung dem Gehirne aufdrückt: das französische Lycée hatte ich noch vor der Einschnürung in die erlogene Klassizität verlassen, in der englischen Schule war weder von Literatur noch von Kunst die Rede gewesen, die lateinische herzlose Technik lernte ich damals noch nicht kennen, und zu den herrlichen Griechen, wie auch zu den Spaniern, wurde ich erst durch Wagner selber geführt. Bei solchen Dingen pflegt allerdings außer dem Schicksal auch der angeborene Instinkt in entscheidender Weise mitzuwirken. So z. B. als der erste philosophische Unterricht mir die Denker der Menschheit in Reih und Glied wie Grenadiere, alle in einer Uniform, vorzuführen unternahm, empörte ich mich, nahm die Sache in die eigene Hand und entdeckte bald, alles schöpferische Denken der europäischen Menschheit weise zwei Gipfelpunkte — und nur zwei — auf: Plato und Kant, bei denen ich dann jahrelang verweilte, um erst später, von der eroberten Höhe aus, das übrige Denken eingehend zu prüfen.
    Eure Hoheit erraten gewiß schon, worauf ich hinaus will? Der Vorteil ist unschätzbar, wenn man eine Kunst wie diejenige Wagner's aus der Perspektive ebenbürtiger Schöpfergeister kennen lernt, anstatt von unten her zu ihr hinanzusteigen. Ich lernte Wagner zuerst durch eine einzige Dichtung — Der Ring des Nibelungen — sowie durch einzelne Fragmente seiner Musik kennen; vom allerersten Augenblick an wußte ich aber, mit wem ich es zu tun hatte:

188 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven - Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's.

er stand für mich zwischen Shakespeare und Beethoven. Die zahllosen schiefen Urteile über Wagner, welche babelartig umherschwirren und uns Wissende vereinsamen, stammen aus genau der gleichen Ursache wie die überlieferten schiefen Urteile über Homer seitens der Zeitgenossen dieses „göttlichen“ Dichters, — wie die absurde Unterschätzung Shakespeare's durch die Besucher seines Theaters, die in ihm einen guten Schauspieler und einen annehmbaren Einrichter fremder Stücke sahen, — wie die Urteile der Fachkritiker aus der Lebenszeit Mozart's und Beethoven's über diese erhabenen Einzigen — Urteile, welche heute dazu dienen, die unfaßbare Beschränktheit sogenannter „maßgebender“ Männer zu allen Zeiten greifbar vor Augen zu führen. Der Zeitgenosse steht eben einer derartigen Erscheinung zu nahe und überblickt ebensowenig einen solchen geistigen Gipfelpunkt, wie man von dem Fuße eines hohen Berges aus dessen Gipfel erschaut; Ewiges läßt sich nicht aus engumzirkter Zeitlichkeit übersehen, Vollendetes verzerrt man, wenn man es zu Unvollendetem in Parallele setzt. Die mangelnde Schulbildung habe ich in mancher Rücksicht und trotz allem späteren Fleiße lebenslänglich büßen müssen, doch erkenne ich dankbaren Herzens, daß mir hierdurch eine vielleicht unter uns Heutigen ungewöhnliche Spontaneität und Kraft der Eindrücke zuteil wurde, aus denen wiederum das unaussprechliche Glück eines richtigen, unbeirrbaren Verhältnisses zu den „Gipfeln der Menschheit“ hervorging.

*

    Nun wäre ich bei den Jahren angelangt, in denen meine frühesten Berührungen mit dem Genius Richard Wagner's stattfanden, zwar geringfügige, doch bestimmend eindrucksvolle. Um die Sache am richtigen Ende anzupacken, muß ich vorerst die allgemeine Wendung erwähnen, die zu jener Zeit mein ganzes Denken und Fühlen hin zu deutschem Wesen nahm; wobei ich, um Wiederholungen zu vermeiden, auf meinen Brief an Fräulein Sidonie Peter (vergl. S. 54 fg.) verweise und hier nur einiges Ergänzende beifüge.
Es liegt auf der Hand, daß ich den Weg zu Wagner hin schwerlich gefunden hätte, wäre nicht die Wendung zu deutscher Sprache

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und Denkart vorangegangen. Als ich im Herbst 1870 bei Kuntze deutschen Unterricht zu nehmen begann, stand meiner Tante und mir keine weitere Absicht vor Augen als eine förderliche Bereicherung meiner Sprachkenntnisse; die Rückkehr nach England, die militärische Laufbahn, oder, wenn diese fehlschlagen sollte, die Ausbildung als Landwirt behufs Auswanderung nach Kanada — das alles stand damals bei meinem Vater und seinen Beratern fest. Keiner unter den Meinigen widmete Deutschland das geringste Interesse; alle waren Stockengländer und besaßen höchstens für Frankreich einige Sympathien; letztere teilte auch ich; dagegen war mir englisches Wesen von klein auf gegen den Strich gegangen und hatte ich mich in England niemals heimisch gefühlt (vergl. S. 35 fg.). In der Persönlichkeit meines Lehrers, Otto Kuntze, trat mir nun eine mir bisher unbekannte und darum auch ungeahnte Menschenart entgegen, die mich sofort stark anzog — und zwar trotzdem dieser edel gesinnte und wahrhaft gute Mann in bezug auf Sprödigkeit und Unbeugsamkeit als Typus des echten Preußen gelten konnte; an Franzosen war ich ein weit anmutigeres, an Engländern ein ungezwungeneres Wesen gewohnt; doch kostete es mir nicht allzu viel Mühe, das mir Fremde hier zu überwinden, und ich fand mich dafür so reichlich durch das, was deutsches Wesen und deutsche Bildung mir entgegenbrachte, belohnt, daß mich bald eine Art Heißhunger auf die Erwerbung alles dessen, was mir als Anglo-Franzosen abging und was der Deutsche mir zuführte, überkam. Bereits im Jahre 1874 faßte ich den Entschluß, mir die deutsche Sprache vollkommen anzueignen (vergl. S. 57). Mein lieber Vater, den ich in jenem Sommer in der Schweiz traf, machte einen letzten Versuch, mich für England zu gewinnen; die Freude der Zustimmung konnte ich ihm nicht bereiten. Als nun im Jahre 1875 der Sommer herankam und mich zum erstenmal allein und selbständig antraf, überlegte ich mir: wie kann ich die Zeit am besten, nicht nur zur Vertiefung in die deutsche Sprache, sondern auch zur näheren Kenntnis der Deutschen selbst verwenden? Und da zog ich nach Interlaken, nahm im „Deutschen Haus“ dauerndes Quartier, wo niemals ein Engländer absteigt (obwohl bezeichnenderweise einige französische Familien als alte Stammgäste sich einfanden), verkehrte bei den Mahlzeiten und Spaziergängen mit Deutschen aus allen Provinzen, studierte wie ein Be-

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sessener darauf los, las täglich die Kölnische Zeitung, einschließlich der Anzeigen, und machte auf diese Weise fliegende Fortschritte.
    Leicht könnte ich es mir erklären, wenn bei manchen meiner späteren Freunde sich hier ein großes Fragezeichen aufrichtete; es wird ihnen schwer glaublich erscheinen, daß der unter Deutschen — namentlich der bürgerlichen Kreise — weit verbreitete Mangel an Anmut, an Gefälligkeit, an Natürlichkeit in den Umgangsformen mich nicht von vornherein abschreckte. Daß dies nicht geschah, beweist meine Liebe: die Liebe macht blind; ich, den sonst als Engländer die geringste Indiskretion verletzte, und dem als Franzosen die Feinfühligkeit in den kleinen Formfragen des täglichen Lebens zur zweiten Natur gehörte, ich wurde grenzenlos nachsichtig gegen die Mitbewohner des „Deutschen Hauses“. Wie stark mein Gefühl war, beweisen am besten Aussprüche aus jener Zeit in Briefen an meine Verwandten. Zwei schon früher von mir angeführte Stellen sind so auffallend, daß ich sie noch einmal in Erinnerung bringen will. Am 5. Juli 1875 erwähne ich deutsche Freunde und sage: „Bei diesen guten Leuten empfinde ich, was ich jetzt schon bei so vielen Deutschen empfunden habe, als ob sie mich verstünden und ich sie — ein Gefühl, das ich noch niemals bei einem Engländer gehabt habe.“ Die zweite Stelle, ebenfalls aus Interlaken und an die selbe Tante am 21. September 1876 gerichtet, lautet: „Die Tatsache mag ja bedauerlich sein, aber sie ist halt eine Tatsache, daß ich so gänzlich unenglisch geworden bin, daß schon der bloße Gedanke an England und an Engländer mich unglücklich macht.“ Das also waren meine Empfindungen im zwanzigsten und einundzwanzigsten Lebensjahre!
    Außer der Blindheit tat aber auch die freie Wahl das Ihrige, um mich mit auserlesenen Menschen in Verbindung zu bringen und weniger angenehme beiseite zu schieben. Gern erwähne ich hier eines alten Generals im Ruhestand, der sich im Sommer 1875 mit besonderer Freundlichkeit meiner annahm, Exzellenz von Twardowski, der — wenn ich nicht irre — zuletzt in Stettin kommandiert hatte. Er wohnte in einem kostspieligeren Hotel, wir pflegten uns aber bei der Kurmusik zu treffen; ich zuerst schüchtern zurückhaltend, besorgt, mein hinkendes Deutsch möchte dem Greise lästig fallen, bis ich zufällig eines Tages, als ich von hinten an seinen Tisch herantrat,

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ihn laut rufen hörte: „Wo bleibt denn mein lieber Engländer? Er ist mir doch der treueste Gesellschafter!“ Nicht allein habe ich von seiner mühevollen Sorgfalt sprachlich viel gewonnen, sondern seine Erzählungen aus einem reichen Leben und seine Aufklärungen haben mich manches gelehrt über deutsches, namentlich über preußisches Leben und Wesen. Seinen Sohn, damals Leutnant im zweiten Gardegrenadier-Regiment z. F., traf ich auch fast täglich und ergötzte mich an seinem unerschöpflichen Humor und an seinen packenden Berichten aus dem siebenziger Krieg; ihm bereitete es viel Spaß, den Neophyten der deutschen Sprache durch Berliner Dialekt und Grammatik irre zu machen. Was ich aber hauptsächlich dem Verkehr mit diesem jungen Hünen aus dem preußischen Schwertadel zu verdanken hatte, war die Bekanntschaft, die er mir vermittelte, mit Dr. Oskar Borchardt aus Berlin, damals im konsularischen Reichsdienste, später bekannt geworden durch umfassende Werke handelsrechtlichen und handelspolitischen Inhaltes. Mit diesem ungewöhnlich gebildeten, reichbegabten und durch ein erstaunliches Gedächtnis ausgezeichneten Mann habe ich während mehrerer Jahre viel verkehrt: im Winter trafen wir uns an der Riviera, im Sommer in der Schweiz; obwohl — wie alle meine Freunde aus jener Zeit — um viele Jahre älter als ich, fand er Gefallen an meinem Umgang und spendete mir aus dem schier unerschöpflichen Born seiner Kenntnisse mit einer Freigebigkeit, für die ich ihm noch heute Dankbarkeit zolle. Ich meinerseits hatte ihm wenig zu geben; das eine aber verstand ich vortrefflich: zuzuhören; das mag wohl Borchardt gemerkt und sich mir deswegen gern gewidmet haben. Es würde mir schwer fallen, wollte ich alle Keime zu zukünftiger Bildung aufzählen, die ich diesem Freunde verdanke. Und da er außerdem ein geradezu vollendet reines Deutsch sprach und jegliche Inkorrektheit wie eine Sünde vermied, so kann man sich leicht vorstellen, welche Sprachschule dieser Umgang für den begierig Aufhorchenden bildete.
    Wenn ich hier auch nur wenige Namen nennen kann, so will ich doch unter keiner Bedingung den einen übergehen — den eines in Petersburg geborenen Russen, jüdischen Ursprunges, aber griechisch-christlicher Kirche angehörig, namens Löwenthal; seiner Bildung nach war er durchaus Deutscher und lebte damals in Paris als Lehrer der deutschen Sprache am Lycée Louis le Grand. Wir wurden

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eng befreundet; leider hatte ich den Schmerz, ihn nach zwei Jahren durch seinen frühen Tod zu verlieren. Offenbar entstammte Löwenthal den Sephardim; ich habe selten den orientalischen Typus so schön und edel ausgebildet angetroffen; er aber litt darunter, denn der Arme war untröstlich über seine jüdische Herkunft und meine ganze Beredsamkeit vermochte nicht, ihn zu beschwichtigen; dieser Kummer hat gewiß Teil an seinem frühen Ende gehabt. Da Löwenthal Sprachlehrer war, so stellt man sich leicht vor, welche Förderung ich in dieser Beziehung aus seinem Umgang gewinnen mußte. Dennoch kam diesem Umstand hier nur nebensächliche Bedeutung zu: in dem Elemente der Musik fanden sich unsere Herzen. Er besaß eine sowohl in ihrer Größe wie in ihrer Beschränkung gleich eigenartige Begabung, dergleichen ich nie wieder angetroffen habe: die verwickeltesten und modulationsreichsten Klavierkompositionen spielte er fehlerlos nach dem Gehör, ohne sie gelernt zu haben und ohne sie je zu vergessen; dabei war er nicht bloß in bezug auf Theorie völlig unwissend, sondern fast unfähig, Notenschrift zu entziffern. Fachmusiker gafften ihn wie ein unerklärliches Phänomen an, namentlich wenn sie ihm aufgaben, ein Stück von Chopin in einer vom Original fernabliegenden Tonart zu spielen; er war sich der Schwierigkeit einer derartigen Aufgabe überhaupt nicht bewußt, sondern fragte naiv: „Auf welchem Tone wünschen Sie, daß ich beginne?“ Sein zauberhafter Anschlag, seine Technik — in ihrer Art vollendet — erinnerten in keiner Weise an Virtuosentum, sondern eher an gute ungarische Zigeunerkunst. Sein eigentliches Gebiet war Chopin, den er, glaube ich, ohne Lücke innehatte; auch sonstige slawische Musik, sowie ungarische Tanzweisen und solche aus der Lanner- und Strauß-Schule, standen ihm unbeschränkt zur Verfügung. Von Schumann spielte er nur einiges, da er mit diesem Komponisten wenig Fühlung besaß, dagegen wußte er viele Schubert'sche Lieder — sobald er sie nur hier oder dort hatte singen hören — entzückend vorzuführen; ein besonderes Glanzstück für seine zarte und feurige Vortragsweise bildete Weber's Aufforderung zum Tanz. Beethoven war ihm eine verschlossene Welt, und von Wagner kannte er nur weniges, da man in dem damaligen Paris nichts von ihm zu hören bekam. Einiges aber — wie die Ouvertüren zum Holländer,  Tannhäuser und das Vorspiel zu Lohengrin — spielte er hinreißend,

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sowie namentlich den Einzug der Gäste, wofür er ein so fein-empfindendes Vorgefühl der verschiedenen szenischen Bewegungen besaß, daß ich erst in Bayreuth dieses sonst allüberall trivialisierte Tongebilde in den mannigfachen Schattierungen würdigen und freudevollen Heranschreitens wiedererlebte. Mich schloß nun dieser vortreffliche Mann ganz in sein Herz ein; zwar spielte er manchmal auch für Andere, namentlich auf Bitten der Fachmusiker, doch geschah das immer mit einem gewissen inneren Widerwillen; zu zweit zogen wir in entlegene Kaffeehäuser und entdeckten richtig eines mit einem guten Instrument, das wir stimmen ließen. Löwenthal's Freude war es, mir dort stundenlang vorzuspielen; traten Gäste ein, er brachte sofort einen Schlußakkord an, und wir pilgerten weiter. Zur Bereicherung meiner musikalischen Kenntnisse, zur Übung meines Ohres und meines Gedächtnisses hat diese Zeit — die sich im folgenden Sommer ähnlich wiederholte — viel beigetragen.
    Noch einen letzten Namen muß ich nennen, den eines Wiener Juden, Blumenfeld. Er wohnte nicht im „Deutschen Haus“ und gehörte auch nicht zu dem Kreise meiner sonstigen Bekannten: durch einen Zufall gerieten wir eines Tages unter den prächtigen Nußbäumen der Promenade in ein Gespräch, das an dem gleichen Orte häufig wieder aufgenommen wurde. Blumenfeld war der erste Mensch, der mir Näheres über Richard Wagner mitzuteilen wußte. Zwar hatte mir Borchardt viel von Niemann als Tannhäuser und Lohengrin vorgeschwärmt; doch war sein Verhältnis zur Kunst ein so „künstliches“, daß hier nichts für mich zu gewinnen war; keines der anderen Mitglieder unseres Kreises zeigte irgendein Interesse nach dieser Richtung; der Wiener dagegen — den ich erst spät im Herbst 1875 kennen lernte — war erfüllt von der überragenden Bedeutung des Bayreuther Meisters und erfreut, einen so begeisterungsfähigen Zuhörer zu finden. Bezeichnend war, daß es sich bei ihm keineswegs um eine aus Leidenschaft geborene Hingebung handelte, sondern um eine intellektuelle Witterung, wie ich sie später bei Juden nicht selten angetroffen habe. Immer wieder betonte er, er sei kein Enthusiast, ja, Wagner mißfalle ihm in manchen Beziehungen sowohl als Mensch wie als Dichter und Musiker, — worauf aber der Kehrreim stets einfiel: „Aber, bester Herr! man kann sagen, was man will, Wagner ist und bleibt der bedeutendste

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Künstler in Wort und Ton unter allen Lebenden; er ist die einzige große Erscheinung der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.“ Er erzählte mir von Bayreuth, von den Proben zum Ring, die eben stattgefunden hatten, und von den im Jahre 1876 zu erwartenden ersten Festspielen. Den Namen „Bayreuth“ in Verbindung mit dem Namen „Wagner“ hatte ich zwar einige Monate früher schon vernommen — doch in welcher grotesken Verballhornung! Die Times brachte nämlich im Februar 1875 eine kurze Notiz, nach welcher Richard Wagner ein Theater für die festliche Aufführung seiner Werke in Beyrut (Syrien) errichtet habe, wohin die Fanatiker seiner Muse fortan jährlich pilgern sollten. Diese Nachricht — die man für einen Fastnachtsscherz halten konnte — las ich abends in Cannes meiner Großmutter, Mrs. Basil Hall, der Witwe des Reisenden (S. 13), vor, die mich auf mehrere Tage mit einigen Verwandten auf dem Wege nach Malta besuchte. Einige lachten über den phantastischen Einfall des Tondichters, Andere empörten sich über die Eitelkeit der Zumutung an sein Publikum; da trat plötzlich die greise Dame mit ungewöhnlicher Wärme für den Meister und seinen Plan ein; zwar wußte sie sonst von ihm gar nichts und war ohne alles Interesse für Kunst; doch hatte sie viele Jahre ihres Lebens im Bereiche des Mittelländischen Meeres zugebracht, war zu Hause in Ägypten, Syrien, Kleinasien usw., glaubte an einen kommenden Aufschwung dieser Länder und überraschte uns durch die Behauptung, Beyrut sei „sehr zentral gelegen“ und gehe, sobald die Bahn nach Jerusalem vollendet sein werde, „einer großen Zukunft entgegen“, ergo sei „dieser deutsche Komponist ein weitblickender Mann, der ihr recht gut gefalle“! Herr Blumenfeld belehrte mich nun eines besseren: auf einmal stand das Festspielhaus mir im Herzen Deutschlands vor Augen, was freilich zu meinem Eindruck von Triebschen harmonischer stimmte. Eines Tages führte mich Blumenfeld vor eine Auslage, deutete auf die Dichtung Der Ring des Nibelungen und sagte eindringlich: „Ich bitte Sie, kaufen Sie sich das und lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten der Sprache nicht abschrecken; Sie werden einen Begriff bekommen, was das für ein Mann ist.“ Von dem Erlebnis dieser Lektüre, wie auch von den Eindrücken, die ich in Interlaken von der Aufführung Wagner'scher Musik-Bruchstücke erhielt, werde ich gleich zu be-

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richten haben. Vorerst möchte ich noch von dem wackeren Blumenfeld erzählen, daß, als ich ihm im Sommer 1876 in Interlaken wieder begegnete, er sein Möglichstes daran setzte, mich zu überreden, ich solle, koste es, was es wolle, nach Bayreuth zu den Festspielen fahren. Nun reichten aber meine Mittel nur gerade für den billigen Pensionspreis in einem Stübchen eines Nebenhauses des „Deutschen Hofs“: die Reise nach Bayreuth und zurück, der Aufenthalt dort und 100 Taler Eintrittspreis — das überstieg meine geringe Barschaft um ein Vielfaches; mein Vater, an den ich die Kühnheit hatte mich zu wenden, ließ mir antworten, ich sei wohl verrückt geworden. Der „redliche Jude“ gab sich aber nicht für besiegt; er verstand es, meine Scheu zu überwinden und mir so lange zuzusetzen, bis ich endlich eines Tages die Feder ergriff zu einem Brief, den ich klopfenden Herzens in den Kasten warf, adressiert an Herrn Richard Wagner, Dichter und Komponist in Bayreuth, in dem ich kurz meine Lebensumstände und Lage schilderte, auf Grund dieser um Gewährung des freien Eintrittes zu einem Zyklus ersuchte — und wenn ich mich recht erinnere, mit dem Zusatz, ich werde gewiß später in die Lage kommen, die Schuld abzutragen. Hätte ich eine bejahende Antwort erhalten, so war durch versprochene Vorschüsse zweier Freunde für de Reisekosten gesorgt. Doch natürlicherweise gelangte dieses naive Schreiben dem Adressaten niemals vor Augen, vielmehr erhielt ich vom Verwaltungsrat der Festspiele lediglich einen gedruckten Zettel mit der Ankündigung, daß zum zweiten und dritten Zyklus noch Plätze zum Preise von je einhundert Taler frei seien.
    Interlaken hatte ich nicht bloß des Umgangs mit Deutschen wegen zum Sommeraufenthalt erwählt, sondern ebenfalls in der Hoffnung, dort endlich ein annehmbares Streichorchester zu hören: auch hierin wurde ich nicht getäuscht. Das damalige Kurorchester zählte etwa vierzig Mann, zumeist Österreicher, einige sogar von den Wiener Philharmonikern; dazu ein tüchtiger, geschmackvoller Leiter, Herfurth, der, kurz darauf nach Lausanne berufen, die dortigen ungeschulten Kräfte zu Leistungen heranführte, die man kaum für möglich gehalten hätte; sechs Jahre später hörte ich dort eine Aufführung der neunten Symphonie (mit Richard Wagner's Programm) so vorzüglich dirigiert, daß sie mir trotz der ungenügenden Mittel unvergeßlich blieb. Die Programme in Interlaken waren, was

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sie sein mußten: Programme für ein internationales Reise- und Kur-Publikum. Das Erwachen des Löwen und was es sonst noch derartiges gibt, durfte nie ganz fehlen, wurde aber wenigstens geschmackvoll vorgetragen; auch die üblichen Potpourris durfte Herfurth seinen Hörern nicht vorenthalten, vermied aber die Ungeheuerlichkeiten — ich nenne nur den berüchtigten Titel Thé dansant beim Fliegenden Holländer — und hatte die Gewohnheit, selber hübsche Auslesen zusammenzustellen; entzückend wählte er die Tanzmusik, die von seinen Wienern entsprechend gespielt wurde — Lanner, Strauß und Schubert lernte ich gut kennen; selbst jene unerträglichsten der Unerträglichkeiten — die modernen Märsche — wußte er durch Auswahl alter Charakterstücke sowie durch neuere von Schubert und anderen guten Musikern ihres Schreckens zu entkleiden. In dem Maße des Möglichen suchte aber Herfurth auch gehaltvollere Tonstücke zu bringen und verstieg sich sogar bis zu kürzeren Mittelsätzen aus den Symphonien Beethoven's. Ouvertüren — italienischen, französischen, deutschen — widmete er besondere Sorgfalt, brachte häufig Mozart und auch einiges von Beethoven (namentlich Fidelio und Egmont). Von Wagner hörte man die Einleitungen zu Rienzi, Holländer, Tannhäuser und Lohengrin; aneinandergereihte Bruchstücke aus diesen Werken waren nicht ganz vermieden, doch bevorzugte Herfurth zusammenhängende Stellen, wie den Einzug der Gäste, den Zug zum Münster, die Einleitung in den dritten Akt Lohengrin mit anschließendem Brautlied usw. Franz Liszt war einzig durch die zweite ungarische Rhapsodie vertreten, mit hinreißender „Verve“ vorgetragen; für deren möglichst häufige Wiederholung sorgte ich durch Bekannte, die ich mir aus dem Orchester gewonnen hatte, später durch Herfurth selber, den ich durch Löwenthal kennen lernte und der mir sogar — ein unvergeßliches Ereignis — an einem menschenleeren Vormittag auf dem Flügel des Kurhauses die Hauptmotive der Neunten Symphonie vortrug.
    Wagner's Musik wirkte auf mich — ich kann nicht anders, ich muß den abgebrauchten Ausdruck anwenden, weil er der Wirklichkeit genau entspricht — sie wirkte auf mich „elektrisierend“. Sobald sie ertönte, war es mir unmöglich, auf meinem Stuhle sitzen zu bleiben. Da die Programme viel Minderwertiges brachten, so ge-

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schah es wiederholt, daß ich, im Gespräch mit General von Twardowski oder einem anderen Bekannten, nicht genau auf die Reihenfolge achtete; da, plötzlich durchzuckt eine Tonfolge mein ganzes Wesen wie ein Aufruf zu Tat und Kampf; ich hörte kein Wort mehr meines Nachbarn, sprang auf und pflegte immer dicht ans Orchester heranzugehen — teils um keinen Menschen mehr vor mir zu sehen, teils aus der genannten Lust nach Tat und Bewegung, die mich zur Tonquelle hinzog wie einen Falter in die Flamme. Mehr als einmal — da mir jeder Ton neu war — ahnte ich nicht, daß das Gespielte von Wagner sei; bald aber kam es so weit, daß ich nach dem ersten Takt — auch ohne das Programm zu Rate zu ziehen — Wagner an dieser unfehlbaren Wirkung auf mein Gemüt erkannte. Auf solche naive Eindrücke eines noch völlig Unbelehrten lege ich großen Wert; sie sind in einer überzivilisierten Welt so selten und doch das einzige, woran sich der Mensch mit voller Sicherheit selber kennen lernt. Ich denke dabei an Goethe's Verse:

Erst Empfindung, dann Gedanken,
Erst ins Weite, dann zu Schranken;
Aus dem Wilden, hold und mild,
Zeigt sich dir das wahre Bild.

Ein solcher „Wilder“ war ich damals; und da ist es mir noch heute von Bedeutung, mir den Unterschied in der Wirkung der Musik Wagner's und derjenigen Beethoven's auf die frischen Sinne des unerfahrenen Jünglings zu vergegenwärtigen.
    Am Lago Maggiore (S. 181 fg.) war ich sofort in einen großen Lehnstuhl hineingekrochen und regungslos die Stunden über darin verblieben; später im Leben habe ich, sobald sich die Möglichkeit dazu bot, mich beim Anhören von Beethoven flach hingestreckt und wo das nicht anging, nach Tunlichkeit dafür gesorgt, die Gliedmaßen möglichst bequem zu lagern, auf daß ihr Dasein nicht als Last empfunden werde — ich erinnere daran, daß Goethe sich auf sein Ruhebett legte, wenn der Organist zu Berka ihm Bach vortrug. Zwanzig Jahre nach den Interlakener Tagen sagte mir ein junger englischer Künstler, der mich während eines Vortrages Beethoven'scher Musik beobachtet hatte: „You looked as if you had been turned into a lump of amorphous Protoplasm“ — Sie sahen so aus, als

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wären Sie in ein gestaltloses Protoplasma-Klümpchen umgewandelt worden. Beethoven vernichtet für mein Empfinden das Körperliche. Gewiß ist seine Kunst eine durch und durch dramatische; das Drama ist aber derartig vollkommen in die Seele hineinverlegt, daß fürs Auge nichts zu sehen bleibt, vielmehr die Welt der Sichtbarkeit verlischt. Für Homer, den Blinden, war alle Dichtung ein Hinzaubern vor die Augen, Beethoven, der Taube, gestaltete alle Eindrücke zu Tönen. Anregungen zu seinen Werken hat Beethoven aus Dichtungen und aus der lebendigen Natur vielfach — und wie ich glaube, fast immer — entnommen; doch braucht man nur an die Coriolan- und Egmont-Ouvertüren zu denken, und etwa das nachzulesen, was Wagner darüber geschrieben hat, um sich zu vergegenwärtigen, in welchem Maße es zu Beethoven's Art und Meisterschaft gehörte, aus einem jeden Vorgang die seelische Quintessenz herauszuziehen, so daß Ton allein übrig bleibt und es eher störend als fördernd wirkt, wenn wir der anregenden Veranlassung zu der musikalischen Schöpfung genauer nachgehen, wogegen die Magie unerschöpflich bleibt, wenn — wie beim ersten Satz der neunten Symphonie — ein heiliges Geheimnis sie verhüllt. Das Dramatische wird hierdurch keineswegs in Abrede gestellt; wenn aber z. B. Wagner den letzten Satz der siebenten Symphonie als einen „Tanz der Sterne“ bezeichnet, so verlegt er, wie man bemerkt, die vorgestellte Sichtbarkeit in ein unseren menschlichen Augen unerreichbares Gebiet, und es findet sich letzten Endes, daß jedes Bild nur uneigentlich zu nehmen, d. h. also kein Bild der Augen ist. Auch wenn der Bayreuther Meister das Allegretto der selben Symphonie als den Gang zur Kirche bei einer Bauernhochzeit anspricht, so leitet ihn hierbei vornehmlich die Fürsorge des Musikers, das Stück vor dem naheliegenden und es fälschenden schleppenden Tempo zu hüten; gewiß hätte er nicht geleugnet, daß in diesem Satz, bei aller Lieblichkeit, eine nicht in Worte zu fassende Unerbittlichkeit des Schreitens liegt, wie von einer milden, aber entschlossenen Schicksalsgöttin, und schwerlich würde er etwas einwenden, wenn wir hier Goethe's Verse anführten:

Wir suchen unsern Raum,
Und wandeln und singen
Und   t a n z e n   e i n e n   T r a u m.

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    Anders gestaltet sich in der Kunst Richard Wagner's das Verhältnis zwischen Hören und Sehen: in dieser Beziehung stehen er und Beethoven einander genau gegenüber. Das empfand ich damals instinktiv; heute weiß ich es. Wie ich es in meinem Aufsatz Richard Wagner's geschichtliche Stellung (vergl. Deutsches Wesen S. 113 fg.) ausgeführt habe, zeigt sich Wagner bezüglich der Sichtbarkeit seiner poetischen Schöpfungen Homer am nächsten verwandt. Theorie ist das bei ihm nicht, sondern angeborenes Wesen; die Theorie kam später, als schon vollendete Meisterwerke, wie Tannhäuser und Lohengrin, entstanden waren. Auch hier gilt:

Erst Empfindung, dann Gedanken,
Erst ins Weite, dann zu Schranken.

Den Grundzug — das zugleich Unterscheidende, schöpferisch Neue und Unvergleichliche — an Wagner's Kunstwerk bildet die Übereinstimmung zwischen dem Tongebilde und dem Augengebilde: das Gesehene und das Gehörte entstehen bei ihm zugleich aus den unbewußten Tiefen des Gemütes und können nur durch Gewalt — besser gesagt durch Vergewaltigung — voneinander geschieden werden: man hört seine Musik nicht — oder nur gleichsam ein Echo davon — wenn man das Bild nicht erblickt, dessen Seele sie bildet, und das Bild erblickt man erst in seiner Bedeutung als verklärte, höhere Wirklichkeit, wenn die tönende Innenseite des Geschauten sich dem Ohre kundgibt. Wie manchem ist es nicht schon als ein Lapsus der Schöpfungsgeschichte aufgefallen, wenn Gott nur spricht: Es werde Licht! — als sei mit dem einen Sinn des Gesichts alles gegeben. Mit wunderbarer Feinheit hat das Goethe empfunden und ausgesprochen, als er zu jenem erschaffenden Worte hinzufügt:

Da erklang ein schmerzlich Ach!
Als das All mit Machtgebärde
In die Wirklichkeiten brach.

Ich wüßte keine eindringlichere Veranschaulichung des poetischen Schaffens unseres Meisters als diese Worte: zu jedem „Es werde!“   e r k l i n g t   bei ihm mit Naturnotwendigkeit ein Vernehmbares; kein Bild „bricht“ für ihn „in die Wirklichkeit“, außer es erweist sich als solche durch ihm entfließenden Tongehalt. Das Gesagte gilt,

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wie von der Grundidee jedes seiner Dramen — weswegen sich auch jedes durch einen besonderen Stil von jedem anderen unterscheidet — so auch von jeder letzten Einzelheit der erblickten und vernommenen Vorgänge. Daher die Unfähigkeit unserer Operntheater, diese Werke zur Darstellung zu bringen, da es eine Sinnwidrigkeit ist, wenn Gebärden oder szenische Bewegungen vorkommen, welche Musik nicht als „Wirklichkeiten“ kundgibt, und eine ebensolche Sinnwidrigkeit, wenn der Tonkörper diese Wirklichkeiten laut verkündet und das Auge leer ausgeht. Was man den „Bayreuther Stil“ nennt, ist nichts anderes als der Versuch, die Übereinstimmung zwischen Augenbild und Tonkörper — im Großen und im Kleinen — durchzuführen, womit erst ein Drama Wagner's tatsächliches Dasein gewinnt. Diese Übereinstimmung bildet, wie gesagt, die Grundfeste, auf der das neue Werk ruht. Dahingegen kommt das Wort — sowie alles was durch Worte ausgedrückt wird — auf eine andere Ebene zu stehen. Denn wenn Wagner, als er Bewußtsein in sein eigenes