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MEIN WEG NACH BAYREUT BRIEF AN EINEN DEUTSCHEN FÜRSTEN DA
WO WIR
LIEBEN
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IST VATERLAND! G O E T H E Leere Seite 159 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Zur Einführung - Die Sonne meines Lebens. Durchlauchtigster Fürst! * 160 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. seinem Blicke erreichbaren Erscheinungen der geistigen Welt einen Maßstab erhielt — Dinge, die, abgesehen von dem relativen Wert, über den in jedem einzelnen Falle verschiedene Urteile zulässig sind, außerdem einen absoluten Wert besitzen, da von ihnen die Fähigkeit zu Gestaltung abhängt — Gestaltung des Lebens, Gestaltung von Werken des Geistes: verwandtere Dinge, als manche vermuten. Die Sonne meines Lebens war und ist: R i c h a r d W a g n e r. Hiermit will ich keine alltägliche abgeleierte Phrase ausgesprochen haben; vielmehr verstehe ich diesen Ausspruch — Richard Wagner ist meine S o n n e — in dem buchstäblichen Sinne einer wahren symbolischen Gleichheit. Wie auch Natur und Geist verwandt und wie verschieden sie auch sein mögen, ganz sicher ist es, daß kosmische Gesetzmäßigkeit des Naturgeschehens in allem geistigen Tun ein Analogon findet, und daß in dem einen wie in dem anderen Fall das Wort Goethe's Geltung besitzt: Und
das Gesetz nur kann
uns
Freiheit geben.
Engen wir aber jetzt den Blick ein wenig und fragen uns: was schenkt uns die Sonne, außer dem genannten unermeßlichen Gut einer kosmischen Zusammengehörigkeit, für besonderen, eigenen Segen? so lautet die Antwort: sie schenkt uns Licht und Wärme. Indem über die bisher nur dunkel betastete Welt Licht erstrahlt, mit anderen Worten, Augen geöffnet werden, erhalten wir Nähe und Ferne, Höhe und Tiefe, d. h. eine Welt der Beziehungen, und zwar nicht allein der Beziehungen zu uns, sondern der Beziehungen der Erscheinungen untereinander: ein Ganzes wird aufgebaut. Zugleich jedoch mit der Aufhellung der vorangegangenen Dunkelheit schenkt uns die Sonne ein neues Dunkles, nicht wieder als umklammernde, beängstigende Umgebung, sondern in Tiefen der Erde und der Menschenbrust verborgen, jene Wärme, die auf ewig geheimnisvollen Wegen Neues ins Dasein ruft: Was
lebt und wiederlebt.
Und genau das alles ist es, was Richard Wagner für mich getan hat: er schenkte mir den archimedischen Ankerpunkt im Raume, er schenkte meinen Augen das gestaltende Licht, meinem Herzen die treibende Wärme. Freilich hatte ich schon als Knabe Shakespeare 161 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. kennen gelernt und war in eine Art kindlicher Raserei der Begeisterung über seine Werke geraten (siehe S. 39), zu einer Zeit also, wo mir nicht einmal der N a m e Richard Wagner bekannt war; auch wurde ich durch Beethoven's magische Kunst in das innerste Heiligtum der Musik eingeführt, ehe ein Ton Richard Wagner's mein Ohr erreicht hatte: doch bilden diese Erfahrungen Vorstufen auf dem Wege zu dem Verhältnis, das ich anzudeuten hier mich bestrebe. Von weit her kam ich, und die Annäherung an meine Sonne geschah nur nach und nach, auf verschlungenen Wegen. Gerade zur Zeit, als ich ihr tagtäglich näher zog, war mein Geist fast ganz angefüllt von naturwissenschaftlichen Interessen — weilte also auf einem Gebiet, das dem Bayreuther Meister besonders fern lag: unmittelbar aus meinem pflanzenphysiologischen Laboratorium (vergl. S. 232) brach ich 1882 zum erstenmal nach Bayreuth auf! Aber auch späterhin hat mich sowohl das, was mir an Begabung fehlte, wie auch die besondere Art der mir zuteil gewordenen Begabung — beides — eigene Bahnen gewiesen. Um nur zwei Namen zu nennen: zu wiederholten Malen habe ich den Werken Immanuel Kant's jahrelange Studien gewidmet und muß wohl diesen Mann als den eigentlichen Meister meines Denkens bezeichnen; in Goethe aber habe ich mich dermaßen hineingelebt, daß ich seine tägliche Gegenwart ebensowenig entbehren kann wie die der Luft: Verschwinde
mir des Lebens
Atemkraft,
Wenn ich mich je von dir zurückgewöhne! Dazu nenne ich noch die bis heute fortdauernde Beschäftigung mit den Hauptproblemen der Naturwissenschaft, die angeborene Vorliebe für Mathematik, die umfangreichen historischen und theologischen Studien, die selten unterbrochene Befassung mit englischer und mit französischer Literatur.... was alles zusammengenommen eine wesentlich anders gefärbte geistige Welt ausmacht als die Wagner's. Trotz alledem behält das Wort von der „Sonne“ seine buchstäbliche Richtigkeit. Denn die entscheidende Wendung meines Lebens war die zum D e u t s c h t u m: ich schloß mich dem deutschen „System“ an — wenn ich im astronomischen Bilde weiter reden darf — und in dessen Mittelpunkt stand Richard Wagner. 162 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. Dieser Vorgang der Annäherung an das Deutschtum — Jahre umfassend — geschah rein instinktiv und ist für mich selbst in seinen bestimmenden Veranlassungen bis zum heutigen Tage ein Geheimnis geblieben. Ich stammelte erst ein gebrochenes Deutsch und schon empfand ich diese Sprache als die meinige; ich kannte nur die Jungfrau von Orleans, Egmont und einige Gedichte — und schon war mein Herz deutscher Poesie gewonnen; deutsches Denken, deutsche Wissenschaft — wenngleich nur in einigen halbverstandenen Brocken mir zugänglich — gaben die Vorahnung alles Weiteren und rissen mich unwiderstehlich mit. Da war es nun von entscheidender Wichtigkeit, daß ich früh Fühlung mit Wagner bekam. Auch hier alles Bruchstück, wie es der Zufall brachte — aber sofort und für immer entscheidend. Denn hier fand ich, im Gegensatz zu den mehr kosmopolitischen Tendenzen der früher Genannten, das im Kampfe gegen eine inzwischen zu Kraft gelangte feindliche Welt zum erstenmal vollkommen entwickelte D e u t s c h b e w u ß t s e i n. Das war der Mann, nach dem ich unwillkürlich suchte, der Mann der meinem Sehnen Richtung und meinem Ahnen Gestalt gab. Mit einer Sonne verhält es sich nämlich genau ebenso wie mit einem Baume: dieser steht um so unerschütterlicher, je weiter umher und je tiefer in die Erde hinein er nach allen Richtungen hin seine Wurzeln senkt; ebenso sicher ruht nun diejenige Sonne, die zu anderen, größeren Sonnen in Beziehung steht, deren Anziehungskraft sie gleichsam festverankert im Raume schwebend erhält. Das trifft in hohem Maße bei Richard Wagner zu. Der stets im Kampf begriffene Mann schöpft seine Kraft — neben der innewohnenden eigenen Schöpfergewalt — aus einer Anzahl unerschütterlicher Ankerpunkte: so die Überzeugung von dem Wesen und der Bestimmung des Deutschtums, die Versenkung in die Kunst der Hellenen, Shakespeare's und Calderon's, die Erkenntnis, daß in Beethoven eine neue Offenbarung künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten uns gegeben ist usw. Ein solcher Mann kann nicht irre gemacht werden, eine solche Sonne wankt nicht. Heil denen, die Glück und Verstand schon in jungen Jahren in den Anziehungsbezirk eines derartigen Gestirnes führen! Da gab's für mich kein langes Zögern: so allumfassend ich auch das Deutschtum empfand; als seine Sonne erkannte ich den Schöpfer der Meistersinger und wußte fortan 163 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. auf immer, wo und wie man „gute Geister bannt“. Ich will nicht sagen, der R u h e p u n k t war gefunden, das könnte Mißverständnis veranlassen; es war aber der f e s t e M i t t e l p u n k t nunmehr gegeben, um den mein bisher im Dunkeln irrendes und tappendes Sehnen und Suchen fortan unbeirrt kreisen und sich zu einem Leben gestalten konnte. Gar viele Unerfahrene und Unbelehrbare gibt es, welche die Nähe eines solchen Geistes fliehen, anstatt sie zu suchen; sie fürchten für die Selbständigkeit ihres Eigenwesens, sie glauben ein gewisses Etwas, das sie ihre „Originalität“ zu nennen belieben, gefährdet, kurz, sie scheuen die Gegenwart einer übermäßigen Kraft; sehr mit Unrecht! denn, wie Goethe uns lehrt: Mit
Kleinen tut man kleine
Taten,
Mit Großen wird der Kleine groß. Eine Originalität, die durch die Berührung eines bedeutenden Geistes aufgelöst wird, war nur Schein und Selbstbetrug: Kraft schenkt immer Kraft; es ist nicht anders möglich. Was ein Wagner — wie vor ihm ein Goethe — aus den Menschen machte, die ihn umgaben, grenzt ans Fabelhafte; ich selber bin fast irre geworden, wenn ich Leistungen gewahr wurde, die sich daher leiteten und um das Hundertfache das angeborene Können des Betreffenden überboten: es hatte eine tatsächliche Umwandlung des Wesens durch Zufluß aus dem reicheren, glutvolleren Geist in den anderen stattgefunden. Diese Wirkung der unmittelbaren Gegenwart des Genius läßt sich freilich aus den verwaisten Werken und Weisungen nur unvollkommen gewinnen; doch nahe verwandt ist diejenige, die aus einer inbrünstigen Hingabe an sie erfolgt. Nicht allein die Hexe von Endor vermag es, unsere Großen aus dem Schattenreiche emporzurufen: eine der reichsten Segnungen Gottes ist es, daß sie ewig weiterleben denen, die durch reines Wollen es verdienen; Shakespeare und Homer veralten nie, Plato beginnen wir erst heute in seinen tiefsten Gedanken zu erfassen, Luther trägt noch die Fahne voran, und jeder, der Wagner's Schaffen und Sehnen erfaßt hat, weiß, daß sein Tag erst künftigen Geschlechtern aufdämmern kann, und zwar einzig, wenn Solche kommen, die dessen würdig sind. Von uns also hängt es ab, 164 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. ob der Genius lebenzeugend weiter wirkt, oder ob er im Staub unserer Archive und unserer Hirne vermodert. Für mich kam hinzu, daß ich den Weltengenius doch „erlebt“ habe. Nur zwei Jahre früher geboren — ich hätte den ersten Festspielen des Jahres 1876 beigewohnt und darf voraussetzen, daß meiner jugendlichen Begeisterung der Weg in den inneren Kreis nicht verschlossen geblieben wäre; nun traf ich freilich erst in letzter Stunde ein: doch habe ich das Antlitz aus nächster Nähe betrachten dürfen, und als ich das nie zu beschreibende Heranschreiten zum erstenmal erschaute, stand mir das Herz still. Auch die Stimme vernahm ich wiederholt — sowohl ergreifend wie auch heiter — und sie hallt mir seitdem im Ohr. Das sind Erlebnisse, fähig über alle Jahre des Daseins eine Weihe zu verbreiten, eine Loslösung vom Alltäglichen, wie sie sonst nie hätte bewirkt werden können. Der spanische Maler Roger de Egusquiza, der dem Meister in den letzten Tagen seines Lebens näher treten durfte, sagte mir in seiner energischen Weise: „Wer Wagner gekannt hat, dem erscheinen alle anderen Menschen wie Porzellanpuppen mit Stroh ausgestopft.“ Es ist gewiß von nicht geringer Bedeutung für die volle Wirksamkeit der Werke und Worte eines solchen Mannes, ihn selbst erlebt zu haben: denn nun hört man seine Stimme, sieht man sein Auge und erblickt die energisch himmelwärts gerichtete Wendung seines Hauptes, und es ist einem zumute, als entspränge noch heute jeder Ton, jedes Wort mit der unmittelbaren Kraft des Schöpferaugenblickes soeben erst dem Meistergeiste. Für nichts danke ich Gott inbrünstiger, als daß er mir dieses Glück zuteil werden ließ. Zum Beschluß dieser vorausgeschickten Betrachtung über den „Brennpunkt“ meiner künstlerischen Erlebnisse lassen Sie mich hinzufügen: dieses Glück ist ein ungetrübt reines geblieben, denn niemals hat mein Glaube an Wagner gewankt. Ich erinnere mich, daß im Sommer 1876, als ich von ihm noch fast gar nichts wußte und nichtsdestoweniger mit leidenschaftlichster Teilnahme dem Verlauf der Festspiele aus der Ferne folgte, ein würdiger alter Deutscher, der meine Neigung gemerkt hatte, plötzlich wie wütend über mich herfiel, den Meister und sein Werk in Grund und Boden schlecht machte und mit dem Ausruf endete: „Gottlob hat das völlige Fiasko der Festspiele diesem Getriebe ein für allemal ein 165 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens. Ende gemacht; Richard Wagner ist erledigt!“ Der Freund, an dessen Seite ich saß, fragte mich leise: „Warum sind Sie denn ganz verstummt?“ Ich antwortete: „Ü b e r W a g n e r s t r e i t e t m a n n i c h t.“ Für mich stand er schon damals fest und leuchtend und ewig unauslöschbar am Himmel wie die Sonne. In sonstigen Beziehungen hat die verwickelte und widerspruchsvolle Lage, in die ich hineingeboren wurde, manche Schwankung verursacht: mein Herz zwischen verschiedene Nationen geteilt — namentlich neben der Liebe zu Deutschland die unüberwindliche Neigung zum Lande meiner Kindheit, Frankreich; meine Interessen so vielseitig, daß ich ein halbes Jahrtausend hätte leben müssen, um ihnen allen gerecht zu werden; da kann es nicht wundernehmen, wenn es ziemlich lange dauerte, ehe ich einen bestimmten Weg einschlug, und wenn es mir auch heute manchmal schmerzlich schwer fällt, dem einen zu entsagen, um dem anderen genug zu tun. Wagner gegenüber kam es niemals zu einem inneren Widerstreit. Als der Knabe zum erstenmal den Namen vernahm — zu einer Zeit, als er keine Ahnung besaß, was der Name zu bedeuten hatte, und niemand um ihn war, fähig, ihn darüber aufzuklären — da grub sich nichtsdestoweniger dieser Name unauslöschlich in sein Gedächtnis ein wie die geheimnisvolle Verheißung künftigen Segens; als später der Jüngling, der deutschen Sprache noch unvollkommen mächtig, als Allererstes die Dichtung zum Ring mühsam entzifferte, da wußte er sofort, ein dichterischer Gestalter, ebenbürtig den meisterlichsten der Weltgeschichte, stehe vor ihm; als dann die Sehnsucht, von der Musik dieses Werkes einige Vorstellung zu gewinnen, dazu führte, daß er sich die ihm unbekannte Notenschrift zeigen ließ und auf einer Dorforgel das sogenannte Schwertmotiv — als das Leichteste — sich vorführte, da genügten diese wenigen Töne, den Eindruck des Naturgewaltigen, das dieses Werk kennzeichnet, bestimmend hervorzurufen.... Hier hat sich Schritt für Schritt das Wort Schiller's bewährt über „den Weg, der zurückgelegt ist, sobald er eingeschlagen wird“. Vom ersten Augenblick an stand immer alles klar und zweifellos da. Kamen später, nach Jahren intensivster Beschäftigung mit dem Meister und seinem Werk, Jahre, deren anderweitige Ansprüche wenig Muße übrig ließen — das Gefühl der Nähe erlitt darunter keine Einbuße; vielmehr stieg die Inbrunst des Empfindens 166 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die Sonne meines Lebens - Erinnerungen aus den Kinderjahren. mit der Zeit bis zu einem solchen Punkte, daß ich fast unfähig ward, einen Brief aus dieser Feder zu lesen, so schmerzlich erhebt die Seele im Mitgefühl. Derartigen Dingen gegenüber versagen Willkür und Zufall; hier waltet ein Sternengebot. Und so war es denn auch nicht Zufall, wenn das Schicksal mir für den Lebensabend Bayreuth als Heimat bestimmte: Gesellend
mich den ewig
teuren
Geistern,
Den stets beredten, unerreichten Meistern. Daß es sich um eine echte E r i n n e r u n g handelt, dessen bin ich überzeugt, weil der Vorfall nichts enthält, was einem der 167 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. Zeugen hätte bemerkenswert erscheinen können, um dann, als Erzählung weitergegeben, sich in meiner Phantasie zu einem Gedächtnisbild umzuwandeln. Schon in frühen Jahren habe ich wiederholt mit der Tante, die Mutterstelle bei mir vertrat, über den Vorfall gesprochen, und auch sie war der Meinung, es handle sich um ein Erlebtes, namentlich weil die Stube und die Aufstellung der Möbel, die ich schilderte, einer Wohnung in Versailles genau entsprachen, die wir verließen, als ich zwei Jahre alt war, und die ich niemals wieder betreten habe. Diese Einzelheiten würde ich nicht so umständlich aufzählen, fände ich nicht in dem gemeldeten Vorgang zugleich etwas Bemerkenswertes und etwas Bezeichnendes: bemerkenswert im allgemeinen, weil man sich fragt, wie es zugeht, daß dem Hirn ein einzelner und einziger solcher Augenblick für immer eingeprägt, während alles was vorherging und — auf lange Zeit — alles was nachfolgte, völlig ausgelöscht bleibt, als wäre es nicht gewesen; bezeichnend für den Einzelnen, insofern es einen naiv-überzeugenden Beweis von der Macht der Töne auf sein Gemüt gibt. Waren anderthalb Jahre vergangen, ehe dieser Eindruck als erster dauernde Gestalt gewann, so vergingen jetzt wieder anderthalb Jahre, die nicht eine Spur in meinem Gedächtnis hinterlassen haben. Der nächste große Eindruck war ein kosmischer: in meinem Brief an Baron Uexküll habe ich einiges darüber mitgeteilt (vergl. S. 70); der herrliche Komet, der Ende September 1858 — kurz nach Vollendung meines dritten Lebensjahres — am Himmel erstrahlte, ist ein lebendiger Bestandteil meiner Vorstellungswelt geblieben. Somit werden mit den beiden ersten bleibenden Eindrücken gleichsam die zwei Grundakkorde meiner geistigen Hauptanlagen angeschlagen: die Empfänglichkeit für Musik und die Hingabe an die Betrachtung der Natur, namentlich der Sternenwelt. Fragt man sich, was hier Ursache und was Wirkung ist, so weiß ich nicht zu antworten: waren es die Eindrücke, welche dem Geist die Richtung gaben? oder hat der Geist deswegen gerade diese Eindrücke in sein Innerstes verwoben, weil er von Hause aus für sie besonders empfänglich war? Von jetzt an häufen sich Erinnerungen aller Art — so könnte ich z. B. meinen vierten Geburtstag mit allen Einzelheiten vom 168 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. Erwachen bis zum Schlafengehen schildern; doch sind solche Erinnerungen mehr chronistischer als gemütsbewegender Art; für den Gegenstand dieses Briefes ist ihre Bedeutung gering. Von Poesie gelangte leider die wunderbare deutsche Märchenwelt nicht an mein Kinderohr; ich schwelgte in den manierierten Bearbeitungen Perrault's und in den sentimentalen Paraphrasen der Engländer. Zwei Märchen gingen mir über alles: Der unsichtbare Prinz und Beauty and the Beast (Die Schöne und das Ungeheuer); sie mag ich viele hundertmal gelesen haben, ihr Reiz blieb unerschöpflich. Auch kannte ich die Tausend und eine Nacht und Gulliver's Reisen derartig auswendig, daß es mir später in der Schule zur Last wurde, da ich Tag für Tag vorerzählen mußte. — Musik bekam man bei uns wenig oder gar nicht zu hören. Eine einzige meiner Tanten hatte eine gute musikalische Ausbildung genossen; leider aber war diese Tante inzwischen stocktaub geworden; nur einmal sah ich sie am Klavier, und das endete mit Tränenfluten, da sie ihre überlaute Paukerei selber nicht hörte. Von unseren verschiedenen Erzieherinnen war keine musikalisch. Einzig mein ältester Bruder erhielt andauernd Klavier-Unterricht, wovon mir folgende Episode unvergeßlich blieb. Eines Tages mißfiel mir das, was er mit seinem Lehrer übte, dermaßen, daß ich mit dem Ungestüm, das meine Kinderjahre auszeichnete, dazwischen rief: Was ist denn das für scheußliches Zeug? Worauf ich ernst zur Ruhe ermahnt wurde mit dem Zusatz: „Das ist k l a s s i s c h e M u s i k, und davon verstehst Du Knirps nichts!“ Doch besaß ich einen ziemlichen Vorrat an Dreistigkeit und bestand darauf, zu erfahren, von wem diese mir widerwärtige „klassische“ Musik sei. Und siehe da! diese feierlichen Bemühungen galten Meyerbeer's Propheten, den der bevorzugte Erstgeborene an der Pariser Oper erlebt hatte! Mitten in diesen Jahren der künstlerischen Einöde und der geistigen Anregungslosigkeit ereignete sich ein Vorfall, der auf die Ausgestaltung meiner Seele dauernden Einfluß ausüben sollte. Da es sich um einen Vorfall in innersten Tiefen des Gemütes handelt, so wird es nicht leicht fallen, ihn zu schildern; am besten wohl, ich deute die äußeren Umstände an, die zu ihm hinführten; verwandten Gemütern wird vielleicht hierdurch der Weg gewiesen. 169 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. Hinter dem Hause in Versailles, in welchem meine Großmutter ein Stockwerk bewohnte, dehnte sich ein großer Garten aus: an einem Vormittag — ich mochte wohl damals ungefähr 8 Jahre zählen — rannte ich im Sturmschritt einen steilen Hügel hinab, Hand in Hand mit einem achtzehnjährigen französischen Abiturienten; wie es geschah, weiß ich nicht, wir kamen aber beide jäh zu Falle; der junge Mann sprang behend auf und reichte mir die Hand, damit ich das Gleiche tue; als ich aber auftrat, fiel ich vor Schmerz in tiefe Ohnmacht. Der erschrockene Jüngling faßte mich in seine Arme auf und eilte durch den Garten mit mir ins Haus. Unterwegs begannen die Sinne mir wiederzukehren; denn ich erinnere mich genau, die anderen Kinder gesehen zu haben, wie sie an einem Turnreck spielten; mir war zumute, als sei ich schon tot und blicke vom Jenseits auf sie herab. Ich wurde sofort in dem ruhig abseits gelegenen „Spitalzimmer“ ins Bett gebracht; starkes Erbrechen trat ein; der Arzt kam und stellte eine Erschütterung, aber keine bedenkliche Verletzung fest; bald trat langer, tiefer Schlaf ein. Wie recht haben unsere weisen Stammesverwandten, die arischen Inder, wenn sie zwischen dem Oberflächenschlaf und dem Tiefschlaf unterscheiden! Letzterer gleicht einer Lostrennung von dieser Welt und einer Rückkehr in eine ferne Urheimat. Zu dieser Gattung gehörte an jenem Nachmittag mein Schlaf. Hier muß ich aber ergänzend mitteilen, daß ich mein ganzes Leben hindurch ein ungewöhnlich lebhafter Träumer gewesen bin — so sehr, daß ich behaupten darf, ich habe neben dem wachen Leben ein Traumleben geführt, ein Traumleben mit eigenen Städten, die ich im Traume wiedererkenne, nie aber im Wachen gesehen habe, mit eigenen Gebirgslandschaften, Flüssen und Meeren und namentlich stets mit einer wimmelnden Fülle bekannter und unbekannter Menschen — was auffallen muß bei einem Manne, der von jung auf zurückgezogen wie nur Wenige und häufig einsam gelebt hat. Schon als ganz kleines Kind träumte ich so ereignisreiche, lebhafte Träume, daß ich manche noch heute erzählen könnte. Diese Dinge betone ich, weil ich überzeugt bin, die Erschütterung, der Schmerz, die Ohnmacht, die Schwächung, der Tiefschlaf und die angeborene Traumphantastik müssen zu dem nun folgenden Vorfall — ein jedes für seinen Teil — beigetragen haben. Bei 170 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. dem Übergang nämlich aus dem traumlosen Tiefschlaf in die Welt des Traumes entstand diesmal ein gewisses Etwas, das meiner Kinderseele bisher unbekannt gewesen war und das ich nicht anders zu bezeichnen weiß, denn als ein Gefühl des Erhabenen. Gestalten gesehen zu haben, erinnere ich mich nicht; aus Tiefen eines unermeßlichen Hintergrundes aber brach ein überirdisches, blendendes Licht hervor, welches den Raum zugleich tönend auszufüllen schien. Als ich viele Jahre später bei Goethe die Worte las: „Ungeheures Getöse verkündet das Herannahen der Sonne“, fiel mir sofort als Deutung der rätselhaften Anweisung mein damaliger Traum ein. Dem Knaben hatten stets die Posaunen von Jericho und die Trompeten des Weltgerichts starken Eindruck gemacht; jetzt war ihm zumute, als erlebe er den Aufgang oder den Untergang der Welt: es war das Anstaunen eines Unbegreifbaren. Dieses Anstaunen ging in Schrecken und hämmerndes Herzpochen über, als er — bei zunehmendem Erwachen — in der Welt des Bewußtseins das Gleiche zu vernehmen wähnte, was in der Welt des Traumes ihn erhoben und erschüttert hatte: denn, kein Zweifel! sie erklangen wirklich, die überirdischen Töne der Posaunen und Trompeten! Welch'
Getöse bringt
das
Licht!
Es trompetet, es posaunet, Auge blinzt und Ohr erstaunet, Unerhörtes hört sich nicht. Wahrscheinlich handelte es sich bei den aufeinanderfolgenden Zuständen nur um Sekunden; mir jedoch waren sie derartig von Eindrücken ausgefüllt, daß sie zu langen Zeiträumen auswuchsen. Nur ganz allmählich begriff ich, daß die Kaiserlichen Gardekürassiere, ihren Bläserchor voran, an den Fenstern vorüberritten. Und nun fand eine vollkommene Transposition aller der oben genannten Bilder und Empfindungen aus einer Welt in die andere statt — ein Vorgang, für den uns die heutige Elektrizität die Allegorie der Verwandlung eines Stromes in einen anders gearteten Strom durch den sogenannten „Transformator“ bietet: fort war das himmlische Licht — „das Flammen-Übermaß“ —‚ fort der aufsteigende Tag, die posaunenden Engel, die Erhabenheit und der Schreck; namen- 171 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. loses Weh drang plötzlich ins Herz ein und füllte es schier bis zum Zerbrechen aus. Daß kein Mensch auf Erden weniger als ich zum „Weltschmerz“ neigt, das bezeugen Sie mir gewiß, mein Fürst; nicht allein verabscheue ich die weinerlichen Heucheleien angeblich „deutscher“ Dichterlinge, sondern auch bei dem wahrhaften Dichtergenius Byron schätze ich den frivolen „Don Juan“ tausendmal höher als den weltschmerzlichen „Manfred“. In jenem Augenblick aber hat mein unschuldiges Kinderherz wahren Weltschmerz gekannt; es war ein Gefühl der Trauer, für das es keine Worte gibt. Wie aller Weltschmerz, wurzelte auch dieser im eigenen „Ich“: es überkam mich ein Gefühl der Unzulänglichkeit, der Verlassenheit, der Hoffnungslosigkeit, als hätte sich mir urplötzlich der Inbegriff pessimistischer Lebensahnungen aufgetan! Nichts von alledem d a c h t e natürlich das Kind; ich aber, der Mann, kann nicht anders als mit Worten der Reife zu beschreiben suchen, was die Seele des Unreifen zu bitterem Tränenausbruch trieb. Und ich darf es um so eher, als dieser Daseinsmoment, desgleichen ich nie wieder erfuhr, mich durchs ganze Leben begleitet und somit an allen seinen Entwickelungsstufen teilgenommen hat. Als ich später bei Schopenhauer und bei Wagner unergründliche Worte über die Musik als Offenbarerin des verborgenen Wesens der Welt las, habe ich mich stets an jenen Augenblick erinnert und aus ihm greifbare Deutung des dem Verstande Unbegreiflichen gesucht. Ich war ein glückliches Kind, das unter vornehm gesinnten, guten Menschen aufwuchs; es bedarf keiner Versicherung, daß das eben geschilderte Erlebnis der heiteren Arglosigkeit des unschuldigen Gemütes nur auf wenige Augenblicke Eintrag tat. Man soll aber deswegen doch nicht die Bedeutung des Erlebnisses unterschätzen: zunächst handelte es sich freilich um keine Umwandlung und kein Wachsen, wohl aber um das Versenken in unsichtbare Tiefen eines Keims, der an dem Aufbau der Persönlichkeit teilhatte. Die Ahnung dessen, was Goethe nennt: Den
Götter-Wert der
Töne wie der
Tränen
war mir hinfürder eigen. Und nannte ich vorher den Seelenschmerz allein — weil ich in der Tat im Augenblicke nur den fühlte — so glaube ich nicht zu irren, wenn ich eine entschiedene Verselb- 172 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. ständigung und insofern auch Kräftigung des Wesens auf die Eindrücke dieses Augenblickes zurückführe. Zu diesem rein inneren Erlebnis gesellte sich bald darauf ein äußeres, das mich zum erstenmal in Beziehung zu großer Musik brachte. Ein Onkel aus Indien weilte auf Urlaub bei uns in Versailles mit seiner Gattin; die guten Leute waren in künstlerischen Dingen ebenso unerfahren wie meine übrige Umgebung: doch hatten sie den Wunsch, die Nielsson zu hören, deren Ruhm damals die Blätter füllte; und so nahm er denn eine Loge in dem Théâtre des Italiens und ein übrigbleibender Stuhl wurde mir zugedacht. Das Glück war mir günstig: es wurde Mozart's Don Giovanni gegeben. Unvorbereiteter ist nie ein Mensch vor ein solches Werk gebracht worden: weder von den Vorgängen des Stückes (die übrigens einem Kinde unverständlich bleiben), noch von der Musik wußte ich irgend etwas, den Namen Mozart hatte ich nie gehört, kurz, ich war ein weißes Blatt. Der Eindruck — trotzdem gar vieles in der Handlung und in der Tongestaltung mir undeutlich blieb — war ein eingreifender und hat die Liebe zur Musik in meinem Herzen geweckt. Noch niemals hatte ich ein Streichorchester gehört und erinnere mich, welch sprachloses Staunen die Ouvertüre mir verursachte; namentlich jene Stelle, wo die Hälfte der Streicher eine Figur piano durchführt, worauf die Bläser fortissimo einfallen, regte mich derart auf, daß die Tante mich mit beiden Händen am Rocke faßte, aus Angst, ich würde über die Brüstung fallen. Unvergeßlich ist mir der sehr beleibte Leporello und sein „nott' e giorno travagliar“, wie auch sein Spiel in der Szene am Grabe des Komturs; das hellste Entzücken weckte mir aber Zerlinens „batti, batti, bel Mazetto!“. Stürmisch verlangte ich am nächsten Morgen, Klavierunterricht zu bekommen, und es dauerte nicht lange, so waren meine Hausgenossen durch das unaufhörliche „batti, batti, bel Mazetto“ an den Rand der Verzweiflung gebracht! Leider wurde besagter Klavierunterricht ohne jede Folgerichtigkeit von dieser oder jener unfähigen Gouvernante erteilt, nie von einem richtigen Klavierlehrer, und als ich kurz darauf nach England in die Schule kam, war's aus mit aller Unterweisung in der Musik. Eine kleine Episode muß ich hier einfügen; sie gehört in die selbe Zeit. Zweimal die Woche spielten Militärkapellen in dem 173 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. Schloßpark zu Versailles; was ich hörte, machte mir wenig Eindruck. Ein einzigesmal war ich derartig hingerissen von der bezaubernden Schönheit eines Stückes, daß ich meine angeborene Scheu überwand und an die Musiker herantrat mit der Frage, was sie gespielt hätten? Die Antwort lautete: „L'ouverture des Noces de Figaro de Mozart“. So kann ich denn ohne Übertreibung sagen, daß ich als Kind von Mozart allein in der Musik beglückende, dauernde Eindrücke empfing. Später, als ich des Bayreuther Meisters Wort über den „Licht- und Liebes-Genius“ kennen lernte, durfte ich dies für eine besonders glückliche Fügung halten. In meinem elften Jahre kam ich nach England in die Schule. Dort hatte ich gehofft, regelmäßigen Klavierunterricht zu erhalten — eine Hoffnung, die gründlich fehlschlug. In der kleinen Privatschule, der ich das erste Jahr angehörte, gab es überhaupt kein Musikinstrument; dann wurde ich in eines der bekannten großen englischen Institute, Cheltenham College, gebracht und mit Entzücken las ich auf dem Prospekt: „Auf Wunsch der Eltern erteilt der Organist der Schulkirche Musikunterricht.“ Auf der Reise versprach mir mein guter Vater, mir diesen Unterricht zu verschaffen; doch warf der Hauptlehrer heftig ein: „Was soll Musik für einen M a n n!?“ Und als mein Vater, seinem Versprechen gemäß, meine große Liebe für diese Kunst und meine gute Begabung einwarf, erwiderte der gelehrte clergyman einigermaßen entrüstet: es sei tausendmal besser, ein Junge tummle sich bei cricket und football herum, als daß er am Klavier hocke... kurz, wir mußten uns fügen. Wie ich dann herausbekam, nahm von 750 Zöglingen ein einziger Musikunterricht; dieser einzige wurde dadurch mein Freund, und oft habe ich an der verschlossenen Kapelltüre gestanden, während er mit seinem Lehrer die Orgel übte. Für mich schwand damit die letzte Hoffnung auf musikalische Ausbildung; denn bald darauf erkrankte ich, und es begannen Jahre eines wandernden Lebens von Kurort zu Kurort, wo an so etwas nicht zu denken war. Die Schulkirche in Cheltenham bot mir übrigens während jener kurzen Jahre doch einen musikalischen Genuß, indem die Sonntagsgottesdienste nach der Gregorianischen Tradition psalmodiert wurden. Namentlich der Abendgottesdienst im Halbdunkel mit hochhängenden brennenden Fackeln ergriff mein Gemüt tief, und zwar 174 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. vor allem der Gesang des Nunc dimittis, auf den ich mich die ganze Woche freute und bei dem ich meistens Tränen der Rührung vergoß. Rückblickend weiß ich mir nicht zu erklären, warum der Lobgesang des greisen Simeon den dreizehnjährigen Knaben so ganz besonders bewegte; jedenfalls trug der innige Glaube an die Nähe unseres Heilandes viel dazu bei; doch kam noch ein anderes hinzu — die Melancholie des Abschiedsgrußes, die mich immer wieder in die Stimmung jenes geheimnisvollen Erlebnisses aus dem achten Lebensjahr versetzte. Ehe diese kurzen englischen Schuljahre infolge Erkrankung jählings ein Ende fanden und ich den Boden der Insel, auf der keine Stunde wohl gewesen war, für immer verließ, geschah noch ein gewichtiger Schritt auf dem Wege nach Bayreuth. Wiederum handelte es sich nicht um irgendeine Förderung, die mir durch die Leiter meiner Erziehung zugeführt und planmäßig ausgebaut worden wäre, sondern um einen „Zufall“ — wenn ich auch nur ungern ein solches Wort hinschreibe, da ich eher an das mitleidsvolle Eingreifen eines freundlichen Lebensengels glauben möchte — einen Zufall aber, insofern die Wendung unvorbereitet eintraf und wegen mangelnder Aufsicht zunächst chaotisch wirkte. Da ich zum Offizier im Landheer bestimmt war, gehörte ich der „modernen“ Abteilung von Cheltenham College an, in der wir sehr viel Mathematik und gar keine Literatur trieben. Nun kam es eines Tages vor, daß der uns unterrichtende Lehrer plötzlich fort mußte und für entsprechenden Ersatz nicht gesorgt werden konnte, und da wurde unsere Klasse einem Lehrer aus der „klassischen“ Abteilung überwiesen, mit dem Auftrag, uns eine Stunde über beschäftigt zu halten. Dieser griff nun zu einem in der klassischen Abteilung gebrauchten englischen Lesebuch und gab uns auf, Bruchstücke aus dem Kaufmann von Venedig vorzulesen, zu analysieren und zu deuten. Eine einzige Stunde währte dieses Glück, das mir eine mir bis dahin völlig unbekannte, nie erträumte Welt offenbarte. Schon in dem Brief über meine Kindheit habe ich über meine Begeisterung für Shakespeare berichtet (S. 39). In Goethe's in den fünfziger Jahren ans Tageslicht gekommener Festrede Zum Shakespeare's Tag lesen wir: „Die erste Seite, die ich in Shakespeare las, machte mich auf Zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten 175 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert usw.“. Das war aber Goethe, Goethe im zweiundzwanzigsten Jahre, und wenn auch nicht gelehrt, so doch auserlesen vielseitig gebildet; schwer fällt es dagegen, sich vorzustellen, was einen dreizehn- und vierzehnjährigen Knaben — dazu ohne jede Spur literarischer Bildung — an Stücken, die er zu dreiviertel nicht verstehen konnte, dermaßen hinriß, daß er von Shakespeare wie besessen wurde, Tag und Nacht ihn in seinen Gedanken trug und innerhalb weniger Monate sämtliche Werke des großen Gestalters — einschließlich der Sonette und der Gedichte — durchgelesen oder vielmehr verschlungen hatte. Noch schwieriger wird mir die Deutung, wenn ich bedenke, daß der Sturm und das Wintermärchen — dazu noch in zweiter Reihe Wie es euch gefällt — seine anhaltendste Begeisterung erweckten, so daß er bald selber eine Tragödie entwarf, die ihre Eingebungen zum großen Teil aus diesen drei Stücken zog. Denn es ist auffallend, nicht wahr, daß einem Kinde die Werke der letzten, freiesten Reife den stärksten Eindruck machten? Von Eurer Hoheit erwarte ich Verständnis für eine Bemerkung, die ich kaum wagen würde, einer weiteren Öffentlichkeit vorzulegen. Schon seit vielen Jahren pflege ich nämlich im Kreise geistbegabter, kunstverwandter Menschen die Auffassung zu vertreten, daß die Musik — die dem englischen Volk als solche fehlt — in den Werken der englischen Dichter ertönt und daß Shakespeare ein großer Musiker ist. In der deutschen Übersetzung fallen allerdings dieser Musik die Schwingen ab, indem nicht allein tausend Klangwirkungen verloren gehen, sondern die Übersetzung eine auffallende Rationalisierung des gesamten Ausdruckes zur Folge hat. So genial das Werk Von Schlegel und Tieck auch ist, so fabelhaft getreu in der Festhaltung der dramatischen Hauptlinien, das Gesamtergebnis bleibt doch eine merkliche Ernüchterung, eine „Depoetisierung“, die in der einzelnen Zeile wenig ins Gewicht fällt, fortgesetzt aber den Eindruck des Originales wesentlich ändert, und zwar, wie gesagt, im Sinne einer Annäherung an die Prosa des gewöhnlichen Lebens und einer Kürzung jener ätherischen Beigaben, welche die Sprache und damit auch 176 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. die Gedanken und die Gestalten an so vielen Stellen in der Richtung gen Himmel emportragen. Hierbei handelt es sich durchaus nicht allein — nicht einmal vorwiegend — um die zahllosen Assonanzen, Alliterationen, Reimwirkungen usw., sondern hauptsächlich um die der englischen Sprache eigene, starke Suggestionskraft vieler Wörter, welche wie Opale in den verschiedensten Farben schillern, allerhand Gedankenverbindungen blitzartig aufrufen und somit — neben der buchstäblichen Bedeutung — eine Wirkung auf das Gemüt ausüben, die ich nur mit der Klangfarbe eines Instrumentes analogisch zu vergleichen weiß. Damit das Angedeutete auch einen wegeweisenden Inhalt bekomme, muß ich ein kurzes Beispiel einschalten: dazu sollen mir zwei Verse aus Hamlet's Monolog dienen. Englisch lauten sie: And
thus the native hue
of
resolution
Is sicklied o'er with the pale cast of thought. Schlegel übersetzt: Der
angebornen Farbe der
Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt. Herder — in seinem herrlichen Versuch Wäre Shakespeare unübersetzbar? — verdeutscht die selben zwei Verse folgendermaßen: Und
so das Jugendrot der
Herzentschließung
Wird übersiecht mit Trübsinns blassem Hauch. „Herzentschließung“ gibt entschieden das englische „resolution“ besser wieder als Schlegel's „Entschließung“, dem es an Gewicht fehlt; namentlich aber ist das „übersiecht“ eine glückliche Verdeutschung, durch welche die ausschlaggebende Wendung Shakespeare's — das sonst ungebräuchliche, aus keinem zweiten Beispiel bekannte „sicklied o'er“ — in deutschem Gewande wieder aufersteht. Dagegen geben die Worte „angeboren“ und „Gedanke“ Begriffe genau wieder, die bei Herder um ein geringes ins Schwanken geraten. Tut man aber nun die beiden Verdeutschungen zusammen — behält Herder's „übersiecht“ und Schlegel's „Gedankenblässe“ im Sinne sowie die „Herzentschließung“ — es fehlt noch immer jede Spur desjenigen Wortes, das bei Shakespeare hier die Tonart des Ganzen bestimmt, 177 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren. nämlich des Wortes „cast“, welches gleichsam die Tonica gibt zu dem vorangegangenen „hue“. Dieses „hue“ ist nämlich ein weit zarteres, poetischeres Gebilde als „Farbe“, und es war von Herder eine geniale Eingebung, es mit „Jugendrot“ in dieser seiner Feinheit anzudeuten: sehr wahrscheinlich schwebte ihm aus Milton's Paradise Lost der Vers vor: Celestial
rosy red,
love's
proper hue.
Diesem Begriff gegenüber tritt nun das „cast“ auf — ein Wort, das hier nach zwei Seiten schillert, indem es einerseits eine Farbenschattierung, also hier die Blässe an Stelle des angeborenen Jugendrotes, andrerseits aber einen Gipsabguß andeutet, wodurch die Vorstellung geweckt wird, daß, infolge der sorgenden Gedankenlast, des Antlitzes bewegliche Lebenszüge nach und nach zu einer todesverkündenden Maske erstarren. Über diese Dinge wären Bände zu schreiben. Die englische Sprache ist nämlich nicht allein eine gedrungene, harte, seelenlose, rein praktische Geschäftssprache, vielmehr ist sie außerdem eine Sprache der Ekstase, der Ahnungen, der nebelhaft grenzunsicheren Gefühle: die englische Poesie bezeugt das alles tausendfach, wie namentlich ein Blick auf die Gruppe um Shelley dartut. Bewirkt wird dies wohl hauptsächlich durch das eigenartige Gemisch germanischer und romanischer Sprachelemente, denen von ihrem ursprünglichen Wesen noch viel anhaftet, woraus ein Hinüber- und Herüberschillern erfolgt. Auch die Grammatik — an und für sich so durchsichtig — hat sich dieser gleichen Liebe für schwebende Formen anbequemt; zur Veranschaulichung nenne ich nur den einen kurzen Vers von Keats: A thing of beauty is a joy for ever, dessen ganzer Zauber in der Wendung „thing of beauty“ liegt, die aber, wohl betrachtet, sinnlos und gegen den Geist der Sprache gebildet ist. Alles das, was ich hier lakonisch andeute — denn dessen Ausführung würde sehr weit führen — schafft, sobald ein Dichter den Willen und die Fähigkeit dazu besitzt, einen poetischen Ausdruck, der gleichsam das intellektuelle Gegenstück bildet zu der Affektsprache der Musik; damit will ich sagen, daß eine Wirkung 178 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erinnerungen aus den Kinderjahren - Der Name „Richard Wagner“. erstrebt und von genialen Geistern in hohem Maße erreicht wird, die derjenigen eines Tongebildes in Absicht und Wirkung verwandt erscheint — und zwar durch Mittel, die in keiner anderen neueren Sprache zur Verfügung stehen. Shakespeare ist nun der vollkommene Meister aller Grade und Schattierungen dieser musikverwandten Ausdrucksfähigkeit. Dazu kommt noch ein anderes Element, welches besonders in den obengenannten Dramen deutlich und bisweilen überwältigend auftritt: die der Tondichtung nahe verwandte Architektonik des dramatischen Aufbaues. Es mag ein Hinweis auf die beiden Klaviersonaten Beethoven's in D-Moll (Op. 31, 2) und in F-Moll (Op. 57) genügen, die, wie bekannt, der leidenschaftlichen Vertiefung in Shakespeare's Sturm ihre Entstehung verdanken; ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, daß die von Shakespeare „musikalisch“ erfundene Handlung hier ihre Wiedergeburt oder Widerspiegelung im Reich der Töne erfährt....¹) Worauf ich hinaus will, ist die Mitteilung der Überzeugung, daß die sonst fast unerklärlich hinreißende Wirkung Shakespeare's auf den unreifen Knaben zum großen — vielleicht zum wesentlichen — Teile eine m u s i k a l i s c h e gewesen sein muß. Natürlich nahmen in den Stücken hundert Begebnisse sein Interesse gefangen, und die ganze Welt der plötzlich vor seinen unvorbereiteten Augen aufgerissenen Geschichte und Tragödie des Menschenwillens mußte Eindruck auf ihn machen; doch glaube ich, daß die Wertschätzung dieser Dinge nur nach und nach, mit den Jahren, eintrat, wogegen die andere Wirkung sich ebenso plötzlich, machtvoll und abseits von allem Nachdenken einstellte, wie die des vorüberreitenden Bläserchores etwa fünf Jahre vorher. * ————— ¹) Wer Näheres erfahren will, schlage in Joseph Pembaur d. J. Schrift Ludwig v. Beethoven's Sonaten, Op. 31 Nr. 2 und Op. 57 (München 1913) nach. 179 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Der Name „Richard Wagner“. nach Cheltenham bei Schluß der Sommerferien; die Vorsehung aber hatte es anders bestimmt: ich verließ England auf immer und habe im Verlauf meines ganzen Lebens nur noch fünfmal — zu je einem kurzen Besuch meiner dortigen Verwandten — englischen Boden betreten. Diese Fügung gehört mit in erster Reihe zu der Geschichte meines Weges nach Bayreuth; denn hätte sich damals mein Gesundheitszustand schnell gebessert und der Schulgang seinen weiteren Verlauf genommen, so betrat ich mit siebzehn Jahren die Akademie zur Ausbildung der Offiziere des Landheeres und schiffte mit neunzehn oder mit zwanzig Jahren nach Indien: ob ich von dort aus nach Deutschland gefunden hätte, ist fraglich. Wahrscheinlich wäre ich einer Existenz in Verhältnissen und Pflichten, die meinem Wesen ewig fremd bleiben mußten, entgegengegangen und mir wäre infolgedessen nach und nach alle Freude am Leben erloschen. Insofern muß ich die damalige schleppende Krankheit des Nervensystems — eine Folge des plötzlichen unverhältnismäßigen Wachstums und des mir unzuträglichen englischen Klimas — als einen Segen Gottes betrachten. Meine Erlebnisse in Ems bei der Kriegserklärung habe ich an anderem Orte erzählt; sie besitzen unleugbare Bedeutung für mich als Grundlage meiner Erkenntnis deutschen Wesens in seiner reinsten, heroischesten Kundgebung; wäre ich in England geblieben, so hätte wenig davon mein Ohr und nichts mein Auge mit der Kraft des unauslöschlichen Eindruckes erreicht. Aus den sogenannten „Zufällen“ komme ich in diesem Teil meines Lebens gar nicht heraus; sie gerade bilden das Bedeutende und Bleibende. Ein solcher Zufall — ich meinerseits nenne es Gottesfügung — führte wenige Wochen nach dem Verlassen des Landes meiner Geburt zu der ersten Berührung mit R i c h a r d W a g n e r; denn so darf ich mich ausdrücken, wenngleich ich damals nur den Namen hörte und die wellenumspülte Stätte erblickte, die der Meister sich zu Jahren des abgeschiedenen Glückes und der ungestörten Vollendung unsterblicher Werke erwählt hatte. Auch diese Episode habe ich in meinen „Erinnerungen an das Jahr 1870“ erzählt (vergl. Deutsches Wesen S. 11 fg.) und mag mich nicht wiederholen. Das Kostbare des Erlebnisses bestand darin, daß der Gesichtssinn es war, der den bestimmenden Eindruck erhielt. Hätte ich 180 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Der Name „Richard Wagner“. nicht Triebschen erblickt, es wäre vermutlich der Name Richard Wagner als ein leerer Schall an meinem Ohre vorübergerauscht; so aber war für mich vom ersten Augenblick an Wagner derjenige Mann, der sich die weltferne Halbinsel am See der Urkantone zum Heim erkoren hatte, und dies machte mir einen so tiefen Eindruck, daß ich Wagner liebte, ehe ich irgend etwas von ihm wußte und — wie auch in allem Folgenden Schritt für Schritt geschah — ihn ahnungsvoll erriet, lange bevor ich mich befähigt hatte, ihn zu verstehen. Das erklärt, warum die zweite und die dritte Nennung dieses Namens — so herzlich unbedeutend die Gelegenheiten auch waren, bei denen sie vorkamen — jedesmal mich blitzartig durchzuckten und mir in allen ihren Einzelheiten unvergeßlich blieben denn sofort stand das traumverlorene Triebschen jenes heißen Augusttages mit seinen hohen Pappeln und dem zwar nicht erblickten, aber von der Phantasie vorgestellten Bewohner, mir vor Augen. — Es dauerte ein Jahr, bis ich den Namen zum zweitenmal vernahm. An einem abgelegenen Orte, unweit des Genfer Sees, suchte ich Erholung nach dem Scharlachfieber; die Mitbewohner des einsamen Gasthauses waren alle ruhige und ruhebedürftige Leute; an dem langen Speisetisch, der uns zweimal des Tages versammelte, pflegten die Unterhaltungen mit gedämpfter Stimme geführt zu werden. Ein einziges Mal wurde es am anderen Ende des Tisches immer lauter und lauter, bis es zuletzt zu Verbalinjurien kam; aus dem Lärm entnahm man nur das eine deutlich, nämlich den Namen „Wagner“, der hin und her flog. Erstaunt über den Vorfall, fragte ich meine Tante, ob das der selbe Wagner sei, der auf dem schönen Triebschen sich niedergelassen habe? Sie bejahte es, und als ich die Heftigkeit des Streites um so weniger begriff, erklärte sie mir, seine Musik habe die Eigenschaft, die Leidenschaften aufs äußerste zu erregen. Diese kurze Szene hinterließ bei mir einen peinlichen Eindruck. — Ebenso erging es mir bei der dritten Nennung des Namens, die nach Verlauf eines weiteren Jahres im Herbst 1872 stattfand. Lugano diente uns als Zwischenstation zwischen dem Engadin und der Riviera; abends spielte eine jener kleinen Hotelkapellen, welche heutzutage das Reisen zu einer Tortur machen, damals aber eine Seltenheit waren. Am Abend eines fleißigen Tages setzte ich mich zur Zerstreuung einen Augenblick in der Halle hin, wiewohl ich 181 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Der Name „Richard Wagner“ - Beethoven. an den Vorführungen derartiger Musikanten wenig Gefallen fand. Plötzlich erhebt ein winziges Hündchen, das seiner korpulenten Herrin auf dem Schoße saß, ein so klägliches, anhaltendes Geheul, daß die Spieler sich unterbrechen und unter den anwesenden Gästen ein Durcheinander von Stimmen entsteht; da ruft die Hundemutter laut dazwischen: „Meine Damen und Herren! Ich bitte vielmals um Entschuldigung für diese Störung. Ich kann versichern, daß mein Tier nicht bloß musikfromm ist, sondern sogar Musik liebt — wahre Musik; wenn die Leute aber Wagner spielen, so ist es kein Wunder, wenn die Hunde heulen; wir Menschen täten's am liebsten auch!“ Lachen und laute Zustimmung riefen diese Worte hervor; das kleine Orchester stimmte einen Walzer an — und ich ging hinauf in meine Stube. Der Vorfall hatte mir schmerzlich ins Herz geschnitten, — und zwar trotzdem das erbärmliche Gepauke und Gekratze der armen Musiker (angeblich aus Tannhäuser) ohne den geringsten Eindruck zu erwecken an meinem Ohre vorübergerauscht war. Mir stand Triebschen sofort wieder vor Augen, und es begann mir zu dämmern, daß der Mann ein sehr besonderer sein müsse, den die Welt der Gemeinheit so grimmig haßte. Vielleicht hätte dieser alberne Vorfall weniger stark auf mich gewirkt, wäre nicht ein Erlebnis vorangegangen, das mich aus künstlerischem Unbewußtsein aufgeweckt, ja, in gewissem Sinne einen neuen Menschen aus mir gemacht hatte. * 182 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. geärgert mit fragendem Blicke nach mir um; ich stand auf und stotterte schüchtern eine Entschuldigung und die Bitte um die Erlaubnis, zuzuhören; in nicht besonders freundlichem Tone kam die Antwort: dieses Zimmer sei allen Gästen zugänglich, es liege an mir, zu bleiben und zu gehen nach Belieben. Darauf wendete sich der Betreffende wieder zu seinem Instrument, schien sich um mein Dasein überhaupt nicht mehr zu kümmern und spielte fast volle drei Stunden weiter. Aus dem kleinen Gasthaus müssen alle Menschen ausgeflogen gewesen sein; ich blieb der einzige Eindringling. Die Sätze folgten einander mit nur kurzer Atempause, und am Ende eines Stückes spielte er manchmal das nächste gleich weiter oder schlug ein anderes mit schneller Sicherheit auf in einem der drei Bände, die auf einem Stuhl neben ihm lagen. Was in mir vorging, werde ich nicht versuchen zu beschreiben; keiner, der die Wirkungen göttlicher Musik kennt, liebt es, sich über sie in Worten auszulassen. In diesen Stunden ging mir eine neue Welt auf, von der ich bis dahin auch nicht die entfernteste Ahnung besessen hatte. Da
schwebt hervor Musik
mit
Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön' um Töne, Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen, Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne: Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen Den Götterwert der Töne wie der Tränen. Genau erinnere ich mich, mir bei einem langsamen Satze gesagt zu haben, das ist der Heiland, der die Worte spricht: „Noch heute wirst du mit mir im Paradiese sein!“ Hatte das Erlebnis des Jahres 1863 mir plötzlich die Macht des Tones über die Seele offenbart, so handelte es sich dort um den Klang bloß als solchen und um eine sozusagen inhaltlose Tonfolge; hier dagegen lernte ich das kennen, was Goethe „höchste Kunst, Magie der Weisen“ nennt, d. i. die vollendete Form, die — um mit Schiller zu reden — „das Stoffartige ganz vertilgt“. Als Kind hatte ich mich manchmal — namentlich in den englischen Schuljahren (vergl. S. 37) — sehr unglücklich gefühlt; nach den drei Stunden jenes Nachmittages habe ich diese naive Verzweiflung nie mehr gekannt; aller Schmerz — und als kranker, angeblich einem frühen Tod geweihter Jüngling kannte ich diesen 183 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. schon gut — aller Schmerz war fortan verklärt; aller Schmerz wandelte sich ja vor meinem lauschenden Sinne in Freude und in Jubel. Die Welt hatte eine neue Bedeutung gewonnen.... Endlich stand der Unbekannte auf, nahm seine drei Bände unter den Arm und schritt zur Tür; mein lautloses Zuhören mochte ihn wohl doch gefreut haben, denn er drehte sich um und winkte mir einen freundlichen Abschied zu; ich vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. Abends, als die Glocke die wenigen Gäste des stillen Hauses um den Wirtstisch versammelt hatte, saß der Klavierspieler allein am oberen Ende — ein Beweis, daß er sich schon länger an dem abgelegenen Orte aufhielt. Spät trat eine Dame ein, die sich neben ihn setzte und ihn französisch anredete: „Was haben Sie mit Ihrem Nachmittag angefangen?“ Er erwiderte in dem mürrischen Ton, den ich schon kannte: „Gespielt.“ Sie: „Hätte ich's doch gewußt! Was haben Sie denn gespielt?“ Er machte den Mund nicht auf, sondern begnügte sich, sarkastisch zu lächeln und die Achseln leicht zu zucken. „Beethoven?“ und da er nichts antwortete: „Nichts als Beethoven?“ Worauf er wiederum ungeduldig hinwarf: „Nach Beethoven spielt man nur Beethoven.“ Sofort schlug er mit Lebhaftigkeit ein anderes Thema an, als wollte er das Gespräch von seiner Musik ablenken, und es war nur noch von gleichgültigen Tagesdingen die Rede. Ich habe ihn nie wieder gesehen und auch damals im Hotel nicht erfahren, wer er war. Den Namen Beethoven hatte ich schon gelegentlich gehört und erinnere mich der Definition, die einer meiner Vettern — ein Witzbold, der gerne in Gesellschaften Couplets vortrug — einmal gab: „Beethoven is a musical black-dose.“ Auch schwebt mir dunkel vor, daß einmal eine fremde Dame sich im Hause meines Vaters ans Klavier setzte, auf dem sie ein mächtiges Gejage und Gehämmere vollführte, wovon es nachher hieß, das sei eine Sonate von Beethoven gewesen. Nunmehr wußte ich, welchen tongewaltigen Zauberei ich unter diesem Namen zu verehren hatte — keinen geringeren, so dünkte mich, als den zwischen dem irdischen Leidenstale und der lichten Gotteswelt ewiger Freude vermittelnden Parakleten. Dieser Mann, der wie kein anderer unseren Blick in den Abgrund der Schmerzen geöffnet hat, schöpft hieraus die Befähigung, das Evangelium des Glaubens, der Liebe, des Hoffens zu verkünden: „Hoffen 184 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. soll der Mensch, er frage nicht!“ — so heißt es in einem seiner herrlichen Lieder. Zugleich erlöst er uns aus aller schwächlichen Kunstmacherei, Melomanie und wie die Trivialitäten alle heißen. Man kennt sein Wort: „Kraft ist die Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und sie ist auch die meine!“ Sein eigenes gesamtes Werk würde ich bezeichnen als Des
Menschen Kraft, im
Dichter
offenbart.
Im Dichter! Denn keiner, der Beethoven's Stimme vernommen hat, kann je bezweifeln, daß der Tongewaltige dem Wortdichter verwandt und ebenbürtig ist, ja, daß er als Poet über Ausdrucksmittel verfügt, die diesem abgehen. Beethoven steht als Schöpfer einem Shakespeare und einem Sophokles zur Seite: das wußte ich seit jenem Nachmittag. Dieser mir von Gott geschenkten Gnadenstunde folgte ebensowenig etwas nach, wie ihr irgend etwas Ähnliches vorangegangenen war; sie blieb wie eine Oase mitten in jenen kunstleeren Jahren. Nicht ohne Bedeutung jedoch für die allmähliche Bereicherung meines künstlerischen Urteils war die Tatsache, daß dieses Erlebnis des Mai 1872 genau mitteninne zwischen dem Abflauen des noch halb kindlichen Shakespeare-Rausches und der ersten Berührung mit Richard Wagner's Ton- und Dichtkunst zu stehen kam: damit erhielt ich die denkbar beste Nachschule zu Shakespeare und die denkbar beste Vorschule zu Wagner. Noch ein wenig will ich aber bei diesem für mich so glücklichen Ereignis verweilen; solche vom Himmel begünstigte Augenblicke eignen sich zur Um- und Überschau. Wer den Brief an Baron Uexküll Über meine Naturstudien aufmerksam gelesen hat, dem wird es auffallen, daß diese erste Einweihung in die Mysterien vollendeter Tonkunst zeitlich genau zusammenfällt mit der ersten leidenschaftlichen Hingabe an die Betrachtung der Natur (vergl. S. 79 fg.); und da sofort nachher — auf dem Monte Generoso — ein Zustand religiöser Ekstase mich überkam —, der übrigens sehr wahrscheinlich durch Beethoven und die Naturtrunkenheit herbeigeführt war —‚ so findet es sich, daß in jenem Monat Mai meines siebenzehnten Jahres die drei Säulen, auf denen der Aufbau meines Geistes beruhen sollte, gleichzeitig aus dem Nebel 185 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. jugendlicher Unbestimmtheit aufzutauchen begannen: Naturwissenschaft, Kunst, Religion. Diese Interessen — gleichsam einen heiligen Dreiklang ausmachend — haben mein Leben ausgefüllt. Zuerst mögen sie wohl ziemlich unvermittelt nebeneinander gestanden haben; nach und nach trat dann allverbindend und nach Einheit strebend die philosophische Denkart hinzu; außerdem erweiterte sich naturgemäß mit der Zeit der Kreis des Wissens und des Strebens — Geschichte und Politik mußten sich aufdrängen, ebenso wie Technik (der Wissenschaft und der Kunst) meine Aufmerksamkeit herausforderte, und „leider auch Theologie“ mir viel Zeit raubte; doch besitzt das alles nur ergänzende Bedeutung; mein Herz blieb befangen in dem „heiligen Dreiklang“. Zwar war es mir nicht gegeben, auf einem dieser drei Gebiete schöpferisch tätig aufzutreten, doch wer zum Polyhistor bestimmt (ich würde ruhig sagen: verurteilt) ist, dem sind zwei Geistesanlagen unentbehrlich und erfordern sorgfältige Ausbildung, soll er irgend Wertvolles hervorbringen: eine festgemauerte G a n z h e i t, welche Zerstückelung ausschließt, und eine klarerschaute B e g r e n z u n g der Forderungen an sich selber. Diese Beschränkung fehlte mir in so jungen Jahren, die Ganzheit jedoch war in dem genannten Dreiklang im Keime gegeben — und das halte ich für ein wichtiges Element zu meiner frühen Erkenntnis der Bedeutung eines Richard Wagner. Von den verschiedensten Seiten steht zu ihm — wie zu allen wahrhaft Großen — der Weg offen, aber die Anlage zum Verständnis des Großen muß gegeben sein, und diese besteht in dem, was ich hier als „Ganzheit“ bezeichne, wogegen die unzähligen fragmentarischen Menschen, die unsere moderne Bildung und unsere aufs Einseitige gerichteten Lebensansprüche heranzüchten, niemals ein rechtes Verhältnis zu überragender Geistesgröße gewinnen. An diese Betrachtung schließt sich eine weitere. Der zufällige Gang meiner Geistesentwickelung — ohne jeglichen folgerechten Bildungsgang großen Eindrücken der Natur, der Kunst und des inneren Seelenlebens ungehemmt folgend — hat es mit sich gebracht, daß, ebenso wie diese Eindrücke der göttlichen Natur oder den größten Genien der Menschheit ihr Entstehen verdanken, ich auch in der Folge, wenn nicht ausschließlich, so doch vorwiegend mein Leben in Betrachtung der Natur, sowie in der Ge- 186 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. sellschaft derjenigen zugebracht habe, die unser Schiller als „Gipfel der Menschheit“ bezeichnet. Das hat mehr zu bedeuten, als mancher vielleicht zuerst versteht. Auf welchem Gebiete auch diese Großen sich auszeichnen mögen, sie alle verbindet doch ein gewisses Etwas zu einer Familie, und wäre es nur die Tatsache, daß sie alle als Höhenmenschen in der gleichen Atmosphäre atmen, welche nicht die selbe Luft ist wie die, welche den Menschen in den Niederungen dient. In Kunst, Philosophie und Religion habe ich mich ausschließlich den erhabensten Geistern gewidmet — diesen aber in lebenslänglicher Inbrunst; wogegen ich trotz aller Sympathie für vieles edle Streben — das gewiß vor Gott gelten mag — geringeren Begabungen nie mehr Aufmerksamkeit schenkte, als gerade nötig war, um sie in ihrer Eigenart mit einiger Deutlichkeit zu erfassen. Wenn es in langer Jahre Übung nach und nach gelingt, die Stimme Christi von den anderen Stimmen in den Evangelien zu unterscheiden, so besitzt man die reine Quelle zu aller echten Religion; im Laufe der Jahre habe ich mir eine ausgesuchte theologische Bibliothek von mehreren hundert Bänden gesammelt, doch je mehr ich studierte, um so mehr ward ich von der Wahrheit dieses Satzes überzeugt. Widmet man etwa noch eingehende Studien dem Apostel Paulus — bei dem nie auszulernen ist —‚ sowie seinem großen Geistesgenossen Martin Luther, und versenkt sich immer von neuem in die abgrundtiefen Betrachtungen Meister Eckhart's, so besitzt man alles Schöpferische, Erlösende, was auf den vom Heiland gelegten Grundlagen als echt christliche Weltanschauung aufgebaut worden ist; nimmt man etwa dazu Yajnavalkya und die der seinen verwandte reifste brahmanische Erkenntnis, so hat man genug fürs Leben, und weit mehr, als wenn man sich in das bittere Salzmeer der Theologie stürzt, in welchem, wenn man das seltene Glück hat, nicht darin zu ertrinken, doch jede Freude, jeder Schwung, alle gottgegebene Inspiration verloren geht! Genau so verhält es sich mit Kunst, Philosophie und — wohlbetrachtet — auch mit Wissenschaft, wenngleich bei dieser für mittlere Begabungen viel Arbeit zu leisten ist. Bildet auch die steigende Reihenfolge der menschlichen Begabungen ein Ganzes, so daß von unten bis oben die Verwandtschaft und damit auch die gegenseitige Wirkungsfähigkeit bewahrt bleibt, so besitzt doch die Tatsache, daß ein Mensch den G i p f e l betritt, eine Bedeutung ohne- 187 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven. gleichen; denn mag ein anderer tüchtiger Mann noch so hoch gestiegen sein, das Ziel und damit zugleich den vollkommenen Überblick, der erst die unbedingte Sicherheit des Urteils, sowie die Freiheit des Gestaltens schenkt, erreicht nur derjenige, der auf Gipfeln daheim ist. Darum die überzeugende Einfachheit und die leuchtende Kraft, die allen Werken solcher Männer eignet; daher der gewaltige Abstand zwischen der bedeutendsten Begabung und dem eigentlichen Genius. Es ist nicht weise, sondern töricht, diesen Abstand zu leugnen; vielmehr gewinnt jeder Mensch, der dies erkennt und als Grundüberzeugung bekennt, selber außerordentlich viel an Einsicht und Kraft — namentlich an U r t e i l s k r a f t. Für mich war es gewiß ein unschätzbarer Vorteil, daß ich zu Wagner über Shakespeare und Beethoven gelangte, ohne die eingetrichterte geschichtliche Schablone und die in der Zeit der Unreife überkommenen Urteile, die eine regelrechte Schulbildung dem Gehirne aufdrückt: das französische Lycée hatte ich noch vor der Einschnürung in die erlogene Klassizität verlassen, in der englischen Schule war weder von Literatur noch von Kunst die Rede gewesen, die lateinische herzlose Technik lernte ich damals noch nicht kennen, und zu den herrlichen Griechen, wie auch zu den Spaniern, wurde ich erst durch Wagner selber geführt. Bei solchen Dingen pflegt allerdings außer dem Schicksal auch der angeborene Instinkt in entscheidender Weise mitzuwirken. So z. B. als der erste philosophische Unterricht mir die Denker der Menschheit in Reih und Glied wie Grenadiere, alle in einer Uniform, vorzuführen unternahm, empörte ich mich, nahm die Sache in die eigene Hand und entdeckte bald, alles schöpferische Denken der europäischen Menschheit weise zwei Gipfelpunkte — und nur zwei — auf: Plato und Kant, bei denen ich dann jahrelang verweilte, um erst später, von der eroberten Höhe aus, das übrige Denken eingehend zu prüfen. Eure Hoheit erraten gewiß schon, worauf ich hinaus will? Der Vorteil ist unschätzbar, wenn man eine Kunst wie diejenige Wagner's aus der Perspektive ebenbürtiger Schöpfergeister kennen lernt, anstatt von unten her zu ihr hinanzusteigen. Ich lernte Wagner zuerst durch eine einzige Dichtung — Der Ring des Nibelungen — sowie durch einzelne Fragmente seiner Musik kennen; vom allerersten Augenblick an wußte ich aber, mit wem ich es zu tun hatte: 188 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Beethoven - Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. er stand für mich zwischen Shakespeare und Beethoven. Die zahllosen schiefen Urteile über Wagner, welche babelartig umherschwirren und uns Wissende vereinsamen, stammen aus genau der gleichen Ursache wie die überlieferten schiefen Urteile über Homer seitens der Zeitgenossen dieses „göttlichen“ Dichters, — wie die absurde Unterschätzung Shakespeare's durch die Besucher seines Theaters, die in ihm einen guten Schauspieler und einen annehmbaren Einrichter fremder Stücke sahen, — wie die Urteile der Fachkritiker aus der Lebenszeit Mozart's und Beethoven's über diese erhabenen Einzigen — Urteile, welche heute dazu dienen, die unfaßbare Beschränktheit sogenannter „maßgebender“ Männer zu allen Zeiten greifbar vor Augen zu führen. Der Zeitgenosse steht eben einer derartigen Erscheinung zu nahe und überblickt ebensowenig einen solchen geistigen Gipfelpunkt, wie man von dem Fuße eines hohen Berges aus dessen Gipfel erschaut; Ewiges läßt sich nicht aus engumzirkter Zeitlichkeit übersehen, Vollendetes verzerrt man, wenn man es zu Unvollendetem in Parallele setzt. Die mangelnde Schulbildung habe ich in mancher Rücksicht und trotz allem späteren Fleiße lebenslänglich büßen müssen, doch erkenne ich dankbaren Herzens, daß mir hierdurch eine vielleicht unter uns Heutigen ungewöhnliche Spontaneität und Kraft der Eindrücke zuteil wurde, aus denen wiederum das unaussprechliche Glück eines richtigen, unbeirrbaren Verhältnisses zu den „Gipfeln der Menschheit“ hervorging. * Es liegt auf der Hand, daß ich den Weg zu Wagner hin schwerlich gefunden hätte, wäre nicht die Wendung zu deutscher Sprache 189 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. und Denkart vorangegangen. Als ich im Herbst 1870 bei Kuntze deutschen Unterricht zu nehmen begann, stand meiner Tante und mir keine weitere Absicht vor Augen als eine förderliche Bereicherung meiner Sprachkenntnisse; die Rückkehr nach England, die militärische Laufbahn, oder, wenn diese fehlschlagen sollte, die Ausbildung als Landwirt behufs Auswanderung nach Kanada — das alles stand damals bei meinem Vater und seinen Beratern fest. Keiner unter den Meinigen widmete Deutschland das geringste Interesse; alle waren Stockengländer und besaßen höchstens für Frankreich einige Sympathien; letztere teilte auch ich; dagegen war mir englisches Wesen von klein auf gegen den Strich gegangen und hatte ich mich in England niemals heimisch gefühlt (vergl. S. 35 fg.). In der Persönlichkeit meines Lehrers, Otto Kuntze, trat mir nun eine mir bisher unbekannte und darum auch ungeahnte Menschenart entgegen, die mich sofort stark anzog — und zwar trotzdem dieser edel gesinnte und wahrhaft gute Mann in bezug auf Sprödigkeit und Unbeugsamkeit als Typus des echten Preußen gelten konnte; an Franzosen war ich ein weit anmutigeres, an Engländern ein ungezwungeneres Wesen gewohnt; doch kostete es mir nicht allzu viel Mühe, das mir Fremde hier zu überwinden, und ich fand mich dafür so reichlich durch das, was deutsches Wesen und deutsche Bildung mir entgegenbrachte, belohnt, daß mich bald eine Art Heißhunger auf die Erwerbung alles dessen, was mir als Anglo-Franzosen abging und was der Deutsche mir zuführte, überkam. Bereits im Jahre 1874 faßte ich den Entschluß, mir die deutsche Sprache vollkommen anzueignen (vergl. S. 57). Mein lieber Vater, den ich in jenem Sommer in der Schweiz traf, machte einen letzten Versuch, mich für England zu gewinnen; die Freude der Zustimmung konnte ich ihm nicht bereiten. Als nun im Jahre 1875 der Sommer herankam und mich zum erstenmal allein und selbständig antraf, überlegte ich mir: wie kann ich die Zeit am besten, nicht nur zur Vertiefung in die deutsche Sprache, sondern auch zur näheren Kenntnis der Deutschen selbst verwenden? Und da zog ich nach Interlaken, nahm im „Deutschen Haus“ dauerndes Quartier, wo niemals ein Engländer absteigt (obwohl bezeichnenderweise einige französische Familien als alte Stammgäste sich einfanden), verkehrte bei den Mahlzeiten und Spaziergängen mit Deutschen aus allen Provinzen, studierte wie ein Be- 190 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. sessener darauf los, las täglich die Kölnische Zeitung, einschließlich der Anzeigen, und machte auf diese Weise fliegende Fortschritte. Leicht könnte ich es mir erklären, wenn bei manchen meiner späteren Freunde sich hier ein großes Fragezeichen aufrichtete; es wird ihnen schwer glaublich erscheinen, daß der unter Deutschen — namentlich der bürgerlichen Kreise — weit verbreitete Mangel an Anmut, an Gefälligkeit, an Natürlichkeit in den Umgangsformen mich nicht von vornherein abschreckte. Daß dies nicht geschah, beweist meine Liebe: die Liebe macht blind; ich, den sonst als Engländer die geringste Indiskretion verletzte, und dem als Franzosen die Feinfühligkeit in den kleinen Formfragen des täglichen Lebens zur zweiten Natur gehörte, ich wurde grenzenlos nachsichtig gegen die Mitbewohner des „Deutschen Hauses“. Wie stark mein Gefühl war, beweisen am besten Aussprüche aus jener Zeit in Briefen an meine Verwandten. Zwei schon früher von mir angeführte Stellen sind so auffallend, daß ich sie noch einmal in Erinnerung bringen will. Am 5. Juli 1875 erwähne ich deutsche Freunde und sage: „Bei diesen guten Leuten empfinde ich, was ich jetzt schon bei so vielen Deutschen empfunden habe, als ob sie mich verstünden und ich sie — ein Gefühl, das ich noch niemals bei einem Engländer gehabt habe.“ Die zweite Stelle, ebenfalls aus Interlaken und an die selbe Tante am 21. September 1876 gerichtet, lautet: „Die Tatsache mag ja bedauerlich sein, aber sie ist halt eine Tatsache, daß ich so gänzlich unenglisch geworden bin, daß schon der bloße Gedanke an England und an Engländer mich unglücklich macht.“ Das also waren meine Empfindungen im zwanzigsten und einundzwanzigsten Lebensjahre! Außer der Blindheit tat aber auch die freie Wahl das Ihrige, um mich mit auserlesenen Menschen in Verbindung zu bringen und weniger angenehme beiseite zu schieben. Gern erwähne ich hier eines alten Generals im Ruhestand, der sich im Sommer 1875 mit besonderer Freundlichkeit meiner annahm, Exzellenz von Twardowski, der — wenn ich nicht irre — zuletzt in Stettin kommandiert hatte. Er wohnte in einem kostspieligeren Hotel, wir pflegten uns aber bei der Kurmusik zu treffen; ich zuerst schüchtern zurückhaltend, besorgt, mein hinkendes Deutsch möchte dem Greise lästig fallen, bis ich zufällig eines Tages, als ich von hinten an seinen Tisch herantrat, 191 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. ihn laut rufen hörte: „Wo bleibt denn mein lieber Engländer? Er ist mir doch der treueste Gesellschafter!“ Nicht allein habe ich von seiner mühevollen Sorgfalt sprachlich viel gewonnen, sondern seine Erzählungen aus einem reichen Leben und seine Aufklärungen haben mich manches gelehrt über deutsches, namentlich über preußisches Leben und Wesen. Seinen Sohn, damals Leutnant im zweiten Gardegrenadier-Regiment z. F., traf ich auch fast täglich und ergötzte mich an seinem unerschöpflichen Humor und an seinen packenden Berichten aus dem siebenziger Krieg; ihm bereitete es viel Spaß, den Neophyten der deutschen Sprache durch Berliner Dialekt und Grammatik irre zu machen. Was ich aber hauptsächlich dem Verkehr mit diesem jungen Hünen aus dem preußischen Schwertadel zu verdanken hatte, war die Bekanntschaft, die er mir vermittelte, mit Dr. Oskar Borchardt aus Berlin, damals im konsularischen Reichsdienste, später bekannt geworden durch umfassende Werke handelsrechtlichen und handelspolitischen Inhaltes. Mit diesem ungewöhnlich gebildeten, reichbegabten und durch ein erstaunliches Gedächtnis ausgezeichneten Mann habe ich während mehrerer Jahre viel verkehrt: im Winter trafen wir uns an der Riviera, im Sommer in der Schweiz; obwohl — wie alle meine Freunde aus jener Zeit — um viele Jahre älter als ich, fand er Gefallen an meinem Umgang und spendete mir aus dem schier unerschöpflichen Born seiner Kenntnisse mit einer Freigebigkeit, für die ich ihm noch heute Dankbarkeit zolle. Ich meinerseits hatte ihm wenig zu geben; das eine aber verstand ich vortrefflich: zuzuhören; das mag wohl Borchardt gemerkt und sich mir deswegen gern gewidmet haben. Es würde mir schwer fallen, wollte ich alle Keime zu zukünftiger Bildung aufzählen, die ich diesem Freunde verdanke. Und da er außerdem ein geradezu vollendet reines Deutsch sprach und jegliche Inkorrektheit wie eine Sünde vermied, so kann man sich leicht vorstellen, welche Sprachschule dieser Umgang für den begierig Aufhorchenden bildete. Wenn ich hier auch nur wenige Namen nennen kann, so will ich doch unter keiner Bedingung den einen übergehen — den eines in Petersburg geborenen Russen, jüdischen Ursprunges, aber griechisch-christlicher Kirche angehörig, namens Löwenthal; seiner Bildung nach war er durchaus Deutscher und lebte damals in Paris als Lehrer der deutschen Sprache am Lycée Louis le Grand. Wir wurden 192 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. eng befreundet; leider hatte ich den Schmerz, ihn nach zwei Jahren durch seinen frühen Tod zu verlieren. Offenbar entstammte Löwenthal den Sephardim; ich habe selten den orientalischen Typus so schön und edel ausgebildet angetroffen; er aber litt darunter, denn der Arme war untröstlich über seine jüdische Herkunft und meine ganze Beredsamkeit vermochte nicht, ihn zu beschwichtigen; dieser Kummer hat gewiß Teil an seinem frühen Ende gehabt. Da Löwenthal Sprachlehrer war, so stellt man sich leicht vor, welche Förderung ich in dieser Beziehung aus seinem Umgang gewinnen mußte. Dennoch kam diesem Umstand hier nur nebensächliche Bedeutung zu: in dem Elemente der Musik fanden sich unsere Herzen. Er besaß eine sowohl in ihrer Größe wie in ihrer Beschränkung gleich eigenartige Begabung, dergleichen ich nie wieder angetroffen habe: die verwickeltesten und modulationsreichsten Klavierkompositionen spielte er fehlerlos nach dem Gehör, ohne sie gelernt zu haben und ohne sie je zu vergessen; dabei war er nicht bloß in bezug auf Theorie völlig unwissend, sondern fast unfähig, Notenschrift zu entziffern. Fachmusiker gafften ihn wie ein unerklärliches Phänomen an, namentlich wenn sie ihm aufgaben, ein Stück von Chopin in einer vom Original fernabliegenden Tonart zu spielen; er war sich der Schwierigkeit einer derartigen Aufgabe überhaupt nicht bewußt, sondern fragte naiv: „Auf welchem Tone wünschen Sie, daß ich beginne?“ Sein zauberhafter Anschlag, seine Technik — in ihrer Art vollendet — erinnerten in keiner Weise an Virtuosentum, sondern eher an gute ungarische Zigeunerkunst. Sein eigentliches Gebiet war Chopin, den er, glaube ich, ohne Lücke innehatte; auch sonstige slawische Musik, sowie ungarische Tanzweisen und solche aus der Lanner- und Strauß-Schule, standen ihm unbeschränkt zur Verfügung. Von Schumann spielte er nur einiges, da er mit diesem Komponisten wenig Fühlung besaß, dagegen wußte er viele Schubert'sche Lieder — sobald er sie nur hier oder dort hatte singen hören — entzückend vorzuführen; ein besonderes Glanzstück für seine zarte und feurige Vortragsweise bildete Weber's Aufforderung zum Tanz. Beethoven war ihm eine verschlossene Welt, und von Wagner kannte er nur weniges, da man in dem damaligen Paris nichts von ihm zu hören bekam. Einiges aber — wie die Ouvertüren zum Holländer, Tannhäuser und das Vorspiel zu Lohengrin — spielte er hinreißend, 193 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. sowie namentlich den Einzug der Gäste, wofür er ein so fein-empfindendes Vorgefühl der verschiedenen szenischen Bewegungen besaß, daß ich erst in Bayreuth dieses sonst allüberall trivialisierte Tongebilde in den mannigfachen Schattierungen würdigen und freudevollen Heranschreitens wiedererlebte. Mich schloß nun dieser vortreffliche Mann ganz in sein Herz ein; zwar spielte er manchmal auch für Andere, namentlich auf Bitten der Fachmusiker, doch geschah das immer mit einem gewissen inneren Widerwillen; zu zweit zogen wir in entlegene Kaffeehäuser und entdeckten richtig eines mit einem guten Instrument, das wir stimmen ließen. Löwenthal's Freude war es, mir dort stundenlang vorzuspielen; traten Gäste ein, er brachte sofort einen Schlußakkord an, und wir pilgerten weiter. Zur Bereicherung meiner musikalischen Kenntnisse, zur Übung meines Ohres und meines Gedächtnisses hat diese Zeit — die sich im folgenden Sommer ähnlich wiederholte — viel beigetragen. Noch einen letzten Namen muß ich nennen, den eines Wiener Juden, Blumenfeld. Er wohnte nicht im „Deutschen Haus“ und gehörte auch nicht zu dem Kreise meiner sonstigen Bekannten: durch einen Zufall gerieten wir eines Tages unter den prächtigen Nußbäumen der Promenade in ein Gespräch, das an dem gleichen Orte häufig wieder aufgenommen wurde. Blumenfeld war der erste Mensch, der mir Näheres über Richard Wagner mitzuteilen wußte. Zwar hatte mir Borchardt viel von Niemann als Tannhäuser und Lohengrin vorgeschwärmt; doch war sein Verhältnis zur Kunst ein so „künstliches“, daß hier nichts für mich zu gewinnen war; keines der anderen Mitglieder unseres Kreises zeigte irgendein Interesse nach dieser Richtung; der Wiener dagegen — den ich erst spät im Herbst 1875 kennen lernte — war erfüllt von der überragenden Bedeutung des Bayreuther Meisters und erfreut, einen so begeisterungsfähigen Zuhörer zu finden. Bezeichnend war, daß es sich bei ihm keineswegs um eine aus Leidenschaft geborene Hingebung handelte, sondern um eine intellektuelle Witterung, wie ich sie später bei Juden nicht selten angetroffen habe. Immer wieder betonte er, er sei kein Enthusiast, ja, Wagner mißfalle ihm in manchen Beziehungen sowohl als Mensch wie als Dichter und Musiker, — worauf aber der Kehrreim stets einfiel: „Aber, bester Herr! man kann sagen, was man will, Wagner ist und bleibt der bedeutendste 194 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. Künstler in Wort und Ton unter allen Lebenden; er ist die einzige große Erscheinung der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts.“ Er erzählte mir von Bayreuth, von den Proben zum Ring, die eben stattgefunden hatten, und von den im Jahre 1876 zu erwartenden ersten Festspielen. Den Namen „Bayreuth“ in Verbindung mit dem Namen „Wagner“ hatte ich zwar einige Monate früher schon vernommen — doch in welcher grotesken Verballhornung! Die Times brachte nämlich im Februar 1875 eine kurze Notiz, nach welcher Richard Wagner ein Theater für die festliche Aufführung seiner Werke in Beyrut (Syrien) errichtet habe, wohin die Fanatiker seiner Muse fortan jährlich pilgern sollten. Diese Nachricht — die man für einen Fastnachtsscherz halten konnte — las ich abends in Cannes meiner Großmutter, Mrs. Basil Hall, der Witwe des Reisenden (S. 13), vor, die mich auf mehrere Tage mit einigen Verwandten auf dem Wege nach Malta besuchte. Einige lachten über den phantastischen Einfall des Tondichters, Andere empörten sich über die Eitelkeit der Zumutung an sein Publikum; da trat plötzlich die greise Dame mit ungewöhnlicher Wärme für den Meister und seinen Plan ein; zwar wußte sie sonst von ihm gar nichts und war ohne alles Interesse für Kunst; doch hatte sie viele Jahre ihres Lebens im Bereiche des Mittelländischen Meeres zugebracht, war zu Hause in Ägypten, Syrien, Kleinasien usw., glaubte an einen kommenden Aufschwung dieser Länder und überraschte uns durch die Behauptung, Beyrut sei „sehr zentral gelegen“ und gehe, sobald die Bahn nach Jerusalem vollendet sein werde, „einer großen Zukunft entgegen“, ergo sei „dieser deutsche Komponist ein weitblickender Mann, der ihr recht gut gefalle“! Herr Blumenfeld belehrte mich nun eines besseren: auf einmal stand das Festspielhaus mir im Herzen Deutschlands vor Augen, was freilich zu meinem Eindruck von Triebschen harmonischer stimmte. Eines Tages führte mich Blumenfeld vor eine Auslage, deutete auf die Dichtung Der Ring des Nibelungen und sagte eindringlich: „Ich bitte Sie, kaufen Sie sich das und lassen Sie sich durch die Schwierigkeiten der Sprache nicht abschrecken; Sie werden einen Begriff bekommen, was das für ein Mann ist.“ Von dem Erlebnis dieser Lektüre, wie auch von den Eindrücken, die ich in Interlaken von der Aufführung Wagner'scher Musik-Bruchstücke erhielt, werde ich gleich zu be- 195 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. richten haben. Vorerst möchte ich noch von dem wackeren Blumenfeld erzählen, daß, als ich ihm im Sommer 1876 in Interlaken wieder begegnete, er sein Möglichstes daran setzte, mich zu überreden, ich solle, koste es, was es wolle, nach Bayreuth zu den Festspielen fahren. Nun reichten aber meine Mittel nur gerade für den billigen Pensionspreis in einem Stübchen eines Nebenhauses des „Deutschen Hofs“: die Reise nach Bayreuth und zurück, der Aufenthalt dort und 100 Taler Eintrittspreis — das überstieg meine geringe Barschaft um ein Vielfaches; mein Vater, an den ich die Kühnheit hatte mich zu wenden, ließ mir antworten, ich sei wohl verrückt geworden. Der „redliche Jude“ gab sich aber nicht für besiegt; er verstand es, meine Scheu zu überwinden und mir so lange zuzusetzen, bis ich endlich eines Tages die Feder ergriff zu einem Brief, den ich klopfenden Herzens in den Kasten warf, adressiert an Herrn Richard Wagner, Dichter und Komponist in Bayreuth, in dem ich kurz meine Lebensumstände und Lage schilderte, auf Grund dieser um Gewährung des freien Eintrittes zu einem Zyklus ersuchte — und wenn ich mich recht erinnere, mit dem Zusatz, ich werde gewiß später in die Lage kommen, die Schuld abzutragen. Hätte ich eine bejahende Antwort erhalten, so war durch versprochene Vorschüsse zweier Freunde für de Reisekosten gesorgt. Doch natürlicherweise gelangte dieses naive Schreiben dem Adressaten niemals vor Augen, vielmehr erhielt ich vom Verwaltungsrat der Festspiele lediglich einen gedruckten Zettel mit der Ankündigung, daß zum zweiten und dritten Zyklus noch Plätze zum Preise von je einhundert Taler frei seien. Interlaken hatte ich nicht bloß des Umgangs mit Deutschen wegen zum Sommeraufenthalt erwählt, sondern ebenfalls in der Hoffnung, dort endlich ein annehmbares Streichorchester zu hören: auch hierin wurde ich nicht getäuscht. Das damalige Kurorchester zählte etwa vierzig Mann, zumeist Österreicher, einige sogar von den Wiener Philharmonikern; dazu ein tüchtiger, geschmackvoller Leiter, Herfurth, der, kurz darauf nach Lausanne berufen, die dortigen ungeschulten Kräfte zu Leistungen heranführte, die man kaum für möglich gehalten hätte; sechs Jahre später hörte ich dort eine Aufführung der neunten Symphonie (mit Richard Wagner's Programm) so vorzüglich dirigiert, daß sie mir trotz der ungenügenden Mittel unvergeßlich blieb. Die Programme in Interlaken waren, was 196 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. sie sein mußten: Programme für ein internationales Reise- und Kur-Publikum. Das Erwachen des Löwen und was es sonst noch derartiges gibt, durfte nie ganz fehlen, wurde aber wenigstens geschmackvoll vorgetragen; auch die üblichen Potpourris durfte Herfurth seinen Hörern nicht vorenthalten, vermied aber die Ungeheuerlichkeiten — ich nenne nur den berüchtigten Titel Thé dansant beim Fliegenden Holländer — und hatte die Gewohnheit, selber hübsche Auslesen zusammenzustellen; entzückend wählte er die Tanzmusik, die von seinen Wienern entsprechend gespielt wurde — Lanner, Strauß und Schubert lernte ich gut kennen; selbst jene unerträglichsten der Unerträglichkeiten — die modernen Märsche — wußte er durch Auswahl alter Charakterstücke sowie durch neuere von Schubert und anderen guten Musikern ihres Schreckens zu entkleiden. In dem Maße des Möglichen suchte aber Herfurth auch gehaltvollere Tonstücke zu bringen und verstieg sich sogar bis zu kürzeren Mittelsätzen aus den Symphonien Beethoven's. Ouvertüren — italienischen, französischen, deutschen — widmete er besondere Sorgfalt, brachte häufig Mozart und auch einiges von Beethoven (namentlich Fidelio und Egmont). Von Wagner hörte man die Einleitungen zu Rienzi, Holländer, Tannhäuser und Lohengrin; aneinandergereihte Bruchstücke aus diesen Werken waren nicht ganz vermieden, doch bevorzugte Herfurth zusammenhängende Stellen, wie den Einzug der Gäste, den Zug zum Münster, die Einleitung in den dritten Akt Lohengrin mit anschließendem Brautlied usw. Franz Liszt war einzig durch die zweite ungarische Rhapsodie vertreten, mit hinreißender „Verve“ vorgetragen; für deren möglichst häufige Wiederholung sorgte ich durch Bekannte, die ich mir aus dem Orchester gewonnen hatte, später durch Herfurth selber, den ich durch Löwenthal kennen lernte und der mir sogar — ein unvergeßliches Ereignis — an einem menschenleeren Vormittag auf dem Flügel des Kurhauses die Hauptmotive der Neunten Symphonie vortrug. Wagner's Musik wirkte auf mich — ich kann nicht anders, ich muß den abgebrauchten Ausdruck anwenden, weil er der Wirklichkeit genau entspricht — sie wirkte auf mich „elektrisierend“. Sobald sie ertönte, war es mir unmöglich, auf meinem Stuhle sitzen zu bleiben. Da die Programme viel Minderwertiges brachten, so ge- 197 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. schah es wiederholt, daß ich, im Gespräch mit General von Twardowski oder einem anderen Bekannten, nicht genau auf die Reihenfolge achtete; da, plötzlich durchzuckt eine Tonfolge mein ganzes Wesen wie ein Aufruf zu Tat und Kampf; ich hörte kein Wort mehr meines Nachbarn, sprang auf und pflegte immer dicht ans Orchester heranzugehen — teils um keinen Menschen mehr vor mir zu sehen, teils aus der genannten Lust nach Tat und Bewegung, die mich zur Tonquelle hinzog wie einen Falter in die Flamme. Mehr als einmal — da mir jeder Ton neu war — ahnte ich nicht, daß das Gespielte von Wagner sei; bald aber kam es so weit, daß ich nach dem ersten Takt — auch ohne das Programm zu Rate zu ziehen — Wagner an dieser unfehlbaren Wirkung auf mein Gemüt erkannte. Auf solche naive Eindrücke eines noch völlig Unbelehrten lege ich großen Wert; sie sind in einer überzivilisierten Welt so selten und doch das einzige, woran sich der Mensch mit voller Sicherheit selber kennen lernt. Ich denke dabei an Goethe's Verse: Erst
Empfindung, dann
Gedanken,
Erst ins Weite, dann zu Schranken; Aus dem Wilden, hold und mild, Zeigt sich dir das wahre Bild. Ein solcher „Wilder“ war ich damals; und da ist es mir noch heute von Bedeutung, mir den Unterschied in der Wirkung der Musik Wagner's und derjenigen Beethoven's auf die frischen Sinne des unerfahrenen Jünglings zu vergegenwärtigen. Am Lago Maggiore (S. 181 fg.) war ich sofort in einen großen Lehnstuhl hineingekrochen und regungslos die Stunden über darin verblieben; später im Leben habe ich, sobald sich die Möglichkeit dazu bot, mich beim Anhören von Beethoven flach hingestreckt und wo das nicht anging, nach Tunlichkeit dafür gesorgt, die Gliedmaßen möglichst bequem zu lagern, auf daß ihr Dasein nicht als Last empfunden werde — ich erinnere daran, daß Goethe sich auf sein Ruhebett legte, wenn der Organist zu Berka ihm Bach vortrug. Zwanzig Jahre nach den Interlakener Tagen sagte mir ein junger englischer Künstler, der mich während eines Vortrages Beethoven'scher Musik beobachtet hatte: „You looked as if you had been turned into a lump of amorphous Protoplasm“ — Sie sahen so aus, als 198 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. wären Sie in ein gestaltloses Protoplasma-Klümpchen umgewandelt worden. Beethoven vernichtet für mein Empfinden das Körperliche. Gewiß ist seine Kunst eine durch und durch dramatische; das Drama ist aber derartig vollkommen in die Seele hineinverlegt, daß fürs Auge nichts zu sehen bleibt, vielmehr die Welt der Sichtbarkeit verlischt. Für Homer, den Blinden, war alle Dichtung ein Hinzaubern vor die Augen, Beethoven, der Taube, gestaltete alle Eindrücke zu Tönen. Anregungen zu seinen Werken hat Beethoven aus Dichtungen und aus der lebendigen Natur vielfach — und wie ich glaube, fast immer — entnommen; doch braucht man nur an die Coriolan- und Egmont-Ouvertüren zu denken, und etwa das nachzulesen, was Wagner darüber geschrieben hat, um sich zu vergegenwärtigen, in welchem Maße es zu Beethoven's Art und Meisterschaft gehörte, aus einem jeden Vorgang die seelische Quintessenz herauszuziehen, so daß Ton allein übrig bleibt und es eher störend als fördernd wirkt, wenn wir der anregenden Veranlassung zu der musikalischen Schöpfung genauer nachgehen, wogegen die Magie unerschöpflich bleibt, wenn — wie beim ersten Satz der neunten Symphonie — ein heiliges Geheimnis sie verhüllt. Das Dramatische wird hierdurch keineswegs in Abrede gestellt; wenn aber z. B. Wagner den letzten Satz der siebenten Symphonie als einen „Tanz der Sterne“ bezeichnet, so verlegt er, wie man bemerkt, die vorgestellte Sichtbarkeit in ein unseren menschlichen Augen unerreichbares Gebiet, und es findet sich letzten Endes, daß jedes Bild nur uneigentlich zu nehmen, d. h. also kein Bild der Augen ist. Auch wenn der Bayreuther Meister das Allegretto der selben Symphonie als den Gang zur Kirche bei einer Bauernhochzeit anspricht, so leitet ihn hierbei vornehmlich die Fürsorge des Musikers, das Stück vor dem naheliegenden und es fälschenden schleppenden Tempo zu hüten; gewiß hätte er nicht geleugnet, daß in diesem Satz, bei aller Lieblichkeit, eine nicht in Worte zu fassende Unerbittlichkeit des Schreitens liegt, wie von einer milden, aber entschlossenen Schicksalsgöttin, und schwerlich würde er etwas einwenden, wenn wir hier Goethe's Verse anführten: Wir
suchen unsern Raum,
Und wandeln und singen Und t a n z e n e i n e n T r a u m. 199 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. Anders gestaltet sich in der Kunst Richard Wagner's das Verhältnis zwischen Hören und Sehen: in dieser Beziehung stehen er und Beethoven einander genau gegenüber. Das empfand ich damals instinktiv; heute weiß ich es. Wie ich es in meinem Aufsatz Richard Wagner's geschichtliche Stellung (vergl. Deutsches Wesen S. 113 fg.) ausgeführt habe, zeigt sich Wagner bezüglich der Sichtbarkeit seiner poetischen Schöpfungen Homer am nächsten verwandt. Theorie ist das bei ihm nicht, sondern angeborenes Wesen; die Theorie kam später, als schon vollendete Meisterwerke, wie Tannhäuser und Lohengrin, entstanden waren. Auch hier gilt: Erst
Empfindung, dann
Gedanken,
Erst ins Weite, dann zu Schranken. Den Grundzug — das zugleich Unterscheidende, schöpferisch Neue und Unvergleichliche — an Wagner's Kunstwerk bildet die Übereinstimmung zwischen dem Tongebilde und dem Augengebilde: das Gesehene und das Gehörte entstehen bei ihm zugleich aus den unbewußten Tiefen des Gemütes und können nur durch Gewalt — besser gesagt durch Vergewaltigung — voneinander geschieden werden: man hört seine Musik nicht — oder nur gleichsam ein Echo davon — wenn man das Bild nicht erblickt, dessen Seele sie bildet, und das Bild erblickt man erst in seiner Bedeutung als verklärte, höhere Wirklichkeit, wenn die tönende Innenseite des Geschauten sich dem Ohre kundgibt. Wie manchem ist es nicht schon als ein Lapsus der Schöpfungsgeschichte aufgefallen, wenn Gott nur spricht: Es werde Licht! — als sei mit dem einen Sinn des Gesichts alles gegeben. Mit wunderbarer Feinheit hat das Goethe empfunden und ausgesprochen, als er zu jenem erschaffenden Worte hinzufügt: Da
erklang ein schmerzlich
Ach!
Als das All mit Machtgebärde In die Wirklichkeiten brach. Ich wüßte keine eindringlichere Veranschaulichung des poetischen Schaffens unseres Meisters als diese Worte: zu jedem „Es werde!“ e r k l i n g t bei ihm mit Naturnotwendigkeit ein Vernehmbares; kein Bild „bricht“ für ihn „in die Wirklichkeit“, außer es erweist sich als solche durch ihm entfließenden Tongehalt. Das Gesagte gilt, 200 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. wie von der Grundidee jedes seiner Dramen — weswegen sich auch jedes durch einen besonderen Stil von jedem anderen unterscheidet — so auch von jeder letzten Einzelheit der erblickten und vernommenen Vorgänge. Daher die Unfähigkeit unserer Operntheater, diese Werke zur Darstellung zu bringen, da es eine Sinnwidrigkeit ist, wenn Gebärden oder szenische Bewegungen vorkommen, welche Musik nicht als „Wirklichkeiten“ kundgibt, und eine ebensolche Sinnwidrigkeit, wenn der Tonkörper diese Wirklichkeiten laut verkündet und das Auge leer ausgeht. Was man den „Bayreuther Stil“ nennt, ist nichts anderes als der Versuch, die Übereinstimmung zwischen Augenbild und Tonkörper — im Großen und im Kleinen — durchzuführen, womit erst ein Drama Wagner's tatsächliches Dasein gewinnt. Diese Übereinstimmung bildet, wie gesagt, die Grundfeste, auf der das neue Werk ruht. Dahingegen kommt das Wort — sowie alles was durch Worte ausgedrückt wird — auf eine andere Ebene zu stehen. Denn wenn Wagner, als er Bewußtsein in sein eigenes Verfahren gewann, das historische und das Konventionelle als seinem Drama fremd erkannte, so müssen wir unsererseits — und einem Winke in „Oper und Drama“ folgend — erkennen, daß das W o r t stets mit einem Fuße (wenn nicht mit beiden) im Konventionellen steckt. Das Wort ist im besten Falle ein Wegweiser aus der Konvention hinaus in das, was Schiller das Reinmenschliche nennt, ebenfalls die besondere Umkleidung der Handlung ein Wegweiser aus dem erzählten Einzelfall in die Unbedingtheit des ewig Wahren. Und so ist denn — wenn ich es einem so gewiegten Kenner gegenüber wagen darf, mich mit paradoxer Unumwundenheit auszudrücken — in Wagner's Dramen jede nähere Bezeichnung der Fabel, wie sie das Wort notwendigerweise mit sich bringt, im tiefsten Grunde nebensächlich: was das Bild auf der Bühne unseren Augen zeigt, ist von kosmischer Bedeutung, gleich der Musik, und ebenso verhält es sich mit jenem Teile des Wortgehaltes, den man als reinmenschliche Poesie aus der Dichtung gleichsam „extrahieren“ kann; allem übrigen dagegen haftet eine gewisse Zufälligkeit und Bedingtheit an. Das ist eine Wahrheit, die von den naivsten Gemütern erfaßt werden kann und vielleicht, wenn unsere Bildung nicht so viel Verbildung mit sich führte, von allen empfindsamen Seelen unter uns ohne weiteres erfaßt werden würde. Man braucht 201 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. sich nur die Reihenfolge der Bilder in Tannhäuser oder in Lohengrin genau zu vergegenwärtigen, um sich zu überzeugen, daß fast alles, was den ewigen Gehalt dieser wunderbaren Dichtungen ausmacht, dem Auge auch ohne Worte faßbar sein würde — namentlich dem vom Ohre genau geleiteten Auge. Dafür kann ich ein hübsches Beispiel bringen. Als ich in den achtziger Jahren in Dresden lebte und die damals in bezug auf Spielplan und Leistungen vorzügliche Oper viel besuchte, hatte ich auf der oberen Galerie des öfteren einen schlichten Mann aus dem Arbeiterstand beobachtet, dessen Aufmerksamkeit und dessen Teilnahme sich auf dem Antlitz in anziehender Weise widerspiegelten; meistens hatte er auch das Textbuch erstanden, in dem er sich während oder zwischen den Akten ernstlich umsah. Als ich nun einmal bei einer Aufführung der Walküre zufällig sein Nachbar wurde, fiel es mir auf, daß er keine Dichtung in der Hand hielt, und zwar fiel mir das um so mehr auf, als das Werk in Dresden neu war, er es also unmöglich schon kennen konnte. Nachdem ich ein freundschaftliches Gespräch mit ihm eingeleitet hatte, stellte ich ihm hierüber eine Frage. Er erwiderte: „Ja, liebster Herr, das verhält sich folgendermaßen: wo ich kann, muß ich sparen; ich habe aber kein Vergnügen, wenn ich die Vorgänge auf der Bühne nicht verstehe; bei den anderen allen weiß ich ohne Textbuch nie, was los ist, und verstehe auch kein Wort, da gehe ich lieber seltener hinein und erstehe mir dafür das Buch; bei Wagner aber braucht der Mensch bloß die Augen aufzuhalten, und er weiß alles genau.“ Ich warf ein: „Aber die Worte?“ — „Ach, wenn ich verstehe, was vorgeht, da errate ich meistens die Worte! Bei Wagner kauf ich das Buch n i e.“ Mancher Schwärmer hätte wohl bei einem solchen Ausspruch das Kreuz geschlagen; mir dagegen war zumute, als müßte ich den braven Mann umarmen; er hatte ja instinktiv das tiefste Wesen des neuen Dramas erfaßt, und ich überzeugte mich dann auch, daß er über den dichterischen Gehalt aller ihm bekannten Werke des Meisters Bescheid wußte. Ich hoffe, mein gütiger Gönner verliert bei diesem langen Exkurs nicht die Geduld? Mir kam es darauf an, deutlich zu machen, warum ein empfindsames, unbefangenes und unerfahrenes Gemüt bei der Anhörung von Wagner's Musik — losgelöst von der Bühne — in eine erwartungsvolle Erregung gerät, die ganz anderer Art ist als 202 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. die weltverlorene Entrückung, in welche Beethoven's Muse ihn versetzt. Wagner's Musik fordert eben gebieterisch die Ergänzung durch das Auge, und wer das nicht weiß, wird zwischen Wonne und Weh hin und her geworfen. Wenn z. B. die Tannhäuser-Ouvertüre ausdrucksvoll gespielt wird, was unter Herfurth's Leitung geschah, und dann am Schluß kein Vorhang sich über das Innere des Venusberges öffnet, so bleiben die Nerven in einem Zustand fast unerträglicher Spannung; denn diese Musik bedeutet wirklich die Vorbereitung der Seele auf eine verzehrend leidenschaftliche, den Augen vorzuführende Handlung; wogegen die große Leonoren-Ouvertüre die Handlung rein seelisch — und insofern unsinnlich — bringt, und demgemäß auch diese seelische Handlung bis zum vollkommenen Abschluß führt. Daher vom ersten Augenblick ab die gänzlich verschiedene Wirkung der Musik Beethoven's und derjenigen Wagner's auf mich naiven Jüngling, bei gleich inbrünstiger Liebe zu beiden Meistern. Zwei Gewaltige hatte ich jetzt kennen gelernt, zwei Gipfel der Schöpferkraft in jener Kunst, von der Goethe sagt, sie allein vermöge es: Des
Menschen Wesen durch
und
durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew'ger Schöne! Der Dritte — Johann Sebastian Bach — sollte mir erst einige Jahre später und erst nach und nach vertraut werden. Auf die geschilderten Eindrücke, die ich Herfurth und seiner wackeren Musikerschar verdankte, war ich begierig, die Dichtungen zu Rienzi, Holländer, Tannhäuser und Lohengrin kennen zu lernen; doch gelang es mir nicht, in dem theaterlosen Interlaken die „Textbücher“ — so nannte man sie damals noch — aufzutreiben, und das Wenige, was meine Freunde mir zu erzählen wußten, war nicht geeignet, meine Neugier zu stillen. In diesem Augenblick — Herbst 1875 — trat nun, wie oben mitgeteilt, jener Wiener Blumenfeld als deus ex machina auf, erzählte mir von Bayreuth und führte mich vor das Schaufenster eines abgelegenen Krämerladens, wo er ein Exemplar des zu den kommenden Festspielen neuverlegten Ring des Nibelungen entdeckt hatte. Das war wieder einmal eine merkwürdige Schicksalsfügung: unmittelbar auf die hinreißende Wirkung von Bruchstücken aus Wagner's Musik der fürs ganze Leben 203 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's. bestimmende Eindruck der gewaltigsten unter seinen Dichtungen — und zwar dieser gleich als allererster! Zu dem Erlebnis einer guten Bühnenaufführung wäre ich gewiß noch unreif gewesen, und das Opernmäßige an der außeren Form der Dichtungen aus der ersten Lebenshälfte hätte mich wahrscheinlich befangen gefunden und befangen gemacht. So dagegen offenbarte sich der D i c h t e r mir sofort in seiner ganzen Größe und mit einer solchen Bestimmtheit, daß ich von der ersten Stunde an ihn den erhabensten aller Zeiten gleichstellte. Mit welcher Sicherheit dies geschah, beweisen Briefstellen aus jenem Herbste. Das Studium der Dichtung des Ringes war für einen in der deutschen Sprache noch so wenig bewanderten Mann wohlbetrachtet ein überkühnes Unternehmen, bei welchem Instinkt und keckes Erraten dem Verständnis gar oft zu Hilfe kommen mußten. Nicht bloß enthielt mein guter „Grieb“ manche Worte nicht, sondern wie viele Wörter trugen eine von der heutigen abweichende Bedeutung, und wie viele der reichen alten Sprache abgelauschten Satzbildungen mußten mir — auf die eigenen Kräfte Angewiesenen — schwer lösbare Rätsel stellen! Und doch ist mir keine Erinnerung einer Mühseligkeit geblieben, vielmehr nur die eines freudigen und erregten Kampfes. Zwei ganze Tage blieb ich der Heimwehfluh und der Kurmusik untreu, an dem einen verzichtete ich sogar auf mein Mittagessen — was im zwanzigsten Jahre etwas bedeuten will —‚ ich konnte mich nicht losreißen. Mit zitternden Händen schlug ich im „Grieb“ nach, unfähig die Erregung zu meistern. Der Zustand glich genau dem des ersten Shakespeare-Rausches, nur traf er mich jetzt nach außen ungebunden und nach innen um sechs wichtige Jahre auf dem Wege von Kindhaftigkeit zu Manneswert reifer. Der übermäßig starke Eindruck kommt gewiß daher, daß diese beiden großen Dichter — Shakespeare und Wagner — ohne jede stufenweise Annäherung, ohne jegliche Begleitung kundiger Erläuterung und geschichtlicher Vermittelung urplötzlich vor meinem unerfahrenen Gemüte dastanden, was der Seele Gleichgewicht stören mußte.... Es war spät im Herbst; meine neuen deutschen Freunde waren nacheinander fortgezogen; auch Herr Blumenfeld, der Wackere Sohn Sem's, dampfte ab nach seinem heimatlichen Wien; die Orchestermitglieder folgten; ich blieb allein mit meinem Ring 204 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Interlaken: Erste Berührung mit dem Genius Wagner's - Musikalische Anfänge. und den durch diesen gesteigerten Bemühungen um die Beherrschung der deutschen Sprache. Eine ungewöhnliche Vertrautheit mit dem von den meisten Deutschen damals für schwierig und unzugänglich gehaltenen Werke war das Ergebnis dieses einsamen Herbstes. Fortan war für mich Wagner in erster Reihe „der Dichter des Ringes“, und nie mehr habe ich irgendeinen unter den Lebenden mit ihm verglichen. Die S o n n e seines Lebens, von der die einleitenden Worte zu diesem Briefe sprechen, war dem Jüngling aufgegangen. * 205 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Musikalische Anfänge. keine Vorzeichen mich beängstigten. Nie werde ich den Eindruck vergessen, als ich — nach wieviel Zeit weiß ich nicht — endlich die Töne
Ermutigt durch diesen bescheidenen Erfolg, mietete ich im folgenden Winter ein Harmonium. Ob es meinen Nachbarn zur Freude geschah, weiß ich nicht, ich aber lernte das vielverlästerte Instrument sehr schätzen; mein Repertoire erweiterte sich allmählich und — was die Hauptsache war — auf diesem Wege wurde ich mit unserer Notenschrift vertraut genug, um schließlich auch zum Klavier übergehen zu können. Die Orgel ließ ich auch nicht ganz im Stich und amtete einen ganzen Winter über als Registerzieher des Organisten der Stadtkirche in Cannes — wovon Gehör und Notenkenntnis Vorteil zogen. Der nächstweitere Schritt geschah, als ich mich imstande fand, zum Vierhändigspielen auf dem Klavier überzugehen. Zwar war es ein kühnes Unternehmen, da ich gar keinen Unterricht genossen hatte und meine Naturstudien mir zum Nachholen des Versäumten keine Muße ließen: eine gewisse natürliche Fertigkeit im Vomblattelesen, Liebe und Instinkt zur Musik, ein geübter Partner im Diskant — mehr brauchte es nicht. Bald brach die Zeit an, wo fast nie ein Tag verstrich, ohne daß eine Symphonie Beethoven's durchgespielt worden wäre! Diese Werke — welche das Evangelium jedes den Offenbarungen der Tonwelt empfänglichen Herzens bilden — in der Originalfassung vom Orchester zu hören, blieb ein mir damals unzugängliches Glück... ein einzigesmal hörte ich einen einzigen Satz vom Orchester der Spielhölle in Monte Carlo, empfand aber die ganze Umgebung als einen so 206 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Musikalische Anfänge - Die ersten Bayreuther Festspiele aus der Ferne. schreienden Mißklang zu der himmelspendenden Kunst des Gottgesandten, daß ich den Versuch nicht wiederholte; auf dem bescheidenen Klavier dagegen lernte ich diese Werke Ton für Ton auswendig kennen, und sie haben mich seitdem im Wachen und Träumen durchs Leben begleitet. Bald kamen alle Ouvertüren des selben Meisters dazu, auch die Ouvertüren Mozart's und einige seiner Symphonien, viel Haydn, manches von Schubert und von Händel und endlich — oh des glücklichen Tages! — für Klavier gesetzte Orgelmusik von Bach. Hier möchte ich ein Buch nicht unerwähnt lassen, das auf mich — der ich bisher als Kunstparia aufgewachsen war — einen dauernden Einfluß ausüben sollte, indem es mich nicht bloß über die Geschichte der Tonkunst unterrichtete, sondern meinen Geistesbedürfnissen namentlich dadurch entsprach, daß es die Tonkunst in Zusammenhang mit der Gesamtheit der Kulturerscheinungen brachte, wodurch sie zu einem lebendigen Bestandteil eines würdigen Menschenlebens erhoben wird, wie das meiner eigenen Erfahrung entsprach: ich rede von Brendel's Geschichte der Musik. Dieses Werk habe ich mit Eifer wiederholt durch und durch gearbeitet; was dagegen einzuwenden ist, weiß ich; nichtsdestoweniger halte ich es für unersetzlich und beklage es, wenn es der heutigen Jugend vorenthalten bleibt. * 207 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die ersten Bayreuther Festspiele aus der Ferne. neten. Stand auch manches Haarsträubende darin, so fanden sich dagegen Sätze, wie die folgenden: „Der von der Macht der Töne getragene Gesamteindruck ist und bleibt doch ein großartiger... der Eindruck ist einer der mächtigsten, den je ein Bühnenwerk auf mich gemacht, und hat für mich etwas Ähnliches nur in Gebilden, die zwei Meister aller Meister geschaffen: Shakespeare und Beethoven.“ Sehr wohltuend wirkte auch seine Wut über das Verhalten der deutschen Kritik; nach einer Erwähnung der begeisterten Bewunderung, die Wagner's Werke in Frankreich und in England, in Italien und in Spanien genössen, fährt er fort: „Nur die hochgelobte deutsche Kritik gebärdet sich so, als ob es ihrer kostbaren Würde Eintrag tun müsse, wenn sie sich im geringsten für den Mann erwärmte. Sie ist die richtige Prüde, wie Wagner sie irgendwo schildert, die egoistisch und lieblosen Herzens dem Götzen des konventionellen Anstandes opfert, um gelegentlich desto tiefer in den Kot zu fallen. In einer Zeit der vollständigsten Dürre auf dem Gebiete der musikalisch-dramatischen Literatur, in den Tagen der blühendsten Kapellmeistermusik tritt ein mit wirklich schöpferischer Kraft begabter Geist auf, weist mit der Kühnheit des Gedankens, wie sie nur dem deutschen Geiste eigen ist, auf neue Bahnen hin, bemüht sich, selbst mit enormer und fast übermenschlicher Kraftanstrengung, sein künstlerisches Ideal in großen Schöpfungen zu verwirklichen, überwindet die unabsehbaren Hindernisse, die der Darstellung seiner Werke im Wege stehen, gibt auf eigene Rechnung und Gefahr sein Bühnenfestspiel so, wie es ihm vor der Seele schwebte, und da kommt die deutsche Kritik und weiß nichts mehr zu erzählen, als daß man in Bayreuth viele unmoralische Dinge zu sehen und zu hören bekommt, und daß man im Wagner'schen Theater so sehr schwitze wie anderswo. Das ist echt berlinerisch, um nicht zu sagen echt deutsch. Wäre Wagner ein Franzose oder Italiener, ich bin überzeugt, daß die dortige Kritik schon aus purem vaterländischen Stolze den Künstler mit mehr Achtung behandelt haben und sich nicht ein so trauriges Zeugnis von Impotenz und dünkelhafter Befangenheit ausgestellt haben würde. Jedenfalls aber stehen die unbedingten und kritiklosen Enthusiasten unendlich höher in meiner Sittlichen Wertschätzung als jene gewiegten Kunstkritiker, die sich nicht bedenken, eine derartige künstlerische Kraft als Brandopfer 208 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Die ersten Bayreuther Festspiele aus der Ferne - Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). auf den Altar ihrer persönlichen Eitelkeit zu legen.“ Besonderen Eindruck machte auf mich die Art, wie der „Patronatsherr“ zu dieser Erkenntnis von der hohen Bedeutung des Werkes erst im Laufe der Aufführung selber gelangte. Bei Rheingold wäre es schwer, seinen Spott von dem berlinerischen zu unterscheiden; am nächsten Tag reut es ihn, so leichtfertig verfahren zu sein, denn die Walküre hat ihn insofern eines Besseren belehrt, daß er jetzt einsieht, „das Ganze sei aus einem triebkräftigen Lebenskeim entsprungen und der Ausfluß eines mit schöpferischer Kraft gesegneten Geistes“. Das ist zwar nicht viel, aber immerhin ein Schritt auf dem Wege zum Verständnis. Siegfried versetzt den braven Mann in noch ärgeren inneren Zwist zwischen höchster Bewunderung und völligem Unverständnis. Und erst nach der Götterdämmerung geht's ihm auf, daß er alle seine Urteile zu früh ausgesprochen hat: „Nachdem nun auch der vierte Teil des Ringes an uns vorübergezogen, ist uns ein großer Vorzug des ganzen Werkes zum Bewußtsein gekommen. Das ist die ununterbrochene, von Anfang an bis zum Schluß gehende Steigerung, — ein in seinen Anfängen kaum merkliches, aber immer mächtiger anschwellendes Kreszendo des poetischen wie des musikalischen Ausdrucks, das unser Interesse trotz der alle Nerven erschütternden Arbeit des Aufmerkens nicht erlahmen läßt“; so daß er den Eindruck gewinnt, der letzte Teil „lasse die vorhergegangenen weit hinter sich“, und schließlich beim weiteren Nachdenken zu seiner Parallelisierung mit Shakespeare und Beethoven gelangt. * 209 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). barung des wahren Wesens dieser vollendeten Meisterwerke menschlicher Kunst in Bayreuth — unter dem Wahn gelitten, als seien sie Durchgangserscheinungen auf dem Wege zu einer Kunst, die im Ring ihren ersten wahren Ausdruck fand. Hiervon zeugt der erste Aufsatz, der jemals aus meiner Feder in der Öffentlichkeit erschien: Notes sur Lohengrin (Revue Wagnérienne, 1886). Mein Irrtum ist nicht schwer zu erklären: die Partituren zu studieren war ich unfähig, ich richtete mich — wie bisher bei allem — nach der unmittelbaren Wirkung des empfangenen Eindruckes, und dieser war ein so verworrener, widerspruchsvoller, daß ich mehr Schmerz als Freude davontrug. Später jedoch erfuhr ich aus den Briefen des Meisters, daß es ihm nicht besser als mir erging und er unfähig war, der Verballhornung dieser Werke durch unsere Opernbühnen beizuwohnen. An Liszt schreibt er: „Mit größter Bestimmtheit weiß ich, daß alle meine Erfolge sich auf schlechte, sehr schlechte Aufführungen von meinen Werken gründen: daß sie somit auf Mißverständnissen beruhen und daß mein öffentlicher Ruhm nicht eine taube Nuß wert ist... Den Tannhäuser und den Lohengrin habe ich in den Wind gegeben: ich mag nichts mehr von ihnen wissen; als ich sie dem Theaterschacher übergab, habe ich sie verstoßen; sie sind von mir verflucht worden, für mich zu betteln und nur noch Geld zu bringen“ (I. Aufl. 1887, 2. 41; III. Aufl. 1910, 2. S9). Feiner Empfindende werden, hoffe ich, meine damalige schiefe Beurteilung dieser Werke verstehen. Außer dem Don Giovanni des Théâtre des Italiens (vergl. S. 172) hatte ich selten ein Operntheater besucht und war von diesem ganzen Apparat von Unnatur und Unsinn einfach angewidert; es handelt sich um den gesunden Instinkt jedes rein und stark empfindenden Menschen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den wundervollen und leider wenig bekannten Aufsatz Carlyle's — The Opera — aus dem Jahre 1852 verweisen: „Mit Recht wird behauptet, Musik sei die Sprache der Engel; in der Tat, unter menschlichen Äußerungen gibt es keine, die den göttlichen Ursprung so sicher verrät. Sie hebt uns an das Unendliche hinan; vom Gesang geführt und begeistert, schauen wir auf Augenblicke über die dunklen Wolkenelemente hinüber in das ewige Meer des Lichtes... Heute aber und seit geraumer Zeit ist die Musik — von allem Sinn und von aller 210 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). Wirklichkeit geschieden — wahnsinnig geworden; wie ein Verrückter rennt sie umher, eitel darauf, daß sie mit Sinnvollem und Wirklichem nichts zu tun habe, sondern nur mit Unwirklichem und Fieberwahn.... In der Gestalt der Oper dient jetzt die göttliche Kunst, eine Stunde durch Unterhaltung auszufüllen, und ist nicht einmal unterhaltend, sondern langweilig und öde, wie die angeputzten Zuhörer männlichen und weiblichen Geschlechtes es sind, die — soweit mein Auge mir ein Urteil erlaubte — in keiner Beziehung wert waren, unterhalten zu werden.... Ein merkwürdiger Anblick, und für den, der Augen zum Sehen hat, ein trauriger.... Hinter der Oper erblicken meine Augen den Schatten des ewigen Todes, wie er vorüberschreitet; die Musik dient nicht mehr dazu, gottwärts, himmelwärts, nach dem Throne ewiger Wahrheit, sondern abwärts, in das Falsche, das Leere und in die Wohnung nie endender Verzweiflung zu blicken.... Meine lieben Herren, seien Sie versichert, ich erwarte keineswegs, daß die Oper sich dieses Jahr oder nächstes Jahr von selbst abschaffen werde; fragt Ihr mich jedoch, warum Helden heutigentages nicht geboren, warum Heldentaten nicht getan werden, so will ich Euch antworten: wir leben in einer Welt, in der alles darauf berechnet ist, das Heldenhafte zu erdrosseln. An jedem Eingang ins Leben harren die Dämonen dieser Welt auf heldenhafte Anlagen und legen alles darauf an, sei es durch Verführung, sei es durch Nötigung, sie zu verderben oder auszulöschen. Und für diese Hölle bildet Eure Oper den angemessenen Himmel!“ Zum Glück brachte wenige Wochen nach dieser unersprießlichen Tannhäuser-Aufführung ein zweites Bühnenerlebnis ein vollwiegendes Gegengewicht. Mitte November 1878 fand nämlich in München die erste dortige zyklische Aufführung des Ringes statt, zugleich die allererste außerhalb Bayreuths: ihr wohnte ich bei. Zwar war der Andrang so groß, daß ich nur einen Hinterplatz in der letzten Seitenloge links des dritten Ranges erhielt — was mir allerdings eindringliche Belehrung über die Notwendigkeit von Wagner's Reform des Theaterbaues erteilte: von meinem Stuhle aus sah ich die Bühne überhaupt nicht; stand ich auf und belästigte in ungebührlicher Weise die vorderen Reihen, so erblickte ich glücklich einen großen Teil der Rampe sowie die rechte Seite des Bühnenbildes — Szenerie und Gestalten der Darsteller, alles aus der Vogel- 211 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). schau und dadurch oft bis zur Lächerlichkeit entstellt. Ebenso jämmerlich gestaltete sich für mich die Akustik des nach den alten italienischen Prinzipien aufgestellten Orchesters: die rechts massierten Trompeten und Posaunen schmetterten mir in die Ohren, daß ich manchmal die übrigen Instrumente nicht hörte, wogegen die Hörner und Holzbläser, nach der entgegengesetzten Richtung hingewendet, zudem durch den vorspringenden Balkon verdeckt, wie ermattet mein Gehör erreichten. Und nun denke man sich einen jungen Mann, dem jede Übung im Zurechtrücken und Ausgleichen der tollen Ungeheuerlichkeiten unseres unsinnigen modernen Theaterwesens abging, und man wird sich vorstellen, welche verwirrenden Eindrücke er empfangen mußte. Nur zwei Momente haften mir noch heute lebendig im Ohre: die Todesverkündung als das Feierlich-Erhabenste, was jemals Ausdruck fand, und Siegfried's Rheinfahrt als musikalisch-poetischer Klangzauber — beides von Hermann Levi breit und groß erfaßt. Ich besitze aber Briefe aus jenen Tagen, die den unmittelbaren Eindruck widerspiegeln und außerdem einiges Beachtenswerte zur Veranschaulichung der Verständnisstufe bringen, die ich auf meinem Wege nach Bayreuth damals erreicht hatte. Den größten Teil des ersten dieser Briefe, vom 18. November 1878 datiert — also vom Morgen nach der Aufführung des Rheingold — will ich jetzt, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, mitteilen. Vorausgeschickt sei, daß er an die geliebte Tante gerichtet ist, die Mutterstelle bei mir vertreten hatte, und der ich unmittelbar nach jeder Aufführung einen eingehenden Bericht schickte. „Als erstes laß mich Dir sagen, daß im ganzen Stück keine Stelle vorkam, die mir im geringsten verworren oder unharmonisch erschienen wäre, oder die dem Ohre den sofortigen vollen Genuß erschwert hätte; ganz im Gegenteil, was mich am meisten überraschte, war die mirakulöse Einfachheit und kristallene Klarheit — die mir bei französischen und italienischen Opern mit ihren mehrfachen Sängern und der unzusammengehörigen Begleitung fehlten. Im Rheingold liegt immer die einzelne Stimme obenauf; hin und wieder von einem mit ihr verschmelzenden Instrumente gleichsam getragen. Das wunderbare Orchester entzückt das Ohr und bietet jedem, der befähigt ist, tiefer zu schauen und seine Freude darin findet, den ethischen und philosophischen Ideen des Tondichters 212 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). nachzugehen, einen wahren Ozean, in welchen er wonnig untertauchen kann, um endlos daraus zu lernen: dieses Orchester, mit seinen vielen Stimmen, mit den Rückerinnerungen und den Vorahnungen, die sich — wie das im Menschengeist geschieht — kreuzend verweben, und welches ganze Ideenfolgen, sowie Hoffnungen und Befürchtungen in uns hervorruft, die vielleicht ein einziges Wort in der Seele des Helden geweckt hat, — dieses Orchester läßt der Genius Wagner's in einer Weise fließen, daß es niemals die Aufmerksamkeit von der Handlung auf der Bühne ablenkt, zugleich so, daß die „Motive“, wie zahlreich sie auch auftauchen mögen, alle mit eindeutiger Klarheit vor uns stehen. Ich meine, es muß wohl die Vollkommenheit des reinen Genies sein, wenn ein großes, tiefes und verwickeltes Werk den Eindruck des Einfachen, Unverwickelten macht. Man hört viel von den „Disharmonien“ in Wagner's Musik reden, es wird behauptet, das Ohr müsse sich erst an die Wirrnis gewöhnen, ehe es sich darin zurechtfinde — und ich muß gestehen, ich glaubte bisher, die Leute, die das sagten, hätten teilweise recht; heute aber kann ich nur sagen: im Rheingold war von dem allen keine Rede. In dem Gewittersturm z. B. gibt es Stellen, wo schon die bloßen Violinen sechzehnfach geteilt sind! Und nichtsdestoweniger, welche G e l a s s e n h e i t — ein Wort, das hier vielleicht nicht am Orte ist, dasjenige aber, was ich zu vermitteln versuche, am besten ausdrückt! Ich hatte mir vorgestellt, einzig die angespannteste Aufmerksamkeit des Ohres würde mich befähigen, mich in diesem Wirrwarr zurechtzufinden, und ich drängte mich vor, um das Auge zu Hilfe zu nehmen, indem ich die Geiger beobachtete — doch, welch' ein Irrtum! Wir sind ja nicht auf Erden, sondern im Himmel, und die waltende Stimmung ist die der über Freya's Rückgabe erfreuten Götter; nicht handelt es sich hier, wie in der Pastoral-Symphonie, um Blitz und Donner, die in den ländlichen Bauerntanz störend hineinfahren; hier sind wir über den Wolken daheim, und Donner ruft sie herbei zur Bildung der Regenbogenbrücke, welche die Götter nach Walhall hinüberführen soll. ,Zu mir, du Gedüft! Ihr Dünste zu mir!.... Auf des Hammers Schwung schwebet herbei!' Dieses friedliche Herbeischweben des Gedüftes ist es, dem das Orchesterbild gilt und das beschreiben zu wollen ein unnützes Beginnen wäre.“
„Du weißt, wie schwierig es ist, über solche Erlebnisse zu schreiben, besonders am nächsten Morgen, den Kopf noch voll der verschiedenartigsten Eindrücke und keineswegs fähig, einen zusammenhängenden Überblick zu gestalten. Außerdem, wie Du weißt, hatte ich bisher nur selten Gelegenheit, ein Opernhaus zu betreten, und so mag denn wenig an meiner Meinung liegen. In Kürze sei gesagt: Wagner's Werk — als solches — hat meine Erwartungen in allen Teilen erfüllt und in einigen weit übertroffen; von den Darstellern kann ich das Gleiche nicht behaupten; was aber Wagner's Ideal eines neuen Theatergebäudes betrifft, es hat der eine Abend genügt, mich völlig zu bekehren und meine letzten Bedenken zu zerstreuen. Wenn ein wahres Musikdrama überhaupt existieren soll, so müssen unbedingt Stätten gebaut werden, würdig dieser höheren Kunst. Erstens dürfte kein Theater für Musik so groß sein wie das Hoftheater in München, denn die menschliche Stimme ist nicht geschaffen, solche Räume auszufüllen; zweitens muß unbedingt das Orchester unsichtbar sein, und da es eine höhere Bedeutung im Drama gewonnen hat und seine Stimme ununterbrochen gehört werden muß, so ist ein Ausgleich der verschieden gearteten Tonmassen durch die Entfernung einiger Gruppen —— ich nenne nur die Posaunen und die Trompeten — bis unter die Bühne zu empfehlen; drittens muß das Theater dunkel werden, ehe der erste Ton erschallt. Diese Erfordernisse zu einem wahren künstlerischen Genuß liegen auf der Hand, und es ist mir unbegreiflich, daß sie nicht jedermann sofort einsieht, und daß vielmehr die große Mehrzahl gebildeter Menschen sie noch heute bekämpft und über das Bayreuther Theater ihren Spott treibt; jedenfalls zeigt es, wie seicht diese Mehrzahl ist und wie oberflächlich ihre Vorstellung von der Bedeutung der Kunst. Ich kann Dir gar nicht sagen, wieviel ich von meiner Umgebung gelitten habe; bei der Einleitung und den Zwischenmusiken schwatzten die Menschen unaufhörlich und streckten die Köpfe nach allen Seiten des Theaters umher; mir wurde dadurch der Genuß so verdorben und die feierliche Stimmung, die mich erfüllte, dermaßen verletzt, daß ich behaupten darf: ich habe mehr Freude daran, das Erlebte mir im Gedächtnis wieder vorzuführen, als ich hatte, der Aufführung beizuwohnen.“ 214 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). „Wie Du weißt, ist Rheingold ein Vorspiel; es dauert knapp zweieinhalb Stunden, aber zweieinhalb Stunden hintereinander; jede der vier Szenen geht ohne Unterbrechung in die folgende über, mit anderen Worten, die Musik setzt keinen Augenblick aus. Diese Anordnung scheint mir einer tieferen Ursache zu gehorchen; denn was wir hier erleben, ist nicht eine dramatische Handlung, welche nach Entwickelungsmomenten in Akte eingeteilt werden könnte; was wir hier sehen, sind die ursprünglichen Kräfte der Natur, dargestellt in ihren symbolischen Beziehungen zu dem Wesen und zu den Hauptleidenschaften des Menschen, wozu die Vorstellungen uralter Mythologie den Rahmen abgegeben haben. Man darf nie vergessen, daß im Laufe des ganzen Rheingold kein eigentlicher M e n s c h die Bühne betritt! Freilich erblicken wir in den Handelnden unsere eigenen guten und schlechten Leidenschaften — wäre das nicht der Fall, wir würden die Vorgänge nicht verstehen: wir erblicken die reine Liebe, die sinnliche Liebe, die Liebe zu Macht und Reichtum, edlen Ehrgeiz, Charakterschwäche, Schlauheit und noch vieles andere; wenn uns aber die Sprache zwingt, von allen diesen Dingen mit den gleichen Worten zu reden, wir dürfen doch nicht übersehen, daß diese Gefühle und Leidenschaften, wie sie in den Handelnden des Rheingold zu Worte kommen, nicht den selben Sinn und den selben Beurteilungswert besitzen, als wenn es Menschen wie wir es sind, beträfe. Die Handelnden im Rheingold möchte ich mit platonischen Ideen vergleichen; treten sie auch als vielseitige Persönlichkeiten auf, so ist diese Persönlichkeit gleichsam ein Überwurf, der die Naturkräfte uns sichtbar und betastbar machen soll. Die Seele einer menschlichen dramatischen Handlung bildet eine fortschreitende Wandlung, und deren ethischer Wert beruht in der Aufzeigung des Verhältnisses zwischen der Kraft, die von außen auf den Menschen wirkt, und der Kraft des Willens, die aus seinem Inneren jener entgegendringt: Voraussetzung bilden das Wesen und die wechselnden Ideen des Menschen. In dem Vorspiel zum Ring fehlen alle diese Bestandteile eines menschlichen Dramas — und zwar aus dichterischer Absicht. Was wir hier erblicken, sind die Naturmächte, durch welche das kommende Drama seinen unabwendbaren Lauf geführt werden wird; wollte aber jemand voraussetzen, der Gang der Begebnisse könnte (wie das beim Menschen 215 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). der Fall sein würde) möglicherweise Loge's Schlauheit und lügnerische Erfindungskraft auf bessere, edlere Wege leiten, so wäre das genau ebenso absurd, als wollte man verlangen, das Feuer solle nicht mehr brennen; brennt Feuer nicht, so ist es eben kein Feuer. Die Götter und Dämonen des Rheingold können nur bekennen: ,Ich bin, der ich bin.' In diesem Sinne behaupte ich, Wagner's Dichtung trage wahrhaft antiken Charakter; er besitzt aber ein Werkzeug des Geistes, welches die Alten nicht kannten und mit dessen Hilfe er lebende antike Statuen gemeißelt aufstellt. Die Töne, in welchen die Haupthandelnden im Rheingold Gestalt erhalten, erinnerten mich an die auf uns gekommenen Schilderungen gewisser Statuen des Phidias, die zwar Menschengestalt trugen, doch vom Hauch des Übermenschlichen belebt erschienen. Zugleich mußte ich bei der vollkommenen E i n f a c h h e i t dieser leitenden musikalischen Themen an Shakespeare denken. Wenn, wie Wolzogen es in seiner bekannten Schrift tut, Du jedem dieser musikalischen Gebilde einen Namen gibst und z. B. von einem „Regenbogenmotiv“ sprichst, so läufst Du natürlich Gefahr, die Schwelle des Absurden bald zu überschreiten; doch kann ich nichts Unnatürliches oder Gezwungenes darin finden, daß man eine eigentümlich wehmütige, fast unirdisch anmutende musikalische Tonfolge, der eine langsam und doch unabweislich vordrängende Bewegung eignet, mit den Nornen und ihrer Mutter Erda verbindet; und vollkommen natürlich wirkt es, wenn diese Tonfolge als eine Umwandlung des Themas erkannt wird, das der elementaren Natur angehört, insbesondere dem Wasser, in welchem die elementarsten, unschuldigen Wesen — die Rheintöchter — umherschwimmen. Doch unterliegen alle diese „Motive“ einem unbedingten Erfordernis: sie müssen wahrhaft natürlich und sozusagen notwendig sein. In allen anderen Händen, außer denen des Genies, wird diese architektonische Idee unfehlbar zu einem bloßen mechanischen Notbehelf entarten; wie Wagner sie handhabt, bewirkt sie wahrhafte Wunder des Ausdrucks. Einige behaupten, er habe diese Methode übertrieben; das wäre sehr schade; das Rheingold wird jedenfalls von diesem Vorwurf nicht getroffen. Du kennst das exquisite: ‚Nur wer der Minne Macht versagt'; dies nennt Wolzogen das Motiv der Entsagung. Kannst Du Dir einen vollkommeneren Ausdruck für eine feierliche Verzichtleistung den- 216 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878). ken? Und hältst Du es für möglich, Dir einen Wagner an seinem Tische vorzustellen, wie er an der Komposition dieser Melodie arbeitet? Nein, gewißlich nicht! Hier handelt es sich um wahre Eingebung, um eine Eingebung, die den absoluten Wert der Wahrheit besitzt. Und wenn wir diese Töne dann wieder vernehmen — sei es als Gesang, sei es aus dem Orchester heraus — in Augenblicken, wo einer oder der andere der Handelnden ein Gutes aufgibt und ein Übles erwählt, so erscheint es uns natürlich und schön und notwendig, — wie wäre es möglich, für diese Stimmung einen anderen Ausdruck zu finden? Doch darfst Du nicht glauben, dieses Motiv komme ausschließlich in dem genannten Sinne zur Anwendung. Ein Beispiel: Erzählt einer der beiden Riesen von der mühseligen Arbeit, die er und sein Bruder beim Auftürmen der Mauern Walhalls verrichtet haben, und von der Hoffnung, die sie dabei belebte: ‚ein Weib zu gewinnen, das wonnig und mild bei uns Armen lebe', — so flüstern die unaussprechlich wehmütigen Töne des Entsagungsmotivs ihm ins Ohr, daß das niemals sein, daß er der Liebe nie teilhaftig werden kann. Der Eindruck derartiger Stellen — die sich dem Ohre vollendet einfach mitteilen und jeder Spur von Sentimentalität entraten — ist herzzerbrechend.“ „Zum Schluß: Ein Haupteindruck, den ich gestern abend gewonnen habe, ist die Überzeugung, daß dieses Werk — ich kann vorläufig nur vom Rheingold sprechen — die Jahrhunderte überdauern wird. Hatten Wagner's Werke so viele Schwierigkeiten zu überwinden, so mag das wohl zum Teil in der Originalität des Stiles begründet sein, ungleich mehr aber, glaube ich, an der Unzulänglichkeit der Sänger und der Orchesterleistungen liegen. Sind erst diese vorangehenden Schwierigkeiten jeder Aufführung überwunden, und tritt das wahre V o l k als Zuschauer ein, so wird die Volkstümlichkeit des Ringes derjenigen Tannhäusers und Lohengrins nicht allein gleichkommen, sondern sie übertreffen. Augenblicklich bildet die Mehrzahl ihre Meinung notwendig nach derjenigen der Zeitungskritiker — jener elenden Rasse hungriger Menschen; laßt sie aber erst für sich selbst urteilen, und ich bin überzeugt, die große Mehrzahl der Menschen ist dem Einfluß des wirklich Genialen unterworfen und kann ihm nicht widerstehen.“ 217 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Erste Bühnenerlebnisse: Tannhäuser, Ring (1878) - Aufsatz für die Bayreuther Blätter (1879). Die weiteren Briefe fügen für die Beurteilung des Grades meiner damaligen Erkenntnis und Einsicht wenig Neues hinzu; und so mag es denn bei diesem Auszug aus dem Rheingold-Brief sein Bewenden haben. * In ähnlicher Weise machte sich dies im selben Winter noch einmal geltend. Der Eindruck von der Aufführung des Ringes in München gärte stark in meinem Innern und veranlaßte mich, nicht nur die Dichtung wieder vorzunehmen, sondern, soweit es ging, den musikalischen Aufbau des gewaltigen Werkes aus den Klavierauszügen mir näher vertraut zu machen. Zu gleicher Zeit erhielt ich als Patronatsherr die ersten Stücke der Bayreuther Blätter, in denen Worte des Meisters tiefen Eindruck auf mich machten, einiges andere dagegen zu lebhaftem Widerspruch aufreizte — so z. B. ein Aufsatz des von mir später sehr wertgeschätzten, vortrefflichen Heinrich Porges Über die Begründung der Kunst durch die Religion. Das alles brodelte nun in meinem jungen Kopfe und gab mir die 218 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Aufsatz für die Bayreuther Blätter (1879). Kühnheit zu einer gewiß nicht unbescheiden gemeinten, nichtsdestoweniger erstaunlich kecken Tat ein. Ich setzte mich hin und schrieb — zum erstenmal in meinem Leben — einen Aufsatz, und zwar in deutscher Sprache, für die Bayreuther Blätter bestimmt! So sehr es mich freut, wenn ich auf mein Leben zurückblicke, daß der allerfrüheste Versuch zu schriftstellern dem Bayreuther Werke und Gedanken galt, so muß ich dessenungeachtet über die naive Unbefangenheit meines Unternehmens staunen; es bleibt ein Zeugnis von der gehobenen Stimmung, in die mich das Erlebnis der Münchner Aufführung versetzt hatte. Daß Hans von Wolzogen — später ein so innig verehrter, teurer Freund — dieses Elaborat in sein Blatt nicht aufnehmen konnte, liegt auf der Hand; hätte er sich aber vorgestellt, wie jung und unerfahren der Verfasser war und wieviel Intuition und Begeisterungskraft sich hier kundtat, so hätten wohl schon damals Beziehungen entstehen können, die erst volle zehn Jahre später angeknüpft wurden. Zufällig aber traf es sich, daß in dem nächsten Stück der Blätter ein Aufsatz von ihm erschien, in welchem er das spezifisch D e u t s c h e an Wagner's Werk betont, zugleich die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit für einen Nichtdeutschen, in das unterscheidende Wesen dieses Kunstwerkes, sowie namentlich seiner „Kulturbedeutung“, verständnisvoll einzudringen; denn; denn, so sagt er: „Das, was uns Deutschen bei der Beteiligung an den Bayreuther Bestrebungen zumeist am Herzen liegen sollte... kann n u r d e r D e u t s c h e in seiner tiefsten Notwendigkeit empfinden und begreifen.“ Hierzu hat er nun eine Anmerkung eingeschoben, in welcher es heißt: „Einer Zusendung aus Italien, von seiten eines begeisterten englischen Verehrers der Wagner'schen Kunst, haben wir erst neuerdings wiederum eine merkwürdige Bestätigung der oben geäußerten Ansicht über die Stellung des Ausländers zu unseren Bestrebungen entnehmen dürfen.“ Worauf es dann im Text weitergeht: „So kann denn n u r d e r D e u t s c h e wirklich dazu gelangen, die Eigenart unserer Bestrebungen und ihrer Ziele ganz zu begreifen.“ Meinem Herzen, voll von Liebe und Begeisterung sowie von dem Wunsche, der gemeinsamen Sache zu dienen, haben diese Worte eine schmerzhafte Wunde geschlagen und zugleich in ihm Erbitterung erzeugt; ich fühlte mich wie hinausgestoßen aus einer Sphäre, die mir als Heiligtum galt. Dem Meister und seinem Werke 219 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Aufsatz für die Bayreuther Blätter(1879). wurde ich zwar nicht untreu; ich zahlte weiter meine Patronatsbeiträge und lebte in der freudigen Erwartung künftiger Festspiele; doch die Bayreuther Blätter schlug ich jahrelang grundsätzlich nicht mehr auf, verlor dadurch jede Fühlung mit dem betreffenden Kreise, und es entgingen mir infolgedessen sogar die herrlichen letzten Aufsätze Wagner's. Inzwischen hatte ich mich mit aller Energie auf das Studium der Naturwissenschaften geworfen, steckte den ganzen Tag über in Laboratorien und Hörsälen und studierte in den Ferien bis zu dreizehn Stunden am Tage (vergl. S. 101 fg.). Das ist die Geschichte meines ersten Aufsatzes. Vielleicht ist es aber doch — wenigstens für meine näheren Freunde — nicht ohne Interesse, einiges über dieses Op. 1 zu erfahren, weswegen ich hier eine kurze Analyse mit einigen wörtlichen Anführungen bringe. Der eigentliche Inhalt des kurzen Aufsatzes richtet sich polemisch gegen die ausgesprochene Tendenz der Bayreuther Blätter, die Mitglieder des neuen Patronatsvereines zu bestimmten philosophischen, religiösen und politischen Glaubensbekenntnissen zu verpflichten; hin und wieder geschieht das sogar mit beißender Ironie, so z. B. wenn es heißt: „Wir werden aufgefordert, zu der Denkweise des Buddhismus zurückzukehren und unsere von der Wissenschaft beschmutzten Glieder in den heiligen Fluten des Ganges rein zu waschen!“ Wogegen der Aufsatz den Standpunkt vertritt: „Es ist ein ganz falsches und stark zu tadelndes Verfahren, bestimmte philosophische Lehren aus einem Kunstwerk zu ziehen. Auch auf des Künstlers persönliche Ansichten brauchen wir bei der Betrachtung seiner Schöpfungen nicht einzugehen; denn diese atmen einen höheren Geist; und es kann wohl kaum eine unglücklichere und der Sache, welche der Verein vertritt, mehr Schaden zufügende Idee geben, als diejenige, ‚die philosophischen Anschauungen des Meisters an der Hand seiner Werke darzulegen' (Anspielung auf den Nebentitel eines Aufsatzes der B. B.). Außer dem reinen Gefallen an dem Schönen ist und kann die Wirkung des Kunstwerkes nur eine ästhetische und — indirekt — eine ethische sein. ‚Unter einer ästhetischen Idee aber', sagt Kant, ‚verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgendein bestimmter Gedanke, d. i. Begriff, adäquat sein kann.' Die Kunst wirkt 220 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Aufsatz für die Bayreuther Blätter (1879). unmittelbar auf uns, und ihr sittliches Verdienst ist, daß sie den Menschen gewissermaßen über sich selbst erhebt und seinen Geist läutert, ohne daß er erst die vielen Stufen des denkend erfassenden Gehirnes zurücklegen müßte. Eine Folge hiervon beim intelligenten Menschen wird natürlich sein, daß er viel zu denken veranlaßt wird; nichtsdestoweniger kann die Kunst, welche als ein Produkt des Genies das allgemein und absolut Schöne und Wahre widerspiegelt, niemals die Trägerin besonderer, bestimmter Lehren sein.“ Diese Anführung genügt, um eine Vorstellung des Zweckes und Zieles der kleinen Arbeit zu geben. Das eigentliche Urteil über die Bedeutung Richard Wagner's bringt die letzte Seite der Handschrift, die ich deswegen hier einrücke. „Wer eine Nibelungenvorstellung erlebt hat in einem Theater, in welchem sich die verschiedensten Volksklassen aneinanderdrängten und beobachten konnte, welchen ungeheuren Eindruck sie selbst auf diese gänzlich unvorbereitete Masse machte, wird an dem Siege der Wagnerischen Ideen nicht zweifeln. Wie Köstlin in seiner Broschüre sagt: ‚Nur wiederholen und immer wiederholen!' Wer aber durch tägliches Studium und langes, liebevolles Sichvertiefen in Wagner's Werke eine noch so geringe Einsicht erlangt hat in die wunderbare, durch ihn offenbarte Welt, der versteht es, daß die Menschheit ihn bis jetzt so wenig begriffen hat, denn e r w e i ß, daß Wagner nicht ein bloßes Genie ist, sondern einer jener Sterne, wie sie die Natur nur selten hervorgebracht hat. Neben Sophokles, Shakespeare und Beethoven wird er genannt werden; ja sogar über diesen, denn seine Schöpfungen sind noch gewaltiger. Er ist der Erste, der die Musik zu einer wirklich sittlichen Macht erhoben hat, und sein Kunstwerksideal ist ein so unermeßlich großes, erhabenes und tiefes, daß man von dem Glanze eines solchen Geistes fast geblendet wird. Und man sollte an dem Triumph zweifeln? Nein, wir bedürfen der scharfen Waffen nicht! Vor allem bedürfen wir weder der philosophischen, noch der moralischen, noch der politischen Systeme. Nur d a s V e r s t ä n d n i s für die wahre, reine Kunst — wie sie aus ihrem zeitweiligen Tode größer und heiliger als je erstehen soll — verbreiten und erweitern: das ist die wahre Aufgabe!“ * Genau in dem selben Augenblick, in welchem dieser Aufsatz entstand und in welchem ich als ein neuer Tor und „Gänserich“ vom getreuen Gurnemanz hinausgeworfen wurde, spielte sich eine vorübergehende, aber wichtige Episode meines Lebens ab, deren Wirkung auf Inhalt und Gestaltung meines Geistes dauernden Einfluß gewinnen sollte; schon in dem Briefe an Baron Uexküll habe ich diese Episode erwähnt, kann aber nicht umhin, in anderem Zusammenhang hier darauf zurückzukommen. Es handelt sich um den Winter 1878—1879, den ich in Florenz verlebte. Diese letzten Monate vor der entschlossenen Wendung zu der fachmännischen Ausbildung als Student der Natur bin ich nämlich in eine Begeisterung für die Kunst geraten, die meinem Leben leicht eine andere Richtung gegeben hätte: zugrunde lagen ohne Frage die übermächtigen Eindrücke des Gesamtkunstwerkes, gesteigert durch die mehrjährige Beschäftigung mit Musik überhaupt, und nunmehr plötzlich und unerwartet durch die Offenbarung der mir bisher völlig fremd gebliebenen Welt der bildenden Kunst zum Überfließen gebracht. Was die Musik betrifft, so geriet die Leidenschaft für sie in eine neue, anspruchsvollere Richtung. Das Klavier nämlich — soviel Genuß und Belehrung ich diesem Instrumente auch verdankte — war nur als Organ des Ausdruckes immer fremd geblieben, und zwar glaube ich, nicht allein wegen des völligen Mangels an technischer Beherrschung, sondern auch wegen eines mangelnden Instinktes für die „elende Drahtkiste“ (um das Wort Anton Rubinstein's anzuwenden); die herrlichen Streicher des damaligen Florentiner Orchesters verführten mich nun, es mit dem Violoncello zu versuchen, wobei das dort fehlende Talent sich hier bald beglückend zeigte, indem ich ungewöhnlich schnelle Fortschritte machte und sofort — was mir auf dem Klavier niemals gelungen ist — nach dem Gehör instinktiv mich zurechtfand; freilich machte mir die Bogenführung Schwierigkeiten, da man aber in Florenz für die erste Zeit alles Gewicht aufs Pizzicato zu legen pflegte, so begann ich fast von der ersten Unterrichtsstunde an, mir allerhand Melodien vorzumusizieren. Mit den vier Saiten des teueren Instrumentes fühlte ich mich bald verwachsen, und bereits nach drei Monaten wagte es mein lieber Professor Castagnoli, mit seinem Schüler vor einem kleinen 222 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Florenz und die bildende Kunst. eingeladenen Kreise stolz zu tun. Hätte ich zehn Jahre früher angefangen, ich glaube, ich hätte es auf diesem Instrument zu etwas gebracht. Ihre besondere Farbe erhielt diese eindringliche Beschäftigung mit Musik durch den Umstand, daß sie Hand in Hand mit einer ebenso leidenschaftlichen Hingabe an die bildenden Künste ging. Wie oben angedeutet, letztere Leidenschaft überfiel mich wieder wie ein Rausch — ähnlich wie seinerzeit die Sterne, die Blumen, Shakespeare, Beethoven, Wagner. Alles, was ich sonst in Florenz vorgehabt hatte, fiel der Vergessenheit anheim; von früh bis in die Nacht gehörten meine Stunden, außer den vom Cello beanspruchten, dem Studium der Architektur, der Plastik und der Malerei; jeder Gang aus dem Hause hatte die Betrachtung von Werken der Kunst zum Ziel. Der begeisternden Führung Ruskin's hatte ich mich übergeben; die entzückenden Schriftchen Mornings in Florence leiteten meine ersten Schritte. Die Folge war, daß ich ein guter Kenner der Prä-raffaeliten wurde, die Ruskin mehr als irgendein anderer in ihrer reinen Naivität und in dem halbverborgenen — weil nur halb zum Ausdruck kommenden — Reichtum ihrer poetischen Eingebung zu sehen lehrt. So eingehende Studien stellte ich in der capella dei spagnoli an, daß diese wirklich noch recht spröden Erzeugnisse einer tastenden Kunst heute nach vierzig Jahren mir vollkommen gegenwärtig sind. Wer auf diesem Wege anhebt, genießt den Vorzug, von der richtigen Seite her an den großen Giotto heranzutreten — ihn nicht als den noch unbeholfenen Vorläufer späterer Meister und daher nur als historisch interessante Erscheinung flüchtig zu begrüßen, vielmehr in Giotto einen der erfinderischesten, reichsten Genien mit Entzücken am Werke zu beobachten, der das Halbtote zu Leben aufruft, der den kleinsten Vorgang mit dramatischer Bewegung zu erfüllen weiß, und der alles Kommende vorahnt und gleichsam vorzeichnet; wie bei jedem wahrhaften Meister bedeutet sein Werk eine Vollendung, wie bei sehr wenigen bedeutet es zugleich den Anfang einer reichsten Epoche, und sein Geist schwebt noch über Raffael. Es wäre ein überflüssiges Beginnen, hier Namen aufzählen zu wollen: jeder Kunstfreund kennt die Schar, die sich an Giotto anschloß, und wer sie nicht kennt, dem sagen die Name nichts; nur zur Andeutung meiner eigenen Geschmacks- und Seelen- 223 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Florenz und die bildende Kunst. richtung bemerke ich, daß neben Giotto mir Donatello besondere Begeisterung einflößte, und daß ich im Campo Santo zu Pisa das mich ansprechendste Denkmal fand: dorthin zog mich der Zauber Benozzo Gozzoli's immer von neuem, sowie die unerschöpfliche Anregung des Trionfo della morte von Orcagna, eines Werkes, von dem ich damals nicht ahnte, daß es Goethe zu der Schlußszene seines Faust die bildlichen Vorstellungen gespendet hatte. Etwas später ergriff mich inbrünstige Liebe zu Fra Angelico, dessen Werke — in Florenz so reich vertreten — ich sozusagen auswendig lernte. Da ich nicht voraussehen konnte, daß mein Aufenthalt in diesem Paradiese der Kunst jäh abgebrochen werden würde, habe ich die Werke, die nach Masaccio entstanden, nur flüchtig betrachtet: mein Herz blieb befangen im Trecento und Quattrocento. Diese Stimmung führte von selbst zu der eingehenden Beschäftigung mit dem heiligen Franziskus von Assisi — soweit das die damaligen Mittel erlaubten; schon Ruskin macht wiederholt darauf aufmerksam, daß hier der wahre Brunnquell der italienischen Malerei fließe, und gewiß vermag es keiner, die richtige Stimmung für die Werke aus der Zeit, die von Giotto bis Masaccio reicht, zu gewinnen, dessen Seele nicht von dem seraphischen Heiligen beflügelt worden ist. Eine Tatsache möchte ich nicht unerwähnt lassen, die nicht unmittelbar zu dem Gegenstand dieses Briefes gehört, an meine Prä-raffaeliten aber anknüpft und für den Mechanismus meines Geistes in absonderlicher Weise bezeichnend ist: erst durch diese Meister ist es mir möglich geworden, über die Chronologie des europäischen Mittelalters geordnete Vorstellungen zu gewinnen. Meine eingeborene Abneigung gegen das Vernunftlose, das Zufällige und das Chaotische aller Geschichte brachte mit sich die Unfähigkeit, mir Daten einzuprägen, da diese mir ohne jeden logischen Zusammenhang, als Inbegriff der Willkür erschienen. Wenn nicht ein Dichter Geschichte dramatisch gestaltet, allenfalls ein Moralist sie zur Belehrung der Gegenwart und somit zur Umsetzung in die Tat verwendet, finde ich Geschichte immer und überall empörend und zum Verzweifeln unzusammenhängend. Nun aber entdecke ich in der Kunst eine geschichtliche Erscheinung, die sowohl betreffs der logischen Auseinanderentwickelung und Aneinandergliederung der Erscheinungen wie auch durch den nie wiederkehrenden Zauber bestimmter Per- 224 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Florenz und die bildende Kunst. sönlichkeiten und auch bestimmter Zeitalter, wissenschaftlichen und philosophischen Denkforderungen entsprach und somit Material lieferte, das sich mühelos dem Gedächtnis einverleibte. Die mir bisher dunkel gebliebenen Jahrhunderte, die etwa vom zehnten bis zum sechzehnten reichen, lebten nunmehr — ein jedes mit seiner eigenen Physiognomie — für mich auf, indem mir geschaute Kunstwerke und deutlich vorgestellte Künstlerindividualitäten vor Augen standen, an die ich alle sonstigen Ereignisse politischer und sozialer Natur anzugliedern mich gewöhnte. Auf diesem Wege entstand meine spätere ziemlich eingehende Beschäftigung mit den nicht sehr glücklich als „Mittelalter“ bezeichneten Jahrhunderten, von denen mir namentlich das dreizehnte und das vierzehnte — bis hinunter in den Anfang des fünfzehnten — als ein Blütepunkt europäischen Gesamtlebens erschienen, als der Augenblick, in welchem man mit Freuden am öffentlichen Leben teilgenommen hätte. Wie dem auch sei, es bleibt possierlich, daß ich an Werken der Kunst es lernte, Daten zu memorieren und an Geschichte Geschmack zu finden; denn die Methode, die mir die Tre- und Quattrocentisten eingegeben hatten, dehnte ich später auf die gesamte mir erreichbare Weltgeschichte aus. Mitten in diesen Monaten erregter und zugleich gemütlicher Freude fiel ein Ereignis wie ein Blitz aus heiterem Himmel, zerschlug meine gutgemeinten pedantischen Bemühungen und meine chronologische Ordnung und führte mich — durch einen einzigen Blick der Augen, durch ein einziges wonnevolles Erschrecken des Herzens — aus der Zeit in die Zeitlosigkeit, das heißt in das Reich der ewigen, weil vollkommen gestalteten Gegenwart. Wie oben angedeutet, hatte ich es mir grundsätzlich versagt, die Werke der eigentlichen Renaissance in Florenz zu studieren und hatte nur verstohlene Blicke auf diejenigen geworfen, die ich auf meinem Wege zufällig antraf. So geschah es denn, daß ich schon sechs Monate in Florenz weilte und noch niemals die Sagrestia nuova der Kirche San Lorenzo betreten hatte. Als aber an einem schönen Frühlingstag mein Weg mich dort vorbeiführte, trat ich ohne vorherige Überlegung doch hinein — und da war's geschehen! Wer in die Betrachtung der Figuren der Nacht und der Morgendämmerung versenkt war, findet nicht leicht in die Zeitenfolge zurück. Hier wird alle Künstlichkeit der Kunst aufgehoben. Goethe's Wort über Bach: man glaube an Gottes 225 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Florenz und die bildende Kunst. Busen kurz vor der Erschaffung der Welt zu ruhen, gilt in gleichem Maße bei diesen Gestalten. Man wird gegen die menschlichen Bestrebungen ungerecht und weiß nicht, warum man sich mit diesen berghohen Anhäufungen guten Willens abmühen soll. Zwar hatten mir — wie oben erzählt — die Werke der Kunst dazu geholfen, mich in der politischen und sozialen Geschichte Europas zurechtzufinden; ein einziges Erlebnis aber, wie dieses an den Grabmälern der Medicäer, vernichtet den Begriff einer „Kunstgeschichte“: gipfelnde Kunst steht außerhalb aller Geschichte, Gipfel grüßt Gipfel, und die Niederungen bleiben im Schatten. Für einen der abenteuerlichsten Wahngedanken habe ich stets Hegel's Lehre gehalten, die G e s c h i c h t e sei die Offenbarung Gottes: das genaue Gegenteil halte ich für wahr. Selbst von den großen Helden gilt nur uneigentlich, daß sie „Geschichte machen“; in Wirklichkeit vernichten sie Geschichte — d. h. den vernunftlosen Wirrwarr von nie das Ziel erreichenden Bestrebungen, welcher den Inhalt aller sonstigen Geschichte ausmacht; in diesem Chaos schafft der Held Ordnung, er gründet Vernünftiges, wert zu beharren; er selber wird aber meistens und sein Werk immer gerade von der „Geschichte“ vernichtet. Unsere Gegenwart hat es uns wieder einmal gezeigt: eine kurze Lebensspanne wie die meine umfaßt die Erschaffung des Deutschen Reiches als das ausschließliche Werk eines einzigen Mannes und dessen Niedergang als das Werk und die Unterlassung aller. Mancher, dessen Geistesblick sich aus dem umgebenden Pestsumpf reichstäglicher Verblödung und Niedertracht zu der Grabesgestalt Lorenzo de Medici's voll Gram und Sehnsucht erhebt, wird ihre Bedeutung für den heutigen Tag empfinden und Michelangelo's Worte nachsprechen: Mentre
che 'l danno e
la
vergogna dura:
Non veder, non sentir, m'é gran ventura. In dem Brief an Baron Uexküll habe ich mit genügender Ausführlichkeit über den plötzlichen Abbruch meines Florentiner Kunstidylles und die entschlossene Hinwendung zum fachmännischen Studium der Naturwissenschaften berichtet. Eines aber — und gerade das Wichtigste — konnte in jenem Zusammenhang keine Erwähnung finden: rückblickend ist es mir zweifellos, daß der von 226 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Florenz und die bildende Kunst - Genf: Ruthardt, Rubinstein. Michelangelo empfangene Eindruck hierbei entscheidend gewirkt haben muß, — und zwar nicht bloß und nicht hauptsächlich, indem er das Interesse für Kunstgeschichte lahmlegte, sondern weil in Gegenwart solcher Meisterschaft alle Stümperei und Dilettiererei unerträglich wird und ein jeder sich angefeuert fühlt, ein noch so beschränktes, bedingtes, ihm erreichbares Höchstes zu leisten. Anfang Mai 1879 reiste ich nach Genf, um mich an der dortigen Universität naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. * Einen Mann muß ich hier nennen, der zu meiner musikalischen Förderung und dadurch auch zu allen späteren Genüssen und Studien Bedeutendes beigetragen hat: Adolf Ruthardt, damals Musiklehrer in Genf, später ein Menschenalter hindurch Professor am Leipziger Konservatorium und als solcher weit und breit bekannt. Durch einen Zufall geriet ich in Berührung mit ihm; sofort wurden wir befreundet. Ein echter Schwabe: derb, drastisch, voll Humor, von empfindungsreichem Gemüt: dazu eigenartig gebildet. Ruthardt behauptete, ich hätte eine „Klavierhand“, und beklagte den Mangel an jeglicher Schulung, der meinem Spiel Abbruch tat; in seiner Güte wollte er sich des verwilderten Kunstbegeisterten annehmen und 227 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Genf: Ruthardt, Rubinstein. hat mir auch wirklich einige Wochen lang — es mögen wohl drei Monate gewesen sein — Unterricht erteilt. Mit pedantischer Strenge wurden Tonleitern, Fingerübungen, Cramer, Clementi und Bach's leichtere Inventionen durchgenommen; als Lohn für Fleiß und Fortschritte studierte mir mein geduldiger Lehrer sogar eine kleinste Sonate Beethoven's ein, Op. 49, Nr. 2 in G-Dur. Das ist und bleibt der einzige Klavierunterricht, den ich in meinem Leben genossen habe! Übrigens schulde ich noch heute Ruthardt dafür Dank; denn die Grundsätze, die er mir beibrachte, verhalfen mir zu einer gewissen bescheidenen Fertigkeit und zu der Fähigkeit zu üben, welch' beides mir mein Lebenlang viel Genuß verschafft hat. Nichtsdestoweniger mußte ich damals nach kurzen Wochen schweren Herzens entsagen, denn die Unmöglichkeit für mich, der ich außer dem Besuch der Kollegien und den ergänzenden eifrigen Studien daheim täglich bis zu acht Stunden im chemischen Laboratorium arbeitete, Muße zum Klavierüben aufzubringen, stellte sich bald heraus. Einige Zeit später jedoch, als ich aus dem Gröbsten heraus war, meinen bachelier ès Sciences physiques et naturelles hinter mir hatte, und die Arbeit an meiner Doktordissertation zwar große Ansprüche an meine Leistungsfähigkeit stellte, immerhin aber eine freiere Verfügung über die Tageseinteilung erlaubte, nahm ich von neuem Unterricht bei Ruthardt, und zwar diesmal eindringlicher und beharrlicher, weil ohne die Ermüdung, die das Technische verursacht: er unterwies mich nämlich in den Grundzügen der musikalischen Theorie: es wurde fleißig bezifferter Baß eingeübt, dann Harmonie- und Modulationslehre, schließlich Kontrapunkt und die Anfänge der Kunst der Fuge. Diese Studien — die ich mit besonderer Freude und mit Leichtigkeit betrieb — fanden durch einen seltsamen Vorfall ein plötzliches Ende. Eines Tages konnte ich mein Laboratorium, als Ruthardt gemeldet wurde, nicht sofort verlassen; als ich hinauf kam, erscholl es mir vom Klavier unter des gewandten Spielers Händen majestätisch entgegen; er hatte sich inzwischen über meine letzte Arbeit hergemacht, und indem er die Akkorde ausfüllte, wohl auch durch Übergänge und Figuren bereicherte, entstand ein imponierendes Stück. Vom Klavier aus rief er mir zu: „Das ist ja wirklich schön; es gemahnt an Glück! Sie werden noch großartig komponieren!“ Diese Worte aus dem Munde eines 228 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Genf: Ruthardt, Rubinstein. Mannes, der selbst die harmloseste Schmeichelei als Lüge vermied, jagten mir einen komischen Schrecken ein. Das fehlte mir noch: Komponist zu werden! Schon in Florenz hatte ich mehrere Lieder verbrochen, die mein Lehrer Castagnoli zu Glanzstücken für's Violoncello umarbeitete; damals aber, da ich von Theorie keinen Dunst besaß, war die Gefahr nicht groß; jetzt dagegen konnte sie bedrohlich werden.... und ich brach sofort dieses Studium ab. Hatte ich mir doch schon genügend angeeignet, um ein gegründetes Verständnis des Aufbaues von Werken der Musik zu besitzen, was hinreicht, den Genuß zu steigern und das Gedächtnis zu stärken. Ehe ich von dem vortrefflichen Ruthardt Abschied nehme, will ich noch erwähnen, daß ich manche Bereicherung meiner Kenntnisse unsterblicher Tonwerke deutscher Kunst durch sein Vorspielen gewann: so z. B. das Wohltemperierte Klavier und die letzten Sonaten Beethoven's, sowie auch Liszt's H-Moll-Klaviersonate. In diesen selben Genfer Jahren trug sich ein unvergeßliches musikalisches Erlebnis zu: ich hörte Anton Rubinstein, und zwar wiederholt. Dem Schicksal bleibe ich für diese Gunst dankbar, denn Rubinstein war als Virtuos eine Erscheinung von unbedingter, individueller Größe; das will etwas sagen, da nach meiner Erfahrung die Virtuosität gewöhnlich die Persönlichkeit aufsaugt. Rubinstein war so ganz er selber, daß man den Interpreten als solchen stets vom ersten Takt an empfand — gleichviel ob die empfindsame Nervenorganisation ihm einen guten oder einen schlechten Tag bereitete; kein anderer Spieler erinnert an ihn. An dem ersten Abend in Genf, wo Rubinstein in dem großen, vollgepfropften Reformationssaal spielte, geriet ich so außer Rand und Band, daß ich mir eine Handwund klatschte; wobei die kindliche Dankbarkeit des Virtuosen für derartigen frenetischen Beifall rührend wirkte. Der Saal hatte sich nach und nach geleert, und wir Fanatiker — etwa zwanzig an der Zahl — hatten uns aus den verschiedenen Ecken bis dicht um den Flügel herum gesammelt; immer noch ein Stück gab der glänzend Aufgelegte, und als wir uns unserer Aufdringlichkeit zuletzt schämten, flüsterte er uns leise und hastig zu: „Attender que ces gens soient partis!“ und sobald der Lärm an den Türen aufgehört hatte, spielte er weiter. Seine vom Glanz der Lichter ermüdeten Augen hielt er meist geschlossen; das erhöhte den Eindruck des Traumhaften; und 229 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Genf: Ruthardt, Rubinstein. stand man ganz nahe, sah man die Hände über die Tasten gleiten, als ob sie sie kaum berührten, oder einen lang gehaltenen Ton durch immer wiederholtes, unwahrnehmbares Anschlagen, klingend wacherhalten, so konnte man sich wohl des Eindruckes der Zauberei nicht erwehren. An jenem Abend bestanden seine Zugaben aus lauter feenhaft zarten, pianissimo hingehauchten Stücken — von Chopin, Schubert, Liszt und anderen. Eine Episode aus jenen Tagen verdarb mir zwar ein Konzert, verschaffte mir aber dafür eine nähere Berührung mit dem Künstler und namentlich die Gelegenheit, seine wunderbare Hand genau betrachten zu können. Er gab ein Konzert in Territet bei Montreux; ich war ihm nachgereist, der überfüllte ziemlich niedrige Saal war ohne Liebe und Verständnis hergerichtet; infolge des Mangels eines Podiums war nicht nur der Spieler den meisten schwer sichtbar, was dauernde Unruhe veranlaßte, sondern auch die Akustik dumpf. Ich saß in einer vorgeschobenen vordersten Reihe und bemerkte, daß gleich nach den ersten zwei Takten eine Gewitterwolke über das Antlitz des Künstlers zog; zwar spielte er die Toccata von Bach hinreißend feurig, doch offenbar wutdurchbebt, und stürmte nach Beendigung, ohne des Beifalls zu achten, gleich fort ins Künstlerzimmer. Die Pause dauerte ungewöhnlich lange; schon gingen Gerüchte von Erkrankung umher; da tritt er plötzlich wieder herein, die rechte Hand halb umwickelt und beginnt den Vortrag der Waldsteinsonate; nach wenigen Takten bricht er jäh ab, verbeugt sich mit einem stotternden „Pardon“ und wankt wieder hinaus; die Klaviertasten zeigten Blutspuren. Es entstand allgemeine Erregung und ein Hin und Her, aus welchem hervorging, der Künstler habe sich verwundet, niemand verstehe es, das Blut zu stillen, das Konzert werde abgesagt werden müssen. Da überwand ich meine Schüchternheit, drang ins Künstlerzimmer und erbat mir vom Impresario die Erlaubnis, an den abseits Grollenden herantreten und die Hand besehen zu dürfen. Die Wunde fand ich zum Glück nicht tief, sie durchquerte aber auf halber Höhe fast den ganzen Handteller: der unbändige Mann, wütend über die Zumutung, in einem solchen Lokal seine Kunst ausüben zu sollen, war, nach Luft begehrend ans Fenster getreten und hatte, da er es geschlossen fand, eine Scheibe mit dem Ellenbogen durchgestoßen; damit aber nicht genug, hatte er angefangen, die bleibenden Stücke krampfhaft mit 230 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Genf: Ruthardt, Rubinstein. der Hand abzubröckeln; so war die Wunde entstanden. Aus dem chemischen Laboratorium, in welchem ich damals meine Tage zubrachte, waren mir Unfälle ähnlicher Art und ihre Behandlung bekannt: ich versprach, daß der Künstler in zehn Minuten sein Konzert werde wieder aufnehmen können, wenn man mich walten ließe und alle Neugierigen aus dem Zimmer ausweise — was der strahlende Impresario sofort verkündete. Eine Eisenchlorid-Lösung war bald zur Stelle, mit dem allerbesten englischen Pflaster verschiedener Stärke war ich reichlich versehen; ich badete die Hand, bis die Blutung nachließ, und klebte dann die Wunde mit Querbefestigungen so fest zu, daß ich hoffen durfte, der Verband werde selbst den Zumutungen eines Rubinstein Widerstein leisten. Mein Werk bestand; das reiche Programm wickelte sich glatt ab, wenn ich auch für meine Person keinen Ton mehr hörte, da ich unverwandten Blickes, sorgenvoll die Hand im Auge behielt. Dafür erntete ich aber am Schluß den warmen Dank des Künstlers und war ich um die genaue und unvergeßliche Vorstellung seiner wunderbaren Hand reicher. Diese Hand hatte zugleich etwas von der eines Athleten und von der einer weichen, vollen Frau: der Handteller glich einem Kissen, am auffallendsten aber waren mir die fast fingerdicken Muskeln des Handrückens: sie erklärten die Gewalt und die Zartheit. Daß Übung von früher Kindheit an viel zur Ausbildung dieses merkwürdigen Werkzeuges beigetragen hat, bezweifle ich nicht, doch müssen die Grundzüge angeboren gewesen sein. Diese Erwägung führt nun zu einer weiteren: Rubinstein war ganz sicher kein Semit, geschweige ein Jude — weswegen er auch in die von zuständiger jüdischer Seite verfaßte List of jewish world-celebrities nicht aufgenommen ist, was in Deutschland aber bemerkt zu werden verdient, weil man hier immer wieder, des Namens wegen, der irrigen Behauptung begegnet. Dem Typus nach stammte er aus Zentralasien, und zwar wahrscheinlich aus einer Mischung von Mongole und Arier. Auch sein Spiel war völlig bar aller semitischen Kennzeichen; so reich begabt die Völker dieser Familie für Musik oft sind, die Eigenart ihrer Begabung unterscheidet sich in toto von derjenigen der Völker aus der arischen Verwandtschaft. Bei der Blutmischung, die dem jüdischen Volke zugrunde liegt, weist auch diese Begabung sehr verschiedene Abarten auf, von der eisigkalten, reinformalen bis zur pathetisch- 231 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Genf: Ruthardt, Rubinstein. aufdringlichen und bis zur sinnlich-sentimentalen; was dem Juden aber hier wie überall fehlt, ist die scharfe und sichere plastische Begrenzung, wodurch sich das Hervorgebrachte (sei es als Produktion oder als Reproduktion) mit der einen bestimmten Persönlichkeit unverkennbar deckt — und das ist, was S t i l ausmacht. Stil — wahrer, echter, lebendiger Stil — kann nicht gelehrt werden; womit ich sagen will, daß, wenn er gelehrt wird, er dem Betreffenden — wie dies bei Mendelssohn und Joachim der Fall war — nur als lockerer Mantel um die Gestalt hängt und sie verhüllt, anstatt sie zu offenbaren. Das Gegenteil von diesem allen traf bei Anton Rubinstein zu. In dem Zusammenhang meiner Genfer Jahre — die von Mai 1879 bis September 1885 reichen — muß ich noch, als nicht unwichtige Beiträge zu meiner musikalischen Erfahrung, der Lamoureux-Konzerte Erwähnung tun. Kindheitserinnerungen zogen mich immer wieder nach Paris — von Genf aus ein Katzensprung — und war ich dort, ich versäumte keine dieser Darbietungen. Lamoureux gehörte nicht zu den genialen Interpreten nach Art eines Mottl; doch war er ein vortrefflicher Musiker, den seine Kunst erfüllte, und er besaß die in Frankreich traditionelle, in Deutschland leider seltene Leidenschaft der peinlichsten Exaktheit; ihm kam's auf die Zahl der Proben nicht an — die er aus eigener Tasche bezahlte — sondern es wurde fortprobiert, bis die möglichste Vollendung aller Teile erreicht war; diesem Streben kam eine unermüdliche Arbeitskraft und eine eigenwillige Energie zugute. Der erste Akt Lohengrin, der mich in elenden deutschen Opernaufführungen an dem Werke irre gemacht hatte, riß mich, wie auch die tausendköpfige Zuhörerschaft, bei Lamoureux — als bloßes Konzertstück aufgeführt — zu heller Begeisterung hin. Gewaltig wirkte unter den selben Bedingungen der erste und auch der zweite Akt Tristan. Außerdem hörte ich bei ihm andere gute Musik — vor allem Beethoven, Mozart, Schubert. Weniger erfreulich waren die Eindrücke, die man von Colonne heimbrachte, der durch Übertreibungen und allerhand Willkürlichkeiten das heißblütige gallische Publikum in Raserei zu versetzen verstand. * Mitten in dem Lebensabschnitt, dessen künstlerischen Charakter ich hier zu schildern versuche, fand nun das entscheidende Ereignis statt: die Einkehr in Bayreuth! Das Jahr 1882 brachte die ersten Aufführungen von Parsifal, von denen ich sechs hörte. Der im Herbst 1877 gegründete „Bayreuther Patronatsverein“ hatte die Beschaffung eines Kapitals, welches die „dauernde Ermöglichung“ der Bühnenfestspiele sicherstellen sollte, bezweckt. Zu dieser Sicherung war in erster Reihe die Organisation „einer Schule zur Ausbildung junger Dirigenten, Sänger und Musiker unter Richard Wagner's Leitung in Bayreuth“ in Aussicht genommen worden. Nur den Patronen sollten die periodischen Festaufführungen zugänglich sein; des Meisters ursprünglicher Grundsatz galt noch unverändert: die Festspiele bilden keine Quelle des Gelderwerbs, ebensowenig öffnen sie ihre Pforten gegen Zahlung, vielmehr einzig Gesinnungsgenossen. Dieses Ziel vermochte nun der Patronatsverein nicht zu verwirklichen; Feindseligkeit und planmäßiges Stillschweigen umgaben von allen Seiten den hohen Gedanken; nur eine kleine Schar Begeisterter meldete sich, und von diesen vermochten nur Vereinzelte — wie z. B. der durch des Meisters Brief an ihn für immer ausgezeichnete Friedrich Schoen — mehr zu leisten als den ausbedungenen geringfügigen Mindest-Jahresbeitrag. Einzig Hans von Bülow hat sich großmütig an dem Werk beteiligt, indem er ein Kapital von 40 000 M. zu diesem Behuf „erspielte“. Man hätte fünfzig Jahre warten müssen: mit anderen Worten, der Plan war gescheitert. Und so entschloß sich denn der Meister im Jahre 1880, seinem Bayreuth eine andere Grundlage zu geben: unangetastet blieb der Grundsatz, daß die Festspiele keine Quelle des Erwerbes sein dürften, dagegen sollten fortan die Tore des Bühnenhauses jedem Zahlenden offen stehen und auf diesem Wege die Kosten der Festspiele gedeckt werden. Die inzwischen von unserem Verein angesammelte Summe von nicht einmal 200 000 M. diente jetzt, das geplante Unternehmen in Gang zu bringen, und kann als der Keim des heutigen „Festspielfonds“ betrachtet werden. Der Meister schrieb damals: „Sowohl um der bisher mir zugewendeten, meistens aufopferungsvollen Teilnahme meiner Freunde mich dankbar zu erweisen, als auch um die 233 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. Möglichkeit mir zu wahren, noch während meines Lebens vollkommen stilgerechte Aufführungen meiner sämtlichen Werke mit der nötigen Deutlichkeit und nachhaltigen Eindringlichkeit vorzuführen, habe ich mich dazu entschlossen, zunächst meine neueste Arbeit ausschließlich und einzig für Aufführungen in dem Bühnenfestspielhause in Bayreuth und zwar in der Weise zu bestimmen, daß sie hier dem allgemeinen Publikum dargeboten sein sollen..... Von dem weiteren Erfolge der vorläufig auf Parsifal beschränkten Festspiele möge dann der Gewinn der Mittel zur allmählichen Vorführung aller meiner Werke abhängig gemacht sein.“ Auf der Idee, die diesem Entschluß zugrunde liegt, ruhen und blühen seit fünfunddreißig Jahren die Bayreuther Festspiele. Mir ward der Besuch der Festspiele des Jahres 1882 insofern nicht leicht gemacht, als ich damals mitten in sehr verwickelten pflanzenphysiologischen Versuchen steckte und mir eine große Menge mühevollster Arbeit durch Unterbrechung und Fortgang notwendig vernichtet wurde. Niemand stand zur Hand, fähig, mich zu vertreten, und trotz des guten Willens eines Freundes gingen meine sämtlichen Wasserkulturen (vergl. S. 104) tatsächlich zugrunde. Doch welches Opfer hätte ich nicht gebracht, um nach Bayreuth und zum Parsifal zu gelangen! Einem Glück ging ich entgegen, dessen kein Heutiger teilhaft werden kann: der allerersten Darstellung eines noch unbekannten Werkes Richard Wagner's beiwohnen zu dürfen — dazu von ihm selber, auf seiner eigenen Bühne vorgeführt! Wenngleich ich bis zur letzten Stunde in meiner Werkstatt emsig und eifrig arbeitete, ich lebte doch seit Wochen, ja seit Monaten in einem Zustand unausgesetzten Glückestaumels. Freund Ruthardt's Versuchen, mir aus dem nicht lange vor den Festspielen erschienenen Klavierauszug vorzuspielen, hatte ich bald mit einiger Ungeduld ein Ende gemacht; durch solchen elenden Notbehelf und so überflüssige „Studien“ wollte ich mir die reine Freude des unmittelbaren Eindruckes nicht rauben lassen; ebenso wies ich die Verschiedenen „Führer“ von mir. Die Dichtung war mir sofort bei ihrem Erscheinen im Jahre 1878 bekannt und seitdem völlig vertraut geworden: die einzige Vorbereitung, die ein Werk Wagner's erfordert. 234 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. So wurde denn am 23. Juli 1882 die Reise angetreten, die bei den damaligen Verbindungen mehr als dreißig Stunden von Genf aus erforderte. Bis Nürnberg umgab einen noch die übliche gleichgültige Welt internationaler Touristen; da aber fand ein plötzlicher Wechsel statt, denn es harrte ein Festspiel-Extrazug auf die aus allen Richtungen eintreffenden Bayreuthpilger. Keiner kann sich heute vorstellen, welche begeisterte Stimmung damals herrschte und von Seele zu Seele beglückend sich mitteilte. Auf dem Bahnsteig in Nürnberg erblickte man auf allen Seiten Begrüßungen und stürmische Umarmungen — die Getreuen von 1876 fanden sich jubelnd wieder im selben Gedanken vereint. Ich, der Fremdling und Neophyt, kannte keinen Menschen, erkannte aber in der Nebenabteilung den aus Paris eingetroffenen Lamoureux, begleitet von Vincent d'Indy und anderen lebhaften Franzosen. Mich führte der Zufall in die Mitte einer Gruppe übersprudelnd heiterer, menschenfreundlicher Wiener, die es keine fünf Minuten lang ertrugen, einen schweigenden Unbekannten in ihrer Mitte zu sehen, mich erst mit Gefälligkeiten und dann mit Fragen überschütteten, um schließlich den von weitem hergereisten Ausländer warm zu begrüßen und freundschaftlich zu beraten. Hier lernte ich zum erstenmal in meinem Leben den eingefleischten „Wagnerianer“ kennen und hatte sofort Gelegenheit, Dr. Mohr's oben angeführtes Urteil bestätigt zu finden: daß diese Leute geistig und moralisch ungleich höher stehen als ihre Widersacher. Alle fünf waren tüchtige Männer: der eine höherer Justizbeamter, der zweite Professor der Mathematik, der dritte Ingenieur, der vierte Leiter eines großen Handlungshauses, der fünfte eine allerdings E. T. A. Hoffmann'sche Figur von extravaganter Phantastik, aber doch — wie ich später erfuhr — durchaus bewährt im praktischen Leben. Es war dies Nikolaus Österlein, der Begründer des Wagner-Museums. Alle diese Männer besaßen in ihrer Begeisterung für Wagner und sein Kunstideal eine Weihe des Lebens, eine Bereicherung ihrer Seelenfreuden, eine unerschöpfliche Anregung, sich mit hohen Werken der Kunst und mit idealen Zielen der Menschheit dauernd zu beschäftigen; ich war in der Lage, sie auch später im Auge zu behalten, und ich weiß, daß — wie verschiedene Wege ihr Schicksal sie auch leitete — ein jeder von ihnen dem Bay- 235 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. reuther Gedanken treu blieb und dadurch lebenslänglich einer erträumten besseren Welt teilhaftig wurde. Aufs höchste angeregt durch diese Reisegesellschaft, traf ich abends in Bayreuth ein. Am nächsten Morgen — ich hatte lange geschlafen — wurde ich durch das wiederholte eindringliche Pfeifen einer Melodie aus Klingsor's Zaubergarten geweckt; und obwohl ich mir nicht schmeicheln konnte, dieser Frühgruß gelte mir — kannte ich doch in Bayreuth keine einzige Seele —‚ er wirkte doch magisch auf mich, indem er mir bestätigte, daß es kein Traum war und ich wirklich im lange ersehnten Bayreuth erwachte; und so sprang ich schnell aus dem Bette und lief ans Fenster, wo ich einen energischen, Lebensfreude ausströmenden Mann erblickte, der von der Straße aus zu meinem Nachbarfenster hinaufschaute, an dem im selben Augenblick zwischen den Vorhängen zwei Mädchenköpfe hervorlugten, deren Inhaberinnen offenbar, wie ich, bis jetzt geschlafen hatten, wofür der Mann sie unter vielem Gescherze auszankte. Mein freundlicher Hauswirt, der, sobald er meine Schritte hörte, herbeieilte, um sich nach meinen Wünschen zu erkundigen, gab dem Fremdling mit dem Behagen eines Wissenden die Erläuterung: „Das ist Felix Mottl von der musikalischen Assistenz, und die beiden Damen sind Soloblumenmädchen.“ Diese kleine Episode erwähne ich nur als tonangebend für den ganzen Tag. Die Luft war von erregtester Erwartungsfreude gleichsam elektrisch geladen: alle Menschen lebten nur dem einen Gedanken, und die Erwartung des Einen steigerte sich an der Erwartung der Anderen. Die zwei ersten Aufführungen des Parsifal waren ausschließlich den Mitgliedern des Patronatsvereines zugänglich; aus allen Ecken Deutschlands und auch aus dem Ausland waren sie herbeigeströmt; kein fremdes und entfremdendes Element störte die Harmonie der Liebe, kein bloß Neugieriger oder gar Spötter drängte sich zwischen diejenigen, die gekommen waren, die letzte Offenbarung des großen Meisters in gläubige Herzen aufzunehmen. Ein derartiges Erlebnis eröffnet den Einblick in Möglichkeiten, die sonst ewig für Wahngedanken gehalten werden müßten; nichts überzeugt schneller und gründlicher von der Wirklichkeit der Kulturgedanken Wagner's als die Erfahrung solcher Tage, welche uns darüber belehren, es genüge zu w o l l e n, damit 236 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. die Utopie über Nacht Tatsache werde. Goethe's überschwengliche Worte umschwebten uns: Alle
Tag' und alle
Nächte
Rühm' ich so des Menschen Los; Denkt er ewig sich ins Rechte, Ist er ewig schön und groß! Endlich waren die Fesseln des Alltäglichen abgestreift; mühelos, aus eigenem Antrieb richtete sich der Kompaß des Denkens „ins Rechte“, und heiß pochte das Herz: Das
Gute zu bewirken
ungeduldig.
In dieser Stimmung eilte ich den Hügel hinauf, um den ragenden Mittelpunkt so vieler Hoffnungen — das Festspielhaus — wenigstens von außen in Augenschein zu nehmen. Oben erfuhr ich, daß sich abends — als Abschluß der Probenzeit — Richard Wagner und die Seinigen mit allen Künstlern zu einem Festessen im großen Restaurant versammeln sollten. Im höher gelegenen Teil des Saales, der nicht beansprucht war, hatte der Wirt möglichst viele Längstische aufgestellt und vermietete die Sitze unter dem Vorwand eines Soupers — das uns Unbeteiligte nie erreichte. So konnte ich schon in der Frühe einen Platz belegen und sicher sein, abends den großen Meister und die Schar seiner Künstler aus nächster Nähe zu sehen. Was der Tag noch brachte weiß ich nicht: der eine Gedanke, Richard Wagner mit Augen zu erblicken, hatte jeden anderen Gedanken verdrängt. Mehrere Stunden vor der angesetzten Zeit irrte ich schon oben umher, und als endlich der Zutritt gestattet war, betrat ich als erster den Saal. In dem großen unteren Raum, an der nach Bayreuth zu gewendeten Wand, zog sich von Osten nach Westen durch die ganze Breite des Saales ein langer Tisch: dieser war für den Meister, die Seinigen, die Kapellmeister und andere leitende Kräfte, sowie für die Spitzen der Stadtbehörde und für die Hauptsänger und -Sängerinnen bestimmt. Ein anderer Tisch trug die Bezeichnung „Blumenmädchen und Blumenvater“, ein dritter „Musikalische Assistenz“, ein vierter „Streicher“, andere „Bläser“ und „Herren und Damen des 237 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. Chores“. Schon langten viele Teilnehmer an, und wir Eindringlinge mußten uns auf den uns angewiesenen oberen Teil zurückziehen; doch blieben die Eifrigen unter uns auf der Treppe stehen, von wo aus wir alles übersahen. Endlich kam der langersehnte Augenblick: schnellen Schrittes, eine Dame am Arme, betrat Er den Saal, durchschritt die Reihe der sich verneigenden Gäste und erreichte in wenigen Sekunden die mittleren Sitze an der Wandseite — mir also genau gegenüber. Ich glaube, mein Herz hat während dieser Sekunden nicht geschlagen, und ich erinnere mich, mich krampfhaft am Geländer festgehalten zu haben. Kein Mensch, der es nicht erlebt hat, kann sich den Eindruck dieser Erscheinung vorstellen: die stramme Haltung des Oberkörpers — an die Jugendbildnisse Goethe's erinnernd — das zurückgeworfene Haupt, das verklärte Antlitz, das unbezwinglich stolze, sichere Schreiten. Wie — im Gegensatz zum zivilisierten Menschen — bei anderen Lebewesen im Habitus des Körpers der Charakter des Wesens in allen seinen Eigenheiten zum Ausdruck kommt, so auch bei Richard Wagner: an ihm lebte alles vom Kopf bis zum Fuß; bei meiner Kurzsichtigkeit konnte ich in dem Augenblick, von dem ich spreche, die Züge im einzelnen nicht genau erkennen; doch in seinem ganzen Betragen sprach sich eine Überlegenheit des Geistes und eine Energie des Wollens aus, dergleichen ich niemals bei irgendeinem Menschen erblickt habe. Auch Bismarck habe ich das Glück gehabt von nahe zu sehen und trage im Herzen den gewaltigen Eindruck der großen Persönlichkeit; was bei ihm mir aber am meisten auffiel war die unerschütterliche, gebieterische Ruhe, wie die eines Felsens inmitten der Brandung, und hiermit verbunden der Ausdruck unaussprechlicher Trauer in den Augen, als eines in dieser Brandung ganz Vereinsamten; wogegen Wagner — um das Gleichnis des Ozeans beizubehalten — einem stolzen Schiffe glich, alle Segel aufgespannt, das die Wellen durchschneidet und dem erwählten Hafen, den Elementen zum Trotze, sicher zusteuert. Es währte nicht lange, und Bürgermeister Muncker erhob sich zur Festrede auf das neue Werk und dessen Schöpfer. Ein einziger Satz ist mir im Gedächtnis geblieben; Muncker spielte darauf an, die Anwesenden hätten der Generalprobe am Vorabend beigewohnt und „das herrliche Werk habe sich bereits in den tiefsten Falten aller Herzen eingenistet“. Als Muncker ausgesprochen 238 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. hatte, sprang Wagner von seinem Stuhle auf, gebot durch zwei resolute Schläge auf sein Glas Schweigen und ergriff das Wort zu der Ansprache, von der Glasenapp Seite 631 seines VI. Bandes eine etwas schematische Zusammenfassung gegeben hat. Diese Rede sprach Wagner mit so feierlicher Würde, mit so heiligem Ernste, daß selbst zwei Franzosen in meiner Nähe, die kein Wort verstanden, tief ergriffen waren, so weihesvoll wirkten Ton und Gebärde. Der allen wahrhaft Großen gemeinsame Schmerz, der bei Bismarck im stummen Auge Ausdruck fand, offenbarte sich hier in der Stimme. Der Meister hatte an den Schluß der Festspiele des Jahres 1876 erinnert und an die berühmte Rede, die in den Worten gipfelte: „Jetzt ist es an Ihnen zu wollen, und wenn S i e wollen, so haben wir eine Kunst“; er erwähnte das allgemeine Mißverstehen dieser Worte, woraus das allgemeine Nicht-Verstehen seiner ganzen Absicht mit den Festspielen unwiderleglich hervorging, ein Nicht-Verstehen, das darin des weiteren sich zeigte, daß man ihn volle sechs Jahre abseits und vergessen tatenlos in seinem Bayreuth hatte sitzen lassen. „Jetzt.....“, bei diesem Worte „jetzt“ brach ihm die Stimme und er schwieg; ich weiß nicht, waren es Sekunden, waren es Minuten; in dem großen Raume und unter den Hunderten von Menschen herrschte ein Schweigen, daß man eine Fliege hätte summen hören; endlich wiederholte der Meister das Wort „jetzt“, aber diesmal im Flüsterton, und dann noch ein drittes Mal, indem er, unmächtig der Stimme, leise flüsterte: „Jetzt habe ich zu schweigen gelernt.“ Der Eindruck, den diese Worte hervorbrachten, gehört in das große Kapitel des Unbeschreiblichen. Ich glaube, jeder Zuhörer hat, wie Parsifal im zweiten Akt, sich ans Herz gegriffen: Die Wunde! Die Wunde! Noch heute erschüttert es mich, wenn ich an diese Worte zurückdenke. Ihn, den Liebevollen, dessen Stimme zu hören ihr so notgetan hätte, ihn hatte die Welt das Schweigen gelehrt! Und aus diesem Schweigen heraus hatte er der großen Undankbaren seinen Parsifal geschaffen. Das war der Inhalt dieser Ansprache. Als die lange nachzitternde Erregung sich einigermaßen gelegt hatte, brachte jemand einen Trinkspruch auf Franz Liszt aus; kaum hörte dieser seinen Namen, als er schnell aufstand und in gebückter Stellung hinter den Sitzenden entlang schlich, als wolle er verborgen bleiben, bis er zu dem Stuhl seines großen Freundes kam, wo er 239 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. stehen blieb; Wagner stand auf, um — wie er sagte — im Namen Liszt's, der nicht gern das Wort ergreife, zu danken. Über diese Rede berichtet Glasenapp eingehender; sie bildete eine zu Herzen gehende und zugleich historisch interessante Erhebung des ältesten, treuesten Freundes. Namentlich die Stelle über: „den armen, von aller Welt aufgegebenen Musjö“ regte zugleich zu Tränen und zum Lachen an. Was mir den größten Eindruck bei dieser Ansprache machte, war, daß jetzt ein anderer Mann, ein anderer Redner vor uns stand; die Verwandlung war eine vollkommene: Behaglichkeit, Traulichkeit, der ungezwungene Ton naiv-warmherziger Erzählung: so würde ich den Charakter dieser Rede bezeichnen, bei der selbst die traurigen Episoden keine Spur tragischen Tiefgefühles verrieten, vielmehr in der Wahl der Worte und in dem Ton der Stimme eine gewisse heitere Überlegenheit über die Schicksalsprüfungen sich kundgab. Kurz nach dieser zweiten Rede begann der Meister im Saale umherzugehen, zur Begrüßung seiner Künstler und Freunde. Auch zu uns kam er hinauf; da hatte ich zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben das Glück, sein Antlitz aus nächster Nähe zu erblicken. Nur das eine will ich bemerken: um die scharfen, willensstarken Züge schwebte ein Ausdruck unaussprechlicher Güte; Auge und Mund hatten etwas Kindliches, ja fast Holdes. Freilich schwand dieser Ausdruck, als eine imposante ausländische Dame an ihn herantrat, ihn etwas sehr aufdringlich begrüßte und von ihm verlangte, hinunter in den Hauptsaal geführt zu werden: er benahm sich gegen sie keineswegs unhöflich, schüttelte aber diese Traulichkeit und diese Zumutung mit einer derartigen Heftigkeit ab, daß die siegessichere Frau zurückprallte und wir alle erschraken. Im Wegwenden erkannte er Karl Riedel, den vortrefflichen Leipziger Chordirigenten, der seine Sängerschar zu der Grundsteinlegung im Jahre 1872 nach Bayreuth geführt hatte; mit einer Bewegung überströmender Freude ergriff der Meister des wackeren Künstlers beide Hände und umarmte ihn: auch hier, ein plötzlicher Wechsel ohne jeden Übergang. Im Nu stand er schon bei einem anderen Bekannten, den er in wiederum völlig verwandeltem freundlich-höflichen Tone begrüßte. Und so ging es schnell weiter um unsere Tische herum; bald verschwand er wieder nach unten. Inzwischen war die Gesellschaft immer heiterer und geräuschvoller geworden; da, plötz- 240 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. lich, erscholl noch einmal über allem Lärm das gebieterische Anklopfen an das Glas, und der Meister hielt die dritte und letzte Ansprache, diesmal eine sehr kurze; auch über sie findet man in Glasenapp einige Worte. Wiederum stand ein vollkommen neuer Mensch vor uns; nicht nur sprühten und sprudelten Witz und Laune, sondern der tollste Übermut eines kecken Zwanzigjährigen schien zu Worte zu kommen. Kein Stenograph vermochte es, diese stürmisch heitere Improvisation festzuhalten, die in der Stärke ihres Übermaßes — namentlich gegen die beiden vorhergehenden Reden gehalten — fast erschreckend wirkte. In diesem Augenblick empfand ich die Verwandtschaft mit Beethoven; es war ganz und gar die Stimmung des letzten Satzes oder vielmehr der Coda des letzten Satzes einiger seiner Streichquartette. In der darauf entstandenen tumultartigen Heiterkeit und Verdutztheit der aus sich herausgerissenen Gäste entschwand der Meister; trotzdem ich mit weit offenen Augen auf der Treppe stand, sah ich ihn nicht fortgehen: auf einmal war er nicht mehr da. Gewiß bildet diese harmlose Vereinigung kein wichtiges Ereignis in Wagner's Leben; m i r jedoch ward es zu einem solchen, indem es mir zwar blitzartig abgerissene, dafür aber bedeutende und lebhafte Einblicke in das Wesen des wunderbaren Mannes gab — ein Wesen, das jeder Analyse trotzt und jeder Schilderung spottet. Am folgenden Tage, bei Gelegenheit der ersten Aufführung, hörte ich ihn noch dreimal sprechen; es waren aber nur wenige Worte, die er ins Publikum rief, um es bezüglich des sonst üblichen Hervorrufens und des Applauses zu unterrichten. Wichtiger war seine Erscheinung am 28. Juli, am Schluß der zweiten Aufführung, der letzten für die Patronatsherren bestimmten. Einige Minuten nachdem der Vorhang sich auf die Schlußszene des letzten Aktes geschlossen hatte und während sämtliche Zuhörer noch händeklatschend im Saale weilten, öffnete sich der Vorhang von neuem und man erblickte den Meister, umringt von seinen Künstlern und Mitarbeitern. In einem großen Kreissegment, das sich über die ganze Bühne erstreckte, waren sie alle aufgestellt: die Solisten vom Tage, der Chor und die Figuranten noch im Kostüm, die anderen beiden Besetzungen im Straßenanzug; dazu die musikalische Assistenz, das technische Personal und die Maschinisten in ihren blauen Kitteln. Mehr 241 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister. nach vorne, in der Mitte, den Rücken gegen das Publikum, das Gesicht seinen Künstlern zugewendet, stand Richard Wagner, wie immer vornehm gekleidet, im schwarzen Gehrock und hellen Überzieher, den Zylinder in der Hand. Von der längeren Rede, die er an sein Bühnenpersonal hielt, verstand man im Zuschauerraum nur wenige Worte, da sie nach der entgegengesetzten Richtung gesprochen wurden. Dann aber drehte sich der Meister um und schritt bis an den äußersten Rand der Bühne, von wo aus er bis in die Tiefen des Orchesters hineinzuschauen schien. Seine ersten Worte lauteten: „Und Ihr, meine teuren Musikusse!“ Hierbei klang seine Stimme besonders liebevoll, ja zärtlich und vertraut. Nach Beendigung des kurzen, warmen Dankes an sein Orchester trat er einige Schritte zurück, richtete sich auffallend gerade in die Höhe und mit einer kurzen, tröckenen Bewegung der den Zylinder haltenden rechten Hand, sprach er in einem einigermaßen gereizten Tone — den ich noch nicht an ihm gehört hatte — die Worte: „Und somit, meine Herren Patrone, nehme ich von Ihnen Abschied.“ Die Art, wie das Wort „Abschied“ betont wurde, gemahnte stark an Gurnemanzens: „Laß' du hier künftig die Schwäne in Ruh', und suche dir Gänser die Gans!“ Mehr habe ich über den großen Mann nicht zu erzählen. Ich blieb noch für einige Aufführungen und sah ihn, wenn ich nicht irre, noch dreimal: das einemal mit Liszt im lebhaften Gespräch, ein anderesmal mit d'Albert und ein drittesmal im Wagen vorbeifahren. Ich war nicht unbescheiden genug, mich der Aufmerksamkeit irgendeines Menschen aus seinem Kreise aufzudrängen, geschweige denn, mich an ihn selber heranzuwagen. Meine Augen sollten ihn nie mehr erblicken. Zu den großen, heiligen Eindrücken meines Lebens gehört das allererste Betreten des Festspielhauses. So oft ich es auch seitdem wieder betreten habe, der erste Eindruck kommt immer wieder über mich; in einem solchen Falle muß man zu starken Worten greifen, denn hier sind sie am Platze: ich kann es nur ein seraphisches Glücksgefühl nennen. Erst viele Jahre später, durch meinen Freund Adolphe Appia, habe ich Einsicht in die verschiedenen technischen Geheimnisse gewonnen, welche dieses schlichte Haus auszeichnen und ihm zugleich nicht bloß eine vollkommene Akustik, sondern 242 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth 1882 und der Meister - Bayreuth als Heimat der Seele. auch eine vollkommene, entrückende Perspektive verleihen. Die Weihe aber wirkt sofort unmittelbar auf jedes empfängliche Gemüt. Hier erwartet mich Glück — reines, hohes Glück — heute und immerdar: das wußte ich. So kunstarm mein bisheriges Leben gewesen war, jetzt war ich an den Born reinster Kunst gelangt. Schiller redet von einer „Kultur, welche des Menschen W ü r d e mit seiner G l ü c k s e l i g k e i t in Übereinstimmung bringen soll“: die Stätte dieser Kultur hatte ich gefunden. * Den
lieb' ich, der
Unmögliches begehrt.
Dazu kommt in der von Wagner geschaffenen Atmosphäre der bewußte arische Hochflug: die Hinlenkung auf alles entscheidend Be- 243 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth als Heimat der Seele. deutende, was von dieser Menschenart auf uns gekommen ist; die Versenkung in das abgrundtiefe Denken Indiens; die Hochhaltung des hellenischen Erbes; die ununterbrochene Beschäftigung mit den Denkmalen vergangener germanischer Geistesgröße und Geistestiefe; die ins Innerste dringende Ergreifung Shakespeare's; der durch die besondere Art dieser Ton- und Gestaltenwelt geweckte Hang zu philosophischer Besinnung und die herzdurchdringende Anregung, die sie zu religiöser Erhebung bietet; der Zug, der von Richard Wagner so gewaltig ausging, zu allem Größten, was im Deutschland der letzten zwei Jahrhunderte auf den verschiedensten Gebieten geschaffen wurde, — aber eben mit Betonung des „Größten“, des Genialen, des absolut Meisterhaften, der reinen Sprache des Gottgegebenen, und die Lehre, das Minderhohe als minderhoch, das Undeutsche als undeutsch zu erkennen und einzuschätzen, es niemals mit dem wahrhaft Großen zu verwechseln, das Talentarme und Gemeine aber überhaupt von sich zu weisen... Was die Kulturbedeutung von Bayreuth ausmacht, ist die Tatsache, daß hier ein „Gipfel der Menschheit“ unter uns lebte und schuf und seinen Gedanken unvergängliche Gestalt verlieh; dadurch wird die Lehre, die sonst überall bloße „Lehre“ bleibt, zu einem Erlebten; denn in dem Festspielhaus — welches das Ringen eines Einzelnen, aber eines Wollenden und Könnenden, gegen die ganze Welt siegreich versinnbildlicht — erhebt sich das Beispiel leibhaftig vor unseren Augen; wie schon der Heiland uns lehrt: auf das B e i s p i e l kommt es an, die bloße Lehre tut's nicht. Das ist das Geheimnis der unermeßlichen Wirkung Wagner's auf Männer der verschiedensten Berufe und Geistesrichtungen. Eine Ausnahme bilden vielleicht einzig Musik und Theater. Die Musiker, mit wenigen Ausnahmen, verfielen dem Banne der sterilen und in diesem Falle besonders unerträglichen Nachahmerei; in der Hoffnung, ihr zu entkommen, gerieten sie später in allerhand Spielereien, um zuletzt bei einer grotesken Negermusik anzulangen. Über das moderne deutsche Theater aber bemerkte vor wenigen Jahren zu mir einer der bedeutendsten Bayreuther Künstler — zugleich exakter Naturforscher —: „Richard Wagner hat alle Gebiete des geistigen Lebens beeinflußt — nur nicht das Theater; während die in seinem Bayreuth verkörperte Weltanschauung immer weitere Kreise 244 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth als Heimat der Seele. zieht, versinkt das deutsche Theater täglich tiefer in Schlendrian, Schacher und antideutsches Wesen.“ Es liegt ein Fluch auf diesem deutschen Theater, das seinen erlösenden Genius von Anfang an verleugnet und betrogen und beschmutzt hat, um zuletzt noch im Jahre 1913 sein heiligstes Erbe des schnöden Mammons wegen zu verraten; aus diesen Kreisen ist zunächst nichts zu hoffen; wenden wir uns von ihnen ab. Es handelt sich bei dem, was unsereiner unter „Bayreuth“ versteht, um eine seelische Atmosphäre, die ich einer hohen Gebirgsluft vergleichen möchte: ebenso wie diese den Körper und seine Kräfte stärkt und beflügelt, ebenso schenkt die Bayreuther Atmosphäre dem Geiste Mut, Selbstvertrauen, ein Etwas, das man vielleicht am besten als heitere Zuversicht zu der eigenen Kraft bezeichnen könnte. Sie schenkt ihm aber noch etwas: nämlich die Zuversicht zu einer h ö h e r e n Kraft, die den Kühnwollenden nicht verläßt, sobald er mit Wagner der gemeinen Welt des Alltags entschlossen den Rücken kehrt und in dieser lichten Welt tiefster Gedanken, kühnster Träume, genialster Verwirklichung heimisch wird. Gleichviel, welche Gaben und welche Aufgaben einem Menschen zugewiesen sind, er wird in dieser Umgebung die Richtung auf edle Ziele, das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den höchsten Leistungen seiner Rasse (in ihren ferneren und näheren Verzweigungen), dadurch zugleich ein Gefühl der eigenen organischen Bedingtheit und der harmonischen Einreihung in ein größeres Ganzes gewinnen, ein jeder an seinem Platze und daher unbekümmert, auf welche Stufe der Bedeutung sein Wirken zu stehen kommen werde; steuert doch dieses Ganze einem von Menschen nicht auszudenkenden, göttlichen Ziele zu; der Einzelne wirkt an seinem Platze, das mag ihm genügen. Während die unabsehbare Schar der Trivialen — der Menschen, deren Wissen der Wurzeln entbehrt und darum nicht atmet und wächst, nicht Blütenzauber und Früchtesegen trägt, vielmehr der schematischen Darlegung eines Lehrers mit weißer Kreide am schwarzen Brette gleicht — des Geschlechtes, von dessen Gelehrten Calderon sagt, daß sie zwar „alles wissen, doch nichts erfahren“ — während diese Leute seit bald einem halben Jahrhundert über Bayreuth und die „Wagnerianer“ spotten, worunter sie sich ein Geschlecht phantastischer Narren ausgemalt haben, wissen diejenigen es anders, die in der rechten Stimmung den von 245 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth als Heimat der Seele. Gott sichtbar gesegneten Zauberkreis des reinen Wollens im Sinne Wagner's betraten. Um ein einziges leuchtendes Beispiel zu nennen, verweise ich auf den weitaus begabtesten, kühnsten und erfolgreichsten Fürsten unserer Tage, auf den Zaren Ferdinand von Bulgarien. Genau in dem Sinne, wie ich es hier zu schildern versucht habe, gehört der jetzt zu so hohem Ruhme gelangte Monarch seit früher Jugend der Bayreuther Kunst- und Gedankenwelt an; kein Festspiel wird von ihm versäumt; inmitten noch so drangvoller Staatsgeschäfte eilt er herbei, um wenigstens an einigen Aufführungen die Seele zu laben und sich in dem Kreise der ihm wohlbekannten Gesinnungsgenossen an der allseitigen Begeisterung zu stärken. Aus seinem eigenen Munde weiß ich es, daß er bei allen Wandlungen und kritischen Wendungen seines dramatisch bewegten Geschickes in der göttlichen Kunst Richard Wagner's und in der beglückenden Atmosphäre seines „Bayreuth“ zu Entschlüssen und Taten Kraft geschöpft hat: zugleich Trost und Hoffnung, die unmittelbare Nähe des ewigen Geistes, für dessen Gegenwart uns in der stumpfen Weltumgebung der Sinn verloren geht, sowie die erhebende Überzeugung, daß auch einem der Politik gewidmeten Leben die dauernde Bedeutung eines kunstverwandten Gestaltungswerkes innewohnen kann. Das Gleiche bezeugen zahlreiche tüchtige Männer aus den verschiedensten Weltkreisen: Fürsten, evangelische und katholische Geistliche, Denker und Dichter, Kunstforscher, bildende Künstler, Historiker, Philologen, Lehrer, Ärzte, Juristen, Ingenieure, Offiziere, Mathematiker, Naturforscher, Kaufherren, Industrielle, Staatsbeamte. Fände sich ein Kundiger, der einen catalogue raisonné der Bayreuth-Getreuen entwürfe, man würde staunen, welche achtunggebietende Gesellschaft beisammen stünde, — teils Männer von ausgebreitetem Rufe, samt und sonders aber durch gründliche Leistungen in ihrem besonderen Fache ausgezeichnet. So grunddeutsch diese Kunst- und Gedankenwelt auch ist, sie hat stets auf verwandte Geister des Auslandes magische Anziehungskraft ausgeübt: zu den echtesten „Bayreuthern“ haben von Anfang an — neben den Deutschen — Spanier, Italiener, Skandinavier, Russen, namentlich aber viele Franzosen (Engländer nur vereinzelt) gehört; und äußerst bezeichnend ist es, daß in dem furchtbaren Kriege, der uns umgibt, und der sonst selbst die nächsten Bande zerrissen hat, diese ausländischen 246 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth als Heimat der Seele. „Bayreuther“ der deutschen Kunst und ihren deutschen Freunden treu geblieben sind: das kann ich aus allen Feindesländern belegen. Das also war die Heimat, in die ich kurz vor Beschluß meines siebenundzwanzigsten Jahres eintrat, um sie nie wieder zu verlassen. Wohl pilgerte der Leib noch viel umher, die Seele aber hatte den Ruhepunkt gefunden, die umgebende Heimat. Das wiederholte Erleben höchster Kunst, dargeboten von reinster Absicht und bestem Können, gewinnt für das Leben eine nicht zu ermessende Bedeutung: es handelt sich um eine himmlische Speisung, die der Geist nicht mehr entbehren kann, wie ich das soeben an dem Beispiel des Königs Ferdinand fühlbar zu machen versuchte. Nach wenigen Jahren durfte ich außerdem den näheren Kreis betreten und gewann dadurch die weitere Anregung und Stärkung, ein Zeuge zu sein der aufopferungsvollen, nie rastenden Arbeit, welche den Festspielen zugrunde liegt — eine Schule der Selbstverleugnung und Unterordnung im Dienste eines höheren Zieles, wie es nur wenige auf Erden geben mag, zugleich eine Schule der Meisterschaft und eine Schule des nie auf die Oberfläche herabsinkenden geistigen Hochfluges. Es kam der Tag, wo nach Überwindung mancher Bedenken ich mir selber die Reife zutrauen durfte, an der gemeinsamen Arbeit teilzunehmen: ein kundiger Freund schätzt die Zahl meiner Veröffentlichungen über Wagner und Bayreuth — abgesehen von meinen zwei Wagnerbüchern — auf etwa 83; ungedruckt blieben viele Vorträge und Skizzen. Außerdem gewann ich in diesem Kreise fast alle die Freundschaften und freundschaftlichen Beziehungen, die mein Leben bereichert und beglückt haben, ja, die im vollen Sinne des Wortes dessen Mitarbeiter geworden sind. Auch andere Verbindungen, die dem innersten Seelenleben angehören, und die ich ebensowenig aus meinem Leben wegdenken kann, wie mich selbst, denn ohne sie wäre ich nicht „ich“, Verbindungen, die zum Teil Hunderte von Meilen fern von Bayreuth geschlossen wurden, wurzeln nichtsdestoweniger in dieser selben Gemeinsamkeit, der ich alles Beste verdanken sollte. Vierzig Jahre nach jenem blitzartigen Erblicken von Triebschen, begleitet von der ersten Nennung des Namens Wagner, sollte ich, 247 IV. Mein Weg nach Bayreuth. Bayreuth als Heimat der Seele. Ferngeborener, nach und nach der wahren Heimat immer Nähergekommener, des Unsterblichen „Wahn-Fried“ als Familienangehöriger betreten: wahrlich, Gott hat mich einen wunderbaren, gesegneten Weg nach Bayreuth geleitet! BAD GASTEIN und BAYREUTH, Juni — August 1917. 248 Leere Seite |
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