Hereunder follows the transcription of chapter 5 of Lebenswege meines Denkens, Houston Stewart Chamberlain's autobiography, 2nd. ed., published by F. Bruckmann A.-G., Munich 1922.

Hieronder volgt de transcriptie van hoofdstuk 5 van Lebenswege meines Denkens, Houston Stewart Chamberlain's autobiografie, 2e druk, verschenen bij uitgeverij F. Bruckmann A.-G., München 1922.
 
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Seite 001—062: Kapitel I & II, Meine Herkunft / Meine Erziehung
Seite 063—156: Kapitel III. Meine Naturstudien
Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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V.

MEIN BUCHGADEN

BRIEF AN LOTHAR GOTTLIEB TIRALA, DR. PHIL., DR. MED.

PRIVATDOZENT U. ASSISTENT AM PHYSIOLOG. INSTITUT DER UNIVERSITÄT ZU WIEN

. . . SI MUNUS APPOLINE DIGNUM
VIS COMPLERE LIBRIS . . .
H O R A Z

. . . ZU LESEN, ALS OB MAN SÄHE,
FÜHLTE, SELBST EMPFÄNDE!
H E R D E R

THERE IS CREATIVE READING AS
WELL AS CREATIVE WRITING.
E M E R S O N

NE LISEZ PAS, COMME LES ENFANTS,
LISENT, POUR VOUS AMUSER, NI
COMME LES AMBITIEUX LISENT,
POUR VOUS INSTRUIRE, NON,
L I S E Z   P O U R   V I V R E !
G U S T A V   F L A U B E R T

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V. Mein Buchgaden. Zur Einführung.


Mein teurer, guter Tirala!
Seit dem Tage, an dem Sie vor zwölf Jahren zum erstenmal in meiner Wiener Einsiedelei erschienen, bis zu dem heutigen habe ich an Ihnen so viel Freude erlebt, daß es mir schwer fällt, eine von Ihnen geäußerte Bitte abzuschlagen, wenn ich es auch Anderen gegenüber zu wiederholten Malen getan habe. Schon damals erschienen Sie bei mir mit Fragen; der studiosus philosophiae erhoffte sich von dem reiferen und zugleich akademisch nicht eingeengten Manne Winke und Ratschläge auf dem erst angetretenen Wege zur Erforschung der Natur. Gewiß erinnern Sie sich, daß ich nur zögernd und fast befangen antwortete? Denn in solchen Fällen heißt es: jedes „Wort“ der „Antwort“ für immer „verantworten“ können! „On a charge d'âmes.“ Und so entstand an jenem lieben ersten Abend ein tastendes Hin und Her — wenigstens so empfand   i c h   es. Mir lag weit mehr daran, das Lebensvolle, das ich, freudeerregt, in Ihrer angeborenen Art entdeckte, zu ermutigen, anzuspornen und günstige Wege zu ersinnen, auf denen es in Freiheit zu voller Entwickelung gelangen mußte, als Sie zu belehren, als Ihnen Meinungen und Auffassungen aufzudrängen und Methoden anzuempfehlen, bevor ich wußte, ob sie Ihrem Wesen entsprachen oder nicht. Es gibt gar viele Gebiete des Lebens, wo einzig durch das Wecken allgemeiner Stimmungen, Ahnungen, Einsichten Gutes geschaffen wird, wogegen die allzu konkreten, festumrissenen Mitteilungen eher wie Schranken die Schritte des Anderen beengen, wenn nicht gar ihn ins Dickicht führen.
    Damals ging die Sache gut aus, und der heutige junge Fachgelehrte beglückt mich, indem er mich als einen seiner geistigen Leiter preist, wenngleich ich ihm nie im Leben etwas gelehrt habe, sondern höchstens als eine Art Seelengärtner Dienste leisten durfte. Das läßt mich hoffen, daß es mir Ihnen gegenüber, lieber Freund, vielleicht gelingt, die Frage, die ich bisher als eine gar zu verfängliche empfand — die Frage nach meinem Verhältnis zu den Büchern — so zu beantworten, daß etwas Ersprießliches dabei herauskommt. Freilich habe ich bei diesem Unternehmen einzig meinen guten Tirala vor Augen und rede in der Art, wie ich zu ihm zu reden gewohnt bin — d. h. mit Freiheit und Unbefangenheit und ohne jene

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lähmende Vorsicht, die Fremden gegenüber stets am Platze ist. Bis ins einzelne bestimmt diese Erwägung den Stil. In Gegenwart eines wahren Freundes darf man gelegentlich über die Schnur hauen; das schadet nichts; im Gegenteil: auf diesem Wege gelingt es manchmal, Wahrheiten Ausdruck zu verleihen, die sonst unausgesprochen blieben. Der französische Lustspieldichter Marivaux bringt einmal ein entzückendes Wort: „Dans ce monde il faut être un peu trop bon pour l'être assez“. Das ist ebenso tief wie anmutsvoll empfunden und entspricht genau der Weisheit Goethe's: „Das Überschwengliche macht überhaupt die Größe.“ Für den heutigen Zweck will ich die Fassung wählen: dem Unbedingten wird einzig Übertreibung gerecht.
    Noch eins muß betont werden. Die Beziehungen zwischen uns beiden wurzeln in der Gemeinsamkeit der Überzeugungen, die das Heiligste im Leben betreffen; doch waren sie — und, wie ich glaube, als eine Folge hiervon — stets heitere, für Frohsinn und Humor empfängliche: das aber tut bei einem Brief über Bücher sehr not. In einem seiner zumeist zitierten Verse, an einer Stelle, wo von Bücherschreibern die Rede ist, spricht Voltaire von dem „secret d'ennuyer“; mich hat dieses Wort in dem Munde des geistsprühenden Mannes stets gewundert; denn wenn es hier wirklich ein   „G e h e i m n i s   z u   l a n g w e i l e n“   gibt, so ist es — wie der Franzose sagt — „le secret de polichinelle“, ein Allerweltsgeheimnis; darf man, wie es Sitte ist, jedes gedruckte Erzeugnis des Menschengeistes mit dem Ehrennamen „Buch“ belegen, so muß wohl eingestanden werden, daß 999 Bücher von 1000 „zum Sterben“ langweilig sind; ohne Humor und Übermut wäre nicht auszukommen.
    So sei's denn gewagt!
*
    Trotz der Berufung auf den großen Satiriker kann ich nicht umhin, diesen Brief mit einer methodologischen Betrachtung zu beginnen, indem ich die Frage aufwerfe, was eigentlich als „Buch“, und noch eindringlicher, was   n i c h t — ob es gleich uns schwarz auf weiß vorliegt — als „Buch“ bewertet werden darf.
    So hat z. B. Shakespeare nur seine zwei erzählenden Dichtungen Venus und Adonis und den Raub der Lucretia selber in den

253 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes.

Druck gegeben; seine Theaterstücke betrachtet er so wenig als literarische Erzeugnisse, daß er — der Mann, der schon eine Anzahl Komödien, Historien und Tragödien geschaffen hat, darunter Werke wie Romeo und Julie und wie Richard III. — in der Vorrede zu Venus und Adonis diese Dichtung „the first heir of my invention“ nennt, mit anderen Worten, das   e r s t e   Erzeugnis meiner Erfindungskunst! Und in der Tat, Shakespeare's Ruf als Literat in dem damaligen England beruht zunächst ganz und gar auf diesen zwei Dichtungen, wogegen weder er noch seine Zeitgenossen die Theaterwerke als zur Literatur gehörig zählten.
    Was von Shakespeare gilt, gilt von aller echten Bühnenkunst: Äschylos und Sophokles schreiben keine Bücher; ja, nicht einmal auf unseren Bühnen vermögen wir es, ihre Kunstwerke wieder ins Leben zu rufen; denn dazu würde die ganze Umgebung gehören, welche jene Dichter voraussetzen — vor allem die unentbehrliche Musik, die uns ganz verloren gegangen ist. Wie Herder bemerkt, ein Grieche aus der klassischen Zeit würde gar nicht verstehen, was ein bloß gesprochenes Drama bedeuten soll: „Wie wortreich stumm“ würde der Grieche sagen, „wie dumpf tonlos! Bin ich in ein geschmücktes Grab getreten?“ In noch höherem Maße gilt offenbar das Gesagte von dem neuen „Deutschen Drama“, dem Drama Richard Wagner's, aus dem Geiste der Musik geboren. Unsinnig ist es, die Wortdichtung loszulösen und in die „Literatur“ einzureihen, und wenig hat's zu bedeuten, wenn man die stumme Partitur zu den Worten legt: solche Werke des Sinnenkünstlers verlangen als Grundbedingung die Beteiligung des Auges und des Ohres — nur wo Auge und Ohr zusammenwirken, wo der Darsteller durch Erscheinung, Ton und Gebärde den Augenblick ganz ausfüllt, entsteht und besteht das dramatische Kunstwerk. Nicht ein Buch vermag dieses Kunstwerk ins Leben zu rufen, sondern nur eine gesteigerte sinnliche Gegenwart.
    Es bestehen aber außer den dramatischen noch manche weitere Druckwerke — und zwar besonders bedeutungsreiche —‚ die es Ungereimt wäre zu den eigentlichen Büchern zu zählen, da dies nur Mißverständnis und Verwirrung hervorruft. Zwei Beispiele sollen das gleich erläutern.

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    Die großen Denker Indiens verschmähten den Gebrauch der Schrift und hielten die mündliche, in den Ton der Stimme gebettete, vom Glanz der Augen umstrahlte Mitteilung — die Mitteilung von Hirn zu Hirn und die Aufbewahrung von Geschlecht zu Geschlecht im lebendigen Organismus des Menschen — für ungleich zuverlässiger als die Festbannung durch die Schrift und Überlassung an alle Gedankenlosigkeiten und Zufälligkeiten jeder mechanischen Vervielfältigung. Ein Werk wie die herrliche Chandogya- und die noch herrlichere Brihadaranyaka-Upanishad bezieht sich auf die langsam gereifte Besinnung ganzer Geschlechter von Denkern; hier erhielt der Schüler, der jahrelang Tag für Tag Unterricht in dieser Besinnung genossen hatte — wohlgemerkt, ein Unterricht, dessen Hauptzweck es war, überhaupt   d e n k e n   zu lernen, wozu die wenigsten Menschen Anlage besitzen — hier, in der Upanishad, erhielt er — er, dem alle Hauptbegriffe und Gedankengänge schon vertraut waren — zugleich eine Quintessenz des schon reichlichst Ausgedachten und eine in ihrer Überlegenheit manchmal fast ironische Paraphrase des nicht in Worten Auszusprechenden: wie sollte es einem unter anderem Himmel Geborenen, aus anderem Stamm Entsprossenen, einen anderen Bildungsgang Gegangenen möglich sein, durch bloßes Lesen den Gedankengehalt und Gefühlswert einer derartigen Schrift auch nur annähernd richtig zu ermessen?
    Und was sehen wir, wenn wir die erhabenste Erscheinung ins Auge fassen, deren Schritte unsere Erde vor zwei Jahrtausenden heiligten? Weder wird von der Schrift Gebrauch gemacht noch von der indischen Schulung des Gedächtnisses; mit unverkennbarer Absichtlichkeit wird sogar fast jede Berührung mit dem, was man „Bildung“ nennen kann, vermieden; ich fürchte — ich, der ich mich zu den von der Natur zum Schreiben Bestimmten bekennen muß — ich fürchte, wir Büchermacher stehen Gott sehr ferne! Von Jesus Christus wird nur ein einziges Mal erwähnt, daß er geschrieben habe und zwar: „mit dem Finger auf die Erden“; der Fuß des ersten besten, den der Zufall vorüberführte, hat die Spur dieser göttlichen Züge verwischt....  Gerade hier nun, wo wir an dem Punkte stehen, der sich am meisten von allem Buchwesen entfernt, hier greift   d a s   B u c h   in die Geschichte der Menschheit gewaltig ein, wie sonst niemals und nirgends. Ehe der Heiland erschien, war das Buch

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der ausschließliche Besitz einer wohlhabenden, kultivierten Minderheit, deren Lebenslage und verfeinerter Geschmack die Beschäftigung mit Dichten und mit Denken zuließ; erst das Christentum machte das Buch zum Besitz aller Menschen, auch der geringsten, und zwar zu einem „heiligen“ Besitz: das Buch nämlich, welches von den Worten und Taten Jesu Christi berichtet. Jetzt zum erstenmal hieß es:   „D a s   W o r t   w a r   G o t t“.   Es liegt auf der Hand, daß dieses Buch — das Evangelium und im weiteren Verstande das ganze Neue Testament — nicht ein „Buch“ in irgendeiner möglichen eigentlichen, sondern nur in einer übertragenen Bedeutung dieses Wortes geheißen werden kann: es ist chaotisch entstanden, zufällig zusammengestellt und durch tausend Hände entstellt. Auf die Geschichte des Evangeliums komme ich bald zurück; vorläufig sei nur gesagt: hier liegt kein Erzeugnis der Buchkunst vor, sondern die Widerspiegelung — und sei es in noch so vielfach gebrochenen Strahlen — einer göttlichen Kraft, eines göttlichen Segens, und ausschließlich in diesen und aus dieser schöpft das heilige Buch seine alles überstrahlende Bedeutung. Wahrlich, dieses Buch ist mehr als ein Buch!
    Gewiß verstehen Sie mich jetzt genau, lieber Freund, wenn ich ihnen sage, daß ich in meinem Buchgaden diejenigen Werke, die mehr als Bücher sind und denen das Buch nur als Andeutung, als Gerippe, als Stütze des Gedächtnisses dient, sorgfältig von den eigentlichen und wahren   B ü c h e r n   unterscheide.
    Damit ist aber noch nicht genug geschehen.
    Eine ungleich zahlreichere Klasse von Druckwerken gibt es, von denen wir sagen müssen, sie seien nur der äußeren Form nach, nicht aber in der bezeichnenden, sinnvollen Bedeutung des Wortes „Bücher“; ihr Wesen — im Unterschied von den zuerst genannten — besteht darin,   w e n i g e r   als Bücher zu sein. Hier dient das Buch irgendeiner Mitteilung, deren Tragweite in gar keiner Beziehung zu derjenigen des Buches als solchem steht. So z. B. können wir mit wenigen Ausnahmen unsere Gelehrtenbücher unmöglich als „Bücher“ betrachten: entweder dienen sie dem Zweck der Belehrung, über Welche Gegenstände es auch sei, oder der gesichteten, gegliederten Aufspeicherung von Wissensstoff und in diesem Falle je schematischer um so besser, oder schließlich sie gleichen Protokollen über

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gelehrte Untersuchungen, bestimmt, künftigen Forschern Rechenschaft zu geben — das erfordert viel Papier und viel Tinte, wird aber selten in eine Form gegossen, die das Prädikat „Buch“ rechtfertigen könnte! Es bedeutet keine Geringschätzung wissenschaftlicher, gelehrter Arbeit, wenn wir behaupten, das Buch als solches sei sich hier niemals Selbstzweck, vielmehr diene es stets einem anderen, außerhalb des Buches liegenden Zwecke und setze auch immer allerhand voraus, was in dem betreffenden Buche nicht steht, noch stehen kann — bei den Naturwissenschaften die Gegenstände der Natur, bei den Geisteswissenschaften allerhand Kenntnisse in bezug auf andere Bücher und auf Tatsachen, Gedanken und Leistungen des Menschengeistes. So nützlich und verdienstvoll das Buch in diesem Falle auch sein mag, es wird nur selten und nur durch eine besondere Gunst der Umstände es vermögen, sich aus der dienenden Stellung zu der Würde eines Eigenwertes als Buch zu erheben. Ein gleiches gilt für jene verdienstvolle Errungenschaft der neueren Zeit — die   N a c h s c h l a g e b ü c h e r.   Die große und wachsende Bedeutung dieser stets offenen Vorratskammern menschlichen Wissens liegt nach meinem Dafürhalten in der möglichsten Entlastung des Gedächtnisses: denn das ganze Gefüge unseres Verstandes läuft Gefahr, an der riesigen Überlastung des Gedächtnisses in die Brüche zu gehen. Namentlich das Urteilsvermögen — und auf dieses kommt doch alles an — leidet hierdurch schweren Schaden, worauf u. a. Kant auch aufmerksam gemacht hat, indem er von der unglaublichen Beschränktheit „vaster Gelehrter“ spricht; Sie und ich, wir könnten aus unserer Erfahrung Belege genug beisteuern! Meiner Meinung nach sollte die Mindestbelastung des Gedächtnisses aller Schulerziehung zum Gesetz gemacht werden. Wenn wir die Fähigkeit des Anschauens großziehen, so fügt sich nach und nach der gesamte Wissensstoff zu einem Bilde; in diesem Bilde werden die Menschen, die Begebenheiten, die Tatsachen aller Art an ihrem Platze erblickt, und es stellt sich von selbst ein plastisches Gedächtnis ein, wobei es dann eine nebensächliche Frage der persönlichen Beanlagung bleibt, wieviel an Namen, Daten usw. stets zum Gebrauche vorrätig ist und wieviel nachgeschlagen werden muß: die Hauptsache ist das   B i l d   und das zu ihm gehörige lebendige Erinnerungsvermögen (vgl. S. 223 fg.). Wogegen wir seit Jahrhunderten auf den

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falschen Weg geraten waren, das Gedächtnis von früh an zu einer mechanischen Fertigkeit auszubilden, so daß unsere Kinder — genau wie die Papageien — tausend Wörter im Kopfe tragen, denen weder eine Anschauung noch ein Gedanke entspricht. Ehre also den Nachschlagebüchern! Sie werden aber zugeben, daß in diesem Falle die Bezeichnung als „Buch“ gleichsam nur passiv — nicht aktiv —gelten kann.
    Wenn Sie mich nun fragten, was ich unter einem „Buch“ im eigentlichen Sinne des Wortes verstehe, ich würde Ihnen antworten: Begriffsbestimmungen sind meistens von geringem Nutzen, ehe man die Sache selbst klar vor Augen erblickt; bringen Sie diejenigen Bücher in Abzug, die mehr als Bücher sind, sowie auch diejenigen, die weniger als Bücher sind, was dann übrig bleibt, das sind die Bücher, „die Bücher sind“. Das wäre nach meinem Sinne die empirische Antwort, die ich durch das Versprechen ergänzen würde: wer diesen Brief bis zu Ende durchliest, wird eine deutliche Vorstellung davon gewinnen, was ein wahres Buch ist. Teilen Sie aber das Bedürfnis fast aller modernen Menschen nach Definitionen, so will ich eine vorläufige versuchen, gebe sie aber nur, wie gesagt, als tastenden Versuch und nur behufs vorläufiger Verständigung: ich verstehe unter   B u c h   ein Schriftwerk, erdacht, entworfen und ausgeführt mit der Absicht, unmittelbar als Geschriebenes auf einen Stummlesenden zu wirken; die Mittel zu dieser Wirkung sind im Buch selbst enthalten; kurz, das Buch als Buch — und abgesehen von aller Belehrung und Anregung, die es überdies bieten mag — ist sich Selbstziel und besitzt als solches die organischen Eigenschaften eines echten Kunstwerkes, in welchem alle Teile zueinander und zu dem Ganzen in Beziehungen stehen, die, je nach dem augenblicklichen Standpunkt des Betrachtenden, als bedingende oder als bedingte aufgefaßt werden. Nach allem Gesagten hoffe ich auf Ihre Zustimmung und jedenfalls auf Ihr Verständnis rechnen zu dürfen, wenn ich die Gesamtmasse alles dessen, was uns in Buchform vorliegt, in drei große Abteilungen gliedere: in
  1. Bücher, die Bücher sind,
  2. Bücher, die mehr als Bücher sind,
  3. Bücher, die weniger als Bücher sind.
258 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes.

    Bei dieser Gliederung handelt es sich um keine Schrulle, noch weniger um einen bloßen Versuch, diesen Brief übersichtlich zu disponieren; vielmehr bin ich der Überzeugung, mit ihr das Wesen der Sache zu treffen; einzig durch diese Unterscheidung gelingt es, Licht auf die ungeheure Masse des Bücherchaos zu werfen. Jetzt erst kommt die kleine Gruppe der Bücher, die mehr als Bücher sind, reinlich von allem nicht dazu Gehörigen geschieden, zu der verdienten höheren Geltung; jetzt erst legt man nicht den Maßstab des Buches überall an, wo Druckerschwärze und Papier — und sei es auch zu den nützlichsten Zwecken — zusammengeraten; und — was für mich in diesem Briefe die Hauptsache ist — jetzt erst erhalten wir eine deutliche Vorstellung dessen, was das Wesen eines wahren „Buches“ ausmacht. Da wir beide der Gewohnheit frönen, uns nicht eher zufrieden zu geben, als bis wir volle Deutlichkeit erlangt haben, will ich noch ein wenig bei meiner Gliederung verweilen sowie bei den wichtigen Grenzfragen, die sich aus jedem Klassifikationsversuch ergeben.
    Als Naturforscher von Fach ist Ihnen die Tatsache vertraut, daß bei jedem Versuch, Erscheinungen der Natur methodisch zu gliedern, Zwischengebilde und problematische Fälle vorkommen: wäre das hier nicht der Fall, es würde gegen die von mir vorgeschlagene Klassifikation sprechen. In bezug auf die große Mehrzahl aller gedruckten Erzeugnisse kann kein Streit entstehen; in einzelnen Fällen jedoch wird — je nach Erfahrung und Einsicht — der eine ein Buch in die erste Abteilung einreihen, das ein anderer der dritten Abteilung zuweist: das hat nichts auf sich, sobald es nur bewußt und begründet stattfindet. Selbst in der zweiten Abteilung — derjenigen Bücher also, die mehr als Bücher sind —‚ die scharf abgegrenzt scheint, können fragliche Fälle vorkommen. So ist es z. B. sicher, daß die Heldengesänge der Hellenen für den lebendigen Vortrag bestimmt waren, nicht für die stumme Lektüre; ebensowenig wie Shakespeare schrieb Homer Bücher; fraglich bleibt es jedoch, inwiefern die auf uns gekommene Fassung nachträglichen literarischen Einflüssen alexandrinischer Gelehrter unterworfen gewesen ist und damit ein Hinüberschieben ins Buchmäßige stattgefunden hat. Doch auch hier, wie Sie sehen, kommt diesem Zweifel sehr untergeordneter Wert zu, insofern das Wesen dieses Kunstwerkes gar nicht bezweifelt werden

259 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes - Bücher, die weniger als Bücher sind.

kann als eines Werkes, das jedenfalls nicht literarisch erdacht und beabsichtigt war, gleichviel, ob Homer selber die Feder benutzte oder erst Spätere die Niederschrift bewirkten.
    Habe ich nun die Absicht, in diesem Briefe lediglich über Bücher, die Bücher sind, zu reden, so kann ich, wie Sie sehen, nicht umhin, eine Erörterung über die beiden Grenzgebiete — nach oben und nach unten — voranzuschicken, sonst bliebe manches unklar und unvollständig. Wollte ich allerdings näher auf diejenigen Bücher eingehen, die weniger als Bücher sind, ich geriete auf einen uferlosen Ozean, und wollte ich mich dem geheimnisvollen Zauber der Bücher hingeben, die mehr als Bücher sind, ich fände kein Ende; darum begrenze ich Inhalt und Ziel und ziehe einen entschiedenen, deutlichen Kreis um den Standpunkt, den ich hier einzunehmen gedenke. Doch, wie gesagt, das entbindet mich nicht der Pflicht, die Übergangserscheinungen, die meine Kreislinie manchmal mitten durchschneidet, mit besonderer Teilnahme ins Auge zu fassen; wie denn der sinnende Naturforscher sich allerorten von den Grenzerscheinungen besonders angezogen fühlt, weil hier — mehr als anderswo — Altehrwürdiges sich offenbart und aufkeimende Zukunft sich vorverkündet. Zuerst wollen wir auf das Grenzgebiet zwischen I und III einen Blick werfen, also in die Richtung der Bücher, die weniger als Bücher sind, sodann einen in die entgegengesetzte Richtung, um erst dann in Ruhe innerhalb unseres auserwählten Kreises der Bücher, die Bücher sind, zu verweilen.

*

    Es kommen Fälle vor, in denen dank der großen Begabung des Forschers und seines bewußten Strebens, nicht allein seinem Fache, Sondern vielmehr der allgemeinen Kultur zu dienen, wissenschaftliche Abhandlungen gleichsam eine höhere Stufe ersteigen, auf der sie dann eine zwiefache Beurteilung zulassen: einerseits als Beiträge zur Wissenschaft, andrerseits als Werke wahrer Buchkunst. In der großen Masse bilden diese Bücher freilich eine verschwindend geringe Zahl: um so höher ist ihre Bedeutung anzuschlagen. Lassen Sie mich mit einem Beispiel anfangen, das Ihnen zunächst stark paradox dünken wird; ein richtiges Paradoxon, reich an unerwarteter

260 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

Anregung, schlägt wie mit Hammerhieben eine Bresche für neu Einsichten.
    Euklid's Elemente der Geometrie halte ich nach Inhalt und Form für ein vollendet schönes Buch — das Wort „Buch“ in seiner reinen Bedeutung genommen. Man darf sich nicht durch die Bezeichnung „Elemente“ irreführen lassen und — wie gar oft geschieht — voraussetzen, es handle sich bei diesem unsterblichen Werk um ein Unterrichtsbuch für Knaben. Zwar wird das griechische Wort Stoicheia bisweilen in einem Sinne gebraucht, verwandt unserem Ausdruck „Anfangsgründe“; doch, wie Sie wissen, bedeutet das Wort eigentlich die Buchstaben des Alphabetes, naiv materialistisch aufgefaßt als die Grundbestandteile der Sprache, worauf sich dann mit der Zeit die fernere Bedeutung ergab von Grundbestandteilen überhaupt, d. h. von letzten Einheiten, sei es im Aufbau von Kunstwerken, sei es in bezug auf die kosmische Natur — also in unserem heutigen Sinne, wenn wir von „chemischen Elementen“ sprechen; in diesem letzteren Sinne gebraucht Euklid das Wort: sein Werk behandelt die allem rein räumlichen Denken und Schauen zugrunde liegenden unentbehrlichen Begriffe und Begriffsbewegungen in lückenlos vollständiger Aufzählung und in meisterhaft-architektonischer Gliederung. Es handelt sich um ein reifstes Erzeugnis für reife Geister. Euklid's Buch ist nicht „weniger als ein Buch“, denn es steuert nicht auf andere Ziele, vielmehr ist es für Euklid bezeichnend, daß er auf eine praktische Verwertung seiner theoretischen Gedanken niemals auch nur im entferntesten anspielt. Es wird erzählt, ein Schüler habe ihn gefragt: „Was werden diese Bemühungen mir nützen?“, da rief der Meister seinen Sklaven herbei und gebot ihm: „Geh', hole drei Groschen und schenk sie diesem jungen Manne! ihn reut's, etwas zu tun, wobei kein Nutzen sich herausstellt.“ Das Buch enthält außer seinem Gedankenstoffe nichts; es bedarf keiner Hilfe irgendwelcher Art von außen: die Figuren gehören zum Text und sind außerdem für einen mit genügend starke räumlicher Phantasie ausgestatteten Menschen entbehrlich, und der Gedankeninhalt bezieht sich auf den reinen Menschengeist, wie er jedem von uns zu eigen ist. Folgerichtiges Denken und Kraft der Vorstellungsphantasie: mehr verlangt Euklid nicht. Da auch keine geschichtlichen Kenntnisse beansprucht werden und keine Namen

261 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

früherer oder zeitgenössischer Mathematiker Erwähnung finden, so entsteht ein fleckenlos reines Geisteserzeugnis, in sich vollkommen abgerundet und für alle Zeiten fertig, ebenso verständlich und anregend in China wie in Timbuktu, ebenso heute wie am Tage, wo es — vor 2300 Jahren — entstand und wie dies nach weiteren 2300 Jahren der Fall sein wird. Indem der Grieche sich hier eine bestimmte — dem Menschengeist genau angepaßte — Grenze zog, ist es ihm, wie anderen Hellenen auf anderen Gebieten, gelungen, ein in sich vollendetes Kunstwerk hervorzubringen. In meiner Bücherei besitze ich die große wissenschaftliche Ausgabe von Heath in drei Bänden mit Anmerkungen, Erläuterungen und Varianten sowie mit den Kommentaren und Scholien aller Jahrhunderte; in Halbfranz gebunden steht es unter den Werken der sogenannten schönen Literatur; denn wahrlich, es bildet dieses Werk einen Höhepunkt der „reinen“ Buchkunst (das Wort „rein“ im Sinne Kant's genommen). Ins andere Ohr aber will ich Ihnen flüsternd gestehen, daß mir mein alles kleines Exemplar des bloßen Textes zwischen zwei abgerissenen und wieder angeflickten Pappdeckeln noch lieber ist; denn unter der Arbeit, die Jahrhunderte daran verwendet haben, entschwindet dem Auge die Hauptsache, nämlich die vollendete Harmonie der Verhältnisse. Bei Euklid ist Denken Anschauen und Anschauen Denken; das Auge darf nicht durch andere Figuren und der Verstand nicht durch andere Beweisführungen unterbrochen und abgelenkt werden; und so prangt denn das Prachtwerk unter den Dichtern als keckes Bekenntnis, wogegen zum Nachmittagsruhestündchen auf dem Liegestuhl aus einer versteckten Ecke das alte abgegriffene Bändchen herausgeholt wird.
    Freilich bedingt gerade die „Reinheit“ des mathematischen Beispiels dessen geringe Tragweite in bezug auf alle anderen Fälle; wir bleiben in den reinen Anschauungsformen und in der reinen Logik des Menschengeistes befangen. Darum verweile ich hier nicht länger, sondern eile zu einem weiteren Beispiel, welches unser Verständnis mehr fördern wird.
    Ein Buch namentlich schwebt mir vor, das bisher nicht zu der sogenannten „schönen Literatur“ gezählt wurde, jedenfalls aber zu den unvergänglich schönen Büchern gehört im Sinne derjenigen, die als echte Bücher erdacht und ausgeführt sind und darum auch die

262 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

unmittelbare Wirkung des genial Buchmäßigen ausüben, ich meine Cuvier's Abhandlung über die Umwälzungen der Erdoberfläche und über die Veränderungen, die sie im Tierreich veranlaßt haben. Sehr bezeichnend ist es, daß der Verfasser des monumentalen Werkes Untersuchungen über versteinerte Knochen, der eigentliche Begründer der Paläontologie der Wirbeltiere, der Mann mit dem größten bisher (bei Gesunden) beobachteten Gehirn, sich bewogen fühlte, seinem gewaltigen, nur dem engeren Fachgenossen zugänglichen Lebenswerke dieses kleine Buch als Einleitung vorauszuschicken, das eingestandenermaßen an die ganze gebildete Welt sich wendet mit der Absicht, jedem denkenden Menschen eine allgemeine, jedoch richtige Vorstellung des Tatbestandes und damit auch die Möglichkeit zu eigener freier Urteilsbildung zu vermitteln — ein Verfahren, das den wahrhaft großen Gelehrten von der Menge der vielwissenden Fachbarbaren unterscheidet. Cuvier fühlt, daß eine wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse nicht Gemeingut aller gebildeten Menschen zu werden vermögen, für die Kultur ohne jegliche Bedeutung bleibt; er weiß aber auch, daß diese Mitteilung möglich ist, und zwar möglich in dem Geiste einer rein objektiven — nicht dogmatischen — Darstellung des Befundes und seiner Bedeutung. Popularisierung — dieses gräßlich erlogene Zwischending — schwebt Cuvier keineswegs vor: in seinem Vorwort sagt er, sein Zweck sei gewesen: „diejenigen Menschen, die nicht über Muße zu Fachstudien verfügen, zu einer allgemeinen Vorstellung des Sachverhaltes zu befähigen und sie dadurch in den Stand zu setzen, die verschiedenen Schlußfolgerungen zu verstehen, denen diese Entdeckungen zur Grundlage dienen, sowie auch an den wichtigen Einsichten teilzunehmen, die sich daraus für die Geschichte der Erde und des Menschen ergeben“. In mustergültiger Weise löst er diese schwere Aufgabe. Einer klassisch reinen, einfachen Sprache mächtig, ohne allen Schwulst und alle gelehrte Wichtigtuerei, mit strenger Beschränkung auf das Notwendige, stellt er den gesamten geologischen und paläontologischen Befund dar, Schritt für Schritt das gesicherte Tatsächliche von dem noch Zweifelhaften scharf unterscheidend. Mit einer Objektivität, für die ich kaum ein zweites Beispiel zu nennen wüßte, läßt er die verschiedenen Deutungen des noch Fraglichen an unseren Augen vorüberziehen und stellt dann seine

263 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

eigene, ohne jede Rechthaberei, kräftig überzeugend hin. Aus diesem Verfahren ergibt sich unleugbar Kälte; diese aber empfindet man hier als wohltuend; denn wo ist Objektivität am Platze, wenn nicht bei wissenschaftlicher Erforschung der Natur? Dem feiner Fühlenden bleibt die verhaltene Leidenschaft, die sich ja in der ungeheuren Forschungsleistung am besten bewährt, nicht verborgen. Man kann den Stil dieser einzigen Schrift mit einem rein weißen Lichte vergleichen, in welchem sich jeder einzelne Gegenstand in der ihm angehörigen Farbe, ohne irgendeine Fälschung des Tones zeigt. Wenn Sie später einmal, wie ich hoffe, lieber Freund, die Muße finden, sich an diesem unvergänglichen Werke zu bilden, Sie werden staunen über den Gedankenreichtum eines solchen Mannes; es liegt darin etwas Allumfassendes, als rede von einem olympischen Throne herab ein zwar nicht allwissender, aber alles Irdische frei überblickender Zeus, und man begreift Balzac's Urteil: „Cuvier est le plus grand poëte de notre siècle“. Daß einem solchen Auge die artbildende Bedeutung mancher allmählicher Veränderungen nicht entgehen konnte, liegt auf der Hand; so sagt z. B. Cuvier an einer Stelle, wo er von dem Übergang aus der tertiären zu der jetzigen Periode spricht: „Ces variations ont conduit   p a r   d e g r é s   les classes des animaux aquatiques à leur état actuel“ (diese Spielarten haben   s c h r i t t w e i s e   die verschiedenen Gruppen der Wassertiere zu ihrer jetzigen Gestalt übergeführt). Dennoch ist er ein Gegner aller Evolutionslehren und sagt uns auch warum. Ihre verschiedenen Abarten waren zu seiner Zeit alle schon dagewesen; selbst Ernst Haeckel's berühmte „Monere“ — hier „Monade“ genannt — grüßt uns aus ihrem Schattendasein; schöne Worte hat er für Lamarck, dessen „Folgerichtigkeit und Sagacität“ er lobt; das alles kann aber an der erwiesenen Tatsache nichts ändern, daß es Weltkatastrophen gegeben hat, bei denen auf weiten Gebieten der Erdoberfläche ganze Geschlechter des Lebens zugrunde gegangen sind. Für mich, der ich an der Hand Lyell's das Studium der Geologie antrat und lange dem Einfluß Darwin'scher Annahmen ausgesetzt blieb, bedeutete die Auffassung Cuvier's zunächst eine arge Zumutung; später kam dazu die jahrelange Vertiefung in Goethe, bis ich dessen große Lehre von der „Ruhe“ in mich aufgenommen hatte:

Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt!

264 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

Gerade auf diesem Wege aber bin ich später zum Verständnis Cuvier's gekommen. Goethe, bei dem überall die Anschauung sofort in die Idee — sagen wir auf deutsch in die Gedankengestalt — umschlägt, Goethe hat recht, wenn er von uns fordert, wir sollen auch die heftigste Bewegung in der Natur als Ruhe auffassen; denn hierbei handelt es sich nicht um eine Tatsache der umgebenden Natur, sondern um eine Maxime des menschlichen Denkens, und zwar um eine, durch welche es allein gelingt, Chaos zu Kosmos zu wandeln; Cuvier aber hat ebenso recht, wenn er mit unerbittlicher Strenge die empirischen Tatsachen vor jeder Vergewaltigung schützt und es hindert, daß wir die Gewalt, die es uns unbequem ist als in der Natur am Werke zuzugeben, nunmehr selber ausüben, so daß man sagen kann, die Ruhe, die dann in unserer Naturdeutung herrscht, sei durch Gewalt erlangt worden. Hier waltet offenbar ein Mißverstehen: wir haben noch nicht tief genug und noch nicht umfassend genug gedacht; es besteht ein starkes Mißverhältnis zwischen Mensch und Natur; was jenem als entsetzliche Weltkatastrophe erscheint, kann für diese ein Vorgang von verhältnismäßig geringfügiger Bedeutung sein. Und so auch meint es Cuvier. „Ich behaupte nicht,“ schreib er, „daß es einer neuen Schöpfertat bedurfte, um die heute bestehenden Arten hervorzubringen; vielmehr behaupte ich lediglich, daß diese Arten an den Orten, wo man sie heute findet, damals nicht vorhanden waren, und daß sie folglich von anderswoher gekommen sein müssen.“ Dieses eine Wort genügt, um Cuvier's wankenlose Objektivität vor Augen zu führen. Man lernt bei ihm — wie vielleicht von keinem anderen Manne — das rein Tatsächliche von dem Ideellen zu trennen: eine unschätzbare Schulung zu einer Zeit, wo eine grob-materialistische Wissenschaft, ohne irgendein Bewußtsein davon zu haben, alle ihre Beobachtungen und ihre aus den Beobachtungen gezogenen Schlüsse durch die Beimengung vorgefaßter Ideen oft bis zur Wertlosigkeit trübt.
    Doch, ich merke es, ich habe ein Steckenpferd bestiegen und das feurige Roß ist im Begriffe, mit mir durchzugehen! So halte ich denn an, solange es noch Zeit ist, und beeile mich abzusteigen.
    Nicht scheiden möchte ich aber von Cuvier, ohne meine Überzeugung betont zu haben, daß hier — in der würdigen, rein wissenschaftlichen und doch zugleich literarisch formvollendeten Behand-

265 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

lung naturwissenschaftlicher sowie anderer wissenschaftlicher Fragen — eine große Zukunft für das schöne Buch liegt. Vorträge mit Demonstrationen erfüllen einen anderen Zweck: nicht nur aber erreichen sie bloß eine bestimmte großstädtische Zuhörerschaft und bleiben Ungezählten unzugänglich, sondern sie ersetzen keineswegs die monumentale Leistung des Buches, deren Verdienst nicht zum wenigsten darin besteht, daß sie den Forscher selber zur vollendeten Durchklärung seiner Begriffe und damit auch seiner ganzen Anschauung zwingt.
    In dieser Beziehung täten wir, glaube ich, alle gut daran, bei den Franzosen in die Schule zu gehen: gewissenhafte gründliche Gelehrte sind sie; infolge der geistigen Entwickelung ihrer Nation, Meister des klaren und reinen Stils, wobei die spezifisch französische Nüchternheit ihnen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft zugute kommt, indem sie ihren Geist vor Überspanntheit, Phantastik und monomanischer Narrheit schützt. Freilich, sobald wir auf das Gebiet des eigentlichen Denkens, der Weltanschauung, der Religion, oder auch der Poesie übergehen, überwiegen die Nachteile die Vorteile; denn hier wird durchwegs die Klarheit auf Kosten der Tiefe — also auf Kosten dessen, worauf es ankommt — erkauft. Wo es sich aber um die scharfe Aufnahme von Naturgegenständen und deren getreue, ungefärbte Wiedergabe handelt, da sind sie Meister. Welches Wunderwerk ist Buffon's Histoire naturelle! Die Form allein sichert diesem Werk Unvergänglichkeit. Ist es auch sozusagen am Vorabend des Tages der eigentlichen wissenschaftlichen Untersuchung des Lebens entstanden, so würden Sie doch gewißlich oft staunen über die „Modernität“ der Kenntnisse und Anschauungen eines solchen Mannes im 18. Jahrhundert. Um nur eines zu nennen: in seinen Beobachtungen über die Veränderlichkeit der gezüchteten Tauben und über die stete Rückkehr der noch so ferngerückten Abarten zu der ursprünglichen wilden Taube, hat Buffon eigentlich diesen großen Abschnitt von Darwin's Untersuchungen vorweggenommen. Und wo gibt es etwas, was man in bezug auf künstlerische Gestaltung, verbunden mit Gedankenreichtum und Wahrer Anmut, dem Abschnitt Der Esel an die Seite stellen könnte? Lamarck trägt schon eine tüchtige Beigabe des Deutschen in sich; wo er spekuliert, wird er sofort ein großer Phantast, und zwar darum

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nicht weniger, sondern mehr, weil er sich einbildet, alles, was er denkt und sagt, beruhe auf Beobachtung. Wie wünschte ich, ich könnte Ihnen mein Exemplar seines Système analytique des connaissances positives de l'homme, restreintes à celles qui proviennent directement ou indirectement de l'observation vorlegen — Sie würden die Ränder mit „fichtre!“ und „sapristi!“ und „grand Dieu!“ bedeckt finden. Und dennoch, wie liebenswürdig, wie meisterhaft einfach, für jeden denkenden Menschen verständlich und anregend ist das Buch geschrieben — und wie gern würde man manchen deutschen Gelehrten mit Verständnis für eine derartige, höherer Kultur entsprechenden Auffassung und Fähigkeit begaben! Geoffroy Saint-Hilaire trifft als Zusammenschauer sicherer ins Schwarze als Lamarck; weniger an einzelnen Beobachtungen ermüdet und durch sie abgelenkt, ist er in der Synthese kühner und zugleich weniger gewaltsam. Ein entzückendes Büchlein ist sein Principes de Philosophie zoologique, discutés en mars 1830, au sein de l'Académie royale des Sciences. Diese Veröffentlichung gewinnt an Wert dadurch, daß sie zwei Reden von Cuvier enthält, unmittelbar von den improvisierten Erwiderungen Saint-Hilaire's gefolgt: so erblicken wir denn die beiden großen Gegner am Werke; wir sehen ihnen gleichsam ins innerste Hirn hinein und genießen das seltene und lehrreiche Schauspiel, zwei bedeutende Forscher sich leidenschaftlich widersprechen zu sehen und zwar nicht in einem Luftgefechte, sondern beide gestützt auf eine unübersehbare Menge von Tatsachen, und beide nur die Deutung dieser Tatsachen im Sinne tragend; wobei nun der unvergleichliche geistige Genuß für uns denkende Zuschauer aus dem Umstand sich ableitet, daß beide Widersacher recht haben, der eine ebensosehr wie der andere! Das Leben, wie jede andere letzte Frage, führt auf eine unlösbare Antinomie, die durch das Menschenwesen selbst gegeben ist und daher ihre Unlösbarkeit mit sich bringt: wer, wie Cuvier, zwar immerfort schaut, doch das Geschaute gedankenvoll deutet — d. h. nach Ursache und Wirkung — kann nicht anders denn das Leben als Zweckmäßigkeit auffassen. wogegen derjenige Mann, der, wie Saint-Hilaire, der reinen Anschauung mehr Raum, der kausalen Verbindung weniger gönnt, überall Gestalt erblickt, d. h. letzten Endes Gedankengestalt (Idee). Cuvier hat recht, wenn er spottet, mit dem Einheitsgedanken mache man sich das

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Leben leicht, verliere den Sinn für die unüberbrückbaren Unterschiede, welche Erscheinung von Erscheinung trennen, und verlerne auf diese Weise das Individuum in seiner Eigenart zu schätzen; Geoffroy Saint-Hilaire hat aber ebenso recht, wenn er uns den Star sticht und uns unter Berufung auf Leibniz „die Einheit in der Mannigfaltigkeit“ erkennen lehrt. Nur kann ich freilich dem Urteil Goethe's, nach welchem Saint-Hilaire's Standpunkt der „höhere“ sein soll, nicht beipflichten: für die Wissenschaft, wie für die Religion, bleibt das Individuum das eigentliche mysterium magnum, wogegen die scharfe Betonung der Einheit stets dazu neigt, uns ins Leere hinauszuführen, wo wir uns am bloßen Wortschwall berauschen.
    Doch, potztausend! schon wieder habe ich das Steckenpferd bestiegen! Ich bitte aber, wohl zu beachten, daß, abgesehen von der Anteilnahme an dem Streite zwischen Cuvier und Saint-Hilaire, ich streng bei der Sache geblieben bin; denn mir liegt daran, Sie, den begabten jungen Erforscher der Natur, mit Nachdruck auf diese besondere Gattung von Büchern aus dem wissenschaftlichen Grenzgebiet hinzuweisen, die bisher in Deutschland verhältnismäßig wenig gepflegt wurde. Hier gilt es, eine wichtigste Kulturaufgabe zu lösen. Sehen Sie sich, bitte, auch die französischen reinwissenschaftlichen Fachwerke an, solche, meine ich, die nicht zu den eigentlichen Büchern zählen: die meisten sind klar angelegt, deutlich gegliedert, gut geschrieben, durchwegs eindeutig. So wirkt z. B. des alten Réaumur Historie des Insectes — ein für alle Zeiten grundlegendes Werk — durch seine Schlichtheit, die der Naivität sehr nahe kommt, geradezu entzückend. Klassisch an Klarheit und reiner Gestaltung sind ebenfalls Bichat's berühmte Recherches physiologiques sur la Vie et la Mort, Agassiz' de l'espèce et de la classiflcation en zoologie. Claude-Bernard's Leçons sur les phénomènes de la vie, Milne-Edwards' Introduction à la zoologie générale ou considérations sur les tendances de la nature dans la constitution du règne animal — ich nenne nur einige meiner liebsten Bücher, wie sie mir gerade einfallen....  Zum Schluß seien noch die Schriften des mathematischen Analytikers Henri Poincaré genannt, die sogar in Deutschland Aufsehen erregt haben, weil derartiges niemals hierzulande geleistet worden ist.

268 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

    Was wir nun durch diese kritische Umschau lernen, ist, daß nur sehr bedeutende Forscher fähig sind, reinwissenschaftliche Themata in die Form des schönen Buches umzugießen und dadurch der ganzen gebildeten Welt zur Teilnahme an dem Leben der reinen Wissenschaft die Wege zu öffnen; der große Forscher selbst aber gewinnt diese Befähigung einzig durch die Kenntnis und Verehrung der Erfordernisse der Buchkunst, und er übt sich, indem er sich auch bei seinen reinwissenschaftlichen Fachwerken bestrebt, diese möglichst klar und stilgerecht anzulegen und zu schreiben. Hier bleibt noch gewaltig viel zu tun; die jüngere Generation sollte bald daran gehen! Mir schwebt ein Wort Melanchthon's im Gedächtnis: „Turpe est enim homini ignorare sui corporis aedificium“; im Munde eines frommen Theologen immerhin ein bemerkenswertes Wort, nicht wahr? Und nun sagen Sie mir, wievielen Menschen außerhalb Ihres engeren Fachkreises Sie begegnet sind, die eine einigermaßen richtige und lebhafte Vorstellung von ihres Körpers aedificium besaßen? Aus der Ferne höre ich schon Ihre temperamentvolle Antwort: „Volle Gymnasialvorbereitung, glänzende Universitätsstudien, ordentliche Professoren, Akademiemitglieder — aber in allem, was sich auf Kenntnis der Natur und namentlich des eigenen menschlichen Selbst bezieht, unwissend wie die nackten Kaffern!“ Ein großes Bildungswerk ist hier nachzuholen: eine Unmenge schlechter Populärschriften können wir auf den Kehrichthaufen werfen, dafür müssen ein paar Dutzend gute Bücher geschrieben werden.
    Nun wollen wir aber das eine nicht übersehen: haben sich die Deutschen bisher im allgemeinen auf diesem Gebiete wenig ausgezeichnet, so daß auch die Engländer ihnen darin entschieden überlegen sind — ich brauche nur Lyell, Faraday, Erasmus und Charles Darwin, Huxley zu nennen —‚ so besitzen sie doch in Alexander von Humboldt eine sehr bedeutende, in ihrer Art einzige Ausnahme und in Goethe das Muster einer dergestalt vollendeten Darstellung von Naturgegenständen, daß es nichts gibt, was mit ihr verglichen werden könnte. Bei Beiden ist nun die Betonung der Bedeutung der   S p r a c h e   in ihren Naturschriften bezeichnend: hierin offenbart sich das Bestreben, das Studium der Natur zu einem Element der allgemeinen Menschenkultur zu erheben.
    Erinnern Sie sich in Humboldt's Ansichten der Natur des

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prachtvollen unheimlichen Abschnittes Das nächtliche Tierleben im Urwald? Vor wenigen Wochen ließ ich ihn mir wieder einmal vorlesen, und noch mehr als früher fiel mir die Bedeutung dieser beständigen Betonung der Sprache auf. Am Anfang des Abschnittes heißt es: „Der Menschen Rede wird durch alles belebt, was auf   N a t u r w a h r h e i t   hindeutet: sei es in der Schilderung der von der Außenwelt empfangenen sinnlichen Eindrucke, oder des tiefbewegten Gedankens und innerer Gefühle. Das unablässige Streben nach dieser Wahrheit ist im Auffassen der Erscheinungen wie in der Wahl des bezeichnenden Ausdruckes der Zweck aller Naturbeschreibung.“ In den Anmerkungen zu der betreffenden Abhandlung steht dann noch viel Gelehrtes zu dieser Sprachenfrage, und man empfindet die beratende Nähe des Philologen-Bruders. Wunderbar sind Goethe's Worte über die   S p r a c h e   in dem Vorwort zu seiner Farbenlehre. Hier betrachtet er sämtliche Äußerungen der Natur als einem Sprechen analog, das wir Menschen uns dadurch deuten, daß wir es in die eigene menschliche Sprache übertragen: „So spricht die Natur hinabwärts zu anderen Sinnen, zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm...  So mannigfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oft diese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Elemente immer dieselbigen.... und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag. Diese universellen Bezeichnungen, diese Natursprache auch auf die Farbenlehre anzuwenden, diese Sprache durch die Farbenlehre, durch die Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen zu bereichern, zu erweitern und so die Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern, war die Hauptabsicht des gegenwärtigen Werkes.“ An einer anderen Stelle des selben Werkes hat nun Goethe das hier Vorliegende Problem — die Notwendigkeit einer künstlerischen Darstellung der Wissenschaft, soll diese Kulturbestandteil werden — in so erschöpfender, vollendeter Weise ausgesprochen, daß ich nicht umhin kann, eine längere Anführung hier einzuschieben; Goethe kann man ja nie zu oft sich wiederholen, den weisesten aller Menschen:

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    „Bei der Vergleichung der Kunst und Wissenschaft begegnen wir folgender Betrachtung: da im Wissen sowohl als in der Reflektion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innere, dieser das Äußere fehlt; so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im Überschwenglichen zu suchen, sondern wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen. — Um aber einer solchen Forderung sich zu nähern, so müßte man keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sei, entstehen kann.“ Es folgt eine kurze Betrachtung über die „seltsame Anarchie in Kunst und Wissenschaft“, die in Deutschland herrsche, und über die deutschen Gelehrten, „die sich durch seltsame Eigentümlichkeiten karikaturmäßig voneinander zu entfernen streben.“ Den Schluß bildet das prophetische Trostwort: „Wir sagen getrost in Gefolg unserer Überzeugung: an Tiefe sowie an Fleiß hat es dem Deutschen nie gefehlt. Nähert er sich anderen Nationen an Bequemlichkeit der Behandlung und übertrifft sie an Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, so wird man ihm früher oder später die erste Stelle in Wissenschaft und Kunst nicht streitig machen“.
    Hatte ich vorhin mit Nachdruck auf die Franzosen verwiesen, so geschah das, weil wir dort einer gesamten nationalen Erscheinung gegenüberstehen, wodurch das Beispiel Kraft gewinnt und zugleich jedem intelligenten Menschen zugänglich ist; wogegen Goethe als Schilderer der Natur und ihrer Phänomene so hoch steht, daß seine Vollendung von Manchem nicht erkannt wird und auf Andere entmutigend wirkt; wie Montaigne einmal bemerkt: „A la vérité les bons auteurs m'abattent par trop et rompent le courage“ (die Wahrheit zu gestehen, bedrücken mich die vorzüglichen Schreiber gar sehr und rauben mir das Selbstvertrauen). Derjenige deutsche Natur-

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forscher aber, der nach dem Höchsten strebt, wird sich immer wieder in Goethe vertiefen; hier findet er die Schulung. die er braucht, um wissenschaftliches Anschauen und Denken in die Kunstform des wahren Buches umzugießen und dadurch zu Bestandteilen der allgemeinen Menschenkultur zu erheben. Die vierzehn Bände, in denen Goethe's naturwissenschaftliche Schriften jetzt gesammelt vor uns liegen, besitzen nicht weniger Bedeutung als die anderen Teile seines reichen Lebenswerkes; abgesehen von dem Gehalt an Naturbetrachtung, an Naturgefühl, an erfindungsreichem Errichten vom Verständigungsbrücken von außen nach innen, bedeutet die rein sprachliche, die rein literarische Leistung eine so unerhörte Tat, daß sie als die Erfindung eines Neuen betrachtet werden muß — eines Neuen, an dem Jahrhunderte sich bilden und emporstreben werden. Zu dem Neuen gehört die genaue Anpassung des Stiles an den jeweiligen Gegenstand. In der mustergültigen Trockenheit der Schrift Erster Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie erreicht das, was man die unumgänglich notwendige wissenschaftliche Pedantik nennen kann, ihren Höhepunkt, nämlich den Höhepunkt der schematisch klaren Anordnung und der Kürze des Ausdruckes: von hier und von den Gestein-Schilderungen an, über die vollendete Ruhe und Gegenständlichkeit der großen darlegenden Werke — Die Metamorphose der Pflanzen und die Farbenlehre — bis zu den Augenblicken, wo der Naturforscher den Dichter herbeiruft, daß er begeistert das Wort ergreife, um letzte Ahnungen des Erforschers der Natur auf dem einzig möglichen Wege mitzuteilen und bis zu den abgrundtiefen philosophisch-metaphysischen Betrachtungen über die durch jede Naturforschung aufgeworfenen, erkenntniskritischen Fragen: überall versteht es Goethe, Gedankenführung und Wortausdruck derartig zu handhaben, daß sie genau den Mittelweg zwischen den beiden Polen einschlagen, gegeben durch den besonderen Gegenstand der Betrachtung und durch den besonderen Zweck der Abhandlung. Hierdurch entsteht überall das Gegenteil der Schablone, und es führt jede dieser Schriften ein eigenes Leben, ein Leben, das sogar das einzelne Wort umfaßt und mit einer unerschöpflichen Fülle an Eigengehalt begabt.
    Man darf nicht wähnen, solche Stilfragen besäßen nur formalen

272 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

Wert; weit gefehlt! Buffon's tiefes Wort: „Le style est l'homme même“ kann uns dienen, damit wir dasjenige genau bezeichnen lernen, was Goethe mit dem Stil seiner der Natur gewidmeten Bücher erstrebt, nämlich: le style est   l a   c h o s e   même. Die beiden Begriffsbestimmungen — im Stil offenbart sich der ganze Mensch, im Stil offenbart sich die ganze Naturerscheinung — widersprechen sich nicht: die erste bezeichnet eine Tatsache, die zweite ein erstrebtes Ideal; dieses Ideal müßte das eines jeden Naturforschers sein. Gerade aus seiner Beobachtung bedeutender Naturforscher hat Goethe gelernt, „daß immerfort wiederholte Phrasen sich zuletzt zur Überzeugung verknöchern und die Organe des Anschauens völlig verstumpfen“. Die Frage des Stiles bezieht sich also sowohl auf Objekt als auf Subjekt, sowohl auf den betrachteten Gegenstand als auf dessen Betrachter: klarer Stil bezeugt klare Anschauung, angemessener Stil angemessene Anschauung, lebensvoller Stil lebensvolle Anschauung. Letzten Endes handelt es sich überall um das „Es werde Licht!“ — und genau so wie dieses Wort zweierlei voraussetzt, nämlich Licht und Auge, ebenso handelt es sich bei aller Naturbetrachtung um den Gegenstand und um die Aufnahme des Gegenstandes:   S t i l   i s t   n i c h t s   a n d e r e s   a l s   d a s   g e i s t i g e   A u g e.   Diese Einsicht gewinnen wir durch Goethe: er, der Mann, der „ganz Auge“ war, hat so zu schreiben verstanden, daß seine Abhandlungen — soweit dies der Wortsprache nur möglich ist — g a n z   L i c h t   wurden.
    Erlauben Sie, lieber Freund, ehe ich in diesem Zusammenhang von dem Einzigen Abschied nehme, daß ich aus einer wenig bekannten, erst lange nach seinem Tode herausgegebenen Schrift Über den Granit eine wundervolle Probe dieses Lichtstils Ihnen zur Betrachtung vorlege. Die Art, in der hier der Geolog, zur Veranschaulichung der Lagerungsverhältnisse des Urgesteins in ihrem Bezug zu allen späteren Gesteinsbildungen, auf das Menschengemüt übergreift, die Wirkung dieses unerwarteten Vergleiches, sowie die erschütternde Rückwirkung von der gewonnenen Anschauung des Urgebirges her auf verwandte Züge der Menschenseele: das alles ist beispiellos und von unsterblicher Schöne.
    „Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf

273 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine aufgehäufte zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt, du gehst nicht, wie in jenen fruchtbaren schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben. In diesem Augenblicke, da die inneren anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einflüsse des Himmels mich näher umschweben, werde ich zu höheren Betrachtungen der Natur hinauf gestimmt, und wie der Menschengeist alles belebt, so wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen Erhabenheit ich nicht widerstehen kann. So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe und kaum in der Ferne am Fuße ein geringwachsendes Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will.“
    Auch von vielen unter Goethe's rein naturwissenschaftlichen Schriften gilt, daß sie „weniger als Bücher“ sind; setzen sie doch manche Gegenstände und Kenntnisse voraus, die das Buch nicht vermittelt. Was aber an ihnen „Buch“ ist, weist eine derartige literarische Vollkommenheit auf, daß sie auf das Gebiet des reinen Buches hinüberspielen. Manche jedoch gehören zu den „Büchern, die Bücher sind“, nicht weniger als Cuvier's Révolutions; so z. B. die Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, ein Buch, das gar vieles des Bedeutendsten enthält, was Goethe jemals geschrieben hat — zur Geschichte der Menschheit und des menschlichen Denkens überhaupt, sodann auch namentlich zur unübertroffenen Charakterisierung bedeutender Männer (von Plato, Aristoteles, Demokrit, Pythagoras, Lukretius usw. über Augustinus und Roger Bacon bis zu den großen Physikern des sechzehnten Jahrhunderts, bis zu Galilei, Kepler, Descartes, Newton und den Nachfolgenden), eine Charakterisierung, die zugleich den Zeitgeist ganzer Perioden vor uns aufleben läßt. Hier sind ebenfalls die kleinen Einzelabhandlungen zu allerhand die Philosophie der Naturwissenschaften betreffenden Fragen zu nennen, wie Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt, Einwirkung der neueren Philosophie, Erfinden und Ent-

274 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind - Bücher, die mehr als Bücher sind.

decken, Analyse und Synthese usw. Eine jede dieser knappen Betrachtungen ist ein Meisterwerk für sich, aus Goethe's reifstem Alter.
    Soviel nur über das Grenzgebiet zwischen den Büchern, „die weniger als Bücher sind“ und den Büchern, „die Bücher sind“. Wir haben gesehen, daß hier unter bestimmten Umständen und durch das Talent hervorragender Männer ein allmählicher Übergang aus der einen Abteilung in die andere stattfinden kann, bei genialer Begabung aber die Trennungslinie manchmal überhaupt entschwindet und literarische Gebilde entstehen unsterblicher Würde. Meine Beispiele entnahm ich den Wissenschaften der Natur, weil diese mir am vertrautesten sind und die größten Schwierigkeiten für die Buchwerdung zu bieten scheinen; der Übergang kann aber bei jeder Wissenschaft stattfinden — in der Theologie und Kirchengeschichte hat z. B. Adolf Harnack Mustergültiges geleistet —, das hier Vorgebrachte soll nur als Beispiel dienen.

*

    Wenden wir uns nunmehr zu dem anderen Grenzgebiete, das zu den Büchern hinüberführt, die „mehr als Bücher“ sind, so muß zuvörderst eine entscheidende Bemerkung vorangeschickt werden: keines der hier in Betracht kommenden Werke bedarf — als Werk — des „Buches“; an und für sich steht es auch ohne Buch fertig und vollkommen da — man denke an Shakespeare, an Yajnavalkya, an Christus. Zwar hat gerade hier das Buch in der Geschichte der Menschheit überall große Bedeutung gewonnen, doch stets nur als Beihilfe und als Surrogat — sagen wir Notbehelf; das Werk selbst — handle es sich um künstlerische Schöpfung, um abgrundtiefes Sinnen, um religiöse Neugeburt — ist niemals ein Buch. Daher denn das Zweideutige, Schielende, Fragwürdige aller hierher gehörigen Bücher, deren Ursprung fast immer in Dunkel gehüllt und deren Authentizität im Ganzen und im Einzelnen meist anfechtbar bleibt. Es handelt sich eben niemals um Werke, die als Bücher ersonnen und ausgeführt sind, vielmehr entsteht das Buch erst aus dem Werke, ist oft als Buch fehlerhaft und schöpft seine unvergleichliche Wirkung aus Umständen und Tatverhältnissen, die mit dem Buche nichts zu schaffen haben.

275 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind.

    Diese Tatsache wollen Sie, lieber Freund, stets sich vor Augen halten; sie wird selten bedacht und gibt uns doch den Schlüssel zu den meisten Rätseln dieses Grenzgebietes zwischen Buch und Mehr-als-Buch. Da uns aber in diesem Briefe lediglich die Bücher angehen, so schwinge ich mich gleich aufs andere Ufer hinüber, von wo aus wir die Sache zunächst folgendermaßen erblicken.
    Allen diesen Büchern ist gemeinsam, daß sie auf etwas hinweisen, was zwar im Buche als Andeutung oder Mitteilung enthalten ist, nicht aber offenkundig, sondern als Geheimnis. Diese Bücher sollen symbolisch wirken; ihr Zweck ist nicht   M i t t e i l u n g,   sondern   V e r m i t t e l u n g.
    Ein einfaches Beispiel wird dieses Verhältnis sofort veranschaulichen.
    Der Vers Shakespeare's wird erst in dem Augenblick Shakespeare's Vers, wenn er richtig vorgetragen — oder zum mindesten richtig vorgetragen gedacht — wird. Wir also, wir Leser, müssen zu dem geschriebenen Wort noch etwas hinzutragen, damit das Werk entstehe; die Symbolik des Buches muß uns hierzu magisch anreizen; daher ist es richtig, wenn wir sagen, diese Bücher seien mehr als Bücher. Auch die Bücher, die weniger als Bücher sind, setzen ein Anderes voraus — Gegenstände, Kenntnisse —‚ dieses Andere steht aber gänzlich außerhalb des Buches und muß von außen hinzugetragen werden, damit das Buch erst einen Sinn bekomme; hier dagegen, bei den Büchern, die mehr als Bücher sind, ist die notwendige Ergänzung in das Buch selbst hineingeheimnißt, nur bedarf der Leser einer besonderen Beanlagung — in Ermangelung dieser, einer besonderen Einweihung — soll er das Buch richtig würdigen und das Mehr-denn-Buchmäßige daran vor das geistige Auge hervorzurufen vermögen. Wer z. B. die Aitareya-Upanishad aufschlägt und die erste Strophe liest: „Zu Anfang war diese Welt allein Atman; es war nichts anderes da, die Augen aufzuschlagen“ — der kann unmöglich wissen, wovon die Rede ist: dieses Buch bezieht sich eben auf eine fertige, langsam gewachsene, abgrundtiefe Weltanschauung, die sich im Laufe der Zeit ihre eigene symbolische Sprache geschaffen hat; und sofort stößt man auf die große Schwierigkeit, daß man die Sprache nur aus der Weltanschauung und die Weltanschauung nur aus der Sprache verstehen kann, so daß jahre-

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lange Versenkung der einzige Weg ist, um zum wahren Verständnis zu gelangen. Nun aber kommt ein eiliger Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts, holt schnell Deußen's Sechzig Upanishad's des Vedanta vom Brett herab, glaubt, das sei ein „Buch“, in dem man nach Belieben „lesen“ könne.... und legt es dann bald enttäuscht und ermüdet aus der Hand. Wir befinden uns bei allen Büchern dieser Abteilung auf dem Gebiete des Geheimnisses, auf dem Gebiete des Übernatürlichen — wie man zu sagen pflegt, wofür man aber ebensogut und vielleicht besser sagen könnte: der Urnatur.
    Lassen Sie mich über einzelne Bücher aus dieser Gruppe einige Worte sagen; wer sich ihre Bedeutung überlegt, wird auf diesem Wege am besten zum Verständnis ihres Wesens gelangen.
    Die althellenischen Heldensänger haben keine Bücher geschrieben: das ist sicher. Diese Gattung der Kunst fordert halbfreie Improvisation auf Grund des allen Zuhörern vertrauten Stoffes, doch unter steter Berücksichtigung der Wunsche des im besonderen Falle gegenwärtigen Kreises, dazu namentlich noch die eigenartige Wirkung und Gegenwirkung zwischen dem Sänger und seinen Zuhörern, die beide sich immerfort gegenseitig beeinflussen, so daß nie vorauszusagen ist, aus welcher Richtung der zündende Funke hervorspringen wird, da erst die Stimmung des Augenblicks hierüber entscheidet. Diese Lebensgesetze des dithyrambischen Epos scheinen die versteinerte Monumentalisierung im stummen Buche vollkommen unmöglich zu machen. Ich darf sagen, ich Spätgeborener rede aus Erfahrung; denn ich habe vor dreißig Jahren in den Ländern serbischer Zunge einem Heldensänger zugehört, welcher die um das Nachtfeuer gelagerten Mannen stundenlang in Spannung hielt; die Atempausen füllte das Spiel auf der einsaitigen Guzla aus, die auch sonst an passendem Orte den Wortausdruck zu unterstützen und zu erhöhen wußte; rauhen Männern entlockte die unbeschreiblich starke und unmittelbare Wirkung dieser uns Heutigen verloren gegangenen Kunst Tränen, dann wiederum schallten von den begeistert Lauschenden Rufe der Empörung, des Zorns, der Freude und Teilnahme, oder übermütiges Lachen unterbrach den Vortragenden. Dieser Sänger konnte weder lesen noch schreiben! Wieviele unserer Schullehrer, wenn sie unsere armen Jungens Homer's Verse analysieren lehren, ahnen, welches feurige Leben hinter diesen nun

277 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind.

stummgewordenen Gesängen liegt? Das eigentliche Kunstwerk ist verloren; uns bleibt nur das Buch. Und doch! Wer möchte gerade dieses Buch missen? In ihm lebt nicht nur die Erinnerung an eine untergegangene große Kunst, sowie die Nachricht über tausend Tatsachen des Lebens der Hellenen, von denen wir sonst keine Kunde besäßen, sondern man kann ohne Übertreibung behaupten: hier fließt der Urborn aller europäischen Poesie bis herab zum heutigen Tage. Das Buch selbst, das solchen Schatz übermittelt, bleibt allen Zeiten problematisch und bietet, je genauer und gelehrter es durchforscht wird, nur immer unlösbarere Probleme; nicht problematisch bleibt sein unermeßlicher Wert für die Kultur der Menschheit.
    Als Shakespeare seine Theaterstücke schuf, hatte er — wir sahen es am Anfang dieses Briefes — einzig die lebendige Aufführung auf der Bühne im Sinne, und jede literarische Absicht lag ihm fern. Ja, er muß die Versteinerung zu einem Buche mit Entschiedenheit abgelehnt haben; denn die Londoner Drucker hatten mit seinen anderen Gedichten großen Erfolg und verlangten seine Stücke zur Herausgabe: dies muß er abgelehnt haben, da schon zu seinen Lebzeiten verschiedene Ausgaben erschienen, alle ohne seine Mitwirkung und offenbar mit Benutzung ungenügender Grundlagen; die meisten Leser ahnen nicht, welche Ungewißheiten den Text dieser Werke fast Vers für Vers begleiten und daß manche Fragen trotz aller Überlegung von Geschlechtern hingebender Forscher ungelöst bleiben. Shakespeare hat also unstreitig die Drucklegung nicht gewünscht und zu ihrer Förderung nichts beigetragen: diese für die Beurteilung der Kunstabsichten eines der größten Poeten entscheidende Erwägung wird viel zu wenig, wenn überhaupt, beachtet. Wer will aber den Verlust für die Kultur des germanischen Europa ermessen, wenn diese Werke mit Shakespeare's Tod entschwunden wären? Mag auch das rein künstlerische Leben, das er, der Schöpfer, in ihnen als Ziel verfolgte und zugleich als Inhalt in sie hineinlegte, in dem Schwarz-auf-Weiß des Buches wie eine einbalsamierte Leiche im Schreine liegen, es kann nichtsdestoweniger die Bedeutung solcher buchmäßigen Überlieferung für die Ausbildung des Menschengeistes — insofern dieser Geist dafür überhaupt empfänglich ist — gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wäre ein Jeder von uns für die Kenntnis und Erkenntnis des

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Menschenherzens auf seine eigene Erfahrung angewiesen, wir kämen nicht weit: diese Erfahrung ist zu beschränkt, und namentlich fehlt es uns an der Schärfe der Beobachtung und an der Lebhaftigkeit der Eindrücke. Wie durch Homer ein Volk, seine Sitten, seine Religion, seine ganze landschaftliche Umgebung, und zwar in der besonderen Art, wie nur dieses eine Volk sie erblickt und von ihnen beeindruckt wird — also genau, was unser Uexküll seine „Umwelt“ nennen würde — für alle Zeiten lebt, von uns Allen gesehen, weil der Eine es mit Augen von unerhörter Leuchtkraft in sich aufgenommen und dann wieder hinausgestrahlt hat, ebenso lebt durch Shakespeare das Innere des Menschengemütes überhaupt — soweit Verstand und Affekt in Frage kommen — vor unserem geistigen Blick, entschleiert und grell beleuchtet. Die tiefen Gedanken, die hinreißenden Bilder, der Witz, der Zauber des Versbaues, — alles dies gehört zur Technik des Künstlers; das Ergebnis ist, außer höchster Kunst, auch neue Erkenntnis; in der bloß literarischen Überlieferung geht zwar der beabsichtigte Kunsteindruck und mit ihm ein Teil der Erkenntnis verloren, immerhin bleibt aber von der Erkenntnis, weil sie vornehmlich das Denken betrifft, ein großer Teil erhalten; und da zeigt es sich, hier wie überall, wenn man auf den Grund geht, daß alle Erkenntnis erst aus Schöpfertat hervorgeht. Überlegt man sich, daß sich niemals die Spur eines zweiten Shakespeare gezeigt hat, so begreift man, daß der gänzliche Verlust dieser Werke eine dauernde Verarmung, nicht nur der Kunst, sondern des geistigen Besitzes der germanischen Menschheit bedeutet hätte. Heil also dem Buche, das uns diesen Schatz vor dem völligen Untergang gerettet hat!
    Die heiligen Bücher der arischen Inder stellen uns vor andere und schwierigere Rätsel: schon deswegen, weil nicht das Leben und Schaffen eines einzelnen Mannes, sondern dasjenige vieler auf einander folgender Geschlechter hier zum Ausdruck kommt. Zwar sind die Texte in einem Grade übereinstimmend und zuverlässig, wie das vielleicht bei keinen Büchern dieser Abteilung sonst zu finden wäre: sie sind eben erst sehr spät niedergeschrieben, und es ist ungleich weniger leicht, mit Texten willkürlich zu verfahren, die nicht aufgeschrieben sind, sondern im Gedächtnis Vieler, Silbe für Silbe, aufbewahrt bleiben, als mit solchen, die mit Buchstaben aufgezeichnet vorliegen. Die Schwierigkeit dieser Bücher ist eine

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innere und rührt daher, daß eine lange, alle Lebensbedingungen umwandelnde Geschichte ihrer Entstehung vorangeht, so daß wir die ursprünglichen Gedanken des wunderbar begabten Menschenstammes gleichsam erst aus doppelter Spiegelung empfangen, wobei der zweite Spiegel stark verzerrend wirkt, manches ins Ungeheure vergrößert, anderes zur Unsichtbarkeit herabdrückt. So gibt sich uns denn diese Weisheit als aus verschiedenartigen Elementen gewoben, rätselvoll, unergründlich; selbst demjenigen, der ihren Zauber tief empfindet, bleibt sie zum großen Teil Geheimnis. Folgende, selten angestellte geschichtliche Erwägung trägt, nach meiner Überzeugung, zur Aufklärung viel bei.
    Bekanntlich läßt sich nachweisen, daß die arischen Inder aus einer nördlichen, hochgelegenen und demgemäß kühlen Heimat stammen, aus welcher sie auf dem Wege einer siegreich vordringenden Völkerwanderung erst nach und nach in die Flußgebiete des Indus und des Ganges vordrangen, wobei das tropische Klima und die gesamte neue Umgebung eine tiefgreifende Umwandlung ihrer Sitten und Gebräuche, ihrer Vorstellungswelt und somit auch ihrer Denkwelt veranlaßten. Reden wir von indischer Philosophie, so haben wir die Upanishads und die ganze dazu gehörige Literatur im Sinne; ohne uns nun bei der viel umstrittenen Frage des Zeitpunktes der Niederschrift dieser Werke aufzuhalten, ist dies Eine gewiß, daß die Lieder des Rig-Veda — wenigstens in ihren älteren Bestandteilen — den Blick in eine Periode eröffnen, die ebensoweit hinter den Upanishads zurückliegt, wie etwa Paulus hinter dem heutigen Tage. Nicht allein sind Vorstellungen aus der Umgebung der früheren nordischen Heimat in ihnen noch lebendig, sondern wir finden namentlich noch die Spuren einer anderen Gemütsart — einer frischen, kampfeslustigen, tatenfrohen, heiteren. Die Lieder z. B. über den trunkenen Gott, über die Heucheleien und Betrügereien der Priester und der Ärzte, die kecken Auseinandersetzungen über die Unmöglichkeit, Versuchungen zu widerstehen, die uns doch von einem Gott in den Weg gelegt werden usw., zeugen von einem überlegenen Humor, von einer inneren Freiheit und einer naiven Unmittelbarkeit des Seelenlebens, die dem späteren Denken fehlen und die zugleich den stärksten Kontrast bilden zu allen uns geläufigen Vorstellungen aus den düsteren Religionen des westlichen

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Asiens und Ägyptens. Nun behaupte ich, und fürchte keine Widerlegung: in jenem früheren arischen Volke, solange es seiner nordischen Heimat treu blieb, liegt die Quelle zu aller und jeder indo-arischen Kraftentfaltung,   s o   a u c h   z u   d e r   s p ä t e r e n   i n d o - a r i s c h e n   m y s t i s c h e n   D e n k k r a f t.   Was heute als indisches Denken vor uns steht, ist eine durch maßlose Übertreibung gewisser Anlagen und Fähigkeiten sowie durch entsprechende Verkümmerung anderer entstandene Verzerrung der früheren gesunden, dem Gleichgewicht des Lebens angepaßten Geistesverfassung und Weltanschauung. Die mystische Vertiefung entsprießt einem realistischen Boden: daher ihre Fruchtbarkeit. Freilich ist nicht zu bestreiten, daß gerade die einseitige Übertreibung, das Auffangen gewisser Züge in einem Hohlspiegel, der sie ins Gigantische vergrößert zurückstrahlt, zum guten Teil die Wirkungsgewalt dieser Philosophie ausmacht: das Ungeheure erschreckt, reißt dadurch von den Augen Schleier hinweg, die sie jahrtausendelang verdunkelt hatten, weist dem Denken des Menschengeschlechtes neue Wege. Meiner Überzeugung nach wird durch diese Welt der Besinnung ohnegleichen sowie auch durch die Bekanntschaft mit dem — der Philosophie naheverschwisterten — Zauberreich indischer Poesie eine Saat in unsere Seelen ausgesät, die im Laufe der Zeit reiche Früchte tragen muß und wird: die Streitfrage über ein vergangenes Ariertum können wir billig ruhen lassen, sobald wir einem künftigen Ariertum mit vereinten Kräften entgegengehen. Doch wird der Blick zurück auf das Geschlecht der Urahnen, zu dem ich hier die Anregung gebe, für unsere Kinder und Kindeskinder in ihrem harten Kampfe um ein menschenwürdiges Gedankendasein vielleicht noch Wertvolleres bieten; denn sie werden bei jenem nordischen, noch gesunden arischen Volke das gleiche entdecken, was unseren einzigen Goethe auszeichnet und „gegenständliches Denken“ genannt worden ist. „Hiermit wird ausgesprochen, daß mein Anschauen selbst ein Denken, mein Denken ein Anschauen sei“. In diesen Worten Goethe's haben wir die genaue Begriffsbestimmung des altarischen Denkens zur Zeit, als dieser Stamm noch das Hochland bewohnte. Nicht minder beachtenswert ist das, was Goethe im gleichen Zusammenhang von seinem „gegenständlichen Dichten“ sagt: „Mir drückten sich gewisse große Motive,

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Legenden, uraltgeschichtlich Überliefertes so tief in den Sinn, daß ich sie vierzig bis fünfzig Jahre lebendig und wirksam im Innern erhielt; mir schien der schönste Besitz, solche werte Bilder oft in der Einbildungskraft erneut zu sehen, da sie sich denn zwar immer umgestalteten, doch ohne sich zu verändern einer reineren Form, einer entschiedeneren Darstellung entgegenreiften“. Diese Worte könnten als Schilderung der altindischen Mythologie gelten, die wir in beständiger Umgestaltung begriffen sehen, ohne eigentliche Veränderung des Inhaltes, da es sich nicht um geschichtlichen Glauben, sondern um fortschreitende   W a h r t r a u m d i c h t u n g   handelt. Diese Mythologie, wie wir sie durch das Medium der Rigveda-Lieder erraten, erwächst aus einem lebhaften Naturbetrachten, einem aufgeweckt beobachtenden Fragen und einem gestaltungsfrohen Antworten; es handelt sich um einen fortgesetzten Versuch, den Menschen und seine Naturumgebung zu einander in Beziehung zu bringen, die Natur aus dem Menschen heraus, den Menschen aus der Natur heraus zu verstehen. Bei den Hellenen sind die mythologischen Gestalten weit mehr vermenschlicht; bei den Aroindern bleiben sie weit mehr Natur: darum gelangt der Hellene schließlich zu menschlichem Ebenmaß und zu Schönheit, wogegen dem Aroinder die Richtung ins Naturunermeßliche — damit aber auch in größere Tiefe und in größere Höhe — von Hause aus eignet. Solange jedoch das Leben der Aroinder ein tätiges, abwechselungsreiches, kampferfülltes bleibt, treten immer wieder jeder Abirrung ins Phantastische und Überschwengliche die Wirklichkeiten des täglichen Lebens entgegen, die Liebe zur Natur, der unverwüstliche, gesunde Humor. Später fielen diese wohltuenden Schranken hinweg, und alles Riesenmäßige und Nächtige, alle ahnungsschwangeren Schattengestalten der tropischen Urwälder spiegelten sich in diesem zart empfänglichen Hirne wider. Mit unerbittlicher Notwendigkeit führte diese Entwickelung einerseits zum Schließen der ermüdeten Augen und somit zur maßlosen Entfaltung eines anschauensbaren, abstrakten Denkens, andrerseits zu der krankhaften Entfaltung einer phantastisch sich überbietenden mythischen Dichtung. Der große Wert dieser in der Geschichte einzigen Erscheinung soll nicht geleugnet werden; ich selber hatte öfters Gelegenheit, mit allem Nachdruck auf sie hinzuweisen: sie zeugt aber leicht Verwirrung — stößt den Einen heftig

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ab, verführt den Anderen zu Geistesabenteuern —‚ wenn nicht die frische, heitere, gesunde Kraftquelle erkannt wird, die   h i n t e r   der überschwenglichen Gedankenleistung liegt und sie erst möglich gemacht hat.
    Auch in diesem Fall handelt es sich, wie Sie sehen, um Bücher, „die mehr als Bücher“ sind; nicht allein entstanden sie im ausgesprochenen Gegensatz zu allem Buchmäßigen, sondern sie umhüllen bergend ein erhabenes, letztes Geheimnis, welches Worte — als solche — auszusprechen unfähig sind.
    Da ich hier nur Beispiele geben kann, bemerke ich kurz, daß alles große schöpferische Denken — auch wo es, wie bei uns Europäern und im Gegensatz zu den Indern als das Werk nicht eines Volkes, sondern vielmehr einzelner Nachsinnender sich kundgibt — in Wirklichkeit Bedingungen unterworfen bleibt, die den soeben besprochenen nahe verwandt sind: deswegen gehören alle philosophischen Bücher ihrem Wesen nach entweder zu der Gruppe „mehr als Bücher“ oder — wenn sie, wie die meisten, bloßer wissenschaftlicher Darstellung dienen — zu der Gruppe „weniger als Bücher“. Vereinzelte Erscheinungen — ich nenne Plato's Gastmahl und Schopenhauer's Hauptwerk — überschreiten die Grenze, dank Eigenschaften der Gestaltung, der Harmonie der Teile, der Schönheit der Sprache usw., wodurch sie in die Reihe der echten und der schönsten Bücher gehören — analog jenen oben besprochenen Büchern Cuvier's und Goethe's, die es ebenfalls vermochten, die dortige Grenze zu überwinden. Doch halte ich es für äußerst vorteilhaft, der Tatsache des „Mehr-als-Buch-seins“ sich bewußt zu werden. So ist es z. B. für Schopenhauer verhängnisvoll geworden, daß er ein hinreißend schönes Buch geschrieben hat: die Menschen lesen das Buch und wähnen, die unergründlich tiefen Gedanken erfaßt zu haben, was bloße Täuschung ist; denn was hier zugrunde liegt, ist eine der religiösen Mystik nahe verwandte, dazu noch in eine Gedankenmystik hinüberspielende Weltanschauung, die dermaßen genau auf der Schneide zwischen Denken und Empfinden, zwischen Wachen und Träumen steht, daß gewiß nur Wenige, und auch diese nur in seltenen Augenblicken blitzweise sie zu erfassen vermögen. Als einen Vorzug erachte ich es, wenn Kant's Kritik der reinen Vernunft so schwer ausgefallen ist, daß nur Begabung, Sehnsucht und Beharr-

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lichkeit den Gedankengehalt sich anzueignen vermögen. Dem Entstehen dieses Buches gehen dreißig Jahre ununterbrochenen Sinnens voraus, und noch sind Hunderte von Aufzeichnungen vorhanden, die Zeugnis ablegen für ein beständiges Arbeiten an der sprachlichen Verdolmetschung der im Geiste sich aufbauenden Erkenntniswelt; das Buch selbst aber ist dann in wenigen Wochen als Improvisation entstanden, geschrieben, so schnell die Feder nur eilen konnte. Naiv ist es, wenn von Fachmännern tadelnd auf Lücken und auf Wiederholungen hingewiesen wird, namentlich auf Wiederholungen, die sich nicht decken, vielmehr voneinander abweichen, sowie auf Fälle, in denen der selbe Kunstausdruck verschieden bestimmt wird, so daß man glaubt, ein lebendiges Wesen werden und wachsen und sich verändern zu sehen. Das ist es ja eben! Hier haben wir kein „Buch“ zu erblicken, sondern vor unseren Augen vollzieht sich eine schöpferische Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung.
    Unter allen diesen Büchern, die mehr als Bücher sind, überragt das eine durch die Universalität seiner Wirkung alle anderen, denn es bietet denen, die „arm an Geist sind“, ebenso reiche Anregung, Tröstung und Kraft wie den durch Rasse und Bildung Begünstigten. Diesem Buche will ich zum Beschluß dieses Abschnittes, und bevor ich mich endgültig auf die Bücher, „die Bücher sind“, einschränke, eine kurze Betrachtung widmen.
    Ich rede vom Evangelium, und zwar rede ich davon in der Einzahl und sage „das“ Evangelium, wie denn die frühe Gemeinde durch Jahrhunderte es nicht anders wußte und stets „to Euangelion“ sagte, dem sie dann die übrigen Bestandteile des sich nach und nach zu einem Kanon auswachsenden Neuen Testamentes als „das Apostolikon“ gegenüberstellte. Dies zu beachten, ist wichtig: erstens, weil wir daraus die unbedingt einheitliche Wirkung des vierteiligen Evangeliums auf noch naiv und unverdorben empfindende Gemüter kennen lernen, und zweitens, weil sich darin die radikale Scheidung von dem übrigen neutestamentlichen Material ausspricht, welches weit länger in der Schwebe blieb, so daß man noch heute von verschiedenen Stücken des Kanons nicht weiß, warum sie später ausgeschlossen worden sind, nachdem sie Kirchenväter und Kirchenheilige als göttliche Eingebung betrachtet hatten, und von anderen,

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warum sie doch schließlich in den Kanon eingeschmuggelt wurden, da alle maßgebenden Männer des alten Christentums ihre Unechtheit bezeugen. Ich rede also hier vom Evangelium allein, von der Frohbotschaft oder, wie Luther gelegentlich übersetzt, der „tröstlichen Märe“, der „guten Neuzeitung, davon man singet, saget und fröhlich ist“.
    Dieses Werk, rein als literarisches Werk — als Buch — betrachtet, regt immer mein höchstes Staunen an und reizt mich seit vielen Jahren zu Studien, die nie ein Ende nehmen, und zu Nachsinnen, das mich zwar stets beglückt und aus den elenden Schranken unserer platten mechanischen Gegenwart zu höheren Sphären emporträgt, nie aber zu einem eigentlichen verstandesmäßigen Ziele führt. Es gibt kein zweites Beispiel eines so zufällig entstandenen Buches — aus einer chaotischen Zeit, aus geistig wenig erfahrenen Kreisen, ohne jede Einheitlichkeit der Führung und mitten aus einem Wust von abergläubischen Albernheiten hervorgegangen! Dazu dann während Jahrhunderte jeder Lässigkeit der Abschreiber, jeder Willkür der Besserwisser, jeder Fälschung der fanatisch Frommen schutzlos preisgegeben! Man fragt sich, wie es möglich war, daß eine solche Entstehungsgeschichte zu einem derartigen Ergebnis führte?
    Für mich steht schon lange die Überzeugung von der organischen Einheit dieses Werkes fest und wird — wenn möglich — täglich noch fester. Wie aber das Zustandekommen dieser künstlerischen Einheit, auf der letzten Endes die ungeheure Wirkung des Buches beruht, wie diese Einheit entstanden zu denken ist, das bildet ein zunächst unlösbares Problem....
    Sofort unterbreche ich den Satz, um hinzuzufügen: woher die Lösung zu kommen hat, wo einzig sie zu suchen ist, das weiß ich: sie liegt begründet in dem ungeheuren und einheitlichen Eindruck, den die eine Persönlichkeit — auf deren Antlitz „die Herrlichkeit Gottes strahlte“, wie ein Zeitgenosse bezeugt — auf Alle machte und bei Allen hinterließ, die sie mit Augen und Ohren erlebt hatten. Eigentümlich, ja, höchst verwunderlich bleibt es, daß diese große, mittlere Tatsache, die bei jeder aufmerksamen Betrachtung des vierteiligen Evangeliums als erstes auffallen muß, von wenigen Menschen beachtet wird, auch von wenigen Fachgelehrten. Es verblaßt eben bei der einseitigen Betonung des historischen Maßstabes der ästhe-

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tische Maßstab dermaßen, daß er überhaupt nicht mehr empfunden wird; hierdurch geht aber gerade die mittlere geschichtliche Erkenntnis — nämlich die Einheit der Persönlichkeit als die einzige vereinheitlichende Kraft inmitten des Chaos — verloren.
    Nicht viel besser steht es um die zweite allgemeine Erkenntnis, welche, wie die erste, jedem ungelehrten ebenso wie jedem gelehrten Menschen offen steht:   n i c h t   v i e r   B e r i c h t e   ü b e r   d a s   L e b e n   d e s   H e i l a n d s   b i e t e t   u n s   d i e s e s   B u c h ,   s o n d e r n   n u r   z w e i   B e r i c h t e.   Seit dem dritten Jahrhundert bis heute stoßen sich Gelehrte und Ungelehrte an den vielen kleinen Abweichungen zwischen den drei ersten Evangelisten — von dem Jenenser Theologen Griesbach, Goethe's Freund, „die Synoptiker“ genannt; wogegen offenbar, wie schon Herder bemerkte, das einzige Anstößige hier die   Ü b e r e i n s t i m m u n g   der drei Berichte bildet. Selbst über rein tatsächliche Vorgänge werden niemals die Berichte zweier Augenzeugen übereinstimmen; das ist allbekannt und bedarf keines weiteren Beleges. Weit mehr noch werden Berichte, Urteile, Schilderungen voneinander abweichen, wenn die Darstellung einer bestimmten Persönlichkeit, ihrer Worte, ihrer Handlungen in frage kommt; hier gibt es keine massive Tatsächlichkeit; jeder Augenzeuge sieht die Persönlichkeit anders, jeder Ohrenzeuge hört sie andere Worte sprechen; gerade das Abweichende zeugt für Echtheit und Authentizität des Berichteten. Glasenapp und ich hörten den Bayreuther Meister am Vorabend der ersten Aufführung des Parsifal eine Rede halten: unsere Berichte weichen wesentlich voneinander ab. Das meiste von dem, was Glasenapp erzählt, war mir entweder entschwunden oder nebensächlich erschienen, während dieser peinlich genaue Biograph Wagner's die Worte, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatten, gar nicht gehört oder jedenfalls über den Eindruck der anderen vergessen hatte — wie er mir selber zugab (vergl. S. 238). Und nun schauen Sie sich die Evangelien kata Matthaion, kata Markon und kata Loukan genau an! und sagen Sie mir, ob das drei Berichte sind oder nicht vielmehr ein Bericht in drei Tonarten vorgetragen, wie sie dem Wesen und der Absicht der verschiedenen Bearbeiter entsprachen. Die Reihenfolge der Begebenheiten ist wesentlich die gleiche — was um so mehr auffällt, als der sehr genaue Johannes Schritt für Schritt ab-

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weicht; die Worte des Herrn gleichen sich oft bis auf die letzte Silbe; Umstellungen, Kürzungen und Erweiterungen erklären sich, wie gesagt, aus dem Charakter und der Absicht der Verfasser. Und da zerbrechen sich die Theologen die Köpfe über die Zahl der Quellen, die den drei Evangelisten vorgelegen haben sollen: eine Spruchsammlung, ein Urbericht, zwei oder drei Nebenberichte usw. Es ist aber einleuchtend, daß alle diese Dinge, wenn sie überhaupt existieren, eine Stufe weiter zurückliegen müßten, nämlich als Quellen des zweiten, verlorenen Urevangeliums, das allen drei Synoptikern vorgelegen hat. Daß aber jener Verfasser einen so verwickelten Apparat nötig gehabt hätte, glaube ich billig bezweifeln zu dürfen; vielmehr wird er aus dem Überreichtum persönlicher Erfahrung geschöpft haben, und wir schaffen durch unsere wissenschaftliche Analyse lauter Gespenstergestalten. Diesen drei Evangelien liegt der zusammenhängende ausführliche Bericht eines dem Johannes an persönlicher Eigenart und Kraft vergleichbaren Mannes zugrunde — heiße er Matthäus, Petrus oder sonstwie —‚ dramatisch beanlacht, urwüchsig, für zarteste Eindrücke empfänglich. Dieser lebendigen Kraftquelle entsprießen die drei synoptischen Berichte: jede andere Hypothese führt zu Widersinnigkeiten und löst, wie das leider Gelehrtenart ist, die Urkraft alles Bedeutenden, nämlich die Persönlichkeit, in einen Nebel von gemutmaßten Dokumenten auf, wobei zugleich die unumgänglich notwendige künstlerische Gestaltungskraft des ersten Schöpfers eines solchen Werkes vollkommen aus den Augen entschwindet.
    Dieses Werk nun — das erste Urevangelium —‚ das an Originalität und Lebensfülle gewiß dem zweiten Urevangelium — dem des Johannes — gleichkam, wurde von drei sehr verschiedenen Männern, die drei sehr verschiedenen Umgebungen angehörten, bearbeitet, wobei einem jeden von ihnen ein bestimmtes Ziel vor Augen schwebte. Es ist, als ob ein breiter Lichtstrahl auf drei nebeneinander stehende Prismen mit verschiedenem Brechungsindex fiele: die drei Spektren an der Wand werden ihrem Wesen nach sich gleichen und doch alle drei verschieden sein. Dazu kommen hier die grundsätzlichen Auslassungen sowie die tendenziös erfundenen oder aus anderen Quellen herbeigeholten Ergänzungen. Das Bezeichnende für Matthäus ist der enge Anschluß an das palästinensische Juden-

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tum, an dessen Gebräuche und an dessen streng festgehaltenes mosaisches Gesetz: nach Matthäus richtet sich die Botschaft Christi ausschließlich an die Juden; Markus — wenn er überhaupt ein Jude ist — gehört der Diaspora an, mit ihren weit freieren Gebräuchen: er kennt Palästina nicht, und es lassen sich in seinem Texte demzufolge allerhand Mißverständnisse in bezug auf dortige Verhältnisse nachweisen; Lukas ist der hellenistisch gebildete, nicht-jüdische Bürger des Römerreiches, Arzt oder Maler — vielleicht beides zugleich, der alte Legenden und altägyptische Moralitäten zum Schmucke seiner Erzählung einfügt, der die Mission an die Heiden ausdrücklich vom Heiland selbst entsenden läßt, der allein von dem die Juden beschämenden guten Samariter zu erzählen weiß, sowie von der Einkehr bei dem römischen Oberzöllner, den der Heiland durch die metaphysisch-mystische — alle jüdischen Ansprüche tilgende — Ausdehnung des Wortes „Sohn Abrahams“ beglückt, usw. Matthäus hat hauptsächlich die gesetztreuen Israeliten im Auge, Markus alles Volk des römischen Reiches überhaupt, das er durch Kürze, durch Wundererzählungen und kräftige Worte zu beeindrucken weiß, Lukas schreibt für den gebildeten Bürgerstand, von dem die Entscheidung zugunsten des Christentums dann ausging: das Universalistische an den Lehren des Galiläers unterstreicht er, das Kommunistische daran wischt er möglichst weg.
    Diese kurzen Andeutungen mögen genügen: es handelt sich für uns nicht um Theologie und Exegese, sondern um das Entstehen eines Buches. Hierbei beanspruchen zunächst zwei Umstände eingehende Beachtung: erstens, eine übermächtige Persönlichkeit, die selber nie geschrieben hat, bildet den lebendigen Quellpunkt des Buches; zweitens, trotzdem diese Persönlichkeit die gebildeten Kreise tunlichst mied, fanden sich doch — nebst einer Menge Unberufener — zwei Jünger, fähig, in aller Naivität, aus volkstümlicher, kerniger Begabung Schilderungen des Ohnegleichen — seiner Handlungen und seiner Worte — von so unmittelbarer Lebensfülle zu entwerfen, daß der Eindruck, der ihre Seele erfüllte und entrückte, auf alle späteren Geschlechter zurückstrahlt. Der eine dieser beiden Berichterstatter, Johannes, hat namentlich das innerste Wesen der Persönlichkeit tief erfaßt und ist leidenschaftlich bestrebt, uns ihre Höhe und Milde, ihre Reinheit und vor allem ihre Göttlichkeit mit ihm

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empfinden zu lassen; der andere, energischer von Natur und mehr künstlerisch begabt, hat es namentlich auf Tat und Wort abgesehen, die er in drastischer Kürze plastisch vor Augen zu stellen sucht. Dieser Zweite hat jedenfalls beträchtlich früher geschrieben als der Verfasser des Johannes-Evangeliums — diesem hört man die Verklärtheit der Entfernung an, jenem die Spontaneität des Unmittelbaren, das in die Welt hinaus   m u ß   und dessen feurige Eile kein Verweilen duldet. Wohlbetrachtet ist es nicht verwunderlich, daß dieses allererste Evangelium in seiner Urgestalt verloren ging: die frühesten Jahre des werdenden Christentums, wo es nur kleine, zerstreute und noch nicht organisierte Gemeinden gab, waren nicht dazu angetan, ein Dokument, das vielleicht einzig in Jerusalem einzusehen war, oder bestenfalls in wenigen Abschriften kreiste, vor dem Untergang zu bewahren; man überlege sich, daß kein einziges Blättchen aus jener Zeit auf uns gekommen ist, und daß die allerältesten der uns bekannten Evangelien-Exemplare Handschriften sind, die mehrere Jahrhunderte später entstanden, während wir über die Texte aus früheren Zeiten nur durch mittelbare Schlüsse einiges in Erfahrung bringen können; wohingegen die drei synoptischen Evangelien höchst wahrscheinlich uns ein erstes Anzeichen für die Bildung von kirchlichen Gemeinden vor Augen führen, und es vielleicht nicht unmöglich wäre, diese Ursprungsorte zu bestimmen (Matthäus in Jerusalem, Markus in Rom, Lukas in Alexandrien?).
    Es entstanden damals eine große Anzahl Evangelien. Ebenso wie die größeren Kirchengemeinden während wenigstens achthundert Jahren eine jede ihr eigenes Glaubensbekenntnis besaß, ebenso besaß wahrscheinlich jede größere Gruppe von Gemeinden in den ersten Jahrzehnten ihr eigenes Evangelium. Von einigen sind größere und kleinere Bruchstücke auf uns gekommen, so z. B. das Petrus-Evangelium, das Thomas-Evangelium, das Judas-Evangelium, das Hebräer-Evangelium, das Ägypter-Evangelium sowie verschiedenerlei Kindheits-Evangelien und sonstige Legenden; das meiste ist unglaublich minderwertiges Geschreibsel, von Luther mit Recht als „närrisches Alfenzel“ abgetan, aber auch diejenigen darin enthaltenen Episoden und Worte des Heilands, deren Ursprung nach dem Zeugnis unserer Evangelien auf authentische Berichte zurückgeht, sind alle vergröbert, ins Alltägliche, oftmals ins Absurde verdreht und ver-

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fälscht, nicht aus böser Absicht, sondern aus Unfähigkeit des noch so frommen Geistes, das Hohe und Hehre zu erfassen. Gerade diese Tatsache nun — der vielen Evangelien und ihrer unbedingten Unzulänglichkeit — ist ein Beweis mehr dafür, daß nur ein sehr außerordentlicher Mann, der dem Heiland nahe gestanden hatte, fähig war, einen so wunderbaren Bericht — strahlend von Leben und Wahrheit — zu verfassen, daß er selbst in den Bearbeitungen von Matthäus, Markus und Lukas allen Willkürlichkeiten und Mißverständnissen zum Trotz leuchtend siegreich für ewige Zeiten besteht. Zu glauben, drei verschiedene Männer hätten das gekonnt, von denen zwei eingestandenermaßen, der dritte aber wahrscheinlich ebenfalls den Heiland nie erblickt und gehört hatten, und daß dieses Wunder durch das Exzerpieren aus allerhand verschiedenen Dokumenten gelungen sei und zu der obengenannten merkwürdigen Übereinstimmung geführt habe: das alles halte ich für unwidersprechlich unmöglich und darum für sicher falsch. Nein, vielmehr liegt — ich wiederhole es — hinter diesen drei Evangelien das eine Werk eines Genius, dem Johannes vergleichbar; und auf diesen beiden Zeugen ruht alles, was wir von Leben und Reden Jesu wissen. In welcher Weise ihnen diese Vermittelung gelungen ist, das hat Herder — der feinste Anempfinder für Wesen und Schönheit aller Dinge — einmal so treffend ausgesprochen, daß sein Wort eine ganze Literatur über diesen Gegenstand ersetzt: „Einfalt in tiefer Bedeutung ist die höchste Schönheit menschlicher Charaktere und Schriften. Sie ziehen an sich mit unwiderstehlichem Reiz, nicht etwa nur durch das, was sie geben, sondern durch das, was sie sind und wie sie es sind. Ein Unnennbares umschwebt sie, der stille Zauber ihres eigenen Daseins.“
    Welches Schicksal aber erwartete diese zwei großen Werke, ehe sie endlich — aber erst nach Jahrhunderten, mit dem Nimbus des „Gotteswortes“ umgeben — vor weiteren Freveltaten frommer und frommfälschender Hände bewahrt, als unantastbares „Buch“ für die Zukunft endlich gesichert dastanden! Zwar schwand die Menge minderwertiger Evangelien bald fast spurlos dahin; nur in einzelnen abgelegenen Gegenden behielt das eine und das andere noch einige Zeitlang Ansehen; im Osten und im Westen, so vielfach gespalten die Strömungen innerhalb der christlichen Kirche damals auch waren, hat unser vierfaches Evangelion nach dem siegenden

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Rechte der Wahrheit und der Schönheit alle anderen verdrängt und genoß bald unwidersprochene Geltung. Jedem feiner Empfindenden mußte aber gleich der innere Unterschied auffallen zwischen dem einen Originalevangelium (Johannes) und den drei widergespiegelten, umgearbeiteten Evangelien; hierbei habe ich nicht die Abweichungen des Berichteten im Sinne, sondern den Unterschied des inneren Wertes, der daraus folgt, daß sie auf verschiedenen Stufen der Unmittelbarkeit und dadurch auch der inneren Authentizität stehen, ein Unterschied, der der zarten Wahrheitsseele unseres Luther das Urteil eingab: „Das Johannes-Evangelion ist das einige zarte rechte Hauptevangelion und den anderen dreien weit, weit vorzuziehen und höher zu heben.“ Schon hieraus entstand ein Widerstreit, der um so tiefer wirken mußte, als die wahre Ursache nicht erkannt wurde: er dauert noch heute an, wo alle tief religiösen Naturen Johannisten und alle formalgerichteten mehr oder weniger ausgesprochene Anti-Johannisten sind.
    Schon dieser Widerstreit hat ohne Zweifel manchen störenden Einfluß auf die Überlieferung des Textes ausgeübt. So läßt es sich z. B. nach dem heute bekannten Material mit Bestimmtheit nachweisen, daß das Johannes-Evangelium im Laufe des zweiten Jahrhunderts von kirchlicher Seite einer weitgehenden textlichen Revision unterworfen wurde, um es den übrigen Evangelien ähnlicher und vor allem der inzwischen schon zu einer ersten Blüte gereiften kirchlichen Dogmatik dienstbar zu machen. Leichteres Spiel hatten die Theologen mit den drei synoptischen Evangelien: gerade ihre Ähnlichkeit ließ jede Abweichung als unheimlich empfinden, und es geschah das mögliche, um sie — wie man es nennt — zu „harmonisieren“. Hieronymus — von dessen großen Verdiensten um die Feststellung eines authentischen Textes und um die Übertragung ins Lateinische Sie gewiß gehört haben, und der in allen diesen Fragen ungleich freier urteilte und sprach als irgendein heutiger Katholik es wagen dürfte — Hieronymus klagt etwa um das Jahr 400, er könne nicht zwei gleiche Handschriften der Evangelien auftreiben, alle seien sie durch die unausrottbare Sucht zu willkürlichen Harmonisierungen verdorben; ihm blieb in Hunderten von Fällen nichts anderes übrig, als diejenige Fassung zu wählen, die ihm subjektiv als die wahrscheinlichere erschien. Ein einziges Beispiel möge

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Ihnen zeigen, in welcher skrupellosen Weise mit dem Texte umgegangen wurde.
    Israelitischer Gepflogenheit gemäß beginnt Matthäus sein Buch mit einer Ahnentafel, die, von Abraham anhebend — „Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob“ usw. über David und Salomo bis zu Joseph führt, wo sie mit der veränderten Formel schließt: „Jakob aber zeugte den Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus, welchen man Christus heißt, geboren ist.“ So lautet der allgemein „rezipierte“ Text in allen christlichen Kirchen; zur Bestätigung führe ich noch die Vulgata an: „Jacob autem genuit Joseph, virum Mariae, de qua natus est Jesus, qui vocatur Christus.“ Hiermit soll gesagt werden: Joseph war zwar der Gatte der Maria, nicht aber der Vater Christi. Nun müssen Sie wissen, daß die uralten Handschriften, auf die unsere Kenntnis des authentischen Textes sich gründet, gerade für diesen sechzehnten Vers des ersten Kapitels Dutzende von verschiedenen Fassungen bieten, so daß kaum zwei genau übereinstimmen. In solchen Fällen — für die es eine Anzahl Beispiele gibt — sehen wir mit Augen die Herren Theologen am Werke, Dinge, die ihnen nicht passen, aus dem Texte hinauszuschieben und dafür dasjenige hineinzuzaubern, was ihren Lehren genehm ist. Ausführlicheres hier vorzubringen, muß ich mir versagen, es würde gar weit führen; Ihnen genüge es zu wissen, daß der Text an dieser Stelle frühzeitig chaotisch unsicher war und daß Hieronymus — dem Luther wie gewöhnlich folgt — ohne eine andere Berechtigung als die seines guten Glaubens, sich gerade für den genannten Wortlaut entschied. Vor fünfundzwanzig Jahren fand nun eine wichtigste Entdeckung statt, die u. a. auch auf die Geschichte dieser Stelle grelles Licht warf. Eine Gesellschaft emsiger englischer Forscher — früheren Spuren folgend — brachte aus der Büchersammlung des Klosters auf dem Berge Sinai ein Palimpsest ans Licht, das sich als die uralte Übersetzung des vierteiligen Evangeliums ins Syrische nach einem griechischen Texte herausstellte, der bedeutend weiter zurückreicht, als irgendein bisher bekannt gewordener, nämlich bis in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Dieses „Syrische Sinaipalimpsest“ — in der Wissenschaft unter der Abkürzung   S y r s i n   bekannt — stimmt bis auf Einzelheiten fast durchwegs mit dem uns geläufigen Text über-

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