HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN

LEBENSWEGE MEINES DENKENS

Kapitel 5

Lebenswege meines Denkens

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Seite 001—062: Kapitel I & II, Meine Herkunft / Meine Erziehung
Seite 063—156: Kapitel III. Meine Naturstudien
Seite 157—248: Kapitel IV. Mein Weg nach Bayreuth
Seite 249—405: Kapitel V. Mein Buchgaden
Seite 406—414: Verzeichnis der Orts- und Eigennamen
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V.

MEIN BUCHGADEN

BRIEF AN LOTHAR GOTTLIEB TIRALA, DR. PHIL., DR. MED.

PRIVATDOZENT U. ASSISTENT AM PHYSIOLOG. INSTITUT DER UNIVERSITÄT ZU WIEN

. . . SI MUNUS APPOLINE DIGNUM
VIS COMPLERE LIBRIS . . .
H O R A Z

. . . ZU LESEN, ALS OB MAN SÄHE,
FÜHLTE, SELBST EMPFÄNDE!
H E R D E R

THERE IS CREATIVE READING AS
WELL AS CREATIVE WRITING.
E M E R S O N

NE LISEZ PAS, COMME LES ENFANTS,
LISENT, POUR VOUS AMUSER, NI
COMME LES AMBITIEUX LISENT,
POUR VOUS INSTRUIRE, NON,
L I S E Z   P O U R   V I V R E !
G U S T A V   F L A U B E R T

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251 V. Mein Buchgaden. Zur Einführung.

Mein teurer, guter Tirala!
Seit dem Tage, an dem Sie vor zwölf Jahren zum erstenmal in meiner Wiener Einsiedelei erschienen, bis zu dem heutigen habe ich an Ihnen so viel Freude erlebt, daß es mir schwer fällt, eine von Ihnen geäußerte Bitte abzuschlagen, wenn ich es auch Anderen gegenüber zu wiederholten Malen getan habe. Schon damals erschienen Sie bei mir mit Fragen; der studiosus philosophiae erhoffte sich von dem reiferen und zugleich akademisch nicht eingeengten Manne Winke und Ratschläge auf dem erst angetretenen Wege zur Erforschung der Natur. Gewiß erinnern Sie sich, daß ich nur zögernd und fast befangen antwortete? Denn in solchen Fällen heißt es: jedes „Wort“ der „Antwort“ für immer „verantworten“ können! „On a charge d'âmes.“ Und so entstand an jenem lieben ersten Abend ein tastendes Hin und Her — wenigstens so empfand   i c h   es. Mir lag weit mehr daran, das Lebensvolle, das ich, freudeerregt, in Ihrer angeborenen Art entdeckte, zu ermutigen, anzuspornen und günstige Wege zu ersinnen, auf denen es in Freiheit zu voller Entwickelung gelangen mußte, als Sie zu belehren, als Ihnen Meinungen und Auffassungen aufzudrängen und Methoden anzuempfehlen, bevor ich wußte, ob sie Ihrem Wesen entsprachen oder nicht. Es gibt gar viele Gebiete des Lebens, wo einzig durch das Wecken allgemeiner Stimmungen, Ahnungen, Einsichten Gutes geschaffen wird, wogegen die allzu konkreten, festumrissenen Mitteilungen eher wie Schranken die Schritte des Anderen beengen, wenn nicht gar ihn ins Dickicht führen.
    Damals ging die Sache gut aus, und der heutige junge Fachgelehrte beglückt mich, indem er mich als einen seiner geistigen Leiter preist, wenngleich ich ihm nie im Leben etwas gelehrt habe, sondern höchstens als eine Art Seelengärtner Dienste leisten durfte. Das läßt mich hoffen, daß es mir Ihnen gegenüber, lieber Freund, vielleicht gelingt, die Frage, die ich bisher als eine gar zu verfängliche empfand — die Frage nach meinem Verhältnis zu den Büchern — so zu beantworten, daß etwas Ersprießliches dabei herauskommt. Freilich habe ich bei diesem Unternehmen einzig meinen guten Tirala vor Augen und rede in der Art, wie ich zu ihm zu reden gewohnt bin — d. h. mit Freiheit und Unbefangenheit und ohne jene

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lähmende Vorsicht, die Fremden gegenüber stets am Platze ist. Bis ins einzelne bestimmt diese Erwägung den Stil. In Gegenwart eines wahren Freundes darf man gelegentlich über die Schnur hauen; das schadet nichts; im Gegenteil: auf diesem Wege gelingt es manchmal, Wahrheiten Ausdruck zu verleihen, die sonst unausgesprochen blieben. Der französische Lustspieldichter Marivaux bringt einmal ein entzückendes Wort: „Dans ce monde il faut être un peu trop bon pour l'être assez“. Das ist ebenso tief wie anmutsvoll empfunden und entspricht genau der Weisheit Goethe's: „Das Überschwengliche macht überhaupt die Größe.“ Für den heutigen Zweck will ich die Fassung wählen: dem Unbedingten wird einzig Übertreibung gerecht.
    Noch eins muß betont werden. Die Beziehungen zwischen uns beiden wurzeln in der Gemeinsamkeit der Überzeugungen, die das Heiligste im Leben betreffen; doch waren sie — und, wie ich glaube, als eine Folge hiervon — stets heitere, für Frohsinn und Humor empfängliche: das aber tut bei einem Brief über Bücher sehr not. In einem seiner zumeist zitierten Verse, an einer Stelle, wo von Bücherschreibern die Rede ist, spricht Voltaire von dem „secret d'ennuyer“; mich hat dieses Wort in dem Munde des geistsprühenden Mannes stets gewundert; denn wenn es hier wirklich ein   „G e h e i m n i s   z u   l a n g w e i l e n“   gibt, so ist es — wie der Franzose sagt — „le secret de polichinelle“, ein Allerweltsgeheimnis; darf man, wie es Sitte ist, jedes gedruckte Erzeugnis des Menschengeistes mit dem Ehrennamen „Buch“ belegen, so muß wohl eingestanden werden, daß 999 Bücher von 1000 „zum Sterben“ langweilig sind; ohne Humor und Übermut wäre nicht auszukommen.
    So sei's denn gewagt!
*
    Trotz der Berufung auf den großen Satiriker kann ich nicht umhin, diesen Brief mit einer methodologischen Betrachtung zu beginnen, indem ich die Frage aufwerfe, was eigentlich als „Buch“, und noch eindringlicher, was   n i c h t — ob es gleich uns schwarz auf weiß vorliegt — als „Buch“ bewertet werden darf.
    So hat z. B. Shakespeare nur seine zwei erzählenden Dichtungen Venus und Adonis und den Raub der Lucretia selber in den

253 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes.

Druck gegeben; seine Theaterstücke betrachtet er so wenig als literarische Erzeugnisse, daß er — der Mann, der schon eine Anzahl Komödien, Historien und Tragödien geschaffen hat, darunter Werke wie Romeo und Julie und wie Richard III. — in der Vorrede zu Venus und Adonis diese Dichtung „the first heir of my invention“ nennt, mit anderen Worten, das   e r s t e   Erzeugnis meiner Erfindungskunst! Und in der Tat, Shakespeare's Ruf als Literat in dem damaligen England beruht zunächst ganz und gar auf diesen zwei Dichtungen, wogegen weder er noch seine Zeitgenossen die Theaterwerke als zur Literatur gehörig zählten.
    Was von Shakespeare gilt, gilt von aller echten Bühnenkunst: Äschylos und Sophokles schreiben keine Bücher; ja, nicht einmal auf unseren Bühnen vermögen wir es, ihre Kunstwerke wieder ins Leben zu rufen; denn dazu würde die ganze Umgebung gehören, welche jene Dichter voraussetzen — vor allem die unentbehrliche Musik, die uns ganz verloren gegangen ist. Wie Herder bemerkt, ein Grieche aus der klassischen Zeit würde gar nicht verstehen, was ein bloß gesprochenes Drama bedeuten soll: „Wie wortreich stumm“ würde der Grieche sagen, „wie dumpf tonlos! Bin ich in ein geschmücktes Grab getreten?“ In noch höherem Maße gilt offenbar das Gesagte von dem neuen „Deutschen Drama“, dem Drama Richard Wagner's, aus dem Geiste der Musik geboren. Unsinnig ist es, die Wortdichtung loszulösen und in die „Literatur“ einzureihen, und wenig hat's zu bedeuten, wenn man die stumme Partitur zu den Worten legt: solche Werke des Sinnenkünstlers verlangen als Grundbedingung die Beteiligung des Auges und des Ohres — nur wo Auge und Ohr zusammenwirken, wo der Darsteller durch Erscheinung, Ton und Gebärde den Augenblick ganz ausfüllt, entsteht und besteht das dramatische Kunstwerk. Nicht ein Buch vermag dieses Kunstwerk ins Leben zu rufen, sondern nur eine gesteigerte sinnliche Gegenwart.
    Es bestehen aber außer den dramatischen noch manche weitere Druckwerke — und zwar besonders bedeutungsreiche —‚ die es Ungereimt wäre zu den eigentlichen Büchern zu zählen, da dies nur Mißverständnis und Verwirrung hervorruft. Zwei Beispiele sollen das gleich erläutern.

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    Die großen Denker Indiens verschmähten den Gebrauch der Schrift und hielten die mündliche, in den Ton der Stimme gebettete, vom Glanz der Augen umstrahlte Mitteilung — die Mitteilung von Hirn zu Hirn und die Aufbewahrung von Geschlecht zu Geschlecht im lebendigen Organismus des Menschen — für ungleich zuverlässiger als die Festbannung durch die Schrift und Überlassung an alle Gedankenlosigkeiten und Zufälligkeiten jeder mechanischen Vervielfältigung. Ein Werk wie die herrliche Chandogya- und die noch herrlichere Brihadaranyaka-Upanishad bezieht sich auf die langsam gereifte Besinnung ganzer Geschlechter von Denkern; hier erhielt der Schüler, der jahrelang Tag für Tag Unterricht in dieser Besinnung genossen hatte — wohlgemerkt, ein Unterricht, dessen Hauptzweck es war, überhaupt   d e n k e n   zu lernen, wozu die wenigsten Menschen Anlage besitzen — hier, in der Upanishad, erhielt er — er, dem alle Hauptbegriffe und Gedankengänge schon vertraut waren — zugleich eine Quintessenz des schon reichlichst Ausgedachten und eine in ihrer Überlegenheit manchmal fast ironische Paraphrase des nicht in Worten Auszusprechenden: wie sollte es einem unter anderem Himmel Geborenen, aus anderem Stamm Entsprossenen, einen anderen Bildungsgang Gegangenen möglich sein, durch bloßes Lesen den Gedankengehalt und Gefühlswert einer derartigen Schrift auch nur annähernd richtig zu ermessen?
    Und was sehen wir, wenn wir die erhabenste Erscheinung ins Auge fassen, deren Schritte unsere Erde vor zwei Jahrtausenden heiligten? Weder wird von der Schrift Gebrauch gemacht noch von der indischen Schulung des Gedächtnisses; mit unverkennbarer Absichtlichkeit wird sogar fast jede Berührung mit dem, was man „Bildung“ nennen kann, vermieden; ich fürchte — ich, der ich mich zu den von der Natur zum Schreiben Bestimmten bekennen muß — ich fürchte, wir Büchermacher stehen Gott sehr ferne! Von Jesus Christus wird nur ein einziges Mal erwähnt, daß er geschrieben habe und zwar: „mit dem Finger auf die Erden“; der Fuß des ersten besten, den der Zufall vorüberführte, hat die Spur dieser göttlichen Züge verwischt....  Gerade hier nun, wo wir an dem Punkte stehen, der sich am meisten von allem Buchwesen entfernt, hier greift   d a s   B u c h   in die Geschichte der Menschheit gewaltig ein, wie sonst niemals und nirgends. Ehe der Heiland erschien, war das Buch

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der ausschließliche Besitz einer wohlhabenden, kultivierten Minderheit, deren Lebenslage und verfeinerter Geschmack die Beschäftigung mit Dichten und mit Denken zuließ; erst das Christentum machte das Buch zum Besitz aller Menschen, auch der geringsten, und zwar zu einem „heiligen“ Besitz: das Buch nämlich, welches von den Worten und Taten Jesu Christi berichtet. Jetzt zum erstenmal hieß es:   „D a s   W o r t   w a r   G o t t“.   Es liegt auf der Hand, daß dieses Buch — das Evangelium und im weiteren Verstande das ganze Neue Testament — nicht ein „Buch“ in irgendeiner möglichen eigentlichen, sondern nur in einer übertragenen Bedeutung dieses Wortes geheißen werden kann: es ist chaotisch entstanden, zufällig zusammengestellt und durch tausend Hände entstellt. Auf die Geschichte des Evangeliums komme ich bald zurück; vorläufig sei nur gesagt: hier liegt kein Erzeugnis der Buchkunst vor, sondern die Widerspiegelung — und sei es in noch so vielfach gebrochenen Strahlen — einer göttlichen Kraft, eines göttlichen Segens, und ausschließlich in diesen und aus dieser schöpft das heilige Buch seine alles überstrahlende Bedeutung. Wahrlich, dieses Buch ist mehr als ein Buch!
    Gewiß verstehen Sie mich jetzt genau, lieber Freund, wenn ich ihnen sage, daß ich in meinem Buchgaden diejenigen Werke, die mehr als Bücher sind und denen das Buch nur als Andeutung, als Gerippe, als Stütze des Gedächtnisses dient, sorgfältig von den eigentlichen und wahren   B ü c h e r n   unterscheide.
    Damit ist aber noch nicht genug geschehen.
    Eine ungleich zahlreichere Klasse von Druckwerken gibt es, von denen wir sagen müssen, sie seien nur der äußeren Form nach, nicht aber in der bezeichnenden, sinnvollen Bedeutung des Wortes „Bücher“; ihr Wesen — im Unterschied von den zuerst genannten — besteht darin,   w e n i g e r   als Bücher zu sein. Hier dient das Buch irgendeiner Mitteilung, deren Tragweite in gar keiner Beziehung zu derjenigen des Buches als solchem steht. So z. B. können wir mit wenigen Ausnahmen unsere Gelehrtenbücher unmöglich als „Bücher“ betrachten: entweder dienen sie dem Zweck der Belehrung, über Welche Gegenstände es auch sei, oder der gesichteten, gegliederten Aufspeicherung von Wissensstoff und in diesem Falle je schematischer um so besser, oder schließlich sie gleichen Protokollen über

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gelehrte Untersuchungen, bestimmt, künftigen Forschern Rechenschaft zu geben — das erfordert viel Papier und viel Tinte, wird aber selten in eine Form gegossen, die das Prädikat „Buch“ rechtfertigen könnte! Es bedeutet keine Geringschätzung wissenschaftlicher, gelehrter Arbeit, wenn wir behaupten, das Buch als solches sei sich hier niemals Selbstzweck, vielmehr diene es stets einem anderen, außerhalb des Buches liegenden Zwecke und setze auch immer allerhand voraus, was in dem betreffenden Buche nicht steht, noch stehen kann — bei den Naturwissenschaften die Gegenstände der Natur, bei den Geisteswissenschaften allerhand Kenntnisse in bezug auf andere Bücher und auf Tatsachen, Gedanken und Leistungen des Menschengeistes. So nützlich und verdienstvoll das Buch in diesem Falle auch sein mag, es wird nur selten und nur durch eine besondere Gunst der Umstände es vermögen, sich aus der dienenden Stellung zu der Würde eines Eigenwertes als Buch zu erheben. Ein gleiches gilt für jene verdienstvolle Errungenschaft der neueren Zeit — die   N a c h s c h l a g e b ü c h e r.   Die große und wachsende Bedeutung dieser stets offenen Vorratskammern menschlichen Wissens liegt nach meinem Dafürhalten in der möglichsten Entlastung des Gedächtnisses: denn das ganze Gefüge unseres Verstandes läuft Gefahr, an der riesigen Überlastung des Gedächtnisses in die Brüche zu gehen. Namentlich das Urteilsvermögen — und auf dieses kommt doch alles an — leidet hierdurch schweren Schaden, worauf u. a. Kant auch aufmerksam gemacht hat, indem er von der unglaublichen Beschränktheit „vaster Gelehrter“ spricht; Sie und ich, wir könnten aus unserer Erfahrung Belege genug beisteuern! Meiner Meinung nach sollte die Mindestbelastung des Gedächtnisses aller Schulerziehung zum Gesetz gemacht werden. Wenn wir die Fähigkeit des Anschauens großziehen, so fügt sich nach und nach der gesamte Wissensstoff zu einem Bilde; in diesem Bilde werden die Menschen, die Begebenheiten, die Tatsachen aller Art an ihrem Platze erblickt, und es stellt sich von selbst ein plastisches Gedächtnis ein, wobei es dann eine nebensächliche Frage der persönlichen Beanlagung bleibt, wieviel an Namen, Daten usw. stets zum Gebrauche vorrätig ist und wieviel nachgeschlagen werden muß: die Hauptsache ist das   B i l d   und das zu ihm gehörige lebendige Erinnerungsvermögen (vgl. S. 223 fg.). Wogegen wir seit Jahrhunderten auf den

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falschen Weg geraten waren, das Gedächtnis von früh an zu einer mechanischen Fertigkeit auszubilden, so daß unsere Kinder — genau wie die Papageien — tausend Wörter im Kopfe tragen, denen weder eine Anschauung noch ein Gedanke entspricht. Ehre also den Nachschlagebüchern! Sie werden aber zugeben, daß in diesem Falle die Bezeichnung als „Buch“ gleichsam nur passiv — nicht aktiv —gelten kann.
    Wenn Sie mich nun fragten, was ich unter einem „Buch“ im eigentlichen Sinne des Wortes verstehe, ich würde Ihnen antworten: Begriffsbestimmungen sind meistens von geringem Nutzen, ehe man die Sache selbst klar vor Augen erblickt; bringen Sie diejenigen Bücher in Abzug, die mehr als Bücher sind, sowie auch diejenigen, die weniger als Bücher sind, was dann übrig bleibt, das sind die Bücher, „die Bücher sind“. Das wäre nach meinem Sinne die empirische Antwort, die ich durch das Versprechen ergänzen würde: wer diesen Brief bis zu Ende durchliest, wird eine deutliche Vorstellung davon gewinnen, was ein wahres Buch ist. Teilen Sie aber das Bedürfnis fast aller modernen Menschen nach Definitionen, so will ich eine vorläufige versuchen, gebe sie aber nur, wie gesagt, als tastenden Versuch und nur behufs vorläufiger Verständigung: ich verstehe unter   B u c h   ein Schriftwerk, erdacht, entworfen und ausgeführt mit der Absicht, unmittelbar als Geschriebenes auf einen Stummlesenden zu wirken; die Mittel zu dieser Wirkung sind im Buch selbst enthalten; kurz, das Buch als Buch — und abgesehen von aller Belehrung und Anregung, die es überdies bieten mag — ist sich Selbstziel und besitzt als solches die organischen Eigenschaften eines echten Kunstwerkes, in welchem alle Teile zueinander und zu dem Ganzen in Beziehungen stehen, die, je nach dem augenblicklichen Standpunkt des Betrachtenden, als bedingende oder als bedingte aufgefaßt werden. Nach allem Gesagten hoffe ich auf Ihre Zustimmung und jedenfalls auf Ihr Verständnis rechnen zu dürfen, wenn ich die Gesamtmasse alles dessen, was uns in Buchform vorliegt, in drei große Abteilungen gliedere: in
  1. Bücher, die Bücher sind,
  2. Bücher, die mehr als Bücher sind,
  3. Bücher, die weniger als Bücher sind.
258 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes.

    Bei dieser Gliederung handelt es sich um keine Schrulle, noch weniger um einen bloßen Versuch, diesen Brief übersichtlich zu disponieren; vielmehr bin ich der Überzeugung, mit ihr das Wesen der Sache zu treffen; einzig durch diese Unterscheidung gelingt es, Licht auf die ungeheure Masse des Bücherchaos zu werfen. Jetzt erst kommt die kleine Gruppe der Bücher, die mehr als Bücher sind, reinlich von allem nicht dazu Gehörigen geschieden, zu der verdienten höheren Geltung; jetzt erst legt man nicht den Maßstab des Buches überall an, wo Druckerschwärze und Papier — und sei es auch zu den nützlichsten Zwecken — zusammengeraten; und — was für mich in diesem Briefe die Hauptsache ist — jetzt erst erhalten wir eine deutliche Vorstellung dessen, was das Wesen eines wahren „Buches“ ausmacht. Da wir beide der Gewohnheit frönen, uns nicht eher zufrieden zu geben, als bis wir volle Deutlichkeit erlangt haben, will ich noch ein wenig bei meiner Gliederung verweilen sowie bei den wichtigen Grenzfragen, die sich aus jedem Klassifikationsversuch ergeben.
    Als Naturforscher von Fach ist Ihnen die Tatsache vertraut, daß bei jedem Versuch, Erscheinungen der Natur methodisch zu gliedern, Zwischengebilde und problematische Fälle vorkommen: wäre das hier nicht der Fall, es würde gegen die von mir vorgeschlagene Klassifikation sprechen. In bezug auf die große Mehrzahl aller gedruckten Erzeugnisse kann kein Streit entstehen; in einzelnen Fällen jedoch wird — je nach Erfahrung und Einsicht — der eine ein Buch in die erste Abteilung einreihen, das ein anderer der dritten Abteilung zuweist: das hat nichts auf sich, sobald es nur bewußt und begründet stattfindet. Selbst in der zweiten Abteilung — derjenigen Bücher also, die mehr als Bücher sind —‚ die scharf abgegrenzt scheint, können fragliche Fälle vorkommen. So ist es z. B. sicher, daß die Heldengesänge der Hellenen für den lebendigen Vortrag bestimmt waren, nicht für die stumme Lektüre; ebensowenig wie Shakespeare schrieb Homer Bücher; fraglich bleibt es jedoch, inwiefern die auf uns gekommene Fassung nachträglichen literarischen Einflüssen alexandrinischer Gelehrter unterworfen gewesen ist und damit ein Hinüberschieben ins Buchmäßige stattgefunden hat. Doch auch hier, wie Sie sehen, kommt diesem Zweifel sehr untergeordneter Wert zu, insofern das Wesen dieses Kunstwerkes gar nicht bezweifelt werden

259 V. Mein Buchgaden. Gliederung des Stoffes - Bücher, die weniger als Bücher sind.

kann als eines Werkes, das jedenfalls nicht literarisch erdacht und beabsichtigt war, gleichviel, ob Homer selber die Feder benutzte oder erst Spätere die Niederschrift bewirkten.
    Habe ich nun die Absicht, in diesem Briefe lediglich über Bücher, die Bücher sind, zu reden, so kann ich, wie Sie sehen, nicht umhin, eine Erörterung über die beiden Grenzgebiete — nach oben und nach unten — voranzuschicken, sonst bliebe manches unklar und unvollständig. Wollte ich allerdings näher auf diejenigen Bücher eingehen, die weniger als Bücher sind, ich geriete auf einen uferlosen Ozean, und wollte ich mich dem geheimnisvollen Zauber der Bücher hingeben, die mehr als Bücher sind, ich fände kein Ende; darum begrenze ich Inhalt und Ziel und ziehe einen entschiedenen, deutlichen Kreis um den Standpunkt, den ich hier einzunehmen gedenke. Doch, wie gesagt, das entbindet mich nicht der Pflicht, die Übergangserscheinungen, die meine Kreislinie manchmal mitten durchschneidet, mit besonderer Teilnahme ins Auge zu fassen; wie denn der sinnende Naturforscher sich allerorten von den Grenzerscheinungen besonders angezogen fühlt, weil hier — mehr als anderswo — Altehrwürdiges sich offenbart und aufkeimende Zukunft sich vorverkündet. Zuerst wollen wir auf das Grenzgebiet zwischen I und III einen Blick werfen, also in die Richtung der Bücher, die weniger als Bücher sind, sodann einen in die entgegengesetzte Richtung, um erst dann in Ruhe innerhalb unseres auserwählten Kreises der Bücher, die Bücher sind, zu verweilen.

*

    Es kommen Fälle vor, in denen dank der großen Begabung des Forschers und seines bewußten Strebens, nicht allein seinem Fache, Sondern vielmehr der allgemeinen Kultur zu dienen, wissenschaftliche Abhandlungen gleichsam eine höhere Stufe ersteigen, auf der sie dann eine zwiefache Beurteilung zulassen: einerseits als Beiträge zur Wissenschaft, andrerseits als Werke wahrer Buchkunst. In der großen Masse bilden diese Bücher freilich eine verschwindend geringe Zahl: um so höher ist ihre Bedeutung anzuschlagen. Lassen Sie mich mit einem Beispiel anfangen, das Ihnen zunächst stark paradox dünken wird; ein richtiges Paradoxon, reich an unerwarteter

260 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

Anregung, schlägt wie mit Hammerhieben eine Bresche für neu Einsichten.
    Euklid's Elemente der Geometrie halte ich nach Inhalt und Form für ein vollendet schönes Buch — das Wort „Buch“ in seiner reinen Bedeutung genommen. Man darf sich nicht durch die Bezeichnung „Elemente“ irreführen lassen und — wie gar oft geschieht — voraussetzen, es handle sich bei diesem unsterblichen Werk um ein Unterrichtsbuch für Knaben. Zwar wird das griechische Wort Stoicheia bisweilen in einem Sinne gebraucht, verwandt unserem Ausdruck „Anfangsgründe“; doch, wie Sie wissen, bedeutet das Wort eigentlich die Buchstaben des Alphabetes, naiv materialistisch aufgefaßt als die Grundbestandteile der Sprache, worauf sich dann mit der Zeit die fernere Bedeutung ergab von Grundbestandteilen überhaupt, d. h. von letzten Einheiten, sei es im Aufbau von Kunstwerken, sei es in bezug auf die kosmische Natur — also in unserem heutigen Sinne, wenn wir von „chemischen Elementen“ sprechen; in diesem letzteren Sinne gebraucht Euklid das Wort: sein Werk behandelt die allem rein räumlichen Denken und Schauen zugrunde liegenden unentbehrlichen Begriffe und Begriffsbewegungen in lückenlos vollständiger Aufzählung und in meisterhaft-architektonischer Gliederung. Es handelt sich um ein reifstes Erzeugnis für reife Geister. Euklid's Buch ist nicht „weniger als ein Buch“, denn es steuert nicht auf andere Ziele, vielmehr ist es für Euklid bezeichnend, daß er auf eine praktische Verwertung seiner theoretischen Gedanken niemals auch nur im entferntesten anspielt. Es wird erzählt, ein Schüler habe ihn gefragt: „Was werden diese Bemühungen mir nützen?“, da rief der Meister seinen Sklaven herbei und gebot ihm: „Geh', hole drei Groschen und schenk sie diesem jungen Manne! ihn reut's, etwas zu tun, wobei kein Nutzen sich herausstellt.“ Das Buch enthält außer seinem Gedankenstoffe nichts; es bedarf keiner Hilfe irgendwelcher Art von außen: die Figuren gehören zum Text und sind außerdem für einen mit genügend starke räumlicher Phantasie ausgestatteten Menschen entbehrlich, und der Gedankeninhalt bezieht sich auf den reinen Menschengeist, wie er jedem von uns zu eigen ist. Folgerichtiges Denken und Kraft der Vorstellungsphantasie: mehr verlangt Euklid nicht. Da auch keine geschichtlichen Kenntnisse beansprucht werden und keine Namen

261 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

früherer oder zeitgenössischer Mathematiker Erwähnung finden, so entsteht ein fleckenlos reines Geisteserzeugnis, in sich vollkommen abgerundet und für alle Zeiten fertig, ebenso verständlich und anregend in China wie in Timbuktu, ebenso heute wie am Tage, wo es — vor 2300 Jahren — entstand und wie dies nach weiteren 2300 Jahren der Fall sein wird. Indem der Grieche sich hier eine bestimmte — dem Menschengeist genau angepaßte — Grenze zog, ist es ihm, wie anderen Hellenen auf anderen Gebieten, gelungen, ein in sich vollendetes Kunstwerk hervorzubringen. In meiner Bücherei besitze ich die große wissenschaftliche Ausgabe von Heath in drei Bänden mit Anmerkungen, Erläuterungen und Varianten sowie mit den Kommentaren und Scholien aller Jahrhunderte; in Halbfranz gebunden steht es unter den Werken der sogenannten schönen Literatur; denn wahrlich, es bildet dieses Werk einen Höhepunkt der „reinen“ Buchkunst (das Wort „rein“ im Sinne Kant's genommen). Ins andere Ohr aber will ich Ihnen flüsternd gestehen, daß mir mein alles kleines Exemplar des bloßen Textes zwischen zwei abgerissenen und wieder angeflickten Pappdeckeln noch lieber ist; denn unter der Arbeit, die Jahrhunderte daran verwendet haben, entschwindet dem Auge die Hauptsache, nämlich die vollendete Harmonie der Verhältnisse. Bei Euklid ist Denken Anschauen und Anschauen Denken; das Auge darf nicht durch andere Figuren und der Verstand nicht durch andere Beweisführungen unterbrochen und abgelenkt werden; und so prangt denn das Prachtwerk unter den Dichtern als keckes Bekenntnis, wogegen zum Nachmittagsruhestündchen auf dem Liegestuhl aus einer versteckten Ecke das alte abgegriffene Bändchen herausgeholt wird.
    Freilich bedingt gerade die „Reinheit“ des mathematischen Beispiels dessen geringe Tragweite in bezug auf alle anderen Fälle; wir bleiben in den reinen Anschauungsformen und in der reinen Logik des Menschengeistes befangen. Darum verweile ich hier nicht länger, sondern eile zu einem weiteren Beispiel, welches unser Verständnis mehr fördern wird.
    Ein Buch namentlich schwebt mir vor, das bisher nicht zu der sogenannten „schönen Literatur“ gezählt wurde, jedenfalls aber zu den unvergänglich schönen Büchern gehört im Sinne derjenigen, die als echte Bücher erdacht und ausgeführt sind und darum auch die

262 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

unmittelbare Wirkung des genial Buchmäßigen ausüben, ich meine Cuvier's Abhandlung über die Umwälzungen der Erdoberfläche und über die Veränderungen, die sie im Tierreich veranlaßt haben. Sehr bezeichnend ist es, daß der Verfasser des monumentalen Werkes Untersuchungen über versteinerte Knochen, der eigentliche Begründer der Paläontologie der Wirbeltiere, der Mann mit dem größten bisher (bei Gesunden) beobachteten Gehirn, sich bewogen fühlte, seinem gewaltigen, nur dem engeren Fachgenossen zugänglichen Lebenswerke dieses kleine Buch als Einleitung vorauszuschicken, das eingestandenermaßen an die ganze gebildete Welt sich wendet mit der Absicht, jedem denkenden Menschen eine allgemeine, jedoch richtige Vorstellung des Tatbestandes und damit auch die Möglichkeit zu eigener freier Urteilsbildung zu vermitteln — ein Verfahren, das den wahrhaft großen Gelehrten von der Menge der vielwissenden Fachbarbaren unterscheidet. Cuvier fühlt, daß eine wissenschaftliche Forschung, deren Ergebnisse nicht Gemeingut aller gebildeten Menschen zu werden vermögen, für die Kultur ohne jegliche Bedeutung bleibt; er weiß aber auch, daß diese Mitteilung möglich ist, und zwar möglich in dem Geiste einer rein objektiven — nicht dogmatischen — Darstellung des Befundes und seiner Bedeutung. Popularisierung — dieses gräßlich erlogene Zwischending — schwebt Cuvier keineswegs vor: in seinem Vorwort sagt er, sein Zweck sei gewesen: „diejenigen Menschen, die nicht über Muße zu Fachstudien verfügen, zu einer allgemeinen Vorstellung des Sachverhaltes zu befähigen und sie dadurch in den Stand zu setzen, die verschiedenen Schlußfolgerungen zu verstehen, denen diese Entdeckungen zur Grundlage dienen, sowie auch an den wichtigen Einsichten teilzunehmen, die sich daraus für die Geschichte der Erde und des Menschen ergeben“. In mustergültiger Weise löst er diese schwere Aufgabe. Einer klassisch reinen, einfachen Sprache mächtig, ohne allen Schwulst und alle gelehrte Wichtigtuerei, mit strenger Beschränkung auf das Notwendige, stellt er den gesamten geologischen und paläontologischen Befund dar, Schritt für Schritt das gesicherte Tatsächliche von dem noch Zweifelhaften scharf unterscheidend. Mit einer Objektivität, für die ich kaum ein zweites Beispiel zu nennen wüßte, läßt er die verschiedenen Deutungen des noch Fraglichen an unseren Augen vorüberziehen und stellt dann seine

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eigene, ohne jede Rechthaberei, kräftig überzeugend hin. Aus diesem Verfahren ergibt sich unleugbar Kälte; diese aber empfindet man hier als wohltuend; denn wo ist Objektivität am Platze, wenn nicht bei wissenschaftlicher Erforschung der Natur? Dem feiner Fühlenden bleibt die verhaltene Leidenschaft, die sich ja in der ungeheuren Forschungsleistung am besten bewährt, nicht verborgen. Man kann den Stil dieser einzigen Schrift mit einem rein weißen Lichte vergleichen, in welchem sich jeder einzelne Gegenstand in der ihm angehörigen Farbe, ohne irgendeine Fälschung des Tones zeigt. Wenn Sie später einmal, wie ich hoffe, lieber Freund, die Muße finden, sich an diesem unvergänglichen Werke zu bilden, Sie werden staunen über den Gedankenreichtum eines solchen Mannes; es liegt darin etwas Allumfassendes, als rede von einem olympischen Throne herab ein zwar nicht allwissender, aber alles Irdische frei überblickender Zeus, und man begreift Balzac's Urteil: „Cuvier est le plus grand poëte de notre siècle“. Daß einem solchen Auge die artbildende Bedeutung mancher allmählicher Veränderungen nicht entgehen konnte, liegt auf der Hand; so sagt z. B. Cuvier an einer Stelle, wo er von dem Übergang aus der tertiären zu der jetzigen Periode spricht: „Ces variations ont conduit   p a r   d e g r é s   les classes des animaux aquatiques à leur état actuel“ (diese Spielarten haben   s c h r i t t w e i s e   die verschiedenen Gruppen der Wassertiere zu ihrer jetzigen Gestalt übergeführt). Dennoch ist er ein Gegner aller Evolutionslehren und sagt uns auch warum. Ihre verschiedenen Abarten waren zu seiner Zeit alle schon dagewesen; selbst Ernst Haeckel's berühmte „Monere“ — hier „Monade“ genannt — grüßt uns aus ihrem Schattendasein; schöne Worte hat er für Lamarck, dessen „Folgerichtigkeit und Sagacität“ er lobt; das alles kann aber an der erwiesenen Tatsache nichts ändern, daß es Weltkatastrophen gegeben hat, bei denen auf weiten Gebieten der Erdoberfläche ganze Geschlechter des Lebens zugrunde gegangen sind. Für mich, der ich an der Hand Lyell's das Studium der Geologie antrat und lange dem Einfluß Darwin'scher Annahmen ausgesetzt blieb, bedeutete die Auffassung Cuvier's zunächst eine arge Zumutung; später kam dazu die jahrelange Vertiefung in Goethe, bis ich dessen große Lehre von der „Ruhe“ in mich aufgenommen hatte:

Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt!

264 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

Gerade auf diesem Wege aber bin ich später zum Verständnis Cuvier's gekommen. Goethe, bei dem überall die Anschauung sofort in die Idee — sagen wir auf deutsch in die Gedankengestalt — umschlägt, Goethe hat recht, wenn er von uns fordert, wir sollen auch die heftigste Bewegung in der Natur als Ruhe auffassen; denn hierbei handelt es sich nicht um eine Tatsache der umgebenden Natur, sondern um eine Maxime des menschlichen Denkens, und zwar um eine, durch welche es allein gelingt, Chaos zu Kosmos zu wandeln; Cuvier aber hat ebenso recht, wenn er mit unerbittlicher Strenge die empirischen Tatsachen vor jeder Vergewaltigung schützt und es hindert, daß wir die Gewalt, die es uns unbequem ist als in der Natur am Werke zuzugeben, nunmehr selber ausüben, so daß man sagen kann, die Ruhe, die dann in unserer Naturdeutung herrscht, sei durch Gewalt erlangt worden. Hier waltet offenbar ein Mißverstehen: wir haben noch nicht tief genug und noch nicht umfassend genug gedacht; es besteht ein starkes Mißverhältnis zwischen Mensch und Natur; was jenem als entsetzliche Weltkatastrophe erscheint, kann für diese ein Vorgang von verhältnismäßig geringfügiger Bedeutung sein. Und so auch meint es Cuvier. „Ich behaupte nicht,“ schreib er, „daß es einer neuen Schöpfertat bedurfte, um die heute bestehenden Arten hervorzubringen; vielmehr behaupte ich lediglich, daß diese Arten an den Orten, wo man sie heute findet, damals nicht vorhanden waren, und daß sie folglich von anderswoher gekommen sein müssen.“ Dieses eine Wort genügt, um Cuvier's wankenlose Objektivität vor Augen zu führen. Man lernt bei ihm — wie vielleicht von keinem anderen Manne — das rein Tatsächliche von dem Ideellen zu trennen: eine unschätzbare Schulung zu einer Zeit, wo eine grob-materialistische Wissenschaft, ohne irgendein Bewußtsein davon zu haben, alle ihre Beobachtungen und ihre aus den Beobachtungen gezogenen Schlüsse durch die Beimengung vorgefaßter Ideen oft bis zur Wertlosigkeit trübt.
    Doch, ich merke es, ich habe ein Steckenpferd bestiegen und das feurige Roß ist im Begriffe, mit mir durchzugehen! So halte ich denn an, solange es noch Zeit ist, und beeile mich abzusteigen.
    Nicht scheiden möchte ich aber von Cuvier, ohne meine Überzeugung betont zu haben, daß hier — in der würdigen, rein wissenschaftlichen und doch zugleich literarisch formvollendeten Behand-

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lung naturwissenschaftlicher sowie anderer wissenschaftlicher Fragen — eine große Zukunft für das schöne Buch liegt. Vorträge mit Demonstrationen erfüllen einen anderen Zweck: nicht nur aber erreichen sie bloß eine bestimmte großstädtische Zuhörerschaft und bleiben Ungezählten unzugänglich, sondern sie ersetzen keineswegs die monumentale Leistung des Buches, deren Verdienst nicht zum wenigsten darin besteht, daß sie den Forscher selber zur vollendeten Durchklärung seiner Begriffe und damit auch seiner ganzen Anschauung zwingt.
    In dieser Beziehung täten wir, glaube ich, alle gut daran, bei den Franzosen in die Schule zu gehen: gewissenhafte gründliche Gelehrte sind sie; infolge der geistigen Entwickelung ihrer Nation, Meister des klaren und reinen Stils, wobei die spezifisch französische Nüchternheit ihnen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft zugute kommt, indem sie ihren Geist vor Überspanntheit, Phantastik und monomanischer Narrheit schützt. Freilich, sobald wir auf das Gebiet des eigentlichen Denkens, der Weltanschauung, der Religion, oder auch der Poesie übergehen, überwiegen die Nachteile die Vorteile; denn hier wird durchwegs die Klarheit auf Kosten der Tiefe — also auf Kosten dessen, worauf es ankommt — erkauft. Wo es sich aber um die scharfe Aufnahme von Naturgegenständen und deren getreue, ungefärbte Wiedergabe handelt, da sind sie Meister. Welches Wunderwerk ist Buffon's Histoire naturelle! Die Form allein sichert diesem Werk Unvergänglichkeit. Ist es auch sozusagen am Vorabend des Tages der eigentlichen wissenschaftlichen Untersuchung des Lebens entstanden, so würden Sie doch gewißlich oft staunen über die „Modernität“ der Kenntnisse und Anschauungen eines solchen Mannes im 18. Jahrhundert. Um nur eines zu nennen: in seinen Beobachtungen über die Veränderlichkeit der gezüchteten Tauben und über die stete Rückkehr der noch so ferngerückten Abarten zu der ursprünglichen wilden Taube, hat Buffon eigentlich diesen großen Abschnitt von Darwin's Untersuchungen vorweggenommen. Und wo gibt es etwas, was man in bezug auf künstlerische Gestaltung, verbunden mit Gedankenreichtum und Wahrer Anmut, dem Abschnitt Der Esel an die Seite stellen könnte? Lamarck trägt schon eine tüchtige Beigabe des Deutschen in sich; wo er spekuliert, wird er sofort ein großer Phantast, und zwar darum

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nicht weniger, sondern mehr, weil er sich einbildet, alles, was er denkt und sagt, beruhe auf Beobachtung. Wie wünschte ich, ich könnte Ihnen mein Exemplar seines Système analytique des connaissances positives de l'homme, restreintes à celles qui proviennent directement ou indirectement de l'observation vorlegen — Sie würden die Ränder mit „fichtre!“ und „sapristi!“ und „grand Dieu!“ bedeckt finden. Und dennoch, wie liebenswürdig, wie meisterhaft einfach, für jeden denkenden Menschen verständlich und anregend ist das Buch geschrieben — und wie gern würde man manchen deutschen Gelehrten mit Verständnis für eine derartige, höherer Kultur entsprechenden Auffassung und Fähigkeit begaben! Geoffroy Saint-Hilaire trifft als Zusammenschauer sicherer ins Schwarze als Lamarck; weniger an einzelnen Beobachtungen ermüdet und durch sie abgelenkt, ist er in der Synthese kühner und zugleich weniger gewaltsam. Ein entzückendes Büchlein ist sein Principes de Philosophie zoologique, discutés en mars 1830, au sein de l'Académie royale des Sciences. Diese Veröffentlichung gewinnt an Wert dadurch, daß sie zwei Reden von Cuvier enthält, unmittelbar von den improvisierten Erwiderungen Saint-Hilaire's gefolgt: so erblicken wir denn die beiden großen Gegner am Werke; wir sehen ihnen gleichsam ins innerste Hirn hinein und genießen das seltene und lehrreiche Schauspiel, zwei bedeutende Forscher sich leidenschaftlich widersprechen zu sehen und zwar nicht in einem Luftgefechte, sondern beide gestützt auf eine unübersehbare Menge von Tatsachen, und beide nur die Deutung dieser Tatsachen im Sinne tragend; wobei nun der unvergleichliche geistige Genuß für uns denkende Zuschauer aus dem Umstand sich ableitet, daß beide Widersacher recht haben, der eine ebensosehr wie der andere! Das Leben, wie jede andere letzte Frage, führt auf eine unlösbare Antinomie, die durch das Menschenwesen selbst gegeben ist und daher ihre Unlösbarkeit mit sich bringt: wer, wie Cuvier, zwar immerfort schaut, doch das Geschaute gedankenvoll deutet — d. h. nach Ursache und Wirkung — kann nicht anders denn das Leben als Zweckmäßigkeit auffassen. wogegen derjenige Mann, der, wie Saint-Hilaire, der reinen Anschauung mehr Raum, der kausalen Verbindung weniger gönnt, überall Gestalt erblickt, d. h. letzten Endes Gedankengestalt (Idee). Cuvier hat recht, wenn er spottet, mit dem Einheitsgedanken mache man sich das

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Leben leicht, verliere den Sinn für die unüberbrückbaren Unterschiede, welche Erscheinung von Erscheinung trennen, und verlerne auf diese Weise das Individuum in seiner Eigenart zu schätzen; Geoffroy Saint-Hilaire hat aber ebenso recht, wenn er uns den Star sticht und uns unter Berufung auf Leibniz „die Einheit in der Mannigfaltigkeit“ erkennen lehrt. Nur kann ich freilich dem Urteil Goethe's, nach welchem Saint-Hilaire's Standpunkt der „höhere“ sein soll, nicht beipflichten: für die Wissenschaft, wie für die Religion, bleibt das Individuum das eigentliche mysterium magnum, wogegen die scharfe Betonung der Einheit stets dazu neigt, uns ins Leere hinauszuführen, wo wir uns am bloßen Wortschwall berauschen.
    Doch, potztausend! schon wieder habe ich das Steckenpferd bestiegen! Ich bitte aber, wohl zu beachten, daß, abgesehen von der Anteilnahme an dem Streite zwischen Cuvier und Saint-Hilaire, ich streng bei der Sache geblieben bin; denn mir liegt daran, Sie, den begabten jungen Erforscher der Natur, mit Nachdruck auf diese besondere Gattung von Büchern aus dem wissenschaftlichen Grenzgebiet hinzuweisen, die bisher in Deutschland verhältnismäßig wenig gepflegt wurde. Hier gilt es, eine wichtigste Kulturaufgabe zu lösen. Sehen Sie sich, bitte, auch die französischen reinwissenschaftlichen Fachwerke an, solche, meine ich, die nicht zu den eigentlichen Büchern zählen: die meisten sind klar angelegt, deutlich gegliedert, gut geschrieben, durchwegs eindeutig. So wirkt z. B. des alten Réaumur Historie des Insectes — ein für alle Zeiten grundlegendes Werk — durch seine Schlichtheit, die der Naivität sehr nahe kommt, geradezu entzückend. Klassisch an Klarheit und reiner Gestaltung sind ebenfalls Bichat's berühmte Recherches physiologiques sur la Vie et la Mort, Agassiz' de l'espèce et de la classiflcation en zoologie. Claude-Bernard's Leçons sur les phénomènes de la vie, Milne-Edwards' Introduction à la zoologie générale ou considérations sur les tendances de la nature dans la constitution du règne animal — ich nenne nur einige meiner liebsten Bücher, wie sie mir gerade einfallen....  Zum Schluß seien noch die Schriften des mathematischen Analytikers Henri Poincaré genannt, die sogar in Deutschland Aufsehen erregt haben, weil derartiges niemals hierzulande geleistet worden ist.

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    Was wir nun durch diese kritische Umschau lernen, ist, daß nur sehr bedeutende Forscher fähig sind, reinwissenschaftliche Themata in die Form des schönen Buches umzugießen und dadurch der ganzen gebildeten Welt zur Teilnahme an dem Leben der reinen Wissenschaft die Wege zu öffnen; der große Forscher selbst aber gewinnt diese Befähigung einzig durch die Kenntnis und Verehrung der Erfordernisse der Buchkunst, und er übt sich, indem er sich auch bei seinen reinwissenschaftlichen Fachwerken bestrebt, diese möglichst klar und stilgerecht anzulegen und zu schreiben. Hier bleibt noch gewaltig viel zu tun; die jüngere Generation sollte bald daran gehen! Mir schwebt ein Wort Melanchthon's im Gedächtnis: „Turpe est enim homini ignorare sui corporis aedificium“; im Munde eines frommen Theologen immerhin ein bemerkenswertes Wort, nicht wahr? Und nun sagen Sie mir, wievielen Menschen außerhalb Ihres engeren Fachkreises Sie begegnet sind, die eine einigermaßen richtige und lebhafte Vorstellung von ihres Körpers aedificium besaßen? Aus der Ferne höre ich schon Ihre temperamentvolle Antwort: „Volle Gymnasialvorbereitung, glänzende Universitätsstudien, ordentliche Professoren, Akademiemitglieder — aber in allem, was sich auf Kenntnis der Natur und namentlich des eigenen menschlichen Selbst bezieht, unwissend wie die nackten Kaffern!“ Ein großes Bildungswerk ist hier nachzuholen: eine Unmenge schlechter Populärschriften können wir auf den Kehrichthaufen werfen, dafür müssen ein paar Dutzend gute Bücher geschrieben werden.
    Nun wollen wir aber das eine nicht übersehen: haben sich die Deutschen bisher im allgemeinen auf diesem Gebiete wenig ausgezeichnet, so daß auch die Engländer ihnen darin entschieden überlegen sind — ich brauche nur Lyell, Faraday, Erasmus und Charles Darwin, Huxley zu nennen —‚ so besitzen sie doch in Alexander von Humboldt eine sehr bedeutende, in ihrer Art einzige Ausnahme und in Goethe das Muster einer dergestalt vollendeten Darstellung von Naturgegenständen, daß es nichts gibt, was mit ihr verglichen werden könnte. Bei Beiden ist nun die Betonung der Bedeutung der   S p r a c h e   in ihren Naturschriften bezeichnend: hierin offenbart sich das Bestreben, das Studium der Natur zu einem Element der allgemeinen Menschenkultur zu erheben.
    Erinnern Sie sich in Humboldt's Ansichten der Natur des

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prachtvollen unheimlichen Abschnittes Das nächtliche Tierleben im Urwald? Vor wenigen Wochen ließ ich ihn mir wieder einmal vorlesen, und noch mehr als früher fiel mir die Bedeutung dieser beständigen Betonung der Sprache auf. Am Anfang des Abschnittes heißt es: „Der Menschen Rede wird durch alles belebt, was auf   N a t u r w a h r h e i t   hindeutet: sei es in der Schilderung der von der Außenwelt empfangenen sinnlichen Eindrucke, oder des tiefbewegten Gedankens und innerer Gefühle. Das unablässige Streben nach dieser Wahrheit ist im Auffassen der Erscheinungen wie in der Wahl des bezeichnenden Ausdruckes der Zweck aller Naturbeschreibung.“ In den Anmerkungen zu der betreffenden Abhandlung steht dann noch viel Gelehrtes zu dieser Sprachenfrage, und man empfindet die beratende Nähe des Philologen-Bruders. Wunderbar sind Goethe's Worte über die   S p r a c h e   in dem Vorwort zu seiner Farbenlehre. Hier betrachtet er sämtliche Äußerungen der Natur als einem Sprechen analog, das wir Menschen uns dadurch deuten, daß wir es in die eigene menschliche Sprache übertragen: „So spricht die Natur hinabwärts zu anderen Sinnen, zu bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm...  So mannigfaltig, so verwickelt und unverständlich uns oft diese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Elemente immer dieselbigen.... und so entsteht eine Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar passendes Wort anwenden und benutzen mag. Diese universellen Bezeichnungen, diese Natursprache auch auf die Farbenlehre anzuwenden, diese Sprache durch die Farbenlehre, durch die Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen zu bereichern, zu erweitern und so die Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der Natur zu erleichtern, war die Hauptabsicht des gegenwärtigen Werkes.“ An einer anderen Stelle des selben Werkes hat nun Goethe das hier Vorliegende Problem — die Notwendigkeit einer künstlerischen Darstellung der Wissenschaft, soll diese Kulturbestandteil werden — in so erschöpfender, vollendeter Weise ausgesprochen, daß ich nicht umhin kann, eine längere Anführung hier einzuschieben; Goethe kann man ja nie zu oft sich wiederholen, den weisesten aller Menschen:

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    „Bei der Vergleichung der Kunst und Wissenschaft begegnen wir folgender Betrachtung: da im Wissen sowohl als in der Reflektion kein Ganzes zusammengebracht werden kann, weil jenem das Innere, dieser das Äußere fehlt; so müssen wir uns die Wissenschaft notwendig als Kunst denken, wenn wir von ihr irgendeine Art von Ganzheit erwarten. Und zwar haben wir diese nicht im Allgemeinen, im Überschwenglichen zu suchen, sondern wie die Kunst sich immer ganz in jedem einzelnen Kunstwerk darstellt, so sollte die Wissenschaft sich auch jedesmal ganz in jedem einzelnen Behandelten erweisen. — Um aber einer solchen Forderung sich zu nähern, so müßte man keine der menschlichen Kräfte bei wissenschaftlicher Tätigkeit ausschließen. Die Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegenwart, mathematische Tiefe, physische Genauigkeit, Höhe der Vernunft, Schärfe des Verstandes, bewegliche sehnsuchtsvolle Phantasie, liebevolle Freude am Sinnlichen, nichts kann entbehrt werden zum lebhaften fruchtbaren Ergreifen des Augenblicks, wodurch ganz allein ein Kunstwerk, von welchem Gehalt es auch sei, entstehen kann.“ Es folgt eine kurze Betrachtung über die „seltsame Anarchie in Kunst und Wissenschaft“, die in Deutschland herrsche, und über die deutschen Gelehrten, „die sich durch seltsame Eigentümlichkeiten karikaturmäßig voneinander zu entfernen streben.“ Den Schluß bildet das prophetische Trostwort: „Wir sagen getrost in Gefolg unserer Überzeugung: an Tiefe sowie an Fleiß hat es dem Deutschen nie gefehlt. Nähert er sich anderen Nationen an Bequemlichkeit der Behandlung und übertrifft sie an Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, so wird man ihm früher oder später die erste Stelle in Wissenschaft und Kunst nicht streitig machen“.
    Hatte ich vorhin mit Nachdruck auf die Franzosen verwiesen, so geschah das, weil wir dort einer gesamten nationalen Erscheinung gegenüberstehen, wodurch das Beispiel Kraft gewinnt und zugleich jedem intelligenten Menschen zugänglich ist; wogegen Goethe als Schilderer der Natur und ihrer Phänomene so hoch steht, daß seine Vollendung von Manchem nicht erkannt wird und auf Andere entmutigend wirkt; wie Montaigne einmal bemerkt: „A la vérité les bons auteurs m'abattent par trop et rompent le courage“ (die Wahrheit zu gestehen, bedrücken mich die vorzüglichen Schreiber gar sehr und rauben mir das Selbstvertrauen). Derjenige deutsche Natur-

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forscher aber, der nach dem Höchsten strebt, wird sich immer wieder in Goethe vertiefen; hier findet er die Schulung. die er braucht, um wissenschaftliches Anschauen und Denken in die Kunstform des wahren Buches umzugießen und dadurch zu Bestandteilen der allgemeinen Menschenkultur zu erheben. Die vierzehn Bände, in denen Goethe's naturwissenschaftliche Schriften jetzt gesammelt vor uns liegen, besitzen nicht weniger Bedeutung als die anderen Teile seines reichen Lebenswerkes; abgesehen von dem Gehalt an Naturbetrachtung, an Naturgefühl, an erfindungsreichem Errichten vom Verständigungsbrücken von außen nach innen, bedeutet die rein sprachliche, die rein literarische Leistung eine so unerhörte Tat, daß sie als die Erfindung eines Neuen betrachtet werden muß — eines Neuen, an dem Jahrhunderte sich bilden und emporstreben werden. Zu dem Neuen gehört die genaue Anpassung des Stiles an den jeweiligen Gegenstand. In der mustergültigen Trockenheit der Schrift Erster Entwurf einer allgemeinen Einleitung in die vergleichende Anatomie, ausgehend von der Osteologie erreicht das, was man die unumgänglich notwendige wissenschaftliche Pedantik nennen kann, ihren Höhepunkt, nämlich den Höhepunkt der schematisch klaren Anordnung und der Kürze des Ausdruckes: von hier und von den Gestein-Schilderungen an, über die vollendete Ruhe und Gegenständlichkeit der großen darlegenden Werke — Die Metamorphose der Pflanzen und die Farbenlehre — bis zu den Augenblicken, wo der Naturforscher den Dichter herbeiruft, daß er begeistert das Wort ergreife, um letzte Ahnungen des Erforschers der Natur auf dem einzig möglichen Wege mitzuteilen und bis zu den abgrundtiefen philosophisch-metaphysischen Betrachtungen über die durch jede Naturforschung aufgeworfenen, erkenntniskritischen Fragen: überall versteht es Goethe, Gedankenführung und Wortausdruck derartig zu handhaben, daß sie genau den Mittelweg zwischen den beiden Polen einschlagen, gegeben durch den besonderen Gegenstand der Betrachtung und durch den besonderen Zweck der Abhandlung. Hierdurch entsteht überall das Gegenteil der Schablone, und es führt jede dieser Schriften ein eigenes Leben, ein Leben, das sogar das einzelne Wort umfaßt und mit einer unerschöpflichen Fülle an Eigengehalt begabt.
    Man darf nicht wähnen, solche Stilfragen besäßen nur formalen

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Wert; weit gefehlt! Buffon's tiefes Wort: „Le style est l'homme même“ kann uns dienen, damit wir dasjenige genau bezeichnen lernen, was Goethe mit dem Stil seiner der Natur gewidmeten Bücher erstrebt, nämlich: le style est   l a   c h o s e   même. Die beiden Begriffsbestimmungen — im Stil offenbart sich der ganze Mensch, im Stil offenbart sich die ganze Naturerscheinung — widersprechen sich nicht: die erste bezeichnet eine Tatsache, die zweite ein erstrebtes Ideal; dieses Ideal müßte das eines jeden Naturforschers sein. Gerade aus seiner Beobachtung bedeutender Naturforscher hat Goethe gelernt, „daß immerfort wiederholte Phrasen sich zuletzt zur Überzeugung verknöchern und die Organe des Anschauens völlig verstumpfen“. Die Frage des Stiles bezieht sich also sowohl auf Objekt als auf Subjekt, sowohl auf den betrachteten Gegenstand als auf dessen Betrachter: klarer Stil bezeugt klare Anschauung, angemessener Stil angemessene Anschauung, lebensvoller Stil lebensvolle Anschauung. Letzten Endes handelt es sich überall um das „Es werde Licht!“ — und genau so wie dieses Wort zweierlei voraussetzt, nämlich Licht und Auge, ebenso handelt es sich bei aller Naturbetrachtung um den Gegenstand und um die Aufnahme des Gegenstandes:   S t i l   i s t   n i c h t s   a n d e r e s   a l s   d a s   g e i s t i g e   A u g e.   Diese Einsicht gewinnen wir durch Goethe: er, der Mann, der „ganz Auge“ war, hat so zu schreiben verstanden, daß seine Abhandlungen — soweit dies der Wortsprache nur möglich ist — g a n z   L i c h t   wurden.
    Erlauben Sie, lieber Freund, ehe ich in diesem Zusammenhang von dem Einzigen Abschied nehme, daß ich aus einer wenig bekannten, erst lange nach seinem Tode herausgegebenen Schrift Über den Granit eine wundervolle Probe dieses Lichtstils Ihnen zur Betrachtung vorlege. Die Art, in der hier der Geolog, zur Veranschaulichung der Lagerungsverhältnisse des Urgesteins in ihrem Bezug zu allen späteren Gesteinsbildungen, auf das Menschengemüt übergreift, die Wirkung dieses unerwarteten Vergleiches, sowie die erschütternde Rückwirkung von der gewonnenen Anschauung des Urgebirges her auf verwandte Züge der Menschenseele: das alles ist beispiellos und von unsterblicher Schöne.
    „Auf einem hohen nackten Gipfel sitzend und eine weite Gegend überschauend, kann ich mir sagen: Hier ruhst du unmittelbar auf

273 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind.

einem Grunde, der bis zu den tiefsten Orten der Erde hinreicht, keine neuere Schicht, keine aufgehäufte zusammengeschwemmte Trümmer haben sich zwischen dich und den festen Boden der Urwelt gelegt, du gehst nicht, wie in jenen fruchtbaren schönen Tälern über ein anhaltendes Grab, diese Gipfel haben nichts Lebendiges erzeugt und nichts Lebendiges verschlungen, sie sind vor allem Leben und über alles Leben. In diesem Augenblicke, da die inneren anziehenden und bewegenden Kräfte der Erde gleichsam unmittelbar auf mich wirken, da die Einflüsse des Himmels mich näher umschweben, werde ich zu höheren Betrachtungen der Natur hinauf gestimmt, und wie der Menschengeist alles belebt, so wird auch ein Gleichnis in mir rege, dessen Erhabenheit ich nicht widerstehen kann. So einsam, sage ich zu mir selber, indem ich diesen ganz nackten Gipfel hinabsehe und kaum in der Ferne am Fuße ein geringwachsendes Moos erblicke, so einsam, sage ich, wird es dem Menschen zumute, der nur den ältesten, ersten, tiefsten Gefühlen der Wahrheit seine Seele eröffnen will.“
    Auch von vielen unter Goethe's rein naturwissenschaftlichen Schriften gilt, daß sie „weniger als Bücher“ sind; setzen sie doch manche Gegenstände und Kenntnisse voraus, die das Buch nicht vermittelt. Was aber an ihnen „Buch“ ist, weist eine derartige literarische Vollkommenheit auf, daß sie auf das Gebiet des reinen Buches hinüberspielen. Manche jedoch gehören zu den „Büchern, die Bücher sind“, nicht weniger als Cuvier's Révolutions; so z. B. die Materialien zur Geschichte der Farbenlehre, ein Buch, das gar vieles des Bedeutendsten enthält, was Goethe jemals geschrieben hat — zur Geschichte der Menschheit und des menschlichen Denkens überhaupt, sodann auch namentlich zur unübertroffenen Charakterisierung bedeutender Männer (von Plato, Aristoteles, Demokrit, Pythagoras, Lukretius usw. über Augustinus und Roger Bacon bis zu den großen Physikern des sechzehnten Jahrhunderts, bis zu Galilei, Kepler, Descartes, Newton und den Nachfolgenden), eine Charakterisierung, die zugleich den Zeitgeist ganzer Perioden vor uns aufleben läßt. Hier sind ebenfalls die kleinen Einzelabhandlungen zu allerhand die Philosophie der Naturwissenschaften betreffenden Fragen zu nennen, wie Der Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt, Einwirkung der neueren Philosophie, Erfinden und Ent-

274 V. Mein Buchgaden. Bücher, die weniger als Bücher sind - Bücher, die mehr als Bücher sind.

decken, Analyse und Synthese usw. Eine jede dieser knappen Betrachtungen ist ein Meisterwerk für sich, aus Goethe's reifstem Alter.
    Soviel nur über das Grenzgebiet zwischen den Büchern, „die weniger als Bücher sind“ und den Büchern, „die Bücher sind“. Wir haben gesehen, daß hier unter bestimmten Umständen und durch das Talent hervorragender Männer ein allmählicher Übergang aus der einen Abteilung in die andere stattfinden kann, bei genialer Begabung aber die Trennungslinie manchmal überhaupt entschwindet und literarische Gebilde entstehen unsterblicher Würde. Meine Beispiele entnahm ich den Wissenschaften der Natur, weil diese mir am vertrautesten sind und die größten Schwierigkeiten für die Buchwerdung zu bieten scheinen; der Übergang kann aber bei jeder Wissenschaft stattfinden — in der Theologie und Kirchengeschichte hat z. B. Adolf Harnack Mustergültiges geleistet —, das hier Vorgebrachte soll nur als Beispiel dienen.

*

    Wenden wir uns nunmehr zu dem anderen Grenzgebiete, das zu den Büchern hinüberführt, die „mehr als Bücher“ sind, so muß zuvörderst eine entscheidende Bemerkung vorangeschickt werden: keines der hier in Betracht kommenden Werke bedarf — als Werk — des „Buches“; an und für sich steht es auch ohne Buch fertig und vollkommen da — man denke an Shakespeare, an Yajnavalkya, an Christus. Zwar hat gerade hier das Buch in der Geschichte der Menschheit überall große Bedeutung gewonnen, doch stets nur als Beihilfe und als Surrogat — sagen wir Notbehelf; das Werk selbst — handle es sich um künstlerische Schöpfung, um abgrundtiefes Sinnen, um religiöse Neugeburt — ist niemals ein Buch. Daher denn das Zweideutige, Schielende, Fragwürdige aller hierher gehörigen Bücher, deren Ursprung fast immer in Dunkel gehüllt und deren Authentizität im Ganzen und im Einzelnen meist anfechtbar bleibt. Es handelt sich eben niemals um Werke, die als Bücher ersonnen und ausgeführt sind, vielmehr entsteht das Buch erst aus dem Werke, ist oft als Buch fehlerhaft und schöpft seine unvergleichliche Wirkung aus Umständen und Tatverhältnissen, die mit dem Buche nichts zu schaffen haben.

275 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind.

    Diese Tatsache wollen Sie, lieber Freund, stets sich vor Augen halten; sie wird selten bedacht und gibt uns doch den Schlüssel zu den meisten Rätseln dieses Grenzgebietes zwischen Buch und Mehr-als-Buch. Da uns aber in diesem Briefe lediglich die Bücher angehen, so schwinge ich mich gleich aufs andere Ufer hinüber, von wo aus wir die Sache zunächst folgendermaßen erblicken.
    Allen diesen Büchern ist gemeinsam, daß sie auf etwas hinweisen, was zwar im Buche als Andeutung oder Mitteilung enthalten ist, nicht aber offenkundig, sondern als Geheimnis. Diese Bücher sollen symbolisch wirken; ihr Zweck ist nicht   M i t t e i l u n g,   sondern   V e r m i t t e l u n g.
    Ein einfaches Beispiel wird dieses Verhältnis sofort veranschaulichen.
    Der Vers Shakespeare's wird erst in dem Augenblick Shakespeare's Vers, wenn er richtig vorgetragen — oder zum mindesten richtig vorgetragen gedacht — wird. Wir also, wir Leser, müssen zu dem geschriebenen Wort noch etwas hinzutragen, damit das Werk entstehe; die Symbolik des Buches muß uns hierzu magisch anreizen; daher ist es richtig, wenn wir sagen, diese Bücher seien mehr als Bücher. Auch die Bücher, die weniger als Bücher sind, setzen ein Anderes voraus — Gegenstände, Kenntnisse —‚ dieses Andere steht aber gänzlich außerhalb des Buches und muß von außen hinzugetragen werden, damit das Buch erst einen Sinn bekomme; hier dagegen, bei den Büchern, die mehr als Bücher sind, ist die notwendige Ergänzung in das Buch selbst hineingeheimnißt, nur bedarf der Leser einer besonderen Beanlagung — in Ermangelung dieser, einer besonderen Einweihung — soll er das Buch richtig würdigen und das Mehr-denn-Buchmäßige daran vor das geistige Auge hervorzurufen vermögen. Wer z. B. die Aitareya-Upanishad aufschlägt und die erste Strophe liest: „Zu Anfang war diese Welt allein Atman; es war nichts anderes da, die Augen aufzuschlagen“ — der kann unmöglich wissen, wovon die Rede ist: dieses Buch bezieht sich eben auf eine fertige, langsam gewachsene, abgrundtiefe Weltanschauung, die sich im Laufe der Zeit ihre eigene symbolische Sprache geschaffen hat; und sofort stößt man auf die große Schwierigkeit, daß man die Sprache nur aus der Weltanschauung und die Weltanschauung nur aus der Sprache verstehen kann, so daß jahre-

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lange Versenkung der einzige Weg ist, um zum wahren Verständnis zu gelangen. Nun aber kommt ein eiliger Europäer des zwanzigsten Jahrhunderts, holt schnell Deußen's Sechzig Upanishad's des Vedanta vom Brett herab, glaubt, das sei ein „Buch“, in dem man nach Belieben „lesen“ könne.... und legt es dann bald enttäuscht und ermüdet aus der Hand. Wir befinden uns bei allen Büchern dieser Abteilung auf dem Gebiete des Geheimnisses, auf dem Gebiete des Übernatürlichen — wie man zu sagen pflegt, wofür man aber ebensogut und vielleicht besser sagen könnte: der Urnatur.
    Lassen Sie mich über einzelne Bücher aus dieser Gruppe einige Worte sagen; wer sich ihre Bedeutung überlegt, wird auf diesem Wege am besten zum Verständnis ihres Wesens gelangen.
    Die althellenischen Heldensänger haben keine Bücher geschrieben: das ist sicher. Diese Gattung der Kunst fordert halbfreie Improvisation auf Grund des allen Zuhörern vertrauten Stoffes, doch unter steter Berücksichtigung der Wunsche des im besonderen Falle gegenwärtigen Kreises, dazu namentlich noch die eigenartige Wirkung und Gegenwirkung zwischen dem Sänger und seinen Zuhörern, die beide sich immerfort gegenseitig beeinflussen, so daß nie vorauszusagen ist, aus welcher Richtung der zündende Funke hervorspringen wird, da erst die Stimmung des Augenblicks hierüber entscheidet. Diese Lebensgesetze des dithyrambischen Epos scheinen die versteinerte Monumentalisierung im stummen Buche vollkommen unmöglich zu machen. Ich darf sagen, ich Spätgeborener rede aus Erfahrung; denn ich habe vor dreißig Jahren in den Ländern serbischer Zunge einem Heldensänger zugehört, welcher die um das Nachtfeuer gelagerten Mannen stundenlang in Spannung hielt; die Atempausen füllte das Spiel auf der einsaitigen Guzla aus, die auch sonst an passendem Orte den Wortausdruck zu unterstützen und zu erhöhen wußte; rauhen Männern entlockte die unbeschreiblich starke und unmittelbare Wirkung dieser uns Heutigen verloren gegangenen Kunst Tränen, dann wiederum schallten von den begeistert Lauschenden Rufe der Empörung, des Zorns, der Freude und Teilnahme, oder übermütiges Lachen unterbrach den Vortragenden. Dieser Sänger konnte weder lesen noch schreiben! Wieviele unserer Schullehrer, wenn sie unsere armen Jungens Homer's Verse analysieren lehren, ahnen, welches feurige Leben hinter diesen nun

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stummgewordenen Gesängen liegt? Das eigentliche Kunstwerk ist verloren; uns bleibt nur das Buch. Und doch! Wer möchte gerade dieses Buch missen? In ihm lebt nicht nur die Erinnerung an eine untergegangene große Kunst, sowie die Nachricht über tausend Tatsachen des Lebens der Hellenen, von denen wir sonst keine Kunde besäßen, sondern man kann ohne Übertreibung behaupten: hier fließt der Urborn aller europäischen Poesie bis herab zum heutigen Tage. Das Buch selbst, das solchen Schatz übermittelt, bleibt allen Zeiten problematisch und bietet, je genauer und gelehrter es durchforscht wird, nur immer unlösbarere Probleme; nicht problematisch bleibt sein unermeßlicher Wert für die Kultur der Menschheit.
    Als Shakespeare seine Theaterstücke schuf, hatte er — wir sahen es am Anfang dieses Briefes — einzig die lebendige Aufführung auf der Bühne im Sinne, und jede literarische Absicht lag ihm fern. Ja, er muß die Versteinerung zu einem Buche mit Entschiedenheit abgelehnt haben; denn die Londoner Drucker hatten mit seinen anderen Gedichten großen Erfolg und verlangten seine Stücke zur Herausgabe: dies muß er abgelehnt haben, da schon zu seinen Lebzeiten verschiedene Ausgaben erschienen, alle ohne seine Mitwirkung und offenbar mit Benutzung ungenügender Grundlagen; die meisten Leser ahnen nicht, welche Ungewißheiten den Text dieser Werke fast Vers für Vers begleiten und daß manche Fragen trotz aller Überlegung von Geschlechtern hingebender Forscher ungelöst bleiben. Shakespeare hat also unstreitig die Drucklegung nicht gewünscht und zu ihrer Förderung nichts beigetragen: diese für die Beurteilung der Kunstabsichten eines der größten Poeten entscheidende Erwägung wird viel zu wenig, wenn überhaupt, beachtet. Wer will aber den Verlust für die Kultur des germanischen Europa ermessen, wenn diese Werke mit Shakespeare's Tod entschwunden wären? Mag auch das rein künstlerische Leben, das er, der Schöpfer, in ihnen als Ziel verfolgte und zugleich als Inhalt in sie hineinlegte, in dem Schwarz-auf-Weiß des Buches wie eine einbalsamierte Leiche im Schreine liegen, es kann nichtsdestoweniger die Bedeutung solcher buchmäßigen Überlieferung für die Ausbildung des Menschengeistes — insofern dieser Geist dafür überhaupt empfänglich ist — gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wäre ein Jeder von uns für die Kenntnis und Erkenntnis des

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Menschenherzens auf seine eigene Erfahrung angewiesen, wir kämen nicht weit: diese Erfahrung ist zu beschränkt, und namentlich fehlt es uns an der Schärfe der Beobachtung und an der Lebhaftigkeit der Eindrücke. Wie durch Homer ein Volk, seine Sitten, seine Religion, seine ganze landschaftliche Umgebung, und zwar in der besonderen Art, wie nur dieses eine Volk sie erblickt und von ihnen beeindruckt wird — also genau, was unser Uexküll seine „Umwelt“ nennen würde — für alle Zeiten lebt, von uns Allen gesehen, weil der Eine es mit Augen von unerhörter Leuchtkraft in sich aufgenommen und dann wieder hinausgestrahlt hat, ebenso lebt durch Shakespeare das Innere des Menschengemütes überhaupt — soweit Verstand und Affekt in Frage kommen — vor unserem geistigen Blick, entschleiert und grell beleuchtet. Die tiefen Gedanken, die hinreißenden Bilder, der Witz, der Zauber des Versbaues, — alles dies gehört zur Technik des Künstlers; das Ergebnis ist, außer höchster Kunst, auch neue Erkenntnis; in der bloß literarischen Überlieferung geht zwar der beabsichtigte Kunsteindruck und mit ihm ein Teil der Erkenntnis verloren, immerhin bleibt aber von der Erkenntnis, weil sie vornehmlich das Denken betrifft, ein großer Teil erhalten; und da zeigt es sich, hier wie überall, wenn man auf den Grund geht, daß alle Erkenntnis erst aus Schöpfertat hervorgeht. Überlegt man sich, daß sich niemals die Spur eines zweiten Shakespeare gezeigt hat, so begreift man, daß der gänzliche Verlust dieser Werke eine dauernde Verarmung, nicht nur der Kunst, sondern des geistigen Besitzes der germanischen Menschheit bedeutet hätte. Heil also dem Buche, das uns diesen Schatz vor dem völligen Untergang gerettet hat!
    Die heiligen Bücher der arischen Inder stellen uns vor andere und schwierigere Rätsel: schon deswegen, weil nicht das Leben und Schaffen eines einzelnen Mannes, sondern dasjenige vieler auf einander folgender Geschlechter hier zum Ausdruck kommt. Zwar sind die Texte in einem Grade übereinstimmend und zuverlässig, wie das vielleicht bei keinen Büchern dieser Abteilung sonst zu finden wäre: sie sind eben erst sehr spät niedergeschrieben, und es ist ungleich weniger leicht, mit Texten willkürlich zu verfahren, die nicht aufgeschrieben sind, sondern im Gedächtnis Vieler, Silbe für Silbe, aufbewahrt bleiben, als mit solchen, die mit Buchstaben aufgezeichnet vorliegen. Die Schwierigkeit dieser Bücher ist eine

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innere und rührt daher, daß eine lange, alle Lebensbedingungen umwandelnde Geschichte ihrer Entstehung vorangeht, so daß wir die ursprünglichen Gedanken des wunderbar begabten Menschenstammes gleichsam erst aus doppelter Spiegelung empfangen, wobei der zweite Spiegel stark verzerrend wirkt, manches ins Ungeheure vergrößert, anderes zur Unsichtbarkeit herabdrückt. So gibt sich uns denn diese Weisheit als aus verschiedenartigen Elementen gewoben, rätselvoll, unergründlich; selbst demjenigen, der ihren Zauber tief empfindet, bleibt sie zum großen Teil Geheimnis. Folgende, selten angestellte geschichtliche Erwägung trägt, nach meiner Überzeugung, zur Aufklärung viel bei.
    Bekanntlich läßt sich nachweisen, daß die arischen Inder aus einer nördlichen, hochgelegenen und demgemäß kühlen Heimat stammen, aus welcher sie auf dem Wege einer siegreich vordringenden Völkerwanderung erst nach und nach in die Flußgebiete des Indus und des Ganges vordrangen, wobei das tropische Klima und die gesamte neue Umgebung eine tiefgreifende Umwandlung ihrer Sitten und Gebräuche, ihrer Vorstellungswelt und somit auch ihrer Denkwelt veranlaßten. Reden wir von indischer Philosophie, so haben wir die Upanishads und die ganze dazu gehörige Literatur im Sinne; ohne uns nun bei der viel umstrittenen Frage des Zeitpunktes der Niederschrift dieser Werke aufzuhalten, ist dies Eine gewiß, daß die Lieder des Rig-Veda — wenigstens in ihren älteren Bestandteilen — den Blick in eine Periode eröffnen, die ebensoweit hinter den Upanishads zurückliegt, wie etwa Paulus hinter dem heutigen Tage. Nicht allein sind Vorstellungen aus der Umgebung der früheren nordischen Heimat in ihnen noch lebendig, sondern wir finden namentlich noch die Spuren einer anderen Gemütsart — einer frischen, kampfeslustigen, tatenfrohen, heiteren. Die Lieder z. B. über den trunkenen Gott, über die Heucheleien und Betrügereien der Priester und der Ärzte, die kecken Auseinandersetzungen über die Unmöglichkeit, Versuchungen zu widerstehen, die uns doch von einem Gott in den Weg gelegt werden usw., zeugen von einem überlegenen Humor, von einer inneren Freiheit und einer naiven Unmittelbarkeit des Seelenlebens, die dem späteren Denken fehlen und die zugleich den stärksten Kontrast bilden zu allen uns geläufigen Vorstellungen aus den düsteren Religionen des westlichen

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Asiens und Ägyptens. Nun behaupte ich, und fürchte keine Widerlegung: in jenem früheren arischen Volke, solange es seiner nordischen Heimat treu blieb, liegt die Quelle zu aller und jeder indo-arischen Kraftentfaltung,   s o   a u c h   z u   d e r   s p ä t e r e n   i n d o - a r i s c h e n   m y s t i s c h e n   D e n k k r a f t.   Was heute als indisches Denken vor uns steht, ist eine durch maßlose Übertreibung gewisser Anlagen und Fähigkeiten sowie durch entsprechende Verkümmerung anderer entstandene Verzerrung der früheren gesunden, dem Gleichgewicht des Lebens angepaßten Geistesverfassung und Weltanschauung. Die mystische Vertiefung entsprießt einem realistischen Boden: daher ihre Fruchtbarkeit. Freilich ist nicht zu bestreiten, daß gerade die einseitige Übertreibung, das Auffangen gewisser Züge in einem Hohlspiegel, der sie ins Gigantische vergrößert zurückstrahlt, zum guten Teil die Wirkungsgewalt dieser Philosophie ausmacht: das Ungeheure erschreckt, reißt dadurch von den Augen Schleier hinweg, die sie jahrtausendelang verdunkelt hatten, weist dem Denken des Menschengeschlechtes neue Wege. Meiner Überzeugung nach wird durch diese Welt der Besinnung ohnegleichen sowie auch durch die Bekanntschaft mit dem — der Philosophie naheverschwisterten — Zauberreich indischer Poesie eine Saat in unsere Seelen ausgesät, die im Laufe der Zeit reiche Früchte tragen muß und wird: die Streitfrage über ein vergangenes Ariertum können wir billig ruhen lassen, sobald wir einem künftigen Ariertum mit vereinten Kräften entgegengehen. Doch wird der Blick zurück auf das Geschlecht der Urahnen, zu dem ich hier die Anregung gebe, für unsere Kinder und Kindeskinder in ihrem harten Kampfe um ein menschenwürdiges Gedankendasein vielleicht noch Wertvolleres bieten; denn sie werden bei jenem nordischen, noch gesunden arischen Volke das gleiche entdecken, was unseren einzigen Goethe auszeichnet und „gegenständliches Denken“ genannt worden ist. „Hiermit wird ausgesprochen, daß mein Anschauen selbst ein Denken, mein Denken ein Anschauen sei“. In diesen Worten Goethe's haben wir die genaue Begriffsbestimmung des altarischen Denkens zur Zeit, als dieser Stamm noch das Hochland bewohnte. Nicht minder beachtenswert ist das, was Goethe im gleichen Zusammenhang von seinem „gegenständlichen Dichten“ sagt: „Mir drückten sich gewisse große Motive,

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Legenden, uraltgeschichtlich Überliefertes so tief in den Sinn, daß ich sie vierzig bis fünfzig Jahre lebendig und wirksam im Innern erhielt; mir schien der schönste Besitz, solche werte Bilder oft in der Einbildungskraft erneut zu sehen, da sie sich denn zwar immer umgestalteten, doch ohne sich zu verändern einer reineren Form, einer entschiedeneren Darstellung entgegenreiften“. Diese Worte könnten als Schilderung der altindischen Mythologie gelten, die wir in beständiger Umgestaltung begriffen sehen, ohne eigentliche Veränderung des Inhaltes, da es sich nicht um geschichtlichen Glauben, sondern um fortschreitende   W a h r t r a u m d i c h t u n g   handelt. Diese Mythologie, wie wir sie durch das Medium der Rigveda-Lieder erraten, erwächst aus einem lebhaften Naturbetrachten, einem aufgeweckt beobachtenden Fragen und einem gestaltungsfrohen Antworten; es handelt sich um einen fortgesetzten Versuch, den Menschen und seine Naturumgebung zu einander in Beziehung zu bringen, die Natur aus dem Menschen heraus, den Menschen aus der Natur heraus zu verstehen. Bei den Hellenen sind die mythologischen Gestalten weit mehr vermenschlicht; bei den Aroindern bleiben sie weit mehr Natur: darum gelangt der Hellene schließlich zu menschlichem Ebenmaß und zu Schönheit, wogegen dem Aroinder die Richtung ins Naturunermeßliche — damit aber auch in größere Tiefe und in größere Höhe — von Hause aus eignet. Solange jedoch das Leben der Aroinder ein tätiges, abwechselungsreiches, kampferfülltes bleibt, treten immer wieder jeder Abirrung ins Phantastische und Überschwengliche die Wirklichkeiten des täglichen Lebens entgegen, die Liebe zur Natur, der unverwüstliche, gesunde Humor. Später fielen diese wohltuenden Schranken hinweg, und alles Riesenmäßige und Nächtige, alle ahnungsschwangeren Schattengestalten der tropischen Urwälder spiegelten sich in diesem zart empfänglichen Hirne wider. Mit unerbittlicher Notwendigkeit führte diese Entwickelung einerseits zum Schließen der ermüdeten Augen und somit zur maßlosen Entfaltung eines anschauensbaren, abstrakten Denkens, andrerseits zu der krankhaften Entfaltung einer phantastisch sich überbietenden mythischen Dichtung. Der große Wert dieser in der Geschichte einzigen Erscheinung soll nicht geleugnet werden; ich selber hatte öfters Gelegenheit, mit allem Nachdruck auf sie hinzuweisen: sie zeugt aber leicht Verwirrung — stößt den Einen heftig

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ab, verführt den Anderen zu Geistesabenteuern —‚ wenn nicht die frische, heitere, gesunde Kraftquelle erkannt wird, die   h i n t e r   der überschwenglichen Gedankenleistung liegt und sie erst möglich gemacht hat.
    Auch in diesem Fall handelt es sich, wie Sie sehen, um Bücher, „die mehr als Bücher“ sind; nicht allein entstanden sie im ausgesprochenen Gegensatz zu allem Buchmäßigen, sondern sie umhüllen bergend ein erhabenes, letztes Geheimnis, welches Worte — als solche — auszusprechen unfähig sind.
    Da ich hier nur Beispiele geben kann, bemerke ich kurz, daß alles große schöpferische Denken — auch wo es, wie bei uns Europäern und im Gegensatz zu den Indern als das Werk nicht eines Volkes, sondern vielmehr einzelner Nachsinnender sich kundgibt — in Wirklichkeit Bedingungen unterworfen bleibt, die den soeben besprochenen nahe verwandt sind: deswegen gehören alle philosophischen Bücher ihrem Wesen nach entweder zu der Gruppe „mehr als Bücher“ oder — wenn sie, wie die meisten, bloßer wissenschaftlicher Darstellung dienen — zu der Gruppe „weniger als Bücher“. Vereinzelte Erscheinungen — ich nenne Plato's Gastmahl und Schopenhauer's Hauptwerk — überschreiten die Grenze, dank Eigenschaften der Gestaltung, der Harmonie der Teile, der Schönheit der Sprache usw., wodurch sie in die Reihe der echten und der schönsten Bücher gehören — analog jenen oben besprochenen Büchern Cuvier's und Goethe's, die es ebenfalls vermochten, die dortige Grenze zu überwinden. Doch halte ich es für äußerst vorteilhaft, der Tatsache des „Mehr-als-Buch-seins“ sich bewußt zu werden. So ist es z. B. für Schopenhauer verhängnisvoll geworden, daß er ein hinreißend schönes Buch geschrieben hat: die Menschen lesen das Buch und wähnen, die unergründlich tiefen Gedanken erfaßt zu haben, was bloße Täuschung ist; denn was hier zugrunde liegt, ist eine der religiösen Mystik nahe verwandte, dazu noch in eine Gedankenmystik hinüberspielende Weltanschauung, die dermaßen genau auf der Schneide zwischen Denken und Empfinden, zwischen Wachen und Träumen steht, daß gewiß nur Wenige, und auch diese nur in seltenen Augenblicken blitzweise sie zu erfassen vermögen. Als einen Vorzug erachte ich es, wenn Kant's Kritik der reinen Vernunft so schwer ausgefallen ist, daß nur Begabung, Sehnsucht und Beharr-

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lichkeit den Gedankengehalt sich anzueignen vermögen. Dem Entstehen dieses Buches gehen dreißig Jahre ununterbrochenen Sinnens voraus, und noch sind Hunderte von Aufzeichnungen vorhanden, die Zeugnis ablegen für ein beständiges Arbeiten an der sprachlichen Verdolmetschung der im Geiste sich aufbauenden Erkenntniswelt; das Buch selbst aber ist dann in wenigen Wochen als Improvisation entstanden, geschrieben, so schnell die Feder nur eilen konnte. Naiv ist es, wenn von Fachmännern tadelnd auf Lücken und auf Wiederholungen hingewiesen wird, namentlich auf Wiederholungen, die sich nicht decken, vielmehr voneinander abweichen, sowie auf Fälle, in denen der selbe Kunstausdruck verschieden bestimmt wird, so daß man glaubt, ein lebendiges Wesen werden und wachsen und sich verändern zu sehen. Das ist es ja eben! Hier haben wir kein „Buch“ zu erblicken, sondern vor unseren Augen vollzieht sich eine schöpferische Tat von weltgeschichtlicher Bedeutung.
    Unter allen diesen Büchern, die mehr als Bücher sind, überragt das eine durch die Universalität seiner Wirkung alle anderen, denn es bietet denen, die „arm an Geist sind“, ebenso reiche Anregung, Tröstung und Kraft wie den durch Rasse und Bildung Begünstigten. Diesem Buche will ich zum Beschluß dieses Abschnittes, und bevor ich mich endgültig auf die Bücher, „die Bücher sind“, einschränke, eine kurze Betrachtung widmen.
    Ich rede vom Evangelium, und zwar rede ich davon in der Einzahl und sage „das“ Evangelium, wie denn die frühe Gemeinde durch Jahrhunderte es nicht anders wußte und stets „to Euangelion“ sagte, dem sie dann die übrigen Bestandteile des sich nach und nach zu einem Kanon auswachsenden Neuen Testamentes als „das Apostolikon“ gegenüberstellte. Dies zu beachten, ist wichtig: erstens, weil wir daraus die unbedingt einheitliche Wirkung des vierteiligen Evangeliums auf noch naiv und unverdorben empfindende Gemüter kennen lernen, und zweitens, weil sich darin die radikale Scheidung von dem übrigen neutestamentlichen Material ausspricht, welches weit länger in der Schwebe blieb, so daß man noch heute von verschiedenen Stücken des Kanons nicht weiß, warum sie später ausgeschlossen worden sind, nachdem sie Kirchenväter und Kirchenheilige als göttliche Eingebung betrachtet hatten, und von anderen,

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warum sie doch schließlich in den Kanon eingeschmuggelt wurden, da alle maßgebenden Männer des alten Christentums ihre Unechtheit bezeugen. Ich rede also hier vom Evangelium allein, von der Frohbotschaft oder, wie Luther gelegentlich übersetzt, der „tröstlichen Märe“, der „guten Neuzeitung, davon man singet, saget und fröhlich ist“.
    Dieses Werk, rein als literarisches Werk — als Buch — betrachtet, regt immer mein höchstes Staunen an und reizt mich seit vielen Jahren zu Studien, die nie ein Ende nehmen, und zu Nachsinnen, das mich zwar stets beglückt und aus den elenden Schranken unserer platten mechanischen Gegenwart zu höheren Sphären emporträgt, nie aber zu einem eigentlichen verstandesmäßigen Ziele führt. Es gibt kein zweites Beispiel eines so zufällig entstandenen Buches — aus einer chaotischen Zeit, aus geistig wenig erfahrenen Kreisen, ohne jede Einheitlichkeit der Führung und mitten aus einem Wust von abergläubischen Albernheiten hervorgegangen! Dazu dann während Jahrhunderte jeder Lässigkeit der Abschreiber, jeder Willkür der Besserwisser, jeder Fälschung der fanatisch Frommen schutzlos preisgegeben! Man fragt sich, wie es möglich war, daß eine solche Entstehungsgeschichte zu einem derartigen Ergebnis führte?
    Für mich steht schon lange die Überzeugung von der organischen Einheit dieses Werkes fest und wird — wenn möglich — täglich noch fester. Wie aber das Zustandekommen dieser künstlerischen Einheit, auf der letzten Endes die ungeheure Wirkung des Buches beruht, wie diese Einheit entstanden zu denken ist, das bildet ein zunächst unlösbares Problem....
    Sofort unterbreche ich den Satz, um hinzuzufügen: woher die Lösung zu kommen hat, wo einzig sie zu suchen ist, das weiß ich: sie liegt begründet in dem ungeheuren und einheitlichen Eindruck, den die eine Persönlichkeit — auf deren Antlitz „die Herrlichkeit Gottes strahlte“, wie ein Zeitgenosse bezeugt — auf Alle machte und bei Allen hinterließ, die sie mit Augen und Ohren erlebt hatten. Eigentümlich, ja, höchst verwunderlich bleibt es, daß diese große, mittlere Tatsache, die bei jeder aufmerksamen Betrachtung des vierteiligen Evangeliums als erstes auffallen muß, von wenigen Menschen beachtet wird, auch von wenigen Fachgelehrten. Es verblaßt eben bei der einseitigen Betonung des historischen Maßstabes der ästhe-

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tische Maßstab dermaßen, daß er überhaupt nicht mehr empfunden wird; hierdurch geht aber gerade die mittlere geschichtliche Erkenntnis — nämlich die Einheit der Persönlichkeit als die einzige vereinheitlichende Kraft inmitten des Chaos — verloren.
    Nicht viel besser steht es um die zweite allgemeine Erkenntnis, welche, wie die erste, jedem ungelehrten ebenso wie jedem gelehrten Menschen offen steht:   n i c h t   v i e r   B e r i c h t e   ü b e r   d a s   L e b e n   d e s   H e i l a n d s   b i e t e t   u n s   d i e s e s   B u c h ,   s o n d e r n   n u r   z w e i   B e r i c h t e.   Seit dem dritten Jahrhundert bis heute stoßen sich Gelehrte und Ungelehrte an den vielen kleinen Abweichungen zwischen den drei ersten Evangelisten — von dem Jenenser Theologen Griesbach, Goethe's Freund, „die Synoptiker“ genannt; wogegen offenbar, wie schon Herder bemerkte, das einzige Anstößige hier die   Ü b e r e i n s t i m m u n g   der drei Berichte bildet. Selbst über rein tatsächliche Vorgänge werden niemals die Berichte zweier Augenzeugen übereinstimmen; das ist allbekannt und bedarf keines weiteren Beleges. Weit mehr noch werden Berichte, Urteile, Schilderungen voneinander abweichen, wenn die Darstellung einer bestimmten Persönlichkeit, ihrer Worte, ihrer Handlungen in frage kommt; hier gibt es keine massive Tatsächlichkeit; jeder Augenzeuge sieht die Persönlichkeit anders, jeder Ohrenzeuge hört sie andere Worte sprechen; gerade das Abweichende zeugt für Echtheit und Authentizität des Berichteten. Glasenapp und ich hörten den Bayreuther Meister am Vorabend der ersten Aufführung des Parsifal eine Rede halten: unsere Berichte weichen wesentlich voneinander ab. Das meiste von dem, was Glasenapp erzählt, war mir entweder entschwunden oder nebensächlich erschienen, während dieser peinlich genaue Biograph Wagner's die Worte, die mir einen unauslöschlichen Eindruck gemacht hatten, gar nicht gehört oder jedenfalls über den Eindruck der anderen vergessen hatte — wie er mir selber zugab (vergl. S. 238). Und nun schauen Sie sich die Evangelien kata Matthaion, kata Markon und kata Loukan genau an! und sagen Sie mir, ob das drei Berichte sind oder nicht vielmehr ein Bericht in drei Tonarten vorgetragen, wie sie dem Wesen und der Absicht der verschiedenen Bearbeiter entsprachen. Die Reihenfolge der Begebenheiten ist wesentlich die gleiche — was um so mehr auffällt, als der sehr genaue Johannes Schritt für Schritt ab-

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weicht; die Worte des Herrn gleichen sich oft bis auf die letzte Silbe; Umstellungen, Kürzungen und Erweiterungen erklären sich, wie gesagt, aus dem Charakter und der Absicht der Verfasser. Und da zerbrechen sich die Theologen die Köpfe über die Zahl der Quellen, die den drei Evangelisten vorgelegen haben sollen: eine Spruchsammlung, ein Urbericht, zwei oder drei Nebenberichte usw. Es ist aber einleuchtend, daß alle diese Dinge, wenn sie überhaupt existieren, eine Stufe weiter zurückliegen müßten, nämlich als Quellen des zweiten, verlorenen Urevangeliums, das allen drei Synoptikern vorgelegen hat. Daß aber jener Verfasser einen so verwickelten Apparat nötig gehabt hätte, glaube ich billig bezweifeln zu dürfen; vielmehr wird er aus dem Überreichtum persönlicher Erfahrung geschöpft haben, und wir schaffen durch unsere wissenschaftliche Analyse lauter Gespenstergestalten. Diesen drei Evangelien liegt der zusammenhängende ausführliche Bericht eines dem Johannes an persönlicher Eigenart und Kraft vergleichbaren Mannes zugrunde — heiße er Matthäus, Petrus oder sonstwie —‚ dramatisch beanlacht, urwüchsig, für zarteste Eindrücke empfänglich. Dieser lebendigen Kraftquelle entsprießen die drei synoptischen Berichte: jede andere Hypothese führt zu Widersinnigkeiten und löst, wie das leider Gelehrtenart ist, die Urkraft alles Bedeutenden, nämlich die Persönlichkeit, in einen Nebel von gemutmaßten Dokumenten auf, wobei zugleich die unumgänglich notwendige künstlerische Gestaltungskraft des ersten Schöpfers eines solchen Werkes vollkommen aus den Augen entschwindet.
    Dieses Werk nun — das erste Urevangelium —‚ das an Originalität und Lebensfülle gewiß dem zweiten Urevangelium — dem des Johannes — gleichkam, wurde von drei sehr verschiedenen Männern, die drei sehr verschiedenen Umgebungen angehörten, bearbeitet, wobei einem jeden von ihnen ein bestimmtes Ziel vor Augen schwebte. Es ist, als ob ein breiter Lichtstrahl auf drei nebeneinander stehende Prismen mit verschiedenem Brechungsindex fiele: die drei Spektren an der Wand werden ihrem Wesen nach sich gleichen und doch alle drei verschieden sein. Dazu kommen hier die grundsätzlichen Auslassungen sowie die tendenziös erfundenen oder aus anderen Quellen herbeigeholten Ergänzungen. Das Bezeichnende für Matthäus ist der enge Anschluß an das palästinensische Juden-

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tum, an dessen Gebräuche und an dessen streng festgehaltenes mosaisches Gesetz: nach Matthäus richtet sich die Botschaft Christi ausschließlich an die Juden; Markus — wenn er überhaupt ein Jude ist — gehört der Diaspora an, mit ihren weit freieren Gebräuchen: er kennt Palästina nicht, und es lassen sich in seinem Texte demzufolge allerhand Mißverständnisse in bezug auf dortige Verhältnisse nachweisen; Lukas ist der hellenistisch gebildete, nicht-jüdische Bürger des Römerreiches, Arzt oder Maler — vielleicht beides zugleich, der alte Legenden und altägyptische Moralitäten zum Schmucke seiner Erzählung einfügt, der die Mission an die Heiden ausdrücklich vom Heiland selbst entsenden läßt, der allein von dem die Juden beschämenden guten Samariter zu erzählen weiß, sowie von der Einkehr bei dem römischen Oberzöllner, den der Heiland durch die metaphysisch-mystische — alle jüdischen Ansprüche tilgende — Ausdehnung des Wortes „Sohn Abrahams“ beglückt, usw. Matthäus hat hauptsächlich die gesetztreuen Israeliten im Auge, Markus alles Volk des römischen Reiches überhaupt, das er durch Kürze, durch Wundererzählungen und kräftige Worte zu beeindrucken weiß, Lukas schreibt für den gebildeten Bürgerstand, von dem die Entscheidung zugunsten des Christentums dann ausging: das Universalistische an den Lehren des Galiläers unterstreicht er, das Kommunistische daran wischt er möglichst weg.
    Diese kurzen Andeutungen mögen genügen: es handelt sich für uns nicht um Theologie und Exegese, sondern um das Entstehen eines Buches. Hierbei beanspruchen zunächst zwei Umstände eingehende Beachtung: erstens, eine übermächtige Persönlichkeit, die selber nie geschrieben hat, bildet den lebendigen Quellpunkt des Buches; zweitens, trotzdem diese Persönlichkeit die gebildeten Kreise tunlichst mied, fanden sich doch — nebst einer Menge Unberufener — zwei Jünger, fähig, in aller Naivität, aus volkstümlicher, kerniger Begabung Schilderungen des Ohnegleichen — seiner Handlungen und seiner Worte — von so unmittelbarer Lebensfülle zu entwerfen, daß der Eindruck, der ihre Seele erfüllte und entrückte, auf alle späteren Geschlechter zurückstrahlt. Der eine dieser beiden Berichterstatter, Johannes, hat namentlich das innerste Wesen der Persönlichkeit tief erfaßt und ist leidenschaftlich bestrebt, uns ihre Höhe und Milde, ihre Reinheit und vor allem ihre Göttlichkeit mit ihm

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empfinden zu lassen; der andere, energischer von Natur und mehr künstlerisch begabt, hat es namentlich auf Tat und Wort abgesehen, die er in drastischer Kürze plastisch vor Augen zu stellen sucht. Dieser Zweite hat jedenfalls beträchtlich früher geschrieben als der Verfasser des Johannes-Evangeliums — diesem hört man die Verklärtheit der Entfernung an, jenem die Spontaneität des Unmittelbaren, das in die Welt hinaus   m u ß   und dessen feurige Eile kein Verweilen duldet. Wohlbetrachtet ist es nicht verwunderlich, daß dieses allererste Evangelium in seiner Urgestalt verloren ging: die frühesten Jahre des werdenden Christentums, wo es nur kleine, zerstreute und noch nicht organisierte Gemeinden gab, waren nicht dazu angetan, ein Dokument, das vielleicht einzig in Jerusalem einzusehen war, oder bestenfalls in wenigen Abschriften kreiste, vor dem Untergang zu bewahren; man überlege sich, daß kein einziges Blättchen aus jener Zeit auf uns gekommen ist, und daß die allerältesten der uns bekannten Evangelien-Exemplare Handschriften sind, die mehrere Jahrhunderte später entstanden, während wir über die Texte aus früheren Zeiten nur durch mittelbare Schlüsse einiges in Erfahrung bringen können; wohingegen die drei synoptischen Evangelien höchst wahrscheinlich uns ein erstes Anzeichen für die Bildung von kirchlichen Gemeinden vor Augen führen, und es vielleicht nicht unmöglich wäre, diese Ursprungsorte zu bestimmen (Matthäus in Jerusalem, Markus in Rom, Lukas in Alexandrien?).
    Es entstanden damals eine große Anzahl Evangelien. Ebenso wie die größeren Kirchengemeinden während wenigstens achthundert Jahren eine jede ihr eigenes Glaubensbekenntnis besaß, ebenso besaß wahrscheinlich jede größere Gruppe von Gemeinden in den ersten Jahrzehnten ihr eigenes Evangelium. Von einigen sind größere und kleinere Bruchstücke auf uns gekommen, so z. B. das Petrus-Evangelium, das Thomas-Evangelium, das Judas-Evangelium, das Hebräer-Evangelium, das Ägypter-Evangelium sowie verschiedenerlei Kindheits-Evangelien und sonstige Legenden; das meiste ist unglaublich minderwertiges Geschreibsel, von Luther mit Recht als „närrisches Alfenzel“ abgetan, aber auch diejenigen darin enthaltenen Episoden und Worte des Heilands, deren Ursprung nach dem Zeugnis unserer Evangelien auf authentische Berichte zurückgeht, sind alle vergröbert, ins Alltägliche, oftmals ins Absurde verdreht und ver-

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fälscht, nicht aus böser Absicht, sondern aus Unfähigkeit des noch so frommen Geistes, das Hohe und Hehre zu erfassen. Gerade diese Tatsache nun — der vielen Evangelien und ihrer unbedingten Unzulänglichkeit — ist ein Beweis mehr dafür, daß nur ein sehr außerordentlicher Mann, der dem Heiland nahe gestanden hatte, fähig war, einen so wunderbaren Bericht — strahlend von Leben und Wahrheit — zu verfassen, daß er selbst in den Bearbeitungen von Matthäus, Markus und Lukas allen Willkürlichkeiten und Mißverständnissen zum Trotz leuchtend siegreich für ewige Zeiten besteht. Zu glauben, drei verschiedene Männer hätten das gekonnt, von denen zwei eingestandenermaßen, der dritte aber wahrscheinlich ebenfalls den Heiland nie erblickt und gehört hatten, und daß dieses Wunder durch das Exzerpieren aus allerhand verschiedenen Dokumenten gelungen sei und zu der obengenannten merkwürdigen Übereinstimmung geführt habe: das alles halte ich für unwidersprechlich unmöglich und darum für sicher falsch. Nein, vielmehr liegt — ich wiederhole es — hinter diesen drei Evangelien das eine Werk eines Genius, dem Johannes vergleichbar; und auf diesen beiden Zeugen ruht alles, was wir von Leben und Reden Jesu wissen. In welcher Weise ihnen diese Vermittelung gelungen ist, das hat Herder — der feinste Anempfinder für Wesen und Schönheit aller Dinge — einmal so treffend ausgesprochen, daß sein Wort eine ganze Literatur über diesen Gegenstand ersetzt: „Einfalt in tiefer Bedeutung ist die höchste Schönheit menschlicher Charaktere und Schriften. Sie ziehen an sich mit unwiderstehlichem Reiz, nicht etwa nur durch das, was sie geben, sondern durch das, was sie sind und wie sie es sind. Ein Unnennbares umschwebt sie, der stille Zauber ihres eigenen Daseins.“
    Welches Schicksal aber erwartete diese zwei großen Werke, ehe sie endlich — aber erst nach Jahrhunderten, mit dem Nimbus des „Gotteswortes“ umgeben — vor weiteren Freveltaten frommer und frommfälschender Hände bewahrt, als unantastbares „Buch“ für die Zukunft endlich gesichert dastanden! Zwar schwand die Menge minderwertiger Evangelien bald fast spurlos dahin; nur in einzelnen abgelegenen Gegenden behielt das eine und das andere noch einige Zeitlang Ansehen; im Osten und im Westen, so vielfach gespalten die Strömungen innerhalb der christlichen Kirche damals auch waren, hat unser vierfaches Evangelion nach dem siegenden

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Rechte der Wahrheit und der Schönheit alle anderen verdrängt und genoß bald unwidersprochene Geltung. Jedem feiner Empfindenden mußte aber gleich der innere Unterschied auffallen zwischen dem einen Originalevangelium (Johannes) und den drei widergespiegelten, umgearbeiteten Evangelien; hierbei habe ich nicht die Abweichungen des Berichteten im Sinne, sondern den Unterschied des inneren Wertes, der daraus folgt, daß sie auf verschiedenen Stufen der Unmittelbarkeit und dadurch auch der inneren Authentizität stehen, ein Unterschied, der der zarten Wahrheitsseele unseres Luther das Urteil eingab: „Das Johannes-Evangelion ist das einige zarte rechte Hauptevangelion und den anderen dreien weit, weit vorzuziehen und höher zu heben.“ Schon hieraus entstand ein Widerstreit, der um so tiefer wirken mußte, als die wahre Ursache nicht erkannt wurde: er dauert noch heute an, wo alle tief religiösen Naturen Johannisten und alle formalgerichteten mehr oder weniger ausgesprochene Anti-Johannisten sind.
    Schon dieser Widerstreit hat ohne Zweifel manchen störenden Einfluß auf die Überlieferung des Textes ausgeübt. So läßt es sich z. B. nach dem heute bekannten Material mit Bestimmtheit nachweisen, daß das Johannes-Evangelium im Laufe des zweiten Jahrhunderts von kirchlicher Seite einer weitgehenden textlichen Revision unterworfen wurde, um es den übrigen Evangelien ähnlicher und vor allem der inzwischen schon zu einer ersten Blüte gereiften kirchlichen Dogmatik dienstbar zu machen. Leichteres Spiel hatten die Theologen mit den drei synoptischen Evangelien: gerade ihre Ähnlichkeit ließ jede Abweichung als unheimlich empfinden, und es geschah das mögliche, um sie — wie man es nennt — zu „harmonisieren“. Hieronymus — von dessen großen Verdiensten um die Feststellung eines authentischen Textes und um die Übertragung ins Lateinische Sie gewiß gehört haben, und der in allen diesen Fragen ungleich freier urteilte und sprach als irgendein heutiger Katholik es wagen dürfte — Hieronymus klagt etwa um das Jahr 400, er könne nicht zwei gleiche Handschriften der Evangelien auftreiben, alle seien sie durch die unausrottbare Sucht zu willkürlichen Harmonisierungen verdorben; ihm blieb in Hunderten von Fällen nichts anderes übrig, als diejenige Fassung zu wählen, die ihm subjektiv als die wahrscheinlichere erschien. Ein einziges Beispiel möge

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Ihnen zeigen, in welcher skrupellosen Weise mit dem Texte umgegangen wurde.
    Israelitischer Gepflogenheit gemäß beginnt Matthäus sein Buch mit einer Ahnentafel, die, von Abraham anhebend — „Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob“ usw. über David und Salomo bis zu Joseph führt, wo sie mit der veränderten Formel schließt: „Jakob aber zeugte den Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus, welchen man Christus heißt, geboren ist.“ So lautet der allgemein „rezipierte“ Text in allen christlichen Kirchen; zur Bestätigung führe ich noch die Vulgata an: „Jacob autem genuit Joseph, virum Mariae, de qua natus est Jesus, qui vocatur Christus.“ Hiermit soll gesagt werden: Joseph war zwar der Gatte der Maria, nicht aber der Vater Christi. Nun müssen Sie wissen, daß die uralten Handschriften, auf die unsere Kenntnis des authentischen Textes sich gründet, gerade für diesen sechzehnten Vers des ersten Kapitels Dutzende von verschiedenen Fassungen bieten, so daß kaum zwei genau übereinstimmen. In solchen Fällen — für die es eine Anzahl Beispiele gibt — sehen wir mit Augen die Herren Theologen am Werke, Dinge, die ihnen nicht passen, aus dem Texte hinauszuschieben und dafür dasjenige hineinzuzaubern, was ihren Lehren genehm ist. Ausführlicheres hier vorzubringen, muß ich mir versagen, es würde gar weit führen; Ihnen genüge es zu wissen, daß der Text an dieser Stelle frühzeitig chaotisch unsicher war und daß Hieronymus — dem Luther wie gewöhnlich folgt — ohne eine andere Berechtigung als die seines guten Glaubens, sich gerade für den genannten Wortlaut entschied. Vor fünfundzwanzig Jahren fand nun eine wichtigste Entdeckung statt, die u. a. auch auf die Geschichte dieser Stelle grelles Licht warf. Eine Gesellschaft emsiger englischer Forscher — früheren Spuren folgend — brachte aus der Büchersammlung des Klosters auf dem Berge Sinai ein Palimpsest ans Licht, das sich als die uralte Übersetzung des vierteiligen Evangeliums ins Syrische nach einem griechischen Texte herausstellte, der bedeutend weiter zurückreicht, als irgendein bisher bekannt gewordener, nämlich bis in die erste Hälfte des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Dieses „Syrische Sinaipalimpsest“ — in der Wissenschaft unter der Abkürzung   S y r s i n   bekannt — stimmt bis auf Einzelheiten fast durchwegs mit dem uns geläufigen Text über-

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ein, gewährt aber gerade dadurch lehrreiche Einblicke in die allmähliche Ummodelung des Wortlautes mancher Stellen. In diesem ältesten aller bisher bekannten Texte lautet nun der berührte sechzehnte Vers des ersten Kapitels des Evangeliums Matthäi: „Jakob erzeugte den Joseph, Joseph, dem Mariam die Jungfrau verlobt war,   e r z e u g t e   d e n   J e s u,   der Christus genannt wird.“ Da der Text des Syrsin weiterhin unserem kanonischen gleichläuft, die Verkündigung und die Geburt aus der Jungfrau genau ebenso berichtet, wie dieser, so haben wir offenbar im 16. Vers ein Übergangsstadium des Textes vor Augen, in welchem man zwar die Verlegenheitsklammer — „dem Mariam die Jungfrau verlobt war“ — inzwischen eingeschoben, noch nicht aber gewagt hat, den ursprünglichen Text — „J o s e p h   e r z e u g t e   d e n   J e s u“ — zu streichen. So ist denn auf einmal klar, was die Ahnentafel ursprünglich sollte, nämlich: die Legitimierung im israelitischen Sinne der Ansprüche auf das Messiastum für Jesus als leibhaftigen Sprößling David's — ein Anspruch, der offenbar verloren geht, sobald Joseph nicht der Vater Jesu ist, wobei zugleich die Ahnentafel zweck- und sinnlos wird. — Ohne uns nun bei der vorderhand unbeantwortbaren Frage aufzuhalten, wie der Urevangelist seine Erzählung begonnen haben möge, ist das eine völlig deutlich und unwidersprechlich, daß die zweite Hälfte des ersten Kapitels kein ursprünglicher Bestandteil des Evangeliums Matthäi gewesen sein kann: denn während die erste Hälfte ausdrücklich sagt, „Joseph erzeugte Jesus“, und die ganze Stammtafel keinen anderen Zweck verfolgt als den Davidischen Ursprung Jesu nachzuweisen, erzählt unmittelbar darauf die zweite Hälfte, Jesus sei nicht der Sohn Joseph's gewesen, vielmehr „Maria war schwanger vom Heiligen Geist“. Es kann also für mathematisch sicher gelten, daß diese zweite Hälfte — sowie auch das ganze zweite Kapitel — späterer Einschub ist, um der inzwischen aufgekommen Lehre von der Jungfrauen-Geburt Vorschub zu leisten und zugleich eine „Harmonisierung“ mit der Erzählung im Evangelium Lukas herbeizuführen. Zu den obengenannten textlichen Erwägungen — die allein schon genügen, zu diesem Schluß zu berechtigen — kommen noch andere hinzu: so z. B., daß den Juden der Zustand der Jungfräulichkeit nicht als göttlich galt, sondern als Gottesfluch, und außerdem, daß das Wort für „Geist“, sowohl aramäisch wie hebrä-

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isch, ein Femininum ist, so daß der Satz „sie ist schwanger vom heiligen Geist“ sich geradezu sinnlos ausnehmen würde; des weiteren steht zu bedenken, daß für einen so jüdisch empfindenden Mann die Vorstellung, Gott-Jahve könne unter irgendeiner Gestalt mit einem Weibe ein Kind zeugen, der gotteslästerlichste Gedanke wäre, den überhaupt ein Mensch denken könnte. Ganz anders standen die Dinge für den Hellenen Lukas, den gebildeten Kenner der Ideen der Völker des Mittelmeeres. Daß der Keuschheit, der unberührten Jungfräulichkeit eine besondere göttliche Kraft innewohne, ist eine uralte indogermanische Vorstellung, der wir wiederholt, sowohl im Göttermythos wie in der Heldensage, begegnen. Ich brauche nur auf die Gestalt der Artemis zu verweisen, die kalliste parthenos, die unantastbare Jungfrau, die Beschützerin der keuschen Jünglinge und Mädchen. Besonders häufig begegnen wir diesem Glauben in dem germanischen Sagenkreis. Fraglos hängt mit ihm die weitere Vorstellung zusammen, daß Männer, deren Bedeutung alles gewöhnliche Maß überragt, Söhne von Jungfrauen seien, deren Leib durch eines Gottes Segen empfangen habe. Gerade in jenem ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung, wo Mythen verschiedenster Herkunft, Zauber- und Aberglauben aller Art unter den mediterranen Menschen wild durcheinander kreisten, war diese Annahme der Jungfrauengeburt geläufig: Plato, der volkstümlichste aller Denker, stets „der Göttliche“ genannt, galt — natürlich nicht bei auserlesenen Geistern, aber in der großen Masse der Bevölkerung des römischen Reiches — für den Sohn einer Jungfrau, die Apollo „besonnt“ habe; ebenso wie Augustinus die Verwandlung des Apulejus in einen Esel für glaubhaft zu halten neigt, ebenso berichtet Hieronymus gewissenhaft, Plato's jungfräuliche Mutter habe empfangen „phantasmate Apollinis oppressa“. Nicht weniger wurde Virgil für den göttlich gezeugten Sohn einer Jungfrau gehalten. Der Gedanke der Geburt Jesu aus einer Jungfrau mußte also sowohl den eigentlich hellenischen wie den syrischen Bestandteilen des damaligen Völkerchaos naheliegen, ja, mehr als das, er mußte ihnen als unbedingte Forderung erscheinen: Christus konnte doch nicht minder edler Abkunft als Plato und Virgil sein! Und so fand denn nebst einer Reihe anderer Legenden die poetische der Verkündigung bei Lukas Aufnahme, und zwar mit einer Zartheit im Ausdruck, die man

294 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind.

sich von einem Hellenen erwartet und die angenehm absticht von dem derben Materialismus des oben angeführten jüdischen Matthäus: „Heiliger Geist wird über Dich kommen und Kraft des Höchsten wird Dich beschatten“. In Lukas haben wir den Urheber dieser Erzählung zu erblicken; spätere Redaktoren haben sie in Matthäus eingefügt. Die Interpolation in Matthäus war um so notwendiger für die Befestigung der Lehre, als weder Markus noch Johannes von der Jungfrauengeburt zu melden wissen; Johannes läßt sogar einen der ersten Apostel die Worte sprechen: „Jesus, Joseph's Sohn, der von Nazareth“. Entscheidend ist noch, daß Paulus — dessen Episteln die besterhaltenen Schriften aus der frühen Zeit sind — von der Geburt aus einer Jungfrau nichts weiß, geschweige von einer „Mutter Gottes“. Die selbe Gewaltsamkeit, die hier den ursprünglichen Text umänderte, läßt sich an zahlreichen Orten verfolgen und nachweisen; denn die eine Änderung machte andere unvermeidbar.
    Auch hier sei nur auf eine einzige, scheinbar nebensächliche Stelle hingewiesen, Matthäus 13, 55, wo wir heute mit der Vulgata lesen: „Ist das nicht des Zimmermanns Sohn?“ Nach den ältesten Zeugnissen las man ursprünglich: „Ist das nicht der Sohn Joseph's?“ Daraus wurde dann: „Joseph's, des Zimmermanns“; und schließlich ließ man den anstößigen Joseph ganz weg. Bei Markus half man sich noch gründlicher: durch eine Änderung, die nachweisbar später als im Jahre 230 nach Christo durchgeführt wurde, entfernte man den ursprünglichen Text, der auf noch vorhandenen Handschriften lautet: „Ist das nicht Joseph des Zimmermanns Sohn und der Maria?“ und sagte statt dessen: „Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria?“ So war denn Jesus selber der Zimmermann geworden und die Frage nach dem Vater ausgelöscht. Wie Sie sehen, eine Kleinigkeit von geringfügigem Belang, die ich aber absichtlich heraussuche, damit Sie die Methode kennen lernen.
    Nun aber hiervon genug! Sonst würden wir bei diesem zugleich fesselnden und unerschöpflichen Gegenstand gar zu lange verweilen. Schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts stellte der englische Forscher John Mill an 30 000 Varianten in den Handschriften zum gesamten Neuen Testament fest; inzwischen ist diese Zahl etwa auf das Zehnfache gestiegen, und gibt es somit im Neuen Testament mehr Varianten als Wörter! Mein einziger Zweck in dem Zusammenhang

295 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind.

dieses Briefes ist, Sie deutlich empfinden zu lassen, welchen unerhörten Gewalttätigkeiten die zwei ursprünglichen Berichte, die heute als vierfaches Evangelion uns vorliegen, ausgesetzt waren; jahrhundertelang ist alles Denkbare geschehen, um das Buch als „Buch“ zu entfärben, zu fälschen, zu verderben. Und nichtsdestoweniger hat es wie kein zweites gewirkt und wirkt es noch heute auf jedes reine Gemüt. Das kommt daher, weil dieses Buch   m e h r   a l s   e i n   B u c h   ist; weil dieses „Mehr“ solche unvergleichliche Gewalt in sich birgt, daß die Willkür kurzsichtiger Menschen nur die Oberfläche aufritzen und verunstalten konnte, unfähig aber blieb, dem Grundstock etwas anzuhaben!
    Durch diese Einsicht gewinnen wir nicht bloß als Bücherfreunde eine wertvolle Klarlegung, vielmehr sind wir um die allerwichtigste Erkenntnis reicher geworden, denn nie mehr werden wir dem Irrgedanken verfallen, an der Bedeutung oder gar an dem Dasein Jesu Christi zu zweifeln, und Entstehung und Weltmacht des Christentums allerhand dunklen, konfusen Faktoren zuzuschreiben, die sich — man weiß nicht auf welche Weise — zu diesem Buche zusammengetan hätten, um aus dem Eintagsdasein eines obskuren Schwärmers den künstlichen Mittelpunkt zur Vereinigung umherschwebender Mythen und Legenden, sozialer Sehnsuchtsträume und politischer Umsturzgedanken zu machen... und was es sonst noch alles für alberne Torheiten gibt. Wer über Bücher Bescheid weiß, wer sich in diese besondere Gattung menschlicher Erzeugnisse jahrelang liebend, forschend, fragend versenkt hat, bis ihre Geheimnisse ihm offenbar wurden und er Buch von Buch klar zu unterscheiden lernte, der wird nie zweifeln können: hier steht hinter dem Buche eine Persönlichkeit von Fleisch und Blut, die auf Erden gewandelt hat — man halte sie mit Petrus für den Messias der Juden oder mit Johannes (6, 69) für den „Heiligen Gottes“, man sage mit Paulus: „nachdem der Tod kam durch einen   M e n s c h e n,   kommt auch die Auferstehung von den Toten   d u r c h   e i n e n   M e n s c h e n“,   oder klage nach der Kreuzigung mit dem schönen altdeutschen Lied: „O große Not, Gott selbst ist tot!“ An diesen Unterschieden der Auffassung liegt viel weniger, als man anzunehmen Pflegt, und für uns hier gar nichts, alles dagegen liegt an der Einsicht, daß hinter diesem Buche eine Persönlichkeit steht, die nicht

296 V. Mein Buchgaden. Bücher, die mehr als Bücher sind - Hellas und Rom.

nur das Buch, sondern auch das ganze Wahngebäude der Kirchen so sehr übertrifft und übersteigt, daß alle diese neben ihr kaum in Betracht genommen zu werden wert sind. Die Macht dieser Persönlichkeit hat es bewirkt, daß allen Verlusten, allen Mißverständnissen, allen Übersetzungsfehlern, allen erweiternden und kürzenden Fälschungen zum Trotz dieses Buch dennoch vor Entwertung wie durch ein Wunder bewahrt blieb, voll Kraft und Würde, einem heiligsten Geheimnis zum Gefäß zu dienen. Nur auf diesem Wege gelangen wir aus dem falschen Wahn zur sicheren Wahrheit — einer Wahrheit, von der Paulus sagen durfte: „So Einer in Christus ist, da ist neue Schöpfung: das Alte ist vergangen, siehe, es ist neu geworden!“ Auch dies wiederum ist insofern „Wahn“, als es alle Vernunft übersteigt und wir mit Luther bekennen müssen: „Ich sage fürwahr, so nicht jemand diesen   W a h n   v o m   E v a n g e l i o   fasset, der wird nimmer mögen in der Schrift erleuchtet werden, noch den rechten Grund überkommen.“
    Der Begriff von „Büchern, die mehr als Bücher sind“ — wenngleich schwer in kurzen Worten zu fassen — wird inzwischen für Sie, glaube ich, ein bestimmter, inhaltreicher und die Klarheit des Gesamtüberblickes fördernder geworden sein. Und somit gehe ich jetzt endgültig zu denjenigen Büchern über, „die Bücher sind“, und die das eigentliche Thema meines Schreibens bilden.

*

    In einem früheren Teile dieses Briefes habe ich mit einer vielleicht etwas boshaften Absichtlichkeit das Paradoxon aufgestellt, Euklid's Elemente der Geometrie sei ein vollendetes Buch; was ich hiermit bezweckte, ist Ihnen, lieber Freund, inzwischen vollkommen klar geworden; und ohne das Gesagte zurückzunehmen, kann ich es jetzt doch dahin einschränken, daß dieser Weg der Mathematik nirgendswohin führt als immer wieder zu sich selbst; weswegen die buchmäßige Vollendung eines derartigen mathematischen Gedankengebäudes keinerlei Einfluß auf die sonstige Entwickelung des „Buches“ ausübte. Darum laß ich jetzt mein Paradoxon beiseite und ziehe diese Beschäftigung mit dem rein formalen Teil des Menschengeistes nicht mehr in Betracht.

297 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom.

    Dies vorausgesagt, errege ich bei Ihnen hoffentlich keinen allzu ärgerlichen Anstoß, wenn ich schlankweg die Behauptung aufstelle: das eigentliche „Buch“ ist ein Erzeugnis des neueren, germanischen Zeitabschnittes; das „Buch“ entsteht, sobald der Buchdruck da ist. Gewiß weist manche Erscheinung der klassischen Literatur der Hellenen und der Römer prophetisch auf das „Buch“ hin — doch nur für uns Heutige, weil der Begriff des Buches uns vertraut ist und wir hier Vorläufer erblicken, ein Frühlingssprossen des Geistes, des Geistes, der — um ein anderes Bild zu gebrauchen — einen Weg sucht und ihn nicht findet, dafür aber auf allerhand kostbare Dinge stößt, die nie wieder in diesem Zusammenhang zum Vorschein kommen; entscheidend ist aber, daß solche Erscheinungen keine Folgen zeitigen, vielmehr vereinzelt bleiben; wohingegen, wenn die Zeiten erst reif sind, die neue Erscheinung von allen Seiten zugleich hervorspringt.
    Daß Epos und Drama der Hellenen ihrem ganzen Wesen nach keine Bücher sind, wurde schon oben ausgeführt; aus den Forschungen von Westphal, Flach u. a. ist uns aber jetzt auch genau bekannt, daß die gesamte hellenische Lyrik nicht Literatur, sondern Gesang war: jeder ihrer Dichter war zugleich Tonkünstler; ja, von manchen ist jetzt bekannt — ich nenne nur Terpander — daß ihre große Beliebtheit sich vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, auf ihre Leistungen als Komponisten und Vortragende bezog. Die wunderbare Fülle der Rhythmen — von Jahrhunderten angestaunt —‚ ist nicht etwa das Ergebnis klügelnder Wortkünstler, sondern nachweisbar — insofern die Rhythmen nicht auf natürliche Bewegungen des Menschenkörpers zurückzuführen sind — das Ergebnis der durch die gebrauchten Begleitinstrumente vorgeschriebenen Möglichkeiten; bei jeder neuen Erfindung und Verbesserung im Bau der Flöten und der Saiteninstrumente stellen sich sofort neue verwickeltere Versmaße ein. Infolge dieser Entdeckungen hat die Beurteilung der griechischen Lyrik eine vollkommene Umbildung erleiden müssen, und wir wissen jetzt, daß dasjenige, was unsere Schulmänner bewundern, bloß das Skelett des einstens blühenden Körpers darstellt. In einem Maße, wie es uns noch immer nicht recht ins Bewußtsein eingedrungen ist, umgab und begleitete die göttliche Kunst der Töne das täg-

298 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom.

liche Leben der Griechen. Die Worte Homer's werden Ihnen erinnerlich sein über den „göttlichen Sänger“:

den der Gott zu Gesange begeistert,
Daß er erfreut, wie auch immer das Herz zu singen ihn antreibt.

So innig ist das Verhältnis der Hellenen zu der Kunst der Töne, von der Plutarch sagt, „sie gieße harmonische Ruhe bis in das Innere der Seele“! Der hellenische Dichter war ein   S ä n g e r,   kein Literat.
    Nun werden Sie allerdings in jeder Literaturgeschichte der Griechen nebst Epos, Drama und Lyrik eine zweite Dreiteilung finden, welche der eigentlichen Buch-Literatur verwandter erscheinen mag; sie betrifft die Arbeiten in Prosa und umfaßt die Abteilungen Beredsamkeit, Philosophie, Geschichtsschreibung. Zunächst fällt die Beredsamkeit aus unserer Betrachtung ganz weg: Oratorik ist das antipodische Gegenteil von Schrifttum. Die hohe Blüte der mündlichen Beredsamkeit in Athen und Rom genügt zum Beweise, daß das „Buch“ noch nicht existiert, und ich erblicke ein vorverkündendes Zeichen der neuen Zeit, wenn der Apostel Paulus an die Korinther schreibt: „Ich komme nicht zu euch als Meister der Rede.... mein Wort und Verkünden steht nicht auf Überredungskraft...“ Die Philosophie aber — wie oben bereits gezeigt — wenn sie, wie bei Plato, schöpferisch verfährt, ist weit mehr als ein „Buch“, und sonst ist sie Wissenschaft (wie bei Aristoteles); ein „Buch“ kann sie erst dann werden, wenn sie lediglich Geschichte wird — wofür es aber im Altertum kein Beispiel gibt. Einzig Geschichtsschreibung bleibt uns also in Betracht zu ziehen. Hier könnten nun bei einem so ungeheuer begabten Volke die Erwartungen hochgespannt sein; denn in einem gewissen Sinne ist jedes echte Buch „Geschichte“, da es nur ein echtes Buch ist, insofern es rein menschliche Tatsachen und Belange in Betracht zieht. Die Antwort auf unsere Erwartungen erhalten wir aber sofort, wenn wir erfahren, daß inmitten des überreichen geistigen Lebens der Glanzzeit überhaupt nur drei Namen in Betracht kommen, woraus unwidersprechlich hervorgeht, daß wir hier Ausnahmeerscheinungen zu erblicken haben, die ins Leben des Volkes nicht eingreifen, keinem Bedürfnis entsprechen und darum auch selber keine Förderung ihrer Leistungen erfahren; dies wurde

299 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Herodot).

erst anders, als die Griechen die Taten der Römer am eigenen Leibe erfahren hatten, wodurch in ihnen ein lebhafter Sinn für Geschichte geweckt worden zu sein scheint. Von den drei — Herodot, Thukydides und Xenophon — entspricht außerdem nur der Eine den Erwartungen, die wir an griechische Genialität knüpfen würden. Mit einem der genauesten Kenner des gesamten hellenischen Schrifttums, zugleich wohl der geistvollste, der je gelebt hat, Thomas de Quincey, erachte ich den Ruf, den Thukydides von der Schule her genießt, für übertrieben; de Quincey urteilt über ihn: „Wenn er wirklich die Wahrheit berichtete (was nicht der Fall ist), er könnte nicht langweiliger und nichtiger sein“. Xenophon freilich ist ein anderer Mann, doch sehr ungleich und nur dort interessant, wo er als Chronist selbsterlebter interessanter Begebenheiten auftritt. Groß — ja echt hellenisch überschwenglich groß — ist Herodot allein, der den Titel „Vater des Buchschreibens“ verdienen würde, wenn er Nachfolger gefunden hätte. So aber steht er eigentlich bis in unsere Zeit hinein vollkommen einsam da; darum auch unverstanden, mißverstanden, gepriesen für seine Schwächen und getadelt, wo seine prophetische Genialität, von unbegreiflicher Ahnungskraft beflügelt, kommenden Jahrtausenden vorauseilte. Auch hier hat de Quincey sich ein wahres Verdienst erworben, namentlich, indem er aufmerksam macht, das Wort   H i s t o r i a   sei bei Herodot niemals im Sinne unseres heutigen Begriffes von „Geschichte“ aufzufassen und wiederzugeben; der wahre Titel seines Werkes — wodurch zugleich dessen Absicht, Ziel und Bedeutungskreis angegeben werden — laute: des Herodot's Erforschungen, Untersuchungen, Fragestellungen. Mutatis mutandis, hat Herodot für seine Zeit und für die Geistesrichtung seines Volkes etwas ähnliches leisten wollen wie Alexander von Humboldt mit seinem Kosmos für unsere Tage und für unsere Rasse. Auf die täglich höher geschützte Zuverlässigkeit Herodot's gehe ich hier nicht näher ein, da dies zum Zusammenhang des vorliegenden Briefes nicht gehört. Jedenfalls bleibt dieser eine Prosaist auf Jahrhunderte hinaus, bis zu der Zeit, wo die siegreichen Römer aus dem Heldengeschlecht der Hellenen Schulmeister gemacht hatten, der einzige große Buch-Dichter der Griechen — ein ewiges Entzücken für alle Menschen von Geschmack.

300 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Herodot).

    Mit Rom machen wir in einem gewissen Sinne einen gewaltigen Schritt zum „Buche“ hin — er bedeutet aber das Fortschreiten der sinkenden Welle; denn in Hellas hatte man deswegen von einer „Literatur“ keine rechte Vorstellung besessen, weil alle Mitteilung von der lebendigen Stimme ausging: innerhalb der eigentlichen Poesie hatte dort der Fortschritt in einer immer selbständigeren und sozusagen musikalischeren Ausbildung des Gesanges bestanden, und wo nicht gesungen werden konnte — wie in der Philosophie — da wählte mit unbeirrbarer Notwendigkeit das größte Genie, Plato, die Dialogenform, um damit zu erreichen, daß doch gesprochen, nicht bloß geschrieben werde; diejenigen Platonischen Dialoge, die es irgend zuließen, wurden von der atheniensischen Jugend auswendig gelernt und mimisch dargestellt; Euklid, der Mathematiker, verfaßte als Hauptwerk eine Theorie der Tonkunst, und für unseren Herodot bedeutete es die größte Ehrung, wenn Teile seines Werkes bei den olympischen Spielen laut vorgetragen wurden. Von dem allen treffen wir in Rom keine Spur mehr an; geistige Bildung tritt dort spät auf und ausschließlich als Einfuhr aus Griechenland und Besitz einer begüterten Minderheit. In Rom wird die sprachliche Mitteilungskunst der Hellenen zu einer Virtuosität der Buchstaben — darum spricht man jetzt nicht von Poesie, sondern von litera, literae, literator, literatura, und das alles bedeutet in erster Reihe Buchstabenkunde, Sprachkunde, Grammatiker, Sprachkunst. Fast alle römischen Schriftsteller haben in Athen studiert, an ihrer ganzen Bildung ist nichts bodenständig; die Musik lassen sie als ein ihnen fremdes, nichtssagendes Element zurück; ihre Epen sind bestellte Hofdichtungen zur Verherrlichung des Imperiums; ihre Lyrik ist das Bändigen der lateinischen Sprache in Silbenmaße der hellenischen; Kunst ist für sie die Überwindung von Schwierigkeiten: der Lateiner ist Virtuos, nicht Künstler. So blieb denn eine Ausnahmeerscheinung wie Lukretius ohne jeden Einfluß, ja, beinahe unbeachtet; auch Virgil, der helläugige Keltensprößling aus dem Norden, früh aus der angeerbten Umgebung entwurzelt und in die römische Zwangsanstalt überführt, berührt uns Heutige an manchen Stellen eigentümlich heimisch durch plötzliche Einblicke in ein echtes Naturgefühl, wie es keinem Römer eigen, und durch ebenso überraschende Offenbarungen eines uns verwandten Gemütes, das eine Vorahnung des

301 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Herodot - Cicero).

    Weltschmerzes im Busen möglichst sorgfältig verborgen zu halten scheint; erst für uns Nordländer wurde er die magische Gestalt, die das Mittelalter mit seinem Dante als übermenschlich verehrte, wogegen Rom für diese Züge unempfindlich blieb. Stets wird das Höchste nur dort geleistet, wo die Begabung des Einzelnen mit den wahren Anlagen und Gaben des Volkes, dem er entstammt, übereinstimmt; zwei derartige Kreuzungspunkte bietet das römische Schrifttum und leistet dort Unübertroffenes: Cicero und Horaz. Trotz der fremden Bildung schaffen diese beiden Männer ein Werk von echt römischer Originalität und daher von unvergänglicher Bedeutung: bei beiden beruht aber — von unserem Standpunkt aus erblickt — diese Bedeutung vornehmlich auf einer Verneinung.
    Fassen wir zuerst   C i c e r o   ins Auge.
    Die Redekunst ist die einzige Kunst, die Rom mit Griechenland gemeinsam besitzt; sie ist durch die Verfassung des Landes sowie durch den damaligen Stand der Kultur unabweislich geboten; heutzutage, wo das Buch in unserem Leben die Führung übernommen hat, ist das gesprochene Wort von seiner herrschenden Stellung herabgestoßen; damals gab es kein anderes Mittel zu belehren, zu überzeugen und den Staat zu führen. Von Cicero nun lernen wir erkennen, daß der Redner das Gegenteil des Buchkünstlers ist; die beiden Gaben und Bildungsrichtungen widersprechen sich. Cicero ist der typische Advokat und Volksredner mit allen dessen Kniffen und komödiantenhaften Machenschaften. Ein Beispiel. Sie wissen, daß die zweite Reihe der Anklagereden gegen Verres nie gehalten wurde, da dieser gleich nach der ersten Gerichtssitzung, die Verurteilung voraussehend, geflohen war; es handelt sich also um die schriftlichen Entwürfe für auswendig zu haltende Reden. In der vierten, welche die gewaltsame Entwendung vieler kostbarer Kunstwerke aus Sizilien behandelt, hat Cicero Werke des Praxiteles, des Myron und des Polyklet, als von Verres gestohlen, anzuführen; die beiden ersten nennt er; vor dem letzten Namen aber stockt er und sagt, er sei ihm entfallen: sed earum artificem quem? quemnam? Dann plötzlich wendet er sich nach irgendeiner Richtung hin, als wäre ihm von dorther aufgeholfen worden, und ich sehe von hier aus die verbindliche Verbeugung und die ausgestreckte — gleichsam

302 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Herodot - Cicero).

auffangende — Hand, indem er die Worte ruft: „Habt Dank! ja, du hast recht, Polyklet heißt er!“
    Das erinnert mich an eine eigene Erfahrung. In der philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien hielt der als gewandter Redner gepriesene Baron von Berger einen Vortrag über Nietzsche; ohne alle oratorische Emphase sprach er im Tone einer echten „Causerie“; kein Zuhörer konnte zweifeln, es rede, wie der Augenblick es ihm eingebe, ein Mann, der den Gegenstand vollkommen beherrsche, und um so stärker wirkte es, wenn dann doch hin und wieder der Entwickelung Lauf den Vortragenden zu höherer Beredsamkeit hinriß. In einem solchen Augenblick staute einmal der Rede Fluß, bis er schließlich stockte: dem von seinem Gegenstande Hingerissenen fehlte der Ausdruck, der seiner Absicht genau entsprochen hätte; er schwieg, den rechten Daumen hielt er an den Nasenflügel gedrückt in einer zwar nicht schönen, aber eindrucksvollen Stellung, von der ich mir sofort einbildete, sie müsse auf antiker Tradition beruhen, die Augen blickten aufwärts, als ob sie Hilfe von den Göttern erhofften; mir fielen Goethe's Worte ein:

Mag man ferner auch in Blicken
Sich rhetorisch gern ergehen,

ganz leise flüsterte er: „Wie soll ich denn sagen?“ Und richtig, als hätte Zeus einen Blitz mit dem gesuchten Worte herabgeschleudert, fiel es dem Redner ein, der mit einer plötzlichen Wendung des Körpers und einer heftigen Armbewegung uns gespannt Harrende an seiner glücklichen Eingebung teilnehmen ließ. Etwa zwei Monate später sah ich an anderem Orte einen Vortrag von Berger — und zwar wiederum über Nietzsche — angezeigt und eilte hin, erfreut, den geistvollen Mann noch einmal dieses Thema behandeln zu hören und zwar gewiß von einem wesentlich verschiedenen Standpunkte aus, da es diesmal nicht einer Versammlung gelehrter Akademiker galt, sondern irgendeiner Art Frauenverein. Wer malt mein Erstaunen, als ich die stereotype Wiederholung des selben Vortrages vernehme, genau im gleichen Plaudertone, mit genau den gleichen Augenblicken des Zögerns, des Vorauseilens, des Einhaltens und der Rückkehr zu einem in der Hitze der Improvisation verlassenen

303 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Cicero).

Thema? Und richtig! an dem gleichen Höhepunkt staut wieder der Redefluß, der Daumen fliegt wieder an den Nasenflügel, die Augen flehen himmelwärts, und:

................swift
As meditation and the thoughts of love

kommt der erlösende und bei den lauschenden Schönen frenetischen Beifall „auslösende“ geniale Einfall.

    Diese Auffassung der Redegabe als Kunst zu überreden, und sei es auch durch List und durch Überrumpelung, ist ein Erbe aus der alten Zeit, wo der „süße Pöbel“ — der Demos — die Entscheidungen in der Hand hielt und man deswegen auf geistige Indianerkniffe angewiesen war; wie denn Cicero tatsächlich empfiehlt, „causam mendaciunculis adspergere“ (die Darstellung mit Lügen auszuschmücken); jedem Mann von Kultur ist ein solches Verfahren heute zuwider. Das „Buch“ hat uns sofort nach Erfindung des Druckes — man beachte nur Luther's umstürzende Wirkung, die ohne das Buch nicht zu denken gewesen wäre — der Wahrheit einen gewaltigen Schritt entgegengeführt: wer etwas zu sagen hat, kann sich eine unbegrenzte Zuhörerschaft aussuchen und findet sich befreit von der physischen Tyrannei einer lauschenden, rauschenden, die Vernunft mit Unvernunft unterbrechenden Menge. Eine wichtige Gegenwirkung hiervon ist aber, daß wir heute von der gesprochenen Rede fordern, sie solle reine, wahrhaftige   R e d e   sein, und das heißt spontan, aufrichtig, ein Spiegel des Augenblicks, wie dieser sich in der Seele des Redners malt. In diesem Zusammenhang verdient es Beachtung, daß in dem ältesten, erfahrensten Parlament der Welt ein altes Hausgesetz den Gebrauch schriftlicher Notizen verpönt und dem Mitglied, das etwa heimlich abliest, sofort das Wort entzieht. Man kann sagen, wir halten heute das gesprochene Wort höher als dazumal, wo es für eine höchste Kunst galt, und wir schätzen einzig denjenigen Redner, bei dem Herz und heilige Überzeugung zu Worte kommen. Sie können die Anklagerede des großen Burke gegen Warren Hastings lesen, und Sie werden keinem einzigen ciceronianischen Kunststück begegnen. Dieser heutigen Auffassung hat Pascal in dem Wort Ausdruck verliehen: „La vraie éloquence se moque de l'éloquence“ (die wahre Beredsamkeit spottet aller Beredsam-

304 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Cicero).

keit). Wer wissen will, was heute eine große Rede heißt, der schlage, wo es ihm beliebt, in Bismarck's gesammelten Reden nach und lasse sich von denen, die es erlebt haben, erzählen, wie der gewaltige Mann stotternd und gleichsam zaghaft tastend, als traue er der Sprache nicht die Fähigkeit zu, das auszudrücken, was ihm die Seele erfüllte, seine großen Reden anzuheben pflegte, bis der Gegenstand sich seiner bemächtigt hatte und — indem der flüchtige und von tausend Trivialitäten und Erbärmlichkeiten eingehegte Augenblick sich rückwärts und vorwärts über die Zeiten ausstreckte und unvergängliche historische Bedeutung gewann — er nunmehr Worte und Redeaufbau fand, ohne sie gesucht zu haben, und zwar solche, die kein Orator, heiße er, wie er wolle, aus klug kombinierender Kunsttechnik je hätte finden können: das nennen wir heute groß reden!
    Hier nun knüpft sich wie von selbst eine wichtige Bemerkung über Cicero an.
    Wie Sie wissen, hat der berühmte Redner uns außerdem eine Reihe von Büchern hinterlassen, deren Verdienst um die allgemeine Bildung des späteren Europa man nicht in Abrede zu stellen braucht, wenn man auch zugleich ihren Einfluß — dank dem System der sogenannten „klassischen“ Bildung — namentlich auf die Länder lateinischer Zunge für verhängnisvoll erklärt; denn es sind schlechte Bücher: eine zusammengetragene, ungesichtete Weisheit, phrasenreich, ohne Kritik, ohne Originalität, ein ewiges Muster für Schularbeiten, die des inneren Zwanges und der Geistesnötigung entbehren. Eine glänzende Ausnahme aber gibt es, die das Gesagte nur um so deutlicher hervortreten läßt; sie zeigt uns nämlich Cicero als Buchverfasser an einem Gegenstand arbeitend, der sein Herz in Mitleidenschaft zieht und wo der vollkommen beherrschte Stoff ihn trägt: ich meine das De Oratore. Höchst beachtenswert ist die Art, wie der sonst mit vollendeter Klugheit berechnende Anwalt hier über sich selbst hinausgeführt wird, wobei er Dinge sagt, die seinen eigenen sonstigen Lehren und Auffassungen widersprechen. So schilt er z. B. die hellenische Beredsamkeit, aus der er selber hervorgeht, indem er aufmerksam macht, ihren Zweck bilde eher die Freude am Zanken als die Liebe zur Wahrheit (contentionis cupidiores, quam veritatis). Die Begeisterung (ardor amoris) preist er im Gegensatz zu dem berechneten Spiel einer technischen Wort-

305 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Cicero - Horaz).

gewalt! Ja, er preist sogar, im Gegensatz zu dem ausgearbeiteten geschmückten Stil seiner eigenen Reden ein genus enucleatum, also einen kernhaften, zusammengedrängten, auf die Sache beschränkten Stil, wie wir ihn etwa Goethe zusprechen. Auffallend ist es, daß diese Entäußerung des eigenen Selbst dadurch gelingt, daß er alle diese schönen Sachen in den Mund Mark Anton's des Älteren (Großvaters des Triumvirn) und des Licinius Crassus legt, die er in früher Jugend gehört haben wird. Man hat bisweilen den Eindruck, als verdamme er geradezu die eigene Redekunst: so z. B. bezeichnet er die Redner, die — wie Cicero selber und Herr von Berger — bis aufs I-Tüpfelchen vorbereitet auftreten, um dann facillime atque ornatissime zu reden, kurzweg als „freche Menschen“ (impudentes); wogegen der wahrhaft große Redner, wenn er das Wort ergreifen soll, „erblasse und an allen Gliedern zittere“: dies komme zwar bei wenigen vor, doch alle übrigen — Crassus wiederholt es ein zweites Mal — nenne er Frechlinge, und er wünscht, sie für ihren Dünkel bestrafen zu können.
    So sehen wir denn Cicero auf eine künftige Redekunst hinweisen, und zwar in einem spontanen, an vielen Orten hinreißenden Buche, das als eine übermäßige, geniale Leistung anerkannt werden muß.
    Ein Phänomen für sich, ohne irgendeinen Vergleich in der mir bekannten Geschichte des Menschengeistes, bildet   H o r a z.   Durch eine geheimnisvolle Verkettung von Umständen ist in diesem einen Falle der Philister Dichter geworden — nicht etwa nach der bekannten Art derjenigen, die am Sonntag den Pegasus zu besteigen sich unterfangen, vielmehr mit einem stolzen Bekenntnis zur „goldenen Mittelmäßigkeit“ (um sein eigenes Wort zu gebrauchen) und mit dem unerschütterlichen Vorsatz, ohne der ihm von der Natur angewiesenen Welt der Nüchternheit zu entschweben, durch Fleiß (operosa carmina fingo), Geduld, Strenge, technische Vollendung die Stufenleiter weltbezwingender Meisterschaft zu ersteigen: das ist ihm geglückt. Dies setzt bewunderungswerte Gaben voraus; wer das nicht anerkennen will, verdammt sich zur Verständnislosigkeit. Auf folgende Einsicht kommt es an: in Horaz erleben wir das bemerkenswerteste Beispiel der coincidentia oppositorum (les extrêmes se tou-

306
V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Horaz).


chent); das Nicht-Genie erreicht in diesem Manne einen solchen Grad der Vollkommenheit in der bewußten, formvollendeten Darstellung der eigenen antigenialen Seele, daß es dem wahren Genie täuschend ähnlich sieht, und in der Tat, in seiner Eigenschaft als Gegenstück, ihm in einem gewissen Sinne, wenn auch unverwandt, dennoch durch Analogie vergleichbar erscheinen muß. Er selber hat diese seine Stellung im Reich des Geistes genau erkannt; er gesteht, die Leidenschaft „blähe seine Segel nicht auf“, noch brauche „er gegen den inneren Dämon anzukämpfen“; ihm sei die Stelle angewiesen „als Letzter der Ersten und Erster der Letzten“:

Extremi primorum, extremis usque priores.

Daß einer so hervorragenden Begabung auch wirklich poetische Schönheiten, die mehr als bloße technische Bewältigung schwerster Silbenmaße, mehr als bloße Wortkunststücke sind, hin und wieder unter die Feder kommen, kann nicht wundernehmen; ich brauche Sie bloß an die Ode auf das Schiff des Virgil zu erinnern. Und dennoch, je öfter ich diese Ode lese, um so mehr drängt sich mir der Eindruck auf, daß hier — wie in anderen ähnlichen Fällen — das verschlungene Versmaß und die Freude über eine bloße Klangwirkung den Dichter zur Untreue gegen seine ursprüngliche Absicht verführt hat: er wollte ein Gebet für seinen dem trügerischen Element anvertrauten Freund schreiben, bald aber, von dem Rhythmus des Versmaßes hingerissen, langt er bei dem unversöhnlichen Gotte an, der mit Blitz und Donnerkeil das wider seinen Willen erschaffene Menschengeschlecht zu zerstören beschließt, und er findet nicht mehr zurück. Unwillkürlich fallen einem dabei seine Worte ein: Me pedibus delectat claudere verba, meine Freude ist es, Worte in Versfüße einzuschließen. An schönen Sentenzen fehlt es freilich nicht, wenn auch jede Vergleichung die poetische Dürre des Lateiners empfinden läßt. Wie verblaßt der an sich schöne Vers:

Quisnam igitur liber? Sapiens, sibi qui imperiosus,

wenn wir daneben halten:


Von der Gewalt, die alle Wesen bindet,
Befreit der Mensch sich, der sich überwindet!

307 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Horaz).

Doch im großen und ganzen ist für Horaz bezeichnend, daß er sich auf das Alltägliche beschränkt, auf die Gedanken und die Gefühle — beileibe nicht des Volkes —‚ sondern eines gebildeten, in möglichster Ruhe, ohne jede überflüssige Erregung verschnaufen wollenden Mittelstandes; er ist der Dichter der Bourgeoisie. Gerade hierin liegt ohne Frage das Geheimnis der unvergleichlichen Wertschätzung, die Horaz seit jeher bei vielen Tausenden genießt. Mit der „Horatii curiosa felicitas“ hat er es verstanden, der besonderen „Weltweisheit“, dem „common sense“ aller „klassisch“ gebildeten, leidlich redlichen, klug strebsamen Mittelmäßigen Ausdruck zu verleihen. Männer, die völlig unfähig sind, sich bei Goethe's Aeolsharfen, bei seinem Mai, bei seiner Harzreise im Winter usw. irgend etwas zu denken, geraten in Entzücken, wenn sie ihre eigenen landläufigen Halbgedanken durch lapidare lateinische Fassung zu monumentalen Sentenzen geadelt, aus ihrem teuren Horaz anführen können. Ich besaß einen lieben französischen Freund — Jesuitenschüler, Skeptiker, Staatsanwalt, Weltmann —‚ der Horazens Oden und Satiren in seinem Meßbuch eingebunden mit in die Kirche nahm: mir ist dieser Fall Symbol geblieben für die Bedeutung des Horaz innerhalb unserer angeblich christlichen Zivilisation.
    Daß die Geschichtsschreiber Roms zum Werden des „Buches“ das ihrige beitragen, bedarf nicht der Versicherung; bildet doch, wie wir gesehen haben, Geschichte — erlebte oder erfundene — in irgendeiner Gestalt des wahren Buches eigentlichen Grundstoff; und beabsichtigte ich, eine Literaturgeschichte zu schreiben, ich könnte mir eine zweckmäßige Gruppierung denken, indem ich die dem Cicero nachstrebenden Geschichtsschreiber — wie Livius — von denen unterschiede, denen die gedrungene, aus gewichtigen Worten zusammengefügte Sprache des Horaz zum Leitstern dient und unter denen Tacitus die Nebenbuhler weit überragt. Doch steckte ich mir gottlob ein weit bescheideneres Ziel: Ihnen nur von   m e i n e n   Büchern zu erzählen, d. h. also von solchen, die mir entweder ans Herz gewachsen sind oder in irgendeiner Weise zur Ausbildung oder Bereicherung meines Geistes beigetragen haben — und zu diesen, das muß ich offen gestehen, kann ich die römischen Historiker nicht rechnen. Teils mag dies an mir liegen, da die jugendliche Begeisterung mich

308 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Caesar, Tacitus).

andere Wege führte, und dann, als reiferes Alter den Umblick und Rückblick von gewonnener Höhe aus gestattete, ich die Welt des kaiserlichen Roms so unermeßlich fern abliegend von allem fand, was meine Welt ausmachte, daß es mir — trotz Gibbon und Mommsen — nie recht gelingen wollte, mich damit zu befreunden. Das frühe Rom, in seiner männlichen Urkraft, mit seiner Heilighaltung des Weibes und dadurch zugleich der Familie und seinem genialen Schöpfersinne — ja, jenes Rom sprach wohl zu meinem Herzen und zu meinem Verstande; wer die Grundlagen gelesen hat, weiß es; ein Kennzeichen jenes Rom ist aber seine Abneigung gegen alles, was Bildung oder gar Literatur heißen kann! Wer scharf und tief blickt, wird geneigt sein, die gesamte Literatur Roms — wenn nicht gerade als eine   E r s c h e i n u n g   des Verfalles — so doch, selbst in seinen bedeutendsten Erzeugnissen, als ein   S y m b o l   des Verfalles zu betrachten. Nicht allein ist der griechische Einfluß von Anfang an und noch bis zu allerletzt maßgebend, so daß eine echte, ungezwungene Originalität auch bei den Bedeutendsten nie rein zum Ausdruck kommt, woraus ein Mangel an Spontaneität erfolgt, der selbst auf denjenigen Leser, der sich dieses Umstandes nicht bewußt wird, lähmend wirkt, sondern es lastet auf diesem Schrifttum eine gewisse Fremdheit, Künstlichkeit, Gewaltsamkeit. Die römische Sprache hatte eben — ehe man in ihr zu schreiben begann — eine lange, den Zwecken dieses Volkes genau entsprechende Entwickelung durchgemacht und Eigenschaften auf diesem Wege gewonnen, welche sie immer ferner ab von aller Eignung zu Poesie, Philosophie und jeder Seelenschilderung führte. Außerdem aber wirkten im selben Sinne der Charakter und die Gemütsart der chaotischen Bevölkerung des späteren Rom (in- und außerhalb der Hauptstadt) — einer Bevölkerung ohne Ideale, ohne Zartsinn, ohne Vaterland — denn Rom war nur noch ein Name für despotische Weltpolizei — und ohne Religion — an deren Stelle Aberglaube und Magie, gemeinster Priesterbetrug und semitischer Orgiasmus herrschten und damit jede Möglichkeit gesunder, ruhiger, tagheller Bildung zerstörten. Wie hätten die Historiker sich einem derartigen Drucke entziehen können? Immer wieder kam Anregung und Erfrischung aus Griechenland — man denke nur an Polybius, den klaren, an meinen teuren Dionysius von Halicarnaß, an Dio-Cassius und gewiß

309 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Caesar - Tacitus).

noch viele, die mir Unbewandertem aus dem Gedächtnis geschwunden oder nie bekannt geworden sind; die meisten sind ja ohnehin in den Stürmen der Zeit spurlos untergegangen; soviel haben jedoch unsere Gelehrten feststellen können, daß die römischen Geschichtsschreiber die Auffassungen und die architektonischen Anordnungen der Griechen sich ohne weiteres aneigneten und aus ihren Schriften — wie übrigens auch voneinander — seitenweise abschrieben, ohne sich genötigt zu fühlen, die fremde Quelle anzugeben. Hier will ich Ihnen nur kurz sagen, daß mir Barbaren bloß zwei dieser vielgepriesenen und zumeist ebenso unzuverlässigen wie langweiligen Schriftsteller den dauernden Eindruck einer geistbereichernden Bedeutung hinterlassen haben, wenn ich auch keinen von beiden mit einem Herodot in einem Atem nennen würde: Caesar und Tacitus.
    Über den sachlichen Wert der Schriften   C a e s a r 's   ist hier kein Wort zu verlieren; Napoleon's hohe Schätzung wird Ihnen bekannt sein. Was den Stil im engeren und den Buchwert im weiteren Sinne anbetrifft, so glaube ich den Kern zu treffen, wenn ich sage: ihre Vorzüglichkeit liegt darin begründet, daß Caesar sich in Gedanken und Ausdruck auf die gegebenen Möglichkeiten des natürlichen, gesunden römischen Denkens und Redens einschränkt. Dinge und Handlungen: diese beiden machen den gesamten Inhalt aus; das entspricht mit mathematischer Genauigkeit dem Geiste der lateinischen Sprache. Das veni, vidi, vici stellt ein übertriebenes Beispiel dar, nichtsdestoweniger ein bewundernswertes, in welchem die dem Römer gutliegende — weil durch so viele Taten gerechtfertigte — Fanfaronade unnachahmlichen Ausdruck gewinnt. Ich fordere Sie auf, eine beliebige Seite bei Caesar auf das Verhältnis der Zahl der Nennwörter und der Zeitwörter zu den anderen Wörtern zu prüfen: Sie werden schwerlich irgendwo Ähnliches finden, in modernen Sprachen sicher nirgends. Gestatten Sie mir also, die ketzerische Meinung offen auszusprechen, daß ich Caesar's Latein nicht allein für das klarste und darum auch verständlichste halte, sondern auch für das der Volksseele und dem Sprachgeist angemessenste. Hier stimmt alles zueinander, auch das Ziel zu den Mitteln; daraus erfolgt die Harmonie der Schönheit.¹)
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    ¹) Montaigne urteilt über Caesar's Stil: „une façon de dire si pure, si délicate et si parfaite qu'à mon goût il n'y a aucuns écrits au monde qui puissent être comparable aux siens en cette partie.“ (Essais, Buch 2, Kap. 34.)

310
V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Tacitus).


    Für mein Empfinden besteht eine Art Parallelismus — der die Gegensätzlichkeit in sich schließt — zwischen   T a c i t u s   und Caesar. Einhundertundfünfzig Jahre, innerhalb welcher, nebst der ungeheuren Umwälzung aller öffentlichen Zustände, die ganze sogenannte „klassische“ Sprache und Literatur aufgekommen war, trennen den einen Mann von dem anderen; es trennt sie Geburt, Schicksal, Begabung; nichtsdestoweniger erleuchtet es unser Urteil bedeutend, wenn wir gewahr werden, daß Tacitus sich — an seinem Orte — von einem Ideal des lateinischen Sprachausdruckes leiten läßt, das, trotz allem Unterschiedlichen, dennoch Verwandtschaft zeigt. Die Knappheit des Lapidaren — d. h. des Inschriftmäßigen —‚ die Art, einem Worte an Bedeutungsfülle aufzuladen, was es nur irgend tragen kann, das Satzgefüge ein Knochenbau mit wenig Weichteilen, die Gedankenfolge unvermittelt: das alles ist beiden gemeinsam. Freilich, was bei dem Einen durchsichtige Klarheit bewirkt, führt bei dem Anderen häufig zu rätselvoller Dunkelheit; die Sprache selbst ist eben inzwischen gesteigert und verkünstelt worden, und diesem veränderten Sprachgenius entspricht die veränderte Seele des Buchverfassers: an Stelle des vorangegangenen „morgendlichen“ Tatenmenschen, sieggewohnt, durch Geburt und Gaben zum Beherrscher der Welt auserkoren, die Seele voll Pläne für eine strahlende Zukunft, jetzt der Beobachter und Denker in reifen Jahren, das Gemüt erfüllt und erschüttert von den ungeheuerlichen Geschehnissen und von der schwindelnden Schnelligkeit und Unabwendbarkeit des sittlichen Verfalles im ganzen Staats- und Volkswesen, das prophetische Gemüt mitten im Taumel allseitiger Selbstbewunderung ahnungsvoll den Untergang des Reiches, wenn nicht gar die chaotische Auflösung der Menschheit überhaupt in zuchtlose Bestialität voraussehend, dazu als einziger Lichtblick die ferne Hoffnung auf irgendeine unerkennbare Erlösung durch die wilden Barbaren aus dem Norden: wahrlich, die beiden Männer bedurften verschiedener Sprachen zur Widerspiegelung dessen, was in ihrer Seele vorging! Nicht ganz unrecht kann man dem Kritiker geben, der es kühnlich unternahm, zwischen Tacitus und Carlyle einen Vergleich zu ziehen; wer den meinigen mit Caesar ergänzend dazu hält — wie Ordinate zu Abszisse —, wird eine ziemlich genaue Vorstellung des geistigen „Ortes“ ge-

311 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Apulejus).

winnen, wo der bedeutende römische Historiker am literarischen Himmel steht.
    Nicht lange nach Tacitus hörte die Herrschaft des alten Latein auf, das unfähig war, den Bedürfnissen der das Christentum gebärenden neuen Welt zu entsprechen: assonierende und sogar reimende Dichter deuten auf das wiedererwachende Bedürfnis nach der von Roms herber, kunstfeindlicher Gemütsart gemordeten Musik, und Kirchenväter — allen voran der feurige Tertullian — arbeiten daran, einer neuen Begriffs- und Gefühlswelt aus Jurisprudenz und übertragenem neutestamentlichen Volksgriechisch Ausdrucksmöglichkeiten zu schaffen. Die elocutio novella ist im Werden, die dann hinüberführt zu den Dialekten, aus denen mit der Zeit das Italienische, das Spanische, das Französische entstehen.
    Nicht unerwähnt möchte ich ein Werk lassen, das, ein Vorbote dieser Wandlung, schon recht ausgeprägt die Kennzeichen dessen trägt, was wir Neueren unter einem „Buch“ verstehen, ja, in mancher stilistischen Beziehung für einen Vorläufer des Cervantes gelten könnte: ich meine den Goldenen Esel des   A p u l e j u s.   Die darin vorkommende episodische Erzählung von Amor und Psyche genießt zwar Weltruf; diese Episode gewährt aber von dem Charakter des Buches keine Vorstellung, schlägt vielmehr in ihrer Lehrhaftigkeit und mythologischen Färbung aus der Art des übrigen, in welchem wir — wie vielleicht an gar keinem anderen Orte — eine eingehend genaue, unglaublich mannigfaltige und dadurch reiche, fesselnde, unauslöschliche Vorstellung von dem Leben und Treiben im römischen Kaiserreiche unter den verschiedensten Ständen und in verschiedenen Provinzen gewinnen, namentlich aber von jenem inneren Leben, das wir unter die Begriffe Aberglauben, Magie-Glauben, Religionsglauben zusammenfassen können. In letzterer Beziehung erleben wir hier einen wahren Hexensabbat und begreifen Goethe's Worte in der klassischen Walpurgisnacht:

Absurd ist's hier, absurd im Norden,
Gespenster hier wie dort vertrackt,
Volk und Poeten abgeschmackt.

Und lernt man nun nach den bestialischen Superstitionen des gemeinen Volkes die Heucheleien, die Grundnichtigkeit auch der


312 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Apulejus - Plutarch).

reineren Mysteriendienste kennen — welche im tiefsten Grunde mit dem gröbsten Magie-Aberglauben identisch sind, nur ins Anständige und entsprechend Verblaßte übertragen, so empfindet man etwas, was kein gelehrtes Geschichtswerk übermittelt: nämlich die gähnende Leere, welche die Seelen der damaligen Menschen erstickend wie eine sauerstofflose Luft umgab, eine Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit, der unbedingten Zwecklosigkeit alles Lebens und Tuns; mancher Leser lernt hier zum erstenmal ahnen, was es für diese armen, von allen guten Geistern verlassenen Menschen hieß, die christliche Botschaft — und sei es auch in noch so verzerrter Gestalt — zu vernehmen.
    Gerade dieses Buch bleibt merkwürdig wenig bekannt; selten traf ich einen Gebildeten, der es gelesen hätte, bin dagegen öfters Philologen begegnet, die mir gestanden, es nie in Händen gehalten zu haben. Vorgeworfen werden ihm einzelne unzüchtige und derbe Stellen, wo Apulejus, wenngleich kein Mazedonier, „einen Spaten einen Spaten nennt“; dieser Vorwurf nimmt sich sonderbar aus bei einem Geschlecht, dessen Tagesliteratur vor keiner Unanständigkeit zurückscheut und das auf der Bühne sich von den beherrschenden Juden Dinge bieten läßt, vor denen ein ehernes Standbild erröten würde; wogegen Apulejus, wo er am derbsten spricht, die ironisierende Geißelung heuchlerischen Getues im Sinne hat und über seine üppigen Szenen einen Geist der Schönheit ausbreitet, der uns mit Neid auf ein ewig Vergangenes zurückblicken läßt. In Wirklichkeit gibt er weniger Ursache zum Anstoß als die französischen, deutschen und englischen Autoren des 18. Jahrhunderts. Von den mir bekannten Übersetzungen — denn das Original-Latein ist unsereinen stellenweise sehr schwer — empfehle ich Ihnen namentlich die ungekürzte deutsche von August Rode, die ich in einer Ausgabe vom Jahre 1783 besitze.
    Da ich mich nicht sklavisch an die Chronologie gebunden habe, ließ ich bis jetzt einen Namen unerwähnt: den des Gräko-Lateiners Plutarch. Kein anderer ist von dem seit der Erfindung der Druckerkunst literarisch aufblühenden Europa so völlig assimiliert worden; von Montaigne bis Shakespeare — und d. h. auf der ganzen Breite der Entwickelungsfront — und von diesen an bis zu Schiller und Richard Wagner: unter allen Menschen regen Geistes lebt dieser

313 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom (Plutarch).

Eine aus dem Altertum unter uns als einer der unsrigen — nicht hinter einem Vorhang von Schulgelehrsamkeit. Emerson hat ein hübsches Wort: „Geht mit Leuten gewöhnlichen Schlages um, und Ihr werdet das Menschenleben gemein finden. Dann schlagt Plutarch auf! Sofort wandelt sich die Welt in einen stolzen Aufenthalt, bevölkert von Menschen, die alle etwas zu bedeuten haben, und rings um uns herum stehen Helden und Halbgötter, deren Bilder unsere Phantasie nachts bevölkern.“ Ich scheue mich nicht, Plutarch's Lebensbeschreibungen als das erste „Buch“ in unserem heutigen Verstande zu bezeichnen; und ich behaupte, seine unvergängliche Popularität sowie die befruchtende Wirkung, die es fort und fort auf unsere besten Männer ausgeübt hat, beruht einfach darauf, daß das Buch — als „Buch“ — ein gutes ist: glücklich konzipiert, planvoll und frei durchgeführt von einem Manne, der eine so deutliche Vorstellung von dem unterscheidenden Wesen und den notwendigen Eigenschaften sowie auch von den möglichen Wirkungen eines wahren Buches besaß, als sei er später als Gutenberg geboren. Immer wieder hat es Fachgelehrte gegeben, bestrebt, uns die Freude an Plutarch zu stören, indem sie ihm mangelhafte Quellenstudien, Gedächtnisschwäche und namentlich sträfliche Leichtgläubigkeit vorwerfen: hiermit wird aber der Kern des Buchwertes keineswegs getroffen; das nicht einzusehen, ist gelehrte Naivität. Ein Buch ist gut, wenn es gut erdacht und geschrieben ist, unvergänglich, wenn hervorragend als schöpferische Leistung; alles weitere ist irrelevant. Die Wahrheit eines Kunstwerkes ist in dem Werke selbst begründet und abgerundet; sie besteht ebenso unfraglich sicher wie der Mittelpunkt eines gegebenen Kreises und bedarf keines Quellennachweises. Daher — weil dem Volk als Ganzem dichterische Kraft innewohnt — der unverlöschliche Wert der Anekdoten, die sich auf große Männer beziehen, ohne daß man je erfahren könnte, woher sie gekommen: in ihnen findet die plastische Vorstellung einer höheren Wahrheit, einer Erkenntnis des innersten Wesens des betreffenden Helden Ausdruck, und es bleibt z. B. vollkommen gleichgültig, ob Galilei das Wort eppur si muove tatsächlich über die Lippen brachte oder nicht: es malt sein Wesen und seine Lebenstat und ist, wenn ich so sagen darf, nur um so wahrer und werter ewigen Gedächtnisses, wenn er es   n i c h t   gesprochen hat. Das gerade sind die

314 V. Mein Buchgaden. Hellas und Rom - Bücher meiner Kindheit und Jugend.

Züge, an denen Plutarch reich ist. Als Dichter-Seher in einer Epoche lebend, wo die glücklichen Menschen noch nicht durch „das Lesen der Journale“ blind, taub und dumm geworden waren, schöpfte der Dichter aus einer dichterischen Umwelt und schuf dadurch für alle Zeiten.
    Mehr sage ich über Plutarch nicht: jeder kennt, jeder liebt ihn.

*

    Der Mensch denkt, Gott lenkt! Unbesorgt, mein lieber Tirala, plaudere ich mit Ihnen, wie der Augenblick mir's eingibt, und entdecke plötzlich zu meinem nicht geringen Schrecken, daß ich mit den Ausführungen, die eigentlich nur zur Einleitung dienen sollten, einen großen Teil des Raumes verschrieben habe, den ich diesem Briefe widmen darf. Um auszukommen, muß ich jetzt das Welthistorische, in das ich hineingeraten bin, aufgeben und mich bescheiden auf das eigene Ich und dessen Lebensweg zurückziehen. An Vollständigkeit — das bedarf wohl kaum der Versicherung — wird nicht gedacht; nur Gipfelpunkte der Erinnerung will ich berühren. Eine wirklich zuverlässige chronologische Reihenfolge wird sich ebenfalls schwerlich erzielen lassen, denn die Bücher sind so wankellos treue Freunde, daß sie — einmal gewonnen — einem stets nahe bleiben und in einem gewissen Sinne alle auf   e i n e   Zeitfläche zu stehen kommen oder, um das Bild besser auszuführen: ich empfinde mich rings umher von einem schützenden Wall lieber Bücher umgeben, der, als stünde ich inmitten einer geistigen Kristallkugel, mir zugleich die ganze Welt zeigt und mich vor ihrer Berührung schützt.
    Wenn ich meine Kindheit bis zum fünfzehnten Jahre rechne (vergl. den Brief an Fräulein Sidonie Peter), so kann ich nur melden, daß ich in dieser ganzen Zeit wenige Bücher zu Gesicht bekam: weder bei meiner Großmutter in Versailles noch später bei meinem Vater in England gab es im Hause eine Bibliothek, kaum daß ein verschlossener Schrank einige Illustrationswerke barg, die hin und wieder an Regentagen herausgeholt wurden. Meine Vorliebe richtete sich ausschließlich auf Feen- und Wundergeschichten, und ich erinnere mich, die Teilnahme an einer gemeinsamen Vorlesung des

315 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

Letzten der Mohikaner am dritten Tage heftig abgelehnt zu haben, um mich zum hundertsten Male an meinen beiden Lieblingsbüchern Tausend und eine Nacht und Gulliver's Reisen zu berauschen. Leider blieb mir die deutsche Märchenwelt — mit Ausnahme des wenigen, was Perrault in französische Sprache und französisches Denken übertragen hat — als Kind unzugänglich; erst in reifen Mannesjahren öffnete sich meinen staunenden Augen das uns von den Gebrüdern Grimm hinübergerettete Phantasieleben des deutschen Volkes: Grimm's Märchen sind mir nie mehr von der Seite gewichen. Vorderhand mangelte mir solche echt poetische, naive, an die arischen Ursprünge anknüpfende Erweckung und Anregung, für welche weder der orientalische Überschwang noch die ironisierenden Satiren des modernen Engländers Ersatz bieten konnten. Und so war ich denn auch auf dem einen Gebiete, wo die Natur mich nach geistiger Nahrung zu suchen trieb, wenn nicht ganz verraten, so doch recht ungünstig geleitet. Wie mein Geschmack sich unter dem Einflusse einer anderen, zu geistiger Regsamkeit mehr aufmunternden Umgebung entwickelt hätte, kann ich nicht beurteilen; doch glaube ich, der Zug, der sich hier bei mir zeigte — nämlich die Neigung, die Bücher eher als Sprungbrett zu Träumereien zu benutzen denn als eigentlicher Bücherwurm sie in Mengen zu verzehren —, muß ein mir angeborener gewesen sein; denn meinen ältesten Bruder (der doch in der gleichen Umgebung aufwuchs) sehe ich stets über Bücher gebückt und sich sogar mit seinem Buch in der Tasche in die Bäume hinauf verkletternd, um der Unterbrechung durch die unten sich tummelnde Kinderschar zu entweichen. Bei mir kam das nicht vor: die wenigen Bücher, die ich liebte, las ich immer wieder und wieder, und es kostete mir Überwindung, mich in neuen zurecht zu finden.
    Für das Verständnis des Wesens eines Menschen ist nichts lehrreicher als die genaue Beobachtung der Anlagen des Kindes, die, noch durch keine Absichten gelenkt und durch keine Selbstzucht gemeistert, sich rein natürlich zeigen; darum weile ich noch einen Augenblick bei diesem sonst so kargen Lebensabschnitt.
    Eine unwiderstehliche Neigung, jeden beschriebenen oder bedruckten Zettel, der mir in die Hände fiel, zu lesen, zeichnete mich frühzeitig aus; sie soll ich, so wurde mir erzählt, von meiner Mutter

316 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

geerbt haben; noch heute, wenn ich allein ausgehe, lese ich alle Plakate, und eine Stunde Wartezeit auf einem Bahnhof gewährt mir reichliche Unterhaltung, bis ich alle Anpreisungen, Warnungen, amtlichen Verordnungen durchstudiert habe; auch in unseren hochlöblichen Zeitungen verwende ich oft mehr Eifer auf die Anzeigen als auf die Leitartikel: selbst jetzt im Kriege, wo ich es meiner Gesinnung schuldig bin, die Deutsche Tageszeitung zu halten, habe ich mich öfters dabei ertappt, die zur Verfügung stehende halbe Stunde mit der Vertiefung in Angeboten von Mastschweinen und Zuchtstieren, von Anstellung suchenden Oberschweizern usw. vertrödelt zu haben. Der Engländer heißt das „desultory reading“ — was durch „flüchtiges Lesen“ nicht wiedergegeben wird, da es mit Aufmerksamkeit und besonderer Eindrucksfähigkeit geschehen kann. Bei mir wuchs es in späteren Jahren zu der Gewohnheit aus, die mir mit Goethe sowie mit Montaigne gemeinsam gewesen ist, viel in Büchern zu blättern, zu suchen, zu nippen — wie Goethe es empfiehlt, „minutenweis in die Bücher hineinzusehen“ — seien es alte Vertraute oder auch Bücher, die ich ganz zu lesen nie die Geduld besäße. Sobald ich beim Schreiben stocke, hole ich mir ein beliebiges Buch herunter, schlage es auf, der Geist findet sich gleich entspannt, der störende Eigenwille wird eingelullt — und plötzlich steigt aus unbewußten Tiefen der gute Gedanke auf.
    Dieser Anlage hält nun eine andere, polar entgegengesetzte das Gleichgewicht; Sie haben sie vorhin bei dem mißlungenen Versuch, mich für die Helden das Kapitäns Cooper zu begeistern, am Werke gesehen: es handelt sich um eine Schwerfälligkeit des Entschließens, um eine Trägheit des Geistes, zugleich um eine Abneigung, für lange auf die eigenen Gedankengänge zu verzichten, um mich in diejenigen Anderer hineinzuarbeiten. Denn, sobald ich mir ein Buch wirklich aneignen will, gebe ich mich dem Verfasser ganz gefangen und identifiziere mich leidenschaftlich mit ihm, bis ich ausgelesen habe — und dies gerade macht mich wählerisch und den Büchern gegenüber besonders empfindlich und unduldsam; keine verlorene Zeit bereue ich mehr als die auf ein unwürdiges Buch verschwendete. Freilich, bei der Unmasse der Bücher, „die weniger als Bücher sind“, nehme ich mit allen irgend erträglichen stilistischen Unzulänglichkeiten fürlieb und übe an den entsetzlichsten Autoren Engelsgeduld

317 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

— da frage ich nur: lerne ich hier etwas? ist der Mann zuverlässig? Aber bei Büchern, die „Bücher“ sein wollen, gilt ein anderes Kriterion; da verstehe ich keinen Spaß, sondern verabscheue geradezu die schlechten, die langweiligen, die talentarmen, die gewissenlos flüchtig aufgezimmerten Bücher — und deren Name ist Legion. Es kommt jedoch, wie oben angedeutet, außer dieser positiven Geschmacksforderung noch eine negativ wirkende Trägheit hinzu: bei Werken der Phantasie sträubt sich mein Geist gegen die zugemutete Bemühung, die erfundenen Gestalten, ihre Umgebungen und Schicksalslagen meinem Denken einverleiben zu sollen; wenn nicht ein Erzähler von der Zauberkraft eines Walter Scott oder der Banngewalt eines Balzac mich sofort unwiderstehlich fortreißt, scheitert jeder Versuch, Romane und erzählende Gedichte zu lesen, und nur dem Zwang einer gemeinsamen Lektüre kann es manchmal gelingen, diesen Stumpfsinn zu besiegen. Ich selber besitze natürlich eine schmeichelhafte Erklärung für dieses Unvermögen und gebe sie Ihnen für was sie wert sein mag: ich glaube, die große Leidenschaftlichkeit, mit der ich lese, hat sich hier eine schützende Vorrichtung geschaffen, mit der sie alles Überflüssige fernhält.
    Es handelt sich bei diesen Dingen nicht um Nebensächlichkeiten, sondern um Grundzüge des intellektuellen Wesens. Manche Leute, die mich sonst gut kennen, irren sich in bezug auf mein Verhältnis zu den Büchern; sie halten mich nämlich für einen allverschlingenden Bücherleser; solcher gibt es viele — namentlich in Deutschland; einen hatte ich in seinen letzten Lebensjahren mit Staunen zu beobachten Gelegenheit, den Byzantinisten Krumbacher: dieser Gelehrte, der ein unübersehbares Spezialfach beherrschte und sozusagen leitete, las außerdem sofort nach Erscheinen jedes Buch von einiger allgemeiner Bedeutung — schöne Literatur, Memoiren, Briefwechsel, Reisen, Politika, Weltweisheit usw. —‚ alles hatte er gelesen, und zwar gut gelesen, wodurch er einen idealen Unterhalter in Gesellschaft abgab. An diesem Beispiel kann ich meine eigene Art aufzeigen, indem sie derjenigen Krumbacher's genau entgegengesetzt ist: von den vielen Büchern aus den Jahren unserer Bekanntschaft, auf die er mir den Mund wässerig zu machen wußte, habe ich bis heute kaum ein einziges gelesen — und zwar trotzdem mehrere sich von selbst bei mir einfanden. Inzwischen habe ich eben immer

318 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

wieder Goethe — diesen vor allem, und zwar in allen den zahlreichen Verzweigungen seines schaffenden und mitteilenden Denkens und Erlebens gelesen, immer wieder mich auf ganze Stunden in jenen herrlichen, so wenig gewürdigten und doch ganz einzigen Schatz, genannt Grimm's Wörterbuch, vertieft, immer von neuem Kant und Plato, Leibniz und Lichtenberg, Gibbon, Carlyle und Treitschke und hundert andere herbeigerufen, wie sie mein eigenes Bedürfnis im Augenblick verlangte, nicht wie der Tag und die geschäftigen Verleger sie boten, — ebenfalls in nie wankender Treue mit Montaigne und Pascal, Balzac und Flaubert, Shakespeare, Rousseau und Sterne gelebt, und nie mich durch Wiederholung ermüdend, hat der edle Ritter von la Mancha — der geliebte, verehrte — meine Augen nach vollbrachter Tagesarbeit an Hunderten von Abenden sanft zugedrückt.... Dazu kommt aber noch ein Wichtigstes, für das gerade Sie, liebster Freund, mir volles Verständnis entgegenbringen werden: wer der Betrachtung und dem Studium der Natur mit Inbrunst ergeben ist, hat nicht die Muße, täglich der sogenannten „Literatur“ Stunden zu widmen, hat auch nicht die Neigung dazu: mir waren neue Beobachtungen von Wiesner, Boveri, de Vries, Uexküll, Bethe, Roux, Wilson, ein neues Lehrbuch von Bunge, Ostwald, Jordan weit anziehender, anregender, die Phantasie angenehmer und ergebnisreicher beschäftigend als die meisten anderen Bücher. Vor allem aber, wieviel Zeit — und namentlich wieviel Besinnen und Bedenken — verlangt die Betrachtung der Natur selbst, wenn ein Mann sich wie ich — und sei es auch nur als Träumer — mit fast allen ihnen Erscheinungen befaßt, wenn er in den besten Jugendjahren ganze Tage und halbe Nächte in Laboratorien zubringt, später noch vielfach mit Skalpel und Mikroskop arbeitet, Pflanzen sammelt, Steine klopft, Spinnen beobachtet und schließlich beim astronomischen Fernrohr anlangt!
    Diesen kleinen Exkurs, zu dem die Kindheitsjahre die unschuldige Veranlassung gaben, lassen Sie mich mit einer ebenso harmlosen Anekdote beschließen, die wieder an den gelehrten Krumbacher anschließt.
    Die erste Begegnung zwischen uns fand unversehens in einem befreundeten Hause, abends, statt; Krumbacher war zuerst von meiner unerwarteten Gegenwart peinlich überrascht; kurz vorher

319 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

war nämlich aus seiner Feder die allererste Besprechung meiner Grundlagen in einer viel gelesenen Tageszeitung, voll Spottes und hochmütiger Ablehnung, erschienen; eine gewisse Befangenheit bedrückte den kleinen Kreis. Da half ein Deus ex machina: alle Lichter erloschen, und wir saßen im Dunkeln! Das elektrische Licht stand erst seit zwei Tagen in Betrieb, daher kannte sich noch niemand im Hause aus: ich ließ mich an die Verteilungstafel führen und ersetzte die abgeschmolzene Sicherung durch eine neue. Nach kurzer Zeit erloschen jedoch die Lichter von neuem; es galt also die Stelle des Kurzschlusses ausfindig zu machen, und auch dies gelang mir zufällig in wenigen Minuten, womit der Übelstand dauernd beseitigt war. Die Wirkung auf Krumbacher war geradezu unbeschreiblich! Ich hätte, wie die Hexe von Endor, den Schatten eines Toten aus dem Hades emporrufen können, seine Verwunderung und seine Bewunderung hätten sich nicht lebhafter äußern können. Mit einem Schlag war ich in seinen Augen ein Zauberer geworden. Namentlich konnte er sich darüber nicht fassen, daß ein Mann, der die Grundlagen geschrieben, auch einen Kurzschluß zu entdecken und zu beseitigen verstünde; und wenn ich ihm mitten im allgemeinen Lachen zurief: „Aber Herr Professor, gerade um eine Menge Kurzschlüsse nach Kräften zu beseitigen, habe ich die Grundlagen geschrieben!“ — versetzte er, zugleich lachend und heftig abwehrend: „Ach, das ist ja wieder eines von Ihren Paradoxen, mit denen Sie mich rasend machen; es kommt doch nur darauf an: sind Sie ein gelernter elektrischer Monteur? und wenn nicht, wie können Sie so etwas verstehen?“... Es war späte Nacht, als wir durch die stillgewordenen Straßen zu zweit heimgingen; Krumbacher hakte bei mir ein, klagte mir sein Leid — die Vereinsamung des Spezialforschers, dessen Leistungen in ganz Europa nur fünf oder sechs meist beschränkte und stets mißgünstige Fachgenossen verstünden, beneidete mich als Polyhistor und versicherte beim Abschied, sein Aufsatz über die Grundlagen wäre anders ausgefallen, wenn die Episode mit dem Kurzschluß statt nachher sich vorher ereignet hätte.....
    Die Moral dieser Anekdote bedarf keiner Auslegung: Sie begreifen, daß ich zu keiner Zeit meines Lebens Bücherwurm sein konnte; auch bei anderen war mir — wie meinem teuren Montaigne

320 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

— von jeher nichts unerträglicher als die „suffisance pure livresque“ (die buchmäßige Selbstgefälligkeit).
    Meiner eigentlichen Kindheit machte das Bekanntwerden mit Shakespeare und der darauffolgende monatelange Rausch ein Ende; in früheren Briefen (vergl. S. 174) habe ich darüber berichtet und will mich nicht wiederholen. Nur das eine sei betont: dieser erste entscheidende Eindruck, den ein Buch vermittelte — wortwörtlich „ein“ Buch, denn ich hatte meinen Finanzen entsprechend mir den vollständigen Shakespeare in einem einzigen kleinen Bande zu einer Mark gekauft — dieser Eindruck verdankte sich, wie Sie sehen, keinem „Buche“ im wahren Sinne des Wortes, vielmehr hatten mir die Drucklettern eine Kunst offenbart, von der ich bisher nichts gewußt hatte — die dramatische, für die mein Gemüt eine besondere Eindrucksfähigkeit besaß. Dieses Erlebnis fand an der Grenze zwischen meinem vierzehnten und fünfzehnten Jahre statt. Erst fünf Jahre später bewegte mich von neuem ein Buch mit ähnlicher Gewalt — und wiederum war es kein „Buch“, sondern „mehr als ein Buch“, nämlich Richard Wagner's Dichtung zu seinem Ring des Nibelungen (vergl. S. 203).
    Zwischen diese beiden Ereignisse fallen die Anfänge meiner Befassung mit Büchern im eigentlichen Sinne des Wortes. Zunächst war die deutsche Sprache, die ich jetzt erst zu lernen anhub, wenig beteiligt; denn mühsame Sprachübungen lähmen jeden Kunstgenuß. Meine Einführung in das „Buch“ fand durch drei angloamerikanische Historiker statt, und kurz darauf in noch bestimmenderer Weise durch einige Franzosen.
    Welcher Zufall mir Prescott's Conquest of Mexico in die Hände spielte, wüßte ich nicht zu sagen; jedenfalls war dieses Werk kaum ein zweites durch die Fülle der abenteuerlichen Ereignisse sowie durch die Aufdeckung einer märchenhaft anmutenden fremden Kultur geeignet, einen phantasievollen Knaben zu fesseln, wie es auch durch wissenschaftliche Begründung und fast homerische Anschaulichkeit der Darstellung die Bewunderung des reifen Mannes fordert. Darauf folgte des selben Verfassers ebenso hinreißende Eroberung von Peru. Heute muß ich lachen, wenn ich mir überlege, daß meine geschichtlichen Kenntnisse mit den zwei entschwundenen Kulturen von Mexiko und Peru ihren Anfang nahmen! Prescott

321 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

führte mich zu Washington Irving, bei dessen Conquest of Granada und Successors of Mahomet mir um so wohler war, als ich mich in der mir heimischen Welt der Tausend und eine Nacht bewegte. Von der weniger gewichtigen Feder Irving's gelangte ich zu dem Studienfreunde und Duzbruder Bismarck's, zu John Motley, dessen Rise of the Dutch Republic zu den wertvollsten Geschichtswerken in englischer Sprache gehört, ein Ergebnis wissenschaftlicher Quellenforschung, zugleich glanzvoll geschrieben. Durch eingehendes und wiederholtes Studium eignete ich es mir gründlich an, zeitlebens blieb mir Motley's Werk besonders lieb.
    An diese aus dem Stegreif unternommenen geschichtlichen Studien des vorher historisch völlig Unbewanderten (vergl. S. 45) schloß sich ein wenig späten die erste Berührung mit Literatur im engeren Sinne des Wortes an, und zwar — wie das dem in Frankreich Erzogenen und damals noch immer das Winterhalbjahr in Frankreich Wohnhaften nahelag — auf dem Wege französischer Autoren. Dies halte ich für ein besonderes Glück, da, wie Goethe sagt, die französische Sprache „alles erheitert, der Betrachtung, dem Verstande entgegenkommt“ und infolgedessen „sich in ihr alles klarer und absichtlicher ausnimmt“. Uns anderen sträubt sich allerdings mit der Zeit die angeborene freie Natur gegen die umhegenden Gebote, die im Französischen nach allen Seiten die Schritte hemmen; doch als Schulung ist selbst dieses von Vorteil, denn es wirkt auf den Geist erziehend wie der Drill auf den Körper; außerdem   b i l d e t   die französische Literatur, indem sie strenge Forderungen des Geschmackes stellt und verschärfte Beachtung aller Einzelheiten fordert; hierdurch gewinnt man die Einsicht, daß bei dem Gestalten eines Buches, wie bei aller Kunst, das Geringste als Teil des Ganzen Sorgfalt verdient. Gar manche Bücher der Franzosen sind arm an Gehalt, sehr wenige sind schlecht gemacht.
    Zufällig war das erste „Buch“, das mir in die Hände fiel, ein winzig kleines, jedoch meisterliches Werk: Xavier de Maistre's Voyage autour de ma Chambre. Ich staune heute, daß ein so fein ziseliertes Erzeugnis menschlichen Zartsinns bei dem noch nicht zwanzigjährigen Jüngling Entzücken weckte. Nicht weniger wundere ich mich über die darauffolgende Begeisterung für die Pamphlete von Paul Louis Courier — denn auch diese herbergen einen so ge-

322 V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.

ringen Gehalt, daß man sie fast als reine Form, reinen Geist, reinen Witz bezeichnen kann. Beide Autoren wecken die Erinnerung an Voltaire's Kennzeichnung seiner Landsleute:

Parfaits dans le petit, sublimes en bijoux,
Grands inventeurs de riens......¹)

Auf de Maistre paßt genau das ins Deutsche unübertragbare „sublimes en bijoux“ und auf Courier das „grands inventeurs de riens“; gerade dadurch aber wecken sie und erziehen sie den Sinn für einfache und in ihrer Einfachheit vollendete Gestaltgebung der schriftlichen Mitteilung. Bald langte ich bei gewichtigeren Werken an. Längere Zeit hindurch fesselten mich namentlich Bossuet's Grabreden, deren majestätische Wucht mir bedeutenden Eindruck machte — offenbar auch hier weniger des Gehalts als der Sprachbehandlung wegen: von einem solchen Manne lernt man, welche Wirkungen selbst einer spröden Sprache abgewonnen werden können. Nach Bossuet spielte mir eine gütige Vorsehung seinen Gegenpol in die Hände, Pascal's Lettres Provinciales — von allen Zuständigen als eine vollendete Schöpfung der Kunst des Buches bewundert. Nie ist die quellende Lebhaftigkeit der freien Improvisation eine vollkommenere Ehe mit der Meisterschaft der Sprachbehandlung eingegangen! Hier redet einer der ganz Großen unter den Germanen, der Mann, den ein neuerer Franzose mit Recht als „eine zweite fränkische Invasion in Gallien“ bezeichnet hat; und seine Schrift gilt den entscheidenden Fragen der Menschenseele, gilt ihrer Reinheit, ihrem ewigen Leben, gilt dem Kampfe gegen den Satan im Priesterkleide, der die Quellen unseres sittlichen Daseins vergiftet. In jeder Beziehung ist diese unter tausend Lebensgefahren, den Mächten der Finsternis zum Trotze, nach und nach ans Licht gebrachte Schrift eine heroische zu nennen und sie bleibt unsterblich, nicht allein als ein Höhepunkt der Buchkunst, sondern auch als ein immer gegenwärtiger Kämpfer für Wahrheit und für germanische Reinheit. — Noch einen Großen habe ich zu erwähnen, mit dem ich damals in Berührung geriet: Jean Jacques Rousseau. Leider faßte ich hier die Sache beim falschen Ende an und verschwendete Geduld

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    ¹) Vollkommen in allem Kleinen, anbetungswürdig als Goldschmiede,
       Große Erfinder auf dem Gebiete der Nichtigkeiten.

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V. Mein Buchgaden. Bücher meiner Kindheit und Jugend.


und Geistesmühe an dem Discours sur l'inégalité und am Contrat Social — den schwächsten Erzeugnissen des Mannes, der so manches Unnachahmliche der Welt schenkte. Hätte wenigstens der Zufall, der mich Autodidakten leitete, mir die Dijoner Preisrede zugeführt! Die ebenso glänzenden Paradoxen hätten mich weniger aufgereizt und abgeschreckt, und ich wäre zwanzig Jahre früher mit einem der ersten Meister der Schreibekunst in die nahen Beziehungen geraten, die ich zu den glücklichsten meines Lebens rechne. Immerhin muß ich das Geniale empfunden und verehrt haben: denn vor kurzem entdeckte ich unter meinen Papieren ein starkes Konvolut von Auszügen und polemischen Anmerkungen zu beiden genannten Schriften.
    Auf Rousseau komme ich noch eingehend zurück.
    Daß die damaligen literarischen Erkundungszüge nicht weiter führten, werden Sie leicht begreifen, wenn Sie meinen Brief an Uexküll lesen; denn schon an der Wende von 1871 zu 72 war die leidenschaftliche Liebe zu dem Studium der Natur in mir erwacht, hatte sich zuerst auf Himmels- und Erdkunde geworfen, bald darauf auf die systematische Pflanzenkunde, die mehrere Jahre ausfüllte, dann auf Insekten- und Gesteinskunde usw., bis ich zuletzt — gesundheitlich genügend gestärkt — im Frühling 1879 die Universität Genf als ordentlicher Student der Naturwissenschaften bezog. Welche Fülle von „Büchern, die weniger als Bücher sind“, in diesen Jahren — die vom Winter 1871 bis zu der plötzlichen Unterbrechung der eingeschlagenen physiologischen Laufbahn im Herbst 1884 reichen — von mir durchgeackert werden mußten, das können Sie als Naturforscher sich lebhaft vorstellen; und wenn ich hinzufüge, daß in der gleichen Zeitspanne die inbrünstige Liebe zu deutscher Musik und zu der Kunst Richard Wagner's großwuchs und auf die wenigen Mußestunden Anspruch erhob, werden Sie sich eher die Frage stellen, wie ich überhaupt dazu kam, einige Aufmerksamkeit meiner literarischen Ausbildung zu widmen. In der Tat erinnere ich mich aus der Zeit des intensiven Fachstudiums nur eines einzigen größeren Geschichtswerkes, das ich abends zur Erholung des Geistes — allerdings langsam, aber gründlich — durchnahm, so daß ich es mir fürs Leben aneignete: Buckle's Geschichte der Civilisation. Für den angehenden Naturforscher lag es nahe,

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gerade dieses Buch zu erwählen, da es auf der Annahme des dogmatischen Materialismus der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts herrschenden wissenschaftlichen Richtung fußte; bei mir hat es aber der Absicht des Verfassers genau entgegengesetzt gewirkt: in den Naturwissenschaften unterlag ich zunächst, wie alle Studierenden, dem Einfluß meiner Lehrer; war ich doch zu arm an Wissen und zu sehr Neuling im Nachdenken über die Phänomene der Natur, um ihren Deutungen entgegenzutreten; Buckle dagegen — mir persönlich durchaus sympathisch — weckte als Forscher sofort meinen Widerspruch; denn indem er jene Lehren konsequent auf den Menschen und dessen Geschichte übertrug, mußte selbst dem Unerfahrenen sich zunächst die Unzulänglichkeit und bald darauf das Grundfalsche dieser Weltansicht aufdrängen. Der große Gewinn an Wissensmaterial sowie die Befreiung aus angeerbten geschichtlichen Schablonen, die jeder Leser dem Buche Buckle's zu verdanken hat, werden durch diese Kritik nicht in Abrede gestellt.
    Gerade mit Ihnen, lieber Freund, möchte ich über meine Erfahrungen mit naturwissenschaftlichen Büchern gern des länger plaudern; doch das würde uns von unserem Thema der „Bücher, die Bücher sind“, weit abführen; einiges darüber steht ja im ersten Teil dieses Briefes, Ergänzendes finden Sie in dem Brief an Uexküll (vergl. S. 120 fg.). Ich eile also weiter.

*

    Ein neuer Zeitabschnitt brach für mich an, als ich im Herbst 1884 von einem schweren Nervenleiden befallen wurde; es entstand eine Art Pause zwischen den übereifrigen naturforschenden Jahren in Genf und der dann folgenden Wiener Periode der schriftstellerischen Tätigkeit; sie währte fünf Jahre. Ich war nach Dresden (Herbst 1885) gezogen, wo ich auf Anordnung Kreppelin's Zerstreuung und Ablenkung von meinen wissenschaftlichen Sorgen suchen sollte. Sobald ich genügend erstarkt war, um überhaupt wieder lesen zu können, widmete ich die langsam erwachenden Kräfte der Erweiterung meiner literarischen Kenntnisse. In der ersten Zeit zwang mich die Rücksicht auf den Zustand, Bücher leichteren Inhalts zu wählen; nach und nach steigerte sich die Leistungsfähigkeit, bis ich bei Kant, Plato und den Upanishads ankam.

325 V. Mein Buchgaden. Jahre der Krankheit: mannigfache Lektüren.

    Wiederum zog mich zunächst die französische Sprache an, was bei einem Kranken natürlich erscheinen mag, der instinktiv zu den Gewohnheiten früher Jugend als zu der mühelosesten Gegebenheit greift. Zunächst wählte ich Unterhaltungslektüre, wie die Schaufenster der Buchhandlungen sie mir boten; die Namen der Autoren und die Titel der Bücher habe ich vergessen; es ist nicht schade darum; lehrreich war es mir immerhin, zu erfahren, was ein breites Publikum zu seiner Unterhaltung fordert. Aus der Menge dieser untergeordneten Literatur erhält sich doch ein Name in meinem Gedächtnis: Pierre Loti — ein unübertrefflicher Schilderer der Natur; als Marineoffizier hat er viele Teile unserer Erde bereist und bei längeren Aufenthalten gut kennen gelernt; seine Beschreibungen sind nicht aus dem Gedächtnis entworfen, vielmehr unmittelbar in Gegenwart der betreffenden Natureindrücke; so wirken sie denn wie Bilder eines Landschaftsmalers. China, Algerien, Konstantinopel glaube ich, dank Loti, mit Augen gesehen zu haben; wie eigene Erinnerungsbilder schwebt mir das von ihm Geschilderte vor dem Sinn. Sein bestes Buch ist — wie in solchen Fällen häufig — ein weniger bekanntes: Fleurs d'Ennui.
    Bald führte ein guter Stern eine Wendung herbei. Auf dem Umweg über einige überflüssige Romane Paul Bourget's gelangte ich zu seinem schönen Buche Essais de Psychologie contemporaine, in welchem er diejenigen Männer, die der aufstrebenden Jugend im Anfang der achtziger Jahre als die bedeutendsten Meister der Feder erschienen, einen nach dem anderen einer rein objektiven, feinsinnigen, durchsichtig klaren Analyse und kritischen Bewertung unterwirft, was eine besondere Kunst der Franzosen bildet. So erhielt ich eine deutliche Vorstellung und Übersicht des literarischen Sternenhimmels des damaligen Frankreich als Einführung in die nähere Befassung mit den Einzelnen, was mir in der Folge vieles erleichtert hat. Stendhal und Baudelaire, Taine und Renan, die Gebrüder de Goncourt und Leconte de Lisle, daneben gar manche andere, denen besondere Kapitel nicht gewidmet sind — wie Victor Hugo, Théophile Gautier, Vacquerie, Zola u. a. — wurden mir dadurch vertraute Gestalten, noch ehe ich ihre Werke gelesen hatte, woran ich nun ging und woraus nach und nach eine gute Kenntnis der bemerkenswertesten neueren französischen Literatur sich ergab.

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Erst in späteren Jahren, rückwärts anbauend, schloß sich das Vorangegangene bis zu der als „Plejade“ bezeichneten Dichtergruppe des sechzehnten Jahrhunderts nach und nach daran.
    Einen Namen ließ ich im vorigen Absatz mit Absicht aus, weil ich ihm wegen des dauernden Einflusses, den sein Träger auf mein Geistesleben gewann, einen Platz für sich anweisen muß: ich rede von   G u s t a v e   F l a u b e r t.   Zwar ist dessen Ruhm mit den Jahren ständig gestiegen, namentlich seitdem die unsere öffentliche Meinung beherrschende Judenschaft aus diesem Namen einen Feldschrei gebildet hat; hierbei ist aber der wahre Flaubert den Blicken entschwunden und ein Wechselbalg an seine Stelle getreten. Flaubert, der blonde Recke mit den blauen Augen, von Vater- und Mutterseite aus echt normännischem Blut, ein Abkömmling der Wikinger, gehörte zwar der Bildung und Umgebung nach dem sogenannten „lateinischen“ Ideal an, dem Charakter, den Instinkten und namentlich dem Willen nach war er dagegen ein reiner Germane: hieraus entstand ein Widerstreit, an dem er — als zu der inneren Gegebenheit noch der Krieg von 1870 gekommen war, der ihm das Herz zwiefach zerreißen mußte — schließlich zugrunde ging. Im Jahre 1853, mitten aus seiner Arbeit an Madame Bovary, schreibt er: „Schon lange leide ich unter dem Zwange, in dieser französischen Sprache schreiben und auch denken zu müssen! Im Grunde genommen bin ich ein Deutscher (au fond je suis Allemand)! — Erst durch unablässige Arbeit ist es mir gelungen, mir von den Gliedern meine nordischen Nebel abzustreifen“. Wiederholt nennt er sich kurzweg einen „Barbaren“. Dieser Barbar nun ist, wie kaum je ein Mensch, sein ganzes Leben lang von der einen Leidenschaft besessen: der Leidenschaft der ganz reinen Formgebung, ohne jegliche Berücksichtigung einen umgebenden Welt. Publikum existiert für ihn nicht; Geld zu verdienen verschmäht er; Paris — dessen öffentliche Meinung, Kritik, Beifall — flößt ihm grenzenlose Verachtung ein; ob er drei Stunden oder drei Monate braucht, um eine einzige Seite zu schreiben, gilt ihm gleich; ganze Tage irrt er wie ein Wahnsinniger umher, weil er das genaue Wort für eine gegenständliche oder seelische Vorstellung nicht findet, springt dann mitten in der Nacht mit einem Schrei aus seinem Bett heraus, da es ihm im Traume einfällt..... Kurz, es handelt sich um eine echt dämonische Natur, von dem

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Glauben an eine reine Wahn- oder Wortkunst erfüllt und dem einen einzigen Lebenszwecke hingegeben, auf diesem Wege Werke zu erschaffen, würdig jeder höchsten Schöpfertat des Menschengeistes. Und zwar ist er dermaßen von der magischen Gewalt vollendet schöner Formgebung überzeugt, daß er das stoffliche Interesse hintansetzt und dem reinen Künstler zutraut, jegliche Gegebenheit durch Schönheit — und das heißt hier durch vollendete Angemessenheit des Gestaltens — zu einem Kunstwerk verklären zu können. Ja, so überzeugt ist er hiervon, daß er es sich zur Pflicht macht, Stoffe zu wählen, die ihm unangenehm sind, damit die verklärende Gewalt der Kunst sich an ihnen offenbare. So schwebte ihm z. B., ehe er Madame Bovary in Angriff nahm, die Geschichte einer jungen Flämin vor, deren ganzes Dasein sich in einer kleinen halbausgestorbenen Stadt zwischen Vater und Mutter abspielt, einzig ausgefüllt von religiösem Mystizismus; und an Stelle dieses unausgeführt gebliebenen Lieblingsgedankens widmet er sechs arbeitsreiche Jahre der Schilderung des plattesten französischen Provinzlebens und des immer tieferen Verfalls einer ihre Umgebung durch Gaben und Temperament übertreffenden Frau, die von der verzweifelten Langeweile der Gemeinheit in die Arme getrieben wird. Während der genannten Jahre stöhnt und seufzt und flucht der Schreibende ununterbrochen über den ihm unerträglichen Gegenstand. „Les milieux communs me répugnent et c'est parce qu'ils me répugnent que j'ai pris celui-là, lequel était archi-commun et anti-plastique. Ce travail aura servi à m'assouplir la patte....“¹) Auf Flaubert wirkt eine einzige Triebkraft: die Sehnsucht, sich als Künstler weiter auszubilden. Früh schon ein Meisters, alt noch ein Lehrling, scheint das Erdenleben ihm von Anfang bis Ende als bloße Vorstufe zu einem Dasein in höherer Vollkommenheit zu gelten; daher eine Losgelöstheit von allen weltlichen Interessen, die von dem berechtigten Ehrgeiz anderer Künstler eigenartig absticht. Flaubert ist der Inbegriff des reinen Idealisten, d. h. des Mannes, der einzig in der Idee lebt. Grotesk ist es darum, gerade diesen Mann zum Begründer und Haupt einer „realistischen“ und gar einer „naturalistischen“ Richtung der
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    ¹) Gemeine Umgebungen sind mir unerträglich und gerade deswegen habe ich für mein Buch eine derartige Umgebung gewählt, und zwar eine erzgemeine und antiplastische. Diese Arbeit wird dazu gedient haben, mir die Pfote geschmeidig zu machen.

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V. Mein Buchgaden. Jahre der Krankheit: mannigfache Lektüren.


Literatur zu machen, der er ferner stand als je ein anderer: er, der nicht müde wird, Shakespeare und Goethe als die beiden Führer durchs Leben und Dichten zu preisen, ihnen zur Seite dann Homer, Äschylos und Sophokles sowie die besten unter den anderen Alten, und der von den Franzosen immer nun Montaigne und Rabelais zur täglichen Kost empfiehlt! Ich müßte einen ganzen Aufsatz schreiben, wollte ich Sie in Flaubert's Lehre von dem Verhältnis der tatsächlichen Wahrheit — oder sollte ich lieber sagen Wirklichkeit? — zur schönen Kunst einführen, und das geht im Augenblick nicht an; es genüge, Sie auf einen einzigen Satz aus einem Briefe aufmerksam zu machen, vor dem alle realistischen Plattheiten zerstäuben: „La vérité n'est pas pour moi la première condition de l'art.“ Ergänzend füge ich gleich noch einen Ausspruch hinzu: „Un livre peut être plein d'énormités et de bévues et n'en être pas moins fort beau.“¹) Zugleich verehrt Flaubert (wie sein Meister Plato) die Wahrheit als der Schönheit verschwistert; jedem von ihm behandelten Gegenstande widmet er jahrelang emsige Studien, fordert aber dann für sich die Freiheit, diese „Wahrheit“ so zu gestalten, wie das Kunstwerk — welches seine eigenen Lebensgesetze in sich trägt — es gebietet; denn erst aus dieser neubildenden Schöpfertat — so führt er Plato an — „erstrahlt das Wahre in voller Pracht“.
    Selbst in einer flüchtigen Besprechung darf ein Zug nicht unerwähnt bleiben, der für Flaubert's Auffassung künstlerischer Objektivität kennzeichnend ist: die Forderung, der Künstler solle stets unsichtbar, unauffindbar, unerratbar in seinem Werke walten. „L'artiste doit être dans son oeuvre comme Dieu dans la Création, invisible et tout-puissant, qu'on le sente partout mais qu'on ne le voie pas.“²) Alle Tendenz, alle Parteinahme, alles Moralisieren bleibt ausgeschaltet.
    Auch will ich nicht schließen, ohne bemerkt zu haben, daß mir recht gut bekannt ist, was bei Flaubert fehlte, oder — um mich angemessener auszudrücken — was ihn hemmte; wußte er es doch selber: das mit Inbrunst großgezogene Bewußtsein der an sich selbst
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    ¹) Die Wahrheit bildet nach meiner Meinung nicht das erste Erfordernis der Kunst..... Ein Buch kann voller Ungereimtheiten und Irrtümer sein und nichtsdestoweniger ein sehr schönes Buch sein.
    ²) Der Künstler soll in seinem Werke wie Gott in der Schöpfung walten, unsichtbar und allmächtig, überall empfunden, nirgends erblickt.

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V. Mein Buchgaden. Jahre der Krankheit: mannigfache Lektüren.


zu stellenden künstlerischen Forderungen vernichtete nach und nach jenes Unbewußte, von dem Goethe sagt, in ihm „liege doch am Ende die wahre Produktionskraft“. Flaubert ruft einmal aus: „Hélas! il me semble que lorsqu'on dissèque si bien les enfants à naître, on n'est pas assez monté pour les créer. Ma netteté métaphysique me donne des terreurs.“ ¹) Und er tröstet sich mit der Erwägung, es käme ihm einzig darauf an, sich selber kennen zu lernen: „Je veux pour vivre tranquille avoir mon opinion sur mon compte, opinion arrêtée et qui me réglera dans l'emploi de mes forces.“ ²) An einer seltenen Krankheit litt der edle Mann: an dem verzehrenden Durst nach Vollendung, begleitet von einer Selbstkritik, deren Strenge einem Heiligen Ehre machen würde und bei einem Künstler beispiellos sein dürfte. Und weil dem so ist, sind seine Briefe das hehrste Denkmal, das er uns hinterlassen hat; denn in ihnen bricht mit spontaner Gewalt die Persönlichkeit durch, die er sonst allerorten mit Unerbittlichkeit zügelt und in den Hintergrund drängt: die vier Bände Correspondance gehören zu dem Beglückendsten, was mein Buchgaden an unvergänglichen Werten umfaßt. Die Bewunderung des großen Buchkünstlers Flaubert soll uns gegen die Tatsache nicht blind machen, daß die Persönlichkeit als solche den schöpferischen Künstler um ein Bedeutendes überragt.
    Noch beschäftigte mich die bunte Gruppe bedeutender Schriftsteller, zu denen mich Bourget hingeführt hatte — die obengenannten Dichter, Denker und Historiker, als mein Interesse sich auch einer zweiten Gruppe von Franzosen zuwandte, nämlich der damals erst im Entstehen begriffenen Schule der Jungfranzosen — eine ziemlich verwegene, sich oft ins Wunderliche verirrende und dort verlierende Gesellschaft. Von meiner Jugend her besaß ich nämlich noch Freundesverbindungen in Frankreich: diese vermittelten die Bekanntschaft, die sonst schwerlich jemals zustande gekommen wäre — insofern gerade mir alle Dichterei und alles verschrobene Artistenwesen besonders fern liegt. Trotz meines — wie gesagt — kräftigen Vorurteils, bleibe ich dankbar für diese Lebenserfahrung,
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    ¹) Wehe mir! ich fürchte, wer die noch zu gebärenden Kinder so meisterlich zerlegt, ist ungenügend ausgerüstet, ihnen das Leben zu schenken. Ich erschrecke vor der Klarheit meines metaphysischen Denkens.
    ²) Um ruhig zu leben, will ich über mich selbst im klaren sein, und zwar dermaßen, daß ich hinfürder weiß, was ich meinen Kräften zutrauen kann.

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die meine Menschenkenntnis bereicherte, die mir einzelne unvergängliche Eindrücke verschaffte, die mich lehrte, auch auf diesem — zwischen Genie und Wahnsinn gelegenen — Gebiete, Echtes von Unechtem zu unterscheiden. Namentlich der später entstandene, angeblich deutschen Richtung anmaßender Dichterlinge, die ihre poetische Unfähigkeit durch Nachäffung der Franzosen und durch sinnlose Verzerrungen zu verdecken und sich von gaffenden Pseudoteutonen Adelsbriefe als „Genies“ zu erschwindeln verstehen — diesen Herren gegenüber war ich durch meine genaue Kenntnis der Jungfranzosen gewappnet! Auch unter jenen Franzosen gab es orientalische Eindringlinge, doch waren alle, welche zu berechtigtem Rufe gelangten, echte Franzosen, und zwar zumeist von blondem, germanischem Typus.
    Der in Deutschland bekannteste, zugleich der zugänglichste dürfte Paul   V e r l a i n e   sein. Dieser dem Trunk verfallene, sein Leben zwischen Spital und Spelunke hinschleppende Halbflame war ein Dichter von Gottes Gnaden, dem die Verse unbewußt von den Lippen strömten und der in landschaftlicher Stimmungsmalerei Gebilde geschaffen hat, die zu eigenartig sind, um der Vergessenheit anheimzufallen. Hier, wie bei allen diesen Franzosen, liegt echte Begabung, echtes Gefühl und echte Weltfremdheit zugrunde; Verlaine hat nicht verdient noch verdienen wollen. Lassen Sie mich aus einer seiner Romanzen eine einzige Strophe anführen, aus welchen Sie zugleich ersehen werden, wie melodiös unter seinen Händen die französische Sprache wird:

O que nous mêlions, âmes soeurs que nous sommes,
A nos voeux confus la douceur puérile
De cheminer loin des femmes et des hommes,
Dans le frais oubli de ce qui nous exile.

Herrscht hier nicht Zauber des Wortes, Zauber des Bildes und auch Zauber des Gedankens (leider unübersetzbar)?

    Weit problematischer nimmt sich ein Stephane   M a l l a r m é  aus, geeignet wie Wenige, ein experimentum crucis auf kleinste Beigaben des Philiströsen abzugeben. Mallarmé ist der Typus des Künstlers, der Unmögliches begehrt; wer aber, wie ich, das Glück hatte, ihm persönlich zu nahen, weiß, wie heilig ernst es ihm mit

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seinem Träumen und Streben war, und kann auch nie den Eindruck vergessen, den seine Gedichte — auch die sonst unverständlichsten — machten, von ihm selber mit der melodiösesten Baßstimme, die ich je gehört habe, vorgetragen, — vollendet einfach und zugleich mit der weihevollen Würde eines priesterlichen Bittgesangs. Mallarmé gehörte zu denjenigen Franzosen, die von der weltgeschichtlichen Bedeutung des Bayreuther Meisters so bewußt überlegt durchdrungen sind, wie nur wenige Deutsche; niemals habe ich schöner über Richard Wagner reden hören als von diesem Dichter, der ihn unmittelbar neben Homer und Äschylos stellte und in seinem Sonett Hommage ihn einen Gott nennt:

Le Dieu Richard Wagner irradiant un sacre
Mal tû par l'encre même en sanglots sibyllins.

Seinem eigenen Dichten erwuchs aus dieser Begeisterung ein Unheil; denn, von der Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes beherrscht, suchte nunmehr der Nichtmusiker dem bloßen Worte eine magische Gewalt zu verleihen, dank welcher es auf Gesicht und auf Gehör mit sinnlicher Kraft wirken, Bilder, Farben, verschlungene Tonfolgen heraufbeschwören sollte, — auf welchem Wege er dahin gelangte, den logischen Zusammenhang der Sätze zugunsten dieses geträumten Zaubers zu opfern. Die Nachahmung eines derartigen Bestrebens führt schlechthin zu Narretei; bei Mallarmé dagegen handelte es sich um die geschichtlich bedingte Verirrung einer echten Begabung, die selbst im Irrtume manches geschaffen hat von so unleugbarer und eigenartigen Schönheit, daß es die bewundernde Anerkennung aller zart Besaiteten stets erwecken wird. Man übersehe nicht, daß Mallarmé, ehe er sich dem Zerstören des Hergebrachten widmete, sich in der Jugend mit seinem L'après-midi d'un Faune als den anerkannt vollendetsten Meister des französischen Verses unter allen den damaligen „Parnassiens“ — wie die jungen Puristen sich nannten — erwiesen hatte; nicht also — wie sonst so häufig — aus Mangel an Gestaltungskraft predigte er neue Lehren, vielmehr schwebte dem Formgewandten ein neues Ideal vor, und kein Echter wird sich vermessen, diesem Einzigen nachzustreben Ein Gedicht wie Les Fenêtres bleibt ewig schön: ein armer Kranker, im häßlichen, luftlosen Spitalsaal seinem Ende entgegen leidend,
 
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schleppt sich ans Fenster, um das Abendsonnenmeer des unbegrenzten Himmels zu den Augen einzusaugen; so wendet der Dichter dem Erdenleben den Rücken:

Je fuis et je m'accroche à toutes les croisées
D'où l'on tourne le dos à la vie, et, béni,
Dans leur verre, lavé d'éternelles rosées,
Que dore la main chaste de l'Infini,
Je me mire et me vois ange! et je meurs et j'aime —
Que la vitre soit l'art, soit la mysticité —
A renaître, portant mon rève en diadème,
Au ciel antérieur où fleurit la Beauté!

    Nur noch ein Name aus dieser Gruppe der Jungfranzosen sei genannt:   J u l e s   L a f o r g u e.   Zur Zeit, als ich in Dresden lebte, war er französischer Vorleser bei der Kaiserin Augusta, und als solcher weilte er jedes Jahr monatelang in Berlin, wo ich ihn bei meinen häufigen Reisen dorthin zu besuchen pflegte; abends speisten wir manchmal zusammen, und halbe Nächte brachten wir im Gespräche vertieft unter den Linden zu. Entsprossen einem Vater aus der Gascogne und einer Mutter aus der Bretagne, verkörperte Laforgue das seltsamste Gemisch eines bäuerisch verträumten, „thumben“ Nordländers und eines pfiffigen, witzigen, redseligen Südfranzosen; nie bin ich einem Menschen begegnet, der so ganz in einer Welt für sich gelebt hätte — nicht aber infolge weltflüchtiger Vereinsamung, vielmehr weil seine offenen Sinne und sein lebhafter Verstand jeden Eindruck aus einem anderen Winkel aufnahmen als wir Alle; was auch von ihm kam, war zugleich vollkommen natürlich, ja kindlich und zugleich derartig originell als Vorstellung und Gedankengang, daß man sich immer erst hineinleben mußte, ehe man begriff, worauf er hinaus wollte. Diese eigene Welt trat einem schon äußerlich in seiner Amtswohnung im Prinzessinnenpalais entgegen, wo von allen Seiten Selbstverfertigtes — seiner Traumwelt entsprungen — die Augen fesselte: die Stiche an der Wand waren von seiner Hand, das Waschgerät hatte er gemalt, die Stühle waren von ihm gezeichnet — und dies alles ohne jede Anmaßung, als könne es nicht anders sein. In seiner Weltanschauung war er


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heiterer Pessimist, gläubiger Skeptiker, feierlich, ernst und zugleich beißend ironisch; als Dichten predigte er größte Einfachheit und Rückkehr zum Volksmäßigen, besaß aber einen so subtilen, elliptischen und von einer höchsten Kultur durchdrungenen Stil, daß man auf das Titelblatt seiner Werke immer wird schreiben müssen: For the happy few! Bei der Beurteilung der Verse und der Erzählungen, die wir aus seiner Feder besitzen, dürfen wir nicht übersehen, daß Laforgue's irdische Laufbahn nur bis in den Anfang des Mannesalters reichte: die erstaunliche Reife des Urteils und das häufige Vorwalten einen müden, übersättigten, weltflüchtigen Stimmung sind doch nur die Reife und die Stimmung eines mehr ahnenden als wissenden Jünglings; daher der Zauber frühlingshafter Unschuld, der selbst die bittersten Gedanken verklärend umschwebt. Mit zweiundzwanzig Jahren wähnt er sich schon alt und schreibt:

En deuil d'un Moi-le-Magnifique
Lançant de front les cent pur-sang
De ses vingt ans tout hénnissants,
Je vague, à jamais Innocent,
Par les blancs parcs ésotériques
De l'Armide Métaphysique.

In der Tat, die deutsche Philosophie hatte es ihm angetan, und namentlich Hartmann besaß keinen glühenderen Adepten, — wobei jedoch nach meinen Überzeugung der Zauber dieses Gedankensystems sich für Laforgue aus dem einen Worte „das Unbewußte“ herleitete, wie auch die Begeisterung für Kant lediglich auf die Entfesselung aus Zeit und Raum zurückzuführen war. In einem Gebet heißt es:


Que votre inconsciente Volonté
Soit faite dans l'Eternité!

Und am Ende:


Non, rien; délivrez nous de la Pensée,
Lèpre originelle, ivresse insensée,
Radeau du Mal et de l'Exil:
    Ainsi soit-il!

    Nebst einigen dünnen Heftchen von Versen — unter denen ich namentlich L'Imitation de Notre-Dame la Lune hervorhebe — hat


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uns Laforgue ein Meisterwerk in Prosa hinterlassen, die Moralités Légendaires: dieses Werk wird bleiben. In sechs Erzählungen dichtet er hier Mythen und Legenden in der Weise um, daß sie ihm zum Gefäß seiner Weltanschauung, seiner Urteile über Menschen und Dinge, seiner Launen und seines Übermutes dienen, namentlich auch Raum gewähren seiner ätzenden Satire und seinem liebevollen Humor. Die Titel lauten: Hamlet, Das Rosenwunder, Lohengrin, Salomé, Pan und die Syrinx, Perseus und Andromeda. Alles an diesem Werke ist Laforgue's Eigentum — sowohl Inhalt wie Form. Es gehört zu meinen liebsten Büchern. Nebenbei gesagt, bezieht sich die hinreißende Schilderung des Aquariums in Salomé auf das frühere Berliner Aquarium Unter den Linden, in welchem Laforgue ganze Stunden in Verzückung zuzubringen pflegte; er sagte mir, er fühle sich nirgends so heimisch wie in der Gesellschaft der stillen Seeanemonen, Seelilien, Seeigel und Seepferdchen.
    Nun bin ich aber mit den Franzosen vorläufig fertig; denn zu Montaigne gelangte ich erst später, und auch Balzac habe ich damals nur flüchtig — weil übel beraten — berührt; auch möchte ich eilen, den Eindruck zu berichtigen, als hätte ich damals in einer ausschließlich französischen Gedankenwelt gelebt; rückblickend glaube ich vielmehr, in diesem Befassen mit französischer Literatur eine unwillkürliche Gegenwirkung gegen das plötzliche Einströmen des Deutschen von allen Seiten zu erkennen, wie es mir in jenen Jahren in Dresden zuteil ward. Zum erstenmal lebte ich jetzt im Herzen Deutschlands und verkehrte ich ausschließlich mit Deutschen. Drei Festspiele hatte ich schon, ehe ich nach Deutschland zog, in Bayreuth erlebt; in jenen Jahren kam dort einzig Parsifal zur Aufführung; als ein guter Kenner dieses Werkes — das ich schon gegen dreißigmal gehört hatte — traf ich in Dresden ein, sonst aber waren mir die Werke Wagner's unbekannt, oder nur in Bruchstücken bekannt; nicht besser stand es bei mir um Mozart, Gluck und Beethoven. In Dresden traf ich es nun in dieser Beziehung besonders günstig; denn nicht allein standen Werke wie Iphigenie in Aulis, Armida, Fidelio, Freischütz und Zauberflöte beständig auf dem Spielplan, sondern der Ring des Nibelungen wurde zum erstenmal und mit vorzüglichen Kräften einstudiert, so daß ich in zahlreich wiederholten strichlosen Aufführungen jeden der vier Teile der Reihe

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nach auswendig kennen lernte. Dazu kamen dann in den Jahren 1886 und 1888 die gewaltigen Eindrücke der ersten Bayreuther Aufführungen von Tristan und Isolde und den Meistersingern.... Für Sie, teurer Freund, genügt diese Andeutung, damit Sie sofort wissen, welche Welt es war, die meine Seele ausfüllte.
    Die gesammelten Schriften Richard Wagner's besaß ich schon von früher her und war in einigen Teilen nicht ganz unbewandert; doch hatte mir die Muße zu einem eingehenden Studium bisher gefehlt: sobald ich mich genügend gestärkt fühlte, begann ich in Dresden das Versäumte nachzuholen. Ein günstiges Geschick brachte außerdem im Jahre 1887 die Herausgabe des Briefwechsels mit Liszt und 1888 desjenigen mit Uhlig, Fischer und Heine: so wuchs ich dem Verständnis unseres großen Meistens allmählich entgegen, wobei mein naher Verkehr mit den Brüdern Ernst Kietz (dem Maler) und Gustav Kietz (dem Bildhauer) mit ihren traulich echten Erinnerungen — welche von 1842 bis 1882 reichten — eine beständig belebende und bereichernde Anregung gab.
    Unter der Fülle dieser Eindrücke und Studien erwachte in mir der Wunsch, der kleinen Gruppe mutiger Franzosen beizuspringen, die sich der organisierten Pariser Hetze gegen Wagner durch Begründung einer Revue Wagnérienne entgegenwarf; dringend wurde ich darum gebeten — und es entstanden meine ersten Aufsätze für die Öffentlichkeit. Diesen unreifen Versuchen kommt nur die eine Bedeutung zu: einige talentvolle, literarisch erfahrene Franzosen wurden durch die kleinen Arbeiten auf mich aufmerksam, suchten bei Gelegenheit der Bayreuther Festspiele meine Bekanntschaft und wurden nicht müde, in mich zu dringen, ein Buch über Richard Wagner zu schreiben; meinen Einwand, ich sei nicht Schriftsteller, sondern Naturforscher, ließen sie nicht gelten, vielmehr behaupteten sie, meine Versuche bewiesen eine besondere Begabung nach dieser Richtung hin. Einer der maßgebenden Pariser Literaten, ständiger Mitarbeiter der Revue des deux Mondes, ging sogar so weit, in einem zweistündigen Besuch den ausführlichsten meiner Aufsätze vor meinen Augen zu zergliedern, indem er mich genau erkennen ließ, was daran vorzüglich sei, und, nicht minder überzeugend, was mangelhaft oder schlecht. Er hatte mit Lobeserhebungen über die Vortrefflichkeit der Arbeit begonnen, jetzt ließ er mich beschämt

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erkennen, wie stümperhaft der unerfahrene Botaniker gar vieles zusammengefügt hatte, zugleich, wie leicht es gewesen wäre, diese Verstöße gegen die Harmonie und den logischen Zusammenhang zu vermeiden. Der Kehrreim lautete immer wieder: „Der Schreibende verliere keinen Augenblick den Lesenden aus dem Sinn; ihm gilt ja sein Bemühen!“ Wenngleich ich nur langsam auf diese Anregungen reagierte, ich glaube doch nicht zu übertreiben, wenn ich ihnen Bedeutung für meine Entwickelung zum Bücherschmied zuschreibe; denn sie weckten Gedanken, schenkten Selbstvertrauen, wiesen Wege.
    Diesen ermutigenden Ratschlägen halb unbewußt folgend, suchte ich nunmehr mir Richard Wagner's Schriften und Briefe völlig einzuverleiben; auch war ich bestrebt, mir eine ausreichende Kenntnis der Literatur über ihn zu verschaffen. Mit Namen will ich Sie hier nicht behelligen; schon damals war das Mißverhältnis zwischen Zahl und Bedeutung ein klaffendes; es genüge, wenn ich sage, daß ich mit Heinrich von Stein, Wolzogen und Glasenapp vertraut wurde und daß Nietzsche's Richard Wagner in Bayreuth in meinem Gemüt eine Tonart erklingen ließ, die alle diese Studien weihevoll umgab. Nein, einen Namen will ich doch noch nennen, den des Regierungsrates Franz Müller, der bereits im Jahre 1861 ein vortreffliches Büchlein Richard Wagner und das Musikdrama (Franz Liszt gewidmet) herausgab, das ich noch heute wegen seiner Schlichtheit und seiner Wärme, namentlich auch der Fülle der Belehrung und Anregung wegen, die der gut belesene Verfasser spendet, Gegnern und Neophyten gern in die Hände lege.
    Die ernste Befassung mit Wagner und seiner Kunst führte mich aber bald mit Notwendigkeit über den engeren Kreis hinaus in einen weiteren, nach und nach sich immer mehr erweiternden. Noch in Dresden begann ich mich eingehend mit altdeutschen Sagen und Legenden zu beschäftigen: ohne sie zu kennen, hätte ich mir kein Urteil über Wagner's dichterische Schöpferkraft bilden können. Das Nibelungenlied kannte ich schon lange, betrachtete es aber jetzt mit ganz anderen Augen; Gottfried von Straßburg wurde mein dauerndes Entzücken: ich gehöre zu den nicht sehr zahlreichen Leuten, die Wolfram's Parzival Vers für Vers gelesen haben; von hier aus gelangte ich rückwärts zur Edda und zu Grimm's Deutsche Heldensagen, nahm auch die verschiedenen Bändchen von Wilhelm Hertz

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durch. Auf diesem Wege konnte die Bekanntschaft mit Gaston Paris nicht ausbleiben; ich gewann einen Begriff von den französischen Troubadours und studierte Léon Gautier's Epopées françaises; mit einigem Widerstreben lernte ich sogar Malory's King Arthur kennen. Bei jeder derartigen Beschäftigung entsteht ein so unabweisbares Bedürfnis nach Vor- und Rückblicken, nach anknüpfender Verbindung mit einem Ganzen, daß selbst der Widerspenstige sich zu Literaturgeschichten bequemen muß: ich erwählte mir Vilmar und ergänzte diesen durch Scherer's Deutsche Dichtung im 11. und 12. Jahrhundert sowie durch Öser's Deutsche Poetik. Wichtiger war es jedoch, daß ich zu Schiller gelangte und alle seine Aufsätze ein erstesmal studierte. Hierdurch war der Geschmack für Weiteres geweckt, und ich gewann jetzt die erste Berührung mit Luther — bezeichnenderweise eine rein menschliche, indem ich ausschließlich seine Lieder, seine Briefe und seine Gespräche kennen lernte. Ob mit oder ohne Zusammenhang die Anregung entstand, auch die englischen Dichter besser kennen zu lernen, weiß ich nicht: nebst Shakespeare, den ich in dieser Zeit fast täglich las, wandte ich mich besonders zu Milton, dann aber auch zu den Neueren — Wordsworth, Coleridge, Shelley, Byron, Keats und wie sie alle heißen. Auch De Quincey, der einen dauernden Einfluß — namentlich auf meine Begriffe von Stil und Buchkunst — gewinnen sollte, trat jetzt zum erstenmal in mein Leben ein. Ein Letzter sei erwähnt: Walter Pater, einer der stärksten „Anreger“ zu neuen Studien und Gedanken.
    In diese Jahre der unfreiwilligen Muße, der „stockenden Gegenwart“, die mir das Gemüt oft schwer bedrückte, strahlte ein freundlicher Sonnenblick hinein, als ich unvermutet etwas entdeckte, worauf kein Arzt verfallen war: daß nämlich abstraktes Denken mich nicht in der selben Weise wie die Beschäftigung mit greifbaren Tatsachenreihen ermüde, mir vielmehr Erholung bringe und beruhigend auf das Gemüt wirke. Zunächst war es mein alter Freund, die Geschichte des Materialismus von Friedrich Albert Lange, der mein sehnendes Hirn beschwichtigte. Dann nahm ich Weber's Philosophie Européenne vor, ein Buch, das ich in der Folge mehr als einmal durcharbeitete. Nunmehr zog es mich aber gewaltig zu den großen

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Meistern hin, und da war denn Immanuel Kant bald zur Hand! Zwar hatte ich die Reine Vernunft und die Prolegomena mitten unter meinen physiologischen Arbeiten bereits mit Eifer studiert; doch fehlten damals gar sehr die Geistesruhe und die Serenität, ohne welche es schwerlich je gelingen kann, diesen Gedankengängen bis in die Tiefe zu folgen; beides stand mir jetzt zur Verfügung. Die erneute Beschäftigung — vermehrt um die übrigen Hauptkritiken — förderte mein Verständnis um ein Bedeutendes. Noch wichtiger für jene Zeit war es aber, daß ich auf diesem Wege auch zu Plato gelangte, den ich bisher nur aus Geschichten der Philosophie gekannt hatte. Mit Zuhilfenahme Schleiermacher's versenkte ich mich jetzt in das systematische Studium der Lehren des göttlichen Hellenen, an dessen Hand ich seitdem gewandert bin. Zu den glücklichsten Augenblicken meines Lebens zähle ich die in der kleinen Dachstube der Reichenbachstraße zu Dresden — gemietet, damit ich Jedem unerreichbar bleibe —‚ und genau erinnere ich mich des Tages und der Stunde, wo ich plötzlich empfand: jetzt erblicke ich Welt und Menschen durch Plato's Augen! Mir war zumute, als hätte im Hirn selbst plötzlich eine Umlagerung stattgefunden; ich wußte, daß ich kein „Buch“ las, keinem „Gelehrten“ lauschte, sondern an mir selber eine Neugeburt erfahre, bewirkt durch die Geistestat eines gottgegebenen Mittlers. Wie der Inder Çankara bemerkt: eine derartige Erkenntnis ist ebenso „unfliehbar“ wie „unsuchbar“; die innere Umwandlung kann niemals rückgängig werden, weil sie das ganze Gewebe des Denkens und Fühlens erfaßt und umgebildet hat.
    Gewiß war es diese Umwandlung, welche plötzlich die Sehnsucht nach dem aroindischen Denken in mir wachrief. Durch Schopenhauer — in dessen unvergleichlich anregungsreichen Schriften ich schon seit einigen Jahren häufig gelesen hatte — mag ich zuerst auf die Inder aufmerksam gemacht worden sein; dieser Eindruck wurde nun durch Stellen in Wagner's Briefen und den Hinweis auf sein beabsichtigtes indisches Drama Die Sieger erneut und bestärkt; den letzten Anstoß gab Heinrich von Stein's meisterliche Besprechung von Deußen's Philosophie des Vedanta; da ich jedoch an dieser systematischen Darstellung eines unsystematischen Denkens kein Genüge fand — was der Verfasser auch keineswegs be-

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zweckt —‚ verschaffte ich mir die beiden Bände der Sacred Books of the East, in denen Max Müller zwölf Haupt-Upanishads in englischer Übersetzung, mit ausführlichen Einleitungen und Anmerkungen versehen, bringt. Aufrichtig gestehe ich, im Anfang wenig oder nichts verstanden zu haben; manchmal beschlich mich die Vorstellung, ich hätte es mit Tollhäuslern zu tun; Max Müller — der rührige Philolog — besaß nicht die Geistesanlage, die zur Vermittelung dieses Denkens vonnöten gewesen wäre; denn hier handelt es sich fast ausschließlich um letzte Dinge, und gerade die letzten Dinge entgehen diesem Gelehrten. Zum Glück hielt mich ein unerklärlichen Instinkt — trotz meiner starken Vorliebe für Klarheit — an den Upanishads fest, und bald war der rechte Platz für sie gefunden: auf dem Tisch am Bette; löschte ich das Licht aus — die rätselvollen Gedanken bevölkerten die Finsternis und umgaben mein Einschlafen; auf diesem Wege wurden sie mir vertraut und teuer. Um eine genauere Vorstellung des historischen Zusammenhanges dieser merkwürdigen Erzeugnisse des Menschengeistes zu gewinnen, studierte ich Barth's Religions de l'Inde, ein trocken wissenschaftliches, doch zuverlässig belehrendes Buch. Damit nicht genug, betraf mich zu jener Zeit noch ein besonderer Glücksfall, indem Ende 1887 Leopold von Schroeder's vorzügliches und in seiner Art einziges Buch Indiens Literatur und Kultur erschien und mir somit die denkbar beste, allgemein umfassende Übersicht über das geistige Leben Indiens in einem Augenblick zu Händen kam, wo mich der Gegenstand einnahm und ich die volle Muße genoß, die ein derartiges Studium erfordert. Unvergessen bleiben mir die schönen Herbsttage auf einem Berge in Deutsch-Böhmen, wo mir dieser Genuß zuteil ward und ich den mir damals unbekannten Verfasser lieb gewann. Durch Schroeder's Buch angeregt, griff ich jetzt zum Rigveda und begann die indischen Dichter zu beachten; namentlich erinnere ich mich, die Theaterstücke von Bhavabhuti, Kshanuçvara, Çudraka gelesen zu haben sowie die bekannten Übersetzungen von Rückert. Nie habe ich den Versuch unternommen, Sanskrit zu lernen, doch las ich eine Grammatik dieser Sprache durch und nahm dann, hierdurch angeregt, des amerikanischen Philologen Whitney's Leben der Sprache sehr gründlich in die Arbeit und nachher de Sacy's Principes de Grammaire générale.

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    So sahen die Anfänge der indischen Studien aus, die mich viele Jahre hindurch beschäftigten und einen bedeutenden Einfluß auf die Richtung meines Geistes gewinnen sollten.
    Erwähnenswert ist vielleicht, daß ich während dieser Jahre die Galerien in Dresden und in Berlin fleißig besuchte, bis ich sie in fast allen ihren Teilen gleichsam auswendig kannte. Außer dem Gebrauch der ausführlichen Kataloge stellte ich allerdings wenige kunsthistorische Studien an, doch nahm ich Lübke — mir von früher her vertraut — nochmals gewissenhaft durch, studierte Michiels' Peintres Flamands, da mich damals die Niederländer besonders anzogen, sowie Fromentin's entzückendes Maîtres d'autrefois und las gern und viel in Vasari. Auch zum Studium der Musikgeschichte fand ich in Dresden Anregung genug und ergänzte darum meine aus Brendel geschöpften Kenntnisse (vergl. S. 206) jetzt durch Ambros und Langhans. Und wie es mir schon früher ergangen war, rief ein Geschichtsstudium die Lust nach dem anderen wach: zum erstenmal in meinem Leben las ich Weltgeschichte — die zwar nicht geniale, aber brauchbare von Weber; von diesen Schemen ermüdet, flüchtete ich schleunigst zu Froissart's Chroniques zurück, seit Jugendjahren mir vertraut; griff wieder zu Motley's Dutch Republic das ich nie müde werde zu lesen, und nahm schließlich Michelet's Révolution Française durch. Von dieser Verherrlichung bestialischer Greueltaten wandte ich mich zu meiner ersten eingehenden Befassung mit den vier Evangelien, die ich durch Renan's Vie de Jésus ergänzte.
    Von Dresden darf ich nicht scheiden, ohne Ihnen erzählt zu haben, daß ich mir hier zum erstenmal einen sogenannten „vollständigen Goethe“ zu eigen erwarb: es war die schön gedruckte Cottasche Ausgabe von 1857. In Wirklichkeit ist sie keineswegs vollständig; denn abgesehen von Briefen und Tagebüchern, die nicht in Frage kommen, enthält sie nur Bruchteile der naturwissenschaftlichen Arbeiten, und auch gar manches Literarische aus dem Nachlaß war damals nicht zugänglich. Immerhin bedeutete dieser Besitz eine erfreuliche Erweiterung meines Goetheschen Horizonts. Zwar blieb zunächst manches von mir unbeachtet; der Umfang erschreckte mich; hauptsächlich hatte ich es auf Vertiefung in die Dramen und

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auf die mir — bis auf Werther — noch unbekannten Romane und Schilderungen aus dem eigenen Leben abgesehen. Meinem höchst gebildeten, liebenswürdigen Dresdner Buchhändler, Herrn R. von Zahn, dem ich auch sonst vielfache Förderung verdankte, bin ich es schuldig, daß ich zugleich mit jener Erwerbung ein Bezieher der großen Weimarer Ausgabe in allen ihren vier Teilen wurde, die im Jahre 1887 zu erscheinen begann. Es bildet dies einen fast geheimnisvollen Vorgang; denn meine Mittel waren beschränkt, und mein Begriff von Goethe war noch sehr unreif; Zahn redete aber unablässig auf mich ein, und die Folge ist gewesen, daß ich diese monumentale Ausgabe gleichsam auf Abzahlung erhielt und außerdem den unschätzbaren Vorteil genoß, die nach und nach erscheinenden Bände aus den verschiedenen Arbeitsgebieten des einzigen Mannes ohne Hast und ohne die drückende Vorstellung einer ungeheuren zu bewältigenden Masse kennen zu lernen: diesem Umstande danke ich es, mühelos in die Kenntnis Goethe's hineingewachsen zu sein.
    Schon im Sommer 1888 hatte ich begonnen, meine Kräfte von neuem an der Naturwissenschaft zu versuchen, und erwählte zu diesem Behufe zunächst die Hauptwerke Darwin's, von denen ich nur den Ursprung der Arten gut kannte, sowie die Schriften Huxley's, für welche ich seither eine besondere Vorliebe behielt: ist er doch der geistvollste und kultivierteste unter den englischen Naturforschern unserer Zeit. Von da aus schlug der Weg wieder auf die Botanik zu, und bald war ich so weit, mich an praktischen naturwissenschaftlichen Arbeiten zu versuchen. Diese stille Beschäftigung mit der Natur stimmte harmonisch zu der Versenkung in Plato und die Inder und zu der anhebenden Zauberwirkung der Gegenwart Goethe's. Die Kräfte nahmen zu, und so beschloß ich, nach Wien zu ziehen, um unter der Leitung Julius Wiesner's meine physiologischen Arbeiten wieder aufzunehmen. Der Umzug fand im Herbst 1889 statt.

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    Bei den vier Dresdener Jahren habe ich mit einiger Ausführlichkeit verweilt und mich nicht enthalten, viele Bücher zu nennen, die zu der Gruppe „weniger als Bücher“ und auch einige, die zu der Gruppe „mehr als Bücher“ gehören; ich tat es, weil ich der Meinung bin, daß in diesen vier Jahren der Grund gelegt wurde zu meiner ganzen weiteren Geistesausbildung: fortan waren die Fesseln des Fachstudiums — trotz aller redlichen Versuche, mich wieder hineinzubegeben — doch für immer zerrissen, und Wege waren angetreten, die auf verschiedenen Gebieten nicht zu hauttiefer Vielwisserei, sondern zu gründlichen Kenntnissen an der Hand fähigster Fachmänner und hoher Geister führen mußten. Wiedergewonnene Gesundheit, wachsendes Selbstvertrauen, anregende Beziehungen, auffordernde Aufgaben — dies alles führte nach und nach zunehmende Erweiterung herbei, und wollte ich die zwanzig Jahre in Wien nach der selben Methode behandeln wie die vier in Dresden — ich würde ins Unübersehbare geraten, und dieser Brief würde eine Art Bücherlexikon werden. Was die Naturwissenschaften anbetrifft, habe ich einiges wenige in dem Brief an unseren gemeinsamen Freund und Lehrer Uexküll erzählt; in bezug auf die anderen Fächer genüge es zu sagen, daß ich die angetretenen Wege rüstig weiterschritt: die französische Literatur, die englischen Dramatiker und Lyriker, die deutschen Klassiker in Wort und Ton — allen voran das leuchtende Dreigestirn Goethe, Beethoven, Wagner —‚ der Kopernikus des Menschendenkens Kant, sein Bahnbrecher Plato mit allem, was zu diesen beiden lebendige Beziehung besitzt, die Weltanschauung der Brahmanen, das Wesen der Sprache und des Stils, Geschichte — namentlich überall, wo sie, sei es das Einzelne, seien es die allgemeinen Zusammenhänge durch schöpferische Gestaltung sichtbar zu machen versteht —‚ die Erscheinung Jesu Christi sowie die Geschichte der auf ihn sich beziehenden Dogmen und Kirchen.... alle diese in Dresden ergriffenen Studien haben mich auch fernerhin erfüllt, alle enthielten in sich den Keim zu bildender, beglückender Erweiterung, einzig beschränkt durch die enge Begrenzung der Kraft und die geringe Zahl der verfügbaren Jahre. Diese verschiedenen Studienreihen konnten natürlich nicht alle zugleich im Vordergrunde stehen: es wechselten die Jahre und auch die Tage, doch ward ich überall heimisch genug, um auch nach längerer Unterbrechung so-

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fort unschwer wieder anzuknüpfen, und nichts wurde so anhaltend vernachlässigt, daß es in Vergessenheit geraten wäre. Der Wechsel mag wohl ein Bedürfnis und insofern ein Gesetz meiner Geistesanlage gewesen sein, außerdem wurde er mir aber durch die Verschiedenheit der Aufgaben, die das Schicksal mir stellte, zur Pflicht gemacht. Statt einer — dank meinem Tagebuch — möglichen, aber unerquicklichen Bücherliste möchte ich Ihnen darum nur eine kurze andeutende Gliederung dieser Jahre nach der Verschiedenheit der vorwiegenden geistigen Beschäftigung geben, begegne aber, sobald ich dies unternehme, der Schwierigkeit, daß die Epochen einander nicht ablösend folgen, vielmehr übereinandergreifen und dadurch ein Gewebe bilden, das zerrissen wird, sobald man die Teile zu einer Aufeinanderfolge geradlinig umzubrechen unternimmt.
    Zunächst überwogen in Wien die botanischen Studien alle anderen, doch währte es nicht lange, und sowohl körperliches Unbehagen wie geistige Sehnsucht forderten gebieterisch Erweiterung; schon der Sommer des Jahres 1890 sah mich mehr denn je in Kant vertieft, dessen Kritik der reinen Vernunft ich jetzt erst glaubte recht erfaßt zu haben (vergl. S. 123). Inzwischen wurde ich in Bayreuth immer heimischer, und es wuchs der Wunsch, meine Kräfte dem Dienste dieser Sache zu widmen: ich begann für die Bayreuther Blätter zu schreiben; namentlich aber wirkten in entscheidender Weise die zahlreichen Vorträge, die ich im neuen Wagnerverein zu Wien in den Wintern 1891—1892 und 1892—1893 hielt — denn wer lehren will, sieht sich genötigt, gründlich zu lernen. Den Höhepunkt bildeten die Jahre 1894—1895, welche der Hauptsache nach der Ausführung meines ersten größeren Buches, Richard Wagner, gewidmet waren. Über Wagner und Bayreuth schrieb ich noch häufig, und jedes solche Schreiben bedingte erneute Studien; doch habe ich niemals wieder die Muße besessen, mich mit solcher Inbrunst wie dazumal in diese Welt zu versenken, und die Flut der sogenannten Wagner-Literatur blieb von mir fortan unbeachtet. Dagegen beanspruchte vom Winter 1895 ab — sofort nach Erscheinen meines Wagnerbuches — die Pflanzenkunde von neuem eifrige Hingabe: es entstand meine Dissertation über den aufsteigenden Saft der Pflanzen und eine unveröffentlicht gebliebene Überschau über die gesamte diesen Gegenstand behandelnde Literatur.

344 V. Mein Buchgaden. Wien: Epoche des produktiven Arbeitens.

Auch in den Folgejahren schwand die Naturwissenschaft in ihren verschiedensten Zweigen nie aus dem Vordergrund der mich beschäftigenden Studien und Gedanken: meine Grundlagen, mein Kantbuch und mein Goethebuch bezeugen es — und sofort nach Vollendung des letzteren unternahm ich meine lange geplante Einführung in die Natur, die zu vollenden mein heißer Wunsch wäre (vergl. S. 148 fg.). Greife ich aber nun zurück in die Mitte des vornehmlich Richard Wagner gewidmeten Zeitabschnittes, so zeugt mein Tagebuch von einer selten unterbrochenen Beschäftigung mit dem indischen Denken, namentlich seitdem im Anfang des Jahres 1894 ein heftiger Gichtanfall mich ans Bett gefesselt und mir die Muße verschafft hatte, mich in Çankara's Sutras des Vedanta anhaltend zu vertiefen. Hierdurch ward eine Hochwelle indischer Studien veranlaßt, begünstigt durch die im Laufe der Jahre erfolgenden neuen Veröffentlichungen Paul Deussen's; eine Flut, die in der Folge bisweilen stieg — wie zur Zeit (1905), als ich meine kleine Schrift Arische Weltanschauung verfaßte, manchmal dagegen bis fast zum Nullpunkt herabsank. Als Gegensatz zu dieser Befassung mit dem abgezogensten Denken fand die einstens in Florenz begonnene, dann — wie Sie gesehen haben — in Dresden und Berlin fleißig fortgesetzte Beschäftigung mit bildender Kunst in den reichen Wiener Sammlungen neue Nahrung; gerade zu den Zeiten der stärksten Arbeitsleistungen pflegte ich, mehrmals wöchentlich, meinen Geist durch den Anblick schöner Bilder zu erquicken: kurze Besuche, die mich aber durch ihre häufige Wiederholung mit den Werken vertraut machten. Diese Beschäftigung zieht sich durch die ganzen Wiener Jahre hindurch, durch gelegentliche Reiseeindrücke bereichert, und ist mir auch seitdem, im abgelegenen Bayreuth, ein Gemütsbedürfnis geblieben, dem ich auf eine oder die andere Weise Nahrung zuzuführen suche.
    Was die eigentlich geschichtlichen Studien anbetrifft, so lieferten sie in den ersten Wiener Jahren den Stoff für die Abendlektüre nach getaner Tagesarbeit, nahmen aber plötzlich einen großen Aufschwung, als ich im Februar des Jahres 1896 von dem Verlag Bruckmann den Auftrag erhielt, ein Buch über das neunzehnte Jahrhundert zu schreiben. Die in den Anmerkungen zu den Grundlagen genannten Werke umfassen nicht entfernt alles, was ganz

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oder teilweise zur Kenntnis genommen wurde. Denn jetzt setzte eine Zeit anhaltender Arbeit unter Hochdruck ein, die bis an das Ende meines Wiener Aufenthaltes und darüber hinaus, etwa fünfzehn Jahre, währte: ein Mann, der über seine Tage frei verfügt und sie ohne jeden Abzug den selbstgestellten Aufgaben widmet, kann an Studien mehr leisten, als man für möglich halten sollte. Freilich gehört dazu ein Instinkt für das Gute, das Abweisen alles Minderwertigen, und bewußt planmäßige Beschränkung. Eines Tags, als ich bei meinem hochverehrten Freunde Julius Wiesner über die Unmöglichkeit klagte, den Fortgang der Naturwissenschaften mit einiger Genauigkeit zu verfolgen, warf er ein: „Das kann ja nicht einmal der Fachmann! Was mich bei Ihnen in Erstaunen setzt, ist, daß Sie fast immer von dem Bedeutendsten Kenntnis haben, und zwar aus den Originalwerken; wie Sie das anfangen, ist mir unbegreiflich.“ Vielleicht hatten Zufälle mitgewirkt und Wiesner eine allzu günstige Meinung beigebracht? Doch den Kern hatte der kluge Mann, wie gewöhnlich, getroffen: auf allen Gebieten war ich immer bestrebt, zu den Quellen aufzusteigen und zog stets ein noch so schwieriges und vielleicht mir nicht in allen Teilen verständliches Fachwerk jeder popularisierenden oder verallgemeinernden Darstellung vor. Der Begriff der „Geschichte“ erweiterte sich vor meinem Geiste immer mehr und umfaßte außer Rechtsgeschichte und Kirchengeschichte, außer Geschichte der Wissenschaften, der Philosophie, der sozialen Verhältnisse usw. auch noch in besonderem Grade die Spezialgeschichten einzelner Tätigkeiten, Fächer, Gebiete usw.
    Wie gesagt, hier Bücher aufzuzählen, wäre mit dem Begriff eines Briefes unvereinbar; aber vielleicht vermittelt es Ihnen eine lebhafte Vorstellung meines Tagewerkes, wenn ich einige Seiten meines Tagebuches aus dem Zeitraum der Grundlagen abschreibe, wobei ich bemerke, daß Bücher, in denen nur gelegentlich geblättert wurde, nicht genannt sind, sondern nur solche, in denen ich regelrecht studierte. An dem einen Tage finde ich angemerkt:

M o m m s e n:  Römische Geschichte;
L e i s t:  Graeco-italische Rechtsgeschichte;
A r n d t:  Pandekten;

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H o l l a n d:  Jurisprudence;
S a v i g n y:  Römisches Recht im Mittelalter;
J h e r i n g:  Zweck im Recht. —
C i c e r o:  Briefe. —
A u g u s t i n u s:  De civitate dei;
D ö l l i n g e r:  Heidentum und Judentum. —
(Abends vorgelesen)   L a   B r u y è r e:  Caractères.
(Im Bett)  D i c k e n s:  Pickwick.

Am folgenden Tage heißt es:


M o m m s e n:  Römische Geschichte;
D i o n y s i u s   v o n  H a l i k a r n a ß:  Urgeschichte der Römer;
R a n k e:  Weltgeschichte;
B e c k e r:  Weltgeschichte;
B o s s u e t:  Histoire universelle;
G i b b o n:  Decline und Fall. —
A r n d t:  Pandekten. —
D ö l l i n g e r:  Heidentum und Judentum. —
C i c e r o:  Briefe. —
(Abends)  H i n d e:  The Congo Arabs.
(Im Bett) Revue anthropologique.

Am ersten dieser beiden Tage war außerdem acht Stunden lang an den Grundlagen geschrieben worden, am zweiten mehrere Stunden.

    Aus einer anderen Periode des Entstehens der Grundlagen berichtet das Tagebuch von einem Tag:

J o s e p h u s:  Geschichte der Juden;
D ö l l i n g e r:  Die Juden in Europa;
W a h r m u n d:  Das Gesetz des Nomadentums;
D r u m o n t:  Le testament d'un Antisémite. —
Z i t t e l:  Die Bibel;
P a u l   G r a d e:  Erlebnisse eines Dorfpfarrers. —
V o l t a i r e:  Sur la façon d'écrire l'histoire.
(Abends vorgelesen)  G o e t h e: Die natürliche Tochter Akt I,

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außerdem Urworte, Bedenklichstes, Naturphilosophie und einige andere Gedichte.
(Im Bett)  D i d e r o t:  La Religieuse.

Zur Ergänzung teile ich noch zwei Tage aus der Zeit der Arbeit am Kantbuch mit:


G i o r d a n o   B r u n o: Summa terminorum metaphysicorum, Sigillus sigillorum, De lampade combinatoria, De umbris idearum, De triplice minimo; dazu   B a r t h o l m è ß:   G. Bruno vol. II, 263—328. —  P l o t i n:   Aeneaden;   A r i s t o t e l e s:   Physik. —  H e r d e r:   Ideen (Buch 4 und 5 annotiert);   K a n t:   Die zwei Rezensionen über Herder's Ideen. — (Abends vorgelesen)   G o e t h e:   Briefwechsel mit Zelter. (Im Bett)   G o e t h e:   Maskenzug 1818.

Ein Jahr später finde ich folgenden Tag:


P l a t o:   Timaeos und Philebos (griechisch und in den Übersetzungen von Jowett, Burges, Schleiermacher, Cousin und Martin);   R i b b i n g:  Plato;   N a t o r p:   Plato's Ideenlehre. —  F.  J. S c h m i d t:   Kant-Orthodoxie. —  C.  E.  v.  B a e r:   Darwinismus (meine Notizen durchgearbeitet). — (Abends vorgelesen)   G o e t h e:   Italienische Reise;   G r i m m:  Märchen. (Im Bett)   G o e t h e:   Gespräche (Bd. 8 v. Biedermann beendet).

An dem ersten der beiden genannten Tage wurde zweidrittel Seite geschrieben, an dem zweiten lediglich Titelblatt und Kernspruch zum Plato-Vortrag. Indem ich in meinen Tagebüchern blättere, merke ich wohl, daß ich von der Mannigfaltigkeit der Lektüre durch solche einzeln herausgegriffene Beispiele keine rechte Vorstellung zu geben vermag; immerhin mögen diese Aufzeichnungen Ihnen andeutend nahe bringen, in welcher Weise ich meine Tage geistig auszufüllen pflegte. Und so ging es auch weiter, bis der Krieg ausbrach, der mich in Kirchenväter und zugleich in allerneueste Physik und Chemie vertieft fand.

    Ein einziges bleibt mir noch, um diesen Brief, der übermäßige Ansprüche an Ihre Geduld stellt, glücklich zu Ende zu führen: nämlich, einige Betrachtungen denjenigen unter den Büchern, „die

348 V. Mein Buchgaden. Wien: Epoche des produktiven Arbeitens - Bleibende Lebensgenossen: Montaigne.

Bücher sind“, zu widmen, die — weil solche Bücher als Kunstwerke außerhalb aller Bedingnisse stehen — mir, nachdem ich die Ruhe der Reife erreicht hatte, nie mehr von der Seite wichen, so daß sie — aller Zeitlichkeit enthoben — dauernde Genossen der wechselnden Jahre blieben.

*

    Über   M o n t a i g n e   zu reden, ist Verlegenheit, weil so viele Männer von Bedeutung es seit drei Jahrhunderten getan haben; lassen Sie mich also nur kurz andeuten, welche Eigenschaften es waren, die mich mit nie nachlassenden Kraft zu diesem Künstler hinzogen, so daß ich ihn im engeren Sinne des Wortes zu denen rechnen muß, denen meine Persönlichkeit die Besonderheit ihrer Ausgestaltung verdankt, was zugleich diejenige meiner Schriften bedingt hat. Ich unterscheide zweierlei: die geistig-sittliche Persönlichkeit Montaigne's, die mich wie wenige einnimmt, und die Gaben des Schriftstellers, die mich unerschöpflich zu Begeisterung hinreißen.
    Wenn er schreibt: „J'aime mieux forger mon âme que la meubler“ — lieber will ich mit dem Schmiedehammer meine Seele gestalten, als daß ich sie mit herbeigeschlepptem Gerät ausstaffiere —‚ so verleiht Montaigne meinem eigenen Lebensideal entsprechenden und zugleich genialen Ausdruck. Ebenso verhält es sich mit seiner Auffassung der Bedeutung dessen, was wir Menschen „Wissen“ zu nennen belieben, das er lediglich als Mittel zum Zweck und nie als Zweck an sich zu schätzen erlaubt: „La peste de l'homme, c'est l'opinion de savoir“ — die schlimmste Erkrankung des Menschengeistes ist der Wahn, er besitze Wissen. Darum heißt es auch: „Je ne traite d'aucune science, que de celle de l'inscience“ — von keiner Wissenschaft handle ich, außer von der des Nichtwissens; was er an anderer Stelle durch die feine Bemerkung ergänzt, nur der Fachmann kenne die Dunkelheit, die seine Wissenschaft umgebe, und es bedürfe einer besonderen Entwickelung der Verstandeskraft, damit der Mensch aufmerksam werde, was er alles nicht wisse. Vielleicht erinnern Sie sich des Abschnittes in meinen Grundlagen über das   e x a k t e   N i c h t w i s s e n?   Bezeichnend ist es — und für mich sehr belehrend —‚ daß niemals ein Mensch auf die Tragweite dieser

349 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Montaigne.

Ausführungen hingewiesen hat; das wollen die Leute nicht hören; wir alle sind trunken vom Wissenswahn. Daher die Berechtigung des herrlichen Wortes Montaigne's: „Il nous faut abêtir, pour nous assagire“ — wir müssen verdummen, um gescheit zu werden. Sonst nämlich führt gerade unser Wissen zur Zerstörung aller uns von der Natur mitgegebenen Keime wahrer Weisheit: das traurigste Beispiel umgibt uns Heutige von allen Seiten in der Verblödung der Massen durch Ernst Haeckel, dem es an Wissen nicht fehlte, wohl aber an jedem Sinn für die Nacht unseres Unwissens. Handelte es sich nun bei dieser Kritik des Wissens um die Lehren eines fanatischen Mönches, der uns zur sacra ignorantia bekehren wollte, so würde die dahinter verborgene Absicht Mißtrauen einflößen; hier redet aber der Skeptiker, der Vernichter der Scholastik, der Urheber derjenigen Geistesrichtung, die zu Voltaire hinführte! Des Wissens wegen legt er das entscheidende Gewicht auf die Kritik des Wissens, und ist insofern ohne Frage — er und nicht Descartes — den eigentliche Vater der in Kant gipfelnden kopernikanischen Umwandlung und Neugeburt der Erkenntnis. Das Aufräumen mit allen Unsinnigkeiten der angeerbten Dogmen bildet sein Hauptanliegen: „Qui fagoterait suffisamment un amas des âneries de l'humaine prudence, il dirait merveilles“ — wer befähigt wäre, die Eseleien menschlicher Weisheit zu einem Bündel zusammenzubinden, der würde Wunder und wilde Märe zu erzählen haben.
    Von dieser Andeutung des objektiven Standpunktes Montaigne's springe ich hinüber zu einer ebenso gedrungenen Andeutung seines subjektiven Verhaltens: das eine bildet die harmonische Ergänzung des anderen.
    Das Wort Bescheidenheit langt keineswegs einem Montaigne gegenüber. Er weiß es wohl: „On peut être humble de gloire“ — man kann aus Eitelkeit demütig sein; auch in dem Urteil über sich selber soll jeder aufrichtig wahr sein, und einen Caesar lasse man sich kecklich den größten Heerführer aller Zeiten nennen. Es handelt sich für Montaigne um eine innere Richtung des Gemütes. Von sich sagt er: „Il est bien difficile, ce me semble, qu'aucun autre s'estime moins, voire qu'aucun autre m'estime moins, que ce que je m'estime: je me tiens de la commune sorte, sauf en ce que je m'en tiens“ — schwerlich dünkt mich, kann sich ein anderer Mensch geringer

350 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Montaigne.

schätzen, ja, schwerlich kann ein Anderer mich geringer schätzen, als ich mich selber schätze: nach meinem Urteil gehöre ich dem allgemeinen Haufen an, bis auf den einen Punkt, daß ich nämlich so über mich urteile. Hieraus folgt Mißtrauen in die eigene Kraft und ein Erstaunen über die eigenen Leistungen: „Je n'ai point mes moyens en propositions et par état, et n'en suis instruit qu'après l'effet; autant douteux de moi, que de toute autre chose. D'où il advient, si je rencontre louablement en une besogne, que je le donne plus à ma fortune qu'à force; d'autant que je les desseigne toutes au hazard et en crainte“ — meine Mittel liegen nicht vor mir ausgebreitet, wie bei einem Mann von Beruf, und ich weiß nicht eher, was ich kann, als bis ich es geleistet habe, denn nicht weniger als an allen anderen Dingen zweifle ich an den eigenen Kräften; daher, wenn mir einmal eine Aufgabe gelingt, schreibe ich es dem Glück mehr als dem eigenen Vermögen zu; und zwar um so mehr, als ich beim Entwerfen zufällig und zaghaft verfahre. „Nie“, sagt er, „habe ich etwas geleistet, was mich vollkommen befriedigt hätte, und das Lob Anderer zahlt mich nicht. Mein zarter und anspruchsvoller Geschmack richtet sich namentlich gegen die eigenen Leistungen: immerfort bin ich geneigt, mich selbst zu verleugnen, und fühle mein eigenes Ich in seiner Schwäche schweben und schwanken.“ Wozu es ergänzend heißt: „Ich beneide das Glück Derjenigen, die am eigenen Werke Freude und Genugtuung zu genießen verstehen; denn sie besitzen eine Quelle des Vergnügens, die aus dem eigenen Urteil fließt —‚ besonders, wenn diese Eigenbewertung gesund und hartnäckig beschaffen ist.“ Diese Demut Montaigne's ist derjenigen Goethe's anzugleichen: Demut vor sich selbst und vor Gott, stolze Unabhängigkeit vor den Menschen. Wie Goethe, so verbietet auch Montaigne jede Selbstrechtfertigung: man tue das Rechte, das Einem Natürliche und gehe unbekümmert seinen Weg. Er empfiehlt, „de fuire à se justifier, excuser et interpréter“ — fliehe die Versuchung, dich zu rechtfertigen, zu entschuldigen und auszudeuten.... Auch hier wiederum stimmt alles so genau mit meinen eigenen Empfindungen überein, daß ich bei jedem Satz vor Freude aufjauchze, still gehegten Überzeugungen, vom Munde des Genies geprägt, zu begegnen.

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    Nun aber zu der anderen Quelle der Belehrung und der Bewunderung, die bei diesem einzigen Manne unerschöpflich fließt, zum Schriftsteller! Montesquieu hat hier den Kernpunkt so genau bezeichnet, daß man am besten fährt, wenn man ihn anführt — was ich hier aus dem Gedächtnis tue: „Betrachte ich ein Buch genau, ich erblicke den Verfasser an seinem Tische, wie er schreibend sich abmüht; bei dem einen Montaigne dagegen erblicke ich den Denker in dem Augenblick, wo die Gedanken ihm aus dem Hirn hervorsprudeln“. Hiermit wird meines Erachtens ein höchstes Lob ausgesprochen: die Kunst des Schreibens derart meisterlich in der Gewalt zu haben, daß die reine Spontaneität fleckenlos zum Ausdruck kommt. Soweit mein Überblick reicht, halte ich in dieser Beziehung Montaigne für den ersten Schreib-Künstler aller Zeiten. Vielleicht erinnern Sie sich des Wortes Goethe's über sich, er „künstele am Stile, daß er recht natürlich werde“? Nichts ist in dieser Kunst schwieriger als die Übertragung aus dem stets forteilenden Strom des Gedachten, Empfundenen, Erblickten, Geahnten in die Regungslosigkeit des zu Schriftzügen Gebannten, ohne daß auf diesem Wege das Leben zu Tode erstarre, oder wenigstens an Atem- und Bewegungskraft schwere Einbuße leide. Hier ist Montaigne den Meister aller Meister und daher lebenslänglich die Schule für jeden, der gut schreiben möchte. Wie immer bei gipfelnden Erscheinungen, kam auch in diesem Fall zu der außerordentlichen Begabung die außerordentliche Gunst der Umstände. Montaigne, der eine vorzügliche Erziehung genossen hatte und schon als Kind fließend Latein sprach, lehnte die gelehrte Laufbahn der Kirche ab und erwählte die praktische des Gutsherrn und Weltmannes, wodurch er reich an Erfahrung und Urteil wurde; erst als er dem öffentlichen Leben entsagte und sich auf seine Güter zurückzog, nahm er die Feder zur Hand und schrieb zur behaglichen Ausfüllung seiner Muße und um sich selber kennen zu lernen; kaum daß die Vorstellung, es könnten sich Leser einfinden, ihm gelegentlich vorschwebt. Daher denn die vollendete Natürlichkeit: „Je suis tout simplement ma forme naturelle“ — ich folge ganz einfach der angeborenen Richtung. Zwei sich ergänzende Vorzüge ergeben sich aus diesem Tatbestand: die gewonnene Freiheit des Blickes und die Entfesselung aus aller interessierten Absichtlichkeit. Wer nämlich die Schule des Weltverkehres nicht durchgemacht hat,

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bleibt, wie Montaigne bemerkt, „tout contraint et amoncelé en soi“ — ganz befangen und in sich selber zurückgestaut —‚ den Blick auf die Länge der eigenen Nase beschränkt; wessen Handlungen aber noch weltumgarnt sich abspielen, der besitzt nicht den zur schrankenlosen Wahrhaftigkeit und Natürlichkeit nötigen unabhängigen Sinn. Damit hätten wir die Innenseite — wenn ich mich so ausdrücken darf — der stilistischen Meisterschaft dieses Mannes bezeichnet; die Außenseite bildet — wie nicht anders möglich — eine in ihrer Art beispiellose Beherrschung der Sprachmittel. Bemerkenswert ist, daß wir Luther's berühmtes Wort, um gut deutsch reden, solle man auf den Markt gehen und den Leuten aus dem Volk „aufs Maul schauen“, bei Montaigne fast buchstäblich wiederfinden: „Puissè-je ne me servir que de mots qui servent aux halles!“ Aus der selben Quelle der Kraft schöpfen beide Sprachmächtige; keine Gelehrsamkeit und kein noch so feiner Geschmack vermag sie zu ersetzen. Es kommt aber noch etwas hinzu, was Montaigne in dem Augenblick, als er jenen Satz schrieb, übersah: mit Bewußtsein ergänzt er seinen Sprachschatz aus allen den vielen ihm geläufigen Sonderquellen — so aus der weidmännischen, aus der Sprache der Förster, der Seeleute, der Handwerke und Gewerbe, namentlich auch aus den Dialekten; außerdem scheut er sich keineswegs — wenn das Auszudrückende es erheischt —‚ dem Lateinischen zu entlehnen. Im Gegensatz zu den Übertreibungen gewisser heutigen Sprachreiniger und in genauer Übereinstimmung mit Goethe, redet er jeder Bereicherung der Sprache, wenn auch aus fremden Idiomen, das Wort: „C'est aux paroles à servir et à suivre; et que le gascon y arrive, si français n'y peut aller. Je veux que les choses surmontent, et qu'elles remplissent de façon l'imagination de celui qui écoute, qu'il n'ait aucune souvenance des mots“ — an den Worten ist es zu dienen und dem Gedanken zu folgen; wenn das Französische nicht ausreicht, so greife ich zum Gasconischen; der Gegenstand soll obsiegen und derartig die Phantasie des Hörers ausfüllen, daß er auf die Wörter nicht achtet. Auf diesem Wege nun schuf Montaigne eine reiche, biegsame, kernige, naiv-kräftige französische Sprache, unerschöpflich an überraschenden Ausdrücken, von denen jeder den oft zarten, schwebenden, schwer zu fassenden Gedanken, wie eine gut gezielte Kugel, genau ins Schwarze trifft. Zwei Dinge sind für Montaigne,

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den Schriftsteller, bezeichnend: die außerordentliche Feinheit der Gedankenschattierungen und die verblüffende Prägnanz und Einfachheit der sie vermittelnden Wendungen. Genau an diesem Punkte offenbart sich bei ihm Genie: was Montaigne denkt, denkt Mancher; es auszusprechen und dadurch für alle Zeiten künstlerisch auszugestalten, vermochte nur der Eine.
    Ebenso unerhört wie diese Sprache war ihr Schicksal: sie blieb auf den einen einzigen Montaigne beschränkt; vor ihm hatte kein Mensch von ihr eine Ahnung, und er lebte noch, als der unglückselige Malherbe — dem Instinkte der Mehrzahl diesen Nation folgend — die Mumifizierung des Französischen in die Wege leitete, die im Laufe weniger Jahre durchgeführt war und niemals mehr rückgängig gemacht werden konnte. Wohl entwickelte sich eine besondere Sprachvirtuosität in der Überwindung der künstlich errichteten Hindernisse, doch die „sécheresse“ und die „uniformité“, die selbst ein Voltaire beklagend zugeben muß (vergl. die Epitre à Horace), verhinderten, daß je wieder ein Franzose sich naiv geben konnte: mit einem Wort, das Talent hatte das Genie — ich will nicht behaupten unmöglich gemacht, denn Erscheinungen wie Pascal und Rousseau gegenüber wäre das zuviel gesagt —‚ das Talent hatte aber das Genie genötigt, die gebahnte Straße des Talentes zu wandeln, und ihm alle freie sprachschöpferische Betätigung ein für allemal abgeschnitten. So stand und blieb denn Montaigne allein, ohne Vorgänger und ohne Nachfolger.
    Unter seinen Zeitgenossen wäre allenfalls Rabelais zu nennen, doch lernt man an ihm erst recht die einzigen Vorzüge Montaigne’s schätzen; denn während dieser die Wörter in seinen Dienst zwingt, damit sie seinem Denken zum Ausdruck verhelfen, schwelgt Rabelais in Anhäufungen erfundener, oft sehr witziger, nicht selten aber grotesker und geschmacklosen Wörter, wie in einer Art Wortwahnsinn: er bildet also den Widerpart zu Montaigne. Größere Teilnahme flößen mir die ebenfalls zeitgenössischen Dichter Ronsard und Du Bellay ein, in deren mannigfaltiger Sprache und biegsamen Syntax man das Element erkennt, aus dem Montaigne geschöpft hat; auch hat die Freiheit der poetischen Erfindung und mancher naive Einfall dichterische Schönheiten hervorgebracht, die zu lange unter der Tyrannei des siegenden Gesetzes verkannt und infolgedessen auch

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unbekannt geblieben sind, bis sie im 19. Jahrhundert — namentlich auch durch Flaubert — von neuem ans Licht gezogen wurden. Jedoch, es wird nie gelingen, diese Dichter zu wahrem Leben wieder zu erwecken, und zwar einesteils, weil die Künstlichkeit der Anlehnung an griechische und römische Poesie, die absichtliche Entlehnung von Wörtern, die dem Geiste der französischen Sprache unverwandt sind usw., und anderenteils, weil die Eingeschränktheit der Begabung dieser Männer, bei denen die gute Absicht die Genialität weit übertrifft, eine andauernde Wirkung auf folgende Jahrhunderte ausschließt. Von einer Angleichung an den ewig gegenwärtigen Montaigne kann keine Rede sein.
    Zum Beschluß noch ein Wort über Montaigne als Buchkünstler. In dem ersten Teil dieses Briefes stellten wir fest, wahre Bücher — d. h. Bücher, die Bücher sind — müßten allen Saft ihres Lebens in sich selber enthalten, keiner Ergänzung von außen her bedürfen, kurz, rein menschlichen Inhaltes sein: indem nun Montaigne sich selber zum Leben gebenden Mittelpunkt und zugleich zum Hochziel seines Schreibens macht, erfüllt er diese Bedingung in vollendeter Weise. Der Mensch und das Buch bilden in diesem Fall ein einziges Wesen, in welchem das Doppelstreben, für das Montaigne den köstlichen Ausdruck prägt, „naturaliser l'art et artialiser la nature“, seine Verwirklichung findet: er selber — der lebensvolle, liebenswürdige, tätige und zugleich sinnende Mensch — wird infolge der gestaltenden Tätigkeit dieses Buches gleichsam zu einem Kunstwerk verklärt; dafür ist dieses Buch-Kunstwerk schlackenlos reine Natur. „Je n'ai pas plus fait mon livre, que mon livre m'a fait: livre consubstantiel à son auteur, d'une occupation propre, membre de ma vie; non d'une occupation et fin tiers et étrangère, comme tous autres livres“ — nicht mehr habe ich mein Buch gemacht, als mein Buch mich: Buch und Verfasser sind gleichen Wesens, das Buch aus eigenem Triebe, als Glied meines Lebens entstanden, nicht von dritter Seite veranlaßt und fremdem Ziele dienend, wie alle anderen Bücher.
    Wollen Sie, lieber Freund, erfahren, was den Ehrennamen eines   s c h ö n e n   B u c h e s   verdient, leben Sie viel mit Montaigne!
    Es liegt nicht in meiner Absicht, Sie durch die Reihe der sogenannten französischen Moralisten hindurch zu schleppen; habe

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ich sie auch stets zur Hand gehabt und an ihnen gelernt, ich gestehe, meine Bewunderung blieb immer eine mäßigere als sie z. B. Schopenhauer bekennt. Ihr Hauptwert scheint mir in der Bildung des Geschmackes zu bestehen und — für den Schriftsteller — in der Schulung des genauen Sprachausdruckes für jede Gedankenschattierung. Im Gegensatz zum Goten Montaigne wiegt hier das Element der lateinischen Zivilisation entschieden vor: man lernt Maßhalten, Ruhe, Selbstbeherrschung — aber auf Kosten der Tiefe, der Leidenschaft und des Hochschwunges.

    Auf einer anderen Ebene, völlig einsam, steht   B l a i s e   P a s c a l,   der Franke (vergl. S. 322), der ohne Frage zu den großen Erscheinungen der Menschheit gehört. Pascal hat uns aber, außer der früher erwähnten hinreißenden Streitschrift und außer einer Reihe mathematischer und physischer Arbeiten, kein eigentliches Buch hinterlassen; vielmehr stellen seine berühmten Pensées ein Trümmerfeld von Gedanken und Vorarbeiten zu einem unausgeführt gebliebenen Werk vor, von fremden Händen zusammengelesen und so gut es gehen wollte, sinngemäß aneinandergereiht. So gehört denn Pascal in erster Reihe unter die Denker, und was er uns bietet, ist zugleich mehr und auch weniger als ein Buch. Nur verleiht diesem Denker der Umfang seiner Begabung im Bunde mit der Genauigkeit des mathematischen Genies eine derartige, zugleich reiche und feine Sprachbeherrschung, daß der Ausdruck, den er seinen Gedanken verleiht, auch rein „literarisch“ betrachtet, einen nicht leicht zu ermessenden Wert besitzt. Bekanntlich geht Pascal — wie kein zweiter Franzose — von Montaigne aus; die berühmte Unterredung mit M. de Saci zeigt ihn von seinem wenn auch noch so verschieden gearteten großen Vorgänger vollkommen durchtränkt; hier stand aber der Schüler geistig auf der Höhe seines Meisters und schuf nun, sowohl in Anlehnung an, wie im Widerstand gegen ihn, aus dem selben Grundsatz der Sprachbewältigung vollkommen neue Ausdrucksmöglichkeiten, weniger pittoresk, bodenständig, derb und humorvoll als die von Montaigne, dafür bedeutend höher in bezug auf wissenschaftliche Bildung, Glanz und Leichtverständlichkeit. Weil ein Beispiel immer aufleuchtend wirkt, verweise ich Sie auf die Stelle im zweiten Abschnitt der Pensées, wo Pascal den Menschen zeigt, zitternd „entre les deux abîmes de

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l'infini et du néant“ — zwischen den beiden Abgründen des Unendlichen und des Nichts: „Un néant à l'égard de l'infini, un tout à l'égard du néant, un milieu entre rien et tout.... également incapable de voir le néant d'où il est tiré, et l'infini ou il est englouti.“ Sobald der sprachliche Ausdruck für einen Gedanken, wie hier, Vollendung erreicht, bedeutet jeder Übersetzungsversuch eine Änderung und dadurch eine Fälschung des Gedankens — weswegen ich ihn unterlasse.
    Im Vorübergehen möchte ich Sie aufmerksam machen, daß Goethe, der von Jugend an die französischen Moralisten fleißig las und in seiner Spruchdichtung vielfach verwertet, auch Pascal genau gekannt haben muß; denn mehr als einer der beinahe unfaßbar subtilen Gedanken des deutschen Meisters machen den Eindruck, aus Pascal weitergesponnen zu sein. Um nur ein Beispiel zu nennen: die für Goethe bezeichnende, nicht leicht zu begreifende Unterscheidung zwischen „sich“ und „sich selbst“ findet sich bei Pascal genau vorgebildet, der in dem Bruchstück der Pensées, das die Nummer 260 (in einigen Ausgaben 273) trägt, von „le consentement de vous à vous même“ redet.

    Zu unserem Gegenstand zurückeilend, gestehe ich Ihnen, daß ich — nach und neben Montaigne — J e a n   J a c q u e s   R o u s s e a u   für den bedeutendsten Buchkünstler französischer Zunge halte und ihn überhaupt als genial unbewußten Meister der mühelos vollendeten Form zärtlich verehre. Wer den Stein gegen diesen Mann erhebt, tut es entweder als hartgesottener Heuchler oder aus der Beschränktheit eines unbelehrbaren Philisterherzens. Daß in seinem Falle die Verwandtschaft zwischen Genie und Wahnsinn sich in so düsteren Farben offenbarte, bildet das tragische Schicksal des überreich und empfindsam Beanlagten und bietet keine Handhabe zu sittlicher Verurteilung. Seit 25 Jahren — wo ich durch Versenkung in seine Confessions zum ersten Mal nähere Beziehungen zu Rousseau gewann — habe ich nicht aufgehört, die Handhabung der französischen Sprache durch diesen Einen als ein Wunder anzustaunen; denn die von Voltaire vorhin zugestandene Dürre und Einförmigkeit der neueren, in Ketten gelegten und gedrillten Sprache verschwindet bei Rousseau wie vor einem Zauber und macht einer

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modulationsreichen, warmen, zu Herzen gehenden Platz; und zwar geschieht dies ohne alle sichtbare Anstrengung oder Gewalt, so daß selbst der Pedant die tadellose „Korrektheit“ des Sprachgebrauches anerkennen muß. Die Erklärung dafür — insofern man bei solchen Dingen überhaupt von Erklärungen reden darf — erblicke ich in der Tatsache, daß Rousseau ein leidenschaftliches, ganz und gar unfranzösisches Künstlerherz besitzt, von Musik durchtränkt, der Natur schwärmerisch hingegeben, und daß er aller Gelehrsamkeit — als solcher —‚ namentlich aber allem Literatentum nicht allein infolge seiner angeborenen Anlagen fernsteht, sondern sie, nachdem sein Schicksal ihm auf diesen Gebieten reiche Erfahrung zugeführt hatte, von ganzer Seele haßt. In einem Brief, den er an Mirabeau, den Vater, richtet, lesen wir: „Die Literatur ist ein Geschäft, für das ich gewißlich nicht geboren war; alles, was irgendwie damit zusammenhängt, ist mir so durchaus unerträglich, und jedes Gedenken daran weckt so traurige Vorstellungen bei mir, daß ich — damit mich nichts mehr daran erinnere — meine sämtlichen Bücher, darunter selbst meinen Plutarch, fortgegeben habe.“ In einer Stunde bitterer Not verschaffen ihm einflußreiche Gönner eine einträgliche und wenig mühevolle Anstellung bei dem Journal des Savants; er muß sie ablehnen, weil er sich unfähig fühlt, die geringste literarische Arbeit zu leisten, sobald diese seine Seele nicht ergreift: „On s'imaginait que je pouvais écrire par métier, comme tous les autres gens de lettres, au lieu que je ne sus jamais écrire que par passion“ — man bildete sich ein, ich verstünde es, wie alle anderen Schriftsteller, berufsmäßig zu schreiben, wohingegen ich niemals anders denn aus Leidenschaft zu schreiben gewußt habe.
    Mit dieser Berufung auf die Leidenschaft sind wir dort angelangt, mein Freund, wohin ich Sie führen wollte: der allgemeine Fehler bei der Beurteilung Rousseau's — ein Fehler, der mich bis zur Raserei aufreizt — ist die Auffassung dieses Mannes als politischen und sozialen Tendenzschriftstellers, statt als Künstlers; über die Tendenzen wird dann hin und her gestritten, und es kommt niemals etwas Erquickliches dabei heraus, weil wir die zugrunde liegenden Annahmen als phantastisch und oft voll unlösbarer Widersprüche anerkennen müssen. Richtig ist ja, daß Rousseau

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kaum zum Schreiben zu bewegen war, wenn nicht ein nahes praktisches Ziel ihm vor Augen gestellt wurde, und insofern sind alle seine Schriften „Tendenzschriften“ — selbst mit den Confessions beabsichtigte er die Belehrung und dadurch Besserung seiner Mitmenschen, und mit der Nouvelle Héloise wähnte er eine Versöhnung zwischen Glauben und Unglauben anzubahnen (vergl. Brief von 24. 6. 1761); das aber gerade sind Rousseau's Illusionen, und es ist töricht von uns, sie uns zu eigen zu machen, denn daher entspringt alles Mißverstehen. Rousseau ist ein Poet, der, wie kaum ein zweiter, von Anfang bis zu Ende ein Traumleben führt, in welchem jegliche Wirklichkeit lediglich als lästige, aufreizende Beigabe wirkt. „En songeant à ce que les hommes pourraient être, je tâcherai d'oublier ce qu'ils sont“ — indem ich mir vorstelle, was die Menschen sein könnten, werde ich, was sie sind, zu vergessen versuchen. Lesen Sie einmal die Confessions unter Berücksichtigung dieser Erkenntnis, und Sie werden dieses ganze Leben sich in einen einzigen Traum auflösen sehen — sei es der Wonne, sei es des Wehes: in lockerer Folge werden uns unvergänglich starke Bilder vorgeführt, zwischen welchen leere Zwischenräume völliger Vergessenheit klaffen; nirgends herrscht ein Verhältnis zwischen Ursachen und Wirkungen. „Le pays des chimères est en ce monde le seul digne d'être habité; et tel est le néant des choses humaines, qu'hors l'Etre existant par lui-même, il n'y a rien de beau que ce qui n'est pas“. — das Land der Träume ist auf dieser Erde einzig wert, uns zur Heimat zu dienen, und derart nichtig sind alle menschlichen Dinge, daß — mit Ausnahme des göttlichen Urwesens — nur dasjenige schön heißen kann, was kein Dasein besitzt. Der Träumer nun hat keine Veranlassung, sich durch Handeln seinem Traume zu entreißen, es sei denn, daß die Wirklichkeit ihn allzu heftig aufrüttele, wo er dann, als natürliche Gegenwirkung, sie durch heftige Verneinung abzuschütteln strebt. Aus diesem Standpunkte sind alle Werke Rousseau's zu betrachten; man findet in ihnen eine Skala der durch die genannten Bedingungen gegebenen Möglichkeiten: im Contrat Social z. B. kann unser Dichter — nach dem Gesagten — nicht anders, als an dem Bestehenden alles tadelnswert finden, um dadurch Raum zu gewinnen zur Errichtung eines Traum-Staates, von dem es lächerlich wäre, logische Möglichkeit zu erwarten; wo-

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gegen in einem Gebilde wie die Nouvelle Héloise der Traum dermaßen vorherrscht, daß man auf die tendenziösen Momente aufmerksam gemacht werden muß, um ihrer überhaupt gewahr zu werden. Die Entstehung der Preisrede über den Einfluß der Künste und Wissenschaften ist allbekannt: zufällig liest Rousseau die Anzeige der Preisfrage, unter welcher die Akademie von Dijon gewiß eine Verherrlichung der wunderbaren Leistungen des Menschengeschlechtes sich erwartet hatte; unserem Dichterdenker jedoch, dem einzig in ländlicher Abgeschiedenheit gute Tage geblüht hatten und späten wieder blühen sollten, dessen Schicksal ihn aber jetzt mitten in die Weltstadt geworfen und ihn mit aller Heuchelei und Lüge, mit aller Niedertracht und Gemeinheit, mit allem Elend unseres modernen städtischen Zivilisationsgetriebes vertraut gemacht hatte — ihm fiel es auf einmal ein, dieser ganze Jammer, diese ganze Lügenherrschaft seien das Werk, oder wenigstens der Erfolg der Wissenschaften und der Künste, die den Menschen um die Unschuld, um die Ursprünglichkeit und um die Gesundheit gebracht und ihn dafür in eine Welt künstlichen Wissens, künstlicher Bedürfnisse, künstlicher Genüsse hineingedrängt hätten, eine Welt, die dem gottgegebenen Wesen des Menschen nicht entspreche, vielmehr ihm zuwider sei; und nunmehr strömten zu dieser unerwarteten Auffassung die Gedanken, die Belege, die Einfälle so massenhaft herbei, daß Rousseau — der die betreffende Anzeige zufällig auf einen Landstraße gelesen hatte — unter einem Baum niedersank und stundenlang ohne Bewußtsein der umgebenden Welt seinem Traumgesicht angehörte. Der kurze Discours, der dann seinen ersten Ruhm begründete, ist lediglich als eine Art Erinnerungsschema des vorübergegangenen Rauschzustandes zu betrachten, und auch dieses Wenige würden wir nicht besitzen, hätte nicht der energische Diderot den Augenblick erlebt und dessen Festhaltung durchgesetzt.
    Dieser Fall ist typisch: Rousseau schafft immer aus dem Zustand höchster Erregung eines Gesichtssehers; dazu muß aber noch von irgendwoher eine Nötigung kommen, da ihm persönlich sein Traum sonst genügt: der Traum liefert das Schöpferische an seinen Werken; die Nötigung — die bei ihm, um wirksam zu sein, stets als

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die Vorstellung einer moralischen Verpflichtung auftreten muß — liefert die Tendenz. Jenes Schöpferische — das eigentlich Künstlerische an dem Werk — ist fast immer fesselnd, oft von großer und mehr als einmal von unvergänglicher Schönheit; die zum Gerüst dienende Tendenz ist niemals unedel, oft aber unhaltbar und in denjenigen Werken, in denen sie sich vordrängt, bisweilen unerträglich. Man darf jedoch nicht übersehen, daß Rousseau selber die jeweiligen tendenziösen Bestandteile zwar mit einem gewissen hartnäckigen Eigensinn und mit Feuer zu vertreten pflegt, nicht aber mit Folgerichtigkeit: so könnte ich Ihnen in der Schrift, welche die angeborene Gleichheit aller Menschen darlegen soll, mehrere Stellen zeigen, die die Ungleichheit unzweideutig zugeben, und während er in seiner grundlegenden sozialen Schrift zwar nicht sozialistische, wohl aber kommunistische Grundsätze mit Leidenschaft vorträgt, gibt er an anderer Stelle unumwunden zu, dasjenige, was dem Allgemeinwohl diene, finde im Staate fast immer nur durch Gewalt Eingang, „ne s'introduit guère que par la force“ (vergl. Jugement sur la paix perpétuelle) —‚ durch welches Zugeständnis das demokratische Ideal vernichtet wird. Diejenigen, die Rousseau als Urheber der französischen Revolution feiern, müssen sich durch das entscheidende Wort eines besseren belehren lassen: „Je n'ai jamais approuvé le gouvernement démocratique“ — niemals habe ich die demokratische Regierungsform gutgeheißen; ein Wort, das um so mehr Gewicht erhält, als es an einen freien Schweizer gerichtet ist (vergl. Brief an d'Ivernois, 21. 1. 1767). Ein so überreich begabter Mann konnte unmöglich ohne Urteil sein; einzig die angeborene Abneigung gegen allen Weltverkehr und die damit zusammenhängende Abneigung gegen alle Produktion, welche — wie gesagt — nur durch äußere und innere Gewalt zu überwinden war, erklärt die Einseitigkeit der vorgetragenen Thesen. An einer Stelle unterscheidet er zwischen dem Redenden und dem Schreibenden und sagt, es liege im Wesen alles Redens,   G e f ü h l e   vorzutragen, im Wesen alles Schreibens dagegen,   I d e e n   darzulegen; von Rousseau nun dürfen wir sagen, er sei als Träumer in ein beständiges Selbstgespräch vertieft gewesen — daher ohne Frage die lebendige Kraft und die Farbenglut seines Stiles, der ihm eine Wirkung auf die Menschheit

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ermöglichte, wie sie niemals einem anderen bloß Schreibenden gegönnt ward; zugleich aber begreifen Sie ohne weiteres, daß, schon rein innerlich betrachtet, dasjenige, was ich den Gedankenstil nennen darf, unter der Nötigung der Übertragung aus einer reinen Gefühlswelt (le pays des chimères) in eine Welt der Ideen wenigstens an einzelnen Stellen leiden mußte: hierdurch entstanden Brüche, Härten, Unausgeglichenheiten.... So z. B. war Rousseau — der fromme, ganz im Gottesgefühl lebende Mann — von der Gleichheit aller Menschen vor Gottes Angesicht tief durchdrungen: sein Gefühl betrog ihn nicht; übersetzte er es aber in die Idee, so entstand unter dieser gewaltsamen Forderung manches Unhaltbare. Genau das gleiche gilt von seinen den Staat betreffenden Schriften: das sündhaft Schlechte der ihn umgebenden Ordnung, sowie namentlich jene kleinen Unerträglichkeiten alles Beamtenwesens, die Hamlet's Monolog so bitter geißelt, empfand die reizbare Seele Rousseau's besonders schmerzlich; zugleich lehrten ihn das eigene liebesbedürftige und mitleidsvolle Gemüt sowie zahlreiche Erfahrungen seines Lebens, an einen großen Schatz angeborenen guter Eigenschaften im Menschen glauben, die lediglich durch die künstliche Gestaltung der Gesellschaft verloren gehen, indem die demselben auferlegten widernatürlichen Bedingungen dessen gute Anlagen unterdrücken und die schlechten großziehen. Wer möchte die Richtigkeit aller dieser Empfindungen leugnen? Erst bei der Umwandlung in Ideen und in die damit zusammenhängenden praktischen Vorschläge entsteht das Falsche.
    Rousseau selber hat sich in einer bemerkenswerten Stelle seiner Confessions (Teil I, Buch 3) über die von mir angedeuteten Grundtatsachen seines geistigen Inneren folgendermaßen ausgesprochen: „Deux choses presque inalliables s'unissent en moi sans que j'en puisse concevoir la manière: un tempérament très-ardent, des passions vives, impétueuses, et des idées lentes à naître, embarrassées, et qui ne se présentent jamais qu'après coup. On dirait que mon coeur et mon esprit n'appartiennent pas au même individu“ — zwei fast unvereinbare Eigenschaften bilden bei mir — ohne daß ich sagen könnte, auf welche Weise — eine organische Einheit: ein sehr feuriges Temperament sowie heftige, ungestüme Leidenschaften, zugleich aber Ideen, deren Entstehen langsam und mühsam vor sich

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geht und die mir immer erst nachträglich einfallen; man hat fast den Eindruck, als gehörten bei mir Herz und Verstand zwei verschiedenen Individuen an.
    Gern kröne ich diesen Versuch, durch kritische Analyse Klarheit in das Urteil über Rousseau zu bringen und somit den ungetrübten Genuß der Schönheit seiner Werke zu fördern, indem ich ein Beispiel aus seinem Verhalten im Leben anführe. In der Biographie David Hume's wird folgende Anekdote erzählt. Den aus Frankreich, aus der Schweiz, aus Neuchâtel Verbannten, beziehungsweise durch Aufhetzung des Volkes Verjagten hatte der englische Denker nach London geflüchtet, wo er mit großen Ehren aufgenommen wurde. Garrick änderte die Reihe seiner Vorstellungen, um einen Abend mit Dingen anzufüllen, geeignet des Gastes besonderes Interesse zu wecken, und der junge König hatte seine Gegenwart im Theater versprochen, mit der Absicht, sich bei dieser Gelegenheit den Verfasser des Emile vorstellen zu lassen; Rousseau sprach sich dankbar befriedigt über diese erfreulichen Aufmerksamkeiten aus. Als aber Hume am Abend vorfährt, seinen Freund abzuholen, findet er ihn in häuslicher Kleidung: die Dienerschaft sei ausgegangen, und wenn jemand in seiner Abwesenheit einträte, würde sein Hund Sultan sofort zur Türe hinausstürzen und sich in den Straßen der Weltstadt verlieren; er verzichte darum auf den Theaterbesuch. Der entsetzte Hume versucht Rousseau von der Unmöglichkeit seines Entschlusses zu überzeugen, er könne das dem berühmten Garrick nicht antun und noch weniger der Majestät, zugleich bringt er den Hund in ein inneres Zimmer, verschließt die Türe und steckt dem wunderlichen Schwärmer den Schlüssel in die Tasche mit der Bemerkung: jetzt können Sie beruhigt sein, der Hund ist geborgen, eilen wir, es ist hohe Zeit! Halb noch widerstrebend, läßt sich Rousseau, der nichts mehr einwenden kann — fortschleppen. Doch, ehe die letzte Stufe der Haustreppe erreicht ist, dringt das Geheul des verlassenen Tieres an die Ohren seines Herrn. Dieser reißt sich los und stürzt die Treppe wieder hinauf mit dem Rufe: „Nein, das treue Tier kann und will ich nicht in der fremden Stadt allein lassen!“
    Niemand wird diese Handlung als „vernünftig“ einschätzen; der Mann aber, der unfähig ist, die Schönheit der unbedingten Liebe

363 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Rousseau - Voltaire.

zu dem stummen Freunde und die Großartigkeit der Außerachtlassung aller weltlichen Vorteile und Ehren zu bewundern — der lasse die Hand von Rousseau's Büchern!
    Ein letztes Wort. Von allen Werken dieses Meisters besitzt für mich Emile am wenigsten Anziehung: hier überwuchert die Tendenz das Gefühl und man empfindet sich Rousseau's Religion an hundert Orten näher als in dem Bekenntnis des savoyardischen Vikars. Neben den beiden Hauptkunstwerken — den Confessions und der Nouvelle Héloise — und außer den vier großen Briefen an Malesherbes, die eine Ergänzung der Confessions bilden und die ich als Allererstes empfehlen würde, möchte ich Ihre Aufmerksamkeit besonders auf des Greisen Rêveries du Promeneur solitaire lenken, welche — trotzdem der Verfolgungswahn sich hier peinlich aufdrängt — wunderbare Einblicke in die Tiefen einer erhabenen Menschenseele öffnen; auch werden Rousseau's Briefe viel zu wenig beachtet: gedanklich und stilistisch stehen sie in ihrer Eigenart einzig da — einzig namentlich an unbegreiflicher Kraft der Wirkung bei vollendeter Einfachheit der Sprache; schließlich wird jede naive Seele an den verschiedenen Sammlungen von Unterrichtsbriefen über Musik und Botanik eine reine Freude genießen, — hier finden wir den Armen, der es nie lernte, sich mit der Welt der Konvention abzufinden, bis zuletzt in harmonisch glücklicher Stimmung, wie ein Kind, das im Sand am Meere spielt.

    Während ich Obiges schrieb, war mir mehr als einmal zumute, als sähe ich Ihr Auge fragend auf mir ruhen; denn als Kenner meiner Schriften wissen Sie, daß ich häufig an entscheidenden Stellen   V o l t a i r e   anführe, Rousseau dagegen selten; nun bilden aber diese Beiden derartige Gegenpole, daß es kaum möglich scheint, ein Mann könnte den beiden zugetan sein, vielmehr vorausgesetzt wird, wer mit Friedrich Voltaire bewundere, müsse mit ihm Rousseau ablehnen. Von dieser angeblichen Zwangslage habe ich zu meinem Glücke niemals etwas verspürt; der Haß, den zwischen den Beiden — namentlich von seiten Voltaire's — herrschte, trübt mir das Urteil nicht: Rousseau liebe ich mit einer Art Inbrunst, die auch für alles, was an ihm unzulänglich oder verwerflich erscheinen mag, Erklärung und Entschuldigung bereit hält; Voltaire „lieben“,

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das wird wohl kaum einem Sterblichen einfallen, — gar vieles an ihm verdient jedoch unbedingte Verehrung, und das Maß seiner vielumfassenden Begabung, seine nie erlahmende Arbeitskraft, seine heitere Überlegenheit stempeln ihn zu einem der bemerkenswertesten Menschen aller Zeiten. Mir liegt daran, gleich anfangs zu betonen, daß auch bei Voltaire die sittliche Persönlichkeit — mag uns manches an ihr bedenklich dünken — wahrhafte Größe besitzt.
    Das erste Kennzeichen dieses Mannes bildet seine unerschöpfliche Arbeitskraft sowie die Lust zu arbeiten, welche niemals erlahmt, auch nicht in den Jahren jugendlichen Ungestüms, auch nicht auf dem Schmerzenslager, auch nicht, als die Hand des Todes auf dem Greise lastet. Sein Bekenntnis lautet: „Le plus beau présent que Dieu ait fait à l'homme est la nécessité de travailler“ — die herrlichste Gabe Gottes an die Menschen ist die Nötigung zur Arbeit. Wenn das alte Volkssprichwort recht hat, „Wer treulich arbeitet, betet zwiefältig“, dann hat Voltaire reichlich so viel wie irgendein frommer Mönch im Laufe seines Lebens gebetet; ich stehe auch nicht an zu behaupten, dieser fanatische Fleiß habe sein Leben geheiligt, indem er — soweit irgend möglich — den mangelnden Sinn für wahre Frömmigkeit vertrat. Als alter Mann sieht er Werke seiner Jugend durch und findet sie voller Fehler; unverdrossen arbeitet er sie um und ruft dabei aus: „Auch der Greis soll sich nicht der eingefahrenen Furche bequemen; den Kampf gegen uns selbst wollen wir bis zum letzten Atemzug kämpfen — combattons contre nous-mêmes jusqu'au dernier moment!“ Gewiß erkennen Sie die sittliche Bedeutung einer derartigen Hingabe an die Arbeit. Hier wurzelt zugleich Voltaire's Vielseitigkeit, welche nicht — wie mancher anmaßende Gelehrte geurteilt hat — aus oberflächlicher Geistesanlage herfließt, sondern vielmehr aus dem unbezwingbaren Drange einer ungeheuren Begabung. Einem Freunde, der ihm die jahrelange Vertiefung in Mathematik, Physik, Chemie und Astronomie zum Vorwurf macht, weil er seine Gaben bei Poesie und Geschichte angemessener beschäftigt gefunden hätte, antwortet Voltaire: „Mon cher ami, il faut donner à son âme toutes les formes possibles. C'est un feu que Dieu nous a confié, nous devons le nourrir de ce que nous trouvons de plus précieux. Il faut faire entrer dans notre être tous les modes imaginables, ouvrir toutes les

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portes de son âme à toutes le sciences et à tous les sentiments; pourvu que tout cela n'entre pas pêle-mêle, il y a place pour tout le monde. Je veux m'instruire et vous aimer.“¹)
    Dieser nach allen Richtungen forschende Verstand, im Bunde mit dem nie rastenden Fleiße, mußte manches weniger Edle der angeborenen Anlagen nach und nach klären und auch ein gar zu schnelles und daher flüchtiges Urteilen vielfach vertiefen. So z. B. pflegt die Welt sich Voltaire nur als den geselligen, redelustigen, witzigen Franzosen vorzustellen; sie übersieht dabei, daß er aus eigener Wahl drei Viertel seines Lebens in ländlicher Zurückgezogenheit, von wenigen trauten Nahestehenden umgeben, verbracht hat. Freilich mochte er ebensowenig wie Goethe die Gesellschaft seiner Mitmenschen entbehren; geistvolle Männer und Frauen waren ihm jederzeit willkommene Gäste; doch besitzen wir viele Schilderungen, aus denen wir entnehmen, Voltaire habe sich den ganzen Tag für sein Arbeiten vorbehalten, erst abends neun Uhr pflegte er zu erscheinen, um dann durch Geist, Feuer, Witz, Belehrung auf allen Gebieten, durch schlagfertigste Polemik, durch beispielloses, stets bereites Gedächtnis die Anwesenden hinzureißen; schon um 11 Uhr jedoch zog er sich in seine Gemächer wieder zurück; erforderte es die gute Sitte, daß er am Tage einem vornehmen Gast aufwarte, er tat es, ohne aber der Aufforderung zum Sitzen Folge zu leisten, aus Besorgnis, er könnte sich versäumen. In den sechziger Jahren schreibt er einem Freunde: „Nicht eine Minute meines Lebens möchte ich verlieren.“ So verstehen wir denn den Sinn des an Friedrich gerichteten Wortes: „La solitude occupée est, je crois, la vie la plus heureuse“ — das glücklichste Leben findet der Mensch, wenn ich nicht irre, in einer arbeitsreichen Einsamkeit.
    Aus diesem Bedürfnis nach Einsamkeit, bei so großer Begabung, können wir mit Sicherheit tiefe Einsicht in das Wesen des Menschen erwarten. In der Tat, Voltaire weiß ebenso gut wie
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    ¹) Lieber Freund, seine Seele gilt es in alle nur möglichen Formen umzugießen. Diese Flamme hat uns Gott anvertraut; sie mit dem Kostbarsten zu nähren, was uns begegnet, ist Pflicht. In unser Wesen sollen wir alle denkbaren Seinsarten aufnehmen, alle Tore der Seele sollen wir allen Wissenschaften, allen Gefühlen öffnen; wenn das Alles nur nicht kunterbunt hineinstürzt, findet jedes Ding seinen Platz. Mich bilden will ich und meinen Freund lieben.

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irgendein profunder Denker oder Heiliger, daß einzig der Weg ins Innerste nach oben führt:

Et pour nous élever descendons en nous-mêmes.

Ja, auch seine übermütige Laune — umfaßt sie gleich Elemente des Spottes, des Hohnes, der unbarmherzigen Satire — wurzelt nichtsdestoweniger in einem sittlichen Untergrund. In Wirklichkeit ist Voltaire — nicht Rousseau — der Pessimist: sein allbekanntes Gedicht über das Erdbeben zu Lissabon würde allein zum Beweise genügen; seine vielen Urteile über die angeborene Schlechtigkeit und Beschränktheit des Menschen weisen in die gleiche Richtung; und über die menschliche Gesellschaft auf der vielgepriesenen Höhe unserer europäischen Gegenwart spricht er ein Wort, das man eher einem Gobineau oder einem Richard Wagner zuschreiben würde als dem lachenden Allverspötter von Ferney: „La société humaine me paraît ressembler à un grand naufrage!“ — die menschliche Gesellschaft möchte ich mit einem großen Schiffbruch vergleichen. Das alles muß in Betracht gezogen werden, will man das auffallende Wort richtig erfassen über den „traurigen Wahn“ derjenigen, die es nicht verstehen, „aus dem Dasein Glück zu schöpfen“ — la triste folie de n'être point heureux. Mag man hierbei die Bedeutung des angeborenen Temperaments noch so hoch anschlagen, es bleibt doch besonderer Beachtung wert, wenn der überzeugte Skeptiker pessimistischer Färbung, der Mann, der in seinem Candide und an hundert anderen Orten jede optimistische Weltdeutung in den Fluten der Lächerlichkeit ertränkt hat, von allen gesund Denkenden das Glücklichsein als Pflicht fordert: ich finde hier einen Zug ins Heroische! Außerdem bekundet sich darin mit Bestimmtheit ein fester Glaube.

    Auf den allzuberühmten Kirchenbau mit der Inschrift: „Deo erexit Voltaire“ lege ich kein Gewicht, um so mehr auf Voltaire's durch unzählige Worte und Handlungen bezeugten, unerschütterlich festen Gottesglauben. Hier ist nichts bezeichnender als seine wilde Wut gegen Holbach's „Système de la Nature“, das Hauptglaubensbekenntnis aller Atheisten. Dieses „fluchwürdige“ Werk bezeichnet er an einer Stelle als „Sünde wider die Natur“ und führt zugleich den Vers aus seinen jüngeren Jahren an:

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Si Dieu n'éxistait pas, il faudrait l'inventer,

mit dem Zusatz: „Je suis rarement content de mes vers, mais j'avoue que j'ai une tendresse de père pour celui-là.“¹) Der Ausdruck „Sünde wider die Natur“ ist darum beachtenswert, weil Voltaire — dessen Gemüt der mystischen Anlage entbehrte und insofern unreligiös gestimmt sein mußte — seinen Gottesglauben unmittelbar aus der Betrachtung der Natur schöpfte, welche für ihn, genau wie für Goethe, „das Wesen“ war, „an dem wir die Breite der Gottheit lesen.“ Wer daher Gott leugnet, versündigt sich gegen die Natur. Hierbei liegt eine diesem Denker eigene Ideenverbindung zugrunde; denn, preist er einerseits die Natur, auf deren Studium er Jahre seines Lebens verwendet hat, so wird er andrerseits nicht müde, zu wiederholen, das Wort „Natur“ bezeichne einen abgezogenen Begriff für die Gesamtheit des Wahrnehmbaren, wogegen in Wirklichkeit allüberall   K u n s t   am Werke sei. „On se moque de nous; il n'y a point de nature, tout est art“, und: „Ce qu'on appelle la nature n'est autre chose qu'un art peu connu“; in einem Zwiegespräch zwischen einem Philosophen und der personifizierten Natur läßt er diese sagen: „Mon pauvre enfant, veux-tu que je te dise la vérité? c'est qu'on m'a donné un nom qui ne me convient pas; on m'appelle   n a t u r e,   et je suis tout art.“²) Den Künstler, der dieses Kunstwerk schafft, nennt Voltaire   G o t t.   Wir Menschen sind unfähig, seiner unmittelbar ansichtig zu werden; einzig aus seinem wahrgenommenen Werke zu dem wir selber gehören — kennen wir ihn; mehr als sein Künstlertum können wir über ihn nicht wissen, die gegebenen Bedingungen unseres Erdenlebens schließen das aus; hoffen dürfen wir aber und sollen wir von ihm und durch ihn alles Gute: „Adorez avec moi le dessein qui se manifeste en toute la nature, et par conséquent l'auteur de ce dessein, la cause primor-

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    ¹) Wenn Gott nicht wäre, müßten wir ihn erfinden. — Selten bin ich mit meinen Versen zufrieden, gestehe aber, daß ich diesem mit väterlicher Liebe zugetan bin.
    ²) Man hält uns zum Narren: es gibt keine „Natur“, vielmehr ist alles Kunst. — Was man Natur nennt, ist weiter nichts als eine wenig bekannte Kunst. — Armes Kind, soll ich dir die Wahrheit sagen? Man hat mir einen Namen gegeben, der mir nicht zukommt; man heißt mich   N a t u r,   und in Wirklichkeit bin ich ganz und gar Kunst.

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diale et finale de tout; espérez avec moi que notre monade qui raisonne sur le grand Etre éternel pourra être heureuse par ce grand Etre même.“¹) Nichts ist falscher als die geläufige Annahme, Voltaire sei ein Feind der Religion gewesen, nicht einmal des Priestertums war er es grundsätzlich. Freilich stehen schon in seinem allerersten Theaterstück die berühmten Verse, auf die er auch später im Leben gern zurückkommt:

Nos prêtres ne sont point ce qu'un vain peuple pense;
Notre crédulité fait leur science.²)

Doch verteidigt er gegen Holbach die Einrichtung der öffentlichen Gottesverehrung, deren Ausübung Auserwählten anzuvertrauen sei; er lebte selber in trauten Beziehungen zu Priestern verschiedenster Rangordnung und schreibt: „Un bon prêtre, doux, pieux, sans superstitions, charitable, tolérant, est un homme qu'on doit chérir et respecter“ — einen guten Priester, sanftmütig, fromm, nicht abergläubisch, barmherzig, duldsam soll man lieben und verehren. Was er haßt und sein Leben lang mit allen Waffen des Wissens, des Überzeugens, der Verachtung bekämpft, ist nur die „superstition“ des dogmatischen Aberglaubens, der die Menschheit schändet und Haß sät, wo Liebe blühen würde, und dem einzig daran gelegen ist, die Menschen zu verdummen, damit der falsche Priester herrsche: „La superstition est un serpent qui entoure la religion de ses replis: il faut lui écraser la tête sans blesser celle qu'il infecte et qu'il dévore.“³) Das ist der Sinn des berühmten Ecrasez l'Infâme! das unsere heutigen Freigeister in ihrer Unbildung absurd mißbrauchen. Allerdings kann Voltaire's Unfähigkeit, das tiefere Wesen des Christentums zu erfassen, nicht in Abrede gestellt werden; wie wäre das

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    ¹) Beten Sie mit mir den Plan an, der sich in der Natur allerorten kundtut und daher auch den Schöpfer dieses Planes, die erste und letzte Ursache dieses Ganzen; hoffen Sie, wie ich es tue, daß unsere Monade, die über das große Wesen nachsinnt, dank diesem selben großen Wesen, der Glückseligkeit teilhaftig werde.
    ²) Unsere Priester sind nicht das, was ein läppisches Volk sich vorstellt; aus unserer Leichtgläubigkeit schöpfen sie ihre ganze Wissenschaft.
    ³) Der Aberglaube gleicht einer Schlange, welche die Religion ringelnd umschlingt: man muß ihr den Kopf zertreten, ohne jene zu verwunden, die sonst von ihr vergiftet und verschlungen wird.

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anders möglich, da er selbst der Persönlichkeit des Heilands gegenüber in betrübender Unzulänglichkeit befangen bleibt? Der Kenner Shakespeare's wird nicht lächeln, wenn ich in diesem Zusammenhang auf den Umstand aufmerksam mache, daß Voltaire der tiefere Sinn für Musik fehlte — „je n'ai jamais trop senti l'extrême mérite des doubles croches“; hiermit hängt stets eine bestimmte Sprödigkeit der Seele zusammen, eine Unempfindlichkeit für eine ganze Seite des Weltbildes. Das berechtigt jedoch keineswegs dazu, seinen Gottesglauben und sein Gottvertrauen anzuzweifeln. In wesentlichen Punkten — und abgesehen von der metaphysischen Vertiefung — berührt sich seine ganze Stellung zu Gott, Religion und Kirche eng mit derjenigen Immanuel Kant's in dessen Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft.
    Diese flüchtigen Andeutungen sollen nur zu einer Berichtigung unseres Vorstellungsbildes der erstaunlichen Persönlichkeit anregen. Es ist schändlich, in welchem Maße es der herrschenden Mittelmäßigkeit gelingt, großen Gestalten ihre lebensvolle Eigenart zu rauben und sie vermittelst einer Schablone zu entseelen: gegen diese Niedertracht ist es Pflicht, unablässig anzukämpfen. Im selben Sinne will ich noch einige Worte dem Werke Voltaire's widmen.
    Auch hier liegen die Dinge keineswegs so einfach, wie Mancher glaubt, der sein Wissen aus glatten Literaturgeschichten schöpft. Voltaire ist nämlich erstaunlich schnell veraltet; während bei Montaigne einzig die Sprache dem Ungeübten absonderlich vorkommt, der Denker dagegen — wenn Sie mir das Paradoxon gestatten — mit jedem Jahrhundert zeitgemäßer wird, bedarf es einer historischen Überlegung und eines im Umstellen des Urteiles geübten Geistes, um heute dem Gesamtwerk Voltaire's oder auch irgendeinem seiner Teile gerecht zu werden. Einzig die Epitres en vers und die anderen ähnlichen Eingebungen des flüchtigen Augenblicks erregen bei jedem feinfühligen Gebildeten sofort den Eindruck des Meisterlichen; doch auch sie setzen so viele Beziehungen voraus, die kein Heutiger kennt und die, wenn er sie aus gelehrten Ausgaben kennen lernt, ihm wenig Interesse bieten, daß ihnen eigentlich nur für literarische Feinschmecker Bedeutung zukommt, fähig, sich an dem Spielen des Geistes mit dem Geiste zu vergnügen. Überflüssig

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für uns ist die damals verdienstvolle Einführung in Newton's Physik und Optik, veraltet die eigenen physikalischen und chemischen Arbeiten, veraltet die vielen historischen Werke, ebenso wie die philosophischen und theologischen Streitschriften und die Betrachtungen über alle möglichen Kulturfragen, dreifach veraltet die Theaterstücke und die pseudoepischen Gedichte — wenngleich wir nicht übersehen wollen, daß ein so feinsinniger Kenner aller Poesie wie Herder urteilt, Voltaire's Vers sei „der schönste, den man sich vielleicht denken könne“; ein wenig mehr unmittelbares Interesse wecken die Tendenzerzählungen und die kritischen Besprechungen der besten französischen Autoren; auch bieten manche der nach Tausenden zählenden Briefe viel Anregendes — jedoch auch diese alle nur für Menschen eines bestimmten Bildungsganges. Hier ist nun die Bemerkung eines unverdächtigen Beurteilers, des geistsprühenden Diderot — eines überzeugten Bewunderers Voltaire's — am Platze, der an Mademoiselle Volland schreibt: „Cet homme n'est que le second dans tous les genres“ — auf allen Gebieten erringt dieser Mann nur den zweiten Preis. Tatsache ist, daß Voltaire auf allen Gebieten, trotz großer Verdienste, trotz fabelhaften Fleißes, trotz Überfluß an Geist und Beziehungsreichtum die gipfelnde Höhe eines mühelos waltenden Unerreichbaren nie erklimmt — es sei denn bei jenen genannten Kleinigkeiten, auf die der Begriff eines „Gipfels“ füglich nicht angewendet werden kann. Zwar besitzt er in hohem Grade die französischen Eigenschaften der sprachlichen Korrektheit, des strengen Maßhaltens, der wohltätigen Kürze, der sichtenden Selbstkritik und sollte in allen diesen Beziehungen von seiten jedes angehenden Schreibelustigen genaue Beachtung finden; welcher Vorteil für die Literatur, wenn sein Wort „malheur à qui dit tout ce qu'il peut dire!“ Schule gemacht hätte — wehe dem, der alles sagt, was er zu sagen weiß! Doch ersieht man aus dem Beispiel dieses seltenen Mannes, daß noch so viele verneinende Vorzüge nicht hinreichen, das von Goethe geforderte „Überschwengliche“ zu ersetzen, aus welchem einzig Höchstes hervorsprießt, wenn auch vielleicht behaftet mit manchem, was dem feinen und strengen Geschmack eines Voltaire als „Fehler“ erscheinen müßte. Überschwenglichkeit zeigte Voltaire einzig und allein bei seinem Auftreten zugunsten der unschuldig Verklagten und gegen die sie verfolgenden

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Machthaber. Die Geschichten von den Calas, von La Barre usw. sind allbekannt; da gibt es für ihn keine Grenzen: sein Haus, sein Geld, sein Einfluß, alles steht den Armen zur Verfügung, und es wirkt ergreifend, den Bettlägerigen sich verzehnfachen zu sehen, durch keine Ablenkung zurückgeschreckt, Fürsten, Minister, Kardinäle, Richter mit seinen Briefen überschüttend, alle eigenen Interessen aufs Spiel setzend, bis es der bloßen moralischen Gewalt seiner edlen Entrüstung endlich gelingt, die Ehre der durch Justizmord Geschändeten wieder herzustellen und die Not der Überlebenden zu lindern. Genau an diesem Punkte tut sich ein Einblick in das innere Wesen Voltaire's auf, der ein wahrhaft Überschwengliches an ihm offenbart, das in seinen Werken selten durchbricht.
    Hier, mein Freund, finde ich zugleich den gewünschten Hebel, um aus einer verneinenden Kritik zu einer bejahenden Wertschätzung überzugehen; denn sicher ist, daß Carlyle mit seiner Behauptung recht hat, einzig das Bejahende führe zur Erkenntnis einer Persönlichkeit.
    Der große Friedrich nennt Voltaire eine „Wahrheitsfackel“ — flambeau de la vérité, bestimmt, die Welt zu erleuchten. Dieses Wort dünkt mich ein tiefsinniges. Voltaire's ganzes Wirken — von dem dramatischen und epischen abgesehen — gilt dem Erleuchten seiner Gegenwart: überall, wo die Finsternis lastet, dort hinein leuchtet er mit der Fackel eines den Lichtgöttern leidenschaftlich hingegebenen Geistes. Während es dem schöpferischen Genie — nennen wir als Beispiel Montaigne — eigentümlich angehört, in einem gewissen höchsten Sinne außerhalb Zeit und Raum dazustehen, ist es dagegen für Voltaire bezeichnend, daß er bis in die letzte Faser seiner Daseinskraft der ihn umgebenden. Gegenwart und dem ihn umgebenden Vaterland lebt: ihm daraus einen Vorwurf zu machen, wäre ungereimt, da gerade hierin die Wirkung des außerordentlichen Mannes und seine unvergängliche Bedeutung für die Geschichte wurzeln. Seine Briefe über England wirkten in Frankreich epochemachend, denn in ihrer schlichten Leichtverständlichkeit eröffneten sie der großen Masse des französischen Mittelstandes zum erstenmal Einblicke in politische Zustände, in wissenschaftliche Auffassungen und in literarische Gefilde, von denen kein Franzose Kenntnis besaß;

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der Widerhall war so stark, daß die Machthabenden den kühnen Jüngling in die Bastille verschwinden ließen. Doch die jetzt angezündete Fackel trotzte jedem Versuch, sie zu löschen, und brannte leuchtend weiter — hell und immer heller — während eines halben Jahrhunderts. Newton — und mit ihm Kepler und Kopernikus — waren in dem damaligen Frankreich so gut wie unbekannt; denn selbst die meisten Fachgelehrten unterstanden kirchlichem Einfluß und taten ihr Bestes, so gefährliche Lehren im Keime auszustampfen; da gab Voltaire in Holland sein in fleißigen Jahren gereiftes Werk heraus: Eléments de la Philosophie de Newton, das, massenhaft nach Frankreich hineingeschmuggelt, wie eine Leuchtrakete wirkte, zugleich ein Heer von Widersachern hervorrufend, denen der nie müde Fackelträger keine Minute Ruhe gönnte, vielmehr sie jahrelang mit wissenschaftlichen Gegenschriften — wie die Défense du Newtonianisme u. a. — mit Spottgedichten, mit ironisch-satirischen Dialogen und in Hunderten von Briefen widerlegte, verfolgte, lächerlich machte, bis sie schwiegen und die neue Wissenschaft den endgültigen Sieg davontrug. Hier erblicken Sie den ganzen Voltaire: ein hohes Ziel im Auge, verschafft er sich die nötigen Kenntnisse aus erster Hand in hingebendem Fleiß, gestaltet sein Werk mit genauer Berechnung auf gewollte breite und starke Wirkung und verfolgt diese dann wie ein siegender General den fliehenden Feind, nicht rastend, bis er ihn aus allen Schlupfwinkeln vertrieben hat. In genauem Gegensatz zu Schiller's Mahnung an den Künstler, sein Werk „schweigend in die unendliche Zeit zu werfen“, sehen wir bei Voltaire alles auf die Gegenwart und auf die Gesamtheit der Denkenden seiner Nation berechnet. Gerade mit Bezug auf dieses Werk über Newton schreibt er an einen Freund: „Je ne suis pas venu pour les sages, mais pour le peuple ignorant dont j'ai l'honneur d'être“ — nicht für die Weisen bin ich gekommen, vielmehr für das unwissende Volk, dem anzugehören ich selber die Ehre habe. Das Gleiche gilt von der Reihe seiner großen historischen Werke; über sie hat der selbe Diderot, den ich vorhin anführte, vorzüglich geurteilt: „Les autres historiens nous racontent des faits pour nous apprendre des faits. Voltaire, c'est pour exciter au fond de nos âmes une indignation forte contre le mensonge, l'ignorance, l'hypocrisie, la superstition, le fanatisme, la tyrannie, et cette indignation reste, lorsque la mé-

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moire des faits est passée.“ ¹) Wie Sie sehen, auch hier bildet die lebendige Wirkung auf das Gemüt das Ziel, auf welches — und nicht auf Gelehrsamkeit — die heiße Arbeit vieler Jahre mündet. Um das allgemeine Interesse zu wecken, erfand Voltaire die vor ihm niemals versuchte   S i t t e n g e s c h i c h t e,   das, was wir heute im weitesten Sinne des Wortes Kulturgeschichte nennen und worüber im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts ein so wilder Streit zwischen Lamprecht und seinen deutschen Fachgenossen entbrannte — eine Geschichte der Völker, wie sie leben und weben, ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse, ihrer Leiden und Freuden, ihrer Leistungen auf allen Gebieten, im Gegensatz zu der üblichen Geschichte von Königen und Päpsten, von Schlachten und Verträgen. Sein Werk Essai sur les moeurs et l'esprit des nations wirkte bahnbrechend, wie schon die bloße Nennung der Namen Hume und Gibbon — beide Jünger und Freunde Voltaire's — zu beweisen genügt. In wichtigen Beziehungen ist hier Voltaire seiner und unserer Zeit vorausgeeilt: so z. B. in seiner wiederholt vorgetragenen Lehre, die heutige Menschheit entstamme verschiedenen artlich getrennten Rassen: „Il n'y a qu'un aveugle, et même un aveugle obstiné, qui puisse nier l'existence de toutes ces differentes espèces; elle est aussi grande et aussi remarquable que celle des singes.“ ²) Hierher rechne ich auch Voltaire's bekanntes Verhältnis zum Judentum, worüber Sie Näheres in meinen Grundlagen finden. Als ein portugiesischer Jude namens Pinto sich bei ihm über gewisse beleidigende Ausdrücke beklagt, antwortet er ihm sehr höflich, bekennt sich aber zu denjenigen, „die weder die jüdischen Gesetze, noch ihre Bücher, noch ihre abergläubischen Lehren leiden können“ und unterschreibt seinen Brief „Voltaire, chrétien“. Das ist genau der gleiche Standpunkt wie derjenige Goethe's, der „keinem Juden Anteil an der höchsten (nämlich christ-
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    ¹) Alle anderen Historiker erzählen uns Begebnisse, damit wir diese Begebnisse erfahren. Voltaire tut es, um in Tiefen unserer Seele flammende Empörung gegen die Lüge, das Unwissen, die Heuchelei, den Aberglauben, den Fanatismus, die Tyrannei anzufachen, und diese Empörung wirkt weiter, auch nachdem die Tatsachen unserem Gedächtnis entschwunden sind.
    ²) Nur ein Blinder — und zwar ein eigensinniger Blinder — kann die Tatsache der Verschiedenheit all dieser Menschenarten in Abrede stellen; sie ist ebenso groß und ebenso auffallend wie diejenige, welche Affe von Affe trennt.

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lichen) Kultur vergönnt, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet“. In diesem selben Zusammenhang des tiefen geschichtlichen Blickes wäre der vielen unbarmherzig aufrichtigen Worte des Verfassers des Discours aux Welches zu erwähnen, der — nach einer Stelle zu urteilen — nur die Abkommen der Goten, der Franken und der Normannen für echte Franzosen gehalten wissen will und der Frankreich als „la crème fouettée de l'Europe“ — die Schlagsahne von Europa — bezeichnet. Auch hier also auf dem weiten Gebiete der Geschichte eine Fackel nach der anderen angezündet, bestimmt, ganz Europa zu erleuchten! Unermeßlichen Einfluß auf Ansichten und Geistesrichtungen der Zeitgenossen gewannen vor allem die vielen Tendenzerzählungen, in denen die herrschenden Irrlehren, Wirrlehren und Mißbräuche der Zeit aufgedeckt und gegeißelt und die Wege zu Vernunft, Gerechtigkeit und Frieden auf Erden den Menschen guten Willens aufgezeigt wurden. Als Beispiele nenne ich Candide, der dem Mode-Optimismus ein für allemal den Garaus machte, dafür die Ergebenheit in die Übel dieser Welt und die Arbeit als einzig erlösende Kraft lehrte, L'Ingénu, in welchem die Vorzüge des verachteten Naturmenschen, dazu als Folie die Grundschlechtigkeit der zivilisierten Machthabenden vor Augen geführt werden, und etwa noch den köstlichen Micromégas, der die vielen Unsinnigkeiten der Fachgelehrten und die freche Überhebung einer aufgeblähten, ihrer engen Grenzen unbewußten Naturwissenschaft mit beißendem Spott bloßstellt.
    Überall — wie Sie sehen — bewährt sich Friedrich's Wort von der Fackel. Eine Fackel aber hinterläßt nur einen verkohlten Stumpf und etwas Asche, Voltaire hat sich im Interesse seiner Zeit aufgezehrt, und der Zoll, den seine Werke für ihre vollendete Zeitgemäßheit zahlen, ist, daß sie sich keiner folgenden Zeit angemessen erweisen. Hier drängt sich ein weiterer Vergleich auf.
    Voltaire pflegte häufig auf seiner Hausbühne aufzutreten; das Theater bildete seine Lieblingszerstreuung; wir erfahren, er habe unbeschreiblich hinreißend gespielt. Was bezeichnet nun Wesen und Wirken edler Schauspielkunst? Schiller drückt es verneinend aus mit dem bekannten Worte:

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.

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Goethe betont im Gegenteil das Unvergängliche des Eindruckes einer Bühnenwirkung auf diejenigen, die sie erleben:

Was heute fröhlich macht, was heute rührt,
Nicht etwa flüchtig wird's vorbeigeführt:
Was heute wirkt, es wirkt aufs ganze Leben.

Hier haben wir, wie Sie sehen, die zwei sich ergänzenden Seiten einer Einsicht: des Schauspielers Kunst kann an folgende Zeiten nicht überliefert werden, wirkt aber unvergleichlich haftend und eindringlich auf die, welche sie erleben. Wenn wir Voltaire's Wirkung auf seine Zeit mit der eines großen Bühnendarstellers vergleichen, werden wir, glaube ich, für die Erkenntnis des Wesens, der Beschränkung und der Bedeutung dieser Erscheinung viel gewonnen haben. Seine Zeitgenossen — von dem großen Friedrich an bis zum letzten Bürger Frankreichs — verehrten in ihm eine so göttliche Begabung, daß sie geneigt waren, in ihm den größten aller Dichter und Denker zu erblicken: das war ein arger Urteilsfehler; heute begehen wir einen ebenso großen, indem wir ihn unterschätzen und als oberflächlichen Blender abzutun pflegen.

    Durch obige Anregungen hoffe ich zu einem gerechteren Urteil den Weg gewiesen zu haben. Wer sich mit verzehrender Leidenschaftlichkeit der Einwirkung auf seine Gegenwart widmet, kann unmöglich zugleich einer entgegengesetzten Aufgabe gerecht werden; sind auch seine Waffen rein geistige, Voltaire ist dennoch seinen ganzen Anlagen nach ebenso ein Mann der Tat wie ein Napoleon: als solcher verdient er höchste Bewunderung. Ich liebe das Wort, das Flaubert an einen der Verkleinerer Voltaire's richtet: „Je m'étonne que vous n'admiriez pas cette grande palpitation qui a remué le monde“ — ich staune, daß dieser mächtige Herzschlag, der die Welt in Bewegung setzte, Sie nicht zur Bewunderung hinreißt.
    Wer es gelernt hat, diesem in seiner Art einzigen Manne die schuldige Verehrung zu zollen, wird zum Lohn ein neues Verständnis für seine Werke gewinnen. Seit fünfundzwanzig Jahren lese ich viel in Voltaire: immer leichter ward es mir, das Zeitlichbedingte in Abrechnung zu bringen, immer weniger störten mich die durch die Drangsale des atemlosen Tageskampfes herbeigeführ-

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ten Flüchtigkeiten, immer mehr drängte sich mir das Verständnis für die Vollendung dieser Schreibkunst auf — „cet art si facile aux yeux de l'ignorance, si difficile au génie même“ — diese den Unwissenden so leicht dünkende, dem Genie selber so beschwernisvolle Kunst; immer mehr wuchs meine Bewunderung für die große, lichtspendende Persönlichkeit. Eine seiner spätesten, der Naturforschung gewidmeten Schriften beschließt er mit den Worten: „Pour peu qu'on creuse, on trouve un abîme infini; il faul admirer et se taire“ — gleichviel, wo man in die Tiefe steigen mag, man entdeckt einen Abgrund des Unerforschbaren; da heißt es anstaunen und schweigen. Wer in der richtigen Verfassung an das seltene Naturphänomen, „Voltaire“ geheißen, herantritt, wird dieses Wort an ihm selber bestätigt finden.

    Da ich mir vorgenommen habe, zu dem Beschlusse dieses Briefes nur diejenigen Buchkünstler namhaft zu machen, die etwa von meinem vierzigsten Jahre ab zu meinen täglichen — oder jedenfalls nie lange vermißten — Hausgenossen wurden, wogegen an eine Aufzählung aller gelegentlich einmal oder zweimal gelesenen Autoren nicht zu denken war, habe ich nicht mehr viele Namen zu nennen. Von den Franzosen erwähne ich nur noch zwei in aller Kürze: den einen, um mir klar darüber zu werden, warum er mir nicht wie Rousseau und Voltaire vertraut wurde, den anderen, weil ich ihn für einen der reichsten Gewinne meines letzten Lebensdrittels halte.
    Nehme ich   D i d e r o t   zur Hand, stets hat er auf meinen Geist ähnlich wohltuend gewirkt wie ein kühler Nordwind auf den Körper. Es waltet in seinen Schriften eine solche naive Frische im Bunde mit einer lückenlosen Logik vor, eine so vollendete Schlichtheit des Ausdruckes, die den feinsten Gedanken eines rastlosen Denkers dient, die Produktivität quillt aus seinem Innern in so unerschöpflicher Fülle und graziöser Leichtigkeit, und zugleich hängen alle Teile seines Schaffens so streng systematisch zusammen, daß mir nichts Ähnliches bekannt ist, und man auf ihn sein eigenes Wort anwenden kann: „Quand le moule d'un homme de génie est cassé, il l'est pour jamais“ — ist das Gepräge eines Mannes von Genie einmal zerschlagen, es kann nie wieder zusammengefügt werden.

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Diderot's Begabung ist von einziger Originalität: in gewissem Sinne bildet er eine höchste Verkörperung französischer Geistesgaben, zugleich jedoch übertrifft er gerade in diesen Beziehungen alle seine Landsleute früherer und späterer Zeiten und der Begriff „Franzose“ genügt keineswegs, um ihm gerecht zu werden. Als Franzose zeigt sich Diderot namentlich darin, daß alle Äußerungen seines Geistes zur   R e d e   hindrängen — nicht zur Oratorik, sondern zu jener echt französischen Begabung der Mitteilung durch das lebendig fließende Wort, durch Rede und Widerrede. Hier befindet sich Diderot in seinem Elemente, hier ist er unbedingter Meister, vielleicht sogar der bemerkenswerteste, von dem wir Kenntnis besitzen. Und da er zu gewissen Stunden die Wunderkraft besaß, den flüssigen Strom derartiger unvorherzuberechnender, hin und her wogender Unterhaltungen mit allen durch den Anprall von Geist gegen Geist gezeugten blitzartigen Einfällen dauernd festzubannen, so sind wir so glücklich, eine Anzahl solcher „Augenblicksbilder“ — wie wir heute sagen würden — zu besitzen, wie Mon père et moi, Entretien d'un père avec ses enfants, D'Alembert et Diderot, Le Rève de D'Alembert usw.: diese Gebilde sind meines Erachtens das Kostbarste, was uns Diderot hinterlassen hat. Zu ihnen gehört auch der in Deutschland, dank Goethe's nachschöpferischer Übersetzung, bekannte Rameau's Neffe, „das noch allgemeiner anzuerkennende Juwel“, dem der größte Dichter der Deutschen „mit Neigung, ja mit Leidenschaft“ seine Kraft widmete. Jetzt wissen Sie aber auch, warum Diderot nicht zu den ganz großen Buchkünstlern gehören konnte — denn Reden und Schreiben sind zweierlei.

    Das genau Umgekehrte gilt von   H o n o r é   d e   B a l z a c:   erst im Schreiben erwachte dieser zum Bewußtsein der unbewußten, eingeborenen Kraft; in der Stille der Nacht tat sich ihm der Tag auf und vernahm er die Stimmen der Menschen aus allen Lebensjahren, Lebensverhältnissen und Zeitaltern. Den Vergleich mit Shakespeare halte ich für glücklich: das, was die beiden Dichter trennt, springt in die Augen, der einigende Grundzug verdient dagegen hervorgehoben zu werden, nämlich der unerhörte Reichtum an Gestalten, derart bis in die letzte Einzelheit und von der Kindheit bis ins Greisen-

378 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Balzac.

alter lebendig und nur sich selber gleichend, daß wenige der Wirklichkeit angehörende Menschen eines so unvergänglich individualisierten Daseins genießen, wie diese Schöpfungen der Phantasie. Wer hier von   E r f i n d e n   spricht, sagt noch lange nicht genug; man weiß, wie geringen Wert Shakespeare auf Erfindung legte, und ich wäre geneigt, gerade die Erfindung bei Balzac weniger hoch einzuschätzen als z. B. bei Walter Scott; was ihm dagegen mit Shakespeare gemeinsam zufiel, ist die Gabe des   E r s e h e n s:   er ist ein Seher, ein Poietes im alten Ursinn des Wortes. Das zeigt sich an Folgendem. Hat er erst — manchmal mit ermüdender Umständlichkeit oder auch gewaltsam — eine Gestalt und eine Situation erfaßt — er selber gesteht, er packe seine Gegenstände, wie das Glück es mit sich bringe, „und sei es auch schief, oder von hinten“ — gleichviel, steht die Gestalt erst da, so gebietet sie das weitere mit der sieghaften Sicherheit des sich auslebenden Naturphänomens; genau ebenso ergeht es bei Shakespeare. Daher die nie zu erklärende, unergründliche, allseitige Weisheit bei diesen beiden. Immer wieder fragen sich die Leute, wie ein Shakespeare sich so viel Wissen habe aneignen können? Nicht das Wissen hat er sich angeeignet, vielmehr hat er sich nur die angeborene Fähigkeit zu „ersehen“ und zu „erhören“ instinktiv und durch Übung erweitert, er hat seine Seele wie einen Spiegel rein gehalten; die „Weisheit“ brachten seine Gestalten mit sich, der Dichter spiegelte sie unbewußt und zu eigenem Staunen wider. Genau ebenso verhält es sich bei Balzac — ich rede nicht von dem Grad, sondern von der Art der Begabung. Balzac, der Mensch, ist ein interessanter, feurig begabter, vielseitig gebildeter, an einer gewissen Welterfahrung reicher Mann, doch mannigfach beschränkt durch nationale, religiöse, historische Überkommenheiten; ich würde ihn, was die Freiheit und Sicherheit des geistigen Überblickes betrifft, nicht entfernt einem Flaubert gleichstellen; sobald er aber seine Gestalten reden läßt, werfen diese seine eigenen Vorurteile über den Haufen, und es gibt kaum eine Weisheit, kaum eine Einsicht über Wesen und Werden der Menschheit sowie auch der verschiedenen Völker, ihrer wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, über Naturwissenschaften, Kunst, Metaphysik, über Moral des Bauern, des Bürgers, des Adels, des Hofes...  die bei ihm nicht irgendwo zum Ausdruck käme. Dieses „Er-

379 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Balzac.

sehen“ erstreckt sich aber auch weiter: es erfaßt mit unbeirrbarer Sicherheit alle Phasen des Wachsens, Werdens und Vergehens einer Gestalt sowie auch der höchst verwickelten Verhältnisse, die zwischen den Mitgliedern einer kleineren oder größeren Gemeinschaft obwalten und dem langsamen Zuge der Zeit unterworfen bleiben: bei ihm kann man lernen, daß Menschen, gerade weil sie   d i e s e l b e n   bleiben, andere werden, und auch stabile Verhältnisse aus sich selbst den Umsturz gebären.... Alle diese Dinge — von denen ich nur flüchtig einiges nenne — sind bei Balzac das Werk des Sehers und daher von unbedingtem Werte und nicht in einem Atem zu nennen mit sonstiger Romandichtung.
    Für mich gehört Balzac überhaupt nicht zu den Verfassern von Romanen; fast möchte ich ihn zu Denjenigen rechnen, deren Bücher ‚.mehr als Bücher“ sind, so sehr überwiegt in ihnen das Seherische. Es ist in der Tat für diesen Dichter äußerst bezeichnend, daß er — im Gegensatz zu sämtlichen Franzosen von Bedeutung — auf Stil, im literarischen Sinne dieses Wortes, keinen Wert legt; eigentlich hat er gar keinen „Stil“, denn, wo seine Sprache aus dem grauen Alltag sich zu Kraft und Schönheit, zu Eigenausdruck und Seelenunmittelbarkeit steigert, gehorcht der Seher der Eingebung der von ihm erblickten Gestalt. Insofern kann man sagen: für diesen einen Mann ist,   k e i n e n   S t i l   z u   h a b e n,   ein Stilgesetz.
    Aus diesem Urmagma quillt nun von allen Seiten tiefste Weltweisheit, genaueste Menschenkenntnis, ein Durchsichtigmachen verborgener Wege und Motive ohnegleichen. Wie großartig ist z. B. die Auffassung der Menschheit als entarteten Überrestes eines einst „grandiosen Typus“! Wie wohltuend nach der herrschenden Lehre, als sei mit der widerwärtigen Gegenwart, die uns sumpfartig umgibt, ein strahlender Gipfel des Menschseins erreicht! Auch über Evolutionshypothesen weiß der Naturforscher bei Balzac schon Bescheid, „trotz aller Märchen der Tierzüchter“; nicht weniger über Rassentatsachen: wenngleich Balzac sich selber mit Stolz zum sogenannten „Lateinertum“ bekennt, unterscheidet er als Erblicker von Gestalten mit Sicherheit zwischen dem hohen Fußspann des französischen Adligen aus fränkischem Stamme und dem plebejischen Plattfuß des Galloromanen. Die kommende jüdische Herrschaft sehen die Welterfahrenen in seinen Dichtungen klar voraus

380 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Balzac.

und wissen, daß sie den unabwendbaren Niedergang unserer Kultur bedeutet; der Einwurf, die Juden seien erst durch uns zu Wucherern geworden, wird höhnisch zurückgewiesen: „Du temps de Moïse on agiotait dans le désert“ — schon zu Moses' Zeiten trieben diese Leute Differenzgeschäfte in der Wüste; was die Religion betrifft, so sagt sein Priester dem jüdischen Konvertiten: „Vous ne serez jamais d'aucune religion“ — Ihr werdet in Wirklichkeit keiner Religion jemals angehören. Nicht minder kann man sich in der Comédie humaine, wie vielleicht an keinem anderen Orte, über alle Probleme der heutigen Politik belehren. Der Grundsatz steht fest: „Le peuple est incapable de participer au gouvernement“ — das Volk, als solches, ist unfähig, an der regierenden Gewalt teilzunehmen: so urteilt bei Balzac der beste Kenner und hingebendste Freund des Volkes, der médecin de campagne. Das moderne Prinzip der Wahl von „Vertretern“ ist ein grundfalsches und kann nur zu Unheil fuhren: „Plus l'assemblée représentera fidèlement les opinions de la foule, moins elle aura l'entente du gouvernement, moins ses vues seront élevées, moins précise, plus vacillante sera sa législation...“ — je genauer das Parlament die Meinungen der Menge widerspiegelt, um so geringer wird sein Verständnis für das Geschäft des Regierens sein, um so unfreier sein Überblick, um so ungenauer und schwankender seine Gesetzgebung. Daß auf diesem Gebiete alle Einsicht gegen den Wirbelwind des Wahnsinns nichts vermögen wird — welcher Erfahrene sollte das bezweifeln? Hat doch zu allen Zeiten die Massensuggestion die Menschen in ihr Elend getrieben und wissen die grundschlechten Menschen, die bei dieser Entwickelung zu gewinnen haben, gar zu genau, was sie wollen und wie es zu erreichen ist; daher ruft denn der jüdische Bankier freudetrunken aus: „Buvons à l'imbécillité du pouvoir qui nous donne tant de pouvoir sur les imbéciles!“ — leeren wir ein Glas auf die Dummheit der Machthabenden, die uns Finanzleuten so große Macht über die Dummen verschafft! Auch über die schwierigsten Fragen des Seelenlebens werden Sie am richtigen Orte stets die tiefsten Aufschlüsse finden, mitgeteilt von den seherisch erfaßten einzelnen Hervorragenden. So ist z. B. im Louis Lambert die ganze Erscheinung Nietzsche's einschließlich der besonderen Gestalt der langen Wahnsinnsjahre genau vorgebildet, wenngleich auf einer

381 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Balzac - Französische Lustspieldichter.

poetisch höheren, verklärteren Stufe; auch wüßte ich nicht, wo man einen so lebendigen Einblick in die mittelalterliche Gedankenwelt gewinnt wie in dem Vortrag des Scholastikers Sigier in Gegenwart des lauschenden Dante; über das tiefste Wesen der Musik und — daraus gefolgert — über die Grundbedingungen eines neuen dramatischen Musikwerkes finden Sie in Gambara eine verblüffende Vorahnung Wagner'scher Erkenntnisse: die Musik „eine im innersten Wesen der Natur gewobene Kunst“, die „ewige Melodie der Natur“, die Notwendigkeit, daß die Musik „Poesie werde“ und zu diesem Behufe, daß der Tondichter zugleich Wortdichter sei, Keime zu der Lehre von den musikalischen „Motiven“ (sogar mit diesem selben Worte bezeichnet), — ja auch die Einteilung in drei Akte, die offenbar durch wesentliche Eigenschaften der Musik gefordert wird, das alles finden wir hier vorher verkündet....
    Möchten Sie, lieber Freund, sich beizeiten dieser unerschöpflich reichen Quelle zuwenden! Die Einfachheit und die Reinheit bezeichnet bei Balzac eine heilige Frau (in Anlehnung an die Imitatio Christi) als „die der Menschenseele von Gott verliehenen beiden Flügel“; Ihnen wurden beide zuteil, daher mein Vertrauen, daß Sie an keinem Born göttlicher Kraft achtlos vorübergehen werden.

    Jetzt habe ich lange bei den Franzosen verweilt: es geschah einfach aus historischer Treue. Steckte ich auch viele Stunden des Tages bis über die Ohren in deutschen Büchern — sowie in englischen und französischen — die zumeist „weniger als Bücher“, manchmal aber „mehr als Bücher“ waren, so regte sich immer wieder das Bedürfnis nach der Labung, welche die besten französischen Autoren bieten, die, als Gesamterscheinung, unstreitig die ersten Buchkünstler der Welt sind.
    In diesem Zusammenhang will ich über die Franzosen noch ein Letztes erwähnen, wenngleich es streng genommen nicht hierher gehört, da es sich nicht um Bücher handelt: ich gedenke meiner Liebe und Vorliebe für französische Lustspiele und Possen. Auffallenderweise — denn ich muß Ihnen doch die Wahrheit berichten, auch dort, wo sie gegen meinen Geschmack zeugen mag — war Molière nicht mein besonderer Liebling, und zwar vielleicht aus dem Grunde, weil dieser so ausschließlich für die Bühne ge-

382 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Französische Lustspieldichter.

dacht hat, daß dem Leser kaum Greifbares übrig bleibt; wie dem auch sei, ich habe viel häufiger als bei ihm bei Regnard, Marivaux, Scarron, Destouches, La Chaussée, D'Allainval und wie die Komödienschreiber des 17. und 18. Jahrhunderts alle heißen, verweilt. Auch Goethe scheint diese liebenswürdigen Verkörperungen französischer Grazie und Bühnengewandtheit geschätzt zu haben; denn Verse von Piron wurden ihm selber zugeschrieben, bis ich vor kurzem deren Ursprung nachwies — eine Leistung, auf die ich mir nicht wenig einbilde. Mir haben alle diese Autoren seit dreißig Jahren immer von neuem Vergnügen bereitet; sie bildeten sozusagen mein „Theater“. Zu ihnen gesellte sich aber unter den Neueren namentlich Einer als Hauptmagnet:   E u g è n e   L a b i c h e,   der heitere, harmlose, unerschöpflich erfindungsreiche Possendichter des dritten Kaiserreiches. Labiche war ein durchaus origineller, echter Mensch, dem es einzig bei Landwirtschaft und Jagd behagte; man erzählt, er habe niemals der Erstaufführung eines eigenen Stückes beigewohnt; die Anregung zu seinen Possen erhielt er immer durch Andere, die zu ihm aufs Land hinausfuhren, wo dann der Meister aus ihren albernen oder ungeschickten Entwürfen in einer gutgelaunten Stunde kleine in sich vollendete Stücke spielend schuf, indem er aus jeder Situation das Komische herauszuheben und durch die drolligsten Einfälle zu beleben wußte. Sein Werk wäre mit ihm verschwunden — so wenig Bedeutung legte er diesen Spielereien seiner Muße bei — wäre nicht der bekannte Bühnendichter Emile Augier darauf verfallen, eine Auswahl zu veranstalten, wozu Labiche unter der einen Bedingung seine Zustimmung gab, er wolle selber aus dem Spiel bleiben. Und so entstanden die stattlichen zehn Bände des Théâtre complet de Labiche, die Ende der 80er Jahre erschienen. Was es aber mit dieser Vollständigkeit auf sich hat, zugleich auch, welche Freude mir dieser Dichter bereitet, mögen Sie daraus entnehmen, daß   m e i n   Théâtre de Labiche nicht zehn, sondern zwanzig Bände umfaßt! Im Laufe der Jahre ist es mir gelungen, die verschollenen Heftchen alle bis auf sechzehn aufzufinden — unter ihnen manche der tollsten, gelungensten Einfälle. Diese lieben Bände habe ich stets zur Hand: quält der körperliche Schmerz, ist das Gemüt von Sorge bedrückt, wehen die Gedanken gar zu wild durchs Hirn — ich lege mich auf den Diwan mit

383 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Don Quixote.

einem beliebigen Band Labiche, lache bis zu Tränen und schlafe beruhigt ein.
    „Lustigkeiten zu sagen und Scherze niederzuschreiben, dazu gehört ein großes Genie“: dieses Wort des unsterblichen   C e r v a n t e s,   das gewiß auch über Labiche und seine Vorgänger zurückstrahlt — denn in jeder reinen Heiterkeit liegt etwas Göttliches —‚ veranlaßt mich, hier eines Buches Erwähnung zu tun, das mich von der Kindheit bis zum heutigen Tage begleitet und somit meine Phantasie andauernd bevölkert hat — ich rede von dem Leben und den Taten des uns allen teuren Ritters von La Mancha. Ich sage „uns allen teuren“, und doch fällt mir bei diesen Worten ein, daß ich im Laufe meines Lebens nur wenigen wirklichen Kennern dieses unsterblichen Buches unter Büchern begegnet bin, Männern, die — wie Swift und Sterne, wie Herder, Goethe und Richard Wagner — gewußt hätten, daß ihnen hier eines der erstaunlichsten Meisterwerke menschlicher Gestaltungskunst vor Augen stehe. Keine große Kunst kann flüchtig erfaßt werden; denn jedes solche Werk ruft Ring um Ring hervor, und nur wer mit ihm lebt, gelangt nach und nach immer weiter hinaus bis zu der Ahnung der kosmischen Bedeutung — unausdenkbar, unerschöpflich — eines derartig meisterlichen Werkes. Vielleicht gibt es kein zweites Werk, in dem so deutlich wie hier beobachtet werden könnte, in welcher Weise eine Gestalt, die der Dichter erfand, sich nach und nach des Dichters bemächtigt, bis der zuerst scheinbar freiwaltende Erfinder zuletzt der gehorsame Diener der aus dem Schattenreich heraufgestiegenen Gestalt wird. Nur einem größten Dichter kann so etwas geschehen; er muß — wie hier der Fall — von Anfang an wahr gezeichnet haben, wenngleich unbewußt des herrlichen Inhalts seines Phantasiegebildes. So wächst denn Don Quixote aus einer anfangs zwar sympathischen, doch überaus schrullenhaft verschrobenen Figur — so glaubte Cervantes sie zu erblicken, als er seine Streitschrift gegen die albernen Ritterromane in Angriff nahm — so wächst Don Quixote zu einer erhabenen, ja anbetungswürdigen Persönlichkeit aus, deren Wahn zum nicht geringen Teil daraus entsteht, daß sie einer höheren, reineren, farbigeren Welt angehört, als unsere arme sublunäre es ist, — zu einer Gestalt, welche die Epoche der Ritterromane überlebt hat, ohne eine Spur ihrer Wirkung einzubüßen, und alle Jahr-

384 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Don Quixote.

tausende siegreich überleben wird, weil uns in ihr ein höchstes Ideal rein menschlicher Kraft vor Augen gestellt worden ist. Dies hat Cervantes anfangs nicht gewußt, er hat es erst, während sein Werk ihm unter den Händen entstand, erfahren: der Dichter selber wuchs mit der erdichteten Gestalt. Das ist der Sinn der Worte am Schluß: „Für mich allein ward Don Quixote geboren und ich für ihn: er verstand zu handeln und ich zu schreiben; wir gehören beide einander an.“
    In Don Quixote hat uns Cervantes eine rein arische Idealgestalt vor Augen gezaubert; die Biegung des Charakters ins Komische, veranlaßt durch einen gewissen Mangel an Gleichgewicht, dient lediglich, die verborgene Seelenstruktur aufzudecken. Zugrunde liegt bei Don Quixote die gewaltige und herrische Kraft der Einbildung, der wir in der Tat alles verdanken, was unsere Rasse Unvergleichliches geschaffen hat. Arier-sein heißt Schöpfer-sein; hierin liegt die Verwandtschaft dieser Rasse mit dem Göttlichen und die Überzeugung, Gottes Söhne — nicht seine Knechte — zu sein. Von Don Quixote heißt es: „Der Himmel hat nichts erschaffen, die Hölle nichts hervorgebracht, was ihn in Furcht und Schrecken versetzen könnte“; auch lehnt er trotz seiner christlichen Frömmigkeit heftig die Zumutung ab, irgend etwas aus Furcht vor Höllenstrafen zu tun oder zu lassen. Dieser vollendet freie Mann gestaltet nun die Welt nach seinem Gutdünken: „Ich bilde mir ein, daß alles so ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch rechts etwas mangelt“; und als Sancho ihm einwirft, seine Dulcinea habe nicht das Geringste begangen, was ihn veranlassen könnte, rasend zu werden, erwidert der edle Ritter: „Das ist gerade die Blume meiner Unternehmung; denn daß ein irrender Ritter aus Gründen rasend wird, das ist weder etwas Besonderes noch Anmutiges: die Feinheit ist, ohne alle Ursach' unsinnig zu werden!“ Hierbei ist wohl zu beachten, daß Don Quixote, trotz der gebieterischen Kraft seiner gestaltenden Phantasie, sich dadurch von einem Wahnsinnigen unterscheidet, daß er sich im Grunde seines Gemütes der Willkür seines Verfahrens bewußt bleibt: beim Geistesirren beherrscht die Phantasie den Willen, bei Don Quixote gebietet der Wille der Phantasie. Wer das Buch so liest, wie es gelesen werden sollte, dem wird die Stelle nicht entgehen, wo — gegen Schluß des neunten der zwölf Bücher — es

385 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Don Quixote - Tristram Shandy.

heißt: „Dieses war der erste Tag, an welchem Don Quixote es durch und durch glaubte und fest überzeugt war, daß er ein wahrhafter und kein eingebildeter Ritter sei“. Sie sehen: anstatt, daß die vielen schlechten Erfahrungen ihn von seinem Ideal abbrächten, lebt er sich immer mehr hinein und stellt gegen Schluß das stolze Bekenntnis auf: „Ich wurde geboren, um sterbend zu leben“. Dieser großartige Arier weist nun keinen einzigen Zug der Selbstsucht, des Neides, des „Gemeinen, das uns alle bändigt“, auf; er ist fleckenlos rein; „der Himmel hat ihm ein zartes und mitleidiges Gemüt geschenkt, welches immer wünscht, allen Gutes und keinem Menschen Übles zuzufügen“, und der redliche Sancho ruft aus: „Wegen seiner Unschuld liebe ich ihn wie die Blutstropfen in meinem Herzen!“ Ehrgeizig ist er — doch nur auf den Ruf eines Tapferen und fleckenlos Ritterlichen. „Oh Du Demütiger unter den Stolzen!“ Diese Gestalt lernte nun, wie gesagt, Cervantes erst beim Schreiben kennen — oder wenigstens er-kennen — daher ihre siegreiche Überzeugungskraft; hier redet der Heilige Geist durch die durchsichtig gewordene Seele eines erhabenen Dichters.
    Ein Buch gibt es, das ich zwar viel später als den Don Quixote kennen lernte, trotzdem aber noch häufiger gelesen habe:   L a u r e n c e   S t e r n e 's   Tristram Shandy. Rein als Werk der Buchkunst betrachtet, halte ich dieses Buch für das vollendetste Meisterwerk unter allen mir bekannten. Jahrelang stand es in meinem Buchgaden, und ich wußte nichts damit anzufangen; wo ich's auch aufschlug, ich fand lauter Rätsel, und kaum glaubte ich im Sattel zu sitzen — schon hatte mich das übermütig ruhelose Roß zu Boden geworfen; endlich, auf dem Umwege über die köstliche Empfindsame Reise ging mir ein Licht auf, der Philisterstar war gestochen! Es folgten Jahre, wo ich mich selten ohne Tristram Shandy zur Ruhe begab. Dieses Buch kenne ich Satz für Satz auswendig. Es wird immer bedeutender, je besser man es kennt, und ist eigentlich — ebenso wie Don Quixote — nicht zum „Gelesenwerden“ bestimmt, vielmehr zur Einverleibung. Goethe's wiederholt geäußerte Hochschätzung wird Ihnen bekannt sein? Er sagt, Sterne habe „das Menschliche im Menschen auf das zarteste entdeckt“ und „die große Epoche reinerer Menschenkenntnis zuerst angeregt und verbreitet“. Don Quixote weist fremdartige Füllsel auf — Novellen, Gedichte,

386 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Tristram Shandy.

Tagesstreitfragen — und ist überhaupt aus der anfänglich beabsichtigten Tendenzerzählung erst nach und nach zu seiner vollen Bedeutung hervorgewachsen; Tristram Shandy ist von Anfang bis zu Ende ein einheitliches Werk von absoluter Originalität, es steht außerhalb jeglicher Schablone und kann in keine unserer Gattungen eingereiht werden: daher müssen wir es als fleckenlos reine Kunst ansprechen. „Sollen wir denn ewig neue Bücher machen in der selben Art, wie die Apotheker ihre Mixturen herstellen, indem sie aus einem Gefäß ins andere gießen?“ — so fragt Sterne und zeigt uns, daß man's anders machen kann. Mir wurde einmal eingeworfen, das abrupte Ende sei ein schwerer Formfehler; denn das Buch finde keinen Abschluß, und man bleibe unter dem Eindruck, der Verfasser habe die Feder willkürlich hingelegt; das ist ein Irrtum: an diesem scheinbar so erratischen Buche ist nichts Zufall oder Willkür, sondern bis zum letzten Wort hinab alles bewußt vollendete Kunst. Ein solches Buch darf nicht Anfang, Mitte und Ende (im chronologischen Sinne) aufweisen; denn jede abgeschlossene Begebenheit — eine geringe Überlegung wird Sie davon überzeugen — weist aus dem Buche hinaus auf ein Anderes hin, welches nicht mehr das Buch ist, wenn es auch dem Buche sein Dasein verdankt; wogegen beim vollendeten Buche jeder Satz als Mittelpunkt betrachtet werden kann und es bei Tristram Shandy in der Tat vollkommen gleichgültig ist, wo man zu lesen anfängt, während andrerseits keinem wahren Kenner des Buches die Beziehung zwischen Schluß und Anfang entgehen kann, er vielmehr hierin einen der meisterlichsten Züge der Organisierung des Aufbaues bewundern wird, eines so zarten, zugleich durchdachten und verborgen gehaltenen Aufbaues, daß er ebenso unsichtbar bleibt, wie derjenige eines von der Natur erschaffenen lebendigen Wesens. Überall beißt sich die Schlange in den Schwanz. Man darf wohl behaupten, das mittlere Lebensgesetz dieses Buches sei das der „Abschweifung“  (d i g r e s s i o n,   wie Sterne es nennt). „Digressions, incontestibly, are the sunshine, — they are the life, the soul of reading“ — unstreitig bilden die Abschweifungen den Sonnenschein, ja, sie bilden das Leben und die Seele der Bücher. Auch das ist dem Leben abgeguckt, in welchem alle Folgerichtigkeit jeden Augenblick durchkreuzt und durchbrochen wird und erst als Gedanke und Willensimpuls ideale

387 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Tristram Shandy.

Beharrlichkeit empfängt. Das unvergleichlich plastische Leben Vater Shandy's, Onkel Toby's, Frau Shandy's — mit dem dünnblauen, kalten, durchsichtigen Kristallauge, auf dessen Grund man die geringste Regung einer Begierde oder eines Wissenswunsches erblickt hätte, wenn so etwas je bei ihr vorgekommen wäre — des Geistlichen Yorick, des Korporals Trim, des Arztes Dr. Slop usw. — rührt zum nicht geringen Teile von diesem Grundgesetz des Buches her: man lernt alle diese Leute kennen, wie man sie im Leben kennen lernen würde, aus hundert kleinen, zufällig sich kundtuenden Zügen, über die wir nicht moralisierend nachdenken, die aber auf unsere Vorstellung von der Persönlichkeit einen bestimmten Eindruck hinterlassen. Wenige Menschen überlegen sich wahrscheinlich, welche meisterliche Besonnenheit des aus unbewußter Kraft schaffenden Genies nötig gewesen sein muß, um auf diese Weise leuchtend sichtbare Gestalten zu erschaffen: Alles scheint Zufall, und alles ist Kunst!
    So bietet uns dieses einzige Werk eine unerschöpfliche Quelle tiefster Menschenerkenntnis, einen ebenso unerschöpflichen Born des Witzes, des Humors, der Satire, und bietet zugleich den Wenigen, die über Buchkunst denken mögen, unerschöpflichen Stoff zum Nachsinnen.
    Von anderen neueren Engländern habe ich in diesem Zusammenhang kaum Veranlassung zu reden; denn las ich auch viele englische Autoren, ihre Bücher wurden nicht wie Tristram zu ständigen Begleitern meines Lebens. Von Shakespeare — der mir jetzt seit einem halben Jahrhundert nie von der Seite wich — habe ich nicht zu sprechen, da seine Werke mehr als Bücher sind. Unter den vielen vorzüglichen englischen Historikern sind mir eigentlich nur zwei ans Herz gewachsen, so daß ich ihre Bücher immer von neuem hervorhole, um mich an ihnen rein als Erzeugnissen hoher Buchkunst zu erquicken: Gibbon und Carlyle.   G i b b o n   ist dem großartigsten Vorwurf mit solcher Großartigkeit der geistigen Auffassung, der plastischen Darstellung und des sprachlichen Ausdruckes gerecht geworden, daß sein Werk, trotz aller sogenannten Fortschritte der Wissenschaft, unvergänglich bleibt wie jedes überragende Kunstwerk. Bei   C a r l y l e   hat die merkwürdige Persönlichkeit des apokalyptischen Sehers es verstanden, sich einen so durchaus eigenartigen Gedanken-

388 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Tristram Shandy.

und Ausdrucksstil zu bilden, daß er in der Weltliteratur ebenso einsam steht, wie er im Leben einsam stand. Carlyle wäre als „germanisch-christlicher Prophet“ zu bezeichnen; als solcher gehört er keiner Zeit an, vielmehr den gleichgestimmten Seelen aller Zeiten. Ihm nahe verwandt ist der große Künstler und Mensch   J o h n   R u s k i n:   auch bei ihm suche ich oft Erhebung und Kraft. Zu den englischen Romanen ist es mir niemals gelungen, nähere Fühlung zu gewinnen; selbst bei den besten blieb mir stets die lästige Empfindung, meine Zeit vergeudet zu haben. Wenn man von dem einen Dichter von Gottes Gnaden,   W a l t e r   S c o t t,   absieht, den ich mit kindlicher Verehrung liebe und von dessen Waverley Novels ich alljährlich eine oder zwei zu lesen pflege, erscheint mir diese ganze Kunst des Fabulierens, welche die Engländer wie besessen hält, als eine recht dünnflüssige und geisttötende; ich glaube auch, sie hat auf das englische Hirn eine verblödende Wirkung ausgeübt. Eine Ausnahme bildet Pickwick, das Werk von   D i c k e n s'   noch unbefangener naiver Jugend, in welchem schärfste Beobachtungsgabe im Verein mit heiterster Laune die eigentliche Genialität, soweit dies möglich, ersetzt hat.
    Nun höre ich Sie aber laut dazwischen rufen: „Kommen Sie denn nicht endlich auch zu den Deutschen!“ Und da kann ich Ihnen das Geständnis nicht ersparen: die Deutschen sind bisher keine Meister der reinen Buchkunst. Zwar waren neunundneunzig vom Hundert der Bücher, die ich in allen diesen Jahren las, deutsche Bücher — alle gehaltvoll, manche bedeutend, einzelne hervorragend — doch kaum jemals in dem Sinne von „Büchern, die Bücher sind“; die allermeisten waren weniger als Bücher, die wenigen, welche höchster Kunst oder tiefstem Besinnen entsprangen, gehörten zu einer höheren Gattung als alles, was vernünftigerweise die Bezeichnung „Buch“ tragen darf. Freilich hat der eine und einzige   S c h o p e n h a u e r   es verstanden, die tiefsten philosophischen Gedanken in so vollendeter literarischer Form vorzutragen, daß man den Einfluß der französischen Meister erkennt; abgesehen aber davon, daß sein Ziel weit hinausschießt über die Grenze des „Buches“, hat gerade diese auf deutschem Boden unerwartete stilistische Vollendung, der Glanz und die weltmännische Gefälligkeit der Dar-

389 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Lichtenberg.

legung eine nicht unbedenkliche Wirkung ausgeübt, indem die Leser zu der Wahnvorstellung verführt werden, weil sie die Worte verstehen, so hätten sie zugleich die Gedanken erfaßt, eine Illusion, dank welcher der misanthropische Weltweise zum Modephilosophen und Liebling der Frauen wurde, während in Wirklichkeit sein Gedankengang sich sehr Wenigen offenbarte (vergl. S. 282).
    Höchst eigentümlich und bezeichnend ist es, daß diejenigen Deutschen, die von der Natur zu bedeutenden Buchschreibern bestimmt erscheinen, es niemals fertig gebracht haben, die Bücher zu verfassen, die man von ihnen erwarten konnte; als Beispiel nenne ich die zwei genialsten: Lichtenberg und Herder.
    L i c h t e n b e r g   halte ich für einen der geistvollsten Menschen, die je gelebt haben; dabei besitzt sein Geist eine Ursprünglichkeit und furchtlose Unabhängigkeit, wie man sie selten antrifft. Goethe urteilt: „Lichtenberg stand eine ganze Welt von Wissen und Verhältnissen zu Gebote, um sie wie Karten zu mischen und nach Belieben schalkhaft auszuspielen!“ Er wäre der Mann gewesen, das deutsche Meisterwerk des Humors zu schaffen, mitteninne zwischen den subtilen Seelenanalysen und der unbarmherzig heiteren Geißelung menschlicher Dummheit und Boshaftigkeit des Tristram Shandy und dem phantastisch tiefen Weltblick des Don Quixote; sein ebenso geistreiches Zeichentalent hätte ihn sogar befähigt, dieses Werk auch nach der bildlichen Seite in originellster Weise auszugestalten; war gleich dem deutschen Humoristen die plastische Gestaltungskraft des überschwenglichen Spaniers nicht eigen, eine gewisse schwankende Nebelhaftigkeit hätte der Darstellung deutschen Gelehrtenwesens zugute kommen können, und an Ursprünglichkeit und Glanz des Witzes nahm Lichtenberg es mit Sterne auf. Statt dessen hat er uns nichts hinterlassen als „Kollektaneen“ von Einfällen, zahlreiche Papierschnitzel mit blitzartigen Witzgedanken und einige hundert Briefe, die zu den unterhaltendsten in deutscher Sprache gehören. Von einem Plan zu einem Roman ist öfters die Rede, ebenfalls von einem satirischen Gedicht, doch fand sich von beiden im Nachlaß keine Spur; auch von der, wie es scheint, in Swift'scher Manier gedachten Gelehrteninsel Zezu wissen wir nur durch einzelne Witze. Im übrigen verschwendete leider der gelehrte Professor der Physik seine Muße auf allerhand Kalenderarbeiten, kleine Biogra-

390 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Lichtenberg.

phien, Zerstörung modischer Zeitströmungen — wie z. B. des Lavater'schen Physiognomik-Taumels — geistvolle Erläuterungen zu Hogarth's Stichen usw. usw.  Wenige Menschen haben so viel und so tief über Wesen und Wert des Buchschreibens nachgedacht: „Eine seltsamere Ware als Bücher gibt es wohl schwerlich in der Welt: von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“ In diesem vielen Nachdenken über die Buchkunst glaube ich das Hindernis erblicken zu sollen: Lichtenberg standen die hemmenden Bedingungen und die bedeutenden Anforderungen wahrer Buchkunst gar zu deutlich vor den Augen. Einmal ruft er aus: „Der Gedanke, daß es so außerordentlich leicht ist, schlecht zu schreiben, hat mich oft beschäftigt. Ich meine nicht, daß es leicht sei, etwas Schlechtes zu schreiben, was man selbst für schlecht hielt, nein! sondern daß es so leicht ist, etwas Schlechtes zu schreiben, das man für sehr schön hält.“ Namentlich empfand er — der in vielen Wissenschaften bewanderte Hochschullehrer — die Hemmnis, welche die Bildung selbst allem guten Schreiben entgegensetzt; die Alten, meint er, hätten ohne Mühe gut geschrieben, weil sie schrieben, wie es ihnen ums Herz war: „Sie schrieben wahr, wie die Kinder wahr reden.... Homer hat gewiß nicht gewußt, daß er gut schrieb, so wenig wie Shakespeare“; heutzutage dagegen „ist   n a t ü r l i c h   schreiben fast unnatürlich“. Damit legt er gewiß den Finger auf einen der Hauptumstände, die ganz Deutschland in dieser Hinsicht bedrücken: die Menschen sind hierzulande allzu gebildet und verehren die Bildung — rein als solche und im Gegensatz zu der Anerkennung angeborener Geistesgaben — zu sehr, um mit naiver Freude und Unbefangenheit an ein eigenes, dem eigenen Innern wahrhaft entsprechendes Gestalten zu gehen. Dies bewirkt, daß den Deutschen meistens die Gabe fehlt — wie Lichtenberg bemerkt — „die Sachen zusammenzubringen und dann stark und gut zu sagen“. Auch bedingt die beständige Rücksicht auf ein in seiner Bildung sich sonnendes Publikum, daß der deutsche Schriftsteller „das Meiste mit einer einschläfernden Unmaßgeblichkeit und feigen Unvorgreiflichkeit sagt“.

391 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Herder.

    Bei aller Gegensätzlichkeit der Begabungen, es herrscht doch eine Verwandtschaft des Schicksals zwischen   H e r d e r   und Lichtenberg, und zwar wegen des Druckes der gleichen Verhältnisse. Den jungen Herder bezeichnet Goethe als ein „mystisch weitstrahlsinniges Ganzes, eine in der Fülle verschlungener Geschöpfsäste lebende und rollende Welt“, und Herder selber empfindet sich „an dem Ufer eines Gedankenmeeres, wo auf der Höhe desselben der Blick sich in den Wolken verliert“. Alles konnte man von dem seltenen Mann erwarten: besser ausgerüstet als ein Voltaire oder ein Rousseau, besaß er außerdem jene Schwingen, welche einzig die deutsche idealische Gesinnungsart verleiht — und nichtsdestoweniger schaut er am Schluß seiner ersten Schaffenszeit betrübt auf „eine Perspektive von Fragmenten, von Wäldern, von Torsos“ zurück und seufzt über „seinen halbverständlichen, halbsombren Stil“; am Schlusse seines Lebens hätte er zu solchen Worten nur noch mehr Veranlassung gehabt. Genau wie Lichtenberg bedrückt auch ihn seine grenzenlose Bildung als eine ungeheure Last: „Wann werde ich so weit sein, um alles, was ich gelernt, in mir zu zerstören, und nur   s e l b s t   z u   e r f i n d e n,   was ich denke und lerne und glaube!“ Des weiteren: „So geht's allen Vielbelesenen und Zuviellesenden.... so geht's mir....  Indem ich nie mit ganzer zusammengenommener, natürlich vollkommener Seele lese, so wird kein Eindruck ganz!“ Es verdient alle Beachtung, daß weder Goethe noch Schiller Gelehrte waren, ja, daß keiner von Beiden eine regelrechte Schulerziehung genossen hatte. Goethe lernte das Latein gleichsam im Spiel von seinem Vater, desgleichen die modernen Sprachen; seine weitere Ausbildung geschah durch verschiedene Lehrkräfte, ohne festen Plan und zum Teil nach der Willkür des Jünglings. Die freie Beschaffenheit von Goethe's Universitätsstudien — jedes Fachwesen ablehnend — wird Ihnen aus Dichtung und Wahrheit vertraut sein. Minder erratisch verlief Schiller's Bildungsgang, doch für Gymnasialbegriffe höchst ungenügend und mehr technisch als humanistisch. Nun aber sagen Sie sich selber: wie frei bewegen sich diese Beiden im Vergleich zu ihrem verehrungswürdigen Freunde Wilhelm von Humboldt, dessen ungeheures Wissen jede Bewegung hemmt und ein freies Erschaffen niemals aufkommen läßt! Ebenso wie die Sonne, der wir alles Leben verdanken, dennoch Wachstum hemmt und zum Stillstand bringt,

392 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Herder.

ebenso hindert allzu starke Geistesbesonnung die inkräftige Entfaltung des Geistes. Ein klassisches Beispiel hierfür ist Herder, der von sich mit Recht bezeugt, „das Schicksal habe ihm die ganze fertige Anlage dazu dargeboten, sein Leben zu genießen“, wenn er „nur leichte Studien gewählt hätte“. „Ich wäre nicht ein Tintenfaß von gelehrter Schriftstellerei, nicht ein Wörterbuch von Künsten und Wissenschaften geworden, die ich nicht gesehen habe und nicht verstehe.... Welch ein anderes Gebäude einer anderen Seele! Zart, reich, sachenvoll, nicht wortgelehrt, munter, lebend, wie ein Jüngling! Einst ein glücklicher Mann! Einst ein glücklicher Greis!“ Und so kommt er denn dazu, seinen Beruf als „Autor“ zu verwünschen und den Entschluß zu fassen: „Ich will mich so stark als möglich vom Geist der Schriftstellerei abwenden!“ Ein verhängnisvoller Entschluß für einen Mann, der durch Natur und Schicksal zum Schreiben bestimmt war und bis zu seiner letzten Stunde nicht davon hat lassen können.
    Meine Liebe zu Herder ist Ihnen aus vielen Gesprächen sowie aus meinen Schriften bekannt; in manchen Beziehungen erblicke ich in ihm den reichsten Anreger unter allen Deutschen; in bezug auf hellseherische Ahnungskraft kommt ihm keiner gleich. Die Stelle über ihn in meinem Goethebuch (S. 30 fg.) wird Ihnen, glaube ich, erinnerlich sein, ich verweise Sie darauf. Nichtsdestoweniger muß ich bekennen: „in Herder“ lese ich gern alle Tage, „Herder lesen“ ist mir ein Ding der Unmöglichkeit. Denn seine Schriften sind nicht allein formell, sondern auch inhaltlich ein Chaos, vergleichbar den von den Geologen als Konglomerat bezeichneten Felsarten, in denen wir Steine von verschiedenstem Wert und Unwert durch einen gestaltlosen Kitt zu einem scheinbaren Ganzen vereinigt sehen. Und zwar bildet diese Eigenschaft so sehr das Kennzeichen des Stils dieses „vom Geiste der Schriftstellerei sich entfernenden“ Schriftstellers, daß wir ihn am besten dort erblicken, wo er — wie in den Briefen zur Beförderung der Humanität, der Adrastea usw. — sich ohne jedes gestaltgebende Ziel frei nach Willkür bewegt. Vielleicht werfen Sie mir die Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit ein? Doch bietet gerade dieses Werk ein Schulbeispiel für die Art, in der Herder sich selbst entfremdet wurde durch den Versuch, monumental zu gestalten. Hierüber etwas

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zu sagen, mag füglich nach den zwei berühmten Besprechungen Kant's überflüssig erscheinen. Nur darauf will ich Sie aufmerksam machen, daß es der Versuch, ein allseitig Abgerundetes hinzustellen, war, was das Werk verdarb und für mein Gefühl fast unerträglich machte; denn dieser Umstand bahnte allen Schwächen Herder's den Weg und erteilte immer von neuem dem Kanzelredner das Wort zu allerhand flachen Harmonisierungen zwischen Gott und Natur und unmöglichen Behauptungen über Pläne der Vorsehung, in die kein Mensch Einblick besitzen kann. Ich weiß nichts Peinlicheres, als einen Mann von überragender geistiger Bedeutung Redensarten gebrauchen zu hören. Vor lauter Ärger beachtet man dann nicht tausend oft hinreißend geistsprühende Bemerkungen, mit denen der Verfasser kommenden Zeiten vorauseilt. So hat er z. B. unserem verehrten Uexküll genau vorgefühlt: „Jedes Geschöpf hat also seine eigene, eine neue Welt“. Und finden Sie es nicht entzückend, wenn er schreibt: „Das Schalen-Tier ist   g a n z   G e f ü h l,   nur Meeres-Gefühl; wir müssen es Gefühl nennen, weil wir kein anderes Wort haben“? Rein als Bücher betrachtet, halte ich die theologischen Schriften Herder's für die besten und pflege stets namentlich die beiden schönen Bücher über die Evangelien meinen Freunden ans Herz zu legen: Vom Erlöser der Menschen nach unseren drei ersten Evangelien und Von Gottes Sohn, der Welt Heiland, nach Johannes Evangelium; als Ergänzung dient seine Regel der Zusammenstimmung unserer Evangelien aus ihrer Entstehung und Ordnung. In diesen Schriften und noch anderen, die der Theologie und der Pädagogik gewidmet sind, spricht einfach der echte deutsche Gelehrte, und zwar der Gelehrte von Genie; eigentlich gehören sie aber nicht in die engere Reihe unserer „Bücher, die Bücher sind“, da sie einem wissenschaftlichen Zwecke dienen und künstlerische Höhe nicht erstreben, sondern nur gleichsam zufällig hier und dort erreichen, wo die Begeisterung den edlen Verfasser durchglüht und emporträgt.
    Und nun, teurer Freund, stockt mir die Sprache, denn eigentlich habe ich nur noch einen Namen zu nennen als den eines   t ä g l i c h e n   Genossen, und vor diesem Namen verstummt, wer seine Bedeutung ahnt. Nicht wahr, Sie mißverstehen mich nicht? Deutsche Bücher der Neuzeit gibt es genug, die ich hoch zu verehren

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wußte; lassen Sie mich als Beispiel die formvollendeten Schriften Moltke's nennen, Bismarck's Gedanken und Erinnerungen — eines der originellsten Erzeugnisse unbuchmäßiger Buchkunst, dann auch alles von Treitschke, die wundervollen Denkwürdigkeiten des Grafen von Roon, Schriften und Briefe des mir besonders vertrauten Wilhelm von Humboldt und gar manches andere nach den verschiedensten Richtungen hin. Das alles gehört aber nicht zu dem abgesteckten Begriff der Bücher im engsten Sinne des Wortes, die mir während des letzten Lebensdrittels   b e s t ä n d i g e   Weggenossen gewesen wären. Hier habe ich wirklich unter den Deutschen nur einen einzigen Namen zu nennen — dieser Einzige allerdings eine ganze Welt für sich:   G o e t h e.
    Es ist gut, daß ich diesem Namen ein Buch von etwa 800 Großoktavseiten gewidmet habe, sonst ginge dieser Brief überhaupt nie zu Ende! Heute nur eine kurze ergänzende Betrachtung mit Rücksicht auf das Thema, das hier im Vordergrund unseres Interesses steht.
    Goethe — so dünkt mich — gehört einer anderen Menschenart an als wir alle: entweder stellt er den Rückschlag dar in eine längst entschwundene, vergessene Gattung, in irgendwelche Ur-Sumero-Akkader, die vor dem Einbruch der menschlichen Halbaffen ein hohes Dasein führten, oder wir haben in ihm den Vorverkünder einer in künftigen Tagen dem Deutschtum zu entsteigenden verklärteren Menschenart zu verehren; wie dem auch sei, das Kennzeichen dieses besonderen, einzigen Menschen ist sein Verhältnis zum   W o r t.   „Die Sprache ist die Wurzel der Lüge“: so urteilt mit Recht der weise Inder. Stellen wir uns einen „Ursprung der Sprache“ vor — so etwas ist freilich immer höchst bedenklich — so pflegen wir vorauszusetzen, die einzelnen Wörter hätten im Anfang den   D i n g e n   entsprochen; schon diese Annahme ist anfechtbar, denn es scheint vielmehr, daß bei primitiven Sprachen das Subjektive vorwiege — Begehren, Liebe, Haß, Freude, Furcht, Schmerz usw. —‚ wogegen der Versuch, die Wörter objektiv zu umgrenzen, das Ergebnis einer auf höhere Kultur hinstrebenden Richtung darstellt. So schwankt denn von Beginn an die Sprache und ist eher geeignet, den Leidenschaften als der Erkenntnis zu dienen; und hieraus folgt, daß — um mich in aphoristischer Kürze auszudrücken — der bewußt denkende und darstellende Mensch ein Material vorfindet, welches

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von Hause aus zu seinen Zwecken nicht geeignet ist, sondern erst durch harte Arbeit zu diesem Behufe umgeschmiedet werden müßte. Dies geschieht nun nicht, und darum wird die Sprache zur „Wurzel der Lüge“. Die Stelle in der Schülerszene von Faust I über das „Haltet Euch an Worte!“ ist zu allbekannt, als daß ich sie anzuführen brauchte; unbekannt wird Ihnen dagegen folgende Briefstelle Goethe's aus seinem 79. Lebensjahre sein: „Bei den Menschen   v e r w a n d e l t   s i c h   a l l e r   G e h a l t   s e h r   s c h n e l l   i n   W o r t e,   in welchen zuletzt weder Anschauung, noch Gedanke, noch Begriff, noch Wissen übrig bleibt, sondern deren man sich zu leerem Spiel als Rechenpfennigen bedient“. Und nun ruft Goethe aus: „Dagegen habe ich mich mein ganzes Leben gewehrt!“ Dieser Eine nimmt, mit vollem Bewußtsein dessen, was nottut, den Kampf auf, entschlossen die allgemein herrschende Tatsache der Sprachunzulänglichkeit zu überwinden: das Wort zu bändigen und zu gewältigen, bis es ein Organ der Wahrheit werde. Was Christus die Wiedergeburt nannte, tritt hier auf als Wiedergeburt der Sprache: wer Goethe wirklich verstünde, würde wieder Kind werden und von neuem reden lernen. Darum ist Goethe's Stil unnachahmlich; das was ihn auszeichnet, entspringt nicht einer äußerlichen Formgebung, sondern einer inneren, religionsartigen Überzeugung und einem das ganze Leben beherrschenden Hochziel.
    Schiller — auf dessen Urteil wir uns unbedingt verlassen dürfen — nennt als das Kennzeichnende an Goethe's Stil die ihm allein eigene Fähigkeit, „das Geheimnis des Herzens in einem einzigen Worte auf einmal und ganz auszusprechen“: diese magische Gewalt des einzelnen Wortes kann aber nur erzielt werden, wenn sich die ganze Sprache auf das streng Wahre einstellt und einschränkt. Goethe selber bekennt als seine stilistische „Maxime“, „sich so viel als möglich zu   v e r l e u g n e n   und das Objekt   s o   r e i n   a l s   n u r   z u   t u n   s e i   in sich aufzunehmen“: bemerken Sie, in welcher Weise hier die Sorge um den Stil das ganze Wesen erfaßt und sogar den sittlichen Charakter in Mitleidenschaft zieht? Ein zweites Wort Schiller's vertieft die Einsicht in diese stilistischen Geheimnisse: Goethe's bewußtes Ziel sei es, „alles Stoffartige zu vertilgen“. Dieses Ziel führt notwendig zur vollkommenen Schlichtheit bei vollendeter Genauigkeit des Wortes. Wie ich selber schrieb: Nie hat ein so

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unoratorischer Sprachgewaltiger gelebt; und das besagt: nie hat ein Dichter die stoffartige Wirkung des Wortes so streng gemieden, ebenso wie die pathologische Wirkung der Rede, über die Goethe spottet, es sei leicht überreden und schwer überzeugen. Wohingegen er einzig und allein durch die innerliche Kraft der schlichten Wahrheit wirken wollte und wirkt. So spiegelt sich die Reinheit seines Wesens in seiner Sprache.
    Jeder wird ohne Erläuterung verstehen, daß sich hier Kreis um Kreis, weiter und immer weiter, zieht: soll das Wort nur eigentlich und rein gebraucht werden, so muß der ganze Satz an dieser Eigenschaft teilhaben, und wäre ein derartiger Satz vereinzelt, er fiele unharmonisch aus dem Zusammenhang heraus; so muß denn stets eine Schrift in allen ihren Teilen dem gleichen Gesetze gehorchen, und wir erlangen schließlich die Einsicht, selbst der Grundgedanke des Ganzen — die Erfindung, die Anlage — erfolge aus genau der gleichen Überzeugung, aus der gleichen Weltanschauung, aus dem gleichen Geistesflug, der dem Einzelwort die magische Wirkung verleiht. Ich hätte ebensogut den weitesten Kreis statt des engsten an erster Stelle nennen können; ich tat es darum nicht, weil dasjenige, was an dem Geheimnis der Goethe'schen Sprache zunächst auffällt, die Verwendung der einzelnen Wörter ist, wogegen die weiteren — die eigentlich tragenden, bestimmenden — Eigenschaften erst später bemerkt werden und — wie ich befürchte — den Meisten überhaupt niemals zum Bewußtsein kommen. Goethe klagt in seinem 74. Jahre: „Leider liest niemand heutzutage, als nur das Blatt los zu werden“. Diese Worte beziehen sich auf die vielen kleinen Aufsätze zu Literatur, Kunst und Leben, die wohl auch heute kaum Ein Deutscher in Zehntausend jemals zu Gesichte bekommt und von denen Goethe bemerkt, „in jedem solchen Hefte (von Kunst und Altertum) ist mehr Leben niedergelegt, als man ihm ansieht“.¹) Hieran knüpft der Greis die echt Goethe'sche Nutzanwendung: „Darum soll der Schreibende immer tüchtiger werden, um der Nachwelt ein Zeugnis zu hinterlassen, daß er nicht umsonst gestrebt hat“; wir aber haben daraus die Lehre zu ziehen, daß wir Goethe und
—————
    ¹) Bei dieser Gelegenheit sei warm empfohlen das Büchlein Goethe's kleinere Aufsätze in Auswahl von W. von Seidlitz (München, F. Bruckmann).

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seinen neuen Stil zu lesen erst lernen müssen, damit uns die Augen aufgehen über das in den geringfügigsten seiner Blätter „niedergelegte Leben“. Hier kann ich nicht anders, als Sie wiederum auf mein Goethebuch verweisen und Sie namentlich bitten, den Abschnitt „Die Form in Goethe's Dichtungen“ nicht flüchtig — nur das Blatt loszuwerden —‚ sondern wiederholt, Zeile für Zeile, durchzunehmen. Es kommt alles darauf an,   G o e t h e   l e s e n   z u   l e r n e n;   ja, ich will Ihnen das Geheimnis verraten: jenes ganze Buch verfolgt diesen einen Zweck.
    Eine einzige Empfehlung sei noch besonders unterstrichen.
    Schiller belehrte uns vorhin, das Hauptkennzeichen an Goethe's Stil sei das Bestreben, „alles Stoffartige zu vertilgen“: dieses Wort sollten Sie in großen Lettern an Ihrem Goethe-Schrank anbringen, damit Sie nie einen Band herausnehmen, ohne dessen zu gedenken, daß der Stoff — gleichviel welchem Gebiete der reichen Welt Goethe's er angehöre — immer nur an zweiter oder dritter Stelle in Betracht zu kommen hat, wogegen der Stil im umfassendsten Sinne — als Erfindung, Denkweise, Aufbau, Wahl des Ausdrucks — ein Geistesleben offenbart, das einer höheren Sphäre angehört und das der Leser darum nicht wahrnimmt, solange seine eigene Seele auf diese höhere Tongebung nicht gestimmt ist. Dies gilt bei allen Werken Goethe's. So ist es z. B. vom höheren Standpunkt aus gleichgültig, ob Goethe mit seiner Farbenlehre recht habe — wenn dieses Wort überhaupt einen Sinn hat: das Werk bleibt der genannten geistigen Eigenschaften wegen nicht weniger unsterblich in dem einen Falle als in dem anderen. Und nehmen Sie, bitte, Werther zur Hand!
    Wiederholt im Laufe seines langen Lebens klagt Goethe, der beispiellose Erfolg dieses Buches, das bis zu den Indianern und zu den Chinesen drang, beruhe lediglich „auf dem Stoffe“, das Buch als Kunstwerk bleibe unbeachtet. Was Schiller das Stoffartige nennt, das zu vertilgen das Genialste an Goethe's Leistung ausmache, bildet hier die Erzählung, d. h. die Reihe der Begebenheiten, die bis zu Werther's Tod führen und mit ihm abschließen. Sie erinnern sich des vorhin bei Gelegenheit von Sterne's Tristram Shandy Ausgeführten: jede Erzählung mit Anfang, Mitte und Ende weist

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aus dem Buche hinaus und bedeutet insofern eine Herabsetzung der Bedeutung des Buches   a l s   B u c h.  Das wußte Goethe wohl, der größte aller Buchkünstler, und singt darum in dem Gedicht „Unbegrenzt“:

Daß Du nicht enden kannst, das macht Dich groß,
Und daß Du nie beginnst, das ist Dein Los.
Dein Lied ist drehend wie das Sterngewölbe,
Anfang und Ende immerfort das selbe,
Und was die Mitte bringt ist offenbar
Das was zu Ende bleibt und Anfangs war.

Daher die auffallende Erscheinung, daß Goethen nicht allein das Abschließen und Abrunden Mühe bereitet, weil hier ein Künstliches im Gegensatz zu einem Künstlerischen gebietet, sondern auch das Anfangen oftmals schmerzlich schwer fällt. Von einem seiner herrlichsten Gedichte meldet er: „Als einen stillen Schatz bewahrte ich es vielleicht vierzig Jahre und konnte mich erst jetzt entschließen, ihn von meinem Innern durch Worte loszulösen, wo es mir die eigentliche reine Gestaltung zu verlieren scheint.“ In diesem an einen geistig hochstehenden Freund gerichteten Bekenntnis heißt es dann weiter: „Wird das Gebildete jedoch in einem treuen energischen Geiste reproduziert, so gelangt es wieder zu seinem ursprünglichen Rechte (Brief an Reinhard vom 5. 7. 1824). Ein bedeutendes, wohl zu beachtendes Wort, diese Anrufung Goethe's der   T r e u e   und der   E n e r g i e   bei seinen Lesern, ohne welche des Buchkünstlers Gebilde nicht „zu seinem Rechte komme“! Verstehen Sie jetzt, was ich meine, wenn ich behaupte: der Mensch, der Werther's Leiden teilnahmsvoll liest und vielleicht nassen Auges aus der Hand legt, hat in den meisten Fällen nicht die entfernteste Vorstellung von Goethe's Buch als Kunstwerk, d. h. also von dem, worauf es Goethen ankam, von seiner eigentlichen Absicht und Leistung. Wir dürfen sagen: das starke Vordrängen des „Stoffartigen“ wird hier durch die mangelnde Reife des jugendlichen Dichters verschuldet. Erst wer das Buch wiederholt gelesen hat, bis jede Schicksalswendung ihm vollkommen vertraut wurde und er die „Geschichte“, als handle es sich um ein eigenes Erlebnis, im Gedächtnis trägt, ist reif, das


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Werk in allen seinen Einzelheiten bis herab zum letzten Worte zu begreifen, zu schätzen und zu ewig sich erneuernder Freude zu genießen.
    In jedem Werke Goethe's gestaltet sich nun die künstlerische „Vertilgung des Stoffartigen“ anders — je nach der Reife des Dichters, je nach dem Stoffe und je nach der Entwickelungsgeschichte des betreffenden Buches. So sind z. B. die Wahlverwandtschaften aus einer bestimmten zeitlich begrenzten Stimmung fast in einem Zuge entstanden: hieraus erfolgt ein starkes Hervortreten des Stoffes, mit anderen Worten der Begebenheitenfolge; ganz wunderbar ist aber gerade in diesem Werke im Einzelnen die Vertilgung des Stoffartigen gelungen: in manchen Kapiteln entschweben wir vollkommen aller Zeit, in anderen — als Gegenstück — lastet die Zeit mit Bleigewicht auf uns und gräbt unüberbrückbare Abgründe zwischen dem Vergangenen und dem Kommenden. Hier sehen wir also den Dichter, von seinem Stoffe übergewaltig gepackt und mitgerissen, nichtsdestoweniger im Innern dieses Stoffes seinem Gestaltungsideal treu bleiben. — Anders liegen die Verhältnisse bei Wilhelm Meister, dem Prosa-Gegenstück zu Faust, dessen Entstehen vom ersten bis zum letzten Strich einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahrhundert umspannt. Innerhalb dieser Zeit verschob sich Wilhelm Meister's „theatralische Sendung“ in eine untheatralische und antitheatralische Sendung; auch die anderen Hauptgestalten alle erfahren tiefe Umwandlungen, die einer Neugeburt oft nahekommen. Vor allem aber wandelt sich die ganze Gedanken- und Gefühlswelt, in der wir leben und weben, nach und nach im Sinne einer zunehmenden Verklärung des zugleich immer praktischer und technischer sich ausgestaltenden Menschendaseins. In diesem noch nie dagewesenen Kontrapunkt zwischen dem Realen und dem Idealen — in welchem man eine formale Verwandtschaft mit Bach entdecken könnte — schwindet das „Stoffartige“ vollkommen dahin und wir landen in einer Welt der Ideen.
    Wiederum anders liegen die Verhältnisse bei Dichtung und Wahrheit. Wenn wir hier Goethe selber — wie wir das wohl müssen — als des Buches Stoff bezeichnen, so leuchtet es ein, daß es auf eine „Vertilgung“ dieses Stoffes unmöglich abgesehen sein

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konnte. Diese Erwägung veranlaßt nun eine Unterscheidung, die ich bisher der Einfachheit halber unterließ, wobei mich Goethe's Beispiel bestimmte, da er häufig in genau der selben Bedeutung kurzweg von „Stoff“ spricht. Schiller dagegen, schulmäßige Genauigkeit gewohnt, redet nicht von Stoff, sondern von „Stoffartigem“. Offenbar unterscheidet er innerhalb eines jeden dem Künstler zur Behandlung vorliegenden Stoffes zwischen einem „stoffartigen“ Elemente und einem mehr geist- und phantasieverwandten Elemente. Hier erst gelangen wir zu dem springenden Punkt des Schiller'schen Gedankens. Wie sollte irgendein Werk ohne Stoff bestehen? Und was der Marmor und die schwingende Saite für den Sinnenkünstler, das ist die erträumte oder erlebte Fabel für den Geisteskünstler: sie ist sein Werkzeug, d. h. nicht der aktive, sondern der passive Teil der ihm zur Gestaltung gegebenen Möglichkeiten. Nicht darauf kommt es an, diesen Stoff zu vertilgen, wohl aber   d a s   S t o f f a r t i g e   daran. Tristram Shandy lieferte uns schon ein äußerstes Beispiel nach dieser Richtung hin: der Stoff ist vorhanden, und zwar in glänzendsten Farben — Vater Shandy und seine Gattin, Onkel Toby und die Witwe Wadman, Korporal Trim und die Köchin Bridget usw., die eine Gestalt ebenso lebensvoll und unvergänglich wie die andere —‚ doch wird das Stoffartige dadurch vertilgt, daß jede Episode als an und für sich unwesentlich und zufällig behandelt wird, wogegen die Darstellung der verschiedenen Persönlichkeiten   a n   d i e s e n   E p i s o d e n   den Inhalt des Werkes ausmacht. So weist denn das Buch nur einen scheinbaren Anfang auf, gar keine Mitte und gar kein Ende — was der Forderung in Goethe's vorhin angeführtem Gedicht genau entspricht. In bemerkenswerter Weise ist nun Goethen in Dichtung und Wahrheit das nämliche gelungen. Um gleich das mittlere Gestaltungsgesetz dieser Eigengeschichte zu nennen: Goethe zeichnet alle seine aufeinanderfolgenden Zustände durch   d i e   S c h i l d e r u n g   d e r   U m g e b u n g,   und zwar in der Weise, daß die Beeinflussung der Innenwelt durch die Außenwelt selten unmittelbar aufgezeigt wird, als handle es sich um das einfache Verhältnis von Ursache und Wirkung, vielmehr erblicken wir die objektive Darstellung eines allgemeinen Zustandes, in welchem und durch welchen unser Jüngling wandelt — oft auf lange unseren

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Blicken entschwebend — und nur insofern er selber es ist, der die Schilderungen entwirft, können wir mittelbar auf die Eindrücke schließen, die er als bestimmende Beiträge aus der Umgebung zu seiner Entwickelung empfing. So ziehen das alte, sich langsam umwandelnde Frankfurt, die rauschenden Glanztage des Krönungsfestes, das Gottsched'sche Leipzig, Straßburg mit seinem Dom, das frucht- und industriereiche Elsaß usw. an unseren Augen vorbei, eine Folge von Gemälden, belebt von einer Fülle Menschen, in den feinsten Zügen gezeichnet, unter denen Goethe aufwächst, sich bildet, sich entwickelt, ohne daß man je imstande wäre, den Finger auf eine Stelle zu legen, wo mit künstlicher Absichtlichkeit die Beziehungen zwischen dem Einen und dem Vielen als des Buches Ziel hervorgehoben würden. Auf diese Weise wird hier das Stoffartige vertilgt: wohl ist Goethe die Seele des Buches, nicht aber ist er dessen Leib.
    Diese für ein tieferes Verständnis des Stiles des Werkes unentbehrliche kritische Einsicht kann noch an Lebhaftigkeit durch den Kontrast gewinnen; denn wir besitzen seit einigen Jahren ein Buch, würdig, Dichtung und Wahrheit verglichen zu werden: Richard Wagner's Mein Leben. Freilich unterscheiden sich beide Werke schon durch die Geschichte ihrer Entstehung: das muß vorausgeschickt werden. In dem einen Fall berichtet ein Fünfundfünfzigjähriger auf Grund genauer Tagebuchaufzeichnungen — und das heißt mit der Gewähr für Vollständigkeit und genaue Zeitenfolge — über sein bisher verflossenes Leben; in dem anderen Falle schreibt ein Greis zwischen dem 65. und dem 81. Jahre: ihm liegt keinerlei Tagebuch vor, denn Goethe's Tagebuch beginnt erst da, wo Dichtung und Wahrheit aufhört; und da er ausschließlich die ersten fünfundzwanzig Jahre seines Lebens schildert, so läßt es sich leicht berechnen, daß jeder beschriebene Lebensabschnitt im Augenblick der Abfassung mehr als ein halbes Jahrhundert entfernt lag. So schrieb denn auch Wagner aus dem Stegreif, und zwar diktierte er — wie ich aus sicherster Quelle weiß — so schnell, daß der gewandte Schreiber nur mit Mühe nachkam; wogegen Goethe die Mutter und die Freunde anrufen muß, um das Gedächtnisbild aufzufrischen und immer von neuem, ehe er ans Schreiben geht, Entwürfe und Skizzen vorausschickt. Er selber bemerkt: „Es ist keine Frage, daß uns die

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Fülle der Erinnerung, womit wir jene ersten Zeiten zu betrachten haben, nach und nach erlischt, daß die anmutige Sinnlichkeit verschwindet und ein gebildeter Verstand durch seine Deutlichkeit jene Anmut nicht ersetzen kann.“ Die durch diese Worte bezeichneten Unterschiede in der Darstellungsweise erschöpfen jedoch nicht, was hier zu bemerken wäre: bei Goethe ist alles ruhendes Gemälde, bei Wagner dramatische Handlung. Bei Wagner springen die zahllosen Gestalten alle förmlich aus den Seiten des Buches heraus auf die Bühne; und wer eine Bühne betritt, kann unmöglich das Stoffartige an seiner Erscheinung „vertilgen“; er muß sich — um sich uns kundzugeben — körperlich vor unseren Augen bewegen, muß reden und handeln, jubeln und verzweifeln. Und noch etwas. Das Gestaltungsgesetz des Dramas gleicht demjenigen des Kreises: Mittelpunkt und Peripherie müssen sichtbar und deutlich unterschieden sein, ohne ein alles zusammenfassendes Zentrum kann kein Drama Leben erhalten. Darum ist es künstlerisch richtig, wenn in Wagner's Werk er selber — der Held — vom Mittelpunkt aus gleichsam die ganze Handlung erfüllt, indem alle Strahlen entweder von ihm ausgehen oder auf ihn zuströmen. Das ist gerade, was Goethe in seinem Epos mit vollendetster Kunst umgangen hat. Wobei feiner auffassende Geister nichtsdestoweniger auch hier empfinden werden, in welchem Maße „les extrêmes se touchent“, indem bei Wagner eine ganze Epoche vor unserem Sinne lebendig wird, und bei Goethe wir — ohne zu wissen, wie es zugeht — in tiefste Seelentiefen des Einen hinabsteigen. Freilich bietet der eine Teil der ursprünglich unter dem Sammeltitel Aus meinem Leben erschienenen Erinnerungen in bezug auf Methode und Aufbau eine Ausnahme: ich rede von der Italienischen Reise. Nirgendswo streift Goethe so nahe an die Bekenntnisschrift heran wie in diesem Buche, das den kritischen Wendepunkt seines Lebens schildert. Die Flucht nach Italien ist ein Symptom der gefährlichen Zuspitzung innerlichen Bedrängnisses und bildet zugleich das Mittel zur Bekämpfung des Übels und zu dessen siegreicher Überwindung. Indem ich Sie für eine genauere Analyse auf mein Goethe-Buch verweise, erinnere ich daran, daß Goethe in Weimar nach und nach, moralisch und intellektuell, in eine Sackgasse geraten war, aus der nur eine gewaltsame Wendung ihn erretten konnte: „Ich hielt mich für tot,“ schreibt er an Carl August,

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und an Frau von Stein: „Ich wollte mir eher den Tod gewünscht haben, wie das Leben der letzten Jahre“ Er erstickte in den kleinen Verhältnissen und in der Unbedeutendheit seiner Umgebung; daher die Flucht zu Schönheit, Größe und Genie: seine allmähliche Genesung an diesen schildert nun die Italienische Reise. Innerhalb des gewaltigen geschichtlichen Horizontes, den das Umgebensein von Rom vor den Geist hervorruft, und im täglichen Anblick unsterblicher Meisterwerke mußte einen Goethe bald ein Heimatsgefühl überkommen, das ihn weich stimmte und zur Innenschau anregte; mitten unter den Eindrücken, den die Werke der Antike, den die Schöpfungen Raphael's und Michelangelo's auf ihn hervorbringen, ertönen immer wieder Betrachtungen über das eigene Ich, über dessen Gaben und Schicksal. Alles Einengende, Egotistische, was derlei Betrachtungen leicht anhängt, wird durch die Höhe des Standpunktes, gewonnen aus der Größe der Umgebung, überwunden; Goethe spricht von der „Ausweitung der Augen“, die er Michelangelo verdanke: mit diesen ausgeweiteten Augen erblickt er nunmehr auch sich selbst. „Möge meine Existenz sich genügsam entwickeln, der Stengel mehr in die Länge rücken, und die Blumen reicher und schöner hervorbrechen. Gewiß, es wäre besser, ich käme gar nicht wieder, wenn ich nicht wiedergeboren zurückkommen kann“; so schrieb Goethe nach einem halben Jahr; und nach anderthalb Jahren kehrt er nach Deutschland als Wiedergeborener zurück: „Ich bin recht still und rein“, und „Es geschehe, was gut ist!“
    In diesem Werke bildet offenbar der Verfasser in einem engeren Sinne als in Dichtung und Wahrheit, und in einem anderen Sinne als in den Annalen, den „Stoff“ des Buches; es ist ihm aber in beispielloser Weise gelungen, diesen Stoff zu verklären, indem er von ihm alles Einengende, Beklemmende abstreift und ihn in Sonnenschein und in Schönheit taucht.
    Ein letztes Wort soll Faust gewidmet sein; wobei ich die verschiedenen Ausführungen meines Goethe-Buches als bekannt voraussetze.
    Ohne Frage gehört Faust zu jenen Büchern, „die mehr als Bücher sind“; nicht aber — wie bei Shakespeare, Calderon und Schiller — ist dies der Fall, weil das Werk erst bei der lebendigen

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Aufführung auf den Brettern Dasein gewinnt, sondern weil die Phantasie aufgefordert wird, sich mit allen Sinnes- und Verstandeskräften der angeregten Vorstellungen zu bemächtigen und in eine Welt sich zu erheben, wo weder Buch noch Bühne mehr gilt. „Wenn dies Ding den Leser nicht fortgesetzt nötigt, sich über sich selber hinauszumuten, so ist es nichts mehr“, ruft Goethe aus und bekennt damit, von seinem Leser eine schöpferische Leistung zu erwarten, derjenigen des Dichters nahe verwandt. Nun gebe ich aber zu bedenken, daß alle Anregung zu einer derartig unerhörten Zumutung in diesem Falle einzig im stummen Buche eingeschlossen liegt — denn Goethe verhielt sich ablehnend gegen die Aufführungsversuche selbst des ersten Teiles, und der zweite Teil entstand zu einer Zeit, wo er nach und nach zu der Überzeugung gelangt war, selbst für Shakespeare's Genius, wenigstens in seinen tiefsten Offenbarungen, genüge die Bühne keineswegs und diene vielmehr, sie dem Blicke zu verhüllen. Dem   B u c h e   wird hier, wie Sie sehen, geradezu Zaubergewalt zugetraut: jegliches Bild, das der kühnsten Phantasie entsteigt, soll es in aller Farbenpracht oder in jedem schauerlichen Dunkel vor das innere Auge hervorrufen, nicht weniger Sphärenmusik, Chöre der Meerwundertiere, singende Tempelsäulen und noch anderes von unserem leiblichen Ohre nie Vernommenes. Der Verstand aber soll so gelenkt werden, daß er die Ketten der Logik willig abwirft, um allen Geboten des Dichters fraglos begeistert zu folgen. In jedem Akte des zweiten Teiles taucht Faust auf, man weiß nicht woher, und am Schlusse jeden Aktes entschwebt er, man weiß nicht wohin. Die logischen Verbindungsglieder der ersten Entwürfe — wie die Bittrede Manto's an Proserpina um die Entlassung Helena's aus der Unterwelt, wie der Kniefall Faust's vor dem Kaiser um Verleihung des Strandes — unterbleiben alle bei der Ausführung: sie würden ins Stoffartige hinunterziehen; die Phantasie genügt sich selbst. Welche gewaltige Fähigkeit wird in diesem Werke dem bloßen Wort, und zwar dem stummen, im Buche eingeschlossenen zugemutet! Auch das Wort wird „über sich selber hinausgemutet“! Insofern dürfen wir wohl behaupten, das   B u c h   habe in Faust das Höchste geleistet, was jemals von ihm gefordert werden kann.

405 V. Mein Buchgaden. Bleibende Lebensgenossen: Goethe.

    Möchten diese Winke und Beispiele dazu dienen, Sie Goethe lesen zu lehren, Goethe, den bewußtesten aller Buchkünstler und darum Schöpfer eines neuen Ideales für Schreibende und für Lesende. Jetzt verstehen Sie ihn gewiß, wenn ich zum Beschluß ein Wort anführe, in welchem alles, was ich Ihnen im Laufe dieses langen Briefes zu geben bemüht war, Ausdruck findet:

„Das Vollkommene muß uns erst stimmen
und uns nach und nach zu
sich hinaufheben“.

    BAYREUTH, Herbst 1917 bis Sommer 1918.

 
Ende des 5. Kapitels / End of chapter 5.
 
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