Houston Stewart Chamberlain
Ein Abriß seines Lebens

von Leopold von Schroeder


Houston Stewart Chamberlain. Ein Abriß seines Lebens — Leopold von Schroeder

J. F. Lehmanns Verlag, München
1918
By

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NB.: Enumerated notes ¹), ²) etc. are original, notes with asterisks *), **) etc. are made by me.

 
Houston Stewart Chamberlain. Painting by F. v. Lenbach

Gemalt von F. v. Lenbach — Phot. F. Bruckmann A. G., München

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Houston Stewart Chamberlain

Ein Abriß seines Lebens, auf Grund eigener Mitteilungen

herausgegeben von
L. v. Schroeder
Dr. theol. h. c.

Mit vier Bildnissen

Logo J. F. Lehmann

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J. F. Lehmanns Verlag, München
1918
By

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Urheber und Verleger behalten sich alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vor.
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Druck von Dr. F. P. Datterer & Cie. (Arthur Sellier) München-Freising


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Frau Eva Chamberlain
geb. Wagner

in herzlicher Verehrung und Dankbarkeit

gewidmet

vom Verfasser.

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Leere Seite

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Inhalt.

Seite
Einleiting 7
Abstammung und Familie 29
Abriß des Lebens und Schaffens 41
Schlußwort 94

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Danksagung.

    Für alle Mitteilungen aus seinem Leben, welche Herr H. St. Chamberlain die Güte hatte, mir für die Abfassung dieses Büchleins zur Verfügung zu stellen, spreche ich ihm hiermit meinen wärmsten Dank aus.

Der Verfasser.

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Ornament Eichen


Einleitung.


Ornament Zu derselben Zeit, da in dem einst uns befreundeten England eine wachsende Entfremdung gegenüber Deutschland und Allem, was deutsch ist, Platz griff, die sich zur tödlichen feindschaft auswachsen, zu dem Bunde auf Leben und Tod mit unserem unversöhnlichen Feinde Frankreich führen sollte, — zu derselben Zeit begann ein echtbürtiger, nach den höchsten Zielen ausschauender Sohn Englands in der Seele des deutschen Volkes zu lesen, lernte zuerst Schiller, dann Goethe, Wagner, Kant, Beethoven, Bach, Luther, die deutsche Kunst, die deutsche Wissenschaft kennen und wurde sich mit wachsendem Staunen dessen bewußt, daß er hier — in Deutschland, unter den Deutschen — seine wahre, seine geistige Heimat gefunden hatte — das Land, dem er mit dem innersten Kerne seines Wesens, seinem tiefsten Suchen und Sehnen, Wünschen und Wollen sich zugehörig fühlte — dem er gern für immer angehören wollte. Und während im Herzen Englands, unter den führenden Männern des Meere und Länder beherrschenden Inselreiches der furchtbare Gedanke keimte und groß ward, Deutschland müßte zu Boden geschlagen, zertrümmert, für immer vernichtet werden, wuchs — in vollendetem Gegen-

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satz dazu — in der Seele des größten und edelsten, jetzt lebenden Sohnes dieses selben England die Überzeugung empor und gewann mit der Zeit fast die Kraft und die Weihe religiösen Glaubens: daß eben dieses selbe Deutschland, unbeschadet seiner mannigfachen Mängel und Schwächen, der alleinige sichere Hort der höchsten und heiligsten Güter des Menschengeschlechtes sei; daß einzig und allein von ihm aus eine geistige und moralische Wiedergeburt des Menschengeschlechtes möglich und wirklich zu erwarten sei; daher auch die ganze Menschheit alle Ursache hätte, eben dieses Deutschland zu hegen und zu pflegen, seine Sprache, seine Kunst, sein Denken und Dichten immer tiefer, immer liebevoller kennen zu lernen und sich hier die geistigen Führer zu einer höheren Entwickelung hinauf zu suchen.
    Mit jenem „parteiischen Enthusiasmus“, den Goethe gefordert hatte, ¹) trat dieser Engländer — Houston Stewart Chamberlain — mit geistvollen und rasch siegreichen Werken über Richard Wagner, über Kant, über Goethe an die Öffentlichkeit; zeichnete in seinen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ in großen, genialen Zügen ein Bild der geistigen Entwickelung der Menschheit, in welchem deutlich die Arier und unter ihnen die Germanen als die Führer zu den höchsten Zielen hervortraten; und warf sich endlich, als der Weltkrieg ausbrach, mit ebenso tiefgegründeter Überzeugung wie mit leiden-
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    ¹) Vgl. H. St. Chamberlain, Richard Wagner, vierte Auflage (München 1907), S. 6.



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schaftlicher Begeisterung zum Verteidiger Deutschlands gegenüber seinen, ihm an Zahl so sehr überlegenen, von schrankenlosem Vernichtungswillen beseelten Feinden auf. Er konnte nicht anders. Der Sohn Englands mußte zum leidenschaftlichen Gegner Englands werden. Wir danken es ihm, mit nie erlöschendem Danke.

    Es hat schon früher einmal, in friedlicheren Zeiten, einen großen englischen Denker gegeben, genauer gesagt einen Schotten, der einen bedeutenden Teil seines Lebens dem widmete, mit tiefem Verständnis sich in das deutsche Geistesleben zu versenken und nicht ohne ein gutes Stück von parteiischem Enthusiasmus seine Landsleute mit Deutschland, seinen großen Männern, seinen Dichtern und Denkern bekannt zu machen.   T h o m a s   C a r l y l e   (1795 bis 1881) schrieb ein Leben Friedrich Schillers, schrieb ein groß angelegtes, tiefgründiges und trotz einiger Weitschweifigkeit geniales Buch über Friedrich den Großen. Er gab Wilhelm Meisters Lehrjahre in englischer Übersetzung heraus und stand jahrelang mit Goethe in naher persönlicher Beziehung; nahm auch während des deutsch-französischen Krieges 1870—71 energisch für Deutschland Partei.
        Die tiefe, ernste, grüblerische Natur des Schotten ist unter allen Volksstämmen Großbritanniens wohl am meisten dazu angethan, das deutsche Wesen in seiner Tiefe und Eigenart zu erfassen und zu würdigen. Und vielleicht darf in diesem Zusammen-



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hang darauf hingewiesen werden, daß auch Houston Stewart Chamberlain mütterlicherseits Schotte ist und daß seine schottische Mutter mit der deutschen Sprache und Literatur fast so gut bekannt war wie ein deutsches Mädchen. Aber diese Mutter hat der verehrte Mann leider nicht gekannt, ihres geistigen Einflusses sich nicht erfreuen dürfen, da sie ihm schon ein halbes Jahr nach seiner Geburt durch den Tod entrissen wurde. Und Chamberlains Vater war Engländer, die Mutter seines Vaters Walliserin. Er vereinigt also in seinem Blute — zum Unterschiede von dem reinen Schotten Carlyle — die verschiedenen Hauptstämme Großbritanniens. Auf einen wichtigen und merkwürdigen andersartigen Einschlag in seinem Blute werden wir bald zu sprechen kommen.
    Carlyles Parteinahme für Deutschland im deutsch-französischen Kriege läßt sich natürlich auch nicht entfernt mit Chamberlains HeIdenkampf für Deutschland im großen Weltkriege vergleichen. Und Carlyle blieb ja Engländer, während Chamberlains leidenschaftliche Liebe für Deutschland ihm ganz zum Deutschen werden ließ und zu dem fast wunderbar zu nennenden Ergebnis führte, daß ein geborener Engländer heute als der größte deutsche Schriftsteller bezeichnet werden darf. Ist also auch Chamberlains tief verständnisvolle Liebe zu Deutschland von ganz anderer Kraft, ganz anderer Bedeutung, und führt sie ihn auch zu ganz anderen und ungleich bedeutsameren Zielen wie Carlyle, so hat er in diesem Letzteren doch einen ebenso geistig wie moralisch bedeutenden Vorgänger, dessen tiefes Verständnis für



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deutsches Wesen uns ebenfalls zu unauslöschlichem Danke verpflichtet. Man möchte nur wünschen, es hätte mehr solcher Männer wie Carlyle in England gegeben und ihr Einfluß wäre tiefgehender gewesen. Dann hätte es vielleicht Chamberlain nicht nötig gehabt, dem Lande seiner Geburt als Gegner entgegenzutreten, weil dieses, ohne jedes Verständnis, ohne jede Wertschätzung deutschen Wesens, das Land seiner Wahl, seiner Liebe und Verehrung erbarmungslos zu vernichten sucht.
    Der Vergleich mit Carlyle verdient aber vielleicht noch an einem anderen Punkte festgehalten und weiter gesponnen zu werden. Carlyle war Schriftsteller, — und zwar ein Schriftsteller jener höheren Ordnung, wie sie in England heimisch, in Deutschland kaum anzutreffen ist. Er war seiner ganzen Natur nach in hervorragendster Weise für die gründlichste, gewissenhafteste Forschung veranlagt; er studierte Theologie und Jurisprudenz, wurde Lehrer der Mathematik, ersparte sich bei seinen historischen und literarischen Untersuchungen keine Mühe und Arbeit. In Deutschland wäre er aller Wahrscheinlichkeit nach Professor geworden; in England lebend, suchte er sich einen anderen Weg. Es lag ihm nichts daran und nie ging er darauf aus, nur zu dem engeren Kreise der Gelehrten eines bestimmten Faches zu reden. Sein Publikum war stets ein größeres. Es umfaßte alle Gebildeten — welchem Berufe, welchem Fache, welcher Lebensstellung sie im übrigen angehören mochten. Seine Weltanschauung war originell genug, daß nach seinem Tode, ja schon bei seinen Lebzeiten, Arbeiten



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über ihn als philosophischen Denker geschrieben und gedruckt werden konnten — von Hood, von Mead und anderen —; er stand im intimsten Gedankenaustausch mit Philosophen wie John Stuart Mill und Ralph Waldo Emerson; — aber er war dennoch sehr weit davon entfernt, ein zünftiger Philosoph zu sein. Er hat durch sein Buch über die französische Revolution in drei Bänden, seine Geschichte Friedrichs des Großen in sechs Bänden, seine Briefe und Reden Oliver Cromwells in zwei Bänden, tiefgehende und weitreichende Wirkungen geübt, ebenso wie durch seine auf die deutsche Literatur sich beziehenden Arbeiten; es dürfte aber schwer werden, das „Fach“ anzugeben, welches er vertrat. Er war eben kein Fachgelehrter, trotz der gründlichsten Arbeit auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft. Er war ein Schriftsteller höherer Ordnung — und nur in England konnte es geschehen, daß ihn eine Universität — es war Edinburg — als Außenstehenden zu ihrem Rektor erwählte (für das Jahr 1866—67). Er wirkte, abgesehen von seinen Büchern, durch öffentliche Vorträge und durch die Mitarbeit an hochstehenden Zeitschriften wie Frasers Magazine, die Edinburgh Review, die Foreign Review, die sämtlich keine Fachzeitschriften sind. Es wird auch schwer sein anzugeben, welchem Fache eigentlich das Carlylesche Buch über Helden und Heldenverehrung angehört, das besonders tiefgehende Wirkungen tat und heute noch fortwirkt.
    Ähnlich dürfte es schwierig, ja wohl ganz unmöglich sein zu sagen, welchem „Fache“ eigentlich Cham-



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berlain angehört, welches Fach er „vertritt“. Eine solche Bestimmung versagt bei ihm und ist ganz unmöglich, daher er selbst es vorgezogen hat, sich dem Publikum als „Dilettanten“ vorzustellen, — eine Bezeichnung, die aber auch nur cum grano salis zugegeben werden kann, da Chamberlain staunenswert tiefgehende und gründliche Forschungen auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft geleistet hat, so daß er fort und fort in der Lage ist, die gelehrtesten Fachleute durch seine Arbeiten nicht nur geistvoll anzuregen, sondern auch in den eigentlich entscheidenden, tiefsten und höchsten Fragen nachdrücklich zu belehren. Von Hause aus Naturforscher, Pflanzenphysiolog, und als solcher Verfasser einer höchst gründlichen Arbeit über den aufsteigenden Saft in den Pflanzen, hat er sich doch vorwiegend auf anderen Gebieten literarisch betätigt. Seine „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ sind eine staunenswerte Leistung auf dem Gebiete der philosophischen Geschichtsbetrachtung. Sein „Richard Wagner“, sein „Goethe“, sein „Kant“ haben unsere musikhistorischen, literarhistorischen, kulturhistorischen, philosophischen Forschungen in ganz neuartiger, hervorragender Weise gefördert. Sie haben eine ebenso weitreichende wie tiefgehende Wirkung geübt und üben sie noch in wachsendem Maße. Ja, sie gehören schon jetzt zu den wertvollsten Schätzen unserer neueren deutschen Literatur. In ganz anderer Richtung vertiefend wirken seine „Worte Christi“, mit ihrer geistvollen Einleitung. Hier schließt sich auch sein Buch über „Arische Weltanschauung“ an, das ebenso wie die „Worte



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Christi“ wohl dazu angetan ist, das wichtigste zu fördern, was in Deutschland jetzt noch an großen Kulturaufgaben zu leisten ist: Die Erneuerung unserer Religion, unserer Weltanschauung. Und neuerdings ist er — um von anderem zu schweigen — durch den Weltkrieg veranlaßt, als politischer Schriftsteller aufgetreten und hat auch als solcher wiederum Wirkungen ausgeübt wie kein anderer. Jedes neue Buch, jede Broschüre, jeder Aufsatz von ihm ist ein Ereignis, und das zwar im höchsten und besten Sinne des Wortes.
    Wie Carlyle redet auch Chamberlain in allen diesen Werken — abgesehen von der Jugendarbeit „Recherches sur la sève ascendante“ — niemals zu einem engeren Kreise von Fachgelehrten, sondern immer zu dem großen Publikum aller Gebildeten. Auf den gründlichsten Forschungen fußend, bei denen er sich ebenso wie Carlyle keine Mühe erspart, weiß er doch immer den Ton zu treffen, der alle interessiert. Und dadurch wirkt er denn auch naturgemäß auf die Fachgelehrten ein; wenigstens auf die geistig höherstehenden unter ihnen, die nicht in beschränkter Einseitigkeit aufgegangen sind.
    Chamberlain steht in Deutschland ganz einzig da, als alleiniger Vertreter jenes Typus eines Schriftstellers höherer Ordnung, wie ihn Carlyle in England repräsentiert. In England ist dies er Typus zu Hause; hier konnte er sich frei und ungehindert entwickeln, weil hier die Fachgelehrten, Universitäten und Akademien niemals eine so beherrschende Rolle gespielt haben, wie in Deutschland. Für Eng-



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land ist es bezeichnend, daß auch hervorragende und bahnbrechende Fachgelehrte sich mit Erfolg darum bemühten, ihre wichtigsten Werke in einer Form zu verfassen, die sie nicht nur anderen Fachgelehrten, sondern auch einem größeren Publikum verständlich, lesbar und genießbar machten. Ein   C h a r l e s   D a r w i n   schrieb sein Buch über den Ursprung der Arten,   E d w a r d   B.   T y l o r   seine „Anfänge der Kultur“,   J o h n   S t u a r t   M i l l   seine Logik,   H e n r y   T h o m a s   B u c k l e   seine „Geschichte der Zivilisation in England“ und anderes mehr so, daß jeder Gebildete diese bahnbrechenden Werke gerne lesen und sich zu eigen machen kann; von Historikern wie   M a c a u l a y   u. a. m. gar nicht zu reden. Diese und andere englische Forscher legten es von vornherein darauf an, in solcher Form zu schreiben, da der Kreis der strengen Fachgelehrten in England ein allzu beschränkter gewesen wäre. Und sie haben tatsächlich auf diesem Wege die nachhaltigsten Wirkungen erzielt, weil ihre Darlegungen, trotz ihrer auch in weiteren Kreisen verständlichen und genießbaren Form doch auf gediegenster Forschung ruhten.
    In Deutschland lagen die Dinge ganz anders. Die große Zahl der Universitäten und sonstigen Hochschulen und Akademien brachte es mit sich, daß hier ein mächtiger Stand von Fachgelehrten emporwuchs, der strenge darüber wachte, daß diejenigen, welche zu ihm sich rechnen, von ihm beachtet werden wollten, sich in ihren Werken auch der zünftigen Sprache bedienten, ihre Arbeiten nur in fachwissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichten, vom großen Publikum



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und dem ihm dienenden Journalen sich dagegen nach Möglichkeit fern hielten. Ein „Odi profanum vulgus et arceo“ liegt hier über der großen Menge der sachwissenschaftlichen Literatur unverkennbar ausgebreitet. Für diejenigen, die das Bedürfnis fühlten, ‚zu einem größeren Publikum zu reden, gab es außer den Tageszeitungen im ganzen nur wenig Möglichkeiten und Gelegenheiten dazu, da jene vornehmen großen Zeitschriften, wie sie England und Frankreich besaßen, hier kaum anzutreffen waren; und sie liefen dabei immer Gefahr, es bei den Fachgelehrten für immer zu verschütten. Wo sollte aber ein junger, geistig strebsamer, wissenschaftlich gründlich forschender Mann hin, wenn ibm die Fachgelehrten den Weg zur Hochschule verlegten? Er mußte sich notgedrungen ihnen und dem von ihnen gewiesenen Wege anbequemen. Andernfalls konnte er kaum darauf rechnen, zu einer gesicherten Existenz zu gelangen.
    Das Ergebnis für Deutschland war ein hochentwickelter, mächtiger Stand von tüchtigen, zum Teil ausgezeichneten Gelehrten, welche teils der wissenschaftlichen Erziehung der Jugend, teils der gelehrten Forschung lebten. Was sie schufen, war ohne Zweifel höchst wertvoll; doch war es in der Hauptsache „eine Literatur von Gelehrten für Gelehrte, an der die Mehrzahl der Nation teilnahmlos vorübergeht und mit einem Blick zum blauen Himmel dankt, daß sie nichts davon zu lesen braucht“, — wie es ein geistvoller Dichter, der Verfasser des „Ekkehard“ *), einmal treffend ausgedrückt hat. Daneben spielten und spielen die sogenannten „Schriftsteller“, die die Tageszei-
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    *) Joseph Victor von Scheffel, in the preface of his book Ekkehard.



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tungen und die dem Unterhaltungsbedürfnis des großen Publikums dienenden Zeitschriften mit ihren Geistesprodukten füllen, nur eine recht bescheidene Rolle. Für die Entwickelung jenes früher charakterisierten Typus eines Schriftstellers höherer Ordnung mangelte es an gangbaren Wegen und Existenzmöglichkeiten; mangelte es an Verlegern, die sie über Wasser halten, an vornehmen Zeitschriften, die ihnen eine angemessene Unterkunft bieten konnten. Der gewöhnliche Schriftsteller, der „Journalist“, erfreute sich neben dem Gelehrten nur mäßiger, ja geringer Achtung. Es konnte von ihnen — aus dem Munde eines bedeutenden Mannes — das Wort geprägt werden, daß „Journalisten“ in der Regel doch Leute seien, die ihren Beruf verfehlt hätten. Wer aber war daran schuld, daß bei uns ein höherer Typus des Schriftstellers sich nicht ausbilden konnte? —? Gleichviel, — in Deutschland zerfiel und zerfällt die große Schar der schreibenden und druckenden Männer, von einigen Dichtern abgesehen, im wesentlichen in Gelehrte und „Journalisten“. Was aber der letzteren Bezeichnung anhängt, das wurde mir besonders deutlich, als ich vor Jahren einen hervorragenden Gelehrten seinen Grimm über Chamberlain auslassen hörte. Er glaubte ihn, nach manchen herabsetzenden Äußerungen, nicht ärger treffen zu können, als indem er seine Ausführungen mit den Worten Schloß: „Er ist eben — ein Journalist!“
    Daß Chamberlain mit einer solchen Bezeichnung nicht abzutun und zu erledigen ist, darüber bedarf es heutzutage wohl kaum noch der Worte. Zu mächtig



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ist der Einfluß, den er schon geübt hat, zu groß in weiten und maßgebenden Kreisen des deutschen Volkes die Zahl seiner begeisterten Verehrer, die zu ihm als einem großen geistigen Führer aufschauen, in ihm eine lebenweckende Kraft spüren und verehren. Er steht fast allein auf einem hohen Posten. Daß aber Schriftsteller solcher Art uns ein Bedürfnis sind, das lehrt wohl allein schon der Erfolg, den sein Wirken gehabt hat und noch hat.
    Gelehrte und Journalisten! — gibt es, außer den Dichtern, wirklich bei uns nur diesen Typus unter denen, welche die Feder führen? — Nun, die Regel dürfte das wohl sein, aber Ausnahmen fehlen darum doch auch nicht. Sie haben nur oft genug unter dieser Ausnahmestellung schwer zu leiden.
    Ohne Zweifel ist   A r t h u r   S c h o p e n h a u e r   einer unserer größten Philosophen, er war aber auch zugleich ein Schriftsteller ersten Ranges. Die gelehrte Welt aber machte ihm das Leben schwer genug. Er brachte es über den Privatdozenten nicht hinaus und mußte sich grollend nach Frankfurt a. M. in das Privatleben zurückziehen, wo ihn dann freilich die Nation zu finden wußte.
    Und   R i c h a r d   W a g n e r,   der größte künstlerische Genius des neunzehnten Jahrhunderts, er wurde, wie wir alle wissen, aus drängender Not heraus zum Schriftsteller. Das Unverständnis der ihn umgebenden Welt zwang ihn dazu. Er mußte seine Kunstwerke mit der Feder verteidigen, seine bahnbrechenden neuen Kunstideen als Schriftsteller durchzusetzen suchen. Das war allerdings weder Gelehr-



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samkeit noch Journalismus, das war eine Schriftstellerei höherer, ja der höchsten Ordnung. Da sprach, wie aus Schopenhauer, ein führender Geist zu seinem Volke.
    Indessen, Erscheinungen dieser Art ragen so hoch über den Durchschnitt der Menschen empor, daß sie bei der Besprechung und Feststellung von Typen nicht wohl herangezogen werden können. Im allgemeinen wird man es mir, wie ich hoffe, wohl zugeben, daß zwischen dem Typus des Schriftstellers in Deutschland und in England ein Unterschied besteht, der in der verschiedenartigen Kulturentwickelung der beiden Länder naturgemäß begründet ist. So hoch wir aber auch mit vollem Rechte und gerade in der Gegenwart mit doppeltem Rechte die deutsche Kultur über die englische setzen, werden wir darum doch auch von dieser noch immer in manchen Stücken etwas lernen können. Und der Typus des Schriftstellers höherer Ordnung, neben dem Gelehrten und dem Journalisten, ist meines Erachtens ein Vorzug, den England vor uns voraus hat und den wir gut tun würden auch bei uns zu pflegen. Vielleicht bringt das die Entwickelung der Dinge bald von selbst mit sich.
    Für jetzt hat ein solcher Mann es nicht leicht, sich bei uns zwischen Gelehrten und Journalisten auf der Höhe zu halten. Er hat noch gewissermaßen um seine Existenzberechtigung zu kämpfen. Und ein Teil der Anfechtungen, die Chamberlain zu erleiden hat, dürfte darauf beruhen. Von anderen Ursachen solcher wollen wir hier nicht reden.
    Welches Martyrium in Deutschland ein junger



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Mann durchzumachen hat, dessen hervorragende Begabung ihn ganz dazu befähigen würde, als Schriftsteller höherer Ordnung zu seiner Nation zu reden; der zu ernst und zu tief für die Laufbahn eines Journalisten angelegt ist, der sich aber auch erst die Füße abhacken lassen müßte, um in das Prokrustesbett der engen Fachwissenschaft richtig hinein zu passen — dafür legt, um nur ein Beispiel anzuführen, das tragische Schicksal   H e i n r i c h   v o n   S t e i n s   lautredendes Zeugnis ab.
    Ursprünglich protestantischer Theologe, dann in der Schule Eugen Dührings zum naturwissenschaftlichen Denken erzogen, hat der dichterisch, philosophisch und schriftstellerisch reich beanlagte junge Mann das seltene Glück, nach Beendigung seiner Universitätsstudien als Hauslehrer in das Haus Richard Wagners aufgenommen zu werden, dessen damals zehnjährigen Sohn Siegfried er unterrichten sollte. Hier ging ihm eine neue Welt auf. Wohl war er von dem Kunstwerk Wagners schon vorher tief im Innersten erfaßt; es war aber doch noch etwas ganz anderes, nun das Glück genießen zu dürfen, diesen großen Künstler, Dichter und Denker täglich sehen und sprechen zu können, seines Umganges sich in der zwanglosesten Weise zu erfreuen. Dazu der Kreis bedeutender Menschen, die sich um den Meister von Bayreuth scharten, ganz zu ihm gehörten oder ihn zeitweilig besuchten: die Gemahlin Wagners, ihr Vater Franz Liszt, der Graf Gobineau, der Maler Shukowski *) und andere mehr. Und weiter die Umgebung, — denn auf Bayreuth folgte ein län-
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    *) Von Schroeder means Paul von Joukowsky.



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gerer Aufenthalt in Italien. Es war alles dazu angetan, um Heinrich von Steins Gesichtskreis zu weiten und ihn vor allem in das Wesen der Kunst und des schaffenden Künstlers tiefe Einsicht gewinnen zu lassen. Der beherrschende Mittelpunkt aber war und blieb die große Persönlichkeit des Meisters, der gerade damals sein Lebenswerk vollendend, den Sieg schon in den Händen haltend, in der glücklichsten Stimmung, aufgeschlossen und mitteilsam war. Kein Wort Richard Wagners aber hat Heinrich von Stein tiefer beeindruckt, keines stimmte besser zum ganzen Wesen des jungen deutschen Erziehers als dieses:   „D i e   A n e r k e n n u n g   e i n e r   m o r a l i s c h e n   B e d e u t u n g   d e r   W e l t   i s t   d i e   K r o n e   a l l e r   E r k e n n t n i s.“   Und dazu das andere Wort, das Wagner zu Stein gesprochen: „Unsere Sache ist es, für die ethische Seele der Zukunft zu sorgen.“ ¹)
    Heinrich von Stein übte seine Tätigkeit als Erzieher des vielversprechenden Knaben mit Luft und tiefer Befriedigung aus; ja, er dachte daran, ganz Erzieher zu werden. Leider sollte dieses Glück nur etwa ein Jahr lang dauern. Der Vater Steins verlangte von dem Sohne, daß dieser sich an einer deutschen Universität habilitieren sollte; und der Sohn gehorchte. Er habilitierte sich für Philosophie in Halle, wo sein Vater lebte; allerdings erst nach Überwindung großer Schwierigkeiten. „Viermal mußte Stein
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    ¹) Vgl. das Buch   „H e i n r i c h   v o n   S t e i n   und seine Weltanschauung“, von Houston Stewart Chamberlain und Friedrich Poske, Leipzig und Berlin 1903, S. 38 und 76.



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seine Abhandlung über „die Bedeutung des dichterischen Elementes in der Philosophie des Giordano Bruno“ umarbeiten, ehe es ihm gelang, die Stimmen der Fakultät für sich zu gewinnen. Man gab das tiefe Wissen und die außergewöhnliche Begabung des Kandidaten zu, doch was die Professoren von Halle empörte, war die Art, wie Stein, während er von Philosophie zu sprechen vorgab, anstatt sich auf die üblichen Grenzen dieser Disziplin zu beschränken, allgemeine Kulturfragen, die Religion, ja sogar die Kunst in die Diskussion einbezog.“ ¹) Groß war die Wut eines der Professoren, als er in der Habilitationsschrift den Namen R. Wagners entdeckte. Schließlich wurde die venia legendi doch bewilligt. Aber die Stellung des jungen Dozenten unter seinen Kollegen war von vornherein eine schlechte, fast unmögliche. Die Professoren haßten ihn als Schüler Dührings und Wagners; und die Studenten blieben seinem Hörsaal fern. Er gab Halle auf und habilitierte sich, nach Überwindung fast noch größerer Schwierigkeiten, an der Universität Berlin. Aber auch hier wollte es nicht vorwärts gehen. Zwar hatte Stein bei seinen Vorlesungen über „Die Ästhetik der deutschen Klassiker“ einen gefüllten Hörsaal, fand auch an Professor Dilthey einen wohlwollenden Ordinarius, aber die Aussichten auf ein Weiterkommen, auf eine Professur waren sehr gering. Ja, als Stein gar an der Universität Vorlesungen über Richard Wagner
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    ¹) Vgl. H. St. Chamberlain in dem Buche „Heinrich von Stein und seine Weltanschauung“, S. 46.



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angezeigt hatte, wurde ihm von oben her bedeutet, wenn er dieses Vorhaben ausführe, so wäre es mit seiner Laufbahn zu Ende. ¹)
    Am dem Elend dieser Verhältnisse, an der Verständnislosigkeit, die ihn umgab, an der Aussichtslosigkeit, die vor ihm lag, ist Heinrich von Stein zugrunde gegangen. Er konnte nicht weiter leben. ²) Er paßte nicht auf den Boden der Universitäten, wie sie nun einmal sind. Er hatte die glänzendste Beanlagung zu einem Schriftsteller höherer Ordnung; aber es gab dazu keinen Weg für ihn in Deutschland. Für eine Journalistenlaufbahn war der vornehme und hochstrebende junge Mann viel zu tief und ernst, viel zu ideal angelegt; in die sachwissenschaftliche Schablone der Universität aber paßte er nicht hinein. So war er ohne Weg und ging darüber zugrunde.
    Damit Begabungen solcher Art der Nation nicht verloren gehen — ein unberechenbarer Verlust! — müßten Existenzmöglichkeiten für sie geschaffen werden. Daß die Universität vor allem die strenge Fachwissenschaft pflegt, ist ja natürlich und berechtigt. Ein etwas sich weitender Gesichtskreis wäre aber wohl auch hier am Platze und könnte manchen Schaden verhüten. Vor allen Dingen aber müßte es für einen Schriftsteller höherer Ordnung außerhalb der Universität gangbare Wege geben und achtungswerte Existenzmöglichkeiten.
    In ganz anderer Weise wird der behandelte
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    ¹) Vgl. H. St. Chamberlain a. a. O. S. 53.
    ²) Vgl. H. St. Chamberlain a. a. O. S. 52.




24 EINLEITUNG

Gegenstand durch ein anderes Lebensschicksal erläutert.
    Unter den großen deutschen Indologen des 19. Jahrhunderts hat sich auch Einer zum Schriftsteller höherer Ordnung entwickelt:   M a x   M ü l l e r, — aber gerade sein Beispiel bekräftigt wohl das, was wir behauptet haben, daß England dafür der rechte Boden ist, oder wenigstens früher der rechte Boden dafür war. Denn Max Müller, obwohl ein ganz reinblütiger Deutscher, ist doch schon in jungen Jahren nach England gegangen und dort ganz heimisch geworden. Das Talent zum großen Schriftsteller trug er zweifellos von Geburt in sich. Er war der Sohn eines Dichters und die Grazien hatten an seiner Wiege gesessen. Doch wer weiß, ob er in Deutschland das geworden wäre, was er in England geworden ist. Hier fand er eine hochstehende, einflußreiche gebildete Welt, die darnach verlangte, sich in geistvoller Weise von ihm über Indien, über sprachliche, mythologische und religionsgeschichtliche Fragen belehren zu lassen. In Deutschland hätte man an ihn als Professor engere und strengere Forderungen gestellt. Die deutschen Fachgenossen nahmen fortdauernd Anstoß an Max Müllers Entwicklung auf englischem Boden. In ihren Augen war er der strengen Wissenschaft untreu geworden. Und doch läßt sich nicht leugnen, daß er gerade durch diese Entwickelung etwas ganz Einzigartiges geleistet hat, was indirekt auch der von ihm vertretenen und meisterlich beherrschten Wissenschaft in hohem Maße zugute gekommen ist. Man kann und soll eine schriftstellerische Tätigkeit



25 EINLEITUNG

solcher Art neben der strengen Wissenschaft gebührend zu schätzen und zu würdigen wissen. Beide in ihrer Berechtigung gleichermaßen zu erkennen und zu pflegen, ist gewiß der bessere, der höhere Standpunkt.
    Chamberlain wiederum hätte in Deutschland, dem klassischen Lande der strengsten wissenschaftlichen Forschung, leicht ganz zum Manne der Wissenschaft werden können. Die Anlage und die Neigung dazu trug er in sich. Ja, er hatte bereits seine feste Absicht auf dieses Ziel gerichtet, hatte schon mit aller Energie und mit Erfolg darauf hingearbeitet. Es war nach seiner eigenen Angabe lediglich sein ungünstiger Gesundheitszustand, ein schwerer Zusammenbruch der Nerven, wodurch er von diesem Wege abgebracht, aus der schon betretenen Bahn wieder hinausgeworfen wurde. Wie schwer er daran trug, wie schwer er sich damit abfand, das weiß ich aus seinem eigenen Munde, aus ergreifenden Schilderungen, die er mir in früheren Jahren gemacht. Als der Arzt es unbedingt von ihm verlangte, er müsse die ihn allzu sehr angreifenden, strengen, wissenschaftlichen Arbeiten aufgeben, müsse der wissenschaftlichen Laufbahn entsagen, da war er der Verzweiflung nahe. Er sah seine schönsten Hoffnungen zerstört. Es kam ihm vor, als wäre sein Leben vernichtet; als hätte es keinen Zweck mehr für ihn, noch weiter zu leben. Lange trug er sich mit Selbstmordgedanken. Ja, er war eigentlich nur darüber noch nicht mit sich im klaren, auf welchem Wege er aus einem Leben scheiden solle, das mit seinem Zweck auch den Reiz für ihn verloren hatte. Aus den schmerzlichsten inneren



26 EINLEITUNG

Kämpfen ging er endlich aber doch als Sieger hervor. War es ihm versagt, sich ganz der wissenschaftlichen Forschung zu weihen und auf diesem Gebiete — wie er einst gehofft hatte — wertvolles zu leisten, so steckte er sich jetzt ein anderes Ziel. Nun wollte er es wenigstens versuchen, so gut es ging, ein gebildeter Mensch zu werden. Was das Ergebnis dieses Strebens war, das haben wir alle an ihm und an seinen Werken vor Augen; ja man wird es heutzutage schon als weltbekannt bezeichnen dürfen. Mit der Zeit stellte sich naturgemäß der Drang bei ihm ein, über dasjenige, was er trieb und dachte, sich auch schriftlich zu äußern. Sein angeborener Trieb zu vertiefter, gründlicher Forschung machte sich immer wieder geltend und führte ihn dazu, sich bald in diese, bald in jene Frage mit allem Ernst, ja mit leidenschaftlichem Wahrheitsdrange zu versenken, bis er zur Klarheit darüber gekommen zu sein glaubte. Und so erwuchsen zuerst Aufsätze und mit der Zeit Bücher, deren Erfolg den Verfasser selbst überraschte. Er wandte sich mit ihnen an alle diejenigen, welche ebenso wie er selbst gebildete Menschen sein wollten, ohne den Anspruch auf Fachgelehrsamkeit und fachmännisches Urteil zu erheben, — daher er sich selbst als „Dilettanten“ bekannte und bezeichnete. Wenn er trotzdem mit seinen Schriften bald genug auch von Fachgelehrten beachtet und eifrig gelesen wurde, so verdankte er dies der Tiefe und Originalität seiner Gedanken. Er selbst dachte immer nur an ein größeres Publikum der Gebildeten, zu dem er reden wollte. Aber auch die größten Fachgelehrten sind ja stets nur auf einem



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besonderen Gebiete Fachleute; in allem übrigen gehören auch sie zum großen Publikum, ¹) — und in der Regel doch auch zu den Gebildeten. Er erntete daher auch in diesen Kreisen vielfach warmen Dank, ja begeisterte Zustimmung, — wenn auch andererseits vielfach heftiger Widerspruch laut ward. Und so erwuchs aus dem jungen, hochstrebenden Manne, der mit tiefem Schmerz und in leidenschaftlichen Kämpfen auf die Laufbahn des wissenschaftlichen Forschers hatte verzichten müssen, mit der Zeit der Schriftsteller höherer Ordnung, den wir bewundern und der sich längst schon eine hervorragende, ja einzige Stellung erobert hat.
    Seine Vertrautheit mit der englischen und französischen Literatur trug neben seiner natürlichen Anlage gewiß auch das ihrige dazu bei, daß er dies Ziel in so glänzender Weise zu erreichen vermochte. In den deutschen Dichtern und Denkern aber erkannte er mit wachsender Klarheit die tiefsten und reichsten Quellen geistigen Lebens der Gegenwart. In ihre Werke sich zu versenken, aus ihnen zu schöpfen, konnte er nie müde werden. Mit heller Freude lernte er ihre Eigenart immer mehr, immer tiefer erkennen und verstehen; mit echter Begeisterung, mit parteiischem Enthusiasmus verkündigte er ihre Größe. Ganz einzigartig an sich, unnachahmlich und unerreichbar, ist er doch Vielen ein bewundertes Vorbild, — der Bahnbrecher für eine neue und höhere Art des Schriftstellertums in deutschen Landen.
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    ¹) Vgl. L. v. Schroeder, Reden und Aufsätze, Leipzig 1913, S. 307—314 den Aufsatz „Vom Popularisieren“.



28 EINLEITUNG

    Es war von großer Wichtigkeit, daß der Besitz eines bescheidenen Vermögens Chamberlain in den Stand setzte, ohne drückende Nahrungssorgen das Ziel zu verfolgen, das er sich gesetzt hatte. Lange Jahre hindurch wäre es ihm nicht möglich gewesen, von seiner Arbeit zu leben; und erst verhältnismäßig spät trug ihm die Schriftstellerei auch reichen Gewinn und eine materiell gesicherte Lebensstellung ein. In dieser Beziehung waltete über ihm ein freundlicher Stern, dem ähnlich, der auch über Schopenhauers Leben gewaltet hat.


Ornament




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Ornament Eichen


Abstammung und Familie. ¹)

Ornament Ho u s t o n   S t e w a r t   C h a m b e r l a i n   wurde am 9. September des Jahres 1855 in Southsea bei Portsmouth in England geboren, als Sohn des Kapitäns der Marine, nachmaligen Admirals William Charles Chamberlain und dessen Gemahlin, geb. Hall. Da die Mutter, wie erwähnt, etwa ein halbes Jahr nach seiner Geburt schon starb, der Vater durch den Flottendienst in Anspruch genommen, meist auf der See war, hat der so tief und reich beanlagte Knabe das Glück und den Segen des Elternhauses leider nie gekannt. Er wuchs im Hause seiner Großmutter väterlicherseits in Versailles auf, von ihr und einer Tante, Miß Harriett Chamberlain, der Schwester seines Vaters, betreut. Aber wenn er auch die Mutter gar nicht, den Vater nur wenig gekannt hat, so ist doch die Blutmischung, die ihm durch seine Eltern zuteil ward, bedeutsam genug, um bei ihnen und ihren Vorfahren ein wenig zu verweilen.
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    ¹) Außer den mündlichen und brieflichen Mitteilungen H. St. Chamberlains habe ich für diesen Abschnitt auch eine handschriftliche Aufzeichnung von ihm benützen dürfen, betitelt „Meine Herkunft. Brief an Herrn Regierungsrat Bernhard Körner in Berlin“.

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    Beide Eltern gehörten dem englischen, resp. schottischen Kleinadel an. In den Familien Beider war geistige Leistung hoch gehalten und gepflegt worden. Rassemenschen waren die einen wie die anderen, wenn auch in bemerkenswert verschiedener Weise.
    Die Mutter H. St. Chamberlains war rein schottischer Abkunft. Sie entstammte einer landsässigen Familie des Kleinadels aus der Umgebung von Edinburg. Ihr Vater, der Marine-Kapitän Basil Hall, war ein Freund Walter Scotts, der im Auftrage der Marineverwaltung verschiedene Forschungsreisen unternahm und ein wertvolles Buch über die südlich von Japan gelegenen Lutschu-Inseln schrieb. Seine populären Reiseschilderungen, „Fragments of Voyages and Travels“, werden noch heute, insbesondere von der Jugend, gerne gelesen. Wissenschaftlich weit bedeutender als Basil Hall war sein Vater, Sir James Hall, ein hervorragender Geologe, der daneben noch ein bahnbrechendes Buch über „Ursprung und Grundsätze der gotischen Baukunst“ zu schreiben vermochte. Viele Jahre lang war er Vorsitzender der königlichen Gesellschaft der Wissenschaften in Edinburg. Die Gattin Basil Halls entstammte der Kleinadeligen Familie Hunter, die ebenfalls, wie die Familie Hall, in der Nähe von Edinburg besitzlich ist — eine sehr begabte, tüchtige und energische Frau, die ihren Mann auf vielen seiner Forschungsreisen begleitete, monatelang in Zelten lebte und Canada auf Segelschlitten durchquerte.
    Chamberlains Mutter war als echte Schottin fromm und streng, gewissenhaft bis zum äußersten.



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Ihre Interessen waren auf das Geistige und Moralische gerichtet, weniger auf das Künstlerische, und gar nicht auf die weltlichen und sinnlichen Freuden. Dies Charakterbild der Mutter verdankt der Sohn teils den Mitteilungen seiner Angehörigen, teils einem Tagebuche, das die Mutter während des Jahres seiner Geburt führte. Sie war ohne Zweifel eine sehr begabte Frau; insbesondere besaß sie eine geradezu geniale Begabung, sich fremde Sprachen überraschend schnell und gründlich anzueignen. Chamberlain selbst ist der Meinung, daß er nur wenig von der Mutter geerbt habe, sehr viel dagegen sein ältester Bruder Basil Hall Chamberlain, der berühmte Japanologe. Indessen glaube ich doch, daß hier ein Fernerstehender anders urteilen wird und muß. Ich habe es stets bewundert, mit welcher Sicherheit Chamberlain drei Kultursprachen — Englisch, Französisch und Deutsch — so völlig beherrscht, daß er in allen dreien sich gleichmäßig leicht und sicher mündlich wie schriftlich auszudrücken vermag. Er hat es mir schon vor Jahren selbst gesagt, es wäre ihm ganz gleich, ob er englisch, französisch oder deutsch zu schreiben habe. Darin bekundet sich doch wohl eine sprachliche Begabung, die man um so eher geneigt sein dürfte, auf das Sprachgenie der Mutter zurückzuführen, als gerade eine Begabung dieser Art bei Engländern keineswegs häufig anzutreffen ist und auch sonst wohl als etwas außerordentliches bezeichnet werden darf.
    Die obigen Sätze waren längst niedergeschrieben, als ich die Freude hatte, aus den Aufzeichnungen



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Professor   J u l i u s   v o n   W i e s n e r s‚ ¹)   der 20 Jahre lang in Wien Chamberlain, zuerst als Lehrer, dann als Freund, nahe gestanden, zu ersehen, daß er ganz dieselbe hohe Bewertung von Chamberlains sprachlicher Begabung hegte, die er geradezu als „Sprachengenie“ bezeichnet. Wiesner berichtet, daß er aus dem Munde gelehrter und ungelehrter, aber gebildeter Franzosen über das Französische in Chamberlains
Werk „Recherches sur la sève ascendante“ einstimmig das Urteil gehört habe, dasselbe sei in so echt französischer Sprache geschrieben, daß man sich wundern müsse, einem Nichtfranzosen als Verfasser dieser Schrift gegenüber zu stehen.
    Uns Deutschen ist Chamberlain inzwischen der bedeutendste Schriftsteller der Gegenwart in deutscher Sprache geworden; und das Englische ist seine Muttersprache geblieben. In eine fremde Sprache zu übersetzen, das lernt auch ein talentloser Mann. „Ein anderes aber ist es — wie Wiesner richtig bemerkt — in den Geist einer fremden Sprache einzudringen, in ihr zu schalten und zu walten wie in einer Sprache, welche mit der eigenen geistigen Entwickelung aufs innigste verflochten ist. Hier heißt es, im Denken umzulernen, denn es handelt sich darum, in dieser anderen Sprache zu   d e n k e n.   Ein solches Denken in verschiedenen Sprachen war Chamberlain in hohem Maße eigen. Seine staunenswerte Vollendung im Gebrauche der englischen, französischen
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    ¹) Notizen über H. St. Chamberlain von J. von Wiesner. Handschriftlich, mir von Herrn Chamberlain während der Abfassung dieser Arbeit freundlichst zur Benutzung überlassen.



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und deutschen Sprache läßt, wie einer seiner Kritiker (Ernst von Wolzogen, im „Literarischen Echo“ *) sehr zutreffend bemerkt, den Schluß auf eine ungewöhnliche Begabung zur Selbstentäußerung ziehen.“ ¹)
    Ich glaube nicht zu irren, wenn ich diese hohe sprachliche Begabung Chamberlains als ein Erbteil seiner Mutter in Anspruch nehme.
    Von dem ernsten, frommen sinn der Mutter, ihrer Gewissenhaftigkeit, ihrer Richtung auf das Geistige und Moralische ist ohne Zweifel ein beträchtliches Stück auch auf den jüngsten Sohn übergegangen; wenn auch sehr glücklich ergänzt durch reiche Begabung für alles Künstlerische, insbesondere ein tiefes Verständnis für Musik und Dichtkunst; auch offenen Sinn für die Freuden der Welt, soweit sich dieses mit einem strengen Arbeitsleben vereinigen läßt.
    Chamberlains Mutter wurde mit ihrer einzigen Schwester zusammen von einer ganz vorzüglichen deutschen Erzieherin herangebildet. Beide kamen so weit, daß sie die deutsche Sprache vollkommen beherrschten und mit den Denkern und Dichtern Deutschlands gut vertraut waren.
    Ist es nicht, als läge der Segen der Mutter auf dem Knaben, als leuchtete ihr Geist in seinem Geiste fort, wenn er dann die deutsche Sprache, die deutschen Dichter und Denker mit wachsendem Verständnis, mit wachsender Begeisterung kennen lernt, um endlich in dieser Welt für immer heimisch zu werden
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    ¹) J. von Wiesner, Notizen über H. St. Chamberlain (handschriftlich), S. 4—6.
    *) Ernst Freiherr von Wolzogen, Das literarische Echo, Nr. vom 1. Februar, 1900.



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und diese Sprache, die die Mutter, nach einer Äußerung ihres Tagebuches, ihrem Jüngstgeborenen in liebender Fürsorge selbst schenken wollte, als die Zukunftssprache der Weltkultur zu verkünden und mit seinen eigenen deutschen Schriftwerken ein Führer des deutschen Volkes zu werden? —
    Chamberlains Vater hatte den echten englisch-normännischen Typus an sich: himmelblaue Augen und eine kühne, gebogene Nase. Er war von mittlerer Größe, eher darunter als darüber; weit kleiner als der hoch und schlank gewachsene jüngste Sohn, der physisch und geistig unmittelbar nicht viel von dem Vater geerbt zu haben scheint. William Charles Chamberlain war mit Leib und Seele Offizier der Marine, in seine Uniform wie hinein gewachsen. Mit zehn Jahren schon auf das Kadettenschiff, mit zwölf Jahren auf das Meer gekommen, verbrachte er sein ganzes Leben im Flottendienst. Diesem Dienste war er mit seinem ganzen Wesen ergeben; aufs äußerste gewissenhaft, unerbittlich streng gegen sich und andere; den Seinigen gegenüber dabei der gütigste, liebevollste Vater. Der Sohn sah ihn in seiner ersten Lebenszeit nur alle paar Jahre flüchtig einmal, Als er dann in den Jahren 1867—1870 in England die Schule besuchte, bekleidete der Vater eine Hafenstellung, und der Sohn durfte in den Sommer- und Weihnachtsferien stets einige Wochen beim Vater zubringen. Später sah er ihn überhaupt nur noch zwei- oder dreimal flüchtig auf Reisen wieder.
    Sehr bemerkenswert für die Abstammungs- und Vererbungsfrage sind die Eltern des Vaters. Beide



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zweifellos geistig bedeutende Menschen, in denen sich angelsächsisch-normännisches, wallisisch-keltisches und skandinavisches Blut zusammenfand.
    H e n r y   O r l a n d o   C h a m b e r l a i n,   der Vater von Chamberlains Vater, muß an Geist und Charakter ein ungewöhnlicher, ja hervorragender Mann gewesen sein. Seine Lebensgeschichte beginnt sehr romantisch. Als Jüngling entlief er von daheim.
Jahrelang blieb er verschollen. Über seine Schicksale in dieser Zeit ist nur soviel bekannt, daß er es schließlich in Portugal im Postdienste zu einer angesehenen Stellung brachte. Dann kehrte er als reifer Mann in die Heimat zu den Seinigen zurück, trat zuerst in den englischen Konsulatsdienst, dann in die diplomatische Laufbahn ein. Lange Jahre lebte er in Rio de Janeiro, zuerst als Generalkonsul für Südamerika, dann als diplomatischer Chargé d'Affaires der Engländer am Hofe von Brasilien. Seine ausgezeichneten Leistungen als Diplomat wurden durch die Verleihung des Baronettitels belohnt. Im Jahre 1829 rief ihn die britische Regierung nach London zurück und ernannte ihn wegen seiner genauen Kenntnis der portugiesischen Verhältnisse in schwieriger Zeit zum außerordentlichen Gesandten in Portugal. Bevor er jedoch diese Stelle antreten konnte, starb er ganz unerwartet nach kurzer Krankheit in London, im 56. Jahre seines Lebens.
    Neben seinen diplomatischen Fähigkeiten muß Henry Orlando Chamberlain auch eine sehr umfassende wissenschaftliche Begabung besessen haben. Insbesondere war er ein begeisterter Freund aller



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Naturwissenschaften, — der Physik, Astronomie, Botanik, Zoologie usw. Er legte sich in Rio de Janeiro während seines langjährigen dortigen Aufenthaltes große und sehr wertvolle botanische und entomologische Sammlungen an. Sein Garten in Rio de Janeiro wurde zu einem botanischen Garten für die ganze Flora Brasiliens, die er bis ins Einzelnste gründlich kannte. So war er in der Lage, europäischen Forschern, die gerne bei ihm Wohnung nahmen, mit seinen Kenntnissen wie mit seinen Sammlungen oftmals unschätzbare Dienste zu leisten. Die Begonien in die europäische Gartenkunst eingeführt zu haben, ist sein Verdienst, das die Royal Horticultural Society zu London durch Verleihung ihrer großen silbernen Medaille ehrte. Eine Bignonia Chamberlainii ist nach ihm benannt. Nach seinem Tode kamen seine Pflanzensammlungen nach Kew bei London, die große entomologische Sammlung dagegen nach Berlin.
    Henry Orlando Chamberlain hatte aus erster Ehe einen Sohn, der den Baronettitel erbte; aus der zweiten Ehe fünf Söhne und drei Töchter. Der älteste Sohn aus dieser zweiten Ehe war der Vater unseres Chamberlain, William Charles, geb. 1818. Ihm folgte im Jahre 1820 sein Bruder Neville, der nachmalige Feldmarschall Sir Neville Chamberlain. Alle Söhne Henry Orlandos dienten als Offiziere, fünf in der Armee, einer in der Marine. Kriegerische und wissenschaftliche Leistungen sind, wie man sieht, in Chamberlains Familie zu Hause, sowohl in der Familie des Vaters, wie in derjenigen der Mutter.



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Es ist darum nicht zu verwundern, daß er zuerst daran dachte, Offizier, dann ein Mann der Wissenschaft zu werden, bis sein Geschick ihn den eigenen Weg finden und das werden ließ, was wir alle kennen und bewundern.
    Chamberlains Großmutter väterlicherseits, die zweite Frau Henry Orlandos, war eine geborene Morgan, aus wallisisch-keltischem Geschlechte. Sie ist uns darum von besonderer Wichtigkeit, weil Chamberlain von ihr, nach seiner eigenen Angabe, besonders viel geerbt zu haben scheint: in Natur und Gesichtszügen, Charakter und Begabungsart. In der Abstammung dieser begabten und überaus warmherzigen Frau, Anne Eugenia Morgan, verehelichte Chamberlain — und zwar in der besonderen Blutmischung, die ihr durch ihre Eltern zuteil ward — liegt wohl die Auflösung für ein Rätsel, welches die Persönlichkeit Chamberlains schon mehr als einem scharfblickenden Auge dargeboten hat.
    Eine geistvolle livländische Freundin, Frau Fanny von Anrep, auf Schloß Ringen bei Dorpat, hatte mir bald nach Erscheinen der „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ zuerst über dieses außerordentliche Buch geschrieben und dadurch den Anstoß zu meiner persönlichen Bekanntschaft mit dem damals in Wien lebenden Verfasser und seinem Werke geboten, woraus sich dann in der Folge eine für mich unschätzbare Freundschaft entwickeln sollte. Frau von Anrep sprach nach einiger Zeit in einem Briefe den lebhaften Wunsch aus, ein Bild Chamberlains sehen zu können. Es gelang mir auch, mit



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einiger Mühe, zwei Bilder von ihm für sie zu erhalten, die ich ihr nach Schloß Ringen zusenden durfte. In ihrem darauf erfolgenden Briefe äußerte Frau von Anrep ihr Erstaunen über die für sie unerwartete äußere Erscheinung des Verfassers der Grundlagen: „Der Mann sieht ja gar nicht wie ein Engländer aus! Ich würde weit eher meinen, er zeige skandinavischen Typus.“
    Als ich diese Äußerung Chamberlain mitteilte, sagte er mir, ganz dasselbe habe ihm auch Lenbach gesagt; und seine Tante, Miß Hariett Chamberlain, bei der er brieflich deswegen anfragte, bestätigte es ihm, daß er skandinavisches Blut in den Adern habe.
    In der Tat, Chamberlains Urgroßmutter Morgan war eine geborene Maria Katharina Böckmann, Tochter des Lübecker Kaufmanns Gerhard Böckmann, dessen Vater auch schon Bürger von Lübeck und Maler gewesen war. Diese Familie aber stammte aus Skandinavien. Der Urgroßvater Chamberlains, William Morgan, der zuerst Offizier, dann Kaufmann war, hatte zeitweilig als Vertreter seines Hauses in Lübeck gelebt und dort Gerhard Böckmann und dessen Familie kennen gelernt, die später ebenso wie er selbst nach Lissabon übersiedelte. Näheres über den Skandinavischen Ursprung der Böckmanns wissen wir nicht, es liegt aber durchaus kein Grund vor, an demselben zu zweifeln. Und augenscheinlich hat Chamberlain das Skandinavische in seinem Typus von seiner Urgroßmutter Maria Katharina Morgan, geb. Böckmann, geerbt.



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    Für deutsche Herzen, die Chamberlain verehren, mag immerhin eine Genugtuung auch darin liegen, daß seine Urgroßmutter Maria Katharina Böckmann eine Lübeckerin war, deren Großvater bereits zu den Bürgern der altehrwürdigen Hansastadt gehörte, deren Familie also, wenn auch skandinavischen Ursprungs, doch jedenfalls eingedeutscht war.
    Alls hervorragendste Persönlichkeit der Familie, die auf H. St. Chamberlain unmittelbaren Einfluß geübt hat, ist der schon erwähnte Bruder seines Vaters, Sir Neville Chamberlain zu nennen, geboren im Jahre 1820 in Rio de Janeiro, gestorben im Jahre 1902 als englischer Feldmarschall.
    In sehr jugendlichem Alter schon in die englisch-indische Armee eingetreten, zeichnete sich Sir Neville Chamberlain frühe schon in ungewöhnlichem Maße aus und trug in der Armee den Beinamen „the gallant“, d. h. der Tapfere. Er war von verwegenstem Heldenmut und wurde nicht weniger als achtmal lebensgefährlich verwundet, überwand dies alles aber glücklich und erreichte ein hohes Alter und die höchsten militärischen Ehren. Wichtiger und interessanter als dies ist für uns aber die stolze Unabhängigkeit und kühne Wahrheitsliebe seines Charakters, die insbesondere in der letzten Zeit seines Lebens in überwältigender Weise hervortrat. Die schmähliche Art, wie die Engländer unter Lord Kitchener den berüchtigten Burenkrieg führten, die schändliche, mörderische Praxis der von Kitchener eingerichteten sogenannten Konzentrationslager rief bei dem alten Feldmarschall die heftigste Empörung hervor. Er scheute



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sich nicht, gegen die öffentliche Meinung des ganzen Landes aufzutreten, in einer Reihe von Briefen, die diese für England und seine Armee höchst ehrenrührigen Dinge schonungslos geißelten. Nur wenige Blätter, wie her Manchester Guardian und Daily Chronicle, wagten es, diese Briefe zu veröffentlichen; zuletzt versagten sich ihm auch diese. Er stand ganz allein, — und als er im Jahre 1902 zu Grabe getragen wurde, wagte es nicht einmal Lord Roberts, sein ehemaliger Adjutant und langjähriger Freund, seinem Sarge zu folgen. Der einzige Kranz, der seine Grabstätte schmückte, war im Auftrage Kaiser Wilhelms darauf niedergelegt worden.
    Zu diesem edlen, unerschrockenen, mit Schwert und Feder gleichermaßen heldenmütig kämpfenden Oheim erkennen wir den Geist, der auch in seinem Neffen Houston Stewart Chamberlain lebt. Wir verstehen es gut, daß der alte Feldmarschall an diesem Neffen seine Freude haben konnte und ihm noch kurz vor seinem Tode voll tiefer Genugtuung schreiben mochte: „Ich danke Gott, daß Du nicht bloß frei geboren bist, sondern auch frei zu reden weißt.“
    Wir verstehen es aber auch, daß der Neffe gerade zu diesem Oheim mit unbegrenzter Verehrung aufschaut und durch sein leuchtendes Vorbild sich mächtig gestärkt fühlt. Ja, wahrlich, wie der Geist dieses Oheims in dem Neffen lebt, so ruht auch sein Segen auf ihm und hält ihn aufrecht in den schweren Kämpfen seines Lebens.


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Houston Stewart Chamberlain



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Abriß des Lebens und Schaffens.

W ir kehren zurück zum Jahre 1855, in welchem H. St. Chamberlain geboren wurde, um nun noch einen kurzen Überblick über seinen Lebensgang zu geben.
     Nach dem allzu frühen Tode der Mutter wurde der Knabe schon im Jahre 1856 zu seiner Großmutter väterlicherseits, Lady Anne Eugenia Chamberlain, geb. Morgan, nach Versailles gebracht, wo er bis zum Frühling 1868 seine Heimat haben sollte. Neben der Großmutter war es vor allem seine Tante, Miß Harriett Chamberlain, die unverheiratete Schwester seines Vaters, die sich seiner Erziehung widmete. Er hatte auch abwechselnd englische und deutsche Erzieherinnen, die ihn betreuten, und besuchte vom Jahre 1863 an das Lycée Impérial in Versailles. Im Herbste des Jahres 1866 kam er in eine kleine Privatschule auf dem Lande bei Portsmouth, um im folgenden Jahre, Herbst 1867, in das Cheltenham College einzutreten. Um diese Zeit starb seine Großmutter, und nun hatte er sein natürliches Heim bei seinem Vater, der damals die Kriegswerft in Chatham als Postcaptain befehligte. Dort brachte der heranreifende Knabe die Sommer- und Winterferien

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zu, oder ging wohl auch nach Schottland, Isle of Mull, auf das Gut seines Onkels Arbuthnot Guthrie.
    Der Aufenthalt Chamberlains in Cheltenham College sollte jedoch nur von 1867—1870 dauern. Zu Anfang des Jahres 1870 erkrankte er dortselbst, in so ernstlicher Weise, daß er die Schule verlassen und mit seiner Tante, Miß Harriett Chamberlain, im Juni des Jahres nach Ems reisen mußte. Seit dieser Zeit hat Houston Stewart Chamberlain   n i e   m e h r   e i n   H e i m   i n   E n g l a n d   b e s e s s e n!
    Die Reise des kranken Knaben nach Ems sollte der große Wendepunkt seines Lebens werden. Zum ersten Male war er dort auf deutschem Boden, zum ersten Male trat ihm dort die eigenartige Größe des deutschen Wesens, schlicht und doch ehrfurchtgebietend entgegen, in einer der größten Gestalten jener Zeit: Kaiser Wilhelm I., damals erst König Wilhelm von Preußen. Und er, der mit Goethe bekennt: „mein Gemüt neigt sich zur Ehrerbietung“, — er, bei dem zu dieser Wesenseigentümlichkeit damals noch die Empfänglichkeit des vierzehnjährigen Knaben hinzu kam, — er befand sich bald im Banne des ebenso schlichten wie vornehmen, ebenso gütigen wie mannhaften deutschen Herrschers.
    Man glaubt eine höhere Macht zu spüren in der wunderbaren Fügung, daß der englische Knabe, der dazu bestimmt war, wie kein anderer einst der Welt die Größe und Herrlichkeit deutschen Wesens zu verkünden, gleich bei seinem Eintritt in deutsches Land das Glück haben sollte, täglich mehr als einmal der erhabenen Erscheinung Kaiser Wilhelms I.



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zu begegnen. Noch wunderbarer aber will es uns anmuten, daß ein Zufall seltenster Art eben diesen Knaben zum Augenzeugen der denkwürdigen Unterredung des großen Preußenkönigs mit dem französischen Gesandten Benedetti machte, die bekanntlich den Ausbruch des Krieges von 1870—71 zur Entscheidung brachte. Chamberlain selbst hat uns dies in seiner unnachahmlich fesselnden Weise geschildert, in einem Aufsatze, der die Überschrift trägt „Erinnerungen aus dem Jahre 1870“. ¹)
    Er sah den König täglich, ohne sich darum bemühen zu müssen: Am Brunnen, auf der Promenade und Abends, wenn er in kleiner Gesellschaft vor dem Kasino sitzend speiste — als Gast unter den anderen Gästen des Bades, wie es seinem schlichten Wesen entsprach. Wie sehr ihn auch die hoheitsvolle Erscheinung des greisen Herrschers fesselte, wie tief auch der Eindruck war, den er von ihm empfing, — sein knabenhafter Sinn schaute damals doch zugleich auch verlangend nach dem berühmten Prestidigitateur von Paris aus, dessen Vorstellungen bereits angekündigt waren. Und als er eines Tages — es war am Vormittage des 13. Juli 1870 — einen Gang in die Stadt machen mußte, traf es sich, daß er einen befrackten Herrn auf der sonst einsamen Promenade dem Könige begegnen sah, der mit verhältnismäßig großer Begleitung dahergeschritten kam. Er ward Augen-
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     ¹) Zuerst erschienen in der Zeitschrift „Der Merker“, 15. April 1915; dann wieder abgedruckt als erstes Stück in dem Buche „Deutsches Wesen“, München 1916, F. Bruckmann A.-G.



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zeuge eines kurzen Gespräches zwischen dem Könige und dem befrackten Herrn, den der tumbe englische Knabe für den berühmten Prestidigitateur hielt, welcher sich wohl dem Könige empfehlen mochte. Er sah, wie der König den tief sich verbeugenden Herrn im Frack freundlich begrüßte, ihn nach kurzem Gespräche aber vornehm kalt verabschiedete. Erst sein Onkel klärte ihn einige Tage später darüber auf, daß er, ohne es zu ahnen, Zeuge eines weltgeschichtlichen Ereignisses gewesen war. Der vermeintliche Taschenspieler, der den König auf der Promenade anredete, war der französische Botschafter Graf Benedetti gewesen!
    Der Knabe Chamberlain war auch Zeuge der bald darauf erfolgenden Abreise König Wilhelms von Ems. Den mächtigen Eindruck, den er davon empfing, lassen wir uns am besten von ihm selber schildern: „Und sollte ich hundert Jahre alt werden, nie werde ich die Abfahrt des Königs nach Berlin vergessen. Begeisterung, wilde Freude und Zorn wechselten in den Blicken und den Stimmen der dem Fürsten unaufhörlich zujubelnden Menge; er aber, sonst so wohlwollend, stand regungslos am offenen Fenster des Eisenbahnwagens, die edlen Züge wie versteinert in dem Ausdruck des furchtbaren, heiligen Ernstes, und es lag in dem Auge eine solche tiefe Trauer, ein so tragisches Bewußtsein der Verantwortung vor Gott, daß sich mir die Kehle zuschnürte und ich dem hohen Herrn wohl die Hand hätte küssen wollen, doch ein Hoch hervorzubringen unfähig gewesen wäre. Das ganze Geschlecht



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der Hohenzollern rief dieser eine Blick aus der Vergangenheit hervor. Der in schlichter Soldatengestalt dastand, war mehr als ein einzelner Mann, er war die Verkörperung eines Geschlechtes. Ich erfuhr, was es bedeutet, König zu sein. Der Blick schien von weit her, über Jahrhunderte von Not, Kampf und Sorge zu kommen, und er schaute weit, weit hinaus, unbeirrt, doch nicht jubelnd, sondern als sähe er Kampf über Kampf sich auftürmen.“ ¹)
    Nach dem bedeutsamen Aufenthalt in Ems folgte für den Knaben eine Reise in die Schweiz, mit dem Onkel Sir Neville und der Tante Miß Harriett Chamberlain zusammen. Bei einer Fahrt über den Vierwaldstättersee kamen sie ganz nahe an Triebschen vorüber. Die Fahrgäste gerieten in Aufregung und der Knabe erhielt zur Antwort auf seine Frage, was denn da wäre: „Mais, c'est la maison de Richard Wagner!“ Er hörte diesen Namen hier zum ersten Male. „Wer ist Richard Wagner?“ fragt er seinen älteren Bruder, der mit von der Partie war. „Ein berühmter deutscher Komponist.“ — Obwohl ihm der Name damals noch gar nichts sagte, hat sich das Bild von Triebschen dem Gedächtnis des Knaben damals für immer unauslöschlich eingeprägt; und der Name Richard Wagner klang ihm im Ohre nach. ²)
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    ¹) Vgl. H. St.   C h a m b e r l a i n,   Deutsches Wesen, 1916, S. 25, in dem Aufsatz „Kaiser Wilhelm II“, der zuvor schon in der Münchener „Jugend“ erschienen war, 28. Mai 1900, Nr. 22.
    ²) Vgl. H. St. Chamberlain, Deutsches Wesen, 1916, S. 11—14.




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Aber Jahre gingen dahin, bis dieser Name für ihn eine überwältigende Bedeutung gewinnen sollte.
    Ende September oder Anfang Oktober 1870 trafen Onkel und Tante mit dem Knaben zusammen in Montreux ein und bezogen dort eine Wohnung in der Pharmazie Mellet, gegenüber der neuen städtischen Schule. Da die Abwesenheit von England voraussichtlich noch längere Zeit dauern mußte, war die gewissenhafte Tante Miß Harriett Chamberlain darauf bedacht, dem Knaben einen angemessenen Unterricht zu sichern. Das war dort nicht so ganz leicht zu erreichen. Mehrere Versuche in dieser Richtung schlugen völlig fehl, bis endlich eine kleine Anzeige im Fenster der deutschen Buchhandlung Benda auf die richtige Spur führte: „Norddeutscher, cand. theol., erteilt Unterricht.“ Es war   O t t o   K u n t z e,   der hinter dieser Anzeige stand, ein junger, damals etwa dreißigjähriger, aus Stralsund gebürtiger Kandidat der Theologie, der zur Heilung seiner Lunge nach mehrfachen Blutstürzen sich in Montreux aufhielt. Er sollte sich in der Folge Houston Stewart Chamberlain nicht nur durch seinen gründlichen Unterricht, sondern durch seine ganze, ernste und gediegene Persönlichkeit zu dauerndem wärmsten Danke verpflichten. ¹)
    Nach dem deutschen Herrscher trat als zweiter der deutsche Schulmeister in das Leben des eng-
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    ¹) Vgl. den wertvollen Brief von H. St. Chamberlain an Professor Otto Kuntze in Stralsund, der unter der Überschrift „Chamberlain und sein deutscher Lehrer“ im Almanach Münchener Verleger 1916, S. 10—24 abgedruckt ist.



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lischen Knaben hinein, — kaum minder bedeutsam, denn dieser schlichte, aber sehr wohlunterrichtete und charaktervolle norddeutsche Kandidat der Theologie eröffnete seinem empfänglichen Schüler die Welt des deutschen Geistes und warf damit Samenkörner in seine Seele, die in der Folge zu einer ungeahnt reichen, herrlichen Ernte emporwachsen sollten.
    Zunächst hatte Otto Kuntze dem jungen Chamberlain nur deutsche Stunden zu geben. Doch bald trat er ihm, wie auch der Tante und dem Onkel persönlich näher. Sie lernten ihn, seine ganze Art und Gesinnung immer mehr kennen und schätzen; sie lernten ihn lieben. Onkel und Tante luden ihn öfters zu Tische ein; der Knabe besuchte ihn in seiner Wohnung, arbeitete, plauderte, spielte Schach mit ihm. Neben dem Schachspiel war damals Shakespeare seine zweite Leidenschaft, und es erregte mit Recht das Erstaunen des Lehrers, wie dieser halbwüchsige Bursche den großen Dichter schon kannte und liebte. Schließlich wußte die Tante den trefflichen Lehrer zu bewegen, den ganzen Unterricht des Knaben als Hauslehrer zu übernehmen. Er blieb bis zum Frühling 1873 bei ihnen. „Diesen zwei Jahren — sagt Chamberlain — verdanke ich es, wenn in das Chaos meiner gänzlich verpfuschten Schulbildung einige Ordnung kam.“ Er gewann dadurch auch die Fähigkeit und die Möglichkeit, sich
selbst weiterzubilden. ¹)
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    ¹) Vgl. Chamberlains oben zitierten Brief-Aufsatz „Chamberlain und sein deutscher Lehrer“, S. 11—13.



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    Von den großen Deutschen war es, nach Chamberlains eigener mündlicher Angabe, Schiller, den er zuerst kennen lernte und für den er sich alsbald leidenschaftlich begeisterte. Unter dem Eindruck der Schillerschen Dichtungen schrieb nun auch er ein Gedicht über das andere.
    Im Mai 1871 zogen Lehrer und Schüler zusammen von Montreux nach Les Avants hinauf, während der Onkel abreiste, die Tante die Wohnung in Ordnung brachte. Dort begann der botanische Unterricht an der Hand von Gremli's Schweizer Exkursionsflora, — ein Studium, das in der Folge bei dem jungen Engländer zu einer förmlichen Leidenschaft werden sollte. Leider wurde diese erfreuliche Arbeit zunächst durch eine schwere Erkrankung unterbrochen. Ein bösartiges Scharlachfieber warf den Knaben darnieder, und nur langsam vermochte er sich davon wieder zu erholen. Der Genesende hörte an der Table d'hôte zum zweitenmal im Leben den Namen Richard Wagner nennen. Es war ein junger Engländer, der maßlos über den großen deutschen Künstler schimpfte. Auch den Namen „Kant“ hörte er damals zum ersten Male, und zwar aus dem Munde eines kranken Genfer Gelehrten, der gerne mit dem Lehrer Kuntze philosophische Gespräche führte. Ein Erholungsaufenthalt in Engelberg folgte, dann ein solcher in San Moritz, im Engadin. San Moritz tat Wunder für die Gesundheit des Knaben, doch erlebte er dort auch etwas, was ihn sehr schmerzlich berührte. Der Vorfall ist zu charakteristisch für die ideale Anlage des jungen Chamberlain, als daß er



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nicht erwähnt werden sollte. Unter den Gelehrten der Gasthaustafel in San Moritz befand sich auch ein Bruder von Otto Kuntze, Gymnasialprofessor seines Zeichens. Dieser hatte gelegentlich mit anderen Philologen einen Ausflug in die Berge, nach Pontresina gemacht und erzählte, sie hätten in der schönen Sonne gelegen und wären da einstimmig überein gekommen, daß kein Mensch je daran denken würde zu arbeiten oder zu studieren, wenn nicht der Hunger ihn dazu zwinge. Der junge Chamberlain glaubte, er habe die Worte falsch verstanden, doch sein Lehrer bestätigte ihm nachher die Richtigkeit des Gehörten. Dies Wort machte den Knaben so traurig, daß er es nie mehr vergessen konnte. ¹)
    Aus San Moritz ging es über Chur, Zürich und Montreux nach Territet, in das Hôtel des Alpes, genauer in die Dependance desselben am See, wo damals Chamberlains Großmutter mütterlicherseits, Mrs. Basil Hall, Wohnung genommen hatte. Hier erkrankte der Knabe abermals sehr ernstlich, an einer Rippenfellentzündung. Bei einer drohenden Gefahr bewies hier Otto Kuntze seinen mannhaften, ritterlichen Charakter in sehr nachdrücklicher Weise. Der Wirt wollte aus irgendeinem Grunde den Kranken auslogieren, was der Arzt für lebensgefährlich erklärte. Die Tante konnte mit dem Wirte nicht fertig werden. Da verstand es aber der deutsche Hauslehrer, der wackere Kandidat der Theologie, dem „scheußlichen Vampir aus Welschland“ derartig
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    ¹) Vgl. Chamberlain und sein deutscher Lehrer, S. 15.



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über seine Niedertracht die Augen zu öffnen, daß er verstummte, Entschuldigungen stammelte und sich kleinlaut zurückzog. Der kranke Knabe hörte den Wirt wie einen Affen kreischen, den Lehrer aber wie einen Löwen brüllen. Und der Löwe blieb Sieger. ¹)
    Der Arzt verordnete dem Kranken den Winteraufenthalt in Cannes. Dort wohnte er mit den Seinigen in der Pension Bel-Air, bei einem guten Deutschen, namens Tamme. Es war ein herrlicher Aufenthalt an der Riviera. Oft segelte der junge Chamberlain auf das Meer hinaus und verbrachte, der ärztlichen Verordnung entsprechend, ganze Tage auf dem Wasser. Abends, wenn die Tante und der Lehrer zusammen lasen, saß der Knabe wohl am Fenster, hinter einer großen aufgespannten Reisedecke, und lernte, sich am Sternenhimmel zurechtfinden. Sobald der Frühling kam, stürzte er sich mit solcher Leidenschaft auf das Botanisieren, daß der Schüler den Lehrer bald in botanischen Kenntnissen einholte und nun selbständig weiter arbeitete.
    Im Mai des Jahres 1872 reiste der Lehrer mit dem Schüler nach Monako, Bellaggio, Menaggio. Im Hotel des Doktor Pasta auf dem Monte Generoso verbrachten sie 6—8 Wochen. Diese Wochen bezeichnet Chamberlain als eine Art Höhepunkt seiner Erinnerungen aus der Übergangszeit vom Knaben zum Manne. Den Vormittag über gab Kandidat Kuntze seine Stunden oder beaufsichtigte die Arbeiten des Schülers. Gleich nach Tisch aber schnallte der Jüng-
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    ¹) Vgl. Chamberlain und sein deutscher Lehrer, S. 17.



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ling seine Botanisiertrommel um und bestieg den Berg, dessen reiche Flora berühmt ist. Ein junger Fachbotaniker, Mr. Duthie, später in Indien Regierungsbotaniker, unterstützte ihn bei seinen Studien. Dann ging es mit der Tante zusammen wieder in das Engadin, wo der Sommer 1872 in Pontresina zugebracht wurde.
    Der junge Chamberlain war inzwischen bedeutend kräftiger geworden und arbeitete sehr fleißig unter der Anleitung seines deutschen Lehrers. Es folgte noch einmal ein Herbst und Winter in Cannes. Im Mai 1873 trennten sich Lehrer und Schüler. Die Tante reiste mit dem Neffen, der nun für geheilt galt, nach England zurück, wo er in ein landwirtschaftliches Institut eintreten sollte. Doch das Klima Englands wirkte so ungünstig auf ihn ein, daß der Plan wieder aufgegeben werden mußte. Sein Vater stellte ihn nunmehr unabhängig, mit einer kleinen, aber genügenden Rente.
    Im Januar 1874 kehrte Chamberlain nach Cannes zurück und mietete sich in einem Dachstübchen der Pension Bel-Air ein. Es sollte 20 Jahre dauern, bis er wieder den Boden Englands betrat. Inzwischen versah Kandidat Kuntze während des Winters in San Remo das Amt eines Pastors der dortigen deutsch-evangelischen Gemeinde. Im Frühling kam er zum Besuche des Zöglings nach Cannes, und auch die gute Tante stellte sich wieder ein. Die Arbeit wurde wieder aufgenommen, und gerade diesen Sommer des Jahres 1874 bezeichnet Chamberlain als den Höhepunkt der fruchtbringenden Beziehungen



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zwischen ihm und kandidat Kuntze. Er war zum erwachsenen jungen Manne herangereift, wußte die ihm gebotene Belehrung noch mehr wie früher zu schätzen und arbeitete mit eisernem Fleiß. Der Lehrer vergalt ihm solchen Eifer mit einer Hingabe, an die der zum Manne und zum berühmten Schriftsteller gewordene Schüler sich fortdauernd mit dem innigsten Danke erinnert. Lateinisch, Deutsch, Philosophie und Mathematik wurden hauptsächlich getrieben. Schweglers Geschichte der griechischen Philosophie wurde gelesen, weit mehr aber bedeuteten dem Jüngling die mündlichen Erläuterungen des Lehrers. ¹)
    Damals wohl tat der begeisterte Schüler den denkwürdigen Ausspruch:   „I c h   w o l l t e   m e i n e n   l i n k e n   A r m   h e r g e b e n,   w e n n   i c h   a l s   D e u t s c h e r   g e b o r e n   s e i n   k ö n n t e“ — ein Wort, das sich dem deutschen Lehrer unvergeßlich tief einprägte. ²)
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    ¹) Vgl. Chamberlain und sein deutscher Lehrer, S. 22 und 23.
    ²) Ich habe das Wort hier in der Form wiedergegeben, wie es nach meiner Erinnerung mir Chamberlain mündlich bei unserem Zusammensein in Bad Gastein, September 1916, mitteilte und wie ich es dann in der Weihnachtsbeilage der „Ostdeutschen Rundschau“, 24. Dezember 1916, veröffentlicht und besprochen habe. In den mir durch Chamberlains Güte neuerdings zugegangenen Aufzeichnungen   O t t o   K u n t z e s   (S. 26 dieses Manuskriptes) hat der Ausspruch die folgende Fassung: „Ich wollte gern meine linke Hand entbehren, wenn ich als Deutscher geboren wäre.“ — Da Kuntze der einzige Zeuge ist, wird man diese Fassung wohl für authentisch halten müssen. Der Sinn des merkwürdigen Ausspruches ist in beiden Fällen der gleiche.



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    Und es liegt darin in der Tat eine Welt der Dankbarkeit und des tiefsten Verständnisses gegenüber dem, was der wackere Lehrer ihm bot, der geistigen Welt, die er ihm eröffnete. Es war die Welt deutschen Geisteslebens, deutscher Arbeit, in die er eingetreten war, in der er sich so heimisch, so zugehörig fühlte, daß er gerne auch die letzte Schranke hätte fallen sehen mögen, die ihm — dem Fremdgeborenen — hier das volle, tiefste, letzte Verständnis vielleicht noch verschließen mochte. Es fällt von diesem Worte ein helles Licht auf Chamberlains ganzen weiteren Lebensgang. Es drückt sich in ihm eine leidenschaftliche Sehnsucht aus, der Welt des deutschen Geisteslebens ganz und restlos anzugehören; eine Sehnsucht, der in der Folge eine herrliche Erfüllung beschieden war; herrlich nicht nur für den, der von ihr sich erfassen und zu den höchsten Zielen emportragen ließ, sondern nicht minder herrlich und unschätzbar wertvoll für uns, für das ganze deutsche Volk, dem in diesem Manne einer seiner größten, überragenden geistigen Führer geschenkt werden sollte. ¹)
    Das deutsche Wesen war ihm aufgegangen, als etwas Neues, Großes, Herrliches, wie es ihm sonst nirgends, weder in England noch in Frankreich, entgegengetreten war. Ihm fühlte er sich wahlverwandt. Das war die Welt, der er angehören wollte,
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     ¹) Vgl. meinen Aufsatz „Chamberlains linker Arm“ in der Weihnachtsbeilage der „Ostdeutschen Rundschau“ vom 24. Dezember 1916.



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mit allen Fasern seines Wesens! Das war, so fühlte er, die geistige Heimat, nach der er im tiefsten Inneren, unbewußt, sehnsuchtsvoll ausgeschaut hatte. Hier fand er sein Ideal. lind er fühlte es, daß hier allein, auf diesem Boden, sein eigenes, innerstes Wesen in rechter Art wachsen und sich entfalten konnte.
    Ein solches Zusammenleben und Arbeiten mit seinem deutschen Lehrer, wie es ihm der Sommer des Jahres 1874 geschenkt hatte, sollte für Chamberlain nicht mehr wiederkehren. Von da an war er Autodidakt. Er sah den Lehrer nur noch bei flüchtigen Besuchen wieder, die er im Winter dem deutschen Pastor in San Remo machte, oder die der deutsche Pastor ihm und den Seinen in Cannes abstattete. Doch dauerte das Band zwischen Beiden unzerreißbar fort, durchs ganze Leben. Ja, der Lehrer blieb ihm auch in der Ferne noch ein treu sorgender, tief verständnisvoller Helfer. Chamberlain dankt ihm insbesondere noch ein Wort, das Otto Kuntze im Winter 1877—78 bei einem Besuche in Cannes oder Hyères zu ihm gesprochen. Bei Gelegenheit eines eingehenden Gespräches sagte Kuntze zu Chamberlain: „Für einen Ausländer können Sie jetzt so gut deutsch, daß Sie es ruhig dabei bewenden lassen können. Wollen Sie aber die deutsche Sprache beherrschen, ist es Ihnen damit wirklich ernst, so rate ich Ihnen, sich offen zu bekennen, daß Sie hiervon noch sehr weit entfernt sind und das Studium gleichsam von Neuem zu beginnen.“ Dies Wort wirkte zunächst wie eine kalte Dusche auf den hochstrebenden jungen



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Mann; dann aber fühlte er, wie recht der Lehrer hatte. Er ergriff die ihm gütig angebotene Hilfe und schrieb nun eine Reihe von ausführlichen deutschen Aufsätzen, die Kuntze auf das Allergründlichste durcharbeitete und ihm dann wieder zugehen ließ. Das war für Chamberlain die hohe Schule der Einführung in die deutsche Sprache. Auf welchen Gebieten sich diese Aufsätze bewegten, davon geben einige Überschriften einen Begriff: „Über die Geologie des Estérel“; „Über Victor Hugo's Burgraves“; „Über Rousseaus Essai sur l'inégalité parmi les hommes“. ¹)
    O t t o   K u n t z e, der nachmals Gymnasialoberlehrer und Professor für Englisch und Französisch in Stettin wurde, nach seiner Pensionierung sich in seine Vaterstadt Stralsund zurückzog, blieb auch weiterhin noch lange Jahre, trotz der andauernden räumlichen Trennung, Chamberlains treuer Berater bei seiner deutschen Schriftstellerei. Er hat auch das Buch über Richard Wagner und das ganze Manuskript der „Grundlagen“ noch durchgesehen und dem Verfasser, wie das Vorwort bezeugt, manchen wertvollen Wink gegeben. Rief das Buch über R. Wagner schon sein Staunen hervor, so wandelte sich dies Staunen beim Lesen der „Grundlagen“, nach des Lehrers eigenem Zeugnis, in Ehrfurcht gegenüber dem einstigen Schüler, von dem er in den Jahren des Unterrichtes so große geistige Leistungen nicht erwartet hatte. ²)
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    ¹) Vgl. Chamberlain und sein deutscher Lehrer, S. 24.
    ²) Zu diesem Sinne äußert sich Professor Otto Kuntze in seinen bereits erwähnten Aufzeichnungen, S. 30 und 31 der mir vorliegenden Abschrift.



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    Nach der Trennung von dem Lehrer folgten für Chamberlain noch mehrere Winter in Cannes, mehrere Sommer in der Schweiz. Vom Jahre 1875 ab hatte er viel Verkehr mit Deutschen und arbeitete ununterbrochen daran, sich die deutsche Sprache ganz und gar anzueignen. Außerdem trieb er mit leidenschaftlichem Eifer systematische Botanik, Geologie und andere Naturwissenschaften. Im Mai bis Juli 1876 machte er mit einem holländischen Freunde namens   G r ü n e w a l d   eine Reise durch Spanien. Von dieser Reise her stammt ein Brief, den die „Süddeutschen Monatshefte“ im April 1917 bekannt machten, und der ein so wichtiges Zeugnis für die Deutschland zugewandte Gesinnung des zwanzigjährigen Chamberlain abgibt, daß er hier nicht fehlen darf.

„Sevilla, Dienstag, den 23. Mai 76.

    Ich kann Dir gar nicht sagen, wie meine Verehrung, meine leidenschaftliche Liebe für, mein Glaube an Deutschland zunimmt. Je mehr ich andere Nationen kennen lerne, je mehr ich mit Leuten, gebildeten und ungebildeten, aller Klassen aus allen Völkern Europas verkehre, desto mehr liebe ich Deutschland und die Deutschen. Mein Glaube, daß die ganze Zukunft Europas, d. h. der Zivilisation, der Welt, Deutschland in den Händen liegt, ist zur Sicherheit geworden. Das Leben des Deutschen ist ein ganz anderes, als das von anderen Menschen; in ihm hat das Selbstbewußtsein, das Gefühl seiner Würde den Höhepunkt erreicht; er ist zu gleicher Zeit der Dichter und praktische Organisator, der



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Denker und Tuer, der Mann des Friedens par excellence und der beste Soldat, der Zweifler und der Einzige, der imstande ist, wirklich zu glauben. Aber wie immer, je größer die Gaben, desto größer die Aufgabe. Deutschlands Aufgabe ist eine kolossal schwierige und wenn es sie erfüllen soll, so muß die ganze Nation sie begreifen und alle zusammen wie ein Mann nach ihrer Erfüllung streben. Nicht bloß hat sie an sich selbst noch soviel zu tun, so viel zu entwickeln, sondern während dies fortgeht, muß sie sich allein gegen die Feindseligkeit und die Verkennung ganz Europas aufrecht erhalten. Wenn man nicht selbst sich mitten im Strome befindet, sondern von Ferne aus den Lauf der Dinge beobachten kann, so muß man sich oft fragen: Wird Deutschland ihre Aufgabe erfüllen können; wird sie sie erfüllen? und wenn man auch von ganzem Herzen unbefangen das Land liebt und keine Wolke darüber hängen sehen möchte, so ist man gezwungen, sich selbst zuzugestehen, — nein, wenn die gründlich verrotteten moralischen Verhältnisse sich nicht bessern (und stillbleiben tun sie nicht, wenn sie nicht besser werden, werden sie schlimmer), wenn die ganze Nation nicht einsieht, daß Reinheit die größte Kraft eines Volkes ist, daß, wenn die Zukunft Europas von Deutschland abhängt, Deutschland nur dann eine Zukunft haben kann, wenn man den jetzigen Zustand vom Grunde aus angreift und gegen die ganze übrige Welt die Moralität als Hauptwaffe erhebt, — wenn sie das nicht einsieht, dann muß sie auch bald fallen, — fallen, ohne ihre Aufgabe vollendet zu haben, eine



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Beute der Barbaren. — (Ach Gott! Was für ein Deutsch schreibe ich, sei mir nicht böse, denn ich bin ja kein Deutscher.)
    ¾7 Uhr abends. Ach du geliebte deutsche Nation, wirst du denn nie die Größe deiner Aufgabe entdecken, und einsehen, daß deine Wege nicht die der andern Völker sein dürfen? —“

    Im Februar 1878 starb sein Vater,   A d m i r a l   C h a m b e r l a i n;   und im Mai desselben Jahres verheiratete sich   H o u s t o n   S t e w a r t   C h a m b e r l a i n   mit Fräulein   A n n a   H o r s t,   der Tochter des 1875 verstorbenen Justizrates Horst in Breslau.
    Im Mai des Jahres 1879 zog Chamberlain nach Genf, um dort an der Universität sich hauptsächlich naturwissenschaftlichen Studien zu widmen. Er blieb hier bis zum September des Jahres 1885. Genf wurde auf den Rat der Ärzte gewählt, die der Ansicht waren, daß Chamberlain ein nordischeres Klima nicht vertragen würde. Auch war Italien von hier aus ja in wenigen Stunden erreichbar. Ihn selbst zog die Nähe der Alpen an. Er lebte in Genf in einem fast rein deutschen Kreise. Die Namen Vogt, Graebe, Wartmann, Zahn, Haltenhoff, Müller Argoviensis u. a. kennzeichnen denselben. Dazu kamen der Musiker Ruthardt und einige deutsche Studiengenossen.
    Zuerst wohnte Chamberlain in der Stadt Genf, dann seit 1882 in der Nähe derselben, auf dem Lande. Er war anfänglich ordentlicher Student an der naturwissenschaftlichen, dann an der medizinischen Fakultät. Seine schon früh begonnenen botani-



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schen Studien betrieb Chamberlain in Genf unter der Leitung der Professoren Marc Thury und Jean Müller in vertiefter Weise weiter, wobei er sich auch des Rates von Alphons de Candolle und Edmond Boissier zu erfreuen hatte. Ebenso wie in dem botanischen Institut arbeitete er auch im zoologischen Institute, unter Karl Vogt, und hörte dessen Vorlesungen über Zoologie, vergleichende Anatomie, Paläontologie und Anthropologie. Ferner arbeitete er längere Zeit im chemischen Laboratorium von Graebe. An der medizinischen Fakultät studierte er menschliche Anatomie bei Professor Laskowski und Physiologie bei Professor Schiff. Weiterhin war er in einem eigenen Laboratorium mit pflanzenphysiologischen Versuchen beschäftigt.
    Im Herbste des Jahres 1881 wurde Chamberlain „Bachelier ès Sciences physiques et naturelles“. Bald darauf machte er der ersten internationalen elektrischen Ausstellung in Paris einen eingehenden Besuch. Dann schritt er mit neu erfundenen Instrumenten wieder an seine Spezialuntersuchungen über den   a u f s t e i g e n d e n   S a f t   in den Pflanzen (den sogenannten Wurzeldruck). Leider sollte die aus diesen groß angelegten Arbeiten erwachsene Dissertation wegen jahrelanger Krankheit des jungen Forschers erst 1896 zur Veröffentlichung gelangen.
    Das bedeutsamste Ereignis der Genfer Studienjahre Chamberlains lag außerhalb Genfs. Es bestand in dem Besuch der sechs ersten Aufführungen des Parsifal in   B a y r e u t h   im Sommer des Jahres 1882. Von da an, bis zum Ende des Jahrhunderts,



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besuchte Chamberlain alle Festspiele in Bayreuth, mit einer einzigen Ausnahme; und zwar meistens zu sämtlichen Aufführungen. Es war damit eine entscheidende Wendung in seinem inneren Leben eingetreten. Das große Kunstwerk Richard Wagners, das Worttondrama, hatte ihn in überwältigender Weise erfaßt und ganz gefangen genommen.
    Wir haben gesehen, daß im Jahre 1870 der Name „Richard Wagner“ zum erstenmal an Chamberlains Ohr klang. Er hörte ihn dann noch öfters wieder. Den entscheidenden Eindruck aber, der ihn in der Folge nach Bayreuth zog, empfing er im Sommer 1875 in Interlaken, durch das Bekanntwerden mit der Dichtung zum „Ring des Nibelungen“. Zu gleicher Zeit rissen ihn die Bruchstücke hin, die das Kurorchester unter Herfurth zur Aufführung brachte. Im Oktober 1878 wohnte er der ersten zyklischen Aufführung des Ringes außerhalb Bayreuths bei, und zwar in München, unter Hermann Levis Leitung. Bei dieser Gelegenheit meldete sich Chamberlain bei Levi als Mitglied des Bayreuther Patronatsvereins an. Gleich nachher schrieb er für die eben entstandenen „Bayreuther Blätter“ den allerersten Aufsatz seines Lebens, welcher jedoch nicht zum Abdruck gelangte. Als zweites Werk lernte er 1882 den Parsifal in Bayreuth kennen; die übrigen Werke erst später in Dresden; zuletzt den Tristan 1886 in Bayreuth.
    Im Herbste des Jahres 1884 erlebte Chamberlain in Genf einen Zusammenbruch seiner Nerven, dessen Folgen eine Reihe von Jahren überschatteten.



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Schon die Erkrankung des knaben im Jahre 1870, die ihn nach Ems führte, war ohne Zweifel nervöser Natur gewesen. Allein die Ärzte hatten dies nicht sogleich erkannt. Der anfängliche Husten verleitete sie zu einer falschen Ansicht von der Natur der Krankheit und bestimmte sie dazu, den Gebrauch von Ems zu verordnen. Später ist nie mehr von Krankheit der Kehle oder Lunge bei ihm die Rede gewesen. Die nervöse Natur des Leidens trat 1884 mit großer Heftigkeit zutage und hatte den Abbruch der so hoffnungsvoll begonnenen naturwissenschaftlichen Arbeiten in Genf zur unausweichlichen Folge. Die pflanzenphysiologischen Versuche mußten eingestellt werden. Auch als Chamberlain später, Ende der achtziger Jahre, in Dresden und Wien die botanischen Arbeiten wieder aufnahm, zeigte es sich, daß die mühsamen Detailbeobachtungen immer wieder die gleichen Zustände bedenklicher Art hervorriefen. Das war es, was eine vollständige Änderung in der Arbeitsrichtung zur Folge hatte und haben mußte, zumal da es sich herausstellte, daß andere Arbeiten diesen schädlichen Einfluß nicht ausübten.
    Im September des Jahres 1885 siedelte Chamberlain von Genf nach Dresden über, wo er bis zum Herbst 1889 verblieb. Unfähig zu eigentlichen streng wissenschaftlichen Studien, trieb er viel Literatur und Kunst, besuchte fleißig die Oper, das Schauspiel und die Konzerte. Später versenkte er sich namentlich in Plato und Kant. Zuletzt nahm er auch hier wieder praktische botanische Studien auf.
    Der Tenor Riese druckte im Jahre 1886 einen



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von Chamberlain an ihn gerichteten Brief — über die Auffassung von „Maurer und Schlosser“ — in der Zeitung ab. Das war des damals schon dreißigjährigen Houston Stewart Chamberlains erstes Erscheinen vor der Öffentlichkeit! In den Jahren 1886 und 1887 erschienen dann weiter seine ersten Aufsätze in französischer Sprache, und zwar in der Revue WagnerienneNotes sur Lohengrin“; „Notes sur Goetterdaemmerung“; „Notes sur Tristan“. Im Sommer des Jahres 1888 erschien Chamberlains erster deutscher Aufsatz, und zwar „Über das Verhältnis von Sprache und Musik in Tristan und Isolde“ in der Allgemeinen Musik-Zeitung in Berlin.
    In das Haus Wahnfried war Chamberlain zum ersten Male im Jahre 1884 eingetreten. Damals vertrat bei den Empfängen des Hauses die älteste Tochter die Hausfrau. Frau Wagner selbst lebte seit dem Februar 1883 mehrere Jahre hindurch im völliger Zurückgezogenheit und erschien bei den Empfängen nicht. Kein Fremder hatte Zutritt zu ihr. Erst 1886 arbeitete sie an den Festspielen und verkehrte mit den Künstlern. Den Empfängen blieb sie bis 1888 fern. Im Frühling des Jahres 1888 wurde Chamberlain in Dresden Frau Kosima Wagner *) auf deren eigenen Wunsch vorgestellt, von welchem Augenblicke an seine Beziehungen zum Wagnerschen Hause vertrauter und bedeutsamer wurden.
    Im Herbst des Jahres 1889 zog Chamberlain von Dresden nach Wien und bezog dort im sechsten Bezirk — Gumpendorf — Blümelgasse Nr. 1, drei
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    *) Should be Cosima, of course.



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Treppen hoch, eine Wohnung, die er fast volle 20 Jahre tang, bis zum Mai 1909, inne hatte.
    Seine ursprüngliche Absicht bei dieser Übersiedelung war, die längst schon begonnene pflanzenphysiologische Doktorschrift bei Professor   J u l i u s   W i e s n e r,   einer hervorragenden Autorität auf dem Gebiete der Pflanzenphysiologie, zu vollenden. Er arbeitete ernstlich in dieser Richtung, hörte auch 1889 und 1890 naturwissenschaftliche und philosophische Vorlesungen an der Universität Wien; allein es stellten sich immer wieder die schon erwähnten schlimmen Zustände ein, so daß schließlich die geplante Physiologenlaufbahn gesundheitshalber ganz aufgegeben werden mußte. Es erschien bloß unter Wiesners Auspizien die bereits früher erwähnte Dissertation: Recherches sur la sève ascendante, Neufchatel 1897, 340 Seiten, mit 7 Kurventafeln.
    Der beste Kenner des Gegenstandes, professor   J u l i u s   W i e s n er   in Wien, nennt diese Untersuchung eine auf exakteste Weise durchgeführte Arbeit. Sie ist „dem Versuche, die sogenannte Wurzelkraft zu analysieren, gewidmet.   C h a m b e r l a i n   widerlegt in objektiver und maßvoll ausgedrückter Form die von   S t r a ß b u r g e r   und   P f e f f e r   aufgestellte Behauptung über das bloß durch bekannte mechanische Kräfte erfolgende Zustandekommen des Wurzeldruckes und gelangt zu dem Resultat, daß Wirkungen, welche im   L e b e n   der Zellen des Wurzelkörpers begründet sind, beim Zustandekommen des Wurzeldruckes beteiligt sind, daß also bei diesem Phänomen ein   v i t a l e r   Faktor eine Rolle spielt.



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Spätere, von   J u n s e,   S c h w e n d e n e r   und anderen durchgeführte Untersuchungen führten zu ähnlichen Ergebnissen bezüglich des im Holzkörper der Bäume stattfindenden aufsteigenden Wasserstromes, daß nämlich auch dieser nicht vollständig durch bloße Annahme der bekannten mechanischen Triebkräfte zu erklären sei, vielmehr auch hier die Mitwirkung   l e b e n d e r   Zellen angenommen werden müsse.“ ¹)
    Auf den Doktor-Grad verzichtete Chamberlain, weil die Genfer Universität zwar die Dissertation annahm, aber zur vollen Doktor-Promotion die Gegenwart des Verfassers forderte. Dieses konnte und wollte Chamberlain nicht leisten, da er sich inzwischen schon ganz in die Vorstudien zu seinen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ vertieft hatte. Unabhängig von allen gelehrten Titeln und Stellungen hatte er seinen eigenen Weg gefunden, und alles andere blieb dem gegenüber nebensächlich.
    Mehrere Semester hindurch hatte Chamberlain in Wien den pflanzenphysiologischen Studien obgelegen und fleißig die Vorlesungen von Professor   J u l i u s    W i e s n e r   über diesen Gegenstand gehört. Nach Beendigung des Kollegs sammelte sich gewöhnlich ein kleiner Kreis von Hörern um den Professor, der sich noch weitere Auskünfte erbat, woraus sich oft interessante Unterhaltungen entwickelten. In diesem engeren Kreise der besonders lebhaft interes-
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    ¹) Ich entnehme dieses Urteil den wertvollen (handschriftlichen)   N o t i z e n   ü b e r   H.   S t.   C h a m b e r l a i n   von   J.   v o n   W i e s n e r,   S. 8 und 9 der mir vorliegenden Abschrift.



Houston Stewart Chamberlain

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sierten Hörer trat nun bald auch H. St. Chamberlain hervor, und es ist sehr reizvoll, aus Wiesners eigenen Aufzeichnungen zu ersehen, wie ihn bald die ganze Persönlichkeit Chamberlains immer stärker und tiefer fesselte. Der Lehrer bot dem Schüler viel und Wertvolles; es war aber nichts geringeres, was bald auch der Schüler dem Lehrer bieten sollte. Wiesner selbst gibt uns darüber in sehr beredter, ja begeisterter Weise Bericht. Er durfte sich dessen freuen, daß zwischen seinen und Chamberlains Anschauungen sich fortschreitend eine sehr bedeutende Übereinstimmung offenbarte. Darüber sagte er in seinen handschriftlichen „Notizen über H. St. Chamberlain“:
    „In unseren Gesprächen stellte es sich bald heraus, daß wir durch   K a n t   auf das Innigste verbunden sind, daß wahre Religion uns Beiden heilig ist und wir jenen Indifferentismus aller Religion gegenüber, welcher durch beschränkte Naturauffassung gefördert und durch   H a e c k e l s   unverantwortliche Brandreden leider in einem nicht geringen Teil des deutschen Volkes (Monistenbund!) großgezogen wurde, ablehnen, ja aufs schärfste verurteilen.“ ¹)
    Zu der Übereinstimmung in grundlegenden wichtigen Anschauungen kamen aber für Wiesner auch noch andere, wesentliche Momente hinzu, die ihn zu Chamberlain zogen und aus dem Verhältnis von Lehrer und Schüler in der Folge ein unerschütterlich festes Freundschaftsverhältnis erwachsen ließen. Es
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    ¹)   J.   v o n   W i e s n e r,   Notizen über H. St. Chamberlain. S. 14 der mir vorliegenden Abschrift.



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war der Zauber der Persönlichkeit Chamberlains, der diese Wirkung übte, seine ideale Weltanschauung, sein unerschütterlicher Sinn für Recht und Wahrheit und die Treue seiner Gesinnung. ¹)
    Es dauerte nicht lange, bis der bedeutende Lehrer die großen Kenntnisse und das weitreichende Urteilsvermögen seines geistvollen Schülers kennen lernte. Aber die ganze Tiefe seines geistigen Wesens und Könnens ging ihm damals doch noch nicht auf, zumal Chamberlain in seiner, im wahrsten Sinne des Wortes bescheidenen Weise, die Wiesner wiederholt stark hervorhebt, nie über die engen Grenzen der gerade vorliegenden Fragen hinausging, um den ganzen Reichtum seines Geistes zu offenbaren. Dieser ging auch Wiesner, wie er freimütig bekennt, erst durch die später erscheinenden Werke Chamberlains auf, vor allem durch die „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“, den „Kant“ und den „Goethe“. Erst durch diese Werke erkannte er — wie auch viele andere —‚ daß Chamberlain als Schriftsteller „auf einer Höhe stehe, welche derzeit kein in deutscher Sprache schreibender Autor überschritten hat“. Und er bekennt, daß ihn in seinem ganzen Leben noch nie ein Mensch, mit dem er in Verkehr gestanden, geistig mehr gefesselt habe als Chamberlain. ²)
    Sehr bemerkenswert ist es, wie Wiesner die Frage beurteilt, aus welchen Gründen Chamberlain
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    ¹)   J.   v o n   W i e s n e r,   Notizen über H. St. Chamberlain, S. 17.
    ²)   J.   v o n   W i e s n e r,   Notizen über H. St. Chamberlain, S. 14 und 15; S. 3 und 20 der mir vorliegenden Abschrift.



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die Laufbahn als Pflanzenphysiologe aufgab und seinen eigenen, so ganz andersartigen Weg einschlug, — ein Abschwenken von der eingeschlagenen Bahn, welches fast auf ihn — Wiesner — ein ungünstiges licht werfen könnte, als habe er dem Schüler das Fach verleidet. Doch die Sache liegt anders.
    Wiesner stellt zunächst fest, daß Chamberlain seinen Vorträgen mit der lebhaftesten Anteilnahme folgte. Das konnte er ihm an den Augen ablesen, das ging auch aus den daran sich schließenden Gesprächen hervor; und Chamberlain selbst hat seinem Interesse an der Forscherarbeit des Lehrers wiederholt, auch öffentlich, Ausdruck gegeben.
    „Aber — fährt der scharfblickende Gelehrte fort — für seine, aus universeller Begabung hervorgegangenen, hohen und weiten Ziele war das Gebiet der Pflanzenphysiologie zu enge. Ich habe dies am klarsten erkannt, als ich seine mir von ihm vorgelegte Abhandlung über den aufsteigenden Saftstrom durchlas. Das Kapitel dieses Werkes, betitelt „Historische Übersicht“ (Aperçu historique a. a. O. S. 9—31) ist ein Meisterstück der Darstellung, welches nach Form und Inhalt vielleicht einzig in unserer pflanzenphysiologischen Literatur dasteht, wenn es sich darin auch nicht um ein großes Problem handelt. Die kleine Frage wird mit der Entwickelung der Lehre vom Leben der Pflanze in Zusammenhang gebracht, es werden die Fähigkeiten und Leistungen aller jener Männer, welche an der Frage des Saftsteigens beteiligt waren, kritisch beleuchtet und eine von philosophischem Geiste durchdrungene Darstel-



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lung der fortschreitenden Lösung des Problems entworfen, welche auf eine solche verhältnismäßig kleine Sache im Bereiche der Pflanzenphysiologie nie verwendet worden ist. Und da erkannte ich, daß ein so eng begrenztes Gebiet, wie die Pflanzenphysiologie, Chamberlains großen, stets weit ausgreifenden Geist nicht voll befriedigen konnte.“ ¹)
    Mit diesem Urteil hat der große Gelehrte, der seine Wissenschaft ebenso hoch hielt wie seinen von ihr sich abwendenden Schüler, meines Erachtens den Nagel auf den Kopf getroffen. Chamberlains Geist war in der Tat zu reich, zu umfassend angelegt, als daß ihm irgend welche Fachwissenschaft jemals völlig hatte genügen können. Es ist charakteristisch, daß er vor seiner Übersiedelung nach Wien zwischen Pflanzenphysiologie und Philosophie in seiner Wahl schwankte. Aber auch die Philosophie als „Fach“, wie es an Universitäten gelehrt wird, hätte ihn schwerlich dauernd befriedigen können. Was in ihm lebte und sich auswirken wollte, war mehr als dies alles. Es lag in jenem innersten und wertvollsten Kerne unseres geistigen Wesens beschlossen, das bei keiner Völkerfamilie so stark und reich entwickelt ist wie bei den Ariern und der sich als einheitlich organisch zusammengehörige, dichterische, philosophische und religiöse Anlage kundgibt und als daraus erwachsende „Weltanschauung“ im umfassendsten Sinne des Wortes zur mehr oder
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    ¹)   J.   v o n   W i e s n e r,   Notizen über H. St. Chamberlain, S. 18—20.



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minder vollkommenen Entfaltung und Ausprägung gelangt. Die dichterisch-religiös-philosophische Begabung, als einheitlich wirkende Seelenkraft, geht auf Erfassung und Anschauung der Welt im Großen aus und ist die Quelle des Größten, was der Menschengeist geschaffen hat; während im Gegensatz dazu die Fachwissenschaft sich auf ein bestimmtes enges Gebiet beschränkt und in dessen Grenzen das Wissen zu vermehren und kritisch zu sichten strebt. Für Chamberlains Begabung ist jene Richtung auf das Große, Ganze, Einheitliche in der Erfassung und Anschauung der Welt überaus charakteristisch. Neben dem Reichtum der Kenntnisse und der scharfen kritischen Begabung zeigt er mindestens ebenso kraftvoll entwickelt die geniale, schöpferische Kraft der Phantasie. Er zeigt sich uns als Dichter in seinen Dramen wie in seinen Parsifalmärchen. Sein tiefreligiöses Suchen tritt in der Einleitung zu den „Worten Christi“, in den „Grundlagen“ — insbesondere in dem Kapitel „Die Erscheinung Christi“ — und noch öfters deutlich hervor. Der philosophische Drang beherrscht große Teile seines Schaffens. Der Denker Kant steht seinem Herzen ebenso nah wie der Dichter Goethe. Er ist — möchte ich sagen — selbst das   U r b i l d   e i n e s   A r i e r s,   der unablässig nach dichterischer, philosophischer und religiöser Erfassung der Welt ringt, der diese geistigen Triebe auch gar nicht als etwas Getrenntes, sondern als   E i n s   empfindet, — ein einheitliches großes Streben, das zu demjenigen ausreift, was wir am besten mit dem Namen „Weltanschauung“ bezeichnen. Ein so beanlagter Mann,



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wenn er die rechte Gestaltungskraft besitzt, kann sehr wohl ein Schriftsteller werden, — Schriftsteller höherer Ordnung —‚ aber nimmermehr Fachgelehrter sein und bleiben.
    Doch es scheint, daß wir hier — von Wiesner verleitet — mit Chamberlain selbst in Widerspruch geraten, da er als Grund für das Aufgeben der Physiologenlaufbahn durchaus nur seinen nervösen Krankheitszustand angibt, der erfahrungsgemäß sich immer wieder einstellte, wenn er der fachwissenschaftlichen Arbeit sich energisch hingab, während andersartige geistige Arbeit nicht die gleichen üblen Folgen hatte, so daß er sich schließlich ganz nur solcher noch widmete. So hat er es schriftlich, so hat er es mir auch mündlich öfters geschildert.
    An der Wahrheit dieser Darstellung ist gewiß nicht zu zweifeln, doch ich möchte meinen, daß es sich dabei nur um eine   s u b j e k t i v e   Wahrheit handeln kann, während   o b j e k t i v   die Auffassung Wiesners der Wahrheit näher kommen dürfte. Daß Chamberlain es sich leichter machte, als er die fachwissenschaftliche Laufbahn aufgab und seinen eigenen Weg einschlug, daß er dabei ein geringeres Maß von Arbeit sich auflud, das muß ich bestreiten. Das wird auch gewiß niemand glaublich finden, der Chamberlains Werke wirklich kennt und in sein arbeitsvolles Leben einen Blick hinein getan hat. Wir wollen die Tatsache nicht bezweifeln, daß lange fortgesetzte fachwissenschaftliche Arbeit nervöse Krankheitszustände bei ihm hervorrief, das trat aber — wie ich meine und als meine Überzeugung aussprechen



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möchte — nicht darum ein, weil dieses zu viel oder strenge Arbeit für ihn war, sondern darum, weil es nicht die rechte, seinem Wesen entsprechende, seine geistigen Bedürfnisse wahrhaft befriedigende Arbeit war; weil er dabei instinktiv und bis zur Qual gesteigert empfand, daß er so nicht auf dem rechten Wege sei. Es scheint, daß ihm selbst dies damals noch nicht klar zum Bewußtsein kam; vielleicht auch hinderte ihn die von Wiesner so stark betonte, als charakteristisch für ihn hervorgehobene Bescheidenheit, sich und anderen solches einzugestehen. Dennoch bin ich überzeugt, daß die Sache so zusammenhängt daß Chamberlains sehr zart besaitetes Nervensystem ihn durch eintretende Qual- und Krankheitszustände von der Verfolgung eines falschen Weges zurückhielt und dadurch indirekt auf den richtigen Weg führte, der seiner Natur entsprach und eben darum keine derartigen schlimmen Zustände bei ihm auslöste.
    Wiesner erwähnt bei der Besprechung dieser Frage gar keiner Krankheitszustände bei Chamberlain; dieser selbst spricht im gleichen Falle nur von solchen als Ursache jener entscheidenden Wendung in seinem Arbeitsleben. Die Auflösung des Rätsels liegt meines Erachtens darin, daß sie beide Recht haben, — der eine objektiv, der andere subjektiv. Damit fällt der Widerspruch weg und alles wird verständlich.
    Wir haben gesehen, daß der große Zusammenbruch der Nerven bei Chamberlain im Jahre 1884 in Genf eintrat, nach langandauerender fachwissenschaftlicher Tätigkeit. In den darauf folgenden Dres-



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dener Jahren hatte er sich mit anderen Studien erholt und aufgerichtet. Richard Wagner stand jetzt im Mittelpunkte seines Interesses; daneben auch andere Kunst, Literatur und Philosophie, vor allem Kant und Plato. 1889 und 1890 folgte dann die neuaufgenommene fachwissenschaftliche Arbeit in Wien. Er hörte in diesen Jahren neben den naturwissenschaftlichen auch philosophische Vorlesungen. Aber im Jahre 1891 war es ihm klar, daß er wegen der neuerlich aufgetretenen Krankheitserscheinungen die Fachwissenschaft aufgeben und eine endgültige Wendung in seinen Arbeiten eintreten lassen müsse. Eine Erholung war notwendig. Er suchte sie auf einer längeren Reise durch Bosnien. Vier Monate lang durchreiste er zu Pferde die abgelegensten Teile dieses Landes, lernte neben der Landschaft des Balkan auch das Volk, seine Sitten und Bräuche kennen, die noch viel Urwüchsiges an sich haben. Wie sehr ihn die Vorträge der volkstümlichen Barden fesselten, die ihre Gesänge der einheimischen Heldenlieder mit der bloß einsaitigen Gusla begleiteten, geht aus einer Anmerkung in seinem Buche über Richard Wagner hervor (4. Aufl. S. 265). Auch für seine jetzt beginnenden Rassestudien fand er hier wichtige Anregungen, suchte sich auch mit der Sprache des bosnischen Landes etwas vertraut zu machen. So bot diese Reise neben der Erholung ihm doch auch manche wertvolle Belehrung.
    Nach Wien zurückgekehrt machte er sich mit frischen Kräften an die Ausarbeitung seines ersten, wenn auch noch wenig umfangreichen Buches, mit



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welchem er, an die Dresdener Studien anknüpfend, die neue Bahn seiner freien, durch keine Fachwissenschaft mehr beschränkten Schriftstellerei betrat. Als Vorbereitung zu dieser Arbeit hielt Chamberlain eine Anzahl Vorträge im Wiener Neuen Wagner-Verein, die zum Teil durch den Druck auch weiteren Kreisen bekannt wurden.
    Es war die Kernfrage der Wagnerschen Kunst, die er in diesem Werke behandelte, welches unter dem Titel   „D a s   D r a m a   R i c h a r d   W a g n e r s,   e i n e   A n r e g u n g“,   im Jahre 1892 an die Öffentlichkeit trat. ¹) Der grundlegende Gedanke der Arbeit, den Chamberlain gleich zu Anfang als die erste und unerläßlichste Einsicht bezeichnet, besteht darin, daß   W a g n e r   v o n   A n f a n g   a n   i n   e r s t e r   L i n i e   d r a m a t i s c h e r   D i c h t e r   w a r;   weiter, daß seine dramatische Begabung von Hause aus in einem besonderen, individuellen Gestaltungstriebe sich kund gibt, bei welchem Wort und Ton als gleich notwendig sich betätigten. Er ist   z u g l e i c h   D i c h t e r   und   M u s i k e r   und hat die Intuition seines Werkes, des Wort-Tondramas, mit auf die Welt gebracht (S. 7, 8, 27). Er ist sich aber dessen nicht von Anfang an bewußt, daß er einen ganz neuen, großen Weg geht: Er lehnt sich naturgemäß zunächst an die überlieferten Bühnenformen, vor allem an die Oper an und bezeichnet anfänglich seine Werke selbst als
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    ¹) Leipzig, Verlag von Breitkopf & Härtel; 3. Aufl. 1908; 150 Seiten. — Eine französische Umarbeitung des Werkes erschien i. J. 1893.



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Opern. Aber unbewußt ringt er von Anfang an seinem großen neuen Ziele zu und kommt ihm schon mehrmals, noch bevor er die theoretische Einsicht gewonnen, ganz nahe. Er greift nach Stoffen verschiedener Art, sucht sie in seiner Art dramatisch-musikalisch zu gestalten und nähert sich auf Zickzackwegen dem in ihm schlummernden Ideale. Die erste Hälfte seines Lebens ist diesem suchenden Schaffen gewidmet, bis zum 35. Lebensjahre, das zugleich ihn auch äußerlich gewaltsam aus der Bahn werfen sollte (1848). ¹) In dieser ersten Lebensperiode schafft er „die Feen“ und „das Liebesverbot“, den „Rienzi“ und den „fliegenden Holländer“, den „Tannhäuser“ und den „Lohengrin“. Er ringt mit Entwürfen verschiedener Art, wobei ihm wichtige und entscheidende Einsichten aufgehen: „die Sarazenin“ und „Friedrich Rothbart“, „Siegfrieds Tod“, „Wieland der Schmied“, „Jesus von Nazareth“ werden ernstlich in Arbeit genommen, aber wieder beiseite gelegt. Endlich geht ihm selbst in voller Klarheit die Erkenntnis über das hohe Ziel auf, dem er schon unbewußt ringend nahe gekommen, und er legt seine Gedanken darüber in theoretischen Schriften, vor allem in „Oper und Drama“ nieder, einer Art Selbstgespräch des schaffenden Genius. Und nun geht er bewußt und frei die eigene Bahn. An Stoffe wie den „Rienzi“ und den „Friedrich Rothbart“ konnte
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    ¹) Es ist vielleicht bemerkenswert, daß auch bei Chamberlain selbst das 35. Lebensjahr — 1890/91 — die entscheidende große Klärung seiner schriftstellerischen Tätigkeit bringt.



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er nun nicht mehr denken. Es war ihm klar geworden, daß der Inhalt dessen, was der Worttondichter auszusprechen hat, nur das von aller Konvention, von allem Historisch-Formellen losgelöste Reinmenschliche ist und sein kann (S. 56). Und nun schafft er in der zweiten großen Periode seines Lebens den „Tristan“ und „die Meistersinger“, den „Ring des Nibelungen“ und den „Parsifal“. Das neue große deutsche Drama, das Worttondrama ist damit geschaffen und eine ganz neue Epoche der dramatischen Kunst, die Zeit des großen Kunstwerks von Bayreuth, ist angebrochen.
    Einer enger begrenzten Frage war die Arbeit über „Richard Wagner und Ferdinand Praeger“ gewidmet (1893—94). Bald aber sollte Chamberlain in noch umfassenderer Weise das Leben und Schaffen Wagners darzustellen veranlaßt werden. Solch ein größeres Werk über Wagner hatte er selbst schon im Vorwort zu dem „Drama Richard Wagners“ in Aussicht genommen. Nun wandte sich die Verlagsbuchhandlung von F. Bruckmann an ihn mit der Aufforderung, den Text zu einer illustrierten Biographie Wagners zu schreiben. Er lehnte zunächst ab, da das von ihm Geplante doch etwas wesentlich anderes war. Als aber die Verlagsbuchhandlung auf alle seine Wünsche und Absichten einging, entschloß er sich, die Arbeit zu übernehmen. Und nun schuf er sein bald bekannt und berühmt gewordenes großes Werk „Richard Wagner“, in dem er ebenso tiefdringend wie geistvoll ein Gesamtbild von dem Wesen und Schaffen des Meisters zeichnet. Er



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hatte ursprünglich eine Skizze geplant, doch es wurde ein in gesättigten Farben voll ausgeführtes, meisterhaft gelungenes Bild.
    Da das große, im Jahre 1895 veröffentlichte Illustrationswerk „Richard Wagner“ teuer und nicht jedermann zugänglich war, erschien im Jahre 1901 eine zweite, billigere Ausgabe, in welcher die Illustrationen, bis auf das Titelbild des Meisters, weggelassen waren. Diese bald weit verbreitete Ausgabe erschien dann noch wiederholt in neuen Auflagen.
    Außerdem erschien im Jahre 1912 eine neue illustrierte Ausgabe in 2 Bänden mit vielen wertvollen Bildern.
    Daß Chamberlain nun auch ein hervorragender Mitarbeiter der   „ B a y r e u t h e r   B l ä t t e r“   wurde, ergab sich fast von selbst. Er schilderte „zwanzig Jahre Bayreuther Festspiele“ (1896—97). Er schrieb aber auch verschiedene Aufsätze für die   „R e v u e   d e s   d e u x   M o n d e s“,   darunter auch Solche über   H e i n r i c h   v o n   S t e i n,   den einstigen Hauslehrer im Wagnerschen Hause, an dessen tragisches Schicksal wir in der Einleitung erinnert haben. Diese letzteren Aufsätze sind später in deutscher Umarbeitung in einem Buche erschienen, das Chamberlain, wie schon früher erwähnt, mit Friedrich Poske gemeinsam herausgab. ¹)
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    ¹)   „H e i n r i c h   v o n   S t e i n   und seine Weltanschauung“. Von Houston Stewart Chamberlain und Friedrich Poske. Nebst Heinrich von Steins „Vermächtnis“. Leipzig und Berlin 1903, Verlag von Georg Heinrich Meyer.



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    Die ergreifende Schilderung, welche Chamberlain hier von Heinrich von Stein und seinem, schon mit dreißig Jahren beendigten Leben entwirft, zeugt von tiefer Mitempfindung, die vielleicht auch dadurch noch gesteigert war, daß der geniale Engländer hier einen kongenialen Deutschen an der Ungunst der äußeren Verhältnisse scheitern und zugrunde gehen sah.
    Nun aber sammelte er sich zu einem großen Wurf, vielleicht dem größten seines bisherigen Lebens. Der erste Entwurf zu den   „G r u n d l a g e n   d e s   n e u n z e h n t e n   J a h r h u n d e r t s“   entstand in der herrlichen Gebirgswelt Österreichs, im oberen Kötschachtale bei Bad Gastein. Vom März 1897 bis zum August 1898 wurde das große, zweibändige Werk geschrieben. Die Korrekturen an demselben dauerten noch bis in den Herbst des Jahres 1899. Das Werk erschien in drei Teilen im Laufe desselben Jahres 1899 bei F. Bruckmann in München.
    Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte ich über die Bedeutung dieses Werkes hier ein Wort verlieren. Es ist allbekannt und die zahlreichen kritischen Urteile geben dem Leser eine deutliche Vorstellung davon, wie es aufgenommen wurde. Der Erfolg war so überwältigend groß und trat so rasch ein, daß er den Verfasser selbst in Erstaunen setzte. Unzähligen, die ihn noch gar nicht gekannt, stand er plötzlich als eine der größten schriftstellerischen Erscheinungen der Gegenwart vor den Augen, — Bewunderung, Begeisterung, vielfach auch Widerspruch weckend; auf jeden Fall eine Erscheinung, mit der jeder denkende Mensch sich irgendwie auseinandersetzen mußte.



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    Auch ich gehörte zu diesen Vielen. Im Frühling des Jahres 1899, in dem die „Grundlagen“ zu erscheinen begannen, war ich als Professor von Innsbruck nach Wien übergesiedelt. Im Laufe des darauf folgenden Winters erhielt ich einen Brief von meiner verehrten Freundin, Frau Fanny von Anrep auf Schloß Ringen in Livland, die mir von diesem Buche schrieb und mich darum bat, ihr etwas über die Persönlichkeit des Verfassers zu berichten. Es müsse sich das in Wien doch feststellen lassen, da das Buch dem Rektor der Wiener Universität — Professor Julius Wiesner — gewidmet sei. Ich fand Namen und Adresse in dem Wohnungsanzeiger. Da soeben meine Antrittsvorlesung über „Indiens geistige Bedeutung für Europa“ im Druck erschienen war, hielt ich es für die einfachste Anknüpfung, Chamberlain ein Exemplar derselben zuzusenden. Er erwiderte diese Sendung durch das weit bedeutendere Geschenk eines Exemplares seiner „Grundlagen“ mit einer sehr liebenswürdigen Widmung, in welcher er sich zu meiner Überraschung als einen meiner dankbarsten Schüler bezeichnete. Diese Wendung gebrauchte er, wie ich bald erfuhr, weil er durch mein Buch über „Indiens Literatur und Kultur“ (1887) in die indische Welt eingeführt worden war und diese Welt ihn seither auf das Lebhafteste gefesselt hielt. Auf dieser Grundlage erwuchs bald ein reger Verkehr und Gedankenaustausch zwischen uns, der sich mit der Zeit, da wir uns vortrefflich verstanden, zu einer warmen Freundschaft gestaltete. Die „Grundlagen“ nahmen mich ganz gefangen und nun lernte ich auch die anderen



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Werke Chamberlains der Reihe nach kennen. Der Zauber seiner Persönlichkeit wirkte auf die Meinigen ebenso stark wie auf mich, wodurch noch weitere Bande sich schlangen. Chamberlain lebte damals sehr zurückgezogen, in seinem „Leuchtturm“, wie er die hochgelegene Wohnung in der Blümelgasse Nr. 1 gelegentlich nannte. Doch besuchte er mich öfters, wie auch ich wiederum ihn.
    Da der deutsche Kaiser Wilhelm II. von den „Grundlagen“ ganz hingerissen war und in persönliche Beziehung zu ihrem Verfasser trat, verkehrten bald auch die Herren der deutschen Botschaft in seinem Hause. ¹) Ich habe den Grafen Brockdorff-Rantzau wie auch den Militärattaché Major Ulrich von Bülow, nachmals als General in Flandern gefallen, bisweilen dort getroffen. Ich seIbst führte im Sommer 1901 einen jungen, nach Wien gezogenen livländischen Landsmann bei Chamberlain ein, den Grafen Hermann Keyserling, Sohn meines Jugendfreundes
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    ¹) Es ist hier der Ort, eine aus Frankreich stammende Legende zu zerstören, welche vielfach sowohl gegen Chamberlain, wie gegen seinen allerhöchsten Gönner ausgespielt worden ist; daß nämlich Kaiser Wilhelm II. der Stifter jener 15 000 Mark-Spende wäre, welche etwa i. J. 1902 zur Verbreitung der Grundlagen dargebracht wurde. Der Spender dieses Geldes, welcher nicht genannt werden wollte, ist vielmehr ein Fabrikant aus der bayerischen Pfalz, ein ganz einfacher, allem Hofwesen fernstehender Mann. *)
    *) It was August Ludowici, one of the owners of Ludowici Ziegelwerke. He also donated anonymously 600 000 Mark for the building of the Jugendstil-Festhalle in Landau in der Pfalz.
    ²) Graf Hermann Keyserling machte in Wien als Mineraloge seinen Doktor der Philosophie. Dann schlug er andre Bahnen ein. Sein im Jahre 1906 in München, bei




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Leo Keyserling und Enkel des bekannten Jugendfreundes von Bismarck, des Grafen Alexander Keyserling. Er teilte Chamberlains philosophische und künstlerische, wie auch seine naturwissenschaftlichen Interessen und verkehrte bald sehr intim in seinem Hause. Da er insbesondere den regsten Anteil an dem Entstehen von Chamberlains Kantbuch nahm, ist ihm dieses monumentale Werk gewidmet. Im ganzen blieb es nur ein kleiner Kreis, der sich gelegentlich dort in dem „Leuchtturm“ versammelte,
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F. Bruckmann, erschienenes Buch „Das Gefüge der Welt“ ist ein groß angelegter, geistvoller philosophischer Vorstoß. Es folgte sein Buch „Unsterblichkeit, eine Kritik der Beziehungen zwischen Naturgeschehen und Vorstellungswelt“, München 1907, J. F. Lehmanns Verlag; 2. Aufl. 1910; dann „Prolegomena zur Naturphilosophie“, München 1910, J. F. Lehmanns Verlag; „Individuum und Zeitgeist, 2. Aufl. Leipzig 1909, bei Rudolf Hartmann; „Zwei Reden“ (Germanische und romanische Kultur und Vom Interesse der Geschichte), Riga 1911, bei Jonck und Poliewsky; „Über die innere Beziehung zwischen den Kulturproblemen des Orients und des Okzidents“, Jena 1913, Eugen Diederichs Verlag; endlich „Das Reisetagebuch eines Philosophen“, Leipzig 1918, Duncker & Humblot Verlag. Graf Keyserling wollte sich auf „Das Gefüge der Welt“ in Berlin für Philosophie habilitieren, wurde aber von der Fakultät abgewiesen; jetzt geht auch er den Weg eines Schriftstellers höherer Ordnung. In Frankreich würde man ihn einen Philosophen nennen; und er selber nennt sich so, nicht mit Unrecht. Doch in Deutschland hängt an dem Namen eines Philosophen soviel Erinnerung an akademische Hörsäle und Rigorosen, daß man dem geistvollen Schriftsteller, der gelesen werden will, kaum einen Dienst tut, wenn man ihn so benennt.



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meist zu kleinen Abendgesellschaften, die Frau Anna Chamberlain und ihr Gatte gaben, bei welchen öfters wohl auch etwas vorgelesen wurde.
    Chamberlains Vorarbeiten zu einem Goethebuch, zunächst einem „Goethe-Register“, wurden im Jahre 1900 durch die Inangriffnahme des Kantbuches unterbrochen. Doch dauerte es über fünf Jahre lang, bis diese große und schwierige Arbeit ausreifte. Inzwischen trat Chamberlain mit anderen, kleineren Arbeiten an die Öffentlichkeit.

    Er hatte seine geistvollen   P a r s i f a l m ä r c h e n   zuerst in den „Bayreuther Blättern“ veröffentlicht. Im Jahre 1900 gab er sie, schön ausgestattet, in Buchform heraus: ¹) Parsifals Christbescherung, ein Weihnachtstmärchen; Parsifals Gebet, ein Ostermärchen; und Parsifals Tod, ein Pfingstmärchen. — Es sind ergreifende Märchenerzählungen, auf denen die ganze Weihe jener erhabenen Geisteswelt ruht, die sich uns in Wagners Parsifal erschließt. Religiöse Weihe, — das Mitleid mit aller Kreatur, die innigste Beziehung zur Natur, zur Welt der Pflanzen und der Tiere, treten stark darin hervor.

    Ganz andersartig war eine bald darauf folgende dichterische Gabe Chamberlains, die 1902 an die Öffentlichkeit trat:   „D r e i   B ü h n e n d i c h t u n g e n“, — „Der Tod der Antigone“, „Der Weinbauer“ und „Antonie oder die Pflicht“. ²)
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    ¹) Verlag von F. Bruckmann in München.
    ²) Ebenfalls bei F. Bruckmann in München verlegt.




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    Aus dem Vorwort erfährt man die interessante Tatsache daß Chamberlain der Trieb zum dramatischen Gestalten schon seit frühester Jugend eigen war; daß er in den letzten Jahren an einer ganzen Reihe dramatischer Entwürfe gearbeitet und von diesen die hier vorgelegten ausgeführt habe. Sie sind alle drei für die Bühne gedacht, haben aber leider nicht viel Beziehung zu ihr gefunden. „Der Tod der Antigone“, eigentlich nur   e i n e   große, ergreifende Szene, ist als Worttondrama, für die Vertonung angelegt; „Antonie oder die Pflicht“ ist ein tragisch abschließendes modernes Ehedrama; „der Weinbauer“, vielleicht das gelungenste von ihnen allen, eine tief erschütternde Tragödie aus dem Bauernstande: das Zugrundegehen eines durchaus wackeren, prächtigen Mannes, eines Weinbauern, der mit seinem Vätererbe, seinem Weinberg und seinen Reben auf das Innigste, untrennbar eng verwachsen ist und, als man ihm dieses nimmt, nicht weiter leben kann.
    Dieses letztere Stück war einige Jahre vor der Veröffentlichung, wie der Verfasser im Vorwort berichtet, von einer Provinzbühne angenommen worden. „Die Aufführung glich aber einer Hinrichtung: Ein von dem hochweisen Dramaturgen bis zur Unkenntlichkeit verunstalteter Text, absurd zusammengestoppelte, sinnlose Dekorationen, übermüdete Schauspieler, die gläubig das nachsprachen, was der Souffleur ihnen vorsagte; einzig die bewegte Volksszene des zweiten Aufzugs ward lebendig aufgefaßt und wirkte gut. So werden unbekannte Dichter behandelt; nicht einmal sie selber können aus einer derartigen



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Karikatur kritische Belehrung über Wert oder Unwert ihres Schaffens gewinnen; Ekel und Entmutigung ist das einzige, was sie davontragen.“ Unter solchen Umständen ist „die Annahme eines Stückes bisweilen grausamer als die Ablehnung“.
    Die hohe Bedeutung Chamberlains für unser deutsches Geistesleben ließe es wohl angezeigt, ja als Ehrenpflicht erscheinen, daß ernste Bühnenleiter der Frage einer Aufführung seiner Dramen näher treten möchten.
    Kurz vor den drei Bühnendichtungen — im Herbst des Jahres 1901 — gab Chamberlain seine vielgelesenen   „W o r t e   C h r i s t i“,   mit der geistvollen „Apologie“ als Einleitung heraus. ¹) Schon vielfach in verschiedenen Formen wieder aufgelegt, ist dieses Werk so bekannt, daß ich auf den Inhalt desselben nicht naher einzugehen brauche. Wie die Märchen und Dramen seine dichterische Anlage, so offenbaren die „Worte Christi“ Chamberlains religiöses Suchen und Ringen. Dieses zeigt sich aber auch in einer weiteren Veröffentlichung, die der indischen Geisteswelt gewidmet ist und die er unter dem Titel   „A r i s c h e   W e l t a n s c h a u u n g“   im Jahre 1905 erscheinen ließ. ²)
    Dieses letztere Buch, das ebenfalls schon mehrere Auflagen erlebte, ist aus einer Reihe von Ein-
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    ¹) Verlag von F. Bruckmann in München.
    ²) Berlin, Verlag von Bard, Marquardt & Co., sine anno. Das Buch ist später in den Verlag von Bruckmann in München übergegangen; 3. Aufl. 1916.



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zelaufsätzen hervorgegangen, die an verschiedenen Orten erschienen waren. Chamberlain legte mir dieselben vor, mit der Frage, ob ich eine zusammenfassende Veröffentlichung empfehlen würde. Ich konnte nur entschieden dazu raten und Glaube in der Tat auch heute noch, daß Chamberlain sich gerade durch dieses Buch den Dank von Unzähligen erworben hat. Auch die Indologen haben zu solchem Dank alle Ursache, denn es ist nichts anderes als die Weltanschauung der arischen Inder, welche Chamberlain hier behandelt und kurzweg als „Arische Weltanschauung“ bezeichnet. Es handelt sich hier um das Muster einer schon früh und ganz selbständig von einem arischen Volke erarbeiteten und durch lange Zeiträume festgehaltenen Weltanschauung, die gerade aus dem Grunde so wundervoll einheitlich ist, weil zwischen Religion und Philosophie kein Gegensatz, kein Wiederspruch besteht. Ja, wenn wir die vielfach hochpoetische Form der Darstellung hinzunehmen, dürfen wir hier durchaus von einer einheitlichen Weltanschauung reden, welche ebensowohl Dichtung wie Religion und Philosophie ist. Wie das ausschaut, davon kann sich heutzutage jedermann leicht eine Vorstellung bilden, wenn er die Upanishaden oder die Bhagavadgîtâ in deutscher Übersetzung liest.
    Gründlich gewürdigt wird in diesem Buche vor allem   P a u l   D e u s s e n s   Lebensarbeit, durch die uns die indische Philosophie tatsächlich erst erschlossen worden ist, womit die ganze Geschichte der Philosophie auf ein neues Niveau gestellt war, so daß sie



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für uns und unsere Nachfahren nun nicht mehr mit Thales von Milet, sondern mit den philosophischen Liedern des Rigveda und den Upanishaden ihren Anfang nimmt.
    Die wundervolle Einheit von Religion, Philosophie und Dichtung, wie sie uns in der indoarischen Weltanschauung entgegentritt, entspricht, wie ich nicht bezweifle, einer tiefen Grundanlage des arischen Wesens überhaupt; sie ist nur nirgends in so ruhig organischer Weise entfaltet, so ungestört gewachsen, so unzerrissen erhalten, wie bei den Indern. Wir begegnen einer Einheit dieser höchsten und edelsten geistigen Triebe des Menschen, oder zum mindesten einem starken Streben darnach, auch sonst bei ausgesprochen arischen Naturen. Ein Plato zeigt sie uns, ein Carlyle, und ebenso auch Chamberlain selbst, der wohl gerade darum sich so stark zu den Indern hingezogen fühlt, weil dieser große Grundzug ihres geistigen Wesens auch dem seinigen entspricht. Mit Männern, wie es die Schöpfer der Upanishaden waren, vor allem der Größte unter ihnen, Jadschnavalkja, fühlte er sich instinktiv seelenverwandt. Darum war es mehr als ein bloßer Scherz, wenn Chamberlain einmal, auf die ihn vielfach belästigende Frage, ob er mit dem bekannten Minister Josef Chamberlain verwandt sei, die energisch ablehnende Antwort gab:   „O   n e i n,   I c h   f ü h l e   m i c h   w e i t   m e h r   v e r w a n d t   m i t   J a d s c h n a v a l k j a!“ — Dagegen empfand und empfindet er dem mehr nüchternen, philosophisch längst nicht so hoch stehenden Buddhismus gegenüber eine ausgesprochene Abnei-



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gung. Er hat darum auch die Anführung buddhistischer Quellenwerke aus dem bibliographischen Anhange zu seiner „Arischen Weltanschauung“ grundsätzlich ausgeschlossen.
    Auch in Chamberlain lebt die dichterische, die religiöse und die philosophische Anlage als eine   E i n h e i t,   die unablässig nach harmonischer Entfaltung und Ausgestaltung zu einer lückenlosen Weltanschauung ringt. Ebendarum lehnt er jede rein intellektualistische, bloß Wissenschaftliche Weltanschauung als durchaus ungenügend ab. Auch ihm ist, wie dem Meister von Bayreuth, die Krone alles Wissens die Erkenntnis und Anerkennung einer moralischen Bedeutung der Welt, und die felsenfeste Überzeugung, daß unserem eigenen Dasein eine moralische Bedeutung zukommt. Und auch darin ist er dem Meister seelenverwandt, daß die Musik zum innersten Kern seines Wesens gehört, wenn er auch da nicht schöpferisch, sondern nur ein tief verständnisvoll Empfangender ist. ¹)
    Chamberlains „Arische Weltanschauung“ wird in ihrem Teile auch zu dem großen Werke einer Erneuerung unserer Religion etwas beizutragen imstande sein. Nachdem er die indoarische Weltanschauung in ihrer ganzen Größe und Tiefe zu schildern
—————
    ¹) In seinem früher erwähnten Briefe an Regierungsrat B. Körner sagt Chamberlain, von dem geistigen Erbe redend, das er seiner Großmutter verdanke: „Und meine Seele ist der göttlichen Sprache der Musik als ihrem eigentlichen Elemente weit geöffnet.



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gesucht hat, wirft er die Frage auf, ob wir nun nicht unsere eigene Weltanschauung durch sie ersetzen sollten? Er verneint diese Frage aber sehr bestimmt, weil wir in   C h r i s t u s,   i n   d e r   P e r s o n   u n s e r e s   H e i l a n d e s,   etwas Höherwertiges besitzen, was uns nimmermehr dadurch ersetzt werden könnte. Er spricht aber gegen Ende seiner Ausführungen seine Überzeugung dahin aus, daß wir ein reinigendes Bad im Jungbrunnen unverfälschten arischen religiösen Denkens notwendig brauchen und „daß die Schule des indischen Denkens geeignet ist, ein reineres, freieres, erhabeneres und infolgedessen auch würdigeres Verhältnis zu Jesus Christus anzubahnen“.
    Inzwischen war die im Jahre 1900 begonnene Arbeit an dem Kantbuche ruhig fortgegangen und im Jahre 1905 konnte dasselbe erscheinen, unter dem Titel   „I m m a n u e l   K a n t,   die Persönlichkeit als Einführung in das Werk“. ¹) Die tiefdringende, auch vor den schwierigsten Aufgaben nicht zurückschreckende, sondern sie mächtig zwingende Geistesarbeit Chamberlains tritt in wenigen seiner Werke so kraftvoll und klar hervor, wie in diesem Buche; ebenso wie auch die wundervolle Kunst der Darstellung. Wer in dem Verfasser dieses Buches den tiefen, geistvollen Denker nicht erkennt und bewundert, der weiß wohl selbst kaum, was Denken heißt. Ein näheres Eingehen auf dasselbe ist hier nicht am Platze.
    Der Aufenthalt   C h a m b e r l a i n s   in   W i e n



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sollte durch das bedeutsamste und beglückendste Ereignis in seinem persönlichen Leben sein Ende finden. Am 26. Dezember 1908 verheiratete er sich mit   E v a   W a g n e r,   der jüngsten Tochter des Meisters, und siedelte im Mai 1909 von Wien nach   B a y r e u t h   über, als ein neugewonnenes Glied der schon so lange von ihm verehrten Familie Wagner. Die Winter brachte er nun mit seiner Frau zusammen, in Begleitung von deren Mutter, Frau Kosima Wagner, bis zum Ausbruch des großen Krieges, regelmäßig an der italienischen Riviera zu. Ungefähr acht Monate aber pflegte alljährlich der Aufenthalt in Bayreuth zu dauern.
    Nach Veröffentlichung des Kantbuches kehrte Chamberlain wieder zu seinen Goethestudien zurück und konnte endlich, als Frucht derselben, im Herbst 1912 seinen   „G o e t h e“   erscheinen lassen, das geistvollste Buch, das über den großen deutschen Dichter bisher überhaupt erschienen ist.
    Die gleich darauf unternommene Arbeit zu einer lange geplanten „Einführung in die Kenntnis der Natur“ wurde durch das innere Drängen nach Ausführung eines Buches religiösen Inhalts abgebrochen. Die Weiterförderung dieses letzteren ist durch den Krieg und durch Krankheit verhindert worden. Daß der Krieg bei Chamberlain eine ganz andersartige Arbeit erwachsen ließ, ist allbekannt. Der schändliche Überfall des deutschen Volkes durch eine ungeheuere Koalition, an Zahl ihm weit überlegener Völker, unter Führung von England, rief bei dem Engländer Chamberlain die heftigste Empörung hervor. In einer



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ganzen Reihe hinreißend geschriebener „Kriegsaufsätze“ trat er mit flammenden Worten und tiefbringenden Ausführungen für Deutschland und das deutsche Volk in die Schranken. Er hat sich damit für immer von dem Lande seiner Geburt und seiner nächsten Verwandten geschieden, dafür im Herzen des deutschen Volkes sich einen Platz erobert, wie er schöner wohl kaum gedacht werden kann. Unauslöschliche Liebe und begeisterte Verehrung sind der Dank, den alle wahrhaft vaterländisch gesinnten Glieder des deutschen Volkes ihm schulden und ihm auch allezeit treu bewahren werden.
    Von den mächtig wirkenden Büchern und Aufsätzen Chamberlains aus den Kriegsjahren ¹) hebe ich nur einige besonders hervor, mit denen er das politische Gebiet sehr eindrucksvoll betreten hat.
    In dem Buche „Politische Ideale“ ²) greift Chamberlain in bahnbrechender Weise mit vernichtenden Schlägen jenes allzuviel und geradezu sinnlos gefeierte politische Ideal an, das aus der fran-
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     ¹) Außer den im Text erwähnten Veröffentlichungen verzeichne ich hier:   K r i e g s a u f s ä t z e   (Deutsche Friedensliebe; Deutsche Freiheit; Deutsche Sprache; Deutschland als führender Weltstaat; England; Deutschland), München 1914, F. Bruckmann A.-G.;   N e u e   K r i e g s a u f s ä t z e   (Grundstimmungen in England und in Frankreich; Wer hat den Krieg verschuldet? Deutscher Friede), München 1915, F. Bruckmann A.-G.;   I d e a l   u n d   M a c h t,   München 1916, F. Bruckmann A.-G.;   H a m m e r   u n d   A m b o s,   München 1916, F. Bruckmann A.-G. *)
    ²)
München 1915, F. Bruckmann A.-G.
    *) The copy I have is named „Hammer oder Amboß“.



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zösischen Revolution herstammt und noch heute ein völlig unverdientes Ansehen genießt, ja geradezu die Welt beherrscht und im höchsten Grade schädlich und verwirrend wirkt: Liberté, Egalité, Fraternité — Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! — Chamberlain zeigt, daß alle drei Teile dieses Ideals, wie die Tatsachen deutlich genug bewiesen haben, nichts sind als große Lügen und Phrasen der schlimmsten Art. Freiheit ist eine hohe und heilige Sache, aber nicht so wie die französische Revolution dies Wort verstand und wie ihre Verehrer und Nachbeter es heute noch verstehen und in die Tat umsetzen. Freiheit Gleichheit, Brüderlichkeit im Sinne der französischen Revolution bedeutet, wie Chamberlain überzeugend nachweist, nichts andres als „nicht gehorchen, nicht verehren, nicht lieben“. Dies falsche Ideal hat katastrophale Folgen gehabt. Wo es tatsächlich herrscht, von Frankreich angefangen, da ist überall eine schamlose Plutokratie die notwendige Folge gewesen. Wir Deutsche wollen und brauchen ein völlig andres politisches Ideal, und zwar eines, das auch den andern Völkern Heil bringen könnte, wenn sie es fassen und festhalten würden. Es besteht in der aufopfernden Unterordnung des Einzelnen unter das Ganze des Staates. Wir bedürfen einer neuen politischen Organisation, auf unbedingt sittlicher Grundlage, mit bewußt planvollem Aufbau, wie ihn schon Kant gefordert hat und wie ihn Chamberlain als wissenschaftlich-organischen Aufbau näher bestimmt. Wirklich fertig steht ein solcher Bau erst im herrlichen deutschen Heere vor uns. In ent-



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sprechender Weise wird der ganze Bau des Staates erneuert werden müssen, — organisch und zugleich mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, wie es dem deutschen Wesen entspricht, auf der wohlerprobten und für uns einzig möglichen monarchischen Einrichtung fußend.
    In dem damit verwandten Buche Chamberlains   „D e m o k r a t i e   u n d   F r e i h e i t“   ¹) wird die vielgepriesene „Demokratie“, nicht am wenigsten diejenige von Nordamerika, die in Wahrheit vollendete Plutokratie und ärgste Knechtschaft bedeutet, gebührend an den Pranger gestellt. Die ebensoviel gepriesene englische „Freiheit“ wird in ihrer ganzen nackten Brutalität aufgedeckt und ihr die deutsche „Freiheit“ gegenübergestellt, die allein wirklich Freiheit genannt zu werden verdient und die Achtung der Freiheit des Anderen in sich schließt. Deutschland, das Land Luthers und Kants, ist die eigentliche Heimat, der Hort, ja auf der ganzen Welt der einzige Hort echter Freiheit, die allein auf Selbstbeherrschung und Pflichtbewußtsein, auf echter Sittlichkeit ruhen kann, und von pflichtbewußten Persönlichkeiten getragen, vertreten und verwirklicht werden muß. Auch englische Denker haben das erkannt, ehrliche und tiefe Denker. Ein John Stuart Mill bezeugt, nur in Deutschland verstehe man, was Freiheit des Geistes ist. Und Carlyle spricht ganz im deutschen Geiste das tiefe Wort: „Gehorsam macht frei.“ Die Deutschen aber sind nach Fichtes Aus-
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    ¹) München 1917, Hugo Bruckmann.



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spruch „dazu auserlesen, erst freie Persönlichkeiten zu werden und dann — als solche — das vollkommene Reich zu errichten“, d. h. das Reich der echten Freiheit zu erbauen.
    In seinen Büchern „Politische Ideale“ und „Demokratie und Freiheit“ hat Chamberlain in Wahrheit die tiefste und letzte Frage nach den Ursachen des Weltkrieges zum ersten Male aufgedeckt und hell beleuchtet. An diese Gedanken schließt sich der Aufsatz über „Deutsche Weltanschauung“ ¹) an. Den deutschen Begriff der Freiheit will Chamberlain hier geradezu als den Mittelpunkt der deutschen Weltanschauung hingestellt wissen. Er hat mit dem Freiheitsbegriff der Engländer wie der Franzosen so gut wie nichts gemein. Das Wesen des letzteren ist Willkür, während man in Deutschland vielmehr in der Willkür das Gegenteil von Freiheit, ja die Vernichterin der Freiheit erkennt. Für den Deutschen ist Freiheit etwas Hohes und Heiliges. Chamberlain hebt neben verwandten, tiefsinnigen Aussprüchen Schillers und Wagners einen Ausspruch Hamanns hervor: „Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit; und die Wahrheit macht uns frei.“ Dieses Wort ist aus einem Worte des Paulus und einem Worte Christi zusammengeschmolzen. ²) Wenn dasselbe nach Chamberlain als bezeichnend für die deutsche Welt-
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    ¹) In der Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung“, Heft 1, April 1917.
    ²) Es heißt bei Paulus, 2. Cor. 3, 17: „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Christus aber spricht Ev.




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anschauung gelten darf, dann können wir weiter den erfreulichen Schluß daraus ziehen, daß deutsche und christliche Weltanschauung nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern auf das Schönste zusammenstimmen.
    Noch unmittelbarer in die Kriegsstimmung hinein, wundervoll stärkend und erhebend, wirkten die tiefen und schönen Aufsätze   „D i e   Z u v e r s i c h t“ ¹)   und   „D e r   W i l l e   z u m   S i e g“. ²)   Von dem letzteren soll Kaiser Wilhelm II. geäußert haben: „Das rechte Wort zur rechten Zeit.“
    In Würdigung der Verdienste Chamberlains als Mitkämpfer in dem gewaltigen Ringen hat der Deutsche Kaiser ihn schon am 24. April 1915 durch Verleihung des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet.
    Am ersten Mai 1916 bezog Chamberlain mit seiner Frau ein eigenes Haus in Bayreuth. Im August 1916 erwarb er die Einbürgerung als deutscher Staatsangehöriger. Nun ist er ganz Einer der Unseren geworben! Wir aber sind stolz und glücklich, daß er es ist.
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Johannis 8, 31 und 32: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger; und werdet die Wahrheit erkennen,   u n d   d i e   W a h r h e i t   w i r d   e u c h   f r e i   m a c h e n.“
    ¹) Unterhaltungsbeilage der „Täglichen Rundschau“, 9. Juli 1915; dann München, F. Bruckmann A.-G.
    ²) München 1918, bei Hugo Bruckmann.


Ornament



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Ornament Eichen


Schlußwort.

Ornament Es
war im Spätsommer des soeben erwähnten Jahres 1916, des Jahres seiner Aufnahme in den deutschen Untertanverband, also der ab schließenden Deutschwerdung, daß ich Chamberlain zum letzten Male sehen und sprechen konnte. Er weilte während des August und September mit seiner Gemahlin in Bad Gastein, um in dem berühmten Wildbachwasser Heilung und Kräftigung seiner schwer angegriffenen Gesundheit zu suchen. Dorthin eilte auch ich und durfte mich während zweier Wochen des Zusammenseins mit dem verehrten Freunde und seiner Frau Gemahlin erfreuen. Chamberlain wohnte in Gastein im „Kaiserhof“, an der Kaiserpromenade, unweit des ehernen Standbildes Kaiser Wilhelms I., des Herrschers, zu dem er auch heute noch voll Ehrfurcht aufschaut und der bekanntlich oftmals selbst zur Stärkung seiner Gesundheit in Bad Gastein weilte, wo — wie Uhland von dem schwäbischen Wildbad singt — „sich jeder greise Mann, vom Feinde ungefährdet, im Bade jüngen kann“.
    Chamberlain kam von der aufreibenden Arbeit an den „Kriegsaufsätzen“ und suchte Ruhe und Erholung. Dementsprechend war die Politik aus

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unseren Gesprächen verbannt. Er las mit seiner Gemahlin zusammen Goethes Briefe in der Weimarer Ausgabe und Rousseaus Bekenntnisse. Ich bat ihn, aus dem eigenen Leben zu erzählen, und suchte ihn zu veranlassen, die Erinnerungen seines so überaus reichen Lebens auch schriftlich zu gestalten, — nicht ganz ohne Erfolg, wie ich hoffen darf. Chamberlain erzählte mir aus seiner Knabenzeit, — jener Zeit,
aus welcher das wundervolle Bild stammt, auf dem er mit großen Augen sinnend in die Welt hinaus schaut, eine noch ungeborene Welt der Gedanken in sich tragend; jener Zeit, in welcher er Deutschland und deutsches Wesen zuerst freudig staunend kennen lernte und begeistert zu dem Lehrer sagte, er wolle gern seinen linken Arm hergeben, wenn er als Deutscher geboren sein könnte. Er wies mir auf unseren Spaziergängen das obere Kötschachtal, in welchem er einst als noch wenig bekannter, stilllebender Mann den ersten entwurf zu seinen „Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ aufgezeichnet, in deren kühner, großartiger Anlage sich etwas von der erhabenen Bergwelt widerzuspiegeln scheint, die den einsam Schaffenden damals umgab. Einst der tumbe Knabe, der das köstlich knabenhafte und zugleich schon heldenhaft kühne Wort von dem Opfer seines linken Armes ausspricht, — des linken Armes, den er doch zum Turnen und Fechten, zum Rudern und Schwimmen, zum Reiten und Ballspielen fast ebenso nötig hat wie den rechten, — nur zum Lesen und Schreiben nicht, dem Elemente, das er schon damals wohl als das ihm vor-



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züglich bestimmte vorausempfand. Dann der stolze, kühne, ganz auf sich selbst gestellte Denker, der bewußt und groß die eigenen Bahnen wandelt, der
die Jahrhunderte an seinem Geiste vorüberziehen läßt, die Völker bis in das Innerste ihres Wesens und Charakters, ihres Schaffens und Arbeitens prüft und das Hohelied von den Germanen singt, um endlich unter all den germanischen Völkern das eine immer wieder und wieder in begeisterten Worten hervorzuheben, dessen große, alles überragende Geisteshelden ihm die Gewißheit geben, dieses Volk sei zum Führer der Menschheit bestimmt. Ein Prophet des Deutschtums! Endlich der zum Deutschen gewordene gereifte Mann, — auf der Höhe des Lebens, auf der Höhe des Ruhms, auf der Höhe seines Wirkens stehend, in flammender Entrüstung das Schwert gegen die Feinde des Deutschtums schwingend. Von allen Seiten angefeindet, mißverstanden, geschmäht und verleumdet, — aber auch verstanden, tief verstanden, geliebt und verehrt wie nur wenige andere.
    Seltsam! Er hat ihn wirklich verloren, seinen linken Arm, — so gut wie verloren. Er ist ihm schwach und lahm geworden, — fast unbrauchbar. Ich war erschreckt, wie ich auf einem Spaziergange in Gastein, auf der Höhe der Helenenburg, wahrnahm, wie Chamberlain sich vergeblich damit abquälte, seinen Überzieher anzuziehen. Ich mußte ihm beispringen, er konnte es ohne Hilfe nicht zustandebringen. Sieht es nicht fast so aus, als habe eine höhere, ernst waltende Macht den begeisterten Knaben



Houston Stewart Chamberlain

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beim Worte genommen, als er zu jenem Opfer sich bereit erklärte?
    Was im Innern dieses Sohnes der britischen Insel sich abgespielt hat in den fast vollen fünf Jahrzehnten, die zwischen seinem Eintritt auf deutschen Boden und dem heurigen Sommer liegen (1870—1918), das ist eine Entwicklung von weltgeschichtlicher Bedeutung, — von dem Tage, da er jenes Wort von dem Opfer des linken Armes gesprochen, bis zu dem Tage, da er mit aller Kraft und Klarheit an die Wand des ungeheuren babylonischen Palastes, den die angelsächsischen Völker in ihrem Dünkel als Weltherrschaftszeichen, mit Hilfe der Mächte des Mammons und der Lüge, sich aufgerichtet, mit Flammenschrift die Worte schrieb: Mene, mene, tekel, upharsin! Gezählt, gezählt, gewogen und zu leicht befunden!
    An der Grenze eines neuen Zeitalters steht er da, — als Denker rückschauend, als Prophet vorschauend, in einen strahlenden Morgen hinein, der nach seinem Glauben den Deutschen als den Streitern Gottes gehört und gebührt.
    Es liegt eine herbe Tragik in dem Geschicke des Mannes, des leidenschaftlich kämpfenden, und doch so zart besaiteten, so sein empfindenden Mannes, wenn nächste, liebste Verwandte ob Solcher Stellungnahme für immer sich feindlich von ihm abwenden. So schmerzlich das ist, wir begreifen es und wagen es nicht, sie deswegen zu verurteilen. Es ist die Tragik, die ein weltgeschichtlicher Held auf sich nehmen muß, der das Alte in den Staub wirft und



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neue Bahnen bricht. Unbegreiflich aber und schmachvoll müssen wir es nennen, wenn Deutsche, die noch Deutsche sein wollen, ihn deswegen schmähen und verlästern, weil er zum Deutschen geworden und in dem großen weltgeschichtlichen Kampfe, in dem wir mitten inne stehen, sich ganz für Deutschland und gegen England erklärt hat.
    Wie wenig haben doch jene Deutsche, die aus verschiedenen Gründen Chamberlain feindlich, ihn einen „Renegaten“, einen Verräter an seinem Vaterlande England nennen, ¹) — wie wenig haben doch solche Deutsche Chamberlains hohen und edlen Geist, die Tiefe seines Denkens, die Reinheit seines Wollens begriffen! wie wenig vermögen sie die Größe der weltgeschichtlichen Wende zu fassen, die dieser Mann als ein geistiger Heros in seiner Person verkörpert!

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    Als ich Gastein verließ, teilte mir Chamberlain mit, daß er von dort nach München zu reisen gedenke, wo er mit dem Verleger J. F. Lehmann zu verhandeln habe. Wie bald darauf zutage trat, handelte es sich dabei um die Begründung der nun bald ihren zweiten Jahrgang vollendenden Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“, an welcher H. St. Chamberlain als führender Geist mitarbeitet.
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    ¹) Vgl. den trefflichen Aufsatz von   H u g o   E r d m a n n:   Der „Renegat“ Chamberlain, in der Monatsschrift „Neues Leben“, 12. Jahrg., Zehntes Heft, Ostermond 1918 (S. 146, 147).



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    Schon zu Anfang des Jahres 1916 war Herr Dr. Erich Kühn an Chamberlain mit der Bitte herangetreten, er möge angesichts der vielen völkischen Nöte, die im Kriege auch in weiteren Kreisen schon erkannt würden, einen geistigen Mittelpunkt schaffen, von dem aus alle Erneuerungsbestrebungen, die sich in Deutschland zu regen begannen, zusammengefaßt und nach einem tief begründeten Plane einheitlich geleitet werden könnten. Chamberlain ging mit der ihm eigenen Begeisterungsfähigkeit auf diese Anregung ein und bat Dr. Kühn zu einer Besprechung nach Bayreuth. In der dort erfolgenden Aussprache kam der ersehnte Mittelpunkt tatsächlich zustande und fand in der Begründung der großen Zeitschrift „Deutschlands Erneuerung“ seinen Ausdruck, die schon am 1. April 1917 ihr erstes Heft versenden konnte, das mit einem Aufsatze von Chamberlain „Deutsche Weltanschauung“ eröffnet wurde.
    Bei jener Unterredung in Bayreuth ließ sich Chamberlain zunächst von Dr. Kühn dessen Pläne vortragen, die darauf hinausliefen, von den führenden Geistern Deutschlands die gedanklichen Grundlagen für einen geistigen, rassehygienischen, wirtschaftlichen und politischen Neubau schaffen zu lassen und die auf solche Weise gewonnenen Gedanken nach Möglichkeit in den maßgebenden Kreisen zu verbreiten. Chamberlain vertiefte diesen Plan, indem er betonte, daß der Hauptwert unbedingt auf die   i n n e r e,   s i t t l i c h e   E r n e u e r u n g   zu legen wäre und daß, um diese herbeizuführen, alle Kräfte und Mächte zusammengefaßt werden müßten. Es gälte,



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zunächst in den führenden Schichten des Volkes eine   v e r e d e l t e,   h e l d i s c h e   L e b e n s a u f f a s s u n g   vorzubereiten. Bezüglich der praktischen Frage der Durchführung dieses Planes hielt er die Form einer Monatsschrift für die am besten geeignete. Mit richtigem Blick erkannte Chamberlain ferner, daß sehr viel, wenn nicht Alles, von der Persönlichkeit des Verlegers abhänge, da dieser in hohem Maße Überzeugungstreue, Mut, völkisches Zielbewußtsein und sachliche Erfahrung vereinigen müsse. Er schickte daher, nach Feststellung der Grundzüge des Planes, Herrn Dr. Erich Kühn zu Herrn Verlagsbuchhändler J. F. Lehmann in München, um diesem die Sache vorzulegen. Er hatte die rechte Wahl getroffen. Gleich Chamberlain selbst griff J. F. Lehmann die gebotene Anregung mit ganzer Kraft auf und betrieb im Verein mit Gesinnungsfreunden die umfassenden Vorarbeiten so energisch, daß der Plan bald greifbare Gestalt gewann und die Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung“ ins Leben treten konnte. Heute hat sie sich bereits zur führenden nationalen Zeitschrift emporgeschwungen.
    Ich möchte diesen Vorgang symbolisch fassen:   D e r   e n d g ü l t i g   z u m   D e u t s c h e n   g e w o r d e n e   C h a m b e r l a i n   a r b e i t e t   a n   d e r   E r n e u e r u n g   D e u t s c h l a n d s.
    Blicken wir zurück auf den Inhalt des hier vorliegenden bescheidenen Büchleins, so werden wir ihn kurz in den Worten zusammenfassen dürfen:   W i e   C h a m b e r l a i n   e i n   D e u t s c h e r   w u r d e, — und wie er ein deutscher Schriftsteller wurde. Wer dieses



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Büchlein aufmerksam gelesen hat, dem wird dieses Leitmotiv nicht entgangen sein. Es ist ein Gegenstand, der gerade jetzt es wohl verdiente, behandelt zu werden, und keiner weiteren Rechtfertigung bedarf. Ein Größeres aber hat der Verfasser seinen biographischen Nachfolgern noch fast unberührt oder doch nur leise angedeutet zu gründlicher Behandlung übrig gelassen: die Frage, wie Houston Stewart Chamberlain an der Erneuerung Deutschlands gearbeitet; wie er den schlummernden jungen Riesen zu wecken gesucht, wie er ihm die Augen geöffnet, ihm den Weg gewiesen hat. Schon jetzt könnte man Bände darüber schreiben; das wird sich aber mit der Zeit noch beständig steigern, da die Arbeit mitten im Flusse ist und die Wirkungen immer deutlicher zutage treten. Daran müßte sich aber endlich noch ein Drittes aufschließen: Wie Chamberlain durch die Erneuerung Deutschlands an der Erneuerung der Weltkultur arbeitet. Doch das ist Zukunftsmusik. Ein Gegenstand, den unsere Enkel und Urenkel behandeln sollen, für den aber jetzt die rechte Zeit noch nicht gekommen ist.
    W i e   C h a m b e r l a i n   e i n   D e u t s c h e r   w u r d e, — das sei als der eigentliche Gegenstand der vorliegenden Schrift festgestellt.
    Ich habe es nicht unternommen, dem hohen Fluge der Gedanken Chamberlains in seinen großen Werken zu folgen, sie auf Ihren Wert, ihre Leben weckende Kraft, ihre bleibende Bedeutung hin zu untersuchen und abzuschätzen. Eine fast unermeßliche Aufgabe. Die meinige war eine sehr viel begrenztere,



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sehr viel bescheidenere. Ich habe das Werden Chamberlains nur bis zu jenem Zeitpunkte zu verfolgen und zu schildern gesucht, wo er als der große deutsche Schriftsteller uns entgegentritt, — und auch das nur im kurzen Abriß. Das Weitere aber ist bloß angedeutet und sollte auch bloß angedeutet werden. Über die großen Werke Chamberlains ist jetzt schon unendlich viel geschrieben worden, von Freunden und Feinden, begeisterten Verehrern und erbitterten Gegnern, so daß sich schon ganze Bände damit anfüllen ließen. Es wird auch weiter noch unendlich viel darüber geschrieben und gestritten werden. In diesen Streit habe ich mich hier nicht hineingemengt, so klar auch im übrigen meine Stellung dem verehrten Manne gegenüber hervortritt. Ich habe nur zeigen wollen, wie dieser Mann   e i n   D e u t s c h e r   w u r d e! — wie dem elternlosen, fast heimatlosen englischen Knaben das deutsche Wesen in seiner ganzen Größe, Tiefe und Schlichtheit, seiner Tüchtigkeit und Gediegenheit, seiner überragenden geistigen und moralischen Bedeutung, mit der ganzen Kraft einer Offenbarung aufging, die zuerst überrascht, dann überwältigt, endlich den so Erfaßten für immer fesselt und in ihrem Bannkreise festhalt. Hohe, aber auch dunkle Ideale schlummerten in dem Geiste des träumenden, mit großen Augen weit in die Welt hinaus schauenden Knaben. In Frankreich und England, wo er bisher gelebt, war ihm nichts begegnet, was diesen Idealen entsprach, was das Dunkel gelichtet, den Schlummer in Wachen und Leben verwandelt hätte. Jetzt, da er den Boden



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Deutschlands betrat, ward es anders, — schon von Anfang an und immer weiter wachsend. In den großen deutschen Männern traten ihm verkörpert, lebendig wach, unverhüllt strahlend, die Ideale seines eigensten, tiefsten Innern entgegen, so daß er sie jauchzend, oder auch in ehrfürchtigem Schweigen verstummend, grüßen mußte: in der Erscheinung des deutschen Herrschers, in den Lehren des deutschen Schulmeisters, in den deutschen Dichtern und Denkern; in dem deutschen Schöpfer des Worttondramas, in den deutschen Tondichtern, in dem deutschen Staatsmann, dem deutschen Reformator. Erfüllung der Sehnsucht! und über die Erfüllung weit hinaus gehende Offenbarung eines Neuen, Großen, Unbekannten, dem gegenüber für ihn kein anderes Verhalten möglich war, als sich „in Dankbarkeit freiwillig hinzugeben“. In ergreifenden Worten sagt er es uns selbst und läßt uns so sein Deutschwerden begreifen, als eine durchaus organische, unaufhaltsam notwendige Entwicklung, ein Neuwerden aus dem tiefsten, innersten Kern seines eigenen Wesens heraus, unter dem Wunder wirkenden Einfluß der großen deutschen Männer, — eine geistige Neugeburt seltenster und auserlesenster Art. Ein organisches Wachstum, das von den weltgeschichtlich bedeutsamen Emser Tagen bis in die Gegenwart hin reicht.
    Er gedenkt der fast erschreckenden Strenge und Trauer, die auf den Zügen und in den Augen Wilhelms I. lag, als er 1870 von Ems aus in den Krieg fuhr — ein Anblick, der auf den tumben



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englischen Knaben „Wie eine erste, damals noch unverstandene, nur in Ergriffenheit geahnte Offenbarung des deutschen Wesens wirkte“. Und er erkennt dann später den gleichen sittlichen Ernst auf dem Antlitz der großen deutschen Staatsmänner, eines Freiherrn vom Stein, eines Wilhelm von Humboldt, eines Bismarck. Er erkennt den festen sittlichen Untergrund, auf dem die großen deutschen Schlachtenlenker stehen, von Friedrich dem Einzigen bis auf Moltke und Hindenburg; ¹) und die großartige Schule des Deutschtums, der strengen Pflichterfüllung und Stählung des Charakters, die im Heerwesen liegt, wie es die Deutschen sich selbst geschaffen haben. Er lernt durch seinen trefflichen deutschen Lehrer den großen Lehrer aller Deutschen im Ideal, Friedrich Schiller, kennen, den er in späteren Jahren fast mehr noch wegen seiner wunderbaren „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ verehrt, als wegen seiner dramatischen Dichtungen, wie hoch diese letzteren auch stehen, wie mächtig sie wirken. Er erkennt, warum dieser Mann, trotz einiger Unzulänglichkeiten als schaffender Dichter, dennoch unverrückbar fest für immer dasteht, als der große Erzieher seines Volkes, der Bildner der Jugend, die ihm immer wieder in begeistertem Verständnis zujubelt. ²) Er erkennt, daß dies in der Reinheit und Hoheit seines   W i l l e n s   liegt, mit
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    ¹) Vgl. Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 183, 184 (in dem Aufsatz „Gipfel der Menschheit“).
    ²) Vgl. Chamberlain, Schiller als Lehrer im Ideal, in dem Bande „Deutsches Wesen“, S. 105—112.




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dem Schiller auch Goethe weit hinter sich läßt und machtvoll, unaufhörlich fortwirkt und fortarbeitet an der moralischen Läuterung, der Erhöhung und Stärkung des auf die höchsten Ziele gerichteten Willens seines Volkes. Er taucht unter in dem unermeßlichen, unergründlichen, kristallklaren Meere der Gedanken und Empfindungen Goethes, mit dem er einen festen Bund für das ganze Leben geschlossen hat; zu dem er immer wieder staunend aufschaut, immer neue, höchste Offenbarungen seinen Worten entnehmend, gar oft auch dort, wo andere sie kaum bemerken. Und er faßt endlich all sein Denken, seine mit tiefster Einsicht engstens verbundene gläubige Verehrung des größten deutschen Dichters in einem Werke zusammen, das selber an Offenbarungen über diesen unvergleichlichen Genius überreich, unüberboten und unüberbietbar dasteht. Er begreift so tief, wie kaum ein anderer, was diese beiden großen Deutschen, Goethe und Schiller, einander waren, nachdem sie endlich, nach jahrelangem Suchen und gegenseitigem Verkennen, sich dennoch verstanden, sich gefunden und verbunden hatten, zu einem unvergleichlichen Freundschaftsverhältnis, das sie beide mächtig fördern sollte und zugleich vielleicht das schönste und erhebendste Geschenk war, das sie ihrem Volke als heiliges Erbe hinterlassen konnten. ¹) Denn daß das deutsche Volk diese seine beiden größten Dichter nicht nur beide besitzt, sondern daß es sie
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    ¹) Vgl. Chamberlain, „Einführung in den Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe“, in dem Buche „Deutsches Wesen“, S. 72—97.



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auch, trotz größter Verschiedenheit, nicht feindlich gegeneinander streitend, sondern in tiefem gegenseitigem Verständnis, zu untrennbarem, wahrhaft idealem Geistesbunde fest zusammengeschlossen vor sich sieht, das ist an sich ein Besitz von unvergänglichem Werte, ein Beispiel, ein erhabenes Vorbild von ganz unvergleichlicher Bedeutung und Wirkung.
    Aber Chamberlain ersparte sich auch nicht die unendlich viel schwierigere Arbeit, sich in die ebenso tiefgründigen, wie schwerflüssigen und einem Ausländer wohl doppelt schwer verständlichen Werke Immanuel Kants hinein zu arbeiten, sie immer und immer wieder durchzuarbeiten, samt der ganzen großen und ebenfalls nicht leichten, zu ihrem Verständnis notwendigen Hilfsliteratur. Aber er hat es mit heroischer Kraft gezwungen und hat sich diesen größten Denker der Deutschen, diesen größten Denker der Neuzeit so ganz angeeignet, wie sich dessen wohl nur sehr wenige Deutsche rühmen können. Und er hat die fast Wunderbare Leistung vollbracht, durch sein großes Werk über Immanuel Kant in unserem unphilosophischen Zeitalter so weite Kreise für diesen schwer zu erfassenden Denker zu interessieren, die Beschäftigung mit ihm und das Verständnis für seine einzigartige Bedeutung so kraftvoll und so nachhaltig zu wecken, wie man dies kaum für möglich hätte halten sollen. Wenn jetzt mehr und mehr die Überzeugung Raum gewinnt, daß wir unsere werdende Weltanschauung nur auf dem festen Grunde der großen philosophischen Erkenntnisse Kants aufbauen können und sollen, dann ist dies nicht zum



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kleinsten Teile das Verdienst Chamberlains. Und wie fremd und seltsam dies auch manchem noch heute erscheinen mag, so muß es dennoch gesagt sein, daß uns Chamberlain dadurch um ein gutes Stück auch dem großen Ziele der Erneuerung unserer Religion näher gebracht hat. Ein Verdienst, das ich zum höchsten rechne, wodurch sich dieser Mann ein Anrecht auf unseren dauernden Dank und unsere Verehrung erworben hat.
    Mit keinem der großen Deutschen aber ist Chamberlain durch sein ganzes Leben und bis in das innerste Mark seines Wesens hinein so eng verbunden, ja so unauflöslich verwachsen, wie mit Richard Wagner, dem Worttondichter, dem Schöpfer des großen, eigentlich deutschen und allein deutschen Dramas, des Kunstwerks von Bayreuth; — seit dem Sonnentage, da der vierzehnjährige knabe bei der Fahrt über den Vierwaldstättersee das Haus des Meisters in Triebschen zu Gesicht bekam und zum erstenmal seinen Namen hörte, bis zum gegenwärtigen Augenblicke, wo er als berufenster Ritter des heiligen Grales, als geweihter Kämpfer für alles, was recht und heilig, für alles, was deutsch ist, als Gemahl der Tochter des Meisters in dessen Wahnfried sein Heim und sein Glück gefunden hat.
    Sein erster stammelnder Versuch als deutscher Schriftsteller, aus tiefster Ergriffenheit herausgeboren, zum Drucke bestimmt, aber ungedruckt geblieben, war dem Kunstwerk des Meisters gewidmet, das wie eine Offenbarung in sein Leben getreten war. Er sprach dann davon in französischer Sprache, die



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er damals noch besser beherrschte als das Deutsche, fand sich aber bald in das Deutsche hinein und wurde recht eigentlich an Wagner und seinem Werke zum deutschen Schriftsteller. Er klärte die Deutschen über das innerste Wesen Richard Wagners, ihres großen dramatischen Neuschöpfers, auf; er schenkte ihnen das geistvollste Buch über den Meister und sein Werk; er war und blieb der kühnste, tiefste und erfolgreichste Streiter für die Sache von Bayreuth, der so viele der Edelsten Deutschlands willig dienen. Er wies uns die an das Wunderbare grenzende Höhe, auf der Richard Wagner als der größte künstlerische Genius des 19. Jahrhunderts, einzig und unerreichbar, dasteht.
    Aber er verstand in seinem tiefsten Wesen nicht minder den so ganz andersartigen, ebenso großen Zeitgenossen Wagners, der das Deutsche Reich, die deutsche Einheit geschmiedet: den Einsamen in dem Sachsenwalde, der auch vorher schon, mitten im Getriebe der Welt, mitten in der heißesten Arbeit, umgeben von unzähligen Menschen, einsam war und einsam sein mußte, um seiner unvergleichlichen Größe willen, die keiner noch zu fassen vermochte. Er zeichnet ihn uns als „Bismarck den Deutschen“, der überall das einzig echt Deutsche vertrat, der   „v o n   a l l e n   D e u t s c h e n   d e r   d e u t s c h e s t e   w a r“,   den Gründer des Reiches, den Schöpfer der sozialen Gesetzgebung, — einen überragend großen „Gipfel der Menschheit“. ¹)
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    ¹) Vgl. Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 34—41; 179 ff. Deutsche Weihnacht, eine Liebesgabe deutscher Hochschüler,



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    Ergreifend und erhebend zugleich ist es, wie Chamberlain in tiefster Ehrfurcht von dem greisen Kaiser Wilhelm I. redet, dessen unerschütterliches Vertrauen, dessen echt deutsche Treue Bismarcks unvergleichliche Leistung erst möglich machte. Wir haben schon hinreichende Proben seines tiefen, von ehrfürchtiger Liebe beherrschten und erfüllten Verständnisses für die Eigenart Wilhelms I. geboten; Chamberlain hat aber auch das Große in seinem Enkel erkannt, in Wilhelm II., dem ersten deutschen Kaiser. Er versteht ihn in seinem zum Überschwänglichen geneigten Charakter, den das Erlebnis großer Ereignisse zügelt. Er versteht ihn in seiner streng rechtgläubigen, kirchlich-religiösen Stellung, so weit diese auch von Chamberlains eigener Stellung in religiösen und kirchlichen Fragen abweicht. Er versteht und preist ihn wegen seiner einzig richtigen und zeitgemäßen Erkenntnis von der Bedeutung und unabweislichen Notwendigkeit einer großen deutschen Flotte und seiner zähen, zielbewußten, alle Hindernisse überwindenden Arbeit, eine solche Flotte tatsächlich zu schaffen. Er versteht ihn auch in seinem, gleich beim Regierungsantritt kühn in Angriff genommenen Versuch, das deutsche Schulwesen von Grund aus neu zu gestalten und die deutsche Sprache zum Mittelpunkte des Unterrichtes zu machen. Und wenn der Kaiser bei dieser Gelegenheit ausruft: „Wir sollen Deutsche erziehen, und nicht Griechen und Römer!“ — so findet solche Gesinnung bei
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S. 33 ff. mit dem von Franz Staßen gezeichneten Bilde von Bismarck auf der ersten Seite des Aufsatzes „Gipfel der menschheit“.



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Chamberlain den kräftigsten und verständnisvollsten Widerhall. Muß der Kaiser auch, trotz seiner überragenden Machtstellung, in diesem wahrhaft heroischen Kampfe zunächst dem zahllosen Heere der Gegner nachgeben, der Sieg seines großen und reinen Gedankens erscheint für die Zukunft dennoch gesichert. ¹)
    Fast am wunderbarsten aber mutet es mich an, wie tief der geborene Engländer Chamberlain, der nicht rechtgläubige, nicht kirchliche, wenn auch echt religiöse Mann, den großen deutschen Reformator Luther versteht und in seiner überragenden, echt deutschen Eigenart würdigt; in dem herrlichen Aufsatz über ihn, der als ergänzender Abschnitt zu den Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts gedacht ist. ²) Er nennt Luther den größten Befreier, von dem überhaupt die Weltgeschichte zu melden weiß. Mit wundersamer Klarheit erkennt er die gewaltige Kluft, die bei diesem Mann zwischen angeborener Neigung des Gemütes und aufgedrungenem Geschick besteht; wie er zu allem, was er tut, durch eine höhere Macht, einen höheren Willen getrieben wird, dem er gehorchen muß. Luther selbst bezeugt es in ergreifenden Worten: „Ungern und wider mein Willen hab ich mich an den Tag geben; .... und nie nichts sehrer und mehrer begehrt und gewunscht, denn daß ich als ein begebener Mann in einem
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    ¹) Vgl. den Aufsatz „Kaiser Wilhelm II.“, Deutsches Wesen, S. 23—33; zuerst erschienen in der Münchener „Jugend“ vom 28. Mai 1900, Nr. 22
    ²) Vgl. Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 42—58.




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Winkel heimlich und unbekannt bleiben mocht.“ Aber: „Gott hat mich hinangeführet wie einen Gaul, dem die Augen geblendet sind, daß er die nicht sehe, so zu ihm zurennen.“ — Es ist Gottes Wille, dem er gehorchen muß, wie es sich vor allem in dem weltgeschichtlich) gewordenen Worte auf dem Reichstage zu Worms ausgeprägt hat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ — Ergreifend schildert uns Chamberlain den Gegensatz zwischen dem stillen, bescheidenen, fast ängstlichen Luther, wie er zuerst vor dem Kardinal Cajetan, dem päpstlichen Legaten, vor dem Kaiser und den Fürsten des Reiches sich verantworten soll; und der gewaltigen Heldengestalt, die sich Plötzlich, die Gegner erschreckend, emporreckt, als es gilt:   b e k e n n e n ! — bekennen und verteidigen, wozu das Gewissen ihn gebieterisch treibt, was er als Gottes heiligen Willen klar erkannt hat. Und gerade dieses scheinbare Doppelwesen in ihm, das doch in Wahrheit nur ein und dasselbe Wesen ist, — es ist   d e u t s c h e s   W e s e n !   echtestes, vorbildlich deutsches Wesen, wie es — Gott Lob und Dank — auch heute noch nicht ausgestorben ist, in seiner Schlichtheit und Demut ebenso, wie in seinem heiligen Eifer für die Wahrheit und seinem unerschütterlichen Kampfesmut für Gottes Sache. Es ist dasselbe deutsche Wesen, das Richard Wagner mit den Worten „innig und erhaben“ treffend gekennzeichnet hat.
    Den Deutschen die Augen zu öffnen für das Verständnis ihrer eigenen großen Männer, die das deutsche Wesen so ausgeprägt zeigen, wie es sein



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soll; — den Deutschen, — den Ariern, den Germanen, vor allem aber den Deutschen — ihre Stellung in der großen Entwicklungsgeschichte menschlicher Kultur anzuweisen; — die Deutschen gegen ihre Neider und Feinde zu verteidigen — das ist der große Inhalt von Chamberlains Leben, sein übermächtig erwachsener Lebenswille. Vor allem aber zuerst die Deutschen selbst zum Bewußtsein des unvergleichlichen Schatzes zu bringen, den sie in ihren großen Männern als Spiegel und Vorbild des eigenen Wesens besitzen, — das ist ihm die erste, nächstliegende Aufgabe, weil durch deren Erfüllung allein das große Ziel, die Erneuerung Deutschlands, erreicht werden kann; und dadurch weiter die Erneuerung der Welt. Eine solche Erneuerung, wie sie dem Willen Gottes gemäß ist.
    Auf das hohe Ziel einer neuen und höher gerichteten Weltkultur schaut er aus, wenn er das machtvolle Bekenntnis ablegt: „Keine Überzeugung hege ich fester und heiliger als die, daß die höhere Kultur der Menschheit an die Verbreitung der deutschen Sprache geknüpft ist.“ ¹)
    Zu ihren großen Männern sollen die Deutschen aufschauen, um immer mehr und immer reiner echte und rechte Deutsche zu werden: „Das, was wir mit Betonung   d a s   D e u t s c h e   zu nennen berechtigt sind, ist der herrlichste Besitz, den es für Menschen gibt und birgt die Fähigkeit zu ungeahnter Entwicklungsfülle.“ „Ein neues Kulturideal entsteht vor unseren Augen; es ist im Werden begriffen; wieder einmal
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    ¹) Vgl. Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 30.



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gewinnt Gottes schöpferischer Wille Gestalt; den Deutschen fällt die Pflicht anheim, seinen Willen zu vollbringen; ihre großen Männer gehen als Beispiele voran; von ihnen müssen sie lernen, bei ihnen in die Schule gehen; jeder ist fähig, wie im Heere, so auch im Leben seine Pflicht als Deutscher zu vollbringen.“ Aber da gilt es: „selbst im Herrschen zu dienen, selbst im Gebieten zu gehorchen, in Demut kraftbewußt.“ ¹)
    So Chamberlain, der große Führer und Lehrer der Deutschen, der Prophet des Deutschtums.
    Wir grüßen in Liebe und Verehrung den auf so durchaus organischem, natürlichem Wege, und dennoch wie durch ein Wunder Gottes zum Deutschen gewordenen Chamberlain. Wir hoffen auf die Erneuerung Deutschlands und durch sie auf eine Erneuerung der Welt. Wir glauben an das, was dazu die notwendige Vorbedingung ist: den Sieg Deutschlands über seine Feinde.
    Der Wille zum Sieg ist im deutschen Volke, abgesehen von den großen Heerführern, wohl durch niemand und nichts so mächtig geweckt und gestärkt worden, wie durch Chamberlain und seine Kriegsaufsätze. Er zeigt den Deutschen gewaltiger und überzeugender als jeder andere, daß es eine heilige Sache ist, für die sie in diesem Kriege, diesem großen Wendepunkt der Weltgeschichte, streiten; daß sie als Streiter Gottes diese Sache zum Siege führen müssen, zum Siege über die Mächte des Mammons und der Lüge, über alle Niedertracht der Welt.
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    ¹) Vgl. Chamberlain, Deutsches Wesen, S. 181, 184, 185.



114 SCHLUßWORT

    Die   Z u v e r s i c h t   auf solchen Ausgang des großen Völkerringens können wir aber nur dann haben und festhalten, wenn wir den bösen Geist nicht unter uns aufkommen lassen, der über unsere Feinde herrscht und sie zu ihrem schändlichen Mordwerke antreibt; wenn wir fort und fort ernstlich daran arbeiten, uns zu rechten Streitern Gottes zu machen, uns innerlich zu läutern, uns zu   e r n e u e r n.   Darum
bitten und beten wir mit. dem alten protestantischen Kirchenliede:

    Erneure mich, o ew'ges Licht,
    Und laß von deinem Angesicht
    Mein Herz und Seel' mit deinem Schein
    Durchleuchtet und erfüllet sein.

    Ertödt' in mir die schnöde Luft,
    Feg' aus den alten Sündenwust,
    Ach, rüft' mich aus mit Kraft und Mut,
    Zu streiten wider Fleisch und Blut.

    Schaff' in mir, Herr, den neuen Geist,
    Der dir mit Lust Gehorsam leist't,
    Und nichts sonst als, was du willst, will, —
    O Herr, mit ihm mein Herz erfüll'.

    Auf dich laß mein Sinnen gehn,
    Laß sie nach dem, was droben, stehn,
    Bis ich dich schau, o ew'ges Licht,
    Von Angesicht zu Angesicht.

*        *
*
    Wir grüßen den großen Denker, wir grüßen den Kämpfer, den Geisteshelden, wir grüßen den Deutschen Chamberlain!


 
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Letzte Änderung am 12. Juli 2011