Hereunder follows appendix 1 of Adolf von Harnack's Marcion: Das Evangelium vom fremden Gott, 2nd edition, published by J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, 1924. The first edition appeared in 1920.

Hieronder volgt bijlage 1 van Adolf von
Harnack's Marcion: Das Evangelium vom fremden Gott, 2e editie, uitgegeven door J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung, 1924. De 1e editie verscheen in 1920.



Inhaltsverzeichnis
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Vorworte
I
I. Einleitung 1
II. Marcions Leben und Wirksamkeit 21
III. Der Ausgangspunkt Marcions 30
IV. Der Kritiker und Restaurator. Die Bibel Marcions
35
V. Die „Antithesen“ Marcions 74
VI. Das Christentum Marcions und seine Verkündigung 93
VII. Die heilige Kirche der Erlösten und ihre Lebensordnung 143
VIII. Die Geschichte der Marcionitischen Kirche. 153
IX. Marcions geschichtliche Stellung und seine Bedeutung für die Entstehung der katholischen Kirche 196
X. Marcions Christentum kirchengeschichtlich und religionsphilosophisch beleuchtet 215



Beilagen
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I. Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions nach den ältesten Zeugnissen und späteren Angaben 3*
II. Cerdo und Marcion 31*
III. Das Apostolikon Marcions 40*
IV. Das Evangelium Marcions 177*
V. Die Antithesen Marcions (nach Zitaten und Referaten) 256*
VI. Die Überlieferung über die Lehre Marcions und über seine Kirche 314*
VII. Lukanus, der Schüler Marcions 401*
VIII. Apelles, der Schüler Marcions und Sektenstifter 404*
IX. Ein wahrscheinlich antimarcionitisches Fragment aus der Schrift Melitos von Sardes „Über die Taufe“ 421*
X. Inhaltsangabe und Fragmente der Schrift eines Patricianers (Neu-Marcioniten), gegen welche Augustin seinen Traktat „Contra adversarium legis et prophetarum“ (lib. II) gerichtet hat 424*
XI. Marcion in der Manichäischen Literatur genannt 434*
XII. Boussets Darstellung der Prinzipienlehre Marcions 436*
XIII. Zur Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments 441*

Register 445*

Berichtigungen und Nachträge 454*


1*


Beilagen

2*

Leere Seite

3*

Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions nach den ältesten Zeugnissen und späteren Angaben.

    Für eine Biographie Marcions fehlen die Unterlagen. Ob aus dem, was uns von seinem Wirken erhalten ist, Schlüsse auf seine Entwicklung gezogen werden können, muß die Untersuchung zeigen. Doch lassen sich wenigstens einige sichere Daten, die Zeit seiner Wirksamkeit und Persönliches betreffend, aus äußeren Zeugnissen feststellen. Diese habe ich (Die Chronologie der altchristlichen Literatur I, 1897, S. 297—311) eingehend untersucht. Indem ich hierauf verweise, nehme ich die Aufgabe noch einmal auf, die Untersuchung teils verkürzend, teils erweiternd.
    1. Das älteste Zeugnis, das des Polykarp, Bischofs von Smyrna ¹.
    Unter den großen Häretikern des 2. Jahrhunderts ist Marcion der Einzige, der sich nachweisbar mit einem hervorragenden
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    ¹ Baur, der die Pastoralbriefe gegen die Marcioniten geschrieben sein ließ, wollte in den „ἀντιθέσεις“ I Tim. 6, 20 f. das Hauptwerk Marcions erkennen (τὴν παραθήκην φύλαξον, ἐκτρεπόμενος τὰς βεβήλους κενοφωνίασ [καινοφωνίας nach Cod. G und wenigen griechischen Zeugen; aber „vocum novitates“ ist die nahezu einstimmige altlateinische Lesart] καὶ ἀντιθέσεις τῆς ψευδωνύμου γνώσεως, ἥν τινες ἐπαγγελόμενοι περὶ τὴν πίστιν ἠστόχησαν. Daß die Pastoralbriefe antimarcionitisch sind, ist längst widerlegt; aber I Tim. 6, 17—21 ist höchstwahrscheinlich ein Zusatz; er könnte antimarcionitisch sein und auf die „Antithesen“ anspielen. Allein Wenn ἀντιθέσεις auf den Buchtitel anspielen sollte, wäre es schwerlich mit κενοφωνίαι zu einem Ausdruck verbunden, und auch die unzutreffende Bezeichnung ἡ ψευδώνυμος γνῶσις für Marcions Lehre wäre in so früher Zeit befremdlich, da noch Irenäus und Tertullian scharf zwischen Gnostikern und Marcioniten unterscheiden. Es ist daher wahrscheinlich, daß das Zusammentreffen mit dem Titel des marcionitischen Hauptwerks zufällig ist; ein Rest von Unsicherheit bleibt nach, weil sich m. W.

4* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

Apostelschüler noch persönlich berührt hat; das ist für seine geschichtliche Stellung von Bedeutung ¹. Irenäus (III, 3. 4) berichtet; „Polykarp nahm unter Anicet einen Aufenthalt in Rom und führte (daselbst) viele von den vorhergenannten Häretikern (d. h. von den Valentinianern und Marcioniten) wieder in die Kirche Gottes zurück“ ². Hierauf erzählt er eine Anekdote von dem Zusammentreffen des Johannes mit Cerinth und fährt dann fort: „Polykarp erwiderte dem Marcion, als er ihm einmal unter die Augen kam und sagte: „Erkenne uns an“: „Ja, ich erkenne dich an — als den Erstgeborenen des Satan“ ³.
    Da Polykarp am 23. Febr. 155 den Märtyrertod erlitten hat 4, so steht nach diesem Zeugnis fest, daß es, als er kurz vorher in Rom war, damals schon eine zahlreiche marcionitische Gemeinde dort gegeben hat. Daß er aber in Rom persönlich mit Marcion zusammengetroffen ist, sagt Irenäus nicht, ja er scheint es auszuschließen, weil er den Bericht nicht mit Polykarps Marcioniten-Bekehrung
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ἀντιθέσεις im emphatischen Sinn weder in der philosophischen noch in der häretisch-christlichen Literatur außer bei Marcion findet. — Tertullian nennt adv. Marc. III, 8 die im Johannesbrief bekämpften Häretiker „praecoci et abortivi Marcionitae“.
    ¹ Die Basilidianer rühmten sich, daß ihr Stifter den Glaukias, „den Hermeneuten des Petrus“, zum Lehrer gehabt habe, die Valentinianer, daß Valentin ein Hörer des Theodas, „des Schülers des Paulus“, gewesen sei (Clemens, Strom. VII, 17, 106 f.); allein selbst wenn man die Zuverlässigkeit dieser Überlieferungen annimmt, sind sie für uns nahezu wertlos, da wir weder von Glaukias noch von Theodas etwas wissen.
    ² ῝Ος (scil. Πολύκαρπος) καὶ ἐπὶ ’Aνικήτου ἐπιδημήσας τῇ ‛Ρώμῃ πολλοὺς ἀπὸ τῶν προειρημένων αἱρετικῶν ἐπέστρεψεν εἰς τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ
    ³ Καὶ αὐτὸς δὲ ὁ Πολύκαρπος Μαρκίωνί ποτε εἰς ὄψιν αὐτῷ ἐλθόντι καὶ φήσωντι˙ ’Επιγίνωσκε ἡμᾶς, ἀπεκρίθη˙ ’Επιγινώσκω ἐπιγινώσκω δε τὸν πρωτότοκον τωῦ Σατανᾶ. Der Originaltext ist von Eusebius (IV, 14, 7, Nicephorus und dem Chron. pasch.) und dem Martyr. Polyc. (Recens. Mosq.) bezeugt. ’Επιγίνωσκε Codd. Euseb. BDM, Euseb. Syr., Rufin, Mart. Pol., Hieron. (de vir. ill. 17) > ἐπιγινώσκεις Codd. Euseb. ATER, Iren. Lat., Chron. pasch. —  σε Iren. Lat., Euseb. Syr., Chron. pasch. — Die Einleitung im Mart. Pol. Mosq. lautet: Συναντήσαντός ποτε τῷ ἁγίῳ Πολyκάρπῳ Μαρκίωνος, ἀφ’ οὗ οἱ λεγόμενοι Μαρκιωνισταί, καὶ εἰπόντος κτλ.
    4 S. Chronologie I S. 341—356; Zahn, Forschungen VI S. 94 f. — Anicet war wahrscheinlich der erste monarchische römische Bischof in strengem Sinn; er hat 11 Jahre regiert. 154 (155)—165 (166); s. Chronologie I

5* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

in Rom verbindet ¹. Die Begegnung wird also schon früher und in Asien stattgefunden haben. Wie die Worte lauten ², setzen sie voraus, daß schon früher Beziehungen zwischen beiden Männern stattgefunden haben und daß Marcion noch hoffte, die Anerkennung des maßgebenden kleinasiatischen Bischofs erlangen zu können ³.
    Die Nachricht über Polykarps antimarcionitisches Wirken in Rom kann Irenäus nur aus der Überlieferung der römischen Gemeinde bezogen haben, von der er auch sonst die wertvollsten Mitteilungen erhalten hat. Woher er den Bericht über die persönliche Begegnung Marcions mit Polykarp geschöpft hat, wissen wir nicht. Sie gehört vermutlich zu den kleinasiatischen Presbyter-Überlieferungen; vielleicht stammt sie von Papias 4.
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S. 158, 200 f. Daß Polykarp i. J. 154 nach Rom gereist ist, ist nicht gewiß; denn die Berechnung der Dauer des Episkopats Anicets ist zwar sehr alt, aber wohl nachträglich gemacht.
    ¹ Auch Hieronymus sagt nicht, daß Polykarp mit Marcion in Rom zusammengetroffen sei (gegen Harvey u. a.); sein Zeugnis wäre übrigens wertlos.
    ² Der Wechsel von ἡμᾶς und σέ ist vielleicht beachtenswert: Marcion wünscht die Anerkennung seiner Sekte, Polykarp verdammt in seiner Antwort den Marcion persönlich.
    ³ Nach ihren ursprünglichen Grundsätzen war es den Kirchen sehr schwer, Bekennern des Herrn Christus die brüderliche Gemeinschaft zu versagen. Es war daher einer der folgenschwersten Schritte in ihrer Entwicklung, als sie sich zu Exkommunikationen Christusgläubiger entschlossen (s. u.). — Die beißende Ironie in der Antwort Polykarps ist der in seiner Verhandlung vor dem Richter ähnlich. Der Richter sagt (Mart. Polyc. 9): „Sprich die Worte αἶρε τοὺς ἀθέους, Polykarp seufzt, blickt zum Himmel und spricht: αἶρε τοὺς ἀθέους, aber im entgegengesetzten Sinn.
    4 Mit Unrecht hat man in Polykarps Brief an die Gemeinde zu Philippi (c. 6 f.) eine Beziehung auf Marcion gefunden und deshalb den Brief entweder für unecht oder für interpoliert erklärt, da Marcion kein Häretiker der Zeit Trajans sein kann. Die Worte lauten: ....  ἀπεχόμενοι σκανδάλων καὶ τῶν ψευδαδέλφων καὶ τῶν ἐν ὑποκρίσει φερόντων τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου, οἵτινες ἀποπλανῶσι κενοὺς ἀνθρώπους. πᾶς γὰρ ὃς ἂν μὴ ὁμολογῇ ’Ιησοῦν Χριστὸν ἐν σαρκὶ ἐληλυθέναι, ἀντίχριστός ἐστιν˙ καὶ ὃς ἂν μὴ ὁμολογῇ τὸ μαρτύριον τοῦ σταυροῦ, ἐκ τοῦ διαβόλου ἐστιν˙ καὶ ὃς ἂν μεθοδεύῃ τὰ λόγια τοῦ κυρίου πρὸς τὰς ἰδίας ἐπιθυμίας καὶ λέγῃ μήτε ἀνάστασιν μήτε κρίσιν εἶναι, οὗτος πρωτότοκός ἐστι τοῦ σατανᾶ. διὸ ἀπολιπόντες τὴν ματαιότητα τῶν πολλῶν καὶ τὰς ψευδοδιδασκαλίας ἐπὶ τὸν ἐξ ἀρχῆς ἡμῖν παραδοθέντα λόγον ἐπιστρέψωμεν. Die Bezugnahme auf Marcion ist deshalb unwahrscheinlich, weil Polykarp hier Häretiker überhaupt, nicht

6* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

    2. Das Zeugnis Justins.
    In seiner nicht vor d. J. 150, aber sehr bald nachher — also ungefähr um die Zeit des Aufenthalts Polykarps in Rom — ebendort verfaßten Apologie ¹ hat Justin an zwei in ihrem Aufbau parallelen Stellen sehr wichtige Mitteilungen über Marcion gemacht. Nachdem er von dem verderblichen Wirken der bösen Dämonen im Heidentum gesprochen, fährt er fort (Apol. I. 26) ²:
    Μετὰ τὴν ἀνέλευσιν τοῦ Χριστοῦ ³ εἰς οὐρανὸν προεβάλλοντο οἱ δαίμονες ἀνθρώπους τινὰς λέγοντας. ἑαυτοὺς εἶναι θεούς, οἳ οὐ μόνον οὐκ ἐδιώχρησαν ὑφ’ ὑμῶν, ἀλλὰ καὶ τιμῶν κατηξιώθησαν 4. Σιμωνα μήν τινα Σαμαρέα..., Μένανδρον δέ τινα καὶ αὐτὸν Σαμαρέα..., Μαρκίωνα δέ τινα Ποντικόν, ὃς καὶ νῦν ἔτι ἐστὶ διδάσκων τοὺς πειθομένους ἄλλον τινὰ νομίζειν μείζονα τοῦ δημιουργοῦ θεόν˙ ὃς 5 κατὰ πᾶν γένος ἀνθρώπων διὰ τῆς τῶν δαιμόνων συλλήψεως πολλοὺς πεποίηκε 6

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aber eine bestimmte Gruppe im Auge hat, weil ferner der Doketismus und die Leugnung der Realität des Kreuzestodes, des Gerichts und der Auferstehung (des Fleisches) nicht spezifisch marcionitische Lehren sind — es fehlen die hauptlehren Marcions von den beiden Göttern und von der Verwerflichkeit des AT.s — und weil der Ausdruck πρωτότοκος τοῦ σατανᾶ (auf welchem der Beweis hauptsächlich auferbaut wird) hier keine spezifische Bedeutung hat, sondern nur ein Synonymum zu ἀντίχριστος und ἐκ τοῦ διαβόλου ist. Dazu kommt, daß der Ausdruck μεθοδεύῃ κτλ. Marcions eigentümliche kritische Behandlung des Evangeliums nicht trifft; Polykarp scheint vielmehr solche Häretiker im Auge zu haben, welche aus sittlicher Laxheit die Herrnworte so arglistig auslegen, daß sie die Auferstehung und das Gericht eskamotieren. Man muß daher annehmen, daß Polykarp den Ausdruck πρωτότοκος τοῦ σατανᾶ öfters, aber nicht ausschließlich von Marcion gebraucht hat.
    ¹ Vgl. Chronologie I S. 274 ff.; Zahn, Forschungen VI S. 8 ff. 364. Die Festlegung der ägyptischen Amtszeit des Präfekten L. Munatius Felix auf Grund zweier Papyri (Apol. I, 29; s. Papyr. Mus. Brit. nr. 338, dazu Kenyon, Academy 1896 p. 98, ferner The Oxyrhynchus Papyri, Part II nr. 237 p. 141 ff.) hat die Feststellung des Datums der Apologie bestätigt, bez. in noch engeren Grenzen bestimmt.
    ² Auch bei Eusebius, historia ecclesiastica II, 13, 3 und IV, 11, 9, 10. Eusebius hat (l. c. c. 8) den Schein nicht vermieden, als schöpfte er aus einer Schrift Justins gegen Marcion, von der er durch Irenäus wußte: ὁ ’Ιουστῖνος γράψας κατὰ Μαρκίωνος σύγγραμμα μνημονεύει ὡς καθ’ ὃν συνέταττε καιρὸν γνωριζομένου τῷ βίῳ τἀνδρός, φησὶν δὲ οὕτως.
    ³ ἀνάληψιν τοῦ κυρίου Eusebius.
    4 ἠξιώθησαν Eusebius.
    5 ὃς καὶ Eusebius.
    6 πέπεικε Eusebius.

7* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

βλασφημίας ¹ λέγειν καὶ ἀρνεῖσθαι τὸν πωιητὴν τοῦδε τοῦ παντός ², ἄλλων δέ τινα, ὡς ὄντα μείζονα, τὰ μείζονα ³ παρὰ τοῦτον ὁμολογεῖν πεποιηκέναι 4. καὶ 5 πάντες οἱ ἀπὸ τούτων ὁρμώμενοι Χριστιανοὶ καλοῦνται, ὃν τρόπον καὶ οὐ κοινῶν ὄντων δογμάτων τοῖς φιλοσόφοις τὸ ἐπικαλούμενον 6 ὄνομα τῆς φιλοσοφίας κοινόν ἐστιν 7 ... ἔστι δὲ ἡμῖν καὶ σύνταλμα κατὰ πασῶν τῶν γεγενημένων αἱρέσεων συντεταγμένον 8, ᾧ εἰ βούλεσθε ἐντυχεῖν, δώσομεν.
    Dasselbe wiederholt er Apol. I, 58. Nachdem auch hier Simon Magus und Menander vorher erwähnt und charakterisiert waren, fährt er fort:
    Καὶ Μαρκίωνα δὲ τὸν ἀπὸ Πόντου, ὡς προέφημεν, προεβάλλοντο οἱ φαῦλοι δαίμονες, ὃς ἀρνεῖσθαι μὲν τὸν ποιητὴν τῶν οὐρανίων καὶ γηΐων ἁπάντων θεὸν καὶ τὸν προκηρυχθέντα διὰ τῶν προφητῶν Χριστὸν υἱὸν αὐτοῦ καὶ νῦν διδάσκει, ἄλλον δέ τινα καταγγέλλει παρὰ τὸν δημιουργὸν τῶν 9 πάντων θεὸν καὶ ὁμοίως ἕτερον υἱόν˙ ᾧ πολλοὶ πεισθέντες, ὡς μόνῳ τἀληθῆ ἐπισταμένῳ, ἡμῶν καταγελῶσιν, ἀπόδειξιν μηδεμίαν περὶ ὧν λέγουσιν ἔχοντες, ἀλλὰ ἀλόγως ὡς ὑπὸ λύκου ἄρνες συνηρπασμένοι βορὰ τῶν ἀθέων δογμάτων καὶ δαιμόνων γίνονται.
    Die Zusammenstellung Marcions mit den Sektenstiftern, die sich für Götter ausgegeben haben, ist ganz unzutreffend und besonders gehässig; sie zeigt aber, wie gefährlich Marcion dem Justin erschienen ist, wie fremd ihm sein Christentum war und wie hoch das Ansehen Marcions in seiner Kirche gewesen ist. Wir erfahren hier weiter, daß der aus dem Pontus stammende Häretiker noch jetzt lebt und tätig ist, aber schon eine längere Wirksamkeit hinter sich hat, die sich über weite Gebiete beider Reichshälften erstreckt (διὰ πᾶν γένος ἀνθρώπων) und durch die er bereits viele gewonnen hat. Seine Häresie ist die blasphemia creatoris und
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    ¹ βλάσφημα Eusebius.
    ² Nach παντός bietet der Justin-Kodex θέον, Eusebius πατέρα εἶναι τοῦ Χριστοῦ, beides wohl Glossen (s. Schwartz' Ausgabe).
    ³ τ  μείζονα fehlt bei Eusebius und Schwartz.
    4 fehlt bei Eusebius Syr. und Lat.
    5 fehlt im Justin-Kodex.
    6 καὶ οἱ οὐ κοινωνοῦντες τῶν αὐτῶν δογμάτων ... ἐπικατηγορούμενον Justin-Kodex.
    7 ἐστιν Eusebius, ἔχουσιν Justin-Kodes.
    8 συντεταγμένον Justin-Kodex, Eusebius Lat., fehlt bei Eusebius Graec. u. Syr.
    9 τὸν πάντων Cod.

8* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

daher die Substituierung eines „anderen“ Gottes und eines „anderen“ Sohnes an Stelle des Weltschöpfers und seines Christus sowie die Verwerfung des A. T.s. Als wahrscheinlich darf man annehmen, daß diese Charakterisierung aus den „Antithesen" Marcions geflossen ist, daß diese also samt dem „Instrumentum“ Marcions (Evangelium und zehn Paulusbriefe) damals schon vorhanden waren ¹. Die Wirksamkeit Marcions muß schon eine längere Reihe von Jahren gedauert und die aller anderen Sektenstifter übertroffen haben. Letzteres geht daraus hervor, daß Justin den Kaisern neben den alten angeblichen Begründern der Häresie, Simon und Menander, nur Marcion mit Namen nennt, alle übrigen Sekten aber nur summarisch, ohne ihre Namen zu nennen, zusammenfaßt. So erscheint neben der allgemeinen Christenheit, für die Justin als Anwalt vor den Kaisern und dem Senat auftritt, als die Afterchristenheit der Gegenwart nur die marcionitische. Nicht übersehen darf man, daß in Justins kurzer Charakteristik indirekt sowohl das exklusive Vertrauen der Marcioniten zu ihrem Stifter hervortritt — „er allein kennt die religiöse Wahrheit“ —, als auch ihr Verzicht darauf, diese Wahrheit in der Weise der großen Kirche zu begründen (Verzicht auf die „apostolische“ Tradition, Verzicht auf den Altersbeweis; daher „ἀπόδειξιν μηδεμίαν περὶ ὧν λέγουσιν ἔχοντεσ“ und „ἀλόγως“), ferner auch ihre Verachtung dessen, was die große Christenheit für Christentum hält („καταγελῶσιν“).
    In seiner apologetischen Naivetät glaubt Justin, seine Adressaten würden sich für seine Mitteilungen über die bösen Häresien interessieren. In diesem Sinne sucht er den philosophischen Kaiser gegen die alogische und beweislose Lehre Marcions von vornherein einzunehmen und verweist zugleich auf ein früheres Werk („Syntagma"), in welchem er alle Häresien bereits charakterisiert und widerlegt habe.
    Dieses Werk, welches gewiß auch der doppelten Charakteristik Marcions in der Apologie zu Grunde liegt, ist fast spurlos verloren gegangen, vermutlich weil es die späteren Ketzerbestreitungen verdrängt haben ². Nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit läßt sich einiges über Anlage und Inhalt des Werkes
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    ³ Eine universale Wirksamkeit Marcions ohne die Unterlage dieser Werke ist nicht leicht denkbar.
    ² Tertullian hat es gekannt, s. Adversus Valentinianos 5.

9* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions

ermitteln ¹. Da es spätestens ins 5. Jahrzehnt des 2. Jahrhunderts fällt, ist schon sein bloßes Erscheinen ein Beweis dafür, wie mächtig die häretische Bewegung bereits in der ersten Hälfte der Regierungszeit des Antoninus Pius war. Wenn Justin in dem nicht lange nach der Apologie verfaßten Dialog mit Trypho (c. 35) die Reihenfolge „Marcianer, Valentinianer, Basilidianer, Satornilianer" bietet und Hegesipp, sein jüngerer Zeitgenosse und vermutlich Landsmann (bei Eusebius, historia ecclesiastica IV, 22, 4 ff), die Reihenfolge Simon ... Menandrianer, Marcianisten, Karpokratianer, Valentinianer. Basilidianer. Sartornilianer“ ², so ist es wahrscheinlich, daß diese, sehr bald durch eine andere Suk-
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    ¹ S. Harnack, Zur Quellenkritik der Geschichte des Gnostizismus 1873 und die Fortsetzung dieser Abhandlung in der Zeitschrift für die historische Theologie 1874.
    ² Dial. 35: ῎Aλλοι κατ’ ἄλλον τρόπον βλασφημεῖν τὸν ποιητὴν τῶν ὅλων καὶ τὸν ὑπ’ αὐτοῦ προφητευόμενον ἐλεύσεσθαι Χριστὸν καὶ τὸν θεὸν ‛Aβραάμ ... διδάσκουσιν˙ ὧν οὐδενὶ κοινωνοῦμεν, οἱ γνωσίζοντεσ ἀθέους καὶ ἀσεβεῖς καὶ ἀδίκους καὶ ἀνόμους αὐτοὺς ὑπάρχοντας καὶ ἀντὶ τοῦ τὸν ’Ιησοῦν σέβειν ὀνόματι μόνον ὁμολογοῦντας (Cod. ὁμολογεῖν). καὶ Χριστιανοὺς ἑαυτοὺς λέγουσιν ὃν τρόπον οἱ ἐν τοῖς ἔθνεσι τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ επιγράφουσι τοῖς χειροποιήτοις καὶ ἀνόμοις καὶ ἀθέοις τελεταῖς κοινωνοῦσι. καί εἰσιν αὐτῶν οἱ μέν τινεσ καλούμενοι Μαρκιανοί, οἱ δὲ Οὐαλεντιανοί, οἱ δὲ Βασιλιδιανοί, οἱ δὲ Σατορνιλιανοὶ καὶ ἄλλοι ἄλλῳ ὀνόματι, ἀπὸ τοῦ ἀρχηγέτου τῆς γνώμης ἕκαστος ὀνομαζόμενος. Die Μαρκιανοί sind höchstwahrscheinlich Marcioniten; denn bei Hegesipp, der von Justin nicht unabhängig sein wird, liest man 1. c. Μαρκιανισται. Daß aber diese (die Codd. TcERB, Euseb. Lat., Euseb. Syr. Μαρκιωνισται) Marcioniten sind, ergibt sich aus Euseb. V, 16, 21: οἱ ἀπὸ Μαρκιωνος αἱρέσεως Μαρκιανισταί (so Schwartz mit AT¹D). Korrekt ist Μαρκιανισταί für die Messalianer (Euchiten), genannt nach dem Wechsler Marcianus; s. Anrich, Hagios Nikolaos I S. 425; II S. 340 f. Die Marcianisten im Theodos. Codex XVI, 5, 65 (Gesetz v. 30. Mai 428 = Justinian. I, 5, 5) zwischen Phrygern und Borborianern sind wohl Anhänger des Gnostikers Marcus. Aber auch Marcions Anhänger konnten „Marcianisten“ und „Marcianer“ heißen, da „Marcion“ lediglich eine Nebenform zu „Marcus“ ist; diese Nebenform ist nicht häufig; doch s. den christkatholischen Bruder „Marcion“ im Mart. Polyc. 20 und die Inschrift auf der Basis Capitolina (s. unten). — Justin, Dial. 80 bezieht sich mindestens auch auf die Marcioniten: ἄθεοι καὶ ἀσεβεῖς αἱρεσιῶται, die da den Gott Abrahams verlästern, κατὰ πάντα βλασφημα καὶ ἄθεα καὶ ἀνόητα διδάσκουσιν καὶ λέγουσιν μὴ εἶναι νεκρῶν ἀνάστασιν, ἀλλ’ ἅμα τῷ ἀποθνήσκειν τὰς φυχὰς αὐτῶν ἀναλαμβάνεσθαι εἰς τὸν οὐρανόν.

10* Beilage I: Untersuchungen über die Person und die Lebensgeschichte Marcions







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Letzte Änderung am 26. August 2007