Hereunder
follows the transcription of chapter 2 of Houston Stewart
Chamberlain's Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
37
II.
DER MITTLER
ES
BESTEHT EIN UNÜBERWINDBARER
GEGENSATZ
ZWISCHEN GOTT UND MENSCH; OHNE MITTLER
IST KEINE BEZIEHUNG ZWISCHEN BEIDEN
MÖGLICH.
(P A S C A L)
38
(Leere Seite)
39 DER
MITTLER — ZUSAMMENFASSENDER
RÜCKBLICK
Im vorigen Kapitel habe ich
versucht,
begreiflich zu machen, auf welche Weise die Gedankengestalt
G o t t
überhaupt
entsteht: an den verschiedensten Orten der Erde, zu den verschiedensten
Zeiten ist sie entstanden und wird immer wieder in dem Bewußtsein
genialer Einzelmenschen aus der geschilderten Denknotwendigkeit von
neuem
geboren werden und von dort aus in die Hirne der Minderbegabten
gelangen.
Es ist dies die rein natürliche, durch keine Phantastik, durch
kein
Wollen, durch keine geschichtliche Erfahrung getrübte
Gedankengestalt
Gottes, die als lebendiger Quellpunkt fort und fort in den Tiefen
unseres
Gemütes durchbricht. In ihrer Reinheit können wir sie selten
nachweisen, weil fast sofort das buntere Leben von
Bewußtseinsschichten,
die der Oberfläche näher liegen, sie überwächst und
überwuchert: Furcht und Hoffnung, maßlose Wünsche,
durch
schreckenvolle Naturereignisse verursachte Seelenerschütterung,
namentlich
die Erfahrung des Todes, die Wiederkehr der Gestorbenen im Traume und
der daraus entstehende Geisterglaube, allerhand phantastischer
Zauberspuk
— später dann der offenere Blick hinaus auf die Natur und die
daraus
sich ergebende mythologische Gestaltenfülle, oder bei mehr
materialistisch
angelegten Völkern die Verklärung ihrer
Geschichtserinnerungen
zu gottgewollten Fabeln, bei anderen wieder der Hochflug des Denkens
und
die Inbrunst sittlichen Bestrebens, schließlich — und leider
hauptsächlich
— der maßlose Ehrgeiz eines notwendig zu Heuchelei und Betrug
neigenden
berufsmäßigen Priestertums: alle diese dem Menschen
angeborenen
Triebe, Richtungen, Leidenschaften — weise und törichte,
heilbringende
und verderbende — bemächtigen sich der Gedankengestalt Gott, um
sie
in tausendfachen Umbildungen ihren Zielen dienstbar zu machen.
In den mir bekannten
Geschichten
der Religion findet man über die genannten Verhältnisse kein
Wort, wodurch diese Werke für die Frage nach dem Gehalt an
Religion
bei den verschiedenen Kulten arge Einbuße erleiden; denn für
die Erkenntnis des religiösen Wertes eines Glaubenssystems besitzt
die Schilderung von Glaubenssätzen, Zeremonien, ewig wechselnden
Mythen
usw. verhältnismäßig geringe, hingegen die Kraft und
Fülle
des unsichtbar fließenden inneren Stromes die allerhöchste
Bedeutung.
Eine sehr bunte „Religion“ kann (wie das bei den Iranern der Fall war)
einen starken Glauben
40 DER
MITTLER — ZUSAMMENFASSENDER
RÜCKBLICK
an
den unaussprechlichen Gott bergen,
oder aber dieser kann (wie bei den Altägyptern) unter der
Fülle
der äußerlichen Momente — der materialistischen
Vorstellungen,
des Überwucherns der Magie, der weltlichen Beweggründe — in
den
Massen ganz hinschwinden und nur noch in dem Herzen Einzelner eine
Kraft
bilden. Ebenso können einfacher gestaltete Kulte aus A
r m u t an
Gottesempfindung
oder aus R e i c h t u m an Gottesempfindung einfach
sein. In den
Tiefen
des Gemütes fließt eben die Religion: nur dort kann sie
erforscht
werden; es handelt sich, wie wir sahen (S. 27), um „den emporstrebenden
Willen des Menschen“: je bedeutender der Mensch, umso mächtiger
strebt
sein Wille empor, und umso mächtiger erschallt in seinem Herzen
die
Stimme des unerkennbaren höchsten guten Wesens. Daher Goethe's
Wort:
„Gott, wenn wir hochstehen, ist Alles; stehen wir niedrig, so ist er
ein
Supplement unserer Armseligkeit“ (Max.
u. Refl. 813). Vielleicht wirft
man mir ein, gerade Goethe habe Gott nicht im eigenen Innern, sondern
draußen
in der Natur erblickt, und erinnert an den Spott seines Ephesischen
Goldschmiedes:
Als gäb's einen Gott so im Gehirn
Da! hinter des Menschen alberner Stirn,
Der sei viel herrlicher als das Wesen,
An dem wir die Breite der Gottheit lesen.
Doch bringt der brave
Goldschmied
keineswegs des Dichters Verhältnis zur Gottheit erschöpfend
zum
Ausdruck; zum Beweise genügen die vorher angeführten Worte,
aus
denen hervorgeht, daß Goethe den Zusammenhang zwischen den sich
gegenseitig
bedingenden Gedankengestalten M e n s c h
und G o t t kennt, und
weiß,
daß die eine zur anderen in genauester Wechselwirkung
(Korrelation)
steht. Freilich redet Goethe verhältnismäßig selten und
meist in geheimnisvollen Worten von dieser reinen Gottesvorstellung;
das
liegt aber in der Natur der Sache; von einem Wesen, das nur durch
„neti,
neti“ bezeichnet werden kann, ist nicht gut reden. Selbst der
Gottesmann
Martin Luther gesteht: „Ja! wer weiß, was ist, das Gott
heißt?
Es ist über Leib, über Geist, über alles, was man sagen,
hören und denken kann“ (Wider
die Schwarmgeister).
Nichtsdestoweniger
würde ich mich anheischig machen, aus fast jedem Lebens-
41 DER
MITTLER — ZUSAMMENFASSENDER
RÜCKBLICK — DER MITTLER
jahre
Goethe's Äußerungen
nachzuweisen, die für das nie versiegende Bewußtsein des im
Inneren empfundenen Gottes zeugen. Ein Brief aus dem
fünfundzwanzigsten
Lebensjahre (15. 4. 75) bringt z. B. die Worte: „das liebe Ding, das
sie
Gott heißen, oder wie's heißt, sorgt doch sehr für
mich“
(wobei zu beachten ist, daß Goethe das Wort Gott, wie im
Altnordischen,
als Neutrum nimmt). Mit fünfundsechzig Jahren unterscheidet er
zwischen
den „besonderen Religionen“, die es „schwer scheint aus dem Inneren des
Menschen zu entwickeln“, und der „natürlichen Religion“, von der
„wir
annehmen, daß sie früher in dem menschlichen Gemüte
entsprungen“;
von letzterer sagt er: „zu ihr gehört viel Zartheit der
Gesinnung“.
Wenn Goethe als der große Seher Gottes in der Natur bezeichnet
werden
kann, so gewinnt er diese Fähigkeit gerade aus seinem innigen
Glauben
an den „Gott im Inneren“. Wir lernten von Pascal, daß einzig, wer
sich Gottes in der Seele bewußt ist, ihn draußen in der
Natur
erblicke (S. 22), und eben hörten wir Goethe's: „Gott, wenn wir
hochstehen,
ist Alles“. Darum ist es nicht paradox, wenn ich behaupte: in diesem
gewaltigen
Intellekt ist es der Gott im Inneren, der den Gott draußen in der
Natur erkennt. Soviel nur zur zusammenfassenden und ergänzenden
Wiederholung
der im ersten Kapitel gewonnenen Ergebnisse.
*
Zu den
Gedankengestalten M e n s c h
und G o t t pflegt sich mit fast gleicher
Naturnotwendigkeit eine dritte
zu
gesellen, die freilich schon auf der Grenze des dichtenden Mythos steht
und diese Grenze wohl immer bald überschreitet, die aber eine
kurze
Betrachtung in ihrer ursprünglichen Reinheit verdient, da sowohl
Mythos
wie Geschichte aus der klaren Erfassung des einfachen Grundgedankens
verständlicher
werden: ich rede von der Vorstellung eines M i t t l e r s
zwischen Mensch
und
Gott.
Diese Idee eines
Mittlers, oder,
wenn nicht eines tatsächlichen Mittlers, dann wenigstens
irgendeiner
vermittelnden H a n d l u n g, ist über die
Welt
weit verbreitet.
Werden
wir uns erst unserer Vorstellung M e n s c h als die
eines
einzigartigen
kosmischen Phänomens bewußt, so wächst die Kraft des
„emporstrebenden
Willens“
42 DER
MITTLER — DER
MITTLER
mehr
und mehr: G o t t
wird immer
dringender
benötigt, weicht aber, je stürmischer unser Wille die
Hände
nach ihm ausstreckt, immer weiter zurück: auch dies muß als
eine naturnotwendige Tatsache unseres Gemütes erkannt werden die
uns aus anderen überquer entstehenden Ideen — wie Freiheit und
Notwendigkeit
— bereits vertraut ist. Da nun gebiert die Sehnsucht die Vorstellung
eines
zwischen Gott und Mensch vermittelnden Wesens: sei es, daß ein
menschengeartetes
sich bis zur Gottheit aufschwinge, uns Anderen die Wege dorthin
bahnend;
sei es, daß das „höchste gute Wesen, der Vater im Himmel“
sich
in Liebe herabneige und — auf irgend eine, vom Verstande nie
auszudenkende
Weise — uns von seinem Wesen Etwas mitteilt
— uns dadurch zu sich emporhebend.
Beiden
Vorstellungen — dem gottgewordenen Menschen und dem menschgewordenen
Gotte
— begegnen wir auf allen Seiten; im Grunde genommen gleichen sie
einander
vollkommen und bedeuten die zwei möglichen Arten, den selben
Gedanken
des M i t t l e r s auszugestalten. Inmitten der
bunten, unausdenkbaren,
phantastischen,
oft an Wahnsinn grenzenden Fülle, aus welcher unsere „Religionen“
gewoben sind, bildet der Gedanke — besser gesagt die Gedankengestalt —
des Mittlers den eigentlich und wahrhaft religiösen Kern, neben
welchem
alles übrige nur als Beiwerk gelten muß —‚ als ein mehr oder
minder zufälliges Beiwerk, zeitlich bedingt und zum Teil rein
willkürlich,
oft sogar unmittelbar unreligiös, wenn nicht gar antireligiös.
Wir tun folglich gut
daran, drei
Gedankengestalten deutlich ins Auge zu fassen: der „gottwärts
schauende
M e n s c h“ (wie der alte Chaucer sich ausdrückt), d. h.
derjenige
Mensch,
der sich bewußt ist, mit seinem Wesen über die
Erscheinungswelt
hinauszureichen
— der G o t t, dessen
Gegenwart er ahnt
und dessen Beistand er erlebt —‚ dazu eine zwischen diesen
beiden
v e r m i t t e l n d e
Kraft:
diese drei Gedankengestalten bilden
den Inhalt aller Religion.
Da ich nicht für
Gelehrte
zu schreiben beabsichtige, noch dazu befugt bin, sondern nur Leser im
Sinne
habe, welche für die Förderung ihrer eigenen Seele Klarheit
suchen,
wie ich sie für die meinige gesucht habe, so will ich nicht aus
ethnographischen,
anthropologischen und religionsgeschichtlichen Werken
umständliches
Material zusammentragen, sondern begnüge mich damit, die
Ergebnisse
meines Suchens, Denkens und Erlebens durch einzelne Beispiele kurz
43 DER
MITTLER — DER
MITTLER — DAS OPFER
zu
verdeutlichen — mehr nicht. Kant's
Wort über das Dasein Gottes, es sei „durchaus nötig,
daß
man sich davon ü b e r z e u g e, nicht aber
ebenso nötig, daß
man es d e m o n s t r i e r e“ (Einziger Beweggrund), gilt auf
diesem ganzen
Gebiete:
sobald
von Dingen die Rede ist, die — zum Teil oder ganz — eine Welt jenseits
der Welt der Erscheinung betreffen, kann man niemals beweisen,
bestenfalls
überzeugen: möchte mir das bei Einigen gelingen!
*
Wie oben schon
bemerkt, ist das
zwischen Mensch und Gott Vermittelnde nicht immer eine
Persönlichkeit,
vielmehr scheint diese Auffassung des Vermittlers einer
vergleichsmäßig
höheren Kulturstufe zu entspringen. Weitaus größere
Verbreitung
— fast über alle Weltteile und Zeiten — besitzt die Vorstellung
einer
auf stofflichem Wege zu bewirkenden Vermittelung der erstrebten
näheren
Gemeinsamkeit des Menschen mit der Gottheit. Keine Leistung der letzten
fünfzig Jahre auf religionsgeschichtlichem Gebiete besitzt
größere
Tragweite und führt tiefer in die Geheimnisse der Menschenseele
ein
als die Entdeckung des ursprünglichen Wesens des Opfergedankens
durch
W. Robertson Smith, fußend auf den Arbeiten von Mannhardt und
bald
weiter verfolgt von Hubert, Mauß, Frazer und anderen, die zwar
manches
berichtigten und aufklärten, aber jene Entdeckung selbst in allen
wesentlichen Punkten bestätigten. Dem Opfer liegt nicht — wie man
es uns gelehrt hatte und wie wir es aus der Bibel und aus Homer zu
entnehmen
glaubten — die Vorstellung einer der Gottheit dargebrachten Gabe oder
Abgabe
zugrunde, sondern vielmehr der ungleich tiefere Gedanke von der
Bedeutung
der Blutsgemeinschaft als eines bindenden und verbindenden Mittels
zwischen
den Lebewesen. Alle noch so urtümlichen Völker achten die
Blutsbrüderschaft;
durch sie wird eine wahre Verwandtschaft mit ihren Pflichten und
Rechten
begründet: daher als Ziel die Herbeiführung einer
blutsbrüderschaftlichen
Verwandtschaft zwischen Mensch und Gott. Schon aber die Tatsache des
gemeinsamen
Genusses der gleichen Speise stiftet eine zwar zeitlich
beschränkte,
doch wirkliche Blutsbrüderschaft, woraus sich die uralte Bedeutung
gemeinsamer Mahlzeiten herleitet. Um nun dem unnahbaren Gotte auf
44 DER
MITTLER —
DAS OPFER
ähnliche
Weise beizukommen, ihm
verwandt zu werden oder etwa verkümmerte Beziehungen neu
aufzufrischen
und ein R e c h t auf göttlichen Beistand zu
gewinnen, wird — sagen wir
als Beispiel
— ein dem Gott und darum auch dem
Menschen
heiliges Tier — ein sonst unbedingt unantastbares — unter allerhand
Feierlichkeiten
erst geweiht, dann geschlachtet, ein Teil durch Verbrennung oder auf
andere
Weise der Gottheit zum Genusse dargereicht, das übrige von den
Opfernden
selbst verspeist. Durch diesen gemeinsamen Genuß der gleichen
Speise
entsteht die rechtsverbindliche verwandtschaftliche Beziehung der
Opfernden
zu der Gottheit. „Keineswegs handelt es sich um die Zahlung eines
Tributs,
vielmehr um die Stiftung genossenschaftlicher Beziehungen zwischen der
Gottheit und ihren Anbetern“, sagt Robertson Smith (Religion of the
Semites,
Vortrag 6). „Das Tieropfer hat in alten Zeiten nie die Bedeutung einer
Gabe an die Gottheit getragen, vielmehr handelte es sich um die
Schaffung
einer Gemeinsamkeit zwischen den Menschen und ihrem Gott durch das
zwischen
beide verteilte Leben des Geopferten“ (daselbst, Vortrag 10). Von dem
fehlerlos
ausgeführten Opfer bezeugen Hubert und Mauß: Es bewirkt „die
absolute
Identifizierung des Opferbringenden, des Geopferten und des Gottes“ (Le
Sacrifice, enthalten in Mélanges
d'histoire des religions,
1909,
S. 73).
Ich überspringe
die
tausendfachen
Umwandlungen und die unerschöpflichen Verwickelungen, welche die
menschliche Phantasie sowie die Habgier der Berufspriester erfand: es
genügt
mir, den zugrunde liegenden Gedanken herausgeschält zu haben.
Auf diesem Wege
mußte es
zum Menschenopfer kommen. Den urtümlichen Menschen, welche sich
kaum
von den Tieren zu unterscheiden wußten, mit denen sie in nahen
verwandtschaftlichen
Beziehungen zu stehen glaubten und von denen darum immer einzelne
Geschlechter
als unantastbar galten, fiel es nicht schwer, Tiere zu finden,
genügend
heilig für den hohen Zweck; in Indien z. B. griff man für die
feierlichsten Opfertaten zum edlen Pferd; auch in Griechenland kam es
vor,
daß man schneeweiße Pferde zu Opfertieren verwendete. Je
mehr
der Mensch sich seiner Menschenwürde bewußt wurde, um so
fühlbarer
mußte sich jedoch das Bedürfnis nach einer höher
gearteten
Vermittelung aufdrängen: welch andere Wahl blieb denn da
übrig
als die des gottverwandten Menschen
45 DER
MITTLER —
DAS OPFER
selber?
Wo man sich scheute, diesen
tatsächlich
zu töten, griff man zu Finten und Vermummungen: in gewissen
Fällen
wurde der betreffende Jüngling im letzten Augenblick durch ein
stellvertretendes
Tier ersetzt; bei einem griechischen Opferfest wurde das Opferkalb,
damit
es für einen Menschen gelte, in einen Mantel gehüllt und auf
Kothurne gestellt, usw. Hierbei blieb die stets rege aufbauende
Erfindungsgabe
des Menschen nicht stehen, vielmehr war es bald der Gott selber, der
geopfert
wurde!
Man muß
nämlich
folgendes
wissen. Bei allen Opfern wurde das zu opfernde Wesen (gleichviel ob
Tier
oder Pflanze) von Hause aus als besonders heilig und auserwählt
betrachtet;
außerdem geschah das Erdenkliche, diese Eigenschaft
möglichst
zu steigern, so daß Robertson Smith den Vergleich mit einem
elektrischen
Akkumulator heranzieht, um begreiflich zu machen, in welchem Grade das
Opfer in dem Augenblick vor seinem Tod von Heiligkeit strotzt und
strahlt.
Deswegen gilt auch der den tödlichen Streich Führende als
Mörder
und muß sich besonderen Reinigungen unterwerfen; es gab
Fälle,
in denen er schnell fliehen mußte, andere, in denen man
Verbrecher
zu diesem Amte anstellte und sie dann wirklich hinrichtete; in
Griechenland
beliebte man eine Scheingerichtssitzung, bei der schließlich das
Messer verurteilt und ins Wasser geworfen wurde. Wer diese Tatsachen
kennt,
wird leicht begreifen, daß, sobald der Mensch selber das Opfer
war,
er hierdurch allein schon fast bis zu der Würde eines Gottes
emporwuchs.
Ein Schritt weiter, und es war der Gott in eigener Person; selbst die
Hellenen,
deren große Dichter so scharf zwischen Gott und Mensch zu
unterscheiden
gewußt hatten, bequemten sich leicht zu der Vorstellung von der
Verkörperung
(Inkarnation) eines Gottes in einem Menschen (O. Gruppe:
Griech.
Myth. u. Relig.-Gesch., §
307; und siehe für „die Verspeisung der Gottheit“, § 257).
Bekannt
ist das Beispiel des alten Mexiko, wo alljährlich ein schöner
Jüngling als Verkörperung der Gottheit auf Erden
auserwählt
und eine Zeitlang mit allen einem Gott zukommenden Ehrungsbezeugungen
behandelt
wurde, um zuletzt unter großen Feierlichkeiten zum Heil Aller
geopfert
zu werden; Prescott hat in seinem Conquest
of Mexico diesen Vorgang
meisterhaft
geschildert. Seitdem hat man ähnliches vieler Orten aufgedeckt, so
daß Frazer einen ganzen Band dem Sterbenden Gott hat widmen
können.
„In
46 DER
MITTLER —
DAS OPFER — GOTTMENSCH UND MENSCHGOTT
dieser
Auffassung des Geopferten als
einer göttlichen Persönlichkeit erreicht die Idee des Opfers
ihren höchstmöglichen Ausdruck. Unter dieser Gestalt ist sie
in die verbreitetsten Religionen der Menschheit eingedrungen und hat
dort
Glaubenssätze und Religionsgebräuche hervorgebracht, die noch
heute leben“ (Hubert und Mauß, S. 103).
Einen weiten Weg hat,
wie man
sieht, der Opfergedanke zurückgelegt, von Anfängen an, die
uns
Heutigen fast unbegreiflich, kindisch-phantastisch dünken, bis zu
Vorstellungen, denen man eine schauerliche Erhabenheit nicht absprechen
kann.
Wer hierbei
länger verweilt,
wird viel lernen über die angeborenen Eigentümlichkeiten des
Menschengemütes, namentlich über das beharrliche Kleben am
Stoffe,
auch bei kühnem Seelenflug und zartgewobenen Gedanken.
Hochstehende
Männer — Männer, denen das Bekenntnis gemeinsam war: „Gott
ist
Geist“ (Joh. 4, 24) — konnten
auf die Dauer bei diesen Vorstellungen
von
dem vermittelnden Opfer kein Genüge finden: der Mittler zwischen
Geist
und Geist — es war nicht anders
möglich —
mußte ebenfalls Geist sein, sein Wirken ein Geistiges, und das
heißt,
ein Wirken, nicht auf den Körper, sondern auf Geist und
Gemüt,
also durch Wort und Tat.
*
So wären wir wieder bei
dem
M i t t l e r angelangt, der entweder ein göttlicher Bote
ist —
vielleicht
Gott selber, der sich zu uns Irdischen herabsenkt, und zwar, damit er
sich
uns verständlich mache, in menschlicher Gestalt — oder ein Mensch,
welcher dank hoher und heiliger Gaben bis nahe an das von uns geahnte
höhere
Wesen heranreicht. Beide Vorstellungen vom Mittler treffen wir in ihrer
Reinigkeit bei den arischen Indern an. Nach der Lehre der sogenannten
Avataras
oder göttlichen Reinkarnationen (von ava-tar, herab-steigen)
verkörpert
sich der Eingott von Zeit zu Zeit und betritt in Menschengestalt die
Welt,
um hier der Überhandnahme des Schlechten ein Ziel zu setzen und
der
unterdrückten Tugend aufzuhelfen. In jener einzigen Dichtung, der
Bhagavadgita, spricht der auf
Erden unter dem Namen Krishna wandelnde
Gott
zu dem Helden Arjuna, den er zu Todesverachtung und hohem Sinn anleitet
und anfeuert:
47 DER
MITTLER —
GOTTMENSCH UND MENSCHGOTT
Wie
Ermatten des Rechts anhebt jedesmal
hier, o Bharatas,
Und Erstehen des Unrechtes, so mich
erschaff' ich wiederum.
Zu der Schutzwehr der Frommsinnigen,
zu der Gottlosen Untergang,
Zu des ewigen Rechts Fest'gung ersteh'
ich neu von Zeit zu Zeit ¹).
Eine Anzahl anderer Verkörperungen
des Gottes auf Erden sind dem indischen Denken und Dichten
geläufig,
wobei wohl zu bemerken ist, daß es sich nicht wie in der
griechischen
Mythologie um Götter handelt, die zur Förderung ihrer
gegenseitigen
Ränke zeitweilig auf die Erde herabsteigen und sich in die
menschlichen
Ereignisse einmischen, sondern stets um den Eingott, der, als sittliche
Allgewalt gedacht, den Tugendhaften zur Hilfe eilt gegen die
Übermacht
der Bösen. Die andere Auffassung des Mittlers tritt uns ebenfalls
nirgends auf der Welt so unzweideutig klar entgegen wie bei diesen
selben
Indern: ein Mensch, an dessen historischem Dasein nach den neuesten
Forschungen
nicht gezweifelt werden kann, ein Fürst in der Blüte der
Jugend
und des Wohlergehens, verläßt Thron, Gattin und Kinder, um
als
Bettler die Heimat zu durchwandern und die Menschen von der Welt mit
ihren
Sorgen und lügnerischen Verheißungen loszulösen und sie
gottwärts zu führen: ein scheinbar wahnsinniges Beginnen, das
aber für viele hundert Millionen der Ausgangspunkt zu einem
höheren
Religionsleben wurde. Hier wird man mir einwerfen, Buddha habe
überhaupt
an keinen Gott geglaubt. Doch liegt die Sache nicht so einfach; sie
läßt
sich ohne einige Kenntnis der Abgrundtiefe indischen Denkens nicht
klarmachen.
Man beachte, daß Buddha selber den Glauben an eine
personifizierte
Macht des Bösen — also an ein höchstes schlechtes Wesen —
Mara,
den Fürsten des Todes, hegt: wie der Schatten das Dasein des
Lichtes
unwiderleglich beweist, ebenso zeugt dieser Satan für das Dasein
eines
höchsten guten Wesens. Das findet weitere
—————
¹) Gesang 4, Doppelvers 7, 8, nach
der Übersetzung von Wilhelm von Humboldt in seiner wundervollen
Arbeit
über die Bhagavadgita,
Werke 5, 208. Da das Verständnis der
beiden
ersten Verse dem unvorbereiteten Leser vielleicht schwer fällt,
füge
ich hier Garbe's Prosaübersetzung hinzu: „Denn jedesmal wenn das
Recht im Abnehmen ist, o Nachkomme des Bharata, und das Unrecht im
Zunehmen, dann erschaffe ich mich selbst (als Menschen). Zum Schutze
der
Guten und zur Vernichtung der Bösen, um das Recht zu befestigen
werde
ich in jedem Menschenalter geboren.“
48 DER
MITTLER —
GOTTMENSCH UND MENSCHGOTT
Bestätigung
durch folgende
Tatsache:
ein Mönch, der gelehrt hatte, derjenige Mensch, der ohne
Sünden
sterbe, falle der endgültigen Vernichtung anheim und befinde sich
(wie die Inder sich ausdrücken) „weder diesseits noch jenseits des
Todes“, wurde als Ketzer zurecht gewiesen. (Oldenberg: Buddha, 2.
Aufl.,
S. 303.) Über das Jenseits läßt sich eben für den
tiefer Denkenden mit dem Verstande nichts aussagen; dort herrscht das
„neti,
neti“, welches wir früher in bezug auf Gott kennen lernten (S.
28);
da auch Zeit und Raum dort nicht mehr gelten, so „verlischt“ (Nirvana)
die gesamte Welt der Erscheinung — womit aber keineswegs gesagt wird,
es
tue sich nicht eine andere Welt auf. Bei jeder Bewegung kann man zwei
entgegengesetzte
Punkte unterscheiden: von dem einen entfernt man sich, auf den anderen
strebt man zu; bei dein „emporstrebenden Willen des Menschen auf Gott
zu“,
fesselt der erstere — nämlich der Punkt, von dem man sich entfernt
(der Mensch) — fast allein Buddha's Blick, der zweite (Gott) schwebt
ihm
in nebelhafter Ferne. Die Würde des Menschen steht ihm so hoch —
und
das ist echt arisch an seiner Auffassung — daß ihm an unserem
Erdenleben
alles armselig-unzureichend erscheint. Seine ganze
Überredungsgewalt
widmet
er dem einen Ziele, die durch Scheingüter betörten Menschen
hiervon
zu überzeugen, damit sie allem Indischen entschlossen und
endgültig
den Rücken kehren. Sobald die neue Richtung eingeschlagen ist,
führt
sie unausweichlich den neuen Weg; dies genügt, und Buddha
verschmäht
es, über die bejahende Seite seines Vorhabens Worte zu machen —
Worte,
die doch nur bildlich und daher auch sinnlich ausfallen könnten,
da
jedes Bild an bekannte Erscheinungen anknüpfen muß. Solche
Enthaltsamkeit
— man denke nur als Gegenbild an das Paradies der Mohammedaner — zeugt
von Größe und Reinheit.
In diesen beiden
Idealen des
Mittlers
(Gottmensch und Menschgott) erblicken wir eine bemerkenswerte
Verbindung
von Tiefsinn und Kindlichkeit. Alle die Überlieferungen, in denen
der verkörperte Gott auf Erden auftritt, gehören zu dem
Erhabensten,
was die menschliche Dichtung besitzt; dagegen wirkt es fast verwirrend,
wenn man sieht, wie wenig der Allmächtige mit allen seinen
Bemühungen
ausrichtet; die Menschen bleiben unverbesserlich, und der Gott
muß
immer von neuem zur Erde herab. Bei Buddha wiederum wirkt
49 DER
MITTLER —
GOTTMENSCH UND MENSCHGOTT — HERAKLES,
OSIRIS, DIONYSOS
sein
Leben — die in die Tat umgesetzte
Abwendung von der Welt — unbedingt großartig und bildet fraglos
die
Quelle seiner ungeheuren Wirkung; dagegen liegt Naivität in der
Beschränkung
des Denkens auf die eine gerade, folgerichtige Linie, welche mit
Notwendigkeit
ins Leere mündet. Immerhin bleibt es auch für uns Heutige von
entscheidendem
Werte, diese beiden in ihrer Einfachheit reinsten Vorstellungen
des
M i t t l e r s
zu besitzen, welche sich so gründlich abheben von denen, die uns
Europäer
seit Kindheit umgeben.
*
Durch die hellenisch-römische
Grundlage unserer gesamten Kultur und dadurch zugleich unserer Bildung
und unserer Vorstellungswelt ist uns eine unentwirrbar bunte Menge von
Mittelwesen zwischen Mensch und Gott überliefert worden — von
olympischen
„Göttern“ an, die eigentlich bewußt erdichtete Vertreter des
im Hintergrund waltenden namenlosen „höchsten Wesens“ sind, bis zu
vergötterten Volkshelden, zu syrischen Naturdämonen,
persischen
Engeln, ägyptischen „Todesgöttern“, spätplatonischen
Demiurgen,
Äonen usw. usw. Es kann nicht zu den Aufgaben des vorliegenden
Buches
gehören, in diese undurchdringliche Masse hineinzuleuchten;
vielmehr
begnüge ich mich, einiges Wenige über ein paar Gestalten zu
sagen,
in denen man deutliche Spuren der Gedankengestalt eines M i
t t l e r s
wahrnimmt
und an deren, während vieler Jahrhunderte nie erlöschender
und
immer von neuem flammenartig auflodernder Verehrung und Anbetung man
das lebendige Bedürfnis des Menschenherzens nach Vermittelung
deutlich
erkennt.
Es ist nicht so
phantastisch,
wie es Manchem im ersten Augenblick erscheinen mag, wenn ich in diesem
Zusammenhang auf die Gestalt des H e r a k l e
s hinweise, des
volkstümlichsten
aller Heroen, die der griechischen Phantasie entsprangen und in der
manches
Tiefsinnige verborgen liegt. Freilich füllt es nicht leicht, sich
in der Überfülle zurechtzufinden; denn von allen Seiten wurde
unaufhörlich hinzugetragen, was nur jede Landschaft von
übermäßigen
Menschenleistungen zu melden wußte, und auch über die
Ursprünge
haben Dichter und Gelehrte Dutzende von Erklärungen zur Hand,
welche
von der Deutung als eines reinen Sonnen-
50 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
mythus
bis zu der Behauptung reichen,
ein bestimmter vorgeschichtlicher Mann habe durch seine
überragenden
Taten zu allen späteren Erdichtungen den Anstoß gegeben. Ich
meine aber, wir gehen nicht fehl, wenn wir in der Weise vereinfachen,
daß
wir hier vor allem ein Zeugnis erblicken für die unstillbare
Sehnsucht
des „emporstrebenden Willens“ nach gottverwandtem Menschentum — an
Körper
stark und schön, an Gemüt kindlich und unselbstsüchtig.
Den
zweiten zeugt nicht Gäa wieder;
Nicht führt ihn Hebe himmelein;
Vergebens mühen sich die Lieder,
Vergebens quälen sie den Stein.
Und wenn es an der selben Stelle
der klassischen Walpurgisnacht heißt:
Da sah
ich mir vor Augen stehn,
Was alle Menschen göttlich
preisen —
so erinnert das uns daran, daß Herakles auch mit dem
„Gott-Sohn“ der Phönizier
identifiziert wurde,
dem weisen, starken Gott, der auf Erden wandelt, überall Heil
schaffend
(vergl. Daremberg et Saglio:
Dict.
des Antiq. 3, 79). Sehr
bemerkenswert
ist auch das Wort Richard Wagner's, der von Herakles sagt: „Hier ward
der
wahre Mensch erst geboren“ (Kunst und
Klima); wie wir wissen, wird die
Gedankengestalt G o t t erst vom wahren Menschen
erfaßt: danach
hätten
wir in dem halb-mythischen Herakles den Vermittler des Gottesgedankens
zu verehren. Ähnlich steht es um Asklepios — eine uns Neueren
weniger
geläufige, zwischen Mensch und Gott schwebende Gestalt, die im
Altertum
höchstes und allgemeinstes Ansehen genoß als der Inbegriff,
nicht so sehr des starken als des überaus weisen, gütigen
Helfers
in allen Nöten und Schmerzen, von dem es fraglich blieb, ob hier
ein
Gott vorübergehend auf Erden geweilt habe oder ein Mensch durch
seinen
„emporsteigenden Willen“ bis zur Gottheit erhoben worden sei.
In religiöser
Beziehung eine
weit größere, durch Jahrtausende hindurch reichende
Bedeutung
besaß O s i r i s. Ernste heutige Forscher
sind der Überzeugung,
die an diesen Namen anknüpfenden Sagen gingen auf eine
geschichtliche
Persönlichkeit zurück, auf einen
51 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
Mann,
der wirklich gelebt habe, und zwar
als Wohltäter ganz Ägyptens, dessen erstaunlich dauerhafte
Ordnung
er geschaffen, zu dessen Kultur, Reichtum, friedlicher Entwickelung und
vielleicht auch Religion er die Grundlagen legte, nämlich auf
einen
König aus der ersten Dynastie, welcher Jahrtausende vor Christi
Geburt
unter den Lebenden weilte (Maspéro, Budge u. a.). Dieser
große
Mann wuchs bald zur mythischen Gestalt aus, zugleich — wenn ich mich so
ausdrücken darf — wuchs er in seine eigene Religion hinein. Er
erhielt
den uns aus dem ersten Kapitel bekannten Ehrennamen: „das g
u t
e W e
s e n“;
er ward zwar nicht dem großen Allgott gleichgesetzt, hieß
aber
„Herr der Ewigkeit und Herrscher der Toten“; denn Osiris, der als
Mensch
so unendlich viel Gutes für die Sterblichen getan hatte, erhielt
nun
im Jenseits das Amt eines strengen, den edelstrebenden Teil der
Menschheit
treu beschützenden Freundes; als milder Richter waltete er an den
Toren des Paradieses. Auf Erden war er — so erzählte die Sage —
von
seinem eigenen Bruder, dem Geist des Bösen, getötet worden,
sein
Leichnam zerrissen und die Stücke weit umher gestreut; als es aber
nach mühevollen Jahren seiner Gattin Isis gelungen war, alle
Stücke
aufzufinden und zusammenzutun, belebte ihn der Allgott von neuem — zwar
nicht mehr zum irdischen Dasein, doch zur Unsterblichkeit im Jenseits.
Hier nun lag der wahre Quellpunkt aller ägyptischen
Religiosität,
die sonst unter dem gelehrten theologischen Wust der Priesterschulen
erstickt
wäre. Einer der ersten Forscher unserer Tage schreibt: „Für
den
Glauben der Ägypter besitzt der grausame Tod und die selige
Auferstehung
des Osiris die selbe Bedeutung wie der Tod und die Auferstehung Christi
für den Glauben der Christen. Wie Osiris starb und von den Toten
wieder
auferstand, ebenso hoffte ein jeder, durch seine Vermittelung und durch
die Berufung auf seinen teuren Namen, aus dem Todesschlaf siegreich zu
erwachen, einer seligen Ewigkeit entgegen. In des Lebens Stürmen
war
dies der Anker, an den die Menschen sich festhielten; diese Hoffnung
hat
Millionen ägyptischer Männer und Frauen getröstet und
aufrecht
erhalten, während einer Zeit, die weit mehr Jahrhunderte umspannt,
als seit der Gründung des Christentums bis heute verlaufen sind.
In
der langen Geschichte der Religion gibt es nicht zwei göttliche
Gestalten,
die in bezug auf die Inbrunst der Hingabe und auf die
Überschwenglichkeit
der Hoff-
52 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
nungen,
die sie entzündet haben,
sich so nahe stünden wie Osiris und Christus“ (Frazer: Osiris,
Kap.
11). Die Gestalten selbst — der große ägyptische Staatsmann,
und Jesus von Nazareth, der galiläische Tischlerssohn, dessen
„Reich
nicht von dieser Welt“ — zeigen nicht die geringste
Verwandtschaft;
auch ihrem gewaltsamen Tode kommt keineswegs eine ähnliche
Bedeutung
zu. Worin besteht also die von Frazer behauptete „Nähe“? Lediglich
in der unermeßlichen religiösen Bedeutung eines
M i t t l e r
s zwischen Mensch und Gott. Dein bloßen unergänzten
Gedanken
an Gott wohnt keine entscheidende religiöse Bedeutung bei: er
weckt
Erkenntnis und Ahnung, ist auch geeignet — wie wir das bei den
urtümlichen
Menschen sahen — sittliche Regungen zu beleben und zu stärken;
doch
zu der wahren Erhebung, zu jener Umkehr der Willensrichtung aus
irdischer
Befangenheit zu neuem, höherem Hoffen und Vollbringen gehört
die Mitwirkung einer alles überragenden Kraft: der Kraft
des M i t t l e r s.
Als Gegensatz zu der
Religion
des Osiris, zugleich zur weiteren Klärung der Bedeutung der
Vorstellung
von einem Mittler, weise ich auf die Religion des M i t h r
a s hin,
welche
in den letzten Jahrhunderten des römischen Kaiserreiches
große
Verbreitung gewann und eine Zeitlang bestimmt schien, das Christentum
aus
dem Felde zu schlagen. Hier ist — zunächst — von einem Mittler
nicht
die Rede. Mithras ist einfach der Allgott, verehrt in der Gestalt des
krönenden
Werkes seiner Schöpfung: der Sonne. Der Wert dieser Religion
— und er ist ein hoher — beruht auf
ihrem rein arischen Ursprung, der zwar durch allerhand semitische und
völkerchaotische
Zutaten getrübt und überdeckt ward, doch zu viel Leben und
Kraft
besaß, um jemals den Stempel des Arischen zu verlieren.
„Vollkommene
Reinheit“ war das Ziel, dem das Dasein des Gläubigen zustreben
sollte:
diese vollkommene Reinheit unterscheidet die persischen Mysterien von
denen
aller anderen orientalischen Götter (Franz Cumont: Die
Orientalischen
Religionen, deutsch v. Gehrich, S. 184). „Keine Religion der
Welt war
jemals
dem Reinheitsideal so fanatisch ergeben wie diese“ — sagt Farnell von
der
persischen Urreligion, aus der die des Mithras entstammt (The Evolution
of Religion, S. 127). Letztere kennzeichnet nun außer der
Reinheit,
die, mit ihr verwobene, außerordentlich starke B e t
o n u n g d
e r T a t; das Erwecken aller Anlagen zur
Energie, um aus jedem
Menschen
die
53 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
Höchstleistung
herauszuholen,
bildet
ihre Hauptsorge, sie verkörpert gleichsam Goethe's Mahnung
„Gedenke
zu leben!“: so wurde die Religion des Mithras die Religion der
militärischen
Legionen und hat hierdurch einen unermeßlichen Einfluß auf
den Bestand des römischen Reiches gewonnen, indem, dank diesem
segensreichen
Einfluß, zu einer Zeit des allgemeinen Sittenverfalles das Heer
rein
und stark blieb. Es ist gewiß kein Zufall, wenn die meisten
Trümmer
der Andachtsstätten dieser Gottesvorstellung heute auf deutschem
Boden
gefunden werden: die Religion des Mithras sagte unseren germanischen
Altvordern
zu.
Eingehende Beachtung
verdient
die Tatsache, daß auch dieser Glaube auf die Dauer des M i
t t l e
r s nicht hat entbehren können. Zwar sind wir, trotz
der
bewundernswerten
Arbeiten des belgischen Gelehrten Cumont, noch wenig über die
Einzelheiten
der Lehren dieser Mithras-Religion unterrichtet — so gewissenhaft
streng
wurde das Gebot des Verschweigens gewahrt, doch hat Albrecht
Dieterich's
Entdeckung von Bruchstücken einer Mithras-Liturgie Einiges ans
Tageslicht
gebracht, darunter namentlich die Tatsache, daß innerhalb der
Gottheit
zwischen Vater und Sohn unterschieden wurde:
beide bildeten ein einziges Wesen in
unio mystica vereint, jedoch
unterscheidbar: Mithras, der Vater,
Helios,
der Sohn. Das Amt des Sohnes ist es, zwischen dem Menschen und seinem
Vater
im Himmel zu vermitteln (vergl. Eine
Mithrasliturgie, 1903, S. 68,
135).
Von alten christlichen Apologeten ist behauptet worden, diese
Gotteslehre
entstamme einer späteren Zeit, als Nachbildung halbverstandener
christlicher
Glaubenssätze; dem Urteil der Kirchenväter ist jedoch wenig
zu
trauen; hier brechen wahrscheinlich uralte, sorgfältig
geheimgehaltene
Lehren durch; so hören wir z. B. von dem Chaldäer
Nebukadrezar
dem Großen, der keinem der zahlreichen Götter des
babylonischen
Pantheons die öffentliche Verehrung versagte, daß „wenn
nicht
in der Theorie, so doch in der Praxis Maruduk (der Hauptgott) sein
eigener,
einziger Gott war, und er Nabû als dessen Sohn und Offenbarung
verehrte“
(Tiele, Gesch. d. Religion im
Altertum, deutsch v. Gehrich, 1, 202).
Uns
kann die Entscheidung gleichgültig lassen; denn es genügt
uns, es
zu wissen, daß auch diese große Religion des M
i t t l e r
s
nicht
hat entbehren können. Und zwar stand der Mittler den Glaubenden
Tag
und Nacht bei: „Er beschützte
54 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
sie
in ihrem ununterbrochenen Kampf
gegen
die Mächte der Finsternis; er half ihnen, der Wahrhaftigkeit treu
zu bleiben, Gerechtigkeit zu üben und die Reinheit sich zu
bewahren...
und nach dem Tode führte er die Seelen hinüber zu den
Gefilden
der Seligen“ (Cumont in Daremberg
3, 1953).
Noch bleibt eine
Religion zu
erwähnen,
für uns Christen wohl die bedeutungsvollste — die des
D i o n y s
o s.
In der Schule pflegte
man uns
zu lehren: die Tatsache, daß Dionysos nur einmal in der Ilias
genannt
werde (VI, 132 fg.), und zwar flüchtig und nicht sehr ehrenvoll,
genüge
zum Beweise, es handle sich um eine damals neuauftretende Gestalt, noch
kaum unter die Götter aufgenommen und wahrscheinlich von
auswärts
eingeführt; eine Auffassung, die durch die Belehrung ergänzt
wurde, der dionysische Kult bilde im griechischen Leben eine
früher
unbekannte Erscheinung, die den Verfall einleite. In Wirklichkeit
stammt
gerade Dionysos — das wird heute von allen Fachgelehrten zugegeben —
aus
den allerfrühesten Zeiten, von denen wir Kunde besitzen, und ist
beträchtlich
älter als der ganze homerische und vorhomerische Olymp. Dionysos
ist
nämlich identisch mit dem Gott Agni-Soma, der schon in den
ältesten
Teilen des Rigveda verehrt
wird. Nicht allein bildet hier wie dort das
Verhältnis zu körperlichem und auch zu seelischem Rausch und
Überschwang den leitenden Zug der mythischen Gestalt — einen Zug,
der bis in Seelentiefen alles Bezeichnende bestimmt; sondern selbst
Züge,
die zunächst den Eindruck recht willkürlicher
Erfindungsphantastik
machen, stimmen bei beiden genau überein: ebenso z. B. wie der zur
Geburt
unfertige Dionysos von Zeus dem toten Mutterleib entnommen und in den
eigenen
Schenkel zur Ausreifung eingenäht wird, ebenso verfährt Indra
mit
Soma — weswegen der indische Gott den Beinamen des „Zweimalgeborenen“
erhielt,
genau entsprechend dem griechischen Beinamen des Dionysos, Dithyrambos.
Beide Götter sterben, und beide stehen mächtiger als vorher
wieder
auf; vor allem: beide gewinnen vielfach die Bedeutung von M i t
t l e r n
zwischen Mensch und Gott. Diese aus den urältesten Zeiten eines
reinen
Ariertums stammende Religion des Dionysos durchzieht, wie wir jetzt
wissen,
alle Stufen der hellenischen Kultur, von den Uranfängen an bis
weit
ins Christentum hinein; die Namen haben oft gewechselt, doch er-
55 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS
kannten
die Griechen z. B. im Zagreus
der Kretenser und im Sabazius der Thraker — um nur die zwei
bedeutendsten
zu nennen — sofort ihren vertrauten, zugleich heiter ausgelassenen und
tiefsinnig geheimnisvollen Gott wieder, der zu allen Zeiten ihr
eigentlicher
Religionsgott war und blieb. Man weiß z. B., daß in Delphi
Apollo
zuerst als Eindringling empfunden wurde und er seine spätere
herrschende
Stellung lediglich der Verschmelzung mit Dionysos verdankte. Zwar
führte
die allen Mythologien gemeinsame Lust zu ewig wechselnden Beziehungen,
Vertauschungen, Angleichungen auch hier zu mancher Verdunkelung und
Irreleitung
— so namentlich die Heranziehung der in Syrien und Kleinasien beliebten
Vegetations- und Jahreszeitgötter Attis und Adonis, wodurch
mancherorten
die Dionysosverehrung auf bedenkliche Abwege geriet. Attis und Adonis
verschwinden
— wie Demeter — alljährlich zu einer bestimmten Zeit, nämlich
beim Einschlafen der Vegetation, und kehren im folgenden Frühjahr
mit
deren Erwachen zurück; auch für Dionysos ist es bezeichnend,
daß er manchmal mitten unter seinen von Freudentaumel beseelten
Anbetern
weilt und dann wieder von der Erdoberfläche verschwindet: bei ihm
aber verhält es sich anders. „In diesem Verschwinden und
Wiederkehren
des Gottes, wie es üblich ist, allegorische Versinnbildlichung der
Vernichtung und Wiederherstellung der Vegetation zu sehen, besteht
keine
Veranlassung“, lehrt uns Rohde und fügt ironisch hinzu,
„außer
in den ein für allemal feststehenden Axiomen der Lehre von der
griechischen
Naturreligion“ (Psyche 2, 12
fg.). Dionysos bleibt ja zwei Jahre lang
fern,
was allein zum Beweise genügt, daß hier tiefere
Vorstellungen
walten.
Dionysos ist „Herr der Seelen und Geister“; er wird verehrt als
„König
der Toten“, als „Gott der Toten“, und — was noch mehr sagen will —
als
„B e s i e g e r d e s T o d e s“, als der
Gott, der gerade
vermittelst des
sonst
gefürchteten Todes die Seelen der Gläubigen in die
Unsterblichkeit
hinüberrettet, weswegen er auch den Namen Dionysos Soter
trägt,
das heißt „der Erlöser“ (siehe Daremberg unter „Bacchus“).
Auch
hier — sobald die Vorstellung des M i t t l e r s
nach letzter Deutlichkeit
verlangt
— findet die Spaltung des Eingottes in Vater und Sohn statt und
führt
bisweilen zu dem Begriff der Dreieinheit (Trigonos) hinüber, —
wofür
wir das Zeugnis Augustin's besitzen. Fügt man hinzu,
daß
den gebildeten Bekennern dieses
56 DER
MITTLER —
HERAKLES, OSIRIS, DIONYSOS — MYSTIK,
MAGIE, GLAUBEN
Glaubens
(nämlich den orphischen
Brüderschaften) die Lehre des Sündenfalles sowohl wie
diejenige
des Logos nicht fremd war und daß sie Keuschheit und Abkehr von
dieser
Welt mit Inbrunst predigten, so übertreibt man sicher nicht, wenn
man sie als Pfadfinder für manche grundlegenden Religionsgedanken
der christlichen Kirche einschätzt.
*
Es könnten noch mehr
Bekenntnisse
aufgezählt werden, doch schreibe ich keine Religionsgeschichte,
sondern
will nur die Wege aufzeigen, welche die europäische Menschheit in
ihrer steigenden Sehnsucht nach V e r m i t t e l u n
g geführt wurde.
So
grundverschieden diese Bekenntnisse auch waren, wir finden
nichtsdestoweniger
bei ihnen allen eigentümlich naheverwandte Züge, und zwar
gerade
dort, wo es gilt, die Brücke zwischen Mensch und Gott zu schlagen.
Bei aller Sehnsucht nach Gott fanden sich die Bekenner dieser
verschiedenen
Religionen stets auf sich selber angewiesen, und somit auf sich selber
zurückverwiesen, — auf die eigene Phantasie, auf das eigene
Ergrübeln,
auf den eigenen Wahn; denn ein tatsächlicher M i t t l
e r, einer, den
man mit Augen gesehen und mit Ohren gehört hätte, war nicht
vorhanden:
zwar sollte Osiris einstens gelebt haben, doch lediglich als ein
tüchtiger
Staatsmann, und im Laufe der Jahrtausende war ohnehin seine wahre
Gestalt
unter den abenteuerlichen Phantasien der Priester verschüttet
worden
und verschwunden; Dionysos war der letzte Widerhall uralten,
längst
vergessenen Dichtens; die meisten um ihn herum stellten allegorische,
bestenfalls
symbolische Gestalten dar und führten somit immer wieder letzten
Endes
auf die Natur zurück, nicht zum ersehnten Gotte hin. Unter dem
Drucke
des unstillbaren Sehnens entwickelten sich nun im Menscheninnern drei
Triebe,
die immer mehr Gewalt in ihm und über ihn gewannen — alle drei als
sichere Wege zur V e r m i t t e l u n g zwischen
Mensch und Gott: die
Mystik,
die Magie, der Glaube.
In einer Beziehung
bilden Mystik
und Magie entgegengesetzte, sich fliehende Endpunkte, in einer anderen
fließen sie ineinander über; am besten ist es, man stellt
sich
diese drei Triebe vor, als stünden sie zusammen in einer
Kreislinie,
so daß jeder der drei an die beiden anderen angrenzt, nach jeder
Seite Einfluß ausübend und
57 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
von
jeder Seite Einfluß
empfangend,
jeder der drei aber in seinem eigentlichen Wesen von den anderen
durchaus
verschieden. Die M y s t i k bedeutet das Bestreben
des Menschen, aus
eigenen
Kräften zu Gott hinzugelangen und sich an ihn anzuklammern;
die M
a g i e knüpft bei ältesten Vorstellungen der
urtümlichen
Menschen an, die wir oben, bei Besprechung des ursprünglichen
Sinnes
der Opferhandlungen, kennen lernten, und nimmt an, es gebe Mittel und
Wege,
eine Gemeinschaft mit Gott zu erzwingen; als G l a u b e n
bezeichnen wir die
kraftvolle Ruhe einer Seele, welche der Überzeugung lebt, Gott
erbarme
sich ihres Unvermögens und nehme sich ihrer in Liebe an.
Widmen wir jedem
dieser drei Triebe
eine kurze Betrachtung.
Wir Heutigen pflegen
bei dem
Worte M
y s t i k an Männer wie Eckehart und Böhme, wie
Franziskus
und
Hafis zu denken — Männer, bei denen die reine Beschaulichkeit oder
die unschuldig-tatkräftige Versenkung in eine erträumte Welt
vorwiegt;
wir pflegen dabei zu übersehen, daß kein derartiges
Bestreben
ausschließlich geistiger Art sein kann, vielmehr ein jedes als
unvermeidlichen
Bestandteil die Überwindung der Körperlichkeit
umschließt,
was leicht zu wunderlichen Überspanntheiten und gefährlichen
Ausschreitungen führt: diese Verneinung des Körpers ist
für
alle Mystik bezeichnend. Die arischen Inder bekämpften den
Körper,
indem sie ihn mit eiserner Strenge zu Ruhe und Bewegungslosigkeit
erzogen;
hierher gehören auch ihre Atemübungen, die den Zweck
verfolgten,
das Atmen womöglich gänzlich zu unterbinden, wodurch zuletzt
langanhaltende Bewußtlosigkeit erzeugt wurde, die als
Entrückung
galt. Später strebten christliche Mystiker dem gleichen Ziele
durch
Askese und blutige Selbstkasteiung zu. Weiter verbreitet war und ist
jedoch
über die ganze Erde das umgekehrte Verfahren: des Körpers
durch
wirbelnde Bewegung Herr zu werden, ihn in völlige Erschöpfung
und zugleich in Verzückung versetzend. Selbst dem nüchternen
Mohammedanismus hat es nie gelingen wollen, diese Form der Mystik aus
seiner Mitte zu verbannen: des Menschen Verlangen, mit Gott zu
verschmelzen,
ist ein unüberwindliches. Die Eigenart der aus zahlreichen
Schilderungen
in ihrem äußeren Verlauf allbekannten dionysischen und
bacchantischen
Feste der Raserei und des Taumels erfaßt man erst, wenn man
begriffen
hat, daß es sich keines-
58 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
wegs
darum handelt, einer wilden
Gottheit
Verehrung zu bezeigen, vielmehr darum, die Vereinigung mit einem
milden,
menschenfreundlichen Gotte zu erringen: dies ist Mystik. Auf der
berühmten
Vase des Museums zu Neapel naht dem Dionysos von der einen Seite der
Zug
der trunkenen Bacchanten, auf der anderen Seite stehen in feierlich
ernster
Versunkenheit Gestalten, die auf göttliche Geheimnisse deuten: die
Erkenntnis dieser Geheimnisse bildet das Endziel jener Trunkenheit. Um
sicher zu gehen, will ich mich wieder auf einen aller Phantastik
unverdächtigen
Zeugen berufen — auf Erwin Rohde. Dieser schreibt: „Die Teilnehmer an
diesen
Tanzfeiern versetzten sich selbst in eine Art von Manie, eine
ungeheuere
Überspannung ihres Wesens; eine Verzückung ergriff sie, in
der
sie rasend, besessen, sich und anderen erschienen. Diese
Überreizung
der Empfindung bis zu visionären Zuständen bewirkten, bei
hierfür
Empfänglichen, der rasende Tanzwirbel, die Musik, das Dunkel, alle
die Veranstaltungen dieses Aufregungskultes. Diese äußerste
Erregung war der Zweck, den man erreichen wollte. Einen religiösen
Sinn hatte die gewaltsam herbeigeführte Steigerung des
Gefühls
darin, daß nur durch solche Überspannung und Ausweitung
seines
Wesens der Mensch in Verbindung und Berührung treten zu
können
schien mit Wesen einer höheren Ordnung, mit dem Gotte und seinen
Geisterscharen. Der Gott ist unsichtbar anwesend unter seinen
begeisterten
Verehrern, oder er ist doch nahe, und das Getöse des Festes dient,
den Nahenden ganz heranzuziehen“ (Psyche,
2, 11 fg.). So finden wir
denn
innerhalb jener zwischen Mensch und Gott zu vermitteln suchenden
Bestrebungen,
die wir unter dem Namen Mystik zusammenfassen und die tatsächlich
eine organische Einheit bilden, eine ausgedehnte Stufenleiter, von
trunkenen
Orgien an bis zu jener regungslosen Versunkenheit, welche
Fénelon
in seiner Placitis sanctorum
preist als die para contemplatio
absque
activitate et sollicitudine und welche den orphischen
Brüderschaften,
die einen verfeinerten, verklärten Dionysoskult pflegten, schon
bekannt
war:
der Zweck ist immer die Erhebung bis
zur Gottheit durch die Steigerung ins Ungeheuere von Kräften, die
im Menscheninnern schlummern.
Wenn die Menschen
folgerichtig
dächten, ließe sich der Grundgedanke aller Mystik mit den
Vorstellungen,
die der M a g i e und dem
59 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
Glauben
zugrunde liegen, nie vereinigen;
dies tun sie aber nicht, und so trieb denn namentlich die Magie in den
Jahrhunderten vor und nach der Geburt Jesu Christi die üppigsten
Blüten,
und zwar nicht als Gegnerin der Mystik, vielmehr im Bunde mit ihr.
Nennt man — wie das
zu geschehen
pflegt — die Magie eine Verwendung übernatürlicher
Kräfte,
so geht man, glaube ich, an dem springenden Punkt vorüber; die
eigentliche
Voraussetzung bildet hier die Annahme, die Natur enthalte zu jeder noch
so kühn erträumten Wirkung ein hinreichendes Mittel: es komme
nur darauf an, dieses Mittel zu kennen, zu ergreifen und richtig zu
handhaben.
Übernatürliches gibt es bei dieser Weltauffassung
überhaupt
nicht; der vollkommen Weise würde alles können. Magie ist ein
Afterbild der Wissenschaft; sie widerspricht allem, was Glaube zu
heißen
verdient, und neben ihr erweisen sich die Bemühungen der Mystik
als
überflüssig; nichtsdestoweniger vermochten zu keiner Zeit
weder
Mystik noch Glaube sieh von ihr loszusagen. Einerseits ist das
vollkommen
Unverständliche dasjenige, was der Menge am besten zusagt:
daß
ein mit der Hand geworfener Pfeil, wenn er nur in der richtigen
Richtung
geworfen ist, den hundert Kilometer entfernten Feind verwunden wird —
dies scheint jedem urtümlichen Menschen ohne weiteres
einleuchtend,
und noch heutigen Tages zweifeln viele nicht, daß, wenn sie eine
Wachsfigur beschaffen, die ihren Todfeind darstellen soll, und diese
Figur
dann mit einer glühenden Nadel durchbohren, der Feind elend
sterben
muß — geschieht es nicht, so ist bei dem Verfahren etwas verfehlt
worden. Noch niemals hat das Kartenlegen und sonstiger derartiger Unfug
so stark gewuchert wie im England und Frankreich des heutigen Tages. Es
kommt aber noch etwas hinzu. Wir sehen auch die feinsten und die
kräftigsten
Geister einem mehr oder minder übertünchten Magieglauben
frönen
und schließen daraus auf ein unüberwindliches Bedürfnis
des Menschengemütes.
In diesem Buche haben
wir es nur
mit der einen Vorstellung einer magischen Wirkung zu tun, die wir schon
im Anfang des Kapitels bei der Besprechung des ursprünglichen
Opfergedankens
kennen lernten: durch den Genuß einer geheiligten Speise wird die
Verwandtschaft zwischen den Teilnehmern und Gott hergestellt und
hierdurch
zugleich Gott v e r p f l i c h t e t, den
betreffenden Men-
60 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
schen
beizustehen in ihren Nöten.
Im weiteren Verlauf der Entwickelung scheint dieser ursprüngliche
Gedanke in den Hintergrund gedrängt worden zu sein zugunsten
rationalistischerer
Vorstellungen von Gabe-, Dank-, Buß-, Reueopfern und dergleichen
mehr. Im Homer z. B. findet sich meines Wissens keine Spur eines
Hinweises
auf die magische Bedeutung des Opfers.
Da trat eine
gewaltige
Gegenwirkung
ein, die wir berechtigt sind als aus den religiösen
Bedürfnissen
des Menschenherzens entsprungen zu betrachten; auf allen Seiten brach
die
Bewegung zugleich hervor und erfaßte die gesamte hellenische und
mehr oder weniger hellenisierte Welt: alles wollte zu Gott hin, wollte
mit ihm verschmelzen — wobei zu beachten ist, daß für die
Griechen
Unsterblichsein so viel bedeutet wie Gottsein, und ein Mensch, dessen
Seele
Unsterblichkeit gewonnen hat, insofern Gott gleich zu achten ist. „Die
Vereinigung des Menschen mit der Gottheit ist das einzige und
höchste
Ziel aller Mysterien“, bezeugt Albrecht Dieterich (Eine
Mithrasliturgie,
S. 209), und Ramsay schreibt: „Die Verheißung an die
Einzuweihenden
lautete: 'Seliger und Gesegneter, Du sollst Gott werden anstatt
Sterblicher
zu sein.' Einswerden mit der Gottheit wurde das Ziel des
Menschenlebens,
ein Ziel, das — wie viele Grabsteine zeigen — beim seligen Hinscheiden
erreicht gedacht wurde, wenn nicht gar schon bei Lebzeiten als Erfolg
der
feierlichen Einweihung“ (Ramsay: The
Teaching of Paul, S. 293). Ebenso
wurde der Gedanke Gemeingut, daß Gott bei Gelegenheit Mensch
werde.
Wie Jane Harrison ausführt, diese zwei Auffassungen rufen einander
als Ergänzung hervor, nur daß der eine Kult das Gottwerden
des
Menschen mehr betont, der andere das Menschwerden des Gottes
(Prolegomena
to the Study of Greek Religion, S. 475). „Ein Gott, der stirbt
und
aufersteht,
der niedergefahren ist zum Totenreich und wieder aufgefahren gen
Himmel....
steht in fast allen mystischen Kulten des späten Altertums... im
Mittelpunkt
des Glaubens“, belehrt uns Dieterich in seiner Mithrasliturgie (S.
173).
Der Begriff eines G o t t m e n s c h e n (Theios
Anthropos) wurde so
geläufig,
daß man vielerorten ihn zu erblicken glaubte und
wundertätigen
Heiligen, wie dem Apollonios von Tyana und dem Alexander von
Abonoteichos,
göttliche Verehrung bezeugte (Reitzenstein: Die hellenistischen
Religionen,
S. 12). Selbst der stoische Philosoph Epiktet
61 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
—
von dem man eine solche Wendung nicht
erwarten würde — schreibt: „Ein jeder von uns darf sich
als S o h n
G o t t e s bezeichnen“ (vergl. Hatch: Influence of Greek Ideas, S. 155),
und
der Kirchenvater Athanasius wagt noch die Worte: „Jesus Christus wurde
Mensch, damit wir Menschen Götter würden“ (angeführt b.
Caird:
Evolution
of Theology, 2, 366), — Worte,
die tausend Jahre später bei Eckehart das Echo finden: „Gott liebt
den Menschen nicht als Kreatur, sondern als Gott.“
Aus diesen wenigen
Hinweisen
möge
der Leser entnehmen, wie allgemein verbreitet die Sehnsucht nach
Vergottung
des Menschen damals war.
Dieser große
Zweck der
Vergottung
bildete — wie wir sahen — das Ziel aller Mystik, sowohl der
materialistischen
wie der idealistischen; doch forderten beide Richtungen eine
größere
Hingabe, als den meisten Menschen genehm ist: von den Teilnehmern an
den
bacchantischen Festen wird es nur einer Minderzahl gelungen sein,
über
den Körperrausch hinaus bis in die begehrte Seelenekstase des
Gotteserlebnisses
zu gelangen; noch wenigere werden es auf dem Wege der reinen Versenkung
ins Innere vermocht haben. Da trat denn die Magie ein, die es jedem
leicht
macht: die uralte Vorstellung von der Wirkung einer besonderen Speisung
lebte wieder auf und fand schnell eine derartige Verbreitung, daß
bald dieser eine Zug allen verschiedenen Religionen gemeinsam war:
das
h e i l i g e M a h l, das „Essen des Gottes“.
„Daß der Mensch
sich
mit einem Gotte vereinigen kann dadurch, daß er ihn oder
Stücke
von ihm ißt, bewährt sich immer wieder als uralter, aus der
Tiefe ursprünglichster religiöser Anschauung
empordrängender
Glaube. Wie der Wilde glaubt, die Kräfte des wilden Tieres zu
erlangen,
die Klugheit und Zaubermacht des weißen Mannes sich zu eigen zu
machen,
wenn er von ihm ißt, so gewinnt er göttliche Kraft und
Macht,
wenn er Göttliches ißt“ (Dieterich: Mithrasliturgie, S.
100).
Die Gewinnung dieser göttlichen Speisung läßt sich
leicht
vorstellen: im ersten Teil dieses Kapitels hörten wir, daß
es
genüge, ein zum Opfer geeignetes Wesen auszuwählen, das dann
durch weitere Weihen jeden Grad von Heiligkeit erreichen könne (S.
45); auf diesem Wege mußte es gelingen, das Opfer dem
göttlichen
Wesen völlig anzugleichen.
Hier ist der Ort, die
Aufmerksamkeit
auf einen seltsamen Um-
62 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
stand
zu lenken. Bekanntlich hat Goethe
wiederholt erklärt, sein Gehirn besitze kein Organ für die
Aufnahme
des Gedankens der Umwandlung (Transsubstantiation); was diesem
mächtigsten
Verstande unüberwindliche Schwierigkeit bereitete, das hat die
überwiegende
Mehrzahl der Menschen zu allen Zeiten ohne alle Gedankenqual
angenommen,
— die geistige Alchymie leuchtete und leuchtet noch heute
Vernünftigen
und Unvernünftigen ohne weiteres ein. Wir haben in diesem Gedanken
eines der ältesten Besitztümer der Menschheit zu erkennen,
dessen
Alter ihm Ehrwürdigkeit verleiht.
Die Form des Opfers
wechselte
je nach dem Kult. Bei dem einen z. B. mußte das Blut des
Opfertieres
über den Einzuweihenden herabfließen; doch blieb derartiger
barbarischer Brauch verhältnismäßig vereinzelt, und
immer
mehr bürgerte sich der Ersatz des Schlachtopfers durch das
unblutige
Opfer ein; sobald der Gedanke der Umwandlung von neuem geläufig
geworden
war, stand diesem Verfahren nichts mehr im Wege: Brot und Wein pflegten
des Gottes Fleisch und Blut darzustellen. Feierliche Mahle mit
sakramentaler
Bedeutung (Liebesmahle) waren ein uralter Brauch der arischen
Völker
und finden sich z. B. in dem vor-etruskischen Latium (Fowler: Roman
Ideas
of Deity, S. 37); auch reicht die Annahme einer geheimnisvollen
Verwandtschaft
zwischen Wein und Blut sehr weit zurück (Kircher: Die sakrale
Bedeutung
des Weines im Altertum). Als interessante Kuriosität sei
erwähnt,
daß die Hostie schon im alten Mexiko bekannt war. Kurz, alle
Elemente
standen schon längst bereit; es brauchte nur der letzte
Gedankenfunke
hinzuzukommen, und die Vermittelung der göttlichen Speisung, des
Gotteswerdens
und hiermit der Unsterblichkeit war allerorten leicht zu bewirken. Bald
gab es in allen Mysterienkulten „ohne Ausnahme“ — sagt Ramsay in seinem
Religion of Greece — das
Brechen und Verteilen des Brotes und das
Trinken
aus dem gemeinsamen Becher. Erblicken wir also auf bildlichen
Darstellungen
des Mithras-Gottesdienstes die Gläubigen feierlich um einen Tisch
versammelt, auf dem Brot und Weinkelch stehen, und sehen wir zuweilen
Mithras
und Helios zu ihnen gesellt, so wissen wir genau, was dies zu
bedeuten
hat.
Hier können wir
nun nicht
umhin, auf das Christentum und
63 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
dessen
Sakrament des Abendmahls
hinzuweisen;
denn gerade an diesem Punkte steht die Religionslehre der christlichen
Kirche in innigstem Zusammenhang mit vorangegangenen und umgebenden
religiösen
Vorstellungen und Gebräuchen. Man versteht, was Heitmüller
meint,
wenn er schreibt: „Diese uralte konkret-sinnliche Vorstellung (der
Verspeisung
der Gottheit) kommt im urchristlichen Herrnmahl, auf der höchsten
Entwickelungsstufe der Religion, wieder zum Durchbruch und gewinnt
unter
einer neuen Form neues Leben. Gerade dadurch erhielt das christliche
Mysterium
den Charakter einer viel innigeren, geheimnisvolleren Kommunion als die
meisten gleichzeitigen heidnischen und jüdischen Opfermahle und
Mysterien.
Es ist eine höchst eigentümliche und interessante, keineswegs
aber alleinstehende Erscheinung: aus den untersten Tiefen des
großen
Stromes der Volks- oder Menschheitsreligion steigt, auf eine im
einzelnen
für uns unerklärbare Weise, ein Stück primitiven,
konkreten
religiösen Empfindens und Vorstellens an die Oberfläche,
dringt
bis auf die im Christentum erreichte höchste Stufe der
Frömmigkeit
und Mystik, der uralte Gedanke der Vereinigung mit der Gottheit durch
Essen
und Trinken“ (Taufe und Abendmahl bei
Paulus, S. 48 fg.).
Zu welchen Höhen
der
Menschengeist
sich von der Grundlage solcher magischer Vorstellungen aus noch
aufschwingen
sollte, wissen wir; die Umwandlung ward schließlich ein sich im
Innern
des Geistes vollziehender Vorgang; wie es im anglikanischen Katechismus
von dem Sakramente heißt: „ein äußeres und sichtbares
Zeichen einer inneren und geistlichen Gnade“, wodurch wohlbetrachtet
das
Gebiet der Magie verlassen wird für das des Glaubens.
Nichtsdestoweniger
bleibt es von entscheidender Wichtigkeit, zu wissen, daß die
früheste
Christenheit diese Stiftung noch ganz naiv materialistisch
auffaßte,
und zwar in doppelter Form: einerseits in Anlehnung an die verbreiteten
Liebesmahle als Erinnerungsmahl, andrerseits, in genauer Anlehnung an
die
heilige Gottesspeisung der Mysterienreligionen. Für beides finden
wir schon beim Apostel Paulus die Belege: den Heiland läßt
er
bei der Einsetzung sagen: „Das
tut zu meinem Gedächtnis“;
andrerseits lebt Paulus so ganz in den Gedanken seiner Zeit, daß
er ausdrücklich sagt, wer an den Mahlen der Mysterienreligionen
teilnehme,
„komme in die Gemein-
64 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
schaft
der Dämonen“ (1. Kor.
10, 20), — er glaubt also, wie man sieht, an die magische Wirkung mit
allen
ihren Voraussetzungen und Folgerungen nicht allein beim christlichen
Abendmahl,
sondern auch bei den schon früher bestehenden Mahlen der
dionysischen
und anderer Gemeinden! Wiederum führe ich Heitmühler an:
„Ihrer Isolierung entnommen, erscheint
die paulinische Anschauung vom Abendmahl in ihren Grundzügen nicht
als ein schlechthinniges Novum und als eine originale Schöpfung
des
Christentums, sondern als verflochten mit der vor- und
außerchristlichen
religiösen Gedankenwelt. Sie ist ein neuer Schößling an
einem alten Zweige des religionsgeschichtlichen Baumes der Menschheit“
(S. 51) ¹). Den beiden Auffassungen des Paulus begegnen wir auch
in den
ältesten Gemeinden. Nach der Didache
(oder Lehre der zwölf
Apostel)
— der ältesten bekannten
liturgischen
Schrift, aus dem Beginn des zweiten Jahrhunderts — spricht die Gemeinde
beim Kelch: „Wir danken dir, unser Vater, für den heiligen
Weinstock
David's, deines Knechtes, welchen du uns kundgetan hast durch deinen
Knecht
Jesus. Dir sei Ehre in Ewigkeit!“ Und beim Brot spricht sie: „Wir
danken
dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die du uns
kundgetan
hast durch Jesus, deinen Knecht. Dir sei Ehre in Ewigkeit!“ Daraufhin
speisen
die Mitglieder der Gemeinde, „bis sie sich gesättigt haben“
(vergl.
Hennecke: Neutestamentliche
Apokryphen, S. 191); wie man sieht, handelt
es sich um ein feierliches Mahl (Agape
genannt), bei dem aber von einer
Wandlung des Brotes und des Weines in Leib und Blut Christi nicht die
Rede
ist. Genau zur gleichen Zeit — etwa um das Jahr 110 — schreibt jedoch
der
Märtyrer
Ignatius in seinem Brief an die
Epheser (Abschn. 20) von „dem Brot,
welches
ist ein Z a u b e r m i t t e l d e
r U n s t e r b l i c h k e i t
(pharmakon athanasias)“:
er vertritt also mit aller Bestimmtheit die magische Auffassung des
Sakramentes.
Hierfür ließen sich noch viele Belege beibringen. Vor allem
aber muß bemerkt werden, daß die frühe Gemeinde
ebensowenig
wie Paulus einen Widerspruch zwischen den beiden Auffassungen empfand;
vielmehr
—————
¹) Ich
halte es
für meine
Pflicht,
den Leser darauf aufmerksam zu machen, daß es bedeutende
Fachgelehrte
gibt, die anderer Meinung in bezug auf das Verhältnis des Paulus
zum
Abendmahl
sind, und verweise namentlich auf Carl Clemen's
Religionsgeschichtliche
Erklärung
des Neuen Testamentes.
65 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
entstand
bald die Sitte, Liebesmahl und
Opfermahl zu vereinigen, indem der Genuß des göttlichen
Fleisches
und Blutes der Agape als
Krönung hinzugefügt wurde (vergl. z.
B. Lightfoot: Ignatius & Polycarp,
2. Aufl., 2, 313). Jedoch, es
hat
das schöne Liebes- und Erinnerungsmahl nicht lange vermocht, sich
neben der Wucht des uralten magischen Vereinigungsgedankens zu
behaupten;
letzterer blieb allein zurück, und an Stelle des sättigenden
Brotes trat die symbolische Oblate. Endlich, nach einem Jahrtausend
fast
ununterbrochenen Kämpfe zwischen idealistischer und
materialistischer
Deutung des Wesens des Abendmahles stellte die Kirche im Jahre 1215 im
Laterankonzil als Dogma fest: „Es gibt nur eine allgemeine Kirche der
Gläubigen
und außerhalb ihres Bereiches wird durchaus niemand selig; in ihr
ist Priester und Opfer zugleich Jesus Christus, dessen Leib und Blut in
dem Sakrament des Altars in der Gestalt (sub speciebus) von Brot und
Wein
wahrhaft enthalten sind, nachdem durch Gottes Allmacht das Brot in den
Leib und der Wein in das Blut verwandelt ist (transsubstantiatis pane
in
corpus ed vino in sanguinem), so daß, um das Geheimnis der
Vereinigung
zu vollenden, wir von dem Seinigen annehmen, was er von dem Unsrigen
angenommen
hat“ (angef. nach Krüger: Das
Dogma von der Dreieinigkeit und
Gottmenschheit,
S. 258 fg.). Dies kann der dogmatische Mittelpunkt der katholischen
Kirche
genannt werden, denn hier wurzelt die schrankenlose Macht des
Priestertums;
für die Erkenntnis des Menschengeistes ist beachtenswert,
daß
die Begründung — wie man sieht — unmittelbar an älteste
Vorstellungen
des noch gänzlich unkultivierten Menschen anknüpft. Die Magie
— sagen wir auf deutsch die Zauberei — und mit ihr der Zauberer hatten
gesiegt!
Vom G l a
u b e n
zu reden, ist
insofern
bedenklich, als dieses Wort in allen Sprachen an einer
eigentümlichen
Zweideutigkeit krankt. Wer hierüber genau unterrichtet sein
möchte,
dem empfehle ich die Abhandlung des außerordentlichen Gelehrten,
Bischofs Lightfoot, enthalten in seinem Kommentar zu der Epistel an die
Galater (S. 154 fg.). Überall schillert „Glauben“ in die
Bedeutung des
Zweifelns hinüber, als eine Art Gegensatz zum Wissen.
Außerdem
müssen wir unterscheiden zwischen einer p a s s i v e
n Bedeutung,
bei welcher das Wort nur so viel besagt, daß Einer sich auf
Jemand
oder auf Etwas verläßt oder verlassen zu können meint,
und einer
66 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
a
k t i v e n Bedeutung, nach welcher der
Glaube
eine Bewegung des Gemütes bedeutet auf einen Gegenstand hin, den
es
erfaßt und festhält, „die Kraft, welche den Menschen
gottwärts
treibt“ (Ramsay: Paul's Teaching,
S. 273). In den zwei Sprachen der
früh-christlichen
Kirche — der griechischen und der lateinischen — wurde eine neue
Verwirrung
durch die Tatsache hineingetragen, daß die hebräische
Sprache,
der als Sprache des Alten Testaments entscheidende Bedeutung zukommt,
für
den „aktiven“ Glauben überhaupt kein Wort besitzt, vielmehr einzig
den „passiven“ Glauben kennt:
ein bedenklicher Umstand für die
Verkündigung einer neuen Religion, deren hervorstechendste
Eigentümlichkeit
gerade in der Betonung des aktiven Glaubens besteht, so daß schon
Paulus nicht selten statt „Evangelium verkünden“ kurzweg „den
Glauben
verkünden“ schreibt (z. B. Gal.
1, 23), und daß der
Christengegner
Celsus den Vorwurf erheben kann, die Christen wichen jeder
Beweisführung
aus und lehrten: „untersuchet nicht, sondern glaubet! der Glaube
genügt
zur Erlösung!“ (siehe Origenes: Contra
Celsum 1, 9). Ich bin nun
der
Meinung, für uns Ungelehrte führe folgende vereinfachende
Erwägung
zu einem klaren und durchaus hinreichenden Ergebnis.
Glauben, im Sinne von
Fürwahrhalten,
ist überall vorhanden und fehlt ebenso wenig dem trunkenen
Mystiker,
der die Verschmelzung mit Dionysos sucht, wie dem Teilnehmer an einem
göttlichen
Opfermahle — beide müssen gewisse Überzeugungen hegen
(müssen
also „glauben“), sonst wären ihre Handlungen sinnlos: dies nennen
wir den p a s s i v e n G l a u b e n,
denn er bahnt nur den Weg
für
eine andere Tat des Gläubigen, welche andere Tat erst die
Erlösung
bewirkt. D e r a k t i v e G l a u
b e hingegen — der Glaube, wie ihn Jesus
Christus
offenbart und wie ihn Paulus, Augustinus und Luther predigen — bedeutet
eine Wendung des ganzen Wesens, einen derartig entscheidenden Vorgang,
daß er die Kraft besitzt, die Erlösung aus irdischen Banden
zu höherem Leben unmittelbar herbeizuführen. So schwer, ja
unmöglich,
es sich erweist, den Begriff mit Worten zu bestimmen: es gibt doch eine
Tatsache, an der man sicher erkennen kann, ob von „aktivem“ Glauben
gesprochen
wird oder nicht:
immer begleitet, als ergänzendes
Gegenstück, den „aktiven“ Glauben die G n a d
e: wie der Glaube
hinaufstrebt,
so strebt die Gnade hinab.
67 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
Glaube
in diesem Sinne genommen ist
nichts
anderes als die Liebe Gottes im Menschenherzen widergespiegelt. „Glaube
ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben
halten“, sagt Luther, „Glaube ist ein göttlich Werk in uns, das
uns
wandelt und neugebiert aus Gott, und tötet den alten Adam, machet
uns ganz ander Menschen von Herzen, Mut, Sinn, und allen Kräften,
und bringt den heiligen Geist mit sich. O, es ist ein lebendig,
schäftig,
tätig, mächtig Ding um den Glauben, das unmöglich ist,
daß
er nicht ohn Unterlaß sollte Guts wirken. Er fraget auch nicht,
ob
gute Werk zu tun sind, sondern eh man fraget, hat er sie getan, und ist
immer im Tun.... Glaube ist ein lebendige, erwegene Zuversicht auf
Gottes
Gnade, so gewiß, daß er tausendmal drüber
stürbe,... Und solche Zuversicht und Erkenntnis göttlicher
Gnade machet
fröhlich, trotzig und lustig gegen
Gott und alle Kreaturen, welches der heilige Geist tut im Glauben“
(Vorrede
auf die Ep. Pauli an die Römer). An der gleichen Stelle
betont
der
Gottesmann die entscheidende und unterscheidende Tatsache, daß
der
„aktive“ Glaube stets als Gabe Gottes aufzufassen ist: „Bitte Gott,
daß
er d e n G l a u b e n i
n d i r w i r k e, sonst bleibest du
wohl ewiglich ohn
Glauben,
du tichtest und tust, was du willt oder kannst.“ Hier stehen wir an dem
springenden Punkt; hier gilt es verstehen und nicht — was gar
leichtiglich
geschieht — mißverstehen.
Wir bezeichnen diesen
echten
wahren
Glauben — wie ihn Jesus und Paulus lehrten — als den „aktiven“ Glauben,
und doch wird gerade er — wie Luther sagt — „durch Gott in uns
gewirkt“.
Es handelt sich um das Erblicken eines vorher Ungesehenen; unsere
altindischen
Verwandten nannten es „das Ergreifen der Gotteshand“. Insofern
muß
man sagen, der Vorgang sei zugleich aktiv und passiv. Entscheidend ist
freilich, daß Gott sich zu mir, Menschen, hinabneigt, daß
er
mir die Hand entgegenstreckt; nicht weniger entscheidend ist es jedoch,
daß ich, Mensch, das Auge aufschlage und Gott erblicke, daß
ich die ausgestreckte Hand ergreife — und diese „aktive“ Tat
entscheidet
alles. Denn hier bleibt nicht — wie bei der Mystik und der Magie — noch
etwas, eigentlich noch alles zu tun, vielmehr ist mit dem Glauben schon
alles getan, weil Gott es ist, der dann alles leistet. Gott erlöst
nicht nur aus den Banden einer beschränkten Menschlichkeit,
sondern,
indem er das tut,
68 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
schenkt
er — wie wir es soeben aus
Luther's
Mund vernahmen — ein höheres, tätigeres, rastloseres Leben,
was
wir an allen unseren großen Glaubenshelden erfahren. Darum lehrt
der Heiland: „Jeder, welcher Gott glaubt, hat Leben“ (Ev. Joh. 6, 47
nach
dem ältesten Texte, dem Syrsin).
Jetzt ist es uns
klar, warum
dieser
Glaube — im Gegensatze zu den anderen Bedeutungen des Wortes — der
„aktive“
heißen muß:
es ist der lebenspendende Glaube, ja,
der Leben in Gott spendende
— „der Glaube, der durch Liebe sich
auswirkt“ oder, wie Luther übersetzt, „der Glaube, der durch die
Liebe
tätig ist“ (fides, quae per
caritatem operatur, Gal. 5, 6). Dieser
Glaube — auch das ist uns aus dem Beispiel der großen Christen
bekannt
— ist der Liebe so nahe verwandt, daß beide Begriffe ineinander
verschmelzen;
„Gott ist die Liebe“: wer Gottes Hand ergreift, kann nicht anders als
„durch
Liebe sich auswirken“. Darum muß, wie die Liebe, so auch der
Glaube
alle Tage neu geboren werden, andernfalls er abstirbt und nur als Mumie
weitergeschleppt wird; es handelt sich um einen immer sprudelnden
Lebensquell,
der täglich Neues gebiert. Hierauf deutet das sonst schwer zu
verstehende
Wort: „aus Glauben zu Glauben“ (ex
fide in fidem, Römer, 1, 17):
der
Glaube bleibt allezeit ein und der gleiche, nichtsdestoweniger
erfährt,
wer sich Gottes Führung hingibt, daß er täglich
Unerwartetes
erlebt und leistet; er steigt eben die Stufenleiter, die gottwärts
führt, aus Glauben zu Glauben.
Soviel nur zur
Verständigung
über die Bedeutung der dritten Hauptregung, welche das Gemüt
der Einwohner des römischen Reiches zu der Zeit um Christi Geburt
herum stark bewegte, in dem Streben zwischen Mensch und Gott zu
vermitteln.
Während aber Mystik und Magie alle Länder mit ihrem Wesen
erfüllten,
verharrte der Glaube in dem Zustand einer noch schlummernden
Spannkraft,
die nur hier und dort sich zu regen versucht. Es fällt sehr
schwer,
solche Regungen nachzuweisen, es zu versuchen, würde uns weit
führen
und vielleicht doch nicht überzeugend wirken. Ich verweise aber
auf
das vorzügliche Buch von Hatch Über
den Einfluß der
griechischen
Ideen und Gebräuche auf die werdende christliche Kirche
(auch
deutsch
von Preuschen), wo man im 11. Kapitel manches Entscheidende über
die
Sehnsucht nach Glauben unter der damaligen Menschheit finden wird;
auch
Reitzenstein, in seinem
69 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
Buche
über Die hellenistischen
Mysterienreligionen,
weist auf das Aufkommen einer neuen Glaubensvorstellung hin, einer
Auffassung
des Glaubens als „einer göttlichen Kraft, die, auf
persönliche
Erfahrung im Mysterium begründet, ausdrücklich aller
philosophischen
Überzeugung entgegengestellt wird“, und zeigt, daß dieser
Gedanke
im Bunde mit der Sehnsucht nach „Erlösung“ (Soteria) als ein
mächtiges
Ferment Geist und Herz zahlreicher Menschen der verschiedensten Anlagen
— von den einfachen Seelen duldender Armer bis zu den feinst
entwickelten
Trägern der philosophischen und literarischen Bildung — in eine
gärende
Erwartung versetzte (S. 9 fg.).
Und doch gelang es
dem Glauben
nicht, irgendwo Fuß zu fassen und Wurzel zu schlagen. Man staunt,
wenn man erfährt, daß die Leute den verschiedensten
Religionen
zugleich beitraten: ein Mann ließ sieh heute in die Mysterien des
Dionysosdienstes einweihen, trat morgen als Myste den Verehrern des
Attis
bei, was ihn nicht hinderte, der großen Gemeinde des Osiris (der
Isis-Anbeter) sich anzuschließen und auch den Mithrasglauben zu
bekennen.
Die Sehnsucht nach Glauben war groß, die Erkenntnis des Wesens
dieser
Geistestat aber fehlte noch: daher die Irrung und Verwirrung. Das
Überwuchern
der Mystik auf der einen Seite und der Magie auf der anderen trug auch
viel zum Wirrsal bei. Je echter dieses neu sich regende
Geistesbedürfnis,
um so weniger konnte es sich bei den ihm dargebotenen Phantastereien
beruhigen.
Fürwahrhalten kann man alles mögliche; echter Glaube aber
bewirkt
eine innere Umwandlung; das wußten die Mysterienkulte, alle
versprachen
sie die „Wiedergeburt“ und redeten ihre Neueingeweihten an: renatus es,
du bist wiedergeboren; doch was sie verhießen, waren sie
unfähig
zu leisten, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil Gott allein das zu
leisten vermag. Solange nicht der wahre M i t t l e r
zwischen Mensch und
Gott auf Erden erschienen war — den Augen sichtbar, den Ohren
vernehmbar
—‚ so lange hielt der Glaube nichts als leere Bilder in der Hand.
Dieses
Erscheinen hing aber von Gottes Willensentschluß ab, nicht von
dem
Sehnen der Menschen.
Und siehe da! Gott
erbarmte sich
unser; das entscheidende Ereignis aller Menschheitsgeschichte geschah;
der Mittler erschien, lebte und lehrte unter uns, starb — weil er ein
Mensch
war, und erstand wieder zum Leben — weil er Gott war. Was uns
Sterblichen
70 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
dadurch
für Möglichkeiten
eröffnet
wurden, soll in den folgenden Kapiteln dieses Buches zur Sprache
kommen.
Hier, wo nur von der Notwendigkeit und der Bedeutung des Begriffes
der
V e r m i t t e l u n g und d e s M i t t l e
r s die Rede ist, begnüge
ich mich damit, aufmerksam zu machen, daß derjenige Jünger,
der Jesus am nächsten stand, Johannes — anstatt die Bedeutung
seines
Meisters durch die beengende Vorstellung des Messias zu umzirkeln — ihn
einmal mit dem schönen griechischen Namen des Parakleten
bezeichnet,
indem er von ihm spricht als „unserem Mittler bei dem Vater“ (1. Ep.
Joh.
2, 1), woraus die klare Erkenntnis der alles Menschentum umspannenden
Bedeutung
des Geschehnisses hervorleuchtet.
Jetzt hatte der
Glaube Lebensatem
erhalten; sobald die Gnade sich herabsenkte, brauchte er bloß
hinaufzustreben
und sie zu ergreifen; damit war die Wiedergeburt eine Wirklichkeit
geworden,
und die Unsterblichkeit erhielt, wenn auch nicht eine faßbare
Vorstellbarkeit,
wenigstens Sinn und sittliche Bedeutung. Sofort schwang sich der Glaube
zu schwindelnden Höhen hinauf: hierfür gibt es keinen
ergreifenderen
Beleg als den Brief des Ignatius, Bischofs von Antiochien, an die junge
christliche Gemeinde in Rom — ein Brief, dem als Zeugnis menschlichen
Heldenmutes
aus der gesamten Geschichte der Menschheit wohl weniges gleichkommt.
Der fromme Greis, der
möglicherweise,
wie die Überlieferung es will, als Kind den Heiland mit Augen
erblickt
hatte und der — wie dem auch sei — jedenfalls Schüler seiner
unmittelbaren
Jünger war und somit den mit nichts zu vergleichenden Eindruck der
göttlichen Persönlichkeit aus nur einmaliger Widerspiegelung
in der Seele trug, der fromme Greis war verurteilt worden, den wilden
Tieren
in der Arena zu Rom ausgesetzt zu werden, und wurde jetzt als
Gefangener
unter soldatischer Obhut von Syrien in die Hauptstadt abgeführt.
Unterwegs
überkommt ihn die Sorge, die christliche Gemeinde in Rom — die
schon
zahlreich war und nicht ohne Einfluß am kaiserlichen Hofe —
könnte
zu seinen Gunsten eintreten und seine Befreiung oder wenigstens den
Erlaß
der Todesstrafe bewirken. Höchst wahrscheinlich — so versichern
uns
die heutigen Kenner der Verhältnisse — wäre ein derartiger
Schritt
der Gemeinde nicht erfolglos geblieben. Da verfaßt denn Ignatius
unterwegs an die
71 DER
MITTLER —
MYSTIK, MAGIE, GLAUBEN
Glaubensgenossen
in Rom einen Brief,
den er durch einen schnell reisenden Boten dorthin voraussendet. Daraus
seien einige Stellen mitgeteilt:
„Ich fürchte
Eure Liebe,
daß sie mir schaden könnte.... Es sei Euch männiglich
bekannt,
daß ich aus eigenem freien Willen für Gott sterbe — wenn nur
Ihr mich nicht daran hindert. Ich flehe Euch an, erweist mir keine
unzeitige
Liebe: laßt mich den wilden Tieren ausgesetzt werden, denn durch
sie kann ich zu Gott hingelangen. Ich bin Gottes Weizen; zermalmen mich
die Zähne der wilden Tiere, so werde ich als reines Brot Christi
erfunden
werden. Ich bitte Euch, reizt die wilden Tiere gegen mich auf, damit
ihre
Leiber mein Grabmal werden und kein Tüttelchen meiner Leiche
zurückbleibe....
Wenn auf diese Weise allen Augen meine Leiblichkeit entschwunden sein
wird,
dann, ja dann bin ich in Wahrheit ein Jünger Jesu
Christi.... Die Wehen einer Neugeburt überkommen mich! Habt Geduld
mit mir,
liebe
Brüder: hindert mich nicht, ins Leben einzugehen; wünscht
nicht
meinen Tod; gebet nicht Einen der Welt zurück, der sich sehnt, bei
Gott zu sein, noch suchet ihn durch weltliche Verheißungen zu
bestechen.
Gebet es zu, daß ich ins reine Licht eintrete: dort angelangt,
werde
ich erst ein wahrer Mensch sein“ (nach Lightfoot's Übertragung ins
Englische).
Vor diesem Glauben
schwanden alle
die Religionen, die die römische Welt erfüllten, und von
denen
manche
mehr als ein Jahrtausend geblüht hatten, in erstaunlich kurzer
Zeit
spurlos dahin, als wären sie nie gewesen — sie schwanden wie
Träume,
wenn wir dem Licht des Tages die Augen öffnen. Versuchen wir
heute,
uns die Begebenheiten jener fernen Zeit zu vergegenwärtigen,
nichts
wird uns mehr bemerkenswert erscheinen, und wenige Dinge werden uns
mehr
lehren über die unbesiegbare Kraft des christlichen Glaubens als
das
stille, schnelle Hinwelken aller dieser Religionen der bloßen
Mystik
und Magie, trotzdem der einheitlichst auferbaute, stärkste Staat,
den die Welt je gekannt hat, sie beschützte und nach Kräften
förderte. Der M i t t l e r hatte den
Wendepunkt aller Religion und
damit
aller Menschenwürde herbeigeführt: „Denn alles, was von Gott
geboren ist, überwindet die Welt, und unser Glaube ist der Sieg,
der
die Welt überwunden hat“ (1. Ep.
Joh. 5, 4).
72
(Leere Seite)
Letzte Änderung
am: 13 Juni 2005