Hereunder
follows the transcription of chapter 3 of Houston Stewart
Chamberlain's Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
73
III.
DER HEILAND
DIE
OFFENBARUNG
DES GEHEIMNISSES, DAS
DURCH WELTALTER
HINDURCH VERSCHWIEGEN
BLIEB, NUN ABER GEOFFENBART IST.
(P A U L U S D E R A P O S T E L)
74
(Leere Seite)
75 DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
Ein jedes Jahrhundert bringt seinen
eigenen
Wahnwitz hervor, geboren aus falschen Richtungen, in die sein Denken mit
historisch bedingter
Notwendigkeit
hineingerät;
späteren Zeiten offenbaren sich solche Wahnvorstellungen ohne
weiteres
als Irrtümer, ja, stechen ins Auge, doch solange ihre Herrschaft
anhält,
sind auch die gescheitesten Menschen — der Mehrzahl nach — wie von
Blindheit
geschlagen. Unter den zahlreichen hierher gehörigen Narreteien des
neunzehnten Jahrhunderts wird künftigen Geschlechtern gewiß
keine ärger dünken als die in verschiedenen Abarten immer
wieder
aufgetretene und mit Beifall aufgenommene Lehre, Jesus von Nazareth sei
eine mythische Gestalt, also eine von Menschen erdichtete, keine
wirkliche
Persönlichkeit, die in Fleisch und Blut einstens auf Erden
wandelte.
Nach den Einen soll es überhaupt keinen Menschen dieses Namens
gegeben
haben (so z. B. nach J. M. Robertson: Christianity
and Mythology,
1900);
andere — ernster zu nehmende — Gelehrte leugneten nicht das Dasein
Jesu,
hielten ihn jedoch für einen mehr oder weniger obskuren
galiläischen
Religionsschwärmer und Volksaufwiegler, dergleichen aus der
Geschichte
eine Anzahl bekannt sind, erklärten aber die evangelischen
Berichte
im wesentlichen für freie Erfindungen, die Jesu zugeschriebenen
Worte
für unecht, kurz, die der europäischen Menschheit seit bald
zwei
Jahrtausenden vertraute Gestalt für ein erdichtetes
Phantasiegebilde
— erdichtet nämlich von Paulus, dem Rabbinenschüler, und
einer
kleinen Gruppe von Fanatikern, die sich bald erweiterte, indem der
religiöse
Wahnsinn um sich griff und von allen Seiten neuen mythischen Stoff
herbeibrachte,
so daß in kurzer Zeit ein vollständiges Lehrgebäude
dastand,
aus lauter Luftgebilden aufgezimmert. Diese Versuche, die
Persönlichkeit
des Heilandes alles Eigenlebens zu berauben, reichen von David
Friedrich
Strauß im Jahre 1835 bis zu Artur Drews im Jahre 1909. Es ist
nicht
meine Absicht, auf diese Literatur einzugehen; wer sich damit
beschäftigen
will, sei auf das vortreffliche Werk von Albert Schweitzer, Geschichte
der Leben-Jesu-Forschung, verwiesen. Ich, für mein Teil,
beklage
jede Stunde, die ich — von pedantischer Gewissenhaftigkeit getrieben —
auf sie verwendete. Selbst ein Strauß — dessen Wissen und
Können
Hochachtung verdienen — vermochte nicht anders: einmal auf die
grundfalsche
Fährte geraten, mußte er sich
76
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
immer
tiefer ins Dickicht der
Ungereimtheiten,
der Unmöglichkeiten und zuletzt der Unsinnigkeiten verstricken;
seine
Nachfolger aber und Überbieter — ihm an Fachkenntnissen nicht
ebenbürtig
— haben es bis zu einem solchen Grad von Widersinn gebracht, daß
man sich fragen muß, ob sie ihre Leser zum Besten haben, oder ob
ihre eigene Urteilskraft wirklich vollkommen Schiffbruch erlitt?
Inzwischen ging die
gesamte wahre
Wissenschaft — und zwar in allen ihren Schattierungen, von der
strengsten
Rechtgläubigkeit bis zum Freisinn und bis zu den erklärten
Gegnern
der christlichen Religionsgedanken — den genau entgegengesetzten Weg,
beseitigte
einen historischen Zweifel nach dem anderen, entdeckte viele Dokumente
und Inschriften, die alle in dieselbe Richtung wiesen und zugleich mit
neuer Aufklärung neue Bestätigung brachten; heute
— das darf man ohne Übertreibung
als gesicherte Tatsache behaupten — sind die ersten christlichen
Jahrhunderte
genauer bekannt als manche uns näherliegende, und zwar — trotz
aller
noch klaffenden Lücken — bis in Einzelheiten hinein, über
welche
Kunde zu gewinnen frühere Forschung niemals zu hoffen gewagt
hätte.
Es gehört unverfrorene Keckheit und naive Beschränkung dazu,
noch im zwanzigsten Jahrhundert zu behaupten, Christi Leben stelle den
Gang der Sonne durch den Tierkreis dar, und der Apostel Petrus sei
nichts
anderes als der aus der hellenischen Göttersage bekannte Proteus,
der im Auftrag Poseidon's „die Lämmer weide“! Derartiger Unsinn
findet
aber den wirksamen Beistand unserer jüdischen Weltpresse, die mit
sicherem Instinkt alles aufgreift, was ihr geeignet erscheint, dem
verhaßten
Christentum zu schaden; infolgedessen erfährt der Laie — wenn er
nicht
besondere Verbindungen besitzt — von den wahren Ergebnissen der
Wissenschaft
so gut wie nichts.
Eine weitere
Erwägung
verdient
jedoch nicht geringere Beachtung als die vorangehende.
Wären die
Quellen noch
ärger
verschüttet, als sie es sind, und wären dadurch der
wissenschaftlichen
Forschung die vielen Ergebnisse, auf die sie heute mit freudigem Stolze
hinweisen kann, versagt geblieben, die Geschichtlichkeit Jesu Christi
und
des Kreises seiner ersten Jünger und Anhänger, sowie die
Zuverlässigkeit
in allen wesentlichen Zügen der Berichte über sein Leben,
sein
Lehren
77
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
und
sein Sterben stünde
nichtsdestoweniger
für jeden gesund urteilenden Menschen unerschütterlich fest.
Umwälzende Religionsbewegungen sind stets — das lehrt alle
Geschichte
— von mächtigen, einsam dastehenden Persönlichkeiten
ausgegangen:
weitreichende Wirkungen auf die Seelen vieler Menschen vermag nur eine
übergroße Seele zu gewinnen, eine Seele, wie sie im Verlaufe
der Jahrtausende kaum einmal auftritt. Freilich entstehen unter dem
Druck
weltgeschichtlicher Ereignisse und Zustände besondere
Geistesstimmungen,
die sich, wie Krankheiten, durch Übertragung verbreiten und bis
zum
Massenwahnsinn steigern können: in diesem Zusammenhang wäre
auch
auf die Sehnsucht nach jener Gemütsverfassung, die wir
G l a u b e n
nennen und die wir im vorigen Kapitel kennen lernten, zu verweisen. In
der Zeit um Christi Geburt ergriff diese Sehnsucht die verschiedenen
Völker
des römischen Reiches: alte Religionen erwachten plötzlich zu
neuem Leben, selbst das sonst jeden Fremden abweisende Judentum
ließ
sich damals vorübergehend auf Bekehrung ein und gewann —
namentlich
unter den Frauen — zahlreiche Proselyten; neue Kulte entsprangen der
fruchtbaren
Einbildungskraft der asiatischen Mischvölker; der Staat selbst
gewährte
Schutz und Unterstützung. Alle diese Versuche, dem Gemüte die
ersehnte Labung zuzuführen, fanden Anhänger und Bekenner, und
zwar um so mehr, als keine Religion die anderen befehdete: wer heute im
Hause des Mithras seine Andacht verrichtet hatte, schloß sich
morgen
dem glänzenden Umzug der Isispriester an; so jagte jeder dem Heile
nach. Eine derartige Gärung im Seelenleben der Völker hat
natürlich
etwas zu bedeuten und führt namentlich leicht zu Katastrophen;
doch
besitzt sie an und für sich nicht die geringste Gestaltungskraft;
die neuere Psychologie und Medizin hat diese Erscheinungen als
Wirkungen
der sogenannten Suggestion nachgewiesen, deren Wesen eine
Schwächung
der Urteilskraft und Lähmung des Eigenwillens zugunsten blinder
Herdeninstinkte
ausmacht, folglich so fern wie möglich von Schaffenskraft und
freier
Gestaltensfreude steht. Unzulässig erscheint daher von vornherein
der Gedanke, es könnte aus der Gemeinschaft von Hunderttausenden
gewöhnlicher
und dazu noch seelisch geschwächter und verirrter Menschen — wie
die
damaligen es fraglos waren — eine neue, alle bisher bestehenden
umstürzende
Weltanschauung hervorgehen —
78
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
eine
ganz und gar neue Auffassung von
der Würde des Menschen, fußend auf einer ganz und gar neuen
Vorstellung von seinem Verhältnis zu Gott. Wären — etwa
infolge
einer gewaltigen Erderschütterung — sämtliche schriftlichen
Zeugnisse,
welche von der Begründung und der ersten Entwickelungszeit
berichten,
vernichtet worden, — die bloße Tatsache des Daseins der
christlichen
Glaubenslehre und Gemütsverfassung würde mit unabweisbarer
Notwendigkeit
auf einen Stifter hinweisen. Nun sind wir aber, wie schon bemerkt,
außerdem
in der Lage, die ersten Schritte des ins Leben tretenden Christentums
mit
erstaunlicher Genauigkeit zu verfolgen; ein jeder sollte sich um diese
Kenntnis bemühen — wozu als beste Einführung Adolf Harnack's
Mission und Ausbreitung des
Christentums in den ersten drei
Jahrhunderten
dienen mag: wer, anstatt das Christentum in dumpfer
Selbstverständlichkeit
als gegebene Tatsache hinzunehmen, sich über diese Anfänge
unterrichtet,
wird das größte Wunder der Weltgeschichte sich vor seinen
Augen
entrollen sehen. Die Wunder, welche die Evangelisten Jesu Christo
zuschreiben,
reichen alle nicht an dieses Wunder der Ausbreitung des Christentums
heran.
Es ist der Sieg des Geistes über den Stoff, der Sieg reiner
Glaubenskraft
über die stärkste Herrschergewalt, die je auf Erden regiert
hat.
Auf der einen Seite eine Handvoll Menschen ohne Ansehen, ohne Mittel,
ohne
Einfluß, auf der anderen Seite das Imperium Romanum, in eherner
Unüberwindlichkeit
sein Veto ihnen entgegenschleudernd. Die alten Staatsreligionen und die
verschiedenen Mysterienreligionen, die alle miteinander auf dem besten
Fuße gegenseitigen Sichvertragens lebten, sind von Anfang an
einig
in der haßerfüllten Ablehnung des Christentums, welches
ihnen
seinerseits ebenfalls die Daseinsberechtigung absprach, so daß
ein
Kampf auf Leben und Tod vom Christentum selber heraufbeschworen wurde.
Allen voran hetzt das schon damals einflußreiche Judentum und
veranlaßt
die ersten grausamen Verfolgungen; immer von neuem wiederholen sich
diese,
und selbst der Philosoph auf dem Kaiserstuhle, sonst Verkünder
allseitiger
Duldsamkeit, versucht die verhaßten Christen durch Feuer, Schwert
und wilde Tiere auszurotten. Keine politische Gegenwirkung irgend einer
Art steht den über die Welt zerstreuten Christen zur
Verfügung;
jede Verteidigung durch Waffengewalt ist ausgeschlossen; sie
können
nur dulden und sterben: w i e sie das
79
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
tun,
haben wir im vorigen Kapitel an
dem Beispiel des Ignatius von Antiochia gesehen. Weltlich betrachtet
ist
die Fortdauer des Christentums über die zwei ersten Jahrhunderte
hinaus
— geschweige denn sein Sieg — gar nicht zu erklären; es handelt
sich
eben, wie schon gesagt, um einen Sieg rein geistiger Kräfte
über
alles, was den Menschen sonst aus Bedürfnis, Instinkt und
Leidenschaft
bestimmt. Man kennt das Wort Cecil Rhodes', wert, für alle Zeiten
als das Bekenntnis des Antichristen angenagelt zu werden: „Jedermann
ist
zu kaufen; nur der Preis ist verschieden“; hier nun fanden sich viele
tausend
Männer, Frauen und auch Kinder bereit, alles, was das Leben ihnen
bot und versprach, jeden Augenblick hinzuopfern und ohne Zagen in den
qualvollsten
Tod zu schreiten; was ihr Geist festhielt, galt ihnen als höchstes
Gut: eine Umwandlung, eine Neugeburt mußte bei ihnen
stattgefunden
haben. Und was hatte sie bewirkt? Woher stammte diese neue, der
damaligen
Welt unbekannte Kraft? In ihre Seelen war der G l a u b e
eingezogen.
Und
welcher Glaube? D e r G l a u b e a
n G o t t d u r c h J e s u
m C h r i s t u m. Die alte
Empfindung
von der Gegenwart eines „höchsten guten Wesens“, eines „Vaters im
Himmel“ (siehe S. 24), war nach
und nach bei zunehmender Verwickelung
der
Zivilisation und steigender Verfeinerung der Kultur verloren gegangen;
Jesus brachte die Kunde von diesem Gotte wieder, und zwar auf einer
höheren
Stufe des bewußten Erfassens, wodurch Mensch und Gott sich
unmittelbar
nahetraten. Dieser plötzlich aufblühende Glaube lebte aber
zunächst
nur im Herzen des einen Unvergleichlichen; erst von diesem Herzen aus
strahlte
er in die anderen Herzen hinein: der Weg zu Gott führte durch
Jesum
hindurch; kein anderer Weg führte hin.
Wir haben die
Menschen gesehen,
wie sie voll Sehnsucht die Arme nach einem M i t t l e
r ausstreckten und
diesen aus ihrer Phantasie zu gebären suchten: sie kamen nie ans
Ziel,
Phantasiebild blieb Phantasiebild, nie gelangten sie zum Glauben. Nun
aber
war der Mittler erschienen! Vor seinem bloßen Antlitz blieben
alle
guten Menschen erschüttert staunen; sein Auge drang bis in die
letzten
Tiefen ihrer Seelen, dort Kräfte weckend oder spendend — wer
könnte
das entscheiden? —‚ von denen sie bisher nichts geahnt; und als dann
sich
sein Mund zu Worten öffnete, dergleichen nie gehört worden
waren,
glaubten sie Gott selber reden zu hören. Es genügte
80 DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI — GEBURT UND AUFERSTEHUNG
ein
„Steh' auf und folge mir nach!“ —
und die Welt mit ihren Sorgen und Hoffnungen, mit ihren Leiden und
Freuden
war vergessen. Diese Jünger waren weder an Mitteln noch an Geist
reich;
auch nahmen sie ihr Erlebnis nicht mit bewußtem, unterscheidendem
Denken auf; bei einiger Überlegung aber verstehen wir recht gut,
daß
gerade solche Menschen die geeignetsten waren, ein unerhört Neues
rein widerzuspiegeln; zwar spiegeln sie zugleich die Vorstellungen
ihrer
Zeit wider — das geschieht aber mit so vollkommener Einfalt, daß
die Entwirrung geringe Schwierigkeiten macht: wahnwitzig ist es, gerade
diesen ersten Trägern des Christentums irgendwelche
eigenmächtigen
mythischen und sonstigen religionsbildenden Zutaten zuzuschreiben; dazu
waren sie ebenso unfähig wie ungewillt. Eine einzige Ausnahme —
sowohl
in bezug auf Bildung wie auf Begabung — bietet der Apostel Paulus; doch
gerade diesen sind wir in der Lage, am Werke genau zu verfolgen:
gewiß
unterliegt er mannigfaltigeren Einflüssen als seine
galiläischen
Genossen — wir werden später darüber zu reden haben —‚ doch
je
genauer sein Lehren erforscht wird, um so mächtiger erweist sich
der
Einfluß der von ihm genau gekannten Worte und Weisungen Jesu
(siehe
namentlich die eingehenden Untersuchungen von Paul Feine, Paul
Kölbing
und Gardner); auch bei ihm sind daher die Zeiteinflüsse unschwer
abzusondern.
Kurz, wir haben es
mit
wohlbezeugten
geschichtlichen Vorgängen zu tun: das können nur
Böswillige
oder Querköpfige oder Unwissende noch heute in Abrede stellen: die
Wissenschaft und die Urteilskraft haben ihr einiges Wort gesprochen.
*
Hiermit wird nun nicht behauptet,
wir besäßen in den Evangelien ein Geschichtswerk in dem
Sinne,
den wir heute diesem Worte beilegen: gegen ein derartiges
Mißverständnis
dürfte es kaum nötig sein, Einspruch zu erheben. Wichtig ist
dagegen die Erwägung, ob es irgend einem noch so begabten
wissenschaftlich
vorgebildeten Geschichtsforscher möglich gewesen wäre, ein
Buch
zu schaffen, das an Inhaltsreichtum und an weltumspannender
Wirkungsgewalt
dem Buche auch nur von ferne gleichgekommen wäre, das wir besitzen?
81
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
Die
Frage kann mit aller Entschiedenheit
verneint werden. Es fällt mir schwer, ja, es will mir nicht
gelingen,
die Worte zu finden für eine Einsicht, die uns Heutigen sehr not
tut;
vielleicht genügt eine Andeutung, damit der Leser begreife, worauf
es hinausgeht.
So unvollkommen,
lückenreich,
nebelhaft, ungreifbar die Nachrichten sind, die wir über den
Heiland
besitzen, ich bin überzeugt, es wäre einer göttlichen
Vorsehung
unmöglich gewesen, ein passenderes Gefäß für die
Mitteilung
zu finden, auf die es hier ankam. Jede Annäherung an
protokollarische
Genauigkeit hätte die wirkliche Wahrheit ebenso entstellt und
ihres
pulsierenden Inhalts beraubt, wie das eine Photographie der Natur
gegenüber
tut. Hier kommt es auf Raum, auf Luft, auf Resonanz an; jede
Absichtlichkeit,
jedes menschliche Weise-sein-wollen hätte alles ausgelöscht:
das gilt von den Worten, wie von den Taten. Die Stimme Jesu vernehmen
wir
nur dank dem Umstande, daß die Jünger seine Worte zwar in
fromme
Herzen aufnahmen, sie aber nie ganz verstanden; und hätten sie ihn
nicht Wunder wirken sehen, sie wären unfähig gewesen, uns
sein
wunderwirkendes Wesen empfinden zu lassen. Letzten Endes kommt es auf
ein Anregen
zu eigener Tat an: daß Jesus eine g e s c h i c h t l
i c h e Person war,
bildet
nur einen Teil der evangelischen Botschaft; was sie vor allem will,
ist,
uns von seiner G e g e n w a r t zu
überzeugen: wir sollen die
Augen
öffnen und ihn selber erblicken, wir sollen seine Stimme im
eigenen
Ohre vernehmen. Origenes spricht ein wundervolles Wort: „O, daß
auch
uns der Herr Jesus seine Hände auf die Augen legte, auf daß
auch wir anfingen, nicht auf das zu blicken, was sichtbar ist, sondern
auf das Unsichtbare, und er uns... den Blick des Herzens entschleierte,
mit dem Gott im Geiste geschaut wird durch ihn, den Herrn Jesus
Christus“
(nach Harnack). Hiermit wird genau bezeichnet, was die evangelischen
Berichte
leisten sollen — und auch leisten, sobald ihr Wort auf
empfänglichen
Boden fällt: d e n B l i c k d
e s H e r z e n s e n t s c h l e i e r n!
Auf die Evangelien
werden wir
noch in der Folge zurückkommen; für den Augenblick
genügt
es mir, wenn ich — ohne die Lücken, die Unklarheiten und die
Widersprüche
in Abrede zu stellen — den Gedanken geweckt habe, daß in diesem
einen,
unvergleichlichen Falle Verschleierung zu Entschleierung führt.
Einer der
charakteristischen
Fehler
unserer Zeit, nicht allein
82
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
auf
religiösem, sondern auch auf
naturwissenschaftlichem Gebiete, ist das Nichtwissen von dem, was man
fragen
kann und soll; jede Frage stellen wir, nur nicht diese; täten wir
es, es würden mit einem Schlage manche Mißtöne und
alberne
Vorurteile aus dem Geistesleben unserer Öffentlichkeit
entschwinden.
Von Gott — das sahen wir im ersten Kapitel — vermag der menschliche
Verstand
kaum etwas weiter auszusagen, als daß er ist und sein muß,
weil wir Menschen sonst keine Menschen wären; im übrigen kann
der Verstand, wenn er auf sich selber verwiesen bleibt, kaum über
das „neti, neti!“
hinauskommen. Gesetzt also den Fall, das
Göttliche
wolle sich als Erscheinung unter die Menschen mischen, ist es auch nur
denkbar, daß wir Menschen mit unserem derartig beschränkten
Verstande fähig wären, uns vorzustellen, auf welche Weise
dieses
Fleischwerden (Inkarnation) stattfinden würde? Das ist
ausgeschlossen:
jede hierüber gewagte Aussage kann nur ein Bild, bestenfalls ein
Mythos
sein. So z. B. sind die vielen Streitigkeiten über die
Jungfrauengeburt
wohl betrachtet gegenstandslos. Die Erzählung ist an und für
sich schön und bedeutungsvoll; auf die behauptete
Unmöglichkeit
ist kein Gewicht zu legen — belehrt uns doch die Natur alle Tage,
daß
das, was wir für unmöglich hielten, geschieht; nur kann sich
kein Mensch etwas dabei denken, weil Jungfrau und Mutter
widersprechende
Begriffe sind:
und ein
vollkommner Widerspruch
bleibt gleich geheimnisvoll
für Weise wie für Toren.
Es ist auch kein Grund erfindlich, warum
bei der Geburt eines göttlichen Wesens der männliche Stamm
ausgeschaltet
bleiben sollt — es sei denn, es
schwebten dem Geist
noch hellenische Vorstellungen von Götterverwandtschaft vor. Die
Evangelien
lassen bekanntlich diese Frage offen, indem sie sich widersprechen;
ganz
sicher ist, daß weder Paulus noch Johannes etwas von der Geburt
Christi
aus einer Jungfrau gewußt haben; Johannes nennt den Heiland
einfach
Sohn Joseph's (1, 45), und Paulus erwähnt seine Mutter sowie die
näheren
Umstände seiner Geburt überhaupt niemals — nun aber
überlege
man sich, welches Gewicht gerade dieser Mann auf eine solche Tatsache
gelegt
hätte! Er, der der Schöpfer des christlichen Mythos genannt
werden
muß: sein Schweigen beweist, daß die uns
83
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
in
zweierlei Gestalt, aus Matthäus
und Lukas, geläufige Erzählung ihm entweder unbekannt war,
oder
unauthentisch schien; sagt er doch vom Heiland ausdrücklich, „der
gekommen ist aus David's Samen nach dem Fleisch“ (Röm. 1, 3). Und
der Apostel Johannes sagt überhaupt von allen denjenigen Menschen,
welche geeignet sind, „Gottes Kinder zu werden“: „Sie sind nicht aus
Blut
und nicht aus Fleisches- auch nicht aus Manneswillen, sondern aus Gott
gezeugt“ (Joh. 1, 12 fg.).
Wieviel weiser waren die frühesten
Christen
als ihre Nachfolger! Derselbe heilige Märtyrer Ignatius, dem wir
bereits
wiederholt begegnet sind, schreibt in seinem Brief an die Epheser:
„Denn unser Gott, Jesus der Christ,
ward nach Gottes Heilsratschluß in dem Leibe der Maria empfangen,
zwar aus dem Samen David's, aber doch zugleich aus heiligem Geiste“
(18,
2) — wobei die Worte „Samen David's“ fraglos auf die Vaterschaft
Joseph's
weisen, da Maria nach ältester Tradition dem Stamme Levi
angehörte.
Diesem Apostelschüler machte also die Vorstellung, daß
Christus
als Mensch Sohn Joseph's und zugleich als Gott der Sohn Gottes sei,
keine
Schwierigkeit, noch fand er darin etwas Entwürdigendes.
Aus solchen Dingen
Zwangsglaubenssätze
(Dogmen) zu machen, an die ein
jeder zu glauben verpflichtet wird,
halte
ich für ein Vergehen gegen den Menschengeist und dadurch auch
gegen
den heiligen Geist Gottes. Denn an Tatsachen, die unser Verstand nicht
zu erfassen vermag — wie das Auftreten eines übermenschlichen
Wesens
auf Erden eine ist —‚ können wir uns nur tastend heranwagen; was
dem
einen gemäß ist, kann dem andern unannehmbar dünken;
jedem
muß die Freiheit bewahrt bleiben, sich gottwärts auf dem
seiner
Natur entsprechenden Wege zu erheben; auf diesem ganzen Gebiete
müssen
wir den Grundsatz anerkennen: verschiedene Aussagen — auch wenn sie sich widersprechen —
können an Wahrheitsgehalt sich gleichkommen. Jesus Christus hat
als
Mittler zwischen Gott und Mensch auf Erden geweilt und ist für
unsere
Erlösung gestorben: das können wir wissen; alles Weitere
lassen
die Evangelien im Halbdunkel — und daß sie das tun, zeugt von
göttlicher
Meisterschaft.
Was hier von der
Geburt gesagt
ist, gilt auch vom Tode — nur in umgekehrter Richtung: in dem einen
Fall
kann unser Verstand nicht fassen, was voranging, in dem anderen nicht,
was nachfolgte.
84
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
Wir
können eben immer und
überall
Jesum nur dort mit den Sinnen wahrnehmen und ihm mit dem Denken folgen,
wo er sich als Mensch gibt; sobald er Gott ist, entschwindet er aus
diesem
Gesichtskreis, und so fest auch das Gemüt durch Glauben an ihm
halten
mag, jede Aussage über ihn erhält jetzt einen anderen
Charakter.
Über alle Ereignisse, die dem Tode unmittelbar vorangehen, sind
wir
besonders eingehend und genau unterrichtet; mit dem Augenblick des
Todes
sinkt gleichsam ein Nebel vor die Augen herab, die vier evangelischen
Berichte
stimmen nicht mehr überein und sind teilweise sprunghaft und
zweideutig,
— weisen auch hier und da sichtbare Spuren späterer
Überarbeitung
auf.
Über die
Auferstehung ist
unübersehbar viel von den Fachgelehrten geschrieben worden; denn
nicht
allein bringt jeder Kommentar zu jedem der Evangelien und zu dem ersten
Briefe Pauli an die Korinther eingehende Ausführungen,
sowie
desgleichen
jedes Leben Jesu, sondern es gibt einen ganzen Buchgaden von Schriften,
die einzig der Untersuchung dieser einen Frage sich widmen — und zwar
ohne
je ein Ergebnis zu erreichen, das die Zustimmung Aller erzwinge. Daran
liegt nun wenig oder vielmehr gar nichts: einzig darauf kommt es an,
daß
man die Einsicht gewinne, hier stehe auf rein logischem Wege kein
Ergebnis
zu erwarten, weil es sich um Vorgänge handelt, welche die Welt der
Erscheinung, auf deren Erkenntnis unser Verstand und die ihm dienenden
Sinne eingeschränkt sind, zwar berühren und gleichsam
durchqueren,
zum größeren Teil aber außerhalb dieser Grenze sich
abspielen.
Daß die ersten
Christen
an die Auferstehung Jesu von den Toten glaubten, bedarf keines
Beweises: das Christentum entstand ja als Folge der Auferstehung, und
lange Jahre
lautete der Gruß der sich Begegnenden: „Christ ist erstanden!“
Man
mag sich dieses „Auferstehen“ denken und deuten wie man will — an der
Tatsache
selbst kann kein urteilsfähiger Mensch vorbeikommen. Zwar haben
die
Juden sofort behauptet, die Jünger hätten den Leichnam aus
dem
Grabe gestohlen, um dann aussagen zu können, ihr Meister sei von
den
Toten auferstanden; doch überzeugt die geringste Überlegung,
daß diese plumpe Erfindung zugleich Unmögliches und
Unzureichendes
aufstellt. Die erschrockenen, durch die Hinrichtung ihres Führers
aller Hoffnung beraubten Jünger waren geflohen und hielten
85
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
sich
verborgen; außerdem war ihnen
der Begriff einer Auferstehung fremd, denn er gehörte nicht zu den
damals im Judentum geläufigen Vorstellungen, und wir wissen,
daß
sie Worte des Heilandes, die auf seine Auferstehung nach dem Tode
hindeuteten, sich nicht erklären konnten: „Und die Jünger
verhandelten
unter sich, was das heiße, von den Toten auferstehen“ (Mark. 9,
10
und siehe z. B. Joh. 2, 22):
es ist ihnen darum weder die
Fähigkeit,
den Raub auszuführen, noch der Gedanke, es zu tun, zuzutrauen.
Weit
mehr ins Gewicht fallen aber gegen diese Behauptung zwei andere
Erwägungen.
Erstens erscheint bei diesen einfachen Galiläern, unter denen
damals
kein einziger Mann von hervorragender Energie und Initiative zu finden
war, ein derartiger macchiavellistischer Plan unbedingt ausgeschlossen,
ebenso wie die geistige Kraft, auf diesem Wege eine neue Religion
gründen
zu wollen. Zweitens aber ist es geradezu hirnverbrannt, vorauszusetzen,
eine zwischen zwei oder drei Dunkelmännern verabredete Lüge
hätte
genügt, die unaufhaltsame Bewegung hervorzurufen, die sofort
Hunderte
und Tausende von Menschenherzen ergriff, mit himmlischem Hoffen
erfüllte
und zu unerschütterlichem Gottesglauben stählte. Mit Recht
erwidert
Origenes dem Leugner Celsus, das Benehmen der Jünger, ihr
plötzlich
hell auflodernder Glaube, die in ihnen geweckte, allen Hindernissen
trotzende
Tatkraft und die Überzeugungsgewalt, die sie über Tausende
gewannen,
diese unleugbaren geschichtlichen Tatsachen seien an und für
sich der bündigste und unwiderleglichste Beweis, daß sie den
von den Toten auferstandenen Jesum mit Augen gesehen hätten, denn
aus diesem überwältigenden Erlebnis hätten sie erst die
Kraft zu allem Weiteren geschöpft (Buch 1, Kap. 31). Dieses Urteil
trifft heute ebenso zu wie im Jahre zweihundert, wo es gefällt
wurde;
ja, ich behaupte: das Dasein des Christentums beweist die Tatsache der
Auferstehung. Wie der Apostel Paulus an die Korinther schreibt: „Ist
aber
Christus nicht auferweckt, so ist euer Glaube umsonst.... Wenn wir
nichts
haben als die Hoffnung auf Christus in diesem Leben, so sind wir die
beklagenswertesten
aller Menschen“ (1. Kor. 15,
17, 19).
Wie die Auferstehung
zu denken
sei, das ist eine ganz andere Frage. Ich für mein Teil
schließe
mich einem der bedeutendsten Köpfe unter den zeitgenössischen
deutschen Theologen an, dem kritisch und durchaus frei denkenden
Friedrich
Loofs, und bekenne,
86
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
„daß
niemand sich mit seinem
Denken
über unsere bisherige Erfahrung hinausrecken kann: wie das, was
die
Jünger erlebten möglich war, — das weiß ich nicht....
Ich
weiß es nicht und ich halte Nichtwissen hier nicht für
Wahrheitsscheu“
(Die Auferstehungsberichte und ihr
Wert, 3. Aufl., S. 40 fg.). Freilich
wäre es von Interesse zu wissen, wie die Männer, die den
Auferstandenen
erblickten, ihre Vision deuteten; doch läßt sich aus den
Berichten
nichts Genaues und namentlich nichts Übereinstimmendes entnehmen:
einige schildern Umstände, die eine massive Körperlichkeit
ausschließen,
andere betonen gerade diese. Nur über eines Mannes Urteil wissen
wir
genau Bescheid: der Apostel Paulus schreibt in dem selben Kapitel, in
welchem
er die Erscheinungen des Auferstandenen aufzählt: „Das aber sage ich, Brüder,
daß
Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben kann, noch erbt die
Verwesung
die Unverweslichkeit“ (1. Kor.
15, 50), und noch mehr dergleichen, und
in seinem Briefe an die Philipper
unterscheidet er zwischen dem
irdischen
„Leib unserer Erniedrigung“ und dem „Leib der Herrlichkeit“ des
auferstandenen
Jesus (3, 21). Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß
dieser
Bedeutendste unter den ersten Christen nicht an eine Auferstehung des
gestorbenen
Körpers dachte, sondern an das Weiterleben in verklärter
Gestalt
außerhalb der uns geläufigen Bedingungen irdischen Daseins
(1.
Kor. 15, 44 fg.). Dies bestätigt entscheidend ein Umstand,
den
mancher
wohl übersieht: Paulus zählt alle Erscheinungen des
Auferstandenen,
von denen er weiß, der Reihe nach auf (am selben Ort, Vers 5
fg.),
erwähnt aber mit keiner Silbe des leeren Grabes noch des damit
zusammenhängenden
Besuches der Frauen — das leere
Grab besaß also für ihn keine Bedeutung, vielleicht hielt er
diese Erzählung
für
eine fromme Legende. Um den Zusammenhang zu übersehen und somit
auch
richtig beurteilen zu können, muß man folgende Tatsache
kennen
und bedenken.
Wir hörten oben
von der
böswilligen
Märe der Juden, Christi Jünger hätten seinen Leichnam
aus
dem Grabe heimlich entfernt. Mancher Leser wird sich gefragt haben, was
diese Entweihung der Grabesruhe hätte bezwecken sollen? Die
Semiten
und mit ihnen die Juden — bei dem groben Materialismus, der ihr
religiöses
Leben von dem anderer Menschen unterscheidet — sind unfähig, sich
ein künftiges Leben vorzustellen, wenn nicht der selbe Körper
diesem
87
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
neuen
Leben auch weiterhin als
Träger
dient. Ich kann hierfür das vor wenigen Tagen erschienene Werk von
Wilamowitz-Moellendorff, Platon
(1919, 1, 335) anführen: „Wer
für
die semitische Denkart nicht dem Tode verfallen ist, wer also weiter
wirkend
gedacht wird, muß entweder samt seinem Körper in die
Unsterblichkeit
erhoben, oder samt seinem Körper aus dem Tode auferstanden sein“;
während der Hellene schon zu Homer's Zeiten mit der Vorstellung
einer
„unsinnlichen Körperlosigkeit“ vertraut war, „kann der Semit vom
Körperlichen
nicht los“. In diesen Vorstellungen waren die Jünger Christi samt
ihrer Umgebung aufgewachsen; das darf nicht übersehen werden: denn
daraus erst versteht man die Beschuldigung der Juden, und zugleich
wirkt
dieser jüdische Materialismus auf die Auffassung der Jünger
von
ihren Erlebnissen, infolgedessen auch auf ihre Darstellung. Paulus
aber,
als religiöses Genie, der außerdem seit früher Jugend
unter
dem Einfluß einer hellenistischen Umwelt gestanden hatte,
faßte,
wie wir sahen, die Auferstehung Christi anders auf und bedurfte
für
sie keines Aufbrechens der Grabespforte. Allerdings mag Wilamowitz mit
der feinen Bemerkung recht haben, Paulus bleibe insoferne Materialist,
als der von ihm gelehrte „pneumatische Leib“, aus „himmlischem Stoffe“
gemacht, noch immer ein L e i b sei; doch meine ich,
er habe damit einen
so
bedeutenden Schritt auf dem Wege zur Idealisierung getan, daß man
füglich von ihm nicht mehr erwarten konnte. Bekanntlich ist die
Kirche
ihm nicht gefolgt, vielmehr blieb sie in der groben Sinnlichkeit
semitischer
Halbgedanken befangen.
Zum Beschluß
dieser
Erörterung
diene ein herrliches Wort Luther's: „Denn wir diesen Artikel (von der
Auferstehung)
im Gebet nicht darum sprechen und bekennen, daß es allein
geschehen
sei, wie wir sonst eine Fabel, Märlein oder Geschichte
erzählen;
sondern, daß es im Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde.
Und
das heißen wir Glauben, wenn wir es uns so einbilden, daß
wir
uns ganz und gar darein stecken, eben, als sei sonst nichts anderes
geschrieben,
denn: Christus ist erstanden!“
Und noch eines.
Sollte ein Freund
mein eigenes
Bekenntnis hören wollen, ich würde ihm folgendes sagen. Indem
Jesus — insofern er Mensch war, der perfectus
homo der kirchlichen
Bekenntnisse
— starb, ent-
88
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
schwand
er aus der Welt des Raumes und
der Zeit, damit auch aus der Geschichte; „wissen“ kann ich seit dem
Augenblick
seines Todes nichts mehr über ihn, nur glauben. Gerade weil ich
die
Schulung der exakten Wissenschaft zu erhalten das Glück hatte und
außerdem von Immanuel Kant belehrt wurde, „er habe das Wissen
aufheben
müssen, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (Reine Vernunft, Vorr.
z.
2. Ausg., S. XXX). — Dank diesen beiden Umständen bin ich gewohnt,
zwischen Wissen und Glauben mit Schärfe zu unterscheiden. Was ich
glaube, steht in meinem Gemüte noch tiefer verankert als das, was
ich zu wissen vermeine; es steht aber an anderem Orte, unter anderen
Gesetzen,
und es fällt mir infolgedessen schwer, mich in die Köpfe der
Unbelehrten hineinzufinden, sowie ihnen Einblick in meinen Kopf zu
gewähren,
da die meisten über diese Unterscheidung keine klare Vorstellung
besitzen.
Ich weiß, daß die Sonne am Himmel steht; fester und
gewisser
und inhaltreicher ist aber mein Glaube an Jesum Christum als meinen
Heiland.
Was Christus uns gebracht hat, ist der Glaube an Gott: „Wenn ihr mich
kenntet,
so kenntet ihr auch meinen Vater“ (Joh.
8, 19). Die ältesten
Christen
haben das gut gewußt, und wir lesen z. B. in der Epistel an
Diognet:
„Denn wer unter allen Menschen hat, ehe Christus erschien, auch nur im
geringsten gewußt, was Gott ist?“ Gott der unwahrnehmbare,
undenkbare
wurde in Christo sichtbar und redete als Mensch uns vernehmbare Worte,
deren überirdischer Klang uns heute ebenso in den Ohren tönt
wie den Menschen vor zweitausend Jahren. Wie der Apostel Paulus von der
Erscheinung Christi sagt: „Sie ließ es in unseren Herzen tagen
zum
strahlenden Aufgang der Erkenntnis und der Herrlichkeit Gottes auf dem
Antlitze Christi“ (2. Kor. 4,
6).
Jesus die Offenbarung
Gottes auf
Erden: das ist der Inhalt der „Frohbotschaft“. Daß Gott dem Tode
nicht stirbt, ist klar; der Tod kann ihn höchstens aus dem Drucke
einer vorübergehend angenommenen Leiblichkeit erlösen: Jesus
lebt von je auf je. Daher bezeichne ich, ohne Bedenken, das Wort
„Auferstehung“
als Allegorie; stehen, erstehen, auferstehen sind Begriffe, welche eine
räumliche Welt und eine zeitliche Bestimmung voraussetzen; ich
erkläre
mir aber den Gebrauch dieser Allegorie recht gut, schon aus der oben
geschilderten
jüdischen Denkart, sowie auch aus dem Bedürfnis der
89
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG — DIE PERSÖNLICHKEIT
geschichtlichen
Anknüpfung an das
soeben abgeschlossene Leben. Sollten die Jünger den Sinn dieses
Lebens,
den Sinn ihres ungeheueren Erlebnisses endlich begreifen und dadurch
erst
zu ihrem weltgeschichtlichen Amte tauglich gemacht werden, so
mußte
Jesus ihnen erscheinen und zu ihnen reden: für diese Notwendigkeit
besitzen wir den geschichtlichen Beweis; denn erst aus diesem mit
nichts
zu vergleichenden Ereignis entstand — wie wir bereits sahen — das Christentum. Über die Art
jedoch, wie diese Erscheinungen verstandesmäßig zu deuten
seien,
bekenne ich meine Unwissenheit und bekenne, daß ich jede
Erklärung
von vornherein für unmöglich halte und jede dogmatische
Entscheidung
hierüber ablehne. Für diese meine Auffassung berufe ich mich
nochmals auf Origenes; dieser schreibt an einer Stelle seines De
Principiis
(Buch 2, Kap. 6, Abschn. 2), wo er von der Fleischwerdung, dem Tode und
der Auferstehung spricht: „Mit solchen Dingen sich an menschliche Ohren
wenden und versuchen, sie in Worten auseinanderzusetzen, das
übersteigt
weit die Fähigkeiten unseres Verstandes und unserer Sprache; ja,
ich
bin sogar der Meinung, daß es die Fähigkeiten der heiligen
Apostel
überstiegen habe; wahrscheinlich sind auch die himmlischen Wesen
unfähig,
diese Geheimnisse denkend zu erfassen.“
*
Zwischen dem unerforschbaren
Eintritt
ins irdische Dasein und dem von nie auszudeutenden Geheimnissen
umgebenen
Austritt aus diesem Dasein in ein anderes, unserem Verstande
unfaßbares,
liegt ein kurzes Leben, das bis auf die letzten acht Tage — sobald man
es von außen ansieht — weltfern und ereignislos verläuft;
von
keinem uns bekannten Religionsstifter oder Reformator weiß die
Geschichte
ähnliches zu berichten; vielmehr sehen wir Männer dieser Art
durch innere Seelenqualen sich bis zu gewaltigen Entschlüssen
durchkämpfen,
um dann hinauszutreten und auf die sie umgebende Welt umwälzend zu
wirken — es sei hier nur an Buddha, Mohammed und Luther erinnert. Bei
Jesus
ist weder von dem leidenschaftlichen Krieg im eigenen Busen noch von
dem
Umsturz bestehender Einrichtungen die Rede. Wollte man einwerfen, wir
wüßten
so gut wie nichts über die ersten dreißig Jahre dieses
Lebens
und könnten darum über die inneren Kämpfe nichts
aussagen,
ich würde dem
90
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
widersprechen:
denn es besteht inniger
Zusammenhang zwischen den inneren Seelenkämpfen der
Religionserneuerer
und der Art ihrer späteren gewaltsamen Tatkraft: für die
göttliche
Ruhe, die von Anfang an Jesu Herz erfüllt haben muß, zeugt
sein
schweigendes Dulden, als die Welt endlich auf ihn aufmerksam geworden
war
und seinen Tod erstrebte. Zwar wollen wir die bedeutsame Allegorie der
Versuchung in der Wüste nicht als unhistorisch gering
schätzen;
doch gerade diese Art, sich in der Stunde der Versuchung in die
Einsamkeit
zurückzuziehen, der bösen Regungen still entschlossen Herr zu
werden und dann in die gewohnte Umgebung gelassen zurückzukehren,
zeugt von einer himmlischen Harmonie der Seele, für die wir kein
zweites
Beispiel besitzen.
Jeder von uns
müßte
nun vor allem den gebieterischen Drang empfinden, sich diese himmlische
Harmonie, wie sie als Persönlichkeit auf Erden wandelte — den
„Menschensohn“,
wie sie sich selber zu bezeichnen liebte — möglichst lebendig vor
Augen zu rufen; das ganze Christentum wurzelt in dem mit nichts zu
vergleichenden
Eindruck, den diese Persönlichkeit auf einige hundert Menschen
machte
und bei ihnen als Quelle unermeßlicher Kraft hinterließ.
Die
Vielen, für die Jesus Christus einen bloßen Namen bedeutet,
doch auch nicht diese allein, sondern auch diejenigen, die an ihn als
Erlöser
glauben und ihn als Gott anbeten, ahnen nicht, was ihnen abgeht,
solange
sie die genannte Vorstellung entbehren. Die Evangelien, so
lückenhaft
auch ihre Berichte sein mögen, bergen — und für den, der sie
nicht zu lesen versteht, verbergen — eine Fülle von Tatsachen,
geeignet,
den Heiland uns nahe und immer näher zu bringen.
Auf die Frage nach
der
Rassenangehörigkeit
der Familien des Joseph's und der Maria will ich hier nicht eingehen,
erstens,
weil sie unlösbar ist, zweitens, weil wir gut daran tun, das
Geheimnis
der Geburt unseres Heilandes zu verehren ¹). Es genügt uns zu
wissen,
—————
¹) Was
hier etwa zu sagen
wäre,
habe ich in dem Kapitel
„Die Erscheinung Christi“ meiner Grundlagen
zusammenzufassen
versucht; in einem historischen Werke war eine derartige
Erörterung
am Platz. Hinzufügen will ich nur, daß ein gelehrter
Fachmann,
Professor Haupt in Baltimore, seitdem die Vermutung ausgesprochen hat,
Maria und Joseph seien der Rasse nach arische Meder gewesen, was er
namentlich
damit begründet, daß die Bewohner Galiläa's der
Mehrzahl
nach Meder waren. (Diese Mitteilung entnehme ich dem Werke des
englischen
Theologen Mac Clymont: New Testament
Criticism, its history and
results,
1913, S. 150.) —
91
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
daß
der Heiland zwar im
israelitischen
Glauben auferzogen wurde, nicht aber in einer Umgebung lebte, die man
im
engeren Sinne des Wortes „jüdisch“ nennen könnte. Die
Einwohner
Galiläa's (des „Heidengaues“) bildeten einen wesentlich anderen
Schlag
Menschen als die Juden Judäa's, standen auch politisch unter einer
anderen Regierung; sie zeichneten sich aus durch Arbeitslust, heitere
Gemütsart,
energischen Unabhängigkeitssinn — den sie in ihren wiederholten
Aufständen
heldenmütig bewährten. „Ein Galiläer und ein
entschlossener
Mann bedeutet im jüdischen Sprachgebrauch dasselbe“, bemerkt
Herder.
Die Juden haben die Galiläer niemals als Volljuden anerkannt;
ihnen
war z. B. das öffentliche Vorlesen beim Gottesdienst innerhalb
Judäa's
verboten; ihre Aussprache sei derartig verwahrlost — so wurde gespottet
—‚ daß man bei einem bestimmten Worte nicht wisse, ob der
Galiläer
von Wein, von Wolle, von einem Esel oder von einem Lamm rede
(Lightfoot:
Galater, S. 197). Unter diesen
Männern hat nun Jesus sein Leben
gelebt
und unter ihnen seine Anhänger gefunden — die ersten Vermittler
des
christlichen Glaubens. „Gut war's,“ schreibt Herder, „daß
Christus
fern von Judäa und dem stolzen Jerusalem, obwohl nur kurze Zeit,
sein Geschäft in dieser Provinz (Galiläa) trieb; dort
würde
man ihm auch diese kurze Zeit nicht gegönnt haben. Hier sprach er
mit dem gemeinen, einem lebhaften Volk, mit Menschen von gesundem
Verstande,
bei ihren Geschäften. Auch seine vertrauteren Schüler hatte
er
sich aus diesen Gegenden.... erwählt“ (Vom Erlöser der
Menschen,
Abschn. 3, Abs. 9). Jedermann kennt die Stellen der Evangelien, in
denen
Jesus und seine Anhänger als „Galiläer“ verhöhnt werden,
und A. Merx erblickt in der Rede des Kaiphas (Joh. 11, 19—50) ein
Anzeichen
dafür, daß der Hohepriester den Heiland „nicht als einen
Vollisraeliten
ansah“ (Die vier kanonischen
Evangelien, Schlußband, S. 299).
Der Tatsache dieser
galiläischen
Umgebung wird aber, wie man
—————
Inzwischen ist die Schrift von
Delitzsch
Die große Täuschung
(1920) erschienen, in der wir S. 94 lesen: „Jesu
Eltern und Vorfahren waren als Galiläer nach alttestamentlicher
wie
keilschriftlicher Bezeugung ganz gewiß nicht jüdischen
Geblüts,
sondern gehörten zu der großen Zahl galiläischer
jüdischer
Proselyten. Daß Jesus kein Prophet jüdischen Geblüts
war,
lehrt sein, dem jüdischen diametral entgegengesetzter
Gottesbegriff
und bekraftigen alle seine Reden mitsamt seinem ganzen Leben und
Sterben.“
92
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
sieht,
die übliche Vorstellung des
Heilandes als eines Juden im Judenlande keineswegs gerecht. Selbst
abgesehen
von der Hauptgestalt, bedingte die Art der Gegenwirkung ein anderes
Leben
in Galiläa, als es in Judäa der Fall gewesen wäre, und
bestimmte
somit den Ausgangspunkt des Christentums.
Beachten wir ferner,
daß
der Heiland auf dem Lande aufwuchs (Nazareth war ein Dorf), inmitten
eines
gesunden Bauernvolkes, in einer reichgesegneten, lachend schönen
Gegend,
— fern also von allem städtischen Elend und — wie gesagt —
außerhalb
der landschaftlich trostlos öden Heimat der eigentlichen Juden,
Judäa.
Genug vorläufig
über
die äußeren Bedingungen, unter denen die
Persönlichkeit
sich kundgab; wenden wir uns zum Inneren.
Etwas, was einer
aufzählenden
Schilderung rein menschlicher Züge gleichkäme, findet sich in
den Evangelien nirgends; dennoch entdeckt der aufmerksame Leser
zahlreiche
Andeutungen, genügend, um, wenn nicht ein ausgeführtes
Bildnis,
so doch einen bestimmten Eindruck — Stoff zu reichem Nachsinnen — zu
gewinnen.
Wir finden da Äußerungen der Freude, des Schmerzes, des
Mitleidens,
des Erstaunens, der Verzweiflung; große Leidenschaftlichkeit
strahlt
aus verschiedenen Sprüchen, z. B.: „Ich bin kommen, ein Feuer zu
werfen
auf die Erde, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon!“ (Luk.
12, 49); ja, frühe Texte berichten sogar von Aufwallungen des
Ergrimmens
und Erzürnens; so lautet z. B. Mark.
8, 12 in der ältesten
aller
bekannten Handschriften (von der Wissenschaft Syrsin genannt): „Und er
ward im Geiste zornig“, und in anderen alten Texten: „Er ergrimmte in
seinem
Geiste“. Leider sind die meisten dieser kleinen rein menschlichen
Züge
von späteren frommen Herausgebern verwischt werden — nicht aus der
bewußten Absicht, den Text zu fälschen, sondern aus der
Besorgnis,
allzu menschliche Züge könnten der Ehrfurcht vor dem Gotte
Abbruch
tun; im obigen Falle z. B. lesen wir heute: „Seufzte er auf in seinem
Geiste“.
In den wissenschaftlichen Büchern findet man Beispiele genug
dieses
allmählichen Herabtönens ursprünglich vorhandener
Farben.
Wie viel aber derjenige noch entdecken kann, der an die Texte nicht mit
kalter Skepsis, sondern mit liebender Wißbegier herantritt,
beweist
am besten der Abschnitt bei Burkitt über eine gewisse bittere
Heiterkeit
oder „wehmütige Ironie“ (mournful
irony), die beim Heiland
93
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
öfters
durchbricht und weder von
seinen Jüngern noch von ihren Nachfolgern begriffen wurde, da
diese
Gemütsstimmung derjenigen des frühen Christentums völlig
fremd blieb, indem sie auf eine überlegene Freiheit des Geistes
hinweist:
Burkitt hat namentlich die Stelle bei Lukas
22, 35 fg. im Sinne, wo der
Heiland am Abend der Gefangennahme seinen Jüngern den Ankauf von
Schwertern
empfiehlt, als ob er auf Waffengewalt sich zu verlassen vorhätte
(Gospel
Transmission, Kap. 4). Selbst über tägliche
Gewohnheiten
erfahren
wir manches: so z. B. die Liebe zur Einsamkeit (Mark. 1, 45), das
Sicherheben
bei Tagesanbruch, um leise aus der Mitte der schlafenden Jünger
zum
ungeleiteten Frühgang über die Felder zu entschlüpfen
(Mark.
1, 38) oder hinauf auf eine Höhe (Mark.
3, 13), so daß die
erstaunten
und offenbar gekränkten Anhänger Mühe haben, ihren
Meister
aufzufinden; ein anderes Mal, um den Berührungen der Menge zu
entkommen,
springt Jesus schnell in ein Boot und läßt vom Ufer
abstoßen
(Mark. 3, 10).
Tiefer als diese
Beobachtungen
führt uns in das Wesen des Heilandes die Versenkung in seine
Sprache
ein: auf diesem Wege gelangen wir stufenweise immer mehr ins Innere.
Das Reden in
Gleichnissen ist
zwar im Orient üblich; doch kommt es bei Jesus nicht auf die
Gleichnisse
allein an — so beispiellos und unnachahmlich diese auch seinem Munde
entquollen
— vielmehr redet er, auch außerhalb der eigentlichen Parabeln,
fast
immer in Bildern, und diese Bilder sind der Beobachtung der Natur und
der
menschlichen Arbeit auf dem Lande entlehnt. Schon vor zweieinhalb
Jahrhunderten
hat ein Mann, dessen Fähigkeit zu „objektiver“ Beurteilung selbst
der Zweifler nicht in Abrede stellen wird, Sir Isaak Newton, in seinem
Kommentar über das Buch Daniel
auf diese unterscheidende Eigenart
der Sprache des Heilandes hingewiesen, der, anstatt — wie die
Orientalen
— dramatisch-effektvolle und gar häufig schwülstige
Vergleiche
heranzuziehen, immer mit vollendeter Einfachheit an dasjenige
anknüpft,
was ihm und seinen Begleitern vor Augen liegt: allem weiß er
Bedeutung
abzugewinnen — auch dem Sperling
auf dem Dache und
der Anemone auf dem Felde. Und was Newton, der Astronom und Physiker,
mit seinem scharfen Auge beobachtet hatte, das hat unser Zeitgenosse F.
Crawford Burkitt — anerkanntermaßen der bedeutendste unter den
leben-
94
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
den
Theologen Englands — auf Grund
seiner
Fachkenntnisse bestätigt: die gesamte Literatur kann nichts
aufweisen,
was in bezug auf Gedanken- und Ausdrucksstil auch nur im entferntesten
mit den Gleichnissen Jesu Ähnlichkeit besäße (The
Gospel
History and its Transmission, Kap. 6).
Zunächst bewirkt
die
Vollendung
in der Bildlichkeit der Sprechweise, daß das einzelne Wort in
einem
gewissen Sinne an Bedeutung verliert, — insofern nämlich, als die
Gedanken ganz und gar i n d e n B i l d
e r n — nicht eigentlich in den
Wörtern, welche die Bilder vermitteln — liegen: daraus folgt nun
aber
ein Umstand, der für die Aufbewahrung und Weiterwirkung der Worte
des Heilandes entscheidende Bedeutung besessen hat und ihnen noch heute
eine Frische verleiht, als wären sie gestern gesprochen. Je
geringer
der Wert, der dem Oratorischen, dem Logisch-Dialektischen bei einer
sprachlichen
Mitteilung zukommt, und je vollendeter plastisch-sichtbar der Ausdruck
vor
Augen steht, um so leichter wird es den Zuhörern fallen, nicht
wortgetreue,
wohl aber sachgetreue Berichte über das einstens Vernommene zu
erstatten:
die Worte mögen sie vergessen, die Bilder bleiben dem
Gedächtnis
eingegraben. Wer in Burkitt's vorhin angeführtem Buche das Kapitel
aufmerksam
betrachtet, in welchem dieser Gelehrte einunddreißig mehrfach
bezeugte
Herrenworte in ihren verschiedenen Fassungen vorlegt, wird mit
Erstaunen
entdecken, daß diese Verschiedenheiten — welche teils den
Wortlaut,
teils die begleitenden Umstände, unter denen ein Ausspruch getan
wurde,
betreffen — wenig oder gar keinen ummodelnden Einfluß auf die in
einem Gleichnis mitgeteilte Wahrheit ausüben. Die Bilder waren so
plastisch und eindringlich gewesen, daß sie unverwischbar im
Gedächtnis
haften blieben; und auf sie kam es an. Der gleiche Umstand erklärt
es, daß die echten Sprüche des Heilandes in alle Sprachen
der
Welt übersetzt werden können, ohne von ihrer Wirkungskraft
einzubüßen; wogegen z. B. es sehr schwer fällt, den
Sinn mancher
Ausführungen
des Apostels Paulus ohne Zuhilfenahme des griechischen Urtextes genau
zum
Verständnis zu bringen, und ebenso müssen auch seine dem
damaligen
Leben einer griechischen Hafenstadt und der Gedankenwelt der
hellenistischen
Mysterienreligionen entnommenen Bilder ohne Erklärung
unverständlich
bleiben. Jesu Worte — durch seine Bilder vermittelt
95
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT — DER HEILANDES LEHRWEISE
—
bleiben allen Zeiten und Völkern
zugänglich: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber
werden
nicht vergehen.“
Man sieht: schon die
bloße
Versenkung in die Sprache Jesu lehrt uns viel über ihn — und zwar
weit Wichtigeres als eine Chronik seiner Erdentage bieten könnte;
denn bei diesem Leben kommt es einzig auf Seelenschau an.
Und bei dem Wort
Seelenschau
fällt
mir ein, daß ein zweiter Mathematiker, Newton an Bedeutung
gleich,
Blaise Pascal, uns den Weg gewiesen hat, aus der Sprechweise des
Heilandes
einen noch tieferen Blick in seine göttliche Wesensart zu tun. Er
schreibt (Pensées Nr.
797): „Jésus Christ a dit les
choses
grandes si simplement qu'il semble qu'il ne les a pas pensées“
—
Jesus Christus hat erhabene Dinge mit solcher Einfalt ausgesprochen,
daß
man den Eindruck erhält, er habe sie nicht gedacht (wobei der
Nachdruck
auf dem Worte „gedacht“ liegt). Diese Betrachtung führt in
unergründliche
Tiefen, und muß, glaube ich, auf jedes sinnende Gemüt wie
eine
Offenbarung wirken — eine Offenbarung von der Gottähnlichkeit
Jesu.
Alle Weisen haben seit jeher erkannt, daß eines Gottes Denken
nicht
in die Formen, die dem Menschenhirn grenzend vorgeschrieben sind,
gebannt
und gefesselt sein kann, namentlich, daß ihm das mühsame Hin
und Her der allmählichen Entstehung aus Beweis zu Beweis erspart
bleiben,
und es alles auf einmal umfassen müsse — etwa wie unser Auge mit
einem
Blick ein Ganzes überschaut. Pascal's Bemerkung über die
Sprache
Jesu — als Vermittlerin von Erkenntnissen, die das logische Denken
übertreffen
— weist uns nun in diese Richtung: nämlich zu der Einsicht,
daß
hinter den Worten und den Bildern etwas anderes und mehr als ein Denken
liegt — die überirdische Kraft eines göttlichen Erschauens.
*
Hier knüpft sich
nun an die
Betrachtung über die Sprache Jesu mit innerer Notwendigkeit
diejenige
über seine Art zu lehren an — denn das eine ist in wesentlichen
Punkten
durch das andere bedingt.
Das Bezeichnende
für des
Heilandes Art zu wirken besteht darin, daß er weniger Gewicht auf
das Lehren legte als auf das Leben. Er erwählte eine kleine Anzahl
Menschen, die er zu be-
96
DER HEILAND
—
DER HEILANDES LEHRWEISE
stimmen
wußte, sein Leben zu
teilen
und dadurch Zeugen seines Tuns und Lassens, seines Redens und
Schweigens
zu werden. Im Gegensatz zu Buddha, der seinen Jüngern ein ganzes
Lehrgebäude
mit erstens, zweitens, drittens vortrug, und zu Mohammed, der seine
Weisheit
als göttliche Offenbarung und Gesetzgebung niederschrieb,
begnügte
sich der Heiland mit der „Nachfolge“; wie Markus sagt: „Er bestellte
zwölf,
daß sie um ihn seien“ (3, 14); das heißt: die Jünger
blieben
Tag und Nacht um ihn und erhielten dadurch Gelegenheit zu erfahren, in
welcher Weise er die Begebnisse — wie jede Stunde sie mit sich brachte
— behandelte: wie er Kranke heilte, Arme tröstete, die Fragen der
Schriftgelehrten beantwortete, mit Leuten aus allen
Gesellschaftsschichten
— auch mit den als Sündern und Verworfenen geächteten — umging, wie er gegen Nichtjuden sich
verhielt, wie er die jüdischen Gesetzesvorschriften beachtete
und
nicht beachtete, wie nichts Menschliches seinem Auge entging — auch
nicht
das Scherflein, das die Witwe verstohlen in die Armenbüchse wirft,
wie sein Auge liebevoll Gottes schöne Natur aufnahm. An
abwechselungsreichen
Erlebnissen konnte es nicht fehlen, da im Gegensatz zu Johannes, dem
Prediger
in der Wüste, Jesus — sobald er sein öffentliches Amt antrat
— sein Heim von dem stillen Nazareth nach der volkreichen, bewegten
Stadt
Kapernaum verlegte, wo die beiden Hauptstraßen sich kreuzten, die
den Verkehr zwischen Süden und Norden, sowie zwischen Westen und
Osten
— und das heißt zwischen dem Mittelländischen Meer und
Damaskus
— vermittelten. Am Ufer des Sees von Genezareth gelegen, war die Stadt
der Sitz eines Hauptzollamtes und einer römischen Besatzung: hier
war Jesus „daheim“, wie Markus sagt (2, 1), und der älteste Text
von Markus 9, 33 spricht von
„seinem Hause“. Den evangelischen
Berichten
entnehmen wir — wie gesagt —‚ daß er hier mit allen Kreisen der
Bevölkerung
umging, Einladungen bei Pharisäern Folge leistete (Luk. 7, 36 fg.,
11, 37 fg., 14, 1 fg.), Gastmähler für die verachteten
Zöllner
veranstalten ließ — „und es saßen viele Zöllner und
Sünder
zu Tische bei Jesus und seinen Jüngern, denn es waren viele in
seinem
Anhang“ (Mark. 2, 15) —; es
drängte sich bisweilen eine derartige
Menschenmenge in sein Haus, „daß selbst vor der Türe nicht
mehr
Raum war“ und man Kranke vom Dache ins Innere herablassen
97
DER HEILAND
—
DER HEILANDES LEHRWEISE — DES
HEILANDES GLEICHNISSE
mußte
(Mark. 2, 2 fg.); auch
wohlhabende
Anhänger besaß er in verschiedenen Landesteilen und suchte
sie
mit seiner Jüngerschar auf (z. B. Luk. 10, 38 fg.). In Kapernaum
selbst,
sowie bei Gelegenheit der von dort aus unternommenen Wanderungen
über
die Grenzen Galiläa's hinaus, kam es vielfach zu Begegnungen mit
Griechen,
Römern, Samaritanern und anderen Nichtjuden. Und immer wieder gab
es dazwischen Tage, wo die kleine Schar einsam dahinzog und die
Jünger
ihren Meister über die ihre Verwunderung stets von neuem
erregenden
Begebnisse und Aussprüche um Aufklärung bitten konnten. Bei
der
Verhaftung waren sie alle anwesend; den Gerichtsverhandlungen haben
etliche
von ihnen unerkannt beigewohnt (Luk.
22, 54 fg.); dem Ende sahen sie
aus
der Ferne zu.
Von entscheidender
Wichtigkeit
ist es, daß diese von Jesus auserlesenen Zeugen seines Wirkens
schlichte
Männer aus dem Volke von geringer Bildung waren; für das
Werk,
zu dem er sie brauchte, wären ausgedehntes Wissen und geübtes
Denken eher Nachteile gewesen, wohingegen kindlich ungebrochene
Einbildungskraft
und volksmäßiger Aberglaube sie befähigten, das
Wunderbare
schlichtweg als wunderbar aufzufassen, das Erhabene (welches der
Verstand
immer auf seine eigenen engeren Maßstäbe
zurückzuführen
neigt) als ein Ungeheueres zu empfinden und das viele Unverstandene
einfach
unverstanden weiterzugeben.
*
Den ernstgewillten
Leser muß
ich bitten, an diesem Punkte geduldig zu verweilen, denn hier lernen
wir
nicht allein das Geheimnis der Bedeutung unseres vierteiligen
Evangeliums
erkennen, sondern damit berühren wir zugleich den Mittelpunkt des
Geheimnisses der Erscheinung Jesu auf Erden — dasjenige, was Paulus
„das
Geheimnis Christi“ nennt (Eph.
3, 4).
Im ersten Kapitel
stellten wir
fest, unser Menschenverstand sei schlechterdings unfähig, irgend
etwas
über Gott auszusagen: wir empfinden, wir ahnen, wir fühlen
seine
Gegenwart, wir glauben an ihn und wissen, daß unser Menschsein
durch
diesen Glauben bedingt ist und wir ohne ihn sofort zur Bestie
herabsinken,
— wir erkennen ihn aber nicht, und zwar deswegen nicht, weil keine der
uns zugleich grenzend und gestaltend aufgelegten Denkformen in
98
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
diesem
Falle zur Erfassung hinreicht.
Hieraus folgt nun die Erkenntnis: Gott ist für uns Menschen ganz
Gehalt,
gar nicht Form, gar nicht Gestalt. Wer genau erfahren will, was das
bedeutet,
den verweise ich auf zwei Aussprüche Goethe's:
Danke,
daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
(Dauer im Wechsel.)
Mit diesem ersten Worte schildert der
sinnende Dichter die beiden Elemente, nicht allein jedes Kunstwerkes,
sondern
auch jeglicher menschlichen Vorstellung: ohne Gehalt haben wir nur
leere
Form — ein Nichts: ohne Form
bleibt der
Gehalt
unmitteilbar. An anderer Stelle hat er nun die hervorragende Bedeutung
der Gestalt für unser Geistesleben noch besonders betont:
Und
einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die
höchste
Gewalt.
(Pandora, Vers 676 fg.)
Je angemessener und vollendeter die
Form, um so unmittelbarer wirkt ein edler Gehalt auf Verstand und
Gemüt.
Auf diese „Veredelung“, auf diese „höchste Gewalt“ müssen wir
nun bei unseren Betrachtungen über Gott verzichten, — wenigstens
verzichten,
solange unser Empfinden seiner rein bleiben, nicht bildlich und
uneigentlich
werden soll. Nun aber besteht die ganze Botschaft Jesu aus zwei reinen
Gottesgedanken: G o t t, u n s e r V a t
e r, und G o t t e s R e i c
h i s t
g e g e n w ä r t i g.
Alles übrige, was er gelegentlich lehrt, sind Folgerungen aus
diesen
beiden Gottesgedanken. Wollte er sie rein mitteilen, so mußte er
trachten, ihren unerschöpflichen G e h a l t
möglichst
unmittelbar
aus seinem Herzen in die Herzen seiner Begleiter hinüberzuzaubern;
jegliche Form, die er zur Mitteilung wählte, konnte — da es sich
um
Gott und Göttliches handelte — nur allegorisch, und das
heißt
uneigentlich, gemeint sein; schon die Bilder „Vater“ und „Gottesreich“
sind Gleichnisse: nicht im
menschlichen Sinne ist Gott
unser „Vater“, vielmehr dient diese Vorstellung nur dazu, ein
Höchstmaß
an Zugehörigkeit, an Nähe, an liebender Fürsorge, an
Nachsicht
und Hilfsbereitschaft
99
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
fühlbar
zu machen; Ähnliches
gilt von der den irdischen Verhältnissen entlehnten Vorstellung
eines
„Reiches“. Jesus wählt die einfachsten Sinnbilder, weiß sie
aber so mannigfaltig abzuwechseln, daß selbst der
beschränkteste
Kopf über ihre rein bildliche Bedeutung nicht in Zweifel geraten
kann;
er trägt keine Theologie vor, er flößt Glauben ein,
lehrt
aber nicht Glaubenssätze.
Man betrachte nur mit
einiger
Aufmerksamkeit die zahlreichen Gleichnisse, die der Heiland zur
Erweckung
und Belebung derjenigen Vorstellung gebraucht, die er als R
e i c h G o
t t e s zu bezeichnen pflegt — wenn man hier von einer
„Vorstellung“
reden
darf, wo es sich um Gehalt ohne Form handelt. Mit erstaunlicher
Kühnheit
werden immer neue Bilder vorgebracht, ein jedes durch
unerschöpfliche
Ahnungsgewalt neue Wege weisend und zugleich stets mit Vorsicht es
vermeidend,
die Grenze zu überschreiten, wodurch die geheimnisvolle
Berührung
des Göttlichen zu einer menschlich-verstandesmäßigen
Aussage
herabgewürdigt werden müßte. „Das Reich Gottes hat sich
also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft, und schläft des
Nachts
und steht auf des Tags, und inzwischen gehet der Same auf und
wächset,
und der Mensch weiß nicht, wie es zugehet.“ Unausdenkbar reich
sind
die Anregungen, die dieses einfache Bild unserem Sinnen bietet:
namentlich
das Eine erfahren wir, daß es, um in das Reich Gottes zu
gelangen,
auf das Einschlagen einer bestimmten Richtung, auf eine Willenswendung
ankommt — das übrige alles fügt Gott allein, wie er den Samen
wachsen läßt, „und der Mensch weiß nicht, wie es
zugehet“.
Eine Fülle ergänzender Ahnungen stellt folgendes verwandte
Gleichnis
uns vor Augen: „Das Reich Gottes ist gleich einem Senfkorn, das ein
Mensch
nahm und säete auf seinen Acker, welches das kleinste ist unter
allen
Samen; wenn es aber erwächst, so ist es größer als die
Kräuter und wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels
kommen und nisten in seinen Zweigen.“ Hier wie dort erblicken wir das
Reich
Gottes nicht als ein künftiges, sondern als ein
gegenwärtiges;
während es aber dort in Tiefen verborgen keimte, breitet es hier
über
die ganze diesseitige Wirklichkeit schirmende Äste aus. Noch
stärker
betont der Herr die unmittelbare Gegenwart des uns umgebenden
Göttlichen,
wenn er spricht: „Das Reich Gottes ist einem verborgenen Schatz im
Acker
gleich“ — wir brauchen also
100
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
nur
zu wollen: Gott und sein Reich sind
allüberall gegenwärtig, zu unseren Füßen im Acker
und über unseren Häuptern als Schirmdach. In anderer Weise
feiert
die Verklärung der irdischen Gegenwart folgendes Bild: „Das Reich
Gottes ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und vermengte ihn
unter drei Scheffel Mehls, bis daß es gar durchsäuert ward.“
Ist aber der Mensch dem Göttlichen gegenüber auch nur
Empfänger,
er gelangt dennoch nicht ohne hingebende Beharrlichkeit dahin, an ihm
teil
zu haben: „Wer seine Hand an den Pflug leget und siehet zurück,
der
ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ Nicht bloß Beharrlichkeit,
auch Leidenschaft wird gefordert: „Das Reich Gottes wird gestürmt,
und die Stürmer reißen es an sich.“ Nicht bloß dieses
Ungestüm aber, sondern auch die ausschließende Hingabe an
das
eine Ziel, ist unerläßlich: „Das Reich Gottes gleicht einem
Kaufmann, der edle Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle
fand,
ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte dieselbige.“
In
fast genauem Gegensatz zu der äußersten Willensanspannung,
die
in diesen letzten Sprüchen zutage tritt, heißt es ein
anderes
Mal: „Es sei denn, daß Ihr Euch umkehret und werdet wie die
Kinder,
so werdet Ihr nimmer in das Reich Gottes eingehen“ — womit offenbar der
Verzicht auf alle weltliche Begierde und die Rückkehr in einen
Zustand
heiterer Unschuld als Bedingung gefordert wird für den Genuß
der unmittelbaren Nähe Gottes. Auf diesem Wege gelangen wir zu der
entscheidenden Erkenntnis: „Es sei denn, daß jemand von neuem
geboren
werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen“; mit der Erläuterung:
„Es sei denn, daß jemand geboren
werde aus dem Geist, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen.“
Wer
diese Gleichnisse und die weiteren, die ich hier nicht anführte,
in
sich aufgenommen hat, wer die Stimme des Heilandes in ihnen vernimmt
und
es empfindet, wie sie den Blick seines göttlichen Auges
vermitteln,
der ist dann reif für die letzte Offenbarung, die soweit reicht
als
menschliche Worte es nur vermögen: „Das Reich Gottes kommt nicht
mit
äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe
hie oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in Euch“
¹).
—————
¹) Daß der griechische Text einzig
die Deutung: „inwendig in Euch“ zuläßt,
wird von den maßgebenden
Fachgelehrten
verschiedener Richtungen einstimmig erklärt; jedoch begegnen wir
immer
wieder von seiten achtbarer Männer der
101
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
Wie dankbar müssen wir den
Männern sein, die uns — durch unbewußte Kunst dazu
befähigt
— diese Kunde von dem Reiche Gottes übermittelt haben! Andere,
welche
— wie wir zu sagen pflegen —
„mehr Kultur“ und mehr Dressur des
Geistes besessen hätten als die Evangelisten, wären ganz und
gar unfähig gewesen, diese Lehre Jesu vom Reiche Gottes so
unverzerrt
rein widerzuspiegeln — eine Lehre, welche die Evangelisten
eingestandenermaßen
nicht verstanden und sich mit kindlicher Handgreiflichkeit deuteten
(siehe
z. B. Matth. 18, 1; 20, 21),
was sie aber nicht verhinderte, die
unvergeßlichen
Bilder, die sie aus dem Munde des Heilandes empfangen hatten, mit einer
an das Wunderbare grenzenden Treue wiederzugeben. Dadurch haben sie
uns
den Heiland selbst für alle Zeiten lebendig erhalten.
Nach dem Tode Jesu
hören
wir selten mehr den Ausdruck „Reich Gottes“, und wir brauchen nur den
vielleicht
schönsten Spruch des Apostels Paulus zu dieser Vorstellung
anzuführen,
um den gewaltigen Abstand zu empfinden: „Denn das Reich Gottes ist
nicht
Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen
Geist; wer darin dem Christus dienet, der ist gottgefällig und den
Menschen wert“ (Röm. 14,
17). Wie fern befinden wir uns hier von
dem
„Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten!“
Die Betrachtung der
Sprache des
Heilandes führte uns zu der Betrachtung seiner Art, durch
Gleichnisse
sich mitzuteilen, und diese wiederum hat uns jetzt bis ins Innere
seines
Herzens geleitet. Namentlich das Eine liegt uns schon klar vor Augen:
der Glaube an Gott und an ein Reich Gottes steht für ihn
außerhalb
aller Geschichte. Religion betrifft, nach dem Heiland, eine Welt
jenseits
von Raum und Zeit, die darum ebenso der Vergangenheit wie der Gegenwart
und der Zukunft angehört. Auf die örtliche Frage antwortet
—————
Behauptung, man müsse lesen:
„steht
mitten unter Euch“. Begründet wird diese unhaltbare Meinung durch den Hinweis
darauf, daß der Heiland diese Worte angeblich an Pharisäer
gerichtet
habe (Luk. 17, 20). Darauf ist
erstens zu erwidern, daß die
Gelegenheit,
bei der ein Wort gesprochen wurde, eingestandenermaßen stets
fraglich
bleibt ; zweitens aber — und entscheidend — daß ein solches Wort
offenbar an den Menschen als solchen, ganz allgemein gerichtet ist (vgl.
u. a. Clemen: Der geschichtliche Jesu,
S. 111).
102
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE — DIE
RELIGION JESU
die
Religion Jesu: „Man wird nicht sagen
hie oder da“; und der zeitlichen weicht sie aus durch die Antwort:
„Über
jenen Tag und die Stunde weiß niemand etwas.“ Niemals finden wir
beim Heiland auch nur den Ansatz zu einem begrifflich festumrissenen
Zwangsglaubenssatz
(Dogma), was nach dem soeben Gesagten leicht zu begreifen ist: ein
Glaubenssatz
bringt notwendigerweise immer eine bestimmt gefaßte
Verstandesaussage
und kann darum niemals einer Erkenntnis, die sich auf eine
transscendente
(überverstandesmäßige) Welt bezieht, angemessen sein;
nicht
allein wird jeder solcher Glaubenssatz nie die ganze Wahrheit zum
Ausdruck
bringen, vielmehr wird er immer ergänzende Wahrheiten
ausschließen.
Wir sahen in dem Gleichnisse Jesu das Reich Gottes um einen Menschen
herum
ohne sein Zutun aufwachsen: „er wußte nicht, wie es zuging“,
gleich
darauf erfuhren wir aber von unerbittlichen Forderungen an seine
Willens- und Richtungskraft; das eine Mal hieß es: das Reich wird
gestürmt,
das andere Mal, es sei nur denen zugänglich, die harmlosen Kindern
gleichen... und diese Widersprüche sind nicht etwa so zu deuten,
als
gälte das eine für den einen Menschen, das andere für
den
anderen
— alle die Aussagen über das Reich sind mit allgemeiner Geltung
gesprochen.
*
Hier muß ich
aber einen
Augenblick
innehalten; wir werden sofort wieder bei der Religion Jesu
anknüpfen.
Dieser Ausdruck nämlich — die „Religion Jesu“ — wird uns von sehr
bedeutenden Theologen strittig gemacht.
Ohne Frage haben
diese Theologen
Recht, wenn sie behaupten, die Religion der christlichen Kirche sei
nicht
von Jesu Christo gelehrt worden; vielmehr sei diese Religion
an i h m
emporgewachsen,
um dann plötzlich nach seiner Auferstehung mit göttlicher
Macht
sich zu entfalten und nach und nach Gestalt zu gewinnen — was, nach
kirchlicher
Vorstellung, unter Leitung des heiligen Geistes sich vollzog. Nach
dieser
Auffassung ist Jesus Christus selber der Gegenstand und der Inhalt der
Religion; er hat sich uns in seinem Leben und Sterben offenbart, und zu
seinem Leben gehören natürlich in erster Reihe seine Worte,
die
wir zu kennen und als göttliche Weisheit und Weisung zu verehren
haben;
diese Worte enthalten aber — so
103
DER HEILAND
— DIE RELIGION JESU
behaupten
die Theologen — keine
Religionslehre;
kurz: es gibt keine Religion, die man als „Religion Jesu“ zu bezeichnen
berechtigt wäre. Ein Name möge statt vieler zum Beleg
genügen;
Adolf Harnack
schreibt in seiner Dogmengeschichte
(4. Aufl. 1, 182):
„Jesus
hat weder ein Bekenntnis noch eine Lehre hinterlassen.“
In dieser Behauptung
liegt nun,
nach meiner Überzeugung, ein in alle Tiefen reichender Irrtum vor,
der sich von Anfang an durch die ganze Geschichte des Christentums
hindurchzieht.
Gewiß hat der Heiland kein Bekenntnis und keine Lehre in dem
Sinne
hinterlassen, den alle Theologie und alle Kirchen diesen Worten
beilegen
— das bestreite ich keineswegs; doch hat er uns ein Bekenntnis und eine
Religionslehre hinterlassen, zu deren Wesen es gehört, in keine
theologische
Kirchenlehre hineingezwängt werden zu können; und ich meine,
es wäre an der Zeit, auf dieses Bekenntnis und auf diese Lehre zu
hören. Tausende, die sich nach Religion sehnen, empfinden die
Unmöglichkeit,
die Lehren und die dogmatischen Forderungen unserer verschiedenen
Kirchen
in einen harmonischen Zusammenhang mit ihren übrigen Begriffen,
Anschauungen
und Ahnungen zu bringen; von allen Seiten hört man den Ruf nach
einer
abermaligen Reformation, oder gar nach einer neuen Religion;
Männer
von größerer Besonnenheit erkennen die Unmöglichkeit
einer
entsprechenden Umbildung der Kirchen, sowie das Totgeborensein jeder
angeblich
neuen Religionsbildung. Was beides unmöglich macht, ist, daß
Jesus von Nazareth, d e r M i t t l e r
zwischen Gott und Mensch, uns schon
vor
zweitausend Jahren die vollkommene Religion gebracht hat: eine Religion
der reinen Glaubenskraft, und weil rein, darum undogmatisch und
antidogmatisch,
eine Religion, welche Gott durch das einzige Wort „Vater“ unserem
ehrfürchtigen
und liebebedürftigen Gemüte nahebringt, eine Religion
des g e
g e n w ä r t i g e n „Gottesreiches“ — nicht eines
unermeßlich
fernen, durch ungeheuerlich klaffende Schreckenszeiten von uns Armen
geschiedenen:
„Wahrlich, ich sage Dir, h e u t e wirst Du mit
mir im Paradiese sein!“
Der Betrachtung
dieser
Glaubenslehre
des Heilandes gehören die folgenden Abschnitte.
*
104
DER HEILAND
— DIE RELIGION DES REICHES GOTTES
Wiederholt gestehen die
Evangelisten,
die Jünger hätten die Lehren ihres Meisters nicht verstanden;
erst „als Jesus verherrlicht ward, da erinnerten sie sich“, so
erzählt
Johannes (12, 16), und glaubten nunmehr verstanden zu haben. Man
muß
auch voll Bewunderung zugeben, daß die Jünger sofort die
Hauptsache
ergriffen und festhielten — nämlich Jesum selber als den
Vermittler
göttlicher Gnade und allen Segens: damit entsprachen sie genau dem
Gebot der Stunde, und indem sie das Andenken des Heilandes, wie er
unter
ihnen gewandelt und geredet hatte, sowie namentlich den
unerschütterlichen
G l a u b e n an ihn in den Mittelpunkt ihrer Religion
rückten,
gewannen
sie nicht allein eine unüberwindliche Kraft der Wahrheit für
ihr eigenes Religionsgebäude, sondern sie retteten hiermit auch
das,
was sie nicht verstanden und darum auch in ihren Glauben nicht
aufnahmen,
hinüber, künftigen Geschlechtern zum Heil. Dieses Werk
setzten
die folgenden Jahrhunderte fort und bauten, in Anlehnung an das Denken
ihrer Zeit, einen neuen Mythos, eine neue Mystik und eine neue Magie
allmählich
auf — doch alles durch die Gegenwart des Heilandes und Dank der
frühzeitigen
Festhaltung der wesentlichen Züge seiner Erdengestalt — eine
Religionsbildung,
über jeden Vergleich mit allen anderen erhaben. Zunächst
blieben
allerdings die Evangelien mancher frommen Willkür unterworfen;
doch
bald schob die Kirche — durch einen wunderbaren Instinkt geleitet —
sich
selbst den Riegel vor, indem sie diese Schriften heilig sprach und
dadurch
vor weiteren Umgestaltungen schützte. Es hieße sehr
kurzsichtig
urteilen, wollte man die Männer nicht verehren, die unter
Anspannung
aller Seelenkräfte, von reinsten Beweggründen getrieben und
den höchsten Idealen zustrebend, dieses große Werk — der
Menschheit
zum Heil — vollbrachten. Ich bekenne auch in aller Demut, daß ich
ihr Werk, so durchflochten es mit menschlichen, zeitlich bedingten
Zutaten
sein mag und sein muß, dennoch im großen und ganzen
für den
Ausdruck göttlicher Wahrheit halte — wenn auch bildlich
gefaßt,
wie das dem menschlichen Verstande nicht anders möglich ist.
Auf manche der in dem
letzten
Absatz berührten Fragen kommen wir in den folgenden Kapiteln
zurück;
im Augenblick genügt es, das Eine festzustellen: das Bekenntnis
und
die Religionslehre des Heilandes blieben im Evangelium verborgen: die
Kirchenlehre
weiß nichts von ihnen.
105
DER HEILAND
— BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS
28, 19
Jesus hatte fast immer statt Gott
„Vater“ gesagt, ihn als das uns aus dem ersten Kapitel bekannte
„höchste
gute Wesen“ anredend. Das Gebet, das er seinen Jüngern lehrt,
lautet
in der echten Fassung: „Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich
komme.
Unser nötiges Brot gib uns täglich. Und vergieb uns unsere
Schulden,
denn auch wir vergeben jedem unserer Schuldner. Und führe uns
nicht
in Versuchung.“ Nie mehr vernehmen wir nach des Heilandes Tode diesen
Ton.
Das Wort „Vater“ kommt überhaupt nur noch in der Verbindung
Gott-Vater
(im Unterschied zum Gott-Sohn) vor, oder an Stellen, wo von seiner
„thronenden
Majestät“, oder von dem „Mysterium des Vaters“ und dergleichen die
Rede ist. Der Vater, von dem der Heiland gesprochen hatte „mein Vater,
euer Vater; mein Gott, euer Gott“ (Joh.
20, 17), war vor dem Glanze der
kosmischen Dreieinigkeit aus dem Bewußtsein entschwunden. In noch
größerer Ferne entschwunden war das „Reich Gottes“. Der
Heiland
gebraucht diesen Ausdruck, da offenbar die Vorstellung des Reiches
Gottes
ihm beständig gegenwärtig ist, so häufig, daß wir
ohne Frage berechtigt sind, seine Lehre d i e R e l
i g i o n d e s R e i c h e s
G o t t e s zu nennen. Nach seinem Entschwinden aus unserer
Mitte
begegnen
wir diesem Ausdruck selten und immer seltener: ein einziges Mal im
gehaltvollen
Sinne in der Apostelgeschichte
und drei- oder viermal bei Paulus, aber
nur nebenbei und ohne eine Spur von dem Gehalt, der diesem Worte bei
Jesus
stets eine so besondere Eindringlichkeit verleiht. Werden aber diese
zwei
Gedankengestalten — der „Vater“ und das „Reich des Vaters“ — aus
ihrer Stellung im Mittelpunkt verrückt oder gar uns ganz
entrückt,
so geraten alle übrigen Lehren des Heilandes in einen schiefen
Augenwinkel.
*
In dem ganzen
Evangelium gibt es
nur eine Stelle — eine einzige, und zwar bei nur einem der vier
Evangelisten
—‚ geeignet, jeden Leser über die „Vater-Lehre“ Jesu
irrezuführen,
und zwar eine Stelle, an die wir so oft erinnert werden — so z. B.
gleich
am Anfang jedes Taufaktes —‚ daß sie gewiß in den Hirnen
der
meisten Laien im Vordergrund steht: ich meine Matthäus, Kap. 28,
Vers
19 fg. Dieser Vers lautet: „Gehet hin und werbet alle Völker durch
die Taufe auf
106
DER HEILAND
— BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS
28, 19
den
Namen des Vaters und des Sohnes und
des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich Euch
aufgetragen
habe“: so soll die letzte Weisung des Auferstandenen an seine
Jünger
gelautet haben. Hiernach würde die Lehre von dem dreieinigen Gott
aus dem Munde des Heilandes stammen. In diesem Falle jedoch sind wir
zum
Glück in der Lage, mit aller Bestimmtheit nachweisen zu
können,
daß es sich um ein spätes Einschiebsel handelt, also um
einen
„frommen Betrug“ (pia fraus).
Erstens wäre es mehr als
merkwürdig,
wenn der Heiland im allerletzten Augenblick und ohne jede
Erläuterung
seinen Jüngern eine neue Lehre vorgetragen hätte. Zweitens
wäre
es unbegreiflich, daß eine so entscheidende Lehre weder bei einem
der anderen Evangelisten noch in irgendeiner der übrigen Schriften
des Neuen Testamentes einen
Widerhall findet — denn die einzige andere
Stelle im gesamten Neuen Testament,
welche die Dreieinigkeit
erwähnt,
Vers 7 des 5. Kapitels der ersten
Epistel des Johannes, ist eine so
späte
und flagrante Fälschung, daß selbst noch unter Leo XIII.
eine
von ihm ernannte Gelehrtenkommission die Unechtheit bestätigen
mußte;
von vierhundert bekannten griechischen Handschriften, die vom 4. bis
zum
14. Jahrhundert reichen, enthält keine einzige die betreffenden
Worte,
auch den ältesten Exemplaren der Vulgata
des Hieronymus sind sie
fremd. Drittens: wir besitzen in den neutestamentlichen Schriften, und
auch
außerhalb
ihrer, zahlreiche Zeugnisse über den Taufakt bei den frühen
Christen
und wissen, daß unter ihnen ausnahmslos „auf den Namen Christi“
oder
„auf den Namen des Herrn“ getauft wurde. So sagt z. B. Petrus in seiner
ersten großen Predigt (Apostelgeschichte
2, 38): „Lasse sich ein
Jeder von euch taufen auf den Namen Jesu Christi“, und dem bekehrten
römischen
Hauptmann Cornelius und seiner Familie befiehlt er, „sich auf den Namen
Jesu Christi taufen zu lassen“ (Apostelgeschichte
10,48). Diese
Beispiele
lassen sich vermehren, wogegen kein einziges namhaft gemacht werden
kann, bei welchem die Taufe „auf den Namen des Vaters und des Sohnes
und des
Heiligen Geistes“ vollzogen worden wäre; erst im Laufe des zweiten
Jahrhunderts scheint die trinitarische Formel aufgekommen zu sein, und
zwar, wie Cheyne glaubt, aus Afrika eingeführt (siehe Bible
problems).
Viertens: wir wissen durch Johannes, daß der Heiland selber nicht
zu taufen pflegte (4, 2), und von Paulus besitzen wir das Wort:
„Christus
hat mich nicht aus-
107
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
gesandt
zu taufen, sondern das
Evangelium
zu verkünden“ (1. Kor. 1,
17), woraus wir mit Gewißheit
entnehmen,
daß den Aposteln ein Taufbefehl aus dem Munde Jesu unbekannt war.
Fünftens: der bekannte früheste Geschichtsschreiber der
Kirche,
Eusebius, Bischof von Caesarea (um die Mitte des vierten Jahrhunderts
tätig),
Zeitgenosse und Schützling Konstantin's des Großen,
erwähnt
in seinen Schriften gerade diese Stelle des Matthäus-Evangeliums
mehr
als ein dutzendmal, nie aber (wenigstens in keiner Schrift, die vor dem
Konzil von Nizäa entstand) in der uns geläufigen Fassung,
sondern
mit folgendem Wortlaut: „Gehet hin und werbet alle Völker
in m e i
n e m N a m e n und lehret sie usw.“ Eusebius
also las an dieser Stelle
(und er hatte von seinem Vorgänger Pamphilus eine besonders reiche
Sammlung Handschriften geerbt) weder einen Taufbefehl überhaupt
noch
die Verkündigung einer Dreieinigkeitslehre (siehe Conybeare:
History
of New Testament Criticism, Kap. 5, und Wellhausen: Das Evangelium
Matthaei, S. 152).
Es erweist sich somit
dieser Vers
als unzweifelhaft unecht; wir wollen uns durch ihn nicht irre machen
lassen.
*
Des Heilandes Gotteslehre — d.
h. also die Lehre vom V a t e r — setzt sich aus zwei
Elementen
zusammen:
kindlicher Einfalt und unergründlichem Tiefsinn. Das eine Element
bedingt das andere:
denn wer Gottes Wesen zu tief
auffaßt,
als daß er Mythos mit Wirklichkeit verwechsele, und zu wenig
materialistisch,
als daß er an der Vorstellung eines „Machers des Alls“
Genüge
finde, dem bleibt nichts übrig, als entweder mit dem indischen
Weisen
(S. 28) zu schweigen, oder aber
aus kindlich reinem Gemüte wie von
einem Traumgesichte zu reden; dieses Reden aber kann jedenfalls nur aus
jenem Schweigen geboren werden. Wir haben schon im ersten Kapitel
gesehen,
daß über Gott nichts ausgesagt werden kann, was vor dem
Verstande
logisch-zwingende Geltung und Sinn besäße, weil — schon dem
Begriffe nach — Gott der Welt der Erscheinung nicht angehört und
somit
alles, was von ihm und über ihn ausgesagt wird, nur uneigentlich
zu
verstehen ist. Ich erinnere an das Wort Luther's: „Ja, wer weiß was ist, das Gott
heißt? Es ist über Leib, über Geist, über alles,
was
man sagen, hören und denken kann.“
108
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Äußerst bezeichnend
ist es darum, daß der Heiland niemals eine lehrhafte
Auseinandersetzung
über das Wesen Gottes unternimmt, daß er vielmehr uns durch
hundert scheinbar leicht hingeworfene Bemerkungen nach und nach in sein
eigenes Verhältnis zu „seinem und unserem Vater“ einweiht, um
daraus
einen Jeden erraten oder allmählich nachempfinden oder ahnen oder
wie durch plötzliche Offenbarung begreifen zu lassen, was und wer
dieser Vater ist, „um dessentwillen er lebt“ (Joh. 6. 57), und dessen
nie
weichende Gegenwart ihn aus allen Sorgen des irdischen Daseins derartig
vollkommen befreit, daß er schon innerhalb dieser Zeitlichkeit
das
außerzeitliche „Reich Gottes“ als seine wahre Heimat bewohnt.
Über
einen also aufgefaßten Gott kann es keinen Zwangsglaubenssatz
(Dogma)
geben: er wird erlebt, oder er wird nicht erlebt; reden, lehren, in
Kirchenkonzilien
hin und her über ihn streiten — das alles ist ausgeschlossen. Wer
diesen Gott unseres Heilandes — den Vater — erleben will, muß auf
des Heilandes Stimme lauschen: kein anderer vermag hier zu vermitteln.
Darf sich auch keiner
dessen
vermessen,
es wird doch nicht verwehrt sein, den noch Ungeübten zum Aufmerken
hinzuleiten, indem man einige Hauptpunkte hervorhebt.
Auffallend ist z. B.
der
entschiedene
Ton, in welchem Jesus selber seine Gleichstellung mit dem Vater
wiederholt
deutlich von sich weist; für die Echtheit solcher Stellen zeugt
die
Tatsache, daß sie der Kirche bald peinlich auffielen und wir in
den
Evangelien selber schon Versuchen, sie umzumodeln oder auszumerzen,
begegnen.
Die auffallendste dieser Stellen lautet: „und da er hinauskam auf die
Straße,
lief einer herzu und fiel vor ihm auf die Knie, und befragte ihn: Guter
Meister, was soll ich tun, um ewiges Leben zu ererben? Jesus aber sagte
zu ihm: Was nennst Du mich gut? Niemand ist gut, außer dem einen
Gott“ (Mark. 10, 17, 18).
Dieses Wort bringt Lukas in genau der
gleichen
Fassung (18, 19) und, was sehr wichtig ist, Justin der Märtyrer —
etwa um die Mitte des zweiten Jahrhunderts — führt es an (Apol. I,
16, 7). Kein Mensch war fähig, ein solches Wort, welches den
Vorstellungen
der werdenden Kirche widersprach, zu erfinden; die kirchliche
Bearbeitung
des Matthäus-Evangeliums
wandelte es dann später um in die
verlegene
Fassung: „Meister, was soll ich
Gutes tun...?“, worauf die Antwort erfolgt:
109
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
„Was
fragst Du mich über das, was
gut ist? Einer ist der Gute“ (19, 16 fg.). Ein zweites hierher
gehöriges
Wort vernahmen wir schon vorhin (S. 102), wo der Heiland, befragt um
den
Zeitpunkt des Weltendes, erwidert, er wisse es nicht, das wisse „allein
der Vater“: auch dieses Wort hat
die Kirche das
Mögliche getan, zu verwischen oder zu streichen; zum Glück
hat
es der Markustext uns rein erhalten. Wer genau darauf achtet, wird an
vielen
Stellen Ähnliches bemerken, doch ich übergehe sie, nicht
bloß
um nicht zu ermüden, sondern weil Matthäus, Markus und Lukas
alle drei ein Wort bringen, welches die Unterscheidung zwischen dem
Heiland
und dem Vater bis in die innersten Regungen des Willens
durchführt:
ich meine das Gebet auf dem Ölberg, das mit den Worten
schließt:
„Doch nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!“ Deutlicher kann
nicht
zwischen Persönlichkeit und Persönlichkeit unterschieden
werden.
Einen zweiten
Hauptpunkt in Jesu
Gotteslehre haben wir darin zu erblicken, daß er das Bild der
S
o h
n s c h a f t nicht für sich allein beansprucht,
vielmehr immer von
neuem auf alle Menschen anwendet, die an den Vater glauben: wer Gott
als
Vater empfindet, kann nicht anders denn sich als Sohn erkennen.
„Niemand
auf der Erde sollt ihr euren Vater nennen; denn Einer ist euer Vater,
der
himmlische“ (Matth. 23, 9).
Diese Vorstellung eines Verhältnisses
des Menschen zu Gott als das des Kindes zu seinem Vater war durch den
Heiland
unter seinen Jüngern so fest eingebürgert, daß sie, als
die neue Gotteslehre der jungen Kirche aufkam, weiterlebte und noch
Paulus
schreiben kann: „Denn die durch Gottes Geist getrieben werden, das sind
Gottes Söhne“ (Röm.
8, 14). Wichtiger aber als alles andere
ist
die Zeugenschaft des Johannes, der zwar spät schreibt, jedoch
gerade
in diesen Fragen seinen Meister inniger gekannt und besser verstanden
hatte
als irgend ein anderer Mensch, und er ist es, der uns die ewig
denkwürdigen
Worte überliefert: „Ich steige auf zu meinem und eurem Vater, zu
meinem
und eurem Gott“ (Joh. 20, 17).
Kaum minder
bemerkenswert —
namentlich
dem noch heute allgemein herrschenden Vorurteile gegenüber — ist
ein
dritter Punkt in der Gotteslehre des Heilandes: die Tatsache
nämlich,
daß der Gott, den er als „Vater“ bezeichnet, niemals mit dem
Judengott
verwech-
110
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
selt
wird, ebensowenig wie Jahve's
auserwähltes
Volk der Juden von ihm bevorzugt erscheint.
Ungern unterbreche
ich unsere
Betrachtung über die Religion des Reiches Gottes, doch ist es
unbedingt
notwendig — gerade um die Lehre des Heiland