Hereunder
follows the transcription of chapter 3 of Houston Stewart
Chamberlain's Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
73
III.
DER HEILAND
DIE
OFFENBARUNG
DES GEHEIMNISSES, DAS
DURCH WELTALTER
HINDURCH VERSCHWIEGEN
BLIEB, NUN ABER GEOFFENBART IST.
(P A U L U S D E R A P O S T E L)
74
(Leere Seite)
75 DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
Ein jedes Jahrhundert bringt seinen
eigenen
Wahnwitz hervor, geboren aus falschen Richtungen, in die sein Denken mit
historisch bedingter
Notwendigkeit
hineingerät;
späteren Zeiten offenbaren sich solche Wahnvorstellungen ohne
weiteres
als Irrtümer, ja, stechen ins Auge, doch solange ihre Herrschaft
anhält,
sind auch die gescheitesten Menschen — der Mehrzahl nach — wie von
Blindheit
geschlagen. Unter den zahlreichen hierher gehörigen Narreteien des
neunzehnten Jahrhunderts wird künftigen Geschlechtern gewiß
keine ärger dünken als die in verschiedenen Abarten immer
wieder
aufgetretene und mit Beifall aufgenommene Lehre, Jesus von Nazareth sei
eine mythische Gestalt, also eine von Menschen erdichtete, keine
wirkliche
Persönlichkeit, die in Fleisch und Blut einstens auf Erden
wandelte.
Nach den Einen soll es überhaupt keinen Menschen dieses Namens
gegeben
haben (so z. B. nach J. M. Robertson: Christianity
and Mythology,
1900);
andere — ernster zu nehmende — Gelehrte leugneten nicht das Dasein
Jesu,
hielten ihn jedoch für einen mehr oder weniger obskuren
galiläischen
Religionsschwärmer und Volksaufwiegler, dergleichen aus der
Geschichte
eine Anzahl bekannt sind, erklärten aber die evangelischen
Berichte
im wesentlichen für freie Erfindungen, die Jesu zugeschriebenen
Worte
für unecht, kurz, die der europäischen Menschheit seit bald
zwei
Jahrtausenden vertraute Gestalt für ein erdichtetes
Phantasiegebilde
— erdichtet nämlich von Paulus, dem Rabbinenschüler, und
einer
kleinen Gruppe von Fanatikern, die sich bald erweiterte, indem der
religiöse
Wahnsinn um sich griff und von allen Seiten neuen mythischen Stoff
herbeibrachte,
so daß in kurzer Zeit ein vollständiges Lehrgebäude
dastand,
aus lauter Luftgebilden aufgezimmert. Diese Versuche, die
Persönlichkeit
des Heilandes alles Eigenlebens zu berauben, reichen von David
Friedrich
Strauß im Jahre 1835 bis zu Artur Drews im Jahre 1909. Es ist
nicht
meine Absicht, auf diese Literatur einzugehen; wer sich damit
beschäftigen
will, sei auf das vortreffliche Werk von Albert Schweitzer, Geschichte
der Leben-Jesu-Forschung, verwiesen. Ich, für mein Teil,
beklage
jede Stunde, die ich — von pedantischer Gewissenhaftigkeit getrieben —
auf sie verwendete. Selbst ein Strauß — dessen Wissen und
Können
Hochachtung verdienen — vermochte nicht anders: einmal auf die
grundfalsche
Fährte geraten, mußte er sich
76
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
immer
tiefer ins Dickicht der
Ungereimtheiten,
der Unmöglichkeiten und zuletzt der Unsinnigkeiten verstricken;
seine
Nachfolger aber und Überbieter — ihm an Fachkenntnissen nicht
ebenbürtig
— haben es bis zu einem solchen Grad von Widersinn gebracht, daß
man sich fragen muß, ob sie ihre Leser zum Besten haben, oder ob
ihre eigene Urteilskraft wirklich vollkommen Schiffbruch erlitt?
Inzwischen ging die
gesamte wahre
Wissenschaft — und zwar in allen ihren Schattierungen, von der
strengsten
Rechtgläubigkeit bis zum Freisinn und bis zu den erklärten
Gegnern
der christlichen Religionsgedanken — den genau entgegengesetzten Weg,
beseitigte
einen historischen Zweifel nach dem anderen, entdeckte viele Dokumente
und Inschriften, die alle in dieselbe Richtung wiesen und zugleich mit
neuer Aufklärung neue Bestätigung brachten; heute
— das darf man ohne Übertreibung
als gesicherte Tatsache behaupten — sind die ersten christlichen
Jahrhunderte
genauer bekannt als manche uns näherliegende, und zwar — trotz
aller
noch klaffenden Lücken — bis in Einzelheiten hinein, über
welche
Kunde zu gewinnen frühere Forschung niemals zu hoffen gewagt
hätte.
Es gehört unverfrorene Keckheit und naive Beschränkung dazu,
noch im zwanzigsten Jahrhundert zu behaupten, Christi Leben stelle den
Gang der Sonne durch den Tierkreis dar, und der Apostel Petrus sei
nichts
anderes als der aus der hellenischen Göttersage bekannte Proteus,
der im Auftrag Poseidon's „die Lämmer weide“! Derartiger Unsinn
findet
aber den wirksamen Beistand unserer jüdischen Weltpresse, die mit
sicherem Instinkt alles aufgreift, was ihr geeignet erscheint, dem
verhaßten
Christentum zu schaden; infolgedessen erfährt der Laie — wenn er
nicht
besondere Verbindungen besitzt — von den wahren Ergebnissen der
Wissenschaft
so gut wie nichts.
Eine weitere
Erwägung
verdient
jedoch nicht geringere Beachtung als die vorangehende.
Wären die
Quellen noch
ärger
verschüttet, als sie es sind, und wären dadurch der
wissenschaftlichen
Forschung die vielen Ergebnisse, auf die sie heute mit freudigem Stolze
hinweisen kann, versagt geblieben, die Geschichtlichkeit Jesu Christi
und
des Kreises seiner ersten Jünger und Anhänger, sowie die
Zuverlässigkeit
in allen wesentlichen Zügen der Berichte über sein Leben,
sein
Lehren
77
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
und
sein Sterben stünde
nichtsdestoweniger
für jeden gesund urteilenden Menschen unerschütterlich fest.
Umwälzende Religionsbewegungen sind stets — das lehrt alle
Geschichte
— von mächtigen, einsam dastehenden Persönlichkeiten
ausgegangen:
weitreichende Wirkungen auf die Seelen vieler Menschen vermag nur eine
übergroße Seele zu gewinnen, eine Seele, wie sie im Verlaufe
der Jahrtausende kaum einmal auftritt. Freilich entstehen unter dem
Druck
weltgeschichtlicher Ereignisse und Zustände besondere
Geistesstimmungen,
die sich, wie Krankheiten, durch Übertragung verbreiten und bis
zum
Massenwahnsinn steigern können: in diesem Zusammenhang wäre
auch
auf die Sehnsucht nach jener Gemütsverfassung, die wir
G l a u b e n
nennen und die wir im vorigen Kapitel kennen lernten, zu verweisen. In
der Zeit um Christi Geburt ergriff diese Sehnsucht die verschiedenen
Völker
des römischen Reiches: alte Religionen erwachten plötzlich zu
neuem Leben, selbst das sonst jeden Fremden abweisende Judentum
ließ
sich damals vorübergehend auf Bekehrung ein und gewann —
namentlich
unter den Frauen — zahlreiche Proselyten; neue Kulte entsprangen der
fruchtbaren
Einbildungskraft der asiatischen Mischvölker; der Staat selbst
gewährte
Schutz und Unterstützung. Alle diese Versuche, dem Gemüte die
ersehnte Labung zuzuführen, fanden Anhänger und Bekenner, und
zwar um so mehr, als keine Religion die anderen befehdete: wer heute im
Hause des Mithras seine Andacht verrichtet hatte, schloß sich
morgen
dem glänzenden Umzug der Isispriester an; so jagte jeder dem Heile
nach. Eine derartige Gärung im Seelenleben der Völker hat
natürlich
etwas zu bedeuten und führt namentlich leicht zu Katastrophen;
doch
besitzt sie an und für sich nicht die geringste Gestaltungskraft;
die neuere Psychologie und Medizin hat diese Erscheinungen als
Wirkungen
der sogenannten Suggestion nachgewiesen, deren Wesen eine
Schwächung
der Urteilskraft und Lähmung des Eigenwillens zugunsten blinder
Herdeninstinkte
ausmacht, folglich so fern wie möglich von Schaffenskraft und
freier
Gestaltensfreude steht. Unzulässig erscheint daher von vornherein
der Gedanke, es könnte aus der Gemeinschaft von Hunderttausenden
gewöhnlicher
und dazu noch seelisch geschwächter und verirrter Menschen — wie
die
damaligen es fraglos waren — eine neue, alle bisher bestehenden
umstürzende
Weltanschauung hervorgehen —
78
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
eine
ganz und gar neue Auffassung von
der Würde des Menschen, fußend auf einer ganz und gar neuen
Vorstellung von seinem Verhältnis zu Gott. Wären — etwa
infolge
einer gewaltigen Erderschütterung — sämtliche schriftlichen
Zeugnisse,
welche von der Begründung und der ersten Entwickelungszeit
berichten,
vernichtet worden, — die bloße Tatsache des Daseins der
christlichen
Glaubenslehre und Gemütsverfassung würde mit unabweisbarer
Notwendigkeit
auf einen Stifter hinweisen. Nun sind wir aber, wie schon bemerkt,
außerdem
in der Lage, die ersten Schritte des ins Leben tretenden Christentums
mit
erstaunlicher Genauigkeit zu verfolgen; ein jeder sollte sich um diese
Kenntnis bemühen — wozu als beste Einführung Adolf Harnack's
Mission und Ausbreitung des
Christentums in den ersten drei
Jahrhunderten
dienen mag: wer, anstatt das Christentum in dumpfer
Selbstverständlichkeit
als gegebene Tatsache hinzunehmen, sich über diese Anfänge
unterrichtet,
wird das größte Wunder der Weltgeschichte sich vor seinen
Augen
entrollen sehen. Die Wunder, welche die Evangelisten Jesu Christo
zuschreiben,
reichen alle nicht an dieses Wunder der Ausbreitung des Christentums
heran.
Es ist der Sieg des Geistes über den Stoff, der Sieg reiner
Glaubenskraft
über die stärkste Herrschergewalt, die je auf Erden regiert
hat.
Auf der einen Seite eine Handvoll Menschen ohne Ansehen, ohne Mittel,
ohne
Einfluß, auf der anderen Seite das Imperium Romanum, in eherner
Unüberwindlichkeit
sein Veto ihnen entgegenschleudernd. Die alten Staatsreligionen und die
verschiedenen Mysterienreligionen, die alle miteinander auf dem besten
Fuße gegenseitigen Sichvertragens lebten, sind von Anfang an
einig
in der haßerfüllten Ablehnung des Christentums, welches
ihnen
seinerseits ebenfalls die Daseinsberechtigung absprach, so daß
ein
Kampf auf Leben und Tod vom Christentum selber heraufbeschworen wurde.
Allen voran hetzt das schon damals einflußreiche Judentum und
veranlaßt
die ersten grausamen Verfolgungen; immer von neuem wiederholen sich
diese,
und selbst der Philosoph auf dem Kaiserstuhle, sonst Verkünder
allseitiger
Duldsamkeit, versucht die verhaßten Christen durch Feuer, Schwert
und wilde Tiere auszurotten. Keine politische Gegenwirkung irgend einer
Art steht den über die Welt zerstreuten Christen zur
Verfügung;
jede Verteidigung durch Waffengewalt ist ausgeschlossen; sie
können
nur dulden und sterben: w i e sie das
79
DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI
tun,
haben wir im vorigen Kapitel an
dem Beispiel des Ignatius von Antiochia gesehen. Weltlich betrachtet
ist
die Fortdauer des Christentums über die zwei ersten Jahrhunderte
hinaus
— geschweige denn sein Sieg — gar nicht zu erklären; es handelt
sich
eben, wie schon gesagt, um einen Sieg rein geistiger Kräfte
über
alles, was den Menschen sonst aus Bedürfnis, Instinkt und
Leidenschaft
bestimmt. Man kennt das Wort Cecil Rhodes', wert, für alle Zeiten
als das Bekenntnis des Antichristen angenagelt zu werden: „Jedermann
ist
zu kaufen; nur der Preis ist verschieden“; hier nun fanden sich viele
tausend
Männer, Frauen und auch Kinder bereit, alles, was das Leben ihnen
bot und versprach, jeden Augenblick hinzuopfern und ohne Zagen in den
qualvollsten
Tod zu schreiten; was ihr Geist festhielt, galt ihnen als höchstes
Gut: eine Umwandlung, eine Neugeburt mußte bei ihnen
stattgefunden
haben. Und was hatte sie bewirkt? Woher stammte diese neue, der
damaligen
Welt unbekannte Kraft? In ihre Seelen war der G l a u b e
eingezogen.
Und
welcher Glaube? D e r G l a u b e a
n G o t t d u r c h J e s u
m C h r i s t u m. Die alte
Empfindung
von der Gegenwart eines „höchsten guten Wesens“, eines „Vaters im
Himmel“ (siehe S. 24), war nach
und nach bei zunehmender Verwickelung
der
Zivilisation und steigender Verfeinerung der Kultur verloren gegangen;
Jesus brachte die Kunde von diesem Gotte wieder, und zwar auf einer
höheren
Stufe des bewußten Erfassens, wodurch Mensch und Gott sich
unmittelbar
nahetraten. Dieser plötzlich aufblühende Glaube lebte aber
zunächst
nur im Herzen des einen Unvergleichlichen; erst von diesem Herzen aus
strahlte
er in die anderen Herzen hinein: der Weg zu Gott führte durch
Jesum
hindurch; kein anderer Weg führte hin.
Wir haben die
Menschen gesehen,
wie sie voll Sehnsucht die Arme nach einem M i t t l e
r ausstreckten und
diesen aus ihrer Phantasie zu gebären suchten: sie kamen nie ans
Ziel,
Phantasiebild blieb Phantasiebild, nie gelangten sie zum Glauben. Nun
aber
war der Mittler erschienen! Vor seinem bloßen Antlitz blieben
alle
guten Menschen erschüttert staunen; sein Auge drang bis in die
letzten
Tiefen ihrer Seelen, dort Kräfte weckend oder spendend — wer
könnte
das entscheiden? —‚ von denen sie bisher nichts geahnt; und als dann
sich
sein Mund zu Worten öffnete, dergleichen nie gehört worden
waren,
glaubten sie Gott selber reden zu hören. Es genügte
80 DER HEILAND — GESCHICHTLICHKEIT
JESU CHRISTI — GEBURT UND AUFERSTEHUNG
ein
„Steh' auf und folge mir nach!“ —
und die Welt mit ihren Sorgen und Hoffnungen, mit ihren Leiden und
Freuden
war vergessen. Diese Jünger waren weder an Mitteln noch an Geist
reich;
auch nahmen sie ihr Erlebnis nicht mit bewußtem, unterscheidendem
Denken auf; bei einiger Überlegung aber verstehen wir recht gut,
daß
gerade solche Menschen die geeignetsten waren, ein unerhört Neues
rein widerzuspiegeln; zwar spiegeln sie zugleich die Vorstellungen
ihrer
Zeit wider — das geschieht aber mit so vollkommener Einfalt, daß
die Entwirrung geringe Schwierigkeiten macht: wahnwitzig ist es, gerade
diesen ersten Trägern des Christentums irgendwelche
eigenmächtigen
mythischen und sonstigen religionsbildenden Zutaten zuzuschreiben; dazu
waren sie ebenso unfähig wie ungewillt. Eine einzige Ausnahme —
sowohl
in bezug auf Bildung wie auf Begabung — bietet der Apostel Paulus; doch
gerade diesen sind wir in der Lage, am Werke genau zu verfolgen:
gewiß
unterliegt er mannigfaltigeren Einflüssen als seine
galiläischen
Genossen — wir werden später darüber zu reden haben —‚ doch
je
genauer sein Lehren erforscht wird, um so mächtiger erweist sich
der
Einfluß der von ihm genau gekannten Worte und Weisungen Jesu
(siehe
namentlich die eingehenden Untersuchungen von Paul Feine, Paul
Kölbing
und Gardner); auch bei ihm sind daher die Zeiteinflüsse unschwer
abzusondern.
Kurz, wir haben es
mit
wohlbezeugten
geschichtlichen Vorgängen zu tun: das können nur
Böswillige
oder Querköpfige oder Unwissende noch heute in Abrede stellen: die
Wissenschaft und die Urteilskraft haben ihr einiges Wort gesprochen.
*
Hiermit wird nun nicht behauptet,
wir besäßen in den Evangelien ein Geschichtswerk in dem
Sinne,
den wir heute diesem Worte beilegen: gegen ein derartiges
Mißverständnis
dürfte es kaum nötig sein, Einspruch zu erheben. Wichtig ist
dagegen die Erwägung, ob es irgend einem noch so begabten
wissenschaftlich
vorgebildeten Geschichtsforscher möglich gewesen wäre, ein
Buch
zu schaffen, das an Inhaltsreichtum und an weltumspannender
Wirkungsgewalt
dem Buche auch nur von ferne gleichgekommen wäre, das wir besitzen?
81
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
Die
Frage kann mit aller Entschiedenheit
verneint werden. Es fällt mir schwer, ja, es will mir nicht
gelingen,
die Worte zu finden für eine Einsicht, die uns Heutigen sehr not
tut;
vielleicht genügt eine Andeutung, damit der Leser begreife, worauf
es hinausgeht.
So unvollkommen,
lückenreich,
nebelhaft, ungreifbar die Nachrichten sind, die wir über den
Heiland
besitzen, ich bin überzeugt, es wäre einer göttlichen
Vorsehung
unmöglich gewesen, ein passenderes Gefäß für die
Mitteilung
zu finden, auf die es hier ankam. Jede Annäherung an
protokollarische
Genauigkeit hätte die wirkliche Wahrheit ebenso entstellt und
ihres
pulsierenden Inhalts beraubt, wie das eine Photographie der Natur
gegenüber
tut. Hier kommt es auf Raum, auf Luft, auf Resonanz an; jede
Absichtlichkeit,
jedes menschliche Weise-sein-wollen hätte alles ausgelöscht:
das gilt von den Worten, wie von den Taten. Die Stimme Jesu vernehmen
wir
nur dank dem Umstande, daß die Jünger seine Worte zwar in
fromme
Herzen aufnahmen, sie aber nie ganz verstanden; und hätten sie ihn
nicht Wunder wirken sehen, sie wären unfähig gewesen, uns
sein
wunderwirkendes Wesen empfinden zu lassen. Letzten Endes kommt es auf
ein Anregen
zu eigener Tat an: daß Jesus eine g e s c h i c h t l
i c h e Person war,
bildet
nur einen Teil der evangelischen Botschaft; was sie vor allem will,
ist,
uns von seiner G e g e n w a r t zu
überzeugen: wir sollen die
Augen
öffnen und ihn selber erblicken, wir sollen seine Stimme im
eigenen
Ohre vernehmen. Origenes spricht ein wundervolles Wort: „O, daß
auch
uns der Herr Jesus seine Hände auf die Augen legte, auf daß
auch wir anfingen, nicht auf das zu blicken, was sichtbar ist, sondern
auf das Unsichtbare, und er uns... den Blick des Herzens entschleierte,
mit dem Gott im Geiste geschaut wird durch ihn, den Herrn Jesus
Christus“
(nach Harnack). Hiermit wird genau bezeichnet, was die evangelischen
Berichte
leisten sollen — und auch leisten, sobald ihr Wort auf
empfänglichen
Boden fällt: d e n B l i c k d
e s H e r z e n s e n t s c h l e i e r n!
Auf die Evangelien
werden wir
noch in der Folge zurückkommen; für den Augenblick
genügt
es mir, wenn ich — ohne die Lücken, die Unklarheiten und die
Widersprüche
in Abrede zu stellen — den Gedanken geweckt habe, daß in diesem
einen,
unvergleichlichen Falle Verschleierung zu Entschleierung führt.
Einer der
charakteristischen
Fehler
unserer Zeit, nicht allein
82
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
auf
religiösem, sondern auch auf
naturwissenschaftlichem Gebiete, ist das Nichtwissen von dem, was man
fragen
kann und soll; jede Frage stellen wir, nur nicht diese; täten wir
es, es würden mit einem Schlage manche Mißtöne und
alberne
Vorurteile aus dem Geistesleben unserer Öffentlichkeit
entschwinden.
Von Gott — das sahen wir im ersten Kapitel — vermag der menschliche
Verstand
kaum etwas weiter auszusagen, als daß er ist und sein muß,
weil wir Menschen sonst keine Menschen wären; im übrigen kann
der Verstand, wenn er auf sich selber verwiesen bleibt, kaum über
das „neti, neti!“
hinauskommen. Gesetzt also den Fall, das
Göttliche
wolle sich als Erscheinung unter die Menschen mischen, ist es auch nur
denkbar, daß wir Menschen mit unserem derartig beschränkten
Verstande fähig wären, uns vorzustellen, auf welche Weise
dieses
Fleischwerden (Inkarnation) stattfinden würde? Das ist
ausgeschlossen:
jede hierüber gewagte Aussage kann nur ein Bild, bestenfalls ein
Mythos
sein. So z. B. sind die vielen Streitigkeiten über die
Jungfrauengeburt
wohl betrachtet gegenstandslos. Die Erzählung ist an und für
sich schön und bedeutungsvoll; auf die behauptete
Unmöglichkeit
ist kein Gewicht zu legen — belehrt uns doch die Natur alle Tage,
daß
das, was wir für unmöglich hielten, geschieht; nur kann sich
kein Mensch etwas dabei denken, weil Jungfrau und Mutter
widersprechende
Begriffe sind:
und ein
vollkommner Widerspruch
bleibt gleich geheimnisvoll
für Weise wie für Toren.
Es ist auch kein Grund erfindlich, warum
bei der Geburt eines göttlichen Wesens der männliche Stamm
ausgeschaltet
bleiben sollt — es sei denn, es
schwebten dem Geist
noch hellenische Vorstellungen von Götterverwandtschaft vor. Die
Evangelien
lassen bekanntlich diese Frage offen, indem sie sich widersprechen;
ganz
sicher ist, daß weder Paulus noch Johannes etwas von der Geburt
Christi
aus einer Jungfrau gewußt haben; Johannes nennt den Heiland
einfach
Sohn Joseph's (1, 45), und Paulus erwähnt seine Mutter sowie die
näheren
Umstände seiner Geburt überhaupt niemals — nun aber
überlege
man sich, welches Gewicht gerade dieser Mann auf eine solche Tatsache
gelegt
hätte! Er, der der Schöpfer des christlichen Mythos genannt
werden
muß: sein Schweigen beweist, daß die uns
83
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
in
zweierlei Gestalt, aus Matthäus
und Lukas, geläufige Erzählung ihm entweder unbekannt war,
oder
unauthentisch schien; sagt er doch vom Heiland ausdrücklich, „der
gekommen ist aus David's Samen nach dem Fleisch“ (Röm. 1, 3). Und
der Apostel Johannes sagt überhaupt von allen denjenigen Menschen,
welche geeignet sind, „Gottes Kinder zu werden“: „Sie sind nicht aus
Blut
und nicht aus Fleisches- auch nicht aus Manneswillen, sondern aus Gott
gezeugt“ (Joh. 1, 12 fg.).
Wieviel weiser waren die frühesten
Christen
als ihre Nachfolger! Derselbe heilige Märtyrer Ignatius, dem wir
bereits
wiederholt begegnet sind, schreibt in seinem Brief an die Epheser:
„Denn unser Gott, Jesus der Christ,
ward nach Gottes Heilsratschluß in dem Leibe der Maria empfangen,
zwar aus dem Samen David's, aber doch zugleich aus heiligem Geiste“
(18,
2) — wobei die Worte „Samen David's“ fraglos auf die Vaterschaft
Joseph's
weisen, da Maria nach ältester Tradition dem Stamme Levi
angehörte.
Diesem Apostelschüler machte also die Vorstellung, daß
Christus
als Mensch Sohn Joseph's und zugleich als Gott der Sohn Gottes sei,
keine
Schwierigkeit, noch fand er darin etwas Entwürdigendes.
Aus solchen Dingen
Zwangsglaubenssätze
(Dogmen) zu machen, an die ein
jeder zu glauben verpflichtet wird,
halte
ich für ein Vergehen gegen den Menschengeist und dadurch auch
gegen
den heiligen Geist Gottes. Denn an Tatsachen, die unser Verstand nicht
zu erfassen vermag — wie das Auftreten eines übermenschlichen
Wesens
auf Erden eine ist —‚ können wir uns nur tastend heranwagen; was
dem
einen gemäß ist, kann dem andern unannehmbar dünken;
jedem
muß die Freiheit bewahrt bleiben, sich gottwärts auf dem
seiner
Natur entsprechenden Wege zu erheben; auf diesem ganzen Gebiete
müssen
wir den Grundsatz anerkennen: verschiedene Aussagen — auch wenn sie sich widersprechen —
können an Wahrheitsgehalt sich gleichkommen. Jesus Christus hat
als
Mittler zwischen Gott und Mensch auf Erden geweilt und ist für
unsere
Erlösung gestorben: das können wir wissen; alles Weitere
lassen
die Evangelien im Halbdunkel — und daß sie das tun, zeugt von
göttlicher
Meisterschaft.
Was hier von der
Geburt gesagt
ist, gilt auch vom Tode — nur in umgekehrter Richtung: in dem einen
Fall
kann unser Verstand nicht fassen, was voranging, in dem anderen nicht,
was nachfolgte.
84
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
Wir
können eben immer und
überall
Jesum nur dort mit den Sinnen wahrnehmen und ihm mit dem Denken folgen,
wo er sich als Mensch gibt; sobald er Gott ist, entschwindet er aus
diesem
Gesichtskreis, und so fest auch das Gemüt durch Glauben an ihm
halten
mag, jede Aussage über ihn erhält jetzt einen anderen
Charakter.
Über alle Ereignisse, die dem Tode unmittelbar vorangehen, sind
wir
besonders eingehend und genau unterrichtet; mit dem Augenblick des
Todes
sinkt gleichsam ein Nebel vor die Augen herab, die vier evangelischen
Berichte
stimmen nicht mehr überein und sind teilweise sprunghaft und
zweideutig,
— weisen auch hier und da sichtbare Spuren späterer
Überarbeitung
auf.
Über die
Auferstehung ist
unübersehbar viel von den Fachgelehrten geschrieben worden; denn
nicht
allein bringt jeder Kommentar zu jedem der Evangelien und zu dem ersten
Briefe Pauli an die Korinther eingehende Ausführungen,
sowie
desgleichen
jedes Leben Jesu, sondern es gibt einen ganzen Buchgaden von Schriften,
die einzig der Untersuchung dieser einen Frage sich widmen — und zwar
ohne
je ein Ergebnis zu erreichen, das die Zustimmung Aller erzwinge. Daran
liegt nun wenig oder vielmehr gar nichts: einzig darauf kommt es an,
daß
man die Einsicht gewinne, hier stehe auf rein logischem Wege kein
Ergebnis
zu erwarten, weil es sich um Vorgänge handelt, welche die Welt der
Erscheinung, auf deren Erkenntnis unser Verstand und die ihm dienenden
Sinne eingeschränkt sind, zwar berühren und gleichsam
durchqueren,
zum größeren Teil aber außerhalb dieser Grenze sich
abspielen.
Daß die ersten
Christen
an die Auferstehung Jesu von den Toten glaubten, bedarf keines
Beweises: das Christentum entstand ja als Folge der Auferstehung, und
lange Jahre
lautete der Gruß der sich Begegnenden: „Christ ist erstanden!“
Man
mag sich dieses „Auferstehen“ denken und deuten wie man will — an der
Tatsache
selbst kann kein urteilsfähiger Mensch vorbeikommen. Zwar haben
die
Juden sofort behauptet, die Jünger hätten den Leichnam aus
dem
Grabe gestohlen, um dann aussagen zu können, ihr Meister sei von
den
Toten auferstanden; doch überzeugt die geringste Überlegung,
daß diese plumpe Erfindung zugleich Unmögliches und
Unzureichendes
aufstellt. Die erschrockenen, durch die Hinrichtung ihres Führers
aller Hoffnung beraubten Jünger waren geflohen und hielten
85
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
sich
verborgen; außerdem war ihnen
der Begriff einer Auferstehung fremd, denn er gehörte nicht zu den
damals im Judentum geläufigen Vorstellungen, und wir wissen,
daß
sie Worte des Heilandes, die auf seine Auferstehung nach dem Tode
hindeuteten, sich nicht erklären konnten: „Und die Jünger
verhandelten
unter sich, was das heiße, von den Toten auferstehen“ (Mark. 9,
10
und siehe z. B. Joh. 2, 22):
es ist ihnen darum weder die
Fähigkeit,
den Raub auszuführen, noch der Gedanke, es zu tun, zuzutrauen.
Weit
mehr ins Gewicht fallen aber gegen diese Behauptung zwei andere
Erwägungen.
Erstens erscheint bei diesen einfachen Galiläern, unter denen
damals
kein einziger Mann von hervorragender Energie und Initiative zu finden
war, ein derartiger macchiavellistischer Plan unbedingt ausgeschlossen,
ebenso wie die geistige Kraft, auf diesem Wege eine neue Religion
gründen
zu wollen. Zweitens aber ist es geradezu hirnverbrannt, vorauszusetzen,
eine zwischen zwei oder drei Dunkelmännern verabredete Lüge
hätte
genügt, die unaufhaltsame Bewegung hervorzurufen, die sofort
Hunderte
und Tausende von Menschenherzen ergriff, mit himmlischem Hoffen
erfüllte
und zu unerschütterlichem Gottesglauben stählte. Mit Recht
erwidert
Origenes dem Leugner Celsus, das Benehmen der Jünger, ihr
plötzlich
hell auflodernder Glaube, die in ihnen geweckte, allen Hindernissen
trotzende
Tatkraft und die Überzeugungsgewalt, die sie über Tausende
gewannen,
diese unleugbaren geschichtlichen Tatsachen seien an und für
sich der bündigste und unwiderleglichste Beweis, daß sie den
von den Toten auferstandenen Jesum mit Augen gesehen hätten, denn
aus diesem überwältigenden Erlebnis hätten sie erst die
Kraft zu allem Weiteren geschöpft (Buch 1, Kap. 31). Dieses Urteil
trifft heute ebenso zu wie im Jahre zweihundert, wo es gefällt
wurde;
ja, ich behaupte: das Dasein des Christentums beweist die Tatsache der
Auferstehung. Wie der Apostel Paulus an die Korinther schreibt: „Ist
aber
Christus nicht auferweckt, so ist euer Glaube umsonst.... Wenn wir
nichts
haben als die Hoffnung auf Christus in diesem Leben, so sind wir die
beklagenswertesten
aller Menschen“ (1. Kor. 15,
17, 19).
Wie die Auferstehung
zu denken
sei, das ist eine ganz andere Frage. Ich für mein Teil
schließe
mich einem der bedeutendsten Köpfe unter den zeitgenössischen
deutschen Theologen an, dem kritisch und durchaus frei denkenden
Friedrich
Loofs, und bekenne,
86
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
„daß
niemand sich mit seinem
Denken
über unsere bisherige Erfahrung hinausrecken kann: wie das, was
die
Jünger erlebten möglich war, — das weiß ich nicht....
Ich
weiß es nicht und ich halte Nichtwissen hier nicht für
Wahrheitsscheu“
(Die Auferstehungsberichte und ihr
Wert, 3. Aufl., S. 40 fg.). Freilich
wäre es von Interesse zu wissen, wie die Männer, die den
Auferstandenen
erblickten, ihre Vision deuteten; doch läßt sich aus den
Berichten
nichts Genaues und namentlich nichts Übereinstimmendes entnehmen:
einige schildern Umstände, die eine massive Körperlichkeit
ausschließen,
andere betonen gerade diese. Nur über eines Mannes Urteil wissen
wir
genau Bescheid: der Apostel Paulus schreibt in dem selben Kapitel, in
welchem
er die Erscheinungen des Auferstandenen aufzählt: „Das aber sage ich, Brüder,
daß
Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben kann, noch erbt die
Verwesung
die Unverweslichkeit“ (1. Kor.
15, 50), und noch mehr dergleichen, und
in seinem Briefe an die Philipper
unterscheidet er zwischen dem
irdischen
„Leib unserer Erniedrigung“ und dem „Leib der Herrlichkeit“ des
auferstandenen
Jesus (3, 21). Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß
dieser
Bedeutendste unter den ersten Christen nicht an eine Auferstehung des
gestorbenen
Körpers dachte, sondern an das Weiterleben in verklärter
Gestalt
außerhalb der uns geläufigen Bedingungen irdischen Daseins
(1.
Kor. 15, 44 fg.). Dies bestätigt entscheidend ein Umstand,
den
mancher
wohl übersieht: Paulus zählt alle Erscheinungen des
Auferstandenen,
von denen er weiß, der Reihe nach auf (am selben Ort, Vers 5
fg.),
erwähnt aber mit keiner Silbe des leeren Grabes noch des damit
zusammenhängenden
Besuches der Frauen — das leere
Grab besaß also für ihn keine Bedeutung, vielleicht hielt er
diese Erzählung
für
eine fromme Legende. Um den Zusammenhang zu übersehen und somit
auch
richtig beurteilen zu können, muß man folgende Tatsache
kennen
und bedenken.
Wir hörten oben
von der
böswilligen
Märe der Juden, Christi Jünger hätten seinen Leichnam
aus
dem Grabe heimlich entfernt. Mancher Leser wird sich gefragt haben, was
diese Entweihung der Grabesruhe hätte bezwecken sollen? Die
Semiten
und mit ihnen die Juden — bei dem groben Materialismus, der ihr
religiöses
Leben von dem anderer Menschen unterscheidet — sind unfähig, sich
ein künftiges Leben vorzustellen, wenn nicht der selbe Körper
diesem
87
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
neuen
Leben auch weiterhin als
Träger
dient. Ich kann hierfür das vor wenigen Tagen erschienene Werk von
Wilamowitz-Moellendorff, Platon
(1919, 1, 335) anführen: „Wer
für
die semitische Denkart nicht dem Tode verfallen ist, wer also weiter
wirkend
gedacht wird, muß entweder samt seinem Körper in die
Unsterblichkeit
erhoben, oder samt seinem Körper aus dem Tode auferstanden sein“;
während der Hellene schon zu Homer's Zeiten mit der Vorstellung
einer
„unsinnlichen Körperlosigkeit“ vertraut war, „kann der Semit vom
Körperlichen
nicht los“. In diesen Vorstellungen waren die Jünger Christi samt
ihrer Umgebung aufgewachsen; das darf nicht übersehen werden: denn
daraus erst versteht man die Beschuldigung der Juden, und zugleich
wirkt
dieser jüdische Materialismus auf die Auffassung der Jünger
von
ihren Erlebnissen, infolgedessen auch auf ihre Darstellung. Paulus
aber,
als religiöses Genie, der außerdem seit früher Jugend
unter
dem Einfluß einer hellenistischen Umwelt gestanden hatte,
faßte,
wie wir sahen, die Auferstehung Christi anders auf und bedurfte
für
sie keines Aufbrechens der Grabespforte. Allerdings mag Wilamowitz mit
der feinen Bemerkung recht haben, Paulus bleibe insoferne Materialist,
als der von ihm gelehrte „pneumatische Leib“, aus „himmlischem Stoffe“
gemacht, noch immer ein L e i b sei; doch meine ich,
er habe damit einen
so
bedeutenden Schritt auf dem Wege zur Idealisierung getan, daß man
füglich von ihm nicht mehr erwarten konnte. Bekanntlich ist die
Kirche
ihm nicht gefolgt, vielmehr blieb sie in der groben Sinnlichkeit
semitischer
Halbgedanken befangen.
Zum Beschluß
dieser
Erörterung
diene ein herrliches Wort Luther's: „Denn wir diesen Artikel (von der
Auferstehung)
im Gebet nicht darum sprechen und bekennen, daß es allein
geschehen
sei, wie wir sonst eine Fabel, Märlein oder Geschichte
erzählen;
sondern, daß es im Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde.
Und
das heißen wir Glauben, wenn wir es uns so einbilden, daß
wir
uns ganz und gar darein stecken, eben, als sei sonst nichts anderes
geschrieben,
denn: Christus ist erstanden!“
Und noch eines.
Sollte ein Freund
mein eigenes
Bekenntnis hören wollen, ich würde ihm folgendes sagen. Indem
Jesus — insofern er Mensch war, der perfectus
homo der kirchlichen
Bekenntnisse
— starb, ent-
88
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG
schwand
er aus der Welt des Raumes und
der Zeit, damit auch aus der Geschichte; „wissen“ kann ich seit dem
Augenblick
seines Todes nichts mehr über ihn, nur glauben. Gerade weil ich
die
Schulung der exakten Wissenschaft zu erhalten das Glück hatte und
außerdem von Immanuel Kant belehrt wurde, „er habe das Wissen
aufheben
müssen, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (Reine Vernunft, Vorr.
z.
2. Ausg., S. XXX). — Dank diesen beiden Umständen bin ich gewohnt,
zwischen Wissen und Glauben mit Schärfe zu unterscheiden. Was ich
glaube, steht in meinem Gemüte noch tiefer verankert als das, was
ich zu wissen vermeine; es steht aber an anderem Orte, unter anderen
Gesetzen,
und es fällt mir infolgedessen schwer, mich in die Köpfe der
Unbelehrten hineinzufinden, sowie ihnen Einblick in meinen Kopf zu
gewähren,
da die meisten über diese Unterscheidung keine klare Vorstellung
besitzen.
Ich weiß, daß die Sonne am Himmel steht; fester und
gewisser
und inhaltreicher ist aber mein Glaube an Jesum Christum als meinen
Heiland.
Was Christus uns gebracht hat, ist der Glaube an Gott: „Wenn ihr mich
kenntet,
so kenntet ihr auch meinen Vater“ (Joh.
8, 19). Die ältesten
Christen
haben das gut gewußt, und wir lesen z. B. in der Epistel an
Diognet:
„Denn wer unter allen Menschen hat, ehe Christus erschien, auch nur im
geringsten gewußt, was Gott ist?“ Gott der unwahrnehmbare,
undenkbare
wurde in Christo sichtbar und redete als Mensch uns vernehmbare Worte,
deren überirdischer Klang uns heute ebenso in den Ohren tönt
wie den Menschen vor zweitausend Jahren. Wie der Apostel Paulus von der
Erscheinung Christi sagt: „Sie ließ es in unseren Herzen tagen
zum
strahlenden Aufgang der Erkenntnis und der Herrlichkeit Gottes auf dem
Antlitze Christi“ (2. Kor. 4,
6).
Jesus die Offenbarung
Gottes auf
Erden: das ist der Inhalt der „Frohbotschaft“. Daß Gott dem Tode
nicht stirbt, ist klar; der Tod kann ihn höchstens aus dem Drucke
einer vorübergehend angenommenen Leiblichkeit erlösen: Jesus
lebt von je auf je. Daher bezeichne ich, ohne Bedenken, das Wort
„Auferstehung“
als Allegorie; stehen, erstehen, auferstehen sind Begriffe, welche eine
räumliche Welt und eine zeitliche Bestimmung voraussetzen; ich
erkläre
mir aber den Gebrauch dieser Allegorie recht gut, schon aus der oben
geschilderten
jüdischen Denkart, sowie auch aus dem Bedürfnis der
89
DER HEILAND
— GEBURT UND AUFERSTEHUNG — DIE PERSÖNLICHKEIT
geschichtlichen
Anknüpfung an das
soeben abgeschlossene Leben. Sollten die Jünger den Sinn dieses
Lebens,
den Sinn ihres ungeheueren Erlebnisses endlich begreifen und dadurch
erst
zu ihrem weltgeschichtlichen Amte tauglich gemacht werden, so
mußte
Jesus ihnen erscheinen und zu ihnen reden: für diese Notwendigkeit
besitzen wir den geschichtlichen Beweis; denn erst aus diesem mit
nichts
zu vergleichenden Ereignis entstand — wie wir bereits sahen — das Christentum. Über die Art
jedoch, wie diese Erscheinungen verstandesmäßig zu deuten
seien,
bekenne ich meine Unwissenheit und bekenne, daß ich jede
Erklärung
von vornherein für unmöglich halte und jede dogmatische
Entscheidung
hierüber ablehne. Für diese meine Auffassung berufe ich mich
nochmals auf Origenes; dieser schreibt an einer Stelle seines De
Principiis
(Buch 2, Kap. 6, Abschn. 2), wo er von der Fleischwerdung, dem Tode und
der Auferstehung spricht: „Mit solchen Dingen sich an menschliche Ohren
wenden und versuchen, sie in Worten auseinanderzusetzen, das
übersteigt
weit die Fähigkeiten unseres Verstandes und unserer Sprache; ja,
ich
bin sogar der Meinung, daß es die Fähigkeiten der heiligen
Apostel
überstiegen habe; wahrscheinlich sind auch die himmlischen Wesen
unfähig,
diese Geheimnisse denkend zu erfassen.“
*
Zwischen dem unerforschbaren
Eintritt
ins irdische Dasein und dem von nie auszudeutenden Geheimnissen
umgebenen
Austritt aus diesem Dasein in ein anderes, unserem Verstande
unfaßbares,
liegt ein kurzes Leben, das bis auf die letzten acht Tage — sobald man
es von außen ansieht — weltfern und ereignislos verläuft;
von
keinem uns bekannten Religionsstifter oder Reformator weiß die
Geschichte
ähnliches zu berichten; vielmehr sehen wir Männer dieser Art
durch innere Seelenqualen sich bis zu gewaltigen Entschlüssen
durchkämpfen,
um dann hinauszutreten und auf die sie umgebende Welt umwälzend zu
wirken — es sei hier nur an Buddha, Mohammed und Luther erinnert. Bei
Jesus
ist weder von dem leidenschaftlichen Krieg im eigenen Busen noch von
dem
Umsturz bestehender Einrichtungen die Rede. Wollte man einwerfen, wir
wüßten
so gut wie nichts über die ersten dreißig Jahre dieses
Lebens
und könnten darum über die inneren Kämpfe nichts
aussagen,
ich würde dem
90
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
widersprechen:
denn es besteht inniger
Zusammenhang zwischen den inneren Seelenkämpfen der
Religionserneuerer
und der Art ihrer späteren gewaltsamen Tatkraft: für die
göttliche
Ruhe, die von Anfang an Jesu Herz erfüllt haben muß, zeugt
sein
schweigendes Dulden, als die Welt endlich auf ihn aufmerksam geworden
war
und seinen Tod erstrebte. Zwar wollen wir die bedeutsame Allegorie der
Versuchung in der Wüste nicht als unhistorisch gering
schätzen;
doch gerade diese Art, sich in der Stunde der Versuchung in die
Einsamkeit
zurückzuziehen, der bösen Regungen still entschlossen Herr zu
werden und dann in die gewohnte Umgebung gelassen zurückzukehren,
zeugt von einer himmlischen Harmonie der Seele, für die wir kein
zweites
Beispiel besitzen.
Jeder von uns
müßte
nun vor allem den gebieterischen Drang empfinden, sich diese himmlische
Harmonie, wie sie als Persönlichkeit auf Erden wandelte — den
„Menschensohn“,
wie sie sich selber zu bezeichnen liebte — möglichst lebendig vor
Augen zu rufen; das ganze Christentum wurzelt in dem mit nichts zu
vergleichenden
Eindruck, den diese Persönlichkeit auf einige hundert Menschen
machte
und bei ihnen als Quelle unermeßlicher Kraft hinterließ.
Die
Vielen, für die Jesus Christus einen bloßen Namen bedeutet,
doch auch nicht diese allein, sondern auch diejenigen, die an ihn als
Erlöser
glauben und ihn als Gott anbeten, ahnen nicht, was ihnen abgeht,
solange
sie die genannte Vorstellung entbehren. Die Evangelien, so
lückenhaft
auch ihre Berichte sein mögen, bergen — und für den, der sie
nicht zu lesen versteht, verbergen — eine Fülle von Tatsachen,
geeignet,
den Heiland uns nahe und immer näher zu bringen.
Auf die Frage nach
der
Rassenangehörigkeit
der Familien des Joseph's und der Maria will ich hier nicht eingehen,
erstens,
weil sie unlösbar ist, zweitens, weil wir gut daran tun, das
Geheimnis
der Geburt unseres Heilandes zu verehren ¹). Es genügt uns zu
wissen,
—————
¹) Was
hier etwa zu sagen
wäre,
habe ich in dem Kapitel
„Die Erscheinung Christi“ meiner Grundlagen
zusammenzufassen
versucht; in einem historischen Werke war eine derartige
Erörterung
am Platz. Hinzufügen will ich nur, daß ein gelehrter
Fachmann,
Professor Haupt in Baltimore, seitdem die Vermutung ausgesprochen hat,
Maria und Joseph seien der Rasse nach arische Meder gewesen, was er
namentlich
damit begründet, daß die Bewohner Galiläa's der
Mehrzahl
nach Meder waren. (Diese Mitteilung entnehme ich dem Werke des
englischen
Theologen Mac Clymont: New Testament
Criticism, its history and
results,
1913, S. 150.) —
91
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
daß
der Heiland zwar im
israelitischen
Glauben auferzogen wurde, nicht aber in einer Umgebung lebte, die man
im
engeren Sinne des Wortes „jüdisch“ nennen könnte. Die
Einwohner
Galiläa's (des „Heidengaues“) bildeten einen wesentlich anderen
Schlag
Menschen als die Juden Judäa's, standen auch politisch unter einer
anderen Regierung; sie zeichneten sich aus durch Arbeitslust, heitere
Gemütsart,
energischen Unabhängigkeitssinn — den sie in ihren wiederholten
Aufständen
heldenmütig bewährten. „Ein Galiläer und ein
entschlossener
Mann bedeutet im jüdischen Sprachgebrauch dasselbe“, bemerkt
Herder.
Die Juden haben die Galiläer niemals als Volljuden anerkannt;
ihnen
war z. B. das öffentliche Vorlesen beim Gottesdienst innerhalb
Judäa's
verboten; ihre Aussprache sei derartig verwahrlost — so wurde gespottet
—‚ daß man bei einem bestimmten Worte nicht wisse, ob der
Galiläer
von Wein, von Wolle, von einem Esel oder von einem Lamm rede
(Lightfoot:
Galater, S. 197). Unter diesen
Männern hat nun Jesus sein Leben
gelebt
und unter ihnen seine Anhänger gefunden — die ersten Vermittler
des
christlichen Glaubens. „Gut war's,“ schreibt Herder, „daß
Christus
fern von Judäa und dem stolzen Jerusalem, obwohl nur kurze Zeit,
sein Geschäft in dieser Provinz (Galiläa) trieb; dort
würde
man ihm auch diese kurze Zeit nicht gegönnt haben. Hier sprach er
mit dem gemeinen, einem lebhaften Volk, mit Menschen von gesundem
Verstande,
bei ihren Geschäften. Auch seine vertrauteren Schüler hatte
er
sich aus diesen Gegenden.... erwählt“ (Vom Erlöser der
Menschen,
Abschn. 3, Abs. 9). Jedermann kennt die Stellen der Evangelien, in
denen
Jesus und seine Anhänger als „Galiläer“ verhöhnt werden,
und A. Merx erblickt in der Rede des Kaiphas (Joh. 11, 19—50) ein
Anzeichen
dafür, daß der Hohepriester den Heiland „nicht als einen
Vollisraeliten
ansah“ (Die vier kanonischen
Evangelien, Schlußband, S. 299).
Der Tatsache dieser
galiläischen
Umgebung wird aber, wie man
—————
Inzwischen ist die Schrift von
Delitzsch
Die große Täuschung
(1920) erschienen, in der wir S. 94 lesen: „Jesu
Eltern und Vorfahren waren als Galiläer nach alttestamentlicher
wie
keilschriftlicher Bezeugung ganz gewiß nicht jüdischen
Geblüts,
sondern gehörten zu der großen Zahl galiläischer
jüdischer
Proselyten. Daß Jesus kein Prophet jüdischen Geblüts
war,
lehrt sein, dem jüdischen diametral entgegengesetzter
Gottesbegriff
und bekraftigen alle seine Reden mitsamt seinem ganzen Leben und
Sterben.“
92
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
sieht,
die übliche Vorstellung des
Heilandes als eines Juden im Judenlande keineswegs gerecht. Selbst
abgesehen
von der Hauptgestalt, bedingte die Art der Gegenwirkung ein anderes
Leben
in Galiläa, als es in Judäa der Fall gewesen wäre, und
bestimmte
somit den Ausgangspunkt des Christentums.
Beachten wir ferner,
daß
der Heiland auf dem Lande aufwuchs (Nazareth war ein Dorf), inmitten
eines
gesunden Bauernvolkes, in einer reichgesegneten, lachend schönen
Gegend,
— fern also von allem städtischen Elend und — wie gesagt —
außerhalb
der landschaftlich trostlos öden Heimat der eigentlichen Juden,
Judäa.
Genug vorläufig
über
die äußeren Bedingungen, unter denen die
Persönlichkeit
sich kundgab; wenden wir uns zum Inneren.
Etwas, was einer
aufzählenden
Schilderung rein menschlicher Züge gleichkäme, findet sich in
den Evangelien nirgends; dennoch entdeckt der aufmerksame Leser
zahlreiche
Andeutungen, genügend, um, wenn nicht ein ausgeführtes
Bildnis,
so doch einen bestimmten Eindruck — Stoff zu reichem Nachsinnen — zu
gewinnen.
Wir finden da Äußerungen der Freude, des Schmerzes, des
Mitleidens,
des Erstaunens, der Verzweiflung; große Leidenschaftlichkeit
strahlt
aus verschiedenen Sprüchen, z. B.: „Ich bin kommen, ein Feuer zu
werfen
auf die Erde, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon!“ (Luk.
12, 49); ja, frühe Texte berichten sogar von Aufwallungen des
Ergrimmens
und Erzürnens; so lautet z. B. Mark.
8, 12 in der ältesten
aller
bekannten Handschriften (von der Wissenschaft Syrsin genannt): „Und er
ward im Geiste zornig“, und in anderen alten Texten: „Er ergrimmte in
seinem
Geiste“. Leider sind die meisten dieser kleinen rein menschlichen
Züge
von späteren frommen Herausgebern verwischt werden — nicht aus der
bewußten Absicht, den Text zu fälschen, sondern aus der
Besorgnis,
allzu menschliche Züge könnten der Ehrfurcht vor dem Gotte
Abbruch
tun; im obigen Falle z. B. lesen wir heute: „Seufzte er auf in seinem
Geiste“.
In den wissenschaftlichen Büchern findet man Beispiele genug
dieses
allmählichen Herabtönens ursprünglich vorhandener
Farben.
Wie viel aber derjenige noch entdecken kann, der an die Texte nicht mit
kalter Skepsis, sondern mit liebender Wißbegier herantritt,
beweist
am besten der Abschnitt bei Burkitt über eine gewisse bittere
Heiterkeit
oder „wehmütige Ironie“ (mournful
irony), die beim Heiland
93
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
öfters
durchbricht und weder von
seinen Jüngern noch von ihren Nachfolgern begriffen wurde, da
diese
Gemütsstimmung derjenigen des frühen Christentums völlig
fremd blieb, indem sie auf eine überlegene Freiheit des Geistes
hinweist:
Burkitt hat namentlich die Stelle bei Lukas
22, 35 fg. im Sinne, wo der
Heiland am Abend der Gefangennahme seinen Jüngern den Ankauf von
Schwertern
empfiehlt, als ob er auf Waffengewalt sich zu verlassen vorhätte
(Gospel
Transmission, Kap. 4). Selbst über tägliche
Gewohnheiten
erfahren
wir manches: so z. B. die Liebe zur Einsamkeit (Mark. 1, 45), das
Sicherheben
bei Tagesanbruch, um leise aus der Mitte der schlafenden Jünger
zum
ungeleiteten Frühgang über die Felder zu entschlüpfen
(Mark.
1, 38) oder hinauf auf eine Höhe (Mark.
3, 13), so daß die
erstaunten
und offenbar gekränkten Anhänger Mühe haben, ihren
Meister
aufzufinden; ein anderes Mal, um den Berührungen der Menge zu
entkommen,
springt Jesus schnell in ein Boot und läßt vom Ufer
abstoßen
(Mark. 3, 10).
Tiefer als diese
Beobachtungen
führt uns in das Wesen des Heilandes die Versenkung in seine
Sprache
ein: auf diesem Wege gelangen wir stufenweise immer mehr ins Innere.
Das Reden in
Gleichnissen ist
zwar im Orient üblich; doch kommt es bei Jesus nicht auf die
Gleichnisse
allein an — so beispiellos und unnachahmlich diese auch seinem Munde
entquollen
— vielmehr redet er, auch außerhalb der eigentlichen Parabeln,
fast
immer in Bildern, und diese Bilder sind der Beobachtung der Natur und
der
menschlichen Arbeit auf dem Lande entlehnt. Schon vor zweieinhalb
Jahrhunderten
hat ein Mann, dessen Fähigkeit zu „objektiver“ Beurteilung selbst
der Zweifler nicht in Abrede stellen wird, Sir Isaak Newton, in seinem
Kommentar über das Buch Daniel
auf diese unterscheidende Eigenart
der Sprache des Heilandes hingewiesen, der, anstatt — wie die
Orientalen
— dramatisch-effektvolle und gar häufig schwülstige
Vergleiche
heranzuziehen, immer mit vollendeter Einfachheit an dasjenige
anknüpft,
was ihm und seinen Begleitern vor Augen liegt: allem weiß er
Bedeutung
abzugewinnen — auch dem Sperling
auf dem Dache und
der Anemone auf dem Felde. Und was Newton, der Astronom und Physiker,
mit seinem scharfen Auge beobachtet hatte, das hat unser Zeitgenosse F.
Crawford Burkitt — anerkanntermaßen der bedeutendste unter den
leben-
94
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT
den
Theologen Englands — auf Grund
seiner
Fachkenntnisse bestätigt: die gesamte Literatur kann nichts
aufweisen,
was in bezug auf Gedanken- und Ausdrucksstil auch nur im entferntesten
mit den Gleichnissen Jesu Ähnlichkeit besäße (The
Gospel
History and its Transmission, Kap. 6).
Zunächst bewirkt
die
Vollendung
in der Bildlichkeit der Sprechweise, daß das einzelne Wort in
einem
gewissen Sinne an Bedeutung verliert, — insofern nämlich, als die
Gedanken ganz und gar i n d e n B i l d
e r n — nicht eigentlich in den
Wörtern, welche die Bilder vermitteln — liegen: daraus folgt nun
aber
ein Umstand, der für die Aufbewahrung und Weiterwirkung der Worte
des Heilandes entscheidende Bedeutung besessen hat und ihnen noch heute
eine Frische verleiht, als wären sie gestern gesprochen. Je
geringer
der Wert, der dem Oratorischen, dem Logisch-Dialektischen bei einer
sprachlichen
Mitteilung zukommt, und je vollendeter plastisch-sichtbar der Ausdruck
vor
Augen steht, um so leichter wird es den Zuhörern fallen, nicht
wortgetreue,
wohl aber sachgetreue Berichte über das einstens Vernommene zu
erstatten:
die Worte mögen sie vergessen, die Bilder bleiben dem
Gedächtnis
eingegraben. Wer in Burkitt's vorhin angeführtem Buche das Kapitel
aufmerksam
betrachtet, in welchem dieser Gelehrte einunddreißig mehrfach
bezeugte
Herrenworte in ihren verschiedenen Fassungen vorlegt, wird mit
Erstaunen
entdecken, daß diese Verschiedenheiten — welche teils den
Wortlaut,
teils die begleitenden Umstände, unter denen ein Ausspruch getan
wurde,
betreffen — wenig oder gar keinen ummodelnden Einfluß auf die in
einem Gleichnis mitgeteilte Wahrheit ausüben. Die Bilder waren so
plastisch und eindringlich gewesen, daß sie unverwischbar im
Gedächtnis
haften blieben; und auf sie kam es an. Der gleiche Umstand erklärt
es, daß die echten Sprüche des Heilandes in alle Sprachen
der
Welt übersetzt werden können, ohne von ihrer Wirkungskraft
einzubüßen; wogegen z. B. es sehr schwer fällt, den
Sinn mancher
Ausführungen
des Apostels Paulus ohne Zuhilfenahme des griechischen Urtextes genau
zum
Verständnis zu bringen, und ebenso müssen auch seine dem
damaligen
Leben einer griechischen Hafenstadt und der Gedankenwelt der
hellenistischen
Mysterienreligionen entnommenen Bilder ohne Erklärung
unverständlich
bleiben. Jesu Worte — durch seine Bilder vermittelt
95
DER HEILAND
— DIE
PERSÖNLICHKEIT — DER HEILANDES LEHRWEISE
—
bleiben allen Zeiten und Völkern
zugänglich: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber
werden
nicht vergehen.“
Man sieht: schon die
bloße
Versenkung in die Sprache Jesu lehrt uns viel über ihn — und zwar
weit Wichtigeres als eine Chronik seiner Erdentage bieten könnte;
denn bei diesem Leben kommt es einzig auf Seelenschau an.
Und bei dem Wort
Seelenschau
fällt
mir ein, daß ein zweiter Mathematiker, Newton an Bedeutung
gleich,
Blaise Pascal, uns den Weg gewiesen hat, aus der Sprechweise des
Heilandes
einen noch tieferen Blick in seine göttliche Wesensart zu tun. Er
schreibt (Pensées Nr.
797): „Jésus Christ a dit les
choses
grandes si simplement qu'il semble qu'il ne les a pas pensées“
—
Jesus Christus hat erhabene Dinge mit solcher Einfalt ausgesprochen,
daß
man den Eindruck erhält, er habe sie nicht gedacht (wobei der
Nachdruck
auf dem Worte „gedacht“ liegt). Diese Betrachtung führt in
unergründliche
Tiefen, und muß, glaube ich, auf jedes sinnende Gemüt wie
eine
Offenbarung wirken — eine Offenbarung von der Gottähnlichkeit
Jesu.
Alle Weisen haben seit jeher erkannt, daß eines Gottes Denken
nicht
in die Formen, die dem Menschenhirn grenzend vorgeschrieben sind,
gebannt
und gefesselt sein kann, namentlich, daß ihm das mühsame Hin
und Her der allmählichen Entstehung aus Beweis zu Beweis erspart
bleiben,
und es alles auf einmal umfassen müsse — etwa wie unser Auge mit
einem
Blick ein Ganzes überschaut. Pascal's Bemerkung über die
Sprache
Jesu — als Vermittlerin von Erkenntnissen, die das logische Denken
übertreffen
— weist uns nun in diese Richtung: nämlich zu der Einsicht,
daß
hinter den Worten und den Bildern etwas anderes und mehr als ein Denken
liegt — die überirdische Kraft eines göttlichen Erschauens.
*
Hier knüpft sich
nun an die
Betrachtung über die Sprache Jesu mit innerer Notwendigkeit
diejenige
über seine Art zu lehren an — denn das eine ist in wesentlichen
Punkten
durch das andere bedingt.
Das Bezeichnende
für des
Heilandes Art zu wirken besteht darin, daß er weniger Gewicht auf
das Lehren legte als auf das Leben. Er erwählte eine kleine Anzahl
Menschen, die er zu be-
96
DER HEILAND
—
DER HEILANDES LEHRWEISE
stimmen
wußte, sein Leben zu
teilen
und dadurch Zeugen seines Tuns und Lassens, seines Redens und
Schweigens
zu werden. Im Gegensatz zu Buddha, der seinen Jüngern ein ganzes
Lehrgebäude
mit erstens, zweitens, drittens vortrug, und zu Mohammed, der seine
Weisheit
als göttliche Offenbarung und Gesetzgebung niederschrieb,
begnügte
sich der Heiland mit der „Nachfolge“; wie Markus sagt: „Er bestellte
zwölf,
daß sie um ihn seien“ (3, 14); das heißt: die Jünger
blieben
Tag und Nacht um ihn und erhielten dadurch Gelegenheit zu erfahren, in
welcher Weise er die Begebnisse — wie jede Stunde sie mit sich brachte
— behandelte: wie er Kranke heilte, Arme tröstete, die Fragen der
Schriftgelehrten beantwortete, mit Leuten aus allen
Gesellschaftsschichten
— auch mit den als Sündern und Verworfenen geächteten — umging, wie er gegen Nichtjuden sich
verhielt, wie er die jüdischen Gesetzesvorschriften beachtete
und
nicht beachtete, wie nichts Menschliches seinem Auge entging — auch
nicht
das Scherflein, das die Witwe verstohlen in die Armenbüchse wirft,
wie sein Auge liebevoll Gottes schöne Natur aufnahm. An
abwechselungsreichen
Erlebnissen konnte es nicht fehlen, da im Gegensatz zu Johannes, dem
Prediger
in der Wüste, Jesus — sobald er sein öffentliches Amt antrat
— sein Heim von dem stillen Nazareth nach der volkreichen, bewegten
Stadt
Kapernaum verlegte, wo die beiden Hauptstraßen sich kreuzten, die
den Verkehr zwischen Süden und Norden, sowie zwischen Westen und
Osten
— und das heißt zwischen dem Mittelländischen Meer und
Damaskus
— vermittelten. Am Ufer des Sees von Genezareth gelegen, war die Stadt
der Sitz eines Hauptzollamtes und einer römischen Besatzung: hier
war Jesus „daheim“, wie Markus sagt (2, 1), und der älteste Text
von Markus 9, 33 spricht von
„seinem Hause“. Den evangelischen
Berichten
entnehmen wir — wie gesagt —‚ daß er hier mit allen Kreisen der
Bevölkerung
umging, Einladungen bei Pharisäern Folge leistete (Luk. 7, 36 fg.,
11, 37 fg., 14, 1 fg.), Gastmähler für die verachteten
Zöllner
veranstalten ließ — „und es saßen viele Zöllner und
Sünder
zu Tische bei Jesus und seinen Jüngern, denn es waren viele in
seinem
Anhang“ (Mark. 2, 15) —; es
drängte sich bisweilen eine derartige
Menschenmenge in sein Haus, „daß selbst vor der Türe nicht
mehr
Raum war“ und man Kranke vom Dache ins Innere herablassen
97
DER HEILAND
—
DER HEILANDES LEHRWEISE — DES
HEILANDES GLEICHNISSE
mußte
(Mark. 2, 2 fg.); auch
wohlhabende
Anhänger besaß er in verschiedenen Landesteilen und suchte
sie
mit seiner Jüngerschar auf (z. B. Luk. 10, 38 fg.). In Kapernaum
selbst,
sowie bei Gelegenheit der von dort aus unternommenen Wanderungen
über
die Grenzen Galiläa's hinaus, kam es vielfach zu Begegnungen mit
Griechen,
Römern, Samaritanern und anderen Nichtjuden. Und immer wieder gab
es dazwischen Tage, wo die kleine Schar einsam dahinzog und die
Jünger
ihren Meister über die ihre Verwunderung stets von neuem
erregenden
Begebnisse und Aussprüche um Aufklärung bitten konnten. Bei
der
Verhaftung waren sie alle anwesend; den Gerichtsverhandlungen haben
etliche
von ihnen unerkannt beigewohnt (Luk.
22, 54 fg.); dem Ende sahen sie
aus
der Ferne zu.
Von entscheidender
Wichtigkeit
ist es, daß diese von Jesus auserlesenen Zeugen seines Wirkens
schlichte
Männer aus dem Volke von geringer Bildung waren; für das
Werk,
zu dem er sie brauchte, wären ausgedehntes Wissen und geübtes
Denken eher Nachteile gewesen, wohingegen kindlich ungebrochene
Einbildungskraft
und volksmäßiger Aberglaube sie befähigten, das
Wunderbare
schlichtweg als wunderbar aufzufassen, das Erhabene (welches der
Verstand
immer auf seine eigenen engeren Maßstäbe
zurückzuführen
neigt) als ein Ungeheueres zu empfinden und das viele Unverstandene
einfach
unverstanden weiterzugeben.
*
Den ernstgewillten
Leser muß
ich bitten, an diesem Punkte geduldig zu verweilen, denn hier lernen
wir
nicht allein das Geheimnis der Bedeutung unseres vierteiligen
Evangeliums
erkennen, sondern damit berühren wir zugleich den Mittelpunkt des
Geheimnisses der Erscheinung Jesu auf Erden — dasjenige, was Paulus
„das
Geheimnis Christi“ nennt (Eph.
3, 4).
Im ersten Kapitel
stellten wir
fest, unser Menschenverstand sei schlechterdings unfähig, irgend
etwas
über Gott auszusagen: wir empfinden, wir ahnen, wir fühlen
seine
Gegenwart, wir glauben an ihn und wissen, daß unser Menschsein
durch
diesen Glauben bedingt ist und wir ohne ihn sofort zur Bestie
herabsinken,
— wir erkennen ihn aber nicht, und zwar deswegen nicht, weil keine der
uns zugleich grenzend und gestaltend aufgelegten Denkformen in
98
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
diesem
Falle zur Erfassung hinreicht.
Hieraus folgt nun die Erkenntnis: Gott ist für uns Menschen ganz
Gehalt,
gar nicht Form, gar nicht Gestalt. Wer genau erfahren will, was das
bedeutet,
den verweise ich auf zwei Aussprüche Goethe's:
Danke,
daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
(Dauer im Wechsel.)
Mit diesem ersten Worte schildert der
sinnende Dichter die beiden Elemente, nicht allein jedes Kunstwerkes,
sondern
auch jeglicher menschlichen Vorstellung: ohne Gehalt haben wir nur
leere
Form — ein Nichts: ohne Form
bleibt der
Gehalt
unmitteilbar. An anderer Stelle hat er nun die hervorragende Bedeutung
der Gestalt für unser Geistesleben noch besonders betont:
Und
einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die
höchste
Gewalt.
(Pandora, Vers 676 fg.)
Je angemessener und vollendeter die
Form, um so unmittelbarer wirkt ein edler Gehalt auf Verstand und
Gemüt.
Auf diese „Veredelung“, auf diese „höchste Gewalt“ müssen wir
nun bei unseren Betrachtungen über Gott verzichten, — wenigstens
verzichten,
solange unser Empfinden seiner rein bleiben, nicht bildlich und
uneigentlich
werden soll. Nun aber besteht die ganze Botschaft Jesu aus zwei reinen
Gottesgedanken: G o t t, u n s e r V a t
e r, und G o t t e s R e i c
h i s t
g e g e n w ä r t i g.
Alles übrige, was er gelegentlich lehrt, sind Folgerungen aus
diesen
beiden Gottesgedanken. Wollte er sie rein mitteilen, so mußte er
trachten, ihren unerschöpflichen G e h a l t
möglichst
unmittelbar
aus seinem Herzen in die Herzen seiner Begleiter hinüberzuzaubern;
jegliche Form, die er zur Mitteilung wählte, konnte — da es sich
um
Gott und Göttliches handelte — nur allegorisch, und das
heißt
uneigentlich, gemeint sein; schon die Bilder „Vater“ und „Gottesreich“
sind Gleichnisse: nicht im
menschlichen Sinne ist Gott
unser „Vater“, vielmehr dient diese Vorstellung nur dazu, ein
Höchstmaß
an Zugehörigkeit, an Nähe, an liebender Fürsorge, an
Nachsicht
und Hilfsbereitschaft
99
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
fühlbar
zu machen; Ähnliches
gilt von der den irdischen Verhältnissen entlehnten Vorstellung
eines
„Reiches“. Jesus wählt die einfachsten Sinnbilder, weiß sie
aber so mannigfaltig abzuwechseln, daß selbst der
beschränkteste
Kopf über ihre rein bildliche Bedeutung nicht in Zweifel geraten
kann;
er trägt keine Theologie vor, er flößt Glauben ein,
lehrt
aber nicht Glaubenssätze.
Man betrachte nur mit
einiger
Aufmerksamkeit die zahlreichen Gleichnisse, die der Heiland zur
Erweckung
und Belebung derjenigen Vorstellung gebraucht, die er als R
e i c h G o
t t e s zu bezeichnen pflegt — wenn man hier von einer
„Vorstellung“
reden
darf, wo es sich um Gehalt ohne Form handelt. Mit erstaunlicher
Kühnheit
werden immer neue Bilder vorgebracht, ein jedes durch
unerschöpfliche
Ahnungsgewalt neue Wege weisend und zugleich stets mit Vorsicht es
vermeidend,
die Grenze zu überschreiten, wodurch die geheimnisvolle
Berührung
des Göttlichen zu einer menschlich-verstandesmäßigen
Aussage
herabgewürdigt werden müßte. „Das Reich Gottes hat sich
also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft, und schläft des
Nachts
und steht auf des Tags, und inzwischen gehet der Same auf und
wächset,
und der Mensch weiß nicht, wie es zugehet.“ Unausdenkbar reich
sind
die Anregungen, die dieses einfache Bild unserem Sinnen bietet:
namentlich
das Eine erfahren wir, daß es, um in das Reich Gottes zu
gelangen,
auf das Einschlagen einer bestimmten Richtung, auf eine Willenswendung
ankommt — das übrige alles fügt Gott allein, wie er den Samen
wachsen läßt, „und der Mensch weiß nicht, wie es
zugehet“.
Eine Fülle ergänzender Ahnungen stellt folgendes verwandte
Gleichnis
uns vor Augen: „Das Reich Gottes ist gleich einem Senfkorn, das ein
Mensch
nahm und säete auf seinen Acker, welches das kleinste ist unter
allen
Samen; wenn es aber erwächst, so ist es größer als die
Kräuter und wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels
kommen und nisten in seinen Zweigen.“ Hier wie dort erblicken wir das
Reich
Gottes nicht als ein künftiges, sondern als ein
gegenwärtiges;
während es aber dort in Tiefen verborgen keimte, breitet es hier
über
die ganze diesseitige Wirklichkeit schirmende Äste aus. Noch
stärker
betont der Herr die unmittelbare Gegenwart des uns umgebenden
Göttlichen,
wenn er spricht: „Das Reich Gottes ist einem verborgenen Schatz im
Acker
gleich“ — wir brauchen also
100
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
nur
zu wollen: Gott und sein Reich sind
allüberall gegenwärtig, zu unseren Füßen im Acker
und über unseren Häuptern als Schirmdach. In anderer Weise
feiert
die Verklärung der irdischen Gegenwart folgendes Bild: „Das Reich
Gottes ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und vermengte ihn
unter drei Scheffel Mehls, bis daß es gar durchsäuert ward.“
Ist aber der Mensch dem Göttlichen gegenüber auch nur
Empfänger,
er gelangt dennoch nicht ohne hingebende Beharrlichkeit dahin, an ihm
teil
zu haben: „Wer seine Hand an den Pflug leget und siehet zurück,
der
ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ Nicht bloß Beharrlichkeit,
auch Leidenschaft wird gefordert: „Das Reich Gottes wird gestürmt,
und die Stürmer reißen es an sich.“ Nicht bloß dieses
Ungestüm aber, sondern auch die ausschließende Hingabe an
das
eine Ziel, ist unerläßlich: „Das Reich Gottes gleicht einem
Kaufmann, der edle Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle
fand,
ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte dieselbige.“
In
fast genauem Gegensatz zu der äußersten Willensanspannung,
die
in diesen letzten Sprüchen zutage tritt, heißt es ein
anderes
Mal: „Es sei denn, daß Ihr Euch umkehret und werdet wie die
Kinder,
so werdet Ihr nimmer in das Reich Gottes eingehen“ — womit offenbar der
Verzicht auf alle weltliche Begierde und die Rückkehr in einen
Zustand
heiterer Unschuld als Bedingung gefordert wird für den Genuß
der unmittelbaren Nähe Gottes. Auf diesem Wege gelangen wir zu der
entscheidenden Erkenntnis: „Es sei denn, daß jemand von neuem
geboren
werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen“; mit der Erläuterung:
„Es sei denn, daß jemand geboren
werde aus dem Geist, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen.“
Wer
diese Gleichnisse und die weiteren, die ich hier nicht anführte,
in
sich aufgenommen hat, wer die Stimme des Heilandes in ihnen vernimmt
und
es empfindet, wie sie den Blick seines göttlichen Auges
vermitteln,
der ist dann reif für die letzte Offenbarung, die soweit reicht
als
menschliche Worte es nur vermögen: „Das Reich Gottes kommt nicht
mit
äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe
hie oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in Euch“
¹).
—————
¹) Daß der griechische Text einzig
die Deutung: „inwendig in Euch“ zuläßt,
wird von den maßgebenden
Fachgelehrten
verschiedener Richtungen einstimmig erklärt; jedoch begegnen wir
immer
wieder von seiten achtbarer Männer der
101
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE
Wie dankbar müssen wir den
Männern sein, die uns — durch unbewußte Kunst dazu
befähigt
— diese Kunde von dem Reiche Gottes übermittelt haben! Andere,
welche
— wie wir zu sagen pflegen —
„mehr Kultur“ und mehr Dressur des
Geistes besessen hätten als die Evangelisten, wären ganz und
gar unfähig gewesen, diese Lehre Jesu vom Reiche Gottes so
unverzerrt
rein widerzuspiegeln — eine Lehre, welche die Evangelisten
eingestandenermaßen
nicht verstanden und sich mit kindlicher Handgreiflichkeit deuteten
(siehe
z. B. Matth. 18, 1; 20, 21),
was sie aber nicht verhinderte, die
unvergeßlichen
Bilder, die sie aus dem Munde des Heilandes empfangen hatten, mit einer
an das Wunderbare grenzenden Treue wiederzugeben. Dadurch haben sie
uns
den Heiland selbst für alle Zeiten lebendig erhalten.
Nach dem Tode Jesu
hören
wir selten mehr den Ausdruck „Reich Gottes“, und wir brauchen nur den
vielleicht
schönsten Spruch des Apostels Paulus zu dieser Vorstellung
anzuführen,
um den gewaltigen Abstand zu empfinden: „Denn das Reich Gottes ist
nicht
Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen
Geist; wer darin dem Christus dienet, der ist gottgefällig und den
Menschen wert“ (Röm. 14,
17). Wie fern befinden wir uns hier von
dem
„Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten!“
Die Betrachtung der
Sprache des
Heilandes führte uns zu der Betrachtung seiner Art, durch
Gleichnisse
sich mitzuteilen, und diese wiederum hat uns jetzt bis ins Innere
seines
Herzens geleitet. Namentlich das Eine liegt uns schon klar vor Augen:
der Glaube an Gott und an ein Reich Gottes steht für ihn
außerhalb
aller Geschichte. Religion betrifft, nach dem Heiland, eine Welt
jenseits
von Raum und Zeit, die darum ebenso der Vergangenheit wie der Gegenwart
und der Zukunft angehört. Auf die örtliche Frage antwortet
—————
Behauptung, man müsse lesen:
„steht
mitten unter Euch“. Begründet wird diese unhaltbare Meinung durch den Hinweis
darauf, daß der Heiland diese Worte angeblich an Pharisäer
gerichtet
habe (Luk. 17, 20). Darauf ist
erstens zu erwidern, daß die
Gelegenheit,
bei der ein Wort gesprochen wurde, eingestandenermaßen stets
fraglich
bleibt ; zweitens aber — und entscheidend — daß ein solches Wort
offenbar an den Menschen als solchen, ganz allgemein gerichtet ist (vgl.
u. a. Clemen: Der geschichtliche Jesu,
S. 111).
102
DER HEILAND
— DES HEILANDES GLEICHNISSE — DIE
RELIGION JESU
die
Religion Jesu: „Man wird nicht sagen
hie oder da“; und der zeitlichen weicht sie aus durch die Antwort:
„Über
jenen Tag und die Stunde weiß niemand etwas.“ Niemals finden wir
beim Heiland auch nur den Ansatz zu einem begrifflich festumrissenen
Zwangsglaubenssatz
(Dogma), was nach dem soeben Gesagten leicht zu begreifen ist: ein
Glaubenssatz
bringt notwendigerweise immer eine bestimmt gefaßte
Verstandesaussage
und kann darum niemals einer Erkenntnis, die sich auf eine
transscendente
(überverstandesmäßige) Welt bezieht, angemessen sein;
nicht
allein wird jeder solcher Glaubenssatz nie die ganze Wahrheit zum
Ausdruck
bringen, vielmehr wird er immer ergänzende Wahrheiten
ausschließen.
Wir sahen in dem Gleichnisse Jesu das Reich Gottes um einen Menschen
herum
ohne sein Zutun aufwachsen: „er wußte nicht, wie es zuging“,
gleich
darauf erfuhren wir aber von unerbittlichen Forderungen an seine
Willens- und Richtungskraft; das eine Mal hieß es: das Reich wird
gestürmt,
das andere Mal, es sei nur denen zugänglich, die harmlosen Kindern
gleichen... und diese Widersprüche sind nicht etwa so zu deuten,
als
gälte das eine für den einen Menschen, das andere für
den
anderen
— alle die Aussagen über das Reich sind mit allgemeiner Geltung
gesprochen.
*
Hier muß ich
aber einen
Augenblick
innehalten; wir werden sofort wieder bei der Religion Jesu
anknüpfen.
Dieser Ausdruck nämlich — die „Religion Jesu“ — wird uns von sehr
bedeutenden Theologen strittig gemacht.
Ohne Frage haben
diese Theologen
Recht, wenn sie behaupten, die Religion der christlichen Kirche sei
nicht
von Jesu Christo gelehrt worden; vielmehr sei diese Religion
an i h m
emporgewachsen,
um dann plötzlich nach seiner Auferstehung mit göttlicher
Macht
sich zu entfalten und nach und nach Gestalt zu gewinnen — was, nach
kirchlicher
Vorstellung, unter Leitung des heiligen Geistes sich vollzog. Nach
dieser
Auffassung ist Jesus Christus selber der Gegenstand und der Inhalt der
Religion; er hat sich uns in seinem Leben und Sterben offenbart, und zu
seinem Leben gehören natürlich in erster Reihe seine Worte,
die
wir zu kennen und als göttliche Weisheit und Weisung zu verehren
haben;
diese Worte enthalten aber — so
103
DER HEILAND
— DIE RELIGION JESU
behaupten
die Theologen — keine
Religionslehre;
kurz: es gibt keine Religion, die man als „Religion Jesu“ zu bezeichnen
berechtigt wäre. Ein Name möge statt vieler zum Beleg
genügen;
Adolf Harnack
schreibt in seiner Dogmengeschichte
(4. Aufl. 1, 182):
„Jesus
hat weder ein Bekenntnis noch eine Lehre hinterlassen.“
In dieser Behauptung
liegt nun,
nach meiner Überzeugung, ein in alle Tiefen reichender Irrtum vor,
der sich von Anfang an durch die ganze Geschichte des Christentums
hindurchzieht.
Gewiß hat der Heiland kein Bekenntnis und keine Lehre in dem
Sinne
hinterlassen, den alle Theologie und alle Kirchen diesen Worten
beilegen
— das bestreite ich keineswegs; doch hat er uns ein Bekenntnis und eine
Religionslehre hinterlassen, zu deren Wesen es gehört, in keine
theologische
Kirchenlehre hineingezwängt werden zu können; und ich meine,
es wäre an der Zeit, auf dieses Bekenntnis und auf diese Lehre zu
hören. Tausende, die sich nach Religion sehnen, empfinden die
Unmöglichkeit,
die Lehren und die dogmatischen Forderungen unserer verschiedenen
Kirchen
in einen harmonischen Zusammenhang mit ihren übrigen Begriffen,
Anschauungen
und Ahnungen zu bringen; von allen Seiten hört man den Ruf nach
einer
abermaligen Reformation, oder gar nach einer neuen Religion;
Männer
von größerer Besonnenheit erkennen die Unmöglichkeit
einer
entsprechenden Umbildung der Kirchen, sowie das Totgeborensein jeder
angeblich
neuen Religionsbildung. Was beides unmöglich macht, ist, daß
Jesus von Nazareth, d e r M i t t l e r
zwischen Gott und Mensch, uns schon
vor
zweitausend Jahren die vollkommene Religion gebracht hat: eine Religion
der reinen Glaubenskraft, und weil rein, darum undogmatisch und
antidogmatisch,
eine Religion, welche Gott durch das einzige Wort „Vater“ unserem
ehrfürchtigen
und liebebedürftigen Gemüte nahebringt, eine Religion
des g e
g e n w ä r t i g e n „Gottesreiches“ — nicht eines
unermeßlich
fernen, durch ungeheuerlich klaffende Schreckenszeiten von uns Armen
geschiedenen:
„Wahrlich, ich sage Dir, h e u t e wirst Du mit
mir im Paradiese sein!“
Der Betrachtung
dieser
Glaubenslehre
des Heilandes gehören die folgenden Abschnitte.
*
104
DER HEILAND
— DIE RELIGION DES REICHES GOTTES
Wiederholt gestehen die
Evangelisten,
die Jünger hätten die Lehren ihres Meisters nicht verstanden;
erst „als Jesus verherrlicht ward, da erinnerten sie sich“, so
erzählt
Johannes (12, 16), und glaubten nunmehr verstanden zu haben. Man
muß
auch voll Bewunderung zugeben, daß die Jünger sofort die
Hauptsache
ergriffen und festhielten — nämlich Jesum selber als den
Vermittler
göttlicher Gnade und allen Segens: damit entsprachen sie genau dem
Gebot der Stunde, und indem sie das Andenken des Heilandes, wie er
unter
ihnen gewandelt und geredet hatte, sowie namentlich den
unerschütterlichen
G l a u b e n an ihn in den Mittelpunkt ihrer Religion
rückten,
gewannen
sie nicht allein eine unüberwindliche Kraft der Wahrheit für
ihr eigenes Religionsgebäude, sondern sie retteten hiermit auch
das,
was sie nicht verstanden und darum auch in ihren Glauben nicht
aufnahmen,
hinüber, künftigen Geschlechtern zum Heil. Dieses Werk
setzten
die folgenden Jahrhunderte fort und bauten, in Anlehnung an das Denken
ihrer Zeit, einen neuen Mythos, eine neue Mystik und eine neue Magie
allmählich
auf — doch alles durch die Gegenwart des Heilandes und Dank der
frühzeitigen
Festhaltung der wesentlichen Züge seiner Erdengestalt — eine
Religionsbildung,
über jeden Vergleich mit allen anderen erhaben. Zunächst
blieben
allerdings die Evangelien mancher frommen Willkür unterworfen;
doch
bald schob die Kirche — durch einen wunderbaren Instinkt geleitet —
sich
selbst den Riegel vor, indem sie diese Schriften heilig sprach und
dadurch
vor weiteren Umgestaltungen schützte. Es hieße sehr
kurzsichtig
urteilen, wollte man die Männer nicht verehren, die unter
Anspannung
aller Seelenkräfte, von reinsten Beweggründen getrieben und
den höchsten Idealen zustrebend, dieses große Werk — der
Menschheit
zum Heil — vollbrachten. Ich bekenne auch in aller Demut, daß ich
ihr Werk, so durchflochten es mit menschlichen, zeitlich bedingten
Zutaten
sein mag und sein muß, dennoch im großen und ganzen
für den
Ausdruck göttlicher Wahrheit halte — wenn auch bildlich
gefaßt,
wie das dem menschlichen Verstande nicht anders möglich ist.
Auf manche der in dem
letzten
Absatz berührten Fragen kommen wir in den folgenden Kapiteln
zurück;
im Augenblick genügt es, das Eine festzustellen: das Bekenntnis
und
die Religionslehre des Heilandes blieben im Evangelium verborgen: die
Kirchenlehre
weiß nichts von ihnen.
105
DER HEILAND
— BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS
28, 19
Jesus hatte fast immer statt Gott
„Vater“ gesagt, ihn als das uns aus dem ersten Kapitel bekannte
„höchste
gute Wesen“ anredend. Das Gebet, das er seinen Jüngern lehrt,
lautet
in der echten Fassung: „Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich
komme.
Unser nötiges Brot gib uns täglich. Und vergieb uns unsere
Schulden,
denn auch wir vergeben jedem unserer Schuldner. Und führe uns
nicht
in Versuchung.“ Nie mehr vernehmen wir nach des Heilandes Tode diesen
Ton.
Das Wort „Vater“ kommt überhaupt nur noch in der Verbindung
Gott-Vater
(im Unterschied zum Gott-Sohn) vor, oder an Stellen, wo von seiner
„thronenden
Majestät“, oder von dem „Mysterium des Vaters“ und dergleichen die
Rede ist. Der Vater, von dem der Heiland gesprochen hatte „mein Vater,
euer Vater; mein Gott, euer Gott“ (Joh.
20, 17), war vor dem Glanze der
kosmischen Dreieinigkeit aus dem Bewußtsein entschwunden. In noch
größerer Ferne entschwunden war das „Reich Gottes“. Der
Heiland
gebraucht diesen Ausdruck, da offenbar die Vorstellung des Reiches
Gottes
ihm beständig gegenwärtig ist, so häufig, daß wir
ohne Frage berechtigt sind, seine Lehre d i e R e l
i g i o n d e s R e i c h e s
G o t t e s zu nennen. Nach seinem Entschwinden aus unserer
Mitte
begegnen
wir diesem Ausdruck selten und immer seltener: ein einziges Mal im
gehaltvollen
Sinne in der Apostelgeschichte
und drei- oder viermal bei Paulus, aber
nur nebenbei und ohne eine Spur von dem Gehalt, der diesem Worte bei
Jesus
stets eine so besondere Eindringlichkeit verleiht. Werden aber diese
zwei
Gedankengestalten — der „Vater“ und das „Reich des Vaters“ — aus
ihrer Stellung im Mittelpunkt verrückt oder gar uns ganz
entrückt,
so geraten alle übrigen Lehren des Heilandes in einen schiefen
Augenwinkel.
*
In dem ganzen
Evangelium gibt es
nur eine Stelle — eine einzige, und zwar bei nur einem der vier
Evangelisten
—‚ geeignet, jeden Leser über die „Vater-Lehre“ Jesu
irrezuführen,
und zwar eine Stelle, an die wir so oft erinnert werden — so z. B.
gleich
am Anfang jedes Taufaktes —‚ daß sie gewiß in den Hirnen
der
meisten Laien im Vordergrund steht: ich meine Matthäus, Kap. 28,
Vers
19 fg. Dieser Vers lautet: „Gehet hin und werbet alle Völker durch
die Taufe auf
106
DER HEILAND
— BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS
28, 19
den
Namen des Vaters und des Sohnes und
des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich Euch
aufgetragen
habe“: so soll die letzte Weisung des Auferstandenen an seine
Jünger
gelautet haben. Hiernach würde die Lehre von dem dreieinigen Gott
aus dem Munde des Heilandes stammen. In diesem Falle jedoch sind wir
zum
Glück in der Lage, mit aller Bestimmtheit nachweisen zu
können,
daß es sich um ein spätes Einschiebsel handelt, also um
einen
„frommen Betrug“ (pia fraus).
Erstens wäre es mehr als
merkwürdig,
wenn der Heiland im allerletzten Augenblick und ohne jede
Erläuterung
seinen Jüngern eine neue Lehre vorgetragen hätte. Zweitens
wäre
es unbegreiflich, daß eine so entscheidende Lehre weder bei einem
der anderen Evangelisten noch in irgendeiner der übrigen Schriften
des Neuen Testamentes einen
Widerhall findet — denn die einzige andere
Stelle im gesamten Neuen Testament,
welche die Dreieinigkeit
erwähnt,
Vers 7 des 5. Kapitels der ersten
Epistel des Johannes, ist eine so
späte
und flagrante Fälschung, daß selbst noch unter Leo XIII.
eine
von ihm ernannte Gelehrtenkommission die Unechtheit bestätigen
mußte;
von vierhundert bekannten griechischen Handschriften, die vom 4. bis
zum
14. Jahrhundert reichen, enthält keine einzige die betreffenden
Worte,
auch den ältesten Exemplaren der Vulgata
des Hieronymus sind sie
fremd. Drittens: wir besitzen in den neutestamentlichen Schriften, und
auch
außerhalb
ihrer, zahlreiche Zeugnisse über den Taufakt bei den frühen
Christen
und wissen, daß unter ihnen ausnahmslos „auf den Namen Christi“
oder
„auf den Namen des Herrn“ getauft wurde. So sagt z. B. Petrus in seiner
ersten großen Predigt (Apostelgeschichte
2, 38): „Lasse sich ein
Jeder von euch taufen auf den Namen Jesu Christi“, und dem bekehrten
römischen
Hauptmann Cornelius und seiner Familie befiehlt er, „sich auf den Namen
Jesu Christi taufen zu lassen“ (Apostelgeschichte
10,48). Diese
Beispiele
lassen sich vermehren, wogegen kein einziges namhaft gemacht werden
kann, bei welchem die Taufe „auf den Namen des Vaters und des Sohnes
und des
Heiligen Geistes“ vollzogen worden wäre; erst im Laufe des zweiten
Jahrhunderts scheint die trinitarische Formel aufgekommen zu sein, und
zwar, wie Cheyne glaubt, aus Afrika eingeführt (siehe Bible
problems).
Viertens: wir wissen durch Johannes, daß der Heiland selber nicht
zu taufen pflegte (4, 2), und von Paulus besitzen wir das Wort:
„Christus
hat mich nicht aus-
107
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
gesandt
zu taufen, sondern das
Evangelium
zu verkünden“ (1. Kor. 1,
17), woraus wir mit Gewißheit
entnehmen,
daß den Aposteln ein Taufbefehl aus dem Munde Jesu unbekannt war.
Fünftens: der bekannte früheste Geschichtsschreiber der
Kirche,
Eusebius, Bischof von Caesarea (um die Mitte des vierten Jahrhunderts
tätig),
Zeitgenosse und Schützling Konstantin's des Großen,
erwähnt
in seinen Schriften gerade diese Stelle des Matthäus-Evangeliums
mehr
als ein dutzendmal, nie aber (wenigstens in keiner Schrift, die vor dem
Konzil von Nizäa entstand) in der uns geläufigen Fassung,
sondern
mit folgendem Wortlaut: „Gehet hin und werbet alle Völker
in m e i
n e m N a m e n und lehret sie usw.“ Eusebius
also las an dieser Stelle
(und er hatte von seinem Vorgänger Pamphilus eine besonders reiche
Sammlung Handschriften geerbt) weder einen Taufbefehl überhaupt
noch
die Verkündigung einer Dreieinigkeitslehre (siehe Conybeare:
History
of New Testament Criticism, Kap. 5, und Wellhausen: Das Evangelium
Matthaei, S. 152).
Es erweist sich somit
dieser Vers
als unzweifelhaft unecht; wir wollen uns durch ihn nicht irre machen
lassen.
*
Des Heilandes Gotteslehre — d.
h. also die Lehre vom V a t e r — setzt sich aus zwei
Elementen
zusammen:
kindlicher Einfalt und unergründlichem Tiefsinn. Das eine Element
bedingt das andere:
denn wer Gottes Wesen zu tief
auffaßt,
als daß er Mythos mit Wirklichkeit verwechsele, und zu wenig
materialistisch,
als daß er an der Vorstellung eines „Machers des Alls“
Genüge
finde, dem bleibt nichts übrig, als entweder mit dem indischen
Weisen
(S. 28) zu schweigen, oder aber
aus kindlich reinem Gemüte wie von
einem Traumgesichte zu reden; dieses Reden aber kann jedenfalls nur aus
jenem Schweigen geboren werden. Wir haben schon im ersten Kapitel
gesehen,
daß über Gott nichts ausgesagt werden kann, was vor dem
Verstande
logisch-zwingende Geltung und Sinn besäße, weil — schon dem
Begriffe nach — Gott der Welt der Erscheinung nicht angehört und
somit
alles, was von ihm und über ihn ausgesagt wird, nur uneigentlich
zu
verstehen ist. Ich erinnere an das Wort Luther's: „Ja, wer weiß was ist, das Gott
heißt? Es ist über Leib, über Geist, über alles,
was
man sagen, hören und denken kann.“
108
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Äußerst bezeichnend
ist es darum, daß der Heiland niemals eine lehrhafte
Auseinandersetzung
über das Wesen Gottes unternimmt, daß er vielmehr uns durch
hundert scheinbar leicht hingeworfene Bemerkungen nach und nach in sein
eigenes Verhältnis zu „seinem und unserem Vater“ einweiht, um
daraus
einen Jeden erraten oder allmählich nachempfinden oder ahnen oder
wie durch plötzliche Offenbarung begreifen zu lassen, was und wer
dieser Vater ist, „um dessentwillen er lebt“ (Joh. 6. 57), und dessen
nie
weichende Gegenwart ihn aus allen Sorgen des irdischen Daseins derartig
vollkommen befreit, daß er schon innerhalb dieser Zeitlichkeit
das
außerzeitliche „Reich Gottes“ als seine wahre Heimat bewohnt.
Über
einen also aufgefaßten Gott kann es keinen Zwangsglaubenssatz
(Dogma)
geben: er wird erlebt, oder er wird nicht erlebt; reden, lehren, in
Kirchenkonzilien
hin und her über ihn streiten — das alles ist ausgeschlossen. Wer
diesen Gott unseres Heilandes — den Vater — erleben will, muß auf
des Heilandes Stimme lauschen: kein anderer vermag hier zu vermitteln.
Darf sich auch keiner
dessen
vermessen,
es wird doch nicht verwehrt sein, den noch Ungeübten zum Aufmerken
hinzuleiten, indem man einige Hauptpunkte hervorhebt.
Auffallend ist z. B.
der
entschiedene
Ton, in welchem Jesus selber seine Gleichstellung mit dem Vater
wiederholt
deutlich von sich weist; für die Echtheit solcher Stellen zeugt
die
Tatsache, daß sie der Kirche bald peinlich auffielen und wir in
den
Evangelien selber schon Versuchen, sie umzumodeln oder auszumerzen,
begegnen.
Die auffallendste dieser Stellen lautet: „und da er hinauskam auf die
Straße,
lief einer herzu und fiel vor ihm auf die Knie, und befragte ihn: Guter
Meister, was soll ich tun, um ewiges Leben zu ererben? Jesus aber sagte
zu ihm: Was nennst Du mich gut? Niemand ist gut, außer dem einen
Gott“ (Mark. 10, 17, 18).
Dieses Wort bringt Lukas in genau der
gleichen
Fassung (18, 19) und, was sehr wichtig ist, Justin der Märtyrer —
etwa um die Mitte des zweiten Jahrhunderts — führt es an (Apol. I,
16, 7). Kein Mensch war fähig, ein solches Wort, welches den
Vorstellungen
der werdenden Kirche widersprach, zu erfinden; die kirchliche
Bearbeitung
des Matthäus-Evangeliums
wandelte es dann später um in die
verlegene
Fassung: „Meister, was soll ich
Gutes tun...?“, worauf die Antwort erfolgt:
109
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
„Was
fragst Du mich über das, was
gut ist? Einer ist der Gute“ (19, 16 fg.). Ein zweites hierher
gehöriges
Wort vernahmen wir schon vorhin (S. 102), wo der Heiland, befragt um
den
Zeitpunkt des Weltendes, erwidert, er wisse es nicht, das wisse „allein
der Vater“: auch dieses Wort hat
die Kirche das
Mögliche getan, zu verwischen oder zu streichen; zum Glück
hat
es der Markustext uns rein erhalten. Wer genau darauf achtet, wird an
vielen
Stellen Ähnliches bemerken, doch ich übergehe sie, nicht
bloß
um nicht zu ermüden, sondern weil Matthäus, Markus und Lukas
alle drei ein Wort bringen, welches die Unterscheidung zwischen dem
Heiland
und dem Vater bis in die innersten Regungen des Willens
durchführt:
ich meine das Gebet auf dem Ölberg, das mit den Worten
schließt:
„Doch nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!“ Deutlicher kann
nicht
zwischen Persönlichkeit und Persönlichkeit unterschieden
werden.
Einen zweiten
Hauptpunkt in Jesu
Gotteslehre haben wir darin zu erblicken, daß er das Bild der
S
o h
n s c h a f t nicht für sich allein beansprucht,
vielmehr immer von
neuem auf alle Menschen anwendet, die an den Vater glauben: wer Gott
als
Vater empfindet, kann nicht anders denn sich als Sohn erkennen.
„Niemand
auf der Erde sollt ihr euren Vater nennen; denn Einer ist euer Vater,
der
himmlische“ (Matth. 23, 9).
Diese Vorstellung eines Verhältnisses
des Menschen zu Gott als das des Kindes zu seinem Vater war durch den
Heiland
unter seinen Jüngern so fest eingebürgert, daß sie, als
die neue Gotteslehre der jungen Kirche aufkam, weiterlebte und noch
Paulus
schreiben kann: „Denn die durch Gottes Geist getrieben werden, das sind
Gottes Söhne“ (Röm.
8, 14). Wichtiger aber als alles andere
ist
die Zeugenschaft des Johannes, der zwar spät schreibt, jedoch
gerade
in diesen Fragen seinen Meister inniger gekannt und besser verstanden
hatte
als irgend ein anderer Mensch, und er ist es, der uns die ewig
denkwürdigen
Worte überliefert: „Ich steige auf zu meinem und eurem Vater, zu
meinem
und eurem Gott“ (Joh. 20, 17).
Kaum minder
bemerkenswert —
namentlich
dem noch heute allgemein herrschenden Vorurteile gegenüber — ist
ein
dritter Punkt in der Gotteslehre des Heilandes: die Tatsache
nämlich,
daß der Gott, den er als „Vater“ bezeichnet, niemals mit dem
Judengott
verwech-
110
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
selt
wird, ebensowenig wie Jahve's
auserwähltes
Volk der Juden von ihm bevorzugt erscheint.
Ungern unterbreche
ich unsere
Betrachtung über die Religion des Reiches Gottes, doch ist es
unbedingt
notwendig — gerade um die Lehre des Heilandes zu verstehen — sein
Verhältnis
zum jüdischen Glauben zu kennen und richtig zu beurteilen. Man
gestatte
darum eine kurze Abschweifung über diesen Gegenstand.
*
Zunächst muß der Ton
auffallen, in welchem der Heiland über die Juden zu reden pflegt.
Einmal über das andere werden sie von ihm mit vernichtender Ironie
abgeführt. Bei Gelegenheit der Begegnung mit dem römischen
Hauptmann
spricht Jesus: „Wahrlich, ich sage euch, bei niemand in Israel habe ich
solchen Glauben gefunden ..... und sie werden kommen
von Morgen und Abend und Mitternacht und Mittag und werden zu Tische
sitzen
im Reiche Gottes ... die Söhne des Reiches aber (d. i. die Juden)
werden
hinausgeworfen werden in die Finsternis draußen ....“ (Matth.
8,
10 fg., Luk. 13, 29). Noch
bestimmter heißt es an anderer Stelle:
„Das Reich Gottes wird von Euch genommen und einem Volke gegeben
werden,
welches Früchte bringt“ (Matth.
21, 43). Tiefen Eindruck macht ein
Ausdruck, der in den meisten Handschriften — wohl wegen seiner
erschreckenden
Wahrhaftigkeit — um ein Weniges abgemildert wurde, den aber der Syrsin,
der Kodex Bezae und andere gute Handschriften uns unverändert
übermittelt
haben: da lesen wir Markus 3,
5, der Heiland sei „über die E r s t
o r b e
n h e i t (nekrosis)
der Herzen der Juden betrübt — oder (nach
einigen
Quellen) erzürnt“. Vielleicht hat kein Gegner der Juden jemals ein
so bitteres Urteil gefällt: erstorbene Herzen! Und noch ein
entscheidendes
Wort besitzen wir, durch welches er die Juden von seiner Botschaft
ausschließt,
indem er zu ihnen spricht: „Wenn ich Wahrheit rede, warum glaubt Ihr
mir
nicht? Der aus Gott ist, hört die Worte Gottes. Darum hört
Ihr
es nicht, weil Ihr nicht aus Gott seid“ (Joh. 8, 46 fg.).
Bei der falschen
Stellung unserer
Kirchen zum Judentum pflegt unsere Geistlichkeit derartige Worte
entweder
zu verschweigen, oder sie eilt möglichst leichten Fußes
darüber
hinweg; man kennt Kant's
111
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
Spott
über die Beschaffenheit
unseres
Religionsunterrichts: „Man sollte glauben, ein jeder Christ
müßte
ein Jude sein“ (Rel., S. 252).
Und so wird uns denn von unseren
Theologen
bei jeder Gelegenheit der kleine Satzteil vorgehalten, der auf
unerklärlichen
Schleichwegen in das Gespräch mit der Samariterin eingeschmuggelt
worden ist:
„weil das Heil von den Juden ist“ (Joh.
4, 22) — Worte, die Kreyenbühl mit Recht bezeichnet hat, „als eine
der abgeschmacktesten und unmöglichsten Glossen, die jemals einen
echten Text nicht nur entstellt, sondern in sein gerades Gegenteil
verkehrt
haben“ (nach Merx). Der selbe Mann, der den Heiland zu den Juden die
Worte
sprechen läßt: „Ihr seid nicht aus Gott“, sollte ihm ein
anderes
Mal den Ausspruch zuschreiben: „das Heil kommt von den Juden“! Und gar
in dem Zusammenhang dieses Gespräches mit der Samariterin, dessen
Inhalt
in der Verkündigung besteht, der „Vater“ werde nicht mehr in
Jerusalem
angebetet, vielmehr sei Gott — im Gegensatz zu Jahve — „Geist“, und „er
verlange solche Anbeter, die in Geist und Wahrheit anbeten“, — ein
Gespräch,
das den jüdischen Messias-Begriff über den Haufen wirft und
mit
der Erklärung endet, Jesus sei „der Heiland der Welt“ (soter tou
kosmou)! In seiner Offenbarung
nennt Johannes die Juden „eine Synagoge
des Satans“ (2, 9): man glaubt ein Mitglied dieser Synagoge zu
erblicken,
wie es in einen der befreiendsten Texte des Evangeliums solche, den
ganzen
Zusammenhang fälschende Lüge hineinschwärzt. Für
des
Heilandes eigene Stimmung den „Prophetenmördern“ gegenüber
(Matth.
23, 32) zeugen — abgesehen von den vielen eigenen Aussprüchen —
die
harten Worte des Paulus, dessen Herz doch immer wieder für die
jüdischen
Stammesgenossen schlägt, so daß, wenn er sie verurteilt, wir
einen Erfolg der Belehrung durch Jesum zu sehen haben; er sagt nun von
den Juden: „Sie gefallen nicht Gott und sind allen Menschen zuwider“
(1.
Thess. 2, 15) und an anderer Stelle — wo er die Tätigkeit
angeblich
bekehrter Juden innerhalb der christlichen Gemeinde im Sinne hat — ruft
er die Warnung aus, wert, durch alle Jahrhunderte hindurch gehört
zu werden: „Habt acht auf die Hunde, auf die bösen Arbeiter, habt
acht auf die Zerschneidung!“ (Phil.
3, 2).
Aus diesem
Verhältnis Jesu
zu den Juden findet man sich von vorneherein geneigt, eine nicht sehr
tiefgehende
und bindende Beziehung zu ihrem Glaubensgebäude vorauszusetzen;
und
zwar mit
112
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
Recht;
denn die allgemein verbreitete
Vorstellung, unser Heiland sei ein frommer Jude gewesen, gehört zu
den fables convenues unserer
Theologen. Besäßen wir keine
weiteren
Beweise, die e i n e Erwägung würde
schon zu unserer
Aufklärung
genügen: wie sollte Derjenige, dessen ganzes Wesen lauter Religion
war, Genüge bei einem Glauben gefunden haben, der sich durch ein
Mindestmaß
an „Religion“ unter allen auszeichnet. Moses Mendelssohn — der kundige
Jude — schreibt in seiner „Rettung
der Juden“, erschienen 1782: „Das
Judentum
ist nicht geoffenbarte Religion, sondern geoffenbarte Gesetzgebung“;
und
Immanuel Kant — der Gerechte — belehrt uns: „Das Judentum, als ein
solches,
enthält, in seiner Reinigkeit genommen, gar keinen
Religionsglauben“;
Worte, die durch folgende Erläuterung ergänzt werden: „Das
Judentum
ist eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer
Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamm gehörten,
sich
zu einem gemeinsamen Wesen unter bloß politischen Gesetzen,
mithin
nicht zu einer Kirche formten... Daß der Name von Gott verehrt
wird,
macht diese Staatsverfassung nicht zu einer Religionsverfassung“
(Religion
S. 186 fg.). Im besonderen über Jahve und die zehn Gebote
heißt
es dann an der selben Stelle weiter: „Ein Gott, der bloß die
Befolgung
solcher Gebote will, dazu gar keine gebesserte moralische Gesinnung
erfordert
wird, ist doch eigentlich nicht dasjenige moralische Wesen, dessen
Begriff
wir zu einer Religion nötig haben.“
Es wäre
überflüssig,
hier viele Worte zu verschwenden, wenn nicht die Menschen so
unentreißbar
fest in ihren Vorurteilen wurzelten, auch wo solche gegen alle Vernunft
und alle Augenscheinlichkeit verstoßen. So wird denn hier immer
wieder
die eine einzige Stelle, Matthäus
5, 17—20, vorgeführt als
zwingender
Beweis für des Heilandes treu jüdische Gesinnung, da er
hiernach
gesagt hätte, „er sei nicht gekommen, das jüdische Gesetz
aufzulösen“,
vielmehr „solle auch nicht ein Jota oder ein Häkchen vom Gesetze
vergehen,
bis der Himmel und die Erde vergehen“. Dieses Wort sollen wir für
echt und eindeutig halten, ohnerachtet es nicht allein allen Lehren des
Heilandes widerspricht, sondern auch von dem unmittelbar darauf
folgenden
Text sofort aufgehoben wird. Darüber gleich mehr; vorangeschickt
sei
aber die Bemerkung, daß hier ein verwickelter Fall vorliegt: es
handelt
sich nicht bloß um kirchliche Textänderun-
113
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
gen,
sondern auch im echten Text um
spezifisch
jüdische Begriffe, welche nur durch Erläuterung aus den
Zeitverhältnissen
einen Sinn erhalten, und zwar einen Sinn, der die Bedeutung, die wir
Heutigen
herauslesen, in ihr Gegenteil verkehrt. Manche Theologen halten die
Verse
18 und 19 für Einschiebsel und lesen demgemäß: „Denket
nicht, daß ich gekommen, das Gesetz oder die Propheten
aufzulösen;
nicht aufzulösen bin ich gekommen, sondern zu erfüllen. Denn
ich sage Euch, wenn es mit Eurer Gerechtigkeit nicht mehr ist als bei
den
Schriftgelehrten und Pharisäern, so werdet Ihr mit nichten in das
Reich der Himmel kommen“ (so z. B. Erzdekan W. C. Allen in seinem
vortrefflichen
Kommentar zum Matthäus-Evangelium).
Diese Lösung ist eine
sehr
einfache, und wenn sie einem hohen kirchlichen Würdenträger
genügt,
so darf der Laie sich dabei beruhigen; doch gestehe ich, daß die
eingehende Untersuchung, die Adalbert Merx in seinem großen Werke
über Die vier kanonischen
Evangelien dieser Stelle widmet und die
zu einem anderen Urteil führt, mich mehr überzeugt: Merx
hält
die Verse 18 und 19 (in ihrer ältesten vorauszusetzenden Fassung)
für echt, aber von altersher für mißverstanden, weil
die
Kenntnis der jüdischen Verhältnisse den früheren
Christen
bald mangelte. Ernster Suchende verweise ich auf diese Abhandlung,
deren
Gelehrsamkeit und Ausführlichkeit um ein Vieles die Ansprüche
übersteigen, die ich an meine Leser stellen darf. Einen einzigen
Absatz
teile ich mit:
„Das waren die Zustände,
die in den Kreisen der Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer bald nach
Jesus
wirklich walteten, und wenn er, den alle Rabbi nennen, öffentlich
wirkte, so war das, was das Volk erwartete, nichts anderes als
praktische
Gesetzeserklärung, Lösen und Binden im jüdischen Sinne,
und gerade das weist er Matth. 5, 17 von sich. Diese Tätigkeit ist
eine untergeordnete, deren Notwendigkeit gleichzeitig mit dem Anfange
des
Himmelreiches, das Jesus bringt, schwindet, die aber bestehen wird —
nicht
muß —‚ solange das Reich Jesu nicht da ist. Darum sagt er,
daß
von dem Gesetz kein Jota schwindet, ‚bis Alles wird', dann aber
schwindet
es und ein höheres tritt an seine Stelle, dessen Prinzipien er im
Folgenden entwickelt hat. Nun sieht man, wie vollkommen schief die
Glosse
ist, daß dies Gesetz dauern soll, bis Himmel und Erde vergehen;
und
wie christliche Ausleger diesen
114
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
Text
immer wieder verteidigen
können,
ohne zu merken, in welche Selbstwidersprüche sie geraten, das
wäre
unbegreiflich, wenn man nicht wüßte, daß die üble
Gewohnheit auch mit der besten Logik nicht wegzuschaffen ist.“
Ohne uns nun weiter
auf strittige
Textfragen einzulassen, achten wir nur auf den unbestrittenen Vers 17,
in welchem der Heiland sagt, er sei „nicht gekommen aufzulösen,
sondern
zu erfüllen“: dieses Erfüllen (griechisch plerosai,
lateinisch
adimplere) bietet ein
hervorragendes Beispiel jener ernst
lächelnden
Ironie, auf die uns Burkitt vorhin aufmerksam machte; denn, wie das
unmittelbar
Folgende zeigt, erfüllt der Heiland das jüdische Gesetz,
indem
er ihm widerspricht und es abschafft. „Ihr habt gehört, es ist den
Alten gesagt, du sollst nicht töten; wer aber tötet, soll dem
Gerichte (und das heißt dem Tode) verfallen sein. Ich aber sage
euch,
Jeder, der seinem Bruder grundlos zürnt, soll dem Gerichte
verfallen
sein ¹).... Ihr habt gehört, es ist gesagt, du sollst nicht
ehebrechen.
Ich aber sage euch, Jeder, der nach einem Weibe sieht in
Lüsternheit,
hat schon die Ehe mit ihr gebrochen in seinem Herzen.“ Auf diese Weise
wird ein Gebot nach dem anderen aus einer äußeren
Verhaltungsmaßregel
zu einer inneren Herzenstriebfeder umgewandelt; dabei bleibt es aber
nicht: manche werden in ihr Gegenteil verkehrt, so z. B. das „Aug um
Auge“ und
das Gebot „Du sollst deinen Feind hassen“ — wofür Jesus lehrt:
„liebet
eure Feinde!“ Ja, die wichtigsten jüdischen Gesetze — die
Heiligung
des Sabbaths und die Speiseverordnungen — werden ohne weiteres
aufgehoben.
„Der Sabbath ist um des Menschen willen da, und nicht der Mensch um des
Sabbaths willen“ (Mark. 2, 27)
— ein Ausspruch, zu welchem eine der
besten
und ältesten graeco-lateinischen Handschriften als entscheidend
wichtige
Ergänzung Worte bringt, die der Heiland an einen Mann richtet, den
er am Sabbath auf dem Felde arbeitend antrifft: „Mensch, wenn du
weißt,
was du tust, bist du selig, wenn du es nicht weißt, bist du ein
Übertreter
des Gesetzes und verflucht!“ Deutlicher kann die Verneinung eines
früheren
Lebensgesetzes und die Einführung einer völlig neuen
Weltanschauung
nicht ausgesprochen werden. Im selben Sinne befreiend wirkt die
Abschaffung
der Speisegesetze: „Und er rief die Menge herbei und sagte zu ihnen:
höret
zu und fasset es!
—————
¹) Das
Wort „grundlos“ bringt der
älteste
Text.
115
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
Nicht
das, was in den Mund eingeht,
verunreinigt
den Menschen, sondern das, was aus dem Munde ausgeht, das verunreinigt
den Menschen“ (Matth. 15, 10
fg.) — wozu noch die Erläuterung
kommt: was zum Mund eingeht,
kommt in den
Bauch;
was aber aus dem Munde hervorgeht, das kommt aus dem Herzen, und das
verunreinigt
den Menschen. — Alles dieses bedeutet einen unmittelbaren Gegensatz zu
der „Religion“ der Juden, nämlich zu ihrem Gesetz, das sie als
gottgegeben
betrachten; es hebt das Gesetz auf.
Nicht minder deutlich
zeigt sich
die Ablehnung des Judentums in dem wiederholten, erbarmungslos scharfen
Auftreten des Heilandes gegen die Pharisäer und die
Schriftgelehrten;
niemals fällt über sie, aus diesem sonst nachsichtigen
Munde,
ein versöhnliches Wort. Sie werden „Schlangen“ und
Otterngezücht“
genannt. „Weh' euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler,
die ihr gleich seid wie die übertünchten Gräber, welche
auswendig hübsch erscheinen, aber inwendig sind sie voller
Totenbeine
und alles Unflats!“ (Matth.
23, 25). Nun wissen wir aber genau,
daß
die Pharisäer an und für sich keine schlechten Menschen
waren,
vielmehr in religiöser Beziehung die besten unter den Juden,
insoferne
sie ihren Glauben ernst nahmen; diese Partei entsprach etwa den
kirchlich
Rechtgläubigen unter uns, und Schriftgelehrte hießen die
genauen
Kenner des Gesetzes, sind also mit unseren fachmännischen
Theologen
zu vergleichen. Emil Schürer, in allen Ländern geschätzt
als der erste Kenner der betreffenden Verhältnisse, schreibt:
„Diese
Partei ist das eigentliche Kernvolk, das sich von der übrigen
Masse
nur durch größere Strenge und Konsequenz unterscheidet“; und
an anderer Stelle sagt er: „Der Pharisäismus ist der legitime und
klassische Repräsentant des nachexilischen Judentums
überhaupt.
Er hat nur mit rücksichtsloser Energie die Konsequenzen aus dessen
Prinzipien gezogen. Nur diejenigen sind das wahre Israel, welche das
Gesetz
aufs pünktlichste beobachten. Da dies im vollen Sinne nur die
Pharisäer
tun, so sind nur sie das eigentliche Israel“ (Geschichte des
jüdischen
Volkes im Zeitalter Jesu Christi, 4. Aufl. 2, 456 und 472). Wie
man
also
sieht, wenn Jesus den Pharisäismus mit Entrüstung von sich
weist
und seine Anhänger als „reißende Wölfe in
Schafskleidern“
brandmarkt, so weist er damit „das eigentliche Israel“ von sich. Nicht
kann er die harmlosen Einzelnen im Sinne haben, viel-
116
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN
JUDEN
mehr
verabscheut er das ganze
jüdische
Glaubenssystem, das er als eine Pflanze bezeichnet, „die der himmlische
Vater nicht gepflanzt hat“ und die darum „ausgereutet werden soll“
(Matth.
15, 13). Unter keiner anderen Annahme kann seine überaus scharfe
Verurteilung
der damaligen Bekehrungstätigkeit der Juden begriffen werden.
Höhnend
und geißelnd ruft er aus: „Ihr durchstreifet Meer und Festland,
um
einen einzigen Proselyten zu machen: und wird er es, so macht ihr aus
ihm
einen Sohn der Hölle, zweimal so arg als ihr“ (Matth. 23, 15). Man
darf behaupten, die jüdische Auffassung Gottes und des
Verhältnisses
des Menschen zu seinem Gotte — wie sie im Pharisäismus ihren
reinsten
Ausdruck gewinnt — bildet in allem den genauen Gegensatz und Gegenpol
zu
dem, was der Heiland lehrt. Wie Kant uns vorhin aufmerksam machte, und
wie man von jedem zuständigen Gelehrten erfahren kann, ist das
sogenannte
jüdische Gesetz eine Sammlung von rein formalen,
äußerlichen,
mechanischen und haarsträubend willkürlichen Geboten, ohne
einen
Funken seelischen Lebens, also ohne alle eigentliche Religion. Wer
keinem
der Gebote zuwider handelte, hieß ein Gerechter — mochte er ein
noch
so schlechter Mensch sein; nach der inneren Herzensregung wird gar
nicht
gefragt, sondern lediglich danach, ob eine Vorschrift übertreten
wird
oder nicht — wer dagegen die geringfügigste und unsinnigste
Vorschrift
außer acht läßt, ist ein Sünder. Wellhausen — einer der zuverlässigsten
Fachgelehrten
unserer Zeit — urteilt über die frommen Juden: „Sie wollen nicht
Gutes
tun, sondern sich vor Sünde hüten; ihre Beobachtung
konventioneller
Satzungen kommt niemand zugut und erfreut weder Götter noch
Menschen“
(Isr. jüd. Geschichte, 3.
A., 376).
Und nun frage ich,
was hat das
für einen Sinn, wenn man von Jesus von Nazareth als von einem
getreuen
gläubigen Juden redet, von ihm, der in allem und jedem das genaue
Gegenteil lehrt, dem die Herzensgesinnung alles ist, der Gott nicht als
Gesetzgeber fürchtet, sondern als Vater liebt, und das Gottesreich
nicht (wie die Juden) als künftige Allherrschaft des
jüdischen
Volkes auf Erden erwartet, vielmehr es drinnen im Herzen guter Menschen
findet? Ich halte diese allgemein verbreitete Behauptung nicht allein
für
falsch, sondern für leichtfertig und für derartig
irreführend,
daß sie das Verständnis der Religion des Heilandes
unmöglich
macht.
117
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Von Geburt war Jesus Galiläer
und als solcher von Hause aus im jüdischen Glauben aufgewachsen;
sein
Gegensatz zum Judentum führte ihn ans Kreuz!
*
Von dem
jüdischen Alp
befreit,
kehren wir zu des Heilandes Lehre vom V a t e r
und dessen R e i c h
zurück
und rufen mit Paulus aus: „Freuet euch im Herrn allezeit; noch einmal
sage
ich es, freuet euch: der Herr ist nahe!“ (Phil. 4, 4 fg.).
Die Methode des „neti, neti!“ —
er ist nicht so, und er ist nicht so — die wir schon im ersten Kapitel
kennen lernten, darf nicht unterschätzt werden; indem wir sie
verfolgten,
gewannen wir nunmehr entscheidende Ergebnisse: der Gott, von dem Jesus
spricht, ist nicht der historische Jahve, der Gott, der sich ein
Räubervölkchen
in der Wüste auswählt, der „Herr der Heerscharen“ (für
den
unsere Geistlichen eine nie versiegende Vorliebe an den Tag legen), er
ist aber auch nicht der dreieinige Gott unseres Glaubensbekenntnisses,
— kein Wort des Heilandes deutet
hierauf:
wir hörten ihn wiederholt seine Gleichstellung mit Gott ablehnen —
(S. 108 fg.) und andrerseits allen gläubigen Menschen die
Sohnschaft
zusprechen (S. 109). Ich beabsichtige hiermit keineswegs die
Glaubenssätze
der Kirchengründer zu bekämpfen und verweise vielmehr auf das
ahnungsvolle Wort des Paulus: „Gott war es, der in Christus die Welt
mit
sich selber versöhnte“ (2. Kor.
5, 19) — was die Vulgata ein wenig
abweichend wiedergibt: deus erat in
Christo, mundum reconcilians sibi.
In dem Zusammenhang dieses Kapitels habe ich jedoch lediglich dasjenige
im Sinne, was der Heiland selber, nach dem Zeugnis der Evangelien, uns
über Gott lehrt, und da muß ich als unbestreitbare Tatsache
feststellen, daß er alles andere abweist und als bejahenden
Inhalt
dieses Begriffes uns einzig und allein die Vorstellung des
V ä t e
r l i c h e n schenkt — eine Vorstellung, die er nicht müde
wird zu
wiederholen und so mannigfaltig, so zart, so reich auszugestalten,
daß
sie die ganze sichtbare und unsichtbare Welt auszufüllen scheint
und
wir, solange der Heiland redet, nichts vermissen und nichts mehr zu
verlangen
wüßten; solange stehen eben unsere Herzen unter einem
Zauber,
der ihnen jene Kindlichkeit verleiht, welche Jesus von seinen
Hörern
fordert (Matth. 18, 3);
später jedoch erheben Verstand und
118
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Vernunft
ihre ununterdrückbaren
Forderungen, und die schlichte Vorstellung des „Vaters“ genügt
diesen
Ansprüchen nicht. Da treten denn ein Paulus und in seinem Gefolge
hundert Kirchenväter auf und errichten den tausendsäuligen
Glaubenstempel
der Kirche, innerhalb welchem der willige Mensch sich geborgen
fühlt,
während manche lebendigere Seele sich wie ein gefangener Vogel an
dem dogmatischen Gitter die Flügel wundschlägt: der Vater,
von
dem der Heiland sprach, sowie dessen Reich, sind den Blicken
entschwunden!
Nun trösten uns
— wie wir
schon oben sahen (S. 102 fg.) — die Theologen mit der Versicherung,
Jesus
Christus habe überhaupt keine Lehre hinterlassen, und anstatt auf
seine Botschaft vom Vater genau hinzuhören, entrücken sie uns
unseren Mittler und bescheren uns Glaubensbekenntnisse, welche die
Fassungskraft
jedes Menschenhirns übersteigen. Ich fürchte fast, wenn Jesus
wieder zur Erde käme, er würde sie noch einmal mit den Worten
abwehren: „Wehe euch, Schriftgelehrte! die ihr das Reich Gottes
zuschließet
vor den Menschen; ihr kommet nicht hinein, und die hineinwollen,
lasset
ihr nicht hineingehen!“ Allen Ernstes wird der Gotteslehre Christi
vorgeworfen
— oder wenigstens von ihr behauptet —‚ sie bilde in ihrer kindlichen
Einfachheit
und bei ihrem Mangel an streng folgerichtigem und systematisch
aufbauendem
Zusammenhang nichts weiter als eine bilderreiche Anregung für
Menschen
aus dem Volke. So liegt z. B. vor mir das Buch eines englischen
Fachmannes,
Professor James Orr, über The
Christian View of God and the
World,
in welchem die eigentliche Lehre des Heilandes kurz abgetan wird als
„gänzlich
bar alles metaphysischen Inhaltes“ und im wesentlichen mit der
Gotteslehre
des alten Testaments übereinstimmend (S. 77 fg.)! In Wirklichkeit
ist — wie schon oben bemerkt (S. 107) — des Heilandes Lehre von Gott
und
dem Gottesreich ebenso unergründlich an Tiefsinn wie
göttlich
an Einfalt — ja, diese beiden Eigenschaften gehören untrennbar
zueinander.
Es ist nicht leicht, von anderswoher ein aufklärendes Beispiel
für
das, was hiermit gesagt werden soll, zu finden; vielleicht aber
dürfen
wir Immanuel Kant für würdig erachten, in diesem Zusammenhang
genannt zu werden: auch bei ihm
stimmen Tiefsinn und naive
Denkart überein. Mehr als einmal macht er darauf aufmerksam,
daß
das tiefste Ergebnis seines Nachsinnens — im Gegensatz zu aller anderen
Philosophie —
119
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
das
Eigenartige an sich habe, „so
einfältig
und natürlich zu sein, daß es dem gemeinsten Menschensinne
angemessen
ist, sobald dieser nur einmal darauf geführt wird“ (Reine
Vernunft,
2. Aufl., S. 617): die feinste, besonnenste Zergliederung des
Menschengemütes
— ein Werk, das auch bloß nachzudenken die meisten abschreckt —
trifft
wieder genau mit dem sogenannten gesunden Menschenverstand zusammen,
nur
daß die Überlegung bei Kant auf einer weit höheren
Ebene
steht, was den unschätzbaren Vorzug mit sich führt, nicht
allein
der Bewußtheit, der Begründung und der Klarheit, sondern
namentlich
— infolge dieser Errungenschaften — der unerschütterlichen
Sicherheit
gegen die, die Vernunft ständig bedrohende Gefahr des Unsinns, des
Wahnsinns und des Betrugs. Höchst beachtenswert bleibt auf alle
Fälle
diese Übereinstimmung zwischen der wahren Einfalt und dem
wahrhaftigen
Tiefsinn: ist die Einfalt nicht rein, sondern erkünstelt oder
sonstwie
getrübt, und handelt es sich nicht um tiefste Besinnung, sondern
um
Scharfsinn und Gelehrsamkeit, so findet die genannte
Übereinstimmung
nicht statt. Unseren Heiland verstehen wir nicht, solange uns die
Einsicht
fehlt, daß bei ihm in einem Maße, für das wir sonst
kein
Beispiel besitzen, Einfalt und Tiefsinn zu einer völligen Einheit
verschmelzen.
Daß Jesus, der
Gott so
häufig
nennt, sich fast ausschließlich auf das Bild des V a
t e r s
beschränkt
und höchstens noch auf seine Güte, Barmherzigkeit,
Fürsorge
usw. leicht hindeutet — Eigenschaften, die ohnehin im Vaterbegriff
enthalten
sind —‚ zeugt von dem Tiefsinn und für den Tiefsinn seiner
Gotteslehre.
Alles, was wir sonst über Gott aussagen, was wir ihm an
Vollkommenheiten
beilegen, beschränkt ihn in Wirklichkeit und zieht ihn zu uns
Menschen
herab, indem es ihn in die Grenzmauern unseres Verstandes
einschließt.
Ich besitze eine Bibel für Prediger mit alphabetisch geordneten
Stellennachweisen
und finde darin spaltenlange Angaben zu dem Worte „Gott“, der als ewig,
unsterblich, allmächtig, allwissend, allgegenwärtig,
ruhmreich,
majestätisch, groß, heilig, reich, zuhöchst thronend
usw.
usw. von den Kirchenrednern gerühmt werden soll: mit wenigen Ausnahmen stammen
sämtliche
Stellen aus dem Alten Testament; was das Neue Testament zu diesem
Zwecke
Brauchbares enthält, findet sich aber in den Episteln, wogegen die
Evangelien nur zwei Stellen liefern: „Gott allein ist gut“, und „so
sollt
ihr denn
120
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
vollkommen
sein, wie euer himmlischer
Vater vollkommen ist“ (Matth.
19, 17 und 5, 48). Kaum, daß der
Heiland
sich ein einziges Mal die Allegorie „Gottes Finger“ erlaubt (Luk. 11,
20),
und selbst hier kann die Zuverlässigkeit des Berichtes insofern
bezweifelt
werden, als Matthäus bei genau der gleichen Gelegenheit „Gottes
Geist“
sagt (12, 28): es wird eben jegliche Materialisierung sorgsam vermieden
und damit eine Gottesvorstellung gelehrt, die im unmittelbaren
Gegensatz
steht sowohl zum geschichtlich greifbaren Gott der Juden — der am
Sabbath
umringt von Rabbinern in der Thora
studiert —‚ wie auch zu der erhaben
thronenden mythischen Dreieinigkeit der christlichen Kirche.
Dies muß immer
wieder betont
werden, weil es von sämtlichen Theologen unbeachtet bleibt und
doch
grundlegend für das Verständnis dessen ist, was der Heiland
„Reich
Gottes“ nennt, und damit auch für seine Lehren — denn diese haben
alle Bezug auf den Vater und sein Reich. Was ein Plato und ein Kant
durch
lange Jahre ununterbrochener Besinnung, getragen von einer so hohen
Begabung,
daß sie als „göttlich“ bezeichnet wurde, zum Lohn ihrer
edlen
Bemühungen erreichten, dessen war sich Jesus Christus unmittelbar
bewußt, ja, so unmittelbar, daß wir ihn in diesem
Bewußtsein
leben und weben sehen: es handelt sich um die Erkenntnis, daß es
außer und neben diesem unserem Leben in Zeit und Raum mit allem,
was unsere Einbildungskraft dazu dichtet an Überzeitlichem und
Überräumlichem
— an Ewigkeiten, an Himmeln und Höllen, an Werken und Wundern —‚
daß
es außer diesem Leben ein anderes gibt, ein höheres, ein
mehr
unmittelbares Leben, wo Vergangenheit und Zukunft nicht, durch den Wahn
der Zeit auseinandergerissen, sich fliehen, noch hier und dort
unterschieden
werden. Dieses andere Leben darf nicht als „zukünftiges“
bezeichnet
werden — etwa im Sinne des von der Kirche versprochenen Paradieses,
welches
doch bloß eine Fortsetzung unserer sinnlichen Welt auf
verklärter
Stufe nach dem Tode bedeutet — vielmehr umgibt uns schon heute die Welt
der Zeit- und Raumlosigkeit sowie der Losbindung aus den uns
angeborenen
Begriffsschemen; was uns fehlt, ist einzig die Besinnung darüber,
denn wir leben wie in einem Taumel, und wenige Menschen gewinnen sich
jemals
einen Augenblick wahrhaftiger innerer Ruhe zum Nachdenken über
sich
selbst und die sie um-
121
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
gebende
Doppelwelt; und dieses Nachsinnen
führt auch zu keinem Ergebnis, wenn es nicht in ernster Geduld
gepflegt
und von mächtigen Geistern gelenkt wird. Doch findet es sich,
daß
reine, einfältige Gemüter auf anderem, kürzerem Wege ans
gleiche Ziel gelangen — nicht
freilich in bezug auf ein
bewußtes
Erfassen, doch in bezug auf die Bestimmung und die Belebung des
Gemütes
— und dies war die Richtung, die der Heiland seinen Hörern
gegenüber
einschlug, und zwar mit dem Erfolg, daß er ausrufen konnte: „Ich
danke dir, Vater, daß du dieses verborgen hast vor Weisen und
Verständigen
und hast es Unmündigen geoffenbaret!“ (Matth. 11, 25).
Den tiefsten Einblick
in diese
Lehre Jesu von dem „zweiten Leben“, das unser zunächst gegebenes
„erstes
Leben“ umgibt und in das wir jeden Tag hinübertreten und eintreten
können, hat uns Johannes gewährt, derjenige Apostel, dessen
reines
Herz den Meister weitaus am besten verstanden hatte. Johannes
läßt
Jesus selten vom ewigen Leben reden, vielmehr einfach von „Leben“: der
Mensch „lebt“ erst, wenn er in das Reich Gottes eingetreten ist; dieser
Eintritt aber geschieht einfach durch das, was der Heiland
G l a u b e
n nennt: „Wer an
mich glaubt wird leben, auch
wenn er stirbt“ (11, 25). Ein zweites Herrenwort zeigt mit besonderer
Deutlichkeit,
in welchem Grade Jesus diese unsere Zeitlichkeit von der
göttlichen
Zeitlosigkeit umgürtet wahrnimmt: „Wer mein Wort hört und
glaubt
dem, der mich gesandt hat, der h a t ewiges Leben
und kommt nicht ins
Gericht,
sondern er i s t vom Tode ins Leben gelangt“
(5, 24). Unserem Heiland
gilt
demnach dieses Erdenleben als dem Tode verwandt; derjenige aber
„gelangt
(unmittelbar) ins Leben“, der an Gott im Sinne Jesu glaubt, und damit
entschwindet
für ihn der Zeitbegriff und jegliche zeitliche Auffassung: „er
kommt
nicht ins Gericht“ — alle solche Vorstellungen wie das vom „Letzten
Gericht“
besitzen nur bildliche Bedeutung. Ein derartiges Wort war nie vorher
und
ist nie seitdem gesprochen worden; kein Mensch war fähig, es zu
erfinden.
Meine Leser und ich,
wir treiben
keine Theologie und haben es, um unseren Heiland zu verstehen, nicht
nötig — im Gegenteil: könnten
wir es nur dahin bringen,
seine Worte in reiner Einfalt in unsere Herzen aufzunehmen, wir
besäßen
alles, was uns nottut; um das aber zu können, müßten
wir
den ganzen Ballast des später Hinzu-
122
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
gekommenen
— wenigstens zeitweilig —
über Bord werfen; und das gerade fällt uns schwer, bis zur
Unmöglichkeit:
unser Gemüt verdunkelt jahrhundertaltes Gedanken-Spinngewebe. Ein
Beispiel. Wer nur ein weniges über Religion gelesen oder
gehört
hat, wird auf meine obigen Ausführungen sofort die Frage
dazwischen
werfen: will der Verfasser damit
sagen, Christus
habe einen transscendenten Gott, keinen immanenten gelehrt? (Dem
Unkundigen
diene zur Aufklärung, daß Kant transscendent mit
„überfliegend“
und immanent mit „innewohnend“ verdeutscht; er kann auch an Goethe's
Unterscheidung
zwischen einem Gott, „der nur von außen stieße“, und einem,
der
„die
Welt im Innern bewegt“, denken.) Eine derartige Frage ist hier
völlig
gegenstandslos, und man könnte höchstens antworten: der
Vater,
an den uns Jesus glauben heißt, ist zugleich transscendent und
immanent.
In Wirklichkeit läßt der Tiefsinn dieses Denkens jede
derartige
logische Klemme weit hinter sich. Jene andere Welt ist ebensosehr in
uns,
wie außer uns, daher muß man von diesem Gotte sagen: er
umgibt
uns, und zugleich durchdringt er uns. Doch ist das alles schon nur
bildlich
gesprochen; in welch eine andere Art des Fühlens, Denkens und
Verstehens
versetzt uns jedes Wort des Heilandes! so z. B. das seinem geliebten
Johannes
ins Ohr geflüsterte: „Gott
geschaut hat niemand jemals;
lieben
wir einander, so ist er bleibend in uns“ (I. Joh. 4, 12).
Freilich müssen
wir lernen,
behutsam zu lesen; denn die späteren Kirchenlehrer haben —
vielfach
wahrscheinlich halb unbewußt und unwillkürlich, einer
Suggestion
gehorchend — die Worte des Heilandes, die sich auf den Vater beziehen,
ihren Ansichten zulieb, wo sie es nur konnten, umgemodelt. Wiederum
möge
ein einziges Beispiel genügen, den Leser aufmerksam zu machen.
Sowohl
im ältesten erhaltenen Text des Johannes-Evangeliums,
Kapitel 6,
Vers
45 fg., wie auch in späteren Handschriften, finden wir
gleichlautend
folgende Worte: „Alle werden Gottes Schüler sein“; daran
schließt
sich im ältesten Text der Satz: „Es ist nicht, weil ein Mensch
den
Vater gesehen hat, sondern, wer bei Gott ist, der hat Gott, den Vater
gesehen.
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer Gott glaubt, der hat Leben.“ Das
ist unmißverständlich klar mit Bezug auf alle Menschen
gesprochen und besagt: Kein Mensch hat den Vater mit leiblichen Augen
erblickt,
wohl aber kann bildlich behauptet werden, daß „wer bei
123
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Gott
ist“, den Vater gesehen,
nämlich
erkannt hat; diese Erkenntnis wird durch Glauben gewonnen, und wer sie
besitzt, erst der hat wahres Leben — ein Leben, das kein Tod bedroht,
weil
es schon innerhalb dieser Zeitlichkeit mit Bewußtsein das
Zeitlose
ergreift. In dem späteren kirchlichen Text ist es gelungen, durch
geringfügige Änderungen, welche der flüchtig Lesende
kaum
bemerkt, den Sinn derart umzubiegen, daß die allgemein
gesprochenen
Worte „sondern, wer bei Gott ist, der hat Gott den Vater gesehen“ sich
nunmehr auf den Heiland allein als Sohn Gottes beziehen. Denn jetzt
lesen wir: „Nicht daß den
Vater jemand
gesehen;
der allein, der von Gott her ist, der hat den Vater gesehen.“ Woran
sich
im zweiten Teil die entsprechende Änderung anschließt:
„Wahrlich,
wahrlich, ich sage euch, wer da glaubt, hat ewiges Leben“ — also nicht
„wer Gott glaubt“, sondern wer glaubt, was die Kirche lehrt! und nicht
schlichtweg „hat Leben“, sondern erhält für seine
Rechtgläubigkeit
als Lohn „ewiges (also immer noch zeitlich gedachtes) Leben“ ¹).
Auf
solche Art geht der Tiefsinn der Lehre des Heilandes verloren — und mit
ihm zugleich die Einfalt und die Unmittelbarkeit; an Stelle dieser
erhalten
wir einen kosmischen Mythos, eine widerspruchsvolle Christologie, ein
Arsenal von theologischen Glaubenssätzen und die Vermittelung
priesterlicher
Ansprüche: das alles, dank einer kleinen Wortverschiebung, durch
welche
abschreibende Mönche Sprüche, die ihnen dunkel erschienen,
ihrem
Verständnis näher zu rücken versuchten. Der Leser des
Evangeliums
bleibe also auf der Hut! Jesus hat gesagt, „die Wahrheit“, die er
lehre,
„werde uns freimachen“ (Joh.
8, 32): jeder Lehre, die uns in Ketten
schlägt,
sollten wir — vom Heiland aufmerksam gemacht — Mißtrauen
entgegenbringen!
Wir würden wohl
kaum imstande
sein, die G o t t e s l e h r e des Heilandes mit
Sicherheit zu erkennen —
so vielfach haben seine Worte unter dem Unverstand früherer und
späterer
Textherausgeber gelitten —‚ hätte er sie nicht ergänzt durch
die Lehre vom R e i c h e G o t t e s,
für welche ihm
faßlichere
und mannigfaltigere Bilder zu Gebote standen, die seine Zuhörer —
ahnten sie auch den tieferen Gehalt nicht — dennoch sich gut zu merken
und treu wiederzugeben vermochten. Wir haben schon oben mit einiger
Ausführlichkeit
dar-
—————
¹) Vgl.
zu obigem auch A. Merx:
Die vier kanonischen Evangelien,
an betreffender Stelle.
124
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
über
gehandelt (S. 99 fg.) und
eingesehen,
daß dieses Reich vollkommen „transscendent“ (außerweltlich)
vorgestellt wird, an keinen Raum gebunden — man wird nicht sagen
„Siehe
hie oder da ist es“ —‚ noch an irgendeine Zeit; vielmehr ist es dem
Wissenden
gegenwärtig und kann den Unwissenden jeden Augenblick
überraschen.
Auch in diesem Falle ist, trotz der Unzweideutigkeit der Texte, von
allem
Anfang an viel zur Umdeutung der Lehre Jesu geschehen. Die Tatsache,
daß
die Juden ein Reich Jahve's auf Erden erwarteten, verführte schon
die unmittelbaren Jünger zu Verwechselungen; bald trat dazu die
immer
mehr Raum einnehmende Vorstellung eines Reiches Gottes im Himmel, wohin
der Mensch nach seinem Tode, in einer mehr oder minder verklärten
Leiblichkeit, zu gelangen hoffte — und zwar nicht sofort bei seinem
Tode,
sondern beim „Weltende“; schließlich faßte — angeregt durch
das während Jahrhunderte weitverbreitete Werk des Augustinus, De
Civitate
Dei — der Gedanke bei Vielen Fuß, das Reich Gottes sei das
Reich
der die Welt beherrschenden katholischen Kirche. Es bedarf meinen
Lesern
gegenüber kaum des Beweises, daß keine dieser Vorstellungen
sich an irgendeinem Punkt mit der Lehre des Heilandes von dem Reiche,
„das
inwendig in uns liegt“, berührt. Doch, um dies noch
überzeugender
empfinden zu lassen, wollen wir einen Blick werfen auf des Heilandes
Stellungnahme
der Tatsache der S ü n d e gegenüber —
eine Stellungnahme, die
völlig unverständlich bleibt, solange seine Lehren von Gott
und
dem Gottesreich in ihrer Einfalt und ihrem Tiefsinn nicht begriffen
worden
sind.
*
Man mag, welches
theologische Buch
man will, aufschlagen, immer wird man den Verfasser verlegen und
heimlich
entsetzt darüber finden, daß Jesus wenig Wesens von der
Sünde
macht; so schnell es geht, pflegen die Theologen über diese ihnen
bedenkliche Tatsache fortzueilen, um baldigst bei Paulus und den
Urchristen
anzukommen, wo sie sich wieder in der Atmosphäre der Sünde,
der
Sündenvergebung und der Erlösung aus der Sündenschuld
heimisch
fühlen. Das Gute und das Böse, die Tugend und die Schuld
kannten
alle Völker; doch die juristisch scharfe Ausarbeitung des
Begriffes
der
125
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
Sünde
ist das Werk in erster Reihe
der Ägypter, sodann aber namentlich der Juden, von denen wir sie
übernommen
haben. Und zwar hängt die Sünde untrennbar eng mit dem
Begriffe
des gottgegebenen Gesetzes zusammen. Ein Gott, der, wie der
jüdische,
zahlreiche Gesetze erlassen hat, die das gesamte Leben umfassen und den
Menschen Pflichten über Pflichten auferlegen, schafft damit
zugleich
die Sünden, die das Gesetz abwehren soll. Paulus schreibt: „Die
Sünde
wäre mir nicht zur Erkenntnis gekommen, wenn nicht durch das
Gesetz.
Hätte ich doch auch von der Lust nichts gewußt, wenn das
Gesetz
nicht gesagt hätte: Laß dich nicht gelüsten; die
Sünde
aber hat das Gebot benutzt, um alle Lüste in mir ins Leben zu
rufen;
denn ohne Gesetz fehlt der Sünde das Leben“ (Röm. 7, 7 fg.).
In der Folge nahm die Sünde einen zunehmend breiteren Raum in der
Gedankenwelt der christlichen Kirche ein, bis dann schließlich
„durch
Augustin das Bewußtsein der allgemeinen
Sündhaftigkeit die
a u
s s c h l i e ß l i c h e negative Grundstimmung der
Christenheit
geworden
ist“ (Harnack, D. G., 4.
Aufl., 1, 71). Welche ungeheure Bedeutung die
Vorstellung der Sünde in Martin Luther's religiösem Leben
besitzt,
weiß ein jeder: „Die Sünde tritt uns mit Füßen“,
schreibt er aus eigenster Erfahrung, „bis daß die Gnade komme und
trete die Sünde mit Füßen.“ Und in unseren Tagen hat
der
Theolog unter den Theologen, Albrecht Ritschl, den Satz aufgestellt,
„der
Wert der Leistung Christi und der Unwert der Sünde“ seien
„durchaus
korrelate Größen“, d. h. einander an Bedeutung gleich
(Rechtfertigung
und Versöhnung, 4. Aufl., 1, 217).
Nirgends nun
fällt das
Unjüdische
und Widerjüdische an unserem Heiland mehr auf als bei der Frage
der
Sünde; auch steht er dabei in einem ausgesprochenen Gegensatz zu
sämtlichen
christlichen Kirchen — die ja alle die Sünde und die
Rechtfertigung
als Mittelpunkt und als Triebkraft der von ihnen gelehrten Religionen
behandeln.
Hingegen ist es für Jesus bezeichnend, daß er im allgemeinen
die Sünder den Gerechten vorzieht — eine auffallende Tatsache, die
Luther also erklärt: „Es geschehe, auf daß die Ehre ganz
Gott
dem Herrn zugelegt werde, darum, daß er aus Gnaden und lauter
Barmherzigkeit
die Sünde vergibt“ (Konkordanz
4, 296). Jeder muß aber
fühlen,
wie ungenügend diese Erklärung ist, die stark unter dem
Einfluß
alttestamentarischer Vorstellung steht. Auch die Antwort, die
126
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
Jesus
selber gelegentlich eines
Vorwurfes
über seinen Verkehr mit „Sündern“ erteilt: „Nicht die Starken
bedürfen des Arztes, sondern die Kranken; ... nicht Gerechte zu
rufen bin ich gekommen, sondern Sünder“ (Matth. 9, 12 fg.) —
diese
Antwort trägt mehr den Charakter einer Abwehr als den einer auf
den
Grund gehenden Auskunft: zunächst ist der Ausdruck „Gerechte“
jüdisch
zu verstehen, und der Spruch bedeutet somit eine der vielen Ablehnungen
des jüdischen Gesetzes; doch beweisen zahlreiche Worte, namentlich
in den Gleichnissen, daß noch ein tieferer Sinn darin verborgen
liegt.
Der Heiland verfolgt ein einziges Ziel: die Menschen in das Reich
Gottes
einzuführen; dies geschieht vermittelst einer Erleuchtung des
Gemütes,
begleitet von einer Wendung des Willens; und nun findet sich, daß
„Sünder“ für die Erleuchtung empfänglicher und zur
Willenswendung
bereitwilliger sind als „Nichtsünder“. Die Religion Jesu steht
eben
— wie schon ausgeführt — außerhalb der Zeit und fragt daher
nur nach der Gegenwart: diese löscht die Vergangenheit aus,
beziehungsweise
wandelt ihre Bedeutung im Nu um. Der Verbrecher, der sterbend an den
Heiland
die Worte richtet „Gedenke mein“, wird keinem Verhör unterworfen,
noch wird ihm im Diesseits oder im Jenseits eine Buße auferlegt,
vielmehr heißt es: „Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit
mir im Paradiese sein“ (Luk.
23, 42 fg.). Im Augenblick, wo die Wendung
stattfindet,
sind seine Missetaten ausgelöscht: „Denn ich bin nicht gekommen,
die
Welt zu richten, sondern die Welt zu retten“ (Joh. 12, 47). Wenn der
Fall
des Schächers — als ein gar zu besonderer — nicht überzeugt
oder
angezweifelt wird, so betrachte man den der Ehebrecherin (den,
bezeichnenderweise,
die Kirche ihr Bestes getan hat, aus dem Texte zu streichen — vergl.
Merx
und Rendel Harris). Nachdem auf das Wort des Heilandes: „wer unter euch
ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“, die Ankläger
sich
nach und nach fortgeschlichen haben, spricht Jesus zu der Ehebrecherin:
„So verurteile auch ich dich nicht; gehe hin und sündige von jetzt
an nicht mehr“ (Joh. 8, 2—11).
Sogar wenn das zuträfe, was einige
Gelehrte vermuten, hier läge eine Parabel vor, nicht ein Ereignis,
das Wort selbst — und darauf allein kommt es an — gehört zu den
unanzweifelbaren;
denn es bedeutet einen Schlag ins Gesicht nicht allein aller
jüdischen
Gesetzgebung und Empfindung, sondern nicht weniger jeder
christkirchlichen
127
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
Lehre
und Gepflogenheit von den ersten
Zeiten an bis zum heutigen Tage. Die Sünde wird der Frau einfach
nicht
angerechnet; von Reue, Buße und Strafe hören wir ebenfalls
nichts;
„sündige von jetzt an nicht mehr“: das genügt. An dieses
Beispiel
knüpft sich zweckmäßig ein weiteres. Der Heiland sitzt
bei einem reichen Manne zu Tisch; da tritt ein wegen ihres
unzüchtigen
Lebens stadtbekanntes „sündiges Weib“ herbei, fällt vor dem
Heiland
auf die Knie, „läßt nicht nach, ihm die Füße zu
küssen“,
und salbt sie ihm dann mit wohlriechendem Öle; darüber
begreifliche
Empörung des Hausbesitzers und seiner Gäste und Verwunderung,
daß der Heiland die Berührung eines solchen Weibes nicht von
sich weise. Dieser aber nimmt sie in Schutz und verkündet: „Ihre
vielen
Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebet“, und zu der Frau
spricht er: „Dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden“ (Luk.
7,
36—50). Man schaue auch weiter umher und beachte, in welchem Maße
verschiedene Sprüche und namentlich Gleichnisse des Heilandes in
bezug
auf die Sünde unseren kirchlichen Sittenlehren und überhaupt
den unter uns verbreiteten Vorstellungen über Sittlichkeit
zuwiderlaufen.
Wäre uns z. B. das Wort nicht seit Kindesbeinen vertraut, es
müßte
ein Jeder stutzen, wenn er vernimmt: „So wird Freude im Himmel sein
über
einen Sünder, der Buße tut, mehr als über
neunundneunzig
Gerechte, die da keine Buße nötig haben“ (Luk. 15, 7): hier
wird doch ohne Umschweife dem — nach unseren menschlichen Begriffen —
Sündigen
der Vorzug gegeben vor dem Tugendhaften! Und solcher Gleichnisse gibt
es
mehrere. Auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn gehört hierher:
wir
vernehmen es gern, weil es so schön ist, nichtsdestoweniger
widerspricht
es ebensosehr unseren religiösen wie unseren weltlichen Ideen und
Gewohnheiten.
Genau das gleiche wie
bei der
Sünde beobachten wir bei deren Gegenstück, dem guten Werke:
das
angebliche Verdienst pflegt der Heiland, ebenso wie die Sünde, als
nebensächlich einzuschätzen. Hierfür zeugt z. B. das
Gleichnis
von dem Herrn des Weinberges, der allen seinen Arbeitern abends den
selben
Lohn auszahlt, gleichviel, ob sie vom frühen Morgen an tätig
gewesen waren und „die Last und Hitze des Tages getragen haben“, oder
ob
sie nur eine einzige letzte Stunde an der Arbeit teilgenommen hatten.
Den
murrenden Tagelöhner bescheidet er: „Nimm das deine und gehe. Ich
will aber
128
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
diesem,
der der Letzte ist, so viel
geben
wie dir auch; darf ich nicht mit dem Meinen tun, was ich will? oder
siehst
du scheel dazu, daß ich gut bin?“ (Matth. 20, 1—16). Man beachte,
daß der Heiland diese Erzählung ausdrücklich als „ein
Gleichnis
vom Reiche Gottes“ bezeichnet. Nicht anders steht es um das Gleichnis
von
dem Knechte, der müde und hungrig vom Felde heimkehrt und seinem
Herrn
erst das Mahl richten und ihm aufwarten muß, ehe er selber ruhen
und essen darf. „Erwirbt sich etwa dieser Knecht ein Verdienst,
daß
er getan, was ihm befohlen war? So auch ihr; wenn ihr getan habt alles,
was euch befohlen ist, so saget: wir sind Knechte, wir haben getan, was
wir zu tun schuldig waren“ (Luk.
17, 7—10, nach dem ältesten
Text).
So bestimmt und scharf weist Jesus — nicht freilich die guten Werke von
sich, wohl aber die Vorstellung, daß sie „ein Verdienst“
ausmachen
und einen Anspruch begründen: hiermit fällt aber ein weiterer
Teil unserer kirchlichen Religionslehre.
Kann ich auch bei
diesen
Ausführungen,
wie überall, nur andeutend verfahren, ich hoffe doch, jeder Leser
beginnt zu begreifen, welche metaphysische Tiefe die Religionslehre des
Heilandes vor den Lehren der Kirchen auszeichnet. Wohl wird — wie
früher
besprochen — diese Lehre des Heilandes mit unnachahmlicher Einfalt
vorgetragen
und gewinnt dadurch über einfältige Herzen Gewalt; auch
eignet
ihr in einer anderen, tieferen Beziehung Einfalt ohnegleichen: dem
Lehrenden
ist eine Welt unergründlicher Gedankentiefe so vertraut, er
fühlt
sich in ihr so heimisch, daß er an eine gedankengemäße
(metaphysische) Darstellung nicht erst heranzugehen sich
veranlaßt
findet und in vollkommener Einfalt Dinge vorträgt, die der
weiseste
Mensch kaum zu fassen vermag. Töricht aber ist es, über der
Einfalt
die Tiefe zu übersehen; wohin dies führt, wissen wir: zu der
Behauptung, Jesus habe überhaupt keine Lehre hinterlassen (S. 102
fg.).
Keineswegs will ich
zu verstehen
geben, um den Segen zu empfangen, der von des Heilandes Lehre
ausstrahlt,
sei es unerläßlich, in die tiefsten Tiefen des menschlichen
Denkvermögens hinabzusteigen; unter uns Heutigen ist aber die
reine
Einfalt eine seltene Gabe, und wer sie nicht besitzt, muß sich
schon
entschließen, den anderen Weg — den Weg der Besinnung —
einzuschlagen,
sonst bleibt ihm kein Zugang zu der Botschaft Jesu; außerdem wird
man entdecken, daß gerade das allertiefste Denken zur Einfalt
zurück-
129
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
führt.
Schwerlich kann einer in
die metaphysische Tiefe der Lehre von dem Reiche Gottes — wie Jesus sie
in seinen Gleichnissen vorträgt — und in die ganze damit
zusammenhängende
Weltanschauung und Lebensauffassung Einsicht gewinnen, der nicht bei
den
größten Denkern des Ostens — Badarayana und Çankara
—
sowie bei den größten Denkern des Westens — Plato und Kant —
Unterweisung genossen hat; kaum ein Mensch unter vielen Millionen ist
befähigt,
aus eigener Kraft und eigenem Antrieb zu solchen Erkenntnissen zu
gelangen,
— vielmehr können wir der Anleitung dieser seltensten Denker, die
uns allen vorgedacht haben, nicht entraten.
Namentlich die
indischen Weisen
besitzen für uns in diesem Falle besonderen Wert, weil ihr ganzes
Denken ausschließlich einem r e l i g i ö s e n
Belange dient;
mögen sie sich noch so tief in die Gesetze des menschlichen
Denkens
und Erfahrens versenken und sie noch so unerhört feinsinnig
zergliedern,
ihr einziger Beweggrund zu dieser Mühewaltung und ihr niemals aus
dem Auge verlorenes Ziel ist und bleibt die „Erlösung“ — die
Erlösung
aus einer Welt des Scheines, der Irrnis und der Sünde; diese
Erlösung
wird aber — genau wie bei Jesu — gedacht, als durch eine innere
Umwendung
(Wiedergeburt) erreicht, dank welcher der Mensch plötzlich die
Gegenwart
Gottes gewahrt und damit in dessen Reich eintritt: der Ausdruck „Reich
Gottes“ mag bei diesen Weisen nicht vorkommen, der Begriff deckt sich
aber
im wesentlichen mit dem, den der Heiland diesem Worte beilegt. Und so
finden
wir denn auch dort die Lehre, daß bei dem Eintritt in das Reich
Gottes
die begangenen Sünden ebenso wie die Verdienste sich ablösen
und auflösen.
Wer
jenes Höchst' und Tiefste
schaut,
Dem spaltet sich des Herzens Knoten,
Dem lösen alle Zweifel sich,
Und seine Werke werden nichts.
Im besonderen gilt dies von der
Sünde. „Wie an dem Blatte der Lotosblüte das Wasser nicht
haftet,
so haftet keine böse Tat an dem, der solches weiß“ und: „Wie
die Rispe des Schilfrohrs, ins Feuer gesteckt, verbrennt, so verbrennen
alle Sünden (des Wissenden).“ Diese Lehre ist um so
bemerkenswerter,
als an der gleichen Stelle die Fortdauer von Strafe und Lohn, von
Bußleistung
und Schuldvernich-
130
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
tung
ausdrücklich betont wird, nur
gelten diese Dinge einzig innerhalb der Sinnen- und Verstandeswelt,
wogegen
der „Gottwisser“ bereits in die andere Welt eingetreten ist, in welcher
die Bedeutung unseres Lebens — nunmehr als außerhalb des Raumes
und
der Zeit liegend erkannt — unter einem neuen Augenpunkt erblickt wird:
„Auch von dem guten Werk gilt ebenso
wie von dem bösen, daß es bei dem (Gott-)Wissenden
vernichtet
wird und ihm nicht anhaftet; warum? weil auch das gute Werk eine ihm
entsprechende
Vergeltung bedingt und somit die Frucht der Erkenntnis (Gottes)
verhindern
würde; daher die Schrift in Worten wie 'er überwältigt
beide'
die Vernichtung des guten Werkes ebensowohl wie die des bösen
(beim
Gottwisser) lehrt“ (Çankara, Die
Sutra's des Vedanta, 4, 1, 13
und
14). Was unser Heiland von göttlichen Höhe aus mit einem
einzigen
Blick erfaßt und daher mit vollendeten Einfalt ausspricht, dahin
— zu dieser Erkenntnis — sehen wir hier ehrlich um die Wahrheit
ringende
Menschen in unablässigen Gedankenarbeit mühevoll
hinanklimmen.
Der Weg, den sie einschlugen, konnte nie zu einem vollen Erfolge
führen;
ihr Werk scheiterte an der Ungeheuerlichkeit der an die Denkkraft der
Menschen
gestellten Ansprüche; Gott und das Reich Gottes mußten in
der
Person des M i t t l e r s uns vor Augen
treten, sollten sie jedem
Menschengemüte
zugänglich wenden; nichtsdestoweniger wollen wir uns hüten,
einen
derartigen Höhepunkt heilig-ernsten menschlichen Strebens nach
Gott
und seinem Reiche unbeachtet abseits liegen zu lassen: den Tiefsinn
indischer
Gottesforschung ist geeignet, unsere Augen für die göttliche
Einfalt der Lehren Jesu zu öffnen, an der wir Geblendete achtlos
vorübergehen,
indem wir vor lauter Licht nichts zu erblicken wähnen.
Die Denker des
Westens standen
nicht im Dienste der Religion, sondern in dem der Wissenschaft; darum
finden
wir bei ihnen keine so unmittelbaren Beziehungen zu unserem Gegenstand.
Dennoch wird für manchen unten uns Kant's Kritik der reinen
Vernunft
die rechte Vorbereitung bilden zu dem Verständnis von Jesu
Predigt;
denn Kant allein führt in die Welt der zeitlosen Gegenwart ein, in
welcher des Heilandes Denken lebt. Dem Leser kann ich die Mühe
nicht
ersparen, zu der Quelle aufzusteigen; wollte ich mich dessen
unterfangen,
ihn zu unterweisen, der Versuch müßte notwendig
fehlschlagen:
derartige Erkenntnisse lassen sich nicht für träge Geister
131
DER HEILAND
— BETRACHTUNG
ÜBER DIE SÜNDE
mundgerecht
gestalten, sie müssen
erarbeitet werden. Man beachte in Kant's Hauptwerk vor allem den
großen
Abschnitt: Von dem empirischen
Gebrauche des regulativen Prinzips der
Vernunft
in Ansehung aller kosmologischen Ideen. Hier lernt man den
Unterschied
zwischen der Welt den Sinne und der Notwendigkeit einerseits und
andrerseits
der Welt der Freiheit genau einsehen: in der Welt der Freiheit war
Jesus
daheim, aus ihr heraus ist alles, was er über Gott und
Gottes-Reich
lehrt, gesprochen zu denken. Wenn auch Kant in jenem Werke die
sittlichen
Fragen sonst nicht in Betracht zieht, er findet sich doch
veranlaßt,
uns in einer Anmerkung auf folgende Tatsache aufmerksam zu machen: „Die
eigentliche Moralität der Handlungen (Verdienst und Schuld) bleibt
uns daher, selbst die unseres eigenen Verhaltens, g ä
n z l i c h v
e r b o r g e n. Unsere Zurechnungen können nur auf den
empirischen
Charakter
bezogen werden. Wie viel aber davon reine Wirkung der Freiheit, wie
viel
der bloßen Natur und dem unverschuldeten Fehler des Temperaments,
oder dessen glücklicher Beschaffenheit (merito fortunae)
zuzuschreiben
sei, kann niemand ergründen, und daher auch nicht nach
völliger
Gerechtigkeit richten“ (1. Aufl., S. 551). Einzig aus dieser
Erwägung
heraus läßt sich das Verhalten des Heilandes den
Sündern
und den Sünden gegenüber verstehen. Jedem wird sofort das
Wort
einfallen: „Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet“
(Matth.
7, 1) — ein Wort, mit dem keine Kirche etwas anzufangen weiß, da
es unsere landläufige Auffassung der „Sünde“ — als einen
gegebenen
und leicht zu beurteilenden Tatsache — über den Haufen wirft. Die
völlige Übereinstimmung mit Kant erhellt noch deutlicher aus
dem im Johannes-Evangelium
berichteten Spruch: „Ihr richtet nach dem
Fleisch,
ich richte niemands“ (8, 15, vos
secundum carnem judicatis: ego non
judico
quemquam). Nach dem Fleische ist eine Wendung, welche als leicht
faßlichen
Ausdruck genau dem von Kant philosophisch festbestimmten Begriff des
„empirischen
Charakters“ entspricht; die Erklärung, ich richte niemands (so
lautet
der echte Luthertext), entspringt der gleichen Überzeugung wie
Kant's:
„die eigentliche Moralität der Handlungen bleibt gänzlich
verborgen“.
Im selben Zusammenhang mache ich auf ein weiteres Wort Kant's
aufmerksam: „für einen
heiligen Willen gelten
keine Gebote“ (Grundlegung z.
Metaphysik d. Sitten, 2. Abschn.). Diese
Lehre entspricht buchstäblich der
132
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
indischen,
nach welcher die Begriffe
gut und böse auf einen heiligen Menschen keine Anwendung finden;
ich
meine aber, erst in diesem Lichte wird manches beim Heiland
verständlich,
so z. B. wenn, angesichts des Todes, eine innere Wendung den Verbrecher
am Kreuze umwandelt, und Jesus im selben Augenblick alle Missetaten von
ihm abfallen sieht, als wären sie nie gewesen; oder wenn die
Ehebrecherin,
unter dem Eindruck des Auges und der Stimme Jesu, ebenfalls eine
derartige
Neugeburt erfährt, daß der Heiland, ohne ein Wort des
Tadels,
sie entlassen kann: gehe hin und sündige von jetzt an nicht mehr.
Mit diesen
Andeutungen über
die Auffassung der Sünde hoffe ich manchem Leser die Augen
geöffnet
zu haben über die reine Religionslehre des Heilandes im
Unterschied
von — fast könnte man sagen im Gegensatz zu — allen „christlichen“
Kirchenlehren. Einmal aufmerksam geworden, wird ein jeder immer tiefer
in diese neue Welt des Vaters und seines Reiches hineinwachsen, oder
vielmehr
diese neue Welt wird wie der Baum des Gleichnisses (S. 99), um ihn her
in die Höhe wachsen und ihn umgeben: ohne daß er recht
weiß,
wie es zugegangen ist, wird er sich im R e i c
h G o t t e s geborgen und
aus
Menschenängsten gerettet finden.
*
Diese Religion Jesu
ist die
einfachste,
die jemals verkündet wurde, zugleich die duldsamste: sie erfordert
gar keinen äußeren Apparat, da sie sich lediglich an den
inneren
Menschen wendet, noch rüttelt sie an bestehenden Gebräuchen.
So haben wir z. B. gesehen, in welchem unmittelbaren Gegensatz des
Heilandes
Lehre zum Judentum steht, und wir kennen die bitteren Worte, in denen
der
Liebevolle häufig der Priester und Schriftgelehrten jenes Volkes
gedenkt;
dennoch verblieb er selben innerhalb dieser Gemeinschaft, in deren
Mitte
er aufgewachsen war, und gab seinen Jüngern ein Beispiel — wenn
nicht
der Befolgung der Gesetze, die er, wie wir wissen, wo es ihm gut
dünkte,
durchbrach — so doch des treuen Festhaltens an den althergekommenen
Religionsgebräuchen.
Ebenso bemerkenswert ist es, daß wir ihn niemals an die Heiden,
mit
denen er vielfach in Berührung kommt, ein tadelndes oder
geringschätzendes
133
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
Wort
über ihre Religion richten
hören, vielmehr es öfters erleben, daß er gerade Heiden
wegen der K r a f t i h r e s G 1 a u b
e n s — „dergleichen er in
Israel
nicht gefunden habe“ — preist.
Legt der Heiland auf
die
Religionsangehörigkeit
der Menschen wenig Gewicht, so fordert er ebensowenig von ihnen
irgendwelche
Beschränkungen in bezug auf ihre staatlichen und beruflichen
Obliegenheiten:
alle diese Dinge sind gleichgültig, da Jesus lediglich nach einer
Umwandlung den Gesinnung fragt. Das Wort: „So gebet dem Kaiser, was des
Kaisers“ (Matth. 22, 21)
gehört zu den bekanntesten, doch
überlegen
sich vielleicht Wenige, was damit ausgesprochen wird. Die Juden
bestritten
mit Leidenschaft die Ansprüche des römischen Reiches;
namentlich
die Galiläer befanden sich dazumal fast beständig in Aufruhr;
die Rechtmäßigkeit der kaiserlichen Regierung anerkennen,
hieß
die eigene Theokratie verleugnen und die Ansprüche der Juden auf
Weltherrschaft
aufgeben: dies alles tut Jesus mit jenem Bescheid, den er ruhig und
bestimmt
den Fragenden erteilt. Gibt sich der Heiland mit jeden politischen
Weltordnung
zufrieden, so gilt ihm auch keine Lebenslage als Hindernis für die
zu erstrebende innere Umwandlung. Sehr auffallend ist, daß Jesus
keinerlei Weltentsagung predigt, was sonst bei jedem religiösen
Erneuerer
der Fall war, und so namentlich auch bei seinem eigenen Zeitgenossen,
Johannes
dem Täufer. Den Gegensatz zu diesem hebt er sogar einmal
ausdrücklich
hervor, indem er sagt, Johannes habe auf Brot und Wein verzichtet
(strengste
Enthaltsamkeit geübt), wogegen er, Jesus, so frei lebt, daß
es von ihm heißt: „Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, der
Zöllner
und Sünder Freund“ (Matth.
11, 19, Luk. 7, 34). In
diesem
Zusammenhang
mache ich aufmerksam, daß das Evangelium
Lukas zwei Worte
Johannes
dem Täufer zuweist, die ihm nicht angehören können und
sicher
vom Heiland gesprochen wurden. Das eine ist an die Zöllner
gerichtet
— eine Genossenschaft, die wegen ihrer unsauberen
Geschäftsgebarung
allgemeiner Verachtung anheimfiel (siehe für näheres
Schürer)
und beantwortet die Frage, was sie tun sollen, damit sie nicht unwert
des
Reiches Gottes befunden werden: „Nehmet nicht mehr, als wozu ihr
angewiesen
seid“ — also seid redlich! Keine Silbe mehr. Das zweite Wort
beantwortet
die gleiche Frage, von Soldaten gestellt: „Beunruhiget niemanden,
erpresset
von niemand und lasset euch genügen
134
DER HEILAND
— DIE
RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
an
euerem Solde“ (3, 12 fg.). Bedenkt
man nun die grundsätzliche Ablehnung des militärischen
Berufes
seitens der Juden sowie die altchristliche Scheu vor
Blutvergießen,
die in unseren Tagen zu den Überspanntheiten eines Tolstoi
führte,
so begreift man die Bedeutung eines solchen Wortes und seine enge
Beziehung
zu des Heilandes Religionslehre. Ähnlich steht es in bezug auf
seine
Beurteilung der Seelengefahren, die der Besitz irdischer Güter mit
sich bringt. Wohl spricht er das Wort: „Es ist leichter, daß ein
Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in das
Reich
Gottes eingehe“ (Mark. 10,
25); er fügt aber sofort hinzu: „Bei
Menschen
ist es unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alles ist möglich
bei Gott“, und im vorangehenden Vers, wo wir jetzt lesen: „Wie schwer
werden
die Reichen in das Reich Gottes eingehen!“ las man in einem
früheren
Text: „Wie schwer werden diejenigen, d i e a u
f i h r e B e s i t z t
ü
m e r v e r t r a u e n, in das Reich Gottes
eingehen“ — wodurch wieder
aller
Nachdruck auf die innere Gesinnung zurückverlegt wird: nicht
darauf
kommt es an, ob einer reich ist, sondern auf seine Auffassung der
Bedeutung
seines Reichtums. Dies geht auch aus einer anderen Stelle hervor, wo
der
Heiland angeblich von dem „T r u g des Reichtumes,
welcher das Wort
ersticke“,
gesprochen hätte — so lasen wir bisher (Matth. 13, 22), und diente
das Wort asketischen Predigern zum Text. Nun haben aber neuere
Forschungen
und Entdeckungen uns erst jetzt eine genaue Kenntnis des damaligen
Volksgriechisch
verschafft, der Sprache, in welcher die Schriften des Neuen Testamentes
verfaßt sind, und da stellt es sich heraus, daß das Wort
apate
in der hellenistischen Zeit nicht mehr wie früher „Trug“
bedeutete,
sondern Vergnügen, Genuß; folglich hat den Heiland nicht
behauptet,
die Güter dieser Welt seien auf alle Fälle ein Trug und
erstickten
das Wort, vielmehr geschehe dies, wenn der Reichtum lediglich zum
Genusse
diene, anstatt als ein anvertrautes, von Gott zu edlen Zwecken
gespendetes
Gut verwaltet zu werden (vergl. Milligan, N. T. Documents, S. 75). Wir
wissen außerdem, daß Jesus nicht nur von reichen
Häusern
Einladungen annahm, sondern daß er mit wohlhabenden Familien nahe
befreundet war und ihnen gestattete, ihm und seinen Jüngern „aus
ihrem
Vermögen zu helfen“ (Luk.
8, 3).
Erst wenn wir alle
diese Dinge uns vergegenwärtigen und uns ohne jede kirchliche
Voreingenommenheit
reiflich überlegen, was
135
DER HEILAND
— SONDERSTELLUNG
DIESER RELIGION
sie
zu bedeuten haben, geht uns das
Verständnis
für Worte auf wie: „Mein
Joch ist sanft und die Last, die
ich zu tragen gebe, ist leicht“ (Matth.
11, 30). Man überlege
sich,
welche unerträgliche „Last“ das nachexilische Gesetz dem
unglückseligen
jüdischen Volke auferlegt hatte; kein Wunder, wenn Nehemia
berichten
muß: „Da weinete alles Volk, da sie die Worte des Gesetzes
höreten“
(Kap. 8—10). Nicht gering ist aber auch die „Last“, welche die
christlichen
Kirchen den Gewissen auferlegen: da gibt es äußerliche
Gebote
in Hülle und Fülle, Gebräuche, die zum Seelenheil
unerläßlich
sein sollen; weit schlimmer aber erachte ich die Seelenpein des
Glaubenszwanges
an hundert unbegreifliche Dinge, bei Androhung ewiger
Strafen.....
Von dem allen finden wir bei Jesu keine Spur: er verlangt einfach,
daß
ein jeder die Gegenwart des Vaters empfinde und „barmherzig werde, wie
der Vater barmherzig ist“; auf diesem Wege „werden wir Söhne des
Höchsten,
der auch gegen die Bösen und die Undankbaren freundlich milde ist“
(Luk. 6, 35 mit Hinzuziehung
des ältesten Textes).
*
Dem Leser wind sich wohl von
selbst
nach und nach die Überzeugung aufgedrängt haben, daß
diese
Lehre vom göttlichen V a t e r und
vom R e i c h e G o t t e s
außerhalb
von allem steht, was wir Menschen sonst gewohnt sind uns als „Religion“
und als „Kirche“ vorzustellen; er hat jedoch zugleich einsehen gelernt,
daß es sich keineswegs um eine bloße Sittenlehre handelt;
vielmehr
wird zu einer höchsten Steigerung lebendiger Glaubenskraft
angefeuert,
und erst wenn diese den Menschen in die unmittelbare Gegenwart
des V a
t e r s geführt hat, erfolgt daraus eine tiefgreifende
Umwandlung,
die mit einer Neugeburt zu vergleichen ist.
Wie neu die Botschaft
auch ist,
die der Heiland den Menschen bringt, und wie schwer es darum auch
fällt,
sie an irgendwelche uns vertrauteren Erscheinungen des
Gemütslebens
anzugliedern, es hilft doch sehr zu einem volleren Verständnis,
wenn
man aufmerksam wird, daß Männer aus der arischen
Verwandtschaft
das, was Jesus in der Vollendung lehrte und lebte, zu verschiedenen
Zeiten
und an verschiedenen Orten, unter Anspannung aller Geisteskräfte
erstrebt
haben. Um sich davon zu überzeugen, wolle den Leser die Stelle
136
DER HEILAND
— SONDERSTELLUNG
DIESER RELIGION
im
ersten Kapitel über den ganz
reinen Gottesbegriff, wie ihn die arischen Inder und die arischen
Germanen
gefaßt haben, über den Gott, den Meister Eckehart „einen
bleibenden
Gedanken in der Seele“ nennt, nachschlagen (S. 28). Erhaben über
alle
diese tastenden Versuche edler Sehnsuchtsvoller steht Jesus von
Nazareth
— er, der nicht sucht, sondern „redet, was er weiß“ (Joh. 3, 11);
doch fühlt man sich dort wie hier von der gleichen Luft umweht und
erfährt, wohin man sich zu wenden hat, wenn man auf menschlichen
Wegen
dem Heilande nahen will. Auch jene Männer erstreben mit ihrem
Gottsuchen
etwas anderes, als was ihre Religionen ihnen bieten, und preisen sich
glücklich,
wenn sie mystische Tiefen erreichen, in denen alle Formen und Formeln
von
ihrem belasteten Gewissen abfallen und sie die Gegenwart des
höchsten
guten Wesens, des V a t e r s, empfinden. Diese
Armen wurzeln aber so
unentwirrbar
fest in verwickelten Religionsvorstellungen, daß sie sich nur
äußerst
mühevoll hinauswinden, ohne je die volle Ungebundenheit erreichen
zu können, — immer stand und steht noch heute eine letzte
trennende
Wand zwischen diesen Männern und ihrem Ziele; wohingegen der
Heiland
in vollkommener Freiheit von oben herunter schwebt und aus dieser
vollendeten
Meisterschaft die Einfachheit und Einfalt seiner unergründlich
tiefen
Lehre sich von selbst ergibt. Er zimmert kein Gefüge von
Glaubenssätzen,
stiftet keine Kirche, lehrt keine Gebräuche und
Andachtsübungen,
durch welche ein Gott gnädig gestimmt werden soll, er sieht
lediglich
auf eine tatsächliche B e w e g u n g im
Seelenleben des Menschen,
auf ein tatsächliches Emporstreben seines Willens zu dem
Höheren
(S. 27 fg.), das der Mensch
über sich ahnt und weiß, auf ein
entschiedenes Ergreifen der Gotteshand; darum fragt er nicht, aus
welcher
Gegend menschlicher Wahngedanken der Einzelne herkommen mag, noch
verurteilt
er die verschiedenen angelernten Religionsgebräuche: was uns — in
Raum und Zeit Befangene — entscheidend dünkt, ist für ihn
ohne
Bedeutung; er verfolgt ein einziges Ziel: uns in die Gegenwart des
Vaters — und das heißt in
das Reich
Gottes
— einzuführen. Hierhin steht aus jeder Richtung der Weg offen; und
hier angelangt, fällt alles andere ab, weil der Mensch
d u r c h d i e s e
T a t als ein Umgewandelter in die Zeitlosigkeit
eingetreten ist: diese
Tat, dieses Ereignis nennt der Heiland G l a u b e n,
und von ihm
gelten
die Sprüche:
137
DER HEILAND
— NACHWORT:
ÜBERGANG ZUM „CHRISTENTUM“
„Fürchte
dich nicht, glaube nur!“
(Mark. 5, 36) und: „Wenn du
glaubst, kann dir alles werden“ (Mark.
9,
23
nach dem ältesten Text).
—————
N a c h w o
r t
Ich breche
hier ab; denn es
handelt
sich um Dinge, die bloß angedeutet werden können und bei
denen
— wie ich mich durch den Versuch überzeugt habe —
Ausführlichkeit,
indem sie Worte und Bilder häuft, den Eindruck des
Unaussprechlichen
schwächt und verundeutlicht: genügt das Gesagte, einige zu
Jesu
selbst hinzuleiten, so haben meine Ausführungen ihren Zweck
erfüllt.
Ein paar Worte sollen eine Brücke schlagen von dieser Betrachtung
über den Heiland und seine Lehre zu den drei folgenden Kapiteln
über
das, was die Menschen aus dieser Erscheinung und dieser Lehre machten,
und woraus die kirchliche Religion entstand, die wir Christentum
heißen.
Um es kurz vorweg zu
nehmen: die
Lehre Jesu entschwand, weil unverstanden; doch ihr V e r k
ü n d e
r blieb, und damit blieb der lebendige Quell
göttlichen Segens der
Menschheit erhalten. Der V a t e r, von dessen
unmittelbarer Nähe
Jesus uns hatte überzeugen wollen, thronte nunmehr in
Weltenfernen,
und das G o t t e s r e i c h, nach dem wir uns
bloß zu bücken
brauchten,
um es zu besitzen, das Reich, das uns schon in diesem Leben wie ein
Baum
umschirmte, in dessen Zweigen lustige Vöglein sangen, sollte sich
uns erst lange nach dem Tode und nach dem furchtbarsten Gerichte, das
ewige
Strafen androhte, auftun; auch Jesus selber rückte uns —
als
C h r i s t u s
— immer ferner: erst hieß er „das Ebenbild des unsichtbaren
Gottes“
(ein an und für sich recht dunkler Ausdruck), — kaum stehen diese Worte aber auf dem
Papier, als sie dem Schreiber nicht mehr genügen, und Jesus
Christus
wird selber der Weltenschöpfer, „alles ist durch ihn und auf ihn
geschaffen,
und er ist vor allem, und alles besteht in ihm“ (Kol. 1, 15 fg.); doch
neben Christus, dem Gotte, blieb — dank den Evangelien — Jesus der
Menschensohn
bestehen; er war der M i t t l e r, und fortan
glaubten die Menschen an
Gott
„durch Jesum Christum“. In diesem Worte — wie schon früher bemerkt
(S. 79) — liegt der ganze Segen der christlichen Kirchen
eingeschlossen:
die innere Gewalt dieser Erscheinung siegt über jegliche
Verzerrung,
über jeglichen mensch-
138
DER HEILAND
— NACHWORT:
ÜBERGANG ZUM „CHRISTENTUM“
lichen
Wahngedanken, über alle
urpriesterlichen
Vorstellungen aus der Kindheit den Menschheit, die wir als Ballast
weiterschleppen
— und immer von neuem steht diese Erscheinung da, strahlend in ihrer
Einfalt
und Ruhe, — unantastbar. Zu ihr flüchtet aus den verschiedenen
Bekenntnissen,
wer nur fähig ist, religiösen Segen zu empfangen — und er
empfängt
ihn, gleichviel was er sonst noch alles an abergläubischem Beiwerk
seinen armen strebenden Seele aufgebürdet haben mag.
Innerhalb der
frühesten,
noch werdenden Christenheit führte das Mittlertum Jesu zu
Deutungen,
deren Verschiedenheit heute von den Meisten übersehen wird: so z.
B. knüpften die drei ersten Evangelisten an allgemein im Volk
verbreitete
Vorstellungen an, namentlich an diejenige eines zu erwartenden
gottgesandten
Helden, der das Reich Davids von neuem aufrichten sollte — des
„Messias“
(auf griechisch: Christus), wogegen Paulus — durch die Rabbiner in die
Kunst der Schriftdeutung eingeführt und zugleich seit früher
Jugend von hellenistischen Religionsvorstellungen umgeben — es
unternahm,
das ganze Alte Testament zu
einem neuen Weltenmythos umzudichten, in
welchem
Jesus von Anfang bis zu Ende die mittlere Gestalt bildet, wodurch der
Begriff
des Messias völlig umgewandelt wird. Johannes seinerseits
schloß
sich der hellenistischen Gnostik an, um sie desto wirksamer
bekämpfen
zu können, und faßte Jesum als den
verkörperten L o g o
s auf.
Da diese drei
Auffassungen
nebeneinander
bestehen blieben — dazu als ein Viertes, die von den Evangelien
aufbewahrte
Gestalt und Lehre des echten Jesus, so entstand in den Kirchenlehre
eine
unlösbare Verwirrung; doch eines war allen gemeinsam:
das M i t t l e r t
u m Jesu Christi zwischen Mensch und Gott, und dies blieb und
bleibt der
religiöse Angelpunkt jedes wahren Christentums.
Letzte Änderung
am: 2 Juli 2005