Hereunder follows the transcription of chapter 3 of Houston Stewart Chamberlain's Mensch und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first edition appeared in 1921.

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Vorwort

Kapitel 1. Mensch und Gott
Kapitel 2. Der Mittler
Kapitel 3. Der Heiland
Kapitel 4. Die Evangelien
Kapitel 5. Paulus
Kapitel 6. Die christliche Kirche und die Religion Jesu
Verzeichnisse
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III.
DER HEILAND
 
DIE OFFENBARUNG DES GEHEIMNISSES, DAS
DURCH WELTALTER HINDURCH VERSCHWIEGEN
BLIEB, NUN ABER GEOFFENBART IST.
(P A U L U S   D E R   A P O S T E L)

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(Leere Seite)

75 DER HEILANDGESCHICHTLICHKEIT JESU CHRISTI
Ein jedes Jahrhundert bringt seinen eigenen Wahnwitz hervor, geboren aus falschen Richtungen, in die sein Denken mit historisch bedingter Notwendigkeit hineingerät; späteren Zeiten offenbaren sich solche Wahnvorstellungen ohne weiteres als Irrtümer, ja, stechen ins Auge, doch solange ihre Herrschaft anhält, sind auch die gescheitesten Menschen — der Mehrzahl nach — wie von Blindheit geschlagen. Unter den zahlreichen hierher gehörigen Narreteien des neunzehnten Jahrhunderts wird künftigen Geschlechtern gewiß keine ärger dünken als die in verschiedenen Abarten immer wieder aufgetretene und mit Beifall aufgenommene Lehre, Jesus von Nazareth sei eine mythische Gestalt, also eine von Menschen erdichtete, keine wirkliche Persönlichkeit, die in Fleisch und Blut einstens auf Erden wandelte. Nach den Einen soll es überhaupt keinen Menschen dieses Namens gegeben haben (so z. B. nach J. M. Robertson: Christianity and Mythology, 1900); andere — ernster zu nehmende — Gelehrte leugneten nicht das Dasein Jesu, hielten ihn jedoch für einen mehr oder weniger obskuren galiläischen Religionsschwärmer und Volksaufwiegler, dergleichen aus der Geschichte eine Anzahl bekannt sind, erklärten aber die evangelischen Berichte im wesentlichen für freie Erfindungen, die Jesu zugeschriebenen Worte für unecht, kurz, die der europäischen Menschheit seit bald zwei Jahrtausenden vertraute Gestalt für ein erdichtetes Phantasiegebilde — erdichtet nämlich von Paulus, dem Rabbinenschüler, und einer kleinen Gruppe von Fanatikern, die sich bald erweiterte, indem der religiöse Wahnsinn um sich griff und von allen Seiten neuen mythischen Stoff herbeibrachte, so daß in kurzer Zeit ein vollständiges Lehrgebäude dastand, aus lauter Luftgebilden aufgezimmert. Diese Versuche, die Persönlichkeit des Heilandes alles Eigenlebens zu berauben, reichen von David Friedrich Strauß im Jahre 1835 bis zu Artur Drews im Jahre 1909. Es ist nicht meine Absicht, auf diese Literatur einzugehen; wer sich damit beschäftigen will, sei auf das vortreffliche Werk von Albert Schweitzer, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, verwiesen. Ich, für mein Teil, beklage jede Stunde, die ich — von pedantischer Gewissenhaftigkeit getrieben — auf sie verwendete. Selbst ein Strauß — dessen Wissen und Können Hochachtung verdienen — vermochte nicht anders: einmal auf die grundfalsche Fährte geraten, mußte er sich

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immer tiefer ins Dickicht der Ungereimtheiten, der Unmöglichkeiten und zuletzt der Unsinnigkeiten verstricken; seine Nachfolger aber und Überbieter — ihm an Fachkenntnissen nicht ebenbürtig — haben es bis zu einem solchen Grad von Widersinn gebracht, daß man sich fragen muß, ob sie ihre Leser zum Besten haben, oder ob ihre eigene Urteilskraft wirklich vollkommen Schiffbruch erlitt?
    Inzwischen ging die gesamte wahre Wissenschaft — und zwar in allen ihren Schattierungen, von der strengsten Rechtgläubigkeit bis zum Freisinn und bis zu den erklärten Gegnern der christlichen Religionsgedanken — den genau entgegengesetzten Weg, beseitigte einen historischen Zweifel nach dem anderen, entdeckte viele Dokumente und Inschriften, die alle in dieselbe Richtung wiesen und zugleich mit neuer Aufklärung neue Bestätigung brachten; heute — das darf man ohne Übertreibung als gesicherte Tatsache behaupten — sind die ersten christlichen Jahrhunderte genauer bekannt als manche uns näherliegende, und zwar — trotz aller noch klaffenden Lücken — bis in Einzelheiten hinein, über welche Kunde zu gewinnen frühere Forschung niemals zu hoffen gewagt hätte. Es gehört unverfrorene Keckheit und naive Beschränkung dazu, noch im zwanzigsten Jahrhundert zu behaupten, Christi Leben stelle den Gang der Sonne durch den Tierkreis dar, und der Apostel Petrus sei nichts anderes als der aus der hellenischen Göttersage bekannte Proteus, der im Auftrag Poseidon's „die Lämmer weide“! Derartiger Unsinn findet aber den wirksamen Beistand unserer jüdischen Weltpresse, die mit sicherem Instinkt alles aufgreift, was ihr geeignet erscheint, dem verhaßten Christentum zu schaden; infolgedessen erfährt der Laie — wenn er nicht besondere Verbindungen besitzt — von den wahren Ergebnissen der Wissenschaft so gut wie nichts.
    Eine weitere Erwägung verdient jedoch nicht geringere Beachtung als die vorangehende.
    Wären die Quellen noch ärger verschüttet, als sie es sind, und wären dadurch der wissenschaftlichen Forschung die vielen Ergebnisse, auf die sie heute mit freudigem Stolze hinweisen kann, versagt geblieben, die Geschichtlichkeit Jesu Christi und des Kreises seiner ersten Jünger und Anhänger, sowie die Zuverlässigkeit in allen wesentlichen Zügen der Berichte über sein Leben, sein Lehren

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und sein Sterben stünde nichtsdestoweniger für jeden gesund urteilenden Menschen unerschütterlich fest. Umwälzende Religionsbewegungen sind stets — das lehrt alle Geschichte — von mächtigen, einsam dastehenden Persönlichkeiten ausgegangen: weitreichende Wirkungen auf die Seelen vieler Menschen vermag nur eine übergroße Seele zu gewinnen, eine Seele, wie sie im Verlaufe der Jahrtausende kaum einmal auftritt. Freilich entstehen unter dem Druck weltgeschichtlicher Ereignisse und Zustände besondere Geistesstimmungen, die sich, wie Krankheiten, durch Übertragung verbreiten und bis zum Massenwahnsinn steigern können: in diesem Zusammenhang wäre auch auf die Sehnsucht nach jener Gemütsverfassung, die wir   G l a u b e n   nennen und die wir im vorigen Kapitel kennen lernten, zu verweisen. In der Zeit um Christi Geburt ergriff diese Sehnsucht die verschiedenen Völker des römischen Reiches: alte Religionen erwachten plötzlich zu neuem Leben, selbst das sonst jeden Fremden abweisende Judentum ließ sich damals vorübergehend auf Bekehrung ein und gewann — namentlich unter den Frauen — zahlreiche Proselyten; neue Kulte entsprangen der fruchtbaren Einbildungskraft der asiatischen Mischvölker; der Staat selbst gewährte Schutz und Unterstützung. Alle diese Versuche, dem Gemüte die ersehnte Labung zuzuführen, fanden Anhänger und Bekenner, und zwar um so mehr, als keine Religion die anderen befehdete: wer heute im Hause des Mithras seine Andacht verrichtet hatte, schloß sich morgen dem glänzenden Umzug der Isispriester an; so jagte jeder dem Heile nach. Eine derartige Gärung im Seelenleben der Völker hat natürlich etwas zu bedeuten und führt namentlich leicht zu Katastrophen; doch besitzt sie an und für sich nicht die geringste Gestaltungskraft; die neuere Psychologie und Medizin hat diese Erscheinungen als Wirkungen der sogenannten Suggestion nachgewiesen, deren Wesen eine Schwächung der Urteilskraft und Lähmung des Eigenwillens zugunsten blinder Herdeninstinkte ausmacht, folglich so fern wie möglich von Schaffenskraft und freier Gestaltensfreude steht. Unzulässig erscheint daher von vornherein der Gedanke, es könnte aus der Gemeinschaft von Hunderttausenden gewöhnlicher und dazu noch seelisch geschwächter und verirrter Menschen — wie die damaligen es fraglos waren — eine neue, alle bisher bestehenden umstürzende Weltanschauung hervorgehen —

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eine ganz und gar neue Auffassung von der Würde des Menschen, fußend auf einer ganz und gar neuen Vorstellung von seinem Verhältnis zu Gott. Wären — etwa infolge einer gewaltigen Erderschütterung — sämtliche schriftlichen Zeugnisse, welche von der Begründung und der ersten Entwickelungszeit berichten, vernichtet worden, — die bloße Tatsache des Daseins der christlichen Glaubenslehre und Gemütsverfassung würde mit unabweisbarer Notwendigkeit auf einen Stifter hinweisen. Nun sind wir aber, wie schon bemerkt, außerdem in der Lage, die ersten Schritte des ins Leben tretenden Christentums mit erstaunlicher Genauigkeit zu verfolgen; ein jeder sollte sich um diese Kenntnis bemühen — wozu als beste Einführung Adolf Harnack's Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten dienen mag: wer, anstatt das Christentum in dumpfer Selbstverständlichkeit als gegebene Tatsache hinzunehmen, sich über diese Anfänge unterrichtet, wird das größte Wunder der Weltgeschichte sich vor seinen Augen entrollen sehen. Die Wunder, welche die Evangelisten Jesu Christo zuschreiben, reichen alle nicht an dieses Wunder der Ausbreitung des Christentums heran. Es ist der Sieg des Geistes über den Stoff, der Sieg reiner Glaubenskraft über die stärkste Herrschergewalt, die je auf Erden regiert hat. Auf der einen Seite eine Handvoll Menschen ohne Ansehen, ohne Mittel, ohne Einfluß, auf der anderen Seite das Imperium Romanum, in eherner Unüberwindlichkeit sein Veto ihnen entgegenschleudernd. Die alten Staatsreligionen und die verschiedenen Mysterienreligionen, die alle miteinander auf dem besten Fuße gegenseitigen Sichvertragens lebten, sind von Anfang an einig in der haßerfüllten Ablehnung des Christentums, welches ihnen seinerseits ebenfalls die Daseinsberechtigung absprach, so daß ein Kampf auf Leben und Tod vom Christentum selber heraufbeschworen wurde. Allen voran hetzt das schon damals einflußreiche Judentum und veranlaßt die ersten grausamen Verfolgungen; immer von neuem wiederholen sich diese, und selbst der Philosoph auf dem Kaiserstuhle, sonst Verkünder allseitiger Duldsamkeit, versucht die verhaßten Christen durch Feuer, Schwert und wilde Tiere auszurotten. Keine politische Gegenwirkung irgend einer Art steht den über die Welt zerstreuten Christen zur Verfügung; jede Verteidigung durch Waffengewalt ist ausgeschlossen; sie können nur dulden und sterben:   w i e   sie das

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tun, haben wir im vorigen Kapitel an dem Beispiel des Ignatius von Antiochia gesehen. Weltlich betrachtet ist die Fortdauer des Christentums über die zwei ersten Jahrhunderte hinaus — geschweige denn sein Sieg — gar nicht zu erklären; es handelt sich eben, wie schon gesagt, um einen Sieg rein geistiger Kräfte über alles, was den Menschen sonst aus Bedürfnis, Instinkt und Leidenschaft bestimmt. Man kennt das Wort Cecil Rhodes', wert, für alle Zeiten als das Bekenntnis des Antichristen angenagelt zu werden: „Jedermann ist zu kaufen; nur der Preis ist verschieden“; hier nun fanden sich viele tausend Männer, Frauen und auch Kinder bereit, alles, was das Leben ihnen bot und versprach, jeden Augenblick hinzuopfern und ohne Zagen in den qualvollsten Tod zu schreiten; was ihr Geist festhielt, galt ihnen als höchstes Gut: eine Umwandlung, eine Neugeburt mußte bei ihnen stattgefunden haben. Und was hatte sie bewirkt? Woher stammte diese neue, der damaligen Welt unbekannte Kraft? In ihre Seelen war der   G l a u b e   eingezogen. Und welcher Glaube?   D e r   G l a u b e   a n   G o t t   d u r c h   J e s u m   C h r i s t u m.   Die alte Empfindung von der Gegenwart eines „höchsten guten Wesens“, eines „Vaters im Himmel“ (siehe S. 24), war nach und nach bei zunehmender Verwickelung der Zivilisation und steigender Verfeinerung der Kultur verloren gegangen; Jesus brachte die Kunde von diesem Gotte wieder, und zwar auf einer höheren Stufe des bewußten Erfassens, wodurch Mensch und Gott sich unmittelbar nahetraten. Dieser plötzlich aufblühende Glaube lebte aber zunächst nur im Herzen des einen Unvergleichlichen; erst von diesem Herzen aus strahlte er in die anderen Herzen hinein: der Weg zu Gott führte durch Jesum hindurch; kein anderer Weg führte hin.
    Wir haben die Menschen gesehen, wie sie voll Sehnsucht die Arme nach einem   M i t t l e r   ausstreckten und diesen aus ihrer Phantasie zu gebären suchten: sie kamen nie ans Ziel, Phantasiebild blieb Phantasiebild, nie gelangten sie zum Glauben. Nun aber war der Mittler erschienen! Vor seinem bloßen Antlitz blieben alle guten Menschen erschüttert staunen; sein Auge drang bis in die letzten Tiefen ihrer Seelen, dort Kräfte weckend oder spendend — wer könnte das entscheiden? —‚ von denen sie bisher nichts geahnt; und als dann sich sein Mund zu Worten öffnete, dergleichen nie gehört worden waren, glaubten sie Gott selber reden zu hören. Es genügte

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ein „Steh' auf und folge mir nach!“ — und die Welt mit ihren Sorgen und Hoffnungen, mit ihren Leiden und Freuden war vergessen. Diese Jünger waren weder an Mitteln noch an Geist reich; auch nahmen sie ihr Erlebnis nicht mit bewußtem, unterscheidendem Denken auf; bei einiger Überlegung aber verstehen wir recht gut, daß gerade solche Menschen die geeignetsten waren, ein unerhört Neues rein widerzuspiegeln; zwar spiegeln sie zugleich die Vorstellungen ihrer Zeit wider — das geschieht aber mit so vollkommener Einfalt, daß die Entwirrung geringe Schwierigkeiten macht: wahnwitzig ist es, gerade diesen ersten Trägern des Christentums irgendwelche eigenmächtigen mythischen und sonstigen religionsbildenden Zutaten zuzuschreiben; dazu waren sie ebenso unfähig wie ungewillt. Eine einzige Ausnahme — sowohl in bezug auf Bildung wie auf Begabung — bietet der Apostel Paulus; doch gerade diesen sind wir in der Lage, am Werke genau zu verfolgen: gewiß unterliegt er mannigfaltigeren Einflüssen als seine galiläischen Genossen — wir werden später darüber zu reden haben —‚ doch je genauer sein Lehren erforscht wird, um so mächtiger erweist sich der Einfluß der von ihm genau gekannten Worte und Weisungen Jesu (siehe namentlich die eingehenden Untersuchungen von Paul Feine, Paul Kölbing und Gardner); auch bei ihm sind daher die Zeiteinflüsse unschwer abzusondern.
    Kurz, wir haben es mit wohlbezeugten geschichtlichen Vorgängen zu tun: das können nur Böswillige oder Querköpfige oder Unwissende noch heute in Abrede stellen: die Wissenschaft und die Urteilskraft haben ihr einiges Wort gesprochen.

*

    Hiermit wird nun nicht behauptet, wir besäßen in den Evangelien ein Geschichtswerk in dem Sinne, den wir heute diesem Worte beilegen: gegen ein derartiges Mißverständnis dürfte es kaum nötig sein, Einspruch zu erheben. Wichtig ist dagegen die Erwägung, ob es irgend einem noch so begabten wissenschaftlich vorgebildeten Geschichtsforscher möglich gewesen wäre, ein Buch zu schaffen, das an Inhaltsreichtum und an weltumspannender Wirkungsgewalt dem Buche auch nur von ferne gleichgekommen wäre, das wir besitzen?


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Die Frage kann mit aller Entschiedenheit verneint werden. Es fällt mir schwer, ja, es will mir nicht gelingen, die Worte zu finden für eine Einsicht, die uns Heutigen sehr not tut; vielleicht genügt eine Andeutung, damit der Leser begreife, worauf es hinausgeht.
    So unvollkommen, lückenreich, nebelhaft, ungreifbar die Nachrichten sind, die wir über den Heiland besitzen, ich bin überzeugt, es wäre einer göttlichen Vorsehung unmöglich gewesen, ein passenderes Gefäß für die Mitteilung zu finden, auf die es hier ankam. Jede Annäherung an protokollarische Genauigkeit hätte die wirkliche Wahrheit ebenso entstellt und ihres pulsierenden Inhalts beraubt, wie das eine Photographie der Natur gegenüber tut. Hier kommt es auf Raum, auf Luft, auf Resonanz an; jede Absichtlichkeit, jedes menschliche Weise-sein-wollen hätte alles ausgelöscht: das gilt von den Worten, wie von den Taten. Die Stimme Jesu vernehmen wir nur dank dem Umstande, daß die Jünger seine Worte zwar in fromme Herzen aufnahmen, sie aber nie ganz verstanden; und hätten sie ihn nicht Wunder wirken sehen, sie wären unfähig gewesen, uns sein wunderwirkendes Wesen empfinden zu lassen. Letzten Endes kommt es auf ein Anregen zu eigener Tat an: daß Jesus eine   g e s c h i c h t l i c h e   Person war, bildet nur einen Teil der evangelischen Botschaft; was sie vor allem will, ist, uns von seiner   G e g e n w a r t   zu überzeugen: wir sollen die Augen öffnen und ihn selber erblicken, wir sollen seine Stimme im eigenen Ohre vernehmen. Origenes spricht ein wundervolles Wort: „O, daß auch uns der Herr Jesus seine Hände auf die Augen legte, auf daß auch wir anfingen, nicht auf das zu blicken, was sichtbar ist, sondern auf das Unsichtbare, und er uns... den Blick des Herzens entschleierte, mit dem Gott im Geiste geschaut wird durch ihn, den Herrn Jesus Christus“ (nach Harnack). Hiermit wird genau bezeichnet, was die evangelischen Berichte leisten sollen — und auch leisten, sobald ihr Wort auf empfänglichen Boden fällt:   d e n   B l i c k   d e s   H e r z e n s   e n t s c h l e i e r n!
    Auf die Evangelien werden wir noch in der Folge zurückkommen; für den Augenblick genügt es mir, wenn ich — ohne die Lücken, die Unklarheiten und die Widersprüche in Abrede zu stellen — den Gedanken geweckt habe, daß in diesem einen, unvergleichlichen Falle Verschleierung zu Entschleierung führt.
    Einer der charakteristischen Fehler unserer Zeit, nicht allein

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auf religiösem, sondern auch auf naturwissenschaftlichem Gebiete, ist das Nichtwissen von dem, was man fragen kann und soll; jede Frage stellen wir, nur nicht diese; täten wir es, es würden mit einem Schlage manche Mißtöne und alberne Vorurteile aus dem Geistesleben unserer Öffentlichkeit entschwinden. Von Gott — das sahen wir im ersten Kapitel — vermag der menschliche Verstand kaum etwas weiter auszusagen, als daß er ist und sein muß, weil wir Menschen sonst keine Menschen wären; im übrigen kann der Verstand, wenn er auf sich selber verwiesen bleibt, kaum über das „neti, neti!“ hinauskommen. Gesetzt also den Fall, das Göttliche wolle sich als Erscheinung unter die Menschen mischen, ist es auch nur denkbar, daß wir Menschen mit unserem derartig beschränkten Verstande fähig wären, uns vorzustellen, auf welche Weise dieses Fleischwerden (Inkarnation) stattfinden würde? Das ist ausgeschlossen: jede hierüber gewagte Aussage kann nur ein Bild, bestenfalls ein Mythos sein. So z. B. sind die vielen Streitigkeiten über die Jungfrauengeburt wohl betrachtet gegenstandslos. Die Erzählung ist an und für sich schön und bedeutungsvoll; auf die behauptete Unmöglichkeit ist kein Gewicht zu legen — belehrt uns doch die Natur alle Tage, daß das, was wir für unmöglich hielten, geschieht; nur kann sich kein Mensch etwas dabei denken, weil Jungfrau und Mutter widersprechende Begriffe sind:

und ein vollkommner Widerspruch
bleibt gleich geheimnisvoll
für Weise wie für Toren.

Es ist auch kein Grund erfindlich, warum bei der Geburt eines göttlichen Wesens der männliche Stamm ausgeschaltet bleiben sollt
— es sei denn, es schwebten dem Geist noch hellenische Vorstellungen von Götterverwandtschaft vor. Die Evangelien lassen bekanntlich diese Frage offen, indem sie sich widersprechen; ganz sicher ist, daß weder Paulus noch Johannes etwas von der Geburt Christi aus einer Jungfrau gewußt haben; Johannes nennt den Heiland einfach Sohn Joseph's (1, 45), und Paulus erwähnt seine Mutter sowie die näheren Umstände seiner Geburt überhaupt niemals — nun aber überlege man sich, welches Gewicht gerade dieser Mann auf eine solche Tatsache gelegt hätte! Er, der der Schöpfer des christlichen Mythos genannt werden muß: sein Schweigen beweist, daß die uns

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in zweierlei Gestalt, aus Matthäus und Lukas, geläufige Erzählung ihm entweder unbekannt war, oder unauthentisch schien; sagt er doch vom Heiland ausdrücklich, „der gekommen ist aus David's Samen nach dem Fleisch“ (Röm. 1, 3). Und der Apostel Johannes sagt überhaupt von allen denjenigen Menschen, welche geeignet sind, „Gottes Kinder zu werden“: „Sie sind nicht aus Blut und nicht aus Fleisches- auch nicht aus Manneswillen, sondern aus Gott gezeugt“ (Joh. 1, 12 fg.). Wieviel weiser waren die frühesten Christen als ihre Nachfolger! Derselbe heilige Märtyrer Ignatius, dem wir bereits wiederholt begegnet sind, schreibt in seinem Brief an die Epheser: „Denn unser Gott, Jesus der Christ, ward nach Gottes Heilsratschluß in dem Leibe der Maria empfangen, zwar aus dem Samen David's, aber doch zugleich aus heiligem Geiste“ (18, 2) — wobei die Worte „Samen David's“ fraglos auf die Vaterschaft Joseph's weisen, da Maria nach ältester Tradition dem Stamme Levi angehörte. Diesem Apostelschüler machte also die Vorstellung, daß Christus als Mensch Sohn Joseph's und zugleich als Gott der Sohn Gottes sei, keine Schwierigkeit, noch fand er darin etwas Entwürdigendes.
    Aus solchen Dingen Zwangsglaubenssätze (Dogmen) zu machen, an die ein jeder zu glauben verpflichtet wird, halte ich für ein Vergehen gegen den Menschengeist und dadurch auch gegen den heiligen Geist Gottes. Denn an Tatsachen, die unser Verstand nicht zu erfassen vermag — wie das Auftreten eines übermenschlichen Wesens auf Erden eine ist —‚ können wir uns nur tastend heranwagen; was dem einen gemäß ist, kann dem andern unannehmbar dünken; jedem muß die Freiheit bewahrt bleiben, sich gottwärts auf dem seiner Natur entsprechenden Wege zu erheben; auf diesem ganzen Gebiete müssen wir den Grundsatz anerkennen: verschiedene Aussagen — auch wenn sie sich widersprechen — können an Wahrheitsgehalt sich gleichkommen. Jesus Christus hat als Mittler zwischen Gott und Mensch auf Erden geweilt und ist für unsere Erlösung gestorben: das können wir wissen; alles Weitere lassen die Evangelien im Halbdunkel — und daß sie das tun, zeugt von göttlicher Meisterschaft.
    Was hier von der Geburt gesagt ist, gilt auch vom Tode — nur in umgekehrter Richtung: in dem einen Fall kann unser Verstand nicht fassen, was voranging, in dem anderen nicht, was nachfolgte.

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Wir können eben immer und überall Jesum nur dort mit den Sinnen wahrnehmen und ihm mit dem Denken folgen, wo er sich als Mensch gibt; sobald er Gott ist, entschwindet er aus diesem Gesichtskreis, und so fest auch das Gemüt durch Glauben an ihm halten mag, jede Aussage über ihn erhält jetzt einen anderen Charakter. Über alle Ereignisse, die dem Tode unmittelbar vorangehen, sind wir besonders eingehend und genau unterrichtet; mit dem Augenblick des Todes sinkt gleichsam ein Nebel vor die Augen herab, die vier evangelischen Berichte stimmen nicht mehr überein und sind teilweise sprunghaft und zweideutig, — weisen auch hier und da sichtbare Spuren späterer Überarbeitung auf.
    Über die Auferstehung ist unübersehbar viel von den Fachgelehrten geschrieben worden; denn nicht allein bringt jeder Kommentar zu jedem der Evangelien und zu dem ersten Briefe Pauli an die Korinther eingehende Ausführungen, sowie desgleichen jedes Leben Jesu, sondern es gibt einen ganzen Buchgaden von Schriften, die einzig der Untersuchung dieser einen Frage sich widmen — und zwar ohne je ein Ergebnis zu erreichen, das die Zustimmung Aller erzwinge. Daran liegt nun wenig oder vielmehr gar nichts: einzig darauf kommt es an, daß man die Einsicht gewinne, hier stehe auf rein logischem Wege kein Ergebnis zu erwarten, weil es sich um Vorgänge handelt, welche die Welt der Erscheinung, auf deren Erkenntnis unser Verstand und die ihm dienenden Sinne eingeschränkt sind, zwar berühren und gleichsam durchqueren, zum größeren Teil aber außerhalb dieser Grenze sich abspielen.
    Daß die ersten Christen an die Auferstehung Jesu von den Toten glaubten, bedarf keines Beweises: das Christentum entstand ja als Folge der Auferstehung, und lange Jahre lautete der Gruß der sich Begegnenden: „Christ ist erstanden!“ Man mag sich dieses „Auferstehen“ denken und deuten wie man will — an der Tatsache selbst kann kein urteilsfähiger Mensch vorbeikommen. Zwar haben die Juden sofort behauptet, die Jünger hätten den Leichnam aus dem Grabe gestohlen, um dann aussagen zu können, ihr Meister sei von den Toten auferstanden; doch überzeugt die geringste Überlegung, daß diese plumpe Erfindung zugleich Unmögliches und Unzureichendes aufstellt. Die erschrockenen, durch die Hinrichtung ihres Führers aller Hoffnung beraubten Jünger waren geflohen und hielten

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sich verborgen; außerdem war ihnen der Begriff einer Auferstehung fremd, denn er gehörte nicht zu den damals im Judentum geläufigen Vorstellungen, und wir wissen, daß sie Worte des Heilandes, die auf seine Auferstehung nach dem Tode hindeuteten, sich nicht erklären konnten: „Und die Jünger verhandelten unter sich, was das heiße, von den Toten auferstehen“ (Mark. 9, 10 und siehe z. B. Joh. 2, 22): es ist ihnen darum weder die Fähigkeit, den Raub auszuführen, noch der Gedanke, es zu tun, zuzutrauen. Weit mehr ins Gewicht fallen aber gegen diese Behauptung zwei andere Erwägungen. Erstens erscheint bei diesen einfachen Galiläern, unter denen damals kein einziger Mann von hervorragender Energie und Initiative zu finden war, ein derartiger macchiavellistischer Plan unbedingt ausgeschlossen, ebenso wie die geistige Kraft, auf diesem Wege eine neue Religion gründen zu wollen. Zweitens aber ist es geradezu hirnverbrannt, vorauszusetzen, eine zwischen zwei oder drei Dunkelmännern verabredete Lüge hätte genügt, die unaufhaltsame Bewegung hervorzurufen, die sofort Hunderte und Tausende von Menschenherzen ergriff, mit himmlischem Hoffen erfüllte und zu unerschütterlichem Gottesglauben stählte. Mit Recht erwidert Origenes dem Leugner Celsus, das Benehmen der Jünger, ihr plötzlich hell auflodernder Glaube, die in ihnen geweckte, allen Hindernissen trotzende Tatkraft und die Überzeugungsgewalt, die sie über Tausende gewannen, diese unleugbaren geschichtlichen Tatsachen seien an und für sich der bündigste und unwiderleglichste Beweis, daß sie den von den Toten auferstandenen Jesum mit Augen gesehen hätten, denn aus diesem überwältigenden Erlebnis hätten sie erst die Kraft zu allem Weiteren geschöpft (Buch 1, Kap. 31). Dieses Urteil trifft heute ebenso zu wie im Jahre zweihundert, wo es gefällt wurde; ja, ich behaupte: das Dasein des Christentums beweist die Tatsache der Auferstehung. Wie der Apostel Paulus an die Korinther schreibt: „Ist aber Christus nicht auferweckt, so ist euer Glaube umsonst.... Wenn wir nichts haben als die Hoffnung auf Christus in diesem Leben, so sind wir die beklagenswertesten aller Menschen“ (1. Kor. 15, 17, 19).
    Wie die Auferstehung zu denken sei, das ist eine ganz andere Frage. Ich für mein Teil schließe mich einem der bedeutendsten Köpfe unter den zeitgenössischen deutschen Theologen an, dem kritisch und durchaus frei denkenden Friedrich Loofs, und bekenne,

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„daß niemand sich mit seinem Denken über unsere bisherige Erfahrung hinausrecken kann: wie das, was die Jünger erlebten möglich war, — das weiß ich nicht.... Ich weiß es nicht und ich halte Nichtwissen hier nicht für Wahrheitsscheu“ (Die Auferstehungsberichte und ihr Wert, 3. Aufl., S. 40 fg.). Freilich wäre es von Interesse zu wissen, wie die Männer, die den Auferstandenen erblickten, ihre Vision deuteten; doch läßt sich aus den Berichten nichts Genaues und namentlich nichts Übereinstimmendes entnehmen: einige schildern Umstände, die eine massive Körperlichkeit ausschließen, andere betonen gerade diese. Nur über eines Mannes Urteil wissen wir genau Bescheid: der Apostel Paulus schreibt in dem selben Kapitel, in welchem er die Erscheinungen des Auferstandenen aufzählt: „Das aber sage ich, Brüder, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht ererben kann, noch erbt die Verwesung die Unverweslichkeit“ (1. Kor. 15, 50), und noch mehr dergleichen, und in seinem Briefe an die Philipper unterscheidet er zwischen dem irdischen „Leib unserer Erniedrigung“ und dem „Leib der Herrlichkeit“ des auferstandenen Jesus (3, 21). Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß dieser Bedeutendste unter den ersten Christen nicht an eine Auferstehung des gestorbenen Körpers dachte, sondern an das Weiterleben in verklärter Gestalt außerhalb der uns geläufigen Bedingungen irdischen Daseins (1. Kor. 15, 44 fg.). Dies bestätigt entscheidend ein Umstand, den mancher wohl übersieht: Paulus zählt alle Erscheinungen des Auferstandenen, von denen er weiß, der Reihe nach auf (am selben Ort, Vers 5 fg.), erwähnt aber mit keiner Silbe des leeren Grabes noch des damit zusammenhängenden Besuches der Frauen — das leere Grab besaß also für ihn keine Bedeutung, vielleicht hielt er diese Erzählung für eine fromme Legende. Um den Zusammenhang zu übersehen und somit auch richtig beurteilen zu können, muß man folgende Tatsache kennen und bedenken.
    Wir hörten oben von der böswilligen Märe der Juden, Christi Jünger hätten seinen Leichnam aus dem Grabe heimlich entfernt. Mancher Leser wird sich gefragt haben, was diese Entweihung der Grabesruhe hätte bezwecken sollen? Die Semiten und mit ihnen die Juden — bei dem groben Materialismus, der ihr religiöses Leben von dem anderer Menschen unterscheidet — sind unfähig, sich ein künftiges Leben vorzustellen, wenn nicht der selbe Körper diesem

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neuen Leben auch weiterhin als Träger dient. Ich kann hierfür das vor wenigen Tagen erschienene Werk von Wilamowitz-Moellendorff, Platon (1919, 1, 335) anführen: „Wer für die semitische Denkart nicht dem Tode verfallen ist, wer also weiter wirkend gedacht wird, muß entweder samt seinem Körper in die Unsterblichkeit erhoben, oder samt seinem Körper aus dem Tode auferstanden sein“; während der Hellene schon zu Homer's Zeiten mit der Vorstellung einer „unsinnlichen Körperlosigkeit“ vertraut war, „kann der Semit vom Körperlichen nicht los“. In diesen Vorstellungen waren die Jünger Christi samt ihrer Umgebung aufgewachsen; das darf nicht übersehen werden: denn daraus erst versteht man die Beschuldigung der Juden, und zugleich wirkt dieser jüdische Materialismus auf die Auffassung der Jünger von ihren Erlebnissen, infolgedessen auch auf ihre Darstellung. Paulus aber, als religiöses Genie, der außerdem seit früher Jugend unter dem Einfluß einer hellenistischen Umwelt gestanden hatte, faßte, wie wir sahen, die Auferstehung Christi anders auf und bedurfte für sie keines Aufbrechens der Grabespforte. Allerdings mag Wilamowitz mit der feinen Bemerkung recht haben, Paulus bleibe insoferne Materialist, als der von ihm gelehrte „pneumatische Leib“, aus „himmlischem Stoffe“ gemacht, noch immer ein   L e i b   sei; doch meine ich, er habe damit einen so bedeutenden Schritt auf dem Wege zur Idealisierung getan, daß man füglich von ihm nicht mehr erwarten konnte. Bekanntlich ist die Kirche ihm nicht gefolgt, vielmehr blieb sie in der groben Sinnlichkeit semitischer Halbgedanken befangen.
    Zum Beschluß dieser Erörterung diene ein herrliches Wort Luther's: „Denn wir diesen Artikel (von der Auferstehung) im Gebet nicht darum sprechen und bekennen, daß es allein geschehen sei, wie wir sonst eine Fabel, Märlein oder Geschichte erzählen; sondern, daß es im Herzen stark, wahrhaftig und lebendig werde. Und das heißen wir Glauben, wenn wir es uns so einbilden, daß wir uns ganz und gar darein stecken, eben, als sei sonst nichts anderes geschrieben, denn: Christus ist erstanden!“
    Und noch eines.
    Sollte ein Freund mein eigenes Bekenntnis hören wollen, ich würde ihm folgendes sagen. Indem Jesus — insofern er Mensch war, der perfectus homo der kirchlichen Bekenntnisse — starb, ent-

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schwand er aus der Welt des Raumes und der Zeit, damit auch aus der Geschichte; „wissen“ kann ich seit dem Augenblick seines Todes nichts mehr über ihn, nur glauben. Gerade weil ich die Schulung der exakten Wissenschaft zu erhalten das Glück hatte und außerdem von Immanuel Kant belehrt wurde, „er habe das Wissen aufheben müssen, um zum Glauben Platz zu bekommen“ (Reine Vernunft, Vorr. z. 2. Ausg., S. XXX). — Dank diesen beiden Umständen bin ich gewohnt, zwischen Wissen und Glauben mit Schärfe zu unterscheiden. Was ich glaube, steht in meinem Gemüte noch tiefer verankert als das, was ich zu wissen vermeine; es steht aber an anderem Orte, unter anderen Gesetzen, und es fällt mir infolgedessen schwer, mich in die Köpfe der Unbelehrten hineinzufinden, sowie ihnen Einblick in meinen Kopf zu gewähren, da die meisten über diese Unterscheidung keine klare Vorstellung besitzen. Ich weiß, daß die Sonne am Himmel steht; fester und gewisser und inhaltreicher ist aber mein Glaube an Jesum Christum als meinen Heiland. Was Christus uns gebracht hat, ist der Glaube an Gott: „Wenn ihr mich kenntet, so kenntet ihr auch meinen Vater“ (Joh. 8, 19). Die ältesten Christen haben das gut gewußt, und wir lesen z. B. in der Epistel an Diognet: „Denn wer unter allen Menschen hat, ehe Christus erschien, auch nur im geringsten gewußt, was Gott ist?“ Gott der unwahrnehmbare, undenkbare wurde in Christo sichtbar und redete als Mensch uns vernehmbare Worte, deren überirdischer Klang uns heute ebenso in den Ohren tönt wie den Menschen vor zweitausend Jahren. Wie der Apostel Paulus von der Erscheinung Christi sagt: „Sie ließ es in unseren Herzen tagen zum strahlenden Aufgang der Erkenntnis und der Herrlichkeit Gottes auf dem Antlitze Christi“ (2. Kor. 4, 6).
    Jesus die Offenbarung Gottes auf Erden: das ist der Inhalt der „Frohbotschaft“. Daß Gott dem Tode nicht stirbt, ist klar; der Tod kann ihn höchstens aus dem Drucke einer vorübergehend angenommenen Leiblichkeit erlösen: Jesus lebt von je auf je. Daher bezeichne ich, ohne Bedenken, das Wort „Auferstehung“ als Allegorie; stehen, erstehen, auferstehen sind Begriffe, welche eine räumliche Welt und eine zeitliche Bestimmung voraussetzen; ich erkläre mir aber den Gebrauch dieser Allegorie recht gut, schon aus der oben geschilderten jüdischen Denkart, sowie auch aus dem Bedürfnis der

89 DER HEILAND — GEBURT UND AUFERSTEHUNG — DIE PERSÖNLICHKEIT

geschichtlichen Anknüpfung an das soeben abgeschlossene Leben. Sollten die Jünger den Sinn dieses Lebens, den Sinn ihres ungeheueren Erlebnisses endlich begreifen und dadurch erst zu ihrem weltgeschichtlichen Amte tauglich gemacht werden, so mußte Jesus ihnen erscheinen und zu ihnen reden: für diese Notwendigkeit besitzen wir den geschichtlichen Beweis; denn erst aus diesem mit nichts zu vergleichenden Ereignis entstand — wie wir bereits sahen — das Christentum. Über die Art jedoch, wie diese Erscheinungen verstandesmäßig zu deuten seien, bekenne ich meine Unwissenheit und bekenne, daß ich jede Erklärung von vornherein für unmöglich halte und jede dogmatische Entscheidung hierüber ablehne. Für diese meine Auffassung berufe ich mich nochmals auf Origenes; dieser schreibt an einer Stelle seines De Principiis (Buch 2, Kap. 6, Abschn. 2), wo er von der Fleischwerdung, dem Tode und der Auferstehung spricht: „Mit solchen Dingen sich an menschliche Ohren wenden und versuchen, sie in Worten auseinanderzusetzen, das übersteigt weit die Fähigkeiten unseres Verstandes und unserer Sprache; ja, ich bin sogar der Meinung, daß es die Fähigkeiten der heiligen Apostel überstiegen habe; wahrscheinlich sind auch die himmlischen Wesen unfähig, diese Geheimnisse denkend zu erfassen.“

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    Zwischen dem unerforschbaren Eintritt ins irdische Dasein und dem von nie auszudeutenden Geheimnissen umgebenen Austritt aus diesem Dasein in ein anderes, unserem Verstande unfaßbares, liegt ein kurzes Leben, das bis auf die letzten acht Tage — sobald man es von außen ansieht — weltfern und ereignislos verläuft; von keinem uns bekannten Religionsstifter oder Reformator weiß die Geschichte ähnliches zu berichten; vielmehr sehen wir Männer dieser Art durch innere Seelenqualen sich bis zu gewaltigen Entschlüssen durchkämpfen, um dann hinauszutreten und auf die sie umgebende Welt umwälzend zu wirken — es sei hier nur an Buddha, Mohammed und Luther erinnert. Bei Jesus ist weder von dem leidenschaftlichen Krieg im eigenen Busen noch von dem Umsturz bestehender Einrichtungen die Rede. Wollte man einwerfen, wir wüßten so gut wie nichts über die ersten dreißig Jahre dieses Lebens und könnten darum über die inneren Kämpfe nichts aussagen, ich würde dem


90 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT
widersprechen: denn es besteht inniger Zusammenhang zwischen den inneren Seelenkämpfen der Religionserneuerer und der Art ihrer späteren gewaltsamen Tatkraft: für die göttliche Ruhe, die von Anfang an Jesu Herz erfüllt haben muß, zeugt sein schweigendes Dulden, als die Welt endlich auf ihn aufmerksam geworden war und seinen Tod erstrebte. Zwar wollen wir die bedeutsame Allegorie der Versuchung in der Wüste nicht als unhistorisch gering schätzen; doch gerade diese Art, sich in der Stunde der Versuchung in die Einsamkeit zurückzuziehen, der bösen Regungen still entschlossen Herr zu werden und dann in die gewohnte Umgebung gelassen zurückzukehren, zeugt von einer himmlischen Harmonie der Seele, für die wir kein zweites Beispiel besitzen.
    Jeder von uns müßte nun vor allem den gebieterischen Drang empfinden, sich diese himmlische Harmonie, wie sie als Persönlichkeit auf Erden wandelte — den „Menschensohn“, wie sie sich selber zu bezeichnen liebte — möglichst lebendig vor Augen zu rufen; das ganze Christentum wurzelt in dem mit nichts zu vergleichenden Eindruck, den diese Persönlichkeit auf einige hundert Menschen machte und bei ihnen als Quelle unermeßlicher Kraft hinterließ. Die Vielen, für die Jesus Christus einen bloßen Namen bedeutet, doch auch nicht diese allein, sondern auch diejenigen, die an ihn als Erlöser glauben und ihn als Gott anbeten, ahnen nicht, was ihnen abgeht, solange sie die genannte Vorstellung entbehren. Die Evangelien, so lückenhaft auch ihre Berichte sein mögen, bergen — und für den, der sie nicht zu lesen versteht, verbergen — eine Fülle von Tatsachen, geeignet, den Heiland uns nahe und immer näher zu bringen.
    Auf die Frage nach der Rassenangehörigkeit der Familien des Joseph's und der Maria will ich hier nicht eingehen, erstens, weil sie unlösbar ist, zweitens, weil wir gut daran tun, das Geheimnis der Geburt unseres Heilandes zu verehren ¹). Es genügt uns zu wissen,
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    ¹) Was hier etwa zu sagen wäre, habe ich in dem Kapitel „Die Erscheinung Christi“ meiner Grundlagen zusammenzufassen versucht; in einem historischen Werke war eine derartige Erörterung am Platz. Hinzufügen will ich nur, daß ein gelehrter Fachmann, Professor Haupt in Baltimore, seitdem die Vermutung ausgesprochen hat, Maria und Joseph seien der Rasse nach arische Meder gewesen, was er namentlich damit begründet, daß die Bewohner Galiläa's der Mehrzahl nach Meder waren. (Diese Mitteilung entnehme ich dem Werke des englischen Theologen Mac Clymont: New Testament Criticism, its history and results, 1913, S. 150.) —

91 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT
daß der Heiland zwar im israelitischen Glauben auferzogen wurde, nicht aber in einer Umgebung lebte, die man im engeren Sinne des Wortes „jüdisch“ nennen könnte. Die Einwohner Galiläa's (des „Heidengaues“) bildeten einen wesentlich anderen Schlag Menschen als die Juden Judäa's, standen auch politisch unter einer anderen Regierung; sie zeichneten sich aus durch Arbeitslust, heitere Gemütsart, energischen Unabhängigkeitssinn — den sie in ihren wiederholten Aufständen heldenmütig bewährten. „Ein Galiläer und ein entschlossener Mann bedeutet im jüdischen Sprachgebrauch dasselbe“, bemerkt Herder. Die Juden haben die Galiläer niemals als Volljuden anerkannt; ihnen war z. B. das öffentliche Vorlesen beim Gottesdienst innerhalb Judäa's verboten; ihre Aussprache sei derartig verwahrlost — so wurde gespottet —‚ daß man bei einem bestimmten Worte nicht wisse, ob der Galiläer von Wein, von Wolle, von einem Esel oder von einem Lamm rede (Lightfoot: Galater, S. 197). Unter diesen Männern hat nun Jesus sein Leben gelebt und unter ihnen seine Anhänger gefunden — die ersten Vermittler des christlichen Glaubens. „Gut war's,“ schreibt Herder, „daß Christus fern von Judäa und dem stolzen Jerusalem, obwohl nur kurze Zeit, sein Geschäft in dieser Provinz (Galiläa) trieb; dort würde man ihm auch diese kurze Zeit nicht gegönnt haben. Hier sprach er mit dem gemeinen, einem lebhaften Volk, mit Menschen von gesundem Verstande, bei ihren Geschäften. Auch seine vertrauteren Schüler hatte er sich aus diesen Gegenden.... erwählt“ (Vom Erlöser der Menschen, Abschn. 3, Abs. 9). Jedermann kennt die Stellen der Evangelien, in denen Jesus und seine Anhänger als „Galiläer“ verhöhnt werden, und A. Merx erblickt in der Rede des Kaiphas (Joh. 11, 19—50) ein Anzeichen dafür, daß der Hohepriester den Heiland „nicht als einen Vollisraeliten ansah“ (Die vier kanonischen Evangelien, Schlußband, S. 299).
    Der Tatsache dieser galiläischen Umgebung wird aber, wie man
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Inzwischen ist die Schrift von Delitzsch Die große Täuschung (1920) erschienen, in der wir S. 94 lesen: „Jesu Eltern und Vorfahren waren als Galiläer nach alttestamentlicher wie keilschriftlicher Bezeugung ganz gewiß nicht jüdischen Geblüts, sondern gehörten zu der großen Zahl galiläischer jüdischer Proselyten. Daß Jesus kein Prophet jüdischen Geblüts war, lehrt sein, dem jüdischen diametral entgegengesetzter Gottesbegriff und bekraftigen alle seine Reden mitsamt seinem ganzen Leben und Sterben.“

92 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT
sieht, die übliche Vorstellung des Heilandes als eines Juden im Judenlande keineswegs gerecht. Selbst abgesehen von der Hauptgestalt, bedingte die Art der Gegenwirkung ein anderes Leben in Galiläa, als es in Judäa der Fall gewesen wäre, und bestimmte somit den Ausgangspunkt des Christentums.
    Beachten wir ferner, daß der Heiland auf dem Lande aufwuchs (Nazareth war ein Dorf), inmitten eines gesunden Bauernvolkes, in einer reichgesegneten, lachend schönen Gegend, — fern also von allem städtischen Elend und — wie gesagt — außerhalb der landschaftlich trostlos öden Heimat der eigentlichen Juden, Judäa.
    Genug vorläufig über die äußeren Bedingungen, unter denen die Persönlichkeit sich kundgab; wenden wir uns zum Inneren.
    Etwas, was einer aufzählenden Schilderung rein menschlicher Züge gleichkäme, findet sich in den Evangelien nirgends; dennoch entdeckt der aufmerksame Leser zahlreiche Andeutungen, genügend, um, wenn nicht ein ausgeführtes Bildnis, so doch einen bestimmten Eindruck — Stoff zu reichem Nachsinnen — zu gewinnen. Wir finden da Äußerungen der Freude, des Schmerzes, des Mitleidens, des Erstaunens, der Verzweiflung; große Leidenschaftlichkeit strahlt aus verschiedenen Sprüchen, z. B.: „Ich bin kommen, ein Feuer zu werfen auf die Erde, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon!“ (Luk. 12, 49); ja, frühe Texte berichten sogar von Aufwallungen des Ergrimmens und Erzürnens; so lautet z. B. Mark. 8, 12 in der ältesten aller bekannten Handschriften (von der Wissenschaft Syrsin genannt): „Und er ward im Geiste zornig“, und in anderen alten Texten: „Er ergrimmte in seinem Geiste“. Leider sind die meisten dieser kleinen rein menschlichen Züge von späteren frommen Herausgebern verwischt werden — nicht aus der bewußten Absicht, den Text zu fälschen, sondern aus der Besorgnis, allzu menschliche Züge könnten der Ehrfurcht vor dem Gotte Abbruch tun; im obigen Falle z. B. lesen wir heute: „Seufzte er auf in seinem Geiste“. In den wissenschaftlichen Büchern findet man Beispiele genug dieses allmählichen Herabtönens ursprünglich vorhandener Farben. Wie viel aber derjenige noch entdecken kann, der an die Texte nicht mit kalter Skepsis, sondern mit liebender Wißbegier herantritt, beweist am besten der Abschnitt bei Burkitt über eine gewisse bittere Heiterkeit oder „wehmütige Ironie“ (mournful irony), die beim Heiland

93 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT

öfters durchbricht und weder von seinen Jüngern noch von ihren Nachfolgern begriffen wurde, da diese Gemütsstimmung derjenigen des frühen Christentums völlig fremd blieb, indem sie auf eine überlegene Freiheit des Geistes hinweist: Burkitt hat namentlich die Stelle bei Lukas 22, 35 fg. im Sinne, wo der Heiland am Abend der Gefangennahme seinen Jüngern den Ankauf von Schwertern empfiehlt, als ob er auf Waffengewalt sich zu verlassen vorhätte (Gospel Transmission, Kap. 4). Selbst über tägliche Gewohnheiten erfahren wir manches: so z. B. die Liebe zur Einsamkeit (Mark. 1, 45), das Sicherheben bei Tagesanbruch, um leise aus der Mitte der schlafenden Jünger zum ungeleiteten Frühgang über die Felder zu entschlüpfen (Mark. 1, 38) oder hinauf auf eine Höhe (Mark. 3, 13), so daß die erstaunten und offenbar gekränkten Anhänger Mühe haben, ihren Meister aufzufinden; ein anderes Mal, um den Berührungen der Menge zu entkommen, springt Jesus schnell in ein Boot und läßt vom Ufer abstoßen (Mark. 3, 10).
    Tiefer als diese Beobachtungen führt uns in das Wesen des Heilandes die Versenkung in seine Sprache ein: auf diesem Wege gelangen wir stufenweise immer mehr ins Innere.
    Das Reden in Gleichnissen ist zwar im Orient üblich; doch kommt es bei Jesus nicht auf die Gleichnisse allein an — so beispiellos und unnachahmlich diese auch seinem Munde entquollen — vielmehr redet er, auch außerhalb der eigentlichen Parabeln, fast immer in Bildern, und diese Bilder sind der Beobachtung der Natur und der menschlichen Arbeit auf dem Lande entlehnt. Schon vor zweieinhalb Jahrhunderten hat ein Mann, dessen Fähigkeit zu „objektiver“ Beurteilung selbst der Zweifler nicht in Abrede stellen wird, Sir Isaak Newton, in seinem Kommentar über das Buch Daniel auf diese unterscheidende Eigenart der Sprache des Heilandes hingewiesen, der, anstatt — wie die Orientalen — dramatisch-effektvolle und gar häufig schwülstige Vergleiche heranzuziehen, immer mit vollendeter Einfachheit an dasjenige anknüpft, was ihm und seinen Begleitern vor Augen liegt: allem weiß er Bedeutung abzugewinnen — auch dem Sperling auf dem Dache und der Anemone auf dem Felde. Und was Newton, der Astronom und Physiker, mit seinem scharfen Auge beobachtet hatte, das hat unser Zeitgenosse F. Crawford Burkitt — anerkanntermaßen der bedeutendste unter den leben-

94 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT

den Theologen Englands — auf Grund seiner Fachkenntnisse bestätigt: die gesamte Literatur kann nichts aufweisen, was in bezug auf Gedanken- und Ausdrucksstil auch nur im entferntesten mit den Gleichnissen Jesu Ähnlichkeit besäße (The Gospel History and its Transmission, Kap. 6).
    Zunächst bewirkt die Vollendung in der Bildlichkeit der Sprechweise, daß das einzelne Wort in einem gewissen Sinne an Bedeutung verliert, — insofern nämlich, als die Gedanken ganz und gar   i n   d e n   B i l d e r n — nicht eigentlich in den Wörtern, welche die Bilder vermitteln — liegen: daraus folgt nun aber ein Umstand, der für die Aufbewahrung und Weiterwirkung der Worte des Heilandes entscheidende Bedeutung besessen hat und ihnen noch heute eine Frische verleiht, als wären sie gestern gesprochen. Je geringer der Wert, der dem Oratorischen, dem Logisch-Dialektischen bei einer sprachlichen Mitteilung zukommt, und je vollendeter plastisch-sichtbar der Ausdruck vor Augen steht, um so leichter wird es den Zuhörern fallen, nicht wortgetreue, wohl aber sachgetreue Berichte über das einstens Vernommene zu erstatten: die Worte mögen sie vergessen, die Bilder bleiben dem Gedächtnis eingegraben. Wer in Burkitt's vorhin angeführtem Buche das Kapitel aufmerksam betrachtet, in welchem dieser Gelehrte einunddreißig mehrfach bezeugte Herrenworte in ihren verschiedenen Fassungen vorlegt, wird mit Erstaunen entdecken, daß diese Verschiedenheiten — welche teils den Wortlaut, teils die begleitenden Umstände, unter denen ein Ausspruch getan wurde, betreffen — wenig oder gar keinen ummodelnden Einfluß auf die in einem Gleichnis mitgeteilte Wahrheit ausüben. Die Bilder waren so plastisch und eindringlich gewesen, daß sie unverwischbar im Gedächtnis haften blieben; und auf sie kam es an. Der gleiche Umstand erklärt es, daß die echten Sprüche des Heilandes in alle Sprachen der Welt übersetzt werden können, ohne von ihrer Wirkungskraft einzubüßen; wogegen z. B. es sehr schwer fällt, den Sinn mancher Ausführungen des Apostels Paulus ohne Zuhilfenahme des griechischen Urtextes genau zum Verständnis zu bringen, und ebenso müssen auch seine dem damaligen Leben einer griechischen Hafenstadt und der Gedankenwelt der hellenistischen Mysterienreligionen entnommenen Bilder ohne Erklärung unverständlich bleiben. Jesu Worte — durch seine Bilder vermittelt

95 DER HEILANDDIE PERSÖNLICHKEIT — DER HEILANDES LEHRWEISE

— bleiben allen Zeiten und Völkern zugänglich: „Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“
    Man sieht: schon die bloße Versenkung in die Sprache Jesu lehrt uns viel über ihn — und zwar weit Wichtigeres als eine Chronik seiner Erdentage bieten könnte; denn bei diesem Leben kommt es einzig auf Seelenschau an.
    Und bei dem Wort Seelenschau fällt mir ein, daß ein zweiter Mathematiker, Newton an Bedeutung gleich, Blaise Pascal, uns den Weg gewiesen hat, aus der Sprechweise des Heilandes einen noch tieferen Blick in seine göttliche Wesensart zu tun. Er schreibt (Pensées Nr. 797): „Jésus Christ a dit les choses grandes si simplement qu'il semble qu'il ne les a pas pensées“ — Jesus Christus hat erhabene Dinge mit solcher Einfalt ausgesprochen, daß man den Eindruck erhält, er habe sie nicht gedacht (wobei der Nachdruck auf dem Worte „gedacht“ liegt). Diese Betrachtung führt in unergründliche Tiefen, und muß, glaube ich, auf jedes sinnende Gemüt wie eine Offenbarung wirken — eine Offenbarung von der Gottähnlichkeit Jesu. Alle Weisen haben seit jeher erkannt, daß eines Gottes Denken nicht in die Formen, die dem Menschenhirn grenzend vorgeschrieben sind, gebannt und gefesselt sein kann, namentlich, daß ihm das mühsame Hin und Her der allmählichen Entstehung aus Beweis zu Beweis erspart bleiben, und es alles auf einmal umfassen müsse — etwa wie unser Auge mit einem Blick ein Ganzes überschaut. Pascal's Bemerkung über die Sprache Jesu — als Vermittlerin von Erkenntnissen, die das logische Denken übertreffen — weist uns nun in diese Richtung: nämlich zu der Einsicht, daß hinter den Worten und den Bildern etwas anderes und mehr als ein Denken liegt — die überirdische Kraft eines göttlichen Erschauens.

*
 
    Hier knüpft sich nun an die Betrachtung über die Sprache Jesu mit innerer Notwendigkeit diejenige über seine Art zu lehren an — denn das eine ist in wesentlichen Punkten durch das andere bedingt.
    Das Bezeichnende für des Heilandes Art zu wirken besteht darin, daß er weniger Gewicht auf das Lehren legte als auf das Leben. Er erwählte eine kleine Anzahl Menschen, die er zu be-

96 DER HEILAND — DER HEILANDES LEHRWEISE

stimmen wußte, sein Leben zu teilen und dadurch Zeugen seines Tuns und Lassens, seines Redens und Schweigens zu werden. Im Gegensatz zu Buddha, der seinen Jüngern ein ganzes Lehrgebäude mit erstens, zweitens, drittens vortrug, und zu Mohammed, der seine Weisheit als göttliche Offenbarung und Gesetzgebung niederschrieb, begnügte sich der Heiland mit der „Nachfolge“; wie Markus sagt: „Er bestellte zwölf, daß sie um ihn seien“ (3, 14); das heißt: die Jünger blieben Tag und Nacht um ihn und erhielten dadurch Gelegenheit zu erfahren, in welcher Weise er die Begebnisse — wie jede Stunde sie mit sich brachte — behandelte: wie er Kranke heilte, Arme tröstete, die Fragen der Schriftgelehrten beantwortete, mit Leuten aus allen Gesellschaftsschichten — auch mit den als Sündern und Verworfenen geächteten — umging, wie er gegen Nichtjuden sich verhielt, wie er die jüdischen Gesetzesvorschriften beachtete und nicht beachtete, wie nichts Menschliches seinem Auge entging — auch nicht das Scherflein, das die Witwe verstohlen in die Armenbüchse wirft, wie sein Auge liebevoll Gottes schöne Natur aufnahm. An abwechselungsreichen Erlebnissen konnte es nicht fehlen, da im Gegensatz zu Johannes, dem Prediger in der Wüste, Jesus — sobald er sein öffentliches Amt antrat — sein Heim von dem stillen Nazareth nach der volkreichen, bewegten Stadt Kapernaum verlegte, wo die beiden Hauptstraßen sich kreuzten, die den Verkehr zwischen Süden und Norden, sowie zwischen Westen und Osten — und das heißt zwischen dem Mittelländischen Meer und Damaskus — vermittelten. Am Ufer des Sees von Genezareth gelegen, war die Stadt der Sitz eines Hauptzollamtes und einer römischen Besatzung: hier war Jesus „daheim“, wie Markus sagt (2, 1), und der älteste Text von Markus 9, 33 spricht von „seinem Hause“. Den evangelischen Berichten entnehmen wir — wie gesagt —‚ daß er hier mit allen Kreisen der Bevölkerung umging, Einladungen bei Pharisäern Folge leistete (Luk. 7, 36 fg., 11, 37 fg., 14, 1 fg.), Gastmähler für die verachteten Zöllner veranstalten ließ — „und es saßen viele Zöllner und Sünder zu Tische bei Jesus und seinen Jüngern, denn es waren viele in seinem Anhang“ (Mark. 2, 15) —; es drängte sich bisweilen eine derartige Menschenmenge in sein Haus, „daß selbst vor der Türe nicht mehr Raum war“ und man Kranke vom Dache ins Innere herablassen

97 DER HEILAND — DER HEILANDES LEHRWEISE — DES HEILANDES GLEICHNISSE

mußte (Mark. 2, 2 fg.); auch wohlhabende Anhänger besaß er in verschiedenen Landesteilen und suchte sie mit seiner Jüngerschar auf (z. B. Luk. 10, 38 fg.). In Kapernaum selbst, sowie bei Gelegenheit der von dort aus unternommenen Wanderungen über die Grenzen Galiläa's hinaus, kam es vielfach zu Begegnungen mit Griechen, Römern, Samaritanern und anderen Nichtjuden. Und immer wieder gab es dazwischen Tage, wo die kleine Schar einsam dahinzog und die Jünger ihren Meister über die ihre Verwunderung stets von neuem erregenden Begebnisse und Aussprüche um Aufklärung bitten konnten. Bei der Verhaftung waren sie alle anwesend; den Gerichtsverhandlungen haben etliche von ihnen unerkannt beigewohnt (Luk. 22, 54 fg.); dem Ende sahen sie aus der Ferne zu.
    Von entscheidender Wichtigkeit ist es, daß diese von Jesus auserlesenen Zeugen seines Wirkens schlichte Männer aus dem Volke von geringer Bildung waren; für das Werk, zu dem er sie brauchte, wären ausgedehntes Wissen und geübtes Denken eher Nachteile gewesen, wohingegen kindlich ungebrochene Einbildungskraft und volksmäßiger Aberglaube sie befähigten, das Wunderbare schlichtweg als wunderbar aufzufassen, das Erhabene (welches der Verstand immer auf seine eigenen engeren Maßstäbe zurückzuführen neigt) als ein Ungeheueres zu empfinden und das viele Unverstandene einfach unverstanden weiterzugeben.

*

    Den ernstgewillten Leser muß ich bitten, an diesem Punkte geduldig zu verweilen, denn hier lernen wir nicht allein das Geheimnis der Bedeutung unseres vierteiligen Evangeliums erkennen, sondern damit berühren wir zugleich den Mittelpunkt des Geheimnisses der Erscheinung Jesu auf Erden — dasjenige, was Paulus „das Geheimnis Christi“ nennt (Eph. 3, 4).
    Im ersten Kapitel stellten wir fest, unser Menschenverstand sei schlechterdings unfähig, irgend etwas über Gott auszusagen: wir empfinden, wir ahnen, wir fühlen seine Gegenwart, wir glauben an ihn und wissen, daß unser Menschsein durch diesen Glauben bedingt ist und wir ohne ihn sofort zur Bestie herabsinken, — wir erkennen ihn aber nicht, und zwar deswegen nicht, weil keine der uns zugleich grenzend und gestaltend aufgelegten Denkformen in

98 DER HEILANDDES HEILANDES GLEICHNISSE

diesem Falle zur Erfassung hinreicht. Hieraus folgt nun die Erkenntnis: Gott ist für uns Menschen ganz Gehalt, gar nicht Form, gar nicht Gestalt. Wer genau erfahren will, was das bedeutet, den verweise ich auf zwei Aussprüche Goethe's:

Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt,
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
                                            (Dauer im Wechsel.)

Mit diesem ersten Worte schildert der sinnende Dichter die beiden Elemente, nicht allein jedes Kunstwerkes, sondern auch jeglicher menschlichen Vorstellung: ohne Gehalt haben wir nur leere Form — ein Nichts: ohne Form bleibt der Gehalt unmitteilbar. An anderer Stelle hat er nun die hervorragende Bedeutung der Gestalt für unser Geistesleben noch besonders betont:

Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt.
                                            (Pandora, Vers 676 fg.)

Je angemessener und vollendeter die Form, um so unmittelbarer wirkt ein edler Gehalt auf Verstand und Gemüt. Auf diese „Veredelung“, auf diese „höchste Gewalt“ müssen wir nun bei unseren Betrachtungen über Gott verzichten, — wenigstens verzichten, solange unser Empfinden seiner rein bleiben, nicht bildlich und uneigentlich werden soll. Nun aber besteht die ganze Botschaft Jesu aus zwei reinen Gottesgedanken:   G o t t,   u n s e r   V a t e r,   und   G o t t e s   R e i c h   i s t   g e g e n w ä r t i g.   Alles übrige, was er gelegentlich lehrt, sind Folgerungen aus diesen beiden Gottesgedanken. Wollte er sie rein mitteilen, so mußte er trachten, ihren unerschöpflichen   G e h a l t   möglichst unmittelbar aus seinem Herzen in die Herzen seiner Begleiter hinüberzuzaubern; jegliche Form, die er zur Mitteilung wählte, konnte — da es sich um Gott und Göttliches handelte — nur allegorisch, und das heißt uneigentlich, gemeint sein; schon die Bilder „Vater“ und „Gottesreich“ sind Gleichnisse: nicht im menschlichen Sinne ist Gott unser „Vater“, vielmehr dient diese Vorstellung nur dazu, ein Höchstmaß an Zugehörigkeit, an Nähe, an liebender Fürsorge, an Nachsicht und Hilfsbereitschaft

99 DER HEILANDDES HEILANDES GLEICHNISSE

fühlbar zu machen; Ähnliches gilt von der den irdischen Verhältnissen entlehnten Vorstellung eines „Reiches“. Jesus wählt die einfachsten Sinnbilder, weiß sie aber so mannigfaltig abzuwechseln, daß selbst der beschränkteste Kopf über ihre rein bildliche Bedeutung nicht in Zweifel geraten kann; er trägt keine Theologie vor, er flößt Glauben ein, lehrt aber nicht Glaubenssätze.
    Man betrachte nur mit einiger Aufmerksamkeit die zahlreichen Gleichnisse, die der Heiland zur Erweckung und Belebung derjenigen Vorstellung gebraucht, die er als   R e i c h   G o t t e s   zu bezeichnen pflegt — wenn man hier von einer „Vorstellung“ reden darf, wo es sich um Gehalt ohne Form handelt. Mit erstaunlicher Kühnheit werden immer neue Bilder vorgebracht, ein jedes durch unerschöpfliche Ahnungsgewalt neue Wege weisend und zugleich stets mit Vorsicht es vermeidend, die Grenze zu überschreiten, wodurch die geheimnisvolle Berührung des Göttlichen zu einer menschlich-verstandesmäßigen Aussage herabgewürdigt werden müßte. „Das Reich Gottes hat sich also, als wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft, und schläft des Nachts und steht auf des Tags, und inzwischen gehet der Same auf und wächset, und der Mensch weiß nicht, wie es zugehet.“ Unausdenkbar reich sind die Anregungen, die dieses einfache Bild unserem Sinnen bietet: namentlich das Eine erfahren wir, daß es, um in das Reich Gottes zu gelangen, auf das Einschlagen einer bestimmten Richtung, auf eine Willenswendung ankommt — das übrige alles fügt Gott allein, wie er den Samen wachsen läßt, „und der Mensch weiß nicht, wie es zugehet“. Eine Fülle ergänzender Ahnungen stellt folgendes verwandte Gleichnis uns vor Augen: „Das Reich Gottes ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und säete auf seinen Acker, welches das kleinste ist unter allen Samen; wenn es aber erwächst, so ist es größer als die Kräuter und wird ein Baum, so daß die Vögel des Himmels kommen und nisten in seinen Zweigen.“ Hier wie dort erblicken wir das Reich Gottes nicht als ein künftiges, sondern als ein gegenwärtiges; während es aber dort in Tiefen verborgen keimte, breitet es hier über die ganze diesseitige Wirklichkeit schirmende Äste aus. Noch stärker betont der Herr die unmittelbare Gegenwart des uns umgebenden Göttlichen, wenn er spricht: „Das Reich Gottes ist einem verborgenen Schatz im Acker gleich“ — wir brauchen also

100 DER HEILANDDES HEILANDES GLEICHNISSE

nur zu wollen: Gott und sein Reich sind allüberall gegenwärtig, zu unseren Füßen im Acker und über unseren Häuptern als Schirmdach. In anderer Weise feiert die Verklärung der irdischen Gegenwart folgendes Bild: „Das Reich Gottes ist einem Sauerteig gleich, den ein Weib nahm und vermengte ihn unter drei Scheffel Mehls, bis daß es gar durchsäuert ward.“ Ist aber der Mensch dem Göttlichen gegenüber auch nur Empfänger, er gelangt dennoch nicht ohne hingebende Beharrlichkeit dahin, an ihm teil zu haben: „Wer seine Hand an den Pflug leget und siehet zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ Nicht bloß Beharrlichkeit, auch Leidenschaft wird gefordert: „Das Reich Gottes wird gestürmt, und die Stürmer reißen es an sich.“ Nicht bloß dieses Ungestüm aber, sondern auch die ausschließende Hingabe an das eine Ziel, ist unerläßlich: „Das Reich Gottes gleicht einem Kaufmann, der edle Perlen suchte. Und da er eine köstliche Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte und kaufte dieselbige.“ In fast genauem Gegensatz zu der äußersten Willensanspannung, die in diesen letzten Sprüchen zutage tritt, heißt es ein anderes Mal: „Es sei denn, daß Ihr Euch umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet Ihr nimmer in das Reich Gottes eingehen“ — womit offenbar der Verzicht auf alle weltliche Begierde und die Rückkehr in einen Zustand heiterer Unschuld als Bedingung gefordert wird für den Genuß der unmittelbaren Nähe Gottes. Auf diesem Wege gelangen wir zu der entscheidenden Erkenntnis: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen“; mit der Erläuterung: „Es sei denn, daß jemand geboren werde aus dem Geist, so kann er in das Reich Gottes nicht eingehen.“ Wer diese Gleichnisse und die weiteren, die ich hier nicht anführte, in sich aufgenommen hat, wer die Stimme des Heilandes in ihnen vernimmt und es empfindet, wie sie den Blick seines göttlichen Auges vermitteln, der ist dann reif für die letzte Offenbarung, die soweit reicht als menschliche Worte es nur vermögen: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden; man wird auch nicht sagen: Siehe hie oder da ist es. Denn sehet, das Reich Gottes ist inwendig in Euch“ ¹).
—————
    ¹) Daß der griechische Text einzig die Deutung: „inwendig in Euch“ zuläßt,
wird von den maßgebenden Fachgelehrten verschiedener Richtungen einstimmig erklärt; jedoch begegnen wir immer wieder von seiten achtbarer Männer der

101 DER HEILANDDES HEILANDES GLEICHNISSE

    Wie dankbar müssen wir den Männern sein, die uns — durch unbewußte Kunst dazu befähigt — diese Kunde von dem Reiche Gottes übermittelt haben! Andere, welche — wie wir zu sagen pflegen — „mehr Kultur“ und mehr Dressur des Geistes besessen hätten als die Evangelisten, wären ganz und gar unfähig gewesen, diese Lehre Jesu vom Reiche Gottes so unverzerrt rein widerzuspiegeln — eine Lehre, welche die Evangelisten eingestandenermaßen nicht verstanden und sich mit kindlicher Handgreiflichkeit deuteten (siehe z. B. Matth. 18, 1; 20, 21), was sie aber nicht verhinderte, die unvergeßlichen Bilder, die sie aus dem Munde des Heilandes empfangen hatten, mit einer an das Wunderbare grenzenden Treue wiederzugeben. Dadurch haben sie uns den Heiland selbst für alle Zeiten lebendig erhalten.
    Nach dem Tode Jesu hören wir selten mehr den Ausdruck „Reich Gottes“, und wir brauchen nur den vielleicht schönsten Spruch des Apostels Paulus zu dieser Vorstellung anzuführen, um den gewaltigen Abstand zu empfinden: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist; wer darin dem Christus dienet, der ist gottgefällig und den Menschen wert“ (Röm. 14, 17). Wie fern befinden wir uns hier von dem „Baum, in dessen Zweigen die Vögel des Himmels nisten!“
    Die Betrachtung der Sprache des Heilandes führte uns zu der Betrachtung seiner Art, durch Gleichnisse sich mitzuteilen, und diese wiederum hat uns jetzt bis ins Innere seines Herzens geleitet. Namentlich das Eine liegt uns schon klar vor Augen: der Glaube an Gott und an ein Reich Gottes steht für ihn außerhalb aller Geschichte. Religion betrifft, nach dem Heiland, eine Welt jenseits von Raum und Zeit, die darum ebenso der Vergangenheit wie der Gegenwart und der Zukunft angehört. Auf die örtliche Frage antwortet
—————
Behauptung, man müsse lesen: „steht mitten unter Euch“. Begründet wird diese unhaltbare Meinung durch den Hinweis darauf, daß der Heiland diese Worte angeblich an Pharisäer gerichtet habe (Luk. 17, 20). Darauf ist erstens zu erwidern, daß die Gelegenheit, bei der ein Wort gesprochen wurde, eingestandenermaßen stets fraglich bleibt ; zweitens aber — und entscheidend — daß ein solches Wort offenbar an den Menschen als solchen, ganz allgemein gerichtet ist (vgl. u. a. Clemen: Der geschichtliche Jesu, S. 111).

102 DER HEILANDDES HEILANDES GLEICHNISSE — DIE RELIGION JESU

die Religion Jesu: „Man wird nicht sagen hie oder da“; und der zeitlichen weicht sie aus durch die Antwort: „Über jenen Tag und die Stunde weiß niemand etwas.“ Niemals finden wir beim Heiland auch nur den Ansatz zu einem begrifflich festumrissenen Zwangsglaubenssatz (Dogma), was nach dem soeben Gesagten leicht zu begreifen ist: ein Glaubenssatz bringt notwendigerweise immer eine bestimmt gefaßte Verstandesaussage und kann darum niemals einer Erkenntnis, die sich auf eine transscendente (überverstandesmäßige) Welt bezieht, angemessen sein; nicht allein wird jeder solcher Glaubenssatz nie die ganze Wahrheit zum Ausdruck bringen, vielmehr wird er immer ergänzende Wahrheiten ausschließen. Wir sahen in dem Gleichnisse Jesu das Reich Gottes um einen Menschen herum ohne sein Zutun aufwachsen: „er wußte nicht, wie es zuging“, gleich darauf erfuhren wir aber von unerbittlichen Forderungen an seine Willens- und Richtungskraft; das eine Mal hieß es: das Reich wird gestürmt, das andere Mal, es sei nur denen zugänglich, die harmlosen Kindern gleichen... und diese Widersprüche sind nicht etwa so zu deuten, als gälte das eine für den einen Menschen, das andere für den anderen — alle die Aussagen über das Reich sind mit allgemeiner Geltung gesprochen.

*

    Hier muß ich aber einen Augenblick innehalten; wir werden sofort wieder bei der Religion Jesu anknüpfen. Dieser Ausdruck nämlich — die „Religion Jesu“ — wird uns von sehr bedeutenden Theologen strittig gemacht.
    Ohne Frage haben diese Theologen Recht, wenn sie behaupten, die Religion der christlichen Kirche sei nicht von Jesu Christo gelehrt worden; vielmehr sei diese Religion an   i h m   emporgewachsen, um dann plötzlich nach seiner Auferstehung mit göttlicher Macht sich zu entfalten und nach und nach Gestalt zu gewinnen — was, nach kirchlicher Vorstellung, unter Leitung des heiligen Geistes sich vollzog. Nach dieser Auffassung ist Jesus Christus selber der Gegenstand und der Inhalt der Religion; er hat sich uns in seinem Leben und Sterben offenbart, und zu seinem Leben gehören natürlich in erster Reihe seine Worte, die wir zu kennen und als göttliche Weisheit und Weisung zu verehren haben; diese Worte enthalten aber — so

103 DER HEILAND — DIE RELIGION JESU

behaupten die Theologen — keine Religionslehre; kurz: es gibt keine Religion, die man als „Religion Jesu“ zu bezeichnen berechtigt wäre. Ein Name möge statt vieler zum Beleg genügen; Adolf Harnack schreibt in seiner Dogmengeschichte (4. Aufl. 1, 182): „Jesus hat weder ein Bekenntnis noch eine Lehre hinterlassen.“
    In dieser Behauptung liegt nun, nach meiner Überzeugung, ein in alle Tiefen reichender Irrtum vor, der sich von Anfang an durch die ganze Geschichte des Christentums hindurchzieht. Gewiß hat der Heiland kein Bekenntnis und keine Lehre in dem Sinne hinterlassen, den alle Theologie und alle Kirchen diesen Worten beilegen — das bestreite ich keineswegs; doch hat er uns ein Bekenntnis und eine Religionslehre hinterlassen, zu deren Wesen es gehört, in keine theologische Kirchenlehre hineingezwängt werden zu können; und ich meine, es wäre an der Zeit, auf dieses Bekenntnis und auf diese Lehre zu hören. Tausende, die sich nach Religion sehnen, empfinden die Unmöglichkeit, die Lehren und die dogmatischen Forderungen unserer verschiedenen Kirchen in einen harmonischen Zusammenhang mit ihren übrigen Begriffen, Anschauungen und Ahnungen zu bringen; von allen Seiten hört man den Ruf nach einer abermaligen Reformation, oder gar nach einer neuen Religion; Männer von größerer Besonnenheit erkennen die Unmöglichkeit einer entsprechenden Umbildung der Kirchen, sowie das Totgeborensein jeder angeblich neuen Religionsbildung. Was beides unmöglich macht, ist, daß Jesus von Nazareth,   d e r   M i t t l e r   zwischen Gott und Mensch, uns schon vor zweitausend Jahren die vollkommene Religion gebracht hat: eine Religion der reinen Glaubenskraft, und weil rein, darum undogmatisch und antidogmatisch, eine Religion, welche Gott durch das einzige Wort „Vater“ unserem ehrfürchtigen und liebebedürftigen Gemüte nahebringt, eine Religion des   g e g e n w ä r t i g e n   „Gottesreiches“ — nicht eines unermeßlich fernen, durch ungeheuerlich klaffende Schreckenszeiten von uns Armen geschiedenen: „Wahrlich, ich sage Dir,   h e u t e   wirst Du mit mir im Paradiese sein!“
    Der Betrachtung dieser Glaubenslehre des Heilandes gehören die folgenden Abschnitte.

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104 DER HEILAND — DIE RELIGION DES REICHES GOTTES
    Wiederholt gestehen die Evangelisten, die Jünger hätten die Lehren ihres Meisters nicht verstanden; erst „als Jesus verherrlicht ward, da erinnerten sie sich“, so erzählt Johannes (12, 16), und glaubten nunmehr verstanden zu haben. Man muß auch voll Bewunderung zugeben, daß die Jünger sofort die Hauptsache ergriffen und festhielten — nämlich Jesum selber als den Vermittler göttlicher Gnade und allen Segens: damit entsprachen sie genau dem Gebot der Stunde, und indem sie das Andenken des Heilandes, wie er unter ihnen gewandelt und geredet hatte, sowie namentlich den unerschütterlichen   G l a u b e n   an ihn in den Mittelpunkt ihrer Religion rückten, gewannen sie nicht allein eine unüberwindliche Kraft der Wahrheit für ihr eigenes Religionsgebäude, sondern sie retteten hiermit auch das, was sie nicht verstanden und darum auch in ihren Glauben nicht aufnahmen, hinüber, künftigen Geschlechtern zum Heil. Dieses Werk setzten die folgenden Jahrhunderte fort und bauten, in Anlehnung an das Denken ihrer Zeit, einen neuen Mythos, eine neue Mystik und eine neue Magie allmählich auf — doch alles durch die Gegenwart des Heilandes und Dank der frühzeitigen Festhaltung der wesentlichen Züge seiner Erdengestalt — eine Religionsbildung, über jeden Vergleich mit allen anderen erhaben. Zunächst blieben allerdings die Evangelien mancher frommen Willkür unterworfen; doch bald schob die Kirche — durch einen wunderbaren Instinkt geleitet — sich selbst den Riegel vor, indem sie diese Schriften heilig sprach und dadurch vor weiteren Umgestaltungen schützte. Es hieße sehr kurzsichtig urteilen, wollte man die Männer nicht verehren, die unter Anspannung aller Seelenkräfte, von reinsten Beweggründen getrieben und den höchsten Idealen zustrebend, dieses große Werk — der Menschheit zum Heil — vollbrachten. Ich bekenne auch in aller Demut, daß ich ihr Werk, so durchflochten es mit menschlichen, zeitlich bedingten Zutaten sein mag und sein muß, dennoch im großen und ganzen für den Ausdruck göttlicher Wahrheit halte — wenn auch bildlich gefaßt, wie das dem menschlichen Verstande nicht anders möglich ist.
    Auf manche der in dem letzten Absatz berührten Fragen kommen wir in den folgenden Kapiteln zurück; im Augenblick genügt es, das Eine festzustellen: das Bekenntnis und die Religionslehre des Heilandes blieben im Evangelium verborgen: die Kirchenlehre weiß nichts von ihnen.

105 DER HEILAND — BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS 28, 19

    Jesus hatte fast immer statt Gott „Vater“ gesagt, ihn als das uns aus dem ersten Kapitel bekannte „höchste gute Wesen“ anredend. Das Gebet, das er seinen Jüngern lehrt, lautet in der echten Fassung: „Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser nötiges Brot gib uns täglich. Und vergieb uns unsere Schulden, denn auch wir vergeben jedem unserer Schuldner. Und führe uns nicht in Versuchung.“ Nie mehr vernehmen wir nach des Heilandes Tode diesen Ton. Das Wort „Vater“ kommt überhaupt nur noch in der Verbindung Gott-Vater (im Unterschied zum Gott-Sohn) vor, oder an Stellen, wo von seiner „thronenden Majestät“, oder von dem „Mysterium des Vaters“ und dergleichen die Rede ist. Der Vater, von dem der Heiland gesprochen hatte „mein Vater, euer Vater; mein Gott, euer Gott“ (Joh. 20, 17), war vor dem Glanze der kosmischen Dreieinigkeit aus dem Bewußtsein entschwunden. In noch größerer Ferne entschwunden war das „Reich Gottes“. Der Heiland gebraucht diesen Ausdruck, da offenbar die Vorstellung des Reiches Gottes ihm beständig gegenwärtig ist, so häufig, daß wir ohne Frage berechtigt sind, seine Lehre   d i e   R e l i g i o n   d e s   R e i c h e s   G o t t e s   zu nennen. Nach seinem Entschwinden aus unserer Mitte begegnen wir diesem Ausdruck selten und immer seltener: ein einziges Mal im gehaltvollen Sinne in der Apostelgeschichte und drei- oder viermal bei Paulus, aber nur nebenbei und ohne eine Spur von dem Gehalt, der diesem Worte bei Jesus stets eine so besondere Eindringlichkeit verleiht. Werden aber diese zwei Gedankengestalten — der „Vater“ und das „Reich des Vaters“ — aus ihrer Stellung im Mittelpunkt verrückt oder gar uns ganz entrückt, so geraten alle übrigen Lehren des Heilandes in einen schiefen Augenwinkel.

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    In dem ganzen Evangelium gibt es nur eine Stelle — eine einzige, und zwar bei nur einem der vier Evangelisten —‚ geeignet, jeden Leser über die „Vater-Lehre“ Jesu irrezuführen, und zwar eine Stelle, an die wir so oft erinnert werden — so z. B. gleich am Anfang jedes Taufaktes —‚ daß sie gewiß in den Hirnen der meisten Laien im Vordergrund steht: ich meine Matthäus, Kap. 28, Vers 19 fg. Dieser Vers lautet: „Gehet hin und werbet alle Völker durch die Taufe auf

106 DER HEILAND — BETRACHTUNG ÜBER MATTHÄUS 28, 19

den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich Euch aufgetragen habe“: so soll die letzte Weisung des Auferstandenen an seine Jünger gelautet haben. Hiernach würde die Lehre von dem dreieinigen Gott aus dem Munde des Heilandes stammen. In diesem Falle jedoch sind wir zum Glück in der Lage, mit aller Bestimmtheit nachweisen zu können, daß es sich um ein spätes Einschiebsel handelt, also um einen „frommen Betrug“ (pia fraus). Erstens wäre es mehr als merkwürdig, wenn der Heiland im allerletzten Augenblick und ohne jede Erläuterung seinen Jüngern eine neue Lehre vorgetragen hätte. Zweitens wäre es unbegreiflich, daß eine so entscheidende Lehre weder bei einem der anderen Evangelisten noch in irgendeiner der übrigen Schriften des Neuen Testamentes einen Widerhall findet — denn die einzige andere Stelle im gesamten Neuen Testament, welche die Dreieinigkeit erwähnt, Vers 7 des 5. Kapitels der ersten Epistel des Johannes, ist eine so späte und flagrante Fälschung, daß selbst noch unter Leo XIII. eine von ihm ernannte Gelehrtenkommission die Unechtheit bestätigen mußte; von vierhundert bekannten griechischen Handschriften, die vom 4. bis zum 14. Jahrhundert reichen, enthält keine einzige die betreffenden Worte, auch den ältesten Exemplaren der Vulgata des Hieronymus sind sie fremd. Drittens: wir besitzen in den neutestamentlichen Schriften, und auch außerhalb ihrer, zahlreiche Zeugnisse über den Taufakt bei den frühen Christen und wissen, daß unter ihnen ausnahmslos „auf den Namen Christi“ oder „auf den Namen des Herrn“ getauft wurde. So sagt z. B. Petrus in seiner ersten großen Predigt (Apostelgeschichte 2, 38): „Lasse sich ein Jeder von euch taufen auf den Namen Jesu Christi“, und dem bekehrten römischen Hauptmann Cornelius und seiner Familie befiehlt er, „sich auf den Namen Jesu Christi taufen zu lassen“ (Apostelgeschichte 10,48). Diese Beispiele lassen sich vermehren, wogegen kein einziges namhaft gemacht werden kann, bei welchem die Taufe „auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ vollzogen worden wäre; erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts scheint die trinitarische Formel aufgekommen zu sein, und zwar, wie Cheyne glaubt, aus Afrika eingeführt (siehe Bible problems). Viertens: wir wissen durch Johannes, daß der Heiland selber nicht zu taufen pflegte (4, 2), und von Paulus besitzen wir das Wort: „Christus hat mich nicht aus-

107 DER HEILANDDIE RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)
gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden“ (1. Kor. 1, 17), woraus wir mit Gewißheit entnehmen, daß den Aposteln ein Taufbefehl aus dem Munde Jesu unbekannt war. Fünftens: der bekannte früheste Geschichtsschreiber der Kirche, Eusebius, Bischof von Caesarea (um die Mitte des vierten Jahrhunderts tätig), Zeitgenosse und Schützling Konstantin's des Großen, erwähnt in seinen Schriften gerade diese Stelle des Matthäus-Evangeliums mehr als ein dutzendmal, nie aber (wenigstens in keiner Schrift, die vor dem Konzil von Nizäa entstand) in der uns geläufigen Fassung, sondern mit folgendem Wortlaut: „Gehet hin und werbet alle Völker in   m e i n e m   N a m e n   und lehret sie usw.“ Eusebius also las an dieser Stelle (und er hatte von seinem Vorgänger Pamphilus eine besonders reiche Sammlung Handschriften geerbt) weder einen Taufbefehl überhaupt noch die Verkündigung einer Dreieinigkeitslehre (siehe Conybeare: History of New Testament Criticism, Kap. 5, und Wellhausen: Das Evangelium Matthaei, S. 152).
    Es erweist sich somit dieser Vers als unzweifelhaft unecht; wir wollen uns durch ihn nicht irre machen lassen.

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    Des Heilandes Gotteslehre — d. h. also die Lehre vom   V a t e r — setzt sich aus zwei Elementen zusammen: kindlicher Einfalt und unergründlichem Tiefsinn. Das eine Element bedingt das andere
: denn wer Gottes Wesen zu tief auffaßt, als daß er Mythos mit Wirklichkeit verwechsele, und zu wenig materialistisch, als daß er an der Vorstellung eines „Machers des Alls“ Genüge finde, dem bleibt nichts übrig, als entweder mit dem indischen Weisen (S. 28) zu schweigen, oder aber aus kindlich reinem Gemüte wie von einem Traumgesichte zu reden; dieses Reden aber kann jedenfalls nur aus jenem Schweigen geboren werden. Wir haben schon im ersten Kapitel gesehen, daß über Gott nichts ausgesagt werden kann, was vor dem Verstande logisch-zwingende Geltung und Sinn besäße, weil — schon dem Begriffe nach — Gott der Welt der Erscheinung nicht angehört und somit alles, was von ihm und über ihn ausgesagt wird, nur uneigentlich zu verstehen ist. Ich erinnere an das Wort Luther's: „Ja, wer weiß was ist, das Gott heißt? Es ist über Leib, über Geist, über alles, was man sagen, hören und denken kann.“

108 DER HEILANDDIE RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)

    Äußerst bezeichnend ist es darum, daß der Heiland niemals eine lehrhafte Auseinandersetzung über das Wesen Gottes unternimmt, daß er vielmehr uns durch hundert scheinbar leicht hingeworfene Bemerkungen nach und nach in sein eigenes Verhältnis zu „seinem und unserem Vater“ einweiht, um daraus einen Jeden erraten oder allmählich nachempfinden oder ahnen oder wie durch plötzliche Offenbarung begreifen zu lassen, was und wer dieser Vater ist, „um dessentwillen er lebt“ (Joh. 6. 57), und dessen nie weichende Gegenwart ihn aus allen Sorgen des irdischen Daseins derartig vollkommen befreit, daß er schon innerhalb dieser Zeitlichkeit das außerzeitliche „Reich Gottes“ als seine wahre Heimat bewohnt. Über einen also aufgefaßten Gott kann es keinen Zwangsglaubenssatz (Dogma) geben: er wird erlebt, oder er wird nicht erlebt; reden, lehren, in Kirchenkonzilien hin und her über ihn streiten — das alles ist ausgeschlossen. Wer diesen Gott unseres Heilandes — den Vater — erleben will, muß auf des Heilandes Stimme lauschen: kein anderer vermag hier zu vermitteln.
    Darf sich auch keiner dessen vermessen, es wird doch nicht verwehrt sein, den noch Ungeübten zum Aufmerken hinzuleiten, indem man einige Hauptpunkte hervorhebt.
    Auffallend ist z. B. der entschiedene Ton, in welchem Jesus selber seine Gleichstellung mit dem Vater wiederholt deutlich von sich weist; für die Echtheit solcher Stellen zeugt die Tatsache, daß sie der Kirche bald peinlich auffielen und wir in den Evangelien selber schon Versuchen, sie umzumodeln oder auszumerzen, begegnen. Die auffallendste dieser Stellen lautet: „und da er hinauskam auf die Straße, lief einer herzu und fiel vor ihm auf die Knie, und befragte ihn: Guter Meister, was soll ich tun, um ewiges Leben zu ererben? Jesus aber sagte zu ihm: Was nennst Du mich gut? Niemand ist gut, außer dem einen Gott“ (Mark. 10, 17, 18). Dieses Wort bringt Lukas in genau der gleichen Fassung (18, 19) und, was sehr wichtig ist, Justin der Märtyrer — etwa um die Mitte des zweiten Jahrhunderts — führt es an (Apol. I, 16, 7). Kein Mensch war fähig, ein solches Wort, welches den Vorstellungen der werdenden Kirche widersprach, zu erfinden; die kirchliche Bearbeitung des Matthäus-Evangeliums wandelte es dann später um in die verlegene Fassung: „Meister, was soll ich Gutes tun...?“, worauf die Antwort erfolgt:

109 DER HEILANDDIE RELIGION DES REICHES GOTTES (FORTSETZUNG)

„Was fragst Du mich über das, was gut ist? Einer ist der Gute“ (19, 16 fg.). Ein zweites hierher gehöriges Wort vernahmen wir schon vorhin (S. 102), wo der Heiland, befragt um den Zeitpunkt des Weltendes, erwidert, er wisse es nicht, das wisse „allein der Vater“: auch dieses Wort hat die Kirche das Mögliche getan, zu verwischen oder zu streichen; zum Glück hat es der Markustext uns rein erhalten. Wer genau darauf achtet, wird an vielen Stellen Ähnliches bemerken, doch ich übergehe sie, nicht bloß um nicht zu ermüden, sondern weil Matthäus, Markus und Lukas alle drei ein Wort bringen, welches die Unterscheidung zwischen dem Heiland und dem Vater bis in die innersten Regungen des Willens durchführt: ich meine das Gebet auf dem Ölberg, das mit den Worten schließt: „Doch nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!“ Deutlicher kann nicht zwischen Persönlichkeit und Persönlichkeit unterschieden werden.
    Einen zweiten Hauptpunkt in Jesu Gotteslehre haben wir darin zu erblicken, daß er das Bild der   S o h n s c h a f t   nicht für sich allein beansprucht, vielmehr immer von neuem auf alle Menschen anwendet, die an den Vater glauben: wer Gott als Vater empfindet, kann nicht anders denn sich als Sohn erkennen. „Niemand auf der Erde sollt ihr euren Vater nennen; denn Einer ist euer Vater, der himmlische“ (Matth. 23, 9). Diese Vorstellung eines Verhältnisses des Menschen zu Gott als das des Kindes zu seinem Vater war durch den Heiland unter seinen Jüngern so fest eingebürgert, daß sie, als die neue Gotteslehre der jungen Kirche aufkam, weiterlebte und noch Paulus schreiben kann: „Denn die durch Gottes Geist getrieben werden, das sind Gottes Söhne“ (Röm. 8, 14). Wichtiger aber als alles andere ist die Zeugenschaft des Johannes, der zwar spät schreibt, jedoch gerade in diesen Fragen seinen Meister inniger gekannt und besser verstanden hatte als irgend ein anderer Mensch, und er ist es, der uns die ewig denkwürdigen Worte überliefert: „Ich steige auf zu meinem und eurem Vater, zu meinem und eurem Gott“ (Joh. 20, 17).
    Kaum minder bemerkenswert — namentlich dem noch heute allgemein herrschenden Vorurteile gegenüber — ist ein dritter Punkt in der Gotteslehre des Heilandes: die Tatsache nämlich, daß der Gott, den er als „Vater“ bezeichnet, niemals mit dem Judengott verwech-

110 DER HEILANDBETRACHTUNG ÜBER JESU VERHÄLTNIS ZU DEN JUDEN

selt wird, ebensowenig wie Jahve's auserwähltes Volk der Juden von ihm bevorzugt erscheint.
    Ungern unterbreche ich unsere Betrachtung über die Religion des Reiches Gottes, doch ist es unbedingt notwendig — gerade um die Lehre des Heiland