Hereunder follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart Chamberlain's Mensch und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first edition appeared in 1921.

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Vorwort

Kapitel 1. Mensch und Gott
Kapitel 2. Der Mittler
Kapitel 3. Der Heiland
Kapitel 4. Die Evangelien
Kapitel 5. Paulus
Kapitel 6. Die christliche Kirche und die Religion Jesu
Verzeichnisse
DOWNLOAD Mensch und Gott


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IV.
DIE EVANGELIEN
 
MERKEN SIE, MEIN FREUND, DASS SIE FAST
NICHT GENAU UND SIMPEL GENUG BEI DER
GESCHICHTE JESU BLEIBEN KÖNNEN.
(H E R D E R)
 
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(Leere Seite)

141 DIE EVANGELIENBEDEUTUNG DES WORTES EVANGELIUM
Das mit nichts zu Vergleichende an den Evangelien wurde im vorigen Kapitel genügend betont; in dem vorliegenden möchte ich versuchen, die Beschränkungen, welche die damaligen Zeitverhältnisse mit sich brachten in der Weise anzudeuten, daß der Leser es lernt, in den Berichten über Jesu Worte und Taten das Unechte vom Echten zu scheiden, was unerläßlich ist, soll die Gestalt des Heilandes in ihrer Reinheit erfaßt werden.
    Ehe wir jedoch diese Aufgabe in Angriff nehmen, wird es nötig sein, uns über den Sinn des Wortes Evangelium kurz zu verständigen: ohne eine systematische Entwirrung kann dies nicht gelingen.
    Zwischen zwei Bedeutungen des Ausdruckes „Evangelium Christi“ unterscheiden die Theologen. Ursprünglich — also zur Zeit der ersten Christen — verstand man unter Evangelium nicht sowohl das, was der Heiland gesprochen und gelehrt hatte, als vielmehr die Kunde von seinem Tode, seiner Auferstehung und seiner Auffahrt gen Himmel, sowie die aus diesen Begebnissen geschöpfte Überzeugung, daß er für unsere Erlösung gestorben und daß, wer dies glaubt, zum ewigen Leben berufen sei. Dieses war und ist der eigentliche Inhalt, die eigentliche Bedeutung dessen, was man in der ersten Zeit die Frohbotschaft, das Evangelium nannte. Als jedoch das Zeitalter der ersten Begeisterung vorüber war und die Kunde des Evangeliums nicht mehr überraschend wirkte, schlich sich bei vielen, mehr oder weniger unbewußt, eine andere Bedeutung ein, die später, namentlich bei Deisten und Rationalisten vorwog, und auch heute uns Laien vielfach vorschwebt: nach diesem uneigentlichen Gebrauch versteht man unter „Evangelium“ dasjenige, was der Heiland selber gesprochen und gelehrt hat; und nicht bloß oberflächliche Geister, sondern sogar ein Goethe und ein Kant feiern „das Evangelium“ — worunter sie, wie gesagt, Jesu eigene Worte verstehen — als „erhabenste Sittenlehre“, indem sie zugleich das eigentliche Evangelium — die Frohbotschaft der Apostel — außer acht lassen oder stillschweigend beiseite schieben. Dieses muß als uneigentlicher Gebrauch des Wortes Evangelium erkannt, bezeichnet und getadelt werden, da es Verwirrung stiftet und ein geschichtlich eindeutiges inhaltreiches Wort seines ursprünglichen Sinnes entkleidet.
    Über diese Unterscheidung zwischen einem eigentlichen und einem uneigentlichen Gebrauch des Wortes Evangelium sind sich

142 DIE EVANGELIENBEDEUTUNG DES WORTES EVANGELIUM

alle Theologen einig; sie ist so einfach, klar und wohlbegründet, daß, einmal aufmerksam gemacht, jeder Mensch sie verstehen und billigen muß, handelt es sich doch hierbei lediglich um den nachweisbaren Sinn eines Wortes.
    Verwickelter liegen die Verhältnisse bei einer zweiten notwendigen Unterscheidung, welche, wohlbetrachtet, weniger den Sinn des Wortes Evangelium betrifft, als die Lehren Jesu, wie sie uns durch Matthäus, Markus, Lukas und Johannes überliefert worden sind.
    Verbreitet ist unter uns die Meinung, Jesus Christus habe eine auf reine Sittlichkeit hinzielende undogmatische   R e l i g i o n   gegründet, die manchmal als „Jesusreligion“ bezeichnet und im Gegensatz zu der Religion des Paulus und der Kirche gefeiert wird. So gibt z. B. Immanuel Kant in seinem Buch über Religion — hauptsächlich nach der Bergpredigt, doch mit Heranziehung verwandter Stellen — eine Zusammenfassung der dort verkündeten Lehren, aufgefaßt als reine Sittenlehren, die er mit den Worten beschließt: „Hier ist nun eine vollständige Religion, die allen Menschen durch ihre eigene Vernunft faßlich und überzeugend vorgelegt werden kann“, und einige Zeilen weiter heißt es: „die jedem Menschen verständlich und ohne allen Aufwand von Gelehrsamkeit überzeugend sein muß“ (4. Stück, 1. Teil, 1. Abschn.). Bei aller Ehrfurcht vor dem größten Denker kann man nicht umhin, diese Behauptung Kant's als irrig zu bezeichnen, oder wenigstens als irreführend. Historisch stimmt es nicht, daß die sittlichen Gebote der Bergpredigt den Inhalt des christlichen Glaubens und seine ungeheure Lebenskraft ausgemacht hätten; innerlich stimmt es aber noch weniger, daß mit dieser Auffassung des Heilandes als eines Moralpredigers der Kern seiner Botschaft an uns Menschen getroffen sei. Ein sehr zuverlässiger Führer, Bischof Lightfoot, äußert sich hierüber (in dem Vorwort zu seinem Buch über den Philipperbrief): „Eine natürliche Gegenwirkung gegen die Last der Dogmen verleitet dazu, allen Nachdruck auf die sittlichen Lehren des Evangeliums zu legen. Manche Menschen nehmen stillschweigend an, manche behaupten sogar ausdrücklich, die Bergpredigt bilde den Kern des Evangeliums. Diese Auffassung entspringt gewiß einem gesünderen Instinkt als engherziger Dogmatismus, aber in Wirklichkeit ist sie nicht weniger gefährlich und bedroht selbst die Sittlichkeit: denn sind erst die

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DIE EVANGELIENDER MESSIASGEDANKE
Quellen des Lebens abgeschnitten, so wird der Strom bald aufhören zu fließen.“ Den Quellpunkt jeglichen Lebens bildet, wie wir aus den beiden vorangehenden Kapiteln erfuhren, die Überzeugung, in Jesu Christo den   M i t t l e r   zwischen Mensch und Gott zu besitzen.
    Die Jünger selber würden am allererstauntesten sein, wenn sie erführen, man erkläre auf Grund ihrer eigenen Berichte ihren Herrn und Meister für einen bloßen Sittenlehrer, eine Art jüdischgefärbten Stoiker — ihn, den Gottgesandten, der sie durch Wort und Beispiel gelehrt hatte, sich stets in Gottes unmittelbarer Gegenwart zu fühlen, um des Gottesreiches willen Vater und Mutter zu verlassen und voll Freude in den Tod zu gehen, — und dessen Worte ihnen noch in den Ohren klangen: „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will auch ich verleugnen vor meinem Vater im Himmel“ (Matth. 10, 33).
    So viel nur über Gebrauch und Mißbrauch des Wortes Evangelium; reden wir nun von diesem selbst.

*
 
    Seit Monaten (vielleicht schon seit Jahren) den göttlichen Heiland begleitend als stundstündliche Zeugen seiner Erdentage, hatten die Jünger — aus dem, was uns alle bändigt, entrückt — gleichsam im Vorhof des Reiches Gottes gelebt; nun aber war der Verrat wie ein Blitz in ihre Reihen gefahren, jäh gefolgt von der Gefangennahme, der Verurteilung und dem qualvollen Tode; um dem Heiland nachzufolgen, hatten sie alles verlassen, und jetzt war er — der sonst Kranke heilte und Tote erweckte — ihnen allen in den Tod vorangegangen, und zwar in die, nach der Vorstellung der Juden, schmählichste aller Todesarten: „verflucht ist jeder, der am Holze hänget!“ (nach Gal. 3, 13). Plötzlich jedoch war das nie Erwartete geschehen: der Entschwundene stand wieder lebend mitten unter ihnen! Seine Liebe hatte ihn zu seinen Getreuen zurückgeführt, womit die Gewähr ihrer göttlichen Eigenart und ihrer ewigen Dauer gegeben war. Aus diesem ungeheueren Erlebnis schöpften jene einfachen Männer die Kraft zu dem mehr als menschlichen Werke, das sie jetzt vollbrachten: hiermit ward das Christentum geboren.

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    Wenig Bildung besaßen die Jünger, über gar keine weltlichen Verbindungen verfügten sie, in einem abgelegenen Erdenwinkel waren sie daheim: Eines aber — ein Einziges — wußten sie, sie allein wußten es, und gerade nach diesem Einen fragten und suchten durch tausend Verworrenheiten hindurch alle Menschen: diese Galiläer hatten den   M i t t l e r   zwischen Mensch und Gott gefunden und dadurch zugleich die Fähigkeit empfangen, ihn der ganzen Welt zu verkünden.
    Nun waren diese Männer — wie schon bemerkt — nicht Männer, die über philosophische Kenntnisse verfügten und dementsprechend sich hätten neue Lehrsätze erfinden können; notwendig mußten sie ihr Erlebnis des lebendigen und des von den Toten auferstandenen Heilandes in irgendeiner ihnen, als Menschen aus dem Volke geläufigen Vorstellung unterbringen — ich will sagen, sie waren unfähig, für das Neue einen gedanklich neuen Behälter zu schaffen; vielmehr griffen sie einfach die damals weitverbreitete Vorstellung eines erwarteten Retters der Judenheit aus allen Nöten auf und überzeugten sich und Andere, Jesus von Nazareth sei dieser ersehnte Messias, d. h. „der Gesalbte“ aus dem Hause David's — ins Griechische übertragen, „der Christ“.
    Aus diesem Umstand ergibt sich mit Notwendigkeit, daß von den evangelischen Berichterstattern einige Gewaltsamkeit zu erwarten steht. Hierbei ruht unsere Aufmerksamkeit zunächst besonders auf den drei ersten Evangelien; doch erweist sich das vierte Evangelium den drei anderen, bei genauerer Erforschung, näher verwandt, als man auf den ersten Blick vermutet; es entstammt dem gleichen Urquell und teilt darum, trotz aller Weiterentwickelung, die gleichen Lebensbedingungen.
    Nach der Evangelisten eigenem Bericht entsteht der Gedanke, Jesus sei der verheißene Messias der Juden, unter den Jüngern selbst erst gegen Ende der irdischen Laufbahn ihres Meisters; zurückblickend aber färbt er — wie nicht anders möglich — ihre ganze Erzählung und veranlaßt nicht allein Mißverständnisse, sondern auch unbewußte Zusätze und Erfindungen. Nicht etwa, daß wir den guten Glauben und die wesentliche Wahrhaftigkeit jener Männer anzweifeln, vielmehr haben wir diese Eigenschaften an ihrem Werke im vorigen Kapitel über alles Lob erhaben gefunden; es war aber

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unvermeidlich, daß, wer dieses einzige Leben und Lehren nach dem Schema „Messias der Juden“ sich zurechtlegte, beiden — dem Leben und dem Lehren — höchst gewaltsame Deutungen aufzwingen mußte. Den Erzählern kam es eben nicht bloß darauf an, ihre Erlebnisse treu zu berichten, sondern fast noch mehr darauf, Andere zu ihrer Überzeugung von der Messiaswürde des Heilandes zu bekehren.
    Diese Überzeugung beglückte sie, denn „Messias“ war der höchste Ehrentitel, der innerhalb des ihnen einzig vertrauten jüdischen Weltbildes verliehen werden konnte; erkannte das ganze jüdische Volk in Jesus den erwarteten Messias, so schwanden alle Schwierigkeiten und Hindernisse, die Prophezeiungen waren einfach bisher mißverstanden worden, man mußte sie anders lesen lernen; war er der Messias, so mußte notwendig alles stimmen. Wer sich diese Zusammenhänge ruhig und freien Sinnes überlegt, wird den Eindruck eines zwangsmäßig wirkenden Gedankens — was die Wissenschaft eine Suggestivwirkung nennt — gewinnen; folgerichtig war er durchaus nicht, vielmehr sprach dieser Gedanke aller Logik Hohn, und die Jünger selber vernichteten auf immer durch diesen einen Einfall eines leidenden, den Verbrechertod sterbenden Messias ihren eigenen Hauptzweck: das Judentum von der göttlichen Sendung Jesu Christi zu überzeugen; denn kein echter judäischer Jude konnte zugeben, Jesus sei der von seinem Volk erwartete Messias, ohne zugleich aufzuhören, Jude zu sein.
    Uns heutigen Christen eignet, infolge fast zweitausendjähriger Gewohnheit, eine Vorstellung von der Bedeutung des Wortes   M e s s i a s,   die nicht bloß der Vorstellung der Juden — und derjenigen der unmittelbaren Jünger Christi — nicht entspricht, sondern kaum einen Berührungspunkt mit ihr aufweist. Für uns ist eben die Annahme, Jesus von Nazareth sei der Christ (und d. h. der Messias), die Grundlage alles Kirchenglaubens; darum wird es uns ohne besondere Belehrung schwer, uns den Messias der Juden vorzustellen; unsere Phantasie ist schon ausgefüllt, so daß bei dem Worte Messias uns sofort der Heiland der Evangelien vor Augen steht und wir das Wort als gleichbedeutend mit „Gott-Sohn“ und mit „Erlöser“ betrachten — was bei dem Messias der Juden nicht zutrifft. Wer sich über letzteren unterrichten will, greift vielleicht am besten nach Emil Schürer's im vorigen Kapitel angeführten Werk, Geschichte

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des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi, wo er, Band II, § 29, einen lückenlosen geschichtlichen Überblick und eine ausführliche „systematische Darstellung“ der messianischen Hoffnung finden wird. Da diese Hoffnung eigentlich zu allen Zeiten einen Bestandteil des israelitischen Glaubensschemas ausgemacht hat, so wird es uns nicht wundernehmen, wenn sie im Laufe der vielen Jahrhunderte und der wechselnden Schicksale verschiedene Gestalten annahm, vielmehr werden wir eher über die Beharrlichkeit des leitenden Gedankens staunen: zu allen Zeiten und unter wechselnden Einkleidungen blieb die Idee des Messias eine durch und durch   p o l i t i s c h e   V o r s t e l l u n g   (vgl. Sanday: Christ in recent research, S. 136); immer bestand der Hauptinhalt dieser Vorstellung in der erhofften Weltherrschaft der Juden, mit begleitender Unterjochung oder gar Vertilgung aller Nichtjuden. In den sogenannten Psalmen Salomo's — einer Schrift, die in der Zeit kurz vor Jesu Geburt entstand — lesen wir von dem Messias als „dem Sohn David's mit Kraft gegürtet, der Jerusalem reinigt, mit eisernem Stabe die gottlosen Heiden verdirbt, ein heiliges Volk regiert, unter dem künftig weder Beisasse noch Fremder wohnen darf.... Der Messias hält die Heidenvölker unter seinem Joche, daß sie ihm dienen“ (Psalm 17). In dem ungefähr gleichzeitigen Buch der Jubiläen heißt es von dem Erfolg des Messias: „Israel soll   n a c h   W i l l k ü r   herrschen über alle Völker und soll die ganze Erde an sich ziehen und sie ererben auf Ewigkeit“ (32, 19). Eine Stelle aus der Midrasch entnehme ich Merx, in der die liebliche messianische Hoffnung zum Ausdruck kommt, „hinter den Israeliten her werde eine (von Jahve gesandte) Flamme alle Nahrung der übrigen Erdenvölker verbrennen und in Jerusalem große Herrlichkeit einrichten“ (Evangelien, 2. Teil, 1, 354). Diese wenigen Stellen genügen, um ein lebhaftes Bild von der verbreitetsten Vorstellung der messianischen Hoffnung zur Zeit Jesu zu wecken. Gewöhnlich wurde der Messias als ein König aus dem Stamme David's erwartet — wie wir das vorhin in den Psalmen Salomo's hörten — der das Reich Juda wieder aufrichtet und zum Weltreich erweitert; doch lagen hierüber keine dogmatischen Feststellungen vor, und in Zeiten großer Erniedrigung war es edler gearteten Männern eingefallen, zum Messias werde kein bloßer Kriegsheld genügen, vielmehr habe man darunter einen prophetischen

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Erneuerer strengster jüdischer Gesetzestreue zu erwarten; und einmal auf diesem Wege, hat es nicht an Zeloten gefehlt, die das ganze messianische Reich in ein himmlisches verwandelten: als Auftakt sollte das Weltende mit Schrecken und mit Vertilgung aller Nichtjuden vorangehen, worauf dann — sei es auf einer erneuten Erde, sei es im Himmel — ein neues herrliches Jerusalem entstehen, beziehungsweise sich herabsenken werde, in welchem der Messias thront. Wichtig ist aber die Feststellung, daß die ersten dunklen Andeutungen in jüdischen Schriften, nach denen vielleicht ein leidender Messias dem triumphierenden vorangehen werde, erst zwei Jahrhunderte nach Christi Tod auftauchten und offenbar durch das sich ausbreitende Christentum eingegeben sind (vgl. Stanton: The Jewish and the Christian Messiah, S. 122 fg.); übrigens gewann diese Auffassung vereinzelter Schwärmer innerhalb des Judentums nie Geltung. Das viel genannte 53. Kapitel des Deuterojesaia wird von dem jüdischen Targum mit Recht nicht von einem leidenden, sondern von einem triumphierenden Messias verstanden (siehe Merx, 2. Teil, 2. Bd., 83). In Kautzsch's maßgebender Ausgabe des Alten Testamentes schreibt Professor Guthe zu diesem Abschnitt: „Der Knecht Jahve's kann doch hier nichts anderes bedeuten als in dem übrigen Buche, nämlich das Volk Israel“ (1, 640) — nicht also den Messias, die Verse:

Gemißhandelt ward er und er beugte sich willig
Und tat seinen Mund nicht auf,
Wie ein Lamm, das zur Schlachtung geführt wird,
Und wie ein Schaf, das vor seinen Scherern verstummt

sind eine fast wörtliche Anführung aus Jeremia (11, 19) und beziehen sich auf die Mißhandlung, die Jeremia selber von seinen Feinden zu erleiden hatte (Cheyne: Isaiah, S. 246). Ebensowenig wie einen leidenden Messias haben die Juden jemals einen göttlichen oder halbgöttlichen Messias erwartet; zwar sollte er nach einigen mehr apokalyptisch gefärbten Schriften aus dem Himmel zur Erde herunterkommen, doch als echter Mensch und als Geschöpf Gottes:
hierfür berufe ich mich auf den heutigen jüdischen Gelehrten C. Montefiore (St. Paul and Judaism, S. 52).
    Um nun ein Urteil über die Darstellung des Lebens Jesu durch

148 DIE EVANGELIENDER MESSIASGEDANKE

die Evangelisten zu gewinnen, ist vor allem notwendig zu wissen, daß die ersten Jünger in der ersten Zeit auf jüdischem Boden stehen blieben.
    So läßt sich z. B. mit aller Strenge nachweisen, daß sie — in der echten jüdischen Überlieferung aufgewachsen — den erwarteten und nunmehr von ihnen gefundenen Messias für einen Menschen, und nicht für Gott oder Gottes Sohn hielten: der Ausdruck „Sohn Gottes“ war ein den Juden geläufiger und diente einerseits zur Bezeichnung der Engel, andrerseits zum bildlichen Lobe ausgezeichneter Menschen — so z. B. guter Könige und gotterfüllter Propheten — wurde aber natürlich niemals buchstäblich verstanden, was ja innerhalb des jüdischen Glaubens ohne jeden Sinn gewesen wäre. Man betrachte nur die ersten Reden Petri in der Apostelgeschichte; Form und Inhalt zeugen für ihre Echtheit. Da heißt Jesus   „e i n   M a n n,   der sich durch gewaltige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn getan hat in eurer Mitte, als von Gott hergesandt erwiesen hat“ (2, 22 fg.); die Botschaft richtet sich an „das Haus Israel“ allein, und da heißt es, diesen Mann „hat Gott zum Herrn und Christus gemacht“ (2, 36). In seiner zweiten Anrede spricht der selbe Apostel: „Der Gott Abraham's und Gott Isaak's und Gott Jakob's, der Gott unserer Väter hat   s e i n e n   K n e c h t   Jesum verherrlicht...“ (3, 13). Auch in dem ersten gemeinsamen Gebet hören wir: „sie haben sich versammelt in dieser Stadt wider Deinen   h e i l i g e n   K n e c h t   Jesum, den Du gesalbt,...“ (4, 27). Immer handelt es sich um einen Menschen, den Gott zum Messias der Juden erhoben hat. Das gleiche bezeugt das Wort, welches der Evangelist den beiden Jüngern auf dem Wege nach Emmaus, am dritten Tage nach der Kreuzigung, in den Mund legt: „Er (Jesus) war   e i n   p r o p h e t i s c h e r   M a n n,   gewaltig in Kraft und in Werk und in Wort vor Gott und dem ganzen Volk“ (Lukas 24, 19, nach dem ältesten Text): gleichviel, ob man annehmen will, dieses Wort wurde wirklich gesprochen, oder ob man es dem Erzähler zuschreibt — die bloße Tatsache, daß es überhaupt geschrieben wurde, genügt, uns über das, was die Urgemeinde dachte, vollkommen aufzuklären; keine spätere Zeit hätte so zu sprechen gewagt.
    Es steht unwidersprechlich fest: die ersten Jünger, aus deren Kreis die Evangelisten, oder wenigstens die Evangelien hervorgingen,

149 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN, OFFENBARUNGSSCHRIFTEN, WUNDER

hielten Jesus für den von allen Israeliten (noch heute) erwarteten Messias, den Mann aus David's Stamme, von Gott zur Wiederaufrichtung seines auserwählten Volkes bestimmt. Erst im Evangelium Johannis erblicken wir den Übergang zu der neuen, unjüdischen Auffassung; in diesem Evangelium — wie der Spezialforscher E. F. Scott ausführt — „tritt die Frage der Messianität in den Hintergrund und wird schließlich aus den Augen verloren angesichts der weit höheren Würde.... Der Name Messias verlor seine historische Bedeutung und wurde gleichlautend mit Gott-Sohn“ (The Fourth Gospel, its purpose and theology, 2. Aufl., S. 70 u. 369). An derjenigen Stelle, wo Johannes den Vorfall von Caesarea Philippi erzählt (6, 69) und wo Matthäus (16, 16), Markus (8, 29) und Lukas (9, 20) das angebliche Bekenntnis des Petrus bringen: „Du bist der Messias“, läßt ihn Johannes sprechen: „Du bist der Heilige Gottes.“ Die Gedanken der drei ersten Evangelisten aber — also derjenigen, aus denen wir die lebendige Vorstellung der Persönlichkeit zu schöpfen pflegen — bewegen sich, wie gesagt, noch innerhalb der echt jüdischen Messias-Vorstellung. Daß sie überhaupt auf einen solchen Gedanken verfielen, läßt sich nur aus der Armut des religiösen Lebens der Juden erklären, welches ihnen eine einzige Idealgestalt bot.
    Freilich erheben einzelne neuere Gelehrte den Einwurf, die messianische Hoffnung sei zur Lebenszeit Christi im eigentlichen Volke so gut wie ausgestorben gewesen; die Behauptung ist jedoch offenbar irrig, da kurz vorher und kurz nachher verschiedene Männer die Messiaswürde für sich in Anspruch nahmen, die Fahne der Empörung aufrollten und großen Anhang (namentlich in Galiläa) fanden; außerdem haben Schürer und Stanton nachgewiesen, daß die Erwartung des Messias dazumal besonders hoch gesteigert war. Insofern kann man es also begreifen, wenn schlichte Männer aus dem Volke sich überzeugten, Jesus müsse der erwartete Messias gewesen sein.

*

    Indem jedoch die Jünger sich anschickten, diese Überzeugung öffentlich zu vertreten, fanden sie sich bald zu dreierlei Unternehmungen verpflichtet, durch welche sie sich in allerhand Widersprüche und Gewaltsamkeiten verwickelten und einen Teil ihrer


150 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN, OFFENBARUNGSSCHRIFTEN, WUNDER

reinen Naivität, der Erscheinung des Göttlichen gegenüber, einbüßten: sie mußten nachweisen, daß die Propheten Israels einen leidenden, duldenden, verschmähten und schimpflich getöteten Messias von Anfang an geweissagt hatten, was der Meinung sämtlicher Schriftkenner widersprach; sie mußten den Glauben an die glorreiche apokalyptische Wiederkehr des Gekreuzigten einflößen, und drittens mußten sie das Wunderwirken Jesu mit möglichst grellen Farben ausmalen, weil gerade dieses Beweismittel bei dem unwissenden Volk stets den stärksten Eindruck macht. In allen drei Fällen mußten sie von ihren echten Erinnerungen an Jesum mehr oder weniger abweichen.
    Der Beweis aus Weissagung war darum unerläßlich, weil die Juden nur das als geschichtlich wahr annehmen durften, was ihre Propheten vorverkündet hatten (Holsten: Paulus 2, 19). — Mit dem Offenbarungswesen der Apokalyptik verhielt es sich folgendermaßen: je tiefer das jüdische Volk politisch sank, und je ferner infolgedessen seine Hoffnung auf Weltherrschaft rückte, um so mehr hatte sich — unter dem Einfluß babylonischer und persischer Ideen — eine früher den Juden unbekannte Phantastik über das Ende der Welt, und was alles darauf folgen sollte, entwickelt. Diese Lehren „von den letzten Dingen“, von der Wissenschaft Eschatologie genannt und von den gelehrten Rabbinern zu allen Zeiten mißtrauisch behandelt, wenn nicht gar verworfen, bildeten einen Ersatz für den versiegten Strom der Prophezeiung. Schon der 74. Psalm (gedichtet anderthalb Jahrhundert vor Christi Geburt) erhebt die Klage: „Kein Prophet ist mehr da!“ An Stelle der Propheten, die stets in der politischen Gegenwart wurzelten und mit ihrer Person sich für ihre Lehren einsetzten, verbreitete sich jetzt — gerade um die Zeit kurz vor und kurz nach Jesu Leben — aus dunklen Winkeln ein frommes Schrifttum, das seine angeblichen Offenbarungen — um ihnen Gewicht zu geben — Männern der Vorzeit zuschrieb, z. B. dem Moses, dem Jesaja oder gar dem Erzvater Enoch. Dieses sonderbare Schrifttum übte zu der Zeit, von der wir handeln, eine mächtige Wirkung auf die Phantasie, namentlich der Volkskreise, aus und hat infolgedessen die Evangelien bedeutend beeinflußt. — Daß der Beweis aus Wundern Jesu ebenfalls unerläßlich war, bedarf keiner weiteren Begründung.

151 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN

    Widmen wir eine kurze Betrachtung jedem dieser drei erwählten Beweismittel für die Messianität Jesu. Vorausschicken will ich noch zwei kurze Bemerkungen.
    Die erste ist wichtig. Uns Heutigen stehen alle drei Beweismittel der Evangelisten besonders fern; weder Weissagungen noch Offenbarungen noch Wunder sind geeignet, auf uns überzeugend zu wirken: daher bedarf es einer geschichtlichen Erwägung, damit wir ihre frühere Bedeutung erfassen.
    Der zweiten Bemerkung wollen wir kein besonderes Gewicht beilegen, immerhin ist sie jedoch geeignet, auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen, welche sonst unbeachtet bleiben. Ganz allgemein gesprochen, darf man behaupten: im Evangelium des Matthäus wird noch mehr Gewicht als in den anderen Evangelien auf die prophetischen Beweise gelegt, immer von neuem vernehmen wir die Worte „damit die Schrift erfüllet werde“; Lukas liebt es, „die letzten Dinge“ — Hölle und Himmel, Strafen und Belohnung — besonders zu betonen; Markus ist der derbe Mann, der sich auf den Eindruck der gewirkten Wunder am meisten stützt und der den Heiland seinen Jüngern verheißen läßt, sie würden Schlangen mit den Händen aufheben, ohne von ihnen gebissen zu werden, und Gifte trinken, ohne daran zu sterben (Mark. 16, 18) — also genau die Kunststücke, welche noch heute wandernde Derwische und andere orientalische Zauberer ausüben; bei Johannes treffen wir zwar alle drei Beweismittel noch an, doch in wunderbar verklärender Vergeistigung.

*

    Der Drang, Kunde über das Zukünftige zu erlangen, scheint allen Menschen angeboren zu sein: ein angeborener Wahnsinn, urteilen wir Heutigen, nichtsdestoweniger ein Drang, der im Altertum alle, auch die kultiviertesten Geister beherrschte, und der noch unter uns „Aufgeklärten“ manchen sonst gescheiten Menschen in nächtlich verbergender Stunde zur Kartenlegerin führt. In der hellenischen Welt, zur Zeit der höchsten Blüte, gab es Hunderte von Heiligtümern, an denen Fragen, die Zukunft betreffend, Beantwortung fanden. Beinahe alle Götter, außerdem manche Heroen der Altzeit wurden zu diesem Zwecke angerufen. Die allgemeine Sitte


152 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN

trieb sowohl den Privatmann, dem ein wichtiges Geschäft bevorstand, wie die Gemeinde, die eine neue Verordnung zu erlassen beabsichtigte, und den Staat, der unschlüssig schwankte, ob er Krieg erklären solle oder nicht, zum Orakel hin, sich Rats zu holen. Die amtierenden Priester, die entweder die Stimmen der Götter zu vernehmen vorgaben, oder aber deren Antwort aus dem Rauschen einer Eiche, aus dem Geplätscher einer heiligen Quelle, aus dem Klirren einer am Altar angeschlagenen Kette, aus dem Zungenreden einer in Extase geratenen Priesterin zu deuten wußten, hießen bei den Griechen Propheten. Durchaus anders geartet war der israelitische und der jüdische Prophet (der Nabi) — ohne Frage die bedeutendste Erscheinung, welche diesem dürren Boden entwuchs. Mit wenigen Ausnahmen stand er in schroffem Gegensatz zur amtlichen Priesterschaft; Jesaia z. B. erklärt, „Gott möge den Sabbat nicht und hasse die festgesetzten Feiertage“, und Jeremia stellt sich vor dem Tempel zu Jerusalem auf und ruft laut: „Verlaßt euch nicht auf die Lügen, wenn sie sagen, hier ist des Herrn Tempel!“ Diese Propheten beantworten keine müßigen Fragen, vielmehr stehen sie im Mittelpunkt des politischen Lebens ihrer Gegenwart und sind leidenschaftlichen Tribunen zu vergleichen. Nicht die Verkündigung der Zukunft schwebt ihnen als Ziel vor, vielmehr die veredelnde Umgestaltung der Gegenwart, und sie malen nur in flammenden Farben — wie sie Orientalen zu Gebote stehen — abschreckende und anlockende Zukunftsbilder ihren Volksgenossen vor die Augen hin, um sie zu bewegen, sofort das Bessere zu erwählen. Daher genossen die israelitischen Propheten auch außerhalb des Judentums Ansehen; Griechen, die dem Christentum nicht angehörten, lasen gern in ihnen und fanden ihre eigene Mythologie bestätigt: so z. B. entnahmen sie dem Liede Jakob's die Vorverkündigung des Dionysos, Jesaia's angebliches Wort über die Jungfrau, die einen Sohn gebären sollte, galt ihnen als Andeutung auf den Perseus, und wenn der Psalmist von einem Mann redet „stark wie ein Riese“, so konnte sich das offenbar nur auf Herakles beziehen (Hatch, Greek Ideas, S. 73 fg.).
    Schon an diesen Beispielen ersieht man aber, daß es weniger darauf ankam, was die Propheten hier und da über zu erwartende Begebenheiten wirklich verkündet haben mochten, als auf das, was

153 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN

man in sie hineinlas; jedes Wort wurde als geheimes Zeichen für ein anderes Wort gedeutet; kein Satz durfte nach seinem geraden Sinn verstanden werden. Da blieb man denn nicht auf die eigentlichen Propheten beschränkt, vielmehr dehnte man diese Methode auf das ganze Alte Testament aus und deutete alle die berichteten Vorgänge aus der Vergangenheit zugleich als geheime Hinweise auf kommende Begebnisse. Derartige Auffassungen herrschten damals allgemein; nirgends aber war die Kunst der Deutung so entwickelt wie bei den jüdischen Schriftgelehrten; von diesen übernahmen die Evangelisten das Verfahren, Paulus und die ersten Christen, sodann die Kirchenväter eiferten ihnen nach, und während Jahrhunderten bildete „der Beweis aus der Schrift“ — gegraptai, es steht geschrieben — das Hauptüberzeugungsmittel der Messianität Jesu, sowie der anderen grundlegenden Kirchenlehren. Der geistesmächtigste Mann unter den frühen Christen, Origenes, lehrt: „Die Schriften (der Bibel) sind vom Geiste Gottes erfaßt und tragen nicht allein die beim ersten Blick zu ersehende Bedeutung, sondern zugleich einen anderen tieferen Sinn, auf den die meisten Leser nicht achten. Denn die geschriebenen Worte sind die Behälter für gewisse Geheimnisse (sacramenta) und die Abbilder göttlicher Dinge“ (De Principiis, Vorw., Abschn. 8). Und der selbe Origenes sagt in seiner berühmtesten Schrift Gegen Celsus (den Gegner des Christentums): „Das stärkste aller Beweismittel zur Bestätigung dessen, was wir von Jesu behaupten, bildet die Tatsache, daß sein Kommen von den jüdischen Propheten vorausgesagt ward“ (Buch 1, Kap. 49). Auch Ignatius überliefert den Einwand der Juden: „Wir glauben dir nichts aus dem Evangelium, solange du es uns nicht nachgewiesen hast in den Archaia — d. h. in den Schriften des Alten Testamentes“ (nach Burkitt).
    Ich greife hier etwas weiter, damit der Leser die Geistesstimmung kennen lerne, aus der die Evangelisten zu ihrem uns so fremd anmutenden Unternehmen die Anregung schöpften. Die Theologen treiben zwar das Allegorisieren noch heute munter weiter, doch uns Anderen fällt es zunächst schwer, und es regt sich im Innern der Geist des Widerspruches, wenn uns zugemutet wird, in der Tatsache, daß Moses eine eherne Schlange in der Wüste aufrichtete, durch deren Anblick Gebissene geheilt werden sollten, eine

154 DIE EVANGELIENWEISSAGUNGEN

sichere Vorherverkündigung des Kreuzestodes Jesu Christi zu erblicken (Joh. 3, 14). Und doch fehlt diese eherne Schlange als „Beweis“ bei vielleicht keinem einzigen Kirchenvater, so sicher konnten sie des Eindruckes sein, den diese allegorische Umdeutung auf ihre Leser machen mußte. Ich füge ein zweites Beispiel hinzu, gleichfalls der Wüstenwanderung Israel's entnommen. Der Leser wird sich erinnern, daß, als einmal das Volk vor Durst verschmachtete, Moses von Jahve den Befehl erhielt, mit seinem Stabe auf einen Felsen zu schlagen, worauf dann dem Felsen Wasser entquoll; Paulus nun deutet diesen Vorgang folgendermaßen: „Sie tranken aus einem mitgehenden geistlichen Felsen, der Fels aber war der Christus“ (1. Kor. 10, 4)! Einmal auf diesem Wege, war es schwer, eine Grenze anzuerkennen, und so zieht denn schon Justin das ganze mosaische Ritualgesetz herbei als symbolische Vorherverkündigung des Lebens und Leidens Jesu Christi. Ein Beispiel. Er redet vom Passah-Lamm (vgl. 2. Buch Mosis 12, 9) und sagt: „die Verordnung, das Lamm unzerteilt zu braten, deutet symbolisch auf das Kreuzesleiden Christi. Das gebratene Lamm wird derartig angerichtet, daß es ein Kreuz darstellt, indem nämlich einer der beiden Spieße den Körper der Länge nach durchsticht, während der andere quer durch den Rücken gesteckt wird und an letzterem die Pfoten angebunden werden“ (Dialog mit Tryphon 40, 3). An der selben Stelle folgt gleich ein zweites Beispiel. Am jüdischen Feste der Versöhnung (vgl. 3. Buch Mosis 16, 5 fg.) werden zwei Böcke dargebracht, von denen der Hohepriester den einen auf dem Altar opfert, während der andere — der Sündenbock — in die Wüste hinausgejagt wird: diese gottesdienstliche Handlung verkündet fraglos, nach Justin, die zweimalige Erscheinung Jesu Christi auf Erden — die erste, die zum Kreuzestode führt, die zweite, wo er kommen wird auf Wolken des Himmels usw. Ehe ich von Justin — der weniger als hundert Jahre nach den Evangelisten schrieb — Abschied nehme, will ich noch auf einen Text aufmerksam machen, den er nicht müde wird als einen der schwerstwiegenden Beweise für die Wahrheit der christlichen Lehre anzuführen und eingehend von allen Seiten zu beleuchten. Dieser Text entstammt dem sogenannten Abschiedslied Jakob's (1. Buch Mosis, Kap. 49). Hier heißt es, mit Bezug auf Juda: „Er wird sein Füllen an den Weinstock

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binden, und seiner Eselin Sohn an den edlen Reben. Er wird sein Kleid in Wein waschen, und seinen Mantel in Weinbeerblut.“ In diesen Worten erblickt Justin nicht allein die Voraussage der Passion, von Jesu Einzug in Jerusalem, auf einem Esel reitend, an, bis zum Lanzenstich am Kreuze, sondern er entnimmt daraus noch allerhand Belehrung. Der „Mantel“ z. B., „von dem der Heilige Geist an dieser Stelle durch den Propheten redet, bedeutet die Gesamtheit der gläubigen Menschen, die Jesus in seinem Blute reinwaschen sollte“. Und daß von „Weinbeerblut“ die Rede ist, zeigt an, daß Jesus „wohl Blut in den Adern führen werde, nicht aber aus Mannessamen geboren, sondern aus der Kraft Gottes“ (siehe z. B. 1. Apologie, Kap. 32 und Dialog mit Tryphon, Kap. 54). Namentlich das Eintreffen der „ausdrücklichen Prophezeiung“ bezüglich des Esels und seines Füllens beim Einzug in Jerusalem bildet nach Justin „den unwiderleglichsten aller Beweise, daß Jesus der Christus sei“ (Tryphon, Kap. 53, 2). Nebenbei sei daran erinnert, daß Justin's Apologie an den Kaiser Mark Aurel gerichtet ist. Was der Imperator dazu gesagt hat, ob ihm überhaupt die Schrift zu Gesicht kam, weiß man nicht, doch die Tatsache bleibt, daß ein hoher kirchlicher Würdenträger von edler feuriger Gemütsart derartige Argumente für geeignet hielt, einen solchen Mann zu überzeugen. Die ‚luden freilich müssen sich in dieser Luft heimisch gefühlt haben, nur ward es ihnen schwer bis zur Unmöglichkeit, derartige Vergewaltigungen des Sinnes ihrer alten Schriften gläubig hinzunehmen; hierüber schreibt Paulus: „Bis heute, wenn Moses gelesen wird, liegt die Decke über ihren (der Juden) Herzen. Wo aber die Bekehrung zum Herrn eintritt, wird die Decke weggenommen“ (2. Kor. 3, 15, 16).
    Den Evangelisten muß man die Gerechtigkeit widerfahren lassen. daß sie einen verhältnismäßig bescheidenen Gebrauch von den angeblichen Vorherverkündigungen machen; immerhin beherrscht auch sie diese Wahnvorstellung in nicht unbedenklichem Grade. Wie einer aus ihrem Kreise schreibt: „Ihr tut gut, euch an das prophetische Wort festzuhalten, als an einer Leuchte, die da scheint an finsterem Ort, bis der Tag durchbricht und lichtbringend aufgeht in euren Herzen, darüber vor allem klar, daß keine Schriftweissagung eigene Lösung zulässet, denn nie ist eine Weissagung durch menschlichen Willen geschehen, sondern getragen vom Heili-

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gen Geist haben von Gott aus Menschen geredet“ (2. Petrus 1, 19 fg.). An gar vielen Orten, fürchte ich, haben sich die Evangelisten, sowie namentlich ihre späteren Bearbeiter, durch diese „Leuchte“ zu abenteuerlichen Behauptungen verleiten lassen; gewiß tun wir wohl daran, jedesmal, wenn wir einer Berufung auf das Alte Testament begegnen, auf der Hut zu sein — einerseits vor den unbewußt wirkenden Einflüsterungen derartiger „Weissagungen“ auf die redlichen Berichterstatter, andrerseits vor den geschäftigen Ergänzern, denen es daran lag, jede Voraussage als eingetroffen darzutun. Denen, die erstaunt sein sollten, einer Kenntnis abgelegener Schriftstellen bei so einfachen Volksleuten zu begegnen, diene zur Erklärung, daß dazumal Sammlungen von sogenannten Zeugnissen in Umlauf waren, durch welche man die Hoffnung auf den Messias im Volke wachzuhalten bezweckte (Milligan, N. T. Documents 207); solche aus allem Zusammenhang losgelöste Bruchstücke waren erst recht geeignet, in den Köpfen Unbewanderter Verwirrung zu stiften und Wesentliches mit Unwesentlichem durcheinander zu werfen.
    Man betrachte nur die Geburts- und Kindheitserzählung bei Matthäus; hier waltet die Phantasie frei, weil gar keine wirkliche Erinnerung des Schreibers vorliegt, und da begegnen wir nun Schritt für Schritt der angeblichen Erfüllung angeblicher Weissagungen. In einem genau bekannten geschichtlichen Augenblick hatte z. B. Jesaia, der leidenschaftliche Vaterlandsfreund, dem zaghaften König Ahas — der im Begriffe war, den Assyrer ins Land zu rufen, um mit seiner Hilfe die beiden Nachbarn Judäas zu vernichten — eine Weissagung entgegengeschleudert, durch welche er dessen Entschlüsse umzustimmen hoffte. Die Weissagung beginnt mit den Worten: „Wenn heute junge Weiber schwanger werden und einen Sohn gebären, werden sie ihn zwar Immanuel (Gott-mit-uns) nennen, doch usw. usw.“ (7, 14 nach Kautzsch). Durch diese Weissagung gibt der Prophet dem König zu verstehen: zwar werden durch deine Politik deine zwei Nachbarn bald erledigt sein und diejenigen Frauen, die jetzt in der Hoffnung sind, werden ihre Söhne vor Freude Gott-mit-uns benennen; doch ehe diese „Gottfriede“ soweit herangereift sind, das Böse von dem Guten unterscheiden zu können (also in wenigen Jahren), wird der dritte Feind, den du jetzt als Freund ins Land rufst, Judäa in eine Wüste verwandelt haben.

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Es liegt alles so klar faßlich wie möglich vor Augen, und auch das Bildliche, das die orientalische Redeweise mit sich bringt, ist völlig durchsichtig und wirkungsvoll. Nun aber schlage man im Evangelium Matthäi, Kap. 1, die Verse 18 und folgende nach, wo die Geschichte von der Geburt aus der Jungfrau erzählt wird, mit den Worten abschließend: „Das alles aber ist geschehen, damit in Erfüllung gehe, was der Herr durch das Wort des Propheten gesprochen hat — Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben...“ Was die Berufung auf den Namen Immanuel in diesem Zusammenhange bedeutet, weiß ich nicht, da der Heiland den Namen Jesus erhielt; im übrigen aber sehen wir die Vorstellung von der Jungfrauengeburt durch einen gröblich mißverstandenen Text, der keine entfernteste Beziehung zu den messianischen Hoffnungen aufweist, zugleich eingegeben und als notwendig „bewiesen“.
    Auch die folgenden Episoden im ersten und zweiten Kapitel des Evangeliums Matthäi — Bethlehem als Geburtsort, die heiligen drei Könige, die Flucht nach Ägypten, der Kindermord, die Niederlassung in Nazareth — beziehen sich alle ausdrücklich oder stillschweigend auf Weissagungen der Propheten, wobei wieder die wunderlichsten Vergewaltigungen der alten Texte stattfinden. So z. B. legt der Prophet Hosea Jahve folgende Worte in den Mund: „Als Israel jung war, gewann ich es lieb und rief seine Scharen aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, desto mehr zogen sie sich von mir zurück: sie schlachteten den Baalen und opferten den Bildern usw.“ (11, 1 fg.). Das Ganze bezieht sich unmißverständlich auf die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft, was auch die Fortsetzung des Textes bestätigt. Hinzugefügt muß werden, daß gewisse abgeleitete Handschriften statt „seine Scharen“ den Ausdruck setzen „meinen Sohn“ — ein Ausdruck, der in den Schriften des Alten Testamentes stets soviel bedeutet wie „das Volk Israel“, folglich genau dasselbe besagt wie die beste Handschrift, wenn sie „seine Scharen“ schreibt. Wie aber verwendet der Evangelist ein solches Wort? Er erzählt die Flucht nach Ägypten und begründet sie: „auf daß erfüllet würde, was der Herr gesagt durch des Propheten Wort, ‚Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen'!“
    Sobald bei Matthäus die persönlichen Erinnerungen an den

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Heiland die Oberhand gewinnen, weichen die Weissagungen mehr in den Hintergrund, doch ohne jemals dem Geschichtlichen das Feld ganz zu räumen; so z. B. wird die einfache Tatsache, daß Jesus, als seine öffentliche Tätigkeit begann, nach Kapernaum zog, durch eine lange, verwickelt zusammengestellte und recht ungenaue Anführung aus Jesaia begründet „damit erfüllet würde“. Anstatt die Gepflogenheit des Heilandes, in Gleichnissen zu reden, aus der Eigenart seines Wesens und namentlich aus der Eigenart seiner Botschaft abzuleiten, kehrt hier wieder die geisttötende Versicherung: „ohne Gleichnis redete er nichts zu ihnen, auf daß erfüllet werde, was da gesagt ist durch das Wort des Propheten Jesaia — ‚Ich will auftun mit Gleichnissen meinen Mund, ich will ausschütten, was verborgen ist von der Schöpfung her' “; wobei als bezeichnend für den Grad der Schriftkenntnisse des Verfassers (beziehungsweise des Bearbeiters) bemerkt zu werden verdient, daß dieses angeführte Wort im Buche Jesaia nicht vorkommt, vielmehr dem 78. Psalm, Vers 2, entnommen ist, und nach der richtigen Handschrift, in der richtigen Übersetzung lautet: „Ich will meinen Mund zu Sprüchen auftun, will Rätsel aus der Vorzeit verkünden“ — worauf eine Zusammenfassung der Geschichte Israels, eine Aufzählung der Wohltaten Jahve's und der beständigen Undankbarkeit „des abtrünnigen und widerspenstigen Geschlechtes“ folgt.
    Gegen Schluß des Evangeliums Matthäi bricht wieder die Flut der Weissagungen durch; namentlich die Erzählung von der Kreuzigung — der eingestandenermaßen die Jünger nur „aus der Ferne“ zugesehen hatten — erweist sich als Punkt für Punkt aus vorausgesetzten Erfüllungen von Prophezeiungen aufgebaut und läßt den Heiland mit einem Ausruf des Psalmisten verscheiden, ohne ein einziges der überlieferten göttlichen Kreuzesworte zu melden.
    Hin und wieder sind wir in der Lage, dem nachträglichen Entstehen der Beziehung auf eine Weissagung und dem Einschieben dieses späteren Einfalles in des Evangelisten ursprüngliche Erzählung mit Augen zu folgen. Ein belehrendes Beispiel bietet der Bericht über den Einzug in Jerusalem. In der ältesten bekannten Handschrift lesen wir im Evangelium Johannis (12, 14) einfach: „Jesus aber ritt auf einem Esel“ — was nichts Auffallendes an sich hat, da er aus dem wohlhabenden Hause der Geschwister Maria,

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Martha und Lazarus den Weg antrat und das Reiten auf Eseln dortzulande von jeher üblich war; so ritten z. B. David und Salomon auf Eseln oder auf Maultieren. In der späteren uns geläufigen Fassung des Johannes heißt es schon: „Jesus aber   t r a f   ein Eselein und setzte sich darauf“, wodurch der Übergang in eine besondere göttliche Fügung angedeutet wird. Bei den drei anderen Evangelisten läßt aber der Heiland den Esel ausdrücklich holen, und zwar lesen wir in Matthäus (21, 1 fg.) folgende Weisung: „Gehet in das Dorf euch gegenüber, so werdet ihr sogleich eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr, die bindet los und bringet sie mir, und wenn jemand etwas zu euch sagt, so saget: der Herr bedarf ihrer, so wird er sie alsbald ziehen lassen. Dies geschah aber, damit erfüllet würde, was gesagt ist durch das Wort des Propheten usw.“ Die Jünger tun wie befohlen, bringen die Eselin und das Füllen und nun heißt es, unbegreiflicherweise: „sie legten Kleider auf sie, und er setzte sich auf dieselben“ — so daß es den Anschein hat, als wäre Jesus — der Prophezeiung Sacharjas zulieb — zugleich auf der Eselin und auf dem Füllen geritten. Die späteren Bearbeiter des Markus und Lukas haben die Ungeschicklichkeit dieser Fassung empfunden und die Eselin-Mutter fortgelassen; sie erzählen nur von einem Füllen und streichen dafür das von Matthäus angeführte Prophetenwort ¹).
    Die vorangegangene Betrachtung über den Einfluß, den der Wahngedanke der Weissagung auf die evangelischen Berichte ausüben mußte, bildet nur die kurze Skizze eines unerschöpflich verwickelten Gegenstandes; doch glaube ich, der Leser wird eine lebhafte Vorstellung von den unausbleiblichen Folgen dieses so eigenmächtigen „Beweis“-Verfahrens gewonnen haben: allerhand Luftgestalten drängen sich auf, Mißverständnisse nisten sich für immer ein, treue Erinnerungsbilder erleiden Verbiegung, echte Worte des Heilandes erhalten eine ihnen fremde Färbung, die den ursprünglichen Sinn verdeckt.

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    ¹) Anmerkungsweise sei noch hinzugefügt, daß gewisse Prophezeiungen, auf deren Erfüllung hingewiesen wird, in keiner Schrift des Alten Testamentes aufzufinden sein sollen! Für die nähere Erörterung dieser Fälle verweise ich auf Cheyne's Bible Problems; einen interessanten Fall bringt Scott's The Kingdom and Ihe Messiah, S. 225.

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    Der zweite Wahngedanke, der zum Beweise der Messianität Jesu herangezogen wird, weist Züge der Verwandtschaft mit dem ersten auf und fließt an gewissen Punkten in Weissagung über; und doch haben wir allen Grund, zwischen beiden zu unterscheiden. Die Bücher des Alten Testamentes — auch die sogenannten prophetischen und die Psalmen — stehen (außer wo sie dem bloßen Ritual gelten) mitten in der Geschichte, und ihre Absicht geht dahin, dieser zu dienen; dagegen geben sich die apokalyptischen Schriften alle als Offenbarungen über die ersten und die letzten Dinge, über Weltschöpfung und Weltende, über die Hierarchie der Engel und der Erzengel, über den Sturz Satan's und der zugleich mit ihm abgefallenen Himmelsscharen, über Gottesplan, Sündenfall und Jüngstes Gericht, über den Ort der ewigen Strafen und das Paradies der Belohnung. Bezeichnend ist es, daß dieses ganze Schrifttum im geheimen entstand; nie hat man den Namen eines der Verfasser erfahren. Die Zuschreibung an berühmte Männer der Vergangenheit verrät die Absicht, einfache Seelen zu täuschen, und zeugt von einem gewissen geistigen Tiefstand. Fremde Beeinflussung — hauptsächlich persischen Ursprungs, doch mit Einbeziehung gewisser hellenistischer Vorstellungen — gab den Anstoß zu einer Gedankenwelt, die sonst den Juden besonders fern lag, wobei freilich nicht übersehen werden darf, daß zur Zeit, als die Apokalypsen entstanden, zahlreiche, meistens asiatisch gemischte Hellenen, äußerlich dem Judentum angehörten, was allerhand damaligen Abirrungen von dem sonst so geradlinigen Wege dieses schematisch erstarrten Glaubens zur Erklärung dient. Wie schon früher bemerkt, handelt es sich um eine vorübergehende Erscheinung, deren erste Spuren nicht weiter als bis ins zweite Jahrhundert vor Christi Geburt hinaufreichen, und deren letzte gegen Schluß des zweiten Jahrhunderts nach Christo zu verblassen anfangen.
    Da der Leser, den ich im Auge habe, gewiß auf diesem Gebiete wenig bewandert ist, nenne ich die Titel der bisher — zum Teil erst seit wenigen Jahren — bekannt gewordenen Hauptschriften der Gattung: die Apokalypse des Baruch, das Buch Enoch (in verschiedenen Fassungen), die Assumptio Mosis, die Psalmen Salomo's, das Vierte Buch Esra, die Himmelfahrt des Jesaia, das Buch der Jubiläen, die Sibyllinischen Orakel; voran geht — wohl als bedeu-

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tendstes Erzeugnis dieser Art — das Buch Daniel, das einzige von allen, welches Aufnahme in den alttestamentlichen Kanon fand; und als letztes nenne ich das einzige, welches eine Stelle dauernd im Kanon des Neuen Testamentes behauptete — die sogenannte Offenbarung Johannis. Alle diese Schriften — auch die zuletzt genannte — sind innerhalb des Judentums entstanden, gewannen aber erst innerhalb der frühen christlichen Gemeinde Bedeutung und Einfluß, indem die Wertschätzung, die gerade diese Bücher von seiten der ersten Jünger und des Paulus genossen, sich auch auf die frühesten Kirchenväter fortpflanzte, welche sie geläufig als „Heilige Schrift“ anführen; Clemens Alexandrinus gebraucht sogar den Ausdruck „die Geheimschriften des Christentums“! Es dauerte aber nicht lange, bis höhere Bildung und reifere Überlegung ihren geringen Wert aufdeckten und sie streng verbannten. Unter christlichen Händen hatten inzwischen die meisten nach und nach Änderungen erfahren, namentlich zweckdienliche Ergänzungen: unsere Gelehrten sind eifrig daran, die Urfassung wieder herzustellen. In den von E. Kautzsch herausgegebenen zwei Bänden Die Apokryphen und Pseudepigraphen des Alten Testamentes findet der deutsche Leser die meisten der hier genannten Offenbarungsschriften von zuständigen Fachmännern übersetzt und erklärt; wer solche Bemühung scheut — und ich möchte es nicht auf mich nehmen, in diesem Falle zuzureden — dem sei Schürer's schon oben wiederholt herangezogene Geschichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesu Christi empfohlen, wo er im dritten Band reichliche und zuverlässige Auskunft finden wird.
    Alle diese Erdichtungen gehören ursprünglich der Richtung des streng ausschließlichen Judentums an; bei ihnen gelangt kein Nichtjude in den Himmel; ihr Zweck ist ja gerade, das Volk im jüdisch-nationalen Sinne aufzustacheln und vor den langsam einsickernden Beeinflussungen fremden Geistes zu warnen — wobei freilich die sittliche Besserung und das Vertrauen auf Gott (zugleich mit der Furcht vor ihm) als Hauptmittel zum Zweck eingeschärft werden.
    Der Begriff des Messias gewinnt innerhalb dieses Schrifttums, je später desto mehr, an Bedeutung und zwar in einer Gestalt, die der christlichen Messias-Vorstellung immer ähnlicher wird. Nach dem Vierten Buche Esra (13, 1 fg.) wird der aus David's Samen ent-

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stammte und vor Zeiten der Erde entrückte, von Jahve in den Himmel emporgehobene Messias, einstens „vom Meere her, auf Wolken des Himmels fliegend, kommen“. Die verschiedenen Schriften bezeichnen ihn verschieden — als Kriegerkönig oder als Friedensfürst, als Verfechter der Gerechtigkeit oder als des Weltalls Monarchen, auch der Titel Hoherpriester kommt vor. Zwei uns aus den Evangelien vertraute Bezeichnungen für Jesus finden sich schon in dem Buche Enoch auf den vom Himmel herabsteigenden Messias angewandt: der   M e n s c h e n s o h n   und der   C h r i s t u s.   In einem allerdings sehr spät anzusetzenden Teil des Buches Enoch tritt der Messias gar als Weltrichter, und insofern als Gottes Stellvertreter auf.
    Immer mehr erkennt die wissenschaftliche Theologie den großen — in gewissen Beziehungen entscheidenden — Einfluß dieser apokalyptischen Literatur und der aus ihr geborenen Vorstellungswelt auf die evangelischen Berichte sowie auf alle übrigen Bestandteile des Neuen Testamentes; Paulus z. B. ist geradezu durchtränkt davon — doch darüber mehr im folgenden Kapitel.
    Um zuerst ein leicht faßliches Beispiel dieser Beeinflussung zu nennen: die Vorstellung von den „Sieben Himmeln“, welche im Neuen Testament wiederholt vorkommt (so im Hebräerbrief, in der Offenbarung Johannis und mehrfach bei Paulus), ist unmittelbar dem Buche der Geheimnisse des Enoch entnommen — wie der englische Sonderforscher R. H. Charles nachgewiesen hat. Wenn also dieser Gedanke, der bekanntlich einer dem Judentum fernliegenden Weltanschauung entstammt und der in so schreiendem Widerspruch zu allem steht, was wir von des Heilandes Denken und Lehren wissen — namentlich zu seiner Lehre von dem   R e i c h e   G o t t e s —‚ wenn also dieser Gedanke sich in die heiligen Schriften des jungen Christentums einschleicht, so verdanken wir dies lediglich den sonderbaren Volksbüchern, von denen wir hier reden. Ein solcher Fall betrifft zwar nur eine Äußerlichkeit und es wird kein Zusammenhang mit Jesus behauptet; dennoch ist er geeignet, uns auf den unentrinnbaren Einfluß, dem gerade die frommen gottsuchenden Menschen jener Zeit unterworfen waren, aufmerksam zu machen und lehrt uns dort überall mißtrauen, wo wir begründeterweise diesen Einfluß voraussetzen müssen; und das müssen wir an gar vielen und wichtigen Stellen unserer Evangelien: zu-

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nächst überall, wo von einem nahen Weltende, von einem drohenden Letzten Gericht, von einem auf Wolken wiederkehrenden Messias, von Schrecknissen, die über die Welt hereinbrechen sollen, von posaunenden Engeln usw. gesprochen wird; denn alle diese Dinge bilden den Hauptinhalt der apokalyptischen Schriften, und wenn es auch nicht ausgeschlossen erscheint, daß der Heiland — um sich seiner Umgebung verständlich zu machen — sich gelegentlich dieser im Volke geläufigen Vorstellungen bedient haben mag: es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß sie zu seiner Lehre gehört haben können. Hierauf kommen wir gleich zurück; vorher will ich aufmerksam machen, daß nach den Ergebnissen neuerer Forschung dieser Einfluß noch weiter reicht als unsere Beispiele schon zeigen.
    Es handelt sich weniger um zusammenhängende wörtliche Anführungen als um den Gebrauch, seitens der Evangelisten, von Vorstellungen, die den Apokalyptikern geläufig waren, und zwar unter Anwendung der gleichen Ausdrücke. Lesen wir z. B. im Taufbericht des Matthäus (3, 16): „da taten sich die Himmel auf“, so wird uns bei einiger Überlegung die Eigenart dieser Wendung gewiß auffallen und auf eine dichterische Veranlagung des Schreibers schließen lassen: der Ausdruck entstammt der Apokalypse Baruch's (22, 1), wo ebenfalls „der Himmel sich auftut“ und daraufhin „eine Stimme vom Himmel“ vernehmbar wird. Als weiteres Beispiel nenne ich die Stelle Matthäus (25, 41): „Hierauf wird er auch sagen zu denen von der Linken: gehet hinweg von mir, ihr Verfluchten in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln“: alle diese Vorstellungen über das Letzte Gericht — daß die Bösen links von Gottes Thron zu stehen kommen, daß sie in das ewige Feuer geworfen werden, wo sie „dem Teufel und seinen Engeln“ zum Opfer fallen, alle finden sich in einem Teil des Buches Enoch genau vorgebildet, das sechzig bis achtzig Jahre vor Christi Geburt geschrieben wurde. Das gleiche gilt von anderen Teilen der Schilderung des Letzten Gerichtes. So z. B. finden sich die Worte (Matth. 19, 28): „Der Sohn des Menschen sitzt auf dem Throne seiner Herrlichkeit“, buchstäblich bei Enoch (62, 3): „...wie er (der Menschensohn) auf dem Throne seiner Herrlichkeit sitzt...“; und lesen wir Johannes (5, 22): „Er hat das Gericht ganz an den Sohn übergeben“, so kann es kaum einem Zufall zugeschrieben werden, wenn wir

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bei Enoch (69, 27) finden: „die Summe des Gerichtes wurde ihm, dem Menschensohn, übergeben...“. Früher war man der Meinung, der Ausdruck „Menschensohn“ sei dem 7. Kapitel des Buches Daniel entnommen, wo er zur bildlichen Bezeichnung des jüdischen Volkes gebraucht wird, im Gegensatz zu verschiedenen anderen Nationen, die — durch je ein Tier versinnbildlicht — auftreten: heute weiß man, daß die Annahme irrig war und daß der wahre Ursprungsort des messianischen Gebrauches dieses Wortes im Buche Enoch zu finden ist.
    Da die genannten Bücher, wie schon vorher bemerkt, sich fast ausschließlich mit den „letzten Dingen“ befassen, so macht sich ihr Einfluß namentlich dort bemerkbar, wo in den Evangelien von diesen die Rede ist. Obige Beispiele wiesen schon darauf; zur Ergänzung folge eines über das Weltende. Die ganze Stelle, die Lukas (21, 25 fg.) dem Heiland in den Mund legt, ist (nach Charles) fast wörtlich zusammengestellt aus Bruchstücken der Apokalypse Baruch's „Und es werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und Sternen, und auf der Erde werden die Völker sich zusammendrängen in Angst vor dem Tosen des Meeres und seiner Fluten, da die Menschen vergehen vor Furcht und Erwartung dessen, was über die Welt kommt; denn die Gewalten der Himmel werden erzittern. Und hierauf werden sie den Sohn des Menschen kommen sehen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber das anfängt, dann richtet euch auf, und erhebet eure Häupter, denn es nahet eure Erlösung.“ Übrigens wird in einer Schrift des Neuen Testamentes, in dem Briefe des Judas, ausdrücklich und ausführlich das apokalyptische Buch des Enoch angeführt; wir lesen da: „Es hat aber auf sie auch geweissagt der Siebente von Adam, Enoch, mit den Worten:   S i e h e ,   d e r   H e r r   i s t   g e k o m m e n   m i t   s e i n e n   h e i l i g e n   Z e h n t a u s e n d e n ,   G e r i c h t   z u   h a l t e n   w i d e r   a l l e,   u n d   a l l e   d i e   G o t t l o s e n   u n t e r   i h n e n   z u   s t r a f e n   ü b e r   a l l e   i h r e   W e r k e   d e s   F r e v e l s,   m i t   d e n e n   s i e   g e f r e v e l t,   u n d   a l l e r   r o h e n   W o r t e,   w e l c h e   w i d e r   i h n   g e s p r o c h e n   s ü n d i g e   F r e v l e r“   (Vers 14 fg.). Hierbei verdienen folgende zwei Tatsachen gewiß Beachtung: der Verfasser des genannten Briefes war ein leiblicher Bruder Jesu, und der ursprüngliche Verfasser des Buches Enoch war aller Wahrscheinlichkeit

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nach ein Galiläer. Erstere Tatsache gibt uns urkundliche Auskunft über die geistige Umwelt des kleinen Kreises, aus welchem das Christentum hervorging; die zweite erklärt die augenscheinliche besondere Vertrautheit der Urevangelisten mit dem Buche Enoch — sie kann zwar nicht als erwiesen gelten, doch hat Burkitt (Jewish and Christian Apocalypses, 1913, S. 28 fg.) fast zwingende Gründe zu dieser Annahme vorgebracht.
    Es ließe sich noch manches hinzufügen, doch würde dies viel Raum beanspruchen, da solche Dinge ohne Ausführlichkeit undeutlich und eindruckslos bleiben; ich glaube auch, die wenigen Beispiele, die ich vorgebracht habe, werden genügen, um nachdenklich zu stimmen. Jetzt will ich nur noch einige Worte der großen Rede widmen, in welcher der Heiland über den Fall Jerusalems und das Weltende geweissagt haben soll (Matth. 24, Mark. 13, Luk. 21) und welche den eigentlichen Stützpunkt der sogenannten Eschatologie oder Lehre von den letzten Dingen und namentlich von dem unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt bildet — eine Lehre, die bekanntlich auf zahlreiche Seelen damals großen Einfluß ausgeübt hat; wir wissen z. B., daß Paulus in den ersten Jahren nach seiner Bekehrung das Weltende mit Bestimmtheit noch vor Abschluß seines eigenen Lebens erwartete. Die Behauptung aber, daß Jesus der Urheber oder auch nur ein Anhänger dieses Glaubens an ein unmittelbar bevorstehendes Weltende gewesen und daß aus diesem Glauben erst seine Sittenpredigt zu verstehen sei, — eine Behauptung, die noch heute von sehr namhaften Gelehrten vertreten wird — dürfen wir mit aller Bestimmtheit als unhaltbar bezeichnen; denn diese Lehre — wird sie ihm auch hier in den Mund gelegt — widerspricht seiner ganzen Denkart, wie wir sie im vorigen Kapitel kennen lernten. Es genügt, auf das eine Wort zurückzuverweisen: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichen Gebärden, noch wird man sagen, siehe, hie oder da ist es; denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Luk. 17, 20 fg.). Wie Burkitt bemerkt: „Es bewegt sich diese ganze große eschatologische Rede völlig innerhalb des Gebietes des jüdischen apokalyptischen Denkens“ (wie oben, S. 44); und an anderem Orte der selben Schrift (S. 40) schreibt er: „Die Weherufe über die Pharisäer und die Sadduzäer, die große Drangsal, das Gericht, das den Gläubigen bevorsteht, der

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unaufhaltsame Sieg des Bösen, der ‚Greuel der Verwüstung', die Flucht der Heiligen in die Wüste — kurz, die ganze Lehre über die letzten Dinge, wie sie die Evangelien enthalten, mit Ausnahme der im Mittelpunkt stehenden Gestalt Jesu Christi, dies alles finden wir in der Assumptio Mosis vorgebildet. Ja, mehr als dies: nicht allein stimmt die ganze Inszenierung überein, vielmehr finden wir eine Analogie auch im heiligen inneren Vorgang. Der freiwillige Tod nämlich des heiligen Taxo (eines sich aufopfernden Leviten) besitzt erlösende Bedeutung, indem er das Ende herbeiführt (sanguis noster vindicabitur coram Domino); dieser Tod wirkt wie der Tod des Sohnes in dem Gleichnis von dem Herrn des Weinberges und den bösen Arbeitern.“
    Wir verstehen nach und nach immer klarer, was sich bei den Evangelisten und namentlich bei den Bearbeitern der ursprünglichen Evangelien zugetragen hat: ebenso wie sie geglaubt hatten, dem Andenken des Heilandes zu dienen, indem sie ihn zum Mittelpunkt aller angeblichen messianischen Weissagung des Alten Testamentes machten, ebenso waren sie jetzt bestrebt, ihn in den Mittelpunkt der ganzen phantastischen Offenbarungswelt (Apokalyptik) zu rücken. Diese Umarbeitungen hatten scharfsinnige Gelehrte schon früher vermutet, zu einer Zeit, als die betreffende Literatur noch nicht so genau bekannt war, wie sie es heute ist. So hatte z. B. Adalbert Merx in seinem großen Evangelienwerk nachgewiesen, daß die Rede, die Matthäus, Kapitel 24, bringt, aus lauter fremden Stücken zusammengestellt ist, und hatte dann hinzugefügt: „Daher hat man mit der Möglichkeit zu rechnen, daß Stücke aus jüdischer Apokalyptik als Erweiterung in Worte Jesu eingeflochten sind.“ In diesem Zusammenhange wäre auch das noch früher erschienene vorzügliche Werk von Erich Haupt Die eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien (1895) zu nennen, welches schon nachgewiesen hatte, daß an der angeblichen großen Rede Jesu verschiedene Hände mitgearbeitet haben und daß in Wirklichkeit der Heiland bei dieser Gelegenheit zwar den Fall Jerusalems vorausgesagt, aber die Frage der Jünger nach dem Zeitpunkt des Weltendes abgelehnt hat. Auch wies Haupt schon auf das Evangelium Johannis als Beweis gegen jede eschatologische Deutung von Worten Jesu hin; denn bei Johannes ist nie von einem Weltende im mate-

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riellen geschichtlichen — und das heißt apokalyptischen — Sinne des Wortes die Rede, vielmehr erscheint bei ihm „das Reich Gottes als durchaus überweltliche Größe — mein Reich ist nicht von dieser Welt (18, 36), der Begriff des ewigen Lebens als die Teilnahme an dem göttlichen Lebensinhalt, der Begriff des Kommens Jesu als eines nicht irdisch-sinnlichen, sondern überweltlichen Ereignisses..., das alles und noch vieles andere ist nur die Herausstellung der Gesichtspunkte, welche den synoptischen Worten zugrunde liegen, die konsequente Durchführung der Andeutungen, die Jesus gelegentlich in seinen gnomischen (kurzen) Rätselworten in der Synopse gibt ... nicht die Worte Jesu hat Johannes treuer bewahrt, aber ihren tiefsten Sinn erschlossen“ (S. 160 fg.).
    So hilft uns Johannes, zum echten Heiland und seiner wahren Botschaft zurückzufinden.
    Besonders wichtig ist es, die Vorstellung los zu werden, der Heiland hätte sein baldiges Wiederkommen als triumphierender Messias auf Wolken des Himmels vorausgesagt — eine Weissagung, von der man gestehen müßte, sie sei nicht eingetroffen. Die betreffenden Evangelienstellen zeugen deutlich von ursprünglichem Mißverständnis und außerdem von späterer Bearbeitung. So lesen wir z. B. Matthäus 16, 28: „Wahrlich, ich sage euch, es sind einige unter denen, die hier stehen, welche den Tod nicht kosten werden, bis sie den Sohn des Menschen kommen sehen in seinem Reiche“; hiergegen sagt Markus (9, 1): „bis sie das Reich Gottes kommen sehen mit Macht“ — eine Wendung, die sich bedeutend unterscheidet; auf die rechte Spur gelangen wir aber erst durch Lukas (9, 27), der einfach sagt: „welche den Tod nicht kosten werden, bis sie das Reich Gottes sehen“: hier ist uns zumute, als könnten wir erraten, was Jesus in Wirklichkeit gesprochen haben mag. Wohl weiß ich, daß alle drei Evangelien, kurz vor den angeführten Stellen, von einem „Kommen des Menschensohns in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“ oder „in seiner und des Vaters und der heiligen Engel Herrlichkeit“ reden, doch — wie wir jetzt wissen — sind gerade diese Worte mehr oder weniger buchstäbliche Anführungen aus jüdischen Offenbarungsbüchern und daher höchst verdächtig. Keiner, der aus den unerfindbaren und daher unbezweifelbaren Worten Jesu eine Vorstellung von seinem

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die ganze Umgebung überragenden, ihr nur äußerlich angegliederten Wesen und von seiner Lehre von   G o t t   als Vater und dem   R e i c h e   G o t t e s   gewonnen hat, kein solcher wird ihm zutrauen, daß er auf entscheidende Fragen seiner Jünger mit Sprüchen geantwortet habe, die bloße Abklatsche aus einem sehr untergeordneten, überspannten Volksschrifttum darstellen.
    Zum Beschluß dieses Abschnittes über den Einfluß der Apokalyptik auf die evangelischen Berichte mache ich aufmerksam, daß die Verbreitung des abenteuerlich angewachsenen Engel- und Dämonenglaubens, welcher das frühe Christentum trübend überschwemmte, dem selben Born volksmäßiger Wahngebilde entquoll. Schöne altarische Vorstellungen hatten in anders gearteten Gemütern zu einer nicht unbedenklichen Überwucherung geführt und an Stelle des Einen gesuchten   M i t t l e r s   zwischen Mensch und Gott ein ganzes Heer von Mittelwesen geschaffen, die — einander bekämpfend — den armen Menschen hierher und dorthin — zu lichten Höhen und in nächtige Finsternisse — emporhoben und herniederrissen. Gewiß bringen älteste Teile des Buches Genesis Kunde von Engeln, so z. B. in der Sage vom Garten Eden und derjenigen des Jakobstraumes: im ersteren Fall schließt sich die Vorstellung an altbabylonische, im zweiten Fall an altägyptische Vorbilder an; später jedoch, als die reine Jahve-Religion herrschte, entschwanden diese an Vielgötterei mahnenden Gebilde ganz und gar aus dem Gesichtskreis; die sogenannte „jahvistische“ Bearbeitung des Alten Testamentes hatte jede Bezugnahme auf gute und böse Engel sorgfältig ausgemerzt (vgl. Hermann Gunkel: Genesis übersetzt und erklärt). Die nunmehrige Engel- und Dämonenlehre war anderer Abstammung: die Meder und Perser hatten sie nach Westen getragen, wo sie, mit allerhand griechischen und kleinasiatischen Vorstellungen vermengt, ein gar buntes, unübersehbares Gebilde der ausschweifenden Phantasie darbot. Ins Volk drangen diese Vorstellungen hauptsächlich durch das Offenbarungs-Schrifttum (Apokalyptik und Eschatologie) ein.
    Wenige heutige Menschen ahnen, welche Herrschaft diese Vorstellung von der Gegenwart guter und böser Geister — die in ungeheuerer Zahl allerorten umherschwirrend gedacht wurden — über die damaligen Gemüter ausübte. Man frage bei dem aufgeklärtesten der frühen Kirchenväter, Origenes, nach; man wird in dem ersten

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Buche seines De Principiis ganze Kapitel über die Engel und die Dämonen finden, man wird erfahren, daß der Erzengel Raphael die Arzneikunde und alles Heilen von Kranken unter sich habe, Gabriel aller Kriegsführung vorstehe, während Michael beauftragt sei, die Gebete der Menschen zu sammeln und der Erledigung entgegen zu führen; nicht allein besitzt jeder Mensch seinen eigenen, ihm zuerteilten Schutzengel, der ihn von der Geburtsstunde an bis zu seinem letzten Atemzug begleitet, sondern menschlichen Unternehmungen widerfährt es nicht anders, und so beschützt z. B. ein besonderer Engel die Kirche zu Ephesus, ein anderer die Kirche zu Korinth, ein dritter die zu Caesarea, usw. Doch die Dämonen wirken ihrerseits nicht minder unablässig — und wenn z. B. ein heiliger Mann wie der Apostel Petrus der Dienstmagd gegenüber den Heiland verleugnet, so haben wir darin die Stimme seines ihm zuerteilten Dämons zu vernehmen — nicht seine eigene. Ein Schüler des Origenes, Gregorius Thaumaturgos, schildert (in der Lobrede auf seinen Meister) sein eigenes ganzes Leben als Schritt für Schritt von einem heiligen Engel geführt: „jenem Wesen — welches es auch sein mag, — das meine Kindheit wunderbar beschützte, und das mich heute noch unterstützt, belehrt und leitet, jenem Wesen verdanke ich's auch, daß ich mit Origenes zusammentraf...... usw.“ Nicht allein die Seelen waren den Engeln anvertraut, auch das ganze Gefüge des Weltalls unterstand ihrer Obhut; so hatte z. B. Athenagoras, etwa ein halbes Jahrhundert vor Origenes, in seiner Schutzschrift für die Christen (Kap. 10) geschrieben: „Wir Christen anerkennen das Dasein einer großen Anzahl Engel und hilfreicher Geister, welche Gott, der Schöpfer und Ordner der Welt, durch Vermittelung seines Logos zu verschiedenen Ämtern berufen hat, wo sie sich mit den Elementen und den Himmeln sowie mit dieser Welt und allen in ihr befindlichen Dingen beschäftigen, indem es zu ihrem Amt gehört, das All schön geordnet zu erhalten.“
    Nun ist es gewiß möglich — sogar wahrscheinlich —‚ daß unser Heiland sich auch in dieser Hinsicht den Vorstellungen seiner einfältigen Zuhörer angepaßt und gelegentlich von Engeln und Dämonen geredet haben mag; doch erscheint es nach allem, was wir über seine Person und seine echten Aussprüche wissen, völlig ausgeschlossen, daß er selber diesen naiv-phantastischen und zugleich materiali-

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stischen Glauben geteilt habe, und daher ist Vorsicht am Platze überall, wo unsere evangelischen Berichte mit besonderem Wohlgefallen von „himmlischen Heerscharen“ (Luk. 2, 13) erzählen, oder gar den Heiland selber von „mehr denn zwölf Legionen Engeln, um die er seinen Vater angehen könne“ (Matth. 26, 53), reden lassen.

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    Über das Wunderwirken, im besonderen über die in den Evangelien berichteten Wunder Jesu, ist so viel geschrieben worden, daß wir füglich urteilen dürften, es sei jetzt an der Zeit darüber zu schweigen; der Zweck dieses Buches macht jedoch einige Bemerkungen unerläßlich, — nicht aber beabsichtigen sie, die ganze Frage noch einmal aufzurollen, vielmehr beschränken sie sich auf unser Ziel, und dieses ist: eine möglichst reine und deutliche Vorstellung von Jesus und damit eine möglichst lebendige Anschauung von seiner Bedeutung als Mittler zwischen Mensch und Gott zu gewinnen.
    Diese Frage des Wunderwirkens gehört zu jenen, denen vielleicht kein Mensch ohne Voreingenommenheit — und zwar meistens leidenschaftlicher Art — zu nahen pflegt; daher prallen die Urteile hart aufeinander. Während Pascal z. B. erbittert ausruft: L'église est sans preuves, si les douteurs de miracles ont raison (Pensées, Nr. 814; was die Kirche lehrt bleibt unbeweisbar, wenn die Zweifler an der Wahrheit der Wunder recht haben sollten), urteilt J. J. Rousseau: Ôtez les miracles de l'Evangile, et toute la terre est aux pieds de Jésus Christ (Lettres de la Montagne, Tl. 1, Bf. 3; streicht die Wunder aus dem Evangelium, und die ganze Erde liegt Jesu Christo zu Füßen). Wobei bemerkenswert ist, daß Pascal die Unbeweisbarkeit der Wunder zugibt und Rousseau ihre Wirklichkeit nicht grundsätzlich leugnet; so stark wirkt in beiden Fällen das Gemütsbedürfnis — des einen nach göttlichen Wundertaten, des anderen nach reiner Innerlichkeit der Gotteswirkung. Äußerst auffallend ist die Tatsache, daß der Apostel Paulus, der in seinen umfangreichen Sendschreiben alles zusammenträgt, was Begeisterung und Beredsamkeit vermögen, um den Glauben an Jesum Christum zu wecken und zu stärken, kein einziges Mal sich auf ein vom Heiland gewirktes Wunder beruft, vielmehr das Wunderwirken nur gelegentlich, als eine der

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den Christgläubigen verliehenen Gnadengaben (Charismen), flüchtig erwähnt; woraus wir wenigstens das Eine mit Sicherheit schließen dürfen, er habe diese Wunder nicht als Mittel zum Wecken des Glaubens aufgefaßt. Dies entspricht dem, was wir von der frühesten Christenheit wissen: die Gabe, Wunder zu wirken, galt als eine weitverbreitete und erregte insofern kein übermäßiges Aufsehen; auffallendere Wunder aber wurden nur den bösen Geistern zugeschrieben (Schmiedel in Enc. Bibl.). Was sollen wir da sagen, wenn wir Augustinus gestehen hören: „Ich wäre nicht Christ, hätte Christus nicht Wunder gewirkt“ (nach Pascal)'? Wie man sieht, reicht die verschiedene Wertschätzung der Bedeutung von Jesu Wunderwirken weit zurück bis in die ersten Anfänge. Ja, je genauer wir zusehen, desto mehr entdecken wir Widersprüche in den evangelischen Berichten selber.
    Wichtig ist es, den springenden Punkt genau zu erfassen. Nicht darauf kommt es an, was und wie der Einzelne über Wunder überhaupt urteilt, ob er deren Möglichkeit zugesteht oder aber leugnet: bei dieser Fragestellung gerät man bekanntlich in ein unentwirrbares philosophisches Dickicht, aus dem kein Pfad hinausführt, und mancher wird geneigt sein, sich zu Descartes zu gesellen, welcher meint, Gott habe drei so ungeheure Wunder gewirkt — rem ex nihilo, liberum arbitrium, et hominem Deum — daß jedes andere „Wunder“ seiner nicht würdig erscheine; doch dem sei wie ihm wolle, diese Frage lassen wir abseits liegen. Es bleibt sich vollkommen gleich, ob wir die betreffenden Taten „Wunder“ nennen, oder ob wir bloß zugeben, sie seien damals für Wunder gehalten worden. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: hat der Heiland Wunder gewirkt, um die Menschen von seiner göttlichen Sendung zu überzeugen? war ihm das Wunder ein Mittel, um Glauben zu wecken? Man darf behaupten, der Kreis, aus dem die Evangelien hervorgingen, war hiervon nicht minder überzeugt als später Augustinus und Pascal. Im Evangelium Johannis (20, 31) lesen wir: „Diese Wunder sind geschrieben, damit ihr glaubet, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes“; man kann nicht deutlicher bekennen, der Zweck der Wunder sei die Erweckung des Glaubens. Ähnliches ist schon oben (S. 151) aus Markus angeführt worden und findet sich auch bei Matthäus und Lukas als stille Voraussetzung. Ein

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ganz anderes Bild — ja, ein entgegengesetztes — gewinnen wir, wenn wir die ausführlicher erzählten Wunder des Heilandes genau ins Auge fassen. Das Bezeichnende für dessen Wunderwirken ist, daß er immer den Glauben fordert, ehe er das Wunder wirkt, weswegen es wiederholt heißt: „Geh in Frieden, dein Glaube hat dir geholfen.“ Der Glaube ist die Voraussetzung, aus welcher die Wundertat erfolgt, nicht die Wundertat das Überzeugungsmittel zur Erweckung des Glaubens. Einzig die Austreibung von Dämonen könnte als Ausnahme genannt werden; doch in diesem Falle handelt es sich um eine Erkrankung des Gemütes, und auch hier wird wenigstens von den Umstehenden Glauben erfordert: sobald Jesus keinem Glauben begegnet, „kann er keine Wunder tun“ (Mark. 6, 5). Welche grundsätzliche Abweichung von dem Standpunkt seiner Zeitgenossen vorliegt, wird noch durch mehrere andere Züge bestätigt, deren Glaubwürdigkeit um so weniger angezweifelt werden kann, als sie den Erwartungen und Wünschen der Berichterstatter Enttäuschung bereiten. Wiederholt klagt Jesus mit Bitterkeit: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, möget ihr nicht glauben!“ (Joh. 4, 48) und: „Was fordert dieses Geschlecht ein Zeichen? wahrlich ich sage Euch, nimmermehr wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden“ (Mark. 8, 12), oder noch drastischer: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt ein Zeichen!“ (Matth. 16, 4). Immer und überall, wenn Jesus aufgefordert wird, Wunder zu tun, namentlich in Fällen, wo sie das größte Aufsehen erregt haben würden — wenn z. B. die versammelten Pharisäer feierlich „ein Zeichen von ihm verlangen“ (Matth. 12, 38), oder gar Herodes auf dem Throne ihn darum bittet (Luk. 23, 8), immer und überall verweigert er es; warum aber, wenn die Wunder die Absicht verfolgten, Glauben zu wecken? Ja, hätte nicht das Kreuz zu dem größten aller Wunder Gelegenheit geboten, — zu einem Wunder, das mit einem Schlag das gesamte jüdische Volk zu Bekennern der göttlichen Messianität Jesu bekehrt hätte? Jesus wirkt seine Wunder möglichst im Verborgenen und pflegt den Geheilten streng zu verbieten, das Geschehene weiter zu erzählen: „Sehet zu, daß es niemand erfahre!“ (Matth. 9, 30). Auch gelingt ihm offenbar, dies in weitem Maße durchzusetzen; denn stets von neuem begegnen wir Menschen, die von seinen Wundern nichts wissen oder von ihrer Wirklichkeit nicht

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überzeugt sind; wie unauffällig muß z. B. die Wiedererweckung des Lazarus vor sich gegangen sein, wenn — wie wir erfahren (Joh. 11, 46) — nur ein Teil der Anwesenden durch dieses Wunder überzeugt wurde. — Man könnte noch mehrere Tatsachen anführen, geeignet, die religiöse Wertschätzung der Wunder herabzusetzen; so z. B. schenkt Jesus wenig Beachtung der Mitteilung, daß ein Mann, der nicht dem Kreise seiner Jünger angehöre, im Lande umherziehe, Dämonen in seinem Namen austreibend, und antwortet ruhig: „Wer nicht wider uns ist, ist für uns“ (Mark. 9, 40); ein anderes Mal weissagt der Heiland, falsche Messiasse würden sich erheben und so große Wunder wirken, daß selbst die „Auserwählten“ der Täuschung zum Opfer fallen (Mark. 13, 22); wie will man derartige Sprüche mit der kirchlichen Lehre von der grundlegenden Bedeutung der Wunder für den Glauben in Einklang bringen? Auch Johannes erzählt von „Dämonen“ und von „Lügenpropheten“, welche Wunder tun (Offenb. 16, 14 und 19, 20).
    Kurz, es darf mit aller Bestimmtheit behauptet werden, die Wunder besitzen nach der Absicht des Heilandes keine religionszeugende Bedeutung; das Gegenteil vorauszusetzen widerspricht seinem ausdrücklichen Willen und führt — gerade in religiöser Beziehung — zu höchst bedenklichen Verirrungen. In Jesu Wundern offenbart sich seine Barmherzigkeit gegen die leidende Menschheit; zugleich ersehen wir aus ihnen, in welchem Grad der Mensch durch den lebendigen Glauben an Gott über sich selber hinausgehoben wird.

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    Hiermit ist, glaube ich, geleistet, was ich mir in diesem Kapitel zu leisten vorgenommen hatte, indem ich mein Ziel darauf beschränkte, zum richtigen Lesen der Evangelien anzuleiten; und richtig liest man, sobald man die Gestalt des Göttlichen rein erblickt und seine Stimme rein vernimmt. Zwischen dem Mittler und denen, die sich zu ihm wenden, noch weiter „vermitteln“ zu wollen, halte ich für höchst bedenklich: kein Mensch ist berufen, das „Leben Jesu“ zu schreiben, alle Versuche, dies zu tun, sind als fehlgeschlagen zu beurteilen; die Evangelien sind und bleiben ein unerreichbares, göttliches Wunderwerk. Die gelehrten, sich chaotisch widersprechen-

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den Untersuchungen und Mutmaßungen über Ursprung, Reihenfolge und gegenseitige Beeinflussung der Evangelien bieten zwar fesselnde historische Belehrung, dienen aber zu unserem Zwecke wenig oder gar nicht: aus ihnen erfahren wir, was wir Laien nicht zu wissen brauchen, nichts aber von dem, was zu wissen uns nottut.
    Urkunden liegen zugrunde aus strahlend reinen, wahrhaftigen Herzen hervorgegangen; doch unterstanden sowohl die ersten Verfasser wie die auf sie folgenden Abschreiber und Verbreiter, dem unüberwindlich starken Einfluß gewisser Zeitgedanken, wodurch das Bild des außerhalb aller Zeit stehenden Göttlichen in einigen Beziehungen getrübt wurde. Weil die Urheber von vollkommen reinen Absichten geleitet sind und keine gelehrte Bildung besitzen, verfahren sie mit Einfalt, und wir vermögen daher leicht — sobald unsere Aufmerksamkeit geweckt wurde — das ungetrübt Berichtete von denjenigen Zügen zu unterscheiden, bei denen Mißverständnis und die unbewußten Einflüsterungen sich vordrängender Zeitgedanken störend dazwischen treten.
    Wenn ich also beim Lesen der Evangelien ein bewußtes, sorgfältiges Sichten und Sondern empfehle, handelt es sich keineswegs um willkürliches Eingreifen in den überlieferten Wortlaut, etwa irgendeiner vorgefaßten Meinung zuliebe, vielmehr liegen — wie mein Leser gesehen hat — handgreifliche Tatsachen vor Augen: sie zu beachten, ist Pflicht und schenkt als Lohn die Aufklärung zahlreicher Widersprüche und Ungereimtheiten, welche alle dazu beitragen, das Bild des Heilandes — das an so vielen Stellen in unverkennbarer Wahrhaftigkeit, nichts anderem vergleichbar hervortritt — wieder schwankend unsicher zu machen und somit unseren Augen zu entrücken. Dieses Bild rein zu erfassen soll uns als höchstes Ziel vorschweben.




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Voriges Kapitel: 3. Der Heiland

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