Hereunder
follows the transcription of chapter 4 of Houston Stewart
Chamberlain's Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
139
IV.
DIE EVANGELIEN
MERKEN
SIE, MEIN FREUND, DASS SIE FAST
NICHT GENAU UND SIMPEL GENUG BEI
DER
GESCHICHTE JESU BLEIBEN
KÖNNEN.
(H E R D E R)
140
(Leere Seite)
141 DIE
EVANGELIEN — BEDEUTUNG DES WORTES
EVANGELIUM
Das
mit nichts zu Vergleichende an den
Evangelien wurde im vorigen Kapitel genügend betont; in dem
vorliegenden
möchte ich versuchen, die Beschränkungen, welche die
damaligen
Zeitverhältnisse mit sich brachten in der Weise anzudeuten,
daß
der Leser es lernt, in den Berichten über Jesu Worte und Taten das
Unechte vom Echten zu scheiden, was unerläßlich ist, soll
die
Gestalt des Heilandes in ihrer Reinheit erfaßt werden.
Ehe wir jedoch diese
Aufgabe in
Angriff nehmen, wird es nötig sein, uns über den Sinn des
Wortes
Evangelium kurz zu verständigen: ohne eine systematische
Entwirrung
kann dies nicht gelingen.
Zwischen zwei
Bedeutungen des
Ausdruckes „Evangelium Christi“ unterscheiden die Theologen.
Ursprünglich
— also zur Zeit der ersten Christen — verstand man unter Evangelium
nicht
sowohl das, was der Heiland gesprochen und gelehrt hatte, als vielmehr
die Kunde von seinem Tode, seiner Auferstehung und seiner Auffahrt gen
Himmel, sowie die aus diesen Begebnissen geschöpfte
Überzeugung,
daß er für unsere Erlösung gestorben und daß, wer
dies glaubt, zum ewigen Leben berufen sei. Dieses war und ist der
eigentliche
Inhalt, die eigentliche Bedeutung dessen, was man in der ersten Zeit
die
Frohbotschaft, das Evangelium nannte. Als jedoch das Zeitalter der
ersten
Begeisterung vorüber war und die Kunde des Evangeliums nicht mehr
überraschend wirkte, schlich sich bei vielen, mehr oder weniger
unbewußt,
eine andere Bedeutung ein, die später, namentlich bei Deisten und
Rationalisten vorwog, und auch heute uns Laien vielfach vorschwebt:
nach
diesem uneigentlichen Gebrauch versteht man unter „Evangelium“
dasjenige,
was der Heiland selber gesprochen und gelehrt hat; und nicht bloß
oberflächliche Geister, sondern sogar ein Goethe und ein Kant
feiern
„das Evangelium“ — worunter sie, wie gesagt, Jesu eigene Worte
verstehen
— als „erhabenste Sittenlehre“, indem sie zugleich das eigentliche
Evangelium — die Frohbotschaft
der Apostel —
außer
acht lassen oder stillschweigend beiseite schieben. Dieses muß
als
uneigentlicher Gebrauch des Wortes Evangelium erkannt, bezeichnet und
getadelt
werden, da es Verwirrung stiftet und ein geschichtlich eindeutiges
inhaltreiches
Wort seines ursprünglichen Sinnes entkleidet.
Über diese
Unterscheidung
zwischen einem eigentlichen und einem uneigentlichen Gebrauch des
Wortes
Evangelium sind sich
142 DIE
EVANGELIEN — BEDEUTUNG DES WORTES
EVANGELIUM
alle
Theologen einig; sie ist so
einfach,
klar und wohlbegründet, daß, einmal aufmerksam gemacht,
jeder
Mensch sie verstehen und billigen muß, handelt es sich doch
hierbei
lediglich um den nachweisbaren Sinn eines Wortes.
Verwickelter liegen
die
Verhältnisse
bei einer zweiten notwendigen Unterscheidung, welche, wohlbetrachtet,
weniger
den Sinn des Wortes Evangelium betrifft, als die Lehren Jesu, wie sie
uns
durch Matthäus, Markus, Lukas und Johannes überliefert worden
sind.
Verbreitet ist unter
uns die
Meinung,
Jesus Christus habe eine auf reine Sittlichkeit hinzielende
undogmatische
R e l i g i o n gegründet, die manchmal als „Jesusreligion“
bezeichnet
und
im Gegensatz zu der Religion des Paulus und der Kirche gefeiert wird.
So
gibt z. B. Immanuel Kant in seinem Buch über Religion —
hauptsächlich
nach der Bergpredigt, doch mit Heranziehung verwandter Stellen — eine
Zusammenfassung
der dort verkündeten Lehren, aufgefaßt als reine
Sittenlehren,
die er mit den Worten beschließt: „Hier ist nun eine
vollständige
Religion, die allen Menschen durch ihre eigene Vernunft faßlich
und
überzeugend vorgelegt werden kann“, und einige Zeilen weiter
heißt
es: „die jedem Menschen verständlich und ohne allen Aufwand von
Gelehrsamkeit
überzeugend sein muß“ (4. Stück, 1. Teil, 1. Abschn.).
Bei
aller Ehrfurcht vor dem größten Denker kann man nicht umhin,
diese Behauptung Kant's als irrig zu bezeichnen, oder wenigstens als
irreführend.
Historisch stimmt es nicht, daß die sittlichen Gebote der
Bergpredigt
den Inhalt des christlichen Glaubens und seine ungeheure Lebenskraft
ausgemacht
hätten; innerlich stimmt es aber noch weniger, daß mit
dieser
Auffassung des Heilandes als eines Moralpredigers der Kern seiner
Botschaft
an uns Menschen getroffen sei. Ein sehr zuverlässiger Führer,
Bischof Lightfoot, äußert sich hierüber (in dem Vorwort
zu seinem Buch über den Philipperbrief):
„Eine natürliche
Gegenwirkung
gegen die Last der Dogmen verleitet dazu, allen Nachdruck auf die
sittlichen
Lehren des Evangeliums zu legen. Manche Menschen nehmen stillschweigend
an, manche behaupten sogar ausdrücklich, die Bergpredigt bilde den
Kern des Evangeliums. Diese Auffassung entspringt gewiß einem
gesünderen
Instinkt als engherziger Dogmatismus, aber in Wirklichkeit ist sie
nicht
weniger gefährlich und bedroht selbst die Sittlichkeit: denn sind
erst die
143 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
Quellen
des Lebens abgeschnitten, so
wird der Strom bald aufhören zu fließen.“ Den Quellpunkt
jeglichen
Lebens bildet, wie wir aus den beiden vorangehenden Kapiteln erfuhren,
die Überzeugung, in Jesu Christo den M i t t l e r
zwischen Mensch
und
Gott zu besitzen.
Die Jünger
selber würden
am allererstauntesten sein, wenn sie erführen, man erkläre
auf
Grund ihrer eigenen Berichte ihren Herrn und Meister für einen
bloßen
Sittenlehrer, eine Art jüdischgefärbten Stoiker — ihn, den
Gottgesandten,
der sie durch Wort und Beispiel gelehrt hatte, sich stets in Gottes
unmittelbarer
Gegenwart zu fühlen, um des Gottesreiches willen Vater und Mutter
zu verlassen und voll Freude in den Tod zu gehen, — und dessen Worte
ihnen
noch in den Ohren klangen: „Wer mich verleugnet vor den Menschen, den
will
auch ich verleugnen vor meinem Vater im Himmel“ (Matth. 10, 33).
So viel nur über
Gebrauch
und Mißbrauch des Wortes Evangelium; reden wir nun von diesem
selbst.
*
Seit Monaten
(vielleicht schon
seit Jahren) den göttlichen Heiland begleitend als
stundstündliche
Zeugen seiner Erdentage, hatten die Jünger — aus dem, was uns alle
bändigt, entrückt — gleichsam im Vorhof des Reiches Gottes
gelebt;
nun aber war der Verrat wie ein Blitz in ihre Reihen gefahren, jäh
gefolgt von der Gefangennahme, der Verurteilung und dem qualvollen
Tode;
um dem Heiland nachzufolgen, hatten sie alles verlassen, und jetzt war
er — der sonst Kranke heilte und Tote erweckte — ihnen allen in den Tod
vorangegangen, und zwar in die, nach der Vorstellung der Juden,
schmählichste
aller Todesarten: „verflucht ist jeder, der am Holze hänget!“
(nach
Gal. 3, 13). Plötzlich
jedoch war das nie Erwartete geschehen: der
Entschwundene stand wieder lebend mitten unter ihnen! Seine Liebe hatte
ihn zu seinen Getreuen zurückgeführt, womit die Gewähr
ihrer
göttlichen Eigenart und ihrer ewigen Dauer gegeben war. Aus diesem
ungeheueren Erlebnis schöpften jene einfachen Männer die
Kraft
zu dem mehr als menschlichen Werke, das sie jetzt vollbrachten: hiermit
ward das Christentum geboren.
144 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
Wenig Bildung besaßen die
Jünger, über gar keine weltlichen Verbindungen verfügten
sie, in einem abgelegenen Erdenwinkel waren sie daheim: Eines aber —
ein
Einziges — wußten sie, sie allein wußten es, und gerade
nach
diesem Einen fragten und suchten durch tausend Verworrenheiten hindurch
alle Menschen: diese Galiläer hatten den M i t t l e r
zwischen
Mensch
und Gott gefunden und dadurch zugleich die Fähigkeit empfangen,
ihn
der ganzen Welt zu verkünden.
Nun waren diese
Männer —
wie schon bemerkt — nicht Männer, die über philosophische
Kenntnisse
verfügten und dementsprechend sich hätten neue
Lehrsätze
erfinden können; notwendig mußten sie ihr Erlebnis des
lebendigen
und des von den Toten auferstandenen Heilandes in irgendeiner ihnen,
als
Menschen aus dem Volke geläufigen Vorstellung unterbringen — ich
will
sagen, sie waren unfähig, für das Neue einen gedanklich neuen
Behälter zu schaffen; vielmehr griffen sie einfach die damals
weitverbreitete
Vorstellung eines erwarteten Retters der Judenheit aus allen Nöten
auf und überzeugten sich und Andere, Jesus von Nazareth sei dieser
ersehnte Messias, d. h. „der Gesalbte“ aus dem Hause David's — ins
Griechische
übertragen, „der Christ“.
Aus diesem Umstand
ergibt sich
mit Notwendigkeit, daß von den evangelischen Berichterstattern
einige
Gewaltsamkeit zu erwarten steht. Hierbei ruht unsere Aufmerksamkeit
zunächst
besonders auf den drei ersten Evangelien; doch erweist sich das vierte
Evangelium den drei anderen, bei genauerer Erforschung, näher
verwandt,
als man auf den ersten Blick vermutet; es entstammt dem gleichen
Urquell
und teilt darum, trotz aller Weiterentwickelung, die gleichen
Lebensbedingungen.
Nach der Evangelisten
eigenem
Bericht entsteht der Gedanke, Jesus sei der verheißene Messias
der
Juden, unter den Jüngern selbst erst gegen Ende der irdischen
Laufbahn
ihres Meisters; zurückblickend aber färbt er — wie nicht
anders
möglich — ihre ganze Erzählung und veranlaßt nicht
allein
Mißverständnisse, sondern auch unbewußte Zusätze
und Erfindungen. Nicht etwa, daß wir den guten Glauben und die
wesentliche
Wahrhaftigkeit jener Männer anzweifeln, vielmehr haben wir diese
Eigenschaften
an ihrem Werke im vorigen Kapitel über alles Lob erhaben gefunden;
es war aber
145 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
unvermeidlich,
daß, wer dieses
einzige Leben und Lehren nach dem Schema „Messias der Juden“ sich
zurechtlegte,
beiden — dem Leben und dem Lehren — höchst gewaltsame Deutungen
aufzwingen
mußte. Den Erzählern kam es eben nicht bloß darauf an,
ihre Erlebnisse treu zu berichten, sondern fast noch mehr darauf,
Andere
zu ihrer Überzeugung von der Messiaswürde des Heilandes zu
bekehren.
Diese
Überzeugung
beglückte
sie, denn „Messias“ war der höchste Ehrentitel, der innerhalb des
ihnen einzig vertrauten jüdischen Weltbildes verliehen werden
konnte;
erkannte das ganze jüdische Volk in Jesus den erwarteten Messias,
so schwanden alle Schwierigkeiten und Hindernisse, die Prophezeiungen
waren
einfach bisher mißverstanden worden, man mußte sie anders
lesen
lernen; war er der Messias, so mußte notwendig alles stimmen. Wer
sich diese Zusammenhänge ruhig und freien Sinnes überlegt,
wird
den Eindruck eines zwangsmäßig wirkenden Gedankens — was die
Wissenschaft eine Suggestivwirkung nennt — gewinnen; folgerichtig war
er
durchaus nicht, vielmehr sprach dieser Gedanke aller Logik Hohn, und
die
Jünger selber vernichteten auf immer durch diesen einen Einfall
eines
leidenden, den Verbrechertod sterbenden Messias ihren eigenen
Hauptzweck:
das Judentum von der göttlichen Sendung Jesu Christi zu
überzeugen;
denn kein echter judäischer Jude konnte zugeben, Jesus sei der von
seinem Volk erwartete Messias, ohne zugleich aufzuhören, Jude zu
sein.
Uns heutigen Christen
eignet,
infolge fast zweitausendjähriger Gewohnheit, eine Vorstellung von
der Bedeutung des Wortes M e s s i a s, die nicht
bloß der
Vorstellung
der Juden — und derjenigen der unmittelbaren Jünger Christi —
nicht
entspricht, sondern kaum einen Berührungspunkt mit ihr aufweist.
Für
uns ist eben die Annahme, Jesus von Nazareth sei der Christ (und d. h.
der Messias), die Grundlage alles Kirchenglaubens; darum wird es uns
ohne
besondere Belehrung schwer, uns den Messias der Juden vorzustellen;
unsere
Phantasie ist schon ausgefüllt, so daß bei dem Worte Messias
uns sofort der Heiland der Evangelien vor Augen steht und wir das Wort
als gleichbedeutend mit „Gott-Sohn“ und mit „Erlöser“ betrachten —
was bei dem Messias der Juden nicht zutrifft. Wer sich über
letzteren
unterrichten will, greift vielleicht am besten nach Emil Schürer's
im vorigen Kapitel angeführten Werk, Geschichte
146 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
des jüdischen Volkes im Zeitalter
Jesu Christi, wo er, Band II, § 29, einen lückenlosen
geschichtlichen
Überblick und eine ausführliche „systematische Darstellung“
der
messianischen Hoffnung finden wird. Da diese Hoffnung eigentlich zu
allen
Zeiten einen Bestandteil des israelitischen Glaubensschemas ausgemacht
hat, so wird es uns nicht wundernehmen, wenn sie im Laufe der vielen
Jahrhunderte
und der wechselnden Schicksale verschiedene Gestalten annahm, vielmehr
werden wir eher über die Beharrlichkeit des leitenden Gedankens
staunen:
zu allen Zeiten und unter wechselnden Einkleidungen blieb die Idee des
Messias eine durch und durch p o l i t i s c h
e V o r s t e l l u n g (vgl. Sanday:
Christ
in recent research, S. 136); immer bestand der Hauptinhalt
dieser
Vorstellung
in der erhofften Weltherrschaft der Juden, mit begleitender
Unterjochung
oder gar Vertilgung aller Nichtjuden. In den sogenannten Psalmen
Salomo's
— einer Schrift, die in der Zeit kurz vor Jesu Geburt entstand — lesen
wir von dem Messias als „dem Sohn David's mit Kraft gegürtet, der
Jerusalem reinigt, mit eisernem Stabe die gottlosen Heiden verdirbt,
ein
heiliges Volk regiert, unter dem künftig weder Beisasse noch
Fremder
wohnen darf.... Der Messias hält die Heidenvölker unter
seinem Joche, daß sie ihm dienen“ (Psalm 17). In dem
ungefähr
gleichzeitigen
Buch der Jubiläen
heißt es von dem Erfolg des Messias:
„Israel
soll n a c h W i l l k ü r
herrschen über alle Völker und soll
die
ganze Erde an sich ziehen und sie ererben auf Ewigkeit“ (32, 19). Eine
Stelle aus der Midrasch
entnehme ich Merx, in der die liebliche
messianische
Hoffnung zum Ausdruck kommt, „hinter den Israeliten her werde eine (von
Jahve gesandte) Flamme alle Nahrung der übrigen Erdenvölker
verbrennen
und in Jerusalem große Herrlichkeit einrichten“ (Evangelien, 2.
Teil,
1, 354). Diese wenigen Stellen genügen, um ein lebhaftes Bild von
der
verbreitetsten Vorstellung der messianischen Hoffnung zur Zeit Jesu zu
wecken. Gewöhnlich wurde der Messias als ein König aus dem
Stamme
David's erwartet — wie wir das vorhin in den Psalmen Salomo's
hörten
— der das Reich Juda wieder aufrichtet und zum Weltreich erweitert;
doch
lagen hierüber keine dogmatischen Feststellungen vor, und in
Zeiten
großer Erniedrigung war es edler gearteten Männern
eingefallen,
zum Messias werde kein bloßer Kriegsheld genügen, vielmehr
habe
man darunter einen prophetischen
147 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
Erneuerer
strengster jüdischer
Gesetzestreue
zu erwarten; und einmal auf diesem Wege, hat es nicht an Zeloten
gefehlt,
die das ganze messianische Reich in ein himmlisches verwandelten: als
Auftakt
sollte das Weltende mit Schrecken und mit Vertilgung aller Nichtjuden
vorangehen,
worauf dann — sei es auf einer erneuten Erde, sei es im Himmel — ein
neues
herrliches Jerusalem entstehen, beziehungsweise sich herabsenken werde,
in welchem der Messias thront. Wichtig ist aber die Feststellung,
daß
die ersten dunklen Andeutungen in jüdischen Schriften, nach denen
vielleicht ein leidender Messias dem triumphierenden vorangehen werde,
erst zwei Jahrhunderte nach Christi Tod auftauchten und offenbar durch
das sich ausbreitende Christentum eingegeben sind (vgl. Stanton: The
Jewish
and the Christian Messiah, S. 122 fg.); übrigens gewann
diese
Auffassung
vereinzelter Schwärmer innerhalb des Judentums nie Geltung. Das
viel
genannte 53. Kapitel des Deuterojesaia
wird von dem jüdischen
Targum
mit Recht nicht von einem leidenden, sondern von einem triumphierenden
Messias verstanden (siehe Merx, 2. Teil, 2. Bd., 83). In Kautzsch's
maßgebender
Ausgabe des Alten Testamentes
schreibt Professor Guthe zu diesem
Abschnitt:
„Der Knecht Jahve's kann doch hier nichts anderes bedeuten als in dem
übrigen
Buche, nämlich das Volk Israel“ (1, 640) — nicht also den Messias,
die Verse:
Gemißhandelt
ward er und
er beugte sich willig
Und tat seinen Mund nicht auf,
Wie ein Lamm, das zur Schlachtung
geführt wird,
Und wie ein Schaf, das vor seinen
Scherern verstummt
sind eine fast wörtliche
Anführung
aus Jeremia (11, 19) und
beziehen sich auf die Mißhandlung, die
Jeremia
selber von seinen Feinden zu erleiden hatte (Cheyne: Isaiah, S. 246).
Ebensowenig
wie einen leidenden Messias haben die Juden jemals einen
göttlichen
oder halbgöttlichen Messias erwartet; zwar sollte er nach einigen
mehr apokalyptisch gefärbten Schriften aus dem Himmel zur Erde
herunterkommen,
doch als echter Mensch und als Geschöpf Gottes: hierfür berufe ich mich auf den
heutigen jüdischen Gelehrten C. Montefiore (St. Paul and Judaism,
S. 52).
Um nun ein Urteil
über die
Darstellung des Lebens Jesu durch
148 DIE
EVANGELIEN — DER MESSIASGEDANKE
die
Evangelisten zu gewinnen, ist vor
allem notwendig zu wissen, daß die ersten Jünger in der
ersten
Zeit auf jüdischem Boden stehen blieben.
So läßt
sich z. B.
mit aller Strenge nachweisen, daß sie — in der echten
jüdischen
Überlieferung aufgewachsen — den erwarteten und nunmehr von ihnen
gefundenen Messias für einen Menschen, und nicht für Gott
oder
Gottes Sohn hielten: der Ausdruck „Sohn Gottes“ war ein den Juden
geläufiger
und diente einerseits zur Bezeichnung der Engel, andrerseits zum
bildlichen
Lobe ausgezeichneter Menschen — so z. B. guter Könige und
gotterfüllter
Propheten — wurde aber natürlich niemals buchstäblich
verstanden,
was ja innerhalb des jüdischen Glaubens ohne jeden Sinn gewesen
wäre.
Man betrachte nur die ersten Reden Petri in der Apostelgeschichte; Form
und Inhalt zeugen für ihre Echtheit. Da heißt
Jesus „e i n
M a n n,
der sich durch gewaltige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch
ihn
getan hat in eurer Mitte, als von Gott hergesandt erwiesen hat“ (2, 22
fg.); die Botschaft richtet sich an „das Haus Israel“ allein, und da
heißt
es, diesen Mann „hat Gott zum Herrn und Christus gemacht“ (2, 36). In
seiner
zweiten Anrede spricht der selbe Apostel: „Der Gott Abraham's und Gott
Isaak's und Gott Jakob's, der Gott unserer Väter hat s
e i n e n K n e c h t
Jesum verherrlicht...“ (3, 13). Auch in dem ersten gemeinsamen Gebet
hören wir: „sie haben sich versammelt in dieser Stadt wider
Deinen
h e i l i g e n K n e c h t Jesum, den Du
gesalbt,...“ (4, 27). Immer
handelt
es sich um einen Menschen, den Gott zum Messias der Juden erhoben hat.
Das gleiche bezeugt das Wort, welches der Evangelist den beiden
Jüngern
auf dem Wege nach Emmaus, am dritten Tage nach der Kreuzigung, in den
Mund
legt: „Er (Jesus) war e i n p r o p h e t i s c
h e r M a n n, gewaltig in
Kraft
und in Werk und in Wort vor Gott und dem ganzen Volk“ (Lukas 24, 19,
nach
dem ältesten Text): gleichviel, ob man annehmen will, dieses Wort
wurde wirklich gesprochen, oder ob man es dem Erzähler zuschreibt
— die bloße Tatsache, daß es überhaupt geschrieben
wurde,
genügt, uns über das, was die Urgemeinde dachte, vollkommen
aufzuklären;
keine spätere Zeit hätte so zu sprechen gewagt.
Es steht
unwidersprechlich fest:
die ersten Jünger, aus deren Kreis die Evangelisten, oder
wenigstens
die Evangelien hervorgingen,
149 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN, OFFENBARUNGSSCHRIFTEN,
WUNDER
hielten
Jesus für den von allen
Israeliten (noch heute) erwarteten Messias, den Mann aus David's
Stamme,
von Gott zur Wiederaufrichtung seines auserwählten Volkes
bestimmt.
Erst im Evangelium Johannis
erblicken wir den Übergang zu der
neuen, unjüdischen Auffassung; in diesem Evangelium — wie der
Spezialforscher
E. F. Scott ausführt — „tritt die Frage der Messianität in
den
Hintergrund und wird schließlich aus den Augen verloren
angesichts
der weit höheren Würde.... Der Name Messias verlor seine
historische
Bedeutung und wurde gleichlautend mit Gott-Sohn“ (The Fourth Gospel,
its
purpose and theology, 2. Aufl., S. 70 u. 369). An derjenigen
Stelle, wo
Johannes den Vorfall von Caesarea Philippi erzählt (6, 69) und wo
Matthäus (16, 16), Markus (8, 29) und Lukas (9, 20) das angebliche
Bekenntnis des Petrus bringen: „Du bist der Messias“, läßt
ihn
Johannes sprechen: „Du bist der Heilige Gottes.“ Die Gedanken der drei
ersten Evangelisten aber — also derjenigen, aus denen wir die
lebendige
Vorstellung der Persönlichkeit zu schöpfen pflegen — bewegen sich, wie gesagt, noch
innerhalb
der echt jüdischen Messias-Vorstellung. Daß sie
überhaupt
auf einen solchen Gedanken verfielen, läßt sich nur aus der
Armut des religiösen Lebens der Juden erklären, welches ihnen
eine einzige Idealgestalt bot.
Freilich erheben
einzelne neuere
Gelehrte den Einwurf, die messianische Hoffnung sei zur Lebenszeit
Christi
im eigentlichen Volke so gut wie ausgestorben gewesen; die Behauptung
ist
jedoch offenbar irrig, da kurz vorher und kurz nachher verschiedene
Männer
die Messiaswürde für sich in Anspruch nahmen, die Fahne der
Empörung
aufrollten und großen Anhang (namentlich in Galiläa) fanden;
außerdem haben Schürer und Stanton nachgewiesen, daß
die
Erwartung des Messias dazumal besonders hoch gesteigert war. Insofern
kann
man es also begreifen, wenn schlichte Männer aus dem Volke sich
überzeugten,
Jesus müsse der erwartete Messias gewesen sein.
*
Indem jedoch die Jünger sich
anschickten, diese Überzeugung öffentlich zu vertreten,
fanden
sie sich bald zu dreierlei Unternehmungen verpflichtet, durch welche
sie
sich in allerhand Widersprüche und Gewaltsamkeiten verwickelten
und
einen Teil ihrer
150 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN, OFFENBARUNGSSCHRIFTEN,
WUNDER
reinen
Naivität, der Erscheinung
des Göttlichen gegenüber, einbüßten: sie
mußten
nachweisen, daß die Propheten Israels einen leidenden, duldenden,
verschmähten und schimpflich getöteten Messias von Anfang an
geweissagt hatten, was der Meinung sämtlicher Schriftkenner
widersprach;
sie mußten den Glauben an die glorreiche apokalyptische
Wiederkehr
des Gekreuzigten einflößen, und drittens mußten sie
das
Wunderwirken Jesu mit möglichst grellen Farben ausmalen, weil
gerade
dieses Beweismittel bei dem unwissenden Volk stets den stärksten
Eindruck
macht. In allen drei Fällen mußten sie von ihren echten
Erinnerungen
an Jesum mehr oder weniger abweichen.
Der Beweis aus
Weissagung war
darum unerläßlich, weil die Juden nur das als geschichtlich
wahr annehmen durften, was ihre Propheten vorverkündet hatten
(Holsten:
Paulus 2, 19). — Mit dem
Offenbarungswesen der Apokalyptik verhielt es
sich folgendermaßen: je
tiefer das jüdische Volk
politisch
sank, und je ferner infolgedessen seine Hoffnung auf Weltherrschaft
rückte,
um so mehr hatte sich — unter dem Einfluß babylonischer und
persischer
Ideen — eine früher den Juden unbekannte Phantastik über das
Ende der Welt, und was alles darauf folgen sollte, entwickelt. Diese
Lehren
„von den letzten Dingen“, von der Wissenschaft Eschatologie genannt und
von den gelehrten Rabbinern zu allen Zeiten mißtrauisch
behandelt,
wenn nicht gar verworfen, bildeten einen Ersatz für den versiegten
Strom der Prophezeiung. Schon der 74. Psalm (gedichtet anderthalb
Jahrhundert
vor Christi Geburt) erhebt die Klage: „Kein Prophet ist mehr da!“ An Stelle
der Propheten, die stets in der politischen Gegenwart wurzelten und mit
ihrer Person sich für ihre Lehren einsetzten, verbreitete sich
jetzt
— gerade um die Zeit kurz vor und kurz nach Jesu Leben — aus dunklen
Winkeln
ein frommes Schrifttum, das seine angeblichen Offenbarungen — um ihnen
Gewicht zu geben — Männern der Vorzeit zuschrieb, z. B. dem Moses,
dem Jesaja oder gar dem Erzvater Enoch. Dieses sonderbare Schrifttum
übte
zu der Zeit, von der wir handeln, eine mächtige Wirkung auf die
Phantasie,
namentlich der Volkskreise, aus und hat infolgedessen die Evangelien
bedeutend
beeinflußt. — Daß der Beweis aus Wundern Jesu ebenfalls
unerläßlich
war, bedarf keiner weiteren Begründung.
151 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
Widmen
wir eine kurze Betrachtung
jedem dieser drei erwählten Beweismittel für die
Messianität
Jesu. Vorausschicken will ich noch zwei kurze Bemerkungen.
Die erste ist
wichtig. Uns
Heutigen
stehen alle drei Beweismittel der Evangelisten besonders fern; weder
Weissagungen
noch Offenbarungen noch Wunder sind geeignet, auf uns überzeugend
zu wirken: daher bedarf es einer geschichtlichen Erwägung, damit
wir
ihre frühere Bedeutung erfassen.
Der zweiten Bemerkung
wollen wir
kein besonderes Gewicht beilegen, immerhin ist sie jedoch geeignet, auf
gewisse Dinge aufmerksam zu machen, welche sonst unbeachtet bleiben.
Ganz
allgemein gesprochen, darf man behaupten: im Evangelium des
Matthäus
wird noch mehr Gewicht als in den anderen Evangelien auf die
prophetischen
Beweise gelegt, immer von neuem vernehmen wir die Worte „damit die
Schrift
erfüllet werde“; Lukas liebt es, „die letzten Dinge“ — Hölle
und Himmel, Strafen und Belohnung — besonders zu betonen; Markus ist
der
derbe Mann, der sich auf den Eindruck der gewirkten Wunder am meisten
stützt
und der den Heiland seinen Jüngern verheißen
läßt,
sie würden Schlangen mit den Händen aufheben, ohne von ihnen
gebissen zu werden, und Gifte trinken, ohne daran zu sterben (Mark. 16,
18) — also genau die Kunststücke, welche noch heute wandernde
Derwische
und andere orientalische Zauberer ausüben; bei Johannes treffen
wir
zwar alle drei Beweismittel noch an, doch in wunderbar
verklärender
Vergeistigung.
*
Der Drang, Kunde über das
Zukünftige zu erlangen, scheint allen Menschen angeboren zu sein:
ein angeborener Wahnsinn, urteilen wir Heutigen, nichtsdestoweniger ein
Drang, der im Altertum alle, auch die kultiviertesten Geister
beherrschte,
und der noch unter uns „Aufgeklärten“ manchen sonst gescheiten
Menschen
in nächtlich verbergender Stunde zur Kartenlegerin führt. In
der hellenischen Welt, zur Zeit der höchsten Blüte, gab es
Hunderte
von Heiligtümern, an denen Fragen, die Zukunft betreffend,
Beantwortung
fanden. Beinahe alle Götter, außerdem manche Heroen der
Altzeit
wurden zu diesem Zwecke angerufen. Die allgemeine Sitte
152 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
trieb
sowohl den Privatmann, dem ein
wichtiges Geschäft bevorstand, wie die Gemeinde, die eine neue
Verordnung
zu erlassen beabsichtigte, und den Staat, der unschlüssig
schwankte,
ob er Krieg erklären solle oder nicht, zum Orakel hin, sich Rats
zu
holen. Die amtierenden Priester, die entweder die Stimmen der
Götter
zu vernehmen vorgaben, oder aber deren Antwort aus dem Rauschen einer
Eiche,
aus dem Geplätscher einer heiligen Quelle, aus dem Klirren einer
am
Altar angeschlagenen Kette, aus dem Zungenreden einer in Extase
geratenen
Priesterin zu deuten wußten, hießen bei den Griechen
Propheten.
Durchaus anders geartet war der israelitische und der jüdische
Prophet
(der Nabi) — ohne Frage die
bedeutendste Erscheinung, welche diesem
dürren
Boden entwuchs. Mit wenigen Ausnahmen stand er in schroffem Gegensatz
zur
amtlichen Priesterschaft; Jesaia z. B. erklärt, „Gott möge
den
Sabbat nicht und hasse die festgesetzten Feiertage“, und Jeremia stellt
sich vor dem Tempel zu Jerusalem auf und ruft laut: „Verlaßt euch
nicht auf die Lügen, wenn sie sagen, hier ist des Herrn Tempel!“
Diese
Propheten beantworten keine müßigen Fragen, vielmehr stehen
sie im Mittelpunkt des politischen Lebens ihrer Gegenwart und sind
leidenschaftlichen
Tribunen zu vergleichen. Nicht die Verkündigung der Zukunft
schwebt
ihnen als Ziel vor, vielmehr die veredelnde Umgestaltung der Gegenwart,
und sie malen nur in flammenden Farben — wie sie Orientalen zu Gebote
stehen
— abschreckende und anlockende Zukunftsbilder ihren Volksgenossen vor
die
Augen hin, um sie zu bewegen, sofort das Bessere zu erwählen.
Daher
genossen die israelitischen Propheten auch außerhalb des
Judentums
Ansehen; Griechen, die dem Christentum nicht angehörten, lasen
gern
in ihnen und fanden ihre eigene Mythologie bestätigt: so z. B.
entnahmen sie dem Liede Jakob's
die Vorverkündigung des Dionysos,
Jesaia's
angebliches Wort über die Jungfrau, die einen Sohn gebären
sollte,
galt ihnen als Andeutung auf den Perseus, und wenn der Psalmist von
einem
Mann redet „stark wie ein Riese“, so konnte sich das offenbar nur auf
Herakles
beziehen (Hatch, Greek Ideas,
S. 73 fg.).
Schon an diesen
Beispielen ersieht
man aber, daß es weniger darauf ankam, was die Propheten hier und
da über zu erwartende Begebenheiten wirklich verkündet haben
mochten, als auf das, was
153 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
man
in sie hineinlas; jedes Wort wurde
als geheimes Zeichen für ein anderes Wort gedeutet; kein Satz
durfte
nach seinem geraden Sinn verstanden werden. Da blieb man denn nicht auf
die eigentlichen Propheten beschränkt, vielmehr dehnte man diese
Methode
auf das ganze Alte Testament
aus und deutete alle die berichteten
Vorgänge
aus der Vergangenheit zugleich als geheime Hinweise auf kommende
Begebnisse.
Derartige Auffassungen herrschten damals allgemein; nirgends aber war
die
Kunst der Deutung so entwickelt wie bei den jüdischen
Schriftgelehrten;
von diesen übernahmen die Evangelisten das Verfahren, Paulus und
die
ersten Christen, sodann die Kirchenväter eiferten ihnen nach, und
während Jahrhunderten bildete „der Beweis aus der Schrift“ —
gegraptai,
es steht geschrieben — das Hauptüberzeugungsmittel der
Messianität
Jesu, sowie der anderen grundlegenden Kirchenlehren. Der
geistesmächtigste
Mann unter den frühen Christen, Origenes, lehrt: „Die Schriften
(der
Bibel) sind vom Geiste Gottes erfaßt und tragen nicht allein die
beim ersten Blick zu ersehende Bedeutung, sondern zugleich einen
anderen
tieferen Sinn, auf den die meisten Leser nicht achten. Denn die
geschriebenen
Worte sind die Behälter für gewisse Geheimnisse (sacramenta)
und die Abbilder göttlicher Dinge“ (De Principiis, Vorw., Abschn.
8). Und der selbe Origenes sagt in seiner berühmtesten Schrift
Gegen
Celsus (den Gegner des Christentums): „Das stärkste aller Beweismittel
zur Bestätigung dessen, was wir von Jesu behaupten, bildet die
Tatsache,
daß sein Kommen von den jüdischen Propheten vorausgesagt
ward“
(Buch 1, Kap. 49). Auch Ignatius überliefert den Einwand der
Juden:
„Wir glauben dir nichts aus dem Evangelium, solange du es uns nicht
nachgewiesen
hast in den Archaia — d. h.
in den Schriften des Alten
Testamentes“
(nach
Burkitt).
Ich greife hier etwas
weiter,
damit der Leser die Geistesstimmung kennen lerne, aus der die
Evangelisten
zu ihrem uns so fremd anmutenden Unternehmen die Anregung
schöpften.
Die Theologen treiben zwar das Allegorisieren noch heute munter weiter,
doch uns Anderen fällt es zunächst schwer, und es regt sich
im
Innern der Geist des Widerspruches, wenn uns zugemutet wird, in der
Tatsache,
daß Moses eine eherne Schlange in der Wüste aufrichtete,
durch
deren Anblick Gebissene geheilt werden sollten, eine
154 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
sichere
Vorherverkündigung des
Kreuzestodes
Jesu Christi zu erblicken (Joh.
3, 14). Und doch fehlt diese eherne
Schlange
als „Beweis“ bei vielleicht keinem einzigen Kirchenvater, so sicher
konnten
sie des Eindruckes sein, den diese allegorische Umdeutung auf ihre
Leser
machen mußte. Ich füge ein zweites Beispiel hinzu,
gleichfalls
der Wüstenwanderung Israel's entnommen. Der Leser wird sich
erinnern,
daß, als einmal das Volk vor Durst verschmachtete, Moses von
Jahve
den Befehl erhielt, mit seinem Stabe auf einen Felsen zu schlagen,
worauf
dann dem Felsen Wasser entquoll; Paulus nun deutet diesen Vorgang
folgendermaßen:
„Sie tranken aus einem mitgehenden geistlichen Felsen, der Fels aber
war
der Christus“ (1. Kor. 10, 4)!
Einmal auf diesem Wege, war es schwer,
eine
Grenze anzuerkennen, und so zieht denn schon Justin das ganze mosaische
Ritualgesetz herbei als symbolische Vorherverkündigung des Lebens
und Leidens Jesu Christi. Ein Beispiel. Er redet vom Passah-Lamm (vgl.
2. Buch Mosis 12, 9) und sagt:
„die Verordnung, das Lamm unzerteilt
zu braten, deutet symbolisch auf das Kreuzesleiden Christi. Das
gebratene
Lamm wird derartig angerichtet, daß es ein Kreuz darstellt, indem
nämlich einer der beiden Spieße den Körper der
Länge
nach durchsticht, während der andere quer durch den Rücken
gesteckt
wird und an letzterem die Pfoten angebunden werden“ (Dialog mit Tryphon
40, 3). An der selben Stelle folgt gleich ein zweites Beispiel. Am
jüdischen
Feste der Versöhnung (vgl. 3.
Buch Mosis 16, 5 fg.) werden zwei
Böcke
dargebracht, von denen der Hohepriester den einen auf dem Altar opfert,
während der andere — der Sündenbock — in die Wüste
hinausgejagt
wird: diese gottesdienstliche Handlung verkündet fraglos, nach
Justin,
die zweimalige Erscheinung Jesu Christi auf Erden — die erste, die zum Kreuzestode
führt,
die zweite, wo er kommen wird auf Wolken des Himmels usw. Ehe ich von
Justin
— der weniger als hundert Jahre nach den Evangelisten schrieb —
Abschied
nehme, will ich noch auf einen Text aufmerksam machen, den er nicht
müde
wird als einen der schwerstwiegenden Beweise für die Wahrheit der
christlichen Lehre anzuführen und eingehend von allen Seiten zu
beleuchten.
Dieser Text entstammt dem sogenannten Abschiedslied Jakob's (1. Buch
Mosis,
Kap. 49). Hier heißt es, mit Bezug auf Juda: „Er wird sein
Füllen
an den Weinstock
155 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
binden,
und seiner Eselin Sohn an den
edlen Reben. Er wird sein Kleid in Wein waschen, und seinen Mantel in
Weinbeerblut.“
In diesen Worten erblickt Justin nicht allein die Voraussage der
Passion,
von Jesu Einzug in Jerusalem, auf einem Esel reitend, an, bis zum
Lanzenstich
am Kreuze, sondern er entnimmt daraus noch allerhand Belehrung. Der
„Mantel“
z. B., „von dem der Heilige Geist an dieser Stelle durch den Propheten
redet, bedeutet die Gesamtheit der gläubigen Menschen, die Jesus
in
seinem Blute reinwaschen sollte“. Und daß von „Weinbeerblut“ die
Rede ist, zeigt an, daß Jesus „wohl Blut in den Adern führen
werde, nicht aber aus Mannessamen geboren, sondern aus der Kraft
Gottes“
(siehe z. B. 1. Apologie,
Kap. 32 und Dialog mit Tryphon,
Kap. 54).
Namentlich
das Eintreffen der „ausdrücklichen Prophezeiung“ bezüglich
des
Esels und seines Füllens beim Einzug in Jerusalem bildet nach
Justin
„den unwiderleglichsten aller Beweise, daß Jesus der Christus
sei“
(Tryphon, Kap. 53, 2).
Nebenbei sei daran erinnert, daß Justin's
Apologie an den Kaiser Mark
Aurel gerichtet ist. Was der Imperator dazu
gesagt hat, ob ihm überhaupt die Schrift zu Gesicht kam,
weiß
man nicht, doch die Tatsache bleibt, daß ein hoher kirchlicher
Würdenträger
von edler feuriger Gemütsart derartige Argumente für geeignet
hielt, einen solchen Mann zu überzeugen. Die ‚luden freilich
müssen
sich in dieser Luft heimisch gefühlt haben, nur ward es ihnen
schwer
bis zur Unmöglichkeit, derartige Vergewaltigungen des Sinnes ihrer
alten Schriften gläubig hinzunehmen; hierüber schreibt Paulus:
„Bis heute, wenn Moses gelesen wird,
liegt die Decke über ihren (der Juden) Herzen. Wo aber die
Bekehrung
zum Herrn eintritt, wird die Decke weggenommen“ (2. Kor. 3, 15, 16).
Den Evangelisten
muß man
die Gerechtigkeit widerfahren lassen. daß sie einen
verhältnismäßig
bescheidenen Gebrauch von den angeblichen Vorherverkündigungen
machen;
immerhin beherrscht auch sie diese Wahnvorstellung in nicht
unbedenklichem
Grade. Wie einer aus ihrem Kreise schreibt: „Ihr tut gut, euch an das
prophetische
Wort festzuhalten, als an einer Leuchte, die da scheint an finsterem
Ort,
bis der Tag durchbricht und lichtbringend aufgeht in euren Herzen,
darüber
vor allem klar, daß keine Schriftweissagung eigene Lösung
zulässet,
denn nie ist eine Weissagung durch menschlichen Willen geschehen,
sondern
getragen vom Heili-
156 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
gen
Geist haben von Gott aus Menschen
geredet“ (2. Petrus 1, 19
fg.). An gar vielen Orten, fürchte ich,
haben sich die Evangelisten, sowie namentlich ihre späteren
Bearbeiter,
durch diese „Leuchte“ zu abenteuerlichen Behauptungen verleiten lassen;
gewiß tun wir wohl daran, jedesmal, wenn wir einer Berufung auf
das
Alte Testament begegnen, auf
der Hut zu sein — einerseits vor den
unbewußt
wirkenden Einflüsterungen derartiger „Weissagungen“ auf die
redlichen
Berichterstatter, andrerseits vor den geschäftigen Ergänzern,
denen es daran lag, jede Voraussage als eingetroffen darzutun. Denen,
die
erstaunt sein sollten, einer Kenntnis abgelegener Schriftstellen bei so
einfachen Volksleuten zu begegnen, diene zur Erklärung, daß
dazumal Sammlungen von sogenannten Zeugnissen
in Umlauf waren, durch
welche
man die Hoffnung auf den Messias im Volke wachzuhalten bezweckte
(Milligan,
N. T. Documents 207); solche
aus allem Zusammenhang losgelöste
Bruchstücke
waren erst recht geeignet, in den Köpfen Unbewanderter Verwirrung
zu stiften und Wesentliches mit Unwesentlichem durcheinander zu werfen.
Man betrachte nur die
Geburts-
und Kindheitserzählung bei Matthäus; hier waltet die
Phantasie
frei, weil gar keine wirkliche Erinnerung des Schreibers vorliegt, und
da begegnen wir nun Schritt für Schritt der angeblichen
Erfüllung
angeblicher Weissagungen. In einem genau bekannten geschichtlichen
Augenblick
hatte z. B. Jesaia, der leidenschaftliche Vaterlandsfreund, dem
zaghaften
König Ahas — der im Begriffe war, den Assyrer ins Land zu rufen,
um
mit seiner Hilfe die beiden Nachbarn Judäas zu vernichten — eine
Weissagung
entgegengeschleudert, durch welche er dessen Entschlüsse
umzustimmen
hoffte. Die Weissagung beginnt mit den Worten: „Wenn heute junge Weiber schwanger
werden
und einen Sohn gebären, werden sie ihn zwar Immanuel
(Gott-mit-uns)
nennen, doch usw. usw.“ (7, 14 nach Kautzsch). Durch diese Weissagung
gibt
der Prophet dem König zu verstehen: zwar werden durch deine
Politik
deine zwei Nachbarn bald erledigt sein und diejenigen Frauen, die jetzt
in der Hoffnung sind, werden ihre Söhne vor Freude Gott-mit-uns
benennen;
doch ehe diese „Gottfriede“ soweit herangereift sind, das Böse von
dem Guten unterscheiden zu können (also in wenigen Jahren), wird
der
dritte Feind, den du jetzt als Freund ins Land rufst, Judäa in
eine
Wüste verwandelt haben.
157 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
Es
liegt alles so klar faßlich
wie möglich vor Augen, und auch das Bildliche, das die
orientalische
Redeweise mit sich bringt, ist völlig durchsichtig und
wirkungsvoll.
Nun aber schlage man im Evangelium
Matthäi, Kap. 1, die Verse 18
und
folgende nach, wo die Geschichte von der Geburt aus der Jungfrau
erzählt
wird, mit den Worten abschließend: „Das alles aber ist geschehen,
damit in Erfüllung gehe, was der Herr durch das Wort des Propheten
gesprochen hat — Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn
gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben...“ Was die Berufung auf den Namen Immanuel
in diesem Zusammenhange bedeutet, weiß ich nicht, da der Heiland
den Namen Jesus erhielt; im übrigen aber sehen wir die Vorstellung
von der Jungfrauengeburt durch einen gröblich
mißverstandenen
Text, der keine entfernteste Beziehung zu den messianischen Hoffnungen
aufweist, zugleich eingegeben und als notwendig „bewiesen“.
Auch die folgenden
Episoden im
ersten und zweiten Kapitel des Evangeliums
Matthäi — Bethlehem als
Geburtsort, die heiligen drei Könige, die Flucht nach
Ägypten,
der Kindermord, die Niederlassung in Nazareth — beziehen sich alle
ausdrücklich
oder stillschweigend auf Weissagungen der Propheten, wobei wieder die
wunderlichsten
Vergewaltigungen der alten Texte stattfinden. So z. B. legt der Prophet
Hosea Jahve folgende Worte in den Mund: „Als Israel jung war, gewann ich es
lieb und rief seine Scharen aus Ägypten. Je mehr ich sie rief,
desto
mehr zogen sie sich von mir zurück: sie schlachteten den Baalen
und
opferten den Bildern usw.“ (11, 1 fg.). Das Ganze bezieht sich
unmißverständlich
auf die Befreiung aus der ägyptischen Gefangenschaft, was auch die
Fortsetzung des Textes bestätigt. Hinzugefügt muß
werden,
daß gewisse abgeleitete Handschriften statt „seine Scharen“ den
Ausdruck
setzen „meinen Sohn“ — ein Ausdruck, der in den Schriften des Alten
Testamentes
stets soviel bedeutet wie „das Volk Israel“, folglich genau dasselbe
besagt
wie die beste Handschrift, wenn sie „seine Scharen“ schreibt. Wie aber
verwendet der Evangelist ein solches Wort? Er erzählt die Flucht
nach
Ägypten und begründet sie: „auf daß erfüllet
würde,
was der Herr gesagt durch des Propheten Wort, ‚Aus Ägypten habe
ich
meinen Sohn gerufen'!“
Sobald bei
Matthäus die
persönlichen
Erinnerungen an den
158 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
Heiland
die Oberhand gewinnen, weichen
die Weissagungen mehr in den Hintergrund, doch ohne jemals dem
Geschichtlichen
das Feld ganz zu räumen; so z. B. wird die einfache Tatsache,
daß
Jesus, als seine öffentliche Tätigkeit begann, nach Kapernaum
zog, durch eine lange, verwickelt zusammengestellte und recht ungenaue
Anführung aus Jesaia begründet „damit erfüllet
würde“. Anstatt die Gepflogenheit des Heilandes, in Gleichnissen
zu reden, aus
der Eigenart seines Wesens und namentlich aus der Eigenart seiner
Botschaft
abzuleiten, kehrt hier wieder die geisttötende Versicherung: „ohne
Gleichnis redete er nichts zu ihnen, auf daß erfüllet werde,
was da gesagt ist durch das Wort des Propheten Jesaia — ‚Ich will
auftun
mit Gleichnissen meinen Mund, ich will ausschütten, was verborgen
ist von der Schöpfung her' “; wobei als bezeichnend für den
Grad
der Schriftkenntnisse des Verfassers (beziehungsweise des Bearbeiters)
bemerkt zu werden verdient, daß dieses angeführte Wort im
Buche
Jesaia nicht vorkommt,
vielmehr dem 78. Psalm, Vers 2, entnommen ist,
und
nach der richtigen Handschrift, in der richtigen Übersetzung
lautet:
„Ich will meinen Mund zu Sprüchen auftun, will Rätsel aus der
Vorzeit verkünden“ — worauf eine Zusammenfassung der Geschichte
Israels,
eine Aufzählung der Wohltaten Jahve's und der beständigen
Undankbarkeit
„des abtrünnigen und widerspenstigen Geschlechtes“ folgt.
Gegen Schluß
des Evangeliums
Matthäi bricht wieder die Flut der Weissagungen durch;
namentlich
die Erzählung von der Kreuzigung — der eingestandenermaßen
die
Jünger nur „aus der Ferne“ zugesehen hatten — erweist sich als
Punkt
für Punkt aus vorausgesetzten Erfüllungen von Prophezeiungen
aufgebaut und läßt den Heiland mit einem Ausruf des
Psalmisten
verscheiden, ohne ein einziges der überlieferten göttlichen
Kreuzesworte
zu melden.
Hin und wieder sind
wir in der
Lage, dem nachträglichen Entstehen der Beziehung auf eine
Weissagung
und dem Einschieben dieses späteren Einfalles in des Evangelisten
ursprüngliche Erzählung mit Augen zu folgen. Ein belehrendes
Beispiel bietet der Bericht über den Einzug in Jerusalem. In der
ältesten
bekannten Handschrift lesen wir im Evangelium
Johannis (12, 14) einfach: „Jesus
aber ritt auf einem Esel“ — was
nichts Auffallendes an sich hat, da er aus dem wohlhabenden Hause der
Geschwister
Maria,
159 DIE
EVANGELIEN — WEISSAGUNGEN
Martha
und Lazarus den Weg antrat und
das Reiten auf Eseln dortzulande von jeher üblich war; so ritten
z.
B. David und Salomon auf Eseln oder auf Maultieren. In der
späteren
uns geläufigen Fassung des Johannes heißt es schon: „Jesus
aber
t r a f ein Eselein und setzte sich darauf“, wodurch der
Übergang in
eine besondere göttliche Fügung angedeutet wird. Bei den drei
anderen Evangelisten läßt aber der Heiland den Esel
ausdrücklich
holen, und zwar lesen wir in Matthäus
(21, 1 fg.) folgende
Weisung:
„Gehet in das Dorf euch gegenüber, so werdet ihr sogleich eine
Eselin
angebunden finden und ein Füllen bei ihr, die bindet los und
bringet
sie mir, und wenn jemand etwas zu euch sagt, so saget: der Herr bedarf
ihrer, so wird er sie alsbald ziehen lassen. Dies geschah aber, damit
erfüllet
würde, was gesagt ist durch das Wort des Propheten usw.“ Die
Jünger
tun wie befohlen, bringen die Eselin und das Füllen und nun
heißt
es, unbegreiflicherweise: „sie legten Kleider auf sie, und er setzte
sich
auf dieselben“ — so daß es den Anschein hat, als wäre Jesus
— der Prophezeiung Sacharjas zulieb — zugleich auf der Eselin und auf
dem
Füllen geritten. Die späteren Bearbeiter des Markus und Lukas
haben die Ungeschicklichkeit dieser Fassung empfunden und die
Eselin-Mutter
fortgelassen; sie erzählen nur von einem Füllen und streichen
dafür das von Matthäus angeführte Prophetenwort ¹).
Die vorangegangene
Betrachtung
über den Einfluß, den der Wahngedanke der Weissagung auf die
evangelischen Berichte ausüben mußte, bildet nur die kurze
Skizze
eines unerschöpflich verwickelten Gegenstandes; doch glaube ich,
der
Leser wird eine lebhafte Vorstellung von den unausbleiblichen Folgen
dieses
so eigenmächtigen „Beweis“-Verfahrens gewonnen haben: allerhand
Luftgestalten
drängen sich auf, Mißverständnisse nisten sich für
immer ein, treue Erinnerungsbilder erleiden Verbiegung, echte Worte des
Heilandes erhalten eine ihnen fremde Färbung, die den
ursprünglichen
Sinn verdeckt.
*
—————
¹)
Anmerkungsweise sei noch
hinzugefügt,
daß gewisse Prophezeiungen, auf deren Erfüllung hingewiesen
wird, in keiner Schrift des Alten Testamentes aufzufinden sein sollen!
Für die nähere Erörterung dieser Fälle verweise ich
auf Cheyne's Bible Problems;
einen interessanten Fall bringt Scott's
The
Kingdom and Ihe Messiah, S. 225.
160 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
Der zweite Wahngedanke, der zum
Beweise der Messianität Jesu herangezogen wird, weist Züge
der
Verwandtschaft mit dem ersten auf und fließt an gewissen Punkten
in Weissagung über; und doch haben wir allen Grund, zwischen
beiden
zu unterscheiden. Die Bücher des Alten
Testamentes — auch die
sogenannten
prophetischen und die Psalmen — stehen (außer wo sie dem
bloßen
Ritual gelten) mitten in der Geschichte, und ihre Absicht geht dahin,
dieser
zu dienen; dagegen geben sich die apokalyptischen Schriften alle als
Offenbarungen
über die ersten und die letzten Dinge, über
Weltschöpfung
und Weltende, über die Hierarchie der Engel und der Erzengel,
über
den Sturz Satan's und der zugleich mit ihm abgefallenen Himmelsscharen,
über Gottesplan, Sündenfall und Jüngstes Gericht,
über
den Ort der ewigen Strafen und das Paradies der Belohnung. Bezeichnend
ist es, daß dieses ganze Schrifttum im geheimen entstand; nie hat
man den Namen eines der Verfasser erfahren. Die Zuschreibung an
berühmte
Männer der Vergangenheit verrät die Absicht, einfache Seelen
zu täuschen, und zeugt von einem gewissen geistigen Tiefstand.
Fremde
Beeinflussung — hauptsächlich persischen Ursprungs, doch mit
Einbeziehung
gewisser hellenistischer Vorstellungen — gab den Anstoß zu einer
Gedankenwelt, die sonst den Juden besonders fern lag, wobei freilich
nicht
übersehen werden darf, daß zur Zeit, als die Apokalypsen
entstanden,
zahlreiche, meistens asiatisch gemischte Hellenen, äußerlich
dem Judentum angehörten, was allerhand damaligen Abirrungen von
dem
sonst so geradlinigen Wege dieses schematisch erstarrten Glaubens zur
Erklärung
dient. Wie schon früher bemerkt, handelt es sich um eine
vorübergehende
Erscheinung, deren erste Spuren nicht weiter als bis ins zweite
Jahrhundert
vor Christi Geburt hinaufreichen, und deren letzte gegen Schluß
des
zweiten Jahrhunderts nach Christo zu verblassen anfangen.
Da der Leser, den ich
im Auge
habe, gewiß auf diesem Gebiete wenig bewandert ist, nenne ich die
Titel der bisher — zum Teil erst seit wenigen Jahren — bekannt
gewordenen
Hauptschriften der Gattung: die Apokalypse
des Baruch, das Buch Enoch
(in
verschiedenen Fassungen), die Assumptio
Mosis, die Psalmen Salomo's,
das
Vierte Buch Esra, die Himmelfahrt des Jesaia, das Buch der
Jubiläen,
die Sibyllinischen Orakel;
voran geht — wohl als bedeu-
161 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
tendstes
Erzeugnis dieser Art — das Buch
Daniel, das einzige von allen, welches Aufnahme in den
alttestamentlichen
Kanon fand; und als letztes nenne ich das einzige, welches eine Stelle
dauernd im Kanon des Neuen
Testamentes behauptete — die sogenannte
Offenbarung
Johannis. Alle diese Schriften — auch die zuletzt genannte —
sind
innerhalb
des Judentums entstanden, gewannen aber erst innerhalb der frühen
christlichen Gemeinde Bedeutung und Einfluß, indem die
Wertschätzung,
die gerade diese Bücher von seiten der ersten Jünger und des
Paulus genossen, sich auch auf die frühesten Kirchenväter
fortpflanzte,
welche sie geläufig als „Heilige Schrift“ anführen; Clemens
Alexandrinus
gebraucht sogar den Ausdruck „die Geheimschriften des Christentums“! Es
dauerte aber nicht lange, bis höhere Bildung und reifere
Überlegung
ihren geringen Wert aufdeckten und sie streng verbannten. Unter
christlichen
Händen hatten inzwischen die meisten nach und nach Änderungen
erfahren, namentlich zweckdienliche Ergänzungen: unsere Gelehrten
sind eifrig daran, die Urfassung wieder herzustellen. In den von E.
Kautzsch
herausgegebenen zwei Bänden Die
Apokryphen und Pseudepigraphen
des
Alten Testamentes findet der deutsche Leser die meisten der hier
genannten
Offenbarungsschriften von zuständigen Fachmännern
übersetzt
und erklärt; wer solche Bemühung scheut — und ich möchte
es nicht auf mich nehmen, in diesem Falle zuzureden — dem sei
Schürer's
schon oben wiederholt herangezogene Geschichte
des jüdischen
Volkes
im Zeitalter Jesu Christi empfohlen, wo er im dritten Band
reichliche
und
zuverlässige Auskunft finden wird.
Alle diese
Erdichtungen
gehören
ursprünglich der Richtung des streng ausschließlichen
Judentums
an; bei ihnen gelangt kein Nichtjude in den Himmel; ihr Zweck ist ja
gerade,
das Volk im jüdisch-nationalen Sinne aufzustacheln und vor den
langsam
einsickernden Beeinflussungen fremden Geistes zu warnen — wobei
freilich
die sittliche Besserung und das Vertrauen auf Gott (zugleich mit der
Furcht
vor ihm) als Hauptmittel zum Zweck eingeschärft werden.
Der Begriff des
Messias gewinnt
innerhalb dieses Schrifttums, je später desto mehr, an Bedeutung
und
zwar in einer Gestalt, die der christlichen Messias-Vorstellung immer
ähnlicher
wird. Nach dem Vierten Buche Esra
(13, 1 fg.) wird der aus David's
Samen
ent-
162 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
stammte
und vor Zeiten der Erde
entrückte,
von Jahve in den Himmel emporgehobene Messias, einstens „vom Meere her,
auf Wolken des Himmels fliegend, kommen“. Die verschiedenen Schriften
bezeichnen
ihn verschieden — als Kriegerkönig oder als Friedensfürst,
als
Verfechter der Gerechtigkeit oder als des Weltalls Monarchen, auch der
Titel Hoherpriester kommt vor. Zwei uns aus den Evangelien vertraute
Bezeichnungen
für Jesus finden sich schon in dem Buche Enoch auf den vom Himmel
herabsteigenden Messias angewandt: der M e n s c h e n s o
h n und der
C h r i s t u s. In einem allerdings sehr spät
anzusetzenden Teil
des
Buches Enoch tritt der Messias
gar als Weltrichter, und insofern als
Gottes
Stellvertreter auf.
Immer mehr erkennt
die
wissenschaftliche
Theologie den großen — in
gewissen Beziehungen entscheidenden
— Einfluß dieser apokalyptischen Literatur und der aus ihr
geborenen
Vorstellungswelt auf die evangelischen Berichte sowie auf alle
übrigen
Bestandteile des Neuen Testamentes;
Paulus z. B. ist geradezu
durchtränkt
davon — doch darüber mehr
im folgenden
Kapitel.
Um zuerst ein leicht
faßliches
Beispiel dieser Beeinflussung zu nennen: die Vorstellung von den
„Sieben
Himmeln“, welche im Neuen Testament
wiederholt vorkommt (so im
Hebräerbrief,
in der Offenbarung Johannis
und mehrfach bei Paulus), ist
unmittelbar
dem
Buche der Geheimnisse des Enoch
entnommen — wie der englische
Sonderforscher
R. H. Charles nachgewiesen hat. Wenn also dieser Gedanke, der
bekanntlich
einer dem Judentum fernliegenden Weltanschauung entstammt und der in so
schreiendem Widerspruch zu allem steht, was wir von des Heilandes
Denken
und Lehren wissen — namentlich zu seiner Lehre von dem R e
i c h e G
o t t e
s —‚ wenn also dieser Gedanke sich in die heiligen Schriften des jungen
Christentums einschleicht, so verdanken wir dies lediglich den
sonderbaren
Volksbüchern, von denen wir hier reden. Ein solcher Fall betrifft
zwar nur eine Äußerlichkeit und es wird kein Zusammenhang
mit
Jesus behauptet; dennoch ist er geeignet, uns auf den unentrinnbaren
Einfluß,
dem gerade die frommen gottsuchenden Menschen jener Zeit unterworfen
waren,
aufmerksam zu machen und lehrt uns dort überall mißtrauen,
wo
wir begründeterweise diesen Einfluß voraussetzen
müssen;
und das müssen wir an gar vielen und wichtigen Stellen unserer
Evangelien:
zu-
163 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
nächst
überall, wo von einem
nahen Weltende, von einem drohenden Letzten Gericht, von einem auf
Wolken
wiederkehrenden Messias, von Schrecknissen, die über die Welt
hereinbrechen
sollen, von posaunenden Engeln usw. gesprochen wird; denn alle diese
Dinge
bilden den Hauptinhalt der apokalyptischen Schriften, und wenn es auch
nicht ausgeschlossen erscheint, daß der Heiland — um sich seiner
Umgebung verständlich zu machen — sich gelegentlich dieser im
Volke
geläufigen Vorstellungen bedient haben mag: es ist ein Ding der
Unmöglichkeit,
daß sie zu seiner Lehre gehört haben können. Hierauf
kommen
wir gleich zurück; vorher will ich aufmerksam machen, daß
nach
den Ergebnissen neuerer Forschung dieser Einfluß noch weiter
reicht
als unsere Beispiele schon zeigen.
Es handelt sich
weniger um
zusammenhängende
wörtliche Anführungen als um den Gebrauch, seitens der
Evangelisten,
von Vorstellungen, die den Apokalyptikern geläufig waren, und zwar
unter Anwendung der gleichen Ausdrücke. Lesen wir z. B. im
Taufbericht
des Matthäus (3, 16):
„da taten sich die Himmel auf“, so wird uns
bei einiger Überlegung die Eigenart dieser Wendung gewiß
auffallen
und auf eine dichterische Veranlagung des Schreibers schließen
lassen:
der Ausdruck entstammt der Apokalypse
Baruch's (22, 1), wo ebenfalls
„der
Himmel sich auftut“ und daraufhin „eine Stimme vom Himmel“ vernehmbar
wird.
Als weiteres Beispiel nenne ich die Stelle Matthäus (25, 41):
„Hierauf
wird er auch sagen zu denen von der Linken: gehet hinweg von mir, ihr
Verfluchten
in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln“:
alle diese Vorstellungen über das
Letzte Gericht — daß die Bösen links von Gottes Thron zu
stehen
kommen, daß sie in das ewige Feuer geworfen werden, wo sie „dem
Teufel
und seinen Engeln“ zum Opfer fallen, alle finden sich in einem Teil des
Buches Enoch genau
vorgebildet, das sechzig bis achtzig Jahre vor
Christi
Geburt geschrieben wurde. Das gleiche gilt von anderen Teilen der
Schilderung
des Letzten Gerichtes. So z. B. finden sich die Worte (Matth. 19, 28): „Der Sohn des Menschen sitzt auf dem
Throne seiner Herrlichkeit“, buchstäblich bei Enoch (62,
3): „...wie er (der Menschensohn) auf dem Throne seiner Herrlichkeit
sitzt...“; und lesen wir Johannes
(5, 22): „Er hat das Gericht ganz an den
Sohn
übergeben“, so kann es kaum einem Zufall zugeschrieben werden,
wenn
wir
164 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
bei
Enoch (69, 27) finden: „die Summe
des Gerichtes wurde ihm, dem Menschensohn, übergeben...“.
Früher
war man der Meinung, der Ausdruck „Menschensohn“ sei dem 7. Kapitel des
Buches Daniel entnommen, wo er
zur bildlichen Bezeichnung des
jüdischen
Volkes gebraucht wird, im Gegensatz zu verschiedenen anderen Nationen,
die — durch je ein Tier versinnbildlicht — auftreten: heute weiß
man, daß die Annahme irrig war und daß der wahre
Ursprungsort
des messianischen Gebrauches dieses Wortes im Buche Enoch zu finden ist.
Da die genannten
Bücher,
wie schon vorher bemerkt, sich fast ausschließlich mit den
„letzten
Dingen“ befassen, so macht sich ihr Einfluß namentlich dort
bemerkbar,
wo in den Evangelien von diesen die Rede ist. Obige Beispiele wiesen
schon
darauf; zur Ergänzung folge eines über das Weltende. Die
ganze
Stelle, die Lukas (21, 25 fg.) dem Heiland in den Mund legt, ist (nach
Charles) fast wörtlich zusammengestellt aus Bruchstücken der
Apokalypse Baruch's „Und es
werden Zeichen geschehen an Sonne, Mond und
Sternen, und auf der Erde werden die Völker sich
zusammendrängen
in Angst vor dem Tosen des Meeres und seiner Fluten, da die Menschen
vergehen
vor Furcht und Erwartung dessen, was über die Welt kommt; denn die
Gewalten der Himmel werden erzittern. Und hierauf werden sie den Sohn
des
Menschen kommen sehen in einer Wolke mit großer Macht und
Herrlichkeit.
Wenn aber das anfängt, dann richtet euch auf, und erhebet eure
Häupter,
denn es nahet eure Erlösung.“ Übrigens wird in einer Schrift
des Neuen Testamentes, in dem
Briefe des Judas,
ausdrücklich und
ausführlich
das apokalyptische Buch des Enoch
angeführt; wir lesen da: „Es
hat aber auf sie auch geweissagt
der Siebente von Adam, Enoch, mit den Worten: S i e h e
, d e r H e r r i s t
g e k o m m e n
m i t s e i n e n h e i l i g e n Z
e h n t a u s e n d e n , G e r i c h t z
u h a l t e n w i d e r a l l
e, u n d a l l e
d i e G o t t l o s e n u n t e r i
h n e n z u s t r a f e n ü b
e r a l l e i h r e W e r k
e d e s
F r e v e l s,
m i t d e n e n s i e g e f r e v e
l t, u n d a l l e r r o h e
n W o r t e, w e l c h e w i d e
r i h n
g e s p r o c h e n
s ü n d i g e F r e v l e r“ (Vers 14 fg.). Hierbei
verdienen folgende zwei
Tatsachen
gewiß Beachtung: der Verfasser des genannten Briefes war ein
leiblicher
Bruder Jesu, und der ursprüngliche Verfasser des Buches Enoch war
aller Wahrscheinlichkeit
165 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
nach
ein Galiläer. Erstere Tatsache
gibt uns urkundliche Auskunft über die geistige Umwelt des kleinen
Kreises, aus welchem das Christentum hervorging; die zweite
erklärt
die augenscheinliche besondere Vertrautheit der Urevangelisten mit dem
Buche Enoch — sie kann zwar nicht als erwiesen
gelten,
doch hat Burkitt (Jewish and
Christian Apocalypses, 1913, S. 28 fg.)
fast
zwingende Gründe zu dieser Annahme vorgebracht.
Es ließe sich
noch manches
hinzufügen, doch würde dies viel Raum beanspruchen, da solche
Dinge ohne Ausführlichkeit undeutlich und eindruckslos bleiben;
ich
glaube auch, die wenigen Beispiele, die ich vorgebracht habe, werden
genügen,
um nachdenklich zu stimmen. Jetzt will ich nur noch einige Worte der
großen
Rede widmen, in welcher der Heiland über den Fall Jerusalems und
das
Weltende geweissagt haben soll (Matth.
24, Mark. 13, Luk. 21) und
welche
den eigentlichen Stützpunkt der sogenannten Eschatologie oder
Lehre
von den letzten Dingen und namentlich von dem unmittelbar
bevorstehenden
Ende der Welt bildet — eine Lehre, die bekanntlich auf zahlreiche
Seelen
damals großen Einfluß ausgeübt hat; wir wissen z. B.,
daß Paulus in den ersten Jahren nach seiner Bekehrung das
Weltende
mit Bestimmtheit noch vor Abschluß seines eigenen Lebens
erwartete.
Die Behauptung aber, daß Jesus der Urheber oder auch nur ein
Anhänger
dieses Glaubens an ein unmittelbar bevorstehendes Weltende gewesen und
daß aus diesem Glauben erst seine Sittenpredigt zu verstehen sei,
— eine Behauptung, die noch heute von sehr namhaften Gelehrten
vertreten
wird — dürfen wir mit aller
Bestimmtheit
als unhaltbar bezeichnen; denn diese Lehre — wird sie ihm auch hier in
den Mund gelegt — widerspricht
seiner ganzen Denkart,
wie wir sie im vorigen Kapitel kennen lernten. Es genügt, auf das
eine Wort zurückzuverweisen: „Das Reich Gottes kommt nicht mit
äußerlichen
Gebärden, noch wird man sagen, siehe, hie oder da ist es; denn
siehe,
das Reich Gottes ist inwendig in euch“ (Luk. 17, 20 fg.). Wie Burkitt
bemerkt:
„Es bewegt sich diese ganze große eschatologische Rede
völlig
innerhalb des Gebietes des jüdischen apokalyptischen Denkens“ (wie
oben, S. 44); und an anderem Orte der selben Schrift (S. 40) schreibt
er:
„Die Weherufe über die Pharisäer und die Sadduzäer, die
große Drangsal, das Gericht, das den Gläubigen bevorsteht,
der
166 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
unaufhaltsame
Sieg des Bösen, der
‚Greuel der Verwüstung', die Flucht der Heiligen in die Wüste
— kurz, die ganze Lehre über die letzten Dinge, wie sie die
Evangelien
enthalten, mit Ausnahme der im Mittelpunkt stehenden Gestalt Jesu
Christi,
dies alles finden wir in der Assumptio
Mosis vorgebildet. Ja, mehr als
dies: nicht allein stimmt die ganze Inszenierung überein, vielmehr
finden wir eine Analogie auch im heiligen inneren Vorgang. Der
freiwillige
Tod nämlich des heiligen Taxo (eines sich aufopfernden Leviten)
besitzt
erlösende Bedeutung, indem er das Ende herbeiführt (sanguis
noster vindicabitur coram Domino); dieser Tod wirkt wie der Tod
des
Sohnes
in dem Gleichnis von dem Herrn des Weinberges und den bösen
Arbeitern.“
Wir verstehen nach
und nach immer
klarer, was sich bei den Evangelisten und namentlich bei den
Bearbeitern
der ursprünglichen Evangelien zugetragen hat: ebenso wie sie
geglaubt
hatten, dem Andenken des Heilandes zu dienen, indem sie ihn zum
Mittelpunkt
aller angeblichen messianischen Weissagung des Alten Testamentes
machten,
ebenso waren sie jetzt bestrebt, ihn in den Mittelpunkt der ganzen
phantastischen
Offenbarungswelt (Apokalyptik) zu rücken. Diese Umarbeitungen
hatten
scharfsinnige Gelehrte schon früher vermutet, zu einer Zeit, als
die
betreffende Literatur noch nicht so genau bekannt war, wie sie es heute
ist. So hatte z. B. Adalbert Merx in seinem großen Evangelienwerk
nachgewiesen, daß die Rede, die Matthäus, Kapitel 24,
bringt,
aus lauter fremden Stücken zusammengestellt ist, und hatte dann
hinzugefügt:
„Daher hat man mit der Möglichkeit zu rechnen, daß
Stücke
aus jüdischer Apokalyptik als Erweiterung in Worte Jesu
eingeflochten
sind.“ In diesem Zusammenhange wäre auch das noch früher
erschienene
vorzügliche Werk von Erich Haupt Die
eschatologischen Aussagen
Jesu
in den synoptischen Evangelien (1895) zu nennen, welches schon
nachgewiesen
hatte, daß an der angeblichen großen Rede Jesu verschiedene
Hände mitgearbeitet haben und daß in Wirklichkeit der
Heiland
bei dieser Gelegenheit zwar den Fall Jerusalems vorausgesagt, aber die
Frage der Jünger nach dem Zeitpunkt des Weltendes abgelehnt hat.
Auch
wies Haupt schon auf das Evangelium
Johannis als Beweis gegen jede
eschatologische
Deutung von Worten Jesu hin; denn bei Johannes ist nie von einem
Weltende
im mate-
167 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
riellen
geschichtlichen — und das
heißt
apokalyptischen — Sinne des Wortes die Rede, vielmehr erscheint bei ihm
„das Reich Gottes als durchaus überweltliche Größe —
mein
Reich ist nicht von dieser Welt (18, 36), der Begriff des ewigen Lebens
als die Teilnahme an dem göttlichen Lebensinhalt, der Begriff des
Kommens Jesu als eines nicht irdisch-sinnlichen, sondern
überweltlichen
Ereignisses..., das alles und noch vieles andere ist nur die
Herausstellung
der Gesichtspunkte, welche den synoptischen Worten zugrunde liegen, die
konsequente Durchführung der Andeutungen, die Jesus gelegentlich
in
seinen gnomischen (kurzen) Rätselworten in der Synopse gibt ...
nicht
die Worte Jesu hat Johannes treuer bewahrt, aber ihren tiefsten Sinn
erschlossen“
(S. 160 fg.).
So hilft uns
Johannes, zum echten
Heiland und seiner wahren Botschaft zurückzufinden.
Besonders wichtig ist
es, die
Vorstellung los zu werden, der Heiland hätte sein baldiges
Wiederkommen
als triumphierender Messias auf Wolken des Himmels vorausgesagt — eine
Weissagung, von der man gestehen müßte, sie sei nicht
eingetroffen.
Die betreffenden Evangelienstellen zeugen deutlich von
ursprünglichem
Mißverständnis und außerdem von späterer
Bearbeitung.
So lesen wir z. B. Matthäus
16, 28: „Wahrlich, ich sage euch, es
sind
einige unter denen, die hier stehen, welche den Tod nicht kosten
werden,
bis sie den Sohn des Menschen kommen sehen in seinem Reiche“; hiergegen
sagt Markus (9, 1): „bis sie das Reich Gottes kommen sehen mit Macht“ —
eine Wendung, die sich bedeutend unterscheidet; auf die rechte Spur
gelangen
wir aber erst durch Lukas (9, 27), der einfach sagt: „welche den Tod
nicht
kosten werden, bis sie das Reich Gottes sehen“: hier ist uns zumute,
als
könnten wir erraten, was Jesus in Wirklichkeit gesprochen haben
mag.
Wohl weiß ich, daß alle drei Evangelien, kurz vor den
angeführten
Stellen, von einem „Kommen des Menschensohns in der Herrlichkeit seines
Vaters mit den heiligen Engeln“ oder „in seiner und des Vaters und der
heiligen Engel Herrlichkeit“ reden, doch — wie wir jetzt wissen — sind
gerade diese Worte mehr oder weniger buchstäbliche
Anführungen
aus jüdischen Offenbarungsbüchern und daher höchst
verdächtig.
Keiner, der aus den unerfindbaren und daher unbezweifelbaren Worten
Jesu
eine Vorstellung von seinem
168 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
die
ganze Umgebung überragenden,
ihr nur äußerlich angegliederten Wesen und von seiner Lehre
von G o t t als Vater und dem R e i c h
e G o t t e s gewonnen hat, kein
solcher
wird ihm zutrauen, daß er auf entscheidende Fragen seiner
Jünger
mit Sprüchen geantwortet habe, die bloße Abklatsche aus
einem
sehr untergeordneten, überspannten Volksschrifttum darstellen.
Zum Beschluß
dieses
Abschnittes
über den Einfluß der Apokalyptik auf die evangelischen
Berichte
mache ich aufmerksam, daß die Verbreitung des abenteuerlich
angewachsenen
Engel- und Dämonenglaubens, welcher das frühe Christentum
trübend
überschwemmte, dem selben Born volksmäßiger Wahngebilde
entquoll. Schöne altarische Vorstellungen hatten in anders
gearteten
Gemütern zu einer nicht unbedenklichen Überwucherung
geführt
und an Stelle des Einen gesuchten M i t t l e r
s zwischen Mensch und Gott
ein
ganzes Heer von Mittelwesen geschaffen, die — einander bekämpfend
— den armen Menschen hierher und dorthin — zu lichten Höhen und in
nächtige Finsternisse — emporhoben und herniederrissen.
Gewiß
bringen älteste Teile des Buches
Genesis Kunde von Engeln, so z.
B.
in der Sage vom Garten Eden und derjenigen des Jakobstraumes: im
ersteren
Fall schließt sich die Vorstellung an altbabylonische, im zweiten
Fall an altägyptische Vorbilder an; später jedoch, als die
reine
Jahve-Religion herrschte, entschwanden diese an Vielgötterei
mahnenden
Gebilde ganz und gar aus dem Gesichtskreis; die sogenannte
„jahvistische“
Bearbeitung des Alten Testamentes
hatte jede Bezugnahme auf gute und
böse
Engel sorgfältig ausgemerzt (vgl. Hermann Gunkel: Genesis
übersetzt
und erklärt). Die nunmehrige Engel- und Dämonenlehre
war
anderer
Abstammung: die Meder und Perser
hatten sie nach
Westen getragen, wo sie, mit allerhand griechischen und
kleinasiatischen
Vorstellungen vermengt, ein gar buntes, unübersehbares Gebilde der
ausschweifenden Phantasie darbot. Ins Volk drangen diese Vorstellungen
hauptsächlich durch das Offenbarungs-Schrifttum (Apokalyptik und
Eschatologie)
ein.
Wenige heutige
Menschen ahnen,
welche Herrschaft diese Vorstellung von der Gegenwart guter und
böser
Geister — die in ungeheuerer Zahl allerorten umherschwirrend gedacht
wurden
— über die damaligen Gemüter ausübte. Man frage bei dem
aufgeklärtesten der frühen Kirchenväter, Origenes, nach;
man wird in dem ersten
169 DIE
EVANGELIEN — OFFENBARUNGSSCHRIFTEN
Buche
seines De Principiis ganze
Kapitel
über die Engel und die Dämonen finden, man wird erfahren,
daß
der Erzengel Raphael die Arzneikunde und alles Heilen von Kranken unter
sich habe, Gabriel aller Kriegsführung vorstehe, während
Michael
beauftragt sei, die Gebete der Menschen zu sammeln und der Erledigung
entgegen
zu führen; nicht allein besitzt jeder Mensch seinen eigenen, ihm
zuerteilten
Schutzengel, der ihn von der Geburtsstunde an bis zu seinem letzten
Atemzug
begleitet, sondern menschlichen Unternehmungen widerfährt es nicht
anders, und so beschützt z. B. ein besonderer Engel die Kirche zu
Ephesus, ein anderer die Kirche zu Korinth, ein dritter die zu
Caesarea,
usw. Doch die Dämonen wirken ihrerseits nicht minder
unablässig
— und wenn z. B. ein heiliger Mann wie der Apostel Petrus der
Dienstmagd
gegenüber den Heiland verleugnet, so haben wir darin die Stimme
seines
ihm zuerteilten Dämons zu vernehmen — nicht seine eigene. Ein
Schüler
des Origenes, Gregorius Thaumaturgos, schildert (in der Lobrede auf
seinen
Meister) sein eigenes ganzes Leben als Schritt für Schritt von
einem
heiligen Engel geführt: „jenem Wesen — welches es auch sein mag, —
das meine Kindheit wunderbar beschützte, und das mich heute noch
unterstützt,
belehrt und leitet, jenem Wesen verdanke ich's auch, daß ich mit
Origenes zusammentraf...... usw.“ Nicht allein
die Seelen waren den Engeln anvertraut, auch das ganze Gefüge des
Weltalls unterstand ihrer Obhut; so hatte z. B. Athenagoras, etwa ein
halbes
Jahrhundert vor Origenes, in seiner Schutzschrift
für die Christen
(Kap. 10) geschrieben: „Wir Christen anerkennen das Dasein einer
großen
Anzahl Engel und hilfreicher Geister, welche Gott, der Schöpfer
und
Ordner der Welt, durch Vermittelung seines Logos zu verschiedenen
Ämtern
berufen hat, wo sie sich mit den Elementen und den Himmeln sowie mit
dieser
Welt und allen in ihr befindlichen Dingen beschäftigen, indem es
zu
ihrem Amt gehört, das All schön geordnet zu erhalten.“
Nun ist es
gewiß möglich
— sogar wahrscheinlich —‚ daß unser Heiland sich auch in dieser
Hinsicht
den Vorstellungen seiner einfältigen Zuhörer angepaßt
und
gelegentlich von Engeln und Dämonen geredet haben mag; doch
erscheint
es nach allem, was wir über seine Person und seine echten
Aussprüche
wissen, völlig ausgeschlossen, daß er selber diesen
naiv-phantastischen
und zugleich materiali-
170 DIE
EVANGELIEN — WUNDER
stischen
Glauben geteilt habe, und daher
ist Vorsicht am Platze überall, wo unsere evangelischen Berichte
mit
besonderem Wohlgefallen von „himmlischen Heerscharen“ (Luk. 2, 13)
erzählen,
oder gar den Heiland selber von „mehr denn zwölf Legionen Engeln,
um die er seinen Vater angehen könne“ (Matth. 26, 53), reden
lassen.
*
Über das
Wunderwirken, im
besonderen über die in den Evangelien berichteten Wunder Jesu, ist
so viel geschrieben worden, daß wir füglich urteilen
dürften,
es sei jetzt an der Zeit darüber zu schweigen; der Zweck dieses
Buches
macht jedoch einige Bemerkungen unerläßlich, — nicht aber
beabsichtigen
sie, die ganze Frage noch einmal aufzurollen, vielmehr beschränken
sie sich auf unser Ziel, und dieses ist: eine möglichst reine und
deutliche Vorstellung von Jesus und damit eine möglichst lebendige
Anschauung von seiner Bedeutung als Mittler zwischen Mensch und Gott zu
gewinnen.
Diese Frage des
Wunderwirkens
gehört zu jenen, denen vielleicht kein Mensch ohne
Voreingenommenheit
— und zwar meistens leidenschaftlicher Art — zu nahen pflegt; daher
prallen
die Urteile hart aufeinander. Während Pascal z. B. erbittert
ausruft:
L'église est sans preuves, si
les douteurs de miracles ont
raison
(Pensées, Nr. 814; was
die Kirche lehrt bleibt unbeweisbar, wenn
die Zweifler an der Wahrheit der Wunder recht haben sollten), urteilt
J.
J. Rousseau: Ôtez les miracles de l'Evangile, et
toute la terre est aux pieds de Jésus Christ (Lettres de la
Montagne,
Tl. 1, Bf. 3; streicht die Wunder aus dem Evangelium, und die ganze
Erde
liegt Jesu Christo zu Füßen). Wobei bemerkenswert ist,
daß
Pascal die Unbeweisbarkeit der Wunder zugibt und Rousseau ihre
Wirklichkeit
nicht grundsätzlich leugnet; so stark wirkt in beiden Fällen
das Gemütsbedürfnis — des einen nach göttlichen
Wundertaten,
des anderen nach reiner Innerlichkeit der Gotteswirkung.
Äußerst
auffallend ist die Tatsache, daß der Apostel Paulus, der in
seinen
umfangreichen Sendschreiben alles zusammenträgt, was Begeisterung
und Beredsamkeit vermögen, um den Glauben an Jesum Christum zu
wecken
und zu stärken, kein einziges Mal sich auf ein vom Heiland
gewirktes
Wunder beruft, vielmehr das Wunderwirken nur gelegentlich, als eine der
171 DIE
EVANGELIEN — WUNDER
den
Christgläubigen verliehenen
Gnadengaben (Charismen),
flüchtig erwähnt; woraus wir
wenigstens
das Eine mit Sicherheit schließen dürfen, er habe diese
Wunder
nicht als Mittel zum Wecken des Glaubens aufgefaßt. Dies
entspricht
dem, was wir von der frühesten Christenheit wissen: die Gabe,
Wunder
zu wirken, galt als eine weitverbreitete und erregte insofern kein
übermäßiges
Aufsehen; auffallendere Wunder aber wurden nur den bösen Geistern
zugeschrieben (Schmiedel in Enc.
Bibl.). Was sollen wir da sagen, wenn
wir Augustinus gestehen hören: „Ich wäre nicht Christ,
hätte
Christus nicht Wunder gewirkt“ (nach Pascal)'? Wie man sieht, reicht
die
verschiedene Wertschätzung der Bedeutung von Jesu Wunderwirken
weit
zurück bis in die ersten Anfänge. Ja, je genauer wir zusehen,
desto mehr entdecken wir Widersprüche in den evangelischen
Berichten
selber.
Wichtig ist es, den
springenden
Punkt genau zu erfassen. Nicht darauf kommt es an, was und wie der
Einzelne
über Wunder überhaupt urteilt, ob er deren Möglichkeit
zugesteht
oder aber leugnet: bei dieser
Fragestellung gerät
man bekanntlich in ein unentwirrbares philosophisches Dickicht, aus dem
kein Pfad hinausführt, und mancher wird geneigt sein, sich zu
Descartes
zu gesellen, welcher meint, Gott habe drei so ungeheure Wunder gewirkt
— rem ex nihilo, liberum arbitrium,
et hominem Deum — daß jedes
andere
„Wunder“ seiner nicht würdig erscheine; doch dem sei wie ihm
wolle,
diese Frage lassen wir abseits liegen. Es bleibt sich vollkommen
gleich,
ob wir die betreffenden Taten „Wunder“ nennen, oder ob wir bloß
zugeben,
sie seien damals für Wunder gehalten worden. Die entscheidende
Frage
lautet vielmehr: hat der Heiland Wunder gewirkt, um die Menschen von
seiner
göttlichen Sendung zu überzeugen? war ihm das Wunder ein
Mittel,
um Glauben zu wecken? Man darf behaupten, der Kreis, aus dem die
Evangelien
hervorgingen, war hiervon nicht minder überzeugt als später
Augustinus
und Pascal. Im Evangelium Johannis
(20, 31) lesen wir: „Diese
Wunder sind geschrieben, damit
ihr glaubet, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes“; man
kann
nicht deutlicher bekennen, der Zweck der Wunder sei die Erweckung des
Glaubens.
Ähnliches ist schon oben (S. 151) aus Markus angeführt worden
und findet sich auch bei Matthäus und Lukas als stille
Voraussetzung.
Ein
172 DIE
EVANGELIEN — WUNDER
ganz
anderes Bild — ja, ein
entgegengesetztes
— gewinnen wir, wenn wir die ausführlicher erzählten Wunder
des
Heilandes genau ins Auge fassen. Das Bezeichnende für dessen
Wunderwirken
ist, daß er immer den Glauben fordert, ehe er das Wunder wirkt,
weswegen
es wiederholt heißt: „Geh in Frieden, dein Glaube hat dir
geholfen.“
Der Glaube ist die Voraussetzung, aus welcher die Wundertat erfolgt,
nicht
die Wundertat das Überzeugungsmittel zur Erweckung des Glaubens.
Einzig
die Austreibung von Dämonen könnte als Ausnahme genannt
werden;
doch in diesem Falle handelt es sich um eine Erkrankung des
Gemütes,
und auch hier wird wenigstens von den Umstehenden Glauben erfordert:
sobald
Jesus keinem Glauben begegnet, „kann er keine Wunder tun“ (Mark. 6, 5).
Welche grundsätzliche Abweichung von dem Standpunkt seiner
Zeitgenossen
vorliegt, wird noch durch mehrere andere Züge bestätigt,
deren
Glaubwürdigkeit um so weniger angezweifelt werden kann, als sie
den
Erwartungen und Wünschen der Berichterstatter Enttäuschung
bereiten.
Wiederholt klagt Jesus mit Bitterkeit: „Wenn ihr nicht Zeichen und
Wunder
sehet, möget ihr nicht glauben!“ (Joh.
4, 48) und: „Was fordert
dieses
Geschlecht ein Zeichen? wahrlich ich sage Euch, nimmermehr wird diesem
Geschlecht ein Zeichen gegeben werden“ (Mark. 8, 12), oder noch
drastischer:
„Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt ein Zeichen!“
(Matth. 16, 4). Immer und
überall, wenn Jesus aufgefordert wird,
Wunder
zu tun, namentlich in Fällen, wo sie das größte
Aufsehen
erregt haben würden — wenn z. B. die versammelten Pharisäer
feierlich
„ein Zeichen von ihm verlangen“ (Matth.
12, 38), oder gar Herodes auf
dem
Throne ihn darum bittet (Luk.
23, 8), immer und überall verweigert
er es; warum aber, wenn die Wunder die Absicht verfolgten, Glauben zu
wecken?
Ja, hätte nicht das Kreuz zu dem größten aller Wunder
Gelegenheit
geboten, — zu einem Wunder, das mit einem Schlag das gesamte
jüdische
Volk zu Bekennern der göttlichen Messianität Jesu bekehrt
hätte?
Jesus wirkt seine Wunder möglichst im Verborgenen und pflegt den
Geheilten
streng zu verbieten, das Geschehene weiter zu erzählen: „Sehet zu,
daß es niemand erfahre!“ (Matth.
9, 30). Auch gelingt ihm
offenbar,
dies in weitem Maße durchzusetzen; denn stets von neuem begegnen
wir Menschen, die von seinen Wundern nichts wissen oder von ihrer
Wirklichkeit
nicht
173 DIE
EVANGELIEN — ZUSAMMENFASSUNG
überzeugt
sind; wie
unauffällig
muß z. B. die Wiedererweckung des Lazarus vor sich gegangen sein,
wenn — wie wir erfahren (Joh.
11, 46) — nur ein Teil der Anwesenden
durch
dieses Wunder überzeugt wurde. — Man könnte noch mehrere
Tatsachen
anführen, geeignet, die religiöse Wertschätzung der
Wunder
herabzusetzen; so z. B. schenkt Jesus wenig Beachtung der Mitteilung,
daß
ein Mann, der nicht dem Kreise seiner Jünger angehöre, im
Lande
umherziehe, Dämonen in seinem Namen austreibend, und antwortet
ruhig:
„Wer nicht wider uns ist, ist für uns“ (Mark. 9, 40); ein anderes
Mal weissagt der Heiland, falsche Messiasse würden sich erheben
und
so große Wunder wirken, daß selbst die „Auserwählten“
der Täuschung zum Opfer fallen (Mark.
13, 22); wie will man
derartige
Sprüche mit der kirchlichen Lehre von der grundlegenden Bedeutung
der Wunder für den Glauben in Einklang bringen? Auch Johannes
erzählt
von „Dämonen“ und von „Lügenpropheten“, welche Wunder tun
(Offenb.
16, 14 und 19, 20).
Kurz, es darf mit
aller
Bestimmtheit
behauptet werden, die Wunder besitzen nach der Absicht des Heilandes
keine
religionszeugende Bedeutung; das Gegenteil vorauszusetzen widerspricht
seinem ausdrücklichen Willen und führt — gerade in
religiöser
Beziehung — zu höchst bedenklichen Verirrungen. In Jesu Wundern
offenbart
sich seine Barmherzigkeit gegen die leidende Menschheit; zugleich
ersehen
wir aus ihnen, in welchem Grad der Mensch durch den lebendigen Glauben
an Gott über sich selber hinausgehoben wird.
*
Hiermit ist, glaube
ich,
geleistet,
was ich mir in diesem Kapitel zu leisten vorgenommen hatte, indem ich
mein
Ziel darauf beschränkte, zum richtigen Lesen der Evangelien
anzuleiten;
und richtig liest man, sobald man die Gestalt des Göttlichen rein
erblickt und seine Stimme rein vernimmt. Zwischen dem Mittler und
denen,
die sich zu ihm wenden, noch weiter „vermitteln“ zu wollen, halte ich
für
höchst bedenklich: kein Mensch ist berufen, das „Leben Jesu“ zu
schreiben,
alle Versuche, dies zu tun, sind als fehlgeschlagen zu beurteilen; die
Evangelien sind und bleiben ein unerreichbares, göttliches
Wunderwerk.
Die gelehrten, sich chaotisch widersprechen-
174 DIE
EVANGELIEN — ZUSAMMENFASSUNG
den
Untersuchungen und
Mutmaßungen
über Ursprung, Reihenfolge und gegenseitige Beeinflussung der
Evangelien
bieten zwar fesselnde historische Belehrung, dienen aber zu unserem
Zwecke
wenig oder gar nicht: aus ihnen erfahren wir, was wir Laien nicht zu
wissen
brauchen, nichts aber von dem, was zu wissen uns nottut.
Urkunden liegen
zugrunde aus
strahlend
reinen, wahrhaftigen Herzen hervorgegangen; doch unterstanden sowohl
die
ersten Verfasser wie die auf sie folgenden Abschreiber und Verbreiter,
dem unüberwindlich starken Einfluß gewisser Zeitgedanken,
wodurch
das Bild des außerhalb aller Zeit stehenden Göttlichen in
einigen
Beziehungen getrübt wurde. Weil die Urheber von vollkommen reinen
Absichten geleitet sind und keine gelehrte Bildung besitzen, verfahren
sie mit Einfalt, und wir vermögen daher leicht — sobald unsere
Aufmerksamkeit
geweckt wurde — das ungetrübt Berichtete von denjenigen Zügen
zu unterscheiden, bei denen Mißverständnis und die
unbewußten
Einflüsterungen sich vordrängender Zeitgedanken störend
dazwischen treten.
Wenn ich also beim
Lesen der
Evangelien
ein bewußtes, sorgfältiges Sichten und Sondern empfehle,
handelt
es sich keineswegs um willkürliches Eingreifen in den
überlieferten
Wortlaut, etwa irgendeiner vorgefaßten Meinung zuliebe, vielmehr
liegen — wie mein Leser gesehen hat — handgreifliche Tatsachen vor
Augen: sie zu beachten, ist
Pflicht und schenkt
als Lohn die Aufklärung zahlreicher Widersprüche und
Ungereimtheiten,
welche alle dazu beitragen, das Bild des Heilandes — das an so vielen
Stellen
in unverkennbarer Wahrhaftigkeit, nichts anderem vergleichbar
hervortritt
— wieder schwankend unsicher zu machen und somit unseren Augen zu
entrücken.
Dieses Bild rein zu erfassen soll uns als höchstes Ziel
vorschweben.
Letzte Änderung
am: 6 Juli 2005