Hereunder
follows the transcription of chapter 5 of Houston Stewart Chamberlain's
Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
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175
V.
PAULUS
MEIN
LEBEN IST CHRISTUS.
(P A U L U S D E
R A P O S T E L)
176
(Leere Seite)
177 PAULUS — EINFÜHRUNG
„Paulus
muß — nach Jesus — als der
Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind, erkannt werden“: so
urteilt
um das Jahr 220 der
scharfsinnige und gelehrte
Origenes
(Contra Celsum, Buch I, Kap.
63). Diese Worte — sobald man sie genau
und
tief zu erfassen weiß — bieten den Kerngedanken zu allem, was in
dem Zusammenhang des vorliegenden Buches zu sagen nötig ist. In
das
Labyrinth der eigentlichen „Theologie“ des Heidenapostels uns
hineinzuwagen,
haben wir keine Veranlassung, vielmehr wollen wir uns davor hüten.
Seit bald zwei Jahrtausenden streiten die Gottesgelehrten über
diese
Theologie, ohne je einen einmütig anerkannten Abschluß zu
finden,
was ja auch ewig unmöglich bleiben muß, weil Paulus selber
es
ist, der das sich Widersprechende aufstellt. Bischof Lightfoot — dem
wir
schon früher öfters als einem der hervorragendsten englischen
Forscher auf diesem Gebiet begegnet sind — faßt sein Urteil
über
Paulus in zwei Worte zusammen: consistently
inconsistent (Gal., S.
355)
— ein Ausdruck, der sich etwa durch „folgerecht folgewidrig“ oder
„konsequent
inkonsequent“ verdeutschen ließe. Was bei Paulus den
Ausfluß
schlichter Wahrhaftigkeit darstellt, indem er den verschiedenen
Anforderungen
seiner Persönlichkeit auf verschiedenen Wegen gerecht wird, das
wandelt
sich zu Gewaltsamkeit und Unwahrhaftigkeit, sobald kirchliche
Machthaber
es zu einem einheitlichen Gefüge mit allgemeiner Zwangsgeltung
zusammenschweißen:
dadurch entsteht aus Harmonie Mißklang, und im Gegensatz zu dem
Frieden,
der in Gott gefunden war, tobt durch die Jahrhunderte hindurch nie
endender
Streit.
Zum Glück liegen
diese
Erörterungen,
wie gesagt, außerhalb unseres Gesichtskreises: uns genügt
es,
wenn wir eine rein menschliche, klare Vorstellung von dem Zusammenhang
zwischen Paulus und Jesus Christus gewinnen. Schon bei dieser einfachen
Fragestellung finden wir uns so verwickelten Beziehungen
gegenüber,
daß einzig planmäßige Entwirrung uns zum Ziele
führen
kann: dies innerhalb sehr
bescheiden gezogener
Grenzen zu leisten, wäre Zweck unseres fünften Kapitels.
*
178 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
Als ich in den Grundlagen des
XIX.
Jahrhunderts die Vermutung aussprach, Paulus entstamme
vielleicht nicht
rein jüdischer Rasse, die Annahme läge nahe, seine Mutter sei
eine hellenische oder halbhellenische Proselytin, erfuhr ich von seiten
unserer Theologen heftigen, fast erbitterten Widerspruch; und doch war
ich zu dieser Vermutung durch die triftigsten aller Gründe bewegt
worden, nämlich durch die Charakter- und Geisteseigenschaften des
Mannes selbst. Damals ahnte ich nicht, daß diese Vermutung seit
dem
ersten christlichen Jahrhundert häufig ausgesprochen worden ist,
und
zwar von denen, die das beste Urteil über die Frage haben
mußten,
nämlich von den Juden und den Judenchristen. Auch was Hieronymus
erzählt
(De vir. ill., 5), verdient
Beachtung: er behauptet, Pauli Eltern
hätten
nicht ursprünglich der Diaspora in Tarsus angehört, sondern
sie
seien in einem Städtchen des nördlichen Galiläa,
Gischala,
daheim gewesen und erst nach der Geburt des Paulus ausgewandert: in dem
„Heidengau“ aber lebten, wie wir wissen (S. 91), sehr wenige echte
judäische
Juden. Gleichviel nun, ob Paulus in Galiläa oder Cilicien das
Licht
der Welt erblickte, es gab hier wie dort Gelegenheit genug zu
Blutmischung,
und wenn innere Gründe für diese sprechen, ist es
lächerlich
und durchaus unwissenschaftlich, aus bloßem eingetrichterten
Vorurteil,
diese Möglichkeit kurzerhand abzuweisen. Paulus hätte dennoch
nach damaliger Sitte das Recht gehabt, sich als vollblütigen Juden
zu betrachten — wofür ich auf Merx (Evang., 2. Teil, 1, 37)
verweise,
so daß seine diesbezüglichen Behauptungen (Apostelgeschichte
23, 3, Röm. 11, 1, Gal. 3, 15) nichts gegen die
Blutmischung
beweisen.
Dem sei jedoch wie
ihm wolle!
denn Gewisses werden wir nie darüber erfahren. Der Begriff „Rasse“
betrifft überhaupt eine Gesamtheit, wogegen die Entstehung des
Einzelnen
stets unerforschbare Geheimnisse birgt. Wie Paulus selber bemerkt:
„Jude
ist nicht, wer es dem Augenschein nach ist, sondern Jude ist, der es im
Verborgenen ist“ (Röm. 2,
28). Paulus mag stammen woher er will,
sein
Wirken liegt uns offen vor Augen, und dessen Grundwesen und
Grundergebnis
besteht darin, daß er das Christentum als neue Erscheinung aus
dem
Judentum losriß und ausschied: dadurch ward er „Schöpfer der
Kirchen, die in Christo sind“.
Die
unüberwindliche
Judenliebe
unserer Geistlichkeit der ver-
179 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
schiedenen
Bekenntnisse hat bisher
uns
Laien diesen Mittelpunkt seines Lebenswerkes verborgen gehalten; ihr
bildet
es allezeit ein Herzensanliegen, in Jesus und Paulus reine Juden zu
erblicken,
deren ganzes Denken aus der jüdischen Eigenart zu erklären
sei.
Und schenkt uns der Himmel einmal einen wahrhaft großen
Gelehrten,
der mit allen Waffen des Wissens und des Geistes ausgerüstet eine
andere Auffassung vertritt, so will's das Unglück, daß
gerade
er das Wesen des großen Apostels verkennt: Paul de Lagarde stellt
in seinen Deutschen Schriften
(S. 56 fg.) die unhaltbare Behauptung
auf,
Paulus sei es, der das Judentum in die Kirche gebracht habe, „an dessen
Einfluß das Evangelium, soweit dies möglich, zugrunde
gegangen
sei“ — ein Wort, das seines Verfassers wegen weitreichenden Widerhall
gefunden
hat. Dagegen urteilen alle neueren Sonderforscher — Theologen,
Philologen
und Historiker — anders, indem sie einstimmig den Gegensatz des
Apostels
zum Judentum hervorheben. So weist z. B. Dieterich in seiner
Mithrasliturgie
das absolut Unjüdische an des Paulus Hauptlehre von der
Erlösung
durch den Glauben nach (S. 179): es ist dies altarisches Gut,
vermittelt
durch damals in der Welt des Hellenismus weitverbreitete religiöse
Gedanken; auch Reitzenstein (ebenfalls Philologe) zeigt in seinen
Hellenistischen
Mysterienreligionen an einer Lehre Pauli nach der anderen,
daß
sie
nicht jüdisch seien, und kommt zu dem Schluß, die Lehre des
Paulus sei „die Trägerin des stärksten Einflusses, den der
Hellenismus
je auf das Christentum geübt hat“ (siehe namentlich S. 160—204).
William
Ramsay — der erfrischend
zugreifende Geograph
und Theolog, der sein ganzes Leben dem Erforschen der einen
großen
Persönlichkeit widmet — belehrt uns: Paul's deepest thoughts are
abhorrent
to Hebrew feeling — die tiefsten Gedanken des Paulus sind dem
hebräischen
Empfinden ein Greuel (Hist. Comment,
on the Gal., S. 342); und der
jüdische
Gelehrte C. Montefiore macht aufmerksam, daß die paulinische
Gegenüberstellung
von Glauben und Werken dem Juden ewig „ein Rätsel bleibe“, weil er
überhaupt unfähig sei, sich dabei etwas zu denken (Judaism
and
St. Paul, S. 77). Gardner — ebenfalls ein verdienter
Sonderforscher auf
diesem Gebiete — urteilt: „Paulus
war es, der das werdende
Christentum
aus dem schmalen Randgebiet des Judaismus in die weiten Felder der
hellenistischen
180 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
Kultur
umpflanzte“ (St. Paul, S.
231).
Man ziehe auch die außerordentlich lehrreiche Schrift von Hans
Böhlig
zu Rate, Die Geisteskultur von
Tarsos
im augustäischen Zeitalter
mit
Berücksichtigung der paulinischen Schriften (1913).
Böhlig
setzt
z. B. sehr klar gewisse elementare Unterschiede auseinander, die
überall
das Weltbild der Arier von dem der semitischen Völker
unterscheiden,
und weist nach, daß die arischen Vorstellungen „dem Apostel“ —
wohl
infolge der hellenistischen Umgebung seiner Jugend — „so in Fleisch und
Blut übergegangen sind, daß er sie bewußt und
unbewußt
ununterbrochen anwendet.... Ein Weltbild, das solche Folgerungen mit
sich
brachte, hat Paulus nicht dem Judentum entnommen“. Und in der Tat: „das
Weltbild des Paulus ist weder semitisch noch spezifisch jüdisch“;
vielmehr entstammt es dem Ideenkreis der naturphilosophischen Schule,
die
in Tarsos unter der Leitung des berühmten Stoikers Athenodoros
damals
blühte. Durch diese Stadt fluteten nämlich seit Urzeiten
Arier
sowohl ostwärts wie westwärts, wodurch es sich erklären
mag, daß „altarische Gedanken lebendig bleiben konnten, ohne von
der Umklammerung des Semitismus erstickt zu werden“ (S. 84—88). Als im
weiteren Verlauf seiner Arbeit Böhlig dann auf den religiösen
Grundgedanken der Gegenüberstellung von Gesetz und Glauben zu
sprechen
kommt, bemerkt er: „Was ist an dieser Anschauung jüdisch? Die
Terminologie,
die Beweisführung, aber niemals die Gesamtanschauung. Eine solche
negative Beurteilung des Gesetzes mußte jedem echten Juden ein
Greuel
sein. Bisweilen macht es sogar den Eindruck, als ob Paulus, so
unglaublich
das klingt, das Judentum, wie es von den Rabbinern vertreten wurde,
außerordentlich
verkannt, oder wenigstens recht einseitig beurteilt habe“ (S. 164). Der
vorhin genannte Montefiore behauptet denn auch mit aller Bestimmtheit,
Paulus sei jedenfalls kein rabbinischer Jude gewesen; wohl sei
anzunehmen,
er habe einmal eine Zeitlang bei einem Rabbiner Unterricht, doch
keinesfalls
eine regelrechte und abgeschlossene Ausbildung genossen (siehe
namentlich S. 58 fg., 66, 84, 103 fg., 227). Hierbei macht er
aufmerksam,
daß
die immer wiederholte Behauptung, Paulus sei Schüler des
berühmten
Gamaliel gewesen, dem Apostel nur von Lukas in den Mund gelegt wird
(Apostelgeschichte
22, 3), wogegen er selber in seinen Briefen den Namen niemals nennt,
was
allerdings bedenklich stimmen muß.
181 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
Keinem der genannten Gelehrten
kommt es bei, das Jüdische in Pauli Wesen und Denken in Abrede zu
stellen, liegt dieses doch selbst dem oberflächlichsten Blick
offen
zutage, und bringen seine Briefe Beispiele genug echt rabbinischer
Spitzfindigkeit.
In bezug auf letztere macht der englische Theologe Milligan — dieses
sei
nebenbei bemerkt — auf eine köstliche Stelle aufmerksam (Gal. 3,
16),
wo aus der Verheißung „an Abraham und seinen Samen“ geschlossen
wird,
weil das Wort Samen in der Einzahl, nicht in der Mehrzahl stehe, so
deute
dieser Ausdruck nicht auf die gesamte Nachkommenschaft und somit auch
nicht
auf das ganze jüdische Volk, vielmehr auf den einzigen Christus
allein,
— auf welchem Wege Paulus zu dem gewünschten Schlusse kommt (3,
29):
„Seid ihr aber des Christus, so seid ihr folglich Abrahams Same, Erben
nach der Verheißung“: hiermit
ist gewiß ein
Höhepunkt
in der rabbinischen Kunst, die Worte zu verkehren und zur Zeugenschaft
für eine abseits liegende Behauptung zu zwingen, erreicht! Das
sind
aber die Dinge, die jeder einsehen kann, wogegen nur Sondergelehrte ein
Urteil über Sprache, Sprachstil und auch Gedankenstil zu
fällen
befugt sind. Früher nahm man z. B. allgemein an, Paulus schreibe
ein
fehlerhaftes, fremdartiges Griechisch und hielt das für ein
Ergebnis
seiner angeblichen jerusalemitischen Erziehung; man dachte an die
Klassiker
und kannte nicht die Schriftsprache der hellenistischen Epoche; jetzt
liegen
die Dinge anders, und anerkannt maßgebende Forscher, wie van
Manen
und Deißmann, bezeugen, Pauli Sprache sei echt griechisch. Sein
Stil
erweist sich ebenfalls bei genauerer Kenntnis des damaligen Schrifttums
— sowohl in bezug auf die allgemeine Gestaltgebung wie auch auf die
Wahl
der Ausdrücke — weit weniger von der rabbinischen Dialektik
beeinflußt
als von der stoischen und kynischen „Diatribe“ (Heinrici, nach Bible
Dictionary
III, 699) — ein Urteil, dem Böhlig zustimmt, indem er
ausführt:
„Paulus beherrscht die kynisch-stoische Diatribe in dem Maße in
allen
seinen Schriften, daß man an eine allmähliche Beeinflussung
durch sie auf seinen Missionswanderungen nicht denken kann. Eine solche
Behandlung religiöser und ethischer Fragen hat er in Tarsos und
nicht
in Jerusalem gelernt.... Rudolf Bultmann hat den Nachweis geführt
(in seiner Schrift Der Stil der
Paulinischen Predigt und die
kynisch-stoische
Diatribe, 1910), daß fast alle Merkmale der
kynisch-stoischen Dia-
182 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
tribe,
wie sie seit Bion von
Borysthenes
üblich waren, auch von Paulus verwendet worden sind.“ Einzig die
Schriftauslegung
— und selbst diese mehr äußerlich als innerlich — entstammt
der Rabbinerschule (S. 154 fg.). Auch hier ist, wie man sieht,
das
Jüdische eine Oberflächenerscheinung, während
hellenistische
Bildung und Denkart zugrunde liegen. Adolf Deißmann urteilt
gleichfalls
in seinem Buche Licht vom Osten
(S. 290), Paulus sei als Theologe
rabbinistisch
beeinflußt, dies sei aber das wenigst Bedeutende an ihm, als
Theolog
reiche er an die großen Rabbiner nicht heran; als weltbewegendes
Genie gehöre er der Geschichte der Religion an, und seine Religion
sei „ganz unrabbinisch und ganz prädogmatisch“. Dementsprechend
wird
heute Pauli Bildungsgang wesentlich anders als früher beurteilt.
So
z. B. behauptet Reitzenstein: „Die hellenistische Literatur muß
Paulus
gelesen haben; ihre Sprache redet er, in ihre Gedanken hat er sich
hineinversetzt“
(Hell. Myst. Rel., S. 59);
Ramsay bringt viele Beispiele seiner
Bekanntschaft
mit hellenischer Philosophie, und Merx nennt Paulus „einen griechisch
beeinflußten
universalen Geist“ (3, 203 fg.).
Diese
Ausführungen
würden
bedeutend lebendiger wirken, wenn es mir möglich wäre, ins
einzelne
einzugehen; dazu fehlt mir die Gelehrsamkeit und auch der Raum;
immerhin
will ich aus Böhlig noch zwei Beispiele andeuten: der
genügend
ausgerüstete Leser möge an Ort und Stelle die eingehenden
Darlegungen
nachschlagen (S. 115—128 und 18 fg.).
Die hebräische
Sprache
besitzt
kein Wort für „Gewissen“; dem Juden ist demnach dieser Begriff
unbekannt.
Paulus dagegen gebraucht nicht nur das Wort Gewissen (Syneidesis)
besonders
häufig, sondern faßt den Begriff so tief auf, daß er
zu
den Grundsäulen seiner Sittenlehre gehört. Das Gewissen „ist
ihm der inwendige Richter über des Menschen Tun.... Wir
können
an wenigen Begriffen in der paulinischen Terminologie so
überraschend
wahrnehmen, wie Paulus gewisse Ausdrücke dem Wort und der
Anschauung
nach zunächst übernimmt, sie aber zugleich, kraft seines
religiösen
Genies, umgestaltet, vertieft und religiös wertvoll macht“.
Böhlig
verweist hier auf eine Sonderabhandlung von Steinmann aus dem Jahre
1911,
Das Gewissen bei Paulus, in
welcher nachgewiesen wird: „Der Apostel
muß
dies Wort aus dem Schatze seiner grie-
183 PAULUS — HELLENISTISCHE
EINFLÜSSE
chischen
Bildung übernommen
haben,
denn im Alten Testament findet sich dafür kein entsprechender
Ausdruck.“
Es ist nun das Verdienst Böhlig's, aus Bruchstücken des oben
genannten tarsischen Philosophen Athenodoros gezeigt zu haben,
daß
dieser das Gewissen (Syneidesis)
mit größtem Nachdruck als
„letztes
sittliches Axiom“ hervorzuheben pflegte, und daß — wohl von da
aus
— Begriff und Wort auch in die Volkssprache eingedrungen waren. Hier
greift
man mit Händen den Ursprung einer Vorstellung, die, durch Paulus
vertieft
und gleichsam vergöttlicht, gewaltige Bedeutung gewinnen sollte.
Nicht weniger
Bedeutung kommt
dem zweiten Beispiel zu. Böhlig zeigt, daß von jeher in
Anatolien
die Neigung bestanden habe, die Gottheit gleichsam in zwei zu spalten:
nämlich in einen erhabenen, unsichtbaren, unerreichbaren Gott und
in einen sichtbaren, bei Gelegenheit auf Erden wandelnden Gott, — den
ersten
nannte man den „ruhenden“, den zweiten den „arbeitenden“ Gott. Bei der
bekannten Episode in Lystra (Apostelgeschichte
14, 11 fg.) liegt diese
Vorstellung zugrunde, indem das Volk Barnabas für den erhabenen
und
Paulus für den arbeitenden Gott hielt. Böhlig schreibt: „Die
Obergottheit wird so überweltlich als möglich vorgestellt.
Für
sich allein wird sie deshalb der Welt auch nicht sichtbar. Sie bedarf
eines
Mittlers, der für sie spricht und handelt.... Vielleicht liegt
in der Beziehung dieser beiden Gottheiten zueinander die Wurzel des
religiösen
Verhältnisses von Vater und Sohn im Gottesglauben, wie es auch im
Neuen Testament vorliegt.
Überall ist der Vater als die erhabene,
jenseits der Welt thronende Gottheit gedacht, während der Sohn ihr
tätiges Prinzip darstellt. Nicht nur das Erlösungswerk auf
Erden
ist seine Tat, als Erhöhter bleibt er die tätige Gottheit, er
weckt die Toten auf, er hält Gericht, er vermittelt allen Verkehr
zwischen Gott und der Welt, solange es Menschen und eine Erde gibt.
Selbst
der Präexistente hat schon diesen Charakter: durch ihn ist die
Welt
geschaffen.“
Somit ersieht man,
daß
Paulus
es nicht bildlich, sondern buchstäblich meint, wenn er, auf seinen
Lebensgang zurückblickend, bekennt: „Griechen und Barbaren, Weisen
und Unverständigen bin ich Schuldner geworden“ (Röm. 1, 14).
*
184 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
Bei
obigen Ausführungen
war
mir zumute wie etwa einem Wanderer, der sich durch einen
unübersehbaren
Urwald einen schmalen Steg, so gut es gehen will, durchbricht, indem er
einmal rechts, einmal links, wie es der Zufall mit sich bringt, die
Hindernisse
aus dem Wege räumt: ein solcher darf sich nicht brüsten, er
habe
den Wald durchforscht, wohl aber darf er behaupten, er habe eine
lebhafte
und richtige Vorstellung von manchem gewonnen, was das Wesen des Waldes
ausmacht. Das Ziel stand mir klar vor Augen, doch die Wahl der Mittel
unterlag
einem gewissen Zufall, indem das Gedächtnis mir dieses und jenes
in
den Sinn zurückrief, manches noch Treffendere mir aber gewiß
entfiel oder nicht nachgeschlagen werden konnte. Immerhin hoffe ich,
den
Zweck erreicht zu haben: der Leser wird fortan sich etwas dabei
vorstellen,
wenn er die Behauptung vernimmt, Paulus habe das Christentum aus dem
Judentum
losgelöst. Von keinem mir bekannten Gelehrten ist diese
Wahrheit
schärfer herausgearbeitet worden als von Renan: „Entre les
mains de Paul le
Christianisme
est arrivé à une rupture complète avec le
Judaisme“
(S. Paul, S. 470), unter den
Händen Pauli ist es zu einem
vollständigen
Bruch des Christentums mit dem Judentum gekommen.
Was wurde nun durch
diesen Bruch
bewirkt? Die Antwort wird die Meisten überraschen: durch diese Tat
des großen Apostels wurde das Urevangelium vor dem
unvermeidlichen
Untergang gerettet!
Der Vorgang ist ein
so
merkwürdiger,
daß man die Hand der Vorsehung am Werke zu erblicken meint. Es
wirken
bei Paulus von Anfang an in rätselhafter Vereinigung ein
Höchstmaß
an bewußtem Wollen und ein ebensolches an unbewußtem
Vollbringen.
Dieser wunderbare Mann hat — das darf man mit hoher Wahrscheinlichkeit
behaupten — kein Evangelium gekannt; seine Briefe sind früher
entstanden
und nehmen an keiner einzigen Stelle Bezug auf irgendeinen als
entscheidend
anerkannten Bericht über das Leben Jesu. Zwar ist die Vermutung
statthaft,
er habe eine kleine Sammlung echter Worte des Heilandes besessen — ob
schriftlich
oder durch mündliche Überlieferung, gleichviel (vgl. Souter:
Text and Canon of the N. T.,
S. 151); sonst aber ist das Schweigen
über
die Persönlichkeit und das Leben Jesu für ihn bezeichnend,
wie
er denn auch bekennt: „Mit keinem andern Wissen wollte ich unter euch
185 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
treten,
als dem von Jesus als dem
Messias
(Christus), und zwar als einem gekreuzigten“ (1. Kor. 2, 2).
Nichtsdestoweniger
war gerade er dazu berufen, durch den Erfolg seines Lebenswerkes die
evangelischen
Urberichte ans Licht zu ziehen, so daß daraus der kostbarste
Besitz
der ganzen Menschheit wurde.
Inzwischen hatte sich
— zuerst
in Jerusalem und vom Jahre 68 ab in dem Städtchen Pella, jenseits
des Jordan — der kleine Kreis der persönlichen Jesujünger,
sowie
ihre Anhänger zusammengefunden, und was sie allein von ihrem
Meister
bezeugen konnten, gewann nach und nach unter ihnen dauernde Gestalt.
Namhafte
Forscher — z. B. Flinters Petrie in seinem Growth of the Gospels (1911)
— sind der Ansicht, daß gewisse Dinge — ich nenne nur die
Bergpredigt
— schon zu Lebzeiten des Heilandes schriftlich festgehalten wurden, und
daß die weiteren Züge sich nach und nach um diese Kernteile
ansetzten, alles ohne jede bewußte Absicht, ein Werk zu schaffen.
Später erst wurde dieser Stoff zu „Evangelien“ bearbeitet. Diese
unbewußten
Schöpfer verharrten aber — wenn auch der Rasse nach keine
judäischen
Juden — doch als fromme Mitglieder der jüdischen Gemeinde und
strenge
Anhänger des mosaischen Gesetzes (S. 148); infolgedessen blieben
auch
ihre Gedanken durch den jüdischen Horizont eingeengt — wofür,
trotz aller späteren ausgleichenden Bearbeitungen, noch genug
Stellen
in den Evangelien Zeugnis ablegen, so z. B. Matthäus (10, 5 fg.),
wo der Heiland seinen Aposteln angeblich befiehlt: „Ziehet auf keiner
Heidenstraße,
und betretet keine Samariterstadt, gehet aber vielmehr zu den
verlorenen
Schafen vom Hause Israel.“ Eine solche Richtung war von vornherein zur
Unfruchtbarkeit verdammt und mußte bald aussterben: niemals
konnte
es gelingen, die wirklichen Juden zu überzeugen, Jesus sei der von
ihnen erwartete Messias — das
hat inzwischen die Geschichte
von zweitausend Jahren unwidersprechlich dargetan; nur eine kleine
Anzahl
Juden gemischter Rasse aus der Diaspora mag sich denen in Pella
angeschlossen
haben, dazu etliche hellenistische Proselyten; diese äußerst
geringfügige Wirkung verlief sich so bald in den Wüstensand,
daß die Historiker wenig darüber zu berichten wissen.
Mittlerweile hatte
der Feuergeist
aus Tarsos — der im Laufe seines Lebens mit dem genannten Kreise nur
zwei-,
höchstens dreimal
186 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
in
flüchtige Berührung
geriet,
mittlerweile hatte er ganz allein, aus ureigener Kraft — mit
Hinzuziehung
eines Stabes von dienenden Freunden, die er sich selber zu diesem
Zwecke
heranbildete — im ganzen Gebiete des östlichen Mittelmeerbeckens
eine
große Anzahl „Kirchen, die in Christo waren“, gegründet, und
zwar nicht an abgelegenen Flecken, sondern in den wichtigsten Hafen-
und
Verkehrsstädten. Wie der genaueste Kenner bezeugt: „Paulus
predigte
ausschließlich in den Mittelpunkten des Handels und des
römischen
Lebens;... wo römische Organisation und griechisches Denken zu
Hause
sind, da läßt sich Paulus mit Vorliebe nieder“ (Ramsay,
Church
in Roman Empire, S. 57). Jener Kreis guter Galiläer in
Pella
bestand
aus Landbewohnern und Fischern, nichts wußten sie von der Welt,
nichts
hatten sie erfahren, weder von deren Lastern noch von den
Seelenerhebungen,
welche Bildung, Philosophie und Kunst großzogen; Paulus dagegen
war
von Kind auf Städter, und zwar Großstädter, und als
solcher
mit allen Schlechtigkeiten vertraut, in die die Menschen stets schnell
verfallen, sobald sie — aus natürlichen Bedingungen ausgeschieden
— übereinandergehäuft leben:
In
dieser Wildnis frechen
Städtelebens,
In diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
In diesem Pfuhl der
Selbstigkeit!
Doch war seine Vaterstadt zugleich
ein
Herd hohen Geistesstrebens; Strabon stellt Tarsos als
Bildungsstätte
neben Athen und Alexandrien (vgl. Böhlig, S. 110); man genoß
dort die Gelegenheit, alle edelsten Gedanken, welche Griechen gedacht
hatten,
kennen zu lernen, und selbst dem ungelehrten Volk waren philosophische
Begriffe und hohe religiöse Vorstellungen wenigstens dem Namen
nach
geläufig.
Was die
uranfängliche
Voraussetzung
seines Christentums betrifft, so teilt Paulus mit den persönlichen
Jüngern des Heilandes genau die gleiche Überzeugung: Jesus
ist
der von den Juden erwartete, von den Propheten geweissagte, in den
Offenbarungsschriften
verherrlichte Messias (Christus); die gleiche Übereinstimmung
findet
auch in bezug auf die meisten anderen grundlegenden Annahmen statt.
Indem
jedoch Paulus lehrt: „Christus ist des Gesetzes E n d e“
187 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
und
hinzufügt, „er bringt J e d
e n, der glaubt, zur Gerechtigkeit“ (Röm. 10, 4), vernichtet er
das
Judentum, dessen ganzes Eigenwesen auf der Annahme eines besonderen,
nur
ihm geoffenbarten G e s e t z e s beruht und welches
— wie Moses
Mendelssohn
bemerkt hat (S. 112) — ohne
dieses Gesetz gar keine Religion besitzt.
So
stark auch Paulus sein Judentum gelegentlich betonen mag: sobald das
Gesetz
aufgehoben ist, wird der Jahve der Juden zum kosmologischen Gott der
Welt
und aller Menschen — „ein Gott und Vater Aller, der da ist über
Allen
und durch Alle und in Allen“ (Eph.
4, 6 fg.) —; das Judesein verliert
allen
Wert, — „die kein Gesetz haben, sind sich selbst Gesetz, sie zeigen
ja,
wie des Gesetzes Werk ihnen ins Herz geschrieben ist, indem ihr
Gewissen
sein Zeugnis dazu gibt“ (Röm.
2, 14); die Nichtjuden stehen also
sittlich
höher ohne das Gesetz als die Juden mit ihm; und vor allem, der
angebliche
Messias der Juden bringt diesen die erwartete Weltherrschaft nicht
mehr,
vielmehr bringt er sämtlichen Menschen, „in deren Herzen er durch
den Glauben wohnet“ (Eph. 3,
17), Erlösung aus Sündenlast und
Leidensqual und schenkt ihnen allen ewiges Leben: „In Christus Jesus
vermag
weder die Beschneidung noch das Gegenteil etwas, sondern der Glaube,
der
durch Liebe sich auswirkt“ (Gal.
5, 6). Hiermit war im Gegensatz zum
Judenchristentum
eine Weltreligion begründet.
Entfernte sich Paulus
in dieser
Weise von den frühesten Christen, so entfernte er sich noch mehr
von
ihnen durch die Aufnahme von allerhand Gedanken und Vorstellungen, die
nicht dem Judentum entstammten, sondern vielmehr in der Welt des
Heidentums
— damals von religiöser Sehnsucht erfüllt — verbreitet waren:
ich nenne nur E r l ö s u n g, W i e d e r g e
b u r t, G n a d e — Grundsäulen
seines
Religionsgebäudes; ich könnte auch G l a u b e n
hinzufügen,
insofern Paulus — im Gegensatz zu der geschichtlich-materialistischen
Auffassung
der Juden — dieses Wort rein mystisch-idealistisch versteht, was auch
die
damaligen Mysterienreligionen allgemein erstrebten. Um nicht
mißverstanden
zu werden, muß ich jedoch sofort hinzufügen, daß in
diesem
Falle die Vorstellungen seiner Umwelt für den Apostel nur die
Bedeutung
einer Vorschule besaßen, einer Vorschule, der das Verdienst
zukommt,
Paulus reif zum Verständnis der Lehre Jesu Christi vom Glauben
gemacht
zu haben. Auch seine
188 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
ganze
Psychologie — seine
Unterscheidung
von Körper, Seele und Geist, von irdischem Leib und geistigem Leib
usw., alles Vorstellungen, die dazumal für Paulus und seine
Hörer
große Bedeutung besaßen, entstammen samt und sonders seiner
hellenistischen Schulung; uns muten sie fremd an, für seine
Zeitgenossen
bildeten gerade diese Tüfteleien eine willkommene Brücke zum
Erfassen des vielen Neuen, was er ihnen brachte. Ihm war, wie jedem
echten
Genie, zugleich mit dem „Begehren nach dem Unmöglichen“ der
feinste
Instinkt für das Mögliche gegeben, für das, was die
Gegenwart
gerade will und kann, für das, wonach sie sich sehnt und was sie
zu
erreichen befähigt ist. Solche Männer bauen für die
Jahrhunderte;
nichtsdestoweniger trägt ihr Werk immer an einzelnen Stellen den
Stempel
der Zeit seines Entstehens — ich brauche nur an Plato zu erinnern;
daher
weist aber ein solches Werk auch immer Bestandteile auf, welche, je
nach
unserem augenblicklichen Standpunkt, den Eindruck von Kompromissen oder
von Gewaltsamkeiten machen. Eine einzige Ausnahme kennt die Geschichte:
Jesus von Nazareth steht außerhalb aller Zeitschranken, nichts an
ihm veraltet, er ist immer von heute: dadurch erweist sich sein Wesen
als
ein übermenschliches und außerweltliches. Man kann sehr gut
verstehen, daß es denen, welche die Gegenwart des Heilandes
erlebt
hatten, sowie dem von ihnen belehrten Kreise unmöglich ward, sich
mit Paulus und seiner Lehrart zu befreunden. Als der Heidenapostel
schon
auf der Höhe seines Wirkens stand, zwangen ihn Jakobus und die
Ältesten,
sich als rechtgläubigen Juden zu bekennen, indem er im Tempel zu
Jerusalem
ein strenges Gelübde auf sich nimmt und sich einer besonderen
rituellen
Reinigung unterwirft (Aposte!geschichte,
Kap. 21). Offenbar besteht von
Anfang an ein Riß: derjenige Mann, der vor allen anderen „als der
Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind, erkannt werden
muß“,
gehört nicht zu den Jüngern Jesu und wird von diesen nur
widerwillig
— wenn überhaupt — anerkannt. Nach dem Tode des großen
Kirchenbegründers
erläßt noch der Gemeindeälteste einen Hirtenbrief zur
Widerlegung
der Hauptlehre Pauli und schreibt mit absichtlicher Anlehnung an dessen
eigenste Worte: „So sehet ihr, daß ein Mensch aus Werken
gerechtfertigt
wird, und nicht aus Glauben allein“ (Jakobus
2, 24 u. vgl. Röm. 3,
28). Der Bruch war ein vollkom-
189 PAULUS — PAULUS
UND DIE EVANGELIEN
mener
geworden; die Judenchristen
scheuten
sich nicht, Paulus kurzweg „Satan“ zu nennen.
So standen denn zwei
Schulen —
oder wie man sie sonst bezeichnen will — einander gegenüber wie
feindliche
Geschwister und waren doch, wie die Folge bald zeigen sollte,
aufeinander
angewiesen: aus der Vereinigung beider entsprang die mit nichts zu
vergleichende
Eigenart sowie der an religiösen Werten unerschöpfliche
Reichtum
des Christentums. Indem Paulus seine Botschaft von der Ankunft auf
Erden
des vielersehnten Mittlers zwischen Mensch und Gott, von dessen
erlösendem
Tode und Wiederauferstehen wie ein Lauffeuer durch das römische
Reich
verbreitete, weckte er in Tausenden von Herzen die Sehnsucht, von
diesem
heilbringenden Himmelsmann mehr zu erfahren, als gerade Paulus
imstande
war ihnen mitzuteilen; ihn erfüllte das einzige Streben, den am
Kreuze
Hängenden in so flammenden Farben „vor aller Augen hinzumalen“
(Gal.
3, 1), daß keiner es je wieder vergessen konnte; vor dem
Erlöser
entschwand ihm der auf Erden wandelnde Menschensohn, — von diesem ist
bei
Paulus kein einziges Mal die Rede, außer in der kurzen
Schilderung
des letzten Abendmahles und bei der Aufzählung der Erscheinungen
des
Auferstandenen; über den Menschen selbst aber nie ein Wort, auch
keine
unmittelbare Bezugnahme auf einen seiner göttlichen
Aussprüche.
Man kann es als einen Beweis seiner Genialität auffassen,
daß
Paulus, der den Herrn auf Erden nicht erlebt hatte, seine
Unfähigkeit,
ihn zu schildern, erkannte und darum schwieg. Somit fanden sich
diejenigen,
in deren Herzen der Same des Glaubens aufgegangen war, für die
nähere
Kenntnis der Persönlichkeit des Heilandes auf die kleine stille
Schar
jenseits des Jordans angewiesen, unter denen das Leben, das Leiden und
das Lehren Jesu inzwischen die Gestalt einer bestimmten
Überlieferung
gewonnen hatte. Unmittelbar aus dieser Überlieferung heraus
entstanden
zunächst die drei ersten Evangelien — ein jedes von den beiden
anderen
in Farbe und Ton ein wenig verschieden, je nach der Eigenart des
zusammenstellenden
Verfassers und namentlich je nach den Bevölkerungsschichten, die
dieser
als Leser im Auge trug; der gleichen Quelle entspringt ebenfalls das
ganze
Gerüst des vierten Evangeliums, nur steht ein weit eigenartigerer
Mann vor uns, der
190 PAULUS — DAS
GESICHT ZU DAMASKUS
außerdem
dem umwälzenden
Einfluß
der Lehren des Heidenapostels unterworfen gewesen ist, so daß
seine
Schrift in gewissen Beziehungen eine Brücke zwischen beiden Welten
bildet ¹).
Mit Recht
betrachteten die
frühen
Christen diesen vierfachen Bericht als einheitliches Werk und pflegten
in der Einzahl von „dem Evangelium“ zu reden. Keine Frage, das
Evangelium
bildet die Krone des Neuen Testamentes, bildet es doch das kostbarste
Kleinod
alles Schrifttums; man mag die Briefe Pauli noch so hoch schätzen,
neben dem Evangelium können sie nicht genannt werden. Der Wert des
Evangeliums übersteigt jede Schätzung, denn dieses Werk birgt
die einzige wahre Kunde von dem Wesen des Göttlichen — nicht
Spekulationen
darüber, sondern es lebt Gott darin, wie er in der Welt lebt, nur
für uns Menschen in greifbare Nähe gerückt. Und dieses
kostbarste
aller Besitztümer würde uns nicht zu eigen geworden sein,
wenn
nicht Paulus die Sehnsucht danach in Herzen wachgerufen hätte,
reif
genug zu verstehen oder wenigstens zu ahnen, was diese
Überlieferung
enthalte. Von Paulus darf man in den Worten des Dichters behaupten:
Dem
Heiltum
baute er das Heiligtum.
Daß er dies tat, ohne das
Heiltum
unserer Evangelien zu kennen, schmälert keineswegs sein Verdienst;
geschah doch alles, was er tat, aus inbrünstiger Liebe zu Jesu
Christo
und im unerschütterlichen Glauben an dessen erlösende Gewalt.
Immerhin gehört es zu den wunderbarsten Zügen in dem
Schicksal
des merkwürdigen Mannes, daß seines Wirkens kostbarster
Erfolg
ohne sein Wissen und Wollen errungen wurde.
*
Wenden wir jetzt den Blick zu
dem
Christus des Apostels, indem wir uns fragen, was er mit dem Jesus
gemeinsam
hat, wie ihn das Evangelium uns offenbarte (siehe Kap. 3), und was ihn
—————
¹) Das
Evangelium Johannes ist
nicht durchaus „paulinisch“, doch ausgesprochen „nach-paulinisch“
(vgl.
Gardner: Cambridge Bibl. Essays,
S. 383). Wir kommen noch am
Schluß
des Kapitels darauf zurück.
191 PAULUS — DAS
GESICHT ZU DAMASKUS
dagegen
von diesem unterscheidet.
Wiederum
kann es sich nur um allgemeine Züge handeln, die jedem sichtbar
werden,
der mit Ernst hinschaut; wogegen das gerade hier überwuchernde
Theologische
von unserer Betrachtung ausgeschlossen bleibt. Religion ist eine
Angelegenheit,
die jeden Menschen betrifft, und jeder wird früher oder
später
entdecken, daß er in letzter Reihe auf sich selber angewiesen
ist,
wenn er ein seine Lebenskräfte förderndes Verhältnis zu
dem Göttlichen in sich gewinnen will.
Eine Bemerkung
muß
vorangeschickt
werden. Wer — den Vernünftlern folgend — an der Wirklichkeit des
Gesichtes
bei Damaskus zweifelt, verbaut sich hierdurch den Weg zum
Verständnis.
Ganz abgesehen davon, daß ein grundsätzlicher Lügner
ungeeignet
und gewiß unfähig zu dem Werke gewesen wäre, das Paulus
auf Erden vollbracht hat, zeugt eine derartige Annahme von einer
gänzlichen
Unkenntnis der Seelenverfassung der damaligen Menschen; Gesichte-haben
gehörte zu den allgemeinen Erscheinungen des religiösen
Lebens
überhaupt: uns Laien sollte das wenigstens aus dem Goldenen Esel
des
Apulejus vertraut sein, in welchem Roman Isis dem vielgeprüften
Helden
im Traume erscheint und ihm den Weg der Erlösung angibt, ein
Vorgang,
der sich an jedem weiteren Brennpunkt seines Lebens wiederholt.
Freilich
hat Apulejus bedeutend später als Paulus gelebt; doch gehörte
er dem gleichen geistigen Zeitalter an. Den damaligen Menschen erschien
jede Art von Gesichten so durchaus glaubhaft, daß die meisten
unter
ihnen sie aus eigener Erfahrung kannten, denn hier zeugt die Erwartung
die Erscheinung; allerdings handelte es sich meistens um Traumgesichte,
doch begreift man leicht, inwiefern diese Anlage bei besonders feurigen
Menschen auch bis zu Tagesgesichten sich steigern mußte: das
geschah
bei Paulus. Die psychologische und physiologische Erklärung ficht
uns nicht an. Worauf wir mit Sicherheit schließen können,
ist,
daß in der Brust des seltenen Mannes seelenzerreißender
innerer
Widerstreit vorangegangen war, teilweise unter der Schwelle des
Bewußtseins,
teilweise in der Gestalt marternder Gedankenkämpfe: diese führten zur entscheidenden
Krisis, welche man sich in diesem Falle als einen Todeskrampf
vorstellen
muß, aus dem — durch Gottes Gnade, so empfand es Paulus — neues
Leben,
ein Leben der Wiedergeburt hervorging.
192 PAULUS — DAS
GESICHT ZU DAMASKUS
In dem selben Zusammenhang
verdient
das Folgende besondere Beachtung. Ebenso wie der Mensch — nach Goethe —
nur dasjenige sieht, was er weiß, ebenso erhalten unsere
Erfahrungen
ihre besondere Bedeutung aus den Gedanken und Vorstellungen, die uns
von
allen Seiten umgeben und daher geläufig sind. Nun galt in den
hellenistischen
Mysterienreligionen allgemein der Satz, wer Gott mit Augen geschaut
habe,
erlebe an sich eine Verklärung, die ihn über alle
gewöhnlichen
Menschen erhebe; fortan sei er imstande, alles zu beurteilen,
während
er selber von niemanden beurteilt werden könne. „Wenn ein Paulus
solche
Vision erlebt, setzt das voraus, daß er schon vorher ganz in
diesen
Anschauungen gelebt hat, und die Art der Erzählung zeigt,
daß
auch seine Gemeinde diese Anschauungen kennt. Und auf diese Vision kann
er seinen Anspruch, nicht unter, sondern eher über den Uraposteln
zu stehen, nur gründen, wenn er selbst ebenso wie seine Gemeinde
von
der hellenistischen Wertung dieses unmittelbaren Schauens Gottes
durchdrungen
ist.... Für ihn und seine
Gemeinden
muß
sich mit dem einmaligen Schauen Gottes eine dauernde Befähigung,
aus
sich selbst alles zu erkennen, also der Besitz des Pneuma im
höchsten
Sinne, verbinden. Hier waltet ein fester sakraler Begriff des
Pneumatikos,
den wenigstens ich nur aus der Mysterienreligion herleiten kann“: so
schreibt
Reitzenstein in seinem vortrefflichen Werk Die hellenistischen
Mysterienreligionen,
ihre Grundgedanken und Wirkungen, 1910 (S. 47 fg., 58, 200 fg.)
¹).
Man sieht, welche
entscheidende
Bedeutung dem Ereignis vor Damaskus zukommt und wie töricht es
wäre,
darüber mit überlegenem Achselzucken hinweggehen zu wollen.
Nicht
bloß der unerschütterliche Glaube an seine Berufung wurzelt
für Paulus in dieser Erfahrung, vielmehr schenkt sie uns volle
Aufklärung
über sein sonst so befremdendes Verhalten den Jüngern Jesu
gegenüber,
die er von dem Augenblick seiner Belehrung ab, nach Möglichkeit
meidet.
Gewiß liegt hier eine unbewußte Abneigung zugrunde: sein
Bildungsgang,
sein Temperament und seine Begabung schieden ihn von jenen
Männern;
noch mehr schied ihn das Bewußtsein der zu leistenden
—————
¹) Dem
Begriff des Pneuma
entspricht
bei uns annähernd „Geist“. Paulus z. B. unterscheidet Pneuma
(Geist)
von Psyche (Seele) und von Sarx (Fleisch). Der „pneumatische
Körper“
erbt die Unsterblichkeit, nicht der „sarkische Körper“.
193 PAULUS — DAS
GESICHT ZU DAMASKUS
Aufgabe;
doch die Rechtfertigung vor
sich selber fand er einzig in dem ihm zuteilgewordenen Gesicht, „welch
ungeheueres Erlebnis seine religiös schöpferische Natur aus
ihrer
bisherigen Gebundenheit riß und sie im wesentlichen auf sich
selbst
stellte“ (Reitzenstein, S. 50). Hierüber besitzen wir des Apostels
eigenes Zeugnis (2. Kor. 5, 16
fg.): „So kenne ich von jetzt an niemand
mehr nach dem Fleisch. Angenommen selbst ich habe den Christus in der
Zeit
seines Menschseins gekannt, davon weiß ich jetzt nichts mehr.
Darum,
wo einer in Christus ist, das ist neue Schöpfung: das Alte ist
vergangen,
siehe es ist neu geworden.“ Nach seiner eigenen Überzeugung, wie
man
sieht, hätte jede nähere Mitteilung über des Heilandes
Wesen
und Erdenlauf nur irreführen können.
Man mag nun diese
Wendung beklagen
oder nicht, man kann unmöglich die Tatsache des Gesichtes leugnen
oder geringschätzen; denn sie bildet fraglos das Sprungbrett zu
jenem
gewaltigen Wirken, aus dem „die Kirchen, die in Christo sind“,
hervorgingen.
Hätte Paulus Jesus auf Erden gekannt, hätte er nähere
Kunde
über seine Persönlichkeit besessen, so würde er
höchst
wahrscheinlich zu diesem Werke nicht mehr getaugt haben: der Heiland
stand
jeglicher Kirchengründung gar fern! und außerdem, wie
sollte,
wer seinen Worten gelauscht hatte, den Mut finden, etwas anderes zu
tun,
als sie zu wiederholen? Jetzt aber stand Jesus Christus dem Paulus
zugleich
ganz nahe und ganz fern; er hatte ihn erlebt und doch nicht erlebt; er
hatte sozusagen den Hauch seines Atems gefühlt und doch nicht ihm
ins Auge geblickt: hieraus entstand jene dem Paulus eigene Lehrart, die
nicht zum wenigsten deswegen so stark und reich wirkt, weil sie voller
unmittelbar sich widersprechender Elemente ist, die vom Mittelpunkt aus
nach entgegengesetzten Enden gewaltsam hinstreben, dadurch den
Hörer
von allen Seiten zugleich aufrüttelnd und anregend. So
läßt
er z. B. Jesum als uns Menschen menschlich nahe empfinden als „den
Erstgeborenen
unter vielen Brüdern“ (Röm.
8, 29) und dann wieder rückt
er ihn in unermeßliche metaphysische Welten- und Zeitenfernen
„als
Erstgeborenen aller Schöpfung, in dem Alles im Himmel und auf der
Erde geschaffen ward, das Sichtbare und das Unsichtbare .... der vor
Allem ist und in dem Alles besteht“ (Kol.
1, 15 fg.). Oder wiederum er
läßt die Gesamtheit der Gläubigen mit Christo zu „Einem
Leibe“ verschmelzen
194 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
(1.
Kor. 12, 12 fg.);
nichtsdestoweniger
soll Christus kommen, „Gericht zu halten über Lebende und Tote“
(2.
Tim. 4, 1)....
*
Heutzutage — und es
spricht
nicht
für große Tiefe des religiösen Empfindens — wird fast
Jeder
mir mit der Frage dazwischenfahren: Hat Paulus Christum für Gott
gehalten
oder nicht? Über diese Frage ist unendlich viel hin und her
gestritten
worden, aber wohl nur, weil eine vorgefaßte Überzeugung um
jeden
Preis gestützt werden sollte. Meiner Meinung nach muß
für
jeden geradedenkenden Menschen schon die eine Tatsache genügen,
daß
Paulus wiederholt den Ausdruck gebraucht, Jesus Christus
säße
„zur Rechten Gottes“ (siehe z. B. Röm.
8, 34, Eph. 1, 20, Kol. 3,
1): in diesen Worten liegt eine unmißverständliche und nie
abzuleugnende
U n t e r s c h e i d u n g; man beachte, daß nicht etwa
der trinitarische
Gedanke
(der dem Paulus fremd blieb) ihm untergeschoben werden darf, denn es
heißt
nicht zur Rechten des Vaters, sondern zur Rechten Gottes, und der
Ausdruck
wird in unverkennbarer Anlehnung an die Offenbarungsbücher
(Apokalyptik)
gebraucht, welche niemals den Messias mit Gott gleichstellen.
Einen einzigen
Ausspruch gibt
es, welcher so gedeutet werden kann, als behaupte Paulus kurzweg:
Christus
ist Gott. Es handelt sich um den fünften Vers des neunten Kapitels
des Briefes an die Römer.
Der Apostel redet an dieser Stelle von
den
vielen Vorzügen der Israeliten, „denen die Sohnschaft gehört,
die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der
Gottesdienst
und die Verheißungen“ —
jetzt folgt der fünfte Vers,
den Luther verdeutscht: „welcher auch sind die Väter, aus welchen
Christus herkommt nach dem Fleische, der da ist Gott über alles,
gelobet
in Ewigkeit, Amen.“ Luther hat sich hier, wie häufig, einfach nach
der lateinischen Vulgata
gerichtet, welche die grundfalsche
Übersetzung
bot: qui est super omnia Deus
benedictus in saecula. Amen. In
Wirklichkeit
sagt der griechische Urtext nicht „der da ist Gott über alles“,
vielmehr
„der Gott, der über allem ist, sei gelobet usw.“ Hiermit ist aber
die genaue Bedeutung des Satzteiles — der Gott usw. — noch nicht
grammatikalisch
eindeutig festbestimmt; er kann als Apposition (Beisatz) zu
195 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
dem
Namen Christus aufgefaßt
werden
und sich demgemäß auf diesen beziehen, wonach zu verstehen
wäre:
„aus den Israeliten stammt dem Fleische nach der Messias (Christus) —
der
Gott, der über allem ist, hochgelobt in Ewigkeit!“ Wie gezwungen
sich
diese Deutung auch anhört, Augustinus und viele Kirchenväter,
sowie die meisten Kirchenmänner selbst noch heutigen Tages nehmen
sie als fraglos richtig an und opfern lieber den offenbaren
Zusammenhang
der ganzen Stelle, sowie die Übereinstimmung dieser Stelle mit
allen
anderen Aussprüchen Pauli, als daß sie die alleinzige
Gelegenheit
versäumen sollten, Paulus für ein Hauptkirchendogma zu
gewinnen.
Daß nun die besten unter den ältesten Handschriften diese
Deutung
durch ihre Interpunktion unmöglich machen, darauf wollen wir kein
allzu großes Gewicht legen, da Willkür oder
Mißverstand
der Schreiber angenommen werden könnte; der Haupteinwurf besteht
aber
darin, daß der natürliche Sinn der ganzen Stelle jedem
unvoreingenommenen
Leser klar vor Augen liegt: den Israeliten wird vorgezählt,
welcher
Vorzüge sie von oben teilhaftig geworden sind, von der Annahme als
Gottessöhne an bis zu der Gabe des aus ihrer Mitte geborenen
Messias;
zum Schluß folgt, wie bei den Juden üblich, die Lobpreisung
Gottes für so viele Gnadenbezeugungen: dies der ganz einfache
Sachverhalt.
Einer der anerkanntermaßen zuverlässigsten Fachgelehrten
unserer
Zeit, Adolf Jülicher, urteilt: „Die Hinzunahme von Vers 5b als
Apposition
zu ‚der Messias' ist zwar sprachlich unanfechtbar und durch alte
Autoritäten
vertreten; aber Paulus hat niemals Christus ‚Gott' genannt, noch
weniger
‚den über alles erhabenen Gott', was ganz zweifellos den
allmächtigen
Weltschöpfer bezeichnet“ (siehe Die
Schriften des N. T. neu
übersetzt
und für die Gegenwart erklärt, herausgegeben von Joh.
Weiß).
Das mindeste, was man
erwarten
könnte, wäre die Beherzigung der Warnung, die Erasmus vor
vier
Jahrhunderten aussprach: es dürfe kein redlicher Mann sich auf
einen
so vieldeutigen Satz berufen und daraus gar entscheidende Lehren
ableiten.
Dem leidenschaftlichen Apostel, der seine Sendschreiben aus
übervollem
Herzen vulkanisch hinauszusprühen pflegte — „Meine Kinder, um die
ich abermals Geburtsschmerzen leide, bis Christus möge in euch
Gestalt
gewinnen“ (Gal. 4, 19) — dem
leidenschaftlichen Manne geschieht es
öfters,
daß er, von Ungeduld getrieben, der Sprache Ge-
196 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
walt
antut, woraus Dunkelheit
entsteht,
die niemals — außer durch Willkür — aufgeklärt werden
kann;
dafür gelingen ihm, wie kaum je einem anderen, Sätze und
ganze
Abschnitte, unvergleichlich an plastischer Kraft und an Wucht des
Ausdruckes,
zugleich unmißverständlich eindeutig: es liegt auf der Hand,
daß diese Stellen es sind, in denen man die Anschauungen des
Apostels
zu suchen hat — nicht jene; außerhalb der Theologie würde es
keinem Menschen einfallen, anders vorzugehen.
Und so mache ich denn
den Leser
auf eine Stelle aufmerksam, welche volle Aufklärung über das
bringt, was Römer 9, 5
im Ungewissen läßt. In dem
Ersten
Brief an die Korinther, Kap. 8, V. 6, heißt es: „So gibt
es doch
für uns nur Einen Gott, den Vater, den Schöpfer aller Dinge,
der unser Ziel ist, und Einen Herrn Jesus Christus, den Mittler aller
Dinge,
der auch unser Mittler ist“ ¹). Der Leser darf nicht etwa die
Worte
„Einen
Gott, den Vater“, so deuten, als stünde Gott-Vater im Gegensatz
gedacht
zu Gott-Sohn: dieser
johanneische Gedanke kommt bei
Paulus niemals vor und ist auch hier durch Wortlaut und Zusammenhang
ausgeschlossen;
hat doch Paulus soeben in dem unmittelbar vorangehenden Satz zwischen
den
Begriffen „Gott“ und „Herr“ unterschieden, indem er den „Herrn“ dem
„Gott“
unterordnet. Hierbei schwebt ihm offenbar der damalige Gebrauch der
hellenistischen
Mysterienreligionen vor, in denen es üblich war, gewisse
übermenschliche,
nahe an die Gottheit heranragende Gestalten mit Kyrios, d. h. „Herr“
anzureden;
so z. B. pflegte man die M i t t l e r, die wir im
zweiten Kapitel kennen
lernten
— Osiris, Herakles, Dionysos usw. — durch die Bezeichnung
—————
¹) Ich
gebe die Stelle in
Weizsäckers
Übertragung und bemerke sofort, daß die letzten Worte von
„dem
Mittler“ an den Charakter einer Verdeutlichung für heutige Leser
an
sich tragen, wogegen der griechische Urtext wortwörtlich
übersetzt lautet: „Einen Herrn Jesum Christum, durch welchen alle
Dinge
sind
und wir durch ihn“ (Text und Übertragung nach Tischendorf) —
Worte,
die dem unvorbereiteten Leser ihren Sinn nicht sofort enthüllen,
deren
Bedeutung aber für den Kenner nicht zweifelhaft ist. Bousset
verdeutscht:
„Einen Herrn Jesus Christus, durch dessen Vermittelung alle Dinge
geworden
sind, und dem wir verdanken, was wir sind.“ — Nur aus
Gewissenhaftigkeit
füge ich diese Anmerkung hinzu; denn der Hauptteil des Satzes —
die klare Unterscheidung zwischen Gott und Christus — bietet weder
Undeutlichkeit
im Urtext noch Schwierigkeit in der Übertragung.
197 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
Kyrios zu ehren: von dieser Sitte
macht
der Apostel an der angeführten Stelle Gebrauch und zwar im
ausdrucksvollen
Sinne, da er gerade die Eigenschaft Christi als eines Mittlers
hervorheben
will. Desgleichen dient der Zusatz „der Vater“ zum Wort Gott, den
Charakter
als erhabenstes einziges Wesen (siehe Kap. 1) zu betonen, wobei sich
Paulus
zugleich an Jesu eigene Gepflogenheit anschließt, der, wie wir
wissen,
Gott stets „den Vater“ nennt. — Eine letzte Verdeutlichung: Paulus hatte soeben
von den Heiden gesagt, sie nähmen viele Götter und viele
Herren
an; im Gegensatz hierzu — so hebt er jetzt hervor — glauben die
Christen
nur an Einen Gott und an Einen Mittler.
Nach diesen
verschiedenen
Aufklärungen
setze ich die Worte Pauli noch einmal her, sicher, daß sie von
Jedem
in ihrer entscheidenden Tragweite deutlich aufgefaßt werden: „So
gibt es doch für uns nur Einen Gott, den Vater, den Schöpfer
aller Dinge, der unser Ziel ist, und Einen Herrn, Jesus Christus, den
Mittler
aller Dinge, der auch unser Mittler ist.“
Nunmehr sind wir
befähigt,
den springenden Punkt bei der Frage nach der Gottheit Christi
aufzudecken:
denn durch die vorangehenden Erörterungen haben wir uns in den
Stand
gesetzt, ihre Elemente vom Augenpunkt des Paulus aus zu
überblicken.
So starke Einflüsse seine geistige Umwelt mittelbar und
unmittelbar
aus der hellenistisch-römischen Umgebung auch aufgenommen haben
mochte,
das Eine konnte dem als Juden Geborenen und Erzogenen nicht geraubt
werden:
sein Eingottglaube (Monotheismus). Nicht das geringste Anzeichen,
daß
er in dieser Beziehung jemals um Haaresbreite gewankt habe, kann
vorgezeigt
werden. Aus einer seiner letzten Kundgebungen hörten wir schon
sein
Bekenntnis des Glaubens an „Einen Gott und Vater Aller, der da ist
über
Allen und durch Alle in Allen“ (Eph.
4, 6), und jetzt eben vernahmen
wir
das gleiche in ähnlichen feierlichen Worten. Hier nun liegt die
Lösung
so mancher Widersprüche, welche auf den ersten Blick unlösbar
scheinende Verwirrung anstiften: gerade in diesem und aus diesem
unerschütterlichen
Eingottglauben, der jeden Schein einer Vervielfältigung der
Gottheit
als Rückfall ins nackte Heidentum mit Empörung
zurückgewiesen
hätte, gerade aus diesem massiven, keinen Augenblick schwankenden
Glauben schöpft Paulus die Befähigung, den M i t t l e r
198 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
Jesum
Christum nach und nach immer
näher
an Gott heranzurücken, ohne befürchten zu müssen, es
könnte
jemals die Grenzlinie ausgelöscht werden. Bald darauf fanden sich
die Gläubigen vor ein hartes Entweder-Oder gedrängt; für
Paulus kam ein solches nie in Frage, ja wir können mit
Bestimmtheit
behaupten, die Möglichkeit einer derartigen Fragestellung trat ihm
niemals ins Bewußtsein.
Es könnte
scheinen, als habe
diese Annäherung des Messias an Gott seitens des Apostels eine
allmähliche
Zunahme erfahren, doch hängt bei einem so beweglichen Geist viel
von
der Tagesstimmung ab und noch mehr von dem gerade vorliegenden
Gedankengang.
In einem verhältnismäßig frühen Brief (1. Kor. 15,
47) bezeichnet Paulus Jesum Christum als „Mann vom Himmel“ oder „Mensch
vom Himmel“, und noch in dem bedeutend später entstandenen Brief
an
die Römer heißt es: „kraft seiner Auferstehung von
den Toten
ist er eingesetzt zum Sohne Gottes“ (1, 4); die Bezeichnung „Sohn
Gottes“
ist uns schon als alter jüdischer Ehrentitel bekannt (siehe S.
148),
außerdem aus dem täglichen Sprachgebrauch des Heilandes
vertraut;
hier kommt es uns auf das Wort „eingesetzt“ (horisthentos) an, was
ebensogut
mit „ernannt“, „befördert, „bestallt“ übersetzt werden kann
(vgl. den Kommentar von
Sanday und Headlam). Der genaue Sinn des ganzen
Satzes läßt sich schwer enträtseln; doch welche Deutung
ihm auch gegeben werden mag, das Eine kann nicht bestritten werden: es
ist von einem zeitlichen Vorgang die Rede, Christus wird in einem
gegebenen
Augenblick zum „Sohne Gottes“ erhoben, was unweigerlich voraussetzt,
dieser
„himmlische Mensch“ habe früher diese Würde nicht — jedenfalls nicht im
buchstäblichen
Sinne — besessen. Dann aber wieder treffen wir auf Stellen wie die
vorhin
schon teilweise herangezogene aus dem Kolosserbrief
(1, 15 fg.), die
ich
hier ausführlicher wiederhole. Von Christo ist die Rede, und da
heißt
es „der da ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, Erstgeborener
aller
Schöpfung, denn in ihm ward Alles geschaffen im Himmel und auf der
Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Hoheiten,
Herrschaften,
Mächte, Alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen, und er ist vor
Allen, und Alles besteht in ihm“. Auch bei dieser berühmten
Stelle,
um welche jahrhundertelang der Kampf getobt hat, wollen wir uns
199 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
möglichst
hüten ins
Theologische
hineinzugeraten. Überzeugt, daß der Apostel, als ein Mann
von
hervorragender Begabung, der nicht zu Gelehrten sprach, sondern sich an
einfache Leute wandte mit der Absicht, von ihnen verstanden zu werden,
es jedenfalls nicht auf Spitzfindigkeiten abgesehen haben wird,
vielmehr
daß diese alle erst später von den Theologen hineingelesen
wurden,
— überzeugt hiervon, werden wir mit Vertrauen voraussetzen,
daß
einfacher Menschenverstand genügen muß, das zu verstehen,
was
ein solcher Mann zu solchen Männern redet. Ich berufe mich auf
Paulus
selber, der da spricht: „Es ist nichts damit, daß in meinen
Briefen
etwas anderes stecke als was ihr leset und was ihr auch verstehet“ (2.
Kor. 1, 13). Für den heutigen unvorbereiteten Leser sei
vorausgeschickt,
daß die Ausdrücke Throne, Hoheiten, Herrschaften,
Mächte
allbekannte Bezeichnungen für verschiedene Ordnungen von Engeln
waren
und daß den Hauptzweck des ganzen Satzes die Herabsetzung des
Unfuges
des damals grassierenden Engelglaubens und der Engelanbetung bildete,
unter
welchen die Vorstellung von der Religionsbedeutung Jesu Christi immer
mehr
an Lebhaftigkeit verlor; diese drohende Gefahr abzuwenden, das war
überhaupt
des Briefes Ziel. Wie man sieht, bestreitet der Apostel den
Engelglauben
keineswegs, doch ihm gegenüber hebt er so überschwenglich wie
nur möglich die überragende Bedeutung des Messias hervor,
neben
welchem die Engel geringfügig erscheinen.
Von entscheidender
Wichtigkeit
ist es, folgende Tatsache zu beachten: bei dieser Schilderung des
Christus
als vor aller Schöpfung entstanden und als Vermittlers der ganzen
Schöpfung — gleichsam als Demiurgos — schleicht sich kein einziger
eigener neuer Gedanke Pauli ein; bis herab zu der Wahl der
Ausdrücke,
alles eignet er sich einfach aus den Vorstellungen an, die damals —
durch
die Offenbarungsschriften (Apokalyptik) verbreitet — in weitesten
Schichten
des Volkes kreisten. Die Steigerung des Messias ins
Übermenschliche
bis dicht an Gott heran, seine Präexistenz, seine Beteiligung an
der
Schöpfung, sein Amt als Weltrichter, seine bald zu erwartende
Wiederkunft
auf Erden — das alles findet sich buchstäblich in den genannten
Büchern.
Dazu kommt noch bei Paulus einiges aus der ebenfalls zu jener Zeit
vorherrschenden
stoischen Philosophie. Des Apostels eigene Originalität als
Religions-
200 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
gründer
hegt an anderem Orte:
hier
hat er einfach die eine volkstümliche Vorstellung gegen die andere
ausgespielt: die höherstehende, vereinfachende gegen die
buntzerstreuende,
zu tollem Aberglauben hinableitende.
Doch wir sind mit der
betreffenden
Stelle aus dem Briefe an die Kolosser
noch nicht fertig!
Aller jener
Ausführungen,
welche Christus der Gottheit anzugleichen scheinen, bemächtigen
sich
mit Freuden unsere Theologen, so auch dieser aus dem Kolosserbrief;
wenn
nur diese nicht einen Haken böte! Gleich anfangs stehen
nämlich
jene fatalen drei Worte: „Erstgeborener
aller Schöpfung!“
Hiermit wäre also Jesus Christus doch einmal — und wenn auch als
Erster
— „geboren“, und demgemäß auch zur „Schöpfung“
gehörig,
von Gott geschaffen! Und so hören denn seit ältesten Zeiten —
namentlich aber seitdem die Arianer aus diesen drei Worten ihre
Hauptwaffe
gegen die Gotteslehre der Kirche geschmiedet hatten — die Versuche
nicht
auf, die Welt zu überzeugen, „Erstgeborener“ bedeute nicht — oder
wenigstens an dieser Stelle nicht — Erstgeborener, und „aller
Schöpfung“
bedeute nicht aller Schöpfung. An anderen Stellen — so z. B.
„Erstgeborener
unter vielen Brüdern“ (Röm.
8, 29) — wird dem gleichen Wort
„Erstgeborener“
(Prototokos) sein offenbarer
Sinn nicht bestritten, hier aber darf er
um keinen Preis zugelassen werden. Ebenso ergeht es dem zweiten und
dritten
Wort. Die Sprachkenner versichern, pases
ktiseos heiße nichts
anderes
als „aller Schöpfung“ oder alles Gemachten, Erschaffenen,
allenfalls
(wie Luther und Tischendorf verdeutschen) aller Kreaturen; doch auch
hier
erheben die Theologen Einspruch: pases
ktiseos darf einfach nicht
„aller
Schöpfung“ heißen, denn damit wäre ausdrücklich
zugestanden,
der noch so erhöhte Christus sei ein Geschöpf Gottes, nicht
selber
Schöpfergott. Alles Nähere möge der kühn veranlagte
Leser in den Fachbüchern nachschlagen, er wird jahrelang daran
studieren
können. Nur ein Beispiel will ich noch nennen, um die
„theologische
Gemütsart“ dem Laien fühlbar zu machen. Der grundgelehrte und
grundehrliche Bischof Lightfoot, der in seinem sonst
unübertrefflichen
Kommentar zu dem Briefe an die
Kolosser Beweise über Beweise
aufhäuft
gegen die Deutung jener drei Worte nach ihrem einfachen Sinne als
„Erstgeborener
aller Schöpfung“,
201 PAULUS — CHRISTI
GOTTHEIT BEI PAULUS
meint,
den höchsten Trumpf durch
die Bemerkung auszuspielen: “lt contradicts the fundamental idea
of the Christian consciousness“ —
die Annahme, der Apostel habe
„Erstgeborener
aller Schöpfung“ geschrieben, widerspricht der grundlegenden
Vorstellung
des christlichen Bewußtseins. Gewiß ein klassisches
Beispiel
für die Macht eingewurzelter Zwangsglaubenssätze: um zu
erfahren,
was Paulus gesagt hat, wird erst gefragt, was das später
entstandene
„christliche Bewußtsein“ fordert, und darnach wird dann der
paulinische
Text so lange „interpretiert“, bis er mit den Entscheidungen der
Bischofsversammlungen zu Nizäa (325) und zu Konstantinopel (381)
übereinstimmt!
Wir Laien aber wollen
uns aller
Vergewaltigung enthalten und aus diesem Ausspruch sowie auch aus
anderen
mit Gewißheit den Schluß ziehen, Paulus habe Jesum Christum
sehr nahe an Gott herangerückt, ohne ihn aber jemals mit Gott
verschmelzen
zu lassen — spricht er doch in diesem selben Briefe an die Kolosser,
einige
Verse später als die beregte Stelle, von Christo als „sitzend zur
Rechten Gottes“ (3, 1), also als von Gott deutlich unterschieden. Wir
sind
aber berechtigt, noch weiterzugehen, ja, wir treffen erst dann auf den
religiösen Kern des paulinischen Denkens — auf einen Kern,
unerschöpflich
an Fruchtbarkeit und an Segensfülle. Den wahren Mittelpunkt der
Religion
Pauli bildet die klare Vorstellung und die kraftvolle Darlegung der
Bedeutung
und der Würde Jesu Christi als des M i t t l e r s
zwischen Gott und
Mensch: dieser Gedanke ist lebendig, er entspringt der gewaltigsten
Lebenserfahrung
und öffnet Millionen den Weg zu gleicher Erfahrung; durch ihn
wurde
Paulus zum Schöpfer „der Kirchen, die in Christo sind“, und neben
diesem Gedanken sinken manche andere Vorstellungen unseres Apostels zu
bloßen überkommenen Schemen herab.
Die Stelle, wo dieser
Gedanke
klipp und klar zum Ausdruck gelangt, befindet sich — das muß ich
vorausschicken — in einem Brief, der von vielen Gelehrten dem Paulus
abgesprochen,
neuerdings jedoch von hervorragendsten Sonderforschern ihm wieder mit
Bestimmtheit
zugeschrieben wird. Wir lesen da: „Denn es ist Ein Gott, ebenso Ein
Mittler
Gottes und der Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst
gegeben
hat zum Lösegeld für alle“ (1.
Tim. 2, 5 fg.). Wenn der Brief
wirklich einen Anderen
202 PAULUS — DIE
GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)
zum
Verfasser haben sollte, so war
dieser
Andere jedenfalls ein Vertrauter Pauli — das wird allgemein zugestanden
— der mit Gewissenhaftigkeit die Lehren seines Meisters weitergab
¹).
Außerdem
liegt im Grunde nicht gar viel an dieser einen Stelle, so willkommen
sie
auch als knappe Zusammenfassung wäre; denn — ich wiederhole es —
die
Vorstellung von der Bedeutung und der Würde Jesu Christi als eines
Mittlers durchdringt das ganze Denken des Apostels, liegt allen seinen
Hauptlehren zugrunde und begleitet sie bis in ihre letzten
Verzweigungen.
*
An diese Betrachtung
über
die schwebende Stellung Jesu Christi zwischen Mensch und Gott — auf die
wir übrigens noch zurückkommen — schließt sich
ungezwungen
eine weitere an, deren Verwandtschaft bald empfunden werden wird.
Bezeichnend für
die Denkart
und für die ganze Persönlichkeit unseres Apostels ist es,
daß
er allerorten sich scharf entgegenstehende Gegensätze erblickt,
erfaßt
und ergründet: sein weiteres Denken besteht in der Ausgleichung
zwischen
diesen Gegensätzen oder in der Überwindung des einen durch
den
anderen — und überall findet diese Ausgleichung oder
Überwindung
durch Jesum Christum und in Jesu Christo statt. Man könnte eine
große
Anzahl derartiger Entgegenstellungen bei Paulus nachweisen; die
Wissenschaft
nennt sie Antinomien, was —
wenn wir das Wort in seine zwei
Bestandteile
auflösen — vorzüglich verdeutscht wird durch G e
g e n - S ä t z e.
Als Beispiele nenne ich: Mensch und Gott, Tod und Unsterblichkeit,
Fleisch
(Sarx) und Geist (Pneuma), Gesetz und Freiheit,
Sünde und
Rechtfertigung,
Werke und Gnade.... doch der
aufmerksame Leser wird die
gleiche Art der Zergliederung noch weiter verfolgen können, denn
überall
bestimmt sie des Apostels Denken und Darstellen; findet er z. B.
Veranlassung,
die Armut
—————
¹) Damit
der Leser von dem
heutigen
Stand der strittigen Frage sich ein Bild mache, nenne ich einige Namen:
die Verfasserschaft Pauli b e s t r e i t e n Harnack, Holtzmann, Jülicher,
Moffat,
und mit besonderer Leidenschaftlichkeit Renan; dagegen v e r f e c h t e
n die Echtheit
Zahn, B. Weiß, Lightfoot, Ramsay, Findlay.
203 PAULUS — DIE
GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)
zu
erwähnen, so stellt er ihr
gleich
den Reichtum gegenüber (2. Kor.
8, 9), ist von Schwäche die
Rede,
sofort zieht er die Kraft herbei (2.
Kor. 13, 4 fg.) — und Christus ist
es, der die Armut in Reichtum wandelt und aus dem Schwachen einen
Riesen
macht.
Wir hörten
Paulus die gesamte
sichtbare und unsichtbare Welt des Daseins durch die Vermittelung Jesu
Christi entstehen lassen, wodurch Christus als Mittler zwischen den
beiden
großen Gegen-Sätzen der Gottesruhe und der Fülle der
Schöpfung
erscheint. Nicht allein vermittelt er die Schöpfung, sondern „in
ihm“
— also wieder durch seine Vermittelung — „gewinnt das Geschaffene
Bestand“
(Kol. 1, 17), und nicht
weniger zielt sie auf ihn hin — denn an anderer
Stelle (Eph. 1, 10)
heißt es, Gott habe beschlossen, „in der
Fülle
der Zeiten unter ein Haupt zu fassen das All im Christus, was im Himmel
sowohl als was auf Erden ist“.
Nebenbei möchte
ich meinen
Leser gleich bitten, sich nicht über den logisch-historischen Sinn
einer solchen Aussage den Kopf zu quälen: handelt es sich doch um
einen Mythos, und das heißt um ein Gebilde der Phantasie,
ersonnen,
um undenkbaren und daher unaussprechlichen Wahrheiten ahnungsvolle
Annäherung
an unser Gemüt Bahn zu brechen. Auf diese Frage des Mythischen bei
Paulus kommen wir bald zurück; vorderhand müssen wir noch ein
wenig bei seinen Gegen-Sätzen verweilen.
Der Hauptgegensatz —
derjenige,
der alles umfaßt, was zu Pauli eigentlicher Religion gehört
und unter den die meisten anderen Gegen-Sätze sich als
Teilerscheinungen
eingliedern lassen — ist der zwischen Mensch und Gott: einer
derjenigen,
der nicht durch Überwindung des einen Teiles auf Kosten des
anderen
seine Schlichtung findet, vielmehr durch kräftigste Bejahung
beider
Teile: indem der Mensch — durch Jesum Christum dazu belehrt und
befähigt
— sein geläutertes Wesen gottwärts erhebt, während die
Gottheit
— der Vater — durch die Fürbitte Jesu Christi dazu bestimmt — sich
gnadenvoll bis zum Menschen herabsenkt.
Um die Bedeutung
dieses Gedankens
richtig zu erfassen, muß man wissen und bedenken, daß der
Mensch,
indem er sich an Christum anschließt, Fähigkeiten gewinnt,
durch
welche er ein neues Wesen wird und neue Würde erhält: „Wo
einer
in Christo ist, das ist neue Schöpfung — das Alte ist vergangen,
siehe
es ist neu
204 PAULUS — DIE
GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)
geworden“
(2. Kor. 5, 17). Hieraus
entsteht
ein neues Verhältnis des Menschen zu Gott; „er wird Gottes Tempel,
und der Geist Gottes wohnt in ihm“; darum nannten sich die
frühesten
Christen die Gemeinde der Heiligen: „denn der Tempel Gottes ist heilig,
das seid ihr“ (1. Kor. 3, 17).
Es handelt sich nicht allein um
Gefühlswerte und um sittliche Erhöhung, sondern — wie Paulus
dartut —
auch
um eine Steigerung der Verstandesfähigkeiten, indem wir „an dem
Verstande
Christi“ teilnehmen: bleibt auch „das Innere Gottes unergründet“,
wir empfangen durch Christum „Geist, der aus Gott ist, um damit zu
verstehen,
was uns von Gott geschenkt ist“ (1.
Kor. 2, 12—16).
Die Vorstellung von
der Steigerung
des ganzen Menschenwesens als dem Hauptwerk Jesu Christi, liefert bei
diesem
Gedankengang den entscheidenden Zug. Das bisherige Ideal oder Prototyp
(Urbild) desjenigen Wesens, das Mensch geheißen werden kann, war
der Adam der Schöpfungserzählung; mit Christo tritt eine neue
Gedankengestalt „Mensch“ in die Erscheinung; weswegen Paulus ihn den
„zweiten
Adam“ nennt: der erste Idealmensch war „lebendige Seele“, der zweite
ist
„lebendigmachender Geist“: „Der Erste Mensch ist von der Erde und
irdisch,
der Zweite Mensch ist vom Himmel. Welcherlei der irdische ist,
solcherlei
sind auch die irdischen, und welcherlei der himmlische ist, solcherlei
sind auch die himmlischen. Und wie wir (Menschen) getragen haben das
Bild
des irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des himmlischen“
(1.
Kor. 15, 45—49). Aus dieser Darstellung treten zwei Dinge
unmißverständlich
hervor: erstens die auch uns erreichbare Steigerung unseres
Menschenwesens
in die Richtung, die der Heiland gewiesen hat, und zweitens die
Tatsache,
daß er dies als Mensch bewirkte. Es fällt nämlich auf,
daß an derartig entscheidenden Stellen Jesus Christus von dem
Apostel
stets ausdrücklich als „Mensch“ bezeichnet, d. h. also sein
Menschtum
betont wird. So z. B. lesen wir in den allbekannten Ausführungen
des Briefes an die Römer
(5, 12—21), in denen wiederum Christus
als
zweiter Adam dem ersten entgegengestellt wird (beide als „Urbilder“
ausdrücklich
bezeichnet): „....wenn dort durch den Fall des Einen die
Unzähligen dem Tode erlegen sind, so hat sich um Vieles gewisser
die
Gnade Gottes und das Gnadengeschenk des Einen Menschen Jesus Christus
für
Un-
205 PAULUS — DIE
GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)
zählige
verschwenderisch reich
erwiesen.“ ¹)
Auch verweise ich noch einmal auf den Satz in dem Brief an Timotheus
(S.
201): „Denn es ist Ein Gott, ebenso Ein Mittler Gottes und der
Menschen,
der Mensch Christus Jesus.“ Die Vorstellung von der Möglichkeit
der
Steigerung des Menschen aus einem zwar „seelenbegabten“ doch tierischen
Wesen zu einem „geistbegabten“ gottverwandten Wesen fordert durchaus,
daß
Jesus Christus Mensch gewesen sei, sonst büßt sein Beispiel
jegliche Bedeutung für uns ein. Dem Apostel liegt nun alles daran,
von dieser Steigerungsfähigkeit zu überzeugen; denn dieser
Glaube
bildet seine ganze Religion — wie er gleichfalls das Geheimnis der
ungeheuren
Kraftwirkung ausmacht, die er auf die Menschheit ausgeübt hat;
blieb
auch gerade diese Hauptlehre meist — als solche — unerkannt, sie wirkte
trotzdem mit unwiderstehlicher Gewalt.
Manche Schwierigkeit
entsteht
aus dem halbverborgen bleibenden Gegensatz zwischen Gegenwart und
Zukunft,
zwischen gegenwärtiger Erlösung und zukünftiger
Erlösung.
Weit gefehlt
wäre die
Annahme,
Paulus habe einzig ein künftiges Leben im Sinne; freilich
faßt
er das irdische Dasein nur als Vorhof zu dem jenseitigen auf: „Wissen
wir
doch, daß wir, wenn unsere irdische Zeitwohnung aufgelöst
wird,
einen Bau von Gott haben, ein Haus nicht mit Händen gemacht, ewig
im Himmel“ (2. Kor. 5, 1); jedoch der Anfang
muß
hier auf Erden gemacht werden, hier und heute: das ist Gebot — sonst
erben
wir die Unsterblichkeit nicht. Möglich ist es, dank dem Leben, dem
Lehren und dem Sterben und dem Auferstehen unseres Heilandes: „einen
anderen
Grund kann keiner legen als der da liegt, nämlich Jesus Christus“
(1 Kor. 3, 11). Paulus ist
dermaßen von der Gewißheit
durchdrungen,
der Mittler, der unter uns „in der Gestalt des sündigen
Fleisches“
geweilt hat (Röm. 8, 3),
sei — sobald wir nur an ihn glauben, und
d. h. ihm diese Macht zutrauen — fähig, eine vollkommene innere
Umwandlung
auch in uns zu bewirken, daß er
—————
¹) Hier
habe ich die
Verdeutschung
Adolf Jülichers benutzt, weil sie mir den faßlichsten Sinn
im
Deutschen zu geben schien. Dieser in der Urschrift äußerst
verwickelte
Satz wird von jedem Gelehrten anders übersetzt; doch besteht
über
den allgemeinen Sinn kein Zweifel, namentlich nicht über die Worte
„des Einen Menschen Jesus Christus“.
206 PAULUS — DIE
GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)
kühn
schreibt: „da wir noch im
Fleische
w a r e n“ (Röm.
7, 5) — womit er deutlich erklärt, der
christusgläubige
Mensch habe schon jetzt die „Fleischesgestalt“ gegen die
„Geistesgestalt“,
welche der neuen Menschheit eignet, umgetauscht. Dergleichen
Versicherungen
begegnen wir bei Paulus nicht selten. Ich erinnere z. B. an folgende:
„Wir, die wir der Sünde
g e s t
o r b e n s i n d, wie sollen wir noch in der Sünde
leben?“ „Durch
die
Taufe auf den Tod Christi s i n d wir mit ihm
begraben w o r d e n.“ „Ihr
w u r d e t von der Sünde befreit und zu Knechten der
Gerechtigkeit
gemacht“
(Röm. 6, 2, 4, 18).
„Ihr s e i d g e s t o r b e n und euer
Leben ist
verborgen
mit dem Christus in Gott“ (Kol.
3, 3) ....Schließlich rufe ich
das entscheidende Wort ins Gedächtnis: „I h
r s e i d a l l e S ö h n
e
G o t t e s
durch euren Glauben an Christum Jesum“ (Gal. 3, 26). Man wähne
nicht,
der Apostel gebe sich der Täuschung hin, die Mitglieder seiner
Kirchen
hätten als eine Folge ihrer Bekehrung und Taufe zu sündigen
aufgehört. Dutzende von Stellen könnte man zum Beweise des
Gegenteils
anführen; immer wieder mahnt er: „Bietet nicht eure Glieder der
Sünde
als Waffen der Ungerechtigkeit!“ (Röm.
6, 13) — und ähnlich.
Nichtsdestoweniger
hält Paulus daran fest, daß wir — sobald wir zu Jesu Christo
gehören
— bereits hier auf Erden „im n e u e
n S t a n d e des Lebens wandeln“.
Religion
ist eben für ihn — wie sie es für Jesum war — unmittelbare,
pulsierende,
flammende Gegenwart. Nichts ist irriger als die Behauptung einiger
Theologen,
die Religion Pauli sei — im Gegensatz zu derjenigen des Heilandes —
eine
Religion der Zukunft, auf Hoffnungen aufgebaut; vielmehr gibt es nach
Paulus
gar keine Zukunft für diejenigen Menschen, die sich nicht hier und
heute zu Christo bekennen. Glauben ist für ihn die tätigste
aller
Taten; durch Glauben beginnt der Mensch Schöpfer zu werden, und
zwar
zunächst an sich selber — weil nämlich Glauben nichts anderes
heißt als unsere Seele der Gottheit öffnen und ihr dadurch
Einlaß
geben.
Über den
scheinbaren
Widerspruch,
den wir soeben beim Apostel aufgedeckt haben — insofern er noch
sündige
Menschen als heilige Tempel Gottes rühmte —‚ über diesen
scheinbaren
Widerspruch klärt uns unser herrlicher Schiller auf, indem er uns
belehrt: „Der reine moralische Trieb ist aufs Unbedingte gerichtet,
für
ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald
207 PAULUS — MYTHOS
UND MYSTIK
sie
sich aus der Gegenwart notwendig
entwickeln muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die
Richtung
zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er
eingeschlagen
ist“ (Aesth. Erz., Bf. 9).
Dieses unsterbliche Wort Schiller's ist wie
auf Paulus gemünzt, dessen Leben aus lauter verzehrender Gegenwart
bestand — einer rastlos Zukunft schaffenden Gegenwart: „Meine
Brüder,
ich schätze mich selbst noch nicht, daß ich's ergriffen
habe;
Eines aber sage ich: ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich
nach
dem, was da vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel!“ (Phil. 3,
13).
*
Das alles sind nur
knappe
Andeutungen;
der Gegenstand ist unerschöpflich; mir muß es genügen,
wenn es mir gelingt, zu richtigen Gedanken anzuregen; ich setze Leser
voraus,
denen es Bedürfnis ist, weiter zu forschen und weiter zu denken.
Anknüpfend
an die vorhin gestellte Frage: hat Paulus Christum für Gott
gehalten
oder nicht? (S. 194) will ich jetzt besagte Leser auf einen Umstand
aufmerksam
machen, geeignet, nach verschiedenen Richtungen hin aufklärend zu
wirken.
Daß Jesus unter
uns Menschen
als Mensch gelebt hatte, das stand nicht in Frage. Man beachte nun,
daß
es zweierlei Arten gibt, einem Menschen Wesensgleichheit mit der
Gottheit
zuzuschreiben: die eine versetzt jenen Menschen nachträglich in
den
Himmel und erklärt, „er ist Gott geworden“, die andere behauptet,
„Gott hatte in ihm Menschengestalt genommen und war unter uns
gewandelt“:
im ersten Fall handelt es sich um einen Mythos, im zweiten um eine
mystische
Erkenntnis. Man tut gut daran, diese Unterscheidung zu beachten und im
Sinne zu behalten, weil beides — Mythos und Mystik — Fühler sind,
die wir Menschen aus unserer Beschränktheit in die uns umgebende
Welt
des Geistigen tastend ausstrecken, jeder aber von dem anderen sehr
verschieden.
Der Mythos versetzt das Nahe in die Ferne, das Bekannte ins Unbekannte,
in der Hoffnung, auf diesem Wege für das Nichtbegreifliche eine
anschauliche
Vorstellung zu gewinnen; dagegen zieht die Mystik das unsichtbare Ferne
ins innerste Gemüt hinein, damit es dort unmittelbar wirke. Uns
Europäern
ist die mythische Weltan-
208 PAULUS — MYTHOS
UND MYSTIK
schauung
hauptsächlich aus der
klassischen
Welt Hellas' und Roms vertraut; für die Mystik des auf Erden
wandelnden
Gottes bietet uns das arische Indien die bekanntesten Beispiele. Der
Vorzug
des Mythos liegt in der allgemeinen Verständlichkeit eines
sichtbar
Gestalteten, der Nachteil besteht in der Gefahr, daß das Bild das
Geheimnis verdränge und zur Sache selbst werde; der Mystik eignet
eine unvergleichliche Kraft der Unmittelbarkeit, dagegen bleibt es
schwer,
die durch sie geweckten Erlebnisse Anderen mitzuteilen, und daher
pflegt
sie — bei weiterer Verbreitung — zu sinnlosem Wortkram und zu Heuchelei
zu führen: dort droht also Materialismus, hier Formalismus.
Paulus nun, als
Sendling der neuen
Frohbotschaft, hat von diesen beiden Mitteln, Andere an seinem
religiösen
Erlebnis teilnehmen zu lassen, reichlichen Gebrauch gemacht: eine
Probe
seiner mythischen Lehre haben wir oben (S. 200 fg.) ausführlich in
Betracht gezogen und gesehen, daß er Jesus von Nazareth als
Mittler
der gesamten Weltschöpfung — in ihrem Anfang, ihrem Bestand und
ihrem
Ziele — erblickt. Solche Aussprüche fallen in die Augen, und
dennoch
liegt dem Apostel ungleich mehr an der mystischen Erkenntnis, daß
dem Menschen Jesu „all die Fülle der Gottheit innewohnte“,
daß
er „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ war, dessen „Herrlichkeit
auf
seinem Antlitz strahlte“ — kurz, daß in der Person dieses
Menschen
ein Göttliches unter uns gewandelt ist.
Einführend sei
auf eine
Eigentümlichkeit
Pauli hingewiesen, die für ihn allein bezeichnend ist: niemals
geht
er — weder bei seinem Mythos noch bei seiner Mystik — bis an das
logisch
geforderte Ende, immer hält er kurz vorher inne. Damals z. B.
entsetzten
sich einzig die Juden über die Behauptung, ein Mensch sei Gott,
Griechen
und Römern war diese Vorstellung geläufig — wurde doch jeder
Kaiser sofort nach seiner Thronbesteigung als Gottheit verehrt; dennoch
hat Paulus niemals — wir erfuhren es oben — rundweg erklärt: Jesus
Christus
ist Gott; ebensowenig hat er jemals — wie bald nach ihm Johannes es
tat
— das Wort gesprochen: Gott ist in Christus Fleisch (d. h. Mensch)
geworden.
Daraus entnehmen wir, in welcher Reinheit dieser wunderbare Mann die
Vorstellung
des M i t t l e r s als Grundlage aller Religion
erfaßte. Darum ist
bei ihm auch alles so unvergleichlich reich an Leben und an leben-
209 PAULUS — MYTHOS
UND MYSTIK
diger
Wirkungskraft, weil
nämlich
— wie das bei jeder Lebensgestalt der Fall ist — der ganze Organismus
seines
Denkens genau auf der Messerschneide schwebt, woraus größte
Beweglichkeit bei stets sich neu einstellenden
Gleichgewichtsverhältnissen
erfolgt, und alles sonst überall bald auftretende Erstarren und
Sichfestrennen
ausgeschlossen bleibt. Weilen des Apostels Gedanken unter der
sündebelasteten
Menschheit und blicken von dort aufwärts, so erschaut er den
Heiland
auf Gottes Thron; versucht er dagegen Gottes Weltenpläne zu
enträtseln,
so wird ihm Christus zum Typus des neuen Menschen, zum „zweiten Adam“.
Niemals sollte man an
Paulus den
Maßstab eines Systematikers und Dogmatikers anlegen: bei ihm ist
— subjektiv betrachtet — alles unmittelbares, mystisches Erlebnis, und
— objektiv gesehen — leidenschaftliches Überzeugenwollen, welches
sich in der Wahl der Mittel zur Überredung stets nach den
Anschauungen
und Denkgewohnheiten der zu Bekehrenden richtet.
Die große
Bedeutung
letzterer
Bemerkung für die Beurteilung der einzelnen Briefe Pauli liegt auf
der Hand. So richtet er z. B. jenen Brief mit dem
Schöpfungsmythos
an die Kolosser, Kleinasiaten, in deren Köpfen derartige
Wahngedanken
seit jeher kreisten; ihm genügt es, wenn er vorläufig deren
tollen
Engel- und Dämonen-Aberglauben in Schranken zurückweisen und
Jesu
Christo die erste Stelle erkämpfen kann. Ein zweites Beispiel:
schreibt
er an die Korinther — in Polytheismus großgezogene Griechen — so
gibt er diesen ohne weiteres zu: „es sind ja der Götter viele“ und
fordert von ihnen nur außerdem den Glauben an den Einen Gott, der
über allen ist, den Vater, und an dessen Mittler Jesum Christum
(1.
Kor. 8, 5 fg). Er selbst bekennt es: „Obwohl ich frei dastand
gegenüber
von Allen, habe ich mich Allen zum Knecht gemacht, um recht Viele zu
gewinnen.
Ich bin den Juden wie ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen...;
denen
ohne Gesetz (bin ich geworden) wie einer ohne Gesetz, der ich doch
nicht
ohne Gottes Gesetz bin, vielmehr im Gesetz Christi stehe — um die ohne
Gesetz zu gewinnen. Den Schwachen bin ich schwach geworden. Ich bin
Allen
Alles geworden, um allerwege Etliche zu retten. Solches aber tue ich um
der Verkündigung des Evangeliums willen, auf daß ich sein
teilhaftig
werde“ (1. Kor. 9, 19—23).
210 PAULUS — MYTHOS
UND MYSTIK
Wie töricht, bei einem
Manne,
der ein solches Bekenntnis freimütig ablegt, aus einzelnen
Aussprüchen
bindende Glaubenssätze (Dogmen) zu schmieden und jedes Wort auf
die
Goldwage zu legen! Vielmehr haben wir zu erkennen, daß in ihren
mythischen
Bestandteilen den Lehren Pauli durchaus nur der Wert von Allegorien,
Bildern,
Annäherungen, Andeutungen zukommt, wobei noch der Apostel die
Vorstellungen
seiner jeweiligen Zuhörer gern berücksichtigt, um von der
ihnen
vertrauten Seite aus die Annäherung an verborgene Wahrheiten zu
unternehmen.
Dem gleichen
Leitfaden folgend
können wir noch weitere Anregungen gewinnen, geeignet, unser
Verständnis
der Briefe Pauli zu vertiefen und zu verschärfen. So werden wir z.
B. bei den meisten der grundlegenden Gegen-Sätze, die wir für
des Apostels Denken bezeichnend fanden, bei genauerer Betrachtung
entdecken,
daß die eine Seite der Gleichung — d. h. der eine „Satz“ — mehr
seinem
mythischen, die andere — also der andere „Satz“ — mehr seinem
mystischen
Denken angehört; die mythischen Sätze besitzen offenbar eher
bildliche Bedeutung und sollen nicht allzu wörtlich verstanden
werden,
wogegen bei den mystischen Sätzen die Worte darnach ringen, die
innersten
Herzensgedanken des Schreibers zum Ausdruck zu bringen.
Man betrachte den
für die
Religion Pauli entscheidenden Gegen-Satz „Werke : Glauben“. Die Lehre
von
der Erlösung durch gottgebotene Werke wird erstens immer
geschichtlich
dargestellt und das heißt — wie Kant uns belehrt —
unreligiös,
zweitens, wer kann den Brief an die
Römer lesen, ohne zu bemerken,
daß der Apostel in bezug auf die Rechtfertigung durch
gebotene W
e r k e einen verwickelten Mythos aufzubauen bestrebt ist, in
welchem
er
manchmal weder ein noch aus weiß, bis er sich durch eine neue
gewaltsame
Wendung Luft macht? Das hier eingehend darzulegen, würde zu weit
führen;
ich empfehle aber ein aufmerksames Sichversenken in die Kapitel 5—8.
Und
dann betrachte man die Reihe der verwandten Gegen-Sätze —
ich
nenne Verdienst und Gnade, Gesetz und Freiheit, Sünde und
Rechtfertigung,
Gericht und Erlösung! Überall wird man finden, daß das
erste Glied dieser Entgegenstellungen als Mythos behandelt wird, das
zweite
dagegen als mystisches Geheimnis. Vom G e s e t z
gilt genau das
gleiche,
was von den Werken gesagt wurde; die S ü n d e
wird geradezu zu
einem
mythischen Wesen personifi-
211 PAULUS — MYTHOS
UND MYSTIK
ziert:
„Wenn ich aber das tue, was
ich
nicht will, so bin ich es nicht mehr, der es vollbringt, sondern die
Sünde
tut es, die in mir wohnt“ (Röm,
7, 20); die juristische
Vorstellung
des G e r i c h t e s ist ohne weiteres dem
ägyptischen Mythos
entlehnt
und gelangt durch die Vermittelung der jüdischen Apokalyptik in
Pauli
Hände, — sie bildet einen
unmittelbaren
Widerspruch
zu der Lehre von der Erlösung durch Jesum Christum, man gedenke
nur
der an einen Verbrecher gerichteten Worte: „heute wirst du mit mir im
Paradiese
sein“. In welch einer anderen Welt bewegen wir uns, sobald der Apostel
von Glaube, Gnade, Freiheit, Erlösung redet. Man wähnt, einen
anderen Mann sprechen zu hören.
Für die
Bedeutung des
Begriffes
G l a u b e — ich würde lieber sagen, für die Bedeutung der
Tatsache
des Glaubens — bei Paulus ist es nicht möglich, auf einen
einzelnen
Ausspruch zu verweisen, der irgend erschöpfend Inhalt und Sinn
darlegte:
der Glaube bildet die Triebfeder seines ganzen Lebens; dies bricht
allerorten
hervor und übersteigt als überirdisches Erlebnis alle
Fähigkeit
der menschlichen Sprache. „Ich bin mit Christo gekreuzigt, ich lebe
jetzt
nicht als ich selbst, es lebt in mir Christus; sofern ich aber noch im
Fleische lebe, l e b e i c h i m
G l a u b e n an den Sohn Gottes, der
mich geliebt hat, und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal.
2,
20). Man überhöre ja nicht die Worte „der mich geliebt hat“;
denn bei Paulus hängen Glaube und Liebe eng zusammen. Wir
vernahmen
es ja vorhin: nur derjenige Glaube ist echt und „vermag etwas“, der
„durch
Liebe sich auswirkt“, denn — wie es bald darauf heißt — „es gilt
neue Schöpfung“, und schöpferisch ist einzig die Liebe (Gal.
5, 6; 6, 15). Hierzu bemerkt der große Forscher Bengel: „auf diesen Worten beruht das ganze
Wesen des Christentums“ (nach Lightfoot). „Mit dem H e r z
e n wird Jesus
geglaubt“ (Röm. 10, 10),
heißt es an anderer Stelle: es
handelt
sich also um kein Fürwahrhalten, ebensowenig um ein
Überzeugtsein
durch Vernunftgründe, sondern um ein das ganze Wesen des Menschen
erfassendes Erlebnis im innersten Gemüte ¹). Man höre
noch
folgende
Worte"
—————
¹)
Hierdurch findet sich von
vornherein
die katholische Lehre widerlegt: „ex
toto ecclesiae dogmate quod
intellectu
capi potest, capiant, quod non potest, credant“ (Vincentius
Lerinensis,
nach Loofs: Dogm. Gesch.,
437). Diese nüchterne Lehre hat nicht
das
geringste zu schaffen mit Pauli Lehre vom Glauben.