Hereunder follows the transcription of chapter 5 of Houston Stewart Chamberlain's Mensch und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first edition appeared in 1921.

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Vorwort

Kapitel 1. Mensch und Gott
Kapitel 2. Der Mittler
Kapitel 3. Der Heiland
Kapitel 4. Die Evangelien
Kapitel 5. Paulus
Kapitel 6. Die christliche Kirche und die Religion Jesu
Verzeichnisse
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V.
PAULUS

MEIN LEBEN IST CHRISTUS.
(P A U L U S   D E R   A P O S T E L)

176

(Leere Seite)

177 PAULUSEINFÜHRUNG
„Paulus muß — nach Jesus — als der Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind, erkannt werden“: so urteilt um das Jahr 220 der scharfsinnige und gelehrte Origenes (Contra Celsum, Buch I, Kap. 63). Diese Worte — sobald man sie genau und tief zu erfassen weiß — bieten den Kerngedanken zu allem, was in dem Zusammenhang des vorliegenden Buches zu sagen nötig ist. In das Labyrinth der eigentlichen „Theologie“ des Heidenapostels uns hineinzuwagen, haben wir keine Veranlassung, vielmehr wollen wir uns davor hüten. Seit bald zwei Jahrtausenden streiten die Gottesgelehrten über diese Theologie, ohne je einen einmütig anerkannten Abschluß zu finden, was ja auch ewig unmöglich bleiben muß, weil Paulus selber es ist, der das sich Widersprechende aufstellt. Bischof Lightfoot — dem wir schon früher öfters als einem der hervorragendsten englischen Forscher auf diesem Gebiet begegnet sind — faßt sein Urteil über Paulus in zwei Worte zusammen: consistently inconsistent (Gal., S. 355) — ein Ausdruck, der sich etwa durch „folgerecht folgewidrig“ oder „konsequent inkonsequent“ verdeutschen ließe. Was bei Paulus den Ausfluß schlichter Wahrhaftigkeit darstellt, indem er den verschiedenen Anforderungen seiner Persönlichkeit auf verschiedenen Wegen gerecht wird, das wandelt sich zu Gewaltsamkeit und Unwahrhaftigkeit, sobald kirchliche Machthaber es zu einem einheitlichen Gefüge mit allgemeiner Zwangsgeltung zusammenschweißen: dadurch entsteht aus Harmonie Mißklang, und im Gegensatz zu dem Frieden, der in Gott gefunden war, tobt durch die Jahrhunderte hindurch nie endender Streit.
    Zum Glück liegen diese Erörterungen, wie gesagt, außerhalb unseres Gesichtskreises: uns genügt es, wenn wir eine rein menschliche, klare Vorstellung von dem Zusammenhang zwischen Paulus und Jesus Christus gewinnen. Schon bei dieser einfachen Fragestellung finden wir uns so verwickelten Beziehungen gegenüber, daß einzig planmäßige Entwirrung uns zum Ziele führen kann: dies innerhalb sehr bescheiden gezogener Grenzen zu leisten, wäre Zweck unseres fünften Kapitels.

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178 PAULUSHELLENISTISCHE EINFLÜSSE

    Als ich in den Grundlagen des XIX. Jahrhunderts die Vermutung aussprach, Paulus entstamme vielleicht nicht rein jüdischer Rasse, die Annahme läge nahe, seine Mutter sei eine hellenische oder halbhellenische Proselytin, erfuhr ich von seiten unserer Theologen heftigen, fast erbitterten Widerspruch; und doch war ich zu dieser Vermutung durch die triftigsten aller Gründe bewegt worden, nämlich durch die Charakter- und Geisteseigenschaften des Mannes selbst. Damals ahnte ich nicht, daß diese Vermutung seit dem ersten christlichen Jahrhundert häufig ausgesprochen worden ist, und zwar von denen, die das beste Urteil über die Frage haben mußten, nämlich von den Juden und den Judenchristen. Auch was Hieronymus erzählt (De vir. ill., 5), verdient Beachtung: er behauptet, Pauli Eltern hätten nicht ursprünglich der Diaspora in Tarsus angehört, sondern sie seien in einem Städtchen des nördlichen Galiläa, Gischala, daheim gewesen und erst nach der Geburt des Paulus ausgewandert: in dem „Heidengau“ aber lebten, wie wir wissen (S. 91), sehr wenige echte judäische Juden. Gleichviel nun, ob Paulus in Galiläa oder Cilicien das Licht der Welt erblickte, es gab hier wie dort Gelegenheit genug zu Blutmischung, und wenn innere Gründe für diese sprechen, ist es lächerlich und durchaus unwissenschaftlich, aus bloßem eingetrichterten Vorurteil, diese Möglichkeit kurzerhand abzuweisen. Paulus hätte dennoch nach damaliger Sitte das Recht gehabt, sich als vollblütigen Juden zu betrachten — wofür ich auf Merx (Evang., 2. Teil, 1, 37) verweise, so daß seine diesbezüglichen Behauptungen (Apostelgeschichte 23, 3, Röm. 11, 1, Gal. 3, 15) nichts gegen die Blutmischung beweisen.
    Dem sei jedoch wie ihm wolle! denn Gewisses werden wir nie darüber erfahren. Der Begriff „Rasse“ betrifft überhaupt eine Gesamtheit, wogegen die Entstehung des Einzelnen stets unerforschbare Geheimnisse birgt. Wie Paulus selber bemerkt: „Jude ist nicht, wer es dem Augenschein nach ist, sondern Jude ist, der es im Verborgenen ist“ (Röm. 2, 28). Paulus mag stammen woher er will, sein Wirken liegt uns offen vor Augen, und dessen Grundwesen und Grundergebnis besteht darin, daß er das Christentum als neue Erscheinung aus dem Judentum losriß und ausschied: dadurch ward er „Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind“.
    Die unüberwindliche Judenliebe unserer Geistlichkeit der ver-

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schiedenen Bekenntnisse hat bisher uns Laien diesen Mittelpunkt seines Lebenswerkes verborgen gehalten; ihr bildet es allezeit ein Herzensanliegen, in Jesus und Paulus reine Juden zu erblicken, deren ganzes Denken aus der jüdischen Eigenart zu erklären sei. Und schenkt uns der Himmel einmal einen wahrhaft großen Gelehrten, der mit allen Waffen des Wissens und des Geistes ausgerüstet eine andere Auffassung vertritt, so will's das Unglück, daß gerade er das Wesen des großen Apostels verkennt: Paul de Lagarde stellt in seinen Deutschen Schriften (S. 56 fg.) die unhaltbare Behauptung auf, Paulus sei es, der das Judentum in die Kirche gebracht habe, „an dessen Einfluß das Evangelium, soweit dies möglich, zugrunde gegangen sei“ — ein Wort, das seines Verfassers wegen weitreichenden Widerhall gefunden hat. Dagegen urteilen alle neueren Sonderforscher — Theologen, Philologen und Historiker — anders, indem sie einstimmig den Gegensatz des Apostels zum Judentum hervorheben. So weist z. B. Dieterich in seiner Mithrasliturgie das absolut Unjüdische an des Paulus Hauptlehre von der Erlösung durch den Glauben nach (S. 179): es ist dies altarisches Gut, vermittelt durch damals in der Welt des Hellenismus weitverbreitete religiöse Gedanken; auch Reitzenstein (ebenfalls Philologe) zeigt in seinen Hellenistischen Mysterienreligionen an einer Lehre Pauli nach der anderen, daß sie nicht jüdisch seien, und kommt zu dem Schluß, die Lehre des Paulus sei „die Trägerin des stärksten Einflusses, den der Hellenismus je auf das Christentum geübt hat“ (siehe namentlich S. 160—204). William Ramsay — der erfrischend zugreifende Geograph und Theolog, der sein ganzes Leben dem Erforschen der einen großen Persönlichkeit widmet — belehrt uns: Paul's deepest thoughts are abhorrent to Hebrew feeling — die tiefsten Gedanken des Paulus sind dem hebräischen Empfinden ein Greuel (Hist. Comment, on the Gal., S. 342); und der jüdische Gelehrte C. Montefiore macht aufmerksam, daß die paulinische Gegenüberstellung von Glauben und Werken dem Juden ewig „ein Rätsel bleibe“, weil er überhaupt unfähig sei, sich dabei etwas zu denken (Judaism and St. Paul, S. 77). Gardner — ebenfalls ein verdienter Sonderforscher auf diesem Gebiete — urteilt: „Paulus war es, der das werdende Christentum aus dem schmalen Randgebiet des Judaismus in die weiten Felder der hellenistischen

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Kultur umpflanzte“ (St. Paul, S. 231). Man ziehe auch die außerordentlich lehrreiche Schrift von Hans Böhlig zu Rate, Die Geisteskultur von Tarsos im augustäischen Zeitalter mit Berücksichtigung der paulinischen Schriften (1913). Böhlig setzt z. B. sehr klar gewisse elementare Unterschiede auseinander, die überall das Weltbild der Arier von dem der semitischen Völker unterscheiden, und weist nach, daß die arischen Vorstellungen „dem Apostel“ — wohl infolge der hellenistischen Umgebung seiner Jugend — „so in Fleisch und Blut übergegangen sind, daß er sie bewußt und unbewußt ununterbrochen anwendet.... Ein Weltbild, das solche Folgerungen mit sich brachte, hat Paulus nicht dem Judentum entnommen“. Und in der Tat: „das Weltbild des Paulus ist weder semitisch noch spezifisch jüdisch“; vielmehr entstammt es dem Ideenkreis der naturphilosophischen Schule, die in Tarsos unter der Leitung des berühmten Stoikers Athenodoros damals blühte. Durch diese Stadt fluteten nämlich seit Urzeiten Arier sowohl ostwärts wie westwärts, wodurch es sich erklären mag, daß „altarische Gedanken lebendig bleiben konnten, ohne von der Umklammerung des Semitismus erstickt zu werden“ (S. 84—88). Als im weiteren Verlauf seiner Arbeit Böhlig dann auf den religiösen Grundgedanken der Gegenüberstellung von Gesetz und Glauben zu sprechen kommt, bemerkt er: „Was ist an dieser Anschauung jüdisch? Die Terminologie, die Beweisführung, aber niemals die Gesamtanschauung. Eine solche negative Beurteilung des Gesetzes mußte jedem echten Juden ein Greuel sein. Bisweilen macht es sogar den Eindruck, als ob Paulus, so unglaublich das klingt, das Judentum, wie es von den Rabbinern vertreten wurde, außerordentlich verkannt, oder wenigstens recht einseitig beurteilt habe“ (S. 164). Der vorhin genannte Montefiore behauptet denn auch mit aller Bestimmtheit, Paulus sei jedenfalls kein rabbinischer Jude gewesen; wohl sei anzunehmen, er habe einmal eine Zeitlang bei einem Rabbiner Unterricht, doch keinesfalls eine regelrechte und abgeschlossene Ausbildung genossen (siehe namentlich S. 58 fg., 66, 84, 103 fg., 227). Hierbei macht er aufmerksam, daß die immer wiederholte Behauptung, Paulus sei Schüler des berühmten Gamaliel gewesen, dem Apostel nur von Lukas in den Mund gelegt wird (Apostelgeschichte 22, 3), wogegen er selber in seinen Briefen den Namen niemals nennt, was allerdings bedenklich stimmen muß.

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    Keinem der genannten Gelehrten kommt es bei, das Jüdische in Pauli Wesen und Denken in Abrede zu stellen, liegt dieses doch selbst dem oberflächlichsten Blick offen zutage, und bringen seine Briefe Beispiele genug echt rabbinischer Spitzfindigkeit. In bezug auf letztere macht der englische Theologe Milligan — dieses sei nebenbei bemerkt — auf eine köstliche Stelle aufmerksam (Gal. 3, 16), wo aus der Verheißung „an Abraham und seinen Samen“ geschlossen wird, weil das Wort Samen in der Einzahl, nicht in der Mehrzahl stehe, so deute dieser Ausdruck nicht auf die gesamte Nachkommenschaft und somit auch nicht auf das ganze jüdische Volk, vielmehr auf den einzigen Christus allein, — auf welchem Wege Paulus zu dem gewünschten Schlusse kommt (3, 29): „Seid ihr aber des Christus, so seid ihr folglich Abrahams Same, Erben nach der Verheißung“: hiermit ist gewiß ein Höhepunkt in der rabbinischen Kunst, die Worte zu verkehren und zur Zeugenschaft für eine abseits liegende Behauptung zu zwingen, erreicht! Das sind aber die Dinge, die jeder einsehen kann, wogegen nur Sondergelehrte ein Urteil über Sprache, Sprachstil und auch Gedankenstil zu fällen befugt sind. Früher nahm man z. B. allgemein an, Paulus schreibe ein fehlerhaftes, fremdartiges Griechisch und hielt das für ein Ergebnis seiner angeblichen jerusalemitischen Erziehung; man dachte an die Klassiker und kannte nicht die Schriftsprache der hellenistischen Epoche; jetzt liegen die Dinge anders, und anerkannt maßgebende Forscher, wie van Manen und Deißmann, bezeugen, Pauli Sprache sei echt griechisch. Sein Stil erweist sich ebenfalls bei genauerer Kenntnis des damaligen Schrifttums — sowohl in bezug auf die allgemeine Gestaltgebung wie auch auf die Wahl der Ausdrücke — weit weniger von der rabbinischen Dialektik beeinflußt als von der stoischen und kynischen „Diatribe“ (Heinrici, nach Bible Dictionary III, 699) — ein Urteil, dem Böhlig zustimmt, indem er ausführt: „Paulus beherrscht die kynisch-stoische Diatribe in dem Maße in allen seinen Schriften, daß man an eine allmähliche Beeinflussung durch sie auf seinen Missionswanderungen nicht denken kann. Eine solche Behandlung religiöser und ethischer Fragen hat er in Tarsos und nicht in Jerusalem gelernt.... Rudolf Bultmann hat den Nachweis geführt (in seiner Schrift Der Stil der Paulinischen Predigt und die kynisch-stoische Diatribe, 1910), daß fast alle Merkmale der kynisch-stoischen Dia-

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tribe, wie sie seit Bion von Borysthenes üblich waren, auch von Paulus verwendet worden sind.“ Einzig die Schriftauslegung — und selbst diese mehr äußerlich als innerlich — entstammt der Rabbinerschule (S. 154 fg.). Auch hier ist, wie man sieht, das Jüdische eine Oberflächenerscheinung, während hellenistische Bildung und Denkart zugrunde liegen. Adolf Deißmann urteilt gleichfalls in seinem Buche Licht vom Osten (S. 290), Paulus sei als Theologe rabbinistisch beeinflußt, dies sei aber das wenigst Bedeutende an ihm, als Theolog reiche er an die großen Rabbiner nicht heran; als weltbewegendes Genie gehöre er der Geschichte der Religion an, und seine Religion sei „ganz unrabbinisch und ganz prädogmatisch“. Dementsprechend wird heute Pauli Bildungsgang wesentlich anders als früher beurteilt. So z. B. behauptet Reitzenstein: „Die hellenistische Literatur muß Paulus gelesen haben; ihre Sprache redet er, in ihre Gedanken hat er sich hineinversetzt“ (Hell. Myst. Rel., S. 59); Ramsay bringt viele Beispiele seiner Bekanntschaft mit hellenischer Philosophie, und Merx nennt Paulus „einen griechisch beeinflußten universalen Geist“ (3, 203 fg.).
    Diese Ausführungen würden bedeutend lebendiger wirken, wenn es mir möglich wäre, ins einzelne einzugehen; dazu fehlt mir die Gelehrsamkeit und auch der Raum; immerhin will ich aus Böhlig noch zwei Beispiele andeuten: der genügend ausgerüstete Leser möge an Ort und Stelle die eingehenden Darlegungen nachschlagen (S. 115—128 und 18 fg.).
    Die hebräische Sprache besitzt kein Wort für „Gewissen“; dem Juden ist demnach dieser Begriff unbekannt. Paulus dagegen gebraucht nicht nur das Wort Gewissen (Syneidesis) besonders häufig, sondern faßt den Begriff so tief auf, daß er zu den Grundsäulen seiner Sittenlehre gehört. Das Gewissen „ist ihm der inwendige Richter über des Menschen Tun.... Wir können an wenigen Begriffen in der paulinischen Terminologie so überraschend wahrnehmen, wie Paulus gewisse Ausdrücke dem Wort und der Anschauung nach zunächst übernimmt, sie aber zugleich, kraft seines religiösen Genies, umgestaltet, vertieft und religiös wertvoll macht“. Böhlig verweist hier auf eine Sonderabhandlung von Steinmann aus dem Jahre 1911, Das Gewissen bei Paulus, in welcher nachgewiesen wird: „Der Apostel muß dies Wort aus dem Schatze seiner grie-

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chischen Bildung übernommen haben, denn im Alten Testament findet sich dafür kein entsprechender Ausdruck.“ Es ist nun das Verdienst Böhlig's, aus Bruchstücken des oben genannten tarsischen Philosophen Athenodoros gezeigt zu haben, daß dieser das Gewissen (Syneidesis) mit größtem Nachdruck als „letztes sittliches Axiom“ hervorzuheben pflegte, und daß — wohl von da aus — Begriff und Wort auch in die Volkssprache eingedrungen waren. Hier greift man mit Händen den Ursprung einer Vorstellung, die, durch Paulus vertieft und gleichsam vergöttlicht, gewaltige Bedeutung gewinnen sollte.
    Nicht weniger Bedeutung kommt dem zweiten Beispiel zu. Böhlig zeigt, daß von jeher in Anatolien die Neigung bestanden habe, die Gottheit gleichsam in zwei zu spalten: nämlich in einen erhabenen, unsichtbaren, unerreichbaren Gott und in einen sichtbaren, bei Gelegenheit auf Erden wandelnden Gott, — den ersten nannte man den „ruhenden“, den zweiten den „arbeitenden“ Gott. Bei der bekannten Episode in Lystra (Apostelgeschichte 14, 11 fg.) liegt diese Vorstellung zugrunde, indem das Volk Barnabas für den erhabenen und Paulus für den arbeitenden Gott hielt. Böhlig schreibt: „Die Obergottheit wird so überweltlich als möglich vorgestellt. Für sich allein wird sie deshalb der Welt auch nicht sichtbar. Sie bedarf eines Mittlers, der für sie spricht und handelt.... Vielleicht liegt in der Beziehung dieser beiden Gottheiten zueinander die Wurzel des religiösen Verhältnisses von Vater und Sohn im Gottesglauben, wie es auch im Neuen Testament vorliegt. Überall ist der Vater als die erhabene, jenseits der Welt thronende Gottheit gedacht, während der Sohn ihr tätiges Prinzip darstellt. Nicht nur das Erlösungswerk auf Erden ist seine Tat, als Erhöhter bleibt er die tätige Gottheit, er weckt die Toten auf, er hält Gericht, er vermittelt allen Verkehr zwischen Gott und der Welt, solange es Menschen und eine Erde gibt. Selbst der Präexistente hat schon diesen Charakter: durch ihn ist die Welt geschaffen.“
    Somit ersieht man, daß Paulus es nicht bildlich, sondern buchstäblich meint, wenn er, auf seinen Lebensgang zurückblickend, bekennt: „Griechen und Barbaren, Weisen und Unverständigen bin ich Schuldner geworden“ (Röm. 1, 14).

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184 PAULUSPAULUS UND DIE EVANGELIEN

    Bei obigen Ausführungen war mir zumute wie etwa einem Wanderer, der sich durch einen unübersehbaren Urwald einen schmalen Steg, so gut es gehen will, durchbricht, indem er einmal rechts, einmal links, wie es der Zufall mit sich bringt, die Hindernisse aus dem Wege räumt: ein solcher darf sich nicht brüsten, er habe den Wald durchforscht, wohl aber darf er behaupten, er habe eine lebhafte und richtige Vorstellung von manchem gewonnen, was das Wesen des Waldes ausmacht. Das Ziel stand mir klar vor Augen, doch die Wahl der Mittel unterlag einem gewissen Zufall, indem das Gedächtnis mir dieses und jenes in den Sinn zurückrief, manches noch Treffendere mir aber gewiß entfiel oder nicht nachgeschlagen werden konnte. Immerhin hoffe ich, den Zweck erreicht zu haben: der Leser wird fortan sich etwas dabei vorstellen, wenn er die Behauptung vernimmt, Paulus habe das Christentum aus dem Judentum losgelöst. Von keinem mir bekannten Gelehrten ist diese Wahrheit schärfer herausgearbeitet worden als von Renan: „Entre les mains de Paul le Christianisme est arrivé à une rupture complète avec le Judaisme“ (S. Paul, S. 470), unter den Händen Pauli ist es zu einem vollständigen Bruch des Christentums mit dem Judentum gekommen.
    Was wurde nun durch diesen Bruch bewirkt? Die Antwort wird die Meisten überraschen: durch diese Tat des großen Apostels wurde das Urevangelium vor dem unvermeidlichen Untergang gerettet!
    Der Vorgang ist ein so merkwürdiger, daß man die Hand der Vorsehung am Werke zu erblicken meint. Es wirken bei Paulus von Anfang an in rätselhafter Vereinigung ein Höchstmaß an bewußtem Wollen und ein ebensolches an unbewußtem Vollbringen. Dieser wunderbare Mann hat — das darf man mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten — kein Evangelium gekannt; seine Briefe sind früher entstanden und nehmen an keiner einzigen Stelle Bezug auf irgendeinen als entscheidend anerkannten Bericht über das Leben Jesu. Zwar ist die Vermutung statthaft, er habe eine kleine Sammlung echter Worte des Heilandes besessen — ob schriftlich oder durch mündliche Überlieferung, gleichviel (vgl. Souter: Text and Canon of the N. T., S. 151); sonst aber ist das Schweigen über die Persönlichkeit und das Leben Jesu für ihn bezeichnend, wie er denn auch bekennt: „Mit keinem andern Wissen wollte ich unter euch

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treten, als dem von Jesus als dem Messias (Christus), und zwar als einem gekreuzigten“ (1. Kor. 2, 2). Nichtsdestoweniger war gerade er dazu berufen, durch den Erfolg seines Lebenswerkes die evangelischen Urberichte ans Licht zu ziehen, so daß daraus der kostbarste Besitz der ganzen Menschheit wurde.
    Inzwischen hatte sich — zuerst in Jerusalem und vom Jahre 68 ab in dem Städtchen Pella, jenseits des Jordan — der kleine Kreis der persönlichen Jesujünger, sowie ihre Anhänger zusammengefunden, und was sie allein von ihrem Meister bezeugen konnten, gewann nach und nach unter ihnen dauernde Gestalt. Namhafte Forscher — z. B. Flinters Petrie in seinem Growth of the Gospels (1911) — sind der Ansicht, daß gewisse Dinge — ich nenne nur die Bergpredigt — schon zu Lebzeiten des Heilandes schriftlich festgehalten wurden, und daß die weiteren Züge sich nach und nach um diese Kernteile ansetzten, alles ohne jede bewußte Absicht, ein Werk zu schaffen. Später erst wurde dieser Stoff zu „Evangelien“ bearbeitet. Diese unbewußten Schöpfer verharrten aber — wenn auch der Rasse nach keine judäischen Juden — doch als fromme Mitglieder der jüdischen Gemeinde und strenge Anhänger des mosaischen Gesetzes (S. 148); infolgedessen blieben auch ihre Gedanken durch den jüdischen Horizont eingeengt — wofür, trotz aller späteren ausgleichenden Bearbeitungen, noch genug Stellen in den Evangelien Zeugnis ablegen, so z. B. Matthäus (10, 5 fg.), wo der Heiland seinen Aposteln angeblich befiehlt: „Ziehet auf keiner Heidenstraße, und betretet keine Samariterstadt, gehet aber vielmehr zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel.“ Eine solche Richtung war von vornherein zur Unfruchtbarkeit verdammt und mußte bald aussterben: niemals konnte es gelingen, die wirklichen Juden zu überzeugen, Jesus sei der von ihnen erwartete Messias — das hat inzwischen die Geschichte von zweitausend Jahren unwidersprechlich dargetan; nur eine kleine Anzahl Juden gemischter Rasse aus der Diaspora mag sich denen in Pella angeschlossen haben, dazu etliche hellenistische Proselyten; diese äußerst geringfügige Wirkung verlief sich so bald in den Wüstensand, daß die Historiker wenig darüber zu berichten wissen.
    Mittlerweile hatte der Feuergeist aus Tarsos — der im Laufe seines Lebens mit dem genannten Kreise nur zwei-, höchstens dreimal

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in flüchtige Berührung geriet, mittlerweile hatte er ganz allein, aus ureigener Kraft — mit Hinzuziehung eines Stabes von dienenden Freunden, die er sich selber zu diesem Zwecke heranbildete — im ganzen Gebiete des östlichen Mittelmeerbeckens eine große Anzahl „Kirchen, die in Christo waren“, gegründet, und zwar nicht an abgelegenen Flecken, sondern in den wichtigsten Hafen- und Verkehrsstädten. Wie der genaueste Kenner bezeugt: „Paulus predigte ausschließlich in den Mittelpunkten des Handels und des römischen Lebens;... wo römische Organisation und griechisches Denken zu Hause sind, da läßt sich Paulus mit Vorliebe nieder“ (Ramsay, Church in Roman Empire, S. 57). Jener Kreis guter Galiläer in Pella bestand aus Landbewohnern und Fischern, nichts wußten sie von der Welt, nichts hatten sie erfahren, weder von deren Lastern noch von den Seelenerhebungen, welche Bildung, Philosophie und Kunst großzogen; Paulus dagegen war von Kind auf Städter, und zwar Großstädter, und als solcher mit allen Schlechtigkeiten vertraut, in die die Menschen stets schnell verfallen, sobald sie — aus natürlichen Bedingungen ausgeschieden — übereinandergehäuft leben:

In dieser Wildnis frechen Städtelebens,
In diesem Wust verfeinerter Verbrechen,
In diesem Pfuhl der Selbstigkeit!

Doch war seine Vaterstadt zugleich ein Herd hohen Geistesstrebens; Strabon stellt Tarsos als Bildungsstätte neben Athen und Alexandrien (vgl. Böhlig, S. 110); man genoß dort die Gelegenheit, alle edelsten Gedanken, welche Griechen gedacht hatten, kennen zu lernen, und selbst dem ungelehrten Volk waren philosophische Begriffe und hohe religiöse Vorstellungen wenigstens dem Namen nach geläufig.

    Was die uranfängliche Voraussetzung seines Christentums betrifft, so teilt Paulus mit den persönlichen Jüngern des Heilandes genau die gleiche Überzeugung: Jesus ist der von den Juden erwartete, von den Propheten geweissagte, in den Offenbarungsschriften verherrlichte Messias (Christus); die gleiche Übereinstimmung findet auch in bezug auf die meisten anderen grundlegenden Annahmen statt. Indem jedoch Paulus lehrt: „Christus ist des Gesetzes   E n d e“

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und hinzufügt, „er bringt   J e d e n,   der glaubt, zur Gerechtigkeit“ (Röm. 10, 4), vernichtet er das Judentum, dessen ganzes Eigenwesen auf der Annahme eines besonderen, nur ihm geoffenbarten   G e s e t z e s   beruht und welches — wie Moses Mendelssohn bemerkt hat (S. 112) — ohne dieses Gesetz gar keine Religion besitzt. So stark auch Paulus sein Judentum gelegentlich betonen mag: sobald das Gesetz aufgehoben ist, wird der Jahve der Juden zum kosmologischen Gott der Welt und aller Menschen — „ein Gott und Vater Aller, der da ist über Allen und durch Alle und in Allen“ (Eph. 4, 6 fg.) —; das Judesein verliert allen Wert, — „die kein Gesetz haben, sind sich selbst Gesetz, sie zeigen ja, wie des Gesetzes Werk ihnen ins Herz geschrieben ist, indem ihr Gewissen sein Zeugnis dazu gibt“ (Röm. 2, 14); die Nichtjuden stehen also sittlich höher ohne das Gesetz als die Juden mit ihm; und vor allem, der angebliche Messias der Juden bringt diesen die erwartete Weltherrschaft nicht mehr, vielmehr bringt er sämtlichen Menschen, „in deren Herzen er durch den Glauben wohnet“ (Eph. 3, 17), Erlösung aus Sündenlast und Leidensqual und schenkt ihnen allen ewiges Leben: „In Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch das Gegenteil etwas, sondern der Glaube, der durch Liebe sich auswirkt“ (Gal. 5, 6). Hiermit war im Gegensatz zum Judenchristentum eine Weltreligion begründet.
    Entfernte sich Paulus in dieser Weise von den frühesten Christen, so entfernte er sich noch mehr von ihnen durch die Aufnahme von allerhand Gedanken und Vorstellungen, die nicht dem Judentum entstammten, sondern vielmehr in der Welt des Heidentums — damals von religiöser Sehnsucht erfüllt — verbreitet waren: ich nenne nur   E r l ö s u n g,   W i e d e r g e b u r t,   G n a d e — Grundsäulen seines Religionsgebäudes; ich könnte auch   G l a u b e n   hinzufügen, insofern Paulus — im Gegensatz zu der geschichtlich-materialistischen Auffassung der Juden — dieses Wort rein mystisch-idealistisch versteht, was auch die damaligen Mysterienreligionen allgemein erstrebten. Um nicht mißverstanden zu werden, muß ich jedoch sofort hinzufügen, daß in diesem Falle die Vorstellungen seiner Umwelt für den Apostel nur die Bedeutung einer Vorschule besaßen, einer Vorschule, der das Verdienst zukommt, Paulus reif zum Verständnis der Lehre Jesu Christi vom Glauben gemacht zu haben. Auch seine

188 PAULUSPAULUS UND DIE EVANGELIEN
ganze Psychologie — seine Unterscheidung von Körper, Seele und Geist, von irdischem Leib und geistigem Leib usw., alles Vorstellungen, die dazumal für Paulus und seine Hörer große Bedeutung besaßen, entstammen samt und sonders seiner hellenistischen Schulung; uns muten sie fremd an, für seine Zeitgenossen bildeten gerade diese Tüfteleien eine willkommene Brücke zum Erfassen des vielen Neuen, was er ihnen brachte. Ihm war, wie jedem echten Genie, zugleich mit dem „Begehren nach dem Unmöglichen“ der feinste Instinkt für das Mögliche gegeben, für das, was die Gegenwart gerade will und kann, für das, wonach sie sich sehnt und was sie zu erreichen befähigt ist. Solche Männer bauen für die Jahrhunderte; nichtsdestoweniger trägt ihr Werk immer an einzelnen Stellen den Stempel der Zeit seines Entstehens — ich brauche nur an Plato zu erinnern; daher weist aber ein solches Werk auch immer Bestandteile auf, welche, je nach unserem augenblicklichen Standpunkt, den Eindruck von Kompromissen oder von Gewaltsamkeiten machen. Eine einzige Ausnahme kennt die Geschichte: Jesus von Nazareth steht außerhalb aller Zeitschranken, nichts an ihm veraltet, er ist immer von heute: dadurch erweist sich sein Wesen als ein übermenschliches und außerweltliches. Man kann sehr gut verstehen, daß es denen, welche die Gegenwart des Heilandes erlebt hatten, sowie dem von ihnen belehrten Kreise unmöglich ward, sich mit Paulus und seiner Lehrart zu befreunden. Als der Heidenapostel schon auf der Höhe seines Wirkens stand, zwangen ihn Jakobus und die Ältesten, sich als rechtgläubigen Juden zu bekennen, indem er im Tempel zu Jerusalem ein strenges Gelübde auf sich nimmt und sich einer besonderen rituellen Reinigung unterwirft (Aposte!geschichte, Kap. 21). Offenbar besteht von Anfang an ein Riß: derjenige Mann, der vor allen anderen „als der Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind, erkannt werden muß“, gehört nicht zu den Jüngern Jesu und wird von diesen nur widerwillig — wenn überhaupt — anerkannt. Nach dem Tode des großen Kirchenbegründers erläßt noch der Gemeindeälteste einen Hirtenbrief zur Widerlegung der Hauptlehre Pauli und schreibt mit absichtlicher Anlehnung an dessen eigenste Worte: „So sehet ihr, daß ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird, und nicht aus Glauben allein“ (Jakobus 2, 24 u. vgl. Röm. 3, 28). Der Bruch war ein vollkom-

189 PAULUSPAULUS UND DIE EVANGELIEN

mener geworden; die Judenchristen scheuten sich nicht, Paulus kurzweg „Satan“ zu nennen.
    So standen denn zwei Schulen — oder wie man sie sonst bezeichnen will — einander gegenüber wie feindliche Geschwister und waren doch, wie die Folge bald zeigen sollte, aufeinander angewiesen: aus der Vereinigung beider entsprang die mit nichts zu vergleichende Eigenart sowie der an religiösen Werten unerschöpfliche Reichtum des Christentums. Indem Paulus seine Botschaft von der Ankunft auf Erden des vielersehnten Mittlers zwischen Mensch und Gott, von dessen erlösendem Tode und Wiederauferstehen wie ein Lauffeuer durch das römische Reich verbreitete, weckte er in Tausenden von Herzen die Sehnsucht, von diesem heilbringenden Himmelsmann mehr zu erfahren, als gerade Paulus imstande war ihnen mitzuteilen; ihn erfüllte das einzige Streben, den am Kreuze Hängenden in so flammenden Farben „vor aller Augen hinzumalen“ (Gal. 3, 1), daß keiner es je wieder vergessen konnte; vor dem Erlöser entschwand ihm der auf Erden wandelnde Menschensohn, — von diesem ist bei Paulus kein einziges Mal die Rede, außer in der kurzen Schilderung des letzten Abendmahles und bei der Aufzählung der Erscheinungen des Auferstandenen; über den Menschen selbst aber nie ein Wort, auch keine unmittelbare Bezugnahme auf einen seiner göttlichen Aussprüche. Man kann es als einen Beweis seiner Genialität auffassen, daß Paulus, der den Herrn auf Erden nicht erlebt hatte, seine Unfähigkeit, ihn zu schildern, erkannte und darum schwieg. Somit fanden sich diejenigen, in deren Herzen der Same des Glaubens aufgegangen war, für die nähere Kenntnis der Persönlichkeit des Heilandes auf die kleine stille Schar jenseits des Jordans angewiesen, unter denen das Leben, das Leiden und das Lehren Jesu inzwischen die Gestalt einer bestimmten Überlieferung gewonnen hatte. Unmittelbar aus dieser Überlieferung heraus entstanden zunächst die drei ersten Evangelien — ein jedes von den beiden anderen in Farbe und Ton ein wenig verschieden, je nach der Eigenart des zusammenstellenden Verfassers und namentlich je nach den Bevölkerungsschichten, die dieser als Leser im Auge trug; der gleichen Quelle entspringt ebenfalls das ganze Gerüst des vierten Evangeliums, nur steht ein weit eigenartigerer Mann vor uns, der

190 PAULUSDAS GESICHT ZU DAMASKUS

außerdem dem umwälzenden Einfluß der Lehren des Heidenapostels unterworfen gewesen ist, so daß seine Schrift in gewissen Beziehungen eine Brücke zwischen beiden Welten bildet ¹).
    Mit Recht betrachteten die frühen Christen diesen vierfachen Bericht als einheitliches Werk und pflegten in der Einzahl von „dem Evangelium“ zu reden. Keine Frage, das Evangelium bildet die Krone des Neuen Testamentes, bildet es doch das kostbarste Kleinod alles Schrifttums; man mag die Briefe Pauli noch so hoch schätzen, neben dem Evangelium können sie nicht genannt werden. Der Wert des Evangeliums übersteigt jede Schätzung, denn dieses Werk birgt die einzige wahre Kunde von dem Wesen des Göttlichen — nicht Spekulationen darüber, sondern es lebt Gott darin, wie er in der Welt lebt, nur für uns Menschen in greifbare Nähe gerückt. Und dieses kostbarste aller Besitztümer würde uns nicht zu eigen geworden sein, wenn nicht Paulus die Sehnsucht danach in Herzen wachgerufen hätte, reif genug zu verstehen oder wenigstens zu ahnen, was diese Überlieferung enthalte. Von Paulus darf man in den Worten des Dichters behaupten:

Dem Heiltum
baute er das Heiligtum.

Daß er dies tat, ohne das Heiltum unserer Evangelien zu kennen, schmälert keineswegs sein Verdienst; geschah doch alles, was er tat, aus inbrünstiger Liebe zu Jesu Christo und im unerschütterlichen Glauben an dessen erlösende Gewalt. Immerhin gehört es zu den wunderbarsten Zügen in dem Schicksal des merkwürdigen Mannes, daß seines Wirkens kostbarster Erfolg ohne sein Wissen und Wollen errungen wurde.


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    Wenden wir jetzt den Blick zu dem Christus des Apostels, indem wir uns fragen, was er mit dem Jesus gemeinsam hat, wie ihn das Evangelium uns offenbarte (siehe Kap. 3), und was ihn

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    ¹) Das Evangelium Johannes ist nicht durchaus „paulinisch“, doch ausgesprochen „nach-paulinisch“ (vgl. Gardner: Cambridge Bibl. Essays, S. 383). Wir kommen noch am Schluß des Kapitels darauf zurück.

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dagegen von diesem unterscheidet. Wiederum kann es sich nur um allgemeine Züge handeln, die jedem sichtbar werden, der mit Ernst hinschaut; wogegen das gerade hier überwuchernde Theologische von unserer Betrachtung ausgeschlossen bleibt. Religion ist eine Angelegenheit, die jeden Menschen betrifft, und jeder wird früher oder später entdecken, daß er in letzter Reihe auf sich selber angewiesen ist, wenn er ein seine Lebenskräfte förderndes Verhältnis zu dem Göttlichen in sich gewinnen will.
    Eine Bemerkung muß vorangeschickt werden. Wer — den Vernünftlern folgend — an der Wirklichkeit des Gesichtes bei Damaskus zweifelt, verbaut sich hierdurch den Weg zum Verständnis. Ganz abgesehen davon, daß ein grundsätzlicher Lügner ungeeignet und gewiß unfähig zu dem Werke gewesen wäre, das Paulus auf Erden vollbracht hat, zeugt eine derartige Annahme von einer gänzlichen Unkenntnis der Seelenverfassung der damaligen Menschen; Gesichte-haben gehörte zu den allgemeinen Erscheinungen des religiösen Lebens überhaupt: uns Laien sollte das wenigstens aus dem Goldenen Esel des Apulejus vertraut sein, in welchem Roman Isis dem vielgeprüften Helden im Traume erscheint und ihm den Weg der Erlösung angibt, ein Vorgang, der sich an jedem weiteren Brennpunkt seines Lebens wiederholt. Freilich hat Apulejus bedeutend später als Paulus gelebt; doch gehörte er dem gleichen geistigen Zeitalter an. Den damaligen Menschen erschien jede Art von Gesichten so durchaus glaubhaft, daß die meisten unter ihnen sie aus eigener Erfahrung kannten, denn hier zeugt die Erwartung die Erscheinung; allerdings handelte es sich meistens um Traumgesichte, doch begreift man leicht, inwiefern diese Anlage bei besonders feurigen Menschen auch bis zu Tagesgesichten sich steigern mußte: das geschah bei Paulus. Die psychologische und physiologische Erklärung ficht uns nicht an. Worauf wir mit Sicherheit schließen können, ist, daß in der Brust des seltenen Mannes seelenzerreißender innerer Widerstreit vorangegangen war, teilweise unter der Schwelle des Bewußtseins, teilweise in der Gestalt marternder Gedankenkämpfe: diese führten zur entscheidenden Krisis, welche man sich in diesem Falle als einen Todeskrampf vorstellen muß, aus dem — durch Gottes Gnade, so empfand es Paulus — neues Leben, ein Leben der Wiedergeburt hervorging.

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    In dem selben Zusammenhang verdient das Folgende besondere Beachtung. Ebenso wie der Mensch — nach Goethe — nur dasjenige sieht, was er weiß, ebenso erhalten unsere Erfahrungen ihre besondere Bedeutung aus den Gedanken und Vorstellungen, die uns von allen Seiten umgeben und daher geläufig sind. Nun galt in den hellenistischen Mysterienreligionen allgemein der Satz, wer Gott mit Augen geschaut habe, erlebe an sich eine Verklärung, die ihn über alle gewöhnlichen Menschen erhebe; fortan sei er imstande, alles zu beurteilen, während er selber von niemanden beurteilt werden könne. „Wenn ein Paulus solche Vision erlebt, setzt das voraus, daß er schon vorher ganz in diesen Anschauungen gelebt hat, und die Art der Erzählung zeigt, daß auch seine Gemeinde diese Anschauungen kennt. Und auf diese Vision kann er seinen Anspruch, nicht unter, sondern eher über den Uraposteln zu stehen, nur gründen, wenn er selbst ebenso wie seine Gemeinde von der hellenistischen Wertung dieses unmittelbaren Schauens Gottes durchdrungen ist.... Für ihn und seine Gemeinden muß sich mit dem einmaligen Schauen Gottes eine dauernde Befähigung, aus sich selbst alles zu erkennen, also der Besitz des Pneuma im höchsten Sinne, verbinden. Hier waltet ein fester sakraler Begriff des Pneumatikos, den wenigstens ich nur aus der Mysterienreligion herleiten kann“: so schreibt Reitzenstein in seinem vortrefflichen Werk Die hellenistischen Mysterienreligionen, ihre Grundgedanken und Wirkungen, 1910 (S. 47 fg., 58, 200 fg.) ¹).
    Man sieht, welche entscheidende Bedeutung dem Ereignis vor Damaskus zukommt und wie töricht es wäre, darüber mit überlegenem Achselzucken hinweggehen zu wollen. Nicht bloß der unerschütterliche Glaube an seine Berufung wurzelt für Paulus in dieser Erfahrung, vielmehr schenkt sie uns volle Aufklärung über sein sonst so befremdendes Verhalten den Jüngern Jesu gegenüber, die er von dem Augenblick seiner Belehrung ab, nach Möglichkeit meidet. Gewiß liegt hier eine unbewußte Abneigung zugrunde: sein Bildungsgang, sein Temperament und seine Begabung schieden ihn von jenen Männern; noch mehr schied ihn das Bewußtsein der zu leistenden
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    ¹) Dem Begriff des Pneuma entspricht bei uns annähernd „Geist“. Paulus z. B. unterscheidet Pneuma (Geist) von Psyche (Seele) und von Sarx (Fleisch). Der „pneumatische Körper“ erbt die Unsterblichkeit, nicht der „sarkische Körper“.

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Aufgabe; doch die Rechtfertigung vor sich selber fand er einzig in dem ihm zuteilgewordenen Gesicht, „welch ungeheueres Erlebnis seine religiös schöpferische Natur aus ihrer bisherigen Gebundenheit riß und sie im wesentlichen auf sich selbst stellte“ (Reitzenstein, S. 50). Hierüber besitzen wir des Apostels eigenes Zeugnis (2. Kor. 5, 16 fg.): „So kenne ich von jetzt an niemand mehr nach dem Fleisch. Angenommen selbst ich habe den Christus in der Zeit seines Menschseins gekannt, davon weiß ich jetzt nichts mehr. Darum, wo einer in Christus ist, das ist neue Schöpfung: das Alte ist vergangen, siehe es ist neu geworden.“ Nach seiner eigenen Überzeugung, wie man sieht, hätte jede nähere Mitteilung über des Heilandes Wesen und Erdenlauf nur irreführen können.
    Man mag nun diese Wendung beklagen oder nicht, man kann unmöglich die Tatsache des Gesichtes leugnen oder geringschätzen; denn sie bildet fraglos das Sprungbrett zu jenem gewaltigen Wirken, aus dem „die Kirchen, die in Christo sind“, hervorgingen. Hätte Paulus Jesus auf Erden gekannt, hätte er nähere Kunde über seine Persönlichkeit besessen, so würde er höchst wahrscheinlich zu diesem Werke nicht mehr getaugt haben: der Heiland stand jeglicher Kirchengründung gar fern! und außerdem, wie sollte, wer seinen Worten gelauscht hatte, den Mut finden, etwas anderes zu tun, als sie zu wiederholen? Jetzt aber stand Jesus Christus dem Paulus zugleich ganz nahe und ganz fern; er hatte ihn erlebt und doch nicht erlebt; er hatte sozusagen den Hauch seines Atems gefühlt und doch nicht ihm ins Auge geblickt: hieraus entstand jene dem Paulus eigene Lehrart, die nicht zum wenigsten deswegen so stark und reich wirkt, weil sie voller unmittelbar sich widersprechender Elemente ist, die vom Mittelpunkt aus nach entgegengesetzten Enden gewaltsam hinstreben, dadurch den Hörer von allen Seiten zugleich aufrüttelnd und anregend. So läßt er z. B. Jesum als uns Menschen menschlich nahe empfinden als „den Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ (Röm. 8, 29) und dann wieder rückt er ihn in unermeßliche metaphysische Welten- und Zeitenfernen „als Erstgeborenen aller Schöpfung, in dem Alles im Himmel und auf der Erde geschaffen ward, das Sichtbare und das Unsichtbare .... der vor Allem ist und in dem Alles besteht“ (Kol. 1, 15 fg.). Oder wiederum er läßt die Gesamtheit der Gläubigen mit Christo zu „Einem Leibe“ verschmelzen

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(1. Kor. 12, 12 fg.); nichtsdestoweniger soll Christus kommen, „Gericht zu halten über Lebende und Tote“ (2. Tim. 4, 1)....

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    Heutzutage — und es spricht nicht für große Tiefe des religiösen Empfindens — wird fast Jeder mir mit der Frage dazwischenfahren: Hat Paulus Christum für Gott gehalten oder nicht? Über diese Frage ist unendlich viel hin und her gestritten worden, aber wohl nur, weil eine vorgefaßte Überzeugung um jeden Preis gestützt werden sollte. Meiner Meinung nach muß für jeden geradedenkenden Menschen schon die eine Tatsache genügen, daß Paulus wiederholt den Ausdruck gebraucht, Jesus Christus säße „zur Rechten Gottes“ (siehe z. B. Röm. 8, 34, Eph. 1, 20, Kol. 3, 1): in diesen Worten liegt eine unmißverständliche und nie abzuleugnende   U n t e r s c h e i d u n g;   man beachte, daß nicht etwa der trinitarische Gedanke (der dem Paulus fremd blieb) ihm untergeschoben werden darf, denn es heißt nicht zur Rechten des Vaters, sondern zur Rechten Gottes, und der Ausdruck wird in unverkennbarer Anlehnung an die Offenbarungsbücher (Apokalyptik) gebraucht, welche niemals den Messias mit Gott gleichstellen.
    Einen einzigen Ausspruch gibt es, welcher so gedeutet werden kann, als behaupte Paulus kurzweg: Christus ist Gott. Es handelt sich um den fünften Vers des neunten Kapitels des Briefes an die Römer. Der Apostel redet an dieser Stelle von den vielen Vorzügen der Israeliten, „denen die Sohnschaft gehört, die Herrlichkeit, die Bündnisse, die Gesetzgebung, der Gottesdienst und die Verheißungen“ — jetzt folgt der fünfte Vers, den Luther verdeutscht: „welcher auch sind die Väter, aus welchen Christus herkommt nach dem Fleische, der da ist Gott über alles, gelobet in Ewigkeit, Amen.“ Luther hat sich hier, wie häufig, einfach nach der lateinischen Vulgata gerichtet, welche die grundfalsche Übersetzung bot: qui est super omnia Deus benedictus in saecula. Amen. In Wirklichkeit sagt der griechische Urtext nicht „der da ist Gott über alles“, vielmehr „der Gott, der über allem ist, sei gelobet usw.“ Hiermit ist aber die genaue Bedeutung des Satzteiles — der Gott usw. — noch nicht grammatikalisch eindeutig festbestimmt; er kann als Apposition (Beisatz) zu

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dem Namen Christus aufgefaßt werden und sich demgemäß auf diesen beziehen, wonach zu verstehen wäre: „aus den Israeliten stammt dem Fleische nach der Messias (Christus) — der Gott, der über allem ist, hochgelobt in Ewigkeit!“ Wie gezwungen sich diese Deutung auch anhört, Augustinus und viele Kirchenväter, sowie die meisten Kirchenmänner selbst noch heutigen Tages nehmen sie als fraglos richtig an und opfern lieber den offenbaren Zusammenhang der ganzen Stelle, sowie die Übereinstimmung dieser Stelle mit allen anderen Aussprüchen Pauli, als daß sie die alleinzige Gelegenheit versäumen sollten, Paulus für ein Hauptkirchendogma zu gewinnen. Daß nun die besten unter den ältesten Handschriften diese Deutung durch ihre Interpunktion unmöglich machen, darauf wollen wir kein allzu großes Gewicht legen, da Willkür oder Mißverstand der Schreiber angenommen werden könnte; der Haupteinwurf besteht aber darin, daß der natürliche Sinn der ganzen Stelle jedem unvoreingenommenen Leser klar vor Augen liegt: den Israeliten wird vorgezählt, welcher Vorzüge sie von oben teilhaftig geworden sind, von der Annahme als Gottessöhne an bis zu der Gabe des aus ihrer Mitte geborenen Messias; zum Schluß folgt, wie bei den Juden üblich, die Lobpreisung Gottes für so viele Gnadenbezeugungen: dies der ganz einfache Sachverhalt. Einer der anerkanntermaßen zuverlässigsten Fachgelehrten unserer Zeit, Adolf Jülicher, urteilt: „Die Hinzunahme von Vers 5b als Apposition zu ‚der Messias' ist zwar sprachlich unanfechtbar und durch alte Autoritäten vertreten; aber Paulus hat niemals Christus ‚Gott' genannt, noch weniger ‚den über alles erhabenen Gott', was ganz zweifellos den allmächtigen Weltschöpfer bezeichnet“ (siehe Die Schriften des N. T. neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, herausgegeben von Joh. Weiß).
    Das mindeste, was man erwarten könnte, wäre die Beherzigung der Warnung, die Erasmus vor vier Jahrhunderten aussprach: es dürfe kein redlicher Mann sich auf einen so vieldeutigen Satz berufen und daraus gar entscheidende Lehren ableiten. Dem leidenschaftlichen Apostel, der seine Sendschreiben aus übervollem Herzen vulkanisch hinauszusprühen pflegte — „Meine Kinder, um die ich abermals Geburtsschmerzen leide, bis Christus möge in euch Gestalt gewinnen“ (Gal. 4, 19) — dem leidenschaftlichen Manne geschieht es öfters, daß er, von Ungeduld getrieben, der Sprache Ge-

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walt antut, woraus Dunkelheit entsteht, die niemals — außer durch Willkür — aufgeklärt werden kann; dafür gelingen ihm, wie kaum je einem anderen, Sätze und ganze Abschnitte, unvergleichlich an plastischer Kraft und an Wucht des Ausdruckes, zugleich unmißverständlich eindeutig: es liegt auf der Hand, daß diese Stellen es sind, in denen man die Anschauungen des Apostels zu suchen hat — nicht jene; außerhalb der Theologie würde es keinem Menschen einfallen, anders vorzugehen.
    Und so mache ich denn den Leser auf eine Stelle aufmerksam, welche volle Aufklärung über das bringt, was Römer 9, 5 im Ungewissen läßt. In dem Ersten Brief an die Korinther, Kap. 8, V. 6, heißt es: „So gibt es doch für uns nur Einen Gott, den Vater, den Schöpfer aller Dinge, der unser Ziel ist, und Einen Herrn Jesus Christus, den Mittler aller Dinge, der auch unser Mittler ist“ ¹). Der Leser darf nicht etwa die Worte „Einen Gott, den Vater“, so deuten, als stünde Gott-Vater im Gegensatz gedacht zu Gott-Sohn: dieser johanneische Gedanke kommt bei Paulus niemals vor und ist auch hier durch Wortlaut und Zusammenhang ausgeschlossen; hat doch Paulus soeben in dem unmittelbar vorangehenden Satz zwischen den Begriffen „Gott“ und „Herr“ unterschieden, indem er den „Herrn“ dem „Gott“ unterordnet. Hierbei schwebt ihm offenbar der damalige Gebrauch der hellenistischen Mysterienreligionen vor, in denen es üblich war, gewisse übermenschliche, nahe an die Gottheit heranragende Gestalten mit Kyrios, d. h. „Herr“ anzureden; so z. B. pflegte man die   M i t t l e r,   die wir im zweiten Kapitel kennen lernten — Osiris, Herakles, Dionysos usw. — durch die Bezeichnung
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    ¹) Ich gebe die Stelle in Weizsäckers Übertragung und bemerke sofort, daß die letzten Worte von „dem Mittler“ an den Charakter einer Verdeutlichung für heutige Leser an sich tragen, wogegen der griechische Urtext wortwörtlich übersetzt lautet: „Einen Herrn Jesum Christum, durch welchen alle Dinge sind und wir durch ihn“ (Text und Übertragung nach Tischendorf) — Worte, die dem unvorbereiteten Leser ihren Sinn nicht sofort enthüllen, deren Bedeutung aber für den Kenner nicht zweifelhaft ist. Bousset verdeutscht: „Einen Herrn Jesus Christus, durch dessen Vermittelung alle Dinge geworden sind, und dem wir verdanken, was wir sind.“ — Nur aus Gewissenhaftigkeit füge ich diese Anmerkung hinzu; denn der Hauptteil des Satzes — die klare Unterscheidung zwischen Gott und Christus — bietet weder Undeutlichkeit im Urtext noch Schwierigkeit in der Übertragung.

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Kyrios zu ehren: von dieser Sitte macht der Apostel an der angeführten Stelle Gebrauch und zwar im ausdrucksvollen Sinne, da er gerade die Eigenschaft Christi als eines Mittlers hervorheben will. Desgleichen dient der Zusatz „der Vater“ zum Wort Gott, den Charakter als erhabenstes einziges Wesen (siehe Kap. 1) zu betonen, wobei sich Paulus zugleich an Jesu eigene Gepflogenheit anschließt, der, wie wir wissen, Gott stets „den Vater“ nennt. — Eine letzte Verdeutlichung: Paulus hatte soeben von den Heiden gesagt, sie nähmen viele Götter und viele Herren an; im Gegensatz hierzu — so hebt er jetzt hervor — glauben die Christen nur an Einen Gott und an Einen Mittler.
    Nach diesen verschiedenen Aufklärungen setze ich die Worte Pauli noch einmal her, sicher, daß sie von Jedem in ihrer entscheidenden Tragweite deutlich aufgefaßt werden: „So gibt es doch für uns nur Einen Gott, den Vater, den Schöpfer aller Dinge, der unser Ziel ist, und Einen Herrn, Jesus Christus, den Mittler aller Dinge, der auch unser Mittler ist.“
    Nunmehr sind wir befähigt, den springenden Punkt bei der Frage nach der Gottheit Christi aufzudecken: denn durch die vorangehenden Erörterungen haben wir uns in den Stand gesetzt, ihre Elemente vom Augenpunkt des Paulus aus zu überblicken. So starke Einflüsse seine geistige Umwelt mittelbar und unmittelbar aus der hellenistisch-römischen Umgebung auch aufgenommen haben mochte, das Eine konnte dem als Juden Geborenen und Erzogenen nicht geraubt werden: sein Eingottglaube (Monotheismus). Nicht das geringste Anzeichen, daß er in dieser Beziehung jemals um Haaresbreite gewankt habe, kann vorgezeigt werden. Aus einer seiner letzten Kundgebungen hörten wir schon sein Bekenntnis des Glaubens an „Einen Gott und Vater Aller, der da ist über Allen und durch Alle in Allen“ (Eph. 4, 6), und jetzt eben vernahmen wir das gleiche in ähnlichen feierlichen Worten. Hier nun liegt die Lösung so mancher Widersprüche, welche auf den ersten Blick unlösbar scheinende Verwirrung anstiften: gerade in diesem und aus diesem unerschütterlichen Eingottglauben, der jeden Schein einer Vervielfältigung der Gottheit als Rückfall ins nackte Heidentum mit Empörung zurückgewiesen hätte, gerade aus diesem massiven, keinen Augenblick schwankenden Glauben schöpft Paulus die Befähigung, den M i t t l e r

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Jesum Christum nach und nach immer näher an Gott heranzurücken, ohne befürchten zu müssen, es könnte jemals die Grenzlinie ausgelöscht werden. Bald darauf fanden sich die Gläubigen vor ein hartes Entweder-Oder gedrängt; für Paulus kam ein solches nie in Frage, ja wir können mit Bestimmtheit behaupten, die Möglichkeit einer derartigen Fragestellung trat ihm niemals ins Bewußtsein.
    Es könnte scheinen, als habe diese Annäherung des Messias an Gott seitens des Apostels eine allmähliche Zunahme erfahren, doch hängt bei einem so beweglichen Geist viel von der Tagesstimmung ab und noch mehr von dem gerade vorliegenden Gedankengang. In einem verhältnismäßig frühen Brief (1. Kor. 15, 47) bezeichnet Paulus Jesum Christum als „Mann vom Himmel“ oder „Mensch vom Himmel“, und noch in dem bedeutend später entstandenen Brief an die Römer heißt es: „kraft seiner Auferstehung von den Toten ist er eingesetzt zum Sohne Gottes“ (1, 4); die Bezeichnung „Sohn Gottes“ ist uns schon als alter jüdischer Ehrentitel bekannt (siehe S. 148), außerdem aus dem täglichen Sprachgebrauch des Heilandes vertraut; hier kommt es uns auf das Wort „eingesetzt“ (horisthentos) an, was ebensogut mit „ernannt“, „befördert, „bestallt“ übersetzt werden kann (vgl. den Kommentar von Sanday und Headlam). Der genaue Sinn des ganzen Satzes läßt sich schwer enträtseln; doch welche Deutung ihm auch gegeben werden mag, das Eine kann nicht bestritten werden: es ist von einem zeitlichen Vorgang die Rede, Christus wird in einem gegebenen Augenblick zum „Sohne Gottes“ erhoben, was unweigerlich voraussetzt, dieser „himmlische Mensch“ habe früher diese Würde nicht — jedenfalls nicht im buchstäblichen Sinne — besessen. Dann aber wieder treffen wir auf Stellen wie die vorhin schon teilweise herangezogene aus dem Kolosserbrief (1, 15 fg.), die ich hier ausführlicher wiederhole. Von Christo ist die Rede, und da heißt es „der da ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, Erstgeborener aller Schöpfung, denn in ihm ward Alles geschaffen im Himmel und auf der Erde, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne, Hoheiten, Herrschaften, Mächte, Alles ist durch ihn und auf ihn geschaffen, und er ist vor Allen, und Alles besteht in ihm“. Auch bei dieser berühmten Stelle, um welche jahrhundertelang der Kampf getobt hat, wollen wir uns

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möglichst hüten ins Theologische hineinzugeraten. Überzeugt, daß der Apostel, als ein Mann von hervorragender Begabung, der nicht zu Gelehrten sprach, sondern sich an einfache Leute wandte mit der Absicht, von ihnen verstanden zu werden, es jedenfalls nicht auf Spitzfindigkeiten abgesehen haben wird, vielmehr daß diese alle erst später von den Theologen hineingelesen wurden, — überzeugt hiervon, werden wir mit Vertrauen voraussetzen, daß einfacher Menschenverstand genügen muß, das zu verstehen, was ein solcher Mann zu solchen Männern redet. Ich berufe mich auf Paulus selber, der da spricht: „Es ist nichts damit, daß in meinen Briefen etwas anderes stecke als was ihr leset und was ihr auch verstehet“ (2. Kor. 1, 13). Für den heutigen unvorbereiteten Leser sei vorausgeschickt, daß die Ausdrücke Throne, Hoheiten, Herrschaften, Mächte allbekannte Bezeichnungen für verschiedene Ordnungen von Engeln waren und daß den Hauptzweck des ganzen Satzes die Herabsetzung des Unfuges des damals grassierenden Engelglaubens und der Engelanbetung bildete, unter welchen die Vorstellung von der Religionsbedeutung Jesu Christi immer mehr an Lebhaftigkeit verlor; diese drohende Gefahr abzuwenden, das war überhaupt des Briefes Ziel. Wie man sieht, bestreitet der Apostel den Engelglauben keineswegs, doch ihm gegenüber hebt er so überschwenglich wie nur möglich die überragende Bedeutung des Messias hervor, neben welchem die Engel geringfügig erscheinen.
    Von entscheidender Wichtigkeit ist es, folgende Tatsache zu beachten: bei dieser Schilderung des Christus als vor aller Schöpfung entstanden und als Vermittlers der ganzen Schöpfung — gleichsam als Demiurgos — schleicht sich kein einziger eigener neuer Gedanke Pauli ein; bis herab zu der Wahl der Ausdrücke, alles eignet er sich einfach aus den Vorstellungen an, die damals — durch die Offenbarungsschriften (Apokalyptik) verbreitet — in weitesten Schichten des Volkes kreisten. Die Steigerung des Messias ins Übermenschliche bis dicht an Gott heran, seine Präexistenz, seine Beteiligung an der Schöpfung, sein Amt als Weltrichter, seine bald zu erwartende Wiederkunft auf Erden — das alles findet sich buchstäblich in den genannten Büchern. Dazu kommt noch bei Paulus einiges aus der ebenfalls zu jener Zeit vorherrschenden stoischen Philosophie. Des Apostels eigene Originalität als Religions-

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gründer hegt an anderem Orte: hier hat er einfach die eine volkstümliche Vorstellung gegen die andere ausgespielt: die höherstehende, vereinfachende gegen die buntzerstreuende, zu tollem Aberglauben hinableitende.
    Doch wir sind mit der betreffenden Stelle aus dem Briefe an die Kolosser noch nicht fertig!
    Aller jener Ausführungen, welche Christus der Gottheit anzugleichen scheinen, bemächtigen sich mit Freuden unsere Theologen, so auch dieser aus dem Kolosserbrief; wenn nur diese nicht einen Haken böte! Gleich anfangs stehen nämlich jene fatalen drei Worte: „Erstgeborener aller Schöpfung!“ Hiermit wäre also Jesus Christus doch einmal — und wenn auch als Erster — „geboren“, und demgemäß auch zur „Schöpfung“ gehörig, von Gott geschaffen! Und so hören denn seit ältesten Zeiten — namentlich aber seitdem die Arianer aus diesen drei Worten ihre Hauptwaffe gegen die Gotteslehre der Kirche geschmiedet hatten — die Versuche nicht auf, die Welt zu überzeugen, „Erstgeborener“ bedeute nicht — oder wenigstens an dieser Stelle nicht — Erstgeborener, und „aller Schöpfung“ bedeute nicht aller Schöpfung. An anderen Stellen — so z. B. „Erstgeborener unter vielen Brüdern“ (Röm. 8, 29) — wird dem gleichen Wort „Erstgeborener“ (Prototokos) sein offenbarer Sinn nicht bestritten, hier aber darf er um keinen Preis zugelassen werden. Ebenso ergeht es dem zweiten und dritten Wort. Die Sprachkenner versichern, pases ktiseos heiße nichts anderes als „aller Schöpfung“ oder alles Gemachten, Erschaffenen, allenfalls (wie Luther und Tischendorf verdeutschen) aller Kreaturen; doch auch hier erheben die Theologen Einspruch: pases ktiseos darf einfach nicht „aller Schöpfung“ heißen, denn damit wäre ausdrücklich zugestanden, der noch so erhöhte Christus sei ein Geschöpf Gottes, nicht selber Schöpfergott. Alles Nähere möge der kühn veranlagte Leser in den Fachbüchern nachschlagen, er wird jahrelang daran studieren können. Nur ein Beispiel will ich noch nennen, um die „theologische Gemütsart“ dem Laien fühlbar zu machen. Der grundgelehrte und grundehrliche Bischof Lightfoot, der in seinem sonst unübertrefflichen Kommentar zu dem Briefe an die Kolosser Beweise über Beweise aufhäuft gegen die Deutung jener drei Worte nach ihrem einfachen Sinne als „Erstgeborener aller Schöpfung“,

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meint, den höchsten Trumpf durch die Bemerkung auszuspielen: “lt contradicts the fundamental idea of the Christian consciousness“ — die Annahme, der Apostel habe „Erstgeborener aller Schöpfung“ geschrieben, widerspricht der grundlegenden Vorstellung des christlichen Bewußtseins. Gewiß ein klassisches Beispiel für die Macht eingewurzelter Zwangsglaubenssätze: um zu erfahren, was Paulus gesagt hat, wird erst gefragt, was das später entstandene „christliche Bewußtsein“ fordert, und darnach wird dann der paulinische Text so lange „interpretiert“, bis er mit den Entscheidungen der Bischofsversammlungen zu Nizäa (325) und zu Konstantinopel (381) übereinstimmt!
    Wir Laien aber wollen uns aller Vergewaltigung enthalten und aus diesem Ausspruch sowie auch aus anderen mit Gewißheit den Schluß ziehen, Paulus habe Jesum Christum sehr nahe an Gott herangerückt, ohne ihn aber jemals mit Gott verschmelzen zu lassen — spricht er doch in diesem selben Briefe an die Kolosser, einige Verse später als die beregte Stelle, von Christo als „sitzend zur Rechten Gottes“ (3, 1), also als von Gott deutlich unterschieden. Wir sind aber berechtigt, noch weiterzugehen, ja, wir treffen erst dann auf den religiösen Kern des paulinischen Denkens — auf einen Kern, unerschöpflich an Fruchtbarkeit und an Segensfülle. Den wahren Mittelpunkt der Religion Pauli bildet die klare Vorstellung und die kraftvolle Darlegung der Bedeutung und der Würde Jesu Christi als des   M i t t l e r s   zwischen Gott und Mensch: dieser Gedanke ist lebendig, er entspringt der gewaltigsten Lebenserfahrung und öffnet Millionen den Weg zu gleicher Erfahrung; durch ihn wurde Paulus zum Schöpfer „der Kirchen, die in Christo sind“, und neben diesem Gedanken sinken manche andere Vorstellungen unseres Apostels zu bloßen überkommenen Schemen herab.
    Die Stelle, wo dieser Gedanke klipp und klar zum Ausdruck gelangt, befindet sich — das muß ich vorausschicken — in einem Brief, der von vielen Gelehrten dem Paulus abgesprochen, neuerdings jedoch von hervorragendsten Sonderforschern ihm wieder mit Bestimmtheit zugeschrieben wird. Wir lesen da: „Denn es ist Ein Gott, ebenso Ein Mittler Gottes und der Menschen, der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat zum Lösegeld für alle“ (1. Tim. 2, 5 fg.). Wenn der Brief wirklich einen Anderen

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zum Verfasser haben sollte, so war dieser Andere jedenfalls ein Vertrauter Pauli — das wird allgemein zugestanden — der mit Gewissenhaftigkeit die Lehren seines Meisters weitergab ¹). Außerdem liegt im Grunde nicht gar viel an dieser einen Stelle, so willkommen sie auch als knappe Zusammenfassung wäre; denn — ich wiederhole es — die Vorstellung von der Bedeutung und der Würde Jesu Christi als eines Mittlers durchdringt das ganze Denken des Apostels, liegt allen seinen Hauptlehren zugrunde und begleitet sie bis in ihre letzten Verzweigungen.

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    An diese Betrachtung über die schwebende Stellung Jesu Christi zwischen Mensch und Gott — auf die wir übrigens noch zurückkommen — schließt sich ungezwungen eine weitere an, deren Verwandtschaft bald empfunden werden wird.
    Bezeichnend für die Denkart und für die ganze Persönlichkeit unseres Apostels ist es, daß er allerorten sich scharf entgegenstehende Gegensätze erblickt, erfaßt und ergründet: sein weiteres Denken besteht in der Ausgleichung zwischen diesen Gegensätzen oder in der Überwindung des einen durch den anderen — und überall findet diese Ausgleichung oder Überwindung durch Jesum Christum und in Jesu Christo statt. Man könnte eine große Anzahl derartiger Entgegenstellungen bei Paulus nachweisen; die Wissenschaft nennt sie Antinomien, was — wenn wir das Wort in seine zwei Bestandteile auflösen — vorzüglich verdeutscht wird durch   G e g e n - S ä t z e.   Als Beispiele nenne ich: Mensch und Gott, Tod und Unsterblichkeit, Fleisch (Sarx) und Geist (Pneuma), Gesetz und Freiheit, Sünde und Rechtfertigung, Werke und Gnade.... doch der aufmerksame Leser wird die gleiche Art der Zergliederung noch weiter verfolgen können, denn überall bestimmt sie des Apostels Denken und Darstellen; findet er z. B. Veranlassung, die Armut
—————
    ¹) Damit der Leser von dem heutigen Stand der strittigen Frage sich ein Bild mache, nenne ich einige Namen: die Verfasserschaft Pauli   b e s t r e i t e n   Harnack, Holtzmann, Jülicher, Moffat, und mit besonderer Leidenschaftlichkeit Renan; dagegen   v e r f e c h t e n   die Echtheit Zahn, B. Weiß, Lightfoot, Ramsay, Findlay.

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zu erwähnen, so stellt er ihr gleich den Reichtum gegenüber (2. Kor. 8, 9), ist von Schwäche die Rede, sofort zieht er die Kraft herbei (2. Kor. 13, 4 fg.) — und Christus ist es, der die Armut in Reichtum wandelt und aus dem Schwachen einen Riesen macht.
    Wir hörten Paulus die gesamte sichtbare und unsichtbare Welt des Daseins durch die Vermittelung Jesu Christi entstehen lassen, wodurch Christus als Mittler zwischen den beiden großen Gegen-Sätzen der Gottesruhe und der Fülle der Schöpfung erscheint. Nicht allein vermittelt er die Schöpfung, sondern „in ihm“ — also wieder durch seine Vermittelung — „gewinnt das Geschaffene Bestand“ (Kol. 1, 17), und nicht weniger zielt sie auf ihn hin — denn an anderer Stelle (Eph. 1, 10) heißt es, Gott habe beschlossen, „in der Fülle der Zeiten unter ein Haupt zu fassen das All im Christus, was im Himmel sowohl als was auf Erden ist“.
    Nebenbei möchte ich meinen Leser gleich bitten, sich nicht über den logisch-historischen Sinn einer solchen Aussage den Kopf zu quälen: handelt es sich doch um einen Mythos, und das heißt um ein Gebilde der Phantasie, ersonnen, um undenkbaren und daher unaussprechlichen Wahrheiten ahnungsvolle Annäherung an unser Gemüt Bahn zu brechen. Auf diese Frage des Mythischen bei Paulus kommen wir bald zurück; vorderhand müssen wir noch ein wenig bei seinen Gegen-Sätzen verweilen.
    Der Hauptgegensatz — derjenige, der alles umfaßt, was zu Pauli eigentlicher Religion gehört und unter den die meisten anderen Gegen-Sätze sich als Teilerscheinungen eingliedern lassen — ist der zwischen Mensch und Gott: einer derjenigen, der nicht durch Überwindung des einen Teiles auf Kosten des anderen seine Schlichtung findet, vielmehr durch kräftigste Bejahung beider Teile: indem der Mensch — durch Jesum Christum dazu belehrt und befähigt — sein geläutertes Wesen gottwärts erhebt, während die Gottheit — der Vater — durch die Fürbitte Jesu Christi dazu bestimmt — sich gnadenvoll bis zum Menschen herabsenkt.
    Um die Bedeutung dieses Gedankens richtig zu erfassen, muß man wissen und bedenken, daß der Mensch, indem er sich an Christum anschließt, Fähigkeiten gewinnt, durch welche er ein neues Wesen wird und neue Würde erhält: „Wo einer in Christo ist, das ist neue Schöpfung — das Alte ist vergangen, siehe es ist neu

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geworden“ (2. Kor. 5, 17). Hieraus entsteht ein neues Verhältnis des Menschen zu Gott; „er wird Gottes Tempel, und der Geist Gottes wohnt in ihm“; darum nannten sich die frühesten Christen die Gemeinde der Heiligen: „denn der Tempel Gottes ist heilig, das seid ihr“ (1. Kor. 3, 17). Es handelt sich nicht allein um Gefühlswerte und um sittliche Erhöhung, sondern — wie Paulus dartut — auch um eine Steigerung der Verstandesfähigkeiten, indem wir „an dem Verstande Christi“ teilnehmen: bleibt auch „das Innere Gottes unergründet“, wir empfangen durch Christum „Geist, der aus Gott ist, um damit zu verstehen, was uns von Gott geschenkt ist“ (1. Kor. 2, 12—16).
    Die Vorstellung von der Steigerung des ganzen Menschenwesens als dem Hauptwerk Jesu Christi, liefert bei diesem Gedankengang den entscheidenden Zug. Das bisherige Ideal oder Prototyp (Urbild) desjenigen Wesens, das Mensch geheißen werden kann, war der Adam der Schöpfungserzählung; mit Christo tritt eine neue Gedankengestalt „Mensch“ in die Erscheinung; weswegen Paulus ihn den „zweiten Adam“ nennt: der erste Idealmensch war „lebendige Seele“, der zweite ist „lebendigmachender Geist“: „Der Erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der Zweite Mensch ist vom Himmel. Welcherlei der irdische ist, solcherlei sind auch die irdischen, und welcherlei der himmlische ist, solcherlei sind auch die himmlischen. Und wie wir (Menschen) getragen haben das Bild des irdischen, also werden wir auch tragen das Bild des himmlischen“ (1. Kor. 15, 45—49). Aus dieser Darstellung treten zwei Dinge unmißverständlich hervor: erstens die auch uns erreichbare Steigerung unseres Menschenwesens in die Richtung, die der Heiland gewiesen hat, und zweitens die Tatsache, daß er dies als Mensch bewirkte. Es fällt nämlich auf, daß an derartig entscheidenden Stellen Jesus Christus von dem Apostel stets ausdrücklich als „Mensch“ bezeichnet, d. h. also sein Menschtum betont wird. So z. B. lesen wir in den allbekannten Ausführungen des Briefes an die Römer (5, 12—21), in denen wiederum Christus als zweiter Adam dem ersten entgegengestellt wird (beide als „Urbilder“ ausdrücklich bezeichnet): „....wenn dort durch den Fall des Einen die Unzähligen dem Tode erlegen sind, so hat sich um Vieles gewisser die Gnade Gottes und das Gnadengeschenk des Einen Menschen Jesus Christus für Un-

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zählige verschwenderisch reich erwiesen.“ ¹) Auch verweise ich noch einmal auf den Satz in dem Brief an Timotheus (S. 201): „Denn es ist Ein Gott, ebenso Ein Mittler Gottes und der Menschen, der Mensch Christus Jesus.“ Die Vorstellung von der Möglichkeit der Steigerung des Menschen aus einem zwar „seelenbegabten“ doch tierischen Wesen zu einem „geistbegabten“ gottverwandten Wesen fordert durchaus, daß Jesus Christus Mensch gewesen sei, sonst büßt sein Beispiel jegliche Bedeutung für uns ein. Dem Apostel liegt nun alles daran, von dieser Steigerungsfähigkeit zu überzeugen; denn dieser Glaube bildet seine ganze Religion — wie er gleichfalls das Geheimnis der ungeheuren Kraftwirkung ausmacht, die er auf die Menschheit ausgeübt hat; blieb auch gerade diese Hauptlehre meist — als solche — unerkannt, sie wirkte trotzdem mit unwiderstehlicher Gewalt.
    Manche Schwierigkeit entsteht aus dem halbverborgen bleibenden Gegensatz zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen gegenwärtiger Erlösung und zukünftiger Erlösung.
    Weit gefehlt wäre die Annahme, Paulus habe einzig ein künftiges Leben im Sinne; freilich faßt er das irdische Dasein nur als Vorhof zu dem jenseitigen auf: „Wissen wir doch, daß wir, wenn unsere irdische Zeitwohnung aufgelöst wird, einen Bau von Gott haben, ein Haus nicht mit Händen gemacht, ewig im Himmel“ (2. Kor. 5, 1); jedoch der Anfang muß hier auf Erden gemacht werden, hier und heute: das ist Gebot — sonst erben wir die Unsterblichkeit nicht. Möglich ist es, dank dem Leben, dem Lehren und dem Sterben und dem Auferstehen unseres Heilandes: „einen anderen Grund kann keiner legen als der da liegt, nämlich Jesus Christus“ (1 Kor. 3, 11). Paulus ist dermaßen von der Gewißheit durchdrungen, der Mittler, der unter uns „in der Gestalt des sündigen Fleisches“ geweilt hat (Röm. 8, 3), sei — sobald wir nur an ihn glauben, und d. h. ihm diese Macht zutrauen — fähig, eine vollkommene innere Umwandlung auch in uns zu bewirken, daß er
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    ¹) Hier habe ich die Verdeutschung Adolf Jülichers benutzt, weil sie mir den faßlichsten Sinn im Deutschen zu geben schien. Dieser in der Urschrift äußerst verwickelte Satz wird von jedem Gelehrten anders übersetzt; doch besteht über den allgemeinen Sinn kein Zweifel, namentlich nicht über die Worte „des Einen Menschen Jesus Christus“.

206 PAULUSDIE GEGEN-SÄTZE (ANTINOMIEN)

kühn schreibt: „da wir noch im Fleische   w a r e n“   (Röm. 7, 5) — womit er deutlich erklärt, der christusgläubige Mensch habe schon jetzt die „Fleischesgestalt“ gegen die „Geistesgestalt“, welche der neuen Menschheit eignet, umgetauscht. Dergleichen Versicherungen begegnen wir bei Paulus nicht selten. Ich erinnere z. B. an folgende: „Wir, die wir der Sünde   g e s t o r b e n   s i n d,   wie sollen wir noch in der Sünde leben?“ „Durch die Taufe auf den Tod Christi   s i n d   wir mit ihm begraben   w o r d e n.“   „Ihr   w u r d e t   von der Sünde befreit und zu Knechten der Gerechtigkeit gemacht“ (Röm. 6, 2, 4, 18). „Ihr   s e i d   g e s t o r b e n   und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kol. 3, 3) ....Schließlich rufe ich das entscheidende Wort ins Gedächtnis:   „I h r   s e i d   a l l e   S ö h n e   G o t t e s   durch euren Glauben an Christum Jesum“ (Gal. 3, 26). Man wähne nicht, der Apostel gebe sich der Täuschung hin, die Mitglieder seiner Kirchen hätten als eine Folge ihrer Bekehrung und Taufe zu sündigen aufgehört. Dutzende von Stellen könnte man zum Beweise des Gegenteils anführen; immer wieder mahnt er: „Bietet nicht eure Glieder der Sünde als Waffen der Ungerechtigkeit!“ (Röm. 6, 13) — und ähnlich. Nichtsdestoweniger hält Paulus daran fest, daß wir — sobald wir zu Jesu Christo gehören — bereits hier auf Erden   „im   n e u e n   S t a n d e   des Lebens wandeln“. Religion ist eben für ihn — wie sie es für Jesum war — unmittelbare, pulsierende, flammende Gegenwart. Nichts ist irriger als die Behauptung einiger Theologen, die Religion Pauli sei — im Gegensatz zu derjenigen des Heilandes — eine Religion der Zukunft, auf Hoffnungen aufgebaut; vielmehr gibt es nach Paulus gar keine Zukunft für diejenigen Menschen, die sich nicht hier und heute zu Christo bekennen. Glauben ist für ihn die tätigste aller Taten; durch Glauben beginnt der Mensch Schöpfer zu werden, und zwar zunächst an sich selber — weil nämlich Glauben nichts anderes heißt als unsere Seele der Gottheit öffnen und ihr dadurch Einlaß geben.
    Über den scheinbaren Widerspruch, den wir soeben beim Apostel aufgedeckt haben — insofern er noch sündige Menschen als heilige Tempel Gottes rühmte —‚ über diesen scheinbaren Widerspruch klärt uns unser herrlicher Schiller auf, indem er uns belehrt: „Der reine moralische Trieb ist aufs Unbedingte gerichtet, für ihn gibt es keine Zeit, und die Zukunft wird ihm zur Gegenwart, sobald

207 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

sie sich aus der Gegenwart notwendig entwickeln muß. Vor einer Vernunft ohne Schranken ist die Richtung zugleich die Vollendung, und der Weg ist zurückgelegt, sobald er eingeschlagen ist“ (Aesth. Erz., Bf. 9). Dieses unsterbliche Wort Schiller's ist wie auf Paulus gemünzt, dessen Leben aus lauter verzehrender Gegenwart bestand — einer rastlos Zukunft schaffenden Gegenwart: „Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht, daß ich's ergriffen habe; Eines aber sage ich: ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich nach dem, was da vorne ist und jage nach dem vorgesteckten Ziel!“ (Phil. 3, 13).

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    Das alles sind nur knappe Andeutungen; der Gegenstand ist unerschöpflich; mir muß es genügen, wenn es mir gelingt, zu richtigen Gedanken anzuregen; ich setze Leser voraus, denen es Bedürfnis ist, weiter zu forschen und weiter zu denken. Anknüpfend an die vorhin gestellte Frage: hat Paulus Christum für Gott gehalten oder nicht? (S. 194) will ich jetzt besagte Leser auf einen Umstand aufmerksam machen, geeignet, nach verschiedenen Richtungen hin aufklärend zu wirken.
    Daß Jesus unter uns Menschen als Mensch gelebt hatte, das stand nicht in Frage. Man beachte nun, daß es zweierlei Arten gibt, einem Menschen Wesensgleichheit mit der Gottheit zuzuschreiben: die eine versetzt jenen Menschen nachträglich in den Himmel und erklärt, „er ist Gott geworden“, die andere behauptet, „Gott hatte in ihm Menschengestalt genommen und war unter uns gewandelt“: im ersten Fall handelt es sich um einen Mythos, im zweiten um eine mystische Erkenntnis. Man tut gut daran, diese Unterscheidung zu beachten und im Sinne zu behalten, weil beides — Mythos und Mystik — Fühler sind, die wir Menschen aus unserer Beschränktheit in die uns umgebende Welt des Geistigen tastend ausstrecken, jeder aber von dem anderen sehr verschieden. Der Mythos versetzt das Nahe in die Ferne, das Bekannte ins Unbekannte, in der Hoffnung, auf diesem Wege für das Nichtbegreifliche eine anschauliche Vorstellung zu gewinnen; dagegen zieht die Mystik das unsichtbare Ferne ins innerste Gemüt hinein, damit es dort unmittelbar wirke. Uns Europäern ist die mythische Weltan-

208 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

schauung hauptsächlich aus der klassischen Welt Hellas' und Roms vertraut; für die Mystik des auf Erden wandelnden Gottes bietet uns das arische Indien die bekanntesten Beispiele. Der Vorzug des Mythos liegt in der allgemeinen Verständlichkeit eines sichtbar Gestalteten, der Nachteil besteht in der Gefahr, daß das Bild das Geheimnis verdränge und zur Sache selbst werde; der Mystik eignet eine unvergleichliche Kraft der Unmittelbarkeit, dagegen bleibt es schwer, die durch sie geweckten Erlebnisse Anderen mitzuteilen, und daher pflegt sie — bei weiterer Verbreitung — zu sinnlosem Wortkram und zu Heuchelei zu führen: dort droht also Materialismus, hier Formalismus.
    Paulus nun, als Sendling der neuen Frohbotschaft, hat von diesen beiden Mitteln, Andere an seinem religiösen Erlebnis teilnehmen zu lassen, reichlichen Gebrauch gemacht: eine Probe seiner mythischen Lehre haben wir oben (S. 200 fg.) ausführlich in Betracht gezogen und gesehen, daß er Jesus von Nazareth als Mittler der gesamten Weltschöpfung — in ihrem Anfang, ihrem Bestand und ihrem Ziele — erblickt. Solche Aussprüche fallen in die Augen, und dennoch liegt dem Apostel ungleich mehr an der mystischen Erkenntnis, daß dem Menschen Jesu „all die Fülle der Gottheit innewohnte“, daß er „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ war, dessen „Herrlichkeit auf seinem Antlitz strahlte“ — kurz, daß in der Person dieses Menschen ein Göttliches unter uns gewandelt ist.
    Einführend sei auf eine Eigentümlichkeit Pauli hingewiesen, die für ihn allein bezeichnend ist: niemals geht er — weder bei seinem Mythos noch bei seiner Mystik — bis an das logisch geforderte Ende, immer hält er kurz vorher inne. Damals z. B. entsetzten sich einzig die Juden über die Behauptung, ein Mensch sei Gott, Griechen und Römern war diese Vorstellung geläufig — wurde doch jeder Kaiser sofort nach seiner Thronbesteigung als Gottheit verehrt; dennoch hat Paulus niemals — wir erfuhren es oben — rundweg erklärt: Jesus Christus ist Gott; ebensowenig hat er jemals — wie bald nach ihm Johannes es tat — das Wort gesprochen: Gott ist in Christus Fleisch (d. h. Mensch) geworden. Daraus entnehmen wir, in welcher Reinheit dieser wunderbare Mann die Vorstellung des   M i t t l e r s   als Grundlage aller Religion erfaßte. Darum ist bei ihm auch alles so unvergleichlich reich an Leben und an leben-

209 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

diger Wirkungskraft, weil nämlich — wie das bei jeder Lebensgestalt der Fall ist — der ganze Organismus seines Denkens genau auf der Messerschneide schwebt, woraus größte Beweglichkeit bei stets sich neu einstellenden Gleichgewichtsverhältnissen erfolgt, und alles sonst überall bald auftretende Erstarren und Sichfestrennen ausgeschlossen bleibt. Weilen des Apostels Gedanken unter der sündebelasteten Menschheit und blicken von dort aufwärts, so erschaut er den Heiland auf Gottes Thron; versucht er dagegen Gottes Weltenpläne zu enträtseln, so wird ihm Christus zum Typus des neuen Menschen, zum „zweiten Adam“.
    Niemals sollte man an Paulus den Maßstab eines Systematikers und Dogmatikers anlegen: bei ihm ist — subjektiv betrachtet — alles unmittelbares, mystisches Erlebnis, und — objektiv gesehen — leidenschaftliches Überzeugenwollen, welches sich in der Wahl der Mittel zur Überredung stets nach den Anschauungen und Denkgewohnheiten der zu Bekehrenden richtet.
    Die große Bedeutung letzterer Bemerkung für die Beurteilung der einzelnen Briefe Pauli liegt auf der Hand. So richtet er z. B. jenen Brief mit dem Schöpfungsmythos an die Kolosser, Kleinasiaten, in deren Köpfen derartige Wahngedanken seit jeher kreisten; ihm genügt es, wenn er vorläufig deren tollen Engel- und Dämonen-Aberglauben in Schranken zurückweisen und Jesu Christo die erste Stelle erkämpfen kann. Ein zweites Beispiel: schreibt er an die Korinther — in Polytheismus großgezogene Griechen — so gibt er diesen ohne weiteres zu: „es sind ja der Götter viele“ und fordert von ihnen nur außerdem den Glauben an den Einen Gott, der über allen ist, den Vater, und an dessen Mittler Jesum Christum (1. Kor. 8, 5 fg). Er selbst bekennt es: „Obwohl ich frei dastand gegenüber von Allen, habe ich mich Allen zum Knecht gemacht, um recht Viele zu gewinnen. Ich bin den Juden wie ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen...; denen ohne Gesetz (bin ich geworden) wie einer ohne Gesetz, der ich doch nicht ohne Gottes Gesetz bin, vielmehr im Gesetz Christi stehe — um die ohne Gesetz zu gewinnen. Den Schwachen bin ich schwach geworden. Ich bin Allen Alles geworden, um allerwege Etliche zu retten. Solches aber tue ich um der Verkündigung des Evangeliums willen, auf daß ich sein teilhaftig werde“ (1. Kor. 9, 19—23).

210 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

    Wie töricht, bei einem Manne, der ein solches Bekenntnis freimütig ablegt, aus einzelnen Aussprüchen bindende Glaubenssätze (Dogmen) zu schmieden und jedes Wort auf die Goldwage zu legen! Vielmehr haben wir zu erkennen, daß in ihren mythischen Bestandteilen den Lehren Pauli durchaus nur der Wert von Allegorien, Bildern, Annäherungen, Andeutungen zukommt, wobei noch der Apostel die Vorstellungen seiner jeweiligen Zuhörer gern berücksichtigt, um von der ihnen vertrauten Seite aus die Annäherung an verborgene Wahrheiten zu unternehmen.
    Dem gleichen Leitfaden folgend können wir noch weitere Anregungen gewinnen, geeignet, unser Verständnis der Briefe Pauli zu vertiefen und zu verschärfen. So werden wir z. B. bei den meisten der grundlegenden Gegen-Sätze, die wir für des Apostels Denken bezeichnend fanden, bei genauerer Betrachtung entdecken, daß die eine Seite der Gleichung — d. h. der eine „Satz“ — mehr seinem mythischen, die andere — also der andere „Satz“ — mehr seinem mystischen Denken angehört; die mythischen Sätze besitzen offenbar eher bildliche Bedeutung und sollen nicht allzu wörtlich verstanden werden, wogegen bei den mystischen Sätzen die Worte darnach ringen, die innersten Herzensgedanken des Schreibers zum Ausdruck zu bringen.
    Man betrachte den für die Religion Pauli entscheidenden Gegen-Satz „Werke : Glauben“. Die Lehre von der Erlösung durch gottgebotene Werke wird erstens immer geschichtlich dargestellt und das heißt — wie Kant uns belehrt — unreligiös, zweitens, wer kann den Brief an die Römer lesen, ohne zu bemerken, daß der Apostel in bezug auf die Rechtfertigung durch gebotene   W e r k e   einen verwickelten Mythos aufzubauen bestrebt ist, in welchem er manchmal weder ein noch aus weiß, bis er sich durch eine neue gewaltsame Wendung Luft macht? Das hier eingehend darzulegen, würde zu weit führen; ich empfehle aber ein aufmerksames Sichversenken in die Kapitel 5—8. Und dann betrachte man die Reihe der verwandten Gegen-Sätze — ich nenne Verdienst und Gnade, Gesetz und Freiheit, Sünde und Rechtfertigung, Gericht und Erlösung! Überall wird man finden, daß das erste Glied dieser Entgegenstellungen als Mythos behandelt wird, das zweite dagegen als mystisches Geheimnis. Vom   G e s e t z   gilt genau das gleiche, was von den Werken gesagt wurde; die   S ü n d e   wird geradezu zu einem mythischen Wesen personifi-

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ziert: „Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so bin ich es nicht mehr, der es vollbringt, sondern die Sünde tut es, die in mir wohnt“ (Röm, 7, 20); die juristische Vorstellung des   G e r i c h t e s   ist ohne weiteres dem ägyptischen Mythos entlehnt und gelangt durch die Vermittelung der jüdischen Apokalyptik in Pauli Hände, — sie bildet einen unmittelbaren Widerspruch zu der Lehre von der Erlösung durch Jesum Christum, man gedenke nur der an einen Verbrecher gerichteten Worte: „heute wirst du mit mir im Paradiese sein“. In welch einer anderen Welt bewegen wir uns, sobald der Apostel von Glaube, Gnade, Freiheit, Erlösung redet. Man wähnt, einen anderen Mann sprechen zu hören.
    Für die Bedeutung des Begriffes   G l a u b e — ich würde lieber sagen, für die Bedeutung der Tatsache des Glaubens — bei Paulus ist es nicht möglich, auf einen einzelnen Ausspruch zu verweisen, der irgend erschöpfend Inhalt und Sinn darlegte: der Glaube bildet die Triebfeder seines ganzen Lebens; dies bricht allerorten hervor und übersteigt als überirdisches Erlebnis alle Fähigkeit der menschlichen Sprache. „Ich bin mit Christo gekreuzigt, ich lebe jetzt nicht als ich selbst, es lebt in mir Christus; sofern ich aber noch im Fleische lebe,   l e b e   i c h   i m   G l a u b e n   an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat, und sich selbst für mich hingegeben hat“ (Gal. 2, 20). Man überhöre ja nicht die Worte „der mich geliebt hat“; denn bei Paulus hängen Glaube und Liebe eng zusammen. Wir vernahmen es ja vorhin: nur derjenige Glaube ist echt und „vermag etwas“, der „durch Liebe sich auswirkt“, denn — wie es bald darauf heißt — „es gilt neue Schöpfung“, und schöpferisch ist einzig die Liebe (Gal. 5, 6; 6, 15). Hierzu bemerkt der große Forscher Bengel: „auf diesen Worten beruht das ganze Wesen des Christentums“ (nach Lightfoot). „Mit dem   H e r z e n   wird Jesus geglaubt“ (Röm. 10, 10), heißt es an anderer Stelle: es handelt sich also um kein Fürwahrhalten, ebensowenig um ein Überzeugtsein durch Vernunftgründe, sondern um ein das ganze Wesen des Menschen erfassendes Erlebnis im innersten Gemüte ¹). Man höre noch folgende Worte"
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    ¹) Hierdurch findet sich von vornherein die katholische Lehre widerlegt: „ex toto ecclesiae dogmate quod intellectu capi potest, capiant, quod non potest, credant“ (Vincentius Lerinensis, nach Loofs: Dogm. Gesch., 437). Diese nüchterne Lehre hat nicht das geringste zu schaffen mit Pauli Lehre vom Glauben.

212 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

„Ich beuge meine Knie vor dem Vater...., daß er euch verleihen möge nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, mit Macht stark zu werden durch seinen Geist an dem   i n w e n d i g e n   Menschen, auf daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen, und ihr   i n   L i e b e   e i n g e w u r z e l t   u n d   g e g r ü n d e t   s e i d,   damit ihr in vollen Stand kommt..., zu erkennen die alle Erkenntnis übersteigende   L i e b e   des Christus“ (Eph. 3, 16 fg). Nur wer „in Liebe eingewurzelt und gegründet“ ist, nur der allein weiß, was das heißt, im Sinne des Apostels Paulus:   a n   C h r i s t u m   g l a u b e n.   „Wenn ich den ganzen Glauben habe zum Bergeversetzen und habe keine Liebe, so bin ich nichts!“
    Bei diesen letzten Worten frage ich mich, ob jeder Leser weiß, was es für eine Bewandtnis hat mit jenem Höhepunkt paulinischer Eingebung, der unter dem Namen dreizehntes Kapitel des ersten Briefes an die Korinther jedermann vertraut ist? Hier wird von dem Apostel vor unseren Augen das Wesen des Glaubens entfaltet, vielleicht sage ich besser, auseinander gefaltet: dabei erscheinen Hoffnung und Liebe als Bestandteile des Glaubens. Von der Liebe als des Glaubens innerstem Herzen haben wir eben gehört. Die Hoffnung bildet gleichsam sein äußeres Gewand, den Waffenschmuck, und gehört zu jenen „Waffen des Lichtes“, die der Apostel uns anzulegen empfiehlt (Röm. 13, 12); innerhalb des mystischen Glaubenslebens vertritt die Hoffnung ein mythisches Element und treibt zum Handeln an; wir sollen „ohne Hoffnung auf Hoffnung glauben“ (Röm. 4, 18), „denn durch Hoffnung sind wir gerettet“ (Röm. 8, 24). So wirken diese verschiedenen Elemente ineinander und bilden zusammen das, was Paulus unter   G l a u b e n   versteht.
    Noch fehlt uns aber die unentbehrliche Ergänzung, ohne welche der Glaube nicht Glaube wäre.
    Zum Glauben gehört untrennbar die   G n a d e:   das eine kann ohne das andere nicht bestehen. Zunächst empfinden wir die Gnade als eine Folge des Glaubens, doch Paulus belehrt uns: „Denn durch Gnade seid ihr errettet mittelst des Glaubens, und dieses nicht aus euch, Gottes Geschenk ist es....“ (Eph. 2, 8). Hier liegt unstreitig das größte Geheimnis — das eigentliche Mysterium — der paulinischen und mit ihr aller echten Religion. Zwar urteilt Kant: „Wenn alles ... auf einen unbedingten Ratschluß Gottes hinausläuft — 'er erbarmet

213 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

sich, welches er will, und verstocket, welchen er will' (Röm. 9, 18) —‚ dann bedeutet dies, nach dem Buchstaben genommen, den salto mortale der menschlichen Vernunft“ (Religion, S. 178); worauf zu erwidern ist, daß vom „Buchstaben“ hier die Rede nicht sein kann, da es sich um Dinge handelt, die alle Menschenvernunft weit übersteigen, so überzeugend sie auch erlebt werden. Beth weist nach, daß die Vorstellung eines sich freiwillig helfend zum Menschen herabneigenden höchsten Gottes — unserer Vorstellung von Gnade wesensverwandt — auch den urtümlichsten Völkern nicht unbekannt ist (Religion und Magie bei den Naturvölkern, S. 209); wie dem auch sei, in der Welt der Griechen und der griechisch Gemischten waren zu Lebzeiten Pauli Vorstellung und Wort „Gnade“ (Charis) allverbreitet und beschäftigten die Gedanken der religiös Gerichteten; die Fragen der Vorherbestimmung und die der Berufung oder der Gnadenwahl wurden in den damaligen Mysterienreligionen viel erörtert (Reitzenstein, Myst. relig., S. 37 fg.). Ramsay schreibt: „Der Inbegriff jenes zarten Erzeugnisses, das wir Hellenismus heißen, liegt in der Vorstellung Charis eingeschlossen. Der Geist des Hellenismus weht uns aus diesem Worte an. Ohne Charis, kein Hellenismus“ (Teaching of Paul, S. 404 fg.). Sehr bezeichnend für Paulus als Bekehrergenie finde ich es, daß er gerade dieses Wort — welches ohnehin in den Ohren seiner Zuhörer voll geheimen Zaubers erklang — für die Mitteilung seiner tiefsten mystischen Ahnung erwählte.
    Da ich „seiner Ahnung“ sage, muß ich sofort hinzufügen, daß er diese Ahnung dem Heiland selber verdankte: hier findet unmittelbare Berührung statt — erkläre man sich diese durch die dem Paulus zuteil gewordene Offenbarung, oder einfach durch seine vielfach bezeugte genaue Kenntnis der wichtigsten Aussprüche Jesu Christi; und hierdurch ward er befähigt, dem vertrauten Worte „Gnade“ neues Leben einzuhauchen. Was Jesus in dieser Beziehung gelehrt hat, steht außer Zweifel, berichten doch die früheren Evangelisten das Wort: „Verkauft man nicht zwei Sperlinge um ein Aß? und doch fällt nicht einer von ihnen zur Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind auch die Haare auf dem Kopfe alle gezählt“ (Matth. 10, 29 fg.) — und bringt Johannes Worte wie folgende: „Niemand kann zu mir kommen, außer wenn ihn der Vater, der mich gesandt hat, zieht .... Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn

214 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

vom Vater verliehen“ (6, 44, 65). Uns Menschen fällt es meistens schwer, dieser Auffassung der unbedingten Allmacht Gottes zuzustimmen, immer wollen wir wenigstens einige Einschränkungen annehmen, ohne welche uns die Freiheit und mit ihr die Sittlichkeit gefährdet erscheint. Jesus und Paulus wußten es anders. Paulus gibt als entscheidendes Beispiel den Fall Jakob's und seines Bruders Esau, — Kinder des gleichen Elternpaares — deren beider Schicksal vorherverkündigt wurde, „ehe sie noch geboren waren, noch etwas Gutes oder Schlimmes getan hatten, — damit es bleibe bei Gottes freier Wahl, unabhängig von Werken, ganz nach seiner Berufung“, wozu der Apostel hinzufügt: „So kommt es also nicht an auf jemandes Wollen oder Laufen, sondern auf Gottes Erbarmen“ (Röm. 9, 11, 16).
    Unsere Menschenvernunft ist eben hier durchaus unzureichend ausgestattet; damit haben wir uns abzufinden. Hat doch Kant gezeigt, daß auch innerhalb dieser Vernunft der Widerstreit zwischen Freiheit und Notwendigkeit einzig durch einen Machtspruch geschlichtet werden kann, der beiden Behauptungen gleichmäßiges und gleichzeitiges Recht aufs Dasein zuspricht, indem, je nach dem Standpunkt der Betrachtung, das eine Mal alle Handlungen der Menschen als lückenlos bedingt, und das heißt als notwendig angenommen werden müssen, das andere Mal die gleichen Handlungen als aus freiem Entschluß hervorgehend erkannt werden. Wir müssen, denke ich, uns für das Gebiet außerhalb der Vernunft ähnlich behelfen, indem wir zwei sich “anscheinend widersprechenden Behauptungen gleichen Wahrheitsgehalt zugestehen: der Allmacht Gottes und der freien Wahl des Menschen. Paulus sagt, die Christen seien „zur Freiheit berufen“, ja sogar: „für die Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal. 5, 1 u. 13), womit er wiederum buchstäblich genau mit Jesus übereinstimmt, welcher sprach: „Die Wahrheit wird euch frei machen“ (Joh. 8, 32). Zugrunde liegt der Gedanke, daß erst derjenige Mensch, der Gottes unbedingte Allmacht anerkennt und sich als das Geschöpf seiner Gnade weiß, wirkliche Freiheit besitzt: „Wenn euch der Sohn freimacht, dann werdet ihr wirklich frei sein“, wogegen „wer die Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh. 8, 34 fg.). Wie man sieht, verstehen Jesus und Paulus unter   F r e i h e i t   nicht einen logisch bestimmbaren Begriff, sondern ein mystisches Erlebnis.

215 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

    Auch die Vorstellungen der   R e c h t f e r t i g u n g   und der   E r l ö s u n g   sind einzig mystisch zu verstehen. Ich werde mich hüten, den Theologen in ihren weitläufigen Erörterungen über diese beiden Begriffe zu folgen; je mehr sie sagen, desto weniger versteht man sie; ich meinerseits bescheide mich gern mit Paulus. Dort wo er von der Rechtfertigung spricht, gesteht er: „Sind wir von Sinnen gekommen, so ist es für Gott: sind wir bei Sinnen, so sind wir's für euch, denn   u n s e r   W a h n   ist die Liebe Christi“... (2. Kor. 5, 13). Und, redet er wiederholt vom Letzten Gericht, sogar von „Gottes Zorngericht“ (Röm. 3, 5), — alles im Anschluß an die altägyptischen Vorstellungen eines juristischen Verfahrens, wodurch des Heilandes Verheißung der Erlösung an alle Sünder (vgl. Kap. 3) aufgehoben wäre — so nennt er doch an anderem Ort Jesum „denjenigen, der selbst den Gottlosen rechtfertigt“ (Röm. 4, 5), und sagt von Gott: „Gott ist da zum Rechtfertigen; wer ist da zum Verdammen?“ (Röm. 8, 34). Nicht weniger bleibt die Vorstellung der Erlösung eine rein mystische, von der bloßen Vernunft niemals klar zu erfassende; sobald die Vernunft sie in einen Brennpunkt zu bringen sucht, löst sie sich auf. Auch die Behauptung, der Kreuzestod habe uns die Erlösung gebracht, drückt nur eine bildliche Teilwahrheit aus, denn, wie Paulus sagt, „das   S e i n   in Christus Jesus“ ist es, wodurch „uns geworden ist Weisheit von Gott, Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung“ (1. Kor. 1, 30): nicht sein Tod allein — diese Auffassung führt zu krassem Materialismus — vielmehr sein Erscheinen auf Erden überhaupt ist es, was uns Menschen aus Banden der Tierheit „erlöst“.
    Bei einem englischen Theologen finde ich eine Liste von neun verschiedenen Aussagen Pauli über die Bedeutung und den Wert von Christi Tod; je nach Stimmung und Absicht wechselt die Vorstellung. Wohl als die umfassendste und tiefste dürfen wir diejenige bezeichnen, nach welcher dieser Tod in Stellvertretung aller Menschen den Tod überwunden und dem Leben erst Leben verliehen habe: „Einer ist für Alle gestorben, also sind sie Alle gestorben; für Alle gestorben ist er, auf daß die Lebenden nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferweckt ist“ (2. Kor. 5, 14 fg).
    Wichtig ist es zu wissen, daß die an alttestamentarische Denkweise anschließende — weitverbreitete Vorstellung eines von Gott

216 PAULUSMYTHOS UND MYSTIK

zur Sühne geforderten Opfertodes bei Paulus keine Stütze findet. Da hierüber so viel Irrtum herrscht und von unseren Kirchen großgezogen wird, rufe ich einige unserer anerkannt besten Sonderforscher zu Zeugen herbei. Ramsay lehrt: „Die Idee, daß die paulinische Lehre dem Wirken Christi die Bedeutung eines Gott dargebrachten Opfers zuschreibe, nimmt Bilder und Symbole wortwörtlich und muß als tiefer Irrtum bezeichnet werden“ (Teaching of Paul, S. 198). Kaftan, in seinem bekannten Buche Jesus und Paulus (S. 38), bezeugt: „Paulus hat nirgends den Gedanken ausgesprochen, daß der Tod des Christus eine dem göttlichen Zorn oder der göttlichen Gerechtigkeit geleistete Genugtuung sei. Was er wirklich sagt, schließt diesen Gedanken direkt aus. Er kennt nur die Liebe als das Motiv, aus dem Gott seinen Sohn dahingegeben hat. Von einer Bedingung, die vorher erfüllt sein müßte, ehe er vergeben konnte, weiß er (Paulus) nichts. Die ganze Theorie (der Genugtuung) ist seinem Bewußtsein fremd“. Noch berufe ich mich auf Otto Pfleiderer, welcher schreibt: „Die kirchlich statuierte Lehre von der Rechtfertigung des Sünders um des ihm zugerechneten Verdienstes, oder um der fremden Gerechtigkeit Christi willen, muß sonach als eine Entstellung und Verflachung, ebensowohl der reformatorischen wie der paulinischen Lehre bezeichnet werden.... Nur unter Wahrung der vollen mystisch-ethischen Tiefe des paulinischen Glaubensbegriffs wird auch die paulinische Rechtfertigungslehre richtig verstanden...“ (Der Paulinismus, 2. Aufl., S. 185).
    Paulus selber pflegt, wo er diese letzten Fragen berührt, nicht selten den Ausführungen, in denen er mystische Wahrheiten an das Gemüt mitzuteilen sucht, warnende Worte hinzuzufügen; z. B.: „ich drücke mich nach menschlicher Weise aus wegen der Schwachheit eures Fleisches“ (Röm. 6, 19) oder: „Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser Weissagen“, und: „Jetzt sehen wir im Spiegel nur dunkle Umrisse, dereinst aber geht es von Angesicht zu Angesicht“ (1. Kor. 13, 9 u. 12).
    Nichts verdient mehr Bewunderung als die großartige Unbefangenheit, mit welcher Paulus die oft — wie wir gesehen haben — unmittelbar sich widersprechenden Sätze seines Mythos und seiner Mystik nebeneinander aufstellt: dadurch bewährt er sich (um Goethe's Wort über Aristoteles zu entlehnen) als „baumeisterlicher Mann“.

217 PAULUSJESUS UND PAULUS

Denn er bedurfte beider: des Mythos, um „Schöpfer der Kirchen, die in Christo sind“, zu werden, und der Mystik, um diesen Kirchen einen — freilich oft genug unter dem Mythos verborgen bleibenden — religiösen Gehalt einzuflößen.

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    Hier ziehe ich den Strich und gehe zu dem letzten Abschnitt des Kapitels über, trotzdem ich noch auf ein Allerwichtigstes in bezug auf Mythos und Mystik bei Paulus hinzuweisen habe; ich glaube aber die betreffende Erörterung wird von dem neuen Standpunkt aus eindrucksvoller wirken. Die Hauptfrage nämlich, welche dieses Buches Zweck und Ziel uns in diesem Kapitel zu stellen veranlassen, lautet: Inwiefern können wir Paulus als echten Dolmetscher der ausgesprochenen und der unausgesprochenen Gedanken Jesu Christi betrachten? Inwiefern können wir uns darauf verlassen, daß er uns wirklich zu Jesus hinführt und nicht etwa uns von ihm entfernt?
    Nach unseren bis jetzt gewonnenen Ergebnissen wäre es verlockend, den einfachen Satz aufzustellen: in seiner Mystik bewährt sich Paulus als echter Jünger Jesu; dagegen stehen die verschiedenen mythischen Bestandteile seines Gedankengebäudes gänzlich außerhalb dessen, was wir von des Heilandes Religionslehre und Weltanschauung kennen.
    Nach den evangelischen Berichten (einschließlich des johanneischen) hat der Heiland zwar viele Gleichnisse gebraucht, doch jeden Mythos vermieden; das sehr wenige, was man allenfalls dahin rechnen könnte, ist teils in bezug auf seine Echtheit verdächtig, teils handelt es sich offenbar um Allegorien, die des leichteren Verständnisses wegen an volksmäßige Vorstellungen anknüpfen. Man könnte allerdings die zwei immer wiederkehrenden Vorstellungen des „Vaters“ und seines „Reiches“ als einen denkbar vereinfachten, auf rein menschliche Elemente zurückgeführten Mythos auffassen; denn die Häufigkeit und die Eindringlichkeit der Wiederholung dieser beiden Vorstellungen verleiht ihnen einen gewissen Grad von Wirklichkeit, der ihnen, buchstäblich genommen, nicht zukommt. Schon im dritten Kapitel machte ich aufmerksam, was dieses Bild des „Vaters“ vermitteln soll (S. 117 fg.); doch muß man sich hüten, die Tragfähigkeit

218 PAULUSJESUS UND PAULUS

eines derartigen Bildes zu überlasten: wenn z. B. ein wirklicher Vater seinen Kindern Liebe, Fürsorge, Nachsicht angedeihen läßt, so tut er damit nur seine Pflicht — wogegen Gott, indem er uns Menschen das gleiche erweist, damit Gnade übt. Der Unterschied ist ein gewaltiger, und wer hier den zum Herzen sprechenden Vergleich zu einem symbolischen Mythos mit Wirklichkeitsgehalt erheben wollte, würde gerade die Hauptlehre Jesu vernichten. Nein! Jesus, der Mittler, der zweite Adam, der „himmlische Mensch“ lebt und webt so ganz schon in der anderen Welt, daß diese unsere Welt ihm nichts mehr bietet, was zu seinem Zweck der Mitteilung genügen würde, und wäre es noch so gewaltig poetisch bearbeitet; alles Derartige könnte ablenken und zerstreuen; darum erwählt er nur einige allgemeinste Naturverhältnisse und stellt sie in ihrer nackten Einfachheit als Bilder für das Unsagbare hin. Dies ist es, was seiner Rede eine Unmittelbarkeit ohnegleichen verleiht: mit fast jedem Satz tritt er aus dem Diesseits in das Jenseits hinüber — und zwar mühelos, als könnte es nicht anders sein. So hat niemals ein Mensch gesprochen, und wenn wir ihm gelauscht haben, empfinden wir schmerzlich bei jedem Anderen die Mühseligkeit und zugleich das Unzureichende.
    Zum Erdichten von Mythen, soll ihnen Schönheit und leicht sich fügende Angemessenheit eigen sein, gehört eine besondere und seltene Begabung: die Völker aus vorwiegend arischem Stamme besaßen sie in hohem Grade; den Semiten — vor allem den Juden — war von dieser Gabe wenig zuteil geworden. Das jüdische apokalyptische Schrifttum besitzt nach jeder Richtung hin äußerst geringen Wert: literarisch steht es sehr tief, künstlerisch ist es nichtig, sittlich nicht unbedenklich. Und — wie wir bereits gesehen haben — dieses Schrifttum bildet, nebst einigen anderen kaum minder trüben Quellen, die Hauptquelle für des Apostels mythisches Denken! Wir dürfen mit aller Bestimmtheit behaupten: mag man auch denken, was man will über diesen — von unseren Kirchen über alle Maßen geschätzten — Teil des apostolischen Gebäudes, jedenfalls besteht in dieser Hinsicht kein Zusammenhang, ja nicht einmal eine Berührung zwischen dem Heiland und seinem Apostel.
    Hier aber ist der Ort, zu jener vorhin genannten allerwichtigsten Erwägung aufzufordern.

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    Jesus stand allein auf einsamer Höhe, außerhalb aller Zeit, aller Geschichte, alles Weltentstehens und -vergehens; er brauchte nichts zu begründen und zu beweisen; die Wahrheit, die er verkündete, stand und steht von je auf je. Paulus dagegen überkam das Amt, Jesum selber — den Mittler — zu vermitteln; er hatte die Menschen von Jesu einziger Bedeutung als Mittler zwischen Mensch und Gott zu überzeugen; so dies ihm nur gelang, waren ihm — wie wir ihn vorhin bekennen hörten — alle Mittel willkommen, — mußte doch sicher jeder Weg, der zu Jesu führte, ein gesegneter sein.
    Haben wir Jesus selber als außerhalb aller Geschichte zu betrachten, und war nichts für seine Lehren bezeichnender als ihre Außerachtlassung des Zeitbegriffes (S. 102), so bildet nichtsdestoweniger sein Erdendasein das wichtigste aller Ereignisse für die Sittengeschichte der Menschheit: das sehen wir heute leicht ein; zu Pauli Zeiten aber wußte noch kein Mensch etwas davon, und es wäre rein unmöglich gewesen, die Aufmerksamkeit weiter Volksschichten durch die schlichte Darstellung des gleichsam außerhalb aller Zeit sich vollziehenden Erdenwandels und des in hohem Maße aus menschlichen Bedingnissen losgelösten Lehrens Jesu zu wecken und zu fesseln; das Unvergleichliche wäre unerkannt geblieben. Daher war es unerläßlich, die göttliche Gestalt in die Weltgeschichte einzureihen. Die Jünger selbst hatten zu der Vorstellung des von den Juden erwarteten Messias greifen müssen, um sich den unmittelbar erlebten Eindruck zu erklären und ihn zu rechtfertigen. Paulus fand sich als Jude, der sich auch vor Juden zu rechtfertigen hatte, auf die gleiche Überzeugung angewiesen; nur baute er sie weiter aus, indem er die apokalyptische Deutung des Messias weit stärker als die Evangelisten betonte und über diese noch hinausging. Der alleinige Begriff eines Messias der Juden hätte aber auf Hellenen, Römer und orientalische Mischvölker wenig Eindruck gemacht — waren doch die Juden allgemein verachtet; so wandte denn Paulus alle Kraft auf die Erhebung dieser Messiasvorstellung zu einer nicht mehr nationalen, sondern kosmischen an. Hierbei bot ihm die ihm vertraute griechische Gnosis (geheime Weltwissenschaft) die Vorstellung einer ganzen Stufenleiter von Zwischenwesen, zwischen Gott und der Welt — Zwischenwesen, deren er häufig Erwähnung tut als von Herren, Herrschaften, Mächten, Geisterwesen usw. — und an deren Spitze

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er jetzt Jesum Christum stellte. Gerade mit solchen Zügen, die einen heutigen unbefangenen Menschen ungeheuerlich anmuten, traf er auf Vorstellungen, die seinen Zuhörern vertraut und insofern willkommen waren; nicht etwa als hätte kluge Berechnung ihn bestimmt, vielmehr leitete ihn mit unfehlbarer Sicherheit sein genialer Instinkt im Bunde mit dem zwingenden Willen, die Menschen zu Christo hinzuleiten.
    Den Nichtjuden ging jedoch Paulus noch weiter entgegen; denn er entlehnte ihnen nicht allein so viele wesentliche Züge seines Mythos, sondern außerdem noch das äußere Gerüst für seine innere Religion — das, was man den Mythos seiner Mystik nennen könnte. Es darf jetzt als endgültig erwiesen betrachtet werden, daß Paulus mit den seit früher Jugend ihn umgebenden hellenistischen Mysterienreligionen vertraut war: zum Beweise würde schon allein die große Zahl eigenartiger Wörter genügen, welche in seinen Briefen vorkommen und welche früher Sprachforschern und Theologen Mühe machten, von welchen aber jetzt feststeht, daß sie samt und sonders wohlbekannte technische Ausdrücke aus dem gemeinsamen Sprachschatz der verschiedenen Mysterienreligionen waren. Ohne mich auf Einzelheiten einzulassen und indem ich für diese auf die oben schon oft angeführten Arbeiten von Reitzenstein und anderen verweise, begnüge ich mich damit, die vier Grundsäulen der inneren Religion Pauli zu nennen — Glauben, Gnade, Wiedergeburt, Erlösung: alle vier sind als Begriffe und als Wörter jenen Religionen entnommen. Man versteht jetzt, was den Abbé Loisy zu der in ihrer Kürze überkühnen Behauptung veranlaßt: „Wenn es Paulus gelingt, sich bei den Heiden Gehör zu verschaffen, so verdankt er's dem Umstand, daß er das Heil, das er ihnen predigt, nach Art der Heiden darstellt“ (Revue d'histoire et de littérature religieuse, Bd. 3, 1912, S. 573). In diesen Worten liegt Wahrheit, wenn nur nicht übersehen wird, daß der Heidenapostel diesen schon vorhandenen urarischen Begriffen neues Leben einhauchte und damit aus dem Alten doch ein Neues schuf. Dieses Neue verdankte er Jesu Christo allein: denn nun auf einmal stand an Stelle blasser Ahnungen und Hoffnungen die   T a t s a c h e   des Erdenlebens, des Todes und des Wiederauferstehens Jesu von Nazareth, des   M i t t l e r s   zwischen Mensch und Gott.
    Mit nie ermüdender Spannkraft schreit Paulus diese Tatsache

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in die Welt hinaus und überzeugt die Menschen dadurch, daß er diese neue Tatsache in Vorstellungen einzufügen weiß, die ihnen bereits vertraut sind. Diesem genialen Wirken verdanken wir nicht allein „die Kirchen, die in Christo sind“, sondern — was mehr zu bedeuten hat — ihm verdanken wir letzten Endes den Himmelsschatz: die Evangelien! Das wird der Leser jetzt besser als in dem früheren Abschnitt dieses Kapitels verstehen. Ware Paulus selber des Heilandes Jünger gewesen, er hätte zu dem Amt des Heidenapostels nicht getaugt; die Vorsehung hat diese Gefahr abgewendet und ihm dadurch die nötige äußere Ferne, im Bunde mit der unstillbaren inneren Sehnsucht, verliehen. Die unmittelbare Nähe Jesu von Nazareth hätte bei einem Manne von so leidenschaftlicher Aufnahmefähigkeit jeden Gedanken an Apokalyptik und an Mysterienmythen für immer unmöglich gemacht; so dagegen ward ihm Jesus Christus gleichsam zu einer platonischen Idee, zu einer Gedankengestalt, was den großen Vorzug bot, die Augen der Menschen in erster Reihe hinauf in die Höhe zu richten und ihre Herzen von der Einzigkeit und von der Weltbedeutung der Erscheinung zu überzeugen: „Ja so ist es — Gott war es, der in Christus die Welt mit sich selber versöhnte“ (2. Kor. 5, 19). Auf diese Weise weckte Paulus, wie schon oben bemerkt, die Sehnsucht nach dem geheimnisvoll entstandenen, verborgen liegenden Meisterwerke, das dann durch verschiedene Hände vor dem Untergang gerettet wurde; und bald konnte Lukas berichten: „Schon haben manche versucht, eine Erzählung von den bei uns beglaubigten Begebenheiten zu verfassen, so wie es uns die ursprünglichen Augenzeugen und Diener des Wortes überliefert haben“ (1, 1 fg.). Das Gesagte gilt von den drei ersten Evangelien; mit dem vierten Evangelium jedoch steht Paulus in noch engerer Beziehung: alle Theologen stimmen in dem Urteil überein, das Evangelium des Johannes sei ohne Paulus undenkbar. Ebenso wie manches darin sich auf die drei vorangegangenen Evangelien bezieht, sei es um sie zu ergänzen oder sie zu berichtigen, ebenso steht das ganze Gedankengewebe des einzigen Werkes überall in Beziehung zu Pauli Wirken und Lehren, indem dieser — um sein eigenes Wort anzuwenden — dem Johannes als „Schrittmacher“ gedient hat. E. F. Scott, ein Sonderforscher auf diesem Gebiet, urteilt: „Das vierte Evangelium ist auf den Grundlagen auferbaut, die Paulus

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gelegt hatte“ (Fourth Gospel, S. 51). Nichtsdestoweniger weicht Johannes in wesentlichen Punkten so stark ab von Paulus, daß seine Ausführungen den Wert grundsätzlicher Berichtigungen gewinnen — kostbare Berichtigungen, die auf der genauen Kenntnis von des Heilandes eigenen Lehren beruhen. Ich will nur zwei nennen: die Auffassung der Sünde und diejenige des Todes. In dem Kapitel über den Heiland wurden wir auf die geringe Betonung der Sünde von seiten Jesu aufmerksam; im Gegensatz hierzu darf man behaupten, in der Religion Pauli — sowie, ihm nachfolgend, in der Religion aller unserer Kirchen — bilde die Sünde den Angelpunkt der ganzen Lehre. Johannes dagegen kehrt zu der reinen Lehre Jesu zurück, wonach es auf die Umwandelung des Menschen aus einem niedrigen in ein höherstehendes Wesen ankommt, bei welcher Umwandelung alles, was wir Menschen „Sünde“ nennen, von unseren Schultern herabgleitet. Desgleichen kommt bei Paulus dem Tode eine besondere Bedeutung zu — bei dem Menschen als der Sünde Lohn, bei Jesu als Versöhnungstat, wohingegen Johannes, von seinem Meister belehrt, den Leibestod einfach als eine Erscheinung des Leibeslebens betrachtet und stets unter den Worten „Leben“ und „Tod“ das Sein-mit-Gott und das Sein-ohne-Gott versteht: „Wahrlich ich sage euch, wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist vom Tode ins Leben gelangt“ (Joh. 5, 24). Kurz, Religion ist für Johannes wie für Jesus nicht Geschichte, sondern Gegenwart.
    Das Große an Paulus, das Entscheidende, das Weltbewegende bildet die Art, wie er aus sämtlichen Geistesgebieten aufrafft, was nur geeignet ist, das Menschengemüt zu beeindrucken, und jedes in Beziehung zu der Person Jesu Christi bringt, gleichsam alles Licht der Welt in ihm, wie in einem Brennpunkt zusammenfassend. „Für Christus also werben wir, als ob Gott bäte durch uns“ (2. Kor. 5, 20): in diesem Werben liegt das Verdienst und zugleich die Kraft des einzigen Mannes. Sein Mythos mag als Dauergebäude manche Bedenklichkeit erregen — namentlich wo Zwangsglaubenssätze daraus geschmiedet werden; seine Mystik mag in mancher Beziehung andere Bahnen — mehr grüblerische, dunkel-philosophische — als die kindlich-helle, lächelnd-selbstgewisse Mystik des Heilandes einschlagen: dem allen kommt in diesem Falle untergeordneter Wert

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zu; denn Paulus erkennt „das Einzige, was nottut“, nämlich, die Menschen zu Jesu hinzuführen: „auf daß Christus wohne durch den Glauben in euren Herzen, und daß ihr seid in Liebe gewurzelt und gegründet, damit ihr in vollen Stand kommt, zu fassen mit allen Heiligen (d. h. mit allen Christen), welches da sei die Breite, die Länge, die Tiefe, die Höhe, und zu erkennen die alle Erkenntnis übersteigende Liebe Christi, damit ihr erfüllet werdet zur ganzen Gottesfülle“ (Eph. 3, 17 fg.).

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Letzte Änderung am: 29 Juli 2005