Hereunder follows the transcription of chapter 6 of Houston Stewart Chamberlain's Mensch und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first edition appeared in 1921.

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Vorwort

Kapitel 1. Mensch und Gott
Kapitel 2. Der Mittler
Kapitel 3. Der Heiland
Kapitel 4. Die Evangelien
Kapitel 5. Paulus
Kapitel 6. Die christliche Kirche und die Religion Jesu
Verzeichnisse
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VI.
DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU
 
WIR WERDEN ALLE NACH UND NACH AUS EINEM
CHRISTENTUM DES WORTES IMMER MEHR ZU EINEM
CHRISTENTUM DER GESINNUNG UND DER TAT
KOMMEN. AUS EINER LEHRGEMEINSCHAFT MUSS
IMMER MEHR EINE GESINNUNGSGEMEINSCHAFT, EINE
TATGEMEINSCHAFT WERDEN.
(G O E T H E)

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(Leere Seite)

227 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESUEINFÜHRUNG
Alles, was wir Zuverlässiges über Jesum von Nazareth wissen, entstammt den beiden Quellen, die wir einer kritischen Betrachtung unterzogen haben — den Evangelien und den Briefen des Sendboten Paulus. Dieses „Alles“ kann zugleich als sehr wenig und als weltausfüllend bezeichnet werden: so wenig, daß unter den Händen mancher Fachgelehrten kaum etwas übrigbleibt, und so viel, daß schon Johannes meinte, wenn man alles „einzeln beschreiben wollte, so würde die Welt nicht hinreichen, die Bücher zu fassen“. Wir dürfen behaupten, fast alles Hochherzige, Edelmütige, Erhabene, was seit zwei Jahrtausenden auf Erden von Menschen vollbracht worden ist, leite sich unmittelbar oder mittelbar aus den durch jene Schriften gegebenen Anregungen her.
    Einzig geartete Quellenschriften, denen die gesamte Geschichte der Menschheit nichts an die Seite zu stellen wüßte! Was ihre Bedeutung als Zeugnisse über Jesum von Nazareth — über sein Leben und seine Worte — einschränkt und uns insofern zur Vorsicht mahnt, das haben wir uns offen und deutlich und — wie ich hoffe — mit hinreichender Ausführlichkeit eingestanden; ich befürchte nicht, daß irgendein denkfähiger und freier Mann unseren Ergebnissen widersprechen wird: es liegt ja, wie der Leser sich überzeugt haben muß, alles klar vor Augen; wir müssen nur lernen, die Augen aufzumachen. Man besorge ja nicht, daß diese Schriften durch eine derartige Besinnung an Gehalt und Wert verlieren; vielmehr wird jedermann erfahren, daß sie geläutert und gleichsam verjüngt aus ihr hervorgehen. Jene Männer, vielfach in verworrene Vorstellungen ihrer Zeit verstrickt, mögen an der Freiheit ihrer Aufnahmefähigkeit Einbuße erlitten haben; doch blieb ihre strahlende Wahrhaftigkeit unbefleckt, und keine Irrung und Wirrung war fähig, das Göttliche, das sie einfältig erlebt hatten und von dem sie dann Zeugnis ablegten, auszulöschen oder bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Weder der einzelne Mensch noch die Folge der Menschengeschlechter lernt je an diesen Büchern aus, vielmehr nehmen sie mit den Jahrhunderten an Gehalt zu, indem jede neue Zeit, kraft ihrer neuen Eigenart, Dinge aufdeckt, an denen frühere Zeiten achtlos vorübergegangen waren. Dieses Unvergängliche, jeglicher Gegenwart stets gleich Nahe, ist nichts anderes als die reine Widerspiegelung der Erscheinung Jesu Christi auf Erden: bei den drei ersten Evangelisten unmittel-

228 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESUEINFÜHRUNG

barer und naiver, bei Paulus und Johannes wurzeltiefer und glutvoller, bei allen aber wahr und rein, bei allen mit einem Höchstmaß an unbewußt gestaltender Kraft der Eingebung.
    Völlig anderer Art war, was nun folgte, und zwar vom ersten Augenblick an: wollte man den weiteren Fortgang mit einem einzigen Wort bezeichnen, man dürfte wohl von einer zunehmenden   E n t f e r n u n g   von der Religion Jesu — von der Religion des Vaters und der seines Reiches — reden. Hier haben wir geschichtliche Notwendigkeit am Werke zu erblicken — vielleicht gottgewollte, vielleicht nur durch menschliche Beschränktheit bedingte; doch, wie dem auch sei, die Tatsache muß als Tatsache anerkannt werden und kann es auch, ohne Verkennung noch Bitterkeit. Keinem der zahlreichen Reformationsversuche — deren erster zu Anfang des 5. Jahrhunderts einsetzte — wollte es je gelingen, die Unmenge der emporgeschossenen und festgewurzelten Vorstellungen, die unseren Heiland uns entfremdeten, von Grund aus auszuroden. So innig nahe uns Luther an den ihm in bezug auf religiösen Instinkt und auf religiöse Lebensgewalt stark verwandten Paulus wieder heranführte und damit an den Kern der Lehre Jesu, er blieb in jüdischem Geschichtswahn und in hellenistischer Dogmatik rettungslos verstrickt. Außerdem bildet die Lehre von der göttlichen Eingebung des buchstäblichen Wortlautes der biblischen Schriften, wie sie die Reformatoren des 16. Jahrhunderts auf die Spitze trieben, und die in dieser Gestalt selbst dem Hieronymus und dem Augustinus durchaus fremd gewesen war, diese Lehre, sage ich, welche die Reformatoren als Bollwerk gegen den zunehmenden Einfluß der kirchlichen Überlieferungen errichteten, bildet ein unübersteigliches Hindernis für jede unbefangene Befassung mit den Evangelien und den Briefen Pauli; sie drückt das wahrhaft Göttliche in ihnen herab durch Gleichsetzung mit dem sehr menschlich Bedingten, Beschränkten, — und das Endergebnis ist eine neuerliche Entfremdung unseres Heilandes. Dem Leser der beiden vorangehenden Kapitel brauche ich das nicht erst nachzuweisen.
    Werden wir nun bei unserem Bestreben, zu Jesus zurückzufinden, selbst von den hervorragendsten Christen in einer oder der anderen Beziehung im Stiche gelassen, so drängt sich uns die Frage auf: wodurch wird dies veranlaßt? Sehen wir diejenigen Männer,

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die ihr ganzes Leben dem einen Ziele widmen, die Menschen für den Glauben an Christum zu gewinnen, und die hierfür in den Tod gehen, dennoch ihn uns fernrücken oder unzugänglich machen, und bemerken wir, daß die ganze Kirche den nämlichen Weg geht und ihre Vermittelung infolgedessen zugleich eine Trennung bedeutet, so liegt — wie vorhin bemerkt — die Vermutung nahe, hier walteten geschichtlich oder gedanklich bedingte Notwendigkeiten. Der Besinnung darüber, sowie über die Möglichkeit, ein näheres Verhältnis zu der Religion Jesu zu gewinnen, soll dieses letzte Kapitel gewidmet sein.

*

    Betrachten wir gleich den ersten Schritt auf dem Wege zu der menschlichen Umschränkung der gottgegebenen Gestalt.
    Nach dem übereinstimmenden Bericht der drei ersten Evangelien tat der Apostel Petrus diesen ersten Schritt, indem er, bei Gelegenheit des Aufenthaltes in Caesarea Philippi, zum Heiland sprach: „Du bist der Messias.“ Über die Aufnahme dieses Wortes durch den also Angeredeten meldet Markus — derjenige der Evangelisten, der dem Petrus am nächsten steht — lediglich die strenge Abweisung: „Und er herrschte sie an, daß sie keinem Menschen über ihn als Messias reden sollten“ (nach dem ältesten Text); desgleichen lesen wir bei Lukas: „Er aber drohte ihnen und befahl ihnen, dieses niemand zu sagen“; wohingegen Matthäus (16, 16 fg.) — Jesum voll Freude ausrufen läßt: „Selig bist du, Simon Barjona; denn Fleisch und Blut hat dir dies nicht geoffenbart, sondern mein Vater in den Himmeln!“ — worauf dann die Erwähnung der zu gründenden Ekklesia geschieht sowie die Verleihung der Schlüsselgewalt an Petrus: das Ganze, ohne Frage, eine späte Einschiebung von seiten der Kirche, zu welcher Merx schreibt: „Die geschichtliche Forschung über Jesus darf sich durch solche Fälschung nicht auf Ewigkeit hin täuschen lassen; es muß ein Ende haben“ (Evangelien 3, 320).
    Ein vergleichender Blick auf den Bericht über den selben Vorfall bei Johannes wird uns über den wahren Sachverhalt die Augen öffnen. Erstens erzählt er — was die anderen nicht tun — die Veranlassung zu der Äußerung des Petrus: Jesus hatte soeben die Lehre von der göttlichen Gnade in ihrer Reinheit und Schärfe vorgetragen

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— „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn verliehen vom Vater“ — und daraufhin entfernten sich Viele, die ihm bisher gefolgt waren „und wandelten nicht mehr mit ihm“. Da fragte der Heiland die wenigen Zurückgebliebenen: „Wollt ihr nicht auch fortgehen?“ Worauf Petrus antwortet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Worte ewigen Lebens hast du; und wir haben den Glauben gewonnen und erkannt, daß du bist der Heilige Gottes.“ Also nicht der Messias, sondern ein Heiliger, nicht ein historischer Held Juda's, sondern eine göttliche Erscheinung! Der eine Johannes hatte längst die Unmöglichkeit erkannt, die Erscheinung seines göttlichen Meisters in den engen künstlichen Begriff eines Messias der Juden hineinzuzwängen und verbessert hier im bewußten, gewollten Gegensatz zu den früheren Evangelien den Wortlaut des Petrus. Der Kirche aber wollte das gar nicht gefallen, und obwohl alle die griechischen Haupttexte übereinstimmend „du bist der Heilige Gottes“ bringen und der älteste Lateiner dementsprechend Tu es sanctus Dei schreibt, streicht Hieronymus den „Heiligen“ und setzt ruhig dafür Tu es Christus filius Dei ein, Du bist der Messias, der Sohn Gottes, und seinem Beispiel folgen beinah Alle — einschließlich Luther's — bis auf den heutigen Tag.
    Gleich aus diesem ersten Schritt gewinnen wir eine Art Inbegriff aller künftigen kirchlichen Lehrbildung.
    Ein kräftiger Volksmann, von zartempfindender Seele, doch bestimmt beschränktem Verstande, einer von jenen Männern, bei denen Goethe uns lehrt, zwischen Glauben und Aberglauben nicht scheiden zu wollen, sucht sich eine übermächtige Gegenwart deutend einzuverleiben, indem er eine im Volke verbreitete Vorstellung heranzieht, welche seinen Bedürfnissen genügt und ihm Richtung und Ruhe verschafft; man darf auch sagen: da sein Geisteshorizont durch das Judentum eingeschränkt wird, tut er nicht Unrecht daran, die höchste ihm bekannte Vorstellung — den Begriff eines erwarteten Messias — zur Erklärung des unbegreiflichen Wunders, das plötzlich sein Leben überstrahlt, herbeizurufen. Nur aber für ihn und seinesgleichen kann diese Vorstellung eine gewisse (bedingte) Gültigkeit beanspruchen; sie Anderen aufzuzwingen, bedeutet, wohlbetrachtet, eine Ungeheuerlichkeit. Das hat schon Johannes — der einzige erhabene Mann unter den unmittelbaren Jüngern — empfunden

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und darum dem Petrus angemessenere Worte in den Mund gelegt — den wundervollen Spruch: „Du hast Worte ewigen Lebens! Du bist ein Gottesheiliger!“ — Nun aber kommt die Kirche und....
    Jedoch ich unterbreche mich, denn ich glaube den Zwischenruf zu vernehmen: „Du redest von der Kirche; wer aber und was ist die Kirche?“ Bekanntlich bietet in diesem Falle — wie in so manchem anderen — eine genaue und allgemeingültige Begriffsbestimmung überaus große Schwierigkeiten; doch darf man sich dadurch nicht bange machen lassen; man darf ruhig behaupten, ein jeder wisse aus Erfahrung, was er sich unter Kirche vorzustellen habe; nur wird die Antwort je nach dem Bildungsgrad und der Bildungsart verschieden ausfallen. Ich würde etwa sagen: eine Kirche ist die Veranstaltung, eine möglichst große Anzahl Menschen dadurch zu einer Einheit zusammenzufassen, daß ihre höheren Seelenregungen — ihr Fürchten und ihr Hoffen, ihr Ahnen und Träumen, ihr sittliches Streben und das Sehnen nach Oben — tunlichst in eine gleiche und gleichgeordnete Vorstellungsreihe gebannt werden, so daß alle Glieder jener Einheit in den wesentlichen Punkten miteinander genau übereinstimmen. In einer Beziehung gewinnt eine Gesamtheit durch dieses Verfahren unleugbar gewaltig an Wert, da die schwächer Begabten, an Einbildungskraft Dürftigeren, an Wissen Ärmeren von den besser Ausgestatteten mitgetragen und auf eine sittliche Höhe emporgehoben werden, die sie, sich selbst überlassen, niemals hätten erreichen können: die heilige Gemeinsamkeit, welche zu fordern einen Wesenszug aller Religion ausmacht, läßt sich unmöglich verwirklichen, wenn nicht irgendeine Art äußerer Zusammenfassung sie vermittelt. Die Verdienste des kirchlichen Gedankens um die Menschheit, und namentlich die Verdienste der christlichen Kirche, sind unübersehbar groß; ein Versuch, sie aufzuzählen, würde sehr weit führen und ist auch gar nicht nötig, da sie vor Aller Augen offen liegen. Leider werden diese Dienste teuer bezahlt! Schon in der bloßen Absicht, das Seelenleben verschiedengearteter Menschen gleiche Wege zu leiten, liegt Gewaltsamkeit, und in je größerem Maßstab die Vereinheitlichung gelingt, um so gewaltsamer wirkt diese Suggestivmacht — diese Einflößung von Vorstellungen und Überzeugungen — auf das Menscheninnere. Die Gefahr des Mißbrauches seitens der Führenden liegt so nahe, daß

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diese auf die Dauer nicht abgewendet werden kann: begründet liegt das im Menschenwesen selbst und kehrt darum mit der Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes wieder. Kaum hat Paulus Kirchen gegründet, und schon muß er klagen, die Leiter der Gemeinden ließen sich „nicht an den gesunden Sprüchen unseres Herrn Jesus Christus genügen“, sondern brächten „Grübeleien und Wortstreitereien“ hinein, während sich in Wirklichkeit unter dieser scheinbaren Sorge um eine verfeinerte Lehre nur die Absicht verberge, „aus der Religion eine Erwerbsquelle“ zu schaffen (1. Tim. 6, 3 fg.). Das Erwerben wäre das wenigste; weit verhängnisvoller wirkt die grenzenlose Herrschsucht der Priester — eine Leidenschaft, welche derartig anwachsen kann, daß sie vor keinem Verbrechen zurückscheut. Und während die Priesterschaft auf solche Wege gerät, werden die Bekenner zu gedankenlosen Ja-ja-Sagern oder zu schamlosen Heuchlern erzogen, und die eigentliche Religion — als unmittelbarste innere Erfahrung — geht verloren. Kant urteilt: „Man tut den meisten Menschen zu viele Ehre an, von ihnen zu sagen: sie bekennen sich zu dieser oder jener Religion; denn sie kennen und verlangen keine; der statutarische Kirchenglaube ist Alles, was sie unter diesem Worte verstehen“ (Religion, S. 155). So kommt es denn schließlich dahin, daß diejenige Anstalt, welche Religion retten und bergen und befördern soll, sie statt dessen bei unzähligen Menschen unterdrückt und gar auslöscht; wie Goethe seinen Pastor auch schreiben läßt, „daß die Lehre von Christo nirgends gedrückter war, als in der christlichen Kirche“.
    Dies wenige möge für unseren augenblicklichen Zweck genügen; kehren wir zu Petrus zurück, den wir in der Einfalt seines Herzens das Wort reden hörten „Du bist der Messias,“ und zu Johannes, dessen große Seele vor der Unzulässigkeit dieses Ausspruches zurückbebte, und der darum seinen Mitbruder sprechen läßt: „Du hast Worte ewigen Lebens, du bist der Heilige Gottes.“
    Nun aber kommt die Kirche, die mit unbeirrbarem Instinkt den Wert des Ausspruches: „Du bist der Messias“ für die Befestigung ihrer eigenen Grundlegung erkannte und darum die Verbesserung des Johannes als störend empfand; und was tut sie? Sie streicht einfach den johanneischen Text und ersetzt ihn durch eine mit den vorangegangenen Evangelien übereinstimmende Aussage; außerdem flicht sie in das Evangelium Matthäi — über dessen Wortlaut sie länger

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als über den der anderen Texte verfügt zu haben scheint — das vorhin erwähnte, frei erfundene Einschiebsel ein, durch welche kühne Fälschung es ihr gelingt, Jesum selber — über dessen Lippen das Wort „Kirche“ niemals gekommen ist — zum ausdrücklichen Begründer der christlichen Kirche zu stempeln, und noch dazu einer Kirche mit schlüsselführender allgewaltiger Klerisei — ihn, der vor den Priestern immer wieder als vor der größten Gefahr für alle Religion warnt (siehe S. 118)!
    So verfährt die Kirche, die angebliche Hüterin der Heiligen Schrift, sie, die Denjenigen, der an der unmittelbaren göttlichen Eingebung jedes Wortes des Neuen Testament es zweifelt, in den Bann tut: sie selber greift unbedenklich in den Text hinein und scheut sich nicht, sogar dem Heiland erfundene Aussprüche in den Mund zu legen, auf welche sie dann ihre Zwangslehren und die beherrschende Stellung der Priesterschaft gründet! Schon in den vorangehenden Kapiteln wurden wir vielfach auf Beispiele aufmerksam — ich erinnere namentlich an den angeblichen Taufbefehl des Herrn bei Matthäus (28, 19) und verweise außerdem auf die Seiten 230 fg.
    Für uns alle ist es von entscheidender Wichtigkeit, derartige Tatsachen in ihrer Bedeutung zu erfassen; denn sie wiederholen sich Schritt für Schritt — wurde doch schon von ältesten und besonders heiligen Kirchenvätern die pia fraus, der „fromme Betrug“, unverhohlen angeraten. Die gute Absicht bei solch gewaltsamen Vorgängen soll nicht angezweifelt werden, noch weniger die kluge Einsicht, die hierbei bestimmend wirkte: die Kirche bekundete immer einen geradezu erstaunlichen Grad von weltlicher Klugheit und Menschenkenntnis, immer richteten sich ihre Beschlüsse nach dem Geschmack und den Bedürfnissen der großen Mehrzahl der mäßig Begabten; dadurch gewann sie sich die Welt. Man kann die Kirche als „Politik gewordene Religion“ bezeichnen. Nun aber heißt Politik treiben Macht und Erfolg erstreben: erstrebt jedoch eine Gemeinschaft, die sich keine weltlichen Ziele steckt, Macht und Erfolg, so verwirklicht sich in ihr der reine Begriff aller Politik; hier wird Politik um der Politik willen getrieben: daraus erkläre ich mir die ans Fabelhafte grenzende Sicherheit der Kirche. Es springt nun in die Augen, daß eine derartige Richtung von Anfang an von echter Religion entfernen und mit der Zeit zu mehr oder weniger voll-

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kommener Gegensätzlichkeit zu ihr führen wird. Und so geschieht es, daß, indem die christliche Kirche nach und nach ihre Mauern höher und höher auftürmt, ein Dach über sie wölbt und ihre Fensterlücken mit farbigen Gläsern ausfüllt, sie zwar ein großes bewunderungswürdiges Werk vollbringt, das wahrscheinlich auf keinem anderen Wege sich hätte vollbringen lassen, ein Werk, dem wir auch Verehrungswürdiges verdanken, — daß sie aber zugleich Schritt für Schritt den   V a t e r,   den Jesus uns als Gott gebracht hat, immer vollständiger aus ihrem Gebäude ausschließt, sowie das   R e i c h   d e s   V a t e r s,   welches Jedem in jedem Augenblick, ohne andere Vermittelung als den durch Jesum gespendeten Glauben, offen steht — Jedem, auch der Ehebrecherin und dem sündigen Weibe, ja sogar noch dem Verbrecher am Strafholz (S. 132). Jesus selber, der uns mit seiner Aufforderung, ihm nachzufolgen und „sein sanftes Joch“ auf uns zu nehmen, so innig nahe stand, ist jetzt in unermeßliche Fernen gerückt und wird auf Erden durch den Hohenpriester, den Pontifex maximus, vertreten; die Kirche ist es, die die Schlüssel zum Himmelreich besitzt. Dementsprechend wird jetzt der blinde Glaube an die unfehlbare Kirche zur Hauptangelegenheit aller Religion. Dies ist nicht bildlich zu verstehen, vielmehr bestimmt ausdrücklich der Katechismus, nach dem Beschlusse des Konzils von Trient für die Pfarrer auf Befehl der Päpste Pius V. und Clemens XIII. herausgegeben, bei Besprechung des 9. Artikels des Apostolischen Glaubensbekenntnisses — „Ich glaube an eine heilige katholische Kirche“ — dieser Artikel „sei unter allen am häufigsten dem Volke einzuschärfen“ (nonus articulus omnium frequentissime populo inculcandus est), — bekennt also ohne weiteres, der Glaube an die Kirche sei wichtiger und entscheidender als der Glaube an Gott und als der Glaube an Jesum Christum! In den Ausführungen zu dieser Anweisung an die Pfarrer heißt es denn auch, „nicht ein jeder sei ein Ketzer zu nennen, der im Glauben irre, sondern einzig derjenige, der die Autorität der Kirche herabsetze“ ¹).
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    ¹) Ich benutze die in Regensburg 1896 mit Genehmigung des Erzbischofs von Bamberg erschienene vollständige Ausgabe des Katechismus nach der authentischen römischen Ausgabe des Jahres 1855.

235 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESUDIE GOTTHEIT JESU CHRISTI

    Man beachte vor allem folgendes: durch die Tätigkeit der Kirche erfährt der Begriff des Glaubens eine tiefgehende Umwandlung. Für die ältesten Christen — wie für Jesum selber und für Paulus — bedeutete „glauben“ eine Erhebung des ganzen Wesens hinauf zu Gott, ein unbedingtes Vertrauen auf seine Gegenwart und liebende Hilfe; selbst ihr geschworener Gegner Celsus zeigt sich stark beeindruckt durch die Tiefe und Unüberwindlichkeit dieser Gemütsstimmung, die allen Christen gemeinsam sei und sie, trotzdem sie in ihren sonstigen Auffassungen weit auseinander gingen, zu einer festen Einheit zusammenknüpfe (vgl. Origenes: Gegen Celsus, nach Hatch).
    Doch währte diese Kraft der Unschuld nicht lange, und bezeichnend ist, was hier zunächst störend eingriff. Es war dies die Frage nach der Gottheit Jesu Christi, welche zugleich eine Anzahl anderer Fragen, die Gottheit betreffend, unvermeidlich veranlaßte: war es der Eine Gott, der zur Erde herabgestiegen? sollte man mehrere Götter annehmen? wie war die Menschwerdung zu denken? war das Wesen des Heilandes auf Erden als ein zwiefaches anzunehmen — ein göttliches und zugleich ein menschliches? und sollte nicht die göttliche Seele vor dem Kreuzestod gen Himmel gefahren sein, die menschliche allein den Leiden überlassend? oder sollte gar die ganze Erscheinung des Gottes auf Erden eine Sinnestäuschung gewesen sein und Gott in Wirklichkeit den verweslichen Fleischesleib verschmäht haben? Ist Gott — wie Jesus es gelehrt hatte — eine Einheit, wie kann er zugleich im Himmel gethront und auf Erden gelitten haben? War aber Jesus nur Gott, nicht Mensch, hat er nicht wirklich Leben und Leiden mit uns Menschen geteilt, mit welchem Recht kann er denn der „zweite Adam“, der „neue himmlische Mensch“ genannt werden? und büßt er dann nicht einen großen Teil seiner Bedeutung — wohl den wesentlichsten — für uns Menschen ein?
    Diese Fragen, und noch hundert weitere, stellten sich von selbst ein, den Christen zu Qual und Streit, sobald die Losung „Jesus Christus ist Gott“ allgemein geworden war. Von den im jüdischen Glauben erzogenen Jüngern ging sie nicht aus — das haben wir in früheren Kapiteln gesehen; dagegen lag der Gedanke der Gottheit Jesu Griechen und Kleinasiaten so nahe, daß er sozusagen unvermeidlich sich einstellen mußte. Diese Menschen fanden allerorten

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Göttliches — jede Quelle belebte eine Unsterbliche, aus jedem Baum vernahmen sie Stimmen außermenschlicher Wesen; dem Leser wird die Episode in Lystra erinnerlich sein, wo die hellenisch-lykaonische Bevölkerung ohne weiteres annahm, Barnabas sei Zeus und Paulus Hermes (Apostelgeschichte, Kap. 14): ein Grieche, der die Belehrung über Jesum als Mittler aufnahm, konnte keinen Augenblick über seine Gottheit im Zweifel sein: es handelt sich bei ihm um eine vollkommen naive, aus uralter Zeit hergebrachte Vorstellung des Göttlichen. Nun aber knüpfte die christliche Gottesvorstellung historisch an den Eingott Jahve an, und religiös an Christi Lehre vom Vater: daher entstanden neue Probleme, sobald auch Jesus Gott genannt werden sollte. Paulus hatte ein feiner Instinkt zurückgehalten: er stellte den Mittler dicht, ganz dicht an Gott heran, tat aber den letzten Schritt nicht. Sobald dieser getan wurde, mußten Jahve und der Vater ins Wanken geraten, und eine neue Gotteslehre, ein neuer Mythos von unendlicher Verwickeltheit mußte erfunden und aufgezimmert werden. Dies wiederum hatte zur Folge, daß Jesu Lehre vom gegenwärtigen Himmelreiche, sowie die ganze Weltanschauung, in welche allein eine solche Lehre sich einfügen läßt, in den Hintergrund geschoben und bald ganz und gar vergessen wurde, da die neue Gotteslehre die Aufmerksamkeit vollauf in Anspruch nahm, so sehr, daß wir behaupten dürfen, alle Theologie der ersten Jahrhunderte sei „Gotteslehre“ gewesen und alle Dogmenbildung — d. h. jede Aufstellung von Zwangsglaubenssätzen — habe die Gottheit allein betroffen. Die schönste unter den frühen Verteidigungsschriften des Christentums — der Octavius von Minucius Felix — erwähnt weder den Namen Jesu Christi noch die Evangelien (siehe Boissier: La Fin du Paganisme, 1, 280), und als Kaiser Theodosius im Jahre 380 die Rechtgläubigkeit zum Gesetz erhebt, ist ebenfalls vom Heiland nicht die Rede, sondern einzig von „der Gottheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in gleicher Majestät und verehrungswürdiger Dreieinigkeit“; wer diesen Glauben bekennt, „der soll, so befehlen wir, den Namen eines katholischen Christen führen, die übrigen aber, die wir für unsinnig und rasend erklären, sollen den Schimpf ketzerischer Lehre tragen“ (Krüger: Dreieinigkeit, S. 186).
    Die Vorstellung eines dreieinigen Gottes wurzelt, wo sie auch

237 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESUDIE GOTTHEIT JESU CHRISTI

vorkommt, in der altindischen Lehre von der Trimurti; die Kirche überkam sie von der griechischen Geheimwissenschaft (Gnosis), und lange Zeit wurden die endlosen Fehden, welche die näheren Bestimmungen dieses Glaubenssatzes hervorriefen, fast ausschließlich von hellenisch gebildeten Männern geführt: daher die keine Grenzen kennende Spintisiererei und das Schwelgen in Begriffsbestimmungen und unfaßbaren Unterscheidungen: auf den ersten Konzilien stürzten die Bischöfe und ihre Anhänger mit Knüppeln übereinander her wegen eines Beiwortes oder sonst eines Redeteilchens, und die Bannflüche flogen zwischen den ehrwürdigen Vätern hin und wider. Als die lateinische Welt die Oberhand gewann, machte sie bald mit ihrem höheren Sinn für einheitliche Regierungspolitik dem Treiben ein Ende und erließ gegen das Jahr 500 das endgültige trinitarische Glaubensbekenntnis, welches sie — um ihm Gewicht zu geben — dem heiligen Athanasius zuschrieb, und welches noch heute für Protestanten wie für Katholiken bindende Geltung beansprucht. Und da lesen wir wie folgt:
    „Wer immer selig werden will, der muß vor allen Dingen den katholischen Glauben halten. Wer den nicht rein und unbefleckt bewahrt, wird ohne Zweifel in Ewigkeit verloren sein.
    Dies aber ist der katholische Glaube, daß wir den einen Gott in der Dreiheit und die Dreiheit in der Einheit verehren und nicht die Personen vermengen noch das Wesen zertrennen. Denn eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes, eine andere die des Heiligen Geistes, und doch ist des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich ewige Majestät. Welcherlei der Vater ist, solcherlei ist der Sohn, solcherlei auch der Heilige Geist. Ungeschaffen ist der Vater, ungeschaffen der Sohn, ungeschaffen der Heilige Geist. Unermeßlich ist der Vater, unermeßlich der Sohn, unermeßlich der Heilige Geist. Ewig der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch nicht drei Ewige, sondern ein Ewiger, wie es nicht drei Unerschaffene, auch nicht drei Unermeßliche sind, sondern ein Unerschaffener und ein Unermeßlicher. So ist auch der Vater allmächtig, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige Geist, und sind doch nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger. So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott; und sind doch nicht drei Götter, sondern

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es ist ein Gott. So ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr; und sind doch nicht drei Herren, sondern ist ein Herr. Denn gleichwie wir nach christlicher Wahrheit eine jegliche Person für sich als Gott und Herrn bekennen müssen, so können wir in katholischer Religion nicht von drei Göttern oder drei Herren reden. Der Vater ist von niemandem gemacht, auch nicht geschaffen, noch geboren. Der Sohn ist allein vom Vater, nicht gemacht, auch nicht geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist von Vater und Sohn, nicht gemacht, auch nicht geschaffen, noch gezeugt, sondern ausgehend. So ist nun ein Vater, nicht drei Väter, ein Sohn, nicht drei Söhne, ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister. Und in dieser Dreiheit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner; sondern alle drei Personen sind gleichewig und gleichgroß, so daß also, wie schon oben gesagt wurde, sowohl die Dreiheit in der Einheit wie die Einheit in der Dreiheit zu verehren ist. Wer also selig werden will, der muß so von der Dreiheit halten.“
    Wie fern befinden wir uns hier von dem Gott, den Jesus unter dem Namen „Vater“ unseren Herzen so unmittelbar traulich erschlossen hatte! „Vater, Dein Reich komme!“ Und wie unendlich ferne dem Reiche dieses Vaters, das wie ein Baum, ohne unser Zutun uns umwölbt und überschirmt, während in seinen Zweigen die Vöglein des Himmels nisten und singen (S. 99)! Verdient das Eine Religion genannt zu werden, so muß dem Anderen ein anderer Name zukommen: das Eine erfaßt das Menschenwesen in seinen Tiefen, empfängliche Gemüter völlig umwandelnd, Allen aber Trost im Leide, Kraft in der Schwäche, Zuversicht in Verzagtheit spendend, — es fragt nicht nach Sünden, sondern einzig nach Gesinnung, der Glaube, den es fordert, besteht aus einer lebendigen Bewegung und ist durchaus kein von schweren Gedanken, geschweige denn von metaphysischen Erkenntnissen begleiteter Vorgang, vielmehr — wie der Apostel Paulus sagt — „mit dem Herzen wird er geglaubt“ (Röm. 10, 9); das Andere stellt ein Erzeugnis schulmäßigen Denkens dar und ist nach Absicht und Inhalt überhaupt nur bei einem bestimmten Bildungsgang zu verstehen, und zwar mit dem Erfolg, daß, je genauer die ineinander verschlungenen Behauptungen betrachtet werden, um so deutlicher das Ganze als rein formales Luft-

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gespinnst erkannt wird, aus welchem kein eigentlicher Gedanke zu gewinnen ist, weil keinerlei Anschauung zugrunde liegt — und „Begriffe ohne Anschauung leer bleiben“ (Kant), — daß es dem Herzen nichts bietet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und dabei diese grausige Lieblosigkeit: ein Jeder auf ewig von der Seligkeit ausgeschlossen, der dieser Vergewaltigung des Hirnes nicht feierlich zustimmt! Der Heiland hatte gelehrt, um in das Reich des Vaters zu gelangen, müsse der Mensch wieder Kind werden; die Kirche hat es anders gewußt.
    Man werfe mir nicht ein, das gelte nur von der römischen Kirche; denn, wie schon oben bemerkt, besitzt das Athanasianische Glaubensbekenntnis ebenso entscheidende Bedeutung für die protestantischen Kirchen ¹). Auch herrscht hier der gleiche Geist. Um sich davon zu überzeugen, schlage man nach in dem großen, vielgerühmten Lehrbuch der lutherischen Dogmatik: Christi Person und Werk, aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, von G. Thomasius; man wird die Punkt für Punkt gleiche Darstellung der Dreieinigkeit finden und am Schlusse die Bemerkung, wer über die Gottheit Christi nicht ebenso denke, sei kein Christ zu nennen. Um übrigens eine Vorstellung von der Gedankenwelt zu geben, in welcher solche Männer noch heute leben, will ich aus den erläuternden „Beweisen“, welche Thomasius gibt, den einen abschreiben: „Indem uns der Vater im Sohne, um des Sohnes willen, sein gnädiges Wohlgefallen zuwendet, unterscheidet er sich selbst von dem Sohne; indem uns der Sohn beim Vater vertritt, stellt er sich ihm als ein Anderer gegenüber; indem der Heilige Geist Christum in uns verklärt und durch ihn uns zum Vater führt, distinguiert er sich von beiden. Wir haben also hier immanente Akte, reale Unterschiede“ (Abs. 13, S. 69).
    Das ist doch nicht Religion zu nennen im Sinne Christi; und ich füge hinzu, es ist ebensowenig Wissenschaft, sondern ein Spiel mit Worten. Da lobe ich mir den braven römischen Presbyter
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    ¹) Für die orientalische Kirche gilt dieses Bekenntnis ebenfalls, mit Ausnahme des einen Doppelwortes filioque, da die Orientalen lehren, der Heilige Geist gehe vom Vater allein aus, nicht auch vom Sohne. Dieses eine Wort hat zur Trennung zwischen den beiden großen Kirchen des Ostens und des Westens geführt.

240 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESUDIE GOTTHEIT JESU CHRISTI

Hippolyt, aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts, der sich die Sache einfach zurechtlegte: „Als es Gott gefiel, geboren zu werden, wurde er durch seine Geburt sein eigener Sohn“ (nach Hatch) — bei dieser Weisheit sich zu beruhigen, finde ich genial. In Wirklichkeit ist alles Reden über Gott überflüssig, weil sinnleer: wir sahen im ersten Kapitel, daß die Formen unseres Verstandes nicht hinreichen, um irgend etwas über die Gottheit auszusagen, und im dritten sahen wir Jesum sich mit der Vorstellung eines Vaters — „mein Vater, euer Vater“ — begnügen und nur noch in einzelnen Gleichnissen die Liebe und Fürsorge dieses Vaters uns nahebringen. Wäre irgendeiner imstande gewesen, etwas Wissenswertes und Wissensnotwendiges über die Gottheit in der Sprache der menschlichen Vernunft uns mitzuteilen, so wäre Er es gewesen, der Mittler; so aber bleibt es bei dem neti, neti der indischen Weisen: Gott ist nicht so, und er ist nicht so. Sicherlich hätte der Heiland dem Worte des frommen Eckehart beigestimmt: „Schweig und klaffe nicht von Gott, wande mit dem so du von ihm klaffest, so lügest du!“
    Demohngeachtet täten wir nicht wohl daran, wollten wir über die alten Kirchenväter und ihre Gedankennöte nur den Stab brechen. Der englische Philosoph Caird macht in seinem Buche The Evolution of Theology (2, 359 fg.) darauf aufmerksam, daß namentlich in der ersten Zeit diese Bemühungen um genauere Begriffsbestimmungen bezüglich der Gottheit in Wirklichkeit ein Ringen nach Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott bedeuten. Es hatte so einfach geschienen, von Jesus von Nazareth auszusagen, er sei Gott — und nun war auf einmal dadurch alles ins Wanken geraten, sowohl das Gottsein Gottes, als das Menschsein des Menschen: denn das Eine wußten die Kirchenväter — und dafür verdienen sie unsere dankbare Bewunderung —‚ sie wußten, daß der Heiland — um Heiland zu sein — Mensch gewesen sein mußte und daß, stünde dies nicht fest, dem Christentum der Lebensatem ausgehen würde. Dieser drohenden Gefahr suchten sie nun durch die Vermehrfachung des Gottesbegriffes zu steuern, ohne deswegen die Einheit Gottes opfern zu müssen. Sobald man das versteht, lernt man erkennen, daß diesen verworrenen und scheinbar völlig nutzlosen Phantastereien ein religiöses Motiv zugrunde liegt, und zwar ein äußerst wichtiges; diese Menschen machten Seelenqualen durch und

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kämpften einen Heldenkampf, in welchem sich nicht bloß der heilige Ernst ihres Strebens offenbart, sondern auch eine achtunggebietende Begabung und eine vorzügliche Schulung der logischen Denkkräfte. Zwar wollten sie ein Unmögliches, doch war das Ziel dieses Wollens ein Höchstes, das sie um jeden Preis erreichen mußten.

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    Um das rechte Verständnis zu gewinnen, ist es nötig, eine Tatsache zu beachten, die den meisten Laien noch heute unbekannt bleibt, weil die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung sich eigentümlich langsam verbreiten: das frühe Christentum ist — außerhalb Palästinas — eine Religion des gebildeten Mittelstandes, von wo aus es eher nach oben als nach unten sich auszubreiten neigt; eine Volksreligion kann es nur in einem sehr bedingten Sinne des Wortes genannt werden; überall sind die Bauern die letzten, die sich, und meistens nur unter Anwendung von Gewalt, bekehren lassen. Diese Religion faßte zunächst einzig in Städten Fuß, vornehmlich in verkehrsreichen, mit gemischter Bevölkerung; und zwar bekannten sich zu ihr Gelehrte, Ärzte, Beamte, Kaufleute, Philosophen, Leute vom kaiserlichen Hofe; es fehlt auch nicht an reichen Christen, deren Leichen, in goldgewirkte Stoffe gehüllt, die Katakomben noch heute bergen. Die meisten der frühen Kirchenlehrer sind wohlhabende Männer, manche unter ihnen gehören dem Adel an. So hat uns die genauere Erforschung der Dokumente und der Inschriften ein ganz anderes Bild der Anfänge der christlichen Kirche offenbart, als das überkommene — das, fürchte ich, noch heute allgemein gilt — einer Gemeinde der Armen an Geist und an Besitz. Ich verweise für alles Nähere auf die Reihe der grundlegenden Werke von Ramsay, sowie auf Harnack's Mission und Ausbreitung des Christentums; außerdem mache ich aufmerksam auf James Orr's: Neglected Factors in the Study of the Early Progress of Christianity und auf George Edmundson's: The Church in Rome in the First Century; ferner empfehle ich zwei etwas ältere französische Bücher: das bahnbrechende von Beugnot: Histoire de la Destruction du Paganisme en Occident, und Gaston Boissier's formvollendetes: La Fin du Paganisme.

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    Diese Tatsache ist nun entscheidend für die frühe Geschichte der christlichen Kirche: denn Gebildetsein hieß   g r i e c h i s c h   gebildet sein; die griechische Bildung hatte das ganze römische Reich erobert; es gab keine andere Bildung; auch in Rom waren alle Lehrer entweder Griechen oder Hellenisten orientalischen Ursprungs, allenfalls Römer, die in Athen oder Alexandrien ihren Studien obgelegen hatten; die Sprache aller christlichen Gemeinden — gleichviel, ob in Gallien, in Rom, in Phrygien oder in Ägypten — ist in der ersten Zeit die griechische; sämtliche Schriften, die zu dem Neuen Testament vereinigt wurden, sind in griechischer Sprache verfaßt. Wenn also — wie Professor Ramsay uns versichert (Galater, S. 201) — noch im 3. Jahrhundert das Christentum fast lediglich unter Gebildeten zu finden war, so ersieht man daraus, wie viel Zeit diese Richtung gehabt hat, der christlichen Lehre ihren Stempel aufzudrücken. Nun war von jeher das Geplänkel mit Worten und Begriffen des Griechen höchste Lust — Sokrates ist ein echter Typus dieser Volksanlage; mit dem Verlust der staatlichen Unabhängigkeit gerieten die früheren Grundpfeiler der hellenischen Bildung — die Leibesübungen und die Musik — in Wegfall; die Wortschwelgerei blieb allein übrig. Die sogenannte „Bildung“ bestand aus drei Fächern: Logik, Rhetorik und Dialektik — verdeutscht: Denkkunst, Redekunst, Wortstreitkunst. Was jene Männer alle liebten, worin sie allein Fertigkeit besaßen, war infolgedessen das Aufstellen spitzfindiger Begriffsbestimmungen und -unterscheidungen und endloses Redescharmützeln, außerdem Prunkreden zu halten, gleichviel über welchen Gegenstand, da es lediglich auf das Wie ankam, nicht auf das Was. Der hellenische Sinn für die Form erfährt hier, am Ende seiner Bahn und meistens schon in rassefremde Hände geraten, eine traurige Verirrung; für uns Heutige bleibt es ein Rätsel, wie gebildete Menschen an derartigen Erzeugnissen haben Gefallen finden können.
    Jedoch wir wollen uns vor voreiligen Urteilen hüten, und namentlich bei solchen geschichtlich unendlich verwickelten Verhältnissen vor einseitig vereinfachenden Urteilen, wie sie dem Halbwissenden so leicht unterlaufen, sein Weltbild fälschend. Wie Großes haben nicht gerade jene Männer mit ihren unmöglichen Dreieinigkeitsformeln geleistet! Durch diese Glaubenssätze gelang es ihnen,

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von dem entstehenden Christentum zwei entgegengesetzte Gefahren abzuwenden, deren jede seinen baldigen Untergang würde herbeigeführt haben: die Erstarrung in dem armseligen jüdischen Eingottglauben und die Zersplitterung in die grenzenlose Vervielfachung der hellenischen Götterphantastik. Zwar bekamen wir noch immer eine übergroße Ladung an Jahve-Aberglauben mit, welche das Schiff des Christentums, von der ersten Stunde an bis zum heutigen Tage, schwer belastet; doch war durch die neue Gotteslehre dem völligen Versinken ins Judentum vorgebeugt; für Jahve bleibt in der Dreieinigkeit kein Platz; auch wird er in den Jahrhunderte ausfüllenden Verhandlungen über das Wesen der Gottheit niemals genannt; er hinkt nur so nebenher als ewig fremdes, nicht einzuverleibendes Erbstück. Will der Laie sich aber eine lebhafte Vorstellung von der zweiten Bedrohung — der hellenischen — machen, so schlage er nach in Herder's herrlicher Abhandlung: Von Gottes Sohn, der Welt Heiland, nach Johannes Evangelium (Abs. 27 fg.), wo er verschiedene von den vielen Systemen der griechischen Gnosis (Geheimwissenschaft) anschaulicher geschildert finden wird als in anderen Büchern. Ein einziges Beispiel entnehme ich ihm, und zwar wähle ich dazu das System des Basilides, eines alexandrinischen Christen, der als Verfasser der allerfrühesten Erläuterungsschrift zu einem neutestamentlichen Buche — eines Kommentars zum Evangelium Johannis — besonderen Ruf genießt:
    „Gott, das höchste ungenannte Wesen; die Materie mit Gott gleich ewig.
    Sieben vollkommene Aeonen, unmittelbar aus Gott hervorgebracht; er selbst der achte.
    Engel in 365 Ordnungen und Himmeln, deren erste Ordnung allein von den vollkommenen Aeonen hervorgebracht ist, die andern sich ordnungsweise geschaffen haben. Ihrer aller Vorsteher ist ein guter, aber unvollkommener Geist.
    Mit diesem guten, aber unvollkommenen Geist in Gemeinschaft baueten Engel aus der ewigen Materie die Welt, nach dem Bilde, das ihnen der Aeon „Weisheit“ vorlegte. Sie bildeten den Menschen nach dem Bilde des himmlischen Menschen, das ihnen ein Aeon brachte.
    Die Weltschöpfer, die nach Völkerschaften die Regierung der

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Welt unter sich geteilt hatten, verfielen, und ließen statt des höchsten Gottes sich selbst anbeten. Insonderheit stiftete der Judengott viel Unheil.
    Dem Elende der Menschen abzuhelfen, kam der eingeborene Sohn Gottes, der Aeon „reiner Verstand“ auf die Erde, sucht die Herrschaft der verfallenen Weltregierer, insonderheit des Judengottes, zu zerstören, und die Menschen durch Erkenntnis des wahren Gottes und Ablegung der Leidenschaften glücklich zu machen. Der Judengott regte die Nation gegen ihn auf: er ward getötet.
    Die reinen Seelen gelangen wie Christus, an den Ort hin, wo sie erst gewesen; die unvollkommenen wandern bis zur völligen Reinigung in andere Körper.“
    Solche gnostische Lehrgebäude schossen zu Dutzenden auf — manche von ihnen voll tiefer, geistreicher Einfälle, und man könnte wenig dagegen einwenden, gäben sie sich als die freie Gedankenmythenbildung unterrichteter Männer, die über Muße verfügen; weit entfernt aber, wollen sie allen Ernstes der Religion Jesu Christi ein brauchbares Glaubensschema verschaffen! Man meint, dem Treiben von Wahnsinnigen zuzusehen, und ich glaube auch wirklich, daß hier eine geistige Erkrankung vorliegt, zu der Gattung gehörig, die die Irrenärzte als „Monomanie“ bezeichnen und bei der ein sonst vollkommen gesunder Mensch in Beziehung auf einen einzigen Gegenstand alles Urteil verloren hat und insofern einem Irrsinnigen gleicht. Durch besondere Umstände begünstigt, pflanzte sich diese Erkrankung von Gehirn zu Gehirn fort, so daß man zuletzt von einer Massenerkrankung reden darf. Hier nun griffen die Kirchenlehrer energisch ein: zwar entstammt auch ihre Denkweise der gnostischen Gedankenwelt, und man wird — wie schon oben bemerkt — der Dreieinigkeitslehre erst gerecht, wenn man sie als eine Erscheinung der griechischen Geheimwissenschaft erkennen lernt; aber welche grundsätzliche Vereinfachung führt sie durch! und wie fest hält sie die Hauptsache — das Menschtum Jesu Christi — im Auge! und wie praktisch wirkt die Einführung des Zwangsglaubens, durch welchen allein die soeben genannte Krankheit geheilt und das drohende Chaos abgewiesen wurde!
    Alles Gesagte gilt in genau dem gleichen Maße von der Logos-Gotteslehre des Apostels Johannes („Im Anfang war das Wort“ usw.):

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der Begriff des Logos, seine Auffassung als „Emanation“ der Gottheit — alles ist buchstäblich aus der Gnosis übernommen. Jene Lehre, welche gänzlich außerhalb der Dreieinigkeitslehre liegt, stellt einen parallel laufenden Versuch dar, die Gnosis durch Gnosis zu überwinden. Und auch hier, welche sieghafte Vereinfachung und welche Betonung des Menschtums Jesu Christi! „Und das Wort ward Fleisch“.... Das ganze Evangelium gilt ja dem einen Ziel, die Menschen zurückzuführen zum lebendigen Jesus, der schon damals anfing, unter den Händen der Gnostiker sich zu einem abstrakten Gedankenwesen zu verflüchtigen.
    Wir wissen, daß es auch eine Hauptsorge der Dreieinigkeitslehre war, das vollkommene Menschtum des Heilandes außer Zweifel zu setzen: dies bildete die unerläßlichste Aufgabe der frühen Kirche; nirgends verdient ihr Instinkt für das Wesentliche mehr Bewunderung: wer den historischen Jesus aufopfert, richtet das Christentum zugrunde.
    Zur genaueren Einsicht in die Art der Gedankenführung, welche jener Zeit entsprach, teilte ich vorhin die erste Hälfte des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses mit; sie betraf lediglich die Gottheit; jetzt lasse ich die zweite Hälfte folgen, die das Problem der Gottmenschheit zu lösen unternimmt. Dabei erinnere ich, daß dieser endgültige Wortlaut des Bekenntnisses erst nach Anbruch des lateinischen Zeitalters der Kirche entstand, wodurch bedeutende Vereinfachung herbeigeführt und der Verlust mancher zarter Schattierungen, die nur in der griechischen Sprache zum Ausdruck gebracht werden können, bedingt wird; im Griechischen kann man Vorstellungen schweben und verschweben und ineinanderschweben lassen, wogegen im Lateinischen alles sich ehern und festgemauert gibt.
    „Es ist aber weiter notwendig zum ewigen Heil, daß man auch an die Fleischwerdung unsres Herrn Jesu Christi treulich glaube. So ist nun der rechte Glaube, daß wir glauben und bekennen, daß unser Herr Jesus Christus Gottes Sohn, Gott und Mensch ist: Gott aus dem Wesen des Vaters vor der Weltzeit gezeugt und Mensch aus dem Wesen der Mutter in der Weltzeit geboren. Vollkommener Gott, vollkommener Mensch, aus vernünftiger Seele und menschlichem Leibe bestehend. Gleich dem Vater nach der Gottheit, kleiner als der Vater nach der Menschheit. Und wiewohl er Gott und Mensch ist, so sind doch nicht

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zwei, sondern es ist ein Christus, einer aber nicht zufolge Verwandlung der Gottheit ins Fleisch, sondern zufolge Annahme der Menschheit in Gott hinein, durchaus einer, nicht zufolge Vermengung des Wesens, sondern zufolge Einheit der Person. Denn gleichwie vernünftige Seele und Leib ein Mensch ist, so ist Gott und Mensch ein Christus, der da gelitten hat um unseres Heiles willen, niedergestiegen zur Unterwelt, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufstieg zu den Himmeln usw.“
    Es bedarf nicht erst des Nachweises, daß kein unbefangen denkender Mensch des heutigen Tages sein Genüge an derartigen Begriffskunststücken finden kann; tut er es, so betrügt er sich selber; denn wenn man schon unergründliche Geheimnisse gedanklich zergliedern will, so muß wenigstens jedes Glied einen faßbaren Sinn bergen — was hier nicht der Fall ist. Wenn es unter uns Leute geben sollte, welche die Widersprüche und die gedanklichen Unmöglichkeiten in einer derartigen Aussage wirklich nicht empfinden, so empfehle ich ihnen, in dem Büchlein Friedrich Loofs': Wer war Jesus Christus? die Seiten 179 und folgende nachzuschlagen und sich von diesem gläubigen Christen belehren zu lassen. Schon Augustin hat bemerkt, daß in der Kirchenlehre der Begriff „Person“ in zwei Bedeutungen genommen wird, nämlich anders, wo von der Dreieinigkeit die Rede ist, als wo von der Menschwerdung Jesu Christi gesprochen wird. „Ist wirklich nur die zweite Person der Trinität Mensch geworden, so sind die drei Personen offenbar so selbständig gegeneinander, auch im Wirken nach außen, daß sie als drei Götter, aber nicht als der eine Gott, sich darstellen.“ Dies ist gleich im ersten Augenblick ersichtlich; je tiefer man sich aber in ein solches Glaubensbekenntnis versenkt, um so unerträglicher erweisen sich die dem Denken zugemuteten Unmöglichkeiten: in Wirklichkeit wird durch die Lehre von der Menschwerdung der einen göttlichen Person die Lehre von der Dreieinigkeit gesprengt; und außerdem erweist sich der Begriff eines Wesens, das zu gleicher Zeit Gott und wahrhaftig Mensch sei, als für den Verstand völlig unfaßbar: man lese nur bei Loofs nach. Auch seine Schlußworte sind beherzigenswert; sie wenden sich an Frommgläubige, die derartige Erwägungen als pietätlos und armselig verwerfen: „Hätten diese guten Christen eine Vorstellung davon, wieviel unwürdiges Theologengezänk wirksam gewesen ist, ehe

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diese ‚Geheimnisse' ihre jetzige theologische Form erhielten, sie würden Vernunftgründe gegen diese aus vielem Vernünfteln hervorgewachsenen orthodoxen Lehren nicht für unberechtigt halten können.“
    Daß die Christen der ersten Jahrhunderte anders dachten als wir, wollen wir ihnen nicht zum Vorwurf machen: wir lernten die sie umgebende geistige Welt kennen und verstehen es, daß sie zu einem solchen Verfahren greifen mußten und darin auch ihr Genüge fanden. Zum letztenmal sei es wiederholt: ihnen schwebte ein doppeltes Ziel vor — erstens, ohne Vielgötterei die Gottheit mehrfach zu zergliedern; zweitens, es als möglich zu erweisen, daß Jesus Gott und zugleich wirklicher Mensch auf Erden gewesen sei. Beides versuchten sie durch lauter Verstandesunterscheidungen, d. h. also durch geistige Akrobatenkunststücke; doch was verficht es? Sie haben die Ziele, die ihnen vorschwebten, erreicht — das mag genügen. Schiller lehrt einmal Duldsamkeit gegen „abgeschmackte Ideen“; er meint: „eine Idee könne, isoliert betrachtet, sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht .... in einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abgeschmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben“ (Bf. an Körner: v. 1. 12. 88). Diese Worte finde ich auf jene Männer anwendbar, welche unter Aufgebot inbrünstigen Erforschungsdranges, den christlichen Mythos mühsam aufbauten.

*

    Ehe wir nun daran gehen, uns Rechenschaft zu geben über die Bedeutung dieser Wendung des Christentums zu zwangsglaubenssätzlichen Feststellungen betreffs der unergründlichen Geheimnisse der Gottheit, und uns die Frage vorlegen, wie wir Heutigen uns dazu stellen wollen, — müssen wir einen Blick auf eine zweite Entwickelungsreihe werfen, die gleichlaufend emporwuchs und die ursprüngliche Gemeinde der einander gleich zu schätzenden „Heiligen“ zu einer durch Priester regierten Kirche umschuf. In der Tat, diese zwei Bewegungen gehen Hand in Hand und fördern sich gegenseitig: die eine setzt die andere voraus, und aneinander wachsen sie in die Höhe. Man beurteile es nur nicht als Zufall, wenn der erste wirkliche Papst — Leo I. — Zeitgenosse der Einführung des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses ist.

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    Ursprünglich handelte es sich bei der Bildung der Kirche lediglich um einen freien Zusammenschluß Aller, die an Jesum Christum als Mittler zwischen Mensch und Gott glaubten, zu gegenseitiger Unterstützung und zu gegenseitigem Schutz, — um die Gründung einer Gemeinschaft brüderlicher Liebe in Jesu Christo. Ein Rat der Ältesten (Presbyter) verwaltete die gemeinsamen Geschäfte, Boten und Diener (auf griechisch Diakone) führten seine Weisungen aus, besuchten die Kranken, sorgten für die Notleidenden; man schlage in der Apostelgeschichte (6, 1 fg.) die Erzählung über die erste Wahl von Diakonen nach, die „den Tischdienst besorgten“. Sehr bald stellte sich in größeren Gemeinden — dem Beispiel römischer Verwaltungskunst folgend — die Notwendigkeit eines Oberaufsehers (epi-skopos) ein. Diesen verschiedenen Beamten war gemeinsam, daß sie aus der Wahl allem Gemeindeglieder hervorgingen, sodann daß sie dienten, nicht befahlen und daß sie sich vorzüglich mit praktischen Fragen, nicht etwa mit Seelsorge zu befassen beauftragt waren, geschweige denn, daß sie einen bevorzugten geistlichen Stand innerhalb der Gemeinde gebildet hätten. Dennoch gewannen diese von der Gemeinde durch freie Wahl ernannten Führer bald auch in Glaubensfragen ausschlaggebenden Einfluß; das konnte nicht ausbleiben — kamen doch die Diakone von einem Haus ins andere, Rat und Hilfe bringend, erwählte man doch zu Presbytern, und erst recht zu Bischöfen, diejenigen Männer, die die allgemeinste Verehrung genossen; und ich setze gleich hinzu, es mußte dieser Einfluß den jungen Gemeinden zum Segen gereichen; denn wir wissen aus den Briefen Pauli, wie wirr und wüst es dort manchmal zuging, wo weder Glaubenssätze noch gottesdienstliche Handlungen nach feststehenden Bestimmungen sich richteten (2. Kor. 10 fg.). Entscheidend ist aber, daß der Begriff einer besonderen und abgesonderten Priesterschaft den Evangelien und den Episteln, sowie auch den Gemeinden noch lange Zeit hindurch unbekannt bleibt. Von Stufe zu Stufe entwickelt sich — und wiederum müssen wir sagen im unmittelbaren Widerspruch zu den Lehren Jesu Christi — der Begriff eines vom Laienstand unterschiedenen geistlichen Standes: durch die Arbeiten von Lightfoot und Anderen ist es uns leicht gemacht, dem Werdegang dieser verhängnisvollen Auffassung zu folgen. Der Vereinfachung wegen beschränke ich mich auf drei Stufen

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dieser Entwickelung, von denen eine jede sich uns in einem berühmten Namen veranschaulichen wird: Ignatius, Irenäus und Cyprian.
    Ignatius, der Märtyrer, dem wir in diesem Buche schon mehrfach begegnet sind und der etwa um das Jahr 110 starb, betont wohl in seinen Briefen wiederholt die hohe Bedeutung der Bischöfe für den Zusammenhalt der Gemeinden, er tut es aber stets in dem Sinne einer an die Gemeindemitglieder gerichteten Bitte, die Wichtigkeit der durch den Bischof vertretenen Einheit zu begreifen, ohne welche die eben erst geborene Christenheit binnen kurzem gewiß wieder in Atome zerstieben werde. „Ebenso wie der Herr nichts ohne den Vater tat, ebenso sollt ihr nicht irgend etwas unternehmen ohne den Bischof und die Presbyter. Versuche nicht der Einzelne unter euch etwas Rechtes zu denken, ohne die Teilnahme der Übrigen: vielmehr lasset es ein gemeinsames Gebet geben, ein gemeinsames Anrufen, einen gemeinsamen Geist, eine gemeinsame Hoffnung in Liebe und in untadelhafter Freude — welche ist Jesus Christus, über den nichts geht.“ Aus diesen Worten versteht man genau, wohinaus der edle, vielerfahrene Greis will, der sein Leben lang unter den Spaltungen der Gemeinden, denen er vorstand, zu leiden gehabt hatte, und man wird auch den folgenden Worten, die uns zunächst eigentümlich anmuten, Verständnis entgegenbringen: „Seid gehorsam eurem Bischof und gehorsam gegeneinander!“ (Brief an die Magnesier, Abs. 7 u. 13).
    Etwa sechzig bis achtzig Jahre später — also nach zwei Generationen — hören wir Irenäus, den rührigen Bischof von Lyon, die hohe Bedeutung des bischöflichen Amtes immer von neuem stark hervorheben, doch ist der Standpunkt auffallend verschoben; nicht mehr handelt es sich wie bei Ignatius um den organischen Mittelpunkt der Gemeindeverfassung, also gewissermaßen um eine politische, jedenfalls aber um eine praktische Angelegenheit, vielmehr liegt jetzt das Schwergewicht auf den Glaubensfragen. Irenäus lebt zu einer Zeit, wo hundert verschiedene Lehren innerhalb des jungen Christentums um die Vorherrschaft streiten, und da meint er, diejenigen Bischöfe, die in gerader Linie von den Aposteln abstammen — wie das bei denen von Rom, Korinth, Ephesus und Smyrna zutreffe —‚ seien eo ipso die Verwahrer der echten apostolischen Überlieferung. „Wollt ihr die echte Lehre der Apostel er-

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fahren, so fragt bei den apostolischen Kirchen an. In der Aufeinanderfolge der Bischöfe, deren erste von den Aposteln selbst ernannt wurden, besitzt ihr die Gewähr für die Fortpflanzung des reinen Glaubens, eine Gewähr, welche kein vereinzelter Emporkömmling bietet, der sich aus eigener Machtvollkommenheit zu lehren erdreistet.“ Wie willkürlich diese Erfindung einer angeblichen apostolischen Überlieferung war, das beweist die einfache Tatsache, daß die hochwürdigen Herren Bischöfe sich widersprachen und sich gegenseitig aus der Kirche bannten, sowie daß sie auf ihren Versammlungen die einzelnen Punkte der Lehre durch Mehrheitsbeschlüsse bestimmten: in der Not aber, in der sich die Kirche befand, diente eine solche Idee zur Beruhigung und Befestigung.
    Jedoch es sollte die Lehre von der ausschlaggebenden Bedeutung der Bischofswürde noch einen großen Schritt weiter tun, und zwar wiederum ungefähr zwei Geschlechter später. Gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts blühte der feurige Afrikaner Cyprian und drang mit der Lehre durch, der Bischof werde weder aus praktischen Rücksichten einheitlicher Verwaltung ernannt, noch ruhe seine Würde lediglich auf apostolischer Weihe, vielmehr entstamme seine Gewalt einem unumstoßbaren Gesetze Gottes. Der Bischof, so lehrt Cyprian, wird unmittelbar von Gott ernannt, ist nur Gott verantwortlich und wird unmittelbar von Gott erleuchtet. „Ihr sollt wissen, der Bischof ist der Inbegriff der Kirche und die Kirche der Inbegriff des Bischofs; folgt Einer seinem Bischof nicht, so gehört er nicht mehr der Kirche an, gleichviel was auch diejenigen sich schmeicheln mögen, die in Unfrieden mit den Priestern Gottes sich einbilden, daß sie noch mit Gott heimlich verkehrten. Die Kirche ist katholisch und eins .... zusammengekittet durch die miteinander übereinstimmenden Priester.“ Der Bischof ist weniger als das krönende Dach des Kirchengebäudes zu betrachten, denn als dessen Grundstein; er ist der einzige und daher nicht zu entbehrende Vermittler der göttlichen Gnade (vgl. die Schrift des Cyprian über Die Einheit der Kirche sowie viele seiner Briefe, darunter namentlich den an Florentius Pupianus).
    Cyprian drang mit seinen Ansichten durch, und damit hatte die Auffassung der Kirche als eines Priesterregimentes endgültig obgesiegt: das weitere, nämlich die Zuspitzung zum Papsttum, konnte nicht ausbleiben und stellte sich von selbst innerhalb der folgenden zwei

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Jahrhunderte ein. Desgleichen das Gesetz der Ehelosigkeit, wodurch die Priester aus der menschlichen Gesellschaft und aus der Naturordnung ausgeschieden und in den ausschließlichen Dienst der Kirche gestellt wurden. Zwar pflegte der Apostel Petrus sein Eheweib auf seinen Missionsreisen mitzuführen, und der Apostel Paulus verordnet sogar ausdrücklich, die Bischöfe und Diakonen sollten verheiratete Männer sein (1. Tim. 3, 2 u. 12); doch gegen die Logik des kirchlichen Priesterwillens vermag ein Apostelwort ebensowenig wie ein Wort des Heilandes. Die endgültige Besiegelung der Priestermacht geschah durch die Durchführung des Zwangsglaubenssatzes von der Wandlung (Transsubstantiation), eine Lehre, dank welcher der geweihte Priester allein fähig wurde, „das Zaubermittel der Unsterblichkeit“ (S. 64) zu bereiten und zu verabreichen; wer außerhalb der Kirche stand, besaß er auch alle Tugenden und glaubte er auch inbrünstig an Gott, durfte sich nichts anderes erwarten als Höllenfeuer. Selbst die Kirche hat mehr als ein Jahrtausend benötigt, um die Menschen zu der Annahme dieser Ungeheuerlichkeit mürbe zu machen. Zwar trat bald darauf die Reformation auf den Plan und setzte gerade an diesen Punkt den Hebel an; doch steckte sie selber noch viel zu tief in hellenistischen Glaubensformeln und in jüdischem Geschichtsmaterialismus, als daß sie bis zur vollen Befreiung hätte durchdringen können, und nur gar zu bald blühten „die erzkatholischen Protestanten“ — wie Kant sie nennt — in der Gestalt unduldsamer lutherischer Geistlichen auf.
    Durch diese auf der ganzen Linie triumphierende Auffassung von der Kirche als Hüterin einer durch die Priester selber aufgestellten Rechtgläubigkeit ward eine der kostbarsten Errungenschaften der klassischen Kultur ausgelöscht und rückgängig gemacht: wir Menschen fielen wieder unter die Botmäßigkeit des „Medizinmannes“, des Priesters — eine Zwingherrschaft der Seele, welche Griechen und Römer der Blütezeit überwunden hatten. Diese Zwingherrschaft war sogar noch vollkommener organisiert als ihre Vorgängerinnen in Babylon und in Ägypten, und außerdem ungleich stärker, dank dem einzigen Schatze an moralischen Werten, den sie von Jesu Christo geerbt hatte und zum großen Teil unverstanden in den Evangelien mit sich führte.

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252 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESURÜCKBLICK

    Jetzt haben wir, glaube ich, genügend Stoff zusammengetragen, um den Einfluß zu beurteilen, den die kirchliche Entwickelung des Christentums auf die Religion Jesu, sowie auf die Auffassung von Religion überhaupt ausgeübt hat: es kommt bei einer solchen Frage weniger auf Ausführlichkeit an als auf richtige, scharfe Auffassung der Leitlinien; — wo solche so unzweideutig am Tage liegen wie in diesem Falle, braucht man eigentlich nur das sapere aude (erkühne dich, weise zu sein) zu beherzigen, und alles liegt einem klar vor Augen. Zwei solcher Leitlinien haben wir durch mehrere Jahrhunderte verfolgt: die eine betraf das Allerinnerste, das dem Menschen eingeborene Glaubensbedürfnis, die andere betraf die äußere Gliederung der menschlichen Gesellschaft in bezug auf dieses selbe religiöse Verlangen: ich glaube, der Leser wird, auch ohne darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, die nahe Verwandtschaft zwischen beiden Reihen von Vorgängen bemerkt haben. Die hellenistischen Gnostiker, welche die Glaubenssätze über die Gottheit ausarbeiteten, gehörten zwar einer anderen Umwelt an als die Afrikaner und Westeuropäer, welche später die Macht des Klerus vollendeten, doch hat das Schicksal es mit sich gebracht, daß die Griechen den Römern und der ganzen romanisierten Welt — die an und für sich unfähig gewesen wäre, solche spitzfindige Gedanken auszuklügeln — wunderbar vorgearbeitet haben: je unbegreiflicher die Lehre, um so unbestreitbarer die Macht des Priesters.
    Auf die Gefahr hin, einige Wiederholungen zu begehen, möchte ich einen zusammenfassenden Rückblick über unsere Ausführungen werfen: die Deutlichkeit des Erschauten wird dadurch gewinnen.
    Der erste Versuch, die unfaßbare Erscheinung Jesu von Nazareth in eine schon geläufige Vorstellung umzugießen und dadurch sich selbst und anderen begreiflich zu machen, geschah durch das Tu es Christus des Heilandjüngers Petrus. Zweifellos handelt es sich hier zunächst um den rein naiven Einfall eines ungestümen Volksmannes; die Unzulänglichkeit des jüdischen Messiasbegriffes mußte sich jedoch bald aufdrängen — außerdem besaß dieser Begriff für die Heiden, aus deren Reihen so gut wie alle Christen hervorgingen, keine klar vorstellbare Bedeutung, und so sehen wir denn schon den Apostel Paulus mit fast abenteuerlicher Kühnheit hellenistische Vorstellungen heranziehen, um ein neues Messiasideal

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aufzurichten. Aber auch das genügte der Mehrzahl nicht: was der Grieche verehrte, mußte er als Gottheit verehren, und so ward denn Jesus Christus nicht allein Sohn Gottes, sondern der allmächtige Gott selber. Doch, siehe da! Kaum ward Jesus Christus als Gott verehrt, so geriet sein Menschtum ins Schwanken, und damit begann für gar viele die historische Persönlichkeit, aus der der christliche Glaube entsprungen war, zu verblassen, wenn nicht gar sich in einen bloßen Schein aufzulösen: das Christentum stand in Gefahr, zu einem der vielen metaphysischen Wahngebilde der hellenistischen Gedankenwelt herabzusinken. Aus den Schilderungen in den Dogmen- und Kirchengeschichten gewinne ich den Eindruck, daß es eine Zeitspanne gegeben hat, in der die allermeisten Christen — darunter nicht wenige der edelsten führenden Geister — ausgesprochene oder unbewußte „Doketisten“ waren: so nannte man (von dokein, scheinen) diejenigen Gläubigen, die das Menschtum Jesu Christi in irgendeinem Sinne oder Grade für bloßen Schein hielten. Denjenigen Männern, die diese Richtung als tödliche Gefahr für die christliche Religion erkannten und die sich mit Leidenschaft ihr entgegenwarfen, kann man das Verdienst nicht absprechen, das Christentum — und mit ihm seinen größten Schatz, die Evangelien — vor dem Untergang gerettet zu haben. Glimpflich ging es nicht immer zu, man scheute sich nicht, die Hilfe heidnischer Kaiser anzurufen, und mancher würdige Mann mußte vor grausamer Verfolgung in die Wüste flüchten. Was nun die Gedanken und die Glaubenssätze betrifft, so wurde Willkürliches durch ebenso Willkürliches bekämpft und niedergeschlagen — nur daß dieses letztere den Zweck verfolgte, das Menschtum Jesu und sein geschichtliches Dasein vor jeder Infragestellung zu schützen. Hierbei mußte natürlich die unmittelbare Wirkung auf die damalige Gegenwart bezweckt werden, was den betreffenden Männern nicht schwer fiel, da sie selber die Bildung ihrer Zeit genossen hatten und all ihr Denken dem hellenistischen Kulturkreise angehörte.
    Wozu noch eine Erwägung sich uns aufdrängt: bekanntlich sind alle Glaubenssätze der Kirche erst als Abwehr gegen „Irrlehren“ entstanden, und daraus folgt, daß das, was die Kirche als Irrlehre bezeichnet, stets auf ihre eigene Lehre nicht unbedeutenden gestaltenden Einfluß ausgeübt hat; so wurde denn auch jetzt hellenistische

254 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESURÜCKBLICK

geheime Gotteswissenschaft durch hellenistische geheime Gotteswissenschaft — in der Gestalt der Dreieinigkeits- und der Gottmenschheitslehre — überwunden; anders wäre das Ziel gar nicht zu erreichen gewesen. Hätte die Kirche ihre menschliche Beschränktheit richtiger beurteilt, so hätte sie auch als Lehrmeisterin reinen Segen verbreiten können, so aber maßte sie sich göttliche Würde an: sie, welche sich nicht scheute, den Wortlaut der evangelischen Grundschriften durch Streichungen und Einschiebungen ihren Zwecken dienstbar zu machen, sie, welche dem Heiland Worte in den Mund legt, die er nie gesprochen hat, noch sprechen konnte (vgl. S. 105 fg. und S. 229), sie fordert für den Wortlaut ihrer eigenen Entscheidungen unabänderliche Gültigkeit, und zwar bei Strafe ewiger Verdammnis: dieser Versuch, einem vielseitig Bedingten, aus der Not des Augenblicks Entstandenen, unbedingte, ewige Geltung zuzuweisen und die Menschen für alle Zeiten darauf zu verpflichten, bedeutet eine ungeheuerliche Gewalttat, sowohl gegen das Menschengemüt, wie auch gegen die geschichtliche Wahrheit.
    Die ganze Gnosis entsprang — das haben wir schon oben bemerkt — einer Art geschichtlich bedingter Zeitkrankheit und hätte sich auf keinen Fall lange halten können; bald staunten alle Menschen über diese wahnsinnig willkürlichen Gedankengebäude, von denen wir nunmehr völlig erlöst gewesen wären, hätte nicht die Kirche für ihre eigene Gnostik ewige Geltung beansprucht. So wandelte sich — als Strafe des priesterlichen Hochmutes — der Segen zum Fluch. Denn durch die neue Gotteslehre ward der   V a t e r,   von dessen unmittelbarer Nähe die Menschen zu überzeugen Jesus auf Erden geweilt hatte, in unerreichbare Fernen gerückt, und nicht er allein, sondern mit ihm auch der   M i t t l e r,   unser Heiland. Zwischen uns und Gott schob der Priester erst die trennenden Zwangsglaubenssätze und dann noch sich selbst und seine Priesterkirche. Cyprian faßt die nunmehrige Kirchenlehre in wenige Worte zusammen: „Derjenige darf Gott nicht als seinen Vater anrufen, der nicht die Kirche für seine Mutter anerkennt“ (Einheit der Kirche, Abs. 6).

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    Hören wir, was Herder in seiner Schrift Vom Geist des Christentums über das Priestertum sagt: „Das Staatschristentum wich von dem genetischen Grundgesetz (der Freiheit und Gleichheit aller Gläubigen) des alten Christentums bald ab, indem es nach jüdisch-heidnischer Art, mehr als politisch, Stände trennete, Gaben (des Geistes) verbot, Gaben einschränkte. Es trennete Klerus und Laien; ein Unterschied, den das Urchristentum gar nicht kannte, der seiner Grundverfassung durchaus entgegen war, ja der seine erste Idee aufhob: denn alle Christen sind Auserwählte, ein heiliges Volk, ein königliches Priestertum, wo der geringste wie der größeste vor Gott treten und ihn lobpreisen sollte. —   N a t ü r l i c h   w a r e n   m i t   d i e s e m   F e h l t r i t t   a l l e   g e g e b e n“   (Ausg. v. Suphan, 20, 89). So macht denn Herder, wie man sieht, die Idee des Priestertums für den Verderb der christlichen Religion verantwortlich. Daß ein Mann von so seltener geistiger Spannweite, ein Theolog, der das gesamte Fachwissen seiner Zeit beherrschte, vor allem, daß das ahnungsvollste Genie, das Deutschland — und vielleicht die Menschheit — je besessen, dazu ein überzeugter, glaubensstarker Christ, in dieser Weise und mit dieser Bestimmtheit über die Kirche urteilt, muß Jedem zu denken geben. Mich mag mancher Laie einseitiger Darstellung in Verdacht haben, Herder kann er kein derartiges Bedenken entgegenhalten, und Herder urteilt: wenn das Christentum heute über Millionen von Gemütern nicht mehr siegende Kraft besitzt, so liegt die Schuld in erster Reihe an der Bildung der priesterlichen Kirche — ein so verhängnisvoller „Fehltritt“, daß mit ihm schon alle weiteren Fehltritte gegeben waren und von selbst daraus erfolgen mußten.
    Der Name Herder weckt unwillkürlich den seines großen Antipoden, Immanuel Kant. Dieser stellt sich freilich in seinem Religionsbuch, außerhalb aller Geschichte, auf den Standpunkt der notwendigen Gegebenheiten des Menschengemütes; um so belangreicher sind aber seine Bemerkungen, und außerdem schwebt ihm doch immer das Christentum vor dem Sinn und wird bei jeder Gelegenheit als Beispiel herangezogen. Kant gibt nun von dem Begriff des Priesters überhaupt folgende Bestimmung: „Pfaffentum ist die usurpierte Herrschaft der Geistlichkeit über die Gemüter, dadurch daß sie im ausschließlichen Besitz der Gnadenmittel zu

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sein sich das Ansehen gibt“ (Religion, 4. Stück, allgem. Anm.). In einem Abschnitt des selben Buches, der den ergötzlichen Titel trägt „Vom Pfaffentum als einem Regiment im Afterdienst des guten Prinzips“, weist er nach, daß jegliches Pfaffentum notwendig zu „einem Fetischdienst“ führt, „welches allemal da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern statutarische Gebote, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das Wesentliche desselben ausmachen .... es mögen der auferlegten Observanzen noch so wenig sein, genug, wenn sie für unbedingt notwendig erklärt werden, so ist das immer ein Fetischglauben, durch den die Menge regiert und durch den Gehorsam unter eine Kirche (nicht unter die Religion) ihrer moralischen Freiheit beraubt wird“. Auch dieses Urteil — dessen ausführliche Begründung man in dem genannten Werke findet — empfehle ich der ernstesten Beachtung meines Lesers, welcher bedenken muß, daß der große Weise, nicht minder als Herder, von Hause aus die vollkommene theologische Ausbildung erhalten und auf der Predigerkanzel gestanden hatte, ehe er den Katheder des Philosophen bestieg: er redet hier von Dingen, die er ausführlich genau kennt.
    Bei jedem Satze Kant's muß man auf den Wortlaut besonders genau achten, denn die Eigentümlichkeit seines Stiles besteht in der Tragweite, die er dem einzelnen Worte zu erteilen weiß. So erklärt er in den wenigen Worten des zuerst angeführten Satzes: das Wesen der Geistlichkeit bestehe in dem Herrschen, und zwar in dem Herrschen über die Gemüter; darin läge noch kein Tadel ausgesprochen; nun aber kommt das Bedenkliche: diese Herrschaft wird durch eine Gewalttat begründet, indem die Kirche sich Vorrechte anmaßt, die ihr keineswegs zukommen, und sich „das Ansehen gibt, im ausschließlichen Besitze“ besonderer, ihr von Gott verliehener „Gnadenmittel“ zu stehen. Die Absicht mag noch so gut sein, ein Element des Betruges — die von den Kirchenvätern empfohlene pia fraus — mischt sich hinein, und es ist unmöglich, daß dies ohne schwerwiegende Folgen bleibe. Darum heißt es dann, die Kirche stehe zwar im Dienste des guten Prinzips — das macht ihre Tugend aus, zugleich das Geheimnis ihrer Kraft —; doch kann man nicht umhin, von einem höheren Standpunkt aus diesen Dienst als „Afterdienst“ zu bezeichnen, wegen jener eingeschlichenen Un-

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wahrhaftigkeit, welche der erreichten Macht an der Wurzel haftet. Das ist der gleiche „Fehltritt, mit dem alle weiteren gegeben waren“, wie Herder es aussprach — nur hier von Kant näher bezeichnet. Kant deckt aber noch mehr auf: durch diese vermeintlichen „Gnadenmittel“ schaffen die Priester an Stelle der reinen Gotteszuversicht, wie Jesus sie gelehrt hatte, „einen Fetischdienst“, der, im Grunde genommen und nach seinem rein sittlichen Wert gemessen, durchaus mit jedem beliebigen Fetischdienst urtümlicher Menschen gleichzustellen ist. Hierauf legt Kant großen Nachdruck und schreibt „Zwischen dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der die Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt mit dem kurzen Gebet: ‚schlag mich nicht tot', bis zum sublimierten Puritaner und Independenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in der   M a n i e r,   aber nicht im   P r i n z i p   zu glauben... Die unsichtbare Macht, welche über das Schicksal der Menschen gebietet, zu ihrem Vorteil zu lenken, ist eine Absicht, die sie alle haben; nur wie das anzufangen sei, darüber denken sie verschieden.“
    Daß diese beiden Männer — Kant und Herder — die unaufzählbaren Verdienste der Kirche kennen und anerkennen, das versteht sich von selbst; ein großer Teil dieser Verdienste liegt aber außerhalb der eigentlichen Religion — nämlich jener unmittelbaren Erhebung zu Gott, die den Inhalt der Lehre Jesu ausmacht. Rein religiös betrachtet, würde ich sagen: weitaus das größte Verdienst der Kirche — dasjenige Verdienst, das sie für alle Zeiten heiligt — besteht (wie schon früher bemerkt) darin, daß sie die Evangelien, und damit die Gestalt des Heilandes vor dem Untergang rettete und als dauernde Quelle alles Guten im Busen birgt; der schlimmste ihrer vielen Fehler besteht darin, daß sie den Mittler — denjenigen, der gerufen hatte: „Kommt her zu mir ihr alle!“ — in unermeßbare Fernen rückte und sich selbst an seine Stelle, als Vermittlerin aller Gnaden, setzte. Hierdurch übte sie Gewalt an den Seelen der Menschen — und das rächt sich früher oder später; ich sage nichts von der erschreckenden Gewalt, die sie an Leben und Glück und Gut Ungezählter ausübte, — bekanntlich hat Voltaire ausgerechnet, die Kirche habe mehr Menschen hingeschlachtet, als in sämtlichen Kriegen des Altertums gefallen sind, und Kant spricht es offen aus: „Die Geschichte des Christentums gereicht ihm, was die wohltätige

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Wirkung betrifft, die man von einer moralischen Religion mit Recht erwarten kann, keineswegs zur Empfehlung“ (Religion, S. 195); hier habe ich jedoch lediglich die Gewissensqualen und die Seelenmartern im Sinne, welche die Kirche zu allen Zeiten und in allen ihren Zweigen verursacht hat, denn diese alle erfolgen mit Notwendigkeit aus dem „ersten Fehltritt“, von dem Herder spricht.

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    Wir haben die Art kennen gelernt, wie die Kirche, um verderbliche Irrtümer von sich abzuwenden, grenzende Glaubenssätze aufzustellen pflegte, welche zugleich nicht selten Zugeständnisse an den Gegner bedeuteten: auf diese Weise erhielt das Judentum seinen festen Platz in der christlichen Kirche. Ein Gleiches geschah mit manchem alten heidnischen Glaubensstück. Zwei Beispiele zur Veranschaulichung.
    Nicht die Syrer allein, vielmehr alle Bewohner des Mittelmeerbeckens zollten seit Jahrhunderten — inmitten sonst wechselnder religiöser Vorstellungen — dauernde, besondere Verehrung der   G ö t t i n - M u t t e r,   der magna Mater; von ihr wollten sie um keinen Preis ablassen. Auch die christlichen Gemeinden verlangten in Syrien — wie wir in einem früheren Kapitel gesehen haben (S. 199) — immer wieder nach einem bunteren, bewegteren Himmel, namentlich aber konnten sie auf die Dauer die magna Mater nicht entbehren, sie war ihnen gar zu sehr ans Herz gewachsen; verschiedene Systeme der christlichen Gnosis versuchten ihr unter einem und dem anderen Namen einen Platz in der Nähe Gottes und seines Sohnes zu verschaffen. Dies hat die Kirche stets abzuwehren gewußt; doch hat sie es für klug gehalten nachzugeben, als die Syrer anfingen, von Maria — anstatt als „Mutter Jesu“, wie in der frühesten Zeit ausnahmslos geschah — als „Mutter Gottes“ zu reden. Zwar warnten weise Bischöfe, die magna Mater erhalte hierdurch wieder Einlaß, und vergossen ihr Herzblut, um diese Gefahr vom Christentum abzuwenden. In der Tat verliert mit dieser neuen Benennung Maria die ganze Bedeutung, die ihr die evangelische Erzählung beilegt, als Mutter, nicht des Gottes, sondern des Menschen Jesus und als das Verbindungsglied zwischen Jesus und der Menschheit. Sie

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„Mutter Gottes“ heißen, widerspricht dem Glaubenssatz des dreieinigen Gottes. Doch Rom entschied anders; dieser Mittelpunkt der Kirche hat niemals das weltliche Interesse aus den Augen verloren und stets gewußt, wie stramm der Bogen gespannt werden darf, ohne Gefahr zu laufen, daß er zerspringe; in diesem Falle aber drohte der Verlust ganzer Völkerschaften. So erfahren wir z. B., daß Sizilien dem Christentum jahrhundertelang verschlossen blieb: dort hatte sich die magna Mater mit der Isis verschmolzen und wurde in der Gestalt einer das göttliche Kind säugenden Mutter verehrt. Als nun die Kirche — durch ihre früheren Erfahrungen gewitzigt — Missionare hinschickte, welche Maria als Mutter Gottes mit dem Jesuskind in den Armen in den Vordergrund brachten, gewann sie sofort die ganze Bevölkerung Siziliens: „die Heiden öffneten Maria, der Gottesmutter, die Tempel, die sie Jesu Christo verschlossen gehalten hatten, und bekannten sich besiegt“ — handelte es sich doch, soweit die guten Leute es verstanden, bloß um geringfügige Namensänderungen: Isis sollte fortan Maria und Horus Christus heißen. Le culte de Marie balaya devant lui les débris de paganisme qui couvraient encore l'Europe (siehe Beugnot, Paganisme, 1, 289 und 2, 270).
    Ich gehöre persönlich zu denen, welche die Schönheit einer würdigen Marienverehrung empfinden und von ihrer Unersetzbarkeit bei den Menschen gewisser Rassen durch Erfahrung überzeugt worden sind. Nur ist es unmöglich zu leugnen, daß dieser Vorstellungskreis mit der aus den Evangelien bekannten Gotteslehre und Weltanschauung Jesu Christi keinen Berührungspunkt besitzt und unmittelbar aus den Anschauungen des Heidentums hervorsprießt.
    Ein zweites Beispiel von dem Eindringen unchristlicher Vorstellungen in die christliche Kirche. Es wiederholt sich stets von neuem der gleiche Vorgang: auf der einen Seite gibt die priesterliche Kirche nach, um Ungläubige zu Jesu Christo hinzuführen, auf der anderen zieht sie — um ärgste Mißbräuche abzuwenden — grenzende Umrißlinien, aus welchen dann bleibende Glaubenssätze entstehen.
    Die aus der Kirchenlehre uns geläufige Vorstellung eines allgemeinen „Letzten Gerichtes“, bei welchem Gott, beziehungsweise Jesus Christus, als Richter waltet und die guten und bösen Taten jedes Einzelnen genau gegeneinander abwägt, steht in schreiendem

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