Hereunder
follows the transcription of chapter 6 of Houston Stewart Chamberlain's
Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
225
VI.
DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU
WIR
WERDEN ALLE NACH UND NACH AUS
EINEM
CHRISTENTUM DES WORTES IMMER MEHR ZU
EINEM
CHRISTENTUM DER GESINNUNG UND DER TAT
KOMMEN. AUS EINER LEHRGEMEINSCHAFT MUSS
IMMER MEHR EINE GESINNUNGSGEMEINSCHAFT,
EINE
TATGEMEINSCHAFT WERDEN.
(G O E T H E)
226
(Leere Seite)
227 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — EINFÜHRUNG
Alles,
was wir Zuverlässiges
über Jesum von Nazareth wissen, entstammt den beiden Quellen, die
wir einer kritischen Betrachtung unterzogen haben — den Evangelien und
den Briefen des Sendboten Paulus. Dieses „Alles“ kann zugleich als sehr
wenig und als weltausfüllend bezeichnet werden: so wenig,
daß
unter den Händen mancher Fachgelehrten kaum etwas
übrigbleibt,
und so viel, daß schon Johannes meinte, wenn man alles „einzeln
beschreiben
wollte, so würde die Welt nicht hinreichen, die Bücher zu
fassen“.
Wir dürfen behaupten, fast alles Hochherzige, Edelmütige,
Erhabene,
was seit zwei Jahrtausenden auf Erden von Menschen vollbracht worden
ist,
leite sich unmittelbar oder mittelbar aus den durch jene Schriften
gegebenen
Anregungen her.
Einzig geartete
Quellenschriften,
denen die gesamte Geschichte der Menschheit nichts an die Seite zu
stellen
wüßte! Was ihre Bedeutung als Zeugnisse über Jesum von
Nazareth — über sein Leben und seine Worte — einschränkt und
uns insofern zur Vorsicht mahnt, das haben wir uns offen und deutlich
und
— wie ich hoffe — mit hinreichender Ausführlichkeit eingestanden;
ich befürchte nicht, daß irgendein denkfähiger und
freier
Mann unseren Ergebnissen widersprechen wird: es liegt ja, wie der Leser
sich überzeugt haben muß, alles klar vor Augen; wir
müssen
nur lernen, die Augen aufzumachen. Man besorge ja nicht, daß
diese
Schriften durch eine derartige Besinnung an Gehalt und Wert verlieren;
vielmehr wird jedermann erfahren, daß sie geläutert und
gleichsam
verjüngt aus ihr hervorgehen. Jene Männer, vielfach in
verworrene
Vorstellungen ihrer Zeit verstrickt, mögen an der Freiheit ihrer
Aufnahmefähigkeit
Einbuße erlitten haben; doch blieb ihre strahlende Wahrhaftigkeit
unbefleckt, und keine Irrung und Wirrung war fähig, das
Göttliche,
das sie einfältig erlebt hatten und von dem sie dann Zeugnis
ablegten,
auszulöschen oder bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Weder
der
einzelne Mensch noch die Folge der Menschengeschlechter lernt je an
diesen
Büchern aus, vielmehr nehmen sie mit den Jahrhunderten an Gehalt
zu,
indem jede neue Zeit, kraft ihrer neuen Eigenart, Dinge aufdeckt, an
denen
frühere Zeiten achtlos vorübergegangen waren. Dieses
Unvergängliche,
jeglicher Gegenwart stets gleich Nahe, ist nichts anderes als die reine
Widerspiegelung der Erscheinung Jesu Christi auf Erden: bei den drei
ersten
Evangelisten unmittel-
228 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — EINFÜHRUNG
barer
und naiver, bei Paulus und
Johannes
wurzeltiefer und glutvoller, bei allen aber wahr und rein, bei allen
mit
einem Höchstmaß an unbewußt gestaltender Kraft der
Eingebung.
Völlig anderer
Art war, was
nun folgte, und zwar vom ersten Augenblick an: wollte man den weiteren
Fortgang mit einem einzigen Wort bezeichnen, man dürfte wohl von
einer
zunehmenden E n t f e r n u n g von der Religion
Jesu — von der
Religion
des Vaters und der seines Reiches — reden. Hier haben wir
geschichtliche
Notwendigkeit am Werke zu erblicken — vielleicht gottgewollte,
vielleicht
nur durch menschliche Beschränktheit bedingte; doch, wie dem auch
sei, die Tatsache muß als Tatsache anerkannt werden und kann es
auch,
ohne Verkennung noch Bitterkeit. Keinem der zahlreichen
Reformationsversuche
— deren erster zu Anfang des 5. Jahrhunderts einsetzte — wollte es je
gelingen,
die Unmenge der emporgeschossenen und festgewurzelten Vorstellungen,
die
unseren Heiland uns entfremdeten, von Grund aus auszuroden. So innig
nahe
uns Luther an den ihm in bezug auf religiösen Instinkt und auf
religiöse
Lebensgewalt stark verwandten Paulus wieder heranführte und damit
an den Kern der Lehre Jesu, er blieb in jüdischem Geschichtswahn
und
in hellenistischer Dogmatik rettungslos verstrickt. Außerdem
bildet
die Lehre von der göttlichen Eingebung des buchstäblichen
Wortlautes
der biblischen Schriften, wie sie die Reformatoren des 16. Jahrhunderts
auf die Spitze trieben, und die in dieser Gestalt selbst dem Hieronymus
und dem Augustinus durchaus fremd gewesen war, diese Lehre, sage ich,
welche
die Reformatoren als Bollwerk gegen den zunehmenden Einfluß der
kirchlichen
Überlieferungen errichteten, bildet ein unübersteigliches
Hindernis
für jede unbefangene Befassung mit den Evangelien und den Briefen
Pauli; sie drückt das wahrhaft Göttliche in ihnen
herab durch
Gleichsetzung mit dem sehr menschlich Bedingten, Beschränkten, — und das Endergebnis ist eine
neuerliche
Entfremdung unseres Heilandes. Dem Leser der beiden vorangehenden
Kapitel
brauche ich das nicht erst nachzuweisen.
Werden wir nun bei
unserem
Bestreben,
zu Jesus zurückzufinden, selbst von den hervorragendsten Christen
in einer oder der anderen Beziehung im Stiche gelassen, so drängt
sich uns die Frage auf: wodurch wird dies veranlaßt? Sehen wir
diejenigen
Männer,
229 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
die
ihr ganzes Leben dem einen Ziele
widmen, die Menschen für den Glauben an Christum zu gewinnen, und
die hierfür in den Tod gehen, dennoch ihn uns fernrücken oder
unzugänglich machen, und bemerken wir, daß die ganze Kirche
den nämlichen Weg geht und ihre Vermittelung infolgedessen
zugleich
eine Trennung bedeutet, so liegt — wie vorhin bemerkt — die Vermutung
nahe,
hier walteten geschichtlich oder gedanklich bedingte Notwendigkeiten.
Der
Besinnung darüber, sowie über die Möglichkeit, ein
näheres
Verhältnis zu der Religion Jesu zu gewinnen, soll dieses letzte
Kapitel
gewidmet sein.
*
Betrachten wir gleich
den
ersten
Schritt auf dem Wege zu der menschlichen Umschränkung der
gottgegebenen
Gestalt.
Nach dem
übereinstimmenden
Bericht der drei ersten Evangelien tat der Apostel Petrus diesen ersten
Schritt, indem er, bei Gelegenheit des Aufenthaltes in Caesarea
Philippi,
zum Heiland sprach: „Du bist der
Messias.“ Über die
Aufnahme dieses Wortes durch den also Angeredeten meldet Markus —
derjenige
der Evangelisten, der dem Petrus am nächsten steht — lediglich die
strenge Abweisung: „Und er herrschte sie an, daß sie keinem
Menschen
über ihn als Messias reden sollten“ (nach dem ältesten
Text);
desgleichen lesen wir bei Lukas: „Er aber drohte ihnen und befahl
ihnen,
dieses niemand zu sagen“; wohingegen Matthäus (16, 16 fg.) — Jesum
voll Freude ausrufen läßt: „Selig bist du, Simon Barjona;
denn
Fleisch und Blut hat dir dies nicht geoffenbart, sondern mein Vater in
den Himmeln!“ — worauf dann die Erwähnung der zu gründenden
Ekklesia
geschieht sowie die Verleihung der Schlüsselgewalt an Petrus: das
Ganze, ohne Frage, eine späte Einschiebung von seiten der Kirche,
zu welcher Merx schreibt: „Die geschichtliche Forschung über Jesus
darf sich durch solche Fälschung nicht auf Ewigkeit hin
täuschen
lassen; es muß ein Ende haben“ (Evangelien
3, 320).
Ein vergleichender
Blick auf den
Bericht über den selben Vorfall bei Johannes wird uns über
den
wahren Sachverhalt die Augen öffnen. Erstens erzählt er — was
die anderen nicht tun — die Veranlassung zu der Äußerung des
Petrus: Jesus hatte soeben die Lehre von der göttlichen Gnade in
ihrer
Reinheit und Schärfe vorgetragen
230 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
—
„Niemand kann zu mir kommen, es sei
ihm denn verliehen vom Vater“ — und daraufhin entfernten sich Viele,
die
ihm bisher gefolgt waren „und wandelten nicht mehr mit ihm“. Da fragte
der Heiland die wenigen Zurückgebliebenen: „Wollt ihr nicht auch
fortgehen?“
Worauf Petrus antwortet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Worte ewigen
Lebens
hast du; und wir haben den Glauben gewonnen und erkannt, daß du
bist
der Heilige Gottes.“ Also nicht der Messias, sondern ein Heiliger,
nicht
ein historischer Held Juda's, sondern eine göttliche Erscheinung!
Der eine Johannes hatte längst die Unmöglichkeit erkannt, die
Erscheinung seines göttlichen Meisters in den engen
künstlichen
Begriff eines Messias der Juden hineinzuzwängen und verbessert
hier
im bewußten, gewollten Gegensatz zu den früheren Evangelien
den Wortlaut des Petrus. Der Kirche aber wollte das gar nicht gefallen,
und obwohl alle die griechischen Haupttexte übereinstimmend „du
bist
der Heilige Gottes“ bringen und der älteste Lateiner
dementsprechend
Tu es sanctus Dei schreibt,
streicht Hieronymus den „Heiligen“ und
setzt
ruhig dafür Tu es Christus
filius Dei ein, Du bist der Messias,
der
Sohn Gottes, und seinem Beispiel folgen beinah Alle —
einschließlich
Luther's — bis auf den heutigen Tag.
Gleich aus diesem
ersten Schritt
gewinnen wir eine Art Inbegriff aller künftigen kirchlichen
Lehrbildung.
Ein kräftiger
Volksmann,
von zartempfindender Seele, doch bestimmt beschränktem Verstande,
einer von jenen Männern, bei denen Goethe uns lehrt, zwischen
Glauben
und Aberglauben nicht scheiden zu wollen, sucht sich eine
übermächtige
Gegenwart deutend einzuverleiben, indem er eine im Volke verbreitete
Vorstellung
heranzieht, welche seinen Bedürfnissen genügt und ihm
Richtung
und Ruhe verschafft; man darf auch sagen: da sein Geisteshorizont durch
das Judentum eingeschränkt wird, tut er nicht Unrecht daran, die
höchste
ihm bekannte Vorstellung — den Begriff eines erwarteten Messias — zur
Erklärung
des unbegreiflichen Wunders, das plötzlich sein Leben
überstrahlt,
herbeizurufen. Nur aber für ihn und seinesgleichen kann diese
Vorstellung
eine gewisse (bedingte) Gültigkeit beanspruchen; sie Anderen
aufzuzwingen,
bedeutet, wohlbetrachtet, eine Ungeheuerlichkeit. Das hat schon
Johannes
— der einzige erhabene Mann unter den unmittelbaren
Jüngern — empfunden
231 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
und
darum dem Petrus angemessenere
Worte
in den Mund gelegt — den wundervollen Spruch: „Du hast Worte ewigen
Lebens!
Du bist ein Gottesheiliger!“ — Nun aber kommt die Kirche und....
Jedoch ich
unterbreche mich, denn
ich glaube den Zwischenruf zu vernehmen: „Du redest von der Kirche; wer
aber und was ist die Kirche?“ Bekanntlich bietet in diesem Falle — wie
in so manchem anderen — eine genaue und allgemeingültige
Begriffsbestimmung
überaus große Schwierigkeiten; doch darf man sich dadurch
nicht
bange machen lassen; man darf ruhig behaupten, ein jeder wisse aus
Erfahrung,
was er sich unter Kirche vorzustellen habe; nur wird die Antwort je
nach
dem Bildungsgrad und der Bildungsart verschieden ausfallen. Ich
würde
etwa sagen: eine Kirche ist die Veranstaltung, eine möglichst
große
Anzahl Menschen dadurch zu einer Einheit zusammenzufassen, daß
ihre
höheren Seelenregungen — ihr Fürchten und ihr Hoffen, ihr
Ahnen
und Träumen, ihr sittliches Streben und das Sehnen nach Oben —
tunlichst
in eine gleiche und gleichgeordnete Vorstellungsreihe gebannt werden,
so
daß alle Glieder jener Einheit in den wesentlichen Punkten
miteinander
genau übereinstimmen. In einer Beziehung gewinnt eine Gesamtheit
durch
dieses Verfahren unleugbar gewaltig an Wert, da die schwächer
Begabten,
an Einbildungskraft Dürftigeren, an Wissen Ärmeren von den
besser
Ausgestatteten mitgetragen und auf eine sittliche Höhe
emporgehoben
werden, die sie, sich selbst überlassen, niemals hätten
erreichen
können: die heilige Gemeinsamkeit, welche zu fordern einen
Wesenszug
aller Religion ausmacht, läßt sich unmöglich
verwirklichen,
wenn nicht irgendeine Art äußerer Zusammenfassung sie
vermittelt.
Die Verdienste des kirchlichen Gedankens um die Menschheit, und
namentlich
die Verdienste der christlichen Kirche, sind unübersehbar
groß;
ein Versuch, sie aufzuzählen, würde sehr weit führen und
ist auch gar nicht nötig, da sie vor Aller Augen offen liegen.
Leider
werden diese Dienste teuer bezahlt! Schon in der bloßen Absicht,
das Seelenleben verschiedengearteter Menschen gleiche Wege zu leiten,
liegt
Gewaltsamkeit, und in je größerem Maßstab die
Vereinheitlichung
gelingt, um so gewaltsamer wirkt diese Suggestivmacht — diese
Einflößung
von Vorstellungen und Überzeugungen — auf das Menscheninnere. Die
Gefahr des Mißbrauches seitens der Führenden liegt so nahe,
daß
232 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
diese
auf die Dauer nicht abgewendet
werden kann: begründet liegt das im Menschenwesen selbst und kehrt
darum mit der Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes wieder.
Kaum
hat Paulus Kirchen gegründet, und schon muß er klagen, die
Leiter
der Gemeinden ließen sich „nicht an den gesunden Sprüchen
unseres
Herrn Jesus Christus genügen“, sondern brächten
„Grübeleien
und Wortstreitereien“ hinein, während sich in Wirklichkeit unter
dieser
scheinbaren Sorge um eine verfeinerte Lehre nur die Absicht verberge,
„aus
der Religion eine Erwerbsquelle“ zu schaffen (1. Tim. 6, 3 fg.). Das
Erwerben
wäre das wenigste; weit verhängnisvoller wirkt die
grenzenlose
Herrschsucht der Priester — eine Leidenschaft, welche derartig
anwachsen
kann, daß sie vor keinem Verbrechen zurückscheut. Und
während
die Priesterschaft auf solche Wege gerät, werden die Bekenner zu
gedankenlosen
Ja-ja-Sagern oder zu schamlosen Heuchlern erzogen, und die eigentliche
Religion — als unmittelbarste innere Erfahrung — geht verloren. Kant
urteilt:
„Man tut den meisten Menschen zu viele Ehre an, von ihnen zu sagen: sie
bekennen sich zu dieser oder jener Religion; denn sie kennen und
verlangen
keine; der statutarische Kirchenglaube ist Alles, was sie unter diesem
Worte verstehen“ (Religion, S.
155). So kommt es denn schließlich
dahin, daß diejenige Anstalt, welche Religion retten und bergen
und
befördern soll, sie statt dessen bei unzähligen Menschen
unterdrückt
und gar auslöscht; wie Goethe seinen Pastor auch schreiben
läßt,
„daß die Lehre von Christo nirgends gedrückter war, als in
der
christlichen Kirche“.
Dies wenige möge
für
unseren augenblicklichen Zweck genügen; kehren wir zu Petrus
zurück,
den wir in der Einfalt seines Herzens das Wort reden hörten „Du
bist
der Messias,“ und zu Johannes, dessen große Seele vor der
Unzulässigkeit
dieses Ausspruches zurückbebte, und der darum seinen Mitbruder
sprechen
läßt: „Du hast Worte ewigen Lebens, du bist der Heilige
Gottes.“
Nun aber kommt die
Kirche, die
mit unbeirrbarem Instinkt den Wert des Ausspruches: „Du bist der
Messias“
für die Befestigung ihrer eigenen Grundlegung erkannte und darum
die
Verbesserung des Johannes als störend empfand; und was tut sie?
Sie
streicht einfach den johanneischen Text und ersetzt ihn durch eine mit
den vorangegangenen Evangelien übereinstimmende Aussage;
außerdem
flicht sie in das Evangelium
Matthäi — über dessen Wortlaut
sie
länger
233 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
als
über den der anderen Texte
verfügt
zu haben scheint — das vorhin erwähnte, frei erfundene
Einschiebsel
ein, durch welche kühne Fälschung es ihr gelingt, Jesum
selber
— über dessen Lippen das Wort „Kirche“ niemals gekommen ist — zum
ausdrücklichen Begründer der christlichen Kirche zu stempeln,
und noch dazu einer Kirche mit schlüsselführender
allgewaltiger
Klerisei — ihn, der vor den Priestern immer wieder als vor der
größten
Gefahr für alle Religion warnt (siehe S. 118)!
So verfährt die
Kirche, die
angebliche Hüterin der Heiligen Schrift, sie, die Denjenigen, der
an der unmittelbaren göttlichen Eingebung jedes Wortes des Neuen
Testament
es zweifelt, in den Bann tut: sie selber greift unbedenklich in den
Text
hinein und scheut sich nicht, sogar dem Heiland erfundene
Aussprüche
in den Mund zu legen, auf welche sie dann ihre Zwangslehren und die
beherrschende
Stellung der Priesterschaft gründet! Schon in den vorangehenden
Kapiteln
wurden wir vielfach auf Beispiele aufmerksam — ich erinnere namentlich an den
angeblichen
Taufbefehl des Herrn bei Matthäus
(28, 19) und verweise
außerdem
auf die Seiten 230 fg.
Für uns alle ist
es von
entscheidender
Wichtigkeit, derartige Tatsachen in ihrer Bedeutung zu erfassen; denn
sie
wiederholen sich Schritt für Schritt — wurde doch schon von
ältesten
und besonders heiligen Kirchenvätern die pia fraus, der „fromme
Betrug“,
unverhohlen angeraten. Die gute Absicht bei solch gewaltsamen
Vorgängen
soll nicht angezweifelt werden, noch weniger die kluge Einsicht, die
hierbei
bestimmend wirkte: die Kirche bekundete immer einen geradezu
erstaunlichen
Grad von weltlicher Klugheit und Menschenkenntnis, immer richteten sich
ihre Beschlüsse nach dem Geschmack und den Bedürfnissen der
großen
Mehrzahl der mäßig Begabten; dadurch gewann sie sich die
Welt.
Man kann die Kirche als „Politik gewordene Religion“ bezeichnen. Nun
aber
heißt Politik treiben Macht und Erfolg erstreben: erstrebt jedoch
eine Gemeinschaft, die sich keine weltlichen Ziele steckt, Macht und
Erfolg,
so verwirklicht sich in ihr der reine Begriff aller Politik; hier wird
Politik um der Politik willen getrieben: daraus erkläre ich mir
die
ans Fabelhafte grenzende Sicherheit der Kirche. Es springt nun in die
Augen,
daß eine derartige Richtung von Anfang an von echter Religion
entfernen
und mit der Zeit zu mehr oder weniger voll-
234 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
kommener
Gegensätzlichkeit zu
ihr
führen wird. Und so geschieht es, daß, indem die christliche
Kirche nach und nach ihre Mauern höher und höher
auftürmt,
ein Dach über sie wölbt und ihre Fensterlücken mit
farbigen
Gläsern ausfüllt, sie zwar ein großes
bewunderungswürdiges
Werk vollbringt, das wahrscheinlich auf keinem anderen Wege sich
hätte
vollbringen lassen, ein Werk, dem wir auch Verehrungswürdiges
verdanken,
— daß sie aber zugleich Schritt für Schritt den
V a t e r,
den
Jesus uns als Gott gebracht hat, immer vollständiger aus ihrem
Gebäude
ausschließt, sowie das R e i c h d e
s V a t e r s, welches Jedem in
jedem
Augenblick, ohne andere Vermittelung als den durch Jesum gespendeten
Glauben,
offen steht — Jedem, auch der
Ehebrecherin und dem
sündigen Weibe, ja sogar noch dem Verbrecher am Strafholz (S.
132).
Jesus selber, der uns mit seiner Aufforderung, ihm nachzufolgen und
„sein
sanftes Joch“ auf uns zu nehmen, so innig nahe stand, ist jetzt in
unermeßliche
Fernen gerückt und wird auf Erden durch den Hohenpriester, den
Pontifex maximus, vertreten;
die Kirche ist es, die die Schlüssel zum
Himmelreich
besitzt. Dementsprechend wird jetzt der blinde Glaube an die unfehlbare
Kirche zur Hauptangelegenheit aller Religion. Dies ist nicht bildlich
zu
verstehen, vielmehr bestimmt ausdrücklich der Katechismus, nach
dem
Beschlusse des Konzils von Trient
für die Pfarrer auf Befehl der
Päpste
Pius V. und Clemens XIII. herausgegeben, bei Besprechung des 9.
Artikels
des Apostolischen Glaubensbekenntnisses — „Ich glaube an eine heilige
katholische
Kirche“ — dieser Artikel „sei unter allen am häufigsten dem Volke
einzuschärfen“ (nonus articulus
omnium frequentissime populo
inculcandus
est), — bekennt also ohne weiteres, der Glaube an die Kirche sei
wichtiger
und entscheidender als der Glaube an Gott und als der Glaube an Jesum
Christum!
In den Ausführungen zu dieser Anweisung an die Pfarrer heißt
es denn auch, „nicht ein jeder sei ein Ketzer zu nennen, der im Glauben
irre, sondern einzig derjenige, der die Autorität der Kirche
herabsetze“ ¹).
*
—————
¹)
Ich benutze
die in
Regensburg
1896 mit Genehmigung des Erzbischofs von Bamberg erschienene
vollständige
Ausgabe des Katechismus nach
der authentischen römischen Ausgabe
des
Jahres 1855.
235 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Man beachte vor allem
folgendes:
durch die Tätigkeit der Kirche erfährt der Begriff des
Glaubens
eine tiefgehende Umwandlung. Für die ältesten Christen — wie
für Jesum selber und für Paulus — bedeutete „glauben“ eine
Erhebung
des ganzen Wesens hinauf zu Gott, ein unbedingtes Vertrauen auf seine
Gegenwart
und liebende Hilfe; selbst ihr geschworener Gegner Celsus zeigt sich
stark
beeindruckt durch die Tiefe und Unüberwindlichkeit dieser
Gemütsstimmung,
die allen Christen gemeinsam sei und sie, trotzdem sie in ihren
sonstigen
Auffassungen weit auseinander gingen, zu einer festen Einheit
zusammenknüpfe
(vgl. Origenes: Gegen Celsus,
nach Hatch).
Doch währte
diese Kraft der
Unschuld nicht lange, und bezeichnend ist, was hier zunächst
störend
eingriff. Es war dies die Frage nach der Gottheit Jesu Christi, welche
zugleich eine Anzahl anderer Fragen, die Gottheit betreffend,
unvermeidlich
veranlaßte: war es der
Eine Gott, der zur Erde
herabgestiegen?
sollte man mehrere Götter annehmen? wie war die Menschwerdung zu
denken?
war das Wesen des Heilandes auf Erden als ein zwiefaches anzunehmen —
ein
göttliches und zugleich ein menschliches? und sollte nicht die
göttliche
Seele vor dem Kreuzestod gen Himmel gefahren sein, die menschliche
allein
den Leiden überlassend? oder sollte gar die ganze Erscheinung des
Gottes auf Erden eine Sinnestäuschung gewesen sein und Gott in
Wirklichkeit
den verweslichen Fleischesleib verschmäht haben? Ist Gott — wie
Jesus
es gelehrt hatte — eine Einheit, wie kann er zugleich im Himmel
gethront
und auf Erden gelitten haben? War aber Jesus nur Gott, nicht Mensch,
hat
er nicht wirklich Leben und Leiden mit uns Menschen geteilt, mit
welchem
Recht kann er denn der „zweite Adam“, der „neue himmlische Mensch“
genannt
werden? und büßt er dann nicht einen großen Teil
seiner
Bedeutung — wohl den wesentlichsten — für uns Menschen ein?
Diese Fragen, und
noch hundert
weitere, stellten sich von selbst ein, den Christen zu Qual und Streit,
sobald die Losung „Jesus Christus ist Gott“ allgemein geworden war. Von
den im jüdischen Glauben erzogenen Jüngern ging sie nicht aus
— das haben wir in früheren Kapiteln gesehen; dagegen lag der
Gedanke
der Gottheit Jesu Griechen und Kleinasiaten so nahe, daß er
sozusagen
unvermeidlich sich einstellen mußte. Diese Menschen fanden
allerorten
236 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Göttliches
— jede Quelle belebte
eine Unsterbliche, aus jedem Baum vernahmen sie Stimmen
außermenschlicher
Wesen; dem Leser wird die Episode in Lystra erinnerlich sein, wo die
hellenisch-lykaonische
Bevölkerung ohne weiteres annahm, Barnabas sei Zeus und Paulus
Hermes
(Apostelgeschichte, Kap. 14):
ein Grieche, der die Belehrung über
Jesum als Mittler aufnahm, konnte keinen Augenblick über seine
Gottheit
im Zweifel sein: es handelt sich bei ihm um eine vollkommen naive, aus
uralter Zeit hergebrachte Vorstellung des Göttlichen. Nun aber
knüpfte
die christliche Gottesvorstellung historisch an den Eingott Jahve an,
und
religiös an Christi Lehre vom Vater: daher entstanden neue
Probleme,
sobald auch Jesus Gott genannt werden sollte. Paulus hatte ein feiner
Instinkt
zurückgehalten: er stellte den Mittler dicht, ganz dicht an Gott
heran,
tat aber den letzten Schritt nicht. Sobald dieser getan wurde,
mußten
Jahve und der Vater ins Wanken geraten, und eine neue Gotteslehre, ein
neuer Mythos von unendlicher Verwickeltheit mußte erfunden und
aufgezimmert
werden. Dies wiederum hatte zur Folge, daß Jesu Lehre vom
gegenwärtigen
Himmelreiche, sowie die ganze Weltanschauung, in welche allein eine
solche
Lehre sich einfügen läßt, in den Hintergrund geschoben
und bald ganz und gar vergessen wurde, da die neue Gotteslehre die
Aufmerksamkeit
vollauf in Anspruch nahm, so sehr, daß wir behaupten dürfen,
alle Theologie der ersten Jahrhunderte sei „Gotteslehre“ gewesen und
alle
Dogmenbildung — d. h. jede Aufstellung von Zwangsglaubenssätzen —
habe die Gottheit allein betroffen. Die schönste unter den
frühen
Verteidigungsschriften des Christentums — der Octavius von Minucius
Felix
— erwähnt weder den Namen Jesu Christi noch die Evangelien (siehe
Boissier: La Fin du Paganisme,
1, 280), und als Kaiser Theodosius im
Jahre
380 die Rechtgläubigkeit zum Gesetz erhebt, ist ebenfalls vom
Heiland
nicht die Rede, sondern einzig von „der Gottheit des Vaters und des
Sohnes
und des Heiligen Geistes in gleicher Majestät und
verehrungswürdiger
Dreieinigkeit“; wer diesen Glauben bekennt, „der soll, so befehlen wir,
den Namen eines katholischen Christen führen, die übrigen
aber,
die wir für unsinnig und rasend erklären, sollen den Schimpf
ketzerischer Lehre tragen“ (Krüger: Dreieinigkeit, S. 186).
Die Vorstellung eines
dreieinigen
Gottes wurzelt, wo sie auch
237 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
vorkommt,
in der altindischen Lehre
von
der Trimurti; die Kirche
überkam sie von der griechischen
Geheimwissenschaft
(Gnosis),
und lange Zeit wurden die endlosen Fehden, welche die näheren
Bestimmungen
dieses Glaubenssatzes hervorriefen, fast ausschließlich von
hellenisch
gebildeten Männern geführt: daher die keine Grenzen kennende
Spintisiererei und das Schwelgen in Begriffsbestimmungen und
unfaßbaren
Unterscheidungen: auf den ersten Konzilien stürzten die
Bischöfe
und ihre Anhänger mit Knüppeln übereinander her wegen
eines
Beiwortes oder sonst eines Redeteilchens, und die Bannflüche
flogen
zwischen den ehrwürdigen Vätern hin und wider. Als die
lateinische
Welt die Oberhand gewann, machte sie bald mit ihrem höheren Sinn
für einheitliche Regierungspolitik dem Treiben ein Ende und
erließ
gegen das Jahr 500 das endgültige trinitarische
Glaubensbekenntnis,
welches sie — um ihm Gewicht zu geben — dem heiligen Athanasius
zuschrieb,
und welches noch heute für Protestanten wie für Katholiken
bindende
Geltung beansprucht. Und da lesen wir wie folgt:
„Wer immer selig werden will,
der muß vor allen Dingen den katholischen Glauben halten. Wer den
nicht rein und unbefleckt bewahrt, wird ohne Zweifel in Ewigkeit
verloren
sein.
Dies aber ist der
katholische
Glaube, daß wir den einen Gott in der Dreiheit und die Dreiheit
in
der Einheit verehren und nicht die Personen vermengen noch das Wesen
zertrennen.
Denn eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes,
eine andere die des Heiligen Geistes, und doch ist des Vaters und des
Sohnes
und des Heiligen Geistes eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich
ewige
Majestät. Welcherlei der Vater ist, solcherlei ist der Sohn,
solcherlei
auch der Heilige Geist. Ungeschaffen ist der Vater, ungeschaffen der
Sohn,
ungeschaffen der Heilige Geist. Unermeßlich ist der Vater,
unermeßlich
der Sohn, unermeßlich der Heilige Geist. Ewig der Vater, ewig der
Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch nicht drei Ewige, sondern ein
Ewiger,
wie es nicht drei Unerschaffene, auch nicht drei Unermeßliche
sind,
sondern ein Unerschaffener und ein Unermeßlicher. So ist auch der
Vater allmächtig, allmächtig der Sohn, allmächtig der
Heilige
Geist, und sind doch nicht drei Allmächtige, sondern ein
Allmächtiger.
So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott; und sind
doch nicht drei Götter, sondern
238 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
es
ist ein Gott. So ist der Vater
Herr,
der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr; und sind doch nicht drei Herren,
sondern ist ein Herr. Denn gleichwie wir nach christlicher Wahrheit
eine
jegliche Person für sich als Gott und Herrn bekennen müssen,
so können wir in katholischer Religion nicht von drei Göttern
oder drei Herren reden. Der Vater ist von niemandem gemacht, auch nicht
geschaffen, noch geboren. Der Sohn ist allein vom Vater, nicht gemacht,
auch nicht geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist von Vater
und Sohn, nicht gemacht, auch nicht geschaffen, noch gezeugt, sondern
ausgehend.
So ist nun ein Vater, nicht drei Väter, ein Sohn, nicht drei
Söhne,
ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister. Und in dieser Dreiheit
ist nichts früher oder später, nichts größer oder
kleiner; sondern alle drei Personen sind gleichewig und
gleichgroß,
so daß also, wie schon oben gesagt wurde, sowohl die Dreiheit in
der Einheit wie die Einheit in der Dreiheit zu verehren ist. Wer also
selig
werden will, der muß so von der Dreiheit halten.“
Wie fern befinden wir
uns hier
von dem Gott, den Jesus unter dem Namen „Vater“ unseren Herzen so
unmittelbar
traulich erschlossen hatte! „Vater, Dein Reich komme!“ Und wie
unendlich
ferne dem Reiche dieses Vaters, das wie ein Baum, ohne unser Zutun uns
umwölbt und überschirmt, während in seinen Zweigen die
Vöglein
des Himmels nisten und singen (S. 99)!
Verdient das Eine Religion
genannt
zu werden, so muß dem Anderen ein anderer Name zukommen: das Eine
erfaßt das Menschenwesen in seinen Tiefen, empfängliche
Gemüter
völlig umwandelnd, Allen aber Trost im Leide, Kraft in der
Schwäche,
Zuversicht in Verzagtheit spendend, — es fragt nicht nach Sünden,
sondern einzig nach Gesinnung, der Glaube, den es fordert, besteht aus
einer lebendigen Bewegung und ist durchaus kein von schweren Gedanken,
geschweige denn von metaphysischen Erkenntnissen begleiteter Vorgang,
vielmehr
— wie der Apostel Paulus sagt — „mit dem Herzen wird er geglaubt“
(Röm.
10, 9); das Andere stellt ein Erzeugnis schulmäßigen Denkens
dar und ist nach Absicht und Inhalt überhaupt nur bei einem
bestimmten
Bildungsgang zu verstehen, und zwar mit dem Erfolg, daß, je
genauer
die ineinander verschlungenen Behauptungen betrachtet werden, um so
deutlicher
das Ganze als rein formales Luft-
239 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
gespinnst
erkannt wird, aus welchem
kein
eigentlicher Gedanke zu gewinnen ist, weil keinerlei Anschauung
zugrunde
liegt — und „Begriffe ohne Anschauung leer bleiben“ (Kant), — daß
es dem Herzen nichts bietet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und
dabei
diese grausige Lieblosigkeit: ein Jeder auf ewig von der Seligkeit
ausgeschlossen,
der dieser Vergewaltigung des Hirnes nicht feierlich zustimmt! Der
Heiland
hatte gelehrt, um in das Reich des Vaters zu gelangen, müsse der
Mensch
wieder Kind werden; die Kirche hat es anders gewußt.
Man werfe mir nicht
ein, das gelte
nur von der römischen Kirche; denn, wie schon oben bemerkt,
besitzt
das Athanasianische Glaubensbekenntnis ebenso entscheidende Bedeutung
für
die protestantischen Kirchen ¹). Auch herrscht hier der gleiche
Geist.
Um
sich davon zu überzeugen, schlage man nach in dem großen,
vielgerühmten
Lehrbuch der lutherischen Dogmatik: Christi
Person und Werk, aus der
Mitte
des vorigen Jahrhunderts, von G. Thomasius; man wird die Punkt für
Punkt gleiche Darstellung der Dreieinigkeit finden und am Schlusse die
Bemerkung, wer über die Gottheit Christi nicht ebenso denke, sei
kein
Christ zu nennen. Um übrigens eine Vorstellung von der
Gedankenwelt
zu geben, in welcher solche Männer noch heute leben, will ich aus
den erläuternden „Beweisen“, welche Thomasius gibt, den einen
abschreiben:
„Indem uns der Vater im Sohne, um des Sohnes willen, sein gnädiges
Wohlgefallen zuwendet, unterscheidet er sich selbst von dem Sohne;
indem
uns der Sohn beim Vater vertritt, stellt er sich ihm als ein Anderer
gegenüber;
indem der Heilige Geist Christum in uns verklärt und durch ihn uns
zum Vater führt, distinguiert er sich von beiden. Wir haben also
hier
immanente Akte, reale Unterschiede“ (Abs. 13, S. 69).
Das ist doch nicht
Religion zu
nennen im Sinne Christi; und ich füge hinzu, es ist ebensowenig
Wissenschaft,
sondern ein Spiel mit Worten. Da lobe ich mir den braven römischen
Presbyter
—————
¹)
Für die
orientalische
Kirche
gilt dieses Bekenntnis ebenfalls, mit Ausnahme des einen Doppelwortes
filioque, da die Orientalen
lehren, der Heilige Geist gehe vom Vater allein
aus, nicht auch vom Sohne. Dieses eine Wort hat zur Trennung zwischen
den
beiden großen Kirchen des Ostens und des Westens geführt.
240 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Hippolyt,
aus dem Anfang des 3.
Jahrhunderts,
der sich die Sache einfach zurechtlegte: „Als es Gott gefiel, geboren
zu
werden, wurde er durch seine Geburt sein eigener Sohn“ (nach Hatch) — bei dieser Weisheit sich zu beruhigen,
finde ich genial. In Wirklichkeit ist alles Reden über Gott
überflüssig,
weil sinnleer: wir sahen im ersten Kapitel, daß die Formen
unseres
Verstandes nicht hinreichen, um irgend etwas über die Gottheit
auszusagen,
und im dritten sahen wir Jesum sich mit der Vorstellung eines Vaters —
„mein Vater, euer Vater“ — begnügen und nur noch in einzelnen
Gleichnissen
die Liebe und Fürsorge dieses Vaters uns nahebringen. Wäre
irgendeiner
imstande gewesen, etwas Wissenswertes und Wissensnotwendiges über
die Gottheit in der Sprache der menschlichen Vernunft uns mitzuteilen,
so wäre Er es gewesen, der Mittler; so aber bleibt es bei dem
neti,
neti der indischen Weisen: Gott ist nicht so, und er ist nicht
so.
Sicherlich
hätte der Heiland dem Worte des frommen Eckehart beigestimmt:
„Schweig
und klaffe nicht von Gott, wande mit dem so du von ihm klaffest, so
lügest
du!“
Demohngeachtet
täten wir
nicht wohl daran, wollten wir über die alten Kirchenväter und
ihre Gedankennöte nur den Stab brechen. Der englische Philosoph
Caird
macht in seinem Buche The Evolution
of Theology (2, 359 fg.) darauf
aufmerksam,
daß namentlich in der ersten Zeit diese Bemühungen um
genauere
Begriffsbestimmungen bezüglich der Gottheit in Wirklichkeit ein
Ringen
nach Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott
bedeuten.
Es hatte so einfach geschienen, von Jesus von Nazareth auszusagen, er
sei
Gott — und nun war auf einmal dadurch alles ins Wanken geraten, sowohl
das Gottsein Gottes, als das Menschsein des Menschen: denn das Eine wußten die
Kirchenväter
— und dafür verdienen sie unsere dankbare Bewunderung —‚ sie
wußten,
daß der Heiland — um
Heiland zu sein — Mensch gewesen
sein mußte und daß, stünde dies nicht fest, dem
Christentum
der Lebensatem ausgehen würde. Dieser drohenden Gefahr suchten sie
nun durch die Vermehrfachung des Gottesbegriffes zu steuern, ohne
deswegen
die Einheit Gottes opfern zu müssen. Sobald man das versteht,
lernt
man erkennen, daß diesen verworrenen und scheinbar völlig
nutzlosen
Phantastereien ein religiöses Motiv zugrunde liegt, und zwar ein
äußerst
wichtiges; diese Menschen machten Seelenqualen durch und
241 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
kämpften
einen Heldenkampf, in welchem
sich nicht bloß der heilige Ernst ihres Strebens offenbart,
sondern
auch eine achtunggebietende Begabung und eine vorzügliche Schulung
der logischen Denkkräfte. Zwar wollten sie ein Unmögliches,
doch
war das Ziel dieses Wollens ein Höchstes, das sie um jeden Preis
erreichen
mußten.
*
Um das rechte
Verständnis
zu gewinnen, ist es nötig, eine Tatsache zu beachten, die den
meisten
Laien noch heute unbekannt bleibt, weil die Ergebnisse
wissenschaftlicher
Forschung sich eigentümlich langsam verbreiten: das frühe
Christentum
ist — außerhalb Palästinas — eine Religion des gebildeten
Mittelstandes,
von wo aus es eher nach oben als nach unten sich auszubreiten neigt;
eine
Volksreligion kann es nur in einem sehr bedingten Sinne des Wortes
genannt
werden; überall sind die Bauern die letzten, die sich, und
meistens
nur unter Anwendung von Gewalt, bekehren lassen. Diese Religion
faßte
zunächst einzig in Städten Fuß, vornehmlich in
verkehrsreichen,
mit gemischter Bevölkerung; und zwar bekannten sich zu ihr
Gelehrte,
Ärzte, Beamte, Kaufleute, Philosophen, Leute vom kaiserlichen
Hofe;
es fehlt auch nicht an reichen Christen, deren Leichen, in goldgewirkte
Stoffe gehüllt, die Katakomben noch heute bergen. Die meisten der
frühen Kirchenlehrer sind wohlhabende Männer, manche unter
ihnen
gehören dem Adel an. So hat uns die genauere Erforschung der
Dokumente
und der Inschriften ein ganz anderes Bild der Anfänge der
christlichen
Kirche offenbart, als das überkommene — das, fürchte ich,
noch
heute allgemein gilt — einer Gemeinde der Armen an Geist und an Besitz.
Ich verweise für alles Nähere auf die Reihe der grundlegenden
Werke von Ramsay, sowie auf Harnack's Mission
und Ausbreitung des
Christentums;
außerdem mache ich aufmerksam auf James Orr's: Neglected Factors
in the Study of the Early Progress of Christianity und auf
George
Edmundson's:
The Church in Rome in the First
Century; ferner empfehle ich zwei
etwas
ältere französische Bücher: das bahnbrechende von
Beugnot:
Histoire de la Destruction du
Paganisme en Occident, und Gaston
Boissier's
formvollendetes: La Fin du Paganisme.
242 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
Diese Tatsache ist nun
entscheidend
für die frühe Geschichte der christlichen Kirche: denn
Gebildetsein
hieß g r i e c h i s c h gebildet sein; die
griechische Bildung
hatte
das ganze römische Reich erobert; es gab keine andere Bildung;
auch
in Rom waren alle Lehrer entweder Griechen oder Hellenisten
orientalischen
Ursprungs, allenfalls Römer, die in Athen oder Alexandrien ihren
Studien
obgelegen hatten; die Sprache aller christlichen Gemeinden —
gleichviel,
ob in Gallien, in Rom, in Phrygien oder in Ägypten — ist in der
ersten
Zeit die griechische; sämtliche Schriften, die zu dem Neuen
Testament
vereinigt wurden, sind in griechischer Sprache verfaßt. Wenn also
— wie Professor Ramsay uns versichert (Galater,
S. 201) — noch im 3.
Jahrhundert
das Christentum fast lediglich unter Gebildeten zu finden war, so
ersieht
man daraus, wie viel Zeit diese Richtung gehabt hat, der christlichen
Lehre
ihren Stempel aufzudrücken. Nun war von jeher das Geplänkel
mit
Worten und Begriffen des Griechen höchste Lust — Sokrates ist ein
echter Typus dieser Volksanlage; mit dem Verlust der staatlichen
Unabhängigkeit
gerieten die früheren Grundpfeiler der hellenischen Bildung — die
Leibesübungen und die Musik — in Wegfall; die Wortschwelgerei
blieb
allein übrig. Die sogenannte „Bildung“ bestand aus drei
Fächern:
Logik, Rhetorik und Dialektik —
verdeutscht: Denkkunst, Redekunst,
Wortstreitkunst. Was jene Männer alle liebten, worin sie allein
Fertigkeit
besaßen, war infolgedessen das Aufstellen spitzfindiger
Begriffsbestimmungen
und -unterscheidungen und
endloses
Redescharmützeln,
außerdem Prunkreden zu halten, gleichviel über welchen
Gegenstand,
da es lediglich auf das Wie ankam, nicht auf das Was. Der hellenische
Sinn
für die Form erfährt hier, am Ende seiner Bahn und meistens
schon
in rassefremde Hände geraten, eine traurige Verirrung; für
uns
Heutige bleibt es ein Rätsel, wie gebildete Menschen an derartigen
Erzeugnissen haben Gefallen finden können.
Jedoch wir wollen uns
vor
voreiligen
Urteilen hüten, und namentlich bei solchen geschichtlich unendlich
verwickelten Verhältnissen vor einseitig vereinfachenden Urteilen,
wie sie dem Halbwissenden so leicht unterlaufen, sein Weltbild
fälschend.
Wie Großes haben nicht gerade jene Männer mit ihren
unmöglichen
Dreieinigkeitsformeln geleistet! Durch diese Glaubenssätze gelang
es ihnen,
243 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
von
dem entstehenden Christentum zwei
entgegengesetzte Gefahren abzuwenden, deren jede seinen baldigen
Untergang
würde herbeigeführt haben: die Erstarrung in dem armseligen
jüdischen
Eingottglauben und die Zersplitterung in die grenzenlose Vervielfachung
der hellenischen Götterphantastik. Zwar bekamen wir noch immer
eine
übergroße Ladung an Jahve-Aberglauben mit, welche das Schiff
des Christentums, von der ersten Stunde an bis zum heutigen Tage,
schwer
belastet; doch war durch die neue Gotteslehre dem völligen
Versinken
ins Judentum vorgebeugt; für Jahve bleibt in der Dreieinigkeit
kein
Platz; auch wird er in den Jahrhunderte ausfüllenden Verhandlungen
über das Wesen der Gottheit niemals genannt; er hinkt nur so
nebenher
als ewig fremdes, nicht einzuverleibendes Erbstück. Will der Laie
sich aber eine lebhafte Vorstellung von der zweiten Bedrohung — der
hellenischen
— machen, so schlage er nach in Herder's herrlicher Abhandlung: Von
Gottes
Sohn, der Welt Heiland, nach Johannes Evangelium (Abs. 27 fg.),
wo er
verschiedene
von den vielen Systemen der griechischen Gnosis (Geheimwissenschaft)
anschaulicher
geschildert finden wird als in anderen Büchern. Ein einziges
Beispiel
entnehme ich ihm, und zwar wähle ich dazu das System des
Basilides,
eines alexandrinischen Christen, der als Verfasser der
allerfrühesten
Erläuterungsschrift zu einem neutestamentlichen Buche — eines
Kommentars
zum Evangelium Johannis —
besonderen Ruf genießt:
„Gott, das höchste ungenannte
Wesen; die Materie mit Gott gleich ewig.
Sieben vollkommene
Aeonen,
unmittelbar
aus Gott hervorgebracht; er selbst der achte.
Engel in 365
Ordnungen und
Himmeln,
deren erste Ordnung allein von den vollkommenen Aeonen hervorgebracht
ist,
die andern sich ordnungsweise geschaffen haben. Ihrer aller Vorsteher
ist
ein guter, aber unvollkommener Geist.
Mit diesem guten,
aber
unvollkommenen
Geist in Gemeinschaft baueten Engel aus der ewigen Materie die Welt,
nach
dem Bilde, das ihnen der Aeon „Weisheit“ vorlegte. Sie bildeten den
Menschen
nach dem Bilde des himmlischen Menschen, das ihnen ein Aeon brachte.
Die
Weltschöpfer, die nach
Völkerschaften die Regierung der
244 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
Welt
unter sich geteilt hatten,
verfielen,
und ließen statt des höchsten Gottes sich selbst anbeten.
Insonderheit
stiftete der Judengott viel Unheil.
Dem Elende der
Menschen
abzuhelfen,
kam der eingeborene Sohn Gottes,
der Aeon „reiner Verstand“
auf die Erde, sucht die Herrschaft
der verfallenen Weltregierer,
insonderheit des Judengottes, zu
zerstören, und die
Menschen
durch Erkenntnis des wahren Gottes
und Ablegung der Leidenschaften
glücklich zu machen. Der Judengott
regte die Nation gegen ihn
auf: er ward getötet.
Die reinen Seelen
gelangen wie
Christus, an den Ort hin, wo sie erst gewesen; die unvollkommenen
wandern
bis zur völligen Reinigung in andere Körper.“
Solche gnostische
Lehrgebäude
schossen zu Dutzenden auf — manche von ihnen voll tiefer, geistreicher
Einfälle, und man könnte wenig dagegen einwenden, gäben
sie sich als die freie Gedankenmythenbildung unterrichteter
Männer,
die über Muße verfügen; weit entfernt aber, wollen sie
allen Ernstes der Religion Jesu Christi ein brauchbares Glaubensschema
verschaffen! Man meint, dem Treiben von Wahnsinnigen zuzusehen, und ich
glaube auch wirklich, daß hier eine geistige Erkrankung vorliegt,
zu der Gattung gehörig, die die Irrenärzte als „Monomanie“
bezeichnen
und bei der ein sonst vollkommen gesunder Mensch in Beziehung auf einen
einzigen Gegenstand alles Urteil verloren hat und insofern einem
Irrsinnigen
gleicht. Durch besondere Umstände begünstigt, pflanzte sich
diese
Erkrankung von Gehirn zu Gehirn fort, so daß man zuletzt von
einer
Massenerkrankung reden darf. Hier nun griffen die Kirchenlehrer
energisch
ein: zwar entstammt auch ihre Denkweise der gnostischen Gedankenwelt,
und
man wird — wie schon oben bemerkt — der Dreieinigkeitslehre erst
gerecht,
wenn man sie als eine Erscheinung der griechischen Geheimwissenschaft
erkennen
lernt; aber welche grundsätzliche Vereinfachung führt sie
durch!
und wie fest hält sie die Hauptsache — das Menschtum Jesu Christi
— im Auge! und wie praktisch wirkt die Einführung des
Zwangsglaubens,
durch welchen allein die soeben genannte Krankheit geheilt und das
drohende
Chaos abgewiesen wurde!
Alles Gesagte gilt in
genau dem
gleichen Maße von der Logos-Gotteslehre des Apostels Johannes
(„Im
Anfang war das Wort“ usw.):
245 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
der
Begriff des Logos, seine
Auffassung
als „Emanation“ der Gottheit — alles ist buchstäblich aus der
Gnosis
übernommen. Jene Lehre, welche gänzlich außerhalb der
Dreieinigkeitslehre
liegt, stellt einen parallel laufenden Versuch dar, die Gnosis durch
Gnosis
zu überwinden. Und auch hier, welche sieghafte Vereinfachung und
welche
Betonung des Menschtums Jesu Christi! „Und das Wort ward Fleisch“....
Das ganze Evangelium gilt ja dem einen Ziel, die Menschen
zurückzuführen
zum lebendigen Jesus, der schon damals anfing, unter den Händen
der
Gnostiker sich zu einem abstrakten Gedankenwesen zu verflüchtigen.
Wir wissen, daß
es auch
eine Hauptsorge der Dreieinigkeitslehre war, das vollkommene Menschtum
des Heilandes außer Zweifel zu setzen: dies bildete die
unerläßlichste
Aufgabe der frühen Kirche; nirgends verdient ihr Instinkt für
das Wesentliche mehr Bewunderung: wer den historischen Jesus aufopfert,
richtet das Christentum zugrunde.
Zur genaueren
Einsicht in die
Art der Gedankenführung, welche jener Zeit entsprach, teilte ich
vorhin
die erste Hälfte des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses mit;
sie
betraf lediglich die Gottheit; jetzt lasse ich die zweite Hälfte
folgen,
die das Problem der Gottmenschheit zu lösen unternimmt. Dabei
erinnere
ich, daß dieser endgültige Wortlaut des Bekenntnisses erst
nach
Anbruch des lateinischen Zeitalters der Kirche entstand, wodurch
bedeutende
Vereinfachung herbeigeführt und der Verlust mancher zarter
Schattierungen,
die nur in der griechischen Sprache zum Ausdruck gebracht werden
können,
bedingt wird; im Griechischen kann man Vorstellungen schweben und
verschweben
und ineinanderschweben lassen, wogegen im Lateinischen alles sich ehern
und festgemauert gibt.
„Es ist aber weiter notwendig
zum ewigen Heil, daß man auch an die Fleischwerdung unsres Herrn
Jesu Christi treulich glaube. So ist nun der rechte Glaube, daß
wir
glauben und bekennen, daß unser Herr Jesus Christus Gottes Sohn,
Gott und Mensch ist: Gott aus dem Wesen des Vaters vor der Weltzeit
gezeugt
und Mensch aus dem Wesen der Mutter in der Weltzeit geboren.
Vollkommener
Gott, vollkommener Mensch, aus vernünftiger Seele und menschlichem
Leibe bestehend. Gleich dem Vater nach der Gottheit, kleiner als der
Vater
nach der Menschheit. Und wiewohl er Gott und Mensch ist, so sind doch
nicht
246 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
zwei,
sondern es ist ein Christus,
einer
aber nicht zufolge Verwandlung der Gottheit ins Fleisch, sondern
zufolge
Annahme der Menschheit in Gott hinein, durchaus einer, nicht zufolge
Vermengung
des Wesens, sondern zufolge Einheit der Person. Denn gleichwie
vernünftige
Seele und Leib ein Mensch ist, so ist Gott und Mensch ein Christus, der
da gelitten hat um unseres Heiles willen, niedergestiegen zur
Unterwelt,
am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufstieg zu den Himmeln
usw.“
Es bedarf nicht erst
des
Nachweises,
daß kein unbefangen denkender Mensch des heutigen Tages sein
Genüge
an derartigen Begriffskunststücken finden kann; tut er es, so
betrügt
er sich selber; denn wenn man schon unergründliche Geheimnisse
gedanklich
zergliedern will, so muß wenigstens jedes Glied einen
faßbaren
Sinn bergen — was hier nicht der Fall ist. Wenn es unter uns Leute
geben
sollte, welche die Widersprüche und die gedanklichen
Unmöglichkeiten
in einer derartigen Aussage wirklich nicht empfinden, so empfehle ich
ihnen,
in dem Büchlein Friedrich Loofs': Wer war Jesus Christus? die
Seiten
179 und folgende nachzuschlagen und sich von diesem gläubigen
Christen
belehren zu lassen. Schon Augustin hat bemerkt, daß in der
Kirchenlehre
der Begriff „Person“ in zwei Bedeutungen genommen wird, nämlich
anders,
wo von der Dreieinigkeit die Rede ist, als wo von der Menschwerdung
Jesu
Christi gesprochen wird. „Ist wirklich nur die zweite Person der
Trinität
Mensch geworden, so sind die drei Personen offenbar so selbständig
gegeneinander, auch im Wirken nach außen, daß sie als drei
Götter, aber nicht als der eine Gott, sich darstellen.“ Dies ist
gleich
im ersten Augenblick ersichtlich; je tiefer man sich aber in ein
solches
Glaubensbekenntnis versenkt, um so unerträglicher erweisen sich
die
dem Denken zugemuteten Unmöglichkeiten: in Wirklichkeit wird durch
die Lehre von der Menschwerdung der einen göttlichen Person die
Lehre
von der Dreieinigkeit gesprengt; und außerdem erweist sich der
Begriff
eines Wesens, das zu gleicher Zeit Gott und wahrhaftig Mensch sei, als
für den Verstand völlig unfaßbar: man lese nur bei
Loofs
nach. Auch seine Schlußworte sind beherzigenswert; sie wenden
sich
an Frommgläubige, die derartige Erwägungen als pietätlos
und armselig verwerfen: „Hätten diese guten Christen eine
Vorstellung
davon, wieviel unwürdiges Theologengezänk wirksam gewesen
ist,
ehe
247 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
diese
‚Geheimnisse' ihre jetzige
theologische
Form erhielten, sie würden Vernunftgründe gegen diese aus
vielem
Vernünfteln hervorgewachsenen orthodoxen Lehren nicht für
unberechtigt
halten können.“
Daß die
Christen der ersten
Jahrhunderte anders dachten als wir, wollen wir ihnen nicht zum Vorwurf
machen: wir lernten die sie umgebende geistige Welt kennen und
verstehen
es, daß sie zu einem solchen Verfahren greifen mußten und
darin
auch ihr Genüge fanden. Zum letztenmal sei es wiederholt: ihnen
schwebte
ein doppeltes Ziel vor — erstens, ohne Vielgötterei die Gottheit
mehrfach
zu zergliedern; zweitens, es als möglich zu erweisen, daß
Jesus
Gott und zugleich wirklicher Mensch auf Erden gewesen sei. Beides
versuchten
sie durch lauter Verstandesunterscheidungen, d. h. also durch geistige
Akrobatenkunststücke; doch was verficht es? Sie haben die Ziele,
die
ihnen vorschwebten, erreicht — das mag genügen. Schiller lehrt
einmal
Duldsamkeit gegen „abgeschmackte Ideen“; er meint: „eine Idee
könne,
isoliert betrachtet, sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht .... in
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso
abgeschmackt
scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben“ (Bf. an
Körner: v. 1. 12. 88). Diese Worte finde ich auf jene
Männer
anwendbar,
welche
unter Aufgebot inbrünstigen Erforschungsdranges, den christlichen
Mythos mühsam aufbauten.
*
Ehe wir nun daran
gehen, uns
Rechenschaft
zu geben über die Bedeutung dieser Wendung des Christentums zu
zwangsglaubenssätzlichen
Feststellungen betreffs der unergründlichen Geheimnisse der
Gottheit,
und uns die Frage vorlegen, wie wir Heutigen uns dazu stellen wollen, —
müssen wir einen Blick auf eine zweite Entwickelungsreihe werfen,
die gleichlaufend emporwuchs und die ursprüngliche Gemeinde der
einander
gleich zu schätzenden „Heiligen“ zu einer durch Priester regierten
Kirche umschuf. In der Tat, diese zwei Bewegungen gehen Hand in Hand
und
fördern sich gegenseitig: die eine setzt die andere voraus, und
aneinander
wachsen sie in die Höhe. Man beurteile es nur nicht als Zufall,
wenn
der erste wirkliche Papst — Leo I. — Zeitgenosse der Einführung
des
Athanasianischen Glaubensbekenntnisses ist.
248 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
Ursprünglich
handelte es
sich
bei der Bildung der Kirche lediglich um einen freien
Zusammenschluß
Aller, die an Jesum Christum als Mittler zwischen Mensch und Gott
glaubten,
zu gegenseitiger Unterstützung und zu gegenseitigem Schutz, — um
die
Gründung einer Gemeinschaft brüderlicher Liebe in Jesu
Christo.
Ein Rat der Ältesten (Presbyter)
verwaltete die gemeinsamen
Geschäfte,
Boten und Diener (auf griechisch Diakone)
führten seine Weisungen
aus, besuchten die Kranken, sorgten für die Notleidenden; man
schlage
in der Apostelgeschichte (6,
1 fg.) die Erzählung über die
erste
Wahl von Diakonen nach, die „den Tischdienst besorgten“. Sehr bald
stellte
sich in größeren Gemeinden — dem Beispiel römischer
Verwaltungskunst
folgend — die Notwendigkeit eines Oberaufsehers (epi-skopos) ein.
Diesen
verschiedenen Beamten war gemeinsam, daß sie aus der Wahl allem
Gemeindeglieder
hervorgingen, sodann daß sie dienten, nicht befahlen und
daß
sie sich vorzüglich mit praktischen Fragen, nicht etwa mit
Seelsorge
zu befassen beauftragt waren, geschweige denn, daß sie einen
bevorzugten
geistlichen Stand innerhalb der Gemeinde gebildet hätten. Dennoch
gewannen diese von der Gemeinde durch freie Wahl ernannten Führer
bald auch in Glaubensfragen ausschlaggebenden Einfluß; das konnte
nicht ausbleiben — kamen doch die Diakone von einem Haus ins andere,
Rat
und Hilfe bringend, erwählte man doch zu Presbytern, und erst
recht
zu Bischöfen, diejenigen Männer, die die allgemeinste
Verehrung
genossen; und ich setze gleich hinzu, es mußte dieser
Einfluß
den jungen Gemeinden zum Segen gereichen; denn wir wissen aus den
Briefen
Pauli, wie wirr und wüst es dort manchmal zuging, wo weder
Glaubenssätze
noch gottesdienstliche Handlungen nach feststehenden Bestimmungen sich
richteten (2. Kor. 10 fg.).
Entscheidend ist aber, daß der
Begriff
einer besonderen und abgesonderten Priesterschaft den Evangelien und
den
Episteln, sowie auch den Gemeinden noch lange Zeit hindurch unbekannt
bleibt.
Von Stufe zu Stufe entwickelt sich — und wiederum müssen wir sagen
im unmittelbaren Widerspruch zu den Lehren Jesu Christi — der Begriff
eines
vom Laienstand unterschiedenen geistlichen Standes: durch die Arbeiten von Lightfoot und
Anderen ist es uns leicht gemacht, dem Werdegang dieser
verhängnisvollen
Auffassung zu folgen. Der Vereinfachung wegen beschränke ich mich
auf drei Stufen
249 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
dieser
Entwickelung, von denen eine
jede
sich uns in einem berühmten Namen veranschaulichen wird: Ignatius,
Irenäus und Cyprian.
Ignatius, der
Märtyrer, dem
wir in diesem Buche schon mehrfach begegnet sind und der etwa um das
Jahr
110 starb, betont wohl in seinen Briefen wiederholt die hohe Bedeutung
der Bischöfe für den Zusammenhalt der Gemeinden, er tut es
aber
stets in dem Sinne einer an die Gemeindemitglieder gerichteten Bitte,
die
Wichtigkeit der durch den Bischof vertretenen Einheit zu begreifen,
ohne
welche die eben erst geborene Christenheit binnen kurzem gewiß
wieder
in Atome zerstieben werde. „Ebenso wie der Herr nichts ohne den Vater
tat,
ebenso sollt ihr nicht irgend etwas unternehmen ohne den Bischof und
die
Presbyter. Versuche nicht der Einzelne unter euch etwas Rechtes zu
denken,
ohne die Teilnahme der Übrigen: vielmehr lasset es ein gemeinsames
Gebet geben, ein gemeinsames Anrufen, einen gemeinsamen Geist, eine
gemeinsame
Hoffnung in Liebe und in untadelhafter Freude — welche ist Jesus
Christus,
über den nichts geht.“ Aus diesen Worten versteht man genau,
wohinaus
der edle, vielerfahrene Greis will, der sein Leben lang unter den
Spaltungen
der Gemeinden, denen er vorstand, zu leiden gehabt hatte, und man wird
auch den folgenden Worten, die uns zunächst eigentümlich
anmuten,
Verständnis entgegenbringen: „Seid
gehorsam eurem Bischof und
gehorsam
gegeneinander!“ (Brief an die
Magnesier, Abs. 7 u. 13).
Etwa sechzig bis
achtzig Jahre
später — also nach zwei Generationen — hören wir
Irenäus,
den rührigen Bischof von Lyon, die hohe Bedeutung des
bischöflichen
Amtes immer von neuem stark hervorheben, doch ist der Standpunkt
auffallend
verschoben; nicht mehr handelt es sich wie bei Ignatius um den
organischen
Mittelpunkt der Gemeindeverfassung, also gewissermaßen um eine
politische,
jedenfalls aber um eine praktische Angelegenheit, vielmehr liegt jetzt
das Schwergewicht auf den Glaubensfragen. Irenäus lebt zu einer
Zeit,
wo hundert verschiedene Lehren innerhalb des jungen Christentums um die
Vorherrschaft streiten, und da meint er, diejenigen Bischöfe, die
in gerader Linie von den Aposteln abstammen — wie das bei denen von
Rom,
Korinth, Ephesus und Smyrna zutreffe —‚ seien eo ipso die Verwahrer der
echten apostolischen Überlieferung. „Wollt ihr die echte Lehre der
Apostel er-
250 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
fahren,
so fragt bei den
apostolischen
Kirchen an. In der Aufeinanderfolge der Bischöfe, deren erste von
den Aposteln selbst ernannt wurden, besitzt ihr die Gewähr
für
die Fortpflanzung des reinen Glaubens, eine Gewähr, welche kein
vereinzelter
Emporkömmling bietet, der sich aus eigener Machtvollkommenheit zu
lehren erdreistet.“ Wie willkürlich diese Erfindung einer
angeblichen
apostolischen Überlieferung war, das beweist die einfache
Tatsache,
daß die hochwürdigen Herren Bischöfe sich widersprachen
und sich gegenseitig aus der Kirche bannten, sowie daß sie auf
ihren
Versammlungen die einzelnen Punkte der Lehre durch
Mehrheitsbeschlüsse
bestimmten: in der Not aber, in der sich die Kirche befand, diente eine
solche Idee zur Beruhigung und Befestigung.
Jedoch es sollte die
Lehre von
der ausschlaggebenden Bedeutung der Bischofswürde noch einen
großen
Schritt weiter tun, und zwar wiederum ungefähr zwei Geschlechter
später.
Gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts blühte der feurige
Afrikaner
Cyprian und drang mit der Lehre durch, der Bischof werde weder aus
praktischen
Rücksichten einheitlicher Verwaltung ernannt, noch ruhe seine
Würde
lediglich auf apostolischer Weihe, vielmehr entstamme seine Gewalt
einem
unumstoßbaren Gesetze Gottes. Der Bischof, so lehrt Cyprian, wird
unmittelbar von Gott ernannt, ist nur Gott verantwortlich und wird
unmittelbar
von Gott erleuchtet. „Ihr sollt wissen, der Bischof ist der Inbegriff
der
Kirche und die Kirche der Inbegriff des Bischofs; folgt Einer seinem
Bischof
nicht, so gehört er nicht mehr der Kirche an, gleichviel was auch
diejenigen sich schmeicheln mögen, die in Unfrieden mit den
Priestern
Gottes sich einbilden, daß sie noch mit Gott heimlich verkehrten.
Die Kirche ist katholisch und eins .... zusammengekittet durch die
miteinander
übereinstimmenden Priester.“ Der Bischof ist weniger als das
krönende
Dach des Kirchengebäudes zu betrachten, denn als dessen
Grundstein;
er ist der einzige und daher nicht zu entbehrende Vermittler der
göttlichen
Gnade (vgl. die Schrift des Cyprian über Die Einheit der Kirche
sowie
viele seiner Briefe, darunter namentlich den an Florentius Pupianus).
Cyprian drang mit
seinen Ansichten
durch, und damit hatte die Auffassung der Kirche als eines
Priesterregimentes
endgültig obgesiegt: das
weitere, nämlich die Zuspitzung
zum Papsttum, konnte nicht ausbleiben und stellte sich von selbst
innerhalb
der folgenden zwei
251 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
Jahrhunderte
ein. Desgleichen das
Gesetz
der Ehelosigkeit, wodurch die Priester aus der menschlichen
Gesellschaft
und aus der Naturordnung ausgeschieden und in den
ausschließlichen
Dienst der Kirche gestellt wurden. Zwar pflegte der Apostel Petrus sein
Eheweib auf seinen Missionsreisen mitzuführen, und der Apostel
Paulus
verordnet sogar ausdrücklich, die Bischöfe und Diakonen
sollten
verheiratete Männer sein (1. Tim.
3, 2 u. 12); doch gegen die
Logik
des kirchlichen Priesterwillens vermag ein Apostelwort ebensowenig wie
ein Wort des Heilandes. Die endgültige Besiegelung der
Priestermacht
geschah durch die Durchführung des Zwangsglaubenssatzes von der
Wandlung
(Transsubstantiation), eine
Lehre, dank welcher der geweihte Priester
allein
fähig wurde, „das Zaubermittel der Unsterblichkeit“ (S. 64) zu
bereiten
und zu verabreichen; wer außerhalb der Kirche stand, besaß
er auch alle Tugenden und glaubte er auch inbrünstig an Gott,
durfte
sich nichts anderes erwarten als Höllenfeuer. Selbst die Kirche
hat
mehr als ein Jahrtausend benötigt, um die Menschen zu der Annahme
dieser Ungeheuerlichkeit mürbe zu machen. Zwar trat bald darauf
die
Reformation auf den Plan und setzte gerade an diesen Punkt den Hebel
an;
doch steckte sie selber noch viel zu tief in hellenistischen
Glaubensformeln
und in jüdischem Geschichtsmaterialismus, als daß sie bis
zur
vollen Befreiung hätte durchdringen können, und nur gar zu
bald
blühten „die erzkatholischen Protestanten“ — wie Kant sie nennt —
in der Gestalt unduldsamer lutherischer Geistlichen auf.
Durch diese auf der
ganzen Linie
triumphierende Auffassung von der Kirche als Hüterin einer durch
die
Priester selber aufgestellten Rechtgläubigkeit ward eine der
kostbarsten
Errungenschaften der klassischen Kultur ausgelöscht und
rückgängig
gemacht: wir Menschen fielen wieder unter die Botmäßigkeit
des
„Medizinmannes“, des Priesters — eine Zwingherrschaft der Seele, welche
Griechen
und Römer der Blütezeit überwunden hatten. Diese
Zwingherrschaft
war sogar noch vollkommener organisiert als ihre Vorgängerinnen in
Babylon und in Ägypten, und außerdem ungleich stärker,
dank dem einzigen Schatze an moralischen Werten, den sie von Jesu
Christo
geerbt hatte und zum großen Teil unverstanden in den Evangelien
mit
sich führte.
*
252 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
Jetzt
haben wir, glaube ich,
genügend
Stoff zusammengetragen, um den Einfluß zu beurteilen, den die
kirchliche
Entwickelung des Christentums auf die Religion Jesu, sowie auf die
Auffassung
von Religion überhaupt ausgeübt hat: es kommt bei einer
solchen
Frage weniger auf Ausführlichkeit an als auf richtige, scharfe
Auffassung
der Leitlinien; — wo solche so unzweideutig am Tage liegen wie in
diesem
Falle, braucht man eigentlich nur das sapere
aude (erkühne dich,
weise
zu sein) zu beherzigen, und alles liegt einem klar vor Augen. Zwei
solcher
Leitlinien haben wir durch mehrere Jahrhunderte verfolgt: die eine
betraf
das Allerinnerste, das dem Menschen eingeborene Glaubensbedürfnis,
die andere betraf die äußere Gliederung der menschlichen
Gesellschaft
in bezug auf dieses selbe religiöse Verlangen: ich glaube, der
Leser
wird, auch ohne darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, die nahe
Verwandtschaft
zwischen beiden Reihen von Vorgängen bemerkt haben. Die
hellenistischen
Gnostiker, welche die Glaubenssätze über die Gottheit
ausarbeiteten,
gehörten zwar einer anderen Umwelt an als die Afrikaner und
Westeuropäer,
welche später die Macht des Klerus vollendeten, doch hat das
Schicksal
es mit sich gebracht, daß die Griechen den Römern und der
ganzen
romanisierten Welt — die an und für sich unfähig gewesen
wäre,
solche spitzfindige Gedanken auszuklügeln — wunderbar
vorgearbeitet
haben: je unbegreiflicher die Lehre, um so unbestreitbarer die Macht
des
Priesters.
Auf die Gefahr hin,
einige
Wiederholungen
zu begehen, möchte ich einen zusammenfassenden Rückblick
über
unsere Ausführungen werfen: die Deutlichkeit des Erschauten wird
dadurch
gewinnen.
Der erste Versuch,
die
unfaßbare
Erscheinung Jesu von Nazareth in eine schon geläufige Vorstellung
umzugießen und dadurch sich selbst und anderen begreiflich zu
machen,
geschah durch das Tu es Christus
des Heilandjüngers Petrus.
Zweifellos
handelt es sich hier zunächst um den rein naiven Einfall eines
ungestümen
Volksmannes; die Unzulänglichkeit des jüdischen
Messiasbegriffes
mußte sich jedoch bald aufdrängen — außerdem
besaß
dieser Begriff für die Heiden, aus deren Reihen so gut wie alle
Christen
hervorgingen, keine klar vorstellbare Bedeutung, und so sehen wir denn
schon den Apostel Paulus mit fast abenteuerlicher Kühnheit
hellenistische
Vorstellungen heranziehen, um ein neues Messiasideal
253 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
aufzurichten.
Aber auch das
genügte
der Mehrzahl nicht: was der Grieche verehrte, mußte er als
Gottheit
verehren, und so ward denn Jesus Christus nicht allein Sohn Gottes,
sondern
der allmächtige Gott selber. Doch, siehe da! Kaum ward Jesus
Christus
als Gott verehrt, so geriet sein Menschtum ins Schwanken, und damit
begann
für gar viele die historische Persönlichkeit, aus der der
christliche
Glaube entsprungen war, zu verblassen, wenn nicht gar sich in einen
bloßen
Schein aufzulösen: das Christentum stand in Gefahr, zu einem der
vielen metaphysischen Wahngebilde der hellenistischen Gedankenwelt
herabzusinken.
Aus den Schilderungen in den Dogmen- und Kirchengeschichten gewinne ich
den
Eindruck, daß es eine Zeitspanne gegeben hat, in der die
allermeisten
Christen — darunter nicht wenige der edelsten führenden Geister —
ausgesprochene oder unbewußte „Doketisten“ waren: so nannte man
(von
dokein, scheinen) diejenigen
Gläubigen, die das Menschtum Jesu
Christi
in irgendeinem Sinne oder Grade für bloßen Schein hielten.
Denjenigen
Männern, die diese Richtung als tödliche Gefahr für die
christliche Religion erkannten und die sich mit Leidenschaft ihr
entgegenwarfen,
kann man das Verdienst nicht absprechen, das Christentum — und mit ihm
seinen größten Schatz, die Evangelien — vor dem Untergang
gerettet
zu haben. Glimpflich ging es nicht immer zu, man scheute sich nicht,
die
Hilfe heidnischer Kaiser anzurufen, und mancher würdige Mann
mußte
vor grausamer Verfolgung in die Wüste flüchten. Was nun die
Gedanken
und die Glaubenssätze betrifft, so wurde Willkürliches durch
ebenso Willkürliches bekämpft und niedergeschlagen — nur
daß
dieses letztere den Zweck verfolgte, das Menschtum Jesu und sein
geschichtliches
Dasein vor jeder Infragestellung zu schützen. Hierbei mußte
natürlich die unmittelbare Wirkung auf die damalige Gegenwart
bezweckt
werden, was den betreffenden Männern nicht schwer fiel, da sie
selber
die Bildung ihrer Zeit genossen hatten und all ihr Denken dem
hellenistischen
Kulturkreise angehörte.
Wozu noch eine
Erwägung sich
uns aufdrängt: bekanntlich sind alle Glaubenssätze der Kirche
erst als Abwehr gegen „Irrlehren“ entstanden, und daraus folgt,
daß
das, was die Kirche als Irrlehre bezeichnet, stets auf ihre eigene
Lehre
nicht unbedeutenden gestaltenden Einfluß ausgeübt hat; so
wurde
denn auch jetzt hellenistische
254 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
geheime
Gotteswissenschaft durch
hellenistische
geheime Gotteswissenschaft — in der Gestalt der Dreieinigkeits- und der
Gottmenschheitslehre — überwunden; anders wäre das Ziel gar
nicht
zu erreichen gewesen. Hätte die Kirche ihre menschliche
Beschränktheit
richtiger beurteilt, so hätte sie auch als Lehrmeisterin reinen
Segen
verbreiten können, so aber maßte sie sich göttliche
Würde
an: sie, welche sich nicht
scheute, den
Wortlaut der evangelischen Grundschriften durch Streichungen und
Einschiebungen
ihren Zwecken dienstbar zu machen, sie, welche dem Heiland Worte in den
Mund legt, die er nie gesprochen hat, noch sprechen konnte (vgl. S. 105
fg. und S. 229), sie fordert für den
Wortlaut ihrer eigenen
Entscheidungen
unabänderliche Gültigkeit, und zwar bei Strafe ewiger
Verdammnis:
dieser Versuch, einem vielseitig Bedingten, aus der Not des Augenblicks
Entstandenen, unbedingte, ewige Geltung zuzuweisen und die Menschen
für
alle Zeiten darauf zu verpflichten, bedeutet eine ungeheuerliche
Gewalttat,
sowohl gegen das Menschengemüt, wie auch gegen die geschichtliche
Wahrheit.
Die ganze Gnosis
entsprang — das
haben wir schon oben bemerkt — einer Art geschichtlich bedingter
Zeitkrankheit
und hätte sich auf keinen Fall lange halten können; bald
staunten
alle Menschen über diese wahnsinnig willkürlichen
Gedankengebäude,
von denen wir nunmehr völlig erlöst gewesen wären,
hätte
nicht die Kirche für ihre eigene Gnostik ewige Geltung
beansprucht.
So wandelte sich — als Strafe des priesterlichen Hochmutes — der Segen
zum Fluch. Denn durch die neue Gotteslehre ward der V a t e
r, von
dessen
unmittelbarer Nähe die Menschen zu überzeugen Jesus auf Erden
geweilt hatte, in unerreichbare Fernen gerückt, und nicht er
allein,
sondern mit ihm auch der M i t t l e r, unser
Heiland. Zwischen uns und
Gott
schob der Priester erst die trennenden Zwangsglaubenssätze und
dann
noch sich selbst und seine Priesterkirche. Cyprian faßt die
nunmehrige
Kirchenlehre in wenige Worte zusammen: „Derjenige darf Gott nicht als seinen
Vater anrufen, der nicht die Kirche für seine Mutter anerkennt“
(Einheit
der Kirche, Abs. 6).
*
255 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
Hören wir, was Herder in
seiner
Schrift Vom Geist des Christentums
über das Priestertum sagt: „Das
Staatschristentum wich von dem genetischen Grundgesetz (der Freiheit
und
Gleichheit aller Gläubigen) des alten Christentums bald ab, indem
es nach jüdisch-heidnischer Art, mehr als politisch, Stände
trennete,
Gaben (des Geistes) verbot, Gaben einschränkte. Es trennete Klerus
und Laien; ein Unterschied, den das Urchristentum gar nicht kannte, der
seiner Grundverfassung durchaus entgegen war, ja der seine erste Idee
aufhob:
denn alle Christen sind Auserwählte, ein heiliges Volk, ein
königliches
Priestertum, wo der geringste wie der größeste vor Gott
treten
und ihn lobpreisen sollte. — N a t ü r l i c
h w a r e n m i t d i e s e
m
F e h l t r i t t
a l l e g e g e b e n“ (Ausg. v. Suphan, 20, 89). So
macht denn Herder, wie man
sieht,
die Idee des Priestertums für den Verderb der christlichen
Religion
verantwortlich. Daß ein Mann von so seltener geistiger
Spannweite,
ein Theolog, der das gesamte Fachwissen seiner Zeit beherrschte, vor
allem,
daß das ahnungsvollste Genie, das Deutschland — und vielleicht
die
Menschheit — je besessen, dazu ein überzeugter, glaubensstarker
Christ,
in dieser Weise und mit dieser Bestimmtheit über die Kirche
urteilt,
muß Jedem zu denken geben. Mich mag mancher Laie einseitiger
Darstellung in Verdacht haben, Herder kann er kein derartiges Bedenken
entgegenhalten,
und Herder urteilt: wenn das Christentum heute über Millionen von
Gemütern nicht mehr siegende Kraft besitzt, so liegt die Schuld in
erster Reihe an der Bildung der priesterlichen Kirche — ein so
verhängnisvoller
„Fehltritt“, daß mit ihm schon alle weiteren Fehltritte gegeben
waren
und von selbst daraus erfolgen mußten.
Der Name Herder weckt
unwillkürlich
den seines großen Antipoden, Immanuel Kant. Dieser stellt sich
freilich
in seinem Religionsbuch, außerhalb aller Geschichte, auf den
Standpunkt
der notwendigen Gegebenheiten des Menschengemütes; um so
belangreicher
sind aber seine Bemerkungen, und außerdem schwebt ihm doch immer
das Christentum vor dem Sinn und wird bei jeder Gelegenheit als
Beispiel
herangezogen. Kant gibt nun von dem Begriff des Priesters
überhaupt
folgende Bestimmung: „Pfaffentum ist die usurpierte Herrschaft der
Geistlichkeit
über die Gemüter, dadurch daß sie im
ausschließlichen
Besitz der Gnadenmittel zu
256 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
sein
sich das Ansehen gibt“
(Religion,
4. Stück, allgem. Anm.). In einem Abschnitt des selben Buches, der
den ergötzlichen Titel trägt „Vom Pfaffentum als einem
Regiment
im Afterdienst des guten Prinzips“, weist er nach, daß jegliches
Pfaffentum notwendig zu „einem Fetischdienst“ führt, „welches
allemal
da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern
statutarische
Gebote, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das
Wesentliche
desselben ausmachen .... es mögen der auferlegten Observanzen
noch
so wenig sein, genug, wenn sie für unbedingt notwendig
erklärt
werden, so ist das immer ein Fetischglauben, durch den die Menge
regiert
und durch den Gehorsam unter eine Kirche (nicht unter die Religion)
ihrer
moralischen Freiheit beraubt wird“. Auch dieses Urteil — dessen
ausführliche
Begründung man in dem genannten Werke findet — empfehle ich der
ernstesten
Beachtung meines Lesers, welcher bedenken muß, daß der
große
Weise, nicht minder als Herder, von Hause aus die vollkommene
theologische
Ausbildung erhalten und auf der Predigerkanzel gestanden hatte, ehe er
den Katheder des Philosophen bestieg: er redet hier von Dingen, die er
ausführlich genau kennt.
Bei jedem Satze
Kant's muß
man auf den Wortlaut besonders genau achten, denn die
Eigentümlichkeit
seines Stiles besteht in der Tragweite, die er dem einzelnen Worte zu
erteilen
weiß. So erklärt er in den wenigen Worten des zuerst
angeführten
Satzes: das Wesen der
Geistlichkeit bestehe
in dem Herrschen, und zwar in dem Herrschen über die Gemüter;
darin läge noch kein Tadel ausgesprochen; nun aber kommt das
Bedenkliche:
diese Herrschaft wird durch eine Gewalttat begründet, indem die
Kirche
sich Vorrechte anmaßt, die ihr keineswegs zukommen, und sich „das
Ansehen gibt, im ausschließlichen Besitze“ besonderer, ihr von
Gott
verliehener „Gnadenmittel“ zu stehen. Die Absicht mag noch so gut sein,
ein Element des Betruges — die von den Kirchenvätern empfohlene
pia
fraus — mischt sich hinein, und es ist unmöglich, daß
dies
ohne schwerwiegende Folgen bleibe. Darum heißt es dann, die
Kirche
stehe zwar im Dienste des guten Prinzips — das macht ihre Tugend aus,
zugleich
das Geheimnis ihrer Kraft —; doch kann man nicht umhin, von einem
höheren
Standpunkt aus diesen Dienst als „Afterdienst“ zu bezeichnen, wegen
jener
eingeschlichenen Un-
257 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
wahrhaftigkeit,
welche der erreichten
Macht an der Wurzel haftet. Das ist der gleiche „Fehltritt, mit dem
alle
weiteren gegeben waren“, wie Herder es aussprach — nur hier von Kant
näher
bezeichnet. Kant deckt aber noch mehr auf: durch diese vermeintlichen
„Gnadenmittel“
schaffen die Priester an Stelle der reinen Gotteszuversicht, wie Jesus
sie gelehrt hatte, „einen Fetischdienst“, der, im Grunde genommen und
nach
seinem rein sittlichen Wert gemessen, durchaus mit jedem beliebigen
Fetischdienst
urtümlicher Menschen gleichzustellen ist. Hierauf legt Kant
großen
Nachdruck und schreibt „Zwischen dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der
die
Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt mit
dem kurzen Gebet: ‚schlag mich nicht tot', bis zum sublimierten
Puritaner
und Independenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in
der M a n i e r, aber nicht im P r i n z
i p zu glauben... Die
unsichtbare
Macht, welche über das Schicksal der Menschen gebietet, zu ihrem
Vorteil
zu lenken, ist eine Absicht, die sie alle haben; nur wie das anzufangen
sei, darüber denken sie verschieden.“
Daß diese
beiden Männer
— Kant und Herder — die unaufzählbaren Verdienste der Kirche
kennen
und anerkennen, das versteht sich von selbst; ein großer Teil
dieser
Verdienste liegt aber außerhalb der eigentlichen Religion —
nämlich
jener unmittelbaren Erhebung zu Gott, die den Inhalt der Lehre Jesu
ausmacht.
Rein religiös betrachtet, würde ich sagen: weitaus das
größte
Verdienst der Kirche — dasjenige Verdienst, das sie für alle
Zeiten
heiligt — besteht (wie schon früher bemerkt) darin, daß sie
die Evangelien, und damit die Gestalt des Heilandes vor dem Untergang
rettete
und als dauernde Quelle alles Guten im Busen birgt; der schlimmste
ihrer
vielen Fehler besteht darin, daß sie den Mittler — denjenigen,
der
gerufen hatte: „Kommt her zu mir ihr alle!“ — in unermeßbare
Fernen
rückte und sich selbst an seine Stelle, als Vermittlerin aller
Gnaden,
setzte. Hierdurch übte sie Gewalt an den Seelen der Menschen
—
und
das rächt sich früher oder später; ich sage nichts von
der
erschreckenden Gewalt, die sie an Leben und Glück und Gut
Ungezählter
ausübte, — bekanntlich hat Voltaire ausgerechnet, die Kirche habe
mehr Menschen hingeschlachtet, als in sämtlichen Kriegen des
Altertums
gefallen sind, und Kant spricht es offen aus: „Die Geschichte des Christentums
gereicht
ihm, was die wohltätige
258 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MARIENKULT
UND LETZTES GERICHT
Wirkung
betrifft, die man von einer
moralischen
Religion mit Recht erwarten kann, keineswegs zur Empfehlung“ (Religion, S. 195); hier habe ich
jedoch lediglich die Gewissensqualen und die
Seelenmartern
im Sinne, welche die Kirche zu allen Zeiten und in allen ihren Zweigen
verursacht hat, denn diese alle erfolgen mit Notwendigkeit aus dem
„ersten
Fehltritt“, von dem Herder spricht.
*
Wir haben die Art
kennen
gelernt,
wie die Kirche, um verderbliche Irrtümer von sich abzuwenden,
grenzende
Glaubenssätze aufzustellen pflegte, welche zugleich nicht selten
Zugeständnisse
an den Gegner bedeuteten: auf diese Weise erhielt das Judentum seinen
festen
Platz in der christlichen Kirche. Ein Gleiches geschah mit manchem
alten
heidnischen Glaubensstück. Zwei Beispiele zur Veranschaulichung.
Nicht die Syrer
allein, vielmehr
alle Bewohner des Mittelmeerbeckens zollten seit Jahrhunderten —
inmitten
sonst wechselnder religiöser Vorstellungen — dauernde, besondere
Verehrung
der G ö t t i n - M u t t e r, der magna Mater;
von ihr wollten sie
um keinen Preis ablassen. Auch die christlichen Gemeinden verlangten in
Syrien — wie wir in einem
früheren Kapitel
gesehen haben (S. 199) — immer
wieder nach einem bunteren, bewegteren
Himmel,
namentlich aber konnten sie auf die Dauer die magna Mater nicht
entbehren,
sie war ihnen gar zu sehr ans Herz gewachsen; verschiedene Systeme der
christlichen Gnosis versuchten ihr unter einem und dem anderen Namen
einen
Platz in der Nähe Gottes und seines Sohnes zu verschaffen. Dies
hat
die Kirche stets abzuwehren gewußt; doch hat sie es für klug
gehalten nachzugeben, als die Syrer anfingen, von Maria — anstatt als
„Mutter
Jesu“, wie in der frühesten Zeit ausnahmslos geschah — als „Mutter
Gottes“ zu reden. Zwar warnten weise Bischöfe, die magna Mater
erhalte
hierdurch wieder Einlaß, und vergossen ihr Herzblut, um diese
Gefahr
vom Christentum abzuwenden. In der Tat verliert mit dieser neuen
Benennung
Maria die ganze Bedeutung, die ihr die evangelische Erzählung
beilegt,
als Mutter, nicht des Gottes, sondern des Menschen Jesus und als das
Verbindungsglied
zwischen Jesus und der Menschheit. Sie
259 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MARIENKULT
UND LETZTES GERICHT
„Mutter
Gottes“ heißen,
widerspricht
dem Glaubenssatz des dreieinigen Gottes. Doch Rom entschied anders;
dieser
Mittelpunkt der Kirche hat niemals das weltliche Interesse aus den
Augen
verloren und stets gewußt, wie stramm der Bogen gespannt werden
darf,
ohne Gefahr zu laufen, daß er zerspringe; in diesem Falle aber
drohte
der Verlust ganzer Völkerschaften. So erfahren wir z. B.,
daß
Sizilien dem Christentum jahrhundertelang verschlossen blieb: dort hatte sich die magna Mater mit
der Isis verschmolzen und wurde in der Gestalt einer das göttliche
Kind säugenden Mutter verehrt. Als nun die Kirche — durch ihre
früheren
Erfahrungen gewitzigt — Missionare hinschickte, welche Maria als Mutter
Gottes mit dem Jesuskind in den Armen in den Vordergrund brachten,
gewann
sie sofort die ganze Bevölkerung Siziliens: „die Heiden
öffneten
Maria, der Gottesmutter, die Tempel, die sie Jesu Christo verschlossen
gehalten hatten, und bekannten sich besiegt“ — handelte es sich doch,
soweit
die guten Leute es verstanden, bloß um geringfügige
Namensänderungen:
Isis sollte fortan Maria und Horus Christus heißen. Le culte de
Marie
balaya devant lui les débris de paganisme qui couvraient encore
l'Europe (siehe Beugnot, Paganisme,
1, 289 und 2, 270).
Ich gehöre
persönlich
zu denen, welche die Schönheit einer würdigen Marienverehrung
empfinden und von ihrer Unersetzbarkeit bei den Menschen gewisser
Rassen
durch Erfahrung überzeugt worden sind. Nur ist es unmöglich
zu
leugnen, daß dieser Vorstellungskreis mit der aus den Evangelien
bekannten Gotteslehre und Weltanschauung Jesu Christi keinen
Berührungspunkt
besitzt und unmittelbar aus den Anschauungen des Heidentums
hervorsprießt.
Ein zweites Beispiel
von dem
Eindringen
unchristlicher Vorstellungen in die christliche Kirche. Es wiederholt
sich
stets von neuem der gleiche Vorgang: auf der einen Seite gibt die
priesterliche
Kirche nach, um Ungläubige zu Jesu Christo hinzuführen, auf
der
anderen zieht sie — um ärgste Mißbräuche abzuwenden —
grenzende
Umrißlinien, aus welchen dann bleibende Glaubenssätze
entstehen.
Die aus der
Kirchenlehre uns
geläufige
Vorstellung eines allgemeinen „Letzten Gerichtes“, bei welchem Gott,
beziehungsweise
Jesus Christus, als Richter waltet und die guten und bösen Taten
jedes
Einzelnen genau gegeneinander abwägt, steht in schreiendem
260 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MARIENKULT
UND LETZTES GERICHT
Widerspruch
zu der Lehre Jesu und
seines
Apostels Paulus von der Erlösung durch den Glauben. Diese
Vorstellung
hat überhaupt mit Christentum nichts zu schaffen, vielmehr handelt
es sich um altägyptisches Erbgut, das in seiner Ganzheit von den
Heiden
in die Kirche hineingeschleppt wurde. Von einem solchen
menschlich-irdischen
Materialismus weiß z. B. der Heilandschüler Johannes nichts:
wir haben gesehen, daß nach ihm der Eintritt ins ewige Leben
bereits
hier in der Zeitlichkeit stattfindet (S.
222), und ich bitte, in
Scott's
schon häufig von mir angeführtem Buche über das Vierte
Evangelium
den ausführlichen Beweis nachzuschlagen, daß Johannes —
insofern
er überhaupt von einem Gericht redet — darunter „nicht ein
künftiges
und dramatisches, sondern ein gegenwärtiges und innerliches“
versteht
(Kap. 10). Auf den gleichen altägyptischen Ursprung geht die
grausige
Vorstellung der ewigen Höllenqualen zurück und stammt
gewiß
aus urfernen Zeiten, wo Kultur erst zu dämmern begann. Vielleicht
wirft einer das Gleichnis von Lazarus und dem reichen Manne ein, doch
wissen
wir heute, dank den Entdeckungen von Greenfell und Hunt, daß
Lukas
(der allein diese Erzählung bringt) hier eine in Ägypten
wohlbekannte
Fabel eingeflochten hat; auch andere Züge verraten bei diesem
Evangelisten
ägyptischen Einfluß (siehe Harnack); außerdem war
schon
früheren Theologen dieses Stück als künstlicher Einschub
aufgefallen, da es weder an das unmittelbar Vorangegangene, noch an das
unmittelbar Nachfolgende anknüpft und in Erfindung und Ton
merklich
von allen anderen Herrn-Gleichnissen abweicht ¹). Diese
ägyptische
Vorstellung des strafenden Höllenfeuers war längst Gemeingut
aller Völker um das Mittelmeergebiet geworden und scheint dem
durchschnittlichen
Menschen zugesagt zu haben; bezeichnend für die frühen
Christen
ist aber gerade ihre ablehnende Umdeutung und symbolische Auffassung.
So
redet z. B. Origenes vom „ewigen Feuer“, fragt aber dann
ausdrücklich:
„Was haben
—————
¹)
Der Laie
muß auf eine
Quelle des Mißverständnisses aufmerksam gemacht werden: das
Wort Gehenna, das im Neuen
Testament ein paar Mal vorkommt, wird von
Luther
und anderen zumeist durch „Hölle“ oder „höllisches Feuer“
wiedergegeben;
zwar bezeichnet es für die Juden einen Aufenthaltsort für
große
Verbrecher, entspricht aber durchaus nicht der uns geläufigen
altägyptischen
Vorstellung von Hölle und Höllenfeuer.
261 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
wir
uns denn unter diesem
angedrohten
ewigen Feuer vorzustellen?“ Und er beantwortet diese Frage dahin:
„Nicht
wird der Sünder in ein Feuer gestürzt, das schon von einem
Anderen
angezündet brennt und auch ohne ihn emporflammte, vielmehr
zündet
ein Jeder sein eigenes Feuer selbst an, und den Brennstoff bilden seine
eigenen Sünden“ (De Principiis,
Buch 2, Kap. 10, Abschn. 4). Wie
erhaben
steht der heilige Mann über dem Standpunkt der heutigen Jesuiten,
die jedem Gläubigen „Exerzitien“ aufnötigen, welche eine
Versenkung
in die Vorstellung der Hölle vorschreiben, bis der Betreffende an
dem Schwefelgestank zu ersticken droht! So weit hat die priesterliche
Kirche
es in ihrer folgerichtigen Entwickelung gebracht!
In ähnlicher
Weise drang
allerhand — und mit der Zeit immer mehr und mehr aus dem Heidentum in
das
Christentum ein und wurde, Dank der erstarrenden Wirkung der Kirche, zu
einem dauernden Bestandteil dieser Religion, was sie immer weiter von
der
Religion Jesu entfernte. Harnack schreibt in seiner Mission und
Ausbreitung
des Christentums (3. Aufl. 1, 304 fg.): „Heilige und Nothelfer,
also
Halbgötter,
dringen in die Kirche ein; Lokalkulte und lokale, heilige Stätten
werden gegründet; die Gebiete des Lebens werden an Schutzgeister
aufs
Neue verteilt; ja, die alten Götter ziehen ein, nur mit neuen
Masken:
rauschende Jahresfeste werden gefeiert; Amulette und Sakramentalien,
Reliquien
und heilige Knochen werden begehrenswerte Gegenstände. Die
Religion
— einst, als streng geistige, jede Materialisierung verbietend und
bekämpfend
— materialisiert sich in jeder Beziehung.....“ Mehr
Einzelheiten
über diesen selben Gegenstand findet man bei Beugnot (2, 261 fg.)
und erfährt, ein wie großer Teil des römischen
Gottesdienstes
unmittelbar aus den Mysterienreligionen übernommen wurde: „die
Kirche
tat ohne Frage ihr Mögliches, diese heidnischen Gebräuche zu
reinigen, ohne aber, daß es jemals gelungen wäre, den
Stempel
ihres Ursprungs ganz auszulöschen“.
*
Wir hatten uns
gefragt, welchen
Einfluß die kirchliche Entwickelung des Christentums auf die
Religion
Jesu, sowie auf die Auffassung von Religion überhaupt
ausgeübt
hat (siehe S. 229)? Diese Frage läßt sich sehr schwer
zugleich
kurz, ausreichend und
262 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
gerecht
beantworten, und ich
muß
die Geduld des Lesers noch länger beanspruchen: auf den Grund
kommen
wir erst nach und nach. Es wird unsere Untersuchung fördern, wenn
wir jetzt die Frage nach der Möglichkeit einer neuen
religiösen
Gemeinschaftsbildung aufwerfen, welche es sich zum Ziele setzen
würde,
der allerersten Gemeinde nachzustreben und eine unkirchliche Kirche zu
verwirklichen.
Um die
Gewißheit zu
besitzen,
daß wir uns selber genau verstehen, daß wir genau wissen,
was
gefragt werden soll, schicke ich abermals zwei bedeutungsvolle
Aussprüche
Herder's voraus. Den ersten entnehme ich den Ideen zur Philosophie der
Geschichte (17. Buch, Abt. 1, Abs. 5):
„Mit dem Christentum sollte es
nach seines Stifters Absicht auf nichts weniger als auf einen
Zeremoniendienst,
als auf eine jüdisch-heidnische Staatsreligion angesehen sein,
sondern
auf einen reinen, freien Bund der Wahrheit und Menschenliebe mit ihm
(Jesu).
Bald aber mischte sich, nach Verschiedenheit der Länder, Provinzen
und Zeiten, das After-Christentum dergestalt mit jüdisch- und
heidnischen
Gebräuchen. Daß z. B. die Taufe der Unschuldigen zur
Teufelbeschwörung
und das Gedächtnismahl eines scheidenden Freundes zur Schaffung
eines
Gottes, zum unblutigen Opfer, zum sündenvergebenden Mirakel, zum
Reisegeld
in die andere Welt gemacht ward. Unglückseligerweise trafen die
christlichen
Jahrhunderte mit Unwissenheit, Barbarei und der wahren Epoche des
üblen
Geschmacks zusammen, also daß auch in seine Gebräuche, in
den
Bau seiner Kirchen, in die Einrichtung seiner Feste, Satzungen und
Prachtanstalten,
in seine Gesänge, Gebete und Formeln wenig Wahres, Großes
und
Edles kommen konnte. Von Land zu Lande, von einem zum andern Weltteil
wälzten
sich diese Zeremonien fort; was ursprünglich einer alten
Gewohnheit
wegen noch einigen Lokalsinn gehabt hatte, verlor denselben in fremden
Gegenden und Zeiten; so ward der christliche Liturgiengeist ein
seltsames
Gemisch von
jüdisch-ägyptisch-griechisch-römisch-barbarischen
Gebräuchen, in denen oft das Ernsthafteste langweilig oder gar
lächerlich
sein mußte.“
Diese Stelle kann als
eine
Zusammenfassung
manches von mir oben Ausgeführten gelten; jetzt will ich meine
Leser
mit der zweiten Stelle bekannt machen, in welcher der prophetische Mann
die Be-
263 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
dürfnisse
der Gegenwart und die
Hoffnungen der Zukunft ins Auge faßt.... vielleicht sage ich zu
viel mit den Worten „ins Auge faßt“, denn man merkt Herder an,
daß
die Nacht ihn noch umgibt, — er weiß aber, was nicht jeder
weiß,
daß seine Gegenwart in bezug auf die Religion Jesu Nacht ist, und
schöpft daraus die zuversichtliche Hoffnung auf einen kommenden
Morgen.
Diese Ausführungen entlehne ich der kostbaren Schrift Vom
Erlöser
der Menschen. Nach unseren drei ersten Evangelien (Kap. 4,
Abschn. 12).
„Daß ich als ein Befreieter
im Reich Christi, freiwillig-rechtschaffen und heilig lebe, das ist
für
mich die Erlösung Christi und dasselbe ist sie für jeden
Menschen.
Der kirchliche Glaube mittelst dieser und jener Formel war die
Hülse,
in der die Frucht, das Evangelium selbst, erwuchs, die Schale, die den
Kern festhielt. Wir werfen sie gewiß nicht weg, diese Hülse
und Schale; wir genießen die Frucht und den Kern aus ihnen, sagen
aber dennoch: sie sind nicht selbst Kern und Frucht; der kirchliche
Glaube,
auch mit dem feinsten Dogma übersponnen, ist bloß ein
historischer
Glaube. Weder durch ihn, seinem Inhalt nach, noch um seinetwillen, weil
er geglaubt, d. i. bekannt wird, ward je ein Mensch gerecht und selig.
Die bloßen Herr-Herrsager, auf welche Art sie den Herr-Herr auch
sagen mögen, treibt Christus als Unbekannte von sich; Er kennet
nur
die, die den Willen tun seines Vaters im Himmel. Die
sogenannte
R e l i g i o n
a n J e s u m m u ß sich also mit dem
Fortgange der Zeit notwendig
in
eine R e l i g i o n J e s u und zwar
unvermerkt und unaufhaltbar
verändern.
Sein Gott unser Gott, sein Vater unser Vater! Aus allen Reden Christi
erhellet
dies, indem er die Seinigen immer an seine Stelle setzt, in Zutrauen
auf
Gott, in Wirksamkeit, Liebe und Hoffnung. Freunde waren sie ihm, nicht
Knechte; Reben an ihm dem Weinstock, Vertreter seiner Stelle,
Brüder,
die sein Geist beseelte.
Jeder, der dazu beiträgt,
die Religion Jesu von einem verdienstlichen Knechtsdienst und
peinlichen
Herr-Herrsagen auf jenes echte Evangelium der Freundes- und
Brudergesinnung,
einer aus Überzeugung entspringenden, ungezwungenen, freien,
genialischen
Teilnehmung am Werk und Zweck Jesu nach dem klaren Sinne der Evangelien
zurückzuführen, der hat selbst am Werk Christi teilgenommen
und
dasselbe befördert.“
264 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
Vor allem muß uns das
offene
freie Bekenntnis seitens eines Geistlichen als bemerkenswert und
bewunderungswürdig
auffallen, welcher unumwunden gesteht, eine Veränderung von Grund
aus tue not und stehe mit Bestimmtheit zu erwarten: „Die
sogenannte R e l i
g i o n a n J e s u m muß sich also mit dem
Fortgange der Zeit
notwendig
in eine R e l i g i o n Jesu verändern!“ Die
gleiche
Überzeugung
seinen Lesern zuzuführen, bildet den Inhalt dieses meines Buches.
Das Eine begreife ich jedoch nicht: wie nämlich Herder es sich
vorstellt,
wenn er meint, daß diese Veränderung „unvermerkt und
unaufhaltbar“
geschehen soll? Nach meinem Dafürhalten bedarf es vielmehr zu
einer
derartigen, die Tiefen des Seelenlebens betreffenden Umwälzung
wohlbegründeter
Überzeugung und klar gefaßten Willensbeschlusses. Nichts ist
schwerer zu erschüttern als kirchliche Gewohnheiten und
priesterlicher
Gehorsam: Sprachen, die seit vielen Jahrhunderten tot sind, leben — wie
die lateinische in der römischen und die altslowenische in der
serbischen
Kirche — gleich Gespenstern weiter; nachweisbar späte Märchen
— wie die Benennung „Apostolisches Glaubensbekenntnis“ für ein in
der gallischen Kirche des 8. Jahrhunderts abgefaßtes
Taufbekenntnis
— sitzen so unverrückbar fest in den Köpfen selbst gebildeter
Kirchengläubiger, daß ein Sturm der Entrüstung durch
Europa
braust, wenn ein angesehener Fachmann — nicht etwa dieses
Glaubensbekenntnis
als solches angreift — sondern einfach dessen längst bekannten
historischen
Ursprung durch neue Entdeckungen ergänzt, in allgemein
faßlicher
Sprache darlegt. Jeder, der nur über einige bescheidene Kenntnisse
verfügt, weiß, daß mancher Satz in diesem
Glaubensbekenntnis
keinem der Apostel verständlich gewesen wäre, geschweige
denn,
daß er einen Apostel zum Urheber haben könnte;
außerdem
weiß ein solcher, daß die Kirche jahrhundertelang unter dem
Namen Apostolisches Glaubensbekenntnis das weit ältere Bekenntnis
von dem Konzil zu Nizäa (bezw. zu Konstantinopel) verstand und
daß
diese Benennung erst sehr spät auf die kürzere Fassung
übertragen
wurde; in der albernen Erzählung von der Zusammenkunft der
zwölf
Apostel zur gemeinsamen Abfassung des Symbolums,
wobei jeder einzelne
einen
Glaubenssatz beigetragen habe, besitzen wir eine echte
Mönchslegende.
Das alles liegt, wie gesagt, klar zutage, wer aber grundsätzlich
die
Augen geschlossen hält, sieht es nicht.
265 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
Dies nur als Beispiel und damit nichts
undeutlich bleibe.
Wie kann man erwarten, daß in solchen
Köpfen
eine Veränderung unvermerkt
vor sich gehen
solle? namentlich wo doch fast die gesamte Geistlichkeit aller
Bekenntnisse
eisernen Widerstand leistet? Man
wähne nur ja nicht,
der große Grundsatz der Kirche von der pia fraus besitze im 20.
Jahrhundert keine Geltung mehr. Hier kommt es auf eine richtige
psychologische
Einsicht an, die zu
begründen allerdings einige
Verlegenheit
verursacht, weil, wer solche Dinge ausspricht, im voraus sicher sein
kann, von Unverstand und bösem
Willen mißdeutet und
herabgewürdigt zu werden. Ein Klügerer würde darum
schweigen;
ich aber will versuchen, das, was ich für Wahrheit halte, Anderen
mitzuteilen.
Ein jeder Beruf
drückt dem
Manne, der ihm lebenslänglich hingegeben ist, einen besonderen
Stempel
auf, teilt ihm bestimmt geartete Kraft und zugleich bestimmte
Beschränkungen
mit, flößt ihm gute
Eigenschaften und auch
schlechte
ein. Bei keinem Beruf fällt das mehr in die Augen, als bei dem
geistlichen,
der sich dermaßen tief in das ganze Wesen einzuprägen
pflegt,
daß man einen Priester oder Pastor auch verkleidet sofort
erkennt.
Kein Beruf hat so viele Helden und Heilige hervorgebracht, wie der
geistliche:
edelgeartete Männer werden durch ihn gleichsam aus der Zeitlichkeit losgelöst und wirken schon hier
auf Erden sub specie aeternitatis
— unter dem Zeichen der Ewigkeit. Die
Summe von Selbstaufopferung, von Hingebung in Werken der
Barmherzigkeit,
die tagtäglich seit zweitausend Jahren in Gehorsam gegen die
Gebote
des Christenheilandes dargebracht wird, läßt sich gar nicht
ermessen, und in dieser einen Beziehung stehen die verschiedenen Zweige
der Kirche untereinander vollkommen gleich da. Beklagenswert ist es,
daß
gar manche Menschen hiervon keine Ahnung zu haben scheinen und daher
ungerecht
über den geistlichen Stand urteilen, woraus des weiteren sich die
Unfähigkeit ergibt, diese eine Quelle des mächtigen
Einflusses
jenes Standes richtig in Anschlag zu bringen. Leider aber übt
dieser
Beruf auf minder edelbeanlagte Gemüter einen weniger
günstigen
Einfluß aus: er erzieht sie zu Heuchlern und zu Machtgierigen: es
ist nicht nötig, dies hier näher auszuführen, ein Jeder
wird durch Geschichte und Erfahrung hinreichend belehrt sein.
Dasjenige,
worauf ich die Aufmerksamkeit lenken möchte, liegt tiefer
266 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE PIA FRAUS
und
erfordert daher feinere
Beobachtung:
dieser Beruf, — der sich in den Dienst der höchsten Wahrheit zu
stellen
unternimmt — beeinflußt alle — sowohl die edel wie die unedel
Beanlagten
— in einer Richtung, die den Sinn für reine Wahrhaftigkeit mehr
oder
weniger trübt. An dieser Tatsache läßt sich nichts
ändern;
es handelt sich um unentrinnbare Notwendigkeiten des
Menschengemütes.
Ich wüßte mehrere Ursachen zu nennen, die hier am Werke sein
mögen: erstens, die unwahre
Grundannahme,
daß die Kirche eine Schöpfung Gottes, nicht der Menschen
sei;
zweitens, die Zwangslage, lebenslänglich Glaubenssätze
bekennen,
vertreten und lehren zu müssen, die alle Vernunft übersteigen
und folglich — wohlbetrachtet — bar jeder Faßbarkeit sind;
drittens,
die Verpflichtung, in Hunderten von Fragen sich andauernd selber zu
überreden,
man sei von Dingen überzeugt, von denen man in Wirklichkeit nicht
überzeugt ist, sondern bestenfalls sehr gern überzeugt sein
möchte:
ich denke hierbei an solche Fälle, wie wenn z. B. ein Geistlicher,
dem liturgischen Gebot gemäß, den Taufakt mit der Berufung
auf
Matthäus 28, 19 anheben
muß, obgleich er doch sehr gut
weiß,
daß dieser Vers in der uns geläufigen Fassung nicht echt
sein
kann und nachweisbar nicht echt ist (siehe S. 105 fg.). Für das
Gewissen
mag es da manche Ausreden geben, wie z. B. die Unsicherheit aller
Textfragen,
ferner der mehr als tausendjährige Gebrauch, auch die Scheu davor,
den Laien zu beunruhigen, und namentlich der sehnsuchtsvolle Wunsch, es
möchte — den erdrückenden Gegenbeweisen zum Trotz — dennoch
stimmen
— was alles jeden Geistlichen, selbst bei einem von Haus aus
aufrichtigen
Gemüte, in eine schiefe Lage der Wahrhaftigkeit gegenüber
bringt.
Dies nur als
Andeutung und als
Anregung zu eigenem Beobachten und Nachdenken. Was ich fühlbar
machen
möchte, ist, daß in alle Dinge, die von der Kirche ausgehen
— von den größten bis zu den kleinsten — ein Beisatz von pia
fraus sich einzumischen pflegt: das erschwert Angriff sowie
Verständigung
ungemein. Man hat es mit einem Gegner zu tun, der einem stets durch die
Hände gleitet; nicht ohne Ursache hat Goethe die Worte gesprochen:
Unsterblich
ist der Pfaffen List!
Es kommt aber darauf an zu verstehen,
daß die hierbei leitenden
267 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MÖGLICHKEIT EINER NEUEN
GEMEINSCHAFTSBILDUNG
Absichten
als weit gefährlicher
einzuschätzen sind, wenn sie in reinen, hohen Seelen keimen und
die
„List“ unbewußt mitwirkt, als wenn schlauer Betrug am Werke ist.
Man tut gut daran, sich von vornherein zu gestehen, daß es stets
sehr schwer bleiben wird, gegen die „Pfaffen“ und ihr Werk aufzukommen
— gegen die Guten und das gewirkte Gute, weil sie gut sind, und gegen
die
Schlechten und das Schlechte, weil sie schlecht sind.
Daher haben wir von
der Kirche
— so meine ich — keine Veränderung, wie Herder sie erhofft, zu
erwarten;
ebensowenig dürfen wir uns schmeicheln, die Geistlichen und ihre
Gläubigen
durch noch so triftige Gründe jemals zu überzeugen. Einzig
diejenigen
kommen in Betracht, deren Sehnsucht sie zu Jesu treibt und die in den
bestehenden
Kirchen keine Heimat für ihre Seelen finden; wogegen es einem
Verbrechen
gleichkommt, diejenigen, die in ihrer Kirche den Frieden gefunden
haben,
aufzuscheuchen: was man ihnen nimmt, das weiß man, wieviel sie
fähig
sind von einem reineren Glauben aufzunehmen, das läßt sich
im
voraus nicht berechnen. Wir haben ja das Beispiel des Heilandes vor
Augen,
der einen Jeden ruhig bei seinen Religionsgebräuchen belassen hat.
Wohl ist es unvermeidlich, daß Religionen, die auf der gleichen
Stufe
der Geisteskultur stehen, sich offen oder heimlich bekämpfen; die
Religion Jesu aber steht höher als alle anderen und empfindet sich
deswegen nicht als im Widerstreit mit ihnen.
Doch jetzt ist es
nötig,
dieser Reihe von Verneinungen eine kräftige Bejahung
ergänzend
entgegenzuhalten.
*
Verzichten wir auch,
wie
gesagt,
auf jeden Kampf, so bin ich nichtsdestoweniger fest überzeugt,
daß
einzig eine organisierte Gemeinschaftsbildung gegen den
unausbleiblichen
Widerstand der Kirchen aufzukommen vermag und daß jeder Versuch,
eine Religionsgemeinschaft ohne Organisation ins Leben zu rufen, von
vornherein
totgeboren bleiben wird. Es käme darauf an, die Idee einer
christlichen
Gemeinde wieder an ihrer Wurzel aufzugreifen, als das Organ aller
praktischen
Verhältnisse und Beziehungen, als die Vermittelung nach der Seite
der Welt zu, nicht als die Vertreterin Gottes. Die älteste
268 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MÖGLICHKEIT EINER NEUEN
GEMEINSCHAFTSBILDUNG
Gemeinde ging uns, wie gesagt, mit
dem
Beispiel voran; Pflicht wäre es, sie in bezug auf Umfang und
gegliederten
Aufbau des Werkes der Barmherzigkeit zu übertreffen: wer hier
nicht
Ernst macht, der meint es auch mit dem Reich Gottes nicht ernst.
Wollten wir dieses
Tätigkeitsfeld
näher ausmalen, wir würden leicht in Spielerei verfallen;
bleibt
doch jedes Künftige dem Menschen stets verborgen; was richtig in
Angriff
genommen ist, baut sich von selbst weiter auf und aus. Vorläufig
genügt
es, wenn wir wissen, daß die erste und eigentlich grundlegende,
jede
weitere Ausgestaltung bestimmende Aufgabe der neuen Gemeinde lauten
wird: mit allen Kräften dem
Werke der
Liebe dienen! Diese entscheidende Bejahung, verbunden mit der ebenso
entscheidenden
Verneinung alles Priestertums und aller Unterjochung unter
Zwangsglaubenssätze,
genügt schon, die deutliche Vorstellung einer neuen Gestalt zu
vermitteln.
Noch einmal sei es
aber wiederholt
— denn diese Eigenschaft besitzt ausschlaggebende Bedeutung: zum Wesen
der neuen Gemeinschaft würde es gehören, eine
„Friedensgemeinschaft“
zu sein, die keinerlei Kampf gegen die bestehenden Kirchen und Sekten
führt,
deren Tore vielmehr Allen offen stehen, auch ohne daß von ihnen
der
Austritt aus ihren Kirchen gefordert wird: Jeder, welcher bekennt,
Jesus
sei der Mittler zwischen Mensch und Gott, müßte willkommen
sein,
— möge er sonst glauben, was Charakter und Erziehung ihm zum
Bedürfnis
gemacht haben. So allein kann die wahre Nachfolge Jesu Christi handeln!
Und indem sie alle Christen mit gleicher Liebe umfaßt, wird es
ihr
mit der Zeit gelingen, die Gegensätze auszulöschen und
Einheit
in Jesu zu stiften.
Fragen wir jetzt nach
dem weiteren
Wirkungsfeld der Gemeindeältesten, so weiß ich ein einziges
Amt zu nennen, allerdings ein Amt, das ein Höchstmaß an
Urteilskraft,
an Erfahrung und an Zartsinn erfordert: ich meine dasjenige, dem Paulus
die Kapitel 11—14 des Ersten Briefes
an die Korinther widmet, mit den
Worten
schließend: „Wenn ihr
zusammenkommt .... so geschehe
alles mit Anstand und in der Ordnung.“ Es kann nämlich keine Frage
sein, daß auch die neue Gemeinde feierliche Zusammenkünfte
veranstalten
wird: zwar nicht unter der Vorstellung, Gott damit zu dienen, also
einen
„Gottesdienst“ damit zu begehen, wohl aber, um den Menschen durch
seelen-
269 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MÖGLICHKEIT EINER NEUEN
GEMEINSCHAFTSBILDUNG
erhebende
Andacht zu dienen. Freilich
ist durch Jesum die Wurzel aller Religion in das Herz des Einzelnen
gesenkt
und hat er als Erster gelehrt: „Wenn du betest, so gehe in deine Kammer
und schließe deine Türe und bete zu deinem Vater, der im
Verborgenen
ist....“ (Matth. 6, 6) — eine
Weisung, die in der Geschichte der
Menschheit
noch niemals gehört worden war und die einen Wendepunkt in der
Geschichte
der Religion bildet; nichtsdestoweniger sprach der Heiland bei anderer
Gelegenheit: „Wo zwei oder drei versammelt sind auf meinen Namen, da
bin
ich mitten unter ihnen“ (Matth.
18, 20). In der Tat strebt seit jeher
die Religion in allen ihren verschiedenen Gestaltungen nach
Gemeinsamkeit,
und man darf behaupten, es gehöre zu ihrem Wesen, die Menschen
durch
ein starkes Band gemeinsamer Überzeugung miteinander unlösbar
zu verbinden. Es hat Zeiten gegeben — und sie bestehen für gewisse
Völker noch heute — wo dies sogar ihren einzigen sittlichen Inhalt
bildete. Das Christentum hat zwar die Achse verlegt und dadurch dem
Einzelnen
eine früher unbekannte Würde verliehen, doch, wohlbetrachtet,
gewinnt durch diesen Umstand die Gemeinsamkeit sogar an Wert: Religionen, deren Eigenart es mit sich
bringt, daß sie sich ganz in der Öffentlichkeit abspielen,
bilden
einen zwar festen, doch oberflächlichen Kitt, wogegen da, wo
Menschen,
die Gott in der Einsamkeit des verschlossenen Kämmerleins anbeten,
zu gemeinsamem Bekenntnis zusammentreten, eine ungleich innigere,
inhaltsreichere
und machtvollere Gemeinschaft sich bildet und auferbaut. Daher war
niemals
eine Gemeinschaft von so mächtiger Wirkung wie die christliche —
was
sich schon in der Zeit der ersten Märtyrer kundtat. Es mag wohl
einzelne
besonders Beanlagte geben, denen die Einsamkeit zusagt und die durch
sie
gefördert werden, doch im allgemeinen verhält es sich bei der
Religion ebenso wie bei der Kunst: durch gemeinsames Erleben wird die
Empfänglichkeit
der Seelen ungeheuer gesteigert, und was sonst bestenfalls blasse
Ahnung
geblieben wäre, wächst plötzlich heran zu einer die
ganze
Zukunft bestimmenden Erfahrung. Hier schlummern sogar — dessen bin ich
überzeugt — noch ungeahnte Wirkungsmöglichkeiten; denn die
Priesterkirchen
haben manches erstarren lassen durch das ewige Einerlei und anderes
verschüttet,
indem sie den inneren Beruf schweigen hießen und dem
äußeren
Beruf allein das Wort über-
270 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MÖGLICHKEIT EINER NEUEN
GEMEINSCHAFTSBILDUNG
wiesen.
Paulus hatte gelehrt: „Wo der
Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2.
Kor. 3, 17), und an der
vorhin
teilweise angeführten Stelle sagt er: „Wenn ihr zusammenkommt, so
bringt jeder Etwas mit, Psalm, Lehre, Offenbarung, Zunge, Auslegung. Es
soll aber Alles zur Erbauung dienen“, und ausdrücklich fügt
er
hinzu: „Ihr möget alle nacheinander weissagen, damit alle lernen
und
ermahnt werden.“ Dieser Empfehlung haben die Priester gründlich
den
Garaus gemacht — schon durch die bloße Unterscheidung in einen
geistlichen
Stand und in einen Laienstand. In der neuen Gemeinschaft wird
grundsätzlich
anders verfahren werden müssen. Wie der Apostel hier andeutet,
kommt
es darauf an, jede gottgegebene Kraft zur vollen Entfaltung gelangen zu
lassen: dem Einen ist die Gabe der begeisterten Rede gegeben, dem
Anderen
die der tiefen Andachtsstimmung des Gebetes; ein jeder soll das bringen
und der Allgemeinheit widmen, was ihm eigen ist.
In diesem
Zusammenhang möchte
ich auf eine kostbare Erfahrung aus meiner frühen Jugend
hinweisen,
die mir die volle Sicherheit verleiht, daß ich hier nicht nach
Phantastereien,
sondern nach Wirklichkeiten greife. In den sechziger Jahren des
vergangenen
Jahrhunderts lebte in Versailles als ehrwürdiges Haupt einer
bekannten
Hugenottenfamilie eine bedeutende Frau, Madame André, deren Name
bald darauf auch in Deutschland vielfach genannt wurde, Dank dem
Umstand,
daß der deutsche Kronprinz während der Belagerung von Paris
in ihrem schönen Besitztum, Les
Ombrages, Wohnung genommen hatte.
Madame André — die ihre Energie ungeteilt in den Dienst der
Barmherzigkeit
stellte — hatte nun, trotz der herkömmlichen dogmatischen
Beschränkung,
einen großen Schritt in die von Herder gewünschte Richtung
unbewußt
getan, nämlich aus der Religion an Jesum in die Religion Jesu. Bei
ihr fanden alle Sonntage nachmittags zwanglose Zusammenkünfte
statt,
behufs Erhebung der Seelen zu Gott durch Jesum Christum. Manchmal
ergriffen
Geistliche das Wort, und ich habe dort berühmte Prediger
gehört;
nachhaltigeren Eindruck machten aber auf mich — denn sie weckten mehr
Verständnis
in meinem kindlichen Herzen — die Ansprachen der Frau André
selber,
sowie einer Anzahl Laien, die, bisweilen aus eigenem Antriebe,
bisweilen
von der Hausfrau aufgefordert, in sehr verschiedenem Stile
predigtartige
Betrachtungen
271 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MÖGLICHKEIT EINER NEUEN
GEMEINSCHAFTSBILDUNG
anstellten,
welche meistens in
ergreifenden
Gebetsandachten ausklangen. Später bewohnte ich einmal mehrere
Wochen
lang ein Häuschen innerhalb des Parkes von Les Ombrages und nahm
häufig
an den Hausandachten teil, die täglich früh und abends
gehalten
wurden; nichts Salbungsvolles, Weinerliches, Bedrohliches habe ich dort
je vernommen: ein kurzer, frischer Gesang, ein kurzes Vorlesen aus den
Evangelien und zum Abschluß eine kurze, improvisierte Andacht.
Die
Leitung dieser herzstärkenden, gemeinsamen Seelenerhebungen kam
der
Reihe nach an jeden Hausgenossen: einmal waltete ein Familienmitglied,
ein anderesmal der Kutscher oder einer der Gärtner oder ein
Kammerdiener.
Nie habe ich einen Mißton erlebt: fiel es dem einen schwer, die
Sprache
zu bewältigen, er machte es um so kürzer, fand einer nicht
weiter,
so sprang Madame André für ihn ein. Gerade aus dem Munde
der
Ungeübten erinnere ich mich unerwartete und dadurch eindrucksvolle
Wendungen — namentlich drastische Bilder — vernommen zu haben.
Hierbei taucht in mir
eine andere
Jugenderinnerung auf. In Versailles pflegten wir Beziehungen zu einem
Professor
der Geschichte am Collège de France, Rosseuw Saint-Hilaire, in
der
Gelehrtenwelt durch seine umfangreiche Geschichte Spaniens — sein
Lebenswerk
— rühmlichst bekannt. Dieser vortreffliche Mann war als Katholik
geboren
und erzogen und erst spät im Leben, unter dem Eindruck einer
großen
Seelenerschütterung, zum Protestantismus übergetreten. Schon
hier auf Erden lebte er im Reiche des Vaters und außerhalb
seiner
Berufstätigkeit kannte er kein anderes Ziel als das
religiöse;
namentlich erfüllte ihn die Hoffnung, sein französisches
Vaterland
durch die Lostrennung von Rom aus dem sonst unvermeidlichen sittlichen
Niedergang errettet zu sehen. Als einmal ein Trauerfall unsere Familie
betroffen hatte, erschien er etwa vierzehn Tage lang allabendlich bei
uns
zur Stunde, wo er die Familienmitglieder versammelt wußte,
knüpfte
zuerst mit diesem und jenem ein Gespräch an, aus dem dann
allmählich
eine zusammenhängende Darstellung und Erläuterung irgendeines
Punktes aus dem Leben und Lehren Jesu Christi entstand, wobei er
namentlich
auch den Apostel Paulus heranzuziehen pflegte; mit unvergleichlicher
Kunst
verstand er es, nach und nach aus der erläuternden Darlegung in
die
Andacht überzuführen und seine Zuhörer — denen derartige
Gedanken-
272 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE SAKRAMENTE
gänge
bis dahin ferngelegen
hatten
— auf diesem Wege in mystische Tiefen zu führen, wo man Gottes
Gegenwart
unmittelbar empfand und mit dem Begeisterten auf die Knie sank.
Sollte jemand
einwerfen, meine
Beispiele bezögen sich auf Franzosen, und bei diesen käme die
Redegewandtheit häufiger vor als bei den Deutschen, ich
könnte
dies zwar nicht in Abrede stellen, doch würde ich dem die
größere
Gemütstiefe und die reichere Bildung entgegenhalten, die bei den
Landsleuten Eckehart's, Tauler's, Luther's und Jakob Böhme's
weitverbreitet
sind. Es ist meine innige Überzeugung, daß es hier — nebst
dem
Glauben — einzig auf das Wagen ankommt; ich traue unbedingt dem Worte
des
Heilandes: „Sorget nicht, wie
oder was ihr reden
sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden
sollt. Denn nicht ihr seid es, die da reden, sondern der Geist eures
Vaters,
der durch euch redet“ (Matth.
10, 19 fg.).
Wenn „der Geist des
Vaters“ in
ihr zu Worte kommt, so wird —
das leugnet gewiß Keiner — das
höchste denkbare Ziel dieser Gemeinde
in der Wirkung nach innen
erreicht
sein. Damit ist aber nicht
gesagt, daß dieses
Gemeinwesen
in Jesu Christo nicht auch —
außer zur Andachtsrede — zu
anderen Mitteln, die Seelen der Menschen
gottwärts zu erheben,
greifen werde.
*
Ob dabei von den, den
Mysterienreligionen
entlehnten symbolischen Handlungen, uns unter der lateinischen
Bezeichnung
Sakramente geläufig,
Gebrauch gemacht werden wird, scheint mir
fraglich;
das läßt sich schwer mit dem Geist der so völlig aus
allen
irdischen Vorstellungen losgelösten Lehre Jesu vereinigen.
Die Taufe, wenn sie,
wie im
frühen
Christentum der Fall war, an Erwachsenen vollzogen wird, bietet
gewiß
das schönste Sinnbild, das zugleich zu den Augen und zum Herzen
redet:
und dennoch muß es uns nachdenklich stimmen, wenn wir erfahren,
daß
Jesus nicht selber zu taufen pflegte (Joh.
4, 2), und, daß auch
Paulus
es tunlichst vermied (1. Kor.
1, 17). Jeder zur Gewohnheit werdende
feierliche
Gebrauch birgt in sich die Gefahr, Empfindungen sich in Dinge und
Bilder,
sich zu magischen Zwangsmitteln umwandeln
273 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE SAKRAMENTE
zu
sehen: der Teufel der
Materialisierung
lauert an allen Ecken auf uns Menschen.
Herder scheint zwar
auf die
Wiederbelebung
des Liebesmahles in einer neuen Gestaltung gehofft zu haben, und man
begreift
das, sobald man eine lebhafte Vorstellung von dem frühesten,
sozusagen
vorkirchlichen Liebesmahl besitzt, von dem Harnack folgende schöne
Schilderung gibt: „Eine solche Feier in ihrer Erhabenheit und Weihe,
ihrer
Brüderlichkeit und Vielseitigkeit hatte schwerlich ein anderer
Kultus
aufzuweisen. Jede Empfindung und jedes geistige Bedürfnis fand
hier
seine Nahrung. Die Zusammenstellung von Gebet, Gesang, Schriftverlesung
und Predigt war dem synagogalen Gottesdienst nachgebildet und
mußte
bereits auf die Heiden den tiefsten Eindruck machen; aber indem die
Feier
des Abendmahles dem zugesellt wurde, war eine Handlung mit
eingeführt,
die, so einfach sie war, unter den verschiedensten Gesichtspunkten
betrachtet
werden konnte und betrachtet worden ist. Sie war eine geheimnisvolle,
göttliche
Gabe der Erkenntnis und des ewigen Lebens; sie diente der
Sündenvergebung;
sie war eine Danksagung, sie war ein Opfer, sie war eine
Vergegenwärtigung
des Todes Christi, sie war ein Liebesmahl der Brüderlichkeit und
ein
Band der Einheit, sie war eine Unterstützung der Hungernden und
Notleidenden:
sie war eine Vorausdarstellung und ein Unterpfand der himmlischen
Mahlzeit.
Mehr kann e i n e Handlung schwerlich sein.....“ (Mission
und
Ausbreitung des Christentums, 3. A., 1, 420).
Herder nun weiß
wohl,
daß
es unmöglich ist, das Vergangene wieder ins Leben zu rufen, hat es
doch schon dazumalen nur kurze Zeit hindurch sich behaupten
können;
doch träumt er davon, dieser feierlichen Handlung durch neue
Deutung
neues Leben einzuhauchen. Er ist nämlich der Meinung, bisher habe
niemand den Sinn der symbolischen Handlung des Heilandes bei dem
letzten
Mahl mit seinen Jüngern richtig verstanden: „keine Lehrmeinung hat
den Zusammenhang beider Symbole (des Brechens des Brotes und des
Herumreichens
des Kelches), auf den doch alles ankommt, bemerken wollen, oder seinen
Sinn entwickelt.“
Bereits im zweiten
Kapitel dieses
Buches (S. 64) lernten wir die
Auffassung der allerersten Christen
kennen:
für sie bedeutete die agape
lediglich ein Dankopfer; beim Brot
sprach
die Gemeinde:
274 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE SAKRAMENTE
„Wir
danken dir, Vater, für das
Leben und die Erkenntnis, die du uns kundgetan hast durch deinen Knecht
Jesus; dir sei Ehre in Ewigkeit!“ und ähnlich beim Kelch. Das
erinnert
an die Worte Christi, wie Paulus sie berichtet: „Das tut zu meinem
Gedächtnis“, — geht aber
keinen Strich darüber
hinaus. Doch übten die üppig blühenden
Mysterienreligionen
mit ihren sakramentalen Agapen und ihrer Lehre von der Wandlung einen
zu
mächtigen Einfluß aus, als daß es lange bei jener
Auffassung
hätte bleiben können — spielen doch deren Liebesmahle
unmittelbar
in die Briefe Pauli hinein (siehe 1.
Kor., Kap 10). Und so hörten
wir denn schon Ignatius von dem Brot und dem Wein als einem
„Zaubermittel
der Unsterblichkeit“ (pharmakon
athanasias) reden (S. 64).
Von dieser
Vorstellung
— ja von diesem ganzen Vorstellungskreis — konnte die Kirche sich nie
mehr
befreien. Zwar lehrte noch im 3. Jahrhundert der gewaltige Origenes,
der
Ausdruck „Leib Christi“ sei nur bildlich zu verstehen, und „das Bild
gelte
nur für die Einfältigen“, da in Wahrheit die Mitteilung nur
von
Geist zu Geist stattfinde. „Weder fehlt uns durch das Nichtessen von
dem
durch Gebet geweihten Brote an und für sich irgend etwas, noch
haben
wir durch das bloße Essen an und für sich etwas mehr,
sondern
die Ursache dessen, was man weniger hat, ist die schlechte, und die
Ursache
dessen, was man mehr hat, die gute Gesinnung eines Jeden. Das irdische
Brot an und für sich ist von allen anderen Speisen nicht
verschieden“
(nach Neander: Allgemeine Geschichte
der christlichen Religion und
Kirche,
4. Aufl., 2, 405 fg.).
Herder nun meint, das
Doppelsymbol,
das der Heiland im Sinne gehabt habe, sei von Anfang an zuerst
unvollkommen
verstanden und später völlig mißdeutet worden; seine
eigene
Auffassung bringen folgende Worte zum Ausdruck: „Das Brot des Trauerns
in einer Hand, in der anderen den Kelch des Muts, der Freude, stiftet
das
Abendmahl eine tätige Bundesgemeinschaft, deren Symbolum es selbst
ist.“ Zur näheren Begründung führt Herder noch manches
aus,
was man an Ort und Stelle nachschlagen möge; ich begnüge mich
mit der Mitteilung des dritten Abschnittes der betreffenden Darlegung
(Vom
Unterschiede zwischen Religion und Lehrmeinungen in Ansehung der
symbolischen
Gebräuche des Christentums, II Vom Abendmahl):
275 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE SAKRAMENTE
„Bei einer symbolischen
Handlung
muß sie selbst — die Handlung — sprechen, und die ganze sie
begleitende
Rede muß (sie) auslegen. Hier brach Christus das dürre Brot;
dies deutete an: so würde
sein Leib verachtet und
grausam gebrochen werden. Er reichte den Becher umher, und da er ein
Vergießen
des Blutes weder andeuten konnte noch wollte, sondern als Hausvater den
Becher umherreichte, so ändert sich hiernach auch die Formel.
'Dieser
Becher ist der Dank — und Freudenbecher — für eine neue
Verfassung,
die durch meinen Tod aufblühen wird. Denket daran; denket meiner!'
(Luk. 22, 20; 1. Kor. 11, 25; Matth. 26, 28).
Eine Lehrmeinung
also, die beide
Teile der Handlung voneinander reißt und den einen, den
bedeutendsten,
gar ausläßt, hat das ganze Symbol zerstöret. Keine
Lehrmeinung
hat den Zusammenhang beider Symbole, auf den doch alles ankommt,
bemerken
wollen, oder seinen Sinn entwickelt. Jede läßt Christum eine
Idee tautologisch wiederholen; und doch war eben der Kontrast beider
der
redende Sinn des Symbols. Keine Lehrmeinung hat Trübsal und
Freude,
unschuldigen Tod und neue Belebung als die sich entsprechenden
Hauptteile
des Symbols, unter dem dürren Brot und dem Becher der Freude
angewandt
oder als die Hauptpunkte der Vergleichung bezeichnet. Ohne das zweite
Symbol
sagte das erste bloß scheinbaren Untergang, Nähe eines
schimpflichen
Todes, nicht aber dessen fröhliche Früchte; und diese
vorzüglich
anzudeuten, war ja eben Christi Absicht“ ¹).
Durch diese
Auffassung Herder's
wird die sakramentale Deutung einer magischen Mitteilung von
göttlicher
Substanz an den Menschen ausgeschlossen; dem Stoff wird überhaupt
aller Wert abgesprochen und dieser allein in der Handlung gefunden.
Daher
wäre vom Standpunkt einer Jesu-Religion aus nichts gegen eine
derartige
Feier einzuwenden. Nur verblieben noch immer die obenerwähnten
Bedenken:
die Neigung des Menschen, Gleichnisse als stoffliche Wirklichkeiten
aufzufassen,
wirkt — das bezeugt seine ganze Geschichte — allzumächtig, als
daß
dem Idealismus nicht größte Vorsicht geboten erscheinen
müßte.
—————
¹) Zur
Erleichterung für
den
Leser habe ich zwei Zeilen umgestellt, einige Sätze aus der ersten
Fassung übernommen und zwei ungewohnte Fremdworte verdeutscht.
276 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE SAKRAMENTE
Den meisten meiner Leser wird
Goethe's
Äußerung im siebenten Buche von Dichtung und Wahrheit
vertraut
sein, in welcher er der katholischen Kirchenlehre, soweit die
Sakramente
in Betracht kommen, den einzigen Vorwurf zu machen weiß,
daß
sie nicht Sakramente genug kenne; besagten Ausspruch findet man
überall
angeführt, doch wird der Aufmerksamere an dieser Stelle — ebenso
wie an tausend anderen — lernen können, daß man, um Goethe
zu
verstehen, bei jedem Gegenstand länger verweilen muß: Goethe
pflegt eine Frage von den verschiedensten Seiten ins Auge zu fassen,
und
was er von jedem neuen Standpunkt aus erblickt, das teilt er mit
reinster
Klarheit und Aufrichtigkeit mit, ohne sich im geringsten darum zu
kümmern,
inwiefern die verschiedenen Urteile logisch zueinander stimmen werden.
Darum gehört Besonnenheit dazu, ihn richtig zu deuten. Hier z. B.
— wie gar oft bei ihm — liegt eine gewisse ironische Unterstreichung,
behufs
auffallenderer Sichtbarmachung ungewöhnlicher Erkenntnisse, in der
Andeutung, der Protestant habe „zu wenige“ und der Katholik noch nicht
genug Sakramente: das Ganze dient dazu, eine tiefere Erkenntnis
vorbereitend
anzubahnen, die Erkenntnis nämlich des höchsten Ideals aller
Religion. Dieses wäre erst erreicht, wenn jede Handlung, jeder
Vorgang
im Leben als Gott gewidmet empfunden und gedeutet würde, also das
Leben als „ein großes allgemeines Sakrament!“ — das Gotteigensein
als das unaussprechbare Geheimnis des Lebens. Goethe spricht das
freilich
nicht klipp und klar aus, doch haben wir hierin wiederum eine zugleich
zarte und tiefe stilistische Absicht zu bewundern: denn eine derartige
mystische Erkenntnis eignet sich nicht für dürre Worte,
deswegen
vermeidet ein Goethe, sie auszusprechen, und begnügt sich mit
zarten
Andeutungen. Wer die gleiche Erkenntnis rund und derb und zugleich mit
bestrickender Anmut ausgesprochen hören will, der schlage in
Martin
Luther's Kirchenpostille die
Predigt am fünften Sonntag nach
Epiphaniä
(Episteln) nach: „Es sei essen, trinken, schlafen, wachen, gehen,
stehen,
reden; schweigen, arbeiten, müßigsein etc., ist alles eitel
köstlich Ding, darum, daß es alles gehet im Namen des Herrn
Jesu.“ Und dann öffne er die Taittiriyaka-Upanishad
(3, 10) und
lasse
sich vom indischen Weisen belehren, der Wissende erkenne und verehre
Gott
im Reden, im Einatmen und im Ausatmen, in jeder Arbeit, welche die
277 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
Hände
vollbringen, in jedem
Schritt,
den die Füße zurücklegen, ja, in allen
körperlichen
Verrichtungen! ¹) Die geringste Überlegung genügt, zu
überzeugen,
daß bei einer derartigen Auffassung — welche das ganze Leben zu
einem
Einzigen „großen allgemeinen Sakrament“ (wie Goethe es forderte)
umschafft — die einzelnen Priestersakramente alle Bedeutung verlieren
und
als bedeutungslos notwendig entschwinden müssen. Dieser Begriff
des
allgemeinen Sakramentes hebt überhaupt den eines dem Laientum
entgegengesetzten
Priestertums auf, indem jeder Mensch — wenn man überhaupt von
„Priester“
noch reden will — sein eigener Priester sein muß, — und dies
wiederum
stimmt genau mit den Vorstellungen des ersten Christentums
überein,
die in Luther wieder auflebten (siehe: Von der Freiheit eines
Christenmenschen).
Hiermit hoffe ich
deutlich
gemacht
zu haben, warum wir an der Erhebung von symbolischen Handlungen zu
dauernden
Einrichtungen innerhalb der neuen Gemeinschaft Jesu zweifeln
dürfen.
Anders wird das Urteil ausfallen, sobald von der Mitwirkung der Kunst
die
Rede ist.
*
Den
großen deutschen
Dichtern
in Worten und in Tönen ist ein Zug gemeinsam, der sie von anderen
Dichtern unterscheidet und sie — bei allem sie sonst voneinander
Trennenden
— zu einer Familie eint: ihr hoher Begriff von der Würde der
Kunst.
Die meisten unter ihnen haben mehr oder weniger eingehende
Äußerungen
hierüber hinterlassen, und wo dies nicht der Fall ist, können
wir es aus ihren Werken entnehmen. In dieser Beziehung reicht der
kaiserliche
Hofdichter Walter von der Vogelweide dem wackeren der von lateinischen
Idealen durchtränkte Schulmann, dem Teutonen Volksmann Hans Sachs
die Hand, und gleicherweise Martin Opitz, Klopstock. Unter allen
zeichnen
sich aber zwei durch die leidenschaftliche andauernde Hingabe an diesen
Gedanken aus, von dessen entscheidender Bedeutung für das Wohl der
Menschheit sie beide gleichmäßig durchdrungen sind:
Friedrich
Schiller und Richard
—————
¹)
Bei der
Wiedergabe dieser
Stelle
folge ich Max Müller, der hier deutlicher für uns
Europäer
als Paul Deussen übersetzt. Im Grunde genommen ist der Sinn bei
beiden
der gleiche.
278 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
Wagner.
Schiller's Aufmerksamkeit
blieb
vorzüglich auf denjenigen Punkt gerichtet, den man den Wurzelpunkt
dieser Betrachtung nennen kann, nämlich auf das Menschwerden des
Menschen
durch das Erwachen des freien Gestaltungstriebes: diesem Gedanken
widmet
er die vollendetste seiner Schriften, Briefe
über die
ästhetische
Erziehung des Menschen; Wagner, der sich zu der gleichen Lehre
bekannte,
fand sich gegen Schluß seines Lebens veranlaßt, sein Denken
mit Inbrunst auf den Gipfelpunkt der gleichen Betrachtung zu richten,
nämlich
auf die organischen Beziehungen zwischen Religion und Kunst, die er mit
künstlerischer Leuchtkraft und hinreißender
Überzeugungsgewalt
in einer Reihe von Aufsätzen darlegte. Bis zum heutigen Tage haben
diese beiden entscheidenden Gedankentaten nicht entfernt die Beachtung
gefunden, die ihnen zukäme; die Gemüter der Menschen waren
von
anderen Dingen erfüllt und gingen an diesen Meisterleistungen
unempfänglich
vorüber. Es kommt hinzu, daß Schiller zwar kristallene
Reinheit
des Gedankenausdruckes in dieser Schrift erreicht, jedoch — gerade
hierdurch,
indem nämlich Wort und Gedanke sich genau decken und das
übliche
Mehr an Worten fortfällt — gespannteste Aufmerksamkeit von seinem
Leser fordert, um verstanden zu werden; wer sich ihm nicht ganz
hingibt,
wird seiner Belehrung nicht teilhaftig. Bei Wagner liegt kein
derartiges
Hindernis vor; ihm steht das allgemeine deutsche Vorurteil gegen
Schriften,
die „Musiker“ zum Verfasser haben, im Wege — sie bleiben ungelesen. Die
Not der Gegenwart wird schon die Menschen an diese beiden Bahnbrecher
weisen.
Schiller's
Hauptlehrsatz
läßt
sich in seine eigenen Worte zusammenfassen: „Die Natur hat
nur G e s c h
ö p f e, die Kunst hat M e n s c h e n
gemacht.... Die Natur
fängt
mit dem Menschen nicht besser an als mit ihren übrigen Werken: sie
handelt für ihn, wo er als freie Intelligenz noch nicht selbst
handeln
kann. Aber eben das macht ihn zum Menschen, daß er bei dem nicht
stille steht, was die bloße Natur aus ihm machte, sondern die
Fähigkeit
besitzt .... das Werk der Not in ein Werk seiner freien Wahl
umzuschaffen....“ (Brief 2 und 3). „Was ist der Mensch, ehe die
Schönheit die
freie
Lust ihm entlockt und die ruhige Form das wilde Leben besänftigt?
Ewig einförmig in seinen Zwecken, ewig wechselnd in seinen
Urteilen,
selbstsüchtig ohne er selbst zu sein, ungebunden ohne frei
279 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
zu
sein, Sklave ohne einer Regel zu
dienen“
(Brief 24). „Die ästhetische Kultur“ — der Sinn für das
Schöne
— ist es, wodurch der Mensch Freiheit erhält und d. h. „Freiheit,
zu sein, was er sein soll“ (Brief 21).
Weder ist es
möglich, an
dieser Stelle auf Schiller's besondere Bestimmungen der Begriffe
„Spiel“,
„Spieltrieb“, „Schein“, „schöner Schein“, „reiner Schein“ usw.
einzugehen,
das würde uns zu weit von unserm Wege ableiten, noch können
wir
uns auf seine Ausführungen über Gesellschaft und Staat —
denen
der größte Teil der Schrift gewidmet ist — einlassen, uns
kommt
es hier vielmehr auf die zerstreuten Winke an, die immer wieder auf
einen
Kampf im Menscheninneren hindeuten zwischen einer Würde, die
Schiller
so hoch einschätzt, daß er schreiben kann: „die Anlage zu
der
Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in seiner
Persönlichkeit
in sich“ (Brief 11), und einer Unfähigkeit, sich dauernd aus der
Tierheit
loszureißen, deren Ursache er in einem gewissen, dem Menschen
angeborenen
„Etwas“ erblickt: „was der Aufnahme der Wahrheit, auch wenn sie noch so
hell leuchtete, und der Annahme derselben, auch wenn sie noch so
lebendig
überzeugte, im Wege steht“ (Brief 8). Diese Erkenntnis führt
mit Notwendigkeit zu Gedanken und Bestrebungen, die wir berechtigt sind
als „religiöse“ zu bezeichnen, wenngleich Schiller — der die
selbstgesteckten
Grenzen nicht überschreitet — nur selten das Wort Religion
ausspricht.
Eine Haupteinsicht findet in folgenden Worten Ausdruck: „Die
Aufklärung
des Verstandes .... zeigt im ganzen so wenig einen veredelnden
Einfluß
auf die Gesinnungen, daß sie vielmehr die Verderbnis durch
Maximen
befestigt“ (Brief 5), und weiter: „nicht genug also, daß alle
Aufklärung
des Verstandes nur insoferne Achtung verdient, als sie auf den
Charakter
zurückfließt; sie geht auch gewissermaßen von dem
Charakter
aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet
werden.
A u s b i l d u n g d e s E m p f i n d u n g s
v e r m ö g e n s ist also das dringendere
Bedürfnis
der Zeit....“ (Brief 8). Derartige Einsichten über die
entscheidende
Bedeutung des Herzens — im
Gegensatz zum Verstande —
für die Kultur der Menschheit und über die Notwendigkeit
einer
grundsätzlichen Ausbildung des Empfindungsvermögens zeugen
von
tiefer christlicher Eingebung. Schiller gesteht auch ausdrücklich,
unsere „barbarischen Staatsverfassungen“
280 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
seien
außerstande, zu dem
erstrebten
Ziele beizutragen; das könne einzig „ein Werkzeug“ leisten,
„welches
der Staat nicht hergibt“, und es müßten „Quellen
eröffnet
werden, die sich bei aller politischen Verderbnis rein und lauter
erhalten“.
Schiller fährt freilich dann fort: „dieses Werkzeug ist die
schöne
Kunst, diese Quellen öffnen sich in ihren unsterblichen Mustern“
(Brief
9); doch stellt er in dem herrlichen neunten Brief einen so erhabenen
Inbegriff
der Kunst und des schaffenden Künstlers hin, daß einzig das
Wort „Religion“ noch fehlt.
Daß das Fehlen
dieses Wortes
einen Mangel bedeute, soll nicht geleugnet werden: gerade an diesem
Punkte
nun greift Richard Wagner ein, indem er die Frage aus dem Gebiete des
reinen
Denkens auf das der Empfindung und der Erfahrung
hinüberträgt.
Schreibt Schiller: „Die Menschheit hat ihre Würde verloren, aber
die
Kunst hat sie gerettet und aufbewahrt....“, so weiß Wagner,
daß
diese verlorene Würde das religiöse Element im Menschen
ausmachte
und daß die Rettung einzig einer religiösen Kunst gelingen
kann:
„Ich durfte der wahren Kunst einen um so höheren Beruf zuerkennen,
als ich sie mit wahrer Religion vollkommen Eines erfand“ (Ges. Schr.,
1.
A. 10, 332). An einer weiteren Stelle heißt es dann: „Nicht aber
kann der höchsten Kunst die Kraft zu solcher Offenbarung
erwachsen,
wenn sie der Grundlage des religiösen Symboles einer
vollkommensten
sittlichen Weltordnung entbehrt....“ (10, 335). Das Dasein reinster
Kunst wird durch das Dasein reiner Religion geradezu bedingt: einzig
diesem
Boden kann eine solche Kunst entsprießen, und einzig im Dienste
des
religiösen Lebens vermag sie es, sich rein zu erhalten: „ihre
wahre
Aufgabe erfüllt die Kunst“ erst, indem sie „durch ideale
Darstellung
des allegorischen Bildes zur Erfassung des inneren Kernes desselben,
der
unaussprechlich göttlichen Wahrheit, hinleitet“ (10, 275). Engste
organische Beziehungen des gegenseitigen Gebens und Nehmens bestehen
demnach
zwischen Religion und Kunst: bildet die Religion die Atmosphäre,
in
welcher allein eine solche Kunst aufblühen kann, so kann auf die
Dauer
die Religion der Kunst ebensowenig entbehren, denn dieser ist es
„vorbehalten,
da, wo die Religion künstlich wird, den Kern der Religion zu
retten“,
indem sie (die Kunst) die mythischen Symbole, welche die Kirche „im
eigentlichen
Sinne als wahr geglaubt
281 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
wissen
will, ihrem sinnbildlichen
Werte
nach erfaßt, um durch ideale Darstellung“ dieser mythischen
Symbole
„die in ihnen verborgene tiefe Wahrheit erkennen zu lassen“.
So weist denn der
Bayreuther
Meister
der Kunst ein zwiefaches Amt zu: in den „Zeiten schrecklicher
Verirrungen“
— zu denen wir unsere Gegenwart rechnen müssen — überkommt
sie die Aufgabe, den Kern der Religion zu erretten und uns dadurch den
Weg zur religiösen Wiedergeburt zu weisen; ist aber erst der Tag
gekommen,
wo unsere Kultur eine religiöse zu heißen verdient, dann
wird
die Kunst selbst als religiöser Akt erkannt werden — und unter den
Künsten zuvörderst „die tönende Seele der christlichen
Religion,
die heilige Musik“.
Mußte auch
dieser
Abriß
der Lehren Schiller's und Wagner's flüchtig ausfallen, er wird
genügt
haben, dem Unkundigen eine Vorstellung von dem hohen Begriff zu geben,
den deutsche Dichter von der Würde ihrer Kunst sich bildeten, und
ihm zu zeigen, daß sie dieser Kunst geradezu ein erhabenes Amt
bei
der vollkommeneren Menschwerdung des Menschen zuwiesen. An dem heiligen
Ernst solcher Männer darf keiner zweifeln; sie reden doch nicht
ins
Leere hinein; gerade diese Arbeiten entstanden bei beiden in der
feierlichen
Stimmung des herannahenden Lebensabschlusses; beide schenkten sie das
Beste
und Höchste, was sich ihnen aus ihrem Erschaffen, Erarbeiten und
Erleben
ergeben hatte, den Mitmenschen zum Heile. Und wir sollten, wie bisher,
auch weiterhin solche Dinge unberücksichtigt lassen!? Schiller
wußte
genau, daß diese Bestrebungen von der ihn umgebenden Gegenwart
keine
Beachtung zu erwarten hätten, und mahnt den Gleichgesinnten, nicht
zu verzagen: „Gib der Welt auf die du wirkst die R i c h t
u n g zum
Guten,
so wird der ruhige Rhythmus der Zeit die Entwickelung bringen.“
Was geeignet
erscheinen muß,
unser Vertrauen zu den deutschen Dichtern in Worten und in Tönen
schon
heute lebendig und unerschütterlich zu gestalten, ist, daß
diese
Männer bereits eine stattliche Reihe gewaltiger Werke hingestellt
haben, ganz und gar aus dem Geiste christlicher Religion geboren;
einzig
unser Verständnis fehlt, um sie schon heute als die eindrucks- und
wirkungsvollsten Bestandteile feierlicher Gottesandachten
einzuführen.
Wagner redet von Beethoven und von Bach und sagt von ihren Werken:
„Über
282 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
alle
Denkbarkeit des Begriffes hinaus
offenbart uns der tondichterische Seher das Unaussprechbare: wir ahnen,
ja wir fühlen und sehen es, daß auch diese unentrinnbar
dünkende
Welt des Willens nur ein Zustand ist, vergehend vor dem einen: Ich
weiß,
das mein Erlöser lebt!“ (10, 321). In der Tat schweben heutzutage
Werke wie Bach's Passionen
und Kantaten gleich
Gespenstern in der Luft
umher, ohne eine wahre Heimstätte: ihre Aufführung im
Konzertsaal
hat für jedes empfindende Gemüt etwas
Gotteslästerliches;
bringt man sie aber in der Kirche zu Gehör, so wird das gleichsam
zu einem Konzertsaal herabgesetzte Gotteshaus stimmungslos oder
wenigstens
stimmungsarm; in Wahrheit verlangt der Gehalt dieser erhabenen
Schöpfungen
die Aufnahme als organische Bestandteile in inbrünstige
Religionshandlungen
einer durch Glauben geeinigten Gemeinde. Das gleiche gilt von gar
manchen
Werken Beethoven's, die in der beispiellosen Wucht der Hingabe — sei es
an das Gebet, sei es an die Verzweiflung, oder wiederum an die Freude —
wahrlich als Konzertprogrammnummer sich an falschem Orte befinden und
die
den ganzen himmlischen Schatz ihres Inhaltes erst dann offenbaren
würden,
wenn sie — als heiligste Erzeugnisse des Menschengeistes — in den
Rahmen
einer religiösen Handlung werden eingefügt sein. Nie ist
einer
Kirchenkunst ein derartig jubelnd unerschütterliches Bekenntnis
gelungen
wie dem Allgesang:
Brüder
— überm Sternenzelt
Muß ein lieber Vater wohnen!
Allerdings ist für die Eigenart
gerade dieses Poeten bezeichnend, daß viele seiner
göttlichsten
Eingebungen, wie sie aus einer gänzlich vereinsamten Seele
hervorgehen,
sich ebenfalls an die Einsamkeit der abgeschlossenen Kammer wenden: ein
Gebilde wie die Canzona di
ringraziamento offerta alla divinità
hört man eigentlich erst dann richtig, wenn es in dem Schweigen
einer
schlaflosen Nachtstunde plötzlich vor dem inneren Ohr auflebt.
Den entscheidenden
Schritt zur
Vermählung der Kunst mit der Religion tat jedoch erst Richard
Wagner,
dessen Bühnenwerke alle —
wie schon häufig bemerkt worden
ist — in irgendeiner Beziehung zum Erlösungsgedanken stehen. Wir
wissen
aus dem zweiten Kapitel, daß zu der Zeit des Erdenwandelns Jesu
Christi
der Ge-
283 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
danke
an die Erlösung (soteria)
bereits im Mittelpunkt verschiedener weitverbreiteter Religionen stand;
diese Vorstellung aber blieb der Ausdruck für eine bloße
Sehnsucht,
bis sie durch Leben und Sterben unseres Heilandes einen Inhalt erhielt,
der ihr zugleich körperliche Wirklichkeit und
weltüberwindende
Verklärung schenkte. Unter beiden Gestalten treffen wir die
Vorstellung
in Wagner's Bühnenwerken an: in den einen als bloße
verzehrende
Sehnsucht, die nie zum Ziele führt, in den anderen als alles
besiegenden
christlichen Glauben. Nannte ich nur den Erlösungsgedanken, so
füge
ich jetzt hinzu, daß dieser — wo er christlich auftritt — gar
nicht
zur Darstellung gebracht werden kann ohne die begleitenden christlichen
Auffassungen von Glauben, Gnade, Liebe, Hoffen, Entsagen, Aufopfern.
Greifen wir gleich
zum Beispiel.
Sieht man von den
Worten des
Heilandes
ab, ich wüßte gar nichts zu nennen, was der für den
Verstand
schwer faßlichen Tatsache der göttlichen G n a d
e so
unmittelbar
sichtbaren und überzeugenden Ausdruck verliehe wie die
Schlußszene
des Tannhäuser, wo der
Held an der Bahre der Elisabeth entseelt
hinsinkt
und im selben Augenblick der Zug der jüngeren Pilger heraneilt:
Heil!
Heil! Der Gnade Wunder Heil!
und kündet, daß der
Sünder,
dem die härtesten Reue- und Bußübungen nichts
gefruchtet
und für den die Kirche kein Heilmittel mehr wußte, vor Gott
doch Gnade gefunden hat:
Hoch
über aller Welt ist Gott,
und sein Erbarmen ist kein Spott!
Wer je des Glückes
teilhaftig
wurde, das große Werk als Drama — nicht als Oper — zu erleben,
weiß,
daß bei der genannten Stelle die gesamte Zuhörerschaft von
Tränen
überwältigt ward: der Eindruck übersteigt alle
Beschreibung.
Dieser Eindruck ist nicht allein — und nicht hauptsächlich — dem
ergreifenden
Bühnenbild, der ergreifenden Wortdichtung und dem ergreifenden
Tongemälde
zuzuschreiben, sondern vielmehr der Wirkung der ganzen in jener letzten
Szene gipfelnden Handlung, welche hier in die Offenbarung der
göttlichen
Gnade mündet. Es wäre nicht genug, wenn man sagen wollte: das
ist christliche Kunst; hier haben wir die unmittelbare
284 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
Darstellung
der Religion Jesu, wie
wir
sie im dritten Kapitel des vorliegenden Buches kennen lernten (S. 124
fg.),
und zwar findet sie mit solch unerhörter Überzeugungskraft
statt,
daß gewiß gar mancher Mensch unter diesem Eindruck zu einem
Christen umgewandelt worden ist.
Verwandtes
ließe sich
über
das große Bruderwerk Lohengrin
ausführen, in welchem
namentlich
die Vorstellung des Reiches Gottes auf Erden, wie Jesus sie gelehrt
hatte
(S. 99 fg.), durch das wunderbare
Ineinandergreifen der Wort- und der
Tondichtung
mit vollkommener Klarheit zum Ausdruck gelangt ist: wie dieses Reich um
den Menschen herum emporwächst — gleich einem Baum, in dem die
Vögel
des Himmels nisten und singen — ihn vor allem Übel der Welt
schützend,
so lange er nur g l a u b t; wie aber, sobald er
zweifelnd
„zurückblickt“
und sich das Unerklärliche zu erklären sucht, das bergende
Reich
sich auflöst und entschwindet: alle diese Geheimnisse werden dem
Gefühle
unmißverständlich mitgeteilt und wirken wie ein neues
Gleichnis
der Lehre unseres Heilandes.
Andere Werke des
gleichen Meisters
gelten, wie schon oben angedeutet, der Darstellung der Sehnsucht nach
Erlösung
außerhalb des christlichen Glaubens an den wunderwirkenden
Mittler
und führen daher zu einer der christlichen Bejahung
entgegengesetzten
Verneinung — — eine für das bewußte Erfassen der Lehre Jesu
unentbehrliche Ergänzung. Dann aber tat Wagner den entscheidenden
Schritt und weihte durch Parsifal
die dramatische Kunst dem Dienste
der
Religion: er knüpfte daran das Verbot, dieses Werk jemals auf
einem
Theater aufzuführen, da das einer Gotteslästerung
gleichkäme.
Parsifal ist viel
reicher an
Allegorie
und Symbolik als Tannhäuser und Lohengrin, hier liegt Bedeutung in
Bedeutung eingeschlossen und hineingeheimnist: kommt es doch darauf an,
Unaussprechbares in der Seele ertönen zu lassen. Nur soviel sei
gesagt:
im Mittelpunkt steht die Absicht, „die Gottesklage“, welche die ganze
Welt
erfüllt, jedoch von tauben Menschenohren ungehört bleibt, in
Aller Seelen so erschütternd ertönen zu lassen, daß sie
mit Parsifal ausrufen müssen:
Des
Heilands Klage da vernehm' ich,
Die
Klage, ach! die Klage
Um das entweihte Heiligtum!
285 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
In
jedem Menschengemüt liegt ein
solches Heiligtum; jeder Mensch ist — nach Jesu Lehre — ein Sohn Gottes
und wird als solcher in das Gottesreich berufen: dies zu
verkünden,
wandelte vor zweitausend Jahren der Heiland auf Erden.... Und wie sieht
die uns umgebende Welt aus! Wie haben wir Menschen dem Heiland seine
Liebe
und sein Leiden gelohnt!.....
Zu den tiefsten
Tiefen
religiöser
Mystik wagt der Meister — gestützt auf die Mitwirkung der ars
christianissima
— uns hinabzuführen, bis zu dem Mitleiden mit dem Mitleidsvollen
und
bis zu dem
Höchsten
Heiles Wunder:
Erlösung dem Erlöser!
Ein solches Werk gehört
offenbar
ganz und gar in das Gebiet der Religion und sollte ausschließlich
im Dienste der religiösen Überzeugung, der es sein Entstehen
verdankt, aufgeführt werden; die geringste Beigabe theatralischen
Wesens und Unwesens muß auf den Empfangenden verletzend wirken
und
vernichtet zugleich die gottesfürchtige Absicht des
Wort-Tondichters.
Die Frage, die wir
uns am Anfange
dieses Abschnittes stellten nach der Mitwirkung der Kunst im Rahmen der
neuen Jesu- Gemeinschaft, findet sich dahin beantwortet, daß die
begabtesten und zuhöchstgesinnten deutschen Männer diese
Mitwirkung
nicht bloß gelehrt, sondern, daß sie uns schon eine
stattliche
Reihe sehr verschiedenartiger Werke und Meisterwerke geschenkt haben,
die
hierher gehören und die Anfänge einer wahren „Kunst der
Zukunft“
bilden, — einer Kunst nämlich, die wir Heutigen zwar schon
genießen,
deren Wirkungsfähigkeit in einer ihr gemäßen Umgebung
wir
aber kaum vorzuahnen vermögen.
Besonderer Wert kommt
in bezug
auf diese neue Religionskunst den Untersuchungen Leopold von
Schroeder's
zu, die er in seinen zwei Schriften: Mysterium
und Mimus im Rigveda
(1908)
und Die Vollendung des arischen
Mysteriums in Bayreuth (1911)
zusammengefaßt
hat. Hier wird nachgewiesen, daß es bei den arischen Indern in
ältester
Zeit Gebrauch war, die bedeutendsten Mythen als Handlung vor Augen zu
führen,
d. h. also dramatisch, und daß diese Aufführungen einen
wichtigsten
Teil der religiösen Feste bildeten, indem ihnen — höchst
wahrscheinlich
— magische Wirk-
286 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — BEDEUTUNG DER KUNST
FÜR DIE RELIGION
samkeit
zugeschrieben wurde.
Ähnliches
ist inzwischen für die alten Germanen und für andere
Völker
aus der gleichen Stammesverwandtschaft aufgezeigt worden. Das jetzige
Bestreben
reinster deutscher Kunst hieße also eine Rückkehr auf
höherer
Stufe zu uraltem geheiligten Brauch.
Eine Tatsache blieb
noch
unerwähnt,
die geeignet ist, unser Zutrauen zu Richard Wagner und zu seiner
religiösen
Kunst zu befestigen: wie Schroeder zeigt, sind alle seine Grundmotive
nicht
bloß — was schon bekannt war — altdeutschen Ursprungs, sondern
sie
gehen auf den urältesten Grundstock arischer Dichtung zurück,
wobei namentlich folgender Umstand Hervorhebung verdient: durch die im
Interesse des Worttondramas von Wagner durchgeführte
äußerste
Vereinfachung jeder Handlung hat der Dichter — völlig
unbewußt
— die Wiederherstellung „der Einfachheit des alten arischen Mysteriums
bewirkt,
das nur einige wenige Szenen bot .... mit viel bedeutendem, allessagendem,
allen unmittelbar verständlichem Inhalt“ (Die Vollendung usw., S.
207). Dies gilt von dem „Drachenstich“, gefolgt von der
Jungfrauenerweckung,
von dem Goldhort und dem ihm anhaftenden Fluch, von dem Venusberg und
der
Erlösung des Sünders, von dem „Schwanelben“ und dem
gottgesandten
Ritter, von dem himmlischen Gefäß und der Waffe, die allein
die Wunde heilt, die sie selber geschlagen hat usw. Der
unausdenkbare
Reichtum
der Symbolik jugendlicher Rassen feiert hier eine Neugeburt und
verleiht
diesen Werken unerschöpflichen Wahrheitsgehalt.
Mit wenigen Worten
muß noch
eine grundsätzlich höchst wichtige Erwägung vorgebracht
werden: die künstlerische Darstellung religiöser Wahrheiten
wirkt
notwendig dem Erstarren zu Zwangsglaubenssätzen entgegen; dazu
kommt
die unermeßliche Wirkung der Musik, die jeden Verstandesinhalt
und
damit alle Dogmatik von sich ausschließt. So besitzen wir z. B.
in
Franz Liszt's bezaubernder Heiligen
Elisabeth ein Werk, das aus
ausgesprochen
römisch-katholischen Überzeugungen hervorgeht; die
Tondichtung
aber löst alle Kirchenlehren auf, und es gelangt einzig zur
Darstellung
die reine „Jesus-Religion“, die Religion des „Vaters der Liebe“.
Über
die Mitwirkung der Kunst im Dienste der Religion wäre noch gar
viel
zu sagen, denn alle Künste können an dem Werke teilnehmen,
doch
habe ich geglaubt, mich hier auf das Wichtigste beschränken zu
287 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DAS ANGESCHAUTE IM
GEGENSATZ ZU DEM GEDACHTEN
dürfen,
welches ohne Frage das
aus
dem Geiste der Musik geborene Drama bildet. Dieses stellt nunmehr in
seiner
Verbindung des Gesichtssinnes mit dem Gehörsinn der Religion ein
unvergleichliches
Organ zur Verfügung: eine Sichtbarmachung tiefster mystischer
Ahnungen,
eine Überwindung der Unzulänglichkeiten der Sprache. Um
philosophische
Theorien über das Wesen der Musik handelt es sich an diesem Orte
nicht;
es möge hier die Berufung auf einen Mann genügen, dem alles
derartige
Theoretisieren fern lag: Goethe urteilt von dem ersten mehrstimmigen a
capella-Gesang, „er spreche zum tiefsten besten Sinne des Menschen und
lasse ihn seine Gottähnlichkeit lebhaft empfinden“ (Lehrjahre, 6.
Buch). Andrerseits schreibt er dem Auge die Fähigkeit zu, uns
„nahe
an die Schwelle zu locken, wo wir in den Glanz der Gottheit
hineinblicken
dürfen, ohne zu erblinden“ (Nat.
Schr., W. A. 8, 334). Man denke
sich
nun, welche Handhabe ein Kunstwerk, das beide künstlerischen Sinne
harmonisch miteinander verschmilzt und sich gegenseitig steigern
läßt,
dem Dichter bietet zur Heranführung bis dicht an die Gottheit!
*
Daß wir die
beiden
soeben angeführten Worte von Goethe sinnbildlich zu verstehen
haben,
liegt auf der Hand, doch regen sie zu einer Erkenntnis an, die für
die Religion ungeheuere Bedeutung besitzt und die selten oder niemals
gewonnen
wird: die unmittelbare Lebensbetätigung — wie diese durch die
Sinne
des Auges und des Ohres statthat — ist eher geeignet, uns „an die
Schwelle“
der Gottheit hinzuführen, als der Verstand mit seinen
Umständlichkeiten
und als die Vernunft mit ihren Träumereien.
Hier kommt es auf
eine richtige,
klare Unterscheidung an, die dem Naturmenschen ohne weitere
Überlegung
gelingt, während sie dem Gebildeten einige Mühe macht, weil
alle
Bildung eine gewisse naturentfernende Künstlichkeit erzeugt, die
wiederum
nur durch eine Besinnung — welche „Kultur“ zu heißen verdient —
überwunden
wird. Freilich vermögen beide Fähigkeiten — Sinnlichkeit und
Verstand — ohne einander nichts, eine Tatsache, der Kant in dem
lapidaren
Satz Ausdruck verliehen hat: „Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen
ohne Begriffe sind blind“ — Worte, deren ge-
288 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DAS ANGESCHAUTE IM
GEGENSATZ ZU DEM GEDACHTEN
nauer
Sinn durch folgende Sätze
unmißverständlich verdeutlicht wird: „Ohne Sinnlichkeit
würde
uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand keiner gedacht werden.
Daher
ist es ebenso notwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen
den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine
Anschauungen
sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen)“
(Reine Vernunft, S. 75). Um
dies zu verstehen, braucht man kein
Philosoph
zu sein: ein bißchen guter Wille und ein paar Augenblicke
Besinnung
genügen.
Nun bewirken aber
angeborene
Anlagen
des Menschengemütes, daß wir der einen Hälfte obiger
Mahnung
immer entsprechen, der anderen aber gar häufig nicht: unsere
Anschauungen
machen wir uns stets verständlich, dagegen lieben wir es zu
denken,
ohne daß unseren Begriffen Anschauungen von Gegenständen
„beigefügt“
wären, d. h. entsprächen, oder wir begnügen uns mit so
verschwommenen
Gegenständen, daß diese sich, sobald wir sie fest ins Auge
fassen,
in Nebel auflösen. Den sinnlichen Anschauungen gesellen sich eben
von selbst die zu ihrer Aufklärung nötigen Begriffe —
gleichviel
ob diese richtig oder falsch sind — geschähe das nicht, es
würde
überhaupt keine bewußte Wahrnehmung erfolgen; wohingegen es
sich sehr bequem mit inhaltsleeren Gedanken umgehen läßt, an
welche dann die Vernunft anknüpft und Gebäude errichtet, die
allen
Schein der Folgerichtigkeit an sich tragen, in Wirklichkeit aber
bloße
Luftgebilde sind. Dies gilt namentlich von dem Gedanken „Gott“, bei dem
wir völlig unfähig sind, irgendeinen „Gegenstand in der
Anschauung
beizufügen“, weswegen der Gedanke — als Gedanke — leer bleibt.
Dies
wurde schon im ersten Kapitel unter Berufung auf Kant erwähnt,
welcher
nachgewiesen hat, es sei unmöglich, der Gedankengestalt „Gott“
irgendeine
einzige bestimmende Eigenschaft beizulegen, „an der man nicht
unwidersprechlich
dartun könnte, daß, wenn man alles Anthropomorphistische
(dem
Menschengeist Angemessene) davon absondert, uns nur das bloße
Wort
übrig bleibe, ohne damit den mindesten Begriff verbinden zu
können....“
(Prakt. Vern., 1, 2, 2, VII).
Es
hieße Kant mißverstehen,
wollte
man seine Worte so auffassen, als empfehle er uns, über die
Gottheit
gar nicht nachzudenken: er will nur verhüten, daß wir unsere
Gedanken für Erkenntnis halten; vielmehr sollen wir uns
bewußt
bleiben, daß wir mit ihnen im Dunkeln herumtasten.
289 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DAS ANGESCHAUTE IM
GEGENSATZ ZU DEM GEDACHTEN
Nun gelange ich aber erst zu
der
Einsicht, die mitzuteilen mir am Herzen liegt; der Verneinung soll eine
Bejahung folgen, und das geschieht am besten, indem wir zu Kant's Wort
Goethe's obige Aussprüche hinzunehmen; denn da werden wir
aufmerksam,
daß — wie schon angedeutet — das Menschengemüt Elemente oder
Kräfte, oder wie man es sonst nennen will, birgt, mit denen wir
näher
an die unmittelbare Gegenwart Gottes heranzurücken vermögen,
als mittelst Verstand und Vernunft, und zwar wurzeln diese Kräfte
in dem sinnlichen — und das heißt in dem empfangenden — Teil
unserer
Natur. Wir können es uns durch die einfache Überlegung
faßlich
machen, daß blinde Empfindungen immerhin inhaltsreicher sind als
gegenstandslose Gedanken. Gewiß vermag kein Menschenauge
Gott
zu erblicken — die bloße Annahme wäre sinnlos —
nichtsdestoweniger
aber vermag ein sinnendes Betrachten der Natur und der Eindruck hoher
Kunstschöpfungen
„uns bis nahe an die Schwelle zu locken, wo wir in den Glanz der
Gottheit
hineinblicken.....“ — nicht die
Gottheit selbst erblicken
wir, doch den sie umgebenden Glanz. Und gleichviel, was man über
das
Wesen der Musik wähnen und lehren mag, wir wissen aus Erfahrung,
daß
— wo sie edel gestaltet sich gibt — „sie zum tiefsten besten Sinne des
Menschen spricht und ihn seine Gottähnlichkeit lebhaft empfinden
läßt.“
Auffallend ist's, wie die Musik immer wieder Goethe zu Gott führt.
So sagt er z. B. von den Fugen „des Großmeisters Johann Sebastian
Bach“: ihm sei dabei zumut, „als wenn die ewige Harmonie sich mit sich
selbst unterhielte, wie sich's etwa in Gottes Busen, kurz vor der
Weltschöpfung,
möchte zugetragen haben.“ Die darauf folgenden Worte empfehle ich
dem Leser ebenfalls zu besonderer Beachtung. Goethe fährt
nämlich
fort: „So bewegte sich's auch in meinem Innern und es war mir als wenn
ich weder Ohren, am wenigsten Augen, und weiter keine übrigen
Sinne
besäße noch brauchte“ (Briefe,
W. A. 24, 376). Es folgt
daraus,
daß die durch die Sinne vermittelten Seeleneindrücke in
besonders
günstigen Fällen die Sinnlichkeit überwinden und hinter
sich lassen, wogegen Gedanken immer nur wieder zu Gedanken, bestenfalls
zu Gedankengestalten (Ideen) führen. Auch diesem Umstand kommt
große
Bedeutung zu; denn der Mensch, der Gottes Nähe einmal empfunden
hat
— was Goethe sehr fein als „seine Gottähnlichkeit“ bezeichnet —
290 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — FORM UND GEHALT
ALS RELIGIÖSE GEGENSÄTZE
vergißt
dessen so leicht nicht
wieder; wohingegen Beweise immer von Neuem durch andere Beweise
erschüttert
und umgestoßen werden können und überhaupt nur eine
geringe
Wirkung auf das Gemüt der meisten Menschen ausüben.
Überdenkt man im
Lichte
dieser
verschiedenen Ergebnisse die Geschichte der christlichen Kirche und
namentlich
der christlichen Theologie, so erhält man den Eindruck einer
einzigen
wahnvollen Verirrung, indem Verstand und Vernunft immer mehr zu den
ausschließlichen
Organen der kirchlich anerkannten Religion auswuchsen. Der eigentliche
Kirchenglaube — wie er noch heute in den Katechismen der verschiedenen
Bekenntnisse sich darstellt — ist überall, wo er nicht bloße
Geschichtserzählungen wiedergibt, nackter Rationalismus, d. i.
Vernünftelei.
Solche Dinge, wie das Nizänische und das Athanasianische
Glaubensbekenntnis,
bieten unübertreffliche Mustersammlungen von „leeren Begriffen“,
von
Gedanken, denen jeder anschauliche Gegenstand fehlt. Damit entfernte
sich
die Kirche immer weiter von dem göttlichen Mittler, dem sie doch
alles,
was sie war, verdankte. Im Herzen hielt sie zwar an ihm fest und
schöpfte
daraus ihre siegende Kraft, doch entfernte sie sich in bezug auf
Gesinnung
und Lehre, sowie in ihrem ganzen Wesen immer weiter und weiter von dem
geschichtlichen Heiland, so daß man ohne Übertreibung
behaupten
darf: Jesus und die christliche Kirche bilden religiöse
Gegensätze.
*
Mit diesen
Betrachtungen
betreten
wir wieder genau den Boden, auf dem wir uns zu Anfang des Kapitels
befanden,
und um mich nicht zu wiederholen, bitte ich den Leser, die betreffenden
Ausführungen nachzuschlagen (S. 227 fg.). Dort waren wir auf rein
geschichtlichem Wege dahingelangt, jetzt führen uns
grundsätzliche
Erwägungen über das Menschengemüt auf den gleichen Punkt
zurück: den springenden Punkt — das punctum vitae — unserer ganzen
Betrachtungen.
Goethe bringt einmal
ein
geheimnisvolles
Wort, das ohne besondere Vorbereitung nicht zu verstehen ist; die
nötige
Vorbereitung besitzen wir jetzt. Er schreibt: „Es gibt nur zwei wahre
Religionen,
die eine, die das Heilige, das in und um uns wohnt, ganz formlos,
291 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — FORM UND GEHALT
ALS RELIGIÖSE GEGENSÄTZE
die
andere, die es in der
schönsten
Form anerkennt und anbetet. Alles, was dazwischen liegt, ist
Götzendienst“
(Wanderjahre, 3. Buch, „Aus
Makarien's Archiv“). In solcher Kürze
und ohne weitere Erläuterung mitgeteilt, muß dieser
Ausspruch
für Jeden zunächst ein Rätsel bleiben; wohl ahnt man
hinter
den geheimnisvollen Worten tiefe Weisheit, doch dürfte es sich
unmöglich
erweisen, den Sinn richtig zu ergründen, wenn man nicht der
Belehrung
durch Kant, die ich vorhin ins Gedächtnis rief, eingedenk bleibt.
Wahre Religion kann nämlich nur durch Verstand und Vernunft „Form“
erhalten; sobald Religion ihre Form aus der Sinnenwelt borgt, entsteht
notwendig „Götzendienst“. Nun bleiben aber, wie Kant uns belehrt,
Verstandes- und Vernunftbegriffe, sobald ihnen keine Anschauungen
entsprechen,
inhaltsleer: folglich stehen in der Religion Form und Inhalt zueinander
im umgekehrten Verhältnis. Je formvollendeter eine Religion wird,
je mehr wird sie an religiösem Inhalt opfern müssen; das ist
der Preis, den sie für die bedeutende Zunahme an logischer Kraft
und
an Wirkungsgewalt über zahlreiche Menschen leistet. Dagegen wird,
wer einen großen Reichtum an religiösen Gefühlen und
Impulsen
im Herzen birgt, sich hüten, der Begriffswelt mehr Einfluß
einzuräumen,
als unbedingt notwendig ist, um sich verständlich zu machen; denn
Formgeben heißt in diesem Falle feste, klare unverrückbare
Begriffe
aufstellen, und für jeden solchen Begriff muß der Mensch
etwas
von den ihn beseligenden Ahnungen und Erlebnissen aufopfern; weswegen
er
sich mit den leichtesten Umrißlinien begnügen und alles
Gewicht
auf die empfangende (die Philosophen sagen „leidende“) Seite des
Menschengemütes
legen wird, und das ist die Seite des unmittelbaren, gedankenarmen,
tatenvollen
Sinnenlebens.
Ich knüpfe
sofort wieder
hier an, will nur vorher aufmerksam machen, daß wir jetzt
für
Goethe's Ausspruch eine zwiefache Fassung gewonnen haben: wollen wir
die
beiden „wahren Religionen“ bejahend bezeichnen, so werden wir die eine
die f o r m v o l l e n d e t e, die andere
die g e h a l t s r e i c h e nennen;
ziehen wir die verneinende Fassung vor, so müssen wir von der
ersteren
als von der g e h a l t s a r m e n und von der
letzteren als von der f o
r m l o s e n sprechen.
*
292 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
Bei weitem die erhabenste
Erscheinung
einer „formlosen Religion“ besitzen wir in der Religion Jesu: diese
Religion
ist ganz und gar Gehalt und legt deswegen das denkbar geringste Gewicht
auf die Fragen der Form. Die Allegorie des Vaters und diejenige seines
Reiches genügen fast allen Mitteilungsbedürfnissen des
Heilandes;
kaum daß er einmal sich veranlaßt findet, den Vater
ausdrücklich
als „gut“ zu bezeichnen (Mark.
10, 18)..... Das ist
uns schon alles bekannt und bedarf keiner Wiederholungen; nur haben wir
inzwischen einen ungleich lichtkräftigeren Einblick in die
Zusammenhänge
gewonnen. Wir verstehen jetzt, warum Jesus keinerlei
Begriffsbestimmungen
über die Gottheit aufstellt; wir empfinden die kühne
Fälschung,
die ihm die Dreieinigkeitslehre zusprechen wollte, als ein
Zerstören
seiner hohen Lehre, und wir erraten die Beimengung paulinischer
Theologie
in der Unterredung mit Nikodemus sowie bei Johannes, Kapitel 4, Vers
24,
wo der Evangelist Jesum sagen läßt: „Gott ist Pneuma“
(vergl.
2. Kor. 3, 17 „Der Herr ist
Pneuma“).... Jedenfalls hat Jesus, wenn
er ein aramäisches Wort gebrauchte, welches griechisch durch
Pneuma
(Hauch, Geist, Seele) wiederzugeben war, nicht die damals
geläufige
philosophisch-theologische Bedeutung des Wortes Pneuma im Sinne gehabt —
wie das bei Paulus der Fall war —‚ sondern vielmehr einfach die Abwehr
der immer wieder sich vordrängenden jüdischen,
körperlichen
Vorstellung.
Es gibt
schwerwiegende Herrenworte
unbezweifelbarer Echtheit, die wir gewohnt sind viel zu gemütlich
leichthin zu nehmen, weil eben die Kirche niemals etwas Rechtes damit
anzufangen
gewußt hat: ich will als Beispiele zwei nennen.
Das erste lautet:
„Und Jesus rief
ein Kind herbei, stellte es mitten unter sie und sprach: wahrlich, ich
sage euch, so ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr
nimmermehr
in das Reich der Himmel eingehen“ (Matth.
18, 3). Was zeichnet nun die
Kinder aus, wenn nicht das unmittelbare Erfassen aller
Lebenseindrücke,
wie sie ihnen durch die Sinne übermittelt werden, ohne jegliches
Nachgrübeln?
Die Zuversicht zu der unmittelbar sie umgebenden Freude am Dasein macht
ihr Wesen aus. Unter den Galiläern, die den Heiland umgaben,
befand
sich wohl manche kindliche Seele — wofür das Beispiel des Petrus
zeugt;
niemals da-
293 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
gegen
hat es Menschen gegeben, die
weniger
Kindern glichen als diejenigen, denen wir die Errichtung der
kirchlichen
Zwangsglaubenssätze verdanken: sie sind die Söhne einer
überbildeten,
altersschwachen, unfruchtbaren Zeit; kenntnisreich und ernst bestrebt,
haftet doch all ihrem Tun etwas Greisenhaftes, Freudeloses,
Rechthaberisches
an. Nichts ist weniger kindlich und spricht weniger zu Kindern als der
Katechismus der christlichen Kirchen.
Dieser Spruch wendet
sich, wie
man sieht, an die Allgemeinheit, um in Dingen der Religion vor dem
Vorwalten
der Verstandestätigkeit zu warnen; der zweite Spruch richtet sich
unmittelbar gegen die Kirchenmänner und ihre Lehren: „Ich danke
dir,
Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dieses verborgen
hast
vor Weisen und Verständigen, und hast es Unmündigen
geoffenbaret“
(Matth. 11, 25 u. Luk. 10, 21). Solche Worte sind um
so
bemerkenswerter,
als in ihnen eine nicht wegzudeutende Ablehnung aller Theologie sich
kundgibt.
Das zuletzt angeführte beteuert noch: „ja, Vater, denn so ist es
wohlgefällig
vor dir gewesen“ — eine Redewendung, die auf
hebräisch-aramäisch
soviel besagt wie „so beliebt es dir“, „so tust du gern“: hiermit
spricht
also der Heiland diese Ablehnung theologischer Spitzfindigkeiten und
diese
Erhebung der geistigen Einfalt und Unschuld und der
Empfänglichkeit
für unmittelbare Eindrücke der Gottheit selbst zu.
Weilen meine Gedanken
bei Jesu,
immer wieder fallen mir Worte von Goethe als Wegweiser in den Sinn. Das
Wort von dem Ertönen, das die Gottähnlichkeit empfinden
läßt,
und das andere von dem Erschauen, das nahe an die Schwelle lockt, wo
wir
in den göttlichen Glanz hineinblicken, wirkten ungemein
aufklärend,
während dasjenige von der formlosen Religion den Wert einer
Offenbarung
besitzt. Jetzt wieder, wo ich mich sorgend frage, ob der Leser die
Religion
Jesu in ihrer tiefen Unterscheidung von der Religion der christlichen
Kirche,
ja, in ihrer Gegensätzlichkeit zu dieser zu erfassen beginnt,
fällt
mir ein Wort des gleichen Meisters ein, welches so genau auf diesen
Punkt
unserer Betrachtungen paßt, als entstünde es jetzt erst zu
unserer
Aufhellung. Goethe nennt einmal die Gottheit: „unsern Vater, den
unbegreiflichen
aber den berührlichen“ (Brief an
Stolberg vom 26. 10. 75). Das
könnte
Jesus gesprochen haben; denn er lehrt uns, Gott überall in der
Welt,
auf
294 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
Schritt
und Tritt verehrend zu
„berühren“
und lehrt doch zugleich, Gott sei nicht „greiflich“ und infolgedessen
nicht
„be-greiflich“ — denn, wir
wissen es ja, ein Begriff,
dem kein Gegenstand entspricht, bleibt leer, und wer nach Gott greift,
im Wahne ihn zu begreifen, greift nach einem Schatten. Daher fällt
es der Einfalt und den „Armen an Geist“ leichter, zu Gott und in sein
Reich
zu gelangen, als den „Wissenden und Umsichtigen“ (sapientibus et
prudentibus).
Im Gegensatz zur Kirchenlehre legt, wie man sieht, Jesus das
Hauptgewicht
nicht auf die Vernunft, sondern auf das den Sinnen verwandte
Gefühl.
Beide Bestrebungen mögen — wie Goethe es will — die Bezeichnung
als
„wahre Religion“ verdienen; doch kann keine Frage sein, daß Jesus
die formlose Religion höher stellt als diejenige, die nach
schöner
Form strebt. Zwar bezeigt er Achtung vor jedem aufrichtigen Glauben und
verharrt bis an sein Lebensende in der religiösen Gemeinschaft, in
der er aufgewachsen war: dies geschieht aber nur, weil seine eigene
Lehre
über jegliche Form erhaben steht und daher jeder anderen
gegenüber
Duldung zu üben vermag.
Diese Duldung sollte
uns aber
nicht blind für das viele grundsätzlich Unterscheidende
zwischen
der Religion Jesu und der Religion der christlichen Kirche machen: man
nehme z. B. den im Mittelpunkt beider Religionen stehenden Begriff des
Glaubens.
Immer und
überall versteht
Jesus unter „Glauben“ das Vertrauen auf seine göttliche Sendung,
auf
seine Vermittelung göttlichen Wesens und göttlicher Kraft;
dieses
Vertrauen genügt zur Erlösung. Niemals wird irgendein
Bekenntnis
gefordert; die Frau, die, ohne den Mund aufzutun, ihn „nur von hinten
am
Kleid“ berührt, wird geheilt: „Tochter, dein Glaube hat dir
geholfen.“
Gleich darauf heißt es dem Vorsteher der jüdischen Synagoge
gegenüber: „Fürchte dich nicht, glaube nur“ (Mark. 5, 34 u.
36).
Genau ebenso redet der Heiland aber zu den Heiden; so z. B. ruft er der
kananäischen Frau zu: „O Weib, dein Glaube ist groß!“
(Matth.
15, 28) und von dem römischen Hauptmann sagt er: „Bei niemand in
Israel
habe ich solchen Glauben gefunden!“ (Matth.
8, 10). Schon diese wenigen
Stellen genügen zum unwiderleglichen Beweise, daß Jesus
unter
„Glauben“ etwas Grundverschiedenes versteht als die Kirche; der
Anbeterin
Baal's und Astarte's spricht der Heiland
295 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
Glauben
in dem selben Sinne zu, wie
der
Jüdin und dem Synagogenvorsteher; dem römischen Kriegsmann
aber
— der bei Jupiter und Mars seine Eide leistet — rühmt er sogar
höhere
Glaubenskraft nach als in Israel irgend zu finden sei. Hier ist also
nicht
die Rede von einer Reihe von Glaubenssätzen — noch dazu auf
unfaßbare
Dinge bezüglich — vielmehr bezeichnet der Heiland mit diesem Worte
eine Regung und Bewegung des Willens nach einer bestimmten Richtung
hin;
diese Erhebung des Wesens ist es, die solche Menschen befähigt,
den
Heiland als gottgesandt zu erkennen — und haben sie ihn erkannt, so ist
damit — wie gesagt — Alles geschehen. Wohlbetrachtet ist es eine
Ungeheuerlichkeit,
wenn, auf dieser Lehre fußend, eine Kirche sich zwischen den
Menschen
und seinen Heiland aufrichtet und sich herausnimmt zu erklären:
nur
wenn du alles Punkt für Punkt glaubst, was ich lehre, gehst du in
das Heil ein.
Wiederum fällt
mir ein Wort
Goethe's ins Gedächtnis, geeignet wie Weniges, Licht auf diese
Frage
zu werfen, die manchem wohl noch dunkel scheinen mag, — so schwer
fällt
es, sich aus ererbten und angelernten Vorstellungen zur Freiheit
loszuwinden;
die Lehre Jesu bildet aber die hohe Schule der Seelenfreiheit. In
Dichtung
und Wahrheit (Buch 14) erzählt Goethe von
Unterhaltungen,
die er
in
jungen Jahren mit kirchlich frommen Freunden pflegte und in denen er
ihre
Rechtgläubigkeit bekämpfte: „beim Glauben, sagte ich, komme
alles
darauf an, d a ß man glaube; w a s
man glaube, sei völlig
gleichgültig.
Der Glaube sei ein großes Gefühl von Sicherheit für die
Gegenwart und Zukunft, und diese Sicherheit entspringe aus dem
Zutrauen
auf ein übergroßes, übermächtiges und
unerforschliches
Wesen. Auf die Unerschütterlichkeit dieses Zutrauens komme alles
an:
wie wir uns aber dieses Wesen denken, dies hänge von unseren
übrigen
Fähigkeiten, ja, von den Umständen ab, und sei ganz
gleichgültig.
Der Glaube sei ein heiliges Gefäß, in welches ein jeder sein
Gefühl, seinen Verstand, seine Einbildungskraft, so gut als er
vermöge,
zu opfern bereit stehe.“ Diesem Ausspruch fehlt freilich der
Mittelpunkt,
Jesus Christus; der Zusammenhang setzt ihn aber voraus; im übrigen
kann er als beredteste Auslegung der obigen Worte des Heilandes gelten.
Zwar bezeichnet Goethe selber seinen, in jugendlichem Übermut
getanen
Ausspruch als „Halbwahrheit“;
296 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
doch
besitzt er das große
Verdienst,
die Aufmerksamkeit auf diejenige Hälfte der Wahrheit zu lenken,
die
uns unter dem lange anhaltenden Einfluß der Kirche aus den Augen
entschwunden ist. Uns schwebt bei dem Worte „Glauben“ die Vorstellung
eines
höchst verwickelten geistigen Vorganges vor, enthaltend
geschichtliche
Überzeugungen, die bis auf die Erschaffung der Welt
zurückreichen,
nebst vielfachen metaphysischen Aussagen über das Wesen der
Gottheit
sowie über deren Absichten, Heilspläne, Verheißungen
und
Drohungen, schließlich Bestimmungen über besondere
Geheimnisse
(Sakramente); Jesus dagegen bezeichnet — wie wir gesehen haben, und wie
es sich leicht ausführlicher nachweisen läßt — mit dem
Worte „Glauben“ eine ureinfache Grundstimmung des Gemütes, die
jedem
Menschen,
zu jeder Epoche, in jeder Umgebung, bei jedem Grade geistiger
Entwickelung
eigen sein kann oder nicht.
Über den Glauben
haben wir
in diesem Buche öfters gehandelt (siehe namentlich S. 65 fg. u.
211
fg.), und ich will das Gesagte nicht wiederholen; es stellen aber
alle
Fragen sich uns jetzt in einem anderen Winkel als früher dar,
wodurch
sie neue Bedeutung erhalten. Ich bilde mir ein, mein Leser erblickt
nunmehr
ohne weiteres die trennende Kluft, die das, was Jesus unter Glauben
versteht,
von dem scheidet, was die Kirchen darunter verstanden wissen wollen: es
handelt sich um zwei völlig ungleiche Weltanschauungen, — zwar
nicht
um das, was der Logiker einen kontradiktorischen (d. h.
ausschließenden)
Gegensatz nennt, wohl aber um einen konträren, d. i. um eine
entgegengesetzte
Auffassung.
Bestätigt und
bekräftigt
wird dieser Gegensatz durch die beiderseitige Auffassung
der S ü n
d e, die im innigsten Zusammenhang mit der Auffassung des
Glaubens
steht.
Auch mit diesem Gegenstand haben wir uns im dritten Kapitel
befaßt
(S. 124 u. fg.), was uns jetzt
knappe Kürze ermöglicht.
Dort sahen wir die
christliche
Kirche von allem Anfang an eine „Religion der Sünde“ lehren, womit
ich sagen will, daß der Begriff der Sünde (mit samt dem
ergänzenden
Begriff der Sündenvergebung) die Achse bildet, um die sich sowohl
das äußere mythische Bild des Heilsplanes als auch die
innere
mystisch-religiöse Erkenntnis dreht. Das ist ein Ergebnis
jüdischer
Schulung und geht bis auf Paulus und die anderen Apostel zurück —
immer mit Ausnahme
297 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
des
Johannes. Bei den Juden trug aber
der Begriff der Sünde einen einfachen und eindeutigen Sinn:
Sünde
war die Nichtbefolgung von Jahve's, zu historisch bestimmten Zeiten
willkürlich
erlassenen Geboten: eine verbotene Speise essen, dem Feind ritterliche
Schonung angedeihen lassen (1. Sam.
15, 8 fg.) war genau ebenso strafbar
wie Betrug und Mord; bei ihnen blieb Alles, was nicht ausdrücklich
verboten war — und mochte die Handlung noch so niederträchtig sein
— erlaubt und lag außerhalb des Begriffes der Sünde. Mit dem
Fortfall des jüdischen Gesetzes — dem ersten unmittelbaren Erfolg
des Lehrens Jesu von Nazareth — fand sich dieser jüdische Begriff
der Sünde eo ipso
vernichtet, und an dessen Stelle trat die
unvergleichlich
feinsinnigere arische Erkenntnis des G e w i s s e n s
als „Sonne
unserem
Sittentag“, wo nicht mehr nach einem geschriebenen Gesetzbuch, nicht
mehr
nach Lohn und Strafe gefragt wird, sondern nach der inneren
untrüglichen
Stimme, die Gutes vom Bösen unterscheidet. Die jüdische Lehre
von der Sünde ist unverfälschter Materialismus; die arische
Auffassung
vom Gewissen bedeutet die Erkenntnis einer metaphysischen Tatsache des
Menschengemütes, welche der Glaube an Gott zu einer
göttlichen
Fügung verklärt.
Nichts ist
bezeichnender für das
völlig Unjüdische in der Religion Jesu, als ihr Verhalten der
Sünde gegenüber. Es hieße sehr oberflächlich
verfahren,
wollte man urteilen, Jesus lege wenig Gewicht auf die Sünde; und
doch
wäre das Urteil vom jüdischen Standpunkt aus berechtigt,
sowie
auch vom Standpunkt der christlichen Kirche — man braucht nur an die im
dritten Kapitel herangezogenen Beispiele des Schächers, der
Ehebrecherin
und der stadtbekannten Sünderin zu denken; man fragt sich, wie es
möglich ist, daß die Menschen solche Dinge hinnehmen, ohne
stutzig
zu werden und zu merken, daß hier der Geist einer anderen
Religion
redet. Indem die Sünde nicht mehr in der Übertretung einer
Gesetzesvorschrift,
sondern in der Verkehrtheit der Willensrichtung und in der Schwachheit
der Willenskraft besteht, findet es sich, daß kein Mensch mehr
fähig
ist, ein Urteil über sie zu fällen — weswegen auch der
Heiland
uns feierlich mahnt: „Richtet nicht!“ (Matth.
7, 1); denn die Frage
betrifft
jetzt die innersten Seelenregungen des Menschen und erfordert die
genaue
Kenntnis der betreffenden Persön-
298 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
lichkeit
in ihrem Sein und in ihrem
Werden,
sowie auch aller begleitenden Umstände: das geht offenbar
über
Menschenkraft. Vor allem aber: die Achse der Religion Jesu bildet der
Glaube,
alles andere — darunter auch die Sünde — besitzt
nebensächlichen
Wert.
Aus zahlreichen,
unzweifelhaft
zuverlässigen Berichten erhalten wir den entschiedenen Eindruck,
daß
Jesus die Gesellschaft ausgesprochener Sünder derjenigen der
sogenannten
„Gerechten“ vorzog, und zwar geschah das, weil er unter ihnen eher
Gehör
fand. Sobald der Sünder glaubt, fällt die Sünde von ihm
ab, als wäre sie nie gewesen; wogegen auch eine Fülle von
Tugenden
die fehlende enthusiastische Erhebung der Seele zu Gott, welche Jesus
„Glaube“
nennt, nicht ersetzen kann. Wir stehen hier vor einem Geheimnis, das
den
Weg umhüllt, der von Mensch zu Gott führt. Der Verfasser der
Theologia Deutsch schreibt in
der tiefen Einfalt seines Herzens: „Die Hölle und das Himmelreich
sind zwei gute sichere Wege (zu Gott) dem Menschen in dieser Zeit“ (11.
Kap.); womit er aussagt, daß die Sünde und ihre Folgen
ebenso
gut zu Gott führen können, wie Rechtgläubigkeit und gute
Werke. Keinem Menschen kommt ein Urteil zu über die
Seelenbedeutung
der Sünde eines Anderen: weder
kann er wissen, woher sie kommt,
noch wohin sie führt. Aus zahlreichen Fällen ist uns bekannt,
daß Männer, die sich in bezug auf Gottesglauben und Hingabe
an die ewigen Dinge auszeichneten, früher den Weg
leidenschaftlicher
Verirrung gewandelt waren. Man gehe also ja nicht an dem Mitleid Jesu
mit
den Sündern und an seiner Liebe zu ihnen achtlos vorbei. Diese
göttliche
Liebe und Weisheit bildet einen Gegensatz zu der sehr menschlichen
Weisheit
der Kirche in betreff der Guten und der Bösen. Martin Luther
wußte
das wohl und hat dieser Erkenntnis in seinem Brief an den
Augustinermönch
Georg Spenlein Ausdruck gegeben: „Hütet euch, daß ihr nicht
jemals nach solch großer Reinigkeit trachtet, darin ihr euch
nicht
ein Sünder scheinen oder gar sein wolltet. Denn Christus wohnet
nur
in Sündern“ (7. 4. 1516).
In dieser
Gedankenreihe ergibt
sich jedoch die abschließende Erkenntnis erst aus folgender
Einsicht:
das Kommen eines Mittlers zwischen Mensch und Gott läßt die
verschiedenen Dogmengebäude, sowie den ganzen Apparat der von den
Kirchen aufgezwungenen Gebräuche überhaupt als unnötig
erscheinen,
indem alle mensch-
299 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE RELIGION JESU
lichen
Versuche durch diese
göttliche
Fügung nunmehr aufgehoben worden sind. Im Mittler findet sich „der
Gegenstand in der Anschauung“ gegeben — „denn in ihm wohnt all die
Fülle
der Gottheit l e i b l i c h“ (Kol. 2, 9) — und dadurch werden mit
einem
Schlag
Wahrnehmung und Begriffe beide inhaltreich, ja, unerschöpflich
inhaltreich.
Fortan genügt es, an den Mittler zu glauben — und das heißt
ihn zu erfassen, ein jeder wie es ihm am besten gelingen will, sei es
mit
dem schlagenden Herzen, sei es mit der sinnenden Seele, und sich fest
an
ihn zu klammern: damit ist Gottes Gegenwart schon erworben und tritt
der
Mensch ohne weiteres in des Vaters Reich ein. Die Gläubigen, die
sich
mit asketischen Übungen und mit allerhand kirchlichen Observanzen
quälen, mahnt Paulus davon abzulassen: „I h
r s e i d g e s t o r b e n und
euer
Leben ist verborgen mit dem Christi in Gott“ (Kol. 3, 3). Mit dem
Glauben
an Christum ist die Erlösung schon vollbracht, und jede weitere
Sorge
bedeutet einen Rückfall in die Verirrungen der menschlichen
Vernunft.
Dies begründet
eine Religion
der Unmittelbarkeit, die gar nichts weiter vom Menschen fordert, als
Liebe
zu dem Erlöser und Glauben an sein Mittleramt. Wir sahen am
Schlusse
des Pauluskapitels, mit welcher glutvollen Inbrunst der „Begründer
der Kirchen, die in Christo sind“ diese allumspannende einzige Wahrheit
erfaßt (S. 223), der auch
unser Luther mit der ihm eigenen
männlichen
Gradheit Ausdruck verleiht: „durch Jesum Christum mußt du an Gott
glauben... da will er sich finden lassen und sonst nicht.“
„I c
h b i n d e r W e g u n
d d i e W a h r h e i t
u n d d a s L e
b e n; n i e m a n d k o m m t
z u m V a t e r
a u ß e r d u r c h m i c h.“
300
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Letzte Änderung
am: 11 Augustus 2005