Hereunder
follows the transcription of chapter 6 of Houston Stewart Chamberlain's
Mensch
und Gott, 5th edition, published by F. Bruckmann, 1939. The first
edition
appeared in 1921.
|
225
VI.
DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU
WIR
WERDEN ALLE NACH UND NACH AUS
EINEM
CHRISTENTUM DES WORTES IMMER MEHR ZU
EINEM
CHRISTENTUM DER GESINNUNG UND DER TAT
KOMMEN. AUS EINER LEHRGEMEINSCHAFT MUSS
IMMER MEHR EINE GESINNUNGSGEMEINSCHAFT,
EINE
TATGEMEINSCHAFT WERDEN.
(G O E T H E)
226
(Leere Seite)
227 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — EINFÜHRUNG
Alles,
was wir Zuverlässiges
über Jesum von Nazareth wissen, entstammt den beiden Quellen, die
wir einer kritischen Betrachtung unterzogen haben — den Evangelien und
den Briefen des Sendboten Paulus. Dieses „Alles“ kann zugleich als sehr
wenig und als weltausfüllend bezeichnet werden: so wenig,
daß
unter den Händen mancher Fachgelehrten kaum etwas
übrigbleibt,
und so viel, daß schon Johannes meinte, wenn man alles „einzeln
beschreiben
wollte, so würde die Welt nicht hinreichen, die Bücher zu
fassen“.
Wir dürfen behaupten, fast alles Hochherzige, Edelmütige,
Erhabene,
was seit zwei Jahrtausenden auf Erden von Menschen vollbracht worden
ist,
leite sich unmittelbar oder mittelbar aus den durch jene Schriften
gegebenen
Anregungen her.
Einzig geartete
Quellenschriften,
denen die gesamte Geschichte der Menschheit nichts an die Seite zu
stellen
wüßte! Was ihre Bedeutung als Zeugnisse über Jesum von
Nazareth — über sein Leben und seine Worte — einschränkt und
uns insofern zur Vorsicht mahnt, das haben wir uns offen und deutlich
und
— wie ich hoffe — mit hinreichender Ausführlichkeit eingestanden;
ich befürchte nicht, daß irgendein denkfähiger und
freier
Mann unseren Ergebnissen widersprechen wird: es liegt ja, wie der Leser
sich überzeugt haben muß, alles klar vor Augen; wir
müssen
nur lernen, die Augen aufzumachen. Man besorge ja nicht, daß
diese
Schriften durch eine derartige Besinnung an Gehalt und Wert verlieren;
vielmehr wird jedermann erfahren, daß sie geläutert und
gleichsam
verjüngt aus ihr hervorgehen. Jene Männer, vielfach in
verworrene
Vorstellungen ihrer Zeit verstrickt, mögen an der Freiheit ihrer
Aufnahmefähigkeit
Einbuße erlitten haben; doch blieb ihre strahlende Wahrhaftigkeit
unbefleckt, und keine Irrung und Wirrung war fähig, das
Göttliche,
das sie einfältig erlebt hatten und von dem sie dann Zeugnis
ablegten,
auszulöschen oder bis zur Unkenntlichkeit zu verunstalten. Weder
der
einzelne Mensch noch die Folge der Menschengeschlechter lernt je an
diesen
Büchern aus, vielmehr nehmen sie mit den Jahrhunderten an Gehalt
zu,
indem jede neue Zeit, kraft ihrer neuen Eigenart, Dinge aufdeckt, an
denen
frühere Zeiten achtlos vorübergegangen waren. Dieses
Unvergängliche,
jeglicher Gegenwart stets gleich Nahe, ist nichts anderes als die reine
Widerspiegelung der Erscheinung Jesu Christi auf Erden: bei den drei
ersten
Evangelisten unmittel-
228 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — EINFÜHRUNG
barer
und naiver, bei Paulus und
Johannes
wurzeltiefer und glutvoller, bei allen aber wahr und rein, bei allen
mit
einem Höchstmaß an unbewußt gestaltender Kraft der
Eingebung.
Völlig anderer
Art war, was
nun folgte, und zwar vom ersten Augenblick an: wollte man den weiteren
Fortgang mit einem einzigen Wort bezeichnen, man dürfte wohl von
einer
zunehmenden E n t f e r n u n g von der Religion
Jesu — von der
Religion
des Vaters und der seines Reiches — reden. Hier haben wir
geschichtliche
Notwendigkeit am Werke zu erblicken — vielleicht gottgewollte,
vielleicht
nur durch menschliche Beschränktheit bedingte; doch, wie dem auch
sei, die Tatsache muß als Tatsache anerkannt werden und kann es
auch,
ohne Verkennung noch Bitterkeit. Keinem der zahlreichen
Reformationsversuche
— deren erster zu Anfang des 5. Jahrhunderts einsetzte — wollte es je
gelingen,
die Unmenge der emporgeschossenen und festgewurzelten Vorstellungen,
die
unseren Heiland uns entfremdeten, von Grund aus auszuroden. So innig
nahe
uns Luther an den ihm in bezug auf religiösen Instinkt und auf
religiöse
Lebensgewalt stark verwandten Paulus wieder heranführte und damit
an den Kern der Lehre Jesu, er blieb in jüdischem Geschichtswahn
und
in hellenistischer Dogmatik rettungslos verstrickt. Außerdem
bildet
die Lehre von der göttlichen Eingebung des buchstäblichen
Wortlautes
der biblischen Schriften, wie sie die Reformatoren des 16. Jahrhunderts
auf die Spitze trieben, und die in dieser Gestalt selbst dem Hieronymus
und dem Augustinus durchaus fremd gewesen war, diese Lehre, sage ich,
welche
die Reformatoren als Bollwerk gegen den zunehmenden Einfluß der
kirchlichen
Überlieferungen errichteten, bildet ein unübersteigliches
Hindernis
für jede unbefangene Befassung mit den Evangelien und den Briefen
Pauli; sie drückt das wahrhaft Göttliche in ihnen
herab durch
Gleichsetzung mit dem sehr menschlich Bedingten, Beschränkten, — und das Endergebnis ist eine
neuerliche
Entfremdung unseres Heilandes. Dem Leser der beiden vorangehenden
Kapitel
brauche ich das nicht erst nachzuweisen.
Werden wir nun bei
unserem
Bestreben,
zu Jesus zurückzufinden, selbst von den hervorragendsten Christen
in einer oder der anderen Beziehung im Stiche gelassen, so drängt
sich uns die Frage auf: wodurch wird dies veranlaßt? Sehen wir
diejenigen
Männer,
229 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
die
ihr ganzes Leben dem einen Ziele
widmen, die Menschen für den Glauben an Christum zu gewinnen, und
die hierfür in den Tod gehen, dennoch ihn uns fernrücken oder
unzugänglich machen, und bemerken wir, daß die ganze Kirche
den nämlichen Weg geht und ihre Vermittelung infolgedessen
zugleich
eine Trennung bedeutet, so liegt — wie vorhin bemerkt — die Vermutung
nahe,
hier walteten geschichtlich oder gedanklich bedingte Notwendigkeiten.
Der
Besinnung darüber, sowie über die Möglichkeit, ein
näheres
Verhältnis zu der Religion Jesu zu gewinnen, soll dieses letzte
Kapitel
gewidmet sein.
*
Betrachten wir gleich
den
ersten
Schritt auf dem Wege zu der menschlichen Umschränkung der
gottgegebenen
Gestalt.
Nach dem
übereinstimmenden
Bericht der drei ersten Evangelien tat der Apostel Petrus diesen ersten
Schritt, indem er, bei Gelegenheit des Aufenthaltes in Caesarea
Philippi,
zum Heiland sprach: „Du bist der
Messias.“ Über die
Aufnahme dieses Wortes durch den also Angeredeten meldet Markus —
derjenige
der Evangelisten, der dem Petrus am nächsten steht — lediglich die
strenge Abweisung: „Und er herrschte sie an, daß sie keinem
Menschen
über ihn als Messias reden sollten“ (nach dem ältesten
Text);
desgleichen lesen wir bei Lukas: „Er aber drohte ihnen und befahl
ihnen,
dieses niemand zu sagen“; wohingegen Matthäus (16, 16 fg.) — Jesum
voll Freude ausrufen läßt: „Selig bist du, Simon Barjona;
denn
Fleisch und Blut hat dir dies nicht geoffenbart, sondern mein Vater in
den Himmeln!“ — worauf dann die Erwähnung der zu gründenden
Ekklesia
geschieht sowie die Verleihung der Schlüsselgewalt an Petrus: das
Ganze, ohne Frage, eine späte Einschiebung von seiten der Kirche,
zu welcher Merx schreibt: „Die geschichtliche Forschung über Jesus
darf sich durch solche Fälschung nicht auf Ewigkeit hin
täuschen
lassen; es muß ein Ende haben“ (Evangelien
3, 320).
Ein vergleichender
Blick auf den
Bericht über den selben Vorfall bei Johannes wird uns über
den
wahren Sachverhalt die Augen öffnen. Erstens erzählt er — was
die anderen nicht tun — die Veranlassung zu der Äußerung des
Petrus: Jesus hatte soeben die Lehre von der göttlichen Gnade in
ihrer
Reinheit und Schärfe vorgetragen
230 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
—
„Niemand kann zu mir kommen, es sei
ihm denn verliehen vom Vater“ — und daraufhin entfernten sich Viele,
die
ihm bisher gefolgt waren „und wandelten nicht mehr mit ihm“. Da fragte
der Heiland die wenigen Zurückgebliebenen: „Wollt ihr nicht auch
fortgehen?“
Worauf Petrus antwortet: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Worte ewigen
Lebens
hast du; und wir haben den Glauben gewonnen und erkannt, daß du
bist
der Heilige Gottes.“ Also nicht der Messias, sondern ein Heiliger,
nicht
ein historischer Held Juda's, sondern eine göttliche Erscheinung!
Der eine Johannes hatte längst die Unmöglichkeit erkannt, die
Erscheinung seines göttlichen Meisters in den engen
künstlichen
Begriff eines Messias der Juden hineinzuzwängen und verbessert
hier
im bewußten, gewollten Gegensatz zu den früheren Evangelien
den Wortlaut des Petrus. Der Kirche aber wollte das gar nicht gefallen,
und obwohl alle die griechischen Haupttexte übereinstimmend „du
bist
der Heilige Gottes“ bringen und der älteste Lateiner
dementsprechend
Tu es sanctus Dei schreibt,
streicht Hieronymus den „Heiligen“ und
setzt
ruhig dafür Tu es Christus
filius Dei ein, Du bist der Messias,
der
Sohn Gottes, und seinem Beispiel folgen beinah Alle —
einschließlich
Luther's — bis auf den heutigen Tag.
Gleich aus diesem
ersten Schritt
gewinnen wir eine Art Inbegriff aller künftigen kirchlichen
Lehrbildung.
Ein kräftiger
Volksmann,
von zartempfindender Seele, doch bestimmt beschränktem Verstande,
einer von jenen Männern, bei denen Goethe uns lehrt, zwischen
Glauben
und Aberglauben nicht scheiden zu wollen, sucht sich eine
übermächtige
Gegenwart deutend einzuverleiben, indem er eine im Volke verbreitete
Vorstellung
heranzieht, welche seinen Bedürfnissen genügt und ihm
Richtung
und Ruhe verschafft; man darf auch sagen: da sein Geisteshorizont durch
das Judentum eingeschränkt wird, tut er nicht Unrecht daran, die
höchste
ihm bekannte Vorstellung — den Begriff eines erwarteten Messias — zur
Erklärung
des unbegreiflichen Wunders, das plötzlich sein Leben
überstrahlt,
herbeizurufen. Nur aber für ihn und seinesgleichen kann diese
Vorstellung
eine gewisse (bedingte) Gültigkeit beanspruchen; sie Anderen
aufzuzwingen,
bedeutet, wohlbetrachtet, eine Ungeheuerlichkeit. Das hat schon
Johannes
— der einzige erhabene Mann unter den unmittelbaren
Jüngern — empfunden
231 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
und
darum dem Petrus angemessenere
Worte
in den Mund gelegt — den wundervollen Spruch: „Du hast Worte ewigen
Lebens!
Du bist ein Gottesheiliger!“ — Nun aber kommt die Kirche und....
Jedoch ich
unterbreche mich, denn
ich glaube den Zwischenruf zu vernehmen: „Du redest von der Kirche; wer
aber und was ist die Kirche?“ Bekanntlich bietet in diesem Falle — wie
in so manchem anderen — eine genaue und allgemeingültige
Begriffsbestimmung
überaus große Schwierigkeiten; doch darf man sich dadurch
nicht
bange machen lassen; man darf ruhig behaupten, ein jeder wisse aus
Erfahrung,
was er sich unter Kirche vorzustellen habe; nur wird die Antwort je
nach
dem Bildungsgrad und der Bildungsart verschieden ausfallen. Ich
würde
etwa sagen: eine Kirche ist die Veranstaltung, eine möglichst
große
Anzahl Menschen dadurch zu einer Einheit zusammenzufassen, daß
ihre
höheren Seelenregungen — ihr Fürchten und ihr Hoffen, ihr
Ahnen
und Träumen, ihr sittliches Streben und das Sehnen nach Oben —
tunlichst
in eine gleiche und gleichgeordnete Vorstellungsreihe gebannt werden,
so
daß alle Glieder jener Einheit in den wesentlichen Punkten
miteinander
genau übereinstimmen. In einer Beziehung gewinnt eine Gesamtheit
durch
dieses Verfahren unleugbar gewaltig an Wert, da die schwächer
Begabten,
an Einbildungskraft Dürftigeren, an Wissen Ärmeren von den
besser
Ausgestatteten mitgetragen und auf eine sittliche Höhe
emporgehoben
werden, die sie, sich selbst überlassen, niemals hätten
erreichen
können: die heilige Gemeinsamkeit, welche zu fordern einen
Wesenszug
aller Religion ausmacht, läßt sich unmöglich
verwirklichen,
wenn nicht irgendeine Art äußerer Zusammenfassung sie
vermittelt.
Die Verdienste des kirchlichen Gedankens um die Menschheit, und
namentlich
die Verdienste der christlichen Kirche, sind unübersehbar
groß;
ein Versuch, sie aufzuzählen, würde sehr weit führen und
ist auch gar nicht nötig, da sie vor Aller Augen offen liegen.
Leider
werden diese Dienste teuer bezahlt! Schon in der bloßen Absicht,
das Seelenleben verschiedengearteter Menschen gleiche Wege zu leiten,
liegt
Gewaltsamkeit, und in je größerem Maßstab die
Vereinheitlichung
gelingt, um so gewaltsamer wirkt diese Suggestivmacht — diese
Einflößung
von Vorstellungen und Überzeugungen — auf das Menscheninnere. Die
Gefahr des Mißbrauches seitens der Führenden liegt so nahe,
daß
232 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
diese
auf die Dauer nicht abgewendet
werden kann: begründet liegt das im Menschenwesen selbst und kehrt
darum mit der Regelmäßigkeit eines Naturgesetzes wieder.
Kaum
hat Paulus Kirchen gegründet, und schon muß er klagen, die
Leiter
der Gemeinden ließen sich „nicht an den gesunden Sprüchen
unseres
Herrn Jesus Christus genügen“, sondern brächten
„Grübeleien
und Wortstreitereien“ hinein, während sich in Wirklichkeit unter
dieser
scheinbaren Sorge um eine verfeinerte Lehre nur die Absicht verberge,
„aus
der Religion eine Erwerbsquelle“ zu schaffen (1. Tim. 6, 3 fg.). Das
Erwerben
wäre das wenigste; weit verhängnisvoller wirkt die
grenzenlose
Herrschsucht der Priester — eine Leidenschaft, welche derartig
anwachsen
kann, daß sie vor keinem Verbrechen zurückscheut. Und
während
die Priesterschaft auf solche Wege gerät, werden die Bekenner zu
gedankenlosen
Ja-ja-Sagern oder zu schamlosen Heuchlern erzogen, und die eigentliche
Religion — als unmittelbarste innere Erfahrung — geht verloren. Kant
urteilt:
„Man tut den meisten Menschen zu viele Ehre an, von ihnen zu sagen: sie
bekennen sich zu dieser oder jener Religion; denn sie kennen und
verlangen
keine; der statutarische Kirchenglaube ist Alles, was sie unter diesem
Worte verstehen“ (Religion, S.
155). So kommt es denn schließlich
dahin, daß diejenige Anstalt, welche Religion retten und bergen
und
befördern soll, sie statt dessen bei unzähligen Menschen
unterdrückt
und gar auslöscht; wie Goethe seinen Pastor auch schreiben
läßt,
„daß die Lehre von Christo nirgends gedrückter war, als in
der
christlichen Kirche“.
Dies wenige möge
für
unseren augenblicklichen Zweck genügen; kehren wir zu Petrus
zurück,
den wir in der Einfalt seines Herzens das Wort reden hörten „Du
bist
der Messias,“ und zu Johannes, dessen große Seele vor der
Unzulässigkeit
dieses Ausspruches zurückbebte, und der darum seinen Mitbruder
sprechen
läßt: „Du hast Worte ewigen Lebens, du bist der Heilige
Gottes.“
Nun aber kommt die
Kirche, die
mit unbeirrbarem Instinkt den Wert des Ausspruches: „Du bist der
Messias“
für die Befestigung ihrer eigenen Grundlegung erkannte und darum
die
Verbesserung des Johannes als störend empfand; und was tut sie?
Sie
streicht einfach den johanneischen Text und ersetzt ihn durch eine mit
den vorangegangenen Evangelien übereinstimmende Aussage;
außerdem
flicht sie in das Evangelium
Matthäi — über dessen Wortlaut
sie
länger
233 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
als
über den der anderen Texte
verfügt
zu haben scheint — das vorhin erwähnte, frei erfundene
Einschiebsel
ein, durch welche kühne Fälschung es ihr gelingt, Jesum
selber
— über dessen Lippen das Wort „Kirche“ niemals gekommen ist — zum
ausdrücklichen Begründer der christlichen Kirche zu stempeln,
und noch dazu einer Kirche mit schlüsselführender
allgewaltiger
Klerisei — ihn, der vor den Priestern immer wieder als vor der
größten
Gefahr für alle Religion warnt (siehe S. 118)!
So verfährt die
Kirche, die
angebliche Hüterin der Heiligen Schrift, sie, die Denjenigen, der
an der unmittelbaren göttlichen Eingebung jedes Wortes des Neuen
Testament
es zweifelt, in den Bann tut: sie selber greift unbedenklich in den
Text
hinein und scheut sich nicht, sogar dem Heiland erfundene
Aussprüche
in den Mund zu legen, auf welche sie dann ihre Zwangslehren und die
beherrschende
Stellung der Priesterschaft gründet! Schon in den vorangehenden
Kapiteln
wurden wir vielfach auf Beispiele aufmerksam — ich erinnere namentlich an den
angeblichen
Taufbefehl des Herrn bei Matthäus
(28, 19) und verweise
außerdem
auf die Seiten 230 fg.
Für uns alle ist
es von
entscheidender
Wichtigkeit, derartige Tatsachen in ihrer Bedeutung zu erfassen; denn
sie
wiederholen sich Schritt für Schritt — wurde doch schon von
ältesten
und besonders heiligen Kirchenvätern die pia fraus, der „fromme
Betrug“,
unverhohlen angeraten. Die gute Absicht bei solch gewaltsamen
Vorgängen
soll nicht angezweifelt werden, noch weniger die kluge Einsicht, die
hierbei
bestimmend wirkte: die Kirche bekundete immer einen geradezu
erstaunlichen
Grad von weltlicher Klugheit und Menschenkenntnis, immer richteten sich
ihre Beschlüsse nach dem Geschmack und den Bedürfnissen der
großen
Mehrzahl der mäßig Begabten; dadurch gewann sie sich die
Welt.
Man kann die Kirche als „Politik gewordene Religion“ bezeichnen. Nun
aber
heißt Politik treiben Macht und Erfolg erstreben: erstrebt jedoch
eine Gemeinschaft, die sich keine weltlichen Ziele steckt, Macht und
Erfolg,
so verwirklicht sich in ihr der reine Begriff aller Politik; hier wird
Politik um der Politik willen getrieben: daraus erkläre ich mir
die
ans Fabelhafte grenzende Sicherheit der Kirche. Es springt nun in die
Augen,
daß eine derartige Richtung von Anfang an von echter Religion
entfernen
und mit der Zeit zu mehr oder weniger voll-
234 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DER
ERSTE SCHRITT ZUR KIRCHE
kommener
Gegensätzlichkeit zu
ihr
führen wird. Und so geschieht es, daß, indem die christliche
Kirche nach und nach ihre Mauern höher und höher
auftürmt,
ein Dach über sie wölbt und ihre Fensterlücken mit
farbigen
Gläsern ausfüllt, sie zwar ein großes
bewunderungswürdiges
Werk vollbringt, das wahrscheinlich auf keinem anderen Wege sich
hätte
vollbringen lassen, ein Werk, dem wir auch Verehrungswürdiges
verdanken,
— daß sie aber zugleich Schritt für Schritt den
V a t e r,
den
Jesus uns als Gott gebracht hat, immer vollständiger aus ihrem
Gebäude
ausschließt, sowie das R e i c h d e
s V a t e r s, welches Jedem in
jedem
Augenblick, ohne andere Vermittelung als den durch Jesum gespendeten
Glauben,
offen steht — Jedem, auch der
Ehebrecherin und dem
sündigen Weibe, ja sogar noch dem Verbrecher am Strafholz (S.
132).
Jesus selber, der uns mit seiner Aufforderung, ihm nachzufolgen und
„sein
sanftes Joch“ auf uns zu nehmen, so innig nahe stand, ist jetzt in
unermeßliche
Fernen gerückt und wird auf Erden durch den Hohenpriester, den
Pontifex maximus, vertreten;
die Kirche ist es, die die Schlüssel zum
Himmelreich
besitzt. Dementsprechend wird jetzt der blinde Glaube an die unfehlbare
Kirche zur Hauptangelegenheit aller Religion. Dies ist nicht bildlich
zu
verstehen, vielmehr bestimmt ausdrücklich der Katechismus, nach
dem
Beschlusse des Konzils von Trient
für die Pfarrer auf Befehl der
Päpste
Pius V. und Clemens XIII. herausgegeben, bei Besprechung des 9.
Artikels
des Apostolischen Glaubensbekenntnisses — „Ich glaube an eine heilige
katholische
Kirche“ — dieser Artikel „sei unter allen am häufigsten dem Volke
einzuschärfen“ (nonus articulus
omnium frequentissime populo
inculcandus
est), — bekennt also ohne weiteres, der Glaube an die Kirche sei
wichtiger
und entscheidender als der Glaube an Gott und als der Glaube an Jesum
Christum!
In den Ausführungen zu dieser Anweisung an die Pfarrer heißt
es denn auch, „nicht ein jeder sei ein Ketzer zu nennen, der im Glauben
irre, sondern einzig derjenige, der die Autorität der Kirche
herabsetze“ ¹).
*
—————
¹)
Ich benutze
die in
Regensburg
1896 mit Genehmigung des Erzbischofs von Bamberg erschienene
vollständige
Ausgabe des Katechismus nach
der authentischen römischen Ausgabe
des
Jahres 1855.
235 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Man beachte vor allem
folgendes:
durch die Tätigkeit der Kirche erfährt der Begriff des
Glaubens
eine tiefgehende Umwandlung. Für die ältesten Christen — wie
für Jesum selber und für Paulus — bedeutete „glauben“ eine
Erhebung
des ganzen Wesens hinauf zu Gott, ein unbedingtes Vertrauen auf seine
Gegenwart
und liebende Hilfe; selbst ihr geschworener Gegner Celsus zeigt sich
stark
beeindruckt durch die Tiefe und Unüberwindlichkeit dieser
Gemütsstimmung,
die allen Christen gemeinsam sei und sie, trotzdem sie in ihren
sonstigen
Auffassungen weit auseinander gingen, zu einer festen Einheit
zusammenknüpfe
(vgl. Origenes: Gegen Celsus,
nach Hatch).
Doch währte
diese Kraft der
Unschuld nicht lange, und bezeichnend ist, was hier zunächst
störend
eingriff. Es war dies die Frage nach der Gottheit Jesu Christi, welche
zugleich eine Anzahl anderer Fragen, die Gottheit betreffend,
unvermeidlich
veranlaßte: war es der
Eine Gott, der zur Erde
herabgestiegen?
sollte man mehrere Götter annehmen? wie war die Menschwerdung zu
denken?
war das Wesen des Heilandes auf Erden als ein zwiefaches anzunehmen —
ein
göttliches und zugleich ein menschliches? und sollte nicht die
göttliche
Seele vor dem Kreuzestod gen Himmel gefahren sein, die menschliche
allein
den Leiden überlassend? oder sollte gar die ganze Erscheinung des
Gottes auf Erden eine Sinnestäuschung gewesen sein und Gott in
Wirklichkeit
den verweslichen Fleischesleib verschmäht haben? Ist Gott — wie
Jesus
es gelehrt hatte — eine Einheit, wie kann er zugleich im Himmel
gethront
und auf Erden gelitten haben? War aber Jesus nur Gott, nicht Mensch,
hat
er nicht wirklich Leben und Leiden mit uns Menschen geteilt, mit
welchem
Recht kann er denn der „zweite Adam“, der „neue himmlische Mensch“
genannt
werden? und büßt er dann nicht einen großen Teil
seiner
Bedeutung — wohl den wesentlichsten — für uns Menschen ein?
Diese Fragen, und
noch hundert
weitere, stellten sich von selbst ein, den Christen zu Qual und Streit,
sobald die Losung „Jesus Christus ist Gott“ allgemein geworden war. Von
den im jüdischen Glauben erzogenen Jüngern ging sie nicht aus
— das haben wir in früheren Kapiteln gesehen; dagegen lag der
Gedanke
der Gottheit Jesu Griechen und Kleinasiaten so nahe, daß er
sozusagen
unvermeidlich sich einstellen mußte. Diese Menschen fanden
allerorten
236 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Göttliches
— jede Quelle belebte
eine Unsterbliche, aus jedem Baum vernahmen sie Stimmen
außermenschlicher
Wesen; dem Leser wird die Episode in Lystra erinnerlich sein, wo die
hellenisch-lykaonische
Bevölkerung ohne weiteres annahm, Barnabas sei Zeus und Paulus
Hermes
(Apostelgeschichte, Kap. 14):
ein Grieche, der die Belehrung über
Jesum als Mittler aufnahm, konnte keinen Augenblick über seine
Gottheit
im Zweifel sein: es handelt sich bei ihm um eine vollkommen naive, aus
uralter Zeit hergebrachte Vorstellung des Göttlichen. Nun aber
knüpfte
die christliche Gottesvorstellung historisch an den Eingott Jahve an,
und
religiös an Christi Lehre vom Vater: daher entstanden neue
Probleme,
sobald auch Jesus Gott genannt werden sollte. Paulus hatte ein feiner
Instinkt
zurückgehalten: er stellte den Mittler dicht, ganz dicht an Gott
heran,
tat aber den letzten Schritt nicht. Sobald dieser getan wurde,
mußten
Jahve und der Vater ins Wanken geraten, und eine neue Gotteslehre, ein
neuer Mythos von unendlicher Verwickeltheit mußte erfunden und
aufgezimmert
werden. Dies wiederum hatte zur Folge, daß Jesu Lehre vom
gegenwärtigen
Himmelreiche, sowie die ganze Weltanschauung, in welche allein eine
solche
Lehre sich einfügen läßt, in den Hintergrund geschoben
und bald ganz und gar vergessen wurde, da die neue Gotteslehre die
Aufmerksamkeit
vollauf in Anspruch nahm, so sehr, daß wir behaupten dürfen,
alle Theologie der ersten Jahrhunderte sei „Gotteslehre“ gewesen und
alle
Dogmenbildung — d. h. jede Aufstellung von Zwangsglaubenssätzen —
habe die Gottheit allein betroffen. Die schönste unter den
frühen
Verteidigungsschriften des Christentums — der Octavius von Minucius
Felix
— erwähnt weder den Namen Jesu Christi noch die Evangelien (siehe
Boissier: La Fin du Paganisme,
1, 280), und als Kaiser Theodosius im
Jahre
380 die Rechtgläubigkeit zum Gesetz erhebt, ist ebenfalls vom
Heiland
nicht die Rede, sondern einzig von „der Gottheit des Vaters und des
Sohnes
und des Heiligen Geistes in gleicher Majestät und
verehrungswürdiger
Dreieinigkeit“; wer diesen Glauben bekennt, „der soll, so befehlen wir,
den Namen eines katholischen Christen führen, die übrigen
aber,
die wir für unsinnig und rasend erklären, sollen den Schimpf
ketzerischer Lehre tragen“ (Krüger: Dreieinigkeit, S. 186).
Die Vorstellung eines
dreieinigen
Gottes wurzelt, wo sie auch
237 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
vorkommt,
in der altindischen Lehre
von
der Trimurti; die Kirche
überkam sie von der griechischen
Geheimwissenschaft
(Gnosis),
und lange Zeit wurden die endlosen Fehden, welche die näheren
Bestimmungen
dieses Glaubenssatzes hervorriefen, fast ausschließlich von
hellenisch
gebildeten Männern geführt: daher die keine Grenzen kennende
Spintisiererei und das Schwelgen in Begriffsbestimmungen und
unfaßbaren
Unterscheidungen: auf den ersten Konzilien stürzten die
Bischöfe
und ihre Anhänger mit Knüppeln übereinander her wegen
eines
Beiwortes oder sonst eines Redeteilchens, und die Bannflüche
flogen
zwischen den ehrwürdigen Vätern hin und wider. Als die
lateinische
Welt die Oberhand gewann, machte sie bald mit ihrem höheren Sinn
für einheitliche Regierungspolitik dem Treiben ein Ende und
erließ
gegen das Jahr 500 das endgültige trinitarische
Glaubensbekenntnis,
welches sie — um ihm Gewicht zu geben — dem heiligen Athanasius
zuschrieb,
und welches noch heute für Protestanten wie für Katholiken
bindende
Geltung beansprucht. Und da lesen wir wie folgt:
„Wer immer selig werden will,
der muß vor allen Dingen den katholischen Glauben halten. Wer den
nicht rein und unbefleckt bewahrt, wird ohne Zweifel in Ewigkeit
verloren
sein.
Dies aber ist der
katholische
Glaube, daß wir den einen Gott in der Dreiheit und die Dreiheit
in
der Einheit verehren und nicht die Personen vermengen noch das Wesen
zertrennen.
Denn eine andere ist die Person des Vaters, eine andere die des Sohnes,
eine andere die des Heiligen Geistes, und doch ist des Vaters und des
Sohnes
und des Heiligen Geistes eine Gottheit, gleiche Herrlichkeit, gleich
ewige
Majestät. Welcherlei der Vater ist, solcherlei ist der Sohn,
solcherlei
auch der Heilige Geist. Ungeschaffen ist der Vater, ungeschaffen der
Sohn,
ungeschaffen der Heilige Geist. Unermeßlich ist der Vater,
unermeßlich
der Sohn, unermeßlich der Heilige Geist. Ewig der Vater, ewig der
Sohn, ewig der Heilige Geist. Und doch nicht drei Ewige, sondern ein
Ewiger,
wie es nicht drei Unerschaffene, auch nicht drei Unermeßliche
sind,
sondern ein Unerschaffener und ein Unermeßlicher. So ist auch der
Vater allmächtig, allmächtig der Sohn, allmächtig der
Heilige
Geist, und sind doch nicht drei Allmächtige, sondern ein
Allmächtiger.
So ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott; und sind
doch nicht drei Götter, sondern
238 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
es
ist ein Gott. So ist der Vater
Herr,
der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr; und sind doch nicht drei Herren,
sondern ist ein Herr. Denn gleichwie wir nach christlicher Wahrheit
eine
jegliche Person für sich als Gott und Herrn bekennen müssen,
so können wir in katholischer Religion nicht von drei Göttern
oder drei Herren reden. Der Vater ist von niemandem gemacht, auch nicht
geschaffen, noch geboren. Der Sohn ist allein vom Vater, nicht gemacht,
auch nicht geschaffen, sondern gezeugt. Der Heilige Geist ist von Vater
und Sohn, nicht gemacht, auch nicht geschaffen, noch gezeugt, sondern
ausgehend.
So ist nun ein Vater, nicht drei Väter, ein Sohn, nicht drei
Söhne,
ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister. Und in dieser Dreiheit
ist nichts früher oder später, nichts größer oder
kleiner; sondern alle drei Personen sind gleichewig und
gleichgroß,
so daß also, wie schon oben gesagt wurde, sowohl die Dreiheit in
der Einheit wie die Einheit in der Dreiheit zu verehren ist. Wer also
selig
werden will, der muß so von der Dreiheit halten.“
Wie fern befinden wir
uns hier
von dem Gott, den Jesus unter dem Namen „Vater“ unseren Herzen so
unmittelbar
traulich erschlossen hatte! „Vater, Dein Reich komme!“ Und wie
unendlich
ferne dem Reiche dieses Vaters, das wie ein Baum, ohne unser Zutun uns
umwölbt und überschirmt, während in seinen Zweigen die
Vöglein
des Himmels nisten und singen (S. 99)!
Verdient das Eine Religion
genannt
zu werden, so muß dem Anderen ein anderer Name zukommen: das Eine
erfaßt das Menschenwesen in seinen Tiefen, empfängliche
Gemüter
völlig umwandelnd, Allen aber Trost im Leide, Kraft in der
Schwäche,
Zuversicht in Verzagtheit spendend, — es fragt nicht nach Sünden,
sondern einzig nach Gesinnung, der Glaube, den es fordert, besteht aus
einer lebendigen Bewegung und ist durchaus kein von schweren Gedanken,
geschweige denn von metaphysischen Erkenntnissen begleiteter Vorgang,
vielmehr
— wie der Apostel Paulus sagt — „mit dem Herzen wird er geglaubt“
(Röm.
10, 9); das Andere stellt ein Erzeugnis schulmäßigen Denkens
dar und ist nach Absicht und Inhalt überhaupt nur bei einem
bestimmten
Bildungsgang zu verstehen, und zwar mit dem Erfolg, daß, je
genauer
die ineinander verschlungenen Behauptungen betrachtet werden, um so
deutlicher
das Ganze als rein formales Luft-
239 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
gespinnst
erkannt wird, aus welchem
kein
eigentlicher Gedanke zu gewinnen ist, weil keinerlei Anschauung
zugrunde
liegt — und „Begriffe ohne Anschauung leer bleiben“ (Kant), — daß
es dem Herzen nichts bietet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Und
dabei
diese grausige Lieblosigkeit: ein Jeder auf ewig von der Seligkeit
ausgeschlossen,
der dieser Vergewaltigung des Hirnes nicht feierlich zustimmt! Der
Heiland
hatte gelehrt, um in das Reich des Vaters zu gelangen, müsse der
Mensch
wieder Kind werden; die Kirche hat es anders gewußt.
Man werfe mir nicht
ein, das gelte
nur von der römischen Kirche; denn, wie schon oben bemerkt,
besitzt
das Athanasianische Glaubensbekenntnis ebenso entscheidende Bedeutung
für
die protestantischen Kirchen ¹). Auch herrscht hier der gleiche
Geist.
Um
sich davon zu überzeugen, schlage man nach in dem großen,
vielgerühmten
Lehrbuch der lutherischen Dogmatik: Christi
Person und Werk, aus der
Mitte
des vorigen Jahrhunderts, von G. Thomasius; man wird die Punkt für
Punkt gleiche Darstellung der Dreieinigkeit finden und am Schlusse die
Bemerkung, wer über die Gottheit Christi nicht ebenso denke, sei
kein
Christ zu nennen. Um übrigens eine Vorstellung von der
Gedankenwelt
zu geben, in welcher solche Männer noch heute leben, will ich aus
den erläuternden „Beweisen“, welche Thomasius gibt, den einen
abschreiben:
„Indem uns der Vater im Sohne, um des Sohnes willen, sein gnädiges
Wohlgefallen zuwendet, unterscheidet er sich selbst von dem Sohne;
indem
uns der Sohn beim Vater vertritt, stellt er sich ihm als ein Anderer
gegenüber;
indem der Heilige Geist Christum in uns verklärt und durch ihn uns
zum Vater führt, distinguiert er sich von beiden. Wir haben also
hier
immanente Akte, reale Unterschiede“ (Abs. 13, S. 69).
Das ist doch nicht
Religion zu
nennen im Sinne Christi; und ich füge hinzu, es ist ebensowenig
Wissenschaft,
sondern ein Spiel mit Worten. Da lobe ich mir den braven römischen
Presbyter
—————
¹)
Für die
orientalische
Kirche
gilt dieses Bekenntnis ebenfalls, mit Ausnahme des einen Doppelwortes
filioque, da die Orientalen
lehren, der Heilige Geist gehe vom Vater allein
aus, nicht auch vom Sohne. Dieses eine Wort hat zur Trennung zwischen
den
beiden großen Kirchen des Ostens und des Westens geführt.
240 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
GOTTHEIT JESU CHRISTI
Hippolyt,
aus dem Anfang des 3.
Jahrhunderts,
der sich die Sache einfach zurechtlegte: „Als es Gott gefiel, geboren
zu
werden, wurde er durch seine Geburt sein eigener Sohn“ (nach Hatch) — bei dieser Weisheit sich zu beruhigen,
finde ich genial. In Wirklichkeit ist alles Reden über Gott
überflüssig,
weil sinnleer: wir sahen im ersten Kapitel, daß die Formen
unseres
Verstandes nicht hinreichen, um irgend etwas über die Gottheit
auszusagen,
und im dritten sahen wir Jesum sich mit der Vorstellung eines Vaters —
„mein Vater, euer Vater“ — begnügen und nur noch in einzelnen
Gleichnissen
die Liebe und Fürsorge dieses Vaters uns nahebringen. Wäre
irgendeiner
imstande gewesen, etwas Wissenswertes und Wissensnotwendiges über
die Gottheit in der Sprache der menschlichen Vernunft uns mitzuteilen,
so wäre Er es gewesen, der Mittler; so aber bleibt es bei dem
neti,
neti der indischen Weisen: Gott ist nicht so, und er ist nicht
so.
Sicherlich
hätte der Heiland dem Worte des frommen Eckehart beigestimmt:
„Schweig
und klaffe nicht von Gott, wande mit dem so du von ihm klaffest, so
lügest
du!“
Demohngeachtet
täten wir
nicht wohl daran, wollten wir über die alten Kirchenväter und
ihre Gedankennöte nur den Stab brechen. Der englische Philosoph
Caird
macht in seinem Buche The Evolution
of Theology (2, 359 fg.) darauf
aufmerksam,
daß namentlich in der ersten Zeit diese Bemühungen um
genauere
Begriffsbestimmungen bezüglich der Gottheit in Wirklichkeit ein
Ringen
nach Verständnis des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott
bedeuten.
Es hatte so einfach geschienen, von Jesus von Nazareth auszusagen, er
sei
Gott — und nun war auf einmal dadurch alles ins Wanken geraten, sowohl
das Gottsein Gottes, als das Menschsein des Menschen: denn das Eine wußten die
Kirchenväter
— und dafür verdienen sie unsere dankbare Bewunderung —‚ sie
wußten,
daß der Heiland — um
Heiland zu sein — Mensch gewesen
sein mußte und daß, stünde dies nicht fest, dem
Christentum
der Lebensatem ausgehen würde. Dieser drohenden Gefahr suchten sie
nun durch die Vermehrfachung des Gottesbegriffes zu steuern, ohne
deswegen
die Einheit Gottes opfern zu müssen. Sobald man das versteht,
lernt
man erkennen, daß diesen verworrenen und scheinbar völlig
nutzlosen
Phantastereien ein religiöses Motiv zugrunde liegt, und zwar ein
äußerst
wichtiges; diese Menschen machten Seelenqualen durch und
241 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
kämpften
einen Heldenkampf, in welchem
sich nicht bloß der heilige Ernst ihres Strebens offenbart,
sondern
auch eine achtunggebietende Begabung und eine vorzügliche Schulung
der logischen Denkkräfte. Zwar wollten sie ein Unmögliches,
doch
war das Ziel dieses Wollens ein Höchstes, das sie um jeden Preis
erreichen
mußten.
*
Um das rechte
Verständnis
zu gewinnen, ist es nötig, eine Tatsache zu beachten, die den
meisten
Laien noch heute unbekannt bleibt, weil die Ergebnisse
wissenschaftlicher
Forschung sich eigentümlich langsam verbreiten: das frühe
Christentum
ist — außerhalb Palästinas — eine Religion des gebildeten
Mittelstandes,
von wo aus es eher nach oben als nach unten sich auszubreiten neigt;
eine
Volksreligion kann es nur in einem sehr bedingten Sinne des Wortes
genannt
werden; überall sind die Bauern die letzten, die sich, und
meistens
nur unter Anwendung von Gewalt, bekehren lassen. Diese Religion
faßte
zunächst einzig in Städten Fuß, vornehmlich in
verkehrsreichen,
mit gemischter Bevölkerung; und zwar bekannten sich zu ihr
Gelehrte,
Ärzte, Beamte, Kaufleute, Philosophen, Leute vom kaiserlichen
Hofe;
es fehlt auch nicht an reichen Christen, deren Leichen, in goldgewirkte
Stoffe gehüllt, die Katakomben noch heute bergen. Die meisten der
frühen Kirchenlehrer sind wohlhabende Männer, manche unter
ihnen
gehören dem Adel an. So hat uns die genauere Erforschung der
Dokumente
und der Inschriften ein ganz anderes Bild der Anfänge der
christlichen
Kirche offenbart, als das überkommene — das, fürchte ich,
noch
heute allgemein gilt — einer Gemeinde der Armen an Geist und an Besitz.
Ich verweise für alles Nähere auf die Reihe der grundlegenden
Werke von Ramsay, sowie auf Harnack's Mission
und Ausbreitung des
Christentums;
außerdem mache ich aufmerksam auf James Orr's: Neglected Factors
in the Study of the Early Progress of Christianity und auf
George
Edmundson's:
The Church in Rome in the First
Century; ferner empfehle ich zwei
etwas
ältere französische Bücher: das bahnbrechende von
Beugnot:
Histoire de la Destruction du
Paganisme en Occident, und Gaston
Boissier's
formvollendetes: La Fin du Paganisme.
242 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
Diese Tatsache ist nun
entscheidend
für die frühe Geschichte der christlichen Kirche: denn
Gebildetsein
hieß g r i e c h i s c h gebildet sein; die
griechische Bildung
hatte
das ganze römische Reich erobert; es gab keine andere Bildung;
auch
in Rom waren alle Lehrer entweder Griechen oder Hellenisten
orientalischen
Ursprungs, allenfalls Römer, die in Athen oder Alexandrien ihren
Studien
obgelegen hatten; die Sprache aller christlichen Gemeinden —
gleichviel,
ob in Gallien, in Rom, in Phrygien oder in Ägypten — ist in der
ersten
Zeit die griechische; sämtliche Schriften, die zu dem Neuen
Testament
vereinigt wurden, sind in griechischer Sprache verfaßt. Wenn also
— wie Professor Ramsay uns versichert (Galater,
S. 201) — noch im 3.
Jahrhundert
das Christentum fast lediglich unter Gebildeten zu finden war, so
ersieht
man daraus, wie viel Zeit diese Richtung gehabt hat, der christlichen
Lehre
ihren Stempel aufzudrücken. Nun war von jeher das Geplänkel
mit
Worten und Begriffen des Griechen höchste Lust — Sokrates ist ein
echter Typus dieser Volksanlage; mit dem Verlust der staatlichen
Unabhängigkeit
gerieten die früheren Grundpfeiler der hellenischen Bildung — die
Leibesübungen und die Musik — in Wegfall; die Wortschwelgerei
blieb
allein übrig. Die sogenannte „Bildung“ bestand aus drei
Fächern:
Logik, Rhetorik und Dialektik —
verdeutscht: Denkkunst, Redekunst,
Wortstreitkunst. Was jene Männer alle liebten, worin sie allein
Fertigkeit
besaßen, war infolgedessen das Aufstellen spitzfindiger
Begriffsbestimmungen
und -unterscheidungen und
endloses
Redescharmützeln,
außerdem Prunkreden zu halten, gleichviel über welchen
Gegenstand,
da es lediglich auf das Wie ankam, nicht auf das Was. Der hellenische
Sinn
für die Form erfährt hier, am Ende seiner Bahn und meistens
schon
in rassefremde Hände geraten, eine traurige Verirrung; für
uns
Heutige bleibt es ein Rätsel, wie gebildete Menschen an derartigen
Erzeugnissen haben Gefallen finden können.
Jedoch wir wollen uns
vor
voreiligen
Urteilen hüten, und namentlich bei solchen geschichtlich unendlich
verwickelten Verhältnissen vor einseitig vereinfachenden Urteilen,
wie sie dem Halbwissenden so leicht unterlaufen, sein Weltbild
fälschend.
Wie Großes haben nicht gerade jene Männer mit ihren
unmöglichen
Dreieinigkeitsformeln geleistet! Durch diese Glaubenssätze gelang
es ihnen,
243 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
von
dem entstehenden Christentum zwei
entgegengesetzte Gefahren abzuwenden, deren jede seinen baldigen
Untergang
würde herbeigeführt haben: die Erstarrung in dem armseligen
jüdischen
Eingottglauben und die Zersplitterung in die grenzenlose Vervielfachung
der hellenischen Götterphantastik. Zwar bekamen wir noch immer
eine
übergroße Ladung an Jahve-Aberglauben mit, welche das Schiff
des Christentums, von der ersten Stunde an bis zum heutigen Tage,
schwer
belastet; doch war durch die neue Gotteslehre dem völligen
Versinken
ins Judentum vorgebeugt; für Jahve bleibt in der Dreieinigkeit
kein
Platz; auch wird er in den Jahrhunderte ausfüllenden Verhandlungen
über das Wesen der Gottheit niemals genannt; er hinkt nur so
nebenher
als ewig fremdes, nicht einzuverleibendes Erbstück. Will der Laie
sich aber eine lebhafte Vorstellung von der zweiten Bedrohung — der
hellenischen
— machen, so schlage er nach in Herder's herrlicher Abhandlung: Von
Gottes
Sohn, der Welt Heiland, nach Johannes Evangelium (Abs. 27 fg.),
wo er
verschiedene
von den vielen Systemen der griechischen Gnosis (Geheimwissenschaft)
anschaulicher
geschildert finden wird als in anderen Büchern. Ein einziges
Beispiel
entnehme ich ihm, und zwar wähle ich dazu das System des
Basilides,
eines alexandrinischen Christen, der als Verfasser der
allerfrühesten
Erläuterungsschrift zu einem neutestamentlichen Buche — eines
Kommentars
zum Evangelium Johannis —
besonderen Ruf genießt:
„Gott, das höchste ungenannte
Wesen; die Materie mit Gott gleich ewig.
Sieben vollkommene
Aeonen,
unmittelbar
aus Gott hervorgebracht; er selbst der achte.
Engel in 365
Ordnungen und
Himmeln,
deren erste Ordnung allein von den vollkommenen Aeonen hervorgebracht
ist,
die andern sich ordnungsweise geschaffen haben. Ihrer aller Vorsteher
ist
ein guter, aber unvollkommener Geist.
Mit diesem guten,
aber
unvollkommenen
Geist in Gemeinschaft baueten Engel aus der ewigen Materie die Welt,
nach
dem Bilde, das ihnen der Aeon „Weisheit“ vorlegte. Sie bildeten den
Menschen
nach dem Bilde des himmlischen Menschen, das ihnen ein Aeon brachte.
Die
Weltschöpfer, die nach
Völkerschaften die Regierung der
244 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
Welt
unter sich geteilt hatten,
verfielen,
und ließen statt des höchsten Gottes sich selbst anbeten.
Insonderheit
stiftete der Judengott viel Unheil.
Dem Elende der
Menschen
abzuhelfen,
kam der eingeborene Sohn Gottes,
der Aeon „reiner Verstand“
auf die Erde, sucht die Herrschaft
der verfallenen Weltregierer,
insonderheit des Judengottes, zu
zerstören, und die
Menschen
durch Erkenntnis des wahren Gottes
und Ablegung der Leidenschaften
glücklich zu machen. Der Judengott
regte die Nation gegen ihn
auf: er ward getötet.
Die reinen Seelen
gelangen wie
Christus, an den Ort hin, wo sie erst gewesen; die unvollkommenen
wandern
bis zur völligen Reinigung in andere Körper.“
Solche gnostische
Lehrgebäude
schossen zu Dutzenden auf — manche von ihnen voll tiefer, geistreicher
Einfälle, und man könnte wenig dagegen einwenden, gäben
sie sich als die freie Gedankenmythenbildung unterrichteter
Männer,
die über Muße verfügen; weit entfernt aber, wollen sie
allen Ernstes der Religion Jesu Christi ein brauchbares Glaubensschema
verschaffen! Man meint, dem Treiben von Wahnsinnigen zuzusehen, und ich
glaube auch wirklich, daß hier eine geistige Erkrankung vorliegt,
zu der Gattung gehörig, die die Irrenärzte als „Monomanie“
bezeichnen
und bei der ein sonst vollkommen gesunder Mensch in Beziehung auf einen
einzigen Gegenstand alles Urteil verloren hat und insofern einem
Irrsinnigen
gleicht. Durch besondere Umstände begünstigt, pflanzte sich
diese
Erkrankung von Gehirn zu Gehirn fort, so daß man zuletzt von
einer
Massenerkrankung reden darf. Hier nun griffen die Kirchenlehrer
energisch
ein: zwar entstammt auch ihre Denkweise der gnostischen Gedankenwelt,
und
man wird — wie schon oben bemerkt — der Dreieinigkeitslehre erst
gerecht,
wenn man sie als eine Erscheinung der griechischen Geheimwissenschaft
erkennen
lernt; aber welche grundsätzliche Vereinfachung führt sie
durch!
und wie fest hält sie die Hauptsache — das Menschtum Jesu Christi
— im Auge! und wie praktisch wirkt die Einführung des
Zwangsglaubens,
durch welchen allein die soeben genannte Krankheit geheilt und das
drohende
Chaos abgewiesen wurde!
Alles Gesagte gilt in
genau dem
gleichen Maße von der Logos-Gotteslehre des Apostels Johannes
(„Im
Anfang war das Wort“ usw.):
245 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
der
Begriff des Logos, seine
Auffassung
als „Emanation“ der Gottheit — alles ist buchstäblich aus der
Gnosis
übernommen. Jene Lehre, welche gänzlich außerhalb der
Dreieinigkeitslehre
liegt, stellt einen parallel laufenden Versuch dar, die Gnosis durch
Gnosis
zu überwinden. Und auch hier, welche sieghafte Vereinfachung und
welche
Betonung des Menschtums Jesu Christi! „Und das Wort ward Fleisch“....
Das ganze Evangelium gilt ja dem einen Ziel, die Menschen
zurückzuführen
zum lebendigen Jesus, der schon damals anfing, unter den Händen
der
Gnostiker sich zu einem abstrakten Gedankenwesen zu verflüchtigen.
Wir wissen, daß
es auch
eine Hauptsorge der Dreieinigkeitslehre war, das vollkommene Menschtum
des Heilandes außer Zweifel zu setzen: dies bildete die
unerläßlichste
Aufgabe der frühen Kirche; nirgends verdient ihr Instinkt für
das Wesentliche mehr Bewunderung: wer den historischen Jesus aufopfert,
richtet das Christentum zugrunde.
Zur genaueren
Einsicht in die
Art der Gedankenführung, welche jener Zeit entsprach, teilte ich
vorhin
die erste Hälfte des Athanasianischen Glaubensbekenntnisses mit;
sie
betraf lediglich die Gottheit; jetzt lasse ich die zweite Hälfte
folgen,
die das Problem der Gottmenschheit zu lösen unternimmt. Dabei
erinnere
ich, daß dieser endgültige Wortlaut des Bekenntnisses erst
nach
Anbruch des lateinischen Zeitalters der Kirche entstand, wodurch
bedeutende
Vereinfachung herbeigeführt und der Verlust mancher zarter
Schattierungen,
die nur in der griechischen Sprache zum Ausdruck gebracht werden
können,
bedingt wird; im Griechischen kann man Vorstellungen schweben und
verschweben
und ineinanderschweben lassen, wogegen im Lateinischen alles sich ehern
und festgemauert gibt.
„Es ist aber weiter notwendig
zum ewigen Heil, daß man auch an die Fleischwerdung unsres Herrn
Jesu Christi treulich glaube. So ist nun der rechte Glaube, daß
wir
glauben und bekennen, daß unser Herr Jesus Christus Gottes Sohn,
Gott und Mensch ist: Gott aus dem Wesen des Vaters vor der Weltzeit
gezeugt
und Mensch aus dem Wesen der Mutter in der Weltzeit geboren.
Vollkommener
Gott, vollkommener Mensch, aus vernünftiger Seele und menschlichem
Leibe bestehend. Gleich dem Vater nach der Gottheit, kleiner als der
Vater
nach der Menschheit. Und wiewohl er Gott und Mensch ist, so sind doch
nicht
246 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DREIEINIGKEIT
UND GOTTMENSCHHEIT
zwei,
sondern es ist ein Christus,
einer
aber nicht zufolge Verwandlung der Gottheit ins Fleisch, sondern
zufolge
Annahme der Menschheit in Gott hinein, durchaus einer, nicht zufolge
Vermengung
des Wesens, sondern zufolge Einheit der Person. Denn gleichwie
vernünftige
Seele und Leib ein Mensch ist, so ist Gott und Mensch ein Christus, der
da gelitten hat um unseres Heiles willen, niedergestiegen zur
Unterwelt,
am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufstieg zu den Himmeln
usw.“
Es bedarf nicht erst
des
Nachweises,
daß kein unbefangen denkender Mensch des heutigen Tages sein
Genüge
an derartigen Begriffskunststücken finden kann; tut er es, so
betrügt
er sich selber; denn wenn man schon unergründliche Geheimnisse
gedanklich
zergliedern will, so muß wenigstens jedes Glied einen
faßbaren
Sinn bergen — was hier nicht der Fall ist. Wenn es unter uns Leute
geben
sollte, welche die Widersprüche und die gedanklichen
Unmöglichkeiten
in einer derartigen Aussage wirklich nicht empfinden, so empfehle ich
ihnen,
in dem Büchlein Friedrich Loofs': Wer war Jesus Christus? die
Seiten
179 und folgende nachzuschlagen und sich von diesem gläubigen
Christen
belehren zu lassen. Schon Augustin hat bemerkt, daß in der
Kirchenlehre
der Begriff „Person“ in zwei Bedeutungen genommen wird, nämlich
anders,
wo von der Dreieinigkeit die Rede ist, als wo von der Menschwerdung
Jesu
Christi gesprochen wird. „Ist wirklich nur die zweite Person der
Trinität
Mensch geworden, so sind die drei Personen offenbar so selbständig
gegeneinander, auch im Wirken nach außen, daß sie als drei
Götter, aber nicht als der eine Gott, sich darstellen.“ Dies ist
gleich
im ersten Augenblick ersichtlich; je tiefer man sich aber in ein
solches
Glaubensbekenntnis versenkt, um so unerträglicher erweisen sich
die
dem Denken zugemuteten Unmöglichkeiten: in Wirklichkeit wird durch
die Lehre von der Menschwerdung der einen göttlichen Person die
Lehre
von der Dreieinigkeit gesprengt; und außerdem erweist sich der
Begriff
eines Wesens, das zu gleicher Zeit Gott und wahrhaftig Mensch sei, als
für den Verstand völlig unfaßbar: man lese nur bei
Loofs
nach. Auch seine Schlußworte sind beherzigenswert; sie wenden
sich
an Frommgläubige, die derartige Erwägungen als pietätlos
und armselig verwerfen: „Hätten diese guten Christen eine
Vorstellung
davon, wieviel unwürdiges Theologengezänk wirksam gewesen
ist,
ehe
247 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
diese
‚Geheimnisse' ihre jetzige
theologische
Form erhielten, sie würden Vernunftgründe gegen diese aus
vielem
Vernünfteln hervorgewachsenen orthodoxen Lehren nicht für
unberechtigt
halten können.“
Daß die
Christen der ersten
Jahrhunderte anders dachten als wir, wollen wir ihnen nicht zum Vorwurf
machen: wir lernten die sie umgebende geistige Welt kennen und
verstehen
es, daß sie zu einem solchen Verfahren greifen mußten und
darin
auch ihr Genüge fanden. Zum letztenmal sei es wiederholt: ihnen
schwebte
ein doppeltes Ziel vor — erstens, ohne Vielgötterei die Gottheit
mehrfach
zu zergliedern; zweitens, es als möglich zu erweisen, daß
Jesus
Gott und zugleich wirklicher Mensch auf Erden gewesen sei. Beides
versuchten
sie durch lauter Verstandesunterscheidungen, d. h. also durch geistige
Akrobatenkunststücke; doch was verficht es? Sie haben die Ziele,
die
ihnen vorschwebten, erreicht — das mag genügen. Schiller lehrt
einmal
Duldsamkeit gegen „abgeschmackte Ideen“; er meint: „eine Idee
könne,
isoliert betrachtet, sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht .... in
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso
abgeschmackt
scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben“ (Bf. an
Körner: v. 1. 12. 88). Diese Worte finde ich auf jene
Männer
anwendbar,
welche
unter Aufgebot inbrünstigen Erforschungsdranges, den christlichen
Mythos mühsam aufbauten.
*
Ehe wir nun daran
gehen, uns
Rechenschaft
zu geben über die Bedeutung dieser Wendung des Christentums zu
zwangsglaubenssätzlichen
Feststellungen betreffs der unergründlichen Geheimnisse der
Gottheit,
und uns die Frage vorlegen, wie wir Heutigen uns dazu stellen wollen, —
müssen wir einen Blick auf eine zweite Entwickelungsreihe werfen,
die gleichlaufend emporwuchs und die ursprüngliche Gemeinde der
einander
gleich zu schätzenden „Heiligen“ zu einer durch Priester regierten
Kirche umschuf. In der Tat, diese zwei Bewegungen gehen Hand in Hand
und
fördern sich gegenseitig: die eine setzt die andere voraus, und
aneinander
wachsen sie in die Höhe. Man beurteile es nur nicht als Zufall,
wenn
der erste wirkliche Papst — Leo I. — Zeitgenosse der Einführung
des
Athanasianischen Glaubensbekenntnisses ist.
248 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
Ursprünglich
handelte es
sich
bei der Bildung der Kirche lediglich um einen freien
Zusammenschluß
Aller, die an Jesum Christum als Mittler zwischen Mensch und Gott
glaubten,
zu gegenseitiger Unterstützung und zu gegenseitigem Schutz, — um
die
Gründung einer Gemeinschaft brüderlicher Liebe in Jesu
Christo.
Ein Rat der Ältesten (Presbyter)
verwaltete die gemeinsamen
Geschäfte,
Boten und Diener (auf griechisch Diakone)
führten seine Weisungen
aus, besuchten die Kranken, sorgten für die Notleidenden; man
schlage
in der Apostelgeschichte (6,
1 fg.) die Erzählung über die
erste
Wahl von Diakonen nach, die „den Tischdienst besorgten“. Sehr bald
stellte
sich in größeren Gemeinden — dem Beispiel römischer
Verwaltungskunst
folgend — die Notwendigkeit eines Oberaufsehers (epi-skopos) ein.
Diesen
verschiedenen Beamten war gemeinsam, daß sie aus der Wahl allem
Gemeindeglieder
hervorgingen, sodann daß sie dienten, nicht befahlen und
daß
sie sich vorzüglich mit praktischen Fragen, nicht etwa mit
Seelsorge
zu befassen beauftragt waren, geschweige denn, daß sie einen
bevorzugten
geistlichen Stand innerhalb der Gemeinde gebildet hätten. Dennoch
gewannen diese von der Gemeinde durch freie Wahl ernannten Führer
bald auch in Glaubensfragen ausschlaggebenden Einfluß; das konnte
nicht ausbleiben — kamen doch die Diakone von einem Haus ins andere,
Rat
und Hilfe bringend, erwählte man doch zu Presbytern, und erst
recht
zu Bischöfen, diejenigen Männer, die die allgemeinste
Verehrung
genossen; und ich setze gleich hinzu, es mußte dieser
Einfluß
den jungen Gemeinden zum Segen gereichen; denn wir wissen aus den
Briefen
Pauli, wie wirr und wüst es dort manchmal zuging, wo weder
Glaubenssätze
noch gottesdienstliche Handlungen nach feststehenden Bestimmungen sich
richteten (2. Kor. 10 fg.).
Entscheidend ist aber, daß der
Begriff
einer besonderen und abgesonderten Priesterschaft den Evangelien und
den
Episteln, sowie auch den Gemeinden noch lange Zeit hindurch unbekannt
bleibt.
Von Stufe zu Stufe entwickelt sich — und wiederum müssen wir sagen
im unmittelbaren Widerspruch zu den Lehren Jesu Christi — der Begriff
eines
vom Laienstand unterschiedenen geistlichen Standes: durch die Arbeiten von Lightfoot und
Anderen ist es uns leicht gemacht, dem Werdegang dieser
verhängnisvollen
Auffassung zu folgen. Der Vereinfachung wegen beschränke ich mich
auf drei Stufen
249 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
dieser
Entwickelung, von denen eine
jede
sich uns in einem berühmten Namen veranschaulichen wird: Ignatius,
Irenäus und Cyprian.
Ignatius, der
Märtyrer, dem
wir in diesem Buche schon mehrfach begegnet sind und der etwa um das
Jahr
110 starb, betont wohl in seinen Briefen wiederholt die hohe Bedeutung
der Bischöfe für den Zusammenhalt der Gemeinden, er tut es
aber
stets in dem Sinne einer an die Gemeindemitglieder gerichteten Bitte,
die
Wichtigkeit der durch den Bischof vertretenen Einheit zu begreifen,
ohne
welche die eben erst geborene Christenheit binnen kurzem gewiß
wieder
in Atome zerstieben werde. „Ebenso wie der Herr nichts ohne den Vater
tat,
ebenso sollt ihr nicht irgend etwas unternehmen ohne den Bischof und
die
Presbyter. Versuche nicht der Einzelne unter euch etwas Rechtes zu
denken,
ohne die Teilnahme der Übrigen: vielmehr lasset es ein gemeinsames
Gebet geben, ein gemeinsames Anrufen, einen gemeinsamen Geist, eine
gemeinsame
Hoffnung in Liebe und in untadelhafter Freude — welche ist Jesus
Christus,
über den nichts geht.“ Aus diesen Worten versteht man genau,
wohinaus
der edle, vielerfahrene Greis will, der sein Leben lang unter den
Spaltungen
der Gemeinden, denen er vorstand, zu leiden gehabt hatte, und man wird
auch den folgenden Worten, die uns zunächst eigentümlich
anmuten,
Verständnis entgegenbringen: „Seid
gehorsam eurem Bischof und
gehorsam
gegeneinander!“ (Brief an die
Magnesier, Abs. 7 u. 13).
Etwa sechzig bis
achtzig Jahre
später — also nach zwei Generationen — hören wir
Irenäus,
den rührigen Bischof von Lyon, die hohe Bedeutung des
bischöflichen
Amtes immer von neuem stark hervorheben, doch ist der Standpunkt
auffallend
verschoben; nicht mehr handelt es sich wie bei Ignatius um den
organischen
Mittelpunkt der Gemeindeverfassung, also gewissermaßen um eine
politische,
jedenfalls aber um eine praktische Angelegenheit, vielmehr liegt jetzt
das Schwergewicht auf den Glaubensfragen. Irenäus lebt zu einer
Zeit,
wo hundert verschiedene Lehren innerhalb des jungen Christentums um die
Vorherrschaft streiten, und da meint er, diejenigen Bischöfe, die
in gerader Linie von den Aposteln abstammen — wie das bei denen von
Rom,
Korinth, Ephesus und Smyrna zutreffe —‚ seien eo ipso die Verwahrer der
echten apostolischen Überlieferung. „Wollt ihr die echte Lehre der
Apostel er-
250 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
fahren,
so fragt bei den
apostolischen
Kirchen an. In der Aufeinanderfolge der Bischöfe, deren erste von
den Aposteln selbst ernannt wurden, besitzt ihr die Gewähr
für
die Fortpflanzung des reinen Glaubens, eine Gewähr, welche kein
vereinzelter
Emporkömmling bietet, der sich aus eigener Machtvollkommenheit zu
lehren erdreistet.“ Wie willkürlich diese Erfindung einer
angeblichen
apostolischen Überlieferung war, das beweist die einfache
Tatsache,
daß die hochwürdigen Herren Bischöfe sich widersprachen
und sich gegenseitig aus der Kirche bannten, sowie daß sie auf
ihren
Versammlungen die einzelnen Punkte der Lehre durch
Mehrheitsbeschlüsse
bestimmten: in der Not aber, in der sich die Kirche befand, diente eine
solche Idee zur Beruhigung und Befestigung.
Jedoch es sollte die
Lehre von
der ausschlaggebenden Bedeutung der Bischofswürde noch einen
großen
Schritt weiter tun, und zwar wiederum ungefähr zwei Geschlechter
später.
Gegen die Mitte des dritten Jahrhunderts blühte der feurige
Afrikaner
Cyprian und drang mit der Lehre durch, der Bischof werde weder aus
praktischen
Rücksichten einheitlicher Verwaltung ernannt, noch ruhe seine
Würde
lediglich auf apostolischer Weihe, vielmehr entstamme seine Gewalt
einem
unumstoßbaren Gesetze Gottes. Der Bischof, so lehrt Cyprian, wird
unmittelbar von Gott ernannt, ist nur Gott verantwortlich und wird
unmittelbar
von Gott erleuchtet. „Ihr sollt wissen, der Bischof ist der Inbegriff
der
Kirche und die Kirche der Inbegriff des Bischofs; folgt Einer seinem
Bischof
nicht, so gehört er nicht mehr der Kirche an, gleichviel was auch
diejenigen sich schmeicheln mögen, die in Unfrieden mit den
Priestern
Gottes sich einbilden, daß sie noch mit Gott heimlich verkehrten.
Die Kirche ist katholisch und eins .... zusammengekittet durch die
miteinander
übereinstimmenden Priester.“ Der Bischof ist weniger als das
krönende
Dach des Kirchengebäudes zu betrachten, denn als dessen
Grundstein;
er ist der einzige und daher nicht zu entbehrende Vermittler der
göttlichen
Gnade (vgl. die Schrift des Cyprian über Die Einheit der Kirche
sowie
viele seiner Briefe, darunter namentlich den an Florentius Pupianus).
Cyprian drang mit
seinen Ansichten
durch, und damit hatte die Auffassung der Kirche als eines
Priesterregimentes
endgültig obgesiegt: das
weitere, nämlich die Zuspitzung
zum Papsttum, konnte nicht ausbleiben und stellte sich von selbst
innerhalb
der folgenden zwei
251 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — DIE
PRIESTERSCHAFT
Jahrhunderte
ein. Desgleichen das
Gesetz
der Ehelosigkeit, wodurch die Priester aus der menschlichen
Gesellschaft
und aus der Naturordnung ausgeschieden und in den
ausschließlichen
Dienst der Kirche gestellt wurden. Zwar pflegte der Apostel Petrus sein
Eheweib auf seinen Missionsreisen mitzuführen, und der Apostel
Paulus
verordnet sogar ausdrücklich, die Bischöfe und Diakonen
sollten
verheiratete Männer sein (1. Tim.
3, 2 u. 12); doch gegen die
Logik
des kirchlichen Priesterwillens vermag ein Apostelwort ebensowenig wie
ein Wort des Heilandes. Die endgültige Besiegelung der
Priestermacht
geschah durch die Durchführung des Zwangsglaubenssatzes von der
Wandlung
(Transsubstantiation), eine
Lehre, dank welcher der geweihte Priester
allein
fähig wurde, „das Zaubermittel der Unsterblichkeit“ (S. 64) zu
bereiten
und zu verabreichen; wer außerhalb der Kirche stand, besaß
er auch alle Tugenden und glaubte er auch inbrünstig an Gott,
durfte
sich nichts anderes erwarten als Höllenfeuer. Selbst die Kirche
hat
mehr als ein Jahrtausend benötigt, um die Menschen zu der Annahme
dieser Ungeheuerlichkeit mürbe zu machen. Zwar trat bald darauf
die
Reformation auf den Plan und setzte gerade an diesen Punkt den Hebel
an;
doch steckte sie selber noch viel zu tief in hellenistischen
Glaubensformeln
und in jüdischem Geschichtsmaterialismus, als daß sie bis
zur
vollen Befreiung hätte durchdringen können, und nur gar zu
bald
blühten „die erzkatholischen Protestanten“ — wie Kant sie nennt —
in der Gestalt unduldsamer lutherischer Geistlichen auf.
Durch diese auf der
ganzen Linie
triumphierende Auffassung von der Kirche als Hüterin einer durch
die
Priester selber aufgestellten Rechtgläubigkeit ward eine der
kostbarsten
Errungenschaften der klassischen Kultur ausgelöscht und
rückgängig
gemacht: wir Menschen fielen wieder unter die Botmäßigkeit
des
„Medizinmannes“, des Priesters — eine Zwingherrschaft der Seele, welche
Griechen
und Römer der Blütezeit überwunden hatten. Diese
Zwingherrschaft
war sogar noch vollkommener organisiert als ihre Vorgängerinnen in
Babylon und in Ägypten, und außerdem ungleich stärker,
dank dem einzigen Schatze an moralischen Werten, den sie von Jesu
Christo
geerbt hatte und zum großen Teil unverstanden in den Evangelien
mit
sich führte.
*
252 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
Jetzt
haben wir, glaube ich,
genügend
Stoff zusammengetragen, um den Einfluß zu beurteilen, den die
kirchliche
Entwickelung des Christentums auf die Religion Jesu, sowie auf die
Auffassung
von Religion überhaupt ausgeübt hat: es kommt bei einer
solchen
Frage weniger auf Ausführlichkeit an als auf richtige, scharfe
Auffassung
der Leitlinien; — wo solche so unzweideutig am Tage liegen wie in
diesem
Falle, braucht man eigentlich nur das sapere
aude (erkühne dich,
weise
zu sein) zu beherzigen, und alles liegt einem klar vor Augen. Zwei
solcher
Leitlinien haben wir durch mehrere Jahrhunderte verfolgt: die eine
betraf
das Allerinnerste, das dem Menschen eingeborene Glaubensbedürfnis,
die andere betraf die äußere Gliederung der menschlichen
Gesellschaft
in bezug auf dieses selbe religiöse Verlangen: ich glaube, der
Leser
wird, auch ohne darauf aufmerksam gemacht worden zu sein, die nahe
Verwandtschaft
zwischen beiden Reihen von Vorgängen bemerkt haben. Die
hellenistischen
Gnostiker, welche die Glaubenssätze über die Gottheit
ausarbeiteten,
gehörten zwar einer anderen Umwelt an als die Afrikaner und
Westeuropäer,
welche später die Macht des Klerus vollendeten, doch hat das
Schicksal
es mit sich gebracht, daß die Griechen den Römern und der
ganzen
romanisierten Welt — die an und für sich unfähig gewesen
wäre,
solche spitzfindige Gedanken auszuklügeln — wunderbar
vorgearbeitet
haben: je unbegreiflicher die Lehre, um so unbestreitbarer die Macht
des
Priesters.
Auf die Gefahr hin,
einige
Wiederholungen
zu begehen, möchte ich einen zusammenfassenden Rückblick
über
unsere Ausführungen werfen: die Deutlichkeit des Erschauten wird
dadurch
gewinnen.
Der erste Versuch,
die
unfaßbare
Erscheinung Jesu von Nazareth in eine schon geläufige Vorstellung
umzugießen und dadurch sich selbst und anderen begreiflich zu
machen,
geschah durch das Tu es Christus
des Heilandjüngers Petrus.
Zweifellos
handelt es sich hier zunächst um den rein naiven Einfall eines
ungestümen
Volksmannes; die Unzulänglichkeit des jüdischen
Messiasbegriffes
mußte sich jedoch bald aufdrängen — außerdem
besaß
dieser Begriff für die Heiden, aus deren Reihen so gut wie alle
Christen
hervorgingen, keine klar vorstellbare Bedeutung, und so sehen wir denn
schon den Apostel Paulus mit fast abenteuerlicher Kühnheit
hellenistische
Vorstellungen heranziehen, um ein neues Messiasideal
253 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
aufzurichten.
Aber auch das
genügte
der Mehrzahl nicht: was der Grieche verehrte, mußte er als
Gottheit
verehren, und so ward denn Jesus Christus nicht allein Sohn Gottes,
sondern
der allmächtige Gott selber. Doch, siehe da! Kaum ward Jesus
Christus
als Gott verehrt, so geriet sein Menschtum ins Schwanken, und damit
begann
für gar viele die historische Persönlichkeit, aus der der
christliche
Glaube entsprungen war, zu verblassen, wenn nicht gar sich in einen
bloßen
Schein aufzulösen: das Christentum stand in Gefahr, zu einem der
vielen metaphysischen Wahngebilde der hellenistischen Gedankenwelt
herabzusinken.
Aus den Schilderungen in den Dogmen- und Kirchengeschichten gewinne ich
den
Eindruck, daß es eine Zeitspanne gegeben hat, in der die
allermeisten
Christen — darunter nicht wenige der edelsten führenden Geister —
ausgesprochene oder unbewußte „Doketisten“ waren: so nannte man
(von
dokein, scheinen) diejenigen
Gläubigen, die das Menschtum Jesu
Christi
in irgendeinem Sinne oder Grade für bloßen Schein hielten.
Denjenigen
Männern, die diese Richtung als tödliche Gefahr für die
christliche Religion erkannten und die sich mit Leidenschaft ihr
entgegenwarfen,
kann man das Verdienst nicht absprechen, das Christentum — und mit ihm
seinen größten Schatz, die Evangelien — vor dem Untergang
gerettet
zu haben. Glimpflich ging es nicht immer zu, man scheute sich nicht,
die
Hilfe heidnischer Kaiser anzurufen, und mancher würdige Mann
mußte
vor grausamer Verfolgung in die Wüste flüchten. Was nun die
Gedanken
und die Glaubenssätze betrifft, so wurde Willkürliches durch
ebenso Willkürliches bekämpft und niedergeschlagen — nur
daß
dieses letztere den Zweck verfolgte, das Menschtum Jesu und sein
geschichtliches
Dasein vor jeder Infragestellung zu schützen. Hierbei mußte
natürlich die unmittelbare Wirkung auf die damalige Gegenwart
bezweckt
werden, was den betreffenden Männern nicht schwer fiel, da sie
selber
die Bildung ihrer Zeit genossen hatten und all ihr Denken dem
hellenistischen
Kulturkreise angehörte.
Wozu noch eine
Erwägung sich
uns aufdrängt: bekanntlich sind alle Glaubenssätze der Kirche
erst als Abwehr gegen „Irrlehren“ entstanden, und daraus folgt,
daß
das, was die Kirche als Irrlehre bezeichnet, stets auf ihre eigene
Lehre
nicht unbedeutenden gestaltenden Einfluß ausgeübt hat; so
wurde
denn auch jetzt hellenistische
254 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — RÜCKBLICK
geheime
Gotteswissenschaft durch
hellenistische
geheime Gotteswissenschaft — in der Gestalt der Dreieinigkeits- und der
Gottmenschheitslehre — überwunden; anders wäre das Ziel gar
nicht
zu erreichen gewesen. Hätte die Kirche ihre menschliche
Beschränktheit
richtiger beurteilt, so hätte sie auch als Lehrmeisterin reinen
Segen
verbreiten können, so aber maßte sie sich göttliche
Würde
an: sie, welche sich nicht
scheute, den
Wortlaut der evangelischen Grundschriften durch Streichungen und
Einschiebungen
ihren Zwecken dienstbar zu machen, sie, welche dem Heiland Worte in den
Mund legt, die er nie gesprochen hat, noch sprechen konnte (vgl. S. 105
fg. und S. 229), sie fordert für den
Wortlaut ihrer eigenen
Entscheidungen
unabänderliche Gültigkeit, und zwar bei Strafe ewiger
Verdammnis:
dieser Versuch, einem vielseitig Bedingten, aus der Not des Augenblicks
Entstandenen, unbedingte, ewige Geltung zuzuweisen und die Menschen
für
alle Zeiten darauf zu verpflichten, bedeutet eine ungeheuerliche
Gewalttat,
sowohl gegen das Menschengemüt, wie auch gegen die geschichtliche
Wahrheit.
Die ganze Gnosis
entsprang — das
haben wir schon oben bemerkt — einer Art geschichtlich bedingter
Zeitkrankheit
und hätte sich auf keinen Fall lange halten können; bald
staunten
alle Menschen über diese wahnsinnig willkürlichen
Gedankengebäude,
von denen wir nunmehr völlig erlöst gewesen wären,
hätte
nicht die Kirche für ihre eigene Gnostik ewige Geltung
beansprucht.
So wandelte sich — als Strafe des priesterlichen Hochmutes — der Segen
zum Fluch. Denn durch die neue Gotteslehre ward der V a t e
r, von
dessen
unmittelbarer Nähe die Menschen zu überzeugen Jesus auf Erden
geweilt hatte, in unerreichbare Fernen gerückt, und nicht er
allein,
sondern mit ihm auch der M i t t l e r, unser
Heiland. Zwischen uns und
Gott
schob der Priester erst die trennenden Zwangsglaubenssätze und
dann
noch sich selbst und seine Priesterkirche. Cyprian faßt die
nunmehrige
Kirchenlehre in wenige Worte zusammen: „Derjenige darf Gott nicht als seinen
Vater anrufen, der nicht die Kirche für seine Mutter anerkennt“
(Einheit
der Kirche, Abs. 6).
*
255 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
Hören wir, was Herder in
seiner
Schrift Vom Geist des Christentums
über das Priestertum sagt: „Das
Staatschristentum wich von dem genetischen Grundgesetz (der Freiheit
und
Gleichheit aller Gläubigen) des alten Christentums bald ab, indem
es nach jüdisch-heidnischer Art, mehr als politisch, Stände
trennete,
Gaben (des Geistes) verbot, Gaben einschränkte. Es trennete Klerus
und Laien; ein Unterschied, den das Urchristentum gar nicht kannte, der
seiner Grundverfassung durchaus entgegen war, ja der seine erste Idee
aufhob:
denn alle Christen sind Auserwählte, ein heiliges Volk, ein
königliches
Priestertum, wo der geringste wie der größeste vor Gott
treten
und ihn lobpreisen sollte. — N a t ü r l i c
h w a r e n m i t d i e s e
m
F e h l t r i t t
a l l e g e g e b e n“ (Ausg. v. Suphan, 20, 89). So
macht denn Herder, wie man
sieht,
die Idee des Priestertums für den Verderb der christlichen
Religion
verantwortlich. Daß ein Mann von so seltener geistiger
Spannweite,
ein Theolog, der das gesamte Fachwissen seiner Zeit beherrschte, vor
allem,
daß das ahnungsvollste Genie, das Deutschland — und vielleicht
die
Menschheit — je besessen, dazu ein überzeugter, glaubensstarker
Christ,
in dieser Weise und mit dieser Bestimmtheit über die Kirche
urteilt,
muß Jedem zu denken geben. Mich mag mancher Laie einseitiger
Darstellung in Verdacht haben, Herder kann er kein derartiges Bedenken
entgegenhalten,
und Herder urteilt: wenn das Christentum heute über Millionen von
Gemütern nicht mehr siegende Kraft besitzt, so liegt die Schuld in
erster Reihe an der Bildung der priesterlichen Kirche — ein so
verhängnisvoller
„Fehltritt“, daß mit ihm schon alle weiteren Fehltritte gegeben
waren
und von selbst daraus erfolgen mußten.
Der Name Herder weckt
unwillkürlich
den seines großen Antipoden, Immanuel Kant. Dieser stellt sich
freilich
in seinem Religionsbuch, außerhalb aller Geschichte, auf den
Standpunkt
der notwendigen Gegebenheiten des Menschengemütes; um so
belangreicher
sind aber seine Bemerkungen, und außerdem schwebt ihm doch immer
das Christentum vor dem Sinn und wird bei jeder Gelegenheit als
Beispiel
herangezogen. Kant gibt nun von dem Begriff des Priesters
überhaupt
folgende Bestimmung: „Pfaffentum ist die usurpierte Herrschaft der
Geistlichkeit
über die Gemüter, dadurch daß sie im
ausschließlichen
Besitz der Gnadenmittel zu
256 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
sein
sich das Ansehen gibt“
(Religion,
4. Stück, allgem. Anm.). In einem Abschnitt des selben Buches, der
den ergötzlichen Titel trägt „Vom Pfaffentum als einem
Regiment
im Afterdienst des guten Prinzips“, weist er nach, daß jegliches
Pfaffentum notwendig zu „einem Fetischdienst“ führt, „welches
allemal
da anzutreffen ist, wo nicht Prinzipien der Sittlichkeit, sondern
statutarische
Gebote, Glaubensregeln und Observanzen die Grundlage und das
Wesentliche
desselben ausmachen .... es mögen der auferlegten Observanzen
noch
so wenig sein, genug, wenn sie für unbedingt notwendig
erklärt
werden, so ist das immer ein Fetischglauben, durch den die Menge
regiert
und durch den Gehorsam unter eine Kirche (nicht unter die Religion)
ihrer
moralischen Freiheit beraubt wird“. Auch dieses Urteil — dessen
ausführliche
Begründung man in dem genannten Werke findet — empfehle ich der
ernstesten
Beachtung meines Lesers, welcher bedenken muß, daß der
große
Weise, nicht minder als Herder, von Hause aus die vollkommene
theologische
Ausbildung erhalten und auf der Predigerkanzel gestanden hatte, ehe er
den Katheder des Philosophen bestieg: er redet hier von Dingen, die er
ausführlich genau kennt.
Bei jedem Satze
Kant's muß
man auf den Wortlaut besonders genau achten, denn die
Eigentümlichkeit
seines Stiles besteht in der Tragweite, die er dem einzelnen Worte zu
erteilen
weiß. So erklärt er in den wenigen Worten des zuerst
angeführten
Satzes: das Wesen der
Geistlichkeit bestehe
in dem Herrschen, und zwar in dem Herrschen über die Gemüter;
darin läge noch kein Tadel ausgesprochen; nun aber kommt das
Bedenkliche:
diese Herrschaft wird durch eine Gewalttat begründet, indem die
Kirche
sich Vorrechte anmaßt, die ihr keineswegs zukommen, und sich „das
Ansehen gibt, im ausschließlichen Besitze“ besonderer, ihr von
Gott
verliehener „Gnadenmittel“ zu stehen. Die Absicht mag noch so gut sein,
ein Element des Betruges — die von den Kirchenvätern empfohlene
pia
fraus — mischt sich hinein, und es ist unmöglich, daß
dies
ohne schwerwiegende Folgen bleibe. Darum heißt es dann, die
Kirche
stehe zwar im Dienste des guten Prinzips — das macht ihre Tugend aus,
zugleich
das Geheimnis ihrer Kraft —; doch kann man nicht umhin, von einem
höheren
Standpunkt aus diesen Dienst als „Afterdienst“ zu bezeichnen, wegen
jener
eingeschlichenen Un-
257 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — HERDER
UND KANT
wahrhaftigkeit,
welche der erreichten
Macht an der Wurzel haftet. Das ist der gleiche „Fehltritt, mit dem
alle
weiteren gegeben waren“, wie Herder es aussprach — nur hier von Kant
näher
bezeichnet. Kant deckt aber noch mehr auf: durch diese vermeintlichen
„Gnadenmittel“
schaffen die Priester an Stelle der reinen Gotteszuversicht, wie Jesus
sie gelehrt hatte, „einen Fetischdienst“, der, im Grunde genommen und
nach
seinem rein sittlichen Wert gemessen, durchaus mit jedem beliebigen
Fetischdienst
urtümlicher Menschen gleichzustellen ist. Hierauf legt Kant
großen
Nachdruck und schreibt „Zwischen dem ganz sinnlichen Wogulitzen, der
die
Tatze von einem Bärenfell sich des Morgens auf sein Haupt legt mit
dem kurzen Gebet: ‚schlag mich nicht tot', bis zum sublimierten
Puritaner
und Independenten in Connecticut ist zwar ein mächtiger Abstand in
der M a n i e r, aber nicht im P r i n z
i p zu glauben... Die
unsichtbare
Macht, welche über das Schicksal der Menschen gebietet, zu ihrem
Vorteil
zu lenken, ist eine Absicht, die sie alle haben; nur wie das anzufangen
sei, darüber denken sie verschieden.“
Daß diese
beiden Männer
— Kant und Herder — die unaufzählbaren Verdienste der Kirche
kennen
und anerkennen, das versteht sich von selbst; ein großer Teil
dieser
Verdienste liegt aber außerhalb der eigentlichen Religion —
nämlich
jener unmittelbaren Erhebung zu Gott, die den Inhalt der Lehre Jesu
ausmacht.
Rein religiös betrachtet, würde ich sagen: weitaus das
größte
Verdienst der Kirche — dasjenige Verdienst, das sie für alle
Zeiten
heiligt — besteht (wie schon früher bemerkt) darin, daß sie
die Evangelien, und damit die Gestalt des Heilandes vor dem Untergang
rettete
und als dauernde Quelle alles Guten im Busen birgt; der schlimmste
ihrer
vielen Fehler besteht darin, daß sie den Mittler — denjenigen,
der
gerufen hatte: „Kommt her zu mir ihr alle!“ — in unermeßbare
Fernen
rückte und sich selbst an seine Stelle, als Vermittlerin aller
Gnaden,
setzte. Hierdurch übte sie Gewalt an den Seelen der Menschen
—
und
das rächt sich früher oder später; ich sage nichts von
der
erschreckenden Gewalt, die sie an Leben und Glück und Gut
Ungezählter
ausübte, — bekanntlich hat Voltaire ausgerechnet, die Kirche habe
mehr Menschen hingeschlachtet, als in sämtlichen Kriegen des
Altertums
gefallen sind, und Kant spricht es offen aus: „Die Geschichte des Christentums
gereicht
ihm, was die wohltätige
258 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MARIENKULT
UND LETZTES GERICHT
Wirkung
betrifft, die man von einer
moralischen
Religion mit Recht erwarten kann, keineswegs zur Empfehlung“ (Religion, S. 195); hier habe ich
jedoch lediglich die Gewissensqualen und die
Seelenmartern
im Sinne, welche die Kirche zu allen Zeiten und in allen ihren Zweigen
verursacht hat, denn diese alle erfolgen mit Notwendigkeit aus dem
„ersten
Fehltritt“, von dem Herder spricht.
*
Wir haben die Art
kennen
gelernt,
wie die Kirche, um verderbliche Irrtümer von sich abzuwenden,
grenzende
Glaubenssätze aufzustellen pflegte, welche zugleich nicht selten
Zugeständnisse
an den Gegner bedeuteten: auf diese Weise erhielt das Judentum seinen
festen
Platz in der christlichen Kirche. Ein Gleiches geschah mit manchem
alten
heidnischen Glaubensstück. Zwei Beispiele zur Veranschaulichung.
Nicht die Syrer
allein, vielmehr
alle Bewohner des Mittelmeerbeckens zollten seit Jahrhunderten —
inmitten
sonst wechselnder religiöser Vorstellungen — dauernde, besondere
Verehrung
der G ö t t i n - M u t t e r, der magna Mater;
von ihr wollten sie
um keinen Preis ablassen. Auch die christlichen Gemeinden verlangten in
Syrien — wie wir in einem
früheren Kapitel
gesehen haben (S. 199) — immer
wieder nach einem bunteren, bewegteren
Himmel,
namentlich aber konnten sie auf die Dauer die magna Mater nicht
entbehren,
sie war ihnen gar zu sehr ans Herz gewachsen; verschiedene Systeme der
christlichen Gnosis versuchten ihr unter einem und dem anderen Namen
einen
Platz in der Nähe Gottes und seines Sohnes zu verschaffen. Dies
hat
die Kirche stets abzuwehren gewußt; doch hat sie es für klug
gehalten nachzugeben, als die Syrer anfingen, von Maria — anstatt als
„Mutter
Jesu“, wie in der frühesten Zeit ausnahmslos geschah — als „Mutter
Gottes“ zu reden. Zwar warnten weise Bischöfe, die magna Mater
erhalte
hierdurch wieder Einlaß, und vergossen ihr Herzblut, um diese
Gefahr
vom Christentum abzuwenden. In der Tat verliert mit dieser neuen
Benennung
Maria die ganze Bedeutung, die ihr die evangelische Erzählung
beilegt,
als Mutter, nicht des Gottes, sondern des Menschen Jesus und als das
Verbindungsglied
zwischen Jesus und der Menschheit. Sie
259 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU — MARIENKULT
UND LETZTES GERICHT
„Mutter
Gottes“ heißen,
widerspricht
dem Glaubenssatz des dreieinigen Gottes. Doch Rom entschied anders;
dieser
Mittelpunkt der Kirche hat niemals das weltliche Interesse aus den
Augen
verloren und stets gewußt, wie stramm der Bogen gespannt werden
darf,
ohne Gefahr zu laufen, daß er zerspringe; in diesem Falle aber
drohte
der Verlust ganzer Völkerschaften. So erfahren wir z. B.,
daß
Sizilien dem Christentum jahrhundertelang verschlossen blieb: dort hatte sich die magna Mater mit
der Isis verschmolzen und wurde in der Gestalt einer das göttliche
Kind säugenden Mutter verehrt. Als nun die Kirche — durch ihre
früheren
Erfahrungen gewitzigt — Missionare hinschickte, welche Maria als Mutter
Gottes mit dem Jesuskind in den Armen in den Vordergrund brachten,
gewann
sie sofort die ganze Bevölkerung Siziliens: „die Heiden
öffneten
Maria, der Gottesmutter, die Tempel, die sie Jesu Christo verschlossen
gehalten hatten, und bekannten sich besiegt“ — handelte es sich doch,
soweit
die guten Leute es verstanden, bloß um geringfügige
Namensänderungen:
Isis sollte fortan Maria und Horus Christus heißen. Le culte de
Marie
balaya devant lui les débris de paganisme qui couvraient encore
l'Europe (siehe Beugnot, Paganisme,
1, 289 und 2, 270).
Ich gehöre
persönlich
zu denen, welche die Schönheit einer würdigen Marienverehrung
empfinden und von ihrer Unersetzbarkeit bei den Menschen gewisser
Rassen
durch Erfahrung überzeugt worden sind. Nur ist es unmöglich
zu
leugnen, daß dieser Vorstellungskreis mit der aus den Evangelien
bekannten Gotteslehre und Weltanschauung Jesu Christi keinen
Berührungspunkt
besitzt und unmittelbar aus den Anschauungen des Heidentums
hervorsprießt.
Ein zweites Beispiel
von dem
Eindringen
unchristlicher Vorstellungen in die christliche Kirche. Es wiederholt
sich
stets von neuem der gleiche Vorgang: auf der einen Seite gibt die
priesterliche
Kirche nach, um Ungläubige zu Jesu Christo hinzuführen, auf
der
anderen zieht sie — um ärgste Mißbräuche abzuwenden —
grenzende
Umrißlinien, aus welchen dann bleibende Glaubenssätze
entstehen.
Die aus der
Kirchenlehre uns
geläufige
Vorstellung eines allgemeinen „Letzten Gerichtes“, bei welchem Gott,
beziehungsweise
Jesus Christus, als Richter waltet und die guten und bösen Taten
jedes
Einzelnen genau gegeneinander abwägt, steht in schreiendem
260 DIE CHRISTLICHE KIRCHE UND DIE RELIGION JESU