Knight with spear. Painting by Rembrandt van Rijn.
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von HOUSTON STEWART CHAMBERLAIN Dritte Auflage —————— 4 Übersetzungsrecht vorbehalten 5 Inhaltsübersicht
6 Parsifal's
Christbescherung,
8 9 Parsifal's Christbescherung — Der arme
Parsifal
war müde. 10 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen Ritter not täten, und er sandte sie dann dahin und dorthin; die Ritter aber kannten keine andere Freude auf der Welt, als dasjenige auszuführen, was ihnen befohlen wurde. Jetzt aber, da der König krank war, dachte er nur noch an seine Schmerzen; er schlief fast nie mehr, und da konnte der liebe Gott nicht im Traume zu ihm sprechen; schlummerte er aber wirklich einmal ein, so bewirkten seine Schmerzen, daß er immer nur von wilden Tieren träumte, die ihm das Fleisch zerrissen. Die Ritter blieben daher ohne Kunde; sie wußten nicht, wo ihre Hilfe not tat; und so gingen sie müßig und unzufrieden umher. Wer müßig und unzufrieden ist, kommt aber bald auf schlechte Gedanken, und so hatte denn auch mancher Ritter die Gralsburg verlassen, seine schöne Rüstung weggeworfen und sich bis zum gemeinen Menschenlos erniedrigt. In der ganzen Welt blieben die guten Menschen ohne Schutz: nicht allein litt Amfortas, der König, an seinen qualvollen Schmerzen, sondern Tausende von Gläubigen schmachteten im Elend. Und das alles, weil Parsifal den Weg zur Gralsburg nicht fand! Du kannst dir also wohl vorstellen, daß Parsifal 11 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen nicht nur müde, sondern auch recht traurig war. Bisweilen erging es ihm wie den armen Rittern: er dachte, Gott habe ihn verlassen, Er liebe ihn nicht mehr und beschütze ihn nicht. Und so gruben sich oftmals tiefe Grabesfurchen in sein edles Antlitz. Doch ganz böse konnte er nicht werden, denn er ging nicht müßig. Alle Tage mußte er gegen neue Feinde kämpfen oder Gastfreundschaft durch Kriegsdienste vergüten; und in der Hitze des Gefechtes empfand er stets von neuem, der Liebe Gott führe seinen Arm und verleihe ihm Kraft. An dem Tage aber, von dem ich dir erzählen will, war er müde und traurig, beinahe hoffnungslos. Den ganzen Tag über war er gewandert und keinem Menschen begegnet; nicht die kleinste Hütte hatte er gesehen. Sein treues Pferd Allat war seine einzige Gesellschaft. Auch war der heilige Speer schwer zu tragen; denn er war sehr, sehr lang, aus hartem Holz und mit einer großen, glänzenden Stahlspitze versehen. Saß Parsifal zu Pferde, so konnte er den Speer auf seinen Fuß stützen; oft mußte er aber in der pfadlosen Irre absteigen, und dann blieb ihm nichts übrig, als den schweren Speer auf die Schul- 12 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen ter zu nehmen. Mit dieser Last mußte er die Felsen erklettern und sich durch das Gebüsch einen Weg bahnen; oft wurden seine Hände von den Dornen arg zerrissen, oft sank er atemlos zu Boden. Das Pferd suchte sich selber seinen Weg, wie es die Tiere tun; den Speer aber konnte es, seiner Länge wegen, nicht tragen. Nun war es Abend geworden, ein kalter Abend. Roß und Reiter hatten mehrere Bergzüge überstiegen, jetzt gelangten sie in eine Ebene. Da die Nacht schnell hereinbrach und Parsifal gern eine menschliche Wohnung erreichen wollte, trieb er sein Pferd an. Das arme Tier war aber so müde und hungrig, daß es nicht mehr schnell laufen konnte, und da gab ihm sein Herr die Sporen, daß das Blut herunterfloß. Parsifal dachte sich hierbei nichts Schlimmes; er wollte nur schnell vorwärts kommen. Er dachte: alle Ritter haben Sporen, warum soll ich keine Sporen haben? und wenn ich schon Sporen habe, weswegen soll ich sie nicht gebrauchen? Außerdem war er, wie gesagt, an diesem Abend sehr schlechter Stimmung und vergaß darüber der Leiden anderer Wesen. Das war allerdings nicht schön von ihm; doch wollen 13 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen wir ihn nicht verurteilen; wahrscheinlich hätten wir ebenso gehandelt; denn wie ich gleich zu Beginn sagte — der arme Parsifal war müde! Nun kamen sie in einen großen Wald. Da drinnen war es schon pechfinstere Nacht; an ein Weitergehen war nicht zu denken. Parsifal stieg ab, suchte eine Stelle aus mit weichem Moose, nahm dem Pferd den Sattel ab, streichelte es, und teilte das einzige Stück Brot, das er hatte, mit dem treuen Tiere; dann legten sie sich dicht aneinander, und er warf seine Decke über sie beide, denn es war sehr kalt. Ist es kalt, so legen sich die Tiere immer dicht aneinander, denn dies ist das allerbeste Wärmemittel; und noch heutzutage kannst du in Ländern, wo die Menschen einfach und mit den Tieren befreundet leben, sehen, daß sie sich bei Kälte zusammen zum Schlafe hinlegen. Parsifal hatte schon manchmal so geschlafen, mit dem Kopfe auf seines Pferdes Lenden; er wußte, daß es ihm niemals durch Ausschlagen oder sonstwie weh tun würde, — und was die Sporen anbelangt, die Tiere sind nicht wie die Menschen: wenn sie Einen lieben, so ertragen sie alles geduldig und sind ihm nie böse. In 14 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen dieser Weise legte sich nun auch heute der arme, müde, einsame Parsifal hin. Er schlief ein. Jedoch, bald war es ihm, als ob das Pferd durch eine Bewegung ihn geweckt hätte; und als er die Augen aufschlug, sah er, wie Allat den Kopf in die Höhe hob und ihn mit seinen großen, schönen Augen anblickte. „Warum, Parsifal!“ — sprach das Pferd — „warum triebst du mir nach einem so langen, ermüdenden Tage die Sporen grausam in die Flanken? Wenn du nur wüßtest, wie weh uns das tut!“ Parsifal antwortete nicht, denn er war stumm vor Erstaunen, das Tier reden zu hören. „Du mußt nicht glauben, daß ich dir darob böse bin“ — fuhr Allat fort — „du bist mein Herr, und dir gehorchen, dir dienen, alles von dir erdulden, ist mein einziger Lebenszweck; wenn du mich nur bis an mein Lebensende bei dir behältst, bin ich glücklich. Aber, lieber Herr, du bist gar so unvernünftig! Wären wir, als wir in die Ebene hinunterkamen, rechts abgebogen, so hätten wir in einem halben Stündchen ein trautes Haus erreicht, umringt von Obstbäumen, wo gute Menschen wohnen; du hättest zu essen und zu trinken bekommen 15 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen und ein gutes Bett zum Schlafen, anstatt hier draußen in der Kälte liegen zu müssen bei leerem Magen; und für mich hätte es herrlichen Hafer gegeben, und ich hätte morgen prächtig laufen können... Du glaubst mir nicht? Ach, weißt du, mit meiner großen Nase habe ich das Haus von ferne gespürt, und daß die Menschen drinnen gut sind, das sagte mir mein Herz; denn ebenso wie wir schärfer wittern als ihr, ebenso erraten wir durch das Herz mehr, als ihr Menschen ahnen könnt. Ja, weißt du, laß mich dir die Wahrheit sagen, da ich mir doch einmal die Freiheit nehme, offen mit dir zu reden. Ihr Menschen erscheint mir trotz eurer großen Vernunft und eurem vielen Lesen und Schreiben und Rechnen doch gewaltig dumm! Nicht nur, daß du heute von jenem Hause nichts merktest, sondern nicht einmal, als ich dir davon sagte, verstandest du mich.“ Parsifal blieb immer noch stumm vor Erstaunen. „Nun ja!“ — sprach Allat weiter — „da, wo wir hätten abbiegen müssen, sagte ich es dir doch; ich sprach so deutlich wie ein Mensch nur sprechen kann... das heißt, verzeih, so deutlich, wie ein Pferd nur sprechen kann: ich wieherte, blickte dich an und warf mit dem Kopfe! Ja, ich bin überzeugt, selbst 16 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen mein Vetter, der Esel, hätte mich gleich begriffen (und außerdem hätte ich es ihm gar nicht zu sagen brauchen, da er gescheit genug gewesen wäre, die Sache selber zu merken!); und du! was tatest du? Wenn ich mich recht entsinne, nanntest du mich „faules Vieh!“ und dann gabst du mir die Sporen!“ — „Ach, verzeih mir, lieber, guter, treuer Freund!“ — sprach endlich Parsifal — „du siehst, die Strafe für meine schlechte Tat trage ich schon, denn Kälte und Hunger plagen mich. Aber vor allem, sage mir, seit wann kannst du denn reden?“ Allat seufzte tief: „Ach, diese Menschen! diese Menschen! da haben wir es gleich wieder! Seit wann ich reden kann? Nun, das versteht sich doch von selbst: seit jeher! Wie sollte ein Tier sein ohne Rede? Nicht ich habe auf einmal reden gelernt, sondern du hast endlich einmal mich verstehen gelernt. Ich weiß, in dummen Märchen erzählt man bisweilen von Tieren, die durch irgendeinen Zauber plötzlich zu reden beginnen; das ist aber nicht wahr; menschlich reden können wir nie; dagegen reden wir immer, ein jedes Tier nach seiner Art; um uns zu verstehen, muß man uns aber l i e b e n, rückhaltlos lieben. In diesem Augenblicke verstehst du mich, weil du, als 17 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen du den Kopf auf meine Seite legtest, mit aufrichtiger Reue deiner Grausamkeit gegen mich gedachtest und mit aufrichtiger Liebe zu mir im Herzen die Augen schlossest. Laß dich aber, Parsifal, von dem Tiere belehren! Du liebst Gottes Geschöpfe nicht rückhaltlos genug; deswegen fandest du noch nicht den Weg zur Gralsburg. Es ist schön von dir, daß du Tag und Nacht an Amfortas, an deine göttliche Aufgabe denkst; wahrhaft weise bist du trotz alledem nicht: denn über das Ferne vergißt du des Nahen, und die Liebe zu dem einen Dulder läßt dich nicht genügend empfinden, daß du alle Geschöpfe Gottes lieben sollst! Ich armes, dummes Pferd, ich weiß den Weg zur Gralsburg, wo Amfortas und seine Ritter in sehnsuchtsvoller Ungeduld deiner harren. Aber bis du von deinen einsamen Gedankenhöhen heruntersteigst und g a n z vertrauensvoll in mein Auge schaust, — bis du dieses Auges Reden verstehst, — das heißt also, bis du mich wahrhaft liebst, kann ich dir den Weg nicht weisen. Du würdest mich doch immer wieder mit deinen Sporen wo anders hin treiben. Armer Mensch! Du staunst, daß du meine Sprache bis heute nicht verstandest, daß du taub warest? Du bist aber 18 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen auch blind; denn Gottes Liebe spricht zu dir aus jedes Tieres Auge, und auch die Blumen alle sind Augen, aus denen immer wieder nur Liebe zu dir redet. Und alles, alles um dich her weiß den Weg, den du suchest, — alles weist ihn dir auch; verstehen kannst du das aber nur durch die L i e b e!“ Das Pferd streckte den Kopf wieder hin. Parsifal dachte bei sich: Der redet ja viel schöner als ich! und wollte gerade wieder einschlafen, als er in unmittelbarer Nähe den Ruf vernahm: „Grüß dich Gott, Parsifal!“ Furcht kannte er nicht; er richtete sich schnell auf, und siehe da! vor ihm standen drei Männer in langen, faltigen Gewändern. Der eine war ein sehr alter Mann mit einem schneeweißen Bart, der ihm bis auf die Füße hinunterhing; der zweite war im kräftigsten Mannesalter und trug einen kurzgestutzten, schwarzen Bart; der dritte schien ein Jüngling. „Wir sind die drei weisen Männer aus dem Osten,“ — hub der Greis an — „man nennt uns wohl auch die heiligen drei Könige. Wie du jetzt nach Amfortas, so suchten auch wir einmal nach etwas, — nämlich nach Weisheit. Wie lange wir gesucht haben, das kannst 19 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen du dir vorstellen, wenn ich dir sage, daß mich die Leidenschaft, weise werden zu wollen, in dem zartesten Jünglingsalter ergriff, und wenn du dann auf meinen Bart hinschaust! Wir hatten bald eingesehen, daß auf der Welt alles wechselt und unbeständig ist, und so richteten sich unsere Blicke hinauf zu den Sternen. Viele Jahre hindurch beobachteten wir die Gestirne und ihre Bewegungen; wir stellten weitläufige Berechnungen an, und wir wurden so weise, daß wir die Sonnenfinsternisse und die Mondfinsternisse voraussehen konnten, und noch vieles mehr. Aber je mehr Dinge wir wußten, desto deutlicher fühlten wir, das alles sei keine Weisheit. Und so beschlossen wir eines Tages, wir wollten nicht mehr nach Weisheit streben, sondern uns mit dem von Gott Gespendeten zufrieden geben. Etwas hatte uns das viele Forschen doch genützt: wir hatten nämlich mit jedem Tage Gottes Welt mehr bewundern und mehr lieben gelernt; dazu ist auch die Wissenschaft da. Diese Liebe sollte uns jetzt genügen. Und siehe da! als wir am Abend jenes Tages unsere Augen wieder zum Himmel emporrichteten, und zwar zum erstenmal ohne etwas beobachten und entdecken zu wollen, da bemerkten wir einen kleinen 20 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen Stern, der sonst nicht am Himmel gewesen war. Nicht ein großes, glänzendes Gestirn war es, das aller Welt gleich in die Augen gefallen wäre und im ganzen Lande Aufsehen erregt hätte; nein, ein kleiner, unauffälliger Stern, den nur solche bemerken konnten, die eine genaue Kenntnis des Himmels besaßen. Und dieser Stern bewegte sich zwischen den andern durch! Schnell entschlossen folgten wir ihm. Denn wir fühlten es: jetzt, wo wir aufgehört hatten, in dreister Selbstüberhebung Gottes Wege erforschen zu wollen, jetzt führe uns Gott selber. Nicht der geringste Zweifel schlich sich in unser Herz; unser vermeintliches Wissen war gedemütigt; wir sahen den Stern und folgten ihm, denn an Gottes Führung g l a u b t e n wir. Und wahrlich, Gott führte uns wunderbare Wege! Er führte uns dorthin, wo der göttliche Heiland in der Krippe lag, ein kleines Kind... die göttliche Weisheit selbst durften wir in den eigenen Armen halten!! Darum wohl nannte man uns Könige und auch heilig. Du, Parsifal, du suchst die Gralsburg, den siechen König Amfortas. Du suchst aber nicht richtig, denn du vermeinst, du selber könntest den Weg finden, und das kannst du nie und nimmer. Dein gutes Pferd hat recht: 21 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen jedes Tier vermag das eher als du; und ebensogut wie uns der Stern nach Bethlehem führte, kann dich dein Pferd zu Amfortas leiten. Vorerst mußt du aber müßiges Wähnen und Wollen ablegen und kindlich g l a u b e n lernen. Ohne Liebe kannst du die Sprache des Pferdes nicht verstehen; den Entschluß, ihm zu folgen, kann nur der Glaube bewirken.“ Parsifal wußte, daß es nicht schicklich ist, einem würdigen, alten Mann ins Wort zu fallen; er hätte ihn gar so gern über vieles ausgefragt! Doch der Greis, als er ausgesprochen hatte, grüßte und entfernte sich. Mit ihm zog sich auch der zweite Weise zurück; der Jüngling aber blieb und ließ sich auf die Kniee nieder, unmittelbar neben Parsifal. Schön war er, und seine Augen so wunderbar, man hätte sie den ganzen Tag anschauen mögen. Große Augen, tief wie ein Gebirgssee, und wie dieser durchsichtig; etwas von der Einsamkeit des Gebirgssees hatten sie, dafür aber auch die klare Luft, den Sonnenschein, und ringsherum die trauten Blumen, die sich im reinen Wasser wie schöne Gedanken widerspiegeln. Parsifal war bezaubert. „Du bist wohl in meinem Alter?“ sprach Parsifal. 22 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen „Ich?“ erwiderte lächelnd der Fremdling, „ach nein! Es ist nur mein Gesichtsausdruck, der so täuscht. Überlege dir's noch einmal!“ „Ja, ich weiß wirklich nicht. Jetzt, wenn ich dich genauer ansehe, merke ich wohl, daß du kein Jüngling bist. Deine Augen sind es, die so frisch und froh aussehen, so voller Hoffnung... „Da hast du es gleich getroffen!“ unterbrach der andere. „Ich bin in Wirklichkeit genau so alt wie der Greis, der vorhin zu dir sprach. Als wir aber in Bethlehem den himmlischen Heiland in unsere Arme schließen durften, da wurde in einem jeden von uns diejenige fromme Anlage, die schon im Keime vorgebildet lag und ihn bis dahin geführt hatte, durch diese göttliche Berührung grenzenlos gesteigert. Der Weise, der vorhin mit dir redete, der hatte sich immer — auch wo er irrte — von der Liebe leiten lassen; aus Liebe strebte er nach Weisheit, und in Liebesbegeisterung entsagte er dem Wissen und war er dem Sterne gefolgt; darum nahmen auch später seine Jahre immer zu, denn je älter der Mensch wird, desto vollständiger erfaßt er das Wesen der Liebe und ersieht er, daß die Liebe Anfang und Ende aller Dinge, Grundlage und Krone von Gottes Welt ist. 23 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen Sprach er jetzt zu dir vom Glauben, so geschah das wieder aus Liebe; er wußte, was dir not tat, und er wußte, daß der dritte in unserem Bunde, der tatenmutige Glaubensheld — der seiner Zeit schwer zu bewegen war, unsere Weisheitsforschungen aufzugeben, der aber später auf der langen Reise unter des Sternes Führung unsere ermattenden Kräfte immer wieder aufrichtete, ja, der uns bisweilen auf seinen Schultern trug — er wußte, daß dieser nicht gern redet. Deswegen sprach der Alte in seinem Sinne. Wie du sahest, besitzt dieser schweigsame Genosse noch immer die Kraft des besten Mannesalters. Ich, mein Freund, ich kann mich mit jenen beiden nicht messen; jedoch gab der liebe Gott mir durch die Umarmung seines Sohnes, daß das Schöne und Gute und Edle seiner Welt sich immerwährend in meiner Seele widerspiegelt. Darum sehe ich so jung aus; denn Gottes Welt ist ewig jung. Und so vermag auch ich mein göttliches Amt zu erfüllen und manchem Trostbedürftigen zu helfen; denn Manchem werden durch vieles Leiden die Augen so trübe, daß er das Schöne und Gute und Edle überhaupt nicht mehr in der Welt zu erblicken vermag; und da kniee ich neben ihm hin, während er schläft, 24 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen träumend schaut er in meine klaren Augen und erfährt, was H o f f n u n g ist. Nichts, teurer Parsifal, ist so schwer, als zu sagen, was Hoffnung sei; und dennoch sei versichert, daß, wenn auch die L i e b e dir die Augen öffnet, und der G l a u b e dein Herz zum Entschlusse stärkt, du dennoch ohne die H o f f n u n g niemals die Gralsburg wirst erreichen können. Ohne Hoffnung — wirst du unterwegs alt werden, und wenn du dann endlich die Burg in der Entfernung erblickst, wie sie über die Berge dir zuwinkt, doch ja zu eilen mit der so lange vergeblich erwarteten Hilfe, da wirst du sterben! Hoffnung ist die wahre Ergebung in Gottes Willen, das heißt, die frohe, heitere, dankbare Ergebung. Deine Mutter starb, du hast keine Freunde; aber ist das gute Pferd hier nicht ein treuester Freund? Und die ganze Welt ist so schön und so voll guter Freunde! Denke doch aller derer, die deiner in der Gralsburg warten — die Lieben, Edlen, Guten! Also frisch und froh und Gott vertrauend mache dich auf — nach der Gralsburg!“ Diese letzten Worte hatte er so laut gesprochen, daß Parsifal auf die Füße sprang und somit aus seinem Traum aufwachte. Es war noch früh am Morgen; klar 25 Parsifal's
Christbescherung, ein Weihnachtsmärchen leuchteten die Sterne am Himmel; der ganze Boden war mit frischem Schnee bedeckt. Durch das große Schweigen hörte Parsifal, leise aber vollkommen deutlich, den Chor der Engel — weit, weit oben im Himmel: „Euch ist heute der Heiland geboren! Ehre sei Gott in der Höhe! und Friede auf Erden den Menschen!“ Da wußte Parsifal, es sei Weihnachten; ergriffen fiel er auf die Kniee und dankte Gott für das, was er ihm in dieser Nacht geschenkt: Liebe, Glaube, Hoffnung! Bald darauf, um Ostern, kam er in der Gralsburg an. 26 Parsifal's
Gebet, 28 29 Parsifal's Gebet — Es war der Abend jenes Karfreitags, an welchem Parsifal in der Gralsburg ankam und durch die Berührung mit dem heiligen Speere Amfortas' furchtbare Wunde heilte. Der letzte Knappe hatte mit tiefer Verneigung das Schlafgemach verlassen. Als König befand sich Parsifal zum ersten Mal allein. Müde war er sehr; wohl ebenso müde wie an jenem Weihnachtsabend, von welchem ich dir erzählte; denn was hatte sich alles im Verlaufe dieses einen kurzen Tages zugetragen! Doch es war eine andere Müdigkeit; damals sah es so leer in seinem Herzen aus, als ob die körperliche Anstrengung auch seine Seele ausgesogen hätte; trübe, matt, entmutigt hatte er sich neben seinem Pferde hingestreckt; jetzt waren Herz und Seele übervoll; sie fühlten sich ohnmächtig, sie zu fassen, diese Flut von übermächtigen Eindrücken. Ihm schien es, als sei sein ganzes vorangegangenes Leben nur die Vorbereitung zu diesem einen Tage gewesen, als flösse der 30 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen kostbare Segen aus seinem Herzen über und durchströme seinen ganzen Körper; er glaubte sich zu einer Riesengestalt umgewandelt und zugleich so himmelstrebend leicht, als solle er sich bald auf Schwingen von der Erde erheben! Er betastete sich am ganzen Körper und griff sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Ja! er war es doch, Parsifal, der schlichte, schwache Mensch, der Tor! Gottes Gnade allein hatte ihn groß gemacht; mächtig drängte sich ihm dieses Bewußtsein auf; überwältigt sank er an seinem königlichen Bette in die Kniee. Sind des Menschen Empfindungen und Gedanken auf Gott gerichtet, so reden wir von „Gebet“. Oftmals aber geschieht es, daß, wenn einer mit tiefer Inbrunst sich ins Gebet versenkt, Gott die Gedanken und Empfindungen erfaßt und sie dorthin lenkt, wohin sie zu lenken es seiner Weisheit gefällt. So mag es Parsifal wohl jetzt ergangen sein. Als hätte er durch die Augen eines anderen geschaut, so sah er sich selber am frühen Morgen dieses Tages; neben ihm lag der vor wenigen Augenblicken verschiedene Allat, und in einiger Entfernung, über dichtbewaldete Abhänge hinweg, blitzten die Zinnen der Gralsburg in 31 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen den ersten Strahlen der soeben über den Horizont aufsteigenden Sonne. Noch bei Sternenschein war er, treu seiner Gepflogenheit, von der Nachtraststätte aufgebrochen. Eine eigentümliche Erregung schien sich Allats, seines treuen Rosses, bemächtigt zu haben. Kaum vermochte Parsifal es zu bändigen, so stürzte es bergauf, bergab; dabei verschmähte es sowohl Futter wie Trank, und wenn Parsifal seinen Willen durchsetzen und es mit Gewalt zurückhalten wollte, wieherte es mit so eigentümlicher, herzergreifender Stimme, daß er jenes Traumes gedenken mußte, in welchem Allat zu ihm geredet hatte, worauf er, ehrfurchtsscheu, die Zügel wieder hängen ließ. So kam es, daß sie noch vor Sonnenaufgang einen weiten Weg zurückgelegt hatten. Und da, plötzlich, nach Überwindung eines langen und furchtbar steilen Abhanges, den Allat in ununterbrochenem Trabe erklommen hatte, da lag die jahrelang gesuchte, die heilige Burg vor ihnen! Parsifal war gleich vom Pferde gesprungen; er kniete in dem frischen Tau der Wiese nieder und, die Hände zum Himmel emporgehoben, die Augen aber unverwandt auf die Gralsburg gerichtet, dankte er Gott aus vollem Herzen. Kaum konnte er sich 32 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen von dem so lange, so heiß ersehnten Anblick trennen; dann aber sprang er frohlockend auf die Füße und wandte sich um, Allat zu rufen. Aber wehe! was sah er? Das treue Tier lag auf dem Boden ausgestreckt und keuchte und kämpfte um Atem. Schnell eilte er hinzu, hob ihm den Sattel ab und löste den Zaum... Doch schon verschied der gute, liebe Allat mit einem letzten, schier menschlichen Seufzer. Parsifal faßte den Kopf des Pferdes in seinen Armen, hob ihn in die Höhe und küßte ihn und weinte, und mit der Verzweiflung eines Kindes rief er dem Genossen seiner schweren Wanderjahre immer wieder zu: „Allat, Allat! stirb nicht, ach, stirb nicht! Verlass' mich nicht! Du bist mein bester, mein treuester Freund; aus der Burg dort stießen mich die Menschen hinaus, du aber hast mich wieder hingeführt! M u ß einer von uns dem Tode zum Opfer fallen, so sei ich es, nicht du! Höre mich, Allat, erhebe dich! ich binde den heiligen Speer an dem Sattel fest, du trägst ihn hin; ich aber lege mich hier nieder und sterbe...“ Da aber gewahrte er in dem Auge des edlen Rosses den Blick des Todes, jenen selben Blick, der ihn schon einmal so gewaltig ergriffen hatte. Nicht weit von dieser Stelle hatte Par- 33 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen sifal, als er das erste Mal das Gralsgebiet betrat, wo alle Tiere dem Menschen heilig sind, den Schwan erlegt. Als er dessen gedachte und nun wieder, unwillkürlich, den gebrochenen Blick des Allat betrachtete, da ging in Parsifals Bewußtsein eine jener Umwälzungen vor sich, aus welcher ein neuer Mensch entsteht, dem die ganze Welt fortan in einem anderen Lichte erscheint. Daß sein Eintritt in das heiligste Gebiet des Friedens und der allgemeinen Liebe immer mit dem Tode eines unschuldigen Tieres erkauft werden mußte,... er empfand, hier bekunde sich nicht Zufall, vielmehr walte eine unsichtbare Macht; sein eigenes Dasein erschien ihm beinahe als Sünde; ihm war es, als trüge er die Last einer Schuld, die weit über sein enges Leben hinausreiche, als sei aller Schmerz und aller Tod sein Werk. Mit bestimmender Gewalt empfand er, kein Leiden auf der Welt gebe es, für das er nicht mit verantwortlich sei. Tief gebeugt stand er auf und langsam schritt er den Berg hinab, in den Wald. Parsifal war ein ernster Mensch. Er verstand es nicht, mit dem einen Auge zu weinen und mit dem anderen zu lachen. Darum freute ihn der strahlende Morgen nicht mehr. Seine schwarze Rüstung erschien ihm jetzt wie 34 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen ein Trauergewand für den toten Allat. In seinen Kummer versenkt, schritt er dahin; er gedachte nicht einmal mehr der Gralsburg. So teuer hatte er das Glück erkaufen müssen! Daß Keiner seine Tränen sähe, schloß er das Visier. Aus diesem düsteren Nachsinnen hatte ihn des Gurnemanzen Stimme geweckt. Doch nicht auf einmal; so verwirrt war sein Sinn, daß er zuerst nicht wußte, wo er stand; auch dünkte ihm der fromme Ritter mächtig gealtert und alles um ihn herum seit seinem früheren Aufenthalt auf Grals Gebiet so verändert, daß er sich fragte, ob er nicht träume, oder ob er selber, tief umgewandelt, das Altbekannte nicht mehr zu erkennen vermöge. Als aber Gurnemanz ihm kündete, heute sei der Tag, an dem der Heiland starb, da kehrte ihm das volle Bewußtsein wieder. Was der Tod bedeute, das hatte er soeben wieder an einem armen Tiere gesehen; nun erschaute er über die Berge und die Wasser und über die Jahrhunderte hinweg den gebrochenen Blick von Gottes eigenem Sohne, den die Menschen an das Kreuz geschlagen! Ach, welchen Blick! Da wurde er sich seines hohen Lebensamtes wieder bewußt. Den Lanzenspeer, 35 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen der das heiligste Blut vergossen, er hielt ihn in der Hand: durch Gottes Gnade durfte er ihn halten. Voll Demut und Dankbarkeit kniete er vor der geweihten Waffe nieder; sollte er nicht hoffen, daß, wenn selbst dieser verbrecherische Stahl durch die Berührung des göttlichen Blutes auf ewig geheiligt war, auch sein sündenbelastetes Haupt durch die Berührung mit jenem Blicke des Gekreuzigten Erlösung finden werde? Er betete nicht den Speer an, das glaube nicht; aber im Staube hingestreckt, schaute er hinauf zu dessen Spitze; er sah den Heiland am Holze hängen und das heilige Blut sah er an der Lanze herunterfließen... Daß er diese gerade am Karfreitag, am Gedenktage ihrer entsetzlichen Tat, in die Gralsburg zurückführen durfte, das war gewißlich auch kein Zufall. Überall waltete jene unsichtbare Macht. Beruhigt, gestärkt, nunmehr zu voller Mannesreife gelangt, mit einem Glauben, fester als Felsen es sind, war er aufgestanden und hatte er dem edlen Gurnemanz die Hand gereicht. Und nun sah er auch alles wieder, was in so schneller Folge geschehen war: die Fußwaschung, die Salbung, die Erfüllung seines ersten königlich-priesterlichen Amtes 36 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen an der unglücklichen Kundry, den Eintritt in die Gralsburg, die Heilung des Amfortas... Einsam an seinem Bette knieend, fragte er sich jetzt, wie er das alles wohl vollbracht haben mochte? Er, den alle Welt den Toren nannte? Nicht einmal, daß Könige gesalbt werden, hatte er gewußt! Eins war dem anderen gefolgt, als wüchse es daraus hervor, wie der Stamm aus seiner Wurzel; er hatte ebensowenig Bewußtsein gehabt von dem, was folgen werde, wie der Stamm von dem Blatte, das er zu tragen bestimmt ist; ebenso unfehlbar jedoch war stets das Richtige geschehen. Nie, dessen entsann er sich bestimmt, waren ihm Zweifel gekommen, wie er handeln sollte, noch hatte er es sich hin und her überlegt; mit sicherer Bestimmtheit und mit dem Bewußtsein einer Notwendigkeit, die kein weiteres Denken zuließ, war er von einer Tat zur nächsten geschritten. Und nun war das Werk vollbracht! Tief neigte er sein Haupt im Dankgebete. Da hörte er wieder den herrlichen Gesang im Gralstempel. Warum war er heute so viel schöner noch als das erste Mal? so viel ergreifender? Jetzt verstand er, daß das von den Leiden der Ritterschaft herrührte, je 37 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen größer ihre Schmerzen, desto schöner ihr Gesang; Gottes Güte wurde hierdurch auch in den Leiden, die seine Allweisheit über die Menschen verhängt, deutlich wahrnehmbar. Heute war freilich den Rittern das höchste Heil gekommen; doch gerade dieser Gesang ließ Parsifal ahnend empfinden, was sein Verstand nicht zu fassen vermochte: daß des Menschen Glück des selben Wesens wie sein Leid sei; die Wonne der Erlösung war nicht ein Aufheben der Schmerzen, sondern ihre Heiligsprechung, ihre Erfüllung. Immer höher und höher stieg in dem göttlichen Gesange die Seele der Ersterbenden. Parsifal, das heilige Weihgefäß in den Händen, fühlte, wie diese Töne ihn von der Erde und von aller Beschränktheit des irdischen Daseins erlösten, und wie er auf ihren Schwingen himmelwärts schwebte. Und als er die Augen unverwandt nach oben richtete, da gewahrte er eine Taube, die sich vom Himmel zu ihm hinabsenkte! Ihm war es, als zöge sein eigener Blick mit der Gewalt der Sehnsucht diesen Boten Gottes zu sich hinunter. Immer tiefer stieg die Taube, immer mehr sank der Gesang aus den höchsten Höhen des Tempels hinunter, wurde nach und 38 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen nach leiser, verstummte zuletzt. Der Gral erglühte nicht mehr. Alles blieb auf den Knieen hingestreckt. Als Parsifal die geweihte Schale wieder hinstellte, da gewahrte er die ihm von Weihnachten her so wohlbekannten drei Weisen aus dem Osten. Dicht an dem heiligen Tische knieten sie und blickten ihn fromm und freundlich an. Der jüngere trat feierlich auf ihn zu und sprach: „Sieh, Parsifal, wohin die Hoffnung dich geführt hat! Du bedarfst ihrer aber jetzt mehr denn je. Denn keine Erfüllung — auch nicht die höchste, wie diese — ist die Blüte, die des Menschen Traum sich malte, sondern sie ist ein neuer S a m e, und jenes Hoffen war schon, unbewußt, die wahre Blume, der Same aber kommt wieder in die dunkle Erde hinab und muß nun, durch neue Triebe, von neuem zum Licht empor zu wachsen streben. Gott ist eben nicht bloß größer, stärker, weiser... als wir Menschen, sondern er ist a n d e r e r Art, und darum ist die Hoffnung des reifen Mannes, ja, sogar die des Greises genau ebenso wahnvoll wie die des Jünglings. Die Hoffnung ist ein Gebet, sie steigt zum Himmel, solange die Blume duftet; Gestalt aber muß sie haben, 39 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen sonst wäre sie das Nichts; die E r f ü l l u n g der Hoffnung ist aber, immer und überall, auch wo sie in der strengen Gestalt grausamer Härte, unerbittlicher Weigerung auftritt, das Göttliche. Gottes Hand ist überall, und der Tod deines treuen Allat, der dich fast an Gott verzweifeln ließ, war auch eine Erfüllung. Fassen kannst du das nicht, gedenke aber dessen stets; denn nun — als König — wirst du alle Morgen mit kühnen, dein Volk begeisternden Hoffnungen dich erheben müssen, und alle Abende wird Gottes herber Segen der unerfüllenden Erfüllungen auf dein gekröntes Haupt sich senken.“ Mit einem tiefen Blicke aus seinen schönen Augen trat der heilige Mann zurück. Parsifal war bei diesem Blicke zumute, als müßte sein Herz bersten; er wußte nicht, ob vor Wonne oder vor Wehe. Jetzt neigte sich an sein Ohr der kräftige Glaubensheld, der kein Freund vielen Redens war und bei ihrer früheren Begegnung geschwiegen hatte. „Schon wie du das erste Mal hier warst, Parsifal, hörtest du den Gesang — Der Glaube lebt, die Taube schwebt, des Heilands holder Bote —; gern hättest du das verstanden und plagtest dich, den Sinn der Worte zu ergründen; 40 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen dabei bliebst du ein dummer Tor. Jetzt aber richtetest du die Augen zum Himmel empor, und die Taube schwebte über dein Haupt hinab. Nicht verstehen, sondern s e h e n, das ist Glaube. O König! halte die Augen weit offen, daß du nach Gottes Willen herrschen mögest!“ Während er sprach, maß Parsifal mit dem Blicke eines kundigen Helden die Gliedmaßen des starken Mannes und erwog seine gewaltige Kraft. Und nun trat der ehrwürdige Greis mit segnender Gebärde auf ihn zu. „Sei gegrüßt, mein Sohn! Mir lacht das Herz bei deinem Anblick, denn du bist ein wahrer Held der Liebe, und große Dinge sollst du in des höchsten Herrn Auftrag noch vollbringen. Aber ausgelernt hast du in der Liebe nicht; das Schwerste steht dir noch bevor. Du hast gelernt, Gott mit aller Hingebung, mit aller Aufopferung zu lieben und dem Tiere unbedingt zu vertrauen; jetzt, als Herrscher und Hirt, wirst du aber täglich mit Menschen, mit vielen Menschen in Berührung kommen und an ihnen Liebe und Weisheit bewähren müssen: das ist das schwerste Amt. Denn um das Tier zu verstehen, braucht man es nur rückhaltlos zu lieben, das sahst du an deinem guten Allat; 41 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen kein anderes Verhältnis ist zwischen Mensch und Tier möglich; was es an dem Tiere zu begreifen gibt, das geht durch die Liebe zu ihm in den Verstand über. Bei Gott ist es anders, denn nicht mit unseren Augen sehen wir ihn; der Wilde fürchtet ihn nur, und manches große Volk erblickt noch immer in ihm, vor allem, den Gott der Vergeltung und des Zornes. Viel, viel mußte der Mensch gedacht, manche Prüfung mußte er überstanden haben, ehe er es begriff, daß Gott die Liebe sei. Das zu begreifen ist das höchste Amt der Vernunft. Hierdurch erweist sich die Vernunft als eine göttliche Gabe, während sie sonst oft des Teufels Erbteil zu sein scheint; und indem diese Gabe, welche den Menschen allein unter allen Wesen ziert und dadurch schon ihre hohe Art bezeugt, indem sie, deren Eigenart der Stolz ist, bis zur Demut sich fortentwickelt, indem ihr Denken, ihre Verstehen in Liebe sich auflöst, wird der göttliche Kreis des Lebens in sich zum vollkommenen Abschluß gebracht. Nach unten zu reichte unsere Liebe bis zum Verstehen, nach oben zu löste unser Denken sich ganz in Liebe auf. Das Heiligwerden ist die Verklärung der Vernunft durch die Liebe; die Weisheit ist das Durch- 42 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen dringen der Liebe bis zum Verständnis!... Wie schwierig aber, Parsifal, ist es, die Menschen richtig zu lieben! Dort, wo es sich um Gott und Tier handelte, war alles unbedingt; dort durfte jeder Einzelne die eine Richtung nur innehalten, hinausstrebend so weit seine Kräfte es ihm gestatteten; hier, dem Menschen gegenüber, ist alles bedingt. Die Liebe zum Menschen, die nicht mit wohlbedachter Klugheit durchsetzt ist, stiftet Unheil, und die Weisheit, wenn im denkenden Hirn das warme Blut eines liebenden Herzens nicht lebenspendend schlägt, ist nichts weiter als eine Vernunft, die sich selbst das Grab gräbt.“ Parsifal hatte zwar auf seinen einsamen Pfaden viel und mancherlei gedacht, selten aber war er seinen Gedanken bewußt nachgegangen, vielmehr hatte er sich dem Eindruck ihres Gefühlsinhaltes überlassen und sich dabei beruhigt; den jetzigen Augenblick empfand er als einen feierlich ernsten. Er fühlte, wie der frische, duftende Rosenkranz der Torheit von seinem Haupte entfernt und die schwere, goldene Krone des Wissens fest auf seine Stirne herabgedrückt wurde. Der Greis sprach weiter: „Der Mensch ist in einer 43 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen Beziehung Tier; als solches verdient er das selbe Vertrauen und die selbe mitleidsvolle Liebe wie dieses; er ist aber auch göttlichen Wesens, und in dem bescheidensten deiner Diener, König, lebt etwas von jenem Höchsten, vor welchem du in stummer Andacht und Anbetung das Knie beugen mußt. Vor allem aber, Mensch bist du selber!... darin liegt das Schwere ausgesprochen. „Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst“ lehrte uns der Heiland; und in die Liebe zu sich selbst soll sich viel Strenge, viel Unnachgiebigkeit, ja, auch Härte mischen; die Liebe zu sich selbst mißtraut häufig, forscht, erwägt, überblickt das Vergangene und berechnet die Zukunft. Auf diese Art sollen wir unseren Nächsten lieben! Wenig Spielraum läßt unser Gewissen der Liebe zu uns selbst; denn unsere Leiden empfinden wir als Schuld, unsere Freuden als Gnade; so, Parsifal, sollst du deinen Nächsten lieben! Wahrlich, ich sage es dir, dein unwissend Roß verstarb, auf daß du zur rechten Zeit in der heiligen Burg anlangtest, und Gottes Sohn hängt ewig am Kreuze, auf daß du Erlösung findest; nur deine Erlösung kann ihn, den Göttlichen, erlösen: daran denke, wenn du deinen Nächsten richtig lieben willst!“ 44 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen Immer tiefer neigte Parsifal das Haupt; er sah nicht mehr zu dem Greisen empor; seine Stimme drang zu ihm, als käme sie aus einer anderen Welt. „Als du den Blick des Schwanes begriffst, da begriffst du die ganze Tierwelt; als du die Stimme des Heilands — rette mich! — vernahmst, da betratest du den einen, einzigen Pfad, der zu Gott führt. Doch ebenso wie du dich selber als eine ganze Welt empfindest, so steht nun jeder Mensch vor dir, o König, als eine solche Welt. Nicht gleicht der eine Menschenblick dem anderen, noch schlägt der einen Stimme Klang dem anderen ähnlich an das Ohr. Und jener andere Blick ist Spiegel einer anderen Welt, und diese andere Stimme ist Widerhall einer anderen Klage. So tritt ein jeder jetzt an dich heran, und du, in dessen Wort Heil oder Unheil wurzelt, du mußt diesen Blick neu ergründen, wie dazumal den des Schwanes, und aus dieser fremden Stimme mußt du die Klage des Heilands neu vernehmen, der auch für jenen starb...“ Gebannt lauschte Parsifal; ihm war zumute, als ob jener „herbe Segen der unerfüllenden Erfüllungen“, von dem der jüngere Weise gesprochen, schon heute, am 45 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen Abend seines ersten Gralsrittertages, auf sein Haupt sich gesenkt hätte. Was er erstrebt, hatte er vollbracht: im heiligen Tempel ruhte nunmehr sicher geborgen die geweihte Waffe, und von neuem strahlte der Gral über die hinsiechende Ritterschaft, sie zu Kraft und Taten segnend. Aber wie leicht waren jene Jahre der Irrfahrten durch Wüsten und fremde Länder gewesen im Vergleich zu dem Amte, das ihm jetzt aufgetragen worden! Diese Krone des Wissens und der Macht, die Gott selbst auf sein Haupt gesetzt, sie war ein Dornenreif; in schweren Tropfen stand der Angstschweiß auf Parsifal's Stirn, denn mit dem Bewußtsein der Größe seiner Taten und der Größe seiner daraus erwachsenen Pflichten war auch das Wissen von seiner gänzlichen Vereinsamung unter den Menschen ihm aufgegangen. Jeden Blick würde er nunmehr ergründen und jeder Stimme Klang erfassen; ihm gegenüber jedoch würden alle Menschen blind und taub bleiben, als schaue er auf das unbegrenzte Meer hinaus, so würde sich sein Blick verlieren, und seiner Stimme Klage wie in einer Wüste ohne Widerklang, verhallen; sonst wäre er ja nicht König! sonst hätte Gott ihn nicht unter allen ausgesucht, ihn so hoch empor 46 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen zu erheben! Noch viel schwerer als an dem Morgen dieses Tages, als Allat starb, empfand er die Last der angestammten Schuld und die vernichtende Verantwortlichkeit für alles Leiden auf der Welt. Wer wußte, ob er nicht die Schuld und das Leiden mehren würde?... Du siehst, die Gedanken und die Empfindungen strömten mannigfaltig durcheinander in Parsifal's Seele und zwangen ihn, zu Gott zu flüchten; dort allein fand er Trost und Vertrauen und Kraft. * * * * Doch, aus
dem inbrünstigen
Gebete wurde er durch den Laut vieler Stimmen aufgescheucht. Der Morgen
begann schon zu dämmern und erhellte das Gemach, in das jetzt
mehrere
Ritter eintraten, um dem Könige zu künden, daß
Botschaft
— die erste seit vielen, langen Jahren! — soeben eingetroffen und
Gläubige
den Schutz der Ritterschaft in harter Drangsal erflehten. 47 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen Die Ritter, die ihn auf den Knieen gefunden und daraus entnommen hatten, daß er die ganze Nacht hindurch schon gebetet hatte, waren ob dieser Verzögerung ungeduldig; Parsifal aber wußte, daß es vor Gott keine Zeit gibt, sondern nur Kraft: nicht zählen darf der Held die Stunden, die er dem Versenken in Gott weiht; in einem unmeßbar kurzen Augenblick, wie des Himmels Blitz, wird dann sein Arm des Bösen Haupt zerspalten. * * * * Als Parsifal
nun,
anstelle des lieben, unvergeßlichen Allat, ein neues, stolzes
Roß
bestieg, da fühlte er, daß er in ein neues Leben
einträte. 48 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen ließ, die ihn durch lange Jahre der Irrnisse und der Leiden bis zur Gralsburg leitete, die selbe Hoffnung führte ihn jetzt gegen Gottes Feinde ins Feld! Und dieser felsenfeste G l a u b e, mit dem er heute wider den Bösen auszog, war es nicht der selbe, der ihn regungslos stehen ließ, als Klingsor den Speer nach ihm warf? Riesen hatte er schon als Kind erschlagen; es stand ihm aber nicht zu, die heilige Waffe zu erkämpfen, Gott nur durfte sie ihm in die Hand legen; ohne jede Zweifelsregung hatte er der mit wilder Macht gegen ihn geschleuderten Waffe die glaubensstarke Brust dargeboten! Und was diese Nacht sein Herz so tief bewegt hatte — der Kummer um Allat, das Bewußtsein von der erdrückenden Schuld der ganzen Menschheit, das allgemeine Leiden, seine eigene Vereinsamung... war es nicht die selbe L i e b e, die als Träne dem erschlagenen Schwane und dem göttlichen Heiland am Kreuze geflossen war? Als er schweigend weiter ritt und der Lehren der drei Weisen dachte, da empfand er, daß, wenn auch weder er selbst, noch die Welt anders geworden war, eines doch sich geändert hatte: er war Gott näher, viel näher 49 Parsifal's
Gebet, ein Ostermärchen gekommen. Er hätte es nicht in Worten zu sagen vermocht, er begriff aber jetzt, was ihn der Gesang im Gralstempel hatte empfinden lassen, daß das tiefste seelische Leid einen Punkt erreicht, wo es mit der höchsten Seligkeit zu einem einzigen untrennbaren Ganzen zusammenfließt. Beides führt zu jenem „höchsten Heiles Wunder“ der E r l ö s u n g; die unvollkommene menschliche Natur, die das wahre Wesen der Erlösung nicht erschauen kann, sucht es wenigstens wie mit zwei Händen zu erfassen und sich daran festzuklammern: mit dem tiefsten Leide und mit der höchsten Seligkeit. Nur e i n e Krone aber hat der Heiland auf Erden getragen, die Dornenkrone; Gott darf kein Auge erschauen, das nicht durch Tränen geläutert ward. Göttlich jedoch ist einzig diejenige Träne, welche, wie des Heilands, aus Mitleid fließt; denn diese Träne vergießt der Gott in uns. Also denkend, ritt Parsifal weiter. Man kann sagen, von jetzt an war sein ganzes Leben ein Gebet. 50 Parsifal's Tod, 52 53 Parsifal's Tod — Im
Gralstempel war
das Pfingstfest durch einen feierlichen Gottesdienst begangen worden.
Die
Sonne stand noch hoch am Himmel. 54 Parsifal's
Tod schmolzen, daß das Auge kaum zu sagen wußte, wo Wasser und Äther sich trennten. Hier liebte Parsifal in dem feierlichen Schweigen der Nacht zu stehen und in die Schar der Sterne hinauszuschauen: da fühlte er sich so klein, daß alle Last von seinen Schultern hinabglitt, und sah er die Krone, die sein Haupt wie eine unübersteigliche Umzingelungsmauer zwischen ihm und seinen Mitmenschen umgab, dort oben glänzen, ein Stern unter vielen; um seinen Mund spielte dann wohl manchmal ein Lächeln; gleich darauf jedoch faltete er die Hände zum Gebete, und man hätte ihn laut sprechen hören können: „Dein Wille geschehe!“ Aber auch wenn die Sonne den Zenith erklommen hatte und ihre Strahlen so sengend hinabströmten, daß Mensch und Tier ermattet in den Schatten zurücksinken und Schutz suchen mußten, — auch in diese mittägliche Ruhe trat Parsifal, wie jetzt, gern hinaus. Die Nacht hatte ihn seine eigene Seele in plötzlicher, heller Beleuchtung erblicken lassen, dazu die Sterne, welche, den verblendeten Augen am Tage verborgen geblieben, nun ihm wie Schwesterseelen zuwinkten; die mittägliche Flut der Sonnenstrahlen hingegen durchdrang die ganze Welt bis zur lichterfüllten 55 Parsifal's
Tod Durchsichtigkeit. Und wenn in dem dunklen Tempel der enthüllte Gral in innerer Glut erstrahlte, dem nächtlichen Gestirne gleich die Botschaft vom ewigen Leben verkündend, — so schien jetzt die unvertilgbare Hülle der Natur im Lichtmeere sich aufzulösen, offenbarend ihr sorgsam verborgenes Geheimnis. Was sie ihm heute offenbarte, war: der T o d. Im Gralsgebiet galten die Tiere für „heilig“; auch die Pflanzen blieben von Menschenhand fast unberührt. Nach dem Meere zu strebten riesenhafte Pinien astlos bis zu großer Höhe empor, um sich dann plötzlich zu einem mächtigen Dache auszubreiten, sowie erhabene, schwarze Zypressen, die der Pflanzenwelt das auszeichnende Gepräge verliehen; von mancher Zypresse hingen die Wurzeln über die Felsen hinunter, bis in die blaue Flut. Landeinwärts gab es zunächst, um die Burg herum, schattige Nußbäume und auch einen Hain von Johannisbrotbäumen, angepflanzt zur Erinnerung an den heiligen Johannes, den ersten Hüter des Grales. Darüber hinweg aber erstreckten sich, soweit das Auge reichte, undurchdringliche Wälder von immergrünen Korkeichen. Die Korkeiche ist kein sehr mächtiger Baum, 56 Parsifal's
Tod aber in ihrem spärlichen Schatten gedeihen alle jene über mannshohen Sträucher der warmen Zonen, welche, wenn sie in Menge vorkommen, wie hier, demjenigen, der vorwärts strebt, unübersteiglichere Hindernisse in den Weg legen als die Gräben und Mauern der festesten Stadt. Und in der Tat, wie das Meer an seinen Felsen, also prallten die Weltenwellen an jenem lebendigen Pflanzenwall vom Gralsgebiete ab. Wacholder, die weiße Baumheide und die Jasminsträucher, die Holzerdbeere, der dornige Sumach und die Stechpalme und noch hundert andere Sträucher, für welche die deutsche Zunge keinen Namen kennt, wuchsen hier in üppigster Fülle. Die Myrte stand gerade in Blüte; nachts schwängerte ihr Duft die Lüfte; jetzt, zu Mittag, ruhte das zarte Gebilde geschlossen. Dagegen sog die glühende Sonne aus allen Blättern und Rinden die kostbarsten Essenzen; wie schwerer Weihrauch stieg ein bläulicher Dunst zum Himmel empor, sinnbetäubend. Sonst genoß Parsifal diese Wohlgerüche, sie wiegten ihn in schöne Träume; heute aber mußte er dabei plötzlich der Katakomben gedenken, die er auf seinen Wanderungen öfters besucht hatte: verfolgte Gläubige ver- 57 Parsifal's
Tod bargen dort die Leichname der Ihrigen, bis diese in geweihte Erde zur Ruhe gelegt werden konnten; die tödlichen Ausströmungen versuchte man durch Verbrennung von Ölen zu bekämpfen, aus diesen selben Pflanzen gewonnen: mochte der Himmel noch so blau sein und die Sonne noch so golden, diese Erinnerung versetzte Parsifal mit einem Male in das Reich des Todes. Hierdurch wurde sein Blick geschärft: diese ganze friedliche, schuldlose Pflanzenwelt, — jetzt erkannte er in ihr ein wütendes, auf Tod und Leben kämpfendes Heer! Die Waffen in der Hand, den Haß auf allen Zügen, so standen sie einander gegenüber, als wäre die schöne Sonne selber ein entsetzliches Gorgonenantlitz, die sie vorübergehend zum Schweigen und zur Unbeweglichkeit erstarrt hätte. Einzig die königliche Zeder wich nach dem Meere zurück, den Kampf verschmähend. Selbst die majestätische Pinie spendete nur ihren eigenen Wurzeln Schatten; was in diesem Umkreise zu wachsen sich erkühnen wollte, das erstickte sie erbarmungslos unter der Last ihrer Nadeln. Die Korkeiche wandte ihre Glieder hin und her, wie im Übermaß der Schmerzen: eine 58 Parsifal's
Tod Verkörperung der wortlosen Verzweiflung. Was aber Parsifals Blick vor allem fesselte, das waren die scharfausgeprägten Physiognomien der einzelnen Straucharten: die „Bewegung“, die den Pflanzen abzugehen scheint, kam hier, in der Zeichnung ihrer Umrisse, zu äußerst energischem Ausdruck, und dieser zeugte mehr von Angriff als von Dulden. Fast alle Blätter trugen Stacheln; bei vielen gab es, anstatt der Blätter, Dornen; bei manchen war selbst dieser ärmliche Schmuck abgestreift und ganze Zweige verwandelten sich, zum Schrecken der Fledermäuse, in eine einzige, kräftige, dolchähnliche Waffe. Giftige Blüten, giftige Beeren, giftige Düfte!... Und als nun Parsifals vielgeübtes Auge einen Punkt des Gebüsches noch eingehender erforschte, da entdeckte er eine neue Welt, der Pflanzenwelt in Farben und in Formen täuschend ähnlich: Käfer, die grünen Blättern, andere, die verwelkten Blättern, wieder andere, die roten Beeren zum Verwechseln glichen, große moosähnliche Spinnen, Eidechsen von der Farbe der Baumrinde, kleine Schlangen, welche wie abgestorbene Zweige steif von den Ästen der Korkeiche herunterhingen,... alles belebte sich; auf allen Seiten taten sich Augen auf! Im übrigen 59 Parsifal's
Tod glichen diese Tiere den Gewächsen so sehr, daß sie sogar die selbe unheimliche Bewegungslosigkeit, den selben Anschein des Verhextseins (wie die Leute in Dornröschens Schloß) zur Schau trugen; und führte einmal, in großen Zwischenräumen, das eine oder das andere eine plötzliche, äußerst heftige Bewegung aus, und zwar ausnahmslos in mörderischer Absicht, so dünkte es Parsifal, es seien dies die aus der dunklen Hülle hervorgekrochenen Seelen der Pflanzen, so sehr entsprach ihre seine Tücke und ihre hastige Leidenschaftlichkeit der Physiognomie dieser Regungslosen. Das Todeswerk, das sie verrichteten, hatte auch etwas weit Grausameres an sich, als bei höheren, vollkommeneren Geschöpfen; dort bringt der Klang der Stimme unmittelbar zu unserem eigenen Herzen: der Schrei des Begehrens, der Schrei des Entsetzens und des Schmerzes; hier dagegen war jede Hoffnung und jede Verzweiflung stumm. Zwar erinnerte Parsifal das leise Gesumme des Mittags an die ferne Sphärenmusik, die er nachts bisweilen zu hören geglaubt; nur in noch tieferes Schweigen hüllte es aber das ununterbrochen währende Werk der Hinmordung ungezählter Geschöpfe. 60 Parsifal's
Tod Sinnend lehnte Parsifal über die Brüstung; die strahlende Tageswelt erschien ihm in diesem Augenblick wie eine dünne, hohle Maske, die nur dem flüchtigsten Blicke das Antlitz des allherrschenden Todes zu verdecken vermochte; er sehnte sich nach der Nacht und ihren Sternen. Da wurde aber die Stille von einem herzzerreißenden Schrei durchbrochen! Im nahen Walde war eine Nachtigall erwacht; eben wollte sie das Köpfchen wieder unter die Flügel stecken, da gewahrte sie an dem nahen, scheinbar verdorrten Ast zwei Augen; erschrocken suchte das Tierchen zu flüchten, stand ihm doch der ganze Himmelsraum frei und lud zu Lust und Leben ein; jene bannenden Augen befahlen aber: „Bleib' hier! du mußt jetzt sterben!“ Gegen das Grün der Blätter sah man ein gespaltenes Zünglein hin und her schießen, wie der Blitz durch die Gewitterwolken: und nun stürzte sich der arme Vogel — die Flügel wie Hilfe flehend zum Himmel emporgehoben, und mit einem Schrei des gräßlichsten Entsetzens — dem Tode in den gähnenden Rachen. Parsifal schauerte zusammen; er sprach zu sich: „Wohl sind die Tiere heilig, doch nur uns Menschen; dem Tode ist nichts heilig! nicht einmal das Erhabene, das Schöne, das Unschuldsvolle!“ 61 Parsifal's
Tod Tief ergriffen wandte er sich hinweg, um wieder in das Innere der Burg einzutreten. Da stand er aber plötzlich im Schatten: ringsumher die ungetrübte Pracht eines südlichen Sommermittags; nur zwischen ihm und der Sonne schwebte eine Wolke, kaum größer als die Hand. Parsifal jedoch schaute nicht nach ihr in die Höhe, wie an den zwei vorhergehenden Tagen, wo die selbe kleine Wolke ebenso unerwartet am Himmel erschienen war; versteinert blickte er zu Boden; denn h e u t e verstand er: es war der Schatten des Todes, der auf ihn fiel. Eine tiefe Veränderung kam über seine Gesichtszüge. Anstatt die inneren Bewegungen nach außen zu spiegeln, bildeten sie gleichsam einen Wall gegen die Welt, und vor dem kalten, strengen, unbarmherzigen Blick hätte jedes Auge sich scheu gesenkt. So sah Parsifal aus, wenn er eine entscheidende Schlacht gegen die Ungläubigen anordnete. Ähnlich hob er jetzt stolz das Haupt und warf es trotzig zurück. Sobald aber sein Blick jene umgebende Natur wieder traf, in deren Betrachtung er bis vor wenigen Augenblicken versunken gewesen, da war es, als zögen Wolken über die stechenden Sonnen seiner eigenen Augen; ihr Licht wurde milde; und als er dann 62 Parsifal's
Tod forschend auf das Meer hinausschaute, mußte er einmal über das andere die langsam hervorquillende Träne wegwischen, die ihm das Sehen wehrte. Mit leidenschaftlicher Erregtheit prüfte er die äußerste Linie des Horizontes; sein Auge verweilte einmal hier, einmal dort. Offenbar wähnte er etwas zu erblicken. Doch immer wieder waren die Sinne von der Sehnsucht getäuscht worden. Er spähte nach seinem Sohne Lohengrin. Vor kurzem zu ritterlicher Tat entsandt, ward der junge Held täglich in der Gralsburg zurückerwartet; noch heute mußte er eintreffen (so wenigstens hatte man die Meldung des auf Kundschaft ausgesandten Schwanes gedeutet). Parsifal fühlte, wie jene Wolke, die vorhin ihm den Sonnenschein geraubt, ihn nunmehr gleich einem Leichentuch umfing, und seine Sehnsucht wuchs nach dem geliebten Sohne. Du darfst nicht glauben, daß in jenen fernen Tagen die Menschen unsere heutige Furcht vor dem Tode kannten. Ihre scheinbare Geringschätzung des Lebens könnte dich sogar empören; manchmal macht sie beinahe einen gotteslästerlichen Eindruck; bei näherer Betrachtung erkennst du jedoch, daß der Gehalt des damaligen Lebens im 63 Parsifal's
Tod Verhältnis zu dem des unsrigen ein beträchtlich gesteigerter war; das Dasein glich einem verzehrenden Feuer. Überall strebte man hohen und fernen Zielen nach; nicht nur Könige und Ritter taten es, auch Handwerksgesellen und Bauern. Auf allen Seiten war Kampf und Ungewißheit, aber auf allen Seiten auch Todesmut und der freie Ausblick in eine helle Zukunft; der Mensch sperrte sich noch nicht in die dunkle Gruft seines engen, liebelosen Eigennutzes ein. Für Dinge, die uns nicht eines Schwertstreiches wert erscheinen, ließen damals Tausende und Abertausende das Leben; für Glauben und Aberglauben starben Ungezählte nachdem sie geduldig jede Qual erlitten; wurde die Ehre des Einzelnen auch nur von einem flüchtigen Hauch der Verleumdung berührt, so war dieser fraglos bereit, augenblicklich vor die offenen Tore des Todes hinzutreten. Nicht das Leben galt für geringfügig, sondern der Tod. Jetzt ist uns das Leben etwas von uns selbst Verschiedenes, wovon wir möglichst viel zu erhaschen und festzuhalten trachten, wie etwa von Geld und Besitztum; der Tod ist der Bankrott. Die Verlängerung des Lebens, sowie das Verringern körperlicher Schmerzen sind ein Hauptziel unserer Wissen- 64 Parsifal's
Tod Schaft; das Leben wird auf diese Art Zweck, anstatt bloß Mittel zu sein. So wirft denn die Todesfurcht ihren Schatten über jeden Sonnenpfad des Daseins; so werden wir dahin geführt: anstatt unser Leben zu leben, es gleichsam nur zu fristen. Ist es auch matt, farblos, unschmackhaft im Verhältnis zu früher, so soll es dafür um so länger währen. Im Mittelalter sah man nicht selten die Gemarterten mit ihren Henkern spaßen; jetzt ist kein Jammer so groß, daß er den Tod zu etwas Geringem zu machen vermöchte. Parsifal fürchtete den Tod nicht; er war gerüstet, vor dem Thron seines Gottes zu erscheinen. Nicht s e i n Tod erschreckte ihn, wohl aber d e r Tod. Seine Gedanken und seine Empfindungen waren dermaßen mit der Natur verwoben, daß nichts ihn mehr schmerzen mußte als die Vorstellung, der ewigen Schönheit dieser Welt entraten zu sollen. Alles, was er rings um sich gewahrte, hallte wider in seinem Herzen und bildete erst sein eigentliches Leben; wollte er sein eigenes „Ich“ erfassen, so schaute er hinaus, und fand sich überall wieder, verstand sich auch leichter und vollkommener als bei der Selbstbetrachtung. Jetzt aber, in dem Augenblick, wo ihm selber die Maske 65 Parsifal's
Tod des Lebens von der Seele gerissen werden sollte, da war ihm zum erstenmal die schöne Welt wie eine grinsende Maske über einem entsetzlichen Antlitz erschienen; er wankte, nicht vor Furcht, sondern weil der feste Boden unter seinen Füßen ihm plötzlich zu beiden Seiten schwand... Und zu dieser Empfindung gesellte sich eine Sorge: Parsifal war König! Hatte er auch kein Reich und keine irdischen Güter zu verteidigen, noch weniger zu erobern: eine göttliche Sache war seinen Händen anvertraut, und es erforderte viel Welterfahrung, viel Umsicht, eine seltene Reife des Urteils, um sie gut zu führen. Was vor allem not tat, war das unbestrittene Ansehen einer gewaltigen Persönlichkeit. Nun hatte Parsifal, in den zehn Jahren seines Herrschens, die Gralsritterschaft aus einem Zustande des tiefen Verfalles gerettet, sie emporgerichtet und sie so glücklich entwickelt, daß man dem Beginn einer wahren Blütezeit entgegensah. In der Christenheit wurde schon weit und breit der Segen hiervon empfunden. Mußte sein Tod diese Blüte nicht in der Knospe brechen? Die Ritter waren alle edle Männer und begeisterte; gar oft siegte jedoch die Versuchung über ihren besseren Sinn; des 66 Parsifal's
Tod erhabensten, lebenden Beispiels bedurften sie in ihrer Mitte; Eitelkeit und Neid und Eigenwille mußte im Keime ersticken vor einem allen gleichmäßig Ehrfurcht gebietenden, königlichen Worte. Wer sollte so herrschen können, wie Parsifal? Wer würde mit so viel Demut das Bewußtsein seines überragenden Wertes tragen? mit so zarter Hand einen jeden an die eherne Kette der unerbittlichen Pflicht anschmieden? Wer würde so rasch sein, so kühn, so entschlossen, daß, ehe die Vorsichtigen ihre Bedenken noch ausgesprochen, der Feind schon auf das Haupt geschlagen wäre? und zugleich so weise in der Geduld, stets dessen eingedenk, daß Gottes Zeit die Ewigkeit? Parsifal's Tod bedeutete eine unleugbare Gefahr für das Werk des heiligen Grales. Würde der jugendliche Lohengrin dem Königsamt gewachsen sein? Dem Adel der Gesinnung nach, gewiß; seine hohe Art erhob ihn aber fast allzusehr über das Gewöhnliche, Alltägliche; wie ein kämpfender Erzengel auf altitalienischen Gemälden schien er über unserer Welt zu schweben und sie kaum mit den Fußspitzen zu berühren; es gab Ritter, die ihn deswegen nicht liebten. Einem gotischen Gottes- 67 Parsifal's
Tod hause gleich, strebte bei ihm alles himmelwärts; dagegen besaß er nicht im selben Maße wie sein Vater Parsifal jene breite Grundlage einer unmittelbaren Zusammengehörigkeit mit der Natur und mit dem gesamten Menschengeschlecht. Ehe Parsifal zu Glanz und Macht gelangte, war er durch tiefstes Leid gegangen; bevor er des Grales hüten durfte, hatte er ihn aus tiefster Not errettet. Lohengrin kannte nur leidlose, siegreiche Herrlichkeit. Viele Jahre hindurch hatte Parsifal einzig vor dem nackten Schaft des heiligen Speeres gekniet, und über den zwiefachen Hunger des Leibes und der Seele hatten ihm nur Glaube und Hoffnung hinweggeholfen; für Lohengrin war des Grales Stärkung das gewohnte tägliche Brot. Wie sollte er die Demut und die Kraft des leidbewußten Helden besitzen, der allein es vermochte, die Heiltümer ohnegleichen rein und siegreich zu erhalten? So stürmten viele sorgenerregende Gedanken auf den König ein. Als er aber die Todeskälte bis an sein Herz vordringen fühlte, da kannte er nur noch eine Sorge: die Furcht, daß der Vater seinen Sohn nicht mehr umarmen würde. Mit flehenden Augen schaute er hinaus nach jener fernen Linie, wo das Meeresblau durch ein 68 Parsifal's
Tod kaum merkliches Hinüberspielen ins Grüne vom Himmelsblau sich unterschied. Noch einmal Lohengrin umarmen, nur noch einmal! das war das einzige, was er von Gott erflehte... Allmählich schwand Parsifal das deutliche Bewußtsein der Gegenwart. Er dachte auch nicht daran, daß die Ritter — die ihn an diesem einzigen Ort, wo er in freier Einsamkeit mit Gott und der Welt verkehren konnte, niemals zu stören wagten — über seine ungewöhnlich lange Abwesenheit in Sorge geraten könnten. Zurück flogen seine Gedanken, zurück über seinen ganzen Lebensgang. Die zehn Jahre seines Königtums dünkten ihm fast ein Nichts, ein Traum. Mit frischeren Zügen deutlichen Erinnerns zogen die Schweren Jahre des Suchens nach dem Gral an ihm vorbei; kaum einen Schatten hatten die Wunden und die Entbehrungen aus jener Zeit hinterlassen, und hoch über die Menge der angetroffenen Ritter, der Feinde und der Freunde, der tückisch bösen und der huldreich gnädigen Könige erhob sich das Bild des treuen, einzigen Allat, mit seinen großen Augen, zugleich mild und feurig; des edlen Rosses Reden hatten für Parsifal eine ähnliche Offenbarung des Lebens bedeutet, wie das 69 Parsifal's
Tod heutige Schweigen der Natur eine Offenbarung des Todes. Doch mit Ungestüm drängte das Vorangegangene nach, und in noch unverwüstlicherer Gegenwart stand es da: Klingsors Zaubergarten mit seinen lockenden Lügengestalten, und das Gralsgebiet, als Parsifal zuerst den Schmerz und das Leiden erlebt und in dem Jammer dieser Welt eine „göttliche Klage“ erkennen gelernt hatte. Eine Klage! Jetzt ertönte wieder eine vor dem hinlauschenden Ohre,... weit, weit,... aber so innig vertraut, ein Klang so voller Wonne, wie kein zweiter auf der Welt — die Stimme seiner Mutter! In rasender Eile flog die Erinnerung die weiten, verschlungenen, mit Ereignissen aller Art dicht besäeten Pfade zurück, auf denen der törichte Knabe das erste Mal in das Gralsgebiet gedrungen war, zurück bis an jenen Waldesrand, wo plötzlich das heimatliche Tal dem Blicke sich darbot, heiter wie die Wiege, still wie das Grab, und wo die heilige Gestalt der Mutter deutlich zu erkennen war, die Hände ringend, den Blick der ewigen Trostlosigkeit nach dem dunklen Wald hinaufgerichtet, der ihren Sohn verschlungen. Und nun kniete Parsifal zu ihren Füßen, und sie drückte ihn an ihr Herz... 70 Parsifal's
Tod In diesem Augenblick empfand Parsifal, sein ganzes Leben schrumpfe in ein Nichts zusammen. Deutlich stand sein Eintritt in die Welt vor ihm, als wäre er erst vor wenigen Stunden geboren; jetzt trat er in den Tod; zwischen diesen beiden Toren der Ewigkeit war kaum die Breite des eigenen Leibes; sein ganzes Leben war der Schatten eines Traumes. Es glich einem jener reichgegliederten, zarten, durchsichtigen Seegebilde: man nimmt es in die Hand, um es näher zu betrachten, und siehe, es vergeht in einen Schaum, der tropfend in das allumfassende Meer zurückfällt. Doch von unten her erklang das laute, frohe Schmettern der Trompeten: über das weite Meer nahte ein glänzender Ritter in kleinem Nachen, den eine Taube an goldenem Seile strandwärts heranzog. Lohengrin! Parsifal war aber nunmehr dem Tode so nahe, daß er jenen höchsten Grad menschlicher Weisheit, von welchem die heiligen Männer Indiens zu erzählen wissen, erreicht und „den Wunsch nach Söhnen“ überwunden hatte. Was alle jetzt sahen, wonach er selber so sehnsüchtig ausgeschaut: er allein sah es nicht mehr. Wohl vernahm er die Töne; ihn dünkten sie aber das 71 Parsifal's
Tod Getöse der Posaunen, welche ihn vor den Thron des Allmächtigen riefen: dunkle Nacht senkte sich über die Welt; das Bewußtsein seines Lebens, seiner selbst schwand gänzlich; er fühlte nur noch eines: jetzt wird der Gral erglühen! * * * * Als Lohengrin die Burg erreichte und, von einigen Rittern geleitet, eilig jenen höchsten Punkt bestieg, war es schon Abend. Am Himmel glänzten Sterne. Oben angekommen, blieben sie zuerst regungslos stehen; der König schien in die Betrachtung der Gestirne versunken; Lohengrin wähnte, sein Vater lausche jenen Sphärenklängen, von denen er ihm oftmals gesagt. Und wahrlich er lauschte ihnen! * * * * Wenige Stunden darauf traten die Ritter im Gralstempel zusammen; aufgebahrt lag in ihrer Mitte die irdische Hülle des unvergleichlichen Königs; jedes Haupt beugte sich im Schmerze; weinend kniete einer nach dem anderen am Sarge nieder und küßte die Hände des königlichen Freundes, der ihnen und der bedrängten Christenheit so jäh entrissen war. 72 Parsifal's
Tod Vom Grale sank die Hülle. Zuerst erglühten Schriftzüge auf dem heiligen Gefäß; denn so pflegte Gott sich den frommen Rittern zu verkünden. Jetzt offenbarte er ihnen, warum Parsifal in der Blüte seiner Jugend hinwegerrafft werden mußte: Kein Opfer und keine Tat konnte die Schuld sühnen, daß er als Jüngling seine Mutter verlassen, vergessen und durch seinen leichten Sinn in Verzweiflung und Tod getrieben hatte; deswegen durfte er nur zehn Jahre die Krone tragen; denn nicht allein an dem Täter, sondern an der ganzen Welt rächt sich jedwede Schuld. Dann befahl der Gral, Lohengrin sollte das Amt seines Vaters verwalten. Jetzt war er dazu geweiht: aus Leid und Not kehrte er heute heim. Denn er, der Sieg- und Glanzumstrahlte, hatte den bitteren Kelch des Menschenlebens bis auf den Grund leeren müssen. Alles, was seine Jugend erträumt, sein Herz ersehnt, sein hoher Geist erhofft hatte, das war ihm in der Gestalt einer edlen, reinen und schönen Jungfrau vor Augen getreten, die Krone von Gottes Schöpfung; aber wie der Tod unseren Leib in die Nacht der Erde hinabzieht, also hatten auch bei dem ersten Kusse sehn- 73 Parsifal's
Tod suchtsvolle Arme sich aus dunkler Grabestiefe emporgestreckt und der irdischen Liebe blühenden Leib auf ewig geraubt. Lohengrin war zu Höherem bestimmt. Nunmehr stand auch er erhaben da, würdig des höchsten Amtes; über die strahlenden Gipfel des menschlichen Glückes schaute fortan sein klares Auge frei hinweg. Und als der neue König jetzt das heilige Gefäß voll tiefster Andacht in die Hände nahm, da erglühte es in solcher Pracht, daß man ähnliches noch nie gesehen zu haben glaubte. Manche Ritter behaupteten, sie hätten lebendige Flammen über der Schale erblickt und waren überzeugt, Parsifal's Seele sei in diesem Augenblick gen Himmel geflogen. Nur Lohengrin wußte, daß sein Vater schon im Himmel für ihn betete, und daß soeben ein Pfingstwunder stattgefunden hatte; denn die Flamme war bis in die Tiefen seines eigenen Herzens gedrungen. Dort warf sie ein helles Licht auf manches, was ihm bisher dunkel geblieben, ihm eine neue Welt offenbarend; er vernahm auch Stimmen, die er früher nie vernommen zu haben glaubte. Es war ja die alte Welt, wie sie stets gewesen, und auch die Klage der Stimmen war so alt wie die Meeresbrandung am 74 Parsifal's
Tod Fuße des Felsens; durch die Gnade des Heiligen Geistes verstand aber Lohengrin nunmehr die Sprache der anderen Wesen gleich seiner eigenen. So schlagen aus dem Tode Flammen des ewigen Lebens empor. Diese Erleuchtung war wie ein letztes Vermächtnis Parsifal's. |
Letzte Änderung am / Laatste wijziging / Last update: 31 Januari 2004 |