Here under follows the transcription of Houston Stewart Chamberlain's book RICHARD WAGNER. ECHTE BRIEFE AN FERDINAND PRAEGER, with an introduction by Hans von Wolzogen, published by Grau'sche Buchhandlung, Bayreuth 1894. Richard Wagner's real letters to F. Praeger, a critique of Praeger's book „Wagner as I knew him“. See my bibliography-page for more information.

For this internet-transcription I've written abbreviated text in full again, e.g. „Bayr. Bl.“ becomes „Bayreuther Blätter“, „W.“ becomes „Wagner“, etc., except for the quotes. I did this especially to please the search engines, while I'm sure, dear reader, that you can do without.


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Richard Wagner.

Echte Briefe


an


Ferdinand Praeger.

Kritik der Praeger'schen Veröffentlichungen

von


Houston Stewart Chamberlain.

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Vorwort von Hans von Wolzogen.


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Bayreuth.

Im Commissions-Verlag der Grau'schen Buchhandlung.

II
Leere Seite

III




Inhalt.

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Seite
Vorwort von Hans von Wolzogen V
Kritische Vorarbeit von Houston Stewart Chamberlain (nach den Bayreuther Blättern 1893 VII) 1
Richard Wagner's echte Briefe an Ferdinand Praeger 73

Nachträge von Houston Stewart Chamberlain
97
115
Brief Richard Wagner's an August Roeckel nach Prag 122

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IV
Leere Seite

V


Vorwort.

    In Folge der letzten vernichtenden Schläge, welche Wm. Ashton Ellis' Kritik im „Musical Standard“ d. J. gegen das Buch Ferdinand Praeger's „Wagner as I knew him“ und die Versuche seiner Rettung ausgeübt hat, ist in englischen Blättern bereits die Forderung ausgesprochen worden, dieses die biographische Litteratur compromittirende, als eine „Quelle“ für das Wissen von Wagner hervorragend unbrauchbare, weil durchaus unglaubhafte Werk sollte vom Verleger aus dem   e n g l i s c h e n   Buchhandel schleunig zurückgezogen werden.
    Schon hatten auch einige deutsche Zeitungen, nach der grundlegenden und unumstösslichen Arbeit Houston Stewart Chamberlain's in den „Bayreuther Blattern“ 1893, ihr Urtheil offen und ehrlich gefällt über die dort erwiesene Werthlosigkeit, ja Gefährlichkeit des Praeger'schen Buches in seiner durchweg abweichenden, aber noch verworreneren und haltloseren   d e u t s c h e n   Fassung. Ueberhaupt ist wohl durch die deutschen Blätter ein gewisses Flüstern gegangen, woran ein aufmerksamer Leser etwa merken konnte, dass sich irgendwo ein starker Wind erhoben hatte; dass aber dieser Wind die losen Blätter vom Baume jener Erkenntniss, von welcher Intelligenzen Praeger'scher Art sich ernähren, bereits völlig weggeblasen hätte vom offenen Markte der Wiss- und Neubegier: davon hat man bei uns leider noch nichts bemerkt.
    Noch immer findet man hier und da ganz ernstlich gemeinte Hinweisungen auf Praeger's unsichere Erzählungen und widerlegte Behauptungen; noch immer bleibt es eine bedenkliche Möglichkeit, dass wirkliches Uebelwollen mit freier Hand die vorgebliche Verlässlichkeit und erwünschte Bedeutung des unseligen Werkes in der Vorstellung unbelehrter Leute — also „weitester Kreise“ — aufrecht erhält.

VI Vorwort

    Zur Ehre deutscher Urtheilskraft dürfte eine solche Verschiebung der sicheren Stellung zu einer, ob englisch oder deutsch, jedenfalls doch undeutsch geprägten Denktafel exemplarischer Gedächtnisslosigkeit nicht längere Zeit in Wirkung bleiben. Denn diese Gedächtnisslosigkeit besteht keineswegs nur in einer bis zu geistiger Verstörtheit gesteigerten Verwirrung sämmtlicher Erinnerungsfäden, deren schier unentwirrbares Geflechte zu guter letzt nur noch den zu burlesker Schau getragenen Prunkmantel des fast rührend selbstgefälligen Webemeisters bildet. Diese Gedächtnisslosigkeit ohne Gleichen ist zum Mindesten ein trauriges   G e d ä c h t n i s s l o o s,   das diesem Manne schon vor der Geburt gefallen war: das bedauernswürdige Loos nämlich, eines grossen Menschen, der sich seiner besten Eigenschaften freundlich und dankbar bedient, gar nicht gedenken zu   k ö n n e n,   weil er sich einen solchen Menschen, auch wenn er ihn zufällig „kannte,“ überhaupt nicht zu „denken“ vermochte.
    Auch Praeger hätte von sich sagen können: „In Allem seh' ich einzig nur mich“ — — aber nicht zu   s e i n e m   Ekel! —
    Nun haben wir das wunderliche Denkmal dieser seiner einseitigen Gedächtnisslosigkeit, welche auch da, wo er sich selbst den kleinen Diensten des Grossen weihte, nimmer sich selbst vergessen konnte, sondern — wahrscheinlich ganz ehrlich und unwillkürlich — in dem eifrig geleisteten Dienste selber nur mehr   d e n   Dienst wohlig empfand, den der Grosse   i h m   dadurch leistete. Wir haben in diesem Denkmale nun den Dank, den er dafür dem grossen Gegenstand seines Nichtgedenkenkönnens in seiner ganzen grossen und aufrichtigen Kleinheit abgetragen hat.
    Er — oder sagen wir richtiger: seine mythischen Testamentsvollstrecker, die schon vor seinem Ende thätig gewesen zu sein scheinen, haben dafür gesorgt, dass der Mangel an Qualität durch die Quantität möglichst ersetzt werde, denn sie ergossen das freundschaftliche Unheil gleich zwiefach und zwiesprachig über jene internationale Welt, die sich überall langweilt am Grossen, so lange es ihr nicht „klein gemacht“ ist. Sie drückten dieser kurzsichtigen Welt ein ganz ab-

VII Vorwort

sonderliches, gleichsam stereoskopisch doppeltes Verkleinerungsglas mit zwei verschieden gefärbten, aber gleich schlecht geschliffenen Gläsern in die Hand und vor die Augen.
    Wahrlich! Niemals hat man zwei unähnlichere Zwillinge gesehen, als wie diese englische und deutsche „Ausgabe“ der Klein Zaches- oder Zinnober-Brille, durch welche Praeger — Wagner sah! War schon der eine Zwilling als eine gläserne Missgeburt zur Welt gekommen, so bewährte der Andere wenigstens darin die Familienähnlichkeit, da ihm sonst die übereifrigen Testamentsvollstrecker des vor der Geburt verstorbenen Vaters die schon so gebrechlichen Glieder noch dazu total verschoben und verdreht hatten. Leider waren sie nicht geschickt und besonnen genug, um diese verwegene Umbildung wenigstens in der Weise vorzunehmen, dass aus der Missgeburt ein Musterzwilling geworden wäre; vielmehr ward das Unglück nur grösser, und wer nun — wie Houston Stewart Chamberlain zuerst gethan — die beiden Brüder zugleich ansieht, indem er sie für das nimmt was sie sind: leere Brillengläser, der erkennt darin allerdings nicht „Wagner“ sondern „Praeger“, aber als ein armes hybrides Wesen, das nichts weniger verträgt als das Fortleben, die Unsterblichkeit in der Welt „sehender Augen“ und gedenkender Herzen. —
    Da unsere vielgeschmähte Erde diesen Ehrentitel doch noch nicht völlig aufgeben mag, so oft und gerne auch ähnliche Missgeburten ihr Unehre machen, so müssen Diejenigen, welche Augen und Herz genug haben, Solches zu erkennen und zu wollen, in diesem Falle ganz besonders nachdrücklich dafür eintreten, dass nicht nur das englische, sondern auch das deutsche Brillenglas aus dem Gesichtswinkel der getäuschten Oeffentlichkeit gerückt werde; denn Gefahr bringt es ihrem Glaubensbedürfnisse, das bekanntlich dem Unglaubwürdigen umsomehr zuneigt, je mehr es auf dem Gebiete des würdigen Glaubens bekämpft wird, und Schande macht es ihrem Gedächtnissvermögen, das leider um so leichter befriedigt ist, je bequemer es ihm gemacht wird. — Pietas und Pietät fordern die Beseitigung des Zwillings, und aufrichtige „pitié“ spricht auch ihr Wort dabei: Mitleid mit seinem unglücklichen Erzeuger und mit der getauschten Welt. —

VIII Vorwort


    Ein rasches Ende ist besser als ein langes Siechthum, zumal wenn letzteres ansteckend wirken kann. Dies Ende zu machen erstrebt die vorliegende Veröffentlichung. —
    Obwohl das gewisse Flüstern durch die Blätter ging, welche die Welt bedeuten, so blieb doch der Hauptsturm gegen die ganze Gefahr und Schande bisher noch in dem engen Schlauche der luftreinigenden Bayreuther Aeolos stecken. Was in den „Bayreuther Blättern“ vorgegangen war, so meisterlich vorbildlich es gewesen sein mochte, ward zwar von etlichen Berichterstattern der Oeffentlichkeit mehr oder minder schweigsam beachtet und gelegentlich angedeutet oder missdeutet; aber das Publikum selbst hat die volle Freude der geistigen Befreiung durch die kritische Heldenthat noch nicht erlebt: es kannte noch gar nicht den vollen Umfang der enthüllten Unglaubwürdigkeiten; und es kennt vor Allem noch garnicht, was doch das Beste ist: Wagner's eigene und echte Briefe an Ferdinand Praeger. —
    Das wirkliche Verdienst des absonderlichen Denkmals ist die Veranlassung, die es gegeben hat, bei der forschenden Untergrabung seiner Fundamente auf diese echten Denkmale Wagnerischen Geistes und Wagnerischer Menschlichkeit zu stossen. Diese vor allem Andern sollen und müssen auch dem weitesten Publikum die Augen öffnen, sodass es keinerlei Zwillingsbrillen mehr bedarf; denn nun sieht es nicht mehr den kleinen Zaches, sondern den grossen Meister selbst. —
    Aber auch sonst ist dieses Buch, als Bild im kritischen Spiegel, der es schadlos macht, ein Denkmal und ein Dokument, dafür, was in der Welt   m ö g l i c h   ist. Was im Kleinen und Einzelnen so oft geschieht, dass man es bedenklicher Weise gar nicht mehr bemerkt, wie uns dadurch nach und nach die ganze Atmosphäre verschlechtert wird, in der man lebt, liebt und glaubt, — das ist hier einmal in einem allgemeinen Musterbeispiel erschienen. Immer gab es schon Freunde, die abfielen, Freunde, die missverstanden, Freunde, die sich lächerlich machten, Freunde, die sich so nannten, und Freunde, die nur sich selber kannten. Und immer gab es auch Feinde, die anfielen, Feinde, die Missverständniss züchteten, Feinde, die lächerlich machen wollten, Feinde, die ungenannt blieben,

IX Vorwort

und Feinde, die sich vor Wuth und Neid nicht kannten. Es gab auch Lügen und Entstellungen, Maskeraden und Spiegelfechtereien, die Hülle und Fülle! Aber alles auf einmal, und mit einer solchen ungenirten, freundlichen Naivetät des sonst raffinirtesten Treibens, mit einer solchen verblüffenden Vielseitigkeit des an sich einseitigsten aller Verfahren — das war doch noch nicht vorgekommen, — das ist ein Fall gewesen, den man fast freudig als Schlussabrechnung begrüssen möchte, wenn es nicht doch so traurig wäre, dass so etwas möglich ist, und trotz alledem und alledem im Kleinen und Einzelnen immer wieder möglich sein wird. —
    Wir aber wollen etwas Gutes thun. Wir wollen zum Mindesten die Möglichkeiten des Schlimmen und Traurigen ein wenig einzuschränken suchen, und dafür die Wirklichkeit des Guten und Erfreulichen recht ordentlich an's Licht rücken. Darum seien hier die Briefe des Meisters, soweit sie von den sicher existirenden Originalien selbst abgeschrieben werden konnten, aus der verborgenen Enge einer Zeitschrift auf den offenen Markt des Buchhandels gebracht: eine goldene Frucht, die der ganze unwiderstehliche Sturm reinigender und vernichtender Kritik, in vermehrter und ergänzter Fülle hier noch einmal entfesselt und über die weite Welt gesandt, dem hoffentlich etwas ernstlicher geschüttelten und gerüttelten Publikum zu schönstem Lohn in den Schooss werfen soll. —
    Ein gutes Werk zu guter Zeit! Wir stehen im Zeichen der Gralsritterschaft. Durchaus in keinem minder edlen Sinne möge diese Veröffentlichung verstanden werden! —

    B a y r e u t h,   zu Beginn der Festspiele 1894.

Hans von Wolzogen.

1


Kritische Vorarbeit.

Ferdinand Praeger's: Wagner, wie ich ihn kannte. *)
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„Sie kommen, dass sie schauen, und
meinen's doch nicht von Herzen,
sondern suchen etwas, dass sie lästern
mögen, gehen hin, und tragen's aus.“
Psalm XLI, 7.

    Wenn ich diese Worte des Psalmisten auf einen Todten anwende, so mag das nicht grossmüthig erscheinen; brüstet sich aber ein Mann mit dem Namen „Freund“, um der Welt einen Bericht zu empfehlen, welcher der bösartigsten Entstellungen und des schlecht verhehlten Uebelwollens voll ist, so haben wir die Pflicht, ihm ebenso schonungslos entgegenzutreten, als weilte er noch unter den Lebenden. Den Verleumdungen der Tagespresse können wir mit Achselzucken begegnen; es sind Eintagsfliegen; gerade aber diese Bücher voll eitlen Geklatsches scheinen ein gefeites Leben zu besitzen und zwar um so mehr, je weniger sie Wahres enthalten. Einer so haarsträubenden Unzuverlässigkeit, wie sie in diesem Buche Praeger's durchwegs zu Tage tritt, bin ich noch niemals begegnet; kaum eine einzige Seite ohne falsche Angabe, selbst dort, wo die Thatsachen offenbar aus wohl-
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    *) Die vorliegende Fassung der Kritik des Praeger'schen Buches, die wir unserer Sache zu schulden glaubten, stammt, bis auf die einleitenden Satze, aus der Feder des   M r.   H o u s t o n   S t e w a r t   C h a m b e r l a i n,   welcher dabei, nächst seinen eigenen, eingehenden Forschungen und ausser etlichen andern Mittheilungen, insbesondere ein im Interesse der Sache uns dankenswerth gütigst zur Verfügung gestelltes Manuskript des   M r.   W i l l i a m   A s h t o n   E l l i s,   enthaltend eine reichhaltige Sammlung von Ergebnissen seiner sehr genauen Studien des betr. Buches und der zu dessen Beurtheilung in Betracht zu ziehenden Quellen, in freier Auswahl benutzen durfte.
Die Redaktion der „Bayreuther Blätter“.

2
Kritische Vorarbeit


bekannten und leicht zugänglichen Quellen geschöpft sind! Schon diese eine Erwägung hätte genügt, um das Werk einer Besprechung in den „Bayreuther Blättern“ unwürdig erscheinen zu lassen, und gerne hatten wir es auch mit Stillschweigen übergangen.
    Es handelt sich aber um eine hochernste Sache: kaum zehn Jahre ruht unser Meister im Schoosse der Erde, und schon umranken seinen schlichten stolzen Lebenslauf die Fabel-, die Mären- und die Legendenbildung. Und wenn nun die Welt ein solches elendes Elaborat wie das von Praeger sich als eine zuverlässige Quellenschrift aufbinden lässt, so tritt an uns Jünger des Meisters die harte, aber unabweisliche Pflicht heran, ein für alle Mal, mit wissenschaftlicher Gründlichkeit, den Unwerth des Dargebotenen Punkt für Punkt festzustellen.
    Ich werde mit dem Titelblatt beginnen, denn schon dieses enthält mehr wie eine Unrichtigkeit, und sodann zum Vorwort übergehen, denn gleich der erste Satz des ganzen Buches ist eine direkte Unwahrheit, — und zwar ergibt sich das aus Praeger's eigener Darstellung. Sodann werde ich die Quellen untersuchen, auf welcher die Darstellung beruht: zunächst die angeblichen Briefe des Meisters, und sodann das angebliche Notizbuch Praeger's; es wird sich ergeben, dass   k e i n   e i n z i g e r   B r i e f   i n   s e i n e r   u r s p r ü n g l i c h e n   G e s t a l t   v o r   u n s   l i e g t,   und aus der Betrachtung der materiellen Widersprüche, in die sich Praeger verwickelt, wird sich die Ueberzeugung uns aufdrängen, dass es überhaupt kein „Notizbuch“ gegeben, sondern dass Praeger seine persönlichen Erinnerungen erst viele Jahre später aufgeschrieben hat. Aus welchen Quellen er wirklich geschöpft hat, werden wir für einzelne Fälle zeigen, und aus der Art, wie er mit diesen Quellen verfahren ist, wird sich die Gewissenlosigkeit des Autors ergeben. — Praeger's Darstellung der Ereignisse des Jahres 1849 hat besonders viel Aufsehen erregt; er behauptet, über ganz besondere, persönliche Quellen verfügt zu haben; ich werde zeigen, welche Quellen er in Wirklichkeit benutzt, und in welcher schamlosen Weise er sie gefälscht hat. — Sodann werde ich die einzelnen Begegnungen zwischen

3 Kritische Vorarbeit

Wagner und Praeger kurz besprechen müssen, da hier möglicherweise wirkliche persönliche Erinnerungen, Mittheilungen von Werth vorliegen könnten; ich werde aber schwarz auf weiss nachweisen, dass so vieles in diesen angeblichen „Erinnerungen“ thatsächlich falsch ist, dass man keiner einzigen Zeile unbedingten Glauben schenken darf, wodurch das Ganze werthlos wird. Diese Begegnungen werde ich in ihrer chronologischen Reihenfolge durchnehmen: London 1855 (die allererste Zusammenkunft überhaupt), Zürich 1857, Paris 1859 bis 1861, München 1865, Triebschen 1871, Bayreuth 1876 und 1882, London 1877. — Eine kurze Schlussbetrachtung wird das „saure Amt“ zu Ende fuhren.

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    T i t e l b l a t t   u n d   V o r w o r t. — „Wagner, wie ich ihn kannte“: entspricht dieser Titel dem Inhalt des Buches? Wollte man spassen, so könnte man antworten: ja! insofern durch das ganze Buch hindurch der Nachdruck immer auf das Ich gelegt wird, aber nein! insofern als Praeger uns in seinem Buche klar beweist, dass er den Meister überhaupt nie gekannt, sondern ihn nur   v e r k a n n t   hat. Doch wollen wir lieber Alles, was nach einem subjektiven Urtheil aussehen konnte, bei Seite lassen. Praeger begegnete Wagner zum ersten Mal in seinem Leben am 5. März 1855; im Ganzen ist er ihm neun Mal begegnet; zählt man die Wochen und Tage zusammen, so ergibt sich, dass Praeger nicht sechs Monate, Alles in Allem, mit Wagner persönlich verkehrt hat. Soll das Buch seinen Titel rechtfertigen, so muss es sich folglich der Hauptsache nach auf diese sechs Monate beziehen. Was finden wir dagegen? Praegers Buch zählt (in der deutschen Ausgabe) 366 Seiten; auf der 243. Seite erfolgt die erste Begegnung; also ganz genau zwei Drittel des Buches gelten der Zeit,   e h e   Praeger Wagner kannte. Von den 122 Seiten, die nunmehr für den „Wagner, wie Praeger ihn kannte“, übrig bleiben, gelten 80 Seiten den Jahren 1855 und 1856, so dass auf die ganzen folgenden siebenundzwanzig Jahre genau 42 Seiten entfallen! Diese blosse mathematische Feststellung ist die allerberedtetste Kritik des Titels; welche

4 Kritische Vorarbeit

Schlüsse sie auch betreffs der Freundschaft, die zwischen beiden Männern geherrscht haben mag, gestattet, das werden wir bald naher erörtern.
    Ich bin aber mit dem Titelblatt noch nicht fertig. Unter dem Autornamen steht: „Aus dem Englischen übersetzt vom Verfasser.“ Angeblich ist also dieses deutsche Buch die Uebersetzung des ein Jahr früher unter dem selben Titel erschienenen englischen. Und da fällt es zunächst befremdend auf, dass die deutsche Ausgabe etwa um ein Drittel umfangreicher wie die englische ist. Jedoch das liesse sich noch erklären; der Verfasser hätte ja manche Einzelheit für seine deutschen Leser interessant erachten können, die er dem fernerstehenden Engländer nicht erst mittheilen wollte. Da aber Praeger kein sehr schönes Englisch schreibt, so verfiel ich eines Tages darauf, eine Stelle, die mir in der englischen Ausgabe durchaus dunkel war, behufs Aufklärung des Sinnes in der deutschen „Uebersetzung“ nachzuschlagen. Zu meinem grossen Erstaunen fand ich aber, dass diese Stelle in der angeblichen „Uebersetzung“ überhaupt ganz und gar anders lautete! Durch diesen Zufall darauf gebracht, verglich ich nun die beiden Ausgaben und entdeckte zu meiner Verwunderung, dass diese betreffende Abweichung keine Ausnahme, sondern die Regel bildet. Sehr selten stimmen die beiden Ausgaben mit einander überein; ganze Sätze aus dem kürzeren englischen Buche fehlen in dem weitläufigeren deutschen; der selbe Vorgang wird in beiden Ausgaben häufig ganz verschieden erzählt, und gar nicht selten wird in der einen das ganze genaue Gegentheil behauptet von dem, was die andere berichtet. Ein Beispiel soll das Gesagte erhärten: S. 315 (der deutschen Ausgabe) erzählt Praeger, er habe einmal in Zürich zugehört, während Wagner am zweiten Akt von Siegfried komponirte; auf Praeger's Frage, wie er dazu gekommen sei, den Rhythmus eines bestimmten Motivs zu ändern, habe der Meister „ganz anspruchslos“ (!) geantwortet: „Das sind Dinge, die mir ganz unverhofft einfallen und deren Angemessenheit ich erst nachher entdecke.“ Nach der englischen Ausgabe (p. 295) antwortete dagegen der Meister: „Ach! ich habe versucht und versucht, nachgedacht und nachgedacht, bis ich endlich das

5 Kritische Vorarbeit

herausbekam, was ich brauchte.“ Ja, was soll man dazu sagen? Jedenfalls war diese Anekdote nicht „aus dem Englischen“ übersetzt! Verweilen wir aber noch einen Augenblick bei dieser S. 315, denn da wird der Leser die Art und Weise der ganzen Praeger'schen Berichterstattung genau kennen lernen, und er wird einsehen, dass die Abweichungen zwischen den beiden Ausgaben so tiefeingreifende sind, dass man sich des Eindruckes nicht erwehren kann, der Verfasser habe in leichtsinnigster Weise jedes Mal das geschrieben, was ihm gerade zufällig durch den Kopf ging. Nach jenem oben angeführten Ausspruch des Meisters steht — in der englischen Ausgabe —: „Dass es bei Wagner Ausdauer war und nicht Spontaneïtät; das beweist noch ein anderer Vorfall.“ Im Deutschen konnte dieser Satz natürlich nicht stehen, da Wagner dort erklärt, die Sache ware ihm „unverhofft eingefallen.“ Die zweite Anekdote folgt aber ähnlich in beiden Ausgaben; Wagner habe einmal beim Phantasiren auf dem Klavier nicht weiter gekonnt; Praeger tröstet ihn mit einem Witz; dass dieser Witz in den zwei Ausgaben ein ganz und gar verschiedener ist, thut wohl nicht viel zur Sache, ist aber immerhin charakteristisch für die Art des Erzählers und beleuchtet die Frage des „Uebersetzens“; nun spricht aber Wagner wieder, und wenn sich die beiden angeblichen Aussagen hier nicht wie einige Zeilen früher direkt wiedersprechen, so ist doch der Gedankengang in den beiden Parallelstellen ein entgegengesetzter, und es kann unmöglich die eine aus der anderen „übersetzt“ sein. In der deutschen Ausgabe nämlich gesteht Wagner zu: „dass er die Improvisationsgabe nicht besonders stark habe, indem ihm immer gleich die Reflexion als   H i n d e r n i s s   in den Weg komme“; in der englischen Ausgabe dagegen gesteht er: „sein Bestes könne er nur mit   H ü l f e   der Reflexion leisten.“ — Und so geht es durch das ganze Buch weiter; ich werde noch häufig auf diese Wiedersprüche zwischen den beiden Ausgaben zurückkommen müssen. — Wenn der freundliche Leser aber meint, hiermit wäre die Sache erledigt, so hat er noch keine Ahnung von den eigenthumlich verwickelten Methoden des Herrn Praeger. Eines ist nämlich in diesem Buche thatsächlich „aus dem Englischen

6 Kritische Vorarbeit

übersetzt“, und zwar — — — s ä m m t l i c h e   Z i t a t e *)   aus den Schriften des Meisters! Für die englische Ausgabe hat Praeger die Worte Wagner's stäts ausserordentlich frei in's Englische übertragen; in der deutschen Ausgabe hätte man nun billiger Weise die Anführungen aus dem Orginal erwarten können; statt dessen sind die durchaus ungenauen englischen Uebersetzungen in schlechtes Deutsch zurückübersetzt worden! Dass auch die Briefe, die ihrem Styl nach unmöglich vom Meister sein können, diesen doppelten Uebersetzungsprozess durchgemacht haben dürften, wird hiernach fast zur Gewissheit. Es handelt sich übrigens offenbar um ein System, denn auch andere deutsche Verfasser werden von ihrem Landsmann Praeger ähnlich behandelt. Das gilt z. B. von Roeckel's Mittheilungen über den Mai-Aufstand, und ein höchst unterhaltendes Beispiel findet man S. 95, wo ein langes Zitat aus Heine's   L u t e t i a   in das eigenthümliche „Praeger-Deutsch“ übertragen worden ist! — Kurz: Praeger's   e i g e n e r   T e x t   i s t   n i c h t  „aus dem Englischen übersetzt“; nur die Zitate aus original-deutschen Schriften sind aus dem Englischen zurückübersetzt!
    Es bleibt noch eine Behauptung auf dem Titelblatt: „von Ferdinand Praeger“. Man braucht nur drei Seiten des Buches zu lesen, um ihre Richtigkeit nicht zu bezweifeln. Es kommt uns aber sehr darauf an zu wissen, wie wir uns diese Autorschaft zu denken haben, — ob der Verfasser sich uns als gewissenhafter Kompilator vorstellt, oder ob persönliche Erinnerungen seiner Darstellung zu Grunde liegen? Der erste Satz des Vorwortes soll diese Frage angeblich beantworten; er beginnt: „Wenn eine Intimität — eine ununterbrochene Freundschaft von fast einem halbem Jahrhundert — — —“ Da muss ich aber schon gleich — halt! rufen, denn diese allerersten Worte sind von einer so maasslosen Ungenauigkeit, dass es eines geübten Auges bedarf, um sie von einer absichtlichen Unwahrheit zu unterscheiden. Praeger begegnete Wagner zum ersten Male in seinem Leben am 5. März 1855 (S. 243); der Meister starb am 13. Februar
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     *) Mit Ausnahme der Zitate aus dem „Judenthum in der Musik.“ Wm. Ashton Ellis.

7 Kritische Vorarbeit

1883; die Bekanntschaft umfasst also einen Zeitraum von knapp 28 Jahren; von einem „halben Jahrhundert“ kann folglich gar nicht die Rede sein, sondern nur von einem Vierteljahrhundert. — Wie sieht es aber mit der „Intimität“ aus? Da der Meister uns über hundert Schriften hinterlassen hat, und gegen vierhundert seiner Briefe der Oeffentlichkeit bereits mitgetheilt wurden, so kennen wir seine „Freunde“ alle; von dem Meister — bisweilen in nur wenigen, aber prägnanten Worten — charakterisirt, steht ein Jeder vor uns. Ob die grössten — ein König Ludwig, ein Franz Liszt — es jemals sich herausgenommen hätten, von ihrer „Intimität“ mit Wagner so zu sprechen, wie Praeger es thut *), muss bezweifelt werden, oder vielmehr, es kann nicht bezweifelt werden, dass sie es niemals gethan hätten, denn „Wagner, wie Liszt ihn kannte,“ z. B., war eine Erscheinung, die mehr Ehrfurcht gebot, als eine derartige Sprache voraussetzt. Der Meister hat aber aller seiner Freunde in seinen Schriften und Briefen selber gedacht. Welch' herrliches Monument er dem ersten grossen Freunde errichtet hat — Franz Liszt — das wissen wir Alle; auch der edle königliche Freund wird der Nachwelt in Wagner's Schriften in lebensgetreuerem Bilde als sonst irgendwo aufbewahrt bleiben. Es fehlt aber Keiner, und neben den Wenigen, die vielleicht wirklich auf den Namen „Freund“ Anspruch erheben konnten — wie Tausig und die (damalige) Gräfin Schleinitz und Gobineau — steht die lange Reihe aller Derer, die nur irgendwie in lebendige Beziehung zum Meister traten; vom guten Ernst Kietz aus der ersten Pariser Zeit an bis zum wackeren Ernst Heckel ist nicht der bescheidenste vergessen worden; aller Künstler, von der Schröder-Devrient bis Scaria hat er gedacht; ja, auch von den Zeitgenossen, die ihm ganz fern standen — wie Heine und Auber —, hat Wagner, sobald sie sein Interesse im Geringsten erweckten,
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    *) Als Kuriosum sei folgende Stelle (aus S. 325) mitgetheilt: „wir Beide kamen überein in dem Punkte, da wir uns so genau kannten, dass wir eigentlich   n i e   d u r c h   R a u m   g e t r e n n t   w a r e n, (!) — und späterer wiederholter Austausch unserer Ideen — zeigte uns immer ganz klar, wie genau wir uns   g e g e n s e i t i g (!)   verstanden hatten und wie   ü b e r e i n s t i m m e n d   wir urtheilten.“ (!)

8 Kritische Vorarbeit

Lebensvolles zu erzählen. Wenn also Praeger wirklich ein „nie durch Raum getrennter“, „halbhundertjähriger“ Freund war, so dürfen wir erwarten, dass der Meister Vieles und Eingehendes über ihn berichten wird. In der That berichtet er aber so gut wie gar nichts! Der Name Ferdinand Praeger kommt in den Gesammelten Schriften   n i c h t   e i n   e i n z i g e s   M a l   vor. In den Briefen findet man ihn im Ganzen vier Mal; die zwei ersten Male handelt es sich aber blos um eine Adresse (Briefe an Liszt II, 55 und an Fischer S. 323), das dritte Mal (Brief an Fischer, Nr. 52) kommt der Name in einer Aufzählung vor; Praeger als persönlicher näherer Bekannter wird also   i m   G a n z e n   n u r   e i n   M a l   von Wagner erwähnt, und zwar in dem Brief an Liszt vom 16. Mai 1855 (II, 74), aus London, aus jener kurzen Zeit, wo der Meister mit Praeger zum ersten und letzten Male ziemlich viel verkehrt hat; und was sagt er? Klindworth, den er fast in jedem Briefe erwähnt, für den er ausdrücklich „Liszt dankt,“ Klindworth erwähnt er auch hier; dann spricht er von Sainton und von Lüders und sagt: „beide sind mir feurig ergeben und thun ihr Möglichstes, um mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ausserdem gehe ich auch oft zu   P r a e g e r,   e i n e r   g u t e n   S e e l e“.   Dieser eine einzige Satz, diese drei Worte — „eine gute Seele“ — sind Alles, was der Meister über Praeger zu berichten hat! Hiermit ist aber die Märe von der Intimität, von dem „sich gegenseitig verstehen“ u. s. w., ein für alle mal beseitigt; denn ist einerseits die Thatsache, dass Praeger sonst niemals erwähnt wird, ein negativer Beweis, dass die Freundschaft keine grosse war, so genügen anderseits jene drei Worte — eine gute Seele — um Wagners Meinung von Praeger erschöpfend darzulegen: ein freundlicher, dienstfertiger Mann, der geistig und künstlerisch ohne jegliche Bedeutung.
    Hieraus erhellt, dass wir keine besonders hochgespannten Erwartungen an Praeger's Erinnerungen knüpfen dürfen; denn er war niemals ein intimer Freund des Meisters. Ausserdem dürfen wir nicht vergessen, dass er nur ein einziges Mal längere Zeit mit Wagner verkehrt (drei und ein halb Monate in London, 1855) und ihn seitdem nur hin und wieder einige

9 Kritische Vorarbeit

Tage gesehen hat. Auch die geringste Einzelheit hat aber Interesse, wenn sie sich auf einen Mann wie Richard Wagner bezieht; und wenn wir auch über die von Praeger in seinem Vorwort aufgestellten Behauptungen, er habe während eines halben Jahrhunderts mit Wagner „Jugenderinnerungen, kühne Hoffnungen, misslungene Pläne und auch glückliche Erfolge ohne irgend welchen Rückhalt besprochen“ — nur lächeln können, so wird uns nichtsdestoweniger der bescheidenste Beitrag zur Kenntniss des Lebens unseres Meisters zu aufrichtigem Dank verpflichten. Fragen wir uns also: Woraus ist das Buch zusammengesetzt? Was enthält es Werthvolles und Neues? Was dürfen wir als wirkliche „Beiträge“ zur Lebensgeschichte Wagner's betrachten?
    Wie ich schon früher bemerkte, gelten zwei Drittel des Buches der Zeit, ehe Praeger Wagner kannte. Je länger die „ununterbrochene Freundschaft“ dauerte, desto weniger hat Praeger uns zu erzahlen: die Jahre 1855-56 nehmen mehr wie doppelt so viel Raum ein wie sämmtliche 27 folgende Jahre zusammen; und zwar nimmt die Reichhaltigkeit der Mittheilungen progressiv ab. Im Wesentlichen bietet uns also Praeger's Buch Folgendes dar: 1) 37 Briefe des Meisters, *) 2) eine einigermaassen ausführliche Schilderung des Londoner Aufenthalts des Meisters im Jahre 1855 und eines Besuches Praegers in Zürich, angeblich im Jahre 1856, — 3) eine in einzelnen Abschnitten ziemlich ausführliche Schilderung von Wagner's Leben vor 1855. — Was 1) und 2) anbelangt, so ist es klar, dass sie für uns von grossem Interesse sein müssen, sobald wir ihnen eine unbedingte Zuverlässigkeit zuschreiben dürfen; mit der Frage nach ihrer Zuverlässigkeit werde ich mich sofort eingehend beschäftigen; was 3) aber anbelangt, so haben wir entweder eine Kompilation aus bekannten Quellen vor uns, oder müssen wir voraussetzen, dass Wagner bei Gelegenheit der Zusammenkünfte in den Jahren 55 und 56 (denn später hätte er dazu nie Zeit gehabt), systematische Vorträge über seine Jugenderinnerungen gehalten, und dass Praeger sich jede Einzelheit sofort sorgfältig notirt habe.
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    *) Dazu noch ein langer angeblicher Brief von ihm an Eduard Roeckel.

10 Kritische Vorarbeit

Die Nothwendigkeit zu einer so ungeheuerlichen Annahme liegt aber nicht vor, da offenbar das Allermeiste aus allgemein bekannten Quellen geschöpft ist. Der „Lebensbericht“ *) und Tappert's Biographie sind seine Hauptquellen gewesen, und zwar sind sie in so naiv unverfrorener Weise benutzt worden, dass jeder Kenner der einschlägigen Litteratur das sofort erkennen wird, und ich einen näheren Nachweis für überflüssig erachten darf. Auch Glasenapp hat Manches beigesteuert. Allerdings gebraucht Praeger gern jene bekannte Formel: „er erzählte mir eines Tages — —“; es mag ja auch sein, dass Wagner ihm wirklich dieses und jenes erzählt hat; für uns ist es aber nur wichtig, das Eine festzustellen, dass Praeger das, was Wagner ihm gesagt hat, jedenfalls   n i c h t   gleich notirte, sonst könnte seine Darstellung nicht so viele nachweislich irrthümliche und sich selbst häufig direkt widersprechende Nachrichten enthalten. Praeger's Angabe, am Schlusse seines Vorworts: „er erzähle Wagner's Lebensgeschichte und sein Wirken, wie er es von ihm selbst erfuhr,“ werden wir also mit grossem Misstrauen begegnen.
    Die Hauptfrage nach dem Werth der neuen Beiträge zur Lebensgeschichte Richard Wagner's, die uns das Praeger'sche Buch darbieten soll, gliedert sich demnach in zwei Fragen: Erstens: sind die Briefe des Meisters unzweifelhaft authentische? Zweitens: hat Praeger wirklich, wie er es (p. 150 u. A.) behauptet, „ein Notizbuch“ geführt, in welches er sowohl die Vorgänge der Zeiten, welche er in Wagner's Nähe verlebte, als auch die damaligen Erzählungen des Meisters über frühere Ereignisse gewissenhaft notirte? Diese zwei wichtigsten Fragen müssen beantwortet werden, ehe wir die einzelnen Mittheilungen Praeger's in chronologischer Reihenfolge einer kritischen Prüfung unterziehen.
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    *) Den Präger stäts, durch Verwechselung mit dem Titel der englischen Ausgabe, als „Das Werk und die   M i s s i o n (!)   meines Lebens“ zitirt; gerade so wie er die Schrift „Ueber die Bestimmung der Oper“ vom Meister   s e l b e r  (in einem Brief) „Ueber die   M i s s i o n   der Oper“ betiteln lässt; (S. 354.)

11 Kritische Vorarbeit

    D i e   B r i e f e   d e s   M e i s t e r s. — Praegers Buch enthält 34 Briefe des Meisters an den Verfasser (zum Theil nur Fragmente) und 3 Briefe an des Verfassers Gattin. — Genau so wie Praeger's Erinnerungen nehmen die Briefe progressiv an Zahl, Länge und Interesse ab! Auf die ersten zehn Jahre der Bekanntschaft fallen 22 Briefe (von denen 6 rein geschäftlicher Natur); auf die zweiten zehn Jahre 6 Briefe (und ausserdem noch 6, die ausschliesslich einer Bestellung bei einem Buchhändler gelten und die für die Oeffentlichkeit nicht das geringste Interesse besitzen); von da an gibt es überhaupt keinen Brief mehr.
   Wenn ein Leser nun blos die englische Ausgabe vor Augen hat, so wird er nie auf den Gedanken verfallen, die Authentizität dieser Briefe zu bezweifeln. Es sind ja fast alle denkbaren Schändlichkeiten gegen Wagner in Anwendung gebracht worden; selbst dem gewissenlosesten Feinde aber würde man es nicht zutrauen, dass er die Heiligkeit der vertraulichen Korrespondenz durch Aenderung auch nur eines Wortes verletzen könnte, wie viel weniger sollte man das bei einem „intimen Freund“ voraussetzen. Dem kundigen englischen Leser werden zunächst also nur einige Daten aufstossen; dass z. B. Wagner im Mai 1856 Praeger „ein Stück vom Siegfried vorzutragen“ verspricht, wird er für einen Druckfehler halten, da wir dokumentarische Beweise besitzen, dass der Meister damals die Komposition des Siegfried noch gar nicht begonnen hatte; *) manche Aeusserung wird ihn auch befremden, und er wird geneigt sein, einer offenbar schlechten Uebersetzung die Schuld zuzuschreiben. — Der deutsche Leser aber — und zunächst fasse ich Den in's Auge, der die deutsche Ausgabe allein vor sich hat — der deutsche Leser, wenn er nur ein wenig in Wagner's Styl bewandert ist, wird sofort viel bedenklicher werden. Denn er wird sich bald überzeugen, dass ganz gewiss kein einziger Brief in der Originalfassung vorliegt. Gleich der erste Brief beginnt (S. 236): „Ich schreibe Ihnen, mein lieber Praeger,
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    *) Am 12. Juli 1856 schreibt er an Liszt: „Hoffentlich fasse ich bald wieder Muth und beginne endlich den Siegfried.“

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als wie einem alten Freunde, Ihnen herzlich dankend, mir ein so wackerer Kämpe zu sein in einem fremden Lande und einem solch konservativen Volke.“ Das ist doch offenbar eine ganz miserable Uebersetzung aus dem Englischen; einen solchen Satz hat Richard Wagner in seinem ganzen Leben nie geschrieben! Dem selben Briefe können wir aber ganz andere Stylproben entnehmen; z. B.: „und werde ich vielfachen   G e b r a u c h   I h r e r   G ü t e   r e k l a m i r e n“ (!),   und „so   a g i r e n   Sie in meinem Namen nach Ihrem Gutdünken“ (!). Ein so grauenhaftes Deutsch schreibt ja nicht einmal ein Engländer, der der deutschen Sprache nur halbwegs mächtig ist, wie viel weniger ein Richard Wagner! Damit aber ein jeder meiner Leser die Ueberzeugung gewinne, dass diese Briefe nicht in der Originalfassung uns vorliegen, will ich noch zwei oder drei Stylproben anführen. Und zwar zunächst aus einem Briefe, der nicht an Praeger, sondern an Eduard Roeckel gerichtet ist; diesen Brief wähle ich deswegen, weil Praeger ausdrücklich versichert, dass er ihn nach dem „Original“ abdrucke (S. 199) und noch ein zweites Mal betheuert (S. 200): „Hier folgt nun der vorerwähnte Brief, ein   A u t o g r a p h   Wagner's.“ In diesem Briefe kommen folgende Sätze vor: „— — möchte er lieber nicht so weit weg als Amerika gehen, sondern will sich in London Brot suchen, um   a u f   s e i n e r   F a m i l i e   R e k o n z i l i a t i o n   zu warten;“ — „sie sind noch zu wuthend   m i t   ihm;“ — „Ich weiss von seiner Lebensweise, dass weder ein reges, aktives Leben, noch ein sehr ruhiges ihn   a f f e k t i r e n“ ! !   (Dem deutschen Leser, der dieses Kauderwälsch unmöglich verstehen kann, diene zur Erklärung, dass das englische Wort „affect“ nicht „affektiren“, sondern „affiziren“, beeinflussen, bedeutet.) Auch folgender Satz ist werth, als Muster eines „galizischen“ Styles angeführt zu werden: „Besonderes Leid verursacht mir meine Kunst, denn obschon ich mich frei bewegen konnte, war nirgends Aussicht,   e t w a s   g e h ö r t   z u   b e k o m m e n.“ — Und von diesem speziellen Brief wird also ausdrücklich gerühmt, dass er direkt nach dem Original abgedruckt sei! — In dem Brief an Praeger vom 15. Juli 1855 lesen wir (S. 291): „Bei mir ist es eben jetzt die   s u b l i m e   Natur, welche mich

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zum wiederholten Male antreibt, am Leben zu hängen, wie mit einer neuen Liebe, deswegen habe ich wieder angefangen zu arbeiten.“ — Einer der schönsten Sätze ist aber folgender, aus dem Brief vom 28. März 1856 (S. 301): „Wenn Du die Walküre wieder durchliest, so wirst Du sehen, was für eine   s u p e r l a t i v e   A d e r (!)   von Herzeleid, Weh und Verzweiflung das Ganze   v e r z w e i g t,   und ich brauche Dir dann nicht zu wiederholen, wie tief und schmerzhaft mich das Werk   p a c k t.“ — Nach solchen Beispielen ist es wohl überflüssig noch des Weiteren darauf aufmerksam zu machen, dass Wagner seinen Freund zu einer „Modellaufführung“ der Meistersinger einlädt (S. 347), dass er ihm versichert, seine „Unternehmungen scheinen   S u c c e s s   zu versprechen“, dass er gern solche Ausdrücke wie „timide (S. 241), „quasi“ (S. 293) etc. etc. etc. anwendet, die man schwerlich auch nur ein einziges Mal bei Wagner findet — — denn einzelne Worte könnten immerhin aus einer launigen Absicht erklärt werden, währenddem obige Sätze (die ich aus einer langen Liste ausgewählt habe) den apodiktischen Beweis erbringen, dass die Briefe des Meisters nicht in der Originalfassung uns vorliegen; und zwar bezieht sich das auf   s ä m m t l i c h e   Briefe. *) — Der deutsche Leser wird sich also verwundert fragen, warum dem deutschen Publikum die Originalbriefe vorenthalten werden; denn sämmtliche Briefe sind deutsch geschrieben worden, bis auf die drei in französischer Sprache an Frau Praeger, die aber auch französisch mitgetheilt werden (wie sich's gehort); und die Originale sind noch heute alle (in London) vorhanden und haben dem Verfasser des Buches vorgelegen. Der deutsche Leser wird gewiss bedenklich den Kopf schütteln; er wird sich aber damit trösten, dass, wenn auch durch das unverzeihliche Verfahren der Rückübersetzung aus einer Uebersetzung sowohl die Frische des ursprünglichen Ausdruckes als auch jede Zuverlässigkeit in Bezug auf das Detail verschwunden sind, er doch immerhin Dokumente vor Augen
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    *) Man theilt mir mit, kein einziger der „berühmten“ deutschen Kritiker hätte es bemerkt, dass diese Briefe unmöglich Originale sein können; das wäre allerdings ein trauriges Zeugniss, sowohl für ihre Kenntniss Richard Wagner's als für ihr Verhaltniss zur deutschen Sprache.

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hat, die ihm insofern zur Belehrung dienen können, als sie wenigstens dem allgemeinen Sinn nach, Satz für Satz, einem Original des Meisters entsprechen. — Nun tritt aber ein dritter Leser auf! Ein Mann, der der englischen und der deutschen Sprache gleich mächtig ist, nimmt beide Ausgaben des Praeger'schen Buches zur Hand. Er findet unter den nämlichen Jahres- und Monatstagen die selbe Anzahl von 34 Briefen an Praeger; auch der allgemeine Inhalt bezeugt, dass es die selben Briefe sind. Was soll nun dieser Leser aber denken, wenn er entdeckt, dass   k e i n   e i n z i g e r   B r i e f   i n   d e n   b e i d e n   A u s g a b e n   i d e n t i s c h   l a u t e t !   Schon die Anrede ist nicht immer gleichlautend; z. B. beginnt der Brief aus München 1867 in der englischen Ausgabe: „Mein guter Ferdinand“ (S. 320), in der deutschen Ausgabe: „Mein lieber Praeger“ (S. 346), und währenddem der englische Brief (S. 284): „Lieber Freund“ anhebt, versteigt sich der entsprechende deutsche (S. 299) zu „liebster Ferdinand.“ Das sind gewiss Kleinigkeiten; ich stelle aber fest, dass wir nicht einmal wissen, wie Wagner Praeger in seinen Briefen angeredet hat, was doch zur Charakteristik des Verhältnisses von Werth wäre. *) Das Selbe gilt von den Schlusswendungen der Briefe. Der Brief vom 12. Mai 71 z. B. schliesst englisch: „Liebe mich und glaube mich ewig Dein“, deutsch aber einfach nur: „habe mich lieb“; von „ewig Dein“ ist nicht die Rede. Ebenso schliesst der Brief vom 25. Nov. 70 in der englischen Ausgabe: „Behalte mich in Deinem Herzen, wie ich Dich“; in der deutschen Ausgabe fehlt dieser wichtige Zusatz: „wie ich Dich.“ — Sehen wir aber von diesen Nebensächlichkeiten ab, die Einigen allerdings wichtig, Anderen aber vielleicht als blosse dekorative Zuthaten erscheinen können. Ist der sonstige Inhalt der Briefe identisch? Keineswegs! — Wir haben zunächst Worte und ganze Sätze, die sich so wenig genau entsprechen, dass keine Uebersetzungsnoth den Abstand rechtfertigen kann; bisweilen steigert sich sogar dieser Abstand bis zu einer direkt gegentheiligen Be-
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    *) Sogar der lange französische Brief an Frau Praeger, vom 3. Nov. 55, der in beiden Ausgaben französisch abgedruckt wird, enthält zahlreiche Varianten, und sowohl die Anrede wie die Unterschriften sind in den beiden verschieden!

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hauptung. Damit nicht genug, enthält mancher Brief in der einen Ausgabe materielle Mittheilungen, die in der anderen fehlen; und das geht so weit, dass ganze Sätze, welche die englische Ausgabe der Briefe enthält, in der deutschen Ausgabe fehlen, und umgekehrt, dass die deutsche Ausgabe ganze Sätze enthält, die in der englischen fehlen. Schliesslich gibt es Briefe, die blos durch das identische Datum und durch die Folge der Ideenassoziationen auf eine gemeinsame Quelle hinweisen, sonst aber in toto von einander abweichen! Der Raum gestattet mir nur, einzelne Beispiele zu geben; es werden aber schlagende sein.
    Als Beispiel einer geringen Aenderung im Wortlaut, welche aber nicht belanglos ist, wollen wir gleich die allerersten Worte des ersten Briefes nehmen. In der deutschen Ausgabe steht (S. 236): „Ich schreibe Ihnen, mein lieber Praeger — — —“; in der englischen Ausgabe (S. 222) steht dagegen: „I enter into correspondence with you — — —“, was auf deutsch „Ich trete in Korrespondenz mit Ihnen“ — bedeutet. Und diese scheinbare Kleinigkeit ist in sofern wichtig, als der blosse Ausdruck — „Ich trete in Korrespondenz mit Ihnen“ — den unumstösslichen Beweis erbringen wurde, dass Wagner zuerst an Praeger schrieb, und dass Praeger mit seiner Behauptung, er habe zuerst an Wagner geschrieben, und dieser erste Brief des Meisters sei eine Antwort auf   s e i n e   Mittheilung, sich irrt. — Einige Zeilen weiter heisst es, in der deutschen Ausgabe: „— — — gibt mir den Muth, ohne Weiteres Ihnen eine Last aufzubürden, in welchem   V o r h a b e n   mich   a u c h   n o c h   ein Brief des alten Papa Roeckel's   b e s t ä r k t“;   im Englischen steht aber: „— — — Ihnen die Last einigermassen mühevoller Anordnungen (!) aufzubürden,   w i e   mir Papa Roeckel   i n   d e m   B r i e f e,   d e n   i c h   b e i l e g e,   d r i n g e n d   r ä t h.“ *)   Dieses eine Bruchstück eines Satzes enthält schon, wie der Leser merken wird, ein ganzes Arsenal von Beispielen! Denn aus diesem ersten Absatze des ersten Briefes (dessen erste Worte mein erstes Beispiel, dessen letzte mein zweites
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    *) „the burden of somewhat wearisome arrangements upon your shoulders, as papa Roeckel urges me in a letter which I inclose.“

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bilden) ergibt sich, in der Fassung der englischen Ausgabe, dass Wagner an einen ihm völlig unbekannten Menschen zum ersten Mal schreibt, und zwar auf den dringenden Rath eines gemeinsamen Bekannten hin, dessen Brief er als Einführung beilegt; aus der Fassung der deutschen Ausgabe kann man diesen Sachverhalt nicht errathen. Und was soll man dazu sagen, dass in dem einen Brief von einem „Vorhaben“, in welchem er bestärkt wird, in dem andern dagegen von einem „Rath“, der befolgt wird, die Rede ist? Dass in dem einen Fall ganz unbestimmt von   „e i n e m   Briefe“ nur geredet wird, in dem anderen aber von   „d e m   Brief,   d e n   i c h   b e i l e g e“ ?   Durch welchen Uebersetzungsprozess kann eine thatsächliche, materielle Mittheilung ganz und gar verschwinden? — Und man werfe mir nicht ein, dass es sich hier um eine Sache ohne Belang handele, denn wer so leichtfertig mit dem ersten und, in einem gewissen Sinne, gleichgültigsten Briefe umgehen kann, von Dem können wir bei wichtigeren Gelegenheiten Viel erwarten; das wird sich auch „bäldlich zeigen“; es ist aber ausserdem durchaus nicht gleichgültig festzustellen, wann Praeger Wagner zum ersten Male begegnet ist, und ich werde jetzt auf einen zweiten Brief aufmerksam machen, aus welchem sich ergeben wird, dass jene geringen Aenderungen im ersten Briefe durchaus nicht ohne eine zielbewusste — wenn auch sonst hoffentlich unbewusste — Methode waren. Drei Tage vor seiner Ankunft in London schreibt Wagner (deutsche Ausg. S. 243): „Ich muss also ohne weitere Notiz und Umstände ganz plötzlich Ihnen ins Haus fallen und hoffe, Ihrer Gastfreiheit werth zu sein.“ In der englischen Ausgabe steht nun (S. 227) nach dem Worte „Ihnen“ noch folgender Zusatz: „dem Freunde,   m i t   d e m   i c h   l e i d e r   n o c h   n i c h t   p e r s ö n l i c h   b e k a n n t   b i n.“ *) Und währenddem der deutsche Brief mit den Worten schliesst: „Mit — — der herzlichen Freude eines baldigen Zusammentreffens“, steht in der englischen Ausgabe: „in der herzlichen Freude,   S i e   p e r s ö n l i c h   k e n n e n   z u   l e r n e n!“ **) — Auf derselben Seite, 243, der deutschen Aus-
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    *) „the friend, whom, alas, I am not yet personally acquainted with.“
    **) „in hearty joy of your personal acquaintanceship.“


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gabe, oben auf der ersten Zeile schreibt aber Wagner in einem   f r ü h e r e n   Brief an Praeger: „Sie müssen sich   e r i n n e r n,   dass ich das Selbe in Dresden that, und niemand zu mir Zutritt hatte als mein Peps;“ in der englischen Ausgabe ist nun dieser ganze frühere Brief anders, und Wagner „erinnert“ Praeger nicht daran, dass nur sein Hund Vormittags Zutritt zu ihm hat, sondern theilt es dem ihm noch gänzlich fremden Manne mit; *) es war also ganz logisch, in der deutschen Ausgabe den Zusatz von „dem Freunde, mit dem ich leider noch nicht persönlich bekannt bin“ auszulassen, sonst wäre das „Sie müssen sich erinnern“ absolut unverständlich gewesen! Um zufällige Uebersetzungs- und Rückübersetzungsfehler und Versehen handelt es sich offenbar nicht, sondern mit einem anerkennenswerthen Sinne für Symmetrie wird hier Etwas hinzugethan und dort Etwas weggelassen! — Zuerst hatte ich eine Liste der Abweichungen zwischen den beiden Ausgaben der Briefe begonnen; ich musste dieses Vorhaben aber bald aufgeben, da ich einsah, dass nicht zwei Briefe im ganzen Buche identisch sind, ja kaum zwei Sätze! Das Folgende ist also ziemlich auf's Gerathewohl herausgewählt. — Unterhaltend ist es, dass an drei Stellen (S. 289, 302, 326) Sachen, die in der englischen Ausgabe unten als erläuternde Anmerkungen   P r a e g e r' s   stehen, in der deutschen Ausgabe in den Text der Briefe   W a g n e r' s   aufgenommen sind! Doch das nur nebenbei. — In dem Briefe vom Mai 1856 (der aber, wie wir sehen werden, von 1857 ist) schreibt Wagner (S. 303): „Zwei Monate wirst Du bei mir bleiben? das ist mir lieb;“ in der englischen Ausgabe heisst aber die betreffende Stelle:   „N o c h   zwei Monate, und da   w i r s t   D u   b e i   m i r   s e i n!   ach! das ist schön! **) In der deutschen Ausgabe heisst es nun weiter: „Bring nur ja alle (!) Deinen Scharfsinn her, denn es gibt einige Thesen in Schopenhauer, welche ungewöhnliche geistige Anstrengung erfordern, um zum Kerne der harten Nuss zu kommen, das wird Dir nun gerade passen;“ englisch steht dagegen: „Dann bringe Deine ganze Denkkraft, Deinen scharf-
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    *) Ausserdem steht in dem betreffenden Satz in der englischen Ausgabe (S. 228) statt des Hundes Peps, sein Freund August Roeckel.
    **) „Two months, and you will be with me! ah! that is good!“ (S. 287.)


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durchdringenden Geist mit, denn Du sollst mir in jenem besten aller Schriftsteller, Schopenhauer,   e i n i g e   d u n k l e   S t e l l e n   e r k l ä r e n (!),   welche mir augenblicklich viel Qual verursachen.“ *) Weiter unten steht deutsch: „Ich verspreche   D i r   v i e l e   glückliche Stunden;“ englisch: „Ich verspreche   m i r   e i n i g e   glückliche Stunden!“ (Wie diese Beispiele zeigen, muthet Praeger der Glaubenskraft meiner lieben englischen Landsleute häufig mehr zu als seinen eigenen deutschen!) S. 336 der deutschen Ausgabe steht: „Die mir zukommende Summe liess ich dem guten Nuitter;“ in der englischen: „sechzig Pfund Sterling;“ wie kommt es, dass eine positive, ziffermässige Angabe nicht in beiden Ausgaben steht? Gerade an dieser Stelle, vor den Worten: „Die mir zukommende Summe,“ steht in der englischen Ausgabe ein langer Satz, der in der deutschen ganz ausgelassen ist, obwohl er wahrlich nicht uninteressant ist: „Lieber würde ich alle Hoffnung auf den Beistand kaiserlicher und adeliger (!) Persönlichkeiten aufgeben und meinen Kampf allein auskämpfen, als dass ich noch einmal vor ein derartiges Gericht hinträte.“ **) Dass hier etwas weggelassen ist, wird aber in der deutschen Ausgabe gar nicht angedeutet! — Viel schlimmer verhält es sich mit dem Briefe auf S. 338. Gerade dieser Brief, der des Meisters Verhältniss zu seiner ersten Frau behandelt, ist von der ganzen Presse gierig aufgegriffen worden, und gerade dieser Brief ist in den beiden Ausgaben so gänzlich und durchaus verschieden, dass es schwer fällt, die beiden Fassungen überhaupt zu vergleichen! Zunächst kann ich feststellen, dass die so viel zitirten Worte: „es kommt mir so vor, als ob nach allem ich mit ihr viel zu nachsichtig und geduldig gewesen bin,“ in der englischen (also früheren) Ausgabe   g a n z   u n d   g a r   n i c h t   v o r k o m m e n,   w e d e r   d i e s e   n o c h   ä h n l i c h e.   Es handelt sich also offenbar und fraglos um einen infamen Zusatz des hoffentlich damals nicht
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    *) „Then bring all your brainpower, all your keen penetration, for you shall explain to me some obscure passages in that best of writers, Schopenhauer, which now torment me exceedingly.“ (S. 287.)
     **) I would sooner lose all hope of assistance from imperial and noble personages, and fight my battle alone, than again appear before such tribunal.“ (S. 310.)


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mehr zurechnungsfähigen Greises. — Ebenso fehlt folgender Satz in der englischen Ausgabe ganz und gar: „Ich fange an, mich vor der nächsten Zukunft zu fürchten, alles scheint mir Unglück zu prophezeien.“ — Dagegen enthält der Brief in der englischen Fassung Sätze, die man vergeblich in der deutschen suchen würde, z. B.: „Jetzt empfinde ich, dass ich den tiefsten Grund dunkler Verzweiflung erreicht habe;“ *) und währenddem der deutsche Brief mit den Worten — „Nirgends eine Aussicht, auch nur etwas Ruhe zu finden, wo und wie soll das enden?“ — schliesst, endet der englische folgendermaassen: „Einen Wechsel der Umgebung muss ich haben. Wenn nicht, so befürchte ich, dass ich vor Erschöpfung zusammenbreche. Ich liebe die Bequemlichkeit, den Luxus — da war es, wo sie mich fesselte — Wie wird das enden?“ **) Dieser so wichtige Brief (der in der deutschen Ausgabe gar nicht, in der englischen: Mariafeld, April 1864, datirt ist), einer der sehr wenigen, in denen der Meister irgend Etwas aus den Tiefen seines Herzens dem Praeger anvertraut, liegt uns also in zwei total verschiedenen Fassungen vor, und die einzige berechtigte Vermuthung ist, dass keine von beiden dem Original genau entspricht. — Der nächstfolgende Brief ist aus Starnberg, Juni 1864, und da er das Verhältniss Wagner's zu König Ludwig behandelt, ist auch er viel besprochen worden. Der Unterschied zwischen den beiden Fassungen ist aber hier noch grösser; es ist als ob zwei verschiedene Männer einen Brief einmal hätten vorlesen gehört, und sie ihn dann nachher nach dem Gedächtniss aufgeschrieben hatten; enger ist der Parallelismus hier nicht. Man höre den ersten Satz. Er lautet deutsch (S. 339): „Wie kann ich Dir den Zustand beschreiben, in dem ich mich befinde;“ — englisch (S. 313): „Dir bin ich es schuldig, dass Du über dasjenige benachrichtigt werdest, was während dieser letzten paar Wochen meine Freude ausgemacht hat — wenn auch gewisse Gedanken wie Wolken (über meiner
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    * „It is now that I feel I have sounded my lowest note of dark despair.“ (S. 312.)
    **) „Change of scene I must have. If I do not I fear I shall sink from inanition. I like comfort, luxury — she fettered me there — How will it end?“


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Freude) hängen;“ dann erst kommt im englischen Text die Stelle, welche dem zweiten deutschen Satze: „seit kurzer Zeit bin ich nicht mehr der Selbe — — —“ entspricht! Und so geht es weiter! Der letzte Satz lautet, deutsch: „Komm nur jetzt, Du kannst ja meinen Pathen mitbringen, er ist jetzt acht Jahre alt. Dein Richard Wagner;“ — englisch: „Wenn Du mich besuchen kannst, wird es mich freuen. Mein Pathe, Richard Wagner, ist jetzt acht Jahre alt, so sagst Du mir; bringe ihn mit; das Schwatzen eines lieben, unschuldigen Kindes wird mir gut thun; ihn in meiner Nähe zu haben wird mich   v i e l l e i c h t   t r ö s t e n.   Dein   u n s e l i g e r   Richard Wagner.“ *) Ein letztes Beispiel soll diesen fragmentarischen Ausführungen die Krone aufsetzen. S. 348 schreibt Praeger: „Im Juli 1870 empfing ich einen   l a n g e n   B r i e f   Wagner's, welcher folgendermaassen anfing:“ — und darauf hin theilt er vier Zeilen mit und bricht ab bei den Worten: „wenn ich Dir aber sage — — — —“; in der englischen Ausgabe steht nun (S. 321), Praeger habe „a very short communication“, d. h. eine   s e h r   k u r z e   M i t t e i l u n g   erhalten, worauf die selben vier Zeilen stehen, aber ohne den Zusatz von „wenn ich Dir aber sage“, und gleich gefolgt von „Dein Richard Wagner. Juli 1870.“ — Also für die Leser der einen Ausgabe ist das Original „eine sehr kurze Mittheilung“, welche angeblich vollinhaltlich zum Abdruck kommt, für die Leser der anderen ist es „ein langer Brief“, von dem nur ein Bruchstück mitgeteilt wird! Und jener Brief betrifft eine der bedeutungsvollsten Wendungen in Wagner's Leben.
    Bezüglich der angeblichen Briefe Wagner's, welche, wenn sie in ihrer ursprünglichen Gestalt vor uns lägen, das Werthvollste an dem Praeger'schen Buche ausmachen würden, haben wir also festgestellt: Kein einziger Brief ist im Wortlaut des Originals mitgetheilt; da der Wortlaut in der englischen und
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    *) Erste Stelle: „I owe it to you that you should be informed of what my joy — clouded though it is by certain thoughts — has been during the last few weeks.“ — Zweite Stelle: „If you can come to see me I shall be happy. My god child, Richard Wagner, is now eight years old, you tell me; bring him; the talk of a dear innocent child will do me good; to have him near me will, perhaps, comfort me. Your unhappy Richard Wagner.“

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in der deutschen Ausgabe ein ganz und gar verschiedener ist, so bleibt der wirkliche Inhalt der Originalbriefe blossen Muthmaassungen preisgegeben; selbst die materiellen Mittheilungen entsprechen sich in den beiden Fassungen nicht; was das beschränkte, materielle Gebiet übersteigt, ist also erst recht mit dem grössten Misstrauen aufzunehmen; wir wissen nicht einmal mit Gewissheit, wie Wagner seinen Korrespondenten angeredet und wie er sich ihm gegenüber gezeichnet hat; ja, wie das letzte Beispiel zeigte, wir wissen nicht einmal, ob die uns unbekannten Originale lang oder kurz waren!
    Von der Art übrigens, wie Praeger mit Briefen umgeht, enthält sein eigenes Buch ein höchst bezeichnendes und beweisführendes Beispiel; ich bitte den gütigen Leser dieser letzten, kurzen Ausführung seine Aufmerksamkeit schenken zu wollen.
    Nach dem vierten Londoner Konzert 1855 wollte Wagner plötzlich abreisen; seine leidenschaftliche Missstimmung hatte er jedoch nur im Freundeskreise geäussert; „ein deutscher Judenjunge“ (wie der Meister berichtet) war aber zufällig anwesend gewesen und brachte die Sache in die Zeitungen; darüber grosser Lärm. In einem Brief an seinen Freund Fischer („Briefe an Uhlig etc.“, p. 329) vom 15. Juni 1855 erklärte nun Wagner den ganzen Vorfall und schliesst mit dem Satze: „Ich brauche dir nicht erst zu sagen, dass es den Vorstellungen meiner Freunde, die mich nach Hause begleiteten, gelang, von meinem im Unmuth vorschnell gefassten Entschlusse mich abzubringen.“ Dieser Brief wurde in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ vom 1. Juli 1855 abgedruckt, dadurch kam er auch Praeger (der Mitarbeiter der „Neuen Zeitschrift“ war) zur Kenntniss. Nachdem nun Praeger in seinem Buche obigen Vorfall erzählt hat, beruft er sich auf diesen Brief und sagt (S. 266 unten): „— — Wagner schrieb deshalb nach Dresden, dass es nur   s e i n e m   F r e u n d e   F e r d i n a n d   P r a e g e r   und einigen Anderen zu   L i e b e   geschehen sei, dass er sich zum Bleiben entschloss.“ In der deutschen Ausgabe stehen allerdings obige Worte nicht zwischen Anführungszeichen, wohl aber in der englischen, und das bleibt sich übrigens gleich; das Wesentliche ist die Einsicht, wie virtuos Praeger es versteht, den Sinn eines

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einfachen Satzes, der ihm gedruckt vorliegt, zu verdrehen. Wagner berichtete, wie wir sahen, ganz einfach, dass es natürlich seinen Freunden gelang, ihn von dem voreiligen Schritt abzubringen; Praeger macht daraus, dass Wagner   „n u r   seinen Freunden   z u   L i e b e   geblieben sei“; und dadurch, dass er in diesen ganz veränderten Sinn an der geeigneten Stelle die Worte „Ferdinand Praeger“ (die weder in diesem, noch in irgend einem der anderen Briefe Wagner's an Fischer aus London ein einziges Mal vorkommen!) einschiebt, so wird diese ganz belanglose, kleine Episode zu einer der „dreizehnhundert Riesensäulen“, welche die „gewalt'ge Kuppel“ *) der halbhundertjährigen Freundschaft tragen. Und diese ganz direkte Fälschung lässt sich Praeger einem Briefe gegenüber zu Schulden kommen, der im Drucke erschienen ist! Allerdings erwähnt er dessen nicht, dass er diesen Brief aus der „Neuen Zeitschrift für Musik“ vom 1. Juli 1855 entnimmt; er hat nicht geglaubt, dass irgend Einer ihm so weit nachspüren würde; und vor Allem hat er nicht daran gedacht, dass die Briefe des Meisters an Fischer bald gesammelt der Welt wieder mitgetheilt werden würden. Sonst hätte er auch nicht aus diesem selben Briefe an Fischer ein zweites fast seitenlanges Zitat geben können, S. 273, und zwar von den Worten eingeleitet: „es ist besser, ich führe Wagner hier selbst an“, wo wieder einmal nicht ein einziger Satz unverändert dem Original entnommen ist! **)
    Aus diesem Beispiel möge nun der Leser sich sein eigenes Urtheil darüber bilden, wie Praeger mit Briefen umgegangen sein mag, die der Kontrolle durch die Oeffentlichkeit gar nicht, und dadurch seinen eigenen, sträflich willkürlichen Manipulationen rettungslos unterworfen waren. Da ein jeder
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    *) Der Leser gestatte diese Entlehnung aus Praeger's „Freund Heine“, von dem Praeger uns sagt (S. 96), er habe „das tiefgefühlte Wahre nie   g a n z   verleugnen können“, (es ist mir nicht recht klar, ob Praeger ihn mit Rücksicht hierauf bedauert oder bewundert?), und dessen „aus dem Kopfe sprühenden Funken“ wir, nach Praeger's Darstellung, Wagner's Fliegenden Holländer zu verdanken haben!
     **) Die betreffende Stelle findet der Leser in „Briefe an Uhlig etc.“ S. 330, 331.


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dieser Briefe die Spur unzweifelhafter Fälschung an sich trägt, so ist die Sammlung ganz und gar werthlos; kein gewissenhafter Mann wird ihr eine einzige Thatsache oder irgend eine Meinung oder Aeusserung des Meisters als authentisch entnehmen können. Nur einen einzigen Zweck können diese Briefe erfüllen: sie belehren uns über die Zuverlässigkeit und die Wahrheitsliebe des Herrn Praeger, so dass wir von nun an keinem Wort, das aus seinem Mund fällt, Glauben schenken werden, ehe wir es einer strengen Prüfung unterzogen haben. *)

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    D a s   N o t i z b u c h. — Praeger's Darstellung von Wagner's Leben beruht, nach seinen eigenen wiederholten Versicherungen (dort wo er nicht über etwas von ihm selbst Miterlebtes berichtet), auf des Meisters Erzählungen. Die Formeln:   „s o   sagte mir Wagner,“   „o f t   sagte mir Wagner,“   „o f t   kramte er aus seinen Jugenderinnerungen aus“ (S. 25),   „u n z ä h l i c h e   Male haben wir dieses Thema besprochen“ (S. 219 u. a. v. S.), oder auch „es war rührend ihn beschreiben zu hören,“ „ich konnte mich nie der tiefsten Rührung erwehren, wenn er mir   w i e d e r h o l t   begeistert erzählte“ u. s. w., kommen so häufig vor, dass ich sie, bei einer flüchtigen Durchsicht, auf den ersten 200 Seiten über fünfzig Male zählte! Woher Wagner die materielle Zeit hernahm, bei seinen wenigen Zusammenkünften mit Praeger, dieser „guten Seele“ alle Einzelheiten der vierzig ersten Jahre seines Lebens, „alle kühnen Hoffnungen, misslungenen Pläne und glücklichen Erfolge“ zu erzählen, dazu seine Anschauungen über alle möglichen Fragen eingehend, „unzählige Male“, auseinander zu setzen, — mit dieser offenbar unlösbaren Frage wollen wir uns weiter nicht abgeben. Denn, wie dem auch sei, es wird Niemand der Behauptung widersprechen, dass ein Lebensbild, welches nicht auf Dokumenten beruht, sondern auf persönlichen Erlebnissen und namentlich auf Erzählungen, nur dann Werth
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    *) Dieses Urtheil wurde durch die spätere Auffindung 21 der Originalbriefe Wagner's an Praeger vollauf bestätigt. H. S. Chamberlain, Juni 94.

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hat, wenn das Erfahrene immer sofort schriftlich festgehalten wurde. Nur dass sie mit grösster Gewissenhaftigkeit ein Tagebuch gehalten hatten, befähigte einen Eckermann und einen Schindler, uns wirklich Werthvolles und Neues über ihre Helden mitzutheilen; und Boswell brachte es durch seine noch grössere Genauigkeit, durch die gänzliche Verleugnung seiner eigenen Person fertig, ein unsterbliches Buch zu schreiben und dem englischen Volke ein lebendigeres Bild von dem ziemlich unbedeutenden, aber originellen Johnston darzubieten, als es jemals einem der wirklich Grossen zu Theil wurde. Es ist also eine wichtige Sache, zu wissen: hat Praeger ein   N o t i z b u c h   geführt oder nicht? Ich sage „Notizbuch“ und nicht „Tagebuch“, weil Praeger ein Tagebuch gewiss nicht geführt hat, sonst hätte er es erwähnt; S. 150 spricht er aber von seinem „Notizbuch“, und selbst die spärlichsten, gelegentlichen Notizen, wenn sie wirklich auf Grund lebendiger Erfahrungen gemacht worden wären, würden von Werth sein. Gerade dort aber, wo er seines Notizbuches Erwähnung thut, gibt uns Praeger nur einige Trivialitäten über Lohengrin zum Besten, die er nimmermehr aus Wagner's Mund gesammelt haben kann. Man vergleiche „Eine Mittheilung an meine Freunde“, S. 353—363, mit den Paar seichten Sätzen, die Praeger an genannter Stelle aus seinem Notizbuch entnimmt! Und auf dieser selben Seite, unten, steht etwas materiell so ganz und gar Falsches, dass dieser eine Fall genügen könnte, uns die Ueberzeugung beizubringen, Praeger habe in ungewöhnlich hohem Grade an jenem „Defekt“ gelitten, von welchem Prof. Billroth neulich sprach: „die Unfähigkeit bei den Mittelköpfen deutscher Nation, Aufgenommenes korrekt wiedergeben zu können.“ Denn hier beruft sich Praeger — nicht auf sein Notizbuch, sondern ausdrücklich auf Wagners „Mittheilung“, und erzählt dann, der Meister wäre unschlüssig gewesen, „wie er Lohengrin enden solle“, und   e r s t   a u f   R o e c k e l' s   R a t h   hin habe er sich entschieden; währenddem im Gegentheil (IV, 364), Wagner nur auf den Rath des „kritischen Freundes“, und   g e g e n   s e i n e   e i g e n e   U e b e r z e u g u n g,   die veränderte Lösung seiner ureigenen Dichtung nachträglich entwarf, wo

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d a n n   auch der Freund das „Naturwidrige“ darin empfand! Wenn Praeger nicht einmal eine gedruckte Mittheilung versteht, wie können wir seinen Berichten über das schnell gesprochene Wort trauen! Diesem auffallenden Mangel an natürlicher, gesunder Auffassungsgabe werden wir es wohl zuschreiben müssen, dass, obwohl Praeger dem Meister eine Reihe von Malen begegnet ist, er uns dennoch in seinem ganzen Buche   n i c h t   e i n   e i n z i g e s   jener kühnen Worte übermittelt, welche bei Wagner — gleichviel welchem Gegenstand die Unterhaltung galt — eine ganze Frage blitzartig erleuchteten. Will man sich eine Vorstellung davon machen, wie er mit den Worten des Meisters umging, so sehe man seinen Bericht über jene Worte von geschichtlicher Bedeutung an, die am Schlusse der ersten Aufführung des Nibelungenringes fielen. Die letzten Worte jener kurzen Anrede waren: „Sie haben jetzt gesehen, was wir können, wollen Sie jetzt! Und   w e n n   S i e   w o l l e n,   so haben wir eine Kunst!“ Praeger erzählt nun, der Meister habe „in der herzerhebenden Genugthuung und Freude über das endliche Gelingen seines Riesenunternehmens (!) zu seinem Publikum gesagt: „Meine Freunde, hiermit habe ich euch ein deutsches Kunstwerk geschaffen!“ (S. 97.) Und nach der englischen Ausgabe *) lauteten die Worte noch gemüthlicher: „Kinder! Ihr habt hier eine wirklich deutsche Kunst!“ (S. 97). Es ist wohl unmöglich, den tiefen Lebesgedanken des einsam schaffenden Künstlers, wie er in dem Augenblicke der allerfeierlichsten Erregung zur unmittelbaren Mittheilung sich in ein allumfassendes Axiom zusammendrängte, ärger zu travestieren, als es Praeger hier gethan hat. Von Wagner's Gedanken bleibt bei ihm auch nicht eine Spur. Ja, komischer Weise enthält der Satz, den Praeger dem Meister in den Mund legt, nicht ein einziges, einzelnes Wort, das in seiner Ansprache vorkam! **)
    Diese Beispiele genügen um uns zu zeigen, wie Praeger über Geschriebenes, und wie er über Gesprochenes berichtet;
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    *) Man sieht, die beiden Ausgaben weichen in jedem Detail von einander ab.
    **) In der Fassung der englischen Ausgabe das eine Wort „Kunst“.


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wir sehen, dass er nicht blos nur wenig, sondern gar kein Vertrauen verdient, — selbst   w e n n   er ein Notizbuch geführt hat. Diese Unzuverlässigkeit erstreckt sich sogar auf das ganz materielle Gebiet, dorthin, wo Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten nicht hinreichen. Für das Datum der ersten Festspiele in Bayreuth, z. B., gibt Praeger eine ganze Auswahl: 1870 (S. 97), 1873 (S. 363), 1874 (engl. Ausg. S. 332); ich glaube nicht, dass das richtige Datum, 1876, vorkommt, jedenfalls wäre es nur zufällig ein Mal! Andere Daten dagegen sind mit grosser Konsequenz und Beharrlichkeit und — wie mich dünkt — gar nicht zufällig falsch angegeben. Dahin gehört in erster Reihe jener angebliche Besuch Praeger's in Zürich im Jahre 1856. Dieser Episode wird ein ganzes Kapitel gewidmet; auch Briefe in den vorhergehenden und nachfolgenden Kapiteln sind so datirt, dass 1856 als der Zeitpunkt des Besuches keinem Zweifel zu unterliegen scheint, und an vielen anderen Stellen des Buches (z. B. S. 9, 33, 57, etc.) wird auf damalige Erlebnisse verwiesen, und stäts mit ausdrücklicher Hervorhebung des Jahres 56. Nun werde ich aber später unumstössliche Beweise dafür erbringen, dass Praeger's Besuch nicht in 56, sondern in 57 stattfand; einstweilen möge dem Leser die eine Thatsache genügen, dass Wagner selber im Sommer 56   g a r   n i c h t   i n   Z ü r i c h   war! Praeger hat seinen Besuch offenbar nur deswegen um ein Jahr früher datirt, um der Legende von seiner Mitwirkung bei der Entstehung von „Tristan und Isolde“ nicht jeden geringsten Anschein von Glaubwürdigkeit zu rauben. Was hier vorgegangen ist, sieht einer absichtlichen, bewussten Fälschung noch ähnlicher, wie ein Ei dem anderen. Und aus diesen zwei Beispielen ersehen wir, in welcher Weise Praeger selbst mit den allernüchternsten Thatsachen, mit den Zahlen, verfährt; wir sehen, wie er mit unverzeihlicher Leichtfertigkeit das wichtigste Datum im ganzen Leben des Meisters überall verschieden und überall falsch angibt, und wie er dagegen, mit grösster Beharrlichkeit und Konsequenz, bemüht ist, uns eine bestimmte falsche Jahreszahl aufzudrängen, dort, wo dies zum Ruhme Ferdinand Praeger's vonnöthen erscheint.

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    Nachdem wir durch diese vorläufigen Betrachtungen unser Auge geschärft haben, wollen wir nun einiges Einzelne hervorheben, und zwar wird wohl die chronologische Reihenfolge die einfachste sein. Ehe ich zu den Ereignissen des Jahres 1894 und den verschiedenen Zusammenkünften Praeger's mit Wagner übergehe, will ich noch unter diesem Schlagwort — „Notizbuch“ — Einiges über die ersten 180 Seiten bringen, wo Wagner's Leben bis 49 auf Grund angeblicher Erzählungen — also eines angeblichen Notizbuches — geschildert wird. Auch hier werden es natürlich nur einzelne Beispiele sein, die ich aus einer schier unübersehbaren Masse von Ungereimtem, Widerspruchsvollem, nachweisbar Falschem auswähle.

    Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass Praeger's Behauptung, im Vorwort (S. VI), sein eigener Vater sei „Dirigent der berühmten Gewandhauskonzerte“ gewesen, durch die Konversations-Lexica und andere Nachschlagebücher nicht bestätigt wird. Im nächsten Satze sagt er allerdings, dass sein Vater von den Zeitgenossen „als ein   a u s n a h m s - w e i s e r   Violinvirtuose anerkannt“ wurde; möglich, dass er ebenfalls „ausnahms-weiser“ Gewandhauskonzert-Dirigent war? — Doch das nur nebenbei.
    Ueber die ersten Kapitel — etwa die ersten acht — ist zunächst eine sehr wichtige Bemerkung zu machen. — Zum allergrössten Theile ist Alles, was hier erzählt wird, allbekannten Quellen entlehnt; das ist ja kein Fehler an und für sich; da man aber fast überall die genaue Quelle für jede einzelne Erzählung unschwer errathen kann — die autobiographische Skizze, den Lebensbericht, Bericht über die Wiederaufführung eines Jugendwerkes, Bericht über die Aufführung des Liebesverbotes, Ueber die Aufführung der IX. Symphonie 1846, Zukunftsmusik, Ueber das Dirigiren, u. s. w. u. s. w. — *) und man bei Praeger immer nur sehr viel weniger wie dort findet, und namentlich viel weniger Interessantes und Charakteristisches, so könnte man, auch wenn das Buch nicht voller
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    *) Das Meiste dürfte allerdings einfach aus der für Ausländer bestimmten, deutsch unter dem Titel „Lebensbericht“ erschienenen Kompilation entnommen sein.

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Irrthümer und voll der albernsten Urtheile wäre, es doch nur als eine recht farblose, gänzlich unbedeutende Kompilation bezeichnen. Man vergleiche, z. B., die aus der allerersten Seite der autobiographischen Skizze uns Allen so wohlbekannte Episode von Geyer's Tod (I, 7) mit Praeger's „verbesserter“ und verwässerter Erzählung davon auf S. 7 und 8! Trotz zweimaliger Zuhilfenahme des „Wagner sagte mir“, ist hier alle Poesie entschwunden. Wie schön sind Wagner's letzte Worte: „Ich entsinne mich, dass ich mir lange Zeit eingebildet habe, es würde etwas aus mir werden“; wie plump entstellt Praeger's Fassung: „Wagner sagte, dass diese Worte ihm stäts im Gedächtniss geblieben seien, und dass er entschlossen war — Etwas zu werden. Doch hatte er damals noch nicht die geringste Ahnung, von welcher Art das „Etwas“ sein solle oder sein könne.“ — Die Erzählung von dem ersten dramatischen Versuche (Autobiographische Skizze, S. 9) hat Praeger auch, z. B., wörtlich sich angeeignet; nur wo der Meister berichtet: „Ich ward faul und lüderlich, blos mein grosses Trauerspiel lag mir noch am Herzen,“ da sorgt Praeger für eine pittoreske Abwechslung, indem er einschaltet: „Wenn   i m m e r   von dieser Periode seines Lebens sprechend, so beschuldigte er sich   s t ä t s   der Nachlässigkeit und Faulheit ...“ (S. 31.) Und so geht es, trostlos und öde, weiter *). Einige Abwechslung bieten nur die mehr oder minder absichtlichen
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    *) Jeder entsinnt sich der lebendigen Beschreibung von der verfehlten zweiten Aufführung des „Liebeverbotes“ (I, 39); der Leser findet sie, aber aller lebensvollen Einzelnheiten (des polnischen Juden, etc.) entkleidet, bei Praeger, S. 51, als angebliche Erzählung: „...aber höre nur erst! Eine zweite Vorstellung sollte zu meinem Benefiz dienen....“ — Ueber Berlioz steht (Ges. Schr. I, 20), „ihm entgeht aller Schönheitssinn“; bei Praeger (S. 95) ist das wieder eine Erzählung und „Wagner konnte sich nicht enthalten, sarkastisch hinzuzufügen, dass Berlioz der Schönheitssinn fehle.“ — Die ganze Geschichte von der Jugend-Symphonie (S. 46) ist offenbar aus X, 401 entnommen; denn trotz Praeger's Versicherungen,   „w i e   o f t   hörte ich ihn davon sprechen!“, glaube ich es nicht, dass, mitten in der Komposition von der „Walküre“ und „Siegfried“, Wagner oft „und mit einer gewissen Genugthuung“ an jenes Werk gedacht haben wird. — Sehr charakteristisch ist auch: S. 41, über Mozart, aus VIII, 338; S. 83, das Pariser Publikum, aus X, 136; S. 87, die Arrangements aus der Favoritin, aus I, 23 („beispielsweise sagte mir Wagner“)! u. s. w. u. s. w.

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Transpositionen dar: wenn, z. B., was Wagner über Beethoven's IX. Symphonie mit Bezug auf das Jahr 1846 erzählt (II, 69), fast wörtlich auf das Pariser Conservatoire-Concert, 1840, angewandt wird (S. 103),— natürlich mit Hülfe der Formel   „w i e d e r h o l t   erzählte er mir begeistert“; oder wenn das, was der Meister über   W e b e r 's   Frau und „das Recht der Gallerie“, welches ihr Mann ihr ertheilte, erzählt, (VII, 178), einfach auf Frau   M i n n a   W a g n e r   übertragen wird und, durch einen selten hohen Flug der Phantasie emporgehoben, nun, ganz märchenhaft uns anheimelnd, die Gestalt gewinnt: „Wir sassen am Tische im Châlet zu Zürich 1856 (!)“ (S. 57).—
    Aber nein! nicht solche Kleinigkeiten allein schaffen uns Abwechslung, sondern im Laufe dieser ersten Kapitel finden wir uns hin und wieder, und zwar ganz plötzlich und ohne jeden Uebergang, auch ohne jede Erklärung seitens des Verfassers, in eine ganz andere Atmosphäre versetzt; selbst einzelne Praeger'sche Satzwendungen vermögen uns doch nicht darüber zu täuschen, dass nicht er, sondern ein Anderer hier erzählt. Und dann, während sonst ausnahmslos in diesem Buche der gänzliche Mangel an wirklichem „Detail“ besonders auffällt, der Mangel an allem wahrhaftig Lebensvollen, so tritt uns gerade dieses Element an den betreffenden Stellen — plötzlich und vorübergehend — entgegen. Als ich das Buch zuerst las, glaubte ich, Wagner müsse dem Verfasser über Einzelnes ausführliche schriftliche Notizen gegeben haben. Es ist ja auch nicht unmöglich, dass einzelne kleine Züge wirklich im geselligen Freundeskreise, wie später noch, auch vor Praeger, gelegentlich erzählt worden sind. Betrachte ich jedoch gewisse zusammenhängende längere Erzählungen genauer, wie z. B. die von der Leipziger Spielhölle (S. 32), der Seereise von Riga nach London (S. 65 ff.), und dem Verkehr mit Meyerbeer in Boulogne (S. 77 ff.), so kann ich mich des Verdachtes nicht erwehren, dass hier ein   V e r t r a u e n s b r u c h   stattgefunden habe.
    Praeger erzählt, S. 360, dass er bei einer gewissen Gelegenheit (ein einziges Mal) die grosse, unveröffentlichte Autobiographie des Meisters in die Hände bekam; er fügt sogar hinzu, dass er ihr „die grösste Aufmerksamkeit widmete.“

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Nach einer mir zu Theile gewordenen Mittheilung ist die Sache im Wesentlichen richtig, wie er sie erzählt, nur dass es nicht in Triebschen und nicht im Jahre 1871 geschah. Richtig ist aber, dass — wie er selber berichtet — er von seinen gastfreundlichen Wirthen „allein“ zu Hause gelassen wurde, allein, in Gesellschaft des kostbaren Werkes. Dürfte man nicht vermuthen, dass diese Zeit zum fleissigen Ausschreiben benützt ward? Um so mehr, als doch kein rechter Grund einzusehen, warum der Meister solche direkte mündlichen Mittheilungen bisher unbekannter, wirklich interessanter Dinge aus seinem Leben an Praeger nicht über den Zeitpunkt des Jahres 1839 hinaus hätte sich gestatten sollen?! Gerade soweit nämlich, bis zu jener Boulogner Episode, reichen diese auffallenden, so ganz anders und echt klingenden Mittheilungen in Praeger's Buch. Als hätte er darüber hinaus keine Musse mehr gehabt, der ihm erlaubten, heimlichen Lektüre noch mehr Notizen zu entnehmen, knüpt sein 9. Kapitel wieder ganz bescheiden bei Wohlbekanntem an, und Wagner „fügt mit Bitterkeit hinzu“ oder „antwortet“ mit Zitaten aus „Publikum in Zeit und Raum“ (Bayreuther Blätter 1878, Gesammelte Schriften X, 136). Das problematische Praeger'sche „Notizbuch“ entbehrt hier offenbar der gediegenen Beihilfe aus dem geheimen Buche für Praeger'sche „Notizen“! — *)

    Noch Einzelnes zur Beleuchtung jenes „Notizbuches.“ — Dass der Geyer in Eisleben auf S. 8 als ein Onkel von Wagner's Stiefvater, auf S. 11 als sein Bruder bezeichnet wird — an solche Kleinigkeiten muss man sich bei Praeger gewöhnen,
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    *) Bei der bekannten Genauigkeit dieses Verfassers wissen wir übrigens nicht einmal, wie weit wir uns auf die Richtigkeit seiner muthmaasslichen Abschrift, oder — wenn man will — Wiedererzählung nach eigenem Ohrenzeugniss, verlassen können. Ein Beispiel: Die Episode mit der Westminster-Abtei und dem Shakespeare-Denkmal ist offenbar einem ganz intimen Bekenntniss entnommen; aber dann lese man,   w e l c h e   Gedanken Praeger dem in die Betrachtung des Shakespeare-Standbildes versunkenen Meister in den Kopf legt (S. 74); selbst nach vier Wochen ununterbrochener Seekrankheit kann er unmöglich einen solchen Unsinn gedacht haben, — wie viel weniger, wie Praeger versichert, ihn ihm „nach sechszehn Jahren genau wiederholt haben“! — Also auch hier ist das Bach werthlos!

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sie kommen zu Dutzenden vor. Was sollen wir aber sagen, wenn wir S. 50 vom „Liebesverbot“ lesen: „Wenig findet man in dieser Oper, was auch nur entfernt den späteren Wagner ankündigt — —,“ woraus wir entnehmen, dass „Freund Praeger“ die Partitur kennt, — und wenn wir dann S. 100 erfahren: „die Partitur zum Liebesverbot ist jetzt, wie man behauptet, im Besitze des Königs von Bayern. Wenn dies so ist, wäre es jedenfalls höchst interessant, die Partitur vergleichungsweise mit späteren Werken durchzugehen — —“? — Wo hat das Notizbuch den Kopf gehabt, als es (S. 59) aufzeichnete: Rossini's „Wilhelm Tell“ sei „eine Lieblingsoper Wagner's gewesen“ *), und wenn es uns versichert, dass auch diese Lieblingsoper „bald durch Jacob Meyerbeer in den Schatten gedrängt wurde“ ? Ja, dass, als Wagner 1837 in Königsberg Musikdirektor war, Meyerbeer's „Prophet“ „besonders vom Publikum geschätzt wurde“! Die allererste Aufführung des „Propheten“ fand in Paris am 16. April 1849 statt! Und welches Ammenmärchen hat sich das geduldige Notizbuch (mit verschwiegener Benützung eines Aufsatzes aus der Feder des Londoner Musikschriftstellers, Dr. Hueffer) über die Entstehung des „Fliegenden Holländers“ (S. 111—115) aufbinden lassen, wo zu guter letzt,   n a c h   der fertigen Komposition des von Heine'schen Sprühfunken befruchteten Werkes, das Textbuch in den Besitz der Pariser Oper wandert! Gut, dass Wagner „im Sommer 1866 **) in München, zu Tisch,“ Praeger wenigstens einige Exzerpte aus seiner mehr wie zehn Jahre früher gedruckten Schrift über die Aufführung des Holländers (V, 208) zum Besten gab!
    Hier übergehe ich eine ganze Menge Beispiele, und erbitte mir einen Augenblick Geduld für eine wichtige Untersuchung. Auf S. 122 tritt August Roeckel zum ersten Male auf, und er spielt im Praeger'schen Buche für die Zeit von 1843 an bis 1849 die Rolle eines „indirekten Praeger.“ Er war ein
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    *) Dieses Unglück geschah durch die Zusammenstellung mit Auber's „Stummen“; für Wagner's Urtheile über Tell, vergl. u. A. I, 248, III, 327, VIII, 116.
    **) Dieser Besuch, den Praeger S. 159 auf 1864 verlegt, fand in Wirklichkeit im Jahre 1865 statt!


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Jugendfreund Praeger's, und nun wurde er ein intimer Freund Wagner's. *) Und da er, nach Praeger's Versicherung, ihm sehr häufig schrieb, und ihm „die geringsten Vorfälle, Bemerkungen, Alles aufs Interessanteste wieder erzählte,“ so fangen gewissermaassen schon hier die persönlichen Erlebnisse an. Praeger versichert uns mit gewohnter Bescheidenheit:   „i c h   ward auf einmal in ihrem Bunde der Dritte.“ — Dieser Theorie widersprechen nun leider drei Thatsachen: erstens, es wird uns über keinen einzigen „geringsten“ oder auch nur geringen Vorfall Etwas erzählt, — Alles, was Praeger berichtet, findet man viel ausführlicher und interessanter — und ohne die zahllosen Irrthümer — im Glasenapp; zweitens ist keiner der angeblichen Roeckel'schen Briefe wirklich von Roeckel; drittens liefert uns Praeger's Buch selbst den Beweis, dass Roeckel sehr selten und kurz an ihn schrieb. — Dass Roeckel ein korrektes, deutsches Deutsch schrieb, geht zur Genüge aus seinem Buche „Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim“ hervor; gleich sein erster Brief an Praeger (S. 122) enthält aber Sätze wie die folgenden: „was ganz besonders Deine   P e r s p i k a z i t ä t   beweist, ist der   S u c c e s s   meines Klavierspieles“, — „sein hoher Ernst in der Kunst, der (?) eine wahre Religion ist, seine   K o n v i k t i o n,   dass das Drama die Kanzel sein sollte — —“, „denn   v i s - à - v i s   s e i n e r   r i e s i g e n   I n t e l l i g e n z   ist er naiv und lustig wie ein Kind“, u. s. w.! In diesem selben Stile sind die folgenden Briefe; Roeckel hat sie nicht geschrieben, das ist sicher. — Ausserdem geht aber aus seinem angeblichen Brief vom Mai 1844 (S. 134) hervor, dass er im besten Falle nur selten und kurz schrieb. In diesen zwanzig Zeilen erzählt er nämlich von der Aufführung des „Fliegenden Holländer“ in Berlin, von Wagner's Rückkehr dorther, von den Aufführungen des „Hans Heiling“, vom „Sommernachtstraum“, von „Armida“ u. s. w. in Dresden unter Wagner's Leitung. Wenn wir nun über die (bei Praeger fehlenden) Zeitangaben uns unterrichten, so finden wir, dass der „Holländer“ in Berlin und „Hans Heiling“ in Dresden im Januar zur Aufführung gekommen
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    *) Natürlich ist Praeger's Behauptung, dass „diese zwei Hochbegabten sich   e i g e n t l i c h   e r s t   e r g ä n z t e n“   (S.134) eine ungeheuerliche Uebertreibung.

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waren, der „Sommernachtstraum“ am 9. Februar, „Armida“ am 14. April — — kurz, dass diese Zeilen den Bericht über vier ganze Monate darstellen! — Also auch hier wieder nur eine elende Legendenbildung; denn entweder hat Roeckel wirklich nur so kurz und uninteressant berichtet, oder hat Praeger seine damaligen Briefe nicht aufgehoben. *)
    Dass nach dem Bruchstücke eines angeblichen Briefes des Meisters aus dem Jahre 1847 (S. 156) Wagner den Praeger, den er noch niemals getroffen hatte, und den er acht Jahre später mit   „S i e“   anredete,   g e d u z t   haben soll, möge für diese Abtheilung (da es zu der „Dritten im Bunde“-Märe gehort) einen heiteren Schluss bilden. Denn über das „Notizbuch“ sind wir wohl genügend aufgeklärt!
    Mein nächstes Amt ist eine Beleuchtung von dem Werth, den wir Praeger's Darstellung der Ereignisse in den Jahren 1848—49 beilegen dürfen.

    1849. — Die gesammte Presse hat ein besonderes Gewicht auf Praeger's Darstellung der Ereignisse des Jahres 1849 gelegt; namentlich hat sein — scheinbar auf ganz neuen, bisher unzugänglichen Quellen beruhender — angeblicher Beweis, dass Wagner „ein aktiver Mithelfer an der sogenannten 1849er Revolution war, trotz der Mühe, die er sich später gab, dieses zweifelhaft zu machen, zu verwischen, oder doch wenigstens zu etwas ganz Geringem zu verwandeln“ (S. 159), lebhaftes Interesse erregt. Es gibt wohl auch Leute genug, denen es an und für sich ganz gleichgültig dünkt, ob Wagner an der Revolution Theil nahm oder nicht, die aber sofort herauswitterten, welches Kapital aus der einen Thatsache zu schlagen war, dass der so hochgepriesene, erhabene deutsche Meister von seinem „intimsten Freunde“ (!) als ein Lügner
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    *) Hier muss ich den Leser auf das angebliche Zitat aus der „Mittheilung“, auf S. 133, aufmerksam machen; der Vergleich mit IV, 369—370 zeigt, dass auch hier wieder jeder Satz, fast jedes Wort gefälscht und dass der Zusatz: „Dieser Leidensgefährte, dieser treuer Freund war Roeckel!“ eine   p u r e   E r f i n d u n g   ist. Der unvermeidliche „Success“ fehlt natürlich auch diesmal nicht, — nimmt sich aber in einem „Zitat“ aus der Mittheilung Merkwürdig aus!

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dargestellt wurde, als ein Mann, der sich „Mühe gab“ die Wahrheit zu falschen, ja, Praeger sagt es ausdrücklich auf S. 205, als ein Mann, der   „e i n e   U n w a h r h e i t   ü b e r   s i c h   v e r b r e i t e t e.“
    Mr. William Ashton Ellis hat — unter dem Titel „1849. A Vindication“ *) — eine sehr lebendige Skizze der damaligen Ereignisse auf Grund der vielen zeitgenössischen Publikationen entworfen und die gänzliche Unzuverlässigkeit von Praeger's Darstellung dargethan, sowie für manche Einzelheiten den direkten Nachweis ihrer Unrichtigkeit geliefert. — Dann erschien Dr. Hugo Dinger's Werk: „Richard Wagner's geistige Entwickelung“, wo zum ersten Male eine Darstellung der Vorgänge des Jahres 1849 auf Grund einer Einsicht in die in Dresden aufbewahrten Gerichtsakten und ausserdem auf Grund eines wirklich sehr anerkennenswerten, eingehenden Studiums der gesammten hierher gehörigen Litteraturen erfolgte, der damaligen Zeitungen, u. s. w.  Und gerade diese Darstellung des Herrn Dinger (der Praeger's Buch noch nicht kannte) liefert den dokumentarischen Beweis, dass Praeger's Erzählungen theils auf eitlem Geschwätz beruhen, theils direkt erlogen sind. — Was schliesslich die Bedeutung von Wagner's Rede im Vaterlandsverein anbelangt, so ist immer wieder auf IV, 379 hinzuweisen, wo über dieses Ereigniss ein für alle Mal klar und erschöpfend vom Meister selber berichtet wurde. **) Es ist nun nicht meine Absicht, das was an diesen verschiedenen Orten bereits geleistet wurde, hier zu wiederholen. Ich habe mich einzig und allein mit Herrn Ferdinand Praeger zu beschäftigen.
    Auf welchen Mittheilungen beruht angeblich Praeger's Darstellung? Erstens, wie bei ihm nicht anders zu erwarten, auf „wiederholten Erzählungen des Meisters“; zweitens, auf einem Brief Wagner's an Eduard Roeckel; drittens, auf Briefen August Roeckel's an Praeger, die dieser nicht tatsächlich anführt, auf die er aber mehr oder weniger deutlich hinweist
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    *) Bei Kegan Paul, London, 1892. Deutsch unter dem Titel „1849. Der Aufstand in Dresden“, bei Reinboth, Leipzig 1894.
    **) Vgl. Bayreuther Blätter 1893, V/VI. Stück: H. S. Chamberlain, Richard Wagner und die Politik.


35 Kritische Vorarbeit

(vergl. z. B. S. 178 und namentlich S. 185); viertens, auf einem angeblichen Brief der Frau August Roeckel; fünftens, auf den Erzählungen eines gewissen Haimberger; sechstens, auf Herrn von Beust's „Aus drei Viertel-Jahrhunderten.“ — Wie man sieht, wäre also nur diese letzte Quelle eine schon bekannte und uns Allen zugängliche; alle übrigen hätten den Reiz und den Werth des Neuen und des unmittelbar Erlebten. — In Wahrheit beruht aber Praeger's gesammte Darstellung, vom ersten bis zum letzten Worte — mit Ausnahme der späteren kurzen Berufung auf Beust (S. 322) — auf den Berichten zweier Zeugen: auf August Roeckel's Buch: „Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim“ *) und auf den gänzlich unkontrollirbaren Erzählungen jenes gewissen Haimberger, der erst mehre Jahre nach dem Aufstand Praeger in London begegnete, und dessen Beschreibung durch Wagner (Praeger: S. 200) als „halb deutsch, halb Pole“ sehr wenig Vertrauen erweckt. Die vier anderen, angeblichen Quellen existiren, wie das Folgende beweisen wird, nur in Praeger's Phantasie! Das ist nun eine recht schwache, dünne Grundlage für ein so kühnes Gebäude, für den Nachweis, dass Richard Wagner ein Lügner war. — Untersuchen wir zunächst Praeger's angebliche, sodann seine wirklichen Quellen.
    Ohne Frage wären Wagner's eigene Erzählungen an Praeger der wichtigste aller Beitrage, — immer unter der Voraussetzung, dass seine Aussagen stäts sofort verzeichnet worden wären. Praeger beruft sich auch gleich auf der ersten Seite, welche diesem Zeitabschnitt gilt (S. 159), auf „Wagner's wörtlich mir gemachten   E i n g e s t ä n d n i s s e.“   Auf der selben Seite schreibt er noch: „Wahrend der ersten Zeit seines elfjährigen Exils sprach er   z u   j e d e r   Z e i t   mit Eifer über die Erhebung in Sachsen und den thätlichen (!) Antheil, den er dabei   g e z e i g t (!),   als   K r i e g e r (!)   wie auch als öffentlicher „Redner und politischer Schriftsteller, vor und während der Maitage.“ Besonders wichtig ist dann, was S. 204 hierüber
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    *) Frankfurt am Main 1865. Zwei Auflagen, beide aus dem selben Jahre, sind mir bekannt, das Format ist ein verschiedenes, der Text aber ganz unverändert.

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steht, weil es den genauen Zeitpunkt der angeblichen Erzählungen feststellt: „Noch 1855 wurde die Revolution in allen Phasen von Wagner durchgehechelt und sein Antheil daran ganz frei von ihm besprochen;   n i c h t   d i e   g e r i n g s t e   Z u r ü c k h a l t u n g   w a r   d a m a l s   z u   b e m e r k e n,   im Gegentheil war seine Beschreibung der ganzen Episode und auch seiner aktiven Theilnahme daran äusserst frei und natürlich. Mit den Jahren wurde ihm die Erinnerung daran immer mehr zuwider.“ *) Es ist ja nicht nöthig die anderen Stellen (z. B. S. 206) alle aufzuzählen, wo Praeger sich nur gelegentlich auf diese „Erzählungen“ beruft. — Nun hat man bemerkt, dass Praeger in dem zuletzt angeführten Zitat sagt: „mit den Jahren wurde ihm die Erinnerung daran immer mehr zuwider;“ und S. 159 theilt er uns mit: „er hatte die Schwäche, selbst gegen mich in späterer Zeit diesen Antheil ganz   z u   l e u g n e n,   oder doch bis aufs wenigste zu verkleinern.“ Auch hier können wir einen genauen Zeitpunkt feststellen, denn etwas weiter unten, auf der selben Seite, lesen wir: „Diese Umwandlung bemerkte ich zuerst 1864 in München.“ **) Da aber diese Münchener Begegnung die vierte war, und bei der dritten, in Paris 1860, Praeger den Meister nur ganz flüchtig und inmitten eines riesigen Trubels sah, so kommen überhaupt nur die zwei ersten Zusammenkünfte in Betracht: London 1855 und Zürich 1857 (oder, wie Praeger sich auszudrücken beliebt, 1856); nur in diesen beiden Jahren können die „Erzählungen“ stattgefunden haben. — Was berichtet aber Praeger selber in Bezug hierauf? Kurz vor Mitternacht am 5. März 1855 begegneten sich die beiden Männer zum ersten Male (S. 243). Am folgenden Morgen, also am 6. März 1855, an dem allerersten Morgen ihrer Bekanntschaft, gehen sie zusammen aus und zwar zunächst zu einem Hutmacher, um Wagner's „Heckerhut“ durch einen mehr städtischen zu ersetzen. Dieser „Heckerhut“ galt bei Einigen als Abzeichen
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    *) In der engl. Ausg.: „tausend und eine Episoden erzählte er und mit   L i e b e   v e r w e i l t e   e r   b e i   j e d e r   E i n z e l h e i t“   (S. 191).
    **) Praeger hat Wagner im Laufe des Jahres 1864 gar nicht gesehen, man muss vermuthen, dass er hier 1865 meint.


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eines Revolutionärs und dadurch kam das Gespräch gleich in dem Hutmachergeschäft auf die Revolution. „Doch merkte ich bald,“ schreibt Praeger (S. 294), „dass die aufrührerischen Tendenzen Wagner's durch das Exil   b e d e u t e n d   an   W ä r m e   a b g e n o m m e n   haben mussten!“ Noch im Laden erwidert der Meister barsch auf Praeger's Erkundigungen nach Roeckel: „Ach diese Wühler sind nie zufrieden, als bis sie alles von innen nach aussen gekehrt haben; vielleicht versucht Roeckel jetzt die Gefangenwärter zu republikanisiren!“ (S. 245). Diese Antwort verursachte Praeger „ein schmerzhaftes Zucken im innersten Herzen“, und er fügt zum Schlusse noch folgenden wichtigen, ja entscheidenden Satz hinzu: „ich muss bekennen, dass   d i e s e   V e r ä n d e r u n g   i n   W a g n e r 's   A n s i c h t e n   m i c h   jedesmal   p e i n l i c h   b e r ü h r t e,   w e n n   v o m   J a h r e   1849   d i e   R e d e   w a r.“   In der englischen Ausgabe (S. 230) spricht Praeger von der „bitteren Enttäuschung“, die er bei dieser Gelegenheit empfand! Dass Praeger von einer „Veränderung“ spricht, ist offenbar ein logischer Fehler, da man unmöglich an einem Menschen, den man zum ersten Male sieht, eine „Veränderung“ bemerken kann; er hat sagen wollen:. Wagner war nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Wichtig ist es aber zu beachten, dass diese „Veränderung“, welche Praeger   a n   d e m   e r s t e n   T a g e   seiner Bekanntschaft mit Wagner im Jahre 1865 bemerkt,   g a n z   i d e n t i s c h   ist mit jener   „U m w a n d l u n g“,   welche er   z e h n   J a h r e   s p ä t e r   in München 1865 wieder bemerkte. Seine vorgefassten Ansichten scheinen ein beharrliches Dasein geführt zu haben! Für unsere augenblickliche Untersuchung ist aber vor Allem von Werth, dass Wagner bei seiner allerersten Begegnung mit Praeger im Jahre 1855 nicht gern von der Revolution sprach, dass er dem Praeger nur „verdrossen“ antwortet, und dass es Diesen schon damals   „j e d e s   M a l   peinlich berührte, wenn vom Jahre 1849 die Rede war.“ Es war also nicht im Jahre 1855, dass der Meister „mit Eifer über den thätlichen Antheil, den er als Krieger gezeigt,“ u. s. w. sprach, und wo er „mit Liebe bei jeder Einzelheit verweilte.“ — Es muss also später, bei dem Besuch in Zürich gewesen sein. Dort war die Gelegenheit eine gute, denn Praeger lernte dort Semper kennen

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„welcher ein alter Freund Wagner's war und mit ihm in dem sächsischen Aufstande   a n   d e r   S p i t z e (!)   der revolutionären Bewegung gestanden hatte.“ (S. 322). Praeger erzählt: „ich brachte Semper dazu, den ganzen Verlauf der Sache durchzusprechen, trotzdem ich wohl sah,   w i e   w e n i g   I n t e r e s s e   W a g n e r   a n   d e r   B e s c h r e i b u n g   n a h m.“ *) „Es war ganz klar und deutlich, dass Wagner den (soll heissen seinen) Antheil an dem Aufstande verringern wollte.“ (S. 322). — Also   a u c h   i n   Z ü r i c h  (gleichviel ob 56 oder 57) bezeugte Wagner „wenig Interesse“ für Gespräche über das Jahr 1849! Die Behauptung aber, dass Wagner „seinen Antheil an dem Aufstande habe verringern wollen“ ist ein noch ärgerer Verstoss gegen die Elemente des logischen Denkens, als die angebliche „Veränderung“ im vorigen Falle. Denn Praeger's Behauptung, das Wagner überhaupt einen Antheil an dem Aufstand hatte, stützt sich in erster Reihe, wie wir sahen, auf „die ihm wörtlich gemachten Eingeständnisse“, auf die Thatsache, dass „Wagner seinen Antheil am Aufstande ganz frei besprochen habe.“ Nun sehen wir aber, dass Wagner gleich bei den ersten, frühesten Begegnungen mit Praeger — „seinen Antheil an dem Aufstande verringern wollte“! Da können wir wirklich mit Beckmesser ausrufen: „Wo beginnen, da wo nicht aus noch ein?“ — Hiermit glaube ich den ganz strengen und lückenlosen Beweis geführt zu haben, dass die „Erzählungen“ Wagner's, auf die Praeger sich in erster Reihe und mit besonderer Feierlichkeit, als auf die wichtigere Grundlage seiner ganzen Darstellung der Vorgänge des Jahres 1849 und von Wagner's Betheiligung an ihnen beruft, eine erlogene Erfindung des Autors sind.
    Das nächstwichtigste Zeugniss für Praeger ist der angebliche Brief des Meisters an Eduard Roeckel (S. 200), „ein Autograph Wagner's, welches keinen Zweifel in dieser Hinsicht **) mehr zulässt.“ Dass dieses angebliche Autograph aber   n i c h t   v o n   W a g n e r   s e i n   k a n n,   habe ich schon in einem
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    *) Praeger's infamen Kommentar lasse ich hier absichtlich aus, als zu unserer jetzigen Frage nicht gehörig.
    **) Nämlich, in Bezug auf Wagner's Betheiligung am Aufstand.


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früheren Theil dieses Aufsatzes gesagt. *) Niemand, der diesen Brief sorgfältig liest, wird meiner Behauptung widersprechen, dass kein einziger Satz von Wagner ist. Man weiss nicht, was man denken soll: hat Praeger einen tathsächlichen Brief des Meisters an E. Roeckel vielleicht vor Jahren gesehen und sich hier einen neuen nach dem Gedächtniss zusammengestellt? oder hat er ein Original „frei bearbeitet“? Und was soll man zu den Abweichungen zwischen der englischen und der deutschen Fassung sagen? Lauter unlösbare Fragen. — Nur auf Eines will ich hier aufmerksam machen: dass der Meister in diesem angeblichen Briefe und mit Bezug auf eine höchst wichtige Frage, sich im Laufe weniger Zeilen direkt widerspricht. S. 201, unten, lesen wir: „Erst am vierten Tage des Ausbruchs in Dresden sah ich ihn (nämlich August Roeckel) am Montag M o r g e n   zum ersten und letzten Male“; S. 202, oben, steht: „Ich wurde von allen Seiten mit Fragen nach August bestürmt, hatte ihn aber selbst seit Montag A b e n d   nicht mehr gesehen.“ Nun steht es nach den gerichtlichen Akten fest, dass Wagner und Roeckel sich während des ganzen Aufstandes nur ein einziges Mal begegneten, und zwar am Montag Abend, „kurz   n a c h   der Pechsiederei“ (vergl. Hugo Dinger, S. 184 und 209); nach dem zweiten Auszug aus diesem angeblichen Briefe Wagner's wird auch der Zeitpunkt — Montag A b e n d — bestätigt; und nach dem ersten Auszug die Thatsache der nur einmaligen Begegnung. Hat aber Wagner den Roeckel nur ein einziges Mal getroffen, und zwar am Montag Abend, wo die „rauch- und pechgeschwärzte Gestalt Roeckel's ihn abschreckte“ **) (da Dieser eben   v o m   Pechsieden kam), so erweist sich die Erzählung bei Praeger, S. 186, wo Roeckel am Sonntag dem Meister auf einer Barrikade begegnet, als unwahr, und es steht fest, dass die ganze Geschichte auf S. 188, wonach: „Roeckel sich   m i t   W a g n e r   b e r i e t h,   u n d   B e i d e   k a m e n   ü b e r e i n:   dass man irgend ein leicht anzusteckendes Material haben müsse, welches beim Andrang des Militärs in Brand gesteckt werden
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    *) Vergl. S. 32.
    **) Dinger: Richard Wagner's geistige Entwickelung, S. 184.


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müsse“, — es erweist sich, dass diese ganze Geschichte eine infame Erfindung ist. Ueber den ganzen Vorgang mit den „Pechkränzen“, der, ganz abgesehen von der hinzugedichteten Betheiligung Wagner's, von Praeger auch in anderen wesentlichen Punkten falsch erzählt wird, kann man sich in Roeckel's Buch, S. 63, ausführlich informiren. Hier lag mir einzig daran, nachzuweisen, dass es einen gewaltigen Unterschied macht, ob Wagner den Roeckel „zum ersten und letzten Male“ am Montag M o r g e n   oder am Montag A b e n d   sah; dass er sich in Bezug auf einen so wichtigen Punkt im Verlaufe von zehn Zeilen direkt widerspricht, ist unerklärlich, und die Vermuthung liegt nahe, dass jene Worte „am Montag Morgen“ eine erläuternde Einschaltung von fremder Hand sind. — Wir haben, wie der Leser sieht, Gründe genug, um das Zeugniss dieses angeblichen Briefes zu verwerfen. *)
    An der Existenz von Briefen Roeckel's an Praeger über den Aufstand haben wir allen Grund zu zweifeln.   W ä h r e n d   des Aufstandes kann Roeckel unmöglich ihm geschrieben haben, und   h e r n a c h   scheinen die beiden Männer in keinerlei Verbindung gestanden zu haben, da Praeger immer Jeden (vergl. S. 245 u. 322) um Nachrichten über Roeckel angeht. Die Schilderung des Aufstandes bei Praeger ist nicht nach Briefen, sondern einfach nach Roeckel's Buch, nur gekürzt, des Lebensvollen beraubt und stellenweise gefälscht. — Hierhin rechne ich auch die Behauptung auf S. 194: „Die offizielle Gerichtsverhandlung liegt vor mir“. Herr Dinger hat nur in Folge einflussreicher Verbindungen die gerichtlichen Akten im sächsischen Justizministerium durchsehen können; das war schon eine grosse Begünstigung; wer wird glauben, dass man sie einem obskuren Klavierlehrer nach London zugesandt haben wird? Diese Behauptung ist einfach dummdreist. Herrn Praeger hat gar nichts weiter bezüglich der Gerichtsverhandlung vorgelegen, als Roeckel: „Sachsens Erhebung“, S. 93 (erste Aufl. S. 224), und was da steht, hat er in einigen wesentlichen Punkten gefälscht, um den Namen Wagner's, der in
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    *) Näheres über diesen Brief findet man im folgenden Aufsatz und im 2. Nachtrag.

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den acht Anklagepunkten gegen Roeckel nirgends vorkommt, auch hier einzuschmuggeln! *)
    S. 191 beruft sich Praeger auf „einen ihm zugekommenen Brief von der Frau Roeckel's“. Was er aber da erzählt, ist nur gekürzt, und mit einem oder zwei Praeger'schen Redefloskeln versehen, nach Roeckel, S. 76 und 77.
    Eine sehr grosse Rolle — ja, eigentlich die wichtigste Rolle — spielen in Praeger's Schilderung die Erzählungen jenes Junglings — halb deutsch, halb Pole: — namens Haimberger. Zunächst überkommt Einen da das Gefühl der Hülflosigkeit, denn man steht vor einer gänzlich unkontrollirbaren „Autorität“. Dass er Haimberger heisst und Schüler von David und Hellmesberger ist (S. 201), zeugt noch immer nicht dafür, dass man sich auf die strikte Genauigkeit seiner — ein Paar Jahre später erfolgten — Berichte verlassen kann; und nun müssen diese unkontrollirbaren Berichte uns erst durch Herrn Praeger vermittelt werden, über dessen Genauigkeit und Zuverlässigkeit wir bereits im Klaren sind! Zum Glück sind wir aber doch in der Lage, diesem Herrn Haimberger auf dem harten, festen Boden der Thatsachen beizukommen. — — Dass er unserem deutschen Meister „eine fast orientalische Genussbegierde“ zuschreibt (S. 187), darüber wollen wir nicht mit ihm rechten, da hier offenbar eine Verwechselung mit Herrn David oder Hellmesberger vorliegt; zwei arge Verstösse gegen die materielle Wahrheit können wir ihm aber dokumentarisch nachweisen. S. 186 wird erzählt, Haimberger sei der erste Mensch gewesen, auf den Roeckel bei seiner Ankunft in Dresden stiess, der ihm dann Alles erzählen musste, u. s. w.  Dass Roeckel in seiner detaillirten Schilderung so Etwas auslassen sollte, ist gar nicht denkbar; er erwähnt aber nirgends auch nur des Namens Haimberger **). Wichtiger ist aber, was S. 188 folgt: Roeckel soll einen Zuzug vom Lande in die Stadt hereinholen, und erwählt sich Haimberger
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    *) Die Anklagepunkte in dem Verfahren gegen Roeckel findet man auch bei Dinger, S. 217.
    **) Vergl. Roeckel S. 59. — Auch S. 184 spricht Praeger vom Haimberger, als hätte dieser eine entscheidende Rolle gespielt, wo Roeckel bei Erzählung des betreffenden Vorganges, S. 57, seiner gar nicht erwähnt.


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als Begleiter, Roeckel wird gefangen genommen, Haimberger entkommt. Diese ganze Geschichte ist unwahr; Haimberger war gar nicht dabei. Der Kommunalgardeoffizier von Zychlinsky hatte den Befehl, einen Zuzug Nachts in die Stadt hineinzuführen; „da er jedoch der Gegend nicht ganz kundig war“, so begleitete ihn Roeckel, der sie „auf seinen Spaziergängen öfter durchstreift hatte“; diese beiden Männer waren allein; Roeckel wurde gefangen genommen, von Zychlinsky entkam (vergl. Roeckel S. 65 und 93). — Haimberger hat aber sich wichtig machen wollen und hat zu diesem Behufe einfach erfunden. Hierdurch erweist sich sein Zeugniss überhaupt als werthlos.
    Es bleibt noch die Berufung auf Beust. (S. 322.) In seinem Buche „Aus drei Vierteljahrhunderten“ stellt Graf Beust zwei Behauptungen hin mit Bezug auf Richard Wagner: dieser hätte die Brandlegung des Prinzenpalais angerathen und versucht, und er wäre in contumaciam zum Tode verurtheilt worden. Es ist ein grosses Verdienst Herrn Dinger's, dass er den unumstösslichen, aktenmässigen Nachweis erbracht hat, an diesen beiden Behauptungen sei kein wahres Wort. Bezüglich der Brandlegung liegt erwiesener Maassen eine Verwechselung mit dem Konditorgehülfen   W o l d e m a r   Wagner vor; und was die Verurtheilung (auf welche Praeger sich immer wieder triumphirend als auf ein unumstössliches Argument beruft, S. 159, 160, 164 u. s. w.) anbetrifft, so hat kein Geringerer, als das königliche Amtsgericht zu Dresden offiziell bescheinigt, dass   „e i n e   V e r u r t h e i l u n g   d e s   k ö n i g l i c h e n   K a p e l l m e i s t e r s   R i c h a r d   W a g n e r   i n   k e i n e r   W e i s e   s t a t t g e f u n d e n   h a t“   (Dinger, S. 191, 192). Ob Beust absichtlich oder unabsichtlich Unwahres über Wagner behauptet hat, kann uns hier gleichgültig sein; Einer hat aber wissentlich gelogen, und das ist Praeger, der S. 159 von „dem Prozess, auf den die Verurtheilung Wagner's sich stützte“, wie von einer ihm sicher bekannten Thatsache spricht, und gar (S. 194) behauptet, die „Verhandlung“, welche „auch Wagner beträfe“, läge vor ihm!
    Das Ergebniss dieser ganzen Untersuchung ist, dass von den von Praeger selbst angegebenen sechs Quellen vier auf


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Erfindung beruhen, und die zwei übrigen — Haimberger und Beust — nicht das geringste Vertrauen verdienen. — Es erübrigt noch, einige Worte über die Art und Weise zu sagen, in welcher Praeger Roeckel's Buch „Sachsens Erhebung und das Zuchthaus zu Waldheim“ (seine unerwähnte, aber wahre Quelle) benutzt hat.
    Zunächst ist es ein Beweis von unglaublicher Indolenz, die Beschreibung so verwickelter, hastiger Vorgänge nach einem einzigen Zeugen zu geben, selbst wenn dieser, wie Roeckel, ein guter, zuverlässiger Zeuge ist. In den bekannten und leicht zu erhaltenden Schriften von Montbé, Waldersee, Schladebach, Meisel u. A. *), hätte Praeger Manches gefunden, was bei einer Gesamtschilderung nicht fehlen durfte. Statt dessen hat er einzig und allein Roeckels Schrift zur Hand genommen und aus dieser — in kurzen Auszügen — abgeschrieben. Ein ganz sicherer Beweis davon ist, dass die Mittheilungen in genau der selben Reihenfolge wie bei Roeckel auf einander folgen, und dass niemals (ausser wo Praeger Richard Wagner hineinzerrt) irgend eine einzige Einzelheit bei Praeger zu finden ist, die bei Roeckel fehlt, obwohl die obengenannten Schriften manches Interessante enthalten, das man vergeblich bei Roeckel sucht. Die ganze Schilderung auf den Seiten 182, 183, z. B., ist Punkt für Punkt dem Buche Roeckel's, S. 21—31, entnommen; für das Pittoreske sorgte nur auch hier wieder die uns bekannten Formeln: „schrieb mir Roeckel“, „hörte ich wieder“, u. s. w. — Aber auf Seite 183 kommt zum ersten Male in diesem Kapitel der Name „Wagner“ vor, und zwar gibt es dem Praeger die Gelegenheit zu einer ganz schamlosen Fälschung. Praeger erwähnt nämlich hier, dieses einzige Mal, Roeckel's Schrift; er sagt: „In einer Beschreibung dieser aufgeregten Zeit, welche Roeckel auf   m e i n e n   Rath **) später publizirte, erzählte er, dass Wagner Kunde bekam, sein Freund solle nach der
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    *) Die meisten sind in der Bibliothek des British Museums vorhanden, also auch einem Londoner, wie Praeger, zugänglich.
    **) Eine höchst unwahrscheinliche Behauptung; nirgends ist Praeger in der Schrift genannt, und wir wissen, dass die beiden Männer später in gar keiner Verbindung mit einander standen.


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Sitzung gefangen genommen werden; er eilte deshalb gleich zur Versammlung und rief seinen Freund heraus, u. s. w., u. s. w.“ Also dieses eine Mal, und um seine Behauptung zu bekräftigen, um es zu verhindern, dass irgend Jemand ihre Richtigkeit bezweifle, beruft er sich auf Roeckel's Schrift; er scheint gedacht zu haben, dass Niemand sich die Mühe geben wurde, die Richtigkeit dieses Hinweises zu prüfen, — der Erfolg wäre also sicher. Nun bitte ich aber den Leser Roeckel's Buch dort aufzuschlagen, wo das zweite Kapitel „Eigene Erlebnisse“ beginnt (1. Aufl. S. 143, 2. Aufl. S. 56), und wo die betreffende Episode und die Abreise Roeckel's nach Prag ausführlich erzählt wird;   d e r   N a m e   W a g n e r' s   k o m m t   g a r   n i c h t   v o r! *) — Zum zweiten Male steht der Name Wagner auf S. 185, und hier treffen wir eine womöglich noch unverschämtere Fälschung an. — In Roeckel's sehr ausführlichem Bericht, gespickt mit den Namen aller Männer, die von nah oder fern mit dem Aufstande etwas zu thun hatten, kommt der Name Richard Wagner's nur an zwei Stellen vor, sonst nirgends. Die zweite Stelle (S. 82) ist belanglos; die erste dagegen sehr wichtig (S. 58, erste Aufl. S. 146). Auf S. 185 nun gibt Praeger eine Paraphrase des ganzen betreffenden Absatzes, aber indem er, wo es ihm für seine These passt, Roeckel andere Worte in den Mund legt; die obligate Begleitungsfigur: „Ich habe Briefe vor mir — — ich zitire hier Folgendes“ fehlt natürlich auch hier nicht. Was lässt nun Praeger den Roeckel sagen? „Kaum war ich erst drei Tage in Prag, als ich schnell zurückberufen wurde, indem ein unerwarteter Ausbruch stattgefunden hatte. Richard Wagner, dessen jahrelange Verfolgung durchaus   n i c h t   ihre Erklärung in der Thatsache findet, dass er nicht den Unterschied verstanden habe, welcher zwischen seinen Berufspflichten als konigl. Kapellmeister und auf der andern Seite als Bürger ihm oblagen, und der als Kapellmeister   n i c h t   d i e   B ü r g e r p f l i c h t   a u f g e b e n   w o l l t e,   w a r   l ä n g s t   durch die bis dahin noch gänzlich unerfüllten Versprechen von 1848   a u s s e r
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    *) Dass auch Haimberger, der bei Praeger überall eine wichtige Rolle spielt, nicht genannt wird, sei nebenbei erwähnt.

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s i c h.“ — Was aber schreibt Roeckel in Wahrheit? „Ich war kaum drei Tage in Prag gewesen, als mich die gänzlich unerwartete Nachricht von den in Dresden eingetretenen Ereignissen wieder fortrief. Richard Wagner — dessen spätere langjährige Verfolgung   i h r e n   e i n z i g e n   G r u n d   n u r   in dem Zorn darüber haben konnte, dass er zwischen Berufspflicht und Gewissen zu unterscheiden und auch als königlicher Kapellmeister noch frei zu denken wagte — h a t t e   s i c h   l ä n g s t   i m   t i e f s t e n   M i s s m u t h   v o n   d e r   m i t   s o   l e b h a f t e r   B e g e i s t e r u n g    b e g r ü s s t e n   E r h e b u n g   d e s   J a h r e s   1848   w i e d e r   a b g e w e n d e t   u n d   T r o s t   f ü r   d i e   b i t t e r e   E n t t ä u s c h u n g   i n   s e i n e n   k ü n s t l e r i s c h e n   E n t w ü r f e n   g e s u c h t.“ *) — Wer hier noch nicht die Ueberzeugung gewinnt, dass dieser ganzen Schilderung Praeger's, diesem ganzen lügenhaften Aufbau, eine bestimmte, böswillige   A b s i c h t   zu Grunde liegt, — dem ist nicht zu helfen! — Und dennoch kann ich nicht umhin, noch auf die letzte, ebenso schamlose Fälschung des Roeckel'schen Berichtes aufmerksam zu machen. Auf S. 93 seines Buches (S. 224 der ersten Aufl.) führt Roeckel die acht Anklagepunkte an, welche gegen ihn vorgebracht wurden und auf Grund welcher seine Verurtheilung erfolgte. **) Praeger schreibt nun (S. 194): „Die offizielle Verhandlung   l i e g t   v o r   m i r,   und   d a   s i e   e b e n s o w o h l   W a g n e r   b e t r i f f t,   will ich hier reproduziren (!), was Beide angeht. Die Anklage enthielt acht verschiedene Punkte: — —.“ Und nun zählt Praeger sie auf; ganz genau ist keiner wiedergegeben, aber annähernd; als letzten Punkt schreibt er aber: „dass er (Roeckel) mit im Komplott war, die rechtmässige Obrigkeit über den Haufen zu werfen, welches   a u s   d e m   W a g n e r' s c h e n   B r i e f e   nach Prag herauskalkulirt wurde, den man bei ihm fand.“ Vom ersten bis zum letzten Wort ist das eine pure Erfindung Praeger's! In keinem einzigen der acht Anklagepunkte ist von Wagner die Rede, noch von seinem Brief nach Prag, noch von einem
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    *) „Die Meistersinger (leise für sich): Ja wohl! Ich merk'! 's ist ein ander Ding,
ob falsch man oder richtig sing'!“
    **) Wie schon erwähnt, findet man sie auch bei Dinger, S. 217.


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„Komplott“. Also wiederum eine direkte, kaltblütige Lüge! — Was den berühmten Brief Wagner's an Roeckel nach Prag anbelangt, jenes wichtige Dokument, welches wohl das einzige wirklich belastende Moment gegen Wagner bildete *), und zwar nur in Folge einer Missdeutung, wie Roeckel ausdrücklich versichert **), so kennt bis heute überhaupt kein Mensch seinen genauen Wortlaut. Roeckel selber konnte ihn in seiner Schrift nicht angeben, da der Brief gleich bei seiner Verhaftung ihm abgenommen worden war, und bei den übrigen Akten in Dresden ist er nicht vorhanden (Dinger, S. 182). Nur Praeger — der Glückliche! — weiss  genau, was in dem Briefe stand; er zitirt ihn zwischen Anführungsstrichen. Aber ein kleines Unglück ist ihm dabei doch passirt: er zitirt ihn nicht   e i n   Mal, sondern   v i e r   Mal (S. 185, 191, 192, 205), und — j e d e s   Mal ist der Wortlaut   v e r s c h i e d e n!! —
    In welcher Weise Praeger die einzige gute, sichere Quelle, aus der er schöpfte, benützt hat, das hoffe ich jetzt auch hinreichend klar dargelegt zu haben.
    Aus der Menge des bisher unerwähnt gebliebenen Falschen noch zwei oder drei bezeichnende Einzelheiten. — Mit seiner Rede im Vaterlandsverein hat Wagner zeigen wollen, „dass das   K ö n i g t h u m   i m m e r   d e r   h e i l i g e   M i t t e l p u n k t   bleiben könnte“ (Brief Wagner's vom 18. Juni 1848), er hat das Königthum vom Konstitutionalismus erlösen wollen; Praeger betitelt diese Rede ganz einfach „Die Abschaffung der Monarchie“ (S. 205) und wiederholt bei jeder Gelegenheit, Wagner habe „die   A b s c h a f f u n g   d e s   K ö n i g t h u m e s   angerathen“! (S. 160, 163, 199 u. s. w.) — Praeger berichtet (S. 197): „Als er sah, das alle Häupter der Bewegung gefangen genommen waren und dass nichts mehr zu hoffen sei, dachte
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    *) Dinger theilt mit (S. 182), dass erst auf den aus diesem Brief geschöpften Verdacht hin, er sei Mitglied einer Verschwörung, der Steckbrief gegen Wagner erlassen wurde.
    **) S. 59 schreibt er: „Die   b e l i e b t e   D e u t u n g   dieser, für Wagner's ferneres Schicksal so folgeschweren Aeusserung ist nur ein einzelnes Beispiel jener zahlreichen Fälle, in denen man das Verlangte zu finden wusste, wie und wo es nur immer gewünscht wurde.“ Natürlich erwähnt Praeger dieser Aeusserung Roeckel's mit keiner Sylbe.


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er auf seine eigene Sicherheit.“ Es ist dagegen bekannt, dass Wagner sehr schwer zur Flucht bestimmt wurde, da er schon damals behauptete, „er sei nur Neugieriger gewesen.“ *) — Charakteristisch ist, dass Praeger (S. 198) nicht den   w i r k l i c h e n   S t e c k b r i e f   vom 16. Mai 1849 mittheilt, **) der, wie Dinger mit Recht bemerkt, „sehr mild und liebenswürdig abgefasst ist,“ so dass man sich sogar allgemein in Dresden darüber lustig machte, und der ausserdem drei Tage von der Polizei zurückbehalten wurde, wodurch Wagner die Zeit zur flucht gewann. Praeger wählt dagegen die von Beust veranlasste „Bekanntmachung“ des Jahres 1853, weil sie für seinen „Freund“ ungünstiger lautet! (Genommen hat er sie übrigens aus Glasenapp I, 279, den er stäts des „Beschönigens“ anklagt.) — Auf S. 205 gibt schliesslich Praeger eine gedrungene Uebersicht der Ergebnisse seiner unparteiischen, wahrheitsliebenden Schilderung; er stellt links und rechts, unter je drei Punkten, verschiedene angebliche Behauptungen Richard Wagner's einander gegenüber, die sich in der That widersprechen; er behauptet hier: „das rechte Licht auf die Sache werfen zu wollen, damit Andere ihre eigene Meinung daraus schöpfen mögen“ — (das soll heissen: damit auch Andere die Ueberzeugung gewinnen, dass Wagner ein Lügner war). Es ist aber   j e d e r   e i n z e l n e   P u n k t,   s o w o h l   l i n k s   w i e   r e c h t s,   e i n e   F ä l s c h u n g!   Zu denen, die wir schon kennen (Rede über „Die Abschaffung der Monarchie,“ u. s. w.) kommt hier eine neue, welche fast die gesammte deutsche Presse nachgedruckt hat. Punkt 1, rechts, lautet: „In Einer Mittheilung an meine Freunde“ 1851 heisst es: „Ich   h a b e   mich   w i r k l i c h   nie mit Politik   a b g e g e b e n.“ ***) (Man merke sich: 1851 — „Nie mit Politik.“ —) Die zitirten Worte kommen aber nirgendswo in der ganzen „Mittheilung“ vor! Dagegen schreibt Wagner daselbst (IV, 377), als er im Ver-
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    *) Vergl. Dinger, S. 187.
    **) Man findet diesen in Ashton Ellis' „1849. A Vindication“, S. 43; deutsche Ausgabe: „1849.
Der Aufstand in Dresden“ (Leipzig, Reinboth) S. 31; ausserdem bei Dinger.
    ***) Herr Hanslick übertrumpft noch den Praeger, denn er schreibt diese Worte als etwas Allbekanntes ab! Und er fügt streng hinzu: „Das gerade Gegentheil ist wahr.“ (Neue Freie Presse vom 21. 8. 92).


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laufe seiner Lebensschilderung bis zum Jahre   1 8 4 8   hingelangt ist, und nun über   d i e s e s   Jahr zu berichten beginnen will:   „N i e   h a t t e   ich mich   e i g e n t l i c h   mit Politik   b e s c h ä f t i g t.“   Man sieht also, nicht blos ist das Zitat gefälscht, sondern jene ausdrückliche Erwähnung des Jahres 1851, in welchem die „Mittheilung“ geschrieben wurde, geschieht mit der perfiden Absicht, den Leser noch sicherer irre zu führen, indem Dieser glauben muss, Wagners Worte bezogen sich auf seinen Lebenslauf   b i s   1851, währenddem in der „Mittheilung,“ die Worte „Nie hatte ich mich — —“ die Zeit   v o r   1848 betreffen und die Einleitung bilden zu einer Schilderung der Umstände, durch welche des Meisters Aufmerksamkeit von   n u n   a b,   gerade 1848, eben auf die Politik gelenkt wurde! *)

    Welchen Werth kann man Praeger's Darstellung der Ereignisse in den Jahren 1848/49 und der Betheiligung Richard Wagner's an ihnen beilegen? Diese Frage hatte ich mir vorgenommen, möglichst gründlich und klar zu beantworten. Ist mir das gelungen, so brauche ich das Ergebniss hier nicht erst noch zu formuliren.

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    P r a e g e r' s   B e g e g n u n g e n   m i t   W a g n e r. — Ob noch ein ernster Leser mir weiter wird folgen wollen? Vielleicht doch; denn wenn ein Mann wie Praeger uns überhaupt etwas Interessantes über einen Mann wie Richard Wagner mittheilen kann, so wären gewiss persönliche Begegnungen die einzige Veranlassung hierzu. Ich will auch nicht leugnen, dass in Praeger's Schilderungen seiner persönlichen Erlebnisse hier und da eine Einzelheit unsere Aufmerksamkeit verdient. Leider wiegt aber das nachweisbar materiell Falsche so vor — Praeger ist so sehr von der einen Sorge beseelt, sich selbst überall in den Vordergrund zu schieben, auf Kosten der Wahrheit, — und die Urtheile, die er über Wagner „wie er
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    *) Hatten die Herren Praeger, Hanslick und Konsorten in ihrem vielbeschäftigten Leben die Zeit gefunden, Wagner's Schriften wirklich zu lesen, so hätten sie jenem geschickt fabrizirten Zitat gegenüber die Worte des Meisters drucken können: „Wer sich unter der Politik hinwegstiehlt, belügt sich selber!“

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ihn kannte“ einzustreuen beliebt, sind zum Theil so albern, zum Theil so widersprechend, dass es ein recht mühseliges Beginnen ist, das Bischen Weizen von der vielen Spreu zu scheiden. Mein Amt hier ist beschränkter; ich will nur davor warnen, dass Praeger jemals als „historische Quelle“ benützt werde. — Darum nehme ich mir im Folgenden nur vor, darauf aufmerksam zu machen, dass bei der Schilderung einer jeden der acht oder neun Begegnungen Praeger's mit Wagner nachweisbar falsche Behauptungen, ja zum Theil absichtliche, gänzliche Verdrehungen der Wahrheit vorkommen. Dieser Nachweis geschieht mit Auswahl aus einem voluminösen Material; er soll also nicht etwa als eine Aufzählung der historischen Irrthümer bei Praeger gelten, sondern als ein an einzelnen Beispielen dargethaner Nachweis einer so gänzlichen Unzuverlässigkeit, dass kein ehrlicher Forscher sich jemals in Zukunft auf diesen Namen berufen wird.

    Praeger begegnete Wagner zum ersten Male 1855. Ehe er aber diese Begegnung schildert, widmet er nach seinem Bericht über die Vorgänge des Jahres 1849 noch zwei Kapitel dem Leben des Meisters in Zürich und seinen in jener Zeit entstandenen Schriften, oder vielmehr seinem „Judenthum in der Musik“, denn dieser Broschüre schenkt er   z w ö l f   v o l l e   S e i t en,   den ganzen übrigen Werken zusammen (Oper und Drama, Kunstwerk der Zukunft, ü. s. w.)   d r e i   Z e i l e n!
    Ueber diese zwei Kapitel einige Worte im Vorübergehen. Sie sind gespickt mit Irrthümern. Der unterhaltendste ist die Angabe, dass die „Meistersinger“ im Jahre 1831 begonnen, im Jahre 1862 beendet wurden! (S. 212). — Nicht ganz so harmlos ist die Aufzählung (S. 214) der Opern, die der Meister in Zürich persönlich dirigirt haben soll. An verschiedenen Stellen seines Buches versucht nämlich Praeger seine Leser glauben zu machen, Wagner habe eine besondere Vorliebe für Rossini und Meyerbeer gehabt; auch hier verfolgt er diesen Zweck mit folgender Liste: „Robert, Hugenotten, Tell, Jüdin und Regimentstochter.“ Diese Liste der angeblich vom Meister dirigirten Opern betrügt sowohl durch

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das, was sie verschweigt, wie durch das, was sie sagt; denn wenn wir Wagner's Brief an Uhlig, Nr. 18, Glasenapp's Biographie (I, 325) und die interessanten Mittheilungen in der Allgem. Musik-Zeitung vom 22. Mai 1885 zu Rathe ziehen, so erfahren wir, dass Wagner in Zürich den „Don Juan“, den „Freischütz“, die „Weisse Dame“, den „Fidelio“ und den „Wasserträger“ dirigirte; das sind allerdings auch genau fünf Opern, aber andere! Dazu kommt noch sein eigener „Fliegender Holländer.“ Dass der Meister ausserdem kein einziges anderes Werk dirigirt habe, vermag ich nicht mit Bestimmtheit zu behaupten; sein Brief an Uhlig gibt uns aber genauen Bericht darüber, welche Opern er noch bereit war zu übernehmen: „Mir bleiben noch 3 Mozartische, — vielleicht die Euryanthe — und die wenigen Opern aus der französischen Schule   b i s   Boiëldieu — also von Méhul, Cherubini etc. —- übrig.“ *)
    Was nun Wagner's Stellung dem Judenthume gegenüber anbelangt, so bekennt sich Praeger ganz offen (S. 219) als „einen   t h e i l w e i s e   g ä n z l i c h   Andersdenkenden.“ Es ist vielleicht nicht schlecht, wenn mancher Anhänger von Bayreuth zum Nachdenken darüber angeregt wird, warum wohl der Meister mehrfach treue Freunde unter den Juden gefunden hat, Leute, die den stolzen Germanen als Beispiel dienen könnten, namentlich mit Bezug auf ihre schnelle Erkenntniss der gewaltigen Bedeutung Wagner's. Nur übertreibt Praeger so arg, dass er unwillkürlich Widerspruch hervorruft. Durch die einseitige Hervorhebung jeder jüdischen Bekanntschaft bekommt der Leser den Eindruck, Wagner habe fast   n u r   mit Juden verkehrt; Praeger spricht auch von seinem   „s t ä t e n   Zusammensein mit Israeliten, bis zu seinem Ende“ (S. 89). Auch sonst scheint sich Praeger zum Anwalt der Juden berufen zu fühlen; er versichert, „dass die Juden in irgend einem Lande, in dem sie wohnhaft sind,   g a n z   b e s o n d e r s   p a t r i o t i s c h   u n d   n a t i o n a l   gesinnt sind“ (S. 222);
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    *) Von grossem Interesse ist auch die vollständige Liste aller von Wagner in Zürich dirigirten Orchesterwerke (Allg. Musik-Zeitung wie oben); er hat   a u s s c h l i e s s l i c h   Werke von Haydn, Mozart, Gluck, Beethoven, Weber und sich selbst zur Aufführung gebracht.

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will er über die Grundeigenthumlichkeiten des angelsächsischen Charakters informirt sein, so erkundigt er sich bei Disraeli (S. 72); u. s. w. *) In dieser Beziehung begegnen wir einer wirklich haarsträubenden Behauptung: Haydn, Mozart und Weber halte man „ganz allgemein“ für Juden!! (S. 77). Zwar bezeichnet Praeger diesen Glauben als einen Irrthum; aber ich meine, wir müssen auf der Hut sein, sonst stämpelt sie der nächstfolgende Praeger schon endgültig dazu. **)

    L o n d o n   1855. Durch Wagner's Brief vom 8. Januar 1855 (S. 236) trat Praeger zum ersten Male in seinem Leben in Verbindung mit dem Meister. — Schon diese einfache Thatsache hat Praeger durch eine allmähliche Legendenbildung zu verwischen gewusst. — Wagner folgte 1855 einem Rufe der Londoner „Philharmonischen Gesellschaft.“ Sein Name war in London schon gut bekannt; gerade in der Philharmonischen Gesellschaft war seine Tannhäuser-Ouvertüre vor nicht langer Zeit zur Aufführung gelangt (Brief von Liszt, II, 51); und da das Komitee sich nach einem neuen Dirigenten umsah und es in seiner Mitte einen Mann wie Sainton zählte, der bereits das „Kunstwerk der Zukunft“ und „Oper und Drama“ gelesen und Wagner „feurig ergeben“ war, so kann die Berufung Wagner's weder Verwunderung verursachen, noch bedarf sie vieler Erklärungen. Dass   S a i n t o n   „d i e   B e r u f u n g   v e r a n l a s s t“   habe, sagt der Meister ausdrücklich (Brief an Liszt vom 16. Mai 1855, II, 74), und damit ist diese Frage definitiv entschieden. ***) Der Sekretär der
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    *) Von den Londoner Juden gilt folgender Satz, S. 222, dessen Sinn noch kein Mensch ergründet hat: „Hier war ein Mr. Salomons Aldermann der City und später selbst Lord Mayor, welches die höchste Würde in der City ist,   e b e n s o   wie auch der selbe Jude und noch verschiedene andere Parlamentsmitglieder waren.“ (!?)
    **) Bei Wagner haben wir das selbe Unglück vor der Hand nicht zu befürchten, denn Praeger versichert: „Wagner   v e r s t e c k t e   s i c h   h i n t e r   s e i n e   d e u t s c h e   G e b u r t“   (S. 222). Dort ist er hoffentlich vor solcher „ganz allgemeinen Ansicht“ ge- und verborgen.
    ***) Ich bitte den Leser, das nicht zu vergessen, da die Behauptung, er selbst habe die Berufung des Meisters nach London veranlasst, eine Hauptsätze von Praeger's Ruhmredigkeit ist.


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Gesellschaft (Hogarth) schrieb in den letzten Tagen von December 1854 an Wagner; Wagner beantwortete diese vorläufige Frage noch am selben Tage und schrieb zugleich an Liszt, er solle ihm schnell Rath geben (Briefe II, 47); bald darauf kam Mr. Anderson, der Geschäftsführer des Vereins, persönlich nach Zürich und zwischen ihm und dem Meister wurden die definitiven Abmachungen getroffen. — Indessen hatte aber Wagner auch an Eduard Roeckel geschrieben und ihn um seinen Beistand gebeten; dieser wohnte aber nicht in London, sondern in Bath; darum rieth er Wagner sich an Praeger zu wenden und legte einen Einführungsbrief an diesen bei. *) Am 8. Januar schrieb nun Wagner an Praeger, legte den Brief Eduard Roeckel's als Einführung bei **) und bat zu entschuldigen, „dass er ihm so kühn auf den Hals falle.“ (Praeger, S. 237). Daraufhin schreibt Praeger seinen ersten Brief an Wagner, und Letzterer erwidert in seinem zweiten Briefe: „Sie zeigen sich in Ihrem Briefe ganz genau so, wie ich Sie zu finden erwartete.“ (S. 238). Praeger übernimmt nun einen Theil der geschäftlichen Plackereien, besorgt die Wohnung für Wagner, läuft mit ihm zum Hutmacher — — kurz er thut alles das, was man von einer „guten Seele“ erwarten kann; gewiss war ihm der Meister auch herzlich dankbar und wird er ihm diese treue Dienstleistung sein Leben lang nicht vergessen haben. — Nun sehe man aber, zu welchen Dimensionen Praeger diesen ganz einfachen und natürlichen Hergang aufgebauscht hat! Schon im Vorwort sagt er (S. VIII): „Es gelang ja auch   n u r   durch   m e i n e   persönlichen Bemühungen, dass Wagner 1855 als Dirigent der Phil. Konzerte nach London   b e r u f e n   w u r d e   u n d   d e m   R u f e   f o l g t e!“   Und dann erzählt er (S. 232 u. f.), wie er, Praeger, die Begeisterung in Sainton weckte, wie er dann vorgeladen wurde, „den versammelten Direktoren (der Philharmonie) die nöthigen Erklärungen zu geben,   w e r   W a g n e r   s e i (!),   was er ge-
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    *) Berichtigung: Wagner hatte nicht an Eduard Roeckel, sondern an dessen in Basel lebenden Vater geschrieben. Vgl. nächsten Abschnitt.
    **) Der Leser entsinnt sich, dass diese entscheidende Thatsache in der deutschen (späteren) Ausgabe einfach gestrichen, in der englischen aber noch erwähnt ist.


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schaffen habe — —“, *) wie „die sieben Direktoren, alle schon ältliche Herren, sich durch Praeger so ins Feuer bringen liessen, dass sie einstimmig Wagner's Berufung beschlossen und Praeger eine Dankrede hielten,“ u. s. w.  „Die ganze Angelegenheit“ schreibt Praeger, „kam in   m e i n e   Hände — — Ich schrieb sogleich an Wagner nach Zürich, gab ihm ganz detaillirte Nachricht über den ganzen Hergang der Sache und annonzirte ihm den kommenden Antrag, den er auch gleich am 8. Januar 1855 mir als erhalten ankündigte.“ — Diese ganze Erzählung ist vom ersten bis zum letzten Worte unwahr! Der erste Brief Wagner's, selbst in der von Praeger verunstalteten Fassung, **) bezeugt das, — denn weder ist eines früheren Schreibens Praeger's erwähnt, noch wird irgend einer besonderen Betheiligung Praeger's bei der Antragstellung gedacht. Und wir besitzen nicht blos in Wagner's Korrespondenz mit Liszt den — theils positiven, theils negativen — Beweis, dass obige Schilderung jeder thatsächlichen Grundlage entbehrt, sondern Praeger war selber so unvorsichtig, am 4. Januar 1856 in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ ***) die ganze Geschichte von Wagner's Berufung nach London zu erzählen, und er hat damals eine weit bescheidenere Rolle für sich in Anspruch genommen! In diesem Bericht aus dem Jahre 56 ist gar nicht davon die Rede, dass Praeger mit dem Direktorium in irgend eine Berührung gekommen wäre, oder gar, dass er „die sieben alten Herren ins Feuer gebracht“, viel weniger, dass die „ganze Angelegenheit in seinen Händen geruht hätte“. Er gibt auch ausdrücklich zu verstehen, dass Wagner später die Korrespondenz mit ihm   b e g o n n e n   hätte, obgleich sie sich „nie gesehen hatten“, und indem „ein lieber Freund sie mit einander bekannt gemacht habe“. Seine jetzige Erzählung hat er also im Voraus selber widerlegt! An und für sich könnte uns dieser ganze Sachverhalt ziemlich gleichgültig
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    *) Es waren dort schon Werke von ihm aufgeführt worden, wie ich vorhin schon erwähnte!
    **) Den Originalbrief findet der Leser im nächsten Abschnitt.
    ***) Auf diesen Aufsatz bezieht sich Wagner's Brief an Praeger vom 15. Januar 1856. (S. 88).


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sein; es ist aber offenbar nicht gleichgültig, unter welchen Bedingungen Wagner und Praeger sich zum ersten Male begegneten — ob Praeger der mächtige Protektor des Meisters im fremden Lande war, oder der gutwillige, bescheidene Landsmann, von welchem Wagner hundert Dienste annahm, um die er einen Sainton oder einen Klindworth nicht gern gebeten hätte. Letzteres war in Wahrheit der Fall; und hierdurch wird auch das ganze spätere Verhältniss zwischen den beiden Männern klar bezeichnet; mit gütiger, treuer Dankbarkeit gedachte der grosse Meister der Dienste, die ein bescheidener Freund ihm einmal geleistet hatte; ein näheres Verhältniss hat niemals bestanden, und man könnte über Praeger's ungeheuerliche, lächerliche Behauptung: „Der wiederholte Austausch   u n s e r e r   Ideen zeigte uns immer ganz klar, wie genau wir uns   g e g e n s e i t i g   verstanden hatten und wie übereinstimmend wir urtheilten!“ (S. 325) herzlich und gutmüthig lachen, wenn Praeger es nicht für nöthig gefunden hätte, seiner albernen Eitelkeit zu Liebe Geschichte zu fälschen. — Geborene Londoner waren sehr erstaunt, als sie die Beschreibung (S. 244—248) von dem, was Wagner im Laufe seines ersten Morgens in London, von Praeger geführt, vollbracht haben soll, lasen; wer London kennt und die enormen Entfernungen ermisst, weiss, dass, was hier behauptet wird, eine buchstäbliche, absolute Unmöglichkeit ist. Doch es konnte sich hier um eine dichterische Lizenz handeln, das Zusammendrängen mehrer Tage in einen einzigen. Das Wesentliche ist jedoch, dass nach dieser Beschreibung Praeger es ist, der Wagner überall einführt, und wir besitzen Beweise, dass er es   n i c h t   that. Auf S. 247 z. B. stellt er den Meister bei Sainton vor (auch an jenem ersten Morgen); die „Quarterly Review“ vom Juli 1888 hat aber Erinnerungen von Sainton gebracht, und dieser beschreibt, wie Wagner ihn zum ersten Male eines Morgens früh um 9 Uhr besuchte, wie er zwei volle Stunden sich lebhaft mit ihm unterhielt, und wie sie zuerst verlegen waren, welche Sprache sie wählen sollten, da sie keinen Dolmetscher — also gewiss nicht einen Praeger — zur Hand hatten! — Aehnlich macht es Praeger S. 252 mit Klindworth; er sagt: „Karl Klindworth, den   i c h   bei Wagner

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als Schüler Liszt's einführte“ —. Wir wissen aber aus dem „Briefwechsel“, dass Liszt selber es war, der Klindworth bei Wagner einführte (II, 57), und Wagner schreibt ausdrücklich: „Klindworth, für den ich Dir sehr danke.“ (II, 63) *) — Lauter Kleinigkeiten, wenn man will, aber eine kommt zur anderen, um in uns ein falsches Gesammtbild von dem Verhältniss Praeger's zum Meister zu erwecken. — Ebenfalls nachweisbar falsch ist die Geschichte von der Zusammenkunft von Berlioz und Wagner in Praeger's Haus. (S. 274). Sie soll am Abend des siebenten Konzertes stattgefunden haben. „Berlioz wohnte dem Konzerte bei,“ meldet Praeger, und sie gingen dann Alle zusammen heim. Nun will es der Zufall, dass Liszt in seinem Brief vom 10. Juli 1855 (II, 88) einen langen wörtlichen Auszug aus einem Brief von Berlioz mittheilt, in welchem dieser es lebhaft bedauert, dass er gerade diesem speziellen Konzert   n i c h t   beiwohnen konnte, weil er selber einer „scheusslichen Chor-Probe — an dem selben Tage und zu der selben Stunde beizuwohnen“ gezwungen war! Also   A l l e s   stimmt bei Praeger's Erzählung gewiss nicht, wahrscheinlich stimmt gar nichts. Denn während Praeger die Sache so darstellt, als hätte er sich —- und ohne grossen Erfolg — darum bemüht, „zwei so eminente Geister einander mehr zu nähern,“ erzählt Wagner (Briefe an Liszt, II, 86 und 87), dass er „eine herzliche und innige Freundschaft für Berlioz gefasst habe,“ — er spricht von seinen Zusammenkünften mit ihm, namentlich   „a l l e i n   b e i   S a i n t o n,“ **) und schreibt noch: „Nach meinem letzten Konzerte besuchte er mich noch mit meinen übrigen wenigen Londoner Freunden; seine Frau war auch mit; wir blieben bis früh 3 Uhr beisammen und trennten uns für diesmal unter herzlichen Umarmungen.“ Und da ist es doch sehr auffallend, dass Praeger, der gewiss dabei war, der ja auch ausführlich über diese Nacht berichtet, — „Es war heller Tag geworden, als wir Wagner am Morgen des 26. Juni verliessen“ (S. 281) — dass er der Gegenwart Berlioz' mit keinem Worte erwähnt! Eines steht gewiss fest, dass Praeger auch bezüglich des Verhältnisses zwischen Wagner
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    *) Vergl. auch 2. Nachtrag.
    **) Vergl. auch 2. Nachtrag.


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und Berlioz nicht die Rolle gespielt hat, die er sich in seinem Buche zuschreibt.
    Unser werther Mitarbeiter, Mr. Wm. Ashton Ellis, hat gerade diesen Londoner Aufenthalt des Meisters mit grosser Ausführlichkeit und Gründlichkeit studirt und die vielen Irrthümer von Praeger's Darstellung Punkt für Punkt ausführlich nachgewiesen. Da Zeit und Raum nachgerade knapp werden, schien es rathsam, sich an dieser Stelle darauf zu beschränken, die gänzliche Unzuverlässigkeit Praeger's an einigen schlagenden Beispielen recht fühlbar zu machen, wobei die verdienstvollen Forschungen des soeben genannten, hochgeschätzten Freundes frei benutzt worden sind.

    Z ü r i c h   1856. (?) — „Im Sommer des Jahres 1856 besuchte ich Wagner in Zürich und weilte zwei Monate in dem reizenden Chalet, in der Enge.“ (S. 305.) Hier müsste uns Praeger also eigentlich das Interessanteste über Wagner zu erzählen haben. Man denke: zwei ganze Monate unter seinem Dache! Wir sind schon ein wenig enttäuscht, wenn wir beim ersten Durchblättern des Buches entdecken, dass dieser Episode nur knapp 20 Seiten gewidmet sind. Praeger sagt: „wir blieben den grössten Theil der Zeit zusammen und hatten   u n e n d l i c h   v i e l e   Unterredungen über Kunst und Wissenschaft, in welchen (!) der modernen Philosophie ein bedeutender Platz eingeräumt wurde.“ (S. 305.) *) Von einem Verfasser, der nicht davor zurückschreckt, selbst die intimsten Angelegenheiten in geradezu skandalös-taktloser Weise zu besprechen, und zwar auf Grund des einzig bis zu ihm gedrungenen eitelsten Klatsches, hätten wir erwarten dürfen, dass er uns von den „unendlich vielen Unterredungen“ über Kunst, Wissenschaft und Philosophie manches Meisterwort mittheilen würde. Statt dessen finden wir aber nur auf einer einzigen Seite (310) ein Paar haarsträubend alberne Bemerkungen über Schopenhauer — „der Praeger   n i c h t   s o   n e u   u n d   s o   g r o s s   vorkam, wie das bei Wagner der Fall
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    *) In der engl. Ausg. (S. 288): „Wir blieben die   g a n z e   Zeit bei einander, und besprachen in einer durchaus ernsten, philosophischen und logischen (!) Art Kunstfragen.“

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war“! — und über den Pessimismus *) die Privatansichten des Herrn Ferdinand Praeger. Nicht ein einziges Wort Richard Wagner's wird uns übermittelt! Schon diese blosse Thatsache ist für das Verhältniss, welches zwischen den beiden Männern geherrscht haben mag, bezeichnend genug, und wir begreifen den versteckten Witz, der darin lag, als Wagner Praeger nach Zürich einlud, damit er ihn seinem Papagei und seinem Hund vorstellen könne (S. 281), sicherlich auch „guten Seelen“, denen er aber seine Gedanken über Kunst, Wissenschaft und Philosophie ebenfalls nicht mitgetheilt haben wird. — Diese merkwürdige Lücke in Praeger's Buch hat aber noch eine andere Erklärung: Praeger   w a r   g a r   n i c h t   i n   Z ü r i c h   i m   J a h r e   1856, das ist sicher; und es ist höchst wahrscheinlich, dass er auch im Jahre 1857 nicht zwei Monate da gewesen sein kann, sondern eine sehr viel kürzere Zeit. Wir stehen hier also wieder vor einer —  — Dichtung!
    Mehr wie ein Umstand beweist, dass Praeger 1856 nicht in Zürich war: 1) Wagner bekam einen heftigen Anfall von Gesichtsrose im April 1856 und reiste deshalb schon im Mai nach Mornex bei Genf, wo er auch den grössten Theil des Sommers über blieb. **) 2) Praeger sagt ausdrücklich, er habe „im reizenden Chalet“ gewohnt (S. 305), es ist auch von „der herrlichen Aussicht“ die Rede (S. 303) und von den „freundlichen Nachbarn Frau und Herr W.“ (S. 315); in dieses Chalet zog nun Wagner erst in den letzten Tagen vom April 1857! (vergl. Briefe an Liszt, II, 162.) 3) Praeger
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    *) Praeger zitirt hier aus den „Fragmenten“ (S. 55) den Satz: „Der ist des Lebens nicht werth, für den es keinen Reiz hat“ und meint dazu: „Eine solche These wäre von ihm in den Tagen der Noth nicht ausgesprochen worden, und sie war deshalb nur der   g l ü c k l i c h e n   V e r ä n d e r u n g   seines Schicksals zuzuschreiben!“ Wäre aber Praeger nicht so „rasend oberflächlich“ gewesen, so hätte er gewusst, dass dieser Spruch gerade aus den Jahren 1849—51 datirt!
    **) Es ist als sicher anzunehmen, dass der lange Brief Wagner's an Praeger (S. 302—304) nicht von Mai 1856, sondern von Mai 1857 ist; denn der Meister schreibt aus Zürich, ist gesund und komponirt den Siegfried, was Alles auf Mai 56 nicht stimmen würde. Hier liegt also ein Fall von absichtlicher   D a t e n f ä l s c h u n g   vor!


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ist nach seinem eigenen Bericht ein einziges Mal in Zürich gewesen, und dass er 1857 dort war, wissen wir aus einem Brief des Meisters an Fischer vom 29. Oktober 1857 mit Gewissheit; Wagner schreibt daselbst (S. 340): „Doch hatte ich deutsche Besuche, Ed. Devrient, Praeger und Roeckel (aus England), Robert Franz u. a. m. waren diesen Sommer langer und kürzer bei mir, und es wurde viel musizirt.“ 4) Praeger erzählt, dass Wagner wahrend seiner Anwesenheit in Zürich am zweiten Akte des „Siegfried“ komponirte; nun hatte Wagner aber am 12. Juli 56 den ersten Akt noch nicht begonnen (Briefe an Liszt, II, 128); am 6. Dezember 56 war die   e r s t e   Scene des   e r s t e n   Aktes noch nicht in der Skizze fertig (ebenda 143); am 8. Mai 57 meldet Wagner, dass er den zweiten Akt noch nicht begonnen habe (ebd. 166); am 30. Mai 57 sendet er Liszt Fafner's soeben „früh nach einer guten Nacht“ komponirtes „Ich lieg' und besitze“; kurz, im Sommer 56 hat Wagner am zweiten Akt „Siegfried“ nicht gearbeitet, sondern im Sommer 57. — Diese vier Punkte genügen, um das Datum von Praeger's Besuch unwiderlediglich festzustellen: er fand im Sommer 1857 statt. — Ueber die wahrscheinliche Dauer des Besuches konnte ich nichts ganz Positives feststellen. „Eingeweiht“ wurde das Gaststübchen im neuen Chalet durch Eduard Devrient in den ersten Tagen des Juli (Wagner-Liszt, II, 177) *); und noch am 17. Juli 1857 schreibt Wagner an Praeger und erwähnt gar nicht seines Kommens (S. 326; dieser Brief   m u s s   von 57 sein, da Wagner sagt: „Ich bin hart an der Arbeit mit meinem Siegfried“; denn Juli 56 hatte er ihn noch nicht begonnen und Juli 58 hatte er ihn schon längst bei Seite gelegt); vor   A n f a n g   A u g u s t   kann Praeger also kaum in Zürich gewesen sein; und Pohl, der   E n d e   August 57 den Meister besuchte, erwähnt Praeger's Gegenwart nicht. Was er erzählt, dass Wagner am 25. August das in der Bleistiftskizze eben vollendete „Waldweben“ vorspielte (Musikalisches Wochenblatt 1883, S. 337),
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    *) Praeger gibt zu verstehen (S. 321), die bekannte Aufforderung des Kaisers von Brasilien wäre während seines Züricher Aufenthaltes gekommen; das ist ganz unmöglich, da Wagner schon am 8. Mai 57 Liszt davon spricht (II, 164), Also wieder eine — — Erfindung.

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zusammengehalten mit Praeger's Erzählung (S. 315), dass Wagner während seines Aufenthaltes an einer   s p ä t e r e n   Scene arbeitete (der letzte Auftritt des Mime), würde uns vermuthen lassen, dass der Besuch Praeger's erst im September stattfand; enthält aber auch jene Erzählung eine der üblichen Unrichtigkeiten, dann blieben für den Besuch nur ein Paar Augustwochen zwischen Anfang und Ende des Monats frei. Für „zwei Monate Sommer“ ist in keinem Falle mehr Zeit. Entscheidend ist aber die Thatsache, dass die „freundlichen Nachbarn“, deren „fast täglichen Besuches“ Praeger ausdrücklich Erwähnung thut (S. 323), ganz und gar keine Erinnerung dieses betreffenden Herrn haben; sie entsinnen sich weder der Person, noch des Namens, obwohl alle damaligen Freunde des Meisters noch frisch in ihrer Gedächtniss leben. *) Wie wäre das denkbar, wenn sie während zweier Monate täglich mit Praeger zusammengekommen waren? **)
    Einen höchst wichtigen Beitrag zur Lebensgeschichte des Meisters soll dieses Kapitel angeblich liefern: die allererste Anregung zum Tristan-Drama! (S. 312, 313.) Dieses merkwürdig eigensinnige Pochen auf die Zahl   s e c h s   und fünfzig, diese Verlängerung des Besuches auf   z w e i   ganze Monate verfolgen den einen, einzigen Zweck, dieser Legende Wahrscheinlichkeit zu verleihen! Praeger erzählt, er habe Wieland's „Combabus“ vorgeschlagen, (!) was aber Wagner zu „optimistisch“ erschien! Nun „besprachen sie Tristan bin und her“, und Praeger sagt (in der englischen Ausg. S. 293) ausdrücklich, dass Wagner gar nicht daran zu denken schien, es „als Libretto“ zu gebrauchen; diese Besprechung trug aber ihre guten Früchte, denn am nächsten Morgen, als sie alle beim Frühstück sassen, da „fachte das Sujet (!) ihm zum ersten
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    *) Mittheilung des Mr. W. A. Ellis, der im Sommer 1892 die Gelegenheit hatte, Erkundigungen einzuziehen.
    **) Der Kern zu dieser Erfindung des zwei Monate währenden Besuches liegt wahrscheinlich in jenem Brief des Meisters vom Mai 1857, wo Praeger des Meisters Worte: „Noch zwei Monate, und Du wirst bei mir sein“, umgedeutet hat in: „Zwei Monate wirst Du bei mir bleiben.“ Vergl. oben S. 17.


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Male den Funken der Inspiration an,“ *) „das Leitmotiv der Isolde fiel ihm ein, doch   w e g e n   d e s   L i b r e t t o   war er noch nicht, wie er sagte, im Reinen!“ — Die Leser dieses Buches brauche ich nicht erst daran zu erinnern, dass Wagner bereits im Jahre 1854, also ehe er jemals Praeger gesehen hatte, an Liszt meldet: „er habe einen Tristan und Isolde im Kopfe entworfen“ (II, 46), dass er immer wieder von diesem Plane schreibt, bis er endlich im   J u n i   57 (II, 174) meldet, dass er an die Ausführung gehe; als Pohl Ende August 57 in Zürich war, sagte ihm der Meister, er sei   m i t   d e r   D i c h t u n g   d e r   z w e i   e r s t e n   A k t e   f e r t i g!   Dass man sich so blossstellen kann, — das thut Einem wirklich selbst für einen Praeger Leid! Und gerade diese spezielle Anekdote, die der gute Mann mit so viel Stolz erzählt, zeigt uns ganz genau, welches Verhältniss zwischen Praeger und Wagner bestand: Wagner hatte am 28. Juni an Liszt geschrieben: „Was den Tristan,   a b s o l u t e s t e s   S t i l l s c h w e i g e n!!!“ — und nun, währenddem er mit Männern wie Pohl und Franz Müller u. A. das werdende Werk doch besprochen hatte, ahnt Praeger, der Gast des Hauses, nicht einmal, dass während er oben, in dem „Stübchen mit der schönen Aussicht“, sich den Kopf über Schopenhauer zerbricht, — von dem Wagner ihm so liebenswürdig scherzend gesagt haben soll, „er solle ihm die schwierigen Stellen erklären!“ — der grosse Meister die letzte Hand an die Dichtung des ewigen Werkes legte. Und welches Licht wirft gerade diese Erzählung in das tiefste Herz des gewaltigen Dichters! welche unfassbare Güte und Milde und Geduld offenbart sie uns! Der Mann, der soeben vielleicht „Noch losch das Licht nicht aus, — noch ward's nicht Nacht im Haus“ geschrieben, lässt sich von einem Praeger — „Combabus“ als „Libretto“ vorschlagen und wirft ihn nicht zum
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    *) In der deutschen Ausgabe steht allerdings, diese Behauptung wäre „etwas gewagt“; in der englischen dagegen steht sie ganz positiv: „Such is the history of the first promptings — —“ (S. 294). Praeger hat such stäts erzählt,   e r   s e i   d e r   U r h e b e r   d e s   T r i s t a n - G e d a n k e n s,  e r   h a b e   d e n  M e i s t e r   d a r a u f   a u f m e r k s a m   g e m a c h t,   so dass in der englischen Uebersetzung von Wolzogen's „Leitfaden durch die Musik zu Tristan“ (1884), vom Uebersetzer (Mosely) dieser „conte a dormir debout“ als historisch bekannte Thatsache eigens hinzugefügt ward!

61 Kritische Vorarbeit

Fenster hinaus! Er schweigt dazu still, sieht nur die gute Absicht und lenkt sanft das Gespräch auf alte Lustspiele, schweizer Gebäck (S. 311), u. s. w.; „dem guten Praeger musste doch auch etwas Entschädigung für die Londoner Episode angeboten werden“ (S. 316)! *) — Und deswegen ist auch gerade diese Episode wirklich von sehr grossem Werthe; sie ist bei Weitem das Kostbarste, was wir aus diesem sonst so dürren Buche schöpfen können. Für diesen — unwillkürlichen — Einblick in die himmlische Herzensgüte des Meisters wollen wir dem Verfasser Vieles nachsehen!

    P a r i s, 1859—61. — Wann und wie oft hat Praeger Wagner in Paris besucht? Es ist unmöglich, aus seiner — wohl absichtlich — konfus gehaltenen Darstellung das zu entnehmen, und die Sache wird noch ärger, wenn man die englische und die deutsche Ausgabe neben einander hält, die sich gerade in diesem zweiundzwanzigsten Kapitel immerfort widersprechen. Es ist ja auch gänzlich ohne Belang, denn irgend etwas Interessantes oder Neues hat er nicht zu melden. Nur auf zwei besonders kühne — — Erfindungen will ich aufmerksam machen; sie mögen für die Beurtheilung des Uebrigen maassgebend sein.
    Praeger spricht vom Herbst 1859 und sagt (S. 327): „Wagner hatte   m i c h   wegen des Eigenthumsrechtes seiner Werke in Frankreich konsultirt, und   i c h   empfahl ihn deshalb an einflussreiche Freunde, welche sich der Sache annahmen.“ Also auch hier — Praeger der Protektor, Praeger, der Wagner in Paris einführt, Praeger, den Wagner bei jedem wichtigen Schritte konsultirt, u. s. w. — Nun muss man wissen, dass Wagner schon bei seinem vorübergehenden Aufenthalt in Paris im Januar 1858 mit Liszts Schwiegersohn Emile Ollivier, später Ministerpräsident und damals bereits Abgeordneter und einer der eminentesten Mitglieder des französischen „barreau“, in Verbindung getreten war, — dass Ollivier den Meister
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    *) Dass Praeger seine „Kenntniss der   h o l l ä n d i s c h e n   Sprache und des   P l a t t deutschen besonders befähigte, das   A l t d e u t s c h e   (Mittel h o c h deutsche ist gemeint!) leicht zn verstehen“, — das ist wieder so ein Phänomen, wie es nur einem Praeger passiren kann!

62 Kritische Vorarbeit

mit grösster Liebenswürdigkeit empfangen, ihm „seine uneingeschränkten Dienste angeboten“ und auch tatsächlich die Vertretung von Wagner's Interessen übernommen hatte (Wagner-Liszt, II, 186, 190 etc.),   „n a m e n l i c h   d i e   W a h r u n g   d e r   E i g e n t h u m s r e c h t e“   (Brief an Fischer vom 29. Januar 58)! Praeger's Erzählung ist also nicht blos an und für sich höchst unwahrscheinlich, sondern nachweisbar — — erfunden.
    S. 329, 330 erzählt Praeger, dass er im   S o m m e r   1860, während seiner Ferien, Wagner in Paris besuchte. Eines Morgens nun, während Wagner und Praeger ,in ernsthaften Diskussionen über Oper und Drama die ganze Umgebung vergassen, wurde Wagner abberufen — —“ Es war die Botschaft vom Kaiser, die erste Nachricht, dass S. M. den Tannhäuser aufgeführt wünsche. Eine lebhafte Unterhaltung entspinnt sich zwischen Wagner und Praeger über dieses gänzlich unerwartete Ereigniss, u. s. w. — Zu Praeger's Unglück hatte aber Wagner bereits am 29.   M ä r z   1860 (II, 262) Liszt von den „Pariser Glorien“, die man ihm „arrangirt“, gesprochen, ihm erzählt, dass der Direktor der Grossen Oper „ein Ballet für den zweiten Akt des Tannhäuser verlange“ u. s. w. — Den genauen Tag, an welchem die überraschende Nachricht von des Kaisers Entschluss eintraf, vermag ich nicht anzugeben; da aber der Meister bereits im März mitten in den Unterhandlungen mit der Direktion der Oper steckte, kann Praeger dieses interessante Ereigniss unmöglich während seiner Sommerferien 1860 erlebt haben. Auch diese Erzählung ist also nachweisbar — — erfunden.
    Alles Uebrige übergehe ich. Auch dass in dem Briefe vom April 1861 Wagner in der englischen Ausgabe Praeger eine Beschreibung von der Aufführung des „Tannhäuser“ gibt, als wäre Dieser   n i c h t   dabei gewesen, währenddem in der deutschen Ausgabe (S. 335) diese ganze Stelle weggefallen ist — erwähne ich nur als ein Beispiel von der blasebalgartigen Beschaffenheit, welche Briefe unter Praeger's Händen bekommen.

    M ü n c h e n, 1865. — Dieser kurze Besuch hat zu einer schönen Blüthe von Praeger's Erfindungskraft Veranlassung gegeben. Wagner bittet Praeger, ein Packet Bittschriften


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„durchzuarbeiten“. „Ich that dies auf Wagner's Bitte, um ihm auch zugleich Rath zu geben, wem und wie er antworten solle, da er in dergleichen Angelegenheiten viel weniger Welterfahrung hatte als ich.“ (S. 343.) Glücklicher deutscher Musiker, der in der Beantwortung — nicht in der Abfassung — von Bittschriften Welterfahrung besass!

    T r i e b s c h e n, 1871. — In der deutschen Ausgabe ist die Erzählung dieses Besuches auf mehr als das Doppelte von der englischen Ausgabe gestiegen. Interessanter ist sie deswegen nicht, denn wie immer, nicht was Wagner sagte, erfahren wir, sondern nur was Praeger dachte oder sagte. Unerklärlich ist es, warum Praeger den Engländern die wichtigste Thatsache vorenthielt, dass er bei den ersten Berathungen, die mit dem Architekten und dem Theateringenieur für den Bau des Festspielhauses stattfanden, mit dabei war. Seine „Welterfahrung“ scheint auch der Maschinerie für Rheingold zu gut gekommen zu sein! (S. 358, 359.)
    Nur eine Sache ist hier ernst zu nehmen, aber diese allerdings bitter ernst. Die Worte, die Praeger dem Meister über Liszt in den Mund legt (S. 362), sind von jenem überwiegenden Theil der Presse, welcher gern jede Gelegenheit ergreift, um das wenige wahrhaft Edle mit Koth zu bewerfen, gierig und unter lautem Freudenruf aufgegriffen und verarbeitet worden. — Es ist klar, dass wir hier nicht mehr vor einer mehr oder weniger harmlosen Erfindung stehen, vor einem jener Gebilde, wie die maasslose Eitelkeit eines gering begabten Menschen sie uns in diesem Buche so häufig vorführte. Hier haben wir die Auflehnung des an und für sich Kleinen gegen das an und für sich Grosse, des Geistes des Bösen gegen den Geist des Guten, der Gemeinheit gegen das absolut Edle. Dass Wagner diese Worte   n i c h t   gesagt hat, brauche ich an dieser Stelle nicht zu begründen; Jeder von uns weiss das so gut wie ich; wir stehen hier eben, wie gesagt, nicht vor einer blossen Erfindung, sondern vor einer   L ü g e. — Und da muss ich doch den deutschen Leser darauf aufmerksam machen, dass gerade dieser angeblicher Ausspruch des Bayreuther Meisters in der englischen Ausgabe ganz anders lautet! In

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dieser steht nur, Wagner habe ein Mal gelegentlich gesagt: „Liszt (als Komponist) habe zu spät begonnen“ *), nicht eine Silbe mehr! Man könnte glauben, er bedauere, dass Liszt erst so spät angefangen habe. Jedenfalls steht weiter nichts da. Der einzige berechtigte Schluss ist, dass alles Uebrige (von dem „gewissen Talente, welches man immer merke“ u. s. w.) sich in Praeger's Kopf im Laufe der Jahre, die zwischen der ursprünglichen englischen Fassung (1885) und der deutschen liegen, als passend und angebracht entwickelt hat. So hat dieser Ehrenmann Geschichte geschrieben!

    B a y r e u t h,   1876 und 1882. — Von der grössten Schöpfung Wagner's, von Bayreuth, hat Praeger gar nichts zu erzählen — ausser dass er dort vom Meister „bei den Haaren gepackt wurde“. (S. 364.)

    L o n d o n,   1877. — Von dieser letzten Londoner Reise hat Praeger nur Eines zu berichten — den Toast, den der Meister „auf ihn“ ausgebracht habe; diese Erzählung bildet sowohl im Vorwort (S. VIII) als wie auch im Buche selbst (S. 364) den Schlussstein des ganzen Gebäudes. Auch diese Erzählung hat verschiedene Entwicklungsstadien durchgemacht: im Vorwort zur englischen Ausgabe heisst es einfach (S. X): „Wagner sagte“, — es wird in keiner Weise angedeutet, dass der Meister nicht vielleicht auch anderer Freunde gedacht hätte; am Schlusse jener Ausgabe (S. 332) heisst es schon: „Wagner brachte einen Toast   a u f   m i c h   aus, als den Freund — —“; in der deutschen Ausgabe (S. 364) ist nun hieraus Folgendes geworden: „Beim Bankett im Cannon Street Hotel   w i d m e t e   e r   m i r   d e n   e i n z i g e n   T o a s t.“ — Dass die Worte, die der Meister gesprochen haben soll, da sie vier Mal vorkommen, auch in viererlei Fassung vorliegen, wird der geduldige Leser dieses Aufsatzes nicht anders erwarten. Am ausführlichsten stehen sie in den Vorworten zu den beiden Ausgaben, und zwar steht in der englischen Ausgabe: „Damals hatte ich   n u r   e i n e n   F r e u n d,   n u r   e i n e   Stütze — —.“ Das hat der Meister offenbar nicht gesagt, denn er
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    *) „Among other things, he said, speaking of Liszt as a composer, that he had begun too late in life.“ (S. 331.)

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gehörte nicht zu denen, welche sich von der Liebenswürdigkeit soweit hinreissen lassen, Unwahrheiten zu sprechen. — Zum Glück aber ist 1877 nicht so sehr lange her; es leben noch manche Zeugen jenes Toastes. Und da wissen wir, dass Wagner allerdings in einem „einzigen Toast“ — nicht aber nur des einen, sondern   a l l e r   seiner treuen Londoner Freunde gedacht hat! Auch der Name Praeger wurde genannt, und zwar sagte der Meister von ihm: „Dieser war mit mir in der Wüste.“ Wer erkennt nicht da ein Wort Richard Wagner's? ein echtes? Es liegt darin ausser der Anerkennung noch Vieles! Und da vergleiche man die Banalitäten, die Praeger dem Meister in den Mund legt! — Nur bei dieser allerletzten Anekdote war es uns möglich, Praeger's Erzählung mit dem, was wirklich geschah und gesprochen wurde, genau zu vergleichen. Insofern war es wichtig, auf diese sonst gänzlich gleichgültige Episode hinzuweisen; denn die Kenntniss des wahren Sachverhalts in diesem einen einzigen Falle gestattet einen Rückschluss auf den Werth des ganzen Buches, namentlich aber der Aeusserungen, die dem Meister beigelegt werden.

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    Schlussbetrachtung. — Nachdem das Detail sich in Praeger's Buch als so gänzlich werthlos erwiesen hat, nachdem ich namentlich im Laufe meiner Besprechung mehr wie einmal die Gelegenheit hatte, auf die wahre Natur des Verhältnisses zwischen Praeger und dem Meister hinzuweisen, wird wohl Niemand von Praeger's allgemeinen Betrachtungen und Urtheilen in Bezug auf Wagner viel erwarten. Was er aber hierin leistet, übersteigt wohl doch sowohl bezüglich der Albernheit wie auch des ewigen sich Widersprechens das erlaubte Maass.
    Praeger sagt von Wagner (S. IV): „er war   f ü r c h t e r l i c h   ernst“; auch von Beethoven's   „f ü r c h t e r l i c h e m   Ernst“ spricht er (S. 34)! Von Praeger können wir jedenfalls sagen, dass er mehr „fürchterlich“ als „ernst“ zu nehmen ist. Wie könnten wir auch Behauptungen wie die folgenden ernst nehmen: dass z. B. Wagner in der Schule „der   g l o r i o s e   Z u g   von Liebe und Verehrung der hohen edlen Künste

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gleichsam fürs Leben eingeimpft wurde!“ (S. 19), oder dass seine Instrumentation den Zweck verfolgte: „eine bessere   B a l a n c e   im   E n s e m b l e   herzustellen“ (S. 128)? Selbst was Praeger über geringere Männer berichtet, ist meistens eine gehaltlose Phrase, wie z. B., dass Laube eine „voluptuöse Einbildungskraft“ besessen habe (S. 91), dass in Heine's Gedichten „wahre weibliche Zartheit mit übertriebener männlicher Derbheit wechsele“ (S. 92), dass „Meyerbeer's Geschäftsbehäbigkeit (!) vom Musikhändler (!) bis in den Himmel gehoben wurde“ (S. 93), dass Berlioz' Sprechen „wie das Rieseln einer Fontaine“ war (S. 94 und   n o c h   z w e i   M a l   w ö r t l i c h!),   dass Halévy's Jüdin „ein würdiges Exempel französischer Identität“ (??) sei (S. 98), u. s. w., u. s. w. — Obgleich aber der Autor durch diese und ähnliche absolut sinnlose Aussagen über seine eigenen geistigen Fähigkeiten uns genügend unterrichtet, haben die Journalisten nichtsdestoweniger die ungünstigen Urtheile, die er an verschiedenen Stellen seines Buches in impertinentester Weise über den grossen Meister fällt, mit dem sicheren Instinkte von Aasfliegen gewittert und sich darauf gestürzt. Dass aber Praeger in allen solchen Fällen an irgend einer anderen Stelle seines Buches das direkte Gegentheil behauptet, das haben die Herren sorgfältig verschwiegen. Darauf möchte ich in aller Kürze noch aufmerksam machen.
    Praeger klagt Wagner z. B. der Feigheit an, — einer „Selbstbeherrschung, in die jedenfalls ein gut Theil persönlicher Furcht gemischt war“ (S. 196). Das war etwas Rechtes für den „deutschen Helden“ Hanslick und seinesgleichen! Nun erzählt Praeger aber an anderen Stellen seines Buches: „Wagner hatte in der grössten Gefahr eine ruhige Besonnenheit, die ihm die tollsten Streiche gelingen liess“ (S. 14); „seine   K ü h n h e i t   grenzte an Verwegenheit — — ein starker Charakterzug in im war, dass er   g a n z   f u r c h t l o s   auf alles losging“ (S. 249); er besass „die Kühnheit eines Gemsenjägers“ (S. 305), etc. etc.
    Praeger behauptet: „Wagner lechzte nach Luxus, eine fast orientalische Genussbegierde war ihm eigen“ (S. 187), „er hatte von Entsagung keine Idee“ (S. 261); — da er-

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schollen wieder die Hosianna-Rufe! — Der selbe Praeger berichtet aber, Wagner sei   „s e h r   m ä s s i g“   gewesen (S. 248); von seiner häuslichen Einrichtung schreibt er: „was in seiner Wohnung den   E i n d r u c k   des Luxus hervorbrachte, war durchaus nicht das Kostbare der Möbel, sondern fand lediglich seine Erklärung in dem feinkünstlerischen   G e s c h m a c k e,   mit dem er alles so poetisch anzuordnen verstand, dass der Totaleffekt wirklich den Eindruck des Reichthums hervorbrachte“ (S. 132); was seine Vorliebe für Seide anbelangt, so erzählt Praeger: „das Uebel seiner Hautkrankheit   e r l a u b t e   ihm nichts anderes als Seide auf blossem Körper zu tragen. Selbst nur Baumwolle mit den Händen zu berühren, verursachte ihm einen Schauder durch den ganzen Körper“ (S. 264); und mit Bezug auf das Geschreibsel der Journalisten über diesen Gegenstand, räth Praeger „etwas Mitleid und viel Verachtung“ für „diese Sklaven der Zivilisation“ zu hegen! (S. 328.) Was dem armen Meister trotz alledem blieb, war die orientalische Genusssucht, die er von den Hebräern genommen hat“ (S. 211), im Laufe seines „stäten Zusammenseins mit Israeliten“ (S. 89). *)
    Bezüglich der Selbstbeherrschung sagt Praeger (S. 274): „Berlioz konnte sich sehr beherrschen, was Wagner   n i e   that“; S. 196 dagegen meldet er, dass Wagner „eine   e r s t a u n l i c h e  Selbstbeherrschung“ besass!
    Wie oberflächlich und zusammenhangslos seine Kunsturtheile sind, kann man aus solchen Thatsachen entnehmen, wie dass er z. B. Lohengrin als „noch ungefesselt“ von der Theorie lobt (S. 150) und das nächstfolgende Werk, Tristan, an andrer Stelle (S. V) als bereits frei davon bezeichnet. — Mehr ins Biographisch-Psychologische gehören solche Behauptungen; wie die folgende: S. 308 wird die kühne These aufgestellt, dass Wagner's Produktivität erloschen sei, als er
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    *) Man wäre ersucht, die hier angeklagten Hebräer in Schutz zu nehmen; denn Wagner's jüdische Freunde waren nicht Banquiers, sondern Künstler, die gewiss selten in die Lage kamen, einer „orientalischen Genusssucht“ zu fröhnen. Diejenigen, die ich persönlich kenne, besitzen ganz vortreffliche Eigenschaften, aber was die orientalische Prachtliebe anbelangt, so zeichnen sie sich eher durch das Gegentheil aus.

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noch in den fünfziger Jahren stand, währenddem S. VI gerühmt wird, dass er „eins seiner bedeutendsten Werke schuf, nachdem er längst die sechziger Jahre hinter sich hatte.“ — Und an dieser Stelle fügt Praeger hinzu: „im Schatten des herannahenden Todes beschäftigte er sich noch mit einem anderen Werke aus der indischen Mythe.“ Dieses blöde Märchen, welches wie kein zweites die gänzliche Unkenntniss von Wagner's Leben und das Nichtverstehen seiner Kunstwerke in ihrem organischen Zusammenhang verräth, tischt uns also ein Mann auf, der von sich behauptet: „er halte sich für völlig berechtigt, mit Autorität über Richard Wagner als Mensch und Künstler zu sprechen“!
    In Wahrheit war Praeger   v o l l i g   u n b e r e c h t i g t,   über Wagner — sowohl als Menschen wie als Künstler — zu sprechen. — Was der Meister in seiner Gegenwart sprach zu notiren, dazu war er offenbar zu unbegabt; hätte er uns aber die Originalbriefe Wagner's mitgetheilt und etwa noch die schlichten Notizen aus einem fleissig gehaltenen Tagebuch über die wenigen Male, wo er mit dem Meister zusammenkam — so hätte er ein nützliches Werk gethan und sich selbst gewiss ein schönes, dauerndes Denkmal errichtet. So aber hat Praeger nur ein gänzlich werthloses und geradezu lächerliches Pamphlet geschrieben. Vom Titelblatt angefangen, ist fast jede Angabe falsch, alle angeblichen Briefe des Meisters sind in der unverantwortlichsten Weise „frei umgearbeitet“ worden; was in Gesprächen erzählt worden sein soll, ist nachweisbar (mit Ausnahme der wenigen Stellen, die wahrscheinlich einer sträflichen Indiskretion ihren Ursprung verdanken) aus den bekanntesten Quellen abgeschrieben, und zum Theil sind diese Quellen direkt und absichtlich gefälscht worden (namentlich für die Darstellung der Vorgänge des Jahres 1849); auch die persönlichen Erlebnisse des Verfassers sind durch seine fast wahnsinnig zu nennende Sucht, sich selbst überall in den Vordergrund zu schieben, so voll nachweisbarer Irrthümer und Unwahrheiten, dass sie nicht den geringsten Glauben verdienen. Schon jene eine Thatsache, dass Praeger immer wieder im Verlaufe seines Buches auf das falsche Jahr 1856 hindeutet, als auf das seines Be-


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suches in Zürich, um hierdurch der Fabel, dass   e r   Richard Wagner auf den Gedanken von Tristan und Isolde gebracht habe, die nöthige Grundlage zu geben, genügt zum Beweise: erstens, dass er mit der Wahrheit gänzlich rücksichtslos umging, zweitens, dass er hierin mit plumper Ungeschicklichkeit verfuhr, drittens, dass er erstaunlich unwissend in Bezug auf den Lebensgang des Meisters war. — Ich bin überzeugt, dass — möge er sich zu Richard Wagner stellen, wie er wolle — jeder ehrliche, ernste Mann mir Recht geben wird, wenn ich behaupte, nur eine Bezeichnung gebührt diesem Praeger'schen Buche: es ist ein skandalöses!

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    Ob ich Leser finden werde? Wohl selbst im Kreise der „Wagnerianer“ nur wenige! Und doch haben Mehrere von uns geglaubt, eine solche Erscheinung dürfte von uns „Bayreuthern“ nicht unberücksichtigt bleiben. Praeger's Buch segelte unter der Fahne unseres Meisters in die Welt hinaus; diese Thatsache war es, welche uns zwang, das sonst von uns über Derartiges beobachtete Schweigen zu brechen; die so dreist aufgepflanzte Fahne   m u s s t e n   wir herunterreissen; das war eine Pflicht. Den „Success“ (wie Praeger sagen würde!) dieses Werkes vermögen wir nicht aufzuhalten; die fast unverhältnismässig grosse Arbeit aber, die obiger Aufsatz meinen verehrten Mitarbeitern und mir verursacht hat, wird sich ganz gewiss nicht als müssige Zeitverschwendung erweisen; denn jeder ernste Forscher wird mit Hülfe unserer Angaben im Stande sein, sich in kürzester Zeit von der gänzlichen Werthlosigkeit dieses Machwerkes zu überzeugen. Wir leben nicht in jenen Zeiten, wo man solche giftige Lindwürmer mit einem einzigen Streiche todtschlug; wir haben aber die Ueberzeugung, dem Feinde mit Obigem Wunden geschlagen zu haben, an denen er doch langsam zu Grunde gehen wird.
    Es geschah im Dienste Richard Wagner's.

H. S. C.

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Richard Wagner's

echte Briefe an Ferdinand Praeger.

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Brief 1.

Verehrtester Herr!

    Sie wissen vermuthlich, dass ich mit Ihnen — durch die Röckel's — bereits bekannt bin, auch wohl, dass ich weiss, dass ich Ihnen verpflichtet bin. In einer Angelegenheit, die Ihnen der beiliegende Brief des Papa Roeckel sofort zum Verständniss bringen wird, muss ich mich nun direct an Sie wenden: Sie ersehen, dass ich vom Secretair der philharmonischen Gesellschaft in London befragt worden bin, ob ich geneigt sei, die Conzerte derselben in der bevorstehenden Saison zu dirigiren. Ich stellte zwei Bedingungen. 1. ein zweiter Dirigent. 2. Engagement des Orchesters zu   m e h r e r e n   Proben von jedem Conzert. Sie sehen, was mir der alte Röckel, dem ich diess berichtete, dagegen vorstellt und anräth. Geben auch   S i e   ihm recht, so bin ich bereit, von meiner zweiten Forderung zurückzustehen; und für diesen Fall würde ich Sie ersuchen, als in meinem Namen die Sache mit Herrn Hogarth (Secretär der Ph. G.) zu besprechen und soweit zu ordnen, dass nur noch der Honorarpunkt zu erledigen wäre, für welchen ich dann Sie um Ihren freundlichen Rath bäte. — Ueberhaupt bestimmt mich für den Entschluss, nach London zu gehen, namentlich die Hoffnung auf Ihre Unterstützung, die ich — als durchaus unfähig zu dem, was doch nöthig sein mag — in sehr weiter Beziehung in Anspruch nehmen müsste.
    Wollen Sie daher es wagen, sich mit mir zu beladen, so erklären Sie mir das freundschaftlich und sehen Sie dann, wie Sie mit mir auskommen. Ich bin in der Lage, sehr wünschen zu müssen, einmal etwas ordentliches einnehmen zu können;

74 Richard Wagner's echte Briefe

wie weit diess möglich ist, ohne mich zu Schlechtigkeiten herzugeben, möchte ich sehen.
    Seien Sie mir nicht bös', dass ich Ihnen so in's Haus falle! Nehmen Sie meine Bitte dagegen gütig auf, und handeln Sie in meinem Namen, wie Sie's für gut halten.
    Herzlich will ich mich aber freuen, bei solcher Gelegenheit mit Ihnen vertrauter zu werden!
    Mit bestem Gruss
        Ihr
           
ergebener Richard Wagner.

Zürich
    8 Jan. 1855

(Hogarth's Brief empfieng ich vor 12 Tagen: ich schrieb sogleich, erhielt aber bis heute keine Antwort; wahrscheinlich aus dem von Röckel vermutheten Grunde.)

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(E i n l a g e   i n   B r i e f   1.)

Basel, St. Alban's Thorgasse Nr. 1262
Sontag, d. 7./55

Werthester Freund!

    Die Gewährung Ihrer ersten Forderung — noch einen 2ten Dirigenten für die kleinen Sachen neben sich zu haben, wird keinen Anstand finden — jene Ihrer
2ten Forderung ist eine Unmöglichkeit — die ausser dem Bereich der Philharmonik liegt. Wenn Ihnen darum zu thun ist, Ihre Werke in London würdig heraus zu bringen, so ist diess unbezweifelt die beste Gelegenheit — (die Aufführung Ihrer Opern auf der Bühne selbst ausgenommen,   w a s   n o c h   b e s s e r   w ä r e) — diess letztere könnten Sie aber dort persönlich schon einleiten und vorbereiten — es würden sich schon Unternehmer finden u. an deutschen geeigneten Sängern u. Sängerinnen würde es den Sommer hindurch, wo sie alle mehr oder weniger Urlaub haben nicht fehlen. Das beste wäre, wenn Sie sogleich an Praeger schrieben u. sich durch ihn bey Hogarth anfragen liessen, warum Sie keine Antwort bekämen. Dieser wird dann einwenden, dass die Philharmonik auch mit dem besten Willen Ihre 2te Bedingung nicht einzugehen vermöge — Praeger kann dann erklären, dass Sie nur die Gewissheit der Proben,

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die zur guten Aufführung der Werke unumgänglich sind, beabsichtigen — und somit dann die Sache zu Stande kommen. Sie müssen bedenken, dass die Werke Haydn's, Mozart's und Beethoven's dem   v o r t r e f f l i c h e n   Orchester der Philharmonik so vertraut sind, dass hiezu   E i n e   Probe völlig zureicht, es handelt sich demnach nur um Ihre   e i g e n e n   Compositionen, und hiezu wird die Philharmonik — da ihnen selbst   A l l e s   daran liegt, — da alles Uebrige den Reitz der Neuheit verloren hat — die nöthigen Proben   n a c h   M ö g l i c h k e i t   zu verschaffen suchen. — Hat doch Berlioz bey der 2ten Philharmonik — wo das Orchester weniger geschickt und neu war — seiner gewiss sehr schweren Musik mit Ehren und Erfolg herausgebracht. Die Composition eines Franzosen, selbst wenn sie ganz deutsch wäre, wird jedoch bey den Engländern nie die Anerkennung finden, wie das Werk eines Deutschen.
    Praeger's Adresse ist:

Ferd. Praeger Esqre
31 Milton Street. Dorsetsquare
London.

    Es würde Praeger, der ein Haus für sich bewohnt, gewiss eine grosse Freude machen, wenn Sie u. Ihre Frau bey ihm abstiegen. — Eduard u. Frau thun dies immer, wenn sie London besuchen. Dadurch brauchten Sie sich in der Wahl eines Logement nicht zu übereilen. — Wenn Sie Praeger schreiben, so bitte ich ihn von mir zu grüssen. — Benedict wird sich Ihnen auch gefällig zu zeigen suchen, ist aber besonders in der Saison zu sehr beschäftigt.
    Herzliche Grüsse von uns Allen!
        Ergebenst der Ihrige
Roeckel.


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Brief 2.

Zürich, 18 Jan. 55

    Herzlichen Dank lieber Herr Praeger! Sie zeigen sich mir in Ihrem Briefe ganz so, wie ich Sie erwarten musste: das macht mir grossen Muth für London! —
    Dass ich dem Anderson zugesagt habe, wissen Sie gewiss schon: er sagte mir wenigstens, dass er sogleich per Telegraph-

76 Richard Wagner's echte Briefe

berichten müsse um sogleich die nöthigen Ankündigungen erlassen zu können. Ihren Brief erhielt ich übrigens erst nach Anderson's Abreise von hier: es war mir daher lieb, aus demselben eine Bestätigung meiner Zusage zu erhalten.
    Was ich über dieses Engagement denke, kann ich Ihnen in Kürze nicht so deutlich mittheilen: jedenfalls bin ich mir bewusst, ein Opfer zu bringen; nur fühlte ich, es handelte sich darum, aller künstlerischen Oeffentlichkeit und allen Beziehungen zu ihr ein für alle Mal den Rücken zu wenden, oder — wenn ich noch irgendwie   h o f f e — gerade   d i e s e   mir dargebotene Hand zu ergreifen. Dass ich mich alle mal am gründlichsten irre, sobald ich hoffe, habe ich nun zwar schon wiederholt erfahren: doch sah ich mich verführt, noch einmal einen Versuch zu machen. Und als solchen sehe ich's eben an. — Dass die Philharmonic keinen Begriff davon hat, mit wem sie sich verbunden, ist mir klar. Doch, das wird sich bald entdecken. Nur etwas spendabler hätten sie sein können: wenn die Herren mit Bewusstsein darauf ausgehen, eine „Berühmtheit“ sich zu attachiren, so mussten sie auch etwas mehr darauf verwenden wollen. Ich hab' den Honorarpunkt dem Anderson ziemlich kalt beantwortet. —
    An meinen Compositionen scheint ihnen viel gelegen. Sie wissen wohl, dass ich nichts für's Conzert geschrieben habe: nur bei einer besonderen Veranlassung richtete ich aus meinen drei letzten Opern einige — in besonderen Zusammenhang gebrachte — charakteristische Stücke so ein, dass sie zusammen gerade einen Conzertabend füllen, und so einem, mit meinen Opern unbekannten Publikum, einen ersten Eindruck von dem Eigenthümlichen meiner Musik zu verschaffen recht gut im Stande sind.
    Es hätte mir nun daran gelegen, gerade mit einer solchen Aufführung in London aufzutreten; da ein solches Conzert jedenfalls aber sehr starke Kosten macht, müsste es zweimal wiederholt werden. Glauben Sie nun dass diess möglich ist? Glauben Sie, dass ich solche Aufführungen ganz auf meine Hand unternehmen kann? — Für diesen Fall würde ich gegen die Philharmonic mit meinen Compositionen zurückhalten. — Ich vermuthe jedoch, dass eigene Aufführungen unübersteig-

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liche Schwierigkeiten haben, und ich demnach genöthigt sein werde,   E i n z e l n e s   in den Conzerten der Philharmonic zu geben, wodurch meine Intentionen allerdings immer stärker beeinträchtigt werden.
    Wenn Sie es der Mühe werth halten, auf Alles dieses mir zu antworten, bitte ich Sie, mich doch auch zu unterrichten, ob ich von meinen Compositionen   h i e r   Stimmen ausschreiben lassen soll, oder ob ich nur die Partituren mitbringen, oder vielleicht im voraus zu Ihnen schicken soll, damit sie in London ausgeschrieben würden? Natürlich können Sie mir dies nur in Folge einer officiellen Unterredung mit den Directoren der Philharmonic beantworten. Jedenfalls müssten doch die Chöre übersetzt werden? — Was meine Wohnung und Londoner Diät betrifft, so murmelte Anderson etwas davon, dass man mir diess unentgeltlich besorgen würde: — ich war preoccupirt und achtete nicht sehr darauf. Habe ich nun recht gehört? Er sprach — glaube ich — von einer hübschen Wohnung am Regentspark, die man mir verschaffen könnte. Hätten Sie wohl die Freundlichkeit, gelegentlich in meinem Namen den Anderson hierüber zu interpelliren? Könnte man mir eine sehr hübsche, freundliche und ruhige Wohnung (mit einen guten Klavier) vom 1. März an bieten, so wäre mir diess doch recht, und ich fiele Ihnen nicht erst zur Last; befreite Sie auch somit von aller Beklommenheit wegen meiner vermeintlichen Gourmandise. Nun, hierüber höre ich wohl schon noch. Indessen beklage ich Sie im Voraus innigst wegen meiner Bekanntschaft: gebe der Himmel, dass ich für die Noth, die ich Ihnen machen werde, einiges Gute und Edle Ihnen bieten kann!
Ihr
R. W.

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Brief 3.

Geehrtester Freund!

    Besten Dank für Ihre freundschaftlichen Bemühungen. Dass Sie den Directoren der Phil. meine Anfrage wegen —

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der mir eigentlich einzig erwünschten — Gesammtaufführung meiner zum Conzertgebrauch arrangirten Opernstücke, vollständig mittheilten, ist mir, wenn gleich Sie vollkommen berechtigt waren, nachträglich doch etwas unangenehm. Weiss Gott, wie fremd es mir ist, mich irgend Jemand aufzudrängen: ich wollte eigentlich bloss Rath darüber haben, ob ich Aussicht hätte, Alles an einem Abende aufzuführen, für welchen Fall ich dann mit meinen einzelnen Stücken für die Concerte der Phil. ganz zurückgehalten hätte. — Zugleich schrieb mir nun auch   H o g a r t h   ausführlich, und so, wie Sie mir's anzeigten.
    Darauf antwortete ich ihm sogleich kurz, es sei mir ganz recht, nur die klassischen Werke aufzuführen; wenn sie später auch etwas von mir wünschten, so würde man mir's sagen, und ich würde dann etwas geeignetes zu wählen suchen, für welchen Fall ich Orchesterstimmen selbst mitbrächte, von denen nur einiges zu dubliren sein würde, was auch in London keine grosse Kosten verursachen würde. — Es ist mir so auch wirklich ganz recht: die Leute werden mich ja kennen lernen. Ueberhaupt habe ich eigentlich mit der Londoner Expedition gar nichts Bestimmtes im Sinne, als eben einen Versuch, einmal zu erfahren, was sich mit Eurem berühmten Orchester anfangen lässt. Ein eigentlicher Boden für mich kann London nicht werden. Auch ist mir der kleine Wechsel einmal recht. —
    Wenn Sie mir also Ihre gastliche Thüre öffnen wollen, klopfe ich zuerst bei Ihnen an: wollen Sie mich so lange aufnehmen, bis wir ein hübsches Logis für mich gefunden haben, so werde ich Ihnen herzlich dafür danken, und Ihre verehrte Frau nach Kräften um Verzeihung wegen meiner Unverschämtheit bitten.
    In den ersten Tagen des März bin ich in London, auf das ich mir — ganz offen — gar keine eigentliche Rechnung mache, wie — im Grunde — auf nichts in dieser Welt! —
    Aber sehr will ich mich freuen, Sie zum Freund gewinnen zu können. — Englisch kann ich nicht: ich bin total talentlos für neuere Sprachen, und jetzt ekelt mich das Erlernen

79 Richard Wagner's echte Briefe

solcher schon wegen des vielen Gedächtnisswerkes dabei an. Ich muss mir mit französisch helfen.
    Also, auf baldige persönliche Bekanntschaft!
        Ihr sehr ergebener
Richard Wagner.
Zürich
    1 Febr. 1855

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Brief 4.

Paris. 2 März 55

Werthester Freund

    Ich bin auf dem Wege zu Ihnen, und gedenke   S o n n t a g   früh hier abzureisen, und zu der entsprechenden Zeit — wahrscheinlich etwas spät am Abend — in London einzutreffen. Soll ich also wirklich so unverschämt sein, Ihnen, dem mir persönlich leider noch nicht bekannten Freunde, so ohne weiteres in das Haus zu fallen, so muss ich Sie demnach bitten, am Sonntag Abend mich zu erwarten. Hoffentlich misbrauche ich Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft aber eben nur diese Nacht, da ich annehme, es werde unsren Bemühungen gelingen, am Montag Morgen schon mir eine hübsche Wohnung aufzufinden, in der ich mich sofort einrichten zu können herzlich sehne, da ich von vieler Anstrengung sehr ermüdet bei Ihnen ankommen werde. —
    Sie hätten wohl die Güte,   H o g a r t h   ganz in Kürze davon zu benachrichtigen, dass ich von   M o n t a g   f r ü h   ab den Directoren der Philharmonic zur Disposition stehe? Ich halte somit mein Versprechen, eine Woche vor dem ersten Conzert in London einzutreffen. —
    Mit der Bitte, bei Ihrer lieben Frau im Voraus mich bestens zu entschuldigen, und in herzlicher Freude auf Ihre persönliche Bekanntschaft, bin ich
    Ihr
        sehr ergebener
            Richard Wagner.


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80 Richard Wagner's echte Briefe


Brief 5. *)

Liebste Freunde!


    Herzlichen Dank für Eure Liebe, die mir das abgeschmackte London endlich gar noch werth machen musste! Ich wünsche Euch Glück und Heil, und — wenn möglich — Rettung aus dem traurigen Londoner Dasein! Wäre mein Bedauern, Euch verlassen zu haben, nicht, so würde ich nur von der angenehmen Empfindung sprechen, deren ich geniesse seitdem ich den Continent wieder betreten habe. Das Wetter ist schön, die Luft sommerlich und wohltätig: von grosser Ermüdung habe ich mich diese Nacht gut erholt und freue mich einer gewissen ruhigen Stimmung, die mich hoffentlich bald wieder zu meiner Arbeit — dem einzigen mir noch vergönnten Lebensgenusse — tauglich machen wird.
    Von Abentheuren habe ich nicht viel zu melden, als dass ich denn doch auf dem Schiff mit etwas schlecht fühlte, was eine interessante Scene veranlasste. Ich hatte mich nämlich in der Cajüte ausgestreckt und eben gelang es mir durch die ruhige Lage und den hereinbrechenden Schlaf die Uebelkeit zu beschwichtigen, als mich der Stewart rüttelte und mein Ticket verlangte; ich musste mich wenden, um das Gewünschte aus der Tasche zu ziehen, was meine Uebelkeit stark wieder erregte; nun erbat der Unglückliche sich aber auch noch ein Trinkgeld für sich; somit musste ich mich erheben und das Geld suchen, was mich so übel machte, dass, als Jener eben das Geld dankend empfing, ich ihm eine kurz vorher mir zugekommene Portion Schinken in das Gesicht spie: er hatte nun zu Essen und zu Trinken und schien zufrieden. Mich stimmte dieses Ereigniss aber so zum Lachen, dass Uebelkeit und Schlaf fortging, und ich ziemlich guter Laune in Calais ankam. — Mit dem Visitiren, was erst in Paris vor sich ging; lief es gut ab: meine Spitzen wurden nicht bemerkt.
    Hier traf ich zugleich meinen drolligen Freund Kietz, dem ich mein Herz über Euch lieben Freunde ausschüttete. Morgen reise ich mit einem Züricher Freunde, der mich hier
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    *) Dieser Brief ist offenbar an   a l l e   Londoner Freunde gerichtet.

81 Richard Wagner's echte Briefe

desshalb erwartete, vollends nach Hause. Von Zürich sollt Ihr dann wieder Nachricht bekommen.
    Da ich an Euch alle schreibe, so muss ich Euch bitten, diessmal Euch selber von mir zu grüssen. Thut das ja mit rechter inniger Herzlichkeit, und meiner Schwester Leonie gebt ausserdem einen recht guten Kuss von mir.
    Adieu, Ihr guten lieben Menschen! Behaltet lieb
Euren
Richard Wagner
Paris 28. Juni 1855.

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Brief 6.

Zürich. 7 Juli 1855

Liebster Freund!
    Schönsten Gruss aus der Schweiz! — Von Lüders wirst Du hoffentlich bereits Grüsse ausgerichtet erhalten haben? Aber von Euch habe ich noch gar nichts erfahren: Du hättest mir doch wenigstens schreiben können, dass Du froh wärest mich los zu sein? Und wie sich Schwester Leonie befindet? Was Henri macht? Ob Gipsy endlich in die Welt getreten ist? Ob die Katze noch ihren bösen Husten hat? Gott, wie viele Dinge giebt es, die ich durchaus wissen müsste, wenn ich ganz ruhig sein sollte! —
    Ich für mein Theil faullenze für jetzt noch stark: meine Frau hat mir eine herrliche Hausjacke gemacht und wundervolle seidene Haussommerhosen; in denen wälze ich mich von einem Kanape zum andren und — sehne mich nach Arbeit. Montag ziehe ich mit Weib, Hund und Vogel auf den Seelisberg: dort denke ich mich endlich wieder zurecht zu finden. Könntest Du mich dort besuchen!
    Ich weiss gar nicht, wie ich es anfangen soll, Euch all das Lob auszurichten, das meine Frau mir an Euch aufgetragen hat: als ich erzählend auspackte, und auspackend erzählte, gerieth sie ein über das andere mal in Rührung. Am meisten rissen sie aber die sorgsam gezeichneten und zusammengefalteten Strümpfe hin: „ach, muss das eine gute Frau sein!“ So rief sie in einem fort. Und das Nadel-Etui


82 Richard Wagner's echte Briefe

mit dem schönen Fingerhut hat ihr (und mir!) ungeheure Freude gemacht. Nun wünschen wir aber auch Deiner Frau eine Entbindung, wie sie noch gar keine Frau gehabt hat: mindestens sechs gesunde Kinder auf einmal, mit himmlisch organisirten Gehirnschädeln; jedes soll als einziges Kleidungsstück eine Tasche fuhren, worin eine Anweisung auf eine Leibrente von 100.000 Pf. steckt. Deine Frau soll aber schon am Abend nach der Entbindung im Salon Praeger mit Dr. Wylde eine Polka tanzen können. Gebe der Himmel, dass dieser andächtige Wunsch 10fach in Erfüllung gehe: dann wird auch Deine Kinderlust sich einmal befriedigen können.
    In einigen Tagen wirst Du ein Kistchen mit drei Gyps-Medaillons von mir erhalten; diese theile doch folgender Maassen aus:
    1. Familie Praeger.
    1. Familie Sainton Lüders, die sich hoffentlich nie trennen werden, und deshalb von mir als   e i n   Hausstand betrachtet sind.
    1. Der arme Teufel von Manchester-Street, 9, genannt Klindworth mit dem Schaden.
    Von dem Letzteren erwarte ich jetzt bald eine Nachricht über den Ausfall seines Conzertspieles am vergangenen Mittwoch; hoffentlich ist er jetzt schon in Richmond und schafft sich die Wassersucht an? Ich schreibe ihm, sobald ich genau weiss, wo ihn mein Brief trifft. Für heute grüsse den armen, braven, liebenswürdigen Menschen herzlichst, und sprich ihm in meinem Namen Muth ein! —
    Nächstens schreibe ich auch an Sainton; ich will dazu all mein in London gelerntes Französisch zusammennehmen, um mich recht verständlich darüber auszudrücken, dass er ein prächtiger Mensch ware! — Und was treibt Lüders? Ich höre, er habe letzthin in Hyde-Park die Emeute angeführt: ist das wahr? Meinen Brief an Prinz Albert wird er hoffentlich nicht zum Hummersalat-Anrichten verwendet haben? Ich habe oft Unglück mit Briefen: gestern fand ich einen Brief von mir aus London an den alten Fischer in Dresden wörtlich in der Brendel'schen Zeitung abgedruckt, — was


83 Richard Wagner's echte Briefe

mich ziemlich unangenehm berührte. Hätte ich mich wollen über den Londoner Quatsch öffentlich aussprechen, so hätte ich's wohl noch anders gethan; ich land und finde aber nicht die mindeste Lust dazu. Ich bin froh, dass meine Busszeit vorüber ist, und vergebe allen Engländern von ganzem Herzen, dass sie sind — was sie sind: aber selbst in der Erinnerung will ich nichts mehr mit ihnen zu thun haben. Allein für Euch, lieben Freunde, bewahre ich Gedächtniss: und wenn alles Angenehme nur eine Negation des Schmerzlichen ist, so ist in der Erinnerung an Eure Liebe und Freundschaft für diesmal die Londoner Qual mir vollständig negirt und aufgehoben. Tausend herzlichen Dank dafür! —
    Jetzt mach' mir aber recht bald die Freude einer guten Nachricht: sag' mir auch, dass Ihr mich noch lieb habt, und vergiss das nicht. — Und den Eduard grüsse mir gehörig: es war ein grosser Schade, dass ich ihn nicht noch einmal sah! Leb' wohl, lieber Ferdinand: alles Glück wünscht Dir und Deinen lieben Frau
Dein
Richard Wagner.

    (Randbemerkung:) Meine Adresse ist für die nächste Zeit: Kurhaus Sonnenberg in Seelisberg, Canton Uri.


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Brief 7. *)

Liebster Freund Ferdinandus!


    Tausend herzliche Glückwünsche zu dem neuen Leben! Mit Freuden nehme ich die Pathenstelle an, und — glaubst Du dass es Gluck bringt — so nimm meinen Namen mit dazu! —
    Seit einigen Tagen bin ich hier oben im Paradiese angelangt: deinen Brief las ich auf dem linken Balkon des Hauses, welches Du hier oben abgebildet siehst, über den Brief hinweg sah ich in die herrliche Alpenwelt hinein, die Du als Aussicht über dem Haus gewahrst. Ich sage, dass
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    *) Der Bogen trägt oben eine grosse Lithographie: die Ansicht und die Aussicht vom Kurhaus Sonnenberg, gehalten von M. Truttmann.

84 Richard Wagner's echte Briefe

ich dann und wann über den Brief hinwegsah, weil mich Deine Mittheilungen oft nachdenklich machten; es war dann gut, dass ich zum Trost in diese heilige, erhabene Gegend meinen Blick versenken konnte. Du hast keinen Begriff, wie schön es hier ist, welche Luft man athmet, und wie wohltätig dieses wundervolle Ganze auf mich wirkt. Ich meine, Du würdest verrückt vor Freude und — Trauer, wenn Du dann wieder nach London zurückmüsstest. Und dennoch musst Du es nächstes Jahr mit Deiner lieben Frau wagen! —
    Aber, was das für ein merkwürdig sonderbarer Fall ist, der uns beiden begegnet ist! Höre! —
    Du weisst, dass ich ein altes, treues Hündchen — meinen Peps — zu Haus erwartete. Kurz vor meiner Ankunft war er etwas erkrankt; nachdem er mich auf das freundlichste wieder begrüsst, erholte er sich wieder etwas, und schon war der Tag unserer Abreise nach Seelisberg festgesetzt, wohin — wie ich Dir schrieb — Hund und Vogel uns begleiten sollten. Da stellen sich bei dem guten Thiere plötzlich bedenkliche Zeichen ein: wir verschoben unsere Abreise um 2 Tage über den armen Sterbenden zu pflegen, der bis zuletzt eine wirklich herzzerreissend rührende Liebe zu mir bezeugte; und — fast schon todt — immer noch den Kopf, endlich nur noch das Auge sehnsüchtig mir nachsandte, wenn ich mich auf ein paar Schritte von ihm entfernte. Ohne Schrei, ruhig und still, starb er dann in unsren Händen in der Nacht vom 9ten zum 10ten d. M. — Am Mittag darauf begruben wir beide ihn in einem Garten beim Hause. Unaufhörlich musste ich weinen, und habe um den lieben, 13jährigen Freund, der stets mit Mir arbeitete und spatzieren ging, eine Trauer und einen Schmerz empfunden, der mich deutlich darüber belehrt hat — dass die Welt nur in unserem Herzen und unserer Anschauung existirt. —
    — Was Dir nun, fast ganz um dieselbe Zeit, mit Deinem jungen Hund begegnet ist, hat mich stark ergriffen: oft dachte ich an Gipsy, und wünschte, ihn mitgenommen zu haben. Nun ist das feurige Geschöpf plötzlich auch gestorben! — Das hat doch etwas grauenvolles, nicht wahr?
    Und — wie würden wir ausgelacht werden!!! —


85 Richard Wagner's echte Briefe

    Ach, ich hab' das Leben oft recht satt. Und doch kommt es immer wieder, tritt in einer neuen Gestalt an uns heran, um uns von neuem zu verlocken zu Schmerz und Leid. Bei mir ist's jetzt die herrliche Natur, die mich wieder für das Leben stimmt. So habe ich denn die Arbeit wieder aufgenommen! —
    Dir ist wieder ein kleiner mensch geschenkt: Glück zu, von ganzem Herzen! Mir ist, als ob ich einigen Antheil an dem Jungen hätte; die letzten 4 Monate, die ihn seine Mutter trug und nährte, trat ich als eine neue Erscheinung in Euer Haus; die Theilnahme, die ich suchte; ward mir in reichem Maasse gewährt, und des Kindes Mutter beschäftigte sich vielleicht viel mit dem traurig-drolligen Menschen, dem sie, zu seiner grossen Freude, herzlich zugethan ward. So habe auch ich vielleicht, ehe er das Licht erblickte, auf Deinen kleinen Sohn gewirkt: mögen diese Wirkungen Segen bringende gewesen sein! Diess mein inniger Wunsch! —
    Nun grüsse die Schwester Léonie: danke ihr in meinem Namen für alle Güte, die sie mir erwiesen; ich wünsche ihr dafür die seligsten Mutterfreuden.
    Und grüsse Henry! Er soll den Bruder wie eine Schwester lieben! —
    Leb' wohl, und melde mir bald wieder, wie sich Deine — Familie befindet. Halte gut aus, und setze alles daran, mich im nächsten Jahre zu besuchen.
    Grüsse auch meine wenigen Londoner Freunde von ganzem Herzen.   L ü d e r s   und   S a i n t o n   danke ich für ihren freundschaftlichen Brief: bald lasse ich wieder von mir hören! Leb wohl, lieber Bruder!
Dein
R. W.

    Tausend Grüsse und Glückwünsche von meiner Frau.
    Liszt besucht mich erst im October. Bitte doch   K l i n d w o r t h,   dass er mir schreibt, und seine — vielleicht veränderte — Adresse mir angiebt. —

Seelisberg.
    Canton Uri.
        15 Juli 1855.
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86 Richard Wagner's echte Briefe


Brief 8.

Zürich, 14 Sept. 55.

    Schönsten Dank, lieber Freund, für Deinen Brief, der allerdings traurig genug war, um wiederum traurig zu stimmen. Das rechte Unglück ist bei Lebenslagen, wie den deinigen, dass sie, bei Berücksichtigung aller Umstände, rein unabänderlich sind, und der Empörung dagegen am Ende gar noch etwas Lächerliches geben, was der, der unter ihnen leidet — wie Du unter der Deinigen — oft am lebhaftesten selbst empfinden muss. Alles, was ich Dir zurufen kann, ist; bedenke, liebster Freund, dass kein Mensch glücklich ist, ausser derjenige, der albern genug ist, es sich einzubilden. Wir sind nicht für das Leben gemacht, sondern dazu, das Leben überdrüssig zu werden. Wer es am ersten wird, erreicht am schnellsten seine Aufgabe. Aller sogenannte Glückwechsel sind eben nur Palliativmittel, die das Uebel nur verschlimmern. — Ich weiss, dass ich hiermit zwiefach verstanden werden kann: entweder so, dass ich eine grosse Trivialität gesagt habe, oder das Allertiefste, was man überhaupt sagen kann. Ich muss es drauf ankommen lassen,   w i e   Du mich verstehst. —
    Einige Lichtblicke in diese Lebensnacht kann nur die Sympathie werfen: wir werden unseren Jammer nur los, wenn wir den andren mitempfinden: ganz befreit von eigener Noth konnte man sein, wenn man gründlich nur der Noth des Andren lebte. Das Tückische ist aber, dass wir eben das nicht einmal immer andauernd können, da die eigene Noth immer wieder die Empfindung am stärksten in Anspruch nimmt. — Ich für mein Theil muss gestehen, dass ich seit London meinen Kopf noch nicht wieder frei bekommen habe. In meinem Hause hat sich auch der Krankheits-Dämon eingenistet: namentlich macht mir meine Frau grosse Sorge, die immer bedenklich kränkelt und mich meist sehr trübe stimmt.
    Mit Mühe und Noth habe ich nun meine Arbeit wieder aufgenommen: ich erzwinge sie, weil sie einzig mir Vergessen und Befreiung gewährt. — Sorge Du nur, dass wir uns nächstes Jahr einmal hier in der Schweiz zu sehen bekommen: einstweilen erheitere Dich nach Kräften durch Deine Polemik


87 Richard Wagner's echte Briefe

gegen die Londoner Musikkünstler und Kritiker, nicht meinetwegen, sondern eben, weil ich glaube, es ist für Dich so ein Ableitungskanal. —
    Aus New-York ist jetzt richtig eine Einladung an mich gekommen, mich diesen Winter auf 6 Monate dorthin zu begeben um zu dirigiren und gute Honorare einzunehmen. Ein Glück, dass sie mir dort unmöglich grosse Summen bieten können, sonst hätte ich doch geglaubt, die Sache in Betracht ziehen zu müssen. Natürlich — nehme ich die Einladung   n i c h t   an. Ich hab' mit London genug. —
    Es beunruhigt mich, dass Du mir den Empfang meines Gypsmedaillon's (3 Exemplare: für Dich, Sainton-Lüders und Klindworth) nicht anzeigst. Ich habe hier längst schon die Fracht zahlen müssen, und glaubte die Sachen langst in Deinen Händen. Hast Du wirklich nichts empfangen, so möchte ich Dich doch bitten, auf der Post nachzufragen: denn das Kistchen ist von Basel aus per Post — Diligence — an Deine   g e n a u e   Adresse abgegangen. Vergiess nicht, mir bald hierauf zu antworten. —
    Noch eine Bitte habe ich an Dich: die Kiste mit   M u s i k a l i e n,   die ich bei Dir hinterliess, sende doch sofort   n a c h   B e r l i n,   an den   K ö n i g l.   M u s i k d i r e c t o r   J u l i u s   S t e r n,   Dessauer-Strasse, Nr. 2, natürlich   u n f r a n k i r t.   Leider wirst Du doch am Orte einige Auslage für mich haben! Die berichtige ich beim Wiedersehen. Vergiss das nicht! — —
    Hast Du vielleicht gehort, dass der   T a n n h ä u s e r   in München unerhörtes Furore gemacht hat? Ich musste über diesen schnellen Umschlag zu meinen Gunsten doch lachen: noch vor 2 Jahren durfte es Lachner wagen, die Ouvertüre durchfallen zu lassen. —
    Im Uebrigen lebe ich fast gänzlich einsam dahin: Arbeiten, ein Spatziergang und etwas weniges Lectüre machen mein ganzes Leben aus.   L i s z t   erwarte ich nun erst zu Weihnachten.
    Aber befindet sich denn Schwester Léonie wohl? Du schreibst so ungewiss darüber. Und der Junge, heisst er wirklich Richard? — Hast Du denn über ihn reine Freude? —


88 Richard Wagner's echte Briefe

Grüsse mir Deine liebe Frau von Herzen: ich denke oft und gern an sie und ihre freundliche Theilnahme für mich! —
    Den armen Hypochonder, Lüders, grüsse nur auch recht kräftig von mir: Gott, wenn es dem lieben Menschen nach gegangen wäre, wie wohl hatte ich mich in London fühlen müssen! Wenn er manchmal in Feuer kam, war er ganz hinreissend. — Sainton schreibe ich nächstens: der glückliche Musikant findet sich am Besten zurecht! — Leb' wohl, lieber Ferdinand: hab' tausend Dank für Deine Freundschaft! Wenn Dir es am schlechtesten geht — lache!! —
    Adieu!
Dein
R. Wagner.

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Brief 9.

Liebster Freund!

    Hab' Dank für Deinen schönen Bericht aus London, den ich soeben in der Brendelschen Zeitsch. lese. Ich finde ihn, da ich alle Umstände so genau kenne, so vortrefflich, kurz, bedeutend, und immer das rechte bezeichnend, dass ich nur wünschte,   i c h   wäre nicht der Hauptgegenstand, um ihn unbefangener loben zu können.
    Sei versichert, dass diess Andenken, was ich bei Euch hinterlassen habe, mir eine meiner werthesten Errungenschaften ist: namentlich ist der Eindruck, den ich so glücklich war auf Dich zu machen, für mich herzerhebend und rührend. Und in welch übler Lage waren wir eigentlich immer — alle Beide!
    Nimm heute mit diesen wenigen Worten, die ich eben nach der Lectüre vor dem Ausgehen noch hinwerfe, vorlieb, und sei versichert, dass sie viel Freude enthalten! Leb wohl, liebster Ferdinand und behalte lieb Deinen
R. W.

    Und viele, viele herzliche Grüsse an Schwester Léonie!
Und der Pathe! — Adieu! *)
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     *) Dieser undatirte Brief liegt in einem Couvert mit dem Poststempel: Zürich, 16. Jan. 56 7 A.

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Brief 10.

Zürich. 28 März 56

    Schönsten Dank, liebster Freund, für Deine Briefe! Du hast recht: ich habe einmal wieder auf dem Krankenbette gelegen, und als ich endlich genesen hatte ich eine völlige Wuth, endlich die Partitur meiner Walküre, an deren Vollendung ich nun fast seit einem Jahre verhindert worden bin, fertig zu machen, dass ich das Briefschreiben nach jeder Seite hin eingestellt hatte. — Uebrigens, je älter man wird — nämlich mit Sinn und Verstand — desto mehr schrumpft die Welt unsrer täglichen Erlebnisse auf ein reines Nichts zusammen; was man dagegen noch erlebt, geht so ganz innerlich vor, dass es eigentlich fast unmöglich ist, es mitzutheilen. So hört alles Erlebte und Nahestehende nicht auf, da zu sein und fort zu leben, und namentlich sei Dir   a u c h   versichert, dass Du mit Deiner Familie mir immer lebendig nah bist: aber, so wie es an das Schreiben gehen soll, ist eigentlich nichts recht mittheilbares vorhanden. Im Ganzen kann man sich fast eben nur hierüber verständigen, sonst aber bleiben nur wirkliche Vorfälle, Absichten und Unternehmungen mittheilbar; und in diesem Bezug ist mein jetziges Leben so arm, wie — im Gegensatz — vielleicht meine Kunstschöpfungen, die Alles aufzehren, immer reicher werden. — Wenn Du einmal zu mir kommen wirst, um meine jetzigen Werke von mir aufführen zu hören, so wirst Du mir recht geben. Ich kann wirklich alle Welt, sobald sie irgend Ansprüche an mich hat, nur einzig und allein auf meine Arbeiten verweisen: ich habe ihr sonst nichts zu bieten. —
    Wenn Du die Dichtung der   W a l k ü r e   einmal wieder durchliesest, wirst Du finden, dass hierin ein solcher Superlativ von Leid, Schmerz und Verzweiflung ausgedrückt ist, dass die Musik dazu mich nothwendig fruchtbar angreifen musste: ich konnte so etwas ähnliches nicht wieder zu Ende zu bringen; wenn es fertig ist, nimmt sich, als Kunstwerk, dann Vieles natürlich ganz anders aus, und kann selbst da erfreuen, wo eigentlich nur die reine Verzweiflung schöpferisch war, — nun, wir werden ja sehen. — Im Uebrigen lebe ich so einsam und still dahin, dass ich wirklich in Verlegenheit kommen

90 Richard Wagner's echte Briefe

muss, wenn ich Dir darüber berichten sollte. Zu meiner Herzstärkung sehe ich nun bald der Zeit entgegen, wo Liszt mich besuchen soll: leider musste ich selbst — wegen Krankheit — diesem Besuche vorigen Winter abschreiben! —
    An den ernstlichen Krankheitsfällen in Deiner kleinen Familie habe ich herzlichsten Antheil genommen. In Deinem neuen Gärtchen sehe ich Dich schon mit Deinen Kindern Dich herum tummeln: ich wollte, ich hätte hier auch so ein Häuschen mit kleinem Garten, was mir leider aber immer noch unerreichbar bleibt. — Das Brandunglück *) liess mich anfangs ziemlich kalt; um Sainton's Willen begann es mich aber bereits zu rühren; nun erfahre ich aber, dass Gye seine Oper doch noch möglich macht: damit sind Sainton's Revenuen auch wohl wieder geborgen — und das Unglück ist verschmerzt. Das der jetzt unter   W y l d e   spielt, amüsirt mich sehr: toll ist's immer, dass er aus der alten Philharmonic austreten musste. Das wäre also doch Alles Costa gelungen. — Im Uebrigen weiss ich nicht mehr viel von London, und meine dort zurückgelassenen Freunde sind das Einzige, was mich noch daran erinnert. Glücklicher Weise!! —
    Aber nun mache Du einmal, dass Du mich besuchst: auf meine Opern warte nur noch bis Du sie einmal von mir aufgeführt hören kannst; jetzt bekommst Du doch nur einen sehr lückenhaften Begriff davon. Wenn Du daher etwas von mir haben willst, so komm zu mir selbst: Du wirst mir dadurch eine grosse Freude machen. Ich bleibe den Sommer hier: wenn ich's ermachen kann, gehe ich aber zum Herbst mit Semper nach Rom: das ist so wenigstens mein Wunsch. — Du aber fahre fort, mir fleissig Nachricht zu geben, und sei versichert, dass Du damit jederzeit hocherfreust
    Deinen        R. W.

    Und Deine liebe Frau grüsse allerherzlichst von mir: sie soll fortfahren, mich in gutem Andenken zu pflegen. Glück und Gedeihen unsren Kindern!! Adieu!
    (Auf dem Rande der 1. Seite:) Grüsse den armen Lüders tausendmal von mir: bald werde ich mich durch ihn genau nach Bumpus erkundigen.

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     *) Covent-Garden-Theater; abgebrannt am 5. März 1856.

91 Richard Wagner's echte Briefe


Brief 11.

Lieber Praeger!

15. 18 u. 22 Mai. — Wunderbar schöne Aufführungen
des Tristan in München.
    Komm, wenn Du kannst u. schreib zuvor!
    Herzlich würde ich mich freuen Dich dabei hier zu wissen.
Dein
Richard Wagner.
München.
    7 Mai 1865.

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Brief 12.

Lieber alter Freund!

    Den 21 Juni erste Aufführung der Meistersinger (musterhaft!) 25ten zweite. Fortsetzung derselben bis etwa 20. Juli. — Nun sieh, ob Du etwas davon erwischen kannst. Der Mühe wird's lohnen, und mich sehr freuen, wenn Du kommst.
Viele herzliche Grüsse
von Deinem
Richard Wagner.
München.
    bei Bülow
        11. Arcostrasse.
            11. Juni 1868.

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Brief 13.

Lieber Alter!

    Wenn Du noch lebst, und nicht auch aus verschiedenen Gründen mir böse bist, so könntest Du mir einen rechten Gefallen thun. —
    Ich mochte gern meiner Frau (Du kennst das tiefernste Glück, das mir widerfahren ist?) zu ihrem Geburtstage, welcher gerade auf die Weihnacht fällt
    [hier folgt die Bestellung einer „allerschönsten englischen Ausgabe des Shakespeare in Prachteinband.“]
    Wie geht es Dir und den Deinen ? Ich höre die Engländer machen jetzt colossale Geschäfte mit dem Kriege? Möge davon auch etwas für Euch abfallen! Dein letzter


92 Richard Wagner's echte Briefe

Brief, der mir nach so langer Zeit wirklich recht überraschend kam, hat mich sehr gefreut, da ich sah, dass Du trotz Allem doch tüchtig auf bist. Oft denke ich an Dich Deiner Kinderliebe wegen! Jetzt ist mein Haus von meiner Frau Kindern voll, und dazu blüht mir ein herrlicher Sohn auf, stark und schön, den ich Siegfried Richard Wagner nennen durfte. Nun denke Dir wie mir ist! Das endlich ward mir zu theil. Ich bin 57 Jahre alt! —
    Sei treulichst gegrüsst von Deinem
Richard Wagner.
Luzern, 11 Nov. 1870

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Brief 14.

„Als Ferdinand in frommer Wuth
Die Mauren von sich stiess“ —

    Also, Du Vortrefflichster, Guter! Schnell ans Geschäft!
[es folgen Angaben bez. der Shakespeare- Bestellung.]
    Du thust recht, mir ordentlich von Dir zu schreiben; man kann nichts Besseres thun als von sich schreiben, vom Andren weiss man, je mehr man Besinnung bekommt — immer weniger. Demnach sollte ich Dir nun aber auch viel von mir schreiben? Das muss ich denn aber nun auf eine Ocular-inspection ankommen lassen: d. h. komm und sieh!! Mein Sohn heisst Helfreich Siegfried Richard. Mein Sohn!! — Oh, was mir das sagt! —
    Du hast gut reden; Du bist das gewohnt, wie der Engländer das Hängen: aber bei mir geht nun erst das Hangen und Bangen los. Ich muss mich jetzt darauf richten, es zu einem hohen Alter zu bringen: das wird denn auch so manchem Anderen zu gut kommen. Nach Aussen will ich noch Eines erreichen: die Aufführung meines Nibelungenwerkes, wie ich sie concipirt habe. Es scheint, der ganze deutsche Krieg ist nur gemacht, um mir zu meinem Ziele zu verhelfen.   C a r l y l e 's   Brief in Times hat mich sehr gefreut: die Herrn Engländer habe ich durch Dich kennen gelernt: ich brauche nur an verschiedene von Dir mir berichtete Data zu denken, um sogleich über den Charakter dieser sonderbar verlumpten Nation im Reinen zu sein. Gott habe das Alles selig! Amen! —


93 Richard Wagner's echte Briefe

Nun grüsse Mama und Kinder! erzahle ihnen von Miltonstreet! Komme nächsten Sommer in die Schweiz und behalte mich lieb, wie ich Dich!
Dein
R. W.

    Luzern
25 Nov. 1870

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Brief 15.

Mein guter Ferdinand!

[bez. der Shakespeare-Bestellung — — — „lass Dich die   P r e i s e   nicht erschrecken: sobald es sich zu Shakespeare's Ehren um ein Geburtstagsgeschenk — — handelt, da kann nur von etwas Ordentlichem die Rede sein. —“ — — — — —]
    Adieu für heute! Guter Alter! — Mach' dass wir uns nächsten Sommer sehen! Sei nicht melancholisch und — behalte mich lieb!
Dein
R. W.
Luzern
    9 Dez. 70


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Brief 16.

Lieber guter Praeger!

[bez. der Shakespeare-Bestellung und Bestellung von Stoff zu einem ostindischen Foulard-Kleid.]
    Nimm's nicht zu schwer, und bleibe mir gut! Diess das Allerwichtigste Deiner Geschäfte!
    Herzlichste Grüsse an die Deinen
von Deinem
Richard Wagner.
Luzern
    11 Dez. 1870

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Brief 17, 18.

Lieber alter Freund!

[Verspäteter Dank für die Besorgung des Shakespeare.]
    Ich schreibe Dir nur in Eile, well ich auf der Abreise begriffen bin. Morgen reise ich mit meiner Frau in's „Reich“,

94 Richard Wagner's echte Briefe

wo ich einmal nachsehen will, wie die Sachen stehen. Verschiedenes ist im Werk, aber Alles nur auf Eines abzielend: die Aufführung meines Nibelungenwerkes   n a c h   m e i n e m   S i n n.   Leipzig, Dresden — —- vor Allem Berlin werden von mir heimgesucht werden. In Berlin will ich einen Vortrag in der Akademie (die mich zu ihrem Mitglied gemacht hat) „Ueber die Bestimmung der Oper“ halten, u. s, w. —
    Den „Kaisermarsch“ sollst Du bekommen, — auch sonst Alles was vorkommt.
    Sieh nur zu, dass Du uns zum Sommer in unsrem schönen Asyl besuchst. Mitte Mai sind wir wieder zurück. —
    Also —! Leb' wohl! Sei mir nicht böse! Grüsse Weib und Kind, und behalte lieb
    Deinen
        getreuen Freund
            Richard Wagner.

Luzern
    14 April 1871

Leipzig. 12 Mai 1871 *)

    Diesen Brief habe ich auf einer langen Reise mit mir herumgeschleppt, weil, wie ich ihn in Luzern couvertiren wollte, ich Deine Adresse verloren hatte. Ein Glück, dass ich sie nun durch Deinen letzten Brief, welchen ich aus Luzern hier zugeschickt erhalte, Deine Adresse wieder erfahre.
    Ich bin sehr ermüdet, und reise morgen wieder zurück. —
    Das Anerbieten der englischen Musikhändler bitte ich Dich, durch diese an   T a u s i g   (Dessauer Strasse 35. Berlin) richten lassen zu wollen. Er hat mich gebeten, ihm Manches, worin ich immer zu kurz komme, zu übertragen; er wird mit den Verlegern (C. F. Peters, Musikbureau) die Sache jedenfalls zu meinem möglichsten Vortheil in Ordnung bringen. —
    Sonst, Liebster, bin ich wohl, und meine Unternehmung zieht ihrem Gelingen entgegen. Schönen Gruss an Weib und Kinder! Sei mir gut und bleib' es!
Dein
R. W.

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—————
    *) Auf der anderen Seite des selben Bogens.

95 Richard Wagner's echte Briefe


Brief 19.

Liebster!

    Komm wann Du willst! Leider kommt   a l l e   Welt gerade nur in den wenigen Wochen des Hochsommer, und es ist möglich, dass Du Gäste bei mir bereits vorfindest: (in der stillen Zeit kräht kein Hahn nach einem!) Dennoch sollst Du Dein Unterkommen finden.
    Also! Vorwärts!

    Auf Wiedersehen
        Dein
            Richard Wagner.


    Luzern
        Hof Triebschen
            6 Juni 1871


—————

Brief 20.

    Du sonderbarster aller Menschen! Warum giebst Du kein Lebenszeichen von Dir? Ist das recht, nachdem Du vertraut mit uns gelebt und uns in einiger Bangigkeit um Dich verlassen?
    Wie Unrecht, wenn Du übler Stimmung gegen uns wärest? Das kann nicht sein. Sei vielmehr versichert, dass wir den herzlichsten Antheil an Dir nehmen, und dieser einzige Grund mich zu dieser Nachfrage bestimmt. —
    Lass hören, und sei bestens gegrüsst von
Deinem
Richard Wagner.
Luzern
4 Jan. 72

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Brief 21.

    Komm nur zur Zeit her: Deinen Platz sollst Du schon
finden! —
    Stärke Deine Augen, damit Du auch was siehst! —
    Dass ich Dir, schnell nach Empfang Deines Briefes, diese 2 Worte nur schreiben kann, ist ein Wunder!
    Schönen Gruss!      Dein
R. Wagner.
Bayreuth   
21 Mai 76

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96
Richard Wagner's echte Briefe


Leere Seite

97 Nachträge I


Nachträge.

Von grossen Männern wissen, ist sehr bequem,
weil es erlaubt, sich an dem eigenen Fleisse zu
weiden und zu spiegeln, und doch ganz so
jämmerlich zu bleiben, wie man ist.
Paul de Lagarde.


I.

    Unlängst veröffentlichte ich eine eingehende Kritik des Buches von Ferdinand Praeger:   W a g n e r,   w i e   i c h   i h n   k a n n t e. *)   Was speziell die 34 Briefe des Meisters an Praeger anbelangt, so gelang es mir unwiderleglich festzustellen, dass in jenem Buche „kein einziger Brief im Wortlaut des Originals mitgetheilt ist.“
    Als ich jenen Aufsatz schrieb, Ante ich nicht, dass ich bald darauf zwei Drittel dieser Originalbriefe auffinden, und dass es mir gegönnt sein würde, sie den Lesern meiner Kritik mitzutheilen. Jetzt, wo Wagner's eigene Worte der Welt zurückgegeben werden, da sind Kritik und Polemik überflüssig geworden. Es genügt, den Anfang des ersten Briefes im Original und in Praeger's Buch zu vergleichen: entlarvt und gebrandmarkt steht nunmehr der Verfasser des „Wagner, wie ich ihn kannte“ da.
    Der folgende   N a c h t r a g   richtet sich also nur an Diejenigen, welche sich speziell mit Geschichte und Kritik zu befassen haben, die übrigen „Glücklicheren“ können ihn ungelesen lassen.
    Mein Bericht wird in möglichster Kürze folgende Punkte berühren:
  1. die Auffindung dieser Originalbriefe;
  2. eine tabellarische Uebersicht sämmtlicher (angeblicher) Briefe Wagner's an Praeger;
—————
    *) Bayreuther Blätter 1893. VII. Stück. („Kritische Vorarbeit“ in diesem Buche.)

98 Nachträge I

  1. Bemerkungen über die noch fehlenden;
  2. einige Beispiele der Umarbeitungen, welche die nun
  3. mehr im Original bekannten Briefe bei Praeger erlitten haben;
  4. wichtige Mittheilungen über den Brief Wagner's von 1851 an Eduard Roeckel;
  5. Mittheilungen über Praeger selber.

—————

    Die Auffindung der Originalbriefe. — In meinem oben erwähnten Aufsatz (Bayreuther Blätter 1893, S. 212) hatte ich darauf hingedeutet, dass die Originale der Briefe Wagner's an Praeger mit Absicht geheim gehalten würden. Meine Ansicht gründete sich auf Mittheilungen, welche wohl selber auf einem Missverständniss beruhten. Denn, erstens, sind nicht alle Briefe in einer Hand, wie man bisher glaubte, und zweitens, hatte der hochedele Herr, welcher im Besitze der hier mitgetheilten 21 Briefe ist, keine Ahnung von dem Sachverhalt; er hat mir sofort Einsicht in die Originale gestattet und meinem Wunsche, sie abzuschreiben und zu veröffentlichen, bereitwilligst zugestimmt. Die Gerechtigkeit und die Dankbarkeit machen es mir zur Pflicht, das hier ausdrücklich zu betonen.
    Es fehlen aber in dieser Sammlung nicht weniger als 14 der von Praeger veröffentlichten Briefe. Auch diese Thatsache kam den zumeist Betheiligten — als ich sie entdeckte — überraschend! Wo sind diese fehlenden nun hingekommen? Zuerst lag der Gedanke an Entwendung nahe; ich habe aber mit ziemlicher Sicherheit festgestellt, dass die obige Sammlung nie mehr als diese 21 Briefe enthielt; und es ist auffallend, das gerade die „sensationellsten“ in ihr nicht enthalten sind. — Ehe ich aber einige Bemerkungen über diese uns noch nicht im Original vorliegenden Briefe mache, wird es zweckmässig sein, dem Leser eine tabellarische Uebersicht aller Briefe Wagner's an Praeger vor Augen zu führen.


—————

99—100 Nachträge I

    Tabellarische Uebersicht der Briefe. — In der folgenden Tabelle findet man: die Nummer eines jeden Briefes in der chronologischen Aufeinanderfolge, das Datum, den Ort, woher der Brief datirt ist, die Seite des Praeger'schen Buches (deutsche Ausgabe), auf welcher der betreffende Brief zu finden ist. Die in Klammern mitgetheilten Daten sind aus dem begleitenden Text entnommen, aber nicht in den Briefen selbst enthalten.
    Die in gewöhnlicher Schrift gedruckten Briefe sind die oben mitgetheilten, die in Cursiv-Schrift sind die, deren Originale noch nicht aufgefunden wurden.

T a b e l l e.
1.
8.
Januar
1855
Zürich
S.
236
2.
18.
    „

    „

238
3.
1.
Februar

    „

241
4.
(12.
Februar
1855
Zürich)
242
5.
2.
März
1855
Paris

243
6.
28.
Juni

    „

286
7.
7.
Juli

Zürich
287
8.
15.
    „

Seelisberg

290
9.
14.
September

Zürich
292
10.
(nicht datirt; Poststempel Zürich 16. 1. 56)
299
11.
28.
März
1856
Zürich
300
12.
?
Mai
1856
Zürich
302
13.
(17.
Juli)
?
    ?

326
14.
?
(October
1858
Venedig)

326
15.
(12.
Februar
1861
Paris)

332
16.
?
April

Karlsruhe

335
17.
?
(August
1862
Biebrich)

336
18.
?
Februar
1863
St. Petersburg

337
19.
?
    ?
?
    ?

338
20.
?
Juni
1864
Starnberg

339
21.
?
    ?
?
München

340
22.
7.
Mai
1865
München
341
23.
?
    ?
1866
Genf
345
24.
?
Juni
1867
München

346
25.
11.
Juni
1868
München
347
26.
?
(Juli
1870)
    ?

348
27.
11.
November
1870
Luzern

349
28.
25.
November

    „

350
29.
9.
December

    „

351
30.
11.
    „

    „

352
31.
14.
April
1871
    „

353
32.
12.
Mai

Leipzig

354
33.
6.
Juni

Luzern

355
34.
4.
Januar
1872
    „

363
35.
21.
Mai
1876
Bayreuth
nicht

100 Nachträge I

    Bemerkungen über die noch nicht aufgefundenen Briefe. — Ich bitte, die obige Tafel sehr genau zu betrachten; es ist merkwürdig, wie beredt eine solche todte Aufzählung werden kann.
    Zunächst wird Folgendes auffallen: diese aufgefundenen Briefe bilden zwei grosse Gruppen, sie umfassen alle ersten Briefe (bis auf einen) und alle letzten; dazwischen finden wir einzig und allein die kurzen Einladungen zu   T r i s t a n   (1865) und den   M e i s t e r s i n g e r n  (1868), welche an alle Freunde und Bekannte gerichtet wurden! Der aufmerksame Beobachter wird noch Folgendes bemerken: sämmtliche aufgefundene Briefe tragen das volle, ausführliche Datum und den Namen des Ursprungsortes, z. B. „Zürich, 8. Januar 1855“; die alleinzige Ausnahme bildet Brief Nr. 10, der aber dann überhaupt gar kein Datum noch Ueberschrift trägt. (Das Original ist äusserst eilig geschrieben.) Von den 14 noch fehlenden Briefen ist dagegen   k e i n   e i n z i g e r   so gedruckt, als trüge er das volle Datum von der Hand des Schreibers; bei 6 finden wir zwar ein Datum, aber ein unvollkommenes, z. B.: „Mai 1856, Zürich“, ohne Angabe des Tages, oder „Genf 1866“, ohne Angabe des Monats, noch des Tages; oder wir finden z. B. bloss „München, ohne Angabe des Jahres, noch des Monats; einer der wichtigsten Briefe, Nr. 19, trägt weder Datum, noch Ortsangabe. Von den übrigen 6 ist zwar im Praeger'schen Text, ausserhalb des Briefes, das angebliche Datum erwähnt, aber auch hier nur bei zweien (Nr. 4 und 15) das vollständige Datum, wie es Wagner zu schreiben pflegte; sonst finden wir nur Angaben wie die folgenden: „Wagner schrieb mir im Oktober 1858 von Venedig aus“ — — „der

101 Nachträge I

nächste Brief kam von Biebrich im August 1862“ u. s. w. — Nun ist aber die Thatsache, ob ein Mann seine Briefe datirt oder nicht, und wie er sie datirt, etwas für seine Individualität sehr Charakteristisches. Und gerade so wie die kräftige und zugleich zierliche, fabelhaft gleichmässige Handschrift und der breite Rand, so ist auch die peinlich genaue Angabe von Ort, Tag, Monat und Jahr für Wagner's Briefe bezeichnend. Hunderte von seinen Briefen sind bekannt und nur ganz wenige sind undatirt; noch seltener findet man unvollkommen datirte. Selbst in den 200 Briefen an Liszt findet man nicht 30 ohne Datum, und zwar sind das dann fast immer, entweder Zeilen, die wie ein Postscriptum auf ein unmittelbar vorher abgeschicktes, längeres Schreiben folgen, oder überhaupt ganz kurze Notizen, womöglich ohne Anrede und Unterschrift (vergl. z. B. Briefe an Liszt, II, 137 u. 138). In den Briefen an Uhlig kommt es viel seltener vor, und solche Bezeichnungen wie „Anfang März“, „Mitte Mai“ u. s. w. deuten hier jedenfalls darauf hin, dass der Brief nicht an einem Tage geschrieben wurde. Ganz undatirte Briefe oder solche, die bloss das Jahr tragen, findet man nur vereinzelt. Das Verhältniss ist ungefähr das selbe wie in den aufgefundenen Briefen an Praeger, wo unter 21 Briefen ein einziger undatirt ist. — Da aber Praeger in seinem Buche das ausführliche Datum von diesen 20 Briefen angibt (und die Richtigkeit seiner Angaben kann ich bezeugen), wir also hier eine seiner gewöhnlichen Nachlassigkeiten nicht vorauszusetzen haben, so können wir uns wohl erstaunt fragen, warum die 14 unaufgefundenen Briefe undatirt oder in einer Weise datirt sind, die bei Wagner durchaus nicht üblich war? und warum wir selbst in dem begleitenden Texte Praeger's nur von zweien das genaue Datum erfahren? — „Merkwürdiger Fall!“
    Einstweilen begnüge ich mich damit, einiges Kopfschütteln verursacht zu haben, und gehe gleich zu einem weiteren Lichtpunkt über, der uns aus obiger Tabelle entgegenleuchtet.
    Dass der von Praeger mitgetheilte, angebliche Text von Wagner's Briefen mit den Originalbriefen auch nicht in einem einzigen Satz genau übereinstimmt, das ist nunmehr, durch die

102 Nachträge I

vorliegende Publikation, ein für alle Mal festgestellt; belustigende Beispiele von Praeger's reicher Erfindungsgabe werde ich weiter unten vorführen; die Leser meiner Praeger-Kritik werden sich aber entsinnen, dass einige Briefe sich noch ausserdem von den anderen dadurch auszeichnen, dass sie ganz und gar Ungereimtes enthalten: Angaben, die mit den historischen Thatsachen in direktem Widerspruch stehen, oft sogar mit den von Praeger selber berichteten, oder aber, der selbe Brief lautet in der deutschen und in der englischen Ausgabe total verschieden. Diese merkwürdigsten Briefe befinden sich nun   a u s n a h m s l o s   unter den nicht aufgefundenen!!
    Der erste fehlende Brief (Nr. 4) ist derjenige, in welchem Wagner Praeger an Dinge „erinnert“, die Dieser unmöglich wissen konnte, wodurch dann auch verschiedene Aenderungen in dem darauf folgenden Briefe nothig wurden. *) Der zweite fehlende Brief (Nr. 12) ist derjenige, in welchem Wagner im Mai 1856 von der begonnenen Komposition des „Siegfried“ spricht, und Praeger in Zürich erwartet, währenddem wir wissen, dass er damals Siegfried nicht angefangen hatte, und dass er überhaupt nicht in Zürich, sondern in Mornex bei Genf weilte. Der dritte fehlende Brief (Nr. 13) ist einer, dessen Datirung unüberwindliche Schwierigkeiten bereitet — — w e n n   Praeger's Besuch wirklich in 1856 angenommen wird. Die Briefe 15, 16, 17 gehören zu denjenigen, bei welchen die Unähnlichkeit zwischen dem englischen und dem deutschen Text Einem schon schwindlig macht; — dann folgen die berühmten zwei Briefe — Nr. 19, über Frau Minna Wagner, und Nr. 20, über den König von Bayern, — wo kein einziger Satz mehr in der deutschen und der englischen Ausgabe übereinstimmt. Und so weiter.
    Mussten wir also über die äussere Form dieser Briefe den Kopf schütteln, so macht uns ihr Inhalt noch viel bedenklicher, und ich will ohne weitere Umstände meine Ueberzeugung aussprechen:   d a s s   d i e   M e h r z a h l   d i e s e r   f e h l e n d e n   B r i e f e   g a n z   u n d   g a r   a p o k r y p h   i s t,   a n d e r e   d u r c h   I n t e r p o l a t i o n e n   b i s   z u r   U n k e n n t l i c h k e i t   e n t s t e l l t   w u r d e n.
—————
    *) Vergl. S. 16.

103 Nachträge I

    Von einem dieser Briefe glaube ich beweisen zu können, dass er einzig und allein Praeger's Erfindungskraft sein Dasein verdankt; es ist dies der Brief Nr. 26, derjenige, welcher in der englischen Ausgabe des „Wagner, wie ich ihn kannte“ als „eine   s e h r   k u r z e   Mittheilung“, in der deutschen Ausgabe als „ein   l a n g e r   Brief“ bezeichnet wird. In diesem „langen Brief“ nun, von Juli 1870, soll Wagner seine bevorstehende Verheirathung dem Praeger mitgetheilt und ihm ausführliche Erklärungen hierüber gegeben haben, die Praeger nur, „aus Diskretion“ unterdrückt. Sehr kurze Zeit darauf, nämlich im November 1870, schreibt aber Wagner an Praeger, um ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau zu bestellen, und gleich als er die Worte „meine Frau“ geschrieben hat, fällt ihm ein, dass Praeger von seiner Verheirathung vielleicht noch nichts erfahren hat, und er setzt in Klammern hinzu und mit einem grossen Fragezeichen: „Du kennst das tiefernste Glück, das mir widerfahren ist?“ Praeger hat in seinem Buche den Sinn dieses gewichtigen Zwischensatzes in das gerade Gegentheil umgekehrt, indem er Wagner,   o h n e   F r a g e z e i c h e n,   reden lässt: „Du weisst ja, wie gross mein Glück ist.“ Aus diesem Fragezeichen geht aber zur Gewissheit hervor, dass Wagner im Juli 1870 „den angeblichen, langen Brief“ an Praeger nicht geschrieben hatte: denn bedenkt man des Meisters enormes Gedächtniss, die hohe Bedeutung der Begebenheit und den seltenen Grad von Intimität, welchen eine derartige Auseinandersetzung voraussetzt, so ist es geradezu undenkbar, dass Wagner schon im November diesen Briefwechsel total vergessen habe, so dass er bei der Erwähnung seiner Gattin die Frage einschalten konnte: „Du kennst das tiefernste Glück, das mir widerfahren ist?“ — Ob diese Beweisführung juristisch vollwichtig ist, weiss ich nicht; aus dem Gesagten ergibt sich aber die moralische Gewissheit, dass der Brief Nr. 26 überhaupt apokryph ist.
    Da ich heute nur wenig Raum zur Verfügung habe, so werde ich es nicht näher begründen, dass ich die Briefe Nr. 19, 20 (gerade die von allen Zeitungen am meisten zitirten!) ebenfalls für gänzlich apokryph halte. Mr. W. Asthon Ellis hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass diese Briefe

104 Nachträge I

durchaus den Anschein haben, nach Briefen an Frau Wille „frei componirt“ zu sein; ein Jeder kann sich davon überzeugen; *) hierdurch wurde es sich auch erklären, dass die englische und die deutsche Fassung dieser zwei Briefe zwar auf einen gemeinsamen Untergrund hinweisen, sonst aber durchwegs von einander verschieden sind; es sind eben wahrscheinlich verschiedene Bearbeitungen nach der selben Quelle. Und dass Praeger's Vorwort vom Jahre 1885 datirt ist, **) also von früher her als Frau Wille's Publikation, thut nichts zur Sache, da Praeger mit dem Vorwort begann und bis kurz vor seinem im Jahre 1891 erfolgten Tode an diesem Buche arbeitete.
    Ganz ohne Einfluss dürfte Frau Wille auch auf Brief Nr. 23 nicht gewesen sein. Und auch von den Briefen Nr. 15, 16 und 17 glaube ich behaupten zu können, dass sie ganz oder zum grossen Theil apokryph sind.
    Aus allen diesen Erwägungen ergibt sich mit grosser Wahrscheinlichkeit, dass nicht vierzehn Briefe, sondern eine geringere Anzahl, in Wirklichkeit, fehlen. Können wir hoffen, diese noch fehlenden Briefe je aufzufinden? Hierüber kann ich Folgendes berichten.
    In London besuchte ich die Wittwe von Ferdinand Praeger und erkundigte mich eingehend nach dem Verbleib dieser wichtigen Dokumente. Frau Praeger hat mir nun ausdrücklich und wiederholt versichert: diese sämmtlichen 14 Briefe seien von ihrem Gatten   v e r n i c h t e t   w o r d e n,   und zwar, weil sie Mittheilungen intimer Natur enthielten! — An der unbedingten Wahrheitsliebe dieser Dame darf Niemand zweifeln; es frägt sich aber, ob wir ihrem Gedächtniss und ihren Informationen trauen können? Es erscheint zunächst unwahrscheinlich, dass Wagner jemals sehr intime Mittheilungen dem Ferdinand Praeger gemacht hat; Alles spricht dagegen; und was könnte wohl der Brief Nr. 4, z. B., an einen ihm noch gänzlich unbekannten Herrn, denn so gefährlich „Intimes“ enthalten haben? Sodann zeugt Praeger's
—————
    *) Vergl. „Deutsche Rundschau“ 1887, V u. VI.
    **) In der deutschen Ausgabe Vom 14. Januar, in der englischen vom 15. Juni!


105 Nachträge I

Buch nicht dafür, dass der Verfasser zu seinen übrigen Tugenden die Diskretion gerechnet habe! Und dann, wer auf dieser Welt vernichtet denn derartige Dokumente?
    Vor ganz Kurzem habe ich nun Folgendes aus absolut sicherer Quelle erfahren: wenige Wochen nach Praeger's Tod (also, gegen Ende 1891) sind mehre Briefe des Meisters im Auftrage von Frau Praeger und durch die Vermittelung unseres unvergesslichen Freundes, Julius Cyriax, verkauft worden. Sie sollen — so glaubt man, ohne dessen ganz sicher zu sein — nach Berlin gekommen sein. Vielleicht, dass durch die Veröffentlichung dieser Zeilen irgend Einer ihnen auf die Spur kommt. *)
    Mehr habe ich über diese Briefe augenblicklich nicht zu berichten.

—————

     Beispiele der Umarbeitungen, welche Wagner's Originalbriefe bei Praeger erlitten haben. — Es wäre sehr verlockend gewesen, die Originalbriefe und die Praeger'sche Fassung in Gegenüberstellung zu drucken. An diesem Orte musste davon abgesehen werden, da es sich nicht geziemt hätte, die Aufmerksamkeit immerwährend von den wahren — und oft so ergreifenden — Worten des Meisters auf das Kauderwälsch und auf die blöden Interpolationen Praeger's zu lenken. Nur einige Beispiele mögen hier für Diejenigen folgen, welche die Mühe eines Vergleichs mit dem Buche scheuen.
    Wir finden bei Praeger alle Gattungen von — „Umarbeitung“, nämlich: Zusätze, Auslassungen und gewaltsame Sinnesänderungen. **) Gleich der Anfang des allerersten Briefes liefert ein ergötzliches Beispiel.
—————
    *) Seitdem ich diese Zeilen schrieb, habe ich in Berlin die eingehendsten Nachforschungen selbst angestellt; weder irgend einer der dortigen Autographenhändler, noch irgend einer der bekannten Autographensammler hat jemals einen Brief Wagner's an Praeger in Händen gehabt. Dagegen besitze ich jetzt Angaben, nach denen die durch Cyriax's Vermittelung verkauften Briefe die drei in französischer Sprache an Frau Praeger waren.
    **) Dass die Sprache in keinem einzigen Satze mit dem Original übereinstimmt, davon sehe ich hier ab, da die Briefe zugestandenermaassen aus dem Englischen zurückübersetzt wurden. Die Interpolationen, etc., finden sich aber ganz ebenso in dem englischen Text, und mit mannigfachen freien Variationen.


106 Nachträge I

    Wagner leitet seinen ersten Brief mit folgenden zwei Sätzen ein: „Verehrtester Herr! Sie wissen vermuthlich, dass ich mit Ihnen — durch die Röckel's — bereits bekannt bin, auch wohl, dass ich weiss, dass ich Ihnen verpflichtet bin. In einer Angelegenheit, die Ihnen der beiliegende Brief des Papa Roeckel sofort zum Verständniss bringen wird, muss ich mich nun direkt an Sie wenden.“
    Diese zwei Sätze lauten folgendermaassen bei Praeger (S. 236): „Ich schreibe Ihnen, mein lieber Praeger, als wie einem alten Freunde, Ihnen herzlich dankend, mir ein so wackerer Kämpe zu sein in einem fremden Lande und einem solch' konservativen Volke. Ihre Begeisterung für meine Richtung, welche mir August in einem kräftigen tüchtigen Artikel über die Dresdner Aufführung des „Tannhäuser“ mittheilte, und die mir bewiesene Anhänglichkeit seitdem, giebt mir den Muth, ohne Weiteres Ihnen eine Last aufzubürden, in welchem Vorhaben mich auch noch ein Brief des alten Papa Roeckel's bestärkt.“
    Das ist doch eine schöne Leistung, nicht wahr? Hätte Praeger ein besseres Deutsch geschrieben, er hätte es mit Bettina Brentano aufnehmen können.
    Unmittelbar darauf folgt nun bei Praeger eine Auslassung. Wagner schreibt nämlich: „Sie ersehen, dass ich vom Secretair der philharmonischen Gesellschaft in London befragt worden bin, ob ich geneigt sei, die Konzerte derselben in der bevorstehenden Saison zu dirigiren.“ Praeger erzählt aber, er —- Praeger — habe Wagner „den kommenden Antrag annoncirt“ (vergl. S. 53); darum hat er diese Stelle gestrichen, welche die Unwahrheit seiner Behauptung beweist. — Er gleicht diesen Ausfall durch eine sehr charakteristische Interpolation aus, indem er zwei Zeilen weiter (S. 237) Wagner Worte in den Mund legt, welche er nie gesprochen, und welche einen von den kleinen Zügen bilden, wodurch Praeger es versteht, das Gesammtbild des Meisters gänzlich zu fälschen. Er lässt Wagner schreiben: „Sie können sich wohl leicht vorstellen, wie freudig ich mich der Idee hingebe, eine wenn auch nur momentane Unterbrechung dieses traurigen Exils zu finden, und einer Be-

107 Nachträge I

schäftigung entgegenzusehen, in der ich mich geistig aussprechen kann.“ Keine Silbe findet man im Original über diese angebliche   F r e u d e   und über die   U n t e r b r e c h u n g   d e s   t r a u r i g e n   E x i l s!   Es ist eine pure Erfindung des Herrn Ferdinand Praeger. Im zweiten Brief erfahren wir ja, welche Gefühle den Meister zu der Londoner Reise bestimmt haben, von   F r e u d e   ist da nicht die Rede; und in wie fern kann man diese Reise nach England als eine Unterbrechung des Exils betrachten?? — Der folgende Satz bei Praeger, in welchem Wagner fürchtet: „seine Energie von einem Comité zurückgedrängt zu sehen“, ist ebenfalls vom ersten bis zum letzten Wort eine Erfindung. Und so geht es weiter, Brief für Brief, und fast Satz für Satz.
    Die Virtuosität, mit welcher Praeger es versteht sich selber in einem günstigen Licht zu zeigen, ist wirklich bewundernswerth. Zum Beispiel, gleich den ersten Auftrag, den er von Wagner bekam (vergl. Bf. 2), hat er erbärmlich schlecht ausgeführt und durch seine Indiskretion das Gelingen des Planes vereitelt. Der Meister sagt ihm nun, wie man gesehen hat, (erster Satz des dritten Briefes S. 78), freundlich aber deutlich, dass   s e i n   V o r g e h e n   ihn „unangenehm“ berührt habe, „wenngleich Sie dazu vollkommen berechtigt waren.“ Praeger aber lässt ihn schreiben (S. 241): „Meinen besten Dank für Ihre Liebenswürdigkeit, sich soviel Muhe meinetwegen zu geben, und die Herren Direktoren der Philharmonie wegen einem ganzen Konzerte (!) für meine Werke zu sondiren; wie wohl ich darum gebeten hatte, so war mir   d i e   A n t w o r t   doch sehr unangenehm.“
    Ganz besonders mochte ich noch darauf aufmerksam machen, wie unverantwortlich Praeger mit Wagner's Aeusserungen über Andere umspringt. In dem achten der oben abgedruckten Briefs schreibt Wagner: „Den armen Hypochonder Lüders grüsse nur noch recht kräftig von mir: Gott, wenn es dem lieben Menschen nach gegangen wäre, wie wohl hätte ich mich in London fühlen müssen! Wenn er manchmal in Feuer kam, war er ganz hinreissend.“ Praeger dagegen lässt ihn sagen (S. 294): „Besten Gruss meinem hypochondrischen Lüders, dessen Kulminationsattaken wirklich ganz unwider-

108 Nachträge I

stehlich grotesk waren. Ich sollte mich eigentlich recht wohl gefühlt haben in London.“ Wenn die schönen geschriebenen Worte über den tüchtigen Musiker und treuen, bescheidenen Freund Lüders durch Praeger's Vermittelung zu einer so satirisch unliebenswürden Bemerkung geworden sind, da wissen wir, was wir von den angeblich gesprochenen Worten (über Liszt und Andere) zu denken haben!
    Doch genug und schon zu viel! Wenn auch Herr Paul Lindau vor Kurzem Praeger's „unbedingte Wahrheitsliebe, die strenge Objektivität, die überall gewahrt wird“ lobte und versicherte, „wem es darum zu thun ist, zu erfahren, wie Wagner war, nicht wie er hätte sein können, der wird sich von der Praeger'schen Schrift mächtig angezogen fühlen“; ich muss befürchten, dass jeder anständige Mensch von dem Anblick eines solchen Sumpfes von dummer Bosheit dermaassen angeekelt werden wird, dass er meinen Ausführungen kaum wird folgen wollen.
    Jedoch, ich habe noch Wissenswerthes mitzutheilen.

    Der Brief an Eduard Roeckel. — Den Originalbrief an Eduard Roeckel vom 15. Mai 1851 (vergl. Praeger's Buch, S. 200) habe ich leider noch nicht zu Gesicht bekommen, und die „beglaubigte Abschrift“, die ich mir verschafft habe, enthält eine Menge offenbarer Schreibfehler, die schwerlich im Original vorkamen und wodurch sogar der Sinn einzelner Sätze kaum zu errathen ist. Bei meiner nächsten Reise nach England hoffe ich das Original selber copiren und zugleich die Erlaubniss zur Veröffentlichung mir erwirken zu können.
    Eines kann ich aber jetzt schon feststellen: Praeger's Fassung des Briefes stimmt nirgendswo genau zu dem Original; folgende drei wichtige Stellen mögen die Unzuverlässigkeit seines Abdruckes bezeugen. *)
    1. Wagner schreibt   n i c h t:   „Ich war bis zum letzten Kampfe   a k t i v   in der Revolution   b e t h e i l i g t“; — sondern: „I c h   b e g l e i t e t e   den Aufstand noch bis zu seinem letzten Erlöschen.“
—————
    *) Ich bitte hierzu die ausführliche Kritik, S. 39, zu vergleichen.

109 Nachträge I

    2. Wagner schreibt   n i c h t:  „Ich wurde von allen Seiten mit Fragen nach August bestürmt, hatte ihn aber   s e l b s t   seit Montag Abend nicht mehr gesehen“; — sondern: „ich wurde von allen Seiten nach August gefragt, von dem   m a n   seit Montag Abend nichts mehr wusste.“
    3: Wagner schreibt   n i c h t:  „ Was in mir mehr   U e b e r l e g u n g   war, war beim August Aktion“; — sondern; „Was bei mir   d o c h   m e h r   n u r   B e s c h a u l i c h k e i t   war, war bei August aber Thätigkeit.“
    Diese Beispiele mögen für heute genügen. Sie können es um so eher, als sie gerade drei der wichtigsten Sätze im Briefe betreffen. — Der erste Satz ist der, welcher als beweisführend für Wagner's aktive Betheiligung von den meisten Rezensenten angeführt wurde. Der zweite enthält die Fälschung, durch welche Praeger's freche Lüge von einer Betheiligung Wagner's bei der Herstellung der berühmten Pechkränze, am Montag Nachmittag, einen Anschein von Möglichkeit erhalten soll. Der dritte Satz ist von sehr grosser Wichtigkeit, weil er Wagner's ausdrückliche Versicherung enthält, seine Betheiligung an den politischen Vorgängen sei „doch nur mehr Beschaulichkeit“ gewesen.

—————

    Ferdinand Praeger. — Ohne Theorien können heutzutage die meisten Menschen nicht auskommen; wir haben keine volle Freude an dem schönen blauen Himmel, so lange wir nicht wissen,   w a r u m   er blau ist. Daher mag es kommen, dass ich eine ganze Anzahl brieflicher und mündlicher Anfragen von Lesern der ersten Praeger-Kritik erhielt, die zwar gegen die zwingende Beweiskraft jener Darlegung nichts einzuwenden hatten, die aber meinten, zweierlei hätte ich zu erklären unterlassen: wie Wagner mit einem solchen Menschen — wenn auch nur vorübergehend — sich hat befreunden können? und welche   U r s a c h e   Praeger gehabt habe, ein derartiges, offenbar in böswilliger Absicht verfasstes Pamphlet zu schreiben? — Diese Fragen zu beantworten fühle ich mich durchaus nicht verpflichtet, denn in dieser ganzen kritischen Untersuchung stand ich auf dem festen Boden der Thatsachen, ich konnte die Zustimmung eines jeden denkenden, ehrlichen

110 Nachträge I

Menschen gewissermaassen erzwingen; mit der Frage nach dem Freundschaftsverhältniss lockt man mich dagegen auf ein psychologisches Gebiet hinaus, wo sowohl beim Autor wie beim Leser die subtilste Menschenkenntniss und ein ungewöhnlicher Grad von Vertrautsein mit Richard Wagner's Charakter und Lebensgang zur Verständigung vonnöthen ware; und die Frage nach der bewegenden Ursache in Praeger's Seele lässt wahrscheinlich keine andere, als eine hypothetische Antwort zu. Bezüglich dieser beiden Punkte will ich also nur einige kurze Bemerkungen machen; die vollkommene „Theorie“ möge Jeder nach seinem Geschmack aufbauen.
    Mit Wagner's „Freundschaften“ ist es ein eigenes Ding. Wer geflissentlich übersieht, dass das Genie nicht bloss in seinen Werken, sondern in allen Lebensäusserungen „Genie“ — d. h. schöpferisch — ist und bleibt, wird es hier schwerlich jemals bis zum Verständniss bringen. Ich erinnere daran, was der Meister an Uhlig (Brief 22) nach dem Tode seines Papagei's schreibt: „Ich müsste Bücher darüber schreiben, um denen, die mich auslachen könnten, begreiflich zu machen — was einem Menschen — der mit Allem   n u r   a u f   d i e   P h a n t a s i e   angewiesen ist — solch' ein kleines Geschöpf sein und werden kann.“ Diese „Phantasie“ hat aber — in Verbindung mit der leidenschaftlichen Sehnsucht nach Geliebt- und Verstandensein — die Hauptrolle bei fast allen Freundschaftsverhältnissen Wagner's gespielt; das liegt auf der Hand; nur dass jenes Aufrütteln aus dem Traume, welches beim Thier die unerbittliche Hand des Todes vollbrachte, die sog. „Freunde“ selbst besorgten, indem sie früher oder später ihre geistige Unzulänglichkeit oder ihre Herzensdürre in all zu grellem Lichte hervorkehrten. Die zahllosen Geschichten von Wagner's „Undankbarkeit“, von seinem gewaltsamen Entfernen altbewährter Freunde, u. s. w., u. s. w., gehören hierhin; ebenso die häufig gehörten Klagen, die Angehörigen des Meisters suchten jetzt noch (aus unauffindbaren Gründen) die Erinnerung an alte Intimitäten zu verwischen oder auf ein Geringes zu reduziren. Und immer — und gerade diese Thatsache ist zur Beleuchtung unseres jetzigen Falles interessant — immer wird auf   B r i e f e   von Wagner hin-

111 Nachträge I

gewiesen, aus welchen hervorgehen soll, dass Dieser und Jener der „beste Freund“ Wagner's war! Der schönste Brief, den ich persönlich kenne, ist vom Meister an einen Menschen gerichtet, der in keiner Weise seiner Freundschaft, ja, kaum seiner Aufmerksamkeit würdig war, an eine vorübergehende Bekanntschaft, die seine „Phantasie“ allein mit einem wahren Freunde erhoben hatte; nachdem er hier sein Herz ausgeschüttet hat: „Glauben Sie mir, die Bitterkeiten, die Unser Einer empfindet, weiss noch Niemand zu ergründen — —“, schliesst er: „Es ist möglich, dass der Schooss Ihrer Familie mir einmal zur Zuflucht dienen muss. Ich bedarf so sehr der Liebe!“ *) — Solche Beispiele zeigen, wie sehr vorsichtig man in der Deutung von Wagner's brieflichen Herzensergüssen sein muss. Diese beweisen zunächst immer nur   s e i n   leidenschaftliches „Bedürfniss nach Liebe“, und sodann seine gänzliche Vereinsamung; sie als ein Zeugniss von dem Werth des Adressaten aufzufassen ist mehr naiv als weise. — Weit entfernt also, aus Wagner's Briefen an Praeger auf ein nahes Verhältniss zwischen den beiden Männern schliessen zu sollen, gebe ich zu bedenken, ob nicht gerade dieser Fall, und der soeben angeführte ähnliche, uns eine sehr zu beherzigende Lehre in Bezug auf des Meisters Korrespondenz im Allgemeinen, und somit auch in Bezug auf sein ganzes Leben und Wesen geben?
    Und dann: Praeger hat dem Meister Dienste geleistet, gleichviel ob grosse oder kleine, ob geschickt oder ungeschickt. Und wir sehen hier, dass Wagner's Gefühle der Dankbarkeit niemals erlöschten: „Tristan's Ehre — höchste Treu'! **)
    Uebrigens habe ich mich in London überall fleissig nach
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    *) Briefe an S. K. im Besitz unseres vorzüglichen Freundes, Monsieur Bovet.
    **) Die ausführlichsten und herzlichsten Briefe fallen sämmtlich in die Zeit nach den Londoner Tagen und vor Praeger's zweitem Zusammentreffen mit Wagner (in Zürich), d. h. zwischen 1855 und 1857. Alle Briefe Wagner's nach 57 sind auch äusserlich als sehr   e i l i g,   fast flüchtig geschrieben zu erkennen. Praegers Besuch 1857 dürfte die Veranlassung gewesen sein, dass die Korrespondenz plötzlich aufhörte; inmitten des Londoner Trubels waren Illusionen noch möglich gewesen, aber beim vertrauten Beisammensein in Zürich zeigte sich bereits die ganze Leere dieses Menschen.


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Praeger erkundigt und war so glücklich, mir von Leuten eingehend über ihn berichten lassen zu können, die ihn, einige 20, andere 30 und mehr Jahre gekannt hatten. Die Aussagen waren merkwürdig übereinstimmend. — Alle sagten, Praeger sei, was man einen „guten Kerl“ nennt, gewesen, ein freundlicher, gemüthlicher Mensch, stets zu dienen bereit *), aber allerdings nicht sehr geschickt, sondern „fussy', (d. h. Einer, der viel Wesens um Kleinigkeiten macht). Er hatte auch immer grosse, weltbewegende Thaten vor: Schriften und Opern und alles Mögliche, worüber seine Freunde ihn aber stets ganz harmlos verlachten, da er trotz einer gewissen oberflächlichen Leichtigkeit gänzlich unbegabt und jeder Spur von Originalität bar war; es blieb auch beim Vorhaben. Er soll ein pflichttreuer Lehrer gewesen sein, hat aber sonst auf keinem Gebiete irgend etwas geleistet. Die Londoner, die ich befrug, lachten Alle laut auf über die Idee, dieser Mann sei jemals ein intimer Freund Wagner's gewesen. — Eine Gabe aber — und auch hier waren die Berichte übereinstimmend — soll Praeger in geradezu verblüffendem Maasse besessen haben: die Gabe, welche sonst nur bei Jägern und Reisenden vorausgesetzt wird. Er war sogar in ganz London, in Folge dessen, unter einem Beinamen gekannt, den ich nicht hersetzen kann, — leider! Das Erfinden und das Hinzudichten sind zwar ziemlich verbreitet, bei Praeger war diese Anlage aber so abnorm entwickelt, dass alle seine Erzählungen zu epischen Dimensionen heranwuchsen. Unter anderen auch die natürlich, welche sich auf Wagner bezogen. Einem (auch in Bayreuth sehr bekannten und geschätzten) Herrn erzählte er z. B., er — Praeger — habe   m i t   W a g n e r   1849   a u f   d e n   B a r r i k a d e n   g e k ä m p f t,   was dieser Herr ihm natürlich glaubte, bis er zufällig erfuhr, Praeger habe in dem betreffenden Jahre London nicht verlassen! Er pflegte auch zu erzahlen — ich erfuhr es von verschiedenen Seiten, — er habe nicht nur zu   T r i s t a n   die Anregung gegeben, sondern auch   D e r   R i n g   d e s   N i b e l u n g e n   sei seine Idee, er habe den Stoff zugerichtet und Wagner vorgeschlagen! — — —
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    *) Wie Wagner an Liszt berichtet hatte: „eine gute Seele.“

113 Nachträge I

Man sieht, es handelt sich um einen entschieden psychopathischen Fall, den man am besten der Aufmerksamkeit des Herrn Max Nordau empfiehlt.
    Hiermit habe ich wohl auch bereits zur Beantwortung der zweiten theoretischen Frage — warum Praeger ein so erbärmliches Machwerk hervorbrachte? — Bausteine geliefert.
    Manchen Lesern wird das aber noch lange nicht genügen. Von verschiedenen Seiten bin ich aufgefordert worden: „offen zu erklären, dass das Ganze ein Racheakt für   d a s   J u d e n t h u m   i n   d e r   M u s i k   s e i.“   Das kann ich aber um so weniger unterschreiben, als ich überzeugt bin, diese Ansicht ist eine irrthümliche.
    Dass manche Eigenthümlichkeit Praeger's in seinem Judenthum begründet ist, ist klar; ich habe auch schon genügend darauf hingedeutet. Aber dass Praeger sich zu einen so hohen Standpunkte aufzuschwingen vermochte, wie diese Theorie voraussetzt, das kann ich nicht glauben. Das   J u d e n t h u m   i n   d e r   M u s i k   erschien schon 1850 und kam ganz sicher Praeger zu Gesichte, da er ein Mitarbeiter an Brendel's Zeitschrift war; also fünf Jahre, ehe er Wagner zum ersten Male traf, hatte er ihm Rache geschworen, und sein ganzes späteres Benehmen und seine dreissigjährige offene Parteinahme für den Meister ware eine schlaue „captatio benevolentiae“ gewesen? Oder sollte etwa die berühmte „Alliance israélite“ den Abtrünnigen ermahnt und ihn zur Abfassung eines Pamphlets, als Busswerk, angehalten haben? Nun, wenn die „Alliance“ mit solchen Intelligenzen arbeitet, dann wünsche ich ihr Glück und Gedeihen, zu fürchten brauchen wir sie nicht!
    Eine weit plausiblere Idee würde sich aus einer Thatsache ergeben, die mir von der allerbestunterrichteten Seite in London mitgetheilt wurde: dass, als der Meister, nach einem Zeitraume von zweiundzwanzig Jahren, im Jahre 1877 London wieder besuchte, er sich sehr kühl gegen Praeger benahm, ihn kaum empfing und alles that, um sich von seiner ihm lästigen Gesellschaft zu befreien. Das mag allerdings für den „früheren Waffengenossen auf den Barrikaden“, für den „Erfinder von Tristan und dem Nibelungenring“ eine

114 Nachträge I

bittere Erfahrung gewesen sein; vor aller Menschen Augen schwanden die schönen Luftschlösser hin. Und ich vermuthe, dass der Hebräer, wie der Germane, eine Versündigung gegen die Eitelkeit seiner eigenen kleinen Person viel schmerzlicher empfindet als die gegen den Stolz seiner Nation.
    Doch auch auf diese Hypothese will ich kein besonderes Gewicht legen.
    Sehr wichtig ist es dagegen zu erfahren, dass Praeger schon zwanzig Jahre vor seinem Tode fast erblindet war, und dass er frühzeitig in einen Zustand greisenhafter Schwäche und relativer Unzurechnungsfähigkeit verfiel. Er wäre schon der blossen materiellen Arbeit des Zusammenstellens seines Buches durchaus nicht gewachsen gewesen; er musste die Hilfe eines Freundes beanspruchen. Wir finden also als thatsächlichen Mitarbeiter des „Wagner, wie ich ihn kannte“ einen Mann betheiligt, der niemals in irgend einer Beziehung zum Meister gestanden, und dessen Name für die Anhänger der Rache-Theorie nicht gerade Vertrauen erweckend klingt. Hinter Praeger steckt   e i n   A n d e r e r;   mehr kann ich heute nicht sagen; Diejenigen aber, welche Beide gekannt haben, sind geneigt, diesem „Anderen“ manche raffinirte „Erfindung“ zuzuschreiben, zu welcher der gutmüthige, dumme Praeger nur seinen Namen — und vielleicht ganz unbewusst — hat hergeben müssen. Der Besitzer der hier mitgetheilten Originalbriefe ist namentlich der Ansicht, dass die apokryphen Briefe (die sämmtlich   e r s t   n a c h   1885 entstanden sein können!) nicht von Praeger selber herrühren. Vielleicht werden diese ganzen skandalösen Vorgänge später einmal aufgedeckt und gehörig beleuchtet; einstweilen ist es interessant zu wissen, dass das Buch Praeger's, auf welches Hofrath Hanslick noch in der Januar-Nummer der Deutschen Rundschau als auf eine unbezweifelte Autorität sich beruft, nicht einmal durchwegs von Praeger selber geschrieben ist. Nicht einmal diese recht schwache Stütze bleibt dem elenden Machwerk!

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115 Nachträge II


II.

    Mr. William Ashton Ellis hat in der Londoner „Musical Standard“ *) eine Reihe von Aufsätzen über Praeger's Buch, unter besonderer Berücksichtigung der Briefe Wagner's, veröffentlicht. Vieles deckt sich mit dem hier bereits Mitgetheilten; Manches geht so sehr in's Detail, dass es nur für den Forscher, nicht für das grosse Publikum von Interesse ist. Aus der grossen Anzahl neuer Ergebnisse, die wir dem unermüdlichen Fleiss und dem Scharfsinn unseres Freundes verdanken, theile ich im Folgenden in aller Kürze die wichtigsten mit. Sie lassen sich in zwei Gruppen theilen: die einen beziehen sich auf die Briefe des Meisters, die anderen auf seinen Londoner Aufenthalt im Jahre 1855. Ehe ich sie aufzähle, will ich aber noch auf eine einzige andere Bemerkung des Mr. Ellis aufmerksam machen; sie betrifft Praeger's Ausführungen über das Judenthum in der Musik.
    Die Citate aus dem Judenthum in der Musik. — Praeger widmet dieser kleinen Schrift das ganze XVII. Kapitel seines Buches (von den übrigen, zehn Bande anfüllenden Schriften Wagner's, werden nur einzelne beiläufig erwähnt). Mr. Ellis hat nun festgestellt (was mir entgangen war), dass die seitenlangen Citate in diesem Kapitel zum grossten Theil aus Wagner's Schrift   w ö r t l i c h   entnommen sind. Das ist eine sehr auffallende Thatsache, da sie ausserhalb dieses einen Kapitels im ganzen Buche nirgends vorkommt. Nun höre man aber,   w i e   diese wörtlichen Citate „angelegt“ worden sind und warum die Meisten von uns sie bis heute als solche nicht
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    *) Februar 24, März 3, 10, 17, 24, 31, April 7, Mai 12, 19, 26 vom Jahrgang 1894.

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erkannten. Praeger gibt hier zahlreiche, oft seitenlange Citate, die, zwischen Anführungsstrichen in der üblichen Weise eingeschlossen, und — ohne irgend welche Andeutungen, dass hier etwas ausgelassen sei — in Absätze eingetheilt, den Eindruck echter, unverfälschter Bruchstücke aus Wagner's Arbeit machen, und jedenfalls nach der Absicht des Autors auch machen sollen. In Wirklichkeit ist aber ein einzelner Satz des angeblichen „Citates“ bisweilen aus drei verschiedenen Seiten „komponirt“, d. h. also, der Satz, der Wagner zugeschrieben wird, ist aus drei verschiedenen Sätzen zusammengeleimt! Der Leser schlage z. B. Seite 225 von Praeger's Buch auf; diese Seite enthält ein angeblich einheitliches, zusammenhängendes, ununterbrochenes Citat; in Wahrheit besteht aber diese eine Seite aus Bruchstücken folgender Seiten in Wagner's Schrift, und zwar in der selben Reihenfolge wie hier angegeben: (Bd. V) S. 94, 95, 99, 100, 96 und 97! Und so geht es weiter. Auf diese Art ist es nun gelungen, dem Leser ein vollständig verzerrtes Bild von Zweck und Tendenz dieser Ausführungen des Meisters über das Judenthum zu geben. *)

    Die Briefe. — Bezüglich der Anzahl der Briefe, auf welche sich einige Kritiker als auf einen unumstösslichen Beweis der grossen Freundschaft, die zwischen Wagner und Praeger geherrscht haben müsse, sich berufen, stellte Mr. Ellis folgenden lehrreichen Vergleich auf:

an
Praeger
in
28
Jahren
37
Briefe (im besten Falle)

Uhlig



92
    „

Liszt

12

190
    „

Wozu ich noch hinzusetze: dreizehn dieser Briefe an Praeger sind Geschäftsbriefe und vier sind Einladungen von drei Zeilen; es bleiben also knapp zwanzig Briefe für 28 Jahre. Dieser „Beweis“ ist demnach ein recht schwacher, besonders wenn man bedenkt, auf was für wackligen Füssen er ausserdem steht,
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    *) Dieses Kapitel XVII ist in der englischen Ausgabe gänzlich verschieden. Nach Allem, was wir jetzt wissen, erscheint es zweifelhaft, ob die viel perfidere Fassung der deutschen Ausgabe das Werk Ferdinand Praeger's ist. —

117 Nachträge II

da vierzehn von den zwanzig Briefen höchst problematischer Natur sind. *)
    Auf die Behauptung, Frau Wille's Veröffentlichung in der Deutschen Rundschau, Februar-März 1887, sei von Praeger wahrscheinlich benützt worden, und zwar namentlich bei dem Zusammenbrauen des so viel citirten Briefes über Frau Minna Wagner und des Briefes über den König Ludwig, hat man erwidert, das sei unmöglich, da das Buch schon mehre Jahre früher fertiggestellt und Anfang 87 nicht mehr in den Händen des Verfassers war. Mr. Ellis macht nun darauf aufmerksam, dass Beust's Memoiren „Aus drei Vierteljahrhunderten“ häufig von Praeger angeführt werden; dieses Werk erschien aber deutsch erst Ende Januar 1887 und in der (von Praeger offenbar benutzten) englischen Uebersetzung erst März 1887! Ja, noch viel später muss das Buch in der Arbeit gewesen sein; denn in der deutschen Ausgabe wird durchwegs von Sainton als von einem nicht mehr Lebenden gesprochen, und Sainton starb am 17. Oktober 1890. *)
    Von dem Brief Nr. 26 (siehe Tabelle) hatte ich nachgewiesen, dass er apokryph ist; das selbe thut nun Mr. Ellis für den Brief Nr. 18, aus „Petersburg, im   F e b r u a r   1863.“ Hier soll Wagner an Praeger schreiben (S. 337): „Du hast wohl schon aus den Zeitungen gesehen, dass meine Musik hier mit viel Enthusiasmus aufgenommen worden ist, und selbst mit mehr, als ich je in Deutschland dafür fand.“ Das erste Wagner-Konzert in Petersburg fand aber im   M ä r z   statt!!
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    *) Frau Praeger will allerdings am 18. Februar dieses Jahres, beim Wegräumen eines Blumentisches, ein kleines Kästchen entdeckt haben mit 15 Briefen Wagner's an ihren Mann und 1 an sie selbst. (Musical Standard, 21. April 1894.) Da uns aber 14 Briefe fehlen, so würde diese abenteuerliche Entdeckung die Zahl der Briefe im besten Falle nur um 1 vergrössern. Die zwei   e i n z i g e n,   die Mrs. Praeger aus ihrem Funde mittheilt, sind aber wieder   a n d e r e,   als die Mr. Praeger mitgetheilt hatte (vom 22. 12. 57 und 27. 1. 58, vgl. S. 99!). Uebrigens weist Mr. Ellis nach, dass keiner der „entdeckten“ Briefe mit den Originalien der „fehlenden“ stimmen könne. —
    **) Diese Daten sind auch darum so sehr wichtig, weil wir wissen, dass Praeger's geistige Fähigkeiten in seinen letzten Jahren in rapider Abnahme begriffen waren. Jetzt sehen wir aber, dass sein Buch ein Jahr vor seinem Tode noch in Bearbeitung war.


118 Nachträge II

    London 1855. — Der Leser erinnert sich, dass dieser — sonst ganz belanglose — Aufenthalt Wagner's für das Verhältnis zu Praeger von   W i c h t i g k e i t   ist, weil sich hier die beiden „Freunde" zum ersten Male begegneten. Wie unverschämt Praeger Geschichte gefälscht hat, um sich überall in den Vordergrund zu schieben und als Protektor des Meisters aufzutreten, ist schon früher von Ellis nachgewiesen worden. Folgende, zum Theil ganz ergötzliche Züge, verdanken wir wiederum Mr. Ellis und sie sind werth, auch dem deutschen Publikum bekannt zu werden.

    Herr Praeger will uns glauben machen, er sei   v o r   1855 ein „Wagner-Apostel" gewesen und habe des Meisters Berufung nach London veranlasst. Mr. Ellis hat sich der Mühe unterzogen, sämmtliche Berichte und Aufsätze Praeger's in Musikblättern von vor 55 durchzulesen und hat den Namen Wagner's nur   e i n   e i n z i g e s   Mal gefunden, und zwar in einem Satze wo er in einer Reihe neben Berlioz, Schumann und Gade steht.

    Herr Praeger will uns glauben machen, Wagner habe schon früher in persönlichen Beziehungen zu ihm gestanden. Darauf abzielende Fälschungen habe ich schon früher aufgedeckt; hier eine charakteristische „Auslassung.“ In dem Brief an Eduard Roeckel vom März 1851, lässt Praeger Wagner schreiben: „Er [Haimberger] kennt dort [in London] keine Seele, die ihm helfen könnte...“; in Wirklichkeit schrieb Wagner: „Nur kennt weder er, noch kenne ich irgend Jemand in London — —“! Immer wieder muss man die „Methode“ in Praeger's „Wahnsinn“ bewundern!

    Hübsch ist folgende Geschichte. In Praeger's Buch, S. 283, findet man einen heftigen Aufsatz gegen Wagner, aus der „Musical World“ vom 30. Juni 55 abgedruckt; nicht der Meister nur, auch seine hervorragendsten Anhänger werden gegeisselt. An einer Stelle heisst es: „Männer wie Liszt, der Weimar-Apostel, und Professor Praeger, Verrückte, Feinde der Musik..." In einer Reihe mit Liszt beschimpft zu werden, das ist gewiss eine hohe Ehre. Leider nahm unser skeptisch gewordener Freund Ellis den Jahrgang 55 der „Musical World“ zur Hand, und entdeckte — — — dass die

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Worte „und Professor Praeger“ an besagter Stelle, und überhaupt in dem ganzen Aufsatz nicht vorkommen! Das nenne ich für seinen Nachruhm vorarbeiten!
    Dass Sainton es war, und nicht Praeger, der Wagner's Berufung nach London 1855 veranlasste, wird durch eine weitere Aussage des Meisters selber wieder bezeugt. In einem Brief vom 19. December 1855 schreibt Wagner an Sainton, seine Berufung nach London sei von ihm (Sainton) angeregt worden: „sur ta recommendation trop chaleureuse.“ Der Name Praeger's kommt in dem ganzen Brief nicht vor. Dieses Schriftstück wurde Mr. Ellis von des verstorbenen Sainton's jetzt in London lebendem Sohne vorgezeigt. — Dieser Sohn bezeugt auch, dass er stäts von seinem Vater gehört habe,   e r   hätte die Initiative zu Wagner's Berufung ergriffen.
    Dass Wagner bei Sainton, nicht bei Praeger, Berlioz kennen lernte, schien schon durch einen Brief des Meisters an Liszt sicher gestellt; dessen wird sich der Leser entsinnen. Nunmehr haben wir einen ganz bestimmten Beweis, da ein alter, intimer Freund Sainton's es ausdrücklich bezeugt, dass Wagner und Berlioz sich bei einem kleinen Mittagsmahl, zu viert mit Lüders, bei Sainton, zuerst begegneten; Praeger war nicht dabei.
    Es wurde ebenfalls oben schon, aus dem Wagner-Liszt-Briefwechsel, festgestellt, dass nicht Praeger, sondern Liszt, Wagner bei Klindworth einführte. Da dies aber bestritten wurde, wandte sich Mr. Ellis nach Berlin an Prof. Klindworth, und dieser antwortete ihm, in einem Schreiben datirt vom 19. Mai 94: „Bei seiner Ankunft in London kam Wagner gleich zu mir.   W a s   P r a e g e r   e r z ä h l t,   i s t   g ä n z l i c h   u n w a h r.
    Ich breche hier ab. Wer mehr und Ausführlicheres zu wissen wünscht, findet es in den Aufsätzen von Mr. William Ashton Ellis.

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    Milton unterscheidet zwei Arten Menschen, die die Unwahrheit sprechen: die Einen lügen aus unwillkürlichem Antrieb und eingeborener Neigung, die Anderen aus wohl-


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bedachter Absicht. In Praegers „Wagner, wie ich ihn kannte“ scheinen sich diese zwei Gattungen von Lügnern ein Stelldichein gegeben zu haben. Manche Unwahrheiten in diesem Buche sind so plump-albern, dass man eher geistige Schwäche, als böse Absicht dahinter suchen möchte; andere dagegen sind so schlau und setzen so viel Kombinationskraft voraus, dass man die planmässige Geschichtsfälschung am Werke zu sehen meint. — Ich glaube, wir thun am Besten, wenn wir das ganze Problem den Psychiatern und den Juristen überlassen. Was das grosse Publikum in Deutschland aber laut verlangen und fordern sollte, das ist was die englischen Zeitungen schon gebieterisch von den englischen Verlegern gefordert haben: dass ein so skandalöses Machwerk, dessen Feilbietung dem deutschen Buchhandel eine Unehre bedeutet, aus der Oeffentlichkeit zurückgezogen werde.
    Es kommt hierbei garnicht darauf an, ob man „Wagnerianer“ ist oder nicht. Es gibt etwas, was höher steht als „Anerthum“; das ist   E h r e.   Und kein Mann von Ehre, ware er auch sonst der erbittertste Gegner Richard Wagner's, wird ohne Entrüstung zu empfinden erfahren, dass dieses Buch — durch eine leichtsinnige Kritik zu Ruf und Verbreitung gelangt — auf fast jeder Seite den schimpflichen Stämpel der Unwahrheit, ja, häufig sogar der Dokumentenfälschung tragt. Nicht als „rabiater Wagnerianer“ habe ich gegen Praeger's „Wagner, wie ich ihn kannte“ gekämpft, sondern einfach als ehrliebender Mann; darum richtet sich auch mein Ruf nicht bloss an die speciellen Anhänger des Bayreuther Meisters, sondern an alle ehrliebende Deutsche. Haben schon die Ausländer in heller Entrüstung die Entfernung dieses Buches aus dem ehrlichen Buchhandel gefordert, so dürfen wir hoffen, dass auch der Deutsche sich bald zu einem ähnlichen Schritt aufraffen wird. Uebrigens kommt es auf die materielle Unterdrückung nur in zweiter Reihe an; das Wichtigste ist, dass das ganze Publikum den wahren Charakter von Praeger's „Wagner, wie ich ihn kannte“ erkenne, so dass diese schmähliche Schrift, moralisch vernichtet, unter dem Druck der allgemeinen Verachtung verschwinde.

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121 Nachträge II

    Hiermit betrachte ich das Amt, welches ich übernommen hatte, als erledigt. Mein Bestreben war — und soll es auch fernerhin sein — dem Rathe unseres Meisters zu folgen, der in Bezug auf Polemik sagt (Brief 23 an Uhlig): „Muss es sein, so schlägt man einmal gehörig drein — auf Tod und Leben, und mit der höchsten Kraft, deren man fähig ist: dann muss es aber auch ein Ende haben.“

Houston Stewart Chamberlain.

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122


Der Brief Richard Wagner's an August Roeckel nach Prag.

(1848.)

    Durch die besondere Güte des Herrn Dr. Hugo Dinger sind wir in der Lage, an dieser Stelle den bisher unbekannt gebliebenen, viel besprochenen, so verhängnisvollen Brief im Wortlaut zu veröffentlichen, welchen Richard Wagner vor dem Ausbruche der Dresdener Unruhen an August Roeckel nach Prag gerichtet hatte, und woraufhin die Verfolgung des Schreibers „wegen Antheilnahme an der aufrührerischen Bewegung“ eingeleitet ward. (Vgl. in der vorliegenden Schrift S. 45/46.) Wir erinnern uns: Praeger „citirte“ auf seine Weise diesen, auch ihm völlig unbekannten Brief, der in den Dresdener Gerichtsakten vergraben lag, indem er die kurze Andeutung seines Inhaltes in Roeckel's Buche „Sachsens Erhebung“ einfach — nein   v i e r f a c h — nämlich an vier Stellen seines „Wagner, wie ich ihn kannte“   v e r s c h i e d e n — in die direkte Redeform umsetzte, als läge das Original ihm vor, wie jetzt, zum ersten Male, den Lesern dieser Zeilen. *) Herr Dinger war so freundlich gewesen, eine wortgetreue Abschrift nach den Untersuchungsakten an das Archiv in Wahnfried einzusenden, welche wir mit der Erlaubniss des Spenders und der Archivbesitzer hiermit veröffentlichen, um unserer immerhin vielfach recht unerquicklichen kritischen Arbeit zum Schlusse noch einmal ein wahres Meisterwort, wie es dem Haupttitel und dem Haupt-Inhalt dieses Buches entspricht, mit auf den Weg in die Welt zu geben.
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    *) Vgl.   A s h t o n   E l l i s:   „1849.“ S. 56 ff. (Leipzig, Reinboth.)

123 Brief Richard Wagner's an August Roeckel


Liebster Freund!

    Hoffentlich bist Du glücklich in Prag angekommen. Ich bin in diesem Augenblicke sehr aufgeregt und zerstreut nach bestandenem heftigen Aerger mit Römpler und Katz *), denen Minkwitz **) keinen ordentlichen Auftrag bis jetzt gegeben hat: dennoch hoffte ich Dich gründlich beruhigen zu können, da eine Unterbrechung des Fortganges nach meinen getroffenen Vorkehrungen nun nicht stattfinden wird.

    Liebster, komm (zurück) sobald zurück, als es Dir nur irgend Deine Patientin möglich macht! Hier ist es sehr unruhig, alle Vereine, auch die sämmtliche Communalgarde, selbst das hier liegende Regiment „Prinz Albert“ haben die energischsten Erklärungen für die deutsche Verfassung abgegeben: auch der Stadtrath. Man macht sich auf einen entscheidenden Conflikt, wenn nicht mit dem König, so doch jedenfalls mit preussischen Truppen gefasst; man kennt nur noch eine Furcht, nämlich, dass eine Revolution zu früh ausbrechen könnte. An reaktionären Schritten der Regierung ist unter solchen Umständen gar nicht zu denken, auch ist nirgendher der Versuch dazu (ge-) verspürt worden.

    Ungarische Husaren sind aus Böhmen in Freiberg angekommen. Alles erklärt sich in Adressen für sie. Kurz, es herrscht hier die grösste Aufregung, und ich würde Dir aus ganzem Herzen rathen,   s e h r   s ch n e l l   zurückzukommen, da Deine Frau und Kinder unter solchen Umständen in grosser Unruhe sind. Im übrigen ist Deine Frau gesund und wohl, auch ist Schubert keineswegs dringend, so dass Alles gut
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    *) Druckerei der Roeckel'schen „Volksblätter.“
    **) Advokat, Roeckel's Rechtsbeistand.


124 Brief Richard Wagner's an August Roeckel

steht; nur die politische Unruhe macht ihr Sorge, und der Schutz ihres Gatten ist (ihr) Deiner Frau sehr ersehnt. — Auch dürften Dich jetzt Deine Patienten in Limbach (sehnlichst) sehnsuchtig erwarten. —

    Die Sachen besorgt Deine Frau erst heute, und abends gehen sie ab. Das von Dir besonders verlangte habe ich nicht beilegen lassen, aus Gründen, die ich zu vertreten denke.

    Ich kann Dir in diesem Augenblick nichts weiter schreiben, als: komm' so bald als möglich zurück.

Dein

R. W.

    Dresden, 2 Mai 1849.


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Druck und Verlag
von   L o r e n z   E l l w a n g e r,   vorm. Th. Burger,
BAYREUTH.



Transcription first published August 27th, 2009. Last updated November 19th, 2009.
 
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